Jean-Michel Folon in der Saline von Arc-et-Senans im Jura
Die im Jura gelegene ehemalige königliche Saline von Arc-et-Senans „vaut un détour“, lohnt also in der gängigen Reiseführer-Sprache einen Umweg. Immerhin handelt es sich um ein ganz außerordentliches, einzigartiges architektonisches Ensemble, ein vorrevolutionäres avantgardistisches Projekt des französischen Architekten Ledoux aus dem 18. Jahrhundert. Die UNESCO hat deshalb auch die Saline in ihren Fundus des Weltkulturerbes aufgenommen.

Eine Beschreibung und Würdigung der Saline von Arc-et-Senans findet sich auf diesem Blog unter:
In diesem Jahr lohnt ein Besuch der Saline zusätzlich wegen der dort präsentierten Ausstellung von Werken des belgischen Grafikers, Malers und Bildhauern Jean-Michel Folon. Es ist die größte Folon-Ausstellung, die bisher außerhalb von Belgien präsentiert wird.[1] Geboren wurde Folon 1934 in Brüssel, wo er auch vier Jahre Architektur studierte. Aus dieser Zeit stammt sein von Mies Van der Rohe übernommener Wahlspruch: „Weniger gibt mehr“[2]. 2005 starb Folon. Seine in Arc-et-Senans gezeigten Werke stammen von der Folon – Stiftung im Schlosspark von La Hulpe in Belgien.

Im großen Areal der Saline sind zahlreiche Skulpturen von Folon aufgestellt.[3]




© Fondation Folon/ADAP, Paris, 2023
Die Skulpturen von Folon illustrieren das Selbstverständnis seiner künstlerischen Arbeit, das er 1862 so formulierte:
Ce n’est pas la réalité qui compte, ou la poésie. Mais le passage de l’une à l’autre, et les surprises qu’elles se font.[4]

Hier schaut man durch ein Folon-Schiff im Koffer auf das Hauptgebäude der Saline, das Haus des Direktors. Dort ist das Zentrum der Folon-Ausstellung.

Fondation Folon/ADAP, Paris, 2023
Empfangen wird man von einer großen gesichtslosen Gestalt, die -wie ein Exhibitionist- ihren Mantel öffnet. Aber da ist nur Leere, da wird nichts zur Schau gestellt: Dafür verweist der Pfeil auf die Welt Folons, die in mehreren Räumen des Zentralbaus präsentiert wird. Über 200 Werke Folons sind da zu sehen und geben einen Überblick seines Schaffens.
Einige Eindrücke:

Hier geht es um den Ost-West-Konflikt der Nachkriegszeit und das gegenseitige Wettrüsten von USA und UdSSR.


Ein durchgängiges Thema seines Werks ist die Fremdbestimmung des Menschen.

Dazu gibt es auch einen eindrucksvollen meterlangen Fries an drei Wänden des Aufgangs zu den Räumen der Ausstellung im ersten Stock des Direktorengebäudes.

Jacques Steinberg über Folon: „ Die kluge Verwendung von Weiß gibt seinen Werken ein erstaunliches Gewicht. Seine Personen haben kaum Leben, sie sind blicklos und ohne Freude.“[5]

Folon interessierte sich für die gesellschaftliche Stellung des Menschen: Seine Figuren sind oft einem entmenschlichten, mechanisierten und labyrinthischen Universum ausgeliefert.

Hier steht ein -für Folon typischer- Mann mit Hut und Koffer etwas ratlos da, für welche Richtung er sich entscheiden soll:

Folon: „Ich zeichne Pfeile. In meinen Zeichnungen gibt es weniger als in der Wirklichkeit, aber ich glaube, dass man immer versucht, aus dem Labyrinth herauszukommen.“ [6]
Für Folon war aber (jedenfalls im nachfolgenden Plakat) doch klar, welcher Weg aus dem Labyrinth herausführt:

Die Richtung unseres Kampfes

Folon arbeitete lange als Zeichner für Amnesty International

Dies ist eine Arbeit Folons zum 200-jährigen Jubiläum der Erklärung der Menschenrechte 1789. (Ausschnitt)
Bekannt geworden ist Folon auch durch seine Olivetti-Werbung.[7] Ob sich seine Figur in dem Tastengewirr zurechtfindet? Auch als Werbegrafiker hat sich Folon jedenfalls nicht korrumpieren lassen.

Schon seit Beginn der 1980-er Jahre hat Folon sich Umweltthemen zugewandt:



… ein schöner Bezug zu dem ökologischen Projekt des „cercle immense“ in der Saline von Arc-et-Senans.[8]
Und zum Schluss noch zwei wunderschöne „poetische“ Folons mit Mond und Sternen:


In einem dunklen Raum: Ein Mann hoch oben auf einer Leiter… angestrahlt von den Sternen, die ihn umgeben…´

Und dann ist er auch ein Artist im Sternenzelt[9]
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Le Monde de Folon in der königlichen Saline von Arc et Senans
Täglich geöffnet von 9 – 18 Uhr bis 5. November 2023
Arc-et-Senans liegt in der Region Bourgogne-Franche-Comté, 35 Kilometer südwestlich von Besançon. Die Saline eignet sich auch als Etappenziel: Sie bietet schöne Übernachtungssmöglichkeiten, und abends hat man die Anlage mit ihren eindrucksvollen Bauten und abwechslungsreichen Gärten für sich.
[1] https://www.lavenir.net/regions/brabantwallon/la-hulpe/2023/04/14/la-plus-grande-exposition-folon-jamais-montee-a-letranger-se-tient-a-la-saline-royale-darc-et-senans-du-5-mai-au-5-novembre-2023-/
[2] Siehe: Folon, Esprit linear. FFM: Bärmeier und Nikel 1963
[3] Wenn nicht anders angegeben, stammen die Fotos von Wolf Jöckel
[4] Zit. in: https://www.fykmag.com/arc-et-senans-folon/ Dort auch das nachfolgende Bild. Voriges Bild aus: Arc-et-Senans. L’exposition sur Folon vient d’ouvrir à la Saline royale Hebdo 25
Nachfolgendes Bild: https://www.fykmag.com/arc-et-senans-folon/
[5] Zit. in: Folon, Esprit linear. FFM: Bärmeier und Nikel 1963
[6] Folon in einem Interview vom September 1974. Zit. in: Plakat-Museum Essen: Folon. Ausstellungskatalog 1976
[7] Bild aus: https://www.rossetorri.it/al-museo-garda-la-mostra-su-folon/
[8] Vorhergehendes Bild aus: Bild aus: https://www.museogardaivrea.it/olivetti-e-l-arte-jean-michel-folon