Napoleon in den Invalides: Es lebe der Kaiser !/Vive l’empéreur (3)

 „Von oben herab sprach Bonapart“…

Im „Datterich“, einer Biedermaier-Komödie des Darmstädter Schriftstellers Ernst Elias Niebergall, spielt beim Skat  der Held des Stückes mit diesen Worten seine Trümpfe aus und zieht damit seinen Mitspielern das Geld aus der Tasche.

Daran muss ich –in Darmstadt aufgewachsen- denken, wenn  ich den von oben herab auf die  Besucher des  Hôtel des Invalides blickenden monumentalen Bonaparte sehe.

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Ein vier Meter hoher Napoleon aus Bronze steht  nämlich gegenüber dem Eingang zum Ehrenhof des Hôtel des Invalides über dem Portal der Soldatenkirche:- ganz eindeutig und unverkennbar mit seinem charakterischen Zweispitz, dem Mantel  und der  unter die Weste geschobenen linken Hand: „une main de fer dans un gant de velours“,  wie es in einer Veröffentlichung des musée de l’armée über die Restaurierung  der  von Crozatier gegossenen Statue heißt.

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Zunächst -seit 1833-  stand diese von Charles Émil Seurre geschaffene Statue auf der Triumphsäule der Place Vendôme, sie wurde aber 1863 auf Veranlassung von Napoleon III. ersetzt durch den auch heute noch dort stehenden  imperialen Napoleon in römischer Tracht und Pose.

Der Seurre’sche Napoleon erhielt jedoch einen anderen hervorgehobenen Platz- er wurde in der Verlängerung der großen Pariser Ost-West Achse dort aufgestellt, wo jetzt das Hochhaus- und Geschäftsviertel La Défense  steht und der Große Torbogen (Grande Arche), der zum 200. Jubiläum der Französischen Revolution errichtet wurde.

Während der Belagerung von Paris durch preußische Truppen 1870 sollte die Statue Napleons vorsichtshalber in Sicherheit gebracht werden, versank dabei allerdings in der Seine: vielleicht, weil das Schiff kenterte, vielleicht in einem Akt „antibonapartischen Vandalismus“, vielleicht auch in voller Absicht, um ein Höchstmaß an  Sicherheit zu gewährleisten.

Wie auch immer: Nach seiner Bergung aus der Seine und Jahren im Abseits eines Depots begrüßt  Napoleon seit 1911 huldvoll die Besucher der Invalides, die sein Grab im Dôme des Invalides und die Präsentation seiner militärischen Heldentaten im Musée de l’Armée besuchen und meistens wohl auch bewundern wollen. (0)

Die Rückkehr der Asche/Le retour des cendres

Ein riesiger Sarkophag  aus russischem Quarzit/Porphyr auf einem rechteckigen Sockel aus Granit  in der Krypta des Invalidendoms, direkt unter der Kuppel, umrahmt von einem Lorbeerkranz und den Namen siegreicher Schlachten; umgeben  von einer Galerie mit  zwölf Siegesgöttinnen:  Ein beeindruckendes Bild, wenn man von oben herunterblickt, aber beeindruckend auch die  Umrundung des Sarkophags auf Augenhöhe: Eine monumentalere, repräsentativere Grablege ist kaum vorstellbar.  

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Aber für Napoleon war das Beste gerade gut genug.  Der Leichnam hätte ja auch in Sankt Helena bleiben können, wo Napoleon am 15. Mai 1821 gestorben war. Aber Napoleon wollte gerne in Paris beerdigt werden, „an den Ufern der Seine, inmitten des französischen Volkes, das ich so sehr geliebt habe“.

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1840 war England bereit, einer Überführung der sterblichen Überreste des Kaisers nach Frankreich zuzustimmen. Und die Julimonarchie des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe ergriff die Gelegenheit, Napoleon und damit vor allem sich selbst in Szene zu setzen.

Das war auch dringend geboten, denn von Louis-Philippe erwartete man, anders als von den durch die Siegermächte wieder eingesetzten und 1830 gestürzten Bourbonen,  eine Revanche für die Niederlagen von 1814 und 1815. Sein Ministerpräsident Adolphe Thiers startete auch einige entsprechende Initiativen  –z.B. im Nahen Osten oder in Richtung Rheingrenze und ließ sicherheitshalber Paris auch von einem Festungsgürtel umgeben. Nie war der Krieg nach 1815 so nahe.[1] Aber Louis Philippe schreckte dann doch vor einem Krieg und der Gefahr einer Niederlage zurück und Thiers wurde entlassen. Was blieb, war die Demütigung des Landes.[2]

Da kam nun die von den Engländern 1840 genehmigte Rückführung der sterblichen Überreste des Kaisers als Ausgleich zum enttäuschten nationalen Selbstbewusstsein genau zum richtigen Zeitpunkt. Wie Tulard feststellt: Louis Philippe vereinnahmte die siegreichen Schlachten Napoleons von Austerlitz, Jena und Wagram und rettete damit sein Regime.

Die Frage war jetzt allerdings, wo Napoleon bestattet werden sollte. Dafür boten sich verschiedene Orte an: Das Pantheon, in dem schon Voltaire und  Rousseau, aber auch sehr viele Militärs, Politiker und Wissenschaftler des Empire ruhten; die Madeleine,  die von Napoleon als Tempel des Ruhms seiner Armeen geplant war; der Arc de Triomphe de l’Étoile, der die napoleonischen Armeen und ihre Siege verherrlichte[3] oder die Vendôme-Säule, das hervorragende Symbol der kaiserlichen Epoche. Napoleon selbst hatte sich gewünscht, in der Basilika von Saint-Denis begraben zu werden, an der Seite der französischen Könige. Aber dagegen gab es –verständliche- Einwände von rechts und links.

Napoleon könne, wie es der damalige Innenminister im Parlament formulierte, nicht in einem „gewöhnlichen Königsgrab“ bestattet werden – also in St. Denis. Er müsse weiter herrschen und kommandieren, wo die  Soldaten des Vaterlandes ruhten und wo diejenigen sich inspirieren ließen, die künftig zur Verteidigung des Vaterlandes zu den Waffen gerufen würden.[4] Damit war das Hôtel des Invalides als Bestimmungsort der sterblichen Überreste Napoleons festgelegt, was uneingeschränkte Zustimmung fand.

Die Invalides waren immerhin ein Ort gewesen, der in der Selbstdarstellung Napoleons und des Kaiserreichs eine wesentliche Rolle gespielt hatte: 1800 hatte Bonaparte, damals Erster Consul, die Überführung der sterblichen Überreste des Marschalls Turenne, einer der berühmtesten Heerführer Frankreichs, in den Marstempel, wie der Invalidendom zu Zeiten der Revolution hieß, angeordnet. 1804 verteilte er hier die ersten  Orden der von ihm geschaffenen Ehrenlegion. Napoleon veranlasste auch die Bestattung der Herzen des Festungsbaumeisters Vauban und des Napoleon besonders nahe stehenden Marschalls Lannes im Invalidendom.

Sein Ziel war es, aus den Invalides einen Ort der Versöhnung der Franzosen mit ihrer Vergangenheit zu machen und die Kontinuität der Armeen Ludwigs XIV., der Revolution und seines Kaiserreichs zu demonstrieren. Indem die Julimonarchie den Invalidendom als Bestattungsort Napoleons wahlte, schuf sie einen gemeinsamen Erinnerungsort an die beiden bedeutendsten Herrscher, die Frankreich im öffentlichen Bewusstsein der damaligen Franzosen je gehabt hatte, also Napoleon und Ludwig XIV. Es war ja der „Sonnenkönig“  gewesen, der  zur Unterbringung seiner Veteranen und Invaliden  den Anstoß zum Bau des Hôtel des invalides gegeben hatte, zu dem der Invalidendom gehört.

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Ludwig XIV. wird  gleich über dem Eingang in römischer Tracht hoch zu Roß abgebildet – und über ihm strahlt die Sonne. Damit ist die riesige Anlage gewissermaßen mit seinem Stempel versehen. [5] Und der Bürgerkönig Louis Philippe präsentierte sich mit der Wahl des Invalidendoms für die „cendres“ des Kaisers  als  legitimer Nachfolger der französischen Könige, allen voran Ludwigs  XIV.,  der Französischen Revolution und  Napoleons.

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Beauftragt mit der Rückführung Napoleons wird der General Gourgaud. Er war einer der Getreuen, die Napoleon nach Sankt Helena begleitet hatten, also hinlänglich legitimiert. Gourgaud schrieb dann auch einen Bericht über seine Mission.Am 15. Oktober 1840  wird der Leichnam Napoleons  in Sankt Helena  exhumiert.  Auch mehr als 19 Jahre nach dem Tod soll er  „dans un excellent état de conservation et parfaitement identifiable“ gewesen sein. [6]

Auf der französischen Fregatte mit dem schönen Namen „Belle Poule“  wird der Leichnam nach Cherbourg gebracht und erreicht dann via Rouen und die Seine den Hafen von Courbevoie. Von dort aus geht es zum fahnengeschmückten Arc de Triomphe, wo der Zug mit Böllern empfangen wird.[7]

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Dann fährt der von 16 Pferden gezogene, 13 Tonnen schwere  und 10 Meter hohe Wagen mit goldenen Rädern durch den Arc de Triomphe und über die mit Statuen geschmückten Champs Elysées  zum Hôtel des Invalides. Dort wird der Sarg von der königlichen Familie, Vertretern der Kirche, Abgeordneten, dem diplomatischen Korps mit allen politischen, geistlichen und auch musikalischen Ehren empfangen: Neben der obligatorischen Militärmusik wird auch das Requiem von Mozart dargeboten. Allerdings sind aufwändige Umbauarbeiten erforderlich,  und erst  1861 ist das monumentale Grabmal  fertiggestellt  und kann von Napoleon III., dem Neffen Napoleons I., eingeweiht werden.

Etwa 1 Million Zuschauer  sehen dem Leichenzug Napoleons zum Hôtel des Invalides zu. Napoleon ist zum Volkshelden geworden,  sein Despotismus ist in Vergessenheit geraten zugunsten des Ruhms, „le despotisme est oublié au profit de la gloire[8]. Selbst kritische Geister wie Heinrich Heine oder Victor Hugo feiern den großen Kaiser, auch wenn Hugo die Zeremonie selbst für eher abgeschmackt hält.[9]

Übrigens kehren nicht nur die sterblichen Überreste Napoleons aus Sankt Helena zurück, sondern auch die Steinplatten (dalles), die sein Grab in Sankt Helena bedeckten.  Seit 1978 liegen sie in dem  Garten seitlich der Kirche.

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Der Invalidendom ist ein grandioser lichtdurchfluteter Raum. Anders  als in anderen Kirchen, etwa dem  Pantheon, ist die Krypta nach oben geöffnet. Man steigt zwar zum Grabmal Napoleon herab, hat aber immer über sich den strahlenden Kirchenraum und seine Kuppel.

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 Der Umgang  um das Grabmal ist mit Reliefs von Charles Simart versehen. Hier wird das segensreiche Wirken Napoleons im Innern Frankreichs dargestellt, wobei  zum Teil  auch seine eigenen Worte aus dem Mémorial de Saint Hèlène zitiert werden.  Bei diesem Werk handelt es sich um eine Niederschrift von Gesprächen,  Kommentaren und Monologen von und mit Napoleon auf Sankt Helena, niedergeschrieben von einem der Begleiter Napoleons, Las Cases.  Emmanuel-Augustin-Dieudonné-Joseph de Las Cases war zunächst  Marineoffizier und avancierte unter Napoleon zum Reichsbaron. Nach Napoleons zweiter Abdankung bat er darum, zusammen mit seinem Sohn  seinen geliebten Kaiser  nach Sankt Helena begleiten zu dürfen, wo er 18 Monate blieb. In dieser Zeit entstand das Mémorial de Saint-Hélène.

Das Werk war zunächst dazu bestimmt, Mitleid mit dem von den Engländern auf einen Felsen verbannten  und unwürdig behandelten Kaiser zu erzeugen.  Und es solllte auch   -im Sinne der napoleonischen Strategie seit seinem Italienfeldzug- die Legende des Kaisers befördern.  Zu dem leidenden Napoleon kam der glorreiche Napoleon als romantischer Held par excellence hinzu, der die europäischen Könige hinweggefegt und Europa erobert hatte, aber wie Prometheus auf einem kargen Felsen angekettet endete.  Das Werks von Las Cases war, wie Tulard urteilt, „une machine de propagande“ :

„La légende napoléonienne trouve dans le Mémorial son principal évangile.“[10]

Und so war es geradezu selbstverständlich, wenn sich Charles Simart bei der Gestaltung des der Reliefs auch auf das Mémorial bezieht.

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Gründung  des Cour des Comptes  1807

Zitat von Napoleon:

„je veux que   par une surveillance active que l’infidélité soit reprimée et l’emploi légal des fonds publics garanti“

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Liste von Infrastrukturmaßnahmen, die von Napoleon angestoßen wurden

Zitat Napoleons:

„Partout où mon règne a passé il a laissé des traces durables de son bienfait“

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 Der Code Civil oder Code Napoléon: Gleichheit vor dem Gesetz

Zitat Napoleon:

„Mein einheitlicher Code hat für Frankreich mehr Gutes  bewirkt als sämtliche früheren Gesetze“

(„Mon seul Code par sa simplicité, a fait plus de bien en France que la masse de toutes les lois qui m’ont précédé“.)

Und dann wird, im Zusammenhang mit der von Napoleon eingeführten zentralisierten Verwaltung –mit der Frankreich heute noch seine Probleme hat- noch einmal zusammenfassend Napoleon zitiert: Er habe, selbst mitten im Krieg, nicht die staatlichen  Institutionen und „le bon ordre“ im Innern vernachlässigt…

Hier liegt ja auch in der Tat das bleibende Verdienst Napoleons:Nämlich Frankreich, Elemente der Revolution aufgreifend,  grundlegend reformiert und mit den Institutionen eines modernen Staates ausgestattet zu haben. Und es ist bemerkenswert, dass hier im Invalidendom, umgeben von der Crème de la crème der französischen militärischen Elite, vor allem der Napoleon des „oeuvre civil“ gefeiert wird.

Eine  Kuriosität in der Krypta des Invalidendoms ist das Grabmal des einzigen legitimen Sohns Napoleons: Napoleon Franz Joseph Karl Bonaparte,  der „Aiglon“.  Gleich nach seiner Geburt 1811 mit dem Titel „König von Rom“ ausgestattet, wurde er von Napoleon nach seiner erzwungenen Abdankung 1815 zu seinem Nachfolger ausgerufen. Wirkung hatte das nicht, weil bereits kurz danach wieder die Bourbonen die Herrschaft in Frankreich übernahmen. Aber immerhin gab es für kurze Zeit einen Napoleon II., so dass dann der Kaiser des zweiten empire zum dritten Napoleon wurde.

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Nach 1815 und der Rückkehr der Bourbonen war für Franz natürlich kein Platz mehr in Frankreich. Er  siedelte zu seiner Familie mütterlicherseits nach Wien um, wo er 1832 starb. Bestattet wurde sein Leichnam in der kaiserlichen Grablege, der Kapuzinergruft (Herz und Eingeweide  entsprechend dem Habsburger Begräbniszeremoniell an anderer Stelle.)

Mehrere Versuche, den Leichnam neben seinem Vater im Invalidendom zu bestatten, scheiterten. Es war pikanterweise Adolf Hitler, der dies ermöglichte – so dass 1940, 100 Jahre nach der Überführung des Leichnams Napoleons I., der Leichnam seines Sohnes  im Invalidendom seine letzte Ruhe fand.

Hitler selbst besuchte kurz nach dem Sieg über Frankreich Ende Juni 1940 Paris.Er  kam gewissermaßen als Tourist, begleitet von Albert Speer und Arno Breker, seinem Lieblingsbildhauer, der von 1927 bis 1933 in Paris gelebt hatte. Natürlich sah er sich die Oper an, ließ sich medienwirksam vor dem Eiffelturm  ablichten, besuchte die Madelaine, den Arc de Triomphe, der Albert Speer als Vorbild für einen viermal so großen Triumphbogen in Berlin dienen sollte, und schließlich als End- und Höhepunkt den Invalidendom. „Fast wirkt es, als sei sein heimlicher Stadtführer Napoleon gewesen. 1806 war der französische Kaiser an das Grab Friedrichs des Großen getreten. Hitler macht dasselbe am Grab Napoleons. Napoleons enormer Sarkophag … ist komplett auf der Höhe seiner Megalomanie. …Er soll seine Kappe abgenommen, sich dann leicht verbeugt und minutenlang so ausgeharrt haben.[11] Der profunde Napoleon-Kenner Steven Englund  stellt zwar fest,  Hitler habe nicht zu den Bewunderern Napoleons gehört, und der französische Historiker Jean Tulard sieht in dem Besuch Hitlers im Invalidendom einen bewussten „Akt der Demütigung der feindlichen Franzosen“ , aber ich denke, dass da auch eine andere Lesart möglich ist….[12]

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An jedem 5. Mai, dem  Todestag Napoleons, sollen sich übrigens bonapartistische Nostalgiker am Grab im Invalidendom versammeln…. Vielleicht werde ich mich in diesem Jahr einmal als  interessierter „teilnehmender Beobachter“ darunter mischen.

Napoleon im Musée de l’Armée

Das Musée de l’Armée ist ein äußerst weitläufiger, um den großen Hof der Invalides-Anlage gruppierter  Komplex. Es beherbergt auch die  bedeutendste  historische Sammlung zum napoleonischen Kaiserreich.[13]  Dazu gehört das berühmte Gemälde von Ingres „Napoleon auf dem kaiserlichen Thron“:  Das Portrait eines mit den Insignien seiner Macht ausgestatteten Kaisers – in feierlicher, strenger und  unnahbarer Pose. Hier ein Ausschnitt:

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In den Napoleon betreffenden  Räumen der Ausstellung wird den Besuchern dann aber Napoleon doch näher gebracht. Eine ganze Reihe von Napoleon-Reliquien ist ausgestellt. Unter anderem einer der typischen Hüte Napoleos,  ein Zweispitz (bicorne), der natürlich den höchstselbigen kaiserlichen Kopf bedeckt hat…

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…. eine Tasche, die er als Erster Consul trug….

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…. die Uniform, die  der General Bonaparte bei der Schlacht von Marengo am 14. Juni 1800 trug…

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… der Degen, den er bei der Schlacht von Austerlitz trug und der bei der Überführung  seiner sterblichen Überreste in den Invalidendom auf seinen Sarg gelegt worden war …

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…. und vieles mehr….

Ausgestellt ist sogar das konservierte Pferd Napoleons, „Le Vizir“.

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Es habe, wie eine beigefügte Informationstafel  erläutert, „unter dem Sattel des Kaisers bei den Schlachten von Iena und Eylau gekämpft.“  Zwölf Jahre lang sei es ein  treuer Begleiter Napoleons gewesen und habe ihn auch in sein Exil auf der Insel Elba begleitet. Nach seinem Tod 1826 habe man  seine Haut erhalten und -wir befinden uns in der Regierungszeit der Napoleon-feindlichen Boubonen- vor dem königlichen Zugriff versteckt. 1839 wurde die Haut nach England gebracht und dort „naturalisiert“.  1868 sei Vizir nach Frankreich zurückgekehrt und werde seit 1905 im Musée de l’Armée ausgestellt, nicht weit entfernt vom Invalidendom, „où repose son ancien maître.“ 2016 wurde das Pferd einer Generalüberholung unterzogen. Innerhalb kürzester Zeit waren mittels „crowdfunding“ die erforderlichen 26 000 Euro aufgebracht. Jetzt ist Vizir in einer Glasvitrine mit Temperatur- und Feuchtigkeitsregelung und dezent beleuchtet zu bewundern. (13a)

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Es lohnt sich, mit offenen Augen und etwas Muße durch die Räume zu gehen. Sie lassen etwas von der Faszination spüren, die Napoleon bis heute auf viele Menschen –und Museumsmacher- ausübt.

Wird  im Invalidendom Napoleon als Mann des Friedens und der grundlegenden inneren Reformen gefeiert, so geht es im Musée de l’Armée  natürlich um seine Rolle als Feldherr. Und die wird vor allem durch zahlreiche Gemälde herausgestellt, die Napoleon vor oder nach siegreichen Schlachten zeigen:

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General Bonaparte. Gemälde von Édouard Detaille (um 1900)

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Napoleon am Abend der Schlacht von Jena 8. Oktober 1806 oder: La victoire est à nous! Gemälde von Édouard Detaille 1894

Dass  manche dieser Napoleon verherrlichenden Gemälde aus der Zeit zwischen der französischen Niederlage von 1871 und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs stammen, ist kein Zufall.  Napoleon hatte immerhin bei Jena die Preußen vernichtend geschlagen. Dieses Vorbild hatte höchste Aktualität in einer Zeit, in der Léon Gambetta –bezogen auf Elsass-Lothringen und die angestrebte Revanche- die berühmte Parole ausgegeben hatte:

penser toujours, n’en parler jamais.

Und die Botschaft solcher Bilder war eindeutig – da waren keine erklärenden Worte notwendig.

Lohnend ist es auch, sich die informierenden Begleittexte (französisch und englisch) anzusehen unter dem Gesichtspunkt, was gesagt und was nicht gesagt wird und auf welche Weise Sachverhalte  dargestellt werden – überraschend für mich zum Beispiel die Darstellung der „Grande Armée“ des Russlandfeldzugs (mit seinen immerhin eine Million Opfern).  Dass die „Grande Armée) gebührend gewürdigt wird, ist in diesem Rahmen und in dieser Stadt zu erwarten, in der immerhin die  Fortsetzung der Champs Ellysées über den  Arc de Triomphe hinaus den Namen der „Grande Armée“ trägt: Avenue de la Grande Armée.  Für mich neu und überraschend ist allerdings die Bezeichnung „Armee der 20 Nationen“..

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Auf eine Zahl von 20 beteiligten Nationen kommt man natürlich nur, wenn man die beteiligten deutschen Staaten einzeln als unterschiedliche Nationen einbezieht: Sachsen, Bayern, Württemberg, Baden, Hessen-Darmstadt, Westfalen usw. – in dieser Zeit des durch die Politik Napoleons angeheizten deutschen Nationalismus eine nicht ganz unproblematische Rechnung. Es wird dann auch noch auf weitere Kontingente, z.B. preußische, schweizerische, belgische, holländische, portugiesische, italienische und kroatische  verwiesen, so dass die 20 „Nationen“ tatsächlich zusammenkommen.

Und dann wird im Begleittext zusammenfassend festgestellt:

Jede Nationalität des großen napoleonischen Reiches ist vertreten. Sie  bilden die erste europäische Armee der Geschichte, die Armee der zwanzig Nationen.“ (Übersetzung von W.J.)

 Aber was  ist das für eine „europäische Armee“, in der  beispielsweise bei Preußen und Österreichern  -die ja übrigens gar nicht zu dem „großen napoleonischen Reich“ gehörten – wenig Begeisterung herrschte, an der Seite des ehemaligen Feindes Frankreich gegen den ehemaligen Verbündeten Russland ins Feld zu ziehen?  Oder in der  die deutschen  Kontingente überwiegend von französischen Generälen kommandiert und oft als Kanonenfutter missbraucht wurden – von dem westfälischen Kontingent von 17000 Mann haben nur 700 den Russlandfeldzug überlebt![14]  Aber es gehört offenbar zu dem vorherrschenden französischen Geschichtsverständnis, Napoleon als „überzeugten Europäer“ zu sehen und selbst die Besetzung zahlreicher europäischer Throne durch Familienangehörige als Mittel der europäischen Einigung zu verstehen.[15] Wenn heute in Frankreich unisono von ganz rechts und ganz links (mit freundlicher Unterstützung von Herrn  Trump) das Schreckbild eines angeblich von Deutschland beherrschten Europas verbreitet wird, so gilt andererseits ein ganz unzweifelhaft von Napoleon eroberter und beherrschter Kontinent offenbar  vielfach als historische Sternstunde. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang übrigens, dass im Begleittext zur Aussstellung über den dt-franz. Krieg von 1879/1871 im musée de l’armée (April bis Juli 2017) die Niederlage Napoleons in Leipzig als „Ende der französischen Idee Europas“ bezeichnet wird und damit die Herrschaft Napoleons über Europa ins hehre Reich der Ideen erhoben wird.(15a)

Kein Wunder also, dass an der Kasse des Armeemuseums Napoleon-Mützen erhältlich sind, die von den Schülerinnen und Schülern –und ihren Lehrern- für das Abschlussfoto auf den Stufen des Invalidendoms stolz aufgesetzt werden. Obwohl vielleicht unter den Vorfahren des einen oder anderen dunkelhäutigen  Schülers auch solche waren, die unter der Wiedereinführung der Sklaverei in den französischen Karbikbesitzungen  gelitten haben, die  Napoleon  1802 verfügte….

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Wie lebendig die Verehrung Napoleons im heutigen Frankreich ist, konnte ich auch im Herbst 2016 bei einer Veranstaltung der Fondation Napoléon miterleben. Dort stellte Alain Pigeard sein Buch mit dem bemerkenswerten Titel: „L’oeuvre de paix de Napoléon 1800 -1815″ vor. Und bemerkenswert ist auch das Vorwort dieses Buchs. Es ist nämlich in der 1. Person Singuar geschrieben. Und hinter dem „ich“ verbirgt sich niemand anderes als „Napoléon Bonaparte“ höchstpersönlich, aus dessen Memoiren entsprechende Passagen für das Vorwort zusammengestellt sind. In dem Buch sind 200 Maßnahmen Napoleons „pour reconstruire la France“ zusammengetragen. Kein Wunder, dass in der anschließenden Diskussion gefragt wurde, was denn Napoleon wohl heute tun würde, um Frankreich wieder aufzurichten. Da hielt sich der Referent eher bedeckt. Aber allgemeine Einigkeit und allgemeines Bedauern bestand darin, dass ein „homme providentiel“ wie Napoléon heute nicht in Sicht sei, dass Frankreich also noch etwas auf seine Wiederaufrichtung waren müsse….

 Anmerkungen

(0) https://fr.wikipedia.org/wiki/Statue_de_Napol%C3%A9on_(Seurre)

Plan der gesamten  Anlage: http://www.musee-armee.fr/plan-interactif.html (Die Napoleon-Statue genau bei No 3 des Plans)

Napoléon 1er de retour aux Invalides. In: L’écho du dôme. Le Magazin du musée de l’armée. juin-sept. 2015, p. 12

[1] Siehe dazu den Blogbeitrag zum Arc de Triomphe (November 2016)

[2] Jean Tulard, Le Retour des Cendres. In. Les Lieux de Mémoire. Sous la direction de pierre Nora. II. La Nation, Bd 2, S. 92/93.  Der  Blog-Beitrag stützt sich in hohem Maße auf diesen Beitrag des hervorragenden Napleon-Spezialisten Jean Tulard.

[3] Siehe den Blog-Beitrag zum Arc de Triomphe, November 2016

[4] Tulard, Le retour des cendres, S. 81

[5] Im Moment (Oktober/November 2016) wird die nördliche Front des Hôtel des Invalides allerdings renoviert, da ist die Statue Ludwigs XIV hinter Gerüsten verborgen.

„Invalidendom“ ist übrigens eine missverständliche Bezeichnung. Denn es handelt sich ja nicht um einen Dom im eigentlichen Sinne, also eine Bischofskirche, sondern um eine Kapelle der Kirche Saint-Louis des Invalides. Die deutsche Bezeichnung „Dom“ ist eine Übernahme des  französischen Wortes „dôme“, also Kuppel, und in der Tat ist der „Invalidendom“ ja ein grandioser Kuppelbau.

[6] http://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/articles/39624/  Tulard zitiert dazu ausführlich den Bericht von der Öffnung des Sargs. Retour des Cendres, S. 99/100

[7] http://www.napoleonprisonnier.com/postmortem/invalides.html

[8] Tulard, Le retour des cendres, S. 86

[9] Tulard, Le retour des cendres, S. 85 und 103

Zu Hugo auch sehr ausführlich und fundiert:  http://groupugo.div.jussieu.fr/groupugo/00-09-16laurent.htm. Dort u.a.: „Hugo (…) ignore ou minore volontairement tout ce qui dans l’aventure napoléonienne relève de la restauration monarchique.“

[10] Tulard, Le retour des cendres, S. 88

[11] https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkr/article142984191/Nur-zwei-Stunden-hielt-es-Hitler-im-eroberten-Paris.html

[12] Steven Englund, Napoléon. Paris 2004, S. 555 und 562

http://www.zeit.de/online/2006/34/zeitgeschichte-jean-tulard

[13] Jean Tulard u.a., l’ABCdaire de Napoléon de l’Empire. Paris 2013, S. 75

(13a) Écho du dôme. Hrsg. Musée de l’Armée. oct. 2016/jan 2017

[14] https://de.wikipedia.org/wiki/Rheinbund und janhttps://www.welt.de/kultur/history/article945036/Die-vergessenen-Deutschen-in-Napoleons-Armee.html

[15] L’ABC-daire de Napoléon de l’Empire, S. 8: „un européen convaicu“… „Même la politique familiale de  l’Empereur va dans le sens de l’unification européene.“

(15a) Der Gerechtigkeit halber soll aber auch erwähnt werden, dass 2013 im musée de l’armée eine Ausstellung zum Thema „Napoléon et l’Europe“ gezeigt wurde, die auch die Schattenseiten der napoleonischen Herrschaft über Europa und den Widerstand gegen sie nicht aussparte.

 

Nächste geplante Beiträge:

  • Der französische Präsidentschaftswahlkampf/die pulse of Europe-Demonstrationen in Paris/Die Chancen von Marine Le Pen, Präsidentin Frankreichs zu werden
  • Die Steinbrüche von Paris
  • Die Kirche Saint-Sulpice

 

 

Die Freiheitsstatue von New York und ihre Schwestern (Teil 3): Die Freiheitsstatuen von Paris

Anlass des ersten Teils dieses Beitrags war die Rolle, die die Freiheitsstatue von New York in der Darstellung und Beurteilung des neuen US-Präsidenten und seiner Administration spielte: Das Bild der weinenden „Miss Liberty“, die Freiheitsstatue hinter Gittern bzw. von Trump in Stücke gehauen. Ein Aspekt  dabei war die mögliche „Repatriierung“ der Statue nach Paris, dorthin also, wo Miss Liberty entstanden ist.

Im zweiten Teil wurde erläutert, wieso ausgerechnet Paris Geburtsort von Miss Liberty ist und wer ihre Väter waren. In diesem dritten und letzten Teil werden nun ihre kleineren Pariser Schwestern vorgestellt.  Man muss also gar nicht nach New York fahren, um eine „echte“ Freiheitsstatue zu sehen…

 

 

Die kleinen Schwestern im Musée des Arts et Métiers

 Um die große Freiheitsstatue zu bauen, musste Bartholdi gewissermaßen ganz klein anfangen. Er begann mit einem Modell von 1,20 Metern, mit dem er  sein Projekt vorstellte und dafür warb. Die nächsten Etappen waren ein Modell von 2, 11m, was einem Sechzehntel der endgültigen Größe entsprach, und ein weiteres von  8,50 m, also eine Vergrößerung auf ein  Viertel. Beide Modelle waren aus Gips. Eine Bronze-Version des 1/16tel Modells, das als Vorlage für die New-Yorker Statue diente, empfängt die Besucher im Hof des Musée des Arts et Métiers.

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Sie steht –links auf dem Foto zu sehen- vor einem Teil des Museums, der unschwer als Teil einer Kirche zu erkennen ist. In der Tat handelt es sich um den Chor der ehemaligen Kirche Saint-Martin-des-Champs, die in der Französischen Revolution mit einem aufklärerischen Impetus zu einem der Technik und der Industrie gewidmeten Tempel umgewandelt wurde:[1]

„Il faut éclairer l’ignorance qui ne connaît pas, et la pauvreté qui n’a pas le moyen de connaître“

Bevor wir uns aber den Freiheitsstatuen zuwenden, noch kurz etwas zur ehemaligen Kirche, die einen Teil des Museums beherbergt. Es handelt sich nämlich nicht nur um einen besonders schönen, sondern  auch um einen kunstgeschichtlich besonders bedeutenden Bau, nämlich „den ersten frühgotischen Bau überhaupt  (…), ein Schlüsselzeugnis der Frühgotik“, errichtet am Anfang des 12. Jahrhunderts als „deuxième fille de Cluny“.  Die Gotik entstand ja in der Île –de- France, sie verlieh –zusammen mit der Universität- Paris eine gewaltige – und in Europa einzigartige- intellektuelle und künstlerische Dynamik. Und es war die Gotik, die  den  Aufstieg von Paris zur Hauptstadt Frankreichs architektonisch besiegelte“.[2] Saint-Martin-des Champs markiert da mit seinem doppelten Chorumgang, der sich in späteren gotischen Sakralbauten häufig wiederfindet, den Anfang. Danach folgen die Abteikirche von Saint-Denis nördlich von Paris, die Grabkirche der französischen Könige, und Notre-Dame auf der Île de la Cité.  Krönender Abschluss ist  die hochgotische Sainte-Chapelle.

Im Innern des Museums kann man im ehemaligen Chor von Saint-Martin-des-Champs noch die wunderbaren mittelalterlichen Kapitelle bewundern….

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und eine kleinere Version des Foucault’schen Pendels (2a) – die große ist im Pantheon zu sehen.

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Im neugotisch restaurierten Kirchenschiff ist ein originales Gipsmodell der Freiheitsstatue aus dem Jahr 1875 ausgestellt.

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Es  steht auf einem hohen Podest, das als Schiffsrumpf gestaltet ist. Den kann man betreten und auf ein Diorama blicken, das die Einfahrt des Schiffes in den Hafen von New York und den Blick auf die Freiheitsstatue zeigt. – Da  kann man an die vielen Menschen denken, die ihre Heimat in der Hoffnung auf ein besseres Leben verließen oder die aus ihrer Heimat vertrieben wurden, und denen die Freiheitsstatue die Verheißung eines neuen, besseren Lebens war. So wie es auch Karl Roßmann ging, dem Helden in Kafkas Amerika-Roman, der, als er  in den Hafen von New York einfuhr,  „die Statue der Freiheitsgöttin wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht“ erschien, um deren emporragenden Arm „die freien  Lüfte“ wehten.

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Auf einer beigefügten Informationstafel wird Bartholdi mit den Worten zitiert:

„Mon oeuvre sera gigantesque, éxécutée avec des plaques repoussée, martelées, rivées.“

Etwas von diesem Produktionsprozess wird im ersten Stock des Museums durch  zwei Schaukästen veranschaulicht.[3]

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Ein Schaukasten zeigt die Arbeit an der Gipsversion der New Yorker Statue in Originalgröße,  die auf Grundlage einer Holzverschalung hergestellt wurde. Dabei wird übrigens deutlich, welche riesigen Mengen an Gips dafür erforderlich waren – vielleicht ein Anlass für einen nachfolgenden Blog-Beitrag über die Gipssteinbrüche in und um Paris….

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In einem weiteren Schaukasten wird die Herstellung der Hülle aus Kupfer gezeigt, die dann auf dem Gestänge Eiffels zusammengenietet wurde.

 

Praktische Informationen:

Musée des arts et métiers
60, rue Réaumur
Paris 3e

Öffnungszeiten:

Di, Mi, Fr, Sa und So von 10-18 h

Do von 10- 21.30 h (und ab 18 h freier Eintritt)

 

 

Die berühmte Schwester auf der Ile aux Cygnes

Die Freiheitsstatue auf der zwischen dem Pont de Bir- Hakeim und dem Pont de Grenelle gelegenen Ile aux  Cygnes, der Schwaneninsel,  ist sicherlich die bekannteste der Pariser Freiheitsstatuen, auch wenn sie bisweilen zu den „Geheimtipps“ gerechnet wird.[4] Die Ile au Cygnes ist eine künstliche Insel zwischen dem 15. und dem 16. Arrondissement und war dazu bestimmt, einen Pfeiler des Pont de Grenelle zu tragen. Am besten erreicht man sie über den  Pont de Bir-Hakeim, von dem man einen ausgesprochen schönen Blick auf den Eiffelturm hat.

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In der Mitte der Brücke mit dem architektonisch hervorgehobenen Bogen des Viaduc de Passy und dem Statue von La France renaissante  gibt es eine Treppe hinunter zur Allée des Cygnes.

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Von dort aus gelangt man nach einem knapp 1 Kilometer langen Spaziergang die auf dem westlichen Ende der Insel auf einem hohen Sockel stehende Statue.

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Sie ist genau ein Viertel so groß wie die Statue in New York und nach dem entsprechenden Gips-Modell gefertigt,  das Bartholdi dazu diente, die Maße der großen Schwester von New York  zu berechnen.[5]

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Während diese ein Geschenk Frankreichs an die USA ist, wurde die Statue der Ile aux Cygnes  von der Vereinigung der Amerikaner in Paris gestiftet. Und in diesem Fall konnte auch der vorgesehene und ideale Einweihungstermin eingehalten werden, nämlich der 14. Juli 1889, also der 100. Jahrestag der Französischen Revolution.  Und damit hängt auch der einzige Unterschied zusammen, den es –neben der Größe- zwischen den beiden Schwester gibt: Auf der Tafel, die die Freiheitsstatue von New York in der Hand trägt, ist das Datum der amerikanischen Unabhängigkeit verzeichnet, die Tafel der Statue von der Ile au Cygnes trägt die Aufschrift: “ IV Juillet 1776 = XIV Juillet 1789“, parallelisiert damit also die beiden Daten, zu denen „die beiden  Völker ihre Unabhängigkeit“ erlangten.[6]

Das Einweihungsdatum 1889 fiel auch zusammen mit der damaligen  Weltausstellung in Paris. Und deshalb erschien es selbstverständlich, dass die Statue den Parisern und dem Eiffelturm, dem Symbol der Weltausstellung, zugewandt sein müsste- zum großen Ärger Bartholdis, der es unmöglich fand, dass die „Miss Liberty“ dem Westen, der USA, den Rücken zuwandte. Erst nach seinem Tod, anlässlich der Weltausstellung von 1937, wurde die Statue umgedreht und blickt seitdem zu ihrer großen  Schwester nach New York.

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Den spektakulären Blick auf die Statue mit dem Eiffelturm im Hintergrund hat man allerdings von der Ile aux cygnes aus nicht. Dafür muss man entweder die Insel mit einem Boot umrunden oder sich die ideale Perspektive auf der Avenue de Versailles am Pont Mirabeau suchen.

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Immerhin hat man auf dem Rückweg zum Pont de Bir-Hakeim und von der Aussichtsplattform auf der Mitte der Brücke immer den Eiffelturm im Blick.

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Und Schwäne gibt es rund um die Schwaneninsel auch noch….

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Praktische Informationen:

Île aux Cygnes. 15. Arrondissement.   Zu erreichen mit  RER C  (Kennedy/Radio France oder Champ de Mars/Tour Eiffel) oder der métro Linie 6  (Passy oder Bir Hakeim)

 

Die unbekannte Schwester im Jardin du Luxembourg

Dass im Jardin du Luxembourg eine weitere Freiheitsstatue steht, ist offenbar selbst vielen Parisern nicht bekannt – und ich wusste es bis vor kurzem auch nicht. Tröstlich ist immerhin, dass auch der Guide Michelin davon auszugehen scheint, dass die meisten Leser nichts von dieser Statue wissen:  „Saviez-vous qu’il existe également, dans le jardin du Luxembourg, une copie de la statue de la Liberté?“[7]  Sie steht ja auch nicht in der Umgebung des zentralen großen Wasserbeckens, in dem im Sommer die Kinder die Segelschiffe treiben lassen und um den herum man sitzen und das Pariser Leben genießen kann. Die Statue steht weiter auf der westlichen Seite des Parks, am besten zu erreichen über die porte Fleurus, den  mittleren Eingang zum Park an der Einmündung der Rue de Fleurus in den Rue Guynemer.

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Es ist eine Bronzefigur, die nach dem ursprünglichen Gips-Modell gegossen wurde. 1900 kaufte der französische Staat anlässlich der Weltausstellung die Figur – auf der Tafel, die sie in der Hand hält, ist das Datum des 15. November 1889 eingraviert.  1906 wurde  sie im Jardin du Luxembourg aufgestellt, der vom dort ansässigen französischen Senat verwaltet wird. Eigentümer ist allerdings das Musée d’Orsay, das sich wiederholt vergeblich bemühte, die Statue in seinen Räumen aufzustellen. Als aber 2011 die Fackel gestohlen wurde und auch andere Beschädigungen zunahmen, wurde die Statue ins Musée d’Orsay transferiert, wo sie nun –restauriert und mit einer neu gegossenen Fackel ausgestattet-  im großen Saal einen angemessenen Platz gefunden hat. Die Statue im Jardin du Luxembourg ist also nur eine Kopie, aber dafür steht sie am originalen Platz.[8]

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Das daneben –bzw. aus der Perspektive des obigen Fotos- davorstehende Bäumchen ist eine Eiche, die zu Ehren der Opfer von 9-11 angepflanzt wurde. (Der Platz dafür ist sicherlich allein politisch motiviert, die Parkgärtner werden darüber sicherlich wenig glücklich gewesen sein, denn große Entfaltungsmöglichkeiten hat der Baum an dieser Stelle kaum).

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Das Original übrigens ist im Musée d’Orsay unschwer zu finden. Es hat einen unübersehbaren Platz in der großen Halle.[9]

 

 

Und noch ein Wort zum Abschluss des  Freiheitsstatuen-Dreiteilers:

Die berühmte Statue of Liberty  steht in New York  und wird sicherlich auch – Trump hin oder her- weiter dort stehen als Ausdruck des amerikanischen Traums, der Weltoffenheit, der Freiheit und der Menschenrechte.

Und wer gerne einmal (wieder) die Freiheitsstatue sehen will, wem es aber zu weit ist dorthin oder wem dank Trump die Einreise in das Land der Freiheit verwehrt ist):

In Paris –dem „Geburtsort“ von Miss Liberty- gibt es immerhin fünf kleinere Schwestern. Und die im Musée des Arts et Métiers ist sogar die „Erstgeborene“.

 

Anmerkungen

[1] http://www.arts-et-metiers.net/musee/les-lieux-du-prieure-au-musee

[2]http://www.arts-et-metiers.net/musee/la-deuxieme-fille-de-cluny-grandeurs-et-miseres-de-saint-martin-des-champs

Andreas Sohn, Von der Residenz zur Hauptsstadt. Paris im hohen Mittelalter.  Ostfilden o.J. S. 180 ff

(2a) siehe  http://www.evous.fr/Musee-des-Arts-et-Metiers-Guide-des-plus-belles-pieces-des-collections,1186649.html#Qt32qPJ9uLRFm2cA.99

[3] Sie sind aufgestellt zwischen den Abteilungen „Construction“ und „Communication“.

[4] https://geheimtippsparis.wordpress.com/2014/02/21/die-freiheitsstatue-in-paris/

[5] Die Größenangaben der Statuen variieren zum Teil erheblich, selbst innerhalb einer Quelle, s. z.B.:   http://www.statue-de-la-liberte.com/Construction-de-la-statue-de-la-Liberte.php Dort wird als Größe des zweiten Modells einmal 2,11m, dann 2.40m genannt. Für das ein Viertel-Modells werden 8,50m angegeben, was aber nicht zu der Gesamtgröße von 45m passt. Ich vermute, dass die Statuen manchmal „vom Scheitel bis zur Sohle“ gemessen werden, manchmal bis zur Fackel.

[6] http://www.statue-de-la-liberte.com/Copie-de-la-statue-de-la-Liberte-de-Paris.php

Dort auch die beiden Fotos

[7] Le Guide Vert. Paris, 2010, S. 256

[8] http://www.parisladouce.com/2014/05/paris-les-cinq-statues-de-la-liberte_11.html

http://www.statue-de-la-liberte.com/Construction-de-la-statue-de-la-Liberte.php

[9] https://www.timeout.fr/paris/musee/orsay/statue-de-la-liberte/auguste-bartholdi