La Maison Heinrich Heine, das deutsche Haus in der Cité Internationale Universitaire de Paris

Im Januar 2017 habe ich auf diesem Blog einen Text über die Cité internationale universitaire de Paris  (CIUP) eingestellt und dabei auch eine Reihe von Häusern  verschiedener Nationen vorgestellt.[1] Das deutsche Haus, La Maison Heinrich Heine (MHH), habe ich dabei ausgespart, aber einen eigenständigen Bericht darüber angekündigt. Le voilà! Da ist er nun endlich – passend auch zum Blog-Text über Heinrich Heine in Paris (Oktober 2017).

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Dass ich das Heinrich Heine- Haus zunächst ausgespart habe, ist kein Ausdruck von Missachtung oder Geringschätzung. Ganz im Gegenteil! Es hat nämlich aus mehrfachen Gründen einen gesonderten Bericht verdient:

  • Aufgrund seiner ganz spezifischen Geschichte, die ein Spiegelbild der wechselhaften deutsch-französischen Beziehungen seit den 1920-er Jahren ist.
  • Aufgrund des außerordentlichen Beitrags, den das Heinrich Heine-Haus für den deutsch-französischen kulturellen und politischen Dialog leistete und leistet
  • Und schließlich: aufgrund der wichtigen und wunderbaren Rolle, die das Heinrich Heine- Haus für uns ganz persönlich hatte und hat: Wenn Paris inzwischen gewissermaßen unsere zweite Heimat geworden ist, so hat la Maison Heinrich Heine daran einen wesentlichen Anteil.

Wir sind, um gleich mit dem letzten Aspekt zu beginnen, dort regelmäßige Besucher. Es gibt da nämlich, wie sonst nirgends in Paris, ein außerordentlich reiches kulturelles und politisches Angebot mit deutsch-französischer und europäischer Perspektive: Filmvorführungen, Konzerte und für uns am interessantesten: Veranstaltungen zu aktuellen politischen und wirtschaftlichen Themen und  unter deutsch- französischem Blickwinkel.  Man kann sicher sein, dass es sich bei den Teilnehmern von Podiumsdiskussionen immer um sehr kompetente und manchmal auch sehr prominente „intervenants“ handelt. Öfters haben wir es sogar bedauert, dass  das Format der Diskussion es einzelnen Experten nicht erlaubte, ausführlicher zu Wort zu kommen.  Für uns besonders schön war und ist bei solchen Veranstaltungen, dass es im Anschluss an eine table ronde nicht nur eine Diskussion mit dem Publikum gibt, sondern auch noch die Möglichkeit, sich im Foyer zwanglos bei einem Glas Wein (dem vin d’amitié) und meistens auch leckeren Schnittchen mit den intervenants und anderen Besuchern zu unterhalten. Wir haben bei solchen Gelegenheiten schöne Kontakte geknüpft, ja Freundschaften geschlossen- zum Beispiel mit der Familie Radvanyi (siehe Bericht: Exil in Frankreich. Sanary, Les Milles und Marseille ) oder (auf kuriose Weise: über den Frankfurter Apfelwein/Äbbelwoi und Friedrich Stoltze)  mit Herrn Dr. Adler und seiner Frau (siehe Bericht Von Frankfurt nach Paris und zurück: Die Stolpersteine in der Westendstraße). Auf eine ebenfalls kuriose Weise haben wir im Heinrich Heine-Haus auch eine weitere Bekanntschaft gemacht: Anlässlich einer vorweihnachtlichen Veranstaltung war dort am ersten  Adventssonntag ein Adventskranz aufgestellt mit vier brennenden Kerzen! Also ein eindeutiger Verstoß gegen das vorweihnachtliche Brauchtum! Also hin und die drei voreilig angezündeten Kerzen ausgepustet! Eine französische Besucherin, die das beobachtete, sprach uns darauf an, es entwickelte sich daraus ein schönes Gespräch und schließlich eine intensive langjährige Freundschaft.

Die meisten Menschen, die wir dort kennengelernt haben, sind –wie an diesem Ort nicht anders zu erwarten- besonders an Deutschland interessiert und haben oft auch einen ganz persönlichen Bezug zu dem Land: Bei Herrn Dr. Radvanyi, dem Sohn Anna Seghers, und bei Dr. Adler war es die Flucht aus Nazi-Deutschland. Bei unserer Freundin Françoise Tillard ist es die Musik: Sie ist Dozentin an einer Musikakademie mit dem deutschen Lied als Schwerpunkt, sie hat die erste Biographie über Fanny Hensel, die Schwester Felix Mendelssohns, geschrieben und das von ihr gegründete Klaviertrio trägt auch den Namen Fanny Hensel. Und ihr Vater war politischer Häftling im Konzentrationslager Mauthausen.[2] Bei einer weiteren Freundin, die wir im Heinrich Heine-Haus kennengelernt haben, gibt es auch einen spezifischen deutsch-französischen Bezug: Die Familie stammt aus dem Elsass, der Vater hat als Bomberpilot der Royal Air Force Bomben auf deutsche Städte abgeworfen und die Mutter hat nach dem Krieg eine der ersten deutsch-französischen Freundschaftsgruppen in der französischen  Zone gegründet. Welche  Schicksale und welche wunderbaren Kontakte, die uns das Heinrich Heine- Haus ermöglicht hat!

Es würde zu weit führen und den Rahmen eines solchen Blog-Textes sprengen, wenn ich nun auf einzelne für uns besonders wichtige Veranstaltungen eingehen würde. Wo da anfangen und wo aufhören? Hervorheben möchte ich aber doch wenigstens das Gespräch zwischen Alfred Grosser und Stephane Hessel, das am 17. Oktober 2012 im Heinrich Heine-Haus stattfand. Das war sicherlich eine der beeindruckendsten Veranstaltungen, an der wir dort teilgenommen haben. Thema waren die deutsch- französischen Beziehungen und die Vorstellungen beider Länder von der Zukunft Europas.

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Kaum jemand könnte ja geeigneter sein als diese beiden, auf der Grundlage intensiver lebensgeschichtlicher Erfahrungen fundiert –und dazu auch noch anregend, ja unterhaltsam-  über die deutsch-französischen Beziehungen und ihre Perspektiven in einem vereinten Europa zu diskutieren.

Alfred Grosser wurde 1925 in Frankfurt am Main geboren, wo sein Vater, Sozialdemokrat und Jude,  Direktor einer Kinderklinik war. Die Familie emigrierte 1933 nach Frankreich und erhielt 1937 die französische Staatsbürgerschaft. Grosser studierte Germanistik und Politikwissenschaften  und war von 1956 bis 1992 Professor an der Kaderschmiede Science Po in Paris, wo er Generationen französischer Deutschland-Spezialisten ausbildete. Sein Leben lang hat er sich für die deutsch-französische Verständigung engagiert. Dem Heinrich Heine-Haus ist er seit dessen Gründung eng verbunden. Grosser ist dort regelmäßiger Teilnehmer von Diskussionen und Ehrenpräsident des Verwaltungsrats.[3]

Stéphane Hessel teilt mit Alfred Grosser die (jedenfalls väterlicherseits) deutsch-jüdische Abstammung und das Jahr der Zuerkennung der französischen Staatsbürgerschaft, nämlich 1937.[4] Hessel hatte –als in Berlin Geborener-  an der École Normale Supérieure studiert, er gehörte also gewissermaßen zum französischen Geistesadel, er war an der Seite de Gaulles Mitglied der Résistance, Gefangener im KZ Buchenwald, UNO- Diplomat und „Ambassadeur de France“. Zum Zeitpunkt des Gesprächs war Hessel 95 Jahre alt, wenige Monate danach, im Februar 2013 starb er.

Beeindruckt hat uns bei diesem Gespräch vor allem der unerschütterliche Optimismus von Stéphane Hessel.  Mit einem klaren Blick auf die Gegenwart und ihre Probleme kam er aufgrund seiner humanistischen Grundüberzeugung und der ihm eigenen Einbettung aktueller Phänomene in eine historische Perspektive zu einer ermutigenden Einschätzung der weltpolitischen Entwicklung (ausgenommen, auch darin mit Grosser übereinstimmend, der Situation im Nahen Osten), vor allem aber der europäischen Perspektiven. Vorausgesetzt allerdings, es gibt genug Menschen, die sich engagieren: Engagement war für Hessel ja eine unabdingbare Notwendigkeit, wie seine zum Bestseller gewordene Streitschrift „Empört-Euch!“ zeigt.

Während Grosser in dem Gespräch eher die Rolle des Skeptikers übernahm, beeindruckte Hessel als welthistorisch und philosophisch versierter Optimist und Visionär. Besonders schön war, wie sich Grosser und Hessel –mit sichtbarem Vergnügen- die Bälle zuspielten. So wurde das Publikum auf höchst unterhaltsame Art und Weise zum Nachdenken angeregt.  Interessant war auch das Verhalten der beiden in der anschließenden Diskussion mit dem Publikum. Da konnte Grosser schon einmal lehrerhaft-unwirsch reagieren, wenn jemand eine Frage stellte, die sich aufgrund des bisher Gesagten eigentlich erübrigte. Und Hessel brachte es fertig, jede noch so abseitige Frage freundlich aufzugreifen, in einen relevanten Zusammenhang zu stellen und zum Anlass für einen hochinteressanten druckreifen Vortrag zu machen. So am Beispiel einer –damals etwas irritierenden, aus heutiger Sicht aber hochaktuellen-  Frage zu einer möglichen Unabhängigkeit der Katalanen. Es folgte eine geraffte Darstellung Hessels über die Rolle der Nationalstaaten in der europäischen Geschichte und über die zukünftigen Perspektiven von Staaten und Regionen in einem europäischen Bundesstaat. Gerade jetzt von allerhöchster Aktualität! Und das mit über 90 Jahren!

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Stephane Hessel mit Dr. Christiane Deussen, die seit 2002 das Haus leitet

Diese Veranstaltung  war auch deshalb für uns ein besonderer Höhepunkt, weil wir danach zu einem Empfang in den Räumen von Frau Dr. Deussen eingeladen waren. Dabei ließ sich Stéphane Hessel nicht lange bitten und trug –selbstverständlich par cœur- zwei seiner liebsten Gedichte vor: Hyperions Schicksalslied von Hölderlin und  Le Pont Mirabeau von Apollinaire.

 

Doch uns ist gegeben,

Auf keiner Stätte zu ruhn,

Es schwinden, es fallen

Die leidenden Menschen

Blindlings von einer

Stunde zur andern,

Wie Wasser von Klippe

Zu Klippe geworfen,

Jahr lang ins Ungewisse hinab

Aber das dem Schicksal unterworfene Los der leidenden und ohnmächtigen Menschen war- auch an diesem Abend- nicht Hessels letztes Wort, sondern das hatten Apollinaire und Goethe:

Sous le pont Mirabeau coule la Seine
Et nos amours
Faut-il qu’il m’en souvienne
La joie venait toujours après la peine

Und Goethe durfte natürlich bei Hessel auch nicht fehlen, weil da die Quintessenz seines Lebens wunderbar formuliert ist:

Alles geben Götter, die unendlichen,

Ihren Lieblingen ganz,

Alle Freuden, die unendlichen,

Alle Schmerzen, die unendlichen, ganz.

 


Das Heinrich Heine-Haus: Studentenwohnheim und Kulturinstitut

Die „vordringliche Aufgabe“ des deutschen Hauses ist, wie seine langjährige Leiterin, Frau Dr. Deussen, betont, die eines Studentenwohnheims, und das entspricht auch der seiner Lage und  Rolle in der Cité internationale universitaire. Und dem entspricht auch, dass es ein besonderes Privileg ist, dort einen der etwa 100 begehrten Plätze zu erhalten. Die Cité internationale sollte ja von Anfang an nicht ein einfaches Studentendorf sein, sondern eine Begegnungsstätte von zukünftigen Eliten aus verschiedenen Ländern.[5] In einem Artikel der ZEIT aus dem Jahr2006 wurde denn auch unverhohlen festgestellt, in dem Heinrich Heine-Haus wohnten „ausschließlich Elitestudenten“.[6] Das mag zunächst deutschen  Lesern provokant erscheinen, ist man in Deutschland doch aufgrund entsprechender historischer Erfahrungen oft etwas allergisch gegenüber dem Begriff der „Elite“ – ganz anders als  in Frankreich, wo  ein wesentlich unbefangenerer Umgang damit üblich ist. Deutschland hätte allerdings inzwischen durchaus etwas mehr Berechtigung zu entsprechender Unbefangenheit: Immerhin ist die Elitenreproduktion in Deutschland nicht ganz so ausgeprägt wie in Frankreich. Und in Deutschland wurde –von Frankreich bewundert- nach dem heilsamen Pisa-Schock von 2000 deutlich mehr für die Förderung  von benachteiligten Kindern und Jugendlichen getan[7], so dass man kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn auch für die besonders Leistungsstarken etwas getan wird. Zumal wenn als Auswahlkriterium nicht nur fachliche Leistungen zählen, sondern auch –wie beim Heinrich Heine-Haus- darüber hinausgehende Kompetenzen und Einstellungen. Wenn wir bei Veranstaltungen im MHH mit Bewohnern des Hauses ins Gespräch kamen, waren das immer sehr ambitionierte junge Menschen mit weitgespannten kulturellen und politischen Interessen, sehr oft Studenten/innen internationaler Studiengänge, die nach ihrer Ausbildung gerne in entsprechenden Strukturen arbeiten möchten und für die das weitere Zusammenwachsen Europas ein selbstverständliches Anliegen ist, für das sie sich engagieren. Gut, dass  es für sie das MHH gibt!

Bemerkenswert ist es übrigens, dass es in den ersten Jahren  des deutschen Hauses verständlicher Weise eher Studenten der Romanistik waren, die dort wohnten: Ein prominentes Beispiel dafür ist der Schriftsteller  Uwe Timm, der in Paris studierte bzw. dort seine Doktorarbeit über Camus und den französischen Existentialismus schrieb (bzw. schreiben wollte). (7a)  Heute sind es vielfach Politologen, Juristen und Ökonomen, die das Wohnheim bevölkern : Eingeschrieben in deutsch-französischen Studiengängen und/oder angezogen von der besonderen Attraktivität französischer Eliteschulen (écoles) im Bereich von Politik und Wirtschaft.

Das Heinrich Heine-Haus ist aber nicht nur ein Studentenwohnheim, sondern es versteht sich gleichzeitig „auch als ein Kulturinstitut“.[8]  Immerhin war es ja die erste deutsche Repräsentanz in Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg.[9] Und wenn man ältere Programme durchsieht, dann ist es beeindruckend zu sehen, wie intensiv die Aufgabe der Präsentation deutscher Kultur schon von Anfang an wahrgenommen wurde. Autoren wie Uwe Johnson, Max von der Grün, Reiner Kunze oder Sarah Kirsch stellten dort ihre Werke vor, die crème de la crème der deutscher Germanisten war zu Vorträgen eingeladen: Eberhard Lämmert, Hans Robert Jauß, Fritz Martini, Benno von Wiese, Heinz Ludwig Arnold, Walter Hinck,  Marcel Reich-Ranicki …  Und nicht zu kurz kamen auch  Informationen über die deutsche Politik und Gesellschaft durch Wissenschaftler wie Thomas Ellwein, Kurt Sontheimer, Georg Picht, Wolfgang Abendroth….

Es ist beeindruckend, dass das deutsche Haus der Cité internationale über Jahrzehnte und bis heute ein derartig hochkarätiges Programm anbieten konnte und kann. Möglich ist das wohl auch nur deshalb, weil es an der Spitze des Hauses  eine personelle Kontinuität über Jahre hinaus herrscht mit der Folge eines offenbar reich gefüllten „carnet d’adresses“.  Auch wenn es heute in Paris ein Goethe- Institut gibt, nimmt das Heinrich Heine-Haus auch weiter seine Rolle als Kulturinstitut wahr, wobei gerade die europäische und vor allem die deutsch-französische Dimension besondere Schwerpunkte bilden:

Dazu nur drei Beispiele aus dem Programm des Jahres 2017:

  1. April 2017: Vorstellung des Buches Lettre à un ami français. (Brief eines Deutschen an einen französischen Freund, der für den Front National votiert)
  2. Mai 2017: Klaus Mann, défenseur visionnaire d’une Europe de l’esprit
  3. Mai 2017: Heinrich Heine et ses contemporains (Literarischer Spaziergang in Paris: Der Heine-Spaziergang mit jeweils wechselnden Schwerpunkten ist ein regelmäßiges Angebot des Heinrich Heine-Hauses)[10]
  4. September 2017: Leibniz et l’histoire. Colloque franco-allemand

Das Heinrich Heine-Haus ist außerdem  ein Ort politischer Debatten, wobei auch hier, wie ja schon das Beispiel des Gesprächs zwischen Alfred Grosser und Stéphane Hessel zeigte, der europäische und deutsch-französische Blickwinkel bestimmend sind.  Das sind dann die „regards croisés entre France et Allemagne“, die manchmal ganz direkt im Titel einer Veranstaltung erscheinen, aber  oft  auch ohne direkte Nennung eine wichtige Rolle spielen.

Auch dafür einige aktuelle Beispiele:

  1. April 2017: Les médias face à une crise de confiance- regards croisés entre France et Allemagne
  2. Mai 2017: Année électorale en France et en Allemagne: Quel rôle du couple franco-allemand dans l’avenir de l’Europe
  3. Juni 2017: Le centre est-il l’avenir de la politique?
  4. Oktober 2017: cent ans parès, La première guerre mondiale des deux côtés du front
  5. Dezember 2017: réfugiés en Allemagne et en France

Und auch bei Themen, die keinen direkten deutsch-französischen Bezug aufweisen, wird der im Allgemeinen dann durch eine internationale  Zusammensetzung des Podiums, also die Auswahl der „intervenants“ hergestellt.

Das Heinrich-Heine-Haus ist damit -wie kaum ein anderes – eine außerordentliche Bereicherung der Cité internationale: ihrem Anspruch,  der internationalen Verständigung und dem  Frieden zu dienen, verpflichtet, grundsätzliche Probleme, aber auch ganz  aktuelle Entwicklungen aufgreifend. Und dies meist auf äußerst hohem Niveau. Schade, dass manche Debatten, an die man sich noch lange erinnert -wie die zwischen  Grosser und Hessel- nicht festgehalten wurden. Verdient hätten sie es auf jeden Fall.

 

2016: 60 Jahre Maison Heinrich Heine

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Im November 2016 feierte das Heinrich Heine- Haus seinen 60. Geburtstag unter dem Motto Brücken  bauen- Jeter des ponts, das die Arbeit des Hauses in seiner 60-jährigen Geschichte immer geleitet hat.[11]

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Es war eine mehrtägige Veranstaltung mit einem reichen kulturellen und politischen Programm und viel Prominenz aus Wissenschaft und Politik. Auch der damalige französische Außenminister, der germanophile und –phone Jean-Marc Ayrault, gab dem Haus die Ehre.

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Beeindruckend war aber auch die Teilnahme von über 200 ehemaligen Bewohnern des Hauses, die gewissermaßen aus der ganzen Welt angereist waren. Und einige von ihnen kamen nicht nur als Besucher und Gratulanten, sondern bereicherten auch  wesentlich das Programm: Das Eröffnungskonzert beispielsweise wurde ausschließlich von ehemaligen Residenten des Hauses gestaltet.

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Dass unter den Geburtstagsgästen so viele ausländische ehemalige Residenten des Hauses waren, beruht auf der „brassage culturel“, die in der gesamten Cité internationale universitaire und besonders intensiv im Heinrich Heine-Haus praktiziert wird. Von seinen 104 Wohnheimplätzen  werden etwa die Hälfte von nicht-deutschen Studenten bewohnt – in den anderen Stiftungshäusern ist das ähnlich: Eine bewusste Maßnahme, um durch das Zusammenleben von Studenten verschiedener Nationalitäten unter einem Dach das gegenseitige Kennenlernen und die Verständigung zu fördern. Das 60-jährige Jubiläum des Heinrich Heine- Hauses zeigte sehr eindrucksvoll, dass das dort in hervorragender Weise gelungen ist und gelingt.

 

Zur Geschichte des deutschen Hauses in der Cité Internationale Universitaire

Dass es „erst“ der 60. Geburtstag war, den das deutsche Haus 2016 feiern konnte, ist bemerkenswert, denn immerhin ist es Teil der Cité internationale universitaire de Paris (CIUP), die schon seit den 1920-er Jahren besteht. Die „Verspätung“ des deutschen Hauses erklärt sich aus den von zwei Weltkriegen geprägten deutsch-französischen Beziehungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit der Gründung der Cité interrnatonale sollte nach dem Ersten Weltkrieg ein Beitrag zum Frieden und zur Völkerverständigung geleistet werden. Allerdings waren die Wunden des Krieges zunächst noch so frisch, dass dieser Anspruch nur sehr partiell erfüllt wurde. Nach dem Zeugnis von Paul Appell, einem der Gründungsväter der Cité,  war zunächst nur daran  gedacht, Häuser für Studenten befreundeter Nationen zu bauen, also  alliierter oder neutraler Staaten des „Großen Krieges.“[12]  F. Sereni stellt in seinem Aufsatz über die Cité internationale sogar fest, sie sei in ihren Anfängen eine Einrichtung im Dienste der „Kleinen Entente“ gewesen, also des Bündnissystems zwischen Jugoslawien, Rumänien und der Tschechoslowakei, das von Frankreich gefördert wurde, um deutschen Forderungen nach einer Revision des Versailler Vertrags entgegenzuwirken. (12a)  Der Vertrag von Locarno, der etwa zeitgleich mit der Eröffnung der Cité internationale im Jahr 1925 abgeschlossen wurde, stellte die deutsch-französischen Beziehungen allerdings auf eine neue Grundlage. Er markierte die Aussöhnung der ehemaligen „Erzfeinde“; seine Protagonisten, die Außenminister Briand und Stresemann,  wurden mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Der „Geist von Locarno“ inspirierte, wie Manfred Bock in seinem Aufsatz über den langen Weg zum Deutschland-Haus in der Cité Internationale Universitaire schreibt, „nahezu alle Initiativen und Projekte, die auf eine Verbesserung der deutsch-französischen Beziehungen gerade im sozio-kulturellen Bereich zielten. Er war auch die Grundlage für die Überlegungen, die vor 1933 über die Möglichkeit eines deutschen Stiftungshauses in der Cité Universitaire angestellt wurden.“[13]

Allerdings waren es in dieser Zeit vor allem die Verantwortlichen der Cité internationale, die sich hier äußerst vorsichtig und bremsend verhielten. 1927 erklärte der Sekretär der sie tragenden  Stiftung, die Schaffung eines deutschen Hauses sei zwar „wünschenswert“ und im Einklang mit der deutsch-französischen Annäherung, aber sie könne/müsse als verfrüht („prématurée“) betrachtet werden. Bevor man damit an die Öffentlichkeit gehe, sollten die nächsten Parlamentswahlen abgewartet werden. In dieser delikaten Angelegenheit müsse man mit großer Vorsicht und Diskretion vorgehen. Aber auch das Quai d’Orsay wollte nichts übereilen oder forcieren. In einer Stellungnahme von Außenminister Briand an den Président de Conseil der CIUP vom 30. März 1931 betonte er zwar das große politische Interesse an der Einrichtung neuer Häuser für Studenten Zentral- und Osteuropas. Aber er bezog sich dabei ausdrücklich zuerst auf Polen, Jugoslawien,  Rumänien „und eventuell Österreich und Deutschland“, das hier also an letzter Stelle steht.[14]

Der Gründer und Präsident der CIUP, André Honorat, wurde allerdings um 1930 zu einem „nachdrücklichen Befürworter des Bau eines deutschen Hauses in der Cité Universitaire.“ (Bock). Allerdings setzte sein aktives Engagement gerade in einem Moment ein, als in Deutschland die Weltwirtschaftskrise mit ihren desaströsen wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen das Ende der „goldenen zwanziger Jahre“ und der Weimarer Republik insgesamt einläutete. Nun war es die deutsche Seite, die das Projekt ablehnte: Es diene „nicht zum wenigsten der französischen Kulturpropaganda“ und es liege „vom sozialen Gesichtspunkt aus kein dringender Bedarf“ vor. „Denn es besteht wohl kein Zweifel, dass die deutschen Studierenden, die sich in Paris aufhalten, in der Regel Kreisen  entstammen, die wirtschaftlich leistungsfähiger sind als der große Durchschnitt der deutschen Studenten.[15]

Scheiterte also das Projekt in den 1920-er Jahren vor allem an politischen Opportunitätszweifeln in Frankreich, so stieß es nach 1930, als es von französischer Seite begrüßt wurde, auf die Bedenken der deutschen Verantwortlichen, die den Plan eines deutschen Hauses in Paris angesichts der Wirtschaftskrise nicht für politisch durchsetzbar hielten, wie Bock in seinem Aufsatz über den langen Weg zum Deutschland-Haus in der Cité internationale universitaire in Paris scheibt.

Neue Bewegung kam in die Bemühungen zur Errichtung eines deutschen Hauses in der Zeit des Dritten Reichs. Hitlers Architekt Albert Speer, der den Pavillon des nationalsozialistischen Deutschland auf der Pariser Weltausstellung von 1937 entworfen hatte, besuchte in diesem Jahr mit dem Handelsattaché der französischen Botschaft in Berlin auch die CIUP und war sehr beeindruckt. Gegenüber seinem französischen Gesprächspartner zeigte er sich überzeugt, Hitler für das Projekt gewinnen zu können. Es wurden bereits konkrete Überlegungen zum Ort des Hauses und  über seine Finanzierung durch die Reichsregierung angestellt. Nun war es  wieder die französische Seite, die sich – in nur allzu verständlicher Weise- ablehnend verhielt, stehe doch die nationalsozialistische Ideologie im fundamentalen Gegensatz zu den die CIUP bestimmenden Grundsätzen des Friedens und der Völkerverständigung- was sich dann ja auch auf grauenhafte Weise durch die Entfesselung des zweiten Weltkriegs und den Holocaust bestätigte.

Nach der Niederlage des faschistischen Deutschlands und dem Aufbau eines demokratischen Systems in den westlichen Besatzungszonen erhielt das Konzept eines deutschen Hauses in der CIUP eine neue Chance: Aus politischen Gründen, weil Frankreich im Sinne einer Deutschland-Politik der „Kontrolle durch Integration“ an einer Förderung der politischen und gesellschaftlichen Kräfte interessiert war, „die den geistigen Dialog und die praktischen Zusammenarbeit zwischen Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland herbeiführen wollten.“ Außerdem war es ein Glücksfall, dass André François- Poncet 1949 französischer Hochkommissar für Deutschland wurde und 1952 zusätzlich auch noch Präsident der Cité internationale universitaire. François-Poncet, von 1931 bis 1938 Botschafter Frankreichs in Berlin, war ein hervorragender Kenner und Freund Deutschlands, und für ihn war die Präsenz Westdeutschlands in der CIUP ein besonderes Anliegen. Es passte auch zu den Bemühungen um eine politische und militärische Integration Westeuropas, wie sie im Schumann-Plan vom  Mai 1950 und dem Projekt einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft zum Ausdruck kamen. Und es passte gut zur Entwicklung der Cité internationale, die in dieser Zeit gerade mit zahlreichen neuen Bauvorhaben (Norwegen, Ägypten, Marokko, Mexiko) eine zweite Expansionsphase erlebte. Für die junge Bundesrepublik auf der anderen Seite war das Projekt eines deutschen Hauses  ein „Angebot, im sozio-kulturellen Bereich wieder in die internationale Gemeinschaft aufgenommen zu werden.“[16]

Am 10. September 1952 wurde in Frankfurt die „Stiftung Deutsches Haus in der Cité Universitaire in Paris“  gegründet, deren Kern die Rektoren der Universitäten Tübingen, Mainz und Frankfurt bildeten. Dazu kamen Repräsentanten von Industrie und Handel sowie der öffentlichen Verwaltung. Noch im gleichen Monat wurde  einArchitekten-Wettbewerbs für den Bau des Hauses vorbereitet. Damit begann die Gründungsphase des seit den 1920-er Jahren immer wieder diskutierten und umstrittenen Projekts.

Die Gründungs-, Planungs- und Bauphase zog sich allerdings aus finanziellen, politischen und organisatorischen Gründen über mehrere Jahre hin. Erst am 23. November 1956 konnte das Gebäude als „Maison de l’Allemagne de l’Ouest“ und neunundzwanzigstes Wohnheim der Cité universitaire in Anwesenheit des französischen Präsidenten Coty und des deutschen Außenministers von Brentano seiner Bestimmung übergeben werden.[17] Damit war endlich das Ziel des langen und schwierigen 30-jährigen Wegs zum Deutschland-Haus in der Cité internationale universitaire erreicht: in der Tat ein Spiegel der deutsch-französischen Beziehungen zwischen den 1920-er und 1950-er Jahren.

 

 

Die Architektur des Hauses: Ausdruck des demokratischen Deutschlands

Das deutsche Haus in der Cité universitaire war Ausdruck der kulturellen und politischen Integration der Bundesrepublik Deutschland in die Gemeinschaft der demokratischen Staaten des Westens. Das sollte auch in der Architektur des Hauses deutlich werden. Immerhin handelte es sich bei diesem Vorhaben sicherlich um eines der ersten Bauprojekte der Nachkriegszeit, durch die sich die junge Bundesrepublik im Ausland darstellte- wenn nicht sogar das erste.

Es wurde also ein Bauwettbewerb ausgeschrieben, an dem teilzunehmen sieben Architekten eingeladen wurden, zu denen immerhin so prominente Vertreter der deutschen Nachkriegsarchitektur wie Egon Eiermann und Sep Ruf gehörten. Als einstimmig ausgewählter Sieger ging aus diesem Wettbewerb Johannes Krahn hervor. Krahn war ausgewiesener Gegner des Nationalsozialismus, hatte 1933 deshalb auch seinen Posten an der Kunstschule Aachen verloren. Während des Dritten Reichs war er von allen öffentlichen Aufträgen ausgeschlossen und lebte von Arbeiten für Privatleute. Nach dem Krieg ließ  er sich in Frankfurt nieder, wo er  später auch Professor an der Städelschule und von 1965 bis 1970 deren Direktor wurde. Krahn hatte vor dem Pariser Projekt u.a. schon –zusammen mit Rudolf Schwarz- die Rekonstruktion der Frankfurter Paulskirche geplant. In dem Gebäude tagte 1848/1849 das erste demokratische deutsche Parlament. Im zweiten Weltkrieg wurde es wie die gesamte Frankfurter Innenstadt von alliierten Bombern zerstört, konnte aber 1948 zum 100-jährigen Jubiläum des Paulskirchenparlaments wiedereröffnet werden. Krahn war außerdem Architekt der französischen Botschaft in dem neben der provisorischen Bundeshauptstadt Bonn gelegenen Bad Godesberg (1950-1952). Zu seinen Werken gehörten damit zwei Referenzbauten, die sicherlich dazu beigetragen haben, dass er zum erlauchten Kreis der sieben zum Wettbewerb eingeladenen Architekten gehörte.[18]

Dass er ihn gewann, beruht auf der überzeugenden Konzeption, die er für  das deutsche Haus vorlegte. Und die Aufgabe war höchst anspruchsvoll:  Die zur Verfügung stehenden Mittel waren  -trotz französischer Beteiligung-  sehr begrenzt, weshalb auch ein von der Cité angebotenes repräsentatives Grundstück am Boulevard Jordan nicht genutzt werden konnte. Denn das  hätte einen größeren Umfang des deutschen Hauses vorausgesetzt, der  von deutscher Seite als nicht finanzierbar betrachtet wurde. Also wurde ein kleineres, schmales Grundstück am Südrand der Cité ausgewählt (an dem damals allerdings noch nicht der vielspurige laute boulevard périphérique vorbeiführte). Ausgehend von diesen beiden einengenden Voraussetzungen entwarf Johannes Krahn einen Bauplan des deutschen Hauses, der zu dem passte, was der SPD-Politiker Adolf Arndt 1960 in einer vielbeachteten Rede meinte, als er von der „Demokratie als Bauherr“ sprach: Ein besonderes Merkmal dieser „demokratischen“  öffentlichen Architektur der  Nachkriegszeit war die Transparenz, die Ikonen der Nachkriegsarchitektur prägte- von dem Kanzlerbungalow Sep Rufs über den Bonner Plenarsaal Günter Behnischs bis zur Reichstags-Kuppel Norman Forsters. An den Anfängen dieser Reihe hat das Deutsche Haus in der Cité universitaire seinen Platz. Es ist unter den vielen Häusern der Cité Universitaire sicherlich das transparenteste[19]: Die beiden vorspringenden seitlichen Flügel, Festsaal und Bibliothek, sind fast vollständig verglast, die Glasfronten, die entsprechend einer Bauhaus-Tradition auch an den Ecken nicht unterbrochen sind, ruhen lediglich auf niedrigen Natursteinsockeln. Besucher und Passanten können also die Studenten sehen, die in der Bibliothek arbeiten, und umgekehrt, und im Festsaal werden die Gardinen nur dann zugezogen, wenn es, wie bei Filmvorführungen,  erforderlich ist. Die beiden seitlichen Gebäude sind also, wie auch die Zimmer der Studenten, nach außen geöffnet.

Und offen ist auch der Zugang zum Haus. Der Besucher wird geradezu eingeladen einzutreten. Es gibt keine einzige Treppenstufe zwischen dem Zugang zum Haus, dem Eingangsfoyer, der Bibliothek und dem Festsaal.

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Das Logo des Heinrich Heine-Hauses mit der Stilisierung der Eingangsseite und den beiden Seitenflügeln

Und –typisch für die Nachkriegsarchitektur- Krahn hat bei dem Entwurf des Hauses auf jegliche Monumentalität verzichtet und aus der Not des schwierigen Grundrisses eine Tugend gemacht: Der Eingang befindet sich nicht wie bei vielen öffentlichen Gebäuden üblich auf der beeindruckenden Längsseite,  sondern auf der dem Park der Cité zugewandten Schmalseite. Das ist funktionsgerecht und Ausdruck von Bescheidenheit. Es gibt also auch keinen monumentalen Eingang, der die Menschen immer kleiner macht, je mehr sie sich dem Gebäude nähern, wie das bei  repräsentativen Bauten ja oft der Fall ist. Der Unterschied ist eklatant, wenn man das deutsche Haus mit dem Hauptgebäude der Cité internationale universitaire, der schlossähnlichen Maison Internationale vergleicht: Dort führen mehrere Stufen zum Eingang, und um zu dem Festsaal zu gelangen, muss man noch eine weitere Treppe emporsteigen: Der repräsentative Saal befindet sich im „piano nobile“ im , also im ersten Stock – der Spiegelsaal von Versailles lässt grüßen.

Der Effekt einer “bel étage“ wird im deutschen Haus gewissermaßen ersetzt durch die Brücke, die zum Haus führt. Sie hat die praktische Funktion, die Cafeteria im Untergeschoss mit Licht zu versorgen und ihr einen kleinen Vorraum im Freien zu verschaffen, aber es hat vor allem auch eine symbolische Funktion, indem sie das Programm des Hauses abbildet: Brücken zu bauen zwischen draußen und drinnen, zwischen Franzosen und Deutschen, zwischen den beiden Kulturen, zwischen den sogenannten „Erbfeinden“ Frankreich und Deutschland.  Insofern konnte es kein besseres Motto für die  60-Jahrfeier des Hauses geben als dieses: Brücken bauen.

La Maison Heinrich Heine ist also in der Tat „un bâtiment symbole pour la politique allemande de l’après –guerre.“[20] Als die Bundesbaudirektion 1992 ein Gutachten zur notwendigen Renovierung des Gebäudes erstellte, stellte sie also mit Recht fest, es handele sich um ein typisches Zeugnis der deutschen Architektur der Nachkriegszeit. Und sie fügte dann noch enthusiastisch hinzu, es handele sich aufgrund seiner außerordentlichen kreativen Qualitäten um eines der bedeutendsten Gebäude der 50-er Jahre in der Gegend von Paris. Mit den beiden Bauten von Le Corbusier (Schweiz und Brasiien) gehöre  es zu den schönsten der Cité internationale.[21] Es ist aber eine nicht ostentativ zur Schau gestellte Schönheit, sondern eine eher zurückhaltende, die sich erst bei näherem Hinsehen und Hineingehen erschließt.

Vor dem Eingang steht auf der rechten Seite ein Denkmal, dessen Bedeutung auch erst bei näherem Hinsehen erkennbar wird: Es ist der Erinnerung an Guillaume Fichet gewidmet, der 1470, also zwanzig Jahre nach Gutenberg, zum ersten Mal in Frankreich, an der Sorbonne, ein Buch mit beweglichen Lettern druckte.  Das gleiche Denkmal befindet sich auch auf dem Gelände der Universität Mainz – auch dies eine schöne symbolische Brücke zwischen Deutschland und Frankreich.

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Heinrich Heine: Der Name als Programm

Seit 1973 trägt das deutsche Haus in der Cité universitaire den Namen Heinrich Heine. Einen geeigneteren Namenspatron  für das deutsche Haus könnte es ja auch nicht geben als Heinrich Heine,  den Vermittler zwischen den Kulturen Frankreichs und Deutschlands.[22]  Heine hat es in seinem Testament vom 13. November 1851 als die große Aufgabe seines Lebens („la grande affaire de ma vie“) bezeichnet, für das herzliche Einvernehmen zwischen Deutschland und Frankreich zu wirken (‚de travailler à l’entente cordiale entre l’Allemagne et la France‘).[23]

Heinrich Heine liebte Frankreich, seine Freiheit, seine Sprache, seine Kultur, seine Frauen, seinen Champagner, seine Kochkunst, aber er liebte auch seine Heimat, den  Rhein, den Wald, die alten Mythen und vor allem die deutsche Sprache, die er so virtuos beherrschte wie die von ihm bewunderten Chopin und Liszt das Klavier.

Heinrich Heine war, auch wenn er in Deutschland steckbrieflich gesucht wurde,  in beiden Ländern zu Hause, und er träumte davon, dass Frankreich und Deutschland einmal versöhnt und vereinigt sein würden:

 „Laßt uns die Franzosen preisen! sie sorgten für die zwey größten Bedürfnisse der menschlichen Gesellschaft, für gutes Essen und bürgerliche Gleichheit, in der Kochkunst und in der Freyheit haben sie die größten Fortschritte gemacht, und wenn wir einst alle, als gleiche Gäste, das große Versöhnungsmahl halten, und guter Dinge sind, […] dann wollen wir den Franzosen den ersten Toast darbringen. […] sie wird doch endlich kommen, diese Zeit, wir werden, versöhnt und allgleich, um denselben Tisch sitzen; wir sind dann vereinigt, und kämpfen vereinigt gegen andere Weltübel, vielleicht am Ende gar gegen den Tod“  (Aus: Reisebilder, Reise von München nach Genua[24]

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Die Büste Heinrich Heines begrüßt die Besucher des Hauses im Foyer und sein Name wird auch ausdrücklich als Programm verstanden. In den Wünschen für das Jahr 2017 an die Freude des Hauses und seine Bewohner hat das die Leiterin des Heinrich Heine- Hauses  ausdrücklich  hervorgehoben: In der Tradition Heinrich Heines werde das Haus auch künftig daran arbeiten, Brücken zu bauen, vor allem zwischen Deutschland und Frankreich, aber auch zwischen verschiedenen Kulturen, Disziplinen, Wahrnehmungen und Visionen.[25] 

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Ein solches Programm hat sicherlich auch für das Jahr 2018 nichts an Attraktivität und Aktualität eingebüßt. In diesem  Sinne: Weiter alles Gute, liebes Heinrich Heine-  Haus in der Cité internationale universitaire de Paris!

 

Anmerkungen

[1] Die Cité Internationale Universitaire in Paris: Ein Ort des Friedens und der Völkerverständigung.  (Januar 2017)

[2] Deutsche Ausgabe:  Françoise Tillard, Die verkannte Schwester: die späte Entdeckung der Komponistin Fanny Mendelssohn Bartholdy. München: Kindler 1994
http://www.paroleetmusique.net/musique-de-chambre/trio-fanny-hensel/

Paul Tillard, Le pain des temps maudits; suivi de Mauthausen. Paris 2007

[3] https://maison-heinrich-heine.org/intervenant/alfred-grosser

[4] Zu seinen Eltern siehe den Blog-Beitrag: Exil in Frankreich

[5] Siehe dazu den Blog-Beitrag: Die Cité Internationale Universitaire de Paris, ein Ort des Friedens und der Völkerverständigung (Januar 2017)

[6] http://www.zeit.de/2006/25/Frankreich_xml/komplettansicht

[7] Siehe Blog-Bericht: Frankreich: Spitzenreiter bei der schulischen Ungleichheit

(7a) siehe Uwe Timm, Der Freund und der Fremde. Köln 2005, S. 72f

[8] http://www.parisberlinmag.com/kultur/die-maison-heinrich-heine-das-interkulturelle-studentenwohnheim_a-140-3241.html

[9] http://www.ciup.fr/maison-heinrich-heine/histoire-de-la-maison/

[10] Siehe dazu den Blog-Beitrag: Mit Heinrich Heine in Paris (Oktober 2017)

[11] Eine Würdigung der Arbeit des Hauses: http://www.parisberlinmag.com/kultur/die-maison-heinrich-heine-das-interkulturelle-studentenwohnheim_a-140-3241.html

[12] Zit. Babel, S. 68: „Reste que le projekt n’envisage pour l’heure que de construire des maisons d’étudiants avec d’anciens alliés ou neutres de la Grande Guerre, des „nations amies“ écrit Paul Appell.“

(12 a) F. Sereni, La Cité internationale universitaire de Paris: ambitions mondiales et réalités européennes (1925-1956). In: R. Girault et G. Bossuat (dir), Europe brisée, Europe retrouveé. Paris 1994, S. 91

[13] Bock, in MHH, S. 67. In diesem Abschnitt stütze ich mich wesentlich auf diesen grundlegenden Aufsatz.

[14]Après avoir accueilli les ressortissants de tant de  nations et de tant de cultures, cette institution doit maintenant se compléter par la fondation de nouveaux pavillions destinés aux étudiants de l’Europe  centrale et orientale. Il y a  là, pour notre pays, un intérêt politique de premier ordre et j’attache le plus grand prix à la réalisations des projets qui ont été formés à cet égard et qui nous permettront de faire place à la  jeunesse intellectuelle de ces pays, en particulier de la Tchécoslovaquie, de la Pologne, de la Yougoslavie, de la Roumanie et éventuellement de l’Autriche et de l’Allemagne.“ (cit Babel  p. 75)

[15] Stellungnahme der deutschen Botschaft aus dem Jahr 1930, zit. bei Bock, S.71/72

[16]  Bock in MHH, S. 93

[17] Lappenküper in MHH, S.148

[18] Johannes Krahn entwarf übrigens auch den beeindruckenden deutschen Soldatenfriedhof Mont-de-Huisnes gegenüber dem Mont-Saint-Michel. (siehe den Blog-Beitrag „Normandie (2): Schattenseiten der Vergangenheit“).   In diesem Abschnitt beziehe ich mich vor allem auf den Aufsatz von Martin Raether, „L’architecture de la Maison Heinrich Heine“ und die Diskussion zwischen Ulrich Lappenküper, Hans-Joachim Lorenz, Martin Raether und Daniel Wentzlaff in MHH, S. 322ff

[19] Daniel Wentzlaff in: MHH, S. 348

[20] Ulrich Lappenküper in MHH, S. 351

[21] Zit. von Martin Raether in MHH, S. 330

[22]  Siehe dazu den Blog-Beitrag: Heinrich Heine in Paris (Oktober 2017)

[23] Zit. bei Bernd Kortländer, Mit Heine durch Paris. Reclam Taschenbuch Nr. 20384, Stuttgart 2015, S. 12

[24] Düsseldorfer Heine-Ausgabe, DHA Band VII, S. 70

Siehe auch: Gerhard Höhn: Heinrich Heine, une figure européenne. In MHH, S. 312ff

[25] https://maison-heinrich-heine.org/a-propos/qui-sommes-nous 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung der MHH.

 

Praktische Hinweise

Kontakt und Informationen (z.B. Veranstaltungen, Öffnungszeiten) über: https://maison-heinrich-heine.org/de

https://maison-heinrich-heine.org/a-propos/programme-manifestations-culturelles  : Hier kann man das Veranstaltungsprogramm direkt einsehen und herunterladen.

Man kann dort auch den newsletter abonnieren, so dass man regelmäßig über die Veranstaltungen des Hauses informiert wird.

Bewerbungsmodalitäten für Wohnheimplätze: https://maison-heinrich-heine.org/hebergement/devenir-resident

Diskussionen (conférences-débats) finden i.a.  in französischer Sprache statt, aber es gibt oft auch  Simultanübersetzungen, vor allem wenn deutsche Diskussionsteilnehmern/innen beteiligt sind, die ihre Beiträge in deutscher Sprache vortragen möchten.

 

En savoir plus:

Martin Raether (Hrsg): Maison Heinrich Heine Paris 1956-1996. Quarante  ans de présence culturelle. Bonn, Paris 1998 (abgekürzt: MHH)

Dzovinar Kévonian et Guillaume Tronchet: La Babel étudiante. La cité universitaire de Paris (1920-1950) Rennes: Presses universitaire 2013

Ulrich Lappenküper, Ein „Mittelpunkt deutscher Kulturarbeit“: Das Deutsche Haus in der Cité universitaire in Paris (1950 – 1956). In: Pariser historische Studien no 81,2007, S. 257-279

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Der schwierige Umgang mit einem düsteren Kapitel der französischen Vergangenheit: Die Erinnerung an Sklavenhandel und Sklaverei
  • Street-Art in Paris (1): Einführung und Überblick 
  • Street-Art in Paris (2): Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • Street-Art in Paris (3): Der Invader
  • Auf dem Weg nach Paris: Die Mühle von Valmy, ein Fanal der Französischen Revolution

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