Der Saal der Hoquetons im Schloss von Versailles: Le Brun, Le Nôtre und die Fontänen des verschwundenen Labyrinths

Das Schloss von Versailles: Es sind vor allem der Spiegelsaal und die „Grands Appartements“ des Sonnenkönigs im ersten Stockwerk des U-förmigen Hauptgebäudes, des Corps de Logis, die das bevorzugte Ziel der Schloss-Besucher sind. Es gibt aber daneben noch viele andere lohnende Orte in dem Schloss. Einer davon ist der große Saal der Hoquetons, der früheren Palastwache, der im Nordflügel des Hauptgebäudes, unterhalb der Räume Ludwigs XIV. liegt.[1]

Aus zwei Gründen empfiehlt es sich, dem Saal Hoquetons einen Besuch abzustatten: Wegen des außergewöhnlichen Raums und wegen seiner ebenso außergewöhnlichen Ausstellungsstücke.

Zunächst zum Raum:

Bestimmt war er für die Palastgarde, zu deren Uniform eine lederne Weste gehörte, nach der die Gardisten benannt wurden.  Sie waren zur Zeit Ludwigs XIV. für die Aufrechterhaltung der Ordnung und die Sicherheit im Schloss zuständig. Dies erklärt, dass der Saal direkt unterhalb der „grands appartements“ des Königs und neben der zu ihnen hinaufführenden Großen Gesandtentreppe (escalier des Ambassadeurs) gelegen war. Und beide, die (heute nicht mehr existierende [2]) Treppe und der Saal der Hoquetons, wurden von niemandem Geringerem als dem ersten Hofmaler des Sonnenkönigs (Premier Peintre du Roi) Le Brun ausgestaltet.[3]

Der Funktion und Bedeutung des Ortes entsprechend malte er den Raum mit goldenen Waffen und Trophäen aus.

Ein Elefant, Symbol königlicher Macht, ist auch dabei.[4]

Und das Sonnensymbol darf natürlich auch nicht fehlen:

Und es gibt auch Statuen in trompe l’oeil – Technik wie dieser Herkules

Die Fontänen des Labyrinths

In diesem geradezu festlichen Rahmen sind seit 2022 die noch erhaltenen und restaurierten Fontänen des zu Zeiten Ludwigs XIV, im Schlosspark gelegenen, aber nicht mehr erhaltenen Labyrinths dauerhaft ausgestellt, nachdem sie zuvor in einer Sonderausstellung präsentiert worden waren:

https://paris-blog.org/2023/01/01/der-konig-der-tiere-die-menagerie-und-das-labyrinth-ludwigs-xiv-im-park-von-versailles/ 

Dies ist der offizielle Plan und Führer des Labyrinths aus dem Jahr 1777 von Charles Perrault und Isaac de Benserade. Dort ist auf einer Seite jeweils ein Brunnen abgebildet, auf der dazu gehörigen anderen wird in einem Vierzeiler seine Botschaft zusammengefasst (Benserade).[5] In der Einleitung des Führers werden die Neuartigkeit der Anlage und die große Anzahl und Vielfalt der Brunnen hervorgehoben. Man bezeichne sie als Labyrinth wegen der Vielzahl kleiner Alleen, die so angelegt seien, dass es fast unmöglich sei, sich nicht darin zu verirren: Allerdings auf angenehme Weise. Denn es gäbe es keinen Umweg, der nicht den Blick auf gleich mehrere Brunnen eröffne und neue Überraschungen böte.[6] Dass es eine solche illustrierte Monographie des Labyrinths gab, ist ein Beleg für seine Bedeutung und Einzigartigkeit.

Das Labyrinth lag neben der Orangerie, in direkter Nachbarschaft des Schlosses, war also für die höfische Gesellschaft leicht zu erreichen. Konzipiert wurde es von André le Nôtre, dem von Ludwig XIV. hochgeschätzten und sogar in den Adelsstand erhobenen Hofgärtner. Le Nôtre schuf mit dem Labyrinth von Versailles einen ganz neuen Labyrinth-Typus. Im Gegensatz zur jahrtausendjährigen Tradition hatte das Labyrinth von Versailles kein Zentrum. Der Besucher wird weder bewusst in die Irre geführt und auch nicht auf einen langen, vielleicht ermüdenden Weg, bis er endlich das ersehnte Ziel erreicht hat. Frustration und Langeweile sind ausgeschlossen.  Vielmehr eröffnet das Labyrinth von Versailles die Möglichkeit von Spaziergängen mit verschiedenen Wahlmöglichkeiten, angenehmen und überraschenden Ausblicken und Ausgängen.

In der zeitgenössischen deutschen Version des Labyrinth-Führers liest sich das so:

„Es ist zur gnüge bekannt was massen Franckreich/ und insonderheit der Königliche Hoff in erfindung so mancherley Ergetzlichkeiten/ andere weit übertrifft. (…) Unter diesen allen ist der Königliche Lust-hoff zu Versailles und in selbigen das Labyrinth oder Irr-garten am berühmtesten und preißwürdigsten. (…) Obben genannter Irr-garten ist in einem Walde derart künstlich und lustig angelegt/ daß selbst Dedalus sich darob würde verwundert haben müssen. Die hin und wieder lauffenden Irr-wege/ so von beyden seiten mit grünen und künstlich beschnittenen Hecken besetzet und umgeben sind/ fallen nie verdrießlich/gleich wie in andern Irr-gärten gemeiniglich geschicht; denn man findet keinen eintzigen Kehr- oder verschlossenen weg/ welcher nicht alle augenblicke verschiedene Wasser-künste und Brunnen anweise/ deren jeder absonderlich in Gestalt und Wirckungen auffs künstlichste die sinn- und lehrreichste Fabulen Aesopi ausbildet.“[7]

Insgesamt gab es in dem Labyrinth 39 Brunnen mit über 300 Tierfiguren und am  Eingang die Statuen von  Äsop und Amor: Die hielt in ihrer Hand einen Faden, um damit die Besucher gewissermaßen zu leiten. Nötig war das allerdings aufgrund der Anlage des Labyrinths eher nicht und es bildete sich auch bald ein empfohlener Parcours heraus.

Die Statue von Äsop ist erhalten und in dem Saal ausgestellt.

Entsprechend der Überlieferung ist Äsop kleinwüchsig, bucklig und hässlich dargestellt – im völligen Gegensatz zum antiken Schönheitsideal – das auf der anderen Seite des Saales zu bewundern ist.

Es handelt sich um eine Marmorstatue der Amphitrite, einer für ihre Schönheit bekannten und deshalb auch Aphrodite Pelagia genannten Meeresgottheit.  Die Statue stammt aus dem luxuriösen appartement des Bains des Sonnenkönigs  – wo heute die Räume der Töchter Ludwigs XV. liegen.  Die schöne Amphitrite ist passend eingerahmt von zwei Rad-schlagenden Pfauen, die zwar ihre Köpfe verloren haben, deren Federn aber noch Reste der ursprünglichen Bemalung aufweisen.

Die Pfauen gehören zu den etwa 330 Tierfiguren, die zu Zeiten Ludwigs XIV. zur Ausstattung des Labyrinths und seiner 39 Fontänen gehörten. Sie wurden von verschiedenen Künstlern hergestellt, die darin wetteiferten, sie möglichst lebendig und naturgetreu darzustellen. Als Vorbilder konnten dabei Tiere der ebenfalls im Schlosspark gelegenen Menagerie dienen. Nur noch 37 dieser aus Blei gegossenen und bemalten Tierfiguren sind, oft auch nur in verstümmelter Form, erhalten: 1778 wurde das Labyrinth ersetzt durch den Bosquet de la Reine, der keinerlei Spuren des alten Labyrinths enthält. Seine Unterhaltung war offenbar zu aufwändig und sein Unterhaltungswert wurde wohl auch nicht mehr so sehr geschätzt, dass es einen erheblichen Aufwand gerechtfertigt hätte. 

Wie es schon in dem zeitgenössischen deutschen Führer durch das Labyrinth zu lesen  war, illustrierten die Fontänen meistens Fabeln von Äsop. Und dabei geht es vor allem um Neid, Dummheit, Bosheit, Streit und Kampf. Hier einige Beispiele:

Da gibt es den aggressiven Hahn der Fabel von den sich ständig streitenden Hühnern und dem ausgegrenzten Rebhuhn, auf dem alle herumhacken.  (Fontäne 2).

Da ist der gierige Affe, der wegen seiner „tausend Sprünge“ (Benserade) zum König gewählt wird, sich dann aber vom Fuchs in eine Falle locken lässt. (Fontäne 23)

Hier die zwei auf Ziegenböcken reitenden Affen vom großen Kampf der Landtiere und der Vögel (Fontäne 12)

Und hier der undankbare Wolf von der Fabel Der Wolf und der Kranich (Brunnen 21)….

… und der Fuchs , der mit List den Hahn fangen und dann fressen will, aber von ihm überlistet wird. (Fontäne 3)

Die Fontäne 6 schließlich ist eine Illustration der Fabel vom Adler und dem Fuchs.

Das Nest mit sechs kleinen Adlern ist auf einem Baumstumpf postiert, an den ein Fuchs Feuer legt: Der Adler hatte sich der kleinen Füchse bemächtigt, aus Rache wird der Fuchs die vom brennenden Nest herunterfallenden Adler-Jungen fressen. Dazu der Vierzeiler:

Compères et voisins assez mal assortis / À la tentation tous deux ils succombèrent:/ Car l’aigle du renard enleva les petits/Et le renard mangea les aiglons qui tombèrent.

In einer einfachen Sprache wird hier ein Hobbes’scher Naturzustand illustriert.[8]

Gewalt und Aggressivität sind in den Fontänen des Labyrinths und in den sie erläuternden Vierzeilern Benserades allgegenwärtig. Und während die anderen Bosquets und Fontänen des Parks von der Sonne beschienen sind, lag das Labyrinth im Schatten. Schon 1668 bemerkte ein Besucher, die Hecken seien so eng, dicht und hoch, dass die Sonne nicht hindurchdringe. Auch dies gehört zu der Einzigartigkeit des Labyrinths.

Ganz anders die wohlgeordnete Menagerie im Park von Versailles, wo die verschiedenen Tiere -wenn auch, soweit notwendig, voneinander getrennt- friedlich mit- bzw. nebeneinander lebten. 

Vom zentralen Oktogon aus konnte der König seinen Besuchern ein gesellschaftliches Modell präsentieren, in dem durch die Unterordnung unter die königliche Autorität Kampf und Chaos überwunden sind. Insofern hat man das Labyrinth als eine „anti-Ménagerie“ bezeichnet.[9] Beide, Labyrinth und Menagerie, gehören zusammen und demonstrieren die Macht des Sonnenkönigs, die im Schloss und im Park von Versailles gefeiert wird.

Weitere Blog-Beiträge zu Schloss und Park von Versailles:


Anmerkungen:

[1] Bild aus: https://lestresorsdeversailles.wordpress.com/2020/04/03/la-salle-des-hoquetons/ Alle weiteren Bilder vom Saal der Hoquetons von F. und W. Jöckel

[2] Unter Ludwig XV. musste die Treppe den neu  eingerichteten Räumen für die Töchter des Königs weichen. Eine Nachbildung gibt es in Schloss Herrenchiemsee – ebenso wie eine Nachbildung des Spiegelsaals von Versailles.

[3] Zu Le Brun siehe auch die Blog-Beiträge: https://paris-blog.org/2018/08/01/die-manufacture-des-gobelins-politik-und-kunst/  und https://paris-blog.org/2020/04/20/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-1-grosse-maenner/ (Abschnitt 4)

[4] Zur Bedeutung des Elefanten siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2022/02/02/der-elefant-der-bastille/

[5] © BNF  Bild aus Absolute Animals: The Royal Menagerie and the Royal Labyrinth at Versailles – Age of Revolutions

[6] https://haab-digital.klassik-stiftung.de/viewer/image/858163012/16/LOG_0008/   Siehe auch:  Hervé Brunon, Se perdre agréablement. In: Les carnets de Versailles. Herausgegeben vom Château de Versailles.  Avril/Septembre 2022, S. 15

[7] https://haab-digital.klassik-stiftung.de/viewer/image/858163012/12/LOG_0006/

[8] Peter Sahlins, La ménagerie royale et le labyrinthe (1664-1674). In: Les animaux du Roi, S. 46

[9] A.a.O., S. 41

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