open your eyes! Street-Art in Paris (1):

Une ville sans graffitis serait comme une rivière sans poissons”.  (Nemo)

Eine Stadt ohne Graffitis wäre wie ein Fluss ohne Fische

 

Paris hat ja viele Superlative. Zu ihnen gehört sicherlich auch der, dass es wohl eine der Städte der Welt ist, die am meisten von der Street-Art geprägt ist.[1] Vergleiche ich jedenfalls Paris mit Frankfurt, ist der Unterschied ganz deutlich. Natürlich gab und gibt es auch in Frankfurt viele Street art- Werke man denke nur an die Bemalung der Mauer um den Neubau der EZB. Aber in Paris begegnet man ihr auf Schritt und Tritt. Ich möchte deshalb im ersten Teil dieses Beitrags einige Eindrücke von der Street- Art in Paris vermitteln. Das will und kann kein systematischer Überblick sein, sondern lediglich andeuten, wie vielfältig die Street- Art-Szene ist Paris ist.  In nachfolgenden Beiträgen möchte ich dann mehrere Street-Art-Künstler etwas intensiver vorstellen, die mit ihren Arbeiten wichtige und, wie ich finde,  schöne Beiträge zur Ausgestaltung des öffentlichen  Raums der Stadt leisten.

Fangen wir mit dem kleinen Überblick an:

Da gibt es die Tintenfische mit menschlichen Gesichtern von GZUP, die aus sicherer Höhe auf die Passanten herabblicken[2]  wie die Mona Lisa in der rue des archives im Marais.

DSC01136 Street art rue des archives (1)

Durch diese Positionierung erhöht sich natürlich ihre Lebensdauer: Sie sind vor Beschädigungen und Übermalungen sicherer, zumal ab 4 m Höhe die jeweiligen Hauseigentümer zuständig sind und nicht die Stadt Paris.

 

….  Manchmal befinden sich in der Nähe von Straßenschildern gleich mehrere kleine Werke verschiedener Street-Art-Künstler. Sie scheinen  sich in Gemeinschaft wohl zu fühlen …

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In sicherer Höhe sind auch die Sprüche von Pö im texto-Französisch zu sehen, hier im Impasse de Mont-Louis im 11. Arrondissement…

IMG_9298 ce dur quan on est seul

Es ist hart, wenn man allein ist

… und am Boulevard Soult:

Boulevard Soult IMG_9384 (2)

Gibt es niemanden, der sich in mich verlieben will?

Der codex urbanus belebt Hauswände mit allerlei phantastischen Lebewesen – hier in der Rue de Candie, ebenfalls im 11. Arrondissement. Die Exemplare des Codex haben zwar lateinische Namen, aber sie sind reine Produkte der Phantasie und der Träume. Insofern passt es, dass Codex urbanus im Mai 2016 durch eine Ausstellung im Musée Gustave Moreau geehrt wurde, denn mit dessen Namensgeber teilt er „le goût pour le songe, le fantastique et le Symbolisme“. [3]  Weniger hintergründig sind die bunt bemalten Pfosten eines Straßenkünstlers, der sich cyklop  nennt.[4] Auf die Enden von Pfosten malt er einziges großes buntes Auge- insofern passt sein Künstler-Pseudonym. Bei dem Pfosten in der Cité de l’Ameublement am jardin Titon im 11. Arrondissement  ist es allerdings ein lachende Gesicht: Ergebnis eines Projekts mit einem benachbarten Kindergarten. Da kann man sich gut vorstellen, wie begeistert die Kleinen bei der Sache waren!

LéZarts de la Bièvre schmücken triste Hauswände entlang des heute in Paris überbauten Flüsschens Bièvre – hier im 5. Arrondissement mit einem Gemälde von Caillebotte, den „raboteurs du parquet“, den  Parkettschleifern.

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Öfters begegnet man auch in Paris den von Clet Abraham verfremdeten Verkehrsschildern.[5] Besonders hat er es  offenbar auf  Verbotsschilder abgesehen wie hier an der Kreuzung zwischen der Rue Saint Maur und der Rue du Chemin Vert im 11. Arrondissement oder in der Rue de Quatre Fils im Marais.

 

Dass das Durchfahrt-verboten-Zeichen weggetragen oder zusammengequetscht wird, ist auch ganz im meinem Sinn, weil hier –im Gegensatz zu vielen anderen Pariser Einbahnstraßen- keine Ausnahmeregelung für Fahrradfahrer vorgesehen ist.

Eine feste und prominente  Adresse für die Pariser Street art ist seit nunmehr 10 Jahren die Wand (le MUR) in der Rue Oberkampf/Ecke Rue Saint-Maur im 11. Arrondissement.  MUR bedeutet dabei nicht nur „Mauer“ sondern ist auch eine Abkürzung für „Modulable, Urbain, Réactif). Alle zwei Wochen wird da ein neues Werk produziert und ausgestellt und auf dem kleinen Platz davor gibt es ein nettes Café, von dem aus man bei einer Tasse Kaffee die „Mauer“ betrachten  kann. Le MUR hat gerade ihr zehnjähriges Jubiläum gefeiert und gehört zu den Projekten der Street-Art, die von der ville de Paris gefördert werden. [6]

Caselemurweb©HeleneLaxenaire

(Nr. 241 von Case Maclain)

le mur rue Oberkampf le Maur_9994 (1)

(Nr. 234 von Jason Botkin)

Da die entsprechenden Daten auf der mur und im Internet bekannt gegeben werden, kann man sogar mit etwas Glück und Planung die Entstehung eines neuen Werkes beobachten – so wie wir am 18. November 2017 die Arbeit der brasilianischen Street Art-Künstlerin Fefe Talavera – das 246. Werk der MUR Oberkampf.

DSC01586 le mur Oberkampf (2)

DSC01594 mur oberkampf T. 2 (12)

Auch an anderen Stellen der Stadt gibt es solche für die Street-Art reservierten und von der Stadt geförderten Plätze. So zum Beispiel im 12. Arrondissement  le M.U.R 12 in der rue du Sahel, da wo die promenade plantée/la coulée verte  die Avenue du général Michel Bizot kreuzt. Hier kommen wir immer mit dem Fahrrad auf dem Weg ins Schwimmbad vorbei. Kürzlich präsentierte da Monsieur Qui/Eric Lacan eine Arbeit. (6a) In der Ankündigung dazu heißt es:

“ Il propose ses visages de femmes mysterieuses, combinées à des motifs végétaux, masquant une douce satire des diktats féminins imposés par la société. Son jeu trouble et ambigue du noir et planc explore l’héritage des graveurs du XIXe siècle et notamment de Gustave Doré.“

Und hier die ganz aktuelle (Nov/Dezember 2017) und  außergewöhnliche Gestaltung der Mauer:

DSC01752 Street Art 12ième

Eine weitere, allerdings auf Dauer angelegte und zur Touristenattraktion von Paris gewordene Mauer ist die je t’aime-Mauer an der Place des Abesses im 18. Arrondissement.

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Sie  ist aus 511 Kacheln zusammengesetzt , auf denen  in über 300 Varianten und 200 Sprachen die Worte „ich liebe dich“ stehen. Da liegt es nahe, die Version in der eigenen Sprache zu suchen und den Liebsten oder die Liebste davor zu fotografieren. Aber natürlich gibt es in der Stadt der Liebe auch (mehr oder weniger professionelle) Straßenkünstler, die auf ein solches vorgefertigtes Angebot nicht angewiesen sind.

Zu sehen sind diese beiden Versionen in der rue d’Alexandre im 2 Arrondissement und -ganz unübersehbar- am Boulveard Voltaire gegenüber der Kirche St. Ambroise im 11. Arrondissement.

Es gibt sicherlich  unzählige weitere, völlig anonyme und wirklich nur ephemere Beispiele für Street- Art in Paris; wie etwa die kleine Spinne bei dem vor unserem Haus abgestellten Fahrrad, die leider nach einigen Tagen wieder verschwunden war.

IMG_8276rue Maillard

Reiseführer mit vorgeschlagenen Street art-Rundgängen und Führungen durch Arrondissements, in denen die Street- Art besonders lebendig ist – z.B. durch das Gebiet nördlich des Bassin de la Villette oder  durch Belleville- gibt es inzwischen auch schon. [7] Derzeit sehr „angesagt“ ist vor allem das 13. Arrondissement, das zahlreiche anonyme Hochhausbauten der Nachkriegszeit aufweist, deren triste Fassaden inzwischen immer mehr –mit Unterstützung des zuständigen Bezirksbürgermeisters- mit großformatigen Wandbildern bemalt werden.[8]

Street Art 13eme IMG_9961 (4)

Große Wandgemälde gibt es aber auch an anderen Stellen der Stadt, zum Beispiel  im Marais (an der Ecke der Rue des Rosiers und der Rue Vieille du Temple (4. Arr.) zum Tag der Frauen….

DSC01583 Street Art Marais

oder im 20. Arrondissement zur Gruppe Manouchian, einer Widerstandsgruppe gegen die deutsche Besatzer von Paris. Aufgrund eines Propagandaplakats des Vichy-Regimes und der deutschen Besatzungsbehörden, das nach der Verhaftung und Hinrichtung der Gruppe verbreitet wurde, ist sie auch  unter dem Namen „affiche rouge“ bekannt geworden – gewissermaßen als Kontrapunkt sind auf dem Wandbild die Mitglieder der Gruppe mit einem roten „Heiligenschein“ versehen…

Übrigens ist es hier nicht die mairie, die die für diese Arbeit die Hauswand zurVerfügung gestellt hat, sondern die copropriété, also die Eigentümergemeinschaft – so etwas ist wohl nur im traditionell linken Osten der Stadt möglich.

Dieser Überblick ließ sich nun fast nach Belieben ausweiten. Das würde aber den Rahmen dieses einführenden Berichts und auch dieses Blogs sprengen. Auffällig ist aber im Blick auf die Pariser  Street -Art- Literatur, die professionell angebotenen Street-Art-Spaziergänge und die eigenen Beobachtungen,  dass die Street-Art vor allem im Pariser Osten (einschließlich dem Nord- und dem Südosten) heimisch ist. Die charakteristische Trennung zwischen dem eher proletarisch-volkstümlichen Osten und dem bürgerlich-bourgeoisen Westen von Paris schlägt sich also auch in diesem Bereich nieder.

Auf zwei (natürlich auch im Pariser Osten tätig gewordene) Street-Art- Künstler soll abschließend noch einmal hingewiesen, von denen schon im Bericht über Belleville die Rede war, nämlich Ben und Nemo. (9)

Bens großes Wandbild  an der Place Fréhel gehört zu den bekanntesten Street-Art-Werken in Paris.

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Man muss sich vor Worten in Acht nehmen

Ben ist einer der international prominentesten  Street Art-Künstler von Paris. Er war in den 1960-er Jahren Mitglied der Fluxus-Kunstrichtung, zu der auch u.a. Bazon Brock, John Cage, Yoko Ono und Joseph Beuys gehörten, auf der Dokumenta in Kassel war er auch schon vertreten.  Besondere Berühmtheit erlangte sein kleiner Plattenladen, den er von 1958 bis 1973 in Nizza betrieb. Seine Mutter hatte ihm dafür die erforderlichen Mittel zur Verfügung gestellt, um ihm eine gesicherte Lebensgrundlage zu ermöglichen. Die Aufsehen-erregende Fassade des kleinen Lädchens war aus allen möglichen gebrauchten Gegenständen zusammengesetzt: Motto über der Eingangstür: Tout est art, tout est marchandise/ Alles ist Kunst, alles ist zu verkaufen. Und „tout est art“ -allerdings mit einem sehr berechtigten Fragezeichen versehen-  war auch der Titel einer Ben-Ausstellung im Musée Maillol 2016/2017.

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Wenn ich mich recht erinnere, wurde vor einigen Jahren Bens Lädchen- auch „Bizard Bazar“ oder Loboratoire 32 genannt-  in der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt ausgestellt; die  letzte Version kaufte das Centre Pompidou auf, wo sie heute zu sehen ist.

Ein fester Bestandteil der Street-art-Szene von Belleville sind auch die Wandbilder von Nemo, vor allem die Bemalung der Hauswand an der Ecke des Boulevard Belleville und der Rue de Ménilmontant. Ursprünglich sollen, so die „Legende“, die poetischen Wandmalereien Momos mit dem schwarzen Mann –oft mit Regenschirm-  mit fliegendem Drachen, Vögeln,  Katzen  und dem roten  Luftballon dem kleinen schulunwilligen Sohn Nemos den Weg zur Schule schmackhaft gemacht haben.

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Der rote Luftballon bezieht sich auf den Kurzfilm „Le Ballon rouge“ von Albert Lamorisse aus dem Jahr 1956, der mit der Goldenen Palme von Cannes und sogar mit einem Oskar für das beste Originaldrehbuch ausgezeichnet wurde: Er spielt im Ménilmontant der 50-er Jahre und es geht um einen magischen Ballon, der den kleinen Jungen Pascal auf Schritt und Tritt begleitet. Eine zauberhafte Geschichte, an deren Ende aber die Zerstörung des Luftballons durch eifersüchtige Altersgenossen –und damit das Ende der Kindheit- steht. Für viele französische Kinder der 50-er Jahre war der „rote Ballon“ geradezu ein Kultfilm, wie die hymnischen Kommentare zu dem Film zeigen, die man im Internet findet. („Ein wahres Wunder“; „meine Kindheit“; „unbestreitbar einer der besten Kurzfilme aller Zeiten“). Auch wenn Nemo den kleinen Pascal durch den bonhomme noir ersetzt hat, so knüpft er  mit seinen poetischen Bildern  an diesen Film –und seinen Erfolg- an.

Ausblick:

In nachfolgenden Beiträgen einer kleinen Pariser Street-Art-Reihe möchte ich  einige Street- Art- Künstler  vorstellen, die im Stadtbild von Paris besonders viele und prominente Spuren  hinterlassen haben und die ich ganz besonders schätze:

… Mosko… 

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… Jef Aérosol…

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…Jerôme Mesnager…

Mesnager Bassin de la Vilette 017 - Kopie

… den  Invader ….  

IMG_9882 Am Pont neuf (2)

…und  Miss Tic…

IMG_2293 Miss Tic 11ieme

… M Chat und Fred le Chevalier

Alle sind in Paris deutlich präsent und sie sind (inzwischen) auch so prominent, dass ihre Werke meist nicht mehr „ephemère“ sind, wie das ja eigentlich typisch für die Street- Art ist. Sie haben eigene websites,  vermarkten ihre Arbeiten, sind in Ausstellungen vertreten und werden für Werbezwecke oder die Ausgestaltung des öffentlichen Raums engagiert. Sie sind aus Paris also nicht mehr wegzudenken. Wenn man durch die Stadt geht oder fährt, wird man immer wieder auf ihre Werke stoßen und sich  über zufällige  Begegnungen mit ihnen freuen. So geht es jedenfalls mir und vielleicht ja auch einigen Leser/innen dieses Blog-Beitrags der, wie die drei nachfolgenden,  zu dieser Entdeckerfreude beitragen möchte.

Street-Art gibt es überall, also Augen auf!

Angesichts der großen Vielfalt der Street-Art in Paris lohnt es sich also,  mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen und zu fahren und sich über das zu freuen, was man meist (fast) auf Augenhöhe entdecken kann, also:

Rue Charles Delescluze 11eme 036

Ein Puzzle-Teil von Béa Pyl in der  Rue Charles Delezcluse (11e)

 

Anmerkungen

[1] Es gibt ganz unterschiedliche Schreibweisen des Begriffs. Ich habe mich für die vom Duden empfohlene entschieden, also Street-Art.  Den Begriff Urban Art verwende ich nicht, weil er offenbar eher ein Oberbegriff ist, der auch andere Kunstformen umfasst. Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Urban_Art

[2] http://www.streetlove.fr/interview/la-pieuvre-de-gzup-streetart-interview.html

[3] http://www.codexurbanus.com/codex-sinvite-chez-gustave-bestiaires-croises-musee-gustave-moreau

[4] http://lecyklop.blogspot.de/

[5] https://fr.wikipedia.org/wiki/Clet_Abraham

[6] http://www.lemur.fr/realisations/

https://fr.wikipedia.org/wiki/Le_MUR_(art_urbain)6a

Auf der Wand rechts unten  ist immer angegeben, wann der Wechsel stattfindet.

Die Stadt Paris benutzt  ausdrücklich die Street-Art als Mittel ihres Stadt-Marketings. Siehe: Street Art. Paroles des Murs. In: À Paris. Le magazine de la ville de Paris, no 64, Hiver 2017/2018, S. 28

(6a) https://www.facebook.com/Eric.Lacan/

[7] siehe dazu den Blog-Beitrag  über „Das multikulturelle, aufsässige und kreative Belleville“, Abschnitt Street -Art

Stadtführungen zu Street -Art in Belleville bietet an: http://www.ca-se-visite.fr/demandez-le-programme-2   (12 € pro Person)

Ein neuer Street-Art-Führer mit 8 vorgeschlagenen Rundgängen durch verschiedene Stadtviertel: Stéphanie Lombard,  Guide Street Art/Paris. Paris: Gallimard 2017

Eine Karte von Paris mit Street-Art-Orten und kurzen Erläuterungen: http://web.archive.org/web/20130427062928/http:/www.paris-streetart.com:80/pdf/carte-pochoir-paris

[8] http://www.mairie13.paris.fr/mairie13/jsp/site/Portal.jsp?page_id=94  siehe auch : Le street art poursuit sa conquête des quartiers parisiens. L’art envahit  la rue. In: cnewes  19.5.2017

siehe dazu auch: Georges Feterman: Paris, 24 nouvelles balades à thèmes. Paris 2017. Darin: Balade no 21: mur peints et trompe-l’oeil, S. 155f

(9) weitgehend übernommen aus dem Blog-Beitrag  über „Das multikulturelle, aufsässige und kreative Belleville“, Abschnitt Street -Art

 

Geplante Beiträge:

  • Little India, das indische Viertel in Paris
  • Street-Art in Paris (2)  Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • Hector Guimard: Jugendstil in Paris/art nouveau à Paris
  • Street-Art in Paris (3)  Der Invader
  • Auf dem Weg nach Paris: Die Mühle von Valmy, ein Fanal der Französischen Revolution

 

 

 

 

Die Erinnerung an Sklavenhandel und Sklaverei: Der schwierige Umgang mit einem düsteren Kapitel der französischen Vergangenheit

 Un seul esclave sur la terre suffit pour déshonorer la  liberté de tous les hommes.        Victor Hugo in einem Brief vom 17. Januar 1862

 

Die von der Stadtverwaltung in Charlottesville im amerikanischen  Bundesstaat Virginia beschlossene Entfernung des Denkmals für den Südstaatengeneral Robert D. Lee war Anlass zu heftigen Auseinandersetzungen, einem Aufmarsch weißer Suprematisten, einem Todesopfer unter den Gegendemonstranten und einer höchst umstrittenen, ja skandalösen Rede des amerikanischen Präsidenten: In ihr setzte er nicht nur „die mit Hakenkreuzen und Waffen marschierenden Neonazis mit den linken Gegendemonstranten gleich“, sondern auch die Gründerväter des Landes mit den Sezessionisten, „indem er fragte, wann man anfangen wolle, Monumente von George Washington oder Thomas Jefferson zu entfernen. Damit gab er jenen Auftrieb, die gegen die demokratisch legitimierte Entscheidung der Stadt demonstrierten, eine Statue zu entfernen, die für viele vor allem den Widerstand gegen die Befreiung der Sklaven nach dem amerikanischen Sezessionskrieg symbolisiert. Viele solcher Monumente im Süden wurden aufgestellt, weil das weiße Establishment die Abschaffung der Sklaverei nicht tolerieren wollte – und sie stehen für dessen erfolgreichen Kampf gegen die Zentralregierung in Washington, der dazu führte, dass mit den „Jim Crow“-Gesetzen den Schwarzen viele der zunächst erlangten Rechte für ein weiteres knappes Jahrhundert wieder aberkannt werden konnten.“[1]

Am 23. August 2017 erschien die Zeitung Libération mit einem Aufmacher zum Thema Sklaverei. Auf vier ganzen  Seiten wird darin dargestellt,  wie in Frankreich an seine Geschichte des Sklavenhandels und der Sklaverei erinnert.

DSC01169 Liberation Sklaverei (2)

Auch in Frankreich habe der Sklavenhandel seine Spuren und Narben hinterlassen: Straßennamen, Reklameschilder, Statuen…. So wie in den USA entsprechende Symbole beseitigt würden, müsse sich auch Frankreich mit dieser Vergangenheit auseinandersetzen- nach Einschätzung von Libération offenbar eine teilweise noch „unbewältigte Vergangenheit“.

An die Rolle Frankreichs im Dreieckshandel zwischen Europa, Afrika und Amerika und damit an seinen Anteil an dem Transport von Afrikanern in die karibischen Kolonien und das dortige System der Sklaverei wird in Frankreich durchaus erinnert.

So etwa in dem eindrucksvollen Mémorial de l’abolition de l’esclavage“ in Nantes. Es erinnert an die Rolle der Stadt als wichtigstem Hafen des französischen Sklavenhandels und möchte diejenigen ehren, die gegen die Sklaverei gekämpft haben und dies auch heute noch tun, da wo es immer noch Sklaverei gibt.[2]

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In die Wege zum Mémorial sind kleine beleuchtete Platten  eingelassen, in die die Namen von Sklavenschiffen eingraviert sind und die Jahreszahlen ihres Auslaufens aus dem Hafen von Nantes. Lange Reihen von „Stolpersteinen“ sozusagen, die erfahrbar machen, welche immense Bedeutung der Sklavenhandelt für die Stadt hatte: Insgesamt gingen von Nantes zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert 1714 „expéditions négrières“ aus, mehr als von allen anderen französischen Häfen zusammen.[3]

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Zu dem Mémorial steigt man einige Treppenstufen hinunter: Es befindet sich damit auf der Höhe des Wassers der Loire, die man sehen und hören kann.  Die Assoziation, sich in einem Schiffsrumpf zu befinden stellt sich so fast unwillkürlich ein. Man läuft den langgestreckten Bau entlang und enthält eine Vielzahl von Informationen über die Geschichte des Sklavenhandels und den Widerstand dagegen. Hier setzt sich eine Stadt ganz offen und eindrucksvoll mit einem schwierigen Kapitel ihrer Vergangenheit auseinander.

 

Bordeaux spielte, wenn auch in deutlichem Abstand zu Nantes, ebenfalls  eine wichtige Rolle im französischen Sklavenhandel. Allerdings war die wirtschaftliche Bedeutung der Sklaverei für Bordeaux außerordentlich hoch, weil Bordeaux sich auf den Handel mit Kolonialprodukten konzentrierte: Es lieferte Wein in die Kolonien und importierte dafür von Sklaven  hergestellten Zucker, Rhum und Kaffee. So hat Bordeaux mehr von der Sklaverei profitiert als jede andere französische Stadt.[4] Im musée d’Aquitaine gibt es auch eine 2009 neu gestaltete Abteilung zum Thema Sklaverei.  Sie ist auch information, kann aber  in ihrer Präsentation im Rahmen eines traditionellen Museums natürlich nicht mit dem Mémorial von Nantes mithalten.

Ärgerlich fand ich allerdings bei unserem Besuch des Museums im Sommer 2015, dass die Rolle von Bordeaux in der Präsentation eher heruntergespielt wird. In einer Informationstafel wird ausdrücklich festgestellt, dass Bordeaux zwischen 1672 und 1837 –ähnlich wie Le Havre und La Rochelle- einen Anteil von 12% am französischen Sklavenhandel hatte, „weit hinter Nantes“. Da liest man fast unwillkürlich ein „allerdings nur“ vor den „12%“ mit.

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 Und gleich am Anfang der Informationstafel wird festgestellt, Bordeaux habe „wie alle europäischen Häfen“ den Sklavenhandel betrieben- und auf einer beigefügten  Karten waren –beispielsweise- auch die Häfen Bremen, Hamburg und Lübeck eingezeichnet…  Einen jungen Mann, der gerade eine Gruppe durch die Abteilung führte, sprach ich darauf an, ob das denn eine historisch zutreffende Feststellung sei. Er zögerte einen Moment und meinte dann, das sei wohl in der Tat eine nicht ganz richtige Verallgemeinerung, die geändert werden müsse…

Seit dem loi Taubira vom 10. Mai 2001 gelten  Sklavenhandel und  Sklaverei in Frankreich ausdrücklich  als  „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“,  eine bis dato wohl einzigartige Maßnahme.[5]  2006, während der Präsidentschaft Jaques Chiracs, wurde dann  der 10. Mai ein „nationaler Tag der Erinnerung an den Sklavenhandel, die Sklaverei und ihrer Abschaffung.“  Für Chirac gehörte es zur  „grandeur“ eines Landes, seine ganze Geschichte anzunehmen, „avec ses pages glorieuses mais aussi avec ses zones d’ombre“.  In diesem Sinne erkannte Chirac ja auch endlich die Beteiligung Frankreichs an der nationalsozialistischen Judenverfolgung und –vernichtung an.[6]  Am 10. Mai findet  jedes Jahr im jardin du Luxembourg eine Zeremonie mit Beteiligung des jeweiligen Präsidenten statt.

Dort gibt es seit 2007 eine Skulptur aus Bronze, die  an die Abschaffung der Sklaverei erinnern soll. Sie besteht aus drei ineinander verschränkten Ringen, also Teilen einer Kette: Der untere in den Boden versenkte Ring soll die Wurzeln der Sklaverei symbolisieren, der mittlere ihre  fortdauernde Existenz  in vielen Teilen der Welt und der obere, geöffnete das Ende der Sklaverei. (6a)

Auf einer beigefügten Informationstafel wird nicht nur über die Entstehung und die Bedeutung der Skulptur informiert, sondern es wird auch der Befreiungskampf der Sklaven in den franzöischen Kolonien gewürdigt: Damit hätten sie zur Universalität der Menschenrechte und der Ideale der Französischen Revolution von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit beigetragen.

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2017 haben sogar gewissermaßen zwei Präsidenten an der Zeremonie teilgenommen: der scheidende François Holland und der damals schon gewählte, aber noch nicht amtierende, Emanuel Macron.

Außerdem gibt es seit 2017 am 23. Mai die „Journée nationale de commémoration en hommage aux victimes de l’esclavage colonial“, also einen Erinnerungstag an die Opfer der kolonialen Sklaverei.[7]  Dieses Datum bezieht sich auf einen großen Schweigemarsch, der am 23. Mai 1989 in Paris stattfand.

 

Die aktuelle  Diskussion: Wie wird an die Sklaverei erinnert und wie sollte an sie erinnert werden?

Vor diesem Hintergrund mag es erstaunen, dass die Ereignisse in den USA  eine Debatte auch in Frankreich ausgelöst haben, welche Rolle Sklavenhandel und Sklaverei in der nationalen Erinnerungskultur spielen. Die Erinnerung an dieses dunkle Kapitel der eigenen Geschichte scheint doch ausgesprochen intensiv und  in der Zielrichtung eindeutig am Gleichheits-Anspruch der französischen Revolution orientiert zu sein. Aber es gibt, wie Libération in der anfangs schon angesprochenen Ausgabe aufzeigt, in mehreren französischen Städten und vor allem den am Sklavenhandel beteiligten  Häfen  noch eine sichtbare Erinnerung an Persönlichkeiten, die diesen Handel betrieben haben. Und es gibt in Frankreich noch Straßen, die den Namen des Generals Richepanse tragen, der nach der Wiedereinführung der Sklaverei in den französischen Kolonien 1802 durch Napoleon in die Karibik geschickt wurde, um den Widerstand der wieder zu Sklaven gewordenen farbigen citoyens zu brechen, was er auf blutigste Weise dann auch tat. Dass Straßen nach diesem General benannt sind, der schlimmste Massaker in Guadeloupe verübt habe, schockiere zu Recht „la mémoire républicaine“, wie Laurent Joffrin in seinem Kommentar in Libération schreibt,   und dies nicht nur in den “communautés antillaise ou africaine.“[8]

Im Zuge  der von den Ereignissen in Charlotteville ausgelösten Diskussion in Frankreich sind auch darüber weit hinausgehende Forderungen laut geworden. Am 28. August  veröffentlichte Libération einen Gastbeitrag von Louis-Georges Tin, des  Präsidenten des CRAN, des Conseil représentatif des associations noire en France einen Gastbeitrag in Libération mit dem Titel „Eure Helden sind manchmal unsere Henker“. [9] Zu diesen Henkern bzw. Helden zählte er vor allem Colbert, den Minister Ludwigs XIV. Der habe nicht nur den Code noir geschaffen, ein  juristisches Monster („monstre juridique“), das die rechtlichen Grundlagen der Sklaverei darstellte und dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit legalisierte. Darüber hinaus habe er die „Compagnie des Indes occidentales“ gegründet, eine „compagnie négrière de sinistre mémoire. En d’autres termes, en matière d’esclavage, Colbert symbolise la théorie  et la pratique au plus haut niveau.“   Nach Tins Überzeugung müsse man sich fragen, welches der beiden Länder problematischer sei. Das Land, in dem es einen Konflikt um die Statue eines die Sklaverei verteidigenden Generals gäbe, oder das andere Land, wo  es vor dem Parlament eine Statue von Colbert gäbe und innen einen Saal Colbert, einen Seitenflügel Colbert im Wirtschaftsministerium, nach Colbert benannte Gymnasien, in denen  doch die republikanischen Werte unterrichtet werden sollten, dazu dutzende von nach Colbert benannten Straßen, ohne dass es auch nur den geringsten Konflikt,  das  geringste schlechte Gewissen oder auch nur die geringste Unsicherheit bezüglich einer solchen Namensgebung gäbe.

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In einer in Le Monde veröffentlichten Petition forderten Tin und zahlreiche weitere Persönlichkeiten dazu auf,  die  Schulen umzubenennen, die den Namen Colberts trügen.  Immerhin sollten öffentliche Gebäude und Straßen nicht dazu dienen, die Erinnerung an Verbrecher wachzuhalten, sondern  die an Helden. Deshalb gäbe es in Frankreich ja auch weder eine  rue Pierre-Laval noch eine rue Pétain, dafür aber zahlreiche nach Jean Moulin benannte Straßen.[10] Natürlich blieben solche Positionen nicht unwidersprochen, denn Colbert mit  Laval und Pétain auf eine Stufe zu stellen, ist doch wohl historisch kaum haltbar.[11] Und wenn die Sklaverei 2001 im loi Taubira zu Recht als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnet wurde, so wäre es völlig unhistorisch, es auf eine Zeit anzuwenden, in der die Versklavung von Afrikanern in Europa allgemein  als völlig legitim angesehen wurde und der von Tin und anderen gebrandmarkte „code noire“ von 1685 einen dem damaligen Rechtsverständnis entsprechenden Rahmen für die Behandlung von Sklaven festlegte. Auf einem anderen Blatt steht, dass den  großen französischen Aufklärern wie Voltaire, Diderot, Rousseau oder Condorcet die Abschaffung der Sklaverei kein besonderes Anliegen war und dass der „code noir“ – abgesehen von dem kurzen Zeitraum zwischen 1793 und 1802- erst 1848 seine Gültigkeit verlor.[12] Die von der Französischen Revolution proklamierte Gleichheit galt eben nicht für alle Menschen, nicht für Sklaven und auch nicht für Frauen, die ja in Frankreich erst nach dem 2. Weltkrieg das Wahlrecht erhielten.

Soweit ich sehe, kann man als Fazit der durch Charlottesville in Frankreich ausgelösten Diskussion festhalten, dass es,  von Extremfällen wie Richepanse abgesehen,  nicht darum gehen könne,  kompromittierende  Namen aus dem Straßenbild zu entfernen, sondern sie zum Anlass zu nehmen, über ihre Taten und Schattenseiten zu informieren. Der französisch-senegalesische Essayist Karfa Diallo, der wesentlich dazu beigetragen hat, in Bordeaux das Bewusstsein für die koloniale Vergangenheit zu wecken, formuliert das so: „Si on débaptise, on efface la mémoire. Il faut que les noms des esclavagistes restent pour que nul n’oublie les crimes commis“.[13]  Ein weiterer gemeinsamer Punkt der Diskussion ist die Aufforderung, diejenigen stärker im öffentlichen Bewusstsein zu verankern, die sich  gegen die Sklaverei und für ihre Abschaffung eingesetzt haben.

 

Erinnerungsorte an Sklaverei und Sklavenbefreiung in Paris

Diese Diskussion war für mich Anlass, einmal unter diesem Gesichtspunkt Paris näher zu betrachten. Immerhin ist, wie der Historiker Marcel Dorigny in der esclavage-Ausgabe von Libération schreibt, Paris übersät mit Namen und Orten, die an die Sklaverei und den Kolonialismus erinnerten.

Der wohl bedeutendste  entsprechende Ort ist sicherlich das Palais de la Porte Dorée, das für die Kolonialausstellung von 1931 gebaut wurde. [14]

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Wandmalerie in Palais de la Porte Dorée

Hier wird auch das im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorherrschende französische  Selbstverständnis  propagiert, dass der (eigene) Kolonialismus eine zivilisatorische Mission erfülle. [15] Dazu gehörte  auch  die Sklavenbefreiung-  womit natürlich nicht die von Frankreich selbst betriebene Sklaverei gemeint war, sondern die in Afrika von Arabern betriebene.

So  wurde auch das Reklameschild für das Geschäft in der rue des Petits-Carreaux Nummer 12 im 2. Arrondissement als unproblematisch empfunden. Es machte seit 1890, also lange nach Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien) auf die exotischen Produkte und vor allem den Kaffee aufmerksam, die hier verkauft wurden. Diesen Laden gibt es heute nicht mehr, das Reklameschild steht aber unter Denkmalschutz.[16]

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Ein weiteres  ähnliches Reklameschild  befindet sich an der Place de la Contrescarpe im 5. Arrondissement.  Dort befand sich seit 1748 eine chocolaterie., später eine épicerie und zuletzt ein Kaffeegeschäft. Abgebildet sind ein Farbiger mit einer Karaffe und eine weiße Frau mit einem Tablett.  Nach einer verbreiteten Sichtweise handelt es sich hier um die  Abbildung eines Sklaven, der eine „dame de qualité“, angeblich  Madame du Barry, die Mätresse Ludwigs XV. , bedient.;  oder auch um zwei Bedienstete der chocolaterie.  [17]

Das Bild wurde und wird also vielfach als rassistisch qualifiziert und es wurde wiederholt vandalisiert.  Derzeit ist es Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen.[18]

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Kürzlich hat der Stadtrat von Paris auf Antrag der kommunistischen Fraktion entschieden, das Bild zu entfernen und es  dem Stadtmuseum von Paris, dem musée Carnavalet, zu übergeben- vielleicht auch einmal einem zukünftigen der Sklaverei gewidmeten neuen Museum.  Der Bürgermeister des betroffenen 5. Arrondissements hat dagegen aus meines Erachtens guten Gründen protestiert. Er hat darauf hingewiesen, dass eine Bürgerinitiative des Viertels sich für die Erhaltung des Bildes an seinem angestammten Platz ausgesprochen habe. Es sei aber angeregt worden, eine erklärende Plakette anzufügen, auf der der historische Hintergrund des Bildes erläutert und die Sklaverei ausdrücklich verurteilt werden sollte. Und es sollte außerdem dazu auffordert werden,  alle Formen des Rassismus zu bekämpfen. Dieser Text sei zusammen mit dem Vorsitzenden des CRAN erarbeitet worden, also Herrn Tin, der hier –anders als bei  Colbert- offenbar  einen pädagogisch- aufklärerischen Umgang mit der kolonialistischen Vergangenheit befürwortete.

Die Interpretation des Bildes als Produkt des Rassismus ist allerdings sehr fragwürdig, worauf kürzlich Didier Rykner in einem Aufsatz in der Tribune de l’Art hingewiesen hat. (19a) Das Reklamebild gehöre keineswegs zu der chocolaterie von 1748, sondern zu dem seit 1897 dort ansässigen Geschäft „au nègre joyeux“, in dem Kaffee verkauft wurde. Es stamme also aus einer Zeit, in der der die Sklaverei in den französischen Kolonien längst abgeschafft worden sei. Und das Wort „nègre“ sei eine damals übliche Bezeichnung und keinenfalls pejorativ gewesen. Vor allem aber zeige das Bild ganz und gar nicht eine Szene, wo ein „négre“ eine vornehme Frau bediene, sondern, wie das genaue Gegenteil: Es sei gerade die Frau, die auf einem Tablett Kaffeekanne, Zuckerschale und Gebäck dem „schwarzen Mann“ bringe.  Er habe um seinen Hals eine Serviette gelegt und trage in einer Hand eine Karaffe, „“sans doute du rhum avec lequel il va arroser son café“. Die Frau sei wie eine Bedienstete gekleidet. Auch deshalb könne es sich auf gar keinen Fall um Madame du Barry handeln. Der „nègre“, habe also allen Grund, fröhlich zu sein, weil man ihm einen wunderbaren Kaffee mit Rum und Gebäck serviere.

Auch Claude Ribbe, immerhin ein engagierter Streiter für eine „farbige Erinnerungskultur und Initiator des Denkmals für den farbigen General Dumas (s.u.), sieht in dem „nègre“ einen freien und wohlhabenden Gast des Hauses, so dass es sich für ihn  um eine emanzipatorische Darstellung handelt.

Trotzdem hat im  Stadtrat von Paris eine Mehrheit  für die  Entfernung des Bildes gestimmt. Der erste Beigeordnete der Bürgermeisterin, der Sozialist Bruno Julliard, hat diesen Beschluss ausdrücklich als schlecht bezeichnet. Es sei  besser, der  Intelligenz der Bürger zu vertrauen und die Spuren der Vergangenheit zu erklären. „Ich glaube nicht, dass es die beste Pädagogik ist, diese Spuren zu beseitigen“.  In der Tat: Die Sklaverei hat ja existiert, und die Erinnerung an sie aus dem öffentlichen Raum zu verbannen, ist das beste Mittel, sie auszulöschen. Trotzdem forderte aber Juillard die sozialistische Fraktion des Stadtrates auf, dem kommunistischen Antrag zuzustimmen –  aus Angst,  wie er es ausdrückte, vor einer  eventuellen Instrumentalisierung einer Ablehnung.[19] Es ist schon bemerkenswert, welche bizarren Formen die Anpassung an eine vermeintliche „political correctness“ annehmen kann….

In der esclavage-Ausgabe von Libération wird allerdings der schwerwiegende Vorwurf erhoben, Paris beteilige sich auch an der Feier der Sklaverei. „Paris n’echappe pas à la célébration de l’esclavage.“[20] Als Beispiel werden ein Platz und eine Statue im 16. Arrondissement angeführt „à la mémoire du maréchal Jean-Baptiste Donatien de Vimeur de Rochambeau (1725-1807), qui mata dans le sang la révolte des esclaves à Haiti. L’émissaire de Napoléon utilisait des bouldogues por traquer les mutin, comme il l’indiquait dans un courrier en 1803: ‚Vous devez leur donner des nègres à manger.‘“  Weitere Statuen Rochambeaus gäbe es in seiner Heimatstadt Vendôme und in Washington D.C., weil er an der Seite Lafayettes am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg teilgenommen habe.

Allerdings ist Libération hier Opfer ihres investigativen Übereifers geworden: Jean Baptiste Donatien de Rochambeau war tatsächlich der gefeierte Kämpfer für die amerikanische Unabhängigkeit und Sieger von Yorktown gegen die Engländer,  allerdings nicht der Sklavenschlächter: Das war sein Sohn Donatien-Marie-Joseph de Rochambeau, der 1813 in der Völkerschlacht von Leipzig tödlich verwundet wurde. [21] Ein, wie ich finde, ziemlich peinlicher Lapsus, der sich durch eine einfache Internetrecherche hätte verhindern lassen. Aber nach den Ereignissen von Charlottesville wurde das Sklaven-Thema von Libération offenbar etwas  überhastet auf die Tagesordnung gebracht.

 

Das Grabmal des Generals Gobert auf dem Friedhof  Père Lachaise

Ein Denkmal für einen Sklavenschlächter gibt es Paris allerdings in der Tat. und zwar die Reiterstatue des Generals Gobert auf dem Friedhof Père Lachaise, die in einer Zusammenstellung der zehn schönsten Grabmale des  Friedhofs sogar besonders herausgestellt wird.[22]

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In der Tat handelt es sich um ein sehr eindrucksvolles, wenn auch deutlich renovierungsbedürftiges Werk. Es zeigt, auf einem Sockel postiert,  den tödlich verwundeten General. Sein Pferd bäumt sich vor einem ziemlich wild aussehenden Angreifer auf. Das Grabmal ist ein Werk  David d’Angers‘, eines der bedeutendsten französischen Bildhauer in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.  Zu seinen Werken gehören unter anderem die Giebelfiguren des Pantheons und –aus deutscher Sicht bemerkenswert- eine große Goethebüste, die er 1828 auf einer Studienreise nach Weimar schuf. Es gibt zwei Exemplare der Büste:  Eine, die David d’Angers Goethe schenkte, steht  heute in der Weimarer Anna-Amalia- Bibliothek, die andere  im musée d’Orsay.[23] Für David d’Angers war es ein Anliegen, durch seine Arbeiten  große Männer für die Nachwelt lebendig zu erhalten. Zu ihnen gehörte für ihn offenbar auch General Gobert. Der wird von Napoleon nach Guadeloupe geschickt, um nach der Wiedereinführung der Sklaverei die Revolte der  wieder zu Sklaven gewordenen Bevölkerung niederzuschlagen. Oberkommandierender war damals der berüchtigte General Richepanse,[24]  dessen Nachfolger Gobert wurde, bevor er von Napoleon wieder nach Europa beordert wurde, wo er im Kampf gegen die -auf der Statue als unzivilisierte Barbaren dargestellten-  aufständischen Spanier ums Leben kam.[25]

Eines der seitlichen Reliefs des Grabmals bezieht sich –entsprechend der Überschrift- auf Goberts Einsatz in Guadeloupe.

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Er zeigt –nach der Legende auf dem Grabmal- wie der Generals „während eines Kampfes gegen die Schwarzen“  die von ihnen eingeschlossenen Gefangenen im letzten Moment rettete.[26] Hier ist er zu sehen, wie er mit seiner Pistole einen Gefängniswächter erschießt, der gerade im Begriff ist, das Gefängnis in Brand zu setzen. Noch eindrucksvoller, aber nicht ganz zutreffend gibt Marcel Dorigny in Libération die Szene auf dem Relief wieder. Dort werde gezeigt, wie Gobert mit einem einzigen Säbelhieb den Kopf eines Schwarzen abgeschlagen habe….

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Allerdings lässt die Darstellung des Kampfes gegen die wieder zu Sklaven gemachten Schwarzen nichts an Drastik zu wünschen übrig.

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Das Denkmal  Goberts ist allerdings unantastbar. Nicht nur aufgrund seines Schöpfers, sondern auch, weil es in prominentem Privatbesitz ist: nämlich dem  der Académie française.  Wie das kam, kann man dem linken Relief entnehmen: Hier ist nämlich der Sohn Goberts zu sehen, der in jungen Jahren nach einem Bad im Nil starb. Und der sehr verwitterte und kaum noch lesbare Text auf der Vorderseite des Denkmals enthält, wie ich der Literatur entnehme,  das Testament des jungen Gobert: Seinen  Landbesitz in der Bretagne vermachte er seinen Bauern – unter der Bedingung, dass sie ihren Kindern das Lesen und Schreiben beibringen. Und seinen sonstigen Besitz vermachte er der Académie française, was aber ebenfalls an eine Bedingung geknüpft war: Dass nämlich seinem Vater ein angemessenes Grabmal errichtet werde (26a).  Das haben  also die reich Beschenkten offenbar sehr ernst genommen und den berühmten David d’Angers mit der Aufgabe betraut. Aber vielleicht könnte das verbliebene  Erbe  auch noch für eine Erläuterung zum historischen Hintergrund genutzt werden. Die wäre hier wirklich angebracht – auch wenn sicherlich kaum einmal einer, der an dem Grabmal vorbeigeht,  das  nur etwas mühsam zugängliche Guadeloupe-Relief bemerken, geschweige denn genauer in Augenschein nehmen wird.

 

Ehrung von Menschen, die sich für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt haben

In der aktuellen französischen Diskussion über den Umgang mit Sklavenhandel und Sklaverei gibt es einen Aspekt, der immer wieder und übereinstimmend betont wird, und zwar die Notwendigkeit einer deutlicheren Würdigung der Menschen, die sich für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt haben. Dabei werden immer wieder zwei Namen genannt, an die erinnert werden sollte, nämlich Toussaint Louverture und Louis Delgrès.

Der schwarze Napoleon“  Toussaint Louverture  wurde 1794  einer der ersten farbigen Generäle  der französischen Armee und Oberkommandierender der französischen Kolonie Sainte-Domingue, dann aber  Führer der haitischen Befreiungsbewegung. 1801 schickte Napoleon ein Heer nach Santo Domingo, um die alte Ordnung wiederherzustellen. Toussaint Louverture musste kapitulieren, wurde nach Frankreich deportiert, wo er offenbar aufgrund entsprechender Haftbedingungen im Gefängnis starb. [27]

Der „Chevalier de la Liberté“ Louis Delgrès war Führer des Widerstands gegen die Wiedereinführung der Sklaverei durch Napoleon und die Truppen des Generals Richepanse.[28]

Ich habe mich also dafür interessiert, ob bzw. wie in Paris an diese beiden Männer erinnert wird:

Im 11. Arrondissement gibt es seit 2013 die rue Toussaint-Louverture, ein kleines Straßenstück zwischen dem boulevard Jules Ferry und der rue de la Folie-Méricourt. Damit sollte, wie es in dem offiziellen Beschluss heißt,  „un homme politique et figure emblématique de la Révolution haïtienne“ geehrt werden.  Ende Oktober 2017 habe ich mir die Straße angesehen, die  in neuen Stadtplänen dem Beschluss von 2013 entsprechend bezeichnet ist. Dabei stellte ich zu meinem großen Erstaunen fest, dass es dort noch immer die alten Straßenschilder (rue Rampon) gibt.  Offenbar ist da  keine Eile geboten, weil es sowieso in diesem kleinen Straßenstück keine Eingänge von Wohnungen oder Geschäften gibt-  keinen Falls ein sehr  angemessener Ort für die Würdigung einer doch angeblich so bedeutenden Persönlichkeit.  Und  in vier Jahren hätte man  doch wenigstens die Straßenschilder austauschen können!  Also ein schöner Beschluss fürs gute politische Gewissen und  für die Galerie, aber offenbar ohne Konsequenzen.[29]

Also weiter zu der schon seit 1996  nach Louis Delgrès benannten Straße  im 20. Arrondissement.[30]

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Im Mai 2015 wurde dort sogar, wie man  dem Internet entnehmen kann,  durch Mme George Pau-Langevin, der damaligen Ministerin für die überseeischen Gebiete Frankreichs, eine Bank (banc mémorial)  zur Erinnerung an  Delgrès aufgestellt.[31]

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In ihrer Rede bezeichnete die Ministerin Delgrès als „une des figures les plus illustres de notre République“  und sie zitierte seine  von den Idealen der Aufklärung und der Französischen  Revolution geprägte Proklamation  „à l’univers entier“.  Der Aufruf wurde am 10. Mai 1802 in Guadeloupe verbreitet, als die Truppen des Generals Richepanse anrückten.  Angesichts der feindlichen  Übermacht und der Aussichtslosigkeit eines weiteren Widerstands sprengten sich Delgrès und seine 300 Gefährten entsprechend der revolutionären Devise „Freiheit oder Tod“  (vivre libre ou mourir)  am 28. Mai 1802 in die Luft.

Als ich nach dem  Besuch der entsprechenden Internetseite mit der ministeriellen Rede und dem Foto der Bank Ende Oktober 2017 die Rue Delgrès besuchte, war ich allerdings entsetzt: Die Straße ist völlig heruntergekommen und wird eher als  Mullkippe verwendet, die Wände der anliegenden Gebäude sind  verschmiert, die Grünanlage hinter der Bank ist verschwunden, die ebenfalls verschmierte Bank lädt kaum noch zum Hinsetzen ein: Auch hier  ein trauriger Widerspruch zwischen  offiziellen Proklamationen und der Realität.

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Immerhin gibt es im Pantheon eine Plakette zur Erinnerung an Louis Delgrès: [32]

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Zur Erinnerung an Louis Delgrès, Held des Widerstands gegen die Wiedereinführung der Sklaverei in Guadeloupe, gestorben ohne zu kapitulieren mit 300 Kämpfern in Matouba 1802, damit die Freiheit lebt

Nach den beiden ernüchternden Erfahrungen mit den Louis Delgrès und  Toussaint-Louverture gewidmeten Pariser Straßen  ist man geneigt, sich zu fragen, ob es denn nicht auch angemessene Erinnerungsorte für die Sklaverei  und ihre Abschaffung gibt. Und die gibt es in der Tat: So das  eindrucksvolle Denkmal für General Dumas, den Vater und Großvater der Schriftsteller Alexander Dumas senior und junior.

 

Das Denkmal für General Dumas

Das 2009 eingeweihte Denkmal für den General Dumas befindet sich auf der Place du Général Catroux im 17. Arrondissement (Métro Malhesherbes). Es  besteht aus zwei bis zu fünf Meter hohen eisernen Fußfesseln, wie sie Sklaven angelegt wurden.

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Aber die Eisenfesseln sind aufgebrochen, sollen sie doch an die Befreiung der Sklaven erinnern, konkret an den General Dumas, der als Sohn eines normannischen Adligen  und dessen Sklavin  in Haiti geboren wurde. Er wurde zunächst von seinem Vater als Sklave verkauft, dann aber wieder zurückgekauft und frei gelassen.  In Paris erhält er zur Zeit des ancien régime die Ausbildung eines Adligen, er schlägt eine militärische Karriere ein und zeichnet sich in den Revolutionskriegen vielfach aus.  1793 wird er der erste farbige Divisionsgeneral der französischen Armee. 1802 allerdings verfügt Napoleon seine Entlassung aus der Armee. Farbigen Soldaten und Offizieren wird sogar untersagt, sich in Paris und Umgebung aufzuhalten. [33]

Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde ein erstes Standbild des Generals errichtet, wofür sich besonders der Schriftsteller Anatol France stark gemacht hatte. Denn:

« Le plus grand des Dumas, c’est le fils de la négresse. Il a risqué soixante fois sa vie pour la France et est mort pauvre. Une pareille existence est un chef-d’œuvre auprès duquel rien n’est à comparer ». 

Dieses Standbild wurde allerdings 1942/43 von dem französischen Kollaborationsregime eingeschmolzen, um den Anforderungen der deutschen Besatzungsmacht zu entsprechen. Um das geforderte Metall zu liefern, suchten sich die Vichy-Leute natürlich bevorzugt solche Denkmäler aus, die ihnen sowieso nicht in ihre Ideologie passten- also das Denkmal eines Farbigen wie Dumas oder eines Demokraten wie Baudin  im Faubourg-Saint-Antoine.[34]

Der Ort,  wo das Denkmal steht, hatte übrigens lange den Beinamen „Platz der drei Dumas“, weil dort auch Denkmale für den Sohn und den Enkel des  Generals stehen: die Schriftsteller Alexandre Dumas (Vater), den Autor von „Die drei Musketiere“  und  „Der Graf von Montechristo“  und Alexandre Dumas (Sohn), der Autor der „Kameliendame“. (34a)

An jedem 10. Main, dem nationalen „Tag der Erinnerung an den Sklavenhandel, die Sklaverei und ihrer Abschaffung“, findet nachmittags am Denkmal für den General Dumas eine Veranstaltung der „Freunde des Generals Dumas“ und der Stadt Paris  statt – gewissermaßen das -öffentliche- Gegenstück zu der präsidialen Feier am Vormittag im Jardin du Luxembourg, zu der nur eingeladene Gäste Zutritt haben.

 

Victor Schoelcher auf dem Père Lachaise und im Pantheon

Wenn es um die Erinnerung an diejenigen geht, die sich für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt haben, darf natürlich der aus Fessenheim im Elsass stammende Victor Schoelcher nicht fehlen. Immerhin war er der Initiator des „décret d’abolition de l’esclavage du 27 avril 1848“, also des Dekrets zur (endgültigen) Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien.

Im Mémorial de l’abolition de l’esclavage von Nantes werden die berühmten Worte Schoelchers aus seinem 1842 erschienenen Buch über die französischen Kolonien zitiert:

„Si comme le disent les colons on ne peut cultiver les Antilles qu’avec des esclaves, il faut renoncer aux Antilles. – La raison d’utilité de la servitude pour la conservation des colonies est de la politique de brigands. – Une chose criminelle ne doit pas être nécessaire. – Périssent les colonies plutôt qu’un principe.“ [35]

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Wenn es wirklich zutreffe, dass man die Antillen nur mit Hilfe von Sklaven bewirtschaften könne, wie die Plantagenbesitzer behaupteten, dann müsse man eben auf die Antillen verzichten. Nützlichkeit oder Notwendigkeit rechtfertigten nicht ein kriminelles Verhalten. Eher sollten die Kolonien untergehen als ein Prinzip. Und konkret angesprochen waren damit die Ideale von Freiheit und Gleichheit der Französischen Revolution, die Schoelcher beim Wort nahm….  

Victor Schoelcher wurde an der Seite seines Vaters auf dem Friedhof Père Lachaise bestattet. (50. Division)[36]

Eine etwas zwiespältige Ehre wurde Victor Schoelcher zuteil, indem sein Name in die Westfassade des zur Kolonialausstellung 1931 errichteten Palais de la Porte Dorée eingraviert wurde.  Hier hat das „dankbare Frankreich“ die Namen derer versammelt, die das Kolonialreich ausgeweitet und dazu beigetragen haben, dass der Name Frankreichs in Übersee geliebt werde….  Schoelcher befindet sich da in der zweifelhaften Gesellschaft von Eroberern und kolonialen Profiteuren.  Diese Ehrentafel ist denn auch gewissermaßen ein Gegenentwurf zum republikanischen Pantheon, in dem „die großen Männer“  geehrt werden, die sich um die Werte der Französischen Revolution verdient gemacht haben. (36a)
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1948, 100 Jahre nach Abschaffung der Sklaverei, wurde immerhin beschlossen, Victor Schoelcher zu „pantheonisieren“, also seine sterblichen Überreste zu den großen, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit repräsentierrenden  Männern (und Frauen)  Frankreichs zu überführen. Dies geschah am 20. Mai 1949, zusammen mit seinem Vater, von dem er nie getrennt sein wollte, und zusammen mit dem  schwarzen Kolonialpolitiker Félix Éboué. Dies war der erste Schwarze, der, sicherlich ganz im Sinne Schoelchers, auf diese  Weise geehrt wurde.

 

Das  hôtel de la marine: ein zukünftiges Museum der Sklaverei?

Der  Beschluss des Pariser Stadtrats, das umstrittene Firmenschild an der place de la contescarpe mit dem „nègre joyeux“ zu entfernen, beinhaltete auch die Aufforderung, in Paris ein Museum der Sklaverei, des Sklavenhandels und deren Abschaffung zu errichten. Warum in Paris? Die Cran, die Vereinigung der „associations noires“, weist darauf hin, dass Paris das Zentrum des französischen Geschäfts mit der Sklaverei  gewesen sei. Die Lobby der karibischen Farmer habe ihren Sitz in Paris gehabt, drei Viertel der Gründer der Banque de France hätten mit der Sklaverei Geld verdient. Und selbstverständlich war Paris der Ort, wo der code noir entstand und wo die Verwaltung der Kolonien angesiedelt war.[37]

Als möglicher Platz für ein solches Museum ist das repräsentative  hôtel de la marine (bzw. ein Teil davon) an der place de la Concorde im Gespräch. Und das nicht von ungefähr: Das hôtel de la marine war nämlich Sitz der Kolonialverwaltung, die für die Sklaverei, den Sklavenhandel und die entsprechenden Häfen zuständig war. Dort wurde auch die Auszahlung der Kopfprämien organisiert, die der Staat für die Deportation von Afrikanern in die französischen Antillen festgesetzt hatte. Und nicht zuletzt: Dort wurde  1848 das Dekret zur Abschaffung der Sklaverei unterzeichnet. [38]

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Rechts ein Teil des noch verhüllten hôtel de la marine, das gerade renoviert wird.        Leider gibt es nicht -wie bei anderen Baustellen- eine Informationstafel,  der man entnehmen kann, wie das Gebäude einmal genutzt werden soll.

Für das hôtel de la marine spricht auch, dass derzeit seine neue Verwendung intensiv verhandelt wird, nachdem die dort ansässigen militärischen Nutzer in das neugebaute „französische Pentagon“ umgezogen sind.  Zunächst (2010)  hatte der damalige Präsident Sarkozy geplant, das Gebäude  privaten Investoren zu überlassen, dann aber aufgrund massiver öffentlicher Proteste einen  Rückzieher gemacht. Schon damals hatte übrigens eine Gruppe von Historikern und anderen Wissenschaftler in einem öffentlichen Aufruf in Le Monde gefordert, das hôtel de la marine als nationales Erbe zu bewahren und dort ein „musée de l’esclavage, de la colonisation et de l’outre-mer (MECOM) zu installieren und auf diese Weise  „faire entrer le passé colonial dans l’esprit de nos contemporains“.[39]

Jetzt ist das Centre des monuments nationaux mit der Konzeption einer zukünftigen Nutzung betraut, und ein großer Teil des Gebäudes soll auf jeden Fall für die Öffentlichkeit zugänglich sein. [40]  Die Keimzelle einer 2016 von Francois Hollande angeregten  Fondation pour la mémoire de l’esclavage  hat dort übrigens schon ihren Sitz.[41]  Weiter gehenden Museumsplänen muss allerdings auch die Regierung bzw. das zuständige Kulturministerium seinen Segen (und Geld) geben, aber dort hält man  sich offenbar noch vornehm zurück – es gibt ja wohl auch schon genug andere und noch größere „Baustellen“ für die neue Administration. Auch wenn „Volkes Stimme“ massiv Stimmung gegen das Museumsprojekt macht, wie man den sozialen Medien entnehmen kann: Ich würde mich freuen, wenn ein MECOM im hôtel de la marine entstünde. Und dann gäbe es sicherlich auch einen entsprechenden neuen Beitrag auf diesem  Blog.

 

Den Abschluss dieses Textes soll aber ein kurzer Bericht über eine Veranstaltung sein, die zeigt, wie sehr die Sklaverei und ihre Abschaffung noch im Bewusstsein von Menschen mit „Mitgrationshintergrund“- und vielleicht ja auch mit einer von der Sklaverei geprägten Familiengeschichte präsent sind.

 

Ein Umzug zur Erinnerung an die Abschaffung der Sklaverei

Im Mai 2016 stieß ich zufällig im 12. Arrondissement auf einen laustarken Umzug von auffällig weiß und schwarz kostümierten Schwarzen. Ich war zunächst etwas überrascht und ratlos. Eine Demonstration von Schwarzen? Und die Polizei ist kaum vertreten? Auch nicht in dem sonst demonstrations-üblichen martialischen Outfit?  Und sie macht den Demonstranten sogar den Weg frei?  Ich erfuhr dann von einem freundlichen Gendarmen, dass  es sich um einen harmlosen und friedlichen Umzug handele, mit dem an die Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1848 erinnert werden sollte.

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Dies wird ja auch durch die z.T. mit Ketten und der Jahreszahl 1848 bemalten Gewändern zum Ausdruck gebracht. Auf dem schwarzen Gewand eines Umzugsteilnehmers kann man übrigens den Namen „Solitude“ erkennen. Solitude war die Tochter einer afrikanischen Sklavin, die während der Deportation auf die Antillen von einem weißen Matrosen vergewaltigt wurde. An der Seite von Louis Delgrès kämpfte Solitude gegen die Wiedereinführung der Sklaverei. Im Mai 1802 wurde sie, schwanger, von den napoleonischen Truppen gefangen genommen und 6 Monate später, einen Tag nach ihrer Entbindung, gehängt. Den Willen und/oder Mut, neben  Schoelcher und Éboué auch sie ins Pantheon aufzunehmen, hat allerdings bisher noch kein französischer Präsident gehabt.

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Anmerkungen:

[1] http://www.faz.net/aktuell/politik/trumps-praesidentschaft/donald-trumps-tiefpunkt-nach-gewalt-in-charlottesville-15153396.html

[2] http//memorial.nantes.fr/

[3] Libération, 23. August 2017

[4] http://la1ere.francetvinfo.fr/2015/04/17/bordeaux-beaucoup-plus-vecu-de-l-esclavage-que-tous-les-autres-ports-selon-le-directeur-du-musee-d-aquitaine-248443.html 

[5]https://www.google.de/search?q=Francce+jour+de+l%27abolition+de+l%27esclavage&oq=Francce+jour+de+l%27abolition+de+l%27esclavage&aqs=chrome..69i57.13110j0j8&sourceid=chrome&ie=UTF-

[6] http://www.lemonde.fr/societe/article/2006/01/30/jacques-chirac-fixe-au-10-mai-le-jour-souvenir-de-l-esclavage_735825_3224.html#iDm3PbKTR0xV8i7V.99

(6a) http://www.esclavage-memoire.com/lieux-de-memoire/le-cri-l-ecrit-sculpture-33.html

http://titeparisienne.over-blog.net/article-jardin-du-luxembourg-108698647.html

Böse Zungen lesen aus der Skulptur -von oben nach unten-  übrigens das wenig schmeichelhafte Wort „con“….

[7] http://www.lefigaro.fr/flash-actu/2017/05/23/97001-20170523FILWWW00250-premiere-commemoration-des-victimes-de-l-esclavage.php

[8] Éditorial mit dem Titel „Mémoire“ von Laurent Joffrin in Libération vom 23. August 2017

[9] http://www.liberation.fr/debats/2017/08/28/vos-heros-sont-parfois-nos-bourreaux_1592510

Diesem Artikel ist auch das Bild der Statue  Colberts vor dem Gebäude der Assemblée Nationale entnommen.  Teilweise identisch dann auch die Petition, die Le Monde am 19. September 2017 veröffentlichte: Louis-Georges Tin und Louis Sala-Molins u.a., Enlevons le nom de Colbert aux écoles.

[10] Le Monde 19.9. 2017. Am gleichen Tag  gab es in den 20-Uhr-Nachrichten des öffentlichen Fernsehsenders TV 2 eine kleine Sequenz zum Thema: Faut-il bannir Colbert? Dort kam Louis-Georges Tin zu Wort, aber auch der Philosoph Pascal Bruckner, der eine Gegenposition vertrat.

[11] Zur Diskussion siehe z.B. https://www.marianne.net/politique/de-charlottesville-colbert-faut-il-deboulonner-tous-les-personnages-historiques-qui

Sehr empfehlswert die Debattenbeiträge in Humanité vom 3. Oktober 2017  https://www.humanite.fr/travail-de-memoire-et-histoire-faut-il-debaptiser-les-lieux-publics-colbert-642923

[12] https://de.wikipedia.org/wiki/Code_Noir et  https://fr.wikipedia.org/wiki/Code_noir

[13] Zitiert von Libération, 23. August 2017, S. 4

http://www.rfi.fr/afrique/20130410-karfa-diallo-senegalais-vin-bureaux-esclavage-traite-esclaves-france-afrique-commerce-triangulaire

[14] siehe den entsprechenden Blog-Beitrag: Das Palais de la Porte Doree und die Kolonialausstellung von 1931

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/6242

[15] Immerhin hatten nach den Worten von Jules Ferry die  „races supérieures“  die Aufgabe, „de civiliser les races inférieures“. http://tempsreel.nouvelobs.com/histoire/20170918.OBS4786/colbert-mitterrand-saint-louis-qui-faut-il-deboulonner-a-vous-de-juger.html

[16] http://breves-histoire.fr/au-planteur-rue-petits-carreaux/

[17]    Marcel Dorigny in Libération vom 23. August 2017, S. 5

[18]  http://www.lefigaro.fr/flash-actu/2017/09/25/97001-20170925FILWWW00348-l-enseigne-le-negre-joyeux-rappel-de-l-esclavage-va-quitter-le-ve-a-paris.phphttp://www.liberation.fr/debats/2017/10/09/cachez-cette-enseigne-que-je-ne-saurais-voir_1601887https://fr.wikipedia.org/wiki/Au_N%C3%A8gre_joyeux

http://www.actupolitique.info/paris-lenseigne-au-negre-joyeux-va-etre-retiree/

[19] http://www.lefigaro.fr/flash-actu/2017/09/25/97001-20170925FILWWW00348-l-enseigne-le-negre-joyeux-rappel-de-l-esclavage-va-quitter-le-ve-a-paris.php 

http://www.liberation.fr/debats/2017/10/09/cachez-cette-enseigne-que-je-ne-saurais-voir_1601887

(19 a) „Au négre joyeux“ n’est pas une enseigne raciste.  21. November 2017

http://www.latribunedelart.com/au-negre-joyeux-n-est-pas-une-enseigne-raciste

[20] Libération, 23. August, S. 4

[21] https://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Baptiste-Donatien_de_Vimeur,_comte_de_Rochambeau  und

https://fr.wikipedia.org/wiki/Donatien-Marie-Joseph_de_Rochambeau

[22] https://voyages.michelin.fr/europe/france/ile-de-france/ville-de-paris/paris/reportage/balade-entre-les-tombes-les-10-plus

[23] https://de.wikipedia.org/wiki/Pierre_Jean_David_d%E2%80%99Angers

Bild der Goethe-Büste aus der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar bei Wikimedia.org

http://www.musee-orsay.fr/fr/collections/oeuvres-commentees/recherche/commentaire_id/johann-wolfgang-von-goethe-162.html?no_cache=1

[24] Bis 2002 gab es in Paris noch eine nach Richepanse benannte Straße, die dann allerdings auf Initiative des damaligen Pariser Bürgermeisters Delanoë umbenannt wurde und seitdem den Namen des Chevaliers de Saint-Georges trägt: Saint-Georges war der illegitime Sohn eines französischen Adligen und einer Sklavin aus Guadeloupe. In Paris sorgte er für Aufsehen als Geigenvirtuose, Komponist, Dirigent, Fechter und während der Revolution als Kommandeur der Légion Saint-George, einem aus Schwarzen bestehenden Regiment – also eine echte Alternative zu dem früheren Namensgeber der Straße.

https://fr.wikipedia.org/wiki/Rue_du_Chevalier-de-Saint-George

https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Bologne,_Chevalier_de_Saint-Georges

[25] https://fr.wikipedia.org/wiki/Jacques_Nicolas_Gobert

Zum Grabmal Goberts  gibt es ein Kapitel in dem  neu erschienenen Büchlein  von Jean Tardy und Charles Dolbakian mit dem  bemerkenswerten  Titel:   Proménades napoléoniennes au Père Lachaise. Paris 2017

[26] „Pendant un combat contre les noirs le général Gobert apprenant qu’ils avaient enfermé leurs prisonniers dans une maison minée y courut et tua le gardien qui en approchait déjà une mèche enflammée.“

(26a) Eine Erläuterung zu diesem Relief gibt es im Buch von Tardy und Dolbakian.  (siehe Anmerkung 25)

[27] https://de.wikipedia.org/wiki/Toussaint_Louverture.

Toussaint Louverture spielt auch eine wichtige Rolle in den „Karibischen Geschichten“ von Anna Seghers. Berlin und Weimar 1965

[28] https://fr.wikipedia.org/wiki/Louis_Delgr%C3%A8s

[29] http://www.parisrues.com/rues11/paris-11-rue-toussaint-louverture.html .             (Hier gibt es zwar die Information zur Umbenennung des Straßenstücks, auf der beigefügten Karte ist aber ebenfalls noch der alte Straßenname –rue Rampon- eingezeichnet). Eingesehen am 24.10.2017

http://a06.apps.paris.fr/a06/jsp/site/plugins/odjcp/DoDownload.jsp?id_entite=27282&id_type_entite=6

[30] http://www.parisrues.com/rues20/paris-20-rue-louis-delgres.html

[31] http://www.esclavage-memoire.com/evenements/hommage-aux-esclaves-banc-memorial-a-louis-delgres-a-paris-118.html  

[32] Info über Louis Delgrès und Bild aus: http://la1ere.francetvinfo.fr/guadeloupe/jour-delgres-ses-camarades-ont-choisi-mort-au-retablissement-esclavage-477997.html

[33]   https://fr.wikipedia.org/wiki/Place_du_G%C3%A9n%C3%A9ral-Catroux#Acc.C3.A8s            Dieser Website ist auch das Bild entnommen.

https://fr.wikipedia.org/wiki/Thomas_Alexandre_Dumas

http://www.esclavage-memoire.com/lieux-de-memoire/monument-a-la-memoire-du-general-dumasparis-93.html

und grundlegend: Claude Ribbe, Le Diable noir: Biographie du général Alexandre Dumas, père de l’écrivain. 2008

[34] siehe den Blog-Beitrag über den Faubourg-Saint- Antoine, das Viertel der Revolutionäre. (April 2016)

(34a) Das Denkmal wird übrigens ganz offensichtlich gerne als Picknick-Platz genutzt. Entsprechend sah der Boden darum herum aus. Ich musste mich erst einmal als Müllsammler betätigen, um nach dem Foto von der Delgrès-Bank ein weiteres peinliches Foto zu vermeiden.

[35] http://lvhpog.e-monsite.com/medias/files/schoelcher-1842.pdf

[36] https://www.tombes-sepultures.com/crbst_1810.html

(36a) siehe den Blog-Text: Das Palais de la Porte Dorée und die Kolonialausstellung von 1931

https://de.wikipedia.org/wiki/Victor_Sch%C5%93lcher

Bei den beiden im oberen Teil des Denkmals abgebildeten Personen handelt es sich um Marc Schoelcher,  den Vater Victors, und einen Gesellen, also nicht um Vater und Sohn.

[37] http://www.liberation.fr/france/2017/09/29/esclavage-a-paris-le-retrait-d-une-enseigne-relance-le-projet-de-musee_1599770  

[38] http://www.une-autre-histoire.org/lhotel-de-la-marine

[39]  http://www.lemonde.fr/idees/article/2011/01/18/faire-de-l-hotel-de-la-marine-un-musee-de-l-esclavage_1467179_3232.html#Bosbm4tUHX8MyoXp.99

[40] https://fr.wikipedia.org/wiki/H%C3%B4tel_de_la_Marine

[41] http://outremers360.com/societe/commemoration-abolition-esclavage-2017-jean-marc-ayrault-conduira-la-mission-chargee-de-creer-la-fondation-sur-la-memoire-de-lesclavage/ 

 

Weitere geplante Beiträge:

  • open your eyes! Street-Art in Paris (1) 
  • Street-Art in Paris (2): Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • Street-Art in Paris (3): Der Invader
  • Auf dem Weg nach Paris: Die Mühle von Valmy, ein Fanal der Französischen Revolution
  • Little India: das indische Viertel in Paris

 

La Maison Heinrich Heine, das deutsche Haus in der Cité Internationale Universitaire de Paris

Im Januar 2017 habe ich auf diesem Blog einen Text über die Cité internationale universitaire de Paris  (CIUP) eingestellt und dabei auch eine Reihe von Häusern  verschiedener Nationen vorgestellt.[1] Das deutsche Haus, La Maison Heinrich Heine (MHH), habe ich dabei ausgespart, aber einen eigenständigen Bericht darüber angekündigt. Le voilà! Da ist er nun endlich – passend auch zum Blog-Text über Heinrich Heine in Paris (Oktober 2017).

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Dass ich das Heinrich Heine- Haus zunächst ausgespart habe, ist kein Ausdruck von Missachtung oder Geringschätzung. Ganz im Gegenteil! Es hat nämlich aus mehrfachen Gründen einen gesonderten Bericht verdient:

  • Aufgrund seiner ganz spezifischen Geschichte, die ein Spiegelbild der wechselhaften deutsch-französischen Beziehungen seit den 1920-er Jahren ist.
  • Aufgrund des außerordentlichen Beitrags, den das Heinrich Heine-Haus für den deutsch-französischen kulturellen und politischen Dialog leistete und leistet
  • Und schließlich: aufgrund der wichtigen und wunderbaren Rolle, die das Heinrich Heine- Haus für uns ganz persönlich hatte und hat: Wenn Paris inzwischen gewissermaßen unsere zweite Heimat geworden ist, so hat la Maison Heinrich Heine daran einen wesentlichen Anteil.

Wir sind, um gleich mit dem letzten Aspekt zu beginnen, dort regelmäßige Besucher. Es gibt da nämlich, wie sonst nirgends in Paris, ein außerordentlich reiches kulturelles und politisches Angebot mit deutsch-französischer und europäischer Perspektive: Filmvorführungen, Konzerte und für uns am interessantesten: Veranstaltungen zu aktuellen politischen und wirtschaftlichen Themen und  unter deutsch- französischem Blickwinkel.  Man kann sicher sein, dass es sich bei den Teilnehmern von Podiumsdiskussionen immer um sehr kompetente und manchmal auch sehr prominente „intervenants“ handelt. Öfters haben wir es sogar bedauert, dass  das Format der Diskussion es einzelnen Experten nicht erlaubte, ausführlicher zu Wort zu kommen.  Für uns besonders schön war und ist bei solchen Veranstaltungen, dass es im Anschluss an eine table ronde nicht nur eine Diskussion mit dem Publikum gibt, sondern auch noch die Möglichkeit, sich im Foyer zwanglos bei einem Glas Wein (dem vin d’amitié) und meistens auch leckeren Schnittchen mit den intervenants und anderen Besuchern zu unterhalten. Wir haben bei solchen Gelegenheiten schöne Kontakte geknüpft, ja Freundschaften geschlossen- zum Beispiel mit der Familie Radvanyi (siehe Bericht: Exil in Frankreich. Sanary, Les Milles und Marseille ) oder (auf kuriose Weise: über den Frankfurter Apfelwein/Äbbelwoi und Friedrich Stoltze)  mit Herrn Dr. Adler und seiner Frau (siehe Bericht Von Frankfurt nach Paris und zurück: Die Stolpersteine in der Westendstraße). Auf eine ebenfalls kuriose Weise haben wir im Heinrich Heine-Haus auch eine weitere Bekanntschaft gemacht: Anlässlich einer vorweihnachtlichen Veranstaltung war dort am ersten  Adventssonntag ein Adventskranz aufgestellt mit vier brennenden Kerzen! Also ein eindeutiger Verstoß gegen das vorweihnachtliche Brauchtum! Also hin und die drei voreilig angezündeten Kerzen ausgepustet! Eine französische Besucherin, die das beobachtete, sprach uns darauf an, es entwickelte sich daraus ein schönes Gespräch und schließlich eine intensive langjährige Freundschaft.

Die meisten Menschen, die wir dort kennengelernt haben, sind –wie an diesem Ort nicht anders zu erwarten- besonders an Deutschland interessiert und haben oft auch einen ganz persönlichen Bezug zu dem Land: Bei Herrn Dr. Radvanyi, dem Sohn Anna Seghers, und bei Dr. Adler war es die Flucht aus Nazi-Deutschland. Bei unserer Freundin Françoise Tillard ist es die Musik: Sie ist Dozentin an einer Musikakademie mit dem deutschen Lied als Schwerpunkt, sie hat die erste Biographie über Fanny Hensel, die Schwester Felix Mendelssohns, geschrieben und das von ihr gegründete Klaviertrio trägt auch den Namen Fanny Hensel. Und ihr Vater war politischer Häftling im Konzentrationslager Mauthausen.[2] Bei einer weiteren Freundin, die wir im Heinrich Heine-Haus kennengelernt haben, gibt es auch einen spezifischen deutsch-französischen Bezug: Die Familie stammt aus dem Elsass, der Vater hat als Bomberpilot der Royal Air Force Bomben auf deutsche Städte abgeworfen und die Mutter hat nach dem Krieg eine der ersten deutsch-französischen Freundschaftsgruppen in der französischen  Zone gegründet. Welche  Schicksale und welche wunderbaren Kontakte, die uns das Heinrich Heine- Haus ermöglicht hat!

Es würde zu weit führen und den Rahmen eines solchen Blog-Textes sprengen, wenn ich nun auf einzelne für uns besonders wichtige Veranstaltungen eingehen würde. Wo da anfangen und wo aufhören? Hervorheben möchte ich aber doch wenigstens das Gespräch zwischen Alfred Grosser und Stephane Hessel, das am 17. Oktober 2012 im Heinrich Heine-Haus stattfand. Das war sicherlich eine der beeindruckendsten Veranstaltungen, an der wir dort teilgenommen haben. Thema waren die deutsch- französischen Beziehungen und die Vorstellungen beider Länder von der Zukunft Europas.

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Kaum jemand könnte ja geeigneter sein als diese beiden, auf der Grundlage intensiver lebensgeschichtlicher Erfahrungen fundiert –und dazu auch noch anregend, ja unterhaltsam-  über die deutsch-französischen Beziehungen und ihre Perspektiven in einem vereinten Europa zu diskutieren.

Alfred Grosser wurde 1925 in Frankfurt am Main geboren, wo sein Vater, Sozialdemokrat und Jude,  Direktor einer Kinderklinik war. Die Familie emigrierte 1933 nach Frankreich und erhielt 1937 die französische Staatsbürgerschaft. Grosser studierte Germanistik und Politikwissenschaften  und war von 1956 bis 1992 Professor an der Kaderschmiede Science Po in Paris, wo er Generationen französischer Deutschland-Spezialisten ausbildete. Sein Leben lang hat er sich für die deutsch-französische Verständigung engagiert. Dem Heinrich Heine-Haus ist er seit dessen Gründung eng verbunden. Grosser ist dort regelmäßiger Teilnehmer von Diskussionen und Ehrenpräsident des Verwaltungsrats.[3]

Stéphane Hessel teilt mit Alfred Grosser die (jedenfalls väterlicherseits) deutsch-jüdische Abstammung und das Jahr der Zuerkennung der französischen Staatsbürgerschaft, nämlich 1937.[4] Hessel hatte –als in Berlin Geborener-  an der École Normale Supérieure studiert, er gehörte also gewissermaßen zum französischen Geistesadel, er war an der Seite de Gaulles Mitglied der Résistance, Gefangener im KZ Buchenwald, UNO- Diplomat und „Ambassadeur de France“. Zum Zeitpunkt des Gesprächs war Hessel 95 Jahre alt, wenige Monate danach, im Februar 2013 starb er.

Beeindruckt hat uns bei diesem Gespräch vor allem der unerschütterliche Optimismus von Stéphane Hessel.  Mit einem klaren Blick auf die Gegenwart und ihre Probleme kam er aufgrund seiner humanistischen Grundüberzeugung und der ihm eigenen Einbettung aktueller Phänomene in eine historische Perspektive zu einer ermutigenden Einschätzung der weltpolitischen Entwicklung (ausgenommen, auch darin mit Grosser übereinstimmend, der Situation im Nahen Osten), vor allem aber der europäischen Perspektiven. Vorausgesetzt allerdings, es gibt genug Menschen, die sich engagieren: Engagement war für Hessel ja eine unabdingbare Notwendigkeit, wie seine zum Bestseller gewordene Streitschrift „Empört-Euch!“ zeigt.

Während Grosser in dem Gespräch eher die Rolle des Skeptikers übernahm, beeindruckte Hessel als welthistorisch und philosophisch versierter Optimist und Visionär. Besonders schön war, wie sich Grosser und Hessel –mit sichtbarem Vergnügen- die Bälle zuspielten. So wurde das Publikum auf höchst unterhaltsame Art und Weise zum Nachdenken angeregt.  Interessant war auch das Verhalten der beiden in der anschließenden Diskussion mit dem Publikum. Da konnte Grosser schon einmal lehrerhaft-unwirsch reagieren, wenn jemand eine Frage stellte, die sich aufgrund des bisher Gesagten eigentlich erübrigte. Und Hessel brachte es fertig, jede noch so abseitige Frage freundlich aufzugreifen, in einen relevanten Zusammenhang zu stellen und zum Anlass für einen hochinteressanten druckreifen Vortrag zu machen. So am Beispiel einer –damals etwas irritierenden, aus heutiger Sicht aber hochaktuellen-  Frage zu einer möglichen Unabhängigkeit der Katalanen. Es folgte eine geraffte Darstellung Hessels über die Rolle der Nationalstaaten in der europäischen Geschichte und über die zukünftigen Perspektiven von Staaten und Regionen in einem europäischen Bundesstaat. Gerade jetzt von allerhöchster Aktualität! Und das mit über 90 Jahren!

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Stephane Hessel mit Dr. Christiane Deussen, die seit 2002 das Haus leitet

Diese Veranstaltung  war auch deshalb für uns ein besonderer Höhepunkt, weil wir danach zu einem Empfang in den Räumen von Frau Dr. Deussen eingeladen waren. Dabei ließ sich Stéphane Hessel nicht lange bitten und trug –selbstverständlich par cœur- zwei seiner liebsten Gedichte vor: Hyperions Schicksalslied von Hölderlin und  Le Pont Mirabeau von Apollinaire.

 

Doch uns ist gegeben,

Auf keiner Stätte zu ruhn,

Es schwinden, es fallen

Die leidenden Menschen

Blindlings von einer

Stunde zur andern,

Wie Wasser von Klippe

Zu Klippe geworfen,

Jahr lang ins Ungewisse hinab

Aber das dem Schicksal unterworfene Los der leidenden und ohnmächtigen Menschen war- auch an diesem Abend- nicht Hessels letztes Wort, sondern das hatten Apollinaire und Goethe:

Sous le pont Mirabeau coule la Seine
Et nos amours
Faut-il qu’il m’en souvienne
La joie venait toujours après la peine

Und Goethe durfte natürlich bei Hessel auch nicht fehlen, weil da die Quintessenz seines Lebens wunderbar formuliert ist:

Alles geben Götter, die unendlichen,

Ihren Lieblingen ganz,

Alle Freuden, die unendlichen,

Alle Schmerzen, die unendlichen, ganz.

 


Das Heinrich Heine-Haus: Studentenwohnheim und Kulturinstitut

Die „vordringliche Aufgabe“ des deutschen Hauses ist, wie seine langjährige Leiterin, Frau Dr. Deussen, betont, die eines Studentenwohnheims, und das entspricht auch der seiner Lage und  Rolle in der Cité internationale universitaire. Und dem entspricht auch, dass es ein besonderes Privileg ist, dort einen der etwa 100 begehrten Plätze zu erhalten. Die Cité internationale sollte ja von Anfang an nicht ein einfaches Studentendorf sein, sondern eine Begegnungsstätte von zukünftigen Eliten aus verschiedenen Ländern.[5] In einem Artikel der ZEIT aus dem Jahr2006 wurde denn auch unverhohlen festgestellt, in dem Heinrich Heine-Haus wohnten „ausschließlich Elitestudenten“.[6] Das mag zunächst deutschen  Lesern provokant erscheinen, ist man in Deutschland doch aufgrund entsprechender historischer Erfahrungen oft etwas allergisch gegenüber dem Begriff der „Elite“ – ganz anders als  in Frankreich, wo  ein wesentlich unbefangenerer Umgang damit üblich ist. Deutschland hätte allerdings inzwischen durchaus etwas mehr Berechtigung zu entsprechender Unbefangenheit: Immerhin ist die Elitenreproduktion in Deutschland nicht ganz so ausgeprägt wie in Frankreich. Und in Deutschland wurde –von Frankreich bewundert- nach dem heilsamen Pisa-Schock von 2000 deutlich mehr für die Förderung  von benachteiligten Kindern und Jugendlichen getan[7], so dass man kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn auch für die besonders Leistungsstarken etwas getan wird. Zumal wenn als Auswahlkriterium nicht nur fachliche Leistungen zählen, sondern auch –wie beim Heinrich Heine-Haus- darüber hinausgehende Kompetenzen und Einstellungen. Wenn wir bei Veranstaltungen im MHH mit Bewohnern des Hauses ins Gespräch kamen, waren das immer sehr ambitionierte junge Menschen mit weitgespannten kulturellen und politischen Interessen, sehr oft Studenten/innen internationaler Studiengänge, die nach ihrer Ausbildung gerne in entsprechenden Strukturen arbeiten möchten und für die das weitere Zusammenwachsen Europas ein selbstverständliches Anliegen ist, für das sie sich engagieren. Gut, dass  es für sie das MHH gibt!

Bemerkenswert ist es übrigens, dass es in den ersten Jahren  des deutschen Hauses verständlicher Weise eher Studenten der Romanistik waren, die dort wohnten: Ein prominentes Beispiel dafür ist der Schriftsteller  Uwe Timm, der in Paris studierte bzw. dort seine Doktorarbeit über Camus und den französischen Existentialismus schrieb (bzw. schreiben wollte). (7a)  Heute sind es vielfach Politologen, Juristen und Ökonomen, die das Wohnheim bevölkern : Eingeschrieben in deutsch-französischen Studiengängen und/oder angezogen von der besonderen Attraktivität französischer Eliteschulen (écoles) im Bereich von Politik und Wirtschaft.

Das Heinrich Heine-Haus ist aber nicht nur ein Studentenwohnheim, sondern es versteht sich gleichzeitig „auch als ein Kulturinstitut“.[8]  Immerhin war es ja die erste deutsche Repräsentanz in Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg.[9] Und wenn man ältere Programme durchsieht, dann ist es beeindruckend zu sehen, wie intensiv die Aufgabe der Präsentation deutscher Kultur schon von Anfang an wahrgenommen wurde. Autoren wie Uwe Johnson, Max von der Grün, Reiner Kunze oder Sarah Kirsch stellten dort ihre Werke vor, die crème de la crème der deutscher Germanisten war zu Vorträgen eingeladen: Eberhard Lämmert, Hans Robert Jauß, Fritz Martini, Benno von Wiese, Heinz Ludwig Arnold, Walter Hinck,  Marcel Reich-Ranicki …  Und nicht zu kurz kamen auch  Informationen über die deutsche Politik und Gesellschaft durch Wissenschaftler wie Thomas Ellwein, Kurt Sontheimer, Georg Picht, Wolfgang Abendroth….

Es ist beeindruckend, dass das deutsche Haus der Cité internationale über Jahrzehnte und bis heute ein derartig hochkarätiges Programm anbieten konnte und kann. Möglich ist das wohl auch nur deshalb, weil es an der Spitze des Hauses  eine personelle Kontinuität über Jahre hinaus herrscht mit der Folge eines offenbar reich gefüllten „carnet d’adresses“.  Auch wenn es heute in Paris ein Goethe- Institut gibt, nimmt das Heinrich Heine-Haus auch weiter seine Rolle als Kulturinstitut wahr, wobei gerade die europäische und vor allem die deutsch-französische Dimension besondere Schwerpunkte bilden:

Dazu nur drei Beispiele aus dem Programm des Jahres 2017:

  1. April 2017: Vorstellung des Buches Lettre à un ami français. (Brief eines Deutschen an einen französischen Freund, der für den Front National votiert)
  2. Mai 2017: Klaus Mann, défenseur visionnaire d’une Europe de l’esprit
  3. Mai 2017: Heinrich Heine et ses contemporains (Literarischer Spaziergang in Paris: Der Heine-Spaziergang mit jeweils wechselnden Schwerpunkten ist ein regelmäßiges Angebot des Heinrich Heine-Hauses)[10]
  4. September 2017: Leibniz et l’histoire. Colloque franco-allemand

Das Heinrich Heine-Haus ist außerdem  ein Ort politischer Debatten, wobei auch hier, wie ja schon das Beispiel des Gesprächs zwischen Alfred Grosser und Stéphane Hessel zeigte, der europäische und deutsch-französische Blickwinkel bestimmend sind.  Das sind dann die „regards croisés entre France et Allemagne“, die manchmal ganz direkt im Titel einer Veranstaltung erscheinen, aber  oft  auch ohne direkte Nennung eine wichtige Rolle spielen.

Auch dafür einige aktuelle Beispiele:

  1. April 2017: Les médias face à une crise de confiance- regards croisés entre France et Allemagne
  2. Mai 2017: Année électorale en France et en Allemagne: Quel rôle du couple franco-allemand dans l’avenir de l’Europe
  3. Juni 2017: Le centre est-il l’avenir de la politique?
  4. Oktober 2017: cent ans parès, La première guerre mondiale des deux côtés du front
  5. Dezember 2017: réfugiés en Allemagne et en France

Und auch bei Themen, die keinen direkten deutsch-französischen Bezug aufweisen, wird der im Allgemeinen dann durch eine internationale  Zusammensetzung des Podiums, also die Auswahl der „intervenants“ hergestellt.

Das Heinrich-Heine-Haus ist damit -wie kaum ein anderes – eine außerordentliche Bereicherung der Cité internationale: ihrem Anspruch,  der internationalen Verständigung und dem  Frieden zu dienen, verpflichtet, grundsätzliche Probleme, aber auch ganz  aktuelle Entwicklungen aufgreifend. Und dies meist auf äußerst hohem Niveau. Schade, dass manche Debatten, an die man sich noch lange erinnert -wie die zwischen  Grosser und Hessel- nicht festgehalten wurden. Verdient hätten sie es auf jeden Fall.

 

2016: 60 Jahre Maison Heinrich Heine

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Im November 2016 feierte das Heinrich Heine- Haus seinen 60. Geburtstag unter dem Motto Brücken  bauen- Jeter des ponts, das die Arbeit des Hauses in seiner 60-jährigen Geschichte immer geleitet hat.[11]

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Es war eine mehrtägige Veranstaltung mit einem reichen kulturellen und politischen Programm und viel Prominenz aus Wissenschaft und Politik. Auch der damalige französische Außenminister, der germanophile und –phone Jean-Marc Ayrault, gab dem Haus die Ehre.

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Beeindruckend war aber auch die Teilnahme von über 200 ehemaligen Bewohnern des Hauses, die gewissermaßen aus der ganzen Welt angereist waren. Und einige von ihnen kamen nicht nur als Besucher und Gratulanten, sondern bereicherten auch  wesentlich das Programm: Das Eröffnungskonzert beispielsweise wurde ausschließlich von ehemaligen Residenten des Hauses gestaltet.

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Dass unter den Geburtstagsgästen so viele ausländische ehemalige Residenten des Hauses waren, beruht auf der „brassage culturel“, die in der gesamten Cité internationale universitaire und besonders intensiv im Heinrich Heine-Haus praktiziert wird. Von seinen 104 Wohnheimplätzen  werden etwa die Hälfte von nicht-deutschen Studenten bewohnt – in den anderen Stiftungshäusern ist das ähnlich: Eine bewusste Maßnahme, um durch das Zusammenleben von Studenten verschiedener Nationalitäten unter einem Dach das gegenseitige Kennenlernen und die Verständigung zu fördern. Das 60-jährige Jubiläum des Heinrich Heine- Hauses zeigte sehr eindrucksvoll, dass das dort in hervorragender Weise gelungen ist und gelingt.

 

Zur Geschichte des deutschen Hauses in der Cité Internationale Universitaire

Dass es „erst“ der 60. Geburtstag war, den das deutsche Haus 2016 feiern konnte, ist bemerkenswert, denn immerhin ist es Teil der Cité internationale universitaire de Paris (CIUP), die schon seit den 1920-er Jahren besteht. Die „Verspätung“ des deutschen Hauses erklärt sich aus den von zwei Weltkriegen geprägten deutsch-französischen Beziehungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit der Gründung der Cité interrnatonale sollte nach dem Ersten Weltkrieg ein Beitrag zum Frieden und zur Völkerverständigung geleistet werden. Allerdings waren die Wunden des Krieges zunächst noch so frisch, dass dieser Anspruch nur sehr partiell erfüllt wurde. Nach dem Zeugnis von Paul Appell, einem der Gründungsväter der Cité,  war zunächst nur daran  gedacht, Häuser für Studenten befreundeter Nationen zu bauen, also  alliierter oder neutraler Staaten des „Großen Krieges.“[12]  F. Sereni stellt in seinem Aufsatz über die Cité internationale sogar fest, sie sei in ihren Anfängen eine Einrichtung im Dienste der „Kleinen Entente“ gewesen, also des Bündnissystems zwischen Jugoslawien, Rumänien und der Tschechoslowakei, das von Frankreich gefördert wurde, um deutschen Forderungen nach einer Revision des Versailler Vertrags entgegenzuwirken. (12a)  Der Vertrag von Locarno, der etwa zeitgleich mit der Eröffnung der Cité internationale im Jahr 1925 abgeschlossen wurde, stellte die deutsch-französischen Beziehungen allerdings auf eine neue Grundlage. Er markierte die Aussöhnung der ehemaligen „Erzfeinde“; seine Protagonisten, die Außenminister Briand und Stresemann,  wurden mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Der „Geist von Locarno“ inspirierte, wie Manfred Bock in seinem Aufsatz über den langen Weg zum Deutschland-Haus in der Cité Internationale Universitaire schreibt, „nahezu alle Initiativen und Projekte, die auf eine Verbesserung der deutsch-französischen Beziehungen gerade im sozio-kulturellen Bereich zielten. Er war auch die Grundlage für die Überlegungen, die vor 1933 über die Möglichkeit eines deutschen Stiftungshauses in der Cité Universitaire angestellt wurden.“[13]

Allerdings waren es in dieser Zeit vor allem die Verantwortlichen der Cité internationale, die sich hier äußerst vorsichtig und bremsend verhielten. 1927 erklärte der Sekretär der sie tragenden  Stiftung, die Schaffung eines deutschen Hauses sei zwar „wünschenswert“ und im Einklang mit der deutsch-französischen Annäherung, aber sie könne/müsse als verfrüht („prématurée“) betrachtet werden. Bevor man damit an die Öffentlichkeit gehe, sollten die nächsten Parlamentswahlen abgewartet werden. In dieser delikaten Angelegenheit müsse man mit großer Vorsicht und Diskretion vorgehen. Aber auch das Quai d’Orsay wollte nichts übereilen oder forcieren. In einer Stellungnahme von Außenminister Briand an den Président de Conseil der CIUP vom 30. März 1931 betonte er zwar das große politische Interesse an der Einrichtung neuer Häuser für Studenten Zentral- und Osteuropas. Aber er bezog sich dabei ausdrücklich zuerst auf Polen, Jugoslawien,  Rumänien „und eventuell Österreich und Deutschland“, das hier also an letzter Stelle steht.[14]

Der Gründer und Präsident der CIUP, André Honorat, wurde allerdings um 1930 zu einem „nachdrücklichen Befürworter des Bau eines deutschen Hauses in der Cité Universitaire.“ (Bock). Allerdings setzte sein aktives Engagement gerade in einem Moment ein, als in Deutschland die Weltwirtschaftskrise mit ihren desaströsen wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen das Ende der „goldenen zwanziger Jahre“ und der Weimarer Republik insgesamt einläutete. Nun war es die deutsche Seite, die das Projekt ablehnte: Es diene „nicht zum wenigsten der französischen Kulturpropaganda“ und es liege „vom sozialen Gesichtspunkt aus kein dringender Bedarf“ vor. „Denn es besteht wohl kein Zweifel, dass die deutschen Studierenden, die sich in Paris aufhalten, in der Regel Kreisen  entstammen, die wirtschaftlich leistungsfähiger sind als der große Durchschnitt der deutschen Studenten.[15]

Scheiterte also das Projekt in den 1920-er Jahren vor allem an politischen Opportunitätszweifeln in Frankreich, so stieß es nach 1930, als es von französischer Seite begrüßt wurde, auf die Bedenken der deutschen Verantwortlichen, die den Plan eines deutschen Hauses in Paris angesichts der Wirtschaftskrise nicht für politisch durchsetzbar hielten, wie Bock in seinem Aufsatz über den langen Weg zum Deutschland-Haus in der Cité internationale universitaire in Paris scheibt.

Neue Bewegung kam in die Bemühungen zur Errichtung eines deutschen Hauses in der Zeit des Dritten Reichs. Hitlers Architekt Albert Speer, der den Pavillon des nationalsozialistischen Deutschland auf der Pariser Weltausstellung von 1937 entworfen hatte, besuchte in diesem Jahr mit dem Handelsattaché der französischen Botschaft in Berlin auch die CIUP und war sehr beeindruckt. Gegenüber seinem französischen Gesprächspartner zeigte er sich überzeugt, Hitler für das Projekt gewinnen zu können. Es wurden bereits konkrete Überlegungen zum Ort des Hauses und  über seine Finanzierung durch die Reichsregierung angestellt. Nun war es  wieder die französische Seite, die sich – in nur allzu verständlicher Weise- ablehnend verhielt, stehe doch die nationalsozialistische Ideologie im fundamentalen Gegensatz zu den die CIUP bestimmenden Grundsätzen des Friedens und der Völkerverständigung- was sich dann ja auch auf grauenhafte Weise durch die Entfesselung des zweiten Weltkriegs und den Holocaust bestätigte.

Nach der Niederlage des faschistischen Deutschlands und dem Aufbau eines demokratischen Systems in den westlichen Besatzungszonen erhielt das Konzept eines deutschen Hauses in der CIUP eine neue Chance: Aus politischen Gründen, weil Frankreich im Sinne einer Deutschland-Politik der „Kontrolle durch Integration“ an einer Förderung der politischen und gesellschaftlichen Kräfte interessiert war, „die den geistigen Dialog und die praktischen Zusammenarbeit zwischen Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland herbeiführen wollten.“ Außerdem war es ein Glücksfall, dass André François- Poncet 1949 französischer Hochkommissar für Deutschland wurde und 1952 zusätzlich auch noch Präsident der Cité internationale universitaire. François-Poncet, von 1931 bis 1938 Botschafter Frankreichs in Berlin, war ein hervorragender Kenner und Freund Deutschlands, und für ihn war die Präsenz Westdeutschlands in der CIUP ein besonderes Anliegen. Es passte auch zu den Bemühungen um eine politische und militärische Integration Westeuropas, wie sie im Schumann-Plan vom  Mai 1950 und dem Projekt einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft zum Ausdruck kamen. Und es passte gut zur Entwicklung der Cité internationale, die in dieser Zeit gerade mit zahlreichen neuen Bauvorhaben (Norwegen, Ägypten, Marokko, Mexiko) eine zweite Expansionsphase erlebte. Für die junge Bundesrepublik auf der anderen Seite war das Projekt eines deutschen Hauses  ein „Angebot, im sozio-kulturellen Bereich wieder in die internationale Gemeinschaft aufgenommen zu werden.“[16]

Am 10. September 1952 wurde in Frankfurt die „Stiftung Deutsches Haus in der Cité Universitaire in Paris“  gegründet, deren Kern die Rektoren der Universitäten Tübingen, Mainz und Frankfurt bildeten. Dazu kamen Repräsentanten von Industrie und Handel sowie der öffentlichen Verwaltung. Noch im gleichen Monat wurde  einArchitekten-Wettbewerbs für den Bau des Hauses vorbereitet. Damit begann die Gründungsphase des seit den 1920-er Jahren immer wieder diskutierten und umstrittenen Projekts.

Die Gründungs-, Planungs- und Bauphase zog sich allerdings aus finanziellen, politischen und organisatorischen Gründen über mehrere Jahre hin. Erst am 23. November 1956 konnte das Gebäude als „Maison de l’Allemagne de l’Ouest“ und neunundzwanzigstes Wohnheim der Cité universitaire in Anwesenheit des französischen Präsidenten Coty und des deutschen Außenministers von Brentano seiner Bestimmung übergeben werden.[17] Damit war endlich das Ziel des langen und schwierigen 30-jährigen Wegs zum Deutschland-Haus in der Cité internationale universitaire erreicht: in der Tat ein Spiegel der deutsch-französischen Beziehungen zwischen den 1920-er und 1950-er Jahren.

 

 

Die Architektur des Hauses: Ausdruck des demokratischen Deutschlands

Das deutsche Haus in der Cité universitaire war Ausdruck der kulturellen und politischen Integration der Bundesrepublik Deutschland in die Gemeinschaft der demokratischen Staaten des Westens. Das sollte auch in der Architektur des Hauses deutlich werden. Immerhin handelte es sich bei diesem Vorhaben sicherlich um eines der ersten Bauprojekte der Nachkriegszeit, durch die sich die junge Bundesrepublik im Ausland darstellte- wenn nicht sogar das erste.

Es wurde also ein Bauwettbewerb ausgeschrieben, an dem teilzunehmen sieben Architekten eingeladen wurden, zu denen immerhin so prominente Vertreter der deutschen Nachkriegsarchitektur wie Egon Eiermann und Sep Ruf gehörten. Als einstimmig ausgewählter Sieger ging aus diesem Wettbewerb Johannes Krahn hervor. Krahn war ausgewiesener Gegner des Nationalsozialismus, hatte 1933 deshalb auch seinen Posten an der Kunstschule Aachen verloren. Während des Dritten Reichs war er von allen öffentlichen Aufträgen ausgeschlossen und lebte von Arbeiten für Privatleute. Nach dem Krieg ließ  er sich in Frankfurt nieder, wo er  später auch Professor an der Städelschule und von 1965 bis 1970 deren Direktor wurde. Krahn hatte vor dem Pariser Projekt u.a. schon –zusammen mit Rudolf Schwarz- die Rekonstruktion der Frankfurter Paulskirche geplant. In dem Gebäude tagte 1848/1849 das erste demokratische deutsche Parlament. Im zweiten Weltkrieg wurde es wie die gesamte Frankfurter Innenstadt von alliierten Bombern zerstört, konnte aber 1948 zum 100-jährigen Jubiläum des Paulskirchenparlaments wiedereröffnet werden. Krahn war außerdem Architekt der französischen Botschaft in dem neben der provisorischen Bundeshauptstadt Bonn gelegenen Bad Godesberg (1950-1952). Zu seinen Werken gehörten damit zwei Referenzbauten, die sicherlich dazu beigetragen haben, dass er zum erlauchten Kreis der sieben zum Wettbewerb eingeladenen Architekten gehörte.[18]

Dass er ihn gewann, beruht auf der überzeugenden Konzeption, die er für  das deutsche Haus vorlegte. Und die Aufgabe war höchst anspruchsvoll:  Die zur Verfügung stehenden Mittel waren  -trotz französischer Beteiligung-  sehr begrenzt, weshalb auch ein von der Cité angebotenes repräsentatives Grundstück am Boulevard Jordan nicht genutzt werden konnte. Denn das  hätte einen größeren Umfang des deutschen Hauses vorausgesetzt, der  von deutscher Seite als nicht finanzierbar betrachtet wurde. Also wurde ein kleineres, schmales Grundstück am Südrand der Cité ausgewählt (an dem damals allerdings noch nicht der vielspurige laute boulevard périphérique vorbeiführte). Ausgehend von diesen beiden einengenden Voraussetzungen entwarf Johannes Krahn einen Bauplan des deutschen Hauses, der zu dem passte, was der SPD-Politiker Adolf Arndt 1960 in einer vielbeachteten Rede meinte, als er von der „Demokratie als Bauherr“ sprach: Ein besonderes Merkmal dieser „demokratischen“  öffentlichen Architektur der  Nachkriegszeit war die Transparenz, die Ikonen der Nachkriegsarchitektur prägte- von dem Kanzlerbungalow Sep Rufs über den Bonner Plenarsaal Günter Behnischs bis zur Reichstags-Kuppel Norman Forsters. An den Anfängen dieser Reihe hat das Deutsche Haus in der Cité universitaire seinen Platz. Es ist unter den vielen Häusern der Cité Universitaire sicherlich das transparenteste[19]: Die beiden vorspringenden seitlichen Flügel, Festsaal und Bibliothek, sind fast vollständig verglast, die Glasfronten, die entsprechend einer Bauhaus-Tradition auch an den Ecken nicht unterbrochen sind, ruhen lediglich auf niedrigen Natursteinsockeln. Besucher und Passanten können also die Studenten sehen, die in der Bibliothek arbeiten, und umgekehrt, und im Festsaal werden die Gardinen nur dann zugezogen, wenn es, wie bei Filmvorführungen,  erforderlich ist. Die beiden seitlichen Gebäude sind also, wie auch die Zimmer der Studenten, nach außen geöffnet.

Und offen ist auch der Zugang zum Haus. Der Besucher wird geradezu eingeladen einzutreten. Es gibt keine einzige Treppenstufe zwischen dem Zugang zum Haus, dem Eingangsfoyer, der Bibliothek und dem Festsaal.

Logo MHH 2017 (1) - Kopie

Das Logo des Heinrich Heine-Hauses mit der Stilisierung der Eingangsseite und den beiden Seitenflügeln

Und –typisch für die Nachkriegsarchitektur- Krahn hat bei dem Entwurf des Hauses auf jegliche Monumentalität verzichtet und aus der Not des schwierigen Grundrisses eine Tugend gemacht: Der Eingang befindet sich nicht wie bei vielen öffentlichen Gebäuden üblich auf der beeindruckenden Längsseite,  sondern auf der dem Park der Cité zugewandten Schmalseite. Das ist funktionsgerecht und Ausdruck von Bescheidenheit. Es gibt also auch keinen monumentalen Eingang, der die Menschen immer kleiner macht, je mehr sie sich dem Gebäude nähern, wie das bei  repräsentativen Bauten ja oft der Fall ist. Der Unterschied ist eklatant, wenn man das deutsche Haus mit dem Hauptgebäude der Cité internationale universitaire, der schlossähnlichen Maison Internationale vergleicht: Dort führen mehrere Stufen zum Eingang, und um zu dem Festsaal zu gelangen, muss man noch eine weitere Treppe emporsteigen: Der repräsentative Saal befindet sich im „piano nobile“ im , also im ersten Stock – der Spiegelsaal von Versailles lässt grüßen.

Der Effekt einer “bel étage“ wird im deutschen Haus gewissermaßen ersetzt durch die Brücke, die zum Haus führt. Sie hat die praktische Funktion, die Cafeteria im Untergeschoss mit Licht zu versorgen und ihr einen kleinen Vorraum im Freien zu verschaffen, aber es hat vor allem auch eine symbolische Funktion, indem sie das Programm des Hauses abbildet: Brücken zu bauen zwischen draußen und drinnen, zwischen Franzosen und Deutschen, zwischen den beiden Kulturen, zwischen den sogenannten „Erbfeinden“ Frankreich und Deutschland.  Insofern konnte es kein besseres Motto für die  60-Jahrfeier des Hauses geben als dieses: Brücken bauen.

La Maison Heinrich Heine ist also in der Tat „un bâtiment symbole pour la politique allemande de l’après –guerre.“[20] Als die Bundesbaudirektion 1992 ein Gutachten zur notwendigen Renovierung des Gebäudes erstellte, stellte sie also mit Recht fest, es handele sich um ein typisches Zeugnis der deutschen Architektur der Nachkriegszeit. Und sie fügte dann noch enthusiastisch hinzu, es handele sich aufgrund seiner außerordentlichen kreativen Qualitäten um eines der bedeutendsten Gebäude der 50-er Jahre in der Gegend von Paris. Mit den beiden Bauten von Le Corbusier (Schweiz und Brasiien) gehöre  es zu den schönsten der Cité internationale.[21] Es ist aber eine nicht ostentativ zur Schau gestellte Schönheit, sondern eine eher zurückhaltende, die sich erst bei näherem Hinsehen und Hineingehen erschließt.

Vor dem Eingang steht auf der rechten Seite ein Denkmal, dessen Bedeutung auch erst bei näherem Hinsehen erkennbar wird: Es ist der Erinnerung an Guillaume Fichet gewidmet, der 1470, also zwanzig Jahre nach Gutenberg, zum ersten Mal in Frankreich, an der Sorbonne, ein Buch mit beweglichen Lettern druckte.  Das gleiche Denkmal befindet sich auch auf dem Gelände der Universität Mainz – auch dies eine schöne symbolische Brücke zwischen Deutschland und Frankreich.

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Heinrich Heine: Der Name als Programm

Seit 1973 trägt das deutsche Haus in der Cité universitaire den Namen Heinrich Heine. Einen geeigneteren Namenspatron  für das deutsche Haus könnte es ja auch nicht geben als Heinrich Heine,  den Vermittler zwischen den Kulturen Frankreichs und Deutschlands.[22]  Heine hat es in seinem Testament vom 13. November 1851 als die große Aufgabe seines Lebens („la grande affaire de ma vie“) bezeichnet, für das herzliche Einvernehmen zwischen Deutschland und Frankreich zu wirken (‚de travailler à l’entente cordiale entre l’Allemagne et la France‘).[23]

Heinrich Heine liebte Frankreich, seine Freiheit, seine Sprache, seine Kultur, seine Frauen, seinen Champagner, seine Kochkunst, aber er liebte auch seine Heimat, den  Rhein, den Wald, die alten Mythen und vor allem die deutsche Sprache, die er so virtuos beherrschte wie die von ihm bewunderten Chopin und Liszt das Klavier.

Heinrich Heine war, auch wenn er in Deutschland steckbrieflich gesucht wurde,  in beiden Ländern zu Hause, und er träumte davon, dass Frankreich und Deutschland einmal versöhnt und vereinigt sein würden:

 „Laßt uns die Franzosen preisen! sie sorgten für die zwey größten Bedürfnisse der menschlichen Gesellschaft, für gutes Essen und bürgerliche Gleichheit, in der Kochkunst und in der Freyheit haben sie die größten Fortschritte gemacht, und wenn wir einst alle, als gleiche Gäste, das große Versöhnungsmahl halten, und guter Dinge sind, […] dann wollen wir den Franzosen den ersten Toast darbringen. […] sie wird doch endlich kommen, diese Zeit, wir werden, versöhnt und allgleich, um denselben Tisch sitzen; wir sind dann vereinigt, und kämpfen vereinigt gegen andere Weltübel, vielleicht am Ende gar gegen den Tod“  (Aus: Reisebilder, Reise von München nach Genua[24]

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Die Büste Heinrich Heines begrüßt die Besucher des Hauses im Foyer und sein Name wird auch ausdrücklich als Programm verstanden. In den Wünschen für das Jahr 2017 an die Freude des Hauses und seine Bewohner hat das die Leiterin des Heinrich Heine- Hauses  ausdrücklich  hervorgehoben: In der Tradition Heinrich Heines werde das Haus auch künftig daran arbeiten, Brücken zu bauen, vor allem zwischen Deutschland und Frankreich, aber auch zwischen verschiedenen Kulturen, Disziplinen, Wahrnehmungen und Visionen.[25] 

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Ein solches Programm hat sicherlich auch für das Jahr 2018 nichts an Attraktivität und Aktualität eingebüßt. In diesem  Sinne: Weiter alles Gute, liebes Heinrich Heine-  Haus in der Cité internationale universitaire de Paris!

 

Anmerkungen

[1] Die Cité Internationale Universitaire in Paris: Ein Ort des Friedens und der Völkerverständigung.  (Januar 2017)

[2] Deutsche Ausgabe:  Françoise Tillard, Die verkannte Schwester: die späte Entdeckung der Komponistin Fanny Mendelssohn Bartholdy. München: Kindler 1994
http://www.paroleetmusique.net/musique-de-chambre/trio-fanny-hensel/

Paul Tillard, Le pain des temps maudits; suivi de Mauthausen. Paris 2007

[3] https://maison-heinrich-heine.org/intervenant/alfred-grosser

[4] Zu seinen Eltern siehe den Blog-Beitrag: Exil in Frankreich

[5] Siehe dazu den Blog-Beitrag: Die Cité Internationale Universitaire de Paris, ein Ort des Friedens und der Völkerverständigung (Januar 2017)

[6] http://www.zeit.de/2006/25/Frankreich_xml/komplettansicht

[7] Siehe Blog-Bericht: Frankreich: Spitzenreiter bei der schulischen Ungleichheit

(7a) siehe Uwe Timm, Der Freund und der Fremde. Köln 2005, S. 72f

[8] http://www.parisberlinmag.com/kultur/die-maison-heinrich-heine-das-interkulturelle-studentenwohnheim_a-140-3241.html

[9] http://www.ciup.fr/maison-heinrich-heine/histoire-de-la-maison/

[10] Siehe dazu den Blog-Beitrag: Mit Heinrich Heine in Paris (Oktober 2017)

[11] Eine Würdigung der Arbeit des Hauses: http://www.parisberlinmag.com/kultur/die-maison-heinrich-heine-das-interkulturelle-studentenwohnheim_a-140-3241.html

[12] Zit. Babel, S. 68: „Reste que le projekt n’envisage pour l’heure que de construire des maisons d’étudiants avec d’anciens alliés ou neutres de la Grande Guerre, des „nations amies“ écrit Paul Appell.“

(12 a) F. Sereni, La Cité internationale universitaire de Paris: ambitions mondiales et réalités européennes (1925-1956). In: R. Girault et G. Bossuat (dir), Europe brisée, Europe retrouveé. Paris 1994, S. 91

[13] Bock, in MHH, S. 67. In diesem Abschnitt stütze ich mich wesentlich auf diesen grundlegenden Aufsatz.

[14]Après avoir accueilli les ressortissants de tant de  nations et de tant de cultures, cette institution doit maintenant se compléter par la fondation de nouveaux pavillions destinés aux étudiants de l’Europe  centrale et orientale. Il y a  là, pour notre pays, un intérêt politique de premier ordre et j’attache le plus grand prix à la réalisations des projets qui ont été formés à cet égard et qui nous permettront de faire place à la  jeunesse intellectuelle de ces pays, en particulier de la Tchécoslovaquie, de la Pologne, de la Yougoslavie, de la Roumanie et éventuellement de l’Autriche et de l’Allemagne.“ (cit Babel  p. 75)

[15] Stellungnahme der deutschen Botschaft aus dem Jahr 1930, zit. bei Bock, S.71/72

[16]  Bock in MHH, S. 93

[17] Lappenküper in MHH, S.148

[18] Johannes Krahn entwarf übrigens auch den beeindruckenden deutschen Soldatenfriedhof Mont-de-Huisnes gegenüber dem Mont-Saint-Michel. (siehe den Blog-Beitrag „Normandie (2): Schattenseiten der Vergangenheit“).   In diesem Abschnitt beziehe ich mich vor allem auf den Aufsatz von Martin Raether, „L’architecture de la Maison Heinrich Heine“ und die Diskussion zwischen Ulrich Lappenküper, Hans-Joachim Lorenz, Martin Raether und Daniel Wentzlaff in MHH, S. 322ff

[19] Daniel Wentzlaff in: MHH, S. 348

[20] Ulrich Lappenküper in MHH, S. 351

[21] Zit. von Martin Raether in MHH, S. 330

[22]  Siehe dazu den Blog-Beitrag: Heinrich Heine in Paris (Oktober 2017)

[23] Zit. bei Bernd Kortländer, Mit Heine durch Paris. Reclam Taschenbuch Nr. 20384, Stuttgart 2015, S. 12

[24] Düsseldorfer Heine-Ausgabe, DHA Band VII, S. 70

Siehe auch: Gerhard Höhn: Heinrich Heine, une figure européenne. In MHH, S. 312ff

[25] https://maison-heinrich-heine.org/a-propos/qui-sommes-nous 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung der MHH.

 

Praktische Hinweise

Kontakt und Informationen (z.B. Veranstaltungen, Öffnungszeiten) über: https://maison-heinrich-heine.org/de

https://maison-heinrich-heine.org/a-propos/programme-manifestations-culturelles  : Hier kann man das Veranstaltungsprogramm direkt einsehen und herunterladen.

Man kann dort auch den newsletter abonnieren, so dass man regelmäßig über die Veranstaltungen des Hauses informiert wird.

Bewerbungsmodalitäten für Wohnheimplätze: https://maison-heinrich-heine.org/hebergement/devenir-resident

Diskussionen (conférences-débats) finden i.a.  in französischer Sprache statt, aber es gibt oft auch  Simultanübersetzungen, vor allem wenn deutsche Diskussionsteilnehmern/innen beteiligt sind, die ihre Beiträge in deutscher Sprache vortragen möchten.

 

En savoir plus:

Martin Raether (Hrsg): Maison Heinrich Heine Paris 1956-1996. Quarante  ans de présence culturelle. Bonn, Paris 1998 (abgekürzt: MHH)

Dzovinar Kévonian et Guillaume Tronchet: La Babel étudiante. La cité universitaire de Paris (1920-1950) Rennes: Presses universitaire 2013

Ulrich Lappenküper, Ein „Mittelpunkt deutscher Kulturarbeit“: Das Deutsche Haus in der Cité universitaire in Paris (1950 – 1956). In: Pariser historische Studien no 81,2007, S. 257-279

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Der schwierige Umgang mit einem düsteren Kapitel der französischen Vergangenheit: Die Erinnerung an Sklavenhandel und Sklaverei
  • Street-Art in Paris (1): Einführung und Überblick 
  • Street-Art in Paris (2): Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • Street-Art in Paris (3): Der Invader
  • Auf dem Weg nach Paris: Die Mühle von Valmy, ein Fanal der Französischen Revolution

Mit Heinrich Heine in Paris

 

Heinrich Heine,  einer der prominentesten Paris-Verehrer, verbrachte die Hälfte seines Lebens  in der Stadt seiner Träume.  Paris war für ihn  eine „Zauberstadt“, „die geistige Hauptstadt Europas“, „Hort der Revolution“ bzw. „die Hauptstadt der Revolution“, „ein Pantheon der Lebenden“, ja die „Spitze der Welt“, „das neue Jerusalem“.   „Paris ist nicht bloß die Hauptstadt von Frankreich, sondern der ganzen zivilisierten Welt. … Versammelt ist hier alles, was groß ist durch Liebe und Hass, durch Fühlen und Denken, durch Wissen oder Können, durch Glück oder Unglück, durch Zukunft oder Vergangenheit.“ [1]

Für Heines Übersiedlung nach Paris gab es mehrere Gründe:

  • Die Aussichtslosigkeit, als geborener Jude und aufmüpfiger Geist  eine sicher besoldete Stelle in Deutschland  zu erhalten, woran die Konversion  zum Christentum nichts änderte
  • Seine Begeisterung für die Revolution von 1830 in Frankreich und für Paris
  • Die Gefahr, in der Unterdrückungsphase des „Vormärz“ zwischen 1830 und 1848 in Deutschland Opfer der herrschenden Repression zu werden

Ökonomische und politische Gründe veranlassten auch viele andere Deutsche, ihr Glück oder wenigstens ihr Auskommen in Paris zu suchen.  „Ende der 1840er Jahre kam auf zwanzig Bewohner der Stadt ein Deutscher. Ihre Zahl betrug knapp sechzigtausend: Künstler, Schriftsteller, Publizisten, aber noch mehr Handwerker…. Viele Arbeitslose aus entlegenen Winkeln Deutschlands suchten und fanden Arbeit in Paris, so zahlreiche Nordhessen, die die Straßen und Plätze der Stadt kehrten. Die Säuberung der Hauptstadt Europas war fest in der Hand von hessischen Gastarbeitern. An den Sonntagen trafen sie sich in den Gastwirtschaften (also den Guinguettes W.J.)  am Rande der Stadt und zogen abends mehr oder weniger angetrunken und deutsche Lieder singend nach Hause.“ [2] Für die Deutschen in Paris gab es übrigens sogar eine eigene Kirche, und zwar in „unserem“ 11. Arrondissement, dem Handwerkerviertel, am Jardin Titon. Inzwischen ist das die Kirche der Koreaner. So ändern sich die Zeiten….

Aber zurück zu Heine: Dass er sein halbes Leben in Paris verbrachte, hatte also zwei Seiten: eine negative, auf Deutschland bezogen, und eine positive- bezogen auf Frankreich:  In Deutschland  erwarteten ihn Perspektivlosigkeit und drohte ihm eine Verhaftung wegen „demagogischer Umtriebe“. Ein alter Justizrat, der mehrere Jahre in der Festung  Spandau bei/in Berlin eingekerkert war, hatte ihm erzählt, wie unangenehm es sei, wenn  man im Winter Eisenringe um die Füße tragen müsse.  Heine dazu in seinem wunderbar locker-ironischen Stil:

» Ich fand es in der Tat sehr unchristlich, dass man den Menschen die Eisen nicht ein bisschen wärme. Wenn man uns die Ketten  ein wenig wärmte, würden sie keinen so unangenehmen Eindruck machen…. Ich frug meinen Justizrath, ob er zu Spandau oft Austern zu essen bekommen. Er sagte Nein, Spandau sei zu weit vom Meere entfernt. … Da ich nun wirklich einer Aufheiterung bedurfte, und Spandau zu weit vom Meere entfernt ist, um dort Austern zu essen, und mich die Spandauer Geflügelsuppen nicht sehr lockten, und auch obendrein die preußischen Ketten im Winter sehr kalt sind und meiner Gesundheit nicht zuträglich seyn konnten, so entschloß ich mich, nach Paris zu reisen und im Vaterland des Champagners und der Marseillaise jenen zu trinken und diese letztere, nebst En avant marchons und Lafayette aux cheveux blancs, singen zu hören.« [3]

Und hier ist ja auch die andere Seite wunderschön bezeichnet: Heine reist ins „Vaterland des Champagners und der Marseillaise“:  Er sah in Frankreich die ideale Verbindung von Genuss und politischem Fortschritt, besonders nachdem dort der sogenannte Bürgerkönig Louis Philippe herrschte, der nicht mehr wie seine Vorgänger roi de France, sondern roi des Français war- ein für Heine entscheidender Unterschied! Während eines Besuchs auf Helgoland erfährt Heine von der Juli- Revolution in Frankreich und ist außer sich vor Begeisterung:  „Lafayette, die dreifarbige Fahne, die Marseillaise… Ich bin wie berauscht….Lafayette, die dreifarbige Fahne, die Marseillaise… Fort ist meine Sehnsucht nach Ruhe. Ich weiß jetzt wieder, was ich will, was ich soll, was ich muss. Ich bin der Sohn der Revolution und greife wieder zu den gefeiten Waffen.“ [4]

Am 1. Mai 1831 reist Heine, 33 Jahre alt,  nach Paris,  wo er als einmal in einem früheren französischen Hoheitsgebiet Geborener Bleiberecht hat und als bereits bekannter und von deutschen Behörden verfolgter deutscher Dichter freundlich aufgenommen wird. Dort bleibt er  – abgesehen von zwei kurzen illegalen Besuchen seiner Mutter in Hamburg- bis zu seinem Tod am 17. Februar 1856. (4a)

Von einer dieser Reisen nach Paris zurückgekehrt, schreibt Heinrich Heine:

„Nach einer vierwöchentlichen Reise bin ich seit gestern wieder hier, und ich gestehe, das Herz jauchzte mir in der Brust, als der Postwagen über das geliebte Pflaster der Boulevards dahinrollte, als ich den ersten Putzladen mit lächelnden Grisettengesichtern vorüberfuhr, als ich das Glockengeläute der Cocoverkäufer vernahm, als die holdselige zivilisierte Luft von Paris mich wieder umwehte. (…) Warum aber war die Freude bei  meiner Rückkehr nach Paris diesmal so überschwenglich, dass es mich fast bedünkte als beträte ich den süßen Boden der Heimat, als hörte ich wieder die Laute des Vaterlandes? Warum übt Paris einen solchen Zauber auf Fremde, die in seinem Weichbild einige Jahre verlebt? Viele wackere Landsleute, die hier sesshaft, behaupten, an keinem Orte der Welt könne der Deutsche sich heimischer fühlen als eben in Paris, und Frankreich selbst sei am Ende unserem Herzn nicht anderes als ein französisches Deutschland.“[5]

Im Folgenden werde ich einige Stationen Heinrich Heines in Paris aufsuchen. Es sind wichtige und interessante Orientierungspunkte, von denen aus ich einen Blick auf Heines Leben und Werk werfen möchte. Und zum Abschluss soll ein kleiner Rundgang auf den Pariser Spuren Heinrich Heines vorgestellt werden.

Bevor es losgeht, aber noch zwei Vorbemerkungen:

  1. Ich möchte den Rundgang auch dazu nutzen, Heines Werk seiner Pariser Jahre ein wenig vorzustellen. Da wird dann für manche manches/vieles Bekannte dabei sein, wofür ich um Verständnis bitte.
  2. Der deutsch-amerikanische Historiker Fritz Stern, in Deutschland auch bekannt durch seine Gespräche mit Helmut Schmidt, sagte am 20.6.2011 in einem Vortrag über den Europäer Heinrich Heine in der Maison Heinrich Heine in der Cité Universitaire: „ Er schreibt so genial, dass es verführerisch ist, ihn zu zitieren“.  Ich werde das hemmungslos tun, denn warum sollte man sich nicht von Heine verführen lassen?
  3. Bei den hier vorgeschlagenen Stationen handelt es sich um eine Auswahl, die sich, mit drei Ausnahmen  (Porte Saint- Denis, Rue Laffitte und Rue Matignon) in einem Rundgang verbinden lassen. Manches muss da unberücksichtigt bleiben. Bernd Kortländer schlägt in seinem Buch „Mit Heine durch Paris“ nicht weniger als 14 literarische Spaziergänge vor, wobei er sich allerdings auf  das Zitieren passender Heine-Texte beschränkt.  Der nachfolgende Blog-Beitrag ist insofern begrenzter und umfassender zugleich.

 

  1. Der Triumphbogen am Boulevard Saint-Denis: Einzug in Paris

Die Porte Saint-Denis war zu Zeiten Heines das Stadttor, durch das Reisende aus Deutschland Paris betraten. Auch Heine kam im Mai 1831 hier vorbei und schildert seinen Einzug durch den von Ludwig XIV. errichtete Triumphbogen:

»In zwanzig Minuten war ich in Paris, und zog ein durch die Triumphpforte des Boulevards Saint-Denis, die ursprünglich zu Ehren Ludwigs XIV. errichtet worden, jetzt aber zur Verherrlichung meines Einzugs in Paris diente. Wahrhaft überraschte mich die Menge von geputzten Leuten, die sehr geschmackvoll gekleidet waren wie Bilder eines Modejournals. Dann imponirte mir, daß sie alle französisch sprachen, was bey uns ein Kennzeichen der vornehmen Welt; hier ist also das ganze Volk so vornehm wie bey uns der Adel. Die Männer waren alle so höflich, und die schönen Frauen so lächelnd. Gab mir jemand unversehens einen Stoß, ohne gleich um Verzeihung zu bitten, so konnte ich darauf wetten, daß es ein Landsmann war; und wenn irgend eine Schöne etwas allzu säuerlich aussah, so hatte sie entweder Sauerkraut gegessen, oder sie konnte Klopstock im Original lesen. Ich fand alles so amüsant, und der Himmel war so blau und die Luft so liebenswürdig, so generös, und dabey flimmerten noch hie und da die Lichter der Julisonne; die Wangen der schönen Lutezia waren noch roth von den Flammenküssen dieser Sonne, und an ihrer Brust war noch nicht ganz verwelkt der bräutliche Blumenstrauß. An den Straßenecken waren freylich hie und da die liberté, égalité, fraternité schon wieder abgewischt.« [6]

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Noch angemessener wäre natürlich gewesen, wenn der Triumphbogen schon für den Vater Ludwigs XIV., Henri Quatre, errichtet worden wäre, dann hätte auf dem Triumphbogen passend zur Begrüßung Heines  HENRICO MAGNO  gestanden. Und Henri Quatre war auf dem Weg von der Basilika  Saint-Denis hier auch nach Paris eingezogen  und  er war etwas weniger prunk- und eroberungssüchtig  als sein Enkel- von seinem Faible für Frauen einmal abgesehen. Das hätte dann wohl noch besser zu Heinrich Heine gepasst, der sich gerade anschickte, „die Hauptstadt der zivilisierten Welt“ – und ihre Frauen- zu erobern.

(Porte St. Denis, Metro Strasbourg Saint – Denis; Linien 4,8 und 9)

  1. Die Passage des Panoramas: Die Frauen von Paris

Heine quartiert sich zunächst –wie damals auch über längere Zeit durchaus üblich- in Pariser Hotels ein und er ist entzückt von dem Pariser Leben.

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Heine –Portrait von Moritz Oppenheim  (1831) Hamburger Kunsthalle

 

Er ist ein attraktiver junger Mann mit fein geschnittenen Gesichtszügen, der allabendlich in der Passage des Panoramas am Boulevard Montmartre auf und ab schlendert.  1799 gebaut, ist es die älteste der Pariser Passagen, die es –angeregt durch die orientalischen Souks-  den Parisern ermöglichte, trockenen und sauberen (!) Fußes spazieren zu gehen  und einzukaufen: Damals ein riesiger Fortschritt, denn Trottoirs und Gullys fürs Regenwasser (oder sonstige Abwässer) gab es  noch nicht auf den Straßen. Der Name der Galerie ist abgeleitet von zwei großen Türmen am Eingang, in denen  -zum ersten Mal in Frankreich- Panorama-Bilder gezeigt wurden – ein großer Erfolg, der noch zunahm, als 1816 in der Galerie die erste Gasbeleuchtung von Paris installiert wurde. Als Heine 1831 nach Paris kam, waren die beiden Türme gerade abgerissen worden, aber die Passage des Panoramas war immer noch ein Anziehungspunkt für die Bewohner und Besucher der Stadt.

Die Passage des Panoramas früher und heute

 

Hier kann Heine erste Kontakte knüpfen und sein Französisch etwas aufpolieren:

Mit dem Französischen haperte es etwas bei meiner Ankunft; aber nach einer halbstündigen Unterredung mit einer kleinen Blumenhändlerin in der Passage des Panoramas ward mein Französisch, das seit der Schlacht bei Waterloo eingerostet war, wieder flüssig, ich stotterte mich hinein in die galantesten Konjugationen und erklärte der Kleinen sehr verständlich das Linnéische System, wo man die Blumen nach ihren Staubfäden einteilt; die Kleine folgte einer anderen Methode und teilte die Blumen ein in solche die gut röchen und solche welche stänken. Ich glaube, auch bei den Männern beobachtete sie dieselbe Klassifikation. Sie war erstaunt, dass  ich trotz meiner Jugend so gelehrt sei, und posaunte meinen gelehrten Rufe im ganzen Passage des Panoramas.“[7]

Zwar war die Passage ein Ort, „wo man abends gern vermeidet hindurchzugehen, wenn man eine Dame am Arm führt“,  wie ein zeitgenössischer Beobachter bemerkte.[8] Tagsüber konnte man dort aber die Auslagen der Juwelierläden betrachten oder bei Herrn Félix Pasteten kaufen und abends konnte Heine „jene  Zoen, Aglaen, Désiréen, Clarissen und Amalien“ treffen, die dort auf und ab flanierten. „Manche gebratene Taube“ sei ihm da  „ins offene, gaffende Maul“ geflogen“.[9] Diese „gebratenen Täubchen“ machte er dann unter dem vielsagenden Titel  Verschiedene  zum Gegenstand  ziemlich eindeutiger Verse.  Beispielsweise „Diana“:

                                   Welcher Busen, Hals und Kehle

                                  (Höher seh ich nicht genau)

                                  Eh‘  ich mich ihr anvertrau

                                 Gott empfehl ich meine  Seele.

 

In einem Brief vom Juli 1833 lässt Heine vermuten, wo er wohl manche solcher Verse niederschrieb:

„Ich schreibe diese Zeilen im Bett meiner schönhüftigen Freundin, die mich diese Nacht nicht fortließ“   – wer auch immer das damals gewesen sein mag. Einen entscheidenden Makel haben die Pariserinnen für Heine aber doch: Sie sind zu klein. Wenn man „die langen deutschen Glieder gewohnt ist“, sei es schwer, „sich hier einzurichten“. [10] Aber offensichtlich hat sich Heine doch gut einrichten gelernt.  Ein knappes Jahr später, im Oktober 1834, lernt er in der Passage des Panoramas Augustine Crescence  Mirat kennen, eine Schuhverkäuferin im Geschäft ihrer Tante.  Sie kann weder lesen noch schreiben, aber dafür „plappern und plaudern“ [11] und bezaubert mit ihrem Temperament und ihren Tanzkünsten die Menschen, vor allem Heine. Heine nennt sie Mathilde, er wird bis zu seinem Tod mit ihr zusammenleben, sie lieben, neben und unter ihr leiden und –trotz alledem- bei ihr bleiben- und sie bei ihm.

 

  1. Cité Bergère No 3: Mathilde und das Duell

Heine lebt hier von Januar 1836 bis Januar 1838, also immerhin volle zwei Jahre.  Das ist für ihn schon ziemlich lange, denn seitdem er im Mai 1831 nach Paris übersiedelte, ist das schon seine 6. Unterkunft.  Dies vor allem wegen seiner Lärmempfindlichkeit-  Heine erträgt  keine tickende Uhr in seinem Zimmer, geschweige denn alle möglichen heftigeren Geräusche, die es in einer Stadt wie Paris fast zwangsläufig gibt. In einem Brief vom 24. Okt. 1833 schreibt Heine: „Eine Familie mit entsetzlichem Spektakel und Kindergeschrei ist grad unter mir eingezogen.“ [12] Mit der Wohnung in der Cité Bergère war Heine dagegen (zunächst) sehr zufrieden. Sein neues Appartement, so teilte er seinem Verleger Campe mit, sei „prächtig und wollüstig angenehm, so dass  ich jetzt warm und wohlig sitze. Es ist Cité Bergère No 3.“ , gelegen „in einer dorfähnlichen Oase parallel zu den Boulevards, die heute noch eine kleine Stadt in der Stadt bildet.“[13]

 

Grillparzer hat ihn dort besucht. Er schreibt dazu in seinem Tagebuch (Paris, 27. April 1836):  „Hatte endlich die Wohnung Heines erfragt, gieng heute zwölf Uhr zu ihm, cité Bergère N° 3. Als ich schellte, öffnete mir ein hübscher, runder junger Mann im Schlafrock, der mir wie einem alten Bekannten die Hand reichte. Es war Heine selbst, der mich für den Markis de Cüstine hielt. Er zeigte große Freude als ich mich nannte und führte mich in seine tolle Wirthschaft hinein. Tolle Wirthschaft. Denn er wohnt da in ein paar der kleinstmöglichen Stuben mit einer oder zwei Grisetten, denn zwei waren eben da, die in den Betten herumstörten, und von denen er mir eine, eben nicht zu hübsche, als seine petite bezeichnete. Er selbst aber sieht wie die Lebenslust und, mit seinem breiten Nacken, wie die Lebenskraft aus. Machte mir einen sehr angenehmen Eindruck, denn mir ist der Leichtsinn nur da zuwider, wo er die Ausübung dessen was man soll, hindert.  Wir kamen gleich in die Literatur, fanden uns in unsern Neigungen und Abneigungen ziemlich auf demselben Wege und ich erfreute mich des seltenen Vergnügens bei einem deutschen Literator gesunden Menschenverstand zu finden.“[14]

Dies Gespräch über  Literatur findet  in Heines Arbeitszimmer statt. Hier ist Grillparzer besonders von der Bibliothek beeindruckt, weil die nur aus einem einzigen Buch besteht. In der Tat ein bemerkenswertes Verhältnis, wie Grillparzer findet: zwei muntere junge Frauen im Bett, ein Buch im Arbeitszimmer! Um welches Buch es sich handelt, habe ich  leider bei meiner Beschäftigung mit Heine in Paris nicht herausfinden können. Heines eigentliches Arbeitszimmer war übrigens die Bibliothèque Royale, wo er sich regelmäßig aufhielt, um an seinen Abhandlungen über deutsche Literatur und Philosophie zu arbeiten.

Die Grisette, die Heine Grillparzer gegenüber seine „petite“ nannte, ist vermutlich Mathilde, die zweite wohl ihre Freundin Pauline.  Was eine „Grisette“ ist, erfahren wir  bei Wikipedia: „Der Begriff Grisette bezeichnete in der französischen Literatur des 19. Jahrhunderts eine junge, unverheiratete Frau niederen Standes, meist aus dem oberen Bereich der Unterschicht, die sich selbstständig als Putzmacherin, aber auch als Näherin (Midinette), Wäscherin oder Fabrikarbeiterin ihren Lebensunterhalt verdiente. Sie wohnte alleine, ohne Aufsicht ihrer Eltern, was in dieser Epoche als unkonventionell galt. Der Name leitet sich ab von einem grauen, günstigen und strapazierfähigen Wollstoff namens Grisette, den sie häufig als Kleid trugen und den sie sich auch von ihrem geringen Verdienst leisten konnten. Mit dem Ausdruck wurde in Paris ein nicht ganz ehrbarer Lebenswandel verbunden, namentlich wurden manche Frauen als Grisettes du quartier latin bezeichnet, die Geliebten der Studenten, Künstler usw. im Quartier Latin, die mit ihren Liebhabern einige Zeit unverheiratet zusammen lebten. Sie bildet literarisch das Gegenstück zum männlichen „Bohémien“, steht aber im Gegensatz zur „Kokotte“, der berufsmäßigen Prostituierten.“

Und dass noch eine weitere „Grisette“ im Bett „herumstörte“:  Das ist Heine, wie er leibt und lebt: Kein Wunder, dass er in dieser Zeit begeistert seinem Verleger mitteilte: „Ich befinde mich gesünder und heiterer als jemals und genieße mit vollsaugender Seele alle Süßigkeiten dieser Lustsaison. Dank den ewigen Göttern!“.[15]

Die sog. bessere Gesellschaft war allerdings nicht so verständnisvoll wie Grillparzer, sondern eher  verwundert oder gar befremdet über eine solche „mésalliance“:  hier ging es Heine wohl ähnlich wie Goethe mit seiner Christiane Vulpius.

 

In die Zeit der Cité Bergère fällt auch das Duell Heines- eine schöne von Kerstin Decker berichtete Geschichte, die deshalb auch hier berücksichtigt werden soll. Worum geht es? Heine diniert –nachdem er endlich einen Vertrag mit seinem Verleger Campe über die Herausgabe einer Gesamtausgabe abgeschlossen hat- mit Mathilde und einem Freund im Restaurant „Bœuf à la mode“. Am Nebentisch sitzen sechs französische Studenten, die offenbar mit Mathilde anzubändeln versuchen, die von dem Gespräch Heines mit seinem deutschen Freund ausgeschlossen ist. Plötzlich springt der  -notorisch eifersüchtige- Heine auf und verpasst dem nächstsitzenden Studenten eine schallende Ohrfeige.  Eine  Schlägerei bahnt sich an- gerade noch  vom Wirt und beherzten Gästen abgewendet, die sich zwischen die Kampfhähne stellen. Dafür werden dann Visitenkarten ausgetauscht – und da der Hauptbeleidigte  altem Adel entstammt, erhält Heine eine Aufforderung zum Duell.  Heine, sonst ja eher wenig dem Adel zugeneigt, engagiert u.a. einen polnischen Grafen als Sekundant, der mit  der anderen Seite die Bedingungen aushandelt und am 1. Mai mit einem Vollblutvierergespann in der Cité Bergère vorfährt, um Heine zum Duell abzuholen. Heine ist selten so wohlgelaunt und geistreich wie auf dem Weg zum Duellplatz. Dort kommt es noch  einmal zwischen den Sekundanten beider Seiten zu einer Unterredung, die einen bemerkenswerten Ausgang hat: Der Beleidigte hat nun selbst keine Lust mehr, auf einen, wie er soeben erfahren hat, berühmten Dichter zu schießen. Heine lässt übermitteln, dass die Ohrfeige vielleicht etwas unangemessen war, und damit ist die Sache erledigt. Oder doch nicht ganz: Denn am nächsten Morgen steht in einem Pariser Journal, Heine habe, getroffen von der Kugel des Gegners, großmütig in die Luft geschossen. Ein anderes meldet, aufgrund beleidigender Äußerungen des Franzosen über deutsche Manieren habe der Dichter ein Duell gefordert und sei dabei von einem  Pistolenschuss getroffen worden. In   der „Allgemeinen Zeitung“, der bedeutendsten deutschen Zeitung dieser Zeit, deren  Pariser Korrespondent Heine ist, wird das umgehend nachgedruckt.  Heine merkt, dass man nicht nur durch Gedichte, sondern auch mit Duellen berühmt werden kann – so dass er –allerdings vergeblich-  mit einem breitschultrigen, großmäuligen  deutschen Major  in Paris ein weiteres –fiktives- Duell auszumachen versucht, um seinen Ruhm noch weiter zu steigern….  [16]

(Cité Bergère zwischen Bd Poissonière und Rue Bergère. Metro Grands Boulevards oder Bonne Nouvelle; Linien 8 oder 9)

 

  1. Palais Rothschild, Rue de Laffitte 19: Heines spitze Zunge

Grillparzer traf Heine übrigens nicht nur in seiner Wohnung, sondern einige Tage später auch bei einem Empfang von Baron James de Rothschild, dem damals reichsten Mann Frankreichs  (oder wie Decker meint, sogar dem reichsten Mann der Welt). Heine ist zur Eröffnung von dessen im Stil der französischen Renaissance errichteten protzigen Stadtpalast in der Rue de Laffitte eingeladen, der allerdings 1969 abgerissen wurde. In einem  Beitrag für die „Allgemeine Zeitung“ bezeichnete er das neue Stadtpalais der Rothschilds als „das Versailles der absoluten Geldherrschaft“.[17] Hier sei alles vereinigt, was nur der Geist des 16. Jahrhunderts habe ersinnen und nur der Geist des 19. Jahrhunderts habe  bezahlen können:

 

Für die schöne Welt von Paris war gestern ein merkwürdiger Tag: die erste Vorstellung von Meyerbeers langersehnten Hugenotten gab man in der Oper, und Rothschild gab seinen ersten großen Ball in seinem neuen Hotel. … da ich ihn erst um vier Uhr diesen Morgen verlassen und noch nicht geschlafen habe, bin ich zu sehr ermüdet, als dass ich Ihnen von dem Schauplatze dieses Festes, dem neuen, ganz im Geschmack der Renaissance erbauten  Palaste, und von dem Publikum, das mit Erstaunen  darin umherwandelte, einen Bericht abstatten könnte. Dieses Publikum bestand, wie bei allen Rothschild-Soireen, in einer strengen Auswahl aristokratischer Illustrationen, die durch große Namen  oder hohen Rang, die Frauen  aber mehr durch Schönheit und Putz, imponieren könnten. Was jenen Palast mit seinen Dekorationen betrifft, so ist hier alles vereinigt, was nur der Geist des 16. Jahrhunderts ersinnen und das Geld des 19. Jahrhunderts bezahlen  konnte; hier wetteiferte der Genius der bildenden Kunst mit dem  Genius von Rothschild. Seit zwei Jahren ward an diesem Palast und seiner Dekoration beständig gearbeitet, und die Summen, die daran verwendet worden, sollen ungeheuer sein. Hr. von Rothschild lächelt, wenn man in darüber befragt. Es ist das Versailles der absoluten Geldherrschaft. Indessen muss man den  Geschmack, womit alles ausgeführt ist, ebenso sehr wie  die Kostbarkeit der Ausführung bewundern. Die Leitung der Verzierungen hatte Hr. Duponchel übernommen, und alles zeugt von seinem guten Geschmack. Im Ganzen, so wie in den Einzelheiten, erkannt man auch den feinen Kunstsinn der Dame  des Hauses, die nicht bloß eine der hübschesten Frauen  von Paris ist, sondern, ausgezeichnet durch Geist und Kenntnisse, sich auch praktisch mit bildender Kunst, nämlich Malerei, beschäftigt.“[18]

Heine verstand sich, wie hier deutlich wird,  gut mit der Hausherrin, der er seine Bücher schickte. Anders sein Verhältnis zum Baron. Über dessen  Privatkabinett schreibt Heine:

Jenes Privatkabinett ist in der Tat ein merkwürdiger Ort, welcher erhabene Gedanken und Gefühle erregt, wie der Anblick des Weltmeeres oder des gestirnten Himmels: wir sehen hier, wie klein der Mensch und wie groß Gott ist! Denn das Geld ist der Gott unserer Zeit und Rothschild ist sein Prophet.

Vor mehreren Jahren, als ich mich einmal zu Herrn von Rothschild begeben wollte, trug eben ein galonierter Bedienter das Nachtgeschirr desselben über den Korridor, und ein Börsenspekulant, der in demselben  Augenblick vorbeiging, zog ehrfurchtsvoll seinen Hut ab vor dem  nächtlichen Topfe. So weit geht, mit Respekt zu sagen, der Respekt gewisser Leute.“[19]

 

Heines Respekt ging nicht so  weit, wie  folgende schöne Geschichte zeigt:

„Als  ihn der Baron bei der Einweihung seines Palasts fragt, warum der Wein, den sie gerade trinken, wohl „Lacrima Christi“ heiße, schlug Heine zu:  „Übersetzen Sie nur! Christus weint, wenn reiche Juden solchen Wein trinken, während so viel arme Menschen Hunger und Durst leiden.“  Aber das ist noch nicht genug.  Heine beteiligt sich anschließend auch an der allgemeinen Erörterung, warum die Seine in Paris so schmutzig ist. „Am wenigsten Verständnis  dafür hat der Hausherr selbst. Er habe den Fluss einmal an der Quelle gesehen: Ein Wasser, klar wie Kristall. Heine nickt langsam und spricht zum Baron: Ihr Vater soll doch auch ein rechtschaffener Mann gewesen sein, Herr Baron!“ [20]

Heine konnte sich solche Frechheiten –die Grillparzer dann doch zu weit gingen-  aber offenbar erlauben- jedenfalls bei Rothschild, im Gegensatz zu vielen anderen Menschen, die es weniger goutierten, dass Heine „selbst seine besten Freunde mit seiner grausamen Spöttelei“ verfolgte –  so  eine wohlwollende Freundin in ihren Erinnerungen.[21] Im Hause des Barons Rothschild  hatte er dagegen  Narrenfreiheit.  Die Börsenspekulationen, die er mit großem Engagement bis zu seinem Tode betrieb, wären ohne Rothschild nicht möglich gewesen. Während die Spekulation mit der Prager Gasbeleuchtung ein arger Reinfall war, hatte Heine mit den vom Baron empfohlenen  Eisenbahnaktien mehr Glück:  Heine vermachte sie seiner Frau als Altersversorgung- aber Mathilde, die kein Verhältnis zum Geld hatte, verschenkte sie einfach….

Leider ist von dem Palais der Rothschilds heute nichts mehr zu sehen – und es gibt noch nicht einmal eine Erinnerungstafel. Trotzdem lohnt  sich ein Besuch in der Rue Laffitte durchaus. Wenn man nämlich vom Boulevard Haussmann oder vom Boulevard des Italiens kommt und die Straße hochgeht, hat man den grandiosen Blick auf Sacré Coeur und die klassizistische Kapelle Notre Dame de Lorette, von dem Henry Miller  in Quiet Days in Clichy schwärmte: “Looking towards the Sacré Coeur from any point along the rue Laffitte on a day like this, an hour like this, would be sufficient to put me in ecstasy“. The view is indeed a spectacular one, perhaps because of the narrowness of the street which is “just wide enough to frame the little temple at the end…and above it the Sacré Cœur,” noted Miller again, this time in Tropic of Cancer.[22]

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Stattdessen findet man hier einen modernen Zweckbau, der auf manchen Internetseiten gelobt wird für seine Offenheit und Modernität- gebaut u.a. von  Max Abramovitz, einem in der Tradition des Bauhauses stehenden bedeutenden amerikanischen Architekten der Nachkriegszeit, der u.a. auch am Bau des UNO-Hauptquartiers mitarbeitete. Dass aber der von Henry Miller gerühmte „Rahmen“ der Rue Laffitte aufgerissen und der Neubau rechtwinklig zur Straßenflucht in die offene Flanke gesetzt wurde, ist für mich ein  ästhetischer und städtebaulicher Vandalismus  – Bauhaus hin oder her.

 

  1. Boulevard Poissonière, Conservatoire, Cour d’Orléans:  Liszt, Chopin, George Sand und Berlioz

Heinrich Heine ist, als er 1831 nach Paris kommt, für die Pariser kulturelle Szene kein Unbekannter, er ist in den sogenannten besten Jahren, sieht blendend aus und ist ein kenntnisreicher und witziger Gesprächspartner, auch wenn er im Französischen bei weitem nicht an seine sprachliche Brillanz in der Muttersprache heranreicht. Heine wird also gerne in die einschlägigen Salons eingeladen und macht schnell eine Fülle von interessanten Bekanntschaften. Franz Liszt beispielsweise lernt er bei den frühsozialistischen Saint-Simonisten kennen, deren Zirkel beide zu Beginn der 1830-er Jahre besuchen.  Liszt führt Heine auch in den noblen Salon der Comtesse Marie d’Agoult ein, „einer großen blonden Dame von Welt. Heine war umgehend von ihr begeistert. Sie stammte aus Deutschland, aus der Frankfurter Bankiersfamilie Bethmann, war dann in einem französischen Konvent erzogen worden und hatte 1827 den Comte d’Agoult geheiratet, ihn aber bald wieder verlassen und sich in eine Liaison mit Liszt gestürzt, aus der zwei Töchter hervorgingen. Eine von ihnen Cosima, sollte später Richard Wagner heiraten.“ [23] Liszt stellt ihn als „unseren berühmten Landsmann Heine … , einen der ausgezeichnetsten Geister Deutschlands“ vor. Und Heine sprach umgekehrt von dem Komponisten als dem „genialsten Menschen“, den er „je kennengelernt.“[24] Und da Liszt damals mit George Sand befreundet  war, lernt er auch sie kennen und schickt ihr –sogar auf französisch- huldigende Zeilen: „Soyez persuadé qu’il est impossible d’exprimer combien vous êtes aimable, adorable, divine.[25] Er könne -jedenfalls  auf Französisch- nicht ausdrücken, wie liebenswert, anbetungswürdig und göttlich George Sand sei. (Solche französischen Briefe unterschreibt Heine übrigens gerne mit Henri Heiné – um zu verhindern, dass Franzosen seinen Namen wie „haine“- Hass- aussprechen.)  Aber dann versucht er es auf Deutsch, und George Sand, die „Cousine“,  bekommt von ihrem „Cousin“ einen seiner schönsten Briefe[26]

„Meine schöne und sehr gute Cousine! Ich kann (also selbst auf Deutsch, das Heinrich Heine  souverän beherrschte wie kaum ein anderer! W.J.) nicht in Worte fassen, wie bekümmert ich bin, dass ich Sie in Paris nicht mehr gesehen habe. Am Vorabend meiner Abfahrt habe ich durch Chopin Ihr liebenswürdiges Billet erhalten…. Tausend Dank! Ich hätte Sie so gern gesehen. Die Strahlen Ihrer Augen hätten mir wohlgetan. … Ich liebe Sie sehr, von ganzem Herzen, mit allen Fasern meines Herzens. Wenn Sie frei sind, erfreuen Sie sich Ihrer Freiheit! Ich bin noch in den schrecklichen Ketten, und weil man mich abends mit besonderer Sorgfalt ankettet, gelang es mir nicht, Sie in Paris zu sehen. Aber wenn ich alles hinter mir habe, werde ich Sie wiedertreffen, und sei es am Ende der Welt…  Leben Sie wohl. Erfreuen Sie sich Ihrer Freiheit. Weinen Sie nie, denn Tränen schwächen den Blick. Welch schöne Augen Sie haben. Quälen Sie sich nicht wegen der Zukunft; das macht grau. Und Ihr Haar ist das schönste, das ich gesehen habe. Henri Heine.“ [27]

Als Heine dies schrieb, wollte er sich von Mathilde – und ihren „schrecklichen Ketten“- losreißen, konnte es aber nicht. Und George Sand hatte Liszt mit Chopin vertauscht. Heine verehrte beide, Liszt,   den „genialen Pianisten“, und  Chopin, den „Raphael des Fortepiano“ [28]:

„Chopin ist von französischen Eltern in Polen geboren und hat einen Teil seiner Erziehung in Deutschland genossen. Diese Einflüsse dreier Nationalitäten machen seine Persönlichkeit zu einer höchst merkwürdigen Erscheinung; er hat sich nämlich das Beste angeeignet, wodurch sich die drei Völker auszeichnen: Polen gab ihm seinen chevaleresken Sinn und seinen geschichtlichen Schmerz, Frankreich gab ihm seine leichte Anmut, seine Grazie, Deutschland gab ihm den romantischen Tiefsinn … Die Natur aber gab ihm eine zierliche, schlanke, etwas schmächtige Gestalt, das edelste Herz und das Genie. Ja, dem Chopin muß man Genie zusprechen, in der vollen Bedeutung des Worts; er ist nicht bloß Virtuose, er ist auch Poet, er kann uns die Poesie, die in seiner Seele lebt, zur Anschauung bringen, er ist Tondichter, und nichts gleicht dem Genuß, den er uns verschafft, wenn er am Klavier sitzt und improvisiert. Er ist alsdann weder Pole noch Franzose noch Deutscher, er verrät dann einen weit höheren Ursprung, man merkt alsdann, er stammt aus dem Lande Mozarts, Raffaels, Goethes, sein wahres Vaterland ist das Traumreich der Poesie. Wenn er am Klavier sitzt und improvisiert, ist es mir, als besuche mich ein Landsmann aus der geliebten Heimat.“[29]

Links der Informationstext am Square d’Orléans: Die vier Seiten des Platzes wurden 1829 nach englischem Vorbild errichtet. Die Ruhe des Ortes zog viele romantische Künstler an. George Sand quartierte sich 1842 in der Nr. 5 ein. Ihr folgte bald danach Chopin, der die Erdgeschoss-Wohnung in Nr. 9 bezog. Beide verließen den Platz nach ihrem Bruch 1847.

Eine enge Beziehung entwickelte Heinrich Heine auch zu Hector Berlioz, dessen Trauzeuge er sogar wurde und über dessen Musik er  in seinen Briefen über die französische Bühne nach Deutschland berichtete:

„ …  Von Berlioz werden wir bald eine Oper erhalten. Das Süjet   ist eine Episode aus dem Leben Benvenuto Cellinis …    Man erwartet Außerordentliches, da dieser Componist schon Außerordentliches geleistet. Seine Geistesrichtung ist das Phantastische, nicht  verbunden mit Gemüth, sondern mit Sentimentalität… Schon seine äußere  Erscheinung deutet darauf hin. Es ist Schade, daß er seine ungeheure,  antediluvianische Frisur, diese aufsträubenden Haare, die über seine Stirne, wie ein Wald über eine schroffe Felswand, sich erhoben,  abschneiden lassen; so sah ich ihn zum erstenmale vor sechs Jahren, und  so wird er immer in meinem Gedächtnisse stehen. Es war im  Conservatoire de Musique, und man gab eine große Symphonie von ihm,  ein bizarres Nachtstück, das nur zuweilen erhellt wird von einer  sentimentalweißen Weiberrobe, die darin hin- und herflattert, oder von  einem schwefelgelben Blitz der Ironie. Das Beste darin ist ein Hexensabbath, wo der Teufel Messe liest und die katholische Kirchenmusik mit  der schauerlichsten, blutigsten Possenhaftigkeit parodirt wird. Es ist eine  Farce, wobey alle geheimen Schlangen, die wir im Herzen tragen, freudig  emporzischen. Mein Logennachbar, ein redseliger junger Mann, zeigte  mir den Componisten, welcher sich, am äußersten Ende des Saales, in einem Winkel des Orchesters befand, und die Pauke schlug. Denn die  Pauke ist sein Instrument. „Sehen Sie in der Avant-scene“ – sagte mein  Nachbar, „jene dicke Engländerinn? Das ist Miß Smithson; in diese Dame  ist Herr Berlioz seit drey Jahren sterbens verliebt, und dieser Leidenschaft  verdanken wir die wilde Symphonie, die Sie heute hören“. In der That, in der Avant-scene-Loge saß die berühmte Schauspielerinn von Covent- garden; Berlioz sah immer unverwandt nach ihr hin, und jedesmal, wenn  sein Blick dem ihrigen begegnete, schlug er los auf seine Pauke, wie  wüthend. Miß Smithson ist seitdem Madame Berlioz geworden, und ihr  Gatte hat sich seitdem auch die Haare abschneiden lassen. Als ich diesen  Winter im Conservatoire wieder seine Symphonie hörte, saß er wieder als  Paukenschläger im Hintergrunde des Orchesters, die dicke Engländerinn  saß wieder in der Avant-scene, ihre Blicke begegneten sich  wieder … aber er schlug nicht mehr so wüthend auf die Pauke).[30]

 

Erinnerungstafel für Berlioz (und Beethoven) am Conservatoire, wo 1830 seine Symphonie fantastique aufgeführt wurde.

Heinrich Heine Rundgang Juni 11 014

Dass der Paris- Korrespondent Heine auch über das musikalische Leben der Stadt  berichtete, fand Ludwig Börne, der mit seinen “Briefen aus Paris“ ebenfalls dieses Feld beackerte,  reichlich unpassend. Heine verstünde, so meinte er, nichts von Musik- er habe nach dem ersten Satz einer Symphonie sogar lautstark geklatscht- in der Meinung, das Stück sei schon zu Ende. Aus dem Bericht Heines über Berlioz wird allerdings deutlich, dass es sich bei Heines Berichtserstattung eher um unterhaltsame Stimmungsbilder und weniger um professionelle musikalische Kritik handelte.  Und was die Information vom unpassenden Klatschen Heines angeht: Die Verbreitung eines solchen Details ist wohl auch vor dem Hintergrund des erbitterten Konkurrenzkampfes zwischen Heine und Börne zu sehen- deshalb  klatscht also Börne.  Und was Heines (angebliches) Klatschen angeht: Ihm ist durchaus zuzutrauen, dass er damit demonstrativ seinen Wunsch nach Beendigung einer misslungenen musikalischen Darbietung zum Ausdruck bringen wollte- oder dass er wirklich seiner Begeisterung über einen besonders gelungenen Satz Ausdruck verleihen wollte, so wie das sachkundige Leipziger Publikum, das es sich bei der Uraufführung von Schuberts langer C-dur-Sinfonie durch das Gewandhausorchester und unter der Leitung von Felix Mendelssohn-Bartholdy nicht nehmen ließ, gegen alle Konvention nach jedem Satz zu klatschen.

(Conservatoire Nat.Sup. d’Art Dramatique. Rue du Conservatoire – Seitenstraße der Rue Bergère)

 

  1. Rue du Faubourg Poissonière  72

Hier hat Heinrich Heine von 1841 bis 1846 in der 4. Etage gewohnt – eine für Heine’sche Verhältnisse sehr lange und in seinem Leben und literarischen Schaffen wichtige Zeit.

Heinrich Heine Rundgang Juni 11 016 

An diesem Haus ist  eine der beiden Heine-Erinnerungstafeln befestigt, die in es Paris gibt: Neben den einschlägigen Daten wird dort auch –auf französisch-  der berühmte Satz zitiert, den Heine einem Bekannten über sein Leben in Paris schrieb:

Fragt Sie jemand, wie ich mich hier befinde, so sagen Sie: Wie ein Fisch im Wasser, oder vielmehr sagen Sie den Leuten, dass, wenn im Meere ein Fisch den anderen nach seinem Befinden fragt, so antworte dieser: Ich befinde mich wie Heine in Paris.“ [31]

 

Heine schrieb dies allerdings schon am 24.Okt. 1832, da wohnte er –noch lange nicht- hier- und wie ein Fisch im Wasser konnte sich Heine im Faubourg  de la Poissonière nicht mehr so recht fühlen. Zwar war er durch Zuwendungen seines reichen Hamburger Onkels  und eine Rente des französischen Staates finanziell einigermaßen abgesichert, aber mit seiner Gesundheit stand es schlecht und dann wurde er auch noch steckbrieflich in Preußen gesucht-  nach Hamburg zu seiner Mutter und seinem  Verleger reiste er also 1843 und 1844 sicherheitshalber auf dem Seeweg über Le Havre. Und immer mehr empfand er sein Leben in Frankreich auch als Zwangsaufenthalt, als Exil:

„Wer das Exil nicht kennt, begreift nicht, wie grell es unsere Schmerzen färbt, und wie es Nacht und Gift in unsere Gedanken gießt. Dante schrieb seine ‚Hölle‘ im Exil. Nur wer im Exil gelebt hat, weiß auch was Vaterlandsliebe ist, Vaterlandsliebe mit all ihren süßen Schrecken und sehnsüchtigen Kümmernissen.“ [32]

Um die „sehnsüchtigen Kümmernisse“  geht es auch in den „Nachtgedanken“ von 1843, die ein knappes Jahrhundert später von den deutschen Emigranten in Paris und anderswo immer wieder zitiert werden, zum Beispiel mit Illustration in der Pariser Exilzeitschrift „Deutsche Freiheit“ vom 24. Dezember 1937:

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 Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Tränen fließen.

Es gibt aber auch die letzte Strophe der „Nachtgedanken“:

 Gottlob! durch meine Fenster bricht
Französisch heitres Tageslicht;
Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen,
Und lächelt fort die deutschen Sorgen.

 

Zeit seines Lebens sehnte sich Heine sich nach Deutschland, wie sein Gedicht In der Fremde zeigt:

Ich hatte einst ein schönes Vaterland.   

Das küßte mich auf deutsch und sprach auf deutsch das Wort: „Ich liebe dich!“

 Der Eichenbaum     (Man glaubt es kaum Wie gut es klang)

Wuchs dort so hoch, die Veilchen nickten sanft.                            

 Es war ein Traum.                                                                                       

 Es war ein Traum.

 

Für die vor dem Nationalsozialismus Geflohenen war Heine eine Identifikationsfigur, er wurde „zur Leitfigur des literarischen Exils nach 1933“[33], weil er, als Vaterlandsverräter und Nestbeschmutzer diffamiert, sich als Vertreter eines wahren, an den Idealen der Französischen Revolution orientierten Patriotismus verstand. Und  die Exilierten identifizierten sich mit Heine, weil sie ihre Situation und die ihres Heimatlandes in Heines Werken gespiegelt sahen – bis hin zum Prophetischen: Originalton Heine (Almansor, 1821!):

Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher/

Verbrennt, verbrennt man am Ende Menschen“.

 

Heines Reise nach Hamburg 1843 war auch der Ausgangspunkt für sein Buch „Deutschland, ein Wintermärchen“ mit dem wunderschönen Anfang:

Ein neues Lied, ein besseres Lied,                                

O Freunde, will ich euch dichten!                                

Wir wollen hier auf Erden schon                       

Das Himmelreich errichten.                                      

 

Wir wollen auf Erden glücklich sein,                              

Und wollen nicht mehr darben;                                        

Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,                      

Was fleißige Hände erwarben.                                        

 

Es wächst hienieden Brot genug

  Für alle Menschenkinder,

  Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,

    Und Zuckererbsen nicht minder.

 

 Ja, Zuckererbsen für jedermann,

Sobald die Schoten platzen!

Den Himmel überlassen wir

 Den Engeln und den Spatzen.

 

Die Wirklichkeit sah aber anders aus. Als 1844 „Deutschland, ein Wintermärchen“ bei Hoffmann und Campe im liberalen Hamburg erschien, wurden Demokraten in Deutschland verfolgt, gab es Berufsverbote und Zensur.  Heinrich Heine machte zwar stellenweise Zugeständnisse, um seinen Arbeiten eine Chance auf Verbreitung in Deutschland zu geben, aber er verschonte auch die Zensur nicht[34]:

Die deutschen Zensoren — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — Dummköpfe — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —

Im gleichen Jahr 1844 wurde in Schlesien der Aufstand  der verzweifelten Weber niedergeschlagen, die wegen der englischen industriellen Konkurrenz nur noch Hungerlöhne für ihr Tuch erhielten.  Gerhard Hauptmann machte –viel später-  daraus ein Drama, Heinrich Heine sein berühmtes  Weberlied.

 Im düstern Auge keine Thräne                                          

Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:

 „Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,               

 Wir weben hinein den dreifachen Fluch!  

 Wir weben! Wir weben!

 

„Ein Fluch dem Gotte, dem blinden, dem tauben,                             

Zu dem wir gebetet mit kindlichem Glauben;                                    

Wir haben vergebens gehofft und geharrt,                                    

Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt.                         

 Wir weben! Wir weben!         

                                                   

„Ein Fluch dem König’, dem König’ der Reichen,

Den unser Elend nicht konnte erweichen,

Der uns den letzten Groschen erpreßt,

Und uns wie Hunde erschießen läßt!

Wir weben! Wir weben!          

 

„Ein Fluch dem falschen Vaterlande,

Wo nur gedeihen Lüg’ und Schande,

Wo nur Verwesung und Todtengeruch

Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch!

Wir weben! Wir weben!

 Erstmals veröffentlicht  wurde das Weberlied, das hier in der ursprünglichen Fassung wiedergegeben ist,  unter dem Titel „Die armen Weber“ am 10. Juli 1844 in Karl Marx‘ Vorwärts! (34a) Und als Flugblatt wurde es  in einer Auflage von 50.000 Stück in den Aufstandsgebieten verteilt. Heine hatte damals engen- auch familiären- Kontakt mit Karl Marx, der wie er im Pariser Exil lebte.  Ein einziger Brief von Heine an Marx ist erhalten, der mit den Worten endet: „… wir brauchen ja wenige Zeichen, um uns zu verstehen! Herzinnigst H. Heine.“  Einen solchen Gruß hatte Heine noch nie verschickt!  Das enge Verhältnis endete aber, weil die Mitarbeiter des Vorwärts! auf Betreiben der preußischen Regierung ausgewiesen wurden – außer Heinrich Heine, dem  zu Gute  kam, dass alle Düsseldorfer, die –wie er-  zwischen 1791 und 1801 –also während der französischen Annexion der Stadt- geboren worden waren,  das Recht hatten, in Frankreich zu leben. Dazu kam, dass Heine –als Pensionär der französischen Regierung- einen ganz besonderen Status hatte.

Ein Marxist war Heine allerdings ganz und gar nicht- dafür hatte er viel zu viel Misstrauen gegenüber einer möglichen Herrschaft des Volkes.  Eher war er  republikanischer Royalist- König Louis Philippe, in der Revolution von 1830 an die Regierung gekommen,  war sein Idol- so lange jedenfalls, wie er noch als „Bürgerkönig“ durchging. Das Misstrauen gegenüber dem unberechenbaren Volk war auch etwas, was  viele deutsche Emigranten der Nazizeit mit Heine verband – siehe Heinrich Manns „guter König“ Henri Quatre. Und so hatte die im Exil geläufige Verbindungslinie „von Heinrich Heine zu Heinrich Mann“  durchaus ihre Berechtigung.  Heinrich Mann selbst fasste die Haltung des antifaschistischen deutschen Exils gegenüber dem Vorbild so zusammen:  „Er hat uns im Voraus gerächt, da er das meiste, was über das Land in seinem jetzigen Zustand zu sagen ist, schon damals gesagt hat- in einer Sprache, wir hätten keine zeitgemäßere.“ [35]

 

  1. Rue d’Amsterdam 54 und Rue Matignon 3: Die Matratzengruft

1848 war das „Unglücksjahr in  Heinrich Heines Leben.“[36] Im Februar wurde in Paris die konstitutionelle bürgerliche Monarchie, für Heine die beste aller möglichen Staatsformen, von der  Revolution, die für Heine eine „Universalanarchie“ war, hinweggefegt. Er gerät selbst einmal in die heftigen Auseinandersetzungen: Seine Kutsche, mit der er unterwegs ist, wird von Revolutionären umgestürzt und zum Barrikadenbau verwendet! Die neue republikanische Regierung, in der sein Dichterkollege Alphonse de Lamartine sitzt, streicht ihm dann auch noch seine Pension, die ein wichtiger Teil seines Lebensunterhalts war.

Am schlimmsten aber:  seine Krankheit:

„Es war im Mai 1848, an dem Tage, wo ich zum letzten Male ausging, als ich Abschied nahm von den holden Idolen, die ich angebetet in den Zeiten meines Glücks. Nur mit Mühe schleppte ich mich bis zum Louvre. Und ich brach fast zusammen, als ich in den erhabenen Saal trat, wo die hochgebenedeite Göttin der Schönheit, unsere liebe Frau von Milo, auf ihrem Postamente steht. Zu ihren Füßen lag ich lange und ich weinte so heftig, dass sich dessen ein Stein erbarmen musste. Auch schaute die Göttin mitleidig auf mich herab, doch zugleich so trostlos, als wollte sie sagen: Siehst du denn nicht, dass ich keine Arme habe und also nicht helfen kann.” (Nachwort zum Romanzero).

Hier hätte Heinrich Heine, wie er einer Freundin schreibt, gerne sterben wollen- aber er lebt noch acht  Jahre weiter,  acht lange Jahre in seiner „Matratzengruft“-  weitgehend gelähmt und erblindet, die Schmerzen können nur noch mit Morphium gelindert werden.  Er führt ein „Unleben“, seine „Krankheit wird täglich unerträglicher…“.  Gleichzeitig ist er „dabey aber geistig stark,  geweckt, ja geweckt, wie ich es nie vorher gewesen.“ [37]

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Heine und seine Frau Mathilde: Ölbild von Benedikt Kietz (1851) (37a)

 

Mathilde liest ihm manchmal vor –das hat sie inzwischen gelernt- man trägt ihn –da er nicht mehr gehen kann-  „auf Händen“,  wie er seinen Zustand ironisiert, er hat –junge, hübsche- Krankenpflegerinnen, dazu  einen Sekretär, dem er diktiert, er arbeitet wie besessen. Raddatz bezeichnet die Rue d’Amsterdam, in der Heine jetzt wohnt, als „die Kommandozentrale einer kranken Weltmacht, keine 60 Kilo an Gewicht, doch  ihres Gewichtes sich ganz sicher.“ (S. 309).

Da nimmt es Heine auch mit der Bibel auf und dichtet seine wunderbare Version des alttestamentarischen Hohen Liedes des Königs Salomon:

 

                                  Das Hohelied  (Aus: Nachgelesene Gedichte 1845-56)

 

                             Des Weibes Leib ist ein Gedicht,                                            

Das Gott der Herr geschrieben          Ins große Stammbuch der Natur,                                 

                                   Als ihn der Geist getrieben.                                                  

                                                                                                      

             Ja, günstig war die Stunde ihm,                                        

Der Gott war hochbegeistert;            Er hat den spröden, rebellischen Stoff                             

                 Ganz künstlerisch bemeistert.                                             

                                                                        

Fürwahr, der Leib des Weibes ist                                         

         Das Hohelied der Lieder          Gar wunderbare Strophen sind                                            

Die schlanken, weißen Glieder.                                         

 

                                       O welche göttliche Idee                                                         

          Ist dieser Hals, der blanke,           Worauf sich wiegt der kleine Kopf,     

   Der lockige Hauptgedanke!       

                                                  

                                Der Brüstchen Rosenknospen sind                                        

                    Epigrammatisch gefeilet;        Unsäglich entzückend ist die Zäsur,                 

Die streng den Busen teilet.     

                                               

 

Den plastischen Schöpfer offenbart

Der Hüften Parallele;      Der Zwischensatz mit dem Feigenblatt

 Ist auch eine schöne Stelle.

 

Das ist kein abstraktes Begriffspoem!

 Das Lied hat Fleisch und Rippen      Hat Hand und Fuß; es lacht und küßt

Mit schöngereimten Lippen.

 

   Hier atmet wahre Poesie!      

   Anmut in jeder Wendung!   Und auf der Stirne trägt das Lied

      Den Stempel der Vollendung.

 

   Lobsingen will ich dir, O Herr,

   Und dich im Staub anbeten!     Wir sind nur Stümper gegen dich,

den himmlischen Poeten.

 

 Versenken will ich mich, o Herr,

   In deines Liedes Prächten;     Ich widme seinem Studium

   Den Tag mitsamt den Nächten.

 

                            Ja, Tag und Nacht studier ich dran,

                                    Will keine Zeit verlieren;       Die Beine werden mir so dünn –

                      Das kommt vom vielen Studieren. 

                                                                                      

Die Klage über seine Beine gehören zu Heines letzten Krankheitsjahren. Er habe „Beine wie Baumwolle“ – er sei eine „Holzpuppe mit abgezehrten Beinen“. Heine nennt sein Leiden die „Krankheit der glücklichen Männer“.   Und Ferdinand Lassalle schreibt im Juli 1855 nach einem Besuch von Heine an Karl Marx, Heine, dessen Geist „so hell und scharf wie je“ sei,  habe nach der ersten Begrüßung  gleich  „auf seinen Schwanz weisend“ (Decker umschreibt das dezent mit „Unterleib“) ausgerufen: „Sehen Sie, welcher Undank! Diese Partie, für die ich so viel getan habe, hat mich so weit gebracht.“[38]

Ob Heines Selbstdiagnose zutrifft und er wirklich an einer Geschlechtskrankheit litt, ist wohl nicht erwiesen. Bisweilen jedenfalls hatte Heine bei seinen Damenbesuchen „Condome aus veilchenblauer Seide“  bei sich,[39] deren Wirksamkeit allerdings dahingestellt sein mag. Gegen die Syphilis-Diagnose spricht vor allem Heines bis ans Ende hellwacher Geist. Wenn er also tatsächlich Syphilitiker war, dann immerhin „Ausnahmesyphilitiker“. [40]

 

Im Juni 1854 bricht im Nachbarhaus von Heines Wohnung in der Rue d’Amsterdam ein Brand aus. Heine hört, wie Kerstin Decker berichtet, „schon durch die Wand seines Zimmer das Feuer prasseln, er fühlt die Hitze. Er braucht es wirklich sehr warm, aber das hier ist eine eindeutige Übertreibung. Keiner weiß, ob sich das Feuer mit einem einzigen Haus begnügen wird. Schließlich lässt ihn Mathilde evakuieren; man trägt ihn nach unten zum Portier. Von hier aus kann man ihn im Notfall schnell über die Straße schaffen. Die Hausbewohner der Rue d’Amsterdam 50 schauen nacheinander beim Portier vorbei. Sie haben  viel gehört von dem berühmten, kranken deutschen Dichter, der schon sechs Jahre in ihrem Haus wohnen soll. Es ist mit ihm wie mit den Gespenstern: Alle reden davon und keiner hat sie gesehen. Jetzt besichtigen sie den Mitmieter. Er sieht wirklich aus wie ein Gespenst. Alle sind sehr höflich zu ihm. Als das Nachbarhaus abgebrannt ist und die Rue d’Amsterdam 50 immer noch steht, wird das Gespenst wieder nach oben getragen.“ [41]

Bleiben wollte Heine in dieser Wohnung aber schon lange nicht mehr. Seinem Bruder Maximilian gegenüber bezeichnete er sie als „ein stinkendes Loch, sehr lärmig, was meinem Nervenzustand wenig zuträglich ist, und das ich leider aus übertriebener Ökonomie gewählt habe.“ [42] Nach dem Feuer ist nun auch Mathilde bereit umzuziehen. Nach einem kurzen Zwischenspiel  ziehen sie in die rue Matignon 3 in der Nähe der Champs-Elysées (heute avenue Matignon 3).  Es ist die letzte Wohnung  Heines – über dem Eingang versehen mit einer, allerdings ziemlich vergilbten und unscheinbaren Plakette, die darauf hinweist, dass „le poète Henri Heine“ hier am 17. Februar 1856 gestorben ist.

001

Die Wohnung  „hat einen kleinen Balkon vor jedem seiner französischen Fenster. So komfortabel hat er noch nie gewohnt.“ (Decker,399). Vom Balkon aus kann Heine –wenn auch mit großen Anstrengungen- etwas am bunten Treiben auf der Straße teilhaben, gleichzeitig wohnt er gewissermaßen  „im Grünen“ mit Blick in den Park um das Marigny-Theater.   Hier verliebt sich Heine–schon seit sieben Jahren gelähmt- noch einmal in eine junge Verehrerin, Elise Krinitz, die er  seine „liebliche mouche“ (Fliege)  nennt . Er schreibt ihr Gedichte und leidet darunter „nur noch ein Geist“ zu sein, „ein Toter, lechzend nach den lebendigsten Lebensgenüssen“:    

„Worte, Worte, keine Taten!   …..   Immer Geist und keine Braten…“

 Heines Schmerzen werden immer unerträglicher. Er hat nicht mehr lange zu leben. Als man ihm nahe legt, sein Verhältnis zu Gott zu klären, soll er –wie von den Brüdern Goncourt kolportiert-  geantwortet haben: Sei  unbesorgt, „dieu me pardonnera, c’est  son metier“ – Gott werde ihm verzeihen, das sei sein Beruf.

 

(Avenue Matignon 3: Metro Franklin D. Roosevelt; Metro Linie 1)

 

  1. Der Friedhof Montmartre: Das Grab

Wie er es immer gewünscht hatte, wurde Heinrich Heine auf dem Friedhof Montmartre begraben. In seinem Testament hatte er ausdrücklich verfügt: „ Wenn ich mich zur Zeit meines Ablebens in Paris befinde und nicht zu weit von Montmartre entfernt wohne, so wünsche ich auf dem Kirchhofe dieses Namens beerdigt zu werden, da ich eine Vorliebe für dieses Quartier hege, wo ich lange Jahre hindurch gewohnt habe.“  Hier habe er sein „liebstes Leben“ gelebt. Weiter hatte Heine verfügt: „ Ich verlange, daß mein Leichenbegängnis so einfach wie möglich sei und daß die Kosten meiner Beerdigung nicht den gewöhnlichen Betrag derjenigen des geringsten Bürgers übersteigen. Obschon ich durch den Taufakt der lutherischen Konfession angehöre, wünsche ich nicht, daß die Geistlichkeit dieser Kirche zu meinem Begräbnisse eingeladen werde; ebenso verzichte ich auf die Amtshandlung jeder andern Priesterschaft, um mein Leichenbegängnis zu feiern….. Ich verbiete, daß irgendeine Rede, deutsch oder französisch, an meinem Grabe gehalten werde. Gleichzeitig spreche ich den Wunsch aus, daß meine Landsleute, wie glücklich sich auch die Geschicke unsrer Heimat gestalten mögen, es vermeiden, meine Asche nach Deutschland überzuführen; ich habe es nie geliebt, meine Person zu politischen Possenspielen herzugeben. Es war die große Aufgabe meines Lebens, an dem herzlichen Einverständnisse zwischen Deutschland und Frankreich zu arbeiten und die Ränke der Feinde der Demokratie zu vereiteln, welche die internationalen Vorurteile und Animositäten zu ihrem Nutzen ausbeuten. Ich glaube mich sowohl um meine Landsleute wie um die Franzosen wohlverdient gemacht zu haben, und die Ansprüche, welche ich auf ihren Dank besitze, sind ohne Zweifel das wertvollste Vermächtnis, das ich meiner Universalerbin zuwenden kann“.

 

Aber auch an seine Feinde denkt Heine am Ende seines Lebens:

 

Vermächtnis

Nun mein Leben geht zu Ende,                                    

Mach ich auch mein Testament;                             

Christlich will ich drin bedenken                                 

Meine Feinde mit Geschenken.                                   

 

Diese würdgen, tugendfesten                                     

Widersacher sollen erben                                              

All mein Siechtum und Verderben,                             

Meine sämtlichen Gebresten.                                      

 

 Ich vermach Euch die Koliken,

 Die den Bauch wie Zangen zwicken,

Harnbeschwerden, die perfiden

Preußischen Hämorrhoiden.

 

Meine Krämpfe sollt Ihr haben,

Speichelfluss und Gliederzucken,

Knochendarre in dem Rucken,

 Lauter schöne Gottesgaben.

 

 Kodizill zu dem Vermächtnis:

 In Vergessenheit versenhen

 Soll der Herr eur Angedenken

 Er vertilge eur Gedächtnis.

 

Seinen einstigen bösen Sarkasmus hatte Heinrich Heine also auch am Ende seines Lebens nicht verloren.

Heinrich Heine Rundgang Juni 11 031

Das Grabmal Heines, verziert mit Lyra und Schmetterling, ehrt den Dichter.  Auf den Sockel eingraviert Heines Gedicht  „Wo?“

Wo wird einst des Wandermüden                                          

Letzte Ruhestätte sein?                                                           

Unter Palmen in dem Süden?                                        

Unter Linden an dem Rhein?                                    

 

 Werd ich wo in einer Wüste

 Eingescharrt von fremder Hand?

 Oder ruh ich an der Küste

 Eines Meeres in dem Sand?

 

 Immerhin! Mich wird umgeben

 Gotteshimmel, dort wie hier,

 Und als Totenlampen schweben

 Nachts die Sterne über mir.

 

Heine hatte sich –vergeblich- auch eine Erinnerung an sein politisches Engagement gewünscht:

„…ein Schwert sollt ihr mir auf den Sarg legen, denn ich war ein braver Soldat im Befreiungskriege der Menschheit.“  1829 (Reisebilder, Italien)

 

Sie erlischt 

 Der Vorhang fällt, das Stück ist aus,                          

Und Herrn und Damen gehn nach Haus                       

Ob ihnen auch das Stück gefallen?                               

Ich glaub, ich hörte Beifall schallen.                             

Ein hochverehrtes Publikum                                          

Beklatschte dankbar seinen Dichter.                           

Jetzt aber ist das Haus so stumm,                                

Und sind verschwunden Lust und Lichter.                   

Doch horch! ein schollernd schnöder Klang               

Ertönt unfern der öden Bühne; –

Vielleicht, daß eine Saite sprang

An einer alten Violine.

Verdrießlich rascheln im Parterr‘

Etwelche Ratten hin und her,

Und alles riecht nach ranz’gem Öle.

Die letzte Lampe ächzt und zischt

Verzweiflungsvoll, und sie erlischt.

Das arme Licht war meine Seele.

 

 

 

 

Der Rundgang

Wichtige Anregungen zu diesem Bericht und zu diesem Rundgang erhielt ich von Karin und Bernd Füllner vom Heinrich- Heine-Institut in Düsseldorf.  Ihre wunderbaren jährlichen Führungen zu Heinrich Heine in  Paris  werden von der Maison Heinrich Heine organisiert.  Wenn man die Gelegenheit hat, anlässlich eines Paris-Besuchs an einer ihrer Führungen -jeweils mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten- teilzunehmen, sollte man die unbedingt nutzten. An einer ihrer Führungen durch Montmartre zum Thema  „Heinrich Heine und die Musik“ haben  wir teilgenommen. Daran orientiert sich der nachfolgende Rundgang, der wichtige  Stationen des Pariser  Lebens Heinrich Heines berücksichtigt.

 

 

  1. Passage des Panoramas am Boulevard Montmartre (s. oben Nr. 2)
  2. Cité Bergère 3 (siehe oben Nr. 3
  3. Conservatoire National, Rue du Conservatoire (Berlioz-Tafel- Nr. 5)
  4. Faubourg Poissonière 72 (Nr. 6)
  5. Rue Taitbout/Square d’Orléans (Chopin, George Sand- Nr. 5)
  6. Musée de la Vie Romantique, 16 rue Chaptal (Erinnerungsstücke an George Sand) und vor allem: ein entzückender Ort mit kleinem Garten für eine Erholungspause, bevor es zum Grab Heinrich Heines geht.
  7. Über den Square Berlioz zum Friedhof Montmartre, Grab Heinrich Heines (Nr. 8)

 

Verwendete Literatur und zum Weiterlesen:

Jörg Aufenanger,  Heinrich Heine in Paris. München 2005

Kerstin Decker, Heinrich Heine, Narr des Glücks. Berlin 2005

Bernd Kortländer, Mit Heine durch Paris.  Literarische Spaziergänge. Reclam Taschenbuch 20384, Stuttgart 2015

Ludwig Marcuse,  Heinrich Heine in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rde 1966

Fritz J. Raddatz, Taubenherz und Geierschnabel. Heinrich Heine, Eine Biographie. Weinheim/Berlin 1997

Wolfgang Schopf, Mit Heine, im Exil. Heinrich Heine in der deutschsprachigen Exilpresse 1933 bis 1945. FFM 1997

Robert Steegers, Der Tod und der Dichter.  Heinrich Heines Matratzengruft  1848-1856  Erscheinungsjahr

Zu Heinrich Heines 150. Todestag am 17. Februar 2006. http://www.heinrich-heine-denkmal.de/rezeption/steegers.shtml

 

 

Anmerkungen

[1] zit. Aufenanger, 23

[2] Aufenanger, S. 65/66

[3] Heinrich Heine, Geständnisse . DHA, Bd. XV, S. 23f

[4] Brief an Magnus von Moltke, zit. Decker, S. 210

(4a) http://www.literarischegesellschaft.de/Heinrich_Heine_in_GoettingenIII.html

[5] DHA, Band XIV, S. 28f. Zitiert bei Kortländer, Mit Heine durch Paris, S. 17/18

[6] Heinrich Heine, Geständnisse (DHA, Bd. 15, S. 24f)

[7] DHA, Band XV, S. 25

[8] Zit. bei Raddatz, S. 160

[9] zit. Aufenanger, S. 30

[10] zit. Decker, S. 229/230

[11] Raddatz, S. 199

[12] zit. Decker, S. 262

[13] Brief vom 12.1.1836, zit. Decker, S. 286 und Aufenanger, S. 55

[14] Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Historisch-kritische Gesamtausgabe. Hg. von August Sauer u. Reinhold Backmann. Wien 1909ff., II. Abteilung, Bd. IV, S. 44f.

[15] zit. Decker, S. 287

[16] Decker, S. 301/303

[17] zit. Decker, S. 291

[18] DHA, Band XII, S. 295-297

[19] DHA, Band XIII, S. 123f

[20] Spiegel,  Ausgabe  35/1962; Marcuse, S. 98 und Decker, S. 291

[21] zit. Aufenanger, S. 59

[22]  http://www.bonjourparis.com/story/paris-street-stories-rue-laffitte/

[23]Aufenanger, S.  43/43

[24] zit. Raddatz, S. 156

[25]  zit. Raddatz, S. 189

[26] Decker, S. 312

[27] Brief vom 17. August 1838. zit. Decker, S. 313

[28] DHA, Bd XIII, S. 125. Zit bei Kortländer, S. 55

[29] http://www.heinrich-heine-denkmal.de/heine-texte/fr-buehne10.shtml

[30] Über die französische Bühne, 10. Brief (http://www.heinrich-heine-denkmal.de/heine-texte/fr-buehne10.shtml

Das nachfolgende Bild aus: http://www.hberlioz.com/Paris/BPConservatoireF.html. Dort wird auch darauf hingewiesen, dass der Druck von 1888 einen deutlich überbriebenen Eindruck von den Dimensionen des Saales vermittelt.

[31] Zit. Decker, S. 220

[32] aus:  Ludwig Börne. Eine Denkschrift, 1840

[33] Schopf, S. 7

[34] Ideen. Das Buch Le Grand. Kapitel XII

(34a) https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/EAEZ56P4H2AIBXD5HY4N4UXYFO5NL27P

[35] zit. Schopf, S. 8

[36] Aufenanger, S. 102

[37] zit. Raddatz, S. 295

[37] Aufenanger, 102

[37] zit. Raddatz,295).

(37a) Bild:  Heinrich Heine Institut Düsseldorf  abgebildet in:  http://www.literarischegesellschaft.de/Heinrich_Heine_in_GoettingenIII.html

[38] zit. bei Raddatz, S.297

[39] zit. Raddatz, S. 297

[40] Decker, S.391

[41] Decker,  S. 394/5

[42] zit. Aufenanger, S. 115

[43] DHA VII, 70

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Street-Art in Paris (1): Einführung und Überblick 
  • Street-Art in Paris (2): Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • Street-Art in Paris (3): Der Invader
  • Das deutsche Haus, „la maison Heinrich Heine“, in der Cité internationale universitaire in Paris
  • Auf dem Weg nach Paris: Die Mühle von Valmy, ein Fanal der Französischen Revolution

Die Fontänen im Park von Versailles (1): Feier des Sonnenkönigs und Machtdemonstration

Die Fontänen im Park von Versailles sind ein unerschöpfliches Thema. Immerhin gab es zu Zeiten des Sonnenkönigs über 1200 davon. Auch wenn es heute nicht mehr so viele sind, werde ich  mich hier auf einige Aspekte beschränken (müssen). Im ersten Teil des nachfolgenden Textes möchte ich an einigen Beispielen zeigen, auf welche Weise  Fontänen  und Brunnen des Parks dazu dienten, den Ruhm des Sonnenkönigs zu mehren und eine Mahnung an seine Untertanen –vor allem natürlich an den am Hof von Versailles versammelten Adel – und die nach Versailles pilgernden  Repräsentanten fremder Mächte zu Wohlverhalten waren.  Dazu wird es einige konkrete Informationen über die heutigen regelmäßigen Wasserspiele (les grands eaux) geben,  bei denen man  die Brunnen und Fontänen im „Betrieb“ bewundern kann.

In einem späteren zweiten Teil möchte ich zeigen, inwiefern die Fontänen von Versailles Ausdruck absolutistischen Größenwahns waren. Denn –anders als beispielsweise bei den spektakulären Wasserspielen von Kassel, dem „hessischen Versailles“[1]– waren in den französischen Vorbild die topographischen Verhältnisse in gar keiner Weise für eine einigermaßen kontinuierliche Versorgung der Fontänen geeignet. Für den absolutistischen Herrscher,  der nicht nur seine Untertanen und Europa beherrschen  wollte, sondern auch die Natur, war das eine Herkules- Aufgabe, an der er aber trotz grandioser und geradezu pharaonischer Bemühungen ebenso grandios scheiterte.  Wenn Ludwig XIV. durch seinen geliebten Park wandelte und sich an den sprudelnden Brunnen und emporsteigenden Fontänen erfreuen wollte, wurde er von Brunnenmeistern begleitet, die die Anlagen vor ihm rechtzeitig in Betrieb nahmen und die Anlagen hinter ihm ausschalteten.  Darüber im zweiten Teil des Berichts mehr. (Der wird allerdings noch etwas auf sich warten lassen, weil ich darin auch das Museum von Marly einbeziehen möchte,  das derzeit geschlossen ist, aber 2018 wieder eröffnet werden soll). 

 

  1. Die Fontänen von Versailles: Verherrlichung des Sonnenkönigs und seiner Macht

„Das ganze riesige Gesamtkunstwerk von Versailles“ ist, wie Hans Sedlmayr erläutert hat, „einer einzigen übergreifenden Allegorie unterstellt. Versailles ist „der Ruheort der Sonne“, des Helios/Apollo, der hier  von seinen Taten ausruht. Und die Sonne ist nach der dem barocken Menschen durchaus geläufigen Devise ‚Quod sol in coelis id rex in terra‘  (Was die Sonne im Himmel ist, ist der König auf der Erde. W.J.) allegorisches Sinnbild des Königs, hier in Versailles ganz konkret  des „roi-soleil“ ,  des Sonnenkönigs.[2] Diese allegorische Verbindung von Sonne und König ist nicht erst in Versailles allgegenwärtig, sondern prägte von früh an das Leben des jungen Königs.

Ein schönes Beispiel dafür ist das „Ballet de la  nuit“ von 1653, in dem der  Auftritt  des tanzbegeisterten jungen Louis von seinem Bruder so angekündigt wurde:

Le Soleil qui me suit c’est le jeune Louis.

La troupe des astres s’enfuit,

Dès que ce grand Roi s’avance. 

Und die Rolle, die der junge Ludwig XIV. hier spielte, war -wie hätte es auch anders sein können-  die des Sonnengottes Apoll.[3]

Im Schloss von Versailles war denn auch der Salon des Apoll der eigentliche Thronsaal, dessen großartige Ausstattung die der anderen Salons noch übertraf. Kostbare Marmorstatuen und Gemälde von Rubens und van Dyck schmückten den Salon. Und auf einem silbernen Thron empfing Ludwig XIV. dort ausländische Botschafter oder nahm zu feierlichen Anlässen Platz. (3a)

Natürlich ist Apoll auch im Park des Schlosses allgegenwärtig. Eine Nachbildung des berühmten Apoll von Belvedere hat natürlich einen Ehrenplatz vor der dem Park zugewandten Seite des Schlosses unterhalb des Spiegelsaals. Die  „göttliche Schönheit“ dieses Apoll war für Winckelmann „das höchste Ideal der Kunst unter allen Werken des Altertums“.[6]Das war dem „Sonnenkönig“ angemessen.

Im Park beziehen sich zahlreiche Brunnen auf Apoll und dienen der Verherrlichung des Sonnengottes und damit auch des Sonnenkönigs. Es sind dies vor allem der zentrale Apollo-Brunnen und die aus der Thetis-Grotte hervorgegangenen Bäder des Apoll. In ihnen wird der seinen täglichen Lauf um die Erde beginnende und sich schließlich am Abend ausruhende Apoll thematisiert.

Hier ein Link zum offiziellen Plan des Parks:

http://www.chateauversailles.fr/sites/default/files/domaine_2011.pdf

Den Plan gibt es in aktueller Form auch kostenlos  im Tourismusbüro der Stadt Versailles. Es liegt auf der linken Seite der Avenue de Paris, die direkt auf das Schloss hinführt.

Die bei den nachfolgenden Darstellungen genannten Nummern beziehen sich auf diesen Plan.

 

a. Der Apollo-Brunnen

Es ist nur konsequent, dass sich im Zentrum der gesamten Parkanlage der Apollo-Brunnen befindet.  (Plan des Parks Nummer 9). Er liegt genau auf der durch die  „königliche Allee“ betonten  Achse zwischen dem Zentrum des Schlosses und dem  Großen Kanal (Grand Canal).  Zentrum des Schlosses ist auf der Gartenseite der  Spiegelsaal, aus dem heraus das nachfolgende Foto aufgenommen ist.[4]

Versailles Blick aus Spiegelsaal Febr. 10 (52)

Zur Zeit Ludwigs XIII. gab es hier schon ein Wasserbecken, das aber unter dem Sonnenkönig zu einer repräsentativen Anlage umgestaltet wurde: Geschmückt mit den vergoldeten Figuren des Apoll auf seinem Wagen.

Apollo IMG_4775 Versailles Grands Eaux (49)

Die Verklärung  des Königs erreicht hier ihren Höhepunkt. Der Sonnengott Apoll  ist gerade dabei, sich dem Schloss von Westen  triumphal zu nähern und zu seiner täglichen Weltumrundung aus dem Wasser zu steigen, womit auch der Anspruch auf Weltherrschaft allegorisch ausgedrückt sein könnte.[5] Und natürlich wird das Ganze durch eine Fülle spektakulärer Fontänen effektvoll  in Szene gesetzt.

Apollo Versailles 3.6.12 Frauke 065

 b. Les Bains- d’Apollon

Kaum weniger spektakulär ist der bosquet des Bains-d’Apollon (Plan des Parks Nummer 21). Auch sein Zentrum ist Apollo.  Nach seinem Lauf um die Welt ruht der  Sonnengott in der Grotte der schönen Thetis und wird von  ihren fünf Nymphen verwöhnt.

Ursprünglich hatte die Figurengruppe ihren  Platz in der  auf der Nordseite  des Schlosses gelegenen Thetis-Grotte, während in den Seitenteilen Skulpturen der Sonnenpferde des Apoll platziert waren. (7)

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Das Äußere der Thetis-Grotte nahm –passend zu dem siegreichen Apoll und dem  siegreichen Sonnenkönig-  das Motiv der römischen Triumphbögen auf, gleichzeitig hatte das Bauwerk eine ganz praktische Funktion: Auf seinem Dach war nämlich ein Wasserreservoir für Schloss und Park installiert.  (Darüber im zweiten Teil dieses Beitrags mehr).  Die Thetis-Grotte musste allerdings der Erweiterung des Schlosses weichen, und 1781 erhielten Apoll und seine Sonnenpferde den heutigen Platz in dem von Hubert Robert gestalteten  Bosquet des Bains-d’Apollon.[8]

Bosquet_des_bains_d_appolon_du_chateau_de_versailles

Robert, der eigentlich im „Hauptberuf“ Maler war, fertigte auch gleich ein Gemälde des von ihm entworfenen bosquets an, das heute im musée Carnavalet zu sehen ist.

hubert Bosquet Apollo

Die restaurierte Marmorplastik von Apoll und den Nymphen, die als Meisterwerk des Parks von Versailles gilt, war 2010 Höhepunkt einer Ausstellung im Schloss von Versailles, wird seitdem aber wieder in einem Depot gehütet.[9] Die Plastik im Park ist eine  Kopie.

Versailles L XIV Thetis Grotte

Charles Perrault, der Märchensammler und Inspirator des –nicht mehr existierenden- Labyrinths im Park von Versailles, schrieb zu dem von Ludwig XIV. selbst angeordneten Bau der Thetis-Grotte:

„Lorsque le roi eut ordonné qu’on battit la grotte de Versailles, je songeai que, Sa Majesté ayant pris le soleil pour sa  devise, (…) il seroit bon de mettre Apollon qui  va se coucher chez Thétis après avoir fait le tour de la terre, pour représenter que le Roi vient se reposer à Versailles après avoir travaillé à faire le bien du monde.“[10]

Auch diese Beschreibung ist natürlich Teil der Verklärung des Sonnenkönigs und ein ideologisches Produkt par excellence. Denn gerade aus deutscher Sicht wird man kaum zustimmen können, dass Ludwig XIV. für das  „Wohl der Welt“ gearbeitet habe. Seine Politik der verbrannten Erde in der Pfalz beispielsweise spricht da eine andere Sprache. Die Truppen des Sonnenkönigs hinterließen dort eine Spur der Verwüstung. Mainz, Mannheim, Worms, Speyer  und viele andere Städte wurden zerstört, das Schloss von Heidelberg, ein Juwel der Renaissance-Baukunst, gesprengt und  wie viele der linksrheinischen Burgen, die auch dieses Schicksal erlitten, zu einer –heute als romantisch verklärten-  Ruine gemacht.  Die Zerstörungswut  des Sonnenkönigs machte auch vor den Kaiserdomen nicht halt: Ihre  Kaisergräber wurden geschändet, der Dom von Speyer (mit glücklicherweise nur teilweisem „Erfolg“)  gesprengt, der Wormser Dom in Brand gesteckt und völlig verwüstet.  Der zeitgenössische Chronist Johann Friedrich Seidenbender verwünschte den Urheber dieses Unglücks, Ludwig XIV.,  als „den allerbarbarischsten Unmenschen, grausamsten Wüterich und Mordbrenner, der jemals gelebt haben mag oder noch ins Leben wird kommen können“.[11]

Aber eine düstere Kehrseite der glänzenden Medaille gibt es ja nicht nur beim Sonnenkönig, sondern auch bei seinem Sinnbild, dem Sonnengott Apoll, wie man aus der griechischen  Mythologie weiß: Dort wird nämlich berichtet, dass der Satyr Marsyas die Doppelflöte (Aulos) der Athena findet, die diese weggeworfen hatte, weil sie beim Spiel ihr schönes Gesicht entstellen würde. (Der griechische Bildhauer Phidias hat diese Szene in einer Plastik gestaltet, die nicht erhalten ist. Es gibt aber eine wunderschöne römische Kopie der Athena, die gerade  die Flöte weggeworfen hat,  in der Skulpturensammlung des Liebieg-Hauses in Frankfurt.)  Marsyas bringt es zu einiger Meisterschaft im Flötenspiel und fordert im Übermut den die Laute (Kithara) spielenden Apoll  zu einem Wettkampf heraus.  Zunächst geht er daraus als Sieger hervor, aber dann gewinnt doch noch Apoll, als er zu seinem Spiel auch noch singt. Zur Strafe verfügt Apoll,  dass Marsyas bei lebendigem Leib gehäutet wird.

Ovid beschreibt  in seinen Metarmorphoseni in aller Drastik, was dem Satyrn widerfahren ist, „der, auf tritonischem Rohr (also der Doppelflöte W.J.) dem Spross  der Latona (also Apoll) erlegen, Züchtigung litt.“[12]

„Warum entziehst du mich“, schrie er „mir selber?

Ach, mich gereut’s. Soviel ist ja nicht an der Flöte  gelegen.“

Während er schreit, ist die Haut ihm über die Glieder gezogen.

Wunden bedecken ihn ganz, und das Blut strömt über und über.

Offen und bloß sind die Nerven zu sehn; die zuckenden Adern

Schlagen, der Hülle beraubt, und die wallend bewegten Geweide

Konnte man  zählen genau und der Brust durchscheinende Fasern.

Tränen vergossen des Hains Gottheiten, die ländlichen Faune,

Satyrn, die Brüder, um ihn und der schon ruhmreiche Olympos

Samt dem Nymphengeschlecht, und wer nur dort im Gebirge

Weidete wolliges Vieh und hörnergewaffnete Rinder.

Aber die Reue des Marsyas, den Sonnengott herausgefordert zu haben, und auch die Tränen der Nymphen können Apoll nicht erweichen; ebenso wenig wie  die ja doch wohl etwas  unlauteren Umstände seines Siegs sein grausames Rachebedürfnis mildern können.  Das passt zwar wenig zu einem „Gott der sittlichen Reinheit und  Mäßigung“[13], aber auch das ist Apoll! Und auch insofern  passen  Ludwig XIV. und Apoll gut zusammen.

 

  1. Brunnen als Machtdemonstration und als Warnung

Der in Versailles abgebildete Apoll ist natürlich der schöne Jüngling von Belvedere, der Gott des Lichts, der morgens  zum Lauf um die Welt  aufbricht und abends im Kreis ihn umsorgender Nymphen von dem Guten, das er –nach Perrault- der Welt getan, ausruht. Auch wenn es im Park keine  Statue des gehäuteten Marsyas gibt: Der Besucher sollte wissen, dass Apoll auch eine andere Seite hat. Und es gibt dementsprechend  Brunnen, die zeigen, was Widersachern des Apoll/des Sonnenkönigs  widerfährt, die also als Machtdemonstration und als Warnung dienen.

a. Der Brunnen der Latona

Das prominenteste Beispiel dafür ist  der  wunderbare  Brunnen der Latona, der auf der zentralen Achse zwischen Schloss und Grand Canal liegt (Plan Nummer 10).  Bezogen auf die  Konzeption des Parks ist er also das Pendant zum Apollo-Brunnen und kaum weniger spektakulär gestaltet.

Versailles Latone 086

Der Brunnen veranschaulicht die in den Metamorphosen des Ovid wiedergegebene Legende der Göttin Latona, die, wie wir schon in der Marsyas-Geschichte  erfahren haben, die Mutter des Apoll ist.[14]   Latona/Leto war eine Geliebte des Zeus, der mit ihr Zwillinge zeugte. Sie wurde deshalb von Hera,  der eifersüchtigen Gattin des Zeus/Jupiter, auf eine Insel verbannt, wo sie die Zwillinge gebären musste. Mit den Neugeborenen  flüchtet sie nach Lykien, wo sie  völlig erschöpft die fremde Umgebung erkundet. Dabei trifft sie an einem kleinen See auf Bauern, die Binsen und Schilf sammeln. Wegen der Sommerhitze dem Verdursten nahe, bittet Latona für sich und ihre Kinder höflich und mit vielen guten Gründen um Wasser. Doch nicht nur, dass die Bauern Latona verbieten zu trinken, sie wirbeln sogar den Schlamm vom Grunde des Sees auf, um das Wasser untrinkbar zu machen. Daraufhin bittet sie Jupiter, sie zu rächen, was denn auch geschieht: Er verwandelt die lykischen Bauern in Frösche und Eidechsen, und genau dieser Prozess der Verwandlung ist in der Brunnenanlage gestaltet.

Einige der Figuren sind noch eher Menschen, andere schon eher Frösche. Die meisten Brunnenfiguren sind aber schon zu Amphibien verwandelt: in Frösche, Schildkröten und Alligatoren.

Versaillles Latone 048

Die unmenschlich handelnden Bauern müssen von nun an immer als Tiere im schlammigen Wasser leben (auf Schildern am Brunnenrand wird ausdrücklich davor vor der Wasserqualität gewarnt), während sich Latona mit ihren Zwillingen in der Fontäne an  reichlich  (frischem) Wasser erfreuen kann.[15]

Latone Versailles 008

b. Le Bassin du dragon/das Drachen-Bassin

In engem mythologischen Zusammenhang mit dem Latona-Brunnen steht  der Drachenbrunnen (Plan des Parks Nummer 26).  Der Brunnen zeigt die Schlange/den Drachen Python, die gerade von einem Pfeil des jungen Apoll  getroffen wurde.

Python sollte im Auftrag der  Göttin Hera/Juno die Geburt der Zwillinge Apoll und Diana/Artemis verhindern. Weil sie gegenüber den zahlreichen Abenteuern ihres Mannes machtlos  war, wollte sie eben seine Geliebte treffen.  Apoll tötet aber den Drachen und damit die Mächte des Bösen.  Wie wichtig dem Sonnenkönig  dieser Brunnen war, zeigen  seine Lage am Ende der parallel zum Schloss verlaufenden Nord-Süd-Achse und die Höhe der Fontäne: Mit 27 Metern ist sie die höchste aller Fontainen im Park von Versailles. [16] Ludwig XIV. zeigt hier mit großer Drastik, was denen widerfährt, die ihm schaden wollten  oder wollen: Die Zeitgenossen verstanden das offenbar als deutlichen Hinweis auf den Sieg des jungen Königs über die gegen ihn rebellierende Fronde.[17]

 

 c. Le bosquet de l’encelade

Dieses Boskett (im Plan des Parks die Nummer 10) geht zurück auf einen Entwurf von Ludwig XIV. selbst, während die Ausführung  dem Gartenarchitekten Le Nôtre übertragen wurde. Dass der Sonnenkönig das Schicksal des Giganten  Enceladus zum Thema einer Brunnenanlage macht, ist natürlich eine sehr bewusste Entscheidung. Enceladus gehörte nämlich zu einer Gruppe von Giganten, die nach der Überlieferung der griechischen Mythologie versuchten, den Olymp zu stürmen und die Herrschaft der Götter zu beseitigen.

Dieses Unternehmen  scheitert allerdings, die Giganten werden getötet. Enceladus kann zwar entkommen, wird aber unter einem Steinehagel begraben, den die Göttin Athena auf ihn schleudert. Im Park von Versailles sieht man ihn schreiend vor Schmerzen, die eine Hand krampfhaft geöffnet, in der anderen hält er noch einen Stein, den er wohl mit letzter Kraft zurückwerfen möchte. Aber gegen die  Macht der Götter kann er nichts ausrichten und so ist er dem Untergang geweiht.

Versailles Encelade 027

Offenbar handelt es sich auch  hier  nach dem Willen des Sonnenkönigs um eine allegorische Darstellung, die auf seinen Sieg gegen die Fronde anspielt. Wie wichtig Ludwig XIV. auch  diese Brunnenanlage war, zeigt sich wieder an der Höhe  ihrer Fontäne:  Mit 78 Fuß/25,75 Metern ist sie nach der des Drachenbrunnens die zweithöchste des Parks von Versailles. Die beiden Fontänen sind also gewissermaßen zwei unübersehbare Ausrufungszeichen und Warnsignale: Ein Aufbegehren gegen göttliche Autorität und entsprechend auch gegen die des Sonnenkönigs wird mit aller Härte bestraft.[18]

Bosquet de l'Encelade IMG_5064

 

d. Bosquet de l’arc de triomphe oder Bosquet de la France Triomphante

Diese  Brunnenanlage hat zwar keinen Bezug zu Apoll und auch keinen anderen mythologischen Hintergrund, verherrlicht dafür aber ganz direkt den Sonnenkönig und seinen militärischen Ruhm. Der Name des Bosketts, im Plan des Parks die Nummer 30, bezieht sich auf einen Triumphbogen, den es hier zu Zeiten Ludwigs XIV. gab. Von der damaligen Anlage ist nur noch ein Brunnen  erhalten, dessen Mittel- und Höhepunkt die Personifizierung des über seine Feinde triumphierenden Frankreich bildet. Deshalb wird der Bosquet auch  Bosquet de la France Triomphante genannt. [19]

Download la France Triomphante

Gefeiert werden hier im Park noch einmal die Siege Ludwigs XIV. über Spanien und das Reich/Habsburg, die ja schon an der Grille d’honneur, rechts und linkes des Eingang in den Ehrenhof  des Schlosses, in Stein gemeißelt sind.[20]

Die  Besiegten unterhalb des triumphierenden Frankreich  sind durch ihre Attribute, Löwe und Adler,  als Spanien und das Reich/Österreich bezeichnet.[21]  Sie erinnern an die Gestalten der vier  besiegten  und gefangenen Feinde – Holland, Brandenburg, das Reich und Spanien- vom Fuß des Standbilds Ludwigs XIV. auf der Place des Victoires in Paris, die sich heute im Louvre befinden.[22]

Auf der untersten Stufe des Brunnens liegt  hinter einem Vorhang aus Wasser ein hingestrecktes, mehrköpfiges Ungeheuer, das gewissermaßen kurz davor ist, vom Wagen des triumphierenden Frankreich zermalmt zu werden. Es ereilt damit  –so die Botschaft der Anlage- das Schicksal aller Feinde des triumphierenden Sonnekönigs.

 

  1. andere Fontänen in den Bosquets,

Natürlich gibt es noch viele andere und ganz vielfältige Fontänen im Schlosspark  von Versailles. Es lohnt sich also, in Ruhe herumzugehen und das Gesamtkunstwerk dieses Parks zu betrachten und zu genießen.

Versailles 010

Dabei sollte man auch die Anlagen beachten, die neu gestaltet sind – der Park von Versailles soll sich ja –wenn auch sehr behutsam- der neuen Zeit öffnen.  Zwei schöne Beispiele für neu  gestaltete Brunnenanlagen sind das Bassin du Miroir (Plan Nummer 15)  mit seinen computergesteuerten Fontänen….

bassin du miroir IMG_5085

… und le bosquet de théâtre d’eau, ein spektakuläres Wassertheater, das Ludwig XIV. besonders liebte, das aber solche hydraulischen Anforderungen stellte, dass es unter seinen Nachfolgern wesentlich zurückgestutzt  und als  eher unscheinbarer bosquet du Rond-Vert weiterbetrieben wurde.  2014 wurde er in neuer Form und mit dem alten  Namen wiedereröffnet. (Plan Nr. 42)

DSCN3079 Wassertheater

Le bosquet de théâtre d'eau IMG_5076

 

  1. Grands Eaux musicales und Grands Eaux nocturnes

Bewundern kann man die Fontänen bei den Grands Eaux musicales. Hier der Ausschnitt eines Werbeplakats – natürlich mit einem Motiv des Apollo-Brunnens.

DSC00090 Versailles Werbung grands eaux (3)

An den entsprechenden Tagen sind  einige Stunden lang die Brunnen und Fontänen in Betrieb und einige der sonst geschlossenen Bosquets sind geöffnet. Dazu gibt es aus Lautsprechern  Musik „des plus grands compositeurs baroques, de Lully à Charpentier ou Rameau“, wie es passend zu Versailles auf der offiziellen Website heißt.

Den krönenden Abschluss der grands eaux bilden (allerdings nicht dienstags)  die Fontänen des Neptun-Brunnens. Sie werden um 17.20 Uhr 10 Minuten lang in Betrieb genommen.

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Die Besucher haben also, wenn die anderen Fontänen um 17 Uhr enden, genügend Zeit, zum Neptun-Brunnen zu gehen und  dort gewissermaßen wie in einem Amphitheater erwartungsvoll  auf das zehnminütige grandiose Schaupiel zu warten.

Neptun Versailles 020

Es lohnt sich ganz bestimmt!

An Samstag-Abenden im Sommer werden zusätzlich die grands eaux nocturnes veranstaltet.

Versailles nocturne Juli 2010 014Versailles nocturne Juli 2010 026

Versailles nocturne Juli 2010 017

Da sind die Fontänen oft farbig illuminiert und den Abschluss bildet ein Feuerwerk über dem Grand Canal hinter dem angestrahlten Apollo-Brunnen.[23]

DSC00448 Versailles August 2017 (3)

Wir haben das einmal miterlebt, aber das hat uns auch gereicht, während die grands eaux musicales immer wieder ein Erlebnis sind.

 

 Praktische Informationen:

Die grands eaux musicales  finden im Allgemeinen zwischen April und Oktober statt. Die genauen Daten (an Wochenenden und Feiertagen, z.T. auch dienstags),  Öffnungszeiten (i.A. 11-12 und 15.30 bis 17 Uhr)  und Eintrittspreise (2017: 9,50 Euro) findet man unter:

http://www.chateauversailles-spectacles.fr/les-grandes-eaux-musicales

Eine Vorbestellung von Eintrittskarten ist nicht unbedingt notwendig, weil  für die grands  eaux spezielle Kassen eingerichtet werden, so dass man sich nicht  in die Schlangen der Schlossbesucher einreihen muss.

Sehr empfehlenswert ist es allerdings, wenn man mit Metro/RER aus  Paris kommt (RER C Paris – Versailles Château  Rive Gauche), schon gleich zwei Tickets pro Person zu kaufen. So vermeidet man bei der Rückfahrt die oft langen Warteschlangen vor den Kassenautomaten bzw. Schaltern im Bahnhof von Versailles.

Wenn man übrigens zum Bassin de Miroir oder zum Bosquet du Théâtre d’Eau kommt, muss man nicht enttäuscht sein, wenn die Fontänen nicht in Betrieb sind: Sie werden während der Öffnungszeiten alle 10 bzw.  15 Minuten für kurze Zeit aktiviert.

 

Anmerkungen:

[1] http://www.n-tv.de/panorama/Kassel-will-Welterbe-sein-article596745.html

[2] Hans Sedlmayr: Allegorie und Architektur. In: Martin Warnke (Hrsg.): Politische Architektur in Europa vom Mittelalter bis heute. Repräsentation und Gemeinschaft. Köln: DuMont 1984. S. 157-174

Wiedergeben bei: http://www.thomasgransow.de/Paris/Versailles.htm

[3] Zitat und Bild aus: http://plume-dhistoire.fr/louis-xiv-et-la-danse-expression-du-regne/

(3a) Jacques Levron, La cour de Versailles aux XVIIe et XVIIIe siècles. Paris: Hachette 1999, S. 40

[4] Der Baulehre entsprechend müsste im Zentrum des Schlosses auf der stilleren Parkseite eigentlich das Schlafzimmer des Königs liegen. In Versailles befindet es sich aber zwar ebenfalls im Zentrum, aber auf der Hofseite. Es muss, wie Sedlmayr a.a.O. erläutert, wie die Apsis einer christlichen Kirche nach Osten ausgerichtet sein. „um die Beziehung zur aufgehenden Sonne architektonisch darzustellen.“

[5] Siehe: Uwe Schultz, Der Herrscher von Versailles: Ludwig XIV. und seine Zeit. München: C.H.Beck,  S. 197

[6] Siehe den Artikel über Winckelmann als Begründer der Klassischen Archeologie in Monumente 8/2017, S. 8ff. Am Rande sei außerdem vermerkt, dass es –man kann schon sagen: natürlich- auch mehrere Apollo-Statuen in Versailles gibt, darunter zwei Nachbildungen des Apoll von Belvedere. Siehe: https://andrelenotre.com/statues-dapollon-jardins-de-versailles/

[7] http://www.louvre.fr/oeuvre-notices/les-chevaux-d-apollon-panses-par-les-tritons

[8] http://www.chateauversailles.fr/decouvrir/domaine/jardins/bosquets#bosquets-nord

Bild aus wikipedia 

Über Robert siehe: http://www.tagesspiegel.de/kultur/retrospektive-von-hubert-robert-im-louvre-sehen-und-traeumen/13566056.html

[9] Ein Video über die Restaurierung: https://www.youtube.com/watch?v=0sYBH3RZ0L8

[10] https://andrelenotre.com/10062-2/

[11] Zit in Jan von Flocken, Als Frankreichs Armeen Deutschland verwüsteten. Die Welt, 24.7.2015 https://www.welt.de/geschichte/article144374056/Als-Frankreichs-Armeen-Deutschland-verwuesteten.html

[12] Ovid, Metamorphosen, 382-400  http://www.gottwein.de/Lat/ov/met06de.php

[13] https://de.wikipedia.org/wiki/Apollon

[14] http://www.gottwein.de/Lat/ov/met06de.php

[15] https://de.wikipedia.org/wiki/Lykische_Bauern

http://www.chateauversailles.fr/decouvrir/domaine/jardins/bassins-fontaines#le-bassin-de-latone

[16] http://www.chateauversailles.fr/decouvrir/domaine/jardins/bassins-fontaines#le-bassin-du-dragon

http://www.lankaart.org/article-versailles-bassin-du-dragon-86685949.html

[17] http://720plan.ovh.net/~jardinsd/Statues/Dragon/Pages/Dragon-00.htm

[18] https://fr.wikipedia.org/wiki/Bosquet_de_l%27Encelade

https://andrelenotre.com/bosquet-de-lencelade-jardins-de-versailles/

[19] Bild aus: http://ghislaine-photos.com/blog/2014/09/10/2014-02-versailles

[20] http://www.sculpturesversailles.fr/html/5b/selection/page_notice-ok.php?Ident=E&myPos=1&idEns=1576

https://fr.wikipedia.org/wiki/Grille_d%27honneur_(Versailles)

[21] Bild aus: http://www.chateauversailles.fr/decouvrir/domaine/jardins/bosquets#bosquets-sud

[22] http://www.louvre.fr/oeuvre-notices/quatre-captifs-dits-aussi-quatre-nations-vaincues-l-espagne-l-empire-le-brandebourg-e

[23] http://www.chateauversailles-spectacles.fr/les-grandes-eaux-nocturnes

Bei dem Bild handelt es sich um ein Werbeplakat für die Veranstaltung

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Mit Heinrich Heine in Paris
  • Street-Art in Paris (1): Einführung und Überblick 
  • Street-Art in Paris (2): Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • Street-Art in Paris (3): Der Invader
  • Das deutsche Haus, „la maison Heinrich Heine“, in der Cité internationale universitaire in Paris

Sommer in Paris: Schwimmen im Bassin de la Villette, in der Marne und auf/in der Seine

Paris im Sommer ist nicht jedermanns Sache: Es ist oft  heiß, manchmal auch drückend heiß und stickig, mit entsprechenden ungesunden Begleiterscheinungen: hohen Ozon- und Feinstaub-Werten; das wirtschaftliche und kulturelle Leben verläuft auf Sparflamme. Oper und Theater machen Sommerpause.  Bei vielen Geschäften sind die Rollgitter heruntergezogen und ein Schild informiert über die –meist mehrwöchige- Dauer des „congé annuelle“.  Wer es sich leisten kann, fährt in Urlaub, viele Pariser  in das  Sommerhaus auf dem Land oder am Meer.

Für die zu Hause Gebliebenen und die Touristen gibt es immerhin ein spezielles Sommerprogramm mit vielen kulturellen Angeboten zum; Beispiel musikalischen Festivals wie dem Jazz-Festival im Parc Floral in Vincennes, gefolgt von dem Festival Classique Au Vert am gleichen Ort, dem Jazz-Festival auf der Esplanade de La Défense, dem Festival Rock  en Seine in der Domaine National du Parc de Saint-Cloud, dem Festival Chopin im Park La Bagatelle und, und, und…. Besonders schön ist, dass hochkarätige Gruppen, die zu sehen bzw. zu hören im Allgemeinen einiges Geld kostet,  teilweise auch kostenlos in Pariser Parks auftreten; beispielsweise im Jardin du Luxembourg  oder im Parc de Belleville im 20. Arrondissement, den wir besonders lieben, weil man von dort aus einen wunderbaren Blick über Paris hat. Man kann sich eigentlich jeden Tag aussuchen, worauf man Lust hat.  Und dann gibt es ja auch noch Paris-Plages!  Zentrum dieser schon traditionellen Einrichtung waren die beiden für die Zeit dieser Veranstaltung für den Autoverkehr gesperrten Stadtautobahnen nördlich und südlich der Seine:  Mit Hilfe von 3000 Tonnen Sand erhielten sie ein entsprechendes Strand-Ambiente mit Liegen, Sonnenschirmen, Bars und Freizeitangeboten. Inzwischen sind die beiden Autobahnen dauerhaft geschlossen, was die Außergewöhnlichkeit von Paris-Plages an diesen Stellen etwas mindert.  Und, „grand choc!“, den Sand gibt es nicht mehr[1]:  Er  ist  in Verruf geraten, weil er von der Firma Lafargue  geliefert wurde, von der man inzwischen weiß, dass sie dem IS Schutzgelder bezahlte, um ihr in dessen Aktionsradius liegendes syrisches Zementwerke ungestört weiterbetreiben zu können. Die Pariser Stadtverwaltung hat daraufhin die Zusammenarbeit mit  LafargueHolzim, dem „leader mondial du matériel de construction“, abgebrochen. Das Fass zum Überlaufen brachte, dass  dieser weltgrößte Zementproduzent auch noch mit einer Beteiligung an dem Mauerbauprojekt Trumps liebäugelte.[2]

Dafür hat aber ein dritter Standort von Paris-Plages in diesem Jahr an Attraktivität gewonnen, nämlich das Bassin de la Villette.

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Schwimmen im Bassin de la Villette

Dort wurde nämlich als absolute Neuheit für Paris-Plages 2017 ein Schwimmbad installiert, das La Baignade,  das vom 15. Juli bis zum 15. September täglich von 11 bis 21 Uhr geöffnet ist.  (2a)

DSC00627 Baignade Bassin de la Villette (3)

Jedenfalls soll das so sein, wenn nicht….  Zwar wurden nämlich, wie der Pariser Sportbürgermeister Jean-Francois Martins beteuerte, die Grenzwerte für die bakterielle Belastung des Bassins seit zwei Jahren eingehalten, aber dann musste es doch nach einigen Tagen schon wieder  für den Badebetrieb geschlossen werden…. (Le Parisien, 25.7.) Aber das war immerhin nur vorübergehend und soll, falls es nicht erneut starke Regenfälle gibt, auch so bleiben. Und es soll wohl auch eine Dauereinrichtung für die Sommerzeit der nächsten Jahre werden.

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Insgesamt hat das Schwimmbecken eine Länge von 100 Metern und ist dreigeteilt je nach Tiefe: Ein Planschbecken von 40 cm Tiefe (siehe Foto), ein weiteres von 1,20 Metern Tiefe und für die Schwimmer gibt es ein 50-Meter-Becken, das  2 Meter tief ist und das  selbst bei schönstem Wetter eher mäßig frequentiert ist.

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Bei schönem Wetter ist allerdings der Andrang der Schwimmbadgäste groß, da muss man eventuell am Eingang etwas warten, weil eine Gesamtzahl von jeweils 500 Besuchern nicht überschritten werden soll.

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Dafür wird es abends ruhig, allerdings kann es dann passieren, dass man nicht mehr eingelassen  wird, wenn die Gesamtzahl der Besucher an diesem Tag schon die 2000 erreicht hat. Wenn man aber schon drinnen ist, kann es sein, dass man das große Schwimmbecken ganz  für sich alleine hat….

Es gibt am Rand Duschen, Umkleidekabinen und Toiletten. Und wenn man Glück hat, findet man auch noch einen freien Liegestuhl.

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Insgesamt eine echte Bereicherung des Bade-Angebots der Stadt Paris – und das auch noch kostenlos.

Zum Abschluss von Paris Plages am 3. September 2017 gibt es übrigens noch einmal eine größere Schwimmveranstaltung im Bassin de la Villlette: La fluctuat – eine Anspielung an den Wappenspruch von Paris: Fluctuat nec mergitur. Leider sind wir an diesem Tag nicht in Paris, sonst hätte ich an dem für jedermann offenen Rundkurs über 1,25 km sicherlich teilgenommen.

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An diesem Ort zu baden bzw. zu schwimmen, hat für mich einen besonderen Reiz, denn man befindet sich hier an einem historisch ganz herausragenden Ort: Das Bassin de la Villette geht immerhin zurück auf Napoleon Bonaparte, der am 28. Mai 1802 folgendes Gesetz proklamierte:

«Il sera ouvert un canal de dérivation de la rivière d’Ourcq ; elle sera amenée à Paris, à un bassin près de la Villette.[…]»  (Es wird ein Kanal eröffnet, der Wasser vom Fluss Ourcq abzweigt und Paris zuführt, in ein Bassin bei La Villette.)[3]  Im Invalidendom, der Grabstätte Napoleons, wird der Kanal ausdrücklich unter den Infrastrukturmaßnahmen aufgeführt, die initiiert zu haben sich Napoleon gerühmt hat.[4] Für den Bau des Kanals benötigte man natürlich eine große Zahl von Arbeitskräften – und das ausgerechnet in Kriegszeiten.  Aber nach den Siegen von Austerlitz und Jena/Auerstedt über Österreicher und Preußen gab es ja genug Kriegsgefangene.[5]  Insofern  ist das Bassin de la Villette gewissermaßen ein deutsch-französisches Gemeinschaftswerk der besonderen Art….

Ziel des Kanalbaus war eine Verbesserung der (Trink-)Wasserversorgung der Stadt. Das 700 mal 70 Meter große und zwei Meter tiefe Bassin diente also als Frischwasserreservoir für die Bevölkerung von Paris. Am 2. Dezember 1808 wurde das Bassin eingeweiht „und galt bald  als kleines Venedig von Paris.“[5] Seine mit Alleen  geschmückten  Ufer wurden zu einem bevorzugten Ort der Pariser zum Spazierengehen und zum Ausgehen: In der Umgebung eröffneten einige Guinguettes, also Landgasthöfe, in denen man preiswerten Wein trinken konnte. Denn das Bassin lag bis 1860 außerhalb der Zollmauern von Paris, an denen für die nach Paris eingeführten Grundnahrungsmittel wie Salz und – wir sind in Frankreich- natürlich auch Wein Zoll erhoben wurde.

Ein Rest dieser Paris umgebenden Zollmauer, der mur des fermiers généraux, ist die klassizistische Rotonde  de la Villette, an deren Achse das Bassin ausgerichtet wurde, wie der historische Stich zeigt. Von dieser bei den Parisern verhassten Zollmauer ist nur wenig erhalten. Ein Glück, dass immerhin die Rotonde de la Villette nicht dem Zorn der Bevölkerung und der Spitzhacke zum Opfer gefallen ist. Ihr Aussehen entspricht ja immerhin auch ganz und gar nicht dem, was man von einer Zollstation erwartet, sie bildet mit dem Bassin eine harmonische Einheit und ihr Schöpfer ist der Architekt Claude-Nicolas Ledoux, einer der herausragenden  und einflussreichsten Architekten seiner Zeit.[6]

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Im Zuge der Industriellen Revolution  entwickelte sich das über den Canal St. Martin und den Canal St. Denis an die Seine angeschlossene  Bassin de la Villette zu einem der größten Häfen Frankreichs.[7]

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Der Hafen von La Villette, aufgenommen zwischen 1905 und 1910. Aus einer Informationstafel am Zaun von La Baignade

Ein zweites großes Hafenbecken wurde gebaut, Lagerhallen entstanden, der große Schlachthof von La Villette versorgte die ständig zunehmende Pariser Bevölkerung mit Fleisch. An diese Vergangenheit erinnert heute nur noch wenig: Stattdessen ist das Bassin de la Villette wieder ein Ausflugsziel wie früher einmal: Die Rotonde ist nicht mehr Zollstation, sondern ein Bistro, eine der alten Lagerhallen ist ein Haus für Pop-Konzerte, unter den Baumreihen kann man Boule spielen, am Rand des Kanals picknicken, es gibt rechts und links des Bassins große Kinos, am oberen Rand –am Wasser gelegen- Restaurants…  Und jetzt kann man im Sommer sogar im Bassin schwimmen!

Praktische Informationen:

Métro Stationen Jaurès oder Stalingrad auf den Linien 2, 5 oder 7.

Das Schwimmbecken befindet sich Quai  de la Loire, auf der östlichen Seite des Bassin de la Villette.

 

Schwimmen in der Marne  

Eine –zumal zeitlich nicht auf einen Monat begrenzte- Alternative zum Bad im Bassin de la Villette ist die Marne. Die Marne war ja für bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ein beliebter Badeort für Anwohner und Pariser Ausflügler. Auf den letzten 25 Kilometern der Marne bis zu ihrer Mündung in die Seine, also im Einzugsbereich von Paris, gab es bis 1970, als das Baden im Fluss verboten wurde, nicht weniger als 24 offizielle Badegelegenheiten. Das Strandbad in Gournay hieß sogar wegen seiner berühmten blau-weißen Badekabinen „Le Petit Deauville“ oder „Deauville parisien“- immerhin ist es Luftlinie nur 18 Kilometer von Notre Dame entfernt. (7a) Joinville mit seinem Bad war ein besonders beliebtes und sogar in einem populären Lied besungenes Ausflugsziel für die Pariser.  Eine Zeile des Liedes bezieht sich ausdrücklich auf die Schwimmer in der Marne:

„Et dans la Marn‘ y’a des baigneurs“[8]

Joinville Marne Okt 09 004

Auch das Plakat einer Ausstellung im Museum von Nogent-sur-Marne zeigt, wie populär das Baden in der Marne einmal gewesen war:

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Offiziell ist das Baden in der Marne zwar immer noch verboten, es wird aber inzwischen geduldet. Das hängt damit zusammen, dass die Qualität des Wassers  sich seit 1970 deutlich verbessert hat und meistens gesundheitlich unbedenklich ist. Lediglich nach starken Regenfällen, wenn die Kanalisation überfordert ist,  sollte man für einige Tage  auf ein Bad im Fluss verzichten.[9]

Die Marne als Bademöglichkeit haben  wir gleich in unserem ersten Pariser Sommer eher durch Zufall entdeckt: Es war ein heißer Tag, wir lagen in einem Café bei der Bibliothèque  Nationale in einem Liegestuhl an der Seine und betrachteten die Schiffe, die vorüber fuhren. Darunter auch kleine Elektro-betriebene Boote  namens Voguéo, die in regelmäßigen Abständen anhielten und Passagiere mitnahmen. (Leider gibt es sie heute nicht mehr,  aber ihre Wiedereinführung wird wohl erwogen). Wohin sie fuhren, wussten wir nicht, aber wir waren neugierig und hatten Zeit. Also ins nächste Boot eingestiegen! Es fuhr die Seine aufwärts- vorbei an Kaianlagen, Betonmischern, Lagerhallen- dann kam die Mündung der Marne mit dem –auch wenig animierend aussehenden- chinesischen Handelszentrum Chinagora- viel Beton mit ein paar aufgesetzten und angeklebten Chinoiserien. Unser Boot fuhr nun in die Marne ein und hielt kurz vor einer Schleuse an: Maisons-Alfort, Endstation.

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Von dort aus gab –und gibt es noch- einen schönen Fußweg entlang der Marne, zum Teil auf Bohlen über dem Wasser angelegt. Und dort sahen wir am gegenüber liegenden Ufer auf ein paar betonierten Stufen, die ins Wasser führten, mehrere Leute in der Abendsonne liegen. Und ein Mann plantschte sogar im Wasser herum! Die Aufregung war groß, die Lust, es ihm nachzutun, riesig. Aber ohne Badezeug konnten wir nur neidisch zusehen und enttäuscht zurückfahren, allerdings mit dem festen Vorsatz, am nächsten Tag mit entsprechender Ausrüstung wiederzukommen. Was dann auch geschah. Auf den Betonstufen hatte es sich eine kleine Truppe von Rentnern gemütlich gemacht, die sich offenbar gut kannten. Einige unterhielten sich –möglicherweise wegen Schwerhörigkeit- ziemlich lautstark, einer las Zeitung, eine alte Dame –oben ohne- strickte, andere dösten in der Sonne. Wir wurden interessiert begutachtet und unsere Begrüßung wurde freundlich entgegengenommen. Nun gab es für uns kein Halten mehr: Ab ins Wasser!  Es dauerte nicht lange, bis einer der Männer aufstand, sich kerzengerade und demonstrativ auf einem ins Wasser ragenden Holzbrett aufbaute und mit dem Ruf „Et maintenant la France!“ kopfüber ins Wasser sprang.

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Damit waren wir in die Gemeinde der Marne-Rentner aufgenommen. Fast jeden Tag kamen wir nun zum Sonnen und Baden dorthin zurück gewöhnten uns auch an den allerdings durch eine hohe Lärmschutzmauer abgemilderten Verkehrslärm der parallel verlaufenden Autobahn nach Reims, Metz und Saarbrücken und gehörten nun, ohne dass viel geredet wurde, dazu- spätestens, als die immer strickende alte Dame es nicht mehr für nötig hielt, schnell ein Hemdchen überzuziehen, wenn wir kamen.

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Wir erfuhren allmählich auch, dass die Stufen zu dem ehemaligen Strandbad der Gemeinde Maisons-Alfort gehörten. Der Platz sei ideal, aufgrund der benachbarten Schleuse sei die Strömung gering, man könne hier nach Herzenslust baden und schwimmen. Inzwischen sei das Schwimmen in der Marne  wegen des Schiffsverkehrs und des (angeblich!) dreckigen Wassers verboten- ein entsprechendes großes Verbotsschild am Ufer hatten wir zunächst gar nicht bemerkt- aber sie würden hier seit ihrer Jugend baden und würden es auch weiter tun, selbst wenn ab und zu mal die „Flics“ kämen. Diese Erfahrung machten wir dann auch selbst nach einem Ausflug auf die andere Seite des Flusses: Heftige Ermahnungen: Schild! Gefahr! Nie wieder! Und dann der Trost unserer Schwimmfreunde: Wir sollten das nicht so ernst nehmen! Die tun ja nur ihre Pflicht! Ist uns auch schon passiert …

Inzwischen ist das Verbotsschild übrigens beseitigt worden, die Betonstufen wurden erneuert und mit einem Plastikbelag überzogen.  Die Marne wird ganz offensichtlich darauf vorbereitet, wieder offiziell autorisiertes Badegewässer zu werden. Risiken gibt es allerdings dennoch und weiter: Im letzten Jahr wurde ich einmal –mit Schwimmbrille stromaufwärts kraulend- von einem größeren, von hinten kommenden Frachtschiff fast „überfahren“. Im letzten Moment hörte ich dann doch die lauten Schreie von allen Seiten und kam mit dem Schrecken davon….

Zu erreichen ist das Strandbad an der Marne übrigens ganz einfach mit der Metro-Linie 8, Station École Vétérinaire de Maisons-Alfort. (Sortie Carrefour de la Résistance). Man passiert die Art-Déco- Kolonaden der früheren Destillerie Suze und ist dann in wenigen Schritten an der Marne, der Schleuse und der Fußgängerbrücke.

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Die überquert man und geht den Uferweg entlang bis zum (früheren) Strandbad.  Auf beiden Seiten des Flusses gibt es übrigens  Pontons zum Anlegen von kleinen Schiffen: Wenn die nicht schon belegt sind, kann man sie auch  nutzen: Zum Baden –zumal es hier einen bequemen Einstieg ins Wassser gibt…

Paris September 2009 028

… und natürlich auch zum Picknick

Picknick an der Marne

Schade ist allerdings, dass die Autobahn A 4 direkt an der Marne und dem „Strandbad“ von Maison Alfort entlangführt. Aber dazwischen gibt es immerhin eine hohe Schallschutzmauer, so dass man den Verkehrslärm nur gedämpft wahrnimmt. Und außerdem dürfen wir uns schon gar nicht darüber beklagen. Immerhin ist das die Autobahn nach Deutschland, auf der wir ab und zu auch unterwegs sind.

 

Schwimmen auf/ in der Seine

Das Baden in der Seine ist seit 1923 verboten und wird, wenn man es trotzdem macht, mit einer Geldstrafe geahndet.  Allerdings hat es nach 1923 noch einige Zeit gedauert, bis das Verbot auch wirklich durchgesetzt wurde: Während des heißen Sommers 1928 wurde das Bad in der Seine massenhaft praktiziert, ohne dass die Polizei einschritt, und 1929 fanden sogar noch offizielle Schwimmwettkämpfe in der Seine statt – ein nettes Beispiel für einen großzügigen Umgang mit Regeln, selbst wenn man sie selbst aufgestellt hat.(9a)

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Dass ein solches Verbot aber nur eine gesundheitlich erforderliche Notmaßnahme und nicht das letzte Wort sein kann, war auch allgemein klar.  Schon 1988 hatte Jacques Chirac, damals Bürgermeister von Paris, angekündigt, man werde in fünf Jahren in der Seine baden können: «Dans cinq ans, on pourra à nouveau se baigner dans la Seine. Et je serai le premier à le faire». Aber daraus wurde nichts, die Wasserqualität war nicht danach.[10] Im Juli 2012 durften im Rahmen des Pariser Triathlons 4500 Teilnehmer am Eiffelturm in die Seine springen, aber das blieb eine Ausnahme: Neben der nicht dauerhaft akzeptablen Wasserqualität war es vor allem die Beeinträchtigung des Schiffsverkehrs, die die zuständigen Behörden veranlassten, weitere Events dieser Art zu verbieten. (10a)

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Die Bemühungen der Association Swim Paris, die mythische „traversée de Paris à la nage“ wiederzubeleben, sind also bisher gescheitert: Geplant waren zwei Parcours zwischen dem Schwimmbad Joséphine Baker im 13. Arrondissements und dem Parc André-Citroën im 15. Arrondissement, wobei gegen eine Teilnehmergebühr jedermann zugelassen wäre.[11] Jetzt hat die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo versprochen, die 1,5 km Schwimmen des  Triatholon-Wettbewerbs  und das 10 km Freiwasserschwimmen der Olympischen Spiele 2024 würden in der Seine stattfinden, wenn den Paris, was ja inzwischen sicher ist, den Zuschlag erhalte, und danach werde auch die Öffentlichkeit in der Seine baden können: „On pourra se baigner dans la Seine après 2024 […] Ce n’est pas une promesse, c’est vraiment un engagement“. Sie werde dann –wenn es ihr Gesundheitszustand erlaube- auch dabei sein; und wir –hoffentlich!- auch….[12]

Allerdings muss Paris bis zur Eröffnung  eines offiziellen und öffentlichen Schwimmbads in der Seine noch einiges tun. Die  Kanalisation muss modernisiert werden, die bei heftigem Regen immer noch überläuft und Schmutz in die Seine spült, ebenso die Kläranlagen stromaufwärts. Die zwischen 2010 und 2015 vorgenommenen Untersuchungen des Seine-Wassers ergaben, dass 92% aller Proben nicht den gesundheitlichen Normen entsprachen. Und es gibt eine europäische Direktive, nach der erst dann ein Gewässer zum Baden freigegeben werden darf, wenn in vier aufeinander folgenden Jahren die Wasserqualität unbedenklich war. (12a)  Das heißt, dass schon ab 2020 das Seine-Wasser Badequalität erreicht haben müsste. On verra…

(Was mir übrigens, aber das nur in Klammern, nicht klar ist: Wie lassen sich diese olympischen Schwimmwettbewerbe in der Seine mit der starken Strömung vereinbaren? Gegen die werden selbst die Sport-Profis nur schwer ankommen und mit ihr würden wohl die olympischen Rekorde nur so  purzeln. Aber vielleicht ist das ja ein durchaus einkalkulierter Effekt….)

Allerdings muss Paris bis zur Eröffnung  eines offiziellen und öffentlichen Schwimmbads in der Seine noch einiges tun. Die  Kanalisation muss modernisiert werden, die bei heftigem Regen immer noch überläuft und Schmutz in die Seine spült, ebenso die Kläranlagen stromaufwärts.

Bis dahin wird man sich also weiter mit (provisorischen) Alternativen begnügen müssen. Die gab es (z.B. 2010) schon im Rahmen von Paris-Plages, und zwar in Gestalt  einer zünftig ausgestatteten  blau-weißen Badeanstalt auf dem Gelände der Voie Pompidou, die allerdings aufgrund ihrer bescheidenen Ausmaße und des großen Andrangs kaum zum Schwimmen geeignet war.

Paris Plage Pantheon Juli 2010 044

Aber  es gibt ja seit 2006 das dauerhaft installierte Badeschiff Joséphine Baker.

Wolf Juli 2010 017

Das ist festgemacht am Fuß der Bibliothèque François Mitterand im 13. Arrondissement, gegenüber dem Parc Bercy und im Blick auf das wuchtige Finanzministerium

Wolf Juli 2010 023

… und die elegante Passerelle Simone de Beauvoir.

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Ein Besuch ist besonders im Sommer angeraten, wenn die Überdachung geöffnet ist und man von der erhöhten Terrasse aus den Blick auf die Seine genießen kann.   Allerdings ist dann auch hier der Andrang erheblich, so dass das Schwimmbecken (10 mal 25 m) eher zum Plantschen geeignet ist und weniger zum sportlichen Schwimmen.

In einem vom Figaro publizierten Ranking der Pariser Schwimmbäder, auf dem das Joséphine Baker immerhin auf dem zweiten Platz rangiert, ist das schön und treffend so formuliert:

„Plouf! Fabuleuse verrière et nage  en musique. La taille du bassin, elle, n’empêche malheureusement pas la proximité.  Mais la vue sur la Seine, magique, rattrape tout.“[13]

Im Vergleich mit dem berühmten Berliner Badeschiff auf der Spree in Treptow ist die „Joséphine Baker“ eine eher familienfreundliche Einrichtung.

Also: Für schwimmfreudige Besucher/innen von Paris – alt und jung- als wenigstens einmalige Erfahrung durchaus zu empfehlen!

 

Praktische Informationen (Stand August 2017): 

http://equipement.paris.fr/piscine-josephine-bakerStand -2930

Quai François-Mauriac (XIIIe). Tél.: 01 56 61 96 50

Nächste Métro-Stationen: Quai de la Gare und Bibliothèque François Mitterand

 

Eintrittspreise  (http://www.piscine-baker.fr/fr/tarifs ):

Einzelkarten 3.60 Euro, reduziert 2 Euro

Im Sommer: 6,20 Euro, reduziert 3,10 Euro.

Die Aufenthaltsdauer ist im Sommer (Juli/August und alle Wochenenden zwischen Ende Mai und Ende September auf zwei Stunden beschränkt.

 

Öffnungszeiten:

Montag von  07h00 bis  09h00 und von 10h00 bis 23h00

Dienstag von  07h00 bis 09h00 und von 10h00 bis 23h00

Mittwoch von  07h00 bis 09h00 und von  10h00 bis  23h00

Donnerstag von 07h00 bis 09h00 und von 10h00 bis 23h00

Freitag von 07h00 bis 09h00 und von  10h00 bis 23h00

Samstag von  10h00 bis 20h00

Sonntag von 10h00 bis 20h00

 

 

Anmerkungen

[1] https://www.sortiraparis.com/arts-culture/balades/articles/53926-paris-plages-2017-baignade-et-animations-sur-les-berges-sans-sable

[2] http://www.lemonde.fr/proche-orient/article/2016/06/21/comment-le-cimentier-lafarge-a-travaille-avec-l-etat-islamique-en-syrie_4955039_3218.html

http://www.lefigaro.fr/societes/2017/03/29/20005-20170329ARTFIG00152-paris-plages-la-mairie-ne-veut-plus-du-sable-de-lafarge.php

(2a) Weitere Informationen: https://www.sortiraparis.com/images/400/1462/274505–bassin-de-baignade-a-la-villette.jpg  und   https://www.paris.fr/baignadevillette

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Bassin_de_la_Villette

[4] Siehe den Blog-Beitrag: Napoleon in den Invalides. Es lebe der Kaiser (3)

[5] http://www.pbase.com/cpaaulnay/canal_de_lourcq_themes

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Bassin_de_la_Villette

Bild aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Bassin_de_la_Villette

In geplanten weiteren Blogbeiträgen möchte ich hier angeschnittene Themen weiter vertiefen: Die Geschichte und Bedeutung der Guinguettes, die Zollmauer von Paris und ihr Architekt Ledoux, der Canal de l’Ourcq – eine stadtgeographische Fahrradtour…

[7] http://www.histoires-de-paris.fr/bassin-de-villette/

http://www.cargos-paquebots.net/Navigation_fluviale/Canal-Saint_Martin_09-2012/Canal_Saint-Martin-01.htm

Antoine Léger, Le bassin de la Vilette, deux siècles de transformation urbaiane.  http://de.calameo.com/read/004245471850d9b01b0cc

(7a) Jean-Paul Kauffmann, Remonter la Marne. Paris  2013, S. 38

[8] http://www.paroles.net/pierre-roger/paroles-a-joinville-le-pont

[9] http://www.marne-vive.com/se-baigner-en-marne

Jean-Paul Kauffmann berichtete in seinem 2013 erschienenen Buch „Remonter la Marne“, nach Regenfällen würden von der Brücke von Joinville „toutes sortes d’infections“  in die  Marne gespült. „Après l’orage apparaissent à la surface des nappes huileuses sur lesquelles flottent des centaines de poissons morts.“ (S. 28).  Dergleichen haben wir noch nicht beobachten müssen, aber wir meiden auch vorsichtshalber die Marne nach starken Regenfällen.

(9a) Bild aus: Années folles. 100 photos de légende. Paris: Parigramme 2014

[10] http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2016/05/08/01016-20160508ARTFIG00092-nager-dans-la-seine-un-vieux-reve-qui-perdure.php  Dort auch das nachfolgend wiedergegebene Bild des Paris-Triathlons von 2012.  

(10a) http://proregisseur.com/la-seine-et-le-triathlon-de-paris/

[11] http://www.leparisien.fr/hauts-de-seine-92/la-traversee-de-paris-a-la-nage-tombe-a-l-eau-08-08-2012-2117624.php

[12] http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2016/05/08/01016-20160508ARTFIG00092-nager-dans-la-seine-un-vieux-reve-qui-perdure.php

Das Engagement Hidalgos für das Schwimmen in der Seine 2024 hat natürlich auch die Funktion, die Pariser Bevölkerung vom Nutzen der Olympischen Spiele zu überzeugen. Allerdings  gibt es auch kritische Stimmen, die fragen, ob das Seine-Wasser tatsächlich bis 2024 Badequalität erhalten soll, wenn es der Stadt Paris noch nicht einmal gelinge der schlimmen Ratten-Plage Herr zu werden. (http://www.liberation.fr/debats/2017/05/10/il-faut-retirer-paris-de-la-course-folle-aux-jeux-olympiques_1568563)

(12a) Nager dans la Seine en 2024, un pari osé. In: Le Monde 15./16. August 2017. Sonderbeilage zu Paris 2024: Jeux olympique, le plus dur commence.

[13] http://www.lefigaro.fr/sortir-paris/2015/05/20/30004-20150520ARTFIG00048-les-meilleures-piscines-de-paris.php

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Street-Art in Paris (1): Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • Street-Art in Paris (2): Der Invader
  • Das deutsche Haus, „la maison Heinrich Heine“, in der Cité internationale universitaire in Paris
  • Die Fontänen von Versailles (1):  Die Feier des Sonnenkönigs

 

 

Musik und Tanz an der Marne: Au pays des Guinguettes

In dem nachfolgenden Beitrag geht es um die Guinguettes, Tanzlokale im Umland von Paris, und dabei vor allem um die Guinguette auf der Ile du Martin Pêcheur, einer kleinen Insel in der Marne. Sie ist von Paris aus schnell und leicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar und lädt an warmen und sonnigen Sonntagnachmittagen zu einem Ausflug ein. Man wird da, neben einer schönen Flusslandschaft,  ein ursprüngliches Stück Frankreich kennenlernen, wie es sonst kaum zu finden ist.

Guinguettes haben eine lange Tradition. Berühmt waren im 18. und 19. Jahrhundert vor allem  die Guinguettes  in Belleville[1], Ménilmontant und Montmartre, die so schöne Namen hatten wie  Au rat goutteux (zur gichtkranken Ratte),  Aux noces de Cana, A la satisfaction, Ile d’amour, La Puce qui saute, Le bal sauvage…. Dort wurde ein ziemlich herber lokaler Weißwein ausgeschenkt, „qu’on ne pourrait vraisemblablement pas tenir pour le meilleur témoignage du génie viticole français!“[2] Dieser Wein , den es heute (sieht man mal von dem kleinen Weinberg in Montmatre und dem noch kleineren im Parc de Belleville ab) nicht mehr gibt, hieß guinget,  und von ihm ist der Name der Weinlokale abgeleitet. Ihre Blüte  verdanken sie  der Zollmauer um Paris, der zwischen 1785 und 1788 errichteten mur des Fermiers généraux: Um die klammen  Finanzen des ancien régime etwas aufzubessern, wurden die nach Paris eingeführten Waren, also auch der Wein,  mit einem Zoll belegt. Das gab den von diesem Zoll verschonten Guinguettes außerhalb der Zollmauern großen Auftrieb, aber auch der vorrevolutionären Stimmung der Pariser Bevölkerung. Ein berühmt gewordener Alexandriner von Beaumarchais brachte das sehr schön zum Ausdruck: « Le mur murant Paris, rend Paris murmurant ».  In den Guinguettes vor den Toren der Stadt versammelten sich am Wochenende die kleinen Leute- es wurde getrunken, gesungen, getanzt,  man erholte sich von den Anstrengungen der Woche, und politisiert wurde natürlich auch, wie entsprechende Polizeiprotokolle zeigen. 1860 wurden im Zuge der Vergrößerung von Paris auch Belleville,  Ménilmontant und Montmartre eingemeindet und gehörten nun zu den von Baron Haussmann neu zugeschnittenen 20 Arrondissements. . Die Guinguettes dort verschwanden allerdings nicht ganz, wie Van Goghs 1886 gemaltes und im Musée d’Orsay ausgestelltes Bild „La Guinguette de Montmartre“ zeigt; (3)

Van_Gogh_-_Gartenlokal_-La_Guinguette-_auf_dem_Montmartre

Aber das eher bedrückend-triste Bild van Goghs macht deutlich, dass die beste Zeit der innerstädtischen Guinguettes nun vorbei war. Dafür begann aber, begünstigt durch neue schnelle Eisenbahn-Verbindungen von und nach Paris, die große Zeit der Guinguettes an Seine und  Marne.

Die Guinguettes an der Seine, angrenzend an den noblen Westen von Paris, zogen vor allem ein bourgeoises Publikum an. Das wird  in Monets Bild  „La Grenoullière“ anschaulich.[4] Monet malte mehrere Versionen dieser bekannte Guinguette mit ihren schwimmenden Pontons, und auch Renoir wählte dieses Motiv aus, vielleicht auch in der Hoffnung, bei einem finanzkräftigen Publikum Abnehmer für die Bilder zu finden.

26658587925_3401894f40 La Grenouilliere

Berühmt war auch das maison Fournaise, auf der „Île des Impressionistes“ 10 km westlich von Paris in der Seine gelegen. Sie wird auch „die Guinguette der Impressionisten“ genannt.[5] Immerhin verkehrten hier Maler/innen wie Claude Monet, Alfred Sisley, Berthe Morisot, Edouard Manet und Camille Pissaro.

Rueil Malmaison003

Jean Renoir malte hier 1881 sein berühmtes Bild  „déjeuner des Canotiers“, worauf  eine große Tafel an der inzwischen teilweise Museum gewordenen „Maison de Fournaise“ mit einer Reproduktion des Bildes hinweist- Teil eines „chemin des Impressionistes“.[6]

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Die Canotiers sind die Ruderer, die nach ihrem von Renoir gemalten Mittagessen sicherlich die feinen Herren mit Zylinder, die man im Hintergrund sieht, und deren Damenbegleitung über die Seine rudern werden. Denn zu einem  unverzichtbaren Teil des Wochenend-Vergnügens in den Guinguettes wurden die Bootsfahrten. Im Gegensatz zu dem aus England stammenden Rudersport ging es dabei aber nicht um sportliche Höchstleistungen. Eine „partie de canot“ war eher eine gesellige Veranstaltung, die auch gute Gelegenheiten für die beiden Geschlechter bot, sich etwas näher zu kommen. Und danach gehörte der Besuch einer guinguette dazu, wo gegessen, getrunken, gesungen und getanzt wurde.

Deutlich volkstümlicher, ja proletarischer ging es in den Guinguettes an  der östlich von Paris in die Seine  mündenden  Marne zu, die ebenfalls in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden. 1859 wurde nämlich der Bahnhof Bastille eingeweiht.  Von hier aus führte eine strategische Bahnstrecke nach Osten, die der schnellen Verlagerung von Truppen an die Ostgrenze dienen sollte.[7] In Friedenszeiten wurde das erste Teilstück der Eisenbahnlinie von Arbeitern aus den Vorstädten in Richtung Paris benutzt, am Wochenende von erholungssuchenden Bewohnern des Pariser Ostens. Das waren, wie Jean-Paul Kauffmann in seinem schönen Marne-Buch schreibt, die classes populaires“, für die das Meer ein unerreichbarer Luxus war“. (7a)   Die fuhren  zu den Guinguettes an die Marne – von daher auch der Name der Züge: „trains de plaisir“.

Ihre Blütezeit hatten diese guinguettes in den 1930-er Jahren, als die Volksfront den bezahlten Urlaub einführte. Da sang  Jean Gabin in dem Film La Belle Équipe von Julien Duvivier (1936) das populäre Lied „Quand on se promène au bord de l’eau“ (7b), das nach den Worten unserer Freundin Marie-Christine „tout le monde en France“ auswendig kennt „ou presque“:

pour gagner des radis
Quand on fait sans entrain
son boulot quotidien
Subi le propriétaire
Le percepteur, la boulangère
et trimbalé sa vie de chien
Le dimanche vivement
qu’on file à Nogent
Alors brusquement
Tout parait charmant

Quand on s’promène au bord de l’eau
Comme tout est beau
Quel renouveau

…….

Ein Stück  der inzwischen längst stillgelegten Bahnstrecke an die Marne wurde übrigens in den 1990-er Jahren  in einen Fußgänger- und Fahrradweg umgewandelt, nachdem der Bahnhof Bastille abgerissen und an seiner Stelle die Opéra Bastille errichtet worden war- eines der prestigeträchtigen Projekte des damaligen französischen Präsidenten François Mitterand.  Es ist die Coulée verte René-Dumont, bis 2014 promenade plantée[8] , über die wir  fast täglich mit dem Fahrrad in „unser“ Schwimmbad am Boulevard periphérique fahren.

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Erste Station der „trains de plaisir“ an der Marne war Joinville-le-Pont, wo es eine berühmte Guinguette gab, die auch in einem ebenso berühmten Lied besungen wurde:

J’suis un p’tit gars plombier zingueur 
J’fais des s’mains de quarant’huit heur’s
Et j’attends qu’les dimanch’s s’amèn’nt
Pour sortir ma jolie Maimain‘ ….

Au bord de l’eau, y’a des pêcheurs 
Et dans la Marn‘ y’a des baigneurs
On voit des gens qui mang’nt pas des moul’s
Ou des frit’s s’ils aimem’nt pas les moul’s
On mange avec les doigts c’est mieux
Y’a qu’les bell’s fill’s qu’on mang‘ des yeux
sous les tonnell’s on mang‘ des glac’s
Et dans la Marne on boit la tass‘

 

Und der Refrain:

A Joinvill‘ le Pont 
Pon ! Pon !
Tous deux nous irons
Ron ! Ron !
Regarder guincher
Chez chez chez Gégène [9]

 

Die Guinguette „chez Gégène“ gibt es  immer noch.  Es ist aber inzwischen  eine Einrichtung, die von ihrer Vergangenheit zehrt – für Nostalgiker der Generation 65 + oder für ahnungslose Touristen, die mit einem Schiff vom Arsenal-Hafen nach Joinville-le-Pont transportiert und bei dem berühmten, traditionsreichen, aber –wie wir meinen- völlig auf Massenbetrieb eingestellten Schuppen abgesetzt werden. In verbreiteten Guinguette-Rankings ist allerdings chez Gégène immer dabei.[10]

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Das an der Allée des Guinguettes gelegene „Chez Gégène“ ist vom RER – Bahnhof Joinville zu Fuß gut zu erreichen.

Joinville Marne Okt 09 003

Man kann  vom Bahnhof  aus aber auch  entlang der Marne zu unserer Lieblings- Guinguette auf der „Île du Martin Pêcheur“ gehen. Der Weg führt am kleinen Hafen von Joinville-le-Pont vorbei, wo man in einem der kleinen Restaurants mit Blick auf die vor Anker liegenden Boote und den Fluss eine schöne Pause machen kann, bevor es zur Eisvogelinsel geht.  (Ihren Namen trägt sie übrigens zu Recht, denn Eisvögel gibt es an der Marne tatsächlich- wir haben jedenfalls schon selbst welche gesehen).

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Die auf der kleinen Marneinsel gelegene Guinguette verdankt ihre Existenz der Renaissance dieser Lokale in den  letzten Jahren. Nach dem Zweiten Weltkrieg sah es ja so aus, als habe das letzte Stündlein der Guinguettes geschlagen:  Aufgrund der Wasserverschmutzung und des Schiffsverkehrs war (und ist auch heute  noch) das Baden in Seine und Marne verboten. Und  Tanzen kann man auch mitten in Paris am Ufer der Seine am Quai Saint-Bernard im 13. Arrondissement.

Gleichwohl erlebten in den letzten Jahren die Guinguettes  eine neue Blüte. Besonders rührig ist da die Guinguette auf der Île du Martin Pêcheur. Sonntag nachmittags kann man dort  echte Guinguette-Atmosphäre erleben. Es ist viel Betrieb, es gibt populäre life-Musik, bei dem das von den italienischen Einwanderern im 19. Jahrhundert eingeführte Akkordeon nicht fehlen darf.

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Nach dem Mittagessen werden die Tische beiseite geräumt und es wird  kräftig getanzt: Musette-Walzer, Fox, Tango  und Blues. Das Sympathische dabei ist, dass jeder und jede mitmachen kann:  Es sind zwar meistens gemischte Paare, aber es tanzen auch Damen zusammen oder eine Mutter mit ihrem Kind auf dem Arm, und vor allem: es tanzen Menschen jeden Alters, auch und vor allem ziemlich alte: Einmal haben wir dort einen Herren auf der Tanzfläche getroffen und bewundert: Er war, wie er uns in einer Tanzpause stolz  erklärte, 89 Jahre alt und tanzte sehr beeindruckend und schwungvoll gleich mit zwei Damen. Die waren allerdings deutlich jünger  – so um die siebzig herum….  Die meisten Menschen hier kommen in ihrer Alltagskleidung, aber es gibt auch einige, die sich  etwas herausgeputzt haben: zum Beispiel die Dame mit den  langen, an der Seite aufgeschlitzten Hosen, die  nicht nur chic aussahen, sondern auch gut für das Motorrad geeignet waren, auf dem sie dann mit ihrem Partner nach Hause brauste. Oder die ziemlich alte Dame, auf deren Schultern  die knallroten Träger ihres BH zu sehen waren.  Zum Abschluss (kurz vor 18 Uhr) wird von allen  ein Madison getanzt, ein  ziemlich komplizierter Gemeinschaftstanz, bei dem sich die Tänzer wohlgeordnet neben- und hintereinander aufstellen und dann im Takt die gleichen Schritte machen.  Man merkt dabei, dass die meisten hier heimisch sind, aber auch als unbeholfener Fremder wird man freundlich dazu genommen.

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Auch die Lieder, die gesungen werden, sind den meisten offenbar sehr vertraut und viele werden  laut mitgesungen oder geradezu mitgeschmettert: So bei einem unserer Besuche der Refrain eines Liedes, der mit den Worten „sans chemise et sans pantalon“ endete (ohne Hemd und Hose). Den Kontext habe ich leider nicht verstanden, aber die Begeisterung beim Singen war unverkennbar. (https://www.youtube.com/watch?v=c3UcCTTQyAE)

Zum neuen Erfolg der Guinguettes tragen auch besondere Veranstaltungen bei wie das jährliche Festival des Guinguettes  Anfang Mai oder die Wahl der Miss Guinguette auf der Ile du Martin Pêcheur am 14. Juli jeden Jahres! Eine echte Alternative zur Militärparade auf den Champs Elysées!

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Es gibt  dort auch  „canotiers“,  die flachen, mit einem Band verzierten Strohhüte der Ruderer, die man von den Bildern der Impressionisten kennt.  Heute werden diese Hüte als Souvenirs verkauft und manchmal wohl auch getragen. Die Ruderer und ihre Boote gibt es allerdings hier leider nicht mehr. Aber das kann ja nochc kommen, genau wie das (wieder offiziell erlaubte) Baden in der Marne….

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Dass man allerdings so viele Damen mit Strohhüten sieht wie auf dem nachfolgenden Foto, ist eher  untypisch: Sie hatten sich offensichtlich extra herausgeputzt für ein deutsches Journalisten-Team, das an einem Bericht über die Guinguettes arbeitete.

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Praktische Hinweise:

Die Guinguette auf der Ile du Martin Pêcheur erreicht man am besten mit dem RER der Linie A Richtung Boissy-Saint-Léger.  Man kann direkt nach Champigny-sur-Marne fahren.  (Fahrkarten dorthin gibt es  in jeder Metro-Station von Paris, am besten gleich zweifach für die Rückfahrt). Vom Bahnhof aus  geht es zur Seine, man überquert die Brücke, und von dort sind es  linkerhand der Marne folgend  nur wenige Schritte zur Guinguette.  Empfehlenswert ist es aber,  schon eine Station vorher in Joinville-le-Pont auszusteigen und dann  entlang der Marne bis zur Guinguette zu wandern. (ca  1 Stunde). In Joinville gibt es einen kleinen Hafen mit einigen sympathischen Restaurants/Bars direkt an der Marne. Dort kann man schön in der Sonne sitzen, etwas essen  oder einen Kaffee trinken).

In den RER- und meistens auch den Métro-Stationen gibt es kostenlos eine brauchbare Karte der Gegend: Aus der Serie der detaillierten Ile-de-France- Karten „par secteur“ die Nummer 12: Val-de-Marne.

Öffnungszeit der Guinguette de l’Île du Martin-pêcheur – abgesehen von den Abendveranstaltungen- ist sonntags zwischen 12 und 18.30 Uhr. Am besten kommt man ab etwa 15 Uhr, dann ist das Mittagessen vorbei und es wird getanzt.

Infos: www.guinguette.fr

 Pour en savoir plus: Francis Bauby u.a.: Mémoire de guingettes. Paris 2003.

 

 

Anmerkungen

[1] Siehe dazu den Blogbeitrag über Belleville

[2] Guide du Promeneur 20e. Parigramme 1993, S. 30

(3) Bild aus: https://de.wikipedia.org

[4] Bild aus: https://de.wikipedia.org/

[5] http://www.restaurant-fournaise.fr/le-dejeuner-des-canotiers/9-histoire.html

[6] http://www.musee-fournaise.com/

[7] http://www.wikiwand.com/fr/Ligne_de_Paris-Bastille_%C3%A0_Marles-en-Brie

(7a)  Jean-Paul Kauffmann, Remonter la Marne. Paris 2013, S.25

(7b) http://www.parisfaitsoncinema.com/les-classiques/gabin-se-promene-au-bord-de-l-eau-dans-la-belle-equipe.html

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Coul%C3%A9e_verte_Ren%C3%A9-Dumont

[9] En savoir plus sur http://www.paroles.net/pierre-roger/paroles-a-joinville-le-pont#lGWX2WiO2EwAR6gS.99

[10][ Z.B. https://www.one-week-in-paris.com/top-guinguettes

https://www.lebonbon.fr/paris/les-tops-spots/guinguette-paris/

http://www.cnewsmatin.fr/loisirs/2014-06-14/paris-le-top-5-des-guinguettes-681638

http://www.lexpress.fr/tendances/voyage/trois-adresses-de-guinguette-sur-les-bords-de-marne_1564762.html

eingestellt August 2017

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Street-Art in Paris (1): Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • Street-Art in Paris (2): Der Invader
  • Sommer in Paris: Baden im Bassin de la Villette, in der Marne und auf/in der Seine
  • Das deutsche Haus, „la maison Heinrich Heine“, in der Cité internationale universitaire in Paris
  • Die Fontänen von Versailles (1): Die Feier des Sonnenkönigs 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Kirche Saint- Sulpice in Paris, Teil 2 (Der Gnomon, der Kampf mit dem Engel von Delacroix und das café de la mairie)

Im ersten Teil des Berichts über die Kirche Saint -Sulpice ging es vor allem um die Musik, die Krypta und die chapelle de la vierge mit der Marienstatue Pigalles und den Säulen der römischen Stadt Leptis Magna. In diesem zweiten und letzten Teil stehen zwei besondere Sehenswürdigkeiten der Kirche im Mittelpunkt, nämlich der Gnomon mit der sogenannten Mittagslinie und die Kapelle mit den kürzlich restaurierten Malereien von Eugène Delacroix. Und zum Abschluss gibt es eine Pause in dem Café de la Mairie an der Place de Saint-Sulpice bzw. an der  Plac  G org s P r c….

 

Die Mittagslinie

Die sogenannte Mittagslinie (lt. Meridianus) in Saint- Sulpice ist durch den Bestseller „Sakrileg“ von Dan Brown zu besonderer Berühmtheit gelangt. Es handelt sich, wie Brown richtig beschreibt, um einen schmalen goldenen Messingstreifen, der „quer über den Boden des Gotteshauses“ verläuft, und zwar „in präziser Nord-Süd-Ausrichtung“.

Die Messinglinie führt an der Nordwand des Querschiffs zu einem Obelisken, an dem sie hinaufführt, bis sie –so noch einmal Brown- „in knapp elf Meter Höhe“ endet.

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Im Fenster des südlichen  Querschiffs gibt es –auf dem Foto rechts unten zu sehen-  eine kleine kreisrunde Öffnung, den sogenannten Okulus.

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Das durch ihn am Mittag –also beim höchsten Sonnenstand-   einfallende Sonnenlicht wirft Schatten auf den Boden und bezeichnet so die Mittagslinie. Der Schatten „wanderte von Tag zu Tag weiter den Stab entlang und markierte den Verlauf der Zeit zwischen den Sonnenwenden.“  Das südliche Ende der Mittagslinie ist im Boden der Kirche ausdrücklich markiert. Eine entsprechende Markierung der Wintersonnenwende gibt es nicht und kann es nicht geben: Die läge nämlich 20 Meter außerhalb der Kirche. Die Mittagslinie von Saint -Sulpice knickt deshalb an der Wand des nördlichen  Seitenschiffs senkrecht ab, so dass kurz vor und nach der Wintersonnenwende der Schatten der mittäglichen Sonne auf den Obelisken geworfen wird.

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Die Markierung der Sommersonnenwende (Solstitium estivum)

Soweit kann man der Beschreibung Browns in „Sakrileg“ folgen.  Dass sich allerdings Brown erhebliche künstlerische Freiheiten genommen hat und mit den Fakten sehr großzügig umgegangen ist, wurde schon wiederholt dargestellt – lange Zeit auch von und in der Kirche selbst. Ein Beispiel ist ja schon im ersten Teil dieses Beitrags aufgeführt: Die Behauptung,  Saint -Sulpice entspreche „in den Abmessungen  bis auf wenige Zentimeter der Kathedrale von Notre-Dame“ ist jedenfalls völlig falsch.  Auch dass der Gnomon ein heidnisches Instrument ägyptischen Ursprungs sei, trifft nicht zu. Der Obelisk stammt auch nicht, anders als der auf der Place de la  Concorde, aus dem alten Ägypten, und er wird nicht, wie Brown behauptet, von einer Pyramide gekrönt, sondern von einer  -alles andere als heidnischen- die Erde symbolisierenden Kugel mit einem Kreuz. Falsch ist schließlich Browns Feststellung, bei der Mittagslinie von Saint Sulpice handele es sich um den Pariser Nullmeridian: Diese „imaginäre  Nullinie“ sei, „lange bevor man übereinkam, den Nullmeridian durch Greenwich zu legen“ durch Paris und „mitten durch die Kirche Saint -Sulpice“ verlaufen, „wo die in den Boden eingelassene Messinglinie zur Erinnerung an den ursprünglichen Nullmeridian bis zum heutigen Tage sichtbar ist.“[1]

Tatsächlich verläuft der Pariser Meridian einige hundert Meter entfernt an Saint-Sulpice vorbei. Sein Verlauf in Paris ist anhand von 135 in den Boden eingelassenen  Bronze-Plaketten zu erkennen und  zu verfolgen.[2]  Installiert wurden sie 1994 aus Anlass des 200. Geburtstages des Astronomen, Physikers und republikanischen Politikers François Arago.[3]

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Historische Spuren des Pariser Meridians gibt es übrigens auch: Vor  allem seine Markierung im Observatoire von Paris und die „Mess-Stele  des Südens“ (point de mire) im Park Montsouris – in der Nähe der Cité Universitaire.  Dieser Messpunkt wurde 1808 eingerichtet – zur Zeit der Herrschaft Napoleons, dessen Name dann allerdings nach seinem Sturz auf der Säule getilgt wurde.

Den  Meridien de Paris, auch le méridien origine genannt, nutzten  französische Geographen und Reisende bis 1884. Damals wurde auf einer internationalen Konferenz der Meridian von Greenwich als der international gültige 0-Meridian festgelegt. Für Frankreich war das ein herber Gesichtsverlust –es war noch nicht die Zeit der entente cordiale, sondern der kolonialen Rivalität zwischen Frankreich und Großbritannien. Also wurde in einem der Gesichtswahrung dienenden Gesetz festgelegt, dass in Frankreich nicht die GMT (die Greenwich Mean Time) verwendet wird, sondern „le temps moyen de Paris diminué de 9 minutes 21 secondes“, eine bis 1979 gültige Bestimmung… [4]

Im Jardin du Luxembourg sind am westlichen Abgang zum zentralen Parterre mit dem großen Wasserbecken drei Arago-Plaketten installiert. An ihrem Verlauf, den Nord-Süd-Markierungen und den links neben dem Palais du Luxembourg gelegenen und etwas hinter Bäumen versteckten Türmen von Saint-Sulpice kann man gut erkennen, dass der Pariser Meridian östlich der Kirche verläuft.

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Dass sich eine –vom Meridian also völlig unabhängige- Mittagslinie in Saint-Sulpice  befindet, ist durchaus nicht außergewöhnlich. In Italien gibt es schon entsprechende Vorbilder aus dem  15. und 16. Jahrhundert: zum Beispiel in der Basilika San Petronio in Bologna, wo der Dominikanermönche Egnatio Danti ein Loch von zweieinhalb Zentimeter Durchmesser in das Kirchendach gebohrt hatte, und zwar so, dass der hindurchtretende Sonnenstrahl zur Mittagszeit auf eine 67 lange hervorgehobene Linie am Boden des Kirchenschiffs fiel.

Die Kirche Saint-Sulpice war für die Einrichtung einer Mittagslinie wegen ihrer Ausmaße besonders geeignet: vor allem wegen ihrer Höhe- sie übertraf die Höhe des gerade im Bau befindlichen Observatoire um mehr als das Doppelte! Und die Kirche war an einer solchen Messung sehr interessiert. Das wird schon daran deutlich, dass ihre Einrichtung einen erheblichen Aufwand mit sich brachte: Die Decke der Krypta wurde vorher extra verstärkt, um auch nur minimale Absenkungen und Verschiebungen des Bodens auszuschließen. Und zur Festlegung der Mittagslinie wurde das südliche Querschifffenster mit Metallplatten völlig abgedeckt, sodass das Licht- wie bei einer Camera obscura- nur durch den Okulus einfallen konnte.  Für die Kirche hatte die Mittagslinie eine doppelte Funktion:  Einmal diente sie zur genauen Bestimmung der lokalen Uhrzeit – und die Uhrzeit hatte für das kirchliche Leben  ja immer eine zentrale Bedeutung; dann und vor allem aber war die Mittaglinie ein Instrument zur exakten und über Jahre hinausreichenden Festlegung des Ostertermins. Das Konzil von Nicea hatte im Jahr 325 das Osterdatum auf den ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond nach Frühlingsbeginn festgelegt – was allerdings die Probleme der Osterberechnung nicht nachhaltig beseitigte, wie die nachfolgende gregorianische Kalenderreform von 1582, die „Osterformel“ von Carl Friedrich Gauß von 1800 und die unterschiedlichen Osterdaten der christlichen Kirchen zeigen.  Ein für Ostern entscheidendes Datum ist und bleibt aber der Frühlingsbeginn, der  auf der Nordhalbkugel durch das Primär-Äquinoktium, also die erste Tag- und- Nacht-Gleiche des Kalenderjahres, festgelegt ist.

Deshalb ist auch das Äquinoktium auf der Mittagslinie von Saint-Sulpice  besonders hervorgehoben- kurz vor den zum Hauptaltar hinaufführenden Stufen.

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Markierung des Äquinoktiums, der Tag- und Nacht-Gleiche

Erkennbar ist hier am Verlauf der Mittagslinie, dass die Ost-West- Ausrichtung der Kirche nicht ganz exakt ist.

 

Auf einer Marmortafel am Fuß des Obelisken wird diese Funktion der Mittagslinie ausdrücklich –unter Verweis auf das Konzil von Nicea- hervorgehoben.

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Eingerichtet wurde die Mittagslinie von Saint- Sulpice 1727 von dem englischen Uhrmacher Henry Sully  im Auftrag der Kirche. Auf einer weiteren Marmortafel wurden die hohen weltlichen und geistlichen Herren aufgeführt, die die Einrichtung der Mittagslinie gefördert hatten, u.a. Ludwig XV. und Mitglieder der königlichen Akademie. Während der Französischen Revolution wurden diese Verweise ziemlich säuberlich getilgt – der Name des Königs und der geistlichen Herren vollständig, während der Verweis auf die Akademie erhalten blieb- allerdings ohne das Attribut „königlich“ . Die revolutionären Saubermänner verstanden offenbar nicht nur den Umgang mit Hammer und Meißel, sondern auch Latein….

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Die chapelle des anges mit den Malereien von Eugène Delacroix

Die chapelle des anges befindet sich gleich hinter dem Eingang der Kirche auf der rechten Seite. Nachdem sie lange wegen Restaurierungsarbeiten gesperrt war, kann man sie seit Ende des Jahres 2016 wieder betreten und die in frischen  Farben erstrahlenden Wandgemälde von Delacroix bewundern.

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Auf dem nächsten Bild, das kürzlich auf einer Konferenz im Auditorium des Louvre über die Restaurierung der Wandgemälde von Delacroix gezeigt wurde, kann man sehr deutlich den Unterschied zwischen „vorher“ und „nachher“ erkennen. Übrigens sieht man auch, dass die bisherige sehr aufdringliche- Beleuchtung verändert wurde, und zwar zugunsten einer schonenderen Ausleuchtung der Kapelle, die die Gemälde von Delacroix wesentlich besser zur Geltung bringen

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Delacroix war überzeugter Atheist, aber er war bereit, den Auftrag zur Ausmalung der Kapelle zu übernehmen. Von 1849 bis 1861 arbeite er an diesem Mammutprojekt und wählte dafür auch selbst die Themen. Es sind der Kampf Jacobs mit dem Engel, die Vertreibung Heliodors, der die Schätze des Jerusalemer Tempels beschlagnahmen wollte,  und –an der Decke-   der Sieg des  Erzengels Michael über den Teufel. Verbindendes Element der drei Gemälde sind also Kämpfe, die mit großer Heftigkeit ausgetragen werden.

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Und es ist das orientalische Ambiente der großen Wandgemälde – beides wesentliche Elemente im Werk von Delacroix.

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Es lohnt sich auch, auf scheinbar nebensächliche Details der Gemälde zu achten, beispielsweise auf den Haufen von Kleidern und Ausrüstungsstücken, den Jacob vor seinem Kampf mit dem Engel hingeworfen hat. Es ist gerade dieses Detail, das bei einem –sonst eher Delacroix-kritischen- Kenner von Saint-Sulpice  Gnade findet[5]:

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Ces touches entrecroisées, ces hachures en mouvement: la modernité est là!“

Der „Kampf Jacobs mit dem Engel“ ist sicherlich das bedeutendste der drei Gemälde in der Kapelle. Das Thema hat Delacroix dem Alten  Testament entnommen, einer Bibelstelle, die immer wieder zu vielfältigen Interpretationen Anlass gegeben hat.[6] Und es ist auch dieser rätselhafte Zweikampf, auf den, hat man die Kirche betreten, als erstes der Blick fällt.

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Mario Vargas Llosa hat einen sehr schönen Text über dieses Bild geschrieben, aus dem ich nachfolgend einige Passagen wiedergebe:

 „Delacroix benötigte rund sieben Jahre, um es zu malen. Der Schaffensprozess, elegant und minutiös von Jean-Paul Kauffmann beschrieben, ist eine beispielhafte Demonstration des unsichtbaren, aber leidenschaftlichen Kampfes gegen Unsicherheit, Ermüdung und unvorhersehbare Hindernisse, die ein Künstler laut der romantischen Vorstellung überwinden muss, um ein Meisterwerk zu schaffen. Von diesem Zeitpunkt an war dies eine der häufigsten metaphorischen Lesarten dieser Episode des Alten Testaments (Genesis 23), in der Jakob eine ganze Nacht hindurch mit einem unbekannten Gegner ringt, der ihm auf seiner Reise an die Ufer des Jabbok den Weg verstellt. Im Morgengrauen ergibt sich der Gegner und gibt Jakob zu verstehen, dass er die Probe bestanden habe. Mit wem hat Jakob gerungen? Mit Gott selbst? Mit einem Engel? Mit sich selbst?

Um das zu erkennen, muss man nur einige Zeit vor dem majestätischen Wandgemälde in Saint-Sulpice verweilen und diesen merkwürdigen, verstörenden Ringkampf betrachten, der etwas von einer amourösen Begegnung hat – in der Jakob voller Zorn angreift, während ihn der Engel regungslos festhält, ohne sichtbare Mühe, gelassen und sogar zärtlich, ihn mit seiner linken Hand aufhält und mit der rechten seinen Oberschenkel in einer Art und Weise hält, die mehr Liebkosung erscheint als Schlag. In Jakob erkennt man Verzweiflung, ungebändigte Kraft, Zorn und Furcht. In dem Engel die absolute Seelenruhe desjenigen, der weiß, dass das Geschehen nur die Erfüllung einer Schrift ist, deren Schluss er auswendig kennt. Die drei großen Bäume, zu deren Füßen der Kampf stattfindet, erscheinen durch die sich krümmenden Zweige und Blätter lebendig: Zuschauer, die Partei für den einen oder anderen der Ringkämpfer genommen haben.

Unter den vielen Deutungen dieser Bilder ist keine, die diesen Kampf als rein physisch begreift oder ihn nicht als eine oder gar mehr Metaphern verstand – stellvertretend für die condition humaine , für die Beziehung des Menschen zu Gott, für das Verlangen des Künstlers, seine Grenzen zu überwinden und ein Werk zu hinterlassen, das die Schranken überwindet, stellvertretend für den Kampf von Leben und Tod.“[7]

Ein Jahr nach Beendigung der Arbeit an der Kapelle und ein Jahr vor seinem Tod schrieb Delacroix in sein Tagebuch: „ Dieu est en nous : c’est cette présence intérieure qui nous fait admirer le beau, qui nous réjouit quand nous avons bien fait et nous console de ne pas partager le bonheur du méchant“.[8]

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Bevor wir aber die Kirche verlassen, soll Rainer Maria Rilke zu Wort kommen mit dem Gedicht „Saint Sulpice“,  das er 1925 während eines Aufenthalts in Paris in französischer Sprache geschrieben hat: Ein Lobpreis auf die Harmonie zwischen dem Kirchenraum drinnen und dem Blumenhändler, dem Konditor und dem Devotionalienhändler Percepied draußen…

Tout s’accorde parfaitement                                                                                                        avec cette ombre dévalant                                                                                                                 de l’église haute; 

ce fleuriste effacé                                                                                                                                  et l’étalage à côte                                                                                                                                 de la pâtisserie dévote.

Cet étalage pacifié,

plein d’innombrables objets pieux                                                                                               entre Madeleine et Pacôme,                                                                                                                et le patron de ce  même lieu                                                                                                           qui s’appelle Percepied                                                                                                                     pour ne pas s’appeller Percepaume (Perce-pomme… L’église haute).

 

La Place Saint-Sulpice/plac  G org  P r c

Zum Abschluss der Kirchenbesichtigung bietet sich ein Besuch des Café de la mairie  an der Place Saint-Sulpice an. Von dort aus hat man einen schönen Blick auf die Kirche und auf den Platz. „Aucune esplanade ne met autant en valeur à Paris la théâtralité d’une église“, schreibt Kauffmann (S.82), auch wenn Servandonis Plan, den Platz mit einem harmonischen architektonischen Ensemble einzufassen, nicht ausgeführt wurde. Aber trotzdem: Der weitgehend verkehrsberuhigte Platz mit der theatralischen Kirchenfassade Servandonis und Chalgrins,  dem Gebäude der Finanzverwaltung, das auf dem Boden des bedeutenden Priesterseminars von Saint-Sulpice errichtet wurde, der mairie des 6. Arrondissements und dem repräsentativen Brunnen in der Mitte ist ein einzigartiges Ensemble. Bei schönem Wetter, draußen vor dem Café sitzend, kann man sich in der Tat fühlen wie in Rom.  Die Fontaine Saint-Sulpice aus der Mitte des 19. Jahrhunderts ehrt vier berühmte Redner und Bischöfe aus der Zeit Ludwigs XIV. Sie wird deshalb auch fontaine des quatre évéques genannt oder fontaine des orateurs sacrés.

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Im Volksmund –jedenfalls in den Mündern des gebildeten Volkes des 6. Arrondissements- wurde der Brunnen aber auch fontaine des quatre point(s) cardinaux genannt; ein hübsches Wortspiel, das darauf verweist, dass die vier Seiten des Brunnens (in etwa) den vier Himmelsrichtungen entsprechen, aber auch darauf, dass diese vier Bischöfe niemals (point) Kardinäle geworden sind…

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Der französische Schriftsteller Georges Perec hat ein kleines außergewöhnliches Büchlein über diesen Platz geschrieben: tentative d’épuisement d’un lieu parisien.  An drei aufeinander folgenden Tagen hatte Perec sich für einige Stunden auf oder am Platz Saint-Sulpice niedergelassen und alles aufgeschrieben, was er beobachtete: gewöhnliche, eigentliche unbedeutende Dinge des täglichen Lebens. Der volle Bus Nr 96, der vorbei fährt, zwei kleine Hunde „genre Milou“,  ein Mann, der die Kirche verlässt, das Geräusch der vom Wind bewegten Blätter, die Tauben auf dem Platz – und so weiter- auf 41 Seiten: „Die tausend unbeachteten kleinen Details, die das Leben in einer großen Stadt ausmachen“ –  wie es auf dem Klappentext des Buches heißt- auf dem sogar eine Parallele zu den Beobachtungen Monets an der Kathedrale von Rouen hergestellt wird: „un regard, une perception humaine, unique, vibrante, impressioniste, variable, comme celle de Monet devant la cathédrale de Rouen.“

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Einer der Beobachtungsposten Perecs war das Café de la Mairie, das Perec zu seinem 30. Todestag durch ein entsprechendes Schild geehrt hat: Place Georges Perec. Merkwürdiger Weise  ist auf  diesem Schild durchgängig der Vokal e ausgelassen:  eine besondere „hommage“ an den Autor Perec. In dessen wohl bekanntestem Roman, Disparition, einem sogenannten Lipogramm, fehlt nämlich das „e“ – es ist sozusagen auch verschwunden…

Mit den beiden Damen auf dem Foto kam ich übrigens anlässlich meines Fotos ins Gespräch. Sie hatten das Schild gar nicht bemerkt, kannten aber sehr genau seine Bewandtnis. Sie wussten auch, dass es für Perecs Roman ohne „e“ schon ein englisches Vorbild gibt. Und sie zogen eine Parallele zu den Inschriften in der Krypta oder auf dem Gnomon von Saint-Sulpice, bei denen in der Französischen Revolution einzelne Worte, Adelsprädikate oder ganze Passagen getilgt wurden. Einen geeigneteren Ort für eine Erholungspause als das  café de la mairie wird man also kaum finden.

  

Praktische Informationen

Kirche Saint-Sulpice, Métro Saint-Sulpice, Place Saint-Sulpice – Paris 75006
Führungen (auf französisch):

  • Allgemeine Kirchenführung: jeden Sonntag um 14h30
  • Der Gnomon: jeden 3. Sonntag eines Monats um 13h
  • Die Krypta: jeden 2. und 4. Sonntag eines Monats um 15.30 h. Nur auf Anmeldung. Tel. 01 42 34 59 98
  • Die Fassade (außer den Türmen): Jeden 4. Samstag eines Monats um 14 h. Ebenfalls nur auf Anmeldung (s.o.)

In Saint-Sulpice bietet der Organist Daniel Roth nach der Messe ein  halbstündiges  Orgelvorspiel an (Auditions du Dimanche), in der Regel gegen 12 Uhr.

Zwischen März  und November werden außerdem jeden Monat Orgelkonzerte organisiert.

 

en savoir plus:

De pierre et de coeur, l’église Saint-Sulpice, 350 ans d’histoire. Éditions du Cerf, 1996

Philip Feriks, Le Meridien de Paris. Une randonnée à travers l’histoire. EDP Sciences 2009

Jean-Paul Kauffmann, La Lutte avec l’Ange. Collection folio 2001

Dominique Lesbos, Secrets et curiosités des monuments de Paris. Paris 2014/2016) Kapitel Saint-Sulpice, S. 167ff

Michel Rougé, Le gnomon de l’église Saint-Sulpice. Paroisse  Saint-Sulpice 2006

Maurice Serullaz, Les Peintures Murales d’Eugène Delacroix. Paris 1963

 

 

Anmerkungen

[1] Dan Brown, Sakrileg. Bergisch Gladbach 2006, S. 125 und 148/150

Dass es sich bei der Mittagslinie von Saint-Sulpice um den Meridian von Paris handelt, ist aber ein weit verbreitetes Vorurteil. In einem neuen Paris-Führer  (in engl. Sprache) habe ich auch eine entsprechende Fehliformation gefunden: Da gibt es ein Bild der Mittagslinie in Saint-Sulpice mit der Unterschrift: „Representation in the floor of the meridian of Paris“.  (Pascal Varejka, 10 walks to discover Paris. Parigramme 2016, p.92)

[2] http://www.evous.fr/Traversee-de-Paris-a-la-recherche,1141903.html

http://pietondeparis.canalblog.com/archives/2011/06/30/21515302.html

[3]  https://de.wikipedia.org/wiki/Fran%C3%A7ois_Arago

[4] Rougé, Le gnomon de l’eglise Saint-Sulpice, S. 8

[5] Jean-Paul Kauffmann, La Lutte avec l’Ange, S. 111  Es handelt sich um ein sehr intensives und persönliches Buch des Journalisten und Schriftstellers Kauffmann  über Saint-Sulpice. Kauffmann ist in Frankreich auch deshalb sehr bekannt, weil er in seiner Funktion als Reporter drei Jahre lang im Libanon als Geisel gefangen gehalten wurde.

[6] „Als nur noch er allein zurückgeblieben war, rang mit ihm ein Mann, bis die Morgenröte aufstieg. Als der Mann sah, dass er ihm nicht beikommen konnte, schlug er ihn aufs Hüftgelenk. Jakobs Hüftgelenk renkte sich aus, als er mit ihm rang. Der Mann sagte: Lass mich los; denn die Morgenröte ist aufgestiegen. Jakob aber entgegnete: Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest. Jener fragte: Wie heißt du? Jakob, antwortete er. Da sprach der Mann: Nicht mehr Jakob wird man dich nennen, sondern Israel [Gottesstreiter]; denn mit Gott und Menschen hast du gestritten und hast gewonnen. Nun fragte Jakob: Nenne mir doch deinen Namen! Jener entgegnete: Was fragst du mich nach meinem Namen? Dann segnete er ihn dort.“ (1. Mose, Kap. 32, Vers22)  Siehe auch: http://www.deutschlandradiokultur.de/ich-lasse-dich-nicht-los.1124.de.html?dram:article_id=238232

[7] https://www.welt.de/print-welt/article184706/Der-Kampf-mit-der-Fiktion.html

[8] https://www.fondation-patrimoine.org/fr/ile-de-france-12/tous-les-projets-593/detail-chapelle-des-saints-anges-par-delacroix-a-l-eglise-saint-sulpice-13816

 

Die letzten Beiträge:

  • Die Kirche Saint -Sulpice in Paris , Teil 1 (Die Musik, die Krypta, Pigalle und die Säulen von Leptis Magna)
  • Zu Fuß zum Mont-Saint-Michel/La traversée de la baie (Juni 2017)
  • Die Kolonialausstellung von 1931 (Teil 2): Der ‚menschliche Zoo‘ im Jardin d’acclimatation und der Tausch von „teutonischen Krokodilen“ und „Menschenfressern“ zwischen Paris und Frankfurt.  (Juni 2017)
  • Das Palais de la Porte Dorée und die Kolonialausstellung von 1931 (Mai 2017)
  • Neues Leben auf alten Steinbrüchen: Der Park Buttes-Chaumont und das quartier de la Mouzaïa (Mai 2017)

 

eingestellt Juli 2017

Weitere geplante Beiträge:

  • Street-Art in Paris (1): Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • Street-Art in Paris (2): Der Invader
  • Sommer in Paris: Baden im Bassin de la Villette, in der Marne und auf/in der Seine
  • Musik und Tanz an der Marne: Au pays des guinguettes
  • Das deutsche Haus, „la maison Heinrich Heine“, in der Cité internationale universitaire in Paris

 

 

 

 

Die Kirche Saint -Sulpice in Paris , Teil 1 (Die Musik, die Krypta, Pigalle und die Säulen von Leptis Magna)

Dass ich einen Beitrag zur Kirche Saint- Sulpice schreibe, hat verschiedene Gründe: Sie ist in vielfacher Weise eine der interessantesten Kirchen  von Paris: Man braucht zur Veranschaulichung ja  nur einige Namen und Begriffe zu nennen: Heinrich Heine, Königin Isabella von Spanien, Charles Widor, Jean-Baptiste Pigalle, Delacroix,  Dan Brown, die Mittagslinie, die römischen Säulen von Leptis Magna….

Außerdem ist sie eine der schönsten und größten Kirchen von Paris –bezogen auf die Grundfläche ist sie sogar größer noch als  Notre Dame. Und die Finanzierung eines solchen Mammut-Projekts war auch außergewöhnlich: Man  veranstaltete für sie nämlich –im 18. Jahrhundert- eine Lotterie![1]

In der Kirche wurden der Marquis de Sade und  Charles Baudelaire getauft, ebenso Amalie Zephyrine von Hohenzollern-Sigmaringen, der die Gründung des Cimetière de Picpus zu verdanken ist, über den ich im Juli 2016 berichtet habe. (Der cimetière de Picpus, ein deutsch-französischer Erinnerungsort). Im Todesjahr Amalies, 1841, heiratete Heinrich Heine in Saint Sulpice seine Mathilde. 1822 hatten sich dort schon Victor Hugo und Adèle Foucher ewige Treue versprochen, die sie aber –anders als Heine und Mathilde-  nicht  hielten; ganz im Gegenteil…. Viel Prominenz also in Saint- Sulpice…[2]

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Prominent war übrigens auch der Architekt, der 1777 den Auftrag erhielt, die von einem Blitz beschädigte Fassade der Kirche zu restaurieren: Es war Jean- François Chalgrin, der Architekt also, der 1806 von Napoleon den Auftrag erhielt, den Triumphbogen der Place de l’Étoile zu entwerfen, über den ich Ende 2016 einen Bericht geschrieben hatte. (Der Arc de triomphe, Die Verherrlichung Napoleons).  Diese Gemeinsamkeit von Saint Sulpice und Arc de Triomphe war eine der vielen schönen und  überraschenden Entdeckungen, die ich bei meiner Beschäftigung mit Saint- Sulpice machte.

Motiviert zu diesem Bericht hat mich aber auch, dass  wir ganz persönliche Bezüge zu der Kirche haben: Von der kleinen Terrasse unserer Wohnung aus sehen wir nämlich –wenn auch klein und in der Ferne- zwischen den beiden Türmen und dem spitzen Dachreiter von Notre Dame- einen Turm von Saint- Sulpice.

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Aber vor allem: Ich habe öfters das Glück, in Saint -Sulpice singen zu können –  als Gast eines Chores, der dort öfters seine Konzerte veranstaltet. Als Mann und Deutscher war ich da in doppelter Weise willkommen: Als Mann, weil dort wie in den meisten Chören Frauen deutlich in der Überzahl sind; als Deutscher, weil man als solcher schon gewissermaßen mit musikalischen Vorschusslorbeeren ausgestattet ist. Musik ist jedenfalls -wie die Philosophie- ein Bereich der deutschen Kultur, der in Frankreich eine hohe Reputation genießt. Das ist mir wohl auch ein wenig zugute gekommen. (2a)

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Es gab dort schon viele schöne Konzerte, an denen ich teilnehmen konnte, zum Beispiel mit dem grandiosen  Requiem von Verdi: Hier ist die Partitur mit dem Beginn des „Sanctus“ und der obligatorischen schwarzen Fliege aufgeschlagen.

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Eine Tradition sind die jährlichen Silvesterkonzerte: Da werden das Requiem von Mozart –gewissermaßen als Abgesang auf das alte Jahr- und Dvoraks Sinfonie aus der neuen Welt als Einstimmung auf das neue Jahr aufgeführt.

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Besonders beeindruckend, ja geradezu spektakulär, waren die Konzerte 2015 und 2016 aus Anlass der  beiden Pariser terroristischen Anschläge vom 7.1.2015 auf die Redaktion von „Charly Hebdo“ und vom 13. November 2015 u.a. auf das Konzerthaus „Bataclan“.

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Dazu wurden Mitglieder zahlreicher anderer Chöre eingeladen, der Eintritt war frei und die Kirche übervoll: Eine wunderbare Möglichkeit, sein Mitgefühl mit den Opfern und seinen Abscheu vor dem islamistischen Terrorismus zum Ausdruck zu bringen und an einem einzigartigen sozialen und musikalischen Erlebnis teilzuhaben.[3]

Die Krypta

Bei der Darstellung der Besonderheiten der Kirche beginne ich mit der Krypta. Sie ist ja nicht nur das Fundament, sondern es hat mit ihr auch eine ganz besondere Bewandtnis.

Da wo heute Saint- Sulpice steht, gab es im Mittelalter zunächst eine kleine hölzerne Kirche, dann im hohen Mittelalter eine gotische Kirche, die zu dem Kloster Saint -Germain –des- Prés gehörte.

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Im 17. Jahrhundert entsprach diese Kirche nicht mehr den veränderten räumlichen und stilistischen Anforderungen, so dass man mit dem Bau einer neuen  Kirche begann.

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Der erste Bauabschnitt des Neubaus war, wie wohl immer bei solchen Erweiterungen, der Chor, der noch außerhalb der alten Kirche lag, so dass man im Verlauf des 17. Jahrhunderts sowohl die fertiggestellten neuen Bauteile als auch die alte Kirche nutzen konnte. Im 18. Jahrhundert wurde dann die alte Kirche abgerissen und überbaut. Allerdings auf einem  4-5 Meter höheren Niveau, so dass man den unteren Teil der mittelalterlichen Kirche als Krypta verwenden konnte.

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Die Krypta diente in dieser Zeit vor allem als Begräbnisstätte. Allerdings konnten sich nur sehr wohlhabende Familien dort ein Grab leisten: Die Kirche verlangte zwischen 50 und 150 Francs dafür, damals eine enorme Summe, die auch für den Neubau der Kirche verwendet wurde. (3a) Die  Grabdenkmäler  waren zum Teil sehr schön ausgestattet,  wurden aber in der Französischen Revolution geplündert- wobei es vor allem um das verwendete Blei ging, das für Waffen und Munition benötigt wurde.

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Die Begräbnisdaten –zum Teil entsprechend dem neuen Revolutionskalender- sind aber noch an vielen Stellen erhalten.

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Die Revolutionäre hatten es aber nicht nur auf das Blei abgesehen, sondern –selbst hier unten in der Krypta- auf alles, was an das verhasste feudale System erinnerte. Da wurden dann auf den Grabplatten die Adelstitel getilgt und  aus der Anne de Montmorency wurde eine Anne . . Montmorency…

Es gibt auch ein merkwürdiges Grabmal von 1742 mit der bruchstückhaften Aufschrift „d’Espagne“.

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Hier handelt es sich um das Grab einer leibhaftigen spanischen Königin – deren königliche Attribute auf der Wandinschrift von den Revolutionären natürlich ebenfalls getilgt wurden. Begraben ist hier Louise Elisabeth d’Orléans, Mademoiselle de Montpensier, eine Enkelin Ludwigs XIV.  1722 wurde sie mit Louis, dem spanischen Thronfolger verheiratet. 1724 wird Louis König, Isabella Königin.  Er war damals 15 Jahre alt, sie 13. Allerdings starb Louis noch im gleichen Jahr an Pocken. Die junge Witwe lebte danach völlig zurückgezogen und streng bewacht in Madrid, konnte aber schließlich in ihre Heimat zurückkehren. 1742 starb sie im Palais du Luxembourg. Da die kurze Ehe mit dem spanischen König kinderlos geblieben war, hatte sie nicht das Recht, an der Seite ihres Mannes bestattet zu werden. Die Alternative war Saint- Sulpice…

Die  letzten Bestattungen fanden 1802 statt, danach wurden ja die Toten in den außerhalb der Stadt neu angelegten Friedhöfen (Père Lachaise, Cimetière de Montmartre, Cimetière de Montparnasse etc) bestattet. Ganz wenige Ausnahmen gab es allerdings: zuletzt die Bestattung von Charles  Widor 1937, doch dazu später mehr.

Die gotische  Fassade der alten  Kirche wurde übrigens zunächst an  ein Kloster verkauft und diente, nach dessen Auflösung in der Französischen Revolution als Eingang für ein nobles Hôtel pariculier. Als dieses dann wiederum einem neu angelegten Boulevard zum Opfer fiel, verkauften die Besitzerinnen des Hôtels die Fassade an die Kirche Saint Saturnin in Nogent –sur- Marne, wo sie sich heute noch befindet.[4]

 

Die Chapelle de la Vierge,  Jea-Baptiste Pigalle und die Säulen von Leptis Magna

Der erste Bauteil der neuen Kirche war die Chapelle  de la Vierge, die  Marienkapelle, die den Abschluss des Chors bildet. Es ist ein eigenständiger grandioser Raum mit einer geradezu theatralischen Inszenierung – ein Werk des Florentiner Architekten Servandoni, nach Diderot „le grand machiniste, le grand architecte, le bon peintre et le sublime décorateur.“[5]

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Die Kapelle  ist raffiniert durch Öffnungen in der Decke beleuchtet. Im Mittelpunkt steht eine Mariendarstellung  von Jean-Baptiste Pigalle aus dem  Jahr  1754. Sie erstrahlt  –nach dem Vorbild Berninis-  gewissermaßen in himmlischem Licht. Maria  steht ruhig und sicher auf einer Weltkugel, das Kind auf dem Arm. Unter ihrem Fuß sieht man eine riesige Schlange, die aber offenkundig schon besiegt  ist: Es wird aber kein Kampf dargestellt,  Maria und das Jesuskind werden auch nicht in Siegespose präsentiert. Aber die Botschaft ist eindeutig: Die Macht des Bösen/der Finsternis ist durch Maria und ihr Kind gebrochen.

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Die Maria von Pigalle hat übrigens eine frühere Maria ersetzt, die dort stand. Diese sollte nach dem Willen des damaligen curé, Languet de Cergy, unbedingt aus Silber sein. Da es der Gemeinde aber –deshalb ja auch wie oben erwähnt die Lotterie- an Mitteln für das Kirchenprojekt fehlte, soll der Geistliche keine Skrupel gehabt haben, etwas von dem Tafelgeschirr mitzunehmen, wenn er zum Diner eingeladen war, und es dann zu Geld zu machen.  Die silberne Madonna wurde deshalb im Volksmund auch „Notre-Dame de la vieille  vaisselle“ genannt….

Von Pigalle stammen auch zwei schöne Weihwasserbecken am Eingang der Kirche und in der Sakristei, beide  in Form einer Muschel gestaltet und mit zahlreichen Meeres-Ornamenten verziert – zum Beispiel mit einem wunderbaren Seestern…

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oder diesem Krebs[6].

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Jean-Baptiste Pigalle war ein bedeutender Bildhauer des 18. Jahrhunderts, der auch die Gunst des Königs besaß. Ludwig XV. schenkte zwei Plastiken von Pigalle dem alten Fritz für den  Schlosspark von Sanssouci, einen Merkur und eine Venus, eine beziehungsreiche Kombination. Und ein wahrhaft königliches Geschenk: Immerhin war der Merkur der Anlass für die Aufnahme des gerade 30-jährigen  Pigalle in die „Académie Royale de Peinture et de Sculpture“. 

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Am Fuß der Terrassenanlage rechts und links des Aufgangs zum Schloss erhielten die beiden „Superstars von Sanssouci“  Ehrenplätze.[7]

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Nach Pigalle ist übrigens auch die berühmt-berüchtigte Place Pigalle in Paris benannt. Der Schöpfer der himmlischen Maria von Saint Sulpice und der zwar nackten, aber doch keineswegs herausfordernden Venus von Sanssouci hätte sich wohl kaum träumen lassen, dass er einmal diesem Platz -nach einem schönen alten Schlager von Bill Ramsey die „Mausefalle von Paris“- seinen Namen geben würde.

Die Marienstatue von Pigalle ist eingerahmt von sechs wunderbaren Marmorsäulen, mit denen es eine besondere Bewandtnis hat: Es sind nämlich Säulen von der römischen Stadt Leptis Magna in Nordafrika! Es ist wert erzählt zu werden, wie diese Säulen von der Wüstenstadt Leptis Magna in die Marienkapelle von Saint- Sulpice gelangen.[8] Leptis Magna, an der libyschen Küste gelegen,  war die Heimatstadt des spätrömischen Kaisers Septimius Severus. Die Stadt wurde von ihm ausgebaut und mit prächtigen und repräsentativen Bauwerken versehen, versank dann allerdings nach dem Ende des römischen Reichs im Wüstensand. Heute ist Leptis Magna laut Wikipedia „die größte erhaltene antike Stadt der Welt“ und gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Allerdings begann man sich schon im 16. Jahrhundert für die Ruinen von Leptis Magna zu interessieren – allerdings nicht aus archäologischem Interesse. Man nutzte vielmehr die römischen Bauten als Steinbruch für Marmorblöcke, aber auch um mit römischen Skulpturen und Säulen neue Bauten an anderer Stelle zu schmücken. So gelangten Säulen von Leptis Magna nach Konstantinopel, nach Malta oder in eine nordafrikanische Moschee… und eine ganze Reihe auch nach Frankreich. Dort war zur Zeit des Sonnenkönigs der Bedarf an antiken Säulen immens. Die Akademie Frankreichs in Rom erhielt von Colbert ausdrücklich den Auftrag, römische Antiquitäten zu kaufen.  Da traf es sich gut, dass es Ende des 17. Jahrhunderts eine Auseinandersetzung zwischen Frankreich und  Tripolis gab. Die Stadt wurde von der königlichen Flotte beschossen und die Bevölkerung zu hohen Strafzahlungen verurteilt. Geld hatten die Tripolitaner nicht, aber dafür römische Ruinen  in der Nähe. 1688 schickte Frankreich einen Konsul nach Tripolis, Claude Lemaire,  der ein großer Freund von Antiquitäten war und der es als seine vornehmste Aufgabe ansah, die besten Säulen  nach Frankreich zu holen. In einem Bericht nach Paris schrieb er, Leptis magna sei die schönste Stadt Afrikas gewesen und die reichste an Marmor. Aus einem einzigen Tempel habe er 200 Säulen und Stücke geborgen.

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Insgesamt soll Claude Lemaire etwa 300 Säulen aus Leptis Magna nach Frankreich „exportiert“ haben. Erstaunlicherweise wurde keine davon für den Bau von Versailles verwendet – dafür einige in der Kathedrale von Rouen,  andere in einer Kirche in Brest und acht schmücken seit der Französischen Revolution –nach einer Zwischenstation als Träger eines Baldachins in Saint-Germain-des- Prés-  die Große Gemäldegalerie des Louvre.  Die 6  Leptis-Magna-Säulen in der chapelle de la vierge, die der findige curé Languet für Saint-Sulpice organisiert hatte, überstanden alle  Stürme der Zeit: Einen Brand des Marktes von Saint-Germain, durch den die Kapelle beschädigt wurde, einen Blitzeinschlag an der Westfassade der Kirche und die Französische Revolution, die der Kirche ansonsten arg zusetzte: So bleibt die chapelle de la vierge ein wunderbares Ensemble, das man vielleicht mit noch mehr Aufmerksamkeit betrachten und bewundern wird, wenn man auch etwas seine außerordentliche Entstehungsgeschichte im Blick hat.

 

Die große  Orgel  und Charles Widor

Mit der Musik hat dieser erste Teil des Berichts über Saint- Sulpice begonnen und mit Musik endet er auch. Saint Sulpice besitzt nämlich eine außergewöhnliche Orgel, und es gibt sogar Bestrebungen, sie in das Weltkulturerbe der UNESCO aufzunehmen. Sie geht zurück auf ein Instrument, das 1781 von dem Orgelbauer François- Henri Clicquot gebaut wurde, und das –wie auch die Orgel von Notre Dame –  den Vandalismus von Revolutionären gut überstand. Bei der Orgel von Notre Dame war es ein pfiffiger Organist, der durch die Intonation und Improvisation der Marseillaise und anderer  Revolutionslieder sein Instrument rettete. Bei Saint -Sulpice soll der Retter ein blinder „souffleur“ gewesen sein, also einer der fünf Gehilfen, die die Orgel beim Spiel mit der erforderlichen Luft versorgten, bevor ein elektrisches Gebläse eingebaut wurde.

Dieser Souffleur habe nämlich vorgeschlagen, durch die Anbringung von Siegeln an der zur Orgel führenden Tür die zerstörungswütigen Revolutionäre zu täuschen, was offensichtlich auch gelang. So konnte sie ab 1800 wieder als Instrument genutzt werden. 1862 baute  Aristide Callaillé-Coll eine neue Orgel Die alte klang inzwischen „wie ein Chor alter Frauen“ – so jedenfalls das Urteil eines zeitgenössischen Beobachters: Der Geschmack und die liturgischen Anforderungen hatten sich inzwischen geändert. Calvailé-Coll verwendete aber große Teile der alten Orgel. Sein Bestreben war es, wie er sagte, in Saint Sulpice eine Verbindung zwischen der alten und der neuen Kunst herzustellen. Mit ihren 100 Registern war sie eine der größten Europas oder –wie man auch lesen kann- sogar die größte der Welt. Bis heute ist sie kaum verändert und gilt als „eines der Hauptwerke des spätromantisch-sinfonischen Orgelbaus.“[9]

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International berühmte Komponisten wie Felix Mendelssohn-Bartholdy, Franz Liszt und Anton Bruckner haben auf diesem Instrument gespielt.

Und vor allem hat auf diesem Instrument Charles-Marie Widor gepielt. Widor wurde 1870 zum Titular-Organisten von Saint Sulpice ernennt, eine Stellung, die er 64 Jahre lang innehatte! Der Schöpfer der Orgel von Saint-Sulpice, Aristide Cavaillé-Coll war mit der Familie Widor befreundet, hatte die Begabung des kleinen Charles-Marie erkannt und ihn nach Kräften gefördert. Und als Widor dann Organist von Saint- Sulpice wurde, inspirierte die Orgel mit ihrem Klangreichtum ihn zu seinen Orgelsinfonien.

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Diese enge Verbundenheit von Widor mit Saint-Sulpice und seiner Orgel erklärt, warum dem Organisten und Komponisten die Ehre zu Teil wurde, in der Krypta von Saint-Sulpice bestattet zu werden, lange nachdem als Begräbnisstätte ausgedient hatte.

Widors berühmtestes Stück ist die Toccata aus der 5. Orgelsinfonie, in der Widor die technischen Möglichkeiten der Cavillé-Coll-Orgel  voll ausspielte.  Von ihr existiert eine Aufnahme aus dem Jahr 1932 – von ihm selbst gespielt im Alter von 88 Jahren- natürlich auf der Orgel von Saint -Sulpice.[10]

 

Demnächst gibt es dann den zweiten Teii des Textes über Saint Sulpice.  Darin werde ich auf die beiden wohl bekanntesten Sehenswürdigkeiten von Saint Sulpice eingehen: den Gnomon und die von Delacroix ausgemalte Kapelle.

 

 Anmerkungen

[1] https://www.patrimoine-histoire.fr/Patrimoine/Paris/Paris-Saint-Sulpice.htm  Die Größe der Kirche erklärt sich durch die hohe Einwohnerzahl  der Gemeinde im 17. Jahrhundert, als der Bau der neuen Kirche begann, nämlich etwa 100 000. Im deutschsprachigen Flyer der Kirche („Willkommen in Saint-Sulpice“) wird die Kirche sogar als „die grösste in Paris“ bezeichnet

Dan Brown schreibt in „Sakrileg. The Da Vinci Code“, die Kirche entspreche „in den  Abmessungen ihres Grundrisses bis auf wenige Zentimeter der Kathedrale von Notre Dame.“  Das trifft nicht zu: Länge Saint Sulpice 118 m; Länge Notre Dame 130 m; mit ihrer Breite von 57 m übertrifft Saint Sulpice aber Notre Dame deutlich). Dan Brown, Sakrileg. Lübbe-Taschenbuch 2006, S. 125

Was die Finanzierung durch eine Lotterie angeht: Es gab schon 1701 eine „loterie royale“ zur Finanzierung des Neubaus von Laint-Louis-en l’île. Vielleicht diente die als Vorbild für Saint-Sulpice. (siehe Faltblatt zur Geschichte von Saint-Louis-en-l’île, das dort ausliegt)

[2] http://www.lexpress.fr/culture/livre/les-secrets-de-saint-sulpice_812679.html

(2)  Die, die mich kennen, können mich vielleicht sogar auf dem Bild finden. (Tipp: bei den Bässen auf der rechten Seite, in der ersten Reihe)

[3] http://www.avantchoeur.com/choeurs/actualites/241-le-choeur-hugues-reiner-rend-hommage-aux-victimes-des-attentats-du-13-novembre

(3a) Patrick Saletta, A la découverte des souterrains de Paris. Anthony 1993, S. 157

[4]  https://fr.wikipedia.org/wiki/%C3%89glise_Saint-Saturnin_de_Nogent-sur-Marne

[5] Zit. in: „Les colonnes antiques de Saint-Sulpice“. In: Henri-Paul Eydoux: Monuments méconnus. Paris et Ile-de-France. Paris 1975, S. 79

[6] https://www.patrimoine-histoire.fr/Patrimoine/Paris/Paris-Saint-Sulpice.htm

[7] Günter Schwenke, Die Superstars von Sanssouci sind wieder da. In: Tagesspiegel/Potsdamer Neueste Nachrichten vom 3. 7. 2010.   http://www.pnn.de/potsdam/306766/

Die Pigalle-Plastiken in Sanssouci sind neue Kopien, die Originale befinden sich im Bode-Museum

[8] Ich beziehe mich dabei auf: „Les colonnes antiques de Saint-Sulpice“. In: Henri-Paul Eydoux: Monuments méconnus. Paris et Ile-de-France. Paris 1975, Seite 71-80

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/St-Sulpice_(Paris) Dort auch die Abbildung des Spieltischs der Orgel mit der Herstellerplakette.

(a href=httpcreativecommons.orglicensesby-sa2.5 title=Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5CC BY-SA 2.5a, a href=httpscommons.wikimedia.orgwindex.phpcurid=1011149Linka)

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/5._Orgelsinfonie_(Widor)

https://www.youtube.com/watch?v=J8vz1D_L_OE

https://de.wikipedia.org/wiki/Charles-Marie_Widor

 

 Praktische Informationen

Kirche Saint-Sulpice, Métro Saint-Sulpice, Place Saint-Sulpice – Paris 75006
Führungen (auf französisch):

  • Allgemeine Kirchenführung: jeden Sonntag um 14h30
  • Der Gnomon: jeden 3. Sonntag eines Monats um 13h
  • Die Krypta: jeden 2. und 4. Sonntag eines Monats um 15.30 h. Nur auf Anmeldung. Tel. 01 42 34 59 98
  • Die Fassade (außer den Türmen): Jeden 4. Samstag eines Monats um 14 h. Ebenfalls nur auf Anmeldung (s.o.)

In Saint-Sulpice bietet der Organist Daniel Roth nach der Messe ein  halbstündiges  Orgelvorspiel an (Auditions du Dimanche), in der Regel gegen 12 Uhr.

Zwischen März  und November werden außerdem jeden Monat Orgelkonzerte organisiert.

 Pour en savoir plus:

De pierre et de cœur, l’église Saint-Sulpice, 350 ans d’histoire aux Éditions du Cerf, 1996

Dominique Lesbos, Secrets et curiosités des monuments de Paris. Paris 2014-2016 (Kapitel Saint-Sulpice, S. 167ff

Michel Rougé, Le gnomon de l’église Saint-Sulpice. Paroisse Saint-Sulpice 2006

Jean-Paul Kauffmann, La Lutte avec l’Ange. Collection folio 2001

 

eingestellt Juli 2017

 

Die letzten Beiträge:

  • Zu Fuß zum Mont-Saint-Michel/La traversée de la baie (Juni 2017)
  • Die Kolonialausstellung von 1931 (Teil 2): Der ‚menschliche Zoo‘ im Jardin d’acclimatation und der Tausch von „teutonischen Krokodilen“ und „Menschenfressern“ zwischen Paris und Frankfurt.  (Juni 2017)
  • Das Palais de la Porte Dorée und die Kolonialausstellung von 1931 (Mai 2017)
  • Neues Leben auf alten Steinbrüchen: Der Park Buttes-Chaumont und das quartier de la Mouzaïa (Mai 2017)

 

Geplante weitere  Beiträge:

  • Die Kirche Saint- Sulpice in Paris, Teil 2 (Der Gnomon, der Kampf mit dem Engel von Delacroix und das café de la mairie)
  • Street-Art in Paris (1): Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • Sommer in Paris: Baden im Bassin de la Villette, in der Marne und auf/in der Seine
  • Das deutsche Haus, „la Maison Heinrich Heine“, in der Cité internationale universitaire in Paris

 

 

 

Zu Fuß zum Mont-Saint-Michel: La traversée de la baie

Es gibt auf diesem Blog schon zwei Beiträge zur Normandie, deren Gegenstand die Landung der Alliierten im Juni 1944 ist, konkret: der einerseits sehr touristisch- offensive, andererseits aber auch der eher verschämt-zurückhaltende Umgang mit diesem Ereignis. Diesmal steht der Mont-Saint-Michel im Mittelpunkt, an der Grenze zwischen Normandie und Bretagne gelegen. Den vielen Berichten über den „heiligen Berg“ im Meer  kann man Neues nicht mehr hinzufügen, auch wenn manches vielleicht doch nicht so bekannt sein mag- zum Beispiel, dass der Mont- Saint-Michel vom Beginn der Neuzeit bis 1863 als Staatsgefängnis diente, gewissermaßen als „Bastille des mers“, wie er auch genannt wurde.

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Zu den prominenten Gefangenen in den finsteren „cachots“ gehörte auch Auguste Blanqui, von dem schon einmal im Rahmen des Spaziergangs auf dem Père Lachaise die Rede war.[1]

Inzwischen ist der Mont- Saint- Michel vor allem eine touristische Attraktion ersten Ranges. Wenn man  selbst Tourist ist, darf man sich ja nicht über andere Touristen beschweren, auch wenn man gerade in Ferienzeiten vielleicht Schwierigkeiten haben wird, einen Parkplatz für sein Auto zu finden  oder sich, am Berg angekommen,   nur mühsam den Weg nach oben bahnen kann.  Der Mont- Saint- Michel ist eben alles andere als ein „Geheimtipp“: Nach dem Eiffel-Turm und dem Schloss von Versailles nimmt er mit mehr als 2,5 Millionen Besuchern im Jahr auf der Rangliste der meistbesuchten touristischen Ziele Frankreichs immerhin den dritten Platz ein.

Eine  weniger massentouristische Alternative ist es, auf einem alten Pilgerweg den Berg zu Fuß zu erreichen. So wandert man durch ein Weltnaturerbe der UNESCO zu einem Weltkulturerbe- eine übrigens weltweit einmalige Gelegenheit. Möglich ist das allerdings aufgrund nur im Rahmen einer geführten Gruppe.

Grund dafür sind die besonderen topographischen Verhältnisse und die Gezeiten in der Bucht. Sie  ist zwar in den letzten Jahrhunderten immer mehr verlandet, so dass sie nur noch bei besonders hohen Wasserständen von allen Seiten von Waser umspült war – so wie das  auf alten  Stichen  noch eindrucksvoll zu sehen ist.[2]

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Die Verlandung der Bucht wurde wesentlich beschleunigt durch den Bau eines Dammes vom Festland zur Klosterinsel, um den motorisierten Touristen einen einfachen Zugang zu ermöglichen. Inzwischen wurde  dieser Damm für den privaten Autoverkehr gesperrt und der große Parkplatz am Fuß des Mont-Saint-Michel beseitigt.  Und vor allem:  Der massive Deich wurde durch eine Brücke ersetzt und der in die Bucht mündende Fluss Couesnon mit einer neuen Absperrung versehen. So kann das aufgestaute Wasser phasenweise abgelassen werden, so dass es mit hohem Druck ausströmt. Die durch die Flut in die Bucht gelangten Sedimente werden dadurch wieder ausgewaschen und  das Wasser kann wie einst bei Flut den Klosterberg umspülen.

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Möglich geworden sind diese Arbeiten übrigens  durch einen wesentlichen Beitrag des Europäischen Regionalfonds (FEDER), worauf eine aktuelle Ausstellung auf dem gerade eröffneten Seine-Park in Paris, der früheren Autostraße Voie Pompidou, hinweist.

Bei Ebbe ist es aber nach wie vor möglich, die Bucht zu Fuß zu überqueren. Denn immerhin gibt es hier die größte Differenz an der Atlantikküste bzw. in ganz Europa zwischen Ebbe und Flut von bis zu 12 Metern Höhenunterschied. Das bedeutet, dass bei Ebbe die Bucht weitgehend trocken fällt, die  Flut  dann allerdings auch mit großer Geschwindigkeit  in die Bucht einströmt. Aber gerade deshalb kann man sich nicht selbst auf den  Weg machen, sondern benötigt einen Führer, der die Gezeiten, die Untiefen, die Schlammlöcher und Flüsse in der Bucht kennt und auch die Zeiten, wann die Absperrung des Couesnon geöffnet wird. Im Mittelalter galt der Weg zum Klosterberg als äußerst gefahrvoll.  „Gehst du nach Saint-Michel, vergiss nicht, vorher dein Testament zu machen“, steht in alten Schriften. „Denn bei Flut kommt das Meer mit derartiger Macht wie ein galoppierendes Pferd.“[3]

Um solchen Gefahren zu entgehen, muss man sich einer Führung anvertrauen. Führungen werden (u.a.) angeboten von  der Maison de la baie de Genêts am Bec d’Andaine Im Süden der Halbinsel Cotentin.  Es ist unbedingt erforderlich, sich dort (in Ferienzeiten frühzeitig) anzumelden und entsprechend auszurüsten: in kälteren Jahreszeiten mit warmer Kleidung und Gummistiefeln, bei wärmeren Temperaturen mit Mütze, wasserfesten Sandalen –auch wenn man die meisten Strecken barfuß geht- genügend Trinkwasser und Sonnenschutz.[4]

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Es wird von den Veranstaltern ausdrücklich darauf hingewiesen, rechtzeitig an Ort und Stelle zu sein, also 15 – 30  Minuten vor dem festgelegten Termin.  Ist man etwas zu früh angekommen, kann man die Zeit bis zum Beginn der Wanderung gut in den ruhigen Dünen am Strand verbringen. Man hat dann schon den Blick auf das Felseninselchen Tombelaine, das als Zufluchtsort von Eremiten und im hundertjährigen Krieg als Fort diente und das man auf dem Weg zum Mont-Saint- Michel passieren wird. Und man sieht von hier aus die wildeste, schroffste Seite des Mont-Saint-Micel  mit den Stützmauern des gotischen Klosters.

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Und jetzt noch einmal aus der Vogelperspektive:

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In den ruhigen Dünen kann man sich einstimmen auf die Wanderung zum Berg (ca 7 km).  Der Weg zum Mont-Saint-Michel gehörte im Mittelalter zu den bedeutendsten christlichen Pilgerpfaden. Das beruht –wie meist in solchen Fällen- auf einer Legende: Danach forderte der Erzengel Michael den Bischof von Avranches, Aubert, im Schlaf dreimal auf, auf dem damals noch Mont-Tombe genannten Felsen,  einer druidischen Kultstätte, ein ihm geweihtes Heiligtum zu errichten. Als Aubert angesichts der topographischen Verhältnisse zögerte,  diese Herkulesaufgabe anzugehen, verlieh der Erzengel seiner Aufforderung Nachdruck, indem er einen Daumenabdruck auf dem Kopf des Bischofs hinterließ. Daraufhin machte sich Aubert daran, den Wunsch des Erzengels zu erfüllen und wurde dafür immerhin auch heiliggesprochen. In der Schatzkammer der Basilika Saint-Gervais d’Avranches wird der Schädel des zögerlichen Bischofs als Reliquie aufbewahrt. [5]

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Der Traum des heiligen Aubert: Skulptur im Kloster des Mont-Saint-Michel

Geht dann die Wanderung los, sollte man nicht erschrecken, wenn man viele Menschen  um sich herum sieht, die sich auch auf den Weg machen wollen.  Man wird in überschaubare  Gruppen eingeteilt, denen jeweils ein eigener Führer zugeordnet wird. Dazu  geht es in gebührendem Abstand los, jede Gruppe findet einen eigenen Weg  und man kann durchaus auch etwas Abstand von den anderen halten, wenn man denn will. Wer also auf Erläuterungen des Führers keinen Wert legt –oder sie sowieso nicht versteht- kann sich  in aller Ruhe und Bewunderung dem heiligen Berg nähern und die unterschiedlichen Reliefs des Bodens bewundern und  das Wasser und den Schlick unter den Fußsohlen spüren.

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Ist man dann fast am Fuß des Mont-Saint-Michel angelangt, wartet noch ein besonderes Abenteuer auf die Wanderer.

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Es sind die Schlammlöcher, die sogenannten „sables mouvants“,  die es dort gibt und die von den Führern  gerne gezeigt werden. Man kann selbst einen Versuch machen, indem man an einer entsprechenden Stelle etwas mit den Füßen –oder sicherheitshalber erst einmal mit einem Fuß-   herumruckelt und merkt, wie man langsam tiefer in den Schlamm einsinkt. Das ist ein ganz  besonderes Gefühl, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Allerdings hatte ich dann einige Schwierigkeiten, das bis zum Knie im Schlamm steckende Bein wieder mit eigener Kraft herauszuziehen.

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Da kann man sich dann gut vorstellen, dass das Abenteuer im Schlammloch auch einmal zu einem echten Problem werden  kann, zumal das Phänomen schon im Teppich von Bayeux eine Rolle spielt: Dieses wunderbare gestickte Stoffband von fast 70 Metern Länge aus dem Ende des 11. Jahrhunderts erzählt die Geschichte der Eroberung Englands durch Wilhelm den Eroberer. In einer Episode der Vorgeschichte wird erzählt,  wie Harald Godwinson (auf dem Teppich: Harold dux),  den Wilhelm später  (1066) in der Schlacht von Hastings besiegt, mit seinen Gefährten am Mont- Saint-Michel  vorbeireitet und den Couesnon (auf dem Teppich: flumen Cosnoni) durchquert.

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Ein Pferd mit seinem Reiter kommt im Treibsand  zu Fall und zwei von Harolds Leuten sinken so tief in den Sand ein, dass er sie herausziehen muss.  (auf dem Teppich: trahebat de arena)

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In der Lokalpresse habe ich einen schon etwas älteren Zeitungsbericht gefunden, in dem von drei Touristen berichtet wird, die ebenfalls in den sables mouvantes stecken geblieben sind. Sie waren –in Begleitung eines Führers- zum Mont-Saint-Michel gewandert und so tief in ein Schlammloch geraten, dass sie weder aus eigener Kraft noch mit Hilfe der anderen Gruppenmitglieder oder des Führers wieder herauskamen. Auch die auf dem Klosterberg stationierte Feuerwehr war machtlos. Es musste also erst ein Hubschrauber alarmiert werden, der die im Schlamm feststeckenden Touristen  herausziehen konnte. Immerhin endet der Zeitungsbericht beruhigend: Die drei Touristen seien keines Falls traumatisiert und würden sich sicherlich noch lange an ihr Abenteuer am Mont-Saint-Michel  erinnern.[6]

Für eine ausführliche Besichtigung reicht die Zeit auf dem Klosterberg nicht. Aber für einen Kaffee am Rande des Wegs hoch zur Kirche bestimmt  – oder noch besser für ein kleines Picknick an einem ruhigen Platz, von dem aus man einen wunderbaren Ausblick auf die Bucht und den Tombelaine-Felsen hat.

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Dass sich dann auch hungrige Gäste beim Picknick einstellen, ist übrigens sehr wahrscheinlich.

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Viel Zeit bleibt aber nicht, denn man wird bald wieder von einem Bus abgeholt und zum Bec d’Andaine zurückgebracht oder man geht wieder zu Fuß zurück. Wir haben uns für diese Variante entschieden und es nicht bereut; auch wenn man dann nicht mehr den Klosterberg vor Augen, sondern im Rücken hat.

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Aber der Charakter der Wanderung war auf dem  Rückweg völlig verändert. Jetzt floss das Wasser nicht mehr ab wie auf dem  Hinweg, sondern es begann wieder in die Bucht einzuströmen. Da wanderte man öfters durch seichtes Wasser und stellenweise durch Priele mit einiger Strömung: auch eine schöne Erfahrung!

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Und die Stimmung des späten  Nachmittags mit einem heraufziehenden Gewitter hatte einen ganz besonderen Reiz.

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Also unbedingt empfehlenswert!  Einziger Nachteil: Die Zeit auf dem Mont-Saint-Michel war –zumindest in unserem Fall- ausgesprochen  kurz und reichte lediglich für einen Kaffee und einen kleinen Rundgang.  Aber es hing wohl auch mit den Gezeiten und dem drohenden Gewitter zusammen, dass unser Führer auf einen raschen Aufbruch drängte. Die Busfahrer hatten wohl etwas mehr Zeit. Aber zu einer angemessenen Besichtigung des Klosterbergs hätte  auch bei ihnen die Zeit  nicht ausgereicht.  Das muss man wissen, wenn man sich auf die Wanderung begibt. Und es werden ja auch Tagesausflüge angeboten mit Wanderung hin und zurück und ausreichender Zeit zur Besichtigung.

 

 

Nähere Informationen:

Es werden verschiedene Varianten für die Wanderung zum Mont-Saint-Michel angeboten:

– z.B. die traversées commentées, also Wanderungen durch die Bucht mit ausführlichen Erläuterungen des Führers – Rückweg zu Fuß oder mit Bus

– die nicht kommentierten  Wanderungen, ebenfalls mit den  beiden Rückweg-Varianten (allerdings gibt der Führer auch da interessante Erläuterungen, jedenfalls für diejenigen Wanderer, die sich in seiner Nähe halten)

–  Tagesauflüge mit Wanderung durch die Bucht und zurück und Zeit zur Besichtigung des Klosters ( traversée Merveille de l’Occident en Baie du Mont Saint Michel)

Ausrüstung: Von April bis Oktober mit nackten Füßen und Shorts. In jedem Fall mitzubringen: Rucksack, Pullover, Regenjacke, Handtuch, Wasserflasche, ggf. Picknick, Sonnenschutz.

Ausgangspunkt: Bec d’Andaine oder St-Léonard (auf der Karte: Pointe du Grouin du Sud) – beides von Avranches aus gut zu erreichen und ausgeschildert.

Konditionen (Preise, Treffpunkte, Zeiten)  und (unbedingt erforderliche) Reservierung im Internet unter:

http://www.traverseebaie.com/  oder

www.cheminsdelabaie.com

 

 

Anmerkungen

[1] Bild und weitere Infos dazu:  http://motsetmauxdemiche.blog50.com/archive/2013/03/29/vivre-libre-ou-mourir.html http://www.infobretagne.com/mont-saint-michel.htm

[2]  Plakate von der Umfassungsmauer des  Hôtel des Invalides (Werbung für das musée des plans reliefs)- aufgenommen im Mai 2017

[3] https://www.welt.de/reise/nah/article106365619/Der-Mont-Saint-Michel-versinkt-im-Schlamm.html

[4] http://www.traverseebaie.com/  Näheres am Ende des Beitrags unter „Praktische  Informationen“

Karte aus:  Le Guide Vert Normandie Cotentin. 2013, S. 292

[5] Le Mont-Saint-Michel à travers baie.  In: Libération 27./28.August 2016, Beilage voyages,   S. X/XI

Bild bei: https://fr.wikipedia.org/wiki/Aubert_d%27Avranches

[6] http://www.lamanchelibre.fr/actualite-35862-mont-saint-michel-trois-touristes-enlises-dans-les-sables-mouvants.html

 

eingestellt Mai 2017

 

Die letzten Beiträge:

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Geplante Beiträge/demnächst auf dem Blog:

  • Die Kirche Saint -Sulpice in Paris , Teil 1 (Die Musik, die Krypta, Pigalle und die Säulen von Leptis Magna)
  • Die Kirche Saint- Sulpice in Paris, Teil 2 (Der Gnomon, der Kampf mit dem Engel von Delacroix und das café de la mairie)
  • Street-Art in Paris
  • Sommer in Paris: Baden im Bassin de la Villette, in der Marne und auf/in der Seine
  • Das deutsche Haus, „la maison Heinrich Heine“, in der Cité internationale universitaire in Paris