400 Jahre Mme de Sévigné: Stationen ihres Lebens (Teil 1: Paris)

Vor 400 Jahren, am 5. Februar 1626, wurde Marie de Rabutin-Chantal, die spätere Madame de Sévigné, in Paris geboren, und dies wird in Frankreich auch gebührend gefeiert,[1] ist sie doch „der Inbegriff ebenso geistreichen wie stilvollen Briefeschreibens“ und „die Sittenchronistin aus der Zeit des Sonnenkönigs Ludwig XIV.“[2], des französischen Grand Siècle. Es entsprach damals einer gesellschaftlichen Norm, dass eine Frau „aus gutem Hause“ sich elegant und geistreich ausdrücken kann. In Paris gab es zu ihrer Zeit zahlreiche Salons, wo diese Kunst gepflegt und geschätzt wurde. So den der Mademoiselle de Scudéry, die in ihrem Roman Clélie, histoire romaine  von 1657 auch ein unschwer zuzuordnendes Portrait der Mme de Sévigné zeichnete und darin die nicht zu übertreffende Eleganz hervorhob, mit der sie nicht nur rede, sondern auch schreibe.[3]

Mme de Sévigné hat nie daran gedacht, dass ihre Briefe einmal veröffentlicht werden könnten. Sie war also eine große Schriftstellerin, ohne sich dessen bewusst zu sein,[4] und als solche hat sie einen festen Platz in der französischen Literaturgeschichte. Mme de Sévigné lebte in einer anderen Zeit und einer anderen Welt. Die Erinnerung an sie entbehrt in Zeiten der von Schnelligkeit, Direktheit und Verkürzung geprägten sozialen Medien nicht einer gewissen Nostalgie. Man kann aber auch heute noch ihre Briefe mit Interesse, Erstaunen, ja Bewunderung, manchmal aber auch mit  Befremden lesen, war sie doch -natürlich- ein Kind ihrer Zeit, ihres Landes und ihres Standes.

Ich nehme den 400. Geburtstag von Madame de Sévigné und die ihr gewidmete Ausstellung im musée Carnavalet, dem Museum der Pariser Stadtgeschichte, zum Anlass, in drei Beiträgen einige Stationen ihres Lebens vorzustellen. Im ersten Teil sind das Orte im Pariser Marais, das sie sehr liebte und wo sie viele Jahre ihres Lebens verbrachte:

  • Die Place Royale/Place des Vosges, wo sie geboren wurde
  • Die ehemalige Klosterkirche der Filles de la Visitation Sainte-Marie, eines von ihrer Großmutter gegründeten Ordens, heute Temple protestant du Marais
  • Die Kirche Saint-Gervais, wo sie heiratete
  • Das hôtel Carnavalet, in dem sie viele Jahre wohnte; heute das Stadtmuseum von Paris und Ort der aktuellen Ausstellung.[5]

Im zweiten und dritten Teil werden dann Orte in Frankreich vorgestellt, die im Leben von Madame de Sévigné eine besondere Rolle spielten [6]:

  • Das elterliche Schloss Rochers in der Bretagne, wo sie viele ihrer Briefe schrieb.
  • Schloss Bussy Rabutin in Burgund: Wohnsitz ihres Vetters, mit dem sie eine intensive Korrespondenz unterhielt
  • Die beiden Kurorte Vichy und Bourbon l’Archambault, die sie mehrmals wegen ihrer gesundheitlichen Beschwerden aufsuchte
  • Grignan in Südfrankreich: Das Schloss ihrer Tochter/ihres Schwiegersohns, auch „das provencalische Versailles genannt[7], und die Kirche mit ihrem Grabstein.

Paris, Place Royal/des Vosges

In diesem Stadtpalais wurde am 6. Februar 1626 Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de SÉVIGNÉ, geboren

Der Geburtsort von Marie de Rabutin-Chantal, der späteren Marquise de Sévigné, konnte nobler nicht sein.  Philippe de Coulanges, ihr Großvater, hatte 20 Jahre vorher eines der Stadtpalais in dem neu geschaffenen Platz, der place royale, erworben. Diesen Namen trug der Platz mit vollem Recht, geht seine Entstehung doch zurück auf Heinrich IV., der am Rand der engen alten Stadt Paris einen nach italienischen Vorbildern geformten, einheitlich bebauten quadratischen, Arkaden-gesäumten großzügigen Platz der Stadt errichten wollte.

1622 fand hier ein großes carrousel aus Anlass der Hochzeit von Heinrichs Sohn Ludwig – dem XIII., mit Anne d’Autriche statt- ein großes Reiterspektakel, das später auf der place du Carrousel zwischen Louvre und dem früheren Tuilerien-Schloss ausgetragen wurde.  

Die vorgesehene Funktion des Platzes war die eines Wirtschafts- und Handelszentrums, weshalb es auch einen direkten Zugang vom noblen Stadtpalais des Herzogs von Sully, dem mächtigen Minister Heinrichs IV., zu dem Platz gibt.

Dann waren es aber der Adel und die vermögende Bourgeoisie, die sich dort niederließen. Am Platz gab es 35 hôtels, also Stadtpalais. Das der Coulanges liegt neben dem Pavillon du Roi, über den man, von der rue Birague kommend, den Platz erreicht.

Blick von der Rue Birague auf den Pavillon du Roi

Bekröntes Medaillon auf der Platzseite des Pavillon du Roi mit dem Portrait Heinrichs IV.

Und in der Nachbarschaft der Coulanges befanden sich die hôtels de Bassompierre, de Royan, de Sully – Namen des höchsten Adels. Und gleich in der Nähe am place royale (Nr.9) wohnten auch der duc und die duchesse de Chaulnes, enge Freunde von Mme de Sévigné und in der Bretagne Nachbarn. Von ihnen wird im 2. Teil des Beitrags noch die Rede sein, vor allem im Zusammenhang mit der blutigen Niederschlagung der bretonischen Revolte gegen die absolutistische Herrschaft Ludwigs XIV.

Dieses um 1665 entstandene Bild (musée Carnavalet) zeigt die Perspektive, die die kleine Marie de Chantal-Rabutin auf den Platz hatte, an dem sie bis zu ihrem 10. Lebensjahr wohnte.

Hier sieht man ein adliges Paar, das mit seiner sechsspännigen Kutsche und reichlichem Gefolge gerade an dem Haus der Coulanges vorbeifährt…

In der benachbarten rue des Tournelles wohnte übrigens Ninon de Lenclos, eine berühmte Kurtisane und Salondame der Zeit.

Louis Elle le Père, Anne (dite Ninon) de Lenclos, um 1640. (musée national des châteaux de Versailles et Trianon). Ninon war auch Maitresse von Henri de Sévigné, dem späteren Mann von Mme de Sévigné und -sehr zu ihrem Missfallen- sogar ihres Sohnes Charles… In ihrem Haus in der rue des Tournelles unterhielt Ninon de Lenclos einen einflussreichen Salon von Aristokraten und Schriftstellern.   

Die place royale war für das Tout Paris der Reichen und Schönen also der angesagte Ort- und diesem Ruf blieb der Platz treu… So gibt es an einem Pfeiler das älteste Graffiti der Stadt, 1764 eingeritzt von Restif de la Bretonne bei seinen dann literarisch verarbeiteten nächtlichen Streifzügen durch Paris.[8] 

Vielleicht handelte es sich dabei um die Markierung einer erotischen Begegnung, die er hier hatte…  Und heutzutage wohn(t)en dort u.a. Jack Lang, ehemaliger Kultusminister und bis vor kurzem Präsident des Institut du Monde Arabe, der wegen seiner Verbindung zu dem Sexualstraftäter Epstein zurücktreten musste, und der ehemalige IWF-Präsident und aussichtsreiche französische Präsidentschaftskandidat Dominique Strauss-Kahn, der ebenfalls über eine Sex-Affaire „stolperte“…

Blick in den Innenhof eines der hôtels an der place des Vosges

In dieser Umgebung wuchs Marie mit Eltern, Großeltern und einer ganzen Reihe von Onkeln und Tanten auf. Mit eineinhalb Jahren verlor sie aber ihren Vater, der im Kampf mit den Engländern auf der Île de Ré umkam, 1633, also im Alter von sieben Jahren, ihre Mutter. Als Waisenkind blieb sie im weltoffenen und wohlhabenden Pariser Haus der Großeltern Coulanges an der place Royal. Dann starben aber, als sie 8 Jahre alt war, ihre Großmutter und zwei Jahre später auch der Großvater. Es gab nun familiäre Bestrebungen, die reiche Erbin ins Burgund zu holen und sie entweder zur Nonne oder zur Gattin eines der Söhne ihrer Tante zu machen. Die andere Großmutter setzte aber durch, dass Marie in Paris bei ihrem Onkel Philippe im Haus am place royal bleiben durfte.

Sie erhielt nun die übliche adelige Mädchenausbildung in Konversation, Singen, Tanzen und Reiten, lernte aber auch Italienisch und Spanisch und konnte sich vor allem eine gute literarische Bildung aneignen. [9] 

Aufnahme Wolf Jöckel 18.7.2010 Mindestens 100 000 Menschen leben auf der Straße

Das Geburtshaus der Mme de Sévigné stand übrigens jahrelang leer, wurde dann allerdings auch schon einmal besetzt von Menschen ohne festen Wohnsitz, die auf ihre Situation aufmerksam machten. Derzeit wird das Gebäude saniert, es soll unten Geschäfte geben, darüber ein Hotel, sicherlich ein dem noblem Ort gemäßes…

Le Temple du Marais

Die um das Wohl ihrer Enkelin besorgte Großmutter war Jeanne Françoise de Chantal.[10] 1610 hatte sie nach dem Tod ihres Mannes abrupt die Familie verlassen. Ihr Sohn, der Vater Madame de Sévignés, warf sich sogar, damals 14 Jahre alt, auf die Türschwelle, um den Auszug seiner Mutter zu verhindern, aber vergebens.[11] Jeanne hatte ihre Berufung gefunden und mit François de Sales den Orden der Visitandinnen (Ordre de Visitation) gegründet.

François de Sales übergjbt Jeanne de Chantal die Ordensregeln. Um 1665 (musée de la Visitation, Moulins)

1626, als ihre Enkelin geboren wurde, gehörten schon 13 Klöster zu dem Orden, der immer weiter wuchs und Niederlassungen in vielen Ländern hatte. Bei ihrem Tod 1641 gab es schon 87 Klöster des Ordens. Eines der frühen war das von Jeanne de Chantal gegründete, nahe der place royal gelegene in der rue Saint-Antoine Nummer 17-  von dem heute noch die Kirche, inzwischen ein protestantischer/reformierter Tempel, existiert.

Mme de Sévigné hatte ein besonderes Verhältnis zu dem Orden, von dem sie als „relique vivante“ ihrer Großmutter angesehen wurde. Die erwähnt sie öfters in ihren Briefen wie auch François de Sales, den sie ironisch als ihren Großvater bezeichnet.

Couvent des Filles de la Visitation Sainte-Marie

Diese Kirche, die Église Sainte-Marie-des-Anges de la Visitation, ist Ausdruck der Bedeutung des Ordens und seiner Gründerin. Denn es war wohl die Großmutter der Madame de Sévigné, die für den in der Nähe ihres Familiensitzes gelegenen Bau niemand geringeren als François Mansard engagierte. Der war seit 1625 königlicher Baumeister und somit zuständig für sämtliche offiziellen Bauvorhaben im Frankreich Ludwigs XIII. Allerdings war Mansard bekannt und berüchtigt dafür, dass die Kosten für die von ihm geplanten Bauvorhaben den vorgegebenen Rahmen deutlich überschreiten konnten.[12] Aber der Orden war offensichtlich wohlhabend genug, diesem Architekten den Auftrag für die 1619 gegründete Pariser Niederlassung anzuvertrauen. Und er wurde belohnt durch einen 1632-1634 errichteten außerordentlichen Bau, der zu den Hauptwerken Mansards gehört.[13]

Mansard ließ sich bei dem Bau von dem Pantheon in Rom inspirieren. Sein Zentrum bildet eine riesige Kuppel von 13,5 Metern Durchmesser, ein Vorbild für spätere Pariser Kirchenbauten. Die Krypta der Kirche diente als Grabstätte. Unter anderem für Christophe de Coulanges (1607-1687), Abt von Livry, den  Onkel von Mme de Sévigné, der ihr nach dem Tod ihrer Eltern beistand und uneigennützig ihr Vermögen verwaltete und bewahrte. Mme de Sevigne nannte ihn in ihren Briefen le Bien Bon.

Die Krypta war auch Grabstätte der Familie Fouquet, auch von Nicolas Fouquet, dem Bauherren von Vaux-le-Vicomte und Finanzminister Ludwigs XIV.  In Ungnade gefallen und von Ludwig zu lebenslanger Kerkerhaft verurteilt, wurde Fouquet nach seinem Tod in der Festung Pignerol zunächst dort bestattet, dann wurden aber die Gebeine in die Familiengruft im Marais überführt. Ein Grabmal gab es für ihn allerdings nicht.[14] 

Besichtigen kann man die Kirche an jedem 2. Samstag eines Monats von 14 bis 18 h.[15]  Das Wappen des Ordens in der Fensterrose über dem Eingang erinnert noch an die Vergangenheit des Baus.[16]

Saint -Gervais

Am 4. August 1644 heiratete die 18-Jährigen Marie de Rabutin-Chantal um 2 Uhr morgens (damals durchaus üblich) in der neben dem Pariser Rathaus gelegenen Kirche Saint-Gervais den aus altem bretonischem Adel stammenden 21-jährigen Marquis Henri de Sévigné.

Wandvertäfelung mit der Darstellung von Heiligen aus den Chapelle dorée von Saint-Gervais, um 1635. Es handelt sich um eine der wenigen erhaltenen privaten Kapellen aus der Zeit der Heirat Marie de Rabutin-Chantals.[17]

Mit der Heirat wurde Marie de Rabutin-Chantal zur Madame/Marquise de Sévigné. Henri war „beau et cavalier bien fait“ aus gutem Hause. Allerdings entsprach sein Verhalten nicht ganz der eines honnête homme: aufbrausend und impulsiv ging er keinem Streit aus dem Weg. Da er am 29. Mai 1644 bei einem Duell auf dem Pont Neuf vom Degen seines Gegners schwere Verletzungen davontrug, musste die Heirat auf den 4. August verschoben werden. 1646 wurde eine Tochter geboren, Françoise-Marguerite: Der Vorname ist eine Hommage an die Großmutter Jeanne- Françoise de Chantal, der Mme de Sévigné viel verdankte. Zwei Jahre später wurde dann auf Rochers bei Vitré, dem bretonischen Familienschloss der Sévignés, der ersehnte männliche Nachwuchs geboren. Nach der Geburt des Stammhalters erklärte Mme de Sévigné ihre ehelichen Pflichten für erfüllt und überließ ihren Mann seinen Geliebten, zu denen vor allem auch die in der Nähe der Place Royale lebende Kurtisane und Salondame Ninon de Lenclos gehörte. Mme de Sévigmé wusste und akzeptierte, „dass er anderswo das fand, was sie ihm vorenthielt.“[18] Aber es war für sie nur schwer erträglich, dass auch ihr Sohn engere Beziehungen zu Mlle de Lenclos unterhielt; die war damals immerhin 48 Jahre alt, drei Jahre mehr als sie. Sie bezweifle sehr, ob das gut für ihn sei, schrieb sie ihrer Tochter und tat auch alles ihr Mögliche, Charles wieder auf den rechten Weg zu bringen, was schließlich auch gelang.[19] 

1650 zog  Mme de Sévigné sich zurück nach Rochers in die Bretagne, während Henri seinen Affairen nachging. Darunter war auch Mme de Gondran, „die schöne Lolo“:  Anlass für ein Duell – allerdings nicht mit ihrem Mann, sondern mit einem anderen, weniger erfolgreichen, aber natürlich ebenfalls adligen Verehrer der Dame. Eigentlich beruhte die Geschichte nur auf einem Missverständnis, aber Ehre ist Ehre, und der folgte man nach allen damaligen Regeln der Duell-Etikette: Man traf sich mit Sekundanten am Rand von Paris (Picpus), umarmte sich, versicherte sich seiner gegenseitigen Hochachtung und dann ging es los. Henri de Sévigné wird schwer vom Degen des Gegners getroffen. Am 6. Februar 1651 ist Mme de Sévigné, 25 Jahre alt, Mutter von zwei kleinen Kindern, Witwe.  

Der Besuch von Saint-Gervais ist -nicht nur wegen Mme de Sévigné- sehr empfehlenswert:  Ein eindrucksvoller gotischer Raum,  zum Teil noch mit alten, aber auch sehr gelungenen zeitgenössischen Glasfenstern ausgestattet. Bemerkenswert sind auch große Einschusslöcher,  die man bei einem näheren Hinsehen an einem Pfeiler der Vierung entdeckt.

Sie stammen von einer Granate des deutschen „Parisgeschützes“, einer Weiterentwicklung der „Dicken Berta“, die am 29. März 1918 die Kirche traf und das Gewölbe durchschlug. Es war ein Zufallstreffer des im Rahmen der deutschen Frühjahrsoffensive von 1918 eingesetzten und 130 km entfernt von Paris im Wald von Saint-Gobin stationierten Geschützes. In der Kirche fand da gerade der Karfreitags-Gottesdienst statt. 91 Menschen wurden getötet, 68 verletzt.

Zwischen der Kirche und dem Pariser Rathaus wurde 2025 zur Erinnerung an die Opfer der islamistischen Anschläge vom 13. November 2015 ein Garten der Erinnerung angelegt, mit dem auf eindrucksvolle Weise der 130 Todesopfer gedacht wird.

Hôtel Carnavalet

Nach dem Tod ihres Mannes kehrte Mme de Sévigné Paris nicht völlig den Rücken. Sie reiste aber öfters nach Rochers in die Bretagne, zu Kuraufenthalten uns nach der Heirat ihrer Tochter nach Grignan, wo die geliebte Tochter wohnte. Von 1677 bis zu ihrem Tod bewohnte sie dann das hôtel des Ligneris, von ihr La Carnavalette genannt.[20] So entstand der Name hôtel de Carnavalet, heute Ort des historischen Museums der Stadt Paris. Die Straße, in der das Museum liegt, wurde nach Mme de Sévigné benannt.

Gusseisernes Straßenschild aus dem 19. Jahrhundert[21]

Heutiges Straßenschild

Gebaut wurde das noble Stadtpalais im Jahr 1548, im 17. Jahrhundert aber modernisiert von François Mansard, dem Architekten der Klosterkirche im Marais.

L’hôtel Carnavalet. Um 1740. Kopie eines Gemäldes von Nicolas-Jean-Baptiste Raguenet, das für eine Ausstellung im Hôtel Carnavalet zum 300. Geburtstag von Mme de Sévigné angefertigt wurde

Das wesentliche Motiv, das Haus längerfristig zu mieten, war für Mme de Sévigné die Möglichkeit, dort die ganze Familie zu empfangen und unterzubringen, also ihren „Finanzverwalter“, den abbé de Livry, ihren Sohn Charles, den Marquis de Sévigné, und vor allem natürlich ihre Tochter mit ihrer großen Familie. Ihr Mann, der comte de Grignan, hatte Kinder aus früheren Ehen, und  Mme de Sévigné hatte ja ein äußerst enges, wenn nicht gar symbiotisches Verhältnis mit ihrer Tochter, und die Trennung von ihr konnte sie kaum ertragen. Aber auch für ihren Schwiegersohn sollten Aufenthalte in Paris attraktiv gemacht werden, war Mme de Sévigné doch daran interessiert, ihn an den königlichen Hof anzunähern.

Für all diese Zwecke war das hôtel Carnavalet ideal, wie sie in einem Brief vom 7. Oktober 1677 schrieb: Es handele sich um eine „affaire amirable“. Man müsse zwar auf das modische Parkett und die kleinen Kamine verzichten, habe aber Platz für alle, eine gute Luft, einen schönen Hof und Garten und auch eine schöne Umgebung.“[22]

Die Räume der Marquise befanden sich im ersten Stockwerk, der bel étage. Für die Familie de Grignan gab es Raum im Erdgeschoss, für die Töchter aus den früheren Ehen des comte de Grignan gab es ein Zimmer im zweiten Stockwerk, la chambre des princesses.  Wenn aber die Tochter alleine zu Besuch in Paris war, gab es für sie ein extra-Zimmer direkt neben den Räumen ihrer Mutter.

In den früheren Räumen der Mme de Sévigné, die inzwischen Teil des historischen Museums der Stadt Paris sind, hat sie natürlich den ihr gebührenden Platz. Das wohl populärste Erinnerungsstück des Museums an Mme de Sévigné ist ihr Portrait, gemalt um 1665 von Claude Lefèbvre (1632 – 1675), einem der bedeutendsten französischen Portraitisten des 17. Jahrhunderts. Es ziert auch das Plakat der Ausstellung des Museum zum 400. Geburtstag von Mme de Sévigné.

Das dunkle Brusttuch verweist auf den Witwenstatus von Mme de Sévigné (petit deuil), ihr Gesichtsausdruck auf die geistige Beweglichkeit und große Beobachtungsgabe, wie sie in ihren Briefen zum Ausdruck kommen.[23]

Bis vor kurzem galt auch der sogenannte „Schreibtisch der Mme de Sévigné“ als besonderes Erinnerungsstück an die langjährige Hausherrin des hôtel Carnavalet.

Das Museum erwarb ihn 1937 aus dem Besitz der Schlossherren von Les Rochers in der Bretagne, wo Mme de Sévigné sich oft aufhielt.   Man ging lange davon aus, dass er im 17. Jahrhundert im Auftrag der französischen Compagnie des Indes hergestellt wurde und dass Mme de Sévigné auf ihm viele ihrer Briefe geschrieben habe. [24]

Neuere Forschungen haben allerdings ergeben, dass der Sekretär stilistisch der im 18. Jahrhundert in Frankreich populären chinesischen Importware entspricht.

Im 19. Jahrhundert wurden außerdem noch erhebliche Veränderungen an dem Sekretär vorgenommen. Vor allem wurde das Wappen auf dem Deckel des Sekretärs hinzugefügt: Inmitten der barocken Girlanden befinden sich die von Engeln präsentierten gekrönten Wappen der Familien Rabutin und Sévigné! Die Hypothese, dass der Sekretär einmal im Besitz der Mme de Sévigné gewesen sei, ist damit kaum noch haltbar.

Fortsetzung (Teil 2 und Teil 3) folgt…

Literatur

Madame de Sévigné, Briefe. Herausgegeben und übersetzt von Theodora von der Mühl. Insel TB 1979

Marquise de Sévigné, Ausgewählte Briefe. Übersetzt von Ferdinand Lotheißen. München: Albert Langen 1925  https://www.projekt-gutenberg.org/sevigne/sevigbrf/chap001.html

Madame de Sévigné, Briefe an die Tochter. Ausgewählt und aus dem Französischen übersetzt von Susanne Schürmann. Mülheim 2020

Les Classiques de Lire, Themenheft Madame de Sévigné. 2/3/4 2026

Paul Deschanel, membre de l’Académie Française, Rede zur Einweihung der Statue  von Madame de Sévigné. Vitré,  8. Oktober 1911  https://www.academie-francaise.fr/inauguration-de-la-statue-de-mme-de-sevigne-vitre  

Duchêne, Roger (Hrsg), Autour de Mme de Sévigné, deux colloques pour un tricentenaire. Biblio 17 Hrsg vom Romanischen Seminar der Uni Tübingen 1997

Rob Kieffer, Göttliche Trüffel, hinterhältige Teufel. Die Drôme provencale war für Madame de Sévigné, die plauderfreudige, scharfsinnige Briefeschreiberin und Chronistin des königlichen Hoflebens, Zufluchtsort und Inspirationsquelle. In diesem Jahr feiert man dort ihren 400. Geburtstag. In: FAZ 23.5.2026

Gerlinde Kraus, Madame de Sévigné. In: Bedeutende Französinnen. Mühlheim/Main 2006

Jean-Jacques Lévêque, Madame de Sévigné ou la saveur des mots 1626-1696. Paris ACR Editions 1996

Claude Lefebvre, Portrait von Madame de Sévigné. https://de-academic.com/dic.nsf/dewiki/899704

Stéphane Maltère, Madame de Sévigné. Paris: Gallimard 2013

Genès Pradel, Madame de Sévigné en Bourbonnais : ses séjours à Vichy et à Bourbon-l’Archambault. Conférence faite aux « Amis de Montluçon », le 2 mai 1914. Madame de Sévigné en Bourbonnais : ses séjours à Vichy et à Bourbon-l’Archambault / par Genès Pradel | Gallica


Anmerkungen:

[1] Siehe z.B. https://www.ledauphine.com/culture-loisirs/2026/01/09/anniversaire-des-400-ans-de-la-naissance-de-madame-de-sevigne-les-temps-forts-durant-toute-l-annee-2026 und https://cparici.com/de/madame-de-sevigne-2/

Das Foto zeigt ein Portrait von Madame de Sévigné des Street-Art-Künstlers C 215, das im Rahmen seiner Darstellungen großer Männer und Frauen des Marais entstanden ist. https://paris-blog.org/2020/05/10/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-2-grosse-frauen/  und https://paris-blog.org/2020/04/20/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-1-grosse-maenner/  

Lesezeit 19 Minuten

Alle Fotos des Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Wolf Jöckel

[2] Marc Zitzmann, Was sie schrieb, war einfach unerhört. FAZ vom 5.2.2026

[3] „J’oubliais à vous dire qu’élle écrit comme elle parle, c’est à dire le plus agréablement et le plus galamment  qu’il est possible.“ Zitiert in der Carnavalet-Ausstellung. Dort wird auch darauf hingewiesen, dass in der Kunst der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts „starke Frauen“ eine große Rolle gespielt hätten und dazu auf das Anna von Österreich, der Frau Ludwigs XIII. und -bis zur Volljährigkeit Ludwigs XIV. der Regentin Frankreichs, gewidmete Werk von Pierre Le Moyne La Gallérie des femmes fortes von 1647 verwiesen. Dieses geistige Umfeld habe auch Mme de  Sévigné beeinflusst. Dass die starken Frauen damals aber nicht nur als Vor- sondern auch als Schreckbilder dienten, hat Ulrich Schläger in seinem schönen Blog-Beitrag über die Rue de la Femme sans Teste oder die Angst der Männer vor starken Frauen gezeigt. https://paris-blog.org/2026/01/23/rue-de-la-femme-sans-teste-oder-die-angst-der-manner-vor-starken-frauen-von-ulrich-schlager/

[4] Jean Jacques Lévêque bezeichnet sie als „grand écrivain sans le savoir“ (S.7).

[5] Madame de Sévigné  Lettres parisiennes   Exposition du 15 avril au 23 août 2026

[6] Siehe dazu auch: Les lieux de Madame de Sévigné. In: Lévêque, S. 174f. Reisen ins Ausland hat Mme  de Sévigné nicht unternommen, insofern gibt es auch keine ausländischen Erinnerungsorte

[7] https://fr.wikipedia.org/wiki/Madame_de_S%C3%A9vign%C3%A9

[8] https://www.sortiraparis.com/arts-culture/histoire-patrimoine/articles/330296-le-saviez-vous-ce-graffiti-de-1764-sur-la-place-des-vosges-est-le-plus-vieux-de-paris

[9] https://de-academic.com/dic.nsf/dewiki/899704

[10] Genealogie de Mme de Sévigné: https://fr.wikipedia.org/wiki/Madame_de_S%C3%A9vign%C3%A9

[11] Maltère, Madame de Sévigné, S. 12ff

[12] https://www.britannica.com/biography/Francois-Mansart

[13] https://www.paristopten.com/monuments/temple-du-marais/

[14] https://www.tombes-sepultures.com/crbst_953.html

[15] https://temple.dumarais.fr/events/visite-du-temple-4-2/

[16] https://fr.wikipedia.org/wiki/Ordre_de_la_Visitation

[17] Aus der Ausstellung im Hôtel Carnevalet

[18] Maltère, Madame Sévigné, S. 77

[19]  Siehe Maltère, Madame Sévigné, S.182/183.  Die  Briefe des Fräuleins Ninon de Lenclos an den Marquis de Sévigné. Leipzig in der Weidmannischen Handlung 1751 sind fiktiv. Es geht dort um einen jungen Mann, der Rat sucht in Lebens- und Liebesangelegenheiten.

[20]  https://www.carnavalet.paris.fr/fr/collections/la-marquise-de-sevigne-1626-1696

[21] Privatsammlung. Ausstellungsstück musée de Carnavalet

[22] Zit. Maltère, Mme Sévigné S. 248.

[23]  https://www.carnavalet.paris.fr/fr/collections/la-marquise-de-sevigne-1626-1696

[24] https://www.carnavalet.paris.fr/collections/bureau-de-madame-de-sevigne  Im Mai 2026 entsprach diese Seite noch nicht den Forschungsergebnissen des Centre de recherche et de restauration des musées de France aus dem Jahr 2025 , wie sie in der Ausstellung der Informationstafel zum dem Schreibtisch zu entnehmen sind.

Bilder des Monats August 2026: Das Gemälde zum Ausbruch des 1. Weltkriegs im Pariser Gare de l’Est

In der hall d’Alsace des Pariser Gare de l’Est ist über dem Durchgang zu den Bahngleisen eines riesiges, 12 Meter langes und 5 Meter hohes Gemälde angebracht: ‚Le Départ des poilus, août 1914‘. Dargestellt ist der Aufbruch französischer Soldaten, der poilus, an die Front im August 1914. (Alle Fotos des Beitrags von Wolf Jöckel)

Am 3. August 1914 hatte das Deutsche Reich Frankreich den Krieg erklärt. Nach dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajewo war aus einem regionalen Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien ein großer europäischer Krieg geworden: gegenseitige Beistandsverpflichtungen und auch eine fatale Planung des deutschen Militärs für den Fall eines Zweifrontenkriegs (Schlieffen-Plan) trugen wesentlich zu dieser Entwicklung bei.

Insgesamt etwa 3 Millionen Soldaten wurden im Sommer 1914 in Frankreich mobilisiert. Für die meisten von ihnen war der Gare de l’Est die Ausgangstation für den Fahrt an die Front Während des gesamten Krieges war der Bahnhof dann eine zentrale Drehscheibe.

Wesentliches Thema des Bildes ist der Abschied, die Trennung der Soldaten von ihren Lieben.

Deutlich wird hier der Schmerz des Abschieds dargestellt – es sind keine Szenen der Kriegsbegeisterung. Und es ist ja auch ein längst korrigierter Mythos, dass in ganz Europa die Männer freudig die Möglichkeit begrüßt hätten, endlich einen verhassten Feind zu besiegen. (Christopher Clark). Für Frankreich hat Jean-Jacques Becker schon 1977 in seinem Buch über die französische öffentliche Meinung im Jahr des Kriegsbeginns (1914 : comment les Français sont entrés dans la guerre) den Mythos allgemeiner französischer Kriegsbegeisterung entlarvt.

Im Zentrum des Gemäldes ist allerdings ein Soldat dargestellt, die Arme begeistert erhoben: in der einen Hand den Helm, in der anderen ein Gewehr, in dessen Lauf ein Blumenstrauß steckt. Dieser Soldat ist allerdings kein Franzose, sondern ein Amerikaner: der Sergent Everit Herter, der auch erst mit dem amerikanischen Expeditionskorps 1917 nach Europa kam. Im Juni 1918 wurde er bei der Abwehr der deutschen Frühjahrsoffensive bei Château-Thierry getötet und ist auf dem amerikanischen Militärfriedhof von Seringes et Nesles bestattet.

Albert Herter, Everits Vater, malte das Bild zur Erinnerung an seinen Sohn und an die (französischen) Opfer des Ersten Weltkriegs. Frankreich hat prozentual zur Gesamtbevölkerung im Ersten Weltkrieg die höchsten Verluste aller Großmächte gehabt. Fast 1,4 Millionen französische Soldaten sind im Krieg gefallen, der Krieg im Westen fand auf französischem Boden statt. An der zum Boulevard de Ménilmontant gelegenen Mauer des Pariser Friedhofs Père Lachaise sind in einer kaum enden wollenden Reihe die Namen von 94 415 Soldaten allein aus Paris aufgeführt, die im Ersten Weltkrieg ihr Leben verloren haben. Er ist deshalb auch für die Franzosen „la Grande Guerre“.

Albert Herter hat sich in dem Gemälde auch selbst dargestellt. Es ist der alte Herr ganz rechts im Bild. Während bei seinem Sohn die Blumen mit dem Gewehrlauf nach oben gerichtet sind, ist der Blumenstrauß des Vaters nach unten gesenkt: Zeichen der Trauer und des Gedenkens an den toten Sohn.

Albert Herter schenkte das 1925/26 im Schloss von Versailles gemalte Bild dem französischen Volk. Am 8. Juni 1926 wurde es im Gare de L’Est offiziell eingeweiht.

Andrea Reidt, Paula in Paris. Paula Modersohn-Becker in der Welthauptstadt der Kunst

2026 wurde und wird der 150. Geburtstag von Paula Modersohn-Becker gebührend gewürdigt, einer „mutigen Avantgarde-Künstlerin, die gegen alle Widerstände ihren Weg geht und heute zu den gefeierten Ikonen der Moderne gehört.“ Eine solche Würdigung ist auch Andrea Reidts Buch über die vier Aufenthalte der Malerin in Paris, der damaligen „Welthauptstadt der Kunst.“ .[1]

Nachfolgend werden einige Passagen des Buchs über den vierten Aufenthalt Paula Modersohn-Beckers in Paris wiedergegeben, von ihr selbst als „die intensiv glücklichste Zeit meines Lebens“ bezeichnet. Die Aufenthalte in Paris waren entscheidende Etappen auf diesem Weg.

Paula Modersohn-Becker hat ihre Pariser Eindrücke vor allem in zahlreichen Skizzen festgehalten. Einige davon sind in die nachfolgenden Auszüge aus dem Buch eingestreut.[2] Dazu kommen Abbildungen von Bildern, die Andrea Reidt in ihrem Buch angesprochen hat. Wolf Jöckel


Die Vollendung: Paris IV Februar 1906 bis März 1907

Am 22. Februar 1906 begeht Otto Modersohn mit Paula und Elsbeth in Worpswede seinen 41. Geburtstag. Herma Becker schreibt ihrer Mutter an diesem Tag, der Schwager sei sicher froh, seine Frau bei sich zu haben »und daß sie nicht wie letztes Jahr in Paris rumhuppt«. Paula scheine »im dreißigsten Jahr« solche Pläne jetzt aufgegeben zu haben. Da irrt Herma gewaltig. Noch in der Nacht nach dem Geburtstag verlässt Paula Mann, Stieftochter und Worpswede und fährt mit der Postkalesche nach Bremen, mit Ziel Paris. „Nun habe ich Otto Modersohn verlassen und stehe zwischen meinem alten Leben und meinem neuen Leben.“ Die Abreise hat den Charakter einer taktisch klug geplanten Flucht – Otto hat keine Ahnung, Mutter und Bruder befinden sich außer Reichweite auf einer Italienreise und können nicht intervenieren. (S.107)

Passanten und Hunde auf dem Pont des Arts. Im Hintergrund der Pont Neuf [3]

Notre – Dame

Der Pont au Double. Im Hintergrund Notre-Dame

Das Jahr 1906 stellt eine bedeutende Schaffensperiode für ihr Werk dar. Diesen Aufenthalt hat sie im Bewusstsein und Vorhaben möglicher Selbstständigkeit ohne finanziellen Schutzschirm durch Ehe und Familie angetreten (was nicht funktioniert, denn es mangelt an äußeren Erfolgen). Sie steht enorm unter Druck und malt daher wie im Fieber Tag und Nacht. Sie spart sich so viel wie möglich vom Munde ab, geht seltener aus als früher – hin und wieder ein Konzertbesuch mit Schwester Herma, das ist alles. Schließlich gibt sie (auf Anraten ihres neuen Fans, des Bildhauers Bernhard Hoetger, und aus Geldmangel) sogar die bis dahin geradezu heiligen Weiterbildungskurse auf. Es gefällt ihr jedoch ungemein und erfüllt sie mit tiefer Befriedigung, zwischen ihren Bildern zu schlafen und morgens zwischen ihnen zu erwachen, wie sie Martha Vogeler am 21. Mai 1906 mitteilt. „Ich male lebensgroße Akte und Stilleben mit Gottvertrauen und Selbstvertrauen“. (S.109)

Paula Modersohn-Becker – Drei Männer am Seinekai, gegenüber das Institut de France [4]

Obst- und Gemüsehändlerin mit ihrem Stand. Im Hintergrund der Eiffelturm

Das Pariser Straßenleben, das sie schon bei früheren Aufenthalten während langer Spaziergänge auf sich wirken ließ und in Briefen und Tagebuchnotizen kommentierte, schlägt sich in ihrem zeichnerischen Werk erst während dieser vierten Station nieder – vielleicht ein Hinweis darauf, dass sie sich nun ernsthaft in dieser Stadt niederlassen wollte. Sie skizziert spielende Kinder, Kutschen und Marktbetrieb. Jetzt entstehen ihre wichtigsten Porträts von Schwester Herma, dem Soziologen Werner Sombart, Rainer Maria Rilke und Lee Hoetger sowie Kinderbilder, ebenso farbenprächtige Stillleben.

Portrait Werner Sombart,1906 (Kunsthalle Bremen) [5]

Paula Modersohn-Becker, Stillleben mit Tomaten, Apfelsine und Zitrone, 1906 [6]

Portrait der Schwester Herma (Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris) Foto: Wolf Jöckel


Vor allem ihre Selbstbildnisse nehmen als erste weibliche Selbst-Akte, die in ihrer Zeit deutlich Konventionen verletzten, einen bedeutenden Platz in der Kunstgeschichte ein.
Spätestens ab 1906 spielte die Künstlerin, wenn auch fast unerkannt, eine Rolle auf der Profibühne der modernen Kunst; in dieser Zeit vollendete sie eine eigene Bildsprache. Während dieses längsten Paris-Aufenthaltes schuf sie 80 Gemälde, avantgardistische Werke, »die noch nie einer sehen und malen konnte«, wie Rilke bereits in der Weihnachtszeit in Worpswede staunend bemerkt hatte. Der Kunsthistoriker Uwe M. Schneede bewertet diese Zeit als »Wende ins Bedeutsame«, die sich mit den Eigenporträts und vor allem mit dem »Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag« offenbart. Über die Symbolik des beinahe lebensgroßen Dreiviertelaktes der Künstlerin als Schwangere, den sie noch dazu mit P. B. signierte –ohne das eheliche Kürzel M. –, wurde viel spekuliert, schließlich war sie zu diesem Zeitpunkt nicht schwanger. Wunschdenken, Enttäuschung, Sublimierung – also schwanger mit der Kunst statt mit einem Kind? Tatsache ist, dass dieses Selbstporträt eine Zäsur markiert, die Verletzung eines Tabus in der prüden wilhelminischen Entstehungszeit. Lange verschwand das Bild in der Versenkung, gelangte erst Jahrzehnte nach Paulas Tod an die Öffentlichkeit und wurde selbst dann noch von Kritikern geschmäht. (S.109/110) [7]

Rainer Maria Rilke, seit den Weihnachtstagen in Worpswede wieder ein wichtiger Freund für Paula, mit dem sie manchen Abend verbringt, den Louvre besucht oder auf der Terrasse des Restaurants Jouven am Boulevard du Montparnasse etwas trinkt, berichtet Clara: »Sie ist mutig und jung und, wie mir scheint, auf gutem aufsteigendem Wege, allein wie sie ist und ohne alle Hilfe.« Am 21. April begleitet Paula Rilke zur Enthüllung des Rodin’schen »Denkers« vor dem Panthéon, an dem auch der Bildhauer Aristide Maillol, ein Gegenspieler Rodins, dessen Werk Paula bewundert, teilnimmt. Am 10. Mai, nach einem Zerwürfnis mit Rodin, packt Rilke in Meudon seine Sachen in Kisten und zieht in die Cité zurück; er schlägt seine Zelte in Paulas Übergangsquartier Rue Cassette 29 auf. Im selben Monat sitzt er Paula Modell. Das Porträt wird die bedeutendste Darstellung des Dichters werden, obwohl die Meinungen darüber auseinandergehen, ob man es als vollendet betrachten soll: Denn Rilke bricht die Sitzungen am 2. Juni nach dem unerwarteten Erscheinen Otto Modersohns in Paris abrupt ab und lässt sich später für weitere Sitzungen brieflich entschuldigen.

Portrait Rainer Maria Rilke (1906) [8]

Nach dieser Episode gab es keine Gelegenheit mehr für ein Wiedersehen zwischen Rilke und Modersohn-Becker, ihr früher Tod im November 1907 verhinderte das. (S.113/115)

Frau auf Hocker, vor einer vergitterten Ladenfront

An einem Flussufer lagernde Menschen

Einen äußerst nützlichen und emotional berührenden neuen Kontakt, zugleich eine tiefe Freundschaft, knüpft sie mit dem deutschen Bildhauer Bernhard Hoetger. Da seine in Bremen ausgestellten Skulpturen sie beeindruckt haben, darunter vor allem der »Große Elberfelder Torso«, begibt sie sich zu ihm und seiner frisch angetrauten Frau, der Pianistin Helene, genannt Lee, in die Atelierwohnung Rue du Vaugirard. (S.108)

Drei Männer auf der „Impériale“ (d.h. dem Oberdeck eines von Pferden gezogenen Omnibus. W.J.)

Sowohl menschlich als auch künstlerisch springt sofort ein Funke gegenseitigen Verständnisses über. Paula zieht wichtige Impulse aus der bildhauerischen Kunst für ihre eigene Arbeit, empfindet tiefe Bewunderung für Rodin und entdeckt in Hoetgers Werk Parallelen zu ihrer eigenen Entwicklung. Auch ihn beschwingt die Bekanntschaft mit dem Werk der Kollegin. Sein Gegenbesuch bei ihr am 4. Mai ist von großer Tragweite sowohl für die Malerin selbst als auch für ihren Nachruhm. »Dort erlebte ich still und ergriffen ein Wunder. Sie hing an meinen Lippen. Ich konnte ihr nur sagen: Es sind alles große Werke, bleiben Sie sich selbst treu, geben Sie den Besuch der Schule auf«, so erinnert sich Hoetger später. Paula jubelt brieflich: „Sie haben mir Wunderbares gegeben. Sie haben mich selber mir gegeben. Ich habe Mut bekommen. Mein Mut stand immer hinter verrammelten Toren und wußte nicht aus noch ein. (…) Ich fange jetzt auch an zu glauben, daß etwas aus mir wird. Und wenn ich das bedenke, dann kommen mir die Tränen der Seligkeit. (…) Ich war ein bißchen einsam.“ (S. 116/117)

Pariser Straße mit Kapuzenkind

Männer, Frauen und Kinder zwischen Bäumen

Reiterspielende Kinder zwischen Bäumen

Im Herbst begleitet Paula Bernhard Hoetger in das Musée de l’Homme, wo afrikanische Masken gezeigt wurden, die sie vielleicht zu dem intensiv maskenhaften »Selbstbildnis nach halbrechts« inspirierten. Auch das Atelier von Henri Rousseau am Montparnasse besuchen sie gemeinsam. Rousseau ist ein unangepasster Künstler, der dem Postimpressionismus, der Naiven Malerei und dem Magischen Realismus zugerechnet wird, von den Dichtern André Breton und Guillaume Apollinaire als Wegbereiter des Surrealismus gefeiert. Paulas drittes Porträt von Lee Hoetger, das beinahe einen Meter große Halbfigurenbild »Lee Hoetger vor Blumengrund«, verweist auf den Einfluss von Henri Rousseau. Später erwirbt Hoetger mehrere Werke von Rousseau. Die überschwänglich formulierte tiefe Freude und ihr angedeutetes Eingeständnis von Einsamkeit in Paulas Reaktion auf die Anerkennung durch Bernhard Hoetger könnte – neben den oben genannten Gründen – auch psychologische Rückschlüsse auf eine anerzogene weibliche Zurückhaltung bei der Selbstvermarktung zulassen, eine Schüchternheit, die sie trotz ihres hohen künstlerischen Selbstbewusstseins wahrscheinlich verspürt und die sich durch ihre Bremer Erfahrung der rabiaten Fitger-Kritik 1899 vertieft hat. Bei ihrer ersten Begegnung mit Hoetger verschweigt sie zunächst, selbst Künstlerin zu sein, und imitiert quasi Rilkes einstiges Empfehlungsschreiben für »Modersohns Frau« an Auguste Rodin. Man darf nicht vergessen, dass Frauen um die Jahrhundertwende 1900 Männern rechtlich nicht gleichgestellt waren, kein politisches Wahlrecht hatten und als Ehefrauen sehr selten einer Berufstätigkeit nachgehen konnten. Lehrerinnen wurden bei Heirat entlassen, Ehefrauen durften ihr eigenes Vermögen nicht selbst verwalten, ihre häuslichen Aufgaben waren gesetzlich verankert. Zwar bot die Metropole Paris vermögenden Frauen ein freieres Leben und einen größeren Bewegungsradius, jedoch gelang es nur wenigen, das zu realisieren. Kein Wunder also, wenn das gesellschaftliche Selbstbewusstsein einer jungen, nicht vermögenden Frau, die noch dazu von ihrer Familie als »egoistisch« angesehen wird und bislang überwiegend Ablehnung erfahren hat, schwach ausgeprägt ist.

Fressender Karrengaul nach rechts, vor einer Laterne

Der Pont Neuf, seineaufwärts, im Hintergrund das Gebäude der Münze (La Monnaie)

Gegen Ende des Jahres 1906 scheint Paula immerhin zu überlegen, im Frühjahr 1907 selbstinitiativ an einer Ausstellung in dem juryfrei zugänglichen »Salon des Indépendants« teilzunehmen, an der sich auch andere internationale Künstlerinnen mit eigenen Exponaten beteiligen. Vermutlich will sie das Bild »Lee Hoetger vor Blumengrund« dort präsentieren. [9]

Dazu wird es nicht kommen, denn im März 1907 ist sie schwanger und kehrt mit Otto Modersohn nach Worpswede zurück. (S.120-122)

Selbstbildnis mit Hand am Kinn. 1905 (Kunsthalle Bremen)

Anmerkungen

[1] Paula Modersohn-Becker Ausstellungen 2026 – Paula 150 https://www.artinfo24.com/kunst/news-1847.html

Zitat: Verlagstext zu Andrea Reidt, Paula in Paris ISBN: 978-3-86915-328-5 Preis 20,00 Euro

[2] Alle Fotos von Zeichnungen aus der Ausstellung Paula Modersohn-Becker und die Kunst in Paris um 1900- Von Cézanne bis Picasso. Ausstellung in der Kunsthalle Bremen vom 13. Oktober 2007 bis 24. Februar 2008. Siehe dazu: Anne Röver-Kann, „Oft wenn ich oben auf dem Omnibus saß, hat mir das Herz gelacht über diese schöne Stadt“. Pariser Stadtlandschaften- gezeichnet. In: Katalog der og. Ausstellung. Hirmer Verlag München 2007, S. 86ff

Titelfoto: Paula Modersohn-Becker, bridges in Paris (1905). aus: https://www.artchive.com/artwork/bridges-in-paris-paula-modersohn-becker-1905/#

[3] https://www.artchive.com/artwork Die Titel der Zeichnungen sind von Paula Modersohn-Becker

[4] https://www.lempertz.com/en/catalogues/lot/943-1/154-paula-modersohn-becker.html

[5] https://bremen.museum-digital.de/data/bremen/resources/images/202505/500w_681cdfa70ba5b.jpg

[6] Neue Dauerleihgabe: Stillleben von Paula Modersohn-Becker » Museen Böttcherstraße

[7] https://en.wikipedia.org/wiki/Self-Portrait_at_6th_Wedding_Anniversary

[8] https://www.wikiwand.com/en/Rainer_Maria_Rilke

[9] Nachfolgendes Bild aus: https://paulamodersohnbeckerstiftung.de/Bildarchiv_data/WV_685.html

Siehe auch den nachfolgenden Beitrag von Andrea Reidt auf diesem Blog:

Le Souffle, die monumentale und filigrane Fächerkoralle von Saint-Eustache

Seit 9, Juli ist in der Kirche Saint-Eustache für 3 Monate eine monumentale Fächerkoralle installiert: 7 Meter hoch, 6 Meter breit und 450 kg schwer, scheint sie doch leicht und luftig im mächtigen Mittelschiff der Kirche zu schweben. Lydie Arickx hat ihrem Werk den Namen „Le souffle“ gegeben: Hauch, Luftzug, Atem.

Es ist ein aus Aluminium gefertigtes Kunstwerk in Form einer Fächerkoralle (Gorgonie), ein wunderbares, steile Riffkanten bewohnendes und höchst verletzliches Lebewesen. Taucher nähern sich ihnen nur höchst vorsichtig, denn ein unbedachter Flossenschlag kann die filigrane Struktur leicht verletzen oder gar zerstören.

Diese Verletzlichkeit hat Lydie Arickx auch in ihrer Installation veranschaulicht.

Die Form von Le souffle ist die eines Baumes mit seinen sich verzweigenden Ästen. Aber man denkt auch, zumal angesichts der roten Farbe, an eine Lunge oder ein Herz: Symbole des Lebens und -wir sind in einer Kirche- der Schöpfung, ihrer Schönheit und Zerbrechlichkeit. Und für die Gefährdung dieser Schöpfung sind gerade die unter dem Klimawandel und dem Temperaturanstieg der Weltmeere massiv leidenden Korallen ein trauriger Gradmesser.

In der „Wurzel“ des Korallenfächers/des Lebensbaums erkennt man ineinander verschlungene menschliche Körper. Die symbolische Bedeutung dieser anthropomorphen Gestaltung ist unverkennbar.

Saint Eustache ist aus drei Gründen ein idealer Ort für Le souffle:

  • Die Installation fügt sich hervorragend ein in die großartige Architektur der Kirche aus Gotik und Renaissance. Mit den Tageszeiten und dem durch die bunten Kirchenfenster einfallenden Licht verändert sich le souffle. Man sollte also Zeit und Ruhe mitbringen.
  • Die Kirche engagiert sich als „église verte“ besonders für die Bewahrung der Natur/der Schöpfung. Sie steht damit in der Tradition der vor allem Klima- und Umweltfragen gewidmeten Enzyklika Laudato si‘ – Über die Sorge für das gemeinsame Haus von Papst Franziskus aus dem Jahr 2015.
  • Saint- Eustache ist eine Kirche, die sich seit langem durch ihre Offenheit gegenüber moderner Kunst auszeichnet. Siehe dazu den -Blog-Beitrag über die Himmelsleiter:

ÉGLISE SAINT-EUSTACHE
Le Souffle Vom 10 Juli bis zum 29 September 2026
146 rue Rambuteau, 75001
Täglich geöffnet von 10h-19h – freier Eintritt

Sonntags 17 h finden in Saint-Eustache einstündige Orgelkonzerte statt: Eine wunderbare Gelegenheit, die Kirche zu besuchen und Le souffle in Ruhe zu betrachten. https://www.saint-eustache.org/musique-a-st-eustache/

Alle Fotos von Frauke und Wolf Jöckel Ein Interview mit Lydia Arickx: https://www.arts-in-the-city.com/268319-le-souffle-a-saint-eustache-entretien-exclusif-avec-lydie-arickx

Die Installation soll auch die Arbeit der NRO Coral Guardian unterstützen, die sich seit 2012 für den Schutz der Korallenriffe engagiert. https://www.coralguardian.org/en/news/

Bilder des Monats Juli 2026: Die Flugzeugparade des 14. Juli

Wie immer findet am französischen Nationalfeiertag auf den Champs-Elysées eine große Militärparade statt. So auch in diesem Jahr. Und wie immer, wenn wir an diesem Tag in Paris sind, können wir von unserer kleinen Terrasse aus die abfliegenden Flugzeuge sehen und hören.

Einen direkten Blick auf den Himmel über den Champs-Élysées haben wir leider nicht, aber den verwehten Rauch der von der Patrouille de France in den Himmel gesprühten Tricolore können wir noch sehen. (Das „Titelbild“ des Beitrags hat freundlicherweise Herr Biermann-Zeitler zur Verfügung gestellt. Merci beaucoup!)

Die diesjährige Militärparade sollte mehr als üblich militärische Stärke demonstrieren.

Auf den Champs-Elysées und in der Luft bot die französische Armee ein breites Arsenal schweren militärischen Geräts auf.

In den letzten Jahren der Präsidentschaft Macrons hat sich ein fundamentaler strategischer Wechsel vollzogen. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine und dem erzwungenen Rückzug der französischen Armee aus Afrika ist jetzt die Landes- und Bündnisverteidigung in Europa in den Mittelpunkt gerückt.

Sichtbarer Ausdruck waren die Teilnahme ukrainischer Truppen und des ukrainischen Präsidenten an der diesjährigen Militärparade.

Ein Problem ist dabei allerdings die eklatante Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Zwar wurde in den letzten Jahren trotz großer Budget-Probleme auch in Frankreich das Militärbudget erhöht, aber inzwischen ist das deutsche -auch dank massiver Verschuldung- etwa doppelt so hoch, und die Diskrepanz wird sich in den nächsten Jahren wohl noch vergrößern. Und auch was die Unterstützung der Ukraine angeht, bleibt Frankreich hinter seinen Ansprüchen weit zurück: Während Deutschland nach dem Rückzug der USA mit Abstand größtes Geberland ist, liegt Frankreich, selbst was die absoluten Zahlen angeht, noch hinter Dänemark, Schweden, den Niederlanden und Norwegen zurück – und dies, obwohl das Land zweitgrößter Waffenexporteur der Welt ist.

Aber Frankreich bleibt -allein schon als einzige Atommacht der EU- ein unverzichtbarer Partner.

Und Macron ist hoch anzurechnen, dass er schon früh erkannt hat, wie wichtig eine europäische Souveränität auch im Militärischen ist. Damals wurde ihm aber in Deutschland von Merkel und Co die kalte Schulter gezeigt. Umso bedauerlicher, dass jetzt das Projekt eines gemeinsamen deutsch-französischen Kampfflugzeugs – unter wechselseitigen Schuldzuweisungen- gescheitert ist.

Aber es ist zu hoffen, dass man daraus lernt. Und vor allem, dass ein selbstbewusstes und selbstständiges Europa nicht länger von den Launen und Drohungen eines amerikanischen Präsidenten abhängig ist und auch stark genug, einem russischen Expansionismus zu widerstehen. Und es wird hoffentlich auch wieder eine bessere, friedlichere Zeit nach Trump und Putin geben, wo sogar -man darf ja noch träumen- russische Soldaten gemeinsam mit französischen, ukrainischen und deutschen an einem 14. Juli auf den Champs-Élysées friedlich miteinander defilieren.

Weitere Blog-Beiträge zum 14. Juli in Paris:

Das traditionelle Feuerwerk am Eiffelturm fand in diesem Jahr schon am 13. Juli statt. So wurde die Konkurrenz mit dem WM-Halbfinale zwischen Frankreich und Spanien vermieden. Wir drücken natürlich der französischen Mannschaft die Daumen. Allez les bleus….

Paris im Hitzestress: Ab ins Wasser!

Paris ächzt unter der Hitze. Die Canicule ist Thema Nummer 1.

Ab 11.7. und voraussichtlich noch über den 14. Juli hinaus gilt für Paris sogar die höchste Hitzewarnstufe, die Vigilance rouge.

Paris gehört also zu den Teilen Frankreichs, in denen „absolute Vorsicht“ geboten ist. (Le Parisien vom 11.7.) Jede Erfrischung und Abkühlung ist da willkommen.

Le Parisien, 10.7.26  LP/Arnaud Journois. Alle weiteren Fotos, soweit nicht anders angegeben, von Frauke und Wolf Jöckel

Einer der über 1300 Pariser Trinkbrunnen. Hier ein moderner mit einem Wasserzerstäuber (brumatiseur) vor dem Rathaus des 11. Arrondissements- eine große Freude vor allem für Kinder

Auch die Tauben freuen sich über Abkühlung, für die die Pariser Straßenreinigung sorgt…

http://www.timeout/fr/Paris

Und vor allem gibt es ja wieder die Badegelegenheiten im Pariser Flusswasser, das aufgrund der immensen Investitionen für die Olympischen Spiele 2024 inzwischen (meistens) Badequalität hat.

Wie im letzten Jahr ist es seit Anfang Juli wieder möglich, an drei Stellen in der Seine zu schwimmen:

Eine kleine Neuerung ist, dass die letztjährige Badestelle vom Pont Marie ein paar hundert Meter weiter flussabwärts verlegt wurde und jetzt zwischen dem Pont Marie und dem Pont Louis Philippe liegt. Dort ist ein fester Schwimm-Ponton in der Seine installiert worden, so dass der Schiffsverkehr nicht mehr beeinträchtigt wird.

Foto: Le Parisien

Ein erheblicher Nachteil dieser Seine-Badegelegenheiten ist allerdings, dass man nur mit prallgefüllten gelben Luftkissen ins Wasser gelassen wird. Man kann damit herumpaddeln, aber an ein etwas sportlicheres Schwimmen ist so nicht zu denken. Dafür sind auch die Becken zu klein.

Mehr Platz zum Schwimmen, und dies auch noch ohne Luftkissen, hat man bei der Badestelle am Canal Saint-Martin.

Der Zugang ist frei, die Badestelle nicht streng abgegrenzt. Ein paar Sonnenschirme und Liegestühle sorgen für eine ungezwungene Strandatmosphäre.

Das Bad am Quai de Jemmapes ist allerdings nur mittwochs zwischen 12 und 15.30 und sonntags zwischen 14 und 18 Uhr gestattet. Duschen und Kabinen zum Umziehen gibt es -ziemlich umständlich- nur auf der anderen Straßenseite im Centre sportif Jemmapes, aber keine Möglichkeit, Wertsachen sicher unterzubringen.

Optimal ausgestattet ist dagegen die große Badestelle im Bassin de la Villette, früher einmal Teil eines Hafens, der zu den größten Frankreichs gehörte…

Heute wird er im Sommer vor allem von Tret- und Elektrobooten und Badenden genutzt.

Die Badeanlage besteht 2026 aus insgesamt 4 Schwimmbecken: von einem kleinen für Kleinkinder -hier im Bild vorne- bis zu einem 50 Meter-Becken für eher sportliche Schwimmer- oben im Bild. Das Foto entstand Anfang Juli vormittags. Nachmittags ist bei großer Hitze der Andrang wesentlich größer.

Gelbe Luftkissen gibt es hier nicht , dafür aber die gesamte Infrastruktur eines Schwimmbads., einschließlich einer wachsamen Badeaufsicht. Am Eingang werden sogar -on est en France- die Taschen kontrolliert!

Die Stadt Paris garantiert hier, wie auch für die Seine-Badestellen, dass die Wasserqualität den sanitären Anforderungen entspricht. Sollte das einmal nicht der Fall sein -wie zum Beispiel im letzten Jahr nach starken Regenfällen- dann würden die Badestellen umgehend geschlossen. Das war allerdings während unseres diesjährigen Paris-Aufenthalts nicht der Fall. Das Wasser schimmert natürlich-grünlich, die Oberfläche ist nicht von einem Ölfilm überzogen, wie in unserem heimischen Schwimmbad an heißen Sommertagen. Hier tummeln sich höchstens die Wasserläufer und kurz unter ihnen huschen kleine Fischchen vorbei. So ist das Bad im Bassin de la Villette hochwillkommener und erfrischender Bestandteil unseres Tagesablaufs…

Das Bassin de la Villette erreicht man in wenigen Minuten Fußweg von der Haltestelle Jaurès der Metro 2. Dabei passiert man Ledoux’s klassizistische Rotunde, Teil der ehemaligen Zollmauer, mit der Paris bis zur Französischen Revolution umgeben war….

Bei großer Hitze ist auch das Baden im Bassin des Recollets, einem 100 Meter langen Teilstück des Kanals Saint-Martin im 10. Arrondissement, zwischen 15 und 21 Uhr freigegeben- eine von der Pariser Mairie und dem zuständigen Arrondissement beschlossene Maßnahme. Das „wilde“ Baden im Kanal, dem die Polizei nicht mehr Herr geworden war, soll durch diese Maßnahme im wahrsten Sinne des Wortes kanalisiert werden. Und nach den Worten des neu gewählten Pariser Bürgermeisters Grégoire ist so „das größte Schwimmbad von Paris entstanden“. (Le Parisien 16.6.)

Besonders beliebt ist es offensichtlich bei jungen Männern, von der Passerelle Emanuelle (auf der Höhe der Avenue Richerand) möglichst effektvoll ins Wasser zu springen.

So jedenfalls lässt sich die Hitze ertragen…

Öffnungszeiten:

Pont Louis-Philippe/Bras Marie : 8h-18h. Bercy : 11h-21h. Grenelle : 10h-17h30 (Samstags 16h45). Canal Saint-Martin, Jemmapes: Sonntags von 14h-18h. Canal Saint-Martin, Recollets: bei großer Hitze täglich von 15-21 Uhr

Bassin de la Villette : 11h-21h. Bei großer Hitze (Warnstufe orange und rot) sind die Badezeiten allerdings stark reglementiert. Es gibt vier Zeitfenster (crénaux), in denen das Bad geöffnet ist und an deren Ende es geschlossen wird. Auf diese Weise wird die Nutzung zwar eingeschränkt, aber einer größeren Zahl von Menschen der Zugang ermöglicht. Sehr empfehlenswert ist die Nutzung des ersten Zeitfensters. An Nachmittagen kann es sehr voll werden.

Frühere Beiträge zum Thema:

Wenn einer eine Reise tut…(2): Bahnabenteuer von Paris nach Frankfurt… und zurück…

Es begann alles ziemlich harmlos: Am 18. Juni 2026 erhielten wir um 18.15 Uhr eine Nachricht von der DB Reisebegleitung, dass die Ankunft des von uns gebuchten ICE von Paris-Est nach Frankfurt sich um eine Viertelstunde verspäten würde, statt 23.03 also 23.08. Abfahrtszeit aber unverändert 19.06

Das war ja nun wirklich kein Drama und wir machten uns danach guter Dinge auf zum Gare de l’Est. Gegen 18.45 dort angekommen wunderten wir uns, dass auf der Anzeigentafel der abfahrenden Züge „unser“ Zug nach Frankfurt überhaupt nicht aufgeführt war, dass aber mehrere Züge, die schon längst hätten abgefahren sein müssen, immer noch auf der Anzeigetafel und im Bahnhof standen. Kurz darauf neue Meldung der DB: „Ihre Ankunft in Frankfurt (Main) Hbf verspätet sich um 47 Minuten“. Ankunftszeit statt 23.03 also 23.50. Die angegebene Zeit für die Weiterfahrt mit der S-Bahn; 23.34. Das soll einer verstehen…

19.31: Dritte DB-Nachricht: „Änderung Ihrer Ankunft“. Nun waren schon 67 Minuten Verspätung in Frankfurt angekündigt. (Ankunft 00.10) Aber immer noch unveränderte Abfahrtszeit – grün unterlegt: 19.06. Da steht also der ICE, der schon längst hätte unterwegs sein sollen, noch nicht einmal im Bahnhof, aber die DB Reisebegleitung hält unverdrossen an der ursprünglichen Abfahrtszeit fest (und entsprechend auch an der ursprünglichen Abfahrtszeit der S-Bahn). Und wie kommt die DB zu diesen exakten Verspätungszeiten? Erst 15, dann 47, dann absurde 67 Minuten?!

Absurd deshalb, weil zu diesem Zeitpunkt im Gare de l’Est schon das Chaos ausgebrochen war: Seit ca 18 Uhr fuhr dort kein Zug mehr ab und es kam auch kein Zug mehr an. In einem fortlaufenden Text auf den Anzeigetafeln war zu lesen, dass die Stromversorgung unterbrochen sei, man aber hoffe, gegen 22 Uhr wieder den Betrieb aufzunehmen. Der Bahnhof war überfüllt mit wartenden Fahrgästen, für deren Versorgung auch nichts vorgesehen war: Die Geschäfte im Bahnhof hatten schon -wie üblich- zugemacht, wer sich bei der tropischen Hitze nicht rechtzeitig mit genug Wasser versorgt hatte, hatte eben Pech gehabt. Und Plätze zum Sitzen gab es natürlich viel zu wenige für die vielen wartenden Menschen.

Bild aus Libération. Eine Filmsequenz über die abendliche Lage am Gare de l’Est: https://www.leparisien.fr/paris-75/paris-le-trafic-interrompu-au-depart-de-la-gare-de-lest-au-moins-jusqua-22-heures-en-raison-dune-panne-electrique-18-06-2026-FLYUJRIFBRBTRH7UA6MFX3YND4.php

Aber unverdrossen informierte die DB Reisebegleitung im bisherigen Stil: 4. Meldung: Abfahrt 19.06, Ankunft in Frankfurt 00.40 (S-Bahn immer noch Abfahrt 23.34)

Dann aber um 20.04 die fünfte Meldung: „Änderung Ihrer Abfahrt“: 21.06 (rot unterlegt). Da war also offenbar bis zur DB Reisebegleitung durchgedrungen, dass der Zug noch gar nicht abgefahren war. Aber dass im Gare de l’Est für alle sichtbar angekündigt worden war, dass der Zugverkehr erst gegen 22.00 wieder aufgenommen werden würde – das war offenbar der Reisebegleitung noch unbekannt … Und es war ja sowieso völlig unrealistisch, dass der Zug nach Frankfurt dann gleich losfahren würde. Die Gleise des Bahnhofs waren doch noch blockiert mit den Zügen, die schon seit 18 Uhr auf ihre Abfahrt warteten und die natürlich zuerst an der Reihe waren!

Und was war überhaupt mit dem Frankfurt-ICE? Üblicherweise kam der von uns gebuchte 19.06-Zug ja direkt aus Frankfurt, hatte einen kurzen Aufenthalt im Gare de l’Est zum Aus- und Einsteigen der Fahrgäste, zur Reinigung und zur Versorgung des Speisewagens und fuhr dann gleich wieder zurück nach Frankfurt. Aber vermutlich war ja auch dieser Zug – und entsprechend auch andere- von dem Stromausfall betroffen – stand also irgendwo in Frankreich auf dem Gleis… Aber vielleicht war dies -mangels Strom- nicht zur DB-Reisebegleitung durchgedrungen.. . Da fragt man sich: Haben die ICE-Zugführer und/oder Zugbegleiter vielleicht kein Dienst-Handy?

Dann um 21.18 die 6. Meldung: Jetzt wurde die Abfahrt für 22.26 angekündigt. Das erschien immerhin realistisch, und motivierte uns auszuharren bzw. zum Bahnhof zurückzufahren. Wir hatten nämlich schon aufgegeben und uns auf den Rückweg in unsere Wohnung gemacht. Diese Nachricht bewog uns dann aber, umzudrehen und es doch noch zu versuchen. Zumal die auf die Minute angekündigte Ankunftszeit von 00.38 nachvollziehbar war und auch noch einen S-Bahn-Anschluss für die Weiterfahrt ermöglicht hätte. Das war jedenfalls problemlos der homepage des Rhein-Main-Verkehrsverbundes zu entnehmen- wir hatten ja ein Handy. Auf der DB-Meldung war allerdings, bizarr wie bisher, immer noch die S-Bahn Abfahrtszeit von 23.34 angegeben…

Dann aber um 21.31 die 7. Meldung – die erste mit der Angabe eines Grundes für das Bahnchaos: „Reparatur der Oberleitung“, aber auch mit argen Zeitangaben: Abfahrtszeit 23.06 und Ankunft Frankfurt 02.55. Das hätte garantierte 4 Stunden Wartezeit bedeutet – und wer weiß, ob da nicht vielleicht auch noch eine weitere Nachricht nachkommen würde…Ich fand auch endlich in dem Menschengewühl einen freundlichen Mitarbeiter der französischen Eisenbahn, der uns empfahl, in Paris zu bleiben, wenn wir die Möglichkeit dazu hätten. Wir entschieden uns also endgültig, in unsere Pariser Wohnung zurückzufahren. Inzwischen war auch die Zugbindung aufgehoben worden, so dass man hoffen konnte, am nächsten Vormittag unter günstigeren Umständen die Rückfahrt anzutreten.

In unserer Wohnung angekommen, erfuhren wir dann aus dem Internet -hier eine Meldung von Libération– das ganze Ausmaß des Problems: Tausende Fahrgäste in überheizten Zügen blockiert: Panne der Elektrizitätsversorgung im Netz des Ostbahnhofs, notwendige Reparatur der Oberleitung, schrittweise Wiederaufnahme des Verkehrs ab 22 Uhr…

Wir hatten also noch Glück gehabt, zur Zeit des Stromausfalls nicht schon im Zug, sondern immerhin im Bahnhof zu sein. Und ausgefallen waren nicht nur die Fernzüge, sondern auch der Nahverkehr im Bereich des Bahnhofs Paris-Est, und das gerade in einer Zeit mit hohem Verkehrsaufkommen. Deshalb waren Tausende Fahrgäste betroffen, die dann zum Teil -selbst in Tunneln- aus den Zügen aussteigen durften und zu Fuß entlang der Gleise zum nächsten Bahnhof liefen.

Bild aus Libération

Irritierend war dabei, dass in den Meldungen immer wieder auf die Hitze als mögliche Ursache für den Stromausfall hingewiesen wurde. Zwar also offenbar kein Cyber-Angriff oder ein terroristischer Anschlag, aber die Hitze! Da macht man sich ja so seine Gedanken. Dass es auch im französischen Bahnsystem öfters zu Pannen kommt und Generalsanierungen dringend erforderlich sind, haben wir in unseren Pariser Jahren reichlich mitbekommen. Dabei war bisher von der Hitze meines Wissens noch nicht die Rede. Aber jetzt umso mehr. Die Bahninfrastruktur -die französische wie auch die deutsche- ist, wie man jetzt erfährt, kaum länger andauernden Hitzephasen gewachsen. (1) Was kommt da mit dem vorhersehbaren weiteren Anstieg der Temperaturen noch auf uns zu?!? (2)

Ein Mitglied unserer Familie, die ich von unserer verschobenen Ankunft informierte, hatte immerhin einen Trost parat: „Beruhigend, dass sowas auch in Frankreich vorkommt“. Aber die Bundesbahn bleibt doch unübertroffen: Ein paar Tage danach zog nämlich die Bundesbahn nach: zweistündiger Stillstand gleich im gesamten deutschen Streckennetz….

Natürlich: In Frankreich war offensichtlich „höhere Gewalt“ (eine Oberleitung!) am Werk, und die genauen Ursachen werden sicherlich gefunden werden. Die Menschen am Gare de l’Est haben jedenfalls sehr ruhig und besonnen reagiert. Während man in Frankreich ja gerne und schnell „en colère“ ist, war es hier ganz anders.

Zurück in unserer Wohnung haben wir die weiteren Meldungen der DB Reisebegleitung zur Kenntnis genommen. Bis hin zur krönenden 12. Meldung von 23.41: Ankunft in Frankfurt .wie bei Meldung 11- um 03.08. (!). Aber jetzt neu: „Die Ankunft Ihrer heutigen Reise mit S 5 (eigentlich müsste es ja heißen: Ihrer morgigen Reise) verspätet sich um 5 Minuten.“ Ankunft also 23.57 statt 23.52!!! Schön wär’s gewesen, aber absurder geht es nicht. Dass es eine zeitaufwändige Herkulesaufgabe ist, die jahrelang heruntergewirtschaftete Bundesbahn wieder fit zu machen, ist völlig klar, und da kann man keine Wunderdinge erwarten. Die Bundesbahn ist auch nicht für die französische Oberleitung zuständig und verantwortlich. Aber dass die Information der Fahrgäste derart katastrophal ist, müsste doch -nach meinem naiven Verständnis- nicht sein und sich durch eine Verbesserung der Kommunikation/der Software (?) doch wohl abstellen lassen. Oder verlange ich da zu viel?

Patricia und Klaus, Freunde aus der Heimat, die auch ein paar Tage in Paris waren und zufällig mit demselben Zug nach Frankfurt zurückfahren wollten, entschieden sich, trotz aller Probleme nicht wie wir aufzugeben. Für sie war das Abenteuer noch nicht zu Ende. Patricia hat für ihre Enkelin darüber eine Geschichte geschrieben:

Wenn einer eine Reise tut- oder: Wie ich lernte, die Deutsche Bahn zu lieben

Eigentlich fahre ich gern Zug. Ehrlich. Ich mag es, aus dem Fenster zu schauen, einen Kaffee zu trinken und mich entspannt von A nach B bringen zu lassen. Heute allerdings wollte das Universum offenbar testen, wie belastbar ich wirklich bin.

19.07 sollte mein Zug von Paris nach Frankfurt losfahren. Also war ich pünktlich am Bahnhof, reiste geschniegelt mit der Metro an und gönnte mir bei schlanken 32 Grand noch einen Kaffee. Ganz entspannt beobachtete ich die Anzeigentafel. Die beobachtete allerdings lieber mich. Zuerst verschob sich die Abfahrt um eine Viertelstunde, dann nochmal um eine halb mehr, dann um über eine Stunde…Nach 4 Stunden Wartezeit hatte ich das Gefühl, ich gehöre inzwischen zum Inventar des Bahnhofs. Die Tauben nickten mir schon vertraut zu, und das Café hätte mir beinahe einen Stammplatz eingerichtet, wenn es nicht schon längst geschlossen gewesen wäre. Irgendwann hieß es sogar: „Vielleicht fahrt der Zug heute gar nicht mehr“.

Ich überlegt bereits, in Paris ein neues Leben zu beginnen. Doch um 23.55 geschah das Unfassbare: Auf der Anzeigetafel erschien tatsächlich neben unserem ICE nach Frankfurt ein Gleis. Plötzlich verwandelten sich hunderte erschöpfte Reisende in olympiareife Sprinter. Wer jemals behauptet hat, Zugfahren sei gemütlich, hat noch nie erlebt, wie Rentner mit Rollkoffern einen 100-Meter-Sprint hinlegen.

Endlich an meinem reservierten Platz angekommen, setzte ich mich erleichtert ans Fenster. Platsch. Mein Sitz war so nass, dass ich innerhalb weniger Sekunden aussah, als hätte ich beschlossen, die Seine zu durchqueren. Die Jeans waren komplett durchweicht. Also suchte ich mir einen anderen trockenen Platz in der Nähe. Der war allerdings reserviert. Und eine junge Dame, die jetzt auch im Abteil ankam, machte mir klar, dass ich dort ungefähr so willkommen war wie eine Möwe beim Frühstück. Also weiter. Nach dem dritten Umzug hatte ich endlich einen freuen Platz gefunden. Der war wenigstens trocken, aber die Wagen waren verdreckt, die Toiletten nicht oder kaum benutzbar, das Bordrestaurant hatte seinen Dienst eingestellt und die Klimaanlage auch. Der Zug hatte sich in eine Sauna verwandelt. Alle wedelten mit Zeitungen, tickets oder ihren letzten Hoffnungen. Der Duft war eine Mischung aus Fitnessstudio, Marathon und gereiftem Camembert.

Nach einer Stunde Fahrt meldete sich die Zugbegleitung. „Liebe Fahrgäste, wir müssen den Zug leider wechseln.“ Irgendwelche Funktionen seien ausgefallen. Welche genau wurde nicht mitgeteilt. Aber das hatten wir ja am eigenen Leibe mitbekommen. Jetzt hoffen wir also auf einen neuen Zug..

Ich habe aufgehört zu fragen, wann wir in Frankfurt ankommen. Im Moment wäre ich schon zufrieden, wenn wir bis Weihnachten Deutschland erreichen. Aber eines muss man dem Tag lassen: Langweilig war er wirklich nicht…

Soweit Patricias Geschichte…

Wir hatten eine ruhigere Nacht und am nächsten Morgen war das Glück uns hold. Zunächst allerdings sah es gar nicht danach aus: Als wir rechtzeitig für den 9 Uhr-Zug zum Gare de l’Est kamen: Fehlanzeige. Aber der 7 Uhr-Zug war offenbar noch nicht abgefahren. Also im Spurt zum Bahnsteig! Freundliche Bahnbedienstete wollten gar nicht unsere Fahrkarten sehen, ohne deren Kontrolle man sonst in Paris gar nicht auf den Bahnsteig kommt. Sie trieben uns an, schnell in den ersten Wagen einzusteigen. Hinter uns schloss sich die Tür, und der Zug fuhr ab, als hätte er extra auf uns noch gewartet…

Die anteilige Erstattung des Fahrpreises für die Verspätung kam übrigens postwendend. Das soll immerhin anerkennend vermerkt werden!

Gerne hätten wir auch anerkennend vermerkt, dass unsere für den 2.7. gebuchte Rückfahrt nach Paris unproblematisch verlaufen wäre. Das war aber nicht der Fall. Erste Meldung der DB-Reisebegleitung: Wegen Verspätung bei der S-Bahn kann der ICE mit der planmäßigen Abfahrt 18.53 vom Hauptbahnhof Frankfurt nicht erreicht werden. Dann aber die Korrektur: Der Zug kann doch erreicht werden, weil der ICE erst mit 15 Minuten Verspätung bereitgestellt werden kann. Das ist ja nochmal gut gegangen!

Nächste Meldung 19.04 Uhr: Jetzt sind es 30 Minuten Verspätung bei der Abfahrt, aber immerhin nur 16 Minuten Verspätung bei der Ankunft in Paris. Da kann der ICE zwischendurch also offenbar etwas Gas geben, sozusagen. Aber das kann er dann doch nicht: Denn nur 5 Minuten später (!), also 19.09 Uhr, verkündet die Bahn das Aus für den Zug;

Da bleiben nur Ärger und Enttäuschung und der Weg zurück nach Hause. Immerhin müssen wir uns nicht in die lange Warteschlange vor dem Info-Schalter der Bahn einreihen, um einen Hotelgutschein zu erhalten. Neuer Anlauf morgen. Da versuchen wir es vielleicht besser mal mit einem TGV…

Auf meinen Rückerstattungsantrag hat das Servicecenter Fahrgastrechte übrigens wieder postwendend reagiert: Allerdings anders als erwartet. Eine Entschädigung sei leider nicht möglich. Die Verspätung am Zielort habe nur 9 Minuten betragen. Schön wärs gewesen! Aber vielleicht werde ich so etwas ja noch einmal auf unseren Fahrten zwischen Paris und Frankfurt erleben…

Also Anruf bei dem Servicecenter in Frankfurt: Nach gebührender Warteschleife Reklamation mit Hinweis auf die entsprechende Mail der DB- Reisebegleitung und auf das Zugausfall-Foto im Frankfurter Hauptbahnhof. Oh Pardon, ein Fehler im „account“ (?)… Die Reklamation werde neu bearbeitet und der Antrag neu bearbeitet… Das geschah dann immerhin auch und einige Tage später erhielt ich die fällige Rückerstattung… Aber wer weiß, wie viele betroffene Reisende sich diesem nervigen Procedere unterzogen haben ….

So hat die Bundesbahn noch das I-Tüpfelchen dieses Beitrags geliefert…

Anmerkungen

(1) Siehe: https://www.bfmtv.com/economie/entreprises/transports/des-rails-qui-peuvent-monter-jusqu-a-70-degres-30-minutes-d-autonomie-pour-la-clim-en-cas-de-coupure-de-courant-pourquoi-la-canicule-fragilise-les-trains-de-la-sncf_AV-202605290215.html)

https://www.msn.com/de-de/nachrichten/panorama/hitzeprobleme-der-bahn-haben-zu-lange-an-vielen-stellen-gespart/vi-AA26wusd

(2) Ein paar Tage später berichtete die Zeitung Le Républicain Lorrain: „Fast 380 Fahrgäste des ICE Frankfurt-Paris waren während mehr als 3 Stunden ohne Klimatisierung in der Nähe von Stiring-Wendel in ihrem Zug blockiert.“ Der 18.53 in Frankfurt gestartete Zug hatte kurz hinter der deutsch-französischen Grenze eine Panne. Nach gut 3 Stunden wurde er von einem französischen Nahverkehrszug (TER) zum Bahnhof Forbach abgeschleppt. Schließlich konnten die Fahrgäste in zwei TGVs die Fahrt nach Paris fortsetzen. Statt um fahrplanmäßige 22.53 kamen sie dort am nächsten Morgen um halb 6 an….https://www.republicain-lorrain.fr/transport/2026/06/27/pres-de-380-voyageurs-de-l-ice-francfort-paris-bloques-pendant-plus-de-trois-heures-sans-climatisation-a-hauteur-de-stiring-wendel

Siehe auch diesen Blog-Beitrag vom Dezember 2025:

Calder: Traumhaftes Gleichgewicht, Rêver en équilibre. Eine Ausstellung in der Fondation Louis Vuitton

Der Ruhm Calders beruht vor allem auf seinen wunderbaren von der Luft bewegten Skulpturen, den Mobiles, einer von ihm erfundenen neuen Kunstform.

.Und natürlich ziert eines dieser Mobiles das Ausstellungsplakat und ist dann in der Eingangshalle der Fondation Louis Vuitton auch im Original und in leicht beschwingter Form zu sehen. [1] Und in der Ausstellung sind dann zahlreiche andere dieser beweglichen Skulpturen zu sehen und zu bewundern.

Black Widow 1948

Dieses Mobile fertigte Calder für eine Ausstellung in Brasilien an. Trotz seiner Größe ist es von außerordentlicher Feinheit. Drei der Elemente sind durchbrochen: Öffnungen für Licht, Luft und Blicke.

Schattenspiele

Arc of petals, 1941 (Peggy Guggenheim Collection, Venedig)

Yucca, 1941

Blizzard, 1950 (Sprengel Museum, Hannover)

Dass in diesem Jahr eine Calder-Ausstellung in Paris stattfindet, hat seinen Grund in einem Jubiläum: Genau vor 100 Jahren, am 24. Juli 1926, kam Calder in Paris an. Hier erhielt er entscheidende Impulse für sein Schaffen. Paris wurde zu seiner „ville de coeur“, und Calder wurde in Paris zum „französischsten der amerikanischen Künstler“. [2] Über dreihundert Werke Calders sind in der Fondation Vuitton ausgestellt, in dem Bau Frank Gehrys, der, wie Le Monde (16.4.26) schrieb, geradezu konstruiert zu sein scheint, um Calder zu präsentieren: „Die scheinbare Leichtigkeit und die latente Instabilität seiner Werke stehen im Dialog mit der Architektur.“

Calder in Paris

Calder fügt sich in das kreative und pulsierende Umfeld der Künstler von Montparnasse ein. Die Stadt ist zu dieser Zeit das weltweite Zentrum des künstlerischen Schaffens und der Avantgarde. (6) Es sind -analog zu den Berliner „goldenen zwanziger Jahren“- die „années folles“ von Paris. In Montparnasse trifft Calder Künstler wie Foujita, Man Ray, Kiki de Montparnasse, Robert Desnos und schließt Freundschaften mit anderen wie Hans Arp, Piet Mondrian, Joan Miro, Fernand Léger…

Kiki de Montparnasse II, (Centre Pompidou)

Alice Prin, genannt Kiki de Montparnasse, war Sängerin, Tänzerin, „Muse“ von Man Ray. Calder fertigt 1930 ein erstes Drahtportrait von ihr an. Das zweite, in der Ausstellung präsentierte, betont die charakteristische spitze Nase Kikis. „Sie hatte eine wunderschöne Nase, die sich in den Raum zu erheben schien“, erinnert sich Calder in seiner Autobiographie.

Eine weitere zentrale Figur dieser wilden Pariser Jahre war Josephine Baker . Calder war von ihr offenbar so fasziniert, dass er gleich eine ganze Reihe von Draht-Portraits anfertigte. Josephine Baker erregte ja vor allem Aufsehen durch ihren Tanz, und dazu passen die schwebenden, sich im Luftzug bewegenden und unterschiedliche Schatten an die Wand werfenden Drahtfiguren ganz besonders gut.

Josephine Baker IV (um 1928)

Calder mit einem Portrait aus Eisendraht. Foto von Ewald Hoinkis. Berlin 1931

Wie andere Künstler dieser Zeit war Calder besonders fasziniert von der Welt des Zirkus.

Circus-Szene 1929

Daraus entsteht allmählich das Konzept seines Cirque miniature, der zu einer Attraktion der Pariser Avantgarde wird. Er besteht aus mehr als 160 Figuren und Accessoires, hergestellt aus Eisendraht, Fäden, Knöpfen und allerlei alltäglichen Fundstücken, bearbeitet „dans l’esprit d’une recyclage ingénieux et d’art modeste.“(12) Alles, was zu einem Zirkus gehört, ist hier versammelt: Akrobaten, Clown, Tänzerin, Dompteur, dressierte Tiere, Zirkusdirektor….

Two Acrobats, Catapults and Platform structure (Ausshnitt) Whitney Museums in New York.

Ein zeitgenössischer Film zeigt Calder, wie er sehr konzentriert die Figuren bewegt, begleitet von einer zum Zirkus passenden Musik, die seine Frau von einem Grammophon abspielt.

Bei den Präsentationen im privaten Rahmen lernt er Fernand Léger, Le Corbusier und Theo van Doesburg kennen, die seine Freunde werden. Auch Léger ist von dem Thema Zirkus fasziniert.

Fernand Léger, Les Perroquets (Les Acrobates), 1933

Hier versucht Léger Bewegung bildnerisch darzustellen. Dieses Ziel verbindet Léger und Calder, auch wenn sie dafür unterschiedliche künstlerische Mittel verwenden.

Calders Drahtportrait von Fernand Léger- mit Schattenwurf- 1930 (Privatsammlung)

Ein entscheidender Wendepunkt seines Schaffens, der „moment charnière“, wie es es nannte, war 1930 in Paris die Begegnung mit Piet Mondrian. Der Besuch in Mondrians Atelier habe ihn erschüttert und sein Werk in eine neue Richtung gelenkt, schreibt Calder im Rückblick. (8)

Mondrian: Composition in Colours/Composition No. I with Red and Blue 1931 (Museo National Thyssen-Bornemisza, Madrid)

Calder ist fasziniert von der abstrakten Kunst Mondrians, von der er sich zunächst in eigenen Bildern anregen lässt.

Calder: Untitled 1930

Allerdings übernimmt Calder nicht die strengen geometrischen Formen Mondrians: neu ist zwar die Abstraktion, aber das gerade für seinen Zirkus zentrale Element der Bewegung behält er bei. Und das für Calder so wichtige Arbeitsmaterial, der Draht, wird auch Gegenstand eines Bildes.

Untitled, 1930

1931 stellt Calder erste bewegliche Skulpturen her, die von Marcel Duchamp den Namen mobiles erhalten. Zunächst sind es von Motoren angetriebene Konstruktionen.

Machine motorisée (1933)

Bei dem Mobile Small Sphere and Heavy Sphere von 1932/33 ersetzt Calder die Maschine durch den Menschen. Das Mobile besteht im Wesentlichen aus zwei Elementen: einer heavy sphere aus rotem Metall und einer kleinen Holzkugel, der small sphere. Wenn man die große vorsichtig anstößt, setzt sich die kleine Kugel in Bewegung und schwingt durch den Raum. Dabei stößt sie ab und zu und unvorhersehbar an sieben auf dem Boden verteilte Gegenstände des Alltags (Flasche, Konservenbüchse, Holzkiste, aber auch einen Gong), die auf dem Boden und in den möglichen Flugbahnen der kleinen Kugel stehen.

Ursprünglich waren es die Zuschauer selbst, die die große Sphäre anstoßen und die Objekte auf dem Boden nach ihren Vorstellungen anordnen konnten – entsprechend einer Idee von Duchamp, nach der 50% der Kunst ein Werk des Zuschauers sind. In der Ausstellung sind es allerdings nicht die Zuschauer, die die große Sphäre anstoßen, sondern ein Mitarbeiter der Ausstellung, der allerdings die Anordnung der Objekte auf dem Boden nicht verändert.

Trotzdem ist das Schauspiel der durch den Raum schwebenden und ab und zu anstoßenden und Klänge erzeugenden kleinen Kugel ein faszinierendes visuelles, akustisches und emotionales Schauspiel das man dreimal täglich (12, 15 und 17 Uhr) beobachten und bewundern kann.

Schließlich aber verzichtet Calder auf menschliche oder maschinelle Einwirkung, sondern vertraut, wie er es formulierte, den „freien und natürlichen“ Kräften, dem Wind, dem Luftzug, von denen die auf einer festen Unterlage stehenden oder an den Decke aufgehängten Mobiles beweget werden.

Object with red discs, 1931

Untitled, um 1932

Cône d’ébène, 1933

Alexander Rower, Calders Enkel und Gründer der New Yorker Fondation Calder, von der der Großteil der in Paris gezeigten Werke stammen, hat den Schaffensprozess seines Großvaters beschrieben: „Wenn man ihm bei der Herstellung eines Mobiles zusah, bestand sein Vorgehen darin, verschiedene Formen auszuschneiden, sie auf einem Tisch anzuordnen und zwei Teile näher zusammen- oder weiter auseinander zu schieben, bis er genau den Moment der energetischen Resonanz im Zwischenraum gefunden hatte. Die Kunst liegt ganz und gar im Raum zwischen den Elementen, nicht in den Metallstücken. Anschließend ordnete er diese beiden Teile im Raum an und fügte dann das nächste und das übernächste hinzu.“

Rower sieht hier eine Parallele zu den Papierschnitten von Matisse: Dessen Arbeitsprozess habe ja auch aus zwei Phasen bestanden: dem Ausschneiden von Formen, einem fließenden spontanes Prozess, und dann der Anordnung dieser Formen auf einem Papierbogen oder einer Wand. Bei Matisse wie Calder gebe es da eine unglaubliche Freiheit und alles erscheine leicht und einfach, in Wirklichkeit sei das aber das Ergebnis großer, lebenslanger Erfahrung. [3]

1933 kehrt Calder unter dem Eindruck der europäischen faschistischen Bewegungen in die USA zurück. Aber er bleibt Frankreich verbunden. Er nimmt Teil an den Aktivitäten der 1940 gegründeten Gruppe France Forever, die den französischen Widerstand gegen Nazi-Deutschland unterstützt. Ihr schenkt er 1942 ein großes Mobile, gewidmet den Widerstandskämpfern von France Libre.

France Forever, 1942 (musée de l’Armée, Paris)

Im oberen Teil symbolisieren drei Metallplättchen in den französischen Nationalfarben und das strahlend sonnengelbe Lothringische Kreuz de Gaulles die Résistance. Sie triumphieren über die dunklen Mächte des Faschismus im unteren Teil des Mobile.

Calder darf also nicht auf das Spielerische reduziert werden. Er war ein durchaus politischer Künstler. Das zeigt auch seine Fontaine au mercure, der Quecksilber-Brunnen, aus dem Jahr 1937, zur Zeit des Spanischen Bürgerkriegs. Es war sein erster öffentlicher Auftrag, geschaffen für die Eingangshalle des Pavillons der spanischen Republik auf der Weltausstellung von 1937, und dort präsentiert zusammen mit Picassos Guernica. Der Brunnen ehrt die Bergleute der Quecksilber-Minen von Almaden, die bei der Belagerung der Stadt den Truppen Frankos erfolgreich Widerstand leisteten. [4]

Das Original ist in Barcelona in der Fondation Joan-Miro ausgestellt, wobei die Zuschauer durch einen Glaskasten von den giftigen Dämpfen geschützt werden. Deshalb ist in der Ausstellung nur ein Modell zu sehen.

Calder XXL

Calder stellte aber nicht nur mobiles her, sondern auch die fest auf dem Boden stehenden mit Stahl gefertigten sogenannten stabiles, wie Hans Arp sie nannte..

Stabile mit Jean Arps Femme, 1927)

Das Mobile The S-Shaped Vine von 1946 hinter dem Stabile La Grande Vitesse von 1969

Sabot, 1963

In der „cathédrale“, dem höchsten Ausstellungssaal der Fondation Louis Vuitton ist neben dem Stabile Sabot auch Southern Cross von 1963 aufgestellt: Das giraffenähnliche Southern Cross, eine Mischung von Mobile und Stabile, hat eine Höhe von 6 Metern!

1963 hatte Calder auch wieder in Frankreich Fuß gefasst nnd neben seinem Atelier in den USA ein weiteres in dem im Tal der Indre gelegenen Saché (Tourraine) aufgebaut. Calder erhielt damals auch aus Europa zahlreiche Aufträge für monumentale Skulpturen im öffentlichen Raum. [5] In der Ausstellung ist eine eindrucksvolle Bilderserie der XXL-Stabiles aus aller Welt zu sehen.

Zwei dieser Arbeiten sind auch auf dem Außengelände der Fondation Vuitton aufgebaut – eine Premiere in der Geschichte des Baus.

Five Swords von 1976 und Black Flag von 1974

Die Wiese, auf denen die beiden Stabiles stehen, ist ein Eldorado für Kaninchen.

Es gibt aber auch Pfauen, die sich gerne in ihrem Federschmuck präsentieren. passend zu Calders Pfauen-Mobile drinnen.

Insgesamt „eine Ausstellung, die zu sehen viel Freude macht, gerade in Zeiten, in denen wir das besonders brauchen.“ So das treffende Schlusswort der Zeitung Le Monde zu ihrem Ausstellungsbericht. Dem kann ich mich nur anschließen. Wir waren jedenfalls ganz beschwingt, als wir uns auf den Rückweg machten.

Aber um Calder noch ein wenig nachwirken zu lassen, mit einem kleinen Abstecher zum Geschäfts- und Hochhausviertel La Défense. (Leicht zu erreichen mit der Metro-Linie 1)

Blick aus dem vordersten Wagen der Metro 1 auf die Grande Arche

In dessen zentraler Achse, der Esplanade de la Défense, ist neben einer ganzen Reihe von Kunstwerken auch ein weiteres monumentales Stabile Calders aufgestellt.

Calders Grand Stabile Rouge oder l’Araignée Rouge auf der Esplanade de la Défense. Im Hintergrund La Grande Arche.[6] Dieses 35 Meter hohe und 75 Tonnen schwere Stabile wurde 1976 hier installiert, dem Todesjahr Calders, an das 50 Jahre später die Ausstellung in der Fondation Louis Vuitton auch erinnert.

Anmerkungen:

[1] Alle Fotos dieses Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Frauke und Wolf Jöckel

Titelbild: Four Leaves and Three Petals, 1939 (Centre Pompidou)

Lesedauer 10 Minuten

[2] connaissance des arts, Calder, Rêver en équilibre. Fondation Louis Vuitton 2026, S. 4. Weitere Zitate mit Seitenangaben sind diesem Heft entnommen

[3] Alexander S.C. Rower im Gespräch mit Harry Bellet in Le Monde vom 16. April 2026

[4] Abbildung aus: https://calder.org/works/unusual-project/mercury-fountain-1937/ Zur politischen Dimension des Werks siehe u.a. Calder, Connaissance des arts S. 58/59 Im Wikipedia-Eintrag zu Calder https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Calder wird dieser politische Bezug nicht genannt. Dort heißt es, der Brunnen ehre die Todesopfer des Quecksilber-Abbaus.

[5] https://www.atelier-calder.com/alexander-calder

[6] Bild aus: https://de.pinterest.com/pin/9710955432338989/

Zur Fondation Louis Vuitton siehe auch den Blog-Beitrag:

Bilder des Monats Juni 2026: Durchgang frei! La Caverne du Pont-Neuf ist eröffnet

Am 23. Mai erschien in diesem Blog ein Beitrag über das Kunstprojekt Caverne du Pont-Neuf. Ihr Äußeres war damals schon sichtbar und eindrucksvoll und man war gespannt darauf, die Höhle bald auch betreten zu können und von Innen zu erleben.

Am 6. Juni sollte es soweit sein. Aber dann beschädigten starke Windböen die Außenhaut des über der Brücke errichteten „Gebirges“. Der 6. Juni wurde im wahrsten Sinne des Wortes vom Winde verweht. Erhebliche Reparaturarbeiten, deren Spuren ganz bewusst sichtbar bleiben sollten, waren erforderlich. Am 15. Juni waren sie abgeschlossen waren und der Durchgang durch die Caverne wurde freigegeben. Geöffnet bleibt sie durchgehend Tag und Nacht wie vorgesehen bis zum 28. Juni. Eine Verlängerung ist nicht möglich, vor allem wohl deshalb, weil das für das Projekt engagierte Personal danach nicht mehr verfügbar ist. Bis dahin ist die Caverne aber ein großer Anziehungspunkt für Einheimische und Touristen, und er wird auch entsprechend herausgestellt und vermarktet.

Die Metro Station Pont-Neuf der Linie 7 im Zeichen der Caverne du Pont-Neuf

Die Station hat sogar den Beinamen La Caverne erhalten!

„Kunst ist eine Verwandlung und eine Gelegenheit, die Art und Weise, wie wir die Welt um uns herum betrachten, neu zu gestalten. Mit der Caverne du Pont Neuf möchte ich genau das in Paris möglich machen.“

Henri Quatre reitet über das Caverne-Gebirge. Kurz hinter der Reiterstatue ist der Eingang der Caverne. Der Weg durch die „Höhle“ ist eine „Einbahnstraße“ von Süd (Quartier Latin) nach Nord (Metro Pont-Neuf/Kaufhaus Samaritaine)

Der Gang durch die Caverne. JR hatte eine „geringe Helligkeit“ angekündigt. Wir fanden die Höhle aber reichlich erhellt.

Begleitet wird man dabei von einem „akustischen Stoff“, den Thomas Bangalter mit dem Synthesizer erzeugt und in der Höhle ausgebreitet hat. In den für den Pont-Neuf charakteristischen Ausbuchtungen ist der Ton manchmal verstärkt und erzeugt die akustische Illusion eines Echos.

Dabei bleibt man aber auf dem Boden der Tatsachen: Dem Pflaster des Pont-Neuf und den Fahrbahnmarkierungen.

Auf die auf dem Handy abzurufende „realité augmentée“, also auch die Fledermäuse und die Tänzerin, haben wir beim Durchgang durch die Höhle verzichtet. Wir haben uns lieber die Caverne genauer angesehen.

Höhlenmotive, von JR in Frankreich, Griechenland und Italien fotografiert, auf der Innenwand der Caverne

Eigentlich soll beim Durchgang durch die Caverne auch der Geruchssinn angesprochen werden. Vor allem sollte es nach feuchter Erde riechen, aber dafür waren unsere Nasen offenbar nicht fein genug…

Der Taschen-Verlag wirbt für seine JR-Publikationen

Im Kaufhaus Samaritaine gibt es eine große Abteilung mit allerlei Caverne-Souvenirs…

Für uns am eindrucksvollsten: der Blick auf den nächtlichen Pont-Neuf mit der Caverne

Fotos von Frauke und Wolf Jöckel, aufgenommen am 16. und 17. Juni 2026, mittags, abends und nachts

63 Orte: Eine Topographie deutsch-französischer Geschichte. Eine Buchrezension von Wilfried Loth

Das nachfolgend rezensierte Buch behandelt einen Themenbereich, der auch für diesen Blog eine besondere Bedeutung hat. Manche der 63 in dem Buch thematisierten Orte finden sich auch hier wieder. Das Buch ist insofern eine hervorragende Ergänzung und Bereicherung. Die Rezension erschien zuerst in der Internetzeitschrift doc.doc.eu am 6. Mai 2026. https://dokdoc.eu/2026/05/06/eine-topographie-deutsch-franzoesischer-geschichte/ Ich danke der Redaktion und Herrn Loth für die Genehmigung zum Abdruck. Bilder von Wolf Jöckel.

Die deutsch-französische Geschichte ist geprägt von Extremen – von Weltkriegen, Traumata und Feindschaft bis zu Vertrauen, Freundschaft und Frieden. Ein neues Buch macht diesen Wandel an 63 Schauplätzen von 1870 bis heute sichtbar.

Tobias Bütow, Generalsekretär des Deutsch-Französischen Jugendwerks, Corine Defrance, Professorin für Zeitgeschichte am CNRS (Sirice – Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne), und Ulrich Pfeil, Professor für Deutschlandstudien an der Université de Lorraine (Cegil, Metz), präsentieren gemeinsam 63 Orte der deutsch-französischen Geschichte.

Copyright: Herder-Verlag

Ihr Buch ist – anders als der Titel vermuten lässt – kein Reiseführer. Es bietet auch keine repräsentative Sammlung von „Erinnerungsorten“ im Sinne von Pierre Nora, also von Orten, die durch Geschichtspolitik und/oder aufgrund der mit ihnen verbundenen dramatischen Ereignisse zu symbolischen Elementen des kollektiven Gedächtnisses in Frankreich, Deutschland oder darüber hinaus geworden sind. Solche Orte kollektiver Erinnerung sind im Buch durchaus vertreten – etwa das „zerstörte Dorf“ Fleury-devant-Douaumont, wo die sterblichen Überreste von schätzungsweise 130.000 französischen und deutschen Soldaten an die Schlacht von Verdun erinnern, oder das „Märtyrerdorf“ Oradour-sur-Glane, in dem SS-Soldaten fast die gesamte Bevölkerung ermordeten.

Aus der Video-Präsentation eines Geschichts-Kurses der Carl-Schurz-Schule Frankfurt/Main anlässlich der Anbringung einer Erinnerungstafel an Robert Hebras, den letzten Überlebenden von Oradour,  am 24.10.2025

Nicht nur Erinnerungsorte

Aber das Buch bietet mehr und damit im Kern auch etwas anderes: eine Topographie deutsch-französischer Geschichtsorte, die politische, militärische, kulturelle, wirtschaftliche, ökologische und gesellschaftliche Entwicklungen in den Blick nimmt, an denen Franzosen und Deutsche beteiligt waren und in denen sie auf unterschiedliche Weise zusammenwirkten. Jeder der 63 von den Herausgebern ausgewählten Orte steht dabei pars pro toto für Entwicklungen, die sich an ihm in besonderer Weise kristallisiert haben, zeitlich jedoch mehr oder weniger weit darüber hinausreichen.

 So finden sich neben den Hochburgen des offiziellen Gedenkens an das Massensterben französischer und deutscher Soldaten im Ersten Weltkrieg oder an die Mordaktionen der SS nach der Landung der Alliierten im Juni 1944 auch Orte und Ereignisse, die einem größeren Publikum nahezu unbekannt geblieben sind – etwa das Olympiastadion von Colombes, in dem 1927 ein Rugbyspiel zwischen der französischen und der deutschen Nationalmannschaft stattfand, ein erster Schritt zur Aufhebung des Boykotts, dem deutsche Sportverbände nach dem Ersten Weltkrieg unterlagen. Oder das Deutsch-französische Gymnasium in Saarbrücken, das 1961 als erste binationale Schule aus einer französischen Sekundarschule hervorgegangen war, die auch bei saarländischen Kindern und Jugendlichen beliebt war.

Neben dem Kontrast zwischen traumatischen Erfahrungen und Akten der Versöhnung sowie des gemeinsamen Handelns, der auch hier deutlich hervortritt, zeigt sich eine weitere Spannbreite: die zwischen hoher Politik und zivilgesellschaftlichem Engagement.

Statue des triumphierenden Frankreichs am Ehrenhof des Schlosses von Versailles

Für Erstere steht etwa das Schloss von Versailles als Ort der deutschen Kaiserproklamation von 1871 und der Unterzeichnung des Versailler Vertrags 1919, für Letzteres Fessenheim als symbolträchtiger Schauplatz eines transnationalen Kampfes gegen die Kernenergie.

Am Ortseingang von Souain in der schwer umkämpften Champagne

Viele der behandelten Orte liegen zudem in den Kampfzonen des Ersten Weltkriegs oder in der französischen Besatzungszone nach dem Zweiten Weltkrieg. Es werden aber auch erinnerungsträchtige Orte in den beiden Hauptstädten porträtiert: In Paris wird etwa das Hotel Lutetia vorgestellt, in dem sich 1935 ein Kreis von deutschen Exilanten um den Schriftsteller Heinrich Mann gebildet hatte und das dann ab 1940 als Zentrale der deutschen Abwehr diente, bevor es im Frühjahr 1945 als Auffangzentrum für Überlebende der Konzentrationslager genutzt wurde.

 Am Hotel Lutetia erinnert eine Gedenktafel an die Rolle, die das Hotel am Ende des Zweiten Weltkriegs spielte. Eine Erinnerungs-Plakette an den „Lutetia-Kreis“ des deutschen Widerstandes gibt es leider nicht.

Und in Berlin wird unter anderem an das Französische Kulturzentrum Unter den Linden erinnert. Die SED-Führung hatte seiner Eröffnung im Januar 1984 notgedrungen zugestimmt, um einen internationalen Prestigeverlust zu vermeiden. Sie tat sich aber außerordentlich schwer damit, dass die DDR-Bürger den freien Zugang zu westlicher Literatur und Kultur, der ihnen hier geboten wurde, intensiv nutzten.

Auch Oslo und Dien Bien Phu

Einen besonderen Akzent erhält die Sammlung dadurch, dass auch Schauplätze deutsch-französischer Begegnungen und Aktivitäten in Drittländern einbezogen werden. So wirkte sich die deutsch-französische Rivalität an der Grenze zwischen der deutschen Kolonie Togo und Französisch-Dahomey (dem heutigen Benin) auf die Auseinandersetzungen mit der einheimischen Bevölkerung aus; daran wird in den Nachfolgestaaten bis heute erinnert. In Oslo wurde der Friedensnobelpreis zweimal an deutsch-französische Paare vergeben: 1926 an Aristide Briand und Gustav Stresemann, 1927 an die Pazifisten Ferdinand Buisson und Ludwig Quidde. Und in Dien Bien Phu kämpften auch 1.500 bis 2.000 deutsche Angehörige der Fremdenlegion im Rahmen einer multinationalen, von französischen Offizieren geführten Truppe, die den Stützpunkt gegen den Ansturm der Viet Minh verteidigen sollte.

Die deutsche Beteiligung an den Kämpfen um Dien Bien Phu ist praktisch unbeachtet geblieben. An die vielen Gefallenen erinnert erst seit Mitte der 1990er Jahre ein schlichter Obelisk, der bemerkenswerter Weise von einem ehemaligen deutschen Legionär errichtet wurde. In dem Beitrag über das Symbol der französischen Niederlage im Indochinakrieg wird abschließend darüber berichtet. In gleicher Weise schließen auch alle anderen Beiträge mit Informationen über die Art des jeweiligen Gedenkens oder auch Nicht-Gedenkens. Erinnerungen sind nicht nur vielfältig, sie wandeln sich auch im Laufe der Zeit und sie tragen so zum Wandel des kollektiven Gedächtnisses bei. Dabei ist insbesondere auf französischer Seite ein zunehmender Wille zur Versöhnung erkennbar, der zur Stabilisierung der Demokratie in Deutschland beitragen soll und dies auch leistet.

Insgesamt werden 63 Orte in strikt chronologischer Reihenfolge vorgestellt, beginnend mit der verlustreichen Schlacht von Gravelotte am 18. August 1870, die den Weg zur deutschen Belagerung von Metz eröffnete.

Bei der Schlacht von Gravelotte am 18. August 1870 starben 42.000 Soldaten. Grabmal auf dem Soldatenfriedhof

Diese Beschränkung wirkt auf den ersten Blick etwas willkürlich. Begründet wird sie damit, dass der Élysée-Vertrag, der die Entwicklung deutsch-französischer Zusammenarbeit maßgeblich vorangetrieben hat, 1963 geschlossen wurde und somit im Jahr des Erscheinens 63 Jahre zurückliegt.

Erinnerungstafel an den Gottesdienst von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer in der Kathedrale von Reims, Besiegelung der deutsch-französischen Versöhnung und wichtige Etappe auf dem Weg zum Élysée-Vertrag

Gleichwohl musste eine Auswahl getroffen werden, wenn das Projekt aussagekräftig bleiben sollte. Mit 63 Orten lassen sich tatsächlich wesentliche Züge der gemeinsamen deutsch-französischen Geschichte sowie ihrer Erinnerungskultur gut abbilden.

Eine anregende Geschichte

So kann man den Band, an dem nicht weniger als 56 Autorinnen und Autoren mitgewirkt haben, als eine ebenso anschauliche wie anregende Einführung in die Geschichte des Deutsch-Französischen lesen. Man kann ihn aber auch zur Vorbereitung und Durchführung deutsch-französischer Exkursionen heranziehen. Jeder Artikel enthält einen QR-Code, der Zugang zur französischen Fassung des jeweiligen Textes verschafft; das wird bei dieser Art des Einsatzes hilfreich sein.

Zu Recht betonen die Herausgeber, dass die Wahrung, Weitergabe und Weiterentwicklung der gemeinsamen Geschichtskultur von Franzosen und Deutschen für die Zukunft der Demokratie von wegweisender Bedeutung sind. Dazu kann dieser Band einen wesentlichen Beitrag leisten. Sehr passend endet er mit einer Präsentation der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw, die im Juni 2022 von Emmanuel Macron, Olaf Scholz und dem damaligen italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi gemeinsam besucht wurde. Sie erinnert daran, dass im Kern der europäischen Unterstützung für die ukrainische Demokratie die deutsch-französische Zusammenarbeit im sogenannten „Normandie-Format“ stand und dass das Ausmaß dieser Unterstützung für den Ausgang des Krieges in der Ukraine von entscheidender Bedeutung sein wird.

Tobias Bütow, Corine Defrance, Ulrich Pfeil (Hg.), 63 Orte der deutsch-französischen Geschichte. Von 1870 bis heute. Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2026, 330 Seiten, 23,00 €.

 Wilfried Loth, Jahrgang 1948, ist emeritierter Professor für Neue und Neueste Geschichte an der Universität Duisburg-Essen. Sein Standardwerk zur Geschichte der europäischen Einigung liegt jetzt in einer aktualisierten Ausgabe vor: Europas Einigung. Eine unvollendete Geschichte. Hardcover: Campus, Frankfurt/New York 2025; Paperback: Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2026.