
Vor 400 Jahren, am 5. Februar 1626, wurde Marie de Rabutin-Chantal, die spätere Madame de Sévigné, in Paris geboren, und dies wird in Frankreich auch gebührend gefeiert,[1] ist sie doch „der Inbegriff ebenso geistreichen wie stilvollen Briefeschreibens“ und „die Sittenchronistin aus der Zeit des Sonnenkönigs Ludwig XIV.“[2], des französischen Grand Siècle. Es entsprach damals einer gesellschaftlichen Norm, dass eine Frau „aus gutem Hause“ sich elegant und geistreich ausdrücken kann. In Paris gab es zu ihrer Zeit zahlreiche Salons, wo diese Kunst gepflegt und geschätzt wurde. So den der Mademoiselle de Scudéry, die in ihrem Roman Clélie, histoire romaine von 1657 auch ein unschwer zuzuordnendes Portrait der Mme de Sévigné zeichnete und darin die nicht zu übertreffende Eleganz hervorhob, mit der sie nicht nur rede, sondern auch schreibe.[3]
Mme de Sévigné hat nie daran gedacht, dass ihre Briefe einmal veröffentlicht werden könnten. Sie war also eine große Schriftstellerin, ohne sich dessen bewusst zu sein,[4] und als solche hat sie einen festen Platz in der französischen Literaturgeschichte. Mme de Sévigné lebte in einer anderen Zeit und einer anderen Welt. Die Erinnerung an sie entbehrt in Zeiten der von Schnelligkeit, Direktheit und Verkürzung geprägten sozialen Medien nicht einer gewissen Nostalgie. Man kann aber auch heute noch ihre Briefe mit Interesse, Erstaunen, ja Bewunderung, manchmal aber auch mit Befremden lesen, war sie doch -natürlich- ein Kind ihrer Zeit, ihres Landes und ihres Standes.

Ich nehme den 400. Geburtstag von Madame de Sévigné und die ihr gewidmete Ausstellung im musée Carnavalet, dem Museum der Pariser Stadtgeschichte, zum Anlass, in drei Beiträgen einige Stationen ihres Lebens vorzustellen. Im ersten Teil sind das Orte im Pariser Marais, das sie sehr liebte und wo sie viele Jahre ihres Lebens verbrachte:
- Die Place Royale/Place des Vosges, wo sie geboren wurde
- Die ehemalige Klosterkirche der Filles de la Visitation Sainte-Marie, eines von ihrer Großmutter gegründeten Ordens, heute Temple protestant du Marais
- Die Kirche Saint-Gervais, wo sie heiratete
- Das hôtel Carnavalet, in dem sie viele Jahre wohnte; heute das Stadtmuseum von Paris und Ort der aktuellen Ausstellung.[5]
Im zweiten und dritten Teil werden dann Orte in Frankreich vorgestellt, die im Leben von Madame de Sévigné eine besondere Rolle spielten [6]:
- Das elterliche Schloss Rochers in der Bretagne, wo sie viele ihrer Briefe schrieb.
- Schloss Bussy Rabutin in Burgund: Wohnsitz ihres Vetters, mit dem sie eine intensive Korrespondenz unterhielt
- Die beiden Kurorte Vichy und Bourbon l’Archambault, die sie mehrmals wegen ihrer gesundheitlichen Beschwerden aufsuchte
- Grignan in Südfrankreich: Das Schloss ihrer Tochter/ihres Schwiegersohns, auch „das provencalische Versailles genannt[7], und die Kirche mit ihrem Grabstein.
Paris, Place Royal/des Vosges

In diesem Stadtpalais wurde am 6. Februar 1626 Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de SÉVIGNÉ, geboren
Der Geburtsort von Marie de Rabutin-Chantal, der späteren Marquise de Sévigné, konnte nobler nicht sein. Philippe de Coulanges, ihr Großvater, hatte 20 Jahre vorher eines der Stadtpalais in dem neu geschaffenen Platz, der place royale, erworben. Diesen Namen trug der Platz mit vollem Recht, geht seine Entstehung doch zurück auf Heinrich IV., der am Rand der engen alten Stadt Paris einen nach italienischen Vorbildern geformten, einheitlich bebauten quadratischen, Arkaden-gesäumten großzügigen Platz der Stadt errichten wollte.

1622 fand hier ein großes carrousel aus Anlass der Hochzeit von Heinrichs Sohn Ludwig – dem XIII., mit Anne d’Autriche statt- ein großes Reiterspektakel, das später auf der place du Carrousel zwischen Louvre und dem früheren Tuilerien-Schloss ausgetragen wurde.

Die vorgesehene Funktion des Platzes war die eines Wirtschafts- und Handelszentrums, weshalb es auch einen direkten Zugang vom noblen Stadtpalais des Herzogs von Sully, dem mächtigen Minister Heinrichs IV., zu dem Platz gibt.

Dann waren es aber der Adel und die vermögende Bourgeoisie, die sich dort niederließen. Am Platz gab es 35 hôtels, also Stadtpalais. Das der Coulanges liegt neben dem Pavillon du Roi, über den man, von der rue Birague kommend, den Platz erreicht.

Blick von der Rue Birague auf den Pavillon du Roi

Bekröntes Medaillon auf der Platzseite des Pavillon du Roi mit dem Portrait Heinrichs IV.
Und in der Nachbarschaft der Coulanges befanden sich die hôtels de Bassompierre, de Royan, de Sully – Namen des höchsten Adels. Und gleich in der Nähe am place royale (Nr.9) wohnten auch der duc und die duchesse de Chaulnes, enge Freunde von Mme de Sévigné und in der Bretagne Nachbarn. Von ihnen wird im 2. Teil des Beitrags noch die Rede sein, vor allem im Zusammenhang mit der blutigen Niederschlagung der bretonischen Revolte gegen die absolutistische Herrschaft Ludwigs XIV.

Dieses um 1665 entstandene Bild (musée Carnavalet) zeigt die Perspektive, die die kleine Marie de Chantal-Rabutin auf den Platz hatte, an dem sie bis zu ihrem 10. Lebensjahr wohnte.

Hier sieht man ein adliges Paar, das mit seiner sechsspännigen Kutsche und reichlichem Gefolge gerade an dem Haus der Coulanges vorbeifährt…
In der benachbarten rue des Tournelles wohnte übrigens Ninon de Lenclos, eine berühmte Kurtisane und Salondame der Zeit.

Louis Elle le Père, Anne (dite Ninon) de Lenclos, um 1640. (musée national des châteaux de Versailles et Trianon). Ninon war auch Maitresse von Henri de Sévigné, dem späteren Mann von Mme de Sévigné und -sehr zu ihrem Missfallen- sogar ihres Sohnes Charles… In ihrem Haus in der rue des Tournelles unterhielt Ninon de Lenclos einen einflussreichen Salon von Aristokraten und Schriftstellern.
Die place royale war für das Tout Paris der Reichen und Schönen also der angesagte Ort- und diesem Ruf blieb der Platz treu… So gibt es an einem Pfeiler das älteste Graffiti der Stadt, 1764 eingeritzt von Restif de la Bretonne bei seinen dann literarisch verarbeiteten nächtlichen Streifzügen durch Paris.[8]

Vielleicht handelte es sich dabei um die Markierung einer erotischen Begegnung, die er hier hatte… Und heutzutage wohn(t)en dort u.a. Jack Lang, ehemaliger Kultusminister und bis vor kurzem Präsident des Institut du Monde Arabe, der wegen seiner Verbindung zu dem Sexualstraftäter Epstein zurücktreten musste, und der ehemalige IWF-Präsident und aussichtsreiche französische Präsidentschaftskandidat Dominique Strauss-Kahn, der ebenfalls über eine Sex-Affaire „stolperte“…

Blick in den Innenhof eines der hôtels an der place des Vosges
In dieser Umgebung wuchs Marie mit Eltern, Großeltern und einer ganzen Reihe von Onkeln und Tanten auf. Mit eineinhalb Jahren verlor sie aber ihren Vater, der im Kampf mit den Engländern auf der Île de Ré umkam, 1633, also im Alter von sieben Jahren, ihre Mutter. Als Waisenkind blieb sie im weltoffenen und wohlhabenden Pariser Haus der Großeltern Coulanges an der place Royal. Dann starben aber, als sie 8 Jahre alt war, ihre Großmutter und zwei Jahre später auch der Großvater. Es gab nun familiäre Bestrebungen, die reiche Erbin ins Burgund zu holen und sie entweder zur Nonne oder zur Gattin eines der Söhne ihrer Tante zu machen. Die andere Großmutter setzte aber durch, dass Marie in Paris bei ihrem Onkel Philippe im Haus am place royal bleiben durfte.
Sie erhielt nun die übliche adelige Mädchenausbildung in Konversation, Singen, Tanzen und Reiten, lernte aber auch Italienisch und Spanisch und konnte sich vor allem eine gute literarische Bildung aneignen. [9]

Aufnahme Wolf Jöckel 18.7.2010 Mindestens 100 000 Menschen leben auf der Straße
Das Geburtshaus der Mme de Sévigné stand übrigens jahrelang leer, wurde dann allerdings auch schon einmal besetzt von Menschen ohne festen Wohnsitz, die auf ihre Situation aufmerksam machten. Derzeit wird das Gebäude saniert, es soll unten Geschäfte geben, darüber ein Hotel, sicherlich ein dem noblem Ort gemäßes…
Le Temple du Marais
Die um das Wohl ihrer Enkelin besorgte Großmutter war Jeanne Françoise de Chantal.[10] 1610 hatte sie nach dem Tod ihres Mannes abrupt die Familie verlassen. Ihr Sohn, der Vater Madame de Sévignés, warf sich sogar, damals 14 Jahre alt, auf die Türschwelle, um den Auszug seiner Mutter zu verhindern, aber vergebens.[11] Jeanne hatte ihre Berufung gefunden und mit François de Sales den Orden der Visitandinnen (Ordre de Visitation) gegründet.

François de Sales übergjbt Jeanne de Chantal die Ordensregeln. Um 1665 (musée de la Visitation, Moulins)
1626, als ihre Enkelin geboren wurde, gehörten schon 13 Klöster zu dem Orden, der immer weiter wuchs und Niederlassungen in vielen Ländern hatte. Bei ihrem Tod 1641 gab es schon 87 Klöster des Ordens. Eines der frühen war das von Jeanne de Chantal gegründete, nahe der place royal gelegene in der rue Saint-Antoine Nummer 17- von dem heute noch die Kirche, inzwischen ein protestantischer/reformierter Tempel, existiert.
Mme de Sévigné hatte ein besonderes Verhältnis zu dem Orden, von dem sie als „relique vivante“ ihrer Großmutter angesehen wurde. Die erwähnt sie öfters in ihren Briefen wie auch François de Sales, den sie ironisch als ihren Großvater bezeichnet.

Couvent des Filles de la Visitation Sainte-Marie
Diese Kirche, die Église Sainte-Marie-des-Anges de la Visitation, ist Ausdruck der Bedeutung des Ordens und seiner Gründerin. Denn es war wohl die Großmutter der Madame de Sévigné, die für den in der Nähe ihres Familiensitzes gelegenen Bau niemand geringeren als François Mansard engagierte. Der war seit 1625 königlicher Baumeister und somit zuständig für sämtliche offiziellen Bauvorhaben im Frankreich Ludwigs XIII. Allerdings war Mansard bekannt und berüchtigt dafür, dass die Kosten für die von ihm geplanten Bauvorhaben den vorgegebenen Rahmen deutlich überschreiten konnten.[12] Aber der Orden war offensichtlich wohlhabend genug, diesem Architekten den Auftrag für die 1619 gegründete Pariser Niederlassung anzuvertrauen. Und er wurde belohnt durch einen 1632-1634 errichteten außerordentlichen Bau, der zu den Hauptwerken Mansards gehört.[13]

Mansard ließ sich bei dem Bau von dem Pantheon in Rom inspirieren. Sein Zentrum bildet eine riesige Kuppel von 13,5 Metern Durchmesser, ein Vorbild für spätere Pariser Kirchenbauten. Die Krypta der Kirche diente als Grabstätte. Unter anderem für Christophe de Coulanges (1607-1687), Abt von Livry, den Onkel von Mme de Sévigné, der ihr nach dem Tod ihrer Eltern beistand und uneigennützig ihr Vermögen verwaltete und bewahrte. Mme de Sevigne nannte ihn in ihren Briefen le Bien Bon.
Die Krypta war auch Grabstätte der Familie Fouquet, auch von Nicolas Fouquet, dem Bauherren von Vaux-le-Vicomte und Finanzminister Ludwigs XIV. In Ungnade gefallen und von Ludwig zu lebenslanger Kerkerhaft verurteilt, wurde Fouquet nach seinem Tod in der Festung Pignerol zunächst dort bestattet, dann wurden aber die Gebeine in die Familiengruft im Marais überführt. Ein Grabmal gab es für ihn allerdings nicht.[14]

Besichtigen kann man die Kirche an jedem 2. Samstag eines Monats von 14 bis 18 h.[15] Das Wappen des Ordens in der Fensterrose über dem Eingang erinnert noch an die Vergangenheit des Baus.[16]
Saint -Gervais

Am 4. August 1644 heiratete die 18-Jährigen Marie de Rabutin-Chantal um 2 Uhr morgens (damals durchaus üblich) in der neben dem Pariser Rathaus gelegenen Kirche Saint-Gervais den aus altem bretonischem Adel stammenden 21-jährigen Marquis Henri de Sévigné.

Wandvertäfelung mit der Darstellung von Heiligen aus den Chapelle dorée von Saint-Gervais, um 1635. Es handelt sich um eine der wenigen erhaltenen privaten Kapellen aus der Zeit der Heirat Marie de Rabutin-Chantals.[17]
Mit der Heirat wurde Marie de Rabutin-Chantal zur Madame/Marquise de Sévigné. Henri war „beau et cavalier bien fait“ aus gutem Hause. Allerdings entsprach sein Verhalten nicht ganz der eines honnête homme: aufbrausend und impulsiv ging er keinem Streit aus dem Weg. Da er am 29. Mai 1644 bei einem Duell auf dem Pont Neuf vom Degen seines Gegners schwere Verletzungen davontrug, musste die Heirat auf den 4. August verschoben werden. 1646 wurde eine Tochter geboren, Françoise-Marguerite: Der Vorname ist eine Hommage an die Großmutter Jeanne- Françoise de Chantal, der Mme de Sévigné viel verdankte. Zwei Jahre später wurde dann auf Rochers bei Vitré, dem bretonischen Familienschloss der Sévignés, der ersehnte männliche Nachwuchs geboren. Nach der Geburt des Stammhalters erklärte Mme de Sévigné ihre ehelichen Pflichten für erfüllt und überließ ihren Mann seinen Geliebten, zu denen vor allem auch die in der Nähe der Place Royale lebende Kurtisane und Salondame Ninon de Lenclos gehörte. Mme de Sévigmé wusste und akzeptierte, „dass er anderswo das fand, was sie ihm vorenthielt.“[18] Aber es war für sie nur schwer erträglich, dass auch ihr Sohn engere Beziehungen zu Mlle de Lenclos unterhielt; die war damals immerhin 48 Jahre alt, drei Jahre mehr als sie. Sie bezweifle sehr, ob das gut für ihn sei, schrieb sie ihrer Tochter und tat auch alles ihr Mögliche, Charles wieder auf den rechten Weg zu bringen, was schließlich auch gelang.[19]
1650 zog Mme de Sévigné sich zurück nach Rochers in die Bretagne, während Henri seinen Affairen nachging. Darunter war auch Mme de Gondran, „die schöne Lolo“: Anlass für ein Duell – allerdings nicht mit ihrem Mann, sondern mit einem anderen, weniger erfolgreichen, aber natürlich ebenfalls adligen Verehrer der Dame. Eigentlich beruhte die Geschichte nur auf einem Missverständnis, aber Ehre ist Ehre, und der folgte man nach allen damaligen Regeln der Duell-Etikette: Man traf sich mit Sekundanten am Rand von Paris (Picpus), umarmte sich, versicherte sich seiner gegenseitigen Hochachtung und dann ging es los. Henri de Sévigné wird schwer vom Degen des Gegners getroffen. Am 6. Februar 1651 ist Mme de Sévigné, 25 Jahre alt, Mutter von zwei kleinen Kindern, Witwe.
Der Besuch von Saint-Gervais ist -nicht nur wegen Mme de Sévigné- sehr empfehlenswert: Ein eindrucksvoller gotischer Raum, zum Teil noch mit alten, aber auch sehr gelungenen zeitgenössischen Glasfenstern ausgestattet. Bemerkenswert sind auch große Einschusslöcher, die man bei einem näheren Hinsehen an einem Pfeiler der Vierung entdeckt.

Sie stammen von einer Granate des deutschen „Parisgeschützes“, einer Weiterentwicklung der „Dicken Berta“, die am 29. März 1918 die Kirche traf und das Gewölbe durchschlug. Es war ein Zufallstreffer des im Rahmen der deutschen Frühjahrsoffensive von 1918 eingesetzten und 130 km entfernt von Paris im Wald von Saint-Gobin stationierten Geschützes. In der Kirche fand da gerade der Karfreitags-Gottesdienst statt. 91 Menschen wurden getötet, 68 verletzt.

Zwischen der Kirche und dem Pariser Rathaus wurde 2025 zur Erinnerung an die Opfer der islamistischen Anschläge vom 13. November 2015 ein Garten der Erinnerung angelegt, mit dem auf eindrucksvolle Weise der 130 Todesopfer gedacht wird.
Hôtel Carnavalet
Nach dem Tod ihres Mannes kehrte Mme de Sévigné Paris nicht völlig den Rücken. Sie reiste aber öfters nach Rochers in die Bretagne, zu Kuraufenthalten uns nach der Heirat ihrer Tochter nach Grignan, wo die geliebte Tochter wohnte. Von 1677 bis zu ihrem Tod bewohnte sie dann das hôtel des Ligneris, von ihr La Carnavalette genannt.[20] So entstand der Name hôtel de Carnavalet, heute Ort des historischen Museums der Stadt Paris. Die Straße, in der das Museum liegt, wurde nach Mme de Sévigné benannt.

Gusseisernes Straßenschild aus dem 19. Jahrhundert[21]

Heutiges Straßenschild
Gebaut wurde das noble Stadtpalais im Jahr 1548, im 17. Jahrhundert aber modernisiert von François Mansard, dem Architekten der Klosterkirche im Marais.

L’hôtel Carnavalet. Um 1740. Kopie eines Gemäldes von Nicolas-Jean-Baptiste Raguenet, das für eine Ausstellung im Hôtel Carnavalet zum 300. Geburtstag von Mme de Sévigné angefertigt wurde
Das wesentliche Motiv, das Haus längerfristig zu mieten, war für Mme de Sévigné die Möglichkeit, dort die ganze Familie zu empfangen und unterzubringen, also ihren „Finanzverwalter“, den abbé de Livry, ihren Sohn Charles, den Marquis de Sévigné, und vor allem natürlich ihre Tochter mit ihrer großen Familie. Ihr Mann, der comte de Grignan, hatte Kinder aus früheren Ehen, und Mme de Sévigné hatte ja ein äußerst enges, wenn nicht gar symbiotisches Verhältnis mit ihrer Tochter, und die Trennung von ihr konnte sie kaum ertragen. Aber auch für ihren Schwiegersohn sollten Aufenthalte in Paris attraktiv gemacht werden, war Mme de Sévigné doch daran interessiert, ihn an den königlichen Hof anzunähern.
Für all diese Zwecke war das hôtel Carnavalet ideal, wie sie in einem Brief vom 7. Oktober 1677 schrieb: Es handele sich um eine „affaire amirable“. Man müsse zwar auf das modische Parkett und die kleinen Kamine verzichten, habe aber Platz für alle, eine gute Luft, einen schönen Hof und Garten und auch eine schöne Umgebung.“[22]
Die Räume der Marquise befanden sich im ersten Stockwerk, der bel étage. Für die Familie de Grignan gab es Raum im Erdgeschoss, für die Töchter aus den früheren Ehen des comte de Grignan gab es ein Zimmer im zweiten Stockwerk, la chambre des princesses. Wenn aber die Tochter alleine zu Besuch in Paris war, gab es für sie ein extra-Zimmer direkt neben den Räumen ihrer Mutter.
In den früheren Räumen der Mme de Sévigné, die inzwischen Teil des historischen Museums der Stadt Paris sind, hat sie natürlich den ihr gebührenden Platz. Das wohl populärste Erinnerungsstück des Museums an Mme de Sévigné ist ihr Portrait, gemalt um 1665 von Claude Lefèbvre (1632 – 1675), einem der bedeutendsten französischen Portraitisten des 17. Jahrhunderts. Es ziert auch das Plakat der Ausstellung des Museum zum 400. Geburtstag von Mme de Sévigné.

Das dunkle Brusttuch verweist auf den Witwenstatus von Mme de Sévigné (petit deuil), ihr Gesichtsausdruck auf die geistige Beweglichkeit und große Beobachtungsgabe, wie sie in ihren Briefen zum Ausdruck kommen.[23]
Bis vor kurzem galt auch der sogenannte „Schreibtisch der Mme de Sévigné“ als besonderes Erinnerungsstück an die langjährige Hausherrin des hôtel Carnavalet.

Das Museum erwarb ihn 1937 aus dem Besitz der Schlossherren von Les Rochers in der Bretagne, wo Mme de Sévigné sich oft aufhielt. Man ging lange davon aus, dass er im 17. Jahrhundert im Auftrag der französischen Compagnie des Indes hergestellt wurde und dass Mme de Sévigné auf ihm viele ihrer Briefe geschrieben habe. [24]
Neuere Forschungen haben allerdings ergeben, dass der Sekretär stilistisch der im 18. Jahrhundert in Frankreich populären chinesischen Importware entspricht.

Im 19. Jahrhundert wurden außerdem noch erhebliche Veränderungen an dem Sekretär vorgenommen. Vor allem wurde das Wappen auf dem Deckel des Sekretärs hinzugefügt: Inmitten der barocken Girlanden befinden sich die von Engeln präsentierten gekrönten Wappen der Familien Rabutin und Sévigné! Die Hypothese, dass der Sekretär einmal im Besitz der Mme de Sévigné gewesen sei, ist damit kaum noch haltbar.
Fortsetzung (Teil 2 und Teil 3) folgt…
Literatur
Madame de Sévigné, Briefe. Herausgegeben und übersetzt von Theodora von der Mühl. Insel TB 1979
Marquise de Sévigné, Ausgewählte Briefe. Übersetzt von Ferdinand Lotheißen. München: Albert Langen 1925 https://www.projekt-gutenberg.org/sevigne/sevigbrf/chap001.html
Madame de Sévigné, Briefe an die Tochter. Ausgewählt und aus dem Französischen übersetzt von Susanne Schürmann. Mülheim 2020
Les Classiques de Lire, Themenheft Madame de Sévigné. 2/3/4 2026
Paul Deschanel, membre de l’Académie Française, Rede zur Einweihung der Statue von Madame de Sévigné. Vitré, 8. Oktober 1911 https://www.academie-francaise.fr/inauguration-de-la-statue-de-mme-de-sevigne-vitre
Duchêne, Roger (Hrsg), Autour de Mme de Sévigné, deux colloques pour un tricentenaire. Biblio 17 Hrsg vom Romanischen Seminar der Uni Tübingen 1997
Rob Kieffer, Göttliche Trüffel, hinterhältige Teufel. Die Drôme provencale war für Madame de Sévigné, die plauderfreudige, scharfsinnige Briefeschreiberin und Chronistin des königlichen Hoflebens, Zufluchtsort und Inspirationsquelle. In diesem Jahr feiert man dort ihren 400. Geburtstag. In: FAZ 23.5.2026
Gerlinde Kraus, Madame de Sévigné. In: Bedeutende Französinnen. Mühlheim/Main 2006
Jean-Jacques Lévêque, Madame de Sévigné ou la saveur des mots 1626-1696. Paris ACR Editions 1996
Claude Lefebvre, Portrait von Madame de Sévigné. https://de-academic.com/dic.nsf/dewiki/899704
Stéphane Maltère, Madame de Sévigné. Paris: Gallimard 2013
Genès Pradel, Madame de Sévigné en Bourbonnais : ses séjours à Vichy et à Bourbon-l’Archambault. Conférence faite aux « Amis de Montluçon », le 2 mai 1914. Madame de Sévigné en Bourbonnais : ses séjours à Vichy et à Bourbon-l’Archambault / par Genès Pradel | Gallica
Anmerkungen:
[1] Siehe z.B. https://www.ledauphine.com/culture-loisirs/2026/01/09/anniversaire-des-400-ans-de-la-naissance-de-madame-de-sevigne-les-temps-forts-durant-toute-l-annee-2026 und https://cparici.com/de/madame-de-sevigne-2/
Das Foto zeigt ein Portrait von Madame de Sévigné des Street-Art-Künstlers C 215, das im Rahmen seiner Darstellungen großer Männer und Frauen des Marais entstanden ist. https://paris-blog.org/2020/05/10/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-2-grosse-frauen/ und https://paris-blog.org/2020/04/20/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-1-grosse-maenner/
Lesezeit 19 Minuten
Alle Fotos des Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Wolf Jöckel
[2] Marc Zitzmann, Was sie schrieb, war einfach unerhört. FAZ vom 5.2.2026
[3] „J’oubliais à vous dire qu’élle écrit comme elle parle, c’est à dire le plus agréablement et le plus galamment qu’il est possible.“ Zitiert in der Carnavalet-Ausstellung. Dort wird auch darauf hingewiesen, dass in der Kunst der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts „starke Frauen“ eine große Rolle gespielt hätten und dazu auf das Anna von Österreich, der Frau Ludwigs XIII. und -bis zur Volljährigkeit Ludwigs XIV. der Regentin Frankreichs, gewidmete Werk von Pierre Le Moyne La Gallérie des femmes fortes von 1647 verwiesen. Dieses geistige Umfeld habe auch Mme de Sévigné beeinflusst. Dass die starken Frauen damals aber nicht nur als Vor- sondern auch als Schreckbilder dienten, hat Ulrich Schläger in seinem schönen Blog-Beitrag über die Rue de la Femme sans Teste oder die Angst der Männer vor starken Frauen gezeigt. https://paris-blog.org/2026/01/23/rue-de-la-femme-sans-teste-oder-die-angst-der-manner-vor-starken-frauen-von-ulrich-schlager/
[4] Jean Jacques Lévêque bezeichnet sie als „grand écrivain sans le savoir“ (S.7).
[5] Madame de Sévigné Lettres parisiennes Exposition du 15 avril au 23 août 2026
[6] Siehe dazu auch: Les lieux de Madame de Sévigné. In: Lévêque, S. 174f. Reisen ins Ausland hat Mme de Sévigné nicht unternommen, insofern gibt es auch keine ausländischen Erinnerungsorte
[7] https://fr.wikipedia.org/wiki/Madame_de_S%C3%A9vign%C3%A9
[8] https://www.sortiraparis.com/arts-culture/histoire-patrimoine/articles/330296-le-saviez-vous-ce-graffiti-de-1764-sur-la-place-des-vosges-est-le-plus-vieux-de-paris
[9] https://de-academic.com/dic.nsf/dewiki/899704
[10] Genealogie de Mme de Sévigné: https://fr.wikipedia.org/wiki/Madame_de_S%C3%A9vign%C3%A9
[11] Maltère, Madame de Sévigné, S. 12ff
[12] https://www.britannica.com/biography/Francois-Mansart
[13] https://www.paristopten.com/monuments/temple-du-marais/
[14] https://www.tombes-sepultures.com/crbst_953.html
[15] https://temple.dumarais.fr/events/visite-du-temple-4-2/
[16] https://fr.wikipedia.org/wiki/Ordre_de_la_Visitation
[17] Aus der Ausstellung im Hôtel Carnevalet
[18] Maltère, Madame Sévigné, S. 77
[19] Siehe Maltère, Madame Sévigné, S.182/183. Die Briefe des Fräuleins Ninon de Lenclos an den Marquis de Sévigné. Leipzig in der Weidmannischen Handlung 1751 sind fiktiv. Es geht dort um einen jungen Mann, der Rat sucht in Lebens- und Liebesangelegenheiten.
[20] https://www.carnavalet.paris.fr/fr/collections/la-marquise-de-sevigne-1626-1696
[21] Privatsammlung. Ausstellungsstück musée de Carnavalet
[22] Zit. Maltère, Mme Sévigné S. 248.
[23] https://www.carnavalet.paris.fr/fr/collections/la-marquise-de-sevigne-1626-1696
[24] https://www.carnavalet.paris.fr/collections/bureau-de-madame-de-sevigne Im Mai 2026 entsprach diese Seite noch nicht den Forschungsergebnissen des Centre de recherche et de restauration des musées de France aus dem Jahr 2025 , wie sie in der Ausstellung der Informationstafel zum dem Schreibtisch zu entnehmen sind.















































































































































