Die einzigartige historische Jagdtapete „La Chasse de Compiègne“ in Paris und im württembergischen Dätzingen

Gegenstand dieses Beitrags ist die Panoramatapete La Chasse de Compiègne.[1] Panoramatapeten bestehen aus mehreren mit Holzmodeln bedruckten Papierbahnen, die rundum an allen Wänden eines Raums befestigt werden. Zusammengefügt entsteht so ein sogenanntes Panorama: Der Betrachter, der sich in der Mitte des Raums befindet, hat den Eindruck, von einer ländlichen oder städtischen Szene oder historischen Ereignissen umgeben zu sein, die ihn gedanklich in eine andere Zeit oder an einen anderen Ort versetzen. Über hundert Motive wurden hauptsächlich zwischen 1800 und 1855 von Manufakturen in Paris, Lyon und Rixheim im Elsass produziert. Im Laufe des 19. Jahrhundert hatten sie zunächst in Europa, dann weltweit einen überwältigenden Erfolg.[2]

Dass ausgerechnet La Chasse de Compiègne Gegenstand des nachfolgenden Beitrags ist, hat mehrere Gründe:

  • Es ist eine der ersten Panorama-Tapeten überhaupt und die erste mit einem Jagdmotiv
  • Wegen des bedeutenden Künstlers, der sie entworfen hat
  • Weil die Manufaktur, die sie hergestellt hat, eine äußerst interessante Geschichte hat und dazu auch noch in dem Faubourg Saint-Antoine in Paris lag, dem wir in besonderer Weise verbunden sind.
  • Es gibt von der Chasse de Compiègne nur noch wenige Exemplare, davon eines im Musée de la Chasse et de la Nature in Paris
  • Weil aber ein vollständiges und nach erfolgter Restaurierung hervorragendes Exemplar wieder seinen Weg nach Dätzingen bei Stuttgart gefunden hat. Also geht es hier auch um eine auf diesem Blog besonders willkommene deutsch-französische Geschichte.

Und schließlich auch noch ein kleiner kulturgeschichtlicher Nutzen der Jagdtapete: Sie widerlegt nämlich verbreitete Hypothesen zum Ursprung eines emblematischen französischen Kulturguts: des Baguette….

Der Künstler

Entworfen wurde die Jagdtapete 1812 von dem Künstler Antoine Charles Horace Vernet, genannt Carle Vernet. Carle stammt aus einer bedeutenden Malerfamilie: Sein Vater, Joseph Vernet, war ein auf Seestücke spezialisierter Maler. Sein Sohn und Schüler, Horace Vernet, war einer der erfolgreichsten Maler seiner Zeit, der in seinen Schlachtbildern die Siege Napoleons und des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe feierte. Dabei konnte Horace in besonderem Maße nutzen, was er bei seinem Vater gelernt hatte: Der hatte sich nämlich auf Reiterszenen spezialisiert.

1789 war Vernet mit seinem monumentalen, 13 Meter langen Gemälde „Der Triumph des Aemilius Paullus“ in die Académie royale de Peinture et de Sculpture aufgenommen worden, ein Bild, das seinen Ruhm als eines Meisters der Pferdedarstellung begründete.

Metropolitan Museum of Arts (New York)

Eines seiner berühmtesten Bilder ist „Le matin d’Austerlitz“, das Napoleon -natürlich hoch zu Ross- inmitten seiner Generäle zeigt, denen er Befehle für die Schlacht gibt.[3]

Napoleon bewunderte das Bild auf dem Salon von 1808 und zeichnete daraufhin Vernet, der ihn schon auf seinem Italienfeldzug begleitet hatte, mit dem Orden der Ehrenlegion aus. Die Aufträge für Napoleon und seine Umgebung -wie die Marschälle Davoud und Berthier häuften sich. Berthier war nämlich von Napoleon in den Rang eines Grand Veneur (obersten Jagdmeisters) erhoben worden und so lag es nahe, dass er für die in der damaligen Zeit besonders geschätzten Jagdszenen Carle Vernet engagierte.

Charles-Horace Vernet, genannt Carle: Chasse de l’empereur Napoléon Ier au bois de Boulogne, musée de l’Ermitage à Saint-Pétersbourg.

Hier eine „Scène de chasse“ von Vernet, die die Jagd als gesellschaftliches Ereignis der Aristokratie in Szene setzt: Eine große Zahl von Reitern ist um die Bodensenke versammelt, in die ein Hirsch von einer großen Hundemeute gejagt wurde. Am oberen Rand der Senke betrachten Damen in ihrer Kutsche das Spektakel.

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Der in der linken Mitte des Gemäldes postierte Chef der Jagdgesellschaft setzt nun den tödlichen Schuss. Der Schütze ist hervorgehoben durch die weißen Hosen und -aus der Nähe betrachtet- unschwer als Napoleon höchstpersönlich zu erkennen. Der Kaiser war ein leidenschaftlicher Jäger: Allerdings war er kein sehr treffsicherer Schütze. Neben ihm ist aber ein Begleiter postiert, auf dessen Schulter er das Gewehr anlegen kann. Napoleon selbst hat dieses Gemälde bei Vernet bestellt: Die Jagd war für ihn weniger ein persönliches Vergnügen, sondern sie diente der Einübung militärischer Tugenden, die eine „große Nation“ auszeichneten. Und das Bild diente – wie überhaupt die Kunst des Empire- der Überhöhung Napoleons und der Herausstellung seines Ranges. [3a]

Die Tapete

Carle Vernet war aufgrund seiner Nähe zum Kaiser und seines Ranges als Maler von Pferden und Jagden also geradezu prädestiniert, eine große Jagdtapete zu entwerfen. Seine monumentale Darstellung des Triumphs des Aemilius Paulus hatte ja auch schon Panoramacharakter, und sie zeigt, wie brillant er aufwändige Szenen mit einer Vielzahl von Personen gestalten konnte: Beste Voraussetzungen also, ein bedeutendes und erfolgreiches Werk zu schaffen.

 La Chasse de Compiègne zeigt in vier Episoden die Jagd einer adeligen Gesellschaft. Anders als bei üblichen Tapeten werden also nicht Muster serienmäßig reproduziert, sondern es wird eine Geschichte erzählt. Sie beginnt mit dem „Auszug der Jagdgesellschaft vor den Parkgittern des Schlosses von Compiègne“.[4]

Musée de la Chasse et de la Nature, Paris

Mit der Wahl von Compiègne als Ausgangspunkt der Jagd befand sich Vernet ganz auf der Höhe der Zeit. Auf Befehl Napoleons war nämlich das Schloss gerade instandgesetzt und erweitert worden. Bei diesen Umbauarbeiten wurde auch der Garten erneuert und zum umliegenden Wald geöffnet, indem die Umfassungsmauer durch ein Parkgitter ersetzt wurde, das auf dieser ersten Szene der Jagdtapete deutlich zu erkennen ist.

   Foto: Wolf Jöckel (Dätzingen)

Offensichtlich handelt es sich um eine sehr noble Jagdgesellschaft- darauf deutet das Wappen auf dem Wagen hin. Bei einer der die Jagd begleitenden Damen handelte es sich immerhin um Napoleons Schwester Caroline, die Königin von Neapel.[5]

In den weiteren Szenen wird die Hetzjagd mit Hunden (Parforce-Jagd) dargestellt[6]:

Ehemalige Sammlung Zuber (Rixheim/Elsass)

Der Hirsch wird von Jägern und Hunden verfolgt, von den Hunden gehetzt überquert er einen Fluss.

Foto: Wolf Jöckel (Dätzingen)

Dies ist sicherlich die Oise, die in der Nähe Compiègnes vorbeifließt.

Foto: Wolf Jöckel (Dätzingen)

Auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses steht eine Wassermühle: Vielleicht nur ein ländliches Accessoire, vielleicht aber auch ein Hinweis auf die Wasserpumpe, die auf Befehl Napoleons errichtet wurde, um das Schloss mit frischem Wasser zu versorgen.

Foto: Wolf Jöckel (Dätzingen)

Bei dieser Burgruine handelt es sich um das am südöstlichen Rand des Waldes gelegene Schloss Pierrefonds.[7] Es war am Anfang des 17. Jahrhunderts weitgehend zerstört worden und seitdem eine malerische Ruine. Die kaufte 1810 Kaiser Napoleon: ein Grund mehr für Vernet, sie auf dem  Jagdteppich entsprechend in Szene zu setzen. 1857 erhielt übrigens Viollet-le-Duc von Napoleon III. den Auftrag zur Restaurierung und Rekonstruktion der Anlage, die 10 Jahre später der bayerische König Ludwig II. besuchte, um sich Anregungen für seinen geplanten Neubau in Neuschwanstein zu holen….

Ein landestypisches Dörfchen am Fluss gibt es auch.

Foto: Wolf Jöckel (Paris)

Die vorletzte Szene zeigt den todgeweihten Hirsch: Es wird zum Halali geblasen. Gut zu erkennen ist der Jäger, der dabei ist, mit dem Hirschfänger dem am Boden liegenden Hirsch den Todesstoß ins Herz zu versetzen.  Im Allgemeinen hatte diese „Ehre“ der Jagdherr oder eine von ihm benannte Person. [8] Die Jagdbeute ist für die Hunde bestimmt, die den Hirsch zerreißen.

Foto: Wolf Jöckel (Dätzingen)

Von einem aufklärerischen Mitfühlen mit den Leiden des Tieres -wie in Mathias Claudius‘ „Schreiben eines parforcegejagten Hirschen an den Fürsten der ihn parforcegejagt hatte“- ist hier nichts zu spüren.[9]

Und natürlich werden auch die schlimmen Konsequenzen der Treibjagden für die Bauern ausgeblendet, deretwegen der Bauer in Gottfried August Bürgers Gedicht von 1773  seinen durchlauchtigen Tyrannen anklagt: 

Wer bist du, Fürst, daß in mein Fleisch
Dein Freund, dein Jagdhund, ungebleut
Darf Klau’ und Rachen hau’n?

Wer bist du, daß, durch Saat und Forst,
Das Hurra deiner Jagd mich treibt,
Entatmet, wie das Wild? –

Die Saat, so deine Jagd zertritt,
Was Roß, und Hund, und Du verschlingst,
Das Brot, du Fürst, ist mein.[10]

Bei Vernet dagegen ist die Jagd in eine sozialromantische Idylle eingebettet:

Foto: F. Jöckel (Paris)

Da spielt der kleine Bauernjunge mit den Jagdhunden, und die Bauernfamilie unterbricht kurz ihre Arbeit, um der Jagd zuzusehen.

Foto: F. Jöckel (Paris)

Am Ende applaudiert sogar eine Bäuerin zur erfolgreichen Jagd.

Die ist dann Anlass für ein galantes Picknick in der Natur, zu dem sich die feine Jagdgesellschaft versammelt.[11]

Ehemalige Sammlung Zuber (Rixheim/Elsass)

Es wird Champagner ausgeschenkt  – der Sektkelch der jungen Dame wird gerade von einem Kavalier gefüllt. Der andere junge Mann links im Bild reicht dazu ein Baguette.

Foto: Wolf Jöckel (Dätzingen)

Handelte es sich um ein klassisches holländisches Interieur, wäre dies eine eindeutige Verführungsszene: Der erwartungsvoll hingehaltene Kelch der Frau, der gerade von einem Mann mit prickelndem Champagner gefüllt wird (natürlich Champagner! – bei den Holländern war es noch der Wein…), dazu das imposante Baguette – ein Brot, das sich nach den Worten des Historikers Steven Kaplan gerade wegen seiner „forme phallique“ auszeichnet[12] und das hier auch entsprechend positioniert ist und in Szene gesetzt wird. Da kann es kaum Zweifel geben, dass der mit der malerischen Tradition sicherlich vertraute Carle Vernet hier nicht nur den Abschluss der Jagdszene gestaltete, sondern gewissermaßen ihre Fortsetzung. Jetzt sind die chasseurs de jupons (Schürzenjäger) an der Reihe und die jungen Damen sind ihre bereitwillige Beute…

Bemerkenswert an dieser Szene ist das Baguette aber nicht nur wegen seiner erotischen Konnotation, sondern vor allem deshalb, weil sie gängige Entstehungsversionen des Baguettes widerlegt:

Da wird oft als Ursprung das Jahr 1839 genannt, als der Wiener August Zang in der rue de Richelieu in Paris eine boulangerie viennoise gründete und das Baguette als „pain viennois“ verkaufte.[13]

Einer anderen Version zufolge verdankt das Baguette seine Entstehung dem Versuch, Ende des 19. Jahrhunderts beim Bau der ersten Pariser Metro Blutvergießen zu verhindern: Da habe es nämlich oft Streit zwischen Arbeitern aus der Bretagne und der Auvergne gegeben, die mit Messern aufeinander losgegangen seien. Mit der Einführung des Baguettes habe es keine Notwendigkeit für Messer auf den Baustellen gegeben…[14]

Eine sicherlich sehr sympathische Legende, die aber wie die Wiener Import-Version nicht zutreffen kann, denn die Jagdtapete mit dem Baguette-Beweisstück wurde ja schon zu Zeiten des napoleonischen Kaiserreichs entworfen und hergestellt.

Eine dritte Version datiert zwar die Entstehung des Baguettes auf die Zeit Napoleons[15], kann aber ebenfalls nicht überzeugen: Napoleons habe die Bäcker der Grande Armée beauftragt, kleine Brote zu backen, die die Soldaten leichter in ihre Taschen stecken könnten als die damals üblichen Brotlaibe (boules): Das Baguette also gewissermaßen als Kommissbrot?!  So verwöhnt wurden die Soldaten von Napoleons Grande Armée nun wahrhaft nicht, dass sie mehrfach täglich mit frischen Baguettes versorgt wurden. Ganz im Gegenteil. Nicht umsonst nannte Napoleon sie die grognards.[16]

Die Geburtsstunde des Baguette auf den 15. November 1793 zu datieren, erscheint mir dagegen durchaus plausibel.[17]  Damals dekretierte der Nationalkonvent, dass alle Franzosen das gleiche Brot essen sollten. Bis dahin war das Brot aus weißem Mehl den Reichen vorbehalten, für die Armen blieb das Brot aus Kleie. Damit sollte es  Schluss sein. Alle Bäcker müssten nun, bei Androhung von Gefängnisstrafen, das gleiche Brot für alle backen, „le Pain Égalité“.  Das blieb allerdings zunächst nur ein frommer Wunsch. Erst mehrere Generationen später wurde das Baguette dann tatsächlich das Brot für alle Schichten der Bevölkerung. „Das bevorzugte Brot der Aristokratie“ (Pierre Sommet) war es  allerdings, wie die Jagdtapete zeigt, schon zu Zeiten Napoleons.

 Die Herstellung und der Hersteller

Die Herstellung einer Panoramatapete war ausgesprochen aufwändig und entsprechend kostspielig.  Dementsprechend konnten sich nur Angehörige des Adels und des Großbürgertums ein Exemplar leisten.

Die Tapete zeigt in vier Episoden die Jagd einer adeligen Gesellschaft in den Wäldern von Compiègne.  Einzelne Papierbögen wurden dafür zu insgesamt 25 Bahnen von jeweils 55 Zentimeter Breite und etwa 250 Zentimeter Länge zusammengefügt und mit Holzmodeln bedruckt, mit jeweils einem Model für jede Druckfarbe.

Der Druck eines solchen Wandschmucks mit Hilfe mehrerer tausend verschiedener Holzmodel  war eine echte handwerkliche Meisterleistung.

Christiane Rossner schreibt in ihrem Monumente-Artikel:

„Panoramatapeten des 19. Jahrhunderts gelten als künstlerischer Höhepunkt der manuellen Tapetenherstellung. Weil es noch kein Endlospapier gab, fügte man einzelne Papierbögen zu Bahnen von etwa 250 Zentimeter Länge und 55 Zentimeter Breite zusammen, bedruckte jede einzelne Bahn mit Holzmodeln und setzte diese aneinandergereiht zu den Darstellungen zusammen. Der Herstellungsprozess war enorm aufwendig und vielschichtig, da die Größen der Druckmodel das Bogenmaß des Papiers nicht übersteigen durften. Daher wurde für jede einzelne Druckfarbe ein Model hergestellt – für eine Tapete in diesem Umfang waren es 1.600 bis 2.000 Model.“[18]

Immerhin hatte eine solche Herstellungstechnik auch den Vorteil, dass man zum Beispiel bei der Wahl der Farben entsprechend flexibel sein konnte. In der ersten Edition der Tapete von 1812, zu der die Jagdtapete von Dätzingen und das Pariser Exemplar gehören, tragen die Reiter rote Röcke, die Helfer blaue. Das entsprach der englischen Tradition, die Vernet so sehr verehrte, dass er damit sogar von dem bei den napoleonischen Jagden üblichen grün abwich. [19]

In  der Restaurations-Edition von 1815 dagegen erhielten die Röcke das bourbonische Blau.[20] Ein Beispiel dafür ist die Jagdszene aus der Sammlung Zuber, die damit der zweiten Edition zuzuordnen ist.

Der Hersteller: Die Manufaktur Jacquemart in Paris, Nachfolgerin der Manufacture Réveillon

Zu einem derart aufwändigen Produktionsverfahren waren nur Betriebe in der Lage, die über entsprechende personelle und finanzielle Ressourcen verfügten.  Die Manufacture Jacquemart und Bénard im Faubourg Saint-Antoine war ein solcher Betrieb. 1791 hatte sie die Manufacture royale de papier peint des Jean-Baptiste Réveillon übernommen, die bedeutendste französische Produktionsstätte von bedrucktem  Papier in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Und dazu ist Réveillon ein Name, auf den  man unweigerlich stößt, wenn es um die Vorgeschichte der Französischen Revolution geht. Es lohnt sich also, einen kurzen Blick auf das Unternehmen zu werfen, dessen Nachfolge Jacquemart und Bénard 1791 antraten.[21]

Réveillon gründete seine Papier-Manufaktur 1756 in dem Ort L’Aigle (Orne). Es gelang ihm, die damals führende englische Produktion von bedrucktem Papier zu imitieren und die französischen Konkurrenten an Qualität und Quantität zu übertreffen. So wurde Réveillon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur bedeutendsten französischen Produktionsstätte von papier peint. 1759 verlegte Réveillon seine Produktion nach Paris. Zeichen seines Erfolgs und seiner unternehmerischen Weitsicht war der Kauf der Folie  Titon Mitte  der 1760-er Jahre. Die Folie Titon war ein weitläufiger Landsitz in dem östlich von Paris gelegenen Faubourg Saint-Antoine, gebaut 1673 für Maximilien Titon, den  Besitzer der manufactures royales d’armes Ludwigs XIV.

Der Kauf dieses Landsitzes hatte für Réveillon mehrere Vorteile:

  • Es gab genügend Platz, um dort seine Werkstätten unterzubringen.
  • Im Faubourg Saint-Antoine  war der Zunftzwang aufgehoben, was mehr unternehmerische Freiheit ermöglichte.
  • Da es in dem Viertel ein dichtes Netz von verschiedenen Handwerksbetrieben gab, war dort auch ein großes Potential qualifizierter Arbeitskräfte vorhanden.[22]
  • Der Faubourg Saint-Antoine war damals das  französische  Zentrum der Kunsttischlerei. Also gab es ein hohes Maß an „know how“ gerade  im Bereich der Holzverarbeitung, was  bei der Herstellung von bedruckten Tapeten ein besonderer Vorteil war.
  • Und nicht zuletzt gewann Réveillon durch diesen  Firmensitz  erheblich an Reputation: Die Folie Titon gehörte damals zu den Sehenswürdigkeiten von Paris – ihr Name und der Réveillons gehörten nun zusammen.[23]

Reveillon verstand es auch sehr geschickt, seinen Firmensitz entsprechend zu nutzen. Als großbürgerlicher Mäzen arbeitete er mit den Brüdern Montgolfière bei der Herstellung der Heißluftballone zusammen. Er saß auch selbst in dem ersten  Montgolfière, der  am 19. November 1783 im Garten der Folie Titon abhob: Seine Hülle bestand aus Stoff, auf den mit goldenen Sonnen bedrucktes Réveillon-Papier geklebt war – eine grandiose Marketing-Aktion.[24]

In den Jahren vor der Französischen Revolution war Réveillon am Zenith seines Ruhms:  1784 erhielt seine Manufaktur den begehrten Titel „manufactures royales“ und 1786 eine Goldmedaille aus der Hand des einflussreichen Finanzministers Jacques Necker.

Allerdings litt Reveillons Manufaktur unter der Wirtschaftskrise, zu der nach einem Freihandelsabkommen  mit England die billige englische Konkurrenz wesentlich beitrug. Réveillon, ein eher fortschrittlicher Unternehmer, schlug deshalb am 23. April 1789 vor, die an der Stadtgrenze erhobenen Zölle (den verhassten octroi) abzuschaffen, um damit die Preise der Grundnahrungsmittel, vor allem den Brotpreis, zu senken.[25] Damit gäbe es Spielraum, die Löhne um 25% zu kürzen, um das Überleben der Betriebe zu ermöglichen. Natürlich konnte und wollte Ludwig XVI. angesichts der leeren  Staatskassen nicht auf den octroi verzichten. So blieb nur die Drohung drastischer Lohnsenkungen, die sich wie  ein Lauffeuer in den Handwerker- und Arbeitervierteln im Osten der Stadt verbreitete.  So kam es zur Revolte von Arbeitern: Sie zogen in die Innenstadt vor das Hôtel de ville mit dem Ruf Le pain à deux sous und verbrannten Stoffpuppen mit  den Zügen Réveillons. Am 27./28. April besetzten aufgebrachte Arbeiter des Viertels sein Haus und die Manufaktur und zündeten die Gebäude an. Der Fabrikherr konnte sich nur durch die Flucht in die nahe gelegene Bastille retten. Herbeigerufene Truppen beendeten die  Revolte, wobei 12 Soldaten und hunderte Arbeiter ums Leben kamen: Mehr als bei dem Sturm auf die Bastille zweieinhalb Monate später, dessen blutiges Vorspiel die „affaire Réveillon“ war.[26]

So ist es nur allzu verständlich, dass Réveillon nach dieser Erfahrung und inmitten revolutionärer Umbrüche wenig Interesse an der Fortführung seiner arg in Mitleidenschaft geratenen Manufaktur hatte. Pierre Jacquemart (1737-1804) et Eugène Balthasar Crescent Bénard de Moulinières übernahmen 1789 von dem nach England emigrierten Reveillon die Leitung der Manufaktur, die sie 1792 kauften und der sie den neuen Namen „manufacture Jacquemart et Bénard“ gaben.

Trotz der revolutionären Umbrüche konnte die Manufaktur von Jacquemart und Bénard an die Erfolgsgeschichte des früheren Unternehmens anknüpfen. 1797 beschäftigte sie mehrere hundert Personen. Bekannt in ganz Europa belieferte sie Ministerien, Verwaltungen, die Räume des Nationalkonvents in den Tuilerien und sie war an der Ausgestaltung fast aller öffentlichen Feste und Zeremonien beteiligt. [27] Seit 1809 wurde sie von Auguste-François Jacquemart (1776-1854) geleitet, der seinem Vater nachfolgte. Als Bénard aus dem Unternehmen ausschied, um Bürgermeister des 8. Arrondissements von Paris zu werden, wurde auch der Name der Manufaktur entsprechend geändert. Es war von nun an die Manufaktur „Jacquemart“.

Dies war auch die Blütezeit der Panoramatapeten. Deren bedeutendste Protagonisten waren die Manufakturen von Joseph Dufour in Mâcon, der sich 1806 in Paris niederließ, und die Manufaktur von Jean Zuber in Rixheim. 1804 vertrieb Dufour die Panoramatapete les Sauvages de l’océan Pacifique und Jean Zuber die Vues de Suisse. Als Jacquemart 1812 seine Jagdtapete auf den Markt brachte, bot Zuber seine aktuelle Panoramatapete Arcadie an und Dufour gleich zwei außerordentlich erfolgreiche Panoramtapeten: les Monuments de Paris und les Rives du Bosphore. Die Konkurrenz war also äußerst hart, und so war es ein geschickter Schachzug von Jacquemart, dem renommierten Carle Vernet den Entwurf seiner „Chasse de Compiègne“ anzuvertrauen, der die in ihn gesetzten Erwartungen ja auch glänzend erfüllte.

Angesichts des äußerst aufwändigen Produktionsverfahrens und der harten Konkurrenz war das Jagdtapeten-Projekt Jaquemarts allerdings trotzdem ziemlich riskant. Jean Zuber jedenfalls, der wusste, was die Herstellung einer monumentalen Panoramatapete bedeutete, wunderte sich über den Mut seines Konkurrenten, als er schrieb, Jaquemart setze mit dieser Jagdtapete alles auf eine Karte. Er, Zuber, wisse nicht, ob Jacquemart auf seine Kosten käme. Und vielleicht war auch das kühne Projekt verantwortlich für eine kurzzeitige Insolvenz der Pariser Manufaktur. Aber zumindest künstlerisch wurde der Mut doch belohnt: Jacquemart schuf auf der Grundlage des Entwurfs von Vernet die erste aller Jagdtapeten, die aufgrund ihrer Zeichnung und Farbigkeit als Meisterwerk und als eine der besten Panoramatapeten überhaupt gilt.[28]  Das erkannte auch Zuber an, der von seinem Konkurrenten ein Exemplar der „Chasse de Compiègne“ erwarb und im Esszimmer seiner Anwesens in der alten Commanderie in Rixheim installierte.[29]

La Chasse de Compiègne in Paris und Dätzingen

Angesichts der Qualität und Besonderheit der „Chasse de Compiègne“ ist es zu erklären, dass diese Panoramatapete internationale Verbreitung erfuhr. Exemplare gelangten nach England (Royal Albert Museum[30]), in die Schweiz[31], in die USA und zwei auch nach Deutschland- neben dem Schloss von Dätzingen in Württemberg auch in das Jagdschloss Friedrichsmoor bei Schwerin.[32]

Die Jagdtapeten von Paris und Dätzingen werden nachfolgend vorgestellt.

Paris

Das Pariser Musée de la Chasse et de la Nature ist in zwei noblen Stadtpalais im Pariser Marais untergebracht.  Wie viele der alten Stadtpalais im Marais waren auch diese ziemlich heruntergekommen, bis sie in den 1960-er Jahren von der Stiftung des jagdbegeisterten François Sommer gekauft wurden, um zunächst im hôtel de Guénégaud das Musée de la Chasse et de la Nature einzurichten, das dann durch Räume im  benachbarten  hôtel de Mongelas noch erweitert wurde.

Auf seiner Homepage stellt das Museum die Panoramatapete „Les chasses de Compiègne“ (sic) -versehen mit einer Abbildung und Erläuterungen- besonders heraus. [32a] Umso größer war unser Erstaunen, als wir Ende Juli 2021 das Museum besuchten, um uns die Tapete anzusehen. Weder die Dame an der Kasse noch das aufsichtsführende  Personal, das wir ansprachen, konnte uns irgendeine Auskunft geben, wo die Tapete zu finden sei. Es müsse sich um ein Missverständnis handeln, so wurde uns versichert, in dem Museum gäbe es nichts Dergleichen. Als ich auf die entsprechende homepage- Präsentation verwies, war die Ratlosigkeit groß.  Vielleicht sei die Tapete gerade an ein anderes Museum ausgeliehen; oder sie werde restauriert; oder sie lagere im Zuge der Umgestaltung des Museums im Depot….  Auch der freundliche junge Mann im Museumsshop hatte noch nie etwas von der Jagdtapete gehört, bemühte sich aber nach Kräften, den interessierten ausländischen Besuchern weiterzuhelfen. Aber die Suche in der ausliegenden Literatur war vergebens. Aber dann kam die Rettung in Gestalt eines vorbeieilenden Herrn, den der junge Mann ansprach. Es war der Kommunikationsdirektor der Stiftung Sommer, der, bevor er am nächsten Tag in Urlaub fuhr, noch einige Unterlagen ins benachbarte hôtel de Mongelas bringen wollte. Da waren wir genau an der richtigen Adresse! Denn dort – im Salon Vernet- sei die Panoramatapete angebracht.

Eingang zum Hôtel de Mongelas

Dieser Teil des hôtels gehört nicht zum Museum, sondern zu dem  noblen Pariser Jagdclub, ist also normalerweise nur Mitgliedern zugänglich.

Auf dem Weg zum Salon Vernet ließ uns unser freundlicher Führer auch noch die nachträglich in das  hôtel eingebaute repräsentative Treppenanlage bewundern.

Immerhin hatte sie niemand Geringeres als der „Erste Architekt“ und königliche Hofbaumeister Ludwigs XIV., Jules Hardouin-Mansart, entworfen.

Doch dann waren wir endlich am Ziel unserer Wünsche: dem Salon Vernet. Es ist ein kleiner, intimer Raum, ohne Fenster. Als Raucherkabinett deshalb -und wegen der kostbaren Tapete- wohl kaum tauglich. Vielleicht ziehen sich dorthin kleine Herrenrunden für vertrauliche Gespräche zurück. Die gedämpfte Atmosphäre mit der dezenten  Beleuchtung würde jedenfalls dazu passen.

Ein eindrucksvolles Ensemble! Es ist zu hoffen, dass es wenigstens von Zeit zu Zeit (zumindest an den Tagen des offenen Denkmals/Journées du Patrimoine) auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird!

Die Panoramatapete von Dätzingen

Damit kommen wir zum Ende dieses Beitrags, aber gleichzeitig auch zum Anfang unseres spannenden Jagd-Abenteuers. Denn aufmerksam wurde ich auf die Chasse de Compiègne durch einen im Februar 2020 erschienen Artikel in Monumente, dem Magazin der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, die die Restaurierung der Tapete im Schloss Dätzingen finanziell unterstützte.  Unter dem Titel „Jagdszenen im königlichen Schlafzimmer“ berichtete  Christiane Rossner über die Geschichte der Tapete und die Bemühungen um ihre Restaurierung.

Wir nahmen Kontakt auf mit Herrn Ratz, dem Leiter des in dem Schlösschen untergebrachten Heimatmuseums,  und der war so freundlich, uns im Juli 2021 die damals noch nicht für die Öffentlichkeit zugängliche Tapete zu zeigen.  Nachfolgend ein Ausschnitt (noch ohne Bordüre).

Foto: Wolf Jöckel Juni 2021

Die Renovierung der Tapete erwies sich als ausgesprochen kompliziert: Die Tapete war nämlich in den 1960-er Jahren unsachgemäß eingelagert worden. Da die Papierbahnen mit dem Druck nach innen aufgerollt wurden, war der Farbauftrag gestaucht und viel Farbe ging verloren. Zudem hatten sich in den Kleberresten Pilze gebildet.[33] 

Hier ein Bild des beklagenswerten Zustandes vor der Restaurierung:

Und so sah das noch nicht restaurierte Picknick aus: [34]:

Umso beeindruckender der jetzige Zustand! Die Tapetenbahnen 5-18 nach der Restaurierung:

(Bild: Hans Zelesner, Förderverein Schloss Dätzingen, Oktober 2021)

Und wie kam diese kostbare und seltene Jagdtapete ausgerechnet nach Dätzingen? Eine interessante Geschichte, die Christiane Rossner in ihrem Monumente-Artikel referiert:

„Generalleutnant Carl Ludwig von Dillen war sich der großen Ehre sehr bewusst: Sein Dienstherr, König Friedrich I. von Württemberg, hatte ihm 1810 Schloss Dätzingen bei Grafenau  geschenkt. 1806 war das Schloss, das zuvor lange dem Malteserorden gehört hatte und 1733 repräsentativ zum Sitz des Komturs ausgebaut worden war, an das Königreich Württemberg gefallen.“

Das Schloss und der Maltesersaal

Und weiter Christiane Rossner:

„Wenige Monate nach dieser großzügigen Schenkung veranstaltete König Friedrich eine dreiwöchige Jagd in den Wäldern von Dätzingen, wobei er im Schloss seines Günstlings residierte. In Erinnerung an dieses spektakuläre Ereignis, in das mehr als 4000 Menschen eingebunden waren, orderte Carl Ludwig von Dillen bei der berühmten Pariser Manufaktur Jacquemart & Bénard die jüngst kreierte Panoramatapete „La Chasse de Compiègne“ und ließ den edlen Wanddekor mit Jagdszenen vermutlich im Dätzinger Schlafgemach des landesherrlichen Gastes anbringen.“

Ein Schlafgemach als Ort für eine Jagdtapete mag etwas ungewöhnlich erscheinen, ist es in diesem Fall aber eher nicht. Denn dass  Carl Ludwig Emanuel Dillenius innerhalb von zehn Jahren nicht nur geadelt und in den Grafenstand erhoben wurde, sondern  sich auch -wie böse Zungen feststellten- „von einem  Bereiterjungen“ im Marstall von Schloss Ludwigsburg zu einem der mächtigsten Männer des Königreichs Württemberg „emporschwang“, hatte er wohl der dem König „inne wohnenden Neigung zu den Männern“ zu verdanken.[35]

Die Auswahl der „Chasse de Compiègne“ war im Blick auf seinen landesherrlichen Gönner in mehrfacher Hinsicht eine passende Auswahl: Natürlich vor allem, weil das Motiv dem jagdbegeisterten Monarchen entgegen kam und dem Anlass des Kaufs entsprach. Dazu aber auch deshalb, weil es sich bei der Jagdtapete gewissermaßen um den letzten Schrei aus Paris handelte, und Frankreich war damals gerade für den württembergischen König das Maß aller Dinge. Friedrich I. war ja 1806 durch Napoleons Gnaden zum König erhoben worden, er trat dann auch gleich dem unter Napoleons Protektorat stehenden Rheinbund bei, und Friedrichs einzige Tochter Katharina heiratete König Jérôme von Westfalen, Napoleons jüngsten Bruder. Und schließlich hatte Compiègne, wo die Jagd der Panoramatapete angesiedelt ist, in württembergischen Ohren einen guten Klang. Denn 1810 erhielt das junge Königreich Württemberg durch den Vertrag von Compiègne weiteren  territorialen Zuwachs….

1961 verkaufte Adrienne von Bülow,  die Nachfahrin von Dillens,  das Schloss, das einer grundlegenden Renovierung unterzogen wurde. Die Tapete wurde abgelöst und unsachgemäß eingelagert. Jetzt ist die aufwändige Restaurierung abgeschlossen und bald kann dieses einzigartige Kunstwerk wieder an seinem angestammten Platz, inzwischen Sitz des Heimatmuseums, bewundert werden.[36] Ein Ausflug in das 30 Kilometer südwestlich von Stuttgart gelegene Dätzingen lohnt sich!

Literatur:

 Raphaël Abrille, « Un papier peint d’après Carle Vernet à l’hôtel de Guénégaud », Vènerie, n° 191, septembre 2013, p. 78-83.

Julia Greipl, Tapeten-Trend im Empire. Sie ziert wieder Wände von Schloss Dätzingen: Die Panoramatapete „La Chasse  de  Compiègne“. In: Monumente, herausgegeben von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Oktober 2021, S. 62

Odile Nouvel-Kammerer (dir.), Papiers peints panoramiques, Paris, Flammarion-UCAD, 1990 (La Bibliothèque du musée des Arts décoratifs)

Christiane Rossner: Jagdszenen im königlichen Schlafzimmer. In: Monumente 30. Jg. Nr. 1, Februar 2020, S. 30–31

Christine Velut,  L’industrie dans la ville : les fabriques de papiers peints du faubourg Saint-Antoine (1750-1820) In:  Revue d’histoire moderne & contemporaine 2002/1, S.  115 – 137 https://www.cairn.info/revue-d-histoire-moderne-et-contemporaine-2002-1-page-115.htm

Histoire. Le papier peint a pris son essor avec l’atelier de Jean-Baptiste Réveillon à L’Aigle dans l’Orne In: Le Réveil normand. 23. August 2019 https://actu.fr/normandie/l-aigle_61214/histoire-papier-peint-pris-essor-latelier-jean-baptiste-reveillon-laigle-dans-lorne_26669039.html


Anmerkungen

[1] Die Bezeichnung der Jagdtapete wird unterschiedlich gehandhabt. Oft findet man die Plural-Version „Les Chasses de  Compiègne“ (selbst auf der website des Pariser Musée de la  Chasse  et  de la  Nature) korrekt ist aber -auch nach Auffassung von M. Abrille, dem Generalsekretär des Museums, der Singular  („La Chasse  de Compiègne“). Immerhin handelt es sich ja um die Darstellung einer Jagd.  Ich verwende also die inhaltlich korrekte Singular-Version.

[2] https://www.museepapierpeint.org/de/1638-2/panoramatapeten/

[3] Dieses und das nachfolgende Bild aus: https://themiscyra.wordpress.com/2014/10/26/les-chevaux-de-vernet/  Dort gibt es auch Abbildungen weiterer Reiterbilder von Vernet.

[3a] https://www.venerie.org/20-juillet-2021-napoleon-ier-etait-mauvais-tireur-mais-stratege-de-la-cynegetique/ Dieser Quelle ist auch der Bildausschnitt der kaiserlichen Jagd entnommen. Siehe auch: https://napoleonhautsdefrancecom.files.wordpress.com/2018/03/musc3a9es-senlis_vernet-napolc3a9on_ods.pdf

[4]  Bild aus: https://www.chassenature.org/oeuvres/objets-d-arts/les-chasses-de-compiegne-d-apres-carle-vernet   Exemplar aus dem musée de la chasse et de la nature Paris.

[5]  Raphaël Abrille, « Un papier peint d’après Carle Vernet à l’hôtel de Guénégaud », Vènerie, n° 191, septembre 2013, p. 78-83. siehe auch: https://jerrypairflorida.com/products/la-chasse-de-compiegne-jacquemart

[6]  Bild aus: https://antique-wallpaper.com/en/papier_peint/les-chasses-de-compiegne-passage-of-the-river/  Exemplar aus der Sammlung Zuber in Rixheim, das von den Erben des Sammlers versteigert wurde. Siehe: https://www.antiquesandthearts.com/preview.php?id=851 (Die Picknick-Szene allein wurde für 75.000 Dollar angeboten, die gesamte Panoramatapete für 185.000 Dollar)

[7] Siehe:  https://jerrypairflorida.com/products/la-chasse-de-compiegne-jacquemart  und  https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Pierrefonds

[8] https://www.wildhueter-st-hubertus.de/einiges-ueber-die-parforcejagd-3

[9]http://www.zeno.org/Literatur/M/Claudius,+Matthias/Gedichte+und+Prosa/Asmus+omnia+sua+secum+portans/Dritter+Teil/Vorlesung+an+die+Herren+Subskribenten/c)+Schreiben+eines+parforcegejagten+Hirschen

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Bauer_an_seinen_durchlauchtigen_Tyrannen

[11] https://antique-wallpaper.com/en/papier_peint/les-chasses-de-compiegne-picnic/   

[12] https://www.franceculture.fr/gastronomie/a-lorigine-de-la-baguette-de-pain

[13] Siehe:  https://www.franceculture.fr/gastronomie/a-lorigine-de-la-baguette-de-pain Mais d’après une autre source, c’est un boulanger autrichien, August Zang, qui aurait introduit la baguette en France. En 1839, le Viennois ouvrait une boulangerie à Paris. Il y aurait vendu des pains de forme ovale, comme ceux que l’on trouvait alors en Autriche.   Siehe auch z.B. https://de.wikipedia.org/wiki/Baguette

[14] https://www.republicain-lorrain.fr/culture-loisirs/2020/11/15/c-est-arrive-le-15-novembre-1793-l-origine-mysterieuse-de-la-baguette-de-pain

[15] L’origine de la baguette de pain blanc remonterait à l’époque de Napoléon. Ses boulangers auraient inventé une miche allongée pour rendre le pain plus facilement transportable par les soldats. https://www.pariszigzag.fr/secret/histoire-insolite-paris/petite-histoire-de-la-baguette-notre-pain-quotidien

Siehe auch: https://www.dna.fr/culture-loisirs/2020/11/15/c-est-arrive-le-15-novembre-1793-l-origine-mysterieuse-de-la-baguette-de-pain

[16] https://www.napoleon.org/magazine/dico-d-epoque/grognard/

[17] https://www.dna.fr/culture-loisirs/2020/11/15/c-est-arrive-le-15-novembre-1793-l-origine-mysterieuse-de-la-baguette-de-pain und https://www.herodote.net/almanach-ID-2138.php

[18] Christiane Rosner: Jagdszenen im königlichen Schlafzimmer. In: Monumente 30. Jg. Nr. 1, Februar 2020, S. 30–31

[19] https://www.denkmalschutz.de/presse/archiv/artikel/panoramatapete-in-schloss-grafenau-in-daetzingen-wird-dsd-foerderprojekt.html Zur Farbgebung siehe auch den Aufsatz von Abrille a.a.O.

[20] https://antique-wallpaper.com/en/papier_peint/les-chasses-de-compiegne-passage-of-the-river/   https://www.chassenature.org/oeuvres/objets-d-arts/les-chasses-de-compiegne-d-apres-carle-vernet: Dort heißt es: „La redingote rouge des veneurs témoigne de l’anglomanie qui règne en France au long du XIXe siècle“. Eher bezeugt allerdings der rote Rock der Reiter die Anglomanie Vernets.

[21] Zur Geschichte der Manufaktur Réveillons siehe: https://actu.fr/normandie/l-aigle_61214/histoire-papier-peint-pris-essor-latelier-jean-baptiste-reveillon-laigle-dans-lorne_26669039.html

[22] Zum Faubourg Saint-Antoine siehe die Blog-Beiträge  https://paris-blog.org/2016/04/04/der-faubourg-saint-antoine/  und  https://paris-blog.org/2016/04/06/der-faubourg-saint-antoine-teil-2-das-viertel-der-revolutionaere/

[23] Siehe dazu: Christine Velut,  L’industrie dans la ville : les fabriques de papiers peints du faubourg Saint-Antoine (1750-1820) In:  Revue d’histoire moderne & contemporaine 2002/1, S.  115 – 137

https://www.cairn.info/revue-d-histoire-moderne-et-contemporaine-2002-1-page-115.htm Dort wird die Folie Titon als un endroit prisé de la capitale bezeichnet.

[24] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/Folie_Titon#/media/Fichier:Montgolfiere_1783.jpg

[25] Zum octroi und der Zollmauer um Paris siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2020/06/01/ledoux-lavoisier-und-die-mauer-der-generalpaechter/

[26] Bild aus: Le saccage de la Folie Titon-Pillage de la maison Réveillon au faubourg Saint-Antoine le 28 avril 1789 | Paris Musées

Siehe dazu:  27-28 avril 1789 – Pillage de la manufacture Réveillon – Herodote.net und  https://paris-blog.org/2016/04/06/der-faubourg-saint-antoine-teil-2-das-viertel-der-revolutionaere/

[27] https://data.bnf.fr/14965205/jacquemart_et_benard_manufacture/ und  Raphaël Abrille, « Un papier peint d’après Carle Vernet à l’hôtel de Guénégaud », Vènerie, n° 191, septembre 2013, p. 78-83.

[28] Henri Clouzot et Charles Follot ont qualifié en 1935 La chasse de Compiègne comme « un des plus parfaits du genre, aussi bien pour le dessin que pour le coloris »  Zit. In: https://fr.wikipedia.org/wiki/Domaine_de_Burier

Abrille (a.a.0.) spricht von einem coup de maître.

[29] https://antique-wallpaper.com/en/papier_peint/les-chasses-de-compiegne-picnic/

Zur Manufaktur Zuber in Rixheim siehe: https://fr.wikipedia.org/wiki/Manufacture_Zuber

[30] https://collections.vam.ac.uk/item/O127862/la-chasse-de-compiegne-wallpaper-vernet-carle/la-chasse-de-compi%C3%A8gne-wallpaper-vernet-carle/

[31] https://fr.wikipedia.org/wiki/Domaine_de_Burier  

[32] https://www.meck-pomm-lese.de/sehenswuerdigkeiten/burgen-und-schloesser/jagdschloss-friedrichsmoor/ und https://www.meckpress.de/2014/10/22/szenen-einer-hofjagd/

[32a] https://www.chassenature.org/oeuvres/objets-d-arts/les-chasses-de-compiegne-d-apres-carle-vernet  Letzter Zugriff am 20.10.2021

[33] Julia Greipl, Tapeten-Trend im Empire. Sie ziert wieder die Wände von Schloss Dätzingen: Die Panoramatapete „La Chasse de Compiègne“. In: Monumente, Oktober 2021, S. 62

[34] Bild von: https://www.denkmalschutz.de/presse/archiv/artikel/panoramatapete-in-schloss-grafenau-in-daetzingen-wird-dsd-foerderprojekt.html

[35]  J. S. Ersch und J. G. Gruber (Hg.), Allgemeine Enzyklopädie der Wissenschaften und Künste in alphabetischer Folge, erste Section, 49. Theil, Leipzig 1849, S. 393 und Eduard Vehse, Geschichte der deutschen Höfe seit der Reformation, 26. Band, 4. Abtheilung, 4. Theil, Hamburg 1853, S. 65–68   Zitiert bei: Carl Ludwig Emanuel von Dillen – Wikiwand

Welche herausragende Stellung von Dillen am Württemberger Hof hatte, wird auch daran deutlich, dass er 1809 seinen Landesherrn bei dessen Besuch in Paris anlässlich des 5. Krönungsjubiläums Napoleons begleitete. Von Dillen ist bei allen Empfängen dabei, und beim Krönungsfest in Notre Dame war er „in der Tribüne der Kaiserin, wo alle Prinzessinnen des Hauses zugegen waren.“ (Brief von Dillens an seine Frau vom 9.12.1809- Zitiert in den Begleitmaterialien zur Ausstellung in Dätzingen).

[36] http://www.grafenau-wuertt.de/Start/Schloss+Daetzingen/Heimatmuseum.html

Weitere geplante Beiträge

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Das Pariser Stadtmuseum musée Carnavalet ist nach jahrelanger Renovierung wieder eröffnet: Ein erster Rundgang

Die alte Eiche (Le Gros Chêne) von Allouville-Bellefosse in der Normandie: Ein Gastbeitrag von Zora del Buono

Der nachfolgende Text ist ein Auszug aus dem Buch Das Leben der Mächtigen. Reisen zu alten Bäumen  von  Zora del Buono.  Die Autorin hat ein Jahr lang eine Reise „zu fünfzehn der ältesten und größten Individuen der Erde“ unternommen, außergewöhnlichen Bäumen, deren Portraits in diesem Buch versammelt sind.  Es sind ganz unterschiedliche Baumarten –Eibe, Sumpfzypresse, Kiefer, Pappel, Riesenmammutbaum, Esskastanie, Eiche, Arve, Linde- und sie befinden sich in mehreren Ländern:  Schweden, Großbritannien, Deutschland, Frankreich, der Schweiz, Italien und den USA.

Die von Zora del Buono ausgewählten Bäume sind einzigartig. Sie haben eine eigene Persönlichkeit, befinden sich in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen, haben oft eine aufregende Geschichte. Einer dieser Bäume ist so mächtig, dass er sogar eine Kapelle und die Behausung eines Eremiten beherbergen konnte.  Es ist die Stiel-Eiche von Allouville-Bellefosse in der Normandie. Ich bin sehr froh darüber, dass der Verlag Matthes&Seitz zugestimmt hat, das Portrait dieses Baumes in den Paris- und Frankreich-Blog aufzunehmen.  Die Normandie war schon wiederholt Schauplatz von Beiträgen in diesem Blog, aber die bezogen sich auf den Zweiten Weltkrieg und darauf, wie aus früheren Feinden Freunde geworden sind.[1] Hier geht es nun um einen sehr alten und immer noch sehr lebendigen Baum, den wohl ältesten Frankreichs.  Er hat schon viel erlebt und überlebt, „Wikinger, Freibeuter, exaltierte Kleriker und mistgabelschwenkende Bauern“. Zora del Buono stellt ihn uns vor. Bonne lecture!

Le Gros Chêne- Die Eiche von Allouville-Bellefosse.

Quercus robur  Stiel-Eiche

  • rund 1200 Jahre/ Höhe: 18 Meter/ Stammumfang:  15 Meter
  • Allouville-Bellefosse, Haute-Normandie, Frankreich / 49⁰ 59’ N,  0⁰ 67’ O/ 135 Meter ü.M.

„Ganz schön phallisch“, bekommt meist zu hören, wer ein Bild der Eiche von Allouville-Bellefosse herumreicht. Und in der Tat, wenn man vor ihr steht, sieht sie aus, als sei ihrem Hauptstamm ein grüngestricktes Kondom übergestülpt worden, einem Stamm ohne Äste, gerade deswegen aber von kräftiger, geradezu viriler Statur, aufrecht aus buschigem Laubwerk ragend, von einem Hütchen bedeckt und einem Kreuz gekrönt.

Und weil wir uns in Frankreich befinden, wird der Eindruck noch ergänzt durch eine andere Assoziation, jene Verlockung, die Gustave Courbet 1866 in seinem wunderbaren Gemälde L’Origine du monde verewigt hat: den Schoß einer Frau, eine Vulva, im Fall unserer Stiel-Eiche in Form eines wohlgeformten Schlitzes im Stamm, durch den sich hineinzwängen kann, wer der Verheißung im Innern nachspüren will,

…..  und den dort eine Marienstatue empfängt und ein Blumentopf auf dem Altar, vom Licht einer Lampe beschienen, die aufglimmt, sobald man die intarsienverkleidete Höhle betritt. Es duftet nach feuchtem Holz und ein wenig nach Muff, und wenn jemand vor einem darin war, vielleicht auch nach Parfüm.

Dass ein Baum eine Kapelle beherbergt, ist ungewöhnlich. Dass ein Baum mit Schindeln verkleidet wurde, nicht minder. Dass ein Baum drüber hinaus eine Kammer für einen Eremiten birgt, im Obergeschoss gewissermaßen, ist eine Stilblüte besonderer Art. Zu verdanken sind diese Kapriolen zwei Männern von ausgeprägter Fantasie, einem Pfarrer und einem Abt, Père de Cerceau und Abbé du Détroit.

Die Eiche war schon achthundert Jahre alt, als die beiden 1696 auf die Idee kamen, aus dem Friedhofsbaum von Allouville das exaltierteste Kirchenmonument Frankreichs zu machen. Allouville-Bellefosse ist heute ein blumengeschmücktes Dorf voller Fachwerkhäuser, gut tausend Menschen leben hier. Auffällig in der gesamten Gegend sind die in strenger Linie dicht nebeneinander gepflanzten Bäume, meist Buchen, die auf eigens geschaffenen Wällen ein oder zwei Meter höher stehen; manchmal umzingeln sie die Gehöfte, auch in doppelter Reihe und schützen diese so vor dem Westwind, der vom Meer her über die flache Landschaft peitscht; clos-masure  wird diese eigenwillige Pflanzung genannt. Allouville-Bellefosse liegt auf einem Plateau, unten fließt die Seine in großen Schleifen, es ist nicht weit bis nach Le Havre und zur Mündung in den Atlantik, die Seine ist breit und bei Flut strömt sie in die verkehrte Richtung. An ihrem Ufer hat Victor Hugo gewohnt und William Turner die Flusslandschaft  gemalt, vier Mal kam er hierher, sein englischer Auftraggeber war der Verleger einer damals neuen Buchgattung, des Reiseführers. An Herbstmorgen wie diesem wabern Nebelschwaden über dem Fluss, aber in Allouville oben scheint die Sonne, kaum ein Mensch ist zu sehen, nur selten hält ein Auto und jemand stürzt in ein Geschäft, den Motor lässt er laufen. Am zentralen Platz im Dorf gibt es neben der Kirche zwei Kneipen, den Fleischer, die Charcuterie, den Coiffeur, die Apotheke und natürlich die dicke Eiche, Le Gros Chêne.

Die einen sagen, sie sei im Jahr 911 gepflanzt worden, zur Feier der Gründung der Normandie, als Karl der Einfältige, der auf Französisch den etwas ansprechenderen Namen Charles le Simple trägt, mit dem Normannen Rolle, der den letzten Wikingereinfall auf Frankreich kommandierte, einen Vertrag abschloss und dem Mann aus dem Norden die Grafschaften und Bistümer, die heute der Region Haute-Normandie entsprechen, abtrat. Der heidnische Rolle ließ sich taufen, nannte sich Robert und heiratete Gisela, eine uneheliche Tochter Karls. Andere, Botaniker vor allem, glauben, die Eiche sei hundert Jahre älter, habe also um das Jahr 80 gekeimt. Auf jeden Fall stand sie schon als mächtiges Wahrzeichen da, als der berühmteste Bürger Allouvilles 1585 neben ihr in der damals noch hölzernen Kirche St. Quentin getauft wurde: Pierre Belain d’Esnambouc. Dessen wegen Kriegsturbulenzen hochverschuldete Eltern waren gezwungen, sein Erbe, die Herrschaft Esnambouc, zu verkaufen. Der Achzehnjährige heuerte in Le Havre an, auf einem kleinen Schiff, das in die Karibik segelte. Pierre Belin d’Esnambouc wurde einer der bekannten Freibeuter Frankreichs, Kapitän eines mit einem für die „Küsten von Guinea und Brasilien und andere Orte“ geltenden Kaperbrief ausgestatteten Segelschiffs, der mit Vorliebe spanische Geleonen überfiel. Auf der Insel St. Kitts lernte er ehemalige Piraten kennen, die Tabak anpflanzten, segelte nach Frankreich und überzeugte Kardinal Richelieu, ins Tabakgeschäft einzusteigen. Nach allerlei Auseinandersetzungen mit Engländern und einheimischen Kalinago gründete d’Esnambouc auf Martinique die erste französische Kolonie der Karibik. Während dieser verwegenste Bürger Allouvilles in tropischen Gefilden in unzählige Abenteuer und Gemetzel verwickelt war, hatte auch die Eiche seines Heimatdorfes Gewalteinwirkungen zu verkraften. Sie wurde durch Blitzeinschläge und Unwetter mehrerer Hauptäste beraubt und auch gekappt, war nun kein hoher Baum mehr, sondern nur noch einer mit einem dicken Stamm.

Der Jesuit Jean-Antoine de Cerceau verwaltete als Priester Ende des 17. Jahrhunderts nicht nur Friedhof und Kirche der Gemeine Allouville, sondern auch die dazugehörige Eiche. Er und sein lustiger Freund du Détroit wollten eines Tages wissen, wie viele Kinder wohl in den hohlen Stamm passen würden. Die beiden Geistlichen trommelten die Schulkinder des Dorfes zusammen und stopften sie gewissermaßen in den Baum, hintereinander, ineinander, übereinander. Vierzig Kinder fanden angeblich Platz, das Experiment war ein voller Erfolg und das Baumumfunktionierungsprojekt geboren: Unten sollte eine öffentlich zugängliche Kapelle eingebaut werden, oben eine private Kammer, eine Klausurzelle für Père du Cerceau, die er über eine sich um den Stamm windende Treppe erreichen konnte.

Denn du Cerceau war nicht nur Priester, sondern auch Dichter, er schrieb vor allem Komödien, die in Jesuitenschulen aufgeführt wurden; die beiden Herren müssen viel Spaß gehabt haben, während sie über ihren Plänen saßen, womöglich war auch Rotwein mit im Spiel.

Man darf die Eremitenkammer nicht geräumig denken, kaum vorstellbar, dass hier neben einer Schreibstelle ein Bett Platz gefunden haben soll. Auch die Kapelle ist winzig, 1,75 auf 1,20 Meter, die Raumhöhe allerdings liegt bei angenehmen 2,30 Mtern, und blick man nach oben, sieht man nicht nur die rissige Innenseite des Baumes, sondern auch all die Metallverstrebungen, die im Laufe der Zeit eingebaut wurden, um dem eigenwilligen Raum Stabilität zu verleihen und den Boden der darüberliegenden Kammer abzusichern.

An diesem Baum kann man sehr deutlich erkennen, dass das Leben der Bäume in den äußersten Schichten steckt, auf das tote Kernholz kann getrost verzichtet werden, wichtig ist allein, dass das teilungsaktive Kambiumgewebe intakt ist und nach innen Splintholz bildet und nach außen Bast, damit Wasser und Mineralien aus dem Boden durch die Kapillaren der neu gebildeten Splintholzzellen von der Wurzel in die Krone und die in den Blättern gebildeten Zucker und andere Nährstoffe durch den Bast von der Krone in die Wurzeln gelangen können. Dass auf der Borke Quadratmeter um Quadratmeter Holzschindeln angebracht wurden, scheint der Eiche nicht allzu sehr geschadet zu haben, sie ist eine der ältesten Stiel-Eichen überhaupt; keine der sogenannten Tausendjährigen Eichen, derer Deutschland sich rühmt, hat das Alter dieses doch recht malträtierten Exemplars erreicht. Seit der Abt und der Pfarrer die Kapelle gesegnet und der Jungfrau Maria geweiht haben, finden hier Gottesdienste statt, noch heute zweimal im Jahr. Historische Fotos zeigen den Pfarrer im Talar neben dem geschlitzten Eingang, der immer schmaler wird, weil die Eiche weiter wächst, die Kirchgemeinde steht in Sonntagskleidung bis auf die Straße hinaus.

 Nachdem Père du Cerceau Allouville verlassen hatte, um am Hof von Versailles Lehrer zu werden, blieb die Eremitenkammer leer. Sein Ende übrigens war so spektakulär wie sein Leben: Einer seiner Schüler spielte an einer Waffe herum und erschoss ihn aus Versehen.

ère du Cerceau Allouville verlassen hatte, um am Hof von Versailles Lehrer zu werden, blieb die Eremitenkammer leer. Sein Ende übrigens war so spektakulär wie sein Leben: Einer seiner Schüler spielte an einer Waffe herum und erschoss ihn aus Versehen.

Es ist aber nicht so, dass mit dem Umbau der Kapelle Ruhe eingekehrt wäre in Allouville, zu viele originelle Geister leben in dieem Dorf, Roger Devaux ist einer. Weißhaarig, langbärtig und verwildert wie ein alter Wikinger oder Appenzeller- Devaux nämlich liebt das Appenzell, was eine eher ungewöhnliche Vorliebe für einen Nordfranzosen sein dürfte-, ist er nicht nur der Lokaljournalist, sondern auch der Organisator des Vélosolexclubs, des jährlichen Oldtimerrennens, der Heiligenausstellung mit tausendzweihundert Heiligenstatuen aus fünfundachtzig Ländern, des Vereins zur Förderung der Trachtenkultur für Jugendliche, des Rentnerausflugs zum Münchner Oktoberfest, und vor allem ist er der Fürsprecher der Eiche. Er hat mehrere Bücher über den Baum veröffentlicht, auch eine Postkartensammlung mit Lithografien und historischen Fotos: spielende Kinder, Hündchen natürlich, Nonnen, Damen in eleganten Roben, die aus Kutschen steigen, und sogar traditionell arabisch gekleidete Spahi, nordafrikanische Kavalleristen, die im Ersten Weltkrieg für Frankreich kämpften. Am Abend wird Roger Devaux anlässlich der Preisverleihung zum schönsten Baum der Nation im Fernsehen zu sehen sein, neulich sprach er im japanischen Fernsehen, und ihm ies es zu verdanken, dass Le Gros Chêne bei den Koreanern einen Kultstatus erreicht hat, sie reisen in Bussen an.

Devaux sitzt oft nach der Arbeit im Le Pousserdas, einer mit Holz verkleideten und Fototapete geschmückten Bar gegenüber der Eiche. Die Bar ist auch der Tabakladen des Dorfes, am Tresen stehen Männer vor ihren Schnapsgläsern. Als Reporter des Courrier Cauchois müsse er aufpassen, was er über die Leute schreibe, ein Fünkchen Wahrheit könne einen Flächenbrand entfachen, sagt Devaux. Und so gehen wir sicherheitshalber zu den historischen Wahrheiten über und er zückt die Lithografie eines anderen wahnwitzigen Baumes, einer Rotbuche, die in direkter Nachbarschaft der Eiche gelebt hatte: Auch ihre Krone ist nicht mehr naturbelassen, sondern zu einem raumhohen, messerscharfen Zylinder geschnitten, eine Leiter führt zur türgroßen Öffnung im Blattwerk, ein Mann steigt hinauf, ein weiterer nimmt ihn oben in Empfang, unterhalb der Leiter liegt ein anderer lasziv im Gras, die quadratischen Baumfenster sorgen für Licht im Inneren, sechzehn Menschen sollen in der Buche um einen runden Tisch herum getafelt haben. Dieser Baum hat die Französische Revolution nicht überlebt, er war wohl zu dekadent, die Revolutionäre haben ihn angezündet.

Le Gros Chêne hätte beinahe das gleiche Schicksal ereilt, zumal sie ein religiöser Ort war und man ihr allerlei magische Kräfte angedichtet hatte. „Weg mit dem mystischen Unsinn!“, lautete das aufklärerische Credo, doch als 1793 eine Gruppe „von Alkohol und demagogischer Wut trunkener“ Revolutionäre die Eiche abfackeln wollte, soll der Lehrer Jean Baptiste de Bonheur in Windeseile die Jungfrau Maria entfernt und eine Tafel mit der Aufschrift Temple de la raison an dem Baum montiert haben, der die Furiosen wie durch ein Wunder von der Zerstörung abhielt, vielleicht lag es auch an den Bauern, die ihren geliebten Baum mit Mistgabeln verteidigten. Andere Kirchhofbäume brannten lichterloh, diese Eiche blieb unbeschadet stehen.

Was den Aufklärern nicht gelang, hätten 1988 beinahe die Behörden geschafft. Der alte Baum war in Schieflage geraten, eine unerfreuliche Neigung zur Straße hin. Experten wurden angefragt, ein englischer Professor plädierte dafür, die Eiche zu fällen, sein französischer Kollege hielt dagegen. Der Stamm war zudem von Moos überwuchert, die Rinde beschädigt, der Baum litt unter Pilzbefall. Die Gemeinde stellte sich auf die Seite des einheimischen Experten, ein aufwändige Sanierung wurde veranlasst und seither wird der Baum gestützt und gehalten, er ist das Herz von Allouville-Bellefosse.

In der Kirche selbst sei nicht mehr viel los, sagt Devaux, sie hätten einen engagierten jungen Pfarrer aus Afrika hiergehabt, aber die Einheimischen hatten ihn loswerden wollen, ein fremder Schwarzer, unmöglich. Jetzt komme einmal im Monat ein Pfarrer aus dem Nachbarort und halte die Messe, ansonsten verwaise die Kirche, das hätten sie nun davon, diese guten Katholiken, schimpft Devaux. Der vertriebene Pfarrer ist nach Kamerun zurückgekehrt, die Geschichte sei, so Devaux, die Schande des Dorfes, darüber könnten auch die hübschen Rabatten nicht hinwegtäuschen. Er höre auf keinen Fall damit auf, die Welt nach Allouville-Bellefosse zu holen, gerade stehe er mit Baumfreunden aus Singapur im Gespräch. Aber all diese chasseurs d’arbres, die Baumjäger, fänden sowieso ihren Weg in die Normandie, so wie Rob McBride, der in der internationalen Baumszene berühmte Engländer, der sich offiziell treehunter nennt, oder der Italiener, der für die Mailänder Gaswerke arbeitet und in seiner freien Zeit dicke Eichen vermisst, nicht dicke Bäume, nein, nur dicke Eichen.

Vor lauter Wikingern, Freibeutern, exaltierten Klerikern und mistgabelschwenkenden Bauern, vor lauter Schindeln, Metallstreben, Treppen und Treppchen, Trockenblumen, Phalli und anderen Obszönitäten mag man fast vergessen, wer hier eigentlich vor einem steht: ein sehr, sehr alter Baum. Ein sehr lebendiger alter Baum zudem, der wächst und gedeiht und seine Form verändert, der Schindeln sprengtr und gegen Metallklammern kämpft, die in seine Äste einzuwachsen drohen. Ein Baum, der, falls er gesund bleibt und man ihn lässt, den Venusschlitz in seinem Stamm immer mehr zusammenziehen wird, bis kein Mensch sich mehr in sein Inneres zwängen kann und die Jungfrau Maria einsam im Dunkeln steht, um irgendwann verschlungen zu werden.

Es ist aber nicht so, dass mit dem Umbau der Kapelle Ruhe eingekehrt wäre in Allouville, zu viele originelle Geister leben in dieem Dorf, Roger Devaux ist einer. Weißhaarig, langbärtig und verwildert wie ein alter Wikinger oder Appenzeller- Devaux nämlich liebt das Appenzell, was eine eher ungewöhnliche Vorliebe für einen Nordfranzosen sein dürfte-, ist er nicht nur der Lokaljournalist, sondern auch der Organisator des Vélosolexclubs, des jährlichen Oldtimerrennens, der Heiligenausstellung mit tausendzweihundert Heiligenstatuen aus fünfundachtzig Ländern, des Vereins zur Förderung der Trachtenkultur für Jugendliche, des Rentnerausflugs zum Münchner Oktoberfest, und vor allem ist er der Fürsprecher der Eiche. Er hat mehrere Bücher über den Baum veröffentlicht, auch eine Postkartensammlung mit Lithografien und historischen Fotos: spielende Kinder, Hündchen natürlich, Nonnen, Damen in eleganten Roben, die aus Kutschen steigen, und sogar traditionell arabisch gekleidete Spahi, nordafrikanische Kavalleristen, die im Ersten Weltkrieg für Frankreich kämpften. Am Abend wird Roger Devaux anlässlich der Preisverleihung zum schönsten Baum der Nation im Fernsehen zu sehen sein, neulich sprach er im japanischen Fernsehen, und ihm ies es zu verdanken, dass Le Gros Chêne bei den Koreanern einen Kultstatus erreicht hat, sie reisen in Bussen an.

Devaux sitzt oft nach der Arbeit im Le Pousserdas, einer mit Holz verkleideten und Fototapete geschmückten Bar gegenüber der Eiche. Die Bar ist auch der Tabakladen des Dorfes, am Tresen stehen Männer vor ihren Schnapsgläsern. Als Reporter des Courrier Cauchois müsse er aufpassen, was er über die Leute schreibe, ein Fünkchen Wahrheit könne einen Flächenbrand entfachen, sagt Devaux. Und so gehen wir sicherheitshalber zu den historischen Wahrheiten über und er zückt die Lithografie eines anderen wahnwitzigen Baumes, einer Rotbuche, die in direkter Nachbarschaft der Eiche gelebt hatte: Auch ihre Krone ist nicht mehr naturbelassen, sondern zu einem raumhohen, messerscharfen Zylinder geschnitten, eine Leiter führt zur türgroßen Öffnung im Blattwerk, ein Mann steigt hinauf, ein weiterer nimmt ihn oben in Empfang, unterhalb der Leiter liegt ein anderer lasziv im Gras, die quadratischen Baumfenster sorgen für Licht im Inneren, sechzehn Menschen sollen in der Buche um einen runden Tisch herum getafelt haben. Dieser Baum hat die Französische Revolution nicht überlebt, er war wohl zu dekadent, die Revolutionäre haben ihn angezündet.

Le Gros Chêne hätte beinahe das gleiche Schicksal ereilt, zumal sie ein religiöser Ort war und man ihr allerlei magische Kräfte angedichtet hatte. „Weg mit dem mystischen Unsinn!“, lautete das aufklärerische Credo, doch als 1793 eine Gruppe „von Alkohol und demagogischer Wut trunkener“ Revolutionäre die Eiche abfackeln wollte, soll der Lehrer Jean Baptiste de Bonheur in Windeseile die Jungfrau Maria entfernt und eine Tafel mit der Aufschrift Temple de la raison an dem Baum montiert haben, der die Furiosen wie durch ein Wunder von der Zerstörung abhielt, vielleicht lag es auch an den Bauern, die ihren geliebten Baum mit Mistgabeln verteidigten. Andere Kirchhofbäume brannten lichterloh, diese Eiche blieb unbeschadet stehen.

Was den Aufklärern nicht gelang, hätten 1988 beinahe die Behörden geschafft. Der alte Baum war in Schieflage geraten, eine unerfreuliche Neigung zur Straße hin. Experten wurden angefragt, ein englischer Professor plädierte dafür, die Eiche zu fällen, sein französischer Kollege hielt dagegen. Der Stamm war zudem von Moos überwuchert, die Rinde beschädigt, der Baum litt unter Pilzbefall. Die Gemeinde stellte sich auf die Seite des einheimischen Experten, ein aufwändige Sanierung wurde veranlasst und seither wird der Baum gestützt und gehalten, er ist das Herz von Allouville-Bellefosse.

In der Kirche selbst sei nicht mehr viel los, sagt Devaux, sie hätten einen engagierten jungen Pfarrer aus Afrika hiergehabt, aber die Einheimischen hatten ihn loswerden wollen, ein fremder Schwarzer, unmöglich. Jetzt komme einmal im Monat ein Pfarrer aus dem Nachbarort und halte die Messe, ansonsten verwaise die Kirche, das hätten sie nun davon, diese guten Katholiken, schimpft Devaux. Der vertriebene Pfarrer ist nach Kamerun zurückgekehrt, die Geschichte sei, so Devaux, die Schande des Dorfes, darüber könnten auch die hübschen Rabatten nicht hinwegtäuschen. Er höre auf keinen Fall damit auf, die Welt nach Allouville-Bellefosse zu holen, gerade stehe er mit Baumfreunden aus Singapur im Gespräch. Aber all diese chasseurs d’arbres, die Baumjäger, fänden sowieso ihren Weg in die Normandie, so wie Rob McBride, der in der internationalen Baumszene berühmte Engländer, der sich offiziell treehunter nennt, oder der Italiener, der für die Mailänder Gaswerke arbeitet und in seiner freien Zeit dicke Eichen vermisst, nicht dicke Bäume, nein, nur dicke Eichen.

Vor lauter Wikingern, Freibeutern, exaltierten Klerikern und mistgabelschwenkenden Bauern, vor lauter Schindeln, Metallstreben, Treppen und Treppchen, Trockenblumen, Phalli und anderen Obszönitäten mag man fast vergessen, wer hier eigentlich vor einem steht: ein sehr, sehr alter Baum. Ein sehr lebendiger alter Baum zudem, der wächst und gedeiht und seine Form verändert, der Schindeln sprengtr und gegen Metallklammern kämpft, die in seine Äste einzuwachsen drohen. Ein Baum, der, falls er gesund bleibt und man ihn lässt, den Venusschlitz in seinem Stamm immer mehr zusammenziehen wird, bis kein Mensch sich mehr in sein Inneres zwängen kann und die Jungfrau Maria einsam im Dunkeln steht, um irgendwann verschlungen zu werden.

Zora del Buono, Das Leben der Mächtigen. Reisen zu alten Bäumen

Erschienen in der Reihe Naturkunden, herausgegeben von Judith Schalansky

© 2015 MSB Matthes & Seitz Berlin Verlagsgesellschaft mbH

Alle Rechte vorbehalten.

Anmerkung:

[1] https://paris-blog.org/2016/04/29/normandie-teil-1-die-allgegenwaertige-vergangenheit/ 

https://paris-blog.org/2016/05/08/normandie-teil-2-schattenseiten-der-vergangenheit/ 

https://paris-blog.org/2019/06/07/6-juni-1944-aus-feinden-werden-freunde/ 

https://paris-blog.org/2021/04/14/himmlische-freundschaft-ein-gastbeitrag-von-michaela-wiegel/

Bildnachweise:  

Zora del Buona, S. 96 und 103;

https://de.wikipedia.org/wiki/Ch%C3%AAne_d%E2%80%99Allouville

https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Chnedallouville7.jpg

Le vieux chêne d’Allouville-Bellefosse (Seine-Maritime) – Krapo arboricole (wordpress.com)

https://fr.wikipedia.org/wiki/Ch%C3%AAne_d%27Allouville  (Kupferstich aus dem 18. Jahrhundert. Abgedruckt  in: René Dumesnil, La Seine normande, 1938, S. 62

Weitere geplante Beiträge

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Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Das Pariser Stadtmuseum musée Carnavalet ist nach jahrelanger Renovierung wieder eröffnet: Ein erster Rundgang

Die einzigartige historische Jagdtapete Les Chasses de Compiègne im Pariser musée de la chasse et de la nature und im Württemberger Schloss Dätzingen

Christos Pariser Traum: Der verhüllte Triumph Napoleons

Mit der Verhüllung (im Französischen: empaquetage/Verpackung) des Arc de Triomphe vom 18. September bis zum 3. Oktober 2021 geht ein langgehegter Traum Christos -ein Jahr nach seinem Tod- in Erfüllung. 1962 sah Christo Vladimiroff Javacheff, wie er damals noch hieß, vom Fenster seines kleinen Zimmers in der rue de Saint-Sénoch im 17. Arrondissement auf den Triumphbogen. Er bewunderte ihn und träumte von diesem Projekt, das ihn nicht mehr losließ.[1]

Fast 60 Jahre später, 36 Jahre nach der Verhüllung des Pariser Pont-Neuf und 26 Jahre nach der des Berliner Reichstags, ist dieser Traum nun Wirklichkeit geworden. Christo und seine Frau können das aber nicht mehr miterleben: Jeanne-Claude starb 2009, Christo im letzten Jahr. Wie froh und dankbar kann man sein, dass trotzdem das Projekt noch vollendet wurde. Es ist die Abrundung und die Krönung des gemeinsamen Lebenswerkes und eine spektakuläre posthume Ehrung.

Eigentlich schon für 2020 geplant

Eigentlich wollte Christo den Pariser Arc de Triomphe schon 2020 in Stoff packen und verschnüren. Dann kam die Covid- Pandemie dazwischen. Auch auf Turmfalken musste Rücksicht genommen werden, die sich den Bogen als angemessenen Nistplatz erkoren hatten. Die vorbereitenden Arbeiten waren aber schon weit fortgeschritten: 2019 präsentierte Christo das Projekt in seinem New Yorker Atelier, 2020 fand eine große Christo-Ausstellung im Centre Pompidou statt, die eigentlich die Verhüllung des Arc de triomphe begleiten sollte. Diese Ausstellung „Christo et Jeanne-Claude, Paris !“ zeichnete die Pariser Periode des Paares (1958 – 1964) nach sowie die Geschichte des Pont-Neuf-Projekts von 1975-1985.[2]

Christo präsentiert in seinem New Yorker Atelier das Projekt „Arc de Triomphe wrapped“. Aus der Ausstellung „Christo and Jeanne-Claude“. Paris, Berges de Seine. Foto: F. Jöckel 1.9. 21

Bei dieser Ausstellung wurde anhand von detaillierten Plänen, ausgestellten Materialien und Fotos gezeigt, ein welch großes Maß an intensiver Vorbereitung, an Wissen und Können und an einem abgestimmten Zusammenwirken aller Beteiligter ein solches Projekt erfordert. Es gehört ja auch zu den Charakteristika der Christo’schen Projekte, dass dazu eine sehr lange Zeit der Planung, eine lange Zeit der Installation, aber nur eine kurze Zeit der Präsentation gehört.

Nur 16 Tage lang wird man den verhüllten Arc de Triomphe bewundern können.  „Dass die Kunstwerke verschwinden ist ein Teil des ästhetischen Konzeptes. Dadurch sind sie tief verwurzelt mit der Freiheit, denn die Freiheit ist Feind des Besitzes und Besitz ist gleichbedeutend mit Dauerhaftigkeit“, erklärte Christo einmal seine Kunst.[3]

Die Verpackung des Arc de Triomphe: Eine technische und logistische Meisterleistung

Die Phase der Installation begann am 15. Juli.

Informationstafel am Zugang unter der place Charles de Gaulle zum Arc de Triomphe

Da wurde zunächst die Baustelle vorbereitet:  Es wurden Kräne aufgefahren und aufgebaut:

Foto: Wolf Jöckel  2.8.21

                                Foto 2.8.21

Danach wurden Gerüste errichtet für die nachfolgenden eigentlichen Arbeiten an dem Projekt.

Foto: Wolf Jöckel 23.8.21

Die Phase der Verhüllung ist in drei Abschnitte gegliedert:

Aus: Le Parisien 30. Juli 2021

Als erstes wurde der Triumphbogen mit seinen Reliefs gesichert. Er erhielt gewissermaßen ein Korsett, um Schäden durch Druck und Reibung der Verpackung zu verhindern.

Hier das mit einem Schutz versehene Hochrelief von François Rude, Der Auszug der Freiwilligen, auch Marseillaise genannt, auf der von den Champs-Elysées aus gesehenen rechten Schauseite des Triumphbogens. (Foto vom 2.8.) Thema ist die levée en masse von 1793: Alt und jung sind auf dem Weg in den Kampf, zu dem die geflügelte Kriegsgöttin mit ihrem Schwert den Weg weist.

Geplant und installiert wurden die Stahlbau-Gerüste und Schutzvorrichtungen übrigens von einem deutschen Ingenieurbüro aus Stuttgart. Verantwortlich vor Ort ist eine junge Bauingenieurin, Anne Burkhartz. In dem Artikel „L’art pour l’Arc“ von Michaela Wiegel in der FAZ vom 25.8. kommt sie zu Wort: „Manchmal gerate ich ganz schön ins Schwitzen, denn wir dürfen auf keinen Fall das Baudenkmal beschädigen.“ Jetzt sei das Stahlbaugerüst so gut wie fertig aufgebaut, „und ich bedauere beinahe, dass unsere Maßarbeit bald nicht mehr zu sehen ist.“

Nach der Installation der Schutzvorrichtungen wurde der Bogen mit einem Geflecht von Tauen überzogen, um dem Werk die gewünschte Struktur zu geben.

Foto Wolf Jöckel 2.9.

Und darüber wurden in einem letzten Akt 25.000 m2 silberblauer Stoff gebreitet- Planen aus aluminiumbedampftem Polypropylengewebe, die übrigens in Deutschland hergestellt wurden: Produziert hat das Gewebe die Firma Setex in Greven. Sie ist Nachfolgerin des Unternehmens Schilgen aus Emsdetten, das schon den Stoff für die Verhüllung des Reichstages lieferte. Setex verkauft vornehmlich schwer entflammbare Stoffe, die für Uniformen von Feuerwehrleuten und für Theatervorhänge verwendet werden. Schon „die neuen Kleider der Inseln des Iseo-Sees“ hatte Setex für die Christos hergestellt. Doch bevor das Gewebe zur Verhüllung verwendet werden kann, sind noch zwei weitere Arbeitsschritte erforderlich: Der Stoff wird zunächst noch beschichtet, was ihm seinen silbrigen Glanz verleiht und dazu beiträgt dass sich das verhüllte Gebäude nicht allzu sehr erwärmt: Ein Werk der Firma Rowo Coating aus der Kleinstadt Herbolzheim in Baden, die auch schon den Stoff für den Reichstag beschichte. [2a]

Und schließlich wird der beschichte Stoff zur Weiterverarbeitung an die Firma „geo- Die Luftwerker“ geliefert. , Die ist auf die Herstellung und Reparatur von Heißluftballons und Luftschiffen spezialisiert und seit acht Jahren „Christos Hausschneider“. Unter anderem haben sie auch für Christos „Floating Piers“ auf dem Lago d’Iseo in Oberitalien geschneidert… Aufgabe von geo war es, die exakt berechneten Stoffbahnen zusammenzunähen, was bei der Größe der Bahnen und der Dicke des Gewebes nur in einer großen Werkhalle und nur mit speziellen Nähmaschinen und besonders qualifiziertem Personal möglich war. 200 Tage hat diese komplizierte Arbeit gedauert. Firmensitz der „Luftwerker“ ist Lübeck – eine Stadt, die übrigens zur Zeit des Baus des Arc de Triomphe als Teil des Départements Bouches de l’Elbe zu Frankreich gehörte. Auch eine Hebebühne stammt aus Deutschland.

Insofern ist auch Deutschland ein wenig an diesem grandiosen Projekt beteiligt. (Foto: Wolf Jöckel 15.9.)

Foto Wolf Jöckel 2.9. Die Verhüllung des Bogeninneren hat schon begonnen

Am Sonntag, dem 12.9. lassen über 70 Gebäudekletterer (nach Le Parisien waren es 95) die ersten Stoffbahnen herab.

Bild aus: https://www.ndr.de/kultur/kunst/Christo-Verhuellung-des-Triumphbogens-in-Paris-in-vollem-Gange,christo458.html

Schon der Prozess der Verhüllung des Triumphbogens ist eine große Attaktion. Bild: Wolf Jöckel 13.9.

Die noch unverschnürten, sich leicht vom Wind bewegten Stoffbahnen. Foto: Wolf Jöckel 13.9.
Fotos: Wolf Jöckel 13.9.

Zum Schluss werden die Stoffbahnen dann noch einmal mit -hier noch herunterhängenden- roten Tauen von 3000 Metern Länge befestigt und gesichert.

Fotos: Wolf Jöckel 15.9. 21

Alles verwendete Material ist übrigens recyclebar – das war den Christos immer wichtig: Es entspricht nicht nur ökologischem Denken, sondern auch dem Konzept der Vergänglichkeit, das für Christos Projekte charakteristisch ist.

Am 18. September, dem Tag der Einweihung des Projekts, wurde dann auch die Avenue des Champs – Élysées für den Autoverkehr gesperrt, die Gerüste und Absperrungen wurden entfernt und man konnte ungehindert den verhüllten Arc de Triomphe bewundern: In der Tat „ein Werk des Entzückens“, wie Philippe Delval, der Direktor der französischen Denkmalverwaltung Monuments de France, es nannte. Aber es gibt auch andere Stimmen. Steve Briois vom rechtsradikalen Rassemblement National beklagte sich: „Über eines unserer glorreichsten Denkmäler wurde eine Müllsack gestülpt“. (FAZ, 17.9.21). Was die Ästhetik des verhüllten Arc de Triomphe angeht, kann sich jeder seine eigene Meinung bilden. Und den Arc kann man auch ganz anders sehen als „eines unserer glorreichsten Denkmäler“. Doch dazu mehr im zweiten Teil dieses Beitrags….

Fotos: Wolf Jöckel 18.9.
Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist dsc01591-arc-18.9-4.jpg.

Vladimir Navachev, dem Neffen Christos, der das Projekt betreute, war es besonders wichtig, dass jeder ungehindert und kostenlos Zugang zu dem Kunstwerk hatte,, es auch „ganz hautnah“ sehen, ja berühren konnte.

Insgesamt ein grandios orchestrierter immenser Aufwand: Hans-Joachim Müller schrieb in einem Nachruf auf Christo: Christo, das war auch eine Art Logo, ein anderes Wort für ein Kunstunternehmen, das in der Realisierungsphase der Projekte Mitarbeiter-Staffs in Fabrikstärke beschäftigte. Wer den Regisseur dabei beobachten konnte, wie minutiös, wie generalstabsmäßig, wie ungemein pannenresistent die Projektabwicklung geschah, der war allemal beeindruckt von der Effektivität des unbeirrbaren Managements“.[4]  Diese Beobachtung gilt auch für Christos posthumes Werk.

                           Foto: Wolf Jöckel 23.8.21

Ein solches Unternehmen hat natürlich auch seinen Preis: 14 Millionen Euro kostet die Verhüllung des Arc de Triomphe. Dafür wurden, wie bei allen Christo-Projekten, keine öffentlichen und privaten Mittel in Anspruch genommen: Christo betonte immer wieder, dass er in den 1960er Jahren aus einem kommunistischen Land geflohen sei und deshalb jede Art der Vereinnahmung seiner Kunst ablehne.

Aber an den Finanzen ist bisher wohl noch kein Projekt von Christo gescheitert. Dafür war er auch ein geschäftstüchtiger Unternehmer, der zum Beispiel durch den Verkauf von vorbereitenden Zeichnungen seiner Projekte Geldmittel generierte.[5] 

Für die Finanzierung der Verpackung des Arc de Triomphe veranstaltet Sotheby’s Paris vom 17. September bis  zum 3. Oktober eine Verkaufsausstellung mit dem Titel The Final Christo.

Die Niederlassung von Sotheby’s Paris im noblen Faubourg Saint-Honoré

Dort werden 25 Werke Christos zu einem Stückpreis von 150 000 Euro bis 2,5 Millionen Euro angeboten.

Foto: Wollf Jöckel 17.9.

Das wird für die Finanzierung des -nach Sotheby’s-  „greatest work of public art worldwide in 2021“ sicherlich ausreichen.[6]

Der Arc de Triomphe: Christos und Jean-Claudes Traum der Pariser Jahre

Die Verhüllung des Arc de Triomphe war ein langgehegter und starker Wunsch der Christos.  Dies hat mehrere Gründe.

  • Persönlicher/biographischer Bezug

Da ist zunächst der wichtige biographische Aspekt: Seit sich Christo 1962 in Paris niederließ und in der Nähe des Arc de Triomphe wohnte, träumte er von seiner Verhüllung.

Foto: Wolf Jöckel. Diese bei Sotheby’s gezeigte Fotomontage Christos stammt aus seinen ersten Pariser Jahren. Das sehr handfest verschnürte Packet symbolisiert den Arc de Triomphe, der auf dem Foto in die Perspektive einer der großen auf die place de l’étoile zuführenden Avenues platziert ist.

Auf der persönlichen Ebene hatte die Idee einer (hier noch sehr wenig eleganten) Verpackung eine symbolische Bedeutung: „Dieses Bauwerk wollte er gewissermaßen, angekommen in Paris, erobern“, wie Sophie Duplaix, Kuratorin der Christo- Ausstellung im Centre Pompidou 2020 schrieb. Dass Paris für die künstlerische Entwicklung der Christos eine ganz zentrale Etappe war, konnte diesen Traum nur befördern.

  • Ästhetischer Reiz

Wie bei allen großen Verpackungsaktionen der Christos geht es auch beim Arc de Triomphe vor allem um die Schönheit des Kunstwerks. Der Triumphbogen erhält damit eine ganz neue, geradezu poetische Dimension, „une insolite beauté“, wie Serge Lasvignes, der Präsident des Centre Pompidou feststellte. Ich weiß nicht, wie die Christos die Ästhetik des „nackten“ Triumphbogens beurteilten. Für mich ist er in seiner triumphierenden Monumentalität eher obszön als schön. Diese Monumentalität verschwindet zwar nicht durch die Verpackung, aber sie wird durch den Stoff, der das Bauwerk umgibt, gelindert: Die Aufmerksamkeit wird auf das Hüllengewebe mit seinen Eigenschaften und seinem Eigenleben gelenkt. Sie verleiht dem Bauwerk Leichtigkeit, auch indem sie es -auf den ersten Blick- seiner formalen und historischen Identität enthebt. Es entfaltet sich ein Spiel der Gegensätze zwischen der fließenden und vergänglichen Hülle und dem massiven, auf Ewigkeit angelegten Bau darunter.[7] “Es wird wie ein lebendes Objekt sein, das im Wind lebendig wird und das Licht reflektiert. Die Falten werden sich bewegen, die Oberfläche des Denkmals wird sinnlich. Die Leute werden den Arc de Triomphe anfassen wollen”, erklärte Christo.[8]  Mit diesem „demokratischen Faltenwurf“[9]  hat die Verhüllung des Arc de Triomphe auch eine politische Dimension.   

  • Politische Herausforderung

Ganz eindeutig gehört der Arc de Triomphe zu den Bauwerken in Frankreich, die eine hohe symbolische Bedeutung haben für das, was sie repräsentieren: Ursprünglich von Napoleon initiiert um seine großen Siege zu feiern, wurde er in den 1830-er Jahren vom „Bürgerkönig“ Louis Philippe vollendet, der den Mythos Napoleon für sich instrumentalisierte. Dort wurde dann auch 1840 die Asche Napoleons mit großem Pomp empfangen, bevor sie in den Invalidendom überführt wurde. War der Arc de Triomphe ursprünglich also ein Monument des napoleonischen Ruhms, so eignete sich allmählich auch die Republik das Bauwerk an: 1885 wurde dort vor seiner Überführung ins Pantheon der Leichnam Victor Hugos aufgebahrt, und nach heftigen Debatten wurde nach dem Ersten  Weltkrieg  das Grab des unbekannten Soldaten mit der ewigen Flamme zu seinen Füßen installiert. Mit den Worten von Sophie Duplaix: „L’Arc de triomphe est chargé de toutes ces strates d’histoire qui se sont sédimentées à travers ce monument, ce qui lui donne ce poids et cet intérêt.“[10]  Dass der Arc de Triomphe gewissermaßen mehr als 200 Jahre französischer Geschichte repräsentiert, hat sicherlich auch den französischen Traum Christos befördert. Es ist ja bezeichnend, dass  Christo seinen Vertrauten Michael S. Cullen beauftragt hatte, in dem großen Katalog zur Verhüllung des Arc de Triomphe einen einleitenden Aufsatz über dessen Geschichte zu schreiben.[11]

 

Der verhüllte Triumph Napoleons

Es wäre sicherlich verkürzt, den Arc de Triomphe allein auf seine ursprüngliche Bestimmung als monumentale Feier napoleonischer Siege zu reduzieren. Aber ich sehe eine symbolische Fügung darin, dass die Verhüllung gerade in diesem Jahr stattfindet, in dem der 200. Todestag Napoleons in Frankreich aufwendig und großartig begangen wird.[12]

Angeordnet wurde der Bau des Triumphbogens nämlich durch ein Dekret Napoleons aus dem Jahr 1806. Im Jahr davor hatte Napoleon mit der sogenannten Dreikaiserschlacht von Austerlitz seinen größten militärischen Triumph gefeiert, „la plus belle victoire impériale“.[13] Der sollte nun auch entsprechend architektonisch gestaltet werden.  Vorbild war der Titus-Bogen in Rom: wie bei Napoleon üblich also die imperiale römische Architektur, die aber selbstverständlich noch weit an Größe übertroffen werden sollte: Der Titus-Bogen mit seinen 14.50 m Höhe erscheint geradezu zierlich im Vergleich zum 50 Meter hohen Arc de Triomphe!  Die „Kolossalarchitektur sollte in ihrer Monumentalität die auf Ewigkeit angelegte Herrschaft und damit die Größe ihres Erbauers evozieren.“[14] Gewidmet war er dem Ruhm der napoleonischen Armeen- so wie auch der kleinere Arc de Triomphe du Carrousel, wie die Vendôme-Säule (die natürlich das römische Vorbild, die Trajans-Säule,  noch übertraf) und wie die einem klassischen Tempel nachempfundene Madeleine, die (auch wieder natürlich) alle römischen  Tempel und selbst den Athener Parthenon mit ihren Ausmaßen in den Schatten stellte: Eine omnipräsente monumentale Siegesfeier! Allerdings konnte der Triumphbogen inmitten der großartigen, sternförmig angelegten place de l‘Étoile nicht mehr in der Ära Napoleons vollendet werden. Das geschah erst zu Zeiten Louis Philippes, der sich ostentativ in die revolutionäre und imperiale Tradition Frankreichs einordnete und so seine Legitimität untermauern wollte.

Mit dem Triumphbogen werden die Siege Napoleons gefeiert. 166 Namen von Schlachten sind in den Bogen eingraviert, dazu kommen zusätzlich Reliefs auf den vier Pfeilern mit den Namen großer Siege im Norden (Austerlitz, Jena, Friedland, Ulm, Wagram), im Osten (Alexandria, Pyramiden, Aboukir, Heliopolis), im Süden (Marengo, Rivoli, Arcole, Lodi)  und Westen (Jemmapes, Fleurus). Verzeichnet sind auch – die exakten Zahlenangaben variieren- über 600 Namen von Offizieren, Generälen, Marschällen.

Verzeichnet sind also die Namen von Siegen und Siegern. Tote gibt es auf dem Arc de Triomphe aber auch: Es sind Feinde, die am Boden liegen, wie der ottomanische Soldat auf dem Relief über dem „Triumph Napoleons“. Napoleon reitet als siegreicher Feldherr der Schlacht von Aboukir in Ägypten gerade über ihn und die zerstörten Waffen des Gegners hinweg. Auf dem Pfeiler daneben wird auf dem Relief über der Marseillaise aber auch ein französischer Gefallener abgebildet: Es ist der General Marceau, der 1796 im Kampf gegen die Österreicher den „Heldentot“ starb. Er ist auf dem Totenbett aufgebahrt und der österreichische Erzherzog legt eine Krone auf seinen Leichnam. Selbst der Gegner erweist also dem Helden die Ehre!

Das Zeitalter Napoleons war noch geprägt von der Vorstellung, dass der Sieg auf dem Schlachtfeld, dem „Feld der Ehre“, das non plus ultra des Ruhms sei. Und  ruhmreich war durchaus auch ein „schöner Tod“, „une belle mort“, auf dem „champ d’honneur“.[14]  „Dulce et decorum est pro patria mori“,  sagte der römische Dichter Horaz, „süß und ehrenvoll ist’s  für’s Vaterland zu sterben“.  Aber noch süßer und ehrenvoller waren natürlich die Siege, deren Orte und Anführer mit dem Arc de Triomphe verewigt werden sollten.

In Wirklichkeit war der Tod auf dem Schlachtfeld natürlich alles andere als süß. Und er hatte eine reiche Ernte in der Zeit der napoleonischen Kriege. Neuere Schätzungen gehen von 900 000 bis 1 Million getöteten französischen Soldaten aus, immerhin 45% der Mobilisierten!

Dazu kommen die Gefallenen bei den Gegnern und den Hilfstruppen der Grande Armée -darunter viele sehr unfreiwillige deutsche Soldaten – die vor allem im wahnwitzigen Krieg gegen Russland ihr Leben verloren.[15]  Insgesamt liegen die Schätzungen der nicht-französischen militärischen Opfer der napoleonischen Kriege bei etwa zwei Millionen Toten.  Und zivile Opfer gab es schließlich auch noch, man denke nur an den verheerenden Krieg in Spanien.

Als am 16. Mai 1871 die Pariser Commune die Vendôme-Säule mit dem Standbild Napoleons an seiner Spitze niederriss, kursierten Verse über das in den napoleonischen Kriegen vergossene Blut: Werde es auf der place Vendôme gesammelt, könne es der Napoleon da oben trinken, ohne sich bücken zu müssen….

Aber auch in diesem Blick auf die Opfer war die Pariser Commune ihrer Zeit voraus. Erst die beiden Weltkriege mit den Millionen hingeschlachteter Soldaten und den Millionen ziviler Opfer veränderten die Mentalitäten: Napoleon war aber -was den Krieg angeht-  ein Kind des 18. Jahrhunderts, wo der Triumph auf dem Schlachtfeld der höchste Ausdruck des Ruhms war und die Opfer wenig zählten. „Une nuit de Paris arrangera cela“ (Eine Nacht von Paris wird das schon richten): Dieser im 17. Jahrhundert von dem Prinzen von Condé geprägte Satz, der Napoleon – zu Recht oder Unrecht- nach der außerordentlich verlustreichen Schlacht von Eylau zugeschrieben wird, empörte die Zeitgenossen nicht sonderlich, sondern galt eher als geistreicher Ausdruck à la française einer demographischen Gewissheit.[16]  

Nach Austerlitz hätte es wohl die Möglichkeit eines für Frankreich durchaus vorteilhaften Friedens zwischen den kontinentaleuropäischen Mächten gegeben. Talleyrand versuchte in diesem Sinne auf Napoleon einzuwirken, aber ohne Erfolg[17]: Talleyrand war, wie der Marquis de Caulaincourt, Großstallmeister (grand écuyer) des Kaisers, in seinen Memoiren berichtet, für Napoleon „eine alte Frau“, auf deren Rat er nichts gab, oder gar (sic!) „Scheiße im Seidenstrumpf“.[18]  Napoleon war eben kein Diplomat, sondern zuerst Abenteurer und Eroberer. Er glaubte nicht an die Möglichkeit eines Miteinander der europäischen Mächte. Für ihn, nach eigenem Bekenntnis „nur ein Sohn des Glücks“, beruhten seine Macht und Legitimität auf Gewalt und Sieg. Nach dieser Logik gab es für ihn auch nach Austerlitz nur weitere „glorreichen Siege“ und immer neue Kriege.[19]

Insofern war es konsequent, dass Napoleon auch nach der Niederlage der „Grande Armée“ in Russland nicht bereit war, die Möglichkeit eines Friedens in Betracht zu ziehen, wie Günter Müchler in seinem -auch ins Französische übersetzten- Buch über das historische Treffen 1813 zwischen Napoleon und Metternich in Dresden zeigt. Napoleon hätte sogar damals noch einen Teil seines „Grand Empire“ bewahren können. Aber selbst nach der russischen Katastrophe war er zu keinerlei Zugeständnissen bereit.  Es könne ihn zwar den Thron kosten, aber dann werde er „die Welt unter seinen Trümmern begraben.“[20]

Durch seine kompromisslose Expansionspolitik schürte Napoleon nationale Hassgefühle, die, so France Culture anlässlich des  „Napoleon-Jahres“ (année Napoléon) 2021, die deutsch-französischen Beziehungen während der folgenden 150 Jahre vergifteten. Die so genannte deutsch-französische Erbfeindschaft ist jedenfalls ganz wesentlich ein Ergebnis rücksichtsloser napoleonischer Großmachtpolitik.[21]

Gerade auch unter diesem Blickwinkel folgt die protzige Zurschaustellung napoleonischer Siege, als deren Höhepunkt der Arc de Triomphe konzipiert war, zwar einer inneren Logik, kann aber eher befremden. Denn Völker zögern, wie der französische Historiker Antoine Prost schreibt, „sich auf Dauer an ihre Eroberungen zu erinnern, denn das hieße, ehemalige Gegner immer wieder auf ihre Erniedrigung hinzuweisen und sich dafür rechtfertigen zu müssen, einmal eine räuberische Nation gewesen zu sein.“[22]  Diesen Rechtfertigungsdruck hat man aber offenbar beim Bau des Arc de Triomphe nicht gespürt und ebenso wenig bei der Namensgebung von prominenten Orten und Straßen der Stadt Paris. Belege dafür gibt es in Hülle und Fülle. Nur zwei Beispiele:  Umrundet man die place de l’Étoile und betrachtet die Namen der in ihn einmündenden Straßen, so findet man die Avenue d’Iéna (an der das Goethe-Institut liegt- benannt nach dem Sieg Napoleons von Jena und Auerstedt 1806)),  die Avenue Kléber (General), die Avenue de la Grande Armée (die Armee Napoleons), die Avenue de Wagram (Sieg Napoleons über die Österreicher 1809), die Avenue Hoche (General) und die Avenue  de Friedland (Sieg Napoleons 1807 über ein russisch-preußisches Heer)…  Und der Boulevard, der ringförmig Paris umgibt (le boulevard des Maréchaux) , tragt die Namen napoleonischer Marschälle: Davout, Soult, Kellermann, Ney, Berthier… um nur einige zu nennen.

Aber darüber sollte man nicht die Nase rümpfen – schon gar nicht als Deutscher. Immerhin gibt es in Berlin die Siegessäule zur Erinnerung an den Sieg im deutsch-französischen Krieg von 1870/1871 und es gibt den Pariser Platz am Brandenburger Tor, an dem die französische Botschaft liegt, dessen Name aber auf die Einnahme von Paris 1814 durch die preußischen Truppen im Rahmen des sogenannten Befreiungskriegs zurückgeht.

Solche Bezeichnungen, Orte und Monumente gehören aber zu dem historischen Erbe einer Stadt, sind Teil ihrer Identität und deshalb schützens- und erhaltenswert.

Weniger Verständnis habe ich allerdings dafür, wie Napoleon in der großen Jubiläums- Ausstellung in Paris/La Vilette ganz unbefangen als „Sieger ruhmreicher Schlachten“ gefeiert und wie das von  Goya eindrucksvoll festgehaltene brutale Vorgehen der französischen Truppen in Spanien präsentiert wird: Da wird nicht von einer (legitimen) résistance civile gesprochen, sondern von einer dem damaligen Kriegsverständnis widersprechenden ingérence civile, die dann eben hart niedergeschlagen worden sei.  Und schließlich hätten auch die Alliierten bei ihrem Einmarsch in Frankreich 1814 und 1815 zahlreiche Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung begangen. Die buchhalterische Bilanz der napoleonischen Kriege durch die Ausstellungs-Macher: Trotz der etwa 3 Millionen Toten sei in dieser Zeit die Bevölkerung Europas doch deutlich angestiegen. Da klingt noch die eine Pariser Nacht an, die das schon richten werde … [23]

2005 hatte sich der damalige Staatspräsident Jacques Chirac geweigert, den 200. Jahrestag der Schlacht von Austerlitz, die als größter Sieg Napoleons betrachtet wird, zu feiern, was ihm heftigste Kritik eintrug und bis heute von Napoleon-Verehrern nicht verziehen wird.[24]

Auch der damalige französische Ministerpräsident, Dominique de Villepin, nahm nicht an Austerlitz-Gedenkveranstaltungen teil. Das war umso bemerkenswerter, als er ein ausgesprochener Napoleon-Verehrer war, dem er auch ein Buch gewidmet hat. Die lakonische Begründung von Villepin: „il y a plusieurs Napoléon“[25] und der Napoleon von Austerlitz war nicht der, den Villepin schätzte.

In diesem Jahr nun wird nun ganz offiziell und aufwändig Napoleon anlässlich seines  200. Todestages gewürdigt. Immerhin ist er unzweifelhaft „une figure majeure de notre histoire“, wie der französische Regierungssprecher anlässlich des Jubiläumsjahres feststellte, er ist -mit den Worten Präsident Macrons- „ein Teil von uns“ (une part de nous) und noch vor General de Gaulle und mit Ludwig XIV.  „le personnage préféré“ der Franzosen.

Unzweifelhaft gibt es den Napoleon, der viele Zeitgenossen faszinierte und der die Modernisierung (nicht nur) Frankreichs ganz erheblich vorangetrieben hat. Thierry Lentz, der Leiter der Fondation Napoléon, hat das anlässlich des Gedenkjahres noch einmal in einem Buch mit dem programmatischen Titel „Pour Napoléon“ zusammengestellt. Da wird der Napoleon gefeiert, der „für eine der glorreichsten Epochen der Grande Nation“ steht und Frankreich seine grandeur wiedergegeben habe.[26]

Aber es gibt auch genug dunkle Seiten:

  • Es gibt den expansionistischen Napoleon, dem ein bis an seine „natürlichen Grenzen“, also  Pyrenäen, Atlantik und Nordsee, Alpen und Rhein,  erweitertes Frankreich – aus deutscher, belgischer und holländischer Sicht schon Zumutung genug-  nicht genügte. (26a)  Napoleons Kaiserreich expandierte auch nach Italien, Spanien, Südosteuropa und dem Deutschland „outre-Rhin“. 1811 wurden selbst die alten freien Hansestädte Hamburg und Lübeck dem „grand empire“ einverleibt.
  • Es gibt den Kunsträuber Napoleon, der systematisch die Kunstschätze der von ihm eroberten Länder plünderte[27]  und der auch auf dem Arc de Triomphe entsprechend gefeiert wird:

Auf dem umlaufenden Fries wird der Transport von erbeuteten Kunstschätzen -hier eine Sphinx aus Ägypten- nach Paris gezeigt, wo sie in einem Triumphzug einem begeisterten Publikum präsentiert wurden, bevor sie das musée Napoléon, Vorgängerin des Louvre, füllten.

  • Es gibt den Napoleon, der nicht nur in Frankreich, sondern auch in seinem Einflussbereich die Meinungsfreiheit einschränkte und eine strikte Pressezensur ausübte, was der Nürnberger Verleger Johann Philipp Palm mit seinem Leben bezahlte:  Er wurde von den Franzosen füsiliert,  weil er eine Flugschrift vertrieben hatte, in der die »tiefe Erniedrigung« Deutschlands nach dem Zerfall des Alten Reichs beklagt wurde.
  • Es gibt den Napoleon der Kriegslasten, der den besiegten Ländern erpresserische Kontributionen auferlegte: Die Stadt Erfurt, 1808 Ort des glanzvollen Fürstenkongresses mit seinem „hemmungslosen Kaiserkult“, zahlte beispielsweise noch bis 1878 an den Schulden, die ihnen die napoleonischen Jahre hinterlassen hatten.[28] 
  • Und dann gibt es – anlässlich des Napoleon-Jubiläums besonders im Blickpunkt- den Umgang mit den Rechten von Frauen und vor allem den Sklaven, wo es Rückschritte gegenüber dem gab, was vorher schon gedacht und erreicht war: Immerhin hatte der Nationalkonvent im Jahre 1794 die Sklaverei in den französischen Kolonien aufgehoben. Aber es war Napoleon, der 1802 mit der Wiedereinführung der Sklaverei das Rad der Zeit zurückdrehte.  Es geht also fehl, eine entsprechende kritische Beurteilung als anachronistisch abzutun.[29]

Und nicht zuletzt und in unserem Zusammenhang wesentlich: Napoleon wird -nach dem Urteil von france culture– nicht ohne Grund auch als ein „massacreur“ betrachtet, dessen unersättliche militärische Ambitionen das Leben von hunderttausenden Menschen in Europa gekostet habe.[30]

Um diesen Aspekt des Napoleonischen Handelns geht es bei dem Projekt Christos. Die „für immer“ in Stein gemeißelte Verherrlichung der unseligen Kriege und Siege Napoleons auf dem Arc de Triomphe ist jetzt für 18 Tage verhüllt.

Verhüllt werden die eingravierten Orte mit den Namen der Siege Napoleons. Verhüllt sind die Namen der Militärs – zu denen auch die Generäle Jacques Nicolas Gobert, Antoine Richepanse und Charles Leclerc gehören: Richepense war der Führer des Expeditionskorps, das 1802 in Guadeloupe den Widerstand gegen die von Napoleon befohlene Wiedereinführung der Sklaverei mit äußerster Härte niederschlug; Gobert war sein Nachfolger, der eine ebenso blutige Spur nach sich zog.[31] Und die Niederschlagung der haitischen Revolution mit ihrer weltweit ersten die Sklaverei verbietenden Verfassung war Napoleon so wichtig, dass er 1802 sogar seinen Schwager, General Leclerc, nach Haiti entsandte, um wieder Sklavenhalter- Recht und – Ordnung herzustellen.

Verhüllt werden auf der den Champs-Elysées zugewandten Schauseite des Arc de Triomphe der -hier schon vergitterte- Napoleon, der gerade von einer Siegesgöttin gekrönt wird, während die Trompete des Ruhms erschallt.

Verhüllt ist dann auch die Hand Napoleons, die symbolisch auf dem Kopf einer am Boden knieenden besiegten Stadt liegt, während Clio, die Muse der Heldendichtung und Geschichtsschreibung, auf einer Tafel die Siege für die Ewigkeit festhält.

Nicht verhüllt dagegen ist das Grab des unbekannten Soldaten unter dem Bogen. So hatte es Christo ausdrücklich festgelegt: „Die Flamme der Nation vor dem Grab des Unbekannten Soldaten unter dem Arc de Triomphe wird während des Auf- und Abbaus sowie während der gesamten Zeit, in der das Werk sichtbar ist, weiter brennen.[32]   Der Blick auf die Opfer der Kriege bleibt also unverdeckt.

Und die tägliche Zeremonie am Grab des unbekannten Soldaten fand/findet ohne Unterbrechung statt.

Christo und Jeanne-Claude waren sehr zurückhaltend, wenn es um die Interpretation ihrer Werke ging. Die Menschen sollten sich selbst ihre Meinung bilden, sich ihre eigenen Gedanken machen. Zur politischen Dimension ihrer Projekte haben sich die Christos unterschiedlich geäußert.[33] Aber dass Politik und Geschichte eine Rolle gespielt haben, liegt auf der Hand: Die Verhüllung des Amerikahauses in Heidelberg -zusammen mit dem Aktionskünstler Klaus Staeck 1969, zur Zeit des Vietnam-Krieges- belegt das eindeutig.[34] Und eine politische Dimension hatte natürlich auch die höchst umstrittene Verhüllung des Reichstags. Für Michael S. Cullen, den Vertrauten der Christos, der die Anregung zu dieser Aktion gab, war der Reichstag ohne Kuppel „auch ein enthauptetes Symbol der deutschen und europäischen Geschichte, das irgendwie nach neuem, anderem Leben rief. Nach einer Verzahnung von Politik und Kunst im öffentlichen Raum.“[35] Das bestätigten auch die Christos selbst, die nicht als reine „Verpackungskünstler“ verstanden werden wollten. Denn das Verhüllen sollte dazu dienen, Dinge sichtbar zu machen, neu wahrzunehmen.  „Wir verhüllen nicht nur ein Gebäude“, erläuterte Jeanne-Claude anlässlich des Reichstags-Projekts, sondern auch „die deutsche Angst, den deutschen Stolz. Die deutsche Vergangenheit.“ Und Christo ergänzte: „Auch die Zukunft.“[36]

Nach den Worten des Theologen und DDR-Bürgerrechtlers Friedrich Schorlemmer hatten die Christos damals dem Reichstag eine „friedfertige Schönnheit“ verliehen. .[37] Damit ist die Verbindung von Politik und Ästhetik wunderbar auf den Punkt gebracht. Auch der nun verhüllte Arc de Triomphe ist eine solche friedfertige Schönheit, die allerdings ein Bauwerk verhüllt, das wohl kaum eine Schönheit und schon erst recht keine friedfertige ist.

So fordert auch die faszinierende Verhüllung des Arc de Triomphe zur Bewunderung dieses Meisterwerkes auf, gleichzeitig aber auch zu einem geschärften Blick auf das, was da verhüllt wird.


Anmerkungen

[1] https://www.francetvinfo.fr/culture/arts-expos/art-contemporain/art-monumental-l-arc-de-triomphe-emballe-le-triomphe-posthume-de-christo_4723013.html

[2] https://www.centrepompidou.fr/fr/programme/agenda/evenement/5rAjrnZ

Das nachfolgende Foto aus: https://www.lesechos.fr/industrie-services/services-conseils/comment-christo-a-imagine-un-financement-original-pour-empaqueter-larc-de-triomphe-1340179

[2a] Die Informationen über den Beitrag der Firmen Setex-Textil-GmbH und Rowo Coating verdanke ich zwei Artikeln der Seite Jugend und Wirtschaft der F>Z vom 7. Oktober 2021, und zwar:

Rawan Ammoura vom Hans-Böckler-Berufskolleg, Münster: Christos stiller Triumph. Setex aus Greven hat den Stoff hergestellt, mit dem der Arc de Triomphe in Paris verhüllt wurde.

und:

Sofia Charelas vom Max-Planck-Gymnasium, Lahr: Stoff in Hülle und Fülle. Rowo Coating aus Herbolzheim hat den Stoff für die Verhüllung des Triumphbogens beschchtet.

[3] Nachfolgendes Foto: Filmstill aus dem Film Christo in his studio working on a preparatory drawing for „L’Arc de Triomphe, Wrapped,“ New York, 2019. Von Trevor Tweeten. Siehe auch: https://vimeo.com/562453116   

[4] Hans-Joachim Müller,  Nachruf auf Christo. Der romantische Unternehmer. WELT 1.6.2020 https://www.welt.de/kultur/article208688005/Nachruf-auf-Christo-Der-romantische-Unternehmer.html

[5] Nachfolgendes Bild aus: https://www.franceculture.fr/architecture/larc-de-triomphe-empaquete-derniere-oeuvre-posthume-de-christo-et-jeanne-claude

[6] Comment Christo a imaginé un financement original pour empaqueter l’Arc de Triomphe | Les Echos Dort das vorausgegangene Bild

Und https://www.sothebys.com/en/digital-catalogues/the-final-christo?locale=en Dort auch das nachfolgende Bild.

[7] Ich beziehe mich hier auch auf die Ausführungen zur Verhüllung des Berliner Reichstags in: Inga Klein, Nadine Mai, Rostislav Tumanov (Un-)Sichtbares und die Perspektiven der Hüllen: Zur Einführung, S. 8/9  In: Hüllen und Enthüllungen (Un-)Sichtbarkeit aus kulturwissenschaftlicher Perspektive.  Herausgegeben von Inga Klein, Nadine Mai und Rostislav Tumanov. Berlin 2017

[8] (zit. Bei https://www.deutscheinparis.de/christo-verhuellt-den-arc-de-triomphe-18-september-bis-3-oktober-2021/

[9] Siehe: https://taz.de/Zum-Tod-des-Kuenstlers-Christo/!5686151/

[10] https://www.franceculture.fr/architecture/larc-de-triomphe-empaquete-derniere-oeuvre-posthume-de-christo-et-jeanne-claude

[11] https://www.tagesspiegel.de/kultur/christos-vermaechtnis-die-wahrheit-liegt-in-der-schoenheit/25933168.html

[12]une figure majeure de notre histoire“, wie der französische Regierungssprecher feststellte. https://www.leparisien.fr/politique/macron-va-commemorer-le-bicentenaire-de-la-mort-de-napoleon-10-03-2021-AJCORTH6JRBODKKTN7I3F7QO7A.php

[13] Jérôme Benoît, La Bataille d’Austerlitz. L’Histoire par l’image. Dezember 2005

[14] Jürgen Kramer, Uwe Horst, Werner Hennings, Schaufenster der Nation: Symbolische Machtgesten im öffentlichen Raum von London, Paris und Rom im 19. Jahrhundert. Bielefeld 2021, S. 89

[15] Die Verluste der deutschen Hilfstruppen Napoleons im Russlandfeldzug waren proportional sogar noch höher als die der Franzosen. Siehe Englund, Paris 2004, S. 482

[16] Siehe: Steven Englund, Napoléon. Paris 2004, S. 566/7

[17] https://www.franceculture.fr/emissions/le-tour-du-monde-des-idees/le-tour-du-monde-des-idees-du-mardi-02-mars-2021

[18] https://www.sueddeutsche.de/politik/wiener-kongress-wendehals-luder-strippenzieher-1.2512413-5

[19] https://www.retronews.fr/conflits-et-relations-internationales/interview/2021/04/20/napoleon-gerard-grunberg  Nach dem Sieg in Austerlitz schrieb Napoleon an seinen Bruder Joseph, den er dann zum König von Neapel machte: „La paix est un mot vide de sens, c’est une paix glorieuse qu’il nous faut.“ Zit. bei Englund, S. 344

[20] Günter Müchler,  1813: Napoleon, Metternich und das weltgeschichtliche Duell von Dresden.  2012

 s.a. Englund, Napléon, S. 483

[21] https://www.franceculture.fr/emissions/le-tour-du-monde-des-idees/le-tour-du-monde-des-idees-du-mardi-02-mars-2021 Zur zentralen Bedeutung Napoleons bei der „Nationalisierung der Feindschaft“ zwischen Deutschland und Frankreich siehe Michael Jeismann, Das Vaterland der Feinde. Studien zum nationalen Feindbegriff und Selbstverständnis in Deutschland und Frankreich 1792-1918. Stuttgart 1992, S. 76ff

[22] Antoine Prost, Verdun. In: Pierre Nora (Hrsg), Erinnerungsorte Frankreichs. München 2005, S. 276

[23] Napoléon. Katalog der Ausstellung in der Grande Halle de la Villette von Paris vom 14. April bis zum 19. September 2021. Éditions de la Réunion es museées nationaux – Grand Palais 2021, S. 200-203

[24] Thierry Lentz, der Leiter der Fondation Napoléon, empört sich in seinem aktuellen Jubiläumsbuch „Pour Napoléon“, Chirac habe aus angeblicher und völlig unangebrachter Rücksicht auf die ehemaligen Feinde, die nun zu „europäischen Partnern“ geworden seien, die geplanten Feierlichkeiten boykottiert.

[25] https://www.lemonde.fr/societe/article/2005/12/03/polemique-autour-des-celebrations-du-bicentenaire-de-la-bataille-d-austerlitz_717009_3224.html

[26] https://www.franceculture.fr/emissions/le-tour-du-monde-des-idees/le-tour-du-monde-des-idees-du-mardi-02-mars-2021 und

https://www.leparisien.fr/politique/napoleon-le-bicentenaire-de-la-discorde-07-02-2021-8423655.php und https://www.rtl.fr/actu/politique/napoleon-le-bicentenaire-de-sa-mort-fait-polemique-7900001422

[26a] Zu dem Konzept der „natürlichen Grenzen“ Frankreichs siehe die Rede Dantons vor dem Nationalkonvent eine Woche nach der Guillotinierung Ludwigs XVI.: Danton insiste sur les frontières naturelles de la France : „Les limites de la France sont marquées par la nature, nous les atteindrons des quatre coins de l’horizon, du côté du Rhin, du côté de l‘Océan, du côté des Pyrénées, du côté des Alpes. Là doivent finir les bornes de notre République.“ Immerhin soll Frankreich danach nicht über die sogenannten natürlichen Grenzen hinaus erweitert werden. Diese „Zurückhaltung“ hatte Napoleon nicht.

[27] Siehe dazu die Beiträge in dem Frankreich- und Paris-Blog des Autors:  https://paris-blog.org/2021/05/01/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-1-die-grose-ausstellung-deutscher-raubkunst-1806-1807/  und https://paris-blog.org/2021/05/05/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-2-die-raubkampagnen-denons-in-deutschland-soll-ich-etwa-nichts-nehmen/

[28] Gustav Seibt, Goethe und Napoleon. Eine historische Begegnung. München 2021, S. 92 und 94

[29] Siehe dazu den Leserbrief von Professor Dr.  Thomas Stamm-Kuhlmann, Napoleon und die Sklaverei in der FAZ vom 15. Mai 2021

[30] https://www.franceculture.fr/emissions/le-tour-du-monde-des-idees/le-tour-du-monde-des-idees-du-mardi-02-mars-2021

[31] Siehe: https://paris-blog.org/2017/11/01/der-schwierige-umgang-mit-einem-duesteren-kapitel-der-franzoesischen-vergangenheit-die-erinnerung-an-sklavenhandel-und-sklaverei/

[32] https://www.franceculture.fr/emissions/le-tour-du-monde-des-idees/le-tour-du-monde-des-idees-du-mardi-02-mars-2021

[33] Christo im Interview: „Unsere Kunst ist reine Politik“. Aus: Süddeutsche Zeitung, 4. April 2017 https://www.sueddeutsche.de/kultur/christo-im-interview-unsere-kunst-ist-reine-politik-1.3450447?reduced=true und „Mit Politik will ich nichts zu tun haben.“  Zit. In: Klein, Ansgar u. Andere, Kunst, Symbolik und Politik – Die Reichstagsverhüllung als Denkanstoß. Opladen 1995, S. 308.

[34] https://klaus-staeck.de/2020/06/christo-und-die-schoenheit-der-unvollkommenheit/

[35] https://www.tagesspiegel.de/kultur/christos-vermaechtnis-die-wahrheit-liegt-in-der-schoenheit/25933168.html

[36] Aus einem Interview mit Elfriede Jelinek zur Reichstagsverhüllung.   Erschienen am 2. Juni 1995 in der ZEIT http://elfriedejelinek.com/andremuller/interview%20mit%20christo%20und%20jeanne-claude.html

[37] Zit. von Michael S. Cullen: https://www.tagesspiegel.de/kultur/so-kam-es-zur-verhuellung-des-reichstags-in-berlin-das-erste-sommermaerchen-dank-christo-und-jeanne-claude/11945224.html

und Klaus Staeck https://klaus-staeck.de/2020/06/christo-und-die-schoenheit-der-unvollkommenheit/

Ein Briefwechsel zu Napoleons verhülltem Triumph:

Von einem Pariser Freund erhielt ich folgende Zuschrift zu diesem Blog-Beitrag. Es ist ein, wie ich finde, interessanter Kommentar aus französischer Sicht. Ich zitiere ihn nachfolgend und meiner Antwort.

Cher ….. J’ai lu ton texte sur l’Arc de Triomphe à l’occasion de son empaquetage par Christo. Il est toujours instructif d’avoir un regard extérieur sur quelque chose d’aussi marquant pour la conscience nationale. Ton portrait de Napoléon est principalement à charge et tu n’accordes pas beaucoup de crédit à des formules comme celle de Villepin, que tu cites, sur les deux Napoléon. C’est pourtant le fond du problème. Une bonne part des Français ont, dès l’origine, formulé une appréciation très négative sur le dictateur, le boucher. Cette dimension du personnage, nul ne la nie. Mais il y en a aussi d’autres, que l’on pourrait résumer en disant qu’il a construit la France moderne, et qui explique que soit restée une rue Bonaparte à Paris (ouverte à l’époque du retour des cendres). La popularité persistante de Napoléon sous la Monarchie de juillet s’explique par le fait qu’il a consacré et solidifié les grandes réformes de la Révolution ou qui en sont issues. On lui doit l’organisation administrative de la France: la Révolution crée les départements, Napoléon met en place les préfets; la révolution invente les grandes écoles (Polytechnique, ENS rue d’Ulm, etc.), l’époque napoléonienne voit triompher la science française dans tous les domaines (de Laplace et Legendre à Champollion, etc.) ; la Révolution a tenté de réformer la monnaie, Napoléon crée le franc Germinal qui tiendra plus d’un siècle quasiment sans dévaluation; on pourrait aussi parler du Concordat avec l’Église et de beaucoup d’autres choses.Rien de cela ne fait tomber la légitimité des critiques contre le boucher, mais cela explique que l’on puisse avoir une appréciation pour le moins partagée. Tu ironises sur le fait que les boulevards qui donnent vers l’Étoile et ceux qui enserrent Paris portent les nom des maréchaux d’Empire. Ce n’est pas le cas de tous: Hoche, Kléber, Carnot sont de purs produits de la Révolution. Et surtout, ces maréchaux d’Empire sont d’origine populaire, et pas, comme auparavant, issus de la noblesse.
Tu évoques le nombre considérable de morts sur les champs de bataille de l’Empire. Certes, mais il serait bon de le comparer au nombre de morts durant la Première Guerre mondiale (700000 rien qu’à Verdun!), une guerre qui n’a, elle, aucune contrepartie positive. Une guerre qui aura été pure destruction, un véritable suicide européen. Compare la solidité du franc Germinal à la terrible inflation des années vingt! Sans parler du fait que le nazisme est un pur produit de cette „Grande Guerre“.

Hier meine Antwort:

ich habe mich sehr gefreut, dass du meinen Text gelesen und so detailliert kommentiert hast.  Allerdings denke ich, dass es sich dabei um ein Missverständnis handelt: Thema des Artikels ist ja nicht eine umfassende Würdigung Napoleons, sondern der Arc de Triomphe. Natürlich gibt es auch diese positive Seite Napoleons, die du skizzierst, und ich kann da auch nur sagen: nul ne la  nie -ich auch nicht. (Übrigens wird die auch in der aktuellen großen  Napoleon-Ausstellung in La Vilette  gebührend herausgestellt). Beispielsweise  behandelt eines meiner künftigen Blog-Projekte den badischen Ingenieur Tulla, der im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts die damals revolutionäre Begradigung des Rheins plante und zum Teil auch schon durchführte. Tulla wurde zur Zeit des  Empire von seinem Landesherrn nach Paris geschickt, nicht nur um Französisch zu lernen (wichtig für die Koordination mit den Franzosen), sondern vor allem auch, um an der École polytechnique den fortgeschrittenen Stand der Ingenieurwissenschaft kennenzulernen. Und später ging er wieder nach Paris, um sich dort behandeln zu lassen: Es gab nämlich in Paris einen Arzt, der auf dem Gebiet der Blasensteine, unter denen Tulla litt,  damals absolut innovativ und führend war.  Und natürlich übte die Persönlichkeit Napoleons und auch sein  Wirken eine große Faszination auf Zeitgenossen aus. (Siehe  Hegel oder auch Goethe – mit dem Napoleon sich in Erfurt traf und mit unglaublicher Sachkenntnis und Treffsicherheit über den  Werther diskutierte….) 

 Allerdings ist diesmal mein Thema ja der Arc de Triomphe. Und der feiert nicht die institutionellen, wissenschaftlichen, künstlerischen, städteplanerischen etc Errungenschaften der napoleonischen Ära und  zieht auch keine Bilanz seines Lebens und Wirkens, sondern er feiert die Schlachten und Siege Napoleons und seine daraus folgenden Eroberungen.  Da könnte man natürlich einwenden, dass Napoleon ja immerhin auch ein genialer Feldherr war und insofern die  Würdigung seiner Schlachten mit Recht erfolgt. Das würde vielleicht für eine Militärakademie passen (da wird man vielleicht auch den „Blitzkrieg“ gegen Frankreich 1940 studieren und bewundern), aber nicht für mich. Und was die Opfer angeht: Natürlich gab es später viel höhere Opferzahlen – z.B. schon in Gravelotte, der letzten großen  Reiterschlacht der Geschichte im dt. franz. Krieg 1870/1871  (siehe meinen Blog-Text zu Gravelotte). Und dann natürlich der Erste  Weltkrieg und schließlich der Zweite… Dass die Opferzahlen da  gewissermaßen explodierten,  ist vor allem eine Konsequenz der Industrialisierung des Krieges und des Mordens (Shoah), und das relativiert auch nicht das Leid, das der napoleonische Eroberungswahn mit sich brachte. Ein möglicher zweiter Einwand könnte auch sein, dass die napoleonischen Eroberungen doch etwas Positives hatten, dass sie die Fortschritte der Revolution/die Zivilisation verbreitet haben – dass deshalb die auf dem Arc aufgeführten Schlachten und ihre Generäle der Verbreitung des Fortschritts dienten. Dieser Einwand ist nicht ganz von der Hand zu weisen, denn immerhin waren die napoleonischen Truppen auch Träger wichter Fortschritte. Dazu gehören vor allem die Beseitigung feudaler Strukturen und Lasten und die Einführung des code Napoléon. Besonders profitiert haben davon die Juden, deren Emanzipation in den eroberten Ländern  durchgesetzt wurde, die dann aber, nach dem Sieg der reaktionären Kräfte, wieder zurückgenommen wurde. Kein Zufall also, dass Heine und Börne nach Paris ins Exil gingen. Es gibt auch die territoriale Neuordnung, die ja sogar weitgehend die napoleonische Ära überdauert hat. Aber auf der anderen Seite stehen die hohen Kontributionen, die Lasten der Besatzung (z.B. Einquartierungen; Finanzierung der Besatzungstruppen), die zwangsweise  Einziehung von Soldaten für weitere Eroberungskriege, die Einschränkung von Freiheitsrechten -siehe Pressezensur- und eine radikale Französisierungspolitik. Eine Folge waren das massive  Anwachsen antifranzösischer Ressentiments und die Entwicklung eines (später unheilvollen) deutschen Nationalismus. Der war aber zunächst  noch eher defensiv und wurde dann 1840 weiter verstärkt durch die sog. Rheinkrise, also die französischen Absicht, die Grenze Frankreichs bis an den Rhein, die angeblich „natürliche Grenze“, vorzuschieben. Da entstand das berüchtigte Lied „Die Wacht am  Rhein“, das aber ursprünglich kein aggressives Werk ist, (ebenso wenig wie das Deutschlandlied des revolutionären Republikaners von Fallersleben), sondern ein Lied der Verteidigung:  Sie sollen ihn nicht haben, den deutschen Rhein. Der wurde ja weithin in Frankreich als natürliche Ostgrenze betrachtet -und zwar in Gänze!), und ich bin immer etwas irritiert, wenn ich -z.B. üblicherweise  in Le Monde-  lese, dass Deutschland auch und immer noch als „outre Rhin“ bezeichnet wird, so  als seien Aachen, Mainz und Koblenz (immer noch) französisch…   Also: deux Napoleon  – in der Tat. Aber Thema war diesmal eben die eine Seite, die ja auch Chirac bewogen hat, Austerlitz nicht zu feiern… Das war m.E. eine gute Tat, ebenso wie seine Unterstützung für die -jetzt leider abgebaute-  mur de la paix auf dem Marsfeld….  

Eine kurze Übersicht über Reaktionen in Deutschland und Frankreich auf Christos Werk:

Jörg-Manfred Unger: Enthüllung durch Verhüllung. L’Arc de Triomphe. Wrapped.  In: https://dokdoc.eu/projekte/13584/enthuellung-durch-verhuellung/

 Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu Napoleon:

Der Arc de Triomphe: Die Verherrlichung Napoleons. (Vive l’empéreur Teil 1)  https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/

Das Napoleon-Museum auf der Île d’Aix (Vive l’empéreur Teil 2)   https://paris-blog.org/2016/11/16/das-napoleon-museum-auf-der-ile-daix-vive-lempereur-teil-2/

Napoleon in den Invalides (Es lebe der Kaiser!/Vive l’empéreur Teil 3)  https://paris-blog.org/2017/03/12/napoleon-in-den-invalides-es-lebe-der-kaiser-vive-lempereur-3/  

Die Manufacture des Gobelins: Politik und Kunst  (August 2018)  https://paris-blog.org/2018/08/01/die-manufacture-des-gobelins-politik-und-kunst/

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs  https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/

150 Jahre Abriss der Vendôme-Säule, Teil 1: Ein Blick auf ihre bewegte Geschichte. Vive l’empereur! À bas l’empereur!)   https://paris-blog.org/2021/06/02/150-jahre-abriss-der-vendome-saule-durch-die-commune-teil-1-ein-blick-auf-ihre-bewegte-geschichte-vive-lempereur-a-bas-lempereur-auch-ein-beitrag-zum-napoleonjahr-annee-napoleon-20/

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 1: Die große Ausstellung deutscher Raubkunst 1806/1807 https://paris-blog.org/2021/05/01/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-1-die-grose-ausstellung-deutscher-raubkunst-1806-1807/  

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 2: Die „Raubkampagnen“ Denons in Deutschland: Soll ich etwa nichts nehmen? https://paris-blog.org/2021/05/05/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-2-die-raubkampagnen-denons-in-deutschland-soll-ich-etwa-nichts-nehmen/

Weitere geplante Beiträge:

Die alte Eiche (Le Gros Chêne) von Allouville-Bellefosse in der Normandie. Ein Gastbeitrag von Zora del Buono

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Das Pariser Stadtmuseum musée Carnavalet ist nach jahrelanger Renovierung wieder eröffnet. Ein erster Rundgang

„Nous la Commune“: Eine Ausstellung zum 150. Jahrestag der Pariser Commune. Place de la Bastille

2021 werden/wurden in Frankreich zwei Jahrestage begangen, die beide Anlass zu teils heftigen Kontroversen waren: Der 200. Todestag Napoleons und der 150. Jahrestag der Pariser Commune. In Paris gab es eine Fülle von Aktionen und Aktivitäten, die an die Pariser Commune erinnerten.

Dazu gehört/e auch die Ausstellung „Nous la Commune“ an der Place de la Bastille.

Der Bastille – Platz bietet sich für eine solche Ausstellung natürlich besonders an, denn damit wird die Commune in die revolutionäre Tradition Frankreichs gestellt: In den vorausgegangenen Revolutionen von 1789, 1830 und 1848 spielte die place de la Bastille ja eine zentrale Rolle. Und auch in der Zeit der Commune war der Bastille-Platz ein „épicentre de la mobilisation populaire“. [1]

Dazu zeigt sich der Platz nach mehreren Jahren der Umgestaltung in neuem Glanz: Etwas verkehrsberuhigt wird er nicht mehr allein von dem Autoverkehr beherrscht und völlig zerschnitten. Dazu hat er durch einen direkten Zugang vom und zum Arsenal-Hafen zusätzliche Attraktion gewonnen.

Die neue Treppe zwischen  der place de  la Bastille und dem Arsenal-Hafen. Im Hintergrund die Säule zur Erinnerung an die Opfer der Juli-Revolution von 1830

Insgesamt sind an dem Zaun zur Metro-Station und zum Arsenal-Hafen 50 „Pappkameraden“ mit den Portraits von Kommunarden befestigt: Es sind Männer und Frauen unterschiedlichen Alters, sozialer Zugehörigkeit, nationaler bzw. geographischer Herkunft, unterschiedlicher politischer Tendenzen und mit ganz verschiedenem beruflichem Hintergrund.  Teils findet man hier prominente Gestalten der Commune wie Louise Michel, Jules Vallès oder Gustave Courbet, teils kaum bekannte Männer und Frauen, die sich auf unterschiedliche Weise in der Commune engagiert haben. Sie hier aufzunehmen war den Machern der Ausstellung besonders wichtig: „Nous la Commune“ soll gerade die breite Anhängerschaft der Commune in der Pariser Bevölkerung aufzeigen. Eine Beschränkung auf die „Prominenz“ wäre diesem Anspruch kaum gerecht geworden.  Vielen der Abgebildeten wurde deshalb, weil entsprechende zeitgenössische Darstellungen fehlen, hier vielleicht zum ersten Mal visuelle Gestalt gegeben.  Unterschiedlich ist auch das Schicksal der in die Ausstellung aufgenommenen Personen: Manche sind im Kampf getötet worden, andere wurden in oder nach der „Blutwoche“, der  semaine sanglante,  erschossen oder deportiert, wieder andere gingen ins Exil. Einige wenige konnten aber auch ihr voriges Leben fortsetzen. Den Figuren der Ausstellung sind jeweils entsprechende Informationen beigegeben: zum Beispiel ein Rednerpult für gewählte Mitglieder der Commune, eine phrygische Mütze für Anhänger des Jacobinismus, ein Schiff für die Deportierten, ein Totenkopf für die im Kampf Gefallenen….  Dazu gibt es jeweils einen kleinen biographischen Text. Insgesamt eine anschauliche und anregende Präsentation am passenden Ort: Nicht nur wegen der revolutionären Tradition des Bastille-Platzes, sondern auch wegen seiner Belebt- und neuerdings auch gesteigerten Beliebtheit. So müssen die Menschen nicht Barrieren überwinden, um zur Ausstellung zu kommen, sondern diese kommt zu ihnen.

Die nachfolgende Zusammenstellung ist keine Dokumentation der Ausstellung, Es wird nur eine Auswahl von 18 Personen vorgestellt, dabei aber versucht, entsprechend dem Anspruch der Ausstellung einen Eindruck von der großen Vielfalt zu vermitteln, die für die Pariser Commune charakteristisch ist. Diese Vielfalt ist ein wesentlicher Grund für die Dynamik und die Ausstrahlung dieser 72 Tage. Die ausgewählten Personen sind in alphabetischer Reihenfolge angeordnet. Die beigefügten Texte orientieren sich weitgehend an den Informationen, die den Figuren der Ausstellung beigegeben sind.

Mohamed Ben Ali

Mohamed Ben Ali war tirailleur algérien, also einer von 9000 aus Algerien stammenden Soldaten, die am deutsch-französischen Krieg teilnahmen. Sie wurden auch wegen ihrer Aufmachung „turcos“ genannt.

Die meisten wurden im März 1871 nach dem Vorfrieden zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich repatriiert. Einige wenige wie Mohamed Ben Ali schlossen sich der Commune an. Er wurde Ordonanz bei Maxime Lisbonne (s.u.) und kam bei den Kämpfen in der semaine sanglante ums Leben.[2]

Henry Champy

Während der Belagerung von Paris herrschte ein großer Mangel an Lebensmitteln, von deren Zufuhr die Stadt abgeschnitten war. Die Elefanten Castor und Pollux im Jardin d’acclimatation wurden getötet, und in den feinen Restaurants wurden Kamelschnitzel und Antilopenragout angeboten. Für die armen Leute blieben Katzen, Hunde und Ratten. Henry Champy wurde von der Commune beauftragt, die Versorgung der Bevölkerung zu organisieren und zu verbessern. Städtische Kantinen wurden eingerichtet, der Zwischenhandel unterdrückt und die Preise reglementiert.

Die Abbildung Champys in der Ausstellung lehnt sich an ein Bild Narcisse Chaillous an[3]:

Es zeigt einen Verkäufer von Ratten während der Belagerung von Paris 1870: Der Metzger krempelt seine Ärmel hoch, als ginge es darum, ein großes Stück Fleisch zu zerlegen… Beim Champy-Bild der Ausstellung ist die Ratte mit einer preußischen Pickelhaube ausgestattet: Die  Niederschlagung der Commune erfolgte zwar durch die offiziellen Truppen der Französischen Republik, den sogenannten Versaillais, allerdings „mit freundlicher Unterstützung“ von deutscher Seite. 

Jean-Baptiste Clément

Der Sänger und Liedermacher Jean-Baptiste Clément aus Montmartre  war wegen seines politischen  Engagements unter dem Kaiserreich Napoleons III. verurteilt worden. Mit dem Sturz des Kaisers erhielt er seine Freiheit zurück und engagierte sich in der Nationalgarde. Während der Commune wurde l’artiste, wie er auch genannt wurde, zum Vertreter Montmartres gewählt und Bürgermeister des Stadtviertels. Nach der Niederschlagung der Commune wurde er zur Deportation verurteilt.

Seine Prominenz verdankt Clément vor allem seinem schon 1866 geschriebenen Liebeslied Le temps des cérises, das zur Hymne der Commune wurde. Clément widmete es 1885  «à la vaillante citoyenne Louise»,  der wachsamen Bürgerin Louise Michel (s.u.).[4]

In dem Lied singt auch die merle moqueur, die Spottdrossel, die hier auf seinem Arm sitzt. Eine schöne deutsche Version des Liedes, gesungen während der Zeit der deutschen Wende, stammt von Wolf Biermann:                                                                                                                                                                     http://www.youtube.com/watch?v=Rv420VhwUWc

Gustave Courbet

In einer solchen Ausstellung darf natürlich der Maler Gustave Courbet nicht fehlen. Noch während der Belagerung von Paris wurde er von der republikanischen Regierung beauftragt, den Schutz der Museen zu organisieren, während der Commune wurde er gewissermaßen  zum Kultusminister gewählt. Als Anhänger von Proudhon setzte er sich besonders für das Prinzip der Selbstverwaltung und für die Unabhängigkeit der Kunst von staatlicher Bevormundung ein.

Verhängnisvolle Konsequenzen hatte für  Courbet die Zerstörung der von der Statue Napoleons gekrönten Säule auf der place Vendôme, die den Sieg der Grande Armée in der sogenannten 3-Kaiser-Schlacht bei Austerlitz gegen Österreicher und Russen feierte. Courbet hatte zwar gefordert, die Säule als Ausdruck der Kriegsverherrlichung zu entfernen und in den Hof des Hôtel des Invalides zu verlegen; als aber die Commune am 12. April 1871 ihre Zerstörung beschloss, war Courbet noch nicht deren Mitglied, also auch nicht beteiligt.  Trotzdem wurde er nach Niederschlagung der Commune  dazu verurteilt, die Kosten für den Wiederaufbau der Säule zu tragen. Da er dazu nicht in der Lage war, blieb ihm nur das Exil in der Schweiz, wo er auch starb.[5]

Gaston Crémieux

Die Aufnahme von Gaston Crémieux in die Ausstellung weist darauf hin, dass es neben der Commune von Paris auch entsprechende Bewegungen in anderen Städten Frankreichs gab, so u.a. in Lyon, Marseille, Toulouse und Saint-Étienne.  Der Rechtsanwalt und Dichter Gaston Crémieux war  Repräsentant der Commune von Marseille, deren Ziel die Unterstützung der Pariser Commune und  eine regionale Eigenständigkeit gegenüber der Zentralmacht war.

Allerdings wurde die Bewegung schon nach 14 Tagen niedergeschlagen. Crémieux wurde gefangen genommen, konnte aber vor seiner Hinrichtung noch ein von Victor Hugo gelobtes Theaterstück über Robbespierre schreiben – darauf verweisen die rote Jacobinermütze an seinem Revers und wohl auch die Blume im Gewehrlauf, die auch in dem Gewehrlauf von Rimbaud  in dieser Ausstellung steckt. (s.u.) Am 30 November 1871 wurde Crémieux mit dem Ruf „Vive la République“ auf den Lippen erschossen.

Elisabeth Dimitrieff

Elisabeth Dimitrieff war 19 Jahre alt, als sie im Auftrag von Karl Marx, den sie 1870 in London traf,  nach Paris kam. Sie stammte aus einer russischen Adelsfamilie, verließ aber wegen ihres revolutionären Engagements das Land und  wurde 1868 in der Schweiz Mitherausgeberin der Zeitschrift La Cause du peuple.  1870 reiste sie nach London, wo sie Karl Marx traf. Der interessierte sich sehr für die Zustände in Frankreich und veröffentlichte ja auch 1871 einen Bericht über den „Bürgerkrieg in Frankreich“. Er beauftragte Dimitrieff, die Entwicklung vor Ort zu beobachten. Damit begnügte sie sich aber nicht. Sie setzte sich während der Commune, die sie als eine Etappe auf dem Weg zur Weltrevolution sah, für eine Verbesserung der Arbeitsverhältnisse ein: Recht auf Arbeit, Begrenzung der Arbeitszeit, gleiche Entlohnung von Männern und Frauen. Gemeinsam mit Nathalie Lemel gründet sie die Union des femes für die Verteidigung der Stadt Paris und für die Versorgung von Verwundeten – deshalb auch die Armbinde mit dem roten Kreuz. Im Faubourg Saint-Antoine kämpfte sie auf den letzten Barrikaden der Commune[6], kehrte dann zunächst in die Schweiz und anschließend nach Russland zurück, wo sich ihre Spuren verlieren.

Elisabeth Dimitrieff wird als eine äußerst attraktive, elegant gekleidete Person beschrieben- umgeben von einer roten Schärpe, an der sie ihre Pistolen befestigte: offenbar ein passendes Motiv für ein Erinnerungsfoto. Erkennbar sind am unteren Bildrand die Barrikaden-Steine und ein rotes Exemplar von „Das Kapital“- ein Hinweis auf die Beziehung zu Marx.

Jaroslaw Dombrowski/Dabrowski

Jaroslaw Dombrowski ist Ausländer, stammt aus einem polnischen Adelsgeschlecht und engagiert sich in der Pariser Commune -insofern eine Parallele zu Elisabeth Dimitrieff.   Dombrowski (ursprünglicher Name: Dabrowski), Offizier in der russischen Armee, hatte 1863 an dem sogenannten Januaraufstand gegen die russische Teilungsmacht teilgenommen, der blutig niedergeschlagen wurde. Verurteilt zu Zwangsarbeit, konnte er entkommen und gelangte nach Frankreich, wo er sich in der Arbeiterbewegung engagierte.

In Anbetracht der wenigen professionellen Militärs und ihres internationalistischen Ansatzes machte die Commune Dombrowski zum Oberbefehlshaber ihrer Kämpfer. Wenige Tage danach gelang es den Versaillais-Truppen in Paris einzudringen. Dombrowski wurde von einigen seiner Mitstreiter verdächtigt, gegen eine Bestechungssumme Verrat begangen zu haben. Spätestens bei seinem Tod auf einer Barrikade verstummten aber diese Vorwürfe.[7] Dombrowski wurde in seiner Uniform und in eine rote Fahne gehüllt auf dem Père Lachaise bestattet, wo sich sein Grab allerdings nicht mehr befindet. 

Léo  Frankel

Wie Dimitrieff und Dombrowski gehörte auch Léo Frankel zur „internationalen Fraktion“ der Commune. Er stammt aus Ungarn, kam über Deutschland nach Frankreich. Als führendes Mitglied der Ersten Internationale engagierte er sich in der Commune vor allem in der Commission de Travail. Als „Arbeitsminister der Commune“ hatte er wesentlichen Anteil an der Abschaffung der Nachtarbeit für Bäcker und an dem Verbot von Lohneinbehalten der Arbeitgeber. Während der semaine sanglante wurde er beim Barrikadenkampf verwundet.  Seine Geliebte, Elisabeth Dimitrieff rettete ihn und er konnte in die Schweiz entkommen. Nach der Amnestie kehrte er nach Paris zurück, wo er 1896 starb. Sein Leichnam, zunächst auf dem Friedhof Père Lachaise bestattet, ruht inzwischen auf einem Budapester Friedhof.

Nathalie Lemel

Nathalie Lemel war gelernte Buchbinderin. 1861 siedelte die Bretonin nach Paris über und beteiligte sich aktiv an Arbeitskämpfen ihres Berufszweiges, wobei die gleiche Bezahlung von Frauen und Männern erreicht werden konnte.

Während der Commune gründete sie zusammen mit Elisabeth Dimitrieff die Union des femmes pour la défense de Paris. Sie setzte sich ein für die Gleichstellung von ehelichen und unehelichen Kindern, für eine anerkannte Berufsausbildung von Frauen, für die allgemeine gleiche Bezahlung von Männer und Frauen  und für die Organisation von kooperativen Werkstätten. Am 21. Juni 1871 wurde sie verhaftet und zur Deportation verurteilt. Mit der Fregatte La Virginie wurde sie nach Neu-Kaledonien deportiert – zusammen mit Louise Michel.  

Maxime Lisbonne

Maxime Lisbonne, Sohn eines aus Portugal stammenden jüdischen Malers, war in seiner Jugend Schiffsjunge, Soldat und Schauspieler, bevor er sich in der Commune engagierte.

Als Oberst der Nationalgarde erhielt er den Beinamen  D’Artagnan de la Commune. Während der semaine sanglante wurde er verwundet und anschließend zur Verbannung verurteilt. Nach der Amnestie wurde Lisbonne Direkter des Theaters Bouffes du Nord in Paris, wo er Theaterstücke von Louise Michel und Victor Hugo in das Programm aufnahm. Ordonanz von Lisbonne war Mohamed Ben Ali – ein spektakuläres Duo….

Anne-Marie Ménand

Wie viele alleinstehende Frauen ihrer Zeit schlug sich Anne-Marie Ménand mit mehreren kleinen Beschäftigungen durchs Leben. Sie arbeitete unter anderem als Köchin und Zeitungsverkäuferin, aber auch als Prostituierte. Nach der Niederschlagung der Commune wurde sie als „pétroleuse“ zum Tode verurteilt. Die siegreichen Versaillais beschuldigten sie,  an den Bränden in der rue Royale teilgenommen zu haben, obwohl es dafür keine Zeugen gab. Schließlich wurde die Strafe in lebenslange Zwangsarbeit umgewandelt. Zur Verbüßung dieser Strafe wurde Ménand nach Guyana deportiert. Dort verliert sich ihre Spur.

Louise Michel

Unübersehbar ist mit ihrer roten Fahne und der blauen Uniform der Nationalgardisten Louise Michel, die wohl bekannteste Kommunardin, in der Ausstellung platziert. Ihr Portrait ist ja auch auf dem als Beitragsbild gewählten Plakat zum 150. Jahrestag der Commune abgebildet. Vorgestellt wird sie in der Ausstellung auf dem Bastille-Platz als Lehrerin, Anarchistin, Kämpferin für die Frauenrechte und als Sanitäterin (ambulancière) der Nationalgarde.

Am 18. März 1871 war Louise Michel dabei, als der Versuch der Versailler scheiterte, die auf dem Hügel von Montmartre postierten Kanonen zu erbeuten. Als unerschrockene Kämpferin wurde ihr nach der Niederschlagung der Commune der Prozess gemacht, wo sie sich voll und ganz zu ihren Positionen bekannte. Dies beeindruckte auch Victor Hugo, mit dem sie einen ausführlichen Briefwechsel unterhielt und der ihr, die auch schriftstellerisch hervortrat, das Gedicht Viro Major widmete. Louise Michel wurde nach Neu-Kaledonien verbannt und engagierte sich dort -damals völlig außergewöhnlich- für die Rechte der Ureinwohner.

Le portrait de Louise Michel réalisé par le street-artiste trône sous la basilique du Sacré-Cœur (XVIIIe) ce mercredi, le temps d'une journée. LP/Christine Henry

Am 11. August hing übrigens ein großes Portrait von Louise Michel, gemalt von Henri Marquet, am Aufgang zur Kirche Sacré Coeur (7a) – an einem beziehungsreichen Ort also, weil diese Kirche ja als Sühne für die (angeblichen) Verbrechen der Commune errichtet worden war.

Nadar/Félix Tournachon

Das Bild von Félix Tournachon, bekannter unter seinem Künstlernamen Nadar, ist mit zwei Attributen versehen: Einem Fotoapparat und einem Fesselballon mit der Aufschrift: Vive la Commune!

Nadar war nämlich -neben seiner Tätigkeit als Karikaturist- ein bedeutender Fotograf, der ab 1854 eine Vielzahl von zeitgenössischen Persönlichkeiten portraitierte: Baudelaire, Berlioz, Courbet, Dumas, Victor Hugo, Émile Zola, Franz Liszt, Rossini, Jules Verne, Richard Wagner – um nur einige zu nennen. Seine besondere Leidenschaft aber galt der Ballonfahrt, die er auch für seine Arbeit als Fotograf nutzte:  Die ersten jemals gemachten Luftaufnahmen stammen von ihm.

 Lithographie von Honoré Daumier 1863[8]

Während der Belagerung von Paris war Nadar Mitbegründer eines Unternehmens der Ballonfahrt: Seine Ballons dienten vor allem der militärischen Aufklärung und dem Transport von Post aus der belagerten Stadt. An Bord eines seiner Ballons verließ der Innenminister Léon Gambetta in einer spektakulären Aktion am 7. Oktober 1870 die Stadt, um den Widerstand gegen die deutschen Truppen zu organisieren.

Nadar stellte dann auch der Commune seine Ballons zur Verfügung, etwa um Flugblätter über den feindlichen Linien abzuwerfen und die Versorgung der von den Versailler Truppen eingeschlossenen Stadt zu verbessern- ein Engagement, das den wirtschaftlichen Ruin Nadars zur Folge hatte.

Élisée Reclus

Elisée Reclus war ein bedeutender Geograph, gleichzeitig aber auch lebenslang engagierter Anarchist. Anarchie war für ihn Ausdruck von Menschlichkeit und universeller Solidarität; sie sollte das Ende von Krieg, Elend und der Herrschaft von Menschen über Menschen bedeuten.  Während der Belagerung von Paris wandte sich Reclus an Nadar, der ihn in sein Ballonfahrer-Bataillon aufnahm und dessen enger Freund er wurde.  Seine geographischen Kenntnisse stellte Reclus in den Dienst der Verteidigung von Paris und der Commune. Im April 1871 geriet er in die Gefangenschaft der Versaillais, die ihn zur Deportation nach Neu-Kaledonien verurteilten. Nach einer internationalen Solidaritätskampagne von Wissenschaftlern, der sich u.a. auch Charles Darwin anschloss, wurde die Strafe in eine zehnjährige Verbannung umgewandelt. Ab 1876 veröffentlichte Reclus seine 20-bändige Nouvelle Géographie universelle, die zu einem internationalen Standardwerk wurde.

Arthur Rimbaud

Es ist umstritten, ob der junge Rimbaud zur Zeit der Commune in Paris war. Klar ist aber, dass „der junge Vagabund“ Ende Februar bis Anfang März sich dort aufhielt. Im Begleittext der Ausstellung heißt es dazu: „Der Legende nach ist Rimbaud nach Paris zurückgekehrt und hat sich bei den Tirailleurs de la Révolution engagiert.  Mythos? Wahrheit? Jedenfalls weiß man, dass ihn das aufständische Paris, das er in seinen Versen gefeiert hat, begeisterte.“  Und man weiß auch, wie sehr er den Horror der Semaine sanglante und den Sieg der Gegenrevolution verabscheute.[9]

Das Bild in der Ausstellung lässt offen, ob hier reale Präsenz oder geistige Nähe bezeichnet werden:  Rimbaud in der Uniform der Nationalgarde, das Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett in den Händen. Die Blume im Gewehrlauf und die Schreibfedern in der umgehängten Tasche weisen ihn -und dies ganz unzweifelhaft- als Schriftsteller aus.

Louis Rossel

Louis Rossel war der einzige hochrangige Offizier der französischen Armee, der sich 1871 der Pariser Commune anschloss. Wendepunkt war für ihn die Kapitulation der in Metz eingeschlossenen Rheinarmee unter Marschall Bazaine. Daraufhin schloss sich Rossel denen an, die den Kampf fortsetzen wollten, also zunächst der neuen 3. Republik, dann der Commune. Wenn er nach den Gründen gefragt wurde, antwortete er:

„Aus Hass gegen diejenigen, die mein Vaterland ausgeliefert haben, aus Hass gegen die alte soziale Ordnung habe ich meinen Platz unter der Fahne der Arbeiter von Paris gefunden“.

Rossel wird aufgrund seiner großen militärischen Fähigkeiten Anfang April Generalstabschef der Commune und Ende April délégué à la Guerre, also gewissermaßen Kriegsminister. Allerdings tritt er weniger Tage später wieder zurück, weil er keine Aussicht sieht, die wenig disziplinierten und ausgebildeten Truppen der Commune in die angesichts der Bedrohung durch die Versaillais unabdingbare Kampfbereitschaft zu versetzen. Er wird daraufhin von der Commune verhaftet, kann aber mit der Hilfe von Freunden entkommen und sich in Paris verstecken. Anfang Juni wird er dann von den Versaillais gefangen genommen. Ministerpräsident Thiers bietet ihm das Exil an, was Rossel ablehnt. So wird er am 28. November erschossen.

Jules Vallès

Jules Vallès war seit seiner Jugend begeisterter Anhänger des Sozialismus, vor allem der Ideen Proudhons. Im Januar 1871 gehörte er zu den vier Verfassern des berühmten roten  Plakats „Affiche rouge“, das mit den Aufruf endete: „Place au peuple, Place  à la Commune!“.[10]

In der Ausstellung ist Vallès abgebildet mit dem roten Flugblatt unter dem linken Arm und der von ihm gegründeten Zeitung „Le Cri du Peuple“ in der rechten Hand. Sie erschien zwischen dem 22. Februar und dem 23. Mai 1871 in 83 Ausgaben und war mit einer Auflage von 100 000 Exemplaren zusammen mit dem Père Duchêne das am weitesten verbreitete Presseorgan der Commune-Zeit. Daneben engagierte sich Vallès auch direkt in der Commune, in der er als Abgeordneter das 15. Arrondissement vertrat. Er gehörte dabei -ebenso wie Courbet- zu der Minderheit, die diktatorische Vollmachten für das comité de Salut public ablehnten.

In der Semaine sanglante konnte sich Vallès verstecken und dann nach London in Exil gehen. Nach der Amnestie kehrte er nach Paris zurück und ließ den Cri du Peuple wieder aufleben.

Charles Delescluze

Abweichend von der alphabetischen Reihenfolge steht Charles Delescluze am Ende dieses Überblicks: Immerhin ist er auch die letzte in der Ausstellung vorgestellte Person  – vielleicht weil sein Tod auf einer Barrikade am Ende der Commune steht und ihren Anspruch verkörpert, heroisch unterzugehen.[11]  

Delescluze war Journalist und sozialistischer Aktivist, der schon in den Revolutionen von 1830 und 1848 eine wichtige Rolle spielte. Vielfach verhaftet und zu Geld- und Haftstrafen (u.a. in Cayenne) verurteilt, engagierte er sich auch wieder in der Commune.  Als Vertreter des 11. Arrondissement – dort gibt es seit 1924 eine nach ihm benannte Straße-   war er ein einflussreiches Mitglied des Conseil de la Commune und ab 9. Mai auch des Comité de Salut public, das von den föderal orientierten Kommunarden um Vallès und Courbet als diktatorisch abgelehnt wurde. Angesichts der zunehmenden Bedrohung durch die Versaillais wurden damit die ideologischen Spannungen innerhalb der Commune offenkundig.

Am 21. Mai -beim Einmarsch der gegenrevolutionären Truppen- ließ Delescluze einen Aufruf plakatieren, der mit den Worten endete:

„Place au Peuple, aux combattants, aux bras nus! L’heure de la guerre révolutionnaire a sonné!“ – ein Aufruf, der allerdings durchaus kritisch gesehen werden kann bzw. muss. Denn er beförderte die Opposition einer wenig strukturierten Truppe gegen ihre Offiziere und eine Aufsplitterung der Verteidigung. Eine einheitliche Strategie wurde damit verhindert. [12]

Aber dieser revolutionäre Krieg fand nicht statt: In der semaine sanglante wurde die Commune blutig niedergeschlagen. Delescluze, der nicht in die Hände der Versaillais fallen wollte, suchte und fand den Tod auf einer Barrikade. Die wird auf dem Bild der Ausstellung durch die Steine zu seinen Füßen veranschaulicht. Aufrecht steht Delescluze da und erwartet und begrüßt  seinen Tod…. Mit dieser heroischen Geste endet die Ausstellung.

(Zum Grabmal Delescluzes auf dem Père Lachaise siehe den Blog-Beitrag: Der Bürgerkrieg in Frankreich. Ein Rundgang auf dem Friedhof Père Lachaise auf den Spuren der Pariser Commune).

Hier die letzten Portraits der Ausstellung –  Delescluze ganz rechts. Darunter haben sich Obdachlose ein Lager errichtet….

In dem Begleittext zu dem Bild Delescluzes wird allerdings nicht seine problematische Rolle als „Kriegsminister“ in den letzten Tagen der Commune angesprochen. Da beantragte er nämlich, alle in der Hand der Commune befindlichen Geiseln zu erschießen und vor dem Rückzug symbolisch aufgeladene öffentliche Gebäude (Tuilerien-Schloss, Rathaus von Paris, Gebäude des Rechnungshofs, der Légion d’honneur im Hôtel de Salm u.a. ) in Brand zu setzen.  Dass dies in der Ausstellung nicht berücksichtigt wurde, entspricht einer generellen Tendenz, mögliche kontroverse Themen und Aspekte zu übergehen bzw. „weichzuzeichnen“.[13] Im Fall von Delescluze steht die Ausstellung damit nicht allein: Seine Rolle bei der in der Commune durchaus umstrittenen  Geiselerschießung und der ebenfalls umstrittenen –zumal militärisch sinnlosen- Inbrandsetzung öffentlicher Gebäude wird zwar in der deutschen und englischen, nicht aber in der französischen Version des Delescluze-Artikels von Wikipedia erwähnt. [14] Vielleicht ein Hinweis darauf, wie ideologisch aufgeladen auch heute noch der Umgang mit der Commune in Frankreich ist.[15]


Zum Thema der Pariser Commune gibt es einen weiteren Blog-Beitrag:

Der Bürgerkrieg in Frankreich 1871. Ein Rundgang auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris auf den Spuren der Commune.

https://paris-blog.org/2016/08/13/der-buergerkrieg-in-frankreich-1871-ein-rundgang-auf-dem-friedhof-pere-lachaise-in-paris-auf-den-spuren-der-commune/

Anmerkungen

[1] Siehe: La Commune, à l’assaut du ciel. I’insurrection du peuple de Paris pour une République sociale. Histoire, lieux de mémoire et figures des la Commune de Paris dans le 11e arrondissement. Herausgegeben von der Mairie du 11e. Paris. Im Titel dieser offiziellen Broschüre wird eine gewisse Überhöhung und Idealisierung der Commune deutlich,: Immerhin hat nicht das „Volk von Paris“ in seiner Gesamtheit die Commune mitgetragen. Und bei aller unbestreitbaren Fortschrittlichkeit und revolutionären Weitsicht der Commune-„Himmelsstürmer“ gibt es auch dunkle Seiten, die in dieser Broschüre und auch in der Ausstellung nicht berücksichtigt sind.

[2] Dass Ben Alis linke Hand verbunden ist, verweist auf ein Gemälde von Jules Monge, das den Turco Ben-Kadour zeigt, der im deutsch-französischen Krieg noch trotz seiner Armverletzung weiterkämpft. https://fr.m.wikipedia.org/wiki/Fichier:Le_turco_Ben-Kadour_%C3%A0_Lorcy.jpg

[3] iBild aus: https://artuk.org/discover/artworks/a-rat-seller-during-the-siege-of-paris-71634

[4] Mehr zu Clément siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2016/08/13/der-buergerkrieg-in-frankreich-1871-ein-rundgang-auf-dem-friedhof-pere-lachaise-in-paris-auf-den-spuren-der-commune/

[5] Zur Geschichte der Vendôme-Säule und zur Rolle Courbets in der Commune siehe die beiden Blog-Beiträge:

https://paris-blog.org/2021/06/02/150-jahre-abriss-der-vendome-saule-durch-die-commune-teil-1-ein-blick-auf-ihre-bewegte-geschichte-vive-lempereur-a-bas-lempereur-auch-ein-beitrag-zum-napoleonjahr-annee-napoleon-20/ und

https://paris-blog.org/2021/06/14/150-jahre-abriss-der-vendome-saule-durch-die-commune-teil-2-der-fall-der-saule-und-der-fall-courbets/

[6] Zum revolutionären Faubourg Saint Antoine siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2016/04/06/der-faubourg-saint-antoine-teil-2-das-viertel-der-revolutionaere/

[7] Dass Dombrowski als Verräter verdächtigt wurde, wird in dem Text der Ausstellung nicht mitgeteilt. Das entspricht einer gewissen Tendenz, Schattenseiten der Commune eher zu übergehen.

[7] Bild von LP/Christine Henry aus Le Parisien vom 11. August 2021

[8] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/Nadar#/media/Fichier:Brooklyn_Museum_-_Nadar_%C3%89levant_la_Photographie_%C3%A0_la_Hauteur_de_l’Art_-_Honor%C3%A9_Daumier.jpg

[9] Siehe dazu: Frédéric Thomas, Rimbaud à l’heure de la Commune de Paris. In: Libération 12. April 2021 https://www.liberation.fr/idees-et-debats/tribunes/rimbaud-a-lheure-de-la-commune-de-paris-20210412_4R7DGS5YQVHDRA77DI7JANC2WA/ ; ; Steve Murphy, Rimbaud et la Commune. Garnier 2010;       Daniel A. de Graaf, Rimbaud et la Commune. Revue belge de Philologie et d’Histoire. (1952)  https://www.persee.fr/doc/rbph_0035-0818_1952_num_30_1_2132

[10] Siehe dazu:   https://ahavparis.com/laffiche-rouge-du-7-janvier-1871/

[11] Siehe François Jourde,  La Mort de Delescluze:  „La Révolution voulait mourir héroïque et tomber ensevelie dans les plis de son drapeau.“

https://fr.wikisource.org/wiki/Souvenirs_d%E2%80%99un_membre_de_la_Commune/La_Mort_de_Delescluze

[12]  „c’est entraîner une opposition contre les officiers et un morcellement de la défense. Cela ne fait que renforcer l’esprit de quartier et les formes locales de combat, empêchant ainsi toute vue d’ensemble.“ https://www.commune1871.org/la-commune-de-paris/histoire-de-la-commune/illustres-communards/535-charles-delescluze

[13]   Siehe auch Anmerkung 1. In der dort genannten Broschüre des 11. Arrondissement wird Delescluze ausführlich gewürdigt, seine Rolle im Comité de salut public alllerdings ebenfalls nicht angesprochen.

Im Begleittext der Ausstellung zu der (angeblichen) pétroleuse Anne-Marie Menard wird zu den Bränden offizieller Gebäude in der semaine sanglante vermerkt, man wisse heute, dass Bomben der Versaillais die Mehrheit der Feuer verursacht hätten  oder sie das Ergebnis einer „strategischen Wahl“ der Nationalgarde gewesen seien….

[14] Auch in der Präsentation der „figures emblématiques“ des 11. Arrondissements durch die Mairie dieses für die Zeit der Commune besonders bedeutsamen Arrondissements wird die Rolle Delescluzes im Comité de Salut publique nicht erwähnt.

https://mairie11.paris.fr/pages/les-150-ans-de-la-commune-les-figures-emblematiques-du-11e-17344

[15] Das wurde auch wieder deutlich angesichts einer Prozession von Katholiken zu Ehren von Geiseln, die während der Commune erschossen wurden:

Siehe: https://www.leparisien.fr/paris-75/a-mort-les-fachos-a-paris-une-procession-catholique-attaquee-30-05-2021-O5VRLYJHABG6ND2KTOETUBOFVY.php «A mort les fachos» : à Paris, une procession catholique attaquée Des pèlerins qui défilaient ce samedi en hommage aux ecclésiastiques tués voici 150 ans rue Haxo (20e arrondissement) durant la Commune ont été agressés et certains blessés, selon le service d’ordre, par des groupes d’extrême gauche. Le diocèse va porter plainte.

Besonders von Seiten der politischen Rechten wurde dieser Vorfall natürlich entsprechend herausgestellt. Siehe:  https://www.lefigaro.fr/paris-une-procession-en-memoire-des-martyrs-catholiques-de-la-commune-attaquee-par-des-antifas-20210530

Weitere geplante Beiträge:

Die alte Eiche (Le Gros Chêne) von Allouville-Bellefosse in der Normandie. Ein Gastbeitrag von Zora del Buono

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Das Pariser Stadtmuseum musée Carnavalet ist nach jahrelanger Renovierung wieder eröffnet: Erste Eindrücke

La mer imaginaire: Die Jahresausstellung 2021 in der Villa Carmignac auf Porquerolles

Die Villa Carmignac ist ein exquisiter Ort auf der wunderbaren Insel Porquerolles/Var, die zu der zwischen Toulon und Saint Tropez gelegenen Inselgruppe der Îles d’Or gehört. Über die Insel, die Villa Carmignac und die Kunstaustellungen von 2018 und 2019 habe ich in dem Blog-Beitrag Die Insel Porquerolles: Natur und Kunst berichtet:

https://paris-blog.org/2018/10/15/die-insel-porquerolles-natur-und-kunst/  

Nachdem es 2020 nur eine Corona-bedingte bescheidene Version der Jahresausstellung gab, präsentiert die Stiftung Carmignac in diesem Jahr wieder eine sehr aufwändige Ausstellung zum Thema La mer imaginaire.

Die Ausstellung wurde konzepiert von dem Amerikaner Chris Sharp.  Sie ermöglicht es dem Besucher, „in ein von den Künstlern erträumtes, aber auch bedrohtes Meer einzutauchen.“ [1]

Für eine solche Ausstellung ist die Villa Carmignac ein Idealer Ort. Wasser und Meer sind hier allgegenwärtig. Das Meer ist in Sichtweise,

Das Glasdach des Souterrains ist mit Wasser bedeckt, was bei Sonne wunderbare Spiegelungen erzeugt.

Und innen gibt es zwei dauerhafte Installationen zum Thema Wasser, wie gemacht für das Ausstellungsthema 2021.

Das ist einmal der 100-Fische-Brunnen von Bruce Nauman: Das sind insgesamt 97 Fische, aufgehangen in einem eigens dafür reservierten Raum über einem Wasserbecken.

Jeder Fisch ist ein kleiner eigener Springbrunnen, aus dem es sprudelt und plätschert. Und dazwischen gibt es auch Pausen: Ein reizvolles Wechselspiel, dem man sich in aller Ruhe überlassen kann. Und glücklicherweise ist die Zahl der Besucher in der Villa Carmignac begrenzt, so das kein Besucherstrom das ruhige Sehen und Hören stört.

Dauerhaft ist auch das große, 16 Meter lange und eigens für diesen Raum geschaffene Unterwasser-Panorama von Miguel Barceló.

 Es zeigt seltsame Tintenfische und Quallen, wie sie –so oder so ähnlich- der Künstler im Mittelmeer angetroffen haben mag.

Schade allerdings, dass es die Polster nicht mehr gibt, auf die man sich 2019 setzen oder auch legen konnte, um in diese phantastische Unterwasserwelt abzutauchen.

Mittelpunkt und Prunkstück der Ausstellung ist die Installation „the fall and rise“ der südafrikanischen Künstlerin Bianca Bondi.[2]

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist d4s0746-1024x682-1.jpg.

Am Boden ist eine kleine Unterwasserlandschaft aus Salz aufgebaut, darüber das Skelett eines Wals. Das Walskelett ist überzogen mit Salzkristallen.

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Teilweise haben sich schon andere Organismen an dem Skelett angesiedelt.

Insofern ist auch der Name der Installation zu erklären: Es geht um Tod – das Sterben des Wals- und gleichzeitig auch um neues Leben: Der Kadaver eines Wals gibt, wie in der beigefügten Information erläutert wird, vielen anderen Lebewesen eine Nahrungsgrundlage, er wird die Grundlage neuen Lebens.

Ein besonderer Reiz der Installation beruht auf seiner Lage unterhalb des Wasserbassins mit seinem Glasboden.

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Das erzeugt, wie Bianca Bondi erläutert und wie man bei entsprechenden Wetterverhältnissen erleben kann, zu einem Spiel des Lichts auf den Kristallen. Der Eindruck entsteht, als bewegten sich die Dinge, als sei das Kunstwerk nie das gleiche, als sei es in ständiger Bewegung.[3]

In den angrenzenden Räumen sind -neben dem schon vorgestellten 100-Fische Brunnen Bruce Naumans und dem Unterwasser-Panorama Barcelós- zahlreiche Bilder, Installationen und Filme zum Thema der Ausstellung zu sehen- ein breites Spektrum. Nachfolgend eine kleine persönliche Auswahl:

Koralle Costa Brava von Herbert Duprat (rote Mittelmeerkoralle, Brotkrumen. Ausschnitt)[4]

 Leidy Churchman, Untitled 2018 (Öl auf Leinwand)

Miquel Barceló, Enzephalogram des Meeres (2006)

Bruno Pelassy, Ohne Titel 2000- 2001  (Seide, Silikon, Spitze, Perlen).  Dieses phantastische  Gebilde bewegt sich langsam und elegant in dem Aquarium hin und her.

Dies sind die Quallen von Micha Laury (2000-2005, Silikon). Ihnen in der Villa Carmignac zu begegnen ist jedenfalls viel sympathischer als im Meer…

Und hier der Akrobat von Jeff Koons (2003-2009), hergestellt aus bemaltem Aluminium, der auf den ersten (und zweiten) Blick allerdings eher wie ein aufblasbares Wasserspielzeug für Kinder aussieht. 2008 hatte Koons im Rahmen seiner Ausstellung im Schloss von Versailles einen solchen Pop-Hummer von der Decke baumeln lassen- und zwar ausgerechnet in dem Salon des Sonnenkönigs, der dem Kriegsgott Mars gewidmet ist.[5] Ich bin zwar kein Freund der Arbeiten von Koons, aber diese Anordnung hat mir dann doch gefallen. Und vielleicht kann man Koons ja aus deutscher Sicht auch mildernde Umstände zubilligen, weil seine aufwändigen und aufgeblasenen Aluminium-Kreationen in einem thüringischen Familienbetrieb produziert werden.[6]

Es gibt aber auch einige „Klassiker“ in der Ausstellung. So zum Beispiel ein Aquarium Paul Klees aus dem Jahr 1921

… oder den Wandteppich Polynesien, Der Himmel 1964 hergestellt nach einem Entwurf von Henri Matisse aus dem Jahr 1946 und in der Ausstellung in einem „intergenerationellen Dialog“ kombiniert mit den phantastischen Vögeln von Gabriel Orozco. [7]

Zu dem Thema angeregt hatte Matisse seine Reise nach Polynesien im Jahr 1930. Die bei dem Entwurf verwendete Technik des Scherenschnitts war bedingt durch seine Krankheit, aufgrund derer er in den letzten Jahren seines Lebens nicht mehr mit dem Pinsel arbeiten konnte. Matisse machte aber gewissermaßen aus der Not eine Tugend: Seine Scherenschnitte gelten als ein Höhepunkt seines Schaffens. Hergestellt wurde der Teppich von der Manufacture de Beauvais, der von Colbert gegründeten „Schwester“ der Manufacture des Gobelins in Paris.[8] Kombiniert ist das Werk von Matisse mit den Spumes von Gabriel Orozco, Gebilden, von denen man nicht sagen kann, ob es sich um Lebewesen des Himmels oder des Meeres handelt, der Natur nachgebildete oder erfundene….

Die Grotte von Miquel Barceló

Miquel Barceló ist gewissermaßen der Hauskünstler der Villa Carmignac. Von ihm stammt das Unterwasserpanorama im Souterrain, und am Eingang zur Villa wird man von Barcelós Bronzeplastik des Alycastre empfangen, einem Ungeheuer, das  der Legende nach Angst und Schrecken auf der Insel verbreitete. Barceló stellt den Alycastre halb als Totenkopf, halb als Meeres-Ungeheuer dar, das über den Ort und seine Besucher wacht.

In diesem Jahr hat Barceló eine carte blanche erhalten, er konnte das gesamte Erdgeschoss der Villa nach seinen Vorstellungen gestalten. Er hat daraus eine riesige Höhle aus Gips und Ton gemacht, die man, wie die gesamte Villa, mit nackten Füßen begehen kann. Nach Barcelós Konzept handelt es sich um eine von einer riesigen Welle überschwemmte Höhle, deren Wasser sich aber nun wieder zurückgezogen hat, so dass ein „Pompéi marin“ entstanden ist: Ein Thema, das durch die Flutkatastrophen der Vergangenheit, aber dann auch ganz besonders unserer Gegenwart eine besondere und tragische Aktualität gewonnen hat.

Wie die Menschen des im Ascheregen des Vesuv untergegangen antiken Pompei sind es Tiere des Meeres, Schwertfische und Quallen, aber auch Menschen und ein Bison, deren farbige Abdrücke im Lehm erhalten geblieben sind. Insofern hat man die Höhe Barcelós auch ein „Altamira sous-marin“ genannt…[9]

Ein besonderer Reiz dieser Installation liegt auch darin, dass man sie -wie die gesamte Ausstellung- mit nackten Füßen betritt: Die Schuhe muss man am Anfang des Rundgangs ablegen. Die Füße müssen sich also an die besondere Bodenbeschaffenheit gewöhnen und die Augen an die Dunkelheit. Zeit und Ruhe dafür hat man aber: Am Eingang der Höhle wird die Zahl der Eintretenden noch besonders begrenzt.

Nach dem Besuch der Höhle kehrt man gerne wieder zurück in das Licht und in die schöne und unversehrte Natur des die Villa umgebenden Parks …

Die an der Ausstellung beteiligten Künstlerinnen und Künstler : 

Yuji Agematsu, Gilles Aillaud, Jean-Marie Appriou, Miquel Barceló, Bianca Bondi, Cosima von Bonin, Leidy Churchman, Julien Discrit, Hubert Duprat, Nicolas Floc’h, Camille Henrot, Adam Higgins, David Horvitz, Allison Katz, Paul Klee, Yves Klein, Michael E. Smith, Jeff Koons, Jennifer J. Lee, Jochen Lempert, Micha Laury, Dora Maar, Henri Matisse, Mathieu Mercier, Bruce Nauman, Kate Newby, Melik Ohanian, Alex Olson, Gabriel Orozco, Jean Painlevé, Bruno Pelassy, Lin May Saeed, Shimabuku.

Praktische Hinweise:

Vom 2o. Mai bis zum 17. Oktober
montags bis sonntags
10 bis 18 Uhr

Weitere Hinweise und erforderliche Vorab – Reservierung:

https://billetterie.villa-carmignac.com/fr


Anmerkungen

[1] https://artetcommunication.com/2021/05/19/fondation-carmignac-la-mer-imaginaire-a-porquerolles-le-20-mai-2021/

[2] Bild aus: https://www.mor-charpentier.com/fr/artist/bianca-bondi/

[3]  https://www.mor-charpentier.com/fr/artist/bianca-bondi/

[4] Siehe dazu: https://slash-paris.com/fr/evenements/hubert-duprat-1  

[5] Siehe: https://www.nicematin.com/culture/koons-matisse-dora-maar-klein-les-oeuvres-cultes-quil-faut-voir-a-la-villa-carmignac-a-porquerolles-688817  und https://controverses.sciences-po.fr/archive/versailles/index.php/artistes/koons-expo/index.html

[6] https://www.zeit.de/2019/23/kunst-metall-skulpturen-jeff-koons-arnold-ag

[7] Bild aus:  https://www.connaissancedesarts.com/arts-expositions/la-mer-quon-voit-danser-a-la-fondation-carmignac-de-porquerolles-11157125/   Zur Vorlage von Matisse siehe: https://www.centrepompidou.fr/fr/ressources/oeuvre/c8bj4R

[8] Zur Manufacture de Beauvais siehe:  https://www.france-voyage.com/frankreich-tourismus/teppichmanufaktur-beauvais-587.htm  Zur Manufacture des Gobelins in Paris siehe den  Beitrag auf diesem  Blog: https://paris-blog.org/2018/08/01/die-manufacture-des-gobelins-politik-und-kunst/  Der Polynesien- Wandteppich wurde allerdings in Paris hergestellt, weil die Manufaktur in Beauvais 1940 deutschen Bomben zum Opfer fiel und die Webstühle bis zur Wiedereröffnung 1989 nach Paris verlegt wurden. Beide Manufakturen produzieren inzwischen auch Wandteppiche nach Vorlagen bedeutender moderner Künstler.

[9] https://www.fondationcarmignac.com/programmation/miquel-barcelo-ressac/ Dort auch das vorangegangene Bild.  https://www.connaissancedesarts.com/arts-expositions/la-mer-quon-voit-danser-a-la-fondation-carmignac-de-porquerolles-11157125/

Weitere geplante Beiträge:

Die alte Eiche (Le Gros Chêne) von Allouville-Bellefosse in der Normandie. Ein Gastbeitrag von Zora del Buono

Nous la Commune: Eine Ausstellung zum 150. Jahrestag der Pariser Commune auf dem Bastille-Platz

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Das Pariser Stadtmuseum musée Carnavalet ist nach jahrelanger Renovierung wieder eröffnet: Erste Eindrücke

Auf der A 4/Autoroute de l’Est von Saarbrücken nach Paris: Eine Fahrt durch die deutsch-französische Geschichte. Teil 2: Von der Voie Sacrée über Reims bis Meaux/Paris

Dies ist der zweite Teil eines Beitrags, in dem anhand der touristischen Hinweisschilder (panneaux marron) Orte an der autoroute de l’Est (A 4)  beschrieben werden, die im Zusammenhang mit der deutsch-französischen Geschichte stehen.  Meist beziehen sich diese Schilder auf die Kriege, die Deutsche und Franzosen miteinander geführt haben: Die Koalitionskriege zur Zeit der Französischen Revolution, den Krieg 1870/1871, den Ersten und den Zweiten Weltkrieg.

Im vorausgehenden ersten Teil des Beitrags ging es anhand der entsprechenden Schilder um  folgende Orte:

  1. Das Schlachtfeld von Spicheren  (1870, 1940, 1945)    
  2. Der amerikanische Soldatenfriedhof von St. Avold (1944/45)  
  3. Das Museum von Gravelotte (1870 und 1871 bis 1918)    
  4. Das Fort de Fermont an der Maginot-Linie  (1931-1940)   
  5. Das Schlachtfeld von Les Esparges (1914-1918)        
  6. Saint Mihiel  (1914-1918)                                         
  7. Verdun, Ville de Paix                                                    
  8. Die Voie Sacré (1916)                                                         

https://paris-blog.org/2021/07/09/auf-der-a-4-autoroute-de-lest-von-saarbrucken-nach-paris-eine-fahrt-durch-die-deutsch-franzosische-geschichte-teil-1-von-saarbrucken-uber-verdun-bis-zur-voie-sacree/ 

Gegenstand dieses Beitrags sind danach folgende Orte mit Bezug zur deutsch-französischen Geschichte, auf die entsprechende panneaux marron hinweisen. Wieder sind es meist Orte, die an Kriege erinnern, vor allem an den Ersten Weltkrieg, darunter drei amerikanische Soldatenfriedhöfe. Die habe ich einbezogen, weil Amerikaner eine wesentliche, ja kriegsentscheidende  Rolle als Alliierte Frankreichs gespielt haben. Aber es gibt auch positive Bezüge zur deutsch-französischen Geschichte. Dafür stehen die Etappen 11, wo es auch um die Rolle von Deutschen bei der Herstellung und der Vermarktung des Champagners geht, und die Etappe 12, deren Gegenstand die Kathedrale von Reims ist. Und die  ist ja nicht nur ein Symbol deutsch-französischer Feindschaft, sondern auch ein Ort deutsch-französischer Freundschaft und Versöhnung

9. Der amerikanische Soldatenfriedhof  Romagne –sous- Monfaucon (1917-1918)  und Varennes

10. Die Mühle und die Kanonade von Valmy (1792) 

11. Die Champagne: Der Champagner und der Erste Weltkrieg (1914-1918)         

12. Reims: die Kathedrale (1914, 1962)                                   

13. Der amerikanische Soldatenfriedhof Seringes et Nesle  (1918)   

14. Das französische Mémorial von Dormans (Marneschlachten)       

15. Der amerikanische Soldatenfriedhof  Belleau (1918)                   

16. Meaux und das Musée de la Grande Guerre (1914-1918) 

und dazu: Das Mausoleum von Champigny-sur-Marne  (1870)                

9.  km 235: Der amerikanische Soldatenfriedhof  Romagne –sous- Monfaucon (1917-1918) und Varennes  

Wie das touristische  Schild anzeigt, handelt es sich um einen amerikanischen Soldatenfriedhof.  Während der Friedhof von St Avold (Nummer 2) der größte amerikanische Soldatenfriedhof des Zweiten Weltkriegs ist, so ist der Friedhof von Romagne – sous – Monfaucon der größte des Ersten Weltkriegs. Insgesamt sind dort 14.246 amerikanische Soldaten bestattet. Auf dem Schild ist die Kapelle abgebildet mit den beiden seitlichen Kolonnaden.[1]

Die Kapelle ist im romanischen Stil gestaltet. Auf dem Tympanon über dem Eingangsportal befinden sich Allegorien des Leids und der Erinnerung. In den seitlichen Kolonnaden sind die Namen von 954 amerikanischen Soldaten verzeichnet, die verschollen sind oder nicht identifiziert werden konnten.[2]

Eingerichtet wurde der Friedhof auf dem Hügel von Montfaucon, der 1914 von der deutschen Armee besetzt und Ende 1918 von amerikanischen Soldaten im Zuge der Maas-Argonnen- Offensive wieder erobert worden war.

Einen kleinen deutschen Soldatenfriedhof gibt es in Romagne – sous – Monfaucon übrigens auch. Aber auf den touristischen Hinweisschildern sind –verständlicher Weise- die vielen deutschen Soldatenfriedhöfe entlang der A 4 nicht berücksichtigt.[3]

Praktische Informationen

Adresse:
Monument américain Meuse-Argonne
55110 Romagne-sous-Montfaucon

Der Friedhof ist zu erreichen ab der Abfahrt 29,1 (Clermont en Argonne) auf der D998 und der D946. (ca 30 km). 

Deutscher Soldatenfriedhof: 3, rue de l’Europa

Varennes

Auf dem Weg nach Romagne-sous- Montfaucon kommt man auch durch den Ort Varennes. Der wurde im Ersten Weltkrieg fast völlig zerstört- die feste Front im Stellungskrieg verlief vier Jahre lang ganz in der Nähe des Ortes. Daran erinnern noch Reste einer deutschen Bunkeranlage. Sie trägt den Namen „Abris du Kronprinz“. 

In der Bunkeranlage, die auch gegen Geschosse größten Kalibers geschützt war, hat zwar nie ein Kronprinz Quartier genommen, ihr Komfort muss allerdings wohl eines Kronprinzen würdig gewesen sein: Es gab elektrische Beleuchtung, Kühlschränke, feine Weine und Zigarren, Badewannen mit warmem und kaltem Wasser; draußen Blumenrabatte, Gemüsebeete, Boules-Anlagen… Die amerikanischen Soldaten, die dort 1918 einzogen, trauten kaum ihren Augen… Auch das gab es wenige Meter hinter der Front und den mörderischen Schützengräben…[4]

In dem Ort selbst gibt es auch ein amerikanisches Denkmal, das Pennsylvania Memorial, das an die Kriegsfreiwilligen aus Pennsylvania erinnert. Pennsylvania war das weitaus wichtigste Siedlungsgebiet deutscher Einwanderer in den USA. Und so sind auch die vielen deutschen Namen auf den Grabkreuzen des amerikanischen Soldatenfriedhofs von  Romagne-sous-Montfaucon zu erklären.

Bekannt ist Varennes allerdings vor allem durch „die Flucht nach Varennes“, auf die das entsprechende touristische Schild an der Autobahn verweist. Mit dem Begriff der Fuite à Varennes wird der Versuch Ludwigs XVI. bezeichnet, mit seiner Familie aus Paris, wo er in den Tuilerien festgehalten wurde, zu fliehen. Geplant war,  sich im grenznahen und königstreuen Gebiet um Montmédy in Sicherheit zu bringen, von wo aus  bei Gefahr das österreichische Exil in Luxemburg gut erreichbar gewesen wäre.

Die Flucht war zwar minutiös geplant, aber bei der Ausführung  gab es eine ganze Reihe von unvorhergesehenen Zwischenfällen und Pannen. So wurden der König und seine Familie in der Nacht vom 20. auf den 21. Juni 1791 in Varennes verhaftet und nach Paris zurückgebracht – eine entscheidende Etappe auf dem Weg Ludwigs XVI. und seiner Frau Marie Antoinette zum Schafott. [5]

Eine Marmortafel erinnert an dieses Ereignis. Sie ist an einem 1793 auf dem Ort der Verhaftung errichteten Glockenturm befestigt, „der am 14. September 1914 vom Feind in Brand gesetzt und nach dem Krieg restauriert wurde.“[6] Der Feind: Das ist natürlich Deutschland.  Die deutsch-französischen Kriege sind im Osten Frankreichs allgegenwärtig…

10. km 207: Die Mühle und die Kanonade von Valmy (1792)  

Dieses Schild illustriert die „Kanonade von Valmy“, auf die nicht nur die Jahreszahl, sondern auch die auf dem Hügel von Valmy stehende berühmte Mühle verweist. Hier siegten im September 1792 die französischen Revolutionstruppen über die verbündeten „alten Mächte“ Preußen und Österreich: Ein Wendepunkt der Geschichte der Französischen Revolution. Ein Tag später wurde in Paris die Republik ausgerufen.

Johann Wolfgang von Goethe, eher dem Evolutionären als dem Revolutionären zugeneigt, erkannte gleichwohl die Bedeutung des Gefechts bei Valmy, das er als Begleiter des in preußischen Diensten stehenden Weimarer Herzogs beobachtete.  In seinem autobiographischen Text „Campagne in Frankreich“ berichtet er, wie er am Abend danach die deprimierten Begleiter mit diesen Worten getröstet habe: „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen“[7]ein legendärer Satz, der in keiner Darstellung der Kanonade von Valmy fehlen darf.

Die Mühle von Valmy sieht man schon von der Autobahn aus.

Es lohnt sich aber, einen kleinen Abstecher zu machen und sich den Ort des Geschehens aus der Nähe anzusehen; zumal es seit 2014 dort auch ein  „centre historique“ gibt, also ein Ausstellungszentrum, in dem man am historischen Schauplatz sehr anschaulich über die Kanonade von Valmy informiert wird.  Es  ist völlig in den Hügel versenkt, so dass die Topographie des Schlachtfelds und seine Monumente nicht beeinträchtigt werden.

Es gibt eine Nachbildung des Schlachtfelds, auf dem die Positionen und Bewegungen der verschiedenen Truppenteile  veranschaulicht  werden- sogar mit Pulverdampf.

Ein Glanzstück (im wahrsten Sinne des Wortes) der Ausstellung ist eine französische Kanone –  effektvoll in Richtung Mühle postiert.

Es  handelt sich um das sehr effiziente Gribeauval- Modell, das schon im  Ancien Régime in den 1770-er Jahren eingeführt wurde.  Auch nach 1789  wurde es –versehen mit der Devise der Revolution- weiter produziert. Es war die Grundlage die für Überlegenheit der französischen Artillerie in der Kanonade von Valmy und den Kriegen Napoleons.[8] 

Teller zur Erinnerung an die Kanonade, ausgestellt im Centre Historique

Und natürlich darf in dem Centre Historique auch Goethe nicht fehlen.

Wenn man sein elektronisches Portrait berührt –ein Ausschnitt des Gamäldes von Joseph Karl Stieler aus der Münchner Neuen Pinakothek- spricht er über die Wirkung des Kanonendonners, die er gewissermaßen mit wissenschaftlicher Distanz an sich beobachtet. 

Zahlreiche Teilnehmer und Beobachter der Schlacht haben den von dem Artilleriefeuer verbreiteten Schrecken bestätigt. Auch in dieser Hinsicht ist Valmy der Beginn einer das Grauen noch vielfach potenzierenden neuen Epoche: eine distanzierte Beobachtung wie die Goethes kann man sich von einem Soldaten in den Schützengräben  vor Verdun kaum noch vorstellen. 

Neben der Mühle sieht man schon von der Autobahn aus ein hochaufragendes Denkmal. An seiner Spitze ein Soldat mit wehendem Rock, Säbel und hocherhobenem Arm. In seiner Hand hält er einen mit den Farben der Tricolore geschmückten Hut.  Die Statue zeigt den General  und späteren Marschall und Herzog von Valmy, François-Christophe Kellermann, wie er seine Truppen zum Gegenangriff führt. Die Statue erinnert damit an eine entscheidende Situation der Schlacht: Nicht nur wird damit der Angriff der preußischen Truppen abgewehrt, sondern es wird auch der revolutionäre Patriotismus deutlich,  der die französischen Truppen inspiriert. Auf Kellermanns Ruf „Vive la Nation!“ antworten die französischen Soldaten  mit dem Ruf „Vive la Nation! Vive la France! Vive notre général!“ und sie stimmen das Revolutionslied „ça ira“ an.[9]  Das erscheint allerdings insofern etwas merkwürdig, als darin gleich zweifach den  Aristokraten der Tod angekündigt wird. (Les aristocrates à la lanterne!… Les aristocrates on les pendra).  Für ihren Kommandeur,  der immerhin altem sächsisch-elsässischem Adel entstammt, galt das aber  offensichtlich nicht.

Vor dem Denkmal befindet sich ein Obelisk, unter dem –entsprechend dem Wunsch Kellermanns- sein Herz bestattet ist.  Der übrige Leichnam ruht im Familiengrab auf dem Friedhof  Père Lachaise in Paris.

Weitere Informationen zu Valmy im entsprechenden Blog-Beitrag:  https://paris-blog.org/2018/06/19/auf-dem-weg-nach-paris-die-muehle-von-valmy-das-fanal-einer-neuen-epoche/ 

 11. km 174:   Die Champagne: der Champagner und der Erste Weltkrieg  (1914-1918)         

Dieses touristische Hinweisschild zeigt unübersehbar –und ohne dass es dazu noch einer entsprechenden zusätzlichen Angabe bedürfte- dass wir uns jetzt in der Champagne und damit der Heimat des Champagners befinden. Und immerhin gibt es nach so vielen Stationen zu deutsch-französischen Kriegen endlich auch einmal einen positiven deutsch-französischen Bezug. Denn Deutsche haben bei der Entwicklung und Verbreitung des Champagners eine große Rolle gespielt. Pierre Sommet hat das am Beispiel des Hauses Veuve Cliquot eindrucksvoll belegt, dessen Aufstieg auch zwei Deutschen zu verdanken ist, Georg Christian Kessler aus Heilbronn und Eduard Werle aus Wetzlar.

Siehe den Gastbeitrag von Pierre Sommet auf diesem Blog: https://paris-blog.org/2021/02/13/reims-der-champagner-und-die-deutschen-die-ungekronte-konigin-von-reims-ein-gastbeitrag-von-pierre-sommet/ 

Kessler war zunächst Lehrling bei der Veuve Cliquot in Reims, arbeitete sich dann hoch und übernahm die Leitung des Büros und die Buchhaltung. Schließlich wurde er sogar aufgrund seiner Verdienste Teilhaber des Champagner- Hauses. 1826 trat er aus der Firma aus und brachte die Kunst der Champagner-Herstellung nach Esslingen am Neckar, wo er die älteste Sektkellerei Deutschlands gründete.

Sein Nachfolger als Teilhaber war ein weiterer Deutscher, Eduard Werle.  Werle begann seine Karriere als Kellermeister. Während der Wirtschaftskrise 1827 rettete er mit seinem eigenen Vermögen das Maison Clicquot vor dem Ruin. Vier Jahre später machte ihn die Witwe zum neuen Teilhaber. Schließlich bekleidete der eingebürgerte Édouard Werlé, durch die Protektion der Witwe, das Amt des Bürgermeisters von Reims und wurde sogar 1862 zum Abgeordneten der Nationalversammlung gewählt.[10]

Dass  in der Geschichte des Champagners die Deutschen generell eine wichtige Rolle gespielt haben, spiegelt sich bis heute in den Etiketten großer französischer Champagnerhäuser wie Heidsieck, Koch, Taittinger, Mumm, Bollinger, Deutz, Krug oder Piper wider.[11] Und dass diese Häuser bis heute einen teilweise exzellenten Ruf haben, illustriert eine kleine Notiz aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 21.1.2011:  Da wird davon berichtet, dass Diebe „mit Kennerblick“ aus dem Weinkeller eines Nobelrestaurants im Rheingau etwa 500 Flaschen Wein im Wert von rund 300 000 Euro (!) „entwendet“ hätten: Das waren französische Weine der berühmtesten Châteaux und von besonders gesuchten Jahrgängen, aber auch „einige Flaschen Champagner herausragender Erzeuger“[12],  darunter des Hauses Krug aus Reims, der laut Champagner-Welt „von vielen Kennern als bester aller Champagner bezeichnet wird.“[13] Gründer des Hauses war  1843  Johann-Joseph Krug aus Mainz….

Die Champagne war und ist aber nicht nur die Heimat des Champagners, zu dessen Erfolg viele Deutsche beigetragen haben, sondern sie ist auch –vor allem im Ersten Weltkrieg- ein Feld des Grauens gewesen. Schon am Anfang des Kriegs tobten hier im Zuge des deutschen Vormarsches heftige Kämpfe und am Ende des Krieges noch einmal, als die deutsche Armeeführung vergeblich versuchte, den Krieg doch siegreich zu Ende zu führen. Dazwischen liegen die Jahre des Stellungskrieges, die aber in der Champagne keineswegs ohne Kämpfe abliefen. 1915 gab es zwei massive französische Angriffe, mit dem Ziel, die deutsche Front zu durchbrechen, um den Feind aus dem besetzten Ostfrankreich zu werfen: Es waren dies die sogenannte Winterschlacht in der Champagne vom Januar bis März 1915 mit insgesamt 60.000 Toten und dann die Herbstschlacht in der Champagne vom September bis November 1915 mit insgesamt 400.000 Toten – überwiegend Franzosen, die die vergeblichen Angriffe mit ihrem Leben bezahlen mussten.[14]

Die Champagne ist denn auch übersät mit Soldatenfriedhöfen und Erinnerungsstätten. Ein eindrucksvolles Beispiel ist der Friedhof La Crouée in den im Krieg heftig umkämpften und weitgehend zerstörten Gemeinden Souain-Perthes-lès-Hurlus.

Die Heftigkeit der Kämpfe und der Verwüstungen veranschaulicht das Aquarell von Alexandre Miniac, der an den Kämpfen dort teilgenommen hat. Es zeigt das Schlachtfeld da, wo einmal das Dorf Hurlus stand, das nach dem Krieg nicht mehr wieder aufgebaut wurde.[15]

Das Gräberfeld La Crouée besteht aus zwei säuberlich voneinander getrennten Teilen- einem deutschen (im Vordergrund des Bildes) und einem französischen. 13 790 deutsche Soldaten sind dort bestattet, davon 11 324 in einem Sammelgrab. Von ihnen sind nur 1 907 namentlich bekannt.[16] Einer von ihnen ist der Maler August Macke.

In seiner Person wird die Tragik dieses Krieges besonders deutlich: Die französische Malerei des Impressionismus und der Fauves, die er auf drei Reisen nach Paris 1907, 1908  und 1909 (seiner Hochzeitsreise) kennenlernte, beeinflussten Macke stark. Besonders bewunderte er  Édouard Manet und Henri Matisse; Robert Delaunay lernte er persönlich kennen. Mit seinem Freund Franz Marc besuchte er am 2. Oktober 1912 Delaunay in dessen Atelier. „Die Begegnung mit dem französischen Maler gab entscheidende Impulse für Mackes künstlerische Eigenständigkeit.“ Seine Farbkomposition von 1913 zeigt deutlich den Einfluss Delaunays.[17]

Mackes Bilder wirken heiter und leicht, alles Tragische ist ihnen fremd. Sie „befriedigen die Sehnsucht nach positiven Bildern einer intakten Welt, dem Gleichklang des Menschen mit den Dingen, die ihn umgeben.“[18]  

Im April 1914 unternahm er mit Paul Klee und dem Schweizer Maler  Louis Moilliet eine Reise nach Tunesien- ein „Schlüsselereignis in der Kunst des 20. Jahrhunderts“.[19]  Der Ertrag waren Aquarelle von einer bewundernswerten Farbigkeit und Leichtigkeit.

Blick auf eine Moschee (1914) Kunstmuseum Bonn

Aber kurz danach kam die Katastrophe: Schon Anfang  August 1914 wurde Macke zum Kriegsdienst eingezogen und musste nun gegen das ihm so nahe Frankreich – das Land seiner Freunde Delauney, Apollinaire und  Matisse – kämpfen. Der verbreitete Hurra- Patriotismus jedenfalls war ihm fremd, und die Stimmung im Hause Macke war nach den Erinnerungen seiner Frau Elisabeth bei Kriegsausbruch bedrückt bis verzweifelt.

Auf der Staffelei in seinem Bonner Atelier hinterließ er ein Bild, auf das es das tunesische Licht nicht mehr geschafft hat. 

Elisabeth taufte es „Abschied“: [20] Etwas ist passiert, die Personen auf diesem Bild  unterbrechen ihren Spaziergang, stehen bewegungslos da, lauschen oder kommentieren. Vielleicht wird gerade der Krieg ausgerufen. Die Frau links im Bild hat einen weißen Zettel in der Hand, vielleicht den Marschbefehl für ihren Mann oder Sohn.  Die Personen auf diesem Bild sind bedrückt, hoffnungslos- anonym, die Farben kraftlos- ohne das berühmte Macke’sche Sonnengelb. Ein paar Monate früher hätte Macke die Personen in dem Bild bei Sonnenlicht flanieren oder einkaufen lassen.[21]

Am 9. September schrieb Macke seiner Frau von der Front in Frankreich:

„Seit drei Tagen liegen wir hier in einem Gefecht, das sich von Paris bis Verdun hinzieht. Von frühmorgens bis in die Nacht tobt der Kanonendonner. Es ist alles so grauenhaft, dass ich Dir nichts darüber schreiben mag. Unser aller Gedanke ist Friede.“

Und  zwei Tage später:

„Aus einer außergewöhnlich schweren Schlacht, die uns viele Verluste kostete, bin ich bis jetzt unversehrt  herausgekommen. Ich führe jetzt die 5. Komp.160. Es ist alles sehr grausig und ich mag Dir nichts über Einzelheiten schreiben. Ich denke viel an Dich und die Kleinen. Die Leute, die in Deutschland im Siegestaumel leben, ahnen nicht das Schreckliche dieses Krieges.“

Am 21. 9. schreibt er seinen vorletzten Brief an seine Frau:

„Seit 14 Tagen liegen wir nun immer in solchen Gefechten und Schützengräben und beobachten durch Gläser, wie sich französische Verwundete aufrichten, schreien und wieder hinlegen. Ab und zu hat sich einer von uns vorgewagt und solch einem armen Kerl Wasser gebracht.“

Und am 24.9.:

„Es geht mir noch immer gut. …. Die Schlacht tobt hier weiter.“[22]

Am 26. September 1914 fiel August Macke Im Alter von 27 Jahren bei Perthes-lès-Hurlus, wo er in dem Sammelgrab des deutschen Soldatenfriedhofs bestattet ist.

In einem ausliegenden Totenbuch sind alphabetisch geordnet die  Namen der Gefallenen mit ihrem Dienstgrad und dem Datum ihres Todes verzeichnet. Macke gehörte zu den ersten deutschen Soldaten, deren junges, hoffnungsvolles Leben in der Champagne jäh und sinnlos endete.

Franz Marc schrieb in seinem Nachruf:

„Er hat von uns allen der Farbe den hellsten und reinsten Klang gegeben, so klar und hell wie sein ganzes Wesen war.“

Auf der daneben liegenden Nécropole nationale de La Crouée sind 30 734 französische Soldaten bestattet.  Die sterblichen Überreste von  21 688 Gefallenen, die nicht identifiziert werden konnten, sind in 8 Beinhäusern zusammengetragen.[23]

Die hohe Zahl der Gefallenen auf beiden Seiten, die allein hier bestattet sind, vor allem aber die hohe Zahl der Toten, die nicht identifiziert werden konnten, weisen auf die Heftigkeit der Kämpfe hin. So begann die  Herbstoffensive der Franzosen 1915 mit einem dreitätigen Trommelfeuer aus 1650 Geschützen.  Man braucht nicht viel Phantasie, sich auszumalen, welche Folgen das hatte. Aber das Anrennen auf gut befestigte deutsche Stellungen forderte ebenfalls –und sogar noch deutlich höhere- Opfer; eine Bilanz, die von deutscher militärischer Seite zynisch kommentiert wurde: „Eine schöne und wohltuende Blutabfuhr“![24]

Ein Lichtblick in all dem Grauen: Die  Installation am Ortseingang von Souain  zur deutsch-französischen Versöhnung zwischen den ehemaligen Feinden, die sich hier die Hände reichen. (Foto von 2017)

Ein wichtiges Symbol deutsch-französischer Versöhnung und Zusammenarbeit war auch das gemeinsame Defilee deutscher und französischer Soldaten – das erste in der Geschichte beider Staaten- auf dem ganz in der Nähe von Souain/Perthes-lès-Hurlus gelegenen Truppenübungsplatz Mourmelon. Abgenommen wurde es von Staatspräsident de Gaulle –in Paradeuniform- und Bundeskanzler Adenauer am  8. Juli 1962.  Und es war de Gaulle, der darauf bestand, dass nicht nur die Trikolore, sondern auch die schwarz-rot-goldene Fahne zu diesem Anlass gehisst werden sollte.[25]

.Foto: AP/dapd

Nach dieser Truppenparade fuhren de Gaulle und Adenauer nach Reims, wo sie in der Kathedrale von Notre-Dame feierlich die deutsch-französische Versöhnung beschworen. Dazu mehr auf der nachfolgenden Etappe unserer Fahrt durch die deutsch-französische Geschichte auf der Autoroute de l’Est.  

     

 12. km 148: Notre Dame de Reims  (1914, 1962, 2011/2015)

Zur Kathedrale im Einzelnen siehe den Beitrag auf diesem Blog: https://paris-blog.org/2021/02/01/reims-die-konigin-der-kathedralen-als-ort-deutsch-franzosischer-feindschaft-versohnung-und-freundschaft/  Nachfolgend nur ein knapper Überblick.

Die Kathedrale von Reims gilt als Königin unter den Kathedralen Frankreichs. Dies beruht auf ihrer kunstgeschichtlichen Bedeutung als eines Höhepunktes der Gotik, zum anderen aber auf ihrem Status als Krönungskirche der französischen Könige: Bis 1825 sind nahezu alle französischen Herrscher  in der Reimser Kathedrale gekrönt worden. Es gab nur zwei Ausnahmen, nämlich Heinrich IV., der sich für Chartres entschied, und Napoleon, der sich in Notre-Dame de Paris zum Kaiser krönen ließ.

Dreimal in ihrer Geschichte war die Kathedrale von Reims ein Ort, an dem die Spannweite der deutsch-französischen Beziehungen zwischen „Erbfeindschaft“, Versöhnung  und Freundschaft in ganz besonderer Weise zum Ausdruck kam:

1914 wurde die Kathedrale von der deutschen Artillerie beschossen und in Brand gesetzt. Als Begründung dafür wurde die (angebliche) militärische Nutzung des Nordturms als Beobachtungsposten angeführt. Der Turm war damals wegen einer geplanten Renovierung mit einem Holzgerüst umgeben, das Feuer fing. Die Folgen waren verheerend: Der Fassadenschmuck wurde massiv in Mitleidenschaft gezogen, darunter der auf dem Autobahnschild abgebildete „lächelnde Engel“, der herunterstürzte,  zerbrach und zum Symbol der zerstörten Kathedrale und der verwüsteten Stadt wurde.

Für die Franzosen war die Bombardierung der Kathedrale ein barbarischer Akt  der deutschen „Hunnen“ und „Vandalen“, Ausdruck der tief verwurzelten Feindschaft zwischen beiden Völkern.

Ein Beispiel dafür ist diese Postkarte mit dem Titel „Die Wilden“.[26] Abgebildet ist ein vierschrötiger, halbnackter Riese, der in der rechten Hand eine Keule hält.  „Mit der Linken wirbelt er einen Soldaten in die Luft, der allerdings miniaturhaft klein, dem Ungeheuer völlig hilflos ausgeliefert ist.  Blutflecken überziehen den Körper des Wilden und Blutlachen bedecken den Boden. Im Hintergrund ist die brennende Kathedrale von Reims deutlich sichtbar. Der Wilde trägt eine Kette mit Zähnen erlegter Opfer um den Hals und sein Gesicht und Bart erinnern an den deutschen Kaiser Wilhelm II.“ [27]

Nachdem sie von der Militärparade in Mourmelon zurückgekommen waren, feierten Staatspräsident de Gaulle (der inzwischen seine Uniform abgelegt hatte) und Bundeskanzler Adenauer 1962  gemeinsam eine Messe in der Kathedrale, um damit die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland zu besiegeln.

In der Kathedrale wurden sie vom Erzbischof von Reims, Monseigneur Marty, empfangen.  Die Kathedrale sei glücklich, beide gemeinsam „mit dem Lächeln seines Engels“ (avec le sourire de son ange) zu empfangen. 

Hier das „offiziöse“ Bild des Fotografen Egon Steiner vom Versöhnungsgottesdienst in der Kathedrale von Reims. Der Dualismus Frankreich-Deutschland wird durch die solitären Säulen-Staatsmänner inszeniert, repliziert durch das Paar der kräftigen Pfeiler. Im rechten Pfeiler sind noch deutlich Einschüsse zu erkennen. Ein Foto auf der Höhe des bedeutsamen symbolischen Aktes, um den es sich damals handelte.

2011 wurden anlässlich der 800-Jahrfeier der Kathedrale  in deren Apsis  Glasfenster des deutschen Künstlers Imi Knoebel geweiht. Nach der feierlichen Versöhnungs-Messe von de Gaulle und Adenauer ist die Verständigung  und Freundschaft zwischen beiden Ländern nun auch in der Kathedrale sichtbar zum Ausdruck gebracht. 2015 kamen  noch drei weitere Fenster  dazu. Sie sind eine Schenkung des Künstlers, der Bundesrepublik Deutschland und der Kunststiftung NRW. „Sie stehen“, wie es in dem Begleittext heißt, „als ein Zeichen der Versöhnung und der Wiedergutmachung für die Zerstörung der Kathedrale im Ersten Weltkrieg, ein Zeichen des Friedens und einer gemeinsamen Zukunft für Europa, für Kunst und Kultur zwischen den beiden Völkern.“  Und diese Fenster schmücken nun einen hochsymbolischen Ort, nämlich die Kapelle der Jeanne d’Arc.

Knoebel entwickelte seine „kraftvolle, kaleidoskopische Komposition aus hunderten von Papierschnitten, einer Technik, die in der Kunstgeschichte untrennbar mit Henri Matisse verbunden ist. In einer der wenigen Aussagen, die Knoebel zu seinem Werk gegeben hat, verweist er zudem auf seine eigenen Erinnerungen an die Bombardierung Dresdens im Zweiten Weltkrieg, die er 1945, als Fünfjähriger, miterlebte und die sich ihm nachdrücklich ins Gedächtnis eingebrannt hat.[28]

Dass die Fenster Knoebels –zusammen mit denen Chagalls- jetzt die Apsis der Kathedrale von Reims schmücken und zum Leuchten bringen, ist ein wunderbarer Ausdruck der deutsch-französischen Freundschaft, deren Symbol die Kathedrale von Reims schließlich auch geworden ist.

13. km 115: Der amerikanische Soldatenfriedhof Seringes et Nesle  (1918)

Der eigentliche Name des amerikanischen  Soldatenfriedhofs Seringes et Nesle  ist Oise Aisne American Cemetery. Er liegt in der Nähe des Ortes Fère-en-Tardenois, 23 Kilometer nordöstlich von Château-Thierry- von Saarbrücken kommend erreichbar über die Abfahrt Dormans der Autoroute de l’Est. Der Friedhof liegt in einem Gebiet, das im Rahmen der großen deutschen Frühjahrsoffensive 1918 von deutschen Truppen erobert worden war. Die Oberste Heeresleitung unternahm hier –nach dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk und der entsprechenden Entlastung an der Ostfront- einen letzten Versuch, dem Krieg eine entscheidende Wendung zu geben.[29]

Es wurden auch erhebliche Geländegewinne entlang der Marne erzielt und man rückte bis auf 92 Kilometer an Paris heran. Während der Offensive kam auch das sogenannte Paris-Geschütz mit einer Reichweite von 130 Kilometern zum Einsatz, mit dem Paris beschossen wurde.  Insgesamt wurden 256 Zivilisten getötet und 620 verwundet, davon gab es allein 88 Tote und 68 Verwundete bei einem Treffer auf die Pfarrkirche Saint-Gervais-Saint-Protais im Marais während des Karfreitags-Gottesdienstes am 29. März 1918 nachmittags. Die deutsche Propaganda nutzte diese angeblichen Erfolge jedoch, um die Moral der Heimatfront  zu stärken.[30]

Die deutsche Offensive scheiterte letztendlich. Im Juli 1918 begann eine große alliierte Gegenoffensive, bei der zum ersten Mal 310 000 Mann des amerikanischen Expeditionskorps eingesetzt wurden. 67 000 amerikanische Soldaten kamen dabei ums Leben, von denen 6012 im Friedhof von Seringes et Nesles bestattet sind.

Der Friedhof hat auch einen ganz außergewöhnlichen, abseits gelegenen Abschnitt, den sogenannten Plot E – der als fünfter Teil des Friedhofs so benannt ist. Er liegt auf der anderen Straßenseite, ist von Hecken umgeben, also nicht einzusehen,  und nur über einen speziellen Zugang erreichbar. Hier sind 94 amerikanische Soldaten bestattet, die von amerikanischen Kriegsgerichten wegen Mord und/oder Vergewaltigung  hingerichtet wurden. Die Verbrechen und Exekutionen fanden in verschiedenen Ländern statt, England, Frankreich, Belgien, Deutschland, Italien und Algerien. 1949 wurden die sterblichen Überreste der Hingerichteten dann in dem Plot E zusammengefasst.[31]

Anders als auf dem beiliegenden Friedhof für die ehrenhaft Gefallenen gibt es hier nur kleine in den Boden eingelassene Steinplatten mit den Serial Numbers, den militärischen Identifikationsnummern, der Hingerichteten. Eine amerikanische Flagge ist hier untersagt.

Insgesamt wurden 98 amerikanische Soldaten des Zweiten Weltkriegs wegen Mordes und/oder  Vergewaltigung hingerichtet. Wegen Vergewaltigung wurden in 904 Fällen amerikanische Soldaten verurteilt, allerdings nur wenige hingerichtet. Über die Dunkelziffer der nicht gesühnten Verbrechen kann nur spekuliert werden. Schätzungen gehen von über 10 000 Vergewaltigungen allein in Deutschland aus.[32]

14. km 114: Das französische Mémorial von Dormans (Marneschlachten)      

Das Mémorial von Dormans ist eine der vier großen französischen nationalen Gedenkstätten des Ersten Weltkriegs, zu denen auch die Gedenkstätte auf dem Hartmannsweilerkopf im Elsass, Douaumont bei Verdun und Notre Dame de Lorette in Nordfrankreich (Pas-de-Calais) gehören.[33]

Das Mémorial von Dormans erinnert an die beiden kriegsentscheidenden Marneschlachten von 1914 und 1918: Die erste bedeutete das Scheitern der Kriegsplanung des deutschen Generalstabschefs Schlieffen, der einen schnellen Sieg an der Westfront vorsah; die zweite bedeutete das Scheitern der letzten Versuchs der Deutschen Heeresleitung, 1918 einen entscheidenden Durchbruch an der Westfront zu erzielen. Errichtet wurde es 1922 auf einer Anhöhe über der Marne  „aus Dankbarkeit an Gott und in Erinnerung an all die Opfer dieses Krieges“.[34]  

„Hier hat das Bewusstsein der Franzosen, einen heiligen Krieg zur Verteidigung des Vaterlands zu führen, seine eindrucksvollste Form gefunden. Wie eine zweite Sacré-Cœur ragt die doppelgeschossige Gedenkbasilika im neoromanischen Stil über dem Marnetal auf. In der unteren Kapelle lädt ein Marienaltar zum Gebet für die Toten der Schlachten von 1914 und 1918 ein. Im Obergeschoss stellen Reliefs an den Pfeilern des Querschiffs den Kampf gegen das Deutsche Reich in eine Reihe mit der Hunnenschlacht auf den Katalaunischen Feldern, dem Triumph Karl Martells über die Araber und den Zügen der Jungfrau von Orléans gegen die Engländer.“[35]

Es gibt auch ein kleines Museum mit üblichen Erinnerungsstücken.

Dazu gehört auch ein Plakat mit den 10 Geboten des Soldaten. Das beginnt mit der Aufforderung, den französischen Kommandeur Joffre anzubeten und endet mit dem Gebot, möglichst viele Boches (verächtlich: Deutsche) zu töten und so zu siegen.

Auf dem Vorplatz  befindet sich die Totenleuchte, wie sie auf manchen Friedhöfen im Mittelalter üblich waren. Dort sind die lateinischen Worte „Et lux in tenebris lucet“ eingraviert – ein Wort aus dem Johannesevangelium und auch der Wahlspruch der Waldenser….[36]

In einem Beinhaus werden in 130 Särgen die sterblichen Überreste von 1500 Soldaten aufbewahrt…, von denen nur 11 identifiziert werden konnten.

So wird in Dormans –wie auch in den anderen großen Erinnerungsstätten des Ersten Weltkriegs – nicht nur der Sieg gefeiert, sondern auch der Toten gedacht, die diese Sieg mit ihrem Leben bezahlt haben.

Praktische Informationen  (https://de.memorialdormans14-18.com/praktische-informationen/): 

Adresse: Parc du Château Avenue des victoires  51700 DORMANS

Ausfahrt A 4  Dormans

Öffnungszeiten  Täglich vom 1. April bis zum 31. Oktober:

  • von 14 bis 18 Uhr im April, Mai, September und Oktober
  • von 10.30 bis 18.30 Uhr im Juni, Juli und August
Blick vom „Kreuzgang“

15. km 90:  Der amerikanische Soldatenfriedhof Belleau/Aisne-Marne American Cemetery (1918)    

Auf dem amerikanische Soldatenfriedhof von Belleau sind Gefallene des Kampfes um den Wald von Belleau bestattet. Dieser dichte Wald war von den deutschen Truppen im Zuge der Frühjahrsoffensive und des Vormarschs auf Paris 1918 besetzt worden. Wegen seiner strategischen Bedeutung erhielten die U.S. Marines den Auftrag, den Wald zurückzuerobern, was in einem dreiwöchigen erbitterten Kampf auch gelang.[37]

Es war der erste Einsatz der Marines und die Verluste waren dramatisch hoch: Mehr als die Hälfte der eingesetzten Soldaten wurde getötet oder verwundet- so viele wie nie mehr später bei einem Einsatz. Für die Marines ist der Wald von Belleau deshalb ein ganz besonderer Erinnerungsort, weil dort the prestige and reputation for bravery of the Marine Corps overseas ihren Ursprung hatten. Natürlich wurde 2018, am 100. Jahrestag des Kampfes, der dort bestatteten Gefallenen in einer besonders aufwändigen Zeremonie gedacht.[38]

. (AP Photo/Virginia Mayo)

Eigentlich hätte auch der damalige amerikanische Präsident Donald Trump, der sich damals anlässlich der Feiern zum Ende des 1. Weltkriegs in Paris aufhielt, an dieser Zeremonie teilnehmen sollen – geradezu ein Pflichttermin.  Trump lehnte aber ab. Die 1800 Marineinfanteristen, die in der Schlacht im Wald von Belleau starben, waren für ihn „Trottel“ (suckers), weil sie getötet wurden. Er wolle, wie es damals aus seiner Umgebung hieß,  den Friedhof nicht besuchen, weil der „voller Verlierer“ (losers) sei.[39] Da ist es nur allzu verständlich, dass der in seiner Selbstwahrnehmung größte amerikanische Präsident aller Zeiten nicht anerkennen will und kann, selbst ein  loser zu sein….

Einen knappen Kilometer entfernt gibt es auch einen deutschen Soldatenfriedhof in der üblichen Schlichtheit.[40]  Auf diesem Friedhof liegen die sterblichen Überreste von  8630 Soldaten, von denen die große Mehrheit während der 2. Marneschlacht 1918 gefallen ist. 4308, die mit wenigen Ausnahmen identifiziert werden konnten, ruhen in Einzelgräbern, die anderen in zwei Sammelgräbern.

16. Km 44: Meaux und das Musée de la Grande Guerre (1914-1918) 

 

Kurz nachdem man auf der A 4 die Marne überquert hat, verweist ein Schild auf das Museum des „Großen Krieges“ in Meaux. Abgebildet sind vier Soldaten, ein deutscher, ein franösischer, ein englischer und ein amerikanischer: Die Internationalität des Kampfes an der Westfront wird damit veranschaulicht.

Das Museum befindet sich in unmittelbarer Nähe des 1932 errichteten monumentalen amerikanischen Kriegerdenkmals „The Tearful Liberty/La Liberté éplorée“.[41]

Es handelt es sich um das größte dem Ersten Weltkrieg gewidmete Museum. Seine Existenz verdankt es dem passionierten Historiker Jean-Pierre Verney, der fast 50 Jahre lang Gegenstände und Dokumente zur Geschichte des Ersten Weltkriegs gesammelt hat. 2005 erwarb Le Pays de Meaux die über 50 000 Stücke umfassende Sammlung und beschloss, ein eigenes Museum für sie zu erbauen.[42] Eine wesentliche Rolle spielte dabei auch der damalige Bürgermeister von Meaux, der gleichzeitig Abgeordneter der Nationalversammlung und Generalsekretär der konservativen UMP war, der sich damit gewissermaßen selbst ein Denkmal setzte. Eingeweiht wurde das Museum am 11.11.2011, dem an das Ende des Ersten Weltkrieg erinnernden nationalen Gedenk- und Feiertag.[43]

Es gibt in der Ausstellung viele interessante Exponate, wie zum Beispiel dieser patriotische Teller….

… oder dieser mit dem berühmten „wir kriegen sie“ des Generals Pétain, als er das Kommando der französischen Truppen bei Verdun übernahm.

Insgesamt kultiviert aber die Ausstellung, wie Le Monde in ihrem Beitrag zur Eröffnung des Museums schrieb, „le spectaculaire. Zwei Flugzeuge sind an der Decke aufgehangen, ein Renault-Panzer fährt einen Abhang hoch, die Rohre von Kanonen und Maschinengewehren sind überall hin ausgerichtet.“[44]

Natürlich darf auch ein Pariser Taxi nicht fehlen, hier das Ausstellungsstück vom Typ Renault Taxi AG.[45] Es ist „ein Symbol der Schlacht an der Marne, die zum Teil rund um Meaux stattfand. Am 6. und 7. September 1914 wurden auf Befehl von General Gallieni etwa 600 Pariser Taxis beschlagnahmt, um Verstärkung an die Front zu schicken. … Wenngleich nur ein kleiner Teil der Soldaten auf diese Weise befördert wurde, – die meisten kamen mit dem Zug an die Front- wurden die Taxis schnell zum Symbol des französischen Kampfgeistes und der landesweiten Mobilmachung für den Sieg.“?

Bei aller beeindruckenden Fülle und Größe der Ausstellungobjekte: Man kann, wie Le Monde schrieb, befürchten, dass viele Besucher die so glänzend restaurierten und lackierten Waffen bewundern, die makellosen Uniformen auf den Schaufensterpuppen, die nicht bluten und nicht schreien. Die Militaria-Freunde seien sicherlich begeistert, aus nächster Nähe und ganz in Ruhe die technischen Details der Waffen studieren zu können, aber sei das alles nötig, um bestätigt zu finden, dass dieser Krieg zu schnellen und mörderischen technischen Fortschritten geführt habe? Und bestehe nicht die Gefahr, die Realität des gegenseitigen Abschlachtens aus dem Blick zu verlieren? [46] Diesen rhetorischen Fragen -und damit dieser Einschätzung- kann ich mich nur anschließen.

Musée de la Grande Guerre, route de Varreddes, 77100, Meaux

Praktische Informationen (Anfahrt, Öffnungszeiten, Preise): https://www.museedelagrandeguerre.eu/de

Und zum Abschluss noch ein persönlicher und aktueller Hinweis:

Das Beinhaus von Champigny-sur-Marne

Von Meaux ist es nicht mehr weit auf der autoroute de l’Est nach Paris. Weitere Hinweisschilder mit deutsch-französischen historischen Bezügen gibt es nicht mehr. Bedauerlich ist allerdings aus meiner Sicht, dass es bei Champigny-sur-Marne, an dem die Autobahn vorbeiführt, nicht einen Hinweis auf das Beinhaus der Stadt gibt. In Champigny –das dann auch Champigny-la-Bataille genannt wurde-  fand nämlich eine der blutigsten Schlachten des deutsch-französischen Krieges von 1870/1871 statt.

Lithographie nach einer Zeichnung von Max Henze. Dresden/New York 1895

Bei dem verzweifelten Versuch, die Einkesselung von Paris zu durchbrechen, kämpften hier Ende November/Anfang Dezember 1870 auf beiden Seiten über 100 000 Soldaten. Viele der Gefallenen konnten nicht identifiziert werden. Und so sind im Beinhaus von Champigny –ohne Unterschied der Nationalität- die sterblichen Überreste von 1384 Soldaten Seite an Seite bestattet.[47] Sie kämpften gegeneinander und ruhen hier nun gemeinsam in Frieden.

Mit dem ossuaire von Champigny wird damit gewissermaßen ein Bogen geschlagen zu Spichern, dem ersten deutsch-französischen Erinnerungsort an der Autoroute de l’Est. Nachdem vor einigen Jahren das Beinhaus in Champigny –mit nicht unwesentlicher deutscher Beteiligung- renoviert und wieder zugänglich gemacht wurde, hätte es auch ein Hinweisschild/panneau marron verdient…. [48]


Vom 25, Mai bis zum 4. Juli und vom 7. September bis zum 22. Oktober fand/findet in Bry-sur-Marne im Hôtel de Malestroit eine Ausstellung zum 150. Jahrestag der Schlacht von Champigny statt.

Näheres siehe die Information des Deutschen Historischen Instituts Paris:  https://guerre1870.hypotheses.org/2867


Anmerkungen:

[1] Nachfolgendes Bild aus: https://www.klassenfahrt-verdun.de/tag/militaerfriedhof/

[2] Bild aus: http://dansmabonjotte.canalblog.com/archives/2015/11/10/32891877.html

[3] Bild aus: https://www.blumenspenden.de/dk/romagne/kriegsgraeberstaette.html Siehe auch:   https://www.dffv-verdun.de/de/aktivitaeten/verdun_romagne_sous_montfaucon.php 

[4] Infos und Bild: http://www.varennesenargonne.fr/pages/le-tourisme.html 

[5] Eine übersichtliche Darstellung der Flucht der königlichen Familie und ihrer Folgen siehe: https://www.wikiwand.com/de/Flucht_nach_Varennes

[6] Bild aus: Fichier:Varennes-en-Argonne La plaque commémorant l’arrestation de Louis XVI.JPG — Wikipédia (wikipedia.org)

[7] Campagne in Frankreich, S 235

[8] Bertaut, S. 44. Siehe auch . https://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Baptiste_Vaquette

[9] Bertaud, S. 36/37

[10] Siehe den Gastbeitrag von Pierre Sommet auf diesem Blog: https://paris-blog.org/2021/02/13/reims-der-champagner-und-die-deutschen-die-ungekronte-konigin-von-reims-ein-gastbeitrag-von-pierre-sommet/ 

[11] Siehe https://www.facebook.com/artekarambolage/videos/champagner-karambolage-arte/548244399062495/   

[12] FAZ vom 21. Januar 2021, S. 40  (Rhein-Main). Solche exquisite Flaschen werden offenbar nicht einfach gestohlen, sondern „entwendet“….

[13] http://www.champagnerwelt.com/krug/ 

[14] Siehe: https://de.france.fr/de/champagne/artikel/1-weltkrieg-wege-der-erinnerung-champagne-ardenne

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg/kriegsverlauf/champagne-1915.html

[15] MINIAC_Alexandre,_aquarelle_des_Hurlus_(Marne),_lors_de_la_première_guerre_mondiale..jpg (2138×1533) (wikimedia.org)

[16] https://kriegsgraeberstaetten.volksbund.de/friedhof/souain

[17] Bild aus: https://www.art-galerie-shop.de/august-macke-farbkomposition-thuner-see-1913.html?gclid=EAIaIQobChMIy5iMvIDi8AIVFYTICh1QhAzUEAQYASABEgJdbfD_BwE Das vorhergehende Zitat ist dem Begleittext zu dem in der Macke-Ausstellung des Museums Wiesbaden ausgestellten Bild entnommen. (Paradies! Paradies? Oktober 2020 bis Mai 2021)

[18] Mathias T. Engels, August Macke. Monographien zur rheinisch-westfälischen Kunst der Gegenwart 1. Recklinghausen: Bongers 1958. Zitiert bei: https://de.wikipedia.org/wiki/August_Macke

[19] https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Tunisreise Nachfolgendes Bild: https://www.kunstkopie.de/a/august-macke/blick-auf-eine-moschee.html

[20] Bild aus: https://de.wikipedia.org/wiki/August_Macke#/media/Datei:August_Macke_001.jpg

[21] Christa Blenk, Werkbetrachtung: Abschied von August Macke. https://www.kultura-extra.de/kunst/spezial/werkbetrachtung_Abschied_AugustMacke.php

[22] August Macke, Briefe an Elisabeth und die Freunde. Herausgegeben von Werner Frese und Ernst-Gerhard Güse. München: Bruckmann 1987

[23] Bild aus: https://www.wikiwand.com/fr/Liste_de_n%C3%A9cropoles_nationales_en_France

[24] Franz Sontag (Hrsg.): Ein Armeeführer erlebt den Weltkrieg – Persönliche Aufzeichnungen des Generalobersten v. Einem, Leipzig 1938, S. 163 zitiert in: https://de.wikipedia.org/wiki/Herbstschlacht_in_der_Champagne

[25] Bild aus: https://jhmcohen.com/2014/02/12/k-adenauer-c-de-gaulle-1962-a-reims-un-surprenant-message-de-paix/  Zu der Militärparade von Mourmelon siehe auch: Jean-François Boulanger, Hervé Chabaud, Jean-Pierre Husson, De la capitulation à la réconciliation. La rencontre de Gaulle –Adenauer à Reims en 1962.  http://www.cndp.fr/crdp-reims/memoire/enseigner/memoire_2gm/degaulle_adenauer.htm

[26] Bild aus Thomas W. Gaethgens, Die brennene Kathedrale. Eine Geschichte aus dem Ersten Weltkrieg. München 2018, Farbtafel 35  (wiedergegeben in der Amazon-Vorschau).

[27] Gaethgens, S. 106/107

[28]  Gaethgens, S. 281

[29] Karte aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Fr%C3%BChjahrsoffensive_1918#/media/Datei:Mai-Angriff_1918.jpg

[30] https://de.wikipedia.org/wiki/Paris-Gesch%C3%BCtz Zur Bombardierung von Saint-Gervais siehe auch den Blog-Beitrag über das Marais: https://paris-blog.org/2020/04/20/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-1-grosse-maenner/ 

[31] Bild aus: https://en.wikipedia.org/wiki/Oise-Aisne_American_Cemetery_Plot_E#/media/File:Plot_%22E%22,_Oise-Aisne_American_Cemetery.jpg       

[32]https://de.wikipedia.org/wiki/Sexuelle_Gewalt_im_Zweiten_Weltkrieg#:~:text=Soldaten%20der%20US%2DArmy%20vergewaltigten,1945%20sch%C3%A4tzungsweise%2011.040%20deutsche%20Frauen.

https://en.wikipedia.org/wiki/Rape_during_the_liberation_of_France#:~:text=U.S.%20soldiers%20were%20reported%20committing,the%20end%20of%20the%20war Siehe auch: Mary Louise   Roberts, What Soldiers Do: Sex and the American GI in World War II FranceThe University of Chicago Press 2013

[33]  Zur Gedenkstätte Hartmannswillerkopf siehe: https://paris-blog.org/2019/08/01/der-hartmannswillerkopf-das-franzoesische-nationaldenkmal-und-das-deutsch-franzoesische-historial-zum-ersten-weltkrieg/  Zur Gedenkstätte Douaumont siehe:  https://paris-blog.org/2016/05/21/verdun-1916-2016-und-die-neue-gedenkstaette/ 

[34] Aus dem Informationsblatt des Memorials.

[35] Andreas Kilb, Es ist vorbei, vorbei für immer. Hundert Jahres Erster Weltkrieg. FAZ vom 26.7.2014 https://www.faz.net/aktuell/politik/der-erste-weltkrieg/erster-weltkrieg-die-schlachtfelder-der-marne-13059447-p4.html 

[36] https://paris-blog.org/2018/12/02/von-lyon-nach-dornholzhausen-die-waldenser-eine-franzoesisch-italienisch-deutsche-fluechtlingsgeschichte-teil-1-lyon-luberon-piemont/ 

[37]   Saving Paris: U.S. Marines at Battle of Belleau Wood (warhistoryonline.com)

[38] https://www.gazettenet.com/US-Marines-bravery-celebrated-100-years-after-French-battle-17800182

[39] Süddeutsche Zeitung 4.9.2020  Blog zur US-Wahl  und Süddeutsche Zeitung 5. September 2020

[40] Bild aus: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Belleau_-_Soldatenfriedhof_-_entr%C3%A9e.jpg

[41] Bild aus: https://tourisme.seine-et-marne-attractivite.fr/4673215-monument-americain

[42] https://www.museedelagrandeguerre.eu/de/besuch-des-museums/das-groesste-europas-zum-zeitraum-14-18.html

[43] Zum 11. November siehe die Blog-Beiträge: https://paris-blog.org/2016/10/01/der-11-november-ein-franzoesischer-feiertag-im-wandel/ und https://paris-blog.org/2018/11/11/paris-11-november-2018-paris-begeht-den-100-jahrestag-des-waffenstillstands-november-2018/

[44]Philippe Dagen,  La Grande Guerre s’expose à Meaux, sans sang, sans cris, sans larmes. Le Monde vom 10.11.11

[45] Bild und nachfolgendes Textzitat aus:  https://www.museedelagrandeguerre.eu/de/besuch-des-museums/unbedingt-sehenswert/marne-1914.html

[46] Philippe Dagen,  La Grande Guerre s’expose à Meaux, sans sang, sans cris, sans larmes. Le Monde vom 10.11.11

[47] Bild aus: http://www.mehrow.de/Aktuelles/2016/Champigny-sur-Marne/DSC02237_Plakette_640.jpg

[48] Bild aus: Champigny : l’ossuaire rénové dévoile ses sépultures de soldats – Le Parisien

Weitere geplante Beiträge:

Die alte Eiche (Le Gros Chêne) von Allouville-Bellefosse in der Normandie. Ein Gastbeitrag von Zora del Buono

La mer imaginaire: Die Jahresausstellung 2021 in der Villa Carmignac auf Porquerolles

Nous la Commune: Eine Ausstellung zum 150. Jahrestag der Pariser Commune. Place de la Bastille

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Auf der A 4/Autoroute de l’Est von Saarbrücken nach Paris: Eine Fahrt durch die deutsch-französische Geschichte (Teil 1: Von Saarbrücken über Verdun bis zur Voie Sacrée)

Im Allgemeinen benutzen wir für unsere Fahrten nach Paris nicht das Auto: Mit dem Zug kann es –jedenfalls wenn man aus der Nähe von Frankfurt kommt wie wir- nicht konkurrieren. Was die Fahrzeit, den Komfort und –bei frühzeitiger Buchung- die Kosten angeht, ist die schnelle Zugverbindung über Saarbrücken oder Straßburg einfach unschlagbar. Außerdem ist das Auto in Paris wegen des Parkproblems eher eine Last.

Aber manchmal benutzen wir dann doch das Auto. Vor allem, wenn Paris eine Zwischenstation ist auf einer Fahrt in den Westen oder Südwesten Frankreichs. Dann geht es mit dem Auto über Saarbrücken auf der Autoroute de l’Est nach Paris. Am Rand dieser Strecke sind zahlreiche braune Hinweisschilder (panneaux marron) angebracht, die auf besondere Sehenswürdigkeiten hinweisen: eine Kirche, ein Schloss, einen malerischen Ort. Es sind die sogenannten Panneaux d’animation culturelle et touristique, deren Ziel es nach Auskunft des Autobahnbetreibers Sanef ist, „den Reichtum des kulturellen und touristischen Erbes“ zu veranschaulichen und die Autofahrer zu motivieren, den Charme der Regionen Frankreichs zu entdecken. Dabei sollten die angegebenen Orte nicht mehr als 30 km von der nächsten Abfahrt entfernt sein. [1] Ein ganz erheblicher Teil dieser Hinweisschilder bezieht sich auf Orte und Ereignisse, die einen historischen Bezug haben. Und das sind , wie auf dieser Strecke kaum anders zu erwarten, vor allem Bezüge zur deutsch-französischen Geschichte, ganz konkret zu den vielen Kriegen, die beide Länder miteinander geführt haben und in denen die Gegenden entlang der Autoroute de l’Est eine wesentliche und leidvolle Rolle gespielt haben. Das erste Hinweisschild nach Saarbrücken und letzte vor Paris sind denn auch die passende Einführung und der markante Schlusspunkt:

Schon kurz hinter der Grenze gibt es das erste historische Hinweisschild (Km 14 der A 320, die zur A 4 führt). Es bezieht sich auf  den Kampf um die Spicherer Höhen  im deutsch-französischen Krieg von 1870/1871.

Schlusspunkt ist kurz vor Paris  das Hinweisschild auf das „Museum des Großen Krieges“ in Meaux, nahe der großen und kriegsentscheidenden Marneschlachten am Beginn und Ende des Ersten Weltkriegs.

Insgesamt gibt es an der Autoroute de l’Est 16 solche  Hinweisschilder mit Bezug zur deutsch-französischen Geschichte: Und diese Schilder beziehen sich meist explizit auf Kriege: die Koalitionskriege während der Französischen Revolution, den deutsch-französischen Krieg 1870/1871, den Ersten Weltkrieg und den Zweiten Weltkrieg.

  1. Das Schlachtfeld von Spicheren  (1870, 1940, 1945)    
  2. Der amerikanische Soldatenfriedhof von St. Avold (1944/45)  km 364
  3. Das Museum von Gravelotte (1870)    km 303                           
  4. Das Fort de Fermont an der Maginot-Linie  (1931-1940)     km 293 
  5. Das Schlachtfeld von Les Esparges (1914-1918)  km 274
  6. Saint Mihiel  (1914-1918) km 258   
  7. Verdun, Ville de Paix km 256 
  8. Die Voie Sacré (1916) km 243  
  9. Der amerikanische Soldatenfriedhof Romagne –sous- Monfaucon (1917-1918)  km 235
  10. Die Mühle und die Kanonade von Valmy (1792)      km 207
  11. Die Champagne, der Champagner und der Erste Weltkrieg (1914-1918)  
  12. Reims: die Kathedrale (1914, 1962, 2011 und 2015)   km 148
  13. Der amerikanische Soldatenfriedhof Seringes et Nesle  (1918)    km 114
  14. Das französische Mémorial von Dormans (Marneschlachten)   km 113
  15. Der amerikanische Soldatenfriedhof  Belleau (1918)  km 90                 
  16. Meaux und das Musée de la Grande Guerre (1914-1918)     km 44

Diese Hinweisschilder markieren unübersehbar die Autofahrt nach Paris. Sie erinnern an Bekanntes,  wecken Assoziationen, machen vielleicht auch neugierig. Ich habe sie zum Anlass genommen, jeweils –mehr oder weniger ausführlich- etwas zu den Orten mitzuteilen, auf die da verwiesen wird. Das sprengt zwar das-sowieso schon beträchtliche  übliche Format der Beiträge dieses Blogs. Aber es entsteht so ein wie ich hoffe anschaulicher und  informativer Begleiter für die Fahrt auf der Autoroute de l’Est. Und vielleicht regt er ja auch dazu an, auf dieser faszinierenden Reise durch die Geschichte an dem einem oder anderen der bezeichneten Orte anzuhalten  und sich selbst ein Bild zu machen. Interessante und geeignete Alternativen zu einer Fahrtpause in einer Autobahnraststätte bieten sich -angefangen mit Spicheren- damit auch an.

Dieser deutsch-französische Autobahn-Reiseführer ist in zwei Abschnitte aufgeteilt. Nach diesem über Verdun bis zur Voie Sacrée führenden ersten Teil wird in dem nachfolgenden Blog-Beitrag die weitere Fahrt bis über Reims nach Paris behandelt.

  1. Das Schlachtfeld von Spicheren  (1870, 1940, 1945)

Die Spicherer Höhen bei Saarbrücken hatten im Krieg von 1870/71 und im Zweiten Weltkrieg eine strategische Bedeutung, weil von da aus das umliegende Gebiet von Saarbrücken bis Forbach kontrolliert werden konnte.  Die französische Armee, die am Anfang des Krieges von 1870/71  Saarbrücken besetzte, hatte sich auf dem festungsartigen „Roten Berg“ von Spicheren festgesetzt. Anfang August 1870 begannen deutsche Truppen den Angriff und eroberten mit hohen Verlusten die Spicherer Höhen.

Theodor Fontane, damals offizieller Kriegsberichterstatter der preußischen Armee, schreibt dazu: „Wichtiger als die strategische Bedeutung der Erstürmung der Spicherer Höhe war ihre moralische; wir hatten einen …. durch Zahl und Artillerie uns erheblich überlegenen Feind aus einer Stellung geworfen, die er selbst für uneinnehmbar angesehen hatte.“ [2]

Heute erinnern zahlreiche Ehrenmale an deutsche und französische Gefallene der damaligen Kämpfe.

Besonders herausgestellt wird dabei der –offensichtlich von französischen Hugenotten abstammende-  preußische Generalmajor Bruno von François, der bei der Erstürmung der Spicherer Höhen ums Leben kam. Am Fuße des Ehrenmals für das Hohenzollernsche Füsilier-Regiment Nr. 40 befindet sich ein Gedenkstein mit seinem –eingedeutschten- Namen.

Im Wald unterhalb der Anhöhe befindet sich sein umzäunter Sterbeort mit einem Gedenkstein. Dahinter das Ehrenmal für das von ihm kommandierte 1. Hannoversche Infanterie-Regiment Nr. 74.[3]

Heute sind die Spicherer Höhen ein beliebtes Ausflugsziel, das sich auch für eine historisch angereicherte  Rast auf dem Weg nach Paris anbietet.

Eine Tafel am Parkplatz erleichtert die Orientierung. Daneben liegt das traditionsreiche Restaurant Woll, von dessen großer Terrasse aus man einen schönen Blick auf die Erinnerungsstätte an die Schlacht vom 6. August 1870 und das Forbacher Becken hat.

Eine übersichtliche aber gute Karte. - Picture of Restaurant Woll, Spicheren  - Tripadvisor

Wenige Meter davon entfernt liegt ein kleiner deutscher Soldatenfriedhof mit Gefallenen aus den ersten Tagen des „Westfeldzugs“ und den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. Auch da wieder waren die Spicherer Höhen umkämpft.

Praktische Informationen: Autoabfahrt Saarbücken/Goldene Bremm. Von dort aus erreicht man über die B 41/N3 Richtung Forbach und die Straße Zum Zollstock (beschildert) in wenigen Minuten die Spicherer Höhen

Das Ehrental im Deutsch-Französischen Garten von Saarbrücken

Am Fuß der hart umkämpften Spicherer Höhen liegt das Mockental.  Dort wurde unmittelbar nach der Schlacht auf Beschluss der Saarbrückener Stadtverwaltung eine gemeinsame Ruhestätte für die Gefallenen beider Nationen geschaffen, die den Namen „Ehrental“ erhielt. Bereits einen Tag nach der Schlacht wurden die ersten Kriegstoten  beigesetzt, denen bis April 1871 457 weitere folgten.  Später kamen noch Gräber für weitere ehemalige Kriegsteilnehmer hinzu.

Dies waren allerdings nicht die ersten Soldaten, die man im Mockental beigesetzt hatte. Bereits 1813  hatten französische Soldaten, die auf  dem Rückzug aus Russland in Saarbrücken verstorben waren,  hier ihre letzte Ruhe gefunden.

In Artikel 16 des Frankfurter Friedensvertrages vom 10. Mai 1871 verpflichteten sich die Regierungen Frankreichs und Deutschlands gegenseitig, die Gräber der auf ihren Gebieten beerdigten Soldaten zu respektieren und unterhalten zu lassen. Mit der Anlage des Ehrentals nahm die Stadt Saarbrücken diese Regelung bereits vorweg.

Insgesamt bietet der Friedhof ein sehr heterogenes Bild, das weniger militärisch-kriegerisch bestimmt ist. Üblich sind ja bei Gefallenenfriedhöfen, von denen wir auf der Fahrt nach Paris noch mehreren begegnen werden, strikte Regelungen in der Anordnung und einheitlichen Gestaltung der Gräber.  Auch im Tod liegen da die Soldaten meist übersichtlich geordnet auf offenen Feldern in Reih und Glied. Das ist im Ehrental ganz anders. Alte Bäume wie Eichen, Buchen, Winterlinden, Zypressen und Tulpenbäume, dazu natürlich das Efeu, und die Topografie des Wäldchens mit seiner ovalen Form tragen zum parkähnlichen Charakter bei.  Und dadurch, dass Hinterbliebene ihren Angehörigen individuelle Grabmale setzen konnten, trat ihr persönliches Gedenken gegenüber dem offiziellen bzw. militärischen in den Vordergrund: Das Ehrental ist der erste Friedhof für Gefallene des deutsch-französischen Krieges, möglicherweise sogar der erste Soldatenfriedhof in Deutschland.  Verbindliche Konzeptionen für eine solche Anlage gab es damals noch nicht.   Natürlich erinnern einzelne Symbole daran, dass hier Soldaten ihre letzte Ruhe fanden, wie dieses verwitterte Eiserne Kreuz mit Eichenlaub.

Daneben wurden aber auch die in der zivilen Grabgestaltung gebräuchlichen Formen und Symbole verwendet., die dem damaligen Zeitgeschmack entsprechen, aber auch damals eher ungewöhnlich waren..[3a]

Bestattet sind adlige Offiziere wie Maximilian Reichsfreiherr Roth von Schreckenstein, der Kommandeur des Rheinischen Ulanenregiments No 7, dem seine Familie das aufwändigste Grabdenkmal des kleinen Friedofs bauen ließ.

Es gibt aber auch Gräber einfacherer Soldaten wie das des Lehrers (nicht Gymnasialprofessors!) August Engler, der bei der Erstürmung der Spicherer Höhen am 6. August schwer verwundet wurde.

Im Ehrentag endgültig bestattet ist auch der General von François, der beim Sturm auf die Spicherer Höhen gefallen war.  

Sein Grabmal hat die damals beliebte Form einer abgebrochenen Säule, die sich wenige Schritte weiter auch bei einem französischen Grab: findet.

Bestattet ist hier der Lieutenant Achille St. Victor Fourcade, der am 6. August in Spicheren von einer Kugel in die Brust getroffen wurde, wie die Grabinschrift ausweist („a reçu une balle dans la poitrine“)

Dies ist ja auch eine Besonderheit dieses kleinen Friedhofs, dass deutsche und französische Soldaten, die auf den Spicherer Höhen gegeneinander gekämpft haben, hier gemeinsam bestattet sind.

Dieses große französische Grabkreuz in prominenter Lage erinnert insgesamt an die 1970/1871 gefallenen französischen Soldaten. Errichtet wurde es „parleurs Compatriotes“- aber offenbar war da ein deutscher Steinmetz am Werk, worauf die etwas eigenwillige französische Schreibweise hindeutet….

Auch eine Frau fand hier ihre letzte Ruhe: Katharine Weißgerber, genannt nach der „Herrschaft“, bei der sie als Dienstmagd beschäftigt war, ‚Schultze Kathrin‘. 

Zu Beginn des Deutsch-Französischen Krieges half sie,  verwundete Soldaten aus der Gefechtslinie zu bergen und zu versorgen. Das waren zunächst Opfer des französischen Angriffs auf Saarbrücken unmittelbar nach der Kriegserklärung Napoleons III.  vom 19. Juli 1870, dann Opfer des preußischen Gegenangriffs und des Kampfes um die Spicherer Höhen.[3b]

Briefmarke der Saar-Post von 1956. (Erst am 1.1.1957 wurde das Saarland Bundesland der BRD)

Für ihr humanitäres Engagement wurde Katharine Weißgerber mit einem „Verdienstkreuz für Frauen und Jungfrauen“ ausgezeichnet, starb aber am 6. August 1886, dem Jahrestag der Schlacht,  arm und weitgehend vergessen. Immerhin erhielt sie einen Grabstein – den einzigen einer Frau im Ehrental- finanziert durch den Spendenaufruf einer Zeitung.

In der Nähe des kleinen Friedhofs für die Gefallenen des deutsch-französischen Krieges von 1870/1871 gibt es noch eine weitere Erinnerung an die unselige militärische Vergangenheit beider Länder: Einen Bunker des sogenannten Westwalls. Seit 1936 zog sich auch eine Höckerlinie durch das Gelände, das der Abwehr von Panzerangriffen dienen sollte.

Die Höcker wurden in der Nachkriegszeit beseitigt. Bunker und Friedhof sind heute Teil des Deutsch-Französischen Gartens, der aus der Bundesgartenschau von 1960 hervorging. Diese Bundesgartenschau firmierte als binationale
Veranstaltung. Die neue Park- und Freizeitanlage entstand als bleibendes Symbol einer dauerhaften Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland.


2. Km 364: Der amerikanische Soldatenfriedhof von St. Avold (1944/45)      

Das Hinweisschild bei Kilometer 364 macht unübersehbar deutlich, dass es hier um einen amerikanischen Soldatenfriedhof geht: Die wohlgeordnete Menge der weißen Kreuze, die amerikanische Flagge und die Silhouette des amerikanischen Wappentiers.  Und in der Tat: Der Friedhof von Saint Avold (englisch: Lorraine American Cemetery and Memorial), um den es sich handelt, ist ein  amerikanische Soldatenfriedhof, und zwar sogar mit 10 489 Gräbern der größte US-amerikanische Soldatenfriedhof des Zweiten Weltkrieges in Europa.[4]

Von dem  Belvedere mit dem im Vergleich zum Autobahnschild nicht ganz so imposanten Adler hat man einen eindrucksvollen Blick über das Gräberfeld mit den für die amerikanischen Militärfriedhöfe typischen Kreuzen aus weißem Marmor- manchmal sind es auch Davidsterne, die es übrigens auf den amerikanischen Soldatenfriedhöfen für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges noch nicht gibt.

Wie auf allen von der American Battle Monuments Commission (ABMC), dem Pendant zum Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge,  gebauten und betreuten Anlagen gibt es auch eine überkonfessionelle Kapelle, die hier dem Kampf um die Freiheit gewidmet ist.

Praktische Informationen: American Cemetery Saint-Avold – Fayetteville Avenue – 57500 Saint-Avold. Öffnungszeiten täglich von 9-17 Uhr. Über die Autobahnabfahrt Saint Avold und die D 633 in wenigen Minuten zu erreichen.

Ein paar hundert Meter weiter gibt es auf dem ebenfalls auf der linken Seite gelegenen Gemeindefriedhof ein  bescheidenes „carrée militaire allemande“   mit den Gräbern deutscher Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg.[5]

3. km 303:  Gravelotte, der deutsch-französische Soldatenfriedhof, das Mausoleum  und das Museum (1870, 1905, 2014)   

Vom 14.- 18. August 1870 fand bei den westlich von Metz gelegenen Orten Gravelotte/Saint-Privat/Mars-la-Tour eine Schlacht zwischen französischen und deutschen Truppen statt. Der  deutsche Sieg, der zur Einkesselung der französischen Rheinarmee in der Festung Metz führte und deshalb eine erhebliche strategische Bedeutung hatte, war mit hohen Opfern erkauft. Theodor Fontane, der die preußischen Truppen als Kriegsberichterstatter begleitete, schrieb:

„Unser Gesamtverlust belief sich auf 904 Offiziere und 19,058 Mann, davon todt 310 Offiziere und 3905 Mann. Seit Leipzig war keine Schlacht geschlagen worden, die größere Opfer gekostet hätte.“[6]

 Am Tag darauf telegrafierte der preußische König Wilhelm –und spätere Kaiser Wilhelm I.-  an Königin Augusta: „Meine Garde fand vor Saint-Privat ihr Grab.“[7]  Wilhelm legte deshalb auch großen Wert darauf, dass im Friedensvertrag von Frankfurt das von Soldatengräbern übersäte Schlachtfeld dem Deutschen Reich einverleibt wurde.

1895 wurde dort ein Aussichtsturm errichtet, von dem aus man das Schlachtfeld überblicken konnte. 1905 wurde er abgerissen und ein Mausoleum im neoromanischen Stil errichtet, das Kaiser Wilhelm II. höchstpersönlich einweihte.

Umgeben ist das Mausoleum von einem deutsch-französischen Soldatenfriedhof. Es gibt dort zahlreiche Grabstätten deutscher Offiziere, aber auch Massengräber unbekannter deutscher und französischer Soldaten. Zahlreiche Denkmale von dem Schlachtfeld wurden nach und nach dort hin verlegt.

Das Museum des deutsch- französischen Krieges 1870/1871 und der Annexionszeit wurde von dem Pariser Architekten Bruno Mader entworfen und  2014 eröffnet.

Der Stahl als hauptsächliches Baumaterial ist bewusst gewählt:  Es ist das Metall, aus dem auch die in der Schlacht verwendeten Säbel, Geschosse, Gewehre und Kanonen hergestellt wurden. Und die Patina entspricht der Zeit, die seitdem vergangen ist.

Das Museum zeichnet sich aus durch eine  konsequente deutsch-französische Perspektive. Für die dementsprechende ausgewogene Darstellung  bürgt allein schon der hochkarätig besetzte internationale wissenschaftliche Beirat mit französischer, deutscher und englischer Beteiligung.

Bezeichnend ist in dieser Hinsicht auch die sprachliche Gestaltung der Informationstafeln:  Handelt es sich um den Krieg und seine Vorgeschichte, steht am Anfang der französische Text, gefolgt von der deutschen Version (und einer englischen Kurzfassung). Sobald es allerdings um die Zeit zwischen 1871 und 1918 geht, als das Elsass und das Département  Moselle als Reichsland Elsaß-Lothringen Teil des Deutschen Reiches waren, ist das umgekehrt: zunächst der deutsche, dann der französische Text. Und inhaltlich ausgewogen ist sowohl die Darstellung der Vorgeschichte, wo das Interesse beider Seiten an dem Krieg herausgestellt wird, als auch die der „Annexionszeit“: Da werden auch soziale Fortschritte wie die Einführung des Bismarckschen Versicherungssystems angesprochen, auf die die Bewohner des Reichslands nach 1918 nicht verzichten wollten; genauso wenig wie auf das im Reichskonkordat geregelte Verhältnis zum Vatikan, das bis heute noch eine im zentralisierten laizistischen Frankreich außergewöhnliche regionale Besonderheit darstellt.

Sehr eindrucksvoll sind die deutschen und französischen Gemälde, in denen die Schlacht dargestellt wird, wobei  auch die schrecklichen Opfer auf beiden Seiten nicht ausgeblendet werden.

Hier ein Ausschnittaus dem  1897 entstandenen Gemälde Carl Röchlings  Schlacht von Gravelotte. Tod des Majors von Hadeln am 18. August 1870:

Der schon verletzte Major führt mit der Fahne in der Hand einen Trupp Soldaten des Rheinischen Infanterieregiments Nr.  69 gegen verschanzte Franzosen an. Wenige Augenblicke später wird er durch einen Schuss ins Herz getötet. Die Darstellung entspricht einerseits dem damals üblichen Heldenkult, andererseits wird aber auch in aller Deutlichkeit der Schrecken des Krieges gezeigt.

Auch der französische Maler Georges Jeanniot stellt in seinem Gemälde „Ligne de feu, souvenir du 16 août 1870  die Schrecken de Krieges dar, die er auf dem Schlachtfeld von Gravelotte am eigenen Leib erfahren hatte.

Eindrucksvoll sind auch die in dem Museum gezeigten Fragmente des Schlachten- Panoramas von Rezonville (Gravelotte). Es wurde in den 1880-er Jahren mit großem Erfolg in Paris präsentiert und diente dazu, die Erinnerung an die Opfer des Krieges und die verlorenen Provinzen  wachzuhalten. Wie sehr die blutigen Kämpfe in den Kämpfen um Gravelotte die Menschen in Deutschland und Frankreich bewegt haben, veranschaulichen zwei Gedichte, die in dem Museum vorgestellt werden: Ferdinand Freiligraths  Die Trompete von Gravelotte und Arthur Rimbauds  Der Schläfer im Tal (Le dormeur du val).

Insgesamt ein außergewöhnlicher Erinnerungsort des deutsch-französischen Krieges. Mehr dazu in dem entsprechenden Blog-Beitrag:

https://paris-blog.org/2021/01/01/gravelotte-bei-metz-ein-einzigartiger-erinnerungsort-des-deutsch-franzosischen-kriegs-1870-1871/

Praktische Informationen: 

Musée départemental de la guerre de 1870 et de l’annexion   11, rue de Metz, 57130 Gravelotte

Gravelotte liegt westlich von Metz an der D 603

Öffnungszeiten des Museums 2020: Vom 8. Februar bis 13. Dezember
Dienstag bis Sonntag 10-13 Uhr und 14-18 Uhr. Montags und am 1. Mai  geschlossen.

4. km 293: Das Fort de Fermont an der Maginot-Linie  (1931-1940)      

Dass auf  das Fort de Fermont hingewiesen wird, ist etwas ungewöhnlich, weil es etwa 45 Kilometer von der nächstgelegenen Autobahnabfahrt entfernt liegt, also die eigentlich gesetzte Obergrenze deutlich überschreitet.  Zu erklären ist das wohl damit, dass es sich um ein ganz besonderes Bauwerk handelt: Es ist nämlich eines der sogenannten „gros ouvrages“, der großen Festungsbauwerke, der Maginot-Linie, die in den Jahren zwischen den Weltkriegen errichtet wurde. Das Fort Fermont rühmt sich zudem damit , „unbesiegt“ zu sein, also den Angriffen der Wehrmacht standgehalten zu haben[8], und schließlich ist das Fort zusammen mit einem neuen Museum  für Besucher zugänglich.

Eingang der Festung

Ein Besuch ist allerdings nicht nur wegen der Entfernung zur Autobahn etwas kompliziert, sondern er muss auch genau geplant werden, weil er nur im Rahmen einer  Führung möglich ist, für die eine vorherige Anmeldung sinnvoll ist. Was die Besucher erwartet, skizziert das zuständige Tourismus-Büro:  „Während der zweistündigen Besichtigung des Forts Fermont können die Besucher die sieben, durch unterirdische Gänge verbundenen Kampfblöcke, die Ausstattungen und Waffenausrüstungen entdecken. Nach dem Munitionslager steigen Sie an Bord einer kleinen elektrischen Feldbahn, um eine 30 Meter unter der Erdoberfläche liegende Artilleriekasematte zu entdecken.“

 „Anschließend erreichen Sie das Krankenrevier, die Kaserne oder auch die elektrische Fabrik mit den rekonstruierten Szenen. In den Oberbauten kann man die anderen Blöcke mit einem 75-mm-Geschützturm in Block 1 und auf einer Fläche von mehr als 1.000 m² ein Museum über das Armeematerial der Maginotlinie erkunden, sowie eine einzigartige Ausstellung mit versenkbaren Geschütztürmen und zahlreichen Artilleriestücken.“[9]

So eindrucksvoll diese Festungsanlage auch ist: Der militärische Nutzen der mit großem Aufwand errichteten Maginot-Linie war minimal.  Die meisten Festungsanlagen wurden 1940 beim Angriff der deutschen Wehrmacht auf Frankreich umgangen, so dass die dort stationierten Soldaten fest saßen und tatenlos zusehen mussten, wie ihre Armee überrannt wurde. Die Maginot-Linie war insofern ein Schlüssel der französischen Niederlage: Ein Großteil der französischen Divisionen verharrte an der Maginot-Linie und konnte nicht in die entscheidenden Kämpfe eingreifen. [10]

Praktische Informationen:

Das Fort liegt an der D 174 zwischen Beuveille und Fermont. Von der Autoroute de l’Est Abfahrt 34 St. Marie aux Chênes. Auf der D 643 bis Beuveille, von dort auf der D 174 Richtung Fermont.  Allerdings sind das knapp 45 Kilometer.  Statt dieselbe Strecke wieder zurückzufahren, bietet sich die Weiterfahrt über Etain, Verdun und die Voie sacrée bis zur Autobahnauffahrt 30 an.

Öffnungszeiten: siehe https://www.fort-de-fermont.fr/ 

Telefon: 0033 (0)3 82 39 35 34

5. km 274: Das Schlachtfeld von Les Éparges (1914-1918)   

Bei Kilometer 274 steht neben friedlich grasenden Kühen dieses Schild, das auf ein Schlachtfeld des Ersten Weltkrieges hinweist. Kurz danach ein weiteres Schild:

Les Éparges bezeichnet einen Höhenzug südöstlich von Verdun, der im September 1914 im Zuge des dann gescheiterten Angriffs auf die Festung Verdun von deutschen Truppen besetzt wurde. Der Höhenzug dominiert die Ebene von Woëvre die sich zur (damals deutschen) Festung hinzieht und damit strategische Bedeutung hat. Les Éparges ist Teil des Frontbogens (le saillant) von Saint Mihiel, um den es im nachfolgenden Abschnitt geht. [11]

Aufgrund dieser besonderen Lage des Höhenzuges  beschloss die französische Armeeführung seine Rückeroberung. Vom Angriffsbeginn am 17. Februar bis zum  April 1915 tobten heftigste Kämpfe:  Ständige Angriffe und Gegenangriffe, kleine Geländegewinne, die dann wieder verloren wurden, Hunger, Kälte, völlig verschlammte Schützengräben, pausenloser Artilleriebeschuss und Tausende und Abertausende Tote, Verwundete und Vermisste auf beiden Seiten.

Deutscher Schützengraben von Les Éparges[12]

Es war „schlimmer als die Hölle. All das ohne entscheidenden Sieg und mit keiner anderen Konsequenz als die Anhäufung von Leichen, von entstellten Gesichtern, von im Schlamm vergrabenen Köpfen, zerschossenen Bäumen, verwüsteten Landschaften.“[13]

Es gibt verschiedene Denkmäler, die im Andenken an die Kämpfe und Kämpfer errichtet wurden. Das Denkmal auf dem Point X, dem besonders umkämpften Punkt des Höhenzuges von Les Éparges, ist denen gewidmet, „die kein Grab haben“. Insgesamt wurden die Körper von 10 000 der in Les Éparges gefallenen 50 000 Männer nicht gefunden.[14]

Einer der Kämpfer auf französischer Seite war Maurice Genevoix, der  am 25. April 1915 verwundet wurde und seine Kriegserfahrungen in mehreren Büchern niederschrieb, die er unter dem Titel „Ceux de 14“ (Die von 14) zusammenfasste. Eines dieser Bücher trägt den Titel Les Éparges.

 Vor dem Rathaus von Les Èparges wurde dem Schriftsteller ein Denkmal errichtet.

Auf dem Sockel folgendes Zitat: „Ce que nous avons fait c’est plus qu’on ne pouvait demander à des hommes et nous l’avons fait.“   („Das, was wir gemacht haben, ist mehr als das,  was man von Menschen erwarten konnte, und wir haben es gemacht.“)

Am 11. November 2020 wurden die sterblichen Überreste von Genevoix in das Pariser Pantheon überführt und mit ihm –in einem symbolischen Akt- auch Ceux de 14.

Mehr zu Genevoix und seiner Pantheonisierung  in dem entsprechenden Blog-Beitrag:

https://paris-blog.org/2020/11/02/die-aufnahme-des-schriftstellers-maurice-genevoix-und-der-franzosischen-teilnehmer-des-1-weltkriegs-ceux-de-14-ins-pantheon/ 

 Am selben Tag wie Genevoix wurde auch –auf der anderen Seite der Front-  Ernst Jünger in Les Éparges verwundet, der seine Erfahrungen in dem Buch In Stahlgewittern. Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers verarbeitete.  Ein Abschnitt darin ist mit Les Eparges überschrieben. Obwohl Jünger den Kampf heroisierte  und er die Aura des todesmutigen und kaltblütigen Truppenführers pflegte, hat er angesichts der mörderischen Kämpfe von Les Èparges doch auch Schwäche gezeigt:

Ich will offen gestehen, daß mich meine Nerven restlos im Stiche ließen. Nur fort, weiter, weiter! Rücksichtslos rannte ich alles über den Haufen. Ich bin kein Freund des Euphemismus: Nervenzusammenbruch. Ich hatte ganz einfach Angst, blasse, sinnlose Angst.[15]

Der Höhenzug ist noch heute von den Spuren der Kämpfe gezeichnet, vor allem von den großen Kratern der Minen, die bis zum Kriegsende dort auf beiden Seiten eingesetzt wurden. [16]

Le saillant de Saint Mihiel, Les Eparges, Site de la crête de Les Eparges. Cratères de mines et terre labourée par les milliers d’obus tombés ici.

Am Fuß des Höhenzuges von Les Éparges liegt der Cimetière Militaire du Trottoir, wo französische Opfer der Kämpfe bestattet sind. Dazu gehört auch Robert Porchon, der Kampfgefährte von Maurice Genevoix, der ihm „Sous Verdun“, den ersten Teil von „Ceux de 14“,  gewidmet hat und durch den Robert Porchon zum „bekanntesten Soldaten des Großen Krieges“ geworden ist.[17] Der Name des Friedhofs stammt aus der Kriegszeit: Die Toten wurden, solange sie in dem Morast nicht bestattet werden konnten, zunächst auf Holzrosten abgelegt, die sonst als Gehsteige (trottoir) genutzt wurden.

Praktische Informationen:

Von der A 4 Abfahrt 32.  D 908. Ab Fresnes en Woevre  auf der D 203 nach Les Éparges (ca 10 km).  Von dort über die D 203 A und den Cimetière Militaire du Trottoir  zum Point X

6. km 258:   Saillant de Saint – Mihiel  (1914-1918)    

Saillant de Saint-Mihiel: Das ist ein nach Westen vorspringender Frontbogen, der 1914 entstanden war, als die deutsche Armee vergeblich versuchte, die Festung Verdun einzuschließen.  1915 versuchte  die französische Armee durch die Angriffe bei Les Éparges vergeblich, diesen Frontbogen zu begradigen.  So blieb der von bayerischen Truppen eroberte Brückenkopf von Saint – Mihiel auf der westlichen Seite der Marne noch bis September 1918  in deutscher Hand.                   

Hier eine Karte der Westfront nach dem Beginn des Stellungskrieges. In der Mitte ist der Frontbogen von Saint-Mihiel deutlich zu erkennen.[18]  Das Gebiet um Saint-Mihiel wird von deutschen und französischen Schützengräben und Stellungen durchzogen. Hier ein Bild der Tranchée du saillant de Saint-Mihiel  auf französischer Seite….



und Reste vom „Schützengraben des Hungers. Die dort eingesetzten französischen Soldaten mussten sich im Mai 1915 aus Wassermangel ergeben: Sie waren nahe daran zu verdursten.

…. und ein von bayerischen Pionieren errichteter befestigter Unterstand beim bayerischen Schützengraben.

1918 nahmen amerikanische Truppen den schon teilweise geräumten Frontbogen ein. Ihnen zu Ehren wurde 1937 auf einem Hügel in der Nähe des Lac de Madine das Montsec American Monument errichtet.[19]

7. km 256: Verdun, Ville de la Paix  

Auf diesem Schild wird Verdun als „Stadt des Friedens“ vorgestellt.  Unter dem Regenbogen und der Friedenstaube ist das Weltzentrum des Friedens, der Freiheit und der Menschenrechte (Centre Mondial de la Paix, des Libertés et des Droits de l’Homme) abgebildet, das sich im prächtigen Bischofspalast von Verdun befindet.[20]

Zu dem Programm des Zentrums gehören Ausstellungen zur kriegerischen Vergangenheit, aber auch Veranstaltungen wie die deutsch-französische und europäische Woche im Oktober 2020, die einen Beitrag zur europäischen Verständigung leisten.

Praktische Informationen:

Weltzentrum des Friedens:

Palais épiscopal,  Place Monseigneur Ginisty
55105 VERDUN   Tel.  +33 (0)3 29 86 55 00

Öffnungszeiten siehe  https://de.tourisme-verdun.com/decouverte/post/weltfriedenszentrum-centre-mondial-de-la-paix

Dass es gerade Verdun ist, das seine Rolle als  Stadt des Friedens sieht, hängt natürlich mit seiner ganz und gar nicht friedlichen Vergangenheit zusammen. Verdun steht ja, wie kaum ein anderer Ort, für die Grauenhaftigkeit des Ersten Weltkrieges, seine Materialschlachten und die unermesslichen Opfer, die dieser Krieg auf beiden Seiten verursacht hat.

Das wird auf dem Autobahnschild auf der anderen Seite der Autoroute de l’Est angesprochen,  wobei –wie auch auf dem schon abgebildeten Schild zum Frontbogen von Saint-Mihiel  (Nummer 6) auf der Südseite- Verdun zusammen mit dem Argonnen-Wald genannt wird.  Der Wald der Argonnen war nach dem Scheitern des Schlieffen-Plans und dem Rückzug der deutschen Truppen an der Marne ein während der gesamten Kriegszeit umkämpft bis hin zu der hauptsächlich von den amerikanischen Interventionstruppen vorgetragenen großen Maaß-Ardennen-Offensive vom September bis zum Waffenstillstand am 11. November 1918.  

Zu den Kriegsschauplätzen in diesem mittleren Abschnitt der Westfront gehörten auch die Kämpfe von Les Éparges, des Frontbogens von Saint-Mihiel und vor allem von Verdun.[21] Diese Festung wurde von der deutschen Heeresleitung als Angriffsziel ausgewählt, um die französischen Truppen entscheidend zu schwächen und damit ein Kriegsende unter Wahrung der deutschen Interessen zu erzwingen. Vom Februar bis Dezember 1916 wurde gekämpft- Inbegriff der industrialisierten Materialschlachten des Weltkriegs: Mit rund 1200 Kanonen, darunter den überschweren 42-cm-Geschützen vom Typ „Dicke Bertha“ verschossen die Deutschen weit über eine Million Tonnen Stahl auf die französischen Stellungen- und die Franzosen etwa die gleiche Menge gegen die deutschen Positionen. Eine solche Konzentration an Feuerkraft hatte es in der Kriegsgeschichte bis dahin nicht gegeben. Das vom deutschen Generalstabschef von Falkenhayn geplante „Ausbluten“ oder „Weißbluten“  der französischen Armee fand aber nicht statt: Die Verluste auf beiden Seiten waren immens.  So wurde die  „Hölle“ oder „Knochenmühle von Verdun“ zum Inbegriff eines letztlich sinnlosen Kampfes.[22] 

Für Frankreich wurde Verdun nach dem Krieg zum wichtigsten nationalen Erinnerungsort, zu einem Symbol für den erfolgreichen Widerstand gegen einen Aggressor. Verdun bot sich aus mehreren Gründen dafür an: Hier gibt es –anders als bei der Marneschlacht- einen geographisch begrenzten und durch eindrucksvolle Monumente wie die umkämpften Forts und anschauliche Spuren des Krieges gekennzeichneten Raum. Dazu kommt,  dass es sich bei der Verteidigung  Verduns um eine rein französische Angelegenheit handelte, an der keine Verbündete beteiligt waren. Und schließlich trug auch das  von General Pétain, dem Verteidiger und „Sieger Verduns“,  eingeführte System der Truppenrotation zur Ausnahmestellung Verduns bei:  Dieses  von ihm als Noria (Schöpfrad) bezeichnete System bedeutete, dass  jede große Einheit nur einmal für eine begrenzte Zeit in Verdun eingesetzt werden sollte, um die Belastung der Truppen zu reduzieren und ihre Moral aufrecht zu erhalten. So war die Mehrheit der französischen Armee an der Verteidigung Verduns beteiligt, und damit auch indirekt ein großer Teil der französischen Bevölkerung insgesamt.

Es gibt zahlreiche Erinnerungsorte an diese mörderischen Kämpfe um Verdun. Da ist vor allem das Beinhaus von Douaumont (Ossuaire de Douaumont).  Es liegt  etwa 5 km nordöstlich von Verdun auf dem Gelände der im Krieg völlig zerstörten gleichnamigen Ortschaft und in der Nähe der ebenfalls gleichnamigen Festung, die während der Kämpfe um Verdun heftig umkämpft war. Das Beinhaus besteht aus einem wuchtigen Sockel, einem sinnbildlichen Damm, den die Verteidiger gegen die Eindringlinge in ihr Land errichtet hatten, ähnelt aber tatsächlich eher einem Bunker. Der 46 Meter hohe Glockenturm, der das ganze Plateau dominiert, ist „eine riesige Grabstele: Das Beinhaus ist ein ungeheures Totenmal.“[23]

Auf dem Friedhof ruhen 16.142 französische Soldaten, die in den Kämpfen um Verdun umgekommen sind.  In dem Beinhaus sind die sterblichen Überreste von 130 000 nicht identifizierten französischen und deutschen Soldaten aufbewahrt. Dass so viele Tote nicht identifiziert und weder der eigenen oder der feindlichen Armee zugeordnet werden konnten, veranschaulicht eindringlich das Ausmaß der Kämpfe. So musste man notgedrungen die sterblichen Überreste von Franzosen und Deutschen hier zusammen aufbewahren.

In der Umgebung sind die Spuren der Kämpfe  – Bombentrichter, Schützengräben und Befestigungsanlagen- immer noch sichtbar; und die Reste der in der „zone rouge“ zerstörten und nicht wiederaufgebauten Dörfer wie Fleury-devant-Douaumont.

Im September 1984  trafen sich der damalige Staatspräsident François Mitterand und der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl in Douaumont, um an diesem symbolischen Ort  die deutsch-französische Versöhnung und Freundschaft zu bekräftigen.

Vor dem Beinhaus wurde eine Gedenkplatte mit folgender Inschrift (in französischer und deutscher Sprache)  installiert. Sie trägt folgende Inschrift[24]:

Auf diesem französischen Soldatenfriedhof trafen sich am 22. September 1984 zum ersten Mal in der Geschichte der beiden Völker der französische Staatspräsident und der deutsche Bundeskanzler. Sie legten im gemeinsamen Gedenken an die Toten beider Weltkriege Kränze nieder und erklärten:

„Wir haben uns versöhnt. Wir haben uns verständigt. Wir sind Freunde geworden.“

François Mitterrand und Helmut Kohl

Zu den Spuren der Kämpfe gehört auch der ebenfalls in der Nähe gelegene sogenannte Bajonettgraben (Tranchée des baïonettes) und die entsprechende Gedenkstätte, die  ein anschauliches Beispiel für den Erinnerungskult von Verdun ist.[25]

Zur Erinnerung an die französischen Soldaten, die aufrecht mit dem Gewehr in der Hand in diesem Schützengraben ruhen.

Am Ursprung dieser Gedenkstätte steht ein ganz konkretes Ereignis: Es handelt sich um einen Grabenabschnitt, der vom 10.-12. Juni 1916 unter heftigem Artilleriefeuer verteidigt wurde, wobei die meisten Männer fielen. „Zuerst wurde dieser Schützengraben unter dem Namen Tranchée des fusils bekannt, entweder weil einige am Grabenrand abgestellte Gewehre trotz der vom Artilleriebeschuss aufgewühlten Erde auch danach noch sichtbar blieben, oder weil einige Soldaten sie aufgestellt hatten, um in aller Eile ein Gemeinschaftsgrab zu kennzeichnen.“  Daraus entwickelte sich dann aber schnell die Legende, die Soldaten seien lebendig und aufrecht stehend begraben worden, während sie mit aufgepflanztem Bajonett auf einen Angriff des Feindes warteten.[26]

Dass es sich bei der Legende um den Bajonett-Graben um eine „fromme Lüge“ handelt, ist inzwischen unbestritten: Granaten können einen Schützengraben nicht zuschütten, und Bajonette kamen höchstens bei einem Angriff zum Einsatz. Aber die heroische Version der Geschichte passte zu dem Bild, das viele im Hinterland und die Kriegs-Touristen der Nachkriegszeit  sich von Verdun machten.  So vereinigten sich hier Legende und Geschichte.[27]

In der Nähe des Beinhauses von Douaumont liegt das Mémorial de Verdun.  Die Gedenkstätte wurde 1967 auf Initiative von Maurice Genevoix, des  2020 pantheonisierten Autors des Kriegsromans „Ceux de 14“ eingerichtet.[28]

2016  wurde es nach längerer Umbauphase zum 100. Jahrestag des Beginns der Schlacht um Verdun neu eröffnet. Es ist nicht mehr, wie vorher, eine „nationale Weihestätte“, sondern eine beeindruckende Präsentation der historischen Hintergründe und Ereignisse in deutsch-französischer Perspektive.

Mehr dazu im Blog-Beitrag über Verdun und die neue Gedenkstätte: 

https://paris-blog.org/2016/05/21/verdun-1916-2016-und-die-neue-gedenkstaette/ 

Praktische Informationen:

Adresse: 1, avenue du Corps européen. Fleury-devant-Douaumont

Anreise von Paris A 4, Ausfahrt 30: Voie sacrée Richtung Verdun. Ab: Beschilderung Richtung  Champ de Bataille/Vaux-Douaumont

Anreise von Metz: Ausfahrt 31, Richtung Verdun und dann s.o.

Öffnungszeiten und weitere Informationen:   http://memorial-verdun.fr/de/ 

8. km 243: Die Voie Sacrée (1916)   

Für die  Voie Sacrée (Der Heilige Weg) gibt es an der Autobahn kein touristisches Hinweisschild, sondern nur ein Schild an der Ausfahrt 30 mit der entsprechenden  Bezeichnung.  Das ist außergewöhnlich, weil hier ja nicht wie sonst üblich Orte angegeben sind, die man über die jeweilige Ausfahrt erreicht,  sondern eine mit einem religiös überhöhten Namen versehene Straße. Die allerdings ist wohl den meisten Franzosen bekannt, denn sie war während der Kämpfe um Verdun die einzige Verbindung zwischen der Festungsanlage und dem Hinterland. [29]

Die Straße, die Bar-le-Duc mit Verdun  (bzw. dem  kurz davor liegenden Moulin Brûlé) verband,  war somit eine überlebenswichtige Verkehrsader, über die während der sechsmonatigen Kämpfe Tag und Nacht wie am Fließband im 13-er Sekunden-Takt hunderttausende Soldaten und tausende Tonnen Munition und anderer Nachschub an die Front und die erschöpften Bataillone  und die Verwundeten wieder in die Etappe zurück transportiert wurden. Fast 9000 Lastwagen waren dazu im Einsatz.

Um die Straße auch im Frühjahr für diesen massiven Verkehr tauglich zu halten, waren tausende Arbeiter und Soldaten im Einsatz und mehrere Steinbrüche  wurden in ihrer Nähe angelegt.

Nach dem Krieg wurde die Straße  in das Netz der französischen Nationalstraßen aufgenommen- allerdings nicht wie üblich mit einer Nummer, sondern – in Anlehnung an die römische Via sacra- mit dem auf den nationalistischen Schriftsteller Maurice Barrès zurückgehenden  Namen Voie Sacrée,  und es wurden an jedem Kilometer Gedenksteine  errichtet.

Heute ist die Straße eine Route Départementale (RD), die nun eine Nummer hat, allerdings eine  auf die Geschichte der Straße verweisende, nämlich 1916.

8 Kilometer vor Verdun endete die Voie Sacrée auf der Anhöhe  des Moulin Brûlé, die noch außerhalb der Reichweite der deutschen Artillerie lag. Den Weg zur Front legten die Soldaten dann zu Fuß zurück.  An dieser Stelle wurde 1967 das  Mémorial de la Voie sacrée errichtet.  

Es erinnert an all die, die während der Schlacht um Verdun die Verbindung zwischen Front und Hinterland sichergestellt haben. [30]

Im nachfolgenden Blog-Beitrag werden die weiteren auf dem Weg nach Paris angezeigten Erinnerungsorte mit Bezug zur deutsch-französischen Geschichte vorgestellt:

9. Der amerikanische Soldatenfriedhof Romagne –sous- Monfaucon (1917-1918)  km 235

10. Die Mühle und die Kanonade von Valmy (1792)      km 207

11. Die Champagne, der Champagner und der Erste Weltkrieg (1914-1918)    km 174

12. Reims: die Kathedrale (1914, 1962, 2011 und 2015)   km 148

13. Der amerikanische Soldatenfriedhof Seringes et Nesle  (1918)    km 114

14. Das französische Mémorial von Dormans (Marneschlachten)   km 113

15. Der amerikanische Soldatenfriedhof  Belleau (1918)                   

16. Meaux und das Musée de la Grande Guerre (1914-1918)     km 44

Teil 2:   https://paris-blog.org/2021/07/21/auf-der-a-4-autoroute-de-lest-von-saarbrucken-nach-paris-eine-fahrt-durch-die-deutsch-franzosische-geschichte-teil-2-von-der-voie-sacree-uber-reims-bis-meaux-paris/


Anmerkungen:

[1] https://www.groupe.sanef.com/sites/default/files/2020-06/Communiqu%C3%A9%20de%20presse%20Sanef%20_%20panneaux%20culturels%20Bas%20Rhin_%20juin%202020.pdf

Quels sont les secrets des pannaux ‚marrons‘?  Quest-France, 28. Juli 2017  https://www.ouest-france.fr/leditiondusoir/data/5261/reader/reader.html#!preferred/1/package/5261/pub/7227/page/7

[2] Theodor Fontane, Der Krieg gegen Frankreich 1870/11871. Band 1 der Gesamtausgabe in drei Bänden: Der Krieg gegen das Kaiserreich. Bad Langensalza 2004. Nachdruck der Ausgabe von 1873. (Berlin: Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei). Gewidmet Seiner Majestät dem Kaiser Wilhelm. S. 219

[3] Sein Grab befindet sich auf dem Ehrenfriedhof des Deutsch-Französischen Gartens in Saarbrücken. Die Grabinschrift lautet: „Er fiel von fünf feindlichen Kugeln getroffen im siegreichen Vorgehen bei Erstürmung der Spichernberge am 6. August 1870. Rosse werden zum Streittage bereitet aber der Sieg kommt vom Herrn. Spr. Salm. 21,31“

[3a] Siehe dazu:  Bernd Loch, Der Deutsch-Französische Garten in Saarbrücken. Geschichte und Führer. Saarbrücken 2000 und Gerhild Krebs, Deutsch-Französischer Garten. In: http://www.memotransfront.uni-saarland.de/pdf/dtfrz_garten.pdf

[3b] Bild der Briefmarke aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Katharine_Wei%C3%9Fgerber#/media/Datei:Saar_1956_370_Historischer_Verbandsplatz_bei_Saarbr%C3%BCcken.jpg

[4] Nachfolgendes Bild aus: https://www.tourismus-lothringen.de/gedenken/1939-1945-und-die-maginotlinie/statten-und-denkmaler/892140128-cimetiere-militaire-americain-saint-avold

[5] Bild aus: https://www.verdunbilder.de/friedh%C3%B6fe-einzelgr%C3%A4ber/st-avold/

[6] Theodor Fontane, Der Krieg gegen Frankreich 1870/11871. Band 1 der Gesamtausgabe in drei Bänden: Der Krieg gegen das Kaiserreich. Bad Langensalza 2004. Nachdruck der Ausgabe von 1873. (Berlin: Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei). Gewidmet Seiner Majestät dem Kaiser Wilhelm. S.328

[7] https://histoire-image.org/de/etudes/der-friedhof-von-saint-privat

[8] Festungswerk fermont maginot-linie – Lorraine Tourisme (tourismus-lothringen.de)Fermont, das unbesiegte Festungswerk

[9] https://www.france-voyage.com/frankreich-tourismus/fort-fermont-522.htm   Siehe auch:  https://www.reisen-in-die-geschichte.de/archiv/archivtxt/fermont.htm  Fotos  zum  Fort bei: http://danoize-pics-n-arts.de/?gallery=gros-ouvrage-de-fermont und https://www.photos-alsace-lorraine.com/album/4616/Photos+du+Fort+de+Fermont  Vorausgehendes Bild von dem touristischen Zug  https://www.photos-alsace-lorraine.com/album/4616/Photos+du+Fort+de+Fermont  Nachfolgendes Bild aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Maginot-Linie#/media/Datei:Fort_de_Fermont_-_Ligne_Maginot_%C3%A1_Longuyon_(F).JPG

[10] Siehe: Kersten Knipp, Paris unterm Hakenkreuz. Darmstadt: wbg 2020, S. 129/130 und https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article141926739/Der-ruhmlose-Untergang-der-Maginot-Linie.html https://www.dhm.de/lemo/kapitel/der-zweite-weltkrieg/aussenpolitik/maginot-linie.html

[11] Karte aus: https://www.morthomme.com/st-mihiel.html

[12] http://memorial-verdun.fr/de/bildungsbereich/die-themenbesichtigungen-in-les-eparges

[13] Bruno Frappa, La Croix, 9. Okt 2013. Nachdruck: https://www.la-croix.com/Culture/Livres-et-idees/Maurice-Genevoix-temoin-saisissant-Grande-Guerre-2018-11-04-1200980706. Siehe die ausführliche Darstellung bei https://fr.wikipedia.org/wiki/Bataille_des_%C3%89parges und das dortige Résumée: „pour des résultats quasi nul“. Das Ziel, die Deutschen zurückzuschlagen und auf dem Höhenzug französische Artillerie zu stationieren, wurde jedenfalls nicht erreicht.

[14] Bilder aus:  https://www.maas-tourismus.com/de/100-jahre-erster-weltkrieg/der-erste-weltkrieg-im-departement-maas/die-schlachtfelder-von-saint-mihiel-les-eparges-und-der-woevre.html

[15] https://www.gutenberg.org/files/34099/34099-h/34099-h.htm

[16] https://www.maas-tourismus.com/de/entdecken/in-die-geschichte-eintauchen/der-erste-weltkrieg-im-departement-maas.html                                      

[17] Siehe: Robert Porchon, Carnet de Route . La Table Ronde 2008

[18] https://www.wikiwand.com/de/Westfront_(Erster_Weltkrieg)

[19] https://en.wikipedia.org/wiki/Montsec,_Meuse#/media/File:Montsec_monument.jpg

[20] Bild aus: https://de.tourisme-verdun.com/decouverte/post/weltfriedenszentrum-centre-mondial-de-la-paix

[21] Aus der unübersehbaren Literatur zu Verdun siehe Antoine Prost, Verdun. In: Pierre Nora (Hrsg), Erinnerungsorte Frankreichs . München 2005, S. 252- 278 und für den Gesamtzusammenhang: Herfried Münkler, Der Große Krieg. Die Welt 1914 bis 1918. Berlin: Rosohlt 2013, S. 413ff,  auf die vor allem ich mich im Folgenden beziehe.

[22] Über die Höhe der Verluste auf beiden Seiten variieren die Angaben  völlig.  Winkler nennt  320 000 französische  und  280 000 deutsche Opfer.  Nach Gebhardt, Handbuch der deutschen Geschichte  Bd 4 (Stuttgart 1965, S. 34) waren die Verluste auf beiden Seiten „ungeheuer und etwa gleich hoch“.

[23] Prost, S. 268

[24] Bild aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Beinhaus_von_Douaumont

[25] Bild aus:  http://douar-nevez.eklablog.com/verdun-la-tranchee-des-baionnettes-a79044393

[26] Prost, S. 263/264  Bild des Grabens: https://de.wikipedia.org/wiki/Tranch%C3%A9e_des_Ba%C3%AFonnettes

[27] Prost, S. 263

[28] Siehe dazu den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2020/11/02/die-aufnahme-des-schriftstellers-maurice-genevoix-und-der-franzosischen-teilnehmer-des-1-weltkriegs-ceux-de-14-ins-pantheon/ 

[29] https://www.wikiwand.com/fr/Voie_sacr%C3%A9e_(Verdun)     

[30] Bilder aus:  https://www.wikiwand.com/fr/Voie_sacr%C3%A9e_(Verdun)  und https://www.tourism-lorraine.com/remembrance/world-war-1-centenary/sites-and-monuments/750000492-la-voie-sacree-nixeville-blercourt

Weitere geplante Beiträge:

Auf der Autoroute de l’Est von Saarbrücken nach Paris: Eine Fahrt durch die deutsch-französische Geschichte, Teil 2: Von der Voie Sacrée über Reims nach Meaux/Paris

Die alte Eiche (Le Gros Chêne) von Allouville-Bellefosse in der Normandie. Ein Gastbeitrag von Zora del Buono

La mer imaginaire: Die Jahresausstellung 2021 in der Villa Carmignac auf Porquerolles

Nous la Commune: Eine Ausstellung zum 150. Jahrestag der Pariser Commune. Place de la Bastille

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Das musée Fabre in Montpellier: Soulages, Courbet, Houdon und …

 Im April 2021 habe ich in diesen Blog einen Beitrag über den Maler Pierre Soulages in Rodez und Conques eingestellt:

:https://paris-blog.org/2021/04/01/der-maler-pierre-soulages-in-rodez-und-in-conques/

In Rodez, der Heimatstadt des Malers, gibt es ein speziell ihm gewidmetes Museum, das den größten Bestand der Werke Soulages‘ besitzt; in Conques hat er das bedeutende, auf dem Jacobsweg nach Santiago de Compostella gelegene Kloster mit wunderbaren Glasfenstern ausgestattet. 

Es gibt aber noch einen dritten für Soulages-Freunde wichtigen Ort, nämlich das Museum Fabre in Montpellier. 2005 haben Ihm Soulages und seine Frau 20 Bilder geschenkt, wozu später noch weitere Leihgaben kamen. Inzwischen besitzt das Museum insgesamt 34 Werke von Soulages, die sein Schaffen von 1951 an repräsentieren. Im Folgenden soll eine kleine Auswahl dieser Sammlung vorgestellt werden.

Daneben werden in dem nachfolgenden Text auch zwei andere Künstler berücksichtigt, die im Museum Fabre (und auf diesem Blog) eine wichtige Rolle spielen und die dazu auch noch enge Beziehungen zu Deutschland hatten, nämlich der Maler Gustave Courbet und der Bildhauer Jean-Antoine Houdon. Zum Schluss wird dann noch ein Blick auf ein interessantes Stück des napoleonischen Kunstraubs in Kassel geworfen, das nach einem Zwischenaufenthalt in Malmaison schließlich nach Montpellier gelangt ist….


Soulages

Das Museum Fabre in Montpellier war für Soulages das erste Museum, in dem er begann, sich intensiv Bilder anzusehen. Es seien vor allem die Portraits von Courbet gewesen, die ihn besonders beeindruckt hätten, aber auch Bilder von Zurbaran und Veronese. Um sie zu betrachten, sei er so oft wie möglich in das Museum gegangen.[1]

Gang zu den Soulages-Sälen

Die enge Beziehung des Künstlers zum Museum Fabre wird deutlich in seiner Schenkung und in der hervorgehobenen Stellung, die die Sammlung Soulages in dem Museum einnimmt: Sie ist nämlich in einem modernen Anbau in eigenen Räumen auf 600 qm2 ausgestellt (2. Stock, Säle 46 und 47). Die Arbeiten des Künstlers, vor allem die großen Formate der sogenannten outrenoir-Phase kommen hier optimal zur Geltung.

Manche dieser Bilder erscheinen zunächst einfach nur schwarz, beim näheren Betrachten gewinnen sie aber an Leben. Wie alle Farben wirkt auch, wie Soulages betonte, das Schwarz durch seine physikalischen Eigenschaften: „Transparenz, Trübung, Glanz, Dumpfheit, Textur, Form, Ausmaße usw.“

Durch Rillen wird die Oberfläche der großformatigen Bilder zusätzlich dynamisiert.[2]

Die großen Formate sind teilweise frei im Raum aufgehängt, wie es Soulages besonders liebte.

Man kann um sie herumgehen und auch die Rückseiten betrachten, auf denen die Rahmen, teilweise auch die Struktur der Vorderseiten zu erkennen sind.

Neben späten outrenoir- Bildern gibt es auch Beispiele früherer Arbeitsphasen des Künstlers. So eines seiner ersten großen Formate, die ein Kunstkritiker auch als „Makrographiken“ bezeichnet hat.[3]

Peinture 162×434 cm   27. März 1961

Hier ein Bild -und danach ein Ausschnitt-   bei dem Soulages wie bei vielen frühen Arbeiten die Nussbeize verwendet hat. 

Peinture 130×97 cm   28. September 1977

Besonders stolz war das Museum, als wir es im Juni 2021 besuchten, das folgende, einen Tag vor seinem 40. Geburtstag entstandene Bild präsentieren zu können:

Peinture 186×143 cm  23.12.1959

Es markiert nämlich einen Wendepunkt im Werk von Soulages, der hier seine neue Maltechnik der „raclage“ (Schabetechnik) meisterhaft verwendet hat, wie im nachfolgenden Ausschnitt  zu erkennen ist.

Der Stolz beruhte dazu auch darauf, dass das Bild, das am 15. November 2018 bei Christie’s in New York für einen Rekordpreis von einem privaten Sammler ersteigert wurde, bis Mitte 2021 im Museum Fabre ausgestellt werden darf/ durfte.[4]

Immerhin bleibt dem Museum, wenn Peinture 186×143 cm  23.12.1959 in einer privaten Sammlung oder einem Tresor verschwunden sein wird, noch das nachfolgende verwandte Bild erhalten:

Peinture 81×65 cm   21. September 1961

Dass Bilder von Soulages auch im Kontext mit anderen Werken ihren Platz haben können, zeigt das Museum übrigens in einem Saal mit Plastiken von Germaine Richier, einer Bildhauerin, die in den 1920-er Jahren in Montpellier studiert hatte und dort 1959 starb.

Germaine Richier, Loretto I vor einem Gemälde von Soulages in Saal 45

Courbet 

Wir wissen von Soulages, wie wichtig für ihn die Bilder Courbets im musée Fabre gewesen sind. Und in der Tat verfügt das Museum ja über einen großen Bestand von Werken Courbets. Dazu gehört auch sein Selbstportrait mit Pfeife, auf das Soulages sich auch direkt bezogen hat.[5]

Es handelt sich um ein undatiertes Selbstportrait, Ausdruck eines „romantischen Narzismus“. [6] 1850 erregte  es die Aufmerksamkeit von Louis Napoleon, dem späteren Kaiser Napoleon III. , der es kaufen wollte, was Courbet aber ablehnte. Erworben wurde es drei Jahre später von Alfred  Bruyas, dem Sammler und Mäzen Courbets.  Dieser war darüber glücklich, denn so sei das Bild „den Barbaren“ entkommen, wie er in einem Brief vom 3. Mai 1853 an „mon cher ami“ Bruyas schrieb.

1854 besuchte Courbet Bruyas in Montpellier. Dort entstand auch das Bild Bonjour Monsieur Courbet, ursprünglich betitelt La Rencontre, die Begegnung. Dargestellt ist der Maler mit seinen Malerutensilien auf dem Rücken, der auf dem Weg nach Montpellier von Bruyas begrüßt wird.[7]

Mit stolz erhobenem Haupt, den Stock voraus, tritt der damals 34-jährige Courbet seinem Mäzen, aber gleichzeitig auch seinem Publikum -und seinem Schicksal- entgegen. Courbet inszeniert sich als Bohemien, als „artiste bohème“. Er kommt nicht mit der bequemen Kutsche, die im Hintergrund zu sehen ist, sondern als Wanderer.  Bruyas dagegen, der sich auch gerne „Le Médicis“ nannte, wird als Inkarnation des Bourgeois dargestellt, mit dickem Siegelring am Finger, beflissen-untertänigem Diener und folgsamem Hund. Courbet ist hier aber nicht der Kritiker sozialer Verhältnisse und schon gar nicht Revolutionär: Er und Bruyas begegnen sich auf gleicher Höhe: Der eine hat das Geld, der andere die Kunst, und beides kommt hier in Montpellier auf glückliche Weise zusammen.[8]

Während seines Aufenthaltes in Montpellier lernte der aus dem Jura stammende Courbet das Meer kennen. In Palavas, dem Strand von Montepellier, begrüßt der Maler auf diesem Bild mit großer Geste das Meer, das dann zu einem seiner bevorzugten Motive wurde.[9] Courbet schrieb damals begeistert an Jules Vallès, der 10 Jahre später während der Pariser Commune einer seiner Mitstreiter wurde, die Stimme des Meeres sei großartig, aber sie erreiche nicht die des Ruhms, die seinen Namen in der ganzen Welt verkünden werde.[10]  Mit einem hohen Maß an Selbst- und Sendungsbewusstsein war schon der junge Courbet ausgestattet….

Jean-Antoine Houdon

Houdon ist einer der bedeutendsten französischen Bildhauer des 18. Jahrhunderts.  Man hat ihn auch den Bildhauer der Aufklärung genannt[11]: Sein künstlerisches Potential wurde gerade an den thüringischen Höfen früh erkannt, wo er bedeutende Aufträge erhielt. So besitzt das herzogliche Museum von Gotha heute die weltweit größte Sammlung seiner Werke  außerhalb Frankreichs. [12] Houdn hat erheblich dazu beigetragen, den Kult  der „großen Männer“ seiner Zeit zu befördern. Er fertigte Büsten großer Aufklärer wie Diderot, Condorcet, ja sogar  Benjamin Franklin, George Washington an; allerdings auch Büsten der russischen Zarin Katharina II., Ludwigs XVI. und Napoleons I. Mit der Feststellung, er sei der „erste Bildhauer der Welt“, hatte Thomas Jefferson, damals Pariser Gesandter der um die Unabhängigkeit ringenden Amerikaner, Houdon an George Washington empfohlen. Vor allem waren es aber Rousseau und Voltaire, deren Bild Houdon für die Zeitgenossen und die Nachwelt geprägt hat.

Von Voltaire fertigte er eine ganze Reihe von Büsten an, von denen eine aus dem Jahr 1778 im Museum zu sehen ist – neben einer Büste Rousseaus à l’antique.

Der Tod Voltaires veranlasste Houdon zu einer Vielzahl weiterer Darstellungen des Philosophen. Einen Ehrenplatz im Museum nimmt das zwischen 1780 und 1790 entstandene Terrakotta-Modell  des sitzenden Voltaire ein.

Houdon stellt ihn als alten, melancholisch gewordenen Mann dar, so wie er ihn 1778 getroffen hatte. Um sein Haar trägt er in antiker Manier ein Band – Zeichen seiner Würde.  Die wird auch durch die ausladende Kleidung und den freundlichen, schon leicht entrückten Blick von seinem Podest herunter auf die Betrachter unterstrichen.

Die Marmorversion dieser Plastik befindet sich im Foyer der Comédie Française in Paris. Houdon war es dann ja auch, der die Statue Voltaires für das Pantheon geschaffen hat – eine einzigartige Ehre für den Bildhauer wie für Voltaire. Und für Houdon war es auch eine Ehre, die Totenmaske von Rousseau anfertigen zu dürfen.[13]

Im musée Fabre ist auch die 1783 entstandene „Frileuse“ (Der Winter) ausgestellt, eine der berühmtesten Skulpturen des 18. Jahrhunderts.

(c) Musée Fabre, Montpellier Agglommération – photographie Fréderic Jaulmes

Dargestellt ist ein junges Mädchen, nur mit einem um Kopf und Oberkörper geschlungenen Tuch bekleidet, dessen Ende die Scham gerade bedeckt und das am Rücken kurz über dem Po aufhört. Die Arme sind über der Brust verschränkt, die angewinkelten Beine schamhaft zusammengepresst, der Blick ist gesenkt. Houdons Zeitgenossen haben sich über Pose und Drapierung der „Frileuse“ erregt. Tout Paris fand die junge Schöne, die vorgab, eine Personifikation des Winters zu sein – doch zugleich und im Wortsinn unverhüllt ein „gefallenes“ Mädchen darstellte, das seine Unschuld verloren hatte –, entschieden zu anstößig. Die Beigabe einer antiken Vase, die durch das darin gefrorene Wasser zerbrochen ist, ließ an dieser Sichtweise keinen Zweifel. Der zerbrochene Krug, man kennt das aus Kleists gleichnamigem Lustspiel, steht für verlorene Unschuld. Houdons Fingerzeig war überdeutlich, in der später entstandenen Bronzefassung verzichtete er auf den Krug. Die Empfindung des Frierens, der Schutzlosigkeit und des sich ausgeliefert Fühlens angesichts einer feindlichen Umwelt sind jedenfalls -mit oder ohne zerbrochenem Krug- mit großer Eindringlichkeit gestaltet. [14]

La souricière (Die Mausefalle) von Gerrit Dou

Gerrit Dou, ein bedeutender Genremaler des holländischen „goldenen“ 17.  Jahrhunderts  und Schüler Rembrandts, hat dieses kleine Bild gemalt, das in der Abteilung „Peinture nordique“ des Museums ausgestellt ist. Ein kleiner Junge -vielleicht der Sohn des Malers – zeigt – vermutlich seiner Mutter- eine Mausefalle. Eine Maus, vom Speck -oder vom leckeren holländischen Käse- angelockt, ist darin gefangen.  In der anderen Hand hält er Palette und Pinsel, wird damit also als junger Maler gekennzeichnet.

 Auf den ersten Blick handelt es sich um eine einfache Küchenszene- das Bild wurde auch in diesem Sinn als schlichte „scène de cuisine“ tituliert- ein Interieur, wie es in der holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts sehr beliebt war. Aber wie bei vielen holländischen Darstellungen von Alltagsszenen liegt auch eine symbolische Bedeutung der Darstellung nahe. Die bezieht sich auf die Mausefalle, die ja inzwischen auch dem Bild seinen Namen gegeben hat. Deren Hintersinn ist allerdings nicht eindeutig.  Nach dem kurzen Begleittext des Museums kann es sich bei der Mausefalle in der Hand des jungen Malers um ein Symbol des beherrschten Instinktes handeln oder auch – für mich etwas weit hergeholt- um ein „Symbol des trügerischen Illusionismus der Kunst“, die eben eine Wirklichkeit vortäuscht, die es gar nicht gibt.[15] In der holländischen Genremalerei hat die Mausefalle aber oft auch eine erotische Bedeutung:  Da dient sie in der Nähe oder  der Hand einer jungen Frau als Anspielung auf ihre erotischen Ambitionen. Es gibt ein anderes Interieur von Dou, bei dem die Mausefalle ganz eindeutig so zu verstehen ist.[16]