2026 wurde und wird der 150. Geburtstag von Paula Modersohn-Becker gebührend gewürdigt, einer „mutigen Avantgarde-Künstlerin, die gegen alle Widerstände ihren Weg geht und heute zu den gefeierten Ikonen der Moderne gehört.“ Eine solche Würdigung ist auch Andrea Reidts Buch über die vier Aufenthalte der Malerin in Paris, der damaligen „Welthauptstadt der Kunst.“ .[1]

Nachfolgend werden einige Passagen des Buchs über den vierten Aufenthalt Paula Modersohn-Beckers in Paris wiedergegeben, von ihr selbst als „die intensiv glücklichste Zeit meines Lebens“ bezeichnet. Die Aufenthalte in Paris waren entscheidende Etappen auf diesem Weg.
Paula Modersohn-Becker hat ihre Pariser Eindrücke vor allem in zahlreichen Skizzen festgehalten. Einige davon sind in die nachfolgenden Auszüge aus dem Buch eingestreut.[2] Dazu kommen Abbildungen von Bildern, die Andrea Reidt in ihrem Buch angesprochen hat. Wolf Jöckel
Die Vollendung: Paris IV Februar 1906 bis März 1907
Am 22. Februar 1906 begeht Otto Modersohn mit Paula und Elsbeth in Worpswede seinen 41. Geburtstag. Herma Becker schreibt ihrer Mutter an diesem Tag, der Schwager sei sicher froh, seine Frau bei sich zu haben »und daß sie nicht wie letztes Jahr in Paris rumhuppt«. Paula scheine »im dreißigsten Jahr« solche Pläne jetzt aufgegeben zu haben. Da irrt Herma gewaltig. Noch in der Nacht nach dem Geburtstag verlässt Paula Mann, Stieftochter und Worpswede und fährt mit der Postkalesche nach Bremen, mit Ziel Paris. „Nun habe ich Otto Modersohn verlassen und stehe zwischen meinem alten Leben und meinem neuen Leben.“ Die Abreise hat den Charakter einer taktisch klug geplanten Flucht – Otto hat keine Ahnung, Mutter und Bruder befinden sich außer Reichweite auf einer Italienreise und können nicht intervenieren. (S.107)

Passanten und Hunde auf dem Pont des Arts. Im Hintergrund der Pont Neuf [3]

Notre – Dame

Der Pont au Double. Im Hintergrund Notre-Dame
Das Jahr 1906 stellt eine bedeutende Schaffensperiode für ihr Werk dar. Diesen Aufenthalt hat sie im Bewusstsein und Vorhaben möglicher Selbstständigkeit ohne finanziellen Schutzschirm durch Ehe und Familie angetreten (was nicht funktioniert, denn es mangelt an äußeren Erfolgen). Sie steht enorm unter Druck und malt daher wie im Fieber Tag und Nacht. Sie spart sich so viel wie möglich vom Munde ab, geht seltener aus als früher – hin und wieder ein Konzertbesuch mit Schwester Herma, das ist alles. Schließlich gibt sie (auf Anraten ihres neuen Fans, des Bildhauers Bernhard Hoetger, und aus Geldmangel) sogar die bis dahin geradezu heiligen Weiterbildungskurse auf. Es gefällt ihr jedoch ungemein und erfüllt sie mit tiefer Befriedigung, zwischen ihren Bildern zu schlafen und morgens zwischen ihnen zu erwachen, wie sie Martha Vogeler am 21. Mai 1906 mitteilt. „Ich male lebensgroße Akte und Stilleben mit Gottvertrauen und Selbstvertrauen“. (S.109)

Paula Modersohn-Becker – Drei Männer am Seinekai, gegenüber das Institut de France [4]

Obst- und Gemüsehändlerin mit ihrem Stand. Im Hintergrund der Eiffelturm
Das Pariser Straßenleben, das sie schon bei früheren Aufenthalten während langer Spaziergänge auf sich wirken ließ und in Briefen und Tagebuchnotizen kommentierte, schlägt sich in ihrem zeichnerischen Werk erst während dieser vierten Station nieder – vielleicht ein Hinweis darauf, dass sie sich nun ernsthaft in dieser Stadt niederlassen wollte. Sie skizziert spielende Kinder, Kutschen und Marktbetrieb. Jetzt entstehen ihre wichtigsten Porträts von Schwester Herma, dem Soziologen Werner Sombart, Rainer Maria Rilke und Lee Hoetger sowie Kinderbilder, ebenso farbenprächtige Stillleben.

Portrait Werner Sombart,1906 (Kunsthalle Bremen) [5]

Paula Modersohn-Becker, Stillleben mit Tomaten, Apfelsine und Zitrone, 1906 [6]

Portrait der Schwester Herma (Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris) Foto: Wolf Jöckel
Vor allem ihre Selbstbildnisse nehmen als erste weibliche Selbst-Akte, die in ihrer Zeit deutlich Konventionen verletzten, einen bedeutenden Platz in der Kunstgeschichte ein.
Spätestens ab 1906 spielte die Künstlerin, wenn auch fast unerkannt, eine Rolle auf der Profibühne der modernen Kunst; in dieser Zeit vollendete sie eine eigene Bildsprache. Während dieses längsten Paris-Aufenthaltes schuf sie 80 Gemälde, avantgardistische Werke, »die noch nie einer sehen und malen konnte«, wie Rilke bereits in der Weihnachtszeit in Worpswede staunend bemerkt hatte. Der Kunsthistoriker Uwe M. Schneede bewertet diese Zeit als »Wende ins Bedeutsame«, die sich mit den Eigenporträts und vor allem mit dem »Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag« offenbart. Über die Symbolik des beinahe lebensgroßen Dreiviertelaktes der Künstlerin als Schwangere, den sie noch dazu mit P. B. signierte –ohne das eheliche Kürzel M. –, wurde viel spekuliert, schließlich war sie zu diesem Zeitpunkt nicht schwanger. Wunschdenken, Enttäuschung, Sublimierung – also schwanger mit der Kunst statt mit einem Kind? Tatsache ist, dass dieses Selbstporträt eine Zäsur markiert, die Verletzung eines Tabus in der prüden wilhelminischen Entstehungszeit. Lange verschwand das Bild in der Versenkung, gelangte erst Jahrzehnte nach Paulas Tod an die Öffentlichkeit und wurde selbst dann noch von Kritikern geschmäht. (S.109/110) [7]

Rainer Maria Rilke, seit den Weihnachtstagen in Worpswede wieder ein wichtiger Freund für Paula, mit dem sie manchen Abend verbringt, den Louvre besucht oder auf der Terrasse des Restaurants Jouven am Boulevard du Montparnasse etwas trinkt, berichtet Clara: »Sie ist mutig und jung und, wie mir scheint, auf gutem aufsteigendem Wege, allein wie sie ist und ohne alle Hilfe.« Am 21. April begleitet Paula Rilke zur Enthüllung des Rodin’schen »Denkers« vor dem Panthéon, an dem auch der Bildhauer Aristide Maillol, ein Gegenspieler Rodins, dessen Werk Paula bewundert, teilnimmt. Am 10. Mai, nach einem Zerwürfnis mit Rodin, packt Rilke in Meudon seine Sachen in Kisten und zieht in die Cité zurück; er schlägt seine Zelte in Paulas Übergangsquartier Rue Cassette 29 auf. Im selben Monat sitzt er Paula Modell. Das Porträt wird die bedeutendste Darstellung des Dichters werden, obwohl die Meinungen darüber auseinandergehen, ob man es als vollendet betrachten soll: Denn Rilke bricht die Sitzungen am 2. Juni nach dem unerwarteten Erscheinen Otto Modersohns in Paris abrupt ab und lässt sich später für weitere Sitzungen brieflich entschuldigen.

Portrait Rainer Maria Rilke (1906) [8]
Nach dieser Episode gab es keine Gelegenheit mehr für ein Wiedersehen zwischen Rilke und Modersohn-Becker, ihr früher Tod im November 1907 verhinderte das. (S.113/115)

Frau auf Hocker, vor einer vergitterten Ladenfront

An einem Flussufer lagernde Menschen
Einen äußerst nützlichen und emotional berührenden neuen Kontakt, zugleich eine tiefe Freundschaft, knüpft sie mit dem deutschen Bildhauer Bernhard Hoetger. Da seine in Bremen ausgestellten Skulpturen sie beeindruckt haben, darunter vor allem der »Große Elberfelder Torso«, begibt sie sich zu ihm und seiner frisch angetrauten Frau, der Pianistin Helene, genannt Lee, in die Atelierwohnung Rue du Vaugirard. (S.108)

Drei Männer auf der „Impériale“ (d.h. dem Oberdeck eines von Pferden gezogenen Omnibus. W.J.)
Sowohl menschlich als auch künstlerisch springt sofort ein Funke gegenseitigen Verständnisses über. Paula zieht wichtige Impulse aus der bildhauerischen Kunst für ihre eigene Arbeit, empfindet tiefe Bewunderung für Rodin und entdeckt in Hoetgers Werk Parallelen zu ihrer eigenen Entwicklung. Auch ihn beschwingt die Bekanntschaft mit dem Werk der Kollegin. Sein Gegenbesuch bei ihr am 4. Mai ist von großer Tragweite sowohl für die Malerin selbst als auch für ihren Nachruhm. »Dort erlebte ich still und ergriffen ein Wunder. Sie hing an meinen Lippen. Ich konnte ihr nur sagen: Es sind alles große Werke, bleiben Sie sich selbst treu, geben Sie den Besuch der Schule auf«, so erinnert sich Hoetger später. Paula jubelt brieflich: „Sie haben mir Wunderbares gegeben. Sie haben mich selber mir gegeben. Ich habe Mut bekommen. Mein Mut stand immer hinter verrammelten Toren und wußte nicht aus noch ein. (…) Ich fange jetzt auch an zu glauben, daß etwas aus mir wird. Und wenn ich das bedenke, dann kommen mir die Tränen der Seligkeit. (…) Ich war ein bißchen einsam.“ (S. 116/117)

Pariser Straße mit Kapuzenkind

Männer, Frauen und Kinder zwischen Bäumen

Reiterspielende Kinder zwischen Bäumen
Im Herbst begleitet Paula Bernhard Hoetger in das Musée de l’Homme, wo afrikanische Masken gezeigt wurden, die sie vielleicht zu dem intensiv maskenhaften »Selbstbildnis nach halbrechts« inspirierten. Auch das Atelier von Henri Rousseau am Montparnasse besuchen sie gemeinsam. Rousseau ist ein unangepasster Künstler, der dem Postimpressionismus, der Naiven Malerei und dem Magischen Realismus zugerechnet wird, von den Dichtern André Breton und Guillaume Apollinaire als Wegbereiter des Surrealismus gefeiert. Paulas drittes Porträt von Lee Hoetger, das beinahe einen Meter große Halbfigurenbild »Lee Hoetger vor Blumengrund«, verweist auf den Einfluss von Henri Rousseau. Später erwirbt Hoetger mehrere Werke von Rousseau. Die überschwänglich formulierte tiefe Freude und ihr angedeutetes Eingeständnis von Einsamkeit in Paulas Reaktion auf die Anerkennung durch Bernhard Hoetger könnte – neben den oben genannten Gründen – auch psychologische Rückschlüsse auf eine anerzogene weibliche Zurückhaltung bei der Selbstvermarktung zulassen, eine Schüchternheit, die sie trotz ihres hohen künstlerischen Selbstbewusstseins wahrscheinlich verspürt und die sich durch ihre Bremer Erfahrung der rabiaten Fitger-Kritik 1899 vertieft hat. Bei ihrer ersten Begegnung mit Hoetger verschweigt sie zunächst, selbst Künstlerin zu sein, und imitiert quasi Rilkes einstiges Empfehlungsschreiben für »Modersohns Frau« an Auguste Rodin. Man darf nicht vergessen, dass Frauen um die Jahrhundertwende 1900 Männern rechtlich nicht gleichgestellt waren, kein politisches Wahlrecht hatten und als Ehefrauen sehr selten einer Berufstätigkeit nachgehen konnten. Lehrerinnen wurden bei Heirat entlassen, Ehefrauen durften ihr eigenes Vermögen nicht selbst verwalten, ihre häuslichen Aufgaben waren gesetzlich verankert. Zwar bot die Metropole Paris vermögenden Frauen ein freieres Leben und einen größeren Bewegungsradius, jedoch gelang es nur wenigen, das zu realisieren. Kein Wunder also, wenn das gesellschaftliche Selbstbewusstsein einer jungen, nicht vermögenden Frau, die noch dazu von ihrer Familie als »egoistisch« angesehen wird und bislang überwiegend Ablehnung erfahren hat, schwach ausgeprägt ist.

Fressender Karrengaul nach rechts, vor einer Laterne

Der Pont Neuf, seineaufwärts, im Hintergrund das Gebäude der Münze (La Monnaie)
Gegen Ende des Jahres 1906 scheint Paula immerhin zu überlegen, im Frühjahr 1907 selbstinitiativ an einer Ausstellung in dem juryfrei zugänglichen »Salon des Indépendants« teilzunehmen, an der sich auch andere internationale Künstlerinnen mit eigenen Exponaten beteiligen. Vermutlich will sie das Bild »Lee Hoetger vor Blumengrund« dort präsentieren. [9]

Dazu wird es nicht kommen, denn im März 1907 ist sie schwanger und kehrt mit Otto Modersohn nach Worpswede zurück. (S.120-122)

Selbstbildnis mit Hand am Kinn. 1905 (Kunsthalle Bremen)
Anmerkungen
[1] Paula Modersohn-Becker Ausstellungen 2026 – Paula 150 https://www.artinfo24.com/kunst/news-1847.html
Zitat: Verlagstext zu Andrea Reidt, Paula in Paris ISBN: 978-3-86915-328-5 Preis 20,00 Euro
[2] Alle Fotos von Zeichnungen aus der Ausstellung Paula Modersohn-Becker und die Kunst in Paris um 1900- Von Cézanne bis Picasso. Ausstellung in der Kunsthalle Bremen vom 13. Oktober 2007 bis 24. Februar 2008. Siehe dazu: Anne Röver-Kann, „Oft wenn ich oben auf dem Omnibus saß, hat mir das Herz gelacht über diese schöne Stadt“. Pariser Stadtlandschaften- gezeichnet. In: Katalog der og. Ausstellung. Hirmer Verlag München 2007, S. 86ff
Titelfoto: Paula Modersohn-Becker, bridges in Paris (1905). aus: https://www.artchive.com/artwork/bridges-in-paris-paula-modersohn-becker-1905/#
[3] https://www.artchive.com/artwork Die Titel der Zeichnungen sind von Paula Modersohn-Becker
[4] https://www.lempertz.com/en/catalogues/lot/943-1/154-paula-modersohn-becker.html
[5] https://bremen.museum-digital.de/data/bremen/resources/images/202505/500w_681cdfa70ba5b.jpg
[6] Neue Dauerleihgabe: Stillleben von Paula Modersohn-Becker » Museen Böttcherstraße
[7] https://en.wikipedia.org/wiki/Self-Portrait_at_6th_Wedding_Anniversary
[8] https://www.wikiwand.com/en/Rainer_Maria_Rilke
[9] Nachfolgendes Bild aus: https://paulamodersohnbeckerstiftung.de/Bildarchiv_data/WV_685.html
Siehe auch den nachfolgenden Beitrag von Andrea Reidt auf diesem Blog:





















































































































































