Der Maler und Bildhauer Otto Freundlich, ein deutsch-französisches Künstlerschicksal: Eine Ausstellung im Museum Montmartre

Museen wie auch andere öffentliche Einrichtungen sind derzeit in Frankreich bis auf Weiteres (jusqu‘ à nouvel ordre) geschlossen.

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Angesichts der geschlossenen Museen lassen es sich Frieda Kahlo,  das Mädchen mit der Perle Vermeers und die Mona Lisa gut gehen. Ein Bild, geschickt am 1. April von unserer Freundin Monique Bauer aus Bordeaux. Merci!)

Natürlich ist auch das Museum Montmartre geschlossen. Glücklicherweise hatten wir aber die Otto Freundlich-Ausstellung besucht, bevor das Ausgehverbot  verhängt wurde. Ich biete hier also gewissermaßen einen virtuellen Rundgang durch die Ausstellung an. Da sie nach ursprünglicher Planung bis 6. September geöffnet sein soll, gibt es ja vielleicht  doch noch Gelegenheit, sie sich selbst anzusehen.

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Derzeit wird in dem kleinen, sympathischen musée Montmartre in Paris  eine aus mehreren Gründen sehr sehenswerte Ausstellung gezeigt:                                                   Otto Freundlich, la révélation de l’abstraction.[1]

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Das Bild auf dem Ausstellungsplakat ist eine um 1919 entstandene Composition

Otto Freundlich war, worauf der Name der Ausstellung schon hinweist, ein Pionier der abstrakten Kunst.  Aus Pommern stammend reiste er nach Studien in Berlin und München 1908 nach Paris, wurde in Montmartre  Nachbar Picassos  und  gehörte zur künstlerischen Avantgarde seiner Zeit. Bei Kriegsausbruch 1914 kehrte er nach Deutschland zurück, ließ sich aber  1925 endgültig in Paris nieder.  Während im Deutschland der Weimarer Republik  seine Werke von aufgeschlossenen Museumsleitern gekauft und ausgestellt wurden, hatte  der von den Nazis verfemte Künstler nach 1933 große Existenzschwierigkeiten.  Erst 1937 wurde auf Initiative prominenter Künstler und Freunde eines seiner  Werke  für die staatlichen Kunstsammlungen Frankreichs erworben. Im gleichen Jahr verwendeten die Nazis das Bild einer Plastik Freundlichs für das Plakat der Ausstellung „Entarte Kunst“: Als Maler der Abstraktion, als politisch engagierter Künstler und als Jude passte  er perfekt in das Feindbild der Nazis. Denen wird er – versteckt in einem Bauernhof der Pyrenäen und von Nachbarn denunziert-  von der französischen Gendarmerie ausgeliefert und am 9. März 1943 im Vernichtungslager Majdanek umgebracht.

Im nachfolgenden Beitrag geht es zunächst  anhand der Ausstellung im Museum Montmarte um die künstlerische  Bedeutung  Freundlichs und sein Leben im Paris der Avantgarde. Dabei wird auch ein Blick auf die von ihm geschaffenen Glasfenster in der Kirche Sacré Coeur geworfen.

Danach wird es um sein tragisches Schicksal als „feindlicher Ausländer“, als verfolgter Jude und schließlich als Opfer des Holocaust gehen.

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Im Treppenhaus des Museums: Otto Freundlich war und bleibt ein strahlendes Bild der europäischen Seele (Raoul Ubac)

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Im 1. Stock des Museums: Die Wahrheit,  Grundlage aller unserer künstlerischer Anstrengungen, ist ewig und wird ihre große Bedeutung für die Zukunft der Menschheit behalten. (Otto Freundlich 1940)

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An der Wand rechts Abdruck eines Selbstportraits Freundlichs aus dem Jahr 1923

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Einen hervorgehobenen Platz in der Ausstellung hat das Ölgemälde Composition aus dem Jahr 1911. Es ist das einzige große Gemälde Freundlichs aus der Zeit vor 1914, das erhalten ist. Daneben ist  eine Bleistiftzeichnung aus dem gleichen Jahr ausgestellt: Drei Personen sind dabei, vier anderen beim Aufstehen zu helfen. Nach dem  Ausstellungskatalog  transportiert Freundlich hier eine politische Botschaft: Eine Aufforderung zur Solidarität, um allen Menschen, auch den am meisten Benachteiligten, eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Freundlich habe auf eine „sanfte Revolution“ gehofft, zu der die Kunst auch beitragen sollte. Dieser erhoffte Aufstieg zum Licht sei in dem Ölgemälde mit den Mitteln der Abstraktion dargestellt.[2]

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Gruppe, Bleistiftzeichnung auf Papier 1911

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Eindrucksvoll sind die farbigen Kompositionen der 1920-er Jahre wie die hier abgebildete aus den Jahren 1920-1925. Diese Bild soll vom 2. April bis 23. August 2020 im Musée d’art et d’histoire du Judaïsme im Rahmen der Ausstellung Chagall, Modigliani, Soutine… Paris pour École1905 – 1940 präsentiert werden.

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Kosmischer Regenbogen von 1922  (Pastel sur papier)

Wie hier spielt  die komische Dimension bei Freundlich eine große Rolle. So auch in diesem Exemplar der Grafik-Serie Die Zeichen von 1919/1920.

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Die geometischen Figuren laufen auf ein „kosmisches Auge“, das Freundlich 1920/21 zum Thema eines Gemäldes gemacht hat und das sich auch auf der Komposition findet, die für das Ausstellungsplakat verwendet wurde.

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Neben der Komposition von 1911 ist die „Hommage aux peuples des couleurs“ von 1935 ein weiterer Höhepunkt der Ausstellung. Bei diesem Triptychon  handelt  es sich um den Entwurf für ein geplantes Mosaik. Die unterschiedlichen Farben des Bildes sind eine Feier der Unterschiedlichkeit, aus denen aber ein harmonisches Ganzes  entsteht: Ein monumentales Manifest gegen den faschistischen Rassismus und die Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsgruppen.

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Die „hommage aux peuples de couleurs“ war Gegenstand einer Subscription namhafter Künstler und Persönlichkeiten anlässlich des 60. Geburtstages von Otto Feundlich im Jahr 1938. Sie erwarben dieses Bild „das man als das repräsentativste seiner Kunst ansieht“ und boten es dem Musée du Jeu de Paume/Musée national d’art moderne  an mit der Bitte, es seiner Bedeutung entsprechend in die Sammlung aufzunehmen und auszustellen.  Sie wiesen dabei auch auf die Anerkennung hin, die Freundlich vor 1933 in Deutschland erfahren habe,  auf seine Verfemung durch die Nazis und auf die schwierige wirtschaftliche Lage des in Paris lebenden Künstlers, der manchmal Schwierigkeiten habe, überhaupt die Farben für seine Bilder zu erwerben. Er verdiene deshalb dringend der Unterstützung.

Unterzeichnet war der Aufruf u.a. von Max Ernst, Alfred Döblin, Hans Arp, Georges Braque, Pablo Picasso, Oskar Kokoschka, Fernand Léger, Wassily Kandinsky, Wilhelm Uhde, Jacques Lipchitz und  dem Ehepaar Delaunay.[3]

Ein Beispiel für die intensiven Freunschaftsbeziehungen Freundlichs zur Pariser Kunstszene ist die nachfolgende Komposition 1937  (Linogravure auf Japanpapier 1937)

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Sie ist mit der Widmung für meinem Freund und Genossen Hans Arp versehen.

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Die Glasgemälde Otto Feundlichs

1914 arbeitete Otto Freundlich fünf Monate lang in dem Restaurations-Atelier der Kirchenfenster der Kathedrale von Chartres – eine Erfahrung, die ihn, wie er in einem Brief an Karl Schmitt-Rottluff schrieb, für immer geprägt hat.

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Otto Freundlich, Liegende Frau,  Glasgemälde  1924

In eigenen Arbeiten nahm er die leuchtende Farbigkeit der gotischen Glasmalerei  auf.  Im Musée Montmartre sind Beispiele ausgestellt und ebenso in der Kirche Sacré Coeur in der Franz von Assisi geweihten Kapelle.

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Wie sehr die Erfahrung mit den gotischen Glasfenstern von Chartres die Arbeit von Freundlich beeinflusst hat, zeigt sich vor allem in einem 1938 gemalten (und hier nicht ganz vollständig wiedergegebenen)  großformatigen Bild mit dem bezeichnenden Titel Die Fensterrose. Wie in den Glasfenstern die Farben im Licht erstrahlen, so auch hier  und in vielen anderen Arbeiten Freundlichs.

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Die Renoir-Gärten des Museums

Zu dem Museum gehören auch drei Gärten oberhalb des berühmten Weinbergs von Montmartre. Benannt sind sie nach Auguste Renoir, der hier zwischen 1875 und 1877 gelebt und gearbeitet hat.

Anlässlich der Ausstellung ist in einem der Gärten Freundlichs Bronzeplastik Ascension von 1929 ausgestellt, ein Werk, das von Picasso besonders geschätzt wurde. Die Gesetze der Schwerkraft sind hier aufgehoben, die lastenden Formen werden in schwebende Balance überführt – auch dies ein Ausdruck von Freundlichs utopischem Ideal. Im Frankfurter Städelmuseum gibt es auch ein Exemplar dieses Werks. [4]

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In diesem Garten gibt es auch das schöne Café Renoir (mittwochs bis sonntags geöffnet): Ein wunderbarer Platz nach einem Ausstellungsbesuch.

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Otto Freundlich in Montmartre

Man mag, wie der Autor des Artikels in Le Monde, bedauern, dass diese Ausstellung nicht im repräsentativen Musée d’Art Moderne, sondern in dem viel bescheideneren Montmartre-Museum zu sehen ist. Aber das hat durchaus seine Logik: Denn als sich Otto Freundlich 1908 zum ersten Mal in Paris niederließ, hatte er sein erstes Atelier in Montmartre. In seinem Tagebuch von 1931 berichtet er:

Eines Tages traf ich Rodolf Levy im Café du Dôme in Paris. Willst du ein Atelier haben, fragte er mich. Ich kenne eines, dessen Miete schon drei Monate im Voraus bezahlt ist. Es befindet sich in Montmartre. (…) Als ich Levy sagte, dass ich bereit sei, sind er, der Kunstkritiker und –händler Wilhelm Uhde und ich hingefahren, haben das Auto abgestellt und sind dann zu Fuß zur place Ravignan hochgegangen – ein ganz kleiner Platz wie in einer kleinen Stadt. Dort befand sich ein Haus, das ehemalige Bateau-Lavoir (…)  Vor der Tür stand ein junger,  etwas gedrungener Mann mit großen leuchtenden schwarzen Augen in einem Blaumann. Ich weiß nicht mehr, ob es Levy oder Uhde war, der mich ihm vorstellte. ‚Das ist Herr Picasso, Ihr neuer Nachbar‘. Danach murmelten sie ein einfaches ‚au revoir‘, verschwanden und ließen mich allein mit Picasso, der mich umgehend zu einem Glas Wein einlud.“[5]

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Das Bateau-Lavoir war ein ziemlich verwahrlostes Haus in der Rue Ravignac Nr. 13 – heute place Émile Goudeau. Es wurde Waschschiff genannt, weil es den Booten auf der Seine ähnelte,  auf denen die Waschfrauen ihre Arbeit verrichteten. Picasso lebte dort von 1904 bis 1909 und malte dort auch seine ersten kubistischen Werke wie die Demoiselles d’Avignon. Das Atelierhaus Bateau-Lavoir kann daher als Geburtsort des Kubismus bezeichnet werden.[6]  Neben Picasso und Freudlich fanden auch andere Künstler wie Kees van Dongen, Juan Gris, Max Jacob und Amadeo Modigliani hier eine bezahlbare Unterkunft. Und  für sie und andere Vertreter der künstlerischen Avantgarde wie Guillaume Apollinaire, Georges Braque, Henri Matisse und Jean Cocteau war das Haus ein beliebter Treffpunkt.

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Seit dieser ersten Begegnung im Bateau-Lavoir entwickelte sich eine enge künstlerische Beziehung und Freundschaft zwischen Picasso und Otto Freundlich.  So wird Freundlich 1922 Picasso gegen Kritik an dessen Abkehr vom Kubismus verteidigen („Was wollt Ihr von Picasso?“), und Picasso wird Freundlich auf vielfache Weise –auch materiell- seine Solidarität erweisen.[7]

 

 

Das tragische Ende, „un amour trahi“

1937 wurde in München die Ausstellung „Entartete Kunst“ eröffnet,  eine Propagandashow der nationalsozialistischen „Kultur“-politik, in der vor allem Werke von Vertretern der Klassischen Moderne wie Max Beckmann, Otto Dix, Max Ernst, George Grosz, Paul Klee oder Oskar Kokoschka an den Pranger gestellt wurden.

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Für das Titelblatt des Ausstellungsführers verwendeten die Ausstellungsmacher das in verzerrter Perspektive wiedergegebene Bild der Plastik Großer Kopf von Otto Freundlich aus dem Jahr 1912. Die Gipsfigur, die an die Steinköpfe der Osterinsel erinnert, wurde 1930 vom Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg aufgekauft,  1937 von den Nazis beschlagnahmt und in München und anderen Städten als eine der „Ausgeburten des Wahnsinns, der Frechheit, des Nichtkönnens und der Entartung“ (Adolf Ziegler, Präsident der Reichskammer der Bildenden Künste) ausgestellt.

 

Seitdem sind die Plastik wie auch eine für die Ausstellungstournee  von den Nazis beauftragte Kopie verschollen.

Otto Freundlich entsprach in geradezu idealer Weise dem nationalsozialistischen Feindbild: Als  Jude, als Pionier der abstrakten Kunst und als politisch engagierter Künstler, der jenseits aller Doktrinen an eine bessere Welt glaubte, zu der die Kunst ihren Beitrag leisten sollte. Ein solcher Beitrag war auch seine in den 1920-er Jahren entwickelte Idee einer die Völker verbindenden „Straße der Skulpturen Paris-Moskau“ (französischer Original-Name: „Une voie de la fraternité et solidarité humaine“). Er begriff sie als einen Weg der Brüderlichkeit und der menschlichen Solidarität, sie sollte ein sichtbares Zeichen für die Abkehr von Krieg und menschlicher Gewalt sowie für das friedliche Zusammenleben von unterschiedlichen Nationen sein. Seit den 1970-er Jahren wird diese Idee Freundlichs wieder aufgegriffen und von einem länderübergriefenden Projekt in Teilstücken umgesetzt. Auch Freundlichs heute polnischer Geburtsort Stolp nimmt daran teil.  Ein wunderbares europäisches Projekt! (8)

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Otto Freundlich wählte für sein politisches Denken  1919 selbst den Begriff des „kosmischen Kommunismus“.  Damit überschrieben dann auch das Museum Ludwig in Köln und das Kunstmuseum Basel 2017 die große Retrospektive des Werks von Otto Freundlich.[9]

Mit der nationalsozialistischen Denunziation von 1937 hatte Otto Freundlich endgültig sein Vaterland verloren, wie er in einem Brief an seinen Malerfreund Braque schrieb. Den bat er unter diesen Umständen, ihm dabei behilflich zu sein, die französische Staatsbürgerschaft zu erwerben. Braque unterstützte ihn zwar, aber die französische Staatsbürgerschaft blieb Freundlich verwehrt: Erstes Kapitel einer „amour trahi“, einer verratenen Liebe des Künstles zu Frankreich.[10)

Das zweite Kapitel folgte nach Kriegsbeginn 1939:  wurde  Freundlich –wie Walter Benjamin und andere antifaschistische Deutsche- als feindlicher Ausländer im Sportstadion Colombe  interniert. Diese Internierung war also nicht  das Werk von Vichy, wie es in der Verlagswerbung für das Buch über „die amour trahi“ Freundlichs zu Frankreich heißt, sondern das des demokratischen Frankreichs der vielgerühmten Dritten Republik! (11)   Danach begann mit einer kurzen Unterbrechung  ein Irrweg durch mehrere Internierungslager (Blois, Francillon-par-Villebarou, Marolles, Fossé, Cepoy). Versuche, nach Amerika zu emigrieren, scheiterten. Im Juni 1940 wurde er entlassen und fand  Unterkunft in einem Hotel im Pyrenäendorf Saint-Paul-de Fenouillet in der „freien“, von Vichy verwalteten Zone Frankreichs. Er stand zwar dort unter polizeilicher Kontrolle, arbeitete aber  den Umständen entsprechend „tant bien que mal“ weiter.  Dort schloss sich ihm  auch Jeanne Kosnick-Kloss/ Hannah Freundlich an, seit 1930 seine Lebensgefährtin. Sie war auch Malerin  und begleitete und bestärkte  ihn auf seinem künstlerischen Weg.  

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Es ist ein Rätsel, trotzdem will ich fest und friedlich meinem Schicksal entgegensehen, wie ich das immer gemacht habe (Otto Freundlich 1940)  Darunter das Portrait Otto Freundlichs von August Sander (um 1925)

In seinem Pyrenäen-Exil  rekonstruierte Otto Freundlich –in kleinerem Format- frühere Bilder, die von den Nazis vernichtet worden waren wie 1941 die Komposition mit drei Figuren von 1911

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Composition de trois figures (1911/1941

In einem Brief an Picasso vom Mai 1941 bat er seinen Freund um Unterstützung bei der Erhaltung seines Pariser Ateliers „während unserer Abwesenheit“.

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Picasso, der in dem  von den Deutschen besetzten Paris relativ unbehelligt weiterarbeiten konnte,  bezahlte daraufhin die Miete für das Atelier, um die dort aufbewahrten Werke seines Freundes zu bewahren. Das gelang immerhin.

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Fotografie des Ateliers von Willy Maywald aus dem Jahr 1948

Im Dezember 1942 versuchte Otto Freundlich  den laufenden Deportationen von Juden durch Rückzug in das Nachbardorf Saint-Martin-de Fenouillet   zu entkommen, wo ihn eine Bauernfamilie versteckte. Als im Februar 1943 nach einem Anschlag auf deutsche Offiziere eine verstärkte Verhaftungsaktion durch die französische Polizei begann, wurde Otto Freundlich von einem Dorfnachbarn als Jude denunziert  und am 23. Februar 1943 von der französischen Gendarmerie  verhaftet –  letztes Kapitel der amour trahi.   Nach einem Zwischenaufenthalt im Lager Gurs wurde er im März 1943 vom Sammellager Drancy  bei Paris aus als Nr. 33 des Konvois  50  ins Vernichtungslager Majdanek deportiert und ermordet. (12)

 

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Otto Freundlichs Name auf der Mauer der Namen im Mémorial de la Shoah: 

Dieses Foto ist erst nach Aufhebung der Ausgangssperre möglich….

 

Die Mur des Noms besteht aus insgesamt drei Mauern aus Steinen von Jerusalem, auf denen die Namen von 76 000 Juden, darunter 11 400 Kindern, eingraviert sind, die „im Rahmen des  nationalsozialistischen Plans der Vernichtung der europäischen Juden Juden mit Unterstützung der Regierung von Vichy“ deportiert wurden. Die meisten Menschen,  deren Name auf diesen Mauern verzeichnet ist, wurden zwischen 1942 und 1944 in Auschwitz-Birkenau ermordet, die anderen in Sobibor,  wo Otto Freundich am 9. März 1943 ermordet wurde, in Majdanek und im Rahmen eines Konvois in die baltischen Staaten.  (Aus der Information des Museums Montmartre über das Begleitprogramm zur Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Mémorial de la Shoah)

 

Es gibt auch einen Grabstein mit dem Namen Otto Freundlichs. Er befindet sich auf dem Friedhof von Auvers-sur-Oise in unmittelbarer Nachbarschaft des Grabs der Brüder van Gogh. Es ist der Grabstein für Jeanne Kossnick-Kloss. 1958, nachdem endlich die Ehe mit Heinrich Kossnick geschieden worden war, wurde ihre langjährige Beziehung zu Otto Freundlich anerkannt und sie durfte nun auch seinen Namen tragen.    (12)

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Der künstlerische Nachlass von Otto Freundlich befindet sich heute im Museum von Pontoise bei Paris. Das wird derzeit renoviert – eine gute Gelegenheit, die vom Museum Montmartre genutzt wurde. Da auch Bauarbeiten derzeit in Frankreich unterbrochen sind, kann es gut sein, dass die Renovierungsarbeiten in Pontoise sich verzögern und dass deshalb auch die Ausstellung noch über den 7. September 2020  hinaus zu sehen sein wird….

Eingestellt am 1. 4. 2020

 

 

 

Anmerkungen

[1] Musée de Montmartre  12, rue Cortot, 18. Arrondissement. Bis 6. September 2020

Das Beitragsbild ist ein in der Ausstellung präsentiertes Glasgemälde Otto Freundlichs

[2] Ausstellungskatalog: Composition (1911) et ‚le miracle de l’art‘. S. 23ff

[3] Der Aufruf ist auch Teil der Ausstellung.

[4] Siehe: Joachim Heusinger von Waldegg: Otto Freundlich. Ascension. Frankfurt a. M.:  Fischer Verlag, 1987

[5] Der Auszug aus dem Tagebuch ist in der Ausstellung abgedruckt. (freie) Übersetzung von mir. Wilhelm Uhde,  ein damals in Paris lebender deutscher Kunsthändler, gehörte zu den „Entdeckern“ und frühen Förderern Picassos und –nach Verlagswerbung- auch von Braque, Séraphine und des Zöllners Rousseau.  Siehe Wilhelm Uhde, Von Bismarck zu Picasso. Erinnerungen und Bekenntnisse. Zürich 2010

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Bateau-Lavoir

[7] Siehe: Freundlich et Picasso, histoire d’une amitié artistique. In:  Austellungskatalog, S. 29ff

(8) siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Stra%C3%9Fe_des_Friedens_(Kunstprojekt)      Bild aus: https://www.sr.de/sr/home/der_sr/kommunikation/aktuell/20190809_pm_leo_kornbrust_kuenstler100~_print-1.html

Es gibt einen Dokumentarfilm von Gabi Heleen Bollinger über das Projekt: Das geht nur langsam (2011):  http://www.leokornbrust.de/sites/kornbrust_dokumentarfilm.php 11

[9] https://info.arte.tv/de/otto-freundlich-der-glaube-eine-besser-welt

https://www.museum-ludwig.de/de/ausstellungen/rueckblick/2017/otto-freundlich-kosmischer-kommunismus.html

[10] Ein Abdruck des Briefes ist Teil der Ausstellung.   Der Begriff der „amour trahi“ ist dem Titel folgender Publikation entnommen: Mettay/Maillet, Otto Freundlich et la France, un amour trahi. 2004

(11)  „L’artiste juif allemand aimait la France, celle de l’effervescence créatrice des annés Montmartre. Mais Vichy l’interne puis le déporte. Amour trahi.“  (https://www.amazon.de/Otto-Freundlich-France-amour-trahi/dp/2908476398)

(12) Es finden sich in der Literatur unterschiedliche Angaben, in welchem Vernichtungslager Freundlich ermordet wurde: Sobibor und Majdanek.  Ich verwende anders als der Ausstellungskatalog den Namen Majdanek, der sich auch auf den beiden in diesem Beitrag abgebildeten Fotos findet, auf denen der Todesort Freundlichs genannt ist.

(12) Foto von Elke Wetzig aus Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=58189430

 

Literatur

Auststellungskatalog: Otto Freundlich 1878-1943. La révélation de l’abstraction. Zweisprachig französisch und englisch. Musée de Montmartre. Éditions Hazan 2020

Philippe Dagen, Otto Freundlich, aventurier de la couleur. Le Musée Montmartre rend hommage à l’artiste allemand, pionnier de l’abstraction, déporté et assassiné au camp de Sobibor. Le Monde, 10. März 2020

Klaus Hammer, Otto Freundlichs „Kosmischer Kommunismus“. Das Blättchen vom 19. Juni 2017

https://retrospektiven.wordpress.com/2017/02/27/otto-freundlich-kosmischer-kommunismus-im-museum-ludwig-koeln/

 

Asterix, ein französischer Mythos. Zum Tod von Albert Uderzo

Zum Tod von Albert Uderzo ist schon viel geschrieben worden. Trotzdem  will ich dazu auf diesem Blog  auch einen kleinen Beitrag leisten. Was kann/soll man aber den vielen Würdigungen noch hinzufügen als bescheidener Blogger, zumal der auch in dieser Materie kein Spezialist ist?

Ich habe mir zweierlei vorgenommen:

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Zunächst möchte ich einen – natürlich keinen Falls umfassenden – Blick auf französische Würdigungen Uderzos werfen, die aus Anlass seines Todes veröffentlicht wurden. Die sind zum Teil auch auf die aktuelle kritische Lage bezogen, was ich besonders interessant finde.

Bild von der Titelseite der Tageszeitung Libération vom 25. März 2020

 

 

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Und dann möchte ich auf eine Ausstellung im Musée Cluny zurückblicken, die 2009 aus Anlass des 50. Geburtstages der Asterix-Serie stattfand. Es war eine der ersten Ausstellungen, die wir besucht haben, nachdem wir uns vor gut 10 Jahren in Paris niedergelassen haben. Glücklicherweise habe ich davon einige Fotos gespeichert, die ich sehr sehenswert finde und die –wie ich meine- ein schöner Beitrag zur Würdigung Uderzos sind.

 

 

Natürlich  haben viele Zeichner und Karikaturisten auf ihre Weise auf den Tod Uderzos reagiert. Dabei werden natürlich besonders gerne Uderzos Figuren von Asterix und Obelix verwendet. Hier eine Zeichnung des französischen Zeichners ZEP, der Uderzo als seinen Adoptivvater bezeichnet.[1]

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Manchmal werden auch bekannte Aussprüche aus der Serie einbezogen:

ET3ZO_AXgAA1EZpTod von Uderzo: Jetzt ist es soweit… Der Himmel ist uns auf den Kopf gefallen.[2]

Da Uderzos Tod genau in die Zeit der Coronavirus-Pandemie fällt, liegen entsprechende aktuelle Bezüge natürlich nahe.

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Hier tragen die am Grab Uderzos – natürlich einem Hinkelstein- trauernden Astrix und Obelix Atemschutzmasken; angesichts des katastrophalen Mangels an Schutzmasken in Frankreich übrigens ein besonderes Privileg…[3] Und über dem gallischen Dorf weht die französische Fahne auf Halbmast.

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Aber auf der Karikatur von Chanu aus der Zeitung Ouest France fordert Uderzo –auf der  Bleistiftleiter in den Himmel kletternd, wo schon Goscinny mit der Schreibmaschine auf ihn wartet- Asterix und Obelix auf, nicht in Trauer zu versinken. Und er deutet auf die Familie, die aufgrund der Ausgangsperre  im häuslichen confinement  zusammensitzt und Asterix-Heftchen betrachtet: Sie brauchen Euch.

Einen schönen Aktualitätsbezug hat auch die nachfolgende Hommage an Uderzo, von dem ganz offensichtlich die  Sequenz direkt übernommen ist. Es ist ja geradezu ein Asterix-Klassiker, der aber durch den Text in der Sprechblase des römischen Legionärs in einen neuen Kontext gestellt wird:

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Anhalten, Gallier! Auf Befehl von Coronavirus, dem Präfekten Galliens, müsst Ihr mir  Eure Attestation de Déplace…. 

Weiter kommt der Römer nicht. Was er zu sehen wünscht, ist die Attestation de déplacement dérogatoire. Das ist eine Bescheinigung, die jede/r, der in Frankreich derzeit seine Wohnung verlässt, bei einer Polizeikontrolle vorweisen muss. Die Attestation kann man sich von der homepage des französischen Innenministeriums herunterladen und ausdrucken, aber –so man über keinen Drucker verfügt- auch in handschriftlicher Form vorlegen.[4]  Eintragen muss man Name, Geburtsdatum und -ort,  Adresse, Datum und die genaue Uhrzeit, wann man seine Wohnung verlassen hat. Und dann gibt es sechs Kästchen zum Ankreuzen, die jeweils einen legitimen Grund angeben, warum man sich nicht zu Hause aufhält, wie es ja eigentlich unter der Bedingung der Ausgangssperre  verlangt wird. Das können unabdingbare berufliche oder krankheitsbedingte Gründe sein (die natürlich entsprechend dokumentiert sein müssen – könnte ja jeder kommen….), es kann sich um einen Weg zum Einkauf von Gütern „de première nécessité“ handeln (Supermarkt, Bäcker, Metzger und natürlich- man ist ja in Frankreich- Weinhandlungen), man darf aber auch –allerdings nur im Umkreis von 1000 Metern und für maximal eine Stunde- alleine  etwas Sport treiben (aber nicht mit dem Fahrrad!), einen Spaziergang machen, aber nur mit den Personen, mit denen man zusammenwohnt oder mit dem Hund, damit der wie gewohnt draußen an die Hauswände pinkeln kann (besoins des animaux de compagne) – Da die Pariser Straßenreinigung offenbar ihre Arbeit eingestellt hat, erhöht das nicht gerade die Attraktivität eines noch zulässigen Spaziergangs rund um den Häuserblock.

Die Reaktion von Obelix finde ich da jedenfalls nur allzu verständlich.[5]

In Zeiten der Coronavirus-Pandemie liegt ein Rückgriff auf die potion magique des Miraculix natürlich nahe.

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Hier weist Asterix auf den entsprechenden Anschlag an der Wand und die Dringlichkeit einer Abhilfe gegen den Virus hin,  und der Druide Panoramix versichert: Ich suche ihn doch, diesen Zaubertrank, Kinder, ich suche ihn… (Übrigens: Idefix mit Schutzmaske!).

ET59bm-WAAAzLk6Hier ist es ein moderner Druide, der am Kessel steht und seufzt:  Wenn er uns doch nur das Rezept hinterlassen hätte….

Der Name des Druiden ist Raoultix. Das bezieht sich auf den französischen Virologen Didier Raoult, den in Frankreich derzeit wohl bekanntesten  Vertreter seiner Zunft.  Raoult ist Leiter eines renommierten medizinischen Forschungszentrums  in Marseille (IHU Méditeranée infection) und ein  international anerkannter und  ausgezeichneter Wissenschaftler. Er gehört auch zu dem wissenschaftlichen Beirat, auf den Macron seine Maßnahmen zur Eindämmung des Virus stützt. Wegen seines unangepassten Aussehens liegt es natürlich  nahe, dass man Raoult mit einem „druide gaulois“ assoziiert. Le Monde  spricht von „son look de vieux druide blanc“. [6]

Allerdings ist Raoult auch sehr umstritten, weil er ein entschiedener Verfechter der Behandlung von Coronavirus-Patienten mit Cloroquine ist. Solange es nichts Besseres gäbe, sei das ein pragmatisches Vorgehen. Die nachfolgend abgebildete, ebenfalls zu Ehren von Albert Uderzo erschienene Karikatur bezieht sich darauf:

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Obelix bittend  (wie gewöhnlich in der Nähe des Kessels mit der potion magique): Ich fühle mich ein wenig schwach…  Panoramix weist ihn dann ja immer ab. So auch hier der mit den Zügen Raoults ausgestattete moderne Druide mit der entsprechend variierten Antwort: Nein! Kein Cloroquin für dich! Aber dann auch hier die klassische  Begründung: Du bist da reingefallen, als du klein warst!

 

Natürlich gibt es auch viele verbale Nachrufe auf Albert Uderzo. Ich beschränke mich darauf, den meines Erachtens besonders treffenden Text von Laurent Joffrin, dem Chefredakteur der Zeitung Libération,  vom 25.3. in freier Übersetzung wiederzugeben:[7]

Ultimatives Paradoxon: Uderzo stirbt zu einem Zeitpunkt, als jede französische Familie ihr Zuhause in ein gallisches Minidorf verwandelt sieht, das von einem der römischen Besatzung ebenbürtigen System der Kontrolle  umgeben ist.  Und er stirbt zu einem Zeitpunkt,  als sich die Vertreter des Staates über die „gallische“ Disziplinlosigkeit der Franzosen in der aktuellen Krise  beschweren. Hier wird  die symbolische Kraft der Figuren deutlich, die der von italienischen Vorfahren abstammende Albert Uderzo  mit seinem aus einer polnisch-jüdischen Familie stammenden  Freund René Goscinny geschaffen hat: Sie prägten ebenso wie Jeanne d’Arc oder Napoleon den französischen Mythos. Die Gallier waren nicht unbedingt so, wie die beiden sie dargestellt haben, und die Franzosen auch nicht. Wie dem auch sei: Beider Talent hat die historische Wahrheit verdunkelt. So bildete sich das Klischee heraus: ein Volk, das eifersüchtig auf seine Unabhängigkeit bedacht ist, hedonistisch und streitsüchtig, locker, gespalten und stolz. Sollen wir uns beschweren? Nicht unbedingt. Damit einher geht auch  eine unterschwellige politische Botschaft. Das Regierungssystem von Abraracourcix ist gutmütig und nachsichtig. Die  Dorfbewohner lieben nichts so sehr, als ihren Geschäften nachzugehen, weit entfernt von der römischen Autorität, die unaufhörlich verspottet wird, geschützt durch diesen Zaubertrank, der ein doppeltes Symbol ist für das  Gesetz  und die  Stärke. Sie stehen für den Widerstand gegen Unterdrückung,  den in der Geschichte des Landes viele geleistet haben:    die rebellischen Bauern, die sich der  königlichen Ordnung  widersetzenden Stadtbewohner,  die  der industriellen Ausbeutung ausgesetzten  Arbeiter, kurz die Dissidenten aller Epochen im Widerstand gegen  Willkür und Tyrannei. Eine Idee von Frankreich, die von einem italienischen Einwanderer verbreitet wurde und die auch eine Idee der Freiheit ist. (Libération, 24.3.2020, S.24)

 

Nun, wie angekündigt, ein kleiner Rückblick auf die Asterix-Jubiläumsausstellung des Jahres 2009 im Musée Cluny.

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Goscinny und Uderzo beim der Konzeption der Serie. Ein Exponat der Ausstellung

Dass dort die Ausstellung stattfand, war  natürlich eine ganz besondere Ehre, und es hatte offenbar, wie Le Monde berichtete, über dieses Projekt heftige Auseinandersetzungen zwischen den Verantwortlichen gegeben. Dass dann doch das Museum seine Räume für Asterix öffnete, beruhte vor allem darauf, dass auch die Reste der Thermen von Lutetia, dem gallo-römischen Paris, Teil dieses Museums sind. Von diesen Thermen ist das Frigidarium noch ziemlich gut erhalten, ein eindrucksvoller Raum mit 12 Meter hohen Gewölben, der einen grandiosen Eindruck vermittelt von der Monumentalität römischer Architektur selbst in dem für die Römer eher weniger bedeutenden Lutetia. Dort fand damals die Jubiläums-Ausstellung statt.[8]

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Zu diesem Ort passte natürlich eine ausgestellte Originalzeichnung Uderzos vom Besuch der beiden Comic-Helden in den römischen Thermen: Obelix sitzt verdutzt auf dem Beckenboden im Trockenen und  wundert sich, wo nach seinem Bauchplatscher das Wasser geblieben ist. Und während der eine Römer fluchend das Bad verlässt, bewundert der andere  -durchaus auch kein Hänfling-  die beeindruckenden Proportionen des Galliers.

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Ausgestellt war auch die kleine amerikanische Schreibmaschine Keystone Royal, mit der Goscinny für die ersten 24 Alben alles aufgeschrieben hat, was der Zeichner Uderzo dann in Bilder umgesetzt hat: den Handlungsablauf einzelner Szenen, die Dialoge, Regieanweisungen… Da gab es auch das Szenario vom Einmarsch der Römer in Gallien,  der ersten Asterix-Seite: Des soldats romains, marchant en rang. On peut ne voir que leurs jambes, comme dans les documentaires montrant les Allemands entrant en France. (Römische Soldaten, in Reihen marschierend. Man kann nichts sehen außer ihren Beinen, wie in den Dokumentationen, die die Deutschen beim Einmarsch in Frankreich zeigen.)

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Hier wird der zeitgeschichtliche Hintergrund des 1959 geschaffenen „Asterix“ mehr als deutlich: Es ist das Frankreich de Gaulles, das sein Selbstverständnis aus dem Widerstand gegen Nazi-Deutschland bezog. Aber für Uderzo und Goscinny gehörte –ganz anders als damals für das gaullistische Frankreich- dazu auch die Kritik an der Kollaboration, die für das damalige (offizielle) Frankreich kein Thema war: Da begrüßt der Gallier Aplusbegalix auf einer ebenfalls ausgestellten Originalseite die als „geliebte Eindringlinge“ titulierten römischen Offiziere mit zum römischen /Hitler-Gruß erhobener Hand und dem Ruf: „Ave César! Bienvenue à nos envahisseurs bien-aimés !… »

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Und er wird dann auch gleich noch lächerlicher gemacht:  Als er nämlich seine Gäste in sein Haus bittet, wird deutlich, dass es zwar im Stil einer römischen Villa gebaut ist, das Dach aber nicht mit Ziegeln gedeckt ist, sondern mit ziemlich ungehobelten Holzbalken… Und die Gegend, in der das römische Feldzeichen auf der ersten Seite eines Asterix-Heftes mit Gewalt in die gallische Erde gerammt ist, ist das Zentralmassiv mit  der Stadt Vichy, dem Sitz der Kollaborations-Regierung von Marschall Pétain.

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Der Eingang zum Cluny-Museum liegt ziemlich versteckt und das Museum gehört ja auch nicht zu denen, vor denen sich üblicherweise lange Schlangen bilden. Insofern war es  ein schöner Einfall, den Zaun des Museums, der an den belebten Boulevards St.Germain und St. Michel liegt, zu nutzen, um für die Ausstellung zu werben und auch noch einen Beitrag zur kunsthistorischen Bildung zu leisten. Da waren großformatige Bilder befestigt mit jeweils einem klassischen Meisterwerk auf der einen Seite und gleich daneben der entsprechenden  Asterix-Version.

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So  Breughels  Bauernhochzeit und daneben das große gallische Mahl, mit dem ja jedes Asterix-Abenteuer versöhnlich  endet.

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Es gibt auch eine gallische Version von Leonardos berühmter Proportionenstudie nach Vitruv : Statt des wohlproportionierten jungen Manns  ist es hier der dicke Obelix, der den um die ausgebreiteten Arme und Beine geschlagenen Kreis fast ganz ausfüllt. Goscinny hat dazu eine schöne Erläuterung beigetragen:

Proportionsstudie des menschlichen Körpers (nicht nach, sondern) vor Vitruv.  Überraschendes Zeugnis des gallischen Schönheitsideals“

 

Und natürlich darf auch eine Parodie auf Delacroixs Gemälde „La liberté guidant le peuple“  nicht fehlen. Zunächst die klassische Version, 1830 anlässlich der Juli-Revolution in Paris entstanden und heute im Louvre zu besichtigen.

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Dann die Asterix-Version, bei der Bonnemine mit Besen und Weljerholz (so hieß das bei uns in Darmstadt) die Gallier in den Kampf gegen die Römer führt.

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Das sind die freiheitsliebenden Gallier, die libres, von denen Laurent Joffret in seinem Nachruf auf Uderzo spricht – Teil des nationalen Mythos, zu dem er und Goscinny mit ihrem Asterix einen wunderbaren Beitrag geleistet haben.

 

Anmerkungen:

[1] https://www.glonaabot.fr/articles-associes/zep-uderzo-cetait-mon-papa-adoptif

[2] Dieses Bild  und die nachfolgenden Abbildungen aus: https://www.lefigaro.fr/bd/albert-uderzo-les-hommages-joyeux-des-dessinateurs-20200325

[3] Libération spricht in seiner Ausgabe vom 26. März von einem „désastre du manque de masques“.

[4] https://www.interieur.gouv.fr/fr/Actualites/L-actu-du-Ministere/Attestation-de-deplacement-derogatoire-et-justificatif-de-deplacement-professionnel

[5] Um Missverständnisse zu vermeiden, möchte ich darauf hinweisen, dass ich selbstverständlich entschiedene Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus befürworte. In Frankreich werden die Beschränkungen aber eher formalistisch und nicht inhaltlich-vernünftig exekutiert. Siehe dazu meine entsprechenden Anmerkungen in dem Bericht über Sainte Anne/Martinique im CV-19-Modus. https://paris-blog.org/2020/03/24/sainte-anne-martinique-im-cv-19-modus/

[6] Siehe: Antiviral, antirivaux. Didier Raoult. In: Liberation 25. März 2020 und Didier Raoult, le trublion du Covid-19. In: Le Monde 26.3.2020  und Le Monde, 29./30. März 2020

[7] Hier das Original:  Paradoxe ultime : Uderzo disparaît au moment où chaque famille française voit son logement transformé en mini-village gaulois, enserré par un appareil de contrôle digne de l’occupation romaine. Au moment, aussi, où les autorités se plaignent de l’indiscipline «gauloise» dont feraient preuve les Français. C’est la force symbolique des personnages créés par Albert Uderzo, d’ascendance italienne, avec son compère René Goscinny, né d’une famille juive polonaise : ils ont façonné, autant que Jeanne d’Arc ou Napoléon, le mythe français. Les Gaulois n’étaient pas forcément ce qu’ils en ont dit, pas plus que les Français. Peu importe : le talent a occulté la vérité historique. Ainsi s’est cristallisé le cliché : un peuple jaloux de son indépendance, hédoniste et querelleur, léger, divisé et orgueilleux. Faut-il s’en plaindre ? Pas forcément. Il y a là un message politique subliminal. Le système de gouvernement d’Abraracourcix est bonhomme et indulgent, ces villageois susceptibles n’aiment rien tant que vaquer à leurs affaires loin de l’autorité romaine sans cesse tournée en ridicule, protégés par cette potion magique qui est le double symbole du droit et de la force. Un exemple de résistance à l’oppression, celle que cherchaient, dans l’histoire du pays, les paysans révoltés, les citadins rebelles à l’ordre royal, les ouvriers en butte à l’exploitation industrielle, bref, les dissidents de toutes les époques, rétifs à l’arbitraire et à la tyrannie. Une idée de la France promue par un immigré italien, qui est aussi une idée de la liberté. https://www.liberation.fr/france/2020/03/24/libres_1782956

[8] Aus: https://commons.wikimedia.org/18./

 

Nachwort

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, nicht mehr als einen oder maximal zwei neue Beiträge pro Monat in diesen Blog einzustellen – um weder mich noch meine Leser/innen zu überfordern. Unter den Bedingungen der Corona-Virus-Ausgangsssperre weiche ich von dieser selbtverordneten Begrenzung ab. (Prominente Vorbilder dafür gibt es ja reichlich). Immerhin werden manche ja jetzt mehr Zeit zum Lesen haben, und was mich angeht: Ich nutze einen Teil der gewonnenen „Freizeit“ für die Beschäftigung mit dem Blog. Das hilft auch etwas über diese schwierigen Zeiten hinweg…  Und kleine Projekte dafür gibt es, wie man sieht, ja genug.

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux
  • Pariser Erinnerunsorte an den Holocaust (Einleitung/Fortsetzung) 
  • Das Pantheon: 8. und 9. Mai 2020/ 18./19. September 2020
  • Große Männer und Frauen des Marais: Eine Ortsbesichtigung anhand der Portraits des Street-Art-Künstlers C215 (Teil 1)
  • Der Maler Otto Freundlich. Eine Ausstellung im Musée Montmartre

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sainte Anne/Martinique im CV-19-Modus

Martinique ist ein wunderbares Reiseziel:

  • Es liegt zwar in der Ferne, ist aber als Département-Outre-Mer ein Teil Frankreichs mit allen damit verbundenen Vorteilen (Sprache, Währung, Infrastruktur)
  • Es ist eine karibische Insel mit einer großen landschaftlichen Vielfalt: Berge, wilde Bergbäche, tropische Vegetation, wunderbare einsame Strände mit türkisblauem Wasser, Korallenriffe zum Schnorcheln und Tauchen….
  • Und die Insel hat eine bemerkenswerte Vergangenheit. Dazu vier  Namen:

Statue Josephine

 

Josephine de Beauharnais, die  erste Frau Napoleons. Geboren wurde sie als Marie Josephe Rose de Tascher de la Pagerie, Tochter eines Adelsgeschlechts, das auf Martinique Zuckerrohrplantagen betrieb und damit ihren Reichtum der Ausbeutung von Sklaven verdankte. Ihre Statue steht am Hafen der Inselhauptstadt Fort de France:  Zunächst als Denkmal für die große Kaiserin, seit einigen Jahren aber geköpft und blutbefleckt  als Mahnmal gegen die Sklaverei.[1]

 

Ganz anders Victor Schoelcher, dem ebenfalls in Martinique ein Denkmal gesetzt wurde, nach dem ein Ort und die Dependence der französischen Karibik-Universität benannt ist. Schoelchers Eltern besaßen in Fessenheim im Elsass eine Porzellanfabrik, die Schoelcher  erbte und verkaufte, um sich ganz dem Kampf gegen die verhasste  Sklaverei widmen zu können. 1848 war er Abgeordneter der Nationalversammlung für Martinique und maßgeblicher Initiator des Dekrets zur Abschaffung der Sklaverei in Frankreich vom 27. April 1848.

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Portrait von  Victor Schoelcher, dem „Befreier der Sklaven“, auf seinem Grabmal auf dem Friedhof Père Lachaise.[2]

Franz Fanon  schließlich,  Autor des antikolonialistischen Manifests  Die Verdammten dieser Erde, stammt aus Martinique.  Er besuchte das lycée Schoelcher in der Inselhauptstadt Fort-de-France und wurde dort unter anderem von  Aimé  Césaire unterrichtet,  dem wohl bedeutendsten Politiker und Schriftsteller der französischen Antillen, nach dem auch der Flughafen von Martinique benannt ist. Dieses Département vertrat er in den Jahren nach 1946 in der französischen Nationalversammlung.

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Kleine Aimé Césaire-Ausstellung im Flughafen von Martinique.  Césaires Lob der kleinen gemeinsamen Schritte in dem hier wiedergegebenen Satz  passt natürlich nicht ganz zu den Bedingungen  einer verschärften Ausgangssperre….

Die Schönheiten  der Insel zu genießen und  die Spuren der  Sklaverei und  ihrer Überwindung zu erkunden  -ein Thema, das auf diesem Blog  ja schon mehrfach  angesprochen wurde[3]: Gute Gründe für einen „Urlaub“ auf Martinique!  Der verlief dann allerdings ganz anders als geplant – weil auch dort die Corona-Krise alle Pläne zunichte gemacht hat.  Schon zwei Tage nach unserer Ankunft  begannen  die Beschränkungen, die dann immer massiver wurden.

Aber dennoch: Den Triumph,  ganz auf einen kleinen Martinique-Bericht zu verzichten, gönne ich dem Virus nicht. Es wird als doch ein paar Bilder zu dem kleinen Teil der Insel geben, den wir ganz am Anfang zu Fuß erkundet haben.  Der Bericht über die Erinnerung an die Sklaverei und ihre Überwindung wird sich dann nur auf den kleinen Ort Sainte Anne ganz im Süden der Insel beschränken, auf den wir aufgrund der Ausgangssperre beschränkt waren.  Wie wir dann dort den Umgang mit der Corona-Pandemie erlebt haben, wird abschließend etwas erläutert.

Einen kleinen Eindruck von der Schönheit der Insel konnten wir am Anfang unseres Aufenthalts bei einer Wanderung von Sainte Anne auf der Trace des Caps  zu dem Salines-Strand erhalten.

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Übrigens gab es am Anfang der Wanderung auch noch andere Tiere zu sehen: Zum Beispiel diese Rinder: Die europäischen Siedler hatten nämlich nicht nur den Zuckerrohranbau auf Martinique eingeführt, sondern auch Viehzucht und Weidewirtschaft.

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Die Grande Anse des Salines  wird als der bekannteste und schönste Strand von Martinique gerühmt. Es ist in der Tat ein Bilderbuchstrand:   Zwei Kilometer lang, weißer Sand, türkisblaues warmes Wasser, Palmen…  Da wir an einem Sonntag dort waren, sah es aber nicht so aus wie auf diesem Postkartenfoto.[4]

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Der Strand des Salines soll der schönste von M. sein

 

 

Für die Einheimischen ist der Strand ein beliebtes Wochenendziel. Also viel karibische Musik, Beach-Volleyball, Buden mit Essen und Trinken, mobile  Eisverkäufer, die mit Glockengeläut auf sich aufmerksam machen.  Aber ein ruhiges Plätzchen haben wir dann trotzdem gefunden- dafür ist der Strand lang genug, und  wenn man einen Traumstrand (fast) ganz für sich haben will, gibt es daneben noch die Petite Anse des Salines.

 

 

Zwei Tage später war die Fahrstraße zum Strand abgesperrt – wie auch zu anderen beliebten Stränden der Insel wie der Anse Noir, die für die Wasserschildkröten berühmt ist, die man beim Schnorcheln beobachten kann.

Weitere Wanderungen, geschweige denn Ausflüge mit dem Mietwagen, waren also ausgeschlossen.  Das verhängte  Confinement bedeutete, dass man seinen aktuellen Wohnsitz nicht mehr verlassen konnte – auch nicht zu Fuß, denn selbst die Strände wurden gesperrt und  der Zugang zu dem Küstenwanderweg  von der Polizei kontrolliert.

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Der Zugang zun allen Stränden der Stadt Sainte Anne ist ab 17. März bis auf Weiteres gesperrt. Bei Zuwiderhandlungen werden Strafen entsprechend der geltenden Gesetze verhängt. 

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Ein zum Teil in bedrohlich-niedriger  Höhe über den Stränden fliegender und kreisender Hubschrauber überprüfte die Einhaltung des Verbots. Da konnte man dann sicher sein, dass kurz danach die Gendarmerie aufauchte….

Das erste Hotel am Platz rien ne va plus

Das „erste Haus“ am Platz, das Hotel und Restaurant „La Dunette“ liegt schön am kleinen Hafen des Ortes. Auf einem Ausleger konnte man bei leichtem Wellenschlag  sitzen bzw.  hätte man sitzen können. Wir hatten zunächst sogar vor, uns dort einzumieten, hatten es aber unterlassen, weil in den Bewertungen des Hotels vor der durch die feiernden Gäste und die Musik gewarnt worden war. Die ersten beiden Vormittage konnten wir dort immerhin noch ohne Probleme unseren Morgenkaffee bekommen, dann nach Rücksprache mit dem Chef, der uns schon kannte, nur unter der Bedingung, dass wir uns nicht länger aufhalten würden und am dritten Vormittag war der Eingang verriegelt….

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Der offene Markt war am Anfang noch geöffnet.

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Dann war auch das zu Ende. Mit einem Händler konnte ich mich noch unterhalten, der sich bitter beklagte:  Der enge Supermarkt bleibt geöffnet, aber der luftige Verkaufsstand wird geschlossen. Und als Entschädigung bietet der Staat großzügig Stundungen für die Steuer auf Umsätze an, die es gar nicht mehr gibt….

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DSC07519Der kleine Supermarkt des Ortes hatte also noch geöffnet.  Allerdings wurde der Zugang kontrolliert, was ja auch vernünftig ist. Es wurden also immer nur maximal 10 Kunden eingelassen. Nicht ganz einsichtig fanden wir allerdings, dass die Öffnungszeiten auf wenige Stunden des Vormittags beschränkt wurden, was natürlich  entsprechende Schlangen vor dem Eingang verursachte.  Größere Hamsterkäufe gab es aber offensichtlich hier nicht, vom leeren Nudelregal mal abgesehen.  Selbst Toilettenpapier, in Deutschland offensichtlich eine Kostbarkeit, gab es hier noch reichlich.

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Nachmittags, wenn die Geschäfte (Supermarkt rechts, Bäckerei links im Bild) geschlossen hatten, sah die Hauptstraße dann so aus. Da war nur noch die Pharmacie geöffnet, in die man einzeln eingelassen wurde und die sogar bereit war, eigentlich rezeptpflichtige Arzeneimittel  auszugeben, falls ein gestrandeter Tourist sie benötigen würde.

Sonst war aber alles geschlossen:

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Auch das kleine Tourismus-Büro des Ortes und sogar die Kirche…

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Natürlich habe ich mich, soweit möglich,  in dem Ort etwas umgesehen, wie hier an die Zeit der Sklaverei erinnert wird.

Bushaltestelle von Saint Anne mit Sklavenbild

Erinnerung an die Sklaverei an der -natürlich verwaisten- Bushaltestelle von Sainte Anne

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Straße des heroischen Sklaven. Was es mit diesem heldenhaften Sklaven auf sich hat, konnte ich leider nicht herausbekommen.

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Erinnerung an einen Marineoffizier aus Guadeloupe, „Verteidiger von Paris“, in der Hauptstraße von Sainte Anne.

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Informationstafel über die Zeit der Sklaverei am Hauptplatz des Ortes: Die Masse der Sklaven war von Bildung ausgeschlossen“.  In dem Text wird aus einem Brief des Gouverneurs von Martinique, des Marquis de Fénelon, an den Kolonialminister aus dem Jahr 1764 zitiert: Jede Unterrichtung der „Neger“ könne zu einer Gefahr für die Weißen werden. Da die von diesen Leuten umgeben und in der Minderheit seien, müssten die „Neger“ in der allergrößten Unwissenheit (la plus forte ignorance) gehalten werden, um zu verhindern, dass sie auf (dumme) Gedanken kämen.

Als wir kurz mit unserem Auto anhielten, um dieses Foto zu machen, hielt neben uns ein Polizeiauto und vier Gendarmen sprangen heraus und stellten uns zur Rede. Es herrsche Ausgangsverbot und es sei verboten -auch auf dem Weg zum Einkaufen- anzuhalten und ein Foto zu machen. Als wir vorsichtig antworteten, es sei doch niemand weit und breit und wir würden nun wirklich niemanden und auch uns selbst nicht mit einem Foto in Gefahr bringen, wurden die flics richtig aggressiv. Deutlich wurde auch da, dass das confinement, die Ausgangssperre,  in Frankreich rein formal exekutiert wird.  Ginge es nach dem gesunden Menschen- und medizinischen Sachverstand müssten die Begegnungen von Menschen deutlich eingeschränkt werden, aber darum ging es ja hier nicht. Und darum ging es auch nicht in den französischen Altersheimen, in denen keine Besucher mehr zugelassen wurden, in denen aber offenbar die Insassen noch wie eh und je ihre Mahlzeiten gemeinsam einnahmen. (5)  Das Ergebnis sind eine massenhaftes Verbreitung des Virus in den Altersheimen  und entsprechend hohe Opferzahlen, die sicherlich in diesen katastrophalen Ausmaßen hätten verhindert werden können. Aber alle waschen ihre Hände in Unschuld nach dem Motton: Wir haben das confinement doch buchstabengetreu befolgt.

Aber zurück zu unserer Auseinandersetzung mit der eifrigen Gendarmerie von Sainte Anne: Das Ende war dann – sie merkten natürlich, dass wir Ausländer sind- ein lautes, herrisches „go home!“.  Dass uns das noch einmal ein Organ der Staatsmacht in unserem geliebten Frankreich entgegenbrüllt, war schon sehr bitter.

Was uns die letzten Tage dann blieb, war die kleine Terrasse unseres Ferienappartements mit Blick aufs Meer und den grandiosen Sonnenuntergängen.

Blick von unserer Terrasse

Der Felsen Diamant

Dieser große Felsen im Meer ist der „Diamant“ – dorthin wären wir natürlich auch gerne einmal gefahren, aber immerhin hatten wir diese schöne Aussicht.

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… vor allem auch die grandiosen Sonnenuntergänge…

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Und dann blieben doch noch kurze heimliche Abstiege zu dem kleinen Strand direkt vor unserer Haustüre.

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Unter diesen Bedingungen waren wir dann doch froh, dass wir Martinique wieder verlassen konnten. Am eigentlichen Abflugtag  – wir waren schon mit Sack und Pack auf dem Flughafen- erfuhren wir allerdings, dass unser Flug annuliert war. Aber für den nächsten Tag konnten wir in einem der letzten Flieger nach Paris zwei Plätze ergattern. Sonst hätten wir noch bis -mindestens- 18. April bleiben müssen. Herr Maas hätte für uns wohl kaum einen Rückhol-Flug organisiert ..

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Was bleibt: manche schöne -und  leider auch manche  weniger schöne- Erinnerungen.

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Für meine Frau, der ich diese Reise verdanke!  Merci!

Dies ist der 100. Beitrag auf diesem Blog.

Eingestellt am 24.3.2020

Anmerkungen:

[1] Siehe: Andrew Milne, La Martinique dans les pas de l‘ ìmpératice  Josépjhine. 19. Sept. 2019 https://www.france.fr/fr/martinique/liste/martinique-imperatrice-josephine

[2] Siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2017/11/01/der-schwierige-umgang-mit-einem-duesteren-kapitel-der-franzoesischen-vergangenheit-die-erinnerung-an-sklavenhandel-und-sklaverei/

[3] Siehe die Blog-Beiträge:

[4] http://www.guidemartinique.com/sainte-anne.html

(5) (20 Uhr-Nachrichten tv 2 vom 24.2.).   Siehe auch: Les Ehpad dans la crainte de l’hécatombe.  (Die Altersheime befürchten ein Massensterben).  Libération 25.3.2020, S. 12

La place des victoires/Der Platz der Siege Ludwigs XIV. in Paris: Das Modell eines „königlichen Platzes“

Paris ist reich an großen, repräsentativen Plätzen, und das sind vor allem die königlichen und die republikanischen Plätze:  Von diesen gibt es drei:  die place de la Bastille, die place de la Nation und die place de la République. Und es gibt die fünf sogenannten königlichen Plätze: die place des Vosges, bis zur Französischen Revolution place royal genannt,  und die place Dauphine, beide zur Zeit Henri Quatres geplant; dazu die Plätze Ludwigs XIV: die place Vendôme, die place de la Concorde, urspünglich place Louis XV,  und die place des Victoires.

Unter all diesen Plätzen nimmt die place des Victoires eine Sonderstellung ein: Es ist nämlich der erste königliche Platz im eigentlichen Sinne. Errichtet in den 1680-er Jahren zu Ehren Ludwigs XIV., wurde er zum Vorbild für eine Fülle weiterer königlicher Plätze in Paris und ganz Frankreich. Was einen „königlicher Platz“ ausmacht, definierte –die place des Victoires vor Augen- zum ersten Mal  der Generalpächter François Lemée in seinem Traité des statues publics von 1688: Es ist ein regelmäßig gestalteter Platz, der speziell dafür bestimmt ist, in seiner Mitte eine monumentale Statue des Königs aufzunehmen und ihr einen würdigen Rahmen zu bieten. Die place des Victoires war für Lemée ein Musterbeispiel eines solchen Konzepts, das er umso mehr begrüßte, als es für ihn keinen geeigneteren Ort für solche Plätze gab als Paris, „le centre des beaux-arts et la merveille du monde.“ [1]

  1. La place des Victoires, das verwegene Projekt eines Privatmanns

Anlass für den Bau dieses Platzes war der Friede von Nimwegen 1678/1679, der den Holländischen Krieg, auch Niederländisch-Französischer Krieg genannt, beendete und die französische Herrschaft über Kontinentaleuropa festigte.

Ausgelöst wurde der Krieg durch einen Angriff Ludwigs XIV. auf die Vereinigten Niederlande. Grund war die holländische Konkurrenz für französische Waren und den französischen Handel, auch wenn Frankreich eine protektionistische Politik mit hohen Zöllen betrieb. Louvois, seit 1670 Kriegsminister und ein notorischer Kriegstreiber, drängte also zum Krieg, um die holländische Konkurrenz auszuschalten und – nicht zuletzt- seine Stellung beim König zu festigen.

Unterstützt wurde Ludwig XIV.  vor allem von Schweden und England, deren Könige durch hohe jährliche Pensionen bestochen worden waren. Um eine Hegemonie Frankreichs auf dem europäischen Kontinent zu verhindern, verbündeten sich Spanien, das Heilige Römische Reich und der Kurfürst Friedrich Wilhelm I. von Brandenburg mit den Niederlanden. Die konnten nur durch die Öffnung ihrer Schleusen eine Eroberung ihres Landes verhindern und mussten froh sein, dass der Krieg nicht mit einer völligen Niederlage endete.

Am Ende wurde eine Reihe von Friedensverträgen abgeschlossen, die im Allgemeinen zusammenfassend als „Friede von Nimwegen“ bezeichnet werden. Frankreich erhielt große Gebiete in Flandern, dazu  die Franche Comté. Sogar Freiburg im Breisgau wurde französisch. Der Sonnenkönig befand sich auf dem Zenit seiner Macht.

Das war die Stunde von François d’Aubusson de La Feuillade, der den Anstoß gab, mit einem Standbild und einem noblen Platz die Siege des Sonnenkönigs im Französisch-Niederländischen Krieg zu feiern. La Feuillade, einer alten Adelsfamilie entstammend,  hatte als Offizier erfolgreich an diesem Krieg teilgenommen, er hatte einen Sturm auf die Festung Besançon kommandiert und sich auch auf anderen Kriegsschauplätzen ausgezeichnet. Zum Dank war er vom König zum Marschall befördert und zum Gouverneur der frisch eroberten Franche-Comté ernannt worden.

Natürlich war es nicht einfach, einen geeigneten Platz für dieses Vorhaben zu finden. Denn es musste selbstverständlich ein zentraler Ort in der Nähe des Louvre, des königlichen Schlosses, sein. Allerdings gab es da natürlich keine unbebauten Freiflächen. Aber das schreckte La Feuillade nicht ab: Er fand ein Terrain nahe des Palais Royal, das seinen Ambitionen entsprach. Zwar standen dort schon mehrere Stadtpalais (hôtel particulier), aber er kaufte zwei davon auf, um sie dann abreißen zu lassen, weil sie der Konzeption eines großzügigen Platzes im Wege standen. Andere Häuser wurden von der Stadt Paris, die sich dem Unternehmen anschloss, schlicht enteignet und ebenfalls abgerissen.

Jetzt war der Raum für die Anlage des ersten wirklichen „königlichen Platzes“ von Paris und ganz Frankreich geschaffen. Die verwegene Idee eines Privatmannes konnte nun Wirklichkeit werden.

Als Name bot sich ganz selbstverständlich place des victoires an. Denn es sollten ja die Siege Ludwigs XIV. im gerade glanzvoll beendeten Krieg gefeiert werden. Dazu lag der künftige Platz in der Nähe der Kirche Notre Dame- des-  Victoires.

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Notre Dame- des- Victoires  wurde zur Zeit Ludwigs XIII., dem Vater des Sonnenkönigs, errichtet. Ludwig hatte gelobt, der Muttergottes im Falle eines Sieges gegen die Hugenotten von La Rochelle eine Kirche zu errichten. Im Giebel kann man denn auch  die königliche Krone, die Lilien der Bourbonen und die allegorisch auf den Sieg hinweisenden Flügel erkennen.

Und  dazu hat Notre Dame-des-Victoires auch einen Bezug zu Ludwig XIV. Einer der Geistlichen der Kirche, der frère Fiacre, hatte nämlich Maria jahrelang um einen dauphin  für Frankreich gebeten: Die Ehe zwischen Ludwig XIII. und seiner Gemahlin Anna von Österreich war über 20 Jahre lang kinderlos geblieben. Nach der Legende erschien aber  eines Nachts die Mutter Gottes  dem frommen Mann. Der sah in dem Kind, das Maria in ihren Armen trug,  natürlich den kleinen Jesus, aber Maria sprach zu ihm: „Das ist nicht mein Sohn, sondern das Kind, das Gott Frankreich schenken möchte.“  Und tatsächlich wurde 9 Monate später der kleine Ludwig geboren und er erhielt denn auch den Beinamen „Dieudonné“,  der Gottgegebene.[2]

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Ein Fenster im linken Querschiff von Notre Dame-des-Victoires zeigt den Frère Fiacre und die Erscheinung von Maria mit dem künftigen König. Die fehlende Aura um den Kopf des Kindes weist darauf hin, dass es sich nicht um den göttlichen Jesus handeln kann. [3]

Es hätte also kaum einen geeigneteren Ort für die  place des Victoires geben können als in der Nachbarschaft der Kirche Notre Dame-des-Victoires.

 

  1. Das Standbild Ludwigs XIV.

Mit der Herstellung der Statue des Sonnenkönigs beauftragte La Feuillade den  Bildhauer Martin Desjardins. Dass ausgerechnet er dazu ausersehen wurde, die Siege Ludwigs XIV. im Franuzösisch-Niederländischen Krieg zu verherrlichen, entbehrt nicht einer gewissen Delikatesse. Denn Desjardins  war ein 1637 in Breda als  Martin van den Bogaert  geborener Holländer, der sich aber schon in frühen Jahren in  Paris niedergelassen hatte.  Und La Feuillade hätte ihm nicht den prestigeträchtigen Auftrag erteilt, wenn sich Desjardins nicht schon einen bedeutenden Namen in Frankreich gemacht hätte: So hatte er für den Park von Versailles  eine sehr bewunderte und oft kopierte Diana geschaffen und  in Paris den Figurenschmuck für das Hôtel Salé, das heutige Picasso-Museum.

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Desjardins Statue stellte Ludwig XIV. stehend im Krönungsornat mit seinem königlichen Umhang  dar. Den hatte  der König extra dem Bildhauer ausgeliehen, um der Statue ein Höchtmaß an Authentizität zu sichern. In seiner Rechten hält Ludwig La Joyeuse, das –angeblich auf Karl den Großen zurückgehende-  Schwert der französischen Könige, auf seiner Brust hängt das Kreuz des ordre de Saint-Esprit, der höchsten damaligen  Auszeichnung Frankreichs.  Damit nimmt Desjardins eine Pose vorweg, wie sie auch  in dem späteren, weit verbreiteten Gemälde von Hyacinthe Rigaud zur Apotheose des  Sonnenkönigs verwendet wurde.

Auf dreifache Weise verdeutlicht Desjardins, dass Ludwig als Sieger gefeiert wird: Er hat den auf dem Boden liegenden  dreiköpfigen Höllenhund Cerberus zertreten.[4]Der steht für die besiegte Triple-Allianz von Spanien, den Niederlanden und dem Heiligen Römischen Reich. Darunter sieht man das Emblem mit den Bourbonen-Lilien, der Krone und den Flügeln des Sieges, das man schon von Notre Dame –des- Victoires kennt. Und  die geflügelte Allegorie des Sieges höchstpersönlich krönt Ludwig XIV. mit einem Lorbeerkranz.

Die Statue wurde zunächst in Marmor ausgeführt. La Feuillade präsentierte sie Ludwig XIV., der dem Werk seinen sonnenköniglichen Segen gab. Allerdings wünschte er sich für den ihm gewidmeten Platz eine Version aus vergoldeter Bronze, die La Feuillade denn auch umgehend 1682 bei Desjardins in Auftrag gab.[5]

 

  1. Die vier Gefangenen des Sockels

An den vier Ecken des Sockels  postierte Martin Desjardins überlebensgroße Figuren ebenfalls aus vergoldeter Bronze: Es sind  vier angekettete Gefangenen, die die vier von Ludwig XIV. besiegten Länder repräsentieren, deren Niederlage im Frieden von Nimwegen (1679) besiegelt wurde: Die Vereinigten Niederlanden, Spanien und das Heilige Römische Reich, wozu dann auch noch Brandenburg kam, dessen Kriegsgegener vor allem das mit Ludwig verbündete Schweden war. Das Thema der Besiegten und Gefangenen ist in der antiken Kunst sehr vertraut und es gibt auch ein französisches Vorbild: Nämlich die vier Gefangenen von Pierre Franqueville, die den Sockel der Reiterstatue Henri Quatres auf dem Pont Neuf flankierten. Während aber die Reiterstatue Henri Quatres und die Statue Ludwigs XIV. von der place des Victoires dem Bildersturm der Französischen Revolution zum Opfer fielen, wurden die vier Gefangenen vom Pont Neuf und ihre Nachfolger von der place des Victoires als Opfer absolutistischer Willkür verschont. Sie sind heute – von ihren Ketten befreit-  im Louvre zu besichtigen. [6]

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Die vier Gefangenen der place des Victoires sind sehr unterschiedlich gestaltet: Sie sind unterschiedlich alt, verschieden gekleidet,  und  sie drücken in ihren Haltungen und Gesichtszügen verschiedene Gemütszustände aus.

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 Spanien wird von einem jungen Mann mit langen lockigen Haaren verkörpert. Er ist nackt, der Oberkörper aufgerichtet, und er blickt voller Hoffnung in den Himmel.

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Das Heilige Römische Reich ist ein bärtiger alter Mann, gekleidet mit einer antiken Tunika. Sein Kopf ist gesenkt und sein Körper drückt Resignation und Niedergeschlagenheit aus.

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Die antike Tunika passt zu der am Boden liegenden Standarte des Heiligen Römischen Reichs mit  dem Doppeladler und den römischen Insignien. Die zwischen den vier Gefangenen liegenden Helme, Hellebarden, Abzeichen und Schilde sind wohl als Bezug  zu römischen Triumphzügen zu verstehen.

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Brandenburg wird von einem Mann im reifen Alter verkörpert, der wie ein Barbar in antiken Darstellungen gekleidet ist. Sein Gesicht ist Ausdruck seines Leids.

 

 

 

 

 

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Ganz anders die allegorisches Darstellung Hollands: Es ist ein junger Mann mit kurzem Bart. Der nackte Körper scheint zum Sprung bereit, der Blick drückt wilde Entschlossenheit. Dieser Besiegte findet sich ganz offensichtlich nicht mit seinem Schicksal ab, sondern ist bereit zur Rebellion. Hier scheint dann doch die holländische Herkunft des Bildhauers zum Ausdruck zu kommen.

Alle Gefangenen haben ihre Köpfe nach rechts geneigt, was dazu anregt, im Uhrzeigersinn um den Sockel des Standbilds herumzugehen.

 

Zwischen den Gefangenen waren auf dem Sockel der Statue Ludwigs XIV.  vier Bronzereliefs angebracht, die den Ruhm des Sonnenkönigs veranschaulichen sollten:

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Hier die Überquerung des Rheins durch die französische Armee am 12. Juni 1672, mit der der Einfall in die Niederland beginnt.

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Die Eroberung von Besançon durfte natürlich nicht fehlen, weil  La Feuillade ja dabei eine wesentliche Rolle gespielt hatte. An der Spitze des Trupps sieht man einen Reiter. Er ist noch vor Ludwig XIV. postiert, aber selbstverständlich ihm zugewandt, um die Anweisungen des Königs entgenzunehmen. Es ist vermutlich einer der Feldherrn der französischen Armee, Turenne oder Condé. Aber ich könnte mir vorstellen, dass mancher zeitgenössische Besucher in diesem Reiter ein Abbild  La Feuillades sah – den immerhin auch auf seinen eigenen Ruhm bedachten Stifter des Platzes. Und ich vermute, dass dem das durchaus Recht gewesen ist. 

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Hier erkennte der spanische Botschafter demütig die Vormachtstellung Frankreichs an. Dies bezieht sich auf einen protokollarischen Zwischenfall in London, als der spanische Botschafter sich weigerte, dem französischen Botschafter den ersten Rang einzuräumen. Das konnte Ludwig XIV. selbstverständlich nicht hinnehmen, und der Vertreter Spaniens wurde gezwungen, sich am Hofe Ludwigs demütig zu entschuldigen.

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Dieses Relief  veranschaulicht den Frieden von Nimwegen: Der König hält an seiner rechten Hand die Allegorie des Friedens, die an einer Leine –einträchtig nebeneinander- einen Löwen und ein Schaf führt. Mit der anderen Hand hilft er der am Boden liegenden Allegorie Europas, sich zu erheben und den Frieden zu begrüßen. Das Ereignis wird in das Buch der Geschichte eingeschrieben und dazu erschallt die Trompete des Ruhms.

Allerdings war die Neigung, die Trompete des Ruhms für Ludwig XIV. erschallen zu lassen nicht allgemein verbreitet. Schon im Vorfeld  der Einweihung und kurz darauf wurden zahlreiche und vielschichtige Einwände erhoben: Kritisiert wurde  der überzogene Charakter des Monuments im Allgemeinen (mit einer Höhe von immerhin insgesamt etwa 12 Metern!)  und seine in außenpolitischer Hinsicht aggressive, beleidigende Form, die auf eine explizite Herabsetzung der Nachbarnationen Frankreichs abzielte.[7] Dazu kam dann noch, dass die französischen Truppen im Krieg gegen die Vereinigten Niederlande mit großer Brutalität vorgegangen waren – ein Vorspiel dessen, was dann im Pfälzischen Erbfolgekrieg geschah. Aus dieser Sicht erschien Ludwig XIV. als kriegslüsterner, machtgieriger Herrscher und alles andere als der Friedensbringer Europas.[8]

Und als provokative Krönung  gab es noch auf dem Sockel die berühmt gewordene  Inschrift: VIRO IMMORTALI- dem unsterblichen Mann.[9]

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Am 26. März 1686 wurde die Statue in einem aufwändigen Festakt eingeweiht. Und eine silberne Gedenkmünze war schon vorher  zur Erinnerung an dieses Ereignis geprägt und dann an die anwesenden Honoratioren verteilt worden.[10]

 

4. Die Architektur und die Beleuchtung des Platzes

Der Platz war damals allerdings noch lange nicht fertig. Aber das Entscheidende war bei diesem Ensemble ja  die Statue, während der Platz darum gewissermaßen die Fassung war, die –wie bei einem Schmuckstück- die Statue einrahmen und besonders zur Geltung bringen sollte. Mit dieser Aufgabe betraute La Feuillade niemanden Geringeren als Jules Hardouin-Mansart. Mansart (manchmal auch Mansard geschrieben) war seit 1675 Hofarchitekt Ludwigs XIV., 1678 wurde er Bauleiter des Schlosses von Versailles. Die Übernahme des Auftrages für die place des Victoires konnte sicherlich nur mit königlicher Billigung erfolgen. Es war seine erste Arbeit in Paris. Danach folgten dort noch die Entwürfe für die place Vendôme, die Kirche St. Roch und den Invalidendom.[11]

Nach dem Entwurf von Mansart waren die die Statue umgebenden Gebäude in einem Kreis um die Statue gruppiert. Der Durchmesser des Platzes und die Höhe der Bebauung waren so festgelegt, dass sie harmonisch zur Größe der Statue passten. Der Kreis bestand aus noblen Stadtpalais, deren durchgängige Fassaden nur an einigen Stellen unterbrochen waren für Straßen, die auf den Platz führten und von denen aus man möglichst einen direkten Blick auf die Statue vor dem Hintergrund der dahinter liegenden schmückenden Fassade haben sollte.

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Die Fassaden der den Platz umgebenden Stadtpalais waren alle einheitlich gestaltet: Das Erdgeschoss bildeten Arkaden, die allerdings –anders als bei der place Royal/place des Voges Henri Quatres- geschlossen waren: Sonst wäre ja beim Herumgehen der Blick auf die Statue ständig unterbrochen worden. (Bei der place des Vosges war eine zentrale königliche Statue ursprünglich gar nicht vorgesehen). Über den Arkaden mit den individuell gestalteten Maskarons verläuft ein durchgehender, alle Stadtpalais verbindender Sims, und darüber befinden sich zwei Geschosse mit der  extra hohen bel étage oder étage noble. Eingefasst werden diese Stockwerke durch Pilaster mit ionischen Kapitellen: in der Tat sehr nobel. Darüber –wie sollte es anders sein bei diesem Architekten- ein Mansarddach mit abwechselnd gestalteten Gauben – auch dies ein Bezug zur place des Vosges. Unter dem Dach lagen –wie auch später bei den Bauten an den Haussmann’schen Boulevards- die Zimmer des Dienstpersonals.

Heute wird die ursprüngliche Harmonie des Platzes  beeinträchtigt durch spätere Veränderungen: der Anlage der breiten rue Etienne Marcel und den beiden die anderen Gebäude überragenden protzigen Bauten rechts und links davon  – der Baron Haussmann lässt grüßen. Seiner Abrissbirne fiel auch das hôtel particulier zum Opfer, das sich La Feuillade für sich selbst vorbehalten hatte. Immerhin erinnert noch die rue La Feuillade an den Spiritus Rector des Platzes.

Aber einiges von dem ursprünglichen Glanz ist immer noch sichtbar- übrigens auch dann, wenn man, da wo es möglich ist, durch ein offenes Tor geht und einen Blick ins Innere wirft.

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Da hat selbst die enge Treppe für das Dienstpersonal ihren ästhetischen Reiz.

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Die Beleuchtung des Platzes

Neben der monumentalen Statue und der umgebenden noblen Bebauung hatte sich La Feuillade für „seinen“ Platz noch ein besonderes highlight –im wahrsten Sinne des Wortes- ausgedacht: nämlich eine Beleuchtung, die auch nachts das Standbild des Sonnenkönigs in helles Licht tauchen sollte. Es waren Schiffslaternen, die auf einem von jeweils  drei Säulen getragenen Sockel aus rotem Marmor befestigt waren. Auf dem nachfolgend abgebildeten Aquarell von Adam Perelle aus dem 1695 kann man im Vordergrund rechts und links zwei der Lampen-Aufbauten gut erkennen.[12]

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Wäre das Bild einige Jahre später entstanden, wäre das nicht mehr der Fall gewesen, denn seit 1699 wurden die Lampen ausgelöscht: Ihr Betrieb war viel zu aufwändig und kostspielig – und die place des Victoires hatte die Finanzen selbst des höchst vermögenden La Feuillade ruiniert. 1719 wurde dann die gesamte Beleuchtungsanlage demontiert. Vier der Säulen sind allerdings noch erhalten: Sie tragen den Baldachin des Hauptaltars der Kathedrale von Sens.[13] Und erhalten sich auch einige der jeweils 6 Medaillons, die zwischen den die Schiffslaternen tragenden Säulen hingen. Auf ihnen waren – um noch einmal das Wort aufzugreifen: highlights der Regierungszeit Ludwigs XIV. zu sehen.

Die noch erhaltenen Medaillons sind heute im Louvre ausgestellt.

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Hier ein ebenfalls von Martin van den Bogaert/Desjardins entworfenes Medaillon, das die Unterwerfung des  Dogen von Genua zeigt. Ludwig XIV. hatte Genua 1684 wegen dessen guten Beziehungen zu Spanien bombardieren lassen und dann den Dogen, der aufgrund eines Gesetzes die Stadt eigentlich nicht verlassen durfte, gezwungen, sich Ludwig XIV. persönlich zu unterwerfen.

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Dies ist der Ausschnitt eines weiteren Medaillons (entworfen von Jean Regnaud), das eine Wassernymphe von Versailles zeigt. Mit ihrer linken Hand deutet sie auf das Schloss des Sonnenkönigs,  Das sich über die ganze  Bildbreite hinziehende Aquädukt repräsentiert die Zufuhr des Seine-Wassers von der grandiosen, aber nur bedingt effizienten „Maschine von Marly“ nach Versailles und das Aquädukt von Maintenant, Teil des gescheiterten Projekts einer Umleitung des Flusses Eure: Ausdruck der absolutistischen Hybris des Sonnenkönigs.[14]

Das Ensemble der place des Victoires  beeindruckte die Zeitgenossen in hohem Maße. Und aller kritischer Stimmen zum Trotz wurde der Platz zum Vorbild für viele weitere Plätze dieser Art. Direkte Nachfolgerin sozusagen war die place Vendôme in Paris, deren Planung auf den damaligen Kriegsminister und Verantwortlichen für das Bauwesen (Surintendant des Bâtiments), den Marquis de Louvois zurückgeht. Und da musste der Platz natürlich noch weitläufiger sein und die Statue in der Mitte noch eindrucksvoller: Sie stellte den König nicht zu Fuß dar, sondern hoch zu Ross – 7 Meter hoch, auf einem Sockel von 10 Metern, so dass die schon beeindruckende Gesamthöhe der Statue auf der place des Victoires noch einmal um 5 Meter übertroffen wurde. Und dazu passten auch die ursprünglichen Bezeichnungen des Platzes:  place Louis-le-Grand oder place de Nos Conquêtes (Platz Unserer Eroberungen). Und danach gab es eine Fülle weiterer Projekte für die Errichtung königlicher Plätze in ganz Frankreich, ja Europa (z.B. Kassel, Friedrichsplatz), die sich auf diese Vorbilder bezogen.[15]

 

5. La Place des Victoires von der Französischen Revolution bis heute

Während der Französischen Revolution ereilte die Statue Ludwigs XIV. auf der place des Victoire das gleiche Schicksal wie alle anderen Statuen auf den fünf königlichen Plätzen von Paris: Sie wurde abgerissen und eingeschmolzen.[16]

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Abriss der Statue am 13. August 1792. Die vier Gefangenen waren schon vorher befreit und in Sicherheit gebracht worden.

Aber der Platz blieb nicht lange leer. Denn dann kam Napoleon. Der ließ zwar nicht alle verwaisten königlichen Plätze der Stadt mit neuen ihn feiernden Statuen schmücken. Aber die place de Nos Conquêtes war der geeignete Ort für die der Trajanssäule nachempfundene Siegessäule mit der Statue Napoleons. Die wurde 1810 errichtet und im gleichen Jahr erhielt auch die place des Victoires ein neues Standbild: Am 15. August 1810, also seinem Geburtstag, enthüllte Bonaparte das von Claude Dejoux geschaffene Standbild des Generals Louis Charles Antoine Desaix.[17] In der Schlacht von Marengo (Piemont) war Desaix tödlich verwundet worden. Napoleon schätzte ihn außerordentlich, wie aus seinen auf Sankt Helena geschriebenen Memoiren deutlich wird.[18]

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Die Statue war aus Bronze, allerdings stand neben dem General ein kleiner steinener Obelisk – ebenso wie die Papyrus-Blätter auf dem Sockel ein Bezug zur Teilnahme des Generals an dem ägyptischen Feldzug Napoleons. Der Obelisk gehörte zur Antikensammlung des Kardinals Albani, die zum Teil im Zuge des systematischen Kunstraubs Napoleons nach Paris  verbracht wurde, um dort das Musée Napoleon zu schmücken. Der Obelisk allerdings fand auf der place des Victoires Verwendung, um den General Desaix zu ehren und seine Siege in Ägypten zu feiern.

Allerdings war die Statue höchst umstritten, natürlich nicht wegen der dazu gehörenden Raubkunst, sondern wegen des in griechischer Manier unbekleidet dargestellten Helden. So wurde sie 1814 wieder demontiert. Das Metall der Statue fand nach der Niederlage Napoleons und der Rückkehr der Bourbonen dann eine neue Verwendung: Zusammen mit dem Metall des Napoleons von der Vendôme-Säule und dem Napoleon von der Säule der Grande Armee in Boulogne wurde es für die Herstellung der neuen Reiterstatue Henri Quatres auf dem Pont-Neuf verwendet, die die in der Revolution zerstörte ursprüngliche Statue ersetzte.[19] Der Obelisk sollte –wie auch der geraubte Laokoon oder der Apoll von Belvedere- wieder an seine ursprünglichen Besitzer zurückgegeben werden. Allerdings  konnten sich die Erben des Kardinals Albani  nicht den Rücktransport nach Italien leisten. So verkauften sie den Obelisken an den bayerischen König Ludwig I. Der ließ den Obelisken vor dem Eingang zum Ägyptischen Museum im Hofgarten aufstellen, inzwischen steht er im Museum.[20]

Mit der Restauration und der Rückkehr der Bourbonen kehrten auch die Statuen der königlichen Plätze von Paris zurück – bzw. die alten, eingeschmolzenen wurden durch neue ersetzt – mit Ausnahme der place de  la concorde,  wo die zerstörte Reiterstatue Ludwigs XV. zunächst durch eine statue de la liberté und dann durch den Obelisken von Luxor ersetzt wurde. Auf der Place des Victoires wurde 1822 ein neues bronzenes Standbild Ludwigs XIV. eingeweiht, aufgestellt auf einem Sockel aus 5 Blöcken Carrara-Marmor.

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Ludwig XIV.  ist in der Tracht eines römischen Kaisers auf einem sich aufbäumenden Pferd dargestellt, das von ihm im Zaum gehalten wird. Vorbild war der „bronzene Reiter“, die von dem Franzosen Étienne Falconet geschaffene Reiterstatue Peters des Großen in Sankt Petersburg.

Auf den beiden Längsseiten des Sockels sind große Bronzereliefs angebracht, wovon das eine –wie schon bei der ursprünglichen Statue- den Übergang über den Rhein zeigt.

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Das Relief auf der anderen Seite zeigt die Stiftung des ordre royal et militaire de Saint-Louis durch Ludwig XIV. im Jahr 1693.  Dieser Orden wurde 1791 aufgehoben und 1814 durch Ludwig XVIII., der das neue Denkmal in Auftrag gegeben hatte, wieder eingeführt. Insofern stellt sich der dank der Restauration an die Macht gekommene 18. Ludwig in eine Reihe mit Ludwig dem Heiligen und „Ludwig dem Großen“.  Allerdings währte das ja nur bis zur Julirevolution von 1830, durch die nicht nur Ludwig XVIII. gestürzt, sondern auch der von ihm wiederbelebte Orden endgültig abgeschafft wurde.

Ein Besuch des Platzes lohnt sich auf jeden Fall, auch wenn man kein Fan der haute-couture ist, die sich dort niedergelassen hat. Zu entdecken gibt es genug.

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Sogar der Invader hat dem Platz seine Referenz erwiesen.[21]

 

 

 

 

 

Und nicht versäumen sollte man dann auch den kleinen Abstecher zur benachbarten Place des Petits-Pères mit der Wallfahrtskirche Kirche Notre Dame- des- Victoires (mit ihren 37 000  Votivtafeln und dem Kenotaph des Komponisten Lully), den gegenüberliegenden Fassaden mit den Marienstatuen (früher gab es dort Devotionalienhandlungen)  und dem Gebäude der ehemaligen Bank Léopold Louis-Dreyfus, das unter dem Regime von Vichy Sitz des Generalkommissariats für die Judenfragen (Commissariat général aux questions juives) war, dem willigen französischen Handlanger bei der Ausgrenzung und Deportation von Juden… Aber das ist eine andere Geschichte.

 

 

Anmerkungen:

[1] Ziegler, L’invention des places,  S. 33

Das Beitragsbild ist ein kolorierter Ausschnitt aus dem Plan Turgot von 1739

[2] https://www.notrehistoireavecmarie.com/fr/esc/la-naissance-de-louis-xiv-dieudonne-neuf-mois-apres-la-priere-du-frere-fiacre/

[3] Der père Fiacre wurde dann auch zum Patron der Droschken, der Fiaker.

[4] Bild aus:  http://paris1900.lartnouveau.com/paris02/place_des_victoires.htm

[5] Die ursprüngliche Marmorversion soll sich nach übereinstimmenden Informationen in der Orangerie von Versailles befinden, aber dort nicht für die Öffentlichkeit zugänglich sein.

[6] https://www.louvre.fr/oeuvre-notices/quatre-captifs-dits-aussi-quatre-nations-vaincues-lespagne-lempire-le-brandebourg-et-

[7] Ziegler: https://core.ac.uk/download/pdf/79193225.pdf

[8]  Die Brutalität des französischen Vorgehens, vor allem die Plünderung und Einäscherung der Orte Swammerdam und Bodegraven mit seinen Bewohnern durch die Truppen des Marschalls de Luxembourg, wurde von den Holländern in ganz Europa verbreitet.

[9] Die Inschrift befand sich auf dem Sockel der Statue unterhalb des königlichen Emblems. Zur Kritik siehe das Buch von Ziegler über den „Sonnenkönig und seine Feinde.“. Siehe auch: https://www.arthistoricum.net/kunstform/rezension/ausgabe/2011/5/18821/

[10] Abbildung aus:  https://www.inumis.com/shop/louis-xiv-inauguration-de-la-statue-de-la-place-des-victoires-a-paris-1686-paris-1901956/

[11 Zum Invalidendom siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2017/03/12/napoleon-in-den-invalides-es-lebe-der-kaiser-vive-lempereur-3/

[12] Aquarell von Adam Perelle 1695 Bild aus:  https://de.wikipedia.org/wiki/Place_des_Victoires#/media/Datei:Paris

[13] Siehe- nicht ganz zutreffend- die Darstellung im Wikipedia- Artikel über die Kathedrale von Sens: „Le maître-autel, œuvre de Servandoni,  date de 1742. Il est surmonté d’un baldaquin supporté par quatre colonnes de marbre rouge provenant du monument dédié à Louis XIV  place de la Victoire à Paris“ – Die Säulen stammen ja nicht von dem Monument Ludwigs XIV. und auch nicht von der „place de la Victoire“….  Richtig und Interessant ist aber die Bezug zwischen Paris und Sens. Immerhin  gehörte Paris, als der Hauptaltar der Kathedrale von Sens  errichtet wurde, zur Diozöse Sens. Und der Architekt Servandoni war ja vor allem in Paris tätig und wesentlich beteiligt am Bau von Saint Sulpice.

[14] https://www.louvre.fr/oeuvre-notices/les-magnifiques-batiments-de-versailles 

Siehe auch die Blogbeiträge zur Wasserversorgung von Versailles, vor allem: https://paris-blog.org/2019/04/01/die-fontaenen-von-versailles-2-ausdruck-absolutistischen-groessenwahns/

[15] Ziegler, L’invention des places royales. http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/4543/1/Ziegler_L_invention_des_places_2002.pdf

[16]https://www.unjourdeplusaparis.com/paris-reportage/anciennes-statues-places-royales

[17] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/Place_des_Victoires

[18] Le talent de Desaix était de tous les instans ; il ne vivait, ne respirait que l’ambition noble et la véritable gloire. C’était un caractère antique. Il aimait la gloire pour elle-même et la France au-dessus de tout. (…) L’esprit et le talent furent en équilibre avec le caractère et le courage, équilibre précieux qu’il possédait à un degré supérieur https://www.napoleon-empire.net/personnages/desaix.php

[19] siehe: Dominique Lesbros, Paris mystérieux et insolite. Paris 2005, S. 77ff

[20] Siehe: Agnes Allroggen-Bedel,  Winckelmann, die Villa Albani und das Musee Napoleon: Winckelmanns Einfluß auf die napoleonische Museumspolitik. http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/propylaeumdok/3085/1/Allroggen-Bedel_Winckelmann_Die_Villa_Albani_2007.pdf

[21] Zum Invader siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2018/10/01/street-art-in-paris-3-der-invader/

 

Literatur:

Bresc,  Geneviève, „Le décor de la place des Victoires“, in Feuillets du Louvre, 1989, n 5.01

Bresc, Geneviève, „Louis XIV, place des Victoires“, Art ou politique ? Arcs, statues et colonnes de Paris, DAAVP, Paris, 1999, pp.64-68

Isabelle Dubois, Alexandre Gady, Hendrik Ziegler (Hrsg.): La Place des Victoires. Editions de la Maison des Sciences de l’Homme, Paris 2003,

Potvin,  Manon et Bresc-Bautier Geneviève, La Sculpture sous tous ses angles. À propos de la sculpture monumentale de plein air en France au XVIIe siècle, Éditions du musée du Louvre, Service culturel, Paris, 1995, pp.20-21

Seelig, Lorenz: Studien zu Martin van den Bogaert, gen. Desjardins (1637-1694), Altendorf 1980;

Ziegler, Hendrik, L’invention des places royales. In: Sarmant, Thierry und Gaume, Luce (Hrsg), La place Vendôme. Art, pouvoir et fortune. Paris 2002, S. 32-41. Auch unter: http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/4543/1/Ziegler_L_invention_des_places_2002.pdf

Ziegler, Hendrik, Der Sonnenkönig und seine Feinde. Die Bildpropaganda Ludwigs XIV. in der Kritik. Petersberg: 2010

Ziegler, Hendrik, DER ANLASS FÜR DIE ABFASSUNG DES TRAKTATS ÜBER DIE STATUEN: DIE IN- UND AUSLÄNDISCHEN EINSPRÜCHE GEGEN DAS DENKMAL DER PARISER PLACE DES VICTOIRES. In: Originalveröffentlichung in: Bodart, Diane H. ; Ziegler, Hendrik (Hrsgg.): Lemée, François: Traité des Statuës. Commentaires / Kritischer Apparat, Bd. 2. Weimar 2012, S. 85-101 https://core.ac.uk/download/pdf/79193225.pdf

 

Weitere Blog-Beiträge zu Ludwig XIV.:

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux
  • Pariser Erinnerunsorte an den Holocaust (Einleitung/Fortsetzung) 
  • Das Pantheon: 8. und 9. Mai 2020

Die Petite Ceinture (2): Die Rückeroberung der stillgelegten Ringbahntrasse

Dies ist die Fortsetzung des im Februar 2020 in diesen Blog eingestellten Beitrags über die Pariser Ringbahn, die Petite Ceinture – in einem kürzlich im Reiseteil der FAZ veröffentlichten Beitrag auch die Pariser Gürtellinie genannt.

https://paris-blog.org/2020/02/20/die-petite-ceinture-teil-1-kinder-und-kohl-statt-kohle-und-kanonen/

In diesem ersten Teil ging es vor allem um die Geschichte dieser in der Mitte des 19. Jahrhunderts angelegten Ringbahn, die zunächst militärischen und wirtschaftlichen Zwecken diente, dann aber vor allem ein wichtiges Mittel des Personentransports war, um eine Verbindung zwischen den Pariser Kopfbahnhöfen herzustellen. Als diese Verbindungen dann direkter und schneller durch die Metro-Linien ermöglicht wurden und Lastkraftwagen ein effizienteres Mittel des Warentransports wurden, verlor die Ringbahn immer mehr an Bedeutung und wurde schließlich ganz aufgegeben. Die Trasse wurde sich selbst bzw. der Natur überlassen. In den letzten Jahren aber hat die Stadt Paris die Bedeutung dieses Grüngürtels erkannt und ist dabei, einige dafür geeignete Teilstücke als Naherholungsgebiete zugänglich zu machen:  Das ist gemeint, wenn von der reconquête  der Petite Ceinture,  gesprochen wird. Um diese Zurückgewinnung der Ringbahntrasse geht es in dem nachfolgenden Beitrag.

 

In den Jahren nach Stilllegung der Petite Ceinture war die ehemalige Bahntrasse weitgehend sich selbst bzw. der Natur überlassen, die allmählich das Gelände zurückeroberte.[1] Nur die Bahngleise wurden von der Eigentümerin, der Staatsbahn SNCF, freigehalten, weil darunter wichtige und wertvolle Glasfaserkabel verlegt waren.

1993 wurde aber nicht nur der regelmäßige Verkehr auf dem größten  Teil der Petite Ceinture eingestellt, sondern auch die Association Sauvegarde Petite Ceinture (ASPCRF) gegründet, deren schon im Namen kenntlich gemachtes Ziel es war, die stillgelegte Ringbahn –wenn auch in veränderter Form- zu erhalten.[2] Die Planungen bezogen sich zunächst auf die Nutzung der Petite Ceinture als Trasse für eine Straßenbahn. Allerdings gab es auch schon Überlegungen, die Straßenbahn stattdessen auf den boulevards des Maréchaux zu platzieren. Aber es gab auch Vorschläge, statt einer Straßenbahn die Trasse für einen umweltfreundlichen Transport von Gütern zu nutzen.[3]  Und schließlich setzten sich mehrere Initiativen  für eine Nutzung als Grüngürtel („promenade plantée“ bzw. „coulée verte“) ein, wobei allerdings auch hier die Vorstellungen stark voneinander abwichen: Pfad für Fußgänger? Weitergehende Nutzung z.B. für Spielplätze und Gärten? Die Petite Ceinture als ein der Natur überlassenes Biotop?

Inzwischen sind mehrere Teilstücke der Petite Ceinture für die Öffentlichkeit geöffnet und diese „Rückeroberung“, wie sie von der Stadtverwaltung genannt wird, soll fortgesetzt werden. Bis 2020 sollen insgesamt etwa 10 Kilometer zugänglich sein.[4]

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Diese Planungen liegen auf einer Linie mit der allgemeinen „Rückeroberungspolitik“  unter den sozialistischen Bürgermeistern Delanoë und Hidalgo. Die bezog und bezieht sich ja schon seit längerem auf prominente Plätze wie die Place de la République, die Place de la Nation oder die Place de la Bastille und auf große Straßen wie die rue de Rivoli oder den Boulevard Voltaire,  wo der Autoverkehr zurückgedrängt und mehr Platz für Fußgänger und Fahrradfahrer geschaffen wird; und natürlich auf die „Rückeroberung“ der Seine-Tiefkais, der „berges de la Seine“, die jetzt endlich und wohl auch endgültig vom Autoverkehr befreit sind.[5]

Die „Rückeroberungspolitik“ ist, so umstritten sie in ihrer konkreten Umsetzung auch sein mag, eine stadtplanerische Notwendigkeit. Paris ist eine „ville hyperdense“ (6) : Deshalb ist jeder Quadratmeter zusätzlicher Naherholungsraum ein Gewinn. Paris ist immerhin mit 21 290 Einwohnern pro Quadratkilometern die mit Abstand dichtbevölkertste Stadt Europas- vor Barcelona mit 16 200 und London mit 12 000 – und weit vor den deutschen Großstädten (München 4570; Berlin 4060; Frankfurt 2960 und München 2340). (7)  Und wären nicht die außerhalb des früheren Festungsgürtels, also der „natürlichen“ Stadtgrenze, gelegenen großen Naherholungsgebiete Bois de Vincennes und Bois de Boulogne eingemeindet, sähen die Zahlen noch  wesentlich ungünstiger für Paris aus.

Die bisher für die Öffentlichkeit freigegebenen oder zur Freigabe vorgesehenen Teilstücke  der Petite Ceinture bringen allerdings nur wenig Entlastung, sind sie doch recht kurz. Das hat seinen Grund wohl vor allem in den Tunneln, die bisher abgesperrt sind und die zum Teil auch zu lang sind, um durchgängig geöffnet werden zu können. Da ist eher daran gedacht, die Tunneleingangsbereiche für Veranstaltungen (z.B. Disko, Musik) zu nutzen.  In einer Tageswanderung Paris auf den ehemaligen Trassen der Petite Ceinture umrunden zu können, wird sicherlich  ein Traum bleiben. Aber immerhin gibt es schon kleine Naherholungsgebiete und Ruhezonen für Mensch und Natur, und es soll noch weitere geben.  Für den Paris-Besucher werden sie sicherlich nicht erste  Adressen sein, aber wenn man etwas mehr Zeit und Muße hat, lohnt  sich ein Besuch, den man ja meist auch gut mit anderen Projekten verbinden kann.

Nachfolgend werden einige der bisher zugänglich gemachten Teilstücke der Petite Ceinture vorgestellt. Die Reihenfolge folgt der Nummerierung der betroffenen Arrondissements.

Die Petite Ceinture im 12. Arrondissement

Die gemeinschaftlichen Gärten am Square Charles Péguy

Eine von der Stadt Paris unterstützte und von mehreren Initiativen getragene Form der Nutzung der Bahntrasse ist die Einrichtung von gemeinschaftlichen Gärten. Einer davon befindet sich im 12. Arrondissement neben den Gleisen der Petite Ceinture beim Square Charles Péguy

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Der Eingang befindet sich in der  rue Rottembourg 21 bei der Überführung.

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Als wir uns 2018 dort umsahen, trafen wir zufällig den Verantwortlichen der zuständigen Association. 20 Mitglieder bewirtschaften  gemeinschaftlich einen Teil des Gartens.  Wenn man ein Jahr lang am Gemeinschaftsgarten mitgearbeitet hat, kann man aber auch ein privates Eckchen zugeteilt bekommen. Die Gärten sind für jedermann zugänglich, die Mitglieder der Association sind also darauf angewiesen, dass ihre Arbeit und vor allem die Früchte ihrer Arbeit respektiert werden- vor allem dann, wenn 2019 das parallel verlaufende Teilstück der Petite Ceinture öffentlich zugänglich gemacht wird.

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Ein Problem für die Gärtner ist natürlich die Erde,  die neben den alten Bahngleisen natürlich –vorsichtig ausgedrückt- nicht optimal ist, geschweige denn ökologischen Ansprüchen entspricht. Eine wesentliche Aufgabe der Gartenfreunde ist  also die Bodenverbesserung bzw. der Bodenaustausch.  Die zu Hause anfallenden Bioabfällle werden mitgebracht und zu Kompost verarbeitet. Zum Teil werden Hochbeete angelegt, so dass nicht tief wurzelnde Pflanzen auf jeden Fall in unverdorbenem guten Boden wachsen.

Der rührige Vereinsvorstand wollte uns gleich engagieren, hatte aber Verständnis, dass das in unserem Fall nicht passt. Schenkte uns aber zum Abschied einige Ableger eines sehr aromatischen Bohnenkrauts.

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Inzwischen  (September 2019) sind die Kürbisranken bis hoch zu den Bahngleisen gewachsen…

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Von dort hat man nun auch einen direkten Zugang zu dem neuen Teilstück der Petite Ceinture. An dem Zugang befindet sich auch eine kleine Ausstellung zur die Geschichte der Petite Ceinture.

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Dazu gehört auch ein kleines Quiz, z. B. mit der nachfolgenden Frage, welchem der vier angegebenen Tiere man kaum auf der Petite Ceinture  begegnen wird: Fledermaus, Wildschwein, Fuchs oder Fasan. Die richtige Antwort lautet: B, also Wildschwein. (Den anderen drei Tieren bin ich allerdings bei meinen Wanderungen auf der Petite Ceinture  noch nicht begegnet.)

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Die Villa du Bel Air: Ein neues Teilstück wird zugänglich gemacht (2019)

Seit dem Frühjahr 2019 ist das an diesen Gärten gelegene Teilstück der Petite Ceinture zwischen der Villa de Bel Air und der Rue des Meuniers (1670 Meter) für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

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An der schönen Seitenstraße Villa du Bel-Air gab es  früher einen Bahnhof der Petite Ceinture, jetzt einen Behinderten-gerechten Zugang zu dem neu eröffneten Teilstück. Im Jahr 1887 habe es hier insgesamt 787 000 Passagiere gegeben, wie man einer Informationstafel entnehmen kann, und 132 bis 172 Personen- und Güterzüge pro Tag. Wenn man dabei die Nachzeiten ohne Zugverkehr berücksichtige, bedeute das eine Zugfrequenz alle 6-7 Minuten mit 120 Passagieren am Bahnhof Bel-Air-Ceinture.

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Wie auch an anderen Stellen der Petite Ceinture waren hier die Artisten der Street-Art schon am Werk….

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…. und neben dem Bahndamm haben Wohnsitzlose ihre Zelte aufgeschlagen.

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Durch das neue zugänglich gemachte Teilstück wird eine Verbindung zwischen der coulée verte René-Dumont und dem Bois de Vincennes geschaffen.[8]  Man kann dann also auf einem ca 5 km langen schönen, interessanten Spazierweg von der Place de la Bastille über den Viaduc des Arts und die promenade plantée/coulée verte Renée-Dumont bis zum lac Daumesnil, dem Bois de Vincennes und dem musée de l’immigration, dem Ort der Kolonialausstellung von 1931, gelangen. Es ist ein Spaziergang auf der ehemaligen Trasse des Chemin de fer Paris à Vincennes und dann weiter an die Marne und dann auf einem kleinen Stück der Petite Ceinture. Höchst empfehlenswert![9]  

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Inzwischen (September 2019) ist zwar die Strecke zwischen dem Cours de Vincennes und der rue de Charenton noch nicht offiziell freigegeben, aber auf einem der ehemaligen Gleise ist schon ein schöner Weg für Jogger, Fußgänger, Kinderwagen etc angelegt.cp

Und es wurden schon oder werden gerade  Schilder zur Orientierung  montiert.

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Wenn da allerdings zu lesen ist, dass es noch 20,6 km nach Bercy seien, bedeutet das nicht, dass die Petite Ceinture bis dorthin zugänglich wäre….

Die Petite Ceinture im 13. Arrondissement (seit 2016)

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Dieses Teilstück der Petite Ceinture ist das dritte (nach denen des 16. und des 15. Arrondissement), das für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Es ist -begrenzt durch nicht zugänglich Tunnel- nur 500 Meter lang.

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Weil es sich um ein Teilstück der Petite Ceinture mit dem ehemaligen Bahnhof von Rungis handelt, konnten nicht nur die ehemaligen Bahngleise,  sondern auch  die ehemaligen Bahnhofs.- und Lagerflächen  „zurückerobert“ werden. Angelegt wurde hier Rasenflächen zum Entspannen und Spielflächen  für Kinder.[10]  

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Also ein interessantes Angebot für die Bewohner des 13. Arrondissements. Und einen kleinen, allerdings nicht öffentlich zugänglichen, gemeinschaftlichen Garten gibt es auch hier.

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Zugang:  60, rue Damesme 75013 Paris   Métro  Maison Blanche, ligne 7 oder Station Poterne des Peupliers der Straßenbahnlinie T  3a (zwischen Porte de Vincennes und Pont du Garigliano)

 

 

Die Petite Ceinture im 15. Arrondissement (2013)

Das seit 2013 zugänglich gemachte Teilstück der Petite Ceinture im 15. Arrondissement verbindet zwei Parks, den Park Georges Brassens und den Park André Citroën, der seinen Namen einer ursprünglich dort angesiedelten Autofabrik verdankt.

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Dieses 1,5 Kilometer lange Teilstück der Petite Ceinture verläuft parallel zu dem Boulevard Victor auf einem Damm.

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Am Anfang und Ende des Weges (Place Balard, Olivier de Serres) gibt es Aufzüge, mit denen der Damm leicht zu erreichen ist.

Der Weg ist „ein schöner versteckter Ort“ in Paris[11], mit viel Grün, umgeben von der Stadtlandschaft, aber abgeschirmt von ihrem Lärm: ideal für Jogger, für Spaziergänger und vor allem auch für Kinder, die hier gefahrlos ihre ersten Fahrversuche mit Fahrrädern unternehmen können.

 

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In der Mitte des Wegs kommt man am früheren Bahnhof Vaugirard vorbei.

Das war früher ein stattliches Bahnhofsgebäude mit Fahrkartenverkauf, Wohnung und Diensträumen für den Bahnhofsvorstand und einem Wartesaal oben an den Bahngleisen.[12]

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Heute bietet der Bahnhof ein ziemlich tristes Bild – aber vielleicht gibt es ja Pläne für eine neue, sinnvolle  Nutzung. Ich habe einen Vorschlag: Vielleicht könnten die rührigen Freunde der Petite Ceinture dort ja ein kleines Museum einrichten….

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Das alte Schild LM signalisierte den Zugführern, dass hier ihr Spielraum zum Rangieren endete. (Limite de Manœuvre)

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Intakt ist noch  der alte Aufgang zu den Bahngleisen des Bahnhofs.

 

 

 

 

 

 

Im Bereich des früheren Bahnhofs ist das Gelände der Petite Ceinture ausgeweitet und bietet damit zusätzliche Erholungs- und Kommunikationsmöglichkeiten…

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Paris de la Seine à la Seine

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Seit Neuestem gibt es auch den Vorschlag für einen Spazierweg, der die gesamte südliche Trasse der Petite Ceinture entlang führt, sie zum Teil – wie auf dem hier beschriebenen Teilstück im 15. Arrondissement- auch direkt nutzt. Es gibt dazu in den Rathäusern der Arrondissements (und sicherlich auch im Info-Zentrum des Pariser Rathauses) einen Faltplan mit dem Titel: Petite Ceinture. Paris de la Seine à la Seine. Danach handelt es sich um einen neuen künstlerischen und kulturellen Weg, der im Auftrag der Stadt Paris von einem Architektur-Kollektiv entworfen wurde.  Entlang des Weges wird auf kulturelle und historische Sehenswürdigkeiten aufmerksam gemacht, Aussichtspunkte und mögliche Ein- und Ausstiege sind ebenfalls eingezeichnet. Wie lange die Strecke insgesamt ist und wie viel Zeit man dafür veranschlagen muss, ist nicht angegeben. Aber im Frühjahr oder Sommer werden wir uns da sicherlich einmal auf den Weg machen.

Der „corridor écologique“ im 16. Arrondissement (2007)

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Das erste 2007 für die Öffentlichkeit zugänglich gemachte Teilstück der Petite Ceinture liegt im 16. Arrondissemet zwischen dem boulevard de Montmorency und dem boulevard Beauséjour.+

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Es handelt sich um einen 1,2 km langen Pfad. Die früheren Schienen sind zwar entfernt, der Schotter als Untergrund aber noch erhalten, und  es ist unverkennbar, dass man sich auf einem teilweise leicht erhöhten ehemaligen Bahndamm befindet.

Mit Hilfe von Anpflanzungen, kleinen Lichtungen, naturnahen Sitzplätzen und Mauern wird der Weg etwas aufgelockert.  Da es sich auch um einen Lehrpfad handelt, gibt es auch sechs Stationen mit entsprechenden Erläuterungen.[13]

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An die Vergangenheit der Petite Ceinture erinnert noch diese Sitzbank:

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Und ein „hôtel des insectes“ darf natürlich auch nicht fehlen:

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Zugänge zu diesem Teilstück der Petite Ceinture: gegenüber dem Haus Nr. 77 des Boulevard de Montmorency (Einmündung der rue du Ranelagh und gegenüber dem Haus Nr. 36 des boulevard de Beauséjour.

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Das Haus im Hintergrund des Bildes weist übrigens darauf hin, dass es sich hier in der Tat um einen „schönen Aufenthalt“ im noblen 16. Arrondissement handelt. Und es ist ja wohl auch kein Zufall, dass gerade hier –noch zu Zeiten einer konservativen Stadtregierung- das erste Teilstück der Petite Ceinture für die öffentliche Nutzung zugänglich gemacht wurde.[14]

Die Recylerie (18. Arrondissement)

Auch wenn die Recyclerie gerne noch den sogenannten Pariser „Geheimtipps“ zugerechnet wird[15]: Eher ist es eine „angesagte Location“.  Denn sie ist in der Tat nicht nur  ein Café-Restaurant, sondern auch ein Reparatur-Atelier, eine Recycling-Kooperative, ein Veranstaltungsort und eine urbane Farm. Und das alles in einem ehemaligen Bahnhof der Petite Ceinture über, entlang und zum Teil auch auf den alten stillgelegten Gleisen der Pariser Ringbahn. Der Name Recyclerie, auch REcyclerie geschrieben, weist auf das Konzept hin, das in 4 Rs zusammengefasst wird: Repenser, Réduire, Réparer und schließlich natürlich: Recycler.[16 ]

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Ein besonderer Reiz der Recyclerie ist es, dass man nicht nur überhalb der Bahngleise Platz nehmen kann, sondern es auch Sitzgelegenheiten entlang der Gleise gibt, die man über einen Lauben- Treppengang erreicht.

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Dabei kommt man an einen Hühnerstall vorbei mit einem an der  Böschung zu den Bahngleisen angelegten Freigehege.

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An dem schmalen Gang zwischen den Gleisen und der Böschung gibt es Tische und Sitzplätze- Dort fühlt sich auch M Chat wohl. [17] 

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Daran schließt sich eine besondere Attraktion der Recyclerie an, nämlich der Gemüsegarten.

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Hier wird der ökologische Anspruch der Recyclerie anschaulich: Alle entsprechend verwertbaren Stoffe werden kompostiert.

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Und die so erzeugte fruchtbare Erde dient dann für die Aufzucht neuer Pflanzen.

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Besonders eindrucksvoll ist das Bewässerungssystem in dem Gemüsegarten, das sein Vorbild in Lateinamerika hat: Es werden Tonkugeln (Oyas) verwendet, die mit Wasser gefüllt werden, das sie dann langsam und kontinuierlich an die Umgebung abgeben. So spart man Arbeitszeit und Wasser, weil auf diese Weise kein nutzloses Oberflächenwasser verdunstet.

Zur Recyclerie gehört auch eine kleine Werkstatt, wo kleine Reparaturen erledigt werden und man auch Werkzeuge ausleihen kann.

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Und es gibt auch kulturelle Angebote, zum Beispiel im Sommer ein open-air Kino auf den Bahngleisen! Und für Interessierte gibt es auch jeden Dienstag und Samstag 16 Uhr Führungen durch die Anlage. (Anmeldungen über die Homepage: http://www.larecyclerie.com/infos-pratiques/)

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Insgesamt eine sympathische Einrichtung, die ihren Namen zu Recht trägt und die man wohl eher in Berlin als in Paris vermutet hätte.  So ganz alternativ ist die Pariser Recyclerie dann allerdings doch nicht: wird sie doch freundlich unterstützt von der Firma Veolia. Das ist  ein französischer Multi, der in vielen Ländern und Bereichen tätig ist, auch  der Abfallwirtschaft- und der die Recyclerie -immerhin nicht  aufdringlich- für seine Imagepflege nutzt…

Praktische Informationen: Metro Linie 4. Porte de Clignancourt.  Saal und Quais sind ab 12 Uhr geöffnet, Sonntags schon ab 11.

 

 

La Petite Ceinture in Ménilmontant (20. Arrondissement,  2018)

Ein kleines Teilstück der Petite Ceinture im 20. Arrondissement wurde 2018 öffentlich zugänglich gemacht.

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Von der rue de Ménilmontant führt eine breite Treppe zu der tiefer gelegten Trasse bzw. den früheren Quais, des Bahnhofs Ménilmontant, von dem allerdings nichts mehr erhalten ist.[18]

 

Immerhin gibt es noch den alten Fußgängerüberweg, der an den früheren Bahnhof erinnert.

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Der Wildwuchs, der sich in den Jahren nach der Stilllegung der Bahn entwickelt hatte, wurde etwas gelichtet und das dabei entfernte Holz aufgeschichtet. Für den Zaunkönig offensichtlich ein idealer Lebensraum.

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Und Schlüsselblumen fühlen sich dort offenbar auch wohl.

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Es gibt einen gemeinschaftlich betriebenen Garten….

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mit Mais, Kürbissen,  Borretsch und Obstbäumchen, der hoffentlich nachhaltig betrieben wird. Die Anwohner sind jedenfalls aufgerufen, sich da entsprechend zu engagieren. (19)

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…. und einige Bänke aus Holz zum Sitzen und Lagern.

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Das zwischen zwei abgesperrten Tunneln gelegene Teilstück ist nur 220 Meter lang. Sicherlich kein Ausflugsziel, aber eine mögliche (Zwischen-)Station eines Besuchs des multikulturellen kreativen und aufsässigen Stadtteils Belleville.[20],

 

Anmerkungen:

[1] https://www.paris.fr/equipements/petite-ceinture-du-16e-pc-16-16227

[2] https://www.petiteceinture.org/Chronologie-des-debats-des-etudes.html

[3] http://www.leparisien.fr/paris-75/paris-75012/paris-le-debat-sur-l-avenir-de-la-petite-ceinture-reporte-20-03-2016-5644417.php

[4] https://www.paris.fr/actualites/10-km-de-la-petite-ceinture-ouverts-d-ici-2020-4764

Zur Geschichte, der aktuellen Situation der den Perspektiven der Petite Ceinture siehe auch die Seite  der Association Sauvgarde Petite Ceinture:        https://www.petiteceinture.org/

[5] Siehe den Blog-Beitrag: Die Seine-Ufer in Paris. Der schwere  Abschied vom (Alp-)traum einer autogerechten Stadt. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10225

Zu den einzelnen Projekten der „Rückeroberung“ der Petite Ceinture siehe: https://www.petiteceinture.org/Ouverture-au-public-de-troncons-de-la-Petite-Ceinture-d-ici-2020-le-saut-vers-l.html#3_planning_des_travaux_et_des_ouvertures

(6) Le Monde, 2.5.2019, S.12

(7)  Angaben von 2018 aus einer Statistik (Luftige deutsche Städte) in Der Spiegel 18/27.4.2019, S. 59 

[8] https://www.mairie12.paris.fr/ma-mairie/nature-en-ville/la-reconquete-de-la-petite-ceinture-370

Zur coulée verte Renée-Dumont siehe auch den Blog-Beitrag über die Guinguettes:  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/7664

[9] Siehe dazu die Blog-Beiträge: Das Palais de la Porte Dorée und die Kolonialausstellung von 1931: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/6242 und: Die Kolonialausstellung von 1931 (2): Der ‚menschliche Zoo‘ im Jardin d’acclimatation und der Tausch von ‚teutonischen Krokodilen‘ und ‚Menschenfressern‘ zwischen Paris und Frankfurt: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/6678

[10] https://www.paris.fr/equipements/petite-ceinture-du-13e-pc-13-18089

[11] https://www.unjourdeplusaparis.com/paris-vert/jardin-la-petite-ceinture-du-15e

[12] Bilder aus: https://www.petiteceinture.org/Gare-de-Vaugirard-Ceinture-1867.html

[13] https://www.pariszigzag.fr/balade-paris/rehabilitation-petite-ceinture-balade-paris

[14] Eine Erkundung dieses Teilstücks der Petite Ceinture lässt sich sehr gut mit einem Besuch des nahe gelegenen und äußerst sehenswerten Museums Marmottan Monet kombinieren  http://www.marmottan.fr/

15] https://geheimtippsparis.wordpress.com/2016/04/02/cafe-restaurant-la-recyclerie/ Dort auch die beiden nachfolgenden Bilder

[16] http://www.larecyclerie.com/programmation/

[17] Siehe den Blog-Beitrag: Street-Art in Paris (4): Monsieur Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier: https://paris-blog.org/2019/02/01/street-art-in-paris-4-monsieur-chat-miss-tic-und-fred-le-chevalier/

[18] https://www.paris.fr/equipements/petite-ceinture-du-20e-pc-20-19205

(19) siehe: https://www.mairie20.paris.fr/actualites/fete-de-la-petite-ceinture-rendez-vous-le-31-aout-791#la-petite-ceinture-dans-le-20e-c-est-quoi_1

[20] Siehe den entsprechenden Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2016/07/18/das-multikulturelle-aufsaessige-und-kreative-belleville-modell-oder-mythos/

 

 

Weitere geplante Beiträge:

  • La place des Victoires in Paris: Das Modell eines königlichen Platzes
  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux
  • Pariser Erinnerunsorte an den Holocaust (Fortsetzung) 

 

Die Petite Ceinture (Teil 1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen

Es war vor ein paar Jahren, als wir die Petite Ceinture entdeckten.  Eines Tages rief eine französische  Freundin an: Sie hatte gelesen, ein Stück dieser ehemaligen, seit Jahren stillgelegten und sich selbst überlassenen Bahnlinie rund um Paris sei an einem Wochenende ausnahmsweise zugänglich und man könne dort außergewöhnliche  botanische Beobachtungen machen.  Als Gartenfreundin hatte das ihr Interesse geweckt. Und unseres natürlich auch. Also machten wir uns am bezeichneten Tag auf zur angegebenen Einstiegsstelle im quartier Bagnolet im  20. Arrondissement. Da gab es zwar ein Tor, aber das war geschlossen – und unsere Enttäuschung groß. Da wir nicht einfach aufgeben wollten, versuchten wir, eine  andere Zugangsmöglichkeit zu finden.

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Und dass es die geben musste, bestätigten die jungen Leute, die wir auf der Brücke der Petite Ceinture an der Place du Salamandre sahen, die allerdings schon einen längeren Spaziergang hinter sich hatten.  Mit einer Leiter wäre  es durchaus möglich gewesen, über eine Mauer zu den Gleisen heraufzukommen, aber ohne… Als wir etwas ratlos herumstanden und überlegten, wie wir weiter vorgehen  könnten, kam ein junges Paar vorbei, das uns fragte, ob sie uns helfen könnten. Sie dachten, wir würden eine bestimmte Adresse suchen. Als wir ihnen erzählten, worum es uns ging, hatten sie einen wunderbaren Einfall: Der junge Mann bot an,  eine „Räuberleiter“ zu machen. Für uns doch schon etwas ältere Semester ein unkonventioneller, aber wunderbarer Vorschlag. Also zuerst ich, dann –mit Hilfe von unten und oben- die beiden Damen…

Oben angekommen befand man sich in einer anderen Welt: alte Gleise auf verrotteten Bohlen, Gestrüpp rechts und links, aber auch ein offenbar noch bewohntes Häuschen am Rande.

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Und dabei gab es auch ein kleines unter dem Gestrüpp verstecktes Gärtchen, in dem Kohl angebaut wurde.

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… und Artischocken; aber vielleicht eher zum Anschauen als zum Essen….

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Dort kam ein junger Mann auf uns zu, der uns sehr energisch darauf hinwies, dass wir uns auf einem Privatgelände der Bahn befänden, dessen Betreten strafbar sei und dass Zuwiderhandlungen hoch bestraft werden könnten. (Über die mögliche Höhe der Strafen gab es wilde Gerüchte[1] ).  Er dagegen war, wie sich herausstellte, ein Biologe, dessen Interesse oder Auftrag es war, das Biotop, das sich hier allmählich entwickelt hatte, zu erforschen und zu kartografieren. Besser hätten wir es ja  nicht treffen können! Jedenfalls trennten  wir uns nach einer kleinen  Führung in bestem  Einvernehmen und von drohenden  Strafen war nicht mehr die Rede.

Rosen gab es allerdings nicht in dem Gärtchen, die gab –und gibt- es nur am Rand der Gleise – denn die Petite Ceinture ist nicht nur ein Biotop, sondern auch ein bevorzugter Ort für Freunde der Street-Art.

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Das die Gleise überspannende Gebäude, das wir auf unserem kleinen Spaziergang auf der Petite Ceinture sahen, ist übrigens die ehemalige Bahnstation Charonne.  (102, rue de Bagnolet)

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In den  1990-er Jahren wurde dort von ehemaligen Studenten der Pariser Kunsthochschule eine Musikkneipe eingerichtet, die nach dem Zug „La Flèche d’Or“  benannt war, der seit den 1920-er Jahren  Paris mit London verband.[2]

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Inzwischen ist auch diese Kneipe stillgelegt, aber die Mairie des 20. Arrondissements bemüht sich, das „bâtiment magique“ zu erhalten. Was daraus wird, scheint aber noch völlig unklar zu sein. Überlegt war wohl,  dort einen irischen Pub einzurichten.[3] Aber danach sieht es derzeit (Februar 2020) nicht aus. Einige junge Leute hatten 2019 zu Versammlungen in der Flèche d’Or aufgerufen, um über die Zukunft des Gebäudes nachzudenken. Ob da etwas/was da herausgekommen ist, weiß ich aber nicht. 

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Aufgenommen am 30.1.2020

Immerhin ist inzwischen  gleich nebenan in der rue Florian der Zugang zu dem Gärtchen mit dem Kohl und den Artischocken und damit  zur Petite Ceinture möglich.

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Und er wird auch gerne, vor allem von jungen Leuten, genutzt.

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Man kann auf oder an den alten Gleisen entlanglaufen und sich dabei etwas als Entdecker fühlen und seiner Phantasie freien Lauf lassen, was man alles – auch jenseits der Street-Art- aus dieser alten  Bahnstrecke und ihren Resten machen  könnte.

Hier zum Beispiel ein Blick auf die alte Bahnstation Avron.- zu schade, um sie weiter verfallen zu lassen.[4]

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 Dass die Petite Ceinture  endlich aus dem Dornröschenschlaf einer Verkehrsbrache erwacht, ist überfällig; und zwar gerade in einer dicht besiedelten Stadt wie Paris, in der ein eklatanter Mangel an Grünflächen und Naherholungsmöglichkeiten herrscht. Da bietet das zwar schmale, aber immerhin ganz Paris umspannende Gelände der ehemaligen Ringbahn ein interessantes Feld der Gestaltung, das sicherlich das Herz jedes Stadtplaners höher schlagen lässt.

Und immerhin ist die Erschließung des Ringbahngeländes auch eine späte und hoffentlich konsequente Fortsetzung eines  nach dem ersten Weltkrieg begonnenen Prozesses. Denn damals wurde der  längst obsolete Festungsgürtel aus der Mitte des 19. Jahrhunderts beseitigt und zum Bau von Sport- und Parkanlagen, Sozialwohnungen und –last but not least- zur Errichtung der Cité Internationale Universitaire genutzt.[5]  Dieser Prozess könnte nun durch die neue Nutzung der Petite Ceinture abgeschlossen  werden. Ihr Bau  steht nämlich  in engem Zusammenhang mit dem Bau des nach Thiers benannten Festungsgürtels, zu dem  die Ringbahn weitgehend parallel verlief- ebenso wie die nach  napoleonischen Marschällen benannten und heute noch existierenden Boulevards des Maréchaux.  Die Ringbahn hatte ebenso wie diese Boulevards die strategische Funktion, die die Stadt umgebenden Festungen rasch mit Truppen und Material zu versorgen. Dies galt vor allem für den Fall einer Belagerung, wenn Paris von seinem Umland abgeschnitten wäre.[6]  Denn in einem solchen Fall war die logistische Situation der Stadt besonders prekär: Paris war das Zentrum des französischen Eisenbahnnetzes und es besaß eine ganze Reihe von Kopfbahnhöfen, von denen aus die Züge in alle Himmelsrichtungen abfuhren bzw. von wo aus sie dort ankamen.

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Diese Karte zeigt die Eisenbahnverbindungen rund um Paris im Jahr 1863.[7]

Die Pariser Endstationen dieser Linien gibt es  meist noch heute: die Bahnhöfe St. Lazare, du Nord, de l’Est, de Lyon, d’Austerlitz, Montparnasse, Invalides. Aber zwischen diesen und den weiteren heute nicht mehr existierenden Bahnhöfen wie Luxembourg, Bastille/Vincennes und d’Orsay gab es keine Verbindungen.  Eine schnelle Verschiebung von Truppen und Material innerhalb der Stadt war deshalb nicht möglich. Da konnte die Petite Ceinture Abhilfe schaffen.

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Hier eine Karte der vier Sektionen der Petite Ceinture, die zwischen 1854 und 1869 in Betrieb genommen wurden und auf denen auch der Verlauf des Thiers’schen Festungsgürtels zu erkennen ist. [8]

Im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 wurde die Petite Ceinture zum Transport von Truppen, insgesamt etwa 800 000 Mann, und Material genutzt, vor allem aus dem Süden Frankreichs nach Osten.  Und es sollten auch drei Armeekorps mit 50 000 Mann, 12 000 Pferden und 1300 Kanonen aus dem Elsass via Paris an die  Front in die Champagne  verschoben werden. Bevor sie allerdings dort ankamen, hatte Napoleon III. schon nach der Niederlage von Sedan  kapituliert.[9]  Die Petie Ceinture sollte aber auch ganz direkt für den Kampf genutzt werden, und zwar für den Einsatz gepanzerter,  von Lokomotiven gezogener Batterien bei der Verteidigung von Paris.

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Diese Batterien sahen sehr eindrucksvoll aus und hatten auch entsprechende Namen: „Dévastation“, „Foudroyante“, „Gloire“ und „Belliqueux“. Allerdings spielten sie keine Rolle in den Kämpfen, fielen dann allerdings in die Hände der Commune, die sie zum Teil bei den Kämpfen gegen die Versaillais nutzte.[10]

Dass die Petite Ceinture auch lange nach der Umnutzung des Festungsgürtels militärisch genutzt wurde, zeigt diese Erinnerungsplakette:

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Sie befindet sich auf der Brücke rue de Ménilmontant (20. Arrondissement), die die Petite Ceinture überquert und ehrt 5 Mitglieder der Résistance, die anlässlich der Befreiung von Paris im August 1944 Züge der Besatzungstruppen angegriffen hatten –auch „bataille de Ménilmontant“ genannt- und dabei getötet wurden.  An einer dieser Aktionen nahm übrigens auch Peter Menden,  ein deutscher Antifaschist,  teil: Er stoppte in einer unblutig verlaufenen Aktion im Tunnel in der Nähe des Bahnhofs Ménilmontant einen deutschen Munitionszug, die Besatzung wurde gefangen genommen, die Munition erbeutet.[11]

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Der Bahnhof Ménilmontant existiert heute nicht mehr. Erhalten ist aber noch die Treppe, die von der rue de Ménilmontant zu den Bahnsteigen herabführte und kürzlich wieder geöffnet wurde, um ein kleines Teilstück der Petite Ceinture für die Öffentlichkeit  zugänglich zu machen.

Und  eine Fußgängerbrücke mit einem entsprechenden Hinweisschild erinnert noch an den früheren Bahnhof.

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1948 machte Willy Ronis dort ein Photo, das seinen 1954 erschienenen Bildband „Belleville Ménilmontant“ einleitete. Es zeigt einen Zug der Petite Ceinture-Linie, der gerade den Bahnhof passiert.[12]  .

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Dieser Zug diente nicht militärischen Zwecken, sondern dem Personentransport. Denn natürlich war die Petite Ceinture  nicht nur für einen militärischen Notfall bestimmt, sondern diente auch – und dem Umfang nach: vor allem- dem Transport von Personen und Waren innerhalb der Stadt, zumal es im 19. Jahrhundert noch keine Metro gab, die die Pariser Kopfbahnhöfe miteinander verband. Diese Verbindung schuf  –wenn auch etwas umständlich- die Petite Ceinture.  Sie wurde deshalb  mit einer Vielzahl von  Bahnhöfen für den Personenverkehr ausgestattet und zusätzlich auch mit Güterbahnhöfen, die mit  einer entsprechenden Infrastruktur versehen waren. Bahnhöfe für den Personenverkehr gab es übrigens überall auf der Petite Ceinture,  Güterbahnhöfe nur in der Nähe von Industrieanlagen, also nicht im schon damals noblen Westen der Stadt.

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Auf dieser Karte ist der Verlauf der Petite Ceinture schwarz eingezeichnet- die schwarzen Punkte markieren die Bahnhöfe für den Personenverkehr, die Quadrate die Güterbahnhöfe. Die Tunnelstrecken sind gepunktet.  Zur Erleichterung der Orientierung ist auch der boulevard périphérique eingezeichnet (orange), der in den 1950-er bis 1970-er Jahren überwiegend ebenfalls auf dem Gelände des Thiers’schen Festungsgürtels errichtet wurde.[13]

Die Bedeutung der Petite Ceinture lässt sich an der Entwicklung der Passagierzahlen ablesen: 1878 waren  es 5 Millionen Menschen, die die Ringbahn nutzten, 1900 wurde der „Rekord“ von fast 40 Millionen erreicht.[14]Dazu beigetragen hatte eine Modernisierung der Infrastruktur, die pünktlich zu der vom Bau des Eiffelturms gekrönten prestigeträchtigen Weltausstellung  von 1889 – dem 100. Jahrestag der Französischen Revolution- vollzogen wurde. Teile der Ringbahn wurden damals abgesenkt oder erhöht, um die niveaugleichen Bahnübergänge zu beseitigen und den Verkehr so zu beschleunigen. Im Jahr der Weltausstellung gab es eine Frequenz von 6 Zügen pro Stunde.  In einer Stunde und zwanzig Minuten konnte man damals die Stadt umrunden, seit 1903 mit der Einführung leistungsfähigerer Lokomotiven sogar in einer Stunde und fünf Minuten. [15]

Der Bau  der von der Petite Ceinture unabhängigen Pariser Metro – die erste Linie wurde 1900 eingeweiht- führte allerdings zu einem zunehmenden Bedeutungsverlust der Ringbahn. Die Metro war nicht nur komfortabler –immerhin waren die Stationen vor Wind und Wetter geschützt und die Zugänge verfügten teilweise über Rolltreppen-  mit ihrem elektrischen Antrieb präsentierte sie  sich als modernes Verkehrsmittel  und mit den  Art-nouveau- Eingängen Hector Guimards entsprach sie dem Zeitgeschmack.[16] Und vor allem: Mit der Metro wurden für Passagiere (mehr oder weniger) direkte und auf jeden Fall schnellere Verbindungen zwischen den Pariser Kopfbahnhöfen geschaffen als mit der Petite Ceinture. Die Folge davon war, dass die Ringbahn immer weniger Fahrgäste transportierte, während andererseits ihre Rolle für den Transport von Waren immer mehr zunahm. 1914 wurde der Ringverkehr für Personen eingestellt und auch nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr aufgenommen. Danach gab es noch auf Teilstücken  Personenverkehr, allerdings mit wenigen Ausnahmen nur noch bis 1934.

Der Aufschwung des Warenverkehrs auf der Petite Ceinture war aber nicht von Dauer. Die dort zugelassene Geschwindigkeit und Tonnage der Güterzüge waren zu begrenzt, um der zunehmenden Konkurrenz durch Lastkraftwagen standhalten zu können – zumal nach dem Bau des Boulevard péripherique. 1993 wird auch auf dem größten Teil der Petite Ceinture der Güterverkehr eingestellt.[17]  Die Bahntrasse bleibt bis auf ein vom RER genutztes Teilstück sich selbst bzw. der Natur überlassen. Und sie dient als Rückzugsort für Wohnsitzlose, als  abenteuerlicher Treffpunkt von Jugendlichen oder als Fotoobjekt für Fotographen auf der Suche nach dem Besonderen…  Bis dann gut 20 Jahre später die Rückeroberung  („reconquête“) der stillgelegten Bahantrasse begann. Darüber  mehr in dem nachfolgenden  Beitrag.

 

Anmerkungen

[1] https://entreprendrelemonde.com/voyages-a-velo/promenade-petite-ceinture/

[2] https://www.lesinrocks.com/2017/05/05/musique/la-fleche-dor-ferme-ses-portes-dans-lindifference-generale-11941888/

[3] http://www.leparisien.fr/paris-75020/paris-la-fleche-d-or-va-renaitre-en-pub-irlandais-musical-04-05-2017-6917781.php

http://www.lylo.fr/lieu/concerts-la-fleche-d-or-paris-20

[4] Zu den aktuellen Planungen für eine Nutzung der Anlagen der Petite Ceinture gehört auch die Erhaltung und  kommerzielle Nutzung dieses Bahnhofs. Siehe: https://www.petiteceinture.org/Ouverture-au-public-de-troncons-de-la-Petite-Ceinture-d-ici-2020-le-saut-vers-l.html#3_planning_des_travaux_et_des_ouvertures

[5] siehe dazu den entsprechenden Blog-Beitrag über die Cite Internationale  https://paris-blog.org/2017/01/02/die-cite-internationale-universitaire-in-paris-ein-ort-des-friedens-und-der-voelkerverstaendigung/

[6] https://www.petiteceinture.org/Histoire-de-la-Petite-Ceinture-ferroviaire-de-Paris-des-origines-a-1934.html

und https://www.paris.fr/petiteceinture

[7] Karte aus: https://www.petiteceinture.org/Histoire-de-la-Petite-Ceinture-ferroviaire-de-Paris-des-origines-a-1934.html

[8] Karte aus: https://www.petiteceinture.org/Histoire-de-la-Petite-Ceinture-ferroviaire-de-Paris-des-origines-a-1934.html  Im Nordosten weicht der Verlauf der Petite Ceinture vom Verlauf des Festungsgürtels ab. Eine plausible Erklärung dafür gibt es offenbar nicht.

[9] Siehe: Ricroch, La Petite Ceinture, S.23

[10] Carrière, La Saga de la Petite Ceinture, Bd 1, S. 51

[11] A.a.O., S. 21/22  Zur plaque commémorative siehe: http://www.museedelaresistanceenligne.org/media.php?media=5019

[12] Bildausschnitt. Aus einer Ronis-Ausstellung im Pavillon Carrée de Baudoin in Ménilmontant (April 2018 bis Januar 2019)

[13] http://keblo1515.free.fr/souterrinterdit/pc.htm

[14] https://www.petiteceinture.org/Les-principales-dates-de-l.html

[15]  J. Kœchlin, Les locomotives 51-65 du Chemin de fer de la Petite Ceinture, Revue Générale des Chemins de fer, mai 1904, pp 334-350. Zit in: https://www.petiteceinture.org/Histoire-de-la-Petite-Ceinture-ferroviaire-de-Paris-des-origines-a-1934.html  s.a.http://paris1900.lartnouveau.com/paris00/gares_de_la_petite_ceinture%20.htm

[16] Siehe den Blog-Beitrag über Hector Guimard: Jugendstil in Paris.  https://paris-blog.org/2018/02/01/__trashed-3/

[17] https://www.paris.fr/petiteceinture

 

Literatur:

Bruno Carrière: La Saga de la Petite Ceinture 1836-1991, tome 1, Paris  2017

Bruno Carrière, La Saga de la Petite Ceinture 1991-2017, tome 2, Paris 2018

Nicolas Chaudun, Le promeneur de la Petite Ceinture. Récit de Voyage. Actes Sud Nature 2003

Johannes Freybler, Das zweite Leben der Gütellinie. In: FAZ Reiseblatt. 5. Dezember 2019

René Ricroch, La Petite Ceinture. Hrsg. von der Association d’histoire et d’archéologie du XXe arrondissemet de Paris. 2000

Jean-Pierre Rigouard, La Petite Ceinture. 2002

Evelyne Rigouard/ Jean-Pierre Rigouard, La Petite Ceinture, Tome II . 2009 (Postkarten und Photographien)

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • La place des Victoires in Paris: Das Modell eines königlichen Platzes
  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux
  • Pariser Erinnerunsorte an den Holocaust (Fortsetzung) 

 

 

 

 

Aktionskunst im Rentenstreik: McDo Paris/Place Voltaire (6.2.2020)

Am 6. Februar 2020 fand in Frankreich der 9. Aktionstag gegen die von Staatspräsident Macron geplante und derzeit im Parlament beratene Rentenreform statt – allerdings mit stark nachlassender Beteiligung: Während es zu Beginn der Demonstrationen und Streiks am 5.  Dezember letzten Jahres noch –nach Angaben der Organisatoren- über 1 Million  Teilnehmer waren (nach Angaben der Polizei  immerhin 805 000), so beteiligten sich diesmal in ganz Frankreich nach Gewerkschaftsangaben nur noch 130 000 Menschen an Streiks und Demonstrationen, also 50 000 weniger als die Woche davor. Aufgerufen hatten  diejenigen Gewerkschaften, die jede Reform des Rentensystems ablehnen (vor allem die der kommunistischen Partei nahe stehende CGT), und linke Parteien und Gruppierungen (vor allem Melenchons  La France insoumise, die mit 19 000 –sic!-  Änderungsanträgen die Beratungen im Parlament zu blockieren versucht…)  

In Paris gab es eine Demonstration zwischen der place de la République und der place de la Nation. Sie  führte damit an der in der Nähe unserer Wohnung gelegenen place Voltaire vorbei. Diesmal gingen keine Schaufensterscheiben zu Bruch – einige an der Demo-Meile gelegenen Banken hatten sich vorsorglich wieder verbarrikadiert-  dafür wurden aber die Schaufensterscheiben der an der place Voltaire gelegenen Mac Donald-Filiale von oben bis unten mit Handzetteln beklebt.

Als wir kurz nach dem Ende der Demonstration vorbeikamen, war der beklebte McDo umringt von Menschen, die die politischen Botschaften betrachteten und Fotos machten. Das hat mich dazu angeregt, auch eine kleine Foto- Serie  der Aufkleber zusammenzustellen, die nachfolgend präsentiert wird. Die Aufkleber werden unkommentiert vorgestellt, die Aufschriften allerdings (sinngemäß) übersetzt. Wo mir Erläuterungen zum besseren Verständnis sinnvoll erschienen, sind diese in den entsprechenden Anmerkungen enthalten.

 

DSC07115 Demo Retraites 6.2 (12)

DSC07115 Demo Retraites 6.2 (21)

Schlecht behandelt/schlechte Renten

DSC07115 Demo Retraites 6.2 (3)

Rente vor der Arthrose

DSC07115 Demo Retraites 6.2 (2)

Rücknahme der Gegenreform der Renten! Widerstand! Handeln wir gemeinsam: Macron Rücktritt! Austritt aus der Europäischen Union des Kapitals[1]

DSC07115 Demo Retraites 6.2 (6)

Für eine Rente mit 60 Jahren, nach 35 Beitragsjahren und mit 75% des (im Lauf des Berufslebens erreichten) höchsten Gehalts

Rücknahme des Gesetzesvorhabens!

DSC07115 Demo Retraites 6.2 (5)

Die Finanz soll zahlen! 

DSC07148 Retraite T. 3 (5)

Mit den von der Arbeit produzierten Reichtümern verdient die Bourgeoisie Milliarden. Es ist an ihnen, für die Renten zu zahlen! 

DSC07136 Retraites Fortsetzung (8)

60 Jahre. In welcher Sprache muss man dir das sagen?[2]

DSC07115 Demo Retraites 6.2 (1)

 

DSC07115 Demo Retraites 6.2 (8)

verlängerbarer Streik[3] , Demos, Blockaden. Macron hau‘ ab! 

 

20200208_135844

Metro- Linie 2: Streik[4]

 

20200209_105943

Sehe ich aus wie ein/e Privilegierte/r? [5]

DSC07148 Retraite T. 3 (8)

Zu viel ist zu viel! Renten, Löhne, Beschäftigung, die schlimmen Schläge hageln nur so. Alle gemeinsam kann man sie aufhalten.

20200207_151925

Die Lehrer sind zornig. Ein empathischer Minister. (Sprechblase:) Ich verstehe wirklich nicht, warum, die Lehrer streiken. Eingefrorene Gehälter, erzwungene Reformen, verschlechterte Arbeitsbedingungen, kümmerliche Renten.

Das Unterrichten beeinträchtigt schwerwiegend die finanzielle Gesundheit[6]

20200207_152022

Ich streike, aber ich kümmere mich um meine Patienten[7]

DSC07115 Demo Retraites 6.2 (7)

Ende der Welt, Ende des Monats: Der selbe Kampf![8]

DSC07115 Demo Retraites 6.2 (11)

Nein zum sozialen Staatsstreich[9]

DSC07115 Demo Retraites 6.2 (9)

Brechen wir die Ketten der Europäischen Union!

DSC07115 Demo Retraites 6.2 (15)

Retten wir die EDF vor der tödlichen Zerschlagung[10]

DSC07115 Demo Retraites 6.2 (17)

Flughäfen von Paris: Privatisierung ist Diebstahl[11]

DSC07136 Retraites Fortsetzung (2)

Löhne, Arbeitsplätze, soziale Gerechtigkeit.  Schluss mit der Austerität

DSC07136 Retraites Fortsetzung (4)

Für bezahlbare Sozialwohnungen nahe am Arbeitsplatz[12]

DSC07148 Retraite T. 3 (6)

Arbeitsministrium: Jeder sechste Arbeitsplatz in den letzten 10 Jahren abgeschafft

DSC07115 Demo Retraites 6.2 (16)

Konsumiere![13]

DSC07115 Demo Retraites 6.2 (13)

Am Tag danach: Das große Reinemachen.

DSC07136 Retraites Fortsetzung (10)

Schade! Der beklebte McDo war eine Attraktion für alle Passanten

DSC07136 Retraites Fortsetzung (11)

 

Aber es wird wohl weitergehen:

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Unterrichtsstunde der Regierung: (Thema:) Ich werde nicht mehr demonstrieren.              (Die Schülerin schreibt:)  Ich werde weiter meine Meinung sagen! Ich werde nicht meinen Mund halten! Ich werde  nicht….. [14]

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Wir machen keinen Rückzieher[15]

 

Und in der Tat: Für den 24. Februar ist der nächste Aktionstag angekündigt…..

Anmerkungen:

[1]Im Zusammenhang mit dem Brexit interessiert(e)  es natürlich auch sehr, wie die Franzosen zur Europäischen Union und einem möglichen FREXIT stehen, der auf Seiten der extremen Linken und Rechten gefordert wird. Dieser Forderung stimmen nach einer Umfrage vom Mai 2019 allerdings nur 11 % der Franzosen zu. (siehe: https://www.bva-group.com/sondages/francais-lunion-europeenne-sondage-bva-tribune/)  Die  Vorsitzende des rechtsradikalen Rassemblement national, Marine Le Pen, aussichtsreichste Gegenkandidatin Macrons bei den nächsten Präsidentschaftswahlen, hat deshalb wohl inzwischen ihre diesbezüglichen Forderungen erheblich abgemildert. (Gäbe es jetzt Präsidentschaftswahlen, lägen  nach aktuellen Umfragen Macron und Le Pen bei dem ersten Wahlgang mit jeweils 29% Stimmenanteil  gleichauf: https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/marine-le-pen-praesentiert-sich-als-alternative-zu-macron-16572734.html ). 

[2] Ein allgemeines Renteneintrittsalter von 60 Jahren gehört zu den Hauptforderungen von CGT und KPF. Dagegen möchte die Regierung das allgemeines Renteneintrittsalter (âge pivot), das derzeit bei 62 Jahren liegt, bis 2027 auf 64 Jahre erhöhen. âge privot bedeutet, dass auch ein früheres Eintrittsalter mit Abschlägen oder ein späteres Eintrittsalter mit Zuschlägen möglich ist – so wie bisher schon im öffentlichen Dienst. Inzwischen hat die Regierung die Erhöhung auf 64 Jahre zurückgezogen: Für die reformorientierten Gewerkschaften wie die mitgliederstärkste Gewerkschaft CFDT, die im Prinzip die geplante Rentenreform unterstützen, war die Heraufsetzung des Rentenalters nicht akzeptabel. Jetzt sollen die Sozialpartner Vorschläge erarbeiten, wie mittelfristig das Defizit der Rentenkassen beseitigt werden kann- ein allerdings kaum aussichtsreiches Vorhaben….

[3] /verlängerbarer Streik/ Grève reconductible: Dabei handelt es sich um eine in Frankreich bei größeren sozialen Auseinandersetzungen manchmal – zum Teil auch bei der Auseinandersetzung um die Rentenreform- praktizierte Streikform: Der Streik ist nicht von vornherein limitiert, sondern es wird nach jedem Tag  von den Streikenden auf Vollversammlungen beschlossen, ob er fortgesetzt wird. Siehe zum Beispiel: https://www.cts-strasbourg.eu/fr/Article/Mouvement-de-greve-reconductible/.

[4] Die Beschäftigten der Staatsbahn SNCF und der Pariser Verkehrbetriebe RATP waren bei der Streikbewegung ab 5. Dezember 2019 besonders engagiert. Der Streik vor allem von Metro-Fahrern der RATP beeinträchtigte in Paris etwa  6 Wochen lang einen wichtigen Teil des öffentlichen Nahverkehrs massiv. An dem Aktionstag am 6. Februar nahmen die cheminots und die RATP-Beschäftigten aber nicht mehr teil.

[5] Dieser Aufkleber bezieht sich ganz offensichtlich auf einen zentralen Punkt der aktuellen Diskussionen um das bestehende Rentensystem. Unter den bisher existierenden 42 verschiedenen Systemen gibt es nämlich eine ganze Reihe, die für die Beteiligten äußerst günstig sind. Das sind zum Beispiel die Anwälte, die eine eigene Rentenkasse haben und sich sehr öffentlichkeitswirksam dagegen wehren, in ein  einheitliches Rentensystem integriert zu werden. Und es sind Angehörige öffentlicher Betriebe wie der staatlichen Elektrizitätsgesellschaft EDF oder der Verkehrsbetriebe SNCF und RATP, die über spezielle vom Staat/Steuerzahler alimentierte  Rentensysteme verfügen. Etwa mit einem sehr frühen Renteneintrittsalter und ohne jede Abschläge. Die Fahrer von Metros, Bussen und S-Bahnen (RER) konnten bis 2017 schon mit 50 Jahren in Rente gehen, bis 2022 wird das Alter auf 52 heraufgesetzt.  (siehe: https://www.lepoint.fr/economie/retraite-les-vrais-avantages-du-regime-special-de-la-ratp-25-11-2019-2349455_28.php). Dazu sind sie unkündbar. Insofern ist es auch nicht erstaunlich, dass diese Gruppen bei der Streikbewegung besonders aktiv waren/sind.

[6] Zu den von der geplanten Rentenreform besonders betroffenen Bevölkerungsgruppe gehören auch die Lehrkräfte. Die Gehälter –besonders die Anfangsgehälter- der meisten Lehrer//innen sind –gerade auch im Vergleich zu den deutschen Gehältern- ziemlich gering. Relativ hohe Pensionen gelten dann gewissermaßen als Ausgleich. Würden die Lehrkräfte ohne Ausgleich in das neue allgemein geltende Rentensystem integriert, würde das zu einer Absenkung der Renten von etwas über 10% führen. Zum Ausgleich hat der französische Bildungsminister eine Erhöhung der Gehälter um zunächst 500 Millionen Euro pro Jahr angekündigt. Unklar ist allerdings, wer genau und in welcher Höhe davon betroffen sein wird. Die mit der Rentenreform eigentlich angestrebte Transparenz lässt auch in diesem Bereich zu wünschen übrig. Siehe: https://www.lemonde.fr/education/article/2020/01/14/reforme-des-retraites-500-millions-d-euros-pour-les-augmentations-de-salaire-des-professeurs-en-2021_6025757_1473685.html

[7] Das Krankenhauspersonal beteiligte sich zum Teil auch an Streikaktionen. Allerdings ging es dabei nicht um die Renten, sondern um die schlechten Arbeitsbedingungen.

[8] Die Unterscheidung und Kombination der Begriffe fin du mois und fin du monde geht auf den ehemaligen Umweltminister Macrons, Nicolas Hulot, zurück. Dieser unterschied auf dem Höhepunkt der gilets-jaunes-Bewegung die Aktivisten der Umweltbewegung, die auf die Klimakatastrophe verweisen, und die Aktivisten der gilets jaunes, denen es vor allem um die Kaufkraft ging und für die eine –ökologisch begründete- Benzinpreiserhöhung der Anlass für ihre Aktionen war. Hulot forderte,  in der Politik soziale und ökologische Anforderungen nicht als Gegensätze zu behandeln, sondern zu verbinden. Siehe: https://www.liberation.fr /france/2018/11/23/nicolas-hulot-combiner-les-problemes-de-fin-de-mois-et-de-fin-du-monde_1693737

[9] Abgebildet ist hier die Spitze der Juli-Säule auf der place de la Bastille mit dem genie de la liberté. Dem behaupteten „sozialen Staatstreich“ Macrons  wird also die glorreiche revolutionäre Vergangenheit Frankreichs gegenübergestellt.

[10] Der Aufkleber zeigt eine Guillotine vor dem Elysée-Palast, dem Sitz des französischen Präsidenten.  Thematisiert wird hier die Zukunft des staatlichen Energiekonzerns EDF.  Die Regierung plant, das hoch verschuldete Unternehmen aufzuspalten.  Es soll einen profitablen „grünen Bereich“ geben, der teilweise privatisiert werden soll. Daneben einen „blauen Bereich“ mit den Atomkraftwerken, die etwa 75% des in Frankreich verbrauchten Stroms produzieren- ein Weltrekord.  Die vorhandenen französischen AKWs sind zwar aktuell profitabel, allerdings ist die geplante Laufzeitverlängerung teuer. Dazu kommen riesige, ständig wachsende und unkalkulierbare Kosten für die schon begonnenen und geplanten Neubauten von AKWs einer neuen Generation (EPR), von den Kosten für die Endlagerung ganz abgesehen. Die Erlöse des Verkaufs des „grünen Bereichs“ sollen also dazu dienen, die Kosten und Risiken des AKW-Bereichs zu finanzieren, auf den Frankreich nicht verzichten will. (Der Anteil des Atomstroms an der Stromversorgung soll mittelfristig 50% betragen).  Insofern ist die geplante Aufspaltung –anders als es der Aufkleber nahelegt-  eher eine Rettungsaktion, die allerdings von allen Gewerkschaften abgelehnt wird. Sie gehören zu den vehementesten Verteidigern der französischen Atomindustrie.

[11] Die Privatisierung der Pariser Flughäfen gehörte zu den Vorhaben von Präsident Macron. Sie ist allerdings höchst umstritten und wird –auch wenn hoheitliche Aufgaben nicht betroffen sind- von rechts und links als Angriff auf die nationale Souveränität und Verschleuderung von Volksvermögen angegriffen. Inzwischen ist es sehr ruhig geworden um das Projekt. Die Regierung hat wohl genug andere Baustellen…

[12] Bezahlbarer Wohnraum ist gerade in Paris eines der größten Probleme. Im letzten Jahr ist der durchschnittlicher Quadratmeterpreis für den Kauf einer Wohnung auf 10 000 Euro gestiegen. Die Mieten sind entsprechend hoch, zumal das Angebot -auch aufgrund der Weitervermietung durch Agenturen- eher zurückgeht. Es gibt in Paris zwar einen relativ hohen Bestand an Sozialwohnungen – etwa 245 000. also etwas über  20% des Angebots-  aber die Nachfrage ist noch höher- sie liegt bei etwa 250 000. Bei 11 000 vergebenen Sozialwohnungen im Jahr 2018 kann man sich vorstellen, wie lange die Wartezeiten sind…    Siehe: https://www.apur.org/fr/nos-travaux/derniers-chiffres-logement-social-paris

[13] Dieser Aufkleber zitiert eines der bekanntesten Plakate des Mai 1968. Siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2018/05/01/50-jahre-mai-1968-plakate-der-revolte-eine-ausstellung-im-musee-des-beaux-arts-in-paris/

[14] Faire de la pédagogie: Das ist ein in der politischen Diskussion in Frankreich häufig verwendeter Ausdruck.  Damit ist der Anspruch an die Regierung gemeint, ihre Pläne und Handlungen der Öffentlichkeit verständlich zu machen, und zwar besonders in Zeiten weitreichender Reformen. Macron wird in letzter Zeit häufig kritisiert, diesem Anspruch nicht zu genügen.

https://www.francetvinfo.fr/replay-radio/tout-est-politique/tout-est-politique-il-faut-de-la-pedagogie-autour-des-reformes-du-gouvernement-estime-francois-patriat-president-du-groupe-lrem-au-senat_2356083.html

https://www.la-croix.com/Journal/Emmanuel-Macron-fait-pedagogie-2018-04-13-1100931292

https://www.larepubliquedespyrenees.fr/2020/01/14/a-uzein-emmanuel-macron-fait-la-pedagogie-de-sa-reforme-des-retraites,2649274.php

[15] Hier  handelt es sich um ein Wortspiel mit dem Begriff retraite. Denn dieses Wort bedeutet nicht nur Rente, sondern auch Rückzug. Der Ausdruck „battre en  retrait“ stammt aus der militärischen Terminologie.

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Pariser Erinnerungsorte des Holocaust (Fortsetzung) 
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux

 

Pariser Erinnerungsorte an den Holocaust: Der Friedhof Père Lachaise

In der nordöstlichen Ecke des Friedhofs Père Lachaise, in der 76. und 97. Division, gibt es eine ganze Reihe von Denkmälern, die an nationalsozialistische Konzentrations- und Vernichtungslager erinnern. Diese Denkmäler sind eindrucksvolle Erinnerungsorte, zumal sie auch mit hohem künstlerischen Anspruch gestaltet sind. ln ihrer Fülle und Vielfalt werden der Schrecken und das Leid ein wenig erfahrbar, an die hier erinnert wird. Und es sind gleichzeitig Orte, die zum Engagement für eine bessere Welt auffordern.

Die nachfolgenden Bilder sollen nur knapp erläutert werden – sie sprechen, so denke ich, für sich.

DSC06893 Pere Lachaise Lager (1)

Die beiden benachbarten Denkmale sind den Opfern der Konzentrationslager Flossenbürg und Mauthausen gewidmet: Die dorthin Deportierten waren zur „Vernchtung durch Arbeit“ bestimmt- Arbeit in den Steinbrüchen. Die aus dem Fels gebrochenen Steine mussten über endlose Treppenstufen nach oben geschleppt werden.

DSC06893 Pere Lachaise Lager (3)

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Die 186 Stufen der Treppe des Steinbruchs waren der Leidensweg derer, die sie,  mit schweren Steinen beladen,  unter den Schlägen der SS  hochsteigen mussten.

DSC06893 Pere Lachaise Lager (2)

Damit ihr Opfer dazu beiträgt, für immer den Weg in die Unterdrückung zu blockieren und der Menschheit den Weg in eine bessere Zukunft der Freundschaft und des Friedens                                                                 zwischen den Völkern zu öffnen.                                                   Erinnert Euch

DSC06893 Pere Lachaise Lager (12)

Unter diesem Stein ruht Asche von 7000 Franzosen, die von den Nazis im Konzentrationslager Neuengamme ermordet wurden. 

DSC06893 Pere Lachaise Lager (13)

Mit diesem Stein wird an eine der größten Schiffskatastrophen der Geschichte erinnert, bei der in den letzten Kriegstagen etwa 7000 KZ-Häftlinge vor allem aus dem KZ Neuengamme,  umkamen. Deshalb befindet sich der  Gedenkstein  am Fuß des Denkmals für die Opfer dieses Lagers. Die Nazis wollten Neuengamme vor den anrückenden Briten räumen und verfrachteten die Insassen  auf zwei manövrierunfähig in der Lübecker Bucht liegende Schiffe.  Die wurden damit gewissermaßen zu schwimmenden KZs und zu einem leichten Ziel der Royal Airforce.  Eines der Schiffe war die „Cap Arcona“,  eines der elegantesten Passagierschiffe der Vorkriegszeit. Die britischen Truppen waren zwar vom Schweizer Roten Kreuz informiert, aber diese Information gelangte nicht zu den Bomberpiloten. Die Schiffe mit den KZ-Häftlingen wurden also  für Truppentransporter gehalten und fünf Tage vor Kriegsende versenkt.   Nur wenige Schiffbrüchige, darunter der Komponist des Moorsoldaten-Liedes, Rudi Goguel,  überlebten. [1]

Auf der anderen Seite des Weges, in der 97. Division, befindet sich dieser Grabstein:

DSC06893 Pere Lachaise Lager (21)

Es ist ein Grabstein für zwei Überlebende und gleichzeitig ein Stein zur Erinnerung an Familienmitglieder, die in Auschwitz und Majdanek ermordet wurden und für die es nur „ein Grab in den Lüften“ gibt (Paul Celan, Todesfuge).

Im Hintergrund sieht man die Erinnerungstafel an die Opfer der Pariser Commune von 1871: Die letzten Kämpfer der Commune wurden an dieser Mauer erschossen.[2]

DSC06893 Pere Lachaise Lager (5)

DSC06893 Pere Lachaise Lager (23)

DSC06893 Pere Lachaise Lager (26)

1941 – 1945 Auschwitz-Birkenau    nationalsozialistisches Vernichtungslager

Als Opfer der antisemitischen Verfolgung der deutschen Besatzer und der Collaborations-Regierung von Vichy

wurden 76000 Juden, Männer, Frauen und Kinder, aus Frankreich nach Auschwitz deportiert, wo die meisten in Gaskammern umkamen.

Als Opfer der polizeilichen Repression erlitten 3000 Widerstandskämpfer und Patrioten in Auschwitz Qual und Tod

Etwas Erde und Asche von Auschwitz ruhen hier zur Erinnerung an ihr Opfer

 

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DSC06893 Pere Lachaise Lager (33)

Von 1941 bis 1945 umfasste das Lager Auschwitz III 39 nationalsozialistische Lager, die alle von dem deutschen Chemie-Konzern IG-Farbenindustrie genutzt wurden. 30000 Deportierte, darunter 3500 in Frankreich verhaftete,  Juden vor allem, starben hier an Hunger, Kälte, Erschöpfung, unter Schlägen oder sie wurden von der SS selektiert. Sie wurden in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau vernichtet. Vergessen wir niemals! 

DSC06893 Pere Lachaise Lager (35)

 1942 Zur Erinnerung an die jüdischen Kinder, die von den Nazis ermordet wurden 1945

Der du vorbeigehst: Deine Erinnerungs ist ihr einziges Grab

DSC06893 Pere Lachaise Lager (15)

DSC06893 Pere Lachaise Lager (40)

Der Begriff „Nacht und Nebel/nuit et brouillard“ bezieht sich auf das Vorgehen der Nazis bei den Deportationen und auf den Film von Alain Resnais‘ (1955), den ersten Dokumentarfilm über das KZ-System.  In Auftrag gegeben wurde der Film von zwei Organisationen früherer französischer Widerstandskämpfer und Deportierter,  getextet von dem KZ-Überlebenden und Dichter Jean Cayrol. Die  Musik schrieb der während der Nazi-Zeit emigrierte Komponist Hanns Eisler. Es gibt auch ein wunderbares Lied von Jean Ferrat zu „Nuit et brouillard“ [3]

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Replik eines Grabmals aus dem Konzentrationslager Natzweiler-Struthof im Elsass

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Dass bei den KZ-Denkmälern auf dem Père Lachaise immer wieder ein Dreieck erscheint, hat seinen Grund darin, dass die Kennzeichnung der Häftlinge mit Hilfe von farbigen Stoffdreiecken erfolgte, die auf die gestreifte Häftlingskleidung genäht waren.

DSC06893 Pere Lachaise Lager (45)

Wir haben die Abgründe in uns und bei den anderen ergründet

Es muss ein außerordentlicher Mensch gewesen sein, der diesen provozierend-nachdenklichen Satz formulieren konnte:  Edmond Michelet war engagierter Christ und  französischer Widerstandskämpfer aus der Corrèze. 1943 wurde er von der Gestapo verhaftet und nach Dachau deportiert, wo er 1945 von amerikanischen Truppen befreit wurde. Nach dem Krieg war er Mitbegründer des Comité International de Dachau und er trat für die europäische Einigung und die deutsch-französische Aussöhnung ein.

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DSC06893 Pere Lachaise Lager (48)

DSC06893 Pere Lachaise Lager (16)

Père Lachaise Nov 10 011

DSC06893 Pere Lachaise Lager (55)

Mahnmal für die Opfer des Konzentrationslagers Sachsenhausen – Oranienburg

DSC06893 Pere Lachaise Lager (51)

Wir sind 900 Franzosen

Inschrift eingraviert im Fort IX von Kaunas von Deportierten des Convois 73

 

Der nachfolgend abgebildete Gedenkstein -zwischen den Gedenksteinen für die Konzentrationslager in der 97. Division gelegen- scheint etwas aus dem Rahmen zu fallen. Denn er ist den Opfern des 8. Februar 1962 gewidmet.  An diesem Tag, in der Endphase der von de Gaulle eingeleiteten Verhandlungen über die Unabhängigkeit Algeriens, fand in Paris eine Großdemonstration statt, zu der linke Parteien und Gewerkschaften aufgerufen hatten. Es war eine Reaktion auf die „schwarze Nacht“ vom  17. auf den 18. Oktober 1961, als die Polizei mit äußerster Härte eine Kundgebung von Algeriern für die Unabhängigkeit ihrer Heimat niedergeschlagen hatte. Zahlreiche Demonstranten wurden einfach in die Seine geworfen, um die offiziellen Opferzahlen niedrig zu halten. [4]

Ici on noie les Algeriens

Am 24. Oktober 1961 erschien in Le Monde ein Aufruf von Intellektuellen, u.a. Simone de Beauvoir, André Breton, Nathalie Sarraute und Aimé Césaire, in dem es heißt:

Mit bewundernswertem Mut und Würde haben algerische Arbeiter gegen die immer unerbittlichere Repression demonstriert, deren Opfer sie sind… Die Polizei reagierte auf die friedliche Demonstration mit ungezügelter Gewalt: Erneut wurden Algerier getötet, weil sie in Freiheit leben wollten. Die Franzosen  würden sich zu Komplizen rassistischer Gewalt machen, deren Schauplatz Paris ist, wenn sie dazu schwiegen…. Wir weigern uns, einen Unterschied zu machen zwischen den vor ihrer Ausweisung im Palais des Congress  eingepferchten Algeriern und den vor ihrer Deportation zusammengetriebenen Juden…“

DSC06893 Pere Lachaise Lager (19)

Auch am 8. Februar agierte die Polizei mit äußerster Härte: 9 Gewerkschafter kamen an der „Demo-Meile“ zwischen der Place de la République und der Place de la Nation gelegenen Metro-Station Charonne im 11. Arrondisement ums Leben. Verantwortlicher Polizeichef damals:  Maurice Papon.  Der war  im Zweiten Weltkrieg als Generalsekretär der Präfektur von Bordeaux verantwortlich für die Verhaftung von etwa 1600 Juden, die zwischen 1942 und 1944  zunächst nach Drancy und von dort weiter nach Auschwitz transportiert wurden. Er gehört aber –wie der oberste Polizeichef von Vichy- René Bousquet- zu den sogenannten „vichisto-résistants“ (Jean-Pierre Azema), die sich zunächst in den Dienst der sogenannten Révolution nationale Pétains stellten, dann aber auch Verbindungen zur  Résistance knüpften. So konnte Papon nach 1945 mit ausdrücklicher Billigung von de Gaulle weiter Karriere machen, u.a. als Polizeipräfekt in Algerien, wo er einschlägige Erfahrungen im Umgang mit der algerischen Widerstandsbewegung sammeln konnte, dann als Pariser Polizeichef und zwischen 1978 und 1981 sogar noch in zwei Regierungen als Minister.[5]

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Das erklärt, warum sich der Gedenkstein für die Opfer des 8. Februar 1962 an dieser Stelle befindet und warum es die „Vaillants et Vaillantes de Drancy“ sind, die hier einen Gedenkstein aufgestellt haben.

Wenn man mit offenen Augen über den Père Lachaise geht, findet man  auch noch weitere Grabsteine, die an Opfer der nationalsozialistischen Barbarei erinnern. So diesen in der 52. Division, der an den deutschen Antifaschisten Arthur Kühnreich erinnert. Er wurde 1942 in Auschwitz ermordet.

DSC04066 Pere Lachaise Nazi Opfer 52. Div.

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Eingestellt am 27.1. 2020, dem 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers  Auschwitz.  Fotos von Frauke Jöckel, aufgenommen auf dem Père Lachaise am 26. 1. 2020

 

Anmerkungen:

[1] Imke Andersen,  Britta Probol, Der Untergang der „Cap Arcona“ . Schleswig-Holstein Magazin, 04.05.2019 https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Tragoedie-am-Kriegsende-Der-Untergang-der-Cap-Arcona,caparcona100.html

Das Moorsoldatenlied wurde zum ersten Mal 1933 von Gefangenen das Lagers Börgermoor gesungen. Eine Version mit Hannes Wader: https://www.youtube.com/watch?v=wH9I2Lyf6dY

[2] Siehe dazu den Blog-Bericht: https://paris-blog.org/2016/08/13/der-buergerkrieg-in-frankreich-1871-ein-rundgang-auf-dem-friedhof-pere-lachaise-in-paris-auf-den-spuren-der-commune/

[3] https://www.youtube.com/watch?v=M19PP181rfc

.[4] Bild aus: Yves  Faucoup, 17 octobre 1961, le massacre ignoré.  https://blogs.mediapart.fr/yves-faucoup/blog/171015/17-octobre-1961-le-massacre-ignore

[5]  Papons Karriere endete am 6. Mai 1981, als die satirische Wochenzeitschrift Canard enchaîné seine Rolle bei der Deportation von Juden bekannt machte. 1983 wurde Anklage erhoben und nach dem längsten Prozess der französischen Justizgeschichte wurde Papon 1998 wegen seiner Beteiligung an Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 10 Jahren Haft verurteilt- von denen er allerdings nur knapp 3 Jahre absitzen musste.

 

 

Weitere Blogbeiträge mit Bezug zum Père Lachaise:

 

 

 

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Pariser Erinnerungsorte des Holocaust (Fortsetzung) 
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux

Keine Erinnerungsplakette für den Lutetia-Kreis: Eine verpasste Chance

Dans cet hôtel  se réunirent, dans les années 1935 à 1937, sous la présidence de l’écrivain Heinrich Mann,  des représentants de la résistance allemande en exil qui voulaient fonder un Front populaire allemand contre le nazisme.

Ce „Cercle Lutetia“ représentait une Allemagne de paix et de liberté, une Allemagne enracinée dans la tradition culturelle européenne: celle que le régime nazie  avait bannie. 

In diesem Hotel  trafen sich in den Jahren 1935 bis 1937  Vertreter des deutschen  Widerstands im Exil unter dem Vorsitz des Schriftstellers Heinrich Mann,  um eine  Volksfront gegen den Nationalsozialismus aufzubauen. 

Dieser „Lutetia-Kreis“ repräsentierte das aus Nazideutschland vertriebene, in der europäischen Kulturtradition verwurzelte  Deutschland des Friedens und der Freiheit.

Dies hätte der Text einer Erinnerungsplakette im Pariser Hotel Lutetia sein können/sollen, für deren Anbringung  sich im letzten Jahr eine Initiative stark gemacht hat. Trotz einer breiten und ganz wunderbaren Unterstützung ist das Projekt aber an der verweigerten Zustimmung des Besitzers des Hotels und der Nobelhotelkette „The Set“ gescheitert.

Dass es eine solche Plakette nicht geben wird, halte ich für eine verpasste Chance. Im Folgenden soll dies begründet und erläutert werden,  und es soll zumindest auszugsweise die Zustimmung dokumentiert werden, die das Projekt erhalten hat: Ausdruck des Dankes und Illustration dessen, was hätte sein können und nun leider nicht möglich ist.

 

Warum sollte es eine Plakette für den Lutetia-Kreis geben?

Am 12.7.2018 erschien in der deutschen Wirtschaftszeitung Handelsblatt ein Artikel zur Wiedereröffnung des renovierten Hotels Lutetia. Die Überschrift des Artikels: „Lutetia- vom Zentrum der Volksfront zum Palace-Hotel“.  Diese Schlagzeile ist geeignet, Leser neugierig zu machen und zur Lektüre des Beitrags zu motivieren. Immerhin wird damit auf eine Episode der langen  Geschichte des legendären Hotels hingewiesen, die weniger bekannt und für viele eher unerwartet sein dürfte.

Denn zuerst gilt das Lutetia natürlich als Treffpunkt einer internationalen intellektuellen und künstlerischen Elite: Man denkt da an Namen wie Samuel Becket, James Joyce, Ernest Hemingway, Pablo Picasso, André Gide, Antoine Saint-Exupéry, Jean-Paul Sartre, Jacques Prévert, Josephine Baker und viele andere. An die Glanzzeiten des Hotels während der „Annés Folles“ erinnert noch der Salon Josephine, besungen in dem Lied Eddy Mitchells Au bar du Lutetia: Es erinnert an Serge Gainsbourg, der auf seinen nächtlichen Eskapaden durch Saint-Germain-des-Près immer irgendwann in der Bar des Hotel Lutetia landete.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass der junge Charles de Gaulle gerade im Lutetia seine Hochzeitsnacht verbrachte, bzw. dass die Legende ihm dies zuschrieb.  Und für  Édouard Péricaut aus dem wunderbaren Roman  „Wir sehen uns da oben“ von Pierre Lemaitre  hätte es kaum ein geeigneteres Hotel geben können, um dort seine letzten Tage auszukosten.

In eben diesem Hotel haben sich in den 1930-er Jahren Vertreter des deutschen Widerstands im Exil  getroffen. Warum gerade dort?

Dass es in Frankreich sein musste, lag nahe: Frankreich als das Mutterland der Menschenrechte hatte die meisten Flüchtlinge aus Nazideutschland aufgenommen. Nicht zu Unrecht hat man das  Paris der Jahre 1933-1940 als „die europäische Hauptstadt der deutschen Kultur“ bezeichnet. Und in Paris war das Lutetia der ideale Treffpunkt: wegen seines Renommees als intellektuelles Zentrum und wegen seines stilvollen Ambientes – man wollte und brauchte sich ja nicht zu verstecken.  Auch der Name des Hotels und seine Symbolik passten zu dem Vorhaben: Das Lutetia trägt –wie die Stadt Paris-  im Wappen das Schiff, das auch in hoher See nicht untergeht: Fluctuat nec mergitur. Das entsprach dem Lebensgefühl derer, die sich zwischen 1935 und 1937 im Lutetia versammelten, um dort Widerstand gegen die Herrschaft der Nationalsozialisten zu leisten.  Sie konnten und wollten in dem Deutschland der Unfreiheit, des Rassismus und der Kriegsvorbereitung nicht mehr leben, glaubten aber an eine andere, bessere Zukunft für ihr Land und arbeiteten daran. Und hatte nicht  Heinrich Heine, der 100 Jahre vorher Paris als Ort seines Exils gewählt hatte, seine gesammelten Berichte aus  Frankreich „Lutetia“ überschrieben? Fluctuat nec mergitur: Dies gilt für Paris, für die im Lutetia versammelten Vertreter des deutschen Widerstands, aber auch insgesamt für Frankreich und Deutschland in diesen stürmischen und schlimmen 1930-er und 1940-er Jahren.

Wer waren die Vertreter des Widerstands, die sich zwischen 1935 und 1937 im Lutetia trafen? Es waren Kommunisten wie der gerne als „der rote Pressezar“ titulierte  Willi Münzenberg, die endlich erkannt hatten, dass der Nationalsozialismus eine tödliche Gefahr darstellte, die es gemeinsam zu bekämpfen galt. Es waren  Sozialdemokraten wie Rudolf Breitscheid, bis 1933 Vorsitzender der SPD-Reichstagsfraktion, und   Albert Grzesinski, ehemaliger preußischer Innenminister; es waren Sozialisten wie der junge Willy Brandt, der aus seinem norwegischen Exil nach Paris kam, um an den Bemühungen um eine Einigung der Antifaschisten teilzunehmen;  dazu kamen unabhängige Intellektuelle wie die Schriftsteller Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Arnold Zweig, Klaus Mann, Ernst Toller, Ernst Bloch, Ludwig Marcuse, der Statistikprofessor Emil Julius Gumbel, die Journalisten Leopold Schwarzschild und Georg Bernhard, ehemaliger Chefredakteur der linksliberalen Berliner Vossischen Zeitung und Mitbegründer des Pariser Tageblatts, der Tageszeitung des deutschen Exils, und ihrer Nachfolgerin, der Pariser Tageszeitung;  Persönlichkeiten also, die sich mit Recht als Repräsentanten eines anderen, des wahren Deutschlands verstanden.

Zum Präsidenten des Lutetia-Kreises wurde Heinrich Mann gewählt, in der Weimarer Republik Mitglied der linksliberalen DDP,  Präsident der preußischen Akademie der Künste, Sektion Dichtkunst, unermüdlicher Warner vor dem Nationalsozialismus und Mahner eines gemeinsamen Kampfs gegen die von ihm ausgehenden Gefahren; dazu  ein leidenschaftlicher Kenner und Freund Frankreichs und überzeugter Europäer. Sein Volksfront-Ideal glich einer Mischung aus Rennaissance-Humanismus und Fortschrittsideen des 20. Jahrhunderts. Während seines französischen Exils schrieb er einen großen Roman über den „guten König Henri Quatre“- ein Gegenbild zu dem in Deutschland herrschenden Nationalsozialismus, gewissermaßen der Roman der deutschen Volksfront. Für Denise Bardot, die mit ihren Schulkindern von der SS-Division Das Reich umgebrachte Volksschullehrerin von Oradour-sur-Glane, war dieser Roman Ausdruck des deutschen Humanismus.

Die Diskussionen, programmatischen Überlegungen und konkreten Maßnahmen des Lutetia-Kreises lassen sich in folgenden Punkten zusammenfassen:

– Programmatische Diskussionen und Entwürfe zu einem postfaschistischen Deutschland in einem geeinten Europa

–  Verbreitung von wahrheitsgemäßen Informationen unter der deutschen Bevölkerung als Gegenmittel zu Zensur und Propaganda

– Verbreitung von Informationen im Ausland über den wahren Charakter des Nationalsozialismus und die vom faschistischen Deutschland ausgehende Kriegsgefahr

– Maßnahmen zur Unterstützung von Flüchtlingen aus dem nationalsozialistischen Herrschaftsbereich.

 

De Bemühungen des Lutetia-Kreises zur Schaffung einer gemeinsamen Front gegen den Faschismus sind zwar letztendlich gescheitert, vor allem aufgrund von Auseinandersetzungen um die Moskauer Prozesse, die von den Vertretern der KPD verteidigt wurden; dennoch ist der Lutetia-Kreis ein bedeutender Beweis für die Existenz und Vielfalt eines anderen, demokratischen Deutschlands, das sich der nationalsozialistischen Diktatur widersetzte. Und wären die hellsichtigen Warnungen der im Hotel Lutetia versammelten Antifaschisten vor der vom „Dritten Reich“ ausgehenden Kriegsgefahr gehört worden,  wäre der Welt ungeheures Leid erspart geblieben.

Dass sich die deutsche Opposition gegen den Nationalsozialismus gerade im Lutetia traf und nach diesem Hotel auch benannt wird, ehrt das Lutetuía  besonderer Weise. Die vorgeschlagene Gedenktafel hätte damit, wie Serge und Beate Klarsfeld schreiben, zur weiteren Ausstrahlung dieses Ortes beigetragen. Sie hätte auch die schon vorhandene Erinnerungstafel an der Fassade des Hotels sinnvoll ergänzt:

022 Plaque historique

„Von April bis August 1945 wurden in diesem Hotel, das damals als Empfangszentrale diente, ein großer Teil der Überlebenden aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern aufgenommen. Diese Menschen waren glücklich, die Freiheit wiedergefunden zu haben und ihre Angehörigen, von denen sie gewaltsam getrennt waren. Ihre Freude kann aber nicht die Angst und den Schmerz vergessen machen, den die Familien jener Tausenden von Deportierten zu erleiden hatten, die hier vergeblich auf ihre Rückkehr warteten.“ (Übersetzung bei Jasper, S. 339)

Mit der von de Gaulle verfügten  Aufnahme der Überlebenden aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern im Hotel Lutetia, wurde, wie Pierre Assouline in seinem Roman Lutetia schreibt, der Makel (tache noir) von Besatzung und Collaboration vom Hotel abgewischt. Denn nach den Vertretern des deutschen Widerstandes waren es die Vertreter der deutschen Besatzungsmacht, die in das Hotel einzogen: Die Herren der von Admiral Canaris geleiteten militärischen Abwehr, einer Organisation zur Gegenspionage und zur Bekämpfung des französischen Widerstands.

Das Hotel Lutetia ist damit ein einzigartiger Ort,  der nacheinander ein Zentrum des Widerstands, ein Ort der Täter und schließlich ein Ort der Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherschaft  war. Ich wüsste nicht, welch anderer Ort dies von sich behaupten könnte.

Mit Recht wird an die im Hotel aufgenommenen Überlebenen der Konzentrationslager mit einer plaque commémorative erinnert.  Angebracht wurde diese Tafel an der Außenwand des Hotels, und zwar  gegen einigen Widerstand der damaligen Besitzer: Das war nämlich die Familie Taittinger, deren  früherer Chef,  Pierre Taittinger, im Krieg zu den überzeugten Pétainisten und Collaborateuren gehörte und sich von den Nazis noch 1943  zum Präsidenten des Stadtrates von Paris (conseil municipal de Paris) ernennen ließ. Unter diesen Umständen  hat die vom  Souvenir Français  initiierte Plakette noch eine zusätzliche Bedeutung. 

 Diese Plakette macht deutlich, dass die Opfer  nicht vergessen werden dürfen: Sie sind Mahnung und Verpflichtung für die Lebenden. Aber es dürfen auch diejenigen nicht vergessen werden und es müssen auch diejenigen geehrt werden,  die Widerstand leisteten: Sie können Vorbild für die Lebenden sein, gerade auch für die Jugend.   Insofern kann ich nicht nachvollziehen, wenn mir die Direktion lakonisch mitteilen lässt, sie wolle „diskret mit der Geschichte bleiben.“  Im bzw. am Mémorial de la Shoah in Paris gibt es lange Tafeln mit den Namen der von den Nazis umgebrachten Juden, es gibt aber auch eine Tafel mit den Namen derjenigen, die dem Unrecht widerstanden und Juden gerettet haben.  Die Opfer und diejenigen, die Widerstand geleistet haben, werden da gleichermaßen geehrt. Diese Chance hätte auch das Hotel Lutetia gehabt und damit einen wichtigen Beitrag zu einer europäischen Erinnerungskultur leisten können. Dass diese Chance nun nicht genutzt wird, ist umso bedauerlicher,  als ein Engagement gegen Unrecht und Gewalt aktuell ist und bleibt. Denn, wie Christiane Deussen, die Leiterin des Maison Heinrich Heine,  in ihrer Stellungnahme zu der Initiative schreibt: „Le monde est de nouveau confronté à la remise en cause des valeurs démocratiques dans un nombre croissant de pays“.  

 

Literatur zum Hotel Lutetia und zum Lutetia -Kreis:

Willi Jasper, Hotel Lutetia. Ein deutsches Exil in Paris. München/Wien: Carl Hanser 1994  französische Übersetzung: Hôtel Lutétia. Un exil allemand à Paris. Paris: Éditions Michalon 1995

Pierre Assouline, Lutetia. roman. Paris: Gallimard 2005

Hôtel Lutetia. L’esprit de la Rive Gauche. Paris: Éditions Lattès 2009 (Zum  Cercle Lutetia S. 75/76

Ursula Langkau-Alex, Deutsche Volksfront 1932-1939. 3 Bände. Berlin: Akademie-Verlag 2004 und 2005

  • Band 1: Vorgeschichte und Gründung des Ausschusses zur Vorbereitung einer deutschen Volksfront. Berlin 2004
  • Band 2: Geschichte des Ausschusses zur Vorbereitung einer deutschen Volksfront. 2004
  • Band 3: Dokumente, Chronik und Verzeichnisse. 2005

Gilbert Merlio, Les résistances allemandes à Hitler. Paris: Tallandier Éditions 2003 (Dort ein kleiner Abschnitt über La tentative du Front populaire allemand. S. 340-344

Wolfgang Benz/Walter H. Pehle (Hg.): Lexikon des deutschen Widerstandes. Frankfurt am Main 1994

 

 

Initiative für die Anbringung einer Tafel im Hotel Lutetia zur Erinnerung an den Lutetia-Kreis

Die Initiatoren:

Die Idee, eine Erinnerungstafel für den Lutetia-Kreis anzuregen, kam mir, als ich die beiden Beiträge über das Hotel Lutetia für diesen Blog geschrieben habe. Allerdings war mir klar, dass ich allein kaum Chancen und Ressourcen haben werde, ein solches Projekt anzugehen. Ich wandte mich deshalb an Willi Jasper. Dieser emeritierte Professort der Universität Potsdam  hatte immerhin ein schönes Buch über das Hotel Lutetia geschrieben, ein weiteres über Heinrich Mann, dem ich ja auch in besonderer Weise verbunden bin, und schließlich eines über Ludwig Börne, das ich bei meiner Arbeit über das Börne-Grab auf dem Père Lachaise mit Gewinn gelesen und genutzt hatte. Als 2013 Willi Jasper die französische Übersetzung seines Buches im Lutetia präsentierte, war ich anwesend und ließ mir ein Exemplar signieren. Im Sommer 2019 trafen wir uns in Berlin und besprachen das Projekt, das nun ein gemeinsames war. Und ich war froh, einen kompetenten und prominenten Mitstreiter an meiner Seite zu haben.

Willi Jasper, emeritierter Professor der Universität Potsdam (School of Jewish Studies), Zahlreiche Veröffentlichungen u.a. über das Hotel Lutetia: Das Hotel Lutetia, ein deutsches Exil in Paris, München/Wien: Hanser 1994  auch ins Französische übersetzt (Hôtel Lutétia, Un exil allemand à Paris. Paris: Michalon 1995),  Ludwig Börne (Ludwig Börne, Keinem Vaterland geboren. 1989) und Heinrich Mann (Der Bruder Heinrich Mann, 1992). Die französische Ausgabe des Buches wurde 2013 in Anwesenheit des Autors im Salon Président, dem Tagungsort des Lutetia- Kreises, vorgestellt.

Wolf Jöckel, Historiker (Promotion über Heinrich Manns ‚Henri Quatre‘)  und Blogger: Paris- und Frankreich-Blog https://paris-blog.org Dort auch zwei Beiträge über das Hotel Lutetia: Das Hotel Lutetia (1): Ein Bauwerk zwischen Art Nouveau und Art Déco in neuem Glanz: https://paris-blog.org/2019/01/01/das-hotel-lutetia-1-ein-bauwerk-zwischen-art-nouveau-und-art-deco-im-neuen-glanz/ und Das Hotel Lutetia (2): Geschichte und Geschichten: https://paris-blog.org/2019/03/01/das-hotel-lutetia-2-geschichten-und-geschichte/

Der Unterstützerkreis

Die entscheidende Instanz für die Genehmigung einer Erinnerungsplakette im Hotel Lutetia war der Besitzer des Hotels. Im Jahr 2010, dem Jahr des 100-jährigen Jubiläums des Hotels, hatte das Lutetia einen neuen Besitzer erhalten, nämlich das israelische Immobilien- Unternehmen Alrov, zu dem auch die Nobelhotel-Gruppe The Set mit zwei Hotels in Jerusalem, das Conservatorium in Amsterdam, das Café Royal in London und jetzt auch das Lutetia gehören. In einem Artikel der Zeitung Le Parisien wurde der Kauf des Lutetia durch eine israelische Gruppe als Symbol bezeichnet, da es während der Besatzungszeit von den Nazis requiriert worden sei und danach die Überlebenden aus den Konzentrationslagern aufgenommen habe.

Le rachat du Lutetia par un groupe israélien est tout un symbole : cet hôtel avait été réquisitionné durant l’Occupation par les nazis puis avait accueilli les rescapés des camps à leur libération. (Le Parisien, 7. August 2010)

Das mag auch der Grund dafür sein, dass mir von Anfang an von der Hotelleitung signalisiert wurde, dass die Initiative nur dann Aussicht auf Erfolg habe, wenn sie von maßgeblicher jüdischer Seite unterstützt würde. Genannt wurde in diesem Zusammenhang das Mémorial de la Shoah in Paris.  Der Direktor des Mémorials, den ich zu diesem Zweck angesprochen hatte, wollte zwar selbst kein Empfehlung für die Initiative abgeben, verwies mich aber auf das Ehepaar Klarsfeld und vermittelte auch einen entsprechenden Kontakt. Wie glücklich war ich, als ich einige Zeit danach das Empfehlungsschreiben von Serge und Beate Klarsfeld erhielt:

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Lieber Doktor Jöckel, Sie haben unsere volle Unterstützung für die Anbringung einer Erinnerungstafel an den ‚Lutetia-Kreis‘ und ich hoffe, dass die Direktion des Hotels Lutetia Ihren Vorschlag aktzeptieren wird, der die Reputation der Einrichtung noch weiter verbreiten wird.

Welche schönere Empfehlung von jüdischer – und gleichzeitig auch deutsch-französischer!-  Seite als die der Klarsfelds hätte es geben können?

Die zweite Adresse, die mir von der Hotelleitung als wesentliche Voraussetzung für eine Zustimmung zu dem Projekt genannt wurde, war die deutsche Botschaft in Paris. Botschafter dort ist Nikolaus Meyer-Landruth, früherer außenpolitischer Berater von Kanzlerin Merkel und einer der Top-Diplomaten Deutschlands. Ich wandte mich aber natürlich nicht direkt an ihn, sondern an die Kulturabteilung der Botschaft. Dort wurde ich sehr freundlich empfangen, konnte mein Anliegen vortragen und hatte auch den Eindruck, dabei auf einige Sympathie zu stoßen. Allerdings hörte ich dann längere Zeit nichts mehr: Kein Wunder! Die Angelegenheit müsse in der Zentrale in Berlin entschieden werden! Aber dann kam schließlich doch ein offizieller Brief der Botschaft mit einem vom Botschafter selbst unterschriebenen sehr schönen Empfehlungsschreiben. Dass dabei die Unterstützung der Klarsfelds und anderer Personen und Institutionen, die ich inzwischen vorweisen konnte, eine wichtige Rolle gespielt hat, ist dem Schreiben zu entnehmen (und auch durchaus verständlich).

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Ich danke Ihnen für die detaillierten Informationen zu Ihrem Projekt, das zum Ziel hat, eine Erinnerungsplakette zu Ehren des Lutetia-Kreises in dem kürzlich wiedereröffneten Hotel anzubringen. Als Treffpunkt deutscher Emigranten – von Repräsentanten verschiedener politischer Parteien, Intellektuellen und Schriftstellern von Rang- die unter der Präsidentschaft des deutschen Schriftstellers Heinrich Mann sich für ein antifaschistisches Deutschland einsetzten, war das Lutetia ein hervorragender Ort des deutschen Widerstands gegen den Faschismus, und diese Rolle in der Geschichte hat es verdient erinnert zu werden. 

Ich bin auch sehr glücklich, dass Ihr Projekt ein solches Echo erfahren hat und Sie in den letzten Monaten die Unterstützung so wichtiger Persönlichkeiten wie Serge und Beate Klarsfeld erhalten haben.

Seien Sie versichert, dass auch ich Ihre Initiative begrüße.

Ich wünsche Ihnen vollen Erfolg bei der Umsetzung des Projekts ….

 

Weitere Unterstützer:

In dem Schreiben des deutschen Botschafters ist von dem großen Echo die Rede, das die Initiative erfahren hat. Die nachfolgende Aufstellung kann das bestätigen und illustrieren:

  • Goethe-Institut Paris. Brief der Direktorin Dr. Barbara Honrath vom 6. März 2019. Frau Dr. Honrath war übrigens die erste, die auf unsere Informationsschreiben und Bitten um Unterstützung reagierte. Dafür einen ganz besonderen Dank!

 

  • Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung Berlin:  https://willy-brandt.de/die-stiftung/
     Die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung begrüßt und unterstützt die Anbringung einer Plakette, die an den ‚Lutetia-Kreis‘ erinnert – umso mehr, als der damals in Norwegen exilierte junge Willy Brandt zu den Anstrengungen beitrug, die verschiedenen Gruppen und Persönlichkeiten des deutschen Widerstands gegen den Faschismus zu einen.  (Mail des stv. Generalsekretärs Dr.Rother vom 16. Mai 2019

 

  • Le Souvenir Françaishttp://le-souvenir-francais.fr/  Association nationale reconnue d’utilité publique.  Président Général/ Director Serge Barcellini  Die positive Aufnahme des Projekts durch Herrn Barcellini war mir besonders wichtig. Immerhin ist Souvenir Français eine wichtige und offizielle Instanz der französischen Erinnerungspolitik, und es war ja auch der Souvenir Français, der die Erinnerungsplakette für die Überlebenden der Lager an der Fassade des Lutetia initiiert hatte.

 

  • Deutsch-Französisches Institut    https://www.dfi.de/Ludwigsburg dfi (Mail vom 5. November 2019)

 

  • Béatrice Fischer-Dieskau, Musikmanagerin, Organisatorin von Konzerten im Hotel Lutetia. Frau Fischer-Dieskau hatte auch die musikalische Umrahmung der Buchpräsentation von Willi Jaspers Lutetia-Buch organisiert. Sie hat einen guten Kontakt zur Direktion des Hotels und diente gewissermaßen als Kontaktperson.

 

 

  • Ursula Langkau-Alex, Vorsitzende der Gesellschaft für Exilforschung e.V. 2009-2013, Honorary Fellow International Institute of Social History Amsterdam,  https://iisg.amsterdam/en/about/staff/ursula-langkau-alex   Autorin des Standardwerks über die deutsche Volksfront (Deutsche Volksfront 1932-1938. 3 Bände, Berlin 2005)   Das ist eine sehr gute Idee, nicht nur, weil die exilierten Antifaschisten in internationales öffentliches Gedächtnis gerufen werden, sondern auch, weil die innere  und die äußere Gedenktafel  einander ergänzen insofern, als sie die (nicht gehörte) Gegenstimme zum, und die Konsequenz des Nationalsozialismus aufzeigen.  Hoffentlich stimmen Leitung und Besitzer des Lutetia zu. (Mail 23.5. 2019)  Frau Langkau – Alex hat vor, im nächsten Nachrichtenbrief der Gesellschaft für Exilforschung (Juni 2020) einen „Nachruf“ auf die plaque commémorative im Hotel Lutetia zu veröffentlichen. Online unter:  http://www.exilforschung.de)  

 

  • Maison Heinrich Heine,  Fondation de l’Allemagne,  in der Cité Internationale Universitaire von  Paris.  Siehe dazu den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2017/11/01/la-maison-heinrich-heine-das-deutsche-haus-in-der-cite-internationale-universitaire-de-paris/      Das Heinrich Heine-Haus ist ein wichtiges Zentrum des deutsch-französischen kulturellen und politischen Austauschs. In unseren Pariser Jahren  haben wir  dort viele interessante Menschen kennen gelernt.  Brief der Direktorin Dr. Christiane Deussen vom 15. August 2019: La Fondation de l’Allemagne- Maison Heinrich Heine salue chaleureusement l’initiative visant à installer à l’intérieur de cet établissement chargé d’histoire une plaque commémorant l’activité en son sein du ‚Cercle Lutetia‘. La Maison Heinrich Heine s’associe d’autant plus volontiers à cette action que Heinrich Heine lui-même s’exila à Paris pour échapper à la censure politique outre Rhin. À cette époque déjà, Paris représentait pour les réfugiés politiques un havre de liberté et il n’est pas étonnant qu’un siècle plus tard des écrivains et intellectuels allemands aient choisi la capitale francaise, l’ancienne Lutecia, pour lutter, sous l’égide de l’écrivain francophile Heinrich Mann, contre le régime nazi et faire émerger une autre Allemagne.                  L’activité déployée entre 1935 et 1937 au service de l’humanisme par les membres du ‚Cercle Lutetia‘ mérite aujourd’hui, plus que jamais, d’être rappelée au public et aux clients de cet hôtel prestigieux. Ce rappel est d’autant plus nécessaire que le monde est de nouveau confronté à la remise en cause des valeurs démocratiques dans un nombre croissant de pays. La Maison Heinrich Heine souhaite plein succès à cette initiative et tient à féliciter ses promoteurs.

 

  • heinrichmann gesellschaft Buddenbrookhaus Lübeck   http://heinrich-mann-gesellschaft.de/Schreiben der Vize-Präsidentin Britta Dittmann vom 19.8.2019Der Vorstand der Heinrich Mann-Gesellschaft schließt sich Ihrer Idee aus voller Überzeugung an. Der von 1935 bis 1937 unternommene Versuch, die Kräfte des zerstrittenen deutschen Exils zu einen, um einer menschenverachtenden, kriegstreibenden Politik entschieden entgegentreten zu können, ist nicht nur bedeutsam als ein Mosaikstein im deutsch-französischen kulturellen Gedächtnis.  Das Ansinnen ist auch aktuell relevant, nicht zuletzt, wenn man sich die Konsequenzen des damaligen Scheiterns vor Augen führt.  Indem die von Ihnen vorgeschlagene Plakette auf die Vorgeschichte der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges verweist, ergänzt sie die bereits vorhandene Gedenktafel an die Nutzung des Gebäudes als Aufnahmezentrum für KZ-Überlebende nach 1945 auf das Sinnvollste. Als Heinrich Mann-Gesellschaft freut es uns natürlich besonders, dass das Engagement Heinrich Manns in diesem Zusammenhang explizit Erwähnung findet.

 

  • Gesellschaft für Exilforschung e.V.    http://www.exilforschung.de/ Schreiben der Vorsitzenden, Prof. Dr. Inge Hansen-Schaberg, vom 28.8.2019

 

  • Dr. Wolfgang Klein, Mitherausgeber der Kritischen Gesamtausgabe der Essays und Publizistik Heinrich Manns und von „Für die Verteidigung der Kultur. Die Texte des Internationalen Schriftstellerkongresses zur Verteidigung der Kultur Paris 1935. Berlin 1982.  Französische Ausgabe herausgegeben mit Sandra Peroni  2005. „Ihre und Herrn Jaspers Initiative unterstütze ich sehr gerne. Sie erinnert an ein wichtiges und jeder Ehrung wertes Engagement deutscher Politiker und Intellektueller in der Vergangenheit, dessen Ideale und Ziele erst nach einem Weltkrieg und nicht überall Anerkennung erlangten und heute erneut in Frage gestellt werden. Es gilt zunehmend wieder, was Heinrich Mann im Juli 1937 in dem Artikel „Christenverfolgung“ schrieb: „Wir müssen heute laut von Dingen reden, die sonst jeder gewusst hat“. Umso wichtiger wäre die von Ihnen angestrebte jetzige Erinnerung an diese Vergangenheit.

 

  • Hélène Roussel Maître de conférences honoraire, Université Paris 8, Prof. Dr. Lutz Winckler, Université de Poitiers (Mail vom 27. August 2019) Die Unterstützung des Projekts durch Hélène Roussel und Lutz Winkler hat mich sehr gefreut, weil beide ganz intensive Kenner des deutschen Exils und der Exilliteratur sind. Lutz Winkler ist z.B. Mitherausgeber des Handbuchs der deutschsprachigen Emigration 1933-1945 und zusammen mit Hélène Roussel ist er Herausgeber der von einer deutsch-französischen Forschergruppe erarbeiteten Untersuchung der Exilzeitungen Pariser Tageblatt und Pariser Tageszeitung. Deren Chefredakteur war Georg Bernhard, ein Mitglied des Lutetia-Kreises. Hélène Roussel ist außerdem als Übersetzerin der Werke Anna Seghers‘ hervorgetreten. 

 

  •  Gerhard Bökel  https://de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_B%C3%B6kel    Früherer Rechtsanwalt und Notar und Innenminister des Landes Hessen. Er lebt in Saint Laurent des Arbres bei Avignon und forscht und publiziert über die Résistance in der Provence. Im Zusammenhang damit lernten wir uns kennen.   Thank you for your considerable commitment with regard to the plaque in memory of the ‘Lutetia Circle`. It’s a commendable project ! I hope that the management of the Hotel Lutetia will support your proposal.

 

  • Willi Semmler  https://www.newschool.edu/nssr/faculty/willi-semmler/ Henry Arnhold Professor of Economics, New School for Social Research, New York               I would like to strongly support the Lutetia Project. One important member of the German exile group who met at the Hotel Lutetia was  Emil Julius Gumbel, a mathematician, statistician, economist, and political writer against Nazi organizations in the 1920s. He was Professor in Heidelberg, until 1932, when he was fired by the Nazis, fled to France, and was active in the French Resistance movement and the Lutetia-circle. He taught as a Professor at the New School for Social Research  from 1940-1945, then became  Columbia University Professor from 1950 on. He wrote pathbreaking publications on Extreme value theory which was later applied to the study of financial and climate disasters. He is a very well known scholar among contemporary researchers for his outstanding work on extreme events. He very much deserves to be honored by the Lutetia-Project.

 

  • Yves Potel, Historiker, Schriftsteller, Publizist, Professor Universität Paris VIII

 

Es hat mich auch außerordentlich gefreut, dass mehrere unserer Pariser Freunde bzw. Freundinnen, deren persönliche oder familiäre Geschichte eng mit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, dem Rassismus und dem Widerstand verwoben ist, die Initiative unterstützt haben:

  • Sonia Branca-Rosoff, emeritierte Professorin der Universität Sorbonne Nouvelle- Paris 3. Tochter einer Widerstandskämpferin, die nach Ravensbrück deportiert wurde und zu den Überlebenden der Konzentrationslager gehörte, die nach der Befreiung im Hotel Lutetia aufgenommen wurden. „Votre initiative me paraît très bien venue car il ne faudrait pas qu’à après le déni de l’exterminiation des Juifs, on ocullte par une dénégation inverse la place des résistants dans l’histoire du nazisme et en particulier la place des résistants allemands.Je suis d’autant plus sensible à votre projet que ma mère (juive non pratiquante, Russe d’origine) était entrée dans la Résistance. Déportée à Ravensbrück, comm résistante (et non comme juive, ce qui lui a permis de survivre), elle nous a toujours dit qu’elle avait combattu le nazisme et non le peuple allemand et rappelé que les communistes allemands avaient été les premiers à s’opposer aux exactions des nazis et à connaître les arrestations et la prison. Je vous souhaite donc de réussir dans votre projet d’une plaque commémorative célébrant le clairvoyance du Cercle Lutétia.“ (Lettre du 2 juni)  Sonia Branca-Rosoff ist Mitglied „meines“ Pariser Chors Lacryma Voce und Autorin eines sehr lesenswerten Blogs     (https://passagedutemps.wordpress.com/author/soniabrancarosoff/), was uns beide verbindet.

 

  • Rémi Dreyfus, nahm als Angehöriger der SAS (Special Air Service der Royal Air Force) an der alliierten Landung in der Normandie am 6. Juni 1944 teil (Siehe dazu: https://paris-blog.org/2019/06/07/6-juni-1944-aus-feinden-werden-freunde/)         Ayant participé en France à la résistance à l’occupant nazi, je connais les difficultés et les dangers courus par ceux qui ont eu le courage de s’opposer. Si un de leurs rencontre était le lieux de Lutetia, on ne peut que souhaiter qu’hommage leur soit rendu en ce lieu. Rémi Dreyfus, inzwischen 100 Jahre alt, hat in den Jahren unseres Pariser Aufenthalts mehrere Schülergruppen bei sich empfangen, ihnen von seinen Erfahrungen im Krieg berichtet und mit ihnen diskutiert: Das waren bewegende Generationen-übergreifende deutsch-französische Begegnungen.

 

  • Francoise Tillard  (http://www.paroleetmusique.net/francoise-tillard-cv-anglais/) Tochter des Journalisten und Schriftstellers Paul Tillard (Bücher über le rafle du vel d’Hiv und Mauthausen). Sie ist  Dozentin für Musik, Spezialistin des deutschen Liedes des 19. Jahrhunderts, Gründerin des Klaviertrios Fanny Hensel, der Schwester von Felix Mendelssohn- Bartholdy, über die sie die erste große Biographie geschrieben hat. (Die verkannte Schwester. Kindler 1994)                       Fille de résistant et déporté à Mauthausen et son commando Ebensee, j’ai toujours su par mon père que la résistance intérieure du camp avait été soutenue et approvisionnée en armes par des soldats allemands qui ont ainsi sauvé l’honneur de leur pays et le camp d’Ebensee de la destruction totale par les SS. Une plaque au Lutetia rappellera que les premiers résistants dans les camps étaient allemands et les englobera ainsi que les dignes soldats d’Ebensee dans le souvenir et le respect qui leur sont dus.

 

  • Marie-Christine Schmitt, (professeure agrégée d’allemand), ehemalige Deutschlehrerin an einem Pariser Gymnasium und in einer classe préparatoire. Sie engagierte sich besonders in deutsch-französischen Austauschprogrammen für Schüler und Lehrer, wobei wir uns kennengelernt haben.  Ihr Vater geriet 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft und war in einem Lager (Stalag) an der deutsch-dänischen Grenze untergebracht. Im Winter 1942/1943 gelang ihm eine abenteuerliche Flucht aus dem Lager quer durch Deutschland und das besetzte Frankreich bis in seine Heimat, die Corrèze, wo er ein führendes Mitglied der Résistance wurde. Unterstützt wurde er bei der Flucht durch einen deutschen Hitlergegner, einen Schneider, der ihn mit Kleidung und Geldmitteln versorgte: Die wunderbare Geschichte eines gemeinsamen deutsch-französischen Widerstands. Dazu im Einzelnen: https://paris-blog.org/2016/09/09/die-correze-teil-1-besatzung-und-widerstand-occupation-et-resistance/

 

Auch diese so breite und intensive Unterstützung für die vorgeschlagene Erinnerungstafel, die dabei vorgetragenen vielfältigen Argumente  und die manchmal sehr bewegenden biographischen Bezüge konnten die Verantwortlichen des Hotels Lutetia nicht zu einer positiven Reaktion bewegen. Das bedauere ich sehr. Ich sehe aber in der Zusammenstellung der befürwortenden Stellungnahmen eine wunderbare Würdigung des Lutetia-Kreises und ein eindrückliches Dokument deutsch-französischer Freundschaft. 

 

 

Zum Hotel Lutetia siehe auch:

https://paris-blog.org/2019/01/01/das-hotel-lutetia-1-ein-bauwerk-zwischen-art-nouveau-und-art-deco-im-neuen-glanz/

https://paris-blog.org/2019/03/01/das-hotel-lutetia-2-geschichten-und-geschichte/

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux

 

 

Camille Claudel: Orte der Erinnerung an eine große Bildhauerin

Im Oktober 2018, zum 75. Jahrestag des Todes von Camille Claudel in einem Asyl für psychisch Kranke,  fand im Oktober 2018 eine von  Nachkommen ihres Bruders Paul Claudel organisierte Messe zu ihrem Gedenken statt.  Lacryma Voce, mein Pariser Chor, steuerte dazu den musikalischen Part bei.[1]

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Totenmesse für Camille Claudel in der Kirche Saint Roch in Paris

Neben dem Altar stand eine Staffelei mit dem Portrait Camilles. Reine-Marie Paris, Enkelin Paul Claudels, die aus Krankheitsgründen nicht an der Messe teilnehmen konnte, schreibt in ihrem wunderbaren Buch über Camille Claudel zu diesem Bild:

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 „1884 fixierte der Fotograph César mit einem meisterlichen Schnappschuss die gebieterische Camille Claudel im Alter von zwanzig Jahren, zu einem Zeitpunkt also, da ihre künstlerische Berufung bereits feststand. Sie war als junges Mädchen von verheißungsvoller Schönheit, doch keiner neutralen oder aufreizenden Schönheit. Wir haben das Portrait einer Siegesgewissheit vor uns, mit dem äußerst gespannten Blick voller Lebensgier und Schaffensdrang.“

Der Bruder Paul wird später vom „triumphalen Glanz der Schönheit und des Genies“ sprechen.“[2]

 

Diese junge Frau wurde eine begnadete Bildhauerin, Mitarbeiterin und Geliebte Auguste Rodins,  einem breiteren Publikum vor allem bekannt geworden durch den Camille Claudel-Film (1988) mit Isabelle Adjani (Camille Claudel) und Gérard Depardieu (Auguste Rodin).[3]

Aber die letzten Jahre ihres Lebens waren ein grausames Dahinvegetieren in einer psychiatrischen Anstalt bei Avignon, wo sie 1943 als ein Opfer der vom Pétin-Regime praktizierten extermination douce verstarb.

Angeregt von der Messe haben wir in den letzten Monaten einige Erinnerungsorte Camille Claudels besucht, vor allem das neue Camille Claudel-Museum in Nogent-sur-Seine und das neu eröffnete Claudel-Haus in Villeneuve, dessen Besuch uns François Claudel, der Enkel Paul Claudels, bei dem Empfang im Anschluss an die Totenmesse empfohlen hatte.

In dem nachfolgenden Beitrag sollen nun fünf Erinnerungsorte vorgestellt werden, die wichtige Stationen des Lebens von Camille Claudel markieren:

  • Villeneuve-sur-Fère in der Champagne, wo sie –vor allem zusammen mit ihrem Bruder Paul- eine schwierige, aber auch glückliche Jugendzeit verbrachte und wo seit 2018  im ehemaligen Wohnhaus der Familie ein kleines Claudel-Museum eingerichtet ist.
  • Nogent- sur- Seine, wo der Bildhauer Alfred Boucher ihr erster Lehrmeister wurde und wo es seit 2017 ein bedeutendes Camille-Claudel- Museum gibt.
  • Paris, wo Camille Schülerin, Mitarbeiterin und Geliebte Auguste Rodins wurde, wichtige Werke schuf und schließlich nach der Trennung von Rodin ein eigenes Atelier auf der Île Saint – Louis bezog.
  • Dazwischen das Schloss Islette in derTouraine, ein Traumort für die kleinen Fluchten des Liebespaares.
  • Und zum Schluss der Friedhof von Montfavet  bei Avignon, wo Camille Claudel nach 30-jähriger Internierung in einem Massengrab verscharrt wurde und wo heute eine Stele an sie erinnert.

 

  1. Villeneuve-sur-Fère: Camille und ihr Bruder Paul

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Von einer „glücklichen Jugend“ kann man bei Camille Claudel nur bedingt sprechen. Im elterlichen Haus gab es ständig Streit. „Bei Tisch wüten die Claudels. Ihr Gezänk, das schon am frühen Morgen beginnt und erst abends endet, erreicht am Esstisch seinen Höhepunkt. Eine abscheuliche Atmosphäre“. Es geht, wie Paul später sagte, zu „wie in einem Gemeinderat“. Und Camille trifft es besonders hart: Sie wird von ihrer Mutter von Geburt an abgelehnt. Es gibt „einen erbarmungslosen Mangel an Zärtlichkeit“. Noch einmal Paul: „Sie umarmte uns nie“.  Und die Mutter hatte auch keinerlei Verständnis für die künstlerischen Neigungen und Ambitionen ihrer Tochter. [4]

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Rückwärtige Ansicht des Hauses, des ehemaligen Presbyteriums der Kirche

Am Haus der Claudels ist eine Tafel angebracht, auf der verzeichnet ist, dass hier Paul Claudel geboren wurde und dass Villeneuve für ihn und seine Schwestern Camille und Louise immer „der bevorzugte Ort ihrer Kindheit“ bleiben wird.

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Darunter ein Zitat von Camille: „Dieses hübsche Villeneuve, das auf der Welt nicht seinesgleichen hat.“  Das ist ein Satz aus einem Brief, den sie am 3. März 1927  ihrem Bruder aus dem Asyl von Montdevergues geschrieben hat:

„Mein Traum wäre, sofort nach Villeneuve zurückzukehren und mich nicht mehr wegzurühren, eine Scheune in Villeneuve wäre mir lieber als ein Platz Patientin Erster Klasse hier. … Wenn ich doch plötzlich wieder in Villeneuve sein könnte, was für ein Glück!“ [5]

Die sehnsüchtigen Erinnerungen an Villeneuve sind sicherlich nicht nur Ausdruck einer ihrer Internierung geschuldeten Verklärung. Es gibt dort den wärmenden Kamin, von dem sie in Montdevergues träumt, und es gibt den Vater. Der hätte sich zwar –Provinz- Beamter des Katasterwesens- sicherlich solidere Beschäftigungen für seine Kinder gewünscht, aber er unterstützte rückhaltlos die künstlerische Berufung  Camilles und Pauls. Er akzeptierte es, „dass seine älteste Tochter ihre geballte Energie nicht der Kochkunst, sondern der bildenden Kunst widmete. Zu den ersten Werken seines Sohnes äußerte er sich in Briefen erstaunlich scharfsinnig.“  Paul emanzipierte sich schnell und schlug dann ja auch eine Prestige-trächtige Karriere im diplomatischen Dienst ein, aber Camille nahm unbegrenzt die väterliche Großzügigkeit in Anspruch. „Louis-Prosper Claudel kommt ihr zu Hilfe, so gut er kann, in allen Phasen ihres Lebens, sogar in ihrem Scheitern und ihrem schlimmsten Elend. Finanziell, aber auch emotional lässt er sie nie im Stich, denn er ist sich der Zerbrechlichkeit seiner ältesten Tochter und der äußersten Schwierigkeiten der Karriere, die sie gewählt hat, nur allzu bewusst. …. Er kommt für das Lebensnotwendige auf, ohne jeden Kommentar. Und erst sein Tod wird Camille in die Hölle schicken.“ Camille nannte ihren Vater „Die Eiche von Villeneuve“. Ohne ihn wäre, wie Dominique Bona schreibt, nichts möglich gewesen.[6]

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Und es gibt ihren Bruder Paul, zu dem sie ungeachtet des Altersunterschieds sehr schnell besondere Bande knüpft.[7]  Wie eng die Beziehung zu ihrem Bruder Paul war, zeigt sich auch daran, dass Camille ihren Bruder immer wieder zeichnerisch oder bildhauerisch portraitiert hat. Der detaillierte Werkkatalog von Reine-Marie Paris weist sechs  Zeichnungen und Büsten ihres Bruders zwischen seinem 13. und 42. Lebensjahr auf. Kein anderer Gegenstand hat sie so sehr beschäftigt- selbst nicht Rodin…[8]

Camille Claudel, Mon frère ou jeune Romain (um 1884)  Musée Camille Claudel

Wie intensiv die Beziehung auch dann noch war, als Paul durch seine Tätigkeit im diplomatischen Dienst oft im Ausland war, zeigen die Briefe Camilles an ihren Bruder, in denen sie von ihren künstlerischen Unternehmungen berichtet.

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Hier ein Auszug aus einem Brief vom Dezember 1893,  in dem sie das Projekt der vier Causeuses beschreibt, in dem Brief als „La Confidance“, die Vertraulichkeit, betitelt. (Reproduktion Maison Claudel). Mathias Morhardt, ein zeitgenössischer Bewunderer Camille Claudels, hat das kleine Werk  in einem Beitrag für die Zeitschrift Mercure deFrance  1898 ausführlich gewürdigt und als „prodigieux chef-d’œuvre“ bezeichnet.[9]

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Les Bavardes/Les Causeuses/La Confidence, Ausschnitt (1895) Musée Camille Claudel

Die  Hottée du Diable

La Hottée du Diable ist ein „Felsenmeer“ in der Nähe von Villeneuve und ein Lieblingsziel der beiden Kinder Camille und Paul: Ein die Phantasie anregendes „fabuleux chaos de monstres“, wo Camille die erstaunlichen Skulpturen einer schöpferischen Natur entdeckt.[10]

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Die Hottée du Diable ist in wenigen Autominiuten von Villeneuve aus zur erreichen. Sie liegt an der Straße nach Château – Thierry. Der Parkplatz ist deutlich ausgeschildert.

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  1. Das Musée Camille Claudel in Nogent-sur-Seine

In Nogent-sur-Seine, wohin der Vater versetzt wurde,  wohnte die Familie nur drei Jahre, von 1876 – 1879.  Aber es waren doch entscheidende Jahre. Denn in Nogent  wohnte auch Alfred Boucher, ein Bildhauer, der in Künstlerkreisen bekannt war als Förderer junger Leute. „Zu Beginn des Jahrhunderts versammelte er in einem Pariser Gemeinschaftsatelier namens ‚Arche‘, mit freiem Mittagstisch, etliche von jenen, die später die Pariser Schule bilden sollten: Chagall, Soutine, Modigliani Zadkine und Lipchitz.“ Camilles Vater hatte sich an den prominenten Künstler gewandt, um ihn um eine Beurteilung der künstlerischen Ambitionen seiner Tochter zu bitten. Boucher erkannte ihre außergewöhnliche Begabung. Camille Claudel war  eine seiner ersten Entdeckungen und Boucher wurde Camilles erster Lehrmeister.[11]

Im Museum, dem früheren Wohnhaus der Familie Claudel,  das ursprünglich Alfred Boucher und einem weiteren lokalen Bildhauer gewidmet war,  sind zahlreiche seiner Werke  augestellt.

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Alfred Boucher,  La rêve

2017 wurde dann das neue Museum eingeweiht: Es besteht aus dem Wohnhaus der Familie und einem modernen Anbau, einer insgesamt sehr gelungenen und gerühmten Kombination von alt und neu, entworfen von dem Architekten Adelfo Scaranello.[12]

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Seitdem trägt das Museum den Namen Camille Claudels, und dies sicherlich mit Fug und Recht, weil dort die umfangreichste Sammlung ihrer Werke ausgestellt ist.

Höhepunkt des Museums sind die in einem wunderbaren Ambiente exponierten vier Exemplare der Skulptur La Valse/Der Walzer, dessen erste Fassung 1892, nach dem Bruch Camilles mit Rodin, entstand.

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Ein nacktes, engumschlungenes Paar dreht sich. Der Mann hält die Frau an sich gepresst, sie lehnt an seiner Schulter und überlässt sich ihm in einer so zärtlichen Haltung, das sie ihren ganzen Körper ins Wanken bringt; ohne den Arm des Mannes würde sie fallen. Vom Inspektor des Beaux-Arts aufgefordert, ihre Figuren zu bekleiden oder wenigstens ihre ‚realistischsten Details‘ zu verbergen, hat sich Camille, die von einem schönen Auftrag und damit von einem Stück Marmor für ihre Figuren träumt, Draperien ausgedacht, die ihre Tanzenden umhüllen, ohne sie ganz zu bekleiden. Den Mann lässt sie völlig nackt; die Hüften der bis zur Taille nackten Frau sind unter einer Flut von Stoffen verborgen, die wie Algen aussehen und sie einer Meeresgöttin ähneln lassen. Es ist eine erstaunliche Gruppe voller Bewegung und Sinnlichkeit.“[13]

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Der Musikschriftsteller Robert Godet, ein Freund von Claude Debussy, schrieb über La valse: „Diese Sehnsucht und dieser Schwung, in einem einzigen Rhythmus verschmolzen, der nur schwächer wird, um umso unermüdlicher dahin zu fliegen…“[14] 

Auf dem Klavier Claude Debussys, der mit Camille in dieser Zeit eine kurze Affaire hatte,  stand bis zu seinem Tod ein Bronzeguss von La Valse.

 

 

Die in dem Museum ausgestellten Werke gehörten  überwiegend zur Sammlung von Reine-Marie Paris. Sie hatte die Werke zu einer Zeit erworben, als Camille Claudel nicht mehr bzw. noch nicht wieder eine bekannte Bildhauerin war.

Ein später dazu erworbenes einzigartiges Exponat des Museums ist Camille Claudels Skulptur Perseus und Medusa.  Es ist das  letzte große Werk der Bildhauerin. Die ursprüngliche Fassung aus Ton zerstörte Camille Claudel, aber es gab immerhin eine Kopie aus Marmor, die nun im Museum von Nogent-sur-Seine zu sehen ist.  Hier ein Ausschnitt.

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Das Haupt der Medusa wird gerne als Selbstportrait gesehen:  „Camille Claudel hat mit dieser Skulptur ihr eigenes Schicksal dargestellt: Sie ist Medusa in Form eines Selbstportraits, ein mächtiges Ungeheuer, die durch den Bruch mit Rodin von ihm Geköpfte.  Er lebt weiter, während sie verendet am Boden liegt.“ (14a) Paul Claudel sah in den verzerrten Zügen der Medusa schon die sich ankündigende geistige Verwirrung seiner Schwester…

 

  1. Paris: Camille als Mitarbeiterin und Geliebte Rodins 1883-1893: Das Musée Rodin

Rodin mietete sich 1908 in dem etwas heruntergekommenen Hôtel Biron ein, das bis 1904 Sitz eines katholischen Ordens war und danach – bis zu einer geplanten Nutzung durch den Staat-   zu einer Art Künstlerkolonie wurde. Henri Matisse, Jean Cocteau und die Tänzerin Isadora Duncan wohnten dort zeitweise, ebenso wie die Bildhauerin Clara Westhoff, die Frau Rainer Maria Rilkes. Durch ihn, seinen damaligen Privatsekretär, wurde Rodin auf das Anwesen aufmerksam, das seit 1919 Sitz des Musée Rodin ist.

Camille Claudel hat sicherlich nie das Hôtel Biron betreten: Als Rodin dort ein Atelier einrichtete, war die Beziehung zu Camille längst zerbrochen. Aber es gibt dort seit 1952 einen ihr gewidmeten Saal, in dem wesentliche Werke der Künstlerin versammelt sind. Die Idee, einen solchen Camille Claudel-Saal  einzurichten, wurde schon früh von Mathias Morhardt vorgeschlagen. Rodin war durchaus einverstanden, nicht aber die Familie Claudel. 1952 vermachte dann aber Paul Claudel dem Museum wichtige Werke seiner Schwester, die die Grundlage der Camille-Claudel-Sammlung bilden.

Die erste Begegnung zwischen Camille und Rodin wird gemeinhin auf das Jahr 1883 datiert. Rodin benötigte damals aufgrund seiner zahlreichen Aufträge Gehilfen und Schüler.  Nicht weniger als zwölf Skulpturen Rodins gibt es, für die das Gesicht Camilles als Modell diente, unter anderem die beiden nachfolgend abgebildeten Portraits aus dem Musée Rodin. [15]

      Camille Claudel mit kurzen Haaren (1883/4)  Camille Claudel mit Mütze (ca 1885)

Die beiden wohl berühmtesten Skulpturen Rodins, für die Camille Claudel das Modell war, sind „Der Gedanke“ und „Morgenröte„.

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La Pensée  („Der Gedanke“) von 1886  (seit 1986 im musée d’Orsay,  davor im musée Rodin)  ist eine der Figuren des Höllentors. Die Marmorversion wurde  von einem Mitarbeiter Rodins  aus einem unbehauenen Marmorblock herausgearbeitet- der Meister selbst schuf -anders als Camille Claudel- nur Tonmodelle, die dann in Bronze gegossen oder von Gehilfen in Marmor kopiert wurden.

 

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Auch in der Skulptur Morgenröte (L’Aurore, um 1885) ist das Gesicht Camilles aus dem Marmorblock modelliert und in ihn integriert. Die Skulptur hat Rainer Maria Rilke und Antoine Bourdelle, damals noch einer der Mitarbeiter Rodins, später selbst ein bedeutender Bildhauer,  tief beeindruckt.  „Vom Modell ebenso besessen wie von der Skulptur selbst, vergleicht Bourdelle Camille mit einer Sphinx.“[16]

 

Wie eng gerade auch die künstlerische Beziehung zwischen Rodin und Camille Claudel in dieser Zeit war, zeigen zwei komplementäre Skulpturen der Beiden aus dieser Zeit, nämlich Sakuntala oder Die Hingabe von Camille Claudel (zuerst 1895) und Rodins „Das ewige Idol“ von 1889.

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Rodin, Das ewige Idol 1889 (Musée Rodin)

In einem Liebesbrief, wahrscheinlich aus dem Jahr 1886, fasst Rodin die gegenseitige Hingabe in Worte. Sein Leben, so schreibt er seiner Geliebten, habe  mit ihr eine ganz neue Wendung erhalten:

„Ich küsse dir die Hände, meine Freundin, die du mir einen so erlesenen, feurigen Genuss bereitest;  wenn ich bei dir bin, existiert meine Seele mit aller Kraft, und trotz der heftigen Liebe hat der Respekt vor dir immer Vorrang. Der Respekt, den ich für dich und deinen Charakter habe, meine Camille, Drohe mir nicht und komm zu mir, damit deine so sanfte Hand deine Güte für mich zeigt und überlasse sie mir einige Male, dass ich sie in meiner Erregung küsse. (…) Ich musste dich kennenlernen, und ein ganz unbekanntes Leben begann, meine trübe Existenz loderte in einem Freudenfeuer auf. Danke, denn dir allein verdanke ich den himmlischen Teil, den ich vom Leben erhalten habe.  Lass deine lieben Hände auf meinem Gesicht verweilen, damit mein Fleisch glücklich ist und mein Herz wieder fühlt, wie sich deine göttliche Liebe erneut ausbreitet. (…) Ach! Göttliche Schönheit, Blume, die spricht und liebt, kluge Blume, mein Liebling. Meine Geliebte, ich knie vor dir und umklammere deinen schönen Körper.“ [18]

Und Camille Claudel?  Als Gehilfin Rodins  arbeitete sie mit an dem gewaltigen Höllentor (im Park des Rodin-Museums),  wobei ihr Rodin besonders die Ausführung von Händen übertrug. Da Hände für Rodin ja eine ganz besondere Bedeutung hatten, ist dies als Ausdruck besonderer Wertschätzung zu sehen.

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Auch beim Ausmodellieren von Händen und Füßen der „Bürger von Calais“ wirkte Camille Claudel wesentlich mit. (16a)

Aber Camille konnte neben den Arbeiten für Rodin auch an eigenen Werken arbeiten: So  fertigte  sie von ihrem Meister und Geliebten eine Büste an:

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Camille Claudel, Büste von Rodin (1888) Musée Rodin und Musée du Petit Palais Paris

Diese Büste stellt Rodin unverschönt dar: Mit einem Vollbart, der den unteren Teil des Gesichts überwuchert, eine ungeschlachte, wilde, Energie und Autorität ausstrahlende Erscheinung. Rodin mochte seine Büste; ein monumentales Werk, das alle anderen in dieser Zeit geschaffenen Büsten Camilles überrage, schrieb Bruder Paul. Hier drücke sich eine leidenschaftliche Seele aus, und abgebildet sei „ l’animal humain“.[17]

Sakuntara ist die erste große Skulptur Camille Claudel und gewissermaßen das frühere Gegenstück zu Rodins „Das ewige Idol“.  Die Figurengruppe und ihr Titel beziehen sich auf ein Werk der klassischen indischen Literatur: Ein König verliebt sich in Sakuntara, ein Mädchen aus einer Einsiedelei, und heiratet sie trotz dieser Hürde. Durch Schicksalsschläge werden sie voneinander getrennt, aber am Ende siegt dann doch die Liebe….

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Sakuntala, Die Hingabe. Musée Rodin (Marmorfassung aus dem Jahr 1905, Ausschnitt)   Es gibt Versionen in verschiedenen Materialien und Größen und mit verschiedenen Bezeichnungen. ( auch Vertumnus und Pomona und  L’Abandon) 

In der Beziehung zwischen Rodin und Camille Claudel allerdings siegte die Liebe nicht: Rodin sah sich außerstande, sein Heiratsversprechen einzuhalten- er konnte bzw. wollte sich dann doch nicht von seiner langjährigen Partnerin Rose Beuret trennen.

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Camille Claudel hat dieses Beziehungsdrama in ihrer Figurengruppe L’Âge mûr verarbeitet. Eine junge Frau versucht auf Knien, ihren vom Alter gezeichneten Geliebten zurückzuhalten. Die ausgestreckten Hände  der jungen Frau berühren nicht mehr den leicht nach hinten gerichteten linken Arm des Mannes, der in Begleitung einer alten Frau davon geht: Man kann in der jungen Frau Camille Claudel sehen, in dem älteren Mann Rodin und in der alten Frau an seiner Seite seine karikiert dargestellte Lebensgefährtin Rose Beuret. Der  Bruch der Liebes- und Arbeitsbeziehung zwischen Camille Claudel und Rodin ist vollzogen.

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August Rodin, L’Adieu  (Musée Rodin)

Es wäre falsch und einseitig, darin nur die Schuld Rodins zu sehen. Camille Claudel wollte eine eigenständige Künstlerin sein und nicht nur als Mitarbeiterin Rodins angesehen werden. Wie sehr auch Rodin unter der Trennung gelitten hat, wird aus der Collage deutlich, die er von dem Kopf der jungen Camille mit den kurzen Haaren und den beiden Händen herstellte- Hände, die vielleicht in glücklichen Tagen von Camille selbst modelliert worden waren…

  1. Das Château de l‘Islette in der Touraine

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In Künstlerkreisen war die Beziehung zwischen Rodin und Camille Claudel, die vom Alter her gut auch seine Tochter hätte sein können, kein Geheimnis. Gegenüber seiner langjährigen Lebensgefährtin Rose Beuret hielt Rodin sie aber geheim, ebenso wie Camille Claudel gegenüber ihrer Familie.  Deshalb war es für die beiden ein großes Glück, dass es als Ort ihrer „kleinen Fluchten“ das Schloss Islette gab, das Rodin bei einer Reise zu den Schlössern der Loire entdeckt –und gezeichnet- hatte.

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Kopie einer Zeichnung Rodins aus dem Musée Rodin im Château de l‘Islette

Das Schloss liegt in einem großen Park an dem Flüsschen Indre in der Nähe von Azay-le-Rideau, gewissermaßen eine bescheidenere, intimere Version des dortigen Schlosses.

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Die ehemalige Mühle des Schlosses, heute ein sehr sympathisches Café

Hier brauchten Rodin und Camille Claudel wenigstens den Sommer über ihre Liebe nicht zu verbergen. 1889, 1890 und 1892 halten sie sich gemeinsam dort auf, 1894 ist Camille alleine dort – wahrscheinlich um sich dort von den Folgen einer Abtreibung zu erholen.[19]

Das Schloss erinnert heute gerne an die Zeit, in der es Schauplatz der amours tumultueuses der  beiden großen Bildhauer Camille Claudel und Auguste Rodin war.

Salle des Gardes Parterre

Buffet aus dem Wachensaal (salle des gardes) im Erdgeschoss des Hotels.

Dieser Saal ist heute Camille Claudel und Rodin gewidmet. Gezeigt werden Fotos und vor allem Abdrucke von Briefen aus dem Musée Rodin, die einen Bezug zum Schloss und zur Liebesbeziehung der beiden Bildhauer haben.

Islette  bezeichnet sich als „Le château des amours de Camille Claudel et Rodin“  -gewissermaßen ein Alleinstellungsmerkmal unter den vielen Schlössern der Loire. [20]

Zimmer Camilles im westlichen Turm heute Schlafzimmer der besitzer (8)

Ehemaliges Schlafzimmer Camille Claudels, heute Schlafzimmer der Besitzer des Hotels

Auf der homepage des Schlosses findet sich dieses Zitat aus dem  einzig erhaltenen Liebesbrief Camilles an Rodin, der auch zum Abschluss der Schlossführungen vorgelesen wird:

„Sie können sich nicht vorstellen, wie angenehm es ist in Islette. Heute habe ich im mittleren Saal gegessen (der als Treibhaus dient, und wo man auf beiden Seiten in den Garten sieht.) (…) Ich bin im Park spazieren gegangen, alles ist abgemäht, Heu, Weizen, Hafer, man kann ringsherum gehen, sehr reizvoll. Sollten Sie Ihr Versprechen wirklich wahrmachen- es wäre das Paradies. Einen Arbeitsraum dürften Sie sich bestimmt aussuchen. Ich bin sicher, die Alte wird Sie vergöttern. Sie schlug mir vor, doch auch im Fluss zu baden, wie ihre Tochter und das Kindermädchen; es soll völlig gefahrlos sein. Wenn Sie gestatten- ich werde es tun. (…) Ich schlafe splitternackt; dann träume ich, Sie seien hier; doch wenn ich aufwache, ist alles ganz anders. Betrügen Sie mich ja nicht mehr.“[21]

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Islette ist für Camille Claudel und Rodin nicht nur ein Ort  des Glücks, sondern auch schöpferischer Arbeit.

Rodin hatte 1891 den Auftrag für eine Balzac-Statue erhalten  und  reiste unter dem Vorwand dorthin, eine Balzac ähnliche Physiognomie suchen zu müssen. Die fand er in Gestalt eines Chauffeurs aus Azay-le-Rideau namens Estager, dessen Ähnlichkeit mit Balzac verblüffend gewesen sein soll.

modell für Balzac- Statue

 

 

Da Rodin mit nackten Modellen arbeitete –und auch die Balzac-Statue sollte ja den Romancier in seiner Nacktheit zeigen-  musste er  einen Louis d’or pro Sitzung bezahlen, um den biederen Fuhrmann dazu zu bewegen, sich zu entblößen –  immerhin war der Ausgleich für ihn ein kleines Vermögen.

 

 

Als Atelier Rodins und Camille Claudels diente der große Salon im ersten Stock des Schlosses.

Salon im 1. Stock diente Rodin als Atelier

Auf dem Tisch vor dem Kamin steht heute eine Bronze- Version der Petite Châtelaine, (Das kleine Schlossfräulein), ein entzückendes Werk Camille Claudels,  für das die Enkelin der damaligen Besitzerin, Madame Courcelles,  als Modell diente.

Petite Chatelaine

 

 

Eine der verschiedenen Fassungen befindet sich im Musée Rodin, zwei weitere im Musée Camille Claudel. Eine weitere lange verschollene Version wurde Anfang der 1980-er Jahre „von einem Kunstliebhaber bei einer Versteigerung zum Preis von 100 Francs erworben, da es aufgeführt war als eine belanglose Marmorplastik ‚eines gewissen Claudel.‘“[22]

 

 

 

Mathias Morhardt wusste es 1898 schon besser:

« Il y a … dans la disproportion même de cette tête déjà trop puissante, déjà trop vivante, déjà trop ouverte sur les mystères éternels et les épaules délicatement puériles qu’elle découvre, quelque chose d’indéfinissable qui communique une angoisse profonde … Le buste prouve …  que Mlle Camille Claudel est désormais un maître … » [23]

 

  1. Paris: Das Atelier auf der Île Saint – Louis (1899-1913)

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Das Hôtel de Jassaud, 19 quai de Bourbon

In dem oben zitierten Brief Camilles ist von einem Versprechen Rodins die Rede: „Sollten Sie Ihr Versprechen wirklich wahrmachen- es wäre das Paradies“. Camille Claudel bezieht sich dabei auf das Heiratsversprechen, das Rodin ihr 1886 gegeben, aber dann nicht eingehalten hatte. Er konnte und wollte sich dann doch nicht von seiner langjährigen Lebensgefährtin Rose Beuret trennen, die er kurz vor seinem Tod noch heirate.[24] Allerdings ist es wohl zu einfach, in Rodin den allein Verantwortlichen für die Trennung und den Bruch zu sehen. Sicherlich war Rodin es gewohnt, bei seinen Modellen –so auch bei Camille- ein ius primae noctis in Anspruch zu nehmen, und sicherlich ließ er Gehilfen -wie damals durchaus üblich- für sich arbeiten. Aber dass die Beziehung zu Camille für ihn einen besonderen Rang hatte, ist wohl unbestreitbar und wird ja auch in dem berühmten Ausspruch deutlich, den Mathias Morhardt in seinem Aufsatz  von 1898 zitierte:

„Je lui ai montré où elle trouverait l’or; mais l’or quelle trouve est à elle“. (Ich habe ihr gezeigt, wo sie Gold finden kann. Aber das Gold, das sie findet, gehört ganz alleine ihr)

Für Camille Claudel hätte eine Ehe mit Rodin einen gesicherten gesellschaftlichen und ökonomischen Status bedeutet, andererseits aber wohl auch eine Einschränkung ihrer Selbstständigkeit. Sie empfand es als verletzend, immer nur als Schülerin Rodins angesehen zu werden, nicht aber als eigenständige Künstlerin.  Insofern bedeutete die Trennung von Rodin das Eingeständnis, dass mit ihm eine Beziehung „auf Augenhöhe“ nicht möglich war, es war ein potentieller Akt der Emanzipation, der allerdings in einer Sackgasse endete.  Und sicherlich lag hier ein auslösendes Moment für die Erkrankung Camille Claudels, ihre wahnhaften Ängste und für „die morbide Intensität“ ihres Hasses gegen Rodin.[25]

In dem eigenen Atelier, das sie 1899 auf der Île Saint-Louis bezog,  verbarrikadierte sie sich aus Angst vor Verfolgungen durch „Rodins Bande“,  Beziehungen zu Freunden brach sie ab. Seit 1905 zerstörte sie systematisch ihre Skulpturen. „Es ist nicht abwegig, daraus zu schließen, dass sie damit sich selbst vernichten und alles zerstören wollte, was Rodins Einfluss oder gar Gegenwart ahnen ließ, alles, was sie erinnern konnte an die Zeit gemeinsamen Arbeitens.“[26]

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Camille Claudel lebte und arbeitete im Erdgeschoss dieses Hauses von 1899 bis 1913. In diesem Jahr endete ihre kurze Laufbahn als Künstlerin und es begann die lange Nacht der Internierung.  „Es gibt immer etwas Fehlendes, was mich umtreibt“ (Brief an Rodin 1886)

Dies der Text der Erinnerungsplakette am Eingang des Hôtel de Jassaud am quai de Bourbon. Der Eingang zum Atelier war allerdings eher unscheinbar in der engen Seitenstraße. (26, rue Le Regrattier). Dass die Plakette am repräsentativen Haupteingang  befestigt ist, täuscht über die prekäre Lage Camille Claudels in dieser Zeit hinweg.

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Hier im Hof  befand sich das Atelier Camille Claudels

Sie hatte erhebliche finanzielle Sorgen, nur gemildert durch die (heimlichen) Zuwendungen ihres Vaters. Aus Angst vor den Leuten Rodins, die es angeblich auf sie und ihre Werke abgesehen hatte, verbarrikadierte sie sich in ihrem Atelier, hauste dort -angefeindet von ihren Nachbarn- inmitten von Gerümpel und Unrat, und als wäre das nicht genug, setzte dann auch noch die Jahrhundertflut von 1911 alles unter Wasser. Aber der Weg zurück zur Familie nach Villeneuve-sur-Fère war ihr verwehrt: Dort war sie, zurückgewiesen von Mutter und Schwester,  persona non grata. Und ihr Bruder Paul, der ihr vielleicht noch eine Stütze hätte sein können,  war meist als Diplomat auf fernen Missionen. Wie sehr er ihr fehlte, wird wohl auch daran deutlich, dass zu den wenigen Werken, die aus dieser Zeit erhalten sind, zwei Büsten Pauls im Alter von 37 und 42 Jahren gehören.

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Paul im Alter von 37 Jahren. Musée Camille Claudel Nogent

 

  1. Das Asyl von Montdevergues und das Grab auf dem Friedhof von Montfavet

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Am 3. März 1913 stirbt Louis-Prosper Claudel, der Vater Camilles und ihr familiärer Rückhalt. Eine Woche später wird Camille gewaltsam aus ihrer Wohnung geholt und in einem Heim für psychisch-Kranke in Ville-Évrard bei Paris interniert. Deren Insassen werden nach Ausbruch des Krieges im September 1914 nach Montdevergues bei Avignon evakuiert, vermutlich um das Heim als Lazarett nutzen zu können.  „Merkwürdig ist, dass Camille, die aufgrund der deutschen Invasion nach Montdevergues verlegt worden war, nicht nach Ville-Evrard zurückgeholt wurde, was normal gewesen wäre. Alle aus denselben Gründen evakuierten Personen waren in ihre frühere Anstalt zurückgekehrt. Dafür gibt es nur eine Erklärung: die Gleichgültigkeit der Mutter, was das Schicksal der Tochter anbetraf, oder gar das Drängen der Mutter die Tochter von Paris fernzuhalten.“[27]

Wie die Zustände in dem Asyl von Montdeverges waren und wie sehr Camille Claudel darunter gelitten hat, wir aus ihren Briefen deutlich, zum Beispiel einem an ihren Bruder aus dem Jahr 1927:

Hier müssen … alle Arten von gräßlichen, gewalttätigen, kreischenden, drohenden Kreaturen in Schach gehalten werden. … All das schreit, singt, grölt von morgens bis abends und abends bis morgens. Es sind Kreaturen, die ihre Verwandten nicht mehr ertragen können, weil sie so widerwärtig sind. Doch wie kommt es, dass ich gezwungen bin, sie zu ertragen. Ganz zu schweigen von den Unannehmlichkeiten, die aus einer solchen Promiskuität entstehen. Das lacht, das wimmert, das plappert Geschichten von früh bis spät, mit Einzelheiten, die sich alle ineinander verheddern! Und da mitten drin zu sein, ist so peinvoll, Ihr musst mich rausholen aus diesem Milieu, denn heute sind es vierzehn Jahre, dass ich eingesperrt bin! Ich fordere lautstark die Freiheit!“[28]

Dazu kam im Winter die Kälte: In ihrem Zimmer sei es so kalt, dass sie den Stift nicht halten könne. Sie sei „bis auf die Knochen“ gefroren. Eine ihrer Freundinnen, eine ehemaligen Gymnasiallehrerin, die in dem Asyl gestrandet sei, habe man in ihrem Bett tot aufgefunden. Man könne sich keine Vorstellung machen von der Kälte von Montedvergues. Und die dauere sieben Monate.[29]

Während des Krieges verschlimmerte sich die Lage in dem Asyl noch ganz erheblich. Zwischen 1940 und 1943 wandte sich die Direktion des Hauses mehrfach an die zuständigen Instanzen, wies auf die schlimme Lage hin und bat um Verbesserungen. Die Antwort war eindeutig: Es gäbe interessantere Kranke als die des Asyls. Im August 1943 stellte der Direktor von Montdevergues resignierend fest, seine Patienten verhungerten buchstäblich.[30] Camille Claudel war damit eine von mehreren Zehntausenden psychisch Kranken, die aufgrund einer auch in Frankreich verbreiteten Eugenik der vom Pétin-Regime praktizierten „extermination douce“ zum Opfer fielen.[31]

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Bestattet wurde Camille auf dem Teil des Friedhofsgeländes von Montfavet, der für die Toten von Montdevergues reserviert war. Über dem Grab gab es ein Kreuz mit der Aufschrift  „1943 – n° 392“.  Wie die Anstaltsleitung dem Bruder lakonisch mitteilte, gab es zum Zeitpunkt ihres Todes keinerlei persönliche Gegenstände, „même à titre de souvenir.“  Und als die Familie schließlich auf die Idee kam, dass Camille ein Grab erhalten sollte, „plus digne de la grande artiste quelle était“, erhielt sie die Auskunft, das Grab existiere nicht mehr, weil das Terrain „pour les besoins de service“ benötigt worden sei. Da waren die sterblichen Überreste Camilles also längst in einem Massengrab verscharrt.[32]

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Inzwischen gibt es aber an dieser Stelle eine Stele, die an Camille Claudel und die 30 Jahre erinnert, die sie in Montdevergues „interniert“ war. Als wir im Sommer 2019 dort waren, fuhr ein älterer Herr mit dem Fahrrad  vorbei, der mehrmals, kaum uns zugewandt,  laut vor sich hinsagte: “30 ans d’internement! 30 ans d’internement!“ Das berührte ihn offenbar ganz persönlich.

Camille Claudel hat in den Jahren ihrer Internierung nichts mehr geschaffen. Aber sie denkt zurück an das Villeneuve ihrer Jugend, „das auf der Welt nicht seinesgleichen hat“ und sicherlich dabei auch an den wärmespendenden Kamin im Wohnzimmer des Hauses.  Eine ihrer letzten Skulpturen ist „Rêve au coin du feu“,  eine am Kamin sitzende Frau, die ins Feuer blickt.

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Traum am Kaminfeuer (1900/1902) Musée Camille Claudel

Paul Claudel schrieb dazu 1940: „Une femme assise et qui regarde le feu, c’est le sujet d’une des dernières sculptures de ma pauvre sœur, la conclusion de sa douloureuse existence. (…)  Une femme assise et étroitement enveloppée dans son châle, assise et qui regarde le feu. Elle est bienheureusement assise et toute seule, il n’y a personne, tout le monde est mort ou c’est la même chose. Il pleut violemment au dehors, une lamentation intarissable de toute la terre.“ [33]

DSC05479 Camille Claudel Villneuve sur Fere (29)

Vor dem Kamin in Villeneuve steht heute die Skulptur  „L’implorante“ (Die Flehende). Ursprünlich Teil von „L’Âge mûr“, wurde sie 1894 unter dem Titel „Le Dieu envolé“ (Der entflogene Gott) separat ausgestellt.   Paul Claudel beschrieb sein Entsetzen beim Anblick der Skulptur so:

Das nackte Mädchen ist meine Schwester! Meine Schwester Camille, flehend, gedemütigt und auf den Knien: diese wunderbare, stolze junge Frau stellt sich auf diese Weise dar.“[34]

 Und Reine Marie Paris, die Großnichte Camilles, schreibt dazu:

„Eine junge Frau sucht mit flehender Gebärde die fliehende Realität anzuhalten. Was wollen sie festhalten, diese übermäßig langen Arme? Nicht so sehr den Geliebten, der sich entfernt, sondern das eigene Leben, das sich entzieht“, die eigene Identität, „die ihr zu entgleiten drohte“ und die ihr schließlich ja auch entglitt…. [35]

 

Literatur:

Reine-Marie Paris/Philippe Crescent, Camille Claudel, Intégrale des œuvres/complete works. Paris: Ed. Economica 2014

Camille Claudel, Correspondance. Édition d’Anne Rivière et Bruno Gaudichon. Paris: Gallimard 2014

Über Camille Claudel in deutscher Sprache:

Dominique Bona, Camille und Paul Claudel. München:  Btb-Verlag 2010

Anne Delbée, Der Kuss. Kunst und Leben der Camille Claudel. Btb 20038 . (deutsche Ausgabe von: Anne Delbée, Une Femme. Paris: Fayard  1998 , Le Livre de Poche, 5959)

Reine-Marie Paris, Camille Claudel 1864 – 1943. Deutsch von Annette Lallemand. Frankfurt: S. Fischer 9. Auflage 2007

In französischer Sprache:

Hélène Pinet et Reine-Maris Paris, Camille Claudel. Le génie et comme un miroir. Paris: Gallimard 20

Michel Deveaux, Camille Claudel à Montdevergues. Histoire d’un internement. (7 septembre 1914 – 19 octobre 1943) Paris: L’Harmattan 2012

Antoinette Le Normand-Romain, Camille Claudel & Rodin. Herman Éditeurs/musée Rodin 2014

Véronique Mattiussi und Mireille Rosambert-Tissier, Camille Claudel, une femme insoumise. Idées reçues 2014

Reine-Marie Paris,  Chère Camille Claudel. Histoire d’une collection. Paris: Ed. Economica 2012

 

Anmerkungen:

[1]   Siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2019/09/06/10-jahre-singen-in-paris/

[2] Reine-Marie Paris, Camille Claudel, S. 9 und Paul Claudel, Ma sœur Camille. Zit. von Dominique Bona, S. 44

[3] Mitarbeiterin des Drehbuchs war Reine-Marie Paris, die Großnichte Camille Claudels, die wesentlich dazu beigetragen hat, dass das Werk Camille Claudels heute (wieder) bekannt und anerkannt ist.

Isabelle Adjani hat in einem Interview mit Le Monde (17. Dezember 2019, S. 26) übrigens darauf hingewiesen, dass Camille Claudel eine ganz wichtige Rolle für ihre eigene persönliche Entwicklung gespielt hat: „C’est son courage qui m’a donné du courage.“

[4] Bona, S. 20

[5] Cit. bei Reine-Marie Paris, S. 136f Original bei Delbée, S. 34:

„… mon rêve serait de regagner tout de suit Villeneuve et de ne plus bouger, j’aimerais mieux une grange à Villeneuve au’une place de première pensionnaire ici…  Quel bonheur si je pouvais me retrouver à Villeneuve. Ce joli Villeneuve qui n’a rien de pareil sur la terre! …“

[6] Reine-Marie Paris, S. 23 und Bona, S. 34/35

[7] Bona, S. 28

[8] Siehe auch: https://www.paul-claudel.net/oeuvre/sculpture

[9] Der Artikel ist in Auszügen abgedruckt bei Delbée, S. 473ff

[10] Flyer: Sur les pas de Camille et Paul Claudel.  La Hottée du Diable  ist wenige Autominuten von Villeneuve entfernt: Über die D 79 zur D 310 Richtung Château—Thierry.  Kurz nach der Einbiegung in die D 310  ist auf der rechten Seite der Parkplatz beschildert.

[11] Reine-Marie Paris, Camille Claudel, S. 208

[12] http://www.pavillon-arsenal.com/fr/paris-dactualites/10895-musee-camille-claudel.html

[13] Bona, Camille und Paul Claudel, S. 174/175

[14] Zitiert in: https://de.wikipedia.org/wiki/La_Valse_(Claudel)

(14a) Heike Fischer-Heine, „Da ist immer etwas Abwesendes, das mich quält…“  Verfolgt vom Bösen- Kreativität und Wahnsinn der Bildhauerin Camille Claudel (1864-1943). In: Pit Wahl/Ulrike Lehmkuhl (Hrsg), Die Magie des Bösen. Göttingen 2012, S. 90

[15] Bona, Camille und Paul Claudel, S. 110f

[16] Bona, S. 111

(16a)  https://www.art-directory.de/malerei/camille-claudel-1864/

[17] Paul Claudel, Ma sœur Camille, 1951 und Bona, Camille und Paul Claudel, S. 116

[18] Übersetzung aus dem im Château de l’Islette ausliegenden Heft mit den dort ausgestellten Briefen Rodins und Camille Claudels. Original zugänglich bei: https://www.vanityfair.fr/culture/people/diaporama/les-plus-belles-lettres-damour-de-tous-les-temps/24960?page=2

[19] Siehe Bona, Camille und Paul Claudel, S. 167

[20] https://www.chateaudelislette.fr/

[21] Brief vom 25. Juni 1892, Archiv des Musée Rodin. Zitiert bei Reine-Marie Paris, Camille Claudel, S. 39

Camille Claudel war damals allein in Islette, möglicherweise um sich von einer Fehlgeburt oder Abtreibung zu erholen.  Nach der Einschätzung von Reine-Marie Paris steckt der Brief allerdings voller Ambivalenzen- zum Beispiel, wenn  CC Rodin bittet, ihr für das Bad im Fluss ein Badekleid z.B. im Bon Marché in Paris zu besorgen: Einen schon älteren, wohlbeleibten Herren zu beauftragen, ein damals so intimes Kleidungsstück zu kaufen, sei schon eine Zumutung gewesen.

[22] Zit. aus Reine-Marie Paris, Camille Claudel, S. 360

[23] Zit. auf der Homepage des Schlosses

https://www.chateaudelislette.fr/

[24] Brief Rodins an Camille Claudel vom 12. Oktober 1886, der den Charakter einer rechtlich bindenden Selbstverpflichtung hat. Darin heißt es unter anderem: „Nach der Ausstellung im >Monat Mai fahren wir nach Italien und bleiben dort mindestens sechs Monate, der Beginn einer unverbrüchlichen Verbindung, nach der Fräulein Camille meine Frau wird.“

Siehe dazu auch Bona, Camille und Paul Claudel, S. 163f

[25] Siehe Reine-Marie Paris, Camille Claudel, S. 53  und S. 75

[26] François Lhermitte nd Jean-François Allilaire, Camille Claudels psychische Krankheit. In: Reine-Marie Paris, Camille Claudel, S. 161

[27] Lhermitte/Alliaire, Camille Claudels psychische Krankheit. A.a.O., S. 169

[28] Brief an Paul Claudel vom 3. März 1927. Zitiert bei Reine-Marie Paris, Camille Claudel, S. 137

[29] Zit. Bei  Delbée, S. 323

[30] https://www.midilibre.fr/2013/03/13/vichy-est-responsable-de-la-mort-de-camille-claudel,659049.php

[31] Siehe:  Der Begriff der Extermination douce geht zurück auf ein Buch von Paul Lafont aus dem Jahr 1987. Siehe: Extermination douce.  La Cause des fous.  40000 malades mentaux morts de faim dans les hôpitaux sous Vichy. https://www.cairn.info/revue-vie-sociale-et-traitements-2001-1-page-45.htm#  Siehe auch: https://fr.wikipedia.org/wiki/Extermination_douce

[32] Zitat wiedergegeben bei Delbée, Une femme, S. 465/466

[33] Siehe dazu Paul Claudel, Assise et qui regarde le feu  (1940) Schautafel im Musée Camille Claudel

[34] Rachel Corbett, Rilke und Rodin. Die Geschichte einer Freundschaft. Berlin: Aufbau-Verlag 2017, S. 73

[35] Reine-Marie Paris, Camille Claudel, 324/325. Reine-Marie Paris weist darauf hin, dass diese Skulptur meist in die Gruppe „Das reife Alter“ eingefügt ist, dass diese „allzu augenfällige Allegorie“ allerdings dadurch an Ausdruckskraft verliere, nämlich die sich darin ausdrückende „panische Angst“ Camille Claudels vor allem, was sich entziehe, vor allem ihrer eigenen Identität, „die ihr zu entgleiten drohte“.

 

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