Der Hartmannswillerkopf, das französische Nationaldenkmal und das deutsch-französische Historial zum Ersten Weltkrieg

Rund um den 956 Meter hohen, im südlichen Elsass gelegenen Hartmannswillerkopf starben im Ersten Weltkrieg etwa 30 000 deutsche und französische Soldaten.[1] Er wurde deshalb auch der „Menschenfresserberg“ genannt.  Im Vergleich mit den großen Schlachtfeldern der Westfront um Verdun, in der Champagne und an der Somme mögen diese Opferzahlen zwar  gering erscheinen und der Hartmannswillerkopf war ja auch nur ein sogenannter Nebenkriegsschauplatz.  Aber die Kämpfe um diesen Berg waren aufgrund seiner symbolischen und zum Teil auch strategischen Bedeutung, der extrem schwierigen topographischen Gegebenheiten und dem  ganz außergewöhnlichen Einsatz beider Seiten besonders intensiv und spektakulär. Zwischen Dezember 1914 und Januar 1916 gab es eine Welle von Angriffen und Gegenangriffen. Acht Mal wechselte der Gipfel den Besitzer. Auch die Bombardierungen durch die französische und die deutsche Artillerie  waren  heftig: An einem einzigen Tag, dem 21. Dezember 1915, wurden beispielsweise von der französischen Artillerie 250 000 Granaten abgefeuert. So wurde der  umliegende Wald nach und nach in eine Mondlandschaft verwandelt. Keine Seite war aber bereit, dem Gegner den Berg zu überlassen.  General Joffre, bekannt als Vertreter eine bedingungslosen  Offensive „coute que coute“, gab  die Losung aus: „Der Hartmann muss zurückerobert werden“, während der deutsche General Gaede verkündete: „Ich halte Wache über den Rhein“.[2]

Über 100 Jahre nach den Kämpfen ist ein Besuch des ehemaligen Schlachtfeldes äußerst eindrucksvoll. Immerhin sind dort noch etwa die Hälfte der ursprünglich 6000 Unterstände und 90 Kilometer Schützengräben erhalten, die man zum Teil auf einem ausgeschilderten Geschichtsparcours besichtigen kann. Weiterhin gibt es das  französische Nationaldenkmal aus dem Jahr 1932, den französischen Soldatenfriedhof und schließlich das neue deutsch-französische „Historial“, das 2017 von den Präsidenten Macron und Steinmeier eingeweiht wurde. Insofern  ist der Hartmannswillerkopf nicht nur „ein weltweit einzigartiger Zeuge eines Schlachtfelds aus dem Ersten Weltkrieg im Mittelgebirge[3], sondern auch ein eindrucksvolles Zeugnis der deutsch-französischen Beziehungen von der „Erbfeindschaft“ zur Freundschaft.

In einem Faltblatt der Gedenkstätte heißt es dazu (in der deutschen Version):

Die 2008 begonnene und 2012 abgeschlossene Restaurierung des nationalen Denkmals am Hartmannsweilerkopf, die Umsetzung bis 2014 eines inszenierten Parcours durch das einstige Schlachtfeld sowie die Konstruktion bis 2015 eines französisch-deutschen Museums verfolgen ein und dasselbe Ziel: Das Fortbestehen der Erinnerungspflicht gegenüber den Soldaten beider Länder, die ihr Leben im Ersten Weltkrieg geopfert und so das Fundament und ein bedeutendes Symbol für die französisch-deutsche Versöhnung gelegt haben- eine französisch-deutsche Freundschaft, die heute Realität ist.“

Diese Formulierung ist ehrenwert, für mich aber ein Versuch der „Sinngebung des Sinnlosen“. Ich weiß nicht, ob die vielen Toten des Hartmannswillerkopfs tatsächlich alle „ihr Leben geopfert“ haben, was ja impliziert, dass es sich um einen bewussten, freiwilligen Akt für ein höheres Gut handelte- so wie es der nachher vorgestellte heroische  Altar des Nationaldenkmals nahe legt.  Und dass die hier getöteten Soldaten  „ein bedeutendes Symbol für die französisch-deutsche Verständigung gelegt haben“ ist, wie ich finde, nicht  nur grammatisch schief. Das grauenhafte gegenseitige Gemetzel am „Menschenfesserberg“ war sinnlos,  und die beteiligten Soldaten hatten sicherlich alles andere im Kopf als „die französisch-deutsche Versöhnung“. Richtig ist allerdings, und das macht die Gedenkstätte am Hartmannswillerkopf so bedeutsam, dass die grauenhaften Kriege des 20. Jahrhunderts eine wesentliche Grundlage nicht nur für die deutsch-französische Aussöhnung, sondern auch für den europäischen Einigungsprozess waren. Für die Generationen, die den Krieg und die unmittelbare Nachkriegszeit noch erlebt  haben, war das „nie wieder“ eine entscheidende Motivation. Für die nachfolgenden Generationen ist das anders. Das gibt einer Gedenkstätte wie dem Hartmannswillerkopf eine besondere Bedeutung und einen pädagogischen Auftrag.

 

1. Das französische Nationaldenkmal  und der französische Soldatenfriedhof

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Das „Monument national du Hartmannswillerkopf“ ist – neben Douaumont/Verdun, Dormans an der Marne und Notre-Dame-de-Lorette in Flandern eines der vier nationalen französischen Denkmäler, die an den Ersten Weltkrieg erinnern.  Es besteht aus drei Teilen: Einer Krypta, darüber einem weiten Platz mit einem republikanischen Altar und dahinter einem  Friedhof für etwa 12000 am Hartmannswillerkopf gefallene französische Soldaten.

Von der Straße, der route des crêtes,  aus führt ein Weg zu dem Nationaldenkmal, der an einen Schützengraben erinnern soll.

Den Eingang zur Krypta flankieren zwei von Antoine Bourdelle gestaltete „geflügelte Siegesgöttinnen“.[4]

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Über dem Eingang wurde die nationale Inschrift „Ici reposent des soldats morts pour la France“ mittlerweile durch die neutrale Gravur „1914 Hartmannswillerkopf 1918“ ersetzt. Diese Namensgebung ist bemerkenswert: Der französische Name für den Ort ist „Vieil Armand“, der deutsche „Hartmannsweilerkopf“. „Hartmannswillerkopf“ ist der elsässische Name,  dessen Auswahl  dem neuen Geist dieses Erinnerungsortes entspricht.

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Im Eingangsbereich zur Krypta werden an den Wänden die verschiedenen französischen Einheiten genannt, die an den Kämpfen um den Hartmannswillerkopf teilgenommen haben. Hier sind es unter anderem eine Skifahrerkompanie und Versorgungseinheiten mit Maultieren, die bei der Heranführung von Nachschub für die auf dem Berg stationierten Truppen eine wichtige Rolle spielten. Heute sind darunter auch Tafeln mit den Namen der deutschen Einheiten aufgestellt.

 

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In der Mitte der Krypta befindet sich ein riesiger Grabdeckel mit einer ewigen Flamme und der Aufschrift Patrie/Vaterland. Darunter ruhen mehrere tausend unbekannte Soldaten.  

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Darum sind drei Altäre gruppiert, der mittlere für Katholiken, der auf der linken Seite für Protestanten und der rechte für Juden. Als im zweiten Weltkrieg deutsche Soldaten die Anlage sprengen wollten –die dafür notwendigen Löcher für die Sprengsätze waren schon gebohrt- wurden sie darauf hingewiesen, dass unter den hier bestattetem Überresten unbekannter Soldaten es sicherlich auch deutsche Soldaten gäbe. Dem verdankt das Nationaldenkmal seine Erhaltung.

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Über der Krypta befindet sich ein riesiger republikanischer Altar mit den Wappen großer französischer Städte- ein repräsentativer Ort für heroische Gedenkfeiern im Angesicht der Nekropole am Berghang und dem umkämpften Berggipfel.[5]

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Auf dem zwischen 1921 und 1926 geschaffenen Friedhof sind etwa 12 000 französische Soldaten bestattet- zum Teil, wenn sie nicht mehr identifizierbar waren,  in  Gemeinschaftsgräbern, sonst in  mit Kreuzen bezeichneten Einzelgräbern mit Angabe des Namens, der Einheit und des Todesdatums des Gefallenen. Manchmal  fehlen auch die Angabe von Einheit und Todesdatum, wenn die nicht mehr festzustellen waren.

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Immer allerdings sind die Kreuze mit der  Aufschrift „Mort pour la France“ versehen.

Die deutschen Opfer des „Todesberges“ hatten natürlich nicht die Ehre, in dieser nationalen Nekropole bestattet zu werden. Die gefallenen „Boches“, deren Überreste nicht in ihre Heimat zurückgebracht wurden,  bestatteten die Franzosen am Rand/außerhalb des in der Nähe gelegenen Ortes Cernay. Insgesamt ruhen dort 7085 deutsche Gefallene des Ersten Weltkriegs.[6] Der Platz für den Friedhof –früher wohl auf freiem Feld, heute in einem hässlichen Industriegebiet- deutet wohl darauf hin, wie tief die Wunden waren, die der Krieg gerissen hatte und wie lebendig die „Erbfeindschaft“ zwischen Deutschland und Frankreich damals noch war.

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Heute wird der schlichte und würdige Friedhof, wie alle anderen deutschen Gefallenenfriedhöfe, vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge verwaltet.

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Eine Besonderheit stellen, das sei hier  am Rande erwähnt, die im Weltkrieg gefallenen elsässischen Soldaten dar. Denn die kämpften ja -mit wenigen Ausnahmen-  nicht „pour la France“, sondern für das Deutsche Reich, zu dem Elsass-Lothringen damals seit über 40 Jahren gehörte und in dem sie aufgewachsen waren. Allerdings wurden die Elässer eher nicht an der Westfront eingesetzt, sondern vornehmlich bei den Kämpfen an der Ost- oder Südostfront. Die Gefallenen ehrte man –wie auch sonst in Frankreich üblich- nach dem Krieg mit einem Gefallenendenkmal in der Mitte ihrer Heimatorte. Allerdings war da die sonst übliche Bezeichnung „mort pour la France“ nicht möglich. Also wählte man, wie hier auf dem Denkmal in Uffholtz am Fuß des Berges,  neutrale Bezeichnungen wie „Kriegsopfer“[7]

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Bemerkenswert ist hier übrigens auch das Verhältnis von Opfern des Ersten und des Zweiten Weltkrieges. Auf den üblichen französischen Denkmälern ist das Verhältnis ja eindeutig: Da sind viele Opfer des Ersten Weltkrieges verzeichnet, der in Frankreich deshalb auch als „la grande guerre“ bezeichnet wird, und relativ wenige Opfer des Zweiten Weltkrieges. In Uffholtz ist es anders: Unter den hier aufgeführten Kriegsopfern werden zwar vielleicht auch einige Elsässer sein, die 1940 für Frankreich kämpften und starben, die meisten aber werden zu denen gehören, die in die deutsche Wehrmacht einzogen wurden und sich damit -oft gegen ihren Willen (malgré nous)-  am nationalsozialistischen Eroberungs- und Vernichtungskrieg beteiligen mussten – Kriegsopfer also in ganz besonderem Maße.

 

  1. Das deutsch-französische Historial

Bei diesem Geschichtsmuseum handelt es sich um die erste gemeinsame deutsch-französische Einrichtung dieser Art- gemeinsam finanziert,  von einem deutsch-französischen Team ausgewiesener Wissenschaftler (Gerd Krumeich, Nicolas Offenstadt) gemeinsam konzipiert und von den Präsidenten Macron und Steinmeier am 10. November 2017 gemeinsam eingeweiht.

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In der Mite des Gebäudes befindet sich ein Raum, in dem eine multimediale Show über „Leben und Sterben auf dem Hartmannswillerkopf“ präsentiert wird.

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Das ist sehr anschaulich und intensiv, zumal hier deutsche und französische Soldaten zu Wort kommen, die über das berichten, was sie am Hartmannswillerkopf erlebt haben.

Um diesen Raum herum ist eine Art Schützengraben geführt, in dem zum Beispiel einige Waffen ausgestellt und Ergebnisse der Kriegsarchäologie präsentiert werden.

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Und es gibt Vitrinen mit weiteren Ausstellungstücken wie französischen und deutschen Uniformen….

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…. Karten zum Frontverlauf, die deutlich machen, wie nah deutsche und französische Einheiten beieinander lagen….

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… und es gibt  zum Beispiel dieses beeindruckende Foto aus einem deutschen Unterstand…  „Hier ruht ein französischer Krieger“ – da war die Verbundenheit der Schicksalsgenossen auf beiden Seiten der Frontlinien stärker als die sogenannte Erbfeindschaft…

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Alles ist überschaubar,  anschaulich,  klar strukturiert, von der Menge her nicht erdrückend und mit knappen Erläuterungen versehen. Und –im Gegensatz zu manchen anderen Präsentationen zum Ersten oder Zweiten Weltkrieg wie vor allem an den Landungsstränden der Normandie: Hier wird nicht durch die Präsentation blankgeputzter und imposanter Waffen einer Faszination für das Militär Vorschub geleistet.  Im deutsch-französischen Historial wird der pädagogische Auftrag  Ernst genommen und offensichtlich auch angenommen.

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Das Prunkstück des Historials ist zweifellos der 20 m² große Wandteppich Pietà for the Word War I  an der rückseitigen Wand der Ausstellungshalle.[8]

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Entworfen wurde er von Thomas Bayrle, lange Jahre Lehrer an der  Frankfurter Städelschule und ausgebildeter Weber,  und hergestellt in der Cité internationale de la tapisserie Aubusson, einem „Ableger“ der Manufacture des Gobelins in Paris, also eine deutsch- französisches Gemeinschaftsarbeit.

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Es ist die meistreproduzierte Pietà der Welt, die Bayrle zitiert: Michelangelos marmorne Skulptur aus dem Petersdom in Rom.  Hier aber bestehen Maria und Christus aus Hunderten von Totenschädeln, die auch den Teppichfond bilden: ein wunderbares Alterswerk Bayrles, der auch hier das für ihn  typische  ästhetische Element des Seriellen verwendet. Und wie passend ist das: Die  gereihten Schädel erwecken den Eindruck von Massenproduktion und erinnern so  an die Serialität des Todes in der Maschinerie moderner Vernichtungsschlachten. Aber  jeder dieser Totenschädel ist doch auch wieder ganz individuell gestaltet und keiner ist wie der andere.

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Jeder einzelne der vielen Menschen, die hier starben, war ein Individuum mit seiner eigenen Identität, seiner eigenen Geschichte, seinen eigenen Hoffnungen und Träumen. Und alle zusammen bilden ein grandioses deutsch-französisches Leichentuch, das aber –wie  Heines  Leichentuch der schlesischen Weber-  auch die Hoffnung auf eine neue bessere Zukunft symbolisiert.

3. Der Gescbichtsparcours durch das Scblachtfeld

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Unbedingt empfehlenswert ist der am Parkplatz vor dem Historial beginnende Rundweg über das ehemalige Schlachtfeld. Er ist insgesamt 4,5 Kilometer lang, kann aber auch verkürzt werden. Man sollte mindestens zwei Stunden für den verkürzten Weg, für den ganzen Rundweg 3 – 5 Stunden einkalkulieren, je nachdem, wie viel Zeit man sich für die Lektüre der zahlreichen Informationstafeln oder auch eine Rast am Gipfelkreuz oder auf dem Aussichtsfelsen am nördlichen Wendepunkt des Rundwegs nimmt.[9] Der Weg ist gut beschildert. Es geht zwar auf und ab, aber besondere Schwierigkeiten gibt es nicht.

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Über weite Strecken verläuft der Weg durch ehemalige Schützengräben und Verbindungswege, von denen es  90 Kilometer gibt! Und von den ursprünglich 6000 Stellungen, Bunkern und Schutzräumen für Mannschaften und Munition sind noch die Hälfte erhalten.

 

 

 

Dass so viele militärische Anlagen noch existieren, hat seinen Grund darin, dass die  Zone des Hartmannswillerkopfs aus Sicherheitsgründen lange Zeit gesperrt war.

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Im Allgemeinen ist der Zutritt zu den Stellungen aber versperrt, in jedem Fall ist er verboten- auch wegen der vielen Fledermäuse, die dort inzwischen zu Hause sind.

Überall auf dem Weg stößt man auf ehemalige militärische Anlagen…

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Stacheldrahtverhaue, inzwischen versteinerte Sperren aus Betonsäcken, die an der vordersten Frontlinie verwendet wurden, um dahinter, von feindlichem Beschuss geschützt, massivere Befestigungen zu errichten…

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… Reste von Waffen wie hier einem deutschen Minenwerfer….

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… oder einen gepanzerten französischen Beobachtungsposten auf dem Gipfel. Es handelt sich um den Typ „taupinière/Mauwurfshügel“ in Form einer Halbkugel mit drehbarem Visier. Nach dem Krieg wurden die meisten verschrottet oder in der Maginot-Linie wiederverwertet.

 

 

 

Manche der Bauwerke aus der Zeit des Krieges sind besonders auffällig.

Zum Beispiel die Reste einer Seilbahn, mit der die Versorgung der deutschen Truppen an Material, Waffen, Munition und Verpflegung –incl. Wasser!-  erleichtert werden sollte. Auch Soldaten wurden mit diesen Seilbahnen nach oben oder unten verfrachtet.

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Auffällig auch  diese von Mineuren/Bergleuten mit einigem Stolz erbaute Stellung.

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Es ist der sogenannte Gewerkschaftsstollen, der den Zugang zu zahlreichen in den Berg gehauenen Unterständen erlaubte.

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Ab 2016 verwandelten vor allem aus den Kohlegruben des Ruhrgebiets rekrutierte Mineure den Berg in einen „Ameisenbau“. Dadurch konnten Truppen durch den Berg von West nach Ost und umgekehrt verlegt werden. Vor einem geplanten Angriff waren sie während der Artillerievorbereitung geschützt, und die Verteidiger des Gipfelplateaus konnten selbst einen stundenlangen großkalibrigen Artilleriebeschuss überstehen.

Es gibt auch Bauten, die an das Alltagsleben der Soldaten erinnern, wie eine befestigte Küche mit Kantine oder diese Latrinen.

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Vieles ist  inzwischen  von der Natur überwuchert.

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Jetzt ist sie es, die die Mondlandschaft der Kriegszeit zurückerobert hat.

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Das macht den Rundgang durch diese Mittelgebirgslandschaft zusätzlich lohnend. Dazu kommen wunderbare Ausblicke in die Vogesentäler im Westen und in die Rheinebene im Osten bis hin zum –hier wolkenverhangenen-  Schwarzwald. Die sind besonders eindrucksvoll von dem Aussichtsfelsen im Norden des Rundwegs.

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Dieser Felsen war strategisch wichtig und dementsprechend besonders umkämpft.

Bergarbeiter aus dem Ruhrgebiet unterhöhlten den Tunnel, wobei auch Stellungen für Maschinengewehre und Minenwerfer geschaffen wurden. Der Durchgang ist heute noch passierbar.

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An der Nordseite des Felsens  erinnert  ein imposantes bronzenes Denkmal an das 152. französische Infanterieregiment, das in den Kämpfen um den Hartmannswillerkopf besonders viele Opfer zu beklagen hatte. Das Denkmal wurde 1921 eingeweiht, 1940 bei der Einnahme des Elsass durch die Wehrmacht gesprengt,   nach dem Krieg rekonstruiert und 1954 in Anwesenheit einer Abordnung deutscher und französischer Veteranen erneut eingeweiht.

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Schön sind auch die Ausblicke vom Gipfel des Hartmannswillerkopfs, da wo der im Zweiten Weltkrieg stark beschädigte Markstein steht.

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Es ist einer von 118 Marksteinen, die in den 1920- er Jahren von dem Bildhauer Moreau-Vauthier gesetzt wurden, um den Verlauf der französisch-deutschen Frontlinie vom Juli 1918 zu markieren.

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Und auf dem Rückweg zum Parkplatz hat man einen freien Blick auf das Nationaldenkmal und das Gräberfeld.

Zum Schluss:

Am 11. November 1918 war der Krieg endlich zu Ende, auch am „Mernschenfresserberg“.

Der deutsche Hauptmann Gustav Goes berichtet:

„Freund und Feind stehen auf den Deckungen, winken einander zu, bewirten sich, doch vielen, vielen blutet das Herz. (. ..) Abend wird es. Noch einmal steigt das Feuerwerk der Raketen hoch, in allen Farben schimmern die Höhen, zittert die Ebene. In der Dunkelheit versinken sie. Wie ein Stern schwebt noch eine einsame Leuchtkugel über das zerschossene Haupt des Hartmannsweiler Kopfes, dann zerstiebt auch sie.“

Der französische Leutnant Jean Marot:

„Waffenstillstand. Sofort stiegen die Fritz aus ihren Schützengräben und kamen um Tabak und Zigarren gegen Brotlaibe und Dosen mit Rindfleisch einzutauschen. Beobachtungsoffiziere auf dem Molkenrain bemerkten die Vorgänge und schleuderten strenge Befehle gegen die Verbrüderungen. Es half nichts.“

 

Anmerkungen

[1] Die Angaben zu den Opferzahlen am Hartmannswillerkopf sind  sehr unterschiedlich: Die Zahl 30000 wird zum Beispiel von Wikipedia genannt (https://de.wikipedia.org/wiki/Hartmannswillerkopf). Es ist aber auch  von „schätzungsweise 25000 Mann auf beiden Seiten“ die Rede (https://de.france.fr/de/elsass-lothringen/artikel/der-hartmannswillerkopf), von „rund 10000 Soldaten“, womit aber wohl nur die deutschen Gefallenen gemeint sind (https://www.volksbund.de/kriegsgraeberstaette/cernay.html), in der vom Comité du Monument National du Hartmannswillerkopf herausgegebenen Broschüre Hartmannswillerkopf 1914-1918 (2014) ist sogar von 60 000 französischen und deutschen Soldaten die Rede, die am Hartmannswillerkopf getötet wurden. (Vorwort)

[2]https://de.france.fr/de/elsass-lothringen/artikel/der-hartmannswillerkopf Zu Joffre siehe auch den Blog-Beitrag über die Mauer für den Frieden auf dem Marsfeld, wo sich auch eine Reiterstatue Joffres befindet: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2035

[3] Hartmannswillerkopf 1914-1918 a.a.O., Vorwort

[4]  Hartmannswillerkopf 1914-1918  Aus dem Vorwort von General Cochin,

[5] Manchmal kann man auch lesen, es handele sich hier um einen „riesigen Sarkophag“, was aber nicht zutrifft. https://www.zdf.de/nachrichten/heute/deutsch-franzoesisches-museum-berg-des-todes-100.html 

Das passende heroisierende Foto von Sébastien Muré stammt aus der Broschüre Hartmannswillerkopf 1914-1918

[6] https://www.volksbund.de/kriegsgraeberstaette/cernay.html Der Friedhof befindet sich am südlichen Stadtrand in der rue de la Ferme.

[7] Bild aus der sehr sehenswerten Bilderserie zu den Kämpfen um den Hartmannswillerkopf: https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/der-1-weltkrieg/der-hartmannsweilerkopf-ein-menschenfresser-im-1-weltkrieg

380 000 Elsässer kämpften in der kaiserlichen deutschen Armee, während sich zwischen 17 und 25 000 den französischen Truppen anschlossen. (s. Broschüre Hartmannswillerkopf 1914-1918 im Kapitel über den Aussichtsfelsen.

[8] Siehe dazu Stefan Trinks, Der Tod, der Webstuhl und die Geliebte. Thomas Bayrles Kriegsgräberteppich aus Totenschädelfalten für Frankreich. In: FAZ vom 10.11. 2017. Auf diesen Beitrag stütze ich mich teilweise im Folgenden.

[9] Soweit es im nachfolgenden Text nähere Erläuterungen zu den Bildern gibt, sind sie den Informationstafeln entnommen bzw. der Broschüre Hartmannswillerkopf 1914-1918, in der Text und Bilder aller Informationstafeln wiedergegeben sind. Dieser Broschüre sind auch die abschließenden Zitate zum Waffenstillstand vom 11. November 1918 entnommen.

 

Weitere geplante Beiträge:

  • „Les enfants de Paris“: Pariser Erinnerungstafeln/plaques commémoratives zur Zeit 1939-1945
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • Aux Belles Poules. Ein ehemaliges Bordell im Quartier Saint Denis
  • Von Montreuil nach Sansscouci: Die murs de pêches von Montreuil und die Lepère’schen Mauern im königlichen Weinberg von Sanssouci

 

 

Die Große Saline von Salins – les – Bains und die königliche Saline von Arc – et -Senans. (UNESCO-Weltkulturerbe im Jura)

In dem nachfolgenden Bericht geht es um zwei Salinen in der Franche-Comté.  Beide liegen nur wenige Kilometer auseinander und sie gehören gemeinsam  zum UNESCO – Weltkulturerbe.[1]

Mein Interesse an den Salinen  ist allerdings nicht in erster Linie die Salzgewinnung, sondern die Architektur der königlichen Saline von Arc- et -Senans. Sie ist  ein architektonisches Juwel, entworfen von  Claude Nicolas Ledoux. Und der hat nicht nur diese Saline entworfen, sondern gleichzeitig auch darum herum eine ideale Stadt geplant, die zwar nicht gebaut wurde, aber Ausdruck einer „Revolutionsarchitektur“ ist, die Ledoux repräsentiert.

Und Ledoux war – und das macht ihn für mich besonders interessant- auch der Baumeister der Pariser Mauer der Generalpächter, der Mur des Fermiers Généraux, die von 1784 bis 1790 errichtet wurde, um die Zolleinnahmen, die der König verpachtet hatte,  zu sichern.  Die Durchgänge durch diese Zollmauer, die sogenannten barrières, von denen in Paris noch vier erhalten sind, entwarf Ledoux in klassizistischer Bauweise in Form von Propyläen.

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Die Rotonde de la Vilette, eine der erhaltenen Barrieren von Ledoux

Dass nur vier dieser architektonisch bemerkenswerten Barrieren erhalten sind, hängt auch damit zusammen, dass die Mauer der Generalpächter bei der Pariser Bevölkerung verständlicher Weise sehr verhasst war. Von Beaumarchais ist ein berühmter Alexandriner überliefert, der die Unzufriedenheit der Pariser mit dieser Zollmauer zum Ausdruck brachte:

« Le mur murant Paris rend Paris murmurant. »

Und die Pariser haben nicht nur insgeheim über diese Mauer gemurrt, sondern am 11. Juli 1789 und den Tagen danach Barrieren angegriffen, geplündert  und zerstört – das Vorspiel des großen Sturms auf die Bastille am 14. Juli.

Historisch und architektonisch ist das also ein spannender Gegenstand. Und ein besonderer Beitrag  zur Mauer der Generalpächter und den Barrieren Ledoux` gehört  deshalb auch zum Programm  künftiger  Blog-Beiträge.[2]

Hier nun steht die von Ledoux entworfene Saline und die um sie herum geplante Idealstadt Chaux im Mittelpunkt. Die Saline ist ein von den Ideen der Aufklärung inspiriertes Projekt, das aber nur zur Hälfte realisiert wurde. Nach 1789 erhielt Ledoux, vor allem als Chefarchitekt der umstrittenen Mauer der Generalpächter, keine weiteren Aufträge und musste eher froh sein, nicht unter der Guillotine zu enden.  Aber er  entwickelte  das futuristische Konzept der Stadt Chaux, das noch über 100 Jahre später Architekten inspirierte.

Das erklärt die Zuerkennung des Welterbestatuts für die Saline von Arc et Senans und übrigens auch ihre  Aufnahme  in eine aktuelle französische Briefmarkenserie  zum Thema „Histoire de styles“.

Briefmarke Arc et Senans (2)

Die Große Saline von Salins-les-Bains

Aber zuerst kurz zur Großen Saline von Salins-les-Bains, die ebenfalls zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört und die gewissermaßen der Vorläufer der königlichen Saline von Arc et Senans ist. Ihre Grundlage ist ein großer Salzstock in 250 Metern Tiefe. Da salzhaltiges Wasser über Quellen an die Oberfläche gelangte, wurde das Vorkommen schon im frühen Mittelalter entdeckt und dann systematisch ausgebeutet. Durch Verbesserungen der Bohr- und Fördertechnik wurde die Salzgewinnung immer bedeutender: Im 17. Jahrhundert war Salins-les-Bains der zweitwichtigste Ort der Franche-Comté (nach Besancon) und erwirtschaftete die Hälfte ihrer Einkünfte. Die Sole wurde in riesigen Pfannen erhitzt, bis das Wasser verdampft war und die Salzkristalle abgeschöpft werden konnten. Als Energie dafür diente Holz, ab dem 19. Jahrhundert dann die Kohle.

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Mit solchen Schaufeln wurde das Salz aus den  eisernen Pfannen auf das darüber gelegene Gestell geschippt, wo es noch weiter trocknen konnte. Von dort aus wurde es  in Loren verladen. Die nächsten Arbeitsgänge waren dann Verpackung und Abtransport.

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Blick auf das Siedehaus von Salins-les-Bains

Die Arbeitsbedingungen in dem Siedehaus waren äußerst hart: Es war Schwerstarbeit, dazu war die Arbeit mit dem Salz in großer Hitze äußerst gesundheitsschädlich. Aber, wie uns die Führerin erklärte, aufgrund guter Bezahlung und damals sonst unüblicher sozialen Vergünstigungen habe es nie Mangel an Arbeitskräften gegeben.

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Besonders eindrucksvoll ist es, im Rahmen einer Führung in die unterirdische Galerie herabzusteigen. Dort ist eine hydraulisch betriebene Pumpe zu sehen, eine sogenannte Noria, die im 14. Jahrhundert installiert wurde und bis Mitte des 18. Jahrhunderts in Betrieb war.  Und vor allem kann man das Gewölbe bewundern, das eher an eine romanische Kirche erinnert als an ein technisches Bauwerk.

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Die Große Saline war bis 1962 in Betrieb. Allerdings konnte sie schon im 18. Jahrhundert nicht mehr den wachsenden Bedarf an Salz decken,  zumal es immer mehr an einem entscheidenden Rohstoff mangelte, nämlich dem Holz, das in großen Mengen für  den Verdampfungsprozess der Sole benötigt wurde. Und das war nun die große Stunde des Claude Nicolas Ledoux.

 

Ledoux und die königliche Saline von Arc- et -Senans im Jura:  Das revolutionäre Projekt eines Architekten des ancien régime.

Claude Nicolas Ledoux, der aus eher ländlichen und kleinbürgerlichen Verhältnissen stammte, ließ sich 1766 in Paris nieder. Dort wurde Madame Du Barry, die Mätresse Ludwigs XV., auf ihn aufmerksam und beauftragte ihn – gegen einige Widerstände- mit dem Bau eines Pavillons für ihr Anwesen in Louveciennes bei Paris.[3]  Begünstigt durch diese Förderung wurde Ledoux zu einem renommierten Architekten des ancien régime. Von König Ludwig XVI. wurde er zum Inspektor der Salinen in Lothringen und Burgund ernannt.[4]

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Büste von Ledoux in Arc et Senans

Ledoux erkannte bald  die Unzulänglichkeiten der Großen Saline:  Die schwierigen, Produktionsbedingungen in dem engen Tal des Flüsschens Fourieuse und vor allem der Mangel an verfügbarem Holz, von dem große Mengen für das Sieden des Salzes benötigt wurden.  Er schlug deshalb dem König vor, eine neue Saline in Arc- et -Senans zu bauen- ein sehr unkonventioneller Vorschlag, denn in diesen beiden Ackergemeinden gab es keinerlei Salzvorkommen. Aber es gab dort genügend Platz- gewissermaßen die sprichwörtliche grüne Wiese, auf der der Architekt seine Ideen ungehindert verwirklichen konnte; dazu gab es  Wind gegen die bei der Salzherstellung entstehenden Dämpfe und vor allem: In der Nähe lag (und liegt immer noch) der  große Wald von Chaux, eines der größten Waldgebiete Frankreichs. Es handelte sich um eine königliche Domäne, was für Ludwig XVI. sicherlich eine wesentliche Motivation war, dem Projekt seinen Segen zu geben.   Und für Ledoux war es „einfacher, das Wasser auf Reisen zu schicken, als einen Wald Stück für Stück durch die Gegend zu fahren“.[5]

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Die Sole (la saumure)  der Großen Saline zur neuen Saline von Arc- et -Senans zu leiten, war allerdings trotzdem eine schwierige und aufwändige Angelegenheit. Aufgrund der Topographie war nur ein Transport in Leitungen möglich, die entlang der Flüsschen La Furieuse und La Loue verlegt wurden. Das waren immerhin 21,5 Kilometer.

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Die Rohre wurden unterirdisch verlegt, um einen Diebstahl und ein winterliches Einfrieren der kostbaren saumure zu verhindern. Die Leitungen bestanden zunächst aus innen ausgehöhlten Fichtenstämmen, die ineinander gesteckt wurden.  Geht man von der Länge der im Museum von Salins-les-Bains und in Arc -et – Senans ausgestellten Rohre aus, dürften das etwa 5000 Rohre dieser Art gewesen sein. 135 000 Liter Sole liefen täglich durch dieses Leitungssystem, von denen allerdings 30% unterwegs verloren gingen: Durch Lecks in den Leitungen und durch Diebstahl – obwohl die Leitungen ständig überprüft und überwacht wurden.

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Im 19. Jahrhundert wurden die Fichtenrohre deshalb  durch gußeiserne Rohre ersetzt.[6]

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An einigen Stellen wurden kleine Behälter eingebaut, die es ermöglichten, den Zu- und Ablauf der Sole auf ihrem Weg von Salins-les-Bains nach Arc -et -Senans zu kontrollieren.

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Die Saline im Überblick

Aus der Vogelperspektive betrachtet fällt die  strenge geometrische Form der Anlage  und ihre Großzügigkeit  auf.  Hier konnte Ledoux  -zumindest  teilweise-  seinen Traum verwirklichen,  „Rivale des Schöpfers“ zu sein.  Die Form der Architektur sollte nach Ledoux „so rein sein wie die, die die Sonne auf ihrem Lauf beschreibt.“[7]

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In der Mitte befindet sich das Haus des Direktors, rechts und links davon sind  die Produktionsstätten angeordnet. In einem weiten Halbkreis darum herum sind Verwaltungsgebäude, Werkstätten und die Wohnhäuser der Arbeiter gruppiert. Zwischen diesen Gebäuden und der Mauer, die die Anlage umgibt, ist Raum für die Anlage von Gärten. Assoziationen zum antiken Theater  liegen da nahe. Dessen Bauprinzipien hat der römische Autor Vitruv beschrieben. Sein mit Illustrationen versehenes Werk wurde 1673 in einer französischen Ausgabe publiziert, die Ledoux ausführlich studiert hat. Und Ledoux hat ja für Besançon, die neue Hauptstadt der Franche-Comté, ein damals revolutionäres Theater entworfen- ohne die üblichen Logen, aber mit Sitzen im Zuschauerraum.[8]

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Den ebenfalls theatralischen Eingang zur Saline bildet der Portikus mit seinen mächtigen dorischen Säulen. Das Vorbild des in der Nähe Neapels gelegenen griechischen Tempels von Paestum ist unverkennbar.  Der Portikus markiert und symbolisiert mit seiner Grotte aus unbehauenen Steinen den Übergang vom Dunkel ins Licht, vom  „Naturzustand“ in die wohl geordnete Welt der Saline.[9]

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In den rechts und links angrenzenden Gebäuden waren die Wächter untergebracht, von denen viele benötigt wurden- nicht nur um ein unbefugtes Betreten oder Verlassen der Anlage zu verhindern, sondern vor allem, um die Rohrleitung der Sole von der Großen Saline bis Arc- et – Senans zu überwachen – das kostbare Salz bedurfte besonderen Schutzes.

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Deshalb war die gesamte Anlage ja auch von einer hohen Mauer umgeben.

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Das dem Eingang gegenüberliegende Gebäude war das Haus des Direktors, das sich denn auch durch seine Mächtigkeit, sein Höhe und seinen besonders kunstvoll gestalteten Portikus  von den anderen Gebäuden deutlich abhebt.

Rechts und links des Direktorengebäudes lagen die Siedehäuser, die Produktionsstätten des kostbaren Salzes, während die vier Gebäude  rechts und links des Eingangs,  Werkstätten und  die Wohnungen der Arbeiter beherbergten.

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Wohnen und Arbeiten gehörten für Ledoux also zusammen. Man kann das als einen fortschrittlichen Ansatz betrachten, wobei allerdings berücksichtigt werden muss, dass auf diese Weise die Kontrolle über die Arbeiter effizienter war. Denn so waren sie nicht nur zu ihren Arbeitszeiten in der Saline, sondern dauerhaft. Ein Verlassen war nur mit einer ausdrücklichen Genehmigung des Direktors möglich,  der das gesamte Geschehen im Auge hatte.  Und wenn man manchmal in Veröffentlichungen zu Ledoux  lesen kann, sein Ziel sei es gewesen, die Wohnverhältnisse der Arbeiter  zu verbessern, womit er seiner Zeit „weit voraus“ gewesen sei, [10] so muss dahinter ein Fragezeichen gesetzt werden.

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Immerhin weisen die Wohnungen der Salinenarbeiter als einzige Lichtöffnung eine an mythologische Brunnenfiguren erinnernde stilisierte Urne auf, aus der Salzlake zu fließen scheint.  Und bei den Siedehäusern gab es trotz der dort herrschenden Hitze und der Salzdämpfe – anders als bei der Großen Saline von Salins-les-Bains-  keine Schornsteine zur Entlüftung.  Damit  sollte wohl die Harmonie und Ästhetik der Anlage erhalten werden, zumal Schornsteine auch das Haus des Direktors überragt hätten….  

 

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Blick aus einem „Urnenfenster“ der früheren Arbeiterwohnungen

Ledoux stellte sich allerdings das Leben in der Saline als eines vor,  wo alles Anlass zur Freude ist, „où tout est jouissance„, wie er auf einer Schautafel des Museums zitiert wird. Aber er betonte auch die Stein gewordene Macht des Direktors, dessen „surveillance“ nichts entgehe. (rien n’échappe).  Michel Foucault hat deshalb auch in seinem Buch „Überwachen und Strafen“ die Saline von Arc-et- Senans als einen perfekten Disziplinarapparat bezeichnet:

Der perfekte Disziplinarapparat wäre derjenige, der es einem einzigen Blick ermöglichte, dauernd  alles zu sehen.  Ein zentraler Punkt wäre zugleich die Lichtquelle, die alle Dinge erhellt, und der Konvergenzpunkt für alles, was gewusst werden muss: ein vollkommenes Auge der Mitte, dem nichts entginge und auf das alle Blick gerichtet wären. So etwas schwebte Ledoux vor, als er Arc-et-Senans erbaute: im Zentrum der ringförmig angeordneten und nach innen geöffneten Gebäude sollte ein hoher Bau die administrativen Funktionen der Leitung, die polizeilichen Funktionen der Überwachung, die ökonomischen Funktionen der Kontrolle und Erhebung, die religiösen Funktionen der Ermutigung zu Gehormsam und Arbeit auf sich vereinigen; von da würden alle Befehle kommen, da würden alle Tätigkeiten registriert, würden alle Fehler wahrgenommen und beurteilt werden. Und zwar würde sich das alles unmittelbar, dank jener strengen Geometrie vollziehen. Die Vorliebe für kreisförmige Architekturen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatte mancherlei Gründe; einer davon war zweifellos der, dass sie eine bestimmte politische Utopie zum Ausdruck brachten.“ (11)

Allerdings war die totale Überwachung, die Foucault dem Konzept der Saline zuschreibt, anders als  etwas bei dem Panoptikum Benthams und den entsprechenden Gefängnisbauten (wie der Petite Roquette in Paris  (12), nicht real, sondern eher symbolisch. Die Werkstätten und die  Wohnungen der Bediensteten waren ja alles andere als transparent. Interessant ist dabei aber, wie  Ledoux hier einerseits in eine Ahnenreihe totalitärer Architekturkonzepte und entsprechender Utopien eingereiht wird -Albert Speer beispielsweise hat Ledoux sehr  bewundert- dass er andererseits aber auch als Ahnherr sozialistischer Utopisten und einer modernen progressiven Architektur firmiert.  In seinem 1933 erschienenen bahnbrechenden Werk  „Von Ledoux bis Le Corbusier“ beschreibt  Emil Kaufmann Ledoux als revolutionären Architekten, der den Anfang der modernen Architektur markiere und entdeckt ihn damit neu.  Für Gruson hat die Verbindung von Wohnen und Arbeiten und die von Ledoux  vorgegebene Vermischung von Gemeinschaftseinrichtungen (eine zentrale Feuerstelle/Küche für alle Wohnhäuser) und privaten Bereichen den französischen Sozialreformer Charles Fourier zu seinem Konzept eines Phalanstère, einer  Produktions- und Wohngenossenschaft inspiriert.  Und bei den Gärten, die zu den Wohnungen der Bediensteten gehörten und  ihnen einen Anbau von Obst und Gemüse für den eigenen Bedarf ermöglichten,  denkt man natürlich an fortschrittliche Konzepte von Arbeitersiedlungen,  wie  sie  im 19. Jahrhundert in England und auch in Frankreich -wie in der ville ouvrière von Noisiel an der Marne –  verwirklicht wurden. (13)

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Ein Gartenhaus

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Heute gehören die Gärten zu einem Projekt, dem „festival des jardins„: Jedes Jahr werden sie neu gestaltet, wobei jeweils ein bestimmtes Motto vorgegeben wird. Im Jahr 2019 war das aus Anlass des 50. Jahrestages des Woodstock-Festivals das Motto Flower power. Angesprochen werden als Gestalter nicht nur renommierte Gartenarchiteken, sondern auch Studenten von (Fach-)Hochschulen für Gartenbau und Schüler/Innen von fachbezogenen Berufsschulen. Insgesamt werden 12 Gärten entsprechend gestaltet- ein Rundgang lohnt sich also.

Die Erinnerung an die ursprüngliche Bestimmung der Gärten wird allerdings/immerhin auch noch wachgehalten wie die Reihen von Spalierobst zeigen.

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Dass wir heute die Saline bewundern können, wäre vor 100 Jahren noch kaum vorstellbar gewesen.  1895 wurde nämlich die Produktion eingestellt,  weil sie gegenüber den Salinen am Mittelmeer und am Atlantik nicht mehr konkurrenzfähig war, zumal mit dem billigen Transportmittel der Eisenbahn. Danach verfiel die Anlage zunehmend, sie diente als Steinbuch, 1918 wurde sie durch ein Feuer verwüstet. 1927 kaufte das Departement du Doubs die Anlage und rettete sie so vor dem völligen Verfall.   Im Frühjahr 1939 wurden dort Flüchtlinge aus Franko-Spanien untergebracht, vom Kriegsbeginn bis zum Waffenstillstand im Juni 1940 Einrichtungen der französischen Armee, auf die dann bis zum Frühjahr 1941 deutsche Besatzungssoldaten folgten. Danach wurde die ehemalige Saline zu einem Lager für „familles tziganes“ , wie es in dem offiziellen Aushang der Anlage heißt, deren Lebensbedingungen „äußerst hart“ gewesen seien, vor allem auifgrund der fehlenden bzw. völlig unzureichenden sanitären Einrichtungen.[14]  Ihnen folgen schließlich im Winter 1944/45  mehr als 1000 deutsche Kriegsgefangene, deren Lebensbedingungen kaum weniger hart gewesen sein dürften. Bilder aus der Nachkriegszeit zeigen eine völlig heruntergekommene verfallene Anlage, die nur mit größter Mühe etwas von dem früheren und heutigen Glanz erahnen lässt. Ab etwa 1960 begann dann eine lange Restaurierung, die schließlich die Anerkennung der Saline als Teil des UNESCO-Weltkulturerbes im Jahr 1982 ermöglichte.[15] 

Heute ist die Saline Mittelpunkt eines regen kulturellen Lebens, es ist ein centre du futur, ein Ort des Nachdenkens über die Zukunft unserer Gesellschaften, es beherbergt drei Museen und ein Hotel.

Als Hotelgast  ist man zum Beispiel  im ehemaligen Haus der Zollpächter untergebracht, deren Bedeutung von der Fassade unterstrichen wird – nach dem Direktorenhaus und dem Eingangs-Portikus gewissermaßen die Nummer drei auf der architektonischen Rangliste: Ein sogenanntes venezianisches Fenster, also ein zentrale, auf zwei Säulen ruhende Arkade. Die Zollpächter waren ja immerhin die Betreiber der Anlage: Wie bei der Zollmauer  um Paris hatten sie vom König eine Konzession erhalten, die der Monarchie feste regelmäßige Einahmen sicherten und den Zollpächtern die Gewinne. Also gewissermaßen eine Private Public Partnership vor der Zeit…

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Zu der Übernachtung im Hotel  gehören auch Eintrittskarten für die Ausstellungen. Und vor allem: Abends hat man die Anlage (fast) ganz für sich alleine und kann in aller Muße die angestrahlten Gebäude und beleuchteten Gärten bewundern. Exquisit!

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Das Ledoux-Museum

Zu einem Besuch der Saline gehört natürlich der Besuch der Museen: eines Museums der Geschichte der Salzgewinnung, eines Museums der Geschichte der Saline seit ihrer Schließung und vor allem eines Ledoux-Museums. Es ist nach der Selbstdarstellung das einzige Museum Europas, das ausschließlich einem Architekten gewidmet ist.[16]

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Untergebracht ist es in der ehemaligen Holzwerkstatt und dem Holzlager. Dort wurden die Tonnen hergestellt, in die das Salz gefüllt und in denen es kommerzialisiert wurde. Außerdem gab es in diesem Gebäude auch Räume für die Böttcher und eine Gemeinschaftsküche.

Die Ehre eines speziell ihm gewidmeten Museums  verdankt Ledoux vor allem seinem Architektur- Traktat, von  dem ein erster Teil 1804 veröffentlicht wurde.  Es gilt als theoretisches Hauptwerk der sogenannten Revolutionsarchitektur – ein eher aus der Not geborenes Opus. Denn mit der Französischen Revolution verlor Ledoux aufgrund seiner Stellung im ancien régime und vor allem der Konstruktion der verhassten Zollmauer seine bisherige Lebensgrundlage. Er wurde sogar verhaftet und entging nur knapp der Guillotine.

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Er konnte aber nun auf der Grundlage früherer Zeichnungen das Modell der idealen Stadt Chaux entwerfen, die um die zu einem vollständigen Kreis ergänzte Saline herum gruppiert war.

Arc et Senans Foto von Gilles Abegg, vue perspective de la ville de Chaux

Dazu gehörten Bauten für die Allgemeinheit  wie zum Beispiel -zu dieser Zeit in der Tat revolutionär-  öffentliche Bäder.

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Charakteristisch für die meisten Bauten ist die „sprechende Architektur“, das heißt, dass die Gestaltung der einzelnen Gebäude deren Zweck deutlich macht, wie die folgenden Beispiele zeigen.

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Das Atelier der Köhler, der  charbonniers

 

 

 

pl1-1024x643 Oikema

 

 

Auch bei dem sogenannten „Oikema“ , von dem ich allerdings in dem Museum kein Modell und keine Abbildung entdecken konnte, dürfte  die Funktion wohl eindeutig sein.[17] Offenbar hielt Ledoux auch einen solchen  Bau für erforderlich, um das von ihm angestrebte harmonische Zusammenleben zu gewährleisten.

 

 

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„Sprechend“ ist auch  der Entwurf eines pavillon des cercles,  eines Ateliers der Böttcher. Davon gibt es nicht nur das kleine Modell im Ledoux-Museum, sondern auch ein 1 zu 1- Modell auf der weitläufigen Jura- Raststätte der Autobahn A 39 bei Lons-le-Saunier. So kann man, auch wenn man nicht über den Wald von Chaux und die Weinberge von Arbois fahren und in Arc -et -Senans Halt machen kann oder will, auf dem Weg in den Süden einen kleinen Eindruck von der Revolutionsarchitektur des Claude-Nicolas Ledoux erhalten.

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Das Gebäude ist für Ausstellungen gedacht, war allerdings im Sommer 2019 etwas vernachlässigt und heruntergekommen. Aber auch das passt ja zu Ledoux….

Anmerkungen

[1] http://whc.unesco.org/fr/list/203

[2] Als kleine deutsch-französische Fußnote soll noch angemerkt werden, dass Ledoux  als Contrôleur général des bâtiments der Landgrafschaft Hessen-Kassel den Bau des Fridericianums in Kassel beaufsichtigte…

[3] http://www.pavillondemusiquedubarry.fr/fr/contact.html

[4] Zur Biografie von Ledoux:  http://www.whoswho.de/bio/claude-nicolas-ledoux.html

[5] Zitiert in: https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6nigliche_Saline_in_Arc-et-Senans

« Il étoit plus facile de faire voyager l’eau que de voiturer une forêt en détail » Zit. Gruson

[6] https://wikimonde.com/article/Saumoduc_de_Salins-les-Bains_%C3%A0_Arc-et-Senans

[7] Ziate aus: https://www.sueddeutsche.de/kultur/bauhausjubilaeum-wie-ein-anfall-von-wuerfelhusten-1.2413082-2  und Luc Gruson a.a.O.

[8]  Siehe dazu Luc Gruson a.a.O. und http://memoirevive.besancon.fr/?id=440.  Aufgrund der streng  halbkreisförmigen Anlage ist die Behauptung, die ich im Internet gefunden habe, unzutreffend- auch wenn sie sich überzeugend anhört:   „Je niedriger der Rang von Angestellten oder Arbeitern ist, desto weiter liegen deren Gebäude vom Direktorenhaus entfernt.“ . https://www.planet-wissen.de/gesellschaft/lebensmittel/salz/pwiearcetsenansdiekoeniglichesaline100.html

[9] „Ainsi, l’entrée dans la Saline ressemble à un passage dans un autre monde, que Ledoux a voulu parfait.“ (Gruson)

[10] https://www.a-k.sia.ch/de/node/236

(11) Michel Foucault, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. suhrkamp taschenbuch 2271  FFM 2016, S. 224/225

(12) Siehe dazu den Blog-Beitrag Wohnen, wo einmal die Guillotine stand. La Grande et la Petite Roquette. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/1654

(13) Siehe den Blogbeitrag über die Schokoladenfabrik Menier in Noisiel: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/11786

Der utopischen Charakter der Entwürfe von Ledoux wird betont in dem Artikel „Imagined Architecture“ von Devi Norton. https://michaelgimberblog.com/2017/03/10/imagined-architecture/ Dort steht er in einer Reihe von Revolutionsarchitekten, die bis zur russischen Revolution reicht.

[14] Siehe dazu: Alain Gagnieux, Chronique des jours immobiles : L’internement des nomades à Arc-et-Senans (1941-1943), Éditions L’Harmattan, 2011

[15] https://www.museumspass.com/de/museen/saline-royale 

[16] https://www.museumspass.com/de/museen/saline-royale

[17]  Bild aus: http://hiddenarchitecture.net/oikema/

 

Weiterführende Literatur:

Alain Chenevez, La saline d’Arc- et- Senans. Paris: Harmattan 2006

Gérard Chouquer et Jean-Claude Daumas (dir.),  Autour de Ledoux:  architecture, ville et utopie. 2008

Richard Copans, Architecture 4. Éd. Par Arte France und Réunions des Musées Nationaux. 2005

Michel Gallet,  Claude-Nicolas Ledoux, 1737-1806, Paris 1980  Siehe:   http://www.persee.fr/docAsPDF/bulmo_0007-473x_1981_num_139_3_6012_t1_0193_0000_3.pdf

Luc Gruson, Claude-Nicolas Ledoux, Architecture visionnaire et utopie sociale. (Überarbeitete Fassung eines Vortrags in Arc- et -Senans vom Oktober 2008 https://docplayer.fr/20788304-Claude-nicolas-ledoux-architecture-visionnaire-et-utopie-sociale.html

Emil Kaufmann, Von Ledoux bis Le Corbusier. Ursprung und Entwicklung der autonomen Architektur. Reprint der Originalausgabe von 1933. Stuttgart 1985

Jean-Pierre Lyonnet, Les Propylées de  Paris 1785-1788: Claude-Nicolas Ledoux, une promenade savante au clair  de lune. 2013

Dominique Massounie:  Arc -et- Senans  La Saline Royale  de Nicolas Ledoux. Éditions du patrimoine 2016

Daniel Rabreau: La Saline royal d’Arc – et – Senans.  Un monument industriel, allégorie des Lumières. Paris 2002  siehe: http://www.persee.fr/doc/bulmo_0007-473x_2003_num_161_3_1238_t1_0272_0000_1

 

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Der Hartmannswillerkopf, das französische Nationaldenkmal und das deutsch-französische Historial zum Ersten Weltkrieg
  • „Les enfants de Paris“: Pariser Erinnerungstafeln/plaques commémoratives zur Zeit 1939-1945
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • Aux Belles Poules. Ein ehemaliges Bordell im Quartier Saint Denis

 

 

 

 

La Butte aux Cailles, ein kleinstädtisches Idyll in Paris

Buttes aux Cailles: Das sind vor allem enge, mit Kopfsteinen gepflasterte Gassen, kleine Kneipen und nette Geschäfte, die Erinnerung an die Pariser Commune und wohin man auch blickt: Street-Art…  Es ist ein kleinstädtisches Idyll, etwas abseits gelegen in der Nähe der Place d’Italie und der Hochhäuser des chinesischen Viertels – da wo man Dererlei also am wenigsten erwartet.

Als Ausgangspunkt für einen kleinen Rundgang bietet sich die Place d’Italie ein, von der aus man in die rue Bobilot einbiegt. Nach einigen hundert Metern geht rechts die Passage du Moulin des Prés ab. Der Name dieses Weges erinnert an eine der Mühlen, die einmal auf diesem Hügel standen.

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Die Passage ist inzwischen eine Art open-air- Galerie für Straßenkünstler. Unter anderem Jeff Aerosol und die Gruppe Lezarts de la Bièvre  haben hier „ausgestellt“.[1] Der Name Lezarts ist ein hübsches Wortspiel: Lézard ist das französische Wort für Eidechse, und Eidechsen gab es auf diesem Hügel früher sicherlich viele. Indem die Künstlergruppe das d am Ende des Wortes durch ein t ersetzt, wird deutlich gemacht, dass es hier um Kunst geht, aber das z der Eidechsen bleibt und die Eidechse im Schriftzug ebenfalls. Die Lezarts de la Bièvre sind  hier gewissermaßen zu Hause, denn der Butte aux Cailles gehört  zur  Umgebung des Flüsschens Bièvre, das einmal am Fuß des Hügels vorbei floss und die Gegend prägte. Heute ist die Bièvre allerdings auf Pariser Stadtgebiet kanalisiert und zugedeckelt, also  nicht mehr zugänglich und sichtbar.

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Die oben abgebildete  schöne Gemeinschaftsarbeit von Jeff Aérosol und den Lezards de la Bièvre gehört zu einem Kunstprojekt, das an verschiedenen Stationen den früheren Verlauf der Bièvre markiert. Und es gehört auch zu einem Rundgang zu den Ateliers und Street-Art-Produktionen der Künstlergruppe Lézarts de la Biévre.

Hier die Lezarts mit einem Künstlerportrait und Jeff Aérosol (vielleicht mit einem Selbstportrait?)

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Auf der anderen Straßenseite haben zwei weitere Straßenkünstler Ihre Spuren/Werke hinterlassen- unten Lady Bug und  links oben Louyz mit der bunten Eidechse, ihrem „Markenzeichen“ 

 

Weiter geht es  links hinein in die Rue du Moulin des Prés.

Dort sieht man (oder sah man noch im Mai 2019) unter den üblichen Straßenschildern lila Aufkleber mit alternativen weiblichen Namen. Dabei handelte es sich um eine feministische Aktion, die die geringe Berücksichtigung von Frauen bei der Benennung von Straßenamen kritisiert. (Bei Métro-Stationen und im Pantheon gibt es ja auch eine entsprechende Verteilung zwischen den Geschlechtern  (1a). Also wurden im April 2019 in Paris –auch im 11. Arrondissement, in dem wir wohnen- alternative Vorschläge für Straßennahmen gemacht. Die rue Simonet beispielsweise, benannt nach dem Besitzer des Grund und Bodens, auf dem diese Straße gebaut wurde, sollte nach einer Chemikerin und Pharmazeutin umbenannt werden, die 1988 den Nobelpreis erhielt. Warum auch nicht? An vielen anderen Stellen der Stadt, leider auch in unserer Umgebung,  waren nach meiner Beobachtung die lila Alternativschilder bald abgerissen. Nicht so hier. Vive la Butte aux Cailles!

 

In der Rue du Moulin des Prés kommt man auch an diesem schönen Pochoir von Miss Tic vorbei:

Miss Tic Butte rue du moulin des prés

Miss Tic verbindet immer junge anziehende Frauen mit einem Spruch, der oft zum Nachdenken anregt. Die von ihr verwendeten Farben sind im Allgemeinen schwarz, weiß und rot. Das grün hier ist eine Ausnahme: Vielleicht weil es in dem Text um einen lebensnotwendigen Luxus geht, nämlich die Poesie. Wir werden Miss Tic auf unserem Rundgang noch öfters begegnen. Auch sie ist hier gewissermaßen zu Hause.

Aussehen und Atmosphäre der place Paul Verlaine, zu der wir nun kommen,  entsprechen einem kleinen Dorfplatz, wozu auch eine Boule-Bahn in seiner Mitte beiträgt.[2] Außerdem befindet sich auf dem Platz ein artesischer Brunnen, dessen Wasser aus 582 Meter Tiefe emporsteigt: Es ist ein sehr sauberes Wasser, das die Bevölkerung des Viertels nutzt, um sich mit Trinkwasser zu versorgen.

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Und Obdachlose (sans abri) nutzen das Wasser auch….

Das markante Bauwerk am Platz ist das Schwimmbad. Es geht zurück auf 1908 errichtete Duschbäder, die aus dem artesischen Brunnen mit 28 Grad warmen Wasser gespeist wurden. 1924 wurde dann das neue Schwimmbad eingeweiht.

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„Sein Art-Nouveau-Stil steht im perfekten Einklang mit dem malerischen Butte-aux-Cailles-Viertel und macht es zu einem der beiden denkmalgeschützten Schwimmbäder von Paris“ – und wie man hinzufügen muss, zu dem einzigen, das für den normalen Publikumsverkehr geöffnet ist. [3]

Auch das Innere des Hallenbades ist mit seinem von leichten Bögen getragenen Betongewölbe architektonisch interessant. Als das Schwimmbad eröffnet wurde, war es auf der Höhe der Zeit mit obligatorischen Duschen für Badegäste und einem Fußbecken am Eingang zur Schwimmhalle. Allerdings waren die Duschen nicht nach Geschlechtern getrennt, was allerdings auch der Praxis neuerer Pariser Schwimmbäder entspricht – die angestrebte Körperreinigung wird dadurch allerdings zu einer bisweilen etwas verschämten Angelegenheit. Und die ehrwürdige Schwimmhalle ist oft so voll und durch Wassergymnastik in ihrem Gebrauch eingeschränkt, dass sie für Menschen, die gerne einigermaßen unbehindert ihre Bahnen schwimmen wollen, eher nicht der geeignete Ort  ist.

Piscine-Butte-aux-Cailles

Auf der Place Paul Verlaine gibt es auch einen Gedenkstein, der an die erste bemannte Fahrt im Heißluftballon erinnert:

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„Am 21. November 1783 flogen Pilâtre de Rozier und der Marquis d’Arlandes an Bord eines aus Papier (Tapete) gefertigten und mit einem Strohfeuer angetriebenen Montgolfière von Muette los. Sie landeten hier auf der Butte aux Cailles, die damals nur ein ländlicher mit Windmühlen bestandener Hügel war. In weniger als einer halben Stunden hatten sie neun Kilometer zurückgelegt.“

 

 

Es hatte die beiden Piloten einige Überzeugungskraft gekostet, den Hof  Ludwigs XVI . davon zu überzeugen, dass die Ehre, die Türme von Notre Dame zu überfliegen, nicht zum Tode Verurteilten zukommen dürfe, sondern freien Männern.[5]

Zwei Tage vorher, am 19. November 1783 hatte es übrigens schon eine Generalprobe für den Flug gegeben: Da war ein Montgolfière im Garten der manufacture des papiers peints  im heutigen 11. Arrondissement aufgestiegen. Der Ballon war mit Stoff bespannt, wie sicherlich auch der vom 21. November. Darauf hatte man Tapete aus der Manufaktur geklebt, die mit goldenen Sonnen bedruckt war. Eine grandiose Marketing-Aktion des Besitzers, Reveillon, der es sich nicht nehmen ließ, sich auch selbst in die Lüfte zu erheben. (5a)

Natürlich fehlt es auch an der Place Verlaine nicht an Werken der Street-Art. Besonders schön finde ich ein Pochoir von Miss Tic, die uns bei unserem Rundgang über den Butte-aux-Cailles begleitet.

DSC04360 Place Verlaine)

Dieses Pochoir ist sicherlich eine Antwort auf die  Anschläge vom 13. November 2015.  Denn  Ziel der Anschläge waren damals  auch mehrere Terrassen von Bars mit ihren Freiheit und Lebensfreude verkörpernden Besuchern;   den islamistischen Terroristen verhasst, so dass sie die „terrasses de la vie“ zu Terrassen des Todes machten. Aber -so die Botschaft von Miss-Tic: diese Freiheit, an der wir umso wütender und trotziger hängen, lassen wir uns nicht nehmen![6]

Auf der anderen Seite des Platzes, an der Auberge de la Butte,  gibt es zwei weitere schöne Pochoirs von Miss Tic:

Auberge de la Butte Place verlaine

Ich suche die Wahrheit und eine Wohnung 

Miss Tic Auberge de la Butte DSC04159 Butte aux Cailles 6. Mai 2019 (41)

 

Das Männliche trägt den Sieg davon. Aber wohin?

 

Unser Spaziergang führt nun über die Rue de le Butte aux Cailles zur Place de la Commune.

In der Rue de la Butte aux Cailles gibt es ein Restaurant und eine Bar, die an die Zeiten der Commune von Paris erinnern: Das Restaurant Le temps des Cerises  und die Bar „Merle Moqueur“.

Ourq Butte aux Cailles Nov 10 016

Der Name „Le temps des Cerises“ bezieht sich auf ein altes, populäres Liebeslied, in dem  die Liebe in der Zeit der Kirschen besungen wird:

                   Quand nous chanterons le temps des cerises

                   Et gai rossignol, et merle moqueur

                   Seront tous en fête.

                   Les belles auront la folie en tête

                   Et les amoureux du soleil au coeur

                   Quand nous chanterons le temps de cerises

                   Sifflera bien mieux le merle moqueur.

Das Lied endet traurig: Die Zeit der Kirschen, der Liebe und Träume,  ist kurz, danach kommen Schmerz und Trauer. Aber trotzdem:

                   J’aimerai toujours le temps des cerises

                   Et le souvenir que je garde au coeur.[7]

 

temps-des-cerises21871 wird  in dem von preußischen Truppen  belagerten Paris zwischen dem 18. März und dem 21. Mai, au temps des cerises also, ein kurzer revolutionärer Traum gelebt.  Damals wird das Lied zur Hymne der Pariser Commune und ihrer Anhänger. Sie bleibt es auch nach der „semaine sanglante“ vom 21. bis zum 28. Mai, während der die Commune von der Versaillais blutig niedergeschlagen wurde und  die Erinnerung an die Commune  -außer sie  war hasserfüllt und abschreckend-  tabuiert war. Der Autor des Liedes,  Clément, während der Commune Bürgermeister des revolutionären Montmartre,  unterstützte ausdrücklich die poltitische Botschaft des Liedes, indem er es  1885 der  „vaillante citoyenne Louise» widmete, der wachsamen Bürgerin Louise Michel, einer Ikone der Commune.

Von Wolf Biermann gibt es übrigens eine wunderschöne deutsch-französische Version des Liedes, gesungen nach der Wende vor einem jungen Leipziger Publikum – mit einer einleitenden Erläuterung, in der er eine Verbindung zwischen dem Paris von 1871 und dem Leipzig von 1989 herstellt.  Auf youtube zu sehen und zu hören! Es lohnt sich!  (8]

Le Temps des Cerises ist genossenschaftlich organisiert, und die Betreiber beziehen sich nicht nur im Namen der Gaststätte auf die Commune.

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Aux Temps des Cerises

Dieser schönen Aufforderung -und Alternative  zur martialischen Parole der Marseillaise Aux armes, citoyens – kann man getrost folgen.

DSC04360 Aux tem0s des cerises)

Auf der anderen Straßenseite befindet sich die Bar Le Merle Moqueur.

Ourq Butte aux Cailles Nov 10 017

Auch der Name „ Le Merle Moquer“ geht auf das Gedicht von Clément zurück, in dem die Spottdrossel mehrfach besungen wird. Es ist eine beliebte, abends von jungen Leuten gerne besuchte Bar. Die Preise sind, wie es in parisinfo heißt, „sehr demokratisch“. Wäre bei diesem Namen ja auch noch schöner![9]

Neben der „Merle Moqueur“ gibt es übrigens eine als sehr authentisch gerühmte Crêperie mit dem schönen Namen „Des crêpes et des cailles“. Dass auf der Butte aux Cailles auch Crêpes, also eine bretonische Spezialität,  angeboten werden, liegt insofern nahe, als im 19. Jahrhundert zahlreiche Bretonen sich auf dem Hügel niederließen und einen erheblichen Teil der Arbeiterschaft der dort ansässigen kleinen Handwerks- und Industriebetriebe stellten.

In der Straße gibt es auch – wie überhaupt auf der Butte aux Cailles- nette kleine Geschäfte wie den Honigladen Les Abeilles.

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Dort wird unter anderem selbst produzierter Honig aus Paris angeboten!  Hier zum Beispiel mit genauer Herkunftsbezeichnung, nämlich dem Kellermann-Park im 13. Arrondissement.  Allerdings gibt es den Pariser Honig nur in kleinen Mengen, so dass auf der Website des Ladens empfohlen wird, vorher anzurufen, wenn man sich dafür interessiert.[10]

Übrigens ist Pariser Honig ein weniger exotisches Produkt, als es vielleicht erscheinen mag. Auch wenn Paris die am dichtesten bevölkerte Stadt Europas ist,  gibt es dort schon seit langem Bienenstöcke, auch an prominenten Orten wie auf dem Dach des Palais du Luxembourg, dem Sitz des französischen Senats, oder der Oper. Sogar auf Notre-Dame gibt es drei Bienenstöcke, die jährlich jeweils 25 Kilogramm Honig liefern, der aber den Beschäftigten der Kathedrale vorbehalten ist. Und diese drei Bienenstöcke und ihre Bewohner haben den Brand von Notre-Dame unbeschadet überstanden![11]

Die Qualität des Honigs soll –trotz der Luftbelastung durch Schadstoffe- übrigens dank des geringeren Einsatzes der chemischen Keule in der Großstadt gut sein. Und dank des derzeit angesagten urban gardening  wird es den Pariser Bienen wohl auch in Zukunft kaum an Nahrungsquellen mangeln.

 

Auf dem weiteren Weg zur Place de la Commune de Paris lohnt es sich auch, in die Seitenstraßen bzw. –gassen zu sehen, zum Beispiel in die malerische Passage Boiton mit dem für den Butte aux Cailles typischen Kopfsteinpflaster.[12]

rue-butte-aux-cailles

Hier sieht man, wie  insgesamt in dem Viertel, noch die alten Laternen.

Ourq Butte aux Cailles Nov 10 022

 

 

 

Früher waren das Gaslaternen, die abends und morgens per Hand angezündet und wieder ausgemacht wurden. (Ich kenne das noch von meiner Jugend in Darmstadt, dass abends der Gasanzünder die Straße entlang kam, in der wir wohnten). Heute sind da elektrische Glühbirnen installiert, aber die alte Form ist erhalten worden: ein Aspekt des sympathischen, kleinstädtischen Charakters des Viertels.

 

Dazu passte dann auch, dass bei einem meiner Rundgänge durch das Viertel im Mai 2019 auf der Place de la Commune de Paris ein kleines Gehege mit Hühnern installiert war.

DSC04159 Butte aux Cailles 6. Mai 2019 (29)

Wo sonst mitten in Paris wird man wohl morgens vom Krähen eines Hahnes geweckt werden? Und ich kann mir nicht vorstellen, dass ein alteingesessener Bewohner des Butte dagegen Einspruch erheben könnte.

Auf dem Platz steht auch eine der städtischen Informationstafeln, die über die Geschichte des Viertels informieren.

DSC04159 Butte aux Cailles 6. Mai 2019 (34)

Man erfährt dort, dass es ein Pierre Caille war, der 1543 den mit Weinstöcken bepflanzten Hügel über der Bièvre kaufte und dem  Viertel seinen Namen gab. Da caille aber das französische Wort für Wachtel ist, passte der Name auch insofern sehr gut zu diesem Viertel. Das Mosaik am Straßenschild veranschaulicht das ja auch entsprechend.

DSC04360 Place de la Commune

Als 1662 die Manufacture des Gobelins geschaffen wurde, siedelten sich  Weber und Färber in der Umgebung, also auch auf dem Butte aux Cailles an. Dazu kamen Mühlen, mehrere Steinbrüche  und im 19. Jahrhundert kleine Industriebetriebe.[13]

Ourq Butte aux Cailles Nov 10 015

Der Platz ist wenig anziehend, immerhin gibt es in seiner Mitte einen der schönen gußeisernen Brunnen mit den vier Cariathiden. Diese Brunnen findet man an vielen Stellen in Paris. Sie sind nach dem Mäzen Sir Richard Wallace benannt, der sie selbst entwarf und nach den Leiden der Pariser Bevölkerung durch die Belagerung und die Schrecken der semaine sanglante  aufstellen ließ, um die Pariser mit kostenlosem Trinkwasser zu versorgen.

DSC04360 Butte aux Cailles 24.5 (14)

Vor allem aber  haben sich  verschiedene Straßenkünstler wie Seth um die  Verschönerung des Platzes  verdient gemacht. Seth ist ein international tätiger Straßenkünstler, der gerne sehr schöne und phantasievoll an den jeweiligen Ort angepasste Bilder spielender Kinder an die Wände malt.[14] Hier ist es nicht nur der Junge, der rücklings durch die Luft fliegt, sondern auch das ihn begleitende Rotkehlchen und links oben das Signum des Künstlers.

DSC04159 Seth

DSC04159 Rue de la Butte aux Cailles

 

 

 

 

Originell und passend zum Pariser Kongress über das Artensterben (2019) ist das Suchplakat für den ausgestorbenen Dodo, das an einer Hauswand des Platzes angebracht ist….

 

 

 

 

Zu diesem Thema passt – ein Stück weiter in der rue Jonas- auch der bunte Papagei von Louyz vor dem Hintergrund einer Silhouette von Paris und  von rauchenden Schloten. Da fliegen Kanonenkugeln aus Dreck durch die Luft und prallen auf den Eiffelturm…

DSC04159 Butte aux Cailles 6. Mai 2019 (11)

Originell der Schmuck eines Straßenschildes ….

DSC04159 Butte aux Cailles 6. Mai 2019 (9)

…und  der an einer Hauswand befestigte Spiegel mit der Aufforderung hineinzusehen und der Aufschrift „Du bist schön“ (t’es belle). Das gilt aber nur für Frauen, die in den Spiegel schauen…

DSC04159 Butte aux Cailles 6. Mai 2019 (28)

Aber erstaunlich, was hier engagierte und phantasiereiche Menschen  aus einem an sich wenig ansehnlichen Platz gemacht haben.

Bevor es wieder zurück geht zur Place d’Italie bzw. zur Métro-Station Corvisart  bietet sich noch zwei kleine Abstecher an: In die rue Biot, von der aus man einen schönen Blick auf die Türme der Kirche Sainte-Anne de la Butte aux Cailles hat.

DSC04360 Rue Biot

Man hat die Kirche als „kleine Schwester von Sacré-Cœur“ bezeichnet.[15] Diese Bezeichnung bietet sich an wegen des romanisch- byzantischen Stils beider Kirchen. Aber es gibt noch mehr Gemeinsamkeiten: Beide  stehen auf einem höchst brüchigen Untergrund, so dass sie auf Pfeilern errichtet sind, die auf tiefen festen Felsschichten ruhen. Bei Sainte-Anne sind es 71 Pfeiler, die bis in eine Tiefe von 16-22 Meter hinabreichen. Und beide Kirchen wurden in der Zeit der Dritten Republik gebaut, als  der Bau von Kirchen eher eine Ausnahme war. Sacré- Cœur war ja gebaut als Sühne-Kirche für die (angeblichen) Verbrechen der gottlosen Commune; und zwar demonstrativ auf dem Hügel von Montmartre,  dem aufständischen Zentrum der Revolte. Und man darf annehmen, dass Sainte-Anne mit ihrer auftrumpfenden Architektur aus ähnlichen Gründen in dem Viertel errichtet wurde, das am längsten den konterrevolutionären Angriffen der Versaillais standhalten konnte.

DSC04360 Butte aux Cailles 24.5 (27)

Die Wappen vieler bretonischer Städte am links im Bild zu sehenden Altar erinnert übrigens noch daran, dass viele  damalige Bewohner des Viertels ihre Wurzeln in der Bretagne hatten.

DSC03895´Seth

 

 

Die rue Biot ist übrigens wie die Passage du Moulin des Prés geradezu eine Freiluft-Galerie der Street-Art. Es gibt fast kein Stück Wand/Fassade, das nicht als Ausstellungsfläche dienen würde. Vertreten ist hier unter anderem wieder Seth mit einem Mädchen mit Hüpfseil und eine der  ganz neuen und jetzt öfters in dem Viertel anzutreffenden Musikkarten…

 

DSC04360 Rue Biot

Für Street-Art-Freundinnen und -Freunde empfiehlt sich auch noch ein kleiner Abstecher in die  rue Alphant. Dort hat die Künstlergruppe Louyz am 24. Mai 2019 ein farbenfrohes großes Wandgemälde mit der obligatorischen bunten Eidechse angebracht.  An diesem Tag ist auch dieses Foto entstanden. Übrigens konnte man den beiden Künstlerinnen gut bei der Arbeit zusehen: Sie hatten oben auf ihrem Gerüst eine kleinformatige Vorlage, an der sie sich orientierten,  und unten eine kleine Gruppe von Helfern mit einem größeren Farbsortiment und kulinarischem Nachschub…  Alles also genau geplant – und sogar im Internet angekündigt….

DSC04360 Rue Alphand

Weiter/zurück geht es dann durch die  von Parisinfo etwas überschwänglich als „wunderschön“ bezeichnete rue des cinq Diamants. Allerdings hat die Straße vor allem für historisch interessierte Menschen einen besonderen Anziehungspunkt, nämlich das Büro der Amies et Amis de la Commne de Paris, deren Ziel es ist, die Erinnerung an die 72 Tage der Commune wachzuhalten und die fortdauernde Aktualität des kurzen revolutionären Frühlings von Paris aufzuzeigen.[16]

DSC03196 Street Art La Butte aux Cailles (7)

Prunkstück des Büros ist die große Erinnerungstafel für die Toten der Commune: Es handelt sich um das Original einer plaque commémorative, die 1908 an der Friedhofsmauer auf dem Père Lachaise angebracht wurde, an der die letzten Kämpfer der Commune im Mai 1871 erschossen wurden. Die Association der Freundinnen und Freunde der Commune organisiert jährlich am letzten Maiwochenende die sogenannte Montée au Mur des Fédérées, zu derMenschen aufgerufen sind, die sich mit den Idealen der Commune verbunden fühlen.[17]

montee des murs des fédérés 2011

Neben der Eingangstür des Büros gibt es  ein kleines Mosaiktäfelchen mit einem Portrait und dem Namen  Wróblewski.

DSC04159 Am Eingang Amis de la Commune

Walery Antoni Wróblewski gehörte zu den Anführern des polnischen Aufstandes gegen das zaristische Russland 1863/64. Nach dessen Niederschlagung emigrierte er nach Frankreich, wo er als Pianist und Musiklehrer seinen Lebensunterhalt verdiente. Während der Commune war er ein Kommandeur der Föderierten und verantwortlich für die Verteidigung des strategisch wichtigen Butte aux Cailles gegen den Vormarsch der Versaillais. Dabei zeichnete er sich besonders aus. Prosper Lissagaray schrieb in seiner auf eigener Anschauung beruhenden „Geschichte der Commune von 1871“ über Wroblewski:

„Er ist der einzige General der Commune, der die Eigenschaften eines Corpsführers gezeigt hat. Er verlangte immer, man solle ihm diejenigen Bataillone schicken, die kein Anderer wollte, und er verstand es auch, sie zu verwenden.“[18]

Commune Spaziergang EDF 031

Nach der Niederschlagung der Commune emigrierte er nach England, wo er sich weiter für die internationale Arbeiterbewegung engagierte. Auch er konnte 1880 nach der allgemeinen Amnestie nach Paris zurückkehren, wo er 1908 starb. Wróblewski gehörte zu den vielen internationalen Aktivisten, die sich in der Pariser Commune engagierten und damit die internationale Solidarität der Arbeiter vorlebten.

Commune Spaziergang EDF 030

Das Grab von Wróblewski befindet sich auf dem Friedhof Père Lachaise, in unmittelbarer Nähe der Mur des Fédérées und  ist –wie auch das von Chopin- oft mit roten und weißen Blumen geschmückt. Sie verweisen auf die polnische Herkunft von Wróblewski und sind ein Zeichen polnisch-französischer Verbundenheit.

Ein weiterer Anziehungspunkt in der rue des cinq Diamants sind die vielen von Street-Artisten verzierten Wände.

cinq diamants 39

rue des cinq diamant Nummer 39

 

DSC04360 Butte aux Cailles 24.5 (39)

In der rue des cinq diamants gibt es auch ein kleines thailändisches Restaurant mit diesem schönen Wirtshausschild.

DSC04360 cinq diamants

Ich sehe das als Zeichen für die identitätsstiftende und integrative Kraft der Butte aux Cailles. Insofern ist das, wie ich meine,  ein schöner Abschluss des Beitrags über dieses sympathische Viertel.

 

Anmerkungen

[1] https://www.lezarts-bievre.com/la-bievre/

Zur Pariser Street-Art im Allgemeinen und Jeff Aérosol im Besonderen siehe die Blog-Beiträge: Street-Art in Paris (1) und (2) https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8875 und  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/7096

(1a) Siehe dazu den Blog-Beitrag: Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10112

[2] https://www.unjourdeplusaparis.com/paris-balades/promenade-butte-aux-cailles

[3] https://de.parisinfo.com/museen-sehenswurdigkeiten-paris/72885/Piscine-de-la-Butte-aux-Cailles

Das andere denkmalgeschützte Pariser Schwimmbad ist das mondäne Molitor im 16. Arrondissement, das allerdings inzwischen zu einem Hotel gehört und für Normalsterbliche nicht mehr zugänglich ist.

[4] Bild aus: https://www.lecoindelodie.fr/piscine-buttes-aux-cailles/

[5] https://www.pilatre-de-rozier.com/a-propos/jean-francois-pilatre-rozier/

(5a) Siehe dazu den Blog-Beitrag: Der Faubourg-Saint-Antoine (2): Das Viertel der Revolutionäre. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/102

[6] Zu Miss Tic siehe auch den Blog-Beitrag Street-Art in Paris (4): https://wordpress.com/post/paris-blog.org/9929

[7] Vollständiger Liedtext in: https://fr.wikisource.org/wiki/Le_Temps_des_cerises

Bild aus: https://passagedutemps.wordpress.com/2017/01/13/2237/. Passage du temps ist ein ausgesprochen schöner Blog mit einem Schwerpunkt zu Paris, der aus den meisten eher oberflächlichen Paris-Blogs herausragt.

[8] http://www.youtube.com/watch?v=Rv420VhwUWc (Dauert 6 Minuten)

[9]  https://de.parisinfo.com/restaurant-paris-de/100464/Le-Merle-Moqueur

[10] https://www.lesabeilles.biz/fr/index.html

[11] https://www.youtube.com/watch?v=5FCX42ZyLVw

[12] https://www.unjourdeplusaparis.com/paris-balades/promenade-butte-aux-cailles

[13] Zur Manufacture des Gobelins siehe den Blog-Beitrag: Die Manufacture des Gobelins, Politik und Kunst. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10655

Zu den Steinbrüchen: Die Bergwerke und Steinbrüche von Paris. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/5497

[14] https://www.lezarts-bievre.com/2018/04/30/julien-malland-dit-seth-globepainter/

[15] https://meinfrankreich.com/butte-aux-cailles-paris/ 

[16] http://commune1871.org/

[17] Zur Commune siehe den Blog-Beitrag: Der Bürgerkrieg in Frankreich 1871. Ein Rundgang auf dem Friedhof Père Lachaise auf den Spuren der Commune. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2912

[18] Prosper Lissagaray, Geschichte der Commune von 1871. Edition suhrkamp 177, FFM 1971, S. 340. (Lissagaray schrieb das Buch 1877 im Londoner Exil). Weitere Wertschätzungen der militärischen Leistung Wroblewskis: http://maitron-en-ligne.univ-paris1.fr/spip.php?article150222

 

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Der Hartmannswillerkopf, das französische Nationaldenkmal und das deutsch-französische Historial zum Ersten Welkrieg
  • „Les enfants de Paris“: Pariser Erinnerungstafeln/plaques commémoratives zur Zeit 1939-1945
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • Aux Belles Poules. Ein ehemaliges Bordell im Quartier Saint Denis

 

 

.

 

6. Juni 1944: Aus Feinden werden Freunde

Am 30. Mai veröffentlichte die französische  Wochenzeitung Le Point –im Zuge der publizistischen Einstimmung auf die Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag der Landung alliierter Truppen in der Normandie – einen Artikel  mit der Überschrift:

6 juin 1944 : deux SAS français derrière les lignes allemandes

(6. Juni 1944: zwei französische SAS hinter den deutschen Linien)

… und dazu ein Foto von Rémi Dreyfus, einem der wenigen  französischen Beteiligten an der Landung der Alliierten und  einem der ganz wenigen heute noch lebenden französischen „Veteranen“ des 6. Juni.  Mit ihm hatte die Nachrichtenagentur AFP (Agence France Presse) ein Interview gemacht, das die Grundlage des Artikels ist. [1]

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Das allein könnte schon Grund genug sein für einen kleinen Beitrag zu diesem Blog. Dort gibt  es immerhin schon zwei Artikel zur Normandie, in denen die Landung der Alliierten eine zentrale Rolle spielt.[2] Aber das ist es nicht allein: Denn Rémi Dreyfus ist ein wunderbarer Mensch, ein Freund des „anderen“ Deutschlands und seit vielen Jahren  ein guter persönlicher Freund. Auch davon soll im nachfolgenden Beitrag die Rede sein.

Doch zunächst zur Geschichte und  zum Artikel von Le Point/dem Interview Rémis mit  AFP. Da ist in der Überschrift die Rede von zwei französischen SAS hinter den deutschen Linien. SAS ist eine Abkürzung für Special Air Service, eine Fallschirmjägereinheit innerhalb der Royal Air Force, in die auch Franzosen („paras tricolores“[3]) integriert waren.   Diese Einheit war für besondere Aufgaben bestimmt, von denen im nachfolgenden Artikel dann die Rede ist.

Bekannt sei, dass am D-Day 177 französische Marinesoldaten des Kommandos Kieffer am Sword Beach an Land gegangen seien. (4)  Es habe aber auch noch andere Franzosen gegeben, die an der Landungsoperation teilgenommen hätten. Unter ihnen sei auch der 100-jährige Rémi Dreyfus gewesen, der in seiner Pariser Wohnung  von seinen Aufklärungsmissionen in der Normandie berichtet.

Ein Lastensegler… Ich hatte niemals einen Fuß in einen Lastensegler gesetzt. Aber so war es eben. Wir waren 15 an Bord. Am 6. Juni nachmittags hoben wir ab, aber ich wusste nicht, von welchem Flugplatz aus, das hatte man uns nicht gesagt.

Die ganze Luft war voll von Lastenseglern. Schnell überflogen wir tausende von Schiffen, die von hunderten Jagdflugzeugen geschützt wurden, die den Luftraum beherrschten. Kein deutsches Flugzeug weit und breit. Ich hatte das Gefühl, dass  wir unbesiegbar seien. Das war es: Ich war im Lager der Unbesiegbaren.“

Der Lastensegler Rémis landete bei einem kleinen Ort nordöstlich von Caen.

„Es ist ganz ruhig, keine Schüsse. Meine offizielle Mission besteht darin, für den  (englischen) General Gale zu dolmetschen. Aber schnell stelle ich fest, dass er keinen Dolmetscher benötigt.“

Also gibt er sich selbst den Auftrag,   mit einem französischen Kameraden das Niemandsland zwischen den englischen und deutschen Linien zu erkunden. Bei Dunkelheit ziehen sie los, gegen vier Uhr in der Frühe kommen sie zurück.

Wir haben vier oder fünf solcher Erkundungen gemacht. Bei einer von ihnen habe ich etwa zwanzig deutsche Panzer entdeckt, die in einem kleinen Wald verborgen waren. Ich habe ihre Existenz gemeldet und am nächsten Morgen wurden sie von unseren Flugzeugen zerstört.“(5)

Bei seinen heimlichen Patrouillen begegnet Dreyfus auch Franzosen, von denen die meisten begeistert gewesen seien über die blau-weiß-rote Kokarde auf seiner englischen Uniform.

„Aber einige auch weniger, zum Beispiel solche, die ihr Vieh bei den (alliierten) Bombardements verloren hatten.“

Nach der Eroberung von Caen sei er wieder nach England zurückgekehrt und habe Mitte August einen neuen Spezialauftrag erhalten: nämlich die deutschen Truppen daran zu hindern, Kräfte aus dem Süden an die Front im Norden zu verlegen.

„ Dreißig Trupps von jeweils 10 Fallschirmspringern, um 20- 25 Straßenverbindungen auf einer Linie von La Rochelle bis nach Belfort zu blockieren: nicht schlecht als Marschbefehl für ein Bataillon von 300 Personen, nicht wahr? Ich bin am Tag der alliierten Landung in der Provence im Département  Saône-et-Loire abgesprungen. Ich hatte 400 Kilometer Vorsprung vor ihnen.“

Rémi Kontakt nahm bei diesem Einsatz Kontakt mit maquisards auf, um gemeinsam seine Aufträge zu erfüllen: Straßenverbindungen zwischen Süd- und Nordfrankreich zu unterbrechen und die deutschen Truppen so weit wie möglich auf ihrem Vormarsch in den Norden anzugreifen. „Ce qui n’était pas toujours évident“.

Im September 1944 sei  dann Remis „Kampagne in Frankreich“ beendet gewesen.

Nicht behandelt wird in diesem Interview die Geschichte, wie es  dahin kam, wie Rémi also zum  französisch-englischen Fallschirmspringer wurde. Aber auch diese Geschichte ist es wert, erzählt zu werden: Vor dem Krieg absolvierte der aus eine Bankiersfamilie stammende Rémi ein Studium an der renommierten Wirtschaftshochschule HEC, einer der französischen Eliteschulen. Im September 1939, als Hitler den Krieg entfesselte, hatte er sein Diplom in der Tasche, aber an eine vielversprechende Berufskarriere war unter diesen Umständen nicht zu denken. Allerdings wurde Rémis Jahrgang erst im März 1940 zu den Waffen gerufen, also kurz vor Beginn des „Blitzkriegs“, in dem Frankreich in kurzer Zeit überrollt wurde und in dem ein großer Teil der französischen Truppen, auch nicht die Einheit Rémis, zum Einsatz kam.

Rémi war nun aspirant, was wohl am ehesten dem deutschen Grad eines Fähnrichs entspricht. Aber das war nicht von Dauer: Rémi wurde nach dem deutsch-französischen  Waffenstillstand nicht demobilisiert, aber nach der Übernahme der Regierungsgewalt durch das Kollaborations-Regime von Vichy als Jude aus der Armee ausgeschlossen: den Antisemitismus mussten sich Pétain und seine Leute nicht von den Deutschen aufzwingen lassen. Für Rémis damaligen Vorgesetzten war diese von oben verfügte Entlassung eine äußerst peinliche Affaire, für Rémi ein Grund zu Freude und Erleichterung. Er war jetzt nämlich gewissermaßen ein freier Mann und konnte sich dem in London um de Gaulle versammelten France Libre anschließen. Der Weg dahin führte über Spanien und Portugal. Als aktiver Soldat  hätte Rémi damit rechnen müssen, in Spanien verhaftet und als Deserteur an das Frankreich Pétains ausgeliefert zu werden. Auch für einen Zivilisten bestand die Gefahr der Verhaftung. Viele junge Franzosen mit dem Ziel England, die der spanischen Polizei in die Hände fielen, wurden in das spanisches  Internierungslager Miranda eingeliefert. Aber die wurden nicht ausgeliefert und blieben dort auch nicht lange.  Dafür sorgte  der britische Botschafter in Madrid. Er handelte mit der spanischen Regierung entsprechende „deals“ aus: Jeweils eine Gruppe der Internierten wurde entlassen und konnte nach Lissabon weiterreisen, wo sich ein Repräsentant von France Libre um alles Weitere kümmerte. Dafür lockerte dann die britische Flotte etwas die Blockade Spaniens…. Rémi blieb diese „Zwischenstation“ allerdings erspart. Trotzdem dauerte es insgesamt neun Monate, bis er sich endlich in London den Truppen des Freien Frankreichs anschließen konnte.

Er wurde den SAS zugeordnet und erhielt im Norden Schottlands  eine Ausbildung als Fallschirmspringer. Seine Ausbilder waren übrigens Polen, denen es gelungen war, sich nach der Niederlage ihres Landes nach England durchzuschlagen. Wie Rémi erzählt, spielten in der französischen und englischen Armee Fallschirmtruppen keine große Rolle. Da waren also die Polen als Ausbilder hochwillkommen. Und Rémi kennt bis heute noch die wesentlichen polnischen Kommandos, die ein Fallschirmspringer kennen (und befolgen) muss, aus dem Effeff…

Und dann war er natürlich etwas enttäuscht, dass er am 6. Juni in einen Lastensegler verfrachtet wurde… Aber danach kam es ja noch anders….

Bei einer unserer Begegnungen erzählte Rémi einmal davon, dass während seiner Zeit in England mit langen Wartezeiten zwischen Ausbildungsphasen und Einsätzen  Rilkes Büchlen „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ eine gemeinsame Lektüre mit seinen Kameraden gewesen sei – natürlich in einer französischen Ausgabe (von 1927).

DSC00226 Remi Dreyfus Cornet Rilke April 2018 (7)

Man kann (und muss wohl auch) diesen Text ideologiekritisch sehen, insofern als er auch „Projektionsfläche“ für Ideologien diente, „welche schließlich in die Weltkriege mündeten.“ [6]

DSC00226 Remi Dreyfus Cornet Rilke April 2018 (1)

Aber ist es nicht verständlich, ja  anrührend, wenn sich eine Gruppe französischer Widerstandskämpfer, die im Kampf gegen das faschistische Deutschland ihr Leben einsetzen, in diesem Buch wiederfindet?  Immerhin geht es dort um eine Truppe von Soldaten aus verschiedenen Ländern, die gemeinsam Europa gegen den Ansturm der Türken verteidigen. Und es geht um Liebe und Tod, Ängste und Hoffnungen. Das spricht diese jungen Männer –jenseits jeder ideologischen Vereinnahmung- an.

DSC00226 Remi Dreyfus Cornet Rilke April 2018 (10)

 

Jemand erzählt von seiner Mutter. Ein Deutscher offenbar. Laut und langsam
setzt er seine Worte: Wie ein Mädchen, das Blumen bindet, nachdenklich Blume
um Blume probt und noch nicht weiß, was aus dem Ganzen   
wird -: so fügt er
seine Worte. Zu Lust? Zu Leide? Alle lauschen. Sogar das Spucken hört auf.

Denn es sind lauter Herren, die wissen, was sich gehört. Und wer das Deutsche nicht kann in dem Haufen, der versteht es auf einmal, fühlt einzelne Worte: »Abends« … »Klein war … «

 

Da sind sie alle einander nah, diese Herren, die aus Frankreich kommen und aus
Burgund, aus den Niederlanden, aus Kärntens Tälern, von den böhmischen Burgen
und vom Kaiser Leopold. Denn was der Eine erzählt, das haben auch sie erfahren
und gerade so. Als ob es nur eine Mutter gäbe…

Sagt der kleine Marquis. »Ihr seid sehr jung, Herr?« Und der von Langenau, in
Trauer halb und halb im Trotz. »Achtzehn.« Dann schweigen sie. Später fragt
der Franzose: »Habt Ihr auch eine Braut daheim, Herr Junker?« »lhr?« gibt der
von Langenau zurück. »Sie ist blond wie Ihr. « Und sie schweigen wieder, bis
der Deutsche ruft: »Aber zum Teufel, warum sitzt Ihr denn dann im Sattel und
reitet durch dieses giftige Land den türkischen Hunden entgegen?« Der Marquis
lächelt. »Um wiederzukehren. « 

Rémi Dreyfuß hatte des Glück wiederzukehren, zu heiraten, Kinder und Enkelkinder zu haben,  und in seinem Beruf und seinem politischen Engagement erfolgreich zu sein. Dabei war ihm der Ausgleich zwischen den früheren „Erbfeinden“ Deutschland und Frankreich ein besonderes Anliegen. Mehrmals waren mit unserer Vermittlung Schülergruppen aus Deutschland bei Rémi eingeladen.

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Das waren Schüler/innen von Französisch-Leistungskursen oder Geschichts-  Abibac- Kursen, die sich auf das Abitur bzw. gleichzeitig auch auf das französische baccalauréat vorbereiteten. Wenn in Rémis Wohnung in der Nähe des Pantheons die Stühle nicht reichten, setzten sich die Schüler/innen auf den Boden, hörten Rémi zu, machten sich Notizen, stellten Fragen.

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Rémi  zeigte dann auch den Schüler/innen, die sich zum Teil auf ein mögliches Abiturthema „Résistance“ vorbereiteten, Materialien aus der Kriegszeit:

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Zum Beispiel dieses Flugblatt für die französische Bevölkerung über die zunehmende Rationierung von Nahrungsmitteln trotz guter Ernten: Immerhin musste ja nach den Bestimmungen des Waffenstillstands die gesamte Besatzungsarmee aus dem Land, also von Frankreich,  versorgt und unterhalten werden.

016

 

 

 

Die Résistance verbreitete auch aktuelle Küchenrezepte aus der Feder von Tante Lucie. Allerdings nicht um zu raten, wie man mit mageren Rationen trotzdem der französischen Küche Ehre machen kann, sondern um darin politische Botschaften zu verbreiten.

 

 

 

Und Rémi zeigte uns auch ein Flugblatt, das nach dem  Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 für deutsche Soldaten bestimmt war. Dort wurde eine ganze Reihe von hohen Offizieren genannt, die an dem gescheiterten Staatsstreich beteiligt waren.

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Damit sollte gezeigt werden,  dass es sich um alles andere als „eine kleine Clique“ handelte- und natürlich war das auch eine Aufforderung an die einzelnen Soldaten, „den Krieg sofort (zu) beendigen“, so wie es die Männer des 20. Juli für Deutschland insgesamt gefordert hätten.

Natürlich erzählte Rémi auch von sich. Es war den Schüler/innen ja wichtig, einen echten Vertreter des Widerstands hören und befragen zu können. Dabei wurde immer wieder deutlich: Rémi war kein „Veteran“ im schlechten Sinne, der nichts anderes im Kopf hat als seine immer wieder zum Besten gegebenen Heldentaten. Wenn er von sich erzählte, geschah das immer mit großer Bescheidenheit, oft mit Humor und  einem verschmitzten Lächeln, so wie das ja auch schon in dem oben zitierten Interview erkennbar oder vorstellbar ist.

Heute werden die Franzosen, die an der Landung teilgenommen hatten, gerne als „französische Helden“ bezeichnet.

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Titelblatt der Zeitschrift Historia, Ausgabe Juni 2019.

Abgebildet sind rechts ein am 6. Juni bei der Landung umgekommener Soldat des Kommandos Kieffer und unten zwei  französische SAS-Mitglieder mit einem Untergrund-Kämpfer

Rémi gab sich nie als Held aus und fühlte sich wohl auch nicht so. – Aber natürlich war er jetzt zu den Feierlichkeiten anlässlich des 75. Jahrestags der alliierten Landung in die Normandie eingeladen und wäre dort sicherlich als Held gefeiert worden. Darauf verzichtete aber der bald 100-Jährige.

Bei den Treffen mit Schüler/innen war Rémi aber trotz seines hohen Alters ein interessierter Gesprächspartner, der Fragen beantwortete, aber auch stellte. Besonders eindringlich waren mehrere Gesprächsrunden mit Schüler/innen von Abibac-Kursen des Romain – Rolland- Gymnasiums aus Dresden. Da traf ein alter Mann des Widerstands, der im Krieg sein Leben im Kampf gegen die Nazis eingesetzt hatte, auf junge Menschen aus einer Stadt, die in ganz besonderer Tragik die Grausamkeit des Krieges erlitten hatte. Und es waren Schülerinnen eines Gymnasiums, das durch seinen Namen und seine Arbeit in besonderem Maße der deutsch-französischen Verständigung verpflichtet ist.

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Rémi Dreyfus 2013  mit Schülerinnen des Romain-Rolland-Gymnasiums Dresden

Foto: Kristian Raum

Rémi erzählte dann auch gerne, dass er während seiner Zeit in England auch deutsche Antifaschisten getroffen und mit ihnen  über die Zukunft eines von den Nazis befreiten Deutschlands gesprochen habe. Und –für uns erstaunlich und überraschend: Seine schlimmsten Feinde seien nicht die deutschen Soldaten gewesen,  sondern die Franzosen der Collaboration, vor allem die Milizen, die gegen ihre eigenen Landsleute gekämpft und ihr Land und dessen Ideale verraten hätten.

Diese Begegnungen waren Sternstunden der deutsch-französischen Verständigung. Merci, Rémi!

 

 

Anmerkungen:

[1]  https://www.lepoint.fr/societe/6-juin-1944-deux-sas-francais-derriere-les-lignes-allemandes-30-05-2019-2315998_23.php

Entsprechend auch in La Croix vom 3. Juni: https://www.la-croix.com/France/6-juin-1944-deux-SAS-francais-derriere-lignes-allemandes-2019-06-03-1301026296

und: https://france3-regions.francetvinfo.fr/bourgogne-franche-comte/remi-dreyfus-parachute-saone-loire-1944-fete-ses-100-ans-1678039.htm

Allerdings ist die Überschrift irreführend: die beiden französischen SAS wurden , wie ja aus dem späteren Artikel auch deutlich wird, am 6. Juni nicht hinter den deutschen Linien abgesetzt.

[2] Normandie (Teil 1): Die allgegenwärige Vergangenheit https://wordpress.com/post/paris-blog.org/691

Normandie (Teil 2): Schattenseiten der Vergangenheit  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/890

[3] Siehe: Des Paras Tricolores. In: Historia Nr. 870, Juni 2019, S. 24/25

(4) Stéphane Simonnet, 177 hommes, quatre ans d’attente, une victoire. In:  Historia, 870, Juni 2019, S. 30-34

(5) Hier ist der Artikel nicht ganz korrekt: Es war nicht Rémi selbst, der die Panzer entdeckte, sondern ein Bauer, der ihn darauf hinwies.  Das richtig zu stellen, war Rémi wichtig- ein schönes Beispiel für seine Bescheidenheit.

[5] https://parapluie.de/archiv/unkultur/cornet/

 

Weitere geplante Beiträge:

  • La Butte aux Cailles, ein kleinstädtisches Idyll in Paris
  • „Les enfants de Paris“: Pariser Erinnerungstafeln/plaques commémoratives zur Zeit 1939-1945
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • Aux Belles Poules. Ein ehemaliges Bordell im Quartier Saint Denis

Le chocolat Menier (2): Die Villen der Familie im 8. Arrondissement von Paris und das Grabmal auf dem Père Lachaise

Nachdem im ersten Teil des Beitrags über die Schokoladenfabrik Menier die außerordentlich formschöne, moderne und repräsentative Architektur der Fabrik und die Anlage der Arbeitersiedlung in Noisiel an der Marne im Mittelpunkt standen, geht es im nachfolgenden Beitrag um die Bauten der Familiendynastie in Paris:  Die Stadtvilla (hôtel particulier) des Émile Justin Menier und die seiner Söhne Henri und Gaston Menier im 8. Arrondissement von Paris sowie die Grabkapelle der Familie  auf dem Père Lachaise. Die Villen der Meniers befanden sich nicht zufällig alle im Umkreis des Park Monceau: Gerade zu der Zeit, als die Schokoladenfabrik von Noisiel ihre grandiose Expansion vollzog, erhielt der Park seine heutige Form und Noblesse. Als nämlich 1860 das alte Dorf Monceau nach Paris eingemeindet wurde, wurde der weitläufige, am Ende des 18. Jahrhunderts angelegte Park des Philippe Égalité, die folie des duc de Chartres, aufgeteilt: Einen Teil gestaltete der Gartenarchitekt Adolphe Alphand um, der im Zuge der Haussmannschen Stadterneuerung unter Napoleon III.  auch andere Parks in Paris neu anlegte.[1] Unter seiner Leitung entstand ein Park, der mit vielen alten und neuen Attraktionen versehen war wie die korinthische Säulenreihe aus einer Anfang des 18. Jahrhunderts zerstörten Kirche von St. Denis, die sogenannte Naumachie…

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… oder die von Claude Nicolas Ledoux erbaute Rotonde am nördlichen Parkeingang, die sogenannte Barrière de Chartres, Teil der alten die Stadt umgebenden Zollmauer, der mur des Fermiers généraux.[2]

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So entstand  « la promenade la plus luxueuse et en mêmetemps la plus élégante de Paris“ wie der Baron Haussmann in seinen Memoiren rühmte; [3]  eine promenade, die Claude Monet 1876 zu drei Bildern anregte…[4]

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… und eine Parkidylle, in der sich ein halbes Jahrhundert später Kurt Tucholsky von seinem krisengeschüttelten Vaterland ausruhte.[5]:

Kurt Tucholsky: Park Monceau

Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen.
Hier bin ich Mensch – und nicht nur Zivilist.
Hier darf ich links gehn. Unter grünen Bäumen
sagt keine Tafel, was verboten ist.

Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen.
Hier bin ich Mensch – und nicht nur Zivilist.
Hier darf ich links gehn. Unter grünen Bäumen
sagt keine Tafel, was verboten ist.

Ein dicker Kullerball liegt auf dem Rasen.
Ein Vogel zupft an einem hellen Blatt.
Ein kleiner Junge gräbt sich in der Nasen
und freut sich, wenn er was gefunden hat.

Es prüfen vier Amerikanerinnen,
ob Cook auch recht hat und hier Bäume stehn.
Paris von außen und Paris von innen:
sie sehen nichts und müssen alles sehn.

Die Kinder lärmen auf den bunten Steinen.
Die Sonne scheint und glitzert auf ein Haus.
Ich sitze still und lasse mich bescheinen
und ruh von meinem Vaterlande aus.

 

Die andere Hälfte des früheren Parks wurde an die Brüder Pereire verkauft, reiche Bankiers, die damit ein groß angelegtes, spekulatives Immobilienprojekt aufzogen: Nach Malern benannte Straßen wurden angelegt und  monumentale vergoldete Zugänge, die selbst einem Schloss des Sonnenkönigs Ehre machen würden.

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Die großen  Baugrundstücke kaufte vor allem die jüdische  Großbourgeoisie des zweiten Kaiserreichs, um dort luxuriöse Stadtpalais zu errichten: Die Rothschilds, Cerrnuschis, Camondos, Ephrussis, aber auch die  Meniers.

 

Das Hôtel Menier

Hat man im Süden des Parks in der avenue Van-Dyck eines der goldenen Tore durchschritten, sieht man auf der linken Seite das hôtel particulier des  Émile Justin Menier. Es handelt sich, wie man lesen kann, „zweifellos“ um die außerordentlichste Villa des Parks, „véritable anthologie d’art décoratif“.[6]  Bemerkenswert ist zunächst der Zeitpunkt des Baus. Es sind nämlich erst die Jahre 1872 bis 1874, während die Umgestaltung des Parks und die Bebauung seiner Umgebung und vermutlich wohl auch der Kauf eines „Filetstücks“ durch die Meniers  schon auf die 1860-er Jahre zurückgeht. Inzwischen war Napoleon III. gestürzt und ins Exil „ab nach Kassel“ expediert worden; Frankreich war zur Republik geworden; die Erschießungskommandos der siegreichen Versailler waren wieder abgezogen, die in dem Park die massenhaften Todesurteile gegen die aufständischen Kommunarden exekutiert hatten; Frankreich war im Vertrag von Frankfurt zu hohen Kriegsentschädigungen verpflichtet worden, die gerne mit den Reparationen des Vertrags von Versailles verglichen werden…  Und in dieser Zeit der Umbrüche lassen die Meniers ihr grandioses Palais errichten: Architektur als politisches und ökonomisches Manifest: Auch unter der neuen Republik geht das Leben weiter und rollt auch –gewissermaßen- der Rubel, business as usual…

Bemerkenswert ist auch die Wahl des Architekten: Es ist Henri Parent, der Pariser Hausarchitekt der Meniers.  Parent hatte sich im zweiten Kaiserreich Napoleons III. einen Namen gemacht durch die Erneuerung von Adelspalästen der französischen Aristokratie. Er hatte zwar knapp den Wettbewerb um den Neubau der Pariser Oper –zugunsten seines Kollegen Garnier- verloren, dafür aber andere prestigeträchtige Aufträge erhalten wie den Bau eines Palais für die Kunstsammlung Jacquemart-André. Wie dort orientierte sich Parent auch beim hôtel Menier an traditionellen Vorbildern, vor allem dem flämischen Barock.[7]

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Das Palais ist inzwischen in Eigentumswohnungen aufgeteilt und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Von der Straße aus kann man immerhin einen Blick in einen Teil des Hofs und auf die dem Hof zugewandte Fassade mit der ausladenden Rotunde werfen. Die repräsentative Freitreppe allerdings kann man von außen nicht sehen.[8]

Auffällig ist schon hier der reiche Fassadenschmuck, den auch die dem Park zugewandte Schauseite aufweist.

 

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Denn anders als in vielen klassischen Pariser Stadtvillen, deren Reichtum sich erst erschließt, wenn man den an einer Straße gelegenen und im Allgemeinen verschlossenen  Eingang durchquert hat, ist die Schauseite hier vom Park aus und damit für die Besucher des Parks sichtbar. Der Reichtum der Besitzer wird nicht versteckt, sondern stolz präsentiert. Und der öffentliche Park verleiht dem privaten Besitz zusätzliche Weite und Großzügigkeit,  wie ja auch umgekehrt der Park und seine Besucher von der Noblesse der umgebenden Architektur profitieren.  Gehörte zu den klassischen hôtels particuliers der eigene, abgeschlossene Garten, so war hier gewissermaßen der öffentliche Park der Garten des hôtel Menier und der anderen an den Park grenzenden Villen.

Der reiche Fassadenschmuck mit mascarons, Tierköpfen und Vasen  ist das Werk des Bildhauers Jules Dalou. Dalou, ein Freund Rodins, war in den letzten Jahren des zweiten Kaiserreichs eJulin von der Aristokratie äußerst geschätzter Bildhauer. Unter anderem war er beteiligt an der Ausstattung des von dem schlesischen Kohlenbaron Guido Henckel von Donnersmarck für seine Geliebte und Frau, die Gräfin Païva,  auf den Champs-Elysées errichteten Märchenschlosses.[9] 1871 allerdings wurde er wegen „participation à l’insurrection“ zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt. Er war nämlich Kommandeur einer Einheit der Nationalgarde gewesen und dann, auf Bitten von Courbet, die Aufgabe übernommen, als stellvertretender Direktor des Louvre für die Sicherheit und Unversehrtheit der Bestände des Museums zu sorgen. Dalou konnte aber rechtzeitig nach England fliehen, wo er weiter als Bildhauer arbeiten konnte, bevor er 1879 mit der damals beschlossenen Amnestie für die verurteilten Kommunarden wieder nach Paris zurückkehrte und zum großen Bildhauer der Republik wurde.[10]

Dass der geächtete Dalou von Paris aus beauftragt wurde, den Fassadenschmuck zu entwerfen, ist kaum vorstellbar. Ich vermute also, dass seine Zeichnungen (wie der Entwurf des Baus insgesamt) schon vor der Zeitenwende von 1870/71 entstanden sind.  Es erscheint mir aber trotzdem bemerkenswert, dass ein repräsentatives Gebäude wie das der Meniers mit dem Fassadenschmuck eines Geächteten ausgestattet wurde. Ökonomische Gründe können dafür kaum eine Rolle gespielt haben. Ich denke, dass es sich eher um ein politisches Signal handelt: Dass die vom Bürgerkrieg geschlagenen Wunden geheilt werden sollen und die republikanische Familie wieder geeint werde. Aber später  mehr zum politischen Engagement des Émile Justin Menier.

 

 

Hôtel Henri Menier

 

Auch zwei der Söhne von Émile Justin Menier, Henri und Gaston, ließen sich repräsentative Stadtpalais in der Umgebung des Park Monceau bauen und engagierten dafür auch Henri Parent, den Architekten ihres Vaters. Für das 1880 errichtete  Hôtel Henri Menier orientiere er sich am Stil der französischen Renaissance.

Hotel Henri Menier Palais parc Monceau (7)

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Das Gebäude ist um einen zentralen Hof gruppiert, dessen Fassaden zum Teil ebenfalls im Stil der Neo-Renaissance gestaltet sind, sich zum Teil aber auch an mittelalterlichen Vorbildern orientieren.

 

Innen gab es eine große repräsentative Treppe und einen Ballsaal mit 12 Metern Deckenhöhe. In einem Teil des Anwesens richtete Henri Menier ein Laboratorium für seine chemischen Versuche ein, was die Anwohner etwas beunruhigte.

 

Wie beim Hôtel particulier seines Vaters ist die rückwärtige, auch im Stil der Neo-Renaissance gehaltene Fassade des Baus dem Park Monceau zugewandt. Die oberste Etage ist eine spätere Zutat.

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Heute ist In dem Gebäude  das Conservatoire internationale de musique de Paris untergebracht.[11] 

Hôtel Henri Menier

8, rue Alfred de Vigny

75008 Paris

 

Hôtel Gaston Menier

1878 kaufte Gaston Menier das Stadtpalais des aus dem Elsass stammenden Textilindustriellen Georges Michel Koechlin. Es handelte sich um ein Gebäude mit Fassade aus Backsteinen und Kalksteinquadern, wie das für die französische Renaissance zur Zeit Heinrichs IV. üblich war (siehe die place des Vosges oder die Place Dauphine in Paris).

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Passend zum Gebäude der Fassadenschmuck mit dem durchlaufenden Fries….

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… und den Greifen über dem Portal.

Hotel Gaston MenierMenier (1)

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Das Innere und die den Hof umgebenden Gebäude entsprachen allerdings nicht dem Geschmack und dem Repräsentationsbedürfnis des neuen Besitzers. Also ließt er von Henri Parent erhebliche Veränderungen vornehmen. So wurden die übernommenen Wirtschaftsgebäude abgerissen und durch Neubauten in einer normannisch-maurischen Stilmischung ersetzt.[12]

Dort war Platz für 5 Kutschen, 12 Pferde und darüber für einen  großen Theater- und Ballsaal, „le théâtre des folies Ruysdaël“, in dem Komödien und Operetten aufgeführt wurden.

Seit 1953 ist das Gebäude Sitz des „Ordre National des Pharmaciens“.

Hôtel Gaston Menier

4 avenue Ruysdaël

75008 Paris

 

Das Grab des Émile Justin Menier auf dem Père Lachaise

Das Repräsentationsbedürfnis der Meniers wird nicht nur in den Fabrikbauten von Noisiel und den Stadtpalais rund um den Parc Monceau deutlich, sondern auch auf dem Grab der Familie. Da gibt es zunächst ein bescheidenes, unauffälliges für den Gründer der Firma, Brutus Menier in der 36. Division. Als aber 1881 sein Sohn  Émile Justin Menier, starb, erschien der Familie dieses Grab nicht mehr der Bedeutung der Familie und ihres Unternehmens angemessen. Also wurde nach dem Tod Émile Justins ein großes, unübersehbares Mausoleum in der 67. Division des Friedhofs Père Lachaise errichtet- eines der repräsentativsten des Friedhofs.  Nach Fertigstellung des Mausoleums wurde 1887  der Leichnam  des Émile Justin aus dem Grabmal des Vaters  dorthin überführt.[13] 

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Mit dem Bau des Mausoleums beauftragt wurde der Hausarchitekt der Meniers, Henri Parent, der sich -wie damals in Frankreich üblich- auch dort verewigen ließ.

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Über der mit Kakaoblüten verzierten Tür aus Bronze befindet sich eine Marmor-Büste des verstorbenen Fabrikherrn, daneben in von Putten gehaltenen bekränzten Wappenschilden die obligatorischen  Ms.

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Der Eingang wird eingerahmt von der Allegorie des Handels, die in der linken Hand ein Buch mit der Aufschrift „travail“ /Arbeit hält.

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Die Frauengestalt auf der rechten Seite des Eingangs verkörpert die Industrie. In der einen Hand trägt sie eine Palme und einen Efeukranz, in der anderen Hand eine Pergamentrolle mit der (verwitterten)  Aufschrift „bienfaisance, instruction“/Wohltätigkeit, Unterrichtung.  Damit war der Kern der paternalistischen Ideologie der Meniers auf den Punkt gebracht.

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Das sozialreformerische Engagement Meniers

In de Nachrufen der  zeitgenössischen Presse waren alle Topoi dieses Paternalismus versammelt: Neben der leidgeprüften Familie betrauere in Noisiel auch noch eine andere große Familie den Verstorbenen. Der sei mitten aus seinem arbeitsreichen Leben und seinen grandiosen Schöpfungen gerissen worden,  ein genialer Erfinder, der den Namen Menier zu einem der berühmten Namen Frankreichs gemacht habe. Die Aufbarung des Leichnams in Nosiel sei ein tief beeindruckendes Schauspiel gewesen: Alle Arbeiter, denen er so viel Gutes getan habe, hätten den Sarg begleitet und nicht von ihm ablassen wollen. Die Frauen hätten viele Tränen vergossen. „Monsier Menier war ein wahrer Menschenfreund; er liebte es, auf alle nur mögliche Weise Gutes zu tun.“[14]

Dass  Émile Justin Menier hier  gerühmt wird – zumal aus Anlass seines Todes-  hat durchaus seine Berechtigung.  Man muss ja nicht, wie Bernard Marrey in einer Veröffentlichung aus dem Jahr 1984 von einem „idealen Kapitalismus“ sprechen, aber die Arbeiter, die bei den Meniers beschäftigt waren, hatten erhebliche Vergünstigungen: Die kostenlose Schulbildung für die Kinder –noch vor Einführung der Schulpflicht in Frankreich- , die günstigen Siedlungshäuser, die Kantinen für allein stehende Arbeiter,  die kostenlose medizinische  und  auch die materielle Versorgung in Krankheitsfällen sowie die Altersvorsorge in einer Zeit, in der es noch (lange) keine allgemeine Kranken- und  Rentenversicherung in Frankreich gab. Auf der Pariser Weltausstellung von 1867 wurde ausdrücklich die soziale Situation der Arbeiter von Noisiel begrüßt. Das soziale Engagement Meniers war beeinflusst von den Ideen des im Kaiserreich Napoleons III. einflussreichen Sozialreformers Le Play. Der propagierte in der von ihm gegründeten Société internationale des études pratiques d’économie sociale  eine „politique patronale“, deren Ziel die soziale Harmonie zwischen Unternehmer und Arbeitern war. Der Fabrikherr sollte wie ein Vater für seine Arbeiter sorgen, das Unternehmen eine große Familie sein. Émile Menier war Mitglied dieser Gesellschaft und man hat sein Wirken als „parfait exemple de l’économie sociale leplaysienne“ bezeichnet. [15]

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Standbild Le Plays im Jardin du Luxembourg in Paris

Menier hat sich als „patron philanthrope[16] ganz gezielt in Szene gesetzt. So wie er seine Produkte mit großer Systematik vermarktete, so auch sein Bild in der öffentlichen Wahrnehmung. In Noisiel wurden in den 1870- er Jahren zahlreiche Feste mit den Arbeitern, ihren Frauen und Kindern veranstaltet. Sie sollten ihnen die Gelegenheit geben, ihre Dankbarkeit für das soziale Wirken des Fabrikherrn öffentlich kund zu tun. 1876 fand ein großes Fest mit 650 Mitgliedern der „Menier-Familie“ statt. Dort trat ein 13-jähriges Mädchen auf, das mit lauter Stimm den Dank der Schüler/innen der von Menier gegründeten Schule vortrug:

« Madame et Monsieur Menier, chers bienfaiteurs, Laissez-nous vous remercier pour cette instruction que nous vous devrons et qui rendra plus faciles nos pas dans la vie. Pour les pauvres gens, l’instruction est difficile à acquérir parce qu’elle coûte cher. Eh bien vous avez pris soin de dispenser nos parents de toutes dépenses à ce sujet, vous nous avez tout donné jusqu’au papier, aux plumes, aux crayons. Aussi croyez à notre reconnaissance et soyez sûrs que chaque année nous nous efforcerons de nous rendre dignes de tous les sacrifices que, sans compter, vous avez voulu faire pour nous“[17]

Zu dem Fest von 1876 waren aber nicht nur die Betriebsangehörigen und ihre Familien eingeladen, sondern auch  Abgeordnete der Nationalversammlung, Senatoren, Gemeinderäte und Journalisten – einem davon verdankt man ja auch die Wiedergabe der gerade zitierten Dankesrede. Meniers Selbstinszenierung diente also, das wird daran deutlich, nicht nur  dazu, seine Arbeiter an die Firma und ihren Patron zu binden,  sondern dahinter stand auch ein politischer Zweck. Die „Opfer“, die  der als „Wohltäter“ gerühmte Menier nach den Worten der Schülerin, „ohne Berechnung“ für die Schüler/innen (und insgesamt für die Fabrikangehörigen) brachte, waren doch nicht ganz selbstlos.  Menier strebte  nämlich  in diesen Jahren gezielt eine politische Karriere an, wofür ihm Noisiel gewissermaßen als Basis und Aushängeschild diente. Tatsächlich wurde er auch bei den Wahlen vom 20. Februar 1876 zum Abgeordneten der Nationalversammlung für seinen Wahlkreis Seine-et-Marne gewählt.

Dass ein erfolgreicher Unternehmer sich  ganz direkt politisch engagierte, entsprach nicht der verbreiteten Erwartungshaltung, für die die Rolle als Hinterzimmer- oder Salon-Lobbyist angemessen gewesen wäre. Noch erstaunlicher war allerdings, dass sich Menier nicht, wie es von seinem Status und seinem Vermögen zu erwarten gewesen wäre, auf Seiten der politischen Rechten engagierte, sondern ganz im Gegenteil auf Seiten der  republikanischen Linken.

Ein besonderes  Anliegen war für ihn eine umfassende Reform des noch aus dem ersten Kaiserreich Napoleons stammenden Steuersystems, das er für ungerecht und wirtschaftlich verfehlt hielt. Die arbeitende Bevölkerung –und damit natürlich auch oder vor allem die Unternehmer- sollte  entlastet, dafür aber sollten der Kapitalbesitz und damit die  von den Romanen Balzacs so  bekannte  Spezies der Spekulanten und der von ihren Kapitalerträgen lebenden Rentiers  besteuert werden.  Als engagierter Republikaner vertrat Menier auch das Prinzip der Laizität, das ja, wie im ersten Teil des Beitrags gezeigt wurde, auch in der Konzeption der cité ouvrière von Noisiel deutlich wird, wo die Kirche nicht im Zentrum steht, sondern an den Rand der Siedlung  platziert war. Bemerkenswert ist auch seine pazifistische Devise: Si vis pacem, para pacem (18) – also die Umkehr der klassischen römischen Devise:  Si vis pacem, para bellum bzw.  des Si vis bellum, para bellum, also der insgeheimen Devise all derer, die die –wie anders als kriegerische?- Rückgewinnung des 1871 verlorenen Elsass-Lothringens erstrebten und ideologisch, politisch und materiell vorbereiteten. Und bemerkenswert ist auch das Engagement Meniers für eine Amnestie für die verurteilten und für die ins Ausland geflüchteten Mitglieder und Sympathisanten der Commune, womit er sich ja immerhin in bester Gesellschaft -beispielsweise der Victor Hugos- befand. Immerhin konnte er ein Jahr vor seinem Tod die nach mehreren vergeblichen Anläufen am  11. Juli 1880 von der Nationalversammlung verabschiedete Amnestie für die Kommunarden noch miterleben. Insofern seien ihm sein Denkmal auf dem zentralen Platz der Arbeitersiedlung von Noisiel und sein Mausoleum auf dem Père Lachaise gegönnt….

 

 

Anmerkungen

[1] So auch den Park Buttes-Chaumont.  Siehe dazu den Blogbeitrag über „Neues Leben auf alten Steinbrüchen“ https://wordpress.com/post/paris-blog.org/5697

[2] Zu dieser Zollmauer und dem Architekten Ledoux ist ein weiterer Blog-Beitrag geplant.

[3] https://www.napoleon.org/magazine/lieux/parc-monceau-paris/

[4] Bild aus: https://commons.wikimedia.org

[5] Unter dem Pseudonym Theobald Tiger in der Weltbühne vom 15.5. 1924

[6] http://artetpatrimoinepharmaceutique.fr/Qui-sommes-nous/p69/La-Famille-Menier-au-Parc-Monceau

[7] Siehe: Guide du promeneur 8e arrondissement, Philippe Sorel, Parigramme, 1995.

[8] Rechtes Bild aus: http://www.paris-promeneurs.com/Patrimoine-ancien/L-hotel-Menier

[9] Siehe den Blog-Beitrag: Das Hôtel Païva, ein deutsch-französisches Märchenschloss auf den Champs-Elysées. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/501

[10]  Siehe den Blog-Beitrag: Bürgerkrieg in Frankreich. Ein Rundgang auf dem Friedhof Père Lachaise auf den Spuren der Commune. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2912

[11] http://www.paristoric.com/index.php/paris-d-hier/hotels-particuliers/hotels-particuliers-tous/2846-l-hotel-d-henri-menier

Bild aus: http://www.paris-promeneurs.com/Patrimoine-ancien/L-hotel-Henri-Menier-Conservatoire

[12] Bild aus:: http://paris-promeneurs.com/Patrimoine-ancien/L-hotel-Gaston-Menier-Ordre

[13] https://www.tombes-sepultures.com/crbst_1543.html

und entsprechend: http://pone.lateb.pagesperso-orange.fr/pere-lachaise.htm

[14]  Zitiert in:  https://www.cairn.info/revue-politix-2008-4-page-9.htm  (M. Menier fut un vrai philanthrope ; il aimait à faire le bien sous toutes ses formes)

[15] https://www.cairn.info/revue-politix-2008-4-page-9.htm

Das nachfolgende Bild aus:  https://travelswithmaryellen.wordpress.com/2014/10/08/paris-lovely-luxembourg-garden/statue-of-pierre-guillaume-frederic-le-play-in-jardin-du-luxembourg-in-paris-france/

[16] http://www.agglo-pvm.fr/cite-ouvriere-menier/

[17] Zitiert von Delalande, Émile-Justin Menier, un chocolatier en République. https://www.cairn.info/revue-politix-2008-4-page-9.htm#

(18) zitiert bei Marrey, S. 38

 

Zum Weiterlesen:

Usine Menier, l’empire du chocolat. Aus:   Détours en France,  40 lieux à visiter pour redécouvrir le patrimoine, 2012   https://www.detoursenfrance.fr/patrimoine/patrimoine-industriel/usine-menier-lempire-du-chocolat-3794

Nicolas Delalande, Émile-Justin Menier, un chocolatier en République.  Les controverses sur la légitimité de la compétence politique d’un industriel dans la France des années 1870  In:  Politix 2008/4 (n° 84), Seiten  9 bis  33   https://www.cairn.info/revue-politix-2008-4-page-9.htm#

Saga Menier  http://www.prodimarques.com/sagas_marques/menier/menier.php

Bernard Marrey, Un capitalisme idéal. Paris 1984. https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k33218888/f30.image.texteImage

 

Weitere Blogbeiträge mit Bezug zum Père Lachaise:

  • Paris begeht den 100. Jahrestag des Waffenstillstands vom 11. November 1918    (Das Monument aux Morts an der Friedhofsmauer des Père Lachaise)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/11411

  • Das Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise in Paris: Eine hommage an den Vorkämpfer der deutsch-französischen Verständigung

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10585

  • Hector Guimard in Paris (2): Die Synagoge in der rue Pavée und das Grabmal auf dem Père Lachaise

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10036

  • Die Erinnerung an Sklavenhandel und Sklaverei: Der schwierige Umgang mit einem düsteren Kapitel der französischen Vergangenheit  (Das Grabmal des Generals Gobert von David d’Angers)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/9077

  • Der Bürgerkrieg in Frankreich 1871: Ein Rundgang auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris auf den Spuren der Pariser Commune

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2912

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Aux Belles Poules. Ein früheres Bordell im Quartier Saint Denis
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • „Les enfants de Paris“: Pariser Erinnerungstafeln/plaques commémoratives zur Zeit 1939-1945
  • La Butte aux Cailles, ein kleinstädtisches Idyll in Paris

 

 

Le chocolat Menier (1) Die Schokoladenfabrik in Noisiel an der Marne: repräsentative Fabrikarchitektur und patriarchalischer Kapitalismus im 19. Jahrhundert

Im Jahr 1825 verlegte Jean- Antoine Brutus Menier,  der Ahnherr der Menier-Dynastie, einen Teil seiner kleinen pharmazeutischen Fabrik aus dem Pariser Marais in die  Landgemeinde  Noisiel an der Marne.  Dort gab die es eine kleine Mühle, die dazu diente,   Arzeneien in Pulverform anbieten zu können. Auch Schokolade wurde dort produziert, die man für die Herstellung von Arzeneien verwendete: Das Fett des Kakaos für Zäpfchen, die Schokolade, um das Schlucken bitterer Pillen zu erleichtern.

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Bronzerelief vom Standbild des Émile-Justin Menier in Noisiel

Menier ersetzte damit den tierischen Antrieb seiner kleinen Mühle im Marais durch die Hydraulik, womit er seine Produktion erheblich ausweiten konnte.

Allmählich spezialisierten sich die Meniers ganz auf die Verarbeitung von Kakao und die Herstellung von Schokolade. Die war damals ein Luxusartikel: Sie wurde in Form von Broten produziert und dann in geriebener Form zur Herstellung von Trinkschokolade verwendet. 1836 erfanden die Meniers eine neue Form der Schokolade: die Tafel. Damit konnte die Schokolade auch direkt gegessen werden. Sie wurde nun in kleineren handlichen  Stücken,  in immer größeren Mengen und preisgünstiger hergestellt, so dass die Schokolade allmählich zu einem auch für breitere Bevölkerungsschichten erschwinglichen Konsumartikel wurde. Die Chocolaterie von Noisiel hat zu diesem Demokratisierungsprozess der Schokolade wesentlich beigetragen: Was bisher für die „grand monde“ reserviert war, gelangte nun  „à la portée du plus grand nombre“.[1]  

1879 importierte die Firma alleine so viel Kakao wie ganz Großbritanien.[2] 1900 beherrschte sie 50% des gesamten Weltmarkts. Vor dem ersten Weltkrieg war Noisiel die größte Schokoladenfabrik der Welt mit eigenen Kakaoplantagen, die die Meniers  -auf den zunächst dort geplanten Kanalbau spekulierend- in Nicaragua anlegten, dem zwischen dem Nicaragua-See und dem Ozean gelegenen „Valle Menier“ [3]

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Zeitgenössisches Werbeplakat (ausgestellt in der Chocolaterie

„Die größte Fabrik der Welt  Produktion: 55.000 Kilo täglich“

Auf der Abbildung zu erkennen ist die Anordnung der Fabrikanlagen entlang der Marne: Von der Anlieferung der Rohstoffe bis zur Auslieferung der Fertigwaren war so der Produktionsprozess effizient organisiert.  Auffällig ist vor allem  die neue, die Marne überspannende große Mühle. Diese hydraulische Kakaomühle wurde 1872 von dem „Chefarchitekten“ der Meniers, Jules Saulnier, gebaut: Innen nach dem neuesten Stand der Technik ausgestattet und außen reich verziert, handelt es sich um  „un des monunments les plus célèbres du patrimoine industriel français, eines der berühmtesten Bauwerke des französischen Industriearchitektur.[4]

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Dies auch deshalb,  weil es das erste französische Bauwerk ist, dessen tragende Teile allein aus Metall bestehen. Dieses metallische „Fachwerk“ ist von außen sichtbar und wird als künstlerisches Element der Gestaltung genutzt. Besonders der Eingang zur Mühle war reich verziert mit verschiedenfarbigen Ziegelsteinen, aber auch mit Terrakotta-Tellern, auf denen unter anderem –wie an vielen anderen Stellen der Fabrik- Kakaobohnen und eine Kakao-Blüte abgebildet sind.

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Auf einer Terrakotta – Tafel sind die wesentlichen Etappen der Geschichte des Ortes verzeichnet: Die erste urkundliche Erwähnung der Mühle im Jahr 1157,  die Gründung der Fabrik im Jahr 1825, ihr Ausbau in den Jahren 1864 bis 1866 durch E.J. Menier und der Bau der neuen Mühle durch den Architekten Jules Saulnier.

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Über dem Eingang der Mühle befindet sich der reich verzierte  Uhr- und  Glockenturm – hier ist es nicht der Gottesdienst, sondern die Arbeit, die ruft. Und das obligatorische M darf natürlich auch nicht fehlen.

Im Zuge der ständigen Ausweitung der Produktion kamen dann noch andere außergewöhnliche Bauten hinzu: So eine im neogotischen Stil errichtete Kühlanlage, die auf Grund der hervorragenden Gestaltung der Eisenelemente Gustav Eiffel zugeschrieben wird- was allerdings nicht bewiesen ist. Jedenfalls wird sie „Halle Eiffel“ genannt und das verwundert auch nicht.

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Gebaut wurde sie zu Beginn der 1880-er Jahre von einem weiteren bedeutenden und für Menier arbeitenden Architekten, Jules Logre. In der Kühlanlage standen die Maschinen, die nach einem neuen Verfahren Kälte produzierten. Die wurde benötigt, um die Schokoladentafeln aus ihren Formen zu lösen, so dass sie dann in einem weiteren Arbeitsschritt eingepackt werden konnten.

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       Ein neogotisches Fenster der „Halle Eiffel“ – natürlich mit dem obligatorischen M        

Insgesamt hat die Architektur dieser Fabrik einen aristokratischen, ja geradezu sakralen Charakter, wie auch die nachfolgend abgebildete und  nicht zufällig „Kathedrale“ genannte Fabrikhalle – zeigt.

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Sie wurde 1906 von Stephen Sauvestre, einem Mitarbeiter Gustave Eiffels, errichtet. In dieser Halle wurden Kakao und Zucker gemischt, die mit der Eisenbahn angeliefert wurden – die Schienen der Wagons führten quer durch die Halle.

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Und sie ist nicht nur aus ästhetischen Gründen bedeutsam, handelt es sich doch um einen der ersten Bauten aus Stahlbeton in Frankreich.

In der Architektur der Fabrik spiegelt sich ihr rasanter Aufstieg von bescheidenen Anfängen bis zum Weltmarktführer – noch vor heute so bekannten Marken wie Lindt, Suchard oder van Houten. Für den Erfolg gab es viele Gründe: das frühzeitige Erkennen des Potentials, das die Schokolade als für breite Kreise erschwinglicher Konsumartikel hat, die Erfindung der Schokoladentafel und später der  kleinen dunklen  Schokoladenstücke[5], die man zwischen Brotscheiben legte – Ursprung  des in Frankreich so beliebten  „pain au chocolat“ ;  dazu  kamen die rationalisierte Produktion, die Sicherung einer eigenen Rohstoffbasis, die Bindung der Belegschaft an die Fabrik und die Eigentümerfamilie und –nicht zuletzt- ein systematisch betriebenes und damals revolutionäres Marketing  mit der Marke „Menier“.  Dabei ging es vor allem darum, die Marke bekannt zu machen und sie durch Qualitätsgarantieen von den Produkten anderer Produzenten abzugrenzen. Als Brutus Menier in Noisiel die Schokoladenproduktion aufbaute,  gab es nämlich noch keine verbindlichen Qualitätsstandards,  und es wurden oft dubiose Zutaten verwendet. Das war offenbar damals eher die Regel als  die Ausnahme. Als Ausweis der Qualität dienten die Medaillen, die bei wichtigen Ausstellungen verliehen wurden und von denen die Meniers zwischen 1832 und 1844 eine Vielzahl einsammelten. Die wurden dann auch entsprechend vermarktet.[6]

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Dazu kam, dass Menier einer der ersten war, der mit Hilfe von Zeitungsanzeigen  für seine Marke systematisch Werbung betrieb, was  eher außergewöhnlich war und  deshalb auch entsprechend Aufmerksamkeit erregte. Und die Farbe Gelb und das von Firmin Bouisset kreierte Mädchen mit den Zöpfen verliehen der Werbung  einen hohen Wiedererkennungswert.[7]

Poster von Firmin Bouisset aus dem Jahr 1893                    

Wie erfolgreich die Markenpflege der Meniers war, zeigt der berühmte Spruch „évitez les contrefaçons“,  eine Reaktion auf die zahlreichen Fälschungen der Marke, die es damals gab.[8]

Durch den ersten Weltkrieg und spätestens nach dem zweiten Weltkrieg ging es aber mit der Schokoladenproduktion ständig bergab. Während die Produktion in Frankreich besonders eingeschränkt war, nahm sie in der Schweiz und in den USA  erheblich zu. Menier verlor seine führende Weltmarktstellung, die Innovationsfähigkeit ließ nach und das patriarchalische Idealbild verblasste. Es bildeten sich Gewerkschaften, was den ältesten Sohn von Émile, Henri, derart erboste, dass er die Vergabe von werkseigenen Wohnungen an Gewerkschaftsmitglieder ausschloss.[9]

1959 verkaufte die  Familie Menier die Fabrik und gönnte sich mit dem Erlös das Schloss Chenonceaux – hinter Versailles das am meisten besuchte Schloss Frankreichs – und gewissermaßen das architektonische Vorbild für die Saulnier-Mühle in Noisiel.

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Nach mehreren Besitzerwechseln erwarb Nestlé das Fabrikgelände, in dem aber seit 1993 nichts mehr produziert wurde. Stattdessen eröffnete die Firma dort 1996 den Sitz seiner Frankreich-Niederlassung. In der „Kathedrale“ hat sich die Chefetage eingerichtet und da,  wo früher Kakaosäcke gestapelt wurden, sind jetzt Büros eingerichtet.[10]

 

Eine Produktionshalle…

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…. früher und heute…

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Die Umwandlung des Fabrikgeländes in einen Verwaltungssitz wurde äußerst behutsam vorgenommen. Alle Veränderungen haben die alte Bausubstanz nicht beeinträchtigt, sie könnten auch ohne Probleme wieder entfernt werden. Und Nestlé France schmückt sich so mit einem „site magique“ (Laborde), einem Juwel der Industrie-Architektur des 19. Jahrhunderts.[11]

Die Marke Menier ist damit aber nicht ganz verschwunden, denn sie ist in Frankreich immer noch populär. Das nutzt Nestle und verwendet weiter das Markenzeichen von Menier mit der  entsprechenden klassischen Werbung. Immerhin habe, so die Nestle-Werbung, die  1846 kreierte Marke Menier Generationen von Feinschmeckern verwöhnt. So könne man mit Schokolade von Menier auch heute noch einen Geschmack früherer Zeiten genießen.[12] 

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Die Arbeitersiedlung -cité ouvrière- der Firma Menier in Noisiel

Der Bindung von Arbeitskräften an die Firma diente die cité ouvrière oder Cité Menier, deren Besuch sich gut mit einer Besichtigung der Schokoladenfabrik kombinieren lässt. Die Siedlung  geht zurück auf Émile – Justin Menier, der 1853 die Firma von seinem Vater übernommen hatte. Damals arbeiteten in Noisiel 23 Arbeiter, 1867 waren es schon 325. In diesem Jahr gab Émile-Justin  die pharmazeutische Produktion auf und beschränkte sich allein auf die Produktion von Schokolade, die weiter ausgebaut wurde.  Damit wuchs der Bedarf an Arbeitskräften  erheblich an, die es zu gewinnen und an die Firma zu binden galt. Émile-Justin setzte dafür seine politische und wirtschaftliche Stellung systematisch ein: 1871 wurde er zum Bürgermeister von Noisiel gewählt und kaufte nach und nach das gesamte Terrain der Kommune auf. Seinen Sohn Gaston und seinen Ingenieur und Architekten Jules Logre schickte er nach England, um dortige Projekte von Arbeitersiedlungen zu studieren- unter anderem die Siedlung Saltaire des Textilfabrikanten Sir Titus Salt in der Nähe der mittelenglischen Stadt Bradford. Ziel war es, in Noisiel das französische Modell einer cité ouvrière zu errichten.[13] 1874 begannen die Arbeiten auf einem Gelände von 30 Hektar, abseits der bisherigen Siedlung Noisiel, die allmählich der immer mehr Platz beanspruchenden Fabrik zum Opfer fiel. Die neue Siedlung bestand – und besteht bis heue noch- aus drei  parallel verlaufenden  Straßen von 600 Metern Länge, die natürlich alle nach Mitgliedern der Menier-Familie benannt sind: Rue Henri Menier, Rue Claire Menier, Rue Albert Menier. Und es gibt  einen großen zentralen Platz, la place Emile Menier, um den sich die  öffentlichen Gebäude gruppierten.

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(Am Rand der Arbeitersiedlung gibt es noch einen Platz Gaston Menier, einen square Georges Menier und einen square Jacques Menier). Und überhaupt begegnete man dem Namen der Fabrikherren auf Schritt und Tritt.[14].

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Das erste in der cité ouvrière errichtete Gebäude war die Schule für Mädchen und Jungen ab 5 Jahren (heute das Rathaus).[15] 

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Damit wurde die Bedeutung der Bildung  betont – und dies noch fünf Jahre, bevor durch die lois Ferry (1881/82) die école primaire in Frankreich für alle Kinder verpflichtend eingeführt wurde. Und natürlich darf auch hier der deutliche Hinweis auf den wohltätigen Fabrikherrn nicht fehlen…. [16]

 

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang übrigens, dass es in der cité ouvrière zwar auch eine -natürlich von Menier finanzierte- Kirche gab, die aber nicht am zentralen Platz, sondern am Rand der Arbeitersiedlung errichtet wurde. Die Schule sollte ganz im Sinne der republikanischen Ideologie der 3. Republik im Mittelpunkt stehen. Sie war auch bestens ausgestattet mit einer beheizten Pausenhalle, einem offenen Schulhof und ergonometrischen Stühlen. Der Schulbesuch war verpflichtend und kostenlos. Ebenso die Besuche in der Arztpraxis, die sich immer noch am gleichen Ort befindet.

Am gleichen Ort geblieben sind auch  die Post, die Bäckerei und der tabac- Laden.[17] Zu den öffentlichen Gebäuden gehörten auch eine Wäscherei, die Feuerwehr und ein in einem Park etwas am Rand der cité ouvrière gelegenes Altersheim (heute das Maison départementale des solidarités de Noisiel). Nicht nur für die Kleinen war also gesorgt, sondern auch für die Alten. Und für die alleinstehenden oder die in Nachbargemeinden wohnenden Arbeiter gab es ein Refektorium, also eine Kantine.  (18)

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Dass dieser den Speisesaal von Mönchen bezeichnende Begriff hier übernommen wurde, finde ich ausgesprochen passend. Denn so wie die Mönche ihr Leben in den Dienst Gottes stellten, so sollten auch die Arbeiter von Menier ihr Leben in den Dienst der Fabrik und ihrer Besitzer stellen.  Belohnt wurden sie dafür immerhin schon im Diesseits durch eine vergleichsweise gute Bezahlung und durch soziale Leistungen, wie sie es sonst noch nicht gab.

Das alte Rathaus befand sich nicht am erst später errichteten zentralen Platz, sondern in der Nähe der Schokoladenfabrik. Der Neubau von 1893 entsprach der zunehmenden Bedeutung der Stadt und dem Repräsentationsbedürfnis der Meniers, die von 1871 bis 1959 durchgängig den Bürgermeister stellten!

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Im Empfangssaal des alten Rathauses wird man von einer Büste des Fabrikherrn Émile Justin begrüßt. Es handelt sich um die Bronzekopie einer Marmorbüste, die das dankbare Personal der Schokoladenfabrik 1878 ihrem Chef überreichte, als dieser zum Ritter der Ehrenlegion ernannt wurde.[19]

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Und auch wenn man nach oben an die Decke blickte, war klar, dass man sich im Reich der Meniers befand.[20]

DSC03580 Altes Rathaus Noisiel

Detail der Deckenbemalung

Die Siedlungshäuser sind aus Backstein gebaut und bestanden aus zwei unabhängigen Wohnungen von 64 m² mit zwei Schlafzimmern, einem Wohnzimmer und einer Küche. Die Toiletten waren in einem angebauten Schuppen untergebracht. Zu jedem Siedlungshaus gehörte ein kleiner Obst- und Gemüsegarten von 300 qm².

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Die Häuser waren entlang den Straßen versetzt angeordnet, um die Luftzirkulation zu verbessern. Fließendes Wasser gab es zwar nicht in den Häusern, aber alle 45 Meter war in den Straßen ein Brunnen installiert. Die Eckhäuser waren größer und besser ausgestattet – unter anderem mit einer Innentoilette- und für die leitenden Angestellten und Ingenieure bestimmt.

Alle Häuser wurden ausschließlich an Betriebsangehörige vermietet. Wer die Fabrik verließ, musste auch seine Wohnung räumen. Die Miete entsprach dem Verdienst von zwei bis sechs Arbeitstagen. Insgesamt wurden bis zum Ersten Weltkrieg 311 Wohnungen errichtet.[21]

Mittelpunkt des zentralen Platzes und damit Mittelpunkt der gesamten cité ouvrière ist das Denkmal für Émile Justin Menier. Seine  Büste aus Marmor (mit stolzer Herrscherpose) steht auf einem Piedestal –sicherlich nicht zufällig aus einem Stein der Vogesen gefertigt!-  und wird gestützt von den Allegorien der Industrie und der Wissenschaft.

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Am Fuß des Sockels sind vier Bronzereliefs angebracht, die die Entwicklung der Fabrik von kleinen Anfängen mit der (schon oben abgebildeten) alten Mühle von Noisiel  bis zur großartigen Gegenwart veranschaulichen.

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Eingeweiht wurde das Denkmal am 8. Oktober 1898, genau 20 Jahre nach der Ernennung des Émile Justin Menier zum Ritter der Ehrenlegion  mit einem gewaltigen Festakt. Eingeladen waren nicht weniger als 2300 Ehrengäste, für die ein großes Bankett und zum Abschluss ein Feuerwerk über der Marne veranstaltet wurden. Und während in Pariser Fabriken gestreikt und die Polizei mobilisiert wurde, durfte die Belegschaft der Chocolaterie den passenden Rahmen für den Festakt bilden und dem Fabrikherren ihre Huldigungen darbieten: „Nous travaillons pour vous, vous travaillez pour nous. Merci!“ (Aus der Zeitung le Gaulois vom 9.10.1898[22])

Ein weiterer Beitrag über die Villen der Familie Menier im 8. Arrondissement von Paris,  das Grab des Émile Justin Menier  und die Grundlagen seines patriarchalisches Engagements  im nachfolgenden zweiten Teil des Beitrags über die Chocolaterie Menier.

 

Besichtigungen der Firma und der cité ouvrière werden von der Stadt Noisiel angeboten:

http://www.ville-noisiel.fr/Visites-de-Noisiel

Réservation / information  :
Service patrimoine et tourisme
23, rue Albert-Menier
Tél. 01 60 37 73 99
E-mail : patrimoine@mairie-noisiel.fr

Zu erreichen mit dem RER Station Noisiel, und von dort aus eine gute halbe Stunde zu Fuß

Oder noch besser mit dem Fahrrad auf dem Marne-Radweg.

 

 

Anmerkungen:

[1] Marrey, un capitalisme idéal, S. 24

[2] http://www.leparisien.fr/seine-et-marne-77/sur-les-pas-du-chocolatier-menier-a-noisiel-77-28-10-2016-6263475.php

[3]  https://exploreparis.com/fr/199-visite-de-l-ancienne-chocolaterie-menier.html  siehe auch: https://www.elnuevodiario.com.ni/economia/397804-cacao-valle-menier/   Übrigens ist inzwischen die Firma Ritter Sport in die Fußstapfen der Meniers getreten und hat eine eigene Kakaoplantage in Nicaragua eingerichtet. Wenn es also in einer Reportage darüber heißt, es handele sich um etwas, „was bisher kein anderer Schokoladenproduzent in vergleichbarer Größenordnung gewagt hat,“ so trifft das nicht zu. https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.plantage-in-nicaragua-wo-der-kakao-fuer-ritter-sport-herkommt.3ca0313f-2d4f-4adb-8f4f-5e804824dc96.html

[4] http://doczz.fr/doc/73207/6—formes

Umso merkwürdiger -und bedauerlicher- ist es, dass Jean- Paul Kauffmann in seinem schönen Buch „Remonter la Marne“ (Fayard 2013) die Schokoladenfabrik von Noisiel nicht berücksichtigt hat.

[5]https://en.wikipedia.org/wiki/Menier_Chocolate

[6] Marrey, un capitalisme idéal, S. 24/25

Bild aus: http://pone.lateb.pagesperso-orange.fr/contrefacon%20Menier.htm

[7] Bilder aus: https://en.wikipedia.org/wiki/Menier_Chocolate  und https://www.pinterest.ca/pin/395402042268559892/

[8] http://pone.lateb.pagesperso-orange.fr/contrefacon%20Menier.htm

[9] http://www.leparisien.fr/seine-et-marne-77/sur-les-pas-du-chocolatier-menier-a-noisiel-77-28-10-2016-6263475.php

[10] Bild der früheren Produktionshalle aus der Fotoausstellung der Fabrik

[11] „un des fleurons de notre patrimoine industriel“ (Détours)

[12] https://www.cdiscount.com/au-quotidien/alimentaire/nestle-meunier-chocolat-patissier-200g/f-1270103-menier261435.html

[13] La cité ouvrière Menier. Un lieu, une histoire. (2018) http://www.agglo-pvm.fr/cite-ouvriere-menier/

[14] Bild aus: http://pone.lateb.pagesperso-orange.fr/cotation3.htm

[15] Bild aus: https://fr.m.wikipedia.org

[16] http://jacques.vouillot.free.fr/visite/mairie.htm

[17] http://www.leparisien.fr/seine-et-marne-77/sur-les-pas-du-chocolatier-menier-a-noisiel-77-28-10-2016-6263475.php

(18) Bild aus: https://monumentum.fr/anciens-refectoires-pa00087174.html

[19]  http://pone.lateb.pagesperso-orange.fr/cotation3.htm

[20] Bild aus: https://www.flickr.com/photos/51366740@N07/15000104038/

[21] http://www.agglo-pvm.fr/cite-ouvriere-menier/

[22]  „Wir arbeiten für Sie, Sie arbeiten für uns. Danke.“  Zit. in: http://pone.lateb.pagesperso-orange.fr/monument%20menier.htm

 

Zum Weiterlesen:

Usine Menier, l’empire du chocolat. Aus:   Détours en France,  40 lieux à visiter pour redécouvrir le patrimoine, 2012

https://www.detoursenfrance.fr/patrimoine/patrimoine-industriel/usine-menier-lempire-du-chocolat-3794  

Nicolas Delalande, Émile-Justin Menier, un chocolatier en République.  Les controverses sur la légitimité de la compétence politique d’un industriel dans la France des années 1870  In:  Politix 2008/4 (n° 84), Seiten  9 bis  33   https://www.cairn.info/revue-politix-2008-4-page-9.htm#

Saga Menier  http://www.prodimarques.com/sagas_marques/menier/menier.php

Bernard Marrey, Un capitalisme idéal. Paris 1984. https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k33218888/f30.image.texteImage

 

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Le chocolat Menier (2): Die Villen der Meniers in Paris und das Familiengrab auf dem Père Lachaise 
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“
  • „Les enfants de Paris“: Pariser Erinnerungstafeln/plaques commémoratives zur Zeit 1939-1945
  • La Butte aux Cailles, ein kleinstädtisches Idyll in Paris

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre-Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs

In der Nacht, als Notre – Dame brannte, habe ich in diesen Blog eine Reihe von Bildern eingestellt, die wir in den letzten Jahren von dieser wunderbaren Kirche aufgenommen hatten: : Notre-Dame wie es war und hoffentlich bald wieder sein wird.  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/12078

Inzwischen ist das Ausmaß der Schäden deutlicher, die ersten Sicherungsmaßnahmen sind schon unternommen worden.

DSC04033 ND nach dem Brand 1.5 (2)

Aufnahme vom Quai de Montebello aus  (1.5.2019)

Sicherlich wird es aber noch viele Debatten über das Konzept für den Wiederaufbau geben. Soll die Kirche genau so wieder entstehen, wie sie vor dem Brand aussah,  nur –wie Präsident Macron es versprach- noch viel schöner als vorher, oder sollen die Wunden sichtbar bleiben und auch Neues an die Stelle des unwiederbringlich Zerstörten treten?  Auch über die zeitlichen Perspektiven eines Wiederaufbaus gibt es sehr unterschiedliche Einschätzungen. Macron hat da etwas vollmundig einen Zeitrahmen von 5 Jahren vorgegeben, was aber vielfach als völlig unrealistisch bezeichnet wird. Geld für den Wiederaufbau steht immerhin aufgrund der phänomenalen  Spendenbereitschaft hinreichend zur Verfügung. Über die gibt es inzwischen übrigens heftige Diskussionen in Frankreich.

DSC04072 Finanzierung ND Mai 2019

Plakat einer Aids-Hilfsorganisation in der rue de la Roquette mit Anspielung auf den Brand von Notre-Dame („Wir brennen schon seit 30 Jahren“).

Innerhalb von zehn Tagen gab es mehr als 1 Milliarde Euro an Zusagen, mehr als für den Wiederaufbau erforderlich. (Le Monde, 30.4.). Da ist sicherlich bei manchen Großspendern auch Prestige im Spiel, die hohen steuerlichen Abschreibungsmöglichkeiten solcher Spenden in Frankreich werden auch ihren Anteil haben; aber vor allem sind es doch sicherlich die große Bestürzung über den Brand und die schrecklichen Bilder des brennenden Dachstuhls, des berühmten „Waldes“ von Notre-Dame aus Jahrhunderte-alten Eichenbalken,  des einstürzenden Dachreiters und des verwüsteten Innenraums, die Menschen dazu veranlasst haben mögen,  einen Beitrag zum Wiederaufbau zu leisten. Die Reaktion auf den Brand entsprach ja genau dem, was der französische Anthropologe Daniel Fabre eine „émotion patrimoniale“ genannt hatte, eine kollektive Ergriffenheit und Betroffenheit angesichts des Verlusts eines als unersetzbar geltenden, emotional hochbesetzten kulturellen Erbes.[1] Und dass es sich bei Notre-Dame um einen kollektiven Verlust (une perte collective) handelt, darüber gibt  es  einen allgemeinen Konsens zwischen Politikern unterschiedlichster Couleur, zwischen Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen oder Journalisten aller Medien und allen internationalen Kommentatoren des Brandes. Einhellig betont wird die  herausragenden Bedeutung der Kathedrale Notre-Dame: Für die Christen, für die Menschheit insgesamt, vor allem aber für Frankreich.

In seiner Fernsehansprache vom 16. April bezeichnete Präsident Macron Notre-Dame als „le lieu où nous avons vécu tous nos grands moments“, Notre-Dame sei „notre histoire…. notre imaginaire“; die Präsidentin der Region Île de France, Valérie Précresse (Les Républicains) nannte Notre-Dame „die Seele Frankreichs [2], der Leitartikler der Zeitung Sud-Ouest „le cœur brûlé de la France[3]. Für den Chef von La France Insoumise, Jean- Luc Melenchon,  ist Notre-Dame seit mehr als 1000 Jahren (!) „le métronome des Français[4],  die Zeitung  Libération  nennt Notre-Dame „die Kirche der Nation“ und bezeichnet sie in ihrer Sonderausgabe vom 17. 4. als „Notre –  Dame du peuple“[5]. In einer Sendung von France Culture wurde Notre-Dame sogar in den Rang einer „Gottheit“ erhoben.[6] Sehr eindrucksvoll in dieser Hinsicht war die Titelseite der  Sonderausgabe von Le Monde vom 17. April: Neben dem halbseitigen Bild der brennenden Kathedrale die überschrift  „Notre-Dame, notre histoire“….

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… und Plantu, der Karikaturist der Zeitung, steuerte darunter eine Zeichnung bei. Auf der ist die weinende Marianne zu sehen, die eine Tricolore mit dem Bild der brennenden Kirche trägt.. Die Identifikation der Kirche mit der Nation ist so zum Ausdruck gebracht.  Und die  die Fensterrose ersetzende Weltkugel auf der Fassade bezeichnet die weltweite Ausstrahlung des Bauwerks.

Le Monde 17.4. DSC03969

Ich wüsste nicht, welches Bauwerk in Deutschland einen ähnlichen Status für sich in Anspruch nehmen könnte. Vielleicht am ehesten noch die Dresdener Frauenkirche als Symbol der Verwüstungen durch die alliierten Bombardements im Zweiten Weltkrieg  oder die 2004 ausgebrannte Anna-Amalia-Bibliothek als Symbol des kulturellen Erbes der Weimarer Klassik. Aber eine mit Notre-Dame vergleichbare „emotion patrimoniale“ hat es da doch wohl nicht gegeben. Sicherlich hat das etwas zu tun mit der spezifischen deutschen Geschichte und ihren Brüchen und dem historisch gewachsenen Föderalismus, während der traditionelle französische Zentralismus auf dem Platz vor der Kirche „seine materielle Ausprägung“ gefunden hat.

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Da ist nämlich eine Rosette in den Boden eingelassen, von deren Mittelpunkt aus in alle Himmelsrichtungen die Distanzen der Städte und Dörfer bis an die Ränder des Landes gemessen werden.

Point Zero des Routes de France

Notre-Dame ist also in der Tat Zentrum  von Paris, der „Hauptstadt der Welt“, dazu mit etwa 13 Millionen Besuchern im Jahr der meistbesuchte kulturelle Ort von Paris, ja von Frankreich, sie ist „das Herzstück ganz Frankreichs“[7], ein „lieu symbolique“ der Geschichte des Landes.

 

Der Sender France Culture hat nach dem Brand unter der Überschrift „11 große Daten einer Geschichte Frankreichs“ eine Reihe von Ereignissen aus der Geschichte von Notre-Dame zusammengestellt, die  die Bedeutung der Kirche für Frankreich belegen sollen:

  • 1163: Beginn des Baus durch Maurice de Sully
  • 1239: Saint Louis deponiert in Notre-Dame die Dornenkrone, die nach christlicher Überlieferung Jesus bei seiner Kreuzigung getragen haben soll.
  • 1302: König Philippe le Bel beruft die ersten Generalstände des Königreichs nach Notre-Dame ein: Das Kirchenschiff ist damals der größte überdachte Raum, der zur Verfügung steht.
  • 1594: Endgültiger Übertritt Heinrichs IV. zum Katholizismus (seine Heirat mit Marguerite von Valois 1572, am Vorabend der Bartholomäusnacht, hatte ebenfalls in Notre-Dame stattgefunden.
  • 1792: Schließung der Kathedrale
  • 1804: Die Krönung Napoleons (le sacre de Napoléon)
  • 1844: Beginn der Renovierungsarbeiten durch die Architekten Jean-Baptiste-Antoine Lassus und Eugène Viollet-Le-Duc
  • 1918: Ende des „Großen Kriegs“ mit einer Feier in Notre-Dame am 17. November
  • 1944: Befreiung von Paris mit einer Feier in Notre-Dame am 26. August
  • 1970ff : Beisetzungen des Generals de Gaulle, von François Mauriac und danach weiterer  Persönlichkeiten, so der ehemaligen Präsidenten Georges Pompidou 1974 und François Mitterrand 1996. Dessen Beisetzungsfeierlichkeit in Notre-Dame sei übrigens, wie die Zeitung Les Echos damals schreib, bestimmt gewesen von den Emotionen des deutschen Kanzlers Helmut Kohl, eines der engsten Freunde Mitterands, der seine Tränen nicht habe zurückhalten können.[8] Insofern ist Notre-Dame in gewisser Weise auch ein Ort deutsch-französischer Freundschaft.
  • Und (vorläufig) letztes Datum natürlich: Der Brand vom 14./15. April 2019[9]

Allerdings war die große Bedeutung und Wertschätzung von Notre-Dame nicht immer so eindeutig. Das soll an einigen nachfolgend skizzierten und zum Teil auch in der gerade vorgestellten high-light- Liste enthaltenen Ereignissen verdeutlicht werden:

  • So wird in dieser Liste die Übergabe der Dornenkrone an die Kirche genannt. In der Tat hatte Ludwig IX. (der Heilige) die Krone dem byzantinischen Kaiser abgekauft, um seinen Status als christlicher König gegenüber dem Kaiser des Heiligen Römischen Reichs zu untermauern. Allerdings war für die Aufnahme der Dornenkrone (und anderer Reliquien) die Sainte-Chapelle bestimmt, die aber erst zehn Jahre später fertig gestellt war und der sie dann auch übergeben wurde.  Und in der Sainte-Chapelle  blieb sie dann auch bis zur Französischen Revolution. Notre-Dame diente also zunächst nur als provisorischer Lagerort und  die Dornenkrone wurde erst von Kaiser Napoleon wieder Notre-Dame übergeben – und 2019 gerettet. Allerdings war die von Ludwig dem Heiligen erworbene Reliquie  1793 verschwunden, als der Schatz der Sainte-Chapelle eingeschmolzen wurde, um den Koalitionskrieg zu finanzieren. Sie wurde aber, mit den Worten des Historikers Yann Potin, „neu geschaffen“, bzw. nach kirchlicher Lesart wie durch ein Wunder  von einem Geistlichen der Kathedrale aufgefunden und konnte so schließlich wieder in den Besitz von Notre Dame gelangen.

 

  • Erst 1622 wurde Paris Bischofssitz. Notre-Dame erhielt also erst 459 Jahre nach ihrer Gründung, nach mehr als  der Hälfte ihrer bisherigen Geschichte, den Rang einer Kathedrale. Bis dahin unterstand das Bistum Paris dem Erzbischof von Sens. Und die Erzbischöfe von Sens ließen sich in Paris in der Nähe der Seine ein wunderbares Palais errichten, das Hôtel de Sens, das im 15. Jahrhundert „als eines der schönsten Häuser von Paris“ galt[10] und den geistlichen Herrschaftsanspruch der Erzbischöfe von Sens über Paris unübersehbar machte.

 

  • Zu Beginn  der Französischen Revolution stellte sich der Klerus auf die Seite der Revolution:  Am 13. Juli 1790 wurde z.B. der Jahrestag des Sturms auf die Bastille mit einem feierlichen Te Deum gefeiert, am 25. September 1792 feierte ein weiteres Te Deum die vier Tage vorher ausgerufene Republik. Dennoch wurde im November 1792  Notre-Dame  geschlossen, „der Beginn ihrer Leidenszeit“.[11] Die mussten zwar auch andere Kirchen damals durchmachen, aber Notre-Dame traf es, ebenso wie  St. Denis, wo die Königsgräber geschändet wurden, besonders hart, was man  vielleicht  als  Beleg für die inzwischen erlangte Bedeutung der Kathedrale verstehen kann. Schlimm war vor allem das Jahr 1793, in dem ja auch die Schreckensherrschaft Robbespierres begann.  Nach einem Zwischenspiel als „Tempel der Vernunft“ diente das Gebäude als Lagerhalle (immerhin!) für Wein, bis es 1802 wieder in den Schoß der Kirche zurückkehrte. 1793 wurde die Kathedrale  geplündert, und während die Guillotine die massenhaften Todesurteile des Revolutionstribunals exekutierte, wurden auch die  Statuen der  Portalgewände geköpft und  die 28 Statuen der Königsgalerie  gleich ganz herabgestürzt,  galten sie doch als Verkörperung von Religion und Feudalismus zugleich: Sie stellten nämlich die biblische Ahnenreihe von Jesus dar, die Könige von Israel und Juda also. Aber gleichzeitig wurde mit der Königsgalerie der nach dem Sieg Philipp Augustes über den englischen König 1214 bestätigte Anspruch der französischen Könige auf Heiligkeit untermauert.   Sie führten sich also auf die biblische Ahnenreihe zurück und allmählich vermischten sich diese Zuschreibungen der Königsstatuen. Da sie ziemlich mächtig waren – immerhin 3,50 m hoch- wurden sie bzw. ihre Trümmer von den Revolutionären als Baumaterial verkauft und verschwanden im wahrsten Sinne des Wortes in der Versenkung. Noch 1974 beklagte der französische Kunsthistoriker und Notre-Dame-Spezialist Erlande-Brandenbourg den unschätzbaren Verlust der Statuen. Aber  1977  kamen 21 Königsköpfe  bei Ausschachtungsarbeiten für einen Bankneubau in der Chaussée d’Antin zufällig ans Tageslicht- eine der wichtigsten archäologischen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte. Nicht nur weil die Königsgalerie die älteste ihrer Art ist und als Vorbild für die Kathedralen von Chartres, Reims und Amiens diente, sondern auch wegen der äußerst kunstreichen Gestaltung von Details wie den Kronen oder den Locken und  wegen der vielfältigen erhaltenen farblichen Reste: Rot für die Lippen, rosa für die Backen,  blau-grau für die Haare und den Bart, schwarz oder grün für die Pupillen… Die Königsköpfe aus dem 13. Jahrhundert kann man  inzwischen im Musée Cluny bewundern- in einem stimmungsvollen Raum der alten römischen Thermen, die Teil des Museums sind.

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  • 1804 krönte sich Napoleon in Notre-Dame selbst zum „empereur“/Kaiser und danach seine Frau Josephine zur Kaiserin, was natürlich in keiner Zusammenstellung der Geschichte Notre-Dames fehlen darf.  Man mag auch das als Beweis für die Bedeutung der Kirche ansehen, allerdings gab es keine Alternative: Saint Denis war die Grabkirche der Bourbonen, also als Krönungsort ungeeignet, die ehemalige Kirche Sainte- Geneviève schied auch aus, weil sie inzwischen als nationale Ruhmeshalle, als Pantheon,  fungierte, während die Wahl von Reims, der Krönungskirche der französischen Könige, ein antirevolutionärer Affront gewesen wäre. Um die Abkehr vom ancien régime (und seinen Weltherrschaftsanspruch) zu dokumentieren, wählte Napoleon ja auch den an Karl den Großen anknüpfenden Titel eines Kaisers und deshalb auch die Wahl der historisch unbelasteten  Kirche Notre-Dame. Nach den Verwüstungen der Revolutionsjahre war die Kirche allerdings in einem derart maroden Zustand und die Gotik derart verpönt, dass mit Hilfe von Tüchern und falschem Marmor eine Theaterkulisse geschaffen wurde, die die gotischen Strukturen (bis hin ins 33 Meter hohe Gewölbe) und das herunter gekommene Ambiente verhüllte und die Kirche dem Zeitgeschmack und dem Repräsentationsbedürfnis Napoleons anpasste.

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             Das berühmte monumentale Gemälde(6 mal 10 m),  das Napoleon bei seinem                      Hofmaler David  in  Auftrag  gegeben hatte[12], zeigt also den für das Ereignis                      hergestellten  Theaterdekor, nichts aber von der gotischen Kathedrale, in der die                Zeremonie  stattfand. Das Bild ist im Louvre zu sehen.

  • In der Liste der großen historischen Ereignisse von Notre-Dame ist natürlich der November 1918 enthalten. Da fand in Notre-  Dame ein großes Te Deum statt: Mit einer Messe sollte Gott für den Sieg im Ersten Weltkrieg gedankt und dessen Ende gefeiert werden.[13]

1211711-rv_74130-28jpg Liberation 15.4.

                     Die Feier des Te Deums in Notre-Dame vom 16. November 1918

Da war Notre-Dame also tatsächlich „die Kirche der Nation“. Allerdings nicht ganz: Der gefeierte „Tiger“  Clemenceau, damals Ministerpräsident (président du Conseil), weigerte sich, in Anbetracht der in Frankreich strikten Trennung von Kirche und Staat („par respect de la séparation des pouvoirs“) an der Zeremonie teilzunehmen. Staatspräsident Poincaré verzichtete deshalb ebenfalls auf seine Teilnahme. Immerhin kamen die beiden dann überein, dass ihre Frauen bei dem Te deum anwesend sein sollten/durften.

Am 26. August 1944  wurde anlässlich der Befreiung von Paris erneut ein Dankgottesdienst in Notre- Dame zelebriert. Nach einer Militärparade auf den Champs – Elysées zog  de Gaulles  in die Kirche ein. Dabei gab es noch vereinzelt Schüsse von faschistischen Kollaborateuren, die sich verzweifelt gegen den Lauf der Geschichte stemmten. De Gaulle aber, Teil seines Heldenepos, soll einer der wenigen gewesen sein, die nicht Deckung suchten, sondern aufrecht und langsamen Schrittes die Kirche betrat. Begleitet wurde de Gaulle beim Einzug in Notre-Dame von Führern der Résistance,  Vertretern des „Freien Frankreichs“ und dem Chef der 2. Französischen Panzerdivision Leclerc.  Eine zu  dessen Truppe gehörende, aus spanischen Freiwilligen bestehende Panzereinheit war als erste in Paris eingerückt. An der Feier, die mangels Strom und Orgel nur 15 Minuten dauerte, nahm allerdings  kein einziger geistlicher Würdenträger  teil.  Man hat sie deshalb etwas kühn mit der Selbstkrönung Napoleons 1804 verglichen. Zuzustimmen ist aber sicherlich dem Chefredakteur von Libération  Joffrin, der sie als Apotheose der Befreiung von Paris bezeichnete.[14]

Le-26-aout-1944-generaux-Gaulle-Leclerc-appretent-rejoindre-cathedrale-Notre-Dame-apres-avoir-defile-Champs-Elysees-pour-celebr

 Waren es also beim Te Deum von 1918 die staatlichen Repräsentanten, die in Notre- Dame fehlten, so waren es hier – in ihrem eigenen Hause! –  die Vertreter der kirchlichen Hierarchie: Die Feier in Notre-Dame vom 26. August 1944  und ihre Begleitumstände  waren Ausdruck der Spaltung und Zerrissenheit Frankreichs in der Stunde der Befreiung.

Das Fernbleiben einer Seite war diesmal allerdings, anders als 1918, keine freiwillige Entscheidung.  Während in Notre-Dame nämlich das Te Deum gefeiert wurde, stand der Kardinal und Erzbischof von Paris Suhard in seinem Bischofspalais unter Hausarrest. Der hatte nämlich genau vier Monate vorher, am 26. April 1944, den Marschall Pétain in seiner Kathedrale empfangen. Damals fand  ein Gottesdienst zu Ehren von Franzosen statt, die bei den die Landung in der Normandie vorbereitenden alliierten Bombenangriffen getötet worden waren.[15]

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Und davor war Pétain auf dem Platz vor dem Hôtel de Ville von einer begeisterten Menschenmenge gefeiert worden.

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Kardial Suhard, der dem Chef des Kollaborations-Regimes von Vichy mit dem Empfang in Notre-Dame die kirchliche Weihe verlieh, hatte darüber hinaus im Februar 1944 eine Erklärung der französischen Bischofskonferenz unterstützt, in der Aufrufe zur Gewalt und „Akte des Terrorismus“ verurteilt worden waren. De Gaulle in London und die bewaffnete Résistance im Innern waren damit als terroristisch qualifiziert worden. Und noch am 2. Juli, also vier Wochen nach der Landung der Alliierten in der Normandie, nahm Suhard  an dem Staatsbegräbnis für Philippe Henriot, den „Goebbels von Vichy“, in Notre-Dame teil. Französische Milizionäre trugen den Sarg mit den sterblichen Überresten Henriots, der von der anwesenden Menge mit dem Nazigruß empfangen wurde,  in die Kathedrale. Anwesend waren auch Laval,  der Regierungschef Vichys, und der deutsche Botschafter in Paris Abetz.  Henriot war von Mitgliedern der Résistance erschossen worden.[16]

Dass unter diesen Umständen de Gaulle auf die Anwesenheit Suhards bei dem Te deum vom 25. August 1944 verzichtete, ist nur allzu verständlich- die Zeremonie war insofern „le parfait effacement“ des petainistischen Te Deums vom 26. April.  In seinen Memoiren beteuerte de Gaulle allerdings, er von seiner Seite habe nichts mit der „Verbannung“ Suhards zu tun gehabt.[17] Aber als er die Memoiren schrieb, war Frankreich in seinem Selbstverständnis schon lange ein einiges Volk von Widerstandskämpfern geworden und an die dunkle Zeit der Kollaboration  wurde möglichst nicht mehr erinnert.

So war denn auch Kardinal Suhard bei dem Sieges- und Dankesgottesdienst vom 9.Mai 1945 wieder auf freiem Fuß und konnte  als Hausherr von Notre Dame auftreten, als wäre nichts gewesen. Und der Domorganist Léonce de Saint-Martin, ebenfalls der Nähe zum Petain-Regime verdächtig und beim Einzug de Gaulles in Notre-Dame vom  26. August 1944 noch abwesend, konnte jetzt sein bombastisches Te Deum de la victoire durch das Kirchenschiff von Notre-Dame brausen lassen und danach natürlich noch die Marseillaise. Die war auch schon während der Revolutionszeit in Notre-Dame erklungen,  wie ja überhaupt die Orgel wohl nur aufgrund „der Interpretation patriotischer Musik“ von den Revolutions-Vandalen verschont worden war. Die selbstverständliche Intonation der Nationalhymne  mag bemerkenswert erscheinen in einem Land, in dem die strikte Trennung von  Kirche und Staat zu den Grundlagen des Gemeinwesens gehört. In Notre-Dame, der „Kirche der Nation“, ist das aber anders.  Der Schriftsteller François Mauriac, geriet jedenfalls  bei dieser Marseilleise „für die Engel und die Heiligen“   ins Schwärmen:  “ Lorsque, aux grandes orgues, la Marseillaise éclata, une Marseillaise pour les anges et pour les saints, transposée sur le plan de l’éternel, j’eus le sentiment profond que, de cette expérience universelle, une part concernait la France… “ [18]

Victor Hugo, der Retter von Notre-Dame

Notre- Dame war hier also tatsächlich das politische und spirituelle Zentrum Frankreichs und all die anfangs zitierten Zuschreibungen hatten in  diesem Moment ihre Berechtigung. Dass Notre-Dame tatsächlich das Zentrum, das Herz Frankreichs geworden ist, ist nicht zuletzt das Verdienst von Victor Hugo, und das Jahr 1831 darf eigentlich in keiner Zusammenstellung der wesentlichen Daten von Notre-Dame fehlen. Denn in diesem Jahr erschien sein historischer Roman „Notre-Dame de Paris-1492“. Die Bedeutung dieses Buches für die Kathedrale ist kaum zu überschätzen. Denn damals war sie so heruntergekommen, dass schon erörtert wurde, sie abzureißen, so wie ja auch schon andere wunderbare gotische Kirchen abgerissen worden waren: 1797 das Kloster Saint-Antoine-des-Champs, das dem Faubourg Saint-Antoine seinen Namen gegeben hatte[19];  und im gleichen Jahr die Kirche Saint-Jacques-de-la-Boucherie, von der nur der Turm Saint-Jacques im 4. Arrondissement übrig geblieben ist. Dabei handelte es sich gar nicht so sehr um Taten eines revolutionären Vandalismus –andere Kirchen wurden ja wie Notre-Dame zu „Tempeln der Vernunft“ umfunktioniert, sondern die Gotik galt damals –wie der Name schon ausdrückt- als ein barbarischer Baustil und Ausdruck des „finsteren Mittelalters“, und dementsprechend ging man auch mit ihren Bauten um. Victor Hugo hat das in seinem Buch angeprangert:

Zuerst hat die Zeit unmerklich an ihren Bauten genagt und hat ihre Oberfläche mit Spuren der Verwitterung überzogen. Dann haben die religiösen und politischen Aufstände die Menschen blind und rasend gemacht, und die also Verblendeten haben sich über die Bauten gestürzt…. Zuletzt haben sich ihrer  die Moden bemächtigt …. Sie haben größeres Unheil angerichtet als die Revolutionen; denn sie haben der Kunst ins lebendige Fleisch geschnitten, …. Haben gepfuscht und geändert und haben Form und Bedeutung der Bauten, ihren inneren Zusammenhang und ihre Schönheit zerstört.“ (S. 152/3).

Das sei, wie Hugo in Anspielung auf eine Fabel de La Fontaines schreibt, der Fußtritt des Esels gegen den sterbenden Löwen gewesen. Mitbeteiligt war bei Notre-Dame übrigens auch der große Soufflot, der Erbauer des Pantheons, der 1711 im Auftrag des Domkapitels den Mittelpfosten und den Türsturz des Hauptportals beseitigte, um bei Prozessionen Platz für den Baldachin zu schaffen!

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Das Mittelportal von Notre-Dame vor der Restaurierung. Daguerreotypie von 1841[20]

Auch die  Zerstörung der riesigen Christophorus-Statue auf der rechten Seite des Mittelschiffs prangert Hugo an- dort, wo in seinem Roman an einem schönen Sonntag nach der Messe der kleine Quasimodo und spätere Glöckner von Notre-Dame –benannt nach dem Tag seiner Aussetzung- niedergelegt wurde:  gewissermaßen die „Babyklappe“ des Mittelalters. Und natürlich beklagt Victor Hugo die Zerstörung der leuchtenden gotischen Glasfenster in Mittelschiff und Chor, die im Zeitalter des Barock durch „weiße kalte Fenster“ ersetzt wurden, was man heute kaum noch nachvollziehen kann. Dazu kamen dann die Zerstörungen während der Französischen Revolution: neben den Statuen der Fassade auch noch der Dachreiter aus dem 13. Jahrhundert auf der Vierung, der Kreuzung von Mittel- und Querschiff,  der dann im 19. Jahrhundert durch den neuen hohen Dachreiter ersetzt wurde, der bei dem Brand umgestürzt ist.

Höchste Zeit also, dass Victor Hugo  den  Verächtern der Gotik mit ihren Abrissbirnen den Krieg erklärte: So 1832 in einem in der Revue des deux mondes veröffentlichten Pamphlet mit dem Titel Guerre aux démolisseurs“. Und schon 1825 hatte der junge Victor Hugo einen Text „sur la destruction des monuments en France“ verfasst, in dem er den Anspruch der Öffentlichkeit auf die Bewahrung des kulturellen Erbes formulierte: „Il faut arrêter le marteau qui mutile la face du pays.“  Und weiter: „Il y a deux choses dans un édifice, son usage et sa beauté: son usage appartient au propriétaire, sa beauté à tout le monde, à vous, à moi, à nous“.[21]

Notre-Dame de Paris war zwar damals für Victor Hugo  immer noch „ein majestätisches und erhabenes Bauwerk“, das sich „im Altern schön erhalten“ habe (S.149).  Aber die Kathedrale war auf dem besten Wege, zu einem „schweren Gerippe“ bzw. einer „düsteren Ruine“ zu  verkommen, wie der Dichter Gérard de Nerval in seinem Gedicht  Notre-Dame de Paris von 1835 schrieb.

Victor Hugo trug vor allem mit seinem einzigartigen historischen Roman, in dem er ein Gebäude gewissermaßen zur Romanfigur machte, entscheidend dazu bei, nicht nur der todwunden Notre-Dame „den Fußtritt des Esels“ zu ersparen, sondern insgesamt der Gotik auch in Frankreich wieder Wert und Würde zuzuerkennen.  In Deutschland hatte schon 1773 der junge Goethe als Student in Straßburg das Genie des Straßburger Dombaumeisters Erwin von Steinbach gepriesen,  und 1823 war in Köln eine Dombauhütte zur Erhaltung und Vollendung des Doms eingerichtet worden. Der Weiterbau des im Mittelalter unvollendeten Kölner Doms wurde als Symbol für den zu schaffenden deutschen Nationalstaat gesehen, erfolgte aber auch im vergleichenden Blick auf Frankreich. Und umgekehrt hätten Hugo und andere französische Schriftsteller „vielleicht nicht so für ihre Gotik gekämpft, hätte nicht der junge Goethe als Student in Straßburg die Gotik als deutschen Stil gefeiert.“[22] Während Goethe in der Tat und  fälschlicherweise davon ausgegangen war, bei der Gotik handele es sich um eine „deutsche Baukunst“, so konnte man in Frankreich schon mit einigem Recht die Entstehung der Gotik als  Ausdruck des „génie français“ oder der „âme française“ verstehen.  Die Wiege der Gotik ist eindeutig die Ile de France, die königliche Krondomäne, wo der neue Stil den königlichen Herrschaftsanspruch und den sich allmählich herausbildenden Status von Paris als Hauptstadt Frankreichs untermauern sollte (Sohn, S. 185).  Und immerhin übertraf, wie Statistiker errechnet haben, das Volumen der für die gotischen Kathedralen Frankreichs verwendeten Steine das der ägyptischen Pyramiden! So wurde die Gotik im 19. Jahrhundert zur nationalen französischen Architektur par excellence erhoben, die sich wie die Ideen der Französischen Revolution über ganz Europa hinweg verbreitet hätten. Und nun war auch die Zeit gekommen, dass  die Architekten Viollet-le-Duc und Lassus  die heruntergekommene Kathedrale im Sinne ihres idealisierten Gotik-Bildes restaurierten und ihr neuen Glanz verliehen.

 

 

Victor Hugos Loblied der Westfassade von Notre-Dame

Diese Restaurierung betraf nicht nur, aber vor allem die Fassade, die unter den Zerstörungen durch Soufflot und die revolutionären Bilderstürmer besonders gelitten hatte und deren Schönheit bis ins 19. Jahrhundert kaum zur Geltung kommen konnte: Da war der Blick auf die Fassade der Kathedrale nämlich nur sehr eingeschränkt möglich, weil der Vorplatz der Kirche eng bebaut war. Der französische Name für diesen Platz ist übrigens Parvis, eine Ableitung von „Paradies“ – in der mittelalterlichen Architektur der Vorhof einer Kirche, der bereits zu deren Friedensbereich gehörte und damit Flüchtlingen Asyl gewährte. In Paris,  im Mittelalter die bevölkerungsreichste Stadt Europas, war der Baugrund schon damals eine Kostbarkeit. Also wurde das „Paradies“, wie die Cité insgesamt, eng bebaut. Im 19. Jahrhundert wurde dann der Vorplatz geräumt, der Blick auf die Fassade erweitert. Heute erinnern noch die auf dem Pflaster nachgezeichneten Umrisse an die frühere Bebauung, deren Fundamente man in der „Crypte archéologique du Parvis Notre-Dame“ besichtigen kann.

Die Fassade von Notre-Dame ist nirgends so wunderbar beschrieben  wie von Victor Hugo:

„Eine der herrlichsten Ruhmestaten der Baukunst ist doch gewiss diese Fassade mit den drei Spitzbogenportalen, mit dem reichgezackten Gesims der achtundzwanzig Königsnischen, mit der ungeheuren Rosette, der die beiden Fenster zur Seite stehen wie die Dechanten dem Priester, mit dem hohen Bogengang, der auf seinen schlanken Säulen eine schwere Plattform trägt, und den beiden schwarzen massigen Türmen mit ihrem Fenstersturz aus Schiefer. Alle Teile verschmelzen harmonisch zum prächtigen Ganzen, dessen fünf gigantische Stockwerke sich dem Auge auf einmal darbieten und sich doch stufenweise vor ihm entfalten, überwältigend durch ihre zahllosen Einzelheiten an Bildhauer- und Steinmetzarbeit und doch nicht verwirrend, weil alles durch die ruhige Größe des Ganzen mächtig zusammengefasst wird. Eine ungeheure steinerne Symphonie ist diese Fassade, das Riesenwerk eines Mannes und eines Volkes, einheitlich und doch zusammengesetzt, wie die Iliade und Romanzen, deren Schwester sie ist, ein wunderbares Erzeugnis der gesammelten Kräfte einer Zeit, da sich die Einbildungskraft des Handwerkers, vom Genius des Künstlers gebändigt, jedem Steine in hundertfältiger Form einprägte: kurz, eine menschliche Schöpfung, die reich und machtvoll ist wie die göttliche Schöpfung selbst, von der sie das Doppelantlitz ‚Vielheit und Einheit‘ entlehnt zu haben scheint. …

Notre-Dame ist ein Bauwerk der Übergangszeit. Der sächsische Baumeister hatte gerade die ersten Pfeiler des Schiffes aufgerichtet, als mit den heimkehrenden Kreuzfahrern der Spitzbogen kam und sich siegreich auf die schweren romanischen Kapitelle setzte, die bestimmt waren, nur den einfachen Rundbogen zu tragen. Der Spitzbogen, der fortan alles beherrschte, hat der übrigen Kirche das Gepräge gegeben. Aber er war noch schüchtern und unerfahren; er dehnte sich noch nicht in die Breite, hielt sich zurück und wagte es noch nicht, in Kreuzblumen und Filialen aufwärts zu streben, wie er es später bei so vielen herrlichen Domen getan hat. Er scheint die Nähe der schweren romanischen Pfeiler empfunden zu haben. …

Diese Übergangsbauten sind für den Künstler, den Altertumsforscher und den Historiker gleich anziehend. Gleich den zyklopischen Mauern, den ägyptischen Pyramiden und den riesigen indischen Tempeln zeigen sie, wie ursprünglich die Baukunst ist; sie beweisen, dass ihre großen Werke weniger individuelle als soziale Schöpfungen sind, von arbeitenden Völkern geboren, nicht von genialen Männern erdacht, ein Niederschlag von Nationen, eine von Jahrhunderten angehäufte Masse…  Die großen Gebäude sind gleich den großen Gebirgen ein Werk der Jahrhunderte. Oft wandelt sich die Kunst, während sie noch im Entstehen sind; die Arbeit wird im Sinn der neuen Zeit friedlich weitergeführt. Die verwandelte Kunst übernimmt das Werk, wie sie es findet, überkleidet es, passt sich ihm an, führt es nach ihren Empfindungen weiter und bemüht sich, es zu vollenden. Das vollzieht sich ohne Störung, ohne Anstrengung, ohne Rückfall, nach stillen, natürlichen Gesetzen. Der einzelne Mensch und der Künstler verschwinden vor diesen Riesenwerken, die keines Schöpfers Namen tragen; der menschliche Geist in seiner Gesamtheit prägt sich in ihnen aus. Die Zeit ist der Baumeister, das Volk ist der Maurer.“ (Hugo, Der Glöckner, S. 149f)

Dass Victor Hugo „die ruhige Größe des Ganzen“ rühmt, kommt nicht von ungefähr: Denn der Kubus der Fassade ist exakt im Seitenverhältnis von 2: 3 proportioniert. Und diese Proportion findet sich auch in der Musik. Nach der Harmonielehre des  Kirchenvaters Augustinus  erklingen schwingende Saiten in musikalischen Intervallen, wenn ihre Länge zueinander einfachen Zahlenverhältnissen entspricht- und das Verhältnis 2: 3 entspricht der musikalischen Quint. Indem die Architektur solche auf musikalischen Konsonanzen beruhende Proportionen aufgreift, spiegelt sie –nach dem Ideal des Augustinus- die von Gott geschaffene Harmonie des Universums wider. Dass die beiden Türme keine Spitzen haben, entspricht damit diesem Streben nach harmonischer Proportionierung. Es ging also sowohl in der Architektur wie auch in der Musik um himmlische Maßstäbe. Im Musterbuch des Architekten Villard de Honnecourt aus dem 13. Jahrhundert findet man denn auch nicht nur Grundrisse und Gewölbeformen, sondern auch Regeln musikalischer Proportionen. Wenn die Romantiker von der Architektur als Stein gewordene Musik sprachen: An der Fassade von Notre Dame ist das zu beobachten und zu bewundern.[23]

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Auch im Einzelnen ist die  Fassade in ihrer Ausgewogenheit von horizontaler und vertikaler Gliederung  ein Inbegriff von Harmonie und –wie alles in der mittelalterlichen Baukunst-  voller Symbolik: Vertikal gibt es drei Teile – entsprechend dem Mittelschiff und den beiden Seitenschiffen – mit den dazugehörigen Portalen, womit  die Dreieinigkeit von Gottvater, Sohn und Heiligem Geist symbolisiert, gleichzeitig aber auch an die Tradition römischer Triumphbögen angeknüpft wird. Horizontal ist die Fassade vierfach gegliedert. Victor Hugo spricht zwar in seiner Fassadenbeschreibung von fünf Geschossen,  aber die mittelalterlichen Baumeister zählten –da sind sich die Kunsthistoriker einig- vier Geschosse, rechneten also die Türme nicht mit: Ganz unten die Portalzone, dann die Königsgalerie, danach der Abschnitt mit der  großen  Fensterrose und schließlich die luftig-elegante Arkadengalerie. Die vierfache horizontale Gliederung hat natürlich auch ihre symbolische Bedeutung: Die Zahl 4 steht im Mittelalter für die weltliche Materie, die Schöpfung. Und bezogen darauf hat die Zahl eine vielfache Bedeutung: Es gibt die vier Jahreszeiten, die vier Elemente, die vier Himmelsrichtungen, die vier Lebensalter des Menschen und schließlich  auch Pest, Krieg, Not und Tod als die vier Vorboten der Apokalypse.  Wir befinden uns ja im Westen, der  dem Leben,  dem weltlichen Bereich zugewandten Seite der Kathedrale, wo sich auch der königliche Palast befand. Im Zentrum der Fassade mit der dreifachen –geistlichen- und der vierfachen –weltlichen- Gliederung thront gewissermaßen die große Fensterrose: Ihr Rund  steht für die Zahl 1, also für Gott, und sie symbolisiert die Harmonie der Schöpfung, den Kosmos: Im Mittelalter wird Gott ja auch oft  als Baumeister und Weltenschöpfer mit einem Zirkel dargestellt. Und wo bleibt Maria, der die Kathedrale geweiht ist? Ihre Statue  mit dem Jesuskind auf dem Arm steht auf der Königsgalerie, eingerahmt von zwei kerzentragenden Engeln, inmitten einer –dreifachen- Figurengruppe also. Und  die Köpfe von Maria und dem Jesuskind reichen –blickt man, sich der Fassade nähernd, nach oben-  genau ins Zentrum der Fensterrose

Die Statuen der jetzigen Königsgalerie sind dagegen Neuschöpfungen des 19. Jahrhunderts und entstanden während der Restaurierung der Kathedrale. Angeblich nutzte einer der beiden Restaurations-Architekten, Lassus,  die Gelegenheit, sich selbst ein Denkmal zu setzen und sich in  der 8. Statue der Königsgalerie von links portraitieren zu lassen. Sein bekannterer und bedeutenderer Partner, Viollet-le-Duc, ließ sich jedenfalls in der Figurengruppe um den von ihm konzipierten neuen spitzen Dachreiter als Heiliger Thomas, den Patron der Architekten, portraitieren. Diese Figur hat übrigens den Brand überstanden, weil sie kurz davor im Zuge der Renovierungsarbeiten schon demontiert worden war.

Ich  weiß nicht,  wie Victor Hugo die Restaurierungen Viollet-le-Ducs beurteilte. Ich vermute aber, dass er sie begrüßte, weil sie eine teilweise Wiedergutmachung dessen waren, was der Kathedrale im Lauf ihrer Geschichte zugefügt worden war. Ob er allerdings mit der Malraux’schen Fassadensäuberung einverstanden gewesen wäre, bezweifle ich eher, denn für Victor Hugo hatte die Patina, die sich in Jahrhunderten über die Fassade gelegt hatte, durchaus ihren Reiz. Sie entschädigte ihn sogar für den Verlust der 11 Stufen, die die Kathedrale „einst über den Erdboden erhoben…. Die elf Stufen hat die Zeit getilgt, die das Niveau der Stadt allmählich, aber unaufhaltsam erhöht. Aber wenn sie auch der steigenden Flut des Pariser Pflasters erlaubte, diese Stufen zu verschlingen, so hat sie doch der Kirche vielleicht mehr gegeben als genommen; denn die Zeit hat die Fassade mit der dunklen Färbung der Jahrhunderte überzogen, die den Bauwerken im Alter die höchste Schönheit verleiht.“ (Der Glöckner, S. 150/151)

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Karikatur von Henri Meyer: Le Géant. 1868

Victor Hugo hat der Kathedrale Notre- Dame ihre Würde zurückgegeben. Vor allem aber hat er durch die Handlung und die Figuren seines Romans dem Bau aus Stein Leben verliehen:  Durch den bösartigen, lüsternen Kleriker Frollo, die schöne Esmeralda, den unglücklichen Liebhaber und Dichter Gringoire, den verwachsenen Glöckner von Notre-Dame, der der deutschen Übersetzung des Buches den Namen gegeben hat, und durch das bunte Pariser Volk des 15. Jahrhunderts. Dadurch erst wurde Notre-Dame zu dem nationalen Symbol, als das es anlässlich des Brandes wieder gefeiert wurde. Victor Hugo hat Notre-Dame erhöht und Notre-Dame  hat auch seinen Poeten erhöht.  In vielen Karikaturen des 19. Jahrhunderts wurde diese Verbindung herausgestellt, die umso näher lag, als die Fassade auch –wie auf der Karikatur Henri Meyers zu sehen, als ein großes H lesbar ist.

Glücklicherweise wurden die Fassade und die beiden Glockentürme nicht durch den Brand beschädigt. Und hoffentlich werden sie auch während und trotz der Renovierungsarbeiten wieder beleuchtet. Die nachts angestrahlten Türme der „alten Dame“ gehörten zu unserem Pariser Leben. Wenn  nach Mitternacht die Lichter ausgingen, sagten wir: Jetzt ist Notre-Dame schlafen gegangen,  und wir wussten, dass es allmählich auch für uns Zeit wird….

 

Anmerkungen:

[1] Notre-Dame, une émotion patrimoniale. Gespräch mit Nathalie Heinrich, In: La vie des idées vom 19. April 2019   https://laviedesidees.fr/spip.php?page=article&id_article=4394ion

[2] https://www.lemonde.fr/societe/video/2019/04/16/incendie-de-notre-dame-de-paris-les-reactions-des-personnalites-politiques_5450991_3224.html

[3]  SUD-OUEST Mardi 16 avril 2019 Editorial de Yves Harté

[4] https://www.lemonde.fr/societe/video/2019/04/16/incendie-de-notre-dame-de-paris-les-reactions-des-personnalites-politiques_5450991_3224.html

[5] Entsprechend auch Bruno Frappat in La Croix vom 18.4.: Notre-Dame de tous

https://www.la-croix.com/Debats/Chroniques/Notre-Dame-tous-2019-04-18-1201016601

und Joseph Haniman in der SZ vom 16.4.2019: ein „Bauwerk des Volks für das Volk

[6]   „une divinité“  https://www.franceculture.fr/emissions/la-nuit-revee-de/lieux-de-memoire-notre-dame-de-paris

[7] Joseph Haniman in der Süddeutschen Zeitung vom 16.4.2019  https://www.sueddeutsche.de/kultur/notre-dame-brandkatastrophe-kulturelle-bedeutung-1.4412258

[8] https://www.lesechos.fr/1996/01/obseques-de-mitterrand-ceremonie-privee-hommage-public-emotion-populaire-827719

[9] https://www.francetvinfo.fr/culture/patrimoine/incendie-de-notre-dame-de-paris/notre-dame-de-paris-onze-grandes-dates-d-une-histoire-de-france_3401071.html

Eine andere –und natürlich ähnliche- Liste bei: https://ca.france.fr/fr/paris/liste/notre-dame-de-paris-en-10-dates-marquantes

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B4tel_de_Sens

[11] Siehe dazu:  Jean Leflon, Notre-Dame de Paris pendant la Révolution. In: Revue d’histoire de l’Église de France, 174/ 1964, S. 109-124   https://www.persee.fr/doc/rhef_0300-9505_1964_num_50_147_1732

[12] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/

[13] http://lhistoireenrafale.lunion.fr/2018/11/15/16-novembre-1918-le-gouvernement-absent-du-te-deum-a-notre-dame/  Foto: Photo parue dans le journal Excelsior pour la célébration du Te Deum, le 17 novembre 1918.  (Photo Roger-Viollet)  Aus Libération vom 15.4.2019

[14] Laurent Joffrin in Libération vom 15.4.2019: https://www.liberation.fr/france/2019/04/15/de-la-reine-margot-a-la-liberation-notre-dame-ou-l-eglise-de-la-nation_1721585 https://www.larep.fr/paris-75000/faits-divers/couronne-d-epines-tunique-de-saint-louis-les-tresors-de-notre-dame-de-paris_13541387/

Bild aus: https://www.la-croix.com/Religion/Actualite/70-ans-apres-Notre-Dame-commemore-la-liberation-de-Paris-2014-08-24-1196122. Siehe auch: https://www.ina.fr/video/AFE86002786

[15] https://jeune-nation.com/culture/emmanuel-suhard-5-avril-1874-30-mai-1949.html Ein zeitgenössischer Wochenschaubericht zu dem Besuch Petains in Paris:  https://www.youtube.com/watch?v=508EWo

In der Erklärung der französischen Bischofskonferenz vom 17. Februar 1944 werden  « les appels à la violence et les actes de terrorisme, qui déchirent aujourd’hui le pays, provoquent l’assassinat des personnes et le pillage des demeures » verurteilt. https://fr.wikipedia.org/wiki/Emmanuel_Suhard

Zu den alliierten Bombenangriffen auf französische Ziele siehe auch den Blog-Artikel: Normandie (2): Schattenseiten der Vergangenheit. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/890

[16]il mena la guerre des ondes et la propagande pétainiste de telle façon qu’on le comparait à Goebbels“. https://www.tombes-sepultures.com/crbst_1897.html s. auch: https://www.ina.fr/video/AFE86002764

[17]  Frédéric Le Moigne, 1944-1951 : Les deux corps de Notre-Dame de Paris. https://www.cairn.info/revue-vingtieme-siecle-revue-d-histoire-2003-2-page-75.htm#

Ich finde es übrigens bemerkenswert, dass in zwei einschlägigen Veröffentlichungen zu Vichy von Suhard nicht die Rede ist: Robert O. Paxton, La France de Vichy 1940-1944. Édition du Seuil 1972 und Henry Rousso Le syndrom de Vichy de 1944 à nos jours. Éditions du Seuil 1990

[18] In: Le Figaro, 10. Mai 1945. Zit. In: http://www.musimem.com/st-martin.htm

[19]  Siehe dazu den Blog-Text über den Faubourg Saint-Antoine: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/32

[20] Aus einer Ausstellung im Pantheon 2013

[21] Zitiert in Le Monde vom 17.4. 2019, S. 12: Une cathédrale dans l’histoire.

[22]  Gustav Seibt in: Süddeutsche Zeitung vom 18./19.4.2019, S. 15

[23] Siehe dazu das Buch von Fernand Schwarz und den Artikel von Helmut Mauró, Himmlische Maßstäbe. Die Proportionen des Gebäudes prägten die Musik einer ganzen Epoche. In: Süddeutsche Zeitung, 18./19. April, S. 14

 

 

Verwendete Literatur:

Mgr Joseph Doré, Mgr André Vingt-Trois et Collectif: Notre-Dame de Paris. Paris 2012

Alain Erlande-Brandenbourg, Notre Dame de Paris. In: Pierre Nora (Hrsg), Lieux de mémoire, Bd. III

Éternelle Notre-Dame. Le Parisien. Hors-Série. April 2019

Le Figaro hors série: 1163-2013. Notre-Dame. Une histoire de France. 2013

Victor Hugo: Notre Dame de Paris 1482. Neuausgabe Paris: Éditions Gallimard 2009  Deutsche Ausgabe: Der Glöckner von Notre-Dame. Insel-Taschenbuch,  Berlin 2010

Notre-Dame, notre histoire. Édition spéciale von Le Monde, 17.4. 2019

Potin, Yann, Comment Notre-Dame est devenue un monument national. Interview mit Julia Bellot und Olivier Thomas. In: L’Histoire vom 19. April 2019  https://www.lhistoire.fr/entretien/comment-notre-dame-est-devenue-un-monument-national

Schwarz, Fernand: Symbolique des Cathedrales. Les Éditions du Palais 2012

Sohn,  Andreas: Von der Residenz zur Hauptstadt. Paris im hohen Mittelalter. Ostfildern 2012

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“
  • Die Schokoladenfabrik Menier in Noisiel an der Marne: repräsentative Fabrikarchitektur und patriarchalischer Kapitalismus im 19. Jahrhundert
  • Die Villen der Meniers in Paris und das Familiengrab auf dem Père Lachaise 
  • „Les enfants de Paris“: Pariser Erinnerungstafeln/plaques commémoratives zur Zeit 1939-1945

Notre – Dame, wie es war und hoffentlich bald wieder sein wird (April 2019)

Die schrecklichen Bilder der brennenden Kathedrale Notre- Dame haben wir nur im Fernsehen gesehen, aber sie gehen uns sehr nahe – so wie 9/11 die Bilder der brennenden Türme in New York.  Von unserer kleinen Terrasse im 11. Arrondissement aus kann man die Glockentürme der Kirche und  konnten wir auch den spitzen Dachreiter sehen, der jetzt eingestürzt ist.  Seit ich  als Schüler (per Anhalter) zum ersten Mal in Paris war und bis heute ist Notre Dame für mich immer ein magischer Ort gewesen.

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Ein Blick -wie es war-  von unserer Terrasse: rechts die Türme von Notre -Dame, in der Mitte der jetzt umgestürzte Dachreiter Viollet-le-Ducs aus dem 19. Jahrhundert, dazwischen und dahinter ein Turm von Saint Sulpice. Links die Kuppel von Saint Paul. 

Nachfolgend sind einige Bilder zusammengestellt, in wir in den letzten Jahren aufgenommen haben: Bilder als Ausdruck der Trauer und der Hoffnung, dass Notre Dame -trotz aller unwiederbringlicher Verluste-  sich möglichst bald wieder im alten Glanz zeigen wird.

(Eingestellt in der Nacht vom 15./16. April)
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Die Fassade von Notre- Dame im Glanz der Abendsonne

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Weihnachtsbäume vor Notre- Dame

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Son et Lumière

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Während der Französischen Revolution abgeschlagene Köpfe der Königsgalerie.  Die dortigen Statuen wurden irrtümlich für französische Könige gehalten und deshalb geköpft und als Baumaterial verkauft. 1977 wurden bei Bauarbeiten 21 Königsköpfe entdeckt. Sie sind heute im Musée Cluny ausgestellt.

Die Darstellung des jüngsten Gerichts vom Mittelportal der Kathedrale

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Die apokalyptischen Reiter kündigen sehr drastisch das nahende Weltende an.  Hier der Krieg mit Schwert und verbundenen Augen, der einen Toten mit heraushängenden Därmen mit sich schleppt.

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Die Seelen werden gewogen

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Das Jüngste Gericht verschont weder Adel noch das geldgierige Bürgertum. Und auch nicht die sündigen Kleriker.

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Eva (vom linken Hauptportal)  bemerkt nicht die Kralle und den Schlangen-Unterleib der Verführerin

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Dieses Teufelchen lieben wir besonders. Wenn wir im Abendlicht mit den Fahrrädern an Notre Dame vorbei fahren, betrachten wir es immer mit großer Freude.

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Prozession der peruanischen Gemeinde am Hauptportal

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Fensterrose des südlichen Querschiffs

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Haben die hier weitgehend noch original erhaltenen wunderbaren Glasfenster den Brand überlebt?

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Reliefs vom Nordportal

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2013 wurde das 850-jährige Jubiläum der Kirche gefeiert. Das Motto war ein Satz des Augustinus: Via viatores quaerit.  Ich bin der Weg, der Menschen sucht, die ihn beschreiten.

013 Weihwasserbecken

Blick ins Mittelschiff und den Chor. Wenn man genau hinsieht, kann man erkennen, dass der Chor leicht nach links abknickt. Von dem rechten oberen Chorfenster ist deshalb, steht man genau in der Mitte der Kirche, mehr zu sehen als vom linken Chorfenster.  Notre- Dame ist also gewissermaßen eine „cathédrale tordue“.  Vielleicht sollte  damit der geneigte Kopf des sterbenden Christus am Kreuz symbolisiert werden. Aus der Luft gegriffen ist diese Erklärung jedenfalls  nicht. Immerhin gibt es ein  Traktat von Pierre de Roissy aus dem Jahr 1200 über die Form von Kirchen, in dem betont wird, Christus habe „seine Seele ausgehaucht, indem er seinen Kopf geneigt habe“.

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Das Blau ist die Farbe Marias, der die Kirche geweiht ist.

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Marienfigur in der Vierung, in der Querhaus und Mittelschiff sich kreuzen. Sie gab den Anstoß für die Hinwendung Paul Claudels zum Katholizismus.

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Konzert der Maîtrise Notre- Dame de Paris mit gregorianischer Musik

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Ausstellung der neuen Glocken im Mittelschiff von Notre -Dame  (2013)

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Und jetzt wieder am angestammten Platz im Nordturm

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Szenen der biblischen Geschichte im Chorumgang

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Alle diese wilden Kerle, „die katholischen Samurai“ (Peter Handtke),   die dem Bösen wehren sollen, konnten den Brand nicht verhindern.

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Blick vom Pont de Sully bei Sonnenuntergang

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                            Samstags gab es immer kostenlose Orgelkonzerte in Notre -Dame.                            Wann wird es sie wieder geben?

Orgel Notre Dame 001

Die 2012/2014 restaurierte Cavaillé-Coll- Hauptorgel auf der Westempore. Ob sie beschädigt wurde, ist noch unklar.

 

Nachfolgender Beitrag:

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre- Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs    https://wordpress.com/post/paris-blog.org/12149

 

 

La Maison de la Mutualité à Paris / Das Haus der Mutualité in Paris (2): Der Erste Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur von 1935

Im September 2018 erschien auf diesem Blog ein Beitrag über das Haus der Mutualité in Paris mit dem Untertitel „das Ende eines Mythos“  (https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10658 ). Einige Aspekte des mythischen Charakters der Mutualité wurden dort angesprochen, noch nicht allerdings der  Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur von 1935, der ebenfalls zu den großen Stunden der Mutualité gehört. Auf ihn soll im Folgenden etwas näher eingegangen  werden.

Vom 21. bis zum 25. Juni 1935 versammelten  sich im Haus der Mutualité mehr als 230 Schriftsteller aus 38 Ländern, die dem Aufruf zu dem Treffen gefolgt waren:

„Angesichts der Gefahren, die in einer Anzahl von Ländern die Kultur bedrohen, haben einige Schriftsteller die Initiative zur Einberufung eines Kongresses ergriffen, um die Mittel zu ihrer Verteidigung zu prüfen und zu diskutieren.“[1]

Heinrich Mann, der damals als politischer Flüchtling in Nizza wohnte, erhielt den Aufruf von dem Schriftsteller Johannes R. Becher, einem der Organisatoren des  Kongresses, und leitete ihn an seinen Neffen Klaus Mann weiter mit den Worten:

„Unterschrieben haben z.B. (…)  Aragon, Barbusse, Bloch. ´(…) Gide, Giono, Guéhenno, Malraux, Margueritte, Rolland (…) eigentlich alle“. (Brief vom 13. April 1935)

 Unter den ausländischen Teilnehmern des Kongresses  (u.a. Aldous Huxley,  Boris Pasternak, , Waldo Frank,  E.M. Forster) waren  russische Autoren besonders zahlreich  vertreten. An  der Spitze der  vom Zentralkomitee der KPdSU handverlesenen russischen Delegation stand Ilja Ehrenburg.  Der Delegation gehörten allerdings auf Initiative der Organisatoren des Kongresses auch Boris  Pasternak und Isaac Babel an, deren Beiträge besonders gefeiert wurden.

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Henri Barbusse, Alexej Tolstoi und Boris Pasternak

Zu den Ländern, in denen damals die Kultur bedroht war, gehörte natürlich vor allem das nationalsozialistische Deutschland, dessen literarische Elite zum größten Teil nach der „Machtergreifung“ Hitlers das Land verlassen und im Ausland Zuflucht gesucht hatte.[2]  Mit den Bücherverbrennungen hatten die Nazis ja ihren Kampf gegen die Kultur spektakulär in Szene gesetzt. Insofern ist es nur allzu verständlich, dass unter den teilnehmenden Schriftstellern auch zahlreiche prominente deutsche/deutschsprachige  Exilanten waren wie Anna Seghers, Heinrich und Klaus Mann, Robert Musil, Bertolt Brecht, Ernst Bloch, Max Brod,  Ernst Toller, Alfred Kerr und Lion Feuchtwanger, die mit ihren Beiträgen die Konferenz wesentlich mitprägten. Mit ihrer Teilnahme demonstrierten diese Schriftsteller, dass das humanistische Erbe Deutschland mit dem Nationalsozialismus nicht gänzlich untergegangen war.  Und die Berufung auf dieses Erbe diente auch der Legitimation des Widerstands in einer Zeit, in der die Hoffnungen auf einen schnellen Zusammenbruch des „Dritten Reichs“ verflogen waren und in der es im gleichgeschalteten Gestapo-Deutschland keine antinazistische Volksbewegung gab (und geben konnte), auf die man sich hätte beziehen können.[3] Ein besonderes Anliegen der deutschsprachigen Autoren war es selbstverständlich, das Forum des Kongresses zu nutzen, um die europäische Öffentlichkeit auf den Charakter und die Gefahren des Faschismus aufmerksam zu machen. Das Bedürfnis, gegen das Dritte Reich Stellung zu beziehen, bewog auch Robert Musil zur Teilnahme, auch wenn er sich selbst –und seine Rede auf dem Kongress- als unpolitisch bezeichnete.

Getagt wurde zweimal täglich, jeweils nachmittags und abends. Bei der Eröffnungsveranstaltung war der große Saal der Maison de la Mutualité trotz hoher Eintrittspreise voll besetzt. 3000 Zuschauer hatten im Saal und auf den Tribünen Platz gefunden. Für diejenigen, die keine Karten erhalten hatten, wurden vor dem Gebäude Lautsprecher aufgestellt, die die Reden nach draußen übertrugen.

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Die Fotografie vom Eröffnungsabend stammt von der Berliner Fotografin Gisèle Freund, die 1933 nach Frankreich emigriert war. Auf Einladung des Schriftstellers und Mitveranstalters André Malraux  dokumentierte sie den fünftägigen Kongress und fertigte dabei auch zahlreiche Porträts  prominenter Teilnehmer an.[4]

Das politische Umfeld, in dem der Kongress stattfand und möglich wurde, war die in den  1930-er Jahren  vollzogene Veränderung der politischen Linie der Komintern (Kommunistische Internationale). Hatte die bisher in den Sozialisten (und nicht in den Nazis) den Hauptfeind gesehen (Sozialfaschismus-Theorie), so ging es nun angesichts des immer bedrohlicheren Faschismus darum, eine antifaschistische Einheitsfront gegen den potentiellen Hauptfeind Nazideutschland herzustellen. Frankreich kam in diesem Zusammenhang eine Schlüsselfunktion zu, denn die blutigen Unruhen in Paris vom 9. Februar 1934 wurden von vielen Seiten als faschistischer Umsturzversuch wahrgenommen.  So kam es zu einer allmählichen Veränderung des Verhältnisses von Sozialisten und Kommunisten, die dann 1936 zur Regierung des front populaire unter Léon Blum führte.  Auch außenpolitisch vollzog sich ein Wandel: Am 2. Mai 1935 schlossen die UdSSR und Frankreich einen „Vertrag über den gegenseitigen Beistand“. Beide vertragsschießenden Seiten gingen davon aus, dass ihr politisches Bündnis ein Gegengewicht zum nationalsozialistischen Deutschland und seinen Expansionsplänen in Europa schaffen würde. Der Vertrag sah gegenseitigen Beistand für den Fall vor, dass eine von ihnen zum Objekt der Aggression seitens eines dritten Staates werden würde.[5]

Die Tagesordnung des Kongresses ist Ausdruck der Bemühung, ein breites Bündnis gegen die Gefahren des Faschismus zu formen. Sieben Themenkreise waren von den Veranstaltern vorgesehen: das kulturelle Erbe, die Rolle des Schriftstellers in der Gesellschaft, das Individuum, der Humanismus, Nation und Kultur, die Würde des Denkens und natürlich das umfassende Thema der Verteidigung der Kultur.[6]

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Demonstration am Rand des Kongresses zum „Kulturerbe“

Golo Mann, der damals als Lektor an der École normale supérieure in Saint-Cloud bei Paris arbeitete und den Kongress beobachtete, stellte bissig fest,  während des Kongresses sei nicht  mehr von Klassenkampf die Rede gewesen, sondern „nur noch vom Kampf aller frei, fortschrittlich und humanistisch Gesinnten  gegen die Barbarei des Faschismus“.[7]

Die kommunistisch orientierten Autoren waren vor allem bestrebt,  die Sowjetunion als Sachwalterin der Kultur und  Bollwerk gegen den Faschismus herauszustellen. Dabei wurden  sie unterstützt von bürgerlichen Autoren, die im Rahmen der Volksfront-Politik das Bündnis mit der Sowjetunion als unverzichtbaren Bestandteil des Kampfs gegen den Faschismus betrachteten. So Romain Rolland, der sich damals gerade auf dem Weg in die Sowjetunion, „das Land, in dem die neue Welt geschaffen  wird“,  befand und von dort aus brüderliche Grüße an den Kongress richtete.[8]

Besonders gefeiert wurde auf dem  Kongress Heinrich Mann, der seit seinem Roman „Der Untertan“ als Repräsentant des „anderen Deutschland“ galt. In den letzten Jahren der Weimarer Republik war er  Präsident der Abteilung Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste, ein Amt, aus das ihn die Nazis nach der „Machtübernahme“ umgehend entfernten.  Und natürlich gehörte er auch zu den Autoren, deren Bücher am 10. Mai 1933  verbrannt wurden und denen die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt wurde. Ein Bündnis der Arbeiterparteien gegen den  Faschismus hatte Heinrich Mann schon früh gefordert, als dies noch im völligen Widerspruch zur Linie von KPD und KPdSU stand. Und Heinrich Mann, der die Welt mit den  Augen eines Literaten und Idealisten sah, war auch durchaus geneigt, die Oktoberrevolution als konsequente Fortsetzung der Französischen Revolution zu sehen und die Entwicklung der Sowjetunion entsprechend wahrzunehmen und zu beurteilen.

Insofern war es nur konsequent, dass ihm auf dem Kongress eine besondere  Rolle zukam: Er hatte die Ehre, eine der Sitzungen zu leiten, und als er für seinen  Redebeitrag das Podium betrat, erhoben sich die Anwesenden von ihren Plätzen und applaudierten. In einem „Geist gegen Macht“ überschriebenen Artikel über den Kongress schrieben E.E. Kisch und Bodo Uhse 1936:

„Mit einer deutschen Verbeugung nimmt Heinrich Mann eine Demonstration der Solidarität entgegen, die nicht nur ihm, nicht nur den in der Emigration kämpfenden deutschen Schriftstellern gilt, sondern dem wahren Deutschland.“ [9]

In seiner Rede stellte Heinrich Mann den aktuellen Kampf um die „Verteidigung der Kultur“ in die Tradition der abendländischen Geistesgeschichte von Humanismus und Aufklärung. Er forderte –typisch für sein Denken- das politische Engagement von Intellektuellen, die Dummköpfen nicht die Macht über die Völker überlassen dürften. Und er machte den Versammelten Mut: „Unbesiegbar war noch keine Barbarei“:  Eine Rede also, die den an den Kongress gestellten Ansprüchen in vollem Maße entsprach – auch wenn die drei genannten Vorbilder –Clemenceau, Lenin (und nicht Stalin! W.J.) und Masaryk wohl nicht ganz nach dem Geschmack stalinistischer Hardliner waren.[10]

Einige Auszüge aus dieser Rede:

Es ist recht merkwürdig, dass im Jahre 1935 eine Schriftsteller-Versammlung nach der Freiheit des Denkens verlangt: denn schließlich, das geht hier vor. Im Jahre 1535 wäre es neu gewesen. Die Eroberung des individuellen Denkens, damit fängt die moderne Welt an, – die jetzt der Auflösung nahe scheint. Dadurch wird alles wieder in Frage gestellt, sogar was ganze Jahrhunderte lang erledigt gewesen war. Die Gewissensfreiheit, so viele Geschlechter haben um sie gekämpft, und jetzt ist sie nicht mehr sicher. Das Denken selbst ist gefährdet, und doch ist der Gedanke der Schöpfer der Welt, in der wir noch leben. (…)

Wir dürfen nicht warten, bis dies Unglück vollständig wird und sich ausdehnt über noch mehr Länder der westlichen Gesittung. Zu verteidigen haben wir eine ruhmreiche Vergangenheit und was sie uns vererbt hat, die Freiheit zu denken und nach Erkenntnissen zu handeln. Wir haben strahlenden Beispielen zu folgen. Wir sind die Fortsetzer und Verteidiger einer großen Überlieferung. (…)

Die Pflicht aber verlangt von den Intellektuellen, dass sie sich widersetzen mit allen Kräften, wenn Dummköpfe sich aufwerfen zu Weltbeherrschern und zu Zensoren. Dumme geht das Denken nichts an, das Handeln übrigens ebenso wenig. Gehandelt soll werden, nicht von Kommissbrüdern, denen Fabrikanten die Macht verleihen, sondern von Männern der allerhöchsten Erkenntnis und einer unvergleichlichen Geistesmacht. Nur der Geist sichert die nötige Autorität, um Menschen zu führen: gemeint ist ein Geist der Erkenntnis und Festigkeit. Unter anderen Umständen als den heutigen müsste das nicht erst gesagt werden: Intellektuelle haben oft genug öffentlich gehandelt. Intellektuelle haben die Geschicke eines Landes gelenkt, und die Geschicke aller Länder mit beeinflusst. Es genügt, Namen zu denken wie Georges Clemenceau, Lenin, Thomas Masaryk.(…)

Man lasse sich nicht beirren: unbesiegbar war noch keine Barbarei. Die Dummheit erhebt den Anspruch, die Welt zu beherrschen? Darauf gibt es die Antwort, die Flaubert erteilt hat: das Beste wäre, eine Akademie von Wissenden regierte den ganzen Planeten. Mit Höchstforderungen muss die Intelligenz auftreten gegen Feinde, die von ihr, nur von ihr das Schlimmste zu fürchten haben.[11]

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Heinrich Mann und André Gide, deren  Verhältnis allerdings von deutlicher Distanz geprägt war 

Eine bemerkenswerte Rede hielt auf dem Kongress auch Anna Seghers. Sie hatte wie Heinrich Mann schon 1933 Deutschland verlassen und gehörte zu den von den Nazis verfemten Schriftstellern, deren Bücher verbrannt und „ausgemerzt“ wurden. Anna Seghers versuchte, in ihrem französischen Exil mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern ein einigermaßen „normales“ Familienleben zu führen. Aber als engagierter Kommunistin war es für sie selbstverständlich, nicht „in ein nur privates Dasein“ zu fliehen und damit „dem Gegner das Feld“ zu räumen.[12] Die Zeit des französischen Exils war denn auch nicht nur ihre künstlerisch produktivste Zeit, vor allem mit den bedeutenden Romanen „Das siebte Kreuz“ und „Transit“, sondern auch eine Zeit intensiver politischer Aktivität: Wie sie selbst einmal schrieb, gab es keine antifaschistische Aktion, an der sie nicht teilgenommen hätte.[13]

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Anna Seghers und Gustav Regler 1935

Thema ihrer Rede auf dem Schriftstellerkongress war die „Vaterlandsliebe“ – für im Exil lebende Menschen immer ein zentrales Thema, wie das ja schon bei Heinrich Heine zu beobachten ist. Für deutsche Antifaschisten, die vor den Nazis geflohen war, hatte das Thema eine besondere Bedeutung. Sie lebten gezwungenermaßen fern ihrer Heimat und wurden sich deshalb umso mehr bewusst, was diese für sie bedeutete und was sie mit ihr verloren hatten.  Und der Begriff des „Vaterlands“ wurde im Dritten Reich ja in chauvinistischer Weise missbraucht und propagiert wurde, was nicht unwidersprochen bleiben sollte.  Für Kommunisten hatte das Thema eine ganz spezifische Brisanz, weil für sie erst mit dem Schwenk zur Volksfront-Politik eine Rehabilitierung von Begriffen wie Heimat und Vaterland möglich wurde. Klaus Mann veranlasste das damals zu der bissigen Bemerkung, auf Treffen der französischen Kommunisten würde  nicht mehr nur voller Inbrunst die Internationale gesungen, sondern jetzt auch die Marseillaise. Insofern entsprach Anna Seghers‘ Redethema der neuen Parteilinie, wobei  man ihr allerdings zu Gute halten muss, dass sie sich schon seit 1933 für eine Einigung aller antifaschistischen Kräfte engagierte und dass es nicht des Segens der Komintern bedurfte, damit sie die Liebe zu ihrer Heimat entdeckte.

Seghers betont am Beginn ihrer Rede, dass im Namen des „Vaterlandes“ viel Blut vergossen und Leid verursacht worden sei. Einige Schriftsteller bezeichneten den Begriff als „den gültigsten aller immanenten Werte, den gültigsten aller Stoffe.“ Andere, und damit sind doch wohl ihre Parteifreunde aus der Zeit vor der Volksfront-Wende gemeint,  entlarvten ihn „als Betrug oder als eine Fiktion.“ Aber „auf jeden Irrtum in der Einschätzung der nationalen Frage reagieren die Massen unerbittlich“  Denn auch wenn der Vaterlandsbegriff „im Bewusstsein der heutigen Menschen“ längst entlarvt schien: Er regenerierte sich trotzdem täglich und minütlich aus dem Sein heraus. Jeder Zuruf in der Muttersprache, jeder Erdkrümel zwischen den Fingern, jeder Handgriff an der Maschine, jeder Waldgeruch bestätigte ihnen von neuem die Realität ihrer Gemeinschaft.“ Und da denkt man unwillkürlich daran,  wie Anna Seghers in einer Tagebucheintragung vom Juni 1933 beschreibt, wie sie ihre Kinder an der Grenze abholt: „Das mehrfarbige, karierte Kleid der Kleinen, der Geruch ihrer Haare machen mich verrückt vor Heimweh“ Und als sie die Taschen des kleinen Pierre leeren entdecken sie: „ein paar trockene Grashalme, ein Pfennig, eine Fahrkarte, ein Tannenzapfen: ein  halbes Deutschland.“[14]

Anna Seghers setzt dem dumpfen nationalsozialistischen Begriff des Vaterlands ein emanzipatorisches Verständnis von Vaterland entgegen. Sie erläutert anhand des Blicks eines durch Deutschland reisenden Schriftstellers  auf  „die grandiose, höllische, schwefelgelbe Leuna-Fabriklandschaft, die Herzpumpe seines Vaterlandes.“  Da könne man stolz sein auf das, was die Arbeiter dort aufgebaut hätten,  auf ihre sozialen Kämpfe und Errungenschaften, „auf die Zukunft von Leuna“  (Wie tragisch diese Zukunft dann sein würde, konnte Seghers ja nicht ahnen).  „Wer in unseren Fabriken gearbeitet, auf unseren Straßen demonstriert, in unserer Sprache gekämpft hat, der wäre kein Mensch, wenn er sein Land nicht liebte.“

Es passt zu einem Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur, dass Anna Seghers sich bei ihrer Suche nach einem emanzipatorischen Vaterlandsbegriff auch auf das deutsche kulturelle Erbe  bezieht und auf Schriftsteller wie Hölderlin, Büchner, Günderrode, Kleist, Lenz und Bürger verweist: „Diese deutschen Dichter schrieben Hymnen auf ihr Land, an dessen gesellschaftlicher Mauer sie ihre Stirnen wund rieben. Sie liebten gleichwohl ihr Land.“  Und so leiden, kann man ergänzen, auch die aus dem Dritten Reich geflohenen Schriftsteller an den  Zuständen in ihrer Heimat, so sind auch sie, wie 100 Jahre zuvor Heinrich Heine, aus dem Schlaf gebracht, wenn sie an Deutschland denken. Aber wie er lieben auch sie ihre Heimat, ihr verlorenes Vaterland,  und es ist Anna Seghers, die „Das siebte Kreuz“ mit einem wunderbaren Hymnus auf ihre Heimat beginnt. (15) Die Heimat, das Vaterland,  soll nicht den Nazis überlassen werden. So lautet denn auch der Schlussappell Anna Seghers: „Entziehen wir die wirklichen nationalen Kulturgüter  ihren vorgeblichen Sachwaltern. Helfen wir Schriftsteller am Aufbau  neuer Vaterländer!“  Und für die exilierten deutschen Schriftsteller bedeutete das, dem „anderen Deutschland“ Konturen zu verleihen, das zu repräsentieren sie mit Recht beanspruchten.

Für uns heute, das soll doch noch angefügt werden, haben Anna Seghers Überlegungen  zu Vaterland und Heimat angesichts von Globalisierung und weltweiten Migrationsbewegungen wieder besondere Aktualität gewonnen. Die Fragen, ob es (noch) eine spezifische deutsche Kultur gibt, was „Heimat“ für die Menschen heute bedeutet und welche Konsequenzen das für die Politik hat bzw. (nicht) haben sollte,   ob es  einen Patriotismus geben kann/darf,  der über einen ( m.E. eher kopflastigen und kaum Identität- stiftenden) „Verfassungspatriotismus“ hinausgeht, ob man nicht nur Scham empfinden muss über die unermesslichen Verbrechen, die im deutschen Namen begangen wurden, sondern auch stolz sein darf auf das große kulturelle Erbe unseres Landes: alle diese  Fragen sind mehr  denn ja aktuell- und dies gilt  damit auch für Anna Seghers Rede zur „Vaterlandsliebe“. Und aktuell ist ja sicherlich auch Anna Seghers Einsicht, dass man Begriffe wie „Vaterland“ und „Heimat“ nicht den Rechtsradikalen überlassen  darf.

Während die beiden Reden Heinrich Manns und Anna Seghers sich in das von den Veranstaltern des Schriftstellerkongresses vertretene Konzept einer übergreifenden antifaschistischen Einheitsfront einordneten, gab es auf dem Kongress aber durchaus auch kritische Töne, und zwar von rechts wie von links. So verteidigte Julien Benda im Blick auf die Sowjetunion die Unabhängigkeit des Schriftstellers, der italienische Historiker Gaetano Salvemini kritisierte die Angriffe auf die Freiheitsrechte im stalinistischen Russland und Madeleine Paz brachte den Fall des Schriftstellers Victor Serge zur Sprache, der wegen seiner trotzkistischen Ideen nach Sibirien verbannt wurde.[16] Auf der anderen Seite kritisierte Andé Breton den russisch-französischen Beistandspakt als eine Konzession an die bürgerliche Ordnung und Bertolt Brecht stellte der humanistischen Konzeption des Kongresses die marxistische Klassenfrage entgegen:

„Viele von uns Schriftstellern haben die Wurzel der Rohheit, die sie entsetzt, noch nicht entdeckt. Es besteht immerfort bei ihnen die Gefahr, dass sie die Grausamkeiten des Faschismus als unnötige Grausamkeiten betrachten. Sie halten an den Eigentumsverhältnissen fest, weil sie glauben, dass zu ihrer Verteidigung die Grausamkeiten des Faschismus nicht nötig sind. Aber zur Aufrechterhaltung der herrschenden Eigentumsverhältnisse sind diese Grausamkeiten nötig.“[17]

Bei allen politischen und literarischen Unterschieden, bei allen Diskrepanzen zwischen so vielen eigenwilligen Individuen wurde der Kongress aber doch „von einer großen Gemeinsamkeit“ getragen, wie Fritz J. Raddatz in der ZEIT schrieb.  „Es war ein Aufgebot des Protestes, aber auch der Hoffnung – heute schon Legende, damals geisteshistorisches Ereignis.“[18]

Congrès de 1935 Andre Gide

Auf der Rednertribüne André Malraux, rechts von Ihm André Gide. An der Wand das Portrait von Maxim Gorki

Herrmann Kesten, ein in den 1920-er Jahren und im französischen Exil der 1930-er Jahren äußerst einflussreicher Literat und Lektor, schrieb im Rückblick, er habe nicht an dem Kongress teilgenommen, der von Kommunisten „inszeniert, finanziert, dirigiert“ worden sei. Er sei nicht blind genug gewesen, „um gegen die Diktatur von Hitler, Mussolini, Salazar aufzutreten, die Greuel im Dritten Reich anzuklagen, und gleichzeitig die Augen vor den Greueln der Diktatur in Sowjetrussland zu schließen.“ Aber er sei doch zu den öffentlichen Sitzungen des Kongresses gegangen und habe nicht mit seinen vielen Freunden gerechtet, weder öffentlich noch privat, die sich dort engagiert hätten, „nicht einmal in meinem Herzen“.[19]

Aldous Huxley, einer der Kongressteilnehmer,  beklagte sich, zurück in England,  über fünf Tage „endloser kommunistischer Demagogie“: the thing simply turned out to be a series of public meetings organised by the French communist writers for their own glorification and the Russians as a piece of Soviet propaganda. Amusing to observe, as a rather discreditable episode in the Comedie Humaine‘.[20]

Hier wird deutlich, woran der Versuch, eine gemeinsame antifaschistische Bewegung herzustellen, schließlich scheiterte und warum der Kongress, wie Karola Bloch, die Ehefrau von Ernst Bloch,  bedauerte, „so wenige politische Auswirkungen“ hatte.  Es war die Haltung zur Sowjetunion angesichts der stalinistischen Schauprozesse. Der Bruch, der dadurch zwischen den antifaschistischen Intellektuellen entstand,[21]  wurde bald nach dem Kongress besonders deutlich an den Büchern von André Gide und Lion Feuchtwanger über ihre Reisen in die Sowjetunion: André Gide, Retour de l’URSS (1936) und Lion Feuchtwanger, Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde (1937).

André Gide hatte als Hauptredner und Ehrenvorsitzender des Kongresses zur Verteidigung der Kultur festgestellt, nichts sei „unwahrer als die Behauptung, dass die Sowjetunion uniformiere“ und ein Jahr später erklärte er bei der Totenfeier für Maxim Gorkij an der Seite Stalins auf dem Roten Platz in Moskau:  „Das Schicksal der Kultur ist in unseren Sinnen geknüpft an das Schicksal der UdSSR selbst. Wir werden sie verteidigen“. Gide kam nach seinen eigenen Worten „als überzeugter und begeisterter Anhänger nach Russland, willens und bereit, eine neue Weltordnung zu bewundern.“[22] Gerade deshalb erregte seine Kritik an den Zuständen im stalinistischen Russland großes Aufsehen und kostete nach der Schätzung Lion Feuchtwangers die Sowjetunion zwei Drittel ihrer Anhänger im Westen.[33] Feuchtwanger sah aber in Stalin einen unverzichtbaren Verbündeten im Kampf gegen Hitler. So ging es ihm in seinem Bericht über die Reise in die Sowjetunion auch darum, „das von Desillusionierung gezeichnete Bild, mit dem André Gide aus der Sowjetunion zurückgekehrt war, zu widerlegen.“ So wurde Feuchtwanger zum Propagandisten Stalins und -wie auch Heinrich Mann- zum Verteidiger der Moskauer Prozesse.[24]

Der Pariser Kongress zur Verteidigung der Kultur von 1935 ist eine wichtige Etappe auf dem Weg zur französischen Volksfront, der Frankreich  grundlegende Reformen zu verdanken hat. Auch der Versuch des Zusammenschlusses der deutschen Opposition gegen Hitler in einer deutschen Volksfront (der Lutetia-Kreis) baut auf den Erfahrungen des Kongresses von 1935 auf. Allerdings markieren der Kongress zur Verteidigung der Kultur und die Volksfront-Bündnisse  auch den kurzfristigen Höhepunkt einer großen Illusion, die schon bald danach zerbrach: Der Illusion einer möglichen dauerhaften Allianz zwischen den der Freiheit verpflichteten  linken Intellektuellen der westlichen Demokratien und der stalinistischen Sowjetunion und ihren Gefolgsleuten. Aus historischer Perspektive  bleibt dennoch auch  festzuhalten, dass der Schriftstellerkongress von 1935  „ein historischer Vorläufer des großen militärischen Bündnisses gegen den Krieg der Nazis“ war- auch wenn Stalin 1939 erst einmal gemeinsame Sache mit Hitler machte und das  Bündnis mit den westlichen Demokratien erst von dem Eroberungs- und Vernichtungskrieg Hitlers gegen die Sowjetunion erzwungen wurde. Und anders als 1935 und 1936 konnte es, als dieses Bündnis eingegangen wurde, nicht mehr den geringsten Zweifel an dem verbrecherischen und imperialistischen Charakter der stalinistischen Sowjetunion geben….  [25]

 

 

Anmerkungen

[1] https://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Themen/schriftstellerkongress.html

[2] Siehe dazu den Blog-Beitrag über das Exil deutscher Schriftsteller in Frankreich: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/592

[3] Siehe: Paris 1935. Erster Internationaler Schriftstellerkongreß zur Verteidigung der Kultur. Reden und Dokumente. Mit Materialien der Londoner Schriftstellerkonferenz 1936. Einleitung und Anhang von Wolfgang Klein, Berlin (Ost): Akademie-Verlag 1982

und –mit informativen Einführungen: Sandra Teroni, Wolfgang Klein (Hrsg): Pour la défense de la culture: Les textes du Congrès international des écrivains Paris juin 1935. Dijon 2005

Wie bedeutsam die Beziehung auf das kulturelle Erbe für den deutschen Widerstand war, zeigen besonders anschaulich die Flugblätter der Weißen Rose.  (Berufung auf Goethe und Schiller, auf Lao-tse, Cicero, Aristoteles, Novalis und das Alte Testament).

[4] http://www.gisele-freund.com/international-congress-for-the-defense-of-culture-hall-of-the-mutualite-paris-21th-of-june-1935/  Neben Gisèle Freund war es nur noch David Seymour, genannt Chim, der Aufnahmen von dem Kongress und seinen Teilnehmer/innen machte.

[5] https://www.1000dokumente.de/pdf/dok_0020_fra_de.pdf

[6] © David Seymour/Magnum Photos. Siehe  auch: https://www.icp.org/browse/archive/objects/demonstration-at-the-international-congress-for-the-defense-of-culture-paris

[7] Golo Mann, Erinnerungen und Gedanken. Lehrjahre in Frankreich. FFM 1999, S. 93

[8] http://www.albin-michel.fr/ouvrages/voyage-a-moscou-juin-juillet-1935-cahier-ndeg-29-9782226058607

[9] Zitiert in  Paris 1935, S. 462

[10] Golo Mann, Erinnerungen und Gedanken. Lehrjahre in Frankreich. FFM 1999, S. 91/92

[11] Abdruck der Rede bei Klein, Paris 1935 und in: https://das-blaettchen.de/2015/07/reden-auf-dem-schriftstellerkongress-zur-verteidigung-der-kultur-in-paris-1935-33406.html

[12] Zum französischen Exil von Anna Seghers siehe den Blog-Beitrag „Dadurch,  dass ich zum Glück die Kinder habe, ist alles doppelt schwer“   https://wordpress.com/post/paris-blog.org/11274 

Abdruck der Rede bei Klein, Paris 1935

Die Zitate stammen aus dem Vorwort zum ersten Heft der 1933  unter Mitwirkung von Anna Seghers in Prag erschienenen Exilzeitschrift „Neue Deutsche Blätter“.

[13] Siehe Christiane Zehl Romero, Anna Seghers, Eine Biographie 1900-1947.. Berlin 2000, S. 271

Bildquelle: http://www.gisele-freund.com/international-congress-for-the-defense-of-culture-hall-of-the-mutualite-paris-21th-of-june-1935/

[14] Anna Seghers, sechs Tage, sechs Jahre. Tagebuchseiten. In ndl vom 9. September 1984

(15) Siehe dazu. Birgit ohsen, „Heimat“ im Exilwerk von Anna Seghers. Berlin 2017

[16] Siehe: https://journals.openedition.org/monderusse/6620

[17] http://www.deutschlandfunk.de/fuer-die-freiheit.871.de.html?dram:article_id=127007

[18] Fritz J. Raddatz,  Fast vergessene Dokumente: Der Schriftstellerkongreß zur Verteidigung der Kultur in Paris 1935. In: DIE ZEIT 17/1985 vom 19. April 1985

Das nachfolgende Bild aus: http://e-gide.blogspot.com/2008/10/au-congrs-de-1935.html

©David Seymour/Magnum Photos

[19] Herrmann Kesten, Dichter im Café. Ullstein Taschenbuch 1983, S. 72

[20] https://www.theguardian.com/observer/comment/story/0,6903,1361235,00.html

[21] Michel Aucouturier in seiner Rezension von Teroni/Klein, Pour la défense  de la culture. https://journals.openedition.org/monderusse/6620

[22] Hans Christoph Buch, Wer betrügt, betrügt sich selbst. Die Zeit, 3.4.1992.

https://www.zeit.de/1992/15/wer-betruegt-betruegt-sich-selbst/seite-2

[23]https://www.tagesspiegel.de/kultur/lion-feuchtwanger-in-moskau-stalin-mon-amour/21014434.html

[24] Siehe dazu: Anne Hartmann, Ich kam, ich sah, ich werde schreiben. Lion Feuchtwanger in Moskau 1937. Eine Dokumentation. Göttingen 2017,  Rezension: https://www.deutschlandfunk.de/buch-ueber-feuchtwangers-russland-reise-ueberfordert-in.700.de.html?dram:article_id=417615

[25] Eberhard Spreng im Deutschlandradio Kultur vom 21.6.2010 https://www.deutschlandfunkkultur.de/fuer-die-freiheit.932.de.html?dram:article_id=130845

 

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu deutschsprachigen Schriftstellern in Paris/im französischen Exil:

  • „Dadurch,  dass ich zum Glück die Kinder habe, ist alles doppelt schwer.“ Anna Seghers im Pariser Exil 1933-1940

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/11274

  • Das Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise in Paris: Eine Hommage an den Vorkämpfer der deutsch- französischen Verständigung

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10585

  • Mit Heinrich Heine in Paris

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8231

  • Exil in Frankreich: Sanary, Les Milles und Marseille

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/592

  • Der Cimetière de Picpus: Ein deutsch-französischer und amerikanischer Erinnerungsort  (Stefan Zweig, Rainer Maria Rilke)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/1828

  • Das Hotel Lutetia (2): Geschichten und Geschichte

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/11540

 

 

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“
  • Die Schokoladenfabrik Menier in Noisiel an der Marne: repräsentative Fabrikarchitektur und patriarchalischer Kapitalismus im 19. Jahrhundert
  • Die Villen der Meniers in Paris und das Familiengrab auf dem Père Lachaise 
  • „Les enfants de Paris“: Pariser Erinnerungstafeln/plaques commémoratives zur Zeit 1939-1945

 

 

Die Fontänen von Versailles (2): Ausdruck absolutistischen Größenwahns

Im ersten Teil des Beitrags über die Fontänen  und Brunnen des Parks von Versailles (https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8068 ) wurde ihre Funktion als Machtdemonstration und Instrument der Einschüchterung erläutert: Sie sollten durch ihre Menge und Größe und durch ihr bildhauerisches Programm die Macht des Sonnenkönigs veranschaulichen.

Die Schwierigkeiten bei der Umsetzung dieses Vorhabens waren allerdings ganz erheblich, denn die Lage des Schlosses und des Parks hätten kaum ungünstiger sein können. Das Gelände war sumpfig und  es gab (und gibt) in der Region keine natürlichen Wasserläufe, die man für die Versorgung mit Wasser hätte nutzen können[1] . Die Seine lag mehrere Kilometer entfernt und dazu auch noch 142 tiefer als das Schloss.[2]  Es gab in der Nähe lediglich den kleinen étang de Clagny, der von einigen Bächlein gespeist wurde. Mit Wasser versorgt werden mussten aber  nicht nur die am Ende der Herrschaft Ludwigs XIV.  1400 Fontänen im Park, sondern auch das riesige Schloss mit seinem Hofstaat,  die weitläufigen Parkanlagen, die Stadt,  die Kasernen mit Soldaten und etwa 2000 Pferden und nicht zuletzt der  Obst- und Gemüsegarten Ludwigs XIV.[3] Allein bei dieser groben Übersicht kann man ahnen, wie  immens der  Bedarf an Wasser für Versailles war, spätestens  1682,  als der Hof offiziell dorthin verlegt wurde. Und es ging dabei ja nicht nur um die  Menge, sondern auch um die Qualität, die für den menschlichen und tierischen Gebrauch gesichert  sein musste, um Seuchen zu verhindern.

Warum also unter diesen völlig ungeeigneten Voraussetzungen gerade Versailles?  Eine Antwort darauf kann wohl die Entwicklung des Ortes geben: Das erste Schloss von Versailles wurde  vom Vater des Sonnenkönigs 1623 gebaut und 1631 erweitert. Der Sohn fand dann auch Gefallen daran, denn dort war er abseits von Paris, aber doch auch wieder nahe an der Hauptstadt, es gab in Versailles  ein ausgiebiges Jagdrevier und das Schloss bot eine Rückzugsmöglichkeit – zum Beispiel für seine Beziehung mit Mlle de Valière, für die er die Thetis-Grotte  bauen ließ. 1660 nahm dann der junge König selbst das Heft in die Hand und das hufeisenförmige Zentrum des neuen  Schlosses entstand, das bis heute den cour d’honneur umschließt.

Einen neuen, entscheidenden Impuls erhielt der Schlossbau von Versailles am 17. August 1661.  An diesem Tag war Ludwig XIV. in Vaux-le-Vicomte,  im Schloss seines Finanzministers Fouquet, zu Gast. Die Beziehung des jungen Königs zu Fouquet war damals angespannt, und da sollten der König und sein Hofstaat  ehrenvoll empfangen und ein barockes Fest mit allen Schikanen präsentiert werden. [4] Verantwortlich dafür waren der Haushofmeister François Vatel[5]  und der Maler Charles Le Brun.[6] Molière schrieb extra für dieses Fest ein Stück, das er mit seiner Truppe aufführte, es gab ein musikalisch umrahmtes Bankett,  ein grandioses Feuerwerk und natürlich auch eine Gartenbesichtigung für den als Gartenfreund bekannten König. Und immerhin hatte Le Nôtre hier seine erste im französischen Stil gehaltene Gartenanlage geplant, zu der auch grandiose Fontänen gehörten.

Der weitere Verlauf der Geschichte ist bekannt: Ludwig XIV. erblasste  gewissermaßen vor Neid. Dass sein Minister es wagte, ihn und sein Versailles in den Schatten zu stellen, konnte er nicht dulden. Fouquet wurde entmachtet und verbrachte die letzten Jahre seines Lebens als Gefangener, aber Ludwig übernahm dessen hochkarätiges Personal. Also auch Le Nôtre, der ihm jetzt einen Park mit Wasserspielen bauen sollte, wie es sie noch nie und nirgends gegeben hatte. Der 17. August ist damit nicht, wie man manchmal lesen kann, „der Beginn von Versailles“[7], aber eine entscheidende Wende.

Hätte es damals einen Rechnungshof, also eine strenge  Kontrolle der königlichen Finanzen gegeben, wäre vielleicht ein geeigneterer Ort für das königliche „Versailles“ gesucht und  gefunden worden.  Denn –und das war absehbar:  die Kosten für die hydraulischen Arbeiten waren astronomisch. Von den Gesamtkosten für den Schlossbau entfielen schätzungsweise 57%  allein auf die Wasserversorgung und –nicht zu vergessen: die Wasserentsorgung- die Kosten für die wunderbaren Brunnenanlagen sind darin gar nicht einbezogen. [8] Aber Ludwig XIV. wäre nicht der Sonnenkönig gewesen, wenn ihn das beeindruckt hätte- ganz im Gegenteil.  Denn sein größtes Vergnügen war es, wie Saint-Simon kritisch bemerkte, die Natur zu beherrschen. („de forcer la nature“). Und die Souveränität des Herrschers war nach damaliger Auffassung ebenso wenig teilbar „wie der Punkt in der Geometrie“ („La souveraineté n’est non plus divisible que le point en géométrie“, wie es Cardin Le Bret formulierte)- eine Auffassung, die ja auch heute noch – in Zeiten der Globalisierung und des Vereinten Europas-  in Frankreich (und anderswo) sehr verbreitet ist.

Dass die Versailler Wasserproblematik nicht nur viel Geld, sondern auch Menschenleben kostete, kümmerte Ludwig XIV. wenig, auch wenn ihm das nicht entgehen konnte.  Man erzählte, dass eines Tages eine Frau zu ihm gekommen sei, außer sich,  weil ihr Sohn tags zuvor beim Bau des Großen Kanals,  „ce canal putassier“,  ums Leben gekommen sei. Die Antwort des Sonnenkönigs: Er ließ die Frau mit Stockschlägen traktieren.  Und Opfer gab es viele.   Madame de Sévigné schrieb 1678 in einem Brief, die Sterblichkeit der Arbeiter beim Bau des Großen Kanals sei außerordentlich hoch. Jede Nacht würden Wagen voller Leichen beladen und weggefahren.  Geschätzt wird, dass etwa 10 000 Menschen allein bei den Bauten für die Alimentierung der Fontänen ums Leben gekommen sind.[9]

Aller finanziellen  und menschlichen  Opfer zum Trotz war und blieb die Wasserversorgung von  Versailles eine Herkules-Aufgabe und ein Dauerproblem, an dem der Herrschaftswille des absoluten Königs scheiterte.  Die Natur zeigte ihm hier seine Grenzen auf. Wenn der König  durch den Park spazierte und sich an den sprudelnden Brunnen und emporsteigenden Fontänen erfreuen wollte, wurde er von Brunnenmeistern begleitet, die die Anlagen vor ihm an- und hinter ihm wieder ausstellten. Zu mehr reichte das Wasser nicht.  Und dabei war doch der Anspruch gewesen, dass die Fontänen „ni jour ni nuit“ (weder Tag noch Nacht) schweigen  sollten.[10]  Wenn wir heute dank eines elektrisch betriebenen Pumpsystems  die Grands Eaux in Versailles bewundern:  Ludwig XIV. jedenfalls hat sie so nie erleben können….   Und die  Neptun-Fontaine, die größte im Schlosspark von Versailles, die zum krönenden Abschluss der Grands Eaux  in den Himmel steigt,  kann bei weitem nicht mithalten mit der in  Kassel, dem nordhessischen Versailles. Die war nämlich aufgrund der günstigen natürlichen Voraussetzungen fast doppelt so hoch, nämlich 52 Meter – während die höchste Fontäne im Reich des Sonnenkönigs  gar nicht in Versailles war, sondern in seinem Schloss in Marly, die aber auch „nur“ 40 Meter erreichte.  Eine Demütigung, die mitzuerleben Ludwig XIV. allerdings erspart blieb…

Trotz alledem:  Es ist faszinierend zu erfahren, welcher Erfindungsgeist, welche   Handwerkskunst und welche gewaltigen Anstrengungen damals am Werke waren, um Versailles und die Fontänen des Parks  mit Wasser zu versorgen.  Bezüge zu Herkules und den Pharaonen findet man in entsprechenden Publikationen immer wieder, und sie  sind  wohl auch kaum übertrieben.  Die Wasserversorgung von Versailles ist das größte Projekt, das im Frankreich des ancien régime je unternommen wurde. Insgesamt wurde ein etwa 200 Kilometer langes System von Gräben, unter- und oberirdischen Aquädukten, Dükern (Siphonen) und  Rohrleitungen aus Eisen und Blei  errichtet.

Wenn man heute die Grandes Eaux bewundert, sieht man davon nichts.- so wie man auch zu Zeiten Ludwigs XIV. nichts davon gesehen hat und auch nicht sehen sollte.  Aber natürlich gibt es genaue, beeindruckende  Pläne des Leitungssystems aus Eisen und Blei wie die von 1718, die 2017 auf einer Garten-Ausstellung im Grand Palais ausgestellt wurden.

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Hier das Leitungssystem unter dem Latone-Brunnen und dem entsprechenden Parterre. Es vermittelt den Eindruck eines höchst komplizierten, ausgeklügelten Systems – ganz im Gegensatz zu der spielerischen Leichtigkeit der Fontänen, die damit alimentiert werden.

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Der nachfolgende  Ausschnitt zeigt das  Leitungssystem, das das Parterre du Nord mit der Allée d’eau und den daneben gelegenen bosquets, das Bassin de Dragon  und den Neptun-Brunnen auf der Nordseite des Schlosses mit Wasser versorgte.

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Dieses Leitungssystem ist heute immer noch in Betrieb,  und die Brunnen werden wie zu Zeiten Ludwigs XIV. per Hand in Gang gesetzt.[11]

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Gespeist wurde es  aus den am unteren Bildrand  teilweise zu erkennenden und noch existierenden Reservoirs in der heutigen – und danach benannten- rue des reservoirs.

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Sie hatten ein Fassungsvermögen von 5000 m³. Um wenigstens einigermaßen den großen Wasserbedarf für die unter Ludwig XIV. immer aufwändigeren Grandes Eaux sicherzustellen, benötigte man zahlreiche weitere Reservoirs. So wurden zum Beispiel 1671 unter dem heutigen Parterre d’eau, also der obersten Gartenterrasse (oberhalb des Latone-Brunnens) große Zisternen mit einem Fassungsvermögen von 3400m³ angelegt, von denen zwei noch heute in Betrieb sind, die aber leider nicht besichtigt werden können.[12]

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Wenn man aber bedenkt, dass allein für einen weniger als dreistündigen  Betrieb der Fontänen  9500 m³ Wasser benötigt wurden, kann man erahnen, wie  groß die hydraulischen Herausforderungen waren.  Und mit der Bereitstellung von genügend großen Reservoiren war es  nicht getan. Sie mussten ja auch gefüllt werden. Das unterhalb des Schlosses vorhandene Wasser, zum Beispiel aus dem nahe gelegenen étang de Clagny, musste also hochgepumpt werden- und das in einer Zeit, in der es noch keine Dampfmaschinen gab. Also bedurfte es eines Systems von Windmühlen und mit Pferdekraft angetriebenen Pumpen, die für die Nachfüllung der Reservoirs sorgten. Das benötigte natürlich viel Zeit und konterkarierte den Traum Ludwigs XIV., die Fontänen seines Parks dauerhaft ohne jede Unterbrechung betreiben zu können.

Die größte Herausforderung bestand allerdings darin, überhaupt genügend Wasser zur Verfügung zu haben. Der Teich von Clagny, das einzige natürliche Reservoir, war zu klein und hatte zu geringen natürlichen Zulauf, so dass er den an ihn gestellten Anforderungen bei weitem nicht gewachsen. Es musste also aus der Ferne Wasser herangeschafft werden- eine dauernde und im Verweis auf Herkules treffend bezeichnete Aufgabe. Eine der ersten Maßnahmen war die Umleitung des Wassers der Bièvre, eines kleinen Nebenflüsschens der Seine. Aber auch das reichte nicht, den Wasserbedarf der vom Sonnenkönig  gewünschten immer zahlreicheren Fontänen zu befriedigen. Warum also nicht gleich das Wasser der Loire nutzen?  Es war kein Geringerer als Pierre-Paul Riquet, der Schöpfer des Canal de Midi  (damals canal royal de Languedoc), der diesen Vorschlag Ludwig XIV. unterbreitete. Und der war davon sehr angetan und auch gleich bereit, die dafür erforderliche immense Geldsumme zur Verfügung zu stellen. Ludwigs Finanzminister Colbert hatte allerdings Zweifel an der Machbarkeit und beauftragte  den Abbé Picard, Mitglied der Akademie des Science, mit einem Gutachten. Die Überprüfung ergab, dass die Loire an der geplanten Wasserentnahmestelle tiefer lag als das Schloss von Versailles…. Das Projekt wurde also aufgegeben und andere traten an seine Stelle.

Drei  davon sollen auf diesem Blog  vorgestellt werden. Sie wurden nicht nur wegen ihrer Bedeutung ausgewählt, sondern auch, weil sie noch heute sichtbare Spuren hinterlassen haben: Die Drainagen und das Teichsystem  auf der Hochebene von Saclay/Palaiseau,  die Maschine von Marly und das Projekt der Umleitung des Flusses Eure.   Dem ersten Projekt verdankt man heute ein wertvolles Biotop, das zweite ist eine technische Meisterleistung, aber auch –wie vor allem die aufgegebene Umleitung der Eure,  Zeuge absolutistischen Größenwahns.  Die drei Projekte können/sollen zu Ausflügen in die Umgebung von Paris/Versailles anregen. Und sie können den bewundernden Blick auf die Fontänen im Schlosspark von Versailles sicherlich erweitern. In diesem Beitrag werden die Rigoles de Saclay und das Aquädukt von Buc vorgestellt, die beiden anderen Projekten werden in späteren Beiträgen folgen. 

 

  1. Die Rigoles von Saclay und das Aquädukt von Buc (1680-1686)

Die Hochebene von Saclay liegt im Süden von Versailles/im Südwesten von Paris  zwischen den Flüsschen Bièvre und Yvette. Heute ist sie vor allem bekannt durch die dort schon angesiedelten und noch geplanten  Lehr- und Forschungseinrichtungen,  das „Silicon Valley à la française“.[13]  Zu Zeiten Ludwigs XIV. war die Hochebene von Saclay Ort eines kaum weniger anspruchsvollen Projekts:  Sie sollte nämlich dazu beitragen, den immer größer werdenden Wasserbedarf der Fontänen von Versailles zu decken.  Die Probleme, die sich dabei stellten, waren allerdings erheblich. Es gab auf dem Plateau zwar einen größeren Teich, den Étang Vieux de Saclay, der aber nur von Regenwasser gespeist wurde, also keine natürlichen Zuflüsse hatte. Außerdem lag, wie der wieder herangezogene Abbé Picard feststellte, sein Grund  nur 10 Fuß (3,25 Meter)  über dem unteren Teil des Schlossparks. Die Herausforderung bestand nun darin,  das nutzbare Wasseraufkommen auf dem Plateau zu steigern und es dann allein über das (geringe) natürliche Gefälle für die Alimentierung  wenigstens der – allerdings immer zahlreicheren- Brunnen und Fontänen in den unteren Partien des Schlossparks zu nutzen. (Deshalb auch die Bezeichnung lacs inférieures für die schon bestehenden und neu geschaffenen Teiche auf der Hochebene von Saclay).   Mit der Ausführung dieses Projekts wurde der Ingenieur Thomas Gobert beauftragt, der sich schon bei der Versorgung von Versailles mit Trinkwasser verdient gemacht hatte.  Er forderte 3000 Mann und 2000 Schubkarren an, die 6 Jahre lang damit beschäftigt waren, neue Teiche anzulegen und ein System von Drainagen (rigoles), d.h. kleinen Gräben, die alles anfallende Regenwasser in den Étang  Vieux de Saclay und den neu geschaffenen Étang Neuf de Saclay als zentraler Sammelstelle leiten sollten.

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Rigoles auf dem Plateau de Saclay

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Der alte Damm zwischen dem Étang Vieux  (heute ein Vogelschutzgebiet[14]) und dem Étang Neuf de Saclay (heute Wasserreservoir für eine Forschungseinrichtung für Antriebe)

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Ausschnitt aus einer Informationstafel am Pavillion du Roi auf dem Damm zwischen den beiden Teichen von Saclay

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Die alte Treppe des  „Pavillon du Roi“  auf dem Damm. In seinem Keller befand sich der Schieber zur Regulierung der  Wasserhöhe in beiden Teichen.

 

 

 

 

 

 

 

Die schwierigste und wichtigste Aufgabe stand allerdings noch bevor: Jetzt musste das in den Teichen von Saclay angesammelte Wasser ja noch in den Schlosspark von Versailles überführt werden. Dazu bedurfte es einer Leitung von 20 Kilometern mit gleichmäßiger sanfter Neigung, die wegen mehrerer dazwischen liegender Hügel zum Teil unterirdisch – bis zu 32 Meter unter dem Erdboden- verlaufen musste.  Und vor allem: Das breite Tal der Bièvre musste überwunden werden. Hier sah Gobert zunächst einen Düker vor, also eine unter dem Flüsschen verlaufende Druckleitung.  Allerdings war die ersten Versuche damit nicht ermutigend: Das Rohrsystem war dem erheblichen Wasserdruck nicht gewachsen, so dass man den Plan aufgeben musste: Die Alternative war ein Aquädukt, dass er in einem Memorandum vom 2. November 1682 dem Sonnenkönig schmackhaft machte:

On pourrait faire un acqueduc de massonnerie, que de seroit sujet à aucun entretien, sans besoin de fer, cuivre ny plomb, plus solide et à durer autant que le monde, dont la magnificence marqueroit à la postérité, autant qu’aucun autre esdifice la grandeur du Règne du Roi.“[15]

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Man könne, so schlug also Gobert vor, ein Aquädukt aus Stein bauen, wofür man kein Metall benötige. Dazu werde es bis ans Ende der Welt bestehen und wie kein anderes Bauwerk der Nachwelt die Größe des Königs vor Augen führen. Kein Wunder also, dass der König dem Plan zustimmte.  Sicherlich hat Gobert den Mund etwas zu voll genommen, aber eindrucksvoll ist das Bauwerk auf jeden Fall, und zwar von unten gesehen, wenn man auf einem Spaziergang entlang der Bièvre dort vorbeikommt, oder aus der Vogelperspektive.

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Hier ein Blick auf eine der 19 Arkaden. Sie bestehen vor allem aus Bruchsteinen (pierres meulières), die Kanten aus behauenen Kalksteinen[16]

Und jetzt aus der Vogelperspektive:

(Bild aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Aqu%C3%A4dukt_von_Buc)

 

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Die Bauarbeiter dieses Aquädukts waren übrigens Soldaten aus der Normandie, die dafür abgestellt wurden. Solche gigantischen Baumaßnehmen waren ja generell nur möglich, wenn Ludwig XIV- einmal nicht Krieg führte, wenn Soldaten (und Geld)  also nicht zum Erobern und Töten eingesetzt  wurden.

1686 wurde das gesamte Leitungssystem eingeweiht – „zur Zufriedenheit der Fontänen“, wie Ludwig XIV. huldvoll  festzustellen geruhte.  Und offenbar auch zur Zufriedenheit von Wanderern, die sich an diesem für die Ewigkeit geplanten Bauwerk aufwändig „verewigten“.

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Und immerhin:  Bis 1950 tat dieses Aquädukt seinen Dienst und danach wurde es unter Denkmalschutz gestellt- Es wird uns also wohl noch etwas erhalten bleiben.

Der Wasserbedarf der Fontänen im Park von Versailles war aber – und das war von vornherein absehbar- mit der Inbetriebnahme des Systems von Teichen und Rigoles auf dem Plateau de Saclay – und eines weiteren bis nach Rambouillet reichenden Wassergewinnungssystems (den lacs supérieurs) immer noch nicht gestillt. Die gesamte  maximale/optimale tägliche Kapazität  dieser Systeme waren12 000 m³. Das reichte aber bei weitem immer noch nicht aus, um die Wasserspiele des Sonnenkönigs wenigstens mehr als stundenweise zu betreiben.

Es mussten also weitere Wasserquellen erschlossen werden, was natürlich immer schwieriger wurde. Entweder es mussten technische Lösungen gefunden werden, die bisher nicht machbar erschienen, oder es  musste das Wasser aus  immer größeren Entfernungen herangeführt werden,  beziehungsweise – es geht ja um die Fontänen des Sonnenkönigs- beides:  Das eine ist das Heraufpumpen von Wasser aus der Seine durch die Maschine von Marly, ein parallel mit „Saclay“ betriebenes Projekt, das andere  die Umleitung des Flusses Eure über 80 Kilometer, die allerdings nie verwirklicht werden konnte. Darüber mehr in einem weiteren dritten Blog-Beitrag über die Fontänen von Versailles. (17)

 

Literatur/Benutzte Materialien

Association ADPP, À la Découverte du Plateau de Palaiseau. 2015

Alain Baraton, Le jardinier de Versailles. Paris: Grasset 2006

Eric Soullard, Les eaux de Versailles sous Louis XIV. In: Hypothèses 1998,1, S. 105-112 https://www.cairn.info/revue-hypotheses-1998-1-page-105.htm?contenu=resume

Serge Fiorese, Le système hydraulique du plateau de Saclay : un patrimoine unique à découvrir et mettre en valeurhttp://www.s-y-b.fr/index.php?option=com_content&view=article&id=29:le-systeme-hydraulique-du-plateau-de-saclay&catid=16

Léo Pajon, L’aménagement de l’eau à tout prix.  In: Versailles. Les grandes heures d’un château au cœur de l’histoire de France. GEOHISTOIRE 29, Oct/Nov 2016, S. 44f

Jean Siaud, Ils ont donné l’eau à Versailles.  Edition de l’onde 2012

Jean Siaud, Trois siècles dèau à Versailles pour le château et pour la ville. 1663-1964. Hrsg von der Société des amis de Versailles.

https://www.youtube.com/watch?v=u0VYY2iK3Lo (Video der Verwaltung der Schlösser von Versailles über die einzelnen Etappen der Konstruktionen zur –Wasserversorgung von Versailles. Anschaulich, aber ohne Ton.

https://de.wikipedia.org/wiki/Wasserversorgung_des_Schlossparks_von_Versailles

Chronologie der hydraulischen Arbeiten: http://ressources.chateauversailles.fr/IMG/pdf/le_systeme_hydraulique_chronologie_des_travaux_d_adduction.pdf  (Aus der Website des Château de Versailles)

 

Anmerkungen:

[1] A la  découverte du Plateau de Palaiseau, S. 20

[2] Nach Soullard sind es sogar 160 Meter. Siehe: http://www.theses.fr/2011GRENH032

[3] Siehe den Blog-Beitrag: Der potager du roi, der Obst- und Gemüsegarten Ludwigs XIV. in Versailles. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/413

[4] Dazu im Einzelnen: Die letzte Chance.  Das Fest vom 17. August 1661 https://www.degruyter.com/downloadpdf/books/9783486719390/9783486719390.173/9783486719390.173.pdf

[5] Vatel stand danach in Diensten des „Großen Condé“ im Schloss Chantilly und gilt als Erfinder der crème Chantilly. Siehe dazu den Blog-Beitrag über Chantilly: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/181

[6] Zu Charles Le Brun siehe den Blog-Beitrag über die Manufacture des Gobelins, deren Chef er war: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10655

[7] http://kunstundkosmos.de/Regionen-Staedte-Architektur/Versailles-Garten.html

[8] siehe : A la découverte du Plateau de Palaiseau, S. 24

[9] Baraton, S. 89 und 92; die Zahl von 10 000 wird von Pajon, S. 44 genannt.

[10] S. M. de duc de Noailles, Histoire de Madame de Maintenan et des principaux événements  du règne de Louis XIV tome deuxième, Paris 1848, S. 58 https://books.google.de/books?id=sK1P5hdagUsC&printsec&pg=PA58#v=onepage&q&f=false

[11] Bild aus: http://www.versaillespourtous.fr/fr/popup_clelyre.html

[12] Bild aus: http://ressources.chateauversailles.fr/documents/2/animation_jardin/eau/reservoirst.html

[13] https://www.capital.fr/votre-carriere/paris-saclay-la-silicon-valley-a-la-francaise-1315895

[14] Über die étangs und rigoles heute und ihren ökologischen Wert: https://www.youtube.com/watch?v=OHzjiUfK1BM

[15] Zit. À la découverte du Plateau de Palaiseau, S. 23

[16] Zu Gewinnung der Steine in und um Paris im Allgemeinen und dabei auch zu den meulière-Steinen im Besonderen siehe den Blog-Beitrag über die Bergwerke und Steinbrüche von Paris: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/5497

(17) Allerdings wird der wohl noch etwas auf sich warten lassen: Die zunächst für 2018 geplante, dann auf Frühjahr 2019 verschobene Wiedereröffnung des Museums von Marly, das ich in den 3. Beitrag einbeziehen möchte,  ist inzwischen für den Herbst 2019 avisiert….

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Das Haus der Mutualité in Paris (2): Der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen
  • Die Fontänen im Park von Versailles (3): Die Umleitung der Eure und die Maschine von Marly
  • „Les enfants de Paris“: Pariser Erinnerungstafeln/plaques commémoratives zur Zeit 1939-1945