Die Petite Ceinture (Teil 1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen

Es war vor ein paar Jahren, als wir die Petite Ceinture entdeckten.  Eines Tages rief eine französische  Freundin an: Sie hatte gelesen, ein Stück dieser ehemaligen, seit Jahren stillgelegten und sich selbst überlassenen Bahnlinie rund um Paris sei an einem Wochenende ausnahmsweise zugänglich und man könne dort außergewöhnliche  botanische Beobachtungen machen.  Als Gartenfreundin hatte das ihr Interesse geweckt. Und unseres natürlich auch. Also machten wir uns am bezeichneten Tag auf zur angegebenen Einstiegsstelle im quartier Bagnolet im  20. Arrondissement. Da gab es zwar ein Tor, aber das war geschlossen – und unsere Enttäuschung groß. Da wir nicht einfach aufgeben wollten, versuchten wir, eine  andere Zugangsmöglichkeit zu finden.

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Und dass es die geben musste, bestätigten die jungen Leute, die wir auf der Brücke der Petite Ceinture an der Place du Salamandre sahen, die allerdings schon einen längeren Spaziergang hinter sich hatten.  Mit einer Leiter wäre  es durchaus möglich gewesen, über eine Mauer zu den Gleisen heraufzukommen, aber ohne… Als wir etwas ratlos herumstanden und überlegten, wie wir weiter vorgehen  könnten, kam ein junges Paar vorbei, das uns fragte, ob sie uns helfen könnten. Sie dachten, wir würden eine bestimmte Adresse suchen. Als wir ihnen erzählten, worum es uns ging, hatten sie einen wunderbaren Einfall: Der junge Mann bot an,  eine „Räuberleiter“ zu machen. Für uns doch schon etwas ältere Semester ein unkonventioneller, aber wunderbarer Vorschlag. Also zuerst ich, dann –mit Hilfe von unten und oben- die beiden Damen…

Oben angekommen befand man sich in einer anderen Welt: alte Gleise auf verrotteten Bohlen, Gestrüpp rechts und links, aber auch ein offenbar noch bewohntes Häuschen am Rande.

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Und dabei gab es auch ein kleines unter dem Gestrüpp verstecktes Gärtchen, in dem Kohl angebaut wurde.

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… und Artischocken; aber vielleicht eher zum Anschauen als zum Essen….

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Dort kam ein junger Mann auf uns zu, der uns sehr energisch darauf hinwies, dass wir uns auf einem Privatgelände der Bahn befänden, dessen Betreten strafbar sei und dass Zuwiderhandlungen hoch bestraft werden könnten. (Über die mögliche Höhe der Strafen gab es wilde Gerüchte[1] ).  Er dagegen war, wie sich herausstellte, ein Biologe, dessen Interesse oder Auftrag es war, das Biotop, das sich hier allmählich entwickelt hatte, zu erforschen und zu kartografieren. Besser hätten wir es ja  nicht treffen können! Jedenfalls trennten  wir uns nach einer kleinen  Führung in bestem  Einvernehmen und von drohenden  Strafen war nicht mehr die Rede.

Rosen gab es allerdings nicht in dem Gärtchen, die gab –und gibt- es nur am Rand der Gleise – denn die Petite Ceinture ist nicht nur ein Biotop, sondern auch ein bevorzugter Ort für Freunde der Street-Art.

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Das die Gleise überspannende Gebäude, das wir auf unserem kleinen Spaziergang auf der Petite Ceinture sahen, ist übrigens die ehemalige Bahnstation Charonne.  (102, rue de Bagnolet)

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In den  1990-er Jahren wurde dort von ehemaligen Studenten der Pariser Kunsthochschule eine Musikkneipe eingerichtet, die nach dem Zug „La Flèche d’Or“  benannt war, der seit den 1920-er Jahren  Paris mit London verband.[2]

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Inzwischen ist auch diese Kneipe stillgelegt, aber die Mairie des 20. Arrondissements bemüht sich, das „bâtiment magique“ zu erhalten. Was daraus wird, scheint aber noch völlig unklar zu sein. Überlegt war wohl,  dort einen irischen Pub einzurichten.[3] Aber danach sieht es derzeit (Februar 2020) nicht aus. Einige junge Leute hatten 2019 zu Versammlungen in der Flèche d’Or aufgerufen, um über die Zukunft des Gebäudes nachzudenken. Ob da etwas/was da herausgekommen ist, weiß ich aber nicht. 

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Aufgenommen am 30.1.2020

Immerhin ist inzwischen  gleich nebenan in der rue Florian der Zugang zu dem Gärtchen mit dem Kohl und den Artischocken und damit  zur Petite Ceinture möglich.

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Und er wird auch gerne, vor allem von jungen Leuten, genutzt.

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Man kann auf oder an den alten Gleisen entlanglaufen und sich dabei etwas als Entdecker fühlen und seiner Phantasie freien Lauf lassen, was man alles – auch jenseits der Street-Art- aus dieser alten  Bahnstrecke und ihren Resten machen  könnte.

Hier zum Beispiel ein Blick auf die alte Bahnstation Avron.- zu schade, um sie weiter verfallen zu lassen.[4]

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 Dass die Petite Ceinture  endlich aus dem Dornröschenschlaf einer Verkehrsbrache erwacht, ist überfällig; und zwar gerade in einer dicht besiedelten Stadt wie Paris, in der ein eklatanter Mangel an Grünflächen und Naherholungsmöglichkeiten herrscht. Da bietet das zwar schmale, aber immerhin ganz Paris umspannende Gelände der ehemaligen Ringbahn ein interessantes Feld der Gestaltung, das sicherlich das Herz jedes Stadtplaners höher schlagen lässt.

Und immerhin ist die Erschließung des Ringbahngeländes auch eine späte und hoffentlich konsequente Fortsetzung eines  nach dem ersten Weltkrieg begonnenen Prozesses. Denn damals wurde der  längst obsolete Festungsgürtel aus der Mitte des 19. Jahrhunderts beseitigt und zum Bau von Sport- und Parkanlagen, Sozialwohnungen und –last but not least- zur Errichtung der Cité Internationale Universitaire genutzt.[5]  Dieser Prozess könnte nun durch die neue Nutzung der Petite Ceinture abgeschlossen  werden. Ihr Bau  steht nämlich  in engem Zusammenhang mit dem Bau des nach Thiers benannten Festungsgürtels, zu dem  die Ringbahn weitgehend parallel verlief- ebenso wie die nach  napoleonischen Marschällen benannten und heute noch existierenden Boulevards des Maréchaux.  Die Ringbahn hatte ebenso wie diese Boulevards die strategische Funktion, die die Stadt umgebenden Festungen rasch mit Truppen und Material zu versorgen. Dies galt vor allem für den Fall einer Belagerung, wenn Paris von seinem Umland abgeschnitten wäre.[6]  Denn in einem solchen Fall war die logistische Situation der Stadt besonders prekär: Paris war das Zentrum des französischen Eisenbahnnetzes und es besaß eine ganze Reihe von Kopfbahnhöfen, von denen aus die Züge in alle Himmelsrichtungen abfuhren bzw. von wo aus sie dort ankamen.

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Diese Karte zeigt die Eisenbahnverbindungen rund um Paris im Jahr 1863.[7]

Die Pariser Endstationen dieser Linien gibt es  meist noch heute: die Bahnhöfe St. Lazare, du Nord, de l’Est, de Lyon, d’Austerlitz, Montparnasse, Invalides. Aber zwischen diesen und den weiteren heute nicht mehr existierenden Bahnhöfen wie Luxembourg, Bastille/Vincennes und d’Orsay gab es keine Verbindungen.  Eine schnelle Verschiebung von Truppen und Material innerhalb der Stadt war deshalb nicht möglich. Da konnte die Petite Ceinture Abhilfe schaffen.

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Hier eine Karte der vier Sektionen der Petite Ceinture, die zwischen 1854 und 1869 in Betrieb genommen wurden und auf denen auch der Verlauf des Thiers’schen Festungsgürtels zu erkennen ist. [8]

Im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 wurde die Petite Ceinture zum Transport von Truppen, insgesamt etwa 800 000 Mann, und Material genutzt, vor allem aus dem Süden Frankreichs nach Osten.  Und es sollten auch drei Armeekorps mit 50 000 Mann, 12 000 Pferden und 1300 Kanonen aus dem Elsass via Paris an die  Front in die Champagne  verschoben werden. Bevor sie allerdings dort ankamen, hatte Napoleon III. schon nach der Niederlage von Sedan  kapituliert.[9]  Die Petie Ceinture sollte aber auch ganz direkt für den Kampf genutzt werden, und zwar für den Einsatz gepanzerter,  von Lokomotiven gezogener Batterien bei der Verteidigung von Paris.

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Diese Batterien sahen sehr eindrucksvoll aus und hatten auch entsprechende Namen: „Dévastation“, „Foudroyante“, „Gloire“ und „Belliqueux“. Allerdings spielten sie keine Rolle in den Kämpfen, fielen dann allerdings in die Hände der Commune, die sie zum Teil bei den Kämpfen gegen die Versaillais nutzte.[10]

Dass die Petite Ceinture auch lange nach der Umnutzung des Festungsgürtels militärisch genutzt wurde, zeigt diese Erinnerungsplakette:

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Sie befindet sich auf der Brücke rue de Ménilmontant (20. Arrondissement), die die Petite Ceinture überquert und ehrt 5 Mitglieder der Résistance, die anlässlich der Befreiung von Paris im August 1944 Züge der Besatzungstruppen angegriffen hatten –auch „bataille de Ménilmontant“ genannt- und dabei getötet wurden.  An einer dieser Aktionen nahm übrigens auch Peter Menden,  ein deutscher Antifaschist,  teil: Er stoppte in einer unblutig verlaufenen Aktion im Tunnel in der Nähe des Bahnhofs Ménilmontant einen deutschen Munitionszug, die Besatzung wurde gefangen genommen, die Munition erbeutet.[11]

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Der Bahnhof Ménilmontant existiert heute nicht mehr. Erhalten ist aber noch die Treppe, die von der rue de Ménilmontant zu den Bahnsteigen herabführte und kürzlich wieder geöffnet wurde, um ein kleines Teilstück der Petite Ceinture für die Öffentlichkeit  zugänglich zu machen.

Und  eine Fußgängerbrücke mit einem entsprechenden Hinweisschild erinnert noch an den früheren Bahnhof.

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1948 machte Willy Ronis dort ein Photo, das seinen 1954 erschienenen Bildband „Belleville Ménilmontant“ einleitete. Es zeigt einen Zug der Petite Ceinture-Linie, der gerade den Bahnhof passiert.[12]  .

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Dieser Zug diente nicht militärischen Zwecken, sondern dem Personentransport. Denn natürlich war die Petite Ceinture  nicht nur für einen militärischen Notfall bestimmt, sondern diente auch – und dem Umfang nach: vor allem- dem Transport von Personen und Waren innerhalb der Stadt, zumal es im 19. Jahrhundert noch keine Metro gab, die die Pariser Kopfbahnhöfe miteinander verband. Diese Verbindung schuf  –wenn auch etwas umständlich- die Petite Ceinture.  Sie wurde deshalb  mit einer Vielzahl von  Bahnhöfen für den Personenverkehr ausgestattet und zusätzlich auch mit Güterbahnhöfen, die mit  einer entsprechenden Infrastruktur versehen waren. Bahnhöfe für den Personenverkehr gab es übrigens überall auf der Petite Ceinture,  Güterbahnhöfe nur in der Nähe von Industrieanlagen, also nicht im schon damals noblen Westen der Stadt.

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Auf dieser Karte ist der Verlauf der Petite Ceinture schwarz eingezeichnet- die schwarzen Punkte markieren die Bahnhöfe für den Personenverkehr, die Quadrate die Güterbahnhöfe. Die Tunnelstrecken sind gepunktet.  Zur Erleichterung der Orientierung ist auch der boulevard périphérique eingezeichnet (orange), der in den 1950-er bis 1970-er Jahren überwiegend ebenfalls auf dem Gelände des Thiers’schen Festungsgürtels errichtet wurde.[13]

Die Bedeutung der Petite Ceinture lässt sich an der Entwicklung der Passagierzahlen ablesen: 1878 waren  es 5 Millionen Menschen, die die Ringbahn nutzten, 1900 wurde der „Rekord“ von fast 40 Millionen erreicht.[14]Dazu beigetragen hatte eine Modernisierung der Infrastruktur, die pünktlich zu der vom Bau des Eiffelturms gekrönten prestigeträchtigen Weltausstellung  von 1889 – dem 100. Jahrestag der Französischen Revolution- vollzogen wurde. Teile der Ringbahn wurden damals abgesenkt oder erhöht, um die niveaugleichen Bahnübergänge zu beseitigen und den Verkehr so zu beschleunigen. Im Jahr der Weltausstellung gab es eine Frequenz von 6 Zügen pro Stunde.  In einer Stunde und zwanzig Minuten konnte man damals die Stadt umrunden, seit 1903 mit der Einführung leistungsfähigerer Lokomotiven sogar in einer Stunde und fünf Minuten. [15]

Der Bau  der von der Petite Ceinture unabhängigen Pariser Metro – die erste Linie wurde 1900 eingeweiht- führte allerdings zu einem zunehmenden Bedeutungsverlust der Ringbahn. Die Metro war nicht nur komfortabler –immerhin waren die Stationen vor Wind und Wetter geschützt und die Zugänge verfügten teilweise über Rolltreppen-  mit ihrem elektrischen Antrieb präsentierte sie  sich als modernes Verkehrsmittel  und mit den  Art-nouveau- Eingängen Hector Guimards entsprach sie dem Zeitgeschmack.[16] Und vor allem: Mit der Metro wurden für Passagiere (mehr oder weniger) direkte und auf jeden Fall schnellere Verbindungen zwischen den Pariser Kopfbahnhöfen geschaffen als mit der Petite Ceinture. Die Folge davon war, dass die Ringbahn immer weniger Fahrgäste transportierte, während andererseits ihre Rolle für den Transport von Waren immer mehr zunahm. 1914 wurde der Ringverkehr für Personen eingestellt und auch nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr aufgenommen. Danach gab es noch auf Teilstücken  Personenverkehr, allerdings mit wenigen Ausnahmen nur noch bis 1934.

Der Aufschwung des Warenverkehrs auf der Petite Ceinture war aber nicht von Dauer. Die dort zugelassene Geschwindigkeit und Tonnage der Güterzüge waren zu begrenzt, um der zunehmenden Konkurrenz durch Lastkraftwagen standhalten zu können – zumal nach dem Bau des Boulevard péripherique. 1993 wird auch auf dem größten Teil der Petite Ceinture der Güterverkehr eingestellt.[17]  Die Bahntrasse bleibt bis auf ein vom RER genutztes Teilstück sich selbst bzw. der Natur überlassen. Und sie dient als Rückzugsort für Wohnsitzlose, als  abenteuerlicher Treffpunkt von Jugendlichen oder als Fotoobjekt für Fotographen auf der Suche nach dem Besonderen…  Bis dann gut 20 Jahre später die Rückeroberung  („reconquête“) der stillgelegten Bahantrasse begann. Darüber  mehr in dem nachfolgenden  Beitrag.

 

Anmerkungen

[1] https://entreprendrelemonde.com/voyages-a-velo/promenade-petite-ceinture/

[2] https://www.lesinrocks.com/2017/05/05/musique/la-fleche-dor-ferme-ses-portes-dans-lindifference-generale-11941888/

[3] http://www.leparisien.fr/paris-75020/paris-la-fleche-d-or-va-renaitre-en-pub-irlandais-musical-04-05-2017-6917781.php

http://www.lylo.fr/lieu/concerts-la-fleche-d-or-paris-20

[4] Zu den aktuellen Planungen für eine Nutzung der Anlagen der Petite Ceinture gehört auch die Erhaltung und  kommerzielle Nutzung dieses Bahnhofs. Siehe: https://www.petiteceinture.org/Ouverture-au-public-de-troncons-de-la-Petite-Ceinture-d-ici-2020-le-saut-vers-l.html#3_planning_des_travaux_et_des_ouvertures

[5] siehe dazu den entsprechenden Blog-Beitrag über die Cite Internationale  https://paris-blog.org/2017/01/02/die-cite-internationale-universitaire-in-paris-ein-ort-des-friedens-und-der-voelkerverstaendigung/

[6] https://www.petiteceinture.org/Histoire-de-la-Petite-Ceinture-ferroviaire-de-Paris-des-origines-a-1934.html

und https://www.paris.fr/petiteceinture

[7] Karte aus: https://www.petiteceinture.org/Histoire-de-la-Petite-Ceinture-ferroviaire-de-Paris-des-origines-a-1934.html

[8] Karte aus: https://www.petiteceinture.org/Histoire-de-la-Petite-Ceinture-ferroviaire-de-Paris-des-origines-a-1934.html  Im Nordosten weicht der Verlauf der Petite Ceinture vom Verlauf des Festungsgürtels ab. Eine plausible Erklärung dafür gibt es offenbar nicht.

[9] Siehe: Ricroch, La Petite Ceinture, S.23

[10] Carrière, La Saga de la Petite Ceinture, Bd 1, S. 51

[11] A.a.O., S. 21/22  Zur plaque commémorative siehe: http://www.museedelaresistanceenligne.org/media.php?media=5019

[12] Bildausschnitt. Aus einer Ronis-Ausstellung im Pavillon Carrée de Baudoin in Ménilmontant (April 2018 bis Januar 2019)

[13] http://keblo1515.free.fr/souterrinterdit/pc.htm

[14] https://www.petiteceinture.org/Les-principales-dates-de-l.html

[15]  J. Kœchlin, Les locomotives 51-65 du Chemin de fer de la Petite Ceinture, Revue Générale des Chemins de fer, mai 1904, pp 334-350. Zit in: https://www.petiteceinture.org/Histoire-de-la-Petite-Ceinture-ferroviaire-de-Paris-des-origines-a-1934.html  s.a.http://paris1900.lartnouveau.com/paris00/gares_de_la_petite_ceinture%20.htm

[16] Siehe den Blog-Beitrag über Hector Guimard: Jugendstil in Paris.  https://paris-blog.org/2018/02/01/__trashed-3/

[17] https://www.paris.fr/petiteceinture

 

Literatur:

Bruno Carrière: La Saga de la Petite Ceinture 1836-1991, tome 1, Paris  2017

Bruno Carrière, La Saga de la Petite Ceinture 1991-2017, tome 2, Paris 2018

Nicolas Chaudun, Le promeneur de la Petite Ceinture. Récit de Voyage. Actes Sud Nature 2003

Johannes Freybler, Das zweite Leben der Gütellinie. In: FAZ Reiseblatt. 5. Dezember 2019

René Ricroch, La Petite Ceinture. Hrsg. von der Association d’histoire et d’archéologie du XXe arrondissemet de Paris. 2000

Jean-Pierre Rigouard, La Petite Ceinture. 2002

Evelyne Rigouard/ Jean-Pierre Rigouard, La Petite Ceinture, Tome II . 2009 (Postkarten und Photographien)

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • La place des Victoires in Paris: Das Modell eines königlichen Platzes
  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux
  • Pariser Erinnerunsorte an den Holocaust (Fortsetzung) 

 

 

 

 

Aktionskunst im Rentenstreik: McDo Paris/Place Voltaire (6.2.2020)

Am 6. Februar 2020 fand in Frankreich der 9. Aktionstag gegen die von Staatspräsident Macron geplante und derzeit im Parlament beratene Rentenreform statt – allerdings mit stark nachlassender Beteiligung: Während es zu Beginn der Demonstrationen und Streiks am 5.  Dezember letzten Jahres noch –nach Angaben der Organisatoren- über 1 Million  Teilnehmer waren (nach Angaben der Polizei  immerhin 805 000), so beteiligten sich diesmal in ganz Frankreich nach Gewerkschaftsangaben nur noch 130 000 Menschen an Streiks und Demonstrationen, also 50 000 weniger als die Woche davor. Aufgerufen hatten  diejenigen Gewerkschaften, die jede Reform des Rentensystems ablehnen (vor allem die der kommunistischen Partei nahe stehende CGT), und linke Parteien und Gruppierungen (vor allem Melenchons  La France insoumise, die mit 19 000 –sic!-  Änderungsanträgen die Beratungen im Parlament zu blockieren versucht…)  

In Paris gab es eine Demonstration zwischen der place de la République und der place de la Nation. Sie  führte damit an der in der Nähe unserer Wohnung gelegenen place Voltaire vorbei. Diesmal gingen keine Schaufensterscheiben zu Bruch – einige an der Demo-Meile gelegenen Banken hatten sich vorsorglich wieder verbarrikadiert-  dafür wurden aber die Schaufensterscheiben der an der place Voltaire gelegenen Mac Donald-Filiale von oben bis unten mit Handzetteln beklebt.

Als wir kurz nach dem Ende der Demonstration vorbeikamen, war der beklebte McDo umringt von Menschen, die die politischen Botschaften betrachteten und Fotos machten. Das hat mich dazu angeregt, auch eine kleine Foto- Serie  der Aufkleber zusammenzustellen, die nachfolgend präsentiert wird. Die Aufkleber werden unkommentiert vorgestellt, die Aufschriften allerdings (sinngemäß) übersetzt. Wo mir Erläuterungen zum besseren Verständnis sinnvoll erschienen, sind diese in den entsprechenden Anmerkungen enthalten.

 

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Schlecht behandelt/schlechte Renten

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Rente vor der Arthrose

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Rücknahme der Gegenreform der Renten! Widerstand! Handeln wir gemeinsam: Macron Rücktritt! Austritt aus der Europäischen Union des Kapitals[1]

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Für eine Rente mit 60 Jahren, nach 35 Beitragsjahren und mit 75% des (im Lauf des Berufslebens erreichten) höchsten Gehalts

Rücknahme des Gesetzesvorhabens!

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Die Finanz soll zahlen! 

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Mit den von der Arbeit produzierten Reichtümern verdient die Bourgeoisie Milliarden. Es ist an ihnen, für die Renten zu zahlen! 

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60 Jahre. In welcher Sprache muss man dir das sagen?[2]

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verlängerbarer Streik[3] , Demos, Blockaden. Macron hau‘ ab! 

 

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Metro- Linie 2: Streik[4]

 

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Sehe ich aus wie ein/e Privilegierte/r? [5]

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Zu viel ist zu viel! Renten, Löhne, Beschäftigung, die schlimmen Schläge hageln nur so. Alle gemeinsam kann man sie aufhalten.

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Die Lehrer sind zornig. Ein empathischer Minister. (Sprechblase:) Ich verstehe wirklich nicht, warum, die Lehrer streiken. Eingefrorene Gehälter, erzwungene Reformen, verschlechterte Arbeitsbedingungen, kümmerliche Renten.

Das Unterrichten beeinträchtigt schwerwiegend die finanzielle Gesundheit[6]

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Ich streike, aber ich kümmere mich um meine Patienten[7]

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Ende der Welt, Ende des Monats: Der selbe Kampf![8]

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Nein zum sozialen Staatsstreich[9]

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Brechen wir die Ketten der Europäischen Union!

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Retten wir die EDF vor der tödlichen Zerschlagung[10]

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Flughäfen von Paris: Privatisierung ist Diebstahl[11]

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Löhne, Arbeitsplätze, soziale Gerechtigkeit.  Schluss mit der Austerität

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Für bezahlbare Sozialwohnungen nahe am Arbeitsplatz[12]

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Arbeitsministrium: Jeder sechste Arbeitsplatz in den letzten 10 Jahren abgeschafft

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Konsumiere![13]

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Am Tag danach: Das große Reinemachen.

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Schade! Der beklebte McDo war eine Attraktion für alle Passanten

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Aber es wird wohl weitergehen:

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Unterrichtsstunde der Regierung: (Thema:) Ich werde nicht mehr demonstrieren.              (Die Schülerin schreibt:)  Ich werde weiter meine Meinung sagen! Ich werde nicht meinen Mund halten! Ich werde  nicht….. [14]

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Wir machen keinen Rückzieher[15]

 

Und in der Tat: Für den 24. Februar ist der nächste Aktionstag angekündigt…..

Anmerkungen:

[1]Im Zusammenhang mit dem Brexit interessiert(e)  es natürlich auch sehr, wie die Franzosen zur Europäischen Union und einem möglichen FREXIT stehen, der auf Seiten der extremen Linken und Rechten gefordert wird. Dieser Forderung stimmen nach einer Umfrage vom Mai 2019 allerdings nur 11 % der Franzosen zu. (siehe: https://www.bva-group.com/sondages/francais-lunion-europeenne-sondage-bva-tribune/)  Die  Vorsitzende des rechtsradikalen Rassemblement national, Marine Le Pen, aussichtsreichste Gegenkandidatin Macrons bei den nächsten Präsidentschaftswahlen, hat deshalb wohl inzwischen ihre diesbezüglichen Forderungen erheblich abgemildert. (Gäbe es jetzt Präsidentschaftswahlen, lägen  nach aktuellen Umfragen Macron und Le Pen bei dem ersten Wahlgang mit jeweils 29% Stimmenanteil  gleichauf: https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/marine-le-pen-praesentiert-sich-als-alternative-zu-macron-16572734.html ). 

[2] Ein allgemeines Renteneintrittsalter von 60 Jahren gehört zu den Hauptforderungen von CGT und KPF. Dagegen möchte die Regierung das allgemeines Renteneintrittsalter (âge pivot), das derzeit bei 62 Jahren liegt, bis 2027 auf 64 Jahre erhöhen. âge privot bedeutet, dass auch ein früheres Eintrittsalter mit Abschlägen oder ein späteres Eintrittsalter mit Zuschlägen möglich ist – so wie bisher schon im öffentlichen Dienst. Inzwischen hat die Regierung die Erhöhung auf 64 Jahre zurückgezogen: Für die reformorientierten Gewerkschaften wie die mitgliederstärkste Gewerkschaft CFDT, die im Prinzip die geplante Rentenreform unterstützen, war die Heraufsetzung des Rentenalters nicht akzeptabel. Jetzt sollen die Sozialpartner Vorschläge erarbeiten, wie mittelfristig das Defizit der Rentenkassen beseitigt werden kann- ein allerdings kaum aussichtsreiches Vorhaben….

[3] /verlängerbarer Streik/ Grève reconductible: Dabei handelt es sich um eine in Frankreich bei größeren sozialen Auseinandersetzungen manchmal – zum Teil auch bei der Auseinandersetzung um die Rentenreform- praktizierte Streikform: Der Streik ist nicht von vornherein limitiert, sondern es wird nach jedem Tag  von den Streikenden auf Vollversammlungen beschlossen, ob er fortgesetzt wird. Siehe zum Beispiel: https://www.cts-strasbourg.eu/fr/Article/Mouvement-de-greve-reconductible/.

[4] Die Beschäftigten der Staatsbahn SNCF und der Pariser Verkehrbetriebe RATP waren bei der Streikbewegung ab 5. Dezember 2019 besonders engagiert. Der Streik vor allem von Metro-Fahrern der RATP beeinträchtigte in Paris etwa  6 Wochen lang einen wichtigen Teil des öffentlichen Nahverkehrs massiv. An dem Aktionstag am 6. Februar nahmen die cheminots und die RATP-Beschäftigten aber nicht mehr teil.

[5] Dieser Aufkleber bezieht sich ganz offensichtlich auf einen zentralen Punkt der aktuellen Diskussionen um das bestehende Rentensystem. Unter den bisher existierenden 42 verschiedenen Systemen gibt es nämlich eine ganze Reihe, die für die Beteiligten äußerst günstig sind. Das sind zum Beispiel die Anwälte, die eine eigene Rentenkasse haben und sich sehr öffentlichkeitswirksam dagegen wehren, in ein  einheitliches Rentensystem integriert zu werden. Und es sind Angehörige öffentlicher Betriebe wie der staatlichen Elektrizitätsgesellschaft EDF oder der Verkehrsbetriebe SNCF und RATP, die über spezielle vom Staat/Steuerzahler alimentierte  Rentensysteme verfügen. Etwa mit einem sehr frühen Renteneintrittsalter und ohne jede Abschläge. Die Fahrer von Metros, Bussen und S-Bahnen (RER) konnten bis 2017 schon mit 50 Jahren in Rente gehen, bis 2022 wird das Alter auf 52 heraufgesetzt.  (siehe: https://www.lepoint.fr/economie/retraite-les-vrais-avantages-du-regime-special-de-la-ratp-25-11-2019-2349455_28.php). Dazu sind sie unkündbar. Insofern ist es auch nicht erstaunlich, dass diese Gruppen bei der Streikbewegung besonders aktiv waren/sind.

[6] Zu den von der geplanten Rentenreform besonders betroffenen Bevölkerungsgruppe gehören auch die Lehrkräfte. Die Gehälter –besonders die Anfangsgehälter- der meisten Lehrer//innen sind –gerade auch im Vergleich zu den deutschen Gehältern- ziemlich gering. Relativ hohe Pensionen gelten dann gewissermaßen als Ausgleich. Würden die Lehrkräfte ohne Ausgleich in das neue allgemein geltende Rentensystem integriert, würde das zu einer Absenkung der Renten von etwas über 10% führen. Zum Ausgleich hat der französische Bildungsminister eine Erhöhung der Gehälter um zunächst 500 Millionen Euro pro Jahr angekündigt. Unklar ist allerdings, wer genau und in welcher Höhe davon betroffen sein wird. Die mit der Rentenreform eigentlich angestrebte Transparenz lässt auch in diesem Bereich zu wünschen übrig. Siehe: https://www.lemonde.fr/education/article/2020/01/14/reforme-des-retraites-500-millions-d-euros-pour-les-augmentations-de-salaire-des-professeurs-en-2021_6025757_1473685.html

[7] Das Krankenhauspersonal beteiligte sich zum Teil auch an Streikaktionen. Allerdings ging es dabei nicht um die Renten, sondern um die schlechten Arbeitsbedingungen.

[8] Die Unterscheidung und Kombination der Begriffe fin du mois und fin du monde geht auf den ehemaligen Umweltminister Macrons, Nicolas Hulot, zurück. Dieser unterschied auf dem Höhepunkt der gilets-jaunes-Bewegung die Aktivisten der Umweltbewegung, die auf die Klimakatastrophe verweisen, und die Aktivisten der gilets jaunes, denen es vor allem um die Kaufkraft ging und für die eine –ökologisch begründete- Benzinpreiserhöhung der Anlass für ihre Aktionen war. Hulot forderte,  in der Politik soziale und ökologische Anforderungen nicht als Gegensätze zu behandeln, sondern zu verbinden. Siehe: https://www.liberation.fr /france/2018/11/23/nicolas-hulot-combiner-les-problemes-de-fin-de-mois-et-de-fin-du-monde_1693737

[9] Abgebildet ist hier die Spitze der Juli-Säule auf der place de la Bastille mit dem genie de la liberté. Dem behaupteten „sozialen Staatstreich“ Macrons  wird also die glorreiche revolutionäre Vergangenheit Frankreichs gegenübergestellt.

[10] Der Aufkleber zeigt eine Guillotine vor dem Elysée-Palast, dem Sitz des französischen Präsidenten.  Thematisiert wird hier die Zukunft des staatlichen Energiekonzerns EDF.  Die Regierung plant, das hoch verschuldete Unternehmen aufzuspalten.  Es soll einen profitablen „grünen Bereich“ geben, der teilweise privatisiert werden soll. Daneben einen „blauen Bereich“ mit den Atomkraftwerken, die etwa 75% des in Frankreich verbrauchten Stroms produzieren- ein Weltrekord.  Die vorhandenen französischen AKWs sind zwar aktuell profitabel, allerdings ist die geplante Laufzeitverlängerung teuer. Dazu kommen riesige, ständig wachsende und unkalkulierbare Kosten für die schon begonnenen und geplanten Neubauten von AKWs einer neuen Generation (EPR), von den Kosten für die Endlagerung ganz abgesehen. Die Erlöse des Verkaufs des „grünen Bereichs“ sollen also dazu dienen, die Kosten und Risiken des AKW-Bereichs zu finanzieren, auf den Frankreich nicht verzichten will. (Der Anteil des Atomstroms an der Stromversorgung soll mittelfristig 50% betragen).  Insofern ist die geplante Aufspaltung –anders als es der Aufkleber nahelegt-  eher eine Rettungsaktion, die allerdings von allen Gewerkschaften abgelehnt wird. Sie gehören zu den vehementesten Verteidigern der französischen Atomindustrie.

[11] Die Privatisierung der Pariser Flughäfen gehörte zu den Vorhaben von Präsident Macron. Sie ist allerdings höchst umstritten und wird –auch wenn hoheitliche Aufgaben nicht betroffen sind- von rechts und links als Angriff auf die nationale Souveränität und Verschleuderung von Volksvermögen angegriffen. Inzwischen ist es sehr ruhig geworden um das Projekt. Die Regierung hat wohl genug andere Baustellen…

[12] Bezahlbarer Wohnraum ist gerade in Paris eines der größten Probleme. Im letzten Jahr ist der durchschnittlicher Quadratmeterpreis für den Kauf einer Wohnung auf 10 000 Euro gestiegen. Die Mieten sind entsprechend hoch, zumal das Angebot -auch aufgrund der Weitervermietung durch Agenturen- eher zurückgeht. Es gibt in Paris zwar einen relativ hohen Bestand an Sozialwohnungen – etwa 245 000. also etwas über  20% des Angebots-  aber die Nachfrage ist noch höher- sie liegt bei etwa 250 000. Bei 11 000 vergebenen Sozialwohnungen im Jahr 2018 kann man sich vorstellen, wie lange die Wartezeiten sind…    Siehe: https://www.apur.org/fr/nos-travaux/derniers-chiffres-logement-social-paris

[13] Dieser Aufkleber zitiert eines der bekanntesten Plakate des Mai 1968. Siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2018/05/01/50-jahre-mai-1968-plakate-der-revolte-eine-ausstellung-im-musee-des-beaux-arts-in-paris/

[14] Faire de la pédagogie: Das ist ein in der politischen Diskussion in Frankreich häufig verwendeter Ausdruck.  Damit ist der Anspruch an die Regierung gemeint, ihre Pläne und Handlungen der Öffentlichkeit verständlich zu machen, und zwar besonders in Zeiten weitreichender Reformen. Macron wird in letzter Zeit häufig kritisiert, diesem Anspruch nicht zu genügen.

https://www.francetvinfo.fr/replay-radio/tout-est-politique/tout-est-politique-il-faut-de-la-pedagogie-autour-des-reformes-du-gouvernement-estime-francois-patriat-president-du-groupe-lrem-au-senat_2356083.html

https://www.la-croix.com/Journal/Emmanuel-Macron-fait-pedagogie-2018-04-13-1100931292

https://www.larepubliquedespyrenees.fr/2020/01/14/a-uzein-emmanuel-macron-fait-la-pedagogie-de-sa-reforme-des-retraites,2649274.php

[15] Hier  handelt es sich um ein Wortspiel mit dem Begriff retraite. Denn dieses Wort bedeutet nicht nur Rente, sondern auch Rückzug. Der Ausdruck „battre en  retrait“ stammt aus der militärischen Terminologie.

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Pariser Erinnerungsorte des Holocaust (Fortsetzung) 
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux

 

Pariser Erinnerungsorte an den Holocaust: Der Friedhof Père Lachaise

In der nordöstlichen Ecke des Friedhofs Père Lachaise, in der 76. und 97. Division, gibt es eine ganze Reihe von Denkmälern, die an nationalsozialistische Konzentrations- und Vernichtungslager erinnern. Diese Denkmäler sind eindrucksvolle Erinnerungsorte, zumal sie auch mit hohem künstlerischen Anspruch gestaltet sind. ln ihrer Fülle und Vielfalt werden der Schrecken und das Leid ein wenig erfahrbar, an die hier erinnert wird. Und es sind gleichzeitig Orte, die zum Engagement für eine bessere Welt auffordern.

Die nachfolgenden Bilder sollen nur knapp erläutert werden – sie sprechen, so denke ich, für sich.

DSC06893 Pere Lachaise Lager (1)

Die beiden benachbarten Denkmale sind den Opfern der Konzentrationslager Flossenbürg und Mauthausen gewidmet: Die dorthin Deportierten waren zur „Vernchtung durch Arbeit“ bestimmt- Arbeit in den Steinbrüchen. Die aus dem Fels gebrochenen Steine mussten über endlose Treppenstufen nach oben geschleppt werden.

DSC06893 Pere Lachaise Lager (3)

DSC06893 Pere Lachaise Lager (8)

Die 186 Stufen der Treppe des Steinbruchs waren der Leidensweg derer, die sie,  mit schweren Steinen beladen,  unter den Schlägen der SS  hochsteigen mussten.

DSC06893 Pere Lachaise Lager (2)

Damit ihr Opfer dazu beiträgt, für immer den Weg in die Unterdrückung zu blockieren und der Menschheit den Weg in eine bessere Zukunft der Freundschaft und des Friedens                                                                 zwischen den Völkern zu öffnen.                                                   Erinnert Euch

DSC06893 Pere Lachaise Lager (12)

Unter diesem Stein ruht Asche von 7000 Franzosen, die von den Nazis im Konzentrationslager Neuengamme ermordet wurden. 

DSC06893 Pere Lachaise Lager (13)

Mit diesem Stein wird an eine der größten Schiffskatastrophen der Geschichte erinnert, bei der in den letzten Kriegstagen etwa 7000 KZ-Häftlinge vor allem aus dem KZ Neuengamme,  umkamen. Deshalb befindet sich der  Gedenkstein  am Fuß des Denkmals für die Opfer dieses Lagers. Die Nazis wollten Neuengamme vor den anrückenden Briten räumen und verfrachteten die Insassen  auf zwei manövrierunfähig in der Lübecker Bucht liegende Schiffe.  Die wurden damit gewissermaßen zu schwimmenden KZs und zu einem leichten Ziel der Royal Airforce.  Eines der Schiffe war die „Cap Arcona“,  eines der elegantesten Passagierschiffe der Vorkriegszeit. Die britischen Truppen waren zwar vom Schweizer Roten Kreuz informiert, aber diese Information gelangte nicht zu den Bomberpiloten. Die Schiffe mit den KZ-Häftlingen wurden also  für Truppentransporter gehalten und fünf Tage vor Kriegsende versenkt.   Nur wenige Schiffbrüchige, darunter der Komponist des Moorsoldaten-Liedes, Rudi Goguel,  überlebten. [1]

Auf der anderen Seite des Weges, in der 97. Division, befindet sich dieser Grabstein:

DSC06893 Pere Lachaise Lager (21)

Es ist ein Grabstein für zwei Überlebende und gleichzeitig ein Stein zur Erinnerung an Familienmitglieder, die in Auschwitz und Majdanek ermordet wurden und für die es nur „ein Grab in den Lüften“ gibt (Paul Celan, Todesfuge).

Im Hintergrund sieht man die Erinnerungstafel an die Opfer der Pariser Commune von 1871: Die letzten Kämpfer der Commune wurden an dieser Mauer erschossen.[2]

DSC06893 Pere Lachaise Lager (5)

DSC06893 Pere Lachaise Lager (23)

DSC06893 Pere Lachaise Lager (26)

1941 – 1945 Auschwitz-Birkenau    nationalsozialistisches Vernichtungslager

Als Opfer der antisemitischen Verfolgung der deutschen Besatzer und der Collaborations-Regierung von Vichy

wurden 76000 Juden, Männer, Frauen und Kinder, aus Frankreich nach Auschwitz deportiert, wo die meisten in Gaskammern umkamen.

Als Opfer der polizeilichen Repression erlitten 3000 Widerstandskämpfer und Patrioten in Auschwitz Qual und Tod

Etwas Erde und Asche von Auschwitz ruhen hier zur Erinnerung an ihr Opfer

 

DSC06893 Pere Lachaise Lager (32)

DSC06893 Pere Lachaise Lager (33)

Von 1941 bis 1945 umfasste das Lager Auschwitz III 39 nationalsozialistische Lager, die alle von dem deutschen Chemie-Konzern IG-Farbenindustrie genutzt wurden. 30000 Deportierte, darunter 3500 in Frankreich verhaftete,  Juden vor allem, starben hier an Hunger, Kälte, Erschöpfung, unter Schlägen oder sie wurden von der SS selektiert. Sie wurden in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau vernichtet. Vergessen wir niemals! 

DSC06893 Pere Lachaise Lager (35)

 1942 Zur Erinnerung an die jüdischen Kinder, die von den Nazis ermordet wurden 1945

Der du vorbeigehst: Deine Erinnerungs ist ihr einziges Grab

DSC06893 Pere Lachaise Lager (15)

DSC06893 Pere Lachaise Lager (40)

Der Begriff „Nacht und Nebel/nuit et brouillard“ bezieht sich auf das Vorgehen der Nazis bei den Deportationen und auf den Film von Alain Resnais‘ (1955), den ersten Dokumentarfilm über das KZ-System.  In Auftrag gegeben wurde der Film von zwei Organisationen früherer französischer Widerstandskämpfer und Deportierter,  getextet von dem KZ-Überlebenden und Dichter Jean Cayrol. Die  Musik schrieb der während der Nazi-Zeit emigrierte Komponist Hanns Eisler. Es gibt auch ein wunderbares Lied von Jean Ferrat zu „Nuit et brouillard“ [3]

DSC06893 Pere Lachaise Lager (44)

Replik eines Grabmals aus dem Konzentrationslager Natzweiler-Struthof im Elsass

DSC06893 Pere Lachaise Lager (46)

Dass bei den KZ-Denkmälern auf dem Père Lachaise immer wieder ein Dreieck erscheint, hat seinen Grund darin, dass die Kennzeichnung der Häftlinge mit Hilfe von farbigen Stoffdreiecken erfolgte, die auf die gestreifte Häftlingskleidung genäht waren.

DSC06893 Pere Lachaise Lager (45)

Wir haben die Abgründe in uns und bei den anderen ergründet

Es muss ein außerordentlicher Mensch gewesen sein, der diesen provozierend-nachdenklichen Satz formulieren konnte:  Edmond Michelet war engagierter Christ und  französischer Widerstandskämpfer aus der Corrèze. 1943 wurde er von der Gestapo verhaftet und nach Dachau deportiert, wo er 1945 von amerikanischen Truppen befreit wurde. Nach dem Krieg war er Mitbegründer des Comité International de Dachau und er trat für die europäische Einigung und die deutsch-französische Aussöhnung ein.

DSC06893 Pere Lachaise Lager (47)

DSC06893 Pere Lachaise Lager (48)

DSC06893 Pere Lachaise Lager (16)

Père Lachaise Nov 10 011

DSC06893 Pere Lachaise Lager (55)

Mahnmal für die Opfer des Konzentrationslagers Sachsenhausen – Oranienburg

DSC06893 Pere Lachaise Lager (51)

Wir sind 900 Franzosen

Inschrift eingraviert im Fort IX von Kaunas von Deportierten des Convois 73

 

Der nachfolgend abgebildete Gedenkstein -zwischen den Gedenksteinen für die Konzentrationslager in der 97. Division gelegen- scheint etwas aus dem Rahmen zu fallen. Denn er ist den Opfern des 8. Februar 1962 gewidmet.  An diesem Tag, in der Endphase der von de Gaulle eingeleiteten Verhandlungen über die Unabhängigkeit Algeriens, fand in Paris eine Großdemonstration statt, zu der linke Parteien und Gewerkschaften aufgerufen hatten. Es war eine Reaktion auf die „schwarze Nacht“ vom  17. auf den 18. Oktober 1961, als die Polizei mit äußerster Härte eine Kundgebung von Algeriern für die Unabhängigkeit ihrer Heimat niedergeschlagen hatte. Zahlreiche Demonstranten wurden einfach in die Seine geworfen, um die offiziellen Opferzahlen niedrig zu halten. [4]

Ici on noie les Algeriens

Am 24. Oktober 1961 erschien in Le Monde ein Aufruf von Intellektuellen, u.a. Simone de Beauvoir, André Breton, Nathalie Sarraute und Aimé Césaire, in dem es heißt:

Mit bewundernswertem Mut und Würde haben algerische Arbeiter gegen die immer unerbittlichere Repression demonstriert, deren Opfer sie sind… Die Polizei reagierte auf die friedliche Demonstration mit ungezügelter Gewalt: Erneut wurden Algerier getötet, weil sie in Freiheit leben wollten. Die Franzosen  würden sich zu Komplizen rassistischer Gewalt machen, deren Schauplatz Paris ist, wenn sie dazu schwiegen…. Wir weigern uns, einen Unterschied zu machen zwischen den vor ihrer Ausweisung im Palais des Congress  eingepferchten Algeriern und den vor ihrer Deportation zusammengetriebenen Juden…“

DSC06893 Pere Lachaise Lager (19)

Auch am 8. Februar agierte die Polizei mit äußerster Härte: 9 Gewerkschafter kamen an der „Demo-Meile“ zwischen der Place de la République und der Place de la Nation gelegenen Metro-Station Charonne im 11. Arrondisement ums Leben. Verantwortlicher Polizeichef damals:  Maurice Papon.  Der war  im Zweiten Weltkrieg als Generalsekretär der Präfektur von Bordeaux verantwortlich für die Verhaftung von etwa 1600 Juden, die zwischen 1942 und 1944  zunächst nach Drancy und von dort weiter nach Auschwitz transportiert wurden. Er gehört aber –wie der oberste Polizeichef von Vichy- René Bousquet- zu den sogenannten „vichisto-résistants“ (Jean-Pierre Azema), die sich zunächst in den Dienst der sogenannten Révolution nationale Pétains stellten, dann aber auch Verbindungen zur  Résistance knüpften. So konnte Papon nach 1945 mit ausdrücklicher Billigung von de Gaulle weiter Karriere machen, u.a. als Polizeipräfekt in Algerien, wo er einschlägige Erfahrungen im Umgang mit der algerischen Widerstandsbewegung sammeln konnte, dann als Pariser Polizeichef und zwischen 1978 und 1981 sogar noch in zwei Regierungen als Minister.[5]

DSC06893 Pere Lachaise Lager (18)

Das erklärt, warum sich der Gedenkstein für die Opfer des 8. Februar 1962 an dieser Stelle befindet und warum es die „Vaillants et Vaillantes de Drancy“ sind, die hier einen Gedenkstein aufgestellt haben.

Wenn man mit offenen Augen über den Père Lachaise geht, findet man  auch noch weitere Grabsteine, die an Opfer der nationalsozialistischen Barbarei erinnern. So diesen in der 52. Division, der an den deutschen Antifaschisten Arthur Kühnreich erinnert. Er wurde 1942 in Auschwitz ermordet.

DSC04066 Pere Lachaise Nazi Opfer 52. Div.

DSC06893 Pere Lachaise Lager (4)

Eingestellt am 27.1. 2020, dem 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers  Auschwitz.  Fotos von Frauke Jöckel, aufgenommen auf dem Père Lachaise am 26. 1. 2020

 

Anmerkungen:

[1] Imke Andersen,  Britta Probol, Der Untergang der „Cap Arcona“ . Schleswig-Holstein Magazin, 04.05.2019 https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Tragoedie-am-Kriegsende-Der-Untergang-der-Cap-Arcona,caparcona100.html

Das Moorsoldatenlied wurde zum ersten Mal 1933 von Gefangenen das Lagers Börgermoor gesungen. Eine Version mit Hannes Wader: https://www.youtube.com/watch?v=wH9I2Lyf6dY

[2] Siehe dazu den Blog-Bericht: https://paris-blog.org/2016/08/13/der-buergerkrieg-in-frankreich-1871-ein-rundgang-auf-dem-friedhof-pere-lachaise-in-paris-auf-den-spuren-der-commune/

[3] https://www.youtube.com/watch?v=M19PP181rfc

.[4] Bild aus: Yves  Faucoup, 17 octobre 1961, le massacre ignoré.  https://blogs.mediapart.fr/yves-faucoup/blog/171015/17-octobre-1961-le-massacre-ignore

[5]  Papons Karriere endete am 6. Mai 1981, als die satirische Wochenzeitschrift Canard enchaîné seine Rolle bei der Deportation von Juden bekannt machte. 1983 wurde Anklage erhoben und nach dem längsten Prozess der französischen Justizgeschichte wurde Papon 1998 wegen seiner Beteiligung an Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 10 Jahren Haft verurteilt- von denen er allerdings nur knapp 3 Jahre absitzen musste.

 

 

Weitere Blogbeiträge mit Bezug zum Père Lachaise:

 

 

 

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Pariser Erinnerungsorte des Holocaust (Fortsetzung) 
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux

Keine Erinnerungsplakette für den Lutetia-Kreis: Eine verpasste Chance

Dans cet hôtel  se réunirent, dans les années 1935 à 1937, sous la présidence de l’écrivain Heinrich Mann,  des représentants de la résistance allemande en exil qui voulaient fonder un Front populaire allemand contre le nazisme.

Ce „Cercle Lutetia“ représentait une Allemagne de paix et de liberté, une Allemagne enracinée dans la tradition culturelle européenne: celle que le régime nazie  avait bannie. 

In diesem Hotel  trafen sich in den Jahren 1935 bis 1937  Vertreter des deutschen  Widerstands im Exil unter dem Vorsitz des Schriftstellers Heinrich Mann,  um eine  Volksfront gegen den Nationalsozialismus aufzubauen. 

Dieser „Lutetia-Kreis“ repräsentierte das aus Nazideutschland vertriebene, in der europäischen Kulturtradition verwurzelte  Deutschland des Friedens und der Freiheit.

Dies hätte der Text einer Erinnerungsplakette im Pariser Hotel Lutetia sein können/sollen, für deren Anbringung  sich im letzten Jahr eine Initiative stark gemacht hat. Trotz einer breiten und ganz wunderbaren Unterstützung ist das Projekt aber an der verweigerten Zustimmung des Besitzers des Hotels und der Nobelhotelkette „The Set“ gescheitert.

Dass es eine solche Plakette nicht geben wird, halte ich für eine verpasste Chance. Im Folgenden soll dies begründet und erläutert werden,  und es soll zumindest auszugsweise die Zustimmung dokumentiert werden, die das Projekt erhalten hat: Ausdruck des Dankes und Illustration dessen, was hätte sein können und nun leider nicht möglich ist.

 

Warum sollte es eine Plakette für den Lutetia-Kreis geben?

Am 12.7.2018 erschien in der deutschen Wirtschaftszeitung Handelsblatt ein Artikel zur Wiedereröffnung des renovierten Hotels Lutetia. Die Überschrift des Artikels: „Lutetia- vom Zentrum der Volksfront zum Palace-Hotel“.  Diese Schlagzeile ist geeignet, Leser neugierig zu machen und zur Lektüre des Beitrags zu motivieren. Immerhin wird damit auf eine Episode der langen  Geschichte des legendären Hotels hingewiesen, die weniger bekannt und für viele eher unerwartet sein dürfte.

Denn zuerst gilt das Lutetia natürlich als Treffpunkt einer internationalen intellektuellen und künstlerischen Elite: Man denkt da an Namen wie Samuel Becket, James Joyce, Ernest Hemingway, Pablo Picasso, André Gide, Antoine Saint-Exupéry, Jean-Paul Sartre, Jacques Prévert, Josephine Baker und viele andere. An die Glanzzeiten des Hotels während der „Annés Folles“ erinnert noch der Salon Josephine, besungen in dem Lied Eddy Mitchells Au bar du Lutetia: Es erinnert an Serge Gainsbourg, der auf seinen nächtlichen Eskapaden durch Saint-Germain-des-Près immer irgendwann in der Bar des Hotel Lutetia landete.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass der junge Charles de Gaulle gerade im Lutetia seine Hochzeitsnacht verbrachte, bzw. dass die Legende ihm dies zuschrieb.  Und für  Édouard Péricaut aus dem wunderbaren Roman  „Wir sehen uns da oben“ von Pierre Lemaitre  hätte es kaum ein geeigneteres Hotel geben können, um dort seine letzten Tage auszukosten.

In eben diesem Hotel haben sich in den 1930-er Jahren Vertreter des deutschen Widerstands im Exil  getroffen. Warum gerade dort?

Dass es in Frankreich sein musste, lag nahe: Frankreich als das Mutterland der Menschenrechte hatte die meisten Flüchtlinge aus Nazideutschland aufgenommen. Nicht zu Unrecht hat man das  Paris der Jahre 1933-1940 als „die europäische Hauptstadt der deutschen Kultur“ bezeichnet. Und in Paris war das Lutetia der ideale Treffpunkt: wegen seines Renommees als intellektuelles Zentrum und wegen seines stilvollen Ambientes – man wollte und brauchte sich ja nicht zu verstecken.  Auch der Name des Hotels und seine Symbolik passten zu dem Vorhaben: Das Lutetia trägt –wie die Stadt Paris-  im Wappen das Schiff, das auch in hoher See nicht untergeht: Fluctuat nec mergitur. Das entsprach dem Lebensgefühl derer, die sich zwischen 1935 und 1937 im Lutetia versammelten, um dort Widerstand gegen die Herrschaft der Nationalsozialisten zu leisten.  Sie konnten und wollten in dem Deutschland der Unfreiheit, des Rassismus und der Kriegsvorbereitung nicht mehr leben, glaubten aber an eine andere, bessere Zukunft für ihr Land und arbeiteten daran. Und hatte nicht  Heinrich Heine, der 100 Jahre vorher Paris als Ort seines Exils gewählt hatte, seine gesammelten Berichte aus  Frankreich „Lutetia“ überschrieben? Fluctuat nec mergitur: Dies gilt für Paris, für die im Lutetia versammelten Vertreter des deutschen Widerstands, aber auch insgesamt für Frankreich und Deutschland in diesen stürmischen und schlimmen 1930-er und 1940-er Jahren.

Wer waren die Vertreter des Widerstands, die sich zwischen 1935 und 1937 im Lutetia trafen? Es waren Kommunisten wie der gerne als „der rote Pressezar“ titulierte  Willi Münzenberg, die endlich erkannt hatten, dass der Nationalsozialismus eine tödliche Gefahr darstellte, die es gemeinsam zu bekämpfen galt. Es waren  Sozialdemokraten wie Rudolf Breitscheid, bis 1933 Vorsitzender der SPD-Reichstagsfraktion, und   Albert Grzesinski, ehemaliger preußischer Innenminister; es waren Sozialisten wie der junge Willy Brandt, der aus seinem norwegischen Exil nach Paris kam, um an den Bemühungen um eine Einigung der Antifaschisten teilzunehmen;  dazu kamen unabhängige Intellektuelle wie die Schriftsteller Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Arnold Zweig, Klaus Mann, Ernst Toller, Ernst Bloch, Ludwig Marcuse, der Statistikprofessor Emil Julius Gumbel, die Journalisten Leopold Schwarzschild und Georg Bernhard, ehemaliger Chefredakteur der linksliberalen Berliner Vossischen Zeitung und Mitbegründer des Pariser Tageblatts, der Tageszeitung des deutschen Exils, und ihrer Nachfolgerin, der Pariser Tageszeitung;  Persönlichkeiten also, die sich mit Recht als Repräsentanten eines anderen, des wahren Deutschlands verstanden.

Zum Präsidenten des Lutetia-Kreises wurde Heinrich Mann gewählt, in der Weimarer Republik Mitglied der linksliberalen DDP,  Präsident der preußischen Akademie der Künste, Sektion Dichtkunst, unermüdlicher Warner vor dem Nationalsozialismus und Mahner eines gemeinsamen Kampfs gegen die von ihm ausgehenden Gefahren; dazu  ein leidenschaftlicher Kenner und Freund Frankreichs und überzeugter Europäer. Sein Volksfront-Ideal glich einer Mischung aus Rennaissance-Humanismus und Fortschrittsideen des 20. Jahrhunderts. Während seines französischen Exils schrieb er einen großen Roman über den „guten König Henri Quatre“- ein Gegenbild zu dem in Deutschland herrschenden Nationalsozialismus, gewissermaßen der Roman der deutschen Volksfront. Für Denise Bardot, die mit ihren Schulkindern von der SS-Division Das Reich umgebrachte Volksschullehrerin von Oradour-sur-Glane, war dieser Roman Ausdruck des deutschen Humanismus.

Die Diskussionen, programmatischen Überlegungen und konkreten Maßnahmen des Lutetia-Kreises lassen sich in folgenden Punkten zusammenfassen:

– Programmatische Diskussionen und Entwürfe zu einem postfaschistischen Deutschland in einem geeinten Europa

–  Verbreitung von wahrheitsgemäßen Informationen unter der deutschen Bevölkerung als Gegenmittel zu Zensur und Propaganda

– Verbreitung von Informationen im Ausland über den wahren Charakter des Nationalsozialismus und die vom faschistischen Deutschland ausgehende Kriegsgefahr

– Maßnahmen zur Unterstützung von Flüchtlingen aus dem nationalsozialistischen Herrschaftsbereich.

 

De Bemühungen des Lutetia-Kreises zur Schaffung einer gemeinsamen Front gegen den Faschismus sind zwar letztendlich gescheitert, vor allem aufgrund von Auseinandersetzungen um die Moskauer Prozesse, die von den Vertretern der KPD verteidigt wurden; dennoch ist der Lutetia-Kreis ein bedeutender Beweis für die Existenz und Vielfalt eines anderen, demokratischen Deutschlands, das sich der nationalsozialistischen Diktatur widersetzte. Und wären die hellsichtigen Warnungen der im Hotel Lutetia versammelten Antifaschisten vor der vom „Dritten Reich“ ausgehenden Kriegsgefahr gehört worden,  wäre der Welt ungeheures Leid erspart geblieben.

Dass sich die deutsche Opposition gegen den Nationalsozialismus gerade im Lutetia traf und nach diesem Hotel auch benannt wird, ehrt das Lutetuía  besonderer Weise. Die vorgeschlagene Gedenktafel hätte damit, wie Serge und Beate Klarsfeld schreiben, zur weiteren Ausstrahlung dieses Ortes beigetragen. Sie hätte auch die schon vorhandene Erinnerungstafel an der Fassade des Hotels sinnvoll ergänzt:

022 Plaque historique

„Von April bis August 1945 wurden in diesem Hotel, das damals als Empfangszentrale diente, ein großer Teil der Überlebenden aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern aufgenommen. Diese Menschen waren glücklich, die Freiheit wiedergefunden zu haben und ihre Angehörigen, von denen sie gewaltsam getrennt waren. Ihre Freude kann aber nicht die Angst und den Schmerz vergessen machen, den die Familien jener Tausenden von Deportierten zu erleiden hatten, die hier vergeblich auf ihre Rückkehr warteten.“ (Übersetzung bei Jasper, S. 339)

Mit der von de Gaulle verfügten  Aufnahme der Überlebenden aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern im Hotel Lutetia, wurde, wie Pierre Assouline in seinem Roman Lutetia schreibt, der Makel (tache noir) von Besatzung und Collaboration vom Hotel abgewischt. Denn nach den Vertretern des deutschen Widerstandes waren es die Vertreter der deutschen Besatzungsmacht, die in das Hotel einzogen: Die Herren der von Admiral Canaris geleiteten militärischen Abwehr, einer Organisation zur Gegenspionage und zur Bekämpfung des französischen Widerstands.

Das Hotel Lutetia ist damit ein einzigartiger Ort,  der nacheinander ein Zentrum des Widerstands, ein Ort der Täter und schließlich ein Ort der Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherschaft  war. Ich wüsste nicht, welch anderer Ort dies von sich behaupten könnte.

Mit Recht wird an die im Hotel aufgenommenen Überlebenen der Konzentrationslager mit einer plaque commémorative erinnert.  Angebracht wurde diese Tafel an der Außenwand des Hotels, und zwar  gegen einigen Widerstand der damaligen Besitzer: Das war nämlich die Familie Taittinger, deren  früherer Chef,  Pierre Taittinger, im Krieg zu den überzeugten Pétainisten und Collaborateuren gehörte und sich von den Nazis noch 1943  zum Präsidenten des Stadtrates von Paris (conseil municipal de Paris) ernennen ließ. Unter diesen Umständen  hat die vom  Souvenir Français  initiierte Plakette noch eine zusätzliche Bedeutung. 

 Diese Plakette macht deutlich, dass die Opfer  nicht vergessen werden dürfen: Sie sind Mahnung und Verpflichtung für die Lebenden. Aber es dürfen auch diejenigen nicht vergessen werden und es müssen auch diejenigen geehrt werden,  die Widerstand leisteten: Sie können Vorbild für die Lebenden sein, gerade auch für die Jugend.   Insofern kann ich nicht nachvollziehen, wenn mir die Direktion lakonisch mitteilen lässt, sie wolle „diskret mit der Geschichte bleiben.“  Im bzw. am Mémorial de la Shoah in Paris gibt es lange Tafeln mit den Namen der von den Nazis umgebrachten Juden, es gibt aber auch eine Tafel mit den Namen derjenigen, die dem Unrecht widerstanden und Juden gerettet haben.  Die Opfer und diejenigen, die Widerstand geleistet haben, werden da gleichermaßen geehrt. Diese Chance hätte auch das Hotel Lutetia gehabt und damit einen wichtigen Beitrag zu einer europäischen Erinnerungskultur leisten können. Dass diese Chance nun nicht genutzt wird, ist umso bedauerlicher,  als ein Engagement gegen Unrecht und Gewalt aktuell ist und bleibt. Denn, wie Christiane Deussen, die Leiterin des Maison Heinrich Heine,  in ihrer Stellungnahme zu der Initiative schreibt: „Le monde est de nouveau confronté à la remise en cause des valeurs démocratiques dans un nombre croissant de pays“.  

 

Literatur zum Hotel Lutetia und zum Lutetia -Kreis:

Willi Jasper, Hotel Lutetia. Ein deutsches Exil in Paris. München/Wien: Carl Hanser 1994  französische Übersetzung: Hôtel Lutétia. Un exil allemand à Paris. Paris: Éditions Michalon 1995

Pierre Assouline, Lutetia. roman. Paris: Gallimard 2005

Hôtel Lutetia. L’esprit de la Rive Gauche. Paris: Éditions Lattès 2009 (Zum  Cercle Lutetia S. 75/76

Ursula Langkau-Alex, Deutsche Volksfront 1932-1939. 3 Bände. Berlin: Akademie-Verlag 2004 und 2005

  • Band 1: Vorgeschichte und Gründung des Ausschusses zur Vorbereitung einer deutschen Volksfront. Berlin 2004
  • Band 2: Geschichte des Ausschusses zur Vorbereitung einer deutschen Volksfront. 2004
  • Band 3: Dokumente, Chronik und Verzeichnisse. 2005

Gilbert Merlio, Les résistances allemandes à Hitler. Paris: Tallandier Éditions 2003 (Dort ein kleiner Abschnitt über La tentative du Front populaire allemand. S. 340-344

Wolfgang Benz/Walter H. Pehle (Hg.): Lexikon des deutschen Widerstandes. Frankfurt am Main 1994

 

 

Initiative für die Anbringung einer Tafel im Hotel Lutetia zur Erinnerung an den Lutetia-Kreis

Die Initiatoren:

Die Idee, eine Erinnerungstafel für den Lutetia-Kreis anzuregen, kam mir, als ich die beiden Beiträge über das Hotel Lutetia für diesen Blog geschrieben habe. Allerdings war mir klar, dass ich allein kaum Chancen und Ressourcen haben werde, ein solches Projekt anzugehen. Ich wandte mich deshalb an Willi Jasper. Dieser emeritierte Professort der Universität Potsdam  hatte immerhin ein schönes Buch über das Hotel Lutetia geschrieben, ein weiteres über Heinrich Mann, dem ich ja auch in besonderer Weise verbunden bin, und schließlich eines über Ludwig Börne, das ich bei meiner Arbeit über das Börne-Grab auf dem Père Lachaise mit Gewinn gelesen und genutzt hatte. Als 2013 Willi Jasper die französische Übersetzung seines Buches im Lutetia präsentierte, war ich anwesend und ließ mir ein Exemplar signieren. Im Sommer 2019 trafen wir uns in Berlin und besprachen das Projekt, das nun ein gemeinsames war. Und ich war froh, einen kompetenten und prominenten Mitstreiter an meiner Seite zu haben.

Willi Jasper, emeritierter Professor der Universität Potsdam (School of Jewish Studies), Zahlreiche Veröffentlichungen u.a. über das Hotel Lutetia: Das Hotel Lutetia, ein deutsches Exil in Paris, München/Wien: Hanser 1994  auch ins Französische übersetzt (Hôtel Lutétia, Un exil allemand à Paris. Paris: Michalon 1995),  Ludwig Börne (Ludwig Börne, Keinem Vaterland geboren. 1989) und Heinrich Mann (Der Bruder Heinrich Mann, 1992). Die französische Ausgabe des Buches wurde 2013 in Anwesenheit des Autors im Salon Président, dem Tagungsort des Lutetia- Kreises, vorgestellt.

Wolf Jöckel, Historiker (Promotion über Heinrich Manns ‚Henri Quatre‘)  und Blogger: Paris- und Frankreich-Blog https://paris-blog.org Dort auch zwei Beiträge über das Hotel Lutetia: Das Hotel Lutetia (1): Ein Bauwerk zwischen Art Nouveau und Art Déco in neuem Glanz: https://paris-blog.org/2019/01/01/das-hotel-lutetia-1-ein-bauwerk-zwischen-art-nouveau-und-art-deco-im-neuen-glanz/ und Das Hotel Lutetia (2): Geschichte und Geschichten: https://paris-blog.org/2019/03/01/das-hotel-lutetia-2-geschichten-und-geschichte/

Der Unterstützerkreis

Die entscheidende Instanz für die Genehmigung einer Erinnerungsplakette im Hotel Lutetia war der Besitzer des Hotels. Im Jahr 2010, dem Jahr des 100-jährigen Jubiläums des Hotels, hatte das Lutetia einen neuen Besitzer erhalten, nämlich das israelische Immobilien- Unternehmen Alrov, zu dem auch die Nobelhotel-Gruppe The Set mit zwei Hotels in Jerusalem, das Conservatorium in Amsterdam, das Café Royal in London und jetzt auch das Lutetia gehören. In einem Artikel der Zeitung Le Parisien wurde der Kauf des Lutetia durch eine israelische Gruppe als Symbol bezeichnet, da es während der Besatzungszeit von den Nazis requiriert worden sei und danach die Überlebenden aus den Konzentrationslagern aufgenommen habe.

Le rachat du Lutetia par un groupe israélien est tout un symbole : cet hôtel avait été réquisitionné durant l’Occupation par les nazis puis avait accueilli les rescapés des camps à leur libération. (Le Parisien, 7. August 2010)

Das mag auch der Grund dafür sein, dass mir von Anfang an von der Hotelleitung signalisiert wurde, dass die Initiative nur dann Aussicht auf Erfolg habe, wenn sie von maßgeblicher jüdischer Seite unterstützt würde. Genannt wurde in diesem Zusammenhang das Mémorial de la Shoah in Paris.  Der Direktor des Mémorials, den ich zu diesem Zweck angesprochen hatte, wollte zwar selbst kein Empfehlung für die Initiative abgeben, verwies mich aber auf das Ehepaar Klarsfeld und vermittelte auch einen entsprechenden Kontakt. Wie glücklich war ich, als ich einige Zeit danach das Empfehlungsschreiben von Serge und Beate Klarsfeld erhielt:

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Lieber Doktor Jöckel, Sie haben unsere volle Unterstützung für die Anbringung einer Erinnerungstafel an den ‚Lutetia-Kreis‘ und ich hoffe, dass die Direktion des Hotels Lutetia Ihren Vorschlag aktzeptieren wird, der die Reputation der Einrichtung noch weiter verbreiten wird.

Welche schönere Empfehlung von jüdischer – und gleichzeitig auch deutsch-französischer!-  Seite als die der Klarsfelds hätte es geben können?

Die zweite Adresse, die mir von der Hotelleitung als wesentliche Voraussetzung für eine Zustimmung zu dem Projekt genannt wurde, war die deutsche Botschaft in Paris. Botschafter dort ist Nikolaus Meyer-Landruth, früherer außenpolitischer Berater von Kanzlerin Merkel und einer der Top-Diplomaten Deutschlands. Ich wandte mich aber natürlich nicht direkt an ihn, sondern an die Kulturabteilung der Botschaft. Dort wurde ich sehr freundlich empfangen, konnte mein Anliegen vortragen und hatte auch den Eindruck, dabei auf einige Sympathie zu stoßen. Allerdings hörte ich dann längere Zeit nichts mehr: Kein Wunder! Die Angelegenheit müsse in der Zentrale in Berlin entschieden werden! Aber dann kam schließlich doch ein offizieller Brief der Botschaft mit einem vom Botschafter selbst unterschriebenen sehr schönen Empfehlungsschreiben. Dass dabei die Unterstützung der Klarsfelds und anderer Personen und Institutionen, die ich inzwischen vorweisen konnte, eine wichtige Rolle gespielt hat, ist dem Schreiben zu entnehmen (und auch durchaus verständlich).

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Ich danke Ihnen für die detaillierten Informationen zu Ihrem Projekt, das zum Ziel hat, eine Erinnerungsplakette zu Ehren des Lutetia-Kreises in dem kürzlich wiedereröffneten Hotel anzubringen. Als Treffpunkt deutscher Emigranten – von Repräsentanten verschiedener politischer Parteien, Intellektuellen und Schriftstellern von Rang- die unter der Präsidentschaft des deutschen Schriftstellers Heinrich Mann sich für ein antifaschistisches Deutschland einsetzten, war das Lutetia ein hervorragender Ort des deutschen Widerstands gegen den Faschismus, und diese Rolle in der Geschichte hat es verdient erinnert zu werden. 

Ich bin auch sehr glücklich, dass Ihr Projekt ein solches Echo erfahren hat und Sie in den letzten Monaten die Unterstützung so wichtiger Persönlichkeiten wie Serge und Beate Klarsfeld erhalten haben.

Seien Sie versichert, dass auch ich Ihre Initiative begrüße.

Ich wünsche Ihnen vollen Erfolg bei der Umsetzung des Projekts ….

 

Weitere Unterstützer:

In dem Schreiben des deutschen Botschafters ist von dem großen Echo die Rede, das die Initiative erfahren hat. Die nachfolgende Aufstellung kann das bestätigen und illustrieren:

  • Goethe-Institut Paris. Brief der Direktorin Dr. Barbara Honrath vom 6. März 2019. Frau Dr. Honrath war übrigens die erste, die auf unsere Informationsschreiben und Bitten um Unterstützung reagierte. Dafür einen ganz besonderen Dank!

 

  • Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung Berlin:  https://willy-brandt.de/die-stiftung/
     Die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung begrüßt und unterstützt die Anbringung einer Plakette, die an den ‚Lutetia-Kreis‘ erinnert – umso mehr, als der damals in Norwegen exilierte junge Willy Brandt zu den Anstrengungen beitrug, die verschiedenen Gruppen und Persönlichkeiten des deutschen Widerstands gegen den Faschismus zu einen.  (Mail des stv. Generalsekretärs Dr.Rother vom 16. Mai 2019

 

  • Le Souvenir Françaishttp://le-souvenir-francais.fr/  Association nationale reconnue d’utilité publique.  Président Général/ Director Serge Barcellini  Die positive Aufnahme des Projekts durch Herrn Barcellini war mir besonders wichtig. Immerhin ist Souvenir Français eine wichtige und offizielle Instanz der französischen Erinnerungspolitik, und es war ja auch der Souvenir Français, der die Erinnerungsplakette für die Überlebenden der Lager an der Fassade des Lutetia initiiert hatte.

 

  • Deutsch-Französisches Institut    https://www.dfi.de/Ludwigsburg dfi (Mail vom 5. November 2019)

 

  • Béatrice Fischer-Dieskau, Musikmanagerin, Organisatorin von Konzerten im Hotel Lutetia. Frau Fischer-Dieskau hatte auch die musikalische Umrahmung der Buchpräsentation von Willi Jaspers Lutetia-Buch organisiert. Sie hat einen guten Kontakt zur Direktion des Hotels und diente gewissermaßen als Kontaktperson.

 

 

  • Ursula Langkau-Alex, Vorsitzende der Gesellschaft für Exilforschung e.V. 2009-2013, Honorary Fellow International Institute of Social History Amsterdam,  https://iisg.amsterdam/en/about/staff/ursula-langkau-alex   Autorin des Standardwerks über die deutsche Volksfront (Deutsche Volksfront 1932-1938. 3 Bände, Berlin 2005)   Das ist eine sehr gute Idee, nicht nur, weil die exilierten Antifaschisten in internationales öffentliches Gedächtnis gerufen werden, sondern auch, weil die innere  und die äußere Gedenktafel  einander ergänzen insofern, als sie die (nicht gehörte) Gegenstimme zum, und die Konsequenz des Nationalsozialismus aufzeigen.  Hoffentlich stimmen Leitung und Besitzer des Lutetia zu. (Mail 23.5. 2019)  Frau Langkau – Alex hat vor, im nächsten Nachrichtenbrief der Gesellschaft für Exilforschung (Juni 2020) einen „Nachruf“ auf die plaque commémorative im Hotel Lutetia zu veröffentlichen. Online unter:  http://www.exilforschung.de)  

 

  • Maison Heinrich Heine,  Fondation de l’Allemagne,  in der Cité Internationale Universitaire von  Paris.  Siehe dazu den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2017/11/01/la-maison-heinrich-heine-das-deutsche-haus-in-der-cite-internationale-universitaire-de-paris/      Das Heinrich Heine-Haus ist ein wichtiges Zentrum des deutsch-französischen kulturellen und politischen Austauschs. In unseren Pariser Jahren  haben wir  dort viele interessante Menschen kennen gelernt.  Brief der Direktorin Dr. Christiane Deussen vom 15. August 2019: La Fondation de l’Allemagne- Maison Heinrich Heine salue chaleureusement l’initiative visant à installer à l’intérieur de cet établissement chargé d’histoire une plaque commémorant l’activité en son sein du ‚Cercle Lutetia‘. La Maison Heinrich Heine s’associe d’autant plus volontiers à cette action que Heinrich Heine lui-même s’exila à Paris pour échapper à la censure politique outre Rhin. À cette époque déjà, Paris représentait pour les réfugiés politiques un havre de liberté et il n’est pas étonnant qu’un siècle plus tard des écrivains et intellectuels allemands aient choisi la capitale francaise, l’ancienne Lutecia, pour lutter, sous l’égide de l’écrivain francophile Heinrich Mann, contre le régime nazi et faire émerger une autre Allemagne.                  L’activité déployée entre 1935 et 1937 au service de l’humanisme par les membres du ‚Cercle Lutetia‘ mérite aujourd’hui, plus que jamais, d’être rappelée au public et aux clients de cet hôtel prestigieux. Ce rappel est d’autant plus nécessaire que le monde est de nouveau confronté à la remise en cause des valeurs démocratiques dans un nombre croissant de pays. La Maison Heinrich Heine souhaite plein succès à cette initiative et tient à féliciter ses promoteurs.

 

  • heinrichmann gesellschaft Buddenbrookhaus Lübeck   http://heinrich-mann-gesellschaft.de/Schreiben der Vize-Präsidentin Britta Dittmann vom 19.8.2019Der Vorstand der Heinrich Mann-Gesellschaft schließt sich Ihrer Idee aus voller Überzeugung an. Der von 1935 bis 1937 unternommene Versuch, die Kräfte des zerstrittenen deutschen Exils zu einen, um einer menschenverachtenden, kriegstreibenden Politik entschieden entgegentreten zu können, ist nicht nur bedeutsam als ein Mosaikstein im deutsch-französischen kulturellen Gedächtnis.  Das Ansinnen ist auch aktuell relevant, nicht zuletzt, wenn man sich die Konsequenzen des damaligen Scheiterns vor Augen führt.  Indem die von Ihnen vorgeschlagene Plakette auf die Vorgeschichte der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges verweist, ergänzt sie die bereits vorhandene Gedenktafel an die Nutzung des Gebäudes als Aufnahmezentrum für KZ-Überlebende nach 1945 auf das Sinnvollste. Als Heinrich Mann-Gesellschaft freut es uns natürlich besonders, dass das Engagement Heinrich Manns in diesem Zusammenhang explizit Erwähnung findet.

 

  • Gesellschaft für Exilforschung e.V.    http://www.exilforschung.de/ Schreiben der Vorsitzenden, Prof. Dr. Inge Hansen-Schaberg, vom 28.8.2019

 

  • Dr. Wolfgang Klein, Mitherausgeber der Kritischen Gesamtausgabe der Essays und Publizistik Heinrich Manns und von „Für die Verteidigung der Kultur. Die Texte des Internationalen Schriftstellerkongresses zur Verteidigung der Kultur Paris 1935. Berlin 1982.  Französische Ausgabe herausgegeben mit Sandra Peroni  2005. „Ihre und Herrn Jaspers Initiative unterstütze ich sehr gerne. Sie erinnert an ein wichtiges und jeder Ehrung wertes Engagement deutscher Politiker und Intellektueller in der Vergangenheit, dessen Ideale und Ziele erst nach einem Weltkrieg und nicht überall Anerkennung erlangten und heute erneut in Frage gestellt werden. Es gilt zunehmend wieder, was Heinrich Mann im Juli 1937 in dem Artikel „Christenverfolgung“ schrieb: „Wir müssen heute laut von Dingen reden, die sonst jeder gewusst hat“. Umso wichtiger wäre die von Ihnen angestrebte jetzige Erinnerung an diese Vergangenheit.

 

  • Hélène Roussel Maître de conférences honoraire, Université Paris 8, Prof. Dr. Lutz Winckler, Université de Poitiers (Mail vom 27. August 2019) Die Unterstützung des Projekts durch Hélène Roussel und Lutz Winkler hat mich sehr gefreut, weil beide ganz intensive Kenner des deutschen Exils und der Exilliteratur sind. Lutz Winkler ist z.B. Mitherausgeber des Handbuchs der deutschsprachigen Emigration 1933-1945 und zusammen mit Hélène Roussel ist er Herausgeber der von einer deutsch-französischen Forschergruppe erarbeiteten Untersuchung der Exilzeitungen Pariser Tageblatt und Pariser Tageszeitung. Deren Chefredakteur war Georg Bernhard, ein Mitglied des Lutetia-Kreises. Hélène Roussel ist außerdem als Übersetzerin der Werke Anna Seghers‘ hervorgetreten. 

 

  •  Gerhard Bökel  https://de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_B%C3%B6kel    Früherer Rechtsanwalt und Notar und Innenminister des Landes Hessen. Er lebt in Saint Laurent des Arbres bei Avignon und forscht und publiziert über die Résistance in der Provence. Im Zusammenhang damit lernten wir uns kennen.   Thank you for your considerable commitment with regard to the plaque in memory of the ‘Lutetia Circle`. It’s a commendable project ! I hope that the management of the Hotel Lutetia will support your proposal.

 

  • Willi Semmler  https://www.newschool.edu/nssr/faculty/willi-semmler/ Henry Arnhold Professor of Economics, New School for Social Research, New York               I would like to strongly support the Lutetia Project. One important member of the German exile group who met at the Hotel Lutetia was  Emil Julius Gumbel, a mathematician, statistician, economist, and political writer against Nazi organizations in the 1920s. He was Professor in Heidelberg, until 1932, when he was fired by the Nazis, fled to France, and was active in the French Resistance movement and the Lutetia-circle. He taught as a Professor at the New School for Social Research  from 1940-1945, then became  Columbia University Professor from 1950 on. He wrote pathbreaking publications on Extreme value theory which was later applied to the study of financial and climate disasters. He is a very well known scholar among contemporary researchers for his outstanding work on extreme events. He very much deserves to be honored by the Lutetia-Project.

 

  • Yves Potel, Historiker, Schriftsteller, Publizist, Professor Universität Paris VIII

 

Es hat mich auch außerordentlich gefreut, dass mehrere unserer Pariser Freunde bzw. Freundinnen, deren persönliche oder familiäre Geschichte eng mit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, dem Rassismus und dem Widerstand verwoben ist, die Initiative unterstützt haben:

  • Sonia Branca-Rosoff, emeritierte Professorin der Universität Sorbonne Nouvelle- Paris 3. Tochter einer Widerstandskämpferin, die nach Ravensbrück deportiert wurde und zu den Überlebenden der Konzentrationslager gehörte, die nach der Befreiung im Hotel Lutetia aufgenommen wurden. „Votre initiative me paraît très bien venue car il ne faudrait pas qu’à après le déni de l’exterminiation des Juifs, on ocullte par une dénégation inverse la place des résistants dans l’histoire du nazisme et en particulier la place des résistants allemands.Je suis d’autant plus sensible à votre projet que ma mère (juive non pratiquante, Russe d’origine) était entrée dans la Résistance. Déportée à Ravensbrück, comm résistante (et non comme juive, ce qui lui a permis de survivre), elle nous a toujours dit qu’elle avait combattu le nazisme et non le peuple allemand et rappelé que les communistes allemands avaient été les premiers à s’opposer aux exactions des nazis et à connaître les arrestations et la prison. Je vous souhaite donc de réussir dans votre projet d’une plaque commémorative célébrant le clairvoyance du Cercle Lutétia.“ (Lettre du 2 juni)  Sonia Branca-Rosoff ist Mitglied „meines“ Pariser Chors Lacryma Voce und Autorin eines sehr lesenswerten Blogs     (https://passagedutemps.wordpress.com/author/soniabrancarosoff/), was uns beide verbindet.

 

  • Rémi Dreyfus, nahm als Angehöriger der SAS (Special Air Service der Royal Air Force) an der alliierten Landung in der Normandie am 6. Juni 1944 teil (Siehe dazu: https://paris-blog.org/2019/06/07/6-juni-1944-aus-feinden-werden-freunde/)         Ayant participé en France à la résistance à l’occupant nazi, je connais les difficultés et les dangers courus par ceux qui ont eu le courage de s’opposer. Si un de leurs rencontre était le lieux de Lutetia, on ne peut que souhaiter qu’hommage leur soit rendu en ce lieu. Rémi Dreyfus, inzwischen 100 Jahre alt, hat in den Jahren unseres Pariser Aufenthalts mehrere Schülergruppen bei sich empfangen, ihnen von seinen Erfahrungen im Krieg berichtet und mit ihnen diskutiert: Das waren bewegende Generationen-übergreifende deutsch-französische Begegnungen.

 

  • Francoise Tillard  (http://www.paroleetmusique.net/francoise-tillard-cv-anglais/) Tochter des Journalisten und Schriftstellers Paul Tillard (Bücher über le rafle du vel d’Hiv und Mauthausen). Sie ist  Dozentin für Musik, Spezialistin des deutschen Liedes des 19. Jahrhunderts, Gründerin des Klaviertrios Fanny Hensel, der Schwester von Felix Mendelssohn- Bartholdy, über die sie die erste große Biographie geschrieben hat. (Die verkannte Schwester. Kindler 1994)                       Fille de résistant et déporté à Mauthausen et son commando Ebensee, j’ai toujours su par mon père que la résistance intérieure du camp avait été soutenue et approvisionnée en armes par des soldats allemands qui ont ainsi sauvé l’honneur de leur pays et le camp d’Ebensee de la destruction totale par les SS. Une plaque au Lutetia rappellera que les premiers résistants dans les camps étaient allemands et les englobera ainsi que les dignes soldats d’Ebensee dans le souvenir et le respect qui leur sont dus.

 

  • Marie-Christine Schmitt, (professeure agrégée d’allemand), ehemalige Deutschlehrerin an einem Pariser Gymnasium und in einer classe préparatoire. Sie engagierte sich besonders in deutsch-französischen Austauschprogrammen für Schüler und Lehrer, wobei wir uns kennengelernt haben.  Ihr Vater geriet 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft und war in einem Lager (Stalag) an der deutsch-dänischen Grenze untergebracht. Im Winter 1942/1943 gelang ihm eine abenteuerliche Flucht aus dem Lager quer durch Deutschland und das besetzte Frankreich bis in seine Heimat, die Corrèze, wo er ein führendes Mitglied der Résistance wurde. Unterstützt wurde er bei der Flucht durch einen deutschen Hitlergegner, einen Schneider, der ihn mit Kleidung und Geldmitteln versorgte: Die wunderbare Geschichte eines gemeinsamen deutsch-französischen Widerstands. Dazu im Einzelnen: https://paris-blog.org/2016/09/09/die-correze-teil-1-besatzung-und-widerstand-occupation-et-resistance/

 

Auch diese so breite und intensive Unterstützung für die vorgeschlagene Erinnerungstafel, die dabei vorgetragenen vielfältigen Argumente  und die manchmal sehr bewegenden biographischen Bezüge konnten die Verantwortlichen des Hotels Lutetia nicht zu einer positiven Reaktion bewegen. Das bedauere ich sehr. Ich sehe aber in der Zusammenstellung der befürwortenden Stellungnahmen eine wunderbare Würdigung des Lutetia-Kreises und ein eindrückliches Dokument deutsch-französischer Freundschaft. 

 

 

Zum Hotel Lutetia siehe auch:

https://paris-blog.org/2019/01/01/das-hotel-lutetia-1-ein-bauwerk-zwischen-art-nouveau-und-art-deco-im-neuen-glanz/

https://paris-blog.org/2019/03/01/das-hotel-lutetia-2-geschichten-und-geschichte/

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux

 

 

Camille Claudel: Orte der Erinnerung an eine große Bildhauerin

Im Oktober 2018, zum 75. Jahrestag des Todes von Camille Claudel in einem Asyl für psychisch Kranke,  fand im Oktober 2018 eine von  Nachkommen ihres Bruders Paul Claudel organisierte Messe zu ihrem Gedenken statt.  Lacryma Voce, mein Pariser Chor, steuerte dazu den musikalischen Part bei.[1]

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Totenmesse für Camille Claudel in der Kirche Saint Roch in Paris

Neben dem Altar stand eine Staffelei mit dem Portrait Camilles. Reine-Marie Paris, Enkelin Paul Claudels, die aus Krankheitsgründen nicht an der Messe teilnehmen konnte, schreibt in ihrem wunderbaren Buch über Camille Claudel zu diesem Bild:

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 „1884 fixierte der Fotograph César mit einem meisterlichen Schnappschuss die gebieterische Camille Claudel im Alter von zwanzig Jahren, zu einem Zeitpunkt also, da ihre künstlerische Berufung bereits feststand. Sie war als junges Mädchen von verheißungsvoller Schönheit, doch keiner neutralen oder aufreizenden Schönheit. Wir haben das Portrait einer Siegesgewissheit vor uns, mit dem äußerst gespannten Blick voller Lebensgier und Schaffensdrang.“

Der Bruder Paul wird später vom „triumphalen Glanz der Schönheit und des Genies“ sprechen.“[2]

 

Diese junge Frau wurde eine begnadete Bildhauerin, Mitarbeiterin und Geliebte Auguste Rodins,  einem breiteren Publikum vor allem bekannt geworden durch den Camille Claudel-Film (1988) mit Isabelle Adjani (Camille Claudel) und Gérard Depardieu (Auguste Rodin).[3]

Aber die letzten Jahre ihres Lebens waren ein grausames Dahinvegetieren in einer psychiatrischen Anstalt bei Avignon, wo sie 1943 als ein Opfer der vom Pétin-Regime praktizierten extermination douce verstarb.

Angeregt von der Messe haben wir in den letzten Monaten einige Erinnerungsorte Camille Claudels besucht, vor allem das neue Camille Claudel-Museum in Nogent-sur-Seine und das neu eröffnete Claudel-Haus in Villeneuve, dessen Besuch uns François Claudel, der Enkel Paul Claudels, bei dem Empfang im Anschluss an die Totenmesse empfohlen hatte.

In dem nachfolgenden Beitrag sollen nun fünf Erinnerungsorte vorgestellt werden, die wichtige Stationen des Lebens von Camille Claudel markieren:

  • Villeneuve-sur-Fère in der Champagne, wo sie –vor allem zusammen mit ihrem Bruder Paul- eine schwierige, aber auch glückliche Jugendzeit verbrachte und wo seit 2018  im ehemaligen Wohnhaus der Familie ein kleines Claudel-Museum eingerichtet ist.
  • Nogent- sur- Seine, wo der Bildhauer Alfred Boucher ihr erster Lehrmeister wurde und wo es seit 2017 ein bedeutendes Camille-Claudel- Museum gibt.
  • Paris, wo Camille Schülerin, Mitarbeiterin und Geliebte Auguste Rodins wurde, wichtige Werke schuf und schließlich nach der Trennung von Rodin ein eigenes Atelier auf der Île Saint – Louis bezog.
  • Dazwischen das Schloss Islette in derTouraine, ein Traumort für die kleinen Fluchten des Liebespaares.
  • Und zum Schluss der Friedhof von Montfavet  bei Avignon, wo Camille Claudel nach 30-jähriger Internierung in einem Massengrab verscharrt wurde und wo heute eine Stele an sie erinnert.

 

  1. Villeneuve-sur-Fère: Camille und ihr Bruder Paul

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Von einer „glücklichen Jugend“ kann man bei Camille Claudel nur bedingt sprechen. Im elterlichen Haus gab es ständig Streit. „Bei Tisch wüten die Claudels. Ihr Gezänk, das schon am frühen Morgen beginnt und erst abends endet, erreicht am Esstisch seinen Höhepunkt. Eine abscheuliche Atmosphäre“. Es geht, wie Paul später sagte, zu „wie in einem Gemeinderat“. Und Camille trifft es besonders hart: Sie wird von ihrer Mutter von Geburt an abgelehnt. Es gibt „einen erbarmungslosen Mangel an Zärtlichkeit“. Noch einmal Paul: „Sie umarmte uns nie“.  Und die Mutter hatte auch keinerlei Verständnis für die künstlerischen Neigungen und Ambitionen ihrer Tochter. [4]

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Rückwärtige Ansicht des Hauses, des ehemaligen Presbyteriums der Kirche

Am Haus der Claudels ist eine Tafel angebracht, auf der verzeichnet ist, dass hier Paul Claudel geboren wurde und dass Villeneuve für ihn und seine Schwestern Camille und Louise immer „der bevorzugte Ort ihrer Kindheit“ bleiben wird.

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Darunter ein Zitat von Camille: „Dieses hübsche Villeneuve, das auf der Welt nicht seinesgleichen hat.“  Das ist ein Satz aus einem Brief, den sie am 3. März 1927  ihrem Bruder aus dem Asyl von Montdevergues geschrieben hat:

„Mein Traum wäre, sofort nach Villeneuve zurückzukehren und mich nicht mehr wegzurühren, eine Scheune in Villeneuve wäre mir lieber als ein Platz Patientin Erster Klasse hier. … Wenn ich doch plötzlich wieder in Villeneuve sein könnte, was für ein Glück!“ [5]

Die sehnsüchtigen Erinnerungen an Villeneuve sind sicherlich nicht nur Ausdruck einer ihrer Internierung geschuldeten Verklärung. Es gibt dort den wärmenden Kamin, von dem sie in Montdevergues träumt, und es gibt den Vater. Der hätte sich zwar –Provinz- Beamter des Katasterwesens- sicherlich solidere Beschäftigungen für seine Kinder gewünscht, aber er unterstützte rückhaltlos die künstlerische Berufung  Camilles und Pauls. Er akzeptierte es, „dass seine älteste Tochter ihre geballte Energie nicht der Kochkunst, sondern der bildenden Kunst widmete. Zu den ersten Werken seines Sohnes äußerte er sich in Briefen erstaunlich scharfsinnig.“  Paul emanzipierte sich schnell und schlug dann ja auch eine Prestige-trächtige Karriere im diplomatischen Dienst ein, aber Camille nahm unbegrenzt die väterliche Großzügigkeit in Anspruch. „Louis-Prosper Claudel kommt ihr zu Hilfe, so gut er kann, in allen Phasen ihres Lebens, sogar in ihrem Scheitern und ihrem schlimmsten Elend. Finanziell, aber auch emotional lässt er sie nie im Stich, denn er ist sich der Zerbrechlichkeit seiner ältesten Tochter und der äußersten Schwierigkeiten der Karriere, die sie gewählt hat, nur allzu bewusst. …. Er kommt für das Lebensnotwendige auf, ohne jeden Kommentar. Und erst sein Tod wird Camille in die Hölle schicken.“ Camille nannte ihren Vater „Die Eiche von Villeneuve“. Ohne ihn wäre, wie Dominique Bona schreibt, nichts möglich gewesen.[6]

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Und es gibt ihren Bruder Paul, zu dem sie ungeachtet des Altersunterschieds sehr schnell besondere Bande knüpft.[7]  Wie eng die Beziehung zu ihrem Bruder Paul war, zeigt sich auch daran, dass Camille ihren Bruder immer wieder zeichnerisch oder bildhauerisch portraitiert hat. Der detaillierte Werkkatalog von Reine-Marie Paris weist sechs  Zeichnungen und Büsten ihres Bruders zwischen seinem 13. und 42. Lebensjahr auf. Kein anderer Gegenstand hat sie so sehr beschäftigt- selbst nicht Rodin…[8]

Camille Claudel, Mon frère ou jeune Romain (um 1884)  Musée Camille Claudel

Wie intensiv die Beziehung auch dann noch war, als Paul durch seine Tätigkeit im diplomatischen Dienst oft im Ausland war, zeigen die Briefe Camilles an ihren Bruder, in denen sie von ihren künstlerischen Unternehmungen berichtet.

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Hier ein Auszug aus einem Brief vom Dezember 1893,  in dem sie das Projekt der vier Causeuses beschreibt, in dem Brief als „La Confidance“, die Vertraulichkeit, betitelt. (Reproduktion Maison Claudel). Mathias Morhardt, ein zeitgenössischer Bewunderer Camille Claudels, hat das kleine Werk  in einem Beitrag für die Zeitschrift Mercure deFrance  1898 ausführlich gewürdigt und als „prodigieux chef-d’œuvre“ bezeichnet.[9]

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Les Bavardes/Les Causeuses/La Confidence, Ausschnitt (1895) Musée Camille Claudel

Die  Hottée du Diable

La Hottée du Diable ist ein „Felsenmeer“ in der Nähe von Villeneuve und ein Lieblingsziel der beiden Kinder Camille und Paul: Ein die Phantasie anregendes „fabuleux chaos de monstres“, wo Camille die erstaunlichen Skulpturen einer schöpferischen Natur entdeckt.[10]

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Die Hottée du Diable ist in wenigen Autominiuten von Villeneuve aus zur erreichen. Sie liegt an der Straße nach Château – Thierry. Der Parkplatz ist deutlich ausgeschildert.

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  1. Das Musée Camille Claudel in Nogent-sur-Seine

In Nogent-sur-Seine, wohin der Vater versetzt wurde,  wohnte die Familie nur drei Jahre, von 1876 – 1879.  Aber es waren doch entscheidende Jahre. Denn in Nogent  wohnte auch Alfred Boucher, ein Bildhauer, der in Künstlerkreisen bekannt war als Förderer junger Leute. „Zu Beginn des Jahrhunderts versammelte er in einem Pariser Gemeinschaftsatelier namens ‚Arche‘, mit freiem Mittagstisch, etliche von jenen, die später die Pariser Schule bilden sollten: Chagall, Soutine, Modigliani Zadkine und Lipchitz.“ Camilles Vater hatte sich an den prominenten Künstler gewandt, um ihn um eine Beurteilung der künstlerischen Ambitionen seiner Tochter zu bitten. Boucher erkannte ihre außergewöhnliche Begabung. Camille Claudel war  eine seiner ersten Entdeckungen und Boucher wurde Camilles erster Lehrmeister.[11]

Im Museum, dem früheren Wohnhaus der Familie Claudel,  das ursprünglich Alfred Boucher und einem weiteren lokalen Bildhauer gewidmet war,  sind zahlreiche seiner Werke  augestellt.

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Alfred Boucher,  La rêve

2017 wurde dann das neue Museum eingeweiht: Es besteht aus dem Wohnhaus der Familie und einem modernen Anbau, einer insgesamt sehr gelungenen und gerühmten Kombination von alt und neu, entworfen von dem Architekten Adelfo Scaranello.[12]

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Seitdem trägt das Museum den Namen Camille Claudels, und dies sicherlich mit Fug und Recht, weil dort die umfangreichste Sammlung ihrer Werke ausgestellt ist.

Höhepunkt des Museums sind die in einem wunderbaren Ambiente exponierten vier Exemplare der Skulptur La Valse/Der Walzer, dessen erste Fassung 1892, nach dem Bruch Camilles mit Rodin, entstand.

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Ein nacktes, engumschlungenes Paar dreht sich. Der Mann hält die Frau an sich gepresst, sie lehnt an seiner Schulter und überlässt sich ihm in einer so zärtlichen Haltung, das sie ihren ganzen Körper ins Wanken bringt; ohne den Arm des Mannes würde sie fallen. Vom Inspektor des Beaux-Arts aufgefordert, ihre Figuren zu bekleiden oder wenigstens ihre ‚realistischsten Details‘ zu verbergen, hat sich Camille, die von einem schönen Auftrag und damit von einem Stück Marmor für ihre Figuren träumt, Draperien ausgedacht, die ihre Tanzenden umhüllen, ohne sie ganz zu bekleiden. Den Mann lässt sie völlig nackt; die Hüften der bis zur Taille nackten Frau sind unter einer Flut von Stoffen verborgen, die wie Algen aussehen und sie einer Meeresgöttin ähneln lassen. Es ist eine erstaunliche Gruppe voller Bewegung und Sinnlichkeit.“[13]

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Der Musikschriftsteller Robert Godet, ein Freund von Claude Debussy, schrieb über La valse: „Diese Sehnsucht und dieser Schwung, in einem einzigen Rhythmus verschmolzen, der nur schwächer wird, um umso unermüdlicher dahin zu fliegen…“[14] 

Auf dem Klavier Claude Debussys, der mit Camille in dieser Zeit eine kurze Affaire hatte,  stand bis zu seinem Tod ein Bronzeguss von La Valse.

 

 

Die in dem Museum ausgestellten Werke gehörten  überwiegend zur Sammlung von Reine-Marie Paris. Sie hatte die Werke zu einer Zeit erworben, als Camille Claudel nicht mehr bzw. noch nicht wieder eine bekannte Bildhauerin war.

Ein später dazu erworbenes einzigartiges Exponat des Museums ist Camille Claudels Skulptur Perseus und Medusa.  Es ist das  letzte große Werk der Bildhauerin. Die ursprüngliche Fassung aus Ton zerstörte Camille Claudel, aber es gab immerhin eine Kopie aus Marmor, die nun im Museum von Nogent-sur-Seine zu sehen ist.  Hier ein Ausschnitt.

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Das Haupt der Medusa wird gerne als Selbstportrait gesehen:  „Camille Claudel hat mit dieser Skulptur ihr eigenes Schicksal dargestellt: Sie ist Medusa in Form eines Selbstportraits, ein mächtiges Ungeheuer, die durch den Bruch mit Rodin von ihm Geköpfte.  Er lebt weiter, während sie verendet am Boden liegt.“ (14a) Paul Claudel sah in den verzerrten Zügen der Medusa schon die sich ankündigende geistige Verwirrung seiner Schwester…

 

  1. Paris: Camille als Mitarbeiterin und Geliebte Rodins 1883-1893: Das Musée Rodin

Rodin mietete sich 1908 in dem etwas heruntergekommenen Hôtel Biron ein, das bis 1904 Sitz eines katholischen Ordens war und danach – bis zu einer geplanten Nutzung durch den Staat-   zu einer Art Künstlerkolonie wurde. Henri Matisse, Jean Cocteau und die Tänzerin Isadora Duncan wohnten dort zeitweise, ebenso wie die Bildhauerin Clara Westhoff, die Frau Rainer Maria Rilkes. Durch ihn, seinen damaligen Privatsekretär, wurde Rodin auf das Anwesen aufmerksam, das seit 1919 Sitz des Musée Rodin ist.

Camille Claudel hat sicherlich nie das Hôtel Biron betreten: Als Rodin dort ein Atelier einrichtete, war die Beziehung zu Camille längst zerbrochen. Aber es gibt dort seit 1952 einen ihr gewidmeten Saal, in dem wesentliche Werke der Künstlerin versammelt sind. Die Idee, einen solchen Camille Claudel-Saal  einzurichten, wurde schon früh von Mathias Morhardt vorgeschlagen. Rodin war durchaus einverstanden, nicht aber die Familie Claudel. 1952 vermachte dann aber Paul Claudel dem Museum wichtige Werke seiner Schwester, die die Grundlage der Camille-Claudel-Sammlung bilden.

Die erste Begegnung zwischen Camille und Rodin wird gemeinhin auf das Jahr 1883 datiert. Rodin benötigte damals aufgrund seiner zahlreichen Aufträge Gehilfen und Schüler.  Nicht weniger als zwölf Skulpturen Rodins gibt es, für die das Gesicht Camilles als Modell diente, unter anderem die beiden nachfolgend abgebildeten Portraits aus dem Musée Rodin. [15]

      Camille Claudel mit kurzen Haaren (1883/4)  Camille Claudel mit Mütze (ca 1885)

Die beiden wohl berühmtesten Skulpturen Rodins, für die Camille Claudel das Modell war, sind „Der Gedanke“ und „Morgenröte„.

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La Pensée  („Der Gedanke“) von 1886  (seit 1986 im musée d’Orsay,  davor im musée Rodin)  ist eine der Figuren des Höllentors. Die Marmorversion wurde  von einem Mitarbeiter Rodins  aus einem unbehauenen Marmorblock herausgearbeitet- der Meister selbst schuf -anders als Camille Claudel- nur Tonmodelle, die dann in Bronze gegossen oder von Gehilfen in Marmor kopiert wurden.

 

L'Aurore

 

 

 

Auch in der Skulptur Morgenröte (L’Aurore, um 1885) ist das Gesicht Camilles aus dem Marmorblock modelliert und in ihn integriert. Die Skulptur hat Rainer Maria Rilke und Antoine Bourdelle, damals noch einer der Mitarbeiter Rodins, später selbst ein bedeutender Bildhauer,  tief beeindruckt.  „Vom Modell ebenso besessen wie von der Skulptur selbst, vergleicht Bourdelle Camille mit einer Sphinx.“[16]

 

Wie eng gerade auch die künstlerische Beziehung zwischen Rodin und Camille Claudel in dieser Zeit war, zeigen zwei komplementäre Skulpturen der Beiden aus dieser Zeit, nämlich Sakuntala oder Die Hingabe von Camille Claudel (zuerst 1895) und Rodins „Das ewige Idol“ von 1889.

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Rodin, Das ewige Idol 1889 (Musée Rodin)

In einem Liebesbrief, wahrscheinlich aus dem Jahr 1886, fasst Rodin die gegenseitige Hingabe in Worte. Sein Leben, so schreibt er seiner Geliebten, habe  mit ihr eine ganz neue Wendung erhalten:

„Ich küsse dir die Hände, meine Freundin, die du mir einen so erlesenen, feurigen Genuss bereitest;  wenn ich bei dir bin, existiert meine Seele mit aller Kraft, und trotz der heftigen Liebe hat der Respekt vor dir immer Vorrang. Der Respekt, den ich für dich und deinen Charakter habe, meine Camille, Drohe mir nicht und komm zu mir, damit deine so sanfte Hand deine Güte für mich zeigt und überlasse sie mir einige Male, dass ich sie in meiner Erregung küsse. (…) Ich musste dich kennenlernen, und ein ganz unbekanntes Leben begann, meine trübe Existenz loderte in einem Freudenfeuer auf. Danke, denn dir allein verdanke ich den himmlischen Teil, den ich vom Leben erhalten habe.  Lass deine lieben Hände auf meinem Gesicht verweilen, damit mein Fleisch glücklich ist und mein Herz wieder fühlt, wie sich deine göttliche Liebe erneut ausbreitet. (…) Ach! Göttliche Schönheit, Blume, die spricht und liebt, kluge Blume, mein Liebling. Meine Geliebte, ich knie vor dir und umklammere deinen schönen Körper.“ [18]

Und Camille Claudel?  Als Gehilfin Rodins  arbeitete sie mit an dem gewaltigen Höllentor (im Park des Rodin-Museums),  wobei ihr Rodin besonders die Ausführung von Händen übertrug. Da Hände für Rodin ja eine ganz besondere Bedeutung hatten, ist dies als Ausdruck besonderer Wertschätzung zu sehen.

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Auch beim Ausmodellieren von Händen und Füßen der „Bürger von Calais“ wirkte Camille Claudel wesentlich mit. (16a)

Aber Camille konnte neben den Arbeiten für Rodin auch an eigenen Werken arbeiten: So  fertigte  sie von ihrem Meister und Geliebten eine Büste an:

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Camille Claudel, Büste von Rodin (1888) Musée Rodin und Musée du Petit Palais Paris

Diese Büste stellt Rodin unverschönt dar: Mit einem Vollbart, der den unteren Teil des Gesichts überwuchert, eine ungeschlachte, wilde, Energie und Autorität ausstrahlende Erscheinung. Rodin mochte seine Büste; ein monumentales Werk, das alle anderen in dieser Zeit geschaffenen Büsten Camilles überrage, schrieb Bruder Paul. Hier drücke sich eine leidenschaftliche Seele aus, und abgebildet sei „ l’animal humain“.[17]

Sakuntara ist die erste große Skulptur Camille Claudel und gewissermaßen das frühere Gegenstück zu Rodins „Das ewige Idol“.  Die Figurengruppe und ihr Titel beziehen sich auf ein Werk der klassischen indischen Literatur: Ein König verliebt sich in Sakuntara, ein Mädchen aus einer Einsiedelei, und heiratet sie trotz dieser Hürde. Durch Schicksalsschläge werden sie voneinander getrennt, aber am Ende siegt dann doch die Liebe….

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Sakuntala, Die Hingabe. Musée Rodin (Marmorfassung aus dem Jahr 1905, Ausschnitt)   Es gibt Versionen in verschiedenen Materialien und Größen und mit verschiedenen Bezeichnungen. ( auch Vertumnus und Pomona und  L’Abandon) 

In der Beziehung zwischen Rodin und Camille Claudel allerdings siegte die Liebe nicht: Rodin sah sich außerstande, sein Heiratsversprechen einzuhalten- er konnte bzw. wollte sich dann doch nicht von seiner langjährigen Partnerin Rose Beuret trennen.

DSC06390 Musee Rodin Nov 2019 (24) - Kopie

Camille Claudel hat dieses Beziehungsdrama in ihrer Figurengruppe L’Âge mûr verarbeitet. Eine junge Frau versucht auf Knien, ihren vom Alter gezeichneten Geliebten zurückzuhalten. Die ausgestreckten Hände  der jungen Frau berühren nicht mehr den leicht nach hinten gerichteten linken Arm des Mannes, der in Begleitung einer alten Frau davon geht: Man kann in der jungen Frau Camille Claudel sehen, in dem älteren Mann Rodin und in der alten Frau an seiner Seite seine karikiert dargestellte Lebensgefährtin Rose Beuret. Der  Bruch der Liebes- und Arbeitsbeziehung zwischen Camille Claudel und Rodin ist vollzogen.

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August Rodin, L’Adieu  (Musée Rodin)

Es wäre falsch und einseitig, darin nur die Schuld Rodins zu sehen. Camille Claudel wollte eine eigenständige Künstlerin sein und nicht nur als Mitarbeiterin Rodins angesehen werden. Wie sehr auch Rodin unter der Trennung gelitten hat, wird aus der Collage deutlich, die er von dem Kopf der jungen Camille mit den kurzen Haaren und den beiden Händen herstellte- Hände, die vielleicht in glücklichen Tagen von Camille selbst modelliert worden waren…

  1. Das Château de l‘Islette in der Touraine

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In Künstlerkreisen war die Beziehung zwischen Rodin und Camille Claudel, die vom Alter her gut auch seine Tochter hätte sein können, kein Geheimnis. Gegenüber seiner langjährigen Lebensgefährtin Rose Beuret hielt Rodin sie aber geheim, ebenso wie Camille Claudel gegenüber ihrer Familie.  Deshalb war es für die beiden ein großes Glück, dass es als Ort ihrer „kleinen Fluchten“ das Schloss Islette gab, das Rodin bei einer Reise zu den Schlössern der Loire entdeckt –und gezeichnet- hatte.

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Kopie einer Zeichnung Rodins aus dem Musée Rodin im Château de l‘Islette

Das Schloss liegt in einem großen Park an dem Flüsschen Indre in der Nähe von Azay-le-Rideau, gewissermaßen eine bescheidenere, intimere Version des dortigen Schlosses.

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Die ehemalige Mühle des Schlosses, heute ein sehr sympathisches Café

Hier brauchten Rodin und Camille Claudel wenigstens den Sommer über ihre Liebe nicht zu verbergen. 1889, 1890 und 1892 halten sie sich gemeinsam dort auf, 1894 ist Camille alleine dort – wahrscheinlich um sich dort von den Folgen einer Abtreibung zu erholen.[19]

Das Schloss erinnert heute gerne an die Zeit, in der es Schauplatz der amours tumultueuses der  beiden großen Bildhauer Camille Claudel und Auguste Rodin war.

Salle des Gardes Parterre

Buffet aus dem Wachensaal (salle des gardes) im Erdgeschoss des Hotels.

Dieser Saal ist heute Camille Claudel und Rodin gewidmet. Gezeigt werden Fotos und vor allem Abdrucke von Briefen aus dem Musée Rodin, die einen Bezug zum Schloss und zur Liebesbeziehung der beiden Bildhauer haben.

Islette  bezeichnet sich als „Le château des amours de Camille Claudel et Rodin“  -gewissermaßen ein Alleinstellungsmerkmal unter den vielen Schlössern der Loire. [20]

Zimmer Camilles im westlichen Turm heute Schlafzimmer der besitzer (8)

Ehemaliges Schlafzimmer Camille Claudels, heute Schlafzimmer der Besitzer des Hotels

Auf der homepage des Schlosses findet sich dieses Zitat aus dem  einzig erhaltenen Liebesbrief Camilles an Rodin, der auch zum Abschluss der Schlossführungen vorgelesen wird:

„Sie können sich nicht vorstellen, wie angenehm es ist in Islette. Heute habe ich im mittleren Saal gegessen (der als Treibhaus dient, und wo man auf beiden Seiten in den Garten sieht.) (…) Ich bin im Park spazieren gegangen, alles ist abgemäht, Heu, Weizen, Hafer, man kann ringsherum gehen, sehr reizvoll. Sollten Sie Ihr Versprechen wirklich wahrmachen- es wäre das Paradies. Einen Arbeitsraum dürften Sie sich bestimmt aussuchen. Ich bin sicher, die Alte wird Sie vergöttern. Sie schlug mir vor, doch auch im Fluss zu baden, wie ihre Tochter und das Kindermädchen; es soll völlig gefahrlos sein. Wenn Sie gestatten- ich werde es tun. (…) Ich schlafe splitternackt; dann träume ich, Sie seien hier; doch wenn ich aufwache, ist alles ganz anders. Betrügen Sie mich ja nicht mehr.“[21]

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Islette ist für Camille Claudel und Rodin nicht nur ein Ort  des Glücks, sondern auch schöpferischer Arbeit.

Rodin hatte 1891 den Auftrag für eine Balzac-Statue erhalten  und  reiste unter dem Vorwand dorthin, eine Balzac ähnliche Physiognomie suchen zu müssen. Die fand er in Gestalt eines Chauffeurs aus Azay-le-Rideau namens Estager, dessen Ähnlichkeit mit Balzac verblüffend gewesen sein soll.

modell für Balzac- Statue

 

 

Da Rodin mit nackten Modellen arbeitete –und auch die Balzac-Statue sollte ja den Romancier in seiner Nacktheit zeigen-  musste er  einen Louis d’or pro Sitzung bezahlen, um den biederen Fuhrmann dazu zu bewegen, sich zu entblößen –  immerhin war der Ausgleich für ihn ein kleines Vermögen.

 

 

Als Atelier Rodins und Camille Claudels diente der große Salon im ersten Stock des Schlosses.

Salon im 1. Stock diente Rodin als Atelier

Auf dem Tisch vor dem Kamin steht heute eine Bronze- Version der Petite Châtelaine, (Das kleine Schlossfräulein), ein entzückendes Werk Camille Claudels,  für das die Enkelin der damaligen Besitzerin, Madame Courcelles,  als Modell diente.

Petite Chatelaine

 

 

Eine der verschiedenen Fassungen befindet sich im Musée Rodin, zwei weitere im Musée Camille Claudel. Eine weitere lange verschollene Version wurde Anfang der 1980-er Jahre „von einem Kunstliebhaber bei einer Versteigerung zum Preis von 100 Francs erworben, da es aufgeführt war als eine belanglose Marmorplastik ‚eines gewissen Claudel.‘“[22]

 

 

 

Mathias Morhardt wusste es 1898 schon besser:

« Il y a … dans la disproportion même de cette tête déjà trop puissante, déjà trop vivante, déjà trop ouverte sur les mystères éternels et les épaules délicatement puériles qu’elle découvre, quelque chose d’indéfinissable qui communique une angoisse profonde … Le buste prouve …  que Mlle Camille Claudel est désormais un maître … » [23]

 

  1. Paris: Das Atelier auf der Île Saint – Louis (1899-1913)

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Das Hôtel de Jassaud, 19 quai de Bourbon

In dem oben zitierten Brief Camilles ist von einem Versprechen Rodins die Rede: „Sollten Sie Ihr Versprechen wirklich wahrmachen- es wäre das Paradies“. Camille Claudel bezieht sich dabei auf das Heiratsversprechen, das Rodin ihr 1886 gegeben, aber dann nicht eingehalten hatte. Er konnte und wollte sich dann doch nicht von seiner langjährigen Lebensgefährtin Rose Beuret trennen, die er kurz vor seinem Tod noch heirate.[24] Allerdings ist es wohl zu einfach, in Rodin den allein Verantwortlichen für die Trennung und den Bruch zu sehen. Sicherlich war Rodin es gewohnt, bei seinen Modellen –so auch bei Camille- ein ius primae noctis in Anspruch zu nehmen, und sicherlich ließ er Gehilfen -wie damals durchaus üblich- für sich arbeiten. Aber dass die Beziehung zu Camille für ihn einen besonderen Rang hatte, ist wohl unbestreitbar und wird ja auch in dem berühmten Ausspruch deutlich, den Mathias Morhardt in seinem Aufsatz  von 1898 zitierte:

„Je lui ai montré où elle trouverait l’or; mais l’or quelle trouve est à elle“. (Ich habe ihr gezeigt, wo sie Gold finden kann. Aber das Gold, das sie findet, gehört ganz alleine ihr)

Für Camille Claudel hätte eine Ehe mit Rodin einen gesicherten gesellschaftlichen und ökonomischen Status bedeutet, andererseits aber wohl auch eine Einschränkung ihrer Selbstständigkeit. Sie empfand es als verletzend, immer nur als Schülerin Rodins angesehen zu werden, nicht aber als eigenständige Künstlerin.  Insofern bedeutete die Trennung von Rodin das Eingeständnis, dass mit ihm eine Beziehung „auf Augenhöhe“ nicht möglich war, es war ein potentieller Akt der Emanzipation, der allerdings in einer Sackgasse endete.  Und sicherlich lag hier ein auslösendes Moment für die Erkrankung Camille Claudels, ihre wahnhaften Ängste und für „die morbide Intensität“ ihres Hasses gegen Rodin.[25]

In dem eigenen Atelier, das sie 1899 auf der Île Saint-Louis bezog,  verbarrikadierte sie sich aus Angst vor Verfolgungen durch „Rodins Bande“,  Beziehungen zu Freunden brach sie ab. Seit 1905 zerstörte sie systematisch ihre Skulpturen. „Es ist nicht abwegig, daraus zu schließen, dass sie damit sich selbst vernichten und alles zerstören wollte, was Rodins Einfluss oder gar Gegenwart ahnen ließ, alles, was sie erinnern konnte an die Zeit gemeinsamen Arbeitens.“[26]

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Camille Claudel lebte und arbeitete im Erdgeschoss dieses Hauses von 1899 bis 1913. In diesem Jahr endete ihre kurze Laufbahn als Künstlerin und es begann die lange Nacht der Internierung.  „Es gibt immer etwas Fehlendes, was mich umtreibt“ (Brief an Rodin 1886)

Dies der Text der Erinnerungsplakette am Eingang des Hôtel de Jassaud am quai de Bourbon. Der Eingang zum Atelier war allerdings eher unscheinbar in der engen Seitenstraße. (26, rue Le Regrattier). Dass die Plakette am repräsentativen Haupteingang  befestigt ist, täuscht über die prekäre Lage Camille Claudels in dieser Zeit hinweg.

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Hier im Hof  befand sich das Atelier Camille Claudels

Sie hatte erhebliche finanzielle Sorgen, nur gemildert durch die (heimlichen) Zuwendungen ihres Vaters. Aus Angst vor den Leuten Rodins, die es angeblich auf sie und ihre Werke abgesehen hatte, verbarrikadierte sie sich in ihrem Atelier, hauste dort -angefeindet von ihren Nachbarn- inmitten von Gerümpel und Unrat, und als wäre das nicht genug, setzte dann auch noch die Jahrhundertflut von 1911 alles unter Wasser. Aber der Weg zurück zur Familie nach Villeneuve-sur-Fère war ihr verwehrt: Dort war sie, zurückgewiesen von Mutter und Schwester,  persona non grata. Und ihr Bruder Paul, der ihr vielleicht noch eine Stütze hätte sein können,  war meist als Diplomat auf fernen Missionen. Wie sehr er ihr fehlte, wird wohl auch daran deutlich, dass zu den wenigen Werken, die aus dieser Zeit erhalten sind, zwei Büsten Pauls im Alter von 37 und 42 Jahren gehören.

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Paul im Alter von 37 Jahren. Musée Camille Claudel Nogent

 

  1. Das Asyl von Montdevergues und das Grab auf dem Friedhof von Montfavet

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Am 3. März 1913 stirbt Louis-Prosper Claudel, der Vater Camilles und ihr familiärer Rückhalt. Eine Woche später wird Camille gewaltsam aus ihrer Wohnung geholt und in einem Heim für psychisch-Kranke in Ville-Évrard bei Paris interniert. Deren Insassen werden nach Ausbruch des Krieges im September 1914 nach Montdevergues bei Avignon evakuiert, vermutlich um das Heim als Lazarett nutzen zu können.  „Merkwürdig ist, dass Camille, die aufgrund der deutschen Invasion nach Montdevergues verlegt worden war, nicht nach Ville-Evrard zurückgeholt wurde, was normal gewesen wäre. Alle aus denselben Gründen evakuierten Personen waren in ihre frühere Anstalt zurückgekehrt. Dafür gibt es nur eine Erklärung: die Gleichgültigkeit der Mutter, was das Schicksal der Tochter anbetraf, oder gar das Drängen der Mutter die Tochter von Paris fernzuhalten.“[27]

Wie die Zustände in dem Asyl von Montdeverges waren und wie sehr Camille Claudel darunter gelitten hat, wir aus ihren Briefen deutlich, zum Beispiel einem an ihren Bruder aus dem Jahr 1927:

Hier müssen … alle Arten von gräßlichen, gewalttätigen, kreischenden, drohenden Kreaturen in Schach gehalten werden. … All das schreit, singt, grölt von morgens bis abends und abends bis morgens. Es sind Kreaturen, die ihre Verwandten nicht mehr ertragen können, weil sie so widerwärtig sind. Doch wie kommt es, dass ich gezwungen bin, sie zu ertragen. Ganz zu schweigen von den Unannehmlichkeiten, die aus einer solchen Promiskuität entstehen. Das lacht, das wimmert, das plappert Geschichten von früh bis spät, mit Einzelheiten, die sich alle ineinander verheddern! Und da mitten drin zu sein, ist so peinvoll, Ihr musst mich rausholen aus diesem Milieu, denn heute sind es vierzehn Jahre, dass ich eingesperrt bin! Ich fordere lautstark die Freiheit!“[28]

Dazu kam im Winter die Kälte: In ihrem Zimmer sei es so kalt, dass sie den Stift nicht halten könne. Sie sei „bis auf die Knochen“ gefroren. Eine ihrer Freundinnen, eine ehemaligen Gymnasiallehrerin, die in dem Asyl gestrandet sei, habe man in ihrem Bett tot aufgefunden. Man könne sich keine Vorstellung machen von der Kälte von Montedvergues. Und die dauere sieben Monate.[29]

Während des Krieges verschlimmerte sich die Lage in dem Asyl noch ganz erheblich. Zwischen 1940 und 1943 wandte sich die Direktion des Hauses mehrfach an die zuständigen Instanzen, wies auf die schlimme Lage hin und bat um Verbesserungen. Die Antwort war eindeutig: Es gäbe interessantere Kranke als die des Asyls. Im August 1943 stellte der Direktor von Montdevergues resignierend fest, seine Patienten verhungerten buchstäblich.[30] Camille Claudel war damit eine von mehreren Zehntausenden psychisch Kranken, die aufgrund einer auch in Frankreich verbreiteten Eugenik der vom Pétin-Regime praktizierten „extermination douce“ zum Opfer fielen.[31]

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Bestattet wurde Camille auf dem Teil des Friedhofsgeländes von Montfavet, der für die Toten von Montdevergues reserviert war. Über dem Grab gab es ein Kreuz mit der Aufschrift  „1943 – n° 392“.  Wie die Anstaltsleitung dem Bruder lakonisch mitteilte, gab es zum Zeitpunkt ihres Todes keinerlei persönliche Gegenstände, „même à titre de souvenir.“  Und als die Familie schließlich auf die Idee kam, dass Camille ein Grab erhalten sollte, „plus digne de la grande artiste quelle était“, erhielt sie die Auskunft, das Grab existiere nicht mehr, weil das Terrain „pour les besoins de service“ benötigt worden sei. Da waren die sterblichen Überreste Camilles also längst in einem Massengrab verscharrt.[32]

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Inzwischen gibt es aber an dieser Stelle eine Stele, die an Camille Claudel und die 30 Jahre erinnert, die sie in Montdevergues „interniert“ war. Als wir im Sommer 2019 dort waren, fuhr ein älterer Herr mit dem Fahrrad  vorbei, der mehrmals, kaum uns zugewandt,  laut vor sich hinsagte: “30 ans d’internement! 30 ans d’internement!“ Das berührte ihn offenbar ganz persönlich.

Camille Claudel hat in den Jahren ihrer Internierung nichts mehr geschaffen. Aber sie denkt zurück an das Villeneuve ihrer Jugend, „das auf der Welt nicht seinesgleichen hat“ und sicherlich dabei auch an den wärmespendenden Kamin im Wohnzimmer des Hauses.  Eine ihrer letzten Skulpturen ist „Rêve au coin du feu“,  eine am Kamin sitzende Frau, die ins Feuer blickt.

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Traum am Kaminfeuer (1900/1902) Musée Camille Claudel

Paul Claudel schrieb dazu 1940: „Une femme assise et qui regarde le feu, c’est le sujet d’une des dernières sculptures de ma pauvre sœur, la conclusion de sa douloureuse existence. (…)  Une femme assise et étroitement enveloppée dans son châle, assise et qui regarde le feu. Elle est bienheureusement assise et toute seule, il n’y a personne, tout le monde est mort ou c’est la même chose. Il pleut violemment au dehors, une lamentation intarissable de toute la terre.“ [33]

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Vor dem Kamin in Villeneuve steht heute die Skulptur  „L’implorante“ (Die Flehende). Ursprünlich Teil von „L’Âge mûr“, wurde sie 1894 unter dem Titel „Le Dieu envolé“ (Der entflogene Gott) separat ausgestellt.   Paul Claudel beschrieb sein Entsetzen beim Anblick der Skulptur so:

Das nackte Mädchen ist meine Schwester! Meine Schwester Camille, flehend, gedemütigt und auf den Knien: diese wunderbare, stolze junge Frau stellt sich auf diese Weise dar.“[34]

 Und Reine Marie Paris, die Großnichte Camilles, schreibt dazu:

„Eine junge Frau sucht mit flehender Gebärde die fliehende Realität anzuhalten. Was wollen sie festhalten, diese übermäßig langen Arme? Nicht so sehr den Geliebten, der sich entfernt, sondern das eigene Leben, das sich entzieht“, die eigene Identität, „die ihr zu entgleiten drohte“ und die ihr schließlich ja auch entglitt…. [35]

 

Literatur:

Reine-Marie Paris/Philippe Crescent, Camille Claudel, Intégrale des œuvres/complete works. Paris: Ed. Economica 2014

Camille Claudel, Correspondance. Édition d’Anne Rivière et Bruno Gaudichon. Paris: Gallimard 2014

Über Camille Claudel in deutscher Sprache:

Dominique Bona, Camille und Paul Claudel. München:  Btb-Verlag 2010

Anne Delbée, Der Kuss. Kunst und Leben der Camille Claudel. Btb 20038 . (deutsche Ausgabe von: Anne Delbée, Une Femme. Paris: Fayard  1998 , Le Livre de Poche, 5959)

Reine-Marie Paris, Camille Claudel 1864 – 1943. Deutsch von Annette Lallemand. Frankfurt: S. Fischer 9. Auflage 2007

In französischer Sprache:

Hélène Pinet et Reine-Maris Paris, Camille Claudel. Le génie et comme un miroir. Paris: Gallimard 20

Michel Deveaux, Camille Claudel à Montdevergues. Histoire d’un internement. (7 septembre 1914 – 19 octobre 1943) Paris: L’Harmattan 2012

Antoinette Le Normand-Romain, Camille Claudel & Rodin. Herman Éditeurs/musée Rodin 2014

Véronique Mattiussi und Mireille Rosambert-Tissier, Camille Claudel, une femme insoumise. Idées reçues 2014

Reine-Marie Paris,  Chère Camille Claudel. Histoire d’une collection. Paris: Ed. Economica 2012

 

Anmerkungen:

[1]   Siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2019/09/06/10-jahre-singen-in-paris/

[2] Reine-Marie Paris, Camille Claudel, S. 9 und Paul Claudel, Ma sœur Camille. Zit. von Dominique Bona, S. 44

[3] Mitarbeiterin des Drehbuchs war Reine-Marie Paris, die Großnichte Camille Claudels, die wesentlich dazu beigetragen hat, dass das Werk Camille Claudels heute (wieder) bekannt und anerkannt ist.

Isabelle Adjani hat in einem Interview mit Le Monde (17. Dezember 2019, S. 26) übrigens darauf hingewiesen, dass Camille Claudel eine ganz wichtige Rolle für ihre eigene persönliche Entwicklung gespielt hat: „C’est son courage qui m’a donné du courage.“

[4] Bona, S. 20

[5] Cit. bei Reine-Marie Paris, S. 136f Original bei Delbée, S. 34:

„… mon rêve serait de regagner tout de suit Villeneuve et de ne plus bouger, j’aimerais mieux une grange à Villeneuve au’une place de première pensionnaire ici…  Quel bonheur si je pouvais me retrouver à Villeneuve. Ce joli Villeneuve qui n’a rien de pareil sur la terre! …“

[6] Reine-Marie Paris, S. 23 und Bona, S. 34/35

[7] Bona, S. 28

[8] Siehe auch: https://www.paul-claudel.net/oeuvre/sculpture

[9] Der Artikel ist in Auszügen abgedruckt bei Delbée, S. 473ff

[10] Flyer: Sur les pas de Camille et Paul Claudel.  La Hottée du Diable  ist wenige Autominuten von Villeneuve entfernt: Über die D 79 zur D 310 Richtung Château—Thierry.  Kurz nach der Einbiegung in die D 310  ist auf der rechten Seite der Parkplatz beschildert.

[11] Reine-Marie Paris, Camille Claudel, S. 208

[12] http://www.pavillon-arsenal.com/fr/paris-dactualites/10895-musee-camille-claudel.html

[13] Bona, Camille und Paul Claudel, S. 174/175

[14] Zitiert in: https://de.wikipedia.org/wiki/La_Valse_(Claudel)

(14a) Heike Fischer-Heine, „Da ist immer etwas Abwesendes, das mich quält…“  Verfolgt vom Bösen- Kreativität und Wahnsinn der Bildhauerin Camille Claudel (1864-1943). In: Pit Wahl/Ulrike Lehmkuhl (Hrsg), Die Magie des Bösen. Göttingen 2012, S. 90

[15] Bona, Camille und Paul Claudel, S. 110f

[16] Bona, S. 111

(16a)  https://www.art-directory.de/malerei/camille-claudel-1864/

[17] Paul Claudel, Ma sœur Camille, 1951 und Bona, Camille und Paul Claudel, S. 116

[18] Übersetzung aus dem im Château de l’Islette ausliegenden Heft mit den dort ausgestellten Briefen Rodins und Camille Claudels. Original zugänglich bei: https://www.vanityfair.fr/culture/people/diaporama/les-plus-belles-lettres-damour-de-tous-les-temps/24960?page=2

[19] Siehe Bona, Camille und Paul Claudel, S. 167

[20] https://www.chateaudelislette.fr/

[21] Brief vom 25. Juni 1892, Archiv des Musée Rodin. Zitiert bei Reine-Marie Paris, Camille Claudel, S. 39

Camille Claudel war damals allein in Islette, möglicherweise um sich von einer Fehlgeburt oder Abtreibung zu erholen.  Nach der Einschätzung von Reine-Marie Paris steckt der Brief allerdings voller Ambivalenzen- zum Beispiel, wenn  CC Rodin bittet, ihr für das Bad im Fluss ein Badekleid z.B. im Bon Marché in Paris zu besorgen: Einen schon älteren, wohlbeleibten Herren zu beauftragen, ein damals so intimes Kleidungsstück zu kaufen, sei schon eine Zumutung gewesen.

[22] Zit. aus Reine-Marie Paris, Camille Claudel, S. 360

[23] Zit. auf der Homepage des Schlosses

https://www.chateaudelislette.fr/

[24] Brief Rodins an Camille Claudel vom 12. Oktober 1886, der den Charakter einer rechtlich bindenden Selbstverpflichtung hat. Darin heißt es unter anderem: „Nach der Ausstellung im >Monat Mai fahren wir nach Italien und bleiben dort mindestens sechs Monate, der Beginn einer unverbrüchlichen Verbindung, nach der Fräulein Camille meine Frau wird.“

Siehe dazu auch Bona, Camille und Paul Claudel, S. 163f

[25] Siehe Reine-Marie Paris, Camille Claudel, S. 53  und S. 75

[26] François Lhermitte nd Jean-François Allilaire, Camille Claudels psychische Krankheit. In: Reine-Marie Paris, Camille Claudel, S. 161

[27] Lhermitte/Alliaire, Camille Claudels psychische Krankheit. A.a.O., S. 169

[28] Brief an Paul Claudel vom 3. März 1927. Zitiert bei Reine-Marie Paris, Camille Claudel, S. 137

[29] Zit. Bei  Delbée, S. 323

[30] https://www.midilibre.fr/2013/03/13/vichy-est-responsable-de-la-mort-de-camille-claudel,659049.php

[31] Siehe:  Der Begriff der Extermination douce geht zurück auf ein Buch von Paul Lafont aus dem Jahr 1987. Siehe: Extermination douce.  La Cause des fous.  40000 malades mentaux morts de faim dans les hôpitaux sous Vichy. https://www.cairn.info/revue-vie-sociale-et-traitements-2001-1-page-45.htm#  Siehe auch: https://fr.wikipedia.org/wiki/Extermination_douce

[32] Zitat wiedergegeben bei Delbée, Une femme, S. 465/466

[33] Siehe dazu Paul Claudel, Assise et qui regarde le feu  (1940) Schautafel im Musée Camille Claudel

[34] Rachel Corbett, Rilke und Rodin. Die Geschichte einer Freundschaft. Berlin: Aufbau-Verlag 2017, S. 73

[35] Reine-Marie Paris, Camille Claudel, 324/325. Reine-Marie Paris weist darauf hin, dass diese Skulptur meist in die Gruppe „Das reife Alter“ eingefügt ist, dass diese „allzu augenfällige Allegorie“ allerdings dadurch an Ausdruckskraft verliere, nämlich die sich darin ausdrückende „panische Angst“ Camille Claudels vor allem, was sich entziehe, vor allem ihrer eigenen Identität, „die ihr zu entgleiten drohte“.

 

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  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux

Die Nuit Blanche, das Lichter- und Kunstfest von Paris

Seit der Weltausstellung von 1900 nennt sich Paris ganz offiziell „ville lumière“, Stadt des Lichts. Immerhin war dort ja auch schon zur Zeit Ludwigs XIV. die öffentliche Straßenbeleuchtung eingeführt worden, ab 1816 hatte der Siegeszug der Gasbeleuchtung in der Passage des Panoramas und den Galerien des Palais Royal begonnen und 1881 fand in Paris die erste internationale Elektrizitätsausstellung statt.

Zum Selbstverständnis von Paris  als „ville lumière“ passt ganz besonders natürlich die seit 2002 jährlich stattfindende „Nuit Blanche“, ein Lichter- und Kunstfest. Sie beginnt jeweils am Abend des ersten Oktobersamstags und  endet am Sonntag früh.[1]

Paris Nuit Blanche 2.10.2010 001

Seit 2010 haben wir mehrfach während der nuit blanche Paris durchstreift. Das Angebot dabei so überwältigend, dass man nur eine kleine Auswahl aus dem angebotenen Programm bewältigen kann. Einige deshalb auch völlig unsystematische Eindrücke sollen im Folgenden wiedergegeben werden und Lust, auf Entdeckungstour durch die nuits blanches von Paris zu gehen.

Ein „Markenzeichen“ der nuit blanche ist natürlich die Illumination öffentlicher Gebäude. Und hier denken wir natürlich zuerst –und 2019 natürlich mit einiger Wehmut- daran, wie wunderbar sich die Kirche Notre Dame in der nuit blanche 2010 präsentierte.

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Bunter und lauter ging und geht es immer am Hôtel de Ville zu. Auf dessen Vorplatz werden aus Anlass der nuit blanche auch besondere Veranstaltungen organisiert. 2019 zum Beispiel gab es ein großes Arreal zum Tanzen. Allerdings zu einer nach meinem Geschmack sehr eintönigen elektronischen Musik. Also eher etwas für junge Leute. Die Schlange vor dem Eingang war auch entsprechend groß. Und wenn man drinnen war, lagen weiße Gewänder mit Kapuzen bereit, die die Tanzenden übergezogen haben – ein passendes Event zu einer „weißen Nacht“. Auf die Fassade des Rathauses wurden dazu historische Filmsequenzen von Tänzern projiziert…

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Aber natürlich gab und gibt es auch ruhigere, beschaulichere Projektionen: Zum Beispiel 2016  die der gotischen Salle des gens d’armes aus der Conciergerie auf die Fassade des Baus.[2]

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Auf der Außenwand standen die Säulen allerdings auf dem Kopf, aber im auf der Seine gespiegelten Bild standen die Säulen wieder fest auf ihren Sockeln.

Originell war auch 2017 die „animation lumineuse“ des von Jean Nouvel geplanten Institut du Monde Arabe.[3] Auf der südlichen Fassade, bei der das Sonnenlicht durch eine Serie von Irisblenden reguliert wird, erschienen in abwechslungsreicher Folge  Bilder mit unterschiedlichen Formen und Farben.

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Dann gibt es aber auch besondere Installationen, wie zum Beispiel diese „Schlangen“ am Brunnen Saint Michel.

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Oder 2010 eine Installation auf dem Pont Saint Louis zwischen der Île de la Cité und der °Ile Saint-Louis: Gerüste aus Stahlrohren, durch die man auch hindurchgehen konnte und die unterschiedliche beleuchtet wurden.

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Auch für das Jahr 2913 hatten sich der verantwortliche Planer der Nuit Blanche –für jedes Jahr designiert die Stadt Paris eine spezielle Leitung- etwas Besonderes ausgedacht:

 

 

 

 

Auf der gerade umgestalteten und für Fußgänger zugänglicheren Place de la République hatte die japanische Künstlerin Fujiko Nakaya ein Feld aufgebaut, in dem leichter feuchter Nebel versprüht wurde.

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Die Statue der Republik auf dem Sockel war in diesem Sprühnebel ganz verschwunden, aber auch die Personen unten auf dem Platz waren nur noch als Schemen sichtbar – Das waren dann die „fog scuptures“, das Markenzeichen der Künstlerin.

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Nuit blanche 2013 010

Etwas bizarr war  eine vorab vielgerühmte und angepriesene Installation im Carreau du Temple. In diesem Bau, der gerade renoviert wurde, hatte Huang Young Ping ein riesiges Plexiglasrohr montiert, ähnlich einer Achterbahn, in der Reptilien und Insekten eingeschlossen waren, die sich langsam bewegten. Sicherlich gab es dazu einen philosophischen Überbau, der sich mir allerdings nicht erschlossen hat.[4]

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Dass allerdings die Schlange der Wartenden vor dem Carreau so lange war, lag sicherlich auch daran, dass an diesem Tag die Pariser Bevölkerung zum ersten Mal wieder die Gelegenheit hatte, diesen schönen Bau aus der Zeit um 1900 zu betreten, der in den 1970-er Jahren schon einem Parkplatz zum Opfer fallen sollte…

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Dieses Beispiel zeigt aber auch eine besondere Seite der nuit blanche: Dass an diesem Tag  bzw. in dieser Nacht nämlich Orte geöffnet sind, die sonst kaum zugänglich sind.

Ein schönes Beispiel dafür war 2014 die Freyssinet-Halle im 13. Arrondissement von Paris. Es handelt sich dabei um ein in den 1920-er Jahren errichtetes Betriebsgebäude der SNCF, das aber seit 2006 nicht mehr genutzt wurde.

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2017 wurde dort ein Inkubator für etwa 1000  Internet- Start-ups eingeweiht, nach Selbstdarstellung der Station F, wie sie jetzt heißt, der größte weltweit[5] – in Frankreich liebt man, wenn es sich um das eigene Land handelt, ähnlich wie in den USA die Superlative…. Architekt des Umbaus war übrigens Jean-Michel Wilmotte, ein Spezialist für die Rehabilitierung und behutsame Modernisierung historischer Bauten. Zwei von ihnen, nämlich das Haus der Mutualité und das Hotel Lutetia, wurden schon auf diesem Blog vorgestellt.[6]

Eingeladen zur Präsentation der Halle während der nuit blanche von 2014 waren auch Vertreter der Street-Art, die die äußeren Wände der Halle gestaltet hatten: Eine gute Idee, die Wartezeit vor dem Einlass kurzweiliger zu machen.

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Höhepunkt der nuit blanche 2017 war für uns die Lichtinstallation im Collège des Bernardins im 5. Arrondissement von Paris. Das Collège war im 13. Jahrhundert von Zisterziensern zur Unterbringung von Studenten gegründet worden. Seit der Französischen Revolution wurden wesentliche Teile des Collegs abgerissen, andere als Mehldepot, Gefängnis für Galeerensträflinge oder Feuerwehrkaserne genutzt. Erhalten ist aber immerhin noch das ehemalige Refektorium, ein wunderbarer gotischer Raum, auch er von Jean- Michel Wilmotte rehabilitiert.[7]

Auch hier waren die Warteschlangen vor dem Einlass sehr lange.

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Aber das Warten lohnte sich. Denn in dem alten Refektorium mit seinem wunderbaren gotischen Gewölbe wurde eine grandiose son-et-lumière Präsentation geboten.

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Weniger laut war es danach in der nahe gelegenen Kirche Saint Severin (5. Arrondissement) mit der gedrehten Säule in dem wunderbaren Chormumgang. Aus Anlass der nuit blanche war die Kirche geöffnet und sehr stimmungsvoll beleuchtet  – ein ruhiger und schöner Ausklang der nuit blanche 2017.

 

 

 

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Für die Nuit blanche 2019 hatten sich die Veranstalter wieder ganz neue Attraktionen ausgedacht, zum Beispiel einen Zug von dekorierten Wagen von der Place de la Concorde zur Bastille. Also „une Nuit blache aux airs de carnaval“.[8]

Bei diesem Karnevalszug gab es Element des chinesischen Neujahrsfests[9]:

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Aber es gab auch Anklänge an den Karneval von Rio:

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Und in gewisser Weise auch an die Faschingsumzüge des rheinischen Karnevals. Nur dass da keine Bonbons/Kamellen in die Menge geworfen wurden, sondern es wurden Schlangen von Zuckerwatte in den Himmel und ins Publikum gepustet – weiß natürlich, wie es sich für eine nuit blanche gehört….

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Zum Abschluss des Umzugs gab es dann noch ein grandioses Feuerwerk rund um die Bastille.

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Eine weitere besondere Attraktion der Nuit blanche 2019 war die Sperrung eines Teils des Périphérique, der die Stadt umgebenden Autobahn. Die Zukunft dieser Autobahn, oft geprägt von Staus, spielt in den  Visionen, die für Paris und sein Umland (le grand Paris) entwickelt werden, eine große Rolle und dass der Peripherique in seiner derzeitigen Form keine Zukunft hat, ist unumstritten.[10] Insofern war es eine naheliegende Idee der Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo, aus Anlass der Nuit blanche einen Abschnitt des Peripheriques für den Autoverkehr zu sperren und für Fußgänger, Fahrrad- und Rollerfahrer zu öffnen. Dabei konnte sie darauf verweisen, dass der Peripherique ja auch schon einmal in Teilen für die Entschärfung einer Weltkriegsbombe gesperrt werden musste. Warum dann nicht auch für die Nuit blanche… (11)

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Blick von oben auf das gesperrte und beleuchtete Teilstück des Peripherique

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Wir waren da nicht, sondern machten zunächst einem Abstecher zum  Palais Royal, wo in durchsichtigen aufgeblasenen und von innen beleuchteten PVC-Kugeln junge Damen mit roten Perücken und Röcken durch den Garten rollten. Dem Programm zufolge handelte es sich dabei um eine sogenannte „art cinétique“.

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Also zum Abschluss unserer Nuit blanche dann doch lieber zur „art classique“ in die Orangerie an der Place de la Concorde, wo seit 2015 im wunderbaren Seerosen-Saal Monets in der Nuit Blanche eine „Nuit du Quatuor“ stattfindet.

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Während der ganzen Nacht präsentieren dort zu jeder Stunde verschiedene europäische Ensembles Kammermusik, wobei auch immer eine Erstaufführung dabei ist. Als wir um halb ein Uhr dort waren, hätten wir allerdings bis zum 4-Uhr Konzert warten müssen, so groß war der Andrang…  Und dann fing es auch noch an zu regnen…

Vielleicht haben wir ja im nächsten Jahr mehr Glück. Und  es locken dann sicherlich auch  wieder neue, attraktive Angebote….

 

Anmerkungen

[1] https://de.parisinfo.com/kultur-paris/135251/nuit-blanche-in-paris

[2] Bild aus Wikipedia.

[3] https://www.imarabe.org/fr/evenement-exceptionnel/nuit-blanche-2017-a-l-ima

[4] https://www.dailymotion.com/video/x1553d6

[5] https://www.lesechos.fr/2017/06/avec-station-f-xavier-niel-simpose-comme-figure-incontournable-du-monde-des-start-up-174839

[6] Siehe die Blog-Beiträge über die Maison de la Mutualité und über das Hotel Lutetia.

[7] http://www.wilmotte.com/fr/projet/1/College-des-Bernardins

[8] Le Monde  6./. 10. 2019, S. 23

[9] Zum chinesischen Neujahrsfest siehe den Blog-Beitrag

[10] https://www.lefigaro.fr/actualite-france/paris-se-dirige-vers-la-fin-du-peripherique-20190611

(11) La Nuit blanche s’invite sur le périphérique. Le Monde, 22. Januar 2019, S. 18

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Camille Claudel, Schicksal einer Bildhauerin: 5 Erinnerungsorte
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • Die Mauer der Generalpächter, Lavoisier und  die Torhäuser von Ledoux

 

Stop féminicides/Schluss mit den Frauenmorden: Aktuelle Aktionen in Frankreich (November 2019)

Fährt oder bummelt man in diesen Herbsttagen des Jahres 2019 durch die Straßen von Paris, dann sind die auf Hauswände geklebten weißen Plakate nicht zu übersehen, auf denen  mit großen schwarzen Buchstaben die Morde an Frauen angeprangert werden. So bei uns in der Nähe in der rue Saint Sébastien.

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Das Wort féminicide  bezeichnet nach dem Wörterbuch „Le Petit Robert“ den Mord an einer Frau oder einem Mädchen aufgrund ihres Geschlechts.  Aufgenommen wurde es in dieses Wörterbuch im Jahr 2015, während die Akademie française sich noch ziert – was allerdings bei dieser sehr männerlastigen und konservativen Institution  nicht anders zu erwarten ist. [1]  Allerdings tun sich auch deutsch-französische Wörterbücher schwer mit dem Wort: Leo musste passen:

Leider konnten wir zu Ihrem Suchbegriff féminicides keine Übersetzung finden“,

und  linguee teilte kurz und bündig mit: „Keine Ergebnisse für féminicides.  Bei Pons wurde ich dann aber fündig: féminicide = Frauenmord.“.[2] 

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103. Mord an Frauen. Eine Unbekannte, 76 Jahre, mit der Axt erschlagen.                            Rue Picpus, 12. Arrondissement

In Frankreich ist das Wort in den Medien allpräsent und es wird in der aktuellen Plakatierungsaktion ganz selbstverständlich immer wieder verwendet. Dabei werden teilweise auch die Namen der Opfer genannt, wie sie umgebracht wurden und um den wievielten Frauenmord des Jahres es sich handelt.

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Monique, mit Schlägen des Gewehrs getötet von ihrem Mann, 104. Mord an Frauen  Boulevard Ménilmontant, 11. Arrondissement

Und  bei uns in der Ecke in der Rue de la folie Regnault (ebenfalls 11. Arrondissement):

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25.10.2019  Shaïna, 15 Jahre, wurde von ihrem Typ erschlagen und verbrannt. Der 125. Mord an Frauen

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2.11.2019 Eine Frau von 88 Jahren, von ihrem Mann durch eine Kugel in den Kopf getötet, Der 128. Frauenmord. Rue Léon Frot, 11. Arrondissement

Auch das Ausmaß der Frauenmorde wird plakatiert wie in der Passage de Ménilmontant  im  11. Arrondissement:

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Der Männlichkeitswahn tötet alle 48 Stunden

 

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In Frankreich ein Frauenmord alle zwei Tage (Foto von Sonia Branca, aufgenommen Nähe Bastille)

Dieses Plakat gibt es auch auf englisch – hier allerdings in etwas ramponierter Form:

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Rue Bouvier, 11. Arrondissement

Die traurige Bilanz des Jahres 2019:

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                                 2019: 149 Morde an Frauen. Den Zeiger nicht auf 0 stellen                                       Gymnase Japy, 11. Arrondissement. Aufgenommen im Januar 2020

und noch einmal Berges de la Seine, rive gauche

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Die hier angegebenen Zahlen stammen von dem Kollektiv „Feminicides“, das seit 2016 eine Zählung von Frauen vornimmt, die von ihrem (ehemaligen) Partner umgebracht worden sind. Allerdings sind diese Zahlen nicht unumstritten: Le Monde (17. Januar 2020)  spricht sogar von einer „bataille des chiffres“.  Das hängt damit zusammen, dass es manchmal nicht ganz einfach ist, eine entsprechende Zuordnung vorzunehmen: Beispielsweise, wenn der entsprechende Mann die Tat leugnet und es (noch)  keine Verurteilung gibt, so dass -juristisch exakt-  die Unschuldsvermutung gilt. Oder was ist -um ein von Le Monde angeführtes Beispiel zu nennen- mit einem alten Mann, der  zunächst seine kranke Frau umbringt. um ihr Leiden zu beenden, und dann sich? Ist das auch ein féminicide im Sinne einer „violonce conjugale“? 

Aber unabhängig von solchen Zuordnungsproblemen: Einigkeit besteht darin, dass die Zusammenstellung und Addition von féminicides hilfreich ist, das Bewusstsein für die Problematik häuslicher Gewalt zu schaffen und damit möglichst dazu beizutragen, dass die Zahlen in Zukunft abnehmen…

Und Einigkeit besteht natürlich auch darin, dass jeder Frauenmord einer zu viel ist:  pas une de plus“!  Ein Plakat  mit der entsprechenden italienischen Parole gibt es auch. Zum Beispiel in  der Rue du chemin vert (11. Arrondissement).

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Oft beziehen sich die Collagen auch auf die Motive von Frauenmorden.  Häufig können es Männer nicht ertragen, wenn ihre Frau sich von ihnen trennt.

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Sie verlässt ihn, er tötet sie      Rue Étienne Dolet, 20. Arrondissement

Le Monde berichtet in ihrer Ausgabe vom 17./18. November 2019 vom Leidensweg einer Frau, deren Mann, mit dem sie 20 Jahre lang verheiratet war, die Trennung nicht ertragen konnte. Ihr Partner drohte ihr mehrfach an, ihr das Gesicht zu verätzen, damit sie nicht mehr für andere Männer attraktiv sei. Er werde das tun, auch wenn er dann 15 Jahre ins Gefängnis müsse. Die Bedrohungen nahmen an Brutalität zu, der Mann kommt einmal für kurze Zeit in Haft und ihm wird der Kontakt mit seiner früheren Frau untersagt. Aber die Bedrohungen gehen weiter,  auch die Kinder, die bei der Mutter leben, werden bedroht. Er werde den 4-jährigen Jungen vom Balkon werfen. Mehrfache Anzeigen, mehrfache dringende  Eingaben des Rechtsanwalts bei der Justiz bleiben ergebnislos, bis dann der Mann seine Drohung wahr macht und das Gesicht der Frau mit Salzsäure entstellt….

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Papa hat Mama getötet       Rue des Partants, 20. Arrondissement

Seit September 2019 gibt es diese Anschläge in Paris. Bei den hier abgebildeten  handelt es  sich um eine völlig zufällige Zusammenstellung, meist in unserer näheren Umgebung fotografiert. Dabei wird aber deutlich, dass es sich um eine ganz spektakuläre Aktion handelt – denn sie ist ja nicht auf unser Viertel beschränkt, sondern in ganz Paris verbreitet. Gewidmet  sind  sie „den ermordeten Frauen“.

Rue de la Roquette, 11. Arrondissement

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Unseren ermordeten Schwestern        Rue de la Bidassoa im 20. Arrondissement

 Hier hat die Gruppe nous toutes neben dem Straßenschild und über der Collage ein Plakat mit einem alternativen Straßenschild angeklebt, das einer der ermordeten Frauen gewidmet ist:

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Rue Chloé, 33 Jahre, am 27. April 2019 von ihrem Ex getötet

Auf der Basis der Juli-Säule in der Mitte der place de la Bastille befindet sich folgende Aufschrift:

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Aux femmes assassinées, la patrie indifférente  (den ermordeten Frauen, das gleichgültige Vatgerland) eine Anspielung auf die Widmung des Pantheons: aux grands hommes- la patrie reconnaissante  (den großen Männern, das dankbare Vaterland).[3]

Diese Collage passt  gut zu der Juli-Säule- denn es geht ja um ermordete Frauen- und die Juli-Säule ist den Opfern der „trois glorieuses“ der Juli-Revolution von 1930 gewidmet, die hier sogar bestattet sind.

Initiatorin der Plakataktion ist Marguerite Stern, eine junge Künstlerin, die dafür engagierte Frauen gewann.[4]

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Begonnen hatte sie damit in Marseille, wo sie wohnt, dann aber auch in Paris Mitstreiterinnen gefunden.

Réunion de préparation de la soirée : les militantes font le point sur les lieux de collage et les messages qui y seront affichés. ©camillegharbi

Vorbereitungstreffen von Pariser Aktivistinnen im September 2019

Dort startete die Aktion am 30. August und eine Woche später waren schon 250 Collagen geklebt.[5]  Heute sind es sicherlich tausende…

Die Aktivistinnen, die diese Plakate bzw. Collagen an die Wände klebten, hatten allerdings ein Problem, das Vertretern der Street-Art nur allzu bekannt ist: Das „wilde“ Plakatieren stört nicht nur die öffentliche Ordnung, sondern ist auch ein Eingriff in das Privateigentum. Es handelt sich  also um  eine Ordnungswidrigkeit, die entsprechend geahndet werden kann – und wie beim Invader oder Monsieur Chat auch geahndet wurde.

Dazu veröffentlichte die Zeitung Le Parisien  am 7. September 2019 einen Artikel:

Paris : 400 euros pour avoir collé des affiches contre les féminicides

6 militante Feministinnen seien in flagranti beim Plakatieren von städtischen Angestellten beobachtet worden. Man habe ihre Personalien erhoben und ein Bußgeld von insgesamt 400 Euro verhängt.[6]

Die Frauen hatten ein  Plakat angeklebt mit der Aufschrift Morde an Frauen: Das große Thema der Legislaturperiode.

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Die Pariser Stadtverwaltung rechtfertigte das Vorgehen ihrer Beschäftigten: Man könne von ihnen nicht erwarten, dass sie eine Entscheidung träfen zwischen verschiedenen Arten wilder Plakatierung. Allerdings hatte die Pariser Bürgermeisterin am 28. August noch höchstpersönlich eine Veranstaltung auf dem Platz vor dem Pariser Rathaus organisiert, in der sie die Morde an Frauen verurteilt und die Regierung zum höchst überfälligen Handeln aufgefordert hatte.[7]

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      Anne Hidalgo, die Bürgermeisterin von Paris, am Rednerpult vor dem Rathaus

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Dazu waren die Namen der Opfer an der Fassade des Rathauses befestigt worden.

 

94 Frauen sind seit Beginn des Jahres 2019 unter den Schlägen ihres Partners oder Ex-Partners gestorben

 

 

 

 

 

Die Verhängung von Bußgeldern für das Ankleben von Collagen passte dazu natürlich überhaupt nicht.  Aber inzwischen scheint sich die Stadtverwaltung  dieses eher peinlichen Widerspruchs bewusst geworden zu sein.  Dazu haben sicherlich auch Anstöße aus den eigenen Reihen beigetragen, wie etwa ein Beschluss des Stadtrats des 20. Arrondissements: Die Plakatierungs-Aktion liege, so heißt es da, im allgemeinen Interesse und solle deshalb von der Pariser Stadtverwaltung nicht nur geduldet werden.[8]  Das scheint inzwischen auch so gehandhabt zu werden. Jedenfalls habe ich von weiteren städtischen oder polizeilichen Interventionen in dieser Sache nichts mehr gehört oder gelesen

 

Weitere Aktionen

Neben diesen Collagen gab und gibt es in diesem Jahr aber noch weitere Aktionen  gegen Frauenmorde. Besonders spektakulär die der militanten Frauengruppe Femen, bekannt durch ihre barbusigen Auftritte hier eine im Innenhof des Palais Royal in Paris im Mai 2019…[9]

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….  und eine weitere am 5. Oktober 2019  auf dem Friedhof von Monparnasse[10]:

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Ich habe ihn verlassen, er hat mich getötet;   ich wollte nicht sterben;   nicht noch eine mehr

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Wir alle sind Kämpferinnen. Rue Léon Frot, 11. Arrondissement

Am 19. Oktober 2019 veranstalteten Frauengruppen fünf sogenannte die-ins auf Pariser Plätzen:

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Frauen legten sich auf den Boden, um den Tod von Frauen zu veranschaulichen, die Opfer häuslicher Gewalt geworden sind. (Courrier Picard, 19.10.2019)

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Wir sind alle Heldinnen (Foto Sonia Branca)

Auch der Invader, bekannt durch seine an Hauswänden befestigten Mosaike[11], engagierte sich: Er verbreitete einen Aufruf:

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„Ob Prinzession, Kriegerin oder Tänzerin, alle zwei Tage stirbt in Frankreich eine Frau unter den Schlägen ihres Partners oder ex-Partners. Heute, am 3. September 2019 -3/9/2019- verbreiten wir die Telefonnummer, die Menschenleben retten kann. Ob Opfer oder Zeuge, die 3919 hört Sie und hilft Ihnen, auf häusliche Gewalt zu reagieren“.[12]

Illustriert war der Aufruf mit einer Zusammenstellung von 9 Frauenmosaiken des Invaders, darunter  diesem in der rue du roi doré im Marais.

 

 

Frauenmorde in Frankreich:  Ein Versagen der Behörden und der Justiz?

Das Thema der Frauenmorde/féminicides ist in den französischen Medien sehr präsent. Ein wesentlicher Grund dafür ist die hohe Zahl der entsprechenden Gewalttaten. 2017 haben 219 000 französische Frauen angegeben, Opfer physischer und/oder sexueller Gewalt gewesen zu sein. Mehr als 12 000 Fälle von Todesdrohungen seien von der Polizei registriert worden. 2018 seien, wie die Zeitung Le Temps berichtete, 121 Frauen in Frankreich unter den Schlägen ihres Partners oder Ex-Partners umgekommen. Der Figaro  gibt für 2018 die Zahl von 107 an.[13] Wie auch immer: Ganz deutlich ist, dass die Zahl der ermordeten Frauen in diesem Jahr deutlich ansteigt: Die Ende Oktober 2019 umgebrachte 15-jährige Shaïna war ja, wie auf einem einer anfänglich gezeigten Collage zu lesen war, schon der 124. Frauenmord dieses Jahres.

Gemäß der europäischen Statistikbehörde Eurostat liegt Frankreich, was die absolute Zahl der Frauenmorde angeht, damit auf einem Spitzenplatz, weit vor Rumänien, Großbritannien und Italien. Den traurigen europäischen Rekord halte aber, wie tv 5 berichtete, Deutschland! Bezogen auf die Bevölkerungszahl sieht das Bild allerdings etwas anders aus: Da liegt Rumänien weit an der Spitze und Deutschland im „Mittelfeld“, allerdings noch vor Frankreich.[14]

Bei der Frage nach den Ursachen des hohen Ausmaßes häuslicher Gewalt wird in Frankreich immer wieder das Verhalten der zuständigen öffentlichen Instanzen infrage gestellt. Im Figaro wird beispielsweise eine in diesem Bereich tätige Soziologin zitiert, die von einer von ihr betreuten Frau berichtet: „Sie hat fünfmal Anzeige erhoben, aber die Todesdrohungen sind alltäglich. Ihr ehemaliger Partner ist gefährlich. Ich ermutige sie, eine sechstes Mal Anzeige zu erheben, aber sie hat nicht das Gefühl dadurch besser geschützt zu werden.“[15]

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Häusliche Gewalt. Trägheit der Polizei. Widerstand der Justiz. Daran sind sie gestorben.  Rue Bouvier, 11. Arrondissement

Dazu eine aktuelle Meldung aus Le Monde vom 14.11. 2019. Unter der Überschrift FEMINICIDE wird von einer Frau im Département Bas-Rhin berichtet, die von ihrem Partner erstochen wurde. Die Tochter des Opfers, die Augenzeugin des Verbrechens gewesen sei, habe den Vorwurf erhoben, die Polizei habe viel zu lange gebraucht, um am Tatort einzutreffen. „Niemand“, so wird die Frau zitiert, „hat uns helfen wollen.“ Ihre Mutter habe schon die zuständigen Stellen informiert (main courante) und Anzeige wegen häuslicher Gewalt erstattet – offensichtlich vergeblich…. Jetzt sei die für die Polizei zuständige Aufsichtsbehörde mit dem Fall befasst.

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Und dazu ein aktuelles Plakat in der Rue Chaligny im 11. Arrondissement: Jean-Pierre schlug Valérie mit der Faust. Sie wurde mit dem Tode bedroht, beschimpft, an den Haaren gezogen. Beschwerden wurden von der Polizei zurückgewiesen, die Justiz hat nie Strafen verhängt. Aber ich werde es auch 15 Jahre danach nie vergessen. Papa leugnet seine Gewalttaten. Aber ich schreie sie heraus auf den Mauern, weil Mutter sterben musste. 

Insofern soll die nachfolgende Inschrift – er schlägt dich, man glaubt dir- (gefunden in der rue de Charonne im 11. Arrondissement) sicherlich bittere Ironie ausdrücken:

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Heftig diskutiert wird in Frankreich die Frage, inwieweit die Justiz und das Strafrecht dem Problem gewachsen sind. Da stehen sich zwei Positionen gegenüber: Einmal die Auffassung, dass das juristische Arsenal ausreichend sei, es allerdings Probleme bei seiner konsequenten Anwendung gäbe[16]. Anderseits gibt es auch die Forderung,  den féminicide als eigenständigen Tatbestand in das Strafrecht aufzunehmen, um der Besonderheit der Gewalt gegen Frauen besser gerecht werden zu können, so wie das schon in mehrern Staaten  Mittel- und Südamerikas (beginnend mit Costa Rica 2007) der Fall sei. [17]

Es  ist allerdings in Frankreich wohl allgemein anerkannt, dass  die Polizei  sich oft schwer tut,  Frauen zu schützen, die Opfer häuslicher Gewalt geworden sind (18);  und  ebemso,  dass die Justiz oft –zu oft- unfähig ist, potentielle Mörder daran zu hindern, zur Tat zu schreiten.  In ihrer Ausgabe vom 17./18. November 2019 veröffentlichte Le Monde eine zweiseitige Recherche zum Thema:

Féminicides: une justice trop souvent en échec face aux aggresseurs

Frauenmorde: eine Justiz, die allzu oft angesichts von Tätern versagt

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Frauenorde: Die Justiz als Komplize  Rue de la Roquette, 11. Arrondissement

 Sicherlich ist es sehr zugespitzt und polemisch, die Justiz als Komplizen der Frauenmorde zu qualifizieren. Aber die von einem 12-köpfigen (!) Journalist/inn/enteam in Le Monde veröffentlichten  Fälle sind schon erschreckend: Da hat man den Eindruck, dass manchmal alle Anzeigen, alle auch rechtsanwaltlichen Interventionen, nichts nützen, und die Justiz erst dann nachhaltig tätig wird, wenn das lange angekündigte Verbrechen schließlich geschehen ist.

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Ehren wir die Toten und schützen die Lebenden. Ausgang Métro-Station Jaurès (Foto Sonia Branca)

Die Justizministerin Nicole Belloubet hat am 15. November anlässlich eines Kolloquiums über die Herausforderungen der Justiz anlässlich häuslicher Gewalt selbst eingeräumt, dass die Justiz bei manchen der 1500 Gewalttaten an Frauen in den  letzten zehn Jahren versagt habe. Anlass war ein Bericht der „inspection générale de la justice“, die 88 Fälle von Opfern häuslicher Gewalt in den Jahren 2015 und 2016 genau untersuchte. Dabei wurde festgestellt, dass in 65% der Fällen die Opfer sich vorher an die Polizei gewandt  hatten. Aber nur in 18% dieser Anzeigen seien an die Justiz weitergereicht worden.  Fälle, die dann aber 80% niedergeschlagen habe.  Der Generalstaatsanwalt beim obersten französischen Berufungsgericht, François Molins, stellte denn auch selbstkritisch fest, es gebe Anlass über „tout dysfonctinnement“ nachzudenken und sich zu fragen, inwieweit bestimmte gängige  juristische Praktiken (wie z.B. Mediation) im Bereich häuslicher Gewalt angemessen seien.[19]

Die Rolle des Staates

Feminicides Mont St Louis (1)

Morde an Frauen: Reformen bevor man tot ist    Impasse de Mont Louis, 11. Arrondisssement[20]

Angesichts der großen Resonanz, die die häusliche Gewalt in der französischen Öffentlichkeit hat, nahm der Staat dieses Thema auf.  Anfang September 2019 initiierte die Regierung ein Grenelle des violences conjugales“  (Grenelle der häuslichen Gewalt). Der Begriff Grenelle bezieht sich auf die Rue Grenelle in Paris, Sitz des französischen Arbeitsministeriums. Dort trafen sich 1968 Vertreter der Regierung und der Gewerkschaften und schlossen die Grenelle-Vereinbarungen, die wesentliche soziale Verbesserungen beinhalteten und  die  sozialen Auseinandersetzungen des französischen Mai 68  beendeten. Seitdem wird der Begriff „Grenelle“ für Beratungen und Vereinbarungen grundlegender Bedeutung zwischen staatlichen und gesellschaftlichen Gruppen verwendet. So gab es 2007 ein „Grenelle de l’environnement“, bei dem es um die französischen Antworten auf die Herausforderungen des Klimawandels ging. Wenn jetzt von der Regierung ein „Grenelle der häuslichen Gewalt“ ausgerufen wurde, einen bis zum 25. November 2019, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen,  geplanten Beratungs- und Entscheidungsprozess, dann zeigt das, wie hoch dieses Thema gehandelt wird.

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Avenue Diderot, 12. Arrondissement

Die Idee eines solchen Grenelles wurde vor allem von Marlène Schiappa entwickelt, der für die Gleichheit zwischen Männern und Frauen zuständigen Staatssekretärin. Der Begriff Grenelle stehe für oberste nationale Dringlichkeit und für einen Epochenwandel. Das Thema der häuslichen Gewalt solle zu einer großen nationalen Angelegenheit und zu einem „marqueur“, einem prägenden Merkmal  der Präsidentschaft Macrons gemacht werden.[21]

Gleich zu Beginn des Grenelle, an dem verschiedene staatliche und gesellschaftliche Institutionen und auch Betroffene teilnahmen, kündigte Premierminister Edouard Philippe höchstpersönlich eine Reihe von  Maßnahmen an. Dazu gehörten:

  • 1000 neue Wohnplätze für gefährdete Frauen sollen ab 1.1.2020 zur Verfügung gestellt werden
  • Ein System der Geolocalisation solle geschaffen werden, das sofort alarmiert, wenn ein vom Gericht verhängtes Annäherungsverbot nicht befolgt wird
  • Die Polizei solle besser geschult werden, das Ausmaß der von häuslicher Gewalt bedrohten Frauen zu beurteilen
  • Es sollen bei allen französischen Gerichten auf häusliche Gewalt spezialisierte Staatsanwaltschaften eingerichet und die entsprechenden Verfahren beschleunigt werden
  • Die Möglichkeit für Opfer häuslicher Gewalt, schon im Krankenhaus Anzeige zu erstatten, solle verbreitert werden
  • Ebenso so es auch leichter möglich sein, einem häusliche Gewalt ausübenden Elternteil das Erziehungsrecht zu entziehen.[22]

Die Regierung spricht da natürlich von „starken Maßnahmen“. Dass die Aktivistinnen der Frauenbewegung da eher skeptisch sind, zumal es sich eher um schon längst angekündigte oder überfällige Maßnahmen handele, (23)  zeigt die nachfolgende Collage.

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Macron redet, die Frauenmorde gehen weiter

Es wird also weiter öffentlicher Druck ausgeübt. Die nächste Demonstration ist schon für den 23. November angekündigt:

Samedi 23 novembre, #NousToutes vous donne RDV à Paris pour dire Stop aux violences sexistes et sexuelles.

Am 23.11. gehört die Straße uns allen           Ras le viol (Vergewaltigung)!- ein Wortspiel                                                                                    mit  ras de bol!    (Die Schnauze voll)

Im November 2018 gab es schon einmal eine solche Demonstration gegen häusliche Gewalt, zu der auch die Gewerkschaft CGT aufgerufen hatte.

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Wir (Männer) alle mit Ihnen (den Frauen) allen     Ich kämpfe für meine zukünftige Tochter        

Allerdings war diese Demonstration damals kaum wahrgenommen worden, weil gleichzeitig die Gelbwesten sich  auf den Champs Elysées Straßenschlachten mit der Polizei lieferten und damit die Bilder und  Schlagzeilen beherrschten.[24]

Ob es diesmal anders sein wird, ist (leider) nicht garantiert.

 

„Nachwort“ aus der rue Bouvier im 11. Arrondissement:

DSC06603 Feminicides (12)

Anmerkungen:

[1] : « meurtre d’une femme, d’une fille, en raison de son sexe »  https://www.franceculture.fr/societe/le-terme-feminicide-interroge-le-droit (3.9.2019)

[2] https://dict.leo.org/franz%C3%B6sisch-deutsch/feminicides

https://www.linguee.de/deutsch-franzoesisch/search?source=auto&query=feminicides

https://de.pons.com/%C3%BCbersetzung?q=f%C3%A9minicide&l=defr&in=ac_fr&lf=de&qnac=feminicide

[3] Zur marginalen  Rolle der Frauen im Pantheon siehe den Blog-Beitrag „Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen. https://paris-blog.org/2018/04/01/das-pantheon-der-grossen-und-der-weniger-grossen-maenner-und-der-wenigen-grossen-frauen-1-das-pantheon-der-frauen/

[4] Bild aus: https://www.courrierinternational.com/article/vu-dallemagne-avec-ses-collages-marguerite-stern-rend-visibles-les-feminicides  Im Courrier International ist ein Artikel der TAZ über die Aktion abgedruckt. Dem ist auch das nachfolgende Bild entnommen.

Siehe Le Monde vom 26. Oktober 2019: Marguerite Stern, feministe de combat  https://www.lemonde.fr/m-le-mag/article/2019/10/26/marguerite-stern-feministe-de-combats_6016971_4500055.html

[5] http://madame.lefigaro.fr/societe/marguerite-stern-la-militante-derriere-la-campagne-de-collage-qui-denonce-les-feminicides-070919-166715 

Vorhergehendes Bild der Aktivistinnen aus: Le Monde vom 14. September 2019:  ‚Aux femmes assassinées, la patrie indifférante‘: Les ‚colleuses‘ d’affiches veulent rendre visibles les victimes de féminicides

[6] http://www.leparisien.fr/paris-75/paris-400-euros-pour-avoir-colle-des-affiches-contre-les-feminicides-07-09-2019-8147532.php

[7] https://www.lemonde.fr/societe/article/2019/08/28/feminicide-la-mairie-de-paris-rend-hommage-aux-victimes-et-interpelle-le-gouvernement_5503918_3224.html

Die beiden nachfolgenden Bilder aus: https://www.purepeople.com/media/des-femens-interpellent-le-pouvoir-ann_m5003087

[8] https://www.api-site.paris.fr/mairies/public/assets/2019%2F8%2F14.%20Voeu%20f%C3%A9minicides%20%28adopt%C3%A9%29.pdf

[9] http://madame.lefigaro.fr/societe/stop-feminicide-la-nouvelle-action-coup-de-poing-des-militantes-femen-a-paris-feminisme-violences-faites-aux-femmes-300519-165372

(30. Mai 2019)

[10] https://www.ouest-france.fr/faits-divers/feminicide/stop-feminicide-la-manifestation-choc-des-femen-au-cimetiere-du-montparnasse-paris-6551831

[11] Zum Invader siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2018/10/01/street-art-in-paris-3-der-invader/

[12] https://www.lefigaro.fr/arts-expositions/violences-conjugales-l-artiste-invader-appelle-a-composer-le-3919-20190907

Zum Invader siehe auch den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2018/10/01/street-art-in-paris-3-der-invader/

[13] https://www.letemps.ch/monde/france-guerre-contre-feminicides   Le Temps vom 4. September 2019   https://www.lefigaro.fr/actualite-france/pourquoi-les-feminicides-augmentent-encore-en-france-20190704: En 2018, elles étaient 107 à mourir sous les coups de leurs compagnons ou ex-conjoints.

[14] https://information.tv5monde.com/info/les-feminicides-sont-ils-plus-nombreux-en-france-vrai-dire-319469  und  https://www.franceinter.fr/espagne-italie-allemagne-belgique-comment-on-y-parle-des-feminicides-et-comment-on-agit Es wäre natürlich interessant, den Gründen für die hohe Zahl von Frauenmorden in Deutschland und die –nach meiner Beobachtung-  doch recht unterschiedliche Präsenz des Themas in Deutschland und Frankreich nachzugehen, aber das würde diesen Blog-Beitrag sprengen – und dafür fehlt mir auch die entsprechende Kompetenz.

[15] Figaro, 4. Juli 2019   https://www.lefigaro.fr/actualite-france/pourquoi-les-feminicides-augmentent-encore-en-france-20190704

[16] z.B. https://www.dalloz-actualite.fr/node/non-feminicide-ne-doit-pas-etre-penalement-qualifie#.XchXOFdKhPY und https://www.lefigaro.fr/actualite-france/pourquoi-les-feminicides-augmentent-encore-en-france-20190704

[17]   So der Rechtsanwalt Pierre Farge in einem Diskussionsbeitrag in Le Monde vom 12. September: „Le droit pénal doit définir clairement le féminicide“ und entsprechend: https://www.lepoint.fr/justice/pourquoi-il-faut-creer-l-infraction-de-feminicide-28-08-2019-2332031_2386.php

(18) Dans les affaire de fémicides, les alertes négligées par les forces de l’ordre. In: Le  Monde vom 21. Oktober 2019

Am 17.11. wurde in den Abendnachrichten von TV 2 ein ausführlicher Beitrag ausgestrahlt zum Thema „femmes battues. Une épreuve pour se faire entendre“.  Es kam dort ausführlich eine von häuslicher Gewalt betroffene Frau zu Wort.  Sie berichtete von ihren Schwierigkeiten, von der Polizei und der Justiz ernst genommen zu werden. Erst nach 3-jährigen Bemühungen sei sie wirklich geschützt worden. Fazit, auch von interviewten Polizisten und Juristen, war die Notwendigkeit eines besseren und schnelleren Schutzes der betroffenen Frauen.

(19) Le Monde 17./18. November 2019:  Nicole Belloubet, la garde des sceaux, regrette les ‚défaillances‘ https://www.lemonde.fr/societe/article/2019/11/17/le-constat-d-echec-de-la-justice-dans-la-prevention-des-homicides-conjugaux_6019496_3224.html

siehe auch Le Monde vom 25. Oktober 2019: Féminicides: une étude inédite détaille les carences judiciaires dans la prévention 

und:  Le Monde, 17.11.2019: Le constat d’échec de la justice dans la prévention des homicides conjugaux.  Le rapport de l’inspection générale de la justice sur les homicides conjugaux sur 88 cas définitivement jugés pointe de graves dysfonctionnements dans la chaîne pénale.  https://www.lemonde.fr/societe/article/2019/11/17/le-constat-d-echec-de-la-justice-dans-la-prevention-des-homicides-conjugaux_6019496_3224.html

Entsprechend Le Figaro vom 18.11.: Violence conjugales: la justice admet ses échecs

[20] Auch hier gibt es ein alternatives, feministisches Straßenschild – Überbleibsel einer anderen spektakulären  Aktion der Gruppe nous toutes aus dem Frühjahr 2019: Da wurde die einseitige geschlechtsspezifische Verteilung von Straßennamen kritisiert und es wurden andere nach prominenten Frauen benannte Straßennamen vorgeschlagen- Hier rue Berthe Morisot, 1841 – 1895, Malerin, Gründungsmitglied der impressionistischen Bewegung.  Eine schöne Alternative zu dem nach Ludwig XIV. benannten Impasse Mont-Louis, einer Sackgasse….

[21] https://www.letemps.ch/monde/france-guerre-contre-feminicides

[22] https://www.gouvernement.fr/un-grenelle-et-des-mesures-fortes-pour-lutter-contre-les-violences-conjugales und https://www.nouvelobs.com/droits-des-femmes/20190903.OBS17914/ce-que-edouard-philippe-a-annonce-lors-du-grenelle-contre-les-feminicides.html

(23) Das System der Geolocalisation wird beispielsweise schon seit Jahren in Spanien verwendet, das immer wieder als Musterbeispiel für einen erfolgreichen Kampf gegen den Frauenmord angeführt wird. In Frankreich ist das System seit 2017 bekannt, seine Einführung wurde schon im Juli 2019 von der Justizministerin angekündigt. Siehe: Pourquoi la France échoue à faire baisser le nombre des féminicides. In: L’express vom 6.7.2019

[24] Bild aus:   http://www.leparisien.fr/societe/les-feministes-descendent-dans-la-rue-contre-les-violences-sexistes-24-11-2018-7952169.php

Beitrag eingestellt am 17.11.2019

 

Einen Artikel in französischer Sprache über die Plakataktion in Paris gibt es im sehr empfehlenswerten Blog „passage du temps“ von Sonia Bianca-Rosoff:  https://passagedutemps.wordpress.com/2019/12/04/le-feminisme-saffiche-dans-la-ville/

 

 

Weitere geplante Beiträge:

  • La Nuit blanche, das Lichter- und Kunstfest von Paris
  • Erinnerungsorte von Camille Claudel: Villeneuve-sur-Fère, Nogent-sur-Seine,  Paris, Château de l’Islette, Montdevergues bei Avignon
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse

 

Aux Belles Poules, ein ehemaliges Pariser Bordell im Quartier St. Denis

Ganz Paris träumt von der Liebe, denn dort ist sie ja zu Haus“, sang einmal Catharina Valente:  Paris galt schon immer als Stadt der Liebe, ja als „capitale de l’amour“, was  einen wesentlichen Teil ihrer Anziehungskraft ausmacht. Das ist nicht nur heute so, wo reiche Chinesen gerne in Paris den Bund fürs Leben schließen, sondern seit Heloise und Abelard, „den ersten Liebenden von Paris.“[1]  Es war aber nicht nur das Ambiente der „ville lumière“, das den erotischen Ruf der Stadt begründete. Paris war ja nicht nur die Stadt der romantischen, sondern auch die Stadt der käuflichen Liebe, und sie galt auch in dieser Hinsicht als Hauptstadt.  Im 19. Jahrhundert war Paris ein beliebtes Reiseziel von Sextouristen. Berühmt waren zu Beginn des Jahrhunderts vor allem die Arkaden des Palais Royal, die an den Abenden gewissermaßen als Kontakthof für ganze „Bataillone von Mädchen“ dienten.[2] Später waren es die großen Boulevards de la Madelaine, des Capucines und  des Italiens, wo sich die „asphalteuses“ ihre Kunden suchten.[3]  Auch die Bordelle  (maisons closes oder maisons de tolérance)  hatten einen nicht zu unterschätzenden Anteil an der erotischen Attraktivität der Stadt. Dazu trug wohl auch bei, dass die Prostitution seit Napoleon staatlich geregelt wurde, um die Ansteckungsgefahren ungeregelter Prostitution zu verhindern. Die hätten nämlich die Kampfkraft seiner Truppen beeinträchtigen können….. Antragsteller für die Eröffnung eines Bordells durften nur Frauen von mindestens 30 Jahren sein. Verbunden mit der staatlichen Zulassung war die Verpflichtung regelmäßiger medizinischer Kontrollen.

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Es gab spezielle Reiseführer, die den interessierten Touristen entsprechende Informationen – natürlich auch zu den Belles Poules– vermittelten.

Ein breites Angebot reichte von billigen Absteigen (abattoirs) bis zu luxuriösen Etablissements.

 

 

 

Das wohl  berühmteste und exquisiteste Bordell war das Chabanel, das zu frequentieren zu Zeiten der Belle Epoque für den damaligen internationalen „Jet-set“ geradezu fester Bestandteil eines Paris-Besuchs war. Anlässlich der Eröffnung der Weltausstellung, am 6. Mai 1889, wurde sogar ein Besuch von Botschaftern und Ministern aus aller Welt im Chabanel organisiert, offiziell deklariert als Besuch beim Präsidenten des Senats, was vielleicht sogar der Wirklichkeit entsprach. Zu den Stammkunden gehörte der künftige englische König Edward VII., für den dort ein eigenes Appartement reserviert war mit zwei besonderen Ausstattungsstücken: einer kupfernen Badewanne in Form eines Schwans, die vor Gebrauch mit Champagner gefüllt wurde, und ein –im Faubourg Saint-Antoine hergestelltes-  einem Geburtsstuhl ähnelndes Möbelstück, auf dem sich der beleibte Kronprinz niederlassen und von den Damen des Hauses verwöhnen lassen konnte. Das japanische Themenzimmer des Hauses erhielt auf der Pariser Weltausstellung von 1900 sogar einen Preis![4] Die „Hauptstadt der Prostitution“ (France culture) wusste sich zu vermarkten und ihren Ruhm zu mehren.

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Mit Nobelbordellen wie dem Chabanel, dem One Two Two oder dem Sphinx konnten die Belles Poules nicht mithalten. Dieses Bordell lag gewissermaßen im Mittelfeld des Angebotsspektrums. Und es lag räumlich im Zentrum der Prostitution, nämlich dem Quartier Saint Denis. Neben den Belles Poules gab es in der rue Blondel, einer kleinen Seitenstraße der rue Saint Denis, noch drei weitere Bordelle- für Eingeweihte erkennbar an den extra großen Hausnummern…

 

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Heute gibt es neben der 32 rue Blondel nur noch eine weitere solche Hausnummer in Paris, nämlich die 36  in der rue Saint Sulpice.  Dort befand sich das Bordell „l’Abbaye“, ein mit Bedacht gewählter Name, handelte es sich doch um ein vorwiegend von  Kirchenmännern  („hommes d’Église“)  frequentiertes Etablissement ….  Immerhin lagen die Kirche Saint Sulpice und das dazu gehörende Priesterseminar gleich nebenan. Und das geistliche Personal schätzte es wohl besonders, auf Wunsch von  jungen Damen in der Gestalt von Nonnen oder Teufeln  bedient zu werden – natürlich in entsprechend thematisch gestalteten Räumen.  Neben dem Kloster gab es also auch die  Hölle ,  natürlich mit einschlägigen Folterwerkzeugen.  Und eine sogenannte „Sakristei“, die  mit einem „Beichtstuhl“ ausgestattet war.  So konnten die Kirchenmänner anschließend wieder unbeschwert  ihren geistlichen Ämtern nachgehen. (5)

Aber zurück zu den „Belles Poules“: Der „Empfangsraum“ (salle de réception) des 1921 gegründeten Bordells wurde  mit Spiegeln, bunten Keramiken und bemalten Kacheln ausgestattet, die –inzwischen restauriert- heute die Attraktivität des Ortes ausmachen.

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Natürlich sind da vor allem leicht oder gar nicht bekleidete Damen zu sehen.

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DSC04074 Aux belles poules (4)Interessant ist dabei der Kontext dieser Abbildungen:

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Es ist die griechische Mythologie…

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… wobei natürlich in diesem Raum das Urteil des Paris nicht fehlen darf, der die Qual der Wahl zwischen drei schönen Frauen hat.

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Hier sind es allerdings nur zwei, was, wie ich vermute, weniger  mit fehlendem mythologischem Wissen, sondern eher mit dem doch begrenzten künstlerischen Potential des Malers zu erklären ist.

Ein zweiter historischer Bezugspunkt der Kachelmalereien ist das exotische Ideal des Harems, das ja schon im 19. Jahrhundert  romantische Phantasien  beflügelte.

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Das Bordell ordnet sich damit in einen dem einigermaßen gebildeten Bordell-Besucher bekannten und respektablen kulturellen Zusammenhang ein: Hier befindet man/Mann sich in allerbester Gesellschaft.

Der Besucher ist aber nicht nur der wählerische Paris oder der Haremsherr, sondern auch der stolze Hahn, der die Auswahl unter den „schönen Hühnern“ des Etablissements hat.

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Auch das wird auf den Kacheln des Empfangsraums veranschaulicht.

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Auf diesem Foto aus den zwanziger Jahren bemühen sich gleich mehrere Damen um die Gunst eines Gastes. Insgesamt gab es 31 Frauen in dem Haus, deren Arbeitszeit von 16 Uhr bis 4 Uhr morgens dauerte. Geld war bei den Belles Poules übrigens verpönt- dafür gab es hauseigene Jetons, die man am Eingang erwerben konnte.

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Im Erdgeschoss des Bordells gab es  auch eine Bar und eine Toilette. Der zu ihr führende Gang war  mit einem Mosaik geschmückt – einer schönen Dame mit Fächer- …

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… und der Boden der Toilette mit einer weiteren schönen Dame, einer „belle poule“…

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Eine Treppe führte dann, wenn man zusammengefunden hatte und handelseinig geworden war, zu den oben gelegenen Zimmern.

 

 

 

 

 

Heute ist das Vergangenheit. Denn 1946 wurden die maisons closes in Frankreich verboten- unter anderem auch deshalb, weil viele von ihnen- auch Aux belles poules – während der occupation von den Besatzern requiriert und für deutsche Offiziere reserviert waren. Und die Etablissements konnten dabei wohl nicht unbedingt einen „malgré-nous- Status“ für sich reklamieren. (6) Das Haus in der rue  Blondel Nummer 32  fand nach dem Krieg eine alternative Verwendung, unter anderem als Studentenwohnheim. Die Ausstattung des Empfangsraums passte zu dieser neuen Verwendung eher nicht. Also verschwand sie hinter einer neutralen Verkleidung. Als das Haus vor einigen Jahren den Besitzer wechselte und renoviert wurde, entdeckte man die versteckte Bemalung. Sie wurde aufwändig restauriert und das Haus unter Denkmalschutz gestellt. Jetzt kann man die Räume für private Veranstaltungen mieten und Caroline, die engagierte Besitzerin, zeigt auch gelegentlich mit berechtigtem Stolz, was mit viel Liebe und Geld aus diesem Ort der bezahlten Liebe gemacht wurde.

 

Praktische Informationen

31, rue de Blondel  75002 Paris

http://www.auxbellespoules.fr/fr/presse/

Führungen durch:

https://exploreparis.com/fr/2253-aux-belles-poules-histoire-d-une-ancienne-maison-close.html

Dabei wird im Sinne der political correctness ausdrücklich darauf hingewiesen, dass bei der Besichtigung des ehemaligen Bordells weder die Prostitution entschuldigt werde noch die durch sie verursachten Leiden verniedlicht würden. Das ist ja wohl auch selbstverständlich und entspricht voll unseren Erfahrungen.

 

Anmerkungen:

[1] https://www.deslettres.fr/lettre-dheloise-abelard-ces-plaisirs-lamour-avons-goutes-mont-trop-doucement-fascinee/

[2] Berthier de Sauvigny, Nouvelle histoire de Paris, La Restauration, Paris: Hachette 1977, S. 380

[3] https://www.franceculture.fr/emissions/la-fabrique-de-lhistoire/prostitutions-au-xixe-siecle-24-paris-capitale-de-la-prostitution Dort auch die Bezeichnungen „capitale de l’amour“ und „capitale de la prostitution“

[4] http://www.lefigaro.fr/arts-expositions/2014/02/13/03015-20140213ARTFIG00007-edouard-vii-bien-remis-en-selle.php

Eine Übersicht über die Pariser Bordelle in Paristoric: Les maisons closes.  https://www.paristoric.com/index.php/paris/inclassables/358-les-maisons-closes

(5) Philippe Poisson, 36 rue Saint-Sulpice, 75006 Paris. In: Crimino Corpus, 26. Juni 2017.    https://criminocorpus.hypotheses.org/29850

Merci, Inès, pour ce tuyau!

(6) siehe dazu den Abschnitt ‚Détente‘ et frivolité   in

https://www.paris.fr/pages/paris-de-la-liberation-7084

 

Weitere geplante Beiträge:

  • La Nuit blanche, das Lichter- und Kunstfest von Paris
  • Erinnerungsorte von Camille Claudel: Villeneuve-sur-Fère, Nogent-sur-Seine,  Paris, Château de l’Islette, Montdevergues bei Avignon
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse

 

 

Von Montreuil nach Sansscouci: Die murs à pêches von Montreuil und die Lepère’schen Mauern im königlichen Weinberg von Sanssouci

Der nachfolgende Beitrag handelt vom Gartenbau, vor allem von der Kultur von Pfirsichen:  ein, wie es scheinen mag, etwas absonderliches Thema für einen Paris- und Frankreich-Blog. Aber der Schein trügt. Denn es geht hier um eine ganz wunderbare Geschichte, oder im Grunde sogar um drei Geschichten, und das auch noch mit einem deutsch-französischen Bezug:

  • Erstens ist es die Geschichte von Montreuil, einer Gemeinde im östlichen Umland von Paris, Endstation der Metro- Linie 9, seit Ende des 19. Jahrhunderts eine Arbeiter- und Einwanderergemeinde, heute vor allem geprägt von Einwanderern aus dem Maghreb und Mali. Es ist Sitz der kommunistischen Gewerkschaft CGT und der Frankreich- und Europa-Zentrale von Attac  und eine der letzten Bastionen der Kommunistischen Partei.[1]  Dieser Ort war einmal Zentrum der französischen Pfirsichproduktion!  Allein  auf dem Stadtgebiet gab es 300 km Mauern, an denen Pfirsichbäume im  Spalier  gezogen wurden. Und mit den Pfirsichen von Montreuil wurden bis ins  19. Jahrhundert  nicht nur Paris und sein Umland beliefert, sondern auch  zahlungskräftige und adlige Feinschmecker in ganz Europa.

 

  • Zweitens ist es die Geschichte von Alexis Lepère, einem der Spezialisten des Pfirsichanbaus von Montreuil. Lepère war ein Meister seines Faches und sein Ruf verbreitete sich weit über Montreuil hinaus. In der Mitte des 19. Jahrhunderts engagierten ihn deutsche Großgrundbesitzer als Berater, und schließlich wurde er sogar  vom preußischen Königs- und späteren Kaiserpaar nach Potsdam eingeladen, um dort nach dem Montreuil‘schen Vorbild Pfirsichgärten anzulegen

 

  • Die dritte Geschichte ist die der Potsdamer Pfirsichspaliere, der sogenannten Lepère’schen Mauern, die es nämlich heute noch, bzw. richtiger: heute wieder gibt. Sie sind ein Teil des königlichen Weinbergs von Sanssouci und zeugen von den intensiven Beziehungen, die die preußischen Könige nicht nur zu Zeiten Friedrichs des Großen und Voltaires mit Frankreich unterhielten und die in Sanssouci bis heute anschaulich sind.[2]

 

DSC06008 Montreuil Jardin Fontaine (4)

Pfirsiche von den Gärten in Montreuil (oben)  und von den Lepère’schen Mauern in Sanssouci  (unten) 

DSC05367 Lepersche Mauern Königl. Weinberg (18)

Es geht also um eine schöne französisch-deutsche Geschichte:  Grund genug, ihr einen Beitrag auf diesem Blog zu widmen.

 

Die murs à pêches von Montreuil

Die Pfirsichmauern von Montreuil haben eine lange Tradition. Schon ab dem 16. Jahrhundert soll es sie gegeben haben. Ursprünglich, so der Abbé Jean-Roger Schabol in einem Artikel aus dem Jahr 1755,  seien die Mauern dazu da gewesen, nach einem Erbfall Gärten aufzuteilen und abzutrennen. Dann habe man aber bemerkt, dass die Pfirsiche in den abgegrenzten Parzellen besser gediehen, schneller reiften, mehr Farbe, Geschmack und Gewicht hätten als die anderen und dass die Bäume weniger unter Frost litten. So habe man allmählich die Mauern systematisch für den Anbau von Pfirsichen genutzt. Sie markierten also nicht mehr Grundstückgrenzen, sondern hatten allein eine gartenbautechnische Funktion. [3]

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Montreuil ist damit gewissermaßen das bürgerliche Gegenstück zu dem aristokratischen potager du roi, dem Obst- und Gemüsegarten Ludwigs XIV. in Versailles. Dessen Schöpfer, Jean de la Quintinie, hatte schon im 17. Jahrhundert die Bedeutung von Mauern für den Anbau von Obstgehölzen dargelegt und dem entsprechend auch die Anlage von Versailles entworfen.[4]

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Plan des Obst-und Gemüsegartens in Versailles. Um den zentralen rechteckigen Gemüsegarten mit dem Springbrunnen sind die ummauerten Obstgärten gruppiert.

Unter den Gärtnern von Montreuil beanspruchte  man allerdings das „Erstgeburtsrecht“ der Pfirsichmauern: Es habe La Quintinie keine Ruhe gelassen, dass  auf dem Markt in Paris schmackhaftere Pfirsiche angeboten würden als die aus seinem noblen potager du Roi. So habe er schließlich Nicolas Pépin,  einen jungen Gärtner von Montreuil für den königlichen Garten von Versailles rekrutiert, ihn aber, nachdem er von dessen savoir-faire  profitiert habe, wieder nach Hause geschickt, um nicht im Schatten eines unbekannten jungen Mannes aus dem Umland von Paris zu stehen.[5]

Wer auch immer den Nutzen der Pfirsichmauern entdeckt hat: Die von Montreuil waren  höchst erfolgreich. Dazu trugen mehrere Faktoren bei:

  • Zunächst das Material, aus dem die Mauern gebaut wurden.  Es war nämlich eine Mischung aus Tonerde, Silex und gebrannten und gemahlenem Gips (plâtre), der die Wärme hervorragend speicherte und abgab und sich außerdem gut zur Befestigung von Spalieren eignete.

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Unbehauene Silex-Steine einer Pfirsichmauer

Da es in geringer Tiefe unter den Gärten eine Schicht von Silex-Steinen gab, konnte man die ohne Probleme für den Bau der Mauern nutzen. Der Gips wurde sehr kostengünstig direkt in Montreuil im Tagebau  gewonnen– eine Erklärung dafür, dass gerade dort die Kultur der Pfirsichmauern florierte. [6]

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                                                 Historische Postkarte von Montreuil:                                                        Die Pfirsichgärten und im Hintergrund die Gips- Steinbrüche

Teilweise nutzten die  Pfirsichbauern von Montreuil auch den im Boden ihrer Gärten gelagerten Gips direkt, wie die nachfolgende Abbildung zeigt. Dafür mussten allerdings etwa 10 Meter tiefe Zugangsschächte gegraben werden, um die Gipssteinschicht zu erreichen (siehe Abbildung).  Die Gipssteine wurden gebrannt, dann zerstampft und mit Wasser zu einer leicht zu verarbeitenden Masse (plâtre) verarbeitet.   Damit wurden dann horizontale Zwischenschichten in die entstehenden Mauern eingezogen, um sie so zu stabilisieren. Und zum Schluss wurden die Wände verputzt und mit einem kleinen Dach  versehen, das nicht nur die Mauern vor eindringender Nässe schützte, sondern auch das daran angepflanzte Spalierobst vor Hagel – wenn erforderlich auch mit zusätzlich angebrachten Netzen.

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  • Wichtig war natürlich dann die Ausrichtung der Mauern. Sie waren im Wesentlichen in Nord-Südrichtung orientiert, um möglichst intensiv die Sonneneinstrahlung zu nutzen.

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Die nach Osten gerichteten Mauerseiten hießen Levants, weil sie am frühesten von der aufgehenden Sonne beschienen wurden; die nach Westen gerichteten Mauern waren die Couchants, weil sie am längsten von der untergehenden Sonne profitierten. Und die Pfirsichbauern von Montreuil wussten, welche Sorten oder welche anderen Obstbäume (wie Äpfel oder Birnen) sie am besten an welcher Stelle anpflanzten. Das gehörte zu dem über Generationen weitergegebenen und weiterentwickelten savoir faire, das der Abbé Schabol in seiner Schrift über den Pfirsichanbau in Montreuil rühmt. Dieses Wissen sei dort bis zur Perfektion entwickelt worden („la culture des arbres fruitiers est portée à la perfection“). Wenn die Pfirsichbäume in Montreuil besser gediehen als irgendwo sonst, beruhe das in erster Linie auf den hochentwickelten Anbautechniken der dortigen Gärtner: „Les terres les plus mauvaises cessent de l’être entre leurs mains“- wobei der begeisterte Abbé die Bedeutung des Bodens etwas unterschätzt hat: Bei der Anlage der Pfirsichgärten spielte die Qualität des Bodens durchaus eine wichtige Rolle.

  • Ein wichtiger Grund für den Erfolg der Pfirsichbauern von Montreuil war natürlich auch der Standort: nämlich die Nähe zu Paris mit seinen großen Markthallen und der großen Zahl potentieller Kunden. So konnten die reifen Pfirsiche schnell und direkt nach Paris gebracht werden – manchmal allerdings sogar mit Bewachung, denn es handelte sich ja um ein durchaus kostbares Gut.

 

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  • Ganz entscheidend war natürlich das von Generation zu Generation weitergegebene fachliche Wissen der Pfirsichgärtner von Montreuil, das in einem deutschen Gartenbau- Lexikon sogar als „Hochschule für Pfirsichzucht“ bezeichnet wurde. 1861 rühmte der Vorsitzende des preußiuschen Gartenbauvereins, der Geheime Ober-Regierungsrat Kette, die Leistungen der Pfirsichgärtner von Montreuil: „Nirgends auf der ganzen Erde befindet sich wohl die Pfirsichzucht auf einer so hohen Stufe als in Montreuil bei Paris und sind allerdings die Mühen und die Intelligenz der dortigen Bewohner mit Erfolg gekrönt worden. … Nach Berichten von Augenzeugen … sei die Fülle von Früchten, womit alle Zweige dicht bedeckt seien, für jeden, der es nicht selbst gesehen, unglaubhaft.“ (zit. Schurig, S. 68).  Nicht nur wurden die Anbautechniken immer mehr optimiert, sondern es wurden  auch zahlreiche neue Pfirsichsorten mit unterschiedlichen Reifezeiten gezüchtet, so dass man das Obst über einen längeren Zeitraum hinweg vermarkten konnte. Seinen Höhepunkt erreichte der Pfirsichanbau Ende des 19. Jahrhunderts, sodass der Ort sogar „Montreuil aux Pêches“ genannt wurde.  Damals gab es auf dem Gebiet von Montreuil insgesamt 300 Kilometer Pfirsichmauern!

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Die Gärten (dunkelblau)  bedeckten  einen großen Teil des Stadtgebiets und der weit überwiegende Teil der Bevölkerung lebte vom Gartenbau, vor allem dem Anbau von Pfirsichen, von denen jährlich mehr als 17 Millionen geerntet wurden! [7]

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Mit den Pfirsichen aus den Gärten von Montreuil, die man hier in einer historischen Luftaufnahme sieht,  wurden schließlich  nicht nur Paris und andere französische Städte beliefert, sondern sie wurden auch  ins Ausland exportiert, wo man durch die Teilnahme an internationalen Ausstellungen auf sich aufmerksam gemacht hatte. Dazu kam als Erfolgsrezept eine geniale Marketing-Idee, nämlich die „Tätowierung“ der Früchte: Sie wurden zunächst durch eine feine Stoffumhüllung vor der Sonneneinstrahlung geschützt. Hatten sie aber die gewünschte Größe erreicht, wurden sie mit kleinen Scherenschnitten der jeweiligen illustren Abnehmer beklebt, zum Beispiel dem russischen Zaren, dem englischen König oder sogar dem (ansonsten ungeliebten) deutschen Kaiser Wilhelm II.

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Dann tat die Sonne ihr Werk, der Scherenschnitt wurde abgenommen und auf dem Pfirsich befand sich nun das Konterfei des Kunden. Heute wird diese Technik von Straßenkünstlern verwendet und heißt „pochoir“ – und da dabei alles schnell gehen muss und die Sonne an den Mauern sowieso keine Wirkung hat, verwendet man heutzutage Farben. Damals hatte man Zeit und der Prozess verlief auf ganz natürliche Weise. Das gilt auch für den Leim, den man für das Aufkleben der Scherenschnitte verwendete: Das war nämlich der Schleim von Weinbergschnecken, die es dort auch reichlich gab… (4a)

Diese Tradition wird inzwischen in dem „jardin – école“ von Montreuil weitergeführt, einem von der Société régionale d’horticulture de Montreuil mit ihrem rührigen Generalsekretär Philippe Schuller betriebener Garten, der immerhin zu dem illustren Netz der Potagers de France gehört.[8]

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Die Scherenschnitte werden noch wie früher mit Hand angefertigt, als Kleber wird inzwischen allerdings Gelatine verwendet….

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Nach den  glanzvollen Zeiten des Montreuil’schen Pfirsichanbaus setzte um  die Jahrhundertwende der Niedergang ein: die Pfirsiche, für die man hohe Preise erzielt hatte, wurden nun günstiger mit der Eisenbahn aus der Provence importiert, so dass in den Gärten von Montreuil stattdessen weniger lukrative Äpfel und Birnen gezogen wurden. Dazu Gemüse und Blumen, für die die Mauern nicht unbedingt erforderlich waren. Und deren Unterhaltung wurde immer schwieriger und kostspieliger: Die Gipssteine kamen zunehmend nicht mehr aus dem eigenen Untergrund oder dem nahe gelegenen Tagebau, sondern aus Bergwerken, die Arbeitskräfte wurden durch die Nähe zu Paris immer teurer. Dafür wurde Montreuil aufgrund  der räumlichen Enge von Paris als kostengünstige Alternative als Bauland immer interessanter. So verfielen die Mauern allmählich,  viele ehemalige Gärten mussten billig hochgezogenen Wohnblocks weichen, andere wurden als wilde Müllkippen missbraucht. Heute ist nur noch ein kleiner Teil der Gärten mit noch etwa 10 Kilometer Mauern erhalten, und auch die sind bedroht.

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Seit 1994 gibt es aber einen rührigen Verein, die Association Murs à Pêches,  der versucht, wenigstens einen kleinen Teil der noch vorhandenen Gartenreste spekulativen Begehrlichkeiten zu entziehen. Von den 320 h Gartenfläche Ende des 19. Jahrhunderts g sind 8,5 h  seit 2003 geschützt.  Aber es gibt noch eine wesentlich größere Fläche ehemaliger Gärten, die bisher brach liegen und deren weitere Verwendung noch unklar ist.

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Das Terrain gehört der von einer offenbar wenig ökologisch interessierten Verwaltung regierten Gemeinde, die die Gärten nur jeweils für ein Jahr verpachtet. Da kann man nicht sicher sein, ob man auch im nächsten Jahr die Früchte seiner Arbeit ernten kann.

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Trotzdem oder gerade umso mehr:  Alte Mauern werden restauriert, neue Bäume gepflanzt, in den Gärten blüht und grünt es, in jedem Jahr wird ein großes „festival des Murs à Pêches“ veranstaltet: Da sollte doch die Gemeindeverwaltung die Zeichen der Zeit erkennen, damit nicht eine solche ökologische Oase, der letzte Rest einer glanzvollen Vergangenheit, auch noch zubetoniert wird…

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Pascal Mage, der Vorsitzender der Association,  mit dem Bild eines genau an dieser Stelle fotografierten Paares von Pfirsichgärtnern aus der Blütezeit der murs à pêches.

Wie wunderbar die  Wiederbelebung der Montreuiler Gartentradition gelingen kann, zeigt  der Garten von Patrick Fontaine. Als die Stadt dem Koch und Gartennovicen vor knapp 10 Jahren  einen der ehemaligen ummauerten Pfirsichgärten  verpachtete, sah der so aus. Die Mauer auf der gegenüberliegenden Längsseite war sogar teilweise eingestürzt.

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Inzwischen ist daraus ein schmucker Garten geworden.

 

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An den Mauern wächst vor allem Spalierobst, natürlich Pfirsiche, aber es gibt auch -Patrick Fontaine stammt aus der Normandie- zahlreiche Äpfelspaliere.  Aufgrund einer großen  Artenvielfalt erstreckt sich die  Ernte  über mehrere Wochen oder gar Monate hin.

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Das Foto dieser Weinbergpfirsiche ist zum Beispiel Mitte September entstanden, da waren die anderen Pfirsiche schon längst geerntet.  Patrick Fontaine verwendet Spalierformen, wie sie in Montreuil Tradition haben, und auch die alte besonders schonende Form der Befestigung der Zweige an den Mauern, nämlich mit Nägeln und Stofffetzen („le palissage à la loque„).

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Aber Fontaine erfindet auch neue Spalierformen, zum Beispiel aus Anlass der Olympischen Spiele 2024 in Paris eine Spalierform mit den olympischen Ringen, die bis zur Eröffnung der Spiele fertig sein soll: Eine echte Herausforderung.

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Zwischen den Mauern gibt es eine Reihe von Hochbeeten mit Gemüse und Blumen und am Ende auch einen kleinen Hühnerstall.  Kein Wunder, dass  Garten und Gärtner viel Anerkennung erhalten haben und Patrick Fontaine mit Recht stolz auf sein Werk sein kann.

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Entsprechend viele Besucher gibt es auch,  wobei Patrick Fontaine  besonders am Kontakt mit jungen Menschen aus Montreuil gelegen ist, die von Hause aus wenig Beziehung zur Natur haben.

Es gibt allerdings auch weniger willkommene Besucher, die inzwischen im Umland von Paris zur Plage geworden sind.

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Die interessieren sich nämlich nicht nur für die Kerne der Sonnenblumen, sondern hacken auch ungeniert in das Obst….

 

Praktische Informationen:

Jeden Sonntag  gibt es  zwischen  14h30 und 16h30  Gelegenheit zum Besuch der Gärten. Der Eingang ist über den impasse Gobétue zu erreichen. Von der Endstation der Métro 9 – Mairie de Montreuil- ist man zu Fuß in ca 15 Minuten dort.  Zu dem jardin-école gehört auch ein kleines sympathisches Museum über die Geschichte der Pfirsichmauern, aus dem auch einige der Abbildungen in diesem Text stammen. („Tatoos“, Herstellung von plâtre, palmette de Lepère, Plan eines Pfirsichgartens).

Association Murs à Pêches

E-mail : info@mursapeches.org

Web: www.mursapeches.org

Jardin-école

4 rue du Jardin-Ecole  93100 Montreuil

Tel. 0033 (0)1 70 94 61 30

Web: www.jardin-ecole.com/newsitejardin-ecole

 

Literatur:

Arlette Auduc et al, Montreuil, Patrimoine Horticole. Hrsg. vom Service patrimoines et Inventaire der Région Île-de-France. Paris 2016

Discours sur Montreuil. Histoire des murs à pêches. Roger Schabol und Louis Aubin. Hrsg der Société régionale d’horticulture de Montreuil-sous-bois. o.J. Einleitung von Erläuterungen von Philippe Schuller, dem Generalsekretär der Gesellschaft

Ivan Lafarge,  Les murs à palisser « à la Montreuil. In:  e-Phaïstos, I-1 | 2012, 79-87 https://journals.openedition.org/ephaistos/288

https://www.lemonde.fr/blog/correcteurs/2018/03/09/8-impasse-gobetue-a-montreuil-sous-bois/

 

 Alexis Lepère und die Pfirsichmauern in Sanssouci

Besondere Bedeutung und Prominenz erlangten die Montreuil’schen Gärtner und Obstbaumzüchter Lepère, die man geradezu als Dynastie bezeichnen kann. Der 1799 geborene Alexis Lepère der Ältere trug erheblich zur Verbesserung des Pfirsichanbaus bei. Unter anderem entwickelte er eine neue Spalierform, die dann auch nach ihm benannt wurde.

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Schnitttechnik „à la Montreuil“ oder „Palmette de Lepère“

Durch seine außerordentlichen Erfolge erlangte Lepère internationale Bekanntheit und wurde unter anderem als der Kaiser der Pfirsichzucht bezeichnet.

Die ausgefeilten Spalierformen waren übrigens sicherlich auch ein Ergebnis der Einführung der Gartenschere. Die wurde Anfang des 19. Jahrhunderts von einem französischen Edelmann erfunden. Allerdings dauerte es noch fast 50 Jahre, bis sie sich im Obst- und Weinbau durchsetzte. Im Ausstellungsraum des Jardin-école und im Gartenhaus von Patrick Fontaine sind Beispiele alter Gartenscheren zu sehen.

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Alexis Lepère war stets darum bemüht, sein Wissen an andere Gärtner weiter zu geben. So veröffentlichte er ein Buch über die Kultur des Pfirsichs, das zum  Standardwerk wurde:  „Pratique raisonnée de la taille du pecher, principalement en escalier carré“ Es erschien  in insgesamt sieben Auflagen  und  wurde auch ins Deutsche übersetzt. [8]

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Der Sohn, Alexis Lepère der Jüngere, führte die familiäre Tradition glanzvoll fort. 1876 etwa züchtete er eine  neue Pfirsichsorte, die er auf den Namen seines Vaters „Alexis Lepère“ taufte.

Und auch er verstand etwas von Marketing:

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Den Eingang seines Gartens zierte ein ganz außerordentlich gezogener Pfirsichbaum zu Ehren von Napoleon III. Und einen entsprechenden Baum für dessen Gemahlin Eugenie gab es auch.

Und er war es dann auch, der vom preußischen  Königs- und späteren Kaiserpaar Wilhelm I. und Augusta,  1862 nach Potsdam eingeladen wurde, um dort eine Obstkultur anzulegen. Wie kam es zu dieser Einladung des Gärtners von Montreuil durch das königliche Paar?

Dass der Ruhm des Pfirsichanbaus von Montreuil bis nach Deutschland reichte, ist schon angedeutet worden und hatte dort Interesse geweckt. So bei Gustav Adolf Fintelmann, dem späteren Hofgärtner der Pfaueninsel in Berlin: Der reiste in den 1820-er Jahren nach Montreuil, um die Kultur der Pfirsiche kennenzulernen. Er ließ sich 1826 bei einem allseits empfohlenen Pfirsichgärtner als „zahlenden Hülfsarbeiter“ anstellen, arbeitete unter seiner Leitung in verschienen Gärten und studierte auf diese Weise intensiv die dort praktizierten Anbaumethoden. (siehe Schurig, S. 64)- also gewissermaßen ein klassischer Fall von „Industriespionage“….

Ausgangspunkt für die Einladung von Alexis Lepère nach Deutschland war dann ein Besuch der mecklenburgischen Großgrundbesitzer Albert von Schlippenbach und seiner Schwester, die Gräfin von Hahn, Paris im Jahr 1863. Die Qualität der in den Hallen angebotenen Früchte fanden sie derart erstaunlich, dass sie sich nähere Informationen über den französischen Obstanbau beschafften. Sie besuchten dabei auch die Obstanlagen von Alexis Lepère dem Älteren  und gingen freudig auf das Angebot des Sohnes ein, im folgenden Frühjahr nach Mecklenburg zu reisen und dort Tafelobstkulturen mit Mauern anzulegen.[9] Lepère reiste nun in den folgenden Jahren mehrfach nach Norddeutschland und errichtete auf den Gütern der Schlippenbachs und der Hahns seine Obstanlagen. Die stolzen Gutsherren präsentierten ihr Früchte dann mehrfach auf Ausstellungen. 1857 nahm Alexis Lepère zusammen mit Albert von Schlippenbach an einer Versammlung deutscher Obstzüchter in Gotha teil, wo er Vorträge hielt und seine Schnittechniken präsentierte. Schlippenbach fungierte dabei als Übersetzer.

Aber Lepère strebte noch nach Höherem: Um sich als Gärtner zu empfehlen, ließ er ab 1859 der preußischen Königin Augusta jährlich durch den Minister Moritz August von Bethmann-Hollweg Pfirsiche, Äpfel und Birnen vorlegen- verbunden mit der Bitte, „dergleichen Früchte auch in den Königlichen Gärten von Sanssouci ziehen zu dürfen.“ Im Sommer 1852 war es dann so weit, dass er von dem preußischen Königspaar beauftragt wurde, einen Obstgarten nach dem Vorbild von Montreuil anzulegen, und zwar -quel honneur!-   im königlichen Weinberg von Sanssouci .[10]

Dieser Weinberg am Südhang des Klausberges geht zurück auf den aus dem Rheinland stammenden Kammerhusar Werley,  also einen Soldaten der preußischen Garde, der vor genau 250 Jahren die Gunst Friedrichs II. erlangte, indem er ihm versprach, dort „einen vorzüglichen Wein in der Art seiner Heimat“ anzubauen. Also ließ der König 1769 das Gelände terrassieren, und es wurden Talutmauern errichtet, um dort neben Aprikosen und den am Hof geschätzten exotischen Früchten auch erlesene Tafeltrauben zu kultivieren.

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Hier ein Stück der rekonstruierten Talutmauern: Es sind Mauern mit einem Glasvorbau, der den Anbau besonders empfindlicher und wärmebedürftiger Pflanzen ermöglichte.

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Feigen an der Talutmauer des königlichen Weinbergs

 

 

 

 

 

Für den Winzer wurde auch gleich ein exquisites kleines Wohnhaus im Stil einer chinesischen Pagode errichtet, das Drachenhaus: So bedeutsam war das Projekt damals für den alten Fritz und so in Ehren stand der rheinische Husar und Winzer.  Heute beherbergt das Drachenhaus  ein nettes Café und Restaurant.

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Zwei Drachen vom Drachenhaus

 

 

 

 

Oberhalb des Weinbergs ließ sich Friedrich II. ein Belvedere im italienischen Stil errichten, von dem aus er sich schönste Aussichten über sein gärtnerisches Lebenswerk versprach.[6]

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Hier nun legte Alexis Lepère einen Pfirsichgarten nach dem Vorbild von Monteuil an.

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Plan der Lepère’schen Anlage am Klausberg

Die Mauern wurden aus Backsteinen errichtet, also –entsprechend den Mauern von Montreuil-  mit einem ortsüblichen und wärmespeichernden Material. Die Bäume bezog Lepère bereits in Spalierform vorgezogen aus Frankreich. Direkt an die Mauern pflanzte Lepère die wärmebedürftigeren Pfirsich-, Birnen- und Kirschbäume, während die zwischen den Mauern entstandenen Räume mit Apfel- und Birnenbäumen an freistehenden niedrigen  Spalieren bepflanzt wurden. 1863, als die Anlage am Klausberg bepflanzt wurde, erhielt Lepère sogar zuätzlich vom Königspaar den Auftrag, auch im Park von Schloss Babelsberg Obstkulturen an Mauern anzulegen.[11]

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Auf diesem historischen Luftbild sind auf der rechten Seite die drei Lepère’schen Kammern mit den querstehenden Mauern zu sehen, links davon die gläsernen beheizten Gewächshäuser und darüber, unterhalb des Belvedere, die verglasten Talutmauern: Der Klausberg wurde deshalb auch im Volksmund der „gläserne Berg von Potsdam“ genannt.

Allerdings ereilte diese Anlagen ein ähnliches Schicksal wie die von Montreuil. Um die Jahrhundertwende galten die Anlagen als veraltet und unmodern und wurden eher als historische Relikte angesehen. Durch mangelnde Pflege verfielen die Mauern zunehmend, die Bäume starben ab und die Flächen wurden überwuchert. Ab etwa 1960 wurde das Arreal zwischen den Lepère’schen Mauern am Klausberg an Kleingärtner verpachtet.[12]

Die „Wende“ brachte die Bundesgartenschau Potsdam von 2001, für die die drei Lepère’schen Kammern von Sanssouci wiederhergestellt und die Rekultivierung des königlichen Weinbergs begonnen wurde.

Seit 2006 kümmert sich „Mosaik“, ein Verein für Menschen mit Behinderung,  mit großem Engagement um die Erhaltung, Nutzung und –soweit die personellen und finanziellen Mittel es zulassen- auch um eine Rehabilitierung der Anlage.[13]

An den Lepère’schen Mauern werden so wie ursprünglich auf der westlichen Seite (murs couchants)  Pfirsiche gezogen, geschützt vor eisigen Winden aus dem Osten,

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Auf der östlichen Seite (murs levants) gedeihen die weniger empfindlichen Birnen.

Und so wie ursprünglich- und wie in Montreuil- besteht die Mauerkrone aus einem kleinen Dach, das dem Schutz der Mauern und des Spalierobstes dient. Dazu gibt es auch noch vorspringende Haken, über die Bretter gelegt werden können, die die Bäume vor Hagelschlag schützen, und an denen Netze befestigt werden können, um Schäden durch Insekten oder Vogelfraß zu verhindern.

 

Innerhalb der Kammern sind jetzt Obstbäume gepflanzt, und zwar durchweg Obstsorten, die es schon vor 250 Jahren dort gab. Insofern können diese wiederhergestellten Anlagen „einen Beitrag zum Sortenerhalt alter Obstsorten leisten.“[14]

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Der für die Projektsteuerung Königlicher Weinberg zuständige Mitarbeiter von Mosaik, Andreas Kramp bemüht sich nach Kräften, zusammen mit seinen Mosaik-Schützlingen der Anlage wieder neues Leben einzuhauchen:

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Andreas Kramp in den Lepère’schen Kammern. Im Hintergrund das Drachenhaus

Inzwischen sind 3000 Weinstöcke gepflanzt, es gibt im ehemaligen Heizhaus Weinverkostungen und am zweiten Juliwochenende jeden Jahres ein Weinfest. Und an jedem Dienstag und Donnerstag kann man zwischen Mai und September die Anlage an der Potsdamer Maulbeerallee von 9 – 13 Uhr besuchen.

 

Eigentlich sollten schon zum Jubiläum 2019 750 Meter der Talutmauern renoviert sein, aber das liegt noch ebenso in der Ferne wie die Anlage eines Weinlehrpfads, so wie es in Andreas Kramps Zukunftsvision des königlichen Weinberg vorgesehen ist.

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Aber die Lepèreschen Kammern zeigen sich und ihre Produkte schon jetzt in bester Verfassung und Wein vom königlichen Weinberg gibt es auch schon…

 

Anmerkungen:

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Montreuil_(Seine-Saint-Denis)

[2] Siehe dazu auch den Beitrag über Saint-Sulpice und die Arbeiten des Bildhauers Pigalle, von dem zwei Statuen das Parterre von Sanssouci zieren.

[3] https://mursapeches.blog/qui-sommes-nous/lhistoire-des-murs/  Und entsprechend auch Roger Schabol, Discours sur le village de Montreuil von 1771. A.a.O.

[4] Siehe dazu den Blog-Beitrag über den potager du roi in Versailles: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/413

[5] Hypolitte Langlois, Le Livre de Montreuil-aux-Pêches: théorie et pratique de la culture de ses arbres avec la collaboration des principaux arboriculteurs. Paris 1875. Zit bei Auduc et al, S. 4

[6] Louis Aubin a.a.O., S.64/65

Über den Abbau von Gips im Umland von Paris siehe den Blog-Beitrag: Die Bergwerke und Steinbrüche von Paris. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/5497)

[7] Siehe die Informationstafel der Stadt Montreuil zu den Pfirsichmauern am Eingang zum Impasse Gobétue

[8] www.potagers-de-france.com

[9] Hier und im Folgenden beziehe ich mich auf den ausgesprochen fundierten Text über Lepère in Wikipedia. https://de.wikipedia.org/wiki/Alexis_Lep%C3%A8re_der_J%C3%BCngere

[10]   Schurig, S. 69. Siehe auch den hervorragenden Artikel von Wikipedia. Dieser Quelle ist auch der Lageplan entnommen.  Allerdings wird dort nicht ganz korrekt angegeben, Lepère habe den Auftrag von Kaiser Wilhelm I. erhalten. Das stimmt natürlich nicht, denn der preußische König wurde erst 1871 –in Versailles- zum Kaiser ausgerufen.

[11] Im Park von Schloss Babelsberg gab es sogar sechs Lepère’sche Kammern, die allerdings noch nicht wieder  so instand gesetzt sind wie die von Sanssouci. Zu den weiteren Anlagen Lepères siehe Schurig, S. 70ff

[12] https://de.m.wikipedia.org/wiki/Alexis_Lep%C3%A8re_der_J%C3%BCngere

[13] S.  https://www.mosaik-berlin.de/

Siehe auch die Presse-Information 025-15 zur  Kooperationsvereinbarung der Stifung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG) und Mosaik-Werkstätten für Behinderte vom 25.3.2015.

[14] Presseinformation 145-14 der Stiftung preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg mit dem Verein Förderer der königlichen Hofgärtnerei vom 17.9.2014

 

Literatur:

Arlette Auduc et al, Montreuil, Patrimoine Horticole. Hrsg. vom Service patrimoines et Inventaire der Région Île-de-France. Paris 2016

Discours sur Montreuil. Histoire des murs à pêches. Roger Schabol und Louis Aubin. Hrsg der Société régionale d’horticulture de Montreuil-sous-bois. o.J. Einleitung und Erläuterungen von Philippe Schuller, dem Generalsekretär der Gesellschaft

Gerd Schurig, Die Entwicklung der Nutzgärtnerei am Klausberg. Jahrbuch Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg Band 6 2004  https://perspectivia.net/receive/ploneimport_mods_00010534 )

https://www.lemonde.fr/blog/correcteurs/2018/03/09/8-impasse-gobetue-a-montreuil-sous-bois/

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  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
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  • Erinnerungsorte von Camille Claudel: Villeneuve-sur-Fère, Nogent-sur-Seine,  Paris, Château de l’Islette, Montdevergues bei Avignon

10 Jahre Singen in Paris

Als wir 2009 nach Paris übersiedelten, um dort –mehr oder weniger- unseren Ruhestand zu verbringen, gehörte zu meinen Plänen, eine meiner früheren musikalischen Betätigungen wieder aufzunehmen, nämlich das Cellospiel oder das Singen. Dass die Entscheidung für das Singen fiel, war nicht zuletzt einem Zufall zu verdanken: Kurz nach unserem Einzug in eine Wohnung im 11. Arrondissement entdeckte ich unter dem Scheibenwischer eines Autos, das vor unserem Haus geparkt war, einen Zettel, der dafür warb, sich einem  Chor bzw. „Les Chœurs de Paris XIII“ anzuschließen.  Als Programm war Mozarts Requiem angekündigt,  also ein wunderschönes Stück Musik.  Ort für die Chorproben war ein Gymnasium am Cour de Vincennes, das man zu Fuß, mit der Metro oder mit dem Fahrrad gut erreichen konnte und das ich sogar schon kannte, weil eine Pariser Freundin dort Lehrerin war.  Also gewissermaßen ein Wink des Schicksals.

In dem nachfolgenden Bericht möchte ich etwas über das Singen berichten, das  seitdem  ein wichtiger Bestandteil meines Lebens in Paris ist. Insofern fällt der Text  etwas aus dem Rahmen dieses Blogs, in dem ja keine persönlichen Geschichten erzählt werden, sondern bestimmte Themen und Orte –wenn auch mehr oder weniger persönlich gefärbt- behandelt werden. Allerdings werden Orte auch hier eine wichtige Rolle spielen: Denn wenn auch das gemeinsame  Singen und die Musik im Vordergrund standen: Wichtig waren und sind für mich auch immer die Orte, an denen dann die Aufführungen stattfinden. Und da ist in den 10 Jahren viel zusammengekommen: Die neobarocke Kirche La Trinité in Paris, wo unsere Jahreskonzerte stattfinden, andere Pariser Kirchen wie Saint-Sulpice, die Madeleine, St. Germain-des Prés, St Roch, Saint-Eustache, dazu die Kathedrale von Lisieux, die UNESCO und die Philharmonie von Paris,  um nur die für mich wichtigsten zu nennen….

Es soll also nicht einfach nur ein persönlicher Erfahrungsbericht folgen, sondern ein –sicherlich sehr kleiner-  Ausschnitt des Pariser kulturellen Lebens anschaulich werden. Vielleicht kann das ja Pariser und solche, die es werden wollen, ermutigen, sich auch entsprechend einzubringen und zu engagieren.

 

Mein“ Chor: Les Chœurs Lacryma Voce

Dass ich zu den  Chœurs de Paris XIII – inzwischen  Les Chœurs Lacryma Voce- gekommen bin, sehe ich als einen glücklichen Zufall, weil er mir nach einer langen Chorpause einen angenehmen Neuanfang und ein begleitendes Erlernen der französischen Musikterminologie ermöglichte. Es handelt sich nämlich um einen Chor, der aus drei „Abteilungen“ besteht: Einem für Anfänger, den  chœur de formation,  für die es  auch zusätzliche musikalische Lernangebote gibt. Mitglieder dieses Chores können aber auch Menschen sein, die zwar gerne singen wollen, sich dafür aber nur begrenzt engagieren wollen oder können. Dann gibt es  einen chœur de perfectionnement für „Fortgeschrittene“ und einen Kammerchor, den petit chœur. Am Ende einer Saison, also im Juni, findet immer ein Jahreskonzert statt, an dem alle Choristen teilnehmen, also auch diejenigen, für die das der erste musikalische „Auftritt“ ist. Bei meinem ersten Konzert mit dem Chor war dies im Juni 2010 das Requiem von Mozart, in diesem Jahr (2019) das Magnificat von Bach und die Vesperae von Mozart mit dem wunderbaren Laudate Dominum. 2020 steht das Requiem von Verdi auf dem Programm. Der chœur de formation  lässt dann zum Teil manche Teile aus, aber es bleibt für alle das festliche Erlebnis, im Rahmen eines  großen Chors,  in der Begleitung eines  professionellen Orchesters  und vor etwa 1000 Zuhörern ein wunderbares musikalisches Programm zu präsentieren. Möglich ist das nur aufgrund des außerordentlichen Engagements zahlreicher Mitglieder, vor allem natürlich des Vorstands des Vereins, als der Organisationsform von lacryma voce, aber auch anderer Ehrenamtlicher, die sich zum Beispiel bei der Organisation der Konzerte engagieren oder bei der Bereitstellung von Audiodateien für alle Stimmen der auf dem Programm stehenden Werke, wodurch die Probenarbeit wesentlich ergänzt und erleichtert wird. Nicht zu vergessen unsere wunderbare „Sekretärin“ und „Managerin“ Suzon  und die Musiker, die den Chor leiten und begleiten.[1]

Konzert Requiem Juni 2010 002

Jaquelin Renouvin, die Leiterin des chœur de formation, und der frühere Leiter des Chors, Pierre Molina, beim Einsingen für ein Konzert in der Krypta von La Trinité

Chorprobe Februar 2019 (2)

                                                  Unser Chorleiter und Dirigent Matthieu Stefanelli,                                                   hier (ausnahmsweise) mit seiner kleinen Tochter

Matthieu ist auch Komponist[2], und wir werden im nächsten Jahr mit dem chœur de perfectionnement eines seiner Werke einstudieren und aufführen.

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Und hier unser Pianist und Organist Nicolas Jortie

Die wöchentlichen Proben finden in der doppelstöckigen Turnhalle des Gymnasiums statt. Das ist kein sehr anheimelnder Ort, und ich fühle mich dort manchmal an heruntergekommene Frankfurter Gymnasien aus den Jahren meiner Berufstätigkeit erinnert (die aber inzwischen längst renoviert und herausgeputzt sind).

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Generalprobe für ein Konzert. Da ist es dann besonders eng

Entscheidend ist aber, dass man sich kennt, versteht und an einem gemeinsamen Projekt arbeitet. An den Chorwochenenden, die einmal im Monat stattfinden, werden dann Sonntag  Mittag die Tischtennisplatten aufgeklappt und zu Tischen umfunktioniert für das von den Choristen mitgebrachte Essen.

Die Jahreskonzerte des Chors finden in der Pariser Kirche La Trinité statt. Sie wurde im 19. Jahrhundert im Stil der französischen Renaissance erbaut und ist sehr luxuriös ausgestattet, unter anderem mit zwei Orgeln von Cavaillé-Coll.  1869 wurde dort die Trauerfeier für Hector Berlioz gehalten, und  der große Organist und Komponist Olivier Messiaen war 60  Jahre lang  Organist der Trinité.[3]  Also ein ganz besonderer Ort für die Musik.

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Der Kirchenraum mit  Zuschauern in Erwartung eines Konzerts

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Die Jahreskonzerte unseres Chors sind für mich/uns immer markante  Daten in der Planung eines Jahres und sie gehören auch  immer zu den jährlichen „highlights“.  Alle Konzerte aufzuzählen würde zu weit führen und  einige Werke herauszugreifen fällt schwer.

Das Jahreskonzert 2015:   Mendelssohns Oratorium Paulus und Carl Goerdeler

Am ehesten vielleicht das Jahreskonzert 2015 mit dem Paulus von Mendelssohn.  In diesem Werk geht es um den durch das sogenannte Damaskus-Erlebnis ausgelösten Wandel des Saulus zum Paulus, eine Umkehr, die Paulus mit seinem Leben bezahlt. In der Zeit, als wir das Werk einstudierten, beschäftigte ich mich etwas intensiver mit dem deutschen Widerstand- mit Inès, einer Historikerin und Kollegin meines Chors,  bereitete ich eine Veranstaltung zu diesem Thema vor. Und natürlich ging es dabei auch um den 20. Juli 1944. So lag es für mich nahe, eine gewisse Beziehung zwischen der Entwicklung des Saulus/Paulus und Carl Goerdelers zu sehen, zumal Mendelssohn-Bartholdy bei Goerdelers „Damaskus-Erlebnis“ eine wesentliche Rolle gespielt hat. Goerdeler war ja, als die Nazis 1933 an die Macht kamen, Oberbürgermeister in Leipzig gewesen und die Nazis sahen in seinem Fall  auch von einer „Gleichschaltung“, also seiner Ablösung durch einen Nazi-Gefolgsmann ab, weil Goerdeler immerhin ein Konservativer war, sich loyal gegenüber den neuen Machthabern in Berlin verhielt; dazu war er  in der Stadt sehr beliebt und ein Aushängeschild für die Messestadt. Noch 1936 wurde Goerdeler als Bürgermeister in seinem Amt bestätigt. Anlass für den Bruch mit den Nazis war das große Mendelssohn-Denkmal in Leipzig, das den Nazis natürlich ein Dorn im Auge war, das aber von Goerdeler entschieden verteidigt wurde. Für ihn war Mendelssohn neben Bach einer der großen Söhne seiner Stadt. Die Nazis nutzten aber eine Dienstreise Goerdelers, um Ende 1936 das Denkmal zu zerstören. Goerdeler sah bei seiner Rückkehr nur die Möglichkeit, aus Protest von seinem Amt zurückzutreten. In der Folgezeit näherte er sich dann immer mehr der Opposition gegen das Nazi-Regime an und gehörte zu dem Kreis, der das Attentat vom 20. Juli und den Sturz des Nazi-Regimes vorbereiteten. Goerdeler sollte  sogar, als parteiübergreifend anerkannte Persönlichkeit,  erster Kanzler eines von den Nazis befreiten Deutschlands werden. Aber tragischer Weise scheiterte das Attentat, Goerdeler wurde mit vielen anderen verhaftet und hingerichtet: So hatte Mendelssohn einen gewissen Anteil an dem Wandel Carl Goerdelers, und wie Paulus bezahlte er seine Überzeugungen mit dem Leben.

Da, wie ich auch anlässlich der mit Inès organisierten Veranstaltung feststellte, die Kenntnis des deutschen Widerstands in Frankreich wenig verbreitet ist, schrieb ich die nachfolgende Parallelgeschichte auf, die auf der homepage unseres Chors veröffentlicht wurde:

„Cent ans après sa mort, Mendelssohn a encore joué un rôle important 
et intéressant dans l’histoire de l’Allemagne.

Un épisode un peu parallèle avec le sort de Saulus/Paulus s’est déroulé dans les années 1930, au temps du nazisme. Le « Saulus/Paulus » en question était Carl Goerdeler, maire de la ville de Leipzig à l’époque. Il était conservateur, très populaire et prêt à coopérer avec les nazis, bien que n’étant pas lui-même membre du parti. Il était donc toléré par les autorités.
On ne le remplaça pas par un nazi comme ce fut le procédé normal partout dans le Troisième Reich dans le cadre de la « mise au pas » organisée dès 1933. Goerdeler fut réélu maire de Leipzig en 1936. En plus il reçut un haut poste dans l’administration économique du Reich.

Mais un désaccord apparut entre Goerdeler et les nazis de Leipzig, qui devint vite un bras de fer : c’était le monument de Mendelssohn devant le Gewandhaus dont il avait été le chef d’orchestre. Les nazis demandaient la destruction du monument. Dans leur idéologie raciste, Mendelssohn – même converti – était juif. Goerdeler refusait. Pour lui, Mendelssohn était tout simplement un musicien magnifique et, avec Bach, un des plus grands personnages de la ville.

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Das 2008 errichtete Mendelssohn-Denkmal in Leipzig, eine genaue Replik des 1936 zerstörten Denkmals von 1892   (4)

 

 

 

Profitant d’un voyage de Goerdeler à l’étranger à la fin de l’année 1936, les nazis détruisirent  le monument de Mendelssohn. A son retour, Goerdeler était furieux. Il protesta, demandant la reconstruction. En vain, naturellement. Fidèle à lui-même, il tira les conséquences  de cet affront au maître et démissionna de ses fonctions municipales.
Lui qui avait coopéré avec les nazis se rapprocha de plus en plus de l’opposition
et de la résistance contre Hitler. Il est même devenu membre du cercle qui a préparé et exécuté l’attentat du 20 juillet 1944. Les insurgés avaient prévu qu’après la mort
du Führer, Goerdeler deviendrait chancelier d’une Allemagne libérée par la résistance allemande.
Malheureusement l’attentat a échoué. Goerdeler fut arrêté et assassiné par les nazis.

Tel un Saulus devenu Paulus, Carl Goerdeler s’est sacrifié pour ses convictions. La destruction du monument de Mendelssohn à Leipzig fut sa propre expérience du chemin de Damas.“

Den Paulus habe ich diesem Jahr sogar noch einmal gesungen: Ein ehemaliger Mitschüler hatte mir bei einem Klassentreffen erzählt, er singe im Darmstädter Bachchor und man probe gerade den Paulus, und zwar für ein Konzert ausgerechnet in der Pauluskirche!  Das passte ja nun genau:  Und zwar nicht nur wegen des Namens. In dieser Kirche wurde ich nämlich  konfirmiert und ging auch in den Kindergarten!  Und so bat ich darum, den Paulus dort mitsingen zu dürfen, und es wurde akzeptiert.

Ein ganz besonderes Erlebnis!

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Konzerte in der UNESCO 

Neben den Jahreskonzerten des gesamten Chors  gibt es aber zusätzlich auch noch weitere musikalische Veranstaltungen des chœur de perfectionnement  und des petit chœur. Auch dazu nur eine kleine Auwahl:

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In den letzten Jahren  hat unser Chor an mehreren Konzerten in der UNESCO teilgenommen. Träger war „Espoir sans frontière“, eine Nicht-Regierungs-Organisation,  die sich vor allem für benachteiligte Kinder in Mittelamerika, aber auch in Frankreich engagiert.  Espoir sans frontière  ist wohl die einzige NRO, zu der ein Sinfonieorchester gehört. Das hängt damit zusammen, dass auch die musikalische Arbeit mit ihren Zielgruppen zu den Schwerpunkten der Organisation gehört.

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Weiterhin veranstaltet das Orchester Konzerte, die dazu dienen, die NRO bekannt zu machen und  für sie Geld zu sammeln. Ein Teil des Orchesters besteht aus professionellen Musikern, die sich so für eine gute Sache engagieren, aber es gehören auch nichtprofessionelle Musikliebhaber/Innen dazu. Beim  ersten Chorkonzert mit Espoir sans frontière“, an dem ich 2011 teilnahm,  wurde das 20-jährige Jubiläum der Organisation im großen Saal der UNESCO mit Beethovens 9. Sinfonie gefeiert, danach gab es weitere Konzerte z.B. mit dem Stabat mater von Rossini , dem Requiem von Verdi oder großen Chören aus italienischen Opern.

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Das Gebäude der UNESCO ist ein beeindruckender Bau. Sein Architekt war der Brasilianer Oskar Niemeyer, der auch die neue brasilianische Hauptstadt Brasilia plante. Der nackte Beton des Bauwerks, der heutigen ästhetischen Vorstellungen eher nicht mehr entspricht, wird gemildert durch die reiche künstlerische Ausstattung des Gebäudes, zu der u.a.  Picasso, Matisse und  Giacometti beigetragen haben, zu der aber natürlich auch Kunstwerke aus aller Welt gehören.

Giacometti L'homme qui marche

L’homme qui marche von Giacometti

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Römisches Mosaik aus Nordafrika

 

Das Deutsche Requiem von Brahms in der Kathedrale von Lisieux

Das Konzert in Lisieux 2015 war ein weiterer Höhepunkt, und zwar in zweifacher Hinsicht: Denn in einer großen gotischen Kathedrale zu singen, ist ganz wunderbar und für mich etwas  Neues und Besonderes.  Und dann stand auch noch das deutsche Requiem von Brahms auf dem Programm: ein sehr beeindruckendes Werk,  das mit einer ungewöhnlichen  Besetzung aufgeführt wurde,  nämlich timbales (Trommeln) und Orgel.

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Das Konzert, zu dem  sich die Sänger/innen des Gabriel-Fauré- Chors  von Lisieux und einige Mitglieder unseres Pariser Chors zusammengefunden hatten, war eingebettet in die Erinnerungs-Veranstaltungen an den Ersten  Weltkrieg. Das erklärt auch, warum es mit dem  Einzug von fahnentragenden und ordensgeschmückten Veteranen eröffnet wurde.

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Vor dem Beginn des Konzerts wurde in kurzen Ansprachen an die Situation von Lisieux im Ersten Weltkrieg erinnert:  Die Stadt lag gewissermaßen im hinteren  Frontbereich, war also nicht direkt von den Kampfhandlungen betroffen, spielte aber eine  Rolle bei der  Aufnahme von Flüchtlingen und Verwundeten. Hervorgehoben  wurde, dass speziell  zum Gedenken an diesen Krieg Brahms  deutsches Requiem ausgewählt wurde und dass dies eine Würdigung nicht nur dieses wunderbaren  Werkes, sondern auch der deutsch- französischen Freundschaft sei. Dazu passte  übrigens auch die gastfreundliche Aufnahme im Hause einer alten Dame, deren Tochter im Sinfonieorchester der Stadt Aachen Violoncello spielte.

 

Eine Messe zum Gedenken an  Camille Claudel in St Roch

Ein weiterer Höhepunkt war die Teilnahme unseres Kammerchors an einer von der Familie Claudel organisierten Messe für Camille Claudel.  Diese Totenmesse fand im Oktober 2018  in  der Kirche Saint Roch statt:  Im Faubourg Saint Honoré in der Nähe des Louvre, der Oper und der Comédie  Française  gelegen,  ist Saint Roch  seit 1925 die Paroisse  des Artistes, die Künstlerkirche- zunächst nur für die Mitglieder der Comédie Française, inzwischen auch  für Künstler anderer Sparten.   Es ist eine Kirche im klassischen Barockstil, zu der Ludwig XIV.- damals 14 Jahre alt-  den Grundstein legte. Sein Gartenarchitekt André le Nôtre, der Dramatiker Pierre Corneille, der Aufklärer und Enzyklopädist  Denis Diderot und der Rokokkomaler Fragonard sind hier bestattet.  Am Todestag von Molière wird in der Kirche in jedem Jahr eine Messe gefeiert.

Die Messe für Camille Claudel war von der Familie inititiert worden und fand  im  engen Familien- und Freundeskreis statt: Ein Akt der Versöhnung und Wiedergutmachung mit einer genialen Bildhauerin.  Camille Claudel war Assistentin und Geliebte Rodins gewesen. Dass ihr Rodin die versprochene Ehe dann doch verweigerte, trug wohl nicht unwesentlich dazu bei, sie aus der Bahn zu werfen. Unmittelbar nach dem Tod des Vaters, ihres familiären Rückhalts,  wurde sie in die psychiatrische Klinik von Montdevergues in der Nähe von Avignon abgeschoben, wo sie -von der Familie fallen gelassen- 30 Jahre interniert war, bis sie 1943 starb – eine von mehreren Zehntausenden von psychisch Kranken, die der vom Pétin-Regime praktizierten „extermination douce“ zum Opfer fielen. (4a)

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Auf dem Friedhof von Montfavet (Avignon) steht immerhin an der Stelle, wo ihre Überreste in einem Massengrab verscharrt wurden, seit 2008 ein Gedenkstein.

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Die Messe in Saint Roch war sehr würdig und eindrucksvoll. Dazu trugen die Nachkommen Paul Claudels bei, vor allem François Claudel;  der Priester, der in einer wunderbaren Rede Camille Claudel würdigte und dabei auch nicht die unrühmliche Rolle der Familie aussparte, und last but not least unser Chor, der Teile aus dem Requiem von Fauré und dessen Vertonung der Cantique von Jean Racine beisteuerte.

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Begleitet wurden wir dabei von Nicolas Jortie auf der historischen Orgel, die auf die ursprüngliche Orgel von 1751 zurückgeht- der Prospekt stammt noch aus dieser Zeit.

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Ein Erinnerungsfoto mit Camille Claudels Portrait aus dem Jahr 1884 im Mittelpunkt

Nach der Messe wurden alle Teilnehmer  noch in die chapelle du calvaire eingeladen – ein schöner Ausklang einer bewegenden Veranstaltung [5]

Zu Gast bei anderen Pariser Chören

In den vergangenen zehn Jahren habe ich aber nicht nur mit „meinem“ Chor gesungen, sondern war oft auch Gast bei anderen Pariser Chören. Dass ich diese Chance hatte, beruht auch auf zwei persönlichen Merkmalen:  Ich bin ein Mann und ich bin Deutscher. Das mag etwas merkwürdig  erscheinen, ist es aber keinenfalls: In den meisten Chören gibt es einen deutlichen Überschuss an Frauen, da ist man also, um in Konzerten wenigstens einigermaßen ein Gleichgewicht herzustellen, als Mann willkommen- gewisermaßen gibt es also hier mal ausnahmsweise eine Männerquote…. . Und außerdem ist es im Bereich der Musik,  so mein Eindruck, ein zusätzliches Plus, Deutscher zu sein.  Denn die Deutschen  verstehen zwar –nach landläufiger und nicht ganz unbegründeter französischer Auffassung-  wenig  von der haute cuisine und dem savoir vivre,  dafür aber durchaus einiges von der Musik. In dem wunderschönen Brahms-Buch L’Automne avec Brahms (Paris 2019)  bezeichnet der französische Musikkritiker Olivier Bellamy die Deutschen als „das erwählte Volk“ der Töne. (immerhin in Anführungsstrichen). So wie es eine wunderbare Verbindung zwischen Frankreich und der Litteratur gäbe, so eine entsprechende zwischen Deutschland und der Musik. (S. 60). Von einer derartigen Wertschätzung profitiert man/Mann und so stehen einem manche musikalischen Türen offen.  Die Kontakte wurden beispielsweise durch ehemalige Mitglieder unseres Chors hergestellt, die  in einen anderen Chor gewechselt sind. Oder ein Chor fragte an, ob es nicht Interessenten gäbe, die an einem geplanten Konzert teilnehmen wollen. Jedenfalls habe ich auf diese Weise als Gast  an zahlreichen Konzerten  teilgenommen. Für mich war dabei natürlich das erste Kriterium, ob ich das anstehende Werk hinreichend gut kenne, sodass ich ohne längere Probenteilnahmen mitsingen kann. Und ein anderes Kriterium waren die Orte, an denen die „auswärtigen Konzerte“ stattfanden. Das war dann die Kirche Saint Sulpice, die ich besonders liebe, oder die Madeleine, Saint Germain des Prés oder Saint Louis en Ile (auf der Ile Saint Louis). Im Folgenden werden einige dieser Konzerte und Orte vorgestellt.

Zwei  Konzerte in Saint Sulpice mit dem Chor Hughes Reiner für die Opfer des islamistischen Terrors 

In der Kirche Saint Sulpice zu singen, ist ein ganz besonderes Erlebnis. Nicht von ungefähr gibt es ja zwei Blogbeiträge zu dieser Kirche. Deshalb bin ich froh, im „Verteiler“ des Chors von Hughes Reiner zu sein, dessen Konzerte oft in dieser Kirche stattfinden. Und dazu ist Hughes Reiner, vom Figaro als „célèbre chef d’orchestre“ tituliert,  eine der markanten Gestalten der Pariser Chorszene. (6)

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Eine Tradition sind die jährlichen Silvesterkonzerte, an denen ich mehrmals teilgenommen habe: Da werden oft das Requiem von Mozart –gewissermaßen als Abgesang auf das alte Jahr- und Dvoraks Sinfonie aus der neuen Welt als Einstimmung auf das neue Jahr aufgeführt.

 

Besonders beeindruckend, ja geradezu spektakulär, waren die beiden Konzerte  aus Anlass der  beiden Pariser terroristischen Anschläge vom 7.1.2015 auf die Redaktion von „Charly Hebdo“ und vom 13. November 2015 u.a. und vor allem auf das Konzerthaus „Bataclan“. Dazu wurden Mitglieder zahlreicher anderer Chöre eingeladen, der Eintritt war frei und die Kirche übervoll: Eine wunderbare Möglichkeit, sein Mitgefühl mit den Opfern und seinen Abscheu vor dem islamistischen Terrorismus zum Ausdruck zu bringen und an einem einzigartigen sozialen und musikalischen Erlebnis teilzuhaben.

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Bei dem Konzert unter dem Motto „Je suis Charlie“ wurde  die Unvollendete Schuberts gespielt und das Requiem von Mozart gesungen. Auch wenn dieses Werk  zum Repertoire jedes Chorsängers gehört,  war es doch faszinierend, dass nach nur einer einzigen gemeinsamen Probe die etwa 300 Teilnehmer/innen aus etwa 15 verschiedenen Chören in einer bewundernswerten Exaktheit und Differenzierung gesungen haben, die bei anderen Konzerten  eher selten erreicht wurde.

Und außergewöhnlich war auch der Kreis der Zuhörer. So waren  Menschen -auch aus unserem Pariser Freundeskreis- gekommen, die sonst  nicht zu klassischen Konzerten gehen und schon gar nicht in einer Kirche. Aber das war ein Anlass für sie, eine neue und wichtige Erfahrung zu machen. Sehr eindrucksvoll war auch die Regie. Am Ende des Konzerts  deutete Reiner mit sparsamen Gesten an, dass auf Beifall verzichtet werden sollte. Dann sang der Chor das Ave Verum von Mozart Und dann kam es zu einer sehr langen, fast gar nicht enden wollenden Schweigeminute, ohne jedes Räuspern und Rascheln,  und alle verließen schweigend die Kirche- viele sicherlich wie wir mit den Gefühl, an einem außerordentlichen Ereignis teilgenommen zu haben: Einen Eindruck davon vermittelt die Aufnahme von youtube:

https://www.youtube.com/watch?v=OXeRPhcDx4k&app=desktop 

Ähnlich eindrucksvoll dann auch das Konzert für die Opfer der Anschläge unter anderem und vor allem auf das Konzerthaus Bataclan. Dabei kamen auch Vertreter der christlichen, jüdischen und muslimischen Gemeinde zu Wort, um gegen religiösen Fanatismus und für ein gemeinsames tolerantes Miteinander einzutreten.

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Plakat für das Konzert am 20. November 2015 (Ausschnitt)

 

Ein weiterer Höhepunkt der Konzerte mit dem Chor von Hughes Reiner fand im November 2016 in der Bourse de Travail in Paris statt – einem der hauts lieux der französischen Arbeiterbewegung.

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Anlass war das 100-jährige Jubiläum einer Unterorganisation der Gewerkschaft CGT. Und die engagierte Hughes Reiner, ihre Feier mit Beethovens Ode an die Freude aus der 9. Sinfonie zu krönen. Dass ich da natürlich sehr gerne dabei war, versteht sich.

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Hughes Reiner bei den Proben zu dem Konzert vor der Büste von Jean Jaurès, der an diesem Ort eine seiner letzten Reden gehalten hatte vor seiner Ermordung.

Angesichts der Raumverhältnisse in dem historischen Saal waren die vier Stimmen des Chors – etwas ungewöhnlich und schwierig- hufeisenförmig auf drei Seiten des Karrees postiert,  Aber alle Beteiligten haben das gemeistert und die Gewerkschaftler haben es uns mit großem Beifall gedankt. 

 

Und immer wieder: Konzerte in der Madeleine

Die weitaus meisten Konzerte, an denen ich in den letzten 10 Jahren teilgenommen habe, fanden in der Madeleine statt. Es ist eine imposante Kirche im Stil eines römischen Tempels auf der Achse zwischen dem Palais Bourbon, dem Sitz der Nationalversammlung, und der Place de la Concorde errichtet.

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Ursprünglich war der Bau von Napoleon als Ruhmeshalle für seine (in Russland arg zusammengeschmolzene)  Große Armee geplant, woraus immerhin nichts wurde.  Aber als in der Zeit des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe Napoleon wieder  hoffähig geworden war, wurde sein Bild im kaiserlichen Ornat  unübersehbar ins Zentrum des Apsis -Gemäldes platziert. 

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Die Madeleine hat bei vielen Musikfreunden einen schlechten Ruf wegen ihrer problematischen Akustik. Allerdings betrifft das nach meiner Kenntnis/Erfahrung nur die hinteren Ränge. Und ganz so schlecht kann die Akustik eigentlich nicht sein.

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Denn es gibt in der Kirche ein musikalisches Prunkstück, und zwar eine 1845/46 von Aristide Cavaillé-Coll gebaute Orgel. Camille Saint-Saëns und Fauré waren hier Organisten,  Franz Liszt, Clara Schumann, Anton Bruckner und viele andere haben auf dieser Orgel gespielt und hätten das kaum gemacht, wenn die Akustik wirklich so schlimm gewesen wäre. Auch für zahlreiche Musiker wurden die Totenmessen in der Madeleine gehalten, so -neben Camille Saint-Saëns und Fauré- auch für Frédéric Chopin, Jacques Offenbach und Charles Gounot.

 

Der im Stil der italienischen Renaissance gestaltete Prospekt der Orgel

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Die prominente Lage und das imposante Erscheinungsbild tragen wohl mit dazu bei, dass die Madeleine ein beliebter Ort für Konzerte ist. Besonders häufig steht dabei Mozarts Requiem auf dem Programm – das spielt bei den Chorwerken eine ähnliche Rolle  wie Vivaldis vier Jahreszeiten, die auch regelmäßig in Paris präsentiert werden.  Mich hat oft erstaunt, dass die große Kirche aber trotzdem immer wieder gut gefüllt war.

 

Ich vermute, dass es sich bei den Besuchern vor allem um Touristen handelte, die eben gerne einmal ein Konzert in der Madeleine erleben wollten. Das Requiem zu singen, wird mir aber nie langweilig: Es ist ein wunderbares Werk und dazu war es auch noch mein „Einstieg“ in das Chorsingen in Paris.

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Und immerhin erschöpft sich mein „Madeleine-Programm“ nicht mit Mozarts Requiem.

 

 

Lohnend ist der Besuch der Madeleine übrigens besonders zur Weihnachtszeit, wenn eine beeindruckende Krippe aufgebaut ist.

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Und für Fans von Johnny Holiday ist die Kirche sowieso ein Anziehungspunkt. Denn hier fand nicht nur seine Totenmesse statt, sondern es gibt auch weiterhin an jedem 9. eines Monats eine Johnny-Holiday- Messe  und sogar rechts hinter dem Eingang einen kleinen Altar für ihn!  [7]

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Das Mitsingkonzert  2018 in der Pariser Philharmonie

Zufällig hatte ich von Berliner Bekannten erfahren, dass 2018 ein Mitsingkonzert (sing along) in der Pariser Philharmonie stattfinden werde. Es handelt  sich  dabei um eine Initiative des Rundfunkchors Berlin und seines Dirigenten Simon Halsey. Amateursängern soll die Möglichkeit geboten werden, „einmal im Jahr mit einem Profi-Chor unter professionellen Arbeitsbedingungen proben und singen können.“[8]  Die Aufführungen finden immer in einer großen Konzerthalle statt, in der die maximal 1300 Teilnehmer, das Orchester und die Zuhörer Platz finden. Meistens war das die Berliner Philharmonie, aber gesungen wurde auch schon in anderen Städten wie Budapest, Wien, Barcelona… Die Chance, im Rahmen des  Mitsingkonzerts 2018 in der Pariser Philharmonie singen zu können, ließ ich mir natürlich nicht entgehen. Seit ihrer Eröffnung 2015 waren wir schon öfters bei Konzerten in der Philharmonie gewesen. Das von dem französischen Stararchitekten Jean Nouvel entworfene Gebäude  finden wir zwar teilweise nicht sehr überzeugend, aber der Konzertsaal ist grandios. Von allen Plätzen –selbst den billigsten-   hat man einen freien Blick auf die Musiker und hört –wie in diesem Jahr bei Barenboims Mondscheinsonate- jeden sanften Anschlag, als säße man ganz nahe dabei.

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Im Gegensatz zu dem traditionellen sing along  in der Londoner Royal Albert Hall   legt das Berliner Format der Mitsingkonzerte auch Wert auf eine gemeinsame Probenarbeit. In Paris begann die Veranstaltung am Freitag  Nachmittag mit einer ersten Probe. Weitere Proben gab es am Samstag und am Sonntag  Vormittag, nachmittags war dann die Aufführung.

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Begleitet wurden alle Proben von dem professionellen Berliner Rundfunkchor und dann auch  von  dem Orchester, dem Concerto Köln. Es war ganz deutlich zu hören, dass die Teilnehmer/Innen den Messias, der diesmal auf dem Programm stand,   sehr gut kannten. Er gehört ja auch zu den klassischen großen Chorwerken. Und in Berlin gab es, wie ich hörte, zusätzliche vorbereitende Angebote. Die Probenarbeit konnte sich insofern auf die Interpretation konzentrieren und das machte Simon Halsey ganz überzeugend: Sehr klar und zielgerichtet, aber  auch mit kleinen informativen Geschichten garniert und  mit seinem wunderbaren englischen Humor präsentiert. Dann den Messias mit über 1000 Sänger/innen in dem wunderbaren Raum der Pariser Philharmonie zu singen, war dann natürlich ein ganz besonderes Erlebnis. Einen kleinen Eindruck davon kann der kleine Film auf youtube vermitteln.[9]

 

Anmerkungen

[1] Näheres auf der homepage des Chors: http://lacrymavoce.com/

[2] http://www.matthieu-stefanelli.com/

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/La_Trinit%C3%A9_(Paris)

(4) Bild aus dem Wikipedia-Artikel über das Mendelssohn-Denkmal (Leipzig)

(4a) siehe diesen Beitrag speziell zu Camille Claudel:   https://www.midilibre.fr/2013/03/13/vichy-est-responsable-de-la-mort-de-camille-claudel,659049.php und allgemein:  http://diagonaledelart.blogs.liberation.fr/2018/04/30/lhecatombe-des-fous/ und  https://fr.wikipedia.org/wiki/Extermination_douce

[5]  Ein Beitrag über Erinnerungsorte von Camille Claudel (Villeneuve-sur-Fère, Nogent-sur-Seine,  Paris, Montfavet) steht auf dem Programm dieses Blogs. Bild der Orgel aus: https://de.wikipedia.org/wiki/St-Roch

(6) Die Kirche Saint Sulpice in Paris (1): Die Musik, die Krypta, Pigalle und die Säulen von Leptis Magna. https://paris-blog.org/2017/07/11/die-kirche-saint-sulpice-in-paris-teil-1-die-musik-die-krypta-pigalle-und-die-saeulen-von-leptis-magna/

Die Kirche Saint Sulpice in Paris (2): Der Gnomon, der Kampf mit dem Engel von Delacroix und das café de la mairie   https://paris-blog.org/2017/07/22/die-kirche-saint-sulpice-in-paris-teil-2-der-gnomon-der-kampf-mit-dem-engel-von-delacroix-und-das-cafe-de-la-mairie/

Le chœur Hugues Reiner

http://www.lefigaro.fr/musique/2015/11/19/03006-20151119ARTFIG00064-attentats-un-concert-a-saint-sulpice-rend-hommage-aux-victimes.php

[7] https://www.closermag.fr/people/johnny-hallyday-a-la-madeleine-une-messe-aura-lieu-tous-les-9-du-mois-en-l-ho-771346

[8] https://www.rundfunkchor-berlin.de/projekt/mitsingkonzert/

[9] https://www.youtube.com/watch?v=PBZByKjTx9c

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • Aux Belles Poules. Ein ehemaliges Bordell im Quartier Saint Denis
  • Von Montreuil nach Sansscouci: Die murs à pêches von Montreuil und die Lepère’schen Mauern im königlichen Weinberg von Sanssouci