Bilder des Monats November 2026:  Generalstreik am 5.11. in Paris: Eindrücke von der Demonstration

Aufgerufen zu dem Streik hat ein breites Bündnis von Gewerkschaften (CFDT, CGT, FO, UNSA, FSU) und gesellschaftlichen Gruppen.

Das Personal „unseres“ Schwimmbads im 11. Arrondissement war -wie auch sonst bei solchen Gelegenheiten- dem Streikaufruf gefolgt: „Aufgrund einer sozialen Bewegung ist das Schwimmbad geschlossen. Wir bitten, die daraus folgenden Einschränkungen zu entschuldigen.“

Die Gerüstbauer -auch hier schwarzafrikanischer Herkunft- die gerade am gegenüberliegenden Haus arbeiten, streikten allerdings nicht.

Als Route für die Demonstration hatten die Gewerkschaften eine Route von der Bastille zur Place de la Concorde geplant. Das war aber von der Polizei abgelehnt worden. Dafür durfte dann auf der traditionellen Route zwischen Place de la Nation und Place de la République demonstriert werden, also auf dem Boulevard Voltaire.

Die Demo-leidgeprüften Geschäfte dort hatten teilweise nach den letzten Demonstrationen die Verrammelung ihrer Läden gar nicht mehr beseitigt.

Mc Donald’s an der Place Voltaire

Die Apotheke am Platz hatte ebenfalls ihre Schutzmaßnahmen schon vorsorglich beibehalten, aber ausdrücklich darauf hingewiesen, dass weiterhin geöffnet ist.

„Apotheke geöffnet! Die Platten schützen uns vor Beschädigungen bei Demonstrationen… aber niemand hindert uns daran, dass wir uns um Sie kümmern“.

Entsprechend auch die Weinhandlung am Platz. („Heute geöffnet“) Bei dem Metzger gegenüber gab es allerdings keinerlei Vorsichtsmaßnahmen. Eine Metzgerei sei kein Ziel von Casseurs oder Plünderern, erklärte der Besitzer mir auf Nachfrage. Und außerdem -er deutete auf sein Messerarsenal- wisse er sich, wenn es darauf ankomme, zu verteidigen…

Dass allerdings manche Betriebe es vorziehen, sich ein ruhigeres Quartier zu suchen, ist nur allzu verständlich…

Die Polizei war mit einem beeindruckenden Aufgebot zur Stelle. Nach den Vorwürfen, die Polizei sei am 17. Oktober nicht auf die massiven Gewaltausbrüche vorbereitet gewesen, sollte diesmal ganz offensichtlich Präsenz und Einsatzbereitschaft demonstriert werden.

An der Place Voltaire, wo wir standen, waren die Seitenstraßen  gesperrt, um Abweichungen vom genehmigten Demonstrationsweg zu verhindern.

Da durften noch nicht einmal harmlose ältere Menschen passieren…

Die Demonstration – nach Angaben der Organisatoren sollen es in Paris etwa 350 000 Menschen gewesen sein- wurde von einem großen Polizeiaufgebot angeführt und eskortiert, aber sie verlief, so lange wir sie beobachten, ausgesprochen friedlich.

An der Place Voltaire gab es von einer Stadtteilgruppe, die auf ihre schwierige Lage aufmerksam machen wollte,  kostenlos Kaffee und Kuchen.

Die Gewerkschaften hatten zu dem Streik aufgerufen für höhere Löhne, den „pouvoir d’achat“ (Kaufkraft), gegen Einschränkungen beim öffentlichen Dienst und den von der Regierung vorgelegten „Sparhaushalt“. Fraglich allerdings, wie man einen Haushaltsplan mit dem exorbitanten Defizit von 5,4%  bei einem seit Jahren nicht eingehaltenen EU- Limit von 3% und einer Gesamtverschuldung von 119%, deren Finanzierung 2027 den größten Haushaltsposten ausmachen wird, als „Sparhaushalt“ bezeichnen kann.

Die hier vorgeschlagene Lösung: „Nehmen wir das Geld dorther, wo es ist: Reichensteuer!“

„Milliardäre: gemeinsamer Feind“

Geprägt war diese Demonstration wie die vorausgegangen Schülerproteste vor allem wieder von Jugendlichen.

Spruchband des Lycée Paul Éluard in Saint-Denis, dem Problem-Departement 93

… der sprichwörtliche Zorn: la colère…

Ein Wortspiel: enseigner= unterrichten; en saignant = und dabei blutet man.

Ein Plakat zur Polizeigewalt: Die bandagierte Hand bezieht sich auf Hände, die zwei jungen Demonstranten durch die Explosion von Polizeigranaten abgerissen wurden.

Es sind aber nicht nur die Schüler und Lehrkräfte der benachteiligten Banlieues, die demonstrieren. Sogar eine Gruppe von Studenten der elitären École Polytechnique war in ihren Uniformen dabei.

Und auch andere Gruppen waren beteiligt:

„1 Krankenschwester für 30 Patienten; 5 CRS-Polizisten für 1 Heranwachsenden“

Mit dabei auch eine blutende Marianne mit zerfetzter Fahne und der Aufschrift „Die Freiheit führt das Volk an“

Das ist der Titel eines Gemäldes von Delacroix aus dem Jahr 1830, das den Sturz der Bourbonen-Monarchie feiert. Jedes französische Schulkind kennt dieses Bild, und offenbar sehen sie darin auch den Auftrag revolutionärer Veränderung. Die Wörter „revolution“ und „revolte“ erscheinen jedenfalls immer wieder im oder am Demonstrationszug.

Und dann soll auch noch gleich Präsident Macron geköpft werden…

Aber vielleicht hilft ja auch die Erinnerung an die Pariser Commune..

Sehr stark präsent war in dem Demonstrationszug die Partei LFI (La France insoumise) des linken Präsidentschaftskandidaten Melenchon,  von der eifrig Flugblätter verteilt wurden. Melenchon hat nach gegenwärtigem Stand der Dinge beste Aussichten, mit Marine Le Pen in die zweite entscheidende Runde der Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr zu kommen.

„Das Abitur statt der Gummiknüppel“. Das Palästinensertuch passt gut zur LFI, die sehr deutlich die israelische Annexions- und Besatzungspolitik kritisiert, wobei ihr aber teilweise auch massiv vorgeworfen wird, die Grenze zum Antisemitismus zu überschreiten.

Es war sogar auch LFI-Prominenz vertreten: Dies ist Eric Coquerel, seit 2017 Abgeordneter aus dem Wahlkreis Seine-Saint-Denis, dem ärmsten festländischen Departement Frankreichs, von dem auch die Schülerproteste ausgingen. Coquerel ist Vorsitzender des Finanzausschusses der Assemblée Nationale, die derzeit das Budget 2027 berät: Gerade heute gab es dazu eine bemerkenswerte Abstimmung: Der von verschiedenen Seiten vielfach veränderte Regierungsentwurf wurde im Parlament ohne auch nur eine einzige ja-Stimme (!) abgelehnt…  Unklar, wie da noch in diesem Jahr ein Haushalt zustande kommen soll. Und erst recht, wie die Politik mit dem Zorn (la colère) vieler Menschen, ihren vielfach beklagten Alltagsproblemen und vor allem mit den Zukunftsängsten vieler junger Menschen umgehen soll und kann….

„Öffnet Eure Augen, öffnet Eure Herzen, Rettet die Demokratie, Verteidigt die Republik“ Wer wollte da widersprechen? Aber ob das hilft?

Alle Bilder des Beitrags von Frauke und Wolf Jöckel

Die Cevennen: Ort der Zuflucht für Verfolgte des Naziregimes und einer deutsch-französischen Résistance. 

2025 und 2026 sind zwei Bücher erschienen, die ein bisher eher weniger bekanntes und erforschtes Kapitel der deutsch-französischen Geschichte beleuchten:

Sophie Schifferdecker, Deutsche in der Résistance. (Schriften der Gedenkstätte Deutscher Widerstand 21) Berlin 2025

und

Annelie Buntenbach, Leben und Kämpfen in den Cevennen 1940 – 1944. Eine deutsch-französische Widerstandsgeschichte. Wallstein Verlag, Göttingen 2026

Auf diese beiden Publikationen stütze ich mich in dem nachfolgenden Beitrag.[1]

Es waren gerade die Cevennen, „wo die Bauern mühselig dem Boden ihren Lebensunterhalt abtrotzen“ (9), die in den 1940-er Jahren Zufluchtsort für von den Nazis aus rassistischen und/oder politischen Gründen verfolgte und schutzsuchende Menschen wurden. Buntenbach nennt verschiedene Faktoren, die dabei zusammengewirkt haben:

  • Die Cevennen haben eine lange und bedeutende protestantische Tradition: Es ist die einzige Region Frankreichs, „in der die Protestanten die große Mehrheit stellen.“ (53) Zwar wurde den Protestanten mit der Aufhebung des Edikts von Nantes durch Ludwig XIV. 1685 die Ausübung ihrer Religion verboten, aber die Hugenotten der Cevennen widersetzten sich dem: Sie hielten ihre Gottesdienste im Geheimen ab und trotzten im Camisardenkrieg (1702-1705) der Obrigkeit. Dieser Krieg, der von den königlichen Befehlshabern mit großem Truppeneinsatz und massiver Gewalt geführt wurde (verbrannte Erde, Entvölkerung der Cevennen),  bestärkte die überlebenden Hugenotten in ihrer „Grundüberzeugung, dass es im Zweifelsfall darum gehen muss, gehorsam gegenüber Gott und dem eigenen Gewissen zu sein, nicht gegenüber der Obrigkeit, … auch wenn das einen hohen Preis haben kann.“(55) Die lebendige Tradition von erlittener Verfolgung und die Identifikation mit den Camisarden spielte in den 1940-er Jahren bei der  Aufnahme von Flüchtlingen einen große Rolle.

1702 fand auf dem Feld von Champdomergue in den Cevennen die erste Schlacht des Camisardenkriegs statt. Im Zweiten Weltkrieg war es ein Ort des Widerstands.[2]

  • In den 1930-er Jahren „ließ sich eine Gruppe junger protestantischer Pastoren in den Cevennen nieder, um die Religion wieder zum Leben zu erwecken.“ (10) Sie engagierten sich bei der Aufnahme und dem Schutz von Geflüchteten. Dabei nutzten sie ihre vielfältigen Kontakte.  Durch ihre Besuche bei Gemeindemitgliedern wussten sie, wo es vertrauenswürdige, sichere Unterbringungsmöglichkeiten gab. Ein wichtiges Rettungsmittel war auch die Ausstellung gefälschter Taufscheine für jüdische Flüchtlinge (33).  Und bei all dem hatten die jungen Pastoren die volle Rückendeckung ihrer Kirchenoberen. Sechs dieser Pastoren wurden später von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ gewürdigt, fünf davon gemeinsam mit ihren Ehefrauen. (34)
  • „In den 1930er Jahren, am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, waren die Cevennen rot- ein seltenes Beispiel für bäuerlichen Kommunismus… Die Aufnahme ehemaliger Spanienkämpfer… stärkte die örtliche Linke und bereitete den Boden für die Aufnahme weiterer Flüchtlinge“. (9/10) Und dabei gab es eine enge Kooperation mit den evangelischen Pastoren.[3]
  • Ein wichtiger, ja entscheidender Faktor bei der Aufnahme von Flüchtlingen war die Topografie der Cevennen, eine „zerklüftete, schroffe Landschaft mit ihren Schluchten,  Wasserläufen, Tälern, der dichten Vegetation.“ (11) Kleine Dörfer, abgeschiedene Weiler und isolierte Gehöfte und Jagdhütten boten viele Möglichkeiten, Flüchtlinge zu verstecken.

Bild einer Cevennenlandschaft: Auf dem Weg nach La Fare in den Cevennen scheint jedes Haus ein Versteck zu sein.© Privat | Stefan Brändle[4]

  • Und diese konnten auch in einer Zeit staatlich geregelter Lebensmittelzuteilung versorgt werden, weil viele der kleinen Landwirtschaften weitgehend autark waren und von ihren Erträgen etwas abzweigen konnten. Zur Versorgung der Flüchtlinge trugen auch ganz erheblich die Esskastanien bei: Die Wälder der Cevennen bestehen zu großen Teilen aus Kastanienbäumen, die Ernte des Jahres 1943 war grandios“. (32) Da bewährte sich die Kastanie als wesentlicher Bestandteil der Versorgung von Flüchtlingen.

Die Hilfe für die Verfolgten bedeutete für die Bevölkerung ein hohes Risiko gegenüber der Vichy-Polizei und den Nazis, vor allem, nachdem die Wehrmacht im November 1942 auch die sogenannte „freie Zone“ Frankreichs besetzt hatte.  Dieser Rettungswiderstand war „Akt der Menschlichkeit und Solidarität“, der für viele der Helfer selbstverständlich war. Ein Bauer aus den Cevennen brachte es auf den Nenner: „Nous devions le faire. Nous l’avons fait. C’est tout.“ Wir mussten es tun. Wir haben es getan. Das ist alles. (37 und 155)

Buntenbach möchte mit ihrem Buch an die „Stillen Helden“ erinnern. „Sie haben die Welt zu einem menschlicheren Ort gemacht. Die Bevölkerung in den Cevennen -mit ihren engagierten protestantischen Pastoren und der starken Linken in der Region- hat hier einen großartigen Beitrag geleistet, der mehr Aufmerksamkeit und Würdigung verdient, auch und gerade in Deutschland, woher ja die meisten Verfolgten des Naziregimes gekommen waren.“ (154)  

Die Cevennen waren aber nicht nur ein Ort des Rettungswiderstands, sondern dort kämpften auch Franzosen und Deutsche gemeinsam gegen die deutschen Besatzungstruppen. Bei ihrer Darstellung dieser deutsch-französischen Widerstandsgeschichte stützt sich Buntenbach neben vielen Berichten von Zeitzeugen auch auf die 2025 erschienene Dissertation von Sophie Schifferdecker über Deutsche in der französischen Résistance: die erste umfassende Darstellung dieses Gegenstandes und ein großer „Beitrag zur Schließung einer gravierenden wissenschaftlichen Lücke.“ (147) Schifferdecker hat auf der Basis von Dokumenten aus vielen Archiven etwa 2300 Deutsche identifizieren können, die sich der Résistance anschlossen – und das sind vermutlich nicht alle. Und sie hat die vielfältigen Formen des Engagements beschrieben: So etwa das Drucken von Flugschriften in deutscher Sprache, um Wehrmachtsangehörige zu beeinflussen, Kontakte mit Vertretern der Besatzungsmacht, um wichtige Informationen zu erhalten, und nicht zuletzt der Kampf mit den Waffen in der Résistance. Ein Zentrum dieses deutsch-französischen Widerstands waren die Cevennen. Spezialistin für diese Region ist Annelie Buntenbach, die dort auch im Rahmen von Arbeit und Leben des DGB Kurse organisiert.[5]

Die Résistance-Kämpfer waren in Gruppen organisiert, den Maquis. Der Maquis Montaigne, benannt nach dem Decknamen eines Kämpfers, umfasste zwischen 50 und 75 Männer unterschiedlicher internationaler Herkunft: Franzosen, Spanier, Polen, aber auch zeitweise mehr als 40 Deutsche. Damit stellte dieser Cevennen-Maquis „die größte Gruppe von Deutschen, die in Frankreich in und mit der französischen Résistance gekämpft haben.“ (70) Die meisten dieser Deutschen waren Kommunisten, darunter auch ehemalige Spanien-Kämpfer. Auch wenn sie eindeutige Antifaschisten waren, wurden sie mit dem Beginn des Weltkriegs als feindliche Ausländer interniert.[6] Es folgte dann im Allgemeinen ein Arbeitseinsatz in der Landwirtschaft oder der Industrie, wo Kontakte untereinander und mit der Résistance geknüpft werden konnten.  Als sich im März 1943 Hinweise auf eine Verhaftung und Deportation häuften, gingen einige in den Untergrund, manchmal auch gegen den Wunsch der KPD-Oberen in Marseille, die ihre Mitglieder anwies, nach Deutschland zurückzukehren, auch wenn dies zunächst KZ-Haft bedeute. Aber der Krieg dauere nicht mehr lange, der Sieg der Sowjetunion stehe unmittelbar bevor.  Zunächst waren die Maquis eher Orte der Zuflucht als Kampfverbände. Das änderte sich vor allem nach der Einführung eines Pflichtarbeitsdienstes in Deutschland für junge Franzosen (STO – Service du travail obligatoire). „Vor die Entscheidung gestellt, nach Deutschland zu gehen oder in Maquis, entschieden sich viele der jungen Männer dafür, sich dem Zugriff der Behörden zu entziehen und abzutauchen…. Dieses Gesetz markierte einen Wendepunkt in der Entwicklung des französischen Widerstands.“ (68/69). Und es begünstigte die Integration der Deutschen in die Résistance: Denn viele brachten militärische Erfahrungen mit, hatten im Spanischen Bürgerkrieg gegen Franco gekämpft, manche sogar schon im Ersten Weltkrieg, andere hatten sich in der Fremdenlegion verpflichtet, um der Internierung zu entgehen. Dazu trug auch die Verfolgungsgeschichte der Deutschen dazu bei, „einen Zugang zu den jungen Partisanen zu erhalten und deren Vertrauen zu gewinnen.“[7]

Dieses Foto wurde im April 1943 aufgenommen. Es zeigt eine Maquis-Gruppe mit vier Deutschen und einem Franzosen. Ganz rechts Otto Kühne, Spanienkämpfer,  in der Weimarer Republik Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats der Reichsbahn in Berlin und Fraktionssekretär der KPD-Reichstagsfraktion. Kühne war als Chef des kommunistischen Maquis (FTP-Moi) der Départements Lozère, Ardèche und Gard einer der ranghöchsten deutschen Maquisards.[8]

Ein großes und ständiges Problem war die Versorgung und Bewaffnung des Maquis. Anfangs bestand die Ausrüstung nur aus alten, teilweise auch deutschen Gewehren, die sie von Bauern der Cevennen erhalten hatten: Das waren Souvenirs, die französische Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg mitgebracht hatten und die dann für die Wildschweinjagd genutzt wurden. Damit konnte man sich notdürftig gegen Versuche der Vichy-Miliz wehren, die Cevennen zu „säubern“. Das änderte sich erst nachhaltig, als die bis dahin streng getrennten Widerstandsgruppen der Kommunisten (FTP-Moi) und der Gaullisten (Armée Sécrète) sich im Februar 1944 zu den Forces Françaises de l’Intérieur (FFI) zusammenschlossen. Denn jetzt erhielt der kommunistische Maquis auch einen Anteil an den Waffen für die Résistance, die die Alliierten mit Fallschirmen abwarfen.[9] Damals war es die von den Alliierten unterstützte Aufgabe der Résistance, vor allem die in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Transportwege zu unterbrechen: Die Verlegung von im Inland stationierten deutschen Truppen an die Normandie-Front sollte erschwert oder unmöglich gemacht werden.[10] In den Cevennen begann im April 1944 der sogenannte „Schienenkrieg“. Die Verbindungen wurden massiv gestört, Schienen beschädigt, Wehrmachtszüge gestoppt und Waggons ausgeräumt. Eine erfolgreiche Kampagne, wie der Anführer der FFI in der Lozère bestätigte.[11]

Am 15. August 1944 führten die Alliierten eine Landungsoperation in der Provence durch und eröffneten damit in Frankreich eine zweite Front. Die Wehrmacht wurde zum Rückzug gezwungen, die Résistance, an der Spitze die „deutsche“ 104. Kompanie,  konnte am 24. August kampflos in das von den deutschen Truppen geräumte Nîmes einrücken.

Am 4. September fand in Nîmes ein Marsch zur Feier der Befreiung von Nîmes statt. An der Spitze vier deutsche Maquisards mit der Tricolore und dahinter ein großes Transparent mit den Stationen der bewaffneten Auseinandersetzungen.[12] Die Deutschen, die „in den Cevennen der Camisarden“[13] gekämpft hatten, wurden in Frankreich ausgezeichnet und geehrt. Erster Stadtkommandant von Nîmes nach der Befreiung war sogar ein Deutscher. Auch Straßen und Plätze wurden nach ihnen benannt, Gedenksteine und -tafeln erinnern an den gemeinsamen Kampf.

Schwerer tat man sich in Deutschland mit den deutschen Maquis-Kämpfern. Sie wurden in der sowjetisch besetzten Zone zwar zunächst mit Blumen empfangen, gerieten dann aber als mögliche Westagenten in den Focus der Staatssicherheit. Otto Kühne beispielsweise wurde seines Amtes als Leiter der Hauptabteilung Verkehr der Deutschen Wirtschaftskommission enthoben. Später, als Bürgermeister von Brandenburg an der Havel eingesetzt, musste er nach dem 17. Juni 1953 zurücktreten, weil er nach Auffassung der stalinistischen Machthaber nicht entschlossen genug gegen die Demonstranten aufgetreten war.[14] Andere traf es noch schlimmer: Verurteilungen, Haft unter schlimmsten Bedingungen…

In der Bundesrepublik hatten die dorthin zurückgekehrten Maquis-Kämpfer „neben dem virulenten Antikommunismus… oft mit dem Vorwurf zu kämpfen, sie seien Vaterlandsverräter, die Deutschland in schweren Zeiten im Stich gelassen hätten“ (145) – ein Vorwurf, der ja noch Anfang der 1960-er Jahre den damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Willy Brandt traf.  „Selbst der versuchte Tyrannenmord war … erheblich leichter zu vermitteln als deutsche Beteiligung an der Résistance.“[15] Auch im wiedervereinigten Deutschland wurde dieser Widerstand nicht gewürdigt. „1994 war der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl vom französischen Präsidenten François Mitterand eingeladen, um als Gast der Parade zum französischen Nationalfeiertag am 14. Juli beizuwohnen, bei der zum ersten Mal auch die Bundeswehr mitmarschieren sollte.“ Die französische Regierung hatte auch schon die Einladung für etwas 20 deutsche Résistance-Kämpfer vorbereitet. „Kohl lehnte jedoch eine Einladung der Deutschen ab: Das seien Kommunisten…“ (149)

Die Bücher von Buntenbach und  Schifferdecker würdigen die „Stillen Helden“, die in den Cevennen Verfolgte aufnahmen und schützten, und die Maquis-Kämpfer, die ihr Leben im Kampf gegen das Nazi-Regime einsetzten: Beispiele großen menschlichen Engagements und europäischer Solidarität.

Ich danke Heiner Piepho für den Hinweis auf das Buch von Buntenbach.


Anmerkungen

[1] Lesezeit: 11 Minuten

Die Ziffern nach Zitaten sind Seitenangaben des Buchs von Buntenbach.

[2] Siehe Buntenbach, S. 60/61. Bild aus: http://www.champdomergue.fr/Photos/photos/Champdomergue-Camisards.jpg

[3] Buntenbach berichtet zum Beispiel von dem in einem Lager internierten kommunistischen Spanienkämpfer Richard Hilger, der von einem Pfarrer eine Taufurkunde erhielt, durch die er der Deportation nach Deutschland entging. In den Cevennen konnte er dann mit Hilfe eines weiteren Pfarrers untertauchen, der ihn mit den Worten begrüßte, Spanienkämpfer seien hier immer willkommen.

[4] Aus: Stefan Brändle, Granaten aus Konservenbüchsen: Wie deutsche Partisanen in den Cevennen kämpften. In: Berliner Morgenpost vom 25.9.2026 Berliner Morgenpost

https://www.morgenpost.de/politik/article413017988/granaten-aus-konservenbuechsen-wie-deutsche-partisanen-in-den-cevennen-kaempften.html

[5] Zum deutsch-französischen Widerstand in den Cevennen siehe/höre auch die nachfolgend angegebene Sendung Zeitzeichen, in der auch Annelie Buntenbach zu Wort kommt. https://www1.wdr.de/mediathek/audio/zeitzeichen/audio-resistance-in-den-cevennen—der-held-ist-die-gemeinschaft-100.html

[6] Eines dieser Internierungslager war Les Milles bei Aix-en-Provence. Siehe: https://paris-blog.org/2016/04/18/exil-in-frankreich-sanary-les-milles-und-marseille/

[7] Schifferdecker, Deutsche in der Résistance, S. 327

[8] Die Maquis-Gruppe Bonnecombe, rechts Otto Kühne.© Fonds Marcel Pierrel, Archives départementales de la Lozère  Siehe Buntenbach S. 71ff und 117. Auf Seite 74 Abdruck des Fotos. Siehe auch: Stefan Brändle, 40 Deutsche kämpften im Maquis – und Kohl wollte sie 1994 verstecken. Aus Frankfurter Rundschau vom 29.9.2026   https://www.fr.de/kultur/40-deutsche-kaempften-im-maquis-und-kohl-wollte-sie-1994-verstecken-94516358.html und  https://www.msn.com/de-de/nachrichten/other/40-deutsche-k%C3%A4mpften-im-maquis-und-kohl-wollte-sie-1994-verstecken/ar-AA2dcEeB

[9] Vorher war das wegen des Misstrauens der Weltalliierten gegenüber den Kommunisten und wegen der Kritik der Gaullisten am erst spät einsetzenden kommunistischen Widerstand anders. Die Kommunisten hatten sich ja als treue Gefolgsleute Stalins bis zum Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion an den Nichtangriffspakt Hitlerdeutschlands mit der Sowjetunion gehalten.

[10] So schickte de Gaulle auch 150 in Großbritannien ausgebildete Fallschirmspringer ins Land, die Kontakt mit der Résistance aufnehmen und an Sabotage-Aktionen teilnehmen sollten. Schifferdecker, Deutsche in der Résistance, S. 398.  Einer davon war unser Freund Rémi Dreyfus.

[11] Schifferdecker, Deutsche in der Résistance, S. 399

[12] Bild in: Buntenbach, Leben und Kämpfen in den Cevennen, S. 66 und 89.  Entsprechend: https://www.morgenpost.de/politik/article413017988/granaten-aus-konservenbuechsen-wie-deutsche-partisanen-in-den-cevennen-kaempften.html

[13] Zitiert von Buntenbach S. 132 aus Brès, Éveline/Brès, Yvan, Un maquis d’antifascistes allemands en France (1942-1944). Montpellier 1987

[14] Siehe Buntenbach, Leben und Kämpfen in den Cevennen, S. 133/134

[15] Mallmann, Klaus Michael, Frankreichs fremde Patrioten. Deutsche in der Résistance. In: Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch 15 (1997), S. 35. Zitiert von Buntenbach, S. 146

Leonora Carrington: Eine Malerin des Surrealismus – vor, mit und nach Max Ernst.

Der Name Leonora Carrington war mir, das muss ich gestehen, völlig unbekannt, bis wir vor Jahren auf dem Weg an die Côte d’Azur in Saint-Martin-d’Ardèche Station machten und zufällig auf das alte Haus am Rand des Ortes stießen, in dem Max Ernst und Leonora Carrington von 1937 bis 1939 gelebt und eine glückliche Zeit verbracht hatten. Gemeinsam hatten sie es zu einem Gesamtkunstwerk des Surrealismus umgestaltet. Es war ihr gemeinsames „paradis ardèchois“ (1): Aber das von Leonora Carrington gekaufte Haus trägt gemeinhin den Namen „maison Max Ernst“, eine Straße in dem Ort ist nur nach ihm benannt wie auch die kleine Ausstellung im Tourismusbüro: „espace Max Ernst“. (2)

Die Entdeckung des Hauses in Saint-Martin-d’Ardèche war damals ein Anlass, mich auch für die Frau zu interessieren, die dort mit Max Ernst zusammengelebt hat. Aber dieses Interesse war doch im Wesentlichen auf die wenigen gemeinsamen Jahre in Südfrankreich beschränkt. Eine höchst willkommene Gelegenheit, mehr über Leonora Carrington zu erfahren, war eine allein ihr gewidmete Ausstellung im Musée du Luxembourg (Februar bis Juli 2026). (3) Natürlich wurden dort auch die Beziehung mit Max Ernst und das Haus in Saint-Martin-d’Ardèche gewürdigt. Aber betont wurde die Eigenständigkeit der Künstlerin, die es entschieden ablehnte, als „Muse“ von Max Ernst zu firmieren. Schon als Jugendliche beschritt sie einen eigenen künstlerischen Weg. Und ihre Zeit und ihr Schaffen in Mexiko, wo sie von 1941 bis zu ihrem Tod 2011 lebte, bildete den Schwerpunkt der Ausstellung. Herausgetreten aus dem Schatten von Max Ernst, wurde sie in Mexiko zu einer Ikone des Surrealismus.

Sisters of the Moon

Geboren wurde Leonora Carringten 1917 in Nordengland. Ihre Mutter war Irin, ihr Vater reicher Erbe der Textil-Firma Carrington Cottons. Wegen ihrer Unangepasstheit muss Leonora mehrfach die Schulen wechseln und wird schließlich von ihren Eltern nach Florenz geschickt, wo sie die Malerei entdeckt. Dort entsteht eine Serie von Aquarellen, die das damals 15-jährie Mädchen „Sisters of the Moon“ nennt.

Nach England zurückgekehrt, unternehmen die Eltern große Anstrengungen, Leonora in die „bessere Gesellschaft“ und den königlichen Hof Georgs V. einzuführen. Ohne Erfolg: Leonora will Malerin werden und tritt in die von dem französischen Maler Amadée Ozenfant in London gegründete Kunstakademie ein. Im Rahmen ihrer Ausbildung besucht sie die International Surrealist Exhibition, die erste surrealistische Ausstellung auf englischem Boden. Dort entdeckt sie ein Bild von Max Ernst. (4)

Das 1923 entstandene Gemälde gilt weithin „als emblematisches Werk der surrealistischen Bewegung, das durch seinen innovativen Ansatz in Bezug auf Komposition und Thema Generationen von Künstlern beeinflusst hat.“ (5) Zu ihnen gehört auch Leonora Carrington. Es bestärkt sie in ihrem Wunsch, Malerin zu werden. Das Gemälde trifft genau ihr eigenes Wunschbild von Malerei: So möchte sie auch malen und unbedingt den Maler, den sie als Seelenverwandten sieht, kennenlernen.

Saint Martin d’Ardèche und Max Ernst

1937 trifft Leonora Carrington Max Ernst auf einer Vernissage in London: Von „Liebe auf den ersten Blick“ zu sprechen, würde der elementaren Wucht dieser Begegnung nicht gerecht. Im Französischen gibt es dafür den Ausdruck coup de foudre, Blitzeinschlag, und zwar für sie und auch ihn. Leonora Carrington, „l’aristo rebelle“, folgt Max Ernst nach Paris, der sie in den Kreis der Surrealisten um André Breton einführt. Ihre Bilder werden von der ganzen Gruppe bewundert. (6)

So auch ihr Autoportrait (Inn of the Dawn Horse) von 1937, in dem sie das Ende der Jugend, symbolisiert durch das an der Wand hängende Schaukelpferd, und ihren Wunsch nach Freiheit, symbolisiert durch das davon galoppierende weiße Pferd vor dem Fenster, thematisiert. (7)

Diese Freiheit finden bei dann, fernab von Paris, in Saint-Martin d’Ardèche. Leonora hat die Beziehung zu ihrem Vater abgebrochen, der Max Ernst wegen pornographischer Malerei angezeigt hat, Max Ernst hat sich von seiner psychisch erkrankten zweiten Frau, Marie-Berthe Aurenche, getrennt. Les Alliberts, das alte am Ortsrand gelegene Haus aus dem 17. Jahrhundert, wird zu ihrem Zufluchtsort und zu einem Ort gemeinsamen künstlerischen Schaffens.

Von Leonora Carrington bemalte Schranktüren aus dem Haus von Saint-Martin d’Ardèche (Privatsammlung)

Ein bemaltes Fenster des Hauses von Saint-Martin (Privatsammlung)

Aufnahmen der amerikanischen Fotografin Lee Miller bei ihrem Besuch in Saint-Martin 1939 (Lee Miller Archive)

Es gibt auch eine Reihe von Portraits, die Lee Miller von Max Ernst und Leonora Carrington aufgenommen hat:

Max Ernst und Leonora Carrington, Lamb Creek, Cornwall, England 1937

In Saint-Martin d’Ardèche entstand das Gruppenbild mit Max Ernst und dem französischen Dichter Paul Éluard (rechts im Bild):

Es waren viele Freunde aus dem Kreis der Pariser Surrealisten, die damals nach Saint-Martin-d’Ardèche kamen. Neben Lee Miller und dem Ehepaar Éluard u.a. auch der argentinischen Malerin Leonor Fini, der Fotograf Man Ray oder Tristan Tzara, ein später zum Surrealismus gewechselter Begründer des Dadaismus.

Lee Miller, Leonora Carrington in Saint Martin d’Ardèche 1939. Lee Miller Archive

Neben der geneinsamen Arbeit an der Ausstattung und Ausschmückung des Hauses gibt es auch andere gemeinsame Projekte. So illustriert Max Ernst den 1939 erschienenen Roman Leonora Carringtons La Dame ovale. (8)

Lee Miller, Leonora Carrington und Max Ernst 1939 in Saint-Martin d’Ardèche

Von längerer Dauer war das Glück der beiden in Saint-Martin d’Ardèche allerdings nicht. Darauf verweist auch Carringtons Selbstportrait mit Max Ernst aus dem Jahr1938. (Privatsammlung):

Beide sind mit ihren alter egos dargestellt: Leonora Carrington mit einem Pferd -und Haaren wie einer Pferdemähne: Ausdruck weiblichen Selbstbewusstseins, Max Ernst mit dem Federkleid seines Vogels Loplop. Das Bild ist unvollendet- bedingt durch das abrupte Ende der gemeinsamen Jahre in Saint-Martin.

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wird Max Ernst nämlich als potentieller feindlicher Ausländer verhaftet – dass er für die Nationalsozialisten ein „entarteter Künstle“ und ausgewiesener Antifaschist war, zählte da nicht. Zunächst wurde er im Lager Largentière (Ardèche) interniert, dann, für einige Monates entlassen, im Lager Les Milles bei Aix-en-Provence. Traumatisiert von ihrem Alleinsein in Saint-Martin und dem Verlust von Max Ernst sucht Leonora Carrington mit Freunden Zuflucht in Spanien. Dort erwartet sie allerdings die „Hölle von Santander“: In einer psychischen Krisensituation wird sie auf Betreiben ihres Vaters und gegen ihren Willen in die psychiatrische Klinik von Santander eingeliefert und dort von dem zuständigen Arzt, Dr. Morales, einer höchst problematischen medikamentösen Schocktherapie unterworfen.

Tête (Kopf). Vermutlich handelt es sich die Studie für ein Portrait von Dr. Morales. Um 1940 (9)

Max Ernst hat die Erfahrungen Leonora Carringtons, die Kafka noch übertroffen hätten, 1940 zum Thema eines Bildes gemacht: The Spanish Physician. (The Art Institute of Chicago):

Der Titel bezieht sich auf den Arzt, der Leonora eine unmenschliche Behandlung verordnete. Er ist auf dem Bild links als groteske und bedrohliche Gestalt zu sehen, neben einem gigantischen Pferd, beide versteinert. Leonora flieht angsterfüllt und verliert dabei ein Tuch in Gestalt eines Vogels, der auf Max Ernst verweist. (10)

In dieser Zeit großer Umbrüche und persönlicher Tragödien entstehen zwei wechselseitige Portraits: Das von Max Ernst in eisiger Landschaft (National Gallery of Scotland) und das von Leonora Carrington (Leonora dans la lumière du matin, Privatsammlung). (11)

Die Wege von Leonora Carrington und Max Ernst trennen sich aber nun. Max Ernst kann mit Hilfe von Varian Fry, Leiter des Emercency Rescue Committy, und der Kunstsammlerin Peggy Guggenheim, die er 1941 heiratet, in die USA entkommen. Leonora Carrington heiratet den mexikanischen Diplomaten Renato Leduc, um ihren Status zu legalisieren und sich der Vormundschaft ihres Vaters zu entziehen. Nach einer Zwischenstation in New York lassen sie sich in Mexiko nieder, das nun Leonora Carringtons neue Heimat wird.

Die mexikanische Wiedergeburt

Mexiko war für Leonora Carrington „le lieu surrealiste par excellence“. Mexiko faszinierte die Surrealisten, vor allem aufgrund der Berichte von Antonin Artaud und André Breton über ihre mexikanischen Reisen 1936 und 1938. (13)

In Mexiko entwickelte Leonora Carrington einen ganz spezifischen eigenen Malstil, der „schwer einer bestimmten Strömung zuzuordnen“ ist. (12) Es ist eine Form des Surrealismus, in der europäische Avantgarde, keltische Mythologie, Alchemie und Esoterik mit mexikanischen und indigenen Elementen in einer ganz eigenen Welt verbunden sind. Man hat diesen Prozess denn auch als „mexikanische Wiedergeburt“ bezeichnet. (14)

Caballos (1941)

Ich verstehe die Botschaft dieses Bildes so, dass Leonora Carrington ihre Freiheit gefunden hat und sie selbstständig und selbstbewusst auf Entdeckungsreisen in neue Welten gehen und neue künstlerische Ausdrucksformen entwickeln kann.

In der Ausstellung im Musée du Luxembourg bildete die mexikanische Zeit Carringtons den Schwerpunkt. Ich habe mich etwas durch diesen Teil der Ausstellung treiben lassen. Ich bin kein Spezialist des Surrealismus und ich sah mich außerstande, den vielfachen Bedeutungsschichten ihrer mexikanischen Werke gerecht zu werden. Angezogen und fasziniert haben mich aber viele Details ihrer Werke, in denen sich ja auch ihre „unverkennbare Handschrift“ zeigt. (14)

Nachfolgend einige Beispiele:

Mars Red Predella (1946) Ausschnitte

The Elements (1946). Das großformatige Gemälde ist auch unter dem Namen „Les Émigrants“ bekannt und stellt eine kollektive Suche nach einer neuen Heimat dar. Mit seinen vielfältigen Details erinnert es an die „Wimmelbilder“ flämischer Meister.

Manchmal dachte ich beim Betrachten ihrer Bilder auch an die phantastischen Figuren des Hieronymus Bosch.

Der Bezug zu Bosch ist ganz eindeutig bei dem Gemälde Las tentationes de San Antonio von 1945 (Privatsammlung).

Es bezieht sich auf Boschs Gemälde Die Versuchung des Heiligen Antonius, das Leonora Carrington 1940 nach ihrer Flucht aus Frankreich im Madrider Prado gesehen hatte. Ihre Adaptation des Werks entstand im Rahmen eines Wettbewerbs, an dem auch u.a. Salvador Dali, Max Ernst und dessen dritte Frau Dorothea Tanning teilnahmen.

Das alchimistische Feuer symbolisiert nach der Information des Ausstellungs-Begleittexts den Sieg über die Versuchungen.

Sehr beeindruckt hat mich auch das Gemälde Orplid aus dem Jahr 1955. Der Titel bezieht sich offensichtlich auf Eduard Mörikes Gedicht Gesang Weylas, in dem er ein erträumtes idyllisches Land beschreibt. (15)

Du bist Orplid, mein Land!
Das ferne leuchtet;
Vom Meere dampfet dein besonnter Strand
Den Nebel, so der Götter Wange feuchtet.

Carrington macht dieses Land zum Schauplatz einer fantastischen Prozession, angeführt von einem geflügelten Drachen und einer auf einer Sänfte getragenen nackten weißen Frau.

Nach einem bewegten Leben voller großer Herausforderungen hatte Leonora Carringten in Mexiko zwar sicherlich nicht das Land Orplid gefunden, aber einen Ort, wo sie endlich frei und selbstständig ihren eigenen Weg finden und gehen konnte.

Anmerkungen

(1) Éditions Beaux Arts, Leonora Carrington. Musée du Luxembourg. Paris 2026

Lesezeit: 10 Minuten. Alle Fotos des Beitrags, aufgenommen in der Ausstellung des musée du Luxembourg, von Wolf Jöckel

Titelbild: Ausschnitt aus dem Gemälde Orplid von 1955 (siehe unten)

(2) https://fr.wikipedia.org/wiki/Maison_de_Max_Ernst Immerhin bekennt ein Kurator der Ausstellung im Musée du Luxembourg, dass er zum ersten Mal den Namen Leonora Carrington im Zusammenhang mit dem von Max Ernst gehört habe… Beaux Arts, S. 4

(3) https://museeduluxembourg.fr/fr/agenda/evenement/leonora-carrington

(4) Bild aus: https://www.max-ernst.com/two-children-are-threatened-by-a-nightingale.jsp#google_vignette Dort weitere Informationen zur Entstehung und Bedeutung des Bildes.

(5) ttps://www.singulart.com/blog/fr/2024/07/20/deux-enfants-menaces-par-un-rossignol-par-max-ernst

(6) Ich beziehe mich in diesem Abschnitt vor allem auf: Alain Vircondelet, Une histoire d’amour avec Max Ernst, ‚irresistible‘. In: Beaux Arts, Leonora Carrington, S. 19f

(7) Bild aus: https://www.artsq.org/blog/leanora-carrington-self-portrait-rocking-horse-close-looking

(8) https://www.1stdibs.com/de/kunst/mehr-kunstobjekte/max-ernst-la-dame-ovale-seltenes-vintage-b%C3%BCcherregal-illustriert-von-max-ernst-1934/id-a_7993722

(9) Bild aus: https://art-now-and-then.blogspot.com/2013/10/leonora-carrington.html Siehe dazu: Daphné Bétard, L’expérience de la folie. L’enfermement psychiatrique à Santander. In: Beaux Arts, Leonora Carrington, S. 38

(10) Informationstafel zu dem Bild in der Carrington-Ausstellung

(11) Abbildung aus: https://boekanza.be/2023/09/in-de-kijker-schilder-en-schrijfster-leonora-carrington-prettig-gestoord-leven-en-werk

(12) https://www.cultura.gob.mx/noticias/artes-plasticas-y-fotografia/21006-recuerdan-en-el-museo-de-arte-moderno-el-talento-de-leonora-carrington.html?utm_source=chatgpt.com

(13) Daphné Bétard, Un vaste champ d’expérimentation Le Mexique, sa terre d’adoption. In: Beaux Arts, Leonora Carrington, S 40f

(14) https://slide-z.com/kuenstler-des-surrealismus/leonora-carrington/

(15) https://de.wikipedia.org/wiki/Gesang_Weylas und https://www.suhrkamp.de/buch/eduard-moerike-du-bist-orplid-mein-land-das-ferne-leuchtet-t-9783458172246

Lolo oder ein Anschlag auf die Kunst, Montmartre 1910 von Ulrich Schläger

Vorwort

Das Cabaret Au Lapin agile ist ein mythischer Ort in Montmartre. Picasso trank, Brassens sang und Apollinaire dichtete dort.

Maurice Utrillo, Lapin Agile, 1914 (wikiart)

Der Lapin Agile heute (Bild aus sortiraparis)

Dass der Lapin Agile als mythischer Ort gilt, beruht auch auf der wunderbaren Geschichte, die Ulrich Schläger nachfolgend erzählt. Vielen Dank dafür!

Dies ist wahrscheinlich -aus gesundheitlichen Gründen- der letzte Beitrag von Ulrich Schläger auf diesem Blog. Ulrich Schläger, ein Liebhaber der Stadt Paris und außerordentlicher Kenner der Architektur und ihrer Geschichte, hat in den letzten Jahren eine Reihe von ganz wunderbaren und sehr fundierten Beiträgen für diesen Blog verfasst. So die Reihe zu den Bauten des wie Schläger aus Köln stammenden und viel zu wenig gewürdigten Pariser Stadtbaumeisters Jakob Ignaz Hittorff, die Beiträge zur früheren Pariser Getreidebörse, heute Ausstellungsort der Sammlung Pinault, oder dem Théâtre des Champs-Élysées, einem avantgardistischen Gesamtkunstwerk. Zu manchen dieser Beiträge habe ich aktuelle Fotos beigesteuert: Eine sehr schöne, intensive Zusammenarbeit. Auch dafür ganz herzlichen Dank! Eine Zusammenstellung der Blog-Beiträge von Ulrich Schläger befindet sich am Ende dieses Beitrags. Wolf Jöckel

Der Tatort ließ nichts Gutes erahnen: Montmartre, 22 rue des Saules. Hier, unweit der ehemaligen Zollmauern von Paris und einer Gegend, wo Vergnügen und Verbrechen sich mischen, liegt ein Lokal, das sich einst als Hommage an die zwielichtige Nachbarschaft zunächst Au rendez-vous des voleurs (Treffpunkt der Diebe) und dann Cabaret des Assassins (Kabarett der Mörder) nannte. An den Wänden hingen Bilder von François Ravaillac, dem Mörder Heinrichs IV. und von Jean-Baptiste Troppmann, der wegen achtfachen Mordes auf der Guillotine endete.

Montmartre, Le Lapin A. Gill vers 1872, Cabaret des Assassins (alte Postkarte)

Das Lokal, das abwechselnd Guinguette (Taverne) und Kabarett war, hieß seit 1872 Le Lapin à Gill, dannLe Lapin agile, das flinke Kaninchen, nach seinem Wirtshausschild:  ein Alkohol-umnebelten Kaninchen entspringt dem Kochtopf. Gemalt hat es André Gill, Stammgast des Lokals.

Hier trafen sich der Chansonnier Aristide Bruant, die Maler Henri Toulouse-Lautrec und Auguste Renoir, die Schriftsteller Georges Courteline und Verlaine. Zu ihnen gesellte sich 1903 Frédéric Gérard, genannt Père Frédé, der eine ganze Menagerie mit sich brachte: den Esel Lolo, die Hündin Friska, einen Affen, einen Raben und weiße Mäuse. Als Freund von Malern und Dichtern belebt er die Abende im Lapin Agile mit Liedern aus dem Milieu und Romanzen, die er auf der Gitarre begleitet. Die Mischung der Gäste: Künstler und Schriftsteller, Ganoven und Anarchisten, war nicht untypisch für die Butte de Montmartre, den Hügel von Montmartre.

Die Bohème im Lapin Agile, dem agilen Hasen. Rechts mit der Gitarre Père Frédé. Im Bildhintergrund die Jesusskulptur von Wasley und Picassos „Au lapin agile“

Man begegnete Pablo Picasso, Maurice Utrillo, André Derain, Georges Braque, Amadeo Modigliani, Guillaume Apollinaire, Max Jacob, André Salmon, Pierre Mac Orlan, Francis Carco, Roland Dorgelès, Gaston Couté, Blaise Cendrars, Léon-Paul Fargue, Paul Fort, um nur einige zu nennen. Charles Dullin deklamiert Stücke von Baudelaire, Apollinaire las dort – dem Ort ganz angemessen – Gedichte aus der Sammlung „Alcools“.

1905 stellte Pablo Picasso hier seinen „Au Lapin Agile“ aus: Er selbst als Harlekin mit einem Glas am Tresen und Frédé mit der Gitarre im Hintergrund. Das Gemälde blieb bis 1911 an der Wand des Lapin Agile hängen und wurde dann an einen deutschen Sammler verkauft – in Deutschland gab es – im Gegensatz zu Frankreich- schon damals ein großes Interesse an Picassos Bildern. Seit 1989 gehört „Au Lapin Agile“ zur Sammlung des Metropolitan Museum in New York. Im Lapin Agile hängt immerhin noch eine Kopie.

Pablo Picasso, Im Lapin Agile (Arlequin au verre)

Die Dekoration des Le Lapin agile wurde durch Werke bereichert, die mittellose Künstler gegen eine Mahlzeit eintauschten oder als Zeichen des Dankes hinterließen.

Die Attentäter

In diesem zugegebenermaßen zwielichtigen Milieu verkehrte auch ein gewisser Roland Dorgelès, französischer Journalist, Abenteurer und Schriftsteller. Sein eigentlicher Name war Roland Lécavelé, Dorgelès lediglich sein Pseudonym. Er wird der Initiator, der spiritus rector, des Anschlags werden, über den hier zu berichten ist.

Dorgelès handelt nicht allein, seine Komplizen sind der Kunstkritiker Jean Aubry, die Sängerin Coccinelle*, der Karikaurist Charles Genty, der Maler Pierre Girieud, der Illustrator André Warnod und Georges Auric, ein späterer Komponist. *„Coccinelle“ war der Künstlername von Suzanne Turtach, der zukünftigen Frau des schwedischen Konsuls Raoul Nordling.

Roland Dorgelès (2. von rechts) mit: André Warnod, Jean Aubry, Charles Genty, Pierre Girieud und Coccinelle (ohne Masken)

Das waren alles ehrenwerte Leute, die sich sogar zu Tatort-Fotos versammeln und – um die ganze Aktion auf die Spitze zu treiben – als Zeugen des Anschlags den Gerichtsvollzieher Maître Brionne hinzuziehen. Er wird später beeiden, dass Lolo der eigentliche Täter war.

Lolo, der Esel von Père Frédé, wird der berühmteste Esel der Kunstgeschichte werden, aber das ahnt er wohl nicht an seinem Schicksalstag, dem 8. März 1910.

Lolo hier mit Père Frédé

An diesem Tag leiht sich Roland Dorgelès, Lolo von Père Frédé aus. Ein Pinsel wird an den Schwanz des Esels gebunden, Farbtöpfe und eine Leinwand stehen bereit. Jedes Mal, wenn der Esel eine Möhre bekommt, wedelte er hektisch mit dem Schwanz und trägt so die Farbe auf die Leinwand auf. Aber ganz so willig ist Lolo anfangs nicht, auch nicht, als man Lolo mit Drogen in Form von Tabakblättern zu stimulieren versucht. Man kennt das ja von Eseln. Einige nennen das „störrisch“, in Wahrheit denken Esel erst einmal nach. Als Künstler bedarf er schließlich einer genialen Inspiration. Père Frédé greift zu seiner Gitarre. Er singt das berühmte Chanson „Le Temps des cerises“, „Die Zeit der Kirschen“, ein Liebeslied, das eng mit dem Aufstand der Pariser Commune von 1871 verbunden. Lolo, vielleicht ein kryptischer Communarde oder Anarchist, vollendet, animiert von diesem elegischen Lied, sein Werk, dessen Authentizität durch Maître Brionne bezeugt wird.

Hier das Tatortfoto mit den maskierten Tätern

Einige Tage später…

Dorgelès und der Zeichner André Warnod reichen unter dem Pseudonym Joachim-Raphaël Boronali  für den Salon des Indépendants ein Gemälde ein, betitelt Et le soleil s’endormit sur l’Adriatique (Und die Sonne schlief an der Adria ein), begleitet von einem eigens gedruckten Manifest des Exzessivismus. Der Salon des Indépendants ist eine Ausstellung, die seit 1884 jedes Jahr in Paris stattfindet. Es gibt keine Jury und keine Auszeichnungen. Organisiert wird sie von der Vereinigung unabhängiger Künstler. Fernand Léger erklärt, was der Salon des Indépendants für ihn bedeutet: „Sie ist vor allem eine Malermesse für Maler, […] eine Messe für künstlerische Demonstrationen, […] ihre ewige Erneuerung […] ist ihre Daseinsberechtigung. Hier muss Raum für Forschende und ihre Anliegen sein. […] Der freie Salon ist ein Salon für Laien, […] der Salon der Erfinder. […] Der Bourgeois, der über dieses Herzklopfen lacht, wird nie ahnen, dass sich da draußen ein komplettes Drama mit all seinen Freuden und seinen Geschichten abspielt. Wenn sie sich dessen bewusst wären, weil sie im Grunde gute Menschen sind, würden sie dort mit Respekt eintreten, wie in eine Kirche.“ Der Salon war repräsentativ für die großen Strömungen der Zeit: Pointillismus, Symbolismus, Fauvismus und Kubismus. Es zog viele Künstler aus Europa an.

Das Corpus delicti

Das für den Salon des Indépendants eingereichte Öl-Gemälde auf Leinwand ist 54 Zentimeter hoch und 81 Zentimeter breit. Das Werk ist in der oberen Hälfte in leuchtenden Orange-, Gelb- und Rottönen gemalt, in der unteren Hälfte in einem Blau, das an das Meer erinnert. Es war von einem goldenen Rahmen eingefasst, der es hervorhebt.

Et le soleil s’endormit sur l’Adriatique

Signiert war das Gemälde mit J.R. Boronali. Von dem „in Genua geborenen Maler“ Joachim-Raphaël Boronali hatte noch niemand gehört. Sein „Manifest des Exzessimus“, ist – wie sinnig – am 1. April 1910 in der satirischen und frechen Zeitschrift Fantasio zu lesen. Es soll aus der Feder Boronalis stammen:

„Holla, große exzessive Maler, meine Brüder, holla, erhabene und erneuernde Pinsel, lasst uns die Paletten der Vorfahren zerbrechen und die großen Grundsätze der Malerei von morgen feststellen! Seine Formel ist der Exzessivismus. Exzess in allem ist ein Fehler, hat ein Esel gesagt. Ganz im Gegenteil, wir verkünden, dass Exzess in allem eine Stärke ist, die einzige Stärke… Zerstören  wir die absurden Museen. Lasst uns die berüchtigten Routinen mit Füßen treten. Es lebe das Scharlachrot, das Purpur, die funkelnden Edelsteine, all diese Töne, die wirbeln und sich überlagern, eine wahre Widerspiegelung des erhabenen Sonnenprismas: Es lebe der Exzess! All unser Blut in Strömen, um die kranken Morgenröten neu zu färben. Lassen Sie uns die Kunst in der Umarmung unserer dampfenden Arme aufheizen!“

Der Titel des Bildes ist eine Anspielung auf Monets berühmte Impression, soleil levant zu verstehen: „Repräsentierte dieser Sonnenaufgang rückblickend den Beginn der modernen Malerei, so wurde sie im Bild des Sonnenuntergangs symbolisch zu Grabe getragen.“[1]

Claude Monet, Soleil levant

Besonders raffiniert und infam ist der fiktive Künstlername „Joachim-Raphaël Boronali“. Der zweite Vornamen Raphaël verbindet sich gedanklich mit dem Meister der Renaissance, der Nachname Boronali hingegen ist das Anagramm von Aliboron, dem Namen des Esels in Tierfabeln von Jean de La Fontaines und versteckter Hinweis auf den tatsächlichen Urheber des Gemäldes.  Aliboron ist auch der Name des Esels im Gleichnis des Philosophen Jean Buridan. Der Esel, zwischen zwei Heuhaufen gestellt und sich nicht entscheiden kann, von welchem er zuerst fressen soll, geht schließlich zugrunde, was uns, nebenbei gesagt, zeigt, dass zu viel Nachdenken tödlich enden kann.

Was steckte hinter diesem Anschlag?

Die „Eselei“ war mehr als nur ein Scherz. Dorgelès, der den Kühnheiten der damaligen Malerei nicht viel abgewinnen konnte, der weder den „Fauvismus“ noch den „Futurismus“ schätze, hatte die Absicht, „die Einfaltspinsel, die Unfähigen und die Eitlen zu zeigen, die einen großen Teil der Welt durcheinanderbringen und dass im  Salon des Independants die Arbeit eines Esels, der mit großen Schwanzschlägen zu Werke geht, unter ihren Werken nicht fehl am Platz ist.“ [2]

Seine Attacke galt insbesondere auch den Kunstkritikern und dem Kunstmarkt, verärgert darüber, dass nach seiner Meinung mittelmäßige Künstler berühmt waren, talentierte Künstler vernachlässigt wurden. Er wollte zeigen, dass jeder, der im Salon des Indépendants ausstellt, „sich einen Namen machen kann und dabei von dummen Kritikern oder ignoranten Händlern unterstützt wird.“ [3] Scherze und Provokationen waren in der Welt der Ausstellungen nichts Neues. Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es in Paris die Gruppe der Arts Incohérents, gegründet von dem Schriftsteller und Publizisten Jules Lévy, zu deren Umfeld  Alphonse Allais gehörte, einer der einfallsreichsten Vertreter dieser anarchokritischen Strömung, die viele Ideen und Pratiken der späteren Avantgarde, der Anti-Kunst wie dem Dadaismus, vorwegnahm.

Er war der Erste, der im Salon der Incohérents monochrome Gemälde ausstellte, darunter Récolte de la tomate par des cardinaux (Tomatenernte durch wütende Kardinäle am Roten Meer), oder Partituren, die – im Stil von John Cage – nur aus Pausen bestanden. „In den Ausstellungen der Gruppe, die nach der Niederlage von 1870 einen makabren Humor pflegten, ging es darum, die Malerei der offiziellen Salons zu verspotten.“ [4]

Dorgelès‘ Provokation irritierte die Kunstkritik in weit größerer Weise. Die Bewertungen konnten nicht unterschiedlicher sein. Die Öffentlichkeit war gespalten: die einen empörte die Tat und schimpften auf die Provokateure, die anderen ergötzten sich an dieser De-Mystifikation. Das Bild, Journalisten tauften das Gemälde in Sonnenuntergang über der Adria um, wurde innerhalb von wenigen Tagen zum Star des  Salon des Indépendants. Nicht nur das intellektuelle Tout-Paris sprach darüber, sondern es löste leidenschaftliche Debatten über die Kunst und den Kunstmarkt in ganz Europa aus. Dorgelès, der apokryphe Autor des Manifests des Exzessivismus, beobachtete all dies mit unverhohlenem Entzücken. Auch die Fernwirkung seiner Aktion bis nach Russland wird ihn gefreut haben.

Zwei Jahre später, 1912, nahmen nämlich Michail Fjodorowitsch Larionow und Natalija Sergejewna Gontscharowa Bezug auf die Pariser Ausstellung. Sie nannten ihre erste Ausstellung in Moskau La queue de l’âne – Eselsschwanz. Der Titel stammte von Larionow, der die französische Avantgarde damit lächerlich machen wollte. Seiner Meinung nach könne man in Paris die Malerei nicht mehr von Machwerken unterscheiden, die selbst ein Esel ausführen könne. Eselsschwanz (russisch Osliny chwost) ist auch der Name der in Moskau gegründeten Gruppe russischer Avantgardemaler, zu denen neben Larionow und Gontscharowa auch Kasimir Malewitsch, Marc Chagall und Wladimir Tatlin gehörten. Ziel der Gruppe war die Befreiung der russischen Kunst von ausländischer Beeinflussung. Malewitsch distanzierte sich nach kurzer Zeit von Larionow und malte im Stil des Kubofuturismus, während Larionow sich dem Rayonismus zuwandte.

Die Karikaturisten bemächtigen sich des Spektakels, so Lucien Métivet in der französischen Satire-Zeitschrift Le Rire …

 Le Rire, vom 16.04. 1910, von Lucien Métivet, Karikatur aus: Le Rire – Journal humoristique, 16.04.1910. gallica bnf. (Ausschnitt)

… oder Ernst Stern in der Zeitschrift Lustige Blätter : „Der impressionistische Esel – Pariser Malschüler haben sich das Vergnügen gemacht, ein impressionistisches Bild auf animalische Weise herzustellen – Auf der Ausstellung fand die Blüte dieser neuen Anti-Malkunst den ungeteilten Beifall eines kongenialen Publikums“.

Der impressionistische Esel. Zeichnung von Ernst Stern. Karikatur aus: Lustige Blätter, Nr. 22, 1910

Sie spiegeln ein Klima wider, »in dem avantgardistische und antimodernistische Kräfte offen gegeneinander agierten. Aber sie befruchteten auch ein sich langsam vergiftendes Klima, in dem die moderne Kunst wenig später zum Gegner einer „gesunden Volkskultur“ erklärt werden konnte, wie Werner Spies festhält:„Damals wurden die Weichen gestellt für eine Auseinandersetzung, in der die Kämpfer für das Neue und die Kritiker, die von entarteter Kunst zu sprechen beginnen, aufeinanderprallen.“. Das belegt auch die Wirkungsgeschichte der Karikatur, die in der Weimarer Republik, im Nationalsozialismus und weit bis in die Nachkriegszeit des 20. Jahrhunderts Konjunktur hat.« (Karin Wendt)

Die Ausweitung dessen, was unter dem Begriff „Kunst“ firmierte, entfachte erneut die Diskussion, die schon von „Boronali“ belebt worden war.

Das Bild wurde vom Maler und Bildhauer André Maillos für 20 Louis d’or gekauft, was damals 400 Gold-Francs entsprach, heute umgerechnet 3500-4000 €. Diese Summe spendete Dorgelès dem Orphelinat des Arts, dem Waisenhaus der Kinder von Künstlern, Literaten und Journalisten.

1953 kaufte der Kunstsammler Paul Bédu das Werk. Als er 1990 starb, wurde seine gesamte Sammlung der Stadt Milly-la-Forêt (Essonne) vermacht. Unter den 200 ausgestellten Werken befindet sich der berühmte Sonnenuntergang über der Adria neben Werken von Marie Laurencin und Jean Cocteau sowie Lithografien und Serigrafien von Niki de Saint Phalle. 2016 wurde das Bild im Rahmen der Ausstellung Carambolages im Grand Palais in Paris gezeigt.

Und der Esel Lolo, alias Boronali…?

 Lolo mit Père Frédé

Laut dem Hausierer und Schriftsteller Robert Bruce wurde nach dem Tod von Père Frédé sein Esel Lolo in der Normandie in eine Pension gegeben. Dort wurde er ertrunken in einem Teich aufgefunden. Die Menschen damals gingen davon aus, dass das Tier Selbstmord begangen hatte.

Vielleicht war er verzweifelt, dass er als Künstler nicht die gebührende Anerkennung gefunden hat, denn schließlich ist nicht nur „jeder Mensch ein Künstler“, wie schon sein Kollege Joseph Beuys gesagt, sondern auch jeder Esel.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Ulrich Schläger, Mai 2023/aktualisiert 2026

Anmerkungen:

[1] Anna Großkopf: Die Arbeit des Künstlers in der Karikatur: Eine Diskursgeschichte künstlerischer Techniken in der Moderne; transcript Verlag, 2015

[2] Fergus: Boronali oder der Triumph der Eselei in der Malerei, Agora Vox, vendredi 25 octobre 2019, https://www.agoravox.fr › article)

[3] Fergus, ebd.

[4] Le tableau du « peintre » Boronali : une réaction à double tranchant face aux avant-gardes –  LES CENT ANS DE L’ÂNE ARTISTE par Werner Spies. Artnet.mhttps://www.artnet.fr/magazine/portraits/spies/boronali.asp)

Weitere Beiträge von Ulrich Schläger auf diesem Blog:

Bilder des Monats Oktober 2026: Die Schülerbewegung (mouvement lycéen) demonstriert

Eine Gruppe von Gymnasial-Schülerinnen und -Schülern auf der place de la République in Paris beschriftet Schilder für die Demonstration. Aufschrift auf dem Plakat in der Mitte: Apprendre est un droit, être en colère aussi  (Lernen ist ein Recht, zornig sein auch)

Der Demonstrationszug zwischen Place de la République und der Place de la Nation, der „klassischen“ Pariser Demonstrationsmeile, war Teil einer landesweiten Schülerdemonstration, der sich auch Eltern, Lehrer und Studenten anschlossen. Insgesamt waren allein in Paris 56 000 Menschen beteiligt: bisheriger Höhepunkt einer Kampagne, die am 21. September begonnen hat.

Der Stundenplan: stärker gefüllt als das Strafregister von Marine (le Pen)

Die Forderungen vor allem: Bessere Lehrerversorgung, Verbesserung von Schulen mit unzureichender Bausubstanz und Ausstattung, kompaktere/reduzierte Stundenpläne, Abschaffung von Parcoursoup, dem automatisierten Verteilungssystem von Studienplätzen.

Rêve générale: Allgemeiner Traum. Ein Wortspiel mit Grève générale (Generalstreik)

Von der schon als historisch charakterisierten Schülerbewegung wurde die Regierung völlig überrascht. Die Antwort war zunächst ein massiver und eher hilfloser Polizeieinsatz.  Dabei musste selbst der die Bewegung entschieden kritisierende Figaro konstatieren, dass es, im Gegensatz etwa zu den Demonstrationen gegen die Rentenreform, „wenig Beschädigungen“ gegeben habe. Allerdings hatten sich viele Geschäfte entlang der Demonstrationsroute schon vorsorglich barrikadiert.

Das Heimwerker-Geschäft Mr. Bricolage am Boulevard Voltaire vor der Demonstration. Der ironische Spruch auf der zum Schutz der Fenster angebrachten Sperrholzwand (Jeden Tag um 13 Uhr 12 aufstehen) stammt noch von einer früheren Demonstration.

Angemessene Antworten auf die Schülerbewegung sind in der Tat nicht einfach: Es geht ja nicht, wie bei vielen anderen Protestbewegungen, um die Rücknahme einer geplanten Maßnahme, sondern um Forderungen, deren Erfüllung sehr komplex, zeitaufwändig und kostspielig ist. Und finanziell steht Frankreich derzeit aufgrund seiner exorbitanten Verschuldung mit dem Rücken zur Wand.

Die Schülerbewegung reiht sich mit ihrem Protest an den schulischen Lernbedingungen ein in eine breite gesellschaftliche „Bewegung des Zorns“: gegen die hohen Benzinpreise, gegen Einschnitte im öffentlichen Dienst, im Gesundheitswesen, gegen eine Reduzierung der Kaufkraft (pouvoir d’achat), für konsequenteres Handeln gegen die Klimawandel…

Und die Regierung befürchtet mit Recht eine sogenannte convergence des colères, eine Zusammenführung verschiedener Protestbewegungen, wie sie Frankreich mit den gilets jaunes (2018/2019) und zuvor schon einmal im Mai 68 erlebt hat.

Hier sitzen Alt und Jung nach der Demonstration in einem Café an der Place Voltaire beisammen. Auf dem Plakat wird zum Generalstreik aufgerufen.  Der alte Herr trägt eine gelbe Weste… Und der nächste Aktionstag soll schon am 8. Oktober sein…

PROVENCALISCHE VOTIVBILDER  Naive Malerei, Zeugnisse der Volksfrömmigkeit und historisches Quellenmaterial

Der Süden Frankreichs ist ein Zentrum der ex voto- Kultur in Frankreich. Besonders bekannt sind  Notre-Dame de la Garde in Marseille und Sainte-Maries-de-la-Mer. Aber auch in vielen anderen Kirchen der Region gibt es einzelne Votivbilder oder ganze Sammlungen.[1]

In Giens (Var), dem Ort, nach dem die ins Meer ragende Halbinsel benannt wurde, wo wir unseren Urlaub verbrachten, steht die Kirche Saint-Paul. Sie ist nicht für ihre Votivtafeln bekannt, es gibt dort aber gleichwohl einige davon, die im Querschiff der Kirche zu sehen sind. Vor allem betreffen sie zwei Unglücksfälle: Krankheit und Schiffbruch.

Hier sind die Eltern abgebildet, die die Rettung des erkrankten Kindes erflehen.

Hier ist ein Ruderboot zwischen der Halbinsel Giens und der Insel Porquerolles in einen Sturm geraten. Einer der beiden Männer, vermutlich ein Fischer, wäre fast ins Meer gespült worden, aber mit göttlicher Hilfe wurde er gerettet.

Im Hintergrund die Insel Porquerolles mit Festung und Kirche: Die Darstellung hat damit dokumentarischen Charakter: Sie zeigt ein konkretes Ereignis an einem konkreten Ort.

Die beiden Bilder sind Beispiele für zwei typische Motive von ex votos: Krankheit, besonders die von Kindern, was in einer Zeit hoher Kindersterblichkeit auch nahe liegt, und -jedenfalls an den Küsten- Unglücke auf dem Meer. Votivbilder sind insofern nicht nur Ausdruck von Volksfrömmigkeit und Wunderglauben, sondern auch sozialgeschichtliche Dokumente: Sie zeigen die Gefahren, denen die Menschen in den Zeiten ausgesetzt waren, in denen die Bilder entstanden sind.

In der katholischen Kirche waren Votivbilder (Votivtafeln) oder Gaben verbreitet, die die wundersame Errettung aus einer Notsituation darstellten und dafür dankten und mit dem schriftlichen Hinweis ex voto (lat. ‚wegen eines Gelübdes‘, von votum, ‚Gelübde‘) versehen waren. Vor allem war es Maria, die um Rettung angefleht und der man dann, wenn der Wunsch in Erfüllung gegangen war, dafür dankte.

„Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind“, sagte schon Goethe.[2] Und wenn in Kirchen ex-voto-Darstellungen aufgehangen wurden, zeigte das den Gläubigen: Es gibt Wunder und beten hilft. Das war umso überzeugender, als die Votivbilder ja nicht Produkte der kirchlichen Hierarchie waren. Jedes Votiv-Bild ist Protokoll eines erlebten Wunders. Das war eindrucksvoll und anschaulich und wurde von der Geistlichkeit seit der Gegenreformation gerne genutzt, um die Wirksamkeit des (katholischen) Glaubens zu demonstrieren. Auch wenn es sich bei den Votivbildern nicht um hohe Kunst handelt, ist es doch sehr schön und lohnend, sie zu betrachten und sie als Werke naiver Malerei, als Ausdruck der Volksfrömmigkeit und als historische Dokumente zu würdigen.

In der näheren oder der noch gut mit dem Auto zu erreichenden etwas weiteren Umgebung von Giens gibt es drei für ihre Votivbilder bekannten Kirchen: Saint-Paul in Hyères, Notre Dames des Anges im Massiv des Maures und die Kapelle Sainte-Anne in Saint Tropez. Die sollen nachfolgend vorgestellt werden.[3]

Die Votivbilder der Stiftskirche Saint-Paul in Hyères (Var)

Gasse zur Stiftsirche Saint-Paul in der Altstadt von Hyères

Bitten und Dank der ex-votos richten sich im Allgemeinen an die Jungfrau Maria oder an andere große biblische Gestalten wie Anna und Joseph, Paulus und Johannes.  Die ex votos von Hyères sind in der Stiftskirche Saint-Paul ausgestellt. Ursprünglich stammen sie aus der im 11. Jahrhundert am Rand der Stadt auf einer Anhöhe errichteten Wallfahrtskirche Notre Dame de Consolation. Sie wurde aber im August 1944 im Zuge der Landung der Alliierten in der Provence von der deutschen Wehrmacht zerstört. Die ex votos, der größte Bestand gemalter Votivtafeln in der Provence, konnten aber rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden.

Das älteste Votivbild von Saint-Paul

Bemerkenswert ist hier, dass die Fürbitte im Zentrum steht, also der um eine Gnade bittende Mensch und Maria mit dem Jesuskind. Der kleine Jesus hat seine rechte Hand zum Segen erhoben und in seiner linken Hand trägt er eine Weltkugel.  Wer der bittende Mensch ist, erfahren wir nicht und auch nicht, worum er bittet oder wofür er dankt.  An dem Anzug mit dem weißen Kragen und den weißen Manschetten ist aber abzulösen, dass es sich zumindest um einen wohlhabenderen Bürger handelt oder auch um einen Angehörigen des niederen Adels. Dafür spricht der Degen an seiner Seite. Diesen gesellschaftlichen Schichten sind auch die meisten ex votos aus der Zeit vor der Französischen Revolution zuzuordnen. 

Dies ist eines der jüngeren ex votos von Saint-Paul: Die Bataille de Pertin am 6. Juni 1940: Eine Gruppe französischer Soldaten in Verteidigungsstellung gegen den Angriff der deutschen Wehrmacht, hier symbolisiert durch das angreifende Flugzeug. Die Szene ist realistisch und dramatisch gestaltet. Rechts unten hat der Maler -völlig undenkbar bei alten ex votos- seine Signatur eingefügt: Jean Fauchery, von dem es insgesamt sechs ex votos in Saint-Paul gibt. Der Stifter, dessen Name sich nur auf der Rückseite des Bildes befindet, hat also einen bekannten Maler engagiert, um die Gefahr,  der er oder einer der Seinen entronnen ist, auch möglichst eindrucksvoll zu gestalten.[4]

Die meisten der über 400  Votivbilder von Hyères stammen aber aus dem 19. Jahrhundert, als die Tradition der ex votos sich demokratisierte. Das 19. Jahrhundert war ja auch eine große Zeit des Wunderglaubens- man denke nur an die Verehrung von Bernadete Soubirous von Lourdes. Sicherlich gab es auch schon im 17. und 18. Jahrhundert viele Votivbilder in Notre Dame de Consolation. Manche werden wohl mit den Jahren gelitten und dann entfernt worden sein, andere Souvenirjägern oder vielleicht auch übereifrigen Revolutionären zum Opfer gefallen sein. Aber es bleibt insgesamt ein eindrucksvolles Panorama alltäglicher Katastrophen.

Sehr oft geht es um Unfälle bei der Arbeit: hier ein Blitzeinschlag in einer Fischerhütte am Strand

Ein Bauer wird bei der Feldarbeit vom Pferd gebissen

Aber auch noble Herren konnte es treffen:

Ein fein gewandeter Spaziergänger am Rand der Stadt, der vielleicht Rousseaus Aufruf „Zurück zur Natur“ folgte, wird von einem herabstürzenden Ast getroffen.

Ein sehr häufiges Motiv waren Unfälle mit Pferdefuhrwerken. Nachfolgend drei Beispiele aus den Jahren 1813, 1903 und 1892

Auch in diesem „modernen“ ex voto ist eine sehr dramatische Szene dargestellt. Maria muss sich mit einem kleinen Bild in der rechten oberen Ecke begnügen.

Es gab auch schon Zusammenstöße von Pferdefuhrwerken wie der nachfolgend abgebildete und ausführlich beschriebene:  

„Am 8. Juni 1892. Die 47-jährige Olive Joséphine aus La Moutonne kehrte gerade gemächlich vom Marktplatz in Toulon zurück, als sie auf der Hauptstraße auf eine Kutsche traf; aufgrund der Unachtsamkeit der beiden Kutscher stießen die beiden Fahrzeuge zusammen. Der Aufprall war so heftig, dass das Fahrzeug von Frau Olive, das nicht beladen war, umkippte; die Unglückliche wurde zu Boden geschleudert und von ihrem Fahrzeug über eine Strecke von 200 Metern mitgeschleift.

Die Folge dieses unglücklichen Zusammenstoßes war lediglich eine Verletzung am Bein; deshalb dankt Dame Olive Notre-Dame dafür, dass sie sie auf diese Weise vor einem sicheren und gewissen Tod bewahrt hat.“[5]

Während Dame Olive ausführlich darstellen lässt, welches Unglück ihr widerfahren ist, muss sich auch hier Maria bescheiden: Ihr Abbild links oben ist serienmäßig hergestellt und nur noch aufgeklebt…

Sehr eindrucksvoll sind die Bilder von Schiffsunglücken:

Dass hier die Menschen auf dem Segelboot angesichts der hohen Wellen mit dem Leben davon kamen, kann wirklich wie ein Wunder erscheinen.

Besonders viele Votivbilder danken für die Rettung von Kindern:

Hier ist ein Kind offenbar vom Dach eines Hauses gestürzt, ein ex voto aus der vorrevolutionären Zeit. Das mehrstöckige Haus, offenbar kein Bauernhaus, deutet, wie auch die Kleidung der Betenden, auf eine höhere soziale Stellung hin – passend zu einem ex voto aus der Zeit vor der Französischen Revolution.

Das Kind von Herrn Mistre ist 1860 samt Ladung von dem väterlichen  Fuhrwerk gestürzt.

Dieses Kind ist in einen Brunnen gefallen… Ein häufiger Unglücksfall, worauf die entsprechende Redewendung hindeutet.

… ein anderes, das ins Wasser gefallen war, wird von seinem irdischen Retter der Mutter übergeben. Aber auf die eigentliche Retterin verweist Notre Dame de Consolation auf der Anhöhe.

Besonders oft gibt es ex votos für das Überleben von kranken Kindern:

Der 6-jährige Joseph auf diesem ex voto aus dem Jahr 1862 ist an Typhus erkrankt. Der herbeigerufene Arzt deutet mit seiner Hand auf das an der Wand hängende Kruzifix: Er kann nicht helfen, ist machtlos. Da hilft nur noch die Bitte an Maria…  Erst seit Ende des 19. Jahrhunderts gab es die Typhus-Impfung… 

Collègiale Saint-Paul  Place Saint-Paul, Hyères (Var)

Öffnungszeiten: Montags bis Freitags  von 9-18 Uhr, Samstags von 9 bis 16 Uhr  

Notre Dame des Anges bei Pignans (Var)

Die Kapelle Notre Dame des Anges steht im Massiv des Maures auf einer Bergkuppe von 780 Metern Höhe. Wegen einer dort gefundenen wundersamen Marienstatue wurde im 11. Jahrhundert eine erste Kapelle errichtet. In der Zeit der Gegenreformation um 1600 erhielt sie als Wallfahrtsort immer größere Bedeutung: Papst Clemens VIII. gewährte „allen Besuchern der Kapelle einen vollkommenen Ablass“ und im 19. Jahrhundert war es Papst Gregor XVI., der zu dem Heiligtum pilgernden Gläubigen einen Ablass ihrer Sünden zusicherte.[6]

Dafür mussten die Gläubiger dann aber auch einen äußerst beschwerlichen Weg auf sich nehmen. Das gilt selbst noch für heutige Autofahrer. Und auch heutzutage wird man noch belohnt: Man hat von der Kapelle aus einen weiten Blick über das Massiv des Maures mit seinen Kastanien- und Korkeichenwäldern.

Blick von Notre Dame des Anges über das Massiv des Maures bis zum Mittelmeer. Im Hintergrund Porquerolles

Und in der im 19. Jahrhundert neu errichteten Kapelle gibt es einen großen Bestand von sehr sehenswerten ex votos.

Anlässe für ausgesprochenen Dank sind auch hier oft durchgestandene Krankheiten.

Ausschnitte eines ex votos aus dem Jahr 1766

Und auch hier gibt es ex votos, die alltägliche Katastrophen bei der Arbeit veranschaulichen, die die Betroffenen mit göttlicher Hilfe überstanden haben:

Ein Schmied. Ex voto aus dem Jahr 1776

Gerade im 18. Jahrhundert war die Verehrung der Gottesmutter in ihrer Kapelle im Massiv des Maures besonders populär. Während Marseilles und die Provence 1720 von der Pest heimgesucht wurden, „blieb die kleine Stadt Pignans durch den besonderen Schutz ‚Unserer Lieben Frau von den Engeln‘ verschont. -die schreckliche Krankheit konnte das gesamte Gebiet nicht erschüttern. Daraufhin verpflichtete sich der ganze Ort, jährlich zum Pfingstsonntag zum Heiligtum zu pilgern, um seine Beschützerin zu ehren.“  Ein erneutes Wunder wurde Unserer Lieben Frau von den Engeln 1773 zugeschrieben: Da herrschte in der Gegend eine langanhaltende Trockenheit, die „trotz inständiger Gebete und Bußübungen“ nicht enden wollte. Bei strahlendem Wetter machten sich die Gläubigen auf den Weg zur Kapelle. Als Zeichen ihrer Zuversicht hatten sie Mäntel und Regenschirme dabei. „So groß war die Hoffnung, die sie auf unsere himmlische Mutter setzten. Nach dem Gottesdienst in der Kapelle … verfinsterte sich der Himmel rasch, und beim Einzug in Pignans wurden sie von einem wahren Wolkenbruch empfangen. Der Chronist berichtet, dass gewisse Freidenker, die am Morgen gelächelt hatten, sich weinend in den Pilgerzug einreihten.“ [7]

Auch im 19. Jahrhundert war der Wunderglaube in der Gegend lebendig. Dafür gibt es in der Kirche zwei interessante und außergewöhnliche Beispiele:

Les fusillés. Ex-voto 1815[8]

Dieses Votivbild, die Erschossenen genannt,  fällt wegen seiner Thematik aus dem Rahmen des Üblichen: Es bezieht sich nämlich auf den politischen Umbruch des Jahres 1815: Nach Napoleons 100 Tagen und Waterloo kommt der Bourbonen-König Ludwig XVIII. wieder an die Macht. Im Var nehmen die Royalisten Rache an den Anhängern Napoleons: der sogenannte „weiße Terror“.[9] In Pignans und dem in der Nähe gelegenen Brignolles werden mehrere Männer als Bonapartisten verhaftet und zum Tode verurteilt. Ein solches Erschießungskommando ist auf diesem ex voto abgebildet. Der Auftraggeber ist vermutlich einer der Verurteilten, der wie durch ein Wunder überlebt hat.

Ein weiteres außergewöhnliches ex voto ist an der Decke der Kapelle befestigt:

Es handelt sich um ein echtes, fachmännisch konserviertes Krokodil vom Nil, das der aus Pignans stammende Abenteurer und Entdecker Jules Gérard (1817-1864) von einer seiner Reisen mitgebracht hat. Gérard wurde auch der tueur des lions genannt, weil er insgesamt 25 Löwen erschossen haben soll.  Gérard hat auch Daudet zu seinem Tartarin de Tarascon angeregt, in dem allerding der echte Löwenjäger ins Lächerliche gezogen wird: Tartarin ist ein Angeber, der nur einen Esel erlegt hat.

Der „eche“ Gérard wird aber auf dem Dorfplatz von Pignans mit einem Denkmal geehrt.

Es zeigt den tapferen Löwenjäger, das prominenteste Kind des Ortes, mit seinem Gewehr und zu seinen Füßen einen wilden Löwen. Der Dank an die Notre de Dame des Anges erscheint da umso verständlicher.

Notre Dame des Anges: Route de Notre Dame des Anges,  83790 Pignans (Var)

Öffnungszeiten täglich von 7.30 bis 19.30 Uhr

Die Seefahrerkirche Sainte Anne in Saint Tropez

Die Kapelle wurde im 17. Jahrhundert auf einer Anhöhe bei Saint Tropez errichtet. Von dort aus hat man einen wunderbaren Blick auf Stadt,  Hafen und Golf.

In einer Nische der Kirchenmauer steht eine Marienfigur, Ausdruck des Dankes für die Befreiung von Saint Tropez von deutscher Besatzung.

Am 15. August 1944 landeten alliierte Truppen, Amerikaner, Engländer, aber diesmal auch Franzosen, in der Provence und schufen so, nach der vorausgegangenen Landung in der Normandie, eine zweite Front in Frankreich.  Zur Erinnerung daran hängen in der Kapelle eine französische und eine amerikanische Flagge. Der für die Aufsicht zuständige Herr, mit dem ich mich unterhielt, fand das Aufhängen der stars and stripes allerdings wenig angebracht: Die Amerikaner, so erzählte er mit großer Erbitterung, hätten damals nicht nur die Küste, sondern auch das Hinterland massiv bombardiert und dabei auch auf religiöse Einrichtungen keinerlei Rücksicht genommen…

Der Schatz der Kirche sind die inzwischen unter Denkmalschutz stehenden ex votos. Vor allem sind sie der Dank für die Errettung bei Schiffsunglücken: Saint Tropez war im 18. Jahrhundert der drittgrößte französische Mittelmeerhafen. Seeleute aus Saint Tropez waren auf allen Weltmeeren zu Hause, dazu gab es auch Werften, die große Segelschiffe, Dreimaster, bauten.

Die meisten ex-voto Bilder stammen allerdings aus dem 19. Jahrhundert: Das Innere der Kapelle wurde während der Französischen Revolution verwüstet, das Gebäude allerdings blieb erhalten.

Schiffbruch des französischen Dreimasters Leonie an der ostafrikanischen Küste, 5. Januar 1870

Die Bilder der Schiffsunglücke sind durchweg höchst dramatisch gestaltet. Es gibt im unteren Teil immer kurze Erläuterungen zu dem betroffenen Schiff, dem Ort der Havarie und ggf. zu den Geretteten, dem Auftraggeber und dem Maler.

Dieses Schiff wurde am 9. September 1855 vor der südamerikanischen Küste von einem Sturm überrascht.

Schiffbruch des Dreimasters Amelie vor der marokkanischen Küste August 1852:  „Von der 16-köpfigen Besatzung ist niemand umgekommen.“

Dieses Schiff kenterte am 4. Oktober 1843 um Mitternacht vor der westafrikanischen Küste und befand sich mit den Worten der Bild-Legende, „in schrecklicher Lage“.

Die an Land gegangene Besatzung des Schiffes sah sich, heftigem Widerstand eines „wilden Volkes“ (d’un peuple sauvage) ausgesetzt, aber es gelang schließlich, den 12 Meilen entfernten französischen Stützpunkt Cap Lahou zu erreichen – einen der bedeutendsten und größten Sklavenhäfen an der westafrikanischen Küste. Möglicherweise war ja auch das gekenterte Schiff in den Sklaventransport involviert – in den Augen der Eingeborenen jedenfalls waren wohl eher die weißen Matrosen Angehörige eines „peuple sauvage“, gegen das Widerstand nur allzu berechtigt war. Die Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien wurde erst 1848 von der Nationalversammlung beschlossen; Sklaverei und Sklavenhandel erst 2001 durch das „loi Taubira“ zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit erklärt.

Es wurde gestiftet, wie eine große zeitgenössische Marmortafel ausführlich erläutert,  von Siméon Prat, einem 22-jährigen schiffbrüchigen Matrosen, der am 14. Mai 1830 in die Hände von „Barbaren“ (barbaresques) fiel. Das Eisen erinnert an die Zwangsarbeit, die er in Algerien leisten musste. Allerdings wurde er schon am 4. Juli 1830 von französischen Truppen befreit, die im Juni des Jahres bei Algier gelandet waren, um Algerien dem französischen Kolonialreich einzuverleiben. (Und dann waren es Franzosen, die Zwangsarbeit als offizielles Instrument der Kolonialverwaltung einführten…) Siméon Prat konnte anschließend seine Karriere in der Marine fortsetzen, wurde sogar Ritter der Ehrenlegion und erhielt große Auszeichnungen, die alle aufgezählt werden. Das Halseisen sei Ausdruck des Dankes an seine Beschützerin.

Chapelle Sainte-Anne Saint Tropez  21, Chemin des Bastidettes   83990 Saint-Tropez

Öffnungszeiten April bis Oktober Montag, Dienstag, Mittwoch und an Wochenenden von 14 bis 18 Uhr


Anmerkungen:

[1] Lesedauer: 14 Minuten

Alle Fotos, wenn nicht anders angegeben, von Frauke und Wolf Jöckel

„Titelbild“: Ausschnitt eines ex votos aus dem Jahr 1854 aus Notre Dame des Anges von Pignans

[2] https://www.deutschlandfunkkultur.de/wunderglaube-100.html

[3] Gesamtdarstellung der provencalischen ex votos: Bernard Cousin, Le Miracle et le quotidien. Les ex-voto provençaux, images d’une société. Aix-en-Provence 1983 Ein schöner Überblick auch in: Ex-voto peints de Provence, un monde de catastrophes! 

[4] Ministère de la Culture, La plateforme ouverte  du patrimoine:  tableau, ex-voto : Bataille de Pertin https://pop.culture.gouv.fr/notice/palissy/IM83001556  und Recherche – POP

[5] http://randojp.free.fr/0-Diaporamas/Ex-voto/Ex-voto_Provence.html

[6] Aus der in der Kapelle ausliegenden von den die Kapelle betreuenden Franziskanern erstellte Broschüre „Unsere Liebe Frau von den Engeln“.

[7] Zitate aus der Broschüre der Franziskaner. A.a.O.

[8] Bild aus: https://provenceavivre.wordpress.com/2020/09/11/tresors-des-ex-voto-de-provence/pignans-nd-anges-020/ 

[9] https://fr.wikipedia.org/wiki/Terreur_blanche_de_1815. Siehe auch: Albert Maurin,  La Terreur blanche, 1815 und 1816. Paris 1850 https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k58576758/f21.item.r=la%20terreur%20blanche%20dans%20le%20Var

Das Dilemma der französischen Benzinpreise

Die hohen Benzinpreise sind in Frankreich ein zentrales Thema der politischen Debatten und der Medien. Kein Wunder bei der Entwicklung der Preise, die nach dem israelisch-US-amerikanischen Angriff auf den Iran, der Ausweitung des Krieges auf die ganze Region und der Blockade der Meerenge von Ormuz weiter drastisch angestiegen sind.[1]

Rekord- Preise

Entwicklung der französischen Durchschnittspreise für E 10 zwischen September 2025 und 2026.[2]

Überall ist von einer „crise du carburant“,  einer „explosion des prix“ die Rede,  oft als Aufmacher der Nachrichten, von einem „Schock für die französische Wirtschaft“ und dem seit dem Sturm auf die Bastille sprichwörtlichen und gefürchteten Volkszorn (colère populaire). Die Benzinpreise können ja wirklich deftig sein: Vor allem in der Hauptstadt.

Tankstelle in Paris, 18. September 2026 [3]

Sicherlich hat Le Monde hier ein besonders drastisches Beispiel herausgesucht. Aber die Benzinpreise in Paris sind traditionell besonders hoch und die dort oft kleinen Tankstellen am Straßenrand werden entsprechend wenig genutzt. Getankt wird eher im Umland bei den Tankstellen der großen Einkaufszentren von Leclerc, Casino, Intermarché, Auchan etc, die auf ihren Parkplätzen über eigene Tankstellen verfügen, die Benzin deutlich günstiger verkaufen: Nach unseren Beobachtungen derzeit für Preise um die 2.15 Euro für einen Liter E 10.

Auf der Auchan-Tankstelle in Hyères/Var -wir sind derzeit in Südfrankreich- kostet der Liter E 10 derzeit 2.13 Euro. Das ist auch im Vergleich zu anderen Tankstellen, bei denen die Preise nach unseren Beobachtungen bei 2.30 bis 2.40 liegen können, ziemlich günstig; und aus deutscher Sicht sowieso.[4]  Trotzdem ist die genannte Auchan-Tankstelle -auch zu beliebten Einkaufszeiten- eher schwach besucht. Kein Wunder: Denn nicht weit davon entfernt gibt es eine Total-Tankstelle.

Rekord-Gewinne und Rabatte

Auf ALLEN Tankstellen des französischen Marktführers kostet der Liter Benzin (ob E 10 oder Super) nämlich 1.99 Euro! Das gilt auch für Total-Tankstellen in la France profonde, dem französischen Hinterland,  oder Autobahntankstellen, die im Allgemeinen ja -wie in Deutschland- ausgesprochen teuer sind.

Total-Autobahntankstelle bei Cannes. Aufgenommen am 23.9. von Wolf Jöckel

Und an dieser Tankstelle hatten wir Glück, denn es gab keine Warteschlangen- während die an der Total-Tankstelle in Hyères immer, wenn wir dort vorbeifahren, sehr lange sind. Ich vermute mal, dass da die Wartezeiten bis zu einer Stunde betragen kann. Aber das nehmen viele Autofahrer in Kauf.  

Und dass es an unserer Zapfsäule bei Cannes kein E 10 mehr gab, war auch kein Problem[5]: Denn das Super-Benzin SP 98 gibt es -anders als bei Tankstellen anderer Marken- ohne Aufpreis.

Es handelt sich hier um einen französischen Sonderfall, der abgekoppelt ist vom normalen Marktgeschehen. Total hat nämlich seit dem 13. März seine Preise für Benzin gedeckelt: 1.99 für E 10 und Super, 2.25 für das in Frankreich viel verwendete Diesel. [5a] Anlass war der Angriffskrieg von Israel und den USA auf den Iran, der am 28. Februar begann und der zu einem steilen weltweiten Anstieg der Preise für Rohöl führte. Und diese Maßnahme soll nach den Worten des Total-Chefs gelten, „solange der Iran-Krieg dauert“ – was noch lange dauern kann…

Total kann sich diese Aktion ohne Probleme leisten: Zwar soll die Firma seit Einführung des Preisdeckels dadurch 250-300 Millionen Euro Verlust gemacht haben. Aber gleichzeitig hat Total horrende Gewinne erzielt: Total fördert und raffiniert nämlich auch selbst Erdöl und hat damit im ersten Halbjahr 2026 11,2 Milliarden Dollar verdient, doppelt so viel wie im Jahr zuvor.[6] Da lässt sich der Verlust an der Tankstelle via Quersubventionierung fast schon aus der Portokasse bezahlen. Also wurde auch gleich die Dividende deutlich erhöht und der Aktienkurs kletterte entsprechend in die Höhe.

Die Preisdeckelung ist für die Firma ein gutes Geschäft. Sie kann sich als patriotisches Unternehmen vermarkten. Indem es seine Konkurrenten aussticht, gewinnt Total, wie die Schlangen vor den Tankstellen zeigen, auf jeden Fall in der aktuellen Krise, aber vielleicht dauerhaft, zusätzliche Kunden. Und auch die Aktivitäten im Strom- und Gasmarkt können und sollen davon profitieren:  Wer Strom oder Gas von Total bezieht, konnte zeitweise sogar das Diesel zum Vorzugspreis von 1.99 Euro bekommen. Ein grandioser Marketing-Coup.

Über den freut sich auch der französische Staat: Er ist zwar nicht mehr Aktionär von Total, aber die Firma hat ihren Sitz in Frankreich, dem Hochhausviertel La Défense bei Paris, direkt neben der Grande Arche. Als Aktiengesellschaft ist Total im CAC gelistet, dem französischen Pendant zum deutschen DAX. Mir ihrer Aktion mildert sie den Handlungsdruck auf die Regierung – dass die anderen Marken und Tankstellenbetreiber eine illoyale Konkurrenz beklagen, nimmt sie hin.[6a]

Gilets-jaunes-Revival?

Allerdings kann die einseitige Maßnahme von Total das Problem der hohen Benzinpreise nicht lösen und die Unzufriedenheit in der Bevölkerung nicht beheben. Da gibt es viel Unmut, Empörung. Vor allem natürlich bei Gruppen, bei denen die Benzinpreise ein wesentlicher Faktor ihrer beruflichen Existenz sind. Dazu gehören die gut organisierten,  kämpferischen Fischer und Bauern, die durch publikumswirksame Aktivitäten auf ihre Forderungen nach staatlichem Eingreifen aufmerksam gemacht haben.

„Unser Zorn steigt. Eure Politik ruiniert die Fischerei“. (Notre colère monte, Votre politique coule la pêche) Demonstration von Fischern gegen die Steigerung der Benzinpreise im Hafen von Grau-du-Roi (Gard) am 17. September 2026.[7]

So haben im September Fischer den Zugang zu mehreren Häfen blockiert und die Blockade erst beendet, als sie von der Regierung Zusagen für Erleichterungen erhalten hatten.[8]

Und am 16. September blockierte eine größere Gruppe von Fischern ein Treibstoffdepot im Hafen von Fos-sur-Mer (Bouches-du-Rhône). Hier wird sie von der Polizei herauseskortiert.

Dass auch die gut organisierten französischen Bauern zu öffentlichkeitswirksamer Mobilisierung und entsprechenden Maßnahmen fähig sind, haben sie wiederholt bewiesen.

Hier 2022 bei der Blockade des Zugangs zu einer Raffinerie bei Toulouse: „Wer Elend sät, wird Zorn ernten“. Schon damals ging es um die hohen Benzinpreise.  9]

Und jetzt haben auch die bonnets jaunes de la Coordination rurale, eine auf radikale Aktionen (opérations coup de poing) spezialisierte Gruppierung gegen die hohen Benzinpreise protestiert, indem sie nachts mit ihren Traktoren mobile Messgeräte für Geschwindigkeitskontrollen entfernt und vor der Prädfektur in Rodez abgeladen…. Andere, fest installierte Radarmessgeräte wurden unbrauchbar gemacht… [9a]

Angesichts der aktuellen Krise glaubt eine deutliche Mehrheit der französischen Bevölkerung, dass es zu einer Neuauflage der Gilets-Jaunes-Bewegung von 2018 kommen könnte, die mit der Blockade von ronds points das öffentliche Leben des Landes monatelang massiv beeinträchtigt hatten.[10] In den sozialen Medien kursieren schon Aufrufe für einen entsprechenden Aktionstag am 17. Oktober.

Und Vorboten gibt es offenbar schon:

Am 24.9. wurden an der Tankstelle des Intermarché in Mourmelon alle Schläuche der Zapfsäulen durchtrennt…[11] Die Regierung nimmt die Drohungen einer erneuten Bewegung sehr ernst, wie das Fernsehinterview mit Präsident Macron am 24. 9. gezeigt hat.

Vorschläge und Forderungen

Vorschläge und Forderungen, wie der derzeitigen crise des carburants zu begegnen ist, gibt es genug – gerade auch angesichts der 2027 anstehenden Präsidentschaftswahlen. Da erwartet man ja zu Recht von den Kandidatinnen und Kandidaten – und davon gibt es eine ganze Menge- entsprechende Positionierungen.

Es sind vor allem drei weitgehende Maßnahmen, die da gefordert und diskutiert werden[12]:

  • Eine mehr oder weniger deutliche generelle Absenkung der Steuern und Abgaben auf Benzin: Der rechtsradikale RN mit Spitzenkandidatin Le Pen (dass sie verurteilt ist und Fußfessel trägt, spielt nach unserer Beobachtung im Wahlkampf überhaupt keine Rolle) will die Steuer auf Benzin radikal absenken und damit eine Verbilligung von 30 Cent erreichen. Ähnlich der Kandidat der Kommunisten (PCF) Roussel. Die Rechte (LR, Ratailleau) will die Abgaben um 15-17 Cent pro Liter senken.
  • Eine staatlich festgelegte generelle Begrenzung der Preise:  Das fordert zum Beispiel LFI (La France Insoumise) des Präsidentschaftskandidaten Melenchon. Die Obergrenze soll bei 1.70 Euro liegen. Die Gewerkschaften CGT und FO fordern sogar einen Preisdeckel von 1.50 Euro.
  • Eine Übergewinnsteuer, die vor allem Total, aber auch Betreiber von Raffinerien betreffen, die derzeit offenbar besonders hohe Gewinne erzielen. Das fordert zum Beispiel Raphael Glucksmann, der gerade an aussichtsreicher Position sich um die Kandidatur für die sozialdemokratische Linke bemüht.

Bei diesen Vorschlägen stellen sich allerdings die Fragen der Finanzierung, der Gerechtigkeit und der Umwelt: Ist es gerecht, dass von diesen Maßnahmen, die von allen Steuerzahlern getragen werden, auch solche Autofahrer profitieren, die eine Unterstützung überhaupt nicht benötigen und/oder verdienen? Ist überhaupt eine Absenkung der Benzinpreise verträglich mit dem umweltpolitisch gebotenen Ziel, die Verwendung fossiler Brennstoffe einzuschränken? Wird dadurch nicht der Druck auf Einsparungsmöglichkeiten (Caresharing, andere Transportmittel, Elektromobilität) reduziert? -Wie wichtig, ja existentiell die Einsparung fossiler Brennstoffe ist, hat sich ja gerade wieder in diesem Hitzerekord-, Waldbrand- und Trockenheits- Sommer gezeigt.  Und welche Konsequenzen haben die milliardenschweren Kosten solcher Maßnahmen für den Staatshaushalt? Nach Angaben des französischen Finanzministers Roland Lescure (Radiointerview vom 21. September) würde eine generelle Senkung der Benzinsteuer um 20 Cent den Staat, aufs Jahr gerechnet, 10 Mrd Euro kosten.  Dabei ist Frankreich ja jetzt schon massiv verschuldet: Die Schuldenquote liegt 2026 bei knapp unter 120% des BSP, einem Rekordwert,  und wird im nächsten Jahr weiter ansteigen; das ja nun wahrlich nicht ehrgeizige Ziel, das Defizit im Staatshaushalt von 5,1 auf 5,0 % des Bruttosozialprodukts zu senken (der EU-Richtwert liegt bei 3%) wird sowieso schon verfehlt: die voraussichtliche Verschuldungsquote soll nach Regierungsangaben bei 5,4% liegen; und Frankreich muss für neue Schulden inzwischen schon höhere Zinsen bezahlen als Italien, Spanien oder Griechenland, die traditionellen Vertreter des sogenannten Club Med.[13] Die Rechts- und Linksradikalen wollen den Haushalt entlasten durch Kürzung der Beiträge an die EU (natürlich ohne Einbußen für die französische Landwirtschaft, die wesentlich von den Brüsseler Agrarsubventionen profitiert). Melenchon will außerdem einen Teil der französischen Staatsschulden schlicht streichen. Die politische Linke, auch die gemäßigte, sozialdemokratische, will die von ihr geforderten Erleichterungen durch die Einführung einer Reichensteuer (taxe Zucman) finanzieren. Sogar der einflussreiche französische Rechnungshof (Cour des comptes), präsidiert von einer ehemaligen Ministerin Macrons, setzt sich schon seit längerem für eine Besteuerung größter Vermögen ein, die bisher durch steuerliche Optimierung oft jede Steuerzahlung vermeiden.[14]  Für die aktuelle Regierung Lecornu, der eine parlamentarische Mehrheit fehlt, scheiden solche Maßnahmen allerdings aus.[15]

Was die Regierung tut/tun will

Es bleiben also für die Regierung Lecornu nur gezielte Maßnahmen für besonders betroffene Berufsgruppen.[16] Solche Maßnahmen gibt es schon bisher, sie sollen aber deutlich ausgeweitet werden. Auf diese Weise will man den colère populaire dämpfen und gleichzeitig die Ausweitung der staatlichen Ausgaben einigermaßen begrenzen. Präsident Macron hat dieses Modell in seinem TV- Interview am 24.9. ausdrücklich verteidigt – auch ausdrücklich als Alternative zur deutschen Gießkannensubventionierung, die übrigens Kanzler Merz kurz zuvor noch vehement abgelehnt hatte… Aber in Deutschland drohten ja AfD-Erfolge ich den anstehenden Landtagswahlen, da wollte man nicht knauserig sein. Das wurde in den französischen Medien auch immer wieder hervorgehoben. Genutzt hat es allerdings nicht…

Konkret gibt es in Frankreich schon gezielte Hilfen für Wirtschaftszweige, die besonders von den Benzinpreissteigerungen betroffen sind: Fischerei, Landwirtschaft, Transportgewerbe und Unternehmen des Baus und der öffentlichen Arbeiten (BTP). Dazu sollen die Hilfen für „grands rouleurs“, also beruflich bedingte Vielfahrer mehr als verdoppelt werden. Zu ihnen gehören zum Beispiel auch im ländlichen Raum arbeitende Krankenschwestern… Insgesamt belaufen sich die Kosten dafür auf etwa 1,4 Mrd Euro. Aber, wie es von Regierungsseite heißt: Man müsse bereit sein, rechtzeitig einige hundert Millionen Euros auszugeben als später mehrere Milliarden…  

Bemerkenswert finde ich übrigens, dass Macron in seinem Fernsehinterview mit großer Eindringlichkeit auf die eigentlichen Ursachen der aktuellen Krise hingewiesen hat- dies auch im Hinblick auf verbreitete Schuldzuweisungen an Regierung und Präsident als die angeblichen Verantwortlichen für die Preissteigerungen. [17] In Wirklichkeit sind das ja Putin, Netanyahu und Trump mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine [18] und dem israelisch-amerikanischen Angriffskrieg gegen den Iran: Beide übrigens ohne jede völkerrechtliche Grundlage und beide in der illusionären Erwartung, die Kriegsziele in kurzer Zeit erreichen zu können. Wir in Europa sind immerhin in der Lage, die aus diesen unverantwortlichen Kriegsabenteuern resultierenden Belastungen noch einigermaßen abfedern zu können. Für sehr viele Länder und Menschen weltweit gilt das nicht…


[1] Lesezeit: 11 Minuten

Zum Titel des Beitrags s.a.: Isabelle Chaperon, Le dillemme des prix à la pompe. In Le Monde vom 22. September

[2] Quelle: Carbu.com  Aus: https://bonpote.com/bloquer-les-prix-baisser-la-tva-nationaliser-total-quelles-solutions-face-a-la-flambee-des-prix-du-carburant/

[3] Le Monde 19.9.2026

[4]  https://www.benzinpreis-aktuell.de/e10-entwicklung : In Deutschland liegt der aktuelle Durchschnittspreis bei 2.23

In Frankreich liegt der Durchschnittspreis für 1 Liter E 10 am 21. September bei 2.17, für Super (SP98) bei 2.27  und für Diesel (gazole) bei 2.41. (Le Monde vom 24.9.2026)

[5] Der Erfolg der Aktion ist so groß, dass es an manchen Total-Tankstellen Engpässe oder sogar völliger Leerstand gibt. Die große Total-Tankstelle an der Ausfahrt von Saint Tropez war letzte Woche sogar völlig geschlossen. Siehe auch: https://france3-regions.franceinfo.fr/normandie/seine-maritime/rouen/explosion-du-prix-des-carburants-les-stations-total-sont-prises-d-assaut-certaines-sont-deja-en-rupture-de-stock-3420518.html

[5a] Dass Diesel auch bei Total deutlich teurer ist als Benzin hat verschiedene Gründe: Total raffiniert zwar Benzin, aber kein Diesel, muss es also auch auf dem Weltmarkt einkaufen. Im Juli hat Russland seine Ausfuhr von Diesel gestoppt. Seitdem kommen 50% der europäischen Diesel-Importe aus den USA. Jetzt hat Trump am Rande der UN-Vollversammlung gedroht, den Export von Diesel zu stoppen, um die Preise in den USA vor den Midterms-Wahlen zu senken. Die Importe aus Amerika sind aber kurzfristig nicht zu ersetzen. Da gibt es schon Horrorszenarien von europäischen Dieselpreisen bis weit über 3 Euro pro Liter. (zdf heute, 24.9.)

[6] https://www.ledauphine.com/economie/2026/09/23/prix-des-carburants-le-ministre-serge-papin-n-a-pas-envie-d-embeter-total-sur-ses-marges

[6a] https://www.la-croix.com/economie/crise-des-carburants-totalenergies-et-ses-prix-plafonnes-taxes-de-concurrence-deloyale-20260921?utm_term=actu_opening&utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=NEWSLETTER__CRX_ESSENTIEL_SOIR_EDITO&utm_content=1274456583~DM150867~NL_CRX_EssentielSoir_newsletter-essentiel-soir-v2-2026-09-21-18-22-38-mp8687~Optin_CRXSoir~20260921

[7]  SYLVAIN THOMAS/AFP

https://www.lemonde.fr/economie/article/2026/09/17/pour-calmer-la-colere-des-pecheurs-le-gouvernement-prend-des-engagements-sur-les-prix-des-carburants_6776476_3234.html

[8] https://www.leparisien.fr/economie/blocage-des-ports-les-aides-pour-les-pecheurs-suivront-la-variation-des-cours-du-carburant-promet-la-ministre-17-09-2026-3LPMFQFIDRGJ3FANPQVC33TKCE.php?ts=1790301477642  Le Parisien vom 17. September 2026

Nachfolgendes Bild aus: https://www.lemonde.fr/economie/article/2026/09/16/petrole-gaz-electricite-une-hausse-des-prix-tous-azimuts-qui-fragilise-menages-et-entreprises_6774887_3234.html?utm_source=chatgpt.com

[9] Bild aus: https://www.leparisien.fr/economie/prix-du-gasoil-des-agriculteurs-bloquent-une-raffinerie-pres-de-toulouse-17-02-2022-FH2XK57ATFDF3EJLOWY5V6OYGM.php AFP/Lionel Bonaventure

https://www.lindependant.fr/2026/09/15/blocage-a-port-la-nouvelle-pecheurs-et-marins-protestent-contre-le-prix-du-gazole-et-les-contraintes-qui-menacent-leurs-professions-13552022.php

[9a] https://www.radiofrance.fr/franceinter/podcasts/tout-va-trop-vite/tout-va-trop-vite-du-mardi-29-septembre-2026-9206414

[10] Carburants : une très large majorité de Français croit au retour des « gilets jaunes » Le Figaro vom 21.9.2026

[11] https://www.sudouest.fr/gironde/bordeaux/prix-des-carburants-il-va-falloir-y-aller-vers-un-retour-du-mouvement-des-gilets-jaunes-30681058.php  s.a. Mouvement du 17 octobre : la colère des Gilets Jaunes en 2018 cherche un nouveau souffle à La Réunion – Outre-mer La 1ère

https://france3-regions.franceinfo.fr/grand-est/marne/une-station-service-vandalisee-dans-la-nuit-tous-les-flexibles-des-pompes-ont-ete-sectionnes-3423146.html?shem=dsdf,sharefoc,agadiscoversdl,,sh/x/discover/m1/4

[12] Eine übersichtliche Darstellung: https://bonpote.com/bloquer-les-prix-baisser-la-tva-nationaliser-total-quelles-solutions-face-a-la-flambee-des-prix-du-carburant/ (18..9.26)

s.a. Blocage des prix, baisse des taxes… Quelles sont les propositions des candidats à la présidentielle sur les carburants ? In: Le Figaro, 17.9.2026

[13] https://www.msn.com/de-de/nachrichten/other/finanzministerium-frankreichs-schuldenquote-steigt-2026-auf-rekordwert/ar-AA2cyW5j

[14] „par une augmentation de la fiscalité sur les seuls ménages dotés de hautes patrimoines“ könnten zusätzlich etwa 5 Milliarden Euro in die Staatskassen fließen. Durch „une véritable taxe sur les holdings patrimoniales, ces sortes de coffres forts dans lesquels les riches particuliers placent souvent une partie de leurs actifs à l’abri du fisc“ könnten weitere erhebliche Steuereinnahmen erzielt werden. Le Monde vom 24.9.2026: La Cour des Comptes relance l’idée d’un nouvel impôt sur la fortune.

[15] Aus Sicht der Regierung gibt es noch ein weiteres Argument gegen einen staatlich festgelegten allgemeinen Preisdeckel: „sur Public Sénat, ce mercredi matin, Sébastien Martin, ministre de l’Industrie, a exclu l’idée d’un plafonnement généralisé :  en France, Total vend à perte. Si nous [bloquons les prix pour tout le monde], la petite station-service qui est en milieu rural, qui ne fait pratiquement pas de marge, et à qui vous allez dire „demain, vous vendez à perte“, qu’est-ce qu’elle fait ? Elle s’arrête. Interrogé sur une éventuelle taxation des profits de TotalEnergies, Serge Papin a ajouté ne pas avoir  envie de menacer Total .

https://www.ledauphine.com/economie/2026/09/23/prix-des-carburants-le-ministre-serge-papin-n-a-pas-envie-d-embeter-total-sur-ses-marges

[16] https://www.lemonde.fr/planete/live/2026/09/22/en-direct-carburants-le-gouvernement-annonce-de-nouvelles-aides-pour-les-francais-les-plus-touches_6780209_3244.html

Le Monde vom 24. September 2024: Lecornu tente de conjurer une crise sociale.

https://fr.euronews.com/2026/09/22/carburants-le-gouvernement-francais-annonce-de-nouvelles-aides-pour-faire-face-a-la-crise

[17] Siehe Le Figaro vom 25.9.: Carburants: Macron ne veut pas payer la facture politique. Le Chef de l’État estime que les Francais ne font pas suffisamment le lien entre la flambée des prix à la pompe et les conflits internationaux. In Regierungskreisen spreche man diesbezüglich von einer déréalisation der öffentlichen Meinung.

18 In den französischen Medien und Debatten spielt dabei auch eine Rolle, dass die ukrainischen Angriffe auf die russische Energie-Infrastruktur (so verständlich und militärisch sinnvoll sie auch sein mögen) ebenfalls zur Verschärfung der internationalen Energiekrise beitragen. In dem Fernsehinterview vom 24.9. wurde Macron sehr heftig darauf angesprochen, verteidigte aber das ukrainische Vorgehen und die französische Unterstützung der Ukraine.

Sea, pop & sun: ein wehmütiger Blick zurück. Die Jahresausstellung 2026 in der Villa Carmignac auf Porquerolles

Einen geeigneteren Ort für eine Sea, Pop and Sun- Ausstellung als die Villa Carmignac auf der Insel Porquerolles, einer der drei „goldenen Inseln“ an der Côte d’Azur, kann man sich kaum vorstellen.[1] Denn Meer und Sonne gibt es auf Porquerolles genug: Die Insel ist laut Tourismus-Werbung „berühmt für ihre Strände mit türkisfarbenem Wasser, ein wahres Paradies. Die Insel erfreut sich eines besonders angenehmen Klimas, fast täglich scheint die Sonne.“[2]

Sonne und Meer: Freiheit und Lebensfreude

Die Ausstellung in der Villa Carmignac möchte zeigen, auf welche Weise die Darstellungen des Meers, des Himmels und der Sonne in der Kultur der Nachkriegszeit Metaphern geworden sind für Freiheit, Sexualität und Ausbruch aus gesellschaftlichen Normierungen. Inspiriert von dem Titel des Liedes Sea, Sex and Sun von Serge Gainsbourg thematisiert die Ausstellung „einen historischen Moment, wo das Aufkommen neuer sozialer Bewegungen, der Wandel der Sitten und der Aufschwung der Freizeitgesellschaft den Alltag und die visuelle Kultur tiefgreifend verändert haben. Mit mehr als 80 Werken – darunter 15 aus der Sammlung Carmignac – bringt „Sea, Pop & Sun“, kuratiert von den Kunsthistorikern Dieter Buchhart und Anna Karina Hofbauer, Ikonen der Pop-Art wie Roy Lichtenstein, Andy Warhol, Marjorie Strider, Evelyne Axell oder Martial Raysse in einen Dialog mit zeitgenössischen Künstlern, die diese Bewegung fortsetzen oder hinterfragen, wie Théo Mercier, Derrick Adams, Cosima von Bonin oder Judy Chicago.

Anhand einer Auswahl von Gemälden, Skulpturen, Fotografien und Videos lässt die Ausstellung eine bestimmte Geisteshaltung wieder aufleben: die einer Welt, die sich einer strahlenden Lebensfreude zuwendet, sich ihrer Widersprüche bewusst ist, aber stets von demselben Freiheitsdrang beseelt bleibt.“ (Ausstellungstext)

Der jährliche Besuch der Villa Carmignac hat für uns schon Tradition. Anlass für Wiedersehensfreude wie bei einem Treffen mit guten alten Freunden: der freundliche Empfang mit dem Begrüßungstee, der Aufgang zu dem Ungeheuer Barcelós, dann den 100- Fische-Brunnen und natürlich das grandiose Unterwasserpanorama Barcelós, die zur Einrichtung des Hauses gehören. Dort nach einem ersten Rundgang durch die Ausstellung eine Rast auf den dazu einladenden beiden Matten zu machen, ist selbstverständlich und immer wieder ein Genuss. Gespannt sind wir jedes Mal, in welcher Ecke des Hauses diesmal die unverwüstliche kleine Pflanze Tony Matellis einen Platz gefunden hat, und gespannt sind wir natürlich auf die aktuelle Ausstellung, das Neue, das für uns diesmal aber auch das Alte ist:  Die Zeit, um die es bei Sea, Pop and Sun geht, haben wir ja selbst erlebt. Der Blick in die (eigene) Vergangenheit ist dabei nicht frei von Wehmut. Nicht weil das Thema der Ausstellung uns schmerzhaft unseres Alters bewusst machen würde, sondern weil es für eine ganze Generation eine Zeit des Aufbruchs, des optimistischen Blicks in die Zukunft war, eine Zeit der persönlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen, an denen teilzuhaben und teilzunehmen eine Herausforderung, aber auch eine große Freude war. In solchen Zeiten jung zu sein, war ein großes Glück- ein Glück, das unsere heutige Jugend leider nicht hat…

Nachfolgend einige Ausstellungsstücke, die uns besonders angesprochen haben. Schwerpunkt und Höhepunkt ist zum Abschluss die riesige Sandinstallation in dem zentralen Ausstellungsraum mit seinem wasserbedeckten, sonnendurchflutenden Glasdach: Hier wird eindrucksvoll deutlich, dass die Ausstellung mehr ist als ein nostalgischer Rückblick auf die goldenen Zeiten von Sea, Pop and Sun.

Andy Warhol, zwei von vier ausgestellten Serigraphien auf Papier, 1972

Andy Warhol, So sunny, um 1950

A day of changing perspectives von Olafur Eliasson (2024) zeichnet den Lauf der Sonne nach.

Tracey Emin, I Followed You To The Sun, 2013

Niki de Saint Phalle, Sans Titre. 1987

Duane Hanson, Surfer. 1987

David Hockney, Lithograph of Water, 1978-1980

Evelyne Axell, Plongée, 1967

Diana Thater, Delphine, 1999. Videoprojektion

Natürlich darf in keiner Ausstellung in der Villa Carmignac Roy Lichtenstein fehlen. Er gehört zu den Lieblingskünstlern der Carmignacs, die einen großen Bestand seiner Werke besitzen.  Diesmal werden sogar noch Werke Lichtensteins aus anderen Sammlungen gezeigt, die besonders gut zur Ausstellungsthematik passen.

Roy Lichtenstein, Sunrise (Light Box) 1967 (Sans Souci Art Foundation/CoCo Familienstiftung)

Roy Lichtenstein, Night Seascapae banner, 1966. (Sans Souci Art Foundation/CoCo Familienstiftung)

Roy Lichtenstein, Seascape I, 1965 (Collection Carmignac)

Roy Lichtenstein, Meermaid, um 1978. Albertina Wien. Das Bild an der Wand: Roy Lichtenstein, Fishing Village, 1987 (Collection Carmignac).

Zu sea und sun der 1960-er und 1970-er Jahre gehörte natürlich auch die 1978 im Lied Gainsbourgs im Zentrum stehende sexuelle Befreiung.[3] Diese zentrale Rolle hat sie in der Villa Carmignac zwar nicht, thematisiert wird sie aber gleichwohl. Vier Beispiele:

Tom Wesselmann, Little Seascape#2 1965

Dazu aus dem Begleittext über die Seascape-Bilder Wesselmanns: „Diese kleinen Meeresmotive sind gewagte und verspielte Darstellungen der körperlichen Befreiung am Strand und spiegeln die Faszination des Künstlers für den weiblichen Körper wider. … Seine Darstellung der weiblichen Lust im Kontext der sexuellen Revolution der 1960er Jahre bricht mit dem passiven und objektivierten Frauenbild und verleiht seinen Aktdarstellungen eine zeitgenössische Perspektive.“

Weichgespült: Ridley Howard, Kiss at Window 2, 2020

Evelyne Axell, Ice Creme I,1964

„Die von Evelyne Axell erdachte Frau mit geschlossenen Augen, die dargestellt ist, wie sie genüsslich ein Eis schleckt, besticht durch ihre Sinnlichkeit und die leuchtenden Farben. „Ice Creme“, entstanden aus einem in Schwarz-Weiß reproduzierten Bild aus einem Modemagazin, provoziert durch seine unverhohlene Erotik. Auch wenn es auf den ersten Blick an die hypersexualisierten und objektivierten weiblichen Akte erinnert, die üblicherweise von männlichen Pop-Art-Künstlern dargestellt werden, ist Axells malerisches Werk dennoch eine Ode an die sexuelle Befreiung, die die 1960er Jahre prägte.“ (Ausstellungs-Begleittext)

Majorie Strider, Welcome (1963). Darüber an der Decke aufgehangene aufgeblasene Nanas von Niki de Saint Phalle.

Die plastisch aus der Bildfläche hervortretenden Lippen und der weit geöffnete Mund sind gewissermaßen das Markenzeichen von Majorie Strider, die man eine Amazone der Pop Art genannt hat. Neben dem Mund-Bild hängt auch noch das Bild einer Frau mit plastisch geformten großen Brüsten [3a] Strider hat das selbst als „a satire of men’s magazines“ verstanden. Eingebettet in den historischen Kontext kann man diese Bilder und ihre Titel Welcome und Come Hither vielleicht mit den Ausstellungsmachern provokativ-emanzipatorisch nennen. Dass allerdings die in Welcome dargestellte Frau „uns mit Haut und Haaren zu verschlingen droht“ (Begleittext der Ausstellung) sehe ich nicht so. Bei diesem „uns“ handelt es sich doch wohl um ein totum pro parte, ein umgekehrtes pars pro toto. Die bei Axell noch metaphorisch umschriebene sexuelle Provokation ist hier ganz direkt, wenn auch grotesk übersteigert. Aus heutiger Sicht erscheint uns (♀/♂) eine solche Frauendarstellung eher befremdlich….

Als strukturierende Elemente der Ausstellung dienen Song-Titel aus den 1960-er und 1970-er Jahren. Darauf wird man schon eingestimmt durch Cosima von Bonins lebensgroße, Gitarren tragende Fische (2022), die den Weg zur Ausstellung säumen.

Dazu gehören z.B. California Dreamin‘  (The Mamas & The Papas, 1965),  Good Vibrations (Beach Boys, 1966) und auch Bob Dylans The Times They Are a-Changin’ (1963/64), ein programmatisches Lied dieser Zeit, gewissermaßen eine Gebrauchsanweisung für eine Zeitenwende – allerdings eine ganz andere als die, in der wir uns heute befinden… Einige Lieder waren auch bei dem Gang durch die Ausstellung leise zu hören.

Die Ausstellung der Villa Carmignac 2026 ist Anlass für einen Blick zurück auf eine Zeit positiver Veränderungen, in der Sonne und Meer für Freiheit und Lebensfreude, für unbeschwerten Genuss standen. Wehmütig ist der Blick, weil die Perspektiven heute eher düster sind und die eigenen Handlungsmöglichkeiten eher begrenzt; und weil wir Sonne und Meer nicht mehr so naiv sehen können. Man muss sich ja heute fast schon rechtfertigen, wenn man -selbst im Spätsommer- an die Côte d’Azur fährt.; die Normandie und die Bretagne bieten sich als alternative Ferienziele und Destinationen für Zweitwohnungssitze von Parisern und hitzegeplagten Bewohnern der Mittelmeerküste an. Die Zeiten, als sich die Normandie selbstironisch mit Postkarten präsentierte, auf denen Touristen in Badeanzügen und Bikinis aus Pelz zu sehen waren, sind vorbei. Die Sonne steht nicht mehr (nur) für „Freud und Wonne“, wie es in einem alten Kirchenlied so schön formuliert war, sondern auch für „canicule“/Hitze, vor der man sich schützen oder am besten fernhalten muss. Sonnencreme wurden in den 1960-er und meist auch in den 1970-er Jahren nur als Bräunungsmittel verwendet. Als Gainsbourg sein Sea, Sex and Sun-Lied sang, wusste man noch nicht, dass UV-Strahlung zu Hautkrebs führen kann. Was Sonne und Hitze anrichten können, musste man ja gerade in diesem „Rekord“-Sommer leidvoll erfahren. Die mehr als 300 Sonnentage auf Porquerolles werden inzwischen eher als Fluch denn als Segen empfunden. Ein paar mehr Regentage dürften es schon sein… Und das Meer: Da denkt man unwillkürlich an das Abschmelzen der Polarkappen, das Ansteigen des Meeresspiegels, an die immer bedrohlicher werdenden warmen Meeresströmungen und das Korallensterben….  Und davor kann man auch in Porquerolles und den benachbarten Küsten die Augen nicht verschließen:

An vielen Stellen bröckeln die Küstenränder, wie hier bei La Londe-les-Maures.  An „unserer“ crique/Bucht, die wir meistens für uns haben, weil sie ohne eine kleine Kletterpartie nicht zugänglich ist, steht ein Warnschild, seitdem dort ein großer Felsbrocken abgestürzt ist.

So sah er damals aus- und so auch noch heute, allerdings nur in der Tourismus-Werbung. [4]

10 Jahre später ist der Sand weggespült und der Strand an manchen Stellen nur noch ein steiniger Trampelpfad.[5]

Die Sea Clock von Théo Mercier

Es ist immer eine besondere Herausforderung für die Ausstellungsmacher der Jahresausstellungen, welche Werke in dem zentralen Raum der Villa mit seinem wasserbedeckten Glasdach präsentiert werden. Diesmal ist es eine riesige Installation des französischen Künstlers Théo Mercier, die in Zusammenarbeit mit der Fondation Carmignac extra für diese Ausstellung angefertigt wurde. Dann werden auch die dafür verwendeten 20 Tonnen Sand wieder der Natur zurückgegeben.

In der Sandburg von Mercier sind ganz verschiedene Elemente zusammengefügt. Hinter dem aufgebrochenen Betonklotz ein toter Fisch, dahinter eine Luftmatratze, die Schale einer großen Muschel und rechts eine große Perle.

Hier hinter dem Betonquader mit Eisenarmierung ein riesiger Reifen mit grobem Profil –  Mercier hat ihn ausdrücklich als Squad-Reifen bezeichnet[6]–  und daneben einfacher Sand, wie ihn Kinder lieben, um an Stränden Sandburgen zu bauen; Sand, wie er aber auch zur Herstellung von Beton verwendet wird, also auch für die weit verbreitete Zubetonierung der Küsten. Die aufgeplatzten Betonblöcke lassen auch an die Atlantikwallbunker der deutschen Wehrmacht an den Stränden Frankreichs denken: Eine Symbiose von Schönheit, Spiel, Gewalt und Vergänglichkeit.

Gerade die Gewalt wird besonders in Szene gesetzt: Riesige Krebsscheren haben den Ball im Griff, andere eine Luftmatratze.

Die Sandplastik setzt damit in der Ausstellung einen Kontrapunkt und verweist auf die Gleichzeitigkeit des Meeres als Ort von Freiheit, Freizeit und Freude, aber auch als Ort größter Gefahr, ja von Vernichtung: Die Luftmatratze im Zangengriff erinnert auch an die vietnamesischen Boatpeople der 1970-er Jahre, die zu Tausenden im südchinesischen Meer umkamen, während die kalifornischen beach boys durch die Wellen surften. Und während man sich in der Villa Carmignac an sea, pop und sun erfreut, sterben im Atlantik und im Mittelmeer Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben…

Mercier hat seine Plastik Sun Clock genannt, Sonnenuhr. Das Licht, das durch die gläserne, wasserbedeckte Decke („plafond d’eau“) fällt, verändert und belebt den Raum darunter. Bei unserem Besuch im Spätsommer waren die Wände, aber nur spärliche Teile der Sun Clock von der Sonne beschienen.

Aber mit ein wenig Geduld und zeitlichem Abstand konnte man die Bewegung der Sonne und die entsprechenden Veränderungen der Sun Clock beobachten. Ein faszinierendes Schauspiel.

Aber Mercier geht es nicht nur um den Tagesablauf mit seinen entsprechenden Veränderungen.

Der aufgeschnittene Amonit in dem Squad-Reifen verweist auf viel längere Zeiträume. Mercier selbst beschreibt seine sun clock als Sonnenuhr („cadran solaire“), die die Frage aufwerfen soll, in welcher Phase der Veränderung unserer Welt wir uns befinden.[7]

Das Lied, das als Motto über diesem zentralen Raum der Ausstellung steht, ist „In the Year 2525“ von Zager & Evens aus dem Jahr 1969. In ihm wird das futuristische Schreckensbild einer Welt ohne Freiheit entworfen, soweit die Menschheit überhaupt noch überlebt: In the year 2525, if man is still alive… [8]

Im Jahr 8585 schüttelt Gott sein gewaltiges Haupt und sagt entweder:
„Schön, wie weit es der Mensch doch gebracht hat!“
Oder aber:
„Lass uns Tabula Rasa machen und noch mal von vorn anfangen!“

Im Jahr 9595 –
ich frage mich ernsthaft, ob der Mensch dann noch existiert.
Er hat der Erde alles genommen und nichts zurückgegeben
.[9]

Die Ausstellungsmacher sehen die Sandplastik von Théo Mercier in diesem Kontext:

„Theo Mercier arbeitet bewusst mit Sand, einem Material, das nur vorübergehende Beständigkeit bietet. Seine Skulpturen erinnern uns daran, dass jede Ordnung vergänglich ist und dass der Fortschritt zwar neue Möglichkeiten eröffnet, aber auch neue Formen der Abhängigkeit hervorbringt. Die Pop-Ästhetik der Oberfläche wird so zu einer ökologischen Diagnose der aktuellen Politik: Freiheit wird nicht mehr als grenzenlos betrachtet, sondern als fragile Ressource, deren Fortbestand von der Verantwortung und der kritischen Wachsamkeit jedes Einzelnen abhängt.“ (Begleittext)

Und was die Vergänglichkeit betrifft: Da geht es ja auch um Krieg oder Frieden. Darauf verweist der erste Fisch der Serie „What if they bark?“ Cosima von Bonins, das erste Objekt der diesjährigen Ausstellung.

Es ist ein Hai mit einer Rakete zwischen den Zähnen. Die Haie unserer Zeit sind eben nicht nur mit Zähnen sondern mit Raketen bewaffnet: Man kann das als Verweis auf das atomare Wettrüsten und die kubanische Raketenkrise 1962 verstehen, als die Welt am Rand eines Atomkriegs stand, aber auch auf den aktuellen Krieg in der Ukraine, die fast täglich Ziel russischer Raketen ist: What if they bark?…

Aber Hoffnung bleibt: Kurz vor dem Ende der Ausstellung sprießt aus einer Ritze Tony Matellis Weed # 389 (2017).

Und zum Abschluss grüßt die Penelope Martial Raysses die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung (Faire et défaire Pénélope that’s the rule, 1966). Penelope wartete 20 Jahre lang auf Odysseus, ihren Mann, bevor der von seinen Irrfahren in die Heimat und zu seiner Frau zurückkehrte. Nie hatte sie die Hoffnung aufgegeben.


Anmerkungen

[1] Lesezeit 11 Minuten

Alle Bilder des Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Frauke und Wolf Jöckel

Titelbild ist ein Ausschnitt aus dem Plakat der Ausstellung. Motiv ist eine der ausgestellten Serigraphien von Andy Warhol.

Zur Ausstellung siehe auch: À la Fondation Carmignac, un pop art solaire. À Hyères, une exposition montre que l’estheétique pop s’est aussi invitée à la plage. In: Le Monde, 16, Juni 2026

[2] https://provence-alpes-cotedazur.com/decouvrir/espaces-naturels/ile-porquerolles/?utm  

Nachfolgendes Bild aus: https://www.provenceweb.fr/f/var/porquerolles/porquerolles.htm?utm   

[3] https://www.paroles.net/serge-gainsbourg/paroles-sea-sex-and-sun

[3a] https://awarewomenartists.com/en/artiste/marjorie-strider

[4] Bild aus: https://www.porquerolles.guide/iles-or/

[5] In der Tourismuswerbung ist die Veränderung noch nicht angekommen: „Au nord, trois superbes plages offrent sables fins, rivages en pente douce et mer d’une pureté exceptionnelle. La Plage Notre-Dame a été élue plus belle plage d’Europe.“ Dass der Sand inzwischen fast völlig weggespült wurde, es sich also um einen Kieselstein-Strand handelt: Fehlanzeige. Und was die Auszeichnung als schönster Strand Europas angeht, wird ausgelassen, dass das 2015 war. Dabei zeigt sich gerade an diesem Strand die ganze Wucht und Brutalität des Klimawandels…  !https://www.provenceweb.fr/f/var/porquerolles/porquerolles.htm?utm  

[6] https://fr.linkedin.com/posts/fondation-carmignac_mes-explorations-autour-du-sable-r%C3%A9v%C3%A8lent-activity-7473752886603153409-Ol57?utm 

[7] „à quel moment du temps des transformations sommes- nous?“ A.a.O.

[8] https://songtextes.de/songtexte/zager-evans-in-the-year-2525

[9] https://www.songtexte.com/uebersetzung/zager-and-evans/in-the-year-2525-deutsch-2bd6b04a.html

Frühere Blog-Beiträge zu den Jahresausstellungen der Fondation Carmignac:

Bilder des Monats September 2026: Eine koloniale Art Déco-Fassade im 8. Arrondissement

Paris ist reich an wunderbaren Fassaden. Viele davon im Art Déco-Stil aus den 1920-er und 30-er Jahren. Eine besonders schöne und interessante hat das Haus Nr. 34 in der rue Pasquier im 8. Arrondissement. Große Reliefs mit exotischen Tieren schmücken die Fassade: ein Elefant und ein Kamel über dem Eingang, daneben und darüber weitere exotische Tiere…

Die Fassade passte zu dem Zweck des 1927 von den Architekten Alexandre und Pierre Fournier errichteten Gebäudes: Es gehörte nämlich der Société financière française et coloniale (SFFC), die Kapitalanlagen in kolonialen Projekten vermittelte.

Der damalige Chef der Gesellschaft Octave Homberg, beauftragte den Bildhauer Georges Saupique mit der „standesgemäßen“ Ausschmückung des Gebäudes und der Gestaltung der Reliefs.

Allerdings geriet das Unternehmen durch die Weltwirtschaftskrise von 1929, durch Aufstände in den südostasiatischen Kolonien und durch immer gewagtere Finanzanlagen bald nach Fertigstellung des Gebäudes in finanzielle Schieflage. Octave Homberg, als Finanz-„Hai“ verschrien, musste seinen Posten räumen, und das Haus in der rue Pasquier wurde 1933 verkauft. Als Sanierer zeichnete sich übrigens Edmond Giscard d’Estaing aus, der Vater des späteren Staatspräsidenten Valérie Giscard d’Estaing. 1931, mitten in ihren damaligen Turbulenzen, nahm die SFFC an der großen Kolonialausstellung im Bois de Vincennes teil. Der nach Ende der Ausstellung abgerissene Pavillon der Gesellschaft wurde von Georges Saupique ausgeschmückt. Es gibt aber dort noch das zentrale Ausstellungsgebäude (inzwischen das Einwanderungsmuseum), dessen Fassade mit kolonialen Reliefs geschmückt ist.

Seit 2022 ist das Haus in der rue Pasquier Sitz des Labels LANCEL. Das ist  ein Produzent von luxuriösen Lederwaren, der sich in diesem Bereich als Konkurrent von LVHM und Hermès sieht. Die Wahl dieses Firmensitzes sei eine Hommage an das Pariser Erbe mit seiner harmonischen Mischung von Tradition und Moderne und Ausdruck des kreativen Muts der Marke. Vielleicht gehört dazu ja auch, wie bei Hermès, die Herstellung von Taschen aus Krokodilleder – zur Fassade des Hauses würde das jedenfalls gut passen…

Das ganz in der Nähe, in der rue d’Anjou Nummer 51 gelegene, 1927 im Haussmann-Stil fertiggestellte noble Haus gehörte übrigens auch der SFFC. Auch hier weist der im ostasiatischen Stil gestaltete Fassadenschmuck auf den in der kolonialen Finanzindustrie engagagierten damaligen Hausherren hin.

Mme de Sévigné,  Stationen ihres Lebens (3): Grignan/Provence. Mit einem Exkurs über ihre Haltung zu den Hugenottenverfolgungen

Im ersten Teil der kleinen Beitragsreihe zum 400. Geburtstag Madame de Sévignés wurden Orte in Paris dargestellt, die in ihrem Leben bedeutsam waren:

  • Die Place Royale/Place des Vosges, wo sie geboren wurde
  • Die ehemalige Klosterkirche der Filles de la Visitation Sainte-Marie
  • Die Kirche Saint-Gervais, wo sie heiratete
  • Das hôtel Carnavalet, in dem sie viele Jahre wohnte

Im zweiten Teil wurden Orte in Frankreich vorgestellt, die im Leben der Madame de Sévigné eine besondere Rolle spielten.

  • Das Schloss Rochers der Sévignés bei Vitré in der Bretagne, wo sie viele ihrer Briefe schrieb mit einem Exkurs über die Haltung von Mme de Sévigné zum Aufstand der bonnets rouges
  • Das Schloss ihres Vetters Bussy-Rabutin in Burgund
  • Die Kurorte Vichy und Bourbon l’Archambault.

In dem nachfolgenden und abschließenden dritten Teil der kleinen Reihe steht das Schloss von Grignan in der Provence im Mittelpunkt, in dem nach ihrer Heirat die geliebte Tochter residierte, der sie die Mehrzahl ihrer Briefe schrieb. Dort ist Mme de Sévigné auch begraben. Ein abschließender zweiter Exkurs thematisiert ihre bedingungslose Akzeptanz der Hugenottenverfolgungen, bei denen ihr Schwiegersohn in der Provence eine bedeutende Rolle spielte. Dabei hatte Mme de Sévigné enge Beziehungen zu dem hugenottischen bretonischen Adel, vor allem zu ihrer Freundin Emilie von Hessen-Kassel, die nach dem Ende der Religionsfreiheit in Frankreich das Land verließ und sich in Frankfurt für ihre Glaubensbrüder einsetzte. [1] 

Grignan

Das auf einem Felsplateau östlich von Montélimar in der Provence gelegene Grignan verdankt seine Prominenz Mme de Sévigné. Ihr begegnet man dort auf Schritt und Tritt.

Statue der Mme de Sévigné auf der place Sévigné in Grignan

In ihrer Hand natürlich die Schreibfeder

Souvenir-Tasche mit Schreibfeder, Portrait der Tochter und Schlossansicht von Grignan

Nach Grignan gingen nämlich die meisten erhaltenen Briefe der Mme de Sévigné, weil dort seit 1671 ihre Tochter Françoise-Marguerite lebte. Es sind vor allem die zwei oder drei wöchentlich geschriebenen Brief an ihre Tochter, die den Ruhm der Mme de Sévigné als Briefschreiberin begründen.

Pierre Mignard zugeschrieben: Portrait von Françoise-Margueritte de Sévigné, comtesse de Grignan (1646-1705), um 1969. Musée Carnavalet Paris

Françoise-Marguerite war eine  schöne junge Frau, für ihre sie abgöttisch liebende Mutter sogar „das hübscheste Mädchen Frankreichs“.  1663, damals 16 Jahre alt,  wurde sie in die Hofgesellschaft von Versailles eingeführt und tanzte mit dem jungen Ludwig XIV. in dem „Ballet des Arts“ und ebenso in den beiden Ballettaufführungen der folgenden Jahre. Gerüchten zufolge machte ihr der junge Souverän Avancen, auf die sie aber nicht einging.

1668 heiratete sie standesgemäß, was Mme de Sévigné stolz ihrem Vetter Bussy-Rabutin mitteilte: : „Heute muss ich Ihnen eine Neuigkeit melden, die Sie bestimmt freuen wird, nämlich, dass endlich das hübscheste Mädchen von Frankreich heiratet, nicht den hübschesten jungen Mann (Grignanist 15 Jahre älter als Françoise-Marguerite. W.J.), wohl aber einen der besten Edelleute des Königreichs, Herrn von Grignan, den Sie längst kennen. Alle seine Gattinnen sind gestorben, um Ihrer Cousine den Platz zu überlassen und sogar, durch außergewöhnlich günstiges Geschicke, auch noch sein Vater und sein Sohn, so dass er reicher ist denn je zuvor und überdies durch Geburt, Stellung und gute Eigenschaften ganz so, wie wir es wünschen…“ [2] 

François Adhémar de Moonteil, comte de Grignan. Grafik aus dem 17. Jahrhundert

Die Freude von Mme de Sévigné schlug aber um in allergrößte Traurigkeit, als ihre geliebte Tochter 1671 in die Provence übersiedelte, zu deren königlichem Gouverneur ihr Schwiegersohn ernannt worden war.  Und so residierte er nun mit seiner Frau auf dem Familienschloss von Grignan. Für Mme de Sévigné war die Trennung ein Schock. Am 5. Februar 1674 schrieb sie ihrer Tochter: „Gestern waren es drei Jahre, daß ich eine der schmerzlichsten Erfahrungen meines Lebens machte: Du zogst nach der Provence und bist noch dort. Mein Brief würde lang werden, wenn ich Dir alle Bitternis, die ich empfand, schildern wollte und allen Kummer, der darauf folgte.“[3] 

Und 15 Jahre später, am 9. Oktober 1689, als sie ihre Tochter schon in der Provence besucht hatte:   „Ich denke ständig an Grignan, an euch alle, an eure Terrassen, an eure wunderschöne, atemberaubende Aussicht.“ [4] 

Die obere Schlossterrasse

Blick von der oberen Schlossterrasse

Blick auf die untere Schlossterrasse, an der auch der Eingang zur Schlosskirche liegt.

Mme de Sévigné  ließ es sich also nicht nehmen, mehrfach die beschwerliche Reise von Paris nach Grignan auf sich zu nehmen, um ihrer Tochter nahe zu sein und die „atemberaubende Aussicht“ zu genießen. Die gab es ja weder in Paris noch in Les Rochers. Allerdings war man damals 17 Tage unterwegs, teilweise auf der noch ungebändigten Rhône, die Mme de Sévigné besonders fürchtete, die aber dennoch sicherer war als der Landweg auf holprigen Wegen durch Wälder, „in denen es von Banditen und Wölfen wimmelte.“ [5] 

Von dem Schloss war sie sehr beeindruckt. Ihrem Onkel, dem Abbé de Coulanges, der einen Brief „an das königliche Schloss Grignan“ adressiert hatte, schrieb sie am 9. September 1694:

„Eine solche Anschrift erweckt zum mindesten den Eindruck, dass unter allen Schönheiten, die Ihre Phantasie erfüllen, die Schönheit dieses Schlosses seinen Platz behauptet, und das gereicht ihm zur Ehre. Ich muss Ihnen ein wenig davon erzählen, da Sie es lieben.

Die hässlichen Stufen, über die man, zur Schande der d’Adhémars, zum zweiten Hof steigen musste, sind jetzt der angenehmsten Treppe, die man sich vorstellen kann, gewichen. …. da ist nun ein Meisterwerk entstanden. Die Eingangshalle ist schön, und es lässt sich dort sehr angenehm essen. Man gelangt über eine große Freitreppe hin, über der Türe ist das Wappen der Grignans. Die Gemächer der Prälaten, von denen Sie nur den Salon kennen, sind sehr befriedigend eingerichtet, und wir bewohnen sie sehr angenehm.“[6] 

In der Tat unternahm der Schwiegersohn von Mme des Sévigné erhebliche Anstrengungen, das Schloss den repräsentativen Anforderungen seines Amtes entsprechend umzubauen. Vorbild war dabei das Schlosss von Versailles.

Ihrem adligen Freundeskreis in Paris berichtete sie begeistert: „Es ist ein wunderschönes Haus, eine wunderschöne Aussicht, eine herrliche Atmosphäre voller Erhabenheit und Pracht,  von der ich ganz verzaubert bin.“ [7] 

Die südliche Schlossfassade

Verzaubert war sie auch von den Speisen auf Schloss Grignan. Ihrem Vetter berichtet sie:

„Aber da wir beim häuslichen Thema sind, wollen wir auch davon reden, wie grausam man hier isst, besonders in dieser Jahreszeit. Es gibt zwar dieselben Speisen wie in überall: Rebhühner, das ist gewöhnlich, jedoch ungewöhnlich ist es, dass alle so sind wie in Paris jene, die man mit ganz besonderer Miene unter die Nase zu halten pflegt und ausruft: ‚Oh, dieser Duft! Riechen Sie ein wenig!‘  Solches Erstaunen lassen wir hier weg; unsere Rebhühner nähren sich mit Thymian und Majoran, mit allen duftenden Kräutern, die wir in Säckchen eingenäht in unsere Wäsche legen. Er gibt hier keine besseren und schlechteren. Und dasselbe sage ich von unseren fetten Wachteln, deren Schenkel sich bei der ersten Aufforderung vom Körper lösen müssen (sie gehorchen unfehlbar), und Turteltauben, auch sie vollendet gut. Und was die Melonen, Feigen und Muskatellertrauben betrifft, so ist es eigenartig: wenn wir den schlechten Einfall hätten, eine solche Melone finden zu wollen, müssten wir sie aus Paris kommen lassen, hier gibt es keine. Die weißen Feigen sind zuckersüß, die Trauben wie essbare Bernsteinkugeln. Man könnte sich leicht an ihnen berauschen, falls man zu viel davon essen würde, denn es ist, als trinke man in kleinen Schlücken Wein von Saint-Laurent. Das ist ein Leben, lieber Vetter!“[8] 

Aber dann gießt sie dem beeindruckten Vetter doch etwas Wasser in den süßen provencalischen Wein: „Sie glauben, alle unsere Tage seien aus Gold und Seide gemacht. Mein Vetter, leider ist es hier hundert mal kälter als in Paris. Es ist der Südwind, es ist der Nordwind, es sind die Teufel, die darin wetteifern, uns zu verhöhnen; sie streiten sich um die Ehre, uns in unseren Zimmern  einzusperren.“ [9] 

Und auch ihrer Tochter gegenüber betont sie die Nachteile von Grignan – wohl um sie zu motivieren, öfters einmal die Mutter in Paris oder Les Rochers zu besuchen:

„Grignan sehe ich auch, aber Du hast keine Bäume, das tut mir leid; ich sehe nicht recht, wo Du spazieren gehen kannst, auch hast Du keine Grotten mit Wasserkünsten, und ich fürchte, daß der Sturm Dich eines Tages von Deiner Terrasse fortträgt: ja, wenn ich glauben könnte, der Wirbel brächte Dich einst hierher, ich hielte immer mein Fenster offen – und auffangen wollt‘ ich Dich, Gott weiß es!“[10] 

Wenn Mme de Sévigné in Grignan zu Besuch war, vermisste sie natürlich ihren geliebten Park von Les Rochers und ihre Bäume, aber immerhin gab es die Grotte von Rochecourbière, einen Felsüberhang, wohin sie sich gerne zurückzog, „um ihren bleichen Teint vor der sengenden Sonne zu schützen und fernab des Trubels auf dem Schloss ihre Briefe zu schreiben.“ [11] 

Zugang zur Grotte

Ein Platz zum Ausruhen und Briefe-Schreiben…

Insgesamt war Mme de Sévigné  dreimal  in Grignan und verbrachte dort insgesamt fast vier Jahre. In Grignan starb sie am 17. April 1696 und sie ist auch dort begraben.

Grabstätte der Mme de Sévigné in der am Fuß des Schlosses gelegenen Stiftskirche Saint-Sauveur aus dem 16./17. Jahrhundert. 1793 hatten Revolutionäre auch die Gräber geöffnet – allerdings nicht wie in Saint Denis aus politischen, sondern aus militärischen Gründen: Sie suchten nämlich nach Blei für die Herstellung von Munition. Sie trennten auch den Kopf der inzwischen berühmten Mme de Sévigné ab, der auf Umwegen zu Franz Joseph Gall, dem in Paris niedergelassenen Begründer der Phrenollogie (Schädellehre) gelangte. Diese Pseudowissenschaft unterstellte einen Zusammenhang zwischen Schädel- und Gehirnform einerseits und Charakter und Geistesgaben andererseits. Galls leitete aus seinen Untersuchungen ab, dass dieser Schädel tatsächlich einer Frau gehörte, die eine bemerkenswerte Besonderheit aufwies: nämlich eine völlige Unfähigkeit zur mütterlichen Liebe… [12] 

Im 18. Jahrhundert wurde Grignan aufgrund seiner Lage und seines literarischen Renommees Zwischenstation vor allem englischer Kunstfreunde und Aristokraten auf dem Weg nach Italien.[13] 

Das konnte aber nicht verhindern, dass 1793 das Schloss als Symbol feudaler Unterdrückung weitgehend zerstört wurde. Das Mobiliar und die Kunstwerke wurden geplündert und verkauft. Prosper Mérimée, Inspektor der monuments historiques schrieb 1844, das Schloss sei nur noch ein -allerdings von romantisch angehauchten Reisen geschätzter Trümmerhaufen (une masse de décombres).

Schlossruine im 19. Jahrhundert (zeitgenössische Darstellung, Schloss von Grignan)

1911 kaufte Marie Fontaine, eine steinreiche Bankierswitwe und Mäzenin, das noch weitgehend ruinierte Schloss und ließ es weitgehend originalgetreu wieder aufbauen. Es wurde auch wieder prachtvoll eingerichtet und dabei natürlich Mme de Sévigné nicht vergessen:

Das rekonstruierte Schlafzimmer der Mme de Sévigné

Der Schreibtisch mit der obligatorischen Feder

2026 feiert Grignan Mme de Sévigné, der es so viel verdankt, ausgiebig mit einem Sévigné-Jahr.

Exkurs: Mme de Sévigné, die Hugenottenverfolgungen und Emilie von Hessen-Kassel

Zum Schluss der Mme de Sévigné gewidmeten kleinen Beitragsreihe möchte ich auf ihre Haltung zu den Hugenottenverfolgungen in der Provence eingehen – ein Thema, das, soweit ich das sehe, in den Würdigungen zum 400. Geburtstag der Mme de Sévigné eher freundlich umgangen wird – vielleicht um die allgemeine gute Festlaune nicht zu trüben.

Denn Mme de Sévigné  gehörte immerhin zu den entschiedensten, ja begeistertsten Befürwortern des Edikts von Fontainebleau, mit dem Ludwig XIV. das Edikt seines Großvaters aufhob und dass dabei auch Gewalt angewendet wurde, hielt sie für durchaus gerechtfertigt, ja notwendig.

In dem Brief an ihren Vetter vom 28. Oktober 1685 schrieb sie: „Sie haben sicherlich von dem Edikt gehört, mit dem der König das Edikt von Nantes aufhebt. Es gibt nichts Großartigeres als all das, was darin steht, und noch nie hat ein König etwas Denkwürdigeres getan und wird es auch nie tun.“ [14] 

Dabei wusste Mme de Sévigné, dass die von ihr gepriesene Wiederherstellung der religiösen Einheit Frankreichs mit durchaus rabiaten Mitteln durchgesetzt wurde. In dem schon zitierten Brief an ihren Vetter rühmt sie den Pater Bordaloue „der einen charmanten Geist besitzt und eine sehr liebenswürdige Art hat. Auf Befehl des Königs bricht er nun auf, um in Montpellier und in jenen Provinzen zu predigen, in denen sich so viele Menschen bekehrt haben, ohne zu wissen, warum. Pater Bourdaloue wird es ihnen beibringen und sie zu guten Katholiken machen. Die Dragoner waren bisher sehr gute Missionare: Die Prediger, die man nun entsendet, werden das Werk vollenden.“

Kopie einer Zeichnung aus dem Jahr 1686. Links ein Dragoner/Missionar – in seinem Gewehr statt einer Kugel ein Kreuz. Rechts ein Häretiker/Hugenotte, der seinen Übertritt zum Katholizismus vollzieht.

Offenkundig schwingt in diesen Worten auch etwas Ironie mit – so wie ja auch in ihren in Worten zu den Galeerensträflingen, die ich im ersten Teil des Blog-Beitrags über Mme de Sévigné zitiert habe. Aber es ist doch befremdlich, wie sie die staatliche Brutalität, die bei der zwangsweisen „Bekehrung“ von Hugenotten angewandt wurde, darstellt. Die Soldaten, die bei den berüchtigten Dragonnaden in protestantischen Häusern einquartiert wurden, waren ja nun wirklich keine „sehr guten Missionare“. Und die Hugenotten, die unter diesen Bedingungen zum Katholizismus übertraten, wussten durchaus warum: wegen des massiven Zwangs, der auf sie ausgeübt wurde. Aber die Abfolge von militärischer Zwangskonversion und anschließender Missionierung nimmt Mme de Sévigné ironisch-billigend in Kauf. Der heilige Zweck heiligt eben die Mittel, selbst die schlimmsten.  Das gilt auch für ihren Vetter, der in seinem Antwortbrief vom 14. November 1685 schreibt, er bewundere „das Vorgehen des Königs, die Hugenotten zugrunde zu richten.“ Das neue Edikt Ludwigs XIV. sei ihr „coup de grâce“, ihr Gnadenstoß – eine sehr „feinsinnige“  Formulierung: Selbst wenn es darum geht, eine ganze Bevölkerungsgruppe „zugrunde zu richten“, wird das in der Art der „Rabutinage,“ dem geistreich plänkelnden Austausch zwischen Mme de Sévigné und ihrem Bruder behandelt. Die als Grundton ihrer Briefe vom FAZ-Feuilletonisten Mark Zitzmann gerühmte „Zartheit“ bzw. das „Zartgefühl“, das Mme de Sévigné auch für sich selbst beanspruchte, sucht man vergeblich, wenn es um den Kampf gegen die Hugenotten geht. Und ihre diesbezügliche Militanz  geht über ein „gutkatholisches Überlegenheitsgefühl über die verfolgten Protestanten“ doch weit hinaus.[15] 

Die Zustimmung von Mme de Sévigné zur Gewaltanwendung bei der Durchsetzung des Edikts von Fontainebleau beruht wohl auch darauf, dass ihr Schwiegersohn, der Gouverneur der Provence, dabei eine wichtige Rolle spielte. Am 16. März 1689 schreibt Mme de Sévigné, die gerade bei ihrer Tochter zu Besuch ist, ihrem Vetter Bussy-Rabutin [16]: „Herr und Frau von Grignan sind auf ihrem Posten. Herr von Grignan hat eine entsetzlich ermüdende Reise in die Berge der Dauphiné hinter sich. Er musste Hugenotten aufstöbern und bestrafen. Sie kommen aus ihren Löchern hervor, um gemeinsam zu Gott zu beten, und verflüchtigen sich wie Geister, sobald sie merken, dass man ihnen auf der Spur ist und sie ausrotten will. Diese Art von fliegenden, unsichtbaren Feinden verursacht endlose Mühe, ja, wörtlich, sie nimmt kein Ende. Diese Leute verschwinden im Nu, und sobald man ihnen den Rücken kehrt, kommen sie wieder aus ihren Höhlen hervor. Ich glaube, in Burgund gibt es nichts dergleichen.“

Das Mitleid, das Mme de Sévigné noch mit den Opfern des blutig niedergeschlagenen bretonischen Aufstandes hatte, fehlt gegenüber den Hugenotten völlig: Anstatt sich, wie es sich anscheinend ihrer Meinung nach gehörte, willig ausrotten zu lassen, verschwinden sie einfach und verflüchtigen sich wie Geister. Und nota bene: Es geht hier für sie nicht um Bekehrung oder Vertreibung, sondern um Ausrottung. Die Vokabel, die sie verwendet, exterminer, also vernichten/ausrotten, wird, das muss ich doch anmerken, im Französischen auch für den Holocaust verwendet.

Aber das Mitleid geht Mme de Sévigné auch hier nicht völlig ab. Ihr armer Schwiegersohn hat „eine entsetzlich ermüdende Reise“ hinter sich.  Es verursacht „endlose Mühe“, die Hugenotten „aufzustöbern und zu bestrafen“, also auszurotten. Es macht ihr große Sorgen, dass die Jagd auf die Hugenotten zu beschwerlich oder gar gefährlich sein könnte: „Der Brief von Monsieur de Grignan hat mich erschauern lassen, mich, meine Liebe, Gute,  die ich weder den Anblick noch die Vorstellung eines Abgrunds ertragen kann. Wie schrecklich, … immer nur einen Hauch vom schrecklichen Tod entfernt zu sein! … Ich befürchte, dass diese Dämonen verschwinden, sobald sie Angst haben und Monsieur de Grignan sehen, aber mit derselben Leichtigkeit wieder auftauchen, sobald er nicht mehr da ist.“ [17]  Aber sie ist doch stolz auf ihn, denn die Vernichtung der Hugenotten ist für sie ein ehrenvolles Werk: „Sie können froh sein, dass niemand kommt, um Ihnen bei Ihrer Arbeit zu helfen. Monsieur de Grignan wird diese Dämonen vertreiben, die aus den Bergen kommen und sich dort wieder verstecken. Im Languedoc gibt es viele davon; Monsieur de Broglio und Monsieur de Bâville jagen sie. Sie sind wie Geister, sie verschwinden einfach.“ [18]  Damit stellt Mme de Sévigné ihren Schwiegersohn auf eine Ebene mit Männern, die für ihre Härte, ja Grausamkeit bei der Jagd nach Hugenotten im Languedoc bekannt und berüchtigt waren. [19] In einem ihrer Briefe nennt sie selbst Bâville ohne jeden kritischen Unterton den Schrecken des Languedoc („la terreur du Languedoc“): offenbar sieht sie ihn als Vorbild für ihren Schwiegersohn bei seinem Kampf gegen die „Dämonen“.[20] 

Bei der Lektüre dieser Briefe musste ich ganz unwillkürlich und gegen jede political bzw historical correctness an die Posener Rede des „Reichsführers SS“ Heinrich Himmler vom Oktober 1943 denken. Da redete er von der notwendigen „Ausrottung“ des jüdischen Volks, an der teilgenommen zu haben „ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte“ sei. Natürlich ist es völlig abwegig, Mme de Sévigné und Himmler auf eine Stufe zu stellen, es sind Welten, die beide trennen.[21]  Aber irritierend ist die Haltung von Mme de Sévigné zu der Gewaltanwendung gegen die Hugenotten doch. So fühlt sich denn auch Ferdinand Lotheißen, Übersetzer der Briefsammlung des Projekts Gutenberg, genötigt, den Brief vom 28. Oktober 1685 mit einer ansonsten völlig unüblichen Anmerkung zu versehen:

„Von einer Frau wie Mme. de Sévigné einen solchen Brief zu lesen, erstaunt uns. Doch vergessen wir nicht, daß uns mehr als zwei Jahrhunderte von jener Zeit trennen, und daß erst nach langen Kämpfen Toleranz und Gewissensfreiheit errungen wurden. Mme. de Sévigné sprach hier, wie fast alle ihre Standesgenossen, welche die Aufhebung des Edikts von Nantes als eine große Tat priesen. Auch La Fontaine pries in einem Brief an den Herzog von Vendôme den König, daß er die »ketzerische dumme Hugenottenbrut« vertrieben hätte.“ [22]

Allerdings hatte es unter dem ursprünglich hugenottischen und nur aus Staatsraison zum Katholizismus konvertierten Heinrich IV. mit dem Edikt von Nantes durchaus schon ein gewisses Maß an Toleranz in Frankreich gegeben. Und es gab in Frankreich auch vereinzelte kritische Stimmen. So von dem Festungsbauer Vauban, der aus sachlichen Gründen vor einer Aufhebung des Edikts von Nantes gewarnt und dabei vor allem auf die möglichen -und dann ja auch durchaus eingetretenen – negativen Konsequenzen für Frankreich hingewiesen hatte. Andere, wie der Jansenist Antoine Arnault, rieten immerhin dazu, nicht allzu laut und triumphal die Aufhebung des Edikts von Nantes zu bejubeln, weil bei der Konversion so vieler „Ketzer“ doch auch einige Gewalt angewandt worden sei. [23] Diese Zurückhaltung gibt es bei Mme de Sévigné nicht.

Dass es Mme de Sévigné nur allzu richtig fand, „die elenden Hugenotten auszurotten“ (exterminer), ist für mich schon befremdlich genug. Umso mehr allerdings, wenn man bedenkt, wie engen Kontakt sie vor dem Edikt von Fontainebleau mit Hugenotten hatte. Vitré, in dessen Nähe Les Rochers, das Schloss der Sévignés, lag und wo sie auch direkt ein stattliches hôtel particulier besaß, war nämlich eine Hochburg der Hugenotten. 1583 fand dort die 12. Synode der reformierten Kirchen Frankreichs statt, 1617 die 22. Synode. 1598 gab sogar Henri Quatre der Stadt die Ehre und habe dabei ausgerufen, er wäre gerne Bürger von Vitré, wenn er nicht französischer König wäre. Zu dem bretonischen Freundeskreis von Mme de Sévigné gehörte auch Emilie von Hessen- Kassel, Prinzessin von Tarent, zu dieser Zeit sicherlich die prominenteste Bewohnerin von Vitré. [24] Emilie war die älteste Tochter des Landgrafen Wilhelm V. von Hessen-Kassel. 1648 heiratete sie den in hessischen Diensten stehenden Hugenotten Henri Charles de La Trémoille, Fürst von Tarent und Talmont. Nach dem Tod ihres Mannes 1672 lebte Emilie im Sommer auf ihrem Landsitz, dem Château Marie in  Vitré, und wurde eine enge Freundin der genau gleichaltrigen Mme de Sévigné. Die rechnete es, wie wir schon gesehen hatten, ihrer Freundin und deren Nähe zum Versailler Hof zu und hoch an, dass Vitré beim bretonischen Aufstand der bonnets rouges von der Einquartierung königlicher Truppen verschont wurde. Der „bonne Tarente“ las sie Ausschnitte aus den Briefen ihrer Tochter vor und umgekehrt las Emilie Mme de Sévigné  auf deutsch geschriebene lange Briefe ihrer Nichte Liselotte von der Pfalz, der Schwägerin Ludwigs XIV., vor und übersetzte sie ihr. [25]  Die verschiedenen Konfessionen waren dabei kein Hinderungsgrund, sondern wurden akzeptiert. Am Weihnachtstag 1675 berichtet Mme de Sévigné, habe sie an der Messe teilgenommen und dabei große Freude empfunden, katholisch zu sein. Gleichzeitig sei Emilie, „la bonne princesse“, zu ihrem Gottestdienst gegangen. Und anschließend habe sie mit dem ministre, dem Pfarrer, diniert: eine wunderbare Momentaufnahme des Miteinanders über konfessionelle Grenzen hinweg.

Dass trotz dieser engen Beziehungen zu Hugenotten Mme de Sévigné derart eindeutig deren Ausrottung befürwortet, ist schon bemerkenswert. Immerhin pflegte sie, wie ihre Briefe zeigen, Freundschaften und hielt, wie sie gegenüber dem von Ludwig XIV. geächteten Nicolas Fouquet eindrucksvoll bewies, auch dann noch daran fest, als es politisch inopportun war, ja sogar gefährlich werden konnte. Aber bei den Hugenotten war es wohl die unbedingte Treue zur katholischen Kirche, die die Enkelin einer Ordensgründerin und späteren Heiligen veranlasste, sich so radikal zu positionieren. Obwohl sie doch aus eigener Erfahrung wusste/wissen musste, dass die Hugenotten durchaus nicht so „elend“ und „dämonisch“ waren, wie sie sie dann in ihren Briefen darstellte. Aber dass bei Verfolgung ganzer Bevölkerungsgruppen immer auch einzelne Ausnahmen gemacht werden, liegt nahe.

Emilie von Hessen-Kassel, die auch nach der Konversion ihres Mannes zum Katholizismus an ihrem Glauben festhielt,  entschied sich übrigens nach dem Erlass des Edikts von Fontainebleau zur Rückkehr nach Deutschland, obwohl ihr Ludwig XIV. “nicht unbeträchtliche Pensionszahlungen anbot, falls sie konvertierte.“ Sie erhielt die außerordentliche, „einfachen“ Hugenotten verwehrte Erlaubnis, mit 5 bis 6 französischen Bediensteten in ihre deutschen Besitzungen zurückzukehren.[26] Allerdings kehrte sie nicht in das elterliche Hessen-Kassel zurück, obwohl das zu den deutschen Territorien gehörte, die den aus Frankreich geflohenen Hugenotten Zuflucht boten. Sondern sie ließ sich in Frankfurt nieder, das eine wichtige Zwischenstation von aus Frankreich geflohenen Menschen war.[27] Aufgrund ihrer herausgehobenen Stellung wurden ihr dort sogar Privilegien zugebilligt, die Reformierte in der streng lutherischen Stadt nicht hatten.  Mit ihren geringen verbliebenen Mitteln unterstützte sie vor allem Waldenser,  die auf Hilfe wesentlich mehr angewiesen waren als die wegen ihrer vielfältigen Kompetenzen und großen Arbeitsmoral von reformierten Territorialherren gerne aufgenommenen Hugenotten. In Frankfurt starb sie 1693, drei Jahre vor ihrer ehemaligen Freundin. Bestattet wurde sie in Kassel, aber ein Denkmal wurde ihr nicht gesetzt.


Literatur

Madame de Sévigné, Briefe. Herausgegeben und übersetzt von Theodora von der Mühl. Insel TB 1979

Marquise de Sévigné, Ausgewählte Briefe. Übersetzt von Ferdinand Lotheißen. München: Albert Langen 1925  https://www.projekt-gutenberg.org/sevigne/sevigbrf/chap001.html

Madame de Sévigné, Briefe an die Tochter. Ausgewählt und aus dem Französischen übersetzt von Susanne Schürmann. Mülheim 2020

Marie de Rabutin-Chantal, marquise de Sévigné, Lettres de Madame de Sévigné, de sa famille et de ses amis Texte établi par Louis Monmerqué, Hachette, 1862 https://fr.wikisource.org/w/index.php?title=Lettres_de_Madame_de_S%C3%A9vign%C3%A9/%C3%89dition_Monmerqu%C3%A9/Volume_1/Notice&utm_source=chatgpt.com

Les Classiques de Lire, Themenheft Madame de Sévigné. 2/3/4 2026

Paul Deschanel, membre de l’Académie Française, Rede zur Einweihung der Statue  von Madame de Sévigné. Vitré,  8. Oktober 1911  https://www.academie-francaise.fr/inauguration-de-la-statue-de-mme-de-sevigne-vitre  

Duchêne, Roger (Hrsg), Autour de Mme de Sévigné, deux colloques pour un tricentenaire. Biblio 17 Hrsg vom Romanischen Seminar der Uni Tübingen 1997

Rob Kieffer, Göttliche Trüffel, hinterhältige Teufel. Die Drôme provencale war für Madame de Sévigné, die plauderfreudige, scharfsinnige Briefeschreiberin und Chronistin des königlichen Hoflebens, Zufluchtsort und Inspirationsquelle. In diesem Jahr feiert man dort ihren 400. Geburtstag. In: FAZ 23.5.2026

Gerlinde Kraus, Madame de Sévigné. In: Bedeutende Französinnen. Mühlheim/Main 2006

Jean-Jacques Lévêque, Madame de Sévigné ou la saveur des mots 1626-1696. Paris ACR Editions 1996

Claude Lefebvre, Portrait von Madame de Sévigné. https://de-academic.com/dic.nsf/dewiki/899704

Stéphane Maltère, Madame de Sévigné. Paris: Gallimard 2013

Genès Pradel, Madame de Sévigné en Bourbonnais : ses séjours à Vichy et à Bourbon-l’Archambault. Conférence faite aux « Amis de Montluçon », le 2 mai 1914. Madame de Sévigné en Bourbonnais : ses séjours à Vichy et à Bourbon-l’Archambault / par Genès Pradel | Gallica

Anmerkungen

[1] Alle Fotos dieses Beitrags, soweit nicht anders angegeben, von Wolf Jöckel

Lesezeit 24 Minuten

[2] Brief an den Grafen Bussy-Rabutin vom 4. Dezember 1668. Aus: Briefe a.a.O., S. 26/27

[3] Von Mme. de Sévigné an Mme de Grignan  Brief 37 Paris, 5. Februar 1674 Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné Kapitel 5

[4] Info-Tafel im Schloss von Grignan. Übersetzung in: FAZ 23.5.2026

[5] FAZ 23.5.2026

[6] Brief aus Grignan vom 9. September 1694. Zit. Briefe, S. 380

[7] Zit. von Kieffer, FAZ, 23.5.2026

[8] Brief aus Grignan vom 9. September 1694. Zit. Briefe, S. 380/381

[9] Zit. Kieffer, FAZ, 23.5.2026

[10] https://www.projekt-gutenberg.org/sevigne/sevigbrf/chap003.html Brief 21

[11] Kieffer, FAZ, 23.5.2026

[12] Les Classique de Lire, S. 11

[13] Die nachfolgende Abbildung aus der im Schloss präsentierten Geschichte von Grignan

[14] Lettres de Mme de Sévigné (Bibliothèque de la Pleiade), t. III, p. 114  Zitiert auch bei  https://de.frwiki.wiki/wiki/%C3%89dit_de_Fontainebleau_%281685%29  als Beispiel für die begeisterte Zustimmung der Marquise de Sévigné zu dem Edikt von Fontainebleau:  „Kein König hat jemals etwas Denkwürdigeres getan oder wird es tun.“ Auch das musée protestant zitiert in dem Beitrag über die französischen und ausländischen Reaktionen auf das Edikt von Fontainebleau an hervorgehobener Stelle diese Briefpassage der Mme de Sévigné. https://museeprotestant.org/notice/les-reactions-en-france-et-a-letranger/

[15] Mark Zitzmann, Was sie schrieb, war einfach unerhört. 400 Jahre Madame de Sévigné. In: FAZ vom 5.2.2026  Zitzmann spricht zwar immerhin das heikle Thema an, aber die Haltung von Mme de Sévigné derart zu bagatellisieren, finde ich eher peinlich.

[16] Brief S. 345 vom 16. März 1689

[17] Ibid., p. 377

[18] Lettres de Mme de Sévigné (Bibliothèque de la Pleiade), t. III  S. 363 Brief vom 25. Februar 1689

[19] Zur Rolle des Grafen von Grignan bei der Bekämpfung der Hugenotten siehe: R. Duchêne, Monsieur de Grignan et les protestants de Provence  https://cinumedpub.mmsh.fr/Provence-historique/Pdf/PH-1970-20-079_07.pdf S. 64/65 Duchêne geht von einem Artikel in der in der Enzyklopädie Grand Larousse (Ausgabe 1962), die er zitiert:

« Grignan (François-Adhémar de Monteil, comte puis marquis de) [Grignan 1629, id. 1714). Colonel du régiment d’infanterie de Champagne en 1654, il fut nommé lieutenant général de Provence (1669) et fut rigoureux avec les protestants.“

In seinem Beitrag versucht Duchêne, dieses Urteil zu korrigieren. Grignan habe nur die königllichen Instruktionen ausgeführt und dabei sogar besondere Zurückhaltung walten lassen: es sei ihm nämlich darauf angekommen, die Grenzen zu schließen und möglichst viele Hugenotten im Land zu halten. Grund für das negative Urteil des Larousse seien die Briefe von Mme de Sévigné, die das Bild ihres Schwiegersohns geprägt hätten.

» L’approbation de Mm. de Sévigné à son gendre ne peut, dès lors, que le rendre suspect: La réputation de dureté du comte de Grignan lui vient de ces quelques passages, les seuls qui attestent sa présence dans une expédition contre les protestants, sans doute en service commandé, puisqu’il est hors de son propre gouvernement. Parce que l’imagination de l’épistolière était effrayée de la difficulté des chemins ct de l’aptitude des protestants à se cacher, elle a fixé ses impressions dans une image qui s’imposait à son esprit et qui s’est imposée à celle de ses lecteurs, celle d’une sorte de chasse contre les ‚démons‘. L’horreur du cadre s’est associée dans les esprits à l’horreur de cette poursuite, où il s’agit d‘ « exterminer“. Et M. de Grignan, solidaire de Broglio et de Bâville, a été rendu responsable d’une expédition dont on ignore s’il la commandait et s’il l’approuvait.“

[20] Brief an Mme de Grignan vom 2. Oktober 1689. https://fr.wikisource.org/wiki/Lettres_choisies_%28S%C3%A9vign%C3%A9%29%2C_%C3%A9d._1846/Lettre_295?utm Brief 295

[21] Mme de Sévigné ist außerdem Kommentatorin, Himmler dagegen verantwortlicher Täter.

[22] .Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné Kapitel 16, 148

[23] Siehe: https://museeprotestant.org/notice/les-reactions-en-france-et-a-letranger/ , wo die wesentlichen Bedenken Vaubans aufgeführt sind. Siehe auch:  Charles Alfred de Janzé, Les Huguenots. Cent ans de persécution 1685 — 1789 (1886 https://www.gutenberg.org/cache/epub/16849/pg16849.html

[24] https://de.wikipedia.org/wiki/Emilie_von_Hessen-Kassel

[25] Brief vom 23. Oktober 1675 an ihre Tochter

„Madame écrit en allemand de grandes lettres à Mme de Tarente : je me les fais expliquer. Elle lui parle avec beaucoup de familiarité et de tendresse, et la souhaite fort.“  

[26] Archives nationales, La Trémoille, Marie-Amélie de Hesse-Cassel (1626-1693 ; duchesse de)

https://rdf.archives-nationales.culture.gouv.fr/garance/entities/agent/052904/?utm

[27] Dazu im Einzelnen: Michelle Magdelaine, Francfort-sur-le-Main et les réfugiés huguenots.  Pariser Historische Studien Bd. 82 2007 https://perspectivia.net/servlets/MCRFileNodeServlet/ploneimport_derivate_00010832/magdelaine_huguenots.pdf?utm