Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen (1): Das Pantheon der Frauen

Der Blog-Beitrag über das Pantheon besteht aus zwei Teilen: in dem einem geht es um die wechselhafte Geschichte des Baus und die großen und weniger großen Männer, die dort von dem dankbaren Vaterland geehrt werden; in dem anderen um die wenigen Frauen, denen die Ehre zu Teil wurde, ins Pantheon aufgenommen zu werden,, und um die möglichen weiteren, die für eine solche Ehrung infrage kommen könnten. Was die Reihenfolge betrifft: Wenn man es schon beklagt, dass Frauen im Pantheon sträflich zu kurz kommen, dann sollen sie auf diesem Blog wenigstens den Vortritt haben. Beginnen wir also mit den Frauen im Pantheon!

Dass das Pantheon ein Frauenproblem hat, zeigt schon ein flüchtiger Blick auf die Statistik: In der aktuellen Liste (Stand Anfang 2018) der im Pantheon von Paris bestatteten Personen findet sich folgende Angabe:

 Il y a à ce jour 76 Grands Hommes (72 hommes et 4 femmes) panthéonisés.[1]

Diese Angabe ist nicht nur in geschlechtsspezifischer Hinsicht bezeichnend, sondern auch sprachlich bemerkenswert. Mit den „Grands Hommes“ sind hier nicht nur Männer gemeint, sondern geschlechtsneutral Personen, wie die anschließende Differenzierung zeigt. Das ist politisch korrekt, historisch weniger. Denn als die Nationalversammlung 1791 beschloss, die der heiligen Genovefa geweihte Kirche zu einer Ehrenhalle für die „grands hommes“ umzuwandeln, hatte man dabei an Frauen  keineswegs gedacht.[2]

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Dass einmal Frauen ins Pantheon einziehen könnten, lag auch noch außerhalb der damals vorherrschenden Vorstellungen, als David d’Angers von 1830 – 1837 das Relief im Giebeldreieck des Pantheons schuf. Es gibt dort zwar drei Frauengestalten: In der Mitte stehend die Allegorie Frankreichs, die Lorbeerkränze verteilt, und rechts und links von ihr die Personifizierungen der Freiheit (la Liberté) und der Geschichte, die auf ihrer Tafel die Namen der „grands hommes“  einschreibt, von denen einige auf dem Relief  zu sehen sind– eine Frau ist allerdings nicht dabei.[3]

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Gipsmodell aus dem Museum Angers

Immerhin hat es nach dem Gründungsbeschluss von 1891 noch 116 Jahre, also bis 1907,  gedauert, bis die sterblichen Überreste einer Frau ins Pantheon überführt wurden. Die erste Frau, der diese Ehre zu Teil wurde, war Sophie Berthelot. Als ich vor einigen Jahren das Pantheon besuchte, wurde sie noch auf einer neben dem Grabmal beigefügten Informationstafel als Scientifique bezeichnet. Allerdings war sie keineswegs Wissenschaftlerin, sondern sie hat die  Pantheonisierung ihrem Mann, dem Chemiker Marcellin Berthelot, zu verdanken, der nun in der Tat ein bedeutender Wissenschaftler war. Die beiden Ehegatten hatten aber darum gebeten, nicht im Tode voneinander getrennt zu werden und diesem Wunsch wurde stattgegeben[4]. Verständlich ist das, wenn man bedenkt,  dass Marcellin Berthelot verstorben ist, kurz nachdem er vom Tod seiner Frau  erfuhr.

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Inzwischen wurden die Tafeln an den Grabmälern durch Bildschirme ersetzt und da wird der wahre Grund für die Pantheonisierung von Sophie Berthelot genannt. (Auf der Wikipedia-Liste der im Pantheon bestatteten Menschen wird sie allerdings weiterhin als „scientifique“ geführt.[5])

 

Marie Curie im Pantheon

Dass allerdings Sophie Berthelot nicht wirklich „zählte“, wurde aus dem ebenfalls inzwischen geänderten Begleittext zum Grabmal von Marie Curie deutlich. Dort stand noch Anfang der 1990-er Jahre,  sie sei auf Antrag des Präsidenten François Mitterrand am 20. April 1995 als erste Frau unter die „grands hommes du Panthéon“ aufgenommen worden.[6] Das stimmte und stimmt so natürlich nicht, so dass das auf dem modernen Bildschirm nicht mehr zu lesen ist. Aber es  stimmt, dass es sage und schreibe 204 Jahre gedauert hat,  bis eine Frau aufgrund ihrer eigenen Verdienste ins Pantheon aufgenommen wurde: Und dafür musste man dann offenbar schon doppelte Nobelpreisträgerin sein![7]

Marie Curie braucht man hier nicht vorzustellen. Sie ist bekannt und wird –wie auch Chopin- von Frankreich und auch von Polen geehrt, wie das Blumengesteck auf ihrem Sarkophag im Pantheon zeigt.

Pantheon Curie Juli 2010 034

Durch eine von November 2017 bis März 2018 im Pantheon gezeigte Ausstellung über Marie Curie –Anlass war ihr 150. Geburtstag- habe ich allerdings Interessantes und für mich Neues über ihre Persönlichkeit, ihre Arbeit und ihr Engagement erfahren.

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So meldete sie trotz vieler wegweisender Entdeckungen kein einziges Patent an. Sie war nämlich davon überzeugt, dass die Fortschritte der Wissenschaft ungehindert der ganzen Menschheit zu Gute kommen sollten. Und in den 1920-er Jahren engagierte sie sich im Rahmen des Völkerbunds für den internationalen wissenschaftlichen Austausch.  Auch ihr Engagement für die Menschen bestimmte zeitlebens ihre Arbeit: Die Möglichkeiten einer medizinischen Nutzung ihrer Forschungen interessierten und motivierten sie sehr. Im Ersten Weltkrieg entwickelte sie  einen Röntgenwagen und erwarb den Führerschein, um ihn zu den Verwundeten hinter die Front zu bringen. Und in ihrem Radium-Institut förderte sie in den 1920-er Jahren ganz bewusst Frauen und ausländische Studierende und Forscher. Die Widerstände, die sie zu überwinden hatte, waren  aber auch beträchtlich: Sie kam ja nur deshalb nach Frankreich, weil  sie als Frau nicht zum Studium an der Warschauer Universität zugelassen wurde.

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Zwar durfte sie als „Madame Pierre Curie“  am 12. Februar 1910 das Titelblatt der Zeitschrift „Les Hommes du Jour“ (No 180) zieren, aber ein Jahr später wurde ihr nach einer heftigen „bataille académique“ die Aufnahme in die französische Akademie der Wissenschaften verweigert, weil dort –nach Auffassung der Mehrheit der Akademiker- eine Frau keinen Platz  hatte, wie in der Ausstellung dokumentiert wird.[8] Insofern konnte es kaum eine geeignetere Wahl für eine große Frau unter den großen Männern geben als sie.

Das Musée Curie

Wenn die Ausstellung m Pantheon auch schon beendet ist: Ein Besuch im dem kleinen Musée Curie lohnt auf jeden Fall. Es ist im ehemaligen Laboratorium der Curies untergebracht und liegt nur wenige Gehminuten vom Pantheon entfernt in der rue Pierre et Marie Curie.[9]  Man kann dort  das (einem Außenstehenden wie mir äußerst bescheiden erscheinende) Labor und den Schreibtisch sehen, an dem Marie Curie von 1914- 1934 arbeitete.

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Es gibt auch eine Reihe von interessanten  Ausstellungsstücken. Zum  Beispiel den Behälter aus Blei und Akazienholz und die 10 Glasröhrchen (en verre de Thuringe de 0,27 mm d’épaisseur), die das 1 Gramm Radium enthielten, das Marie Curie 1921 von dem amerikanischen Präsidenten Warren G. Harding  überreicht wurde.

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Ziemlich bizarr sind einige Ausstellungsstücke aus den „années folles du radium“ (aus dem Begleittext), als das  Radium in zahlreichen Gebrauchsgegenständen verwendet wurde, zum Beispiel von der Uhrenindustrie als Leuchtmittel für Uhrzeiger (bis in die 1950-er Jahre) oder von der pharmazeutischen Industrie für Salben gegen Sonnenbrand und als Schönheitsmittel. Besonders verbreitet war offenbar die Kosmetik-Marke „Tho-Radia“, deren Salben und Seifen „auf der Basis von Thorium und Radium“ (Eigenwerbung) hergestellt wurden, und zwar „nach den Rezepten des Dr. Alfred Curie“. Dieser Name war sicherlich ein höchst wirksames, gleichzeitig aber auch unverschämtes Marketing-Instrument:  Dieser Arzt hatte nämlich mit Marie und Pierre Curie nicht das Geringste zu tun, es gab also keinerlei verwandtschaftliche, geschweige denn professionelle Beziehungen. Das wurde in der Werbung natürlich verschwiegen.

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Zu dem Museum gehört auch der kleine Garten, den Marie Curie  selbst als  Ort der Erholung und des Austauschs hinter ihrem Institut eingerichtet hat. Der Garten wurde aus Anlass des 150. Geburtstages  im November 2017 als „Jardin Marie Curie“ der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dazu gehört auch ein Denkmal mit den Büsten von Marie und Pierre Curie.

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Des femmes au Panthéon!/Frauen ins Pantheon!

Dass es bei Marie Curie als einziger ihrer Verdienste wegen pantheonisierten Frau nicht bleiben kann, war allerdings schon 1995 klar. Und es bedurfte ja auch nicht erst der Frauenbewegung, um die einseitig männliche Ausrichtung des Pantheons zu kritisieren.  Karl Gutzkow, ein prominenter Vertreter der vorrevolutionären jungdeutschen Bewegung, veröffentlichte 1842 seine Briefe aus Paris. Darin bezieht er sich auch auf das Pantheon. Er schreibt:

 „Ich wollte … heute das Pantheon sehen, das die Franzosen der Unsterblichkeit gewidmet haben. Aux grandes hommes la patrie reconnaissante. Man muss bergaufsteigen, um in die Nähe der Unsterblichkeit zu kommen. … Auch aux grandes femmes hätte man es der Genoveva zu Liebe widmen sollen. Die heilige Dulderin würde Charlotte Corday mit ihrem Geisterkuss begrüßt haben.[10]

Gutzkow macht also  gleich einen Vorschlag, welche Frau er des Pantheons würdig erachtet, nämlich Charlotte Corday, die mit der Ermordung Marats der jacobinischen Schreckensherrschaft ein Ende zu machen versuchte, die aber unter der Guillotine endete.

Es dauerte allerdings noch sehr lange, bis eine breite und lautstarke Bewegung für eine Aufnahme von Frauen ins Pantheon entstand. Eine wichtige Stimme in diesem Sinne war die von Simone Veil, einer Frau des Widerstands und der ersten Präsidentin den Europarlaments. 1992 – damals war sie französische Ministerin- sagte sie in einer Rundfunksendung:

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Dass es keine Frau im Pantheon gibt, heißt zu leugnen, was Frauen in der Vergangenheit zum Vaterland beigetragen haben.

Die drei Jahre später erfolgte  und längst überfällige Pantheonisierung  einer Frau (aufgrund eigener Verdienste), nämlich von Marie Curie, durch Präsident Mitterand war dann gewissermaßen ein Meilenstein, weil sie  zeigte, dass tatsächlich zu den „grands hommes“ auch Frauen gehören könnten. Und es entwickelte sich nun auch eine Debatte, welche weiteren Frauen ins Pantheon aufgenommen werden sollten.

Es waren vor allem feministische Gruppen, die entsprechende Vorschläge unterbreiteten.  Unter der Überschrift Aux grandes femmes la patrie reconnaissante schlug zum Beispiel  das  Collectif femmes au Panthéon insgesamt 16 Frauen für eine Pantheonisierung vor.[11] Darunter waren die Schriftstellerinnen Simone de Beauvoir, Colette und George Sand, die Bildhauerin Camille Claudel, die Pilotin Hélène Boucher, die 1934 zur „schnellsten Frau der Welt“ wurde, und mehrere Widerstandskämpferinnen gegen den Faschismus, u.a.  die Ethnologin Germaine Tillon.  Bemerkenswert waren in dieser Liste auch –und vor allem-  drei Namen von Frauen, deren politisches Engagement besonders umstritten war und die dafür einen hohen Preis bezahlen mussten:

  • Louise Michel, die Heldin der Pariser Commune, die nach deren Niederschlagung nach Neu-Caledonien verbannt wurde.

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  • die Mulattin Solitude, eine Streiterin gegen die Sklaverei in Guadeloupe. Sie wurde 1802 zum Tode verurteilt und hingerichtet. Ihr Vergehen: Sie hatte sich gegen die von Napoleon verfügte Wiedereinführung der Sklaverei in den karibischen Kolonien Frankreichs zur Wehr gesetzt.[12]

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  • Olympe de Gouges, die es gewagt hatte, 1791 eine „Déclaration des droits de la femme et de la citoyenne“, also eine Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin, zu verfassen und – auch deswegen- 1793, im Jahr des jacobinischen Terrors,  guillotiniert wurde.[13]

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Die Frau hat das Recht,  das Schafott zu besteigen; sie muss ebenso das Recht erhalten,

auf die Rednertribüne steigen.

Ein entscheidender Schritt zu einer weiteren Öffnung des Pantheons erfolgte unter der Präsidentschaft François Hollandes. Hollande beauftragte nämlich 2013 das Centre des monuments nationaux (CMN), zu dessen Zuständigkeiten auch das Pantheon gehört, Vorschläge zur Pantheonisierung zu machen und  den Franzosen die Möglichkeit zu geben, sich an entsprechenden Überlegungen zu beteiligen.[14] Im Oktober 2013 legte der Präsident des CMN, Belaval,  dem Staatspräsidenten den angeforderten Bericht mit dem anspruchsvollen Titel „Pour faire entrer le peuple au Panthéon“ vor.

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Das Volk im Pantheon. Installation während der Bauarbeiten an der Kuppel

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Es sollte, wie der Titel anzeigt, darum gehen, das Pantheon zu einem Ort zu machen,  mit  dem „das Volk“ sich identifizieren kann, den es also –trotz aller Sterilität und Monumentalität des Baus- auch gerne betritt. Und natürlich sollten die anstehenden Pantheonisierungen solche Identifikationen ermöglichen und fördern. Allerdings verzichtete Bélaval darauf, eine „top-10-Liste“ oder dergleichen zu erstellen.  Aber er gab doch eine deutliche Richtung vor: Als nächstes sollten „Frauen des 20. Jahrhunderts“ ins Pantheon aufgenommen werden, die sich durch ihren Mut und ihr republikanisches Engagement ausgezeichnet hätten. Bélaval schlug also  ausdrücklich vor, dass Hollande aufgrund des starken Ungleichgewichts von Männern und Frauen während seiner Amtszeit nur Frauen pantheonisieren sollte. Und es sollte sich um Frauen des 20. Jahrhunderts handeln: Man brauche für das Pantheon Frauen, die sich vorbildlich verhalten hätten in schwierigen, nicht zu weit zurückliegenden Zeiten wie dem Krieg 1914-1918 und dem Zweiten Weltkrieg mit der Résistance und der Deportation der Juden. Und schließlich solle es sich nicht um Opfer handeln. Er fände es gut,  wenn es bei den Ausgewählten auch ein Leben nach diesen Prüfungen gegeben habe. Diese Frauen sollten daraus gestärkt in ihren republikanischen Überzeugungen herausgekommen sein, „um danach die Welt mit ihrer politischen, sozialen, erzieherischen und humanitären Arbeit zu verändern.”[15]

Außerdem schlug Bélaval vor, im Innenraum des Pantheons ein gemeinschaftliches Monument für alle Heldinnen der Frauenemanzipation („un monument collectif à toutes les héroïnes de l’émancipation féminine„) zu errichten. Dort könne dann auch die  „Déclaration des Droits de la Femme et de la Citoyenne“ von Olympe de Gouges gewürdigt werden.

Es war nun interessant zu sehen, wie François Hollande sich gegenüber all diesen Forderungen und Vorschlägen positionieren würde. Ein wichtiges Auswahlkriterium war für ihn sicherlich das Bestreben, dabei möglichst wenig Angriffsflächen zu bieten, so wie es in einer Karikatur von Le Monde zum Ausdruck kam.

Karikatur Le Monde DSC02380

Le Monde 20.4.2013:  Diderot, Pierre Brossolette, Marc Bloch, Stephane Hessel, Olympe de Gouges….    Pfff, die Aufgabe ist knifflig…. Es geht darum, niemanden zu verärgern

 

Der Einzug von zwei Widerstandskämpferinnen ins Pantheon 2015

Hollandes Wahl fiel schließlich auf vier Persönlichkeiten des Widerstands, und zwar geschlechtsparitätisch auf zwei Männer,  Pierre Brossolette und Jean Zay, und zwei Frauen, Geneviève de Gaulle-Anthonioz und Germaine Tillon.

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Die Entscheidung für Widerstandskämpfer/innen zielte auf einen möglichst breiten Konsens, denn der Widerstand gegen die deutsche Besatzung ist ja gewissermaßen der kleinste gemeinsame Nenner des französischen historischen Selbstverständnisses. Da konnte man einer breiten Zustimmung sicher sein, auch wenn es dann doch ein paar kritische Stimmen gab, die meinten, durch die Wahl von Brossolette würde das Licht von Jean Moulin in den Schatten gestellt, oder die unter Hinweis  auf ein pazifistisches und angeblich unpatriotisches Gedicht des jungen Jean Zay aus dem Jahr 1924 ihn für Pantheon-inkompatibel hielten.[16] Dass zwei Frauen dabei waren, entsprach zwar nicht dem weitergehenden Vorschlag des CMN- Präsidenten und den Forderungen der Frauenbewegung, aber immerhin erhöhte Hollande damit die Zahl der im Pantheon vertretenen Frauen um glatte 100%.

Am 27. Mai 2015 wurden die vier Auserwählten in einem Festakt ins Pantheon überführt. Hier der Sarg mit den sterblichen Überresten von Germaine Tillon.

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Für den eher umstrittenen und wenig populären Präsidenten[17] eine gute Gelegenheit, die Einheit der Nation zu beschwören und sich ein „Bad in der (handverlesenen) Menge“ zu gönnen.[18]  Ist doch eine Pantheonisierung, wie le Monde damals schrieb, „l’une des rares gloires que peut encore s’offrir un président de la République.“[19] 

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Ich war zunächst von der Entscheidung François Hollandes etwas enttäuscht. Dass der Präsident weder Olympe de Gouges noch Louise Michel und (natürlich) schon gar nicht Solitude berücksichtigt hatte, fand ich wenig mutig.  Nachdem ich mich aber etwas mit Germaine Tillon und Geneviève de Gaulle Anthonioz beschäftigt habe, denke ich, dass es sich um eine gute Entscheidung gehandelt hat. Der CMN- Präsident Bélaval hatte ja in seiner Eingabe angeregt, es sollten Frauen ins Pantheon aufgenommen werden, die sich in schwierigen Zeiten wie der Résistance oder der Déportation bewährt hätten, danach aber, gestärkt in ihren republikanischen Überzeugungen, bestrebt gewesen seien, die Welt mit ihrer politischen, sozialen, erzieherischen und humanitären Arbeit zu verändern. Germaine Tillon und Geneviève de Gaulle- Anthonioz entsprechen, wie in der parallel zur Pantheonisierung gezeigten Ausstellung belegt wurde[20], dem genau und machen damit dem  Pantheon alle Ehre. Das soll im Folgenden etwas erläutert werden.

 

Germaine Tillon (1907-2008) und Geneviève de Gaulle Anthonioz (1920-2002)

Als junge Ethnologin beschäftigte sich Germaine Tillon vornehmlich mit Berberstämmen im Süden Algeriens: Sie lernte deren Sprache und erforschte ihre Sitten, ihre familiären und sozialen Beziehungen, ihre religiösen Vorstellungen. Der „Bezugspunkt“ Tillons in Frankreich war das Musée de l’Homme in Paris, das während der deutschen Besatzung zu einem Zentrum des Widerstands wurde. Germaine Tiillon schloss sich diesem Kreis von résistants an. Ihre Aufgabe bestand vor allem darin, Beziehungen zwischen verschiedenen Gruppen des Widerstands und mit der Leitung von France libre in London herzustellen. 1942 wurde sie denunziert und 1943 ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert.

Die Zustände im Konzentrationslager beobachtete Germaine Tillon mit den Augen einer Ethnologin: Konfrontiert mit der erbärmlichen Lage ihrer Mithäftlinge und der Unerbittlichkeit der Aufseherinnen, sammelte sie alle ihr zugänglichen Informationen, versuchte ihre Beobachtungen zu ordnen und  das Geschehen im Lager zu verstehen.[21]

Um ihre Informationen festzuhalten, wendete sie raffinierte Mittel an: Dass Häftlinge angesichts ihrer Entbehrungen sich in Traumwelten -beispielsweise der haute cuisine-  flüchten, werden wohl auch die Aufseherinnen verstanden und akzeptiert haben. Dass das Rezept Tillons für die Zubereitung von escrevisses basquaises allerdings ein Akrostichon aufweist, die Anfangsbuchstaben jeder Zeile also eine Botschaft vermitteln, nämlich den Namen des SS-Arztes Dr. Helinger, werden sie kaum durchschaut haben.  Tillon wird ihre  Erfahrungen und Beobachtungen später in einem Buch über Ravensbrück zusammenfassen.

Ganz außergewöhnlich und auf den ersten Blick vielleicht befremdlich ist, dass Germaine Tillon im KZ das Libretto einer Operette über das Lager schrieb: „Le Verfügbar aux Enfers“, (Der ‚Verfügbar‘ in der Unterwelt). Der Begriff „Verfügbar“ im Titel bezieht sich auf die Häftlingskategorie derjenigen Gefangenen, die von der SS keinem bestimmten Arbeitskommando zugeordnet waren und in den Augen der SS als frei disponibel, eben verfügbar,  galten. In dem Stück geht es um einen Wissenschaftler, der sich für die neue Spezies der „Verfügbaren“ interessiert und dem diese in Liedern, deren Melodien u.a. aus bekannten Operetten übernommen waren, ihre Situation schildern: Ein Versuch, etwas Abwechslung, ja Lachen in das Lagerdasein der Häftlinge zu bringen, aber auch wichtige Informationen zu vermitteln.  Tillon übte das Stück 1944/1945 mit ihren Mitgefangenen ein – eine Aufführung fand 2007 zum 100. Geburtstag von Tillon im Théâtre du Châtelet in Paris statt. [22]

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Choeur des jeunes.

On m’a d’abord pris mes bijoux,
Ma valise et mon sac en cuir roux,
Mes petites provisions,
mon bout de saucisson,
Ma chemise et mon pantalon…
Je croyais qu’on m’avait tout pris,
Et j’espérais que c’était fini…
Comme un bébé naissant j’étais nue
Et c’est alors qu’ils m’ont tondue!

 

Choeur des vieux.

On t’a pris tes cheveux,
Pour serrer des moyeux,
Mais ça ne suffit pas!
Tu travailleras,
Tu ne mangeras pas…
Quand tu succomberas,
On t’achèvera,
On te brûlera,
Et ta graisse encore servira…

 

 

Auch Geneviève de Gaulle-Anthonioz war ein Jahr lang, vom Februar 1944 bis Februar 1945,  Häftling  im Konzentrationslager Ravensbrück. Aus Empörung über das Waffenstillstandsgesuch des Marschalls Pétain und ermutigt von dem Appell ihres Onkels, des Generals und späteren Staatspräsidenten de Gaulle, zur Fortführung des Kampfes schloss sie sich schon im Juni 1940 dem Widerstand an.  Zunächst waren es nur isolierte Widerstandshandlungen in Rennes, wo sie studierte, wie beispielsweise das Abreißen von Propagandaplakaten der Vichy-Regierung, die sie durch das lothringische Kreuz, das Zeichen des gaullistischen Widerstands, ersetzte.  Die Arbeit im Widerstand intensivierte sie seit ihrer Übersiedlung nach Paris im Herbst 1941. Am 14. Juli 1943 verteilte sie auf offener Straße das Widerstandsblatt Défense de la France, dessen Redaktionssekretärin sie war und in dem sie auch, als einzige Frau, Artikel veröffentlicht hatte. Von einem in die Zeitung eingeschleusten Agenten Vichys verraten, wurde sie wenige Tage später von französischen Milizionären verhaftet und an die Gestapo ausgeliefert. In Ravensbrück lernte sie Germaine Tillon kennen und schloss Freundschaft mit ihr. Die letzten Monate in Ravensbrück verbrachte sie, die auch „le petit de Gaulle“ genannt wurde, auf Befehl Himmlers in Einzelhaft, um sie  ggf. als „Zahlungsmittel“ für einen Gefangenenaustausch verwenden zu können.

 

Die Kontinuität des Widerstands von Tillon und de  Gaulle-Anthonioz nach dem Krieg

Nach der Befreiung sah es  Germaine Tillon als ihre erste Aufgabe an, die in Ravensbrrück begonnene analytische Arbeit fortzusetzen und Grundlagen für eine Geschichte des Widerstands und des KZ-Systems zu schaffen. Zusammen mit de Gaulle-Anthonioz wurde sie beauftragt, als Beobachterin und Zeugin an einem Prozess gegen Mitglieder des KZ-Personals von Ravensbrück teilzunehmen. Als dort eine Aufseherin fälschlich beschuldigt wurde, entschieden sich die beiden –trotz allem, was  sie im KZ erlitten hatten-  für die Wahrheit: Bei ihr müsse man auch dann bleiben,  wenn es etwas koste. So protestierte Tillon auch –anders als viele Stalin-treue ehemalige Widerstandskämpfer- gegen die Weiterverwendung nationalsozialistischer Konzentrationslager durch die Sowjets und gegen das Gulag-System.[23]

Eine entscheidende neue Wende erfuhr ihr Leben durch die „Ereignisse in Algerien“, wie der Algerien-Krieg in der offiziellen französischen Sprachregelung genannt wurde. Dort hatte sie ja  als junge Ethnologin gearbeitet und so verfolgte sie die Zuspitzung des Konflikts zwischen den algerischen Aktivisten und Kämpfern  der Unabhängigkeitsbewegung und der französischen Verwaltung, Polizei und Armee mit großer Aufmerksamkeit. 1957, auf dem Höhepunkt der „Schlacht um Algier“ reiste sie nach Algerien. Sie verurteilte die Angriffe der Unabhängigkeitskämpfer auf Zivilisten, gleichzeitig aber auch die von der Armee völlig außerhalb jeden gesetzlichen Rahmens angewandten Foltermethoden und willkürlichen summarischen Erschießungen.  Dabei wurde sie an  ihre  eigenen Erfahrungen im Widerstand  erinnert:

Aus einer Tafel  der Pantheon-Ausstellung:

„Sie hat die Taschen voll von kleinen Zetteln mit  Hilferufen von Gefangenen. Sie schreibt Brief auf Brief an diejenigen, die die Macht haben, gegen die Hinrichtung von Unschuldigen vorzugehen. Erschrocken denkt sie: ‚Man tötet sie, wie die Nazis meine Kameraden getötet haben.‘ Jedes Mal wenn ein algerischer Widerstandskämpfer hingerichtet wird,  kommt wieder das Leid in ihr hoch, das sie verspürte, wenn einer ihrer Freunde auf dem Mont Valérien erschossen  wurde.“[24]

Heimlich und verkleidet trifft sie sich mit dem in der Kasbah untergetauchten für Algier zuständigen Chef des Widerstands, Yacef Saâdi. Sie kann ihn davon überzeugen, Angriffe auf Zivilpersonen zu unterlassen. Im Gegenzug verspricht Germaine Tillon, im Bewusstsein ihrer Aura als Widerstandskämpferin und ihrer engen Kontakte zur französischen Administration, auf ein Ende der Exekutionen durch die Armee hinzuwirken. Während  Saâdi Wort hält und die Angriffe auf französische Zivilisten aufhören, wird von der Armee weiter guillotiniert. Saâdi  wird verhaftet und in drei Prozessen, in denen Germaine Tillon für ihn aussagt, mehrfach zum Tode verurteilt. Als kurz danach de Gaulle an die Regierung kommt und dem Algerienkrieg ein Ende macht, wird Saâdi wie alle anderen zum Tode verurteilten Algerier begnadigt. Und bei der Beerdigung von Germaine Tillon und ihrer Pantheonisierung erweist Yacef Saâdi, der algerische Widerstandskämpfer, Germaine Tillon, der französischen Kämpferin gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit, die letzte Ehre. Was für eine Geschichte! Quelle histoire![25]

Auch im Leben der  Geneviève de Gaulle-Anthonioz gibt es nach Widerstand und Gefangenschaft ein neues Engagement. Wendepunkt ist bei ihr 1958 die Begegnung mit dem Priester Joseph Wresinski. Dieser hatte 1957 für und mit Familien, die in dem Barackenlager Noisy-le-Grand in der Pariser banlieue lebten, die Bewegung ATD Quart Monde gegründet. Das Lager aus Wellblech-Iglus war 1954 von Abbé Pierre eingerichtet worden, um Obdachlosen wenigstens ein Dach über dem Kopf zu geben.

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Über ihren ersten Besuch in dem Lager schreibt  Geneviève de Gaulle Anthonioz:

„Kein Zweifel. Was ich auf den Gesichtern dieser Männer und Frauen las, entsprach dem, was ich vor langer Zeit auf den Gesichtern meiner deportierten Kameraden im Lager von Ravensbrück gelesen hatte: Die Erniedrigung und die Verzweiflung eines menschlichen Wesens, das um die Erhaltung seiner Würde kämpft. (…) Ich war erschüttert von dem, was ich entdeckte, weil ich es selbst erlitten hatte. (…) Ich wusste was Erniedrigung heißt … Ich wusste was es heißt, keine Hoffnung mehr zu haben. In den Lagern war es ähnlich.[26]

Und weiter:

„Ich hatte nicht gewusst, dass es eine solche Marginalisierung eines Teils der Bevölkerung gab. (…) Diese Marginalisierung und die Zurückweisung, die die Familien erlitten, erschienen mir sehr ungerecht. Das war genau das Gegenteil dessen, wofür ich in der Résistance und während der Deportation gekämpft hatte. Wir hatten für die Würde jedes einzelnen Menschen gekämpft, damit sein Wert und seine Rechte anerkannt würden. Ich entdeckte nun eine Welt im Abseits, die nichts mit meinem täglichen Leben zu tun hatte.[27]

Geneviève de Gaulle- Anthonioz zog daraus die Konsequenz, sich in ATD Vierte Welt zu engagieren.  Von 1964 bis 2001 war sie Präsidentin dieser Organisation.

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Hier sieht man sie bei einer Rede 17. Oktober 1989 auf dem Trodadéro-Platz gegenüber dem Eiffel-Turm.  Dort waren zwei Jahre vorher über 100 000 Menschen einem Aufruf von Joseph Wresinski gefolgt, um für die Einhaltung der Menschenrechte auch gegenüber den Ärmsten der Gesellschaft einzutreten. Der Ort war bewusst gewählt worden, weil im Palais de Chaillot, zwischen dessen Flügeln er liegt,  die Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948  die Allgemeine Erklärung  der Menschenrechte verabschiedet hatte.  1985 hatte der Platz auf Initiative François Mitterands  den Namen parvis des droits de l’homme  erhalten. Seit 1987 ist dort das Emblem von ATD Quart Monde eingraviert und an  jedem 17. Oktober wird dort der Internationale Tag für die Beseitigung der Armut begangen.

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Dazu der Aufruf Wresinskis:

« Là où des hommes sont condamnés à vivre dans la misère, les droits de l’homme sont violés. S’unir pour les faire respecter est un devoir sacré ».[28]

Tillon wie de Gaulle-Anthonioz engagieren sich also nach dem Krieg erneut, leisten weiter Widerstand, weil sie erschrocken und entsetzt Parallelen zwischen erlebter Vegangenheit und neu entdeckter Gegenwart erkennen:   Bei Tillon war es der Algerien-Krieg und das Erschrecken über Untaten der französischen Armee,  bei de Gaulle-Anthonioz die Entdeckung der Vierten Welt im eigenen Land.[29] Eine beeindruckende Kontinuität des Widerstands im Leben dieser des Pantheons würdigen Frauen!

Aus Anlass der Pantheonisierung von de Gaulle-Anthoniaz und Tillon wurden die Rollgitter der Buchhandlung in der rue de Taillandier in Belleville mit den Portraits der beiden Frauen geschmückt.

 

Ausblick

Am 1. Juli 2018 wird eine weitere Frau ins Pantheon aufgenommen werden, und zwar Simone Veil. Sie war Auschwitz-Überlebende, als zweite Frau Ministerin in einem französischen Kabinett und als erste Frau Präsidentin des Europäischen Parlaments.  Simone Veil starb am 30. Juni 2017 in Paris. Zu ihrer Ehre wurde in den Invalides ein Staatsakt veranstaltet, bei dem Staatspräsident Emmanuel Macron ihren Einzug und den ihres Mannes, Antoine Veil, ins Pantheon ankündigte.  Termin der feierlichen Pantheonisierung ist der 1. Juli 2018.[30]

Macron wird sich wohl kaum mit dieser Pantheonisierung begnügen, und dabei  wird er sicherlich auch auf die  „Frauenquote“ bedacht sein. Man darf also gespannt sein.

 

Zum Weiterlesen:

Geneviève de Gaulle Anthonioz, La Traversée de la Nuit. Paris: Seuil 1998

Germaine Tillon, Ravensbrück. Paris: Seuil 1988

Germaine Tillon, La Traversée du Mal. Paris 2000

http://www.resistances-morbihan.fr/temoignage-de-germaine-tillion-sur-ravensbruck/

Caroline Glorion, Geneviève de Gaulle Anthonioz, une résistante au Panthéon.  Paris: Plon 2015

Armelle Mabon (ed), L’engagement à travers la vie de Germaine Tillon. 2013

Germaine Tillon, Geneviève de Gaulle Anthonioz. Play Film  (DVD mit Gesprächen zwischen beiden Frauen aus dem Jahr 2000)  http://www.film-documentaire.fr/4DACTION/w_fiche_film/10507_1

Jeanne-Marie Martin, Portraits de Résistants. 10 vies de courage. Paris 2015

Claire Lemonnier, Elles, ces Parisiennes. Promenades à la rencontre des femmes d’exeption. Paris: Parigramme

 

Anmerkungen:

[1] https://fr.wikipedia.org/wiki/Liste_des_personnes_inhum%C3%A9es_au_Panth%C3%A9on_de_Paris

[2] Entsprechend war es ja auch mit den Menschenrechten, den „droits de l’homme“, die zunächst ja eher Männerrechte waren. Immerhin hat es –beispielsweise- bis nach dem 2. Weltkrieg gedauert, bis Frauen in Frankreich das Wahlrecht erhielten.

[3] http://musees.angers.fr/collections/uvres-choisies/galerie-david-d-angers/david-d-angers-fronton-du-pantheon-detail/index.html

[4] Jacqueline Lalouette,   Amour et chimie au Panthéon. In: mensuel 326, Dezember 2007

http://www.lhistoire.fr/amour-et-chimie-au-panth%C3%A9on

[5] siehe Anmerkung 1. Zugriff 20. Januar 2018

[6] zit. in: http://www.lhistoire.fr/amour-et-chimie-au-panth%C3%A9on

[7]  In der offiziellen Ankündigung der nachfolgend kurz  angesprochenen Ausstellung zu Marie Curie im Pantheon heißt es richtig:  „Marie Curie devient la première femme à entrer au Panthéon pour ses propres mérites.http://www.paris-pantheon.fr/Actualites/Marie-Curie-une-femme-au-Pantheon

[8] http://www.lhistoire.fr/exposition/marie-curie-la-passionn%C3%A9e

[9] http://musee.curie.fr/

[10] Karl Gutzkow, Im Pantheon. Aus: Briefe aus Paris, Leipzig 1842. Zit. In: Karsten Witte (Hrsg.): Paris. Deutsche Republikaner reisen. FFM 1980, S.138f.  Das Pantheon war ursprünglich eine nach  der heiligen  Geneviève (Genofeva) benannte Kirche.

[11] https://collectiffemmespantheon.wordpress.com/galerie-de-femmes-a-pantheoniser/

[12] Siehe dazu den Blog-Bericht: Die Erinnerung an Sklavenhandel und Sklaverei (1. November 2017)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/9077

[13] Bild aus:  https://sanscompromisfeministeprogressiste.wordpress.com/2016/11/04/le-3-novembre-1793-olympe-de-gouges-1748-1793-etait-guillotinee/

[14]le chef d’état m’a demandé d’associer les Françaises et les Français à la réflexion qui pourrait conduire à de nouveaux hommages.“

[15] „Il faut des femmes qui ont eu un comportement exemplaire dans des périodes d’épreuves encore proches comme la Guerre de 1914-1918, la Deuxième guerre mondiale avec la Résistance et la déportation„. „J’aime l’idée qu’il y a eu une vie après cette épreuve. Ces femmes ont été renforcées par l’épreuve dans leurs convictions républicaines pour transformer le monde via l’action politique, sociale, éducative, humanitaire

http://www.huffingtonpost.fr/2013/10/10/pantheon-femmes-xx-siecle-rapport-hollande_n_4076249.html

(10/10/2013 | Actualisé 05/10/2016- Zugriff Februar 2018)

[16]  http://www.telerama.fr/television/pierre-brosselette-un-resistant-au-pantheon-et-sur-les-ecrans,126765.php In dem Artikel ist von einer absurden „concurrence mémorielle“ zwischen Jean Moulin und Jean Zay die Rede.

http://www.bfmtv.com/politique/l-entree-de-jean-zay-au-pantheon-fait-grincer-des-dents-a-droite-889261.html

[17] Siehe Blog-Beitrag: François Hollande, Abgesang auf einen allzu normalen Präsidenten (Dezember 2016)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/4220

[18] Über eine Pariser Freundin erhielt ich auch eine Einladung und damit die Erlaubnis, als Zaungast an der Ze2remonie teilzunehmen.

[19] Le Monde, 20.4.2013

[20] http://www.quatreviesenresistance.fr/

[21] Tzvetan Todorov, Les valeurs de la Résistance. In: Le Monde 21.2.2014. http://www.lemonde.fr/idees/article/2014/02/21/les-valeurs-de-la-resistance_4371071_3232.html?xtmc=pantheon&xtcr=2

[22] https://de.wikipedia.org/wiki/Le_Verf%C3%BCgbar_aux_Enfers

http://www.resistances-morbihan.fr/temoignage-de-germaine-tillion-sur-ravensbruck/

und Tzvetan Todorov a.a.O.

[23] Tzvetan Todorov, Les valeurs de la Résistance. In: Le Monde 21.2.2014.

[24]  Der Mont  Valérien im Westen von Paris war eine Hinrichtungsstätte der deutschen Besatzungsmacht im  Zweiten Weltkrieg. Über 1000 Menschen wurden dort zwischen 1941 und 1944 erschossen.

[25] https://www.franceculture.fr/histoire/germaine-tillion-mediatrice-de-la-guerre-dalgerie Dort wird auch aus einem offenen Brief von Germaine Tillon an Simone de Beauvoir aus dem Jahr 1964 zitiert:

« Il se trouve » que j’ai connu le peuple algérien et que je l’aime ; « il se trouve » que ses souffrances, je les ai vues, avec mes propres yeux, et « il se trouve » qu’elles correspondaient en moi à des blessures ; « il se trouve », enfin, que mon attachement à notre pays a été, lui aussi, renforcé par des années de passion. C’est parce que toutes ces cordes tiraient en même temps, et qu’aucune n’a cassé, que je n’ai ni rompu avec la justice pour l’amour de la France, ni rompu avec la France pour l’amour de la justice.“

[26] Zit. in: Caroline Glorion, Geneviève de Gaulle Anthonioz. Paris: Plon 2015, S. 78 und 80 (Übersetzung von W.J.)

[27] Zit. in: Caroline Glorion, S. 79

[28] http://www.atd-quartmonde.org/pere-joseph-wresinski-1917-1988/

[29]  Tillon engagierte sich übrigens auch in diesem Bereich: Zum Beispiel unterstützte sie die  sans-papiers, die sich 1986 in der Kirche Saint-Bernard in Belleville versammelt hatten, um auf ihre Lage aufmerksam zu machen und die von der Polizei gewaltsam vertrieben wurden. (Siehe Blog-Bericht über das Goutte d’Or)

In dem Buch von Martin (siehe Lit.Angabe) wird übrigens das Engagement von de Gaulle-Anthonioz nach dem Krieg kurz angesprochen, das von Tillon überhaupt nicht. Über die Gründe kann man nur spekulieren.

[30]  http://www.lemonde.fr/mort-de-simone-veil/article/2018/02/19/simone-veil-entrera-au-pantheon-le-1er-juillet_5259379_5153643.html#2ZUhrlg4ex4puiy0.99

 

Geplante Beiträge:

  • Die Seineufer in Paris: Der schwere Abschied vom (Alp-)traum einer autogerechten Stadt
  • Street-Art in Paris (2):  Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • 50 Jahre Mai 1968: Plakate der Revolte. Eine Ausstellung in der École  des Beaux- Arts in Paris
  • Street-Art in Paris (3):  Der Invader
  • Auf dem Weg nach Paris: Die Mühle von Valmy, ein Fanal der Französischen Revolution
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier

Die Erinnerung an Sklavenhandel und Sklaverei: Der schwierige Umgang mit einem düsteren Kapitel der französischen Vergangenheit

 Un seul esclave sur la terre suffit pour déshonorer la  liberté de tous les hommes.        Victor Hugo in einem Brief vom 17. Januar 1862

 

Die von der Stadtverwaltung in Charlottesville im amerikanischen  Bundesstaat Virginia beschlossene Entfernung des Denkmals für den Südstaatengeneral Robert D. Lee war Anlass zu heftigen Auseinandersetzungen, einem Aufmarsch weißer Suprematisten, einem Todesopfer unter den Gegendemonstranten und einer höchst umstrittenen, ja skandalösen Rede des amerikanischen Präsidenten: In ihr setzte er nicht nur „die mit Hakenkreuzen und Waffen marschierenden Neonazis mit den linken Gegendemonstranten gleich“, sondern auch die Gründerväter des Landes mit den Sezessionisten, „indem er fragte, wann man anfangen wolle, Monumente von George Washington oder Thomas Jefferson zu entfernen. Damit gab er jenen Auftrieb, die gegen die demokratisch legitimierte Entscheidung der Stadt demonstrierten, eine Statue zu entfernen, die für viele vor allem den Widerstand gegen die Befreiung der Sklaven nach dem amerikanischen Sezessionskrieg symbolisiert. Viele solcher Monumente im Süden wurden aufgestellt, weil das weiße Establishment die Abschaffung der Sklaverei nicht tolerieren wollte – und sie stehen für dessen erfolgreichen Kampf gegen die Zentralregierung in Washington, der dazu führte, dass mit den „Jim Crow“-Gesetzen den Schwarzen viele der zunächst erlangten Rechte für ein weiteres knappes Jahrhundert wieder aberkannt werden konnten.“[1]

Am 23. August 2017 erschien die Zeitung Libération mit einem Aufmacher zum Thema Sklaverei. Auf vier ganzen  Seiten wird darin dargestellt,  wie in Frankreich an seine Geschichte des Sklavenhandels und der Sklaverei erinnert.

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Auch in Frankreich habe der Sklavenhandel seine Spuren und Narben hinterlassen: Straßennamen, Reklameschilder, Statuen…. So wie in den USA entsprechende Symbole beseitigt würden, müsse sich auch Frankreich mit dieser Vergangenheit auseinandersetzen- nach Einschätzung von Libération offenbar eine teilweise noch „unbewältigte Vergangenheit“.

An die Rolle Frankreichs im Dreieckshandel zwischen Europa, Afrika und Amerika und damit an seinen Anteil an dem Transport von Afrikanern in die karibischen Kolonien und das dortige System der Sklaverei wird in Frankreich durchaus erinnert.

So etwa in dem eindrucksvollen Mémorial de l’abolition de l’esclavage“ in Nantes. Es erinnert an die Rolle der Stadt als wichtigstem Hafen des französischen Sklavenhandels und möchte diejenigen ehren, die gegen die Sklaverei gekämpft haben und dies auch heute noch tun, da wo es immer noch Sklaverei gibt.[2]

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In die Wege zum Mémorial sind kleine beleuchtete Platten  eingelassen, in die die Namen von Sklavenschiffen eingraviert sind und die Jahreszahlen ihres Auslaufens aus dem Hafen von Nantes. Lange Reihen von „Stolpersteinen“ sozusagen, die erfahrbar machen, welche immense Bedeutung der Sklavenhandelt für die Stadt hatte: Insgesamt gingen von Nantes zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert 1714 „expéditions négrières“ aus, mehr als von allen anderen französischen Häfen zusammen.[3]

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Zu dem Mémorial steigt man einige Treppenstufen hinunter: Es befindet sich damit auf der Höhe des Wassers der Loire, die man sehen und hören kann.  Die Assoziation, sich in einem Schiffsrumpf zu befinden stellt sich so fast unwillkürlich ein. Man läuft den langgestreckten Bau entlang und enthält eine Vielzahl von Informationen über die Geschichte des Sklavenhandels und den Widerstand dagegen. Hier setzt sich eine Stadt ganz offen und eindrucksvoll mit einem schwierigen Kapitel ihrer Vergangenheit auseinander.

 

Bordeaux spielte, wenn auch in deutlichem Abstand zu Nantes, ebenfalls  eine wichtige Rolle im französischen Sklavenhandel. Allerdings war die wirtschaftliche Bedeutung der Sklaverei für Bordeaux außerordentlich hoch, weil Bordeaux sich auf den Handel mit Kolonialprodukten konzentrierte: Es lieferte Wein in die Kolonien und importierte dafür von Sklaven  hergestellten Zucker, Rhum und Kaffee. So hat Bordeaux mehr von der Sklaverei profitiert als jede andere französische Stadt.[4] Im musée d’Aquitaine gibt es auch eine 2009 neu gestaltete Abteilung zum Thema Sklaverei.  Sie ist auch information, kann aber  in ihrer Präsentation im Rahmen eines traditionellen Museums natürlich nicht mit dem Mémorial von Nantes mithalten.

Ärgerlich fand ich allerdings bei unserem Besuch des Museums im Sommer 2015, dass die Rolle von Bordeaux in der Präsentation eher heruntergespielt wird. In einer Informationstafel wird ausdrücklich festgestellt, dass Bordeaux zwischen 1672 und 1837 –ähnlich wie Le Havre und La Rochelle- einen Anteil von 12% am französischen Sklavenhandel hatte, „weit hinter Nantes“. Da liest man fast unwillkürlich ein „allerdings nur“ vor den „12%“ mit.

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 Und gleich am Anfang der Informationstafel wird festgestellt, Bordeaux habe „wie alle europäischen Häfen“ den Sklavenhandel betrieben- und auf einer beigefügten  Karten waren –beispielsweise- auch die Häfen Bremen, Hamburg und Lübeck eingezeichnet…  Einen jungen Mann, der gerade eine Gruppe durch die Abteilung führte, sprach ich darauf an, ob das denn eine historisch zutreffende Feststellung sei. Er zögerte einen Moment und meinte dann, das sei wohl in der Tat eine nicht ganz richtige Verallgemeinerung, die geändert werden müsse…

Seit dem loi Taubira vom 10. Mai 2001 gelten  Sklavenhandel und  Sklaverei in Frankreich ausdrücklich  als  „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“,  eine bis dato wohl einzigartige Maßnahme.[5]  2006, während der Präsidentschaft Jaques Chiracs, wurde dann  der 10. Mai ein „nationaler Tag der Erinnerung an den Sklavenhandel, die Sklaverei und ihrer Abschaffung.“  Für Chirac gehörte es zur  „grandeur“ eines Landes, seine ganze Geschichte anzunehmen, „avec ses pages glorieuses mais aussi avec ses zones d’ombre“.  In diesem Sinne erkannte Chirac ja auch endlich die Beteiligung Frankreichs an der nationalsozialistischen Judenverfolgung und –vernichtung an.[6]  Am 10. Mai findet  jedes Jahr im jardin du Luxembourg eine Zeremonie mit Beteiligung des jeweiligen Präsidenten statt.

Dort gibt es seit 2007 eine Skulptur aus Bronze, die  an die Abschaffung der Sklaverei erinnern soll. Sie besteht aus drei ineinander verschränkten Ringen, also Teilen einer Kette: Der untere in den Boden versenkte Ring soll die Wurzeln der Sklaverei symbolisieren, der mittlere ihre  fortdauernde Existenz  in vielen Teilen der Welt und der obere, geöffnete das Ende der Sklaverei. (6a)

Auf einer beigefügten Informationstafel wird nicht nur über die Entstehung und die Bedeutung der Skulptur informiert, sondern es wird auch der Befreiungskampf der Sklaven in den franzöischen Kolonien gewürdigt: Damit hätten sie zur Universalität der Menschenrechte und der Ideale der Französischen Revolution von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit beigetragen.

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2017 haben sogar gewissermaßen zwei Präsidenten an der Zeremonie teilgenommen: der scheidende François Holland und der damals schon gewählte, aber noch nicht amtierende, Emanuel Macron.

Außerdem gibt es seit 2017 am 23. Mai die „Journée nationale de commémoration en hommage aux victimes de l’esclavage colonial“, also einen Erinnerungstag an die Opfer der kolonialen Sklaverei.[7]  Dieses Datum bezieht sich auf einen großen Schweigemarsch, der am 23. Mai 1989 in Paris stattfand.

 

Die aktuelle  Diskussion: Wie wird an die Sklaverei erinnert und wie sollte an sie erinnert werden?

Vor diesem Hintergrund mag es erstaunen, dass die Ereignisse in den USA  eine Debatte auch in Frankreich ausgelöst haben, welche Rolle Sklavenhandel und Sklaverei in der nationalen Erinnerungskultur spielen. Die Erinnerung an dieses dunkle Kapitel der eigenen Geschichte scheint doch ausgesprochen intensiv und  in der Zielrichtung eindeutig am Gleichheits-Anspruch der französischen Revolution orientiert zu sein. Aber es gibt, wie Libération in der anfangs schon angesprochenen Ausgabe aufzeigt, in mehreren französischen Städten und vor allem den am Sklavenhandel beteiligten  Häfen  noch eine sichtbare Erinnerung an Persönlichkeiten, die diesen Handel betrieben haben. Und es gibt in Frankreich noch Straßen, die den Namen des Generals Richepanse tragen, der nach der Wiedereinführung der Sklaverei in den französischen Kolonien 1802 durch Napoleon in die Karibik geschickt wurde, um den Widerstand der wieder zu Sklaven gewordenen farbigen citoyens zu brechen, was er auf blutigste Weise dann auch tat. Dass Straßen nach diesem General benannt sind, der schlimmste Massaker in Guadeloupe verübt habe, schockiere zu Recht „la mémoire républicaine“, wie Laurent Joffrin in seinem Kommentar in Libération schreibt,   und dies nicht nur in den “communautés antillaise ou africaine.“[8]

Im Zuge  der von den Ereignissen in Charlotteville ausgelösten Diskussion in Frankreich sind auch darüber weit hinausgehende Forderungen laut geworden. Am 28. August  veröffentlichte Libération einen Gastbeitrag von Louis-Georges Tin, dem Präsidenten des CRAN, des Conseil représentatif des associations noire en France,  in Libération mit dem Titel „Eure Helden sind manchmal unsere Henker“. [9] Zu diesen Henkern bzw. Helden zählte er vor allem Colbert, den Minister Ludwigs XIV. Der habe nicht nur den Code noir geschaffen, ein  juristisches Monster („monstre juridique“), das die rechtlichen Grundlagen der Sklaverei darstellte und dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit legalisierte. Darüber hinaus habe er die „Compagnie des Indes occidentales“ gegründet, eine „compagnie négrière de sinistre mémoire. En d’autres termes, en matière d’esclavage, Colbert symbolise la théorie  et la pratique au plus haut niveau.“   Nach Tins Überzeugung müsse man sich fragen, welches der beiden Länder problematischer sei. Das Land, in dem es einen Konflikt um die Statue eines die Sklaverei verteidigenden Generals gäbe, oder das andere Land, wo  es vor dem Parlament eine Statue von Colbert gäbe und innen einen Saal Colbert, einen Seitenflügel Colbert im Wirtschaftsministerium, nach Colbert benannte Gymnasien, in denen  doch die republikanischen Werte unterrichtet werden sollten, dazu dutzende von nach Colbert benannten Straßen, ohne dass es auch nur den geringsten Konflikt,  das  geringste schlechte Gewissen oder auch nur die geringste Unsicherheit bezüglich einer solchen Namensgebung gäbe.

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In einer in Le Monde veröffentlichten Petition forderten Tin und zahlreiche weitere Persönlichkeiten dazu auf,  die  Schulen umzubenennen, die den Namen Colberts trügen. Immerhin sollten öffentliche Gebäude und Straßen nicht dazu dienen, die Erinnerung an Verbrecher wachzuhalten, sondern  die an Helden. Deshalb gäbe es in Frankreich ja auch weder eine  rue Pierre-Laval noch eine rue Pétain, dafür aber zahlreiche nach Jean Moulin benannte Straßen.[10] Natürlich blieben solche Positionen nicht unwidersprochen, denn Colbert mit  Laval und Pétain auf eine Stufe zu stellen, ist doch wohl historisch kaum haltbar.[11] Und wenn die Sklaverei 2001 im loi Taubira zu Recht als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnet wurde, so wäre es ziemlich unhistorisch, es auf eine Zeit anzuwenden, in der in Europa die Versklavung von Afrikanern  allgemein  als völlig legitim angesehen wurde und der von Tin und anderen gebrandmarkte „code noire“ von 1685 einen dem damaligen Rechtsverständnis entsprechenden Rahmen für die Behandlung von Sklaven festlegte. Allerdings diente  dieser Rahmen kaum dazu, den Sklavenhaltern und Sklaven feste Regeln und Verpflichtungen aufzuerlegen und damit gleichzeitig Exzesse der Sklaverei zu verhindern. Der Code noir war also nicht, wie auch behauptet wurde, ein Werk der Menschlichkeit: Die Schwarzen waren danach ein „bien meuble“, über das die Sklavenhalter verfügen konnten, und der Code noir erlaubte die schlimmsten  Misshandlungen. Und immerhin war die Sklaverei auf französischem Boden schon seit einem Dekret Ludwigs X. von 1315 verboten. Die Verurteilung von Sklaverei war also nicht erst eine Erfindung von Aufklärern und Revolutionären. (11a)

Allerdings war den  großen französischen Aufklärern wie Voltaire, Diderot, Rousseau oder Condorcet die Abschaffung der Sklaverei kein besonderes Anliegen  und  der „Code noir“  verlor – abgesehen von dem kurzen Zeitraum zwischen 1793 und 1802- erst 1848 seine Gültigkeit.[12] Die von der Französischen Revolution proklamierte Gleichheit galt eben nicht für alle Menschen, nicht für Sklaven und auch nicht für Frauen, die  in Frankreich erst nach dem 2. Weltkrieg das Wahlrecht erhielten.

Soweit ich sehe, kann man als Fazit der durch Charlottesville in Frankreich ausgelösten Diskussion festhalten, dass es,  von Extremfällen wie Richepanse abgesehen,  nicht darum gehen könne,  kompromittierende  Namen aus dem Straßenbild zu entfernen, sondern sie zum Anlass zu nehmen, über ihre Taten und Schattenseiten zu informieren. Der französisch-senegalesische Essayist Karfa Diallo, der wesentlich dazu beigetragen hat, in Bordeaux das Bewusstsein für die koloniale Vergangenheit zu wecken, formuliert das so: „Si on débaptise, on efface la mémoire. Il faut que les noms des esclavagistes restent pour que nul n’oublie les crimes commis“.[13]  Ähnlich formuliert es auch Benoît Hopquin in einer Stellungnahme in Le Monde vom 24./25. September 2017. Wenn man die Geschichte „en noir et blanc“ zeichne, könne man  auch nicht bei Colbert stehen bleiben. Dann seien  auch Victor Hugo, Jules Ferry, Léon Blum und andere an der Reihe, die den Kolonialismus mit teilweise rassistischem Zungenschlag verteidigt hätten. (11a)

Ein weiteres gemeinsames Fazit der Diskussion  ist die Aufforderung, diejenigen stärker im öffentlichen Bewusstsein zu verankern, die sich  gegen die Sklaverei und für ihre Abschaffung eingesetzt haben, und ganz allgemein diejenigen „Noirs de France“ ins öffentliche  Bewusstsein zu rücken, die -oft in Vergessenheit geraten- Frankreich zu dem gemacht hätten, was es heute ist. (13a)

 

Erinnerungsorte an Sklaverei und Sklavenbefreiung in Parisa

Diese Diskussion war für mich Anlass, einmal unter diesem Gesichtspunkt Paris näher zu betrachten. Immerhin ist, wie der Historiker Marcel Dorigny in der esclavage-Ausgabe von Libération schreibt, Paris übersät mit Namen und Orten, die an die Sklaverei und den Kolonialismus erinnerten.

Der wohl bedeutendste  entsprechende Ort ist sicherlich das Palais de la Porte Dorée, das für die Kolonialausstellung von 1931 gebaut wurde. [14]

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Wandmalerie in Palais de la Porte Dorée

Hier wird auch das im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorherrschende französische  Selbstverständnis  propagiert, dass der (eigene) Kolonialismus eine zivilisatorische Mission erfülle. [15] Dazu gehörte  auch  die Sklavenbefreiung-  womit natürlich nicht die von Frankreich selbst betriebene Sklaverei gemeint war, sondern die in Afrika von Arabern betriebene.

So  wurde auch das Reklameschild für das Geschäft in der rue des Petits-Carreaux Nummer 12 im 2. Arrondissement als unproblematisch empfunden. Es machte seit 1890, also lange nach Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien) auf die exotischen Produkte und vor allem den Kaffee aufmerksam, die hier verkauft wurden. Diesen Laden gibt es heute nicht mehr, das Reklameschild steht aber unter Denkmalschutz.[16]

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Ein weiteres  ähnliches Reklameschild  befindet sich an der Place de la Contrescarpe im 5. Arrondissement.  Dort befand sich seit 1748 eine chocolaterie., später eine épicerie und zuletzt ein Kaffeegeschäft. Abgebildet sind ein Farbiger mit einer Karaffe und eine weiße Frau mit einem Tablett.  Nach einer verbreiteten Sichtweise handelt es sich hier um die  Abbildung eines Sklaven, der eine „dame de qualité“, angeblich  Madame du Barry, die Mätresse Ludwigs XV. , bedient.;  oder auch um zwei Bedienstete der chocolaterie.  [17]

Das Bild wurde und wird also vielfach als rassistisch qualifiziert und es wurde wiederholt vandalisiert.  Derzeit ist es Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen.[18]

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Kürzlich hat der Stadtrat von Paris auf Antrag der kommunistischen Fraktion entschieden, das Bild zu entfernen und es  dem Stadtmuseum von Paris, dem musée Carnavalet, zu übergeben- vielleicht auch einmal einem zukünftigen der Sklaverei gewidmeten neuen Museum.  Der Bürgermeister des betroffenen 5. Arrondissements hat dagegen aus meines Erachtens guten Gründen protestiert. Er hat darauf hingewiesen, dass eine Bürgerinitiative des Viertels sich für die Erhaltung des Bildes an seinem angestammten Platz ausgesprochen habe. Es sei aber angeregt worden, eine erklärende Plakette anzufügen, auf der der historische Hintergrund des Bildes erläutert und die Sklaverei ausdrücklich verurteilt werden sollte. Und es sollte außerdem dazu auffordert werden,  alle Formen des Rassismus zu bekämpfen. Dieser Text sei zusammen mit dem Vorsitzenden des CRAN erarbeitet worden, also Herrn Tin, der hier –anders als bei  Colbert- offenbar  einen pädagogisch- aufklärerischen Umgang mit der kolonialistischen Vergangenheit befürwortete.

Die Interpretation des Bildes als Produkt des Rassismus ist allerdings sehr fragwürdig, worauf kürzlich Didier Rykner in einem Aufsatz in der Tribune de l’Art hingewiesen hat. (18a) Das Reklamebild gehöre keineswegs zu der chocolaterie von 1748, sondern zu dem seit 1897 dort ansässigen Geschäft „au nègre joyeux“, in dem Kaffee verkauft wurde. Es stamme also aus einer Zeit, in der der die Sklaverei in den französischen Kolonien längst abgeschafft worden sei. Und das Wort „nègre“ sei eine damals übliche Bezeichnung und keinenfalls pejorativ gewesen. Vor allem aber zeige das Bild ganz und gar nicht eine Szene, wo ein „négre“ eine vornehme Frau bediene, sondern, wie das genaue Gegenteil: Es sei gerade die Frau, die auf einem Tablett Kaffeekanne, Zuckerschale und Gebäck dem „schwarzen Mann“ bringe.  Er habe um seinen Hals eine Serviette gelegt und trage in einer Hand eine Karaffe, „“sans doute du rhum avec lequel il va arroser son café“. Die Frau sei wie eine Bedienstete gekleidet. Auch deshalb könne es sich auf gar keinen Fall um Madame du Barry handeln. Der „nègre“, habe also allen Grund, fröhlich zu sein, weil man ihm einen wunderbaren Kaffee mit Rum und Gebäck serviere.

Auch Claude Ribbe, immerhin ein engagierter Streiter für eine „farbige Erinnerungskultur und Initiator des Denkmals für den farbigen General Dumas (s.u.), sieht in dem „nègre“ einen freien und wohlhabenden Gast des Hauses, so dass es sich für ihn  um eine emanzipatorische Darstellung handelt.

Trotzdem hat im  Stadtrat von Paris eine Mehrheit  für die  Entfernung des Bildes gestimmt. Der erste Beigeordnete der Bürgermeisterin, der Sozialist Bruno Julliard, hat diesen Beschluss ausdrücklich als schlecht bezeichnet. Es sei  besser, der  Intelligenz der Bürger zu vertrauen und die Spuren der Vergangenheit zu erklären. „Ich glaube nicht, dass es die beste Pädagogik ist, diese Spuren zu beseitigen“.  In der Tat: Die Sklaverei hat ja existiert, und die Erinnerung an sie aus dem öffentlichen Raum zu verbannen, ist das beste Mittel, sie auszulöschen. Trotzdem forderte aber Juillard die sozialistische Fraktion des Stadtrates auf, dem kommunistischen Antrag zuzustimmen –  aus Angst,  wie er es ausdrückte, vor einer  eventuellen Instrumentalisierung einer Ablehnung.[19] Es ist schon bemerkenswert, welche bizarren Formen die Anpassung an eine vermeintliche „political correctness“ annehmen kann….  (19a)

In der esclavage-Ausgabe von Libération wird allerdings der schwerwiegende Vorwurf erhoben, Paris beteilige sich auch an der Feier der Sklaverei. „Paris n’echappe pas à la célébration de l’esclavage.“[20] Als Beispiel werden ein Platz und eine Statue im 16. Arrondissement angeführt „à la mémoire du maréchal Jean-Baptiste Donatien de Vimeur de Rochambeau (1725-1807), qui mata dans le sang la révolte des esclaves à Haiti. L’émissaire de Napoléon utilisait des bouldogues por traquer les mutin, comme il l’indiquait dans un courrier en 1803: ‚Vous devez leur donner des nègres à manger.‘“  Weitere Statuen Rochambeaus gäbe es in seiner Heimatstadt Vendôme und in Washington D.C., weil er an der Seite Lafayettes am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg teilgenommen habe.

Allerdings ist Libération hier Opfer ihres investigativen Übereifers geworden: Jean Baptiste Donatien de Rochambeau war tatsächlich der gefeierte Kämpfer für die amerikanische Unabhängigkeit und Sieger von Yorktown gegen die Engländer,  allerdings nicht der Sklavenschlächter: Das war sein Sohn Donatien-Marie-Joseph de Rochambeau, der 1813 in der Völkerschlacht von Leipzig tödlich verwundet wurde. [21] Ein, wie ich finde, ziemlich peinlicher Lapsus, der sich durch eine einfache Internetrecherche hätte verhindern lassen. Aber nach den Ereignissen von Charlottesville wurde das Sklaven-Thema von Libération offenbar etwas  überhastet auf die Tagesordnung gebracht.

 

Das Grabmal des Generals Gobert auf dem Friedhof  Père Lachaise

Ein Denkmal für einen Sklavenschlächter gibt es Paris allerdings in der Tat. und zwar die Reiterstatue des Generals Gobert auf dem Friedhof Père Lachaise, die in einer Zusammenstellung der zehn schönsten Grabmale des  Friedhofs sogar besonders herausgestellt wird.[22]

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In der Tat handelt es sich um ein sehr eindrucksvolles, wenn auch deutlich renovierungsbedürftiges Werk. Es zeigt, auf einem Sockel postiert,  den tödlich verwundeten General. Sein Pferd bäumt sich vor einem ziemlich wild aussehenden Angreifer auf. Das Grabmal ist ein Werk  David d’Angers‘, eines der bedeutendsten französischen Bildhauer in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.  Zu seinen Werken gehören unter anderem die Giebelfiguren des Pantheons und –aus deutscher Sicht bemerkenswert- eine große Goethebüste, die er 1828 auf einer Studienreise nach Weimar schuf. Es gibt zwei Exemplare der Büste:  Eine, die David d’Angers Goethe schenkte, steht  heute in der Weimarer Anna-Amalia- Bibliothek, die andere  im musée d’Orsay.[23] Für David d’Angers war es ein Anliegen, durch seine Arbeiten  große Männer für die Nachwelt lebendig zu erhalten. Zu ihnen gehörte für ihn offenbar auch General Gobert. Der wird von Napoleon nach Guadeloupe geschickt, um nach der Wiedereinführung der Sklaverei die Revolte der  wieder zu Sklaven gewordenen Bevölkerung niederzuschlagen. Oberkommandierender war damals der berüchtigte General Richepanse,[24]  dessen Nachfolger Gobert wurde, bevor er von Napoleon wieder nach Europa beordert wurde, wo er im Kampf gegen die -auf der Statue als unzivilisierte Barbaren dargestellten-  aufständischen Spanier ums Leben kam.[25]

Eines der seitlichen Reliefs des Grabmals bezieht sich –entsprechend der Überschrift- auf Goberts Einsatz in Guadeloupe.

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Er zeigt –nach der Legende auf dem Grabmal- wie der Generals „während eines Kampfes gegen die Schwarzen“  die von ihnen eingeschlossenen Gefangenen im letzten Moment rettete.[26] Hier ist er zu sehen, wie er mit seiner Pistole einen Gefängniswächter erschießt, der gerade im Begriff ist, das Gefängnis in Brand zu setzen. Noch eindrucksvoller, aber nicht ganz zutreffend gibt Marcel Dorigny in Libération die Szene auf dem Relief wieder. Dort werde gezeigt, wie Gobert mit einem einzigen Säbelhieb den Kopf eines Schwarzen abgeschlagen habe….

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Allerdings lässt die Darstellung des Kampfes gegen die wieder zu Sklaven gemachten Schwarzen nichts an Drastik zu wünschen übrig.

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Das Denkmal  Goberts ist allerdings unantastbar. Nicht nur aufgrund seines Schöpfers, sondern auch, weil es in prominentem Privatbesitz ist: nämlich dem  der Académie française.  Wie das kam, kann man dem linken Relief entnehmen: Hier ist nämlich der Sohn Goberts zu sehen, der in jungen Jahren nach einem Bad im Nil starb. Und der sehr verwitterte und kaum noch lesbare Text auf der Vorderseite des Denkmals enthält, wie ich der Literatur entnehme,  das Testament des jungen Gobert: Seinen  Landbesitz in der Bretagne vermachte er seinen Bauern – unter der Bedingung, dass sie ihren Kindern das Lesen und Schreiben beibringen. Und seinen sonstigen Besitz vermachte er der Académie française, was aber ebenfalls an eine Bedingung geknüpft war: Dass nämlich seinem Vater ein angemessenes Grabmal errichtet werde (26a).  Das haben  also die reich Beschenkten offenbar sehr ernst genommen und den berühmten David d’Angers mit der Aufgabe betraut. Aber vielleicht könnte das verbliebene  Erbe  auch noch für eine Erläuterung zum historischen Hintergrund genutzt werden. Die wäre hier wirklich angebracht – auch wenn sicherlich kaum einmal einer, der an dem Grabmal vorbeigeht,  das  nur etwas mühsam zugängliche Guadeloupe-Relief bemerken, geschweige denn genauer in Augenschein nehmen wird.

 

Ehrung von Menschen, die sich für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt haben

In der aktuellen französischen Diskussion über den Umgang mit Sklavenhandel und Sklaverei gibt es einen Aspekt, der immer wieder und übereinstimmend betont wird, und zwar die Notwendigkeit einer deutlicheren Würdigung der Menschen, die sich für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt haben. Dabei werden immer wieder zwei Namen genannt, an die erinnert werden sollte, nämlich Toussaint Louverture und Louis Delgrès.

Der schwarze Napoleon“  Toussaint Louverture  wurde 1794  einer der ersten farbigen Generäle  der französischen Armee und Oberkommandierender der französischen Kolonie Sainte-Domingue, dann aber  Führer der haitischen Befreiungsbewegung. 1801 schickte Napoleon ein Heer nach Santo Domingo, um die alte Ordnung wiederherzustellen. Toussaint Louverture musste kapitulieren, wurde nach Frankreich deportiert, wo er offenbar aufgrund entsprechender Haftbedingungen im Gefängnis starb. [27]

Der „Chevalier de la Liberté“ Louis Delgrès war Führer des Widerstands gegen die Wiedereinführung der Sklaverei durch Napoleon und die Truppen des Generals Richepanse.[28]

Ich habe mich also dafür interessiert, ob bzw. wie in Paris an diese beiden Männer erinnert wird:

Im 11. Arrondissement gibt es seit 2013 die rue Toussaint-Louverture, ein kleines Straßenstück zwischen dem boulevard Jules Ferry und der rue de la Folie-Méricourt. Damit sollte, wie es in dem offiziellen Beschluss heißt,  „un homme politique et figure emblématique de la Révolution haïtienne“ geehrt werden.  Ende Oktober 2017 habe ich mir die Straße angesehen, die  in neuen Stadtplänen dem Beschluss von 2013 entsprechend bezeichnet ist. Dabei stellte ich zu meinem großen Erstaunen fest, dass es dort noch immer die alten Straßenschilder (rue Rampon) gibt.  Offenbar ist da  keine Eile geboten, weil es sowieso in diesem kleinen Straßenstück keine Eingänge von Wohnungen oder Geschäften gibt-  keinen Falls ein sehr  angemessener Ort für die Würdigung einer doch angeblich so bedeutenden Persönlichkeit.  Und  in vier Jahren hätte man  doch wenigstens die Straßenschilder austauschen können!  Also ein schöner Beschluss fürs gute politische Gewissen und  für die Galerie, aber offenbar ohne Konsequenzen.[29]

Also weiter zu der schon seit 1996  nach Louis Delgrès benannten Straße  im 20. Arrondissement.[30]

DSC01171 Rue Delgrès 20e (1)

Im Mai 2015 wurde dort sogar, wie man  dem Internet entnehmen kann,  durch Mme George Pau-Langevin, der damaligen Ministerin für die überseeischen Gebiete Frankreichs, eine Bank (banc mémorial)  zur Erinnerung an  Delgrès aufgestellt.[31]

hommage-aux-esclaves-banc-memorial-a-louis-delgres-a-paris

In ihrer Rede bezeichnete die Ministerin Delgrès als „une des figures les plus illustres de notre République“  und sie zitierte seine  von den Idealen der Aufklärung und der Französischen  Revolution geprägte Proklamation  „à l’univers entier“.  Der Aufruf wurde am 10. Mai 1802 in Guadeloupe verbreitet, als die Truppen des Generals Richepanse anrückten.  Angesichts der feindlichen  Übermacht und der Aussichtslosigkeit eines weiteren Widerstands sprengten sich Delgrès und seine 300 Gefährten entsprechend der revolutionären Devise „Freiheit oder Tod“  (vivre libre ou mourir)  am 28. Mai 1802 in die Luft.

Als ich nach dem  Besuch der entsprechenden Internetseite mit der ministeriellen Rede und dem Foto der Bank Ende Oktober 2017 die Rue Delgrès besuchte, war ich allerdings entsetzt: Die Straße ist völlig heruntergekommen und wird eher als  Mullkippe verwendet, die Wände der anliegenden Gebäude sind  verschmiert, die Grünanlage hinter der Bank ist verschwunden, die ebenfalls verschmierte Bank lädt kaum noch zum Hinsetzen ein: Auch hier  ein trauriger Widerspruch zwischen  offiziellen Proklamationen und der Realität.

DSC01171 Rue Delgrès 20e (5)

Immerhin gibt es im Pantheon eine Plakette zur Erinnerung an Louis Delgrès: [32]

plaque-louis-delgres-pantheon-592335

Zur Erinnerung an Louis Delgrès, Held des Widerstands gegen die Wiedereinführung der Sklaverei in Guadeloupe, gestorben ohne zu kapitulieren mit 300 Kämpfern in Matouba 1802, damit die Freiheit lebt

Nach den beiden ernüchternden Erfahrungen mit den Louis Delgrès und  Toussaint-Louverture gewidmeten Pariser Straßen  ist man geneigt, sich zu fragen, ob es denn nicht auch angemessene Erinnerungsorte für die Sklaverei  und ihre Abschaffung gibt. Und die gibt es in der Tat: So das  eindrucksvolle Denkmal für General Dumas, den Vater und Großvater der Schriftsteller Alexander Dumas senior und junior.

 

Das Denkmal für General Dumas

Das 2009 eingeweihte Denkmal für den General Dumas befindet sich auf der Place du Général Catroux im 17. Arrondissement (Métro Malhesherbes). Es  besteht aus zwei bis zu fünf Meter hohen eisernen Fußfesseln, wie sie Sklaven angelegt wurden.

DSC01372 Fers Alexandre Dumas (2)

Aber die Eisenfesseln sind aufgebrochen, sollen sie doch an die Befreiung der Sklaven erinnern, konkret an den General Dumas, der als Sohn eines normannischen Adligen  und dessen Sklavin  in Haiti geboren wurde. Er wurde zunächst von seinem Vater als Sklave verkauft, dann aber wieder zurückgekauft und frei gelassen.  In Paris erhält er zur Zeit des ancien régime die Ausbildung eines Adligen, er schlägt eine militärische Karriere ein und zeichnet sich in den Revolutionskriegen vielfach aus.  1793 wird er der erste farbige Divisionsgeneral der französischen Armee. 1802 allerdings verfügt Napoleon seine Entlassung aus der Armee. Farbigen Soldaten und Offizieren wird sogar untersagt, sich in Paris und Umgebung aufzuhalten. [33]

Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde ein erstes Standbild des Generals errichtet, wofür sich besonders der Schriftsteller Anatol France stark gemacht hatte. Denn:

« Le plus grand des Dumas, c’est le fils de la négresse. Il a risqué soixante fois sa vie pour la France et est mort pauvre. Une pareille existence est un chef-d’œuvre auprès duquel rien n’est à comparer ». 

Dieses Standbild wurde allerdings 1942/43 von dem französischen Kollaborationsregime eingeschmolzen, um den Anforderungen der deutschen Besatzungsmacht zu entsprechen. Um das geforderte Metall zu liefern, suchten sich die Vichy-Leute natürlich bevorzugt solche Denkmäler aus, die ihnen sowieso nicht in ihre Ideologie passten- also das Denkmal eines Farbigen wie Dumas oder eines Demokraten wie Baudin  im Faubourg-Saint-Antoine.[34]

Der Ort,  wo das Denkmal steht, hatte übrigens lange den Beinamen „Platz der drei Dumas“, weil dort auch Denkmale für den Sohn und den Enkel des  Generals stehen: die Schriftsteller Alexandre Dumas (Vater), den Autor von „Die drei Musketiere“  und  „Der Graf von Montechristo“  und Alexandre Dumas (Sohn), der Autor der „Kameliendame“. (34a)

An jedem 10. Main, dem nationalen „Tag der Erinnerung an den Sklavenhandel, die Sklaverei und ihrer Abschaffung“, findet nachmittags am Denkmal für den General Dumas eine Veranstaltung der „Freunde des Generals Dumas“ und der Stadt Paris  statt – gewissermaßen das -öffentliche- Gegenstück zu der präsidialen Feier am Vormittag im Jardin du Luxembourg, zu der nur eingeladene Gäste Zutritt haben.

 

Victor Schoelcher auf dem Père Lachaise und im Pantheon

Wenn es um die Erinnerung an diejenigen geht, die sich für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt haben, darf natürlich der aus Fessenheim im Elsass stammende Victor Schoelcher nicht fehlen. Immerhin war er der Initiator des „décret d’abolition de l’esclavage du 27 avril 1848“, also des Dekrets zur (endgültigen) Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien.

Im Mémorial de l’abolition de l’esclavage von Nantes werden die berühmten Worte Schoelchers aus seinem 1842 erschienenen Buch über die französischen Kolonien zitiert:

„Si comme le disent les colons on ne peut cultiver les Antilles qu’avec des esclaves, il faut renoncer aux Antilles. – La raison d’utilité de la servitude pour la conservation des colonies est de la politique de brigands. – Une chose criminelle ne doit pas être nécessaire. – Périssent les colonies plutôt qu’un principe.“ [35]

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Wenn es wirklich zutreffe, dass man die Antillen nur mit Hilfe von Sklaven bewirtschaften könne, wie die Plantagenbesitzer behaupteten, dann müsse man eben auf die Antillen verzichten. Nützlichkeit oder Notwendigkeit rechtfertigten nicht ein kriminelles Verhalten. Eher sollten die Kolonien untergehen als ein Prinzip. Und konkret angesprochen waren damit die Ideale von Freiheit und Gleichheit der Französischen Revolution, die Schoelcher beim Wort nahm….  

Victor Schoelcher wurde an der Seite seines Vaters auf dem Friedhof Père Lachaise bestattet. (50. Division)[36]

Eine etwas zwiespältige Ehre wurde Victor Schoelcher zuteil, indem sein Name in die Westfassade des zur Kolonialausstellung 1931 errichteten Palais de la Porte Dorée eingraviert wurde.  Hier hat das „dankbare Frankreich“ die Namen derer versammelt, die das Kolonialreich ausgeweitet und dazu beigetragen haben, dass der Name Frankreichs in Übersee geliebt werde….  Schoelcher befindet sich da in der zweifelhaften Gesellschaft von Eroberern und kolonialen Profiteuren.  Diese Ehrentafel ist denn auch gewissermaßen ein Gegenentwurf zum republikanischen Pantheon, in dem „die großen Männer“  geehrt werden, die sich um die Werte der Französischen Revolution verdient gemacht haben. (36a)
DSC01341 Schoelcher Porte doree (1)

1948, 100 Jahre nach Abschaffung der Sklaverei, wurde immerhin beschlossen, Victor Schoelcher zu „pantheonisieren“, also seine sterblichen Überreste zu den großen, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit repräsentierrenden  Männern (und Frauen)  Frankreichs zu überführen. Dies geschah am 20. Mai 1949, zusammen mit seinem Vater, von dem er nie getrennt sein wollte, und zusammen mit dem  schwarzen Kolonialpolitiker Félix Éboué. Dies war der erste Schwarze, der, sicherlich ganz im Sinne Schoelchers, auf diese  Weise geehrt wurde.

 

Das  hôtel de la marine: ein zukünftiges Museum der Sklaverei?

Der  Beschluss des Pariser Stadtrats, das umstrittene Firmenschild an der place de la contescarpe mit dem „nègre joyeux“ zu entfernen, beinhaltete auch die Aufforderung, in Paris ein Museum der Sklaverei, des Sklavenhandels und deren Abschaffung zu errichten. Warum in Paris? Die Cran, die Vereinigung der „associations noires“, weist darauf hin, dass Paris das Zentrum des französischen Geschäfts mit der Sklaverei  gewesen sei. Die Lobby der karibischen Farmer habe ihren Sitz in Paris gehabt, drei Viertel der Gründer der Banque de France hätten mit der Sklaverei Geld verdient. Und selbstverständlich war Paris der Ort, wo der code noir entstand und wo die Verwaltung der Kolonien angesiedelt war.[37]

Als möglicher Platz für ein solches Museum ist das repräsentative  hôtel de la marine (bzw. ein Teil davon) an der place de la Concorde im Gespräch. Und das nicht von ungefähr: Das hôtel de la marine war nämlich Sitz der Kolonialverwaltung, die für die Sklaverei, den Sklavenhandel und die entsprechenden Häfen zuständig war. Dort wurde auch die Auszahlung der Kopfprämien organisiert, die der Staat für die Deportation von Afrikanern in die französischen Antillen festgesetzt hatte. Und nicht zuletzt: Dort wurde  1848 das Dekret zur Abschaffung der Sklaverei unterzeichnet. [38]

DSC01364 Hôtel de la marine (2)

Rechts ein Teil des noch verhüllten hôtel de la marine, das gerade renoviert wird.        Leider gibt es nicht -wie bei anderen Baustellen- eine Informationstafel,  der man entnehmen kann, wie das Gebäude einmal genutzt werden soll.

Für das hôtel de la marine spricht auch, dass derzeit seine neue Verwendung intensiv verhandelt wird, nachdem die dort ansässigen militärischen Nutzer in das neugebaute „französische Pentagon“ umgezogen sind.  Zunächst (2010)  hatte der damalige Präsident Sarkozy geplant, das Gebäude  privaten Investoren zu überlassen, dann aber aufgrund massiver öffentlicher Proteste einen  Rückzieher gemacht. Schon damals hatte übrigens eine Gruppe von Historikern und anderen Wissenschaftler in einem öffentlichen Aufruf in Le Monde gefordert, das hôtel de la marine als nationales Erbe zu bewahren und dort ein „musée de l’esclavage, de la colonisation et de l’outre-mer (MECOM) zu installieren und auf diese Weise  „faire entrer le passé colonial dans l’esprit de nos contemporains“.[39]

Jetzt ist das Centre des monuments nationaux mit der Konzeption einer zukünftigen Nutzung betraut, und ein großer Teil des Gebäudes soll auf jeden Fall für die Öffentlichkeit zugänglich sein. [40]  Die Keimzelle einer 2016 von Francois Hollande angeregten  Fondation pour la mémoire de l’esclavage  hat dort übrigens schon ihren Sitz.[41]  Weiter gehenden Museumsplänen muss allerdings auch die Regierung bzw. das zuständige Kulturministerium seinen Segen (und Geld) geben, aber dort hält man  sich offenbar noch vornehm zurück – es gibt ja wohl auch schon genug andere und noch größere „Baustellen“ für die neue Administration. Auch wenn „Volkes Stimme“ massiv Stimmung gegen das Museumsprojekt macht, wie man den sozialen Medien entnehmen kann: Ich würde mich freuen, wenn ein MECOM im hôtel de la marine entstünde. Und dann gäbe es sicherlich auch einen entsprechenden neuen Beitrag auf diesem  Blog.

 

Den Abschluss dieses Textes soll aber ein kurzer Bericht über eine Veranstaltung sein, die zeigt, wie sehr die Sklaverei und ihre Abschaffung noch im Bewusstsein von Menschen mit „Mitgrationshintergrund“- und vielleicht ja auch mit einer von der Sklaverei geprägten Familiengeschichte präsent sind.

 

Ein Umzug zur Erinnerung an die Abschaffung der Sklaverei

Im Mai 2016 stieß ich zufällig im 12. Arrondissement auf einen laustarken Umzug von auffällig weiß und schwarz kostümierten Schwarzen. Ich war zunächst etwas überrascht und ratlos. Eine Demonstration von Schwarzen? Und die Polizei ist kaum vertreten? Auch nicht in dem sonst demonstrations-üblichen martialischen Outfit?  Und sie macht den Demonstranten sogar den Weg frei?  Ich erfuhr dann von einem freundlichen Gendarmen, dass  es sich um einen harmlosen und friedlichen Umzug handele, mit dem an die Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1848 erinnert werden sollte.

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Dies wird ja auch durch die z.T. mit Ketten und der Jahreszahl 1848 bemalten Gewändern zum Ausdruck gebracht. Auf dem schwarzen Gewand eines Umzugsteilnehmers kann man übrigens den Namen „Solitude“ erkennen. Solitude war die Tochter einer afrikanischen Sklavin, die während der Deportation auf die Antillen von einem weißen Matrosen vergewaltigt wurde. An der Seite von Louis Delgrès kämpfte Solitude gegen die Wiedereinführung der Sklaverei. Im Mai 1802 wurde sie, schwanger, von den napoleonischen Truppen gefangen genommen und 6 Monate später, einen Tag nach ihrer Entbindung, gehängt. Den Willen und/oder Mut, neben  Schoelcher und Éboué auch sie ins Pantheon aufzunehmen, hat allerdings bisher noch kein französischer Präsident gehabt.

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Anmerkungen:

[1] http://www.faz.net/aktuell/politik/trumps-praesidentschaft/donald-trumps-tiefpunkt-nach-gewalt-in-charlottesville-15153396.html

[2] http//memorial.nantes.fr/

[3] Libération, 23. August 2017

[4] http://la1ere.francetvinfo.fr/2015/04/17/bordeaux-beaucoup-plus-vecu-de-l-esclavage-que-tous-les-autres-ports-selon-le-directeur-du-musee-d-aquitaine-248443.html 

[5]https://www.google.de/search?q=Francce+jour+de+l%27abolition+de+l%27esclavage&oq=Francce+jour+de+l%27abolition+de+l%27esclavage&aqs=chrome..69i57.13110j0j8&sourceid=chrome&ie=UTF-

[6] http://www.lemonde.fr/societe/article/2006/01/30/jacques-chirac-fixe-au-10-mai-le-jour-souvenir-de-l-esclavage_735825_3224.html#iDm3PbKTR0xV8i7V.99

(6a) http://www.esclavage-memoire.com/lieux-de-memoire/le-cri-l-ecrit-sculpture-33.html

http://titeparisienne.over-blog.net/article-jardin-du-luxembourg-108698647.html

Böse Zungen lesen aus der Skulptur -von oben nach unten-  übrigens das wenig schmeichelhafte Wort „con“….

[7] http://www.lefigaro.fr/flash-actu/2017/05/23/97001-20170523FILWWW00250-premiere-commemoration-des-victimes-de-l-esclavage.php

[8] Éditorial mit dem Titel „Mémoire“ von Laurent Joffrin in Libération vom 23. August 2017

[9] http://www.liberation.fr/debats/2017/08/28/vos-heros-sont-parfois-nos-bourreaux_1592510

Diesem Artikel ist auch das Bild der Statue  Colberts vor dem Gebäude der Assemblée Nationale entnommen.  Teilweise identisch dann auch die Petition, die Le Monde am 19. September 2017 veröffentlichte: Louis-Georges Tin und Louis Sala-Molins u.a., Enlevons le nom de Colbert aux écoles.

[10] Le Monde 19.9. 2017. Am gleichen Tag  gab es in den 20-Uhr-Nachrichten des öffentlichen Fernsehsenders TV 2 eine kleine Sequenz zum Thema: Faut-il bannir Colbert? Dort kam Louis-Georges Tin zu Wort, aber auch der Philosoph Pascal Bruckner, der eine Gegenposition vertrat.

[11] Zur Diskussion siehe z.B. https://www.marianne.net/politique/de-charlottesville-colbert-faut-il-deboulonner-tous-les-personnages-historiques-qui

Sehr empfehlswert die Debattenbeiträge in Humanité vom 3. Oktober 2017  https://www.humanite.fr/travail-de-memoire-et-histoire-faut-il-debaptiser-les-lieux-publics-colbert-642923

(11a) siehe Benoît Hopquin, L’histoire en noir et blanc. Le Monde 24./25. September 2017, S. 31

[12] https://de.wikipedia.org/wiki/Code_Noir et  https://fr.wikipedia.org/wiki/Code_noir

[13] Zitiert von Libération, 23. August 2017, S. 4

http://www.rfi.fr/afrique/20130410-karfa-diallo-senegalais-vin-bureaux-esclavage-traite-esclaves-france-afrique-commerce-triangulaire

(13a) Hopquin a.a.O. siehe Anm. 11a. Hopquin verweist in seiner Stellungnahme übrigens auch auf sein 2009 erschienenes Buch „Les Noirs qui on fait la France“, in dem er die Portraits von solchen schwarzen „héros“ gezeichnet hat, die „pourraient utilement nourrir nos panthéons universels“.

[14] siehe den entsprechenden Blog-Beitrag: Das Palais de la Porte Doree und die Kolonialausstellung von 1931

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/6242

[15] Immerhin hatten nach den Worten von Jules Ferry die  „races supérieures“  die Aufgabe, „de civiliser les races inférieures“. http://tempsreel.nouvelobs.com/histoire/20170918.OBS4786/colbert-mitterrand-saint-louis-qui-faut-il-deboulonner-a-vous-de-juger.html

[16] http://breves-histoire.fr/au-planteur-rue-petits-carreaux/

[17]    Marcel Dorigny in Libération vom 23. August 2017, S. 5

[18]  http://www.lefigaro.fr/flash-actu/2017/09/25/97001-20170925FILWWW00348-l-enseigne-le-negre-joyeux-rappel-de-l-esclavage-va-quitter-le-ve-a-paris.phphttp://www.liberation.fr/debats/2017/10/09/cachez-cette-enseigne-que-je-ne-saurais-voir_1601887https://fr.wikipedia.org/wiki/Au_N%C3%A8gre_joyeux

http://www.actupolitique.info/paris-lenseigne-au-negre-joyeux-va-etre-retiree/

(18a)  „Au négre joyeux“ n’est pas une enseigne raciste.  21. November 2017

http://www.latribunedelart.com/, au-negre-joyeux-n-est-pas-une-enseigne-raciste

[19] http://www.lefigaro.fr/flash-actu/2017/09/25/97001-20170925FILWWW00348-l-enseigne-le-negre-joyeux-rappel-de-l-esclavage-va-quitter-le-ve-a-paris.php 

http://www.liberation.fr/debats/2017/10/09/cachez-cette-enseigne-que-je-ne-saurais-voir_1601887

(19 a) In Frankfurt am Main gibt es derzeit (März 2018) eine ähnliche Auseinandersetzung. Da gibt es  eine Mohrenapotheke und in der Großen Friedberger Straße 8 ein Haus mit der traditionellen Bezeichnung „zum Mohren“, Sitz der „Zeil-Apotheke zum Mohren“. Nach Auffassung der Kommunalen Ausländervertretung der Stadt sollen  aber diese von ihr als rassistisch empfundenen Bezeichnungen „aus dem Stadtbild verschwinden.“ Das würde bedeuten, dass der in die Fassade eingemeißelte Name des unter Denkmalschutz stehenden Hauses beseitigt werden müsste. Ein CDU-Abgeordneter des Stadtparlaments hatte  allerdings gewagt darauf  hinzuweisen, dass der Name „Mohr“ abgeleitet sei von dem Wort „Maure“. Und der „sei in traditionellen Apothekennamen häufig zu finden, weil das pharmazeutische Wissen des Morgenlandes dem des Abendlandes jahrhundertelang überlegen gewesen 8:::). Die Apotheker hätten mit der Bezeichnung und entsprechenden Darstellungen für die Fortschrittlichkeit und Hochwertigkeit ihrer Produkte geworben. ‚Mohr‘ sei deshalb nicht abwertend, sondern anerkennend zu verstehen.“ Für die Hüter der political correctness sind solche Feststellungen aber eher Ausdruck mangelnder Sensibilität, wenn nicht gar eines (mehr oder weniger ausgeprägten) Rassismus. Also soll, wie die FAZ einen Beitrag über diese Auseinandersetzung überschrieb, der Mohr gehen.  (FAZ, 1.3.2018 Seite 35)  Das Frankfurter Stadtparlament hat über dieses Thema heftig debattiert, aber immerhin darauf verzichtet, Namensänderungen vorzuschreiben.  Unter der Überschrift „Die Mohren-Apotheke gehört zu Frankfurt“ kommentierte in der FAZ Werner d’Inka, immerhin ein Herausgeber der Zeitung,  am 4.3.2018:  „Darf eine Pharmazie „Mohren-Apotheke“ heißen? Darüber wird in Frankfurt gestritten. Der sprachhygienische Furor ist lehrreich. Denn er zeigt, wie man Zeitgenossen, denen Rassismus fern ist, in die Arme der AfD treibt.“  Wo er Recht hat, hat er Recht.

[20] Libération, 23. August, S. 4

[21] https://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Baptiste-Donatien_de_Vimeur,_comte_de_Rochambeau  und

https://fr.wikipedia.org/wiki/Donatien-Marie-Joseph_de_Rochambeau

[22] https://voyages.michelin.fr/europe/france/ile-de-france/ville-de-paris/paris/reportage/balade-entre-les-tombes-les-10-plus

[23] https://de.wikipedia.org/wiki/Pierre_Jean_David_d%E2%80%99Angers

Bild der Goethe-Büste aus der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar bei Wikimedia.org

http://www.musee-orsay.fr/fr/collections/oeuvres-commentees/recherche/commentaire_id/johann-wolfgang-von-goethe-162.html?no_cache=1

[24] Bis 2002 gab es in Paris noch eine nach Richepanse benannte Straße, die dann allerdings auf Initiative des damaligen Pariser Bürgermeisters Delanoë umbenannt wurde und seitdem den Namen des Chevaliers de Saint-Georges trägt: Saint-Georges war der illegitime Sohn eines französischen Adligen und einer Sklavin aus Guadeloupe. In Paris sorgte er für Aufsehen als Geigenvirtuose, Komponist, Dirigent, Fechter und während der Revolution als Kommandeur der Légion Saint-George, einem aus Schwarzen bestehenden Regiment – also eine echte Alternative zu dem früheren Namensgeber der Straße.

https://fr.wikipedia.org/wiki/Rue_du_Chevalier-de-Saint-George

https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Bologne,_Chevalier_de_Saint-Georges

[25] https://fr.wikipedia.org/wiki/Jacques_Nicolas_Gobert

Zum Grabmal Goberts  gibt es ein Kapitel in dem  neu erschienenen Büchlein  von Jean Tardy und Charles Dolbakian mit dem  bemerkenswerten  Titel:   Proménades napoléoniennes au Père Lachaise. Paris 2017

[26] „Pendant un combat contre les noirs le général Gobert apprenant qu’ils avaient enfermé leurs prisonniers dans une maison minée y courut et tua le gardien qui en approchait déjà une mèche enflammée.“

(26a) Eine Erläuterung zu diesem Relief gibt es im Buch von Tardy und Dolbakian.  (siehe Anmerkung 25)

[27] https://de.wikipedia.org/wiki/Toussaint_Louverture.

Toussaint Louverture spielt auch eine wichtige Rolle in den „Karibischen Geschichten“ von Anna Seghers. Berlin und Weimar 1965

[28] https://fr.wikipedia.org/wiki/Louis_Delgr%C3%A8s

[29] http://www.parisrues.com/rues11/paris-11-rue-toussaint-louverture.html .             (Hier gibt es zwar die Information zur Umbenennung des Straßenstücks, auf der beigefügten Karte ist aber ebenfalls noch der alte Straßenname –rue Rampon- eingezeichnet). Eingesehen am 24.10.2017

http://a06.apps.paris.fr/a06/jsp/site/plugins/odjcp/DoDownload.jsp?id_entite=27282&id_type_entite=6

[30] http://www.parisrues.com/rues20/paris-20-rue-louis-delgres.html

[31] http://www.esclavage-memoire.com/evenements/hommage-aux-esclaves-banc-memorial-a-louis-delgres-a-paris-118.html  

[32] Info über Louis Delgrès und Bild aus: http://la1ere.francetvinfo.fr/guadeloupe/jour-delgres-ses-camarades-ont-choisi-mort-au-retablissement-esclavage-477997.html

[33]   https://fr.wikipedia.org/wiki/Place_du_G%C3%A9n%C3%A9ral-Catroux#Acc.C3.A8s            Dieser Website ist auch das Bild entnommen.

https://fr.wikipedia.org/wiki/Thomas_Alexandre_Dumas

http://www.esclavage-memoire.com/lieux-de-memoire/monument-a-la-memoire-du-general-dumasparis-93.html

und grundlegend: Claude Ribbe, Le Diable noir: Biographie du général Alexandre Dumas, père de l’écrivain. 2008

[34] siehe den Blog-Beitrag über den Faubourg-Saint- Antoine, das Viertel der Revolutionäre. (April 2016)

(34a) Das Denkmal wird übrigens ganz offensichtlich gerne als Picknick-Platz genutzt. Entsprechend sah der Boden darum herum aus. Ich musste mich erst einmal als Müllsammler betätigen, um nach dem Foto von der Delgrès-Bank ein weiteres peinliches Foto zu vermeiden.

[35] http://lvhpog.e-monsite.com/medias/files/schoelcher-1842.pdf

[36] https://www.tombes-sepultures.com/crbst_1810.html

(36a) siehe den Blog-Text: Das Palais de la Porte Dorée und die Kolonialausstellung von 1931

https://de.wikipedia.org/wiki/Victor_Sch%C5%93lcher

Bei den beiden im oberen Teil des Denkmals abgebildeten Personen handelt es sich um Marc Schoelcher,  den Vater Victors, und einen Gesellen, also nicht um Vater und Sohn.

[37] http://www.liberation.fr/france/2017/09/29/esclavage-a-paris-le-retrait-d-une-enseigne-relance-le-projet-de-musee_1599770  

[38] http://www.une-autre-histoire.org/lhotel-de-la-marine

[39]  http://www.lemonde.fr/idees/article/2011/01/18/faire-de-l-hotel-de-la-marine-un-musee-de-l-esclavage_1467179_3232.html#Bosbm4tUHX8MyoXp.99

[40] https://fr.wikipedia.org/wiki/H%C3%B4tel_de_la_Marine

[41] http://outremers360.com/societe/commemoration-abolition-esclavage-2017-jean-marc-ayrault-conduira-la-mission-chargee-de-creer-la-fondation-sur-la-memoire-de-lesclavage/ 

 

Weitere geplante Beiträge:

  • open your eyes! Street-Art in Paris (1) 
  • Street-Art in Paris (2): Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • Street-Art in Paris (3): Der Invader
  • Auf dem Weg nach Paris: Die Mühle von Valmy, ein Fanal der Französischen Revolution
  • Little India: das indische Viertel in Paris

 

Die Fontänen im Park von Versailles (1): Feier des Sonnenkönigs und Machtdemonstration

Die Fontänen im Park von Versailles sind ein unerschöpfliches Thema. Immerhin gab es zu Zeiten des Sonnenkönigs über 1200 davon. Auch wenn es heute nicht mehr so viele sind, werde ich  mich hier auf einige Aspekte beschränken (müssen). Im ersten Teil des nachfolgenden Textes möchte ich an einigen Beispielen zeigen, auf welche Weise  Fontänen  und Brunnen des Parks dazu dienten, den Ruhm des Sonnenkönigs zu mehren und eine Mahnung an seine Untertanen –vor allem natürlich an den am Hof von Versailles versammelten Adel – und die nach Versailles pilgernden  Repräsentanten fremder Mächte zu Wohlverhalten waren.  Dazu wird es einige konkrete Informationen über die heutigen regelmäßigen Wasserspiele (les grands eaux) geben,  bei denen man  die Brunnen und Fontänen im „Betrieb“ bewundern kann.

In einem späteren zweiten Teil möchte ich zeigen, inwiefern die Fontänen von Versailles Ausdruck absolutistischen Größenwahns waren. Denn –anders als beispielsweise bei den spektakulären Wasserspielen von Kassel, dem „hessischen Versailles“[1]– waren in den französischen Vorbild die topographischen Verhältnisse in gar keiner Weise für eine einigermaßen kontinuierliche Versorgung der Fontänen geeignet. Für den absolutistischen Herrscher,  der nicht nur seine Untertanen und Europa beherrschen  wollte, sondern auch die Natur, war das eine Herkules- Aufgabe, an der er aber trotz grandioser und geradezu pharaonischer Bemühungen ebenso grandios scheiterte.  Wenn Ludwig XIV. durch seinen geliebten Park wandelte und sich an den sprudelnden Brunnen und emporsteigenden Fontänen erfreuen wollte, wurde er von Brunnenmeistern begleitet, die die Anlagen vor ihm rechtzeitig in Betrieb nahmen und die Anlagen hinter ihm ausschalteten.  Darüber im zweiten Teil des Berichts mehr. (Der wird allerdings noch etwas auf sich warten lassen, weil ich darin auch das Museum von Marly einbeziehen möchte,  das derzeit geschlossen ist, aber 2018 wieder eröffnet werden soll). 

 

  1. Die Fontänen von Versailles: Verherrlichung des Sonnenkönigs und seiner Macht

„Das ganze riesige Gesamtkunstwerk von Versailles“ ist, wie Hans Sedlmayr erläutert hat, „einer einzigen übergreifenden Allegorie unterstellt. Versailles ist „der Ruheort der Sonne“, des Helios/Apollo, der hier  von seinen Taten ausruht. Und die Sonne ist nach der dem barocken Menschen durchaus geläufigen Devise ‚Quod sol in coelis id rex in terra‘  (Was die Sonne im Himmel ist, ist der König auf der Erde. W.J.) allegorisches Sinnbild des Königs, hier in Versailles ganz konkret  des „roi-soleil“ ,  des Sonnenkönigs.[2] Diese allegorische Verbindung von Sonne und König ist nicht erst in Versailles allgegenwärtig, sondern prägte von früh an das Leben des jungen Königs.

Ein schönes Beispiel dafür ist das „Ballet de la  nuit“ von 1653, in dem der  Auftritt  des tanzbegeisterten jungen Louis von seinem Bruder so angekündigt wurde:

Le Soleil qui me suit c’est le jeune Louis.

La troupe des astres s’enfuit,

Dès que ce grand Roi s’avance. 

Und die Rolle, die der junge Ludwig XIV. hier spielte, war -wie hätte es auch anders sein können-  die des Sonnengottes Apoll.[3]

Im Schloss von Versailles war denn auch der Salon des Apoll der eigentliche Thronsaal, dessen großartige Ausstattung die der anderen Salons noch übertraf. Kostbare Marmorstatuen und Gemälde von Rubens und van Dyck schmückten den Salon. Und auf einem silbernen Thron empfing Ludwig XIV. dort ausländische Botschafter oder nahm zu feierlichen Anlässen Platz. (3a)

Natürlich ist Apoll auch im Park des Schlosses allgegenwärtig. Eine Nachbildung des berühmten Apoll von Belvedere hat natürlich einen Ehrenplatz vor der dem Park zugewandten Seite des Schlosses unterhalb des Spiegelsaals. Die  „göttliche Schönheit“ dieses Apoll war für Winckelmann „das höchste Ideal der Kunst unter allen Werken des Altertums“.[6]Das war dem „Sonnenkönig“ angemessen.

Im Park beziehen sich zahlreiche Brunnen auf Apoll und dienen der Verherrlichung des Sonnengottes und damit auch des Sonnenkönigs. Es sind dies vor allem der zentrale Apollo-Brunnen und die aus der Thetis-Grotte hervorgegangenen Bäder des Apoll. In ihnen wird der seinen täglichen Lauf um die Erde beginnende und sich schließlich am Abend ausruhende Apoll thematisiert.

Hier ein Link zum offiziellen Plan des Parks:

http://www.chateauversailles.fr/sites/default/files/domaine_2011.pdf

Den Plan gibt es in aktueller Form auch kostenlos  im Tourismusbüro der Stadt Versailles. Es liegt auf der linken Seite der Avenue de Paris, die direkt auf das Schloss hinführt.

Die bei den nachfolgenden Darstellungen genannten Nummern beziehen sich auf diesen Plan.

 

a. Der Apollo-Brunnen

Es ist nur konsequent, dass sich im Zentrum der gesamten Parkanlage der Apollo-Brunnen befindet.  (Plan des Parks Nummer 9). Er liegt genau auf der durch die  „königliche Allee“ betonten  Achse zwischen dem Zentrum des Schlosses und dem  Großen Kanal (Grand Canal).  Zentrum des Schlosses ist auf der Gartenseite der  Spiegelsaal, aus dem heraus das nachfolgende Foto aufgenommen ist.[4]

Versailles Blick aus Spiegelsaal Febr. 10 (52)

Zur Zeit Ludwigs XIII. gab es hier schon ein Wasserbecken, das aber unter dem Sonnenkönig zu einer repräsentativen Anlage umgestaltet wurde: Geschmückt mit den vergoldeten Figuren des Apoll auf seinem Wagen.

Apollo IMG_4775 Versailles Grands Eaux (49)

Die Verklärung  des Königs erreicht hier ihren Höhepunkt. Der Sonnengott Apoll  ist gerade dabei, sich dem Schloss von Westen  triumphal zu nähern und zu seiner täglichen Weltumrundung aus dem Wasser zu steigen, womit auch der Anspruch auf Weltherrschaft allegorisch ausgedrückt sein könnte.[5] Und natürlich wird das Ganze durch eine Fülle spektakulärer Fontänen effektvoll  in Szene gesetzt.

Apollo Versailles 3.6.12 Frauke 065

 b. Les Bains- d’Apollon

Kaum weniger spektakulär ist der bosquet des Bains-d’Apollon (Plan des Parks Nummer 21). Auch sein Zentrum ist Apollo.  Nach seinem Lauf um die Welt ruht der  Sonnengott in der Grotte der schönen Thetis und wird von  ihren fünf Nymphen verwöhnt.

Ursprünglich hatte die Figurengruppe ihren  Platz in der  auf der Nordseite  des Schlosses gelegenen Thetis-Grotte, während in den Seitenteilen Skulpturen der Sonnenpferde des Apoll platziert waren. (7)

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Das Äußere der Thetis-Grotte nahm –passend zu dem siegreichen Apoll und dem  siegreichen Sonnenkönig-  das Motiv der römischen Triumphbögen auf, gleichzeitig hatte das Bauwerk eine ganz praktische Funktion: Auf seinem Dach war nämlich ein Wasserreservoir für Schloss und Park installiert.  (Darüber im zweiten Teil dieses Beitrags mehr).  Die Thetis-Grotte musste allerdings der Erweiterung des Schlosses weichen, und 1781 erhielten Apoll und seine Sonnenpferde den heutigen Platz in dem von Hubert Robert gestalteten  Bosquet des Bains-d’Apollon.[8]

Bosquet_des_bains_d_appolon_du_chateau_de_versailles

Robert, der eigentlich im „Hauptberuf“ Maler war, fertigte auch gleich ein Gemälde des von ihm entworfenen bosquets an, das heute im musée Carnavalet zu sehen ist.

hubert Bosquet Apollo

Die restaurierte Marmorplastik von Apoll und den Nymphen, die als Meisterwerk des Parks von Versailles gilt, war 2010 Höhepunkt einer Ausstellung im Schloss von Versailles, wird seitdem aber wieder in einem Depot gehütet.[9] Die Plastik im Park ist eine  Kopie.

Versailles L XIV Thetis Grotte

Charles Perrault, der Märchensammler und Inspirator des –nicht mehr existierenden- Labyrinths im Park von Versailles, schrieb zu dem von Ludwig XIV. selbst angeordneten Bau der Thetis-Grotte:

„Lorsque le roi eut ordonné qu’on battit la grotte de Versailles, je songeai que, Sa Majesté ayant pris le soleil pour sa  devise, (…) il seroit bon de mettre Apollon qui  va se coucher chez Thétis après avoir fait le tour de la terre, pour représenter que le Roi vient se reposer à Versailles après avoir travaillé à faire le bien du monde.“[10]

Auch diese Beschreibung ist natürlich Teil der Verklärung des Sonnenkönigs und ein ideologisches Produkt par excellence. Denn gerade aus deutscher Sicht wird man kaum zustimmen können, dass Ludwig XIV. für das  „Wohl der Welt“ gearbeitet habe. Seine Politik der verbrannten Erde in der Pfalz beispielsweise spricht da eine andere Sprache. Die Truppen des Sonnenkönigs hinterließen dort eine Spur der Verwüstung. Mainz, Mannheim, Worms, Speyer  und viele andere Städte wurden zerstört, das Schloss von Heidelberg, ein Juwel der Renaissance-Baukunst, gesprengt und  wie viele der linksrheinischen Burgen, die auch dieses Schicksal erlitten, zu einer –heute als romantisch verklärten-  Ruine gemacht.  Die Zerstörungswut  des Sonnenkönigs machte auch vor den Kaiserdomen nicht halt: Ihre  Kaisergräber wurden geschändet, der Dom von Speyer (mit glücklicherweise nur teilweisem „Erfolg“)  gesprengt, der Wormser Dom in Brand gesteckt und völlig verwüstet.  Der zeitgenössische Chronist Johann Friedrich Seidenbender verwünschte den Urheber dieses Unglücks, Ludwig XIV.,  als „den allerbarbarischsten Unmenschen, grausamsten Wüterich und Mordbrenner, der jemals gelebt haben mag oder noch ins Leben wird kommen können“.[11]

Aber eine düstere Kehrseite der glänzenden Medaille gibt es ja nicht nur beim Sonnenkönig, sondern auch bei seinem Sinnbild, dem Sonnengott Apoll, wie man aus der griechischen  Mythologie weiß: Dort wird nämlich berichtet, dass der Satyr Marsyas die Doppelflöte (Aulos) der Athena findet, die diese weggeworfen hatte, weil sie beim Spiel ihr schönes Gesicht entstellen würde. (Der griechische Bildhauer Phidias hat diese Szene in einer Plastik gestaltet, die nicht erhalten ist. Es gibt aber eine wunderschöne römische Kopie der Athena, die gerade  die Flöte weggeworfen hat,  in der Skulpturensammlung des Liebieg-Hauses in Frankfurt.)  Marsyas bringt es zu einiger Meisterschaft im Flötenspiel und fordert im Übermut den die Laute (Kithara) spielenden Apoll  zu einem Wettkampf heraus.  Zunächst geht er daraus als Sieger hervor, aber dann gewinnt doch noch Apoll, als er zu seinem Spiel auch noch singt. Zur Strafe verfügt Apoll,  dass Marsyas bei lebendigem Leib gehäutet wird.

Ovid beschreibt  in seinen Metarmorphoseni in aller Drastik, was dem Satyrn widerfahren ist, „der, auf tritonischem Rohr (also der Doppelflöte W.J.) dem Spross  der Latona (also Apoll) erlegen, Züchtigung litt.“[12]

„Warum entziehst du mich“, schrie er „mir selber?

Ach, mich gereut’s. Soviel ist ja nicht an der Flöte  gelegen.“

Während er schreit, ist die Haut ihm über die Glieder gezogen.

Wunden bedecken ihn ganz, und das Blut strömt über und über.

Offen und bloß sind die Nerven zu sehn; die zuckenden Adern

Schlagen, der Hülle beraubt, und die wallend bewegten Geweide

Konnte man  zählen genau und der Brust durchscheinende Fasern.

Tränen vergossen des Hains Gottheiten, die ländlichen Faune,

Satyrn, die Brüder, um ihn und der schon ruhmreiche Olympos

Samt dem Nymphengeschlecht, und wer nur dort im Gebirge

Weidete wolliges Vieh und hörnergewaffnete Rinder.

Aber die Reue des Marsyas, den Sonnengott herausgefordert zu haben, und auch die Tränen der Nymphen können Apoll nicht erweichen; ebenso wenig wie  die ja doch wohl etwas  unlauteren Umstände seines Siegs sein grausames Rachebedürfnis mildern können.  Das passt zwar wenig zu einem „Gott der sittlichen Reinheit und  Mäßigung“[13], aber auch das ist Apoll! Und auch insofern  passen  Ludwig XIV. und Apoll gut zusammen.

 

  1. Brunnen als Machtdemonstration und als Warnung

Der in Versailles abgebildete Apoll ist natürlich der schöne Jüngling von Belvedere, der Gott des Lichts, der morgens  zum Lauf um die Welt  aufbricht und abends im Kreis ihn umsorgender Nymphen von dem Guten, das er –nach Perrault- der Welt getan, ausruht. Auch wenn es im Park keine  Statue des gehäuteten Marsyas gibt: Der Besucher sollte wissen, dass Apoll auch eine andere Seite hat. Und es gibt dementsprechend  Brunnen, die zeigen, was Widersachern des Apoll/des Sonnenkönigs  widerfährt, die also als Machtdemonstration und als Warnung dienen.

a. Der Brunnen der Latona

Das prominenteste Beispiel dafür ist  der  wunderbare  Brunnen der Latona, der auf der zentralen Achse zwischen Schloss und Grand Canal liegt (Plan Nummer 10).  Bezogen auf die  Konzeption des Parks ist er also das Pendant zum Apollo-Brunnen und kaum weniger spektakulär gestaltet.

Versailles Latone 086

Der Brunnen veranschaulicht die in den Metamorphosen des Ovid wiedergegebene Legende der Göttin Latona, die, wie wir schon in der Marsyas-Geschichte  erfahren haben, die Mutter des Apoll ist.[14]   Latona/Leto war eine Geliebte des Zeus, der mit ihr Zwillinge zeugte. Sie wurde deshalb von Hera,  der eifersüchtigen Gattin des Zeus/Jupiter, auf eine Insel verbannt, wo sie die Zwillinge gebären musste. Mit den Neugeborenen  flüchtet sie nach Lykien, wo sie  völlig erschöpft die fremde Umgebung erkundet. Dabei trifft sie an einem kleinen See auf Bauern, die Binsen und Schilf sammeln. Wegen der Sommerhitze dem Verdursten nahe, bittet Latona für sich und ihre Kinder höflich und mit vielen guten Gründen um Wasser. Doch nicht nur, dass die Bauern Latona verbieten zu trinken, sie wirbeln sogar den Schlamm vom Grunde des Sees auf, um das Wasser untrinkbar zu machen. Daraufhin bittet sie Jupiter, sie zu rächen, was denn auch geschieht: Er verwandelt die lykischen Bauern in Frösche und Eidechsen, und genau dieser Prozess der Verwandlung ist in der Brunnenanlage gestaltet.

Einige der Figuren sind noch eher Menschen, andere schon eher Frösche. Die meisten Brunnenfiguren sind aber schon zu Amphibien verwandelt: in Frösche, Schildkröten und Alligatoren.

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Die unmenschlich handelnden Bauern müssen von nun an immer als Tiere im schlammigen Wasser leben (auf Schildern am Brunnenrand wird ausdrücklich davor vor der Wasserqualität gewarnt), während sich Latona mit ihren Zwillingen in der Fontäne an  reichlich  (frischem) Wasser erfreuen kann.[15]

Latone Versailles 008

b. Le Bassin du dragon/das Drachen-Bassin

In engem mythologischen Zusammenhang mit dem Latona-Brunnen steht  der Drachenbrunnen (Plan des Parks Nummer 26).  Der Brunnen zeigt die Schlange/den Drachen Python, die gerade von einem Pfeil des jungen Apoll  getroffen wurde.

Python sollte im Auftrag der  Göttin Hera/Juno die Geburt der Zwillinge Apoll und Diana/Artemis verhindern. Weil sie gegenüber den zahlreichen Abenteuern ihres Mannes machtlos  war, wollte sie eben seine Geliebte treffen.  Apoll tötet aber den Drachen und damit die Mächte des Bösen.  Wie wichtig dem Sonnenkönig  dieser Brunnen war, zeigen  seine Lage am Ende der parallel zum Schloss verlaufenden Nord-Süd-Achse und die Höhe der Fontäne: Mit 27 Metern ist sie die höchste aller Fontainen im Park von Versailles. [16] Ludwig XIV. zeigt hier mit großer Drastik, was denen widerfährt, die ihm schaden wollten  oder wollen: Die Zeitgenossen verstanden das offenbar als deutlichen Hinweis auf den Sieg des jungen Königs über die gegen ihn rebellierende Fronde.[17]

 

 c. Le bosquet de l’encelade

Dieses Boskett (im Plan des Parks die Nummer 10) geht zurück auf einen Entwurf von Ludwig XIV. selbst, während die Ausführung  dem Gartenarchitekten Le Nôtre übertragen wurde. Dass der Sonnenkönig das Schicksal des Giganten  Enceladus zum Thema einer Brunnenanlage macht, ist natürlich eine sehr bewusste Entscheidung. Enceladus gehörte nämlich zu einer Gruppe von Giganten, die nach der Überlieferung der griechischen Mythologie versuchten, den Olymp zu stürmen und die Herrschaft der Götter zu beseitigen.

Dieses Unternehmen  scheitert allerdings, die Giganten werden getötet. Enceladus kann zwar entkommen, wird aber unter einem Steinehagel begraben, den die Göttin Athena auf ihn schleudert. Im Park von Versailles sieht man ihn schreiend vor Schmerzen, die eine Hand krampfhaft geöffnet, in der anderen hält er noch einen Stein, den er wohl mit letzter Kraft zurückwerfen möchte. Aber gegen die  Macht der Götter kann er nichts ausrichten und so ist er dem Untergang geweiht.

Versailles Encelade 027

Offenbar handelt es sich auch  hier  nach dem Willen des Sonnenkönigs um eine allegorische Darstellung, die auf seinen Sieg gegen die Fronde anspielt. Wie wichtig Ludwig XIV. auch  diese Brunnenanlage war, zeigt sich wieder an der Höhe  ihrer Fontäne:  Mit 78 Fuß/25,75 Metern ist sie nach der des Drachenbrunnens die zweithöchste des Parks von Versailles. Die beiden Fontänen sind also gewissermaßen zwei unübersehbare Ausrufungszeichen und Warnsignale: Ein Aufbegehren gegen göttliche Autorität und entsprechend auch gegen die des Sonnenkönigs wird mit aller Härte bestraft.[18]

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d. Bosquet de l’arc de triomphe oder Bosquet de la France Triomphante

Diese  Brunnenanlage hat zwar keinen Bezug zu Apoll und auch keinen anderen mythologischen Hintergrund, verherrlicht dafür aber ganz direkt den Sonnenkönig und seinen militärischen Ruhm. Der Name des Bosketts, im Plan des Parks die Nummer 30, bezieht sich auf einen Triumphbogen, den es hier zu Zeiten Ludwigs XIV. gab. Von der damaligen Anlage ist nur noch ein Brunnen  erhalten, dessen Mittel- und Höhepunkt die Personifizierung des über seine Feinde triumphierenden Frankreich bildet. Deshalb wird der Bosquet auch  Bosquet de la France Triomphante genannt. [19]

Download la France Triomphante

Gefeiert werden hier im Park noch einmal die Siege Ludwigs XIV. über Spanien und das Reich/Habsburg, die ja schon an der Grille d’honneur, rechts und linkes des Eingang in den Ehrenhof  des Schlosses, in Stein gemeißelt sind.[20]

Die  Besiegten unterhalb des triumphierenden Frankreich  sind durch ihre Attribute, Löwe und Adler,  als Spanien und das Reich/Österreich bezeichnet.[21]  Sie erinnern an die Gestalten der vier  besiegten  und gefangenen Feinde – Holland, Brandenburg, das Reich und Spanien- vom Fuß des Standbilds Ludwigs XIV. auf der Place des Victoires in Paris, die sich heute im Louvre befinden.[22]

Auf der untersten Stufe des Brunnens liegt  hinter einem Vorhang aus Wasser ein hingestrecktes, mehrköpfiges Ungeheuer, das gewissermaßen kurz davor ist, vom Wagen des triumphierenden Frankreich zermalmt zu werden. Es ereilt damit  –so die Botschaft der Anlage- das Schicksal aller Feinde des triumphierenden Sonnekönigs.

 

  1. andere Fontänen in den Bosquets,

Natürlich gibt es noch viele andere und ganz vielfältige Fontänen im Schlosspark  von Versailles. Es lohnt sich also, in Ruhe herumzugehen und das Gesamtkunstwerk dieses Parks zu betrachten und zu genießen.

Versailles 010

Dabei sollte man auch die Anlagen beachten, die neu gestaltet sind – der Park von Versailles soll sich ja –wenn auch sehr behutsam- der neuen Zeit öffnen.  Zwei schöne Beispiele für neu  gestaltete Brunnenanlagen sind das Bassin du Miroir (Plan Nummer 15)  mit seinen computergesteuerten Fontänen….

bassin du miroir IMG_5085

… und le bosquet de théâtre d’eau, ein spektakuläres Wassertheater, das Ludwig XIV. besonders liebte, das aber solche hydraulischen Anforderungen stellte, dass es unter seinen Nachfolgern wesentlich zurückgestutzt  und als  eher unscheinbarer bosquet du Rond-Vert weiterbetrieben wurde.  2014 wurde er in neuer Form und mit dem alten  Namen wiedereröffnet. (Plan Nr. 42)

DSCN3079 Wassertheater

Le bosquet de théâtre d'eau IMG_5076

 

  1. Grands Eaux musicales und Grands Eaux nocturnes

Bewundern kann man die Fontänen bei den Grands Eaux musicales. Hier der Ausschnitt eines Werbeplakats – natürlich mit einem Motiv des Apollo-Brunnens.

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An den entsprechenden Tagen sind  einige Stunden lang die Brunnen und Fontänen in Betrieb und einige der sonst geschlossenen Bosquets sind geöffnet. Dazu gibt es aus Lautsprechern  Musik „des plus grands compositeurs baroques, de Lully à Charpentier ou Rameau“, wie es passend zu Versailles auf der offiziellen Website heißt.

Den krönenden Abschluss der grands eaux bilden (allerdings nicht dienstags)  die Fontänen des Neptun-Brunnens. Sie werden um 17.20 Uhr 10 Minuten lang in Betrieb genommen.

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Die Besucher haben also, wenn die anderen Fontänen um 17 Uhr enden, genügend Zeit, zum Neptun-Brunnen zu gehen und  dort gewissermaßen wie in einem Amphitheater erwartungsvoll  auf das zehnminütige grandiose Schaupiel zu warten.

Neptun Versailles 020

Es lohnt sich ganz bestimmt!

An Samstag-Abenden im Sommer werden zusätzlich die grands eaux nocturnes veranstaltet.

Versailles nocturne Juli 2010 014Versailles nocturne Juli 2010 026

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Da sind die Fontänen oft farbig illuminiert und den Abschluss bildet ein Feuerwerk über dem Grand Canal hinter dem angestrahlten Apollo-Brunnen.[23]

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Wir haben das einmal miterlebt, aber das hat uns auch gereicht, während die grands eaux musicales immer wieder ein Erlebnis sind.

 

 Praktische Informationen:

Die grands eaux musicales  finden im Allgemeinen zwischen April und Oktober statt. Die genauen Daten (an Wochenenden und Feiertagen, z.T. auch dienstags),  Öffnungszeiten (i.A. 11-12 und 15.30 bis 17 Uhr)  und Eintrittspreise (2017: 9,50 Euro) findet man unter:

http://www.chateauversailles-spectacles.fr/les-grandes-eaux-musicales

Eine Vorbestellung von Eintrittskarten ist nicht unbedingt notwendig, weil  für die grands  eaux spezielle Kassen eingerichtet werden, so dass man sich nicht  in die Schlangen der Schlossbesucher einreihen muss.

Sehr empfehlenswert ist es allerdings, wenn man mit Metro/RER aus  Paris kommt (RER C Paris – Versailles Château  Rive Gauche), schon gleich zwei Tickets pro Person zu kaufen. So vermeidet man bei der Rückfahrt die oft langen Warteschlangen vor den Kassenautomaten bzw. Schaltern im Bahnhof von Versailles.

Wenn man übrigens zum Bassin de Miroir oder zum Bosquet du Théâtre d’Eau kommt, muss man nicht enttäuscht sein, wenn die Fontänen nicht in Betrieb sind: Sie werden während der Öffnungszeiten alle 10 bzw.  15 Minuten für kurze Zeit aktiviert.

 

Anmerkungen:

[1] http://www.n-tv.de/panorama/Kassel-will-Welterbe-sein-article596745.html

[2] Hans Sedlmayr: Allegorie und Architektur. In: Martin Warnke (Hrsg.): Politische Architektur in Europa vom Mittelalter bis heute. Repräsentation und Gemeinschaft. Köln: DuMont 1984. S. 157-174

Wiedergeben bei: http://www.thomasgransow.de/Paris/Versailles.htm

[3] Zitat und Bild aus: http://plume-dhistoire.fr/louis-xiv-et-la-danse-expression-du-regne/

(3a) Jacques Levron, La cour de Versailles aux XVIIe et XVIIIe siècles. Paris: Hachette 1999, S. 40

[4] Der Baulehre entsprechend müsste im Zentrum des Schlosses auf der stilleren Parkseite eigentlich das Schlafzimmer des Königs liegen. In Versailles befindet es sich aber zwar ebenfalls im Zentrum, aber auf der Hofseite. Es muss, wie Sedlmayr a.a.O. erläutert, wie die Apsis einer christlichen Kirche nach Osten ausgerichtet sein. „um die Beziehung zur aufgehenden Sonne architektonisch darzustellen.“

[5] Siehe: Uwe Schultz, Der Herrscher von Versailles: Ludwig XIV. und seine Zeit. München: C.H.Beck,  S. 197

[6] Siehe den Artikel über Winckelmann als Begründer der Klassischen Archeologie in Monumente 8/2017, S. 8ff. Am Rande sei außerdem vermerkt, dass es –man kann schon sagen: natürlich- auch mehrere Apollo-Statuen in Versailles gibt, darunter zwei Nachbildungen des Apoll von Belvedere. Siehe: https://andrelenotre.com/statues-dapollon-jardins-de-versailles/

[7] http://www.louvre.fr/oeuvre-notices/les-chevaux-d-apollon-panses-par-les-tritons

[8] http://www.chateauversailles.fr/decouvrir/domaine/jardins/bosquets#bosquets-nord

Bild aus wikipedia 

Über Robert siehe: http://www.tagesspiegel.de/kultur/retrospektive-von-hubert-robert-im-louvre-sehen-und-traeumen/13566056.html

[9] Ein Video über die Restaurierung: https://www.youtube.com/watch?v=0sYBH3RZ0L8

[10] https://andrelenotre.com/10062-2/

[11] Zit in Jan von Flocken, Als Frankreichs Armeen Deutschland verwüsteten. Die Welt, 24.7.2015 https://www.welt.de/geschichte/article144374056/Als-Frankreichs-Armeen-Deutschland-verwuesteten.html

[12] Ovid, Metamorphosen, 382-400  http://www.gottwein.de/Lat/ov/met06de.php

[13] https://de.wikipedia.org/wiki/Apollon

[14] http://www.gottwein.de/Lat/ov/met06de.php

[15] https://de.wikipedia.org/wiki/Lykische_Bauern

http://www.chateauversailles.fr/decouvrir/domaine/jardins/bassins-fontaines#le-bassin-de-latone

[16] http://www.chateauversailles.fr/decouvrir/domaine/jardins/bassins-fontaines#le-bassin-du-dragon

http://www.lankaart.org/article-versailles-bassin-du-dragon-86685949.html

[17] http://720plan.ovh.net/~jardinsd/Statues/Dragon/Pages/Dragon-00.htm

[18] https://fr.wikipedia.org/wiki/Bosquet_de_l%27Encelade

https://andrelenotre.com/bosquet-de-lencelade-jardins-de-versailles/

[19] Bild aus: http://ghislaine-photos.com/blog/2014/09/10/2014-02-versailles

[20] http://www.sculpturesversailles.fr/html/5b/selection/page_notice-ok.php?Ident=E&myPos=1&idEns=1576

https://fr.wikipedia.org/wiki/Grille_d%27honneur_(Versailles)

[21] Bild aus: http://www.chateauversailles.fr/decouvrir/domaine/jardins/bosquets#bosquets-sud

[22] http://www.louvre.fr/oeuvre-notices/quatre-captifs-dits-aussi-quatre-nations-vaincues-l-espagne-l-empire-le-brandebourg-e

[23] http://www.chateauversailles-spectacles.fr/les-grandes-eaux-nocturnes

Bei dem Bild handelt es sich um ein Werbeplakat für die Veranstaltung

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Mit Heinrich Heine in Paris
  • Street-Art in Paris (1): Einführung und Überblick 
  • Street-Art in Paris (2): Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • Street-Art in Paris (3): Der Invader
  • Das deutsche Haus, „la maison Heinrich Heine“, in der Cité internationale universitaire in Paris

Das Palais de la Porte Dorée und die Kolonialausstellung von 1931

1931 fand in Paris eine große Kolonialausstellung  statt, mit der sich Frankreich als weltumspannende Kolonialmacht präsentierte. Sie war dazu bestimmt, den imperialen Anspruch des Landes zu popularisieren. Es war die größte  und – mit geschätzten 6-8 Millionen Besuchern- die populärste Veranstaltung dieser Art im 20. Jahrhundert.

19a2 Plan der Exposition

Für die verschiedenen Kolonien wurden rund um den Lac de Daumesnil am östlichen Rand der Stadt Pavillons errichtet, die sich an der jeweiligen lokalen Tradition orientierten: Der spektakuläre Pavillon des französischen Indochinas beispielsweise an dem Tempel von Angkor Vat.[1]

angk8 Kolonialausstellung

Anders als diese Pavillons war das Palais de la Porte Dorée auf Dauer angelegt. Es war zunächst gewissermaßen das Verwaltungszentrum der Ausstellung mit repräsentativen Büros für den damaligen Kolonialminister, Paul Reynaud, und den Kommissar der Ausstellung, Marschall Lyautey,  und mit einem ebenso repräsentativen Fest- und Versammlungssaal.

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Nach der Kolonialausstellung sollte das Gebäude als Kolonialmuseum dienen, seit 2007 ist es Museum für die Geschichte der Einwanderung.

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Auf den Reliefs der Fassade wird der Beitrag der Kolonien für das Mutterland dargestellt: Auf der linken Seite des Eingangs -hier im Bild- (2) der der afrikanischen und amerikanischen Kolonien, auf der rechten Seite der der asiatischen und ozeanischen Kolonien.

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Abgebildet sind nachfolgend Baumwolle, und Seide.

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Geführend werden Reichtum und die Vielfalt der Natur  gewürdigt.

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Die Darstellungen der „Eingeborenen“ betonen -wie damals üblich- in teilweise geradezu grotesker Weise ihr „exotisches“ Aussehen- Ergebnis einer anthropologischen Sichtweise, die aufgrund morphologischer Charakteristika die Existenz und die Rangfolge verschiedener Rassen nachweisen wollte.  Kolonialistischer und nationalsozialistischer Rassismus haben hier ihre Wurzeln. (3)

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Über der Eingangtür thront –im Gegensatz zu den „Eingeborenen“ nicht im Profil, sondern frontal dargestellt- eine Frankreich symbolisierende Frauenfigur.  Der Stier hinter ihr steht wohl nicht nur für (göttliche) Kraft und Macht, sondern auch für Europa, dessen Zivilisation Frankreich in der Welt verbreitet:   Frieden (La Paix zu ihrer Rechten),  Freiheit  (La Liberté zu ihrer Linken) und Wohlstand ( verkörpert durch Ceres und Pomone, römische Fruchtbarkeitsgöttinnen).[4]  Damit ist der ideologische Hintergrund der Kolonialausstellung unzweideutig bezeichnet.

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Betritt man das Gebäude, so befinden sich rechts und links der Eingangshalle repräsentative Salons. Einer war bestimmt für Paul Reynaud, den damaligen Kolonialminister, der andere für Marschall Lyautey, den verantwortlichen Kommissar der Kolonialausstellung. Der Salon Reynauds war Afrika gewidmet und mit entsprechend kostbaren Materialien des Kontinents wie Elfenbein und Edelhölzern gestaltet.

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Auf den Fresquen wird das schwarze Afrika entsprechend der damaligen verbreiteten Sichtweise dargestellt. Kennzeichen sind Nacktheit, Tanz, Spiel – das Stadium von Kindern, die –das ist die dahinterliegende Botschaft- von Frankreich erzogen und an die Zivilisation herangeführt werden müssen. Der Empfangsraum Lyauteys ist Asien gewidmet – auch er ist  mit entsprechenden Materialien gestaltet. Hier wird  der künstlerische, religiöse und ökonomische Reichtum des Kontinents herausgestellt.[5]

Im zentralen Festsaal präsentiert sich Frankreich als große über fünf Kontinente ausstrahlende zivilisatorische Macht.[6]  Hier fällt der Blick zunächst auf das zentrale Wandgemälde von 8 Metern Höhe und 10 Metern  Breite.

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Die Frau in der Mitte –als einzige Frauengestalt des Gemäldes übrigens vollständig und nobel bekleidet- repräsentiert Frankreich, die in der einen Hand eine weiße Taube trägt, Symbol des Friedens, an der anderen Hand hält sie Europa. Um diese beiden Figuren herum sind vier ebenfalls von Frauengestalten symbolisierte Kontinente gruppiert: Links Asien in Gestalt der auf einem weißen Elefanten reitenden indischen Göttin Vischnu, rechts Afrika auf einem grauen  Elefanten, unten –jeweils auf Wasserpferden reitend- Ozeanien und Amerika, dessen Verkörperung erstaunlicher Weise neben einem Wolkenkratzer gelagert ist.

Auch auf den weiteren Wandgemälden des Festsaals werden die Segnungen des französischen Kolonialismus in Szene gesetzt, zum Beispiel anhand der Figuren  des Ingenieurs, des Arztes und der Krankenschwester, des Archäologen, dem der einheimische Ausgräber freudig seinen  kostbaren Fund überreicht, oder des Missionars, der den Eingeborenen die Ketten löst und ihnen die Freiheit schenkt.

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 Ziel war es, ein idealisiertes Bild der französischen  Kolonialpolitik zu entwerfen und sie dadurch zu verbreitern und zu rechtfertigen.Dagegen ist, nach den Worten des Immigrations-Museums, nie die Rede „von Gewalt, von begangenen Exzessen oder Zwangsarbeit“.  Die Zwangsarbeit wurde immerhin erst 1946 abgeschafft, fast 100 Jahre später als die Sklaverei.  Noch kurz vor Eröffnung der Kolonialausstellung kamen beim Bau einer Eisenbahnlinie im französischen Kongo, die als zivilisatorische Großtat gerühmt wurde, 17 000 zwangsrekrutierte eingeborene Arbeitskräfte ums Leben, eine Todesrate von 57%.  (6a) Aber für solche unangenehmen Wahrheiten war auf der Kolonialausstellung kein Platz.

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Ein Kontrapunkt ist immerhin die Plastik des Schwimmers vor dem Palais- die vor dem Hiintergrund der Flüchtlingsdramen im Mittelmeer besondere und traurige Aktualität hat.

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Demonstration von Flüchtingen in Paris (die zeitweise zu Tausenden unter der Hochbahn von La Chapelle hausten). Aufschrift auf dem hochgehaltenen Karton: We can’t swim….

 

Die Statue der Athena

Schräg gegenüber dem Palais steht unübersehbar, in der Verlängerung der Avenue Daumesnil, eine goldene Statue. Gekleidet in griechischer Tracht, mit Helm, Schild und Speer, kann sie als Verkörperung der Athena durchgehen, als die sie jetzt firmiert.

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 Bei genauerem Hinsehen kann man allerdings feststellen, dass es sich bei dem Helm der Athena nicht um den typischen hohen griechischen Helm der Athena handelt, wie man ihn beispielsweise von der wunderbaren Athena-Statue im Libieg-Museum in Frankfurt kennt,  sondern um einen völlig anderen Helmtypus, nämlich einen gallischen. Und in der Tat war die Statue ursprünglich als Verkörperung von „La France colonisatrice“ konzipiert und stand während der Kolonialausstellung unmittelbar vor dem Eingang des Palais de la Porte Dorée.  In ihrer linken Hand trägt sie eine Weltkugel;  darauf steht ein Engel mit Füllhorn, die Segnungen des französischen Kolonialismus symbolisierend. Ein Gegenbild also zur republikanischen Marianne, die  für Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit steht.

 

Das Denkmal für die Mission Marchand

Gegenüber dem Palais befindet sich auf einer Grünanlage das Denkmal für die sogenannte Mission Marchand. Es handelt sich um eine kleine Truppe von französischen Offizieren und sogenannten „tiralleurs sénégalais“, also schwarzafrikanischen Hilfstruppen, deren Auftrag es war, am Ende des 19. Jahrhunderts die Quellen des Nils zu entdecken und eine durchgehende Verbindung des französischen Kolonialreichs zwischen West- und Ostafrika herzustellen. Allerdings stieß Frankreich damit auf britischen Widerstand und musste sich angesichts der militärischen Überlegenheit des damaligen imperialistischen Rivalen bei Fachoda, im Sudan,  zurückziehen.

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Damit ebnete Frankreich aber den Weg für einen kolonialen Interessenausgleich zwischen beiden Ländern und für die spätere „entente cordiale“. Auf einer großen Plakette des Denkmals sind die Namen der französischen Offiziere verzeichnet, aber nur die Zahl der afrikanischen Hilfstruppen. Auch auf den Reliefs ist der Unterschied deutlich auszumachen…

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 Die Westfassade des Palais: Ein Pantheon des französischen Kolonialismus

Auf der Westfassade des Palais sind 159 Namen von Franzosen eingraviert: „À ses fils qui ont étendu l’empire de son génie et fait aimer son nom au-delà  des mers, la France reconnaissante“. Versammelt sind hier die Namen von Kreuzrittern, Entdeckern und Eroberern, überwiegend aus der Zeit vor der Französischen Revolution. Die Namensliste ist zeitlich geordnet und es ist noch genug freier Platz gelassen, sie in die Zukunft zu verlängern… Mit der Inschrift und der Namensliste ist die Westfassade des Palais gewissermaßen ein Gegenentwurf zur republikanischen Konzeption des Pantheons, in dem „la patrie reconnaissante“ die großen Männer (und Frauen) ehrt, die sich um die Werte von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ verdient gemacht haben.

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Hier werden zwei unterschiedliche Konzeptionen der Republik deutlich, eine koloniale, die sich in der Tradition von Monarchie und Kaiserreich sah, und eine andere, die den Kolonialismus eher als problematisch in Bezug auf die republikanischen Werte betrachtete.[7] Dieser Widerspruch ist ja auch heute noch im französischen Geschichtsverständnis virulent. Gerade kürzlich ist das wieder deutlich geworden, als Emmanuel Macron die Kolonialzeit in Algerien als „Verbrechen gegen  die Menschlichkeit“ bezeichnete und damit heftigste Reaktionen provozierte. Die Präsidentin der Region Ile-de-France, Valérie Pecresse (LR), warf daraufhin Macron vor, Jules Ferry mit Hitler verglichen zu haben.[8] Dass sie aus der langen Namensliste des „kolonialen Pantheons“ gerade Jules Ferry herausgriff, hängt sicherlich damit zusammen, dass Ferry nicht nur „der Initiator der Kolonialpolitik der Dritten Republik“ war (siehe Foto), sondern auch Erziehungsminister, dem die Einführung einer Schulpflicht für Kinder zwischen 6 und 13 Jahren und ihre Kostenfreiheit zu verdanken war (loi Ferry von 1882). Es gibt also auch Personen, die die koloniale und die republikanische Konzeption Frankreichs in sich vereinigen.

 

Die  Kolonialausstellung von 1931: Eine Verherrlichung des französischen Kolonialismus

Kolonialausstellungen haben in Frankreich eine lange Tradition. Schon 1854 gab es im Rahmen einer allgemeinen Ausstellung einen eigenen Teil, der den Kolonien gewidmet war und von dem sich sogar noch ein Bauwerk erhalten hat: Die meteorologische Station im Park Montsouris im Süden von Paris. Die in der Zeit der Dritten Republik veranstalteten Weltausstellungen hatten –bezeichnend in dieser Zeit des Imperialismus-  koloniale Abteilungen, es gab aber auch eigenständige Präsentationen, die der Popularisierung des Kolonialismus dienten.[9] Auch nach dem Ersten  Weltkrieg wurde die Tradition der Kolonialausstellungen fortgesetzt. 1922 gab es eine nationale Kolonialausstellung in Marseille, gleichzeitig wurde aber eine große internationale Ausstellung für 1925 geplant. Deren Funktion definierte der damalige Kolonialminister Albert Sarraut so:

„L’exposition doit constituer la vivante apothéose de l’expansion extérieure de la France sous la IIIe République et de l’effort colonial des nations civilisées, éprise d’un même idéal de progrès et d’humanité. Si la guerre a largement contribué à réléver les ressources, considerables que peuvent fournir les colonies au pays, l’Exposition de 1925 sera l’occasion de compléter l’éducation coloniale de la nation par une vivante et rationelle leçon des choses. A l’industrie et au commerce de la Métropole, elle montrera les produits qu’offre notre domaine colonial ainsi que les débouchés infinis qu’il ouvre à leurs entreprises.“

Das Projekt einer internationalen Kolonialausstellung konnte dann allerdings erst 1931 verwirklicht werden. Der verantwortliche Kommissar für diese Ausstellung, der pensionierte Marschall Lyautey, setzte für sie eigene Akzente: Er betonte unter anderem, wie das ja auch an Westfassade des Palais de la Porte Dorée erkennbar ist, die umfassende zeitliche Dimension des französischen Kolonialismus, der in eine mit den Kreuzzügen beginnende Traditionslinie gestellt wurde. Darüber hinaus sah er, gerade nach dem Ersten  Weltkrieg, im  Kolonialismus eine Europa verbindende Mission. Er wollte zeigen, „qu’il y a pour notre civilisation d’autres champs d’action que les champs de bataille.“  In diesem Punkt war Lyautey allerdings nicht erfolgreich, wozu sicherlich auch das schwierige wirtschaftliche Umfeld –die Weltwirtschaftskrise- beitrug. Nur fünf Länder beteiligten sich an der Ausstellung, wichtige Länder wie Großbritannien und Spanien fehlten- wie auch das ebenfalls eingeladene Deutschland. Aber das war nach dem Versailler Vertrag wohl auch zu erwarten. Die Konsequenz war, dass es sich, wie ursprünglich geplant,  im Kern eher um eine vor allem den französischen Kolonialismus präsentierende und ihn propagierende, ja verherrlichende Veranstaltung handelte- ganz im Sinne der Kolonial-Propagandisten: Bei aller zur Schau gestellten Exotik ging es im Kern darum, den wirtschaftlichen und militärischen Nutzen der Kolonien für Frankreich zu demonstrieren und das Kolonialreich als Ausweg aus der Wirtschaftskrise herauszustellen.

Für die zahlreichen Besucher war die Kolonialausstellung aber vor allem ein Freizeitpark mit vielen Attraktionen: Kamelritte um den Lac Daumesnil, Fahrten mit afrikanischen Einbäumen auf dem See, folkloristische Tanz- und Ballettvorführungen, die Präsentation religiöser Riten aus Afrika und Ostasien, Musik aus aller Welt, koloniales Kunsthandwerk, dessen Herstellung durch heimische Handwerker man beobachten konnte und das dann z.B. im großen marokkanischen Souk verkauft wurde,  ein breites kulinarisches Angebot u.v.m. In Anlehnung an Jules Verne versprach man eine Reise um die Welt in vier Tagen, ja sogar an einem Tag.

Völlig ausgeblendet wurden in der Ausstellung die Schattenseiten des Kolonialismus, die angewendete Gewalt und der Widerstand  gegen den Kolonialismus, der sich in dieser Zeit schon vor allem in den südostasiatischen französischen Kolonien regte. Es war vor allem die kommunistische Partei Frankreichs, die in der Veranstaltung ein Werk des internationalen Imperialismus sah und dagegen agitierte. Eine Gruppe von Künstlern, unter anderem Louis Aragon, Paul Eluard und André Breton,  veranstaltete eine Gegenausstellung mit dem Titel „Die Wahrheit über die Kolonien“, die aber wenig Zuspruch fand.[10] Auch Aufrufe zum Boykott der Ausstellung liefen ins Leere. Dafür war die Anziehungskraft der Veranstaltung offensichtlich doch zu groß, auch wenn andererseits die Veranstalter beklagten, dass sie nicht so intensiv und nachhaltig wie erhofft das imperiale Bewusstsein der Franzosen  gefördert habe.

 

 

Der Pavillon von Togo der Kolonialausstellung: heute ein bouddhistisches Zentrum

Von den zahlreichen Gebäuden der Kolonialausstellung, die im Bois de Vincennes errichtet worden waren, haben nur zwei überdauert: Die Pavillons von Togo und Kamerun, zwei ehemaligen deutschen Kolonien, die im Friedensvertrag von Versailles Frankreich übertragen wurden.[11]

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Der Pavillon von Kamerun ist sich selbst überlassen und verfällt langsam. Es ist eine überdimensionierte landestypische Hütte, die besonders wegen ihrer geometrischen Ornamente Anklang fand.

Der ehemalige Pavillon Togos, den –natürlich wesentlich bescheidener dimensionierten-  Häusern von Stammeshäuptlingen  der Kolonie nachempfunden, ist dagegen erhalten, renoviert und dient seit 1977 als internationales buddhistisches Zentrum.

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Das Zentrum beherbergt, wie immer wieder stolz vermerkt wird, den größten Buddha Europas.

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Ein Besuch ist aber nur entweder nach Anmeldung mit Gruppen oder –besser- anlässlich von bouddhistischen Feiertagen möglich, wie beispielsweise dem Neujahrsfest der Khmer.[12]  An diesem Feiertag mit Volksfestcharakter wurden die nachfolgenden Fotos aufgenommen.

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Ob die im Pavillon aufgestellten Elefanten noch aus der Zeit der Kolonialausstellung stammen, weiß ich nicht. Möglich wäre es aber schon.

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Der Salon des Outre Mers im Rathaus des 12. Arrondissements

In der Mairie des 12. Arrondissement, zu dem auch das Gelände der Kolonialausstellung gehörte, wurde anlässlich dieser Ausstellung auch ein „Salon des Outre Mers“ eingerichtet, der repräsentative Vorraum des „salle des fêtes“.

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Ziel war es ganz offensichtlich, im Sinne der Kolonialausstellung den Reiz  und die Exotik des überseeischen Imperiums zu veranschaulichen und damit den Kolonialismus zu popularisieren.

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Jeder Besucher von öffentlichen Veranstaltungen im Rathaus oder von Hochzeiten, die im Rathaus offiziell vollzogen werden, geht durch diesen Saal und erhält einen anschaulichen Eindruck des kolonialen Erbes Frankreichs, das bis heute noch lebendig und umstritten ist.

 

 

Ausblick: 

Zu der Kolonialausstellung gehörte nicht nur ein folkloristisches Angebot von Bewohnern der französischen Kolonien, sondern –wenn auch im gebührenden Abstand, im jardin d’acclimatisation auf der anderen Seite von Paris- eine „Völkerschau“ mit Kanaks, Eingeborenen der Kolonie Neukaledonien, die als Menschenfresser präsentiert wurden. Einige davon wurden nach Deutschland transferiert, wobei auch der Zoo Frankfurt eine wichtige Rolle spielte. Eine ziemlich abenteuerliche Geschichte. Darüber mehr in einem späteren zweiten Teil.

 

Praktische Hinweise:

Musée national de l’histoire de immigration

Die in dem Bericht vorgestellten Räume des Palais sind unabhängig vom Besuch des Museums frei und kostenlos zugänglich.

Adresse des Palais de la Porte Dorée:

293, avenue Daumesnil  75012 Paris

Mit Metro 8 oder Straßenbahn 3a erreichbar.

Öffnungszeiten:

Dienstag bis Freitag 10h bis 17.30h

Samstag und Sonntag 10h bis 19h

 

Es gibt ein sehr schönes Café du Palais im Innern bzw. bei  schönem Wetter unter den Arkaden:

Di und Mi 11-17h

Sa und So 11-18.30

Es gibt  außerdem ein Aquarium und die schöne, auf Themen  der Migration spezialisierte  Médiathèque Abdelmalek Sayad.

 

Anmerkungen

[1] Plan der Kolonialausstellung bei: https://de.pinterest.com/explore/zoo-humain/        Bild des südostasiatischen Pavillons auf der Kolonialausstellung: https://nyuflaneur.wordpress.com/2010/11/01/exposition-coloniale-1931/

(2) Bild von commons.wikimedia

(3) http://jardindacclimatation.fr/150-ans-dhistoire/  Abschnitt: Le temps des colonies

(4) Bild aus dem Beitrag von Wikipedia über das Palais de la Porte Dorée

[5] http://www.palais-portedoree.fr/fr/les-salons-historiques

und Broschüre des musée de l’histoire de l’immigration: Images des Colonies au palais de la porte dorée.

[6] http://www.palais-portedoree.fr/fr/les-fresques-du-forum

(6a) Info aus einem Mediapart-blog wiedergegeben in:  http://www.liberation.fr/france/2017/05/09/cecile-duflot-depose-deux-propositions-de-loi-sur-le-passe-colonial-de-la-france_1568337

[7] Siehe Broschüre: Traces de l’histoire coloniale dans le 12e Arrondissement de Paris. Hrsg. vom Musée de l’immigration. S. 7

Im Internet zugänglich: http://www.histoire-immigration.fr/sites/default/files/musee-numerique/documents/bat-68724-cnhi-brochure-traces-histoire-coloniale.pdf

Immerhin ist auf der Westfassade des Palais auch der Name von Victor Schoelcher enthalten, der 1848 die endgültige Befreiung der Sklaven in den französischen Kolonien durchsetzte. Die Konfrontation des kolonialistischen  und des republikanischen Pantheons ist also nicht absolut zu setzen, wie auch das nachfolgend genannte Beispiel von Jules Ferry zeigt.

[8] http://lelab.europe1.fr/colonisation-valerie-pecresse-accuse-emmanuel-macron-davoir-compare-jules-ferry-a-hitler-2982944

[9] Im Folgenden stütze ich mich auf den Beitrag von Charles-Robert Ageron  über die Kolonialausstellung von 1931 in: Les lieux de mémoire. La République. Paris 1997, S. 493-515. Auch im Internet zugänglich: http://etudescoloniales.canalblog.com/archives/2006/08/25/2840733.html

[10] http://www.palais-portedoree.fr/fr/decouvrir-le-palais/lhistoire-du-palais/lexposition-coloniale-de-1931

http://archives.valdemarne.fr/content/la-contre-exposition-des-surr%C3%A9alistes-ou-la-remise-en-cause-du-colonialisme-2

siehe dazu auch den Abschnitt „la propagande anticolonialiste“ in dem Aufsatz von Ageron.

[11] Postkarte aus: http://www.cparama.com/forum/paris-exposition-coloniale-internationale-1931-t5660-20.html

[12) Einen Kalender mit den entsprechenden Veranstaltungen findet man unter: http://www.bouddhisme-france.org/activites/activites-a-la-pagode/article/grande-pagode-calendrier-2017.html

 

Weitere  geplante Beiträge:

  • Die Kolonialausstellung von 1931 (Teil 2): Der „menschliche Zoo“ im Jardin d’acclimatisation und der  Tausch von Krokodilen und „Menschenfressern“   zwischen Paris und Frankfurt
  • Zu Fuß zum Mont-Saint-Michel: La traversée de la baie
  • Die  Kirche Saint-Sulpice in Paris

Napoleon in den Invalides: Es lebe der Kaiser !/Vive l’empéreur (3)

 „Von oben herab sprach Bonapart“…

Im „Datterich“, einer Biedermaier-Komödie des Darmstädter Schriftstellers Ernst Elias Niebergall, spielt beim Skat  der Held des Stückes mit diesen Worten seine Trümpfe aus und zieht damit seinen Mitspielern das Geld aus der Tasche.

Daran muss ich –in Darmstadt aufgewachsen- denken, wenn  ich den von oben herab auf die  Besucher des  Hôtel des Invalides blickenden monumentalen Bonaparte sehe.

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Ein vier Meter hoher Napoleon aus Bronze steht  nämlich gegenüber dem Eingang zum Ehrenhof des Hôtel des Invalides über dem Portal der Soldatenkirche:- ganz eindeutig und unverkennbar mit seinem charakterischen Zweispitz, dem Mantel  und der  unter die Weste geschobenen linken Hand: „une main de fer dans un gant de velours“,  wie es in einer Veröffentlichung des musée de l’armée über die Restaurierung  der  von Crozatier gegossenen Statue heißt.

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Zunächst -seit 1833-  stand diese von Charles Émil Seurre geschaffene Statue auf der Triumphsäule der Place Vendôme, sie wurde aber 1863 auf Veranlassung von Napoleon III. ersetzt durch den auch heute noch dort stehenden  imperialen Napoleon in römischer Tracht und Pose.

Der Seurre’sche Napoleon erhielt jedoch einen anderen hervorgehobenen Platz- er wurde in der Verlängerung der großen Pariser Ost-West Achse dort aufgestellt, wo jetzt das Hochhaus- und Geschäftsviertel La Défense  steht und der Große Torbogen (Grande Arche), der zum 200. Jubiläum der Französischen Revolution errichtet wurde.

Während der Belagerung von Paris durch preußische Truppen 1870 sollte die Statue Napleons vorsichtshalber in Sicherheit gebracht werden, versank dabei allerdings in der Seine: vielleicht, weil das Schiff kenterte, vielleicht in einem Akt „antibonapartischen Vandalismus“, vielleicht auch in voller Absicht, um ein Höchstmaß an  Sicherheit zu gewährleisten.

Wie auch immer: Nach seiner Bergung aus der Seine und Jahren im Abseits eines Depots begrüßt  Napoleon seit 1911 huldvoll die Besucher der Invalides, die sein Grab im Dôme des Invalides und die Präsentation seiner militärischen Heldentaten im Musée de l’Armée besuchen und meistens wohl auch bewundern wollen. (0)

Die Rückkehr der Asche/Le retour des cendres

Ein riesiger Sarkophag  aus russischem Quarzit/Porphyr auf einem rechteckigen Sockel aus Granit  in der Krypta des Invalidendoms, direkt unter der Kuppel, umrahmt von einem Lorbeerkranz und den Namen siegreicher Schlachten; umgeben  von einer Galerie mit  zwölf Siegesgöttinnen:  Ein beeindruckendes Bild, wenn man von oben herunterblickt, aber beeindruckend auch die  Umrundung des Sarkophags auf Augenhöhe: Eine monumentalere, repräsentativere Grablege ist kaum vorstellbar.  

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Aber für Napoleon war das Beste gerade gut genug.  Der Leichnam hätte ja auch in Sankt Helena bleiben können, wo Napoleon am 15. Mai 1821 gestorben war. Aber Napoleon wollte gerne in Paris beerdigt werden, „an den Ufern der Seine, inmitten des französischen Volkes, das ich so sehr geliebt habe“.

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1840 war England bereit, einer Überführung der sterblichen Überreste des Kaisers nach Frankreich zuzustimmen. Und die Julimonarchie des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe ergriff die Gelegenheit, Napoleon und damit vor allem sich selbst in Szene zu setzen.

Das war auch dringend geboten, denn von Louis-Philippe erwartete man, anders als von den durch die Siegermächte wieder eingesetzten und 1830 gestürzten Bourbonen,  eine Revanche für die Niederlagen von 1814 und 1815. Sein Ministerpräsident Adolphe Thiers startete auch einige entsprechende Initiativen  –z.B. im Nahen Osten oder in Richtung Rheingrenze und ließ sicherheitshalber Paris auch von einem Festungsgürtel umgeben. Nie war der Krieg nach 1815 so nahe.[1] Aber Louis Philippe schreckte dann doch vor einem Krieg und der Gefahr einer Niederlage zurück und Thiers wurde entlassen. Was blieb, war die Demütigung des Landes.[2]

Da kam nun die von den Engländern 1840 genehmigte Rückführung der sterblichen Überreste des Kaisers als Ausgleich zum enttäuschten nationalen Selbstbewusstsein genau zum richtigen Zeitpunkt. Wie Tulard feststellt: Louis Philippe vereinnahmte die siegreichen Schlachten Napoleons von Austerlitz, Jena und Wagram und rettete damit sein Regime.

Die Frage war jetzt allerdings, wo Napoleon bestattet werden sollte. Dafür boten sich verschiedene Orte an: Das Pantheon, in dem schon Voltaire und  Rousseau, aber auch sehr viele Militärs, Politiker und Wissenschaftler des Empire ruhten; die Madeleine,  die von Napoleon als Tempel des Ruhms seiner Armeen geplant war; der Arc de Triomphe de l’Étoile, der die napoleonischen Armeen und ihre Siege verherrlichte[3] oder die Vendôme-Säule, das hervorragende Symbol der kaiserlichen Epoche. Napoleon selbst hatte sich gewünscht, in der Basilika von Saint-Denis begraben zu werden, an der Seite der französischen Könige. Aber dagegen gab es –verständliche- Einwände von rechts und links.

Napoleon könne, wie es der damalige Innenminister im Parlament formulierte, nicht in einem „gewöhnlichen Königsgrab“ bestattet werden – also in St. Denis. Er müsse weiter herrschen und kommandieren, wo die  Soldaten des Vaterlandes ruhten und wo diejenigen sich inspirieren ließen, die künftig zur Verteidigung des Vaterlandes zu den Waffen gerufen würden.[4] Damit war das Hôtel des Invalides als Bestimmungsort der sterblichen Überreste Napoleons festgelegt, was uneingeschränkte Zustimmung fand.

Die Invalides waren immerhin ein Ort gewesen, der in der Selbstdarstellung Napoleons und des Kaiserreichs eine wesentliche Rolle gespielt hatte: 1800 hatte Bonaparte, damals Erster Consul, die Überführung der sterblichen Überreste des Marschalls Turenne, einer der berühmtesten Heerführer Frankreichs, in den Marstempel, wie der Invalidendom zu Zeiten der Revolution hieß, angeordnet. 1804 verteilte er hier die ersten  Orden der von ihm geschaffenen Ehrenlegion. Napoleon veranlasste auch die Bestattung der Herzen des Festungsbaumeisters Vauban und des Napoleon besonders nahe stehenden Marschalls Lannes im Invalidendom.

Sein Ziel war es, aus den Invalides einen Ort der Versöhnung der Franzosen mit ihrer Vergangenheit zu machen und die Kontinuität der Armeen Ludwigs XIV., der Revolution und seines Kaiserreichs zu demonstrieren. Indem die Julimonarchie den Invalidendom als Bestattungsort Napoleons wahlte, schuf sie einen gemeinsamen Erinnerungsort an die beiden bedeutendsten Herrscher, die Frankreich im öffentlichen Bewusstsein der damaligen Franzosen je gehabt hatte, also Napoleon und Ludwig XIV. Es war ja der „Sonnenkönig“  gewesen, der  zur Unterbringung seiner Veteranen und Invaliden  den Anstoß zum Bau des Hôtel des invalides gegeben hatte, zu dem der Invalidendom gehört.

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Ludwig XIV. wird  gleich über dem Eingang in römischer Tracht hoch zu Roß abgebildet – und über ihm strahlt die Sonne. Damit ist die riesige Anlage gewissermaßen mit seinem Stempel versehen. [5] Und der Bürgerkönig Louis Philippe präsentierte sich mit der Wahl des Invalidendoms für die „cendres“ des Kaisers  als  legitimer Nachfolger der französischen Könige, allen voran Ludwigs  XIV.,  der Französischen Revolution und  Napoleons.

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Beauftragt mit der Rückführung Napoleons wird der General Gourgaud. Er war einer der Getreuen, die Napoleon nach Sankt Helena begleitet hatten, also hinlänglich legitimiert. Gourgaud schrieb dann auch einen Bericht über seine Mission.Am 15. Oktober 1840  wird der Leichnam Napoleons  in Sankt Helena  exhumiert.  Auch mehr als 19 Jahre nach dem Tod soll er  „dans un excellent état de conservation et parfaitement identifiable“ gewesen sein. [6]

Auf der französischen Fregatte mit dem schönen Namen „Belle Poule“  wird der Leichnam nach Cherbourg gebracht und erreicht dann via Rouen und die Seine den Hafen von Courbevoie. Von dort aus geht es zum fahnengeschmückten Arc de Triomphe, wo der Zug mit Böllern empfangen wird.[7]

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Dann fährt der von 16 Pferden gezogene, 13 Tonnen schwere  und 10 Meter hohe Wagen mit goldenen Rädern durch den Arc de Triomphe und über die mit Statuen geschmückten Champs Elysées  zum Hôtel des Invalides. Dort wird der Sarg von der königlichen Familie, Vertretern der Kirche, Abgeordneten, dem diplomatischen Korps mit allen politischen, geistlichen und auch musikalischen Ehren empfangen: Neben der obligatorischen Militärmusik wird auch das Requiem von Mozart dargeboten. Allerdings sind aufwändige Umbauarbeiten erforderlich,  und erst  1861 ist das monumentale Grabmal  fertiggestellt  und kann von Napoleon III., dem Neffen Napoleons I., eingeweiht werden.

Etwa 1 Million Zuschauer  sehen dem Leichenzug Napoleons zum Hôtel des Invalides zu. Napoleon ist zum Volkshelden geworden,  sein Despotismus ist in Vergessenheit geraten zugunsten des Ruhms, „le despotisme est oublié au profit de la gloire[8]. Selbst kritische Geister wie Heinrich Heine oder Victor Hugo feiern den großen Kaiser, auch wenn Hugo die Zeremonie selbst für eher abgeschmackt hält.[9]

Übrigens kehren nicht nur die sterblichen Überreste Napoleons aus Sankt Helena zurück, sondern auch die Steinplatten (dalles), die sein Grab in Sankt Helena bedeckten.  Seit 1978 liegen sie in dem  Garten seitlich der Kirche.

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Der Invalidendom ist ein grandioser lichtdurchfluteter Raum. Anders  als in anderen Kirchen, etwa dem  Pantheon, ist die Krypta nach oben geöffnet. Man steigt zwar zum Grabmal Napoleon herab, hat aber immer über sich den strahlenden Kirchenraum und seine Kuppel.

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 Der Umgang  um das Grabmal ist mit Reliefs von Charles Simart versehen. Hier wird das segensreiche Wirken Napoleons im Innern Frankreichs dargestellt, wobei  zum Teil  auch seine eigenen Worte aus dem Mémorial de Saint Hèlène zitiert werden.  Bei diesem Werk handelt es sich um eine Niederschrift von Gesprächen,  Kommentaren und Monologen von und mit Napoleon auf Sankt Helena, niedergeschrieben von einem der Begleiter Napoleons, Las Cases.  Emmanuel-Augustin-Dieudonné-Joseph de Las Cases war zunächst  Marineoffizier und avancierte unter Napoleon zum Reichsbaron. Nach Napoleons zweiter Abdankung bat er darum, zusammen mit seinem Sohn  seinen geliebten Kaiser  nach Sankt Helena begleiten zu dürfen, wo er 18 Monate blieb. In dieser Zeit entstand das Mémorial de Saint-Hélène.

Das Werk war zunächst dazu bestimmt, Mitleid mit dem von den Engländern auf einen Felsen verbannten  und unwürdig behandelten Kaiser zu erzeugen.  Und es solllte auch   -im Sinne der napoleonischen Strategie seit seinem Italienfeldzug- die Legende des Kaisers befördern.  Zu dem leidenden Napoleon kam der glorreiche Napoleon als romantischer Held par excellence hinzu, der die europäischen Könige hinweggefegt und Europa erobert hatte, aber wie Prometheus auf einem kargen Felsen angekettet endete.  Das Werks von Las Cases war, wie Tulard urteilt, „une machine de propagande“ :

„La légende napoléonienne trouve dans le Mémorial son principal évangile.“[10]

Und so war es geradezu selbstverständlich, wenn sich Charles Simart bei der Gestaltung des der Reliefs auch auf das Mémorial bezieht.

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Gründung  des Cour des Comptes  1807

Zitat von Napoleon:

„je veux que   par une surveillance active que l’infidélité soit reprimée et l’emploi légal des fonds publics garanti“

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Liste von Infrastrukturmaßnahmen, die von Napoleon angestoßen wurden

Zitat Napoleons:

„Partout où mon règne a passé il a laissé des traces durables de son bienfait“

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 Der Code Civil oder Code Napoléon: Gleichheit vor dem Gesetz

Zitat Napoleon:

„Mein einheitlicher Code hat für Frankreich mehr Gutes  bewirkt als sämtliche früheren Gesetze“

(„Mon seul Code par sa simplicité, a fait plus de bien en France que la masse de toutes les lois qui m’ont précédé“.)

Und dann wird, im Zusammenhang mit der von Napoleon eingeführten zentralisierten Verwaltung –mit der Frankreich heute noch seine Probleme hat- noch einmal zusammenfassend Napoleon zitiert: Er habe, selbst mitten im Krieg, nicht die staatlichen  Institutionen und „le bon ordre“ im Innern vernachlässigt…

Hier liegt ja auch in der Tat das bleibende Verdienst Napoleons:Nämlich Frankreich, Elemente der Revolution aufgreifend,  grundlegend reformiert und mit den Institutionen eines modernen Staates ausgestattet zu haben. Und es ist bemerkenswert, dass hier im Invalidendom, umgeben von der Crème de la crème der französischen militärischen Elite, vor allem der Napoleon des „oeuvre civil“ gefeiert wird.

Eine  Kuriosität in der Krypta des Invalidendoms ist das Grabmal des einzigen legitimen Sohns Napoleons: Napoleon Franz Joseph Karl Bonaparte,  der „Aiglon“.  Gleich nach seiner Geburt 1811 mit dem Titel „König von Rom“ ausgestattet, wurde er von Napoleon nach seiner erzwungenen Abdankung 1815 zu seinem Nachfolger ausgerufen. Wirkung hatte das nicht, weil bereits kurz danach wieder die Bourbonen die Herrschaft in Frankreich übernahmen. Aber immerhin gab es für kurze Zeit einen Napoleon II., so dass dann der Kaiser des zweiten empire zum dritten Napoleon wurde.

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Nach 1815 und der Rückkehr der Bourbonen war für Franz natürlich kein Platz mehr in Frankreich. Er  siedelte zu seiner Familie mütterlicherseits nach Wien um, wo er 1832 starb. Bestattet wurde sein Leichnam in der kaiserlichen Grablege, der Kapuzinergruft (Herz und Eingeweide  entsprechend dem Habsburger Begräbniszeremoniell an anderer Stelle.)

Mehrere Versuche, den Leichnam neben seinem Vater im Invalidendom zu bestatten, scheiterten. Es war pikanterweise Adolf Hitler, der dies ermöglichte – so dass 1940, 100 Jahre nach der Überführung des Leichnams Napoleons I., der Leichnam seines Sohnes  im Invalidendom seine letzte Ruhe fand.

Hitler selbst besuchte kurz nach dem Sieg über Frankreich Ende Juni 1940 Paris.Er  kam gewissermaßen als Tourist, begleitet von Albert Speer und Arno Breker, seinem Lieblingsbildhauer, der von 1927 bis 1933 in Paris gelebt hatte. Natürlich sah er sich die Oper an, ließ sich medienwirksam vor dem Eiffelturm  ablichten, besuchte die Madelaine, den Arc de Triomphe, der Albert Speer als Vorbild für einen viermal so großen Triumphbogen in Berlin dienen sollte, und schließlich als End- und Höhepunkt den Invalidendom. „Fast wirkt es, als sei sein heimlicher Stadtführer Napoleon gewesen. 1806 war der französische Kaiser an das Grab Friedrichs des Großen getreten. Hitler macht dasselbe am Grab Napoleons. Napoleons enormer Sarkophag … ist komplett auf der Höhe seiner Megalomanie. …Er soll seine Kappe abgenommen, sich dann leicht verbeugt und minutenlang so ausgeharrt haben.[11] Der profunde Napoleon-Kenner Steven Englund  stellt zwar fest,  Hitler habe nicht zu den Bewunderern Napoleons gehört, und der französische Historiker Jean Tulard sieht in dem Besuch Hitlers im Invalidendom einen bewussten „Akt der Demütigung der feindlichen Franzosen“ , aber ich denke, dass da auch eine andere Lesart möglich ist….[12]

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An jedem 5. Mai, dem  Todestag Napoleons, sollen sich übrigens bonapartistische Nostalgiker am Grab im Invalidendom versammeln…. Vielleicht werde ich mich in diesem Jahr einmal als  interessierter „teilnehmender Beobachter“ darunter mischen.

Napoleon im Musée de l’Armée

Das Musée de l’Armée ist ein äußerst weitläufiger, um den großen Hof der Invalides-Anlage gruppierter  Komplex. Es beherbergt auch die  bedeutendste  historische Sammlung zum napoleonischen Kaiserreich.[13]  Dazu gehört das berühmte Gemälde von Ingres „Napoleon auf dem kaiserlichen Thron“:  Das Portrait eines mit den Insignien seiner Macht ausgestatteten Kaisers – in feierlicher, strenger und  unnahbarer Pose. Hier ein Ausschnitt:

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In den Napoleon betreffenden  Räumen der Ausstellung wird den Besuchern dann aber Napoleon doch näher gebracht. Eine ganze Reihe von Napoleon-Reliquien ist ausgestellt. Unter anderem einer der typischen Hüte Napoleos,  ein Zweispitz (bicorne), der natürlich den höchstselbigen kaiserlichen Kopf bedeckt hat…

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…. eine Tasche, die er als Erster Consul trug….

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…. die Uniform, die  der General Bonaparte bei der Schlacht von Marengo am 14. Juni 1800 trug…

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… der Degen, den er bei der Schlacht von Austerlitz trug und der bei der Überführung  seiner sterblichen Überreste in den Invalidendom auf seinen Sarg gelegt worden war …

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…. und vieles mehr….

Ausgestellt ist sogar das konservierte Pferd Napoleons, „Le Vizir“.

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Es habe, wie eine beigefügte Informationstafel  erläutert, „unter dem Sattel des Kaisers bei den Schlachten von Iena und Eylau gekämpft.“  Zwölf Jahre lang sei es ein  treuer Begleiter Napoleons gewesen und habe ihn auch in sein Exil auf der Insel Elba begleitet. Nach seinem Tod 1826 habe man  seine Haut erhalten und -wir befinden uns in der Regierungszeit der Napoleon-feindlichen Boubonen- vor dem königlichen Zugriff versteckt. 1839 wurde die Haut nach England gebracht und dort „naturalisiert“.  1868 sei Vizir nach Frankreich zurückgekehrt und werde seit 1905 im Musée de l’Armée ausgestellt, nicht weit entfernt vom Invalidendom, „où repose son ancien maître.“ 2016 wurde das Pferd einer Generalüberholung unterzogen. Innerhalb kürzester Zeit waren mittels „crowdfunding“ die erforderlichen 26 000 Euro aufgebracht. Jetzt ist Vizir in einer Glasvitrine mit Temperatur- und Feuchtigkeitsregelung und dezent beleuchtet zu bewundern. (13a)

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Es lohnt sich, mit offenen Augen und etwas Muße durch die Räume zu gehen. Sie lassen etwas von der Faszination spüren, die Napoleon bis heute auf viele Menschen –und Museumsmacher- ausübt.

Wird  im Invalidendom Napoleon als Mann des Friedens und der grundlegenden inneren Reformen gefeiert, so geht es im Musée de l’Armée  natürlich um seine Rolle als Feldherr. Und die wird vor allem durch zahlreiche Gemälde herausgestellt, die Napoleon vor oder nach siegreichen Schlachten zeigen:

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General Bonaparte. Gemälde von Édouard Detaille (um 1900)

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Napoleon am Abend der Schlacht von Jena 8. Oktober 1806 oder: La victoire est à nous! Gemälde von Édouard Detaille 1894

Dass  manche dieser Napoleon verherrlichenden Gemälde aus der Zeit zwischen der französischen Niederlage von 1871 und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs stammen, ist kein Zufall.  Napoleon hatte immerhin bei Jena die Preußen vernichtend geschlagen. Dieses Vorbild hatte höchste Aktualität in einer Zeit, in der Léon Gambetta –bezogen auf Elsass-Lothringen und die angestrebte Revanche- die berühmte Parole ausgegeben hatte:

penser toujours, n’en parler jamais.

Und die Botschaft solcher Bilder war eindeutig – da waren keine erklärenden Worte notwendig.

Lohnend ist es auch, sich die informierenden Begleittexte (französisch und englisch) anzusehen unter dem Gesichtspunkt, was gesagt und was nicht gesagt wird und auf welche Weise Sachverhalte  dargestellt werden – überraschend für mich zum Beispiel die Darstellung der „Grande Armée“ des Russlandfeldzugs (mit seinen immerhin eine Million Opfern).  Dass die „Grande Armée) gebührend gewürdigt wird, ist in diesem Rahmen und in dieser Stadt zu erwarten, in der immerhin die  Fortsetzung der Champs Ellysées über den  Arc de Triomphe hinaus den Namen der „Grande Armée“ trägt: Avenue de la Grande Armée.  Für mich neu und überraschend ist allerdings die Bezeichnung „Armee der 20 Nationen“..

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Auf eine Zahl von 20 beteiligten Nationen kommt man natürlich nur, wenn man die beteiligten deutschen Staaten einzeln als unterschiedliche Nationen einbezieht: Sachsen, Bayern, Württemberg, Baden, Hessen-Darmstadt, Westfalen usw. – in dieser Zeit des durch die Politik Napoleons angeheizten deutschen Nationalismus eine nicht ganz unproblematische Rechnung. Es wird dann auch noch auf weitere Kontingente, z.B. preußische, schweizerische, belgische, holländische, portugiesische, italienische und kroatische  verwiesen, so dass die 20 „Nationen“ tatsächlich zusammenkommen.

Und dann wird im Begleittext zusammenfassend festgestellt:

Jede Nationalität des großen napoleonischen Reiches ist vertreten. Sie  bilden die erste europäische Armee der Geschichte, die Armee der zwanzig Nationen.“ (Übersetzung von W.J.)

 Aber was  ist das für eine „europäische Armee“, in der  beispielsweise bei Preußen und Österreichern  -die ja übrigens gar nicht zu dem „großen napoleonischen Reich“ gehörten – wenig Begeisterung herrschte, an der Seite des ehemaligen Feindes Frankreich gegen den ehemaligen Verbündeten Russland ins Feld zu ziehen?  Oder in der  die deutschen  Kontingente überwiegend von französischen Generälen kommandiert und oft als Kanonenfutter missbraucht wurden – von dem westfälischen Kontingent von 17000 Mann haben nur 700 den Russlandfeldzug überlebt![14]  Aber es gehört offenbar zu dem vorherrschenden französischen Geschichtsverständnis, Napoleon als „überzeugten Europäer“ zu sehen und selbst die Besetzung zahlreicher europäischer Throne durch Familienangehörige als Mittel der europäischen Einigung zu verstehen.[15] Wenn heute in Frankreich unisono von ganz rechts und ganz links (mit freundlicher Unterstützung von Herrn  Trump) das Schreckbild eines angeblich von Deutschland beherrschten Europas verbreitet wird, so gilt andererseits ein ganz unzweifelhaft von Napoleon eroberter und beherrschter Kontinent offenbar  vielfach als historische Sternstunde. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang übrigens, dass im Begleittext zur Aussstellung über den dt-franz. Krieg von 1879/1871 im musée de l’armée (April bis Juli 2017) die Niederlage Napoleons in Leipzig als „Ende der französischen Idee Europas“ bezeichnet wird und damit die Herrschaft Napoleons über Europa ins hehre Reich der Ideen erhoben wird.(15a)

Kein Wunder also, dass an der Kasse des Armeemuseums Napoleon-Mützen erhältlich sind, die von den Schülerinnen und Schülern –und ihren Lehrern- für das Abschlussfoto auf den Stufen des Invalidendoms stolz aufgesetzt werden. Obwohl vielleicht unter den Vorfahren des einen oder anderen dunkelhäutigen  Schülers auch solche waren, die unter der Wiedereinführung der Sklaverei in den französischen Karbikbesitzungen  gelitten haben, die  Napoleon  1802 verfügte….

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Wie lebendig die Verehrung Napoleons im heutigen Frankreich ist, konnte ich auch im Herbst 2016 bei einer Veranstaltung der Fondation Napoléon miterleben. Dort stellte Alain Pigeard sein Buch mit dem bemerkenswerten Titel: „L’oeuvre de paix de Napoléon 1800 -1815″ vor. Und bemerkenswert ist auch das Vorwort dieses Buchs. Es ist nämlich in der 1. Person Singuar geschrieben. Und hinter dem „ich“ verbirgt sich niemand anderes als „Napoléon Bonaparte“ höchstpersönlich, aus dessen Memoiren entsprechende Passagen für das Vorwort zusammengestellt sind. In dem Buch sind 200 Maßnahmen Napoleons „pour reconstruire la France“ zusammengetragen. Kein Wunder, dass in der anschließenden Diskussion gefragt wurde, was denn Napoleon wohl heute tun würde, um Frankreich wieder aufzurichten. Da hielt sich der Referent eher bedeckt. Aber allgemeine Einigkeit und allgemeines Bedauern bestand darin, dass ein „homme providentiel“ wie Napoléon heute nicht in Sicht sei, dass Frankreich also noch etwas auf seine Wiederaufrichtung waren müsse….

 Anmerkungen

(0) https://fr.wikipedia.org/wiki/Statue_de_Napol%C3%A9on_(Seurre)

Plan der gesamten  Anlage: http://www.musee-armee.fr/plan-interactif.html (Die Napoleon-Statue genau bei No 3 des Plans)

Napoléon 1er de retour aux Invalides. In: L’écho du dôme. Le Magazin du musée de l’armée. juin-sept. 2015, p. 12

[1] Siehe dazu den Blogbeitrag zum Arc de Triomphe (November 2016)

[2] Jean Tulard, Le Retour des Cendres. In. Les Lieux de Mémoire. Sous la direction de pierre Nora. II. La Nation, Bd 2, S. 92/93.  Der  Blog-Beitrag stützt sich in hohem Maße auf diesen Beitrag des hervorragenden Napleon-Spezialisten Jean Tulard.

[3] Siehe den Blog-Beitrag zum Arc de Triomphe, November 2016

[4] Tulard, Le retour des cendres, S. 81

[5] Im Moment (Oktober/November 2016) wird die nördliche Front des Hôtel des Invalides allerdings renoviert, da ist die Statue Ludwigs XIV hinter Gerüsten verborgen.

„Invalidendom“ ist übrigens eine missverständliche Bezeichnung. Denn es handelt sich ja nicht um einen Dom im eigentlichen Sinne, also eine Bischofskirche, sondern um eine Kapelle der Kirche Saint-Louis des Invalides. Die deutsche Bezeichnung „Dom“ ist eine Übernahme des  französischen Wortes „dôme“, also Kuppel, und in der Tat ist der „Invalidendom“ ja ein grandioser Kuppelbau.

[6] http://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/articles/39624/  Tulard zitiert dazu ausführlich den Bericht von der Öffnung des Sargs. Retour des Cendres, S. 99/100

[7] http://www.napoleonprisonnier.com/postmortem/invalides.html

[8] Tulard, Le retour des cendres, S. 86

[9] Tulard, Le retour des cendres, S. 85 und 103

Zu Hugo auch sehr ausführlich und fundiert:  http://groupugo.div.jussieu.fr/groupugo/00-09-16laurent.htm. Dort u.a.: „Hugo (…) ignore ou minore volontairement tout ce qui dans l’aventure napoléonienne relève de la restauration monarchique.“

[10] Tulard, Le retour des cendres, S. 88

[11] https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkr/article142984191/Nur-zwei-Stunden-hielt-es-Hitler-im-eroberten-Paris.html

[12] Steven Englund, Napoléon. Paris 2004, S. 555 und 562

http://www.zeit.de/online/2006/34/zeitgeschichte-jean-tulard

[13] Jean Tulard u.a., l’ABCdaire de Napoléon de l’Empire. Paris 2013, S. 75

(13a) Écho du dôme. Hrsg. Musée de l’Armée. oct. 2016/jan 2017

[14] https://de.wikipedia.org/wiki/Rheinbund und janhttps://www.welt.de/kultur/history/article945036/Die-vergessenen-Deutschen-in-Napoleons-Armee.html

[15] L’ABC-daire de Napoléon de l’Empire, S. 8: „un européen convaicu“… „Même la politique familiale de  l’Empereur va dans le sens de l’unification européene.“

(15a) Der Gerechtigkeit halber soll aber auch erwähnt werden, dass 2013 im musée de l’armée eine Ausstellung zum Thema „Napoléon et l’Europe“ gezeigt wurde, die auch die Schattenseiten der napoleonischen Herrschaft über Europa und den Widerstand gegen sie nicht aussparte.

 

Nächste geplante Beiträge:

  • Der französische Präsidentschaftswahlkampf/die pulse of Europe-Demonstrationen in Paris/Die Chancen von Marine Le Pen, Präsidentin Frankreichs zu werden
  • Die Steinbrüche von Paris
  • Die Kirche Saint-Sulpice

 

 

Die Freiheitsstatue von New York und ihre Schwestern in Paris (Teil 2): Die Väter von Miss Liberty

Anlass des ersten Teils dieses Beitrags war die Rolle, die die Freiheitsstatue von New York in der Darstellung und Beurteilung des neuen US-Präsidenten und seiner Administration spielte: Das Bild der weinenden „Miss Liberty“, die Freiheitsstatue hinter Gittern bzw. von Trump in Stücke gehauen. Ein Aspekt  dabei war die mögliche „Repatriierung“ der Statue nach Paris, dorthin also, wo Miss Liberty entstanden ist.

In diesem zweiten Teil wird erläutert, wieso ausgerechnet Paris Geburtsort von Miss Liberty ist und wer ihre Väter waren – zu denen übrigens auch niemand Geringeres als Gustave Eiffel gehört. In einem  nachfolgenden dritten und letzten Teil werden schließlich ihre kleineren Pariser Schwestern vorgestellt.  Man muss also gar nicht nach New York fahren, um eine „echte“ Freiheitsstatue zu sehen…

Die Idee für das Projekt der Freiheitsstatue geht auf eine Bemerkung zurück, die der französische Jurist und Politiker Édouard René de Laboulaye im Jahr 1865 machte:  „Sollte ein Denkmal in den Vereinigten Staaten errichtet werden, das an ihre Unabhängigkeit erinnert, dann denke ich, dass es nur natürlich ist, wenn es durch vereinte Kräfte entsteht – ein gemeinschaftliches Werk unserer beiden Nationen.“[1] 

Eine solche Überlegung war auch Ausdruck der Gegnerschaft des Republikaners Laboulaye zum  Seconde Empire, dem Kaiserreich Napoleons III. Und im monarchistischen Frankreich, das  -anders als Loboulaye-  im Sezessionskrieg auf Seiten der Südstaaten gestanden hatte, bestand natürlich keine Chance auf Umsetzung eines solchen Projekts. Allerdings inspirierte Laboulayes Idee den mit ihm befreundeten jungen elsässischen Bildhauer Auguste Bartholdi zu einem anderen Projekt, gewissermaßen der Vorgängerin der Statue of Liberty.  Bartholdi schlug nämlich dem osmanischen Statthalter von Ägypten vor, zur Eröffnung des Suez-Kanals an dessen nördlichem Ende einen riesigen Leuchtturm zu errichten.  Er sollte die Gestalt  der römischen Göttin Libertas im Gewand einer ägyptischen Fellachin haben und so wie einst der Koloss von Rhodos  mit einer Fackel in der erhobenen Hand. Auch einen Namen hatte Bartholdi schon vorgesehen: „La liberté éclairant l’Orient“. Allerdings blieb dieses Projekt sozusagen im Sand stecken.

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Dann kamen der deutsch-französische Krieg 1870/71, das Ende des zweiten Kaiserreichs und die Annexion des Elsaß und eines Teils von Lothringen durch das Deutsche Reich. Bartholdi, der im Krieg auf Seiten der republikanischen Truppen und Garibaldis gegen die deutschen/badischen Truppen gekämpft hatte, gehörte zu den Elsässern, die nach 1871 das zum „Reichsland“ gewordene Elsass-Lothringen verließen. Die junge Dritte Republik war in dem damaligen, überwiegend monarchischen Europa eher isoliert, beste Voraussetzungen  für eine französisch-amerikanische, die gemeinsame republikanische Tradition und die Waffenbrüderschaft von Washington und Lafayette im Unabhängigkeitskrieg verkörpernde Freiheits-Statue in New York. Dazu konnte die monumentale Statue –wie schon der geplante Suez-Leuchtturm- der Welt  „le génie français“ vor Augen führen.[2]

Die Freiheitsstatue in New York sollte ja auch Ausdruck des technischen Erfindungsgeistes und des Fortschritts sein. Es gab in diesen Jahren in Frankreich eine Revue mit dem Titel „le génie français“, in der 1883 der Ingenieur Charles Talandier einen ausführlichen Artikel über die Konstruktion der Freiheitsstatue veröffentlichte.[3] Und da konnte durchaus auch ein gewisser nationalistischer Beigeschmack dabei sein  – so wie das ja auch das schöne Kalligramm  Apollinaires verdeutlicht, auf dem der Eiffelturm die Welt grüßt und den Deutschen –die so ein grandioses Bauwerk eben nicht hinbekommen- die Zunge rausstreckt.[4]

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Für die Einweihung der New Yorker Freiheitsstatue konnte es keinen besseren Zeitpunkt geben als den 100. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung 1876. Bartholdi reiste also in die USA und warb für sein Projekt: Franzosen sollten die Statue finanzieren, Amerikaner den Sockel.  Bartholdi erhielt  zwar schon die Zustimmung des amerikanischen Präsidenten, die Statue auf Bedloe’s Island in der Bucht von New York zu errichten, aber eine breite Spendenkampagne auf beiden Seiten des Atlantiks lief erst 1875 an– viel zu spät also für das geplante Einweihungsdatum.  Zur amerikanischen Kampagne gehörte, wie in Teil 1 berichtet, das Gedicht von Emma Lazarus. In Frankreich wurde das endgültige Modell der Statue, das sogenannte „Komitteemodell“ 200-fach verviefältigt und numeriert, von Bartholdi eigenhändig  retuschiert und signiert,  zum Verkauf angeboten. (4a) Teil der  französischen Kampagne war auch die Aufführung einer Kantate von Charles Gounod in der Pariser Oper am 25. April 1876 mit dem Titel „La Liberté éclairant le monde“  – dies  auch der offizielle Name der New Yorker Statue.[5]

La  Liberté éclairant le Monde            

J’ai triomphé! J’ai cent ans! Je m’appele la Liberté!

Mais un nom c’est trop peu:

Le monde a fait, me voulant forte et belle,

Mon corps de bronze et mon âme  de feu!

 

Je port au loin dans la nuit sombre,

Quand tous me feux sont allumés,

mes rayons aus vaissaux qui sombre

Et ma lumière aux opprimés!

J’ai triomphé! Wahington, Lafayette

Sont mes sauveurs qu’on bénit à genoux…. 

Der Entwurf Bartholdis für die Freiheitsstatue von New York entspricht in hohem Maße seinem Entwurf für den Suez-Kanal. Miss Liberty ist vollständig bekleidet, sie steht ruhig auf ihrem Podest – ganz anders also als die Darstellung der revolutionären Freiheit im Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ von Delacroix. Dort stürmt die halbentblößte Verkörperung der Freiheit wild voran, in der einen Hand die Trikolore, in der anderen ein Gewehr mit Bajonett.

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Miss Liberty dagegen hält in der erhobenen Hand die Fackel des Fortschritts. Das revolutionäre Pathos widersprach ja auch den politischen Tendenzen von Bartholdi und Laboulaye, die beide keine Sympathisanten von Revolutionen waren und auch der Pariser Commune kritisch gegenüberstanden.[6] Im Grunde war und ist die Darstellung der Freiheit, wie sie Bartholdi konzipierte, höchst konventionell und banal. Bartholdi bekannte selbst, dass es sich „nicht um ein großes Kunstwerk“ handelte.[7] Die Bedeutung lag in ihrer politischen Botschaft und  ihrer, den Glauben an den technischen Fortschritt verkörpernden Monumentalität, die dem damaligen Zeitgeist entsprach.  „Im Kolossalen steckt Anziehung, ein spezieller Reiz, auf den die Theorie des Gewöhnlichen kaum anwendbar ist. Glaubt man etwa, daß die Pyramiden die Vorstellungskraft der Menschen wegen ihres ästhetischen Werts angeregt haben?“ schrieb  Gustave Eiffel 1880[8]. Gustav Eiffel wird hier nicht nur deshalb zitiert, weil ihn mit Bartholdi der gleiche Hang zur Monumentalität und der gleiche Glaube an den technischen Fortschritt verbindet – insofern sind in gewisser Weise auch die Freiheitsstatue und der Eiffelturm Schwestern; Eiffel wird auch deshalb hier genannt und darf nicht fehlen, weil er am Bau der Freiheitsstatue ganz direkt beteiligt war.

Eine solche monumentale Statue von über 45 Metern Höhe konnte ja keinen Falls aus massivem Metall gegossen werden. Außerdem sollte die Statue von innen zugänglich sein. Man benötigte also ein Gerüst, das so stand- und wetterfest war, dass es die „Außenhaut“ aus 300 gehämmerten Kupferplatten mit einem Gewicht von 80 Tonnen tragen konnte. Mit der Lösung dieser Aufgabe wurde zunächst der renommierte Architekt Viollet-le-Duc betraut, berühmt geworden u.a. durch die Renovierung bzw. gotische Renaissance von Notre Dame de Paris. Viollet-le-Duc hatte eine traditionelle Holzkonstruktion im Auge. Nach seinem Tod erhielt das Ingenieurbüro Gustave Eiffels  den Auftrag. Eiffel war damals noch ein jüngerer Mann – den nach ihm benannten Turm in Paris gab es noch nicht.  Er konstruierte ein –wesentlich weniger gewichtiges- neuartiges Trägersystem mit vier massiven gusseisernen Pfeilern, von denen aus ein feines Fachwerk aus Eisenstangen die kupferne Außenhaut so stabilisiert, dass die elastischen Verbindungen große Temperaturschwankungen ebenso aushalten wie kräftige Windstöße.[9]

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Kein Wunder also, dass die Statue zum 100. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung noch lange nicht  fertiggestellt war. Immerhin konnte Bartholdi ihren rechten, die Fackel haltenden Arm von 12,80 m Länge 1876 auf einer Ausstellung in Philadelphia präsentieren und  den Kopf  1878 auf der Pariser Weltausstellung.[10]

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Die Herstellung der Statue dauerte noch bis zum Sommer 1884. Bei der Werkstatt handelte es sich um die Firma Gaget- Gauthier, die sich schon vorher durch mehrere prominente Großaufträge  einen entsprechenden Ruf und ein großes know-how erworben hatte. Beispielsweise wurde dort der neugotische Dachreiter von Notre Dame hergestellt und die Säule der place de Vendôme restauriert, die 1871 von den Kommunarden umgestürzt worden war.  Außerdem war Gaget-Gauthier auch geschäftstüchtig. So vertrieben sie zur Finanzierung des Projekts kleine Ausgaben der Statue, vielleicht ähnlich wie die  Eiffeltürmchen, die heute überall in Paris angeboten werden. Und daraus soll sich dann –so die schöne etymologische Anekdote- entsprechend der amerikanischen Aussprache von Gaget  das Wort „gadget“ entwickelt haben.[11]

Die Räume der Firma in der Rue de Chazelles waren so hoch, dass der Kopf der Statue dort an einem Stück gefertigt werden konnte. Als dann alle Einzelteile fertig waren, fand  neben der Werkstatt die vorläufige Endmontage statt.  Die über die Dächer der Stadt hinauswachsende Statue wurde zu einem bevorzugten Ausflugsziel der Pariser. „C’est une des curiosités les plus intéressantes de Paris“, schrieb ein Journalist im Juli  1883. Auch Victor Hugo ließ es sich nicht nehmen, der Freiheitsstatue einen Besuch abzustatten und die Treppen in ihrem Inneren hochzusteigen. Er nahm sogar ein kleines Stück der Statue mit  „en souvenir de sa glorieuse visite“, hinterließ dafür aber die starken Worte:   „Das ist der Freiheitsengel, das ist der Aufklärungsriese“.[12]

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Victor Darbaud, La statue de la Liberté de Bartholdi dans les ateliers Gaget-Gauthier, rue de Chazelles. Musée Carnavalet, Paris.

Die fertige Statue wurde dann aber wieder zerlegt,  in zweihundert Kisten verpackt und über den Atlantik verschifft. Ihre bevorstehende Ankunft wurde auch in Amerika publik gemacht. Die Zeitschrift The Scientific American veröffentlichte im Mai 1884 eine Radierung der zur Verschiffung bereiten Statue – mit der gleichen Perspektive und vielen Details wie bei dem Bild von Darboud. Allerdings fehlt in der amerikanischen Version das Gerüst um Kopf, Arm und Fackel. Das ist kaum realistisch, aber der Gesamteindruck ist damit sicherlich eindrucksvoller und es ging ja hier darum, die Amerikaner auf die Ankunft der Statue einzustimmen.

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Paris monuments

 

Anmerkungen

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Freiheitsstatue

[2] http://www.statue-de-la-liberte.com/Origine-de-la-statue-de-la-Liberte.php

Sehr sehenswerrt ist  übrigens das Musée Bartholdi in Colmar. (30, rue des Marchands). Die Geschichte der Freiheitsstatue von New York wird jedenfalls, folgt man der FAZ, „nirgendwo schöner nacherzählt als hier“. (FAZ 8. Juni 2017, Reiseblatt R 4. Michael Bengel, Comar, drei Tage, zwei  Nächte).

[3] http://www.statue-de-la-liberte.com/Construction-de-la-statue-de-la-Liberte.php

[4] http://www.plume-escampette.com/de-la-tour-eiffel-a-apollinaire-quand-la-modernite-touche-le-ciel/   Interessant ist in diesem Zusammenhang vielleicht auch, dass  es  nur französische Wissenschaftler und Ingenieure sind, deren Namen in den Eiffelturm  eingraviert sind – und übrigens auch keine Frauen….

(4a) Marianne und Germania 1789-1889. Frankreich und Deutschland. Ausstellungskatalog Berlin 1996, S. 468/469

[5] http://www.laplanteduval.com/Bruno_Laplante/fr_Bruno_Gounod_Liberte.shtml

https://blogs.mediapart.fr/agnes-kerr/blog/261016/miss-liberty-130-ans

[6] Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Freiheitsstatue

Was den Bezug zu Delacroix angeht, stimme ich übrigens mit der schönen Darstellung  Rudolf Walthers  nicht überein, der ich ansonsten viel verdanke. („und sein Pathos orientierte sich an Eugène Delacroix‘ berühmtem Freiheitsbild“) In: Rudolf Walther:  Frédéric Auguste Bartholdi – ist die Freiheitsstatue eine Ägypterin? Die ZEIT vom 30.9.2004 und in: R.W.:  „Aufgreifen, angreifen, begreifen“ , Bd 3 , Münster 2013, S. 96 ff.

[7]  S. Edward Berenson, La statue de la Liberté: Histoire d’une icône franco-américaine. 2012. Zuerst, ebenfalls 2012,  englisch bei Yale University Press: The Statue of Liberty. A Transatlantic Story.

[8] Zit. von Rudolf Walther in:  Frédéric Auguste Bartholdi – ist die Freiheitsstatue eine Ägypterin? a.a.O.

[9] Siehe Rudi Walther,  Frédéric Auguste Bartholdi – ist die Freiheitsstatue eine Ägypterin? a.a.O.

Allerdings wird z.T. die Konstruktion auch Maurice Koechlin,  dem leitenden Ingenieur Eiffels, zugeschrieben. Siehe  https://de.wikipedia.org/wiki/Maurice_Koechlin  oder beiden gemeinsam.

Was das Gewicht der Kupferplatten angeht, schwanken die Angaben. Bei Walther sind es 80 Tonnen, an anderer Stelle  werden 100 Tonnen genannt: https://blogs.mediapart.fr/agnes-kerr/blog/261016/miss-liberty-130-ans

[10] http://www.laplanteduval.com/Bruno_Laplante/fr_Bruno_Gounod_Liberte.shtml

[11] https://fr.wikipedia.org/wiki/Rue_de_Chazelles  Dort auch das Foto des Bildes von Darbaud.

http://lafabriquedeparis.blogspot.fr/2013/04/la-liberte-eclairant-la-rue-de-chazelles.html   https://de.wikipedia.org/wiki/Gadget

[12] Zitiert von Rudolf Walther,   Frédéric Auguste Bartholdi – ist die Freiheitsstatue eine Ägypterin? a.a.O. und  im hervorragenden Blog des Le Monde-Journalisten Denis Cosnard über das industrielle Paris:

http://lafabriquedeparis.blogspot.fr/2013/04/la-liberte-eclairant-la-rue-de-chazelles.html

 

Zum Weiterlesen

Jacques Betz,, Bartholdi. Paris 1954

La statue de la Liberté. L’exposition du centenaire. Musée des Arts décoratifs. Paris 1986

Die weinende Freiheitsstatue von New York und ihre Schwestern in Paris (Teil 1)

Schlägt man derzeit die Zeitungen auf oder hört die Nachrichten, bin ich –und sind unsere Freunde in Frankreich und Deutschland- stets von Neuem entsetzt und fassungslos über das, was man von dem  neuen amerikanischen Präsidenten und seinen Mitarbeitern erfährt. Man musste zwar schon auf einiges gefasst sein, aber dass Trump mit einer solchen fanatischen Entschlossenheit, einem solchen wahnwitzigen Tempo und ohne jede taktisch-politischen, juristischen –geschweige denn moralischen- Rücksichten sein Wahlprogramm exekutiert, haben sich wohl die wenigsten vorstellen können.

Ein vorläufiger Höhepunkt der Trump’schen  Dekret-Kaskaden sind die  Einreiseverbote für Muslime aus bestimmten (ziemlich willkürlich) ausgewählten Ländern und die weitestgehende Schließung der US-amerikanischen Grenzen für Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien, die die bisherige Zurückhaltung der Obama-Administration in diesem Punkt noch deutlich übertrifft. Diese Maßnahmen, die in völligem Widerspruch stehen zur amerikanischen Tradition und zum amerikanischen Selbstverständnis, haben nun allerdings eine breite Widerstandsbewegung ausgelöst. Der haben sich inzwischen auch  prominente Unternehmer angeschlossen, während die Wallstreet ja zunächst im Vollrausch war wegen des versprochenen und begonnenen Abbaus von Steuern, Umweltschutzauflagen, Anti-Trust- und sonstigen Regulierungen…

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Dass in der amerikanischen Presse sogar der Text Martin Niemöllers über die Notwendigkeit des Widerstands im Nationalsozialismus auf Trump bezogen wird, ist bezeichnend genug. Der Text Martin Niemöllers:

Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen;

ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen;                                                               ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.[1]

In den „Daily News“ sind es die Mexikaner, dann die Muslime – und man kann sich leicht ausmalen, welche weiteren Bevölkerungsgruppen betroffen sein könnten…

Man kann und muss sicherlich –wie Le Monde- Trump als „gefährlichen Menschen“ und „gefährlichen  Präsidenten“ bezeichnen,  und  Vergleiche  zwischen dem Aufstieg Trumps und dem Hitlers und zwischen den Persönlichkeiten beider Männer haben derzeit Konjunktur, wie auch das nachfolgende Bild aus dem Courrier International und der dazu gehörende Artikel zeigen.

Trump holds a campaign rally in Grand Junction, Colorado

 Der Historiker Timothy Snyder von der renommierten Yale-Universität gibt den USA in einem Interview der „Süddeutschen Zeitung“ nach dem Wahlsieg Trumps maximal ein Jahr, „um Amerikas Demokratie zu verteidigen“. Er sieht „unheimliche“ Parallelen zum Aufstieg der Nationalsozialisten in Deutschland und „das Playbook der Dreißiger“. In zwei großen Debattenbeiträgen in  Le Monde 7. März 2017 betrachten Timothy Snyder und der Faschismusforscher Robert O. Paxton, Autor des grundlegenden Werks über das Frankreichs Vichys,  die Präsidentschaft Trumps unter dem Blickwinkel des europäischen Faschismus.

Snyder zitiert hier einen Ausspruch  Trumps aus dem Jahr 1989, wonach die bürgerlichen Freiheiten dann ihr Ende fänden, wenn die Sicherheit des Landes in Gefahr sei. Und er erinnert in diesem Zusammenhang an den Reichstagsbrand, der den Nazis als Vorwand gedient habe, eben diese bürgerlichen Freiheiten abzuschaffen. Und er leitet darauus eine Warnung für die Gegenwart ab:

Si nous avons à affronter encore une attaque terroriste- ou ce qui semble être une attaque terroriste -ou ce que le gouvernement appelle une attaque terroriste- , c’est l’administration Trump qui sera tenue responsable de notre sécurité. Alors, dans ce moment de peur et de deuil, quand le pouls de la politique risquera soudainement de s’emballer, il faudra aussi être prêts à se mobiliser our nos droits constitutionels. Le feu du Reichstag a longtemps servi de modèle aux tyrans; il doit aujourd’hui servir d’avertissement aux citoyens.“ [2]

Paxton sieht  durchaus faschistische Motive bei Trump:

„Trump reprend plusieurs motifs typiquement fascistes: déploration du déclin national, imputé aux étrangers et aux minorités; mépris des règles juridiques; caution implicite de la violence à l’encontre des opposants; rejet de tout ce qui est international, que ce soit le commerce, les institutions ou les traités en place.“

In dem Bestreben Trumps und seiner engsten Berater, exekutive Befugnisse ohne juristische Beschränkungen und mediale Kontrolle zu etablieren, sieht Paxton  Anzeichen einer „dictature en général“, aber er sieht auch grundlegende Unterschiede zum Faschismus. Trump sei kein Ideologe, eher ein Plutokrat.  [2]

Allerdings meine ich, dass gerade aus deutscher Sicht allzu wohlfeile Verbindungen zwischen Trump und Hitler fehl am Platze sind. Und die deutsche Situation von 1933 und die amerikanische von heute sind doch wohl -bei allen Parallelen im Einzelnen- sehr unterschiedlich.

Die weinende Freiheitsstatue

Wenn in den (amerikanischen) Medien illustriert werden soll, wie Trump mit der Axt auf das Amerika der Freiheit und Weltoffenheit einschlägt, wird  -wie oben in den Daily  News-  oft das Bild der Freiheitsstatue von New York herangezogen.

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Am 4.2.  ist auch der „Spiegel“  mit einem  entsprechenden Titelbild erschienen, das in den USA für einige Kontroversen gesorgt hat. „Gestaltet hat die Titelseite der aus Kuba stammende Künstler Edel Rodriguez, der 1980 als politischer Flüchtling in die USA gekommen war. In der „Washington Post“ sprach er  mit Blick auf den von Trump verhängten Einreisestopp für Menschen aus sieben islamischen Ländern von einer „Enthauptung der Demokratie, Enthauptung eines heiligen Symbols“.

Ähnlich äußerte sich „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer. „Auf unserem Titelbild enthauptet der amerikanische Präsident jenes Symbol, das seit 1886 Migranten und Flüchtlinge in den USA willkommen heißt, und damit Demokratie und Freiheit„, teilte er der Deutschen Presse-Agentur mit.“ (2a)

Weit verbreitet wurde in den sozialen Medien  das Bild der Miss Liberty, die vor Schreck  ihr Gesicht bedeckt: „Was haben sie getan?

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Serguei in Le Monde vom 1. Februar 2017 verwandelt die stripes der amerikanischen Fahne in Gitterstäbe, hinter denen die Freiheitsstatue gefangen ist:  Die Demokratie Version Trump

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Am gleichen Tag veröffentlichte Le Monde auf der ersten Seite der Ausgabe eine weitere Karikatur zu Trump, gezeichnet von  Plantu, dem „Hauptkarikaturisten“ des Blattes.

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Plantu war am Abend des 31. 1 zu einer Veranstaltung über „die Rolle der Pressse- Karikatur in der Demokratie“ in der Fondation Jean Jaurès –dem französischen Pendant der deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung-  eingeladen.[3]

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Dabei berichtete er über die Redaktionssitzung vom Vormittag, auf der unter anderem auch über die Karikatur der ersten Seite der Ausgabe vom 1.1.  beraten wurde. Plantu hatte nämlich noch eine Alternative vorbereitet:

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„Wenn ihr einen symbolischen Akt vollbringen wollt, verbrennt nicht die Fahne, sondern reinigt sie“

Norman Thomas, von dem diese Worte stammen, war ein amerikanischer demokratischer Sozialist und dazu auch ein engagierter Befürworter eines vereinten Europas. Also ein Vertreter völlig gegensätzlicher Positionen zu denen Trumps. Dass Plantu ihn hier zitiert, hat also seine volle Berechtigung, ebenso wie das Bild der traurigen Freiheitsstatue. Aber die Redaktion hat sich dann doch lieber für die Klu-Klux-Klan-Karikatur entschieden, die an Eindeutigkeit auch nichts zu wünschen übrig lässt. (3a)

An Eindeutigkeit ließen es übrigens auch nicht die Wagen auf den  Rosenmontagszügen am Rhein fehlen, die sich Trump als Motiv ausgesucht hatten – und das waren ganz offensichtlich einige:

In  Köln  greift der „Neue“, der Erstklässler Donald, gleich mal der Freiheitsstatue, seiner Lehrerin, in den Schritt – und als Einschulungsgeschenk hat er die Verfügung über die Atomwaffen erhalten. Aber außer Putin will niemand neben ihm auf der Bank sitzen.

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Und auf  dem Düsseldorfer Karevalszug  wird die  Freiheitsstatue von einem brutalen  Präsidenten  Trump schlichtweg vergewaltigt (3b):

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Um ihre Empörung über die Maßnahmen Trumps zum Ausdruck zu bringen, haben die demokratischen Fraktionsführer im Senat und im Repräsentantenhaus, Chuck Schumer und Nancy Pelosi, ein dazu passendes Bild verwendet, nämlich die weinende Freiheitsstatue:

„Tears are running down the cheeks of the Statue of Liberty tonight,“ Sen. Chuck Schumer of New York said on Friday, „a grand tradition of America, welcoming immigrants, that has existed since America was founded, has been stomped upon.“

House Democratic Minority Leader Nancy Pelosi offered similar expressions in her own statement: „As the Statue of Liberty holds her torch of welcome high, there are tears in her eyes as she sees how low this Administration has stooped in its callousness toward mothers and children escaping war-torn Syria.“[4]

„The New Colossus“ von Emma Lazarus

Die „große Tradition Amerikas“, Einwanderer und Flüchtlinge willkommen zu heißen, findet ja in der Tat ihren sinnfälligsten Ausdruck in der im Hafen von New York aufgebauten Freiheitsstatue. Und in dem Gedicht „The New Colossus“ der amerikanischen Schriftstellerin Emma Lazarus, deren letzte Zeilen 1903 auf eine Bronzetafel im Sockel der Statue eingraviert wurden:

„Give me your tired, your poor,
Your huddled masses yearning to breathe free,
The wretched refuse of your teeming shore.
Send these, the homeless, tempest-tost to me,
I lift my lamp beside the golden door!“

Die deutsche Übersetzung:

„Gebt mir eure Müden, eure Armen,
Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren,

Den elenden Unrat eurer gedrängten Küsten;
Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen,
Hoch halt‘ ich mein Licht am gold’nen Tore!“[5]

 

Die  Huffington Post berichtete am 18.11. 2016 über eine Pressekonferenz Trumps, in der er gefordert habe, die Freiheitsstatue aus dem Hafen von New York zu entfernen, weil sie die Einwanderung in die Vereinigten Staaten ermutige. Und das entspreche nicht dem Willen der amerikanischen Bevölkerung:

„President-elect Donald Trump called for the removal of the Statue of Liberty from New York harbor because it encourages immigration to the United States.

Trump said he was elected president because he promised to secure the American borders. This, he said, meant the country had to stop the flow of unwanted immigrants, whether they came from Mexico, Canada, or Europe.

“It makes no sense to tell the world you can’t come here unless we invite you and then you have this frumpy old woman standing outside our country and telling people to come and stay as long as you want,” Trump said during a press conference at the Trump Tower in New York City. “Does this make any sense?”

Trump said the words on the Statue of Liberty run contrary to everything his supporters believe — although, he admitted, he couldn’t remember the words.

“What does the Statue of Liberty say? I don’t know. To be honest, I’ve lived in New York City my whole life and I’ve never been there,” Trump said. “Why would anyone go? Nobody goes there.”

A reporter told him that the Statue of Liberty said, “Give me your tired, your poor, your huddled masses yearning to breathe free, the wretched refuse of your teeming shore. Send these, the homeless, tempest-tossed to me, I lift my lamp beside the golden door!”

“Is that right? Really? Your tired? Your poor? Your wretched refuse? Homeless? So that’s how they all got here? When Europe sends its people, they’re not sending the best,” Trump said, rolling his eyes. “Who needs those people? It might as well say, `Give us your rapists, your criminals, your drug dealers …. your coddled terrorists.’ “

Als ich –im Zuge der Beschäftigung mit diesem Blog- Beitrag-  diesen Text gelesen habe, habe ich Trumps Ansinnen einen Moment lang für authentisch gehalten- Trump ist derzeit ja (fast) alles zuzutrauen. Und symbolisch hat Trump  die Freiheitsstatue schon, wie die Karikaturen zeigen, nicht nur versetzt, sondern sogar in Stücke gehauen oder hinter Gefängnisgitter verbannt. Aber es handelt sich hier- in guter Tradition der Huffington Post- (noch) um die Fiktion eines amerikanischen Journalistik-Professors.[6]

Die wird dann in einem weiteren  Beitrag der Huffingtonpost vom 29.1. 2017 noch auf weiter zugespitzt. Trump habe, wie sein Pressesprecher Spicer mitgeteilt habe, verfügt, das Gedicht auf dem Sockel der Freiheitsstatue den neuen Zeiten entsprechend zu verändern.[7]

„White House Press Secretary Sean Spicer said, “The President has also ordered that the words of the poem on the Statue be changed to:

“Give me your oil tycoons, your rich,
Your women (10s only and under 35) yearning to be groped,
The oligarchs who surround Putin.
Send these, those with multiple mansions, to me,
I lift my middle finger beside the golden door of Trump Tower!”

“People are saying this is the greatest idea in the history of America—no, the world,” said Spicer, relaying Trump’s words.“

Damit wird der Bruch Trumps mit dem amerikanischen Ideal satirisch auf den Punkt gebracht.  Und wenn hier sein Pressesprecher Spicer die Neufassung des Freiheitsstatuen-Gedichts als die größte  Idee in der Geschichte Amerikas, ja der Welt bezeichnet, dann bezieht sich das auf die tatsächliche  Diktion dieses Pressesprechers, die –wie ich kürzlich in Le Monde gelesen habe- an die Lobpreisungen des nordkoreanischen Diktators  Kim jong-un erinnert.

Aber die Begeisterung des amerikanischen Pressesprechers für die Politik seines Präsidenten hat ihren Grund: Für Trump und seine Anhänger geht es immerhin darum, die Freiheit des amerikanischen Volks vor islamistischen Terror zu schützen. – so wie nach dem Ersten Weltkrieg vor europäischen Anarchisten…. (7a)
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Miss Liberty back home?

Allerdings wird bei  Trumps Kampagne zum Schutz der Freiheit ziemlich bedenkenlos auf Freiheits- und Menschenrechten  herumgetrampelt. Insofern ist es nur allzu verständlich, wenn -in satirischer Form- schon Überlegungen zur Repatriierung der Statue of Liberty angestellt werden.

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„Was machen wir, wenn Donald Trump Präsident wird?“ „Vielleicht wird mich Frankreich        zurücknehmen“

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Und hier fragt die „Trump Deportation Task Force“:Wohin mit ihr?“

 

Die Freiheitsstatue: Ein Geschenk Frankreichs an die Vereinigten Staaten

Dass die Freiheitsstatue die Worte von einer Rücknahme durch Frankreich in den Mund gelegt werden und Paris  Ziel einer „Deportation“ durch das Trump-Kommando ist, hat seinen Grund darin, dass die Statue ja ein Geschenk Frankreichs an die USA ist, in Paris hergestellt und von dort aus nach New York transportiert wurde. Eigentlich sollte sie am 4. Juli 1876, dem 100. Jahrestag der amerikanischen  Unabhängigkeitserklärung, eingeweiht werden. Allerdings gab es auf beiden Seiten des Atlantiks Finanzierungsprobleme: Die USA waren für die Errichtung des Sockels zuständig, für dessen  Finanzierung ja auch das Gedicht von Emma Lazarus beitragen sollte, Frankreich lieferte die Statue.

Auch deren Herstellung verzögerte sich. Noch 1878 wurde der Kopf auf der Weltausstellung in Paris gezeigt.  Dann wurde die Statue in 350 Teile zerlegt und in 214 Kisten  über den Atlantik transportiert.

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Die Füße und der Aufsatz der Fackel bei der Ankunft in New York

Innerhalb von vier Monaten wurde sie wieder zusammengebaut. Vor tausenden Zuschauern weihte der damalige US-Präsident Grover Cleveland die „Liberty Enlightening the World“, wie die Freiheitsstatue mit vollem  Namen heißt,  am 28. Oktober 1886 im Hafen von New York ein. Seitdem steht sie auf „Liberty Island“ im Hafen von New York.[9]

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Ausblick

Im zweiten Teil dieses Blog-Beitrags wird es um die französischen „Väter“  von „Miss Liberty“ gehen, zu denen übrigens niemand Geringeres als Gustave Eiffel gehört,  und im dritten Teil werden die  fünf  kleineren Pariser Schwestern  der New Yorker Freiheitsstatue vorgestellt:

  • Die beiden Statuen im Musée des Arts et Métiers
  • Die Statue auf der Île aux Cygnes in der Seine
  • Die Statuen  im Jardin du Luxembourg/im Musée d’Orsay

Abgeschlossen am 1.2.2017/ergänzt am 4.2.2017

Anmerkungen

[1] Zur Entstehung und zum historischen Hintergrund des Textes siehe: http://martin-niemoeller-stiftung.de/martin-niemoeller/was-sagte-niemoeller-wirklich#more-212

[2]   http://www.courrierinternational.com/article/polemique-peut-comparer-lascension-de-trump-celle-de-hitler#&gid=1&pid=1

Robert O. Paxton; Trump est un ploutocrate, pas un idéologue. Le Monde, 7.3.2017

Timothy Snyder, Les populistes d’aujourd’hui on retenu la lecon de 1933. In: Le Monde, 7.3.2017

http://www.sueddeutsche.de/politik/timothy-snyder-wir-haben-maximal-ein-jahr-zeit-um-amerikas-demokratie-zu-verteidigen-1.3365852

siehe auch: . https://www.gmx.net/magazine/politik/donald-trump-vergleiche-adolf-hitler-schraeg-alarmierend-32183448

Der amerikanische Historiker Philip Zelikow bezeichnet in einem Interview  mit der FAZ vom 29.1.2018 Trump aufgrund seiner Geringschätzung des Rechts und der demokratischen Institutionen, seiner Vorstellung der Rolle des Staates und seines nationalen/völkischen Ausrichtung als nationalen Sozialisten:

http://www.faz.net/aktuell/politik/trumps-praesidentschaft/faz-net-interview-trump-ist-ein-nationaler-sozialist-15416457.html

(2a) https://www.gmx.net/magazine/politik/spiegel-cover-donald-trump-henker-sorgt-usafuer-kontroverse-32151810

dazu auch: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/spiegel-cover-zu-trump-der-praesident-als-killer-14842639.html

[3] Fotos von Frauke Jöckel.

Plantu stellte auf der Veranstaltung seine neue Karikaturen-Sammlung vor: Debout! Édition du Seuil 2016

Ein Bericht und ein Video über die Veranstaltung:

https://jean-jaures.org/nos-productions/le-dessin-de-presse-dans-tous-ses-etats

(3a) Die Karikatur bezieht sich auf die Unterstützung Trumps durch den Ku Klux Klan: siehe: https://www.washingtonpost.com/news/post-politics/wp/2016/11/01/the-kkks-official-newspaper-has-endorsed-donald-trump-for-president/?utm_term=.f7cda7b2b4bb

(3b) http://img.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-02/karneval-rosenmontag-umzug-bilder/karneval-rosenmontag-umzug-14.jpg/imagegroup/original__827x620__desktop

und: http://www1.wdr.de/unterhaltung/karneval/rosenmontag-wagen-100.html

[4] http://uk.businessinsider.com/trump-extreme-vetting-refugees-lawmakers-respond-2017-1?r=US&IR=T

[5] http://time.com/4652666/statue-of-liberty-give-me-your-tired-poor/

Die deutsche Übersetzung: https://de.wikipedia.org/wiki/The_New_Colossus Der Titel des Gedichts bezieht sich auf den Koloss von Rhodos. Geschrieben hat es die sich für jüdische Flüchtlinge engagierende Emma Lazarus im Rahmen einer Geldsammlung für den Sockel der Statue.

[6] http://www.huffingtonpost.com/christopher-lamb/presidentelect-trump-call_b_13077746.html

[7] http://www.huffingtonpost.com/robert-s-mcelvaine/trump-orders-raised-middl_b_14481080.html

(7a) https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Come_unto_me,_ye_opprest.jpg

[8] Die beiden nachfolgenden  Karikaturen sind abgedruckt im Blog des Etats Unis von Agnes Kerr vom 28. Oktober 2016:

https://blogs.mediapart.fr/agnes-kerr/blog/261016/miss-liberty-130-ans

[9] http://www.t-online.de/reisen/usa/id_79350268/13-kuriose-fakten-ueber-die-freiheitsstatue.html Dieser Quelle sind auch die beiden Fotos zur Freiheitsstatue entnommen.

Stolpersteine in Frankfurt am Main, eine Buchempfehlung

Im Juni 2016 habe ich in diesen Blog einen Bericht über die Verlegung von zwei Stolpersteinen in Frankfurt am Main eingestellt: Von Frankfurt nach Paris und zurück: Die Stolpersteine in der Westendstraße. Am Anfang stand eine Begegnung in Paris mit dem in Frankfurt geborenen und bis zur sog. „Kristallnacht“ dort aufgewachsenen Pariser Arzt Dr. Pierre Adler – ein im Blog beschriebenes,  für alle Frankfurter Lokalpatrioten und Stoltze-Freunde wahrhaft anrührendes Zusammentreffen. Daraus entstanden mehrere Projekte:

  • ein Interview mit Dr. Adler, das dem Projekt „jüdisches Leben in Frankfurt“ zur Verfügung gestellt wurde;
  • von meiner ehemaligen Kollegin Frau Doris Stein erstellte Portraits von Recha und Dr. Leo Koref sowie von Dr. Pierre Adler, die demnächst  auf der Website des Projekts veröffentlicht werden.
  • ein Besuch von Dr. Adler und seiner Frau in Frankfurt im Mai 2016 im Rahmen des Besuchsprogramms der Stadt für  jüdische sowie politisch oder religiös verfolgte ehemalige Frankfurter Bürgerinnen und Bürger“
  • und im Rahmen dieses Besuchsprogramms die Verlegung von zwei Stolpersteinen in der Frankfurter Westendstraße für Recha und Dr. Leo Koref, zwei Verwandte von Dr.  Adler, die Opfer des Holocausts geworden sind.

Zwar hatte ich bis dahin schon einige Stolpersteine gesehen und auch einiges darüber  gelesen, aber mich noch nicht intensiver mit ihnen beschäftigt. Das Stolperstein-Projekt für die Verwandten Dr. Adlers mit der bewegenden kleinen Verlegungs- Zeremonie vor dem Haus Westendstraße 98 als Abschluss und Höhepunkt veranlasste mich aber, bei einem Besuch der Stadt gewissermaßen mit Stolperstein-Blicken durch die Straßen zu gehen und machte mich neugierig –hatte ich wieder einen entdeckt- mehr über die Menschen zu erfahren, an die hier erinnert wird.

Diesem Bedürfnis kommt jetzt ein gerade erschienenes kleines Buch entgegen. Herausgegeben von der Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main schlägt es zehn Rundgänge durch Frankfurter Stadtteile  vor.  Sie führen zu Orten, aus denen Menschen zur Zeit des Nationalsozialismus herausgerissen wurden und man erfährt dabei etwas über ihr Schicksal. Und es wird auch auf Orte jüdischen Lebens in Frankfurt aufmerksam gemacht, an denen man sonst vielleicht achtlos vorbeigehen würde.

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Dass ich  dieses Buch hier empfehle, hat mehrere Gründe:

In Frankfurt gibt es inzwischen weit mehr als 1000 Stolpersteine für Opfer des NS-Regimes – nach Berlin, Hamburg und Köln ist Frankfurt damit die vierte deutsche Stadt mit mehr als 1000 Stolpersteinen. Immerhin hatte Frankfurt ja auch in den 1920-er Jahren nach Berlin die größte jüdische Gemeinde Deutschlands und war die deutsche Stadt mit dem größten Anteil jüdischer Bevölkerung (6,3%).  Alle Stolpersteine in einem Buch zu dokumentieren, würde wohl in vielerlei Hinsicht abschrecken. Aber sich ab und zu unter Anleitung eines handlichen kleinen Buches einen eng umgrenzten Spaziergang von 1 bis 3 km Länge durch einen Frankfurter Stadtteil vorzunehmen: Das wirkt einladend. Zumal Anfangs- und Endpunkte mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen sind. Diese praktischen Informationen stehen gleich am Anfang der beschriebenen Rundgänge. Und eine Übersichtskarte gibt es auch.

Das Projekt der Stolpersteine ermöglicht einen konkret erfahrbaren Einblick „in jene umfassende Kartographie (….), welche die Stolpersteine über das Pflaster der deutschen und europäischen Städte legen“, wie die israelische Kunsthistorikerin Galit Noga-Banai schreibt. „Die Toten  des Holocaust haben keine eigenen  Gräber, doch jeder und jede von ihnen hatte ein Zuhause, einen Arbeitsplatz, eine Schule oder Universität- kurz eine Adresse. Was entscheidend ist, ist nicht das Haus oder das Gebäude, das die Verfolgten oder Getöteten einst bewohnten, sondern diese Adresse. Denn sie ist das, was bleibt, ganz egal, wer heute dort wohnt oder nach Schoa und Krieg dort gewohnt hat. Unter allen dort vorhandenen ‚Siedlungsschichten‘ gibt es -und wird es immer geben- die Schicht derjenigen, die verschleppt und vernichtet wurden und die namenlos waren, bis die Stolpersteine ihre Namen am selben Ort wieder sichtbar gemacht haben.“ (1)

Ein wichtiges Verdienst des Bucches ist es, dass hier nicht nur eine Kartographie jüdischen Lebens und jüdischen Leidens und Sterbens deutlich wird, sondern dass zusätzlich zu den auf den Stolpersteinen genannten Namen viele oft mit Bildern versehene nähere Informationen gegeben werden. Diese biographischen Angaben enden meist mit den Worten  „verhaftet“, „erschossen“, „deportiert“, „vergast“, „ermordet“.  Es geht hier um unermessliche, schreckliche Verbrechen, die im deutschen Namen begangen  wurden. Aber es sind hier keine abstrakten und sowieso kaum fassbaren Zahlen, sondern einzelne Menschen, mit einem Namen, einer Familie, einer eigenen Geschichte und einem konkreten Ort, wo sie gelebt haben, aber auch, wo sie zu Tode gekommen sind.  Dabei wird auch deutlich, was die Stadt mit der Vertreibung und Vernichtung ihrer jüdischen Mitbürger verloren hat.  Da ist die Opernsängerin Magda Spiegel, die 18 Jahre lang dem Ensemble der Frankfurter Oper angehörte. Sie übernahm Rollen in Opern von Wagner und Verdi, wurde aber auch von zeitgenössischen Komponisten wie  Hindemith, Schreker und Richard  Strauß geschätzt. Theodor W. Adorno bezeichnete sie noch Anfang 1933 als „eine der größten Sängerinnen im deutschsprachigen Operntheater“. (S. 83)  1935 wurde ihr Vertrag nicht mehr verlängert. Ihr weiteres Leben in Frankfurt war von großer Not und mehreren erzwungenen Umzügen geprägt. 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert, wo sie noch bei Opernabenden sang.  1944 verlor sich ihre Spur in Auschwitz… Da gibt es den Kaufmann Julius Wertheimer, dem ein großzügiges Mietshaus am Bethmannpark gehörte. Die Nazis machten daraus ein Ghettohaus oder –wie sie es nannten- ein „Judenhaus“, in dem andernorts vertriebene Juden zusammengepfercht wurden. Julius Wertheimer überlebte die NS-Herrschaft in einem Versteck in Amsterdam – anders als Anne Frank, die natürlich in einem solchen Buch nicht fehlen darf und der ein eigener Rundgang gewidmet ist. Man kommt dabei an ihrem Geburtshaus vorbei und an dem  Haus, in dem die Familie Frank von 1931 bis zur Übersiedlung nach Amsterdam 1933 wohnte. Anne Franks Vater wurde dort Direktor der Opekta-Niederlassung. Ab 1942 wurden Anne und ihre Familie von holländischen Angestellten der Firma im Hinterhaus des väterlichen  Geschäfts in der Prinsengracht versteckt, wo das weltberühmte Tagebuch entstand. Im August 1944 wurde das Versteck verraten und die Bewohner verhaftet und deportiert. Im KZ Bergen-Belsen wurde Anne Frank ermordet. Der Rundgang auf den Spuren  Anne Franks beginnt übrigens an der Bildungsstätte Anne Frank, einem schönen Beispiel des in den 1920-er Jahren in Frankfurt sehr lebendigen Bauhaus-Stils. Das Gebäude war zunächst Jugendherberge, nach dem Krieg Theater der amerikanischen  Armee (American Playhouse); seit 1990 ist es ein Ort, an dem pädagogische Bildungsarbeit zu historischen und aktuellen Themen für Jugendliche und Pädagogen betrieben wird. (In meiner Zeit als Lehrer und Ausbilder in Frankfurt war ich öfters  dort mit Gruppen von Schülern oder angehenden Lehrkräften zu Gast).

Die meisten Geschichten, die in dem Buch anhand der Stolpersteine erzählt werden, enden tragisch wie die beiden nachfolgenden, die ich hier aufgreife,  weil sie zu diesem Frankreich- Blog und dem dort zu findenden Text über „Exil in Frankreich“ (Frankreich/Geschichte 18. April 2016) passen:  Der kleine  Kurt Joseph Marx (Stolperstein von der Eysseneckstraße 33) ist durch seine musikalische Begabung so bekannt, dass er  im Frankfurter Radio Akkordeon spielt. Schon 1933 entscheidet sich die Familie zur Großmutter ins Elsass zu ziehen. Mit Kriegsbeginn werden Kinder und Eltern zunächst als feindliche Ausländer interniert, dann aber wieder freigelassen. Kurt arbeitet als Knecht bei Bauern und kann so die Familie mit Nahrungsmitteln versorgen. Nach dem Sieg der Wehrmacht über Frankreich gelangt die Familie in das noch unbesetzte Südfrankreich, wird auch dort interniert, aber unter abenteuerlichen Umständen erneut freigelassen. 1943 wird Kurt dann aber endgültig verhaftet und über das Internierungslager Gurs in den Pyrenäen und das Durchgangslager Drancy bei Paris –heute endlich eine würdige Gedenkstätte- nach Majdanek in den Tod geschickt. Ein ähnliches Schicksal erlitt auch Joseph Strauß, dessen Eltern in der Fahrgasse 44-46 eine koschere Metzgerei betrieben. (heute 18-20. Dort liegen die Stolpersteine für ihn und seinen Bruder Robert, der ebenfalls –mit Frau und Kindern deportiert und ermordet wurde).  Joseph konnte 1937 über Italien und die Schweiz nach Frankreich flüchten, wo er im Lager Rivesaltes bei Perpignan als „unliebsamer Ausländer“ interniert wurde – neben spanischen Bürgerkriegsflüchtlingen, Juden, Kommunisten und „Zigeunern“. Im Dezember 1942, also kurz nach der Besetzung der von Vichy verwalteten sogenannten „freien Zone“,  wurde auch er über Drancy nach Auschwitz deportiert.

Wichtig und gut ist, dass bei den Stolpersteinen und den Rundgängen nicht nur jüdische Opfer des NS-Regimes berücksichtigt sind. Es sind auch  Euthanasie-Opfer oder die 1940 ins KZ  Ravensbrück eingelieferte und dann ermordete Sinti- und Roma- Frau Kunigunde Klein. Ihren Nachkommen wurde noch 1962 eine „Wiedergutmachung“ –ein „Unwort“ der 1950-er Jahre-  verweigert, weil doch angeblich erst 1943 „die Verfolgung der Zigeuner aus rassischen Gründen“ begonnen habe. Dies entsprach der damals geltenden Urteilspraxis, nach der die Verfolgung der Sinti und Roma bis 1943 allein auf die Neigung dieser Bevölkerungsgruppe zu „Asozialität“, „Kriminalität“ und „Wandertrieb“ zurückzuführen, also insoweit nicht entschädigungsrelevant sei. Der Stolperstein für Kunigunde Klein  wirft damit ein Schlaglicht auf ein düsteres Kapitel der deutschen Rechtsgeschichte nach 1945.

Die Darstellung der Rundgänge beginnt mit einer allgemeinen Einführung in den entsprechenden Stadtteil – natürlich unter besonderer Berücksichtigung der Rolle, die dort vor 1933 jüdische Mitbürger/innen gespielt haben. Insgesamt wird in dem Buch viel von dem alten  Frankfurt lebendig, wozu entsprechende Illustrationen, zum Beispiel der Judengasse und  des Stammhauses der Rothschilds in der Börnestraße, beitragen. Aber dazu kommen auch viele eher private Fotos – vermutlich aus Familienbesitz-  so dass insgesamt ein  facettenreiches Bild jüdischen Lebens in Frankfurt entsteht.

Bei den Rundgängen erfährt man auch  viel Schlimmes, Bedrückendes über geschäftstüchtige, schamlose Profiteure, die in der Vertreibung ihrer  Mitbürger eine Chance für sich sahen, indem sie zum Beispiel „nicht-arischen Besitz“ billig ersteigerten, jüdische Immobilien zum Schnäppchenpreis aufkauften oder ihren Nachbarn, die die Wohnung verlassen mussten, weil sie deportiert wurden,  ein paar Kartoffeln für ein  Möbelstück anboten: „Ihr kommt ja doch alle fort und dürft nichts mitnehmen“. An Vertreibung und Vernichtung erinnern die neue Gedenkstätte an der Großmarkthalle/der EZB oder die Gedenkstätte am Börneplatz mit dem Alten Jüdischen Friedhof, die auch bei den Rundgängen angesteuert werden: An der Außenmauer des Alten Jüdischen  Friedhofs sind auf 12.780 kleinen hervorgehobenen Stahlblöcken Name, Geburtstag, Todestag und Deportationsort aller Frankfurter Juden verzeichnet, die zwischen 1933 und 1945 deportiert und ermordet wurden.

Aber auf den Rundgängen wird auch die Civilcourage nicht ausgespart, die es immerhin gab; Da ist die „arische“ Haushaltshilfe, die von dem jüdischen Ehepaar,  bei dem sie arbeitete, aufgrund der Nürnberger Gesetze entlassen werden  musste; die aber nachts ins Haus schlich, um Lebensmittel zu bringen, während ihre Tochter Schmiere stand… oder der  katholische  Pfarrer, der sich weigerte, am 9. November 1935 –dem Gedenktag an den Hitlerputsch von 1923- seine Kirche mit Hakenkreuz-Fahnen zu beflaggen und der deshalb mehrere Monate in Haft gehalten  wurde… oder der in dem Buch „Portier“ genannte „Hauswart“,  der am 10. November 1938 den gewalttätigen Nazimob abwehrte, indem er im gespielten Brustton der Überzeugung erklärte, in diesem Haus gäbe es keine Juden: Davon haben zum Teil die berichtet,  denen solche Akte der Menschlichkeit galten. Und es sind gerade solche Akte der Menschlichkeit und der Civilcourage, die hochgehalten werden müssen, wenn man das „Nie wieder!“  als Auftrag ernst nimmt.

Man kann das Buch gut in die Tasche stecken und mit seiner Anleitung dem einen  oder anderen  Rundgang folgen. Man kann aber das Buch oder das eine oder andere Rundgang-Kapitel einfach auch nur in Ruhe lesen. Eine abwechslungsreiche, spannende, beschämende, bereichernde Lektüre. Das liegt auch an den vielen verwendeten persönlichen Dokumenten, die die Initiative Stolpersteine aufgespürt und verwendet hat: Das ist Geschichte von unten  im besten Sinne.  Das Buch enthält dazu eine Reihe von aufschlussreichen Anhängen: u.a. eine Liste der Deportationen aus Frankfurt von 1941- 1945; ein Glossar, in dem im Buch verwendete Begriffe wie „Heimeinkaufsvertrag“,  „Mischehe“ oder eben „Judenhaus“ erklärt werden; eine Übersicht über Opfergruppen (Juden, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Sinti und Roma, politischer Widerstand, „Euthanasie“-Opfer) mit der Angabe, wie viele Stolpersteine bisher für Angehörige der jeweiligen Gruppen verlegt wurden, und eine ausführliche,  auch auf die einzelnen Stadtteile bezogene Bibliographie.

 

Stolpersteine  holen, wie der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann in dem Grußwort zu dem Buch schreibt, „Opfer aus ihrer Anonymität und geben uns und ihnen ihre persönliche Geschichte zurück. Sie führen uns zu den Orten, wo sie gelebt, gearbeitet, gelitten haben.“  Sie sind Anlass  und Ergebnis einer engagierten Forschungsarbeit, wie sie unter anderem von der Initiative Stolpersteine Frankfurt oder vom Projekt jüdisches Leben in Frankfurt geleistet wird. Oft waren es die Stolpersteine, die dazu anregten, Erinnerungen an die dort genannten Menschen zu erzählen und aufzuschreiben und sie so vor dem  Vergessen zu bewahren. Stolpersteine sind auch Anlass für Begegnungen zwischen überlebenden Opfern und ihren Nachkommen einerseits, die oft von weither anreisen, um bei der Verlegung der Stolpersteine dabei zu sein, und den (i.a.) Frankfurter/innen, die die Patenschaft für einen Stein übernommen haben. Und sie sind – um noch einmal Peter Feldmann zu zitieren, „eine Form der aktiven Annäherung an die Geschichte“, die „durch ihre Anschaulichkeit auch besonders geeignet (erscheint) für Schulklassen, Jugendgruppen und für junge Menschen überhaupt.“ Dies umso mehr, als es kaum noch Zeitzeugen gibt, die selbst noch berichten können. Und es gibt  immer mehr junge Menschen aus anderen Ländern und Kulturkreisen in Deutschland, die auch mit diesem Abschnitt der deutschen Geschichte vertraut gemacht werden sollten und von denen manche, die aus ihrem Heimatland flüchten mussten,  ganz persönliche Bezüge zu denen finden können, deren  Namen auf den Stolpersteinen verzeichnet sind.  In diesem  Sinne verstehe ich übrigens auch das Bild, das die Initiative  Stolperstein für das Foto auf der Umschlagseite ausgewählt hat.

Ich wünsche dem Buch also die Verbreitung, die es verdient. Und wenn dann einmal eine zweite  Auflage notwendig sein wird, dann wünsche ich mir, dass darin auch ein Rundgang durch das südliche Westend aufgenommen wird. Lohnende Anlaufpunkte gäbe es da mehr als genug: Zum Beispiel die Bettinaschule, die sich sehr engagiert mit ihrer Vergangenheit im Nationalsozialismus und dem Schicksal ehemaliger jüdischer Mitschüler/innen auseinandergesetzt hat; oder in der Westendstraße 92 den Stolperstein des Mediziners und Mitbegründers der Frankfurter Stiftungsuniversität Karl Herxheimer, der den eminenten Beitrag  jüdischer Mitbürger zur kulturellen und wissenschaftlichen Entwicklung Frankfurts veranschaulicht – und ein paar Häuser weiter befinden sich vor der Nr. 98 natürlich die Stolpersteine für Recha und Dr. Leo Koref….

 

Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main (Hrsg.): Stolpersteine in Frankfurt am Main. Zehn Rundgänge. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel 2017. 196 Seiten, 14.90 €

 

Vorstellung der Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main (S.195):

Die Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main recherchiert die Schicksale der Opfer, koordiniert die Verlegungen und informiert die Öffentlichkeit. Die Lebensgeschichten der Menschen, für die Stolpersteine verlegt werden, erscheinen in einer jährlichen Dokumentation. Die Dokumentationen sind in gedruckter Fassung erhältlich sowie als PDF-Dateien auf der Homepage der Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main herunterzuladen. Auf der Homepage der Initiative befindet sich auch die Liste der bisher verlegten Stolpersteine in alphabetischer Reihenfolge sowie nach Stadtteilen sortiert und unter dem Menüpunkt Dokumentationen ein Link zur Kartendarstellung aller in Frankfurt verlegten Stolpersteine. Auch die Homepage der Stadt Frankfurt bietet eine umfassende Dokumentation aller bisher verlegten Stolpersteine.“

Kontakt:

info@stolpersteine-frankfurt.de

www.stolpersteine-frankfurt.de

Dort findet man auch die Daten und Orte weiterer Stolperstein-Verlegungen, zu denen auch die Öffentlichkeit eingeladen ist.

Die Website des Projekts „jüdisches Leben in Frankfurt“:

http://www.juedisches-leben-frankurt.de/home/biographien-und-begegnungen.html

Die Informationen  zu Stolpersteinen auf der Website der Stadt Frankfurt am Main:

http://www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=1907322&_ffmpar[_id_inhalt]=1945549

 

Anmerkung:

(1) Galit Noga-Banai, Der Ort der Märtyer. Günter Demnigs Stolpersteine stehen in einer Tradition, die nicht abreißen darf. Anmerkungen zur Münchner Gedenkdebatte. In: FAZ 25. Januar 2018, S. 12. Noga-Banai kritisiert mit guten Argumenten das Münchner Verbot, in der Stadt Stolpersteine zu installieren, das auf Betreiben der langejährigen Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde von Stadtrat 204 beschlossen und 2015 erneuert wurde. „Die Stolpersteine, so Knoblochs Argumentation, seien keine würdige Form des Gedenkens, das  sie ‚bewusst oder leichtfertig mit Füßen getreten, beschmiert, mit Exkrementen von Hunden beschmutzt, geklaut, beschädigt‘ werden könnten.“  Das Frankfurter Stolperstein-Buch könnte aber eher dazu dienen, das Projekt Demnigs mit anderen Augen zu sehen und die  Gedenkdebatte in München wieder aufzunehmen, wie es Noga-Banai anregt.

Das Pariser Denkmal für das russische Expeditionskorps im Ersten Weltkrieg, eine russische Kapelle in der Champagne und die Kriegsbilder Zadkines

Anlässlich meiner Beschäftigung mit Orten des Friedens und des Kriegs in Paris (siehe Blog-Beitrag: Die Mauer für den Frieden auf dem Marsfeld) habe ich auch das Denkmal für das russische Expeditionskorps entdeckt, das im Ersten Weltkrieg auf Seiten Frankreichs gekämpft hat. Allerdings habe ich ihm zunächst keine weitere Beachtung geschenkt, weil ich ja vor allem Orte gesucht habe, die besonders für einen Besuch von Schülergruppen geeignet sind, die also möglichst vielfältige und eigenständige Entdeckungen ermöglichen und weiterführende Anregungen eröffnen. Das ist bei diesem Denkmal eher weniger der Fall.

Dann habe ich allerdings eine Ausstellung von  Kriegszeichnungen des russischen Bildhauers Zadkine  in dem ihm gewidmeten Pariser Museum besucht. Zadkine gehörte zwar nicht zu diesem Expeditionskorps- er lebte schon in Paris, als er der Weltkrieg begann- aber er engagierte sich als Sanitäter für die verwundeten Soldaten des russischen Corps.

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Das war dann Motivation genug, doch noch einmal das  Pariser Denkmal genauer zu betrachten. Und das heißt: mich ein wenig mit der abenteuerlichen Geschichte des russischen Expeditionskorps zu beschäftigen und mit der Geschichte dieses Denkmals – und damit auch mit dem Auf und Ab der französisch-russischen Beziehungen der letzten Jahre.

Das Denkmal, geschaffen von dem russischen Bildhauer Vladimir Sourovtsev, wurde am 21. Juni 2011 von den beiden damaligen Ministerpräsidenten Frankreichs und Russlands, François Fillon und Valentin Putin, eingeweiht – gerade unter aktuellen politischen Vorzeichen eine interessante Konstellation! Es steht auf der Grünanlage Place du Canada im 8. Arrondissement.

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Auf dem Sockel des Denkmals befinden sich –auf der Vorder- und Rückseite- Tafeln mit einer Widmung in französischer und russischer Sprache:

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Zur Erinnerung an die Soldaten und Offiziere des russischen Expeditionskorps, die von 1916 bis 1918 auf französischem Boden gekämpft haben. In Dankbarkeit: Frankreich und Russland“

 

Das russische Expeditionskorps in Frankreich

Insgesamt waren es etwa 45 000 russische Soldaten, die von Ostasien in einer fast zweimonatigen Schifffahrt nach Frankreich transportiert wurden, um am Kampf gegen die deutschen Truppen teilzunehmen. Die ersten Einheiten kamen  nach einem Transport von 30 000 Kilometern –über die Transsibirische Eisenbahn und den Seeweg über Port Arthur- im April 1916 in Marseille an, wo sie von der Bevölkerung begeistert empfangen wurden.[1]

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Ihre Entsendung beruhte auf einem französisch-russischen Tauschgeschäft: Russland, dessen Militärindustrie noch nicht den Anforderungen eines längeren Kriegs mit seinen Materialschlachten  gewachsen war, erhielt aus Frankreich Kriegsmaterial, Frankreich im Gegenzug russische Soldaten, um den Aderlass der ersten Kriegsmonate etwas auszugleichen: Die außerordentlich hohe Zahl französischer Kriegstoten war nicht zuletzt Resultat der Doktrin einer „offensive à outrance“, wie sie vom General und späteren Marschall Joffre entwickelt worden war.[2] Allein am 22. August 1914, als Frankreich „die blutigsten Stunden seiner Geschichte“ erlebte[3], kamen 27 000 französische Soldaten ums Leben. Zum Ausgleich für die hohen Verluste wurden auch chinesische Hilfskräfte engagiert[4] und vor allem Truppen aus den afrikanischen Kolonien, die sogenannten  „tirailleurs sénégalais.“

Die beiden russischen Brigaden, die für den Kampf gegen  die Truppen des Deutschen Reichs bestimmt waren –zwei andere Brigaden nahmen am Kampf gegen das osmanische Reich teil-  wurden zunächst in Frankreich (weiter) ausgebildet und ausgerüstet – zum Beispiel mit dem französischen Stahlhelm, in den der russische Doppeladler eingeprägt war. (Das Bild ist ein Detail vom Denkmal für das russ. Expeditionskorps).

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Im April 2017 nahmen die beiden russischen Brigaden in der Champagne an der sogenannten Nivelle-Offensive am Chemin des Dames teil, wo  sie sich militärisch auszeichneten. Allerdings waren die Verluste dabei außerordentlich hoch und der erhoffte „Durchbruch“ durch die feindlichen Linien gelang nicht.  Auch hier spielte  die Doktrin der „offensive à outrance“, die von General Nivelle, dem verantwortlichen Kommandeur, bedingungslos vertreten  wurde,  eine verhängnisvolle Rolle. Es kam sogar zu Meutereien französischer Soldaten gegen den „Blutsauger“ Nivelle, der schließlich durch Henri Pétain ersetzt wurde. Und es kam aufgrund der revolutionären Entwicklungen in Russland zu erheblichen Spannungen zwischen den Soldaten des russischen Expeditionskorps  und im September 2017 zu einer Meuterei bolschewistischer Soldaten, die von zarentreuen Russen und französischen Einheiten blutig niedergeschlagen wurde. Über 500  überlebende „Rädelsführer“ wurden verhaftet und zum Teil auf der Ile d’Aix festgesetzt. Die anderen russischen Soldaten wurden entwaffnet, das Expeditionskorps aufgelöst. Seine Mitglieder erhielten das Angebot, als Legion Russe in die französischen Streitkräfte integriert zu werden, wofür sich etwa 500  zarentreue Russen entschieden. Diese Einheit kämpfte im Rahmen einer marokkanischen Division der französischen Streitkräfte bis Ende des Kriegs weiter und nahm sogar nach dem Waffenstillstand an der Besetzung des linksrheinischen  Gebiets teil.  Etwa 10 000 russische Soldaten wurden „travailleurs militaires“ in französischen Diensten oder Mitglieder der Fremdenlegion, während diejenigen, die diese Optionen ablehnten, bis Ende des Krieges in algerischen Internierungslagern festgesetzt wurden. Die Zahlen dieser  „refractaires“, die ich dazu gefunden habe, schwanken  zwischen 1300 und 4800… [5]

Einer der russischen Soldaten, der aber immer wieder gerne bei Darstellungen über das russische Expeditionskorps angeführt wird, ist Rodion Malinowski, der spätere sowjetische Marschall und Verteidigungsminister. Er wurde nach der Revolte vom September 2017 in eine marokkanische Division aufgenommen und nahm an den Kämpfen an der Somme teil, bevor er nach Russland/in die Sowjetunion zurückkehrte  und in der Roten Armee Karriere machte.[6]

Insgesamt allerdings handelt es sich hier um ein sowohl in Russland als auch in Frankreich eher wenig bekanntes Kapitel des Ersten  Weltkriegs. Dieser Krieg war für die sowjetische  Geschichtsschreibung ein Werk des Imperialismus und der Einsatz russischer Soldaten in Frankreich eher anstößig. Und in Frankreich war man nicht daran interessiert, den Beitrag von Chinesen, Afrikanern und Russen im Kampf gegen die kaiserliche Armee herauszustellen. Die Meuterei von Teilen des russischen Expeditionskorps führte zusätzlich zu einer äußerst restriktiven Informationspolitik der französischen Armee, um eine Ausbreitung zu verhindern. Es ist also ausgesprochen schwierig, sich ein einigermaßen klares Bild von diesen Ereignissen zu verschaffen.

Und vor allem ist wohl die Geschichte dieses russischen Expeditionskorps so wechselhaft, schwierig und in vielfacher Hinsicht problematisch, dass sie sich -wenn auch nicht immer erfolgreich-  einer schlichten heroischen Überhöhung widersetzt.

Eine russische Kapelle in der Champagne

In der Champagne, in Saint –Hilaire- le –Grand,  steht eine 1937 russische Kapelle im traditionellen orthodoxen Stil des 15. Jahrhunderts, die zur Liste der „monuments historiques“ gehört.

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Sie ist, wie einer Inschrift über dem Eingang zu lesen ist, den russischen Soldaten gewidmet, die zwischen 1916 und 1918 „auf dem Feld der Ehre“ in Frankreich gefallen sind.

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Errichtet wurde sie auf Initiative der association des officiers russes anciens combattants sur le front français,  Sie gehört zu einem Friedhof, auf dem 915 Mitglieder des russischen Expeditionskorps bestattet sind.

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Die Mitte des Friedhofs wird markiert von einem  Denkmal, das  ein früheres von 1924 ersetzt. Das ursprüngliche war 1998 anlässlich der Renovierung des Friedhofs wegen Baufälligkeit beseitigt und das orthodoxe Metallkreuz an der Spitze „entsorgt“ worden.  Die Association du souvenir du corps expéditionnaire russe en France ( ASCERF ), die  sich auf  russischer Seite um den von Frankreich und seinem Ministerium für die „anciens combattants“ verwalteten Friedhof kümmert, konnte und wollte einen  solchen  Umgang mit „ihrem Monument“ nicht hinnehmen.  Die  französische Verwaltung dagegen war der Meinung,  dass « un monument à connotation religieuse n’a[vait] pas sa place dans un lieu de mémoire laîc ».  Schließlich wurde aber dann  doch dem  russischen Wunsch nachgegeben und seit 2011 gibt es wieder ein Replik des alten  Denkmals mit dem  orthodoxen Kreuz…  (6a)

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Gegenüber dem Friedhof befindet sich ein Gedenkstein des zweiten russischen Regiments mit der Aufschrift:

„Enfants de France, quand l’ennemi sera vaincu et quand vous pourrez librement cueillir des fleurs sur ces champs, souvenez-vous de nous, vos amis russes, et apportez-nous des fleurs“

Er wurde noch während des Krieges von Angehörigen des Regiments für ihre gefallenen Kameraden errichtet.

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Der Friedhof und die Kapelle von Saint-Hilaire-le-Grand sind die zentrale Erinnerungstätte an das russische Expeditionskorps. Hier wird einmal jährlich feierlich an den Kampf russischer Soldaten auf Seiten französischer Truppen erinnert. (siehe: http://www.ascerf.com/)

Zu den Erinnerungsorten an die russischen Truppen in der Champagne gehört auch das in der Nähe gelegene und zum Verteidigungsring von Reims gehörende Fort de la Pompelle.

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Dort befindet sich auch eine mit dem traditionellen russischen Doppeladler versehene Gedenktafel mit russischer und französischer Fahne.

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Sie ist -entsprechend der in französischer und russischer Sprache ausgeführten Inschrift- der Erinnerung an die 1. und 3. Brigade des russischen  Expeditionskorps gewidmet,  „die an diesem Ort in der Champagne an der Seite der französischen Truppen vom 7. Juli 1916 bis zum 19. April 1917 gekämpft haben. Die dankbare Stadt Reims mit Unterstützung der Botschaft der russischen Föderation.“

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Am Fuß des Denkmals gibt es noch einige Erinnerungsplaketten, von denen mir eine besonders aufgefallen ist, weil da gewissermaßen die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Aber zu Zeiten Putins gehört ja wohl die Anknüpfung an die zaristische Tradition zur offiziellen Erinnerungspolitik.

 

Die Einweihung des Denkmals in Paris

Eingeweiht wurde das Denkmal –wie anfangs schon mitgeteilt-  2011 von François Fillon und Vladimir Putin, den damaligen Ministerpräsidenten Frankreichs und Russlands.

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Putin schaut zwar auf dem offiziellen Bild etwas grimmig drein, aber der Eindruck täuscht: Frankreich und Russland befanden sich damals, wie der „Figaro“ in einem Vorbericht über die Denkmalseinweihung schrieb, in den „Flitterwochen“  („lune de miel“) oder –prosaischer ausgedrückt-  es zeichnete sich eine neue strategische Achse („une nouvelle axe strategique“) ab –wie zu den besten Zeiten russisch-französischer  Partnerschaft, „destinée à contourner la puissance allemande“.[7] Diese „strategische Achse“ hatte ihren Niederschlag in der Vereinbarung des Verkaufs von zwei ultramodernen französischen Kriegsschiffen, den „Mistrals“,  an Russland- der ersten  Lieferung westlicher Kriegsschiffe nach Russland seit dem Zweiten Weltkrieg, wie der damalige französische Handelsminister stolz  verkündete.[8]

In seiner Ansprache zur Einweihung des Denkmals machte François Fillon einen großen Bogen um alle mit dem Einsatz des russischen Expeditionskorps verbundenen Probleme. Dafür rühmte er die Tapferkeit und den Heroismus der russischen Soldaten und beschwor die französisch-russische Waffenbrüderschaft. Es handele sich um eine ruhmreiche, aber viel zu wenig bekannte Seite der Geschichte. Deshalb hätten Vladimir Putin und er auf Anregung von Francois Mitterand beschlossen, dieses Denkmal zu errichten. Der Platz dafür sei schon seit langem „un véritable lieu de mémoire de l’amitié franco-russe“. Wenige Meter entfernt habe der Zar 1896 den ersten Stein für die Brücke Pont Alexandre III gesetzt. Und bald werde auf der anderen Seite der Seine, am Quai Branly, das russische kulturelle und geistliche Zentrum errichtet.

„Aujourd’hui, ce monument contribue à rendre à ces hommes la place qu’ils méritent dans notre histoire. Il préserve la mémoire des soldats russes qui payèrent de leur vie leur engagement au service de notre liberté. Ces braves symbolisent notre fraternité d’armes, et au-delà, ils symbolisent, Monsieur le Premier Ministre, l’unité retrouvée du continent européen.“

Und zum Abschluss der Rede ließ François Fillon Frankreich, Russland und die französisch-russische Freundschaft hoch leben:

„Vive la France ! Vive la Russie ! Et vive l’amitié franco-russe.

Liest man gut sechs Jahre später diese Rede und die damaligen Zeitungsberichte, so wird der Bruch deutlich, der sich inzwischen vollzogen hat: Im Oktober 2016 wurde zwar  das von Fillon angesprochene orthodoxe russische Zentrum, ein eindrucksvoller Bau  am Quai Branly,  eröffnet… (8a)

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… aber der eigentlich angekündigte Vladimir Putin ist dem Ereignis demonstrativ fern geblieben- ebenso Cyrille, der Patriarch von Moskau. Und abwesend waren auf französischer Seite auch Präsident Hollande und „la plupart des gros bonnets politiques“, wie Le Monde bitter konstatierte. (25.10., S. 15)  Grund dafür  sind die fundamental unterschiedlichen Positionen beider Länder im Syrien-Konflikt, die kürzlich bei einem russischen Veto gegen eine von Frankreich eingebrachte Syrien-Resolution deutlich zum Ausdruck kamen.[9] Die Lieferung der beiden an Russland verkauften Mistral- Kriegsschiffe wurde aufgrund der europäischen Sanktionspolitik storniert; stattdessen  wurden sie –mit finanzieller Unterstützung Saudi-Arabiens- für knapp 1 Milliarde Euro an Ägypten verkauft- nach dem Verkauf einer Fregatte und von 24 Rafale-Flugzeugen ein weiterer von Politik und Medien  gefeierter Erfolg des französischen Waffenexports nach Ägypten.[10]

Aber vielleicht wird die französisch-russische Eiszeit bald beendet sein: Die Zeitung Libération versah nach dem überraschenden Erfolg Fillons im ersten Durchgang der republikanischen Vorwahlen  ihre Darstellung seiner außenpoltischen Positionen mit der Überschrift: „Poutine d’abord“. Fillon, der Putin nach eigenen Angaben etwa 15 mal  getroffenen habe- werde schon von der russischen Presse als „Freund Putins“ bezeichnet. Den islamischen Totalitarismus betrachte Fillon als den einzigen Feind Frankreichs. Um ihn zu bekämpfen, sei die Zusammenarbeit mit Russland –und auch die Mitwirkung von Assad und Iran- notwendig. Fillon plädiere deshalb auch für eine Aufhebung  der europäischen Sanktionen gegen Russland und strebe ausgewogene Beziehungen zu Russland und den USA an. In dieser Hinsicht sieht Fillon offenbar auch eine Chance.[11]  Ganz entsprechend titelt le Monde:  „‘Vladimir‘ et ‚François‘, une amitié géopolitique“. Fillon habe immer eine „relation privilégiée“ mit dem von ihm als „cher Vladimir“ apostrophierten russischen Präsidenten unterhalten. Und für die Ukraine-Krise mache er zunächst und vor allem die EU verantwortlich, die einen „historischen Fehler“ gemacht habe, weil sie die Ukraine um jeden Preis der russischen  Einflusszone habe entreißen wollen.[12]

In einem weiteren Beitrag berichtet Le Monde von den freudigen russischen Reaktionen auf den „sensationellen Sieg“ Fillons im ersten Wahlgang. Die  Zeitung zitiert einen einflussreichen  außenpoltischen russischen Kommentator, der feststellte: Unter einer Präsidentschaft Fillons werde das Tandem Deutschland-Frankreich gegenüber Russland durchbrochen und Angela Merkel stehe mit ihrer harten Position praktisch alleine da mit Polen und den baltischen Staaten….[13]

Man darf also gespannt sein, ob eine neue geopolitische Freundschaft zwischen Frankreich und Russland die „strategische Achse“ von 2011 wiederbeleben wird…. [14]

Ossip Zadkine: Kriegszeichnungen

Zadkine gehörte nicht zu dem russischen Expeditionskorps. Geboren 1888  in Vitebsk, lebte er schon seit 1909 in Paris. Als der Krieg begann, veröffentlichte Blaise Cendars, ein ebenfalls in Paris lebender Schweizer Schriftsteller, einen glühenden Aufruf an die ausländischen Freunde Frankreichs, sich zu engagieren: „L’heure est grave, tout homme digne de ce nom doit agir, se défendre de rester inactif. Toute hesitation serait un crime. Poit de paroles, des actes.“[15]

Zadkine folgte nun allerdings ganz und gar nicht begeistert diesem Aufruf. Er lebte im Künstlermilieu von Montparnasse zwischen den Cafés La Coupole, le Dôme und la Closerie, wo internationale Künstler und Intellektuelle verkehrten: Picasso, Brancusi, Archipenko, André Breton, Apollinaire, Marie Laurencin, Oskar Wilde und viele andere; ein Milieu, wie es anregender nicht sein konnte. Zwar lebte Zadkine in recht ärmlichen Verhältnissen, aber kurz vor Ausbruch des Krieges hatte er eine Skulptur zu einer Ausstellung der Neuen Sezession nach Berlin geschickt. Und tatsächlich: Ein deutscher Kunstfeund kaufte die Skulptur- es war sein erster Verkaufserfolg wie er stolz in seiner Autobiogaphie „Le Maillet et le Ciseau“ schreibt![16]

Anfang 1915 war offenbar der Druck auf Zadkine so groß geworden, dass er sich in der französischen Armee engagieren musste: „Je ne devais m’engager dans l’armée française qu’au début de 1915“ (Erinnerungen, S. 82).  Er  gehörte damit zu den 45 000 in Frankreich lebenden und mehrheitlich russischen Ausländern, die sich für die Dauer des Krieges zur Fremdenlegion meldeten. Nach einer Ausbildung zum Sanitäter wurde er einer hinter der Champagne-Front stationierten russischen Ambulanz zugeteilt.  „L’on m’affecta à une ambulance russe qui se trouvait à Magenta, faubourg d’Epernay. L’ambulance était un don à la France de la dernière imperatrice de Russie.“ (a.a.O.)

Es gab mehrere solcher russischer Ambulanzen im Ersten Weltkrieg („Ambulances Russes aux Armées Françaises“). Sie wurden nach Ausbruch des Krieges aufgebaut. Der russische Botschafter Isvolski war daran maßgeblich beteiligt, die Schirmherrschaft hatte, wie Zadkine schreibt, die Zarin Alexandra.[17]

Am 12. Juni 1915 wurden in einer Zeremonie im Ehrenhof des Hôtel des Invalides die russischen Ambulanzen präsentiert: Ausdruck der französisch-russischen Waffenbrüderschaft, der Siegeszuversicht und der Modernität der eingesetzten Kriegs- bzw. Hilfsmittel.[18]

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Und auf einer Informationstafel am Friedhof von Saint-Hilaire-le Grand wird auch an die russischen Ambulanzen erinnert:

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In seinen Memoiren „Le Maillet et le Ciseau“ zieht  Zadkine eine düstere Bilanz seiner Zeit als  Sanitäter. Er bezeichnet sie als die elendeste Zeit seines Lebens, „les jours les plus misérables de ma vie commencèrent alors. Casernes, casernes et encore casernes… Nous étions logés, pour la plupart, dans la salle de fête de Magenta, local sinistre aux murs gris et humides. Infirmiers et brancardiers que nous étions y dormions sur des grabats étroits. Nous mangions, ceux qui comme mois étaient trop pauvres pour s’acheter des repas en ville, dans un autre local adjacent; nous mangions ce que Dieu nous permettait de manger“. (a.a.O.)

Ende 1916 wurde Zadkine als Krankenträger direkt an der Front eingesetzt. Tag für Tag ist er unterwegs zu den vordersten Linien, um Verletzte abzuholen und zu den zurückliegenden Lazaretten zu bringen. Bei einem solchen Einsatz wird er selbst Opfer einer Gasattacke.

„Nos journées se passaient en camionnettes qui nous menaient aux tranchées et à des souterrains. Nour évacouions malades et blessés vers Épernay où plusieurs hôpitaux avaient été installés.“

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 „Un soir, nous dûmes faire un voyage supplémentaire aus monde des blessés. L’atmosphère était paisible et, semblait-il, la campagne sentait bon les fleurs mais la tête nous tourna tout à coup et le chauffeur put juste stopper. Une autre ambulance nous ramassa sans doute car, un peu avant minuit, je me retrouvai dans un hôpitale installé dans un couvent des environs d’Épernay. Je ne faisais de vomir alors qu’à côté de moi un grand soldat… toussait très sec et sans arrêt, avec un bruit de bois mort que l’on casse. J’étais gazé.“ (a.a.O., S. 83/84)

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Nach einer Behandlung in Paris im hôpital Santi-Antoine muss er zurück an die Champagne-Front – in das unter deutschem Artillerie-Beschuss liegende Reims, wo er seine Arbeit als Krankenträger wieder aufnimmt:

„Je dus retourner à Reims; la ville était alors bomardée terriblement. Les Allemands lançaient des attaques chaque jour … La vue des blessés, dont l’état était souvent sans espoir, faisait de moi un pauvre raton esquinté mais, par rapport à ces blessés, pouvais-je me plaindre?“

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Anfang 1917 erhält Zadkine einen neuen Einsatzbefehl: Er wird den zwei Brigaden des russischen Expeditionskorps zugeteilt, die im Lager Mourmelon in der Champagne stationiert waren – wo sich heute ein russischer Friedhof für Soldaten des Expeditionskorps befindet.

Zadkine berichtet in seinen Memoiren von den durch die Revolution in Russland verursachten zunehmenden Spannungen zwischen französischen und russischen Soldaten, die sich oft weigerten weiterzukämpfen. Und er erinnert sich an wahre Kämpfe zwischen Franzosen und Russen in den Bordellen:

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„Il fallait répartir les jour de la semaine entre les uns et les autres; les entrées et les escaliers étaient gardés par des mitrailleurs. Chaque soldat payait cinq francs pour accéder à l’entrée de l’établissement puis encore cinq francs pour accéder à une chambre. On était souvent obligé de l’arracher à la femme s’il prenait plus des cinq minutes prévues. Tard, le soir, on voyait sortir de la maison un brancard sur lequel il fallait évacuer vers la gare un corps de femme immobile.“ (Erinnerungen, S. 86)

Wegen einer Tuberkulose Erkrankung wird Zadkine –wieder in Paris- in der Villa Molière, einer Außenstelle des hôpital Val-de-Grâce, ärztlich versorgt. Im Oktober 2017 wird er schließlich entlassen und kann in sein Atelier zurückkehren.

„Libre! J’étais libre, oui, mais malade et sans un sou. Je revins à mon atelier mais moralement et physiquement je n’avais plus aucun ressort…“

Während seiner Arbeit als Sanitäter hat Zadkine etwa 40 Bleistift- und Tuschzeichnungen und auch einige Aquarelle angefertigt. Manchmal fügte er bei der Signatur einer Arbeit an, wo sie entstanden ist- hier beispielsweise in Loude/Ludes in der Champagne, wo Zadkine von Oktober bis Dezember 1916 bei einer russischen Ambulanz stationiert war.

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20 dieser Arbeiten wählte er als Vorlage für Radierungen aus, die er 1919  in einem Album zusammenstellte, das er der Tochter des letzten zaristischen russischen Botschafters, MlIe Isvolsky, widmete. Der Erfolg war allerdings gering: Obwohl Zadkine zahlreiche Personen anschrieb, von denen er annahm, sie könnten an dem Album Interesse haben, war das Echo enttäuschend, „pauvre“,  wie Zadkine schrieb, er verkaufte nur etwa 10 Exemplare.

Jetzt sind diese vom Kubismus beeinflussten Arbeiten im Museum Zadkine ausgestellt. Sie zeigen die Schrecken des Krieges, die Zerstörung von Körper und Geist. Individuelle Gesichtszüge sind bei den Verwundeten oder Toten –eine Unterscheidung ist nicht möglich- kaum zu erkennen. Dies weist -wie die serielle Aneinanderreihung von Bahren oder Betten-  auf die Massenhaftigkeit und Anonymität des Leidens und des  Sterbens hin.

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Viele der abgebildeten Opfer sind verstümmelt. Das entspricht der grausamen Realität des Kriegs: Den meist völlig überforderten Ärzten blieb oft nur eine schnelle Amputation, um Leben zu retten. Und es ist sichtbarer Ausdruck der zerstörerischen Potenz des Krieges.

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Zadkine hat daraus, wie viele andere engagierte Künstler seiner Zeit, die Verpflichtung abgeleitet, die Schrecken des Krieges anschaulich zu machen und künstlerisch zu gestalten. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist die  Plastik „Die zerstörte Stadt“. Zadkine schuf sie für die 1940 von deutschen Bombern zerstörte Stadt Rotterdam- ein an  Picassos Guernica erinnerndes Fanal gegen den Krieg.  Eine Kopie der Plastik ist  ausgestellt in dem versteckten kleinen Garten des Museums, einem wunderbaren intimen Ort der Ruhe und des Friedens mitten in Paris.

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Praktischer Hinweis:

Musée Zadkine,  100 bis, rue d’Assas   75006 Paris

Täglich außer montags geöffnet vom 10 bis 18 h

Ausstellung Dessins/Destins de Guerre bis 5. Februar 2017

Die éditions Paris-Musées haben ein Buch zur Ausstellung herausgegeben, in dem die Zeichnungen und Radierungen Zadkines aus der bzw. über die Zeit des 1. Weltkriegs zu finden sind.

 

Anmerkungen: 

[1] Avril 1916: le ‚réservoir de fer‘ des soldats du Tsar apporte l’espoir de la victoire. In:1916. La Provence au coeur de la Grande Guerre. La Provence H 20306, S. 42 f

Karte aus: http://www.cndp.fr/crdp-reims/memoire/lieux/1GM_CA/cimetieres/russes/saint_hilaire.htm#site

[2] Zu Joffre und der offensive à outrance siehe den Blog-Beitrag über le mur pour la paix: Die Mauer für den Frieden auf dem Marsfeld. (1. Juli 2016)

http://www.lemonde.fr/societe/article/2014/08/22/le-massacre-du-22-aout-1914_4475342_3224.html

[3] „les heures les plus sanglantes de son histoire“

http://www.lemonde.fr/societe/article/2014/08/22/le-massacre-du-22-aout-1914_4475342_3224.html

[4] Siehe dazu den Blog-Bericht über Chinatown in Paris (1. August 2016)

[5] https://fr.wikipedia.org/wiki/Corps_exp%C3%A9ditionnaire_russe_en_France  https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_an_der_Aisne_(1917)  

https://fr.wikipedia.org/wiki/Mutinerie_des_soldats_russes_%C3%A0_La_Courtine

https://fr.wikipedia.org/wiki/Mutineries_de_1917

http://www.cndp.fr/crdp-reims/memoire/lieux/1GM_CA/cimetieres/russes/saint_hilaire.htm

http://www.lefigaro.fr/international/2011/06/20/01003-20110620ARTFIG00710-poutine-en-visite-d-amitie-a-paris.php

Zur Ile d’Aix siehe den Blog-Beitrag: Das Napoleon-Museum auf der Ile d’Aix (November 2016)

[6] http://france3-regions.francetvinfo.fr/champagne-ardenne/marne/courcy-marne-inauguration-d-une-statue-offerte-par-la-federation-de-russie-712237.html  http://www.lefigaro.fr/international/2011/06/20/01003-20110620ARTFIG00710-poutine-en-visite-d-amitie-a-paris.php

(6a) http://www.cndp.fr/crdp-reims/memoire/lieux/1GM_CA/cimetieres/russes/saint_hilaire.htm#monument

[7] http://www.lefigaro.fr/international/2011/06/20/01003-20110620ARTFIG00710-poutine-en-visite-d-amitie-a-paris.php

http://www.lefigaro.fr/mon-figaro/2011/05/24/10001-20110524ARTFIG00661-france-russie-le-nouvel-axe-strategique.php

[8] http://www.lefigaro.fr/societes/2011/06/17/04015-20110617ARTFIG00591-la-france-espere-livrer-un-mistral-a-la-russie-fin-2012.php

(8a) Bild aus: http://www.rtl.fr/actu/societe-faits-divers/en-images-la-cathedrale-orthodoxe-russe-inauguree-a-paris-sans-poutine-7785363089

[9] http://www.la-croix.com/Religion/France/A-Paris-nouvelle-cathedrale-russe-inauguree-sans-Vladimir-Poutine-2016-10-19-1200797451

http://www.france24.com/fr/20161012-desaccords-syrie-relations-paris-moscou-russie-france

[10] http://www.lesechos.fr/23/09/2015/lesechos.fr/021348111356_l-histoire-mouvementee-des-mistral-russes-devenus-egyptiens.htm

http://www.lepoint.fr/economie/les-deux-mistral-vendus-a-l-egypte-pour-pres-de-950-millions-d-euros-23-09-2015-1967421_28.php

[11] Libération: La France selon Fillon. Politique étrangère. 22.11.2016, p. 5

[12] Le Monde, 23.11.2016, S. 13. Bei  der Darstellung der Positionen Fillons zur Ukraine-Krise bezieht sich die Zeitung auf sein 2015 erschienenes Buch „Faire“.

[13] A Moscou, on salue déjà une ‚victoire sensationelle‘ Le Monde 23.11.2016, Seite 13

[14] Eine persönliche Anmerkung: Fillon hat ja  gute Chancen, nächster Präsident Frankreichs zu werden. Was die Haltung zu Russland angeht, verbinde ich damit durchaus Hoffnungen. Dass Deutschland Truppen im Baltikum stationiert,  von Le Monde schon als künftige führende Militärmacht Europas ausgerufen wird und zu den Hauptbefürwortern einer m.E. sinnlosen und eher schädlichen  Sanktionspolitik gegenüber Russland gehört, finde ich äußerst fatal, z.T. erschreckend.  Vielleicht kann Fillon dazu ein Gegengewicht bilden.  (siehe Le Monde, 25. Nov 2016: Allemagne: Bientôt première puissance militaire d’Europe. S. 1, 2 und 3)

[15] Zitiert aus der Ausstellungsbroschüre des Musée Zadkine

[16]  Zadkine, Le Maillet et le Ciseau. Souvenirs de ma vie. Paris: Albin Michel 1968, S. 80

[17] http://www.ascerf.com/gazette_11.pdf (ASCERF= Association du Souvenir du Corps expéditionaire russe en France (1916-1918)

Ausstellungsbroschüre des Zadkine-Museums.  Die Zarin war übrigens, wie ich –in Darmstadt aufgewachsen- anmerken möchte, eine gebürtige großherzogliche Prinzessin von Hessen-Darmstadt, deren Bruder, Großherzog Ludwig,  nun im feindlichen deutschen Lager stand.

[18]http://actualites.musee-armee.fr/vie-du-musee/les-invalides-dans-la-grande-guerre-episode-7-des-ambulances-russes-dans-la-cour-dhonneur/

Das Napoleon-Museum auf der Île d’Aix (vive l’empereur! Teil 2)

Wenn man in Paris lebt,  kommt man an Napoleon nicht vorbei – zumal wenn man sich gerade mit Orten des Friedens und des Kriegs in Paris näher beschäftigt (siehe den Blog-Beitrag über die mur pour la paix auf dem  Marsfeld vom 1. Juli 2016). Der Text über den Arc de Triomphe (1. November 2016)  ist in diesem Zusammenhang entstanden- gewissermaßen der erste Teil einer kleinen „vive l’empereur-Serie.  Ein weiterer  über Napoleon in den Invalides  (Invalidendom und Musée de l’Armée) wird im Dezember 2016 folgen und dann wohl auch noch einer über die Triumphsäule auf der place Vendôme.  Der  Beitrag über das Napoleon-Musem auf der Île d’Aix hat sich eher zufällig ergeben: Wir verbrachten im Sommer einige Tage auf der Île d’Oléron. Ein kleiner Ausflug auf die benachbarte Île d’Aix bot sich da an, zumal wenn Napoleon gerade ein Thema ist…

Die Île d’Aix ist eine kleine Festungsinsel  in der Bucht von Rochefort. Hier ein eindrucksvolles  Modell der Insel aus dem musée des plans – reliefs im Hôtel des Invalides in Paris:

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Die Funktion der Befestigungsanlagen war der Schutz der Stadt Rochefort, die unter Ludwig XIV. zu einem  Marinestützpunkt mit einem bedeutenden  Arsenal ausgebaut wurde.

Rochefort war auch ein wichtiger Stützpunkt im Krieg Napoleons gegen England. Und die englische Marine stellte eine erhebliche Bedrohung für das strategisch wichtige Rochefort dar, wo die Schiffe gebaut wurden oder gebaut werden sollten für die geplante Invasion der Insel. Napoleon inspizierte also 1808 die Île d’Aix  und befahl  den Bau eines „unzerstörbaren“  und „uneinnehmbaren“ Forts auf dem höchsten Punkt der Insel: Das Fort Liédot.  Die Arbeiten begannen 1810 – zogen sich allerdings bis 1834 hin… Die Festung konnte eine Garnison von 600 Mann aufnehmen- wurde aber auch als Gefängnis für Kriegsgefangene und für politische Gefangenen genutzt. 1870 waren zum Beispiel preußische Kriegsgefangene hier untergebracht [1] und ein Jahr später Kämpfer der Commune – bevor sie im Allgemeinen in die Verbannung geschickt wurden. Ein besonders prominenter Gefangener war Ahmed Ben Bella, einer der Führer des algerischen Widerstands gegen die französische Besetzung, der von 1959 bis 1961 dort gefangen war , bevor er 1963 der erste Präsident des unabhängig gewordenen Landes wurde.[2]

Außerdem inspizierte Napoleon bei seinem Besuch von 1808 die Arbeiten an dem Bau des mächtigen Forts Boyard zwischen der Île d’Aix und der Île d’Oléron – von dem später noch die Rede sein wird. Und last but not least: Er ordnete den Bau einer standesgemäßen Behausung für den  Gouverneur der Insel an. Und sicherlich hätte er sich nicht träumen lassen, dass dieses Haus einmal seine letzte Unterkunft in Frankreich, ja Europa sein würde, bevor er den  Weg in die  Verbannung nach Sankt Helena antreten musste.

Man ist also, das wird schon aus diesen wenigen Angaben deutlich, Napoleon auf der Île d’Aix ganz nahe-  es ist gewissermaßen eine napoleonische Insel.  Und das merkt man auch gleich, wenn man sie  –vom Boot ankommend-  betritt und von einer Büste Napoleons empfangen wird.

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Darunter ist ein Schild angebracht, das erklärt, welche Bewandtnis es mit dieser Büste hat:  Aufgestellt wurde sie 2015, 200 Jahre, nachdem der zum Rückzug gezwungene Napoleon,  von Rochefort kommend,  am 12. Juli 1815 die Insel betreten habe, bevor er in der Nacht vom 14. zum 15. Juli sich in die Hand der Engländer begeben habe und ins Exil aufgebrochen sei.

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Auch danach begegnet man Napoleon auf der Insel auf Schritt und Tritt.

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Und selbstverständlich trägt auch das erste Haus am Platz –ungeachtet des äußeren schlichten Aussehens ein 3-Sterne Hotel-  den  Namen Napoleons- das dazugehörige Restaurant heißt dann passender Weise  „Chez  Josephine“.

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Hauptsehenswürdigkeit der Insel ist das Napoleon-Museum, das im ehemaligen Gouverneurssitz der Insel untergebracht ist, da also, wo Napoleon seine letzten europäischen Tage verbracht hatte.

 

Die letzten Tage Napoleons in Europa

Am 22. Juni 1815 musste Napoleon auf Druck des Parlaments sein kaiserliches Amt niederlegen. Er  spielte  zwar mit dem Gedanken, die Nationalgarde gegen das Parlament in Bewegung zu setzen, aber ob die ihm auch jetzt  noch gefolgt wäre, ist unsicher.  Die einzige Konzession, die dem Parlament und dem neuen provisorischen Regierungschef Fouché abtrotzen konnte, war die Proklamation seines Sohnes als sein  Nachfolger unter dem Namen Napoleon II. Der regierte aber nur etwa zwei Wochen, aber das reichte aus, dass der nächste französische Kaiser dann den Namen  Napoleon III  trug.

Nach seiner Abdankung zog sich Napoleon in das Schloss von  Malmaison zurück, wo er unter  anderem  seine Mutter und  zwei seiner Mätressen, Maria Walewska und Èléonore Denuelle de la Plaigne traf, ebenso wie die  Söhne, die er mit ihr hatte. Da aber die Engländer und die Preußen im Anmarsch waren, musste er auch Malmaison verlassen. Mit einem kleinen  Gefolge irrte er einige Tage die Atlantikküste entlang bis Rochefort und zur Île d‘Aix, in der Hoffnung, von dort aus nach Amerika entkommen zu können, wie es ihm geraten worden war:  Wenn er dort wäre, würde er immer noch seine Feinde zum Zittern bringen. Und wenn die Bourbonen wieder zurückkämen, wäre seine Anwesenheit in einem freien Land ein wichtiger Faktor für die öffentliche Meinung in Frankreich.

Um in die USA zu gelangen,  hätte Napoleon allerdings einen englischen  Passierschein benötigt, denn die übermächtige englische Flotte konnte jede von ihr nicht genehmigte Überfahrt nach Amerika verhindern. Nach Napoleons 100-Tage Abenteuer und den vielen Opfern, die es gekostet hatte, war an ein Entgegenkommen der Alliierten allerdings überhaupt nicht zu denken.

Napoleon saß also auf der Île d’Aix fest. Er schrieb also am 14. Juli einen Brief an den britischen Prinzregenten:

 „Königliche Hoheit, den Parteien ausgesetzt, und der Feinschaft der europäischen Mächte überliefert, habe ich meine politische Laufbahn beendet und komme, wie Themistokles, im Lande des britischen Volkes eine Zuflucht zu suchen! Ich stelle mich in den Schutz Ihrer Gesetze und bitte Eure königliche Hoheit als den mächtigsten, beständigsten und großmütigsten meiner Feinde, ihn mir zu gewähren. Napoleon“[3]

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Entwurf des Briefs (Handschriftlich von Napoleon mit Anmerkungen des Generals Gourgaud)  Facsimile, ausgestellt im Museum von Île d’Aix

 

Dass sich Napoleon hier mit dem griechischen Feldherrn Themistokles vergleicht, passt zwar zum ego Napoleons und seiner Vorliebe für die Antike – passend ist der Vergleich aber nicht ganz. Denn Themistokles hatte immerhin Jahre vorher den Persern eine vernichtende Niederlage in der Seeschlacht von Salamis beigebracht. Gegen die Briten hatte Napoleon aber immer nur verloren….

Am 15. Juli lieferte sich Napoleon dem Kommandanten des englischen Kriegsschiffes Bellerophon aus. Und auch hier gibt es einen Bezug zur Antike, der aber besser passt als der Vergleich mit Themistokles: Bellerophon war der Sohn des Poseidon, vollbrachte außerordentliche Heldentaten, verfiel aber schließlich der Hybris:  Mit dem von ihm gezähmten geflügelten Pferd Pegasus wollte er zum Olymp reiten und Zeus von seinem Thron stürzen. Die Strafe folgte auf dem Fuß. Verkrüppelt und erblindet irrte er einsam und die Menschen meidend die letzten Jahre seines Lebens umher.  …

Auf Napoleon wartete am 7. August die englische Fregatte Northumberland, die ihn nicht, wie wohl immer noch erhofft, in die Vereinigten Staaten und auch nicht nach England brachte, sondern auf die ferne Felseninsel Sankt Helena. ..

 

Die Geschichte des Museums

Untergebracht ist das Napoleon-Museum in der  ehemaligen Residenz des Insel- Gouverneurs, die auf Anordnung Napoleons gebaut wurde.  Es  ist das größte Haus der Insel.

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Gegenüber den gedrungenen Fischerhäuschen der Insel nimmt sich dieses Bauerwerk mit seinen zwei hohen Geschossen und der repräsentativen Fassadengestaltung mit der Attika und den dorischen Säulen am Eingang  sehr imposant aus.

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Die Krönung des Hauses ist der im zweiten Kaiserreich Napoleons III. hinzugefügte Giebel mit einem mächtigen napoleonischen Adler, der  im zweiten Kaiserreich Napoleons III. hinzugefügt wurde. In ihn ist in goldenen Lettern eine Weihe- Inschrift „an unseren unsterblichen Kaiser“ eingemeißelt, dessen Name auf der ganzen Welt verehrt werde:

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« A la mémoire de notre immortel Empereur Napoléon Ier, 15 juillet 1815. Tout fut sublime en lui: sa gloire, ses revers. Et son nom respecté plane sur l’univers ».

 

Genau der richtige Rahmen also für ein napoleonisches Museum. Seine Entstehung  ist dem Baron Gourgaud zu verdanken, der durchaus nicht zufällig den Vornamen Napoléon trägt.. Er ist der Urenkel von Gaspard Gourgaud, einem der letzten Getreuen, die Napoleon auf die Insel Sankt Helena begleiteten. Er war dem gestürzten  Kaiser in einer  bedingungslosen und besitzergreifenden  Weise ergeben  – „er liebte seinen Kaiser, wie man nur eine Frau  lieben kann“, heißt es in einer (unter Gender-Gesichtspunkten etwas  problematischen) Charakterisierung. Selbst Napoleon und erst recht den anderen Begleitern ging  das allmählich auf die Nerven  und Gourgaud wurde nach Frankreich zurückbeordert. Immerhin erhielt er 1840 den ehrenvollen Auftrag,  an der Exhumierung der sterblichen Überreste Napoleons auf Sankt Helena teilzunehmen und sie nach Frankreich zu überführen, wo sie im Invalidendom ihre letzte Ruhe fanden.[4] Eine Nachbildung des Katafalks Napoleons bei dieser sogenannten „retour des cendres“  befindet sich im oberen Teil des Grabs von Gaspard Gourgaud und seiner Familie auf dem Père Lachaise. Auffällig ist dabei, dass von Gourgaud zwar Name, militärischer Rang und Lebensdaten angegeben sind, im Zentrum allerdings die Girlanden-bekränzte Inschrift „1815 SAINT HELENE 1840“ steht. Selbst noch das Grabmal lässt keinen Zweifel daran aufkommen, wem das Leben des hier Beerdigten gewidmet war.[5]

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Die enge Verbundenheit Gourgauds mit seinem geliebten Kaiser wird auch daran deutlich, dass er seinem Sohn den Vornamen Napoléon gab. Der wiederum nannte seinen Sohn Honoré-Gaspard-Napoléon  und der für das Museum entscheidende Urenkel war dann wieder ein reiner  Napoléon (und Gründer der Fondation Napoléon)–  dieser Namen ist seit 200 Jahren in dieser Familie offenbar Tradition und Verpflichtung… Auf dem Grabmal Gaspard Gourgons ist aber für die nachfolgenden  Napoléons kein Platz…[6]

Napoléon Gourgaud, der Urenkel Gaspards, und seine Frau Eva Gebhard, eine amerikanische Millionenerbin, fanden in den 1920-er Jahren Gefallen an der kleinen Insel, auf der Napoleon seine letzten europäischen  Tage verbracht hatte. Sie gründet die „Gesellschaft der Freude der Île d’Aix“ und kauften mehrere Häuser der Insel, unter anderem die ehemalige Residenz des Gouverneurs, inzwischen Haus des Kaisers genannt. Dort trugen  sie ihre Sammlerstücke und Napoleon-Devotionalien zusammen und eröffneten 1928 das Musée napoléonien.

 

Was gibt es dort zu sehen?

Die Räume des Museums sind ziemlich randvoll ausgefüllt mit Erinnerungsstücken an Napoleon – zum Beispiel im Treppenhaus einem großen napoleonischen Adler und einem Portrait Josefines.

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Stolz präsentiert das Museum  einige besonders weltvolle oder außergewöhnliche Ausstellungsstücke. Zum Beispiel  das Portrait Napoleons als König von Italien, „ein Meisterwerk“ von Appiani. So wie die französischen Künstler die Aufgabe hatten, den  Kaiser zu verherrlichen und zu verewigen, so wurden  nach der Proklamation und Krönung Napoleons als König von Italien 1805 auch italienische Künstler für diese Aufgabe herangezogen. Napoleon selbst beauftragte den bedeutendsten Maler Mailands –dort hatte die Krönung stattgefunden- mit der Anfertigung seines offiziellen Portraits. Er ist ausgestattet mit allen Insignien seiner neuen Würde und Macht. Es gibt zwei Versionen dieses Portraits- eines davon im Museum von Île d’Aix.

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Dann gibt es natürlich Ausstellungsstücke, die einen besonderen Bezug zu dem Ort des Museums haben: So kann man das Bett sehen, in dem Napoleon während der Tage auf der Insel schlief.

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Es ist ein Rest der sonst nicht mehr erhaltenen Möblierung des Hauses.  Es steht auch noch an  seinem ursprünglichen Ort, ursprünglich das Zimmer des Kommandanten, dann „la chambre de l’Empereur“.  Dort war es auch, wo Napoleon am 13. Juli 181 den Brief an den englischen Prinzregenten schrieb.

Dazu gibt es auch noch ein ziemlich ramponiertes Sofa.

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Welchen Bezug es zu Napoleon hat, erklärt das Blatt, das darauf befestigt ist:

 img_7470 Napoleon habe auf diesem Kanapee die Nacht vom 13. auf den  14. Februar 1814 auf der Poststation von Château-Thierry zugebracht. Er sei von einem wichtigen Telegramm eines Generals geweckt worden und sogleich um 4 Uhr morgens aufgebrochen, um die Armee Blüchers bei Marchaix und Montmirail zu schlagen.Unter einem Kissen habe man ein weißes gesticktes Taschentuch mit einem gekrönten N gefunden und ein Band der Ehrenlegion.Das Kanapee sei von der Familie Souliac – offenbar den Besitzern  der Poststation von Château-Thierry-  „religieusement“  aufbewahrt worden, als Erinnerung an den „großen Mann“ und als historischer Gegenstand.

 

Einen indirekten Bezug zu dem Museumsbau hat das Gemälde, das Napoleon beim Diktat seiner Memoiren  in Sankt Helena zeigt. Am Tisch sitzen nämlich mit gespitzten  Ohren und ebenso gespitzter Feder die Generäle Montholon und Gaspard Gourgaud, dessen Urenkel dann das Museum gründete.

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Eindrucksvoll ist die Zusammenstellung von 40 Uhren mit Napoleon-Motiven aus der Zeit des Kaiserreichs und der Regierungszeit Louis Philippes. Alle sind angehalten bei 17. 49 h, seinem Todeszeitpunkt (5. Mai 1821).

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Ein Stück weiter in der rue Napoléon gibt es das afrikanische Museum der Gourgaud-Stiftung. Der Baron war auch ein begeisterter Jäger und versammelte in diesem Museum seine Trophäen, die er von seinen Jagdausflügen nach Afrika mitbrachte. Eine exotische Besonderheit ist ein präpariertes Dromedar, das Bonaparte bei seiner Ägypten- Kampagne geritten haben soll.

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Angesichts eines solchen Ausstellungsstückes würden, wie ein Napoleon-Kenner schreibt, selbst die Kuratoren des Armee-Museums in den Invalides vor Neid erblassen- auch wenn es dort immerhin ein anderes „prominentes“ Reittier Napoleons gibt- nämlich seinen Schimmel Vizir. [7)

Das Napoleon-Museum gehört inzwischen zum Kreis der musées nationaux, es ist also eine staatliche Einrichtung. Gerade  vor diesem Hintergrund ist es -zumal für einen  deutschen Besucher- bemerkenswert, wie völlig ungebrochen, gewissermaßen naiv, hier Napoleon-Devotionalien präsentiert werden. Die Napoleon-Legende  ist also auch hier lebendig. Aber vielleicht ist das ja als Gegengewicht gemeint gegen die angebliche  Herabwürdigung und Verunglimpfung „unseres großen Mannes“, die angeblich in den französischen Schulbüchern vorherrscht….  (7a)

 

Auf dem Weg zur Insel: Fort Boyard

Zwischen der Île d’Oléron und der Île d’Aix  liegt das Fort Boyard, das man mit dem Boot von Boyardville kommend  passiert bzw. umrundet. Es ist ein eindrucksvolles Festungsbauwerk, das seine Entstehung –natürlich- auch Napoleon verdankt, auch wenn es erst lange nach seinem Tod fertiggestellt wurde – als es wegen der vergrößerten Reichweite der Artillerie keine militärische Bedeutung mehr hatte.

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Das Fort wurde unter größten Schwierigkeiten auf einer Sandbank errichtet, es wird aber bei Flut von Wasser umspült. So sieht es in der Tat aus wie ein mächtiges Schiff aus Stein, ein „vaisseau de pierre“.[8] Heute ist es weitgehend ungenutzt. Immerhin dient es als Kulisse für eine offenbar beliebte französische Spielshow …

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… und als Ruheplatz und Aussichtsplattform für Möven: Also in gewisser Weise ein eindrucksvolles Beispiel für eine gelungene Rüstungskonversion….

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Praktische Informationen

Musée national Napoléon de l’Île d’Aix und Musée national africain de l’Île d’Aix.  http://musees-nationaux-malmaison.fr/musees-napoleonien-africain/ 

Fährverbindungen  (Fahrzeit 20-30 minuten) von Fouras (ganzjährig) oder Boyardville auf der Île d’Oléron (April bis November). http://www.inter-iles.com/ 

 

Anmerkungen

[1] Theodor Fontane war übrigens auch 1870 in französischer Kriegsgefangenschaft, und zwar ganz in der Nähe auf der Île d’Oléron.

[2]http://www.iledaix.fr/Les-personnages-celebres?lang=fr

[3] Briefe Napoleons I. Hrsg. Von Friedrich M. Kircheisen, Dritter Band, Paderborn, 2012,  S. 269

[4] Siehe dazu den Blog-Beitrag: Napoleon in den Invalides (Dezember 2016)

[5]  In der 23. Division an   Avenue Transversal N° 1 gelegen

Zur Beziehung Gourgauds zu Napoleon: http://www.appl-lachaise.net/appl/article.php3?id_article=88  und Steven Englund: Napoléon. Paris 2004, S.543   Zur „retour des cendres“ siehe den entsprechenden Blog-Beitrag vom Dezember 2016 (Napoleon in den Invalides)

[6] Der Sohn des Museumsgründers begründete dann immerhin die „Fondation Napoléon“ und nannte seinen Sohn wieder…. Napoléon.

[7] L’ABC-daire de Napoléon et l’Empire. Paris: Flammarion, 2013,  S.25. Siehe zu Vizir den Blog-Beitrag über Napoleon in den Invalides (Dez. 2016)

7 (a) „Vu le silence des manuels scolaires sur notre grand homme (sauf pour le dénigrement masochiste)“   http://www.lefigaro.fr/voyages/2012/07/06/03007-20120706ARTFIG00476-l-ile-d-aix-sentinelle-imperiale.php 

[8] Siehe: Les cahiers d’Oléron. Le fort Boyard, Vaisseau de pierre, monstre créateur. N° 6, 1986