Mme de Sévigné,  Stationen ihres Lebens (3): Grignan/Provence. Mit einem Exkurs über ihre Haltung zu den Hugenottenverfolgungen

Im ersten Teil der kleinen Beitragsreihe zum 400. Geburtstag Madame de Sévignés wurden Orte in Paris dargestellt, die in ihrem Leben bedeutsam waren:

  • Die Place Royale/Place des Vosges, wo sie geboren wurde
  • Die ehemalige Klosterkirche der Filles de la Visitation Sainte-Marie
  • Die Kirche Saint-Gervais, wo sie heiratete
  • Das hôtel Carnavalet, in dem sie viele Jahre wohnte

Im zweiten Teil wurden Orte in Frankreich vorgestellt, die im Leben der Madame de Sévigné eine besondere Rolle spielten.

  • Das Schloss Rochers der Sévignés bei Vitré in der Bretagne, wo sie viele ihrer Briefe schrieb mit einem Exkurs über die Haltung von Mme de Sévigné zum Aufstand der bonnets rouges
  • Das Schloss ihres Vetters Bussy-Rabutin in Burgund
  • Die Kurorte Vichy und Bourbon l’Archambault.

In dem nachfolgenden und abschließenden dritten Teil der kleinen Reihe steht das Schloss von Grignan in der Provence im Mittelpunkt, in dem nach ihrer Heirat die geliebte Tochter residierte, der sie die Mehrzahl ihrer Briefe schrieb. Dort ist Mme de Sévigné auch begraben. Ein abschließender zweiter Exkurs thematisiert ihre bedingungslose Akzeptanz der Hugenottenverfolgungen, bei denen ihr Schwiegersohn in der Provence eine bedeutende Rolle spielte. Dabei hatte Mme de Sévigné enge Beziehungen zu dem hugenottischen bretonischen Adel, vor allem zu ihrer Freundin Emilie von Hessen-Kassel, die nach dem Ende der Religionsfreiheit in Frankreich das Land verließ und sich in Frankfurt für ihre Glaubensbrüder einsetzte. [1] 

Grignan

Das auf einem Felsplateau östlich von Montélimar in der Provence gelegene Grignan verdankt seine Prominenz Mme de Sévigné. Ihr begegnet man dort auf Schritt und Tritt.

Statue der Mme de Sévigné auf der place Sévigné in Grignan

In ihrer Hand natürlich die Schreibfeder

Souvenir-Tasche mit Schreibfeder, Portrait der Tochter und Schlossansicht von Grignan

Nach Grignan gingen nämlich die meisten erhaltenen Briefe der Mme de Sévigné, weil dort seit 1671 ihre Tochter Françoise-Marguerite lebte. Es sind vor allem die zwei oder drei wöchentlich geschriebenen Brief an ihre Tochter, die den Ruhm der Mme de Sévigné als Briefschreiberin begründen.

Pierre Mignard zugeschrieben: Portrait von Françoise-Margueritte de Sévigné, comtesse de Grignan (1646-1705), um 1969. Musée Carnavalet Paris

Françoise-Marguerite war eine  schöne junge Frau, für ihre sie abgöttisch liebende Mutter sogar „das hübscheste Mädchen Frankreichs“.  1663, damals 16 Jahre alt,  wurde sie in die Hofgesellschaft von Versailles eingeführt und tanzte mit dem jungen Ludwig XIV. in dem „Ballet des Arts“ und ebenso in den beiden Ballettaufführungen der folgenden Jahre. Gerüchten zufolge machte ihr der junge Souverän Avancen, auf die sie aber nicht einging.

1668 heiratete sie standesgemäß, was Mme de Sévigné stolz ihrem Vetter Bussy-Rabutin mitteilte: : Heute muss ich Ihnen eine Neuigkeit melden, die Sie bestimmt freuen wird, nämlich, dass endlich das hübscheste Mädchen von Frankreich heiratet, nicht den hübschesten jungen Mann (Grignanist 15 Jahre älter als Françoise-Marguerite. W.J.), wohl aber einen der besten Edelleute des Königreichs, Herrn von Grignan, den Sie längst kennen. Alle seine Gattinnen sind gestorben, um Ihrer Cousine den Platz zu überlassen und sogar, durch außergewöhnlich günstiges Geschicke, auch noch sein Vater und sein Sohn, so dass er reicher ist denn je zuvor und überdies durch Geburt, Stellung und gute Eigenschaften ganz so, wie wir es wünschen…“ [2] 

François Adhémar de Moonteil, comte de Grignan. Grafik aus dem 17. Jahrhundert

Die Freude von Mme de Sévigné schlug aber um in allergrößte Traurigkeit, als ihre geliebte Tochter 1671 in die Provence übersiedelte, zu deren königlichem Gouverneur ihr Schwiegersohn ernannt worden war.  Und so residierte er nun mit seiner Frau auf dem Familienschloss von Grignan. Für Mme de Sévigné war die Trennung ein Schock. Am 5. Februar 1674 schrieb sie ihrer Tochter: „Gestern waren es drei Jahre, daß ich eine der schmerzlichsten Erfahrungen meines Lebens machte: Du zogst nach der Provence und bist noch dort. Mein Brief würde lang werden, wenn ich Dir alle Bitternis, die ich empfand, schildern wollte und allen Kummer, der darauf folgte.“[3] 

Und 15 Jahre später, am 9. Oktober 1689, als sie ihre Tochter schon in der Provence besucht hatte:   „Ich denke ständig an Grignan, an euch alle, an eure Terrassen, an eure wunderschöne, atemberaubende Aussicht.“ [4] 

Die obere Schlossterrasse

Blick von der oberen Schlossterrasse

Blick auf die untere Schlossterrasse, an der auch der Eingang zur Schlosskirche liegt.

Mme de Sévigné  ließ es sich also nicht nehmen, mehrfach die beschwerliche Reise von Paris nach Grignan auf sich zu nehmen, um ihrer Tochter nahe zu sein und die „atemberaubende Aussicht“ zu genießen. Die gab es ja weder in Paris noch in Les Rochers. Allerdings war man damals 17 Tage unterwegs, teilweise auf der noch ungebändigten Rhône, die Mme de Sévigné besonders fürchtete, die aber dennoch sicherer war als der Landweg auf holprigen Wegen durch Wälder, „in denen es von Banditen und Wölfen wimmelte.“ [5] 

Von dem Schloss war sie sehr beeindruckt. Ihrem Onkel, dem Abbé de Coulanges, der einen Brief „an das königliche Schloss Grignan“ adressiert hatte, schrieb sie am 9. September 1694:

„Eine solche Anschrift erweckt zum mindesten den Eindruck, dass unter allen Schönheiten, die Ihre Phantasie erfüllen, die Schönheit dieses Schlosses seinen Platz behauptet, und das gereicht ihm zur Ehre. Ich muss Ihnen ein wenig davon erzählen, da Sie es lieben.

Die hässlichen Stufen, über die man, zur Schande der d’Adhémars, zum zweiten Hof steigen musste, sind jetzt der angenehmsten Treppe, die man sich vorstellen kann, gewichen. …. da ist nun ein Meisterwerk entstanden. Die Eingangshalle ist schön, und es lässt sich dort sehr angenehm essen. Man gelangt über eine große Freitreppe hin, über der Türe ist das Wappen der Grignans. Die Gemächer der Prälaten, von denen Sie nur den Salon kennen, sind sehr befriedigend eingerichtet, und wir bewohnen sie sehr angenehm.“[6] 

In der Tat unternahm der Schwiegersohn von Mme des Sévigné erhebliche Anstrengungen, das Schloss den repräsentativen Anforderungen seines Amtes entsprechend umzubauen. Vorbild war dabei das Schlosss von Versailles.

Ihrem adligen Freundeskreis in Paris berichtete sie begeistert: „Es ist ein wunderschönes Haus, eine wunderschöne Aussicht, eine herrliche Atmosphäre voller Erhabenheit und Pracht,  von der ich ganz verzaubert bin.“ [7] 

Die südliche Schlossfassade

Verzaubert war sie auch von den Speisen auf Schloss Grignan. Ihrem Vetter berichtet sie:

Aber da wir beim häuslichen Thema sind, wollen wir auch davon reden, wie grausam man hier isst, besonders in dieser Jahreszeit. Es gibt zwar dieselben Speisen wie in überall: Rebhühner, das ist gewöhnlich, jedoch ungewöhnlich ist es, dass alle so sind wie in Paris jene, die man mit ganz besonderer Miene unter die Nase zu halten pflegt und ausruft: ‚Oh, dieser Duft! Riechen Sie ein wenig!‘  Solches Erstaunen lassen wir hier weg; unsere Rebhühner nähren sich mit Thymian und Majoran, mit allen duftenden Kräutern, die wir in Säckchen eingenäht in unsere Wäsche legen. Er gibt hier keine besseren und schlechteren. Und dasselbe sage ich von unseren fetten Wachteln, deren Schenkel sich bei der ersten Aufforderung vom Körper lösen müssen (sie gehorchen unfehlbar), und Turteltauben, auch sie vollendet gut. Und was die Melonen, Feigen und Muskatellertrauben betrifft, so ist es eigenartig: wenn wir den schlechten Einfall hätten, eine solche Melone finden zu wollen, müssten wir sie aus Paris kommen lassen, hier gibt es keine. Die weißen Feigen sind zuckersüß, die Trauben wie essbare Bernsteinkugeln. Man könnte sich leicht an ihnen berauschen, falls man zu viel davon essen würde, denn es ist, als trinke man in kleinen Schlücken Wein von Saint-Laurent. Das ist ein Leben, lieber Vetter!“[8] 

Aber dann gießt sie dem beeindruckten Vetter doch etwas Wasser in den süßen provencalischen Wein: „Sie glauben, alle unsere Tage seien aus Gold und Seide gemacht. Mein Vetter, leider ist es hier hundert mal kälter als in Paris. Es ist der Südwind, es ist der Nordwind, es sind die Teufel, die darin wetteifern, uns zu verhöhnen; sie streiten sich um die Ehre, uns in unseren Zimmern  einzusperren.“ [9] 

Und auch ihrer Tochter gegenüber betont sie die Nachteile von Grignan – wohl um sie zu motivieren, öfters einmal die Mutter in Paris oder Les Rochers zu besuchen:

„Grignan sehe ich auch, aber Du hast keine Bäume, das tut mir leid; ich sehe nicht recht, wo Du spazieren gehen kannst, auch hast Du keine Grotten mit Wasserkünsten, und ich fürchte, daß der Sturm Dich eines Tages von Deiner Terrasse fortträgt: ja, wenn ich glauben könnte, der Wirbel brächte Dich einst hierher, ich hielte immer mein Fenster offen – und auffangen wollt‘ ich Dich, Gott weiß es!“[10] 

Wenn Mme de Sévigné in Grignan zu Besuch war, vermisste sie natürlich ihren geliebten Park von Les Rochers und ihre Bäume, aber immerhin gab es die Grotte von Rochecourbière, einen Felsüberhang, wohin sie sich gerne zurückzog, „um ihren bleichen Teint vor der sengenden Sonne zu schützen und fernab des Trubels auf dem Schloss ihre Briefe zu schreiben.“ [11] 

Zugang zur Grotte

Ein Platz zum Ausruhen und Briefe-Schreiben…

Insgesamt war Mme de Sévigné  dreimal  in Grignan und verbrachte dort insgesamt fast vier Jahre. In Grignan starb sie am 17. April 1696 und sie ist auch dort begraben.

Grabstätte der Mme de Sévigné in der am Fuß des Schlosses gelegenen Stiftskirche Saint-Sauveur aus dem 16./17. Jahrhundert. 1793 hatten Revolutionäre auch die Gräber geöffnet – allerdings nicht wie in Saint Denis aus politischen, sondern aus militärischen Gründen: Sie suchten nämlich nach Blei für die Herstellung von Munition. Sie trennten auch den Kopf der inzwischen berühmten Mme de Sévigné ab, der auf Umwegen zu Franz Joseph Gall, dem in Paris niedergelassenen Begründer der Phrenollogie (Schädellehre) gelangte. Diese Pseudowissenschaft unterstellte einen Zusammenhang zwischen Schädel- und Gehirnform einerseits und Charakter und Geistesgaben andererseits. Galls leitete aus seinen Untersuchungen ab, dass dieser Schädel tatsächlich einer Frau gehörte, die eine bemerkenswerte Besonderheit aufwies: nämlich eine völlige Unfähigkeit zur mütterlichen Liebe… [12] 

Im 18. Jahrhundert wurde Grignan aufgrund seiner Lage und seines literarischen Renommees Zwischenstation vor allem englischer Kunstfreunde und Aristokraten auf dem Weg nach Italien.[13] 

Das konnte aber nicht verhindern, dass 1793 das Schloss als Symbol feudaler Unterdrückung weitgehend zerstört wurde. Das Mobiliar und die Kunstwerke wurden geplündert und verkauft. Prosper Mérimée, Inspektor der monuments historiques schrieb 1844, das Schloss sei nur noch ein -allerdings von romantisch angehauchten Reisen geschätzter Trümmerhaufen (une masse de décombres).

Schlossruine im 19. Jahrhundert (zeitgenössische Darstellung, Schloss von Grignan)

1911 kaufte Marie Fontaine, eine steinreiche Bankierswitwe und Mäzenin, das noch weitgehend ruinierte Schloss und ließ es weitgehend originalgetreu wieder aufbauen. Es wurde auch wieder prachtvoll eingerichtet und dabei natürlich Mme de Sévigné nicht vergessen:

Das rekonstruierte Schlafzimmer der Mme de Sévigné

Der Schreibtisch mit der obligatorischen Feder

2026 feiert Grignan Mme de Sévigné, der es so viel verdankt, ausgiebig mit einem Sévigné-Jahr.

Exkurs: Mme de Sévigné, die Hugenottenverfolgungen und Emilie von Hessen-Kassel

Zum Schluss der Mme de Sévigné gewidmeten kleinen Beitragsreihe möchte ich auf ihre Haltung zu den Hugenottenverfolgungen in der Provence eingehen – ein Thema, das, soweit ich das sehe, in den Würdigungen zum 400. Geburtstag der Mme de Sévigné eher freundlich umgangen wird – vielleicht um die allgemeine gute Festlaune nicht zu trüben.

Denn Mme de Sévigné  gehörte immerhin zu den entschiedensten, ja begeistertsten Befürwortern des Edikts von Fontainebleau, mit dem Ludwig XIV. das Edikt seines Großvaters aufhob und dass dabei auch Gewalt angewendet wurde, hielt sie für durchaus gerechtfertigt, ja notwendig.

In dem Brief an ihren Vetter vom 28. Oktober 1685 schrieb sie: „Sie haben sicherlich von dem Edikt gehört, mit dem der König das Edikt von Nantes aufhebt. Es gibt nichts Großartigeres als all das, was darin steht, und noch nie hat ein König etwas Denkwürdigeres getan und wird es auch nie tun.“ [14] 

Dabei wusste Mme de Sévigné, dass die von ihr gepriesene Wiederherstellung der religiösen Einheit Frankreichs mit durchaus rabiaten Mitteln durchgesetzt wurde. In dem schon zitierten Brief an ihren Vetter rühmt sie den Pater Bordaloue „der einen charmanten Geist besitzt und eine sehr liebenswürdige Art hat. Auf Befehl des Königs bricht er nun auf, um in Montpellier und in jenen Provinzen zu predigen, in denen sich so viele Menschen bekehrt haben, ohne zu wissen, warum. Pater Bourdaloue wird es ihnen beibringen und sie zu guten Katholiken machen. Die Dragoner waren bisher sehr gute Missionare: Die Prediger, die man nun entsendet, werden das Werk vollenden.“

Kopie einer Zeichnung aus dem Jahr 1686. Links ein Dragoner/Missionar – in seinem Gewehr statt einer Kugel ein Kreuz. Rechts ein Häretiker/Hugenotte, der seinen Übertritt zum Katholizismus vollzieht.

Offenkundig schwingt in diesen Worten auch etwas Ironie mit – so wie ja auch in ihren in Worten zu den Galeerensträflingen, die ich im ersten Teil des Blog-Beitrags über Mme de Sévigné zitiert habe. Aber es ist doch befremdlich, wie sie die staatliche Brutalität, die bei der zwangsweisen „Bekehrung“ von Hugenotten angewandt wurde, darstellt. Die Soldaten, die bei den berüchtigten Dragonnaden in protestantischen Häusern einquartiert wurden, waren ja nun wirklich keine „sehr guten Missionare“. Und die Hugenotten, die unter diesen Bedingungen zum Katholizismus übertraten, wussten durchaus warum: wegen des massiven Zwangs, der auf sie ausgeübt wurde. Aber die Abfolge von militärischer Zwangskonversion und anschließender Missionierung nimmt Mme de Sévigné ironisch-billigend in Kauf. Der heilige Zweck heiligt eben die Mittel, selbst die schlimmsten.  Das gilt auch für ihren Vetter, der in seinem Antwortbrief vom 14. November 1685 schreibt, er bewundere „das Vorgehen des Königs, die Hugenotten zugrunde zu richten.“ Das neue Edikt Ludwigs XIV. sei ihr „coup de grâce“, ihr Gnadenstoß – eine sehr „feinsinnige“  Formulierung: Selbst wenn es darum geht, eine ganze Bevölkerungsgruppe „zugrunde zu richten“, wird das in der Art der „Rabutinage,“ dem geistreich plänkelnden Austausch zwischen Mme de Sévigné und ihrem Bruder behandelt. Die als Grundton ihrer Briefe vom FAZ-Feuilletonisten Mark Zitzmann gerühmte „Zartheit“ bzw. das „Zartgefühl“, das Mme de Sévigné auch für sich selbst beanspruchte, sucht man vergeblich, wenn es um den Kampf gegen die Hugenotten geht. Und ihre diesbezügliche Militanz  geht über ein „gutkatholisches Überlegenheitsgefühl über die verfolgten Protestanten“ doch weit hinaus.[15] 

Die Zustimmung von Mme de Sévigné zur Gewaltanwendung bei der Durchsetzung des Edikts von Fontainebleau beruht wohl auch darauf, dass ihr Schwiegersohn, der Gouverneur der Provence, dabei eine wichtige Rolle spielte. Am 16. März 1689 schreibt Mme de Sévigné, die gerade bei ihrer Tochter zu Besuch ist, ihrem Vetter Bussy-Rabutin [16]: „Herr und Frau von Grignan sind auf ihrem Posten. Herr von Grignan hat eine entsetzlich ermüdende Reise in die Berge der Dauphiné hinter sich. Er musste Hugenotten aufstöbern und bestrafen. Sie kommen aus ihren Löchern hervor, um gemeinsam zu Gott zu beten, und verflüchtigen sich wie Geister, sobald sie merken, dass man ihnen auf der Spur ist und sie ausrotten will. Diese Art von fliegenden, unsichtbaren Feinden verursacht endlose Mühe, ja, wörtlich, sie nimmt kein Ende. Diese Leute verschwinden im Nu, und sobald man ihnen den Rücken kehrt, kommen sie wieder aus ihren Höhlen hervor. Ich glaube, in Burgund gibt es nichts dergleichen.“

Das Mitleid, das Mme de Sévigné noch mit den Opfern des blutig niedergeschlagenen bretonischen Aufstandes hatte, fehlt gegenüber den Hugenotten völlig: Anstatt sich, wie es sich anscheinend ihrer Meinung nach gehörte, willig ausrotten zu lassen, verschwinden sie einfach und verflüchtigen sich wie Geister. Und nota bene: Es geht hier für sie nicht um Bekehrung oder Vertreibung, sondern um Ausrottung. Die Vokabel, die sie verwendet, exterminer, also vernichten/ausrotten, wird, das muss ich doch anmerken, im Französischen auch für den Holocaust verwendet.

Aber das Mitleid geht Mme de Sévigné auch hier nicht völlig ab. Ihr armer Schwiegersohn hat „eine entsetzlich ermüdende Reise“ hinter sich.  Es verursacht „endlose Mühe“, die Hugenotten „aufzustöbern und zu bestrafen“, also auszurotten. Es macht ihr große Sorgen, dass die Jagd auf die Hugenotten zu beschwerlich oder gar gefährlich sein könnte: „Der Brief von Monsieur de Grignan hat mich erschauern lassen, mich, meine Liebe, Gute,  die ich weder den Anblick noch die Vorstellung eines Abgrunds ertragen kann. Wie schrecklich, … immer nur einen Hauch vom schrecklichen Tod entfernt zu sein! … Ich befürchte, dass diese Dämonen verschwinden, sobald sie Angst haben und Monsieur de Grignan sehen, aber mit derselben Leichtigkeit wieder auftauchen, sobald er nicht mehr da ist.“ [17]  Aber sie ist doch stolz auf ihn, denn die Vernichtung der Hugenotten ist für sie ein ehrenvolles Werk: „Sie können froh sein, dass niemand kommt, um Ihnen bei Ihrer Arbeit zu helfen. Monsieur de Grignan wird diese Dämonen vertreiben, die aus den Bergen kommen und sich dort wieder verstecken. Im Languedoc gibt es viele davon; Monsieur de Broglio und Monsieur de Bâville jagen sie. Sie sind wie Geister, sie verschwinden einfach.“ [18]  Damit stellt Mme de Sévigné ihren Schwiegersohn auf eine Ebene mit Männern, die für ihre Härte, ja Grausamkeit bei der Jagd nach Hugenotten im Languedoc bekannt und berüchtigt waren. [19] In einem ihrer Briefe nennt sie selbst Bâville ohne jeden kritischen Unterton den Schrecken des Languedoc („la terreur du Languedoc“): offenbar sieht sie ihn als Vorbild für ihren Schwiegersohn bei seinem Kampf gegen die „Dämonen“.[20] 

Bei der Lektüre dieser Briefe musste ich ganz unwillkürlich und gegen jede political bzw historical correctness an die Posener Rede des „Reichsführers SS“ Heinrich Himmler vom Oktober 1943 denken. Da redete er von der notwendigen „Ausrottung“ des jüdischen Volks, an der teilgenommen zu haben „ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte“ sei. Natürlich ist es völlig abwegig, Mme de Sévigné und Himmler auf eine Stufe zu stellen, es sind Welten, die beide trennen.[21]  Aber irritierend ist die Haltung von Mme de Sévigné zu der Gewaltanwendung gegen die Hugenotten doch. So fühlt sich denn auch Ferdinand Lotheißen, Übersetzer der Briefsammlung des Projekts Gutenberg, genötigt, den Brief vom 28. Oktober 1685 mit einer ansonsten völlig unüblichen Anmerkung zu versehen:

Von einer Frau wie Mme. de Sévigné einen solchen Brief zu lesen, erstaunt uns. Doch vergessen wir nicht, daß uns mehr als zwei Jahrhunderte von jener Zeit trennen, und daß erst nach langen Kämpfen Toleranz und Gewissensfreiheit errungen wurden. Mme. de Sévigné sprach hier, wie fast alle ihre Standesgenossen, welche die Aufhebung des Edikts von Nantes als eine große Tat priesen. Auch La Fontaine pries in einem Brief an den Herzog von Vendôme den König, daß er die »ketzerische dumme Hugenottenbrut« vertrieben hätte.“ [22]

Allerdings hatte es unter dem ursprünglich hugenottischen und nur aus Staatsraison zum Katholizismus konvertierten Heinrich IV. mit dem Edikt von Nantes durchaus schon ein gewisses Maß an Toleranz in Frankreich gegeben. Und es gab in Frankreich auch vereinzelte kritische Stimmen. So von dem Festungsbauer Vauban, der aus sachlichen Gründen vor einer Aufhebung des Edikts von Nantes gewarnt und dabei vor allem auf die möglichen -und dann ja auch durchaus eingetretenen – negativen Konsequenzen für Frankreich hingewiesen hatte. Andere, wie der Jansenist Antoine Arnault, rieten immerhin dazu, nicht allzu laut und triumphal die Aufhebung des Edikts von Nantes zu bejubeln, weil bei der Konversion so vieler „Ketzer“ doch auch einige Gewalt angewandt worden sei. [23] Diese Zurückhaltung gibt es bei Mme de Sévigné nicht.

Dass es Mme de Sévigné nur allzu richtig fand, „die elenden Hugenotten auszurotten“ (exterminer), ist für mich schon befremdlich genug. Umso mehr allerdings, wenn man bedenkt, wie engen Kontakt sie vor dem Edikt von Fontainebleau mit Hugenotten hatte. Vitré, in dessen Nähe Les Rochers, das Schloss der Sévignés, lag und wo sie auch direkt ein stattliches hôtel particulier besaß, war nämlich eine Hochburg der Hugenotten. 1583 fand dort die 12. Synode der reformierten Kirchen Frankreichs statt, 1617 die 22. Synode. 1598 gab sogar Henri Quatre der Stadt die Ehre und habe dabei ausgerufen, er wäre gerne Bürger von Vitré, wenn er nicht französischer König wäre. Zu dem bretonischen Freundeskreis von Mme de Sévigné gehörte auch Emilie von Hessen- Kassel, Prinzessin von Tarent, zu dieser Zeit sicherlich die prominenteste Bewohnerin von Vitré. [24] Emilie war die älteste Tochter des Landgrafen Wilhelm V. von Hessen-Kassel. 1648 heiratete sie den in hessischen Diensten stehenden Hugenotten Henri Charles de La Trémoille, Fürst von Tarent und Talmont. Nach dem Tod ihres Mannes 1672 lebte Emilie im Sommer auf ihrem Landsitz, dem Château Marie in  Vitré, und wurde eine enge Freundin der genau gleichaltrigen Mme de Sévigné. Die rechnete es, wie wir schon gesehen hatten, ihrer Freundin und deren Nähe zum Versailler Hof zu und hoch an, dass Vitré beim bretonischen Aufstand der bonnets rouges von der Einquartierung königlicher Truppen verschont wurde. Der „bonne Tarente“ las sie Ausschnitte aus den Briefen ihrer Tochter vor und umgekehrt las Emilie Mme de Sévigné  auf deutsch geschriebene lange Briefe ihrer Nichte Liselotte von der Pfalz, der Schwägerin Ludwigs XIV., vor und übersetzte sie ihr. [25]  Die verschiedenen Konfessionen waren dabei kein Hinderungsgrund, sondern wurden akzeptiert. Am Weihnachtstag 1675 berichtet Mme de Sévigné, habe sie an der Messe teilgenommen und dabei große Freude empfunden, katholisch zu sein. Gleichzeitig sei Emilie, „la bonne princesse“, zu ihrem Gottestdienst gegangen. Und anschließend habe sie mit dem ministre, dem Pfarrer, diniert: eine wunderbare Momentaufnahme des Miteinanders über konfessionelle Grenzen hinweg.

Dass trotz dieser engen Beziehungen zu Hugenotten Mme de Sévigné derart eindeutig deren Ausrottung befürwortet, ist schon bemerkenswert. Immerhin pflegte sie, wie ihre Briefe zeigen, Freundschaften und hielt, wie sie gegenüber dem von Ludwig XIV. geächteten Nicolas Fouquet eindrucksvoll bewies, auch dann noch daran fest, als es politisch inopportun war, ja sogar gefährlich werden konnte. Aber bei den Hugenotten war es wohl die unbedingte Treue zur katholischen Kirche, die die Enkelin einer Ordensgründerin und späteren Heiligen veranlasste, sich so radikal zu positionieren. Obwohl sie doch aus eigener Erfahrung wusste/wissen musste, dass die Hugenotten durchaus nicht so „elend“ und „dämonisch“ waren, wie sie sie dann in ihren Briefen darstellte. Aber dass bei Verfolgung ganzer Bevölkerungsgruppen immer auch einzelne Ausnahmen gemacht werden, liegt nahe.

Emilie von Hessen-Kassel, die auch nach der Konversion ihres Mannes zum Katholizismus an ihrem Glauben festhielt,  entschied sich übrigens nach dem Erlass des Edikts von Fontainebleau zur Rückkehr nach Deutschland, obwohl ihr Ludwig XIV. “nicht unbeträchtliche Pensionszahlungen anbot, falls sie konvertierte.“ Sie erhielt die außerordentliche, „einfachen“ Hugenotten verwehrte Erlaubnis, mit 5 bis 6 französischen Bediensteten in ihre deutschen Besitzungen zurückzukehren.[26] Allerdings kehrte sie nicht in das elterliche Hessen-Kassel zurück, obwohl das zu den deutschen Territorien gehörte, die den aus Frankreich geflohenen Hugenotten Zuflucht boten. Sondern sie ließ sich in Frankfurt nieder, das eine wichtige Zwischenstation von aus Frankreich geflohenen Menschen war.[27] Aufgrund ihrer herausgehobenen Stellung wurden ihr dort sogar Privilegien zugebilligt, die Reformierte in der streng lutherischen Stadt nicht hatten.  Mit ihren geringen verbliebenen Mitteln unterstützte sie vor allem Waldenser,  die auf Hilfe wesentlich mehr angewiesen waren als die wegen ihrer vielfältigen Kompetenzen und großen Arbeitsmoral von reformierten Territorialherren gerne aufgenommenen Hugenotten. In Frankfurt starb sie 1693, drei Jahre vor ihrer ehemaligen Freundin. Bestattet wurde sie in Kassel, aber ein Denkmal wurde ihr nicht gesetzt.


Literatur

Madame de Sévigné, Briefe. Herausgegeben und übersetzt von Theodora von der Mühl. Insel TB 1979

Marquise de Sévigné, Ausgewählte Briefe. Übersetzt von Ferdinand Lotheißen. München: Albert Langen 1925  https://www.projekt-gutenberg.org/sevigne/sevigbrf/chap001.html

Madame de Sévigné, Briefe an die Tochter. Ausgewählt und aus dem Französischen übersetzt von Susanne Schürmann. Mülheim 2020

Marie de Rabutin-Chantal, marquise de Sévigné, Lettres de Madame de Sévigné, de sa famille et de ses amis Texte établi par Louis MonmerquéHachette, 1862 https://fr.wikisource.org/w/index.php?title=Lettres_de_Madame_de_S%C3%A9vign%C3%A9/%C3%89dition_Monmerqu%C3%A9/Volume_1/Notice&utm_source=chatgpt.com

Les Classiques de Lire, Themenheft Madame de Sévigné. 2/3/4 2026

Paul Deschanel, membre de l’Académie Française, Rede zur Einweihung der Statue  von Madame de Sévigné. Vitré,  8. Oktober 1911  https://www.academie-francaise.fr/inauguration-de-la-statue-de-mme-de-sevigne-vitre  

Duchêne, Roger (Hrsg), Autour de Mme de Sévigné, deux colloques pour un tricentenaire. Biblio 17 Hrsg vom Romanischen Seminar der Uni Tübingen 1997

Rob Kieffer, Göttliche Trüffel, hinterhältige Teufel. Die Drôme provencale war für Madame de Sévigné, die plauderfreudige, scharfsinnige Briefeschreiberin und Chronistin des königlichen Hoflebens, Zufluchtsort und Inspirationsquelle. In diesem Jahr feiert man dort ihren 400. Geburtstag. In: FAZ 23.5.2026

Gerlinde Kraus, Madame de Sévigné. In: Bedeutende Französinnen. Mühlheim/Main 2006

Jean-Jacques Lévêque, Madame de Sévigné ou la saveur des mots 1626-1696. Paris ACR Editions 1996

Claude Lefebvre, Portrait von Madame de Sévigné. https://de-academic.com/dic.nsf/dewiki/899704

Stéphane Maltère, Madame de Sévigné. Paris: Gallimard 2013

Genès Pradel, Madame de Sévigné en Bourbonnais : ses séjours à Vichy et à Bourbon-l’Archambault. Conférence faite aux « Amis de Montluçon », le 2 mai 1914. Madame de Sévigné en Bourbonnais : ses séjours à Vichy et à Bourbon-l’Archambault / par Genès Pradel | Gallica

Anmerkungen

[1] Alle Fotos dieses Beitrags, soweit nicht anders angegeben, von Wolf Jöckel

Lesezeit 24 Minuten

[2] Brief an den Grafen Bussy-Rabutin vom 4. Dezember 1668. Aus: Briefe a.a.O., S. 26/27

[3] Von Mme. de Sévigné an Mme de Grignan  Brief 37 Paris, 5. Februar 1674 Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné Kapitel 5

[4] Info-Tafel im Schloss von Grignan. Übersetzung in: FAZ 23.5.2026

[5] FAZ 23.5.2026

[6] Brief aus Grignan vom 9. September 1694. Zit. Briefe, S. 380

[7] Zit. von Kieffer, FAZ, 23.5.2026

[8] Brief aus Grignan vom 9. September 1694. Zit. Briefe, S. 380/381

[9] Zit. Kieffer, FAZ, 23.5.2026

[10] https://www.projekt-gutenberg.org/sevigne/sevigbrf/chap003.html Brief 21

[11] Kieffer, FAZ, 23.5.2026

[12] Les Classique de Lire, S. 11

[13] Die nachfolgende Abbildung aus der im Schloss präsentierten Geschichte von Grignan

[14] Lettres de Mme de Sévigné (Bibliothèque de la Pleiade), t. III, p. 114  Zitiert auch bei  https://de.frwiki.wiki/wiki/%C3%89dit_de_Fontainebleau_%281685%29  als Beispiel für die begeisterte Zustimmung der Marquise de Sévigné zu dem Edikt von Fontainebleau:  „Kein König hat jemals etwas Denkwürdigeres getan oder wird es tun.“ Auch das musée protestant zitiert in dem Beitrag über die französischen und ausländischen Reaktionen auf das Edikt von Fontainebleau an hervorgehobener Stelle diese Briefpassage der Mme de Sévigné. https://museeprotestant.org/notice/les-reactions-en-france-et-a-letranger/

[15] Mark Zitzmann, Was sie schrieb, war einfach unerhört. 400 Jahre Madame de Sévigné. In: FAZ vom 5.2.2026  Zitzmann spricht zwar immerhin das heikle Thema an, aber die Haltung von Mme de Sévigné derart zu bagatellisieren, finde ich eher peinlich.

[16] Brief S. 345 vom 16. März 1689

[17] Ibid., p. 377

[18] Lettres de Mme de Sévigné (Bibliothèque de la Pleiade), t. III  S. 363 Brief vom 25. Februar 1689

[19] Zur Rolle des Grafen von Grignan bei der Bekämpfung der Hugenotten siehe: R. Duchêne, Monsieur de Grignan et les protestants de Provence  https://cinumedpub.mmsh.fr/Provence-historique/Pdf/PH-1970-20-079_07.pdf S. 64/65 Duchêne geht von einem Artikel in der in der Enzyklopädie Grand Larousse (Ausgabe 1962), die er zitiert:

« Grignan (François-Adhémar de Monteil, comte puis marquis de) [Grignan 1629, id. 1714). Colonel du régiment d’infanterie de Champagne en 1654, il fut nommé lieutenant général de Provence (1669) et fut rigoureux avec les protestants.“

In seinem Beitrag versucht Duchêne, dieses Urteil zu korrigieren. Grignan habe nur die königllichen Instruktionen ausgeführt und dabei sogar besondere Zurückhaltung walten lassen: es sei ihm nämlich darauf angekommen, die Grenzen zu schließen und möglichst viele Hugenotten im Land zu halten. Grund für das negative Urteil des Larousse seien die Briefe von Mme de Sévigné, die das Bild ihres Schwiegersohns geprägt hätten.

» L’approbation de Mm. de Sévigné à son gendre ne peut, dès lors, que le rendre suspect: La réputation de dureté du comte de Grignan lui vient de ces quelques passages, les seuls qui attestent sa présence dans une expédition contre les protestants, sans doute en service commandé, puisqu’il est hors de son propre gouvernement. Parce que l’imagination de l’épistolière était effrayée de la difficulté des chemins ct de l’aptitude des protestants à se cacher, elle a fixé ses impressions dans une image qui s’imposait à son esprit et qui s’est imposée à celle de ses lecteurs, celle d’une sorte de chasse contre les ‚démons‘. L’horreur du cadre s’est associée dans les esprits à l’horreur de cette poursuite, où il s’agit d‘ « exterminer“. Et M. de Grignan, solidaire de Broglio et de Bâville, a été rendu responsable d’une expédition dont on ignore s’il la commandait et s’il l’approuvait.“

[20] Brief an Mme de Grignan vom 2. Oktober 1689. https://fr.wikisource.org/wiki/Lettres_choisies_%28S%C3%A9vign%C3%A9%29%2C_%C3%A9d._1846/Lettre_295?utm Brief 295

[21] Mme de Sévigné ist außerdem Kommentatorin, Himmler dagegen verantwortlicher Täter.

[22] .Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné Kapitel 16, 148

[23] Siehe: https://museeprotestant.org/notice/les-reactions-en-france-et-a-letranger/ , wo die wesentlichen Bedenken Vaubans aufgeführt sind. Siehe auch:  Charles Alfred de Janzé, Les Huguenots. Cent ans de persécution 1685 — 1789 (1886 https://www.gutenberg.org/cache/epub/16849/pg16849.html

[24] https://de.wikipedia.org/wiki/Emilie_von_Hessen-Kassel

[25] Brief vom 23. Oktober 1675 an ihre Tochter

„Madame écrit en allemand de grandes lettres à Mme de Tarente : je me les fais expliquer. Elle lui parle avec beaucoup de familiarité et de tendresse, et la souhaite fort.“  

[26] Archives nationales, La Trémoille, Marie-Amélie de Hesse-Cassel (1626-1693 ; duchesse de)

https://rdf.archives-nationales.culture.gouv.fr/garance/entities/agent/052904/?utm

[27] Dazu im Einzelnen: Michelle Magdelaine, Francfort-sur-le-Main et les réfugiés huguenots.  Pariser Historische Studien Bd. 82 2007 https://perspectivia.net/servlets/MCRFileNodeServlet/ploneimport_derivate_00010832/magdelaine_huguenots.pdf?utm

Die Metrostationen La Fayette und Cadet: Die verblasste Feier französisch-amerikanischer Freundschaft. Mit einem Erfahrungsbericht zur KI-Verwendung…

Am 4. Juli 1776 erklärten die amerikanischen Kolonien Englands ihre Unabhängigkeit und gründeten damit die Vereinigten Staaten von Amerika. Am 4. Juli 2026 konnten die USA damit ihr 250-jähriges Bestehen feiern, von Präsident Trump entsprechend spektakulär inszeniert. In Paris feierte die amerikanische Botschaft den Jahrestag mit einer aufwändigen Plakataktion: 250 Jahre amerikanisch-französische Freundschaft, symbolisiert durch die beiden gleichfarbigen bleu-blanc-rouge-Flaggen.[1]

Dabei sind die amerikanisch-französischen Beziehungen derzeit alles andere als ungetrübt. Präsident Macron unternahm und unternimmt ja erhebliche Anstrengungen, Trump durch die Präsentation französischer Grandeur zu umschmeicheln: Einladung zur Truppenparade auf den Champs-Élysées 2017 zur Erinnerung an das Engagement amerikanischen Truppen im 1. Weltkrieg, Einladung zu einem Galadiner anlässlich des amerikanischen Unabhängigkeits-Jubiläums 2026 im Schloss von Versailles.[2] Trump allerdings behandelt Europa höchst unfreundlich, ja feindselig. Dies betrifft auch und speziell Frankreich und sogar ganz persönlich das Ehepaar Macron.[3]

Die französisch-amerikanischen Beziehungen sind derzeit also eher schwierig und das Bild Amerikas ist getrübt. Und was heißt Freedom 250?  Freiheit für die Tech-Milliardäre? Für die Kapitol-Stürmer? Für die ICE-Greiftrupps? Für die Rechtsstaats- und Demokratie-Verächter? etc….

Die 250 Jahre amerikanische Unabhängigkeit sind aber für mich ein Anlass an, einen Blick in die beiden Pariser Metro-Stationen Cadet und La Fayette zu werfen. Sie sind in ungetrübteren Zeiten französisch-amerikanischer Beziehungen entstanden. Und sie feiern das wirkliche Amerika der Freiheit und die engen historischen Beziehungen zwischen beiden Ländern.

Die Metro-Station Cadet

Die Metro-Station Cadet (Linie 7) ist in den amerikanischen (und französischen) Nationalfarben und den stars and stripes der amerikanischen Fahne gekachelt.

Die sieben roten und 6 weißen Streifen des amerikanischen Sternenbanners, Symbole für die 13 Gründertaaten der USA,  überziehen das Gewölbe der Station, die typischen Metro-Schalensitze sind farblich passend gestaltet.

Besonders auffällig ist natürlich der blau-weiß-rote Reiter mit gezücktem Degen am Bahnsteigende.

Es gibt zwar keinen erläuternden Hinweis in der Metro-Station, aber es ist ganz eindeutig, dass es sich um den Marquis de La Fayette, den „héros des deux mondes“, den Helden von alter und neuer Welt handeln muss.  

Deutlich ist der Bezug zu dem La Fayette-Denkmal in dem an der Seine gelegenen Cours la Reine auf der Höhe des Grand Palais. Es war das durch eine amerikanische Subskription finanzierte Gegengeschenk für die Freiheitsstatue.[4]  Reiterdenkmal, der Degen, das gemeinsame amerikanisch-französische bleu-blanc-rouge: All das passt zum Denkmal und zu La Fayette – auch wenn der hoch in den Himmel gestreckte Degen aus räumlichen Gründen in der Metro-Station nur gezückt sein konnte. Und falls es doch noch Zweifel geben sollte: Über der Metro-Station Cadet verläuft die rue La Fayette, was entscheidend war für die Ausgestaltung dieser Station.

Es verkörpert ja auch keine andere historische Persönlichkeit so sehr wie der Marquis de La Fayette die engen Beziehungen zwischen Frankreich und den USA. 1776 schiffte sich der 19-jährige Adlige ohne die Erlaubnis seines Königs und gegen den Widerstand seiner Familie mit einer selbst angeworbenen Freiwilligentruppe nach Amerika ein, um dort für die amerikanische Unabhängigkeit und die Ideale der Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit zu kämpfen. George Washington, die Leitfigur des Aufstands, schloss Freundschaft mit diesem temperamentvollen jungen Mann und ernannte ihn zum General. Schon in der ersten Schlacht verwundet,  wurde er zum Kriegsheld. Nach der Kapitulation der Briten bei Yorktown kehrte La Fayette nach Frankreich zurück und wurde dort das wichtigste Bindeglied zwischen der Amerikanischen und der Französischen Revolution. In deren Anfangsphase war La Fayette einer der führenden Politiker. Am 11. Juli 1789 brachte er in die neue Nationalversammlung den Entwurf einer Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte nach amerikanischem Vorbild ein, den er mit der Unterstützung von Thomas Jefferson, einem der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten und damals Botschafter in Paris, erarbeitet hatte.[5]

Vor allem in den Vereinigten Staaten wird La Fayette eine mythische Gestalt. In den USA wurden mehrere Orte nach ihm benannt. Die große Popularität La Fayettes für die Amerikaner wurde auch am 4. Juli 1917 deutlich. Da fand auf dem Pariser Friedhof Picpus, wo La Fayette begraben ist, eine Gedenkfeier statt. Oberst Stanton sprach als Vertreter der  American Expeditionary Forces die Worte, die in die Geschichte eingegangen sind: „La Fayette, we are here!“, Worte, die auch anlässlich der Landung amerikanischer Truppen in der Normandie 1944 wieder aufgegriffen wurden.[6]

Die Metro-Station Chaussée d’Antin – La Fayette

In Frankreich allerdings ist die Erinnerung an La Fayette ausgesprochen ambivalent: Als am 14. Juli 1790 auf dem Champ-de-Mars mit dem sogenannten Föderationsfest der erste Jahrestag des Sturms auf die Bastille gefeiert wurde, war La Fayette auf dem Höhepunkt seiner Popularität. Danach verblasste sein Ruhm, vor allem als die Nationalgarde unter seinem Kommando am 17. Juli 1791 auf eine wieder auf dem Marsfeld versammelte Menge von Republikanern schoss: Ein Hinderungsgrund, ihn auch in Frankreich zu ehren, ist das aber nicht – da gedenkt man ehrenvoll ja noch ganz anderen, aus heutiger Sicht schlimmen historischen historischen Gestalten… [6a]

In Paris trägt die große Straße, unter der die Metro-Station Cadet liegt, den Namen La Fayettes. Und auch die Metro-Station Chaussée d’Antin – La Fayette der Linien 7 und 9 liegt unter dieser Straße. In Anbetracht der großen Bedeutung, die La Fayette für die Französische Revolution hatte, erhielt diese Station zu deren 200. Jubiläum den Zusatz La Fayette und wurde entsprechend künstlerisch ausgestaltet.

Deckenmalerei Bahnsteig 7

Am 12. Dezember 1989 veröffentlichte Le Monde diese Abbildung und schrieb dazu: „Dank des Mäzenatentums der Galeries Lafayette und in Zusammenarbeit mit der RATP (die die Pariser Metro betreibt. W.J.) schmückt ein von Hilton McConnico entworfenes Wandgemälde die Decke der Metro-Station Chaussée d’Antin, Linie 7. Es feiert den 200. Jahrestag der Französischen Revolution und ist eine monumentale Ehrung La Fayettes. 470 qm2 groß, bedeckt das Gemälde die gesamte Decke der Metro-Station, die nun umgetauft wurde in Chaussée d’Antin-La Fayette. Ausgeführt wurde das Werk von M.Darmon und H.  Metayer.“ [7]

Einen zentralen Platz in dem Deckengemälde nimmt natürlich La Fayette ein.

Auf der einen Seite ist er mit erhobener Hand dargestellt. Sie deutet auf die Allegorie der Freiheit, die den Mittelteil des Freskos einnimmt.

In der Mitte des Wandbildes erkennt man La Fayette in klassischer Pose hoch zu Ross mit dem in den Himmel gestreckten Degen: La Fayette ist nicht nur ein Mann des Geistes, sondern auch der Tat. Er kämpft für die Freiheit und ist bereit, dafür auch sein Leben einzusetzen.

Und am anderen Ende des Gewölbes befindet sich eine dritte Darstellung La Fayettes, diesmal zusammen mit George Washington:

Links im Bild La Fayette im hellblauen französischen Offiziersrock, die französische Fahne tragend, rechts Georges Washington, mit der Betsy Ross Flag, einer frühen Version der US-Flagge mit den 13 Sternen der Gründungsstaaten der USA.

La Fayette ist damit als Vertreter der revolutionären Ideale, als Kämpfer und als Repräsentant der französisch-amerikanischen Freundschaft dargestellt.

Auf dem Deckengemälde ist noch eine weitere Fahne zu sehen: die blau-weiß gestreifte Fahne Argentiniens, geschwenkt von einem Mann mit rotem Halstuch und grüner Weste- dem typischen Habit südamerikanischer Freiheitskämpfer. Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass die Freiheitsideen der Amerikanischen und der Französischen Revolution nicht auf diese beiden Länder beschränkt waren, sondern weiterwirkten.

Neben geschichtlichen Bezügen sind auf dem Deckengemälde auch Allegorien zu sehen: Hier die Allegorie der Utopie. Die Figur im Lendenschutz greift nach den Sternen, nach den Idealen der Amerikanischen und Französischen Revolution.

Diese Figur, die einen großen Teil des Deckengemäldes einnimmt, trägt eine riesige Fackel.

Es ist die Allegorie der Freiheit. Der Bezug zur Freiheitsstatue in New York liegt auf der Hand.

Um den goldenen Rahmen des Deckengemäldes sind kleinere Szenen angeordnet. Zum Beispiel diese Natur- und Indianer-Bilder:

Auch das Gewölbe der Lafayette-Metrostation der Linie 9 wurde dekoriert; allerdings erst später, aber wieder finanziert von den Galeries Lafayette.  Der Künstler war der französische Maler Jean-Paul Chambas. Das Fresko ist ungefähr 75 Meter lang und 8 Meter breit. Einweihung war am 15. Oktober 1991.[8]

Der Text unterhalb des Schildes der Metro-Station, vermutlich auch von Jean-Paul Chambas, beginnt mit den Worten: Au dessus, la Voute: (Darüber, das Gewölbe): Es werden darin Namen amerikanischer und französischer Künstler genannt-  George Gershwin, Toulouse-Lautrec, Charlie Parker, Chateaubriand, Rimbaud, Charlie Chaplin. Es geht also um gemeinsame kulturelle Bezüge. Das soll wohl auch die Schreibfeder mit dem Stück Papier veranschaulichen.

Chambas verbindet in seiner Deckenmalerei französische und amerikanische Kulturgeschichte in einer Art Bildercollage: Es finden sich Anspielungen bzw. Porträts aus Literatur, Musik, Malerei, Film, Wissenschaft und Comic.

Martin Luther King

Fehlen darf da natürlich nicht die in Frankreich hergestellte und Amerika geschenkte Freiheitsstatue. Sie verbindet auch die Dekorationen der Metro-Stationen La Fayette von Linie 7 und 9.

Heute betrachte ich die beiden Metro-Stationen mit einer gewissen Wehmut. Einmal deshalb, weil das hier so gerühmte Amerika der Freiheit ja derzeit seine Ausstrahlung verloren hat. Und die Freiheitsstatue als Opfer der Trump’schen Präsidentschaft gehört denn auch schon seit seiner ersten Amtszeit zu den gängigen Motiven von Karikaturisten.

Karikatur aus Le Monde 31. Januar 2017

Wehmut aber auch deshalb, weil der Zustand der beiden Wandmalereien doch in den letzten Jahren sehr gelitten hat.

Ausschnitt Decke Station Linie 7 (August 2026)

So sah das immerhin noch im August 2021 aus, als Marian Zymund die Station für Wikipedia fotografierte.

Aber man darf die Hoffnung nicht aufgeben: Alles fließt, nichts bleibt. Das wussten schon die alten Griechen. Auch die Tage der Trumps, Putins und Ben-Gvirs sind gezählt. Und vielleicht werden sich auch Sponsoren finden, damit die Wandmalereien restauriert werden können und der Hymnus auf die französisch-amerikanischen Beziehungen und das Amerika der Menschenrechte und der Freiheit wieder in neuem Glanz erstrahlt.

Nachwort: Erfahrungen mit der Anwendung von KI…

KI ist derzeit ja in aller Munde und wird als revolutionäre Neuerung gepriesen. Vor längerer Zeit habe ich es schon einmal damit versucht und eine Auskunft zu einem Bild des klassischen französischen Malers Le Brun haben wollen. Es kam eine ausführliche Antwort. Da dir mir aber etwas merkwüridg vorkam, fragte ich nach und bat um Belege. Die schöne Antwort: „Ups, da habe ich mich wohl etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt“.

Jetzt habe ich bei der Arbeit an diesem Blog-Beitrag noch einmal versucht – etwas gezielter und umfassender. Allerdings ist mir klar, dass ich die drei verwendeten KI- Angebote im Grunde nur als Lexikon/Auskunftsdatei nutze und dass sie als solche nur Zugang zu allgemein zugänglichen Quellen haben. Aber das ist ja schon einiges, und man kann damit, wie ich dann festgestellt habe, auch mehr oder weniger intelligent umgehen.

Zuerst mit dem KI-Angebot von Meta:

Da wollte ich nähere Informationen zu der Metro-Station Cadet und dem gekachelten Reiterbild La Fayettes. Antwort: es gäbe da eine „Dekoration mit den Farben der amerikanischen Flagge“, was ja zutrifft. Aber dann wurde mir „eine kleine Verwirrung“ unterstellt: Das Reiterbild von La Fayette befinde sich nicht in der Station Cadet, sondern in der Station Chaussée d’Antin-La Fayette.

Widerspruch meinerseits und Zusendung des La Fayette-Reiterbildes an Meta. Reaktion: „Du hast völlig recht. Beifallssmiley. Das ist Metro Cadet, Linie 7- sieht man ja am Schild. Ich hab mich vorher vertan. Die Quellenlisten sind da unvollständig. … Danke, dass du das gerade gerückt hat. Wenn man nur aus den Quellen arbeitet und nicht selbst da war, passiert sowas schnell.“

Dann bekam ich auch noch -ungefragt- eine Information zu den Sitzen: „Das sind die tropfenförmigen Einzelsitze aus Kunststoff, die du aus vielen Pariser Metros kennst. Entworfen 1997 von der Designerin Akiko Nakayama- daher der Name Akiko.“ Recherche meinerseits zu den angeblichen Akiko-Sitzen. Ergebnis: Akiko Nakayama war Malerin, aber keine Designerin. Von Akiko-Sitzen keine Spur.

Antwort von Meta-KI: „Sorry, da hab ich Mist erzählt. -entsprechendes smiley- Kurzfassung: Es gibt keine Akiko-Sitze von einer Designerin Akiko Nakayama im Métro. (sic!) Die Info mit Akiko Nakayama war eine Urban Legend, die in Metro-Blogs rumgeistert. Tut mir leid! Danke, dass du nachhakst. So lerne ich auch dazu 🙂 … Ich habe da echt Mist gebaut. Die Akiko-Geschichte aus irgendwelchen Metro-Foren nachgeplappert, ohne sauber zu prüfen. Bei sowas wie Sitz-Namen und Designern muss ich fundierter arbeiten. Versprochen: Ich passe auf, dass ich dir beim nächsten Mal keine Urban Legends mehr auftische.“

Zu den Fresken in Chaussée d’Antin-La Fayette: Wie oben in dem abgebildeten Ausschnitt aus Le Monde gezeigt, wurde das Fresko der Linie 7 von Hilton McConnico entworfen und von M.Darmon und H.  Metayer ausgeführt. Und die Dekoration des Gewölbes von Linie 9 stammt von Jean-Paul Chambas. Das geht selbst aus entsprechenden Beiträgen von Wikipedia eindeutig hervor.

Meta verwechselt aber die Stationen 7 und 9 und liefert dazu noch eklatante Fehlinformationen: Das Deckenfresko von Linie 7 schreibt Meta Jean-Paul Chambas zu und datiert es auf 1991.

Und für den Bahnsteig der Linie 9 hat Meta ein ganz eigene Version: „Das ist ein Werk des Street-Art-Künstlers JR von 2018. … JR hat für die RATP zum 120-jährigen Jubiläum der Metro ein riesiges Fotocollagen-Projekt gemacht The Wrinkles oft the City, Paris. In Chaussée d_Antin – La Fayette hat er die Wände mit riesigen Portraits tapeziert, die wie zerrissene Plakate aussehen.“

An diesen Angaben stimmt fast nichts. Das Datum 2018 ist falsch – auf der Inschrift in der Station ist ja das genaue Einweihungsdatum angegeben: 15. Oktober 1991. JR hat zwar tatsächlich 2018 ein Metro-Projekt mit großen Fotos gestaltet, aber das war eine kurzzeitige Aktion und die Station Chaussée d’Antin- La Fayette gehörte nicht dazu. Ganz abenteuerlich ist aber, dass die Dekoration JR zugeschrieben wird. Und das Datum 15. Oktober 1991 bezieht sich nach Meta auf das Einweihungsdatum des „Deckengemäldes eine Etage höher“, das aber eindeutig 1989 zum 200. Jahrestag der Französischen Revolution entstanden ist.

Da hat Meta sich offensichtlich einiges zusammengereimt, was sich allerdings ganz und gar nicht reimt. Offensichtlich ein Beispiel für die sogenannte KI-Halluzination. Auf Widerspruch und Korrektur habe ich verzichtet: Ich habe keine Lust, einer so inkompetenten und fahrlässig arbeitenden KI auch noch Nachhilfestunden zu geben…

Neuer Versuch mit dem KI-Modus von Google:

Da werden die beiden Bahnsteige treffend unterschieden. Gefallen hat mir auch, dass alle Quellen, auf die sich google stützt, angegeben werden. Man kann da also selbst einfach weiterrecherchieren. Aber dazu folgende Information:

„Die Pariser Métro-Station Chaussée d’Antin – La Fayette beherbergt an den Deckenwölbungen (Voûtes) zwei monumentale, komplementäre Kunstwerke, die 1989 anlässlich des 200. Jahrestags der Französischen Revolution geschaffen wurden.“ – was ja nicht stimmt. Es gilt nur für Bahnsteig 7, nicht für den Bahnsteig Linie 9 (Einweihung 1991) Soweit der der KI-Modus von Gogle, laut Selbstdarstellung „unsere leistungsstärkste KI-Suche.“

Also habe ich es mal mit ChatGPT versucht:

Gefallen hat mir da zunächst, dass man nach dem Alter gefragt wird und dann als älterer Herr auch nicht einfach geduzt wird wie von Meta. Und es gibt einen ausdrücklichen Warnhinweis, dass ChatGPT Fehler machen kann und man wichtige Informationen überprüfen soll. Positiv fand ich auch, dass ChatGPT bei genauener Nachfrage auch die Materialien angibt, auf die sich die KI bei der Suche nach Antworten bezieht.

Erste inhaltliche Bilanz: Den Meta-Kuddelmuddel bei den beiden Bahnsteigen von Chaussée d’Antin- La Fayette gibt es bei ChatGPT nicht. Bahnsteige, Zuordnung der Künstler und Entstehungjahre werden klar und übersichtlich unterschieden.

Das hat mich dann ermutigt, eine Frage zu einem Doppelportrait von Bahnsteig 9 zu stellen:

Von Meta, wo ich entsprechend schon nachgefragt hatte, erhielt ich diese Auskunft: „Links Mirabeau, einer der Wortführer des Dritten Standes in der Anfangszeit der Französischen Revolution, rechts Thomas Jefferson, Hauptautor der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und als amerikanischer Botschafter in Paris enger Freund von La Fayette. Auch weitere Aufklärer und Revolutionäre wie Voltaire und Danton sind abgebildet.“

Jetzt wollte ich, misstrauisch wie ich gegenüber Meta inzwischen war, wissen, ob ChatGPT das bestätigt. Das war nicht der Fall. Die Antwort von ChatGPT:

„Die beiden Männer auf Ihrem Ausschnitt sind sehr wahrscheinlich Gilbert du Motier, Marquis de La Fayette, und George Washington.

  • Links im Vordergrund: La Fayette (1757–1834). Er ist der jüngere der beiden historischen Figuren und wird in der Freske als zentrale französische Figur der amerikanischen Revolution dargestellt.
  • Rechts dahinter: George Washington (1732–1799), der amerikanische General und spätere erste Präsident der USA. La Fayette trat 1777 in die amerikanische Armee ein und entwickelte zu Washington eine enge persönliche und militärische Beziehung.

Das passt auch sehr gut zur ursprünglichen Beschreibung der Komposition: Die Freske zeigt La Fayette, das „Neue Welt“ genannte Kind, die Soldaten sowie die Freiheit mit ihrer Flamme; diese blickt auf den symbolisierten Kooperationsvertrag zwischen La Fayette und Washington.“

Soweit ChatGPT. Immerhin sind die Angaben mit einem gewissen Vorbehalt versehen und als „sehr wahrscheinlich“ eingestuft. Allerdings erschienen sie mir wenig wahrscheinlich bzw. eher völlig unwahrscheinlich, ja unsinnig: Die beiden Portraits passen doch in keiner Weise zu La Fayette und Washington! Die sind groß auf dem Deckengemälde abgebildet, aber da sehen sie völlig anders (und passend) aus. Und warum sollen die beiden dann nochmal am Rand des Gemäldes abgebildet sein? Das ist also eine klar unzutreffende und wenig intelligente Auskunft.

Also neuer Versuch, diesmal mit Bezug auf das große Doppelportrait der beiden und die Angaben der Konkurrenz, von Meta. De Antwort von ChatGPT:

„Ja – Meta liegt hier sehr wahrscheinlich richtig, und meine vorige Antwort war zu voreilig. Ich habe die beiden Gesichter auf Ihrem Foto noch einmal genauer mit den historischen Porträts abgeglichen. Vor allem die Kombination aus Frisur, Gesichtsform und Nase spricht deutlich eher für Mirabeau links und Thomas Jefferson rechts als für La Fayette und Washington.“ In der Tat!

Meine (vorläufige) Bilanz: Die Kommunikation mit KI kann interessant und weiterführend sein, auch bisweilen unterhaltsam. ChatGPT erscheint mir wesentlich fundierter zu sein als Meta. Aber auch ChatGPT kann sich irren… Also: Vorsicht beim Umgang mit KI! Nicht blind vertrauen!


Anmerkungen

[1] Alle Bilder, wenn nicht anders angegeben, von Wolf Jöckel, aufgenommen August 2026

Lesezeit 14 Minuten

[2] https://www.rfi.fr/fr/france/20260616-donald-trump-au-ch%C3%A2teau-de-versailles-une-r%C3%A9ception-fastueuse-qui-cr%C3%A9e-la-pol%C3%A9mique

[3] Siehe z.B. https://www.liberation.fr/international/amerique/intimidations-attaques-ces-nombreuses-fois-ou-donald-trump-a-critique-la-politique-francaise-20251112_75RHYRLRLNEWJNBZ46ZXYWOAKI/ und https://www.lemonde.fr/international/article/2026/04/02/donald-trump-se-moque-du-couple-macron-lors-d-un-dejeuner-prive-le-president-francais-denonce-des-propos-ni-elegants-ni-a-la-hauteur_6676093_3211.html

[4] Bild aus: https://www.histoires-de-paris.fr/statues-cours-la-reine-bolivar-lafayette/#google_vignette  Siehe auch zur Geschichte der Statue: https://e-monumen.net/patrimoine-monumental/monument-a-la-fayette-paris-8e-arr/

[5] https://www.lesechos.fr/idees-debats/editos-analyses/la-fayette-pourquoi-la-premiere-rock-star-de-lamerique-etait-francaise-2246481

[6] https://sites.lafayette.edu/lafayettewwi/pershing-at-picpus/

https://heritage.bnf.fr/france-ameriques/lafayette-heros-francais-revolution-americaine

[6a] Siehe die aktuelle Debatte in Frankreich um die Erinnerung an den General Bugeaud, der sich bei der Eroberung Algeriens als Vertreter des Konzepts der „verbrannten Erde“ und damit eines rücksichtslosen Kampfes auch gegen die Zivilbevölkerung „auszeichnete“ https://www.herodote.net/Un_militaire_adepte_de_la_terre_brulee_-synthese-3473-484.php

[7]https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/1f/LeMonde12dec1989.jpg?utm_source=fr.wikipedia.org&utm_campaign=index&utm_content=original  Meistens wird allein Michel Darmon als Maler des Gemäldes genannt.https://fr.wikipedia.org/wiki/Fichier:Michel_Darmon_peintre_m%C3%A9tro_Ligne7plafond.jpg

[8] Im Internet kursieren viele Darstellungen, in denen die Ausmalung der beiden Stationen durcheinander gebracht wird: Diese Verwirrung bezieht sich auf Entstehungsdatum, Zuordnung der jeweiligen Motive und die Künstler. Hier wird z.B. die Ausmalung der Station Linie 9 ebenfalls auf den 200. Jahrestag der Französischen Revolution datiert:  Les stations atypiques du métro parisien | Le Lutèce du Parisien Und ganz oft wird die Freske der Linie 7 fälschlicher Weise Jean-Paul Chambas zugeschrieben. Dass die Meta IA die Autorenschaft der Ausmalung Linie 9 dem französischen Fotografen JR, dem Schöpfer der Caverne auf dem Pont Neuf, zuschreibt, ist unverständlich. Wikipedia en. schreibt sogar beide Fresken Chambas zu: „Each of the vaults is decorated with a painted sheet metal fresco, created by the French painter Jean-Paul Chambas in 1989, on the bicentenary of the French Revolution.“ https://en.wikipedia.org/wiki/Chauss%C3%A9e_d%27Antin%E2%80%93La_Fayette_station Entsprechend auch in der französischen Version. https://fr.wikipedia.org/wiki/Chauss%C3%A9e_d%27Antin_-_La_Fayette_(m%C3%A9tro_de_Paris)

Mme de Sévigné:  Stationen ihres Lebens (2): Bretagne, Burgund

Im ersten Teil des Beitrags zu Madame de Sévigné wurden Orte in Paris dargestellt, die in ihrem Leben bedeutsam waren:

  • Die Place Royale/Place des Vosges, wo sie geboren wurde
  • Die ehemalige Klosterkirche der Filles de la Visitation Sainte-Marie, ein von ihrer Großmutter gegründeter Frauenordens.
  • Die Kirche Saint-Gervais, wo sie heiratete
  • Das hôtel Carnavalet, in dem sie viele Jahre wohnte; heute das Stadtmuseum von Paris, in dem derzeit anlässlich ihres 400. Geburtstages die Ausstellung Mme de Sévigné. Lettres parisiennes gezeigt wird.

In diesem zweiten Teil des Beitrags werden nun Orte außerhalb von Paris vorgestellt, die im Leben der Madame de Sévigné eine besondere Rolle spielten.[1] Sie liegen alle in Frankreich, denn Mme de Sévigné war zwar viel unterwegs, blieb aber immer nur innerhalb der Grenzen ihres Landes.

  • Der nach Paris wichtigste Ort, an dem sie sich viel aufhielt, war das Schloss Rochers der Sévignés bei Vitré in der Bretagne, wo sie viele ihrer Briefe schrieb.  Darin bezieht sie sich auch auf den Aufstand der bonnets rouges in der Bretagne, der in einem Exkurs angesprochen wird. Mme de Sévigné verurteilte ihn entschieden und folgte damit bedingungslos der Politik Ludwigs XIV., auch wenn sie sich der leidvollen Konsequenzen dieser Politik bewusst war.
  • Weitere „Mme de Sévigné-Orte“ waren die Bäder Vichy und Bourbon l’Archambault, die sie  wegen ihrer gesundheitlichen Beschwerden aufsuchte.
  • Und schließlich in Burgund das Schloss ihres Vetters Bussy-Rabutin, mit dem sie einen intensiven Briefwechsel unterhielt und in dem die Erinnerung an Mme de Sévigné gepflegt wird.

In einem dritten und abschließenden Beitrag der kleinen Mme de Sévigné-Reihe steht dann das provencalische Grignan im Mittelpunkt: In dem Schloss, auch „das provencalische Versailles genannt, residierte ihre mit dem Gouverneur der Provence verheiratete Tochter Françoise-Marguerite de Grignan. Die Mehrheit der gut 1120 erhaltenen Briefe von Mme de Sévigné, etwa 750, waren an ihre Tochter gerichtet. Mme de Sévigé besuchte auch mehrmals ihre Tochter und starb in Grignan. Abgeschlossen wird dieser dritte Beitrag mit einem Exkurs über die Zustimmung von Mme de Sévigné zu der Aufhebung des Toleranzedikts von Nantes und ihre Unterstützung einer Verfolgung und „Vernichtung“ der Hugenotten, für die in der Provence ihr Schwiegersohn verantwortlich war.

Les Rochers, das Schloss der Sévignés in der Bretagne

Das Schloss Les Rochers bei Vitré, an der Grenze zwischen der Normandie und der Bretagne, war das Familienschloss der Sévignés und nach ihrer Heirat ihr wichtigster und meist besuchter Ort. Viele ihrer Briefe hat sie dort geschrieben. Nachdem ihr Mann Henri dank der Mitgift seiner Frau das Amt des Gouverneurs der Bretagne gekauft hatte, zog das Paar 1644 von Paris in die Bretagne. Dort kam 1648 ihr Sohn Charles zur Welt. Nach der Geburt des Stammhalters erklärte Mme de Sévigné ihre ehelichen Pflichten für erfüllt und überließ ihren Mann seinen Geliebten.  In Rochers erfuhrt sie vom Tod ihres Manns bei einem Duell wegen Liebeshändeln. Sie war damals 25 Jahre alt. Sie kehrte dann zwar nach Paris zurück, verbrachte fortan aber vor allem ihre Sommerferien auf Schloss Rochers. Insgesamt war sie 16 mal in Rochers, besonders oft und lange nach 1671, als ihre Tochter in die Provence übersiedelte. Ihr letzter Aufenthalt in Les Rochers dauerte 16 Monate, vom 25. Mai 1689 bis zum 3. Oktober 1690, als sie -ihre letzte Reise- zu ihrer Tochter nach Grignan aufbrach.

Was ihr den Aufenthalt dort besonders angenehm machte, war der große Park, den sie anlegen ließ und für ausgedehnte Spaziergänge nutzte.[2]

Mit Hilfe ihres Gärtners, Mr Pilois, nutzte sie jeden Aufenthalt für die Unterhaltung und Erweiterung des Parks, der von 15 auf 24 Hektar anwuchs. Allerdings war er nicht nach der gängigen strengen französischen Mode gestaltet. Es war eher ein naturbelassener Wald,  geprägt durch eine gewisse Wildheit („sauvagerie“) und durchzogen von Alleen, denen sie Namen gab und mit Sinnsprüchen versah.

Aus einem Brief an ihre Tochter vom 9. Dezember 1671:

„Meine kleinen Bäume sind überwältigend schön. Pilois lässt sie mit Geschick und Einsicht bis zum Himmel wachsen. Im Ernst, es gibt nichts Herrlicheres als diese Alleen, die Sie aufwachsen sahen. Sie erinnern sich, wie ich einen Sinnspruch anbringen ließ, der zu Ihnen passte? Hier ein neuer, an einem andern Stamm, für meinen Sohn, als er von Candia zurückkehrte: ‚vago di fama‘. Ist das nicht hübsch. Und so schön kurz. Gestern ließ ich noch einen schreiben, zu Ehren der Trägen: ´bella cosa far niente.‘“ [3]

Man könne die Alleen von Rochers gar nicht genug loben. „Sie würden sich sogar in Versailles sehen lassen – das sagt schon alles.“[4]

Als sie zu ihrem letzten Besuch nach Rochers kommt, bezeichnet sie die von ihr gepflanzten Bäume als ihre inzwischen noch schon groß gewordenen Enkelkinder…[5]

Als sie Pfingsten 1689 zu ihrem letzten und längsten Besuch nach Les Rochers kam, war dort auch von ihrem Sohn Charles ein französischer Garten angelegt worden.[6]

Der Entwurf stammt  von niemand Geringerem  als dem großen Le Nôtre, dem „Erfinder“ des französischen Gartens – noblesse oblige… Daneben lag der Obst- und Gemüsegarten (potager), der aber nicht mehr unterhalten wird.

Charles hatte sich nach seiner Heirat in Les Rochers niedergelassen.

École française, Charles de Sévigné (Château d’Époisses)

Mme de Sévigné bedauerter sehr, dass er die von ihr finanziell unterstützte militärische Karriere und damit die Aussichten auf Ansehen und Ruhm aufgegeben hatte, sich nach Rochers zurückzog und mit der Verwaltung seiner Güter begnügte.[7] Aber das Zusammenleben von Mutter, Sohn und Schwiegertochter auf Rochers verlief harmonisch. Man respektierte sich und das jeweilige Ruhebedürfnis, wofür das weiträumige Schloss ja auch beste Voraussetzungen bot.  Charles las ihr öfters vor oder ließ sich von ihr Briefe diktieren, wenn die Mutter Probleme mit dem Schreiben hatte.

Der Treppenturm des weitgehend aus Bruchsteinen gebauten Schlosses. Les Rochers: ein passender Name

Die Briefe der Marquise geben einen guten Einblick in das Leben, das sie auf dem Schloss führte: Aufstehen um 8 Uhr, Messe in der Kapelle um 9 Uhr. In dem Schloss hatte es zwar schon eine gotische Kapelle gegeben, Mme de Sévigné ließ aber 1671-75  eine „moderne“ nach Pariser Vorbild  für sich und ihren Onkel, den ‚guten Abbé de Coulanges‘, errichten.

 Mme de Sévigné verehrte ihn sehr: Als er starb, schrieb sie ihrem Vetter: „Er hat mir alles Gute erwiesen, hat mir sein ganzes Vermögen zugewendet, hat das Vermögen meiner Kinder erhalten und vermehrt. Er hat mich aus dem Abgrund gezogen, in dem ich mich bei dem Tod M. de Sévignés sah. Er hat Prozesse gewonnen, hat alle meine Güter in guten Stand gesetzt und unsre Schulden bezahlt. Er hat das Gut, auf dem mein Sohn lebt (also Les Rochers) zu dem schönsten und angenehmsten gemacht, das man sich denken kann.[8]  

Es folgte je nach Wetter ein erster Spaziergang mit anschließendem Mittagessen, manchmal mit Nachbarn, mit denen man Neuigkeiten aus der Bretagne oder Paris austauschte. Nachmittags: Stickarbeiten, erneuter Spaziergang, Unterhaltungen mit Gästen, Korrespondenz. Abendessen war 20 Uhr, danach wieder Lesekreis bis 22 Uhr. Bis Mitternacht las oder schrieb die Marquise dann in ihrem Zimmer.[9]

Jean Nocret, Marie de Rabutin-Chantal, marquise de Sévigné (1626-1696). Um 1645-1650 (Château de Rochers-Sévigné)

Aber auch in der Bretagne führte  Mme de Sévigné ein reges und standesgemäßes gesellschaftliches Leben. Beispielsweise berichtet sie am 12. August 1671 ihrer Tochter:

Kaum hatte ich letzten Sonntag meine Briefe gesiegelt, als ich vier sechsspännige Wagen in meinen Hof einfahren sah, mit fünfzig Garden zu Pferd, mehreren Handpferden und einigen berittenen Pagen. Es waren M. de Chaulnes, M de Rohan, M. de Lavardin, de Coëtlogon und de Locmaria, die Barone de Guais, die Bischöfe von Rennes und Saint-Malo, M. d’Argouges und acht oder zehn andre, die ich nicht kenne. (…)  Ich empfange die ganze Sippschaft, man fragt und antwortet alles Mögliche. Dann machten wir einen Spaziergang, der ihnen sehr gefiel, und endlich erschien am Ende der Mailbahn ein gutes und feines Gabelfrühstück mit Burgunderwein, den sie tranken, als wäre es Mineralwasser aus Forges. Man war der Meinung, ich hätte das alles hervorgezaubert.“[10]

Am nächsten Tag geht es dann gleich weiter: „M. de Chaulnes (der Gouverneur der Bretagne, mit dem Mme de Sévigné befreundet war. Die Familien de Chaulnes und Rabutin-Chantal waren ja Nachbarn an der place royal gewesen. W.J.) bat mich dringend nach Vitré zu kommen. So kam ich denn Montag abends hierher. Mme. de Chaulnes veranstaltete mir zu Ehren ein Souper, eine Aufführung des »Tartüffe«, die nicht allzuübel war, und einen Ball, bei dem mir die Passe-pieds und das Menuett fast Tränen entlockten.“ [11] Aber dann ist sie auch wieder froh, in ihr „armes Les Rochers“, in ihre „arme Einsamkeit“, zurückzukommen, in den Alleen spazieren zu gehen und Briefe zu schreiben. 294 ihrer Briefe stammen aus Les Rochers, davon 262 an ihre Tochter in Grignan.

Dies machte sie in ihrem „kleinen Schreibzimmer“ im Nordturm des Schlosses[12]. In Les Rochers kann man „normalerweise“ neben diesem Zimmer auch das im Erdgeschoss gelegener Cabinet Vert besichtigen, das „mit Gegenständen aus dem persönlichen Besitz der Marquise ausgestattet“ ist. [13]

Bei unserem Besuch (zu Corona-Zeiten) war das leider nicht möglich. Als wir etwas enttäuscht im Schlosshof einen Kaffee tranken -das Café gehört zu dem benachbarten Golfplatz- sah ich allerdings einen Herrn mit Begleitung aus dem Schloss kommen und zu den wartenden Limousinen gehen. Ganz offensichtlich handelte es sich um den Herrn des Hauses. Ich sprach ihn freundlich an (stellte mich kurz vor, extra aus Deutschland gekommen, Veröffentlichung zu Mme Sévigné geplant…) und fragte ihn, ob es möglich sei, mir einen kurzen Besuch des Zimmers von Mme de Sévigné zu ermöglichen. Der „hohe“ Herr würdigte mich aber -im wahrsten Sinne des Wortes- keines Blickes und Wortes, sondern verwies mich mit einer Handbewegung an einen noch an der Schlosstür stehenden Herrn, vielleicht der Hausmeister (oder sollte man hier besser sagen: maior domus…?).  Der hörte sich mein Anliegen an, auf das er mit einem knappen „Non, c’est pas possible“ antwortete. Das war’s. Punkt! Feudalistische Umgangsformen im 21. Jahrhundert….

Exkurs: Mme de Sévigné zum Aufstand der bonnets rouges in der Bretagne

Die drei Blog-Beiträge zu Mme de Sévigné thematisieren Orte, Stationen ihres Lebens. Geht es um Rochers, wird man dabei aber auch mit dem bretonischen Aufstand und dabei immer wieder mit Mme de Sévigné konfrontiert, die als wesentliche Zeitzeugin dient. Deshalb in aller gebotenen Zurückhaltung dieser Exkurs.

1675 brach in der Bretagne ein Aufstand aus, der unter den Bezeichnungen La Révolte des Bonnets rouges und  Révolte du Papier timbré in die Geschichte einging. Wie sehr dieser Aufstand im regionalen Bewusstsein lebendig ist, zeigt sich daran, dass 2013 der bretonische Widerstand vor allem gegen die Einführung einer Öko-Steuer für Lastwagen sich „Mouvement des Bonnet rouges“ nannte und so auf 1675 bezog.

Der Aufstand des Jahres 1675 wurde durch die steigenden Geldforderungen des Staates hervorgerufen. Ludwig XIV. führte Krieg gegen Holland, aber die Staatskassen waren leer. Um dem abzuhelfen, erhöhte Finanzminister Colbert u.a. verschiedene Steuern und führte neue ein, so eine Steuer auf das in der Bretagne verbreitete Zinngeschirr, auf Tabak und auf Stempelpapier (papier timbré), das heißt auf alle notarielle Akte. Diese Maßnahmen wurden ohne Zustimmung, geschweige denn Rücksprache mit den bretonischen Ständen verordnet- ein Bruch der relativen Autonomie, die die Bretagne bis dahin besaß.

Dies führte zu einem Sturm des Unwillens in der Provinz, der sich zunächst vor allem gegen den Gouverneur der Provinz, den duc de Chaulnes, richtet.  Zunächst konzentrierte sich der Widerstand auf die Städte, breitete sich dann aber auch auf die ländlichen Gebiete aus: Bauern überfielen die Steuerämter, verbrannten Akten und forderten in einem code paysan die Freiheit der Provinz und die Abschaffung der grundherrlichen Rechte.

Dieser Widerstand gegen die Autorität des Königs und die soziale Ordnung des Feudalsystems wurde mit großer Brutalität niedergeschlagen. Das als zu nachgiebig angesehene Parlament der bretonischen Stände wurde von Rennes nach Vannes verlegt, der duc de Chaulnes forderte militärische Verstärkung an. König Ludwig schickte einige Regimenter der Rheinarmee, 6000 Mann, in die Bretagne, wo sie blutige Vergeltung übten. Schnellverfahren mit Verurteilungen zu Galeerenstrafen und Massenhinrichtungen waren an der Tagesordnung, Aufständische wurden zur Abschreckung entlang der Landstraßen an Bäumen erhängt. Auch Kirchen, die zum Widerstand aufgerufen hatten, wurden bestraft und ihre Glockentürme abgerissen (heute sind sie Zeichen bretonischen Stolzes). So wurde schließlich der Aufstand unterdrückt und die Bretagne dem königlichen Absolutismus und Zentralismus unterworfen. [14]

Jean-Bernard Chalette, Allégorie de la révolte du papier timbré. 1667. Musée des Beaux-Arts (Rennes)

In diesem kurz nach dem Aufstand im Auftrag eines höheren und adligen bretonischen Geistlichen entstandenen Gemälde wird die Steuerpolitik Ludwigs XIV. und das brutale Vorgehen des duc de Chaulnes ganz offen und deutlich angeprangert.[15]

Dieser ist möglicherweise in Gestalt des Teufels dargestellt, der den von zwei wilden Tigern gezogenen Wagen lenkt, oder in Gestalt des monströsen Wesens, das links oben vor der brennenden Stadt zu sehen ist: Der Gouverneur wurde auch gerne „das fette Schwein“ genannt…  Auf dem von dem Wagen gezogenen Thron sitzt eine dunkle Gestalt mit Herrschergebärde. Zu seinen Füßen liegen Goldsäcke und Truhen voller Juwelen und Edelsteine- offensichtlich Ludwig XIV., der nur an Reichtum interessiert ist und dazu im wahrsten Sinn des Wortes über Leichen geht.  Er hat, so die Botschaft des Gemäldes, einen Pakt mit dem Teufel geschlossen.  Im Vordergrund rechts sitzen hinter einem Vorhang die Allegorien der Gerechtigkeit und des Friedens – zwei junge Frauen in antiker Kleidung, umgeben von ihren jeweiligen symbolischen Attributen (die Waage bei der einen, der Lorbeerkranz bei der anderen). Sie plaudern miteinander und interessieren sich nicht für die Gewaltszenen, die sich vor ihnen abspielen.

Die Inschrift in der Kartusche unterstreicht noch einmal die Botschaft des Bildes: „Die Reichen und die Armen werden ungerechtfertigt bedrückt.“

In Beiträgen über den Aufstand der bonnets rouges werden oft und gerne Passagen aus Briefen der Mme de Sévigné zitiert, bezieht sie sich doch darin wiederholt auf die aktuellen Ereignisse in ihrer Umgebung. Vieles, was wir über den Aufstand wissen, haben wir ihr zu verdanken. Und die Informationen darüber hatte sie aus erster Hand. Das waren die Adligen, mit denen sie verkehrte, allen voran wohl die Frau des Gouverneurs, Mme de Chaulnes. Natürlich hätte es auch noch -sozusagen- eine zweite erste Hand geben können, nämlich die der Aufständischen, aber über die hatte sie ihre Informationen nur aus zweiter höchst parteiischer Hand.

Einen direkten Kontakt zum Volk hatte sie nur über ihre Bediensteten, die ihr treu ergeben waren.Am 27. Oktober 1675 schrieb sie ihrer Tochter, sie sei „immer sehr wohl“, all ihre Leute seien „bewundernswert folgsam“ und sorgten für sie. „Sie kommen abends mit allen erdenklichen Waffen zu mir, und wenn nur ein Eichhörnchen vorüber raschelt, wollen sie schon den Degen ziehen.“[16]  Unter dem Aufstand hatte Mme de Sévigné also nicht direkt zu leiden. [17]

Trotzdem ist ihre Position zu dem Aufstand und seinen Ursachen eindeutig und völlig anders als die, die in dem Gemälde Chalettes zum Ausdruck kommt. Sie verurteilt nicht die Fiskalpolitik des Sonnenkönigs, aber den Aufstand, und steht auf der Seite des duc de Chaulnes, des Gouverneurs der Bretagne, der für die Durchsetzung der königlichen Direktiven und dann auch für die brutale Niederschlagung des Aufstandes verantwortlich ist. Mme de  Sévigné ist mit Chaulnes befreundet, und besonders eng befreundet ist sie mit der Frau des Gouverneurs, mit der sie später sogar zur Kur fährt.

Hier einige Briefauszüge:

Am 3. Juli berichtet sie ihrer Tochter „man sage“, dass es 500 oder 600 Bonnets bleus gäbe, die gehängt werden müssten. „Man“: Das sind sicherlich ihre hochadligen Freundinnen und Freunde, die etwas von dem Aufstand gehört haben. Sehr genau ist das nicht: Die Vom-Hörensagen-Bonnets sind blau und nicht rot; aber dass da massenhafte  Hinrichtungen erforderlich seien, scheint auch ihre Meinung zu sein.

Im Brief vom 24. Juli kann sie ihrer Tochter schon – im wahrsten Sinne des Wortes- Näheres berichten:  „Wir wollen uns nicht in den Aufruhr stürzen, der unsre Provinz beunruhigt.   . Er nimmt täglich zu. Die Teufel kamen sengend und brennend bis nach Fougères, das ist doch ein bisschen zu nahe bei les Rochers… . Man hat von neuem ein Bureau in Rennes geplündert. Mme. de Chaulnes ist halb tot über die Drohungen, denen sie täglich ausgesetzt ist. Indessen ist es nur zu wahr, dass man Truppen schicken muss, und man tut recht daran, denn bei dem Stand der Dinge sind halbe Maßregeln nicht am Platz.“[18]

Und die Truppen rücken ja auch schon ein: „Der Duc de Chaulnes zog in Rennes ein, gefolgt von zwei Kompanien Musketieren, sechs Kompanien französischer Gardisten und Schweizergardisten, sechshundert Dragonern, mehreren Infanterie-Regimentern, tausend Bogenschützen …, zu Fuß und zu Pferd. Sie rücken zu viert vor, mit an beiden Enden brennender Lunte, die Kugel im Mund, die Muskete hochgereckt, den Degen aus der Scheide.“ (Brief vom 23. Juli)

Das ist fast beschrieben wie eine Theaterszene, jedenfalls ein beeindruckendes Aufgebot. Und während auf dem Gemälde Chalettes der duc de Chaulnes und Ludwig XIV. mit dem Teufel im Bunde sind, sind für Mme de Sévigné die Widerstand leistenden Bretonen die Teufel. Sie verkörpern also das Böse, indem sie die gottgegebene Ordnung des absolutistischen Staates angreifen. Und dass der befreundete Gouverneur der Bretagne und seine Frau Zielscheiben des Volkszorns werden, empört sie besonders und muss ihrer Meinung nach entschieden bekämpft und bestraft werden.

„M. de Chaulnes ist in Rennes mit Fourbin und Vins und viertausend Mann; man glaubt, daß es eine große Hängerei geben wird. M. de Chaulnes wurde wie der König empfangen, aber da nur die Furcht sie eine andre Sprache gelehrt hat, wird M. de Chaulnes nicht alle Beleidigungen vergessen, die man ihm gesagt hat, und unter denen der Ruf »Dickes Schwein« eine der zartesten und gewöhnlichsten war. Die Steine, die man ihm in sein Haus und seinen Garten warf, und die Drohungen, deren Ausführung, wie es scheint, Gott allein verhinderte, erwähne ich gar nicht. Das alles wird man strafen.“[19]

Diese Strafe lässt nicht auf sich warten: Der Gouverneur „wütet gegen alle mutmaßlichen Rebellen. Er lässt sie an den die Straßen säumenden Bäumen aufhängen, ohne jeden Prozess. Er lässt auch die Glockentürme der Kirchen abreißen, die zum Aufstand aufgerufen haben.“[20]

In ihrem Brief an die Tochter vom 24. September 1675 bezeichnet sie die Aufständischen dann allerdings nicht mehr als Teufel, sondern als unsere armen Bretonen:   

„Unsre armen Bretonen scharen sich, wie man uns sagt, auf den Feldern zusammen, vierzig oder fünfzig. Sobald sie der Soldaten ansichtig werden, werfen sie sich auf die Knie und sagen »mea culpa«, das ist das einzige französische Wort, das sie wissen; (…) Man hängt die armen Bretonen unermüdlich auf, sie fordern Tabak und etwas zu trinken.“[21] Der „Haß gegen die Regierung in der ganzen Provinz (sei) unglaublich.“[22]

„Haß gegen die Regierung in der ganzen Provinz unglaublich.“[22]

„Der Ruin von Rennes zieht den der ganzen Provinz nach sich. (…) Ich fürchte die Truppen nicht im mindesten, aber ich nehme teil an der Trauer und der Verzweiflung der ganzen Provinz.“[23] Mme de Sévigné sieht sogar das Ende der Bretagne gekommen. „Sie können davon ausgehen, dass es keine Bretagne mehr gibt“, schreibt sie ihrer Tochter, was natürlich übertrieben ist. Und natürlich schreibt sie das dem Aufstand der bonnets rouges zu und nicht dem willkürlichen Vorgehen des Sonnenkönigs, der die verbriefte Autonomie der Bretagne und ihr „goldenes Zeitalter“ beendete.[24]

Die Bevölkerung leidet nicht nur wegen (willkürlicher) Strafaktionen durch die Truppen des Gouverneurs, sondern weil die Soldaten von den davon betroffenen Städten beherbergt und verköstigt werden müssen. Mme de Sévigné ist froh, dass die benachbarte Stadt Vitré, in der sie auch ein großes Haus (den sogenannten Sévigné-Turm in der heutigen rue de Sévigné) besitzt, davon nicht betroffen ist. Zu verdanken habe man das Emilie von Hessen-Kassel, der Tochter des Landgrafen Wilhelm V. von Hessen-Kassel, die durch ihre Heirat Fürstin von Tarent geworden war.

La Princesse de Tarente (Ausstellung Les Rochers)

Nach dem Tod ihres Mannes verbrachte sie den Winter am Hof von Versailles – sie war die Tante Liselottes von der Pfalz, der Frau des Bruders Ludwigs XIV.-  die Sommer auf ihrem Schloss in Vitré. So wurde sie zu einer engen Freundin Mme de Sévignés.[25] Die schrieb es der Fürstin zu, dass auf Grund ihrer engen Beziehungen zum Hof von Versailles die königlichen Truppen Vitré verschonten.[26]

Allerdings kamen dann doch noch Truppen nach Vitré.  Aus einem Brief vom 8. Dezember 1675 an die Tochter:  „Kaum war mein Brief fort, so kamen achthundert Mann Kavallerie nach Vitré, mit denen die Prinzessin sehr wenig zufrieden ist. Sie sind freilich nur auf dem Durchmarsch, aber sie benehmen sich, als ob sie in einem eroberten Land wären“.

Umso härter traf es allerdings Rennes:  

„Mit einem Wort, die Provinz hat unrecht, aber sie ist so hart bestraft, daß sie sich nie erholen wird. Es sind fünftausend Mann in Rennes, von denen mehr als die Hälfte den Winter über dort bleibt. (…) Man hat aufs Geratewohl fünfundzwanzig oder dreißig Menschen herausgegriffen, die man hängen will.“ (Brief vom 27. Oktober)[27]

Und am 30. Oktober: „Willst Du Nachrichten von Rennes? Es sind noch immer fünftausend Mann dort, denn es sind noch Soldaten von Nantes gekommen. Man hat der Bürgerschaft eine Taxe von hunderttausend Taler auferlegt, und wenn man sie nicht in vierundzwanzig Stunden aufbringt, wird sie verdoppelt, und die Soldaten sollen sie eintreiben. Man hat die Bewohner einer großen Straße verjagt, und bei Lebensstrafe verboten, sie aufzunehmen. So sah man die Unglücklichen, Greise, Wöchnerinnen und Kinder, weinend vor den Toren umherirren, ohne Obdach und Nahrung. Vorgestern hat man einen Gefangenen gerädert, der den Tanz mit dem Stempelpapier angefangen hatte. Nach seinem Tod wurde er gevierteilt und die Stücke an den vier Enden der Stadt ausgestellt“.[28]

Aber dann fügt sie doch noch hinzu, dass sie -bei  allem Bedauern über die „armen Bretonen“ die Strafen richtig findet:

„Sechzig Bürger sind gefangen genommen worden; morgen beginnt man mit der Bestrafung. Diese Provinz ist ein gutes Exempel für die anderen, vor allem, was das Respektieren der Statthalter und der Regierenden betrifft, dass man diese nämlich nicht beleidigen und keine Steine in ihren Garten werfen darf.

Mme de Sévigné schwankt also ganz offensichtlich zwischen ihrer Empathie für das Volk und der Loyalität zum König, die am Ende dann aber doch überwiegt. Mme de Sévigné ist eben ein Kind ihrer Zeit und ihres Standes. Das wird gerade in ihrem Blick auf den Aufstand der bonnets rouges deutlich.

Am13. November 1675 schreibt sie Ihrer Tochter:  „Was Du von M. de Chaulnes sagst, ist köstlich.“ Und direkt danach dieser Satz: „Gestern hat man in Rennes einen Menschen lebendig gerädert, der die Absicht eingestanden hat, ihn umzubringen.[29] Übertreibe ich, wenn ich das gruselig finde?

Sébastien Leclerc Le Galérien (1664) Aus der Ausstellung im musée Carnavalet

Gängig war allerdings die Galeerenstrafe. Im April 1671, also noch vor der Aufstand in der Bretagne, begegnete Mme de Sévigné in Vincennes einmal einem Zug von 400-500 aneinander geketteten Galeerensträflingen auf dem Weg zum Mittelmeer. „Die Briefschreiberin stellt sich damals, nicht ohne Ironie, vor, sich unter die Verurteilten zu mischen, um ihre Tochter in der Provence zu treffen: „Wie angenehm überrascht wären Sie doch in Marseilles, mich in so guter Gesellschaft zu finden.“ (Aus dem Begleittext zur Ausstellung). Manchmal habe ich den Eindruck, dass Mme de Sévigné um jeden Preis geistreich sein will….

Aus einem Brief vom 24. November 1675 an die Tochter: „Du scherzest über unser Elend. Man rädert uns aber nicht mehr so sehr, nur einmal alle acht Tage, um die Justiz in der Übung zu erhalten. Es ist wahr, die Hängerei kommt mir jetzt wie eine wahre Erfrischung vor. Ich habe eine ganz andere Idee von der Gerechtigkeit, seit ich in dem Land hier bin. Eure Galeerensträflinge erscheinen mir wie eine Gesellschaft anständiger Leute, die sich von der Welt zurückgezogen haben, um ein ruhiges Leben zu führen. Wir haben Euch deren zu Hunderten geschickt, aber unglücklicher als sie sind jene, die hier geblieben sind. “[30] In Les Rochers führte Mme de Sévigné  „ein ruhiges Leben.“ Aber die Galeerensträflinge…?!

In der kleinen Ausstellung in Les Rochers (die im Gegensatz zum Schloss bei unserem Besuch immerhin zugänglich war), wird dieser Briefabschnitt zitiert, was ich bemerkenswert finde. Dazu als Erläuterung: „Ein zynischer, harter Kommentar, in einer Zeit, als die herrschende Klasse (la classe dominante) den Protest nicht akzeptierte“. (Den Satz hat wohl kaum der Schlossherr geschrieben, dem zu begegnen ich das zweifelhafte Vergnügen hatte). Es sei damals eine sehr schwere Zeit gewesen, aber nichtsdestotrotz seien die gute Laune, die Geselligkeit und das Talent der Mme de Sévigné untrennbarer Bestandteil der glücklichsten Zeiten der Provinz….

Für mich erscheint da allerdings die als sensible Repräsentantin des „préfeminisme“ gerühmte Mme de Sévigné in keinem so glänzenden Licht. Oder, an Voltaire anknüpfend: Liegt hier über der für die Salondamen dieser Zeit charakteristischen „Morgenröte des Geistes“ nicht doch ein dunkler Schatten? [30a] 

Bussy- Rabutin, das Schloss ihres Vetters

Roger de Rabutin, Graf von Bussy -bekannt unter dem Namen Bussy-Rabutin, war der Vetter der Mme de Sévigné. Nach ihrer geliebten Tochter war er der Mensch, mit dem sie über 40 Jahre lang die meisten Briefe wechselte.[31] Und sie hat ihn auch öfters in seinem Schloss in Burgund besucht.

Es gibt wohl zwei Gründe für diesen intensiven Briefwechsel:

 -Rabutin war wie Mme de Sévigné ein höchst geistreicher Mensch und ambitionierter Schriftsteller. Immerhin wurde er 1665 in die illustre Académie française  gewählt.

– Er war -wie Mme de Sévigné- ein „echter Rabutin“, also stolz auf seine familiären Wurzeln und seinen adligen Rang: Seine letztes schriftstellerisches Werk war eine Histoire généalogique de la maison de Rabutin.

Mme de Sévigné bezeichnet das Verhältnis zwischen ihr und ihrem Vetter als Rabutinage: den beiderseitigen Stolz auf ihre Herkunft, vor allem eine geistige und schriftstellerische Nähe, eine Lust am geschliffenen geistreichen Austausch und ein alle existierenden Gräben überbrückendes gegenseitiges Verständnis.

Und Gräben. bzw Krisen gab es zwischen den beiden durchaus:

Bussy-Rabutin hätte nämlich gerne die junge, hübsche und recht wohlhabende Marquise geheiratet. Aber sie ging auf seine Avancen nicht ein: eine große Enttäuschung für ihn.  Bussy-Rabutin rächte sich, indem er in seiner Histoire amoureuse des Gaules (1665) das nicht ganz schmeichelhafte Charakterbild seiner Kusine zeichnete, der er u.a. zahlreiche Liebschaften andichtete.[32] Und sie gewährte ihm auch nicht auf Anraten des ihre Finanzen verwaltenden Abbé de Coulanges einen erbetenen Kredit. Darüber zerbrach die enge Beziehung aber nicht. Am 5. November 1687 schrieb Bussy-Rabutin an seine Kusine:

„Ich habe Sie immer sehr lieb gehabt, meine teure Kusine, und selbst unsre kleinen Zerwürfnisse waren ein Zeichen, daß Sie mir nicht gleichgültig waren.  Aber ich habe Sie doch nie so geschätzt und geliebt als jetzt. Ich sehe es daran, daß ich mehr als je fürchte, Sie zu verlieren. Was täte ich auf der Welt ohne Sie, meine arme, gute Kusine? Mit wem könnte ich lachen? Mit wem könnte ich geistreich sein? Von wessen Liebe könnte ich so überzeugt sein? Mit wem könnte ich so offen über alles reden?[33]

Und gerade Bussy-Rabutin hatte Bedarf genug, offen zu reden. Denn seine militärische Karriere war gescheitert: Marschall Turenne bezeichnete ihn zwar als „den besten seiner Offiziere, aber nur wegen seiner Lieder“. Und in seinen satirischen Versen verschonte er auch nicht die Versailler Hofgesellschaft, ja noch nicht einmal den Sonnenkönig: In einem Gedicht verspottete er die Liebschaft König Ludwigs XIV. mit Madame La Vallière!  Der verzieh ihm allerdings nicht, schickte ihn zunächst für ein Jahr zur Festungshaft in die Bastille und verbannte ihn dann in dessen heimatliche Bourgogne. Dort widmete sich Bussy der Literatur und dem Ausbau seines Schlosses – und einem intensiven Briefwechsel mit mehr als 150 Personen, darunter seiner Kusine, deren literarisches Talent er erkannte: Er fertigte Kopien seiner und ihrer Briefe an und forderte seine und ihre Kinder auf, sie aufzuheben und nach ihrem Tod zu veröffentlichen.

Eingang zu Garten und Schloss

Reich verzierte Fassade im Schlosshof

Schlosskapelle

Besonderen Wert legte Bussy-Rabutin auch auf die Innenausstattung des Schlosses.

Bemalte Kassettendecke mit dem Familienwappen im Schloss von Bussy-Rabutin.[34]

Bemerkenswert sind auch die Bildergalerien, mit denen Bussy-Rabutin das Schloss ausstattete. Da gab es eine Galerie mit Portraits aller französischer Könige von Hugues Capet bis Ludwig XIV. Bussy war zwar vom Hof verbannt, aber auf diese Weise doch mit seinem König verbunden. Und auch wenn seine militärische Karriere wenig ruhmreich zu Ende gegangen war, ließ er sich doch für die Nachwelt in der Rüstung eines königlichen Generalleutnants portraitieren: Denn gar zu gerne wäre er -wie Turenne- Marschall Frankreichs geworden.

Claude Lefebvre zugeschrieben: Roger de Bussy-Rabutin  en armure de lieutenant général du roi. Um 1673. (Château de Bussy-Rabutin)

Und im l‚Antichambre des Hommes de Guerre befindet sich – rechts unten- auch ein Portrait des Hausherrn. [35]

 Bussy versuchte mit allen Mitteln, auch im Exil nicht in Vergessenheit zu geraten und mit dem Schloss und seiner Einrichtung den von ihm beanspruchten Rang zu dokumentieren. Man  hat das Schloss auch das „Schloss der 1000 Portraits“ genannt.[36] Für den Schlossherrn war dabei die Quantität wichtiger als die Qualität. Keiner der unbekannten Maler hatte einen der portraitierten Menschen je gesehen, sondern es sind Kopien von Drucken, von Kopien. Das führt, wie auf diesem Foto zu sehen, zu einer gewissen Gleichförmigkeit. Nur Bussy selbst stand für sein Portrait als Modell zur Verfügung.

Dann gibt es auch eine Galerie mit Abbildungen königlicher Schlösser, darunter natürlich das Schloss von Versailles, von dem er verbannt war.

Erst nach 16 Jahren erlaubte ihm Ludwig XIV. die Rückkehr, aber da war Bussy-Rabutin schon alt, er konnte am Hof nicht mehr den von ihm beanspruchten Platz finden und kehrte lieber wieder in sein heimatliches Schloss zurück.

Und dann gibt es sprechende Bilder, die einen Einblick in Bussys Gefühlsleben gewähren wie bei dem Bild mit der Sonnenuhr.

Da steht zwar die Sonne -Symbol des Sonnenkönigs- am Himmel, aber auf der Sonnenuhr ist es nur ein Stern: Ausdruck der Distanz Bussys zu Ludwig XIV., der ihn zur Festungshaft und zum Exil verurteilt hatte.

Dieses Bild illustriert aus der Sicht Bussys sein Verhältnis zur Marquise de Sévigné. Er selbst wird symbolisiert durch einen Stapel Kalk, sie durch die Kanne Wasser, die eigentlich eine kalte Dusche ist, weil sie auf die Heiratswünsche ihres Vetters nicht eingegangen ist. Der Kalk wird aber durch das Wasser nicht gelöscht, ganz im Gegenteil.

Bilder von Mme de Sévigné gehören natürlich auch zur Einrichtung des Schlosses.

Portrait der späteren Marquise de Sévigné im Alter von 18 Jahren. Vermutlich hat die junge Marie es ihrem Vetter geschenkt.[37] 

Und dann ist im Schloss auch noch ein Doppelportrait von Madame de Sévigné (rechts) und ihrer Tochter, Madame de Grignan, ausgestellt.[38]

Zu einem standesgemäßen Schloss dieser Zeit gehörte natürlich auch ein Garten. Und wenn der den feudalen Ansprüchen Bussy-Rabutins entsprechen sollte, musste er natürlich von dem Gartenarchitekten des Sonnenkönigs, Le Nôtre, entworfen sein.

Blick vom Schloss auf den Garten und das darunter liegende Dorf

Zu einem von standesgemäßen Garten dieser Zeit gehörten auch die Wasserspiele, für die Le Nôtre das natürliche Gefälle des Geländes ausnutzte. Natürlich sind sie hier viel bescheidener als im Versailles des Sonnenkönigs, dem Vaux-le-Vicomte Fouquets oder dem Sceaux Colberts. Aber den Dreiklang von Architektur, Innenausstattung und Garten gibt es auch hier, und so konnte der Schlossherr seinen Anspruch demonstrieren, zu den ganz Großen Frankreichs zu gehören.

Kuraufenthalte in Vichy und Bourbon l‘Archambault

Der Name Vichys ist natürlich vor allem mit dem unseligen Vichy-Regime Pétains und der Collaboration mit Hitler-Deutschland verbunden. Aber Vichy ist auch ein wunderbares Kurbad und eines der europäischen Bäder mit Weltkulturerbe-Status. Wegen seiner heilsamen Quellen hatte Vichy schon zur Zeit Mme de Sévignés einen hervorragenden Ruf. Zweimal reiste sie denn auch zu Kuraufenthalten in das burgundische Bad.[39] Daran wird in der Stadt gerne erinnert: Da gibt es einen nach ihr benannten Platz…

… eine Büste…

…. mit Informationstafel: Eine Station auf einem ausgeschilderten Rundgang durch die Kurstadt…

Der Grund für die Kuraufenthalte in Vichy wird aus einem Brief an ihre Tochter deutlich, den Mme de Sévigné am 3. Februar 1676 ihrem Sohn diktierte:

„Erraten Sie, was das ist, meine liebe Tochter: es ist am schnellsten da und geht am langsamsten fort… Es ist ein Rheumatismus. Seit 23 Tagen bin ich daran erkrankt… bin ich überall geschwollen, an den Füßen, den Beinen, den Schenkeln, den Armen, den Händen. Diese Schwellungen …erregen meine Ungeduld…. Ehe ich schließe, will ich meine geschwollene Hand fragen, ob sie geruht, Ihnen  zwei Worte zu schreiben. Ich stelle fest, dass sie nicht geruht.“[40]

Die geschwollene Hand: Das war eine Folge des schweren Rheumatismus, an dem Mme Sévigné litt.  Und natürlich litt sie besonders darunter, ihrer geliebten Tochter keine Briefe schreiben zu können. Da suchte sie Rat und Hilfe bei den Pariser Ärzten – und sicherlich den besten. Aber sie wurde enttäuscht. Sie habe da „die größten Ignoranten“ getroffen. Jeder rate etwas anderes.  Personen, die sich ihnen auslieferten, würden hoffentlich trotz ihrer Behandlung gesund werden. Die Alternative waren für Mme de Sévigné Kuren, und zwar vor allem in Vichy. 1676 reist sie zum ersten Mal dorthin. Unterwegs besucht sie Mme Fouquet, die Familie des inhaftierten ehemaligen „Finanzministers“ Ludwigs XIV., den sie nicht- wie viele andere- fallen lässt, nachdem er von Ludwig XIV. zu lebenslanger Festungshaft verurteilt worden war. Von Vichy ist sie entzückt. Sie gehe „in den schönsten Stellen der Welt“ spazieren, schreibt sie am 19. Mai 1676. Einen Tag später beginnt sie mit der Kur und trinkt das berühmte Vichy-Wasser. Das allerdings entzückt sie ganz und gar nicht: Es sei kochend heiß und habe einen unangenehmen Geschmack von Salpeter.

Ihrer Tochter berichtet sie vom Tagesablauf der Kur: Vormittags gehe man spazieren, dann in die Messe und dann sei man bis Mittag mit der Einnahme des Wassers beschäftigt. Dann folge das Mittagessen und anschließend sei Zeit für gegenseitige Besuche der (adligen) Kurgäste. Ab 5 Uhr gehe man wieder in der wunderbaren Landschaft spazieren, um 7 nehme man ein leichtes Abendessen ein und um 10 Uhr gehe man schlafen.[41]

Für die gegenseitigen Besuche benötigte man natürlich auch eine standesgemäße Unterkunft. Und die hatte Madame de Sévigné in Vichy durchaus zur Verfügung.

Der Pavillon Sévigné

Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné, wohnte in diesem Haus in den Jahren 1676 und 1677

Und dann gibt es auch noch die Bäder, die sie als „une assez bonne répétition du purgatoire“ bezeichnet. „Man ist vollkommen nackt in einem kleinen Gelass unter der Erde, wo es einen Schlauch mit diesem heißen Wasser gibt, den eine Frau dahin hält, wo Sie ihn haben wollen. Dieser Zustand, in dem man kaum ein Feigenblatt behält, sich zu bedecken ist eine wahrhaft erniedrigende Angelegenheit. (…) Stellen Sie sich einen Wasserstrahl vor gegen eine beliebige Stelle Ihres armen Körpers, so kochend heiß, wie Sie es sich nur denken können. Zuerst wird alles überall in Aufruhr gebracht, um sämtliche Lebensgeister zu wecken, und dann konzentriert man sich auf die erkrankten Gelenke. Wenn dann aber der Nacken getroffen wird, ist es plötzlich wie ein Feuer, eine Überraschung, die man nicht versteht. Genau das aber ist der Kern des Ganzen. Man muss das alles aushalten, und man hält es auch aus, und man wird auch gar nicht verbrannt, und hinterher legt man sich in ein heißes Bett, wo man ausgiebig schwitzt, und das ist dann der Heilungsprozess.“[42]

Dieser fast vierwöchige Aufenthalt in Vichy verbessert tatsächlich ihren Gesundheitszustand deutlich. Es sei, als habe sie „einen neuen Pakt mit dem Leben und der Gesundheit“ geschlossen. Der Allier, die tausend kleinen Wäldchen, die Bäche und Wiesen, die Schafe und Ziegen, die auf den Feldern tanzenden Bäuerinnen: Allein schon dieses Land werde sie heilen.[43]

Ein Jahr später fährt sie noch einmal zur Kur nach Vichy. Diesmal macht sie auf dem Weg unter anderem Station im Schloss ihres Vetters Bussy-Rabutin.  In Vichy wohnt sie wieder in dem gleichen noblen Haus wie das Jahr zuvor.

Rückseite des Pavillon Sévigné mit Garten

Für ihre Hände erwartet sie keine Wunder, sondern gibt ihnen Zeit für die Heilung. Und sie ist zuversichtlich genug, von Vichy aus mit Hilfe eines Freundes für mehrere Jahre das hôtel Carnavalet in Paris für sich und ihre Familie anzumieten.[44]

Die Ruine der Burg von Bourbon l‘Archambault[45]

Und dann gab es noch einen weiteren Kuraufenthalt in Bourbon l’Archambault,  einem  seit der Antike für die wohltuende und heilende Wirkung seines Wassers bekannten geschichtsträchtigen Kurort, der Wiege des Bourbonen-Dynastie.[46]

Ihre Freundin, Frau von Chaulnes, Frau des Gouverneurs der Bretagne, wollte dort eine Kur machen, und Mme de Sévigné schloss sich ihr an, zumal das Wasser von Bourbon gerade bei rheumatischen Beschwerden als besonders hilfreich galt. Am 13. November 1688 berichtet sie ihrem Vetter:

Als ich am 15. oder 16. September sah, daß ich  (nach dem Tod ihres Onkels. W.J.) nur zu frei sei, entschloß ich mich nach Vichy zu gehen, um wenigstens meine Einbildung zu kurieren, da ich eine Art Krampf in der linken Hand hatte, der mich einen Schlagfluß befürchten ließ. Der Plan, dorthin zu reisen, machte der Herzogin de Chaulnes ebenfalls Lust. Ich schloss mich ihr an, und da ich über Bourbon zurückkommen wollte, verließ ich sie nicht. Sie wollte nur Bourbon, so ließ ich Vichywasser kommen, das, in den Bourboner Brunnen gewärmt, ganz vortrefflich ist. Ich trank zuerst davon, und dann von dem Wasser in Bourbon; die Mischung ist sehr gut. Die beiden Rivalen haben sich ausgesöhnt, sie sind ein Herz und eine Seele. Vichy ruht sich am Busen von Bourbon aus und wärmt sich an seinem Herd, das heißt in dem Brausen seiner Quellen. Es ist mir sehr gut bekommen, und als ich die Dusche vorschlug, fand man mich so gesund, dass man sie mir verweigerte, und sich über meine Angst lustig machte. Man erklärte sie für Einbildung und schickte mich als gesund nach Hause. Man hat es mich so fest versichert, dass ich es glaube und mich heute als gesund betrachte.[47] 


Anmerkungen

[1] Lesezeit 39 Minuten. Alle Fotos des Beitrags,  wenn nicht anders angegeben, von Wolf Jöckel

[2] Bild: ©Mairie de Vitré  aus:  https://actu.fr/bretagne/vitre_35360/vitre-apres-les-intemperies-le-parc-du-chateau-des-rochers-sevigne-est-ferme-au-public_60304846.html

[3] „die schöne Einsamkeit hier“  Brief aus Rochers an Frau von Grignan vom 9. Dezember 1671. Briefe a.a.O., S. 66

[4] « L’on ne peut assez louer toutes les allées des Rochers. Elles auraient leur mérite à Versailles ; c’est tout vous dire . »   https://fr.wikisource.org/wiki/Page:S%C3%A9vign%C3%A9_-_Lettres,_%C3%A9d._Monmerqu%C3%A9,_1862,_tome_7.djvu/460

Nachfolgendes Bild aus: https://www.bretagne-vitre.com/les-pepites/le-chateau-de-mme-de-sevigne/

[5] https://www.parcsetjardins.fr/jardins/596-jardin-francais-et-parc-du-chateau-des-rochers-sevigne

[6] Bild aus: https://www.chateau-fort-manoir-chateau.eu/photos/chateau-des-rochers-sevigne_g.JPG

[7] Aus dem Begleittext der Ausstellung zu dem Portrait von Charles de Sévigné: „le jeune homme … se retranche, au grand regret de sa mère, dans une vie simple consacrée à administrer  ses terres.“

[8]  Brief 135 an den Vetter Bussy-Rabutin  Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné (Kapitel 15) 

[9] Siehe Brief von Mme Sévigné an ihre Tochter vom 18. September 1689

[10] Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné Brief 27 an Mme de Gignan vom 12. August 1671.  Das Mailspiel war ein beliebtes Spiel mit Holzkugeln, die man mit Hämmern oder einer Art Löffel auf ebener Bahn trieb.

[11] Wie Anmerkung 7 Tränen, weil sie da an ihre Tochter dachte, die auch eine hervorragende Tänzerin war.

[12] Brief an Frau von Grignan vom 31. Mail 1671

[13] Michelin Bretagne Der grüne Reiseführer. München 2009, S. 395 

[14] Zusammengestellt aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/R%C3%A9volte_du_Papier_timbr%C3%A9; https://histoire-image.org/etudes/revolte-papier-timbre  und  Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné Fußnote zum Brief von Mme de Sévigné an Mme. de Grignan vom 24. Juli 1675, Kapitel 5

[15] Pascal Dupuy, La révolte du papier timbré.  https://histoire-image.org/etudes/revolte-papier-timbre  Juin 2013

[16]  Brief an Mme. de Grignan ausLes Rochers vom 27. Oktober 1675 Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné  Kapitel 7, Brief 59

[17] Pascal Dupuy, La révolte du papier timbré.  https://histoire-image.org/etudes/revolte-papier-timbre  Juin 2013

[18]  An Mme. de Grignan,  Paris, 24. Juli 1675 Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné Kapitel 5, Brief 38

[19] An Mme. de Grignan    Les Rochers, 16. Oktober 1675 Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné Kapitel 7, Brief 56

[20] Fabienne Manière, 18 avril 1675 La révolte des Bonnets rouges https://www.herodote.net/18_avril_1675-evenement-16750418.php

[21] Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné Kapitel 7

[22] Brief vom 23. Juli 1675 Zum Hass auf den Gouverneur siehe auch ihren Brief an die Tochter vom 6. November 1675: „Wenn Ihr den Schrecken und den Abscheu sähet, den man hier vor dem Gouverneur hat, und wie man ihn haßt, würdet Ihr die Annehmlichkeit empfinden, überall verehrt zu werden. Welcher Schimpf! welche Beleidigungen! welche Drohungen! welche Vorwürfe! samt den hübschen Steinen, die um sie herumfliegen!“  Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné Kapitel 8, Brief 62

[23] Brief  57 aus Rochers vom 20. Oktober 1675

https://www.projekt-gutenberg.org/sevigne/sevigbrf/chap006.html

[24]  Enfin, vous pouvez compter qu’il n’y a plus de Bretagne. Zitiert in: https://www.geo.fr/histoire/bretagne-quand-les-bonnets-rouges-defiaient-louis-xiv-198503  30. Oktober 1675.

[25] Von der Prinzessin von Tarent wird später noch die Rede sein, wenn es um die Haltung Mme de Sévignés zu den Hugenottenverfolgungen geht.

[26] Siehe Brief 60 aus Rochers vom 30. Oktober 1675: „Ich habe Dir erzählt, wie Mme. de Tarente uns alle gerettet hat. Sie war gestern bei entzückendem Wetter hier im Wald; es war dabei weder vom Zimmer, noch von Bewirtung die Rede, sie kam durch das Parktor und fuhr auch so wieder weg.“

https://www.projekt-gutenberg.org/sevigne/sevigbrf/chap007.html Brief 60

[27] An Mme. de Grignan   Les Rochers, 27. Oktober 1675 Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné Kapitel 7, Brief 59

[28] An Mme. de Grignan Les Rochers, 30. Oktober 1675  Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné Kapitel 8, Brief 60

[29] An Mme. de Grignan Les Rochers, 13. November 1675 Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné Kapitel 8, Brief 63

[30]  An Mme. de Grignan  Les Rochers, 24. November 1675  Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné Kapitel 8, Brief 66

[30a] Melanie Spehl: Auf den Spuren des préfeminisme der Madame de Sévigné. https://www.ilw.uni-stuttgart.de/abteilungen/romanische-literaturen/forschung/projekte-in-der-lehre/exposition-litteraire/Spehl/

Siehe die Zuschrift von Ulrich Schläger zum ersten Beitrag der Reihe zu Mme de Sévigné.

[31] Nachfolgendes Bild aus: https://www.chateau-bussy-rabutin.fr/decouvrir/roger-de-rabutin-le-flamboyant

Bis zum 11. Oktober 2026 gibt es noch im Schloss Bussy-Rabutin die Ausstellung: „Ma belle cousine. De la demoiselle de Bourgogne à la marquise de Sévigné.

[32] Hier der betreffende Ausschnitt: „Elle aime généralement tous les hommes ; quelque âge, quelque naissance et quelque mérite qu’ils aient, et de quelque profession qu’ils aient ; tout lui est bon, depuis le manteau royal jusqu’à la soutane, depuis le sceptre jusqu’à l’écritoire. Entre les hommes, elle aime mieux un amant qu’un ami ; et, parmi les amants, les gais que les tristes ; les mélancoliques flattent sa vanité ; les éveillés, son inclination ; elle se divertit avec ceux-ci, et se flatte de l’opinion qu’elle a bien du mérite d’avoir pu causer de la langueur à ceux-là.

   Elle est d’un tempérament froid, au moins si on en croit feu son mari : aussi lui avait-il l’obligation de sa vertu, comme il disait ; toute sa chaleur est à l’esprit.“ Aus:

https://www.ecrivaines17et18.fr/pages/17e-siecle/ecrivaines/sevigne/mme-de-sevigne-et-bussy-rabutin.html

[33] Bussy-Rabutin an Mme. de Sévigné  5. November 1687 Projekt Gutenberg Brief 138

Zur Beziehung der beiden siehe auch:https://www.lemonde.fr/series-d-ete/article/2023/07/19/madame-de-sevigne-et-roger-de-bussy-rabutin-a-qui-parlerais-je-a-c-ur-ouvert-de-toutes-choses_6182659_3451060.html

[34] © David Bordes / Centre des monuments nationaux   https://www.monuments-nationaux.fr/magazine/dossiers-thematiques/grands-personnages/l-illustre-cousine-de-bussy-rabutin-la-marquise-de-sevigne

[35] © David Bordes / Centre des monuments nationaux

[36] https://www.chateau-bussy-rabutin.fr/decouvrir/un-chateau-aux-mille-portraits

[37]  Dies jedenfalls die Auskunft unserer Schlossführerin. © Benjamin Gavaudo / Centre des monuments nationaux https://www.monuments-nationaux.fr/magazine/dossiers-thematiques/grands-personnages/l-illustre-cousine-de-bussy-rabutin-la-marquise-de-sevigne

[38] ©Base Regards / Centre des monuments nationaux https://www.monuments-nationaux.fr/magazine/dossiers-thematiques/grands-personnages/l-illustre-cousine-de-bussy-rabutin-la-marquise-de-sevigne

[39] Zu den Kuraufenthalten der Mme de Sévigné siehe im Einzelnen:  Madame de Sévigné en Bourbonnais : ses séjours à Vichy et à Bourbon-l’Archambault / par Genès Pradel | Gallica  (1914)

[40] Zit. Kraus, Berühmte Französinnen,  S. 127

[41] Siehe Maltère, S.

[42] Brief an die Tochter vom 28. Mai 1667. Schürmann, Mme de Sévigné, S. 26

[43] Breife vom 28. Mai und 1. Juni 1667. Zit bei Maltère, S. 234

[44] Maltère, S. 245/247

[45] Bild aus: https://en.wikipedia.org/wiki/Bourbon-l%27Archambault#/media/File:BOURBON-L’ARCHAMBAULT_-_CH%C3%82TEAU_-2.JPG

[46] Hilke Maunder, Bourbon l’Archambault; Wiege der Bourbonen.   https://meinfrankreich.com/bourbon-larchambault/

Genès Pradel, Madame de Sévigné en Bourbonnais : ses séjours à Vichy et à Bourbon-l’Archambault. Conférence faite aux « Amis de Montluçon », le 2 mai 1914. Madame de Sévigné en Bourbonnais : ses séjours à Vichy et à Bourbon-l’Archambault / par Genès Pradel | Gallica

[47] An den Grafen Bussy-Rabutin Paris, 13. November 1687Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de SévignéKapitel 15,  139   

Literatur

Madame de Sévigné, Briefe. Herausgegeben und übersetzt von Theodora von der Mühl. Insel TB 1979

Marquise de Sévigné, Ausgewählte Briefe. Übersetzt von Ferdinand Lotheißen. München: Albert Langen 1925  https://www.projekt-gutenberg.org/sevigne/sevigbrf/chap001.html

Madame de Sévigné, Briefe an die Tochter. Ausgewählt und aus dem Französischen übersetzt von Susanne Schürmann. Mülheim 2020

Les Classiques de Lire, Themenheft Madame de Sévigné. 2/3/4 2026

Paul Deschanel, membre de l’Académie Française, Rede zur Einweihung der Statue  von Madame de Sévigné. Vitré,  8. Oktober 1911  https://www.academie-francaise.fr/inauguration-de-la-statue-de-mme-de-sevigne-vitre  

Duchêne, Roger (Hrsg), Autour de Mme de Sévigné, deux colloques pour un tricentenaire. Biblio 17 Hrsg vom Romanischen Seminar der Uni Tübingen 1997

Rob Kieffer, Göttliche Trüffel, hinterhältige Teufel. Die Drôme provencale war für Madame de Sévigné, die plauderfreudige, scharfsinnige Briefeschreiberin und Chronistin des königlichen Hoflebens, Zufluchtsort und Inspirationsquelle. In diesem Jahr feiert man dort ihren 400. Geburtstag. In: FAZ 23.5.2026

Gerlinde Kraus, Madame de Sévigné. In: Bedeutende Französinnen. Mühlheim/Main 2006

Jean-Jacques Lévêque, Madame de Sévigné ou la saveur des mots 1626-1696. Paris ACR Editions 1996

Claude Lefebvre, Portrait von Madame de Sévigné. https://de-academic.com/dic.nsf/dewiki/899704

Stéphane Maltère, Madame de Sévigné. Paris: Gallimard 2013

Genès Pradel, Madame de Sévigné en Bourbonnais : ses séjours à Vichy et à Bourbon-l’Archambault. Conférence faite aux « Amis de Montluçon », le 2 mai 1914. Madame de Sévigné en Bourbonnais : ses séjours à Vichy et à Bourbon-l’Archambault / par Genès Pradel | Gallica

Die D-Day-Landungsstrände in der Normandie: Seit Juli 2026 Weltkulturerbe

Vor 10 Jahren, im Mai 2016, habe ich auf diesem Blog zwei Beiträge über die Normandie veröffentlicht: In dem ersten Artikel ging es u.a. um die große Spannweite der noch erhaltenen authentischen Zeugnisse aus der Zeit der Kämpfe in der Normandie. Die Landungsstrände sind ja gewissermaßen ein „Freilichtmuseum.“ [1]

Seit 2008 haben vor allem die Region Normandie, der französische Staat und die betroffenen Départements und Gemeinden sich dafür engagiert, die Landungsstrände in das Weltkulturerbe der UNESCO aufzunehmen.  

Aufruf zur Unterstützung der Kandidatur der Landungsstrände für die Aufnahme in das Weltkulturerbe der UNESCO. Schaufensterscheibe eines Geschäfts in Trevières, April 2016

Es war von Anfang an ein außergewöhnliches Projekt, weil es sich ja nicht, wie meistens, um kultur- und kunstgeschichtlich herausragende Objekte handelt, sondern um einen Kriegsschauplatz. Und es dauerte denn auch 18 Jahre, bis die Bemühungen Erfolg hatten: Nach einem ersten Versuch 2018 wurde 2024 ein neuer Antrag gestellt, der schließlich am 26. Juli 2026 von dem Welterbekomittee positiv beschieden wurde.[2] Hier die Beschreibung des neuen Welterbes durch die UNESCO:

Das Kulturgut besteht aus einer Serie von sechs Bestandteilen, die sich über etwa achtzig Kilometer Küstenlinie entlang der Seine-Bucht erstrecken. Es umfasst Utah Beach, Omaha Beach, Gold Beach, Juno Beach und Sword Beach sowie den Landungsort Pointe du Hoc. Diese Stätten stehen im Zusammenhang mit der Landung der Alliierten am 6. Juni 1944, der Anfangsphase der Operation Overlord, deren Ziel es war, Westeuropa während des Zweiten Weltkriegs von der Besetzung durch Nazideutschland zu befreien. Das Kulturgut bewahrt Elemente des deutschen Atlantikwalls, darunter Bunker, Artilleriebatterien, Feuerleitstellen und „Widerstandsnester“, sowie Überreste des Schlachtfelds, originale Ausrüstung und bedeutende Gedenkstätten und Denkmäler, insbesondere den amerikanischen Friedhof in Colleville-sur-Mer. Zusammen bilden diese Elemente eine Reihe von Stätten, die durch die Ereignisse von 1944 und das spätere Gedenken daran geprägt sind.“[3]

Diese Landungsstrände wurden von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt, weil sie dem Kriterium (vi) der Welterbekonvention entsprechen. Als Welterbe gelten danach „Stätten, die mit Ereignissen von außergewöhnlicher universeller Bedeutung verbunden sind.“ Bezogen auf die Landungsstrände heißt es im Beschluss des Gutachtergremiums (ICOMOS)[4]:

„Die Landungsstrände sind unmittelbar und nachweisbar mit einem Ereignis von außergewöhnlicher universeller Bedeutung verbunden: der Landung der Alliierten am 6. Juni 1944. Dieses Ereignis markierte den Beginn der Befreiung Westeuropas vom Nationalsozialismus und wird weltweit als Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg verstanden.“

Außerdem handele es sich um eine außergewöhnliche Kulturlandschaft:

„Die Stätte bildet eine außergewöhnliche Kulturlandschaft, die sowohl durch die Ereignisse von 1944 als auch durch das bis heute anhaltende Gedenken geformt wurde. Die physischen Überreste -Befestigungen, Krater, Wracks, der Mulberry-Hafen- verbunden mit Friedhöfen, Denkmälern und Museen, tragen die universelle Botschaft von Freiheit, Frieden und Versöhnung“.

Und schließlich und nicht zuletzt wird der universelle Wert der neuen Welterbe-Stätte betont:

„Die Normandie-Strände stehen nicht für Sieg oder Niederlage einer Nation, sondern für den gemeinsamen Kampf für Freiheit. Sie sind zu Orten des Gedenkens für Menschen aller Nationen geworden und verkörpern die Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden auf dem europäischen Kontinent.“

Die Gemeinsamkeit des Kampfes wird gerade auch von französischer Seite betont. Es seien ja nicht nur die USA, Großbritannien und Kanada gewesen, die die Landungsoperationen ausgeführt hätten, sondern insgesamt hätten „17 Nationen ihre militärischen, logistischen, politischen und menschlichen Ressourcen für diese einzigartige Operation“ mobilisiert. [5] Am zentralen Gedenkort der Landungsstrände in Saint-Laurent-sur-Mer am Omaha Beach wehen denn auch die Fahnen von neun der beteiligten Nationen:

Dänemark, Norwegen, Niederlande, Großbritannien, Frankreich

USA, Kanada, Belgien, Polen

Nimmt man die Erklärung der UNESCO zum universellen Wert der Landungsstrände beim Wort, müsste hier eigentlich auch eine deutsche Fahne wehen; war doch die alliierte „Invasion“ ein entscheidender Beitrag, Deutschland von der Nazi-Herrschaft zu befreien. Und das Ende des Dritten Reichs wurde von deutschen Antifaschisten, die es doch auch gab, herbeigesehnt und unterstützt. Ich verweise hier nur als Beispiel auf den in Paris tagenden sogenannten Lutetia-Kreis. Und Bundeskanzler Willy Brandt hätte in ein würdiger Vertreter Deutschlands bei D-day-Jubiläen sein können. Es war aber erst Gerhard Schröder, der am 6. Juni 2004 als erster offizieller Repräsentant Deutschlands an einem solchen Jubiläum teilnehmen durfte: Auf Einladung des französischen Präsidenten Jacques Chirac beim 60. Jahrestag der alliierten Landung. Zu diesem Jubiläum wurde auch das eindrucksvolle Denkmal Les Braves am Strand von Saint-Laurent-sur-Mer eingeweiht.

Zu den D-day-Jubiläumsfeierlichkeiten war auch, heute kaum noch vorstellbar, der russische Präsident Putin 2004 und 2014 eingeladen. Aus dem Treffen von 2014 ging das sogenannte Normandie-Format hervor, eine 4-Länder- Kontaktgruppe (Russland, Ukraine, Frankreich, Deutschland/Merkel), deren Ziel es sein sollte, den Ukraine-Konflikt friedlich beizulegen. Dieser Versuch einer diplomatischen Lösung ist bekanntlich mit dem Einmarsch der russischen Truppen in die Ukraine gescheitert. Wenn der Direktor des Mémorial de Caen die Frage aufwirft, welchen Beitrag das Débarquement leisten kann, „die großen Fragen unserer Zeit“ zu erhellen[6], dann verstehe ich das als Hinweis auf den Ukraine-Krieg und als Aufforderung zum gemeinsamen Kampf gegen den russischen Aggressor…

Dass am Omaha Beach die Tricolore neben dem Sternenbanner in der Mitte der Fahnenreihe hängt, ist selbstverständlich, ging es doch am 6. Juni 1944 zunächst um die Befreiung Frankreichs von deutscher Besatzung. Und außerdem waren auch Franzosen beteiligt; vor allem französische Marineinfanteristen des Kommando Kieffer, die mit den britischen Truppen am Sword-Beach an Land gingen.[7] Auch hinter der Front waren Franzosen im Einsatz. So unser inzwischen verstorbener Freund Remi Dreyfus. Er hatte sich nach der französischen Niederlage 1940 als junger Soldat zu de Gaulle nach England durchgeschlagen und wurde von der RAF als Fallschirmspringer ausgebildet.  Im Zuge der alliierten Landung war er über Frankreich abgesetzt worden, um Kontakt mit der Résistance aufzunehmen. Ziel war es, im Innern Frankreichs stationierte deutsche Truppen am Marsch zu der Normandie-Front zu hindern.

Was bedeutet die Verpflichtung, das Welterbe zu erhalten, für die Landungsstrände?

Die über 80 seit der Landung der Alliierten in der Normandie vergangenen Jahre sind nicht spurlos an den Relikten aus der damaligen Zeit vorbeigegangen, soweit sie nicht in einem der zahlreichen Museen konserviert werden.

Amerikanischer Panzer vor dem Overlord-Museum, Omaha Beach

Es gibt natürliche Zerfallsprozesse, die durch den Klimawandel noch verstärkt werden. Die Landungsstrände sind der Erosion ausgesetzt: An den Stränden kann man Reste des „Atlantikwalls“ finden, die damals in den Dünen verborgen waren. Manchmal bei Ebbe noch sichtbare Gerippe von Landungsbooten verrosten und verfallen immer mehr. Wie an anderen Stellen der normannischen Küste (z.B. Étretat) sind auch die steilen Klippen zwischen den Landungsstränden bedroht. Es gab schon große und gefährliche Abbrüche.

So an der strategisch wichtigen und 1944 hart umkämpften Pointe du Hoc zwischen Omaha- und Utah-beach.[8] Und die Feuerleitstelle der deutsche Küstenbatterie in Longues-sur-Mer zwischen Omaha-und Gold- beach ist seit 2025 nicht mehr zugänglich, weil die entsprechende Felspartie vom Absturz bedroht ist. [9]

Ruinen deutscher Geschützstellungen bei Granville zwischen Omaha – und Utah Beach (Aufgenommen Sept 2019)

Gerippe eines Landungsbootes am Omaha Beach, zum Teil mit Miesmuscheln bewachsen…

All das ist nur noch bei Ebbe zu sehen…

Betonteile des „Atlantikwalls“ am Strand

Ruinen eines sogenannten „Widerstandsnests“ der Wehrmacht in den Dünen von Omaha Beach. Insgesamt gab es im Bereich dieses 8 km langen Strandes 14-15 solcher großen Stützpunkte (WN 60-74), die zum Teil noch im Bau waren. Dazu kam eine dreistellige Zahl kleinerer Stellungen.

So überschwemmt und überwuchert die Natur allmählich manche Zeugnisse des débarquement vom 6. Juni 1944. Das war sicherlich eine wesentliche Motivation, die Erinnerung an diesen Wendepunkt des Zweiten Weltkrieges durch eine Aufnahme der Landungsstrände in das Welterbe der UNESCO wachhalten zu wollen. Denn die Einschreibung in das Weltkulturerbe schließt, wie das französische Kultusministerium hervorhebt, ausdrücklich die Verpflichtung ein, „diese Gedenklandschaften zu erhalten. Sie unterstreicht, wie wichtig es ist, die Überreste, Landschaften und Gedenkstätten zu schützen.“ [10] Und die UNESCO wacht auch darüber, dass erhalten und schützen ernst genommen werden. Bei der getreuen Rekonstruktion des bei dem Brand zerstörten Dachreiters von Notre-Dame hat denn auch das Argument, durch eine eventuelle andere Lösung nicht den Welterbestatus der Kathedrale zu gefährden, eine wesentliche Rolle gespielt. Und am Beispiel des modern ergänzten Cranach Altars im Naumburger Dom wurde erst kürzlich deutlich, wie penibel die UNESCO die Verpflichtung zur Erhaltung interpretieren und durchsetzen kann.[11]

Bei den Landungsstränden ist es allerdings völlig unmöglich, die Verpflichtung zur Erhaltung strikt auszulegen. Gegen den Zahn der Zeit ist auch die UNESCO machtlos.  Es wäre ja auch völlig absurd, die vielen Bauwerke des „Atlantikwalls“ im Bereich der Landungsstrände vor dem weiteren (verdienten) Verfall zu bewahren. Sie haben ja nun wirklich nicht den Adelstitel eines „Kulturguts“ verdient.

Ausnahmen wird es allerdings geben. Dies gilt vor allem natürlich für die Bauwerke, die inzwischen als Museen dienen und zur offiziellen Besichtigung freigegeben sind . Vielleicht auch für herausragende Anlagen wie die mächtige Batterie von Langues-sur-Mer (so lange die Klippen, auf denen sie gebaut ist, noch dem Klimawandel standhalten).

Und da würde die Erhaltung ja auch dazu dienen, die Leistung der alliierten Landungstruppen besonders anschaulich zu machen.

D-day war, was gerne herausgestellt wird, das größte Landungsunternehmen der Geschichte. Wie herausfordernd dieses Unternehmen war, wird eindrücklich sichtbar am port Mulberry B, dem künstlichen Hafen, den die Engländer bei Arromanches errichtet haben. Es war den Alliierten ja klar, dass sie bei dem geplanten Landungsunternehmen auf einen funktionierenden Hafen für den erforderlichen immensen Nachschub angewiesen sein würden. Nach dem katastrophal gescheiterten Landungsunternehmen der Kanadier in Dieppe am 19. August 1942 (Operation Jubilee) mussten sie aber erkennen, dass die existierenden Häfen zu gut geschützt waren, also nicht infrage kommen konnten. Also hatten die Engländer die geniale Idee, direkt nach der Landung künstliche Häfen anzulegen;  einen am Omaha-Beach (Mulberry A), der aber schon am 19. Juni 1944 einem Sturm zum Opfer fiel, und Mulberry B vor Arromanches, über den der Normandie-Brückenkopf erfolgreich mit Nachschub versorgt wurde, bis der Hafen von Cherbourg diese Rolle übernehmen konnte.[12]

Es wird kaum möglich sein, das, was heute von dem Hafen noch erhalten ist, dauerhaft gegen das Meer zu verteidigen. Schon jetzt stecken viele seiner Teile im Sand und sind nur noch bei Ebbe sichtbar. Es ist ein Erbe, „voué à disparaitre“, dessen Bestimmung es also ist zu verschwinden.[13]

Aber der Hafena war schließlich auch nur für wenige Monate des Sommers 1944 gebaut. Immerhin stehen einige Brückenteile noch an Land, ebenso wie in Vierville-sur-Mer am Omaha-Beach. Die sind als Monument historique klassifiziert und geschützt. Aber es wird schon schwer und kostspielig genug sein, auch nur diese Teile dauerhaft zu erhalten.

Nicht nur im Blick auf den prestigeträchtigen Welterbestatus wird man einige solcher spektakulären Zeugnisse der Vergangenheit wohl bewahren: Es geht ja dabei auch um die touristische Attraktion der Landungsstrände. Dass die ungebrochen ist, wird auf Schritt und Tritt deutlich.

Touristen am zentralen Gedenkort Omaha Beach

Amerikanische Militärfahrzeuge, die für Schlachtenbummler-Rundfahrten angeboten werden.

Ein Kabinett mit D-day-Devotionalien in einem Geschäft in Trevières

Blick durch eine Windschutzscheibe

Verständlicherweise sind es gerade Amerikaner, die gerne die Landungsstrände, und dabei natürlich vor allem Omaha Beach, besuchen. Wo sonst flattern auch so viele Sternenbanner im Wind…

 … und wo sonst in der Welt können bei einem Auslandseinsatz gefallene amerikanische Soldaten als Helden präsentiert werden, ohne Befremden, Ablehnung oder gar Hass zu erzeugen?

Zu dem Erbe der Landungsstrände und ihrer touristischen Attraktion gehören auch die vielen Denkmäler, die an den Einsatz einzelner Verbände oder auch Einzelpersonen erinnern.

Sehr eindrucksvoll ist das eher unscheinbare Memorial des Gap Assault Team 10 im Abschnitt Easy Red von Omaha Beach zwischen Saint-Laurent und Colleville-sur-Mer.

Die Mission des Gap Assault Team 10 gehörte zum Plan, am Omaha Beach sechzehn Fahrrinnen durch die Zone von Hindernissen zu öffnen, die auf Initiative Rommels an den möglicen Landungsstränden aufgebaut worden waren. Die freigeräumten Korridore sollten es den folgenden Einheiten, Fahrzeugen und der Versorgung ermöglichen, vom Ufer aus voranzukommen. [14]

Ebenfalls in diesem hart umkämpften Abschnitt liegt bei Colleville-sur-Mer der Betonbrocken eines Bunkers auf dem Strand, der sogenannte Ray’s Rock.

Eine Tafel erinnert an die Sanitäter, die in diesem Abschnitt im Einsatz waren. Zu ihnen gehörte auch Ray Lambert, der am 6. Juni, selbst verwundet,  unter Beschuss Kameraden aus dem Wasser zog und versorgte.[15]

Außergewöhnlich ist auch das 2017 errichtete Charles Shay Indian Memorial in den Dünen von Saint-Laurent-sur-mer. Es erinnert nicht nur an den Sanitäter Charles Shay, sondern an die insgesamt etwa 500 amerikanischen Soldaten indianischer Abstammung, die an den Landungsoperationen teilnahmen.

Die Schildkröte aus Granit steht in vielen indianischen Mythologien für Weisheit und Langlebigkeit. Später wurde auch noch eine Büste von Charles Shay hinzugefügt, der sich im Rahmen der Veteranenbewegung besonders dafür engagierte, die Erinnerung an die amerikanischen Soldaten indianischer Abstammung wachzuhalten.

Shay wurde 101 Jahre alt und verbrachte seine letzten Lebensjahre in der Normandie. Bei der Einweihung des Memorial sagte Shay, die „Natifs“ würden nirgendwo sonst so geehrt wie in der Normandie.[16]

Ein Denkmal für die 1700 schwarzen Soldaten, die an der Landung teilgenommen haben, gibt es übrigens nicht. Selbst 2009, beim 65. D-day- Jahrestag, an dem auch Präsident Obama teilnahm, wurde ihrer nicht gedacht. Einer von ihnen, der Jazz-Musiker Jon Hendricks, beklagte damals den Rassismus der durchweg weißen amerikanischen Offiziere, für die die schwarzen Soldaten nur Menschenmaterial gewesen seien.[17]

Das neueste und äußerst aufwändig gestaltete Denkmal am Omaha Beach ehrt die Pioniere (demolition units), die als erste an Land gingen, um Breschen in die am Strand aufgebauten Hindernisse zu schlagen: „Den Einwohnern von Saint-Laurent-sur mer, der Großzügigkeit unserer Geldgeber (die nachfolgend in aller Ausführlichkeit aufgeführt werden W.J.) und den Männern des 6. Juni“.[18]

Teil des Denkmals ist auch ein in einen Granitblock gemeißelter, heroisch in den Kampf schreitender, natürlich weißer Soldat in seiner Kampfausrüstung vom 6.. Juni 1944. Davor eine Panzersperre Igel, auch Tschechenigel genannt, das am meisten verwendete Panzerhindernis.

Ich vermute, dass das Denkmal auch Präsident Trump gut gefallen würde. Jedenfalls passt es, wie ich finde, gut in seine Ära.

Die noble steinerne Umrandung des Monument Park wird übrigens gerne von Menschen genutzt, die vom Strand zurückkommen, um die Füße vom Sand zu säubern und wieder ihre Schuhe anzuziehen….

Was bedeutet nun die Anerkennung als Weltkulturerbe für die Zukunft der Landungsstrände? Sie auf dem heutigen Stand zu konservieren, ist auch für die UNESCO keine Option. Gefordert wird aber:

  • Die Dokumentation des Bestandes, die aber schon im Rahmen der Bewerbung vorgenommen wurde.
  • Der Schutz vor Raubbau (Souvenir-Jäger, Bebauung).  Dies war übrigens ein Grund für Gegner der Windkraft, das UNESCO-Projekt zu unterstützen. So soll der Bau von Windrädern im Bereich der Landungsstrände, also auch im Meer, verhindert werden.
  • Die Erklärung und Vermittlung   durch Informationstafeln und Museen. Über den Ablauf der Landung gibt es schon eine Vielzahl von Informationsgelegenheiten. Allein am Omaha Beach präsentieren zwei Museen entsprechendes Material. Allerdings nicht über die zivilen Opfer, die es ja auch gab- man denke nur an das von englischen und amerikanischen Bomben in Schutt und Asche gelegte Saint-Lô, die „capitale des ruines“ (Samuel Becket), an Saint-Malo oder Le Havre. Und ich weiß nicht, inwieweit es auch schon hinreichende Informationen gibt oder geben wird über den Bau des Atlantikwalls, eines durchaus gewaltigen Unternehmens, das zwar von den Nazis geplant und organisiert, aber an den französischen Küsten von Franzosen ausgeführt wurde, wovon manche durchaus profitierten. Man hat den Atlantikwall deshalb als ein „Monument der Collaboration“ bezeichnet. [19] Ich würde auch gerne etwas erfahren über die am „Atlantikwall“ eingesetzten deutschen Soldaten. Geht man über den deutschen Soldatenfriedhof von La Cambe, wo viele in den Normandie-Kämpfen gefallene deutsche Soldaten bestattet sind, sieht man oft die Gräber ganz junger und vieler älterer Soldaten, auch solcher mit ausländischen Namen…Und wie viele deutsche Soldaten wurden bei der alliierten Landung getötet. Für jeden der 5 Landungsstrände gibt es schließlich genaue Zahlenangaben der alliierten Opfer. Und wo waren diese Soldaten in Erwartung der „Invasion“ untergebracht? Und welche Kontakte gab es zwischen ihnen und der lokalen Bevölkerung?

Viele Fragen, auf die man an den Landungsstränden eher keine Antworten erwarten kann…


Anmerkungen:

[1] Alle Fotos des Beitrags von Frauke und Wolf Jöckel, überwiegend aufgenommen im August 2026 am Omaha Beach, dem größten und für die alliierten Truppen verlustreichsten der fünf Landungsstrände.

14 Minuten Lesezeit

[2] https://www.normandie.fr/les-plages-du-debarquement-patrimoine-mondial

[3] https://whc.unesco.org/fr/list/1581/

[4] Beschluss des UNESCO Weterbekomitees, 48. Sitzung Busan (Südkorea) 2026 und ICOMOS Evaluation Report: The D-Day Landing Beaches, Normandy, 1944 – Advisory Body Evaluation

[5] https://www.culture.gouv.fr/regions/drac-normandie/actualites/les-plages-du-debarquement-normandie-1944-inscrites-sur-la-liste-du-patrimoine-mondial-de-l-unesco

[6] https://www.memorial-caen.fr/wp-content/uploads/2026/07/CP-Memorial-de-Caen-UNESCO-Memorial-de-Caen-Juillet-2026.pdf

[7] Les Commandos français à Sword Beach:  https://www.caenlamer-tourisme.fr/decouvrir-caen-la-mer/sur-les-traces-du-debarquement-et-de-la-bataille-de-normandie-a-caen/les-commandos-francais-a-sword-beach/

[8] https://www.lemonde.fr/planete/article/2024/06/03/debarquement-la-bataille-contre-l-erosion_6237101_3244.html    

[9] https://www.ouest-france.fr/environnement/rechauffement-climatique/on-sy-attendait-a-la-batterie-de-longues-sur-mer-lerosion-oblige-a-fermer-une-partie-du-site-9ff99e3a-19eb-11f0-a759-74724e64dd56

[10] https://www.culture.gouv.fr/regions/drac-normandie/actualites/les-plages-du-debarquement-normandie-1944-inscrites-sur-la-liste-du-patrimoine-mondial-de-l-unesco

[11] Trotz Kritik von Kirche und Künstler. Streit um Altar im Naumburger Dom: Forderungen der Unesco werden wohl erfüllt. MDR 21.8.2025 https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/halle/burgenland/naumburg-dom-triegel-altar-streit-unesco-kultur-news-100.html

Vatikan bestätigt Umzug des umstrittenen Naumburger Altars. Weil ein zerstörtes Altarbild wiederhergestellt wurde, droht dem Naumburger Dom der Verlust des Weltkulturerbetitels. Deshalb wird der Altar jetzt nach Rom verlegt. 28. 9.2025 https://www.zeit.de/gesellschaft/2025-09/naumburger-dom-altar-unesco-weltkulturerbe-rom

[12] Au large de Arromanches-les-Bains – Le port Mulberry B (EA 4221)  Prospection avec materiel spécialisé (2011). https://journals.openedition.org/adlfi/76913?lang=fr

[13] https://archeologie.culture.gouv.fr/epaves-debarquement/fr/des-facteurs-de-degradation-multiples

[14] https://www.dday-overlord.com/de/map_point/memorial-des-gap-assault-team-10-easy-red-colleville-sur-mer

[15] https://www.smithsonianmag.com/history/one-few-surviving-heroes-d-day-shares-his-story-180972323/

[16] https://www.ouest-france.fr/d-day/78e-d-day-le-veteran-charles-shay-passe-le-relais-de-la-memoire-a-julia-kelly-efc96c10-e3ed-11ec-bb25-7d471ff200ae

[17] Jon Hendricks, soldat noir du D-Day : «Tous nos officiers étaient blancs et racistes»  L’INA éclaire l’actu vom 29.5.2024 https://www.ina.fr/ina-eclaire-actu/jon-hendricks-debarquement-normandie-6-juin-1944-noirs-soldat-racisme

[18] https://www.dday-overlord.com/map_point/naval-combat-demolition-units-memorial-saint-laurent-sur-mer

[19] Jérôme Prieur, Le mur de l’Atlantique. Monument de la Collaboration, Paris, Points Histoire Seuil, 2017

Siehe auch die beiden d-day-Blogbeiträge von 2016:

Bilder des Monats August 2026: Das Gemälde zum Ausbruch des 1. Weltkriegs im Pariser Gare de l’Est

In der hall d’Alsace des Pariser Gare de l’Est ist über dem Durchgang zu den Bahngleisen eines riesiges, 12 Meter langes und 5 Meter hohes Gemälde angebracht: ‚Le Départ des poilus, août 1914‘. Dargestellt ist der Aufbruch französischer Soldaten, der poilus, an die Front im August 1914. (Alle Fotos des Beitrags von Wolf Jöckel)

Am 3. August 1914 hatte das Deutsche Reich Frankreich den Krieg erklärt. Nach dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajewo war aus einem regionalen Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien ein großer europäischer Krieg geworden: gegenseitige Beistandsverpflichtungen und auch eine fatale Planung des deutschen Militärs für den Fall eines Zweifrontenkriegs (Schlieffen-Plan) trugen wesentlich zu dieser Entwicklung bei.

Insgesamt etwa 3 Millionen Soldaten wurden im Sommer 1914 in Frankreich mobilisiert. Für die meisten von ihnen war der Gare de l’Est die Ausgangstation für den Fahrt an die Front Während des gesamten Krieges war der Bahnhof dann eine zentrale Drehscheibe.

Wesentliches Thema des Bildes ist der Abschied, die Trennung der Soldaten von ihren Lieben.

Deutlich wird hier der Schmerz des Abschieds dargestellt – es sind keine Szenen der Kriegsbegeisterung. Und es ist ja auch ein längst korrigierter Mythos, dass in ganz Europa die Männer freudig die Möglichkeit begrüßt hätten, endlich einen verhassten Feind zu besiegen. (Christopher Clark). Für Frankreich hat Jean-Jacques Becker schon 1977 in seinem Buch über die französische öffentliche Meinung im Jahr des Kriegsbeginns (1914 : comment les Français sont entrés dans la guerre) den Mythos allgemeiner französischer Kriegsbegeisterung entlarvt.

Im Zentrum des Gemäldes ist allerdings ein Soldat dargestellt, die Arme begeistert erhoben: in der einen Hand den Helm, in der anderen ein Gewehr, in dessen Lauf ein Blumenstrauß steckt. Dieser Soldat ist allerdings kein Franzose, sondern ein Amerikaner: der Sergent Everit Herter, der auch erst mit dem amerikanischen Expeditionskorps 1917 nach Europa kam. Im Juni 1918 wurde er bei der Abwehr der deutschen Frühjahrsoffensive bei Château-Thierry getötet und ist auf dem amerikanischen Militärfriedhof von Seringes et Nesles bestattet.

Albert Herter, Everits Vater, malte das Bild zur Erinnerung an seinen Sohn und an die (französischen) Opfer des Ersten Weltkriegs. Frankreich hat prozentual zur Gesamtbevölkerung im Ersten Weltkrieg die höchsten Verluste aller Großmächte gehabt. Fast 1,4 Millionen französische Soldaten sind im Krieg gefallen, der Krieg im Westen fand auf französischem Boden statt. An der zum Boulevard de Ménilmontant gelegenen Mauer des Pariser Friedhofs Père Lachaise sind in einer kaum enden wollenden Reihe die Namen von 94 415 Soldaten allein aus Paris aufgeführt, die im Ersten Weltkrieg ihr Leben verloren haben. Er ist deshalb auch für die Franzosen „la Grande Guerre“.

Albert Herter hat sich in dem Gemälde auch selbst dargestellt. Es ist der alte Herr ganz rechts im Bild. Während bei seinem Sohn die Blumen mit dem Gewehrlauf nach oben gerichtet sind, ist der Blumenstrauß des Vaters nach unten gesenkt: Zeichen der Trauer und des Gedenkens an den toten Sohn.

Albert Herter schenkte das 1925/26 im Schloss von Versailles gemalte Bild dem französischen Volk. Am 8. Juni 1926 wurde es im Gare de L’Est offiziell eingeweiht.

63 Orte: Eine Topographie deutsch-französischer Geschichte. Eine Buchrezension von Wilfried Loth

Das nachfolgend rezensierte Buch behandelt einen Themenbereich, der auch für diesen Blog eine besondere Bedeutung hat. Manche der 63 in dem Buch thematisierten Orte finden sich auch hier wieder. Das Buch ist insofern eine hervorragende Ergänzung und Bereicherung. Die Rezension erschien zuerst in der Internetzeitschrift doc.doc.eu am 6. Mai 2026. https://dokdoc.eu/2026/05/06/eine-topographie-deutsch-franzoesischer-geschichte/ Ich danke der Redaktion und Herrn Loth für die Genehmigung zum Abdruck. Bilder von Wolf Jöckel.

Die deutsch-französische Geschichte ist geprägt von Extremen – von Weltkriegen, Traumata und Feindschaft bis zu Vertrauen, Freundschaft und Frieden. Ein neues Buch macht diesen Wandel an 63 Schauplätzen von 1870 bis heute sichtbar.

Tobias Bütow, Generalsekretär des Deutsch-Französischen Jugendwerks, Corine Defrance, Professorin für Zeitgeschichte am CNRS (Sirice – Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne), und Ulrich Pfeil, Professor für Deutschlandstudien an der Université de Lorraine (Cegil, Metz), präsentieren gemeinsam 63 Orte der deutsch-französischen Geschichte.

Copyright: Herder-Verlag

Ihr Buch ist – anders als der Titel vermuten lässt – kein Reiseführer. Es bietet auch keine repräsentative Sammlung von „Erinnerungsorten“ im Sinne von Pierre Nora, also von Orten, die durch Geschichtspolitik und/oder aufgrund der mit ihnen verbundenen dramatischen Ereignisse zu symbolischen Elementen des kollektiven Gedächtnisses in Frankreich, Deutschland oder darüber hinaus geworden sind. Solche Orte kollektiver Erinnerung sind im Buch durchaus vertreten – etwa das „zerstörte Dorf“ Fleury-devant-Douaumont, wo die sterblichen Überreste von schätzungsweise 130.000 französischen und deutschen Soldaten an die Schlacht von Verdun erinnern, oder das „Märtyrerdorf“ Oradour-sur-Glane, in dem SS-Soldaten fast die gesamte Bevölkerung ermordeten.

Aus der Video-Präsentation eines Geschichts-Kurses der Carl-Schurz-Schule Frankfurt/Main anlässlich der Anbringung einer Erinnerungstafel an Robert Hebras, den letzten Überlebenden von Oradour,  am 24.10.2025

Nicht nur Erinnerungsorte

Aber das Buch bietet mehr und damit im Kern auch etwas anderes: eine Topographie deutsch-französischer Geschichtsorte, die politische, militärische, kulturelle, wirtschaftliche, ökologische und gesellschaftliche Entwicklungen in den Blick nimmt, an denen Franzosen und Deutsche beteiligt waren und in denen sie auf unterschiedliche Weise zusammenwirkten. Jeder der 63 von den Herausgebern ausgewählten Orte steht dabei pars pro toto für Entwicklungen, die sich an ihm in besonderer Weise kristallisiert haben, zeitlich jedoch mehr oder weniger weit darüber hinausreichen.

 So finden sich neben den Hochburgen des offiziellen Gedenkens an das Massensterben französischer und deutscher Soldaten im Ersten Weltkrieg oder an die Mordaktionen der SS nach der Landung der Alliierten im Juni 1944 auch Orte und Ereignisse, die einem größeren Publikum nahezu unbekannt geblieben sind – etwa das Olympiastadion von Colombes, in dem 1927 ein Rugbyspiel zwischen der französischen und der deutschen Nationalmannschaft stattfand, ein erster Schritt zur Aufhebung des Boykotts, dem deutsche Sportverbände nach dem Ersten Weltkrieg unterlagen. Oder das Deutsch-französische Gymnasium in Saarbrücken, das 1961 als erste binationale Schule aus einer französischen Sekundarschule hervorgegangen war, die auch bei saarländischen Kindern und Jugendlichen beliebt war.

Neben dem Kontrast zwischen traumatischen Erfahrungen und Akten der Versöhnung sowie des gemeinsamen Handelns, der auch hier deutlich hervortritt, zeigt sich eine weitere Spannbreite: die zwischen hoher Politik und zivilgesellschaftlichem Engagement.

Statue des triumphierenden Frankreichs am Ehrenhof des Schlosses von Versailles

Für Erstere steht etwa das Schloss von Versailles als Ort der deutschen Kaiserproklamation von 1871 und der Unterzeichnung des Versailler Vertrags 1919, für Letzteres Fessenheim als symbolträchtiger Schauplatz eines transnationalen Kampfes gegen die Kernenergie.

Am Ortseingang von Souain in der schwer umkämpften Champagne

Viele der behandelten Orte liegen zudem in den Kampfzonen des Ersten Weltkriegs oder in der französischen Besatzungszone nach dem Zweiten Weltkrieg. Es werden aber auch erinnerungsträchtige Orte in den beiden Hauptstädten porträtiert: In Paris wird etwa das Hotel Lutetia vorgestellt, in dem sich 1935 ein Kreis von deutschen Exilanten um den Schriftsteller Heinrich Mann gebildet hatte und das dann ab 1940 als Zentrale der deutschen Abwehr diente, bevor es im Frühjahr 1945 als Auffangzentrum für Überlebende der Konzentrationslager genutzt wurde.

 Am Hotel Lutetia erinnert eine Gedenktafel an die Rolle, die das Hotel am Ende des Zweiten Weltkriegs spielte. Eine Erinnerungs-Plakette an den „Lutetia-Kreis“ des deutschen Widerstandes gibt es leider nicht.

Und in Berlin wird unter anderem an das Französische Kulturzentrum Unter den Linden erinnert. Die SED-Führung hatte seiner Eröffnung im Januar 1984 notgedrungen zugestimmt, um einen internationalen Prestigeverlust zu vermeiden. Sie tat sich aber außerordentlich schwer damit, dass die DDR-Bürger den freien Zugang zu westlicher Literatur und Kultur, der ihnen hier geboten wurde, intensiv nutzten.

Auch Oslo und Dien Bien Phu

Einen besonderen Akzent erhält die Sammlung dadurch, dass auch Schauplätze deutsch-französischer Begegnungen und Aktivitäten in Drittländern einbezogen werden. So wirkte sich die deutsch-französische Rivalität an der Grenze zwischen der deutschen Kolonie Togo und Französisch-Dahomey (dem heutigen Benin) auf die Auseinandersetzungen mit der einheimischen Bevölkerung aus; daran wird in den Nachfolgestaaten bis heute erinnert. In Oslo wurde der Friedensnobelpreis zweimal an deutsch-französische Paare vergeben: 1926 an Aristide Briand und Gustav Stresemann, 1927 an die Pazifisten Ferdinand Buisson und Ludwig Quidde. Und in Dien Bien Phu kämpften auch 1.500 bis 2.000 deutsche Angehörige der Fremdenlegion im Rahmen einer multinationalen, von französischen Offizieren geführten Truppe, die den Stützpunkt gegen den Ansturm der Viet Minh verteidigen sollte.

Die deutsche Beteiligung an den Kämpfen um Dien Bien Phu ist praktisch unbeachtet geblieben. An die vielen Gefallenen erinnert erst seit Mitte der 1990er Jahre ein schlichter Obelisk, der bemerkenswerter Weise von einem ehemaligen deutschen Legionär errichtet wurde. In dem Beitrag über das Symbol der französischen Niederlage im Indochinakrieg wird abschließend darüber berichtet. In gleicher Weise schließen auch alle anderen Beiträge mit Informationen über die Art des jeweiligen Gedenkens oder auch Nicht-Gedenkens. Erinnerungen sind nicht nur vielfältig, sie wandeln sich auch im Laufe der Zeit und sie tragen so zum Wandel des kollektiven Gedächtnisses bei. Dabei ist insbesondere auf französischer Seite ein zunehmender Wille zur Versöhnung erkennbar, der zur Stabilisierung der Demokratie in Deutschland beitragen soll und dies auch leistet.

Insgesamt werden 63 Orte in strikt chronologischer Reihenfolge vorgestellt, beginnend mit der verlustreichen Schlacht von Gravelotte am 18. August 1870, die den Weg zur deutschen Belagerung von Metz eröffnete.

Bei der Schlacht von Gravelotte am 18. August 1870 starben 42.000 Soldaten. Grabmal auf dem Soldatenfriedhof

Diese Beschränkung wirkt auf den ersten Blick etwas willkürlich. Begründet wird sie damit, dass der Élysée-Vertrag, der die Entwicklung deutsch-französischer Zusammenarbeit maßgeblich vorangetrieben hat, 1963 geschlossen wurde und somit im Jahr des Erscheinens 63 Jahre zurückliegt.

Erinnerungstafel an den Gottesdienst von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer in der Kathedrale von Reims, Besiegelung der deutsch-französischen Versöhnung und wichtige Etappe auf dem Weg zum Élysée-Vertrag

Gleichwohl musste eine Auswahl getroffen werden, wenn das Projekt aussagekräftig bleiben sollte. Mit 63 Orten lassen sich tatsächlich wesentliche Züge der gemeinsamen deutsch-französischen Geschichte sowie ihrer Erinnerungskultur gut abbilden.

Eine anregende Geschichte

So kann man den Band, an dem nicht weniger als 56 Autorinnen und Autoren mitgewirkt haben, als eine ebenso anschauliche wie anregende Einführung in die Geschichte des Deutsch-Französischen lesen. Man kann ihn aber auch zur Vorbereitung und Durchführung deutsch-französischer Exkursionen heranziehen. Jeder Artikel enthält einen QR-Code, der Zugang zur französischen Fassung des jeweiligen Textes verschafft; das wird bei dieser Art des Einsatzes hilfreich sein.

Zu Recht betonen die Herausgeber, dass die Wahrung, Weitergabe und Weiterentwicklung der gemeinsamen Geschichtskultur von Franzosen und Deutschen für die Zukunft der Demokratie von wegweisender Bedeutung sind. Dazu kann dieser Band einen wesentlichen Beitrag leisten. Sehr passend endet er mit einer Präsentation der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw, die im Juni 2022 von Emmanuel Macron, Olaf Scholz und dem damaligen italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi gemeinsam besucht wurde. Sie erinnert daran, dass im Kern der europäischen Unterstützung für die ukrainische Demokratie die deutsch-französische Zusammenarbeit im sogenannten „Normandie-Format“ stand und dass das Ausmaß dieser Unterstützung für den Ausgang des Krieges in der Ukraine von entscheidender Bedeutung sein wird.

Tobias Bütow, Corine Defrance, Ulrich Pfeil (Hg.), 63 Orte der deutsch-französischen Geschichte. Von 1870 bis heute. Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2026, 330 Seiten, 23,00 €.

 Wilfried Loth, Jahrgang 1948, ist emeritierter Professor für Neue und Neueste Geschichte an der Universität Duisburg-Essen. Sein Standardwerk zur Geschichte der europäischen Einigung liegt jetzt in einer aktualisierten Ausgabe vor: Europas Einigung. Eine unvollendete Geschichte. Hardcover: Campus, Frankfurt/New York 2025; Paperback: Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2026.

Halle au Blé – Bourse de Commerce – Pinault Collection: Verwandlung und Kontinuität (Teil 1) von Ulrich Schläger

Halle aux blés von Victor-Jean Nicolle; Musée national du Château de Malmaison

Es gibt in Paris eine Fülle von außergewöhnlichen, wunderbaren Bauwerken. Zu ihnen gehört ganz gewiss auch die Bourse de Commerce im Quartier des Halles: Der Bau ist architektonisch einzigartig und er war dazu wegweisend: Vorbild der Architektur des ausgehenden 18. Jahrhunderts mit dem sich auf römische Vorbilder beziehenden Rundbau, und, mit seiner monumentalen Kuppel, Pionier der Eisenarchitektur des 19. Jahrhunderts. Dazu hat das Bauwerk mehrere Leben gehabt: Es war zunächst Halle für die Lagerung von Getreide, dann eine Handelsbörse und seit 2021 ist es Ausstellungsort der Collection Pinault, einer der weltweit größten und bedeutendsten Sammlungen moderner Kunst.

Ulrich Schläger zeichnet in seinem Beitrag mit großer Sachkenntnis die Geschichte des Baus nach: Er zeigt, welche Veränderungen die unterschiedlichen Verwendungen des Baus mit sich brachten, wie Architekten, Ingenieure und Künstler dazu beigetragen haben, dieses einzigartige Bauwerk zu schaffen, das bei allen Verwandlungen im Laufe seiner 250-jährigen Geschichte sich doch immer treu geblieben ist. Die Lektüre dieser außerordentlich fundierten Darstellung ist für architekturgeschichtlich interessierte Leserinnen und Leser ein großer Gewinn. Aber auch aus sozialgeschichtlichen Gründen ist die Darstellung höchst aufschlussreich, bettet Ulrich Schläger doch den Bau in seinen historischen Kontext ein. Nach der Lektüre des Beitrags wird man die Bourse de Commerce mit offeneren Augen sehen und mit einem vertieften Verständnis dafür, was diesem Bau seine Einzigartigkeit und Schönheit verleiht und wie er zu dem geworden ist, was er heute ist: ein altehrwürdiger und doch auch höchst moderner Kunsttempel mitten in Paris.

Der Beitrag umfasst zwei Teile: Im ersten (Kapitel I – 5) wird die Entwicklung bis zum Bau der großen Kuppel nachgezeichnet, die bis heute den grandiosen Innenraum überspannt; im zweiten Teil (Kapitel 6 und 7) geht es um die Umwandlung zur Getreidebörse und den Einzug der Moderne durch den japanischen Architekten Tadao Ando. Er greift das prägende Kreismotiv des Baus mit einem Beton-Zylinder auf, interpretiert es modern und schafft mit der reizvollen Verbindung und Kontrastierung von Altem und Neuem einen wunderbaren Ort für die Präsentation moderner Kunst. (Lesezeit 42 Minuten)

Wolf Jöckel

Von einem Bauwerk wird die Rede sein, das schon zu Beginn mehr verkörperte als der Zweck, für den es eigentlich errichtet wurde. Mit seinen geometrischen Grundformen, dem Kreis und der [Halb-]kugel, Abbild von Ordnung und Vollkommenheit, wurde es zum Modell für die Architektur des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Mit seiner Bauweise gewährleistete es Schutz und ideale Kontrolle zugleich. Seine Fassade erinnerte an die Arkaden eines antiken Zirkus und Theaters, und seine Kuppel rief die Vorstellung an das Pantheon zu Rom wach und verband sich so auch mit dem wiederkehrenden Anspruch von Paris als „neues Rom“. Seine Kuppeln, zunächst die hölzerne, dann seine eiserne, waren richtungsgebende technische Meisterwerke. Im radikalen Umbau am Ende des 19. Jahrhunderts und der Art, wie er erfolgte, spiegelte sich die wirtschaftliche Macht von Kapital, Handel und Industrie. Und der letzte Eingriff in den Bau nahm die geometrische Grundidee nochmals auf und setzte sie mit dem Baustoff der Moderne um.

Ich werde die Entwicklung dieses außergewöhnlichen Bauwerks in seiner ca. 250-jährigen Geschichte nachzeichnen. Auf diesem Weg, auf dem der Bau mehrere Umwandlungen erfuhr,  lassen sich drei Abschnitte abgrenzen, in denen sich der Hauptnutzen des Gebäudes änderte. Aus der Getreidehalle (erbaut 1763-1767) wurde eine Handelsbörse (seit 1889) und aus dieser ein Ort für die Kunst der Moderne (seit 2021). Ich werde die baulichen Charakteristika der drei Nutzungsphasen beschreiben.

Doch bevor ich mich der Architektur des Gebäudes zuwende, soll in der hier leider gebotenen Kürze dargelegt werden, warum dieser Bau überhaupt entstand.

Kapitel I – Vorgeschichte: Die verzweifelte Nation

If Nature had been comfortable, mankind would never have invented architecture. Oscar Wilde: The Decay Of Lying – A DIALOGUE.

Hungersnöte hatte Frankreich schon in den vorausgegangenen Jahrhunderten erlebt. Aber der grausame Winter von 1709, le grand hiver mit der nachfolgenden Hungersnot, die grande famine, die der bereits seit neun Jahren tobende Spanische Erbfolgekrieg noch verschlimmerte, „endete“, wie Voltaire in Le Siècle de Louis XIV schreibt, „mit der Verzweiflung der Nation“. In ganz Frankreich kursierten Berichte von Menschen, die wie Tiere Gras fraßen, über Erfrorene, über den völligen Stillstand von Handel, Industrie und öffentlichem Leben. Das Vieh in den Ställen, die wilden Tiere in den Wäldern und die Fische in den Flüssen und Seen starben. Obst-, Olivenbäume und Weinstöcke gingen zugrunde.

Henri François d’Aguesseau (1668-1751) rettet Frankreich während der Hungersnot 1709. Gravur von 1792

Gravierend waren die Verluste bei der Getreideernte. Der Mangel an Kornspeichern mit Vorräten verschärfte die Lage. Die Getreidepreise schossen in die Höhe. Zu langsam erkannte die Regierung das Ausmaß der Krise. Erst spät wurde Getreide importiert, von Zöllen und Wegegeldern befreit, vorhandene Vorräte erfasst und freigegeben, um Spekulationen zu verhindern, Märkte überwacht und der Verkauf von Brot streng nach Person und Zeit beschränkt. Die Gemeinden wurden gezwungen, Lebensmittelverteilungen an Bedürftige zu organisieren.

Distribution du pain du roy au Louvre, estampe, Paris, 1693. Gallica. Bnf.fr/Bibliothèque nationale de France

Gleichwohl kam es in Paris und ganz Frankreich zu Hunger- bzw. Teuerungsrevolten, den émeutes de grain. Banden überfielen Schlösser und Klöster, die im Verdacht standen, über Getreidereserven zu verfügen. In Paris und anderswo wurden Bäckereien gestürmt, auf Plünderer wurde geschossen. 

Bei der Hungersnot von 1709 starben etwa 600.000 Menschen. Insgesamt hatte Frankreich ein Jahr später ca. 850000 Einwohner weniger. Gründe dafür waren neben Unterernährung und Krankheiten auch ein Rückgang der Eheschließungen und der Geburten. Durch die massiven Verluste in der Agrarproduktion, verschärft durch Kriegsaufwendungen, geriet Frankreich als Agrarstaat, dessen Bruttosozialprodukt maßgeblich von der Landwirtschaft abhing, darüber hinaus in eine Finanzkrise.

Biopolitik als Antwort auf die Versorgungskrise

„Der Lebensunterhalt des Volkes ist der wichtigste Gegenstand, mit dem sich die Verwaltung beschäftigen muss“. Jacques Necker, Finanzminister unter Ludwig XVI. am 14. Februar 1778 an Antoine de Sartine, Lieutenant général de police.

Angesichts des katastrophalen Ausmaßes der grande famine für die Bevölkerung und die Stabilität des Staates, waren Vorkehrungen für eine stabile Lebensmitteversorgung zu treffen, allem voran für Brot, das Hauptnahrungsmittel des Volkes.  Brot sollte zu stets erschwinglichen Preisen zur Verfügung stehen, denn Brot war weit mehr als nur ein einfaches Nahrungsmittel. Es bildete den Kern des sozialen Pakts zwischen König und Volk unter dem ancien régime. Der König war wie ein Vater, der den Lebensunterhalt seiner Kinder sichern soll.

Die Versorgung mit Getreide hing nicht allein von meteorologischen Zufällen ab. Der Weg von den Feldern auf den Tisch der Verbraucher, d.h. der Vertrieb, war noch heikler und komplexer. Er hing ab von Transportwegen und -mitteln, der Organisation des Getreide- und Mehlhandels, dem Wettbewerb zwischen Stadt und Land um das Getreide, der Getreidekonservierung, den Mühlen und Bäckereien und nicht zuletzt von der Situation auf den Märkten selbst. Eine paternalistischen Marktgesetzgebung, gesteuert und überwacht durch die Polizei, die oft ein Teil der Probleme wurde, sollte diese Versorgung gewährleisten.

Die „Polizei“ war im ancien régime für ein außerordentlich breites Spektrum öffentlicher Aufgaben zuständig, das von der Überwachung der Prostituierten, der Gefängnisse, der Kontrolle der Zünfte, der Straßenreinigung und -beleuchtung bis hin zur Durchsetzung von Vorschriften bezüglich der Produktion und des Verkaufs von Waren und Dienstleistungen reichte. Sie kümmerte sich um alle Aspekte des täglichen Lebens, nicht nur um Straftaten. In dieser Universalität ihrer Aufgaben erfüllte die Polizei eine bedeutende Funktion in der Biopolitik. Deren Ziel war die Gewährleistung der physischen und psychischen Gesundheit und damit die Gesamtproduktivität der Bevölkerung und nicht zuletzt die Stabilität des ancien régime. Doch diese administrativen Maßnahmen allein reichten nicht.

Aufgrund der gravierenden Mängel der Getreide-Märkte in Paris, die alle unter freiem Himmel abgehalten wurden, kam der Architektur und der Stadtplanung eine wichtige biopolitische Rolle zu. Auf die disziplinären Fähigkeiten der Architektur bei der Versorgungssicherheit wird noch zurückzukommen sein.

Getreide und Mehl, die zum Verkauf nach Paris geschickt wurden, waren nicht auf einen einzigen Markt konzentriert. Die im Quartier Les Halles, nahe der St.-Eustache-Kirche gelegene Halle au bled (s. Turgot-Plan),  empfing das meiste auf dem Landweg nach Paris gelangte Getreide und den Großteil des Mehls.

Die Häfen vermarkteten fast das gesamte über den Fluss ankommende Getreide. Der Port au bled am Port et Quay de la Grève unweit des Hôtel de Ville war der wichtigste und größte der Häfen.

Les Halles und Halle au bled – Ausschnitt aus Turgot-Plan 1739

Hafen an der Place de Greve  Bild-Ausschnitt : Port et Quay de la Grève (Nr.2), 3 Port au bled (Nr.3)

Die Dringlichkeit der Neugestaltung der Getreidemärkte in Paris hat Steven Laurence Kaplan in seinen Arbeiten zur französischen und besonders Pariser Getreideversorgung im 18. Jahrhundert eindrucksvoll dargestellt. Er schildert die katastrophalen, unfallträchtigen, engen, verwinkelten Zufahrtsstraßen zu den Märkten und die chaotische Situation auf den Märkten selbst:

„Händler stritten sich weiterhin um Platz zum Entladen, Makler weigerten sich aus Platzmangel, versandte Waren anzunehmen, Kontrolleure der Maße und Träger konnten ihre Aufgaben nicht effizient erfüllen und Käufer hatten Schwierigkeiten, sich zu bewegen und zu inspizieren. … die Träger und die einfachen Arbeiter (stapelten) …die Säcke mit Getreide und Mehl durcheinander, was Verwirrung stiftete, Streitigkeiten über Priorität und sogar Eigentum provozierte, zu Diebstählen einlud und die Waren der Gefahr von Beschädigungen aussetzte. (…) Mercier, Dussausoy und andere Beobachter der Zentralmärkte beschrieben sie als „ekelhaft“, „dreckig“ und „infiziert“.

Zwischen den Säcken lagen Schlamm, Misthaufen, verrottetes Stroh, das zum Abdecken der Säcke verwendet wurde, und anderer Unrat. Die Menschen waren kaum wählerischer als die Pferde – die Mieter in den Wohnungen rund um den Getreidemarkt, so ein Mehlmädchen, warfen häufig „Töpfe mit Urin und Fäkalien“ auf die Waren und manchmal auch auf die Händler. Die Luft war verdorben und der Lärm unerträglich. An schlechten Tagen wehte der üble Gestank des nahe gelegenen Friedhofs St.-Jean mit dem Geruch von verfaultem Fisch vom benachbarten Marktplatz über den Getreidemarkt.“[1]

Als sich Berichte über verdorbenes Mehl, Überfüllung, Diebstahl und Unordnung häuften, erkannte vor allem ein Polizeiinspektor namens Poussot, dass sowohl räumliche als auch organisatorische Veränderungen der Getreidevermarkung notwendig waren. Er organisierte eine Kampagne für den Bau eines dauerhaften Gebäudes für den Getreideverkauf. 1762 stimmte die Regierung zu und gab der Stadtverwaltung die entsprechende Anweisung. Es ging nicht nur um den Bau der Getreidehalle; auch das umliegende Gebiet musste neu organisiert und die sanitären Anlagen verbessert werden.

Kapitel II – Die neue Halle au Blé

Die Halle au Blé wurde auf dem weitläufigen Gelände errichtet, auf dem zuletzt das Hôtel de Soissons unweit der Kirche St.-Eustache, stand.

Das Hôtel de Soissons im 17. Jahrhundert, Kupferstich von Israël Silvestre, um 1650. Die Colonne de l’Horoscope ist im Hintergrund rechts zu sehen.

Benannt war es nach Charles de Bourbon, Comte de Soissons, der das ehemalige, von Jean Bullant zwischen 1574 und 1584 für Catharina de Medici, der Witwe Heinrichs II. von Frankreich, erbaute Hôtel de la Reine, erworben und umgebaut hatte. Der letzte Besitzer, Viktor Amadeus I. Fürst von Savoyen-Carignan, gründete 1720 im Garten des Palais die Pariser Börse. 1740 war er gezwungen, das Hôtel zu verkaufen, um seine Schulden zu bezahlen. Im Jahr 1748 wurde es abgerissen.

Nur ein Turm in Form einer dorischen Säule, die sogen. Colonne Médicis, mit Verzierungen aus Lilien und dem Emblem von Catharina und Heinrich, ein ineinander verschlungenes H und C, blieb erhalten.

Foto: Wolf Jöckel

Die begehbare Säule nutzte vielleicht Cosimo Ruggeri, der Astrologe der Königin für seine Beobachtungen.

Colonne Médicis. Gallica.bnf.fr./ Bibliothèque nationale de France

Lange Jahre aber war die Nutzung des Geländes des ehemaligen Hôtel de Soissons unklar. Gedacht wurde u.a. an einen neuen Königsplatz. Der bedeutsamste Entwurf hierzu stammt von Germain Boffrand mit einem quadratischen Königsplatz für Louis XV und mit zwei Plätzen an beiden Seiten für einen Getreide- bzw. Gemüsemarkt, gesäumt von Arkadengebäuden. Auch der Bau eines Opernhauses wurde ernsthaft erwogen.

Letztlich fiel aber die Entscheidung für die Getreidehalle, auch weil ihre Finanzierung durch die Vermarktung einer Wohnsiedlung rund um das neue Gebäude die Stadt überzeugte. Die neue Halle war somit ein öffentliches und privates Spekulationsprojekt. Mit dem Entwurf der Getreidehalle wurde Nicolas Le Camus de Mézières (1721-1793) beauftragt, der sich allerdings auch an den Grundstückspekulationen beteiligte und sich dabei finanziell ruinierte.

Drei Anforderungen sollte die Halle erfüllen. Sie musste hell, luftig und brandgeschützt sein. Ebenso wichtig waren bequeme und sichere Zugangsstraßen.

Plan des Halles couvertes et Incombustibles en l’Emplacement de l’hôtel de Soissons, Musée Carnavalet

Bereits 1761 begann Le Camus mit der Planung. Der Grundstein wurde am 13. April 1763 gelegt, die Einweihung fand am 12. Januar 1767 statt, aber erst im Januar 1769 wurde der Markt eröffnet. Die noch im Bau befindlichen umliegenden Gebäude hatten den Zugang blockiert. Die hohen Häuser und die dichte Bebauung wurden als Folge der Gier der Spekulanten scharf kritisiert. In den relativ engen Straßen staute sich nicht nur der Verkehr. Die Luft war stickig und ein freier Luftaustausch wurde behindert, was wiederum das Getreide zu schädigen drohte.

Dessen ungeachtet lobten schon während der Bauzeit der Halle au Blé berühmte Architektur-theoretiker wie Marc-Antoine Laugier [2] und Jacques-François Blondel [3] die innovative Form, die Harmonie ihrer Komposition und die Angemessenheit ihres Ausdrucks. Und für Georges-Louis Le Rouge [4] war es  „ein wahrhaft patriotisches Denkmal“, das „den Römern würdig“ sei. Le Camus‘ Halle au Blé brach mit den üblichen rechteckigen Grundrissen. Seine ringförmige Getreidehalle hatte den Charakter eines Amphitheaters. Der Bau reihte sich ein in das Bestreben, Paris mehr Glanz zu verleihen.

Nicolas Le Camus de Mézières. Plan de halle couverte et incombustible en l’emplacement de l’hôtel de Soissons ca. 1763

Die zweistöckige Halle mit einem Gesamtdurchmesser von 68 m umschloss einen offenen Platz mit einem Durchmesser von fast 40 m. Eine 12,5 m breite Straße umfasste das Gebäude, auf das sechs Straßen mit 7,7 m Breite sternförmig zuführten.

Die Halle öffnete sich im Erdgeschoss nach außen und innen durch 25 identischen Arkaden. Sechs von ihnen korrespondierten mit den sechs zuführenden Straßen und waren Fuhrwerken vorbehalten, während die restlichen 19 den Fußgängern vorbehalten waren.

Der offene Innenhof diente dem schnellen Warenumsatz, er war wie das Arkadengewölbe im Erdgeschoss für den täglichen Handel von Getreide, Mehl und Hülsenfrüchten bestimmt. Empfindliche Ware konnte kurzfristig im Arkadengeschoss gelagert werden. Das Dachgeschoss war als längerer Speicherplatz für Mehl und Getreide vorgesehen. Im Ringbau residierte auch die Marktpolizei, die den Handel überwachte. Hier konnte Antoine de Sartine, Generalleutnant der Polizei, eine gesicherte Versorgung in Szene setzen, indem er Vorräte vor den Fenstern aufhäufen ließ, um Gerüchten über eine Ernährungskrise vorzubeugen.

 

Schnitt durch die ringförmige Halle. Abb. aus Laura Cantero Esquerdo:  La Halle au Blé de Paris –  “Sección transversal de la Halle au Blé”. Nicolas Le Camus de Mézières Musée Carnavalet. Extraída del libro de Mark K. Deming. p.91

Zwei diametral gegenüberliegende, Treppen führten in die Lagerräume des Obergeschosses. Dieses wurde erhellt und belüftet durch 24 rechteckige Fenster, jeweils in einer Achse mit den Innen- und Außenarkaden gelegen, darüber hinaus über ebenso viele kleinere Rundfenster oberhalb der Fensterpfeiler des Obergeschosses. Um Brand, holzfressenden Insekten und Fäulnis vorzubeugen, wurde das Gebäude ohne jegliche Holzteile erbaut. Ein zweireihiges Kreuzrippengewölbe, in der Mitte auf Rundpfeilern ruhend, bildete die Decke des Erdgeschosses. Das Obergeschoss überspannte ein einreihiges Stützliniengewölbe, das auf Robert Hooke zurückgeht, der es 1675 als ideale Gewölbeform präsentierte: „Wie die biegeschlaffe Linie hängt, so wird umgekehrt das stabile Gewölbe stehen.“[5] Ein einfaches Satteldach schützte dieses Gewölbe.

Das gemischte System des Gewölbes aus Steinen und Ziegel unterstrich durch die farblichen Unterschiede die Struktur und übte zugleich, wegen der geringeren Last im Vergleich zu einem reinen Steingewölbe, eine verminderte Schubkraft aus und ermöglichte weniger massige Stützteile.

Kreuzgewölbe im Erdgeschoss. Vue intérieure de l’ancienne Halle au blé, en 1886, Maurice Emmanuel  Lansyer. Musée Carnavalet

Stützlinien-Gewölbe in Obergeschoss. Halle aux Bleds – Paris –  Corn Market. llustration from Versailles, Paris and Saint-Denis, von John Claude Nattes, pub. 1805. British Museum

Eine Besonderheit waren die beiden Treppen zum Dachgeschoss.  Die erste, zur Rue du Four hin gelegen, war hauptsächlich für das Verwaltungspersonal bestimmt, hatte vier, wechselnd doppelte und einfache Absätze und fünf Läufe. Raffinierter war die zweite, zur Rue Grenelle hin. Sie war für die Sackträger bestimmt und konnte gleichzeitig zum Be- und Entladen benutzt werden, ohne dass man sich in Quere kam. Sie hat eine Struktur einer doppelten Wendeltreppe, die sich aus zwei unabhängigen Rampen zusammensetzt wie die berühmte Treppe von Chambord. Nur diese blieb erhalten.

La Halle aux blé. Escalier

Die Medici-Säule, das einzige Überbleibsel des Hôtel de Soissons, wurde in die Außenwand integriert. Der Plan, die Säule in die Mitte des ringförmigen Platzes zu versetzen, wurde aufgegeben. Die Versetzung war zu schwierig, außerdem hätte sie die Markttätigkeit behindert. Um von Nutzen zu sein, installierte man 1764 eine Sonnenuhr. 1812 baute man in den Sockel einen jetzt schon wieder verschwundenen Brunnen ein. Verfolgt man das Schicksal der Säule, wird man den Gedanken nicht los, dass keiner der am Bau beteiligten Architekten mit ihr etwas azufangen wusste und sie nur aus Respekt vor dem kulturellen Erbe erhalten blieb.

Kapitel III – DIE KREISFORM DER HALLE AU BLÉ

I. Schutz und Kontrolle

Der kreisförmige Grundriss der Halle au Blé entsprach nützlichen Erwägungen. Die offenen Arkaden und Fenster brachten Luft in das Gebäude, wichtig für die hygienische Lagerung der Lebensmittel. Die vielen Eingänge erleichterten den Warenverkehr, schützten durch verschließbare Tore an der Außenwand vor Diebstahl und gewährleisteten die Überwachung durch die Marktpolizei. In der Kreisform, die an  Jeremy Benthams Panopticon[6] erinnert, zeigte sich das perfekte Modell für Kontrollen. Die architektonische Gestaltung wurde mit der Lebensmittelversorgung und somit der Gesundheit und Produktivkraft der Stadt verknüpft. Architektur übernahm eine biopolitische Rolle.

Mit ihrer innovativen Form wurde die Halle au Blé zu einem bedeutsamen architektonischen Manifest und beeinflusste die Architektur des späten 18. Jahrhunderts, besonders die Generation der „revolutionären Architekten“. DerKreis und die Kugel feierten ein fulminantes Revival. Man denke nur an die Projekte wie den Cénotaphe de Newton und den Temple de Raison von Etienne-Louis Boullée oder an Claude-Nicolas Ledoux’s Saline royale d’Arc-et-Senans, die architektonische Vorwegnahme der Idee eines moralisch egalitären Gesellschaftssystems, die sich im 19. Jahrhundert entwickelte (Saint-Simonismus, Fourierismus).[7] Wie viele dieser „sozialen Utopien“ trug aber auch Ledoux’s Projekt den Keim der Kontrolle des Wohlverhaltens in sich.

Saline royale d’Arc-et-Senans, Projektskizze. Bibliothèque nationale de France, 2014

II. Schauspiel und Fest

Seit Urzeiten sind Orte von Feiern und Schauspielen in Kreisform gestaltet; man denke nur an Stonehenge, die orchestra des griechischen Theaters oder den römischen circus. Jacques-François Blondel bezeichnete die Halle au Blé wegen der formalen Ähnlichkeit als „Zirkus“. Die Doppelfunktion, die der Getreidespeicher als Zentrum des Pariser Handelslebens und als Ort öffentlicher Feste annehmen sollte, war daher kein Zufall, sondern bereits in der Grundform des Gebäudes angelegt. Mit seinem kreisförmigen Arkadenbau schuf Le Camus wie Louise Pelletier schreibt „eines der theatralischsten Bauwerke im damaligen Paris“. Es „erfüllte sowohl die Anforderungen einer neuen öffentlichen Einrichtung für den Getreidehandel als auch die repräsentative Rolle eines Ortes für öffentliche Versammlungen.“[8]

Anlässlich der Geburt des Dauphins fand am 21. Januar 1782 ein großes Fest statt, bei der der große offene Innenraum durch ein großes Zeltdach (Velum) geschützt wurde. Es soll Legrand und Molinos zum Bau ihrer Kuppel (1782-1783) inspiriert haben. Die eindrucksvollste Feier in der Halle au blé war die am 14. Dezember 1783 zu Ehren des Friedens von Versailles.[9] Die Zuschauer konnten je nach Rang von den unteren Arkaden, den Fenstern des Speichergeschosses und von einer Galerie, die Legrand und Molinos direkt unterhalb der Kuppel eingebaut hatte, die Feierlichkeiten verfolgen.

Celebration in honor of the Peace of Versailles in the Halle au blé (1783): anonymous engraving. COU. Hennin, Bibliothèque nationale, Cabinet des estampes, Paris. Deming].

Louis Petit de Bachaumont beschreibt das Ereignis in seinen Mémoires secrets de Bachaumont, de 1762 à 1787 und hebt die ‚theatralische‘ Inszenierung hervor: „Das Publikum war in zwei verschiedene Gruppen aufgeteilt: Im Erdgeschoss tanzte das allgemeine Publikum, das von einem Orchester in der Mitte des kreisförmigen Raums unterhalten wurde. Dieses jubelnde ‚Publikum‘ wurde zum ‚acteur malgré lui [Schauspieler ohne besseres Wissen] für ein Publikum, das sich auf der Ebene des Dachgeschosses und des Balkons befand…“[10]  Und in einem anonymen Brief heißt es: „Dieser Tempel, dessen Kuppel heute mit dem Pantheon in Rom konkurriert, ist auch ein Kolosseum: Heute Abend wird dort ein Volksball zu Ehren des Friedens von Versailles für die Hofgesellschaft aufgeführt. Und die Medici-Säule, die glücklicherweise vor dem Abriss gerettet wurde, ist die Trajanssäule von Paris, das zu einem neuen Rom geworden ist.“[11]

Während der Revolution wurde die Halle au Blé zum Schauplatz zahlreicher öffentlicher Manifestationen und Demonstrationen:  Am 23. Juli 1789 zog eine johlende Menge mit den abgeschlagenen Köpfen von Joseph François Foullon und seines Schwieger-sohns Berthier Sauvigny, aufgespießt auf langen Piken, in die Halle au Blé ein. Beide, Foullon als Finanzminister und Berthier als Intendant von Paris, waren beim Volk verhasst und wurden für die Lebensmittelknappheit in Paris verantwortlich gemacht.

Corps decapite et tetes exhibees au bout de piques devant la Halle au Blé. Musée Carnavalet – Histoire de Paris

Ein Jahr später, am 21. Juli 1790, wurde hier Benjamin Franklins gedacht. Die Wände wurden mit schwarzem Vorhängen verhüllt, eine Kanzel errichtet und in der Mitte der Halle ein Sarkophag aufgestellt, auf dem die Büste Franklins thronte – eine Inszenierung „Wie ein Echo auf Boullées Kenotaph für Newton“[12]

Oraison funebre de M. Franklin par l’Abbé Fauchet, Paris 1792 – Le Panthéon des philantropes, ou, L’école de la revolution, Yale University

Dass die Halle au Blé nicht nur an ein Theater erinnerte, dass sie Elemente eines Theaters hatte, sondern tatsächlich Ort theatralischer Ereignisse wurde, hing auch zusammen mit Le Camus Leidenschaft für alles, was mit dem Theater zu tun hat.  Er beschäftigte sich intensiv mit der sinnlichen Einwirkung eines Bauwerkes auf seinen Betrachter und zog dabei immer wieder Analogien zum Theater, vor allem in seiner Abhandlung Le génie de l’architecture, ou l’analogie de cet art avec nos sensations [Der Geist der Architektur oder die Analogie dieser Kunst mit unseren Empfindungen], Paris, 1780. Er selbst hatte ein Theater geleitet und war als Dramaturg tätig. Auch das Opernhaus-Projekt an diesem Ort dürfte ihm bekannt gewesen sein.

Kapitel IV  BAU DER  KUPPEL – DIE PANTHEONISIERUNG

Die hölzerne Kuppel –Wiederbelebung einer alten Idee.

Schon bald  nach der Eröffnung der Markthalle stellte sich heraus, dass sie ihren Aufgaben nicht genügte. Der Zuwachs der Pariser Bevölkerung erforderte eine größere Speicherfläche für das Getreide als mit den oberen Gewölbespeichern zur Verfügung stand. Die Säcke mussten im unteren Arkadenring gelagert werden, was die Arbeit der Händler behinderte. Der offene Innenhof  konnte nicht bei jeder Wetterlage genutzt werden. Es wurden deshalb immer wieder provisorische Unterstände errichtet. Die Debatten, wie der  Innenhof ohne Unter-brechung der Markttätigkeit dauerhaft, schnell, kostengünstig und  ästhetisch  ansprechend,  bei begrenzter Tragfähigkeit der bestehenden Struktur, überdacht werden sollte, erstreckten sich über 12 Jahre. Die Projekte zur Überdachung hat Dora Wiebenson [13] detailliert darlegt. Hier können nur wenige Projekte vorgestellt werden.

Bereits 1769 veröffentlichte Le Camus de Mézières selber einen Entwurf einer Steinkuppel. Da ihre Last für die bestehende Struktur zu groß war, sollte sie auf Bögenzwickel ruhen, die von den zwölf Säulen innerhalb des bestehenden offenen Rings getragen werden.

Le Camus de Mézières, Projekt für eine Steinkuppel für  Halle au Blé (aus Le Camus : Recueil des différens plans et dessins, concernant la nouvelle Halle aux grains, située au lieu et place de l’ancien Hôtel de Soissons)

 

Auch Jean-Baptiste Rondelet, Nachfolger von Soufflot beim Bau des Panthéons,  legte 1775 ein Projekt mit einer Steinkuppel vor, die sich auf die bestehende innere Arkadenwand stützte. François-Joseph Bélanger schlug 1782, in Zusammenarbeit mit Pierre Deumier,  serrurier de la ville et des bâttiments du Roi, eine Kuppel aus Schmiedeeisen mit Verkleidung aus Kupferblech vor. 1782 war die Zeit noch nicht reif für eine derartige innovative Lösung. Später wird er Architekt der noch heute bestehenden Metallkuppel werden.All diese Entwürfe wurden wegen so hoher Kosten, zu langer Bauzeit, zu langer Unterbrechung der Markttätigkeit oder aus all diesen Gründen zusammen, abgelehnt. Bei anderen standen einer Realisierung  statische und ästhetische Erwägungen im Wege.

Ausgewählt wurde schließlich das Projekt einer hölzernen Kuppel von Jacques-Guillaume Legrand und Jacques Molinos. Die Konstruktion basierte auf den Studien des Renaissance-Architekten Philibert de l’Orme (auch Philibert Delorme genannt; 1510-1570), die er erstmals 1561 unter dem Titel Nouvelles inventions pour bien bastir et a petits fraiz, trouvées n’agueres par Philibert de L’orme, Lyonnois, Architecte, Conseiller & Aulmonier ordinaire du feu Roy Henry, & Abbé de St Èloy les Noyon frais veröffentlichte.

Abbildung aus: Nouvelles inventions pour bien bastir et a petits fraiz, trouvées n’agueres par Philibert de L’orme Paris 1561 [13a]

 „De l’Ormes Konstruktionen zeichnen sich durch kurze gekrümmte Bohlenstücke aus, die versetzt zueinander angeordnet sind. Die binderlosen Bögen sind in kurzen Abständen hintereinander angebracht und werden in Längsrichtung durch kurze Riegel ausgesteift. Diese sind durch die Bögen hindurchgesteckt und mit seitlichen Keilen gesichert.“ [14]

Abbildung aus: Nouvelles inventions pour bien bastir et a petits fraiz, trouvées n’agueres par Philibert de L’orme Paris 1561.

Dieses Kuppel-System war leicht genug, um es auf die bestehende Struktur ohne zusätzliche Abstützung zu errichten. Es war wirtschaftlich und schnell zu bauen, vorausgesetzt, man fand jemanden, der die exakte Bearbeitung der Tausenden Holzteile und ihr genaues Zusammenfügen kontrollierte.  Die Wahl für die Zimmermannsarbeiten fiel auf den Tischlermeister André-Jacob Roubo, schon bekannt durch sein sechsbändiges Werk L’Art du menuisier, das zwischen 1769 und 1775 erschienen war.  „Seiner Ausbildung und seinem Status nach war er sicherlich ein Handwerker. Gleichzeitig kann man ihn aber auch als eine Art Mitglied der Republik der Wissenschaften betrachten, dessen Ruhm auf seinen Fachkenntnissen in der Holzbearbeitung und Tischlerei beruhte. Sein Fall veranschaulicht, dass die Kluft zwischen den gens de métiers und den gens de lettres im achtzehnten Jahrhundert weniger groß war, als gemeinhin behauptet wird.“[15]

Brian Anderson  schildert die dramatischen Momente des 31. Januars 1783. Der Rohbau der Kuppel mit einer Spannweite von 39,5 m und einer Höhe von 38 m war ohne jegliche innere Abstützung vollendet. André-Jacob Roubo stand allein hoch oben auf einer Plattform. Tief unter ihm und in sicherer Entfernung hatte sich eine große Menschenmenge versammelt. „Es hatten sich keine Freiwilligen gefunden, die Roubo auf den Gipfel begleiten wollten. Würde alles zusammenstürzen? An jenem Januartag wurde also das letzte Gerüst abgebaut. Die Menge hielt den Atem an. Und nichts geschah. Roubos Plan war aufgegangen. Die wartende Menge strömte auf den Getreidemarkt und trug Roubo im Triumph auf den Schultern davon.“[16]

André Roubo in Les artisans célèbres, par François Valentin, 1843, Gallica/bnf

Das Ergebnis von Roubos Arbeit an der Kuppel der Halle au Blé wurde von den Zeitgenossen als „premier chef-d’oevre de la menuiserie“ bezeichnet. Insgesamt dauerten die Arbeiten an der Kuppel von September 1782 (nach anderer Quelle Juli 1782) bis zum September des folgenden Jahres. Die Kuppel war mit Blei und Kupfer gedeckt und mit 24 großen vertikalen Glasstreifen versehen, um den Innenraum zu beleuchten.  Die später zerstörte Kuppel ist durch Jean-Charles Krafft gut dokumentiert.

Jean-Charles Krafft: Plans, coupes, élévations des plus belles maisons et des hotels construits à Paris et dans les environs , Paris 1801. gallica/bnf.fr. (Ausschnitt)

„Das Gebäude avancierte …in der öffentlichen Wahrnehmung zum Pantheon des modernen Roms.“[17] Und nicht nur das. Wie Benjamin Hays, Professor für Architektur und Architekturgeschichte an der Universität von Virginia, zeigt[18], beeindruckte die Kuppel aus dünnen Holzbohlen den damaligen Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in Frankreich, Thomas Jefferson, der im August 1786 die Halle au blé besuchte, derart, dass es zu einem regelrechten Transfer von de l’Ormes Technik nach Amerika kam.

Die USA suchte „nach architektonischen Ausdrucksformen, die ihren Status als junge Nation und ihre erhoffte Beständigkeit zum Ausdruck bringen konnten. Gleichzeitig waren die öffentlichen Mittel für große Bauwerke begrenzt…Um dieses Problem zu lösen, förderte der Gentleman-Architekt und späterer Präsident Thomas Jefferson eine Bautechnologie, die zugleich kostengünstig und repräsentativ war: Philibert De l‘Ormes französische Fachwerktechnik aus dem 16. Jahrhundert. Jefferson förderte diese Methode, so erfolgreich, dass der Architekturhistoriker Doug Harnsberger Jefferson als „Delormes leidenschaftlichen Botschafter in Amerika“ bezeichnete.“[19]

Jefferson überzeugte viele der ersten amerikanischen Architekten, De l‘Ormes Methode – er nannte sie salopp a parcel of sticks and chips put together in pens – bei vielen der großartigsten Gebäude der jungen Nation anzuwenden. Die ersten Beispiele für diese Bauweise in Amerika existieren nur auf dem Papier, so Jeffersons Vorschlag für das Präsidentenhaus sowie einen Plan für das US-Kapitol und eines Kuppeldachs für das Präsidentenhaus 1792. Angeregt von Jefferson errichtete 1805 der britische Emigrant Benjamin Henry Latrobe eine Kuppel nach De L’Orme-System über der Repräsentantenhalle des US-Kapitols. Sie brannte 1814 nieder.

Benjamin Henry Latrobes Kuppel über der Repräsentantenhalle des US-Kapitols

Latrobe wandte die De L’Orme-Methode nach dem Bau des US-Kapitols noch mehrfach  an: so an Kuppel der University of Pennsylvania,  der St. John’s Church in Washington (1817), der Baltimore Exchange und an der hybriden Kuppel aus Ziegelstein und De L’Orme–Bauweise der Baltimore Cathedral. In Deutschland sorgte der Architekt, preußische Baubeamter, Baureformer und  Publizist David Gilly (1748-1808) für die Verbreitung des Bohlendachs. Er wurde direkt durch die französischen Beispiele von de l’Orme sowie die Pariser „Halle aux blés“ beeinflusst, wie sein Werk Ueber Erfindung, Construction und Vortheile der Bohlen-Dächer, mit besonderer Rücksicht auf die Urschrift ihres Erfinders, Berlin 1797 und seine Kupfer-Sammlung zu Handbuch der Land-Bau-Kunst, Braunschweig 1820 belegen.

Die eiserne Kuppel – Rationalität versus Tradition

HALLE AUX GRAINS ET FARINES de Paris. Pl., études pour la construction d'une coupole et dessins d'une charpente en fer. Sign. Bélanger. 1809-1812. Archives nationales, Paris 

Die Kuppel der Halle au Blé erforderte immer wieder Reparaturarbeiten. Bei einer dieser Arbeiten kam es am 16. Oktober 1802 durch eine Nachlässigkeit zu einem Brand, der die Kuppel innerhalb weniger Stunden zerstörte. Fünf Jahre debattierte man über die neue Überdachung für den Hof der Halle au Blé. Fest stand nur: die Kuppel musste feuerfest sein. Ansonsten galt auch hier: Wie konnte man ohne Unterbrechung der Marktes auf der bestehenden Struktur schnell, wirtschaftlich bauen.

Zwischen 1802 und 1806 reichten mehrere Architekten[20], darunter  Legrand, Rondelet und Bélanger, bei dem Conseil des travaux publics, ihre Vorschläge ein. Legrand wollte jetzt eine  gusseiserne Kuppel bauen. Rondelet stellte 1803[21] vier Methoden zur Gewölbekonstruktion vor, die jeweils auf einem anderen Material (Ziegel, Stein, Holz und Eisen) basierten. Er selbst favorisierte wiederum ein Steingewölbe. Und François-Joseph Bélanger hatte  sein Metallkuppel-Projekt von 1781 durch die gewonnenen Erkenntnisse zu Konstruktion, Produktion und Materialeigenschaft von Eisen auf seinen Reisen nach England  weiter entwickelt und perfektioniert.

Die Kommission lehnte alle Projekte als technisch unausführbar ab. Eine neue Kommission aus dem Conseil des travaux publics und dem Conseil des bâtiments civil, sprach sich 1807 für eine Steinkuppel aus. Der neue Innenminister Emanuel Crétet, in seinem früheren Amt mit Bau der Eisenbrücken (Pont des Arts und Pont d’Austerlitz) befasst, hatte eine Neigung zu neuerer Bautechnik. Er forderte von Joseph Marie Stanislas Becquey de Beaupré,  ingénieur directeur des ponts et chaussées und Konstrukteur der pont d’Austerlitz  ein Gutachten zu Bélangers Eisenkuppel-Projekt an.

Eingehend wurde alles geprüft, was mit einer Metallkonstruktion dieser Größenordnung verbunden war, wie z.B.:  thermische Einflüsse auf Guss- und Schmiedeeisen, die Druck- und Dehnungsfestigkeit, die Größe der Dachträger, ihre Probleme bei Herstellung und Montage, die Materialdicke/-stärke der Träger für eine ausreichenden Stärke, die Verbindung der Dachelemente und ihre Auswirkung auf Stabilität und Haltbarkeit, die Lastabtragung der Metallkonstruktion auf die bestehende Bausubstanz und die Auswirkung der  positiven oder negativen thermischen Ausdehnung  der Metallstruktur auf die Pfeiler und die unteren Wände.

Becquey de Beaupré sprach sich für den Bau einer Metallkonstruktion aus, die „aus vertikalen Bögen aus geschmolzenem Eisen (Gußeisen) besteht, die durch schmiedeeiserne Streben verbunden sind“ (Becquey de Beaupré-Bericht 1807).[22] Auf dieser Grundlage basierte im Prinzip Bélangers Kuppel.

Darstellung eines Fachwerkbinders aus 5 Voissoirs, die sich von das Basis (rechts) zur Spitze (links) zunehmend verjüngen. Abbildung aus:  HALLE AUX GRAINS ET FARINES de Paris. Pl., études pour la construction d’une coupole et dessins d’une charpente en fer. Sign. Bélanger. 1809-1812. Archives nationales, Paris

Sie ruht auf einem Sockel auf der Innenwand der Halle und besteht aus „51 großen, gebogenen Fachwerkbindern  (Meridianen), die durch Streben zusammengehalten werden, die 15 kreisförmige Gürtel (Parallelen) bilden.“[23] Jeder der 51 Fachwerkbinder besteht aus jeweils 5 mit einander verschraubter Voussoirs (gebogene Träger-Segmente).  4 Voissoirs sind aus Gusseisen, 1 Voissoir oben nahe der Laterne ist, wie diese selbst, – abweichend von Becquey de Beaupré – aus Schmiedeeisen.

Bélanger präsentiert sich hier auch als Spezialist für bautechnische Probleme – eine Rolle, die er vehement verteidigte. Er betonte wiederholt, der alleiniger Designer der Kuppel gewesen zu sein und nicht François Brunet, dem die Berechnungen anvertraut worden waren. [24] Brunet war kein Ingenieur, eine Bezeichnung, die auf Sigfried Giedion zurückgeht: 1928 schreibt er in seinem enorm einflussreichen Buch „Bauen in Frankreich. Bauen in Eisen. Bauen in Eisenbeton“ „Es ist unseres Wissens das erste Mal, dass Architekt und Ingenieur nicht mehr in einer Person vereinigt sind.“ Brunet ist ein Bauunternehmer, der im Auftrag Bélangers als Bauleiter auf der Baustelle fungierte.

Sowohl Jean-Roch Dumont Saint-Priest[25] als auch Laura Cantero Esquerdo[26] schreiben ihm aber eine wesentliche Rolle beim Bau der Kuppel zu: Er erstellte die Berechnungen für die Abmessungen der Bauteile, beriet Bélanger bei deren Erstellung und dem Einsatz von Baumaschienen, arbeitete mit den Herstellern (den Creusot-Schmieden) zusammen und überwachte die verschiedenen Gewerke auf der Baustelle. Neben Brunet waren noch andere Fachleute dort tätig wie z.B. die Schlosser Jacquemard und Roussel und der Mechaniker Leschner. Auch wenn sich Bélanger selbst „als Heeresführer auf der Baustelle sah“ [27] – darin wird ihm sein Schüler Jakob Ignaz Hittorff gleichen, war ihm bewusst, dass er durch seine Mitarbeiter neue, ihm zuvor fehlende Fähigkeiten erwerben musste.

Valérie Nègre[28] hat am Beispiel des Baus der ersten Kuppel der Halle au Blé ( 1782-1783) die Produktion und Zirkulation von technischem Wissen auf Baustellen am Ende des achtzehnten Jahrhunderts untersucht.  Die Baustellen waren nicht nur  Austausch von technischem Wissen zwischen Architekten, Ingenieuren, Handwerksmeistern, Bauunternehmer und Sach-verständigen, sondern auch Orte des Kampfes um Macht und Wissen.

Die Situation hatte sich beim Bau der zweiten Kuppel nicht grundlegend geändert. Auch Verwendung von Metall in der Architektur agierte Bélanger nicht als Einzelkämpfer. „Im Gegenteil: Seine Fähigkeit, kompetente Fachleute zusammenzubringen, war eine der größten Stärken seines Projekts…,[Es ist ] treffender, die Metallkuppel der Halle au Blé von 1813 als Gemeinschaftswerk von François-Joseph Bélanger und François Brunet zu bezeichnen.“ [29]

Sicherlich geht der eigentliche Plan der Kuppel auf Bélanger zurück. Aber das Umsetzen des Plans in einen realen Bau ist ein dynamischer Prozess mit vielen Interaktionen und Akteuren. Mit Recht fordert Valérie Nègre von den Architekturhistorikern, dass sie sich „mehr mit der Kreativität und dem Geschick befassen [sollten], die nötig sind, um „Dinge zum Laufen zu bringen“.[30]

Die Arbeiten an der Kuppel wurden 1809 in Gang gesetzt, nachdem Cretet mit Napoleon Bélangers Entwurf beraten hatte und dieser das Projekt mit einem Dekret vom 4. September 1807 billigte. Napoleon war, wie Frances H. Steiner in seiner Arbeit zu Napoleons Akzeptanz der Metallarchitektur schreibt, „an dem Projekt so sehr interessiert gewesen“, „dass er die Baustelle während der Bauarbeiten besucht und die Kuppel persönlich einweiht“ habe.[31] Die Baustelle wurde sogar anlässlich der Hochzeit Napoleons und Marie-Louise von Österreich in der Nacht vom 1. auf den 2. April 1810 festlich beleuchtet. Da war Bélanger, früher Leiter der Menus Plaisirs du Roi und verantwortlich für die Ausrichtung und Dekoration der Feste am Hof Ludwig XVI., ganz in seinem Element.  Bélanger berichtet, der Kaiser habe beim Anblick der 1813 fertiggestellten Kuppel ausgerufen: „Mein Gott, sie ist prachtvoll!“

Ob Napoleon auf der Baustelle vielleicht einen jungen Mann aus Köln, Jakob-Ignaz Hittorff , gesehen hat?  Belege dafür finden sich nicht. Hittorff war 1810 zum Architekturstudium nach Paris gekommen und von Bélanger mit der Dokumentation der Arbeiten am Kuppelbau beauftragt worden.

Arbeiter beim Bau der neuen Kuppel“. Die neue Kuppel“. Zeichnung von I.J. Hittorf, dem Assistenten von Bélanger. Wallraf-Richartz-Museum, Köln

Dazu gehörte auch die Aufstellung der Baugerüste, die den Handel im Innenhof nicht ernstlich behinderten durften. Diese hölzernen Hilfskonstruktionen mussten immer wieder an den Fortgang der Arbeiten an der Kuppel angepasst werden. Hittorff nahm sich den Aufgaben mit großer Sorgfalt an, wie seine Zeichnungen über den Bau der Kuppel, größtenteils aufbewahrt im Kölner Wallraf-Richartz-Museum, belegen.

Hittdorff konnte später bei seinen Bauten, wie der Dachkonstruktionen des Theatre Ambique-Comique, des Panoramas und des Cirque d’Été, besonders aber beim Gare du Nord auf seine Erfahrungen mit der Eisenkuppel der Halle au blé aufbauen.

Eine Schwachstelle von Bélangers Kuppel war ihr Mangel an Belüftung und Lichteinfall. Luft und Licht drangen nur durch die einzigen seitlichen Öffnungen in der Laterne ein. Um dieses Problem zu lösen, beschloss man, das Dach mit einer Reihe von Öffnungen zu versehen, ohne dass jedoch dabei die Helligkeit der Kuppel von Legrand und Molinos erreicht wurde.

The Halle aux blés. drawn by A. Pugin, published by Jennings & Chaplin, London, 1831 [31a]

Bélangers Konstruktion der monumentalen Eisenkuppel nahm ein Jahrhundert der Metallarchitektur in Europa vorweg. Erst am Ende dieses 19. Jahrhunderts wird gelingen, Bauten wie die für die Weltausstellung von 1889 errichtete Galerie des Machines mit einem überspannten Raum von 110 Meter Breite und einen Turm von 300 m Höhe zu errichten, was mit den traditionellen Baustoffen nicht möglich war. Das Paradoxe war dabei, dass Frankreich in der Eisenarchitektur die Führung übernahm, obwohl es im Vergleich zu Großbritannien in seiner Eisenindustrie einen geringeren technologischen Entwicklungszustand hatte.

Monuments anciens et modernes : collection formant une histoire de l’architecture des différents peuples à toutes les époques. Tome 4 / publiée par Jules Gailhabaud. Gallica.bnf.fr

Frances H. Steiner[32] sieht den Grund in rationalistischen Prägung Frankreichs. Französische Architekten und Ingenieure stützten ihre Arbeiten tendenziell stärker auf aktuelle theoretische Studien als ihre englischen Kollegen. Sie planten logisch und pragmatisch und bezogen sowohl  die Fertigungs- als auch die Montageprozesse mit ein. Die Ablösung von vorgegebenen Normen, traditionellen Formen und eines akademischen Gestaltungsstil bei den Eisenkonstruktionen erfolgte nicht sofort. In den ersten Stadien der Eisenkonstruktionen waren die Gußformen noch der Steinarchitektur und ihrer klassischen Formensprache entlehnt. Wir können dies an Henri Labroustes Bibliothèque Geneviève und Jakob Ignaz Hittorffs Gare du Nord sehen. Erst später wird die Eisenarchitektur  ihre eigene Stilsprache entwickeln und in spezifisch eigenartigen Formen ihren künstlerischen Ausdruck finden.

Umso bemerkenswerter ist, dass Bélanger schon früh, ohne Rückgriff auf traditionelle Formen, einen eigenständigen Stil entwickelt hat. Jetzt, in großen Teilen sichtbar herausgestellt, entfaltet seine Eisenkonstruktion ihre Ästhetik.

Die freigelegte Kuppel Bélangers – Foto Wolf Jöckel

Durch neue Konstruktionsmöglichkeiten mit Eisen wurden  offene, lichtdurchflutete Räume möglich, die von einer leichten Konstruktion und Glas umschlossen wurden. Durch die  Standardisierung und Vorfertigung bildeten die einzelnen Elemente  „zusammengesetzt zu einer Gebäudeeinheit oder einem Raumfachwerk […] die Basis für die Serienproduktion.“[33]

Die monumentalen Eisenkonstruktionen brachen nicht nur mit den Formen und ästhetischen Traditionen und Normen, sie veränderten auch die Rolle der Architekten: „Der Einsatz einer experimentellen Bautechnik zwingt ihn zur Zusammenarbeit mit einem Ingenieur oder Techniker. Er sieht sich der Gesamtgestaltung eines Denkmals beraubt, das dadurch gewissermaßen zu einem Gemeinschaftswerk wird.“ (Marc Lauro, ebd.)

Kapitel V   Der Niedergang der Halle au Blé

1854 wurde die Halle au Blé erneut durch ein Feuer schwer beschädigt, zunächst aber wieder repariert. Die Unhygiene rund um die Halle und die sechs Straßen zu ihr, bebaut mit vier- bis fünfgeschossigen Häusern, genügten schon längst nicht mehr dem reibungslosen Waren-transport, denn auf  ihnen konkurrierte das Leben der Bevölkerung des Viertels mit den Fuhrwerken und dem Treiben der Verkäufer und Käufer auf dem Markt.

Überdies machten die von Victor Baltrat erbauten Pavillons die Halle au Blé zu einem Anachronismus. Die ersten sechs östlichen wurden zwischen 1857 und 1858 errichtet. Zwischen 1860 und 1866 folgten vier westliche Pavillons. Weitere folgten später.

Der Rückgang des Weizenhandels an dieser Stelle führte dazu, dass die Halle au Blé nur noch als Lager genutzt wurde. 1873 wurde sie ganz geschlossen.

Aufgrund der Expansion der Wertpapierbörse, die den  gesamten Palais Brongniart einnahm, trennten sich die Institutionen des Handels. Die Handelskammer zog 1853 in ihre eigenen Mauern – blieb aber auf dem Place de la Bourse -, das Handelsgericht schloss sich 1865 der Judikative auf der Île de la Cité an und die Halle au Blé  sollte zur neuen Handelsbörse, zur Bourse de Commerce, umgebaut werden. Sie war Umschlagplatz nicht nur für den Kauf und Verkauf von Getreide, sondern auch von Zucker, Alkohol, Öl und Gummi.


Anmerkungen

[1] Steven Laurence Kaplan: Provisioning Paris: Merchants and Millers in the Grain and Flour Trade during the Eighteenth Century. Cornell University Press, 1984; hier S.114-115.

[2] Marc-Antoine Laugier, Observations sur l’architecture, The Hague: Desaint, 1765, p. 196.

[3] J.-F. Blondel, Cours d’architecture, 6 vols., ed. Pierre Patte, Paris, 1771–7, Vol. 1, p.108.

[4] Georges-Louis Le Rouge, Curiosités de Paris, de Versailles et de Marly, Paris, 1771. Tome 1, p. 223-227

[5] Santiago Huerta & Karl-Eugen Kurrer: Zur baustatischen Analyse gewölbter Steinkonstruktionen. 2008 Archivo Digital UPM. https://oa.upm.es/16334/1/X-1905_PDF_Huerta_Kurrer_2008_Baustatischen.pdf

[6] Das Panopticon (von griechisch παν pān, ‚alles‘, und οπτικό optikó, ‚zum Sehen gehörend‘), ist ein von dem britischen Juristen, Philosophen und Begründer des klassischen Utilitarismus Jeremy Bentham (1748-1832) stammendes Konzept zum Bau von Gefängnissen und ähnlichen Anstalten, aber auch von Fabriken, das die gleichzeitige Überwachung vieler Menschen durch wenige ermöglicht.  Michel Foucault bezeichnete dieses Ordnungsprinzip als Modell moderner Überwachungsgesellschaften und als wesentlich für westlich-liberale Gesellschaften, die er auch Disziplinargesellschaften nennt. Das im 19. Jahrhundert errichtete (nicht mehr existierende) Gefängnis La Petite Roquette im 11. Arrondissement von Paris war nach diesen Prinzipien gebaut.

[7] L’utopie ou la poésie de l’art. https://expositions.bnf.fr/boullee/arret/d7/index.htm

[8] Louise Pelletier: Architecture in Words. Theatre, language and the sensuous space of architecture. Published 2006 by Routledge.https://library.uoh.edu.iq/admin/ebooks/56950-architecture-in-words.pdf

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Frieden_von_Paris_(1783)

[10] Louise Pelletier, Nicolas Le Camus de Mézières’s Architecture of Expression, and the Theatre of Desire at the end of the Ancien Régime ; School of Architecture, McGill University Montreal, May 2000

[11] Anonymer Brief zur Halle au Blé vom 14. Dezember 1783. Zitiert nach Louise Pelletier, ebd.

[12] Louise Pelletier, ebd.

[13] Dora Wiebenson: The Two Domes of the Halle au Blé in Paris. The Art Bulletin, Vol. 55, No. 2 (Jun., 1973), pp. 262-279 (18 pages) https://www.jstor.org/stable/3049099 und  https://doi.org/10.2307/3049099

[13a] ETH-Bibliothek Zürich doi:10.3931/e-rara-7 und gallica. bnf.fr/Bibliothèque de France

[14] Das De l’Orme’sche Bohlendach in Anja Säbel: Hölzerne Dachtragwerke im Königreich Bayern. Dissertation 2016. https://athene-forschung.unibw.de/doc/121178/121178.pdf

[15] Bruno Belhoste: A Parisian Craftsman Among The Savants: The Joiner André-Jacob Roubo And His Works. Annals of Science 65 (4):395-411 (2008)

[16] Brian Anderson : Roubo’s dome for Paris’s Halles aux Blés.,Posted on January 19, 2013 by Lost Art Press. https://blog.lostartpress.com/2013/01/19/roubos-dome-for-pariss-halles-aux-bles/

[17] The Genius of Architecture; or, The Analogy of That Art with Our Sensations. Werner Szambien, Editorial Consultant, Lynne Kostman, Manuscript Editor. Introduction by ROBIN MIDDLETON. Published by The Getty Center for the History of Art and the Humanities, Santa Monica, published 1992

[18] Benjamin Hays: The transfer of thin wood vaulting from France to America. In: History of Construction Cultures, Vol. 1. Mascarenhas-Mateus & Paula Pires (eds)© 2021 Copyright the Author(s).

https://www.taylorfrancis.com/chapters/oa-edit/10.1201/9781003173359-8/transfer-thin-wood-vaulting-france-america-hays

[19] Benjamin Hays, ebd.

[20] Details sind bei Dora Wiebenson, ebd. und Laura Cantero Esquerdo: LA HALLE AU BLÉ DE PARIS – La primera gran cúpula de hierro fundido; Trabajo de fin de Grado, Curso 2020/2021. Madrid, 8 de junio de 2022. Escuela Técnica Superior de Arquitectura de Madrid, Universidad Politécnica de Madrid, nachzulesen.

[21] Mémoire sur la reconstruction de la coupole de la halle au bled de Paris, par Jean Rondelet 1803

[22] Matteo Porrino. Designing a ground-breaking structure. Notes on the cast-iron/wrought-iron dome of the former Halle au Blé, 1809–1813. https://hal.science/hal-03653098. Submitted on 27 Apr 2022

[23] Matteo Porrino, ebd.

[24] Marc Lauro. Charles-François Viel (1745-1819): architecte et théoricien. Art et histoire de l’art. Université Panthéon-Sorbonne – Paris I, 2019. Français.

[25] Jean-Roch Dumont Saint-Priest: La cupola metallica dell’«halle au blé» di Parigi (1806-1813), un’architettura meccanica. ArcHistoR anno VI (2019) n. 12

[26] Laura Cantero Esquerdo: LA HALLE AU BLÉ DE PARIS – La primera gran cúpula de hierro fundido; Trabajo de fin de Grado, Curso 2020/2021. Madrid, 8 de junio de 2022. Escuela Técnica Superior de Arquitectura de Madrid, Universidad Politécnica de Madrid, nachzulesen.

[27] Jean-Roch Dumont Saint-Priest, ebd.

[28] Valérie Nègre: Production and Circulation of Technical Knowledge on Building Sites at the End of the Eighteenth Century. Université Paris 1 Panthéon Sorbonne, France. HoST – Journal of History of Science and Technology, Vol. 15, no. 2, Dec 2021, pp. 17-33. 10.2478/host-2021-0011

[29] Jean-Roch Dumont Saint-Priest, ebd.

[30] Valérie Nègre, ebd.

[31] Frances H. Steiner, Building with Iron: A Napoleonic Controversy. Technology and Culture, Vol. 22, No. 4 (Oct., 1981). https://doi.org/10.2307/3104569https://www.jstor.org/stable/3104569

[31a] Paris and its environs : displayed in a series of two hundred picturesque views, from original drawings By A.Pugin & Ch. Heath, Charles, published 1831 by  Jennings and Chaplin. London

[32] Frances H. Steiner, ebd.

[33] Helene Marie Conway: Visible Structures. Submitted to the department of Architecture in partial fulfillment of the requirement for the degree of Master of Science in Architecture Studies at the Massachusetts Institute of Technology, June, 1991. http://dspace.mit.edu/handle/1721.1/7582

Literatur

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de Grado, Curso 2020/2021. Madrid, 8 de junio de 2022. Escuela Técnica Superior de Arquitectura de Madrid,
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Jacques-Louis David, ein politischer Maler par excellence. Von Sonia Branca-Rosoff und Wolf Jöckel

Vom 25. Oktober 2025 bis zum 16. Januar 2026 fand im Louvre eine große Ausstellung mit Werken des Malers Jacques-Louis David statt. Es gibt wohl keinen französischen Maler, der mit seinen Werken so einflussreich und Geschichtsbild-prägend war wie David. Sonia Branca-Rosoff, Leserinnen und Lesern des Blogs  bekannt durch ihren schönen Beitrag über den Maler Georges La Tour,  hat die Ausstellung zum Anlass für einen Beitrag auf ihrem  Blog genommen:  https://passagedutemps.com/2026/01/26/la-peinture-tres-politique-de-david/ (26. Januar 2026)

Ich habe ihren Text weitgehend übernommen, aber nach Rücksprache mit ihr an einigen Stellen ergänzt- dies gerade auch im Hinblick auf deutsche Leserinnen und Leser. So habe ich Davids Bild zum Ballhausschwur in den Text integriert und den Abschnitt über David und Napoleon ergänzt. Dabei habe ich auch das monumentale Krönungsbild einbezogen, das ja -allein schon aus räumlichen Gründen- nicht Teil der Ausstellung sein konnte, aber dauerhaft in der Grande Galerie des Louvre zu besichtigen ist. Hinzugekommen sind außerdem der erste Abschnitt über den Beginn des politischen Engagements Davids und über die Zeichnung, die er von Marie-Antoinettes auf dem Weg zur Hinrichtung angefertigt hat. [1]


Im Rückblick auf die Jacques-Louis David- Ausstellung im Louvre könnte ich über den brillanten Porträtisten sprechen;  aber mich haben vor allem die „engagierten” Gemälde (ich weiß, das Wort ist anachronistisch!) angesprochen, die altmodisch wirken. Trotz der Zwischenphase der Impressionisten und Abstrakten war die Kunst doch immer politisch, verherrlichte die Mächtigen und zeigte Könige, die kämpften oder stolz auf ihrem Thron saßen. Andere Künstler protestierten gegen die Ungerechtigkeiten der Macht und verteidigten die Demütigen. Die Politik, die im Mittelpunkt von Davids Malerei steht, ist jedoch anders, sei es die Feier der Heiligkeit des Eides, der die Akteure des Jeu de Paume verbindet, das Opfer Marats, der Charlotte Corday zum Opfer fiel, der Aufruf der Sabinerinnen zur Einheit des Volkes oder der Ruhm Napoleon Bonapartes. Als ich mir die Ausstellung ansah, zögerte ich: Propaganda? Engagierte Kunst? Und ich fragte mich, ob es einen Unterschied gibt.

Auf jeden Fall scheint es mir, dass die Gemälde, die bis zum Sturz Robespierres und der Inhaftierung Davids reichen, Teil des Traums von einer Erneuerung des politischen Lebens sind. Ihre Botschaft veranschaulichte nicht nur die vertikale Machtstruktur, sondern lud auch dazu ein, sich in der Welt zu engagieren. (Sonia Branca-Rosoff)

1790: Davids Engagement für die Revolution und für das Ende der Sklaverei

Als die Revolution ausbrach, war David schon ein bedeutender, weithin geschätzter Maler. Als Portraitist und als Maler monumentaler Historienbilder hatte er sich einen Namen gemacht und war zum „peintre du roi“ (Hofmaler) avanciert. Im königlichen Auftrag entstanden die historischen Monumentalgemälde Schwur der Horatier (1784) und Die Liktoren bringen Brutus die Leichen seiner Söhne (1789), die beide im Louvre ausgestellt sind.

Jacques-Louis David, Die Liktoren bringen Brutus die Leichen seiner Söhne. 1789 (Wikipedia)

Brutus war der erste römische Konsul. Seine Söhne hatten sich gegen die Republik, die liberté romaine, wie es im Originaltitel des Werks hieß, aufgelehnt und waren deshalb vom eigenen Vater zum Tode verurteilt worden. [1] Im Bild links sieht man den um seine Söhne trauernden Vater, für den aber die Verteidigung der „römischen Freiheit“ mehr zählte als seine väterliche Liebe. Für Besucher des Ende August 1789 eröffneten Salons drängte sich eine Parallelisierung von liberté romaine und der gerade erkämpften liberté française geradezu auf. Das Bild wurde als Verherrlichung der Opferbereitschaft für die Nation gesehen und hatte deshalb eine große Resonanz.

Insofern lag es nahe, dass der als „Rubens unseres Jahrhunderts“ titulierte David 1790 einen Ruf nach Nantes erhielt, den im August 1789 gewählten neuen Bürgermeister von Nantes, Christophe Clair Danyel de Kergevan, zu portraitieren. Es war auch insofern eine Auszeichnung, als Nantes beim Übergang des Ancien Régime in eine konstitutionelle Monarchie eine Vorreiterrolle eingenommen hatte. Schon im November 1788 proklamierte die Schicht reicher Händler und Reeder der dem Dreieckshandel und damit auch dem Sklavenhandel ihren Wohlstand verdankenden Stadt die „commune de Nantes“, also das Ende der Adelsherrschaft. Das Portrait des einer alteingesessenen Familie von Reedern entstammenden Kergevan sollte im großen Saal des Rathauses als Zeichen der neuen Machtverhältnisse in der Stadt aufgehangen werden.[2]

Als David im März nach Nantes kam, sah er sich allerdings einer paradoxen Situation ausgesetzt: Die Vertreter der Stadt, revolutionäre Vorreiter, engagierten sich zwar für eine Regeneration der Nation, für Freiheit und Menschenrechte, die allerdings für die Sklaven in den Kolonien und auch nicht für die freien „Noirs“ gelten sollten. David dagegen hatte sich schon vor 1789 den Positionen der Société des Amis des Noirs angenähert, für die Freiheit und gleiches Recht für die gesamte Menschheit gelten sollten. Möglicherweise hat dabei der Kontakt mit dem Chemiker Antoine-Laurent Lavoisier gespielt: Der schloss sich 1788 den Amis des Noirs an, im gleichen Jahr also, in dem David sein Portrait und das seiner Frau malte. [3]

Jacques Louis David, Antoine-Laurent Lavoisier et sa femme, Marie Anne Pierette Paulze. 1788. Metropolitan Museum of Art (Bild: Wikipedia)

David wurde während seines Aufenthalts in Nantes sehr ehrenvoll behandelt, zu einer Konkretisierung des Portrait-Projekts kam es zu seiner großen Enttäuschung allerdings nicht. Auch das von der Stadtverwaltung vorgeschlagene darüber hinausgehende Projekt eines monumentalen Gemäldes kam nicht zustande. Mit ihm sollte die revolutionäre Vorreiterrolle der Bürger von Nantes dargestellt werden. David hatte dazu Ideen entwickelt und seinen potentiellen Auftraggebern übermittelt, ebenso wie eine eine Projektskizze, die nachfolgend vorgestellt wird.

Allegorie de la Révolution à Nantes. Bleistiftzeichnung. Musée d’Arts de Nantes [4]

Am Kai des Hafens von Nantes, deren Umrisse im Hintergrund angedeutet sind, liegt ein Schiff. Auf dem Steg empfängt ein in eine römische Toga gekleideter Mann mit ausgebreiteten Armen die Menge, die dabei ist, auf das Schiff zu gelangen. Dessen allegorische Bedeutung hat eine lange Tradition: Es ist das Schiff des Staates, und gelenkt wird es von dem Gesetzgeber, der dem Staat seit der erfolgreichen Revolution vorsteht. In der mittleren Gruppe von Menschen, die auf dem Weg auf das Schiff und damit in eine bessere Zukunft sind, sticht die Frau mit den beiden Kindern in ihren Armen hervor: Die schützende Mutter, die an die von David bewunderte Darstellung Raphaëls des Massakers der Unschuldigen erinnert: Die Allegorie der Revolution erhält damit auch eine religiöse Dimension. Die Menschengruppe auf der linken Seite der Skizze wird dominiert von einer aufrecht stehenden Frau, die im kompositorischen Rang die gleiche Bedeutung hat wie der Gesetzgeber rechts und die Mutter in der Mitte; dies auch dadurch, dass diese drei Figuren in römische Gewänder gehüllt sind.

Angeführt von dieser den Blick zum Himmel erhobenen Frankreich Frauengestalt ist die Menschengruppe auf der linken Seite eine Allegorie des alten, sich erhebenden Frankreichs. Da gibt es ganz links einen am Boden liegenden Mann, der gerade, wie in Darstellungen des Jüngsten Gerichts, dabei ist, sich zu erheben. Daneben den nackten Mann in Rückenansicht, inspiriert von der Darstellung eines römischen Soldaten in Michelangelos Fresko der Bekehrung des Paulus im Vatikan.

David, Jacques-Louis, Homme nu vu de dos, d’après Michel-Ange [5]

Er reißt eine Mauer nieder, Symbol des Kerkers, in dem die Menschen bisher gefangen waren, so wie ja auch die Bastille niedergerissen wurde als Symbol des Ancien Régime. Besonders bemerkenswert ist der hilfesuchend die Beine der Frauenfigur umklammernden Gestalt mit der zerbrochenen Kette. In allegorischen Darstellungen der Revolution waren, inspiriert von der Bastille, die Ketten ein verbreitetes Motiv. Der citoyen hat seine Ketten zerbrochen und so seine Freiheit gewonnen. Die Hautfarbe dieses Mannes ist weiß, sein Kopf allerdings ist verdunkelt und die Ketten sind eindeutig die Ketten der kolonialen Sklaverei: Die Ketten der Bastille waren Fußfesseln, die der kolonialen Sklaverei Halsfesseln, so wie hier bei David. Nach der Interpretation von Bordes handelt es sich damit um eine Darstellung der esclavage Noir-Blanc, also einer Sklaverei im doppelten Sinne: der metropolitanen, 1789 beendeten, und der noch weiter bestehenden kolonialen. Dass die Vertreter der von der kolonialen Sklaverei profitierenden Stadt Nantes natürlich keinerlei Interesse an einer solchen Darstellung haben konnten und dass David dementsprechend auch nicht den Auftrag erhielt, auf der Grundlage dieses Entwurfs ein monumentales Gemälde für das Rathaus anzufertigen, ist nicht verwunderlich. Davids Aufenthalt in Nantes markiert damit aber den Eintritt dieses „Giganten der Malerei“ in die Revolution, und zwar als Maler und engagierter Bürger (citoyen). [6]

Das Engagement Davids für die Abschaffung der Sklaverei, die dann 1794 nach heftigen Debatten vom Nationalkonvent beschlossen wurde, war allerdings nicht von Dauer: Zum Hofmaler Napoleons konvertiert, schwieg David, als sein neuer Held und Auftraggeber 1802 die Wiedereinführung der Sklaverei in den französischen Kolonien dekretierte. [7]

1791:  Malerei der Gegenwart statt antiker Mythologie. Der Ballhausschwur

Der Ballhausschwur vom 20. Juni 1789 ist einer der grundlegenden Markierungspunkte der Französischen Revolution. Aufgrund der desolaten wirtschaftlichen und finanziellen Situation Frankreichs hatte Ludwig XVI. im Juni 1789 die Generalstände, also die Vertreter von Adel, Klerus und  Bürgertum nach Versailles eingeladen. Am 17. Juni erklärten sich die Vertreter des Dritten Standes, die immerhin 98% der Bevölkerung repräsentierten, zur Nationalversammlung, und drei Tage später schworen sie, zusammen mit einigen Vertretern von Adel und Geistlichkeit, im Ballhaus von Versailles, dem jeu de paume, sich nicht zu trennen und sich überall dort zu versammeln, wo es die Umstände erfordern, bis die Verfassung des Königreichs auf soliden Grundlagen errichtet und gefestigt sei.

Drei Jahre später erhielt David von der Verfassungsgebenden Nationalversammlung den Auftrag, diesen historischen Moment in einem Gemälde festzuhalten. David nahm den Auftrag an. Für ihn bestand der wahre Zweck der Kunst darin, „der Moral zu dienen und die Seelen zu erheben, indem sie in den Zuschauern die großzügigen Gefühle weckt, an die die Werke der Künstler erinnern”.

Der Maler hält es jetzt nicht mehr für erforderlich, sich auf Titus Livius zu beziehen wie zu Zeiten seines Gemäldes „Der Schwur der Horatier“ von 1785.  Es geht ihm darum zu zeigen, dass die Geschichte vor unseren Augen geschrieben wird.  Ein historischer Impuls entsteht zwischen den Männern von 1789, die nicht mehr nebeneinander existierende Individuen sind, sondern eine Versammlung von Helden, die durch das Ereignis des Schwurs miteinander verbunden sind.

Skizze zu dem Ballhausschwur-Gemälde (Ausschnitt)

Das Heldische des Moments wird auf dieser vorbereitenden Skizze durch die Nacktheit der dargestellten Protagonisten betont: So sind die Helden der Gegenwart mit denen der Antike verbunden. David  bedient sich der Sprache der Historienmalerei und des antiken Heldentums, um das revolutionäre Ideal und dessen Taten zu veranschaulichen. 

In dem großen Entwurf des Gemäldes platziert David seine Figuren im Ballsaal von Versailles, wo sich die Abgeordneten versammelt hatten. Sie stehen hinter einer fiktiven Linie, als wollten sie sich einem imaginären Publikum besser präsentieren.

Der Ballhausschwur. Lavierte Federzeichnung von Jacques-Louis David  Musée national du château de Versailles  H. 0,66 m ; L. 1,012 m

Mit ausgestrecktem Arm schwören sie in einem gemeinsamen Anflug von Begeisterung und Kameradschaft den Eid, und die Vertreter der Nation richten ihre Gesten auf Jean-Sylvain Bailly, der den Eid vorliest. Bailly, ein bedeutender Astronom, war damals Präsident der Nationalversammlung.

Auf beiden Seiten des Saals stellt David Zuschauer dar, die wie im Theater die Szene beobachten, die sich vor ihren Augen abspielt. Links hebt der Wind der Freiheit die Vorhänge und weht in den Saal hinein, während ein Blitz in die königliche Kapelle des Versailler Schlosses einschlägt.

Der Aufruf zur gemeinschaftlichen Finanzierung des Gemäldes brachte jedoch nicht das erwartete Geld ein, und die anfängliche Einstimmigkeit war bereits nicht mehr gegeben. Zwischen den „gemäßigten“ Verfassungsvätern und den Jakobinern hatte sich eine Kluft aufgetan, die die Verwirklichung des Werks, das die Einheit verherrlichte, verhinderte: Wichtige Protagonisten des Ballhausschwurs wurden im Verlauf der Revolution von ihren ehemaligen Mitstreitern ermordet: So der im Mittelpunkt der Skizze stehende Präsident der Nationalversammlung Jean-Sylvain Bailly.  Der war zwar am 15. Juli 1789, also einen Tag nach dem Sturm auf die Bastille, zum ersten Bürgermeister von Paris, ernannt worden; er trat aber, überzeugter Anhänger der konstitutionellen Monarchie und angefeindet von den Jakobinern, 1791 zurück. Ein Gemälde mit Bailly als Mittelpunkt verbot sich daher. 1792 sagte Bailly im Prozess gegen Marie-Antoinette zu deren Gunsten aus und wurde, wie viele andere Revolutionäre „der ersten Stunde“, am 12. November 1793 selbst hingerichtet.

1793: David macht Marat unsterblich

Jean-Paul Marat (1743-1793) war Abgeordneter der Montagnards im Konvent. Als Hauptredakteur der Zeitschrift Ami du Peuple verteidigte er eine soziale Revolution und setzte sich beispielsweise für die Armen ein, denen das Wahlrecht verwehrt war. Gegenüber seinen Gegnern schreckte er nicht vor massiver Gewalt zurück: „Was haben wir gewonnen, wenn wir die Aristokratie der Adligen zerstören, sie aber durch die Aristokratie der Reichen ersetzt wird? Und wenn wir unter dem Joch dieser neuen Emporkömmlinge stöhnen müssen“ (30. Juni 1790, Bitte eines passiven Bürgers). Die Freiheit, so forderte er im April 1793 in Zeiten des jacobinischen Terrors, müsse  durch Gewalt begründet werden, „und es ist jetzt der Augenblick gekommen, den vorübergehenden Despotismus der Freiheit zu errichten, um den Despotismus der Könige zu vernichten.“[8]
Im Juli 1793 wurde Marat von Charlotte Corday ermordet, die ihm seine Aufrufe zum Massaker an den Gegnern, insbesondere den Girondisten, vorwarf.

Auf Wunsch der Konventsmitglieder, zu denen er gehörte, malte David sehr schnell ein Porträt zu Ehren seines Freundes Marat. (Er hatte sein Gesicht am Tag seines Todes gezeichnet.)

Der Kopf Marats, gezeichnet am Tag seines Todes, dem 13. Juli 1793

David, La Mort de Marat, 1793 Öl auf Leinwand 162×128. Königliche Museen der Schönen Künste, Brüssel

Das Bild ist ergreifend. Marat liegt in der Badewanne, in der er Bäder nahm, um ein sehr schmerzhaftes eitriges Ekzem zu behandeln. Die mit einem Brett abgedeckte Badewanne ist nicht wirklich erkennbar, was jeden prosaischen Charakter vermeidet. Das blasse, grell beleuchtete Gesicht, umgeben von einem blutbefleckten Handtuch, hebt sich vom dunklen Hintergrund ab, der den größten Teil der Leinwand einnimmt. Das Badetuch ist bereits ein Leichentuch. Marat hat sanfte und ruhige Gesichtszüge, die im Kontrast zu Michelets düsterer Beschreibung in seiner Geschichte der Revolution von 1848 stehen: „Sein fettiges Haar, umwickelt mit einem Taschentuch oder Handtuch, seine gelbe Haut, seine dürren Glieder, sein großer amphibienartiger Mund ließen kaum erkennen, dass dieses Wesen ein Mensch war.“

Die linke Hand ruht auf einem grünen Filz, der auf einem Brett liegt. Sie hält noch immer eine Notiz von Charlotte Corday in der Hand, die ihr den Zugang zu ihm ermöglicht hatte: „Marie Anne Charlotte Corday an den Bürger Marat – es reicht, dass ich sehr unglücklich bin, um Anspruch auf Ihre Güte zu haben”. Immer Mitgefühl! Auf der Truhe einer der Versionen des Bildes steht in Großbuchstaben geschrieben: „Da sie mich nicht korrumpieren konnten, haben sie mich ermordet.“

Auf der Kiste liegen ein Tintenfass, ein Assignat und ein Brief, der von Marats Großzügigkeit zeugt: „Sie werden diesen Assignat dieser Mutter von fünf Kindern geben, deren Mann für die Verteidigung des Vaterlandes gestorben ist.“[9]

David erklärte die eindrucksvolle Komposition des Gemäldes so: Ich dachte, es wäre interessant, ihn in der Haltung darzustellen, in der ich ihn gefunden habe, wie er zum Wohle des Volkes schreibt. Aber natürlich verdankt sein Marat viel den Grabesdarstellungen der religiösen Malerei. Außerdem ist die Ähnlichkeit zwischen Christus und Marat offensichtlich, wie Jacques Guilhaumou in La Mort de Marat feststellt.

16. Oktober 1793: Die Hinrichtung Marie-Antoinettes, das Ende der besiegten Tyrannei

David, der 1792 zum Abgeordneten des Konvents gewählt wurde, sich an der Seite der Montagnards vehement für die Revolution engagierte und bis zum Sturz Robespierres sehr aktiv im Comité de Salut public (Ausschuss für das öffentliche Wohl) war, stimmte für die Hinrichtung des Königs. Aus seinem Hass auf die Königin hatte er schon seit 1789 keinen Hehl gemacht. [9a] Er nahm auch am Schnellverfahren gegen Marie-Antoinette  (vom 15. Oktober bis zum Morgen des 16. Oktober) und der für die Anklage peinlichen „Vernehmung“ ihres minderjährigen Sohnes teil. Während er Marat mit seinem Gemälde zum Helden und Märtyrer der Revolution erhebt, spiegelt die Zeichnung der gestürzten Königin die enggültig besiegte Tyrannei wider.[10]

Jacques-Louis David (1748- 1827), Portrait von Marie Antoinette, Königin Frankreichs, auf dem Weg zur Hinrichtung, 1793. Schwarze und braune Tinte,  14,8 x 10,1 cm,  Louvre.

David zeichnet Marie-Antoinette (1774-1792) in dem Moment, als sie von der Conciergerie zum Schafott auf der Place de la Révolution (heute place de la Concorde) gebracht wird. Es ist der 16. Oktober 1793. David stand der Überlieferung zufolge am Fenster der Bürgerin Julien, der Frau eines Konventsabgeordneten, in der Rue Saint-Honoré, auf dem Weg des Konvois. Mit wenigen schnellen Federstrichen entsteht ein schonungsloses Porträt von Marie-Antoinette. Sie trägt ein weißes Kleid und eine Haube, unter der einige Strähnen ihres kurz geschnittenen Haares hervorschauen. Die Königin ist im Profil von links zu sehen, wie sie mit auf dem Rücken gefesselten Händen auf dem Karren sitzt, mit dem die zum Tode Verurteilten zu ihrer Hinrichtungsstätte gebracht wurden.  Ihre Haltung ist steif, ihr Blick hochmütig und ihr Rücken kerzengerade. Marie-Antoinette ist damals 37 Jahre alt, aber hier erscheint sie wie eine alte Frau, als Repräsentantin des auszulöschenden Ancien Régime.

1900 malt Joseph Emanuel Van den Bussche den „Maler David, Marie-Antoinette auf dem Weg zur Hinrichtung zeichnend“: Ein ganz anderes Bild Marie-Antoinettes… [10a]

1795: Die Sabinerinnen rufen zur Versöhnung auf

Das Blatt hat sich gewendet. Robespierre wurde guillotiniert und David sitzt im Gefängnis. Nach seiner Freilassung schlägt er ein neues Kapitel auf. Drei Jahre lang arbeitet er an einem gigantischen Gemälde von 5,22 mal 3,85 Metern, das aus der römischen Geschichte stammt. Nach Fertigstellung des Gemäldes organisiert er eine kostenpflichtige öffentliche Ausstellung, wodurch er sich von öffentlichen Aufträgen unabhängig machen kann. Einige amerikanische Künstler hatten bereits ähnliche Neuerungen eingeführt, aber in Frankreich lief alles über die von der Akademie organisierten Malereisalons.

Poussin hatte die Entführung der Sabinerinnen durch die Römer gemalt, David wählte den Moment der Versöhnung. Drei Jahre sind seit der Entführung vergangen; einige Sabinerinnen haben Kinder mit ihren Entführern bekommen und fordern ein Ende der Feindseligkeiten. Titus Livius beschreibt uns in seinem Geschichtswerk über die Gründung der Stadt Rom die Szene:

Daraufhin wagten es die sabinischen Frauen – denn um das Unrecht, das man ihnen angetan hatte, hatte der Krieg begonnen – mit gelöstem Haar und zerrissenen Gewändern, sich zwischen die geschwungenen Waffen zu werfen, die feindlichen Heere wie in einem Angriff voneinander zu trennen, den Zorn zu bändigen, und auf der einen Seite ihre Väter und auf der anderen Seite ihre Männer zu bitten, nicht frevlerisch ihre Hände mit dem Blut ihres Schwiegersohns oder Schwiegervaters zu beflecken und nicht ihre Enkel und  ihre Kinder mit dem Mord an  ihren Verwandten. „Wenn ihr über eure Verwandtschaft oder über eure Heirat erzürnt seid, wendet euren Zorn gegen uns; wir sind der Grund des Krieges. … lieber werden wir sterben, als, zu Witwen und Waisen gemacht, unsere Männer und Väter zu überleben.“  Dies bewegte sowohl die Massen als auch die Anführer; der Kampf endete und die Führer beider Lager gingen daran, einen Friedensvertrag zu schließen.[11]

Alles auf diesem Gemälde ist darauf ausgerichtet, eine Botschaft zu vermitteln, die man aber ohne Kenntnis der entsprechenden römischen Geschichte und Mythologie kaum verstehen kann. Im Zentrum steht an der Spitze der gegen den Krieg rebellierenden Frauen  Hersilie mit weit ausgebreiteten Armen zwischen ihrem Vater Tatius, König der Sabiner, und ihrem Ehemann Romulus, dem ersten legendären König Roms. Romulus erkennt man an seinem glänzenden Schild, der mit der römischen Wölfin verziert ist.  Seine Position, in Form eines Dreiecks, symbolisiert Stabilität. Er richtet seine (männliche) Lanze gegen seinen Schwiegervater Tatius.

Der sabinische König auf der linken Seite, dessen geneigte Haltung auf einen geringeren Status in der Geschichte hindeutet, richtet sein Schwert auf den Boden (der Schwertgurt schützt die Scham). Zwischen den beiden breitet Hersilie, die Frau von Romulus und Tochter von Tatius, ihre Arme aus, um die Kämpfer unter Missachtung ihres eigenen Lebens zu trennen. Hersilie verkörpert das wiedervereinigte Vaterland…

Die weiße Tunika Hersiles ist Symbol der Reinheit   

Aber ich ziehe die Frau in Rot vor, die mit erhobenen Armen hinter ihr in der Mitte des Bildes steht. Ich verzichte darauf, mich für das Gesamtbild zu interessieren, und isoliere (wie viele andere auch) diese von Hersilias Arm umrahmte Figur. Noch bevor ich mir die Details anschaue, nehme ich die emotionale Kraft der roten Farbe und die Entschlossenheit ihres Blicks wahr, da sie als Einzige mich ansieht. Das Gemälde langweilt mich etwas: David, der die römischen Reliefs bewundert hatte, malt ein wenig so, als würde er Statuen zeichnen, und seine Figuren sind seltsam unbeweglich, erstarrt in ihren bedeutungsvollen Gesten. (Sonia Branca-Rosoff)

Die Frau in Rot ist da eine eindrucksvolle Ausnahme.

David im Dienste der Macht: Die Verherrlichung Bonapartes/Napoleons

David wird zum wichtigsten Bildschöpfer des Kaiserreichs. Da die Einheit der Revolutionäre zerbrochen ist, bleibt nur noch, sich einem Helden anzuschließen. Sein idealisierter Bonaparte, der auf einem wilden Pferd den Mont-Saint-Bernard-Pass erklimmt, und seine großartige Krönungsszene finden sich in allen französischen Schulbüchern wieder. 

Wenn uns das Wort Propaganda in Bezug auf Napoleon in den Sinn kommt, dann deshalb, weil David die kollektiven Themen seiner militanten Zeit hinter sich gelassen hat und sich in den Dienst der Macht gestellt hat.  Das zeigt eindrucksvoll das nachfolgende Bild:

Jacques-Louis David, Bonaparte beim Überschreiten der Alpen am Großen Sankt Bernhard. 1800  Schloss Malmaison  (Spätere Kopien Davids im Schloss Charlottenburg, in der Wiener Galerie Belvedere und zweifach im Schloss von Versailles)

Auf einem sich aufbäumenden Schimmel überquert Bonaparte mit wild wehendem Mantel in bizarrer Felslandschaft die Alpen am Großen Sankt Bernhard. David stellt ihn damit explizit in die Nachfolge Hannibals und Karls des Großen, deren Namen -natürlich kleiner als die Bonapartes- ausdrücklich am linken unteren Bildrand in die Felsen geritzt sind. Das Bild entstand kurz nach Napoleons erfolgreichem Italienfeldzug. Es ist ein propagandistisches Werk, das Napoleon als visionären Führer glorifiziert. David entsprach damit dem Wunsch seines Auftraggebers, der auf einem feurigen Pferd gemalt werden wollte.  Niemand werde überprüfen, ob die Portraits großer Männer auch der Realität entsprächen, hatte er dem Maler erklärt. Es genüge, dass ihr Genie in dem Bild lebendig sei.[12] 

David folgte dieser Vorgabe: In Wirklichkeit überquerte Bonaparte die Alpen nämlich nicht auf einem feurigen Pferd, sondern auf einem trittsicheren Maulesel… Napoleon war denn auch so zufrieden mit dem Bild, dass er gleich fünf weitere Versionen davon bestellte. In Schloss Malmaison bei Paris ist das Original ausgestellt. [13]

Aber überquerte Napoleon die Alpen denn ganz alleine? Hatte er nicht auch, so möchte man mit Brechts lesendem Arbeiter fragen, -vom Koch einmal abgesehen[14]–  wenigstens Soldaten dabei, mit denen er die Österreicher aus Italien vertreiben wollte?  Oder machte der große Held das ganz alleine? Natürlich gab es die Soldaten auch.

Und es gibt sie auch auf dem Gemälde Davids – unter dem Stiefel Napoleons und den Hufen seines Pferdes… Könnte da vielleicht der alte Republikaner und Jakobiner durchscheinen?

Die Krönung Napoleons

Eines der berühmtesten Gemälde Davids ist sicherlich die monumentale „Krönung Napoleons“: über 6 Meter hoch und fast 10 Meter lang.

Die Krönung Kaiser Napoleons I. und Kaiserin Josephines in der Kathedrale Notre-Dame de Paris am 2. Dezember 1804, 1804-1807 Öl auf Leinwand, 621 x 979 cm, Paris, Musée du Louvre, Denon-Flügel, 1. Etage

In diesem von Napoleon I. in Auftrag gegebenen Gemälde stellt David den prunkvollen Charakter der Krönung und ihre politische und symbolische Botschaft dar: Es ging Bonaparte darum, durch die Krönung in einem monarchistisch geprägten Europa eine nicht nur auf Waffen gestützte Legitimität zu erhalten. Für viele Zeitgenossen, für die Bonaparte bis dahin ein Verfechter revolutionärer Ideale war, ein Schock. Am bekanntesten wohl Beethovens Reaktion, der seine 3. Sinfonie, die Eroica, dem bewunderten Bonaparte gewidmet hatte,  nach der Krönung aber diese Widmung auslöschte.

Titelblatt der Eroica, von Beethoven korrigierte Abschrift mit dem ausradierten Untertitel „intitolata Bonaparte“ (Wikipedia)

Für Bonaparte/Napoleon war aber die erhoffte Legitimität entscheidend und die sollte „Hofmaler“ David durch sein monumentales Werk anschaulich machen. Der Maler war Augenzeuge der Zeremonie und fügte sein Abbild auch in das Gemälde ein.

Selbstportrait Davids auf der Besuchertribüne obere Reihe, Mitte

David war aber nicht nur passiver Beobachter, sondern er fertigte auch Skizzen der Zeremonie an.

Die Skizze des zentralen Ereignisses, der Krönung Napoleons. (Musée du Louvre)

Diese Vorzeichnung zum Gemälde „Die Krönung“ wurde zur Übertragung auf die Leinwand mit einem Raster versehen. Sie ist berühmt und ein wertvolles Zeugnis dafür, was David für die Gruppe des Kaisers und des Papstes in der Mitte seiner Komposition zu malen beabsichtigte. Nach einem Bericht über die Krönungszeremonie stieg Napoleon auf den Altar, griff nach der Krone, setzte sie sich auf den Kopf und umklammerte mit der linken Hand kräftig das Schwert. David betont die gebieterische Geste des Kaisers. Sein Körper ist bis zum Äußersten angespannt und nach hinten geneigt, entsprechend der Bewegung des Arms, der die Krone hält und sie so besonders hervorhebt. Die weiten, monumentalen Gewänder verstärken den theatralischen Charakter der Szene und die Kraft, die von Napoleon ausgeht. Die Geste des Kaisers spiegelt den Mann der Tat wider, der seine Macht allein sich selbst und seinen militärischen Siegen verdankt. Im Gegensatz dazu scheint der Papst, der hinter dem Kaiser sitzt, die Hände auf den Knien und den Rücken gekrümmt, resigniert der ikonoklastischen Geste Napoleons beizuwohnen.[15]

Im Gemälde allerdings ist diese Geste des Kaisers nicht mehr zu sehen. Für ein neues Regime, das nach Legitimität strebt, gerade mit der Kirche verhandelt hat und die französischen Katholiken für sich gewinnen will, war sie zu provokativ.  Er macht Platz für die konsensfähigere Krönung Josephines, Kaiserin der Franzosen (1804-1809), durch Napoleon. Ebenso verzichtet David auf die Apathie des Papstes, indem er ihn die Segensgeste machen lässt. Napoleon soll über ihn gesagt haben: „Ich habe ihn nicht von so weit herkommen lassen, damit er nichts tut.“[16] 

Alle Blicke richten sich auf die Krone. Um sie hervorzuheben, hat der Maler einen Teil des grünen Vorhangs beiseite geschoben. Das Profil der knienden Joséphine, die für diesen Anlass verjüngt wurde, hebt sich vom schönen ockergelben Mantel des Kreuzträgers ab, direkt vor Murat, der noch das Kissen mit ihrer extra für diesen Anlass gefertigten Krone trägt.

Für seine Komposition ließ sich David von Rubens‘ Krönung der Maria de‘ Medici inspirieren, die heute im Louvre zu sehen ist. Er studierte die Zeremonie vor Ort und ließ die meisten Teilnehmer posieren. In seinem Atelier stellte er die Szene mit Hilfe von Pappmodellen und Wachsfiguren nach. Der Maler platzierte das Kaiserpaar in der Mitte und beleuchtete es mit einem Lichtstrahl. Die Arkaden bilden einen feierlichen Rahmen um das Kaiserpaar: Sie gehören nicht zur damals reichlich heruntergekommenen Architektur von Notre-Dame, sondern sind für die Kröning angefertigtes Theaterdekor.

Im Hintergrund, von der offiziellen Tribüne aus, dominiert Napoleons Mutter Letizia Bonaparte die Szene.

Die Samt-, Pelz-, Satin- und Lamé-Stoffe der Kostüme und Möbel werden durch eine außergewöhnliche Farbpalette wiedergegeben. Dieses Gemälde, ein Gruppenporträt der kaiserlichen Familie, ihres Hofes und des Klerus in Prunkgewändern, vermittelt einen Eindruck von absoluter Realität. Dennoch hat sich der Maler einige Freiheiten gegenüber der Geschichte genommen. Er hat die Architektur der Notre-Dame verkleinert, um den Figuren mehr Raum zu geben. Laetitia Bonaparte, Madame Mère, die bei der Krönung, die sie missbilligte, nicht anwesend war, ist auf Geheiß ihres Sohnes auf dem Gemälde zu sehen. Sie dominiert sogar von der offiziellen Tribüne aus die Szene.  Und die segnende Geste des Papstes, der zunächst die Hände auf den Knien hatte, geht ja auch auf Napoleons Wunsch zurück. Aber wie wir schon gesehen haben, nahm es Napoleon mit der historischen Wahrheit nicht so genau, wenn es um seine Verherrlichung und sein Bild in der Geschichte ging. Und das Volk, das David so eindrucksvoll in seinen Entwurf des Ballhausschwurs einbezogen hatte, hat hier nichts zu suchen. Es gibt auch kein offenes Fenster mehr, durch das der Wind der Freiheit weht…

Der Kaiser war jedenfalls von Davids Gemälde begeistert: „Was für eine Lebendigkeit, was für eine Wahrhaftigkeit! Das ist keine Malerei, man kann in diesem Bild spazieren gehen“, woraufhin der Künstler sagte: „Ich werde im Schatten meines Helden in die Nachwelt eingehen.“

David im Brüsseler Exil: Das Ende des politischen Künstlers

Gegen Ende seines Lebens musste Jacques-Louis David mit ansehen, wie die Ideale, für die er gekämpft hatte, zusammenbrachen. Die Bourbonen waren zurück in Paris und verbannten ihn ins Ausland. [17] Das war für die Bourbonen die Konsequenz des Votums Davids für das Todesurteil Ludwigs XVI. Umso bemerkenswerter Davids Einladung durch den preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. nach Berlin, wo er die Direktion sämtlicher Kunstanstalten übernehmen sollte. Die schlug David aber aus und wählte Brüssel als Ort seines Exils. Mit 73 Jahren hatte er noch die Energie, ein letztes großformatiges Werk (308 × 265 cm) in Angriff zu nehmen: Mars, von Venus entwaffnet (Mars désarmé par Vénus). Der Maler inszenierte sich erneut selbst, aber diesmal handelt es sich um eine private Szene.

Mars désarmé par Vénus. 1824. Bruxelles

Was bleibt, wenn man nicht mehr an den Fortschritt glauben kann? Das Varietétheater! Mars hat seinen Schild und seinen Bogen einer Dienerin zu seiner Rechten übergeben; er streckt sein Schwert mit der linken Hand aus, ohne hinzuschauen. Venus ist von hinten zu sehen (ein Rücken, der direkt aus den Gemälden von Ingres, dem begabtesten Schüler Davids, stammen könnte). Sie überreicht Mars eine Blumenkrone. Um ehrlich zu sein, sind dieser fröhliche Mars, der schon im Voraus errötet, wenn er an die schöne Zeit denkt, die er haben wird, und die beiden turtelnden Tauben, die vielsagend sein Geschlecht verdecken, ein Triumph des schlechten Geschmacks.

Literatur:

Jacques-Louis David, l’empereur des peintres, Passés Composés, Paris, 2025

Jacques Guilhaumou, 1793, la mort de Marat, coll. « La mémoire des siècles » Éditions  complexes 1989

Jacques-Louis David   Dossier pédagogique en lien avec l’exposition 25_10_03_EXE_DOSSIER_PEDAGOGIQUE_DAVID.pdf

Jean-Sylvain Bailly, astronome, homme politique, maire de Paris, 1736 – 1793. https://www.chateauversailles.fr/decouvrir/histoire/grands-personnages/jean-sylvain-bailly#bailly-premier-depute

Jérémie Benoît, « Le Sacre de Napoléon », Histoire par l’image [en ligne], consulté le 11/02/2026. URL : http://histoire-image.org/etudes/sacre-napoleon

Philippe Bordes, Le Serment du Jeu de paume de Jacques-Louis David. Musée national du château de Versailles, Paris, RMN, 1983.  Le serment du Jeu de paume, 20 juin 1789 – Histoire analysée en images et œuvres d’art | https://histoire-image.org/

Philippe Bordes, Jacques Louis David, la traite négrière et l’esclavage  Son séjour à Nantes, mars-avril 1790. Éditions de la Maison des sciences de l’homme, Centre allemand d’histoire de l’art Paris 2023

Le Couronnement de l’empereur Napoléon Ier et de l’impératrice Joséphine dans la cathédrale Notre-Dame de Paris, le 2 décembre 1804.  https://collections.louvre.fr/ark:/53355/cl010065720

Robert FOHR et Pascal TORRÈS, « Marat, martyr de la Révolution », Histoire par l’image [en ligne], consulté le 11/02/2026. URL : http://histoire-image.org/etudes/marat-martyr-revolution

Neu erschienen und sehr lesenswert:

Clemens Klünemann, Verstörende Vielfalt. Jacques-Louis David und die Inszenierung des Politischen- eine Kulturgeschichte der Französischen Revolution im Spiegel seiner Malerei. Würzburg: Königshausen & Neumann 2026


Anmerkungen:

[1] Titelbild: Selbstportrait Davids aus dem Jahr 1794. Louvre. Lesezeit 30 Minuten

[1a] Der Titel desBildes imLivret des Salons lautet: „Brutus,premier consul, de retour en sa maison, apres avoir condamné
ses deux fils qui s’etaient unis aux Tarquins et avaient conspiré contre la liberte romaine. Les licteurs rapportent leurs
corps pour qu’il leur donne la sepulture.“ Oskar Bätschmann, Das Historienbild als „Tableau des Konflikts“: Jacques-Louis Davids „Brutus“ von 1789. Originalveröffentlichung in: Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte 39 (1986), S. 145-162 https://d-nb.info/1295111802/34 Anmerkung 6

[2] Dieser Abschnitt stützt sich auf: Philippe Bordes, Jacques Louis David, la traite négrière et l’esclavage. Siehe dazu auch:   https://www.dfk-paris.org/fr/publication/jacques-louis-david-la-traite-negriere-et-lesclavage-3871.html und https://www.fmsh.fr/parutions/jacques-louis-david-la-traite-negriere-et-lesclavage

[3] David konnte das Doppelportrait allerdings auf dem Salon von 1789 nicht zeigen: „Man befürchtete erneute Unruhen wegen eines kürzlichen Vorfalls, der Lavoisier beinahe das Leben gekostet hatte. Als Kommissär im Rüstungsamt seit 1775 verantwortlich für die Herstellung und Lagerung des Schießpulvers, hatte Lavoisier im August einen Austausch von altem durch neues Pulver angeordnet. Die mißtrauische Bevölkerung hatte offenbar nur den Abtransport wahrgenommen und darin einen Akt des Verrats an der Revolution gesehen. Lavoisier wäre beinahe umgebracht worden, obwohl bekannt war, daß er den revolutionären Kreisen um Mirabeau, Brissot, Sieyes und Bailly zugehörte.“ Oskar Bätschmann, Das Historienbild als „Tableau des Konflikts“: Jacques-Louis Davids „Brutus“ von 1789. Originalveröffentlichung in: Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte 39 (1986), S. 145-162 https://d-nb.info/1295111802/34

[4] Bild aus: https://arthive.com/fr/jacqueslouidavid/works/541042~Une_allgorie_de_la_rvolution_Nantes

[5] Musée du Louvre, Département des Arts graphiques, RF 36942, 13 – https://collections.louvre.fr/ark:/53355/cl020038861https://collections.louvre.fr/ark:/53355/cl020038861 Siehe Bordes, S. 90/91

[6]  „L’histoire renouvelée du séjour nantais de David se révèle alors comme le moment de l’entrée en Révolution de ce géant de la peinture en tant que citoyen et artiste.“ https://www.dfk-paris.org/fr/publication/jacques-louis-david-la-traite-negriere-et-lesclavage-3871.html

[7] Bordes, Jacques Louis David, la traite négrière et l’esclavage  S. 16. Als Lavoisier, der vermutlich zur Sensibilisierung Davids für die Situation der Sklaven beigetragen hatte, 1794 von einem Revolutionsgericht zum Tode verurteilt wurde, schwieg David, damals entschiedener Anhänger Robespierres, offenbar übrigens auch. Bezeichnend ist da seine Skizze für die Neugestaltung der Figur des Brutus in seinem Historiengemälde von 1789. Da ist der Brutus nicht mehr der trauernde Vater, sondern der Staatslenker, der hoch erhobenen Hauptes und ohne Bedauern das politische Notwendige tut, auch wenn er dabei über Leichen geht – selbst wenn es die eigenen Söhne sind. (Siehe Bordes, S. 80/81)

[8] Marat über den Wohlfahrts­ausschuss, 6. April 1793.   

[9] Assignaten waren das in der Französischen Revolution eingeführte Papiergeld. https://de.wikipedia.org/wiki/Assignat

[9a] Siehe Bordes S.86

[10]  Dieser Abschnitt stützt sich weitgehend auf das Dossier pédagogique  der Ausstellung. 25_10_03_EXE_DOSSIER_PEDAGOGIQUE_DAVID.pdf

[10a] Le Peintre David dessinant Marie-Antoinette conduite au supplice, 1793, par Joseph Emanuel Van den Bussche, 1900 (Vizille, musée de la Révolution française). HERITAGE IMAGES / AURIMAGES siehe: https://www.lefigaro.fr/histoire/marie-antoinette-sur-l-echafaud-vue-par-jacques-louis-david-deux-mondes-et-un-impossible-dialogue-20251025

[11] Titus Livius, ab urbe condita Buch I,13  https://www.lateinlehrer.net/autoren/ab-urbe-condita

[12]  „Personne ne s’informe si les portraits des grands hommes sont ressemblants. Il suffit que leur génie y vive.“ https://musees-nationaux-malmaison.fr/chateau-malmaison/collection/objet/le-premier-consul-franchissant-les-alpes-au-col-du-grand-saint-bernard 

[13] Siehe dazu den Blog-Beitrag https://paris-blog.org/2025/05/05/malmaison-das-allerliebste-landhaus-napoleons-und-josephines/

[14]  Das bezieht sich auf diese Zeilen aus Brechts Gedicht:  Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?

[15]  Der Abschnitt über die Krönung Napoleons stützt sich weitgehend auf die Darstellung im Dossier pédagogique des Louvre https://collections.louvre.fr/ark:/53355/cl010065720

Zur selbstherrlichen Geste Napoleons und der entsprechenden Geste Trumps bei der Übernahme des „Friedenspreises“ des Internationalen Fußballbundes siehe den Blog-Beitrag https://paris-blog.org/2025/12/13/napoleon-und-david-trump-und-infantino/

[16] Le Moniteur vom 16. Januar 1808 und der Bericht von Charles Blanc, 1845

[17] Dass David, der ja nach dem Sturz Robespierres nur knapp dem Fallbeil entging, nach der Restauration zum Exil verurteilt wurde, beruhte auf der Tatsache, dass er für das Todesurteil Ludwigs XVI. gestimmt hatte. Zum Exil Davids habe ich in der vom Centre des Monuments Nationaux herausgegebenen offiziellen Darstellung der Chapelle Expiatoire folgende bemerkenswerte Passage gefunden. Dort geht es um den napoleonischen Architekten Charles Percier, der nach dem Sturz Napoleons keine Aufträge mehr annimmt. „Percier choisit de se désengager. Ce retrait général de la pratique professonelle, probablement motivé par des convictions politiques, cet exil intérieur (est) comparable au départ de David pour la Belgique.“ Da wird das erzwungene Exil Davids als freiwilliger Akt umgedeutet… (Jean-Philippe Garric, La Chapaelle expiatoire. Paris 2025, S.13)

Von Herrn Ulrich Schläger habe ich die nachfolgenden Anmerkungen zu David erhalten, die ich mit seiner Zustimmung hier wiedergebe:

Ein Wort zu David: Man muss nur talentiert genug sein, dann wird so ein elender Schuft wie  David wiederum, wie schon 1989, im Louvre gewürdigt.  Mir ist nicht bekannt, dass David, der noch kurz vor Robespierres Sturz im Konvent verkündete: Er sei bereit, mit Robespierre zusammen »den Giftbecher zu trinken«, jemals sich seinen Taten im Sicherheitsausschuss und anderen vielen Gremien ernsthaft gestellt und diese bereut hätte. Stattdessen stilisierte er sich als irregeleitetes Opfer: „Man kann sich kaum vorstellen, wie sehr mich dieser Unglückliche (Robespierre) getäuscht hat; er hat mich mit seinen heuchlerischen Gefühlen betrogen.“  David hat es verstanden Marat, Haupturheber der Septembermorde, bei denen 1792 über 1200 inhaftierte Revolutionsgegner und auch andere Gefängnisinsassen massakriert wurden, zu einem Märtyrer der Revolution zu stilisieren. Mit seinem Bild  Marat à son dernier soupir hat David eine „gefühlsbeladene Ikone für den Ami du peuple aufgerichtet“ (Sauerländer, Willibald: Davids »Marat à son dernier soupir« oder Malerei und Terreur. In: IDEA II (1983), die die Kunstwelt bis heute feiert und auch ansonsten das hohle Pathos seiner Bilder (Der Schwur der HoratierDie SabinerinnenLiktoren bringen Brutus die Körper seiner Söhne) hereinfällt. Das gleiche theatralische, heroisierende Getöse, mit dem David die diversen Revolutionsfeierlichkeiten inszenierte.  David griff auch immer wieder zur Feder, um die letzten Momente der Verurteilten (s. Bild von Marie Antoinette) festzuhalten. „Als Danton auf dem Henkerkarren zur Guillotine gefahren wurde, sah er David bei seiner Arbeit und rief ihm zu: Lakai! – eine kurze und prägnante Charakterisierung der moralischen Qualitäten dieses Ausnahmekünstlers.“ (https://republique.de/de/david) Und dann noch ein opportunistischer Propagandist Napoleons. Ein Ehrgeizling ohne jedes Gewissen! .

Für David habe ich nur Verachtung übrig.

In Dankbarkeit für Ihre vielen anregenden Blogs

Ulrich Schläger

Zuviel Glanz: Das Schloss Vaux-le-Vicomte des Nicolas Fouquet und die Rache des Sonnenkönigs (Teil 1)

Vaux-le-Vicomte, erbaut und gestaltet von dem genialen Dreigestirn Le Vau, dem Architekten, Le Brun, dem Maler, und Le Nôtre, dem Gartenarchitekten, lädt ein zu Superlativen: Das Schloss wird gerne als „Wunder der Architektur“ oder Gipfelpunkt der französischen Architektur und Kunst bezeichnet, es „gilt heute als eines der ersten und zugleich glänzendsten architektonischen Gesamtkunstwerke“ des „Grand Siècle“, also des französischen 17. Jahrhunderts. [1] Der dazugehörende Park wurde kürzlich von der New York Times ausgewählt, zu den 25 schönsten der ganzen Welt zu gehören. Im Barock wurde Frankreich „zum führenden Gartenland Europas“. Das Modell des Barockgartens à la française entstand in Vaux-le-Vicomte „und wurde dann in zweiter Generation in Versailles zum Modell des gesellschaftlichen Absolutismus umgewidmet. Das Modell wurde in ganz Europa kopiert, das ästhetische wie das politische.“ [2]

Schloss und Garten faszinieren aber auch wegen der Geschichte ihres Bauherren, Nicolas Fouquet. Der war 1661, nach den legendären Worten Voltaires  („Le Siècle de Louis XIV“) „am 17. August um 6 Uhr abends König von Frankreich, um 2 Uhr morgens war er nichts mehr.“[3] An diesem Tag veranstaltete Fouquet für seinen König, den jungen Ludwig XIV., und eine große Hofgesellschaft ein grandioses Fest auf seinem Schloss, das, wie gerne kolportiert wird, der Grund für seinen Absturz gewesen sein soll. Eine tragisch-schöne, aber nicht ganz zutreffende Geschichte.

Ich möchte nachfolgend in zwei Teilen mit jeweils zwei Abschnitten Nicolas Fouquet und Vaux-le-Vicomte vorstellen:

Teil 1:

  • Quo non ascendet – Nicolas Fouquets fulminanter Aufstieg zu den Gipfeln der Macht
  • Das Schloss von Vaux-le-Vicomte, das „erste Versailles“: Prachtbau und Propaganda

Teil 2:

  • Vaux-le-Vicomte: Der erste Barockgarten Frankreichs
  • Das Fest vom 17. August 1661 und der Absturz Fouquets

Quo non ascendet: Nicolas Fouquets Aufstieg zu den Gipfeln der Macht

Nicolas Fouquet stammte aus einer Familie in Angers, die ihr Vermögen im Tuchhandel machte.  Der erste bekannte Vorfahre, Jehan Fouquet, hatte sich Ende des 15. Jahrhunderts als Tuchmacher in der Nähe von Angers niedergelassen. Dieser Herkunft verdankt die Familie auch als Wappentier das Eichhörnchen. Denn dessen Name im lokalen Dialekt ist Fouquet. Außen am und innen im Schloss finden sich deshalb auch immer wieder Darstellungen des Eichhörnchens. Am eindrucksvollsten vielleicht auf diesem Renommée genannten Wandteppich:

Die beiden Füllhörner weisen auf den Wohlstand der Familie hin und vor allem natürlich auf den von Nicolas, für den dieser Wandteppich angefertigt wurde.  Über der Kartusche mit dem Eichhörnchen halten zwei Putten eine Krone: Natürlich bedeutet das nicht, dass sich das Eichhörnchen/Nicolas Fouquet königlichen Rang anmaßt, aber hoch hinaus wollte Nicolas Fouquet durchaus – und das Eichhörnchen ist ja auch in der Lage, flink in die höchsten Spitzen der Bäume zu klettern.  Dazu passt auch der familiäre Wahlspruch: Quo non ascendet- Wie weit wird er noch steigen…[4]  

Robert Nanteuil, Portrait von Nicolas Fouquet mit dem Eichhörnchen im Familienwappen. 1661[5]

Nicolas Fouquet wird sehr weit und sehr hoch steigen. Hatte die Familie schon in nur drei Generationen den Aufstieg von provinziellen Händlern zu Mitarbeitern der politischen Elite in Paris erreicht, so setzte der 1615 geborene Nicolas nach einer Schulzeit bei den Jesuiten und einem juristischen Studium an der Sorbonne den Aufstieg mit einer dem Eichhörnchen würdigen Behändigkeit fort. Dabei half ihm seine königstreue Haltung in den Zeiten der Fronde, des Adelsaufstands gegen das Könighaus und dessen ersten Vertreter, den Kardinal Mazarin. Als Dank wurde Fouquet 1653 zum surintendant des finances ernannt. Er war also Finanzminister und damit nach dem Premierminister Mazarin  einer der wichtigsten Männer des Königreichs. Fouquet konnte sich Hoffnungen machen, einmal dessen Nachfolge anzutreten.

Die Finanzen Frankreichs waren damals zerrüttet, der Krieg gegen Spanien verschlang enorme Gelder, die der Staat nicht hatte, und auch Mazarin hatte große Ansprüche, deren Erfüllung zu Fouquets Aufgaben gehörte. Der bankrotte Staat war aber nicht mehr in der Lage, die bei privaten Bankiers aufgenommenen Kredite zurückzuzahlen. Um das Vertrauen der Gläubiger zurückzugewinnen, setzte Fouquet sogar sein eigenes Vermögen ein, teils zur direkten Finanzierung von Kriegskosten, teils in Form von Bürgschaften. Dabei kam er aber selbst nicht zu kurz. Sein Reichtum wuchs immer mehr an, begünstigt auch durch erfolgreiche spekulative Geldgeschäfte und zwei Heiraten mit großer Mitgift.

Charles Le Brun, Portrait von Nicolas Fouquet (um 1661, Vaux-le-Vicomte) [6]

Seinen Reichtum nutzte Fouquet auch, sich einen Kreis von ihm ergebenen Klienten zu schaffen und um als Mäzen sein Ansehen zu vermehren. Eine große Anzahl von Künstlerinnen und Künstlern wurde von ihm gefördert, darunter Mme de Sévigné, Scarron, Perrault, Mlle de Scudéry, Corneille, Molière:  ein künstlerischer und  intellektueller Hofstaat, für den er viel Geld ausgab.

            Kabinett von Jean de la Fontaine in Vaux-le-Vicomte

Auch La Fontaine gehörte zu diesem Kreis. Er hatte ein besonders enges Verhältnis zu Fouquet, wohnte drei Jahre in Vaux-le-Vicomte und erhielt eine Pension, wofür er lediglich alle drei Monate ein Gedicht abliefern musste.

                             Büste Jean de la Fontaines von Houdon in seinem Cabinet in Vaux-le-Vicomte[7]

Dieser Kreis förderte das Ansehen Fouquets als Mäzen und Freund der Musen und verbreitete schon während der Bauarbeiten den Ruf von der Außerordentlichkeit seines Schlosses. La Fontaine verfasste eine Beschreibung des entstehenden Schlosses, Le songe de Vaux, die allerdings unvollendet blieb. [8] Madeleine de Scudery rühmte in ihrem 1660 publizierten Roman Clélie, in dem -wenn auch unter römischem Pseudonym- Fouquet auftritt, Schloss und Garten: Das was man da sehe, sei ein Meisterwerk, das Kunst und Natur verbinde.[9] Und André Félibien veröffentlichte ebenfalls schon 1660 eine intensive und kenntnisreiche Éloge de Vaux, de Foucquet et de Le Brun.[10]

Allerdings gab es gegen Fouquet auch zunehmenden Widerstand. Der wurde vor allem genährt von Colbert, der in Fouquet einen unliebsamen Konkurrenten sah, gegen den er nach Kräften bei Mazarin intrigierte. Fouquet reagierte darauf mit seinem Schlossprojekt von Vaux-le-Vicomte: Es sollte seinen Bauherrn ins beste Licht rücken, seine herausragenden Qualitäten zu Schau stellen, aber auch seine enge Bindung an das Könighaus und den jungen Monarchen. Vaux-le-Vicomte lag zwischen Paris und Fontainebleau, wo sich Ludwig XIV. gerne aufhielt. Ihm sollte das Schloss ein prachtvoller, der Muße und den Musen gewidmeter Aufenthaltsort fernab des höfischen Zeremoniells sein und dem Bauherrn die königliche Gunst sichern.

1641 hatte Fouquet die Vicomté de Vaux gekauft, die er bis 1656 durch Zukäufe erheblich erweiterte, bis er schließlich über mehr als 400 h zusammenhängenden Landes verfügte, die als Baugrund zur Verfügung standen. Es gab auch schon vorbereitende Arbeiten für einen Nutzgarten und erste Planungen eines lokalen Architekten für Garten und Schloss. 1655/56 allerdings engagierte Fouquet für das Schlossprojekt drei sehr bekannte und angesehen Künstler, die auch schon für das Könighaus gearbeitet hatten: den Architekten Louis Le Vau, den Maler Charles Le Brun und den Gartenarchitekten André Le Nôtre. [11]

Louis Le Vau war kurz vorher zum premier architecte du roi ernannt worden und hatte sich schon durch zahlreiche Bauten ausgezeichnet, u.a. das hôtel Lambert auf der Île Saint Louis, dessen galerie d’Hercule der Vorläufer des Spiegelsaals von Versailles ist.

Charles le Brun stand seit 1638 in den Diensten Ludwigs XIII. Als Fouquet ihn für Vaux-le-Vicomte engagierte, galt er als der bedeutendste Innenraumdekorateur Frankreichs. In Vaux-le-Vicomte sollte er für die gesamte Inneneinrichtung und die skulpturale Ausgestaltung des Gartens zuständig sein.

Der Dritte im Bunde, André Le Nôtre, steht für die Einführung eines neuen Gartentyps in Frankreich, des jardin à la française. Sein Plan für die Anlage von Vaux gilt als der erste in Gänze erhaltene Plan eines französischen Gartens überhaupt.

Dieses Künstlertrio arbeitete in Vaux-le-Vicomte eng zusammen, wie das perfekt aufeinander abgestimmte Zusammenspiel von Architektur, künstlerischer Ausgestaltung und Gartenplanung zeigt. So entstand hier „ein in allen seinen Teilen aufeinander bezogenes Gesamtkunstwerk“.[12]

Das „erste Versailles“: Prachtbau und Propaganda

Man hat das Schloss von Vaux-le-Vicomte als „das erste Versailles“ bezeichnet: Ein grandioses Gesamtkunstwerk, entstanden zu einer Zeit, als Versailles noch ein kleines unbedeutendes Schloss unter vielen anderen war.

Der von Melun kommende Besucher sieht zuerst nicht das Schloss, sondern das die Anlage begrenzende Gitter, das mit doppelseitigen Hermen geschmückt ist. Es sind Darstellungen antiker Götter.  „Die Hermen kennzeichnen Vaux noch vor dem Betreten der Anlage als einen besonderen, von göttlichen Kräften gesegneten Ort.“[13]

Zu den Göttern gehört auch der Sonnengott Apoll, der Gott des Sonnenkönigs: Ludwig verglich sich ja seit seinen Ballettauftritten von 1651 und 1659 mit Apoll, der allgemein als Symbol des Königs galt. So wird schon hier der Segen des Schlosses und seines Schlossherrn durch Ludwig XIV. beschworen.

Vom Hermengitter aus blickt der Besucher auf die Hofseite des Schlosses. Und was heute ganz normal erscheint, war damals absolut modern: Das Gebäude war nämlich nicht in der damals charakteristischen Mischung von behauenen Steinblöcken und roten Ziegeln erbaut, im sogenannten Louis XIII- Stil also, sondern nur noch aus behauenem Stein, wie es sich dann auch allgemein durchgesetzt hat.  

Die Wirtschaftsgebäude rechts und links des Vorhofs sind dagegen traditionell mit brique und pierre errichtet und heben damit das aus hellem Stein erbaute Schloss in seiner Neuheit und Einzigartigkeit hervor.[14]

An ihrem nördlichen und südlichen Ende sind Triumphbögen gebaut, „die den Vorplatz architektonisch erhöhen“ und „den königlichen Einzug in das Schloss flankieren“ sollten.[15]

Der Einzug des Königs wird dann in der Konzeption des Schlosses entsprechend großartig inszeniert: Das Schloss ist gegenüber dem Vorhof und den Wirtschaftsgebäuden deutlich erhöht, was ihm, wie Mlle de Scudéry schreibt, „une grande Majesté“ verleiht.[16] Und der Eingang wird noch einmal betont durch einen mächtigen, vor die Fassade gesetzten Triumphbogen. Über seinen mächtigen Säulen verläuft ein Triglyphenfries mit mehreren Wappen-Eichhörnchen in den Metopen.[17] Und über dem Tympanon, in dem ursprünglich in der Mitte natürlich das Wappen Fouquets enthalten war, thronen zwei Götterfiguren: Rea, die Erdengöttin und Mutter aller Götter, und -wie könnte es anders sein- Apollo mit seiner Lyra.

Der auf die römische Antike verweisende Triumphbogen und die Fassade sind geschmückt mit Medaillons antiker Persönlichkeiten und mit Büsten antiker Herrscher. Die finden sich dann auch reichlich im Innern des Schlosses.

Büste Caesars aus dem Salon (Ausschnitt)

„Mit den Antikendarstellungen reiht sich Fouquet nicht nur in die architektonische Tradition seiner Zeit und seines Standes ein, er beansprucht zugleich die antiken Herrschertugenden und Weisheiten zur Glorifizierung seines neuen Besitzes.“[18]

Wenn man durch den Triumphbogen hindurchgeht und das Schloss betritt, gelangt man in den Salon, den großen, ovalen, über zwei Stockwerke sich erstreckenden Kuppel-überwölbten Empfangsraum des Schlosses.[19]

© Yann Priou / Collection du château de Vaux-le-Vicomte

Die Größe dieses Raumes beruht darauf, dass hier keine große Treppenanlage in die bel étage, also das Obergeschoss, existiert. Le Vau hat nämlich, begünstigt durch die erhöhte Lage des Schlosses, die bel étage in das Erdgeschoss verlegt. Schon beim ersten Blick auf das Schloss lässt sich das unschwer erkennen: Die Fenster des Erdgeschosses sind die einer bel étage, die Fenster des Obergeschosses dagegen deutlich kleiner, was auch den unterschiedlichen Geschosshöhen entspricht. Um die Privaträume Fouquets und die seiner Frau im Obergeschoss zu erreichen, genügen kleine, unauffällige Treppen im Vestibül.

Le Vau: Grundriss des Erdgeschosses von Vaux-le-Vicomte[20]

Die Innendekoration des Raums konnte Le Brun wegen der Verhaftung Fouquets nicht vollenden. Es gibt aber einen damals schon berühmten Entwurf für das zentrale Gemälde in der Kuppel: Im Zentrum die Sonne (Ludwig XIV.), die ein Eichhörnchen (Fouquet) in den Götterhimmel erhebt. Umgeben wird die Szene von der Darstellung der vier Jahreszeiten, der Monate, Tage und Wochen. So wird Nicolas Fouquet „zum ewigen Helden.“[21] Dazu passen auch die 12 Sternzeichen-Skulpturen auf der Höhe der ersten Etage, die dem Bildhauer François Girardon zugeschrieben werden. Auch wenn die Ausmalung der Kuppel nur angedeutet ist: Es ist insgesamt ein grandioser Raum, dessen Schönheit gerade wegen seiner „Nacktheit“ besonders deutlich wird.[22]

Auch andere Räume des Schlosses, vor allem die Privaträume im Obergeschoss, blieben unvollendet. Und nach der Verhaftung von Fouquet wurde ein großer Teil der kostbaren Einrichtung von Ludwig XIV. konfisziert, anderes versteigert.  Vieles wurde aber nach dem Kauf des heruntergekommenen Schlosses 1875 durch die Industriellenfamilie Sommier im alten Stil ergänzt. So besitzt Vaux-le-Vicomte heute „die für seine Zeit umfangreichste und einheitlichste Innendekoration in Frankreich, obwohl sie nie vollendet wurde.“[23]

Dazu gehörten auch kostbare Wandteppiche, die Fouquet zum Teil sogar in der eigens von ihm gegründeten Manufaktur von Maincy herstellen ließ. Von Ludwig XIV. konfisziert, wurden sie zum Teil während der Französischen Revolution wegen der in ihnen enthaltenen kostbaren Goldfäden zerstört, aber wieder ersetzt. Hier zwei Kommoden im sog. Mazarine-Stil von André-Charles Boulle. Boulle war einer der großen Kunsttischler des Faubourg Saint-Antoine und gilt als Erfinder der Kommode.

         Ein aus Ebenholz gefertigter Mazarine-Schreibtisch von Boulle im Antichambre du Roi

Dies ist eine von fünf kleinen Bronze- Versionen der großen Reiterstatue Ludwigs XIV., die François Girardin (1628-1715) für den Platz Louis-le-Grand (heute place Vendôme) angefertigt hat.

Nicolas Fouquet hatte sein Schloss natürlich auch mit einer Vielzahl von Gemälden ausgestattet. In den für ihn bestimmten Räumen hing damals auch ein Gemälde des niederländischen Malers Lambert Sustris.  Es zeigt Venus, zusammen mit einem geflügelten Amor, die ihren herbeieilenden Geliebten, den Kriegsgott Mars, erwartet und in freudiger Erwartung die beiden kopulierenden Tauben streichelt. [24]

Lambert Sustris, Venus und Cupido.

Das Bild hat eine abenteuerliche Geschichte: Sustris malte es in Augsburg, wo er zahlreiche Kunden hatte, darunter die Familie Fugger. Nach dem Bankrott eines Zweigs der Familie kaufte ein Pariser Kunsthändler das Bild, und dann war es Nicolas Fouquet, der es für sein neues Schloss erwarb. Nach dem Sturz Fouquets wurde das Bild konfisziert und Teil der Gemäldesammlung Ludwigs XIV. Heute ist das Original im Louvre ausgestellt, und zwar im Saal der Mona Lisa![25] In Vaux-le-Vicomte ist eine Kopie zu sehen.

Das künstlerisch und politisch bedeutendste Element der Innendekoration waren sicherlich die Deckengemälde Le Bruns. Zunächst arbeitete er an denen in dem Appartement des Hausherrn, das aus drei Räumen besteht: dem Vorzimmer (antichambre, Salon d’Hercule), dem Zimmer (chambre/Salon des Muses) und dem Kabinett (cabinet des jeux). In ihren Deckengemälden wird der Hausherr und Auftraggeber gefeiert, und es werden die Gründe für Fouquets im Salon dargestellte Aufnahme in den Götterhimmel im Einzelnen illustriert. Aber Le Brun feiert sich hier auch selbst: Er demonstriert seine große Kunstfertigkeit als Innendekorateur im Allgemeinen und Maler im Besonderen und empfiehlt sich damit für weitere und noch höhere Aufgaben, die ja dann auch nicht lange auf sich warten ließen..

Möglich wurden die allgemein Aufsehen erregenden Deckengemälde Le Bruns durch eine neue Deckenkonstruktion. Bisher dominierten in den französischen Schlössern und Stadtpalästen die Decken à la française mit Eichenholzbalken.[26]

                                     Eichenholzdecke à la française im hôtel Sully in Paris

Die Balken waren zwar bemalt, ermöglichten aber keine großflächigen Deckengemälde.  Das änderte sich im 17. Jahrhundert unter italienischem Einfluss.  Vaux-le-Vicomte ist dafür ein prominentes Beispiel.[27]  Die entsprechenden Decken hatten jetzt in der Mitte eine große freie Fläche für ein zentrales Gemälde und waren an den Rändern leicht gewölbt, was Raum bot für kleinere, das zentrale Thema vertiefende Gemälde und Stuckelemente.

Im Vorzimmer Fouquets, dem salon d’Hercule, steht natürlich Herkules im Mittelpunkt des Deckengemäldes. Er fährt hier mit einem Wagen in den Himmel, auf dessen oberem Wagenrand die Devise Fouquets eingezeichnet ist. Félibien hat in seinem Bericht über Vaux-le-Vicomte die Notwendigkeit betont, dass die von der Architektur und der Dekoration vermittelte Botschaft auf den ersten Blick verstanden werden müsse.[28] Das scheint hier der Fall zu sein, indem die Geschichte des Herkules mit der Fouquets verknüpft ist. Und für Félibien war klar, dass hier -passend zu dem Deckengemälde des Salons- Fouquet in der Gestalt des Herkules dargestellt ist. Man könnte aber auch den König in der Person des Herkules vermuten. Der Wagen wäre in dieser Interpretation ein Symbol für Nicolas Fouquet und seine Loyalität gegenüber der Krone. „Er trägt den Herrscher und unterstützt ihn bei seinen Taten.“[29]

© Christian Gluckman

Das wohl bedeutendste der von Le Brun fertiggestellten Deckengemälde im Schloss ist das im Chambre des Muses. Dieser Raum hatte insgesamt eine besonders wertvolle Ausstattung und wurde schon vor Fertigstellung des Schlosses für herausragende Anlässe genutzt. [30]

Zentrum des zentralen Gemäldes ist die weiß gekleidete Allegorie der Treue. Emporgehoben wird sie von der Geschichtsmuse Clio,  die die Devise Fouquets -Quo non ascendet- zum Himmel trägt. Begleitet wird sie von den Allegorien der Vorsicht und der Treue – ein deutlicher Hinweis auf Fouquets königstreue Haltung zu Zeiten der Fronde. Mit dabei sind auch Minerva, geflügelt und mit Speer, die Verkörperung der Vernunft,  und, oben im Bild, auch Apoll. Er vertreibt die Feinde und Ungeheuer, die den treuen Fouquet bedrohen.[31]

Charles le Brun, Le sommeil (Cabinet des jeux)

Das kleine Cabinet de jeux ist „der intimste und fröhlichste Raum im Erdgeschoss.“[32] Im Mittelpunkt ein weiteres Meisterwerk von Le Brun, eine auf Wolken ruhende, Mohnblüten streuende Allegorie des Schlafs, umgeben von Blumen, Amouren und Eichhörnchen.   La Fontaine beendet in Songe de Vaux den diesem Salon gewidmeten Abschnitt mit den Worten: „Qu’elle est belle à mes yeux cette Nuit endormie“.[33]

Zum Schluss des Rundgangs noch ein Blick auf die Decke des chambre du Roi auf der anderen Seite des Schlosses. Hier zeigt Le Brun seine Meisterschaft nicht nur als Maler, sondern  als Innendekorateur: Die Stuckarbeiten sind von höchstem Raffinement, an Gold wird nicht gespart.[34] Fouquet drückt so seine Ehrerbietung aus und bietet sich als treuer Diener seines Herrn an.

Das zentrale Deckengemälde enthält aber auch eine Mahnung an den König: Dargestellt ist die Wahrheit, die von einer Allegorie der Zeit in den Himmel gehoben wird: Und Wahrheit bedeutet hier natürlich, dass der König nicht denen Glauben schenken soll, die Fouquet verleumden, sondern  er soll die Wahrheit, die Treue und Rechtschaffenheit Fouquets erkennen.

Ein konkreter Hinweis auf den Urheber von Verleumdungen ist eine Szene in der Deckenwölbung des Cabinet des jeux: Da wird ein Eichhörnchen, also Fouquet, von einer Natter verfolgt.[35] Und die ist das Wappentier Colberts, der dann ja wesentlichen Anteil an dem Fall seines Konkurrenten hatte….

Man sollte bei einem Besuch von Vaux-le-Vicomte nicht versäumen, auch in den Keller hinabzusteigen, in dem die Küche untergebracht war.

Küchenchef Fouquets in Vaux-le-Vicomte war François Vatel, dessen Schicksal von zwei großen und für ihn höchst fatalen Festen geprägt war: Dem legendären Fest vom 17. August 1661, von dem noch die Rede sein wird. Da Vatel nicht wusste, dass Ludwig XIV. das gesamte Personal Fouquets für sich requirierte, floh er nach England. Schließlich trat er in die Dienste des großen Condé, des Schlossherrn von Chantilly. Dort organisierte Vatel die Bewirtung des königlichen Hofes für das spektakuläre und ebenso legendäre Fest vom 23.-25. April 1671. Weil da die von ihm bestellten Fische nicht rechtzeitig eintrafen, sah er seine Ehre verletzt und verübte Selbstmord.

Und zum Abschluss des Schlossrundgangs sollte man hoch in die Kuppel steigen.

Dort kann man das noch das im ursprünglichen  Zustand erhaltene Gebälk aus Eichenholz bewundern und das ganze Anwesen überblicken: Die Wirtschaftsgebäude….

… und den Garten.

Der Garten wird dann Gegenstand des zweiten Teils dieses Beitrags über Fouquet und Vaux-le-Vicomte sein.  Abgeschlossen wird der dann mit einer Darstellung des großen Fests vom 17. August 1661 und der Umstände und Gründe von Fouquets tiefem Fall.

Literatur:

Alain Baraton, Le Jardinier de Versailles. Grasset 2006, S. 153ff

Vaux-le-Vicomte. Château & jardin. Herausgegeben von der Association Les Amis de Vaux-le-Vicomte 2022

Michael BrixDer barocke Garten. Magie und Ursprung – André Le Nôtre in Vaux-le-Vicomte. Stuttgart 2004

Bénédictine Garnier und Francoise de La Moureyre, La folle course de Charles Le Brun dans le Grand Salon de Vaux-le-Vicomte. In: Bulletin du Centre de Recherche du Château de Versailles 14/2017 https://journals.openedition.org/crcv/14530?lang=en

Christine Howald: Der Fall Nicolas Fouquet: Mäzenatentum als Mittel politischer Selbstdarstellung 1653–1661. München 2011.

Alain Mérot, Temple des Muses, Palais du Soleil: les plafonds peints par Charles Le Brun au château de Vaux-le-Vicomte. In: Les Années Fouquet. LIT 2000

Marion Müller, Représentation politique et ambition artistique. Le décor de Charles Le Brun pour la chambre des Muses au château de Vaux-le-Vicomte. Bulletin du Centre de Recherche du Château de Versailles 14/2017  https://doi.org/10.4000/crcv.14617

Marion Müller, Das Schloss als Zeichen des Aufstiegs Die Ausstattung von Vaux-le-Vicomte im Kontext repräsentativer Strategien des neuen Adels im französischen 17. Jahrhundert. Universität Heidelberg 2022 https://heiup.uni-heidelberg.de/catalog/book/819

Hanno Dampf, Die Entwicklung der Gartenanlagen von der Renaissance zum Barock. Eine Gegenüberstellung der Villa Lante und Vaux-Le-Vicomte.

Schweizer, Stefan: André le Nôtre und die Erfindung der französischen Gartenkunst, Berlin: Wagenbach 2013

Praktische Hinweise

Von Paris aus erreicht man das Schloss mit dem Transilien  Linie R nach Melun. (Erste Station des Zuges Richtung Montereau ab Gare de Lyon, 25 Minuten. Als Fahrkarte dient der Pass Navigo.

Ab Bahnhof Melun gibt es einen vorab zu buchenden Shuttle-Bus (Navette).

Fahrplan: https://media.vaux-le-vicomte.com/wp-content/uploads/2025/05/23144944/Navettes-2025-VF.pdf?_gl=1*vlo6fc*_gcl_au*ODk0OTI0NzUxLjE3NDg3MzkxMTY.

Alternative: Taxi oder Uber, was -wenn überhaupt- kaum teurer ist, bei mehr als 2 Personen sogar günstiger und schneller.

Schloss und Park sind vom 15. März bis 3. November täglich von 10-17.30 h geöffnet.

Die Springbrunnen sind nur noch während der soirées chandelles in Betrieb. Bei dieser Gelegenheit auch Feuerwerk. https://www.tourisme-seine-et-marne.fr/visiter-decouvrir/798844-soirees-chandelles-vaux-vicomte/


Anmerkungen

[1] Hohwald, Der Fall Nicolas Fouquet, S. 80. Siehe z.B. auch: https://savingcastles.com/fr/chateau-de-vaux-le-vicomte-splendeur-baroque-francaise/

Alle Bilder des Beitrags, wenn nicht anders bezeichnet, von Wolf Jöckel

20 Minuten Lesezeit

[2] https://www.ouest-france.fr/tourisme/ces-quatre-jardins-francais-font-partie-des-plus-beaux-du-monde-et-vous-pouvez-les-visiter-5c950402-36e4-11f0-bb9d-ae310489ba72

[3] « Le 17 août, à 6 heures du soir, Fouquet était le roi de France ; à 2 heures du matin, il n’était plus rien. »  https://fr.anecdotrip.com/vaux-le-vicomte-17-aout-1661-la-fete-qui-a-coute-sa-liberte-a-nicolas-fouquet-par-vinaigrette

[4] Zum Aufstieg von Nicolas Fouquet siehe: Quo Non Ascendet?. In: Christine Howald, Der Fall Nicolas Fouquet: Mäzenatentum als Mittel politischer Selbstdarstellung 1653–1661, S. 11-35  

[5] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/Robert_Nanteuil#/media/Fichier:0_Nicolas_Fouquet_-_Vaux-le-Vicomte_(2).JPG

[6] Zur Bedeutung der Szene im Hintergrund Mitte/rechts habe ich keine Informationen gefunden. Für entsprechende Hinweise wäre ich dankbar. Ich hatte dazu übrigens mal interessehalber bei Meta AI nachgefragt und da die Auskunft erhalten, „die Szene werde oft als Symbol für Macht und Reichtum interpretiert.“ Bei genauerer Nachfrage kam dann die kleinlaute Antwort: „Ich habe mich zu weit aus dem Fenster gelehnt!“

[7] Eine bedeutende Sammlung von Houdon-Büsten, darunter auch der von Jean de la Fontaine, gibt es auch in Schloss Ludwigslust. Siehe den Blog-Beitrag https://paris-blog.org/2024/10/13/fast-wie-gott-in-frankreich-ludwigslust-das-versailles-des-nordens/

[8]  https://gallica.bnf.fr/essentiels/fontaine/fouquet-brillant-protecteur s.a. https://www.pariscityvision.com/fr/paris/environs/vaux-le-vicomte/la-fontaine-fouquet

Zur Rolle Fouquets als Mäzen und der Bedeutung der Dichter und Schriftsteller für Vauix-le-Vicomte siehe im Einzelnen das Kapitel „Vaux-le-Vicomte und die Dichter“ bei Howald, S. 158ff

[9] https://www.tectona.net/fr_fr/pour-toujours-vaux-le-vicomte.html

[10] https://www.persee.fr/doc/lefab_0996-6560_1999_num_11_1_1030 

[11] Siehe dazu Howald, S. 80f

[12] Howald, S. 91

[13] Howald, S. 91

[14] Bild aus: https://www.all-free-photos.com/show/showphoto.php?idph=PI79914&lang=de  

[15] Howald, S. 84   Nachfolgendes Bild aus: https://www.moretimetotravel.com/wp-content/uploads/2014/10/4-scaled.jpeg

[16] Zit. Howald, S. 94

[17] Einen solchen Fries gibt es auch auf der Gartenseite des Schlosses.

[18] Howald, S. 99

[19] © Yann Priou / Collection du château de Vaux-le-Vicomte https://journals.openedition.org/crcv/14530?lang=en

[20] „Vaux-le-Vicomte.“ Wikipedia. Wikimedia Foundation, 09 Oct. 2014. Web. 21 Sept. 2014.

[21] Howald, S. 107

[22] Vaux-le-Vicomte, Châteu et jardin, S. 28

[23] Howald, S. 102

[24] https://de.wikipedia.org/wiki/Lambert_Sustris#/media/Datei:Lambert_Sustris_-_Venus_and_Love_-_Louvre.jpg

[25] https://collections.louvre.fr/en/ark:/53355/cl010061294

[26] Alexandre Gady, Poutres et solives peintes. Le plafond à la française. Revue de l’Art 122,1998, S9-20.

[27] Siehe Alain Mérot, Temple des Muses, Palais du Soleil: les plafonds peints par Charles Le  Brun auf château de Vaux-le-Vicomte.

[28]  https://journals.openedition.org/crcv/14617 Anm.35

[29] Howald, S. 125

[30] Im Einzelnen dazu:  Marion Müller, Représentation politique et ambition artistique. Le décor de Charles Le Brun pour la chambre des Muses au château de Vaux-le-Vicomte.  https://journals.openedition.org/crcv/14617 oder https://doi.org/10.4000/crcv.14617

[31] Howald, S. 125 und https://journals.openedition.org/crcv/14617

[32] http://www.noblesseetroyautes.com/vaux-le-vicomte-ou-livresse-des-sommets/

[33] http://pimousse.vaux.free.fr/vauxlevicomte/jeux.html

[34] Nachfolgendes Bild aus: . https://onlybyland.com/visit-vaux-le-vicomte/

[35] Howald S. 112/114

Bild des Monats Februar 2026: Das Grab von Antoine-Augustin Parmentier auf dem Père Lachaise

Der Dank für die Pommes Frites gilt Antoine-Augustin Parmentier (1737 – 1813), einem französischen Pharmazeuten und Agronom, der auf dem Friedhof Père Lachaise bestattet ist. Sein Grab wird gerne von Kartoffel-Freunden und -Freundinnen geschmückt.

Denn Parmentier hatte wesentlichen Anteil daran, die Kartoffel in Frankreich, dem klassischen Land des Getreideanbaus, zu verbreiten. Ein wesentlicher Anstoß dazu waren sicherlich die im 17. und 18. Jahrhundert häufigen Hungersnöte, vor allem die „grande famine“ von 1709, der ca 600 000 Menschen zum Opfer fielen. Sicherung und Verbreiterung der Nahrungsmittelversorgung waren eine existentielle Notwendigkeit. Dass dabei die Kartoffel eine wichtige Rolle spielen kann, erfuhr Parmentier in Theorie und dann sogar am eigenen Leibe in Deutschland. Während des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) war er, damals als Apotheker im Dienst der französischen Armee, nämlich längere Zeit in Deutschland. In Frankfurt am Main hatte er Kontakt zu dem Naturforscher Christian Friedrich Meyer, der ihm sogar seine Tochter zur Frau geben wollte, sofern er sich hier niederlassen würde. Parmentier kehrte jedoch nach Frankreich zurück. Erneut in Deutschland, lernte er dann als Kriegsgefangener in Westfalen den Kartoffelanbau auch in der Praxis kennen. Den hatte Friedrich der Große mit Hilfe seiner „Kartoffelbefehle“ schon seit 1746 in Preußen durchgesetzt. Über seine entsprechenden Erfahrungen als Kriegsgefangener schrieb Parmentier: „Während mehr als 14 Tagen waren Kartoffeln meine einzige Ernährung, aber ich fühlte mich dabei nicht ermüdet und nicht unwohl“.

Parmentier überzeugte sich von dem Potential der Kartoffel und gewann 1771 mit ihr den Preis der Akademie zu Besançon zur Untersuchung von Nahrungspflanzen, die in Zeiten einer Hungersnot genutzt werden könnten. Zur allgemeinen Akzeptanz der Kartoffel war es aber noch ein beschwerlicher Weg, den Parmentier aber mit großer Energie beschritt. Es gelang ihm sogar, Marie Antoinette und König Ludwig XVI. für die Kartoffel zu begeistern: Am Saint Louis-Feiertag 1786 überreichte er dem König in Versailles einen Strauß Kartoffelblüten. Eine steckte der König in sein Knopfloch, eine andere Marie-Antoinette in ihr hochgetürmtes Haar: Eine neue Mode war kreiert. Dazu überließ Ludwig XVI. Parmentier auf einem sandigen Militärgelände im Westen von Paris einen Acker als Versuchsfeld für den Kartoffelanbau: Die Metrostation „Les Sablons“ der Linie 1 erinnert noch daran.

Übrigens soll Ludwig XVI. Soldaten abgestellt haben, um die Kartoffelfelder von „Les Sablons“ zu „bewachen“. Er habe damit erreichen wollen, dass die Bauern die offensichtlich wertvollen Kartoffeln von den Feldern stehlen. So soll es ja vor ihm schon Friedrich der Große gemacht haben, um die Vorbehalte seiner zögerlichen Bauern zu überwinden.

Heute ist Frankreich nach Deutschland und Polen das drittgrößte „Kartoffel-Land“ der EU, und der Name Parmentier ist bekannt und populär. Ein verbreiteter Kartoffelauflauf – im Allgemeinen mit Rindfleisch – siehe Foto) ist nach ihm benannt. Manchmal, wenn bei uns „schnelle Küche“ angesagt ist, gibts auch den Kartoffelauflauf mit Ente (Parmentier de canard)….

Und wenn auf der Speisekarte potage parmentier steht, wie bei dem Petit Bouillon Pharamond in Paris, dann weiß zumindest jeder französische Gast, dass es sich um eine Kartoffelsuppe handelt.

Selbst in deutschen Supermarktregalen findet man Produkte, die an Parmentier erinnern:

Aber Parmentiers Verdienste und Tätigkeiten beschränkten sich nicht auf die Kartoffel. Er beschäftigte sich auch mit Zucker und stellte Weinsirup her, den er im ganzen Land bekannt zu machen suchte. Daran erinnert ein Relief auf seinem Grabdenkmal.

Ursprünglich war es von einem mit Kartoffeln bepflanzten Beet umgeben. Das gibt es jetzt nicht mehr. Aber dafür gibt es ja die Kartoffeln auf dem Denkmal…

Ludwig XVI. beglückwünschte übrigens Parmentier zur erfolgreichen Einführung der Kartoffel in Frankreich. Das Land werde ihm einmal dankbar dafür sein „das Brot der Armen“ erfunden zu haben. Die pommes frites wurden erst später „erfunden“, aber ohne Parmentier gäbe es sie nicht…

Das Grab Parmentiers befindet sich in division 39, allée P. Reste.