Das Hotel Lutetia (2): Geschichten und Geschichte

 

Im Januar 2019 wurde auf diesen Blog ein Text über das  nun gut 100 Jahre alte 2018 neu eröffnete Pariser Hotel  Lutetia eingestellt:  Ein Bauwerk zwischen Art Nouveau und Art Déco in neuem Glanz.[1]  Am Anfang wird dort aus einem  anlässlich der Neueröffnung erschienenen Artikel der „Süddeutschen Zeitung“ zitiert:

Könnte man alle Gäste des vergangenen Jahrhunderts hier versammeln, dann stünden nicht nur Charles de Gaulle, Pablo Picasso und Heinrich Mann gemeinsam an der Bar, dann träfen die Überlebenden deutscher Vernichtungslager in der Lobby auf Wehrmachtsoffiziere, die von hier aus Frankreich ausspionierten. Von 1940 bis 1944 besetzte der als Abwehr bezeichnete militärische Geheimdienst der Nazis das Hotel. Zwischen April und August 1945 wurden am selben Ort alle deportieren Juden und Widerstandskämpfer versammelt, die nach Frankreich zurückkehrten. Und als wäre all das nie passiert, sitzen entlang der Fassade damals wie heute kleine, dicke Putten zwischen übervollen Weinreben. Anfang des 20. Jahrhundert in Stein gehauen von Paul Belmondo, dem Vater des Schauspielers Jean-Paul Belmondo.“[2]

Das Hotel Lutetia ist, das wurde ja auch schon im ersten Teil des  Blog-Beitrags  deutlich,  ein ganz außerordentliches Hotel voller Geschichte und Geschichten- jetzt sogar mit literarischem Ruhm gekrönt. Denn es ist gerade dieses Hotel, in dem  sich Édouard Péricaut,  die  zentrale Figur in  dem wunderbaren Roman  „Wir sehen uns da oben“ von Pierre Lemaitre, in den letzten Tagen vor seinem selbstgewählten Tod  einquartiert.  Im Ersten Weltkrieg  wurde sein Gesicht von einer Granate entstellt  und er wurde für tot erklärt. Nach dem Krieg bietet er unter falschem Namen  Kriegerdenkmäler an und  kommt durch die Anzahlungen  rasch zu Geld. So kann er sich, als Monsieur Eugène,  eine noble Suite im Lutetia leisten  und  erregt mit seiner Freigiebigkeit und den phantasievollen  Masken, mit denen er seine „geule cassée“ verdeckt,  Aufsehen.

„Niemand wusste, womit er sich eigentlich beschäftigte, immer trug er übergroße Masken und niemals dieselbe, und er hatte alle möglichen phantastischen Einfälle: ein Kriegstanz auf dem Korridor, sodass die Zimmermädchen losprusteten, oder dekadent großzügige Blumenlieferungen…. Er schickte die Laufburschen in das gegenüberliegende Kaufhaus Bon Marché, damit sie dort die unmöglichsten Sachen für ihn kauften, von Talmi über Federn, Papier mit Goldschnitt, bis hin zu Filz und Farben, und alles fand man dann auf seinen Masken wieder. Und das war längst nicht alles! In der letzten Woche hatte er ein Kammermusikorchester mit acht Musikern ins Hotel bestellt. Kaum hatte man ihn über deren Ankunft informiert, war er die Treppe heruntergekommen und hatte sich auf die erste Stufe gegenüber dem Empfang gestellt, um den Takt anzugeben. Das Orchester führte den ‚Türkischen Marsch‘ von Lully auf, wonach er wieder nach oben verschwand. Monsieur Eugène hatte an das gesamte Personal Fünfzig-Francs-Scheine verteilt, wegen der Umstände.“[3]

Welches andere Pariser Hotel wäre passender gewesen für die letzten Tage des Monsieur Eugène?   Und welches andere Hotel  hätten Georgette und Bernard, ein literarisch und philosophisch hochgebildetes Paar von über 80 Jahren, wählen können, um dort im November 2013 vor ihrem Freitod  gemeinsam eine letzte Nacht zu verbringen?  Die Wahl der „Liebenden des Lutetia“,  fiel auch –aber wohl kaum alleine-deshalb-  auf  dieses Hotel, weil Georgette 1945  dort ihren Vater nach 5-jähriger Deportation wiedergefunden hatte…   [4]

 

Midnight in the Lutetia

Aber natürlich ist das Lutetia vor allem ein Ort prallen Lebens, besonders in den zwanziger Jahren, die auch für das Lutetia die „goldenen“ waren. Aufgrund seiner Lage und Architektur war das Hotel  Anziehungs- und Treffpunkt  einer anspruchsvollen  und i.A. auch wohlhabenden  Kundschaft. Würde man, wie die Süddeutsche Zeitung ansatzweise in ihrem anfangs zitierten Artikel die ganze Prominenz vereinen, die zu den Kunden des Lutetia gehörte, dann käme ein höchst eindrucksvolles Panorama  zusammen. Hier nur eine kleine Auswahl:

Da ist beispielsweise André Malraux,  der 1921 der Bitte der Übersetzerin   Clara Goldschmidt (seiner späteren Frau)  nachkam, sie endlich von ihrer Jungfernschaft zu befreien. [4a] Und das geschah genau am 14. Juli, dem Nationalfeiertag, und eben im Hotel Lutetia, wo der junge Schriftsteller André Malraux  (und spätere Kulturminister de Gaulles) damals – wenn auch nur in einem  kleinen Zimmer (chambre de bonne)- wohnte.  Im gleichen Jahr machte  der junge Offizier Charles de Gaulle  während seiner Hochzeitsreise  im Lutetia Station  und hatte offenbar  so gute Erinnerungen daran, dass er das Hotel auch danach noch mehrfach frequentierte –ebenso wie seine Frau, die eine treue Kundin des Bon Marché war. Als im Juni 1940 der gerade zum General avancierte de Gaulle als  Unterstaatssekretär ins Kriegsministerium nach Paris versetzt wurde, logierte er wieder im Lutetia,  bevor er es –vor der anrückenden Wehrmacht- wieder verlassen musste, um der schon in den Süden ausgewichenen Regierung zu folgen. Und dieser Aufbruch war offenbar so überstürzt, dass er einen Teil seiner Ausrüstung dort zurückließ, u.a. sogar seinen Offizierssäbel von der Militärschule St. Cyr. Alles wurde im Keller wohlverwahrt bis zur Libération, und  sicherlich  –zumindest zum Schluss-  im Rang einer Reliquie.

Und dann findet sich im Lutetia der Zwischenkriegszeit fast alles ein, was im literarischen und intellektuellen Leben Frankreichs Rang und Namen hat. So André Gide, der öfters für einige Tage im Lutetia wohnt, um dort in Ruhe zu schreiben, sich mit befreundeten Schriftstellern zum Tee zu treffen und mit manchen Freunden auch noch danach. So auch Roger Martin du Gard, der französische Literatur-Nobelpreisträger von 1937, der sich im Lutetia einquartiert, um seinen zahlreichen gesellschaftlichen und literarischen Verpflichtungen nachkommen zu können, die diese Auszeichnung mit sich brachte. Das Lutetia betrachtete ihn gewissermaßen als seinen Nobelpreisträger. Auch Antoine de Saint-Exupéry war  öfters mit seiner Frau Gast  im Lutetia, wenn er mal wieder –über beide Ohren verschuldet-  finanzielle Auseinandersetzungen mit seinen Vermietern hatte. Das hinderte das Paar allerdings nicht,  jeder ein extra  Zimmer und sogar auf verschiedenen Stockwerken zu beziehen. Saint-Exupéry wird sich beim Auszug sicherlich nicht, wie de Gaulle 1940, mit der „parole historique: ‚Ma note, je vous prie‘“  verabschiedet haben.[5]  Aber ich nehme  an, dass das Lutetia da großzügig war. Immerhin hatte man einen „VIP“ mehr unter den Kunden, mit denen man den Ruf des Hotels weiter mehren konnte. Und an diesem Ruf arbeitete das Lutetia auch ganz bewusst und raffiniert. Ab und zu wurde etwa ein Hotel-boy durch die Lobby oder die verschiedenen Salons geschickt, um – beispielsweise- Mr. Charlie Chaplin auszurufen, als würde der gerade im Lutetia wohnen und am Telefon verlangt- und das konnten dann ein anderes Mal Jean Gabin,  Picasso oder Matisse sein.  Der Möglichkeiten waren viele und die Anwesenden fühlten sich in jedem Fall sicherlich erhoben und in ihrer Überzeugung gestärkt, mit dem Lutetia eine exzellente Wahl getroffen zu haben.

Denn dann gab es ja auch noch die Ausländer im Lutetia. Russische Emigranten beispielsweise, die Amerikaner, vor allem natürlich  Joséphine Baker,  „qui y séjourna souvent avec sa tribu d’enfants“ (Hoteltext), der Kreis  um Hemingway und –nicht zu vergessen: Samuel Becket und James Joyce, der –wie Assouline berichtet, einem Angestellten des Hauses auf die Frage, was er denn wirklich mache, antwortete: „Moi? Je m’emploie à donner du travail aux universitaires pour les trois siècles à venir, au moins. J’y ai mis tellement de devinettes et d’énigmes que cela va bien les occuper. Il n’y a de meilleur moyen de gagner l’immortalité que de susciter la discussion des érudits sur ce qu’on a voulu dire.“ (S.149). Er sei also dabei, die Professoren der nächsten drei Jahrhunderte –mindestens- zu beschäftigen, so viele Andeutungen und Rätsel habe er in seine Werke eingebaut. Es gäbe kein besseres Mittel zur Unsterblichkeit als eine Diskussion zu provozieren, was man denn habe sagen wollen – ein Rezept, das ja auch von anderen Autoren – auch deutscher Sprache- befolgt wurde.

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Portrait von James Joyce, Paris 1937

aufgenommen von Josef Breitenbach, einem 1933 aus Deutschland  nach Paris emigrierten jüdischen Fotografen. Er portraitierte dort zahlreiche Künstler (Brecht, H. Weigel,  J. Roth, Wassily Kandinsky, Max Ernst…)  und dokumentierte fotografisch das kulturelle Leben des deutschen Exils  in Paris.

 

Auch nach dem zweiten Weltkrieg fehlte es im Lutetia nicht an Prominenz. Sartre wohnte zwar nicht in diesem Hotel, war aber öfters dort zu Gast ebenso wie Michel Foucault und Catherine Deneuve, die dort gewissermaßen eine Dependance hatte.  Ein prominenter Gast  des Hotels  war auch der gockelige Philosoph Bernard-Henri Levy,  der den damaligen französischen Präsidenten  Sarkozy und die französische Öffentlichkeit wortreich von der Notwendigkeit eines militärischen Eingreifens in Libyen überzeugte und der das dort angerichtete Chaos mit dem Verweis auf die Legitimität „progressiver Gewalt“ und die Französische Revolution  verteidigte.  (Die ist ja in Frankreich –wie auch derzeit wieder  im Zusammenhang mit den sogenannten Gelbwesten- gerade für manche linken Intellektuellen dazu gut, der Gewalt und dem Chaos positive Seiten abzugewinnen).  Dann zum Schluss  dieses ersten Blicks auf die Lutetia-Prominenz lieber noch eine nette Anekdote, den Komiker und Gründer der restos du cœur Coluche betreffend. Der quartierte sich in den 1980-er Jahren nach seiner Scheidung mehrere Wochen im Lutetia ein, ärgerte sich dabei aber über die Politessen, die an seinem vor dem Hotel aufgestellten Wagen  Strafzettel befestigten (kennen wir gut), worauf er sie aus seinem Hotelfenster  mit Joghurtbechern bewarf. ( Das erinnert mich an eigene Jugendstreiche, wobei wir in den kargen Nachkriegsjahren die unten vorbeilaufenden Passanten natürlich nicht mit wertvollem Joghurt bewarfen, sondern –im Sommer- lediglich mit etwas Wasser erfrischten). Die empörten Pariser Politessen wollten dann natürlich den Übeltäter ausfindig machen, was aber die Hotelleitung –devoir de réserve oblige- selbstverständlich verhinderte.

 

 

Die deutsche Volksfront, der Lutetia-Kreis und Heinrich Mann

Viel Prominenz also, so dass Woody Allan auch gut sein „Midnight in Paris“  im Lutetia – und allein  im Lutetia- hätte drehen können. Eine wichtige Episode des „Midnight in the Lutetia“  hätte dann  unbedingt  den  deutschen Emigranten im Lutetia der 30-er Jahre gewidmet sein müssen. Immerhin heißt „von 1933 bis zur Okkupation durch die Wehrmacht 1940 … die europäische Hauptstadt der deutschen Kultur Paris“.[6]  Viele Flüchtlinge von 1933 sahen sich in einer Traditionslinie , die von den deutschen Ehrenbürgern der ersten französischen Republik wie Schiller und Klopstock  über Heine und Börne bis zu ihnen reichte. „Insofern ist Paris anfangs nicht nur Flucht-, sondern auch Wunschort des künstlerischen Exils.“[7] Frankreich war denn auch  das Land mit der größten Zahl deutscher Flüchtlinge zwischen 1933 und 1939  – etwa 55.000 waren es ( mit allerdings stark abweichenden  Zahlenangaben in der Literatur),  von denen etwa 8000 in  Paris lebten bzw. zum Teil auch eher hausten. Denn mit Ausnahme der Volksfront-Regierung Léon Blums betrieben die französischen Regierungen eine äußerst restriktive Asylpolitik, eine Arbeitserlaubnis wurde nur in den seltensten Fällen gewährt. Für Intellektuelle und Schriftsteller, die die französische Sprache nicht oder nur unzureichend beherrschten und die von ihrem heimischen Publikum und ihren herkömmlichen finanziellen Ressourcen abgeschnitten waren, war die Situation natürlich besonders kritisch. Ein Mittel zum geistigen und materiellen Überleben war der Versuch, Paris zum intellektuellen und politischen Zentrum des deutschen Exils zu machen- mit deutschen Zeitungen, Exil-Verlagen, Cabarets, Literaten-Cafés, Solidaritäts-Gruppen wie dem SDS (das war damals der Schutzverband deutscher Schriftsteller)  und zum Treffpunkt und Tagungsort der deutschen Emigration.  Das Lutetia war dabei  allerdings eher der Prominenz vorbehalten: Zu ihnen gehörten u.a. auch Max Horkheimer, der Direktor des (Frankfurter) Instituts für Sozialforschung, der 1934 Stammgast im Lutetia war, der kommunistische „Pressezar“ Willi Münzenberg, Klaus Mann, der in der „Bar Lutèce“ mit André Gide über die ernüchternden Moskau-Erfahrungen diskutierte, und –natürlich- Heinrich Mann, der am 20. November 1935 seinen Bruder Thomas informierte: „Du erreichst mich brieflich oder telegraphisch bis 25. in Paris (7.) Hotel Lutetia, Bd. Raspail“. [8]

In Paris und im Lutetia hielt sich Heinrich Mann allerdings zur zeitweise auf. Während der ersten Jahre seines Exils lebte er nämlich an der Côte d’Azur,  so wie zeitweise viele andere deutsche Exilierte: Thomas und Golo Mann, Lion Feuchtwanger, Egon-Erwin Kisch, Joseph Roth, Franz Werfel, Arnold und Stefan Zweig, Franz und Helen Hessel, die Eltern von Stéphane Hessel, Bertolt Brecht und viele andere. [9]  Hier war -damals jedenfalls noch- das Leben wesentlich billiger als in Paris, und zunächst gingen viele davon aus, nach dem erhofften schnellen Zusammenbruch des NS-Regimes bald wieder vom sommerlichen Intermezzo am Meer nach Deutschland zurückkehren zu können. Die terroristische feste Etablierung der Nationalsozialisten bedeutete dann aber für die politisch engagierten Exilierten, sich im Exil als Repräsentanten eines „besseren“, „anderen“ Deutschlands einrichten zu müssen, einen Beitrag zum Kampf gegen den Faschismus zu leisten und gleichzeitig eine Zukunftsperspektive für ein Deutschland nach Hitler zu entwickeln. Und dazu sollte das Projekt einer deutschen Volksfront im Exil dienen. Voraussetzung eines solchen Zusammenschlusses von Kommunisten, Sozialdemokraten, Christen und bürgerlichen Intellektuellen war die Abkehr der Kommunisten von ihrer seit 1928 vertretenen ultralinken „Sozialfaschismus“-Theorie, nach der ihr Hauptfeind nicht der Nationalsozialismus, sondern die Sozialdemokratie sei. Diese Position wurde 1935 auf dem VII. Weltkongress der Komintern in Moskau selbstkritisch als „sektiererisch“ verurteilt, womit –zumindest formal- eine unabdingbare Voraussetzung für ein Volksfront-Bündnis geschaffen war. Und nun waren es gerade die Kommunisten, die hier die Initiative ergriffen:  Willi Münzenberg, der in Paris die kommunistische Öffentlichkeitsarbeit koordinierte, lud für den 26. September 1935 zu einer ersten Tagung ins Hotel Lutetia ein, die der Schaffung einer deutschen Volksfront dienen sollte. Eine weitere Konferenz folgte am 2. Februar 1936 wiederum  im Lutetia.  Das Umfeld dafür war günstig: Im Juni 1935 tagte in Paris im Haus der Mutualité der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur, Ausdruck eines notwendigen gemeinsamen Kampfes gegen den Faschismus.[10]  Am 14. Juli 1935, also dem französischen Nationalfeiertag,  verabschiedeten die französischen Kommunisten, Sozialisten und die –eher bürgerlich-linksliberalen- Radikalsozialisten einen Freundschaftsvertrag und Aktionsplan,  und an der Spitze des traditionellen Demonstrationszuges von der Bastille zur Place de la Nation marschierten die Führer der drei  die französische Volksfront tragenden Parteien. Am 16. Februar 1936 feierte die spanische Volksfront ihren Wahlsieg, am 3. Mai gewann bei den Parlamentswahlen  das französische Volksfrontbündnis unter Léon Blum.  Dazu kam die zunehmend deutlicher werdende Bedrohung durch die deutsche Aufrüstung:  Am 7. März 1936 marschierten deutsche Truppen ins entmilitarisierte Rheinland ein, von der NS-Propaganda als „Sprengung der Ketten von Versailles“ gefeiert.[11] Dass unter diesen Umständen die im Exil lebenden deutschen Antifaschisten sich zusammenschließen müssten, war also ein Gebot der Stunde.  Auf den organisatorischen Rahmen dafür einigte man sich bei dem Treffen im Lutetia vom 2. Februar. Es  wurde ein Leitungsgremium (Lutetia-Comité)  von Kommunisten, Sozialisten, Vertretern der SAP, des „Freiheitlichen Bürgertums“ und von Katholiken gebildet, das weitere Tagungen der Plenarversammlung  (Lutetia-Kreis)  und die Schaffung einer Deutschen Volksfront vorbereiten sollte. Zum  überparteilichen Vorsitzenden des  Lutetia-Comités wurde Heinrich Mann gewählt.[12]

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Heinrich Mann im französischen Exil (Foto Buddenbrook-Haus Lübeck)

Dass die Wahl gerade auf ihn fiel, war kein Zufall. Denn Heinrich Mann war schon in der Weimarer Republik eine repräsentative Gestalt der deutschen Demokratie und Literatur gewesen- 1932 hatte ihn der Kreis um die „Weltbühne“ sogar als  Präsidentschaftskandidaten –gegen Hindenburg, Hitler und Thälmann ins Spiel gebracht-   er war in Frankreich genauso heimisch wie in Deutschland und vor  allem hatte er schon 1932, also vor der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten und  lange vor dem Kurswechsel der Kommunisten, für eine Einheitsfront der Arbeiterparteien geworben und die Kommunisten aufgefordert, ihre rein platonischen Forderungen nach einem Umsturz der Gesellschaft aufzugeben, „wodurch nur ihre alleräußersten Feinde die Macht bekämen, ihnen alles zu nehmen“ [13],  was sich dann ja auch auf tragische Weise bestätigte.

Jetzt war also Heinrich Mann zum „Wortführer der antifaschistischen Bewegung“  (Kantorowicz) geworden, die im Hotel Lutetia versuchte, sich organisatorische Strukturen zu geben und sich auf gemeinsame Grundsätze für ein postfaschistisches Deutschland zu einigen. Heinrich Mann reiste nun also öfters  von Nizza, wo er damals wohnte,  nach Paris und nahm dafür die Strapazen ganztägiger Bahnreisen auf sich: „Ich war eine Woche abwesend und in Paris durch unsere neueren Bemühungen bis zur Erschöpfung beansprucht“, schrieb er am 6. Februar 1936 seinem Bruder. (Briefwechsel, S. 225).  Immerhin wohnte er dann im Lutetia, das er von Besuchen in den 20-er Jahren gut kannte und das ganz sicherlich auch seinem Bedürfnis nach Repräsentation entsprach: Die Treffen des Lutetia-Kreises mit zum Teil über 100 Teilnehmern fanden sogar im nobelsten Salon des Hauses, dem damaligen  „Président“ (heute Salon Crystal) statt.

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(Das Bild wurde 2011 bei einem Kammerkonzert noch vor der Renovierung des Hotels ausgenommen)

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     Details des unter Denkmalschutz stehenden Salon Crystal mit seinen Lalique-Leuchten

 

Zu den Teilnehmern der Treffen im Lutetia  gehörte auch als Vertreter  der SAP, einer linken Abspaltung der SPD, Willy Brandt, der dazu aus seinem norwegischen Exil nach Paris kam. In seinen Erinnerungen schreibt er:

„Ich hatte 1934,1935, auch im Frühjahr 1936 noch meine Erfahrungen gemacht mit den Exiloberen und dem Pariser Emigrantenmilieu, aber auch Hoffnungen gezogen aus der breiten sozialistisch-kommunistischen Einheitswelle, die zuerst und vor allem eine antifaschistische Welle zu sein schien. Sie erfasste Frankreich und rollte durch das Paris der vertriebenen Deutschen. Ich sprach auf großen Versammlungen, Zusammenkünften deutscher Schicksalsgefährten und ließ mich (…) von der neuen Aufbruchstimmung mitreißen…“[14] 

Das Projekt einer Deutschen Volksfront hatte drei Adressaten:  zunächst natürlich die Exilierten selbst, deren Zersplitterung überwunden und deren Status und  materielle Grundlagen verbessert werden sollen. In diesem Bereich kam es im Lauf des Jahres 1936 während der Regierungszeit des Front Populaire in Frankreich auch durchaus zu Fortschritten.[15] Adressaten waren natürlich auch  die Deutschen in der Heimat, die man der Solidarität  versichern und  zum Widerstand aufrufen wollte. Das geschah zum Beispiel mithilfe einer „Kundgebung an das deutsche Volk“, die bei dem Treffen vom 6. Februar 1936 im Lutetia verabschiedet und massenhaft in Deutschland verbreitet wurde.  Welche Resonanz sie dort fand, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Und schließlich wandte man sich auch an  die Bevölkerung/die Regierungen der Länder, die die aus Deutschland geflohenen bzw. vertriebenen Menschen aufgenommen hatten. Dabei ging es vor allem um eine Aufklärung über die Zustände in Deutschland und um die Warnung  vor einem drohenden Krieg.  Im Dezember 1936 wurde von dem Volksfrontausschuss  ein gemeinsamer Aufruf  „Bildet die deutsche Volksfront! Für Frieden, Freiheit und Brot!“ verabschiedet und in den Publikationsorganen des Exils, aber auch in ausländischen Zeitungen wie „L’Humanité“ veröffentlicht.[16]

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(Pariser Tageszeitung vom 8.1.1937)

Darin steht an erster Stelle die Gefährdung des Friedens durch Nazi-Deutschland:

Die Volksinteressen werden rücksichtslos der Vorbereitung eines neuen Krieges geopfert, der furchtbarer sein wird als alle bisherigen Kriege. Auf dem letzten Nürnberger Parteitag hat Adolf Hitler die Steigerung dieser Politik angekündigt. Sie droht nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt in eine entsetzliche Katastrophe zu stürzen.“

Angesichts der Appeasement-Politik Frankreichs und Großbritanniens  stießen  solche Warnungen allerdings eher auf taube Ohren.  Die Vertreter des deutschen Exils waren da gewissermaßen einsame Rufer in der Wüste… 

Besonders schwierig waren die programmatischen  Diskussionen und Auseinandersetzungen  im Lutetia-Kreis, an denen sich auch Heinrich Mann intensiv beteiligte.  Selbstverständlich war für ihn, der 1932 ein leidenschaftliches „Bekenntnis zum Übernationalen“ veröffentlicht hatte, dass ein vom Faschismus befreites Deutschland  seinen Platz in einem geeinten Europa haben müsse. Und besonders wichtig war für ihn die Rolle der Erziehung in einem künftigen deutschen „Volksstaat“, also  die Herausbildung von vernünftigen, verantwortungsbewussten, „sittlichen“ Menschen, wie er in einem  Beitrag  über ein „Minimalprogramm der Deutschen Volksfront“ betonte.  Dass  er damit die ethische Dimension über die rein sozial-ökonomische stellte, stieß allerdings auf den Widerstand von Kommunisten und Sozialisten.[17] In diesen Programmdiskussionen wurden schon von Anfang an die  erheblichen ideologischen Gegensätze innerhalb und  zwischen den verschiedenen Gruppierungen und Vertretern des deutschen Exils deutlich, die  wesentlicher Grund für das Scheitern des Projekts einer Deutschen Volksfront waren.  Dazu kamen Zweifel des Vorstandes der Exil- SPD in Prag am Kurswechsel der KPD, so dass die SPD-Mitglieder im Lutetia-Kreis und –Komitee keine offiziellen Vertreter des SOPADE-Vorstandes in Prag (also der Exil-SPD) waren, sondern gewissermaßen  auf eigene Initiative agierten. Es gab ja auch durchaus kommunistische Hardliner, die der Auffassung waren,  Willi Münzenberg  komme den Bürgerlichen im Volksfront-Kreis zu sehr entgegen. Als Scharfmacher tat sich da besonders der im Moskauer Exil lebende Walter Ulbricht, der spätere Statthalter Stalins in der SBZ/DDR,  hervor, den Heinrich Mann als „vertracktes Polizeigehirn“ bezeichnete, das man loswerden müsse. [18]  Entscheidend waren aber  vor allem die Moskauer Prozesse: Im August 1936 wurden im ersten Schauprozess Sinowjew, Kamenew und weitere  Mitstreiter Lenins wegen angeblicher Beteiligung an einem trotzkistischen Mordkomplott zum Tode verurteilt. Und André Gide, ein Jahr zuvor noch von den Kommunisten auf dem internationalen Pariser Schriftstellerkongress gefeiert, wurde nach der Veröffentlichung seines kritischen Reiseberichts „Retour de l’U.R.S.S.“ ebenfalls als Trotzkist abgestempelt und zum Opfer eines kommunistischen Kesseltreibens.[19]  Damit war im Grunde allen weiteren Volksfront-Bemühungen der Boden unter den Füßen weggezogen.

An Heinrich Mann jedenfalls lag dieses Scheitern nicht. Er war bei dem Projekt der Schaffung einer deutschen Volksfront durchaus mehr als nur ein als ein Aushängeschild.  Willy Brandt geht in seinen Erinnerungen sogar so weit, von der „Deutschen Volksfront des Heinrich Mann“ zu sprechen.[20]  Der war „die integrierende Figur“ in dem „zum Teil etwas wirren und kontroversen“ Lutetia-Kreis  (Walter Fabian), und er bemühte sich selbst noch nach den Moskauer Prozessen, zu kitten, was nicht mehr zu kitten war. Das wurde und wird ihm dann auch immer wieder massiv und zum Teil hämisch vorgeworfen. Heinrich Mann hat sich in der Tat „oft geirrt, verrannt“.[21]  Vor allem, was seine unkritische Haltung  gegenüber der stalinistischen  Sowjetunion angeht, die für ihn –wie Frankreich- ein Traumland  war, imaginierter Ort einer „verwirklichten Idee“.[22] Nur allzu richtig war aber seine Einsicht, dass nur zusammen mit der Sowjetunion der Kampf gegen den Faschismus zu gewinnen sei. Es war dann ja in der Tat die russische Bevölkerung, die die größten Opfer im Kampf gegen das Dritte Reich gebracht hat, und es waren die westlichen Alliierten, die sich mit Stalin verbündeten und ihm schließlich  weite Teile Europas auslieferten.

Neben seinen zeitraubenden und teilweise illusionären  politischen Aktivitäten hat Heinrich Mann aber auch  „an seinem herrlichen Toleranz- und Menschlichkeitsroman ‚Henri Quatre‘ geschrieben“,  der –und deshalb gehört er zu diesem Abschnitt- auch ein Volksfront-Roman ist.[23] Dieser historische  Roman war gedacht als Huldigung an den größten König, den Europa je hatte, wie Heinrich Mann in einem Brief an seinen Freund, den französischen Germanisten Félix Bertaux, 1937 schrieb. Darüber hinaus sei es ihm aber auch darum gegangen „à me consoler des malheurs du temps présent et à en concevoir la réparation“. In dem  monumentalen Roman entwirft  er ein Gegenbild zum nationalsozialistischen Deutschland:  Henri Quatre gewährt im Edikt von Nantes seinen Untertanen die Religionsfreiheit, das sonntägliche Huhn im Topf bezeichnet sprichwörtlich das  Bemühen des „guten Königs“, das Wohlergehen seines Volkes zu mehren, und Henri verzichtet im Roman auf jede kriegerische Expansion, um Frankreich nach langen Jahren äußerer und innerer Kriege endlich den Frieden zu sichern. Denen, die den Roman im Angesicht des Faschismus lasen, wird die Botschaft übermittelt, „dass das Böse und Furchtbare überwunden werden kann durch Kämpfer, die das Unglück zum Denken erzog, wie auch durch Denkende, die gelernt haben, zu reiten und zuzuschlagen“. (HM 1939). Dieser militante Humanismus war ein einigendes Band der deutschen Volksfront, und sie und die dort geführten ermüdenden ideologischen Debatten hat Heinrich Mann wohl auch im Kopf, als er seinen Helden nach einer langen Debatte mit Prälaten über seinen geplanten Übertritt zum Katholizismus denken lässt: „Gott hat nicht hingehört, ihn langweilen die Dinge des Glaubens, und ob ein Bekenntnis oder das andere, ihn rührt es nicht. Er nennt unseren Eifer kindisch, unsere Reinheit aber verwirft er als baren Hochmut“. (Bd II, S. 130).

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Erstausgabe des „Henri Quatre“ 1935 und 1938

Die Lektüre des „Henri Quatre“ lohnt auch heute noch, was jedenfalls so unterschiedliche Menschen wie Elke Heidenreich, Ulrich Wickert oder Peer Steinbrück bestätigen. Besonders bewegend finde ich aber das, was  Denise Bardet in ihrem Tagebuch schreibt. Sie war  die Grundschullehrerin von Oradour-sur-Glane und wurde  am 10. Juni 1944 zusammen mit ihren Schülern von deutschen Soldaten ermordet.  Für sie stehen Heinrich Mann und sein „Henri Quatre“ für den „humanisme allemand“ und sie entnimmt dem Buch die Botschaft, all unseren Mut zu bewahren „au milieu de l’affreuse mêlée où tant de formidables ennemis mous menacent“. Und sie schreibt weiter: „Nous sommes, nous Français, en état de guerre avec l’Allemagne, et il est nécessaire aux Français de se durcir et de savoir même être injuste, et de haïr pour être aptes à résister… Et pourtant il nous est facile de continuer à aimer l’Allemagne qui n’est pas notre ennemie: l’Allemagne humaine et mélodieuse. Car dans cette guerre, les Allemands ont tourné leurs premières armes contre leurs poètes, leurs musiciens, leurs philosophes, leurs peintres, leurs acteurs…” (S. 51/52). Was für eine wunderbare Würdigung des “anderen, besseren” Deutschlands, als deren Repräsentanten sich die Emigranten und die im Lutetia tagendenden Vertreter der deutschen Volksfront verstanden.

 

 

Die deutsche Abwehr im Lutetia

Als die deutschen Truppen Frankreich besetzten und sich in Paris niederließen, kam es im Hotel Lutetia zu einem makabren Wechsel der deutschen „Gäste“:  Während die Mitglieder des Volksfrontausschusses entweder in Internierungslagern ums Überleben kämpften oder versuchten, über die Pyrenäen oder das Meer Frankreich zu verlassen, richtete Admiral Wilhelm Canaris im Hotel Lutetia die Pariser Zweigstelle seiner Abwehr ein – er selbst residierte in Berlin, im Lutetia war aber immer ein Zimmer für ihn reserviert.  Die feinen Herren von der Abwehr ließen es sich im Lutetia gut gehen. Allerdings mussten sie auf die besten Tropfen des Hauses verzichten, da das Personal diese vorher in einem fest zugemauerten Stollen unter dem Hotel sicher gelagert hatte. Gefangenenmisshandlungen, Folter oder dergleichen gab es im Lutetia  nicht. Das wussten die gefangenen Agenten und Widerständler. Aber sie wussten auch, dass sie- wenn sie sich nicht auf das angebotene „offene Gespräch von Mann zu Mann“ einließen, damit rechnen mussten, an die Gestapo übergeben zu werden- das Gefängnis Cherche-Midi lag gleich gegenüber im Boulevard Raspail.  1944  gehörte dann der Chef der Abwehr selbst zu den Opfern. Nach dem Attentat vom 20. Juli wird der „Meisterspion Hitlers“  von der Gestapo verhaftet. Er hatte sich zwar nicht an dem Anschlag auf Hitler beteiligt, hatte aber Männer des Widerstands in seinem Umkreis gedeckt,  und er hatte schon früh die Erschießung polnischer Intellektueller und die  nachfolgenden Judenmassaker –auch Hitler gegenüber- kritisiert. Am 9. April 1945 wurde er  –gemeinsam mit Dietrich Bonhoeffer-  im KZ Flossenbürg umgebracht, weil er  – mit seinen eigenen letzten Worten- versucht hatte, dem „verbrecherischen Wahnsinn Hitlers, der Deutschland zur Vernichtung führte“, entgegenzutreten.[24]

 

Das Lutetia als Treffpunkt der rescapés

Und als wäre das alles noch nicht genug: Noch einmal wurde das Lutetia nach der Befreiung zu einem außergewöhnlichen und mit der deutschen Geschichte eng verbundenen dramatischen Schauplatz: Hier versammelten sich „die den Lagern Entronnenen in gestreiften Pyjamas unter den Lüstern des Hotels“ (Patrick Modiano[25]) und hofften, hier Familienangehörige zu treffen. Und in der Eingangshalle und der Grande Galerie des Hotels, wo heute Gucci, Armani und Co ihre Preziosen ausstellen, waren die Wände bedeckt mit Suchmeldungen. Die Kinder von Irène Némirovsky haben hier mehrere Wochen lang –vergeblich- auf ihre Mutter gewartet. Die Rescapés sollten 3-5 Tage im Lutetia bleiben, um die erforderlichen Formalitäten zu erledigen und sich zu erholen- alles war schon von der provisorischen Regierung in Algier genauestens geplant, aber mit einem solchen Ausmaß von Elend hatte offenbar niemand gerechnet.

Dieses Elend wird sehr bewegend von Marguerite Duras in „La Douleur“ beschrieben: Das Warten auf ihren Mann Robert Antelme (im Buch Robert L.), seine mühsame Neuentdeckung von Normalität und  –natürlich- die erste Begegnung mit ihm nach seiner Befreiung aus dem Lager Buchenwald:

„Dans mon souvenir, à un moment donné, les bruits s’éteignent et je le vois. Immense. Devant moi. Je ne le reconnais pas. Il me regarde. Il sourit. Il se laisse regarder. Une fatigue surnaturelle se montre dans son sourire, celle d’être arrivé à vivre jusqu’à ce moment-ci. C’est à ce sourire que tout à coup je le reconnais, mais de très loin, comme si je le voyais au fond d’un tunnel. C’est un sourire de confusion. Il s’excuse d’en être là, réduit à ce déchet. Et puis le sourire s’évanouit. Et il redevient un inconnu. Mais la connaissance est là, que cet inconnu c’est lui, Robert L., dans sa totalité.”

Heute erinnert eine “in etwas verschämter Distanz zum Hoteleingang an der Außenfassade angebrachte Tafel“  (Jasper) an diese Zeit:

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„Von April bis August 1945 wurden in diesem Hotel, das damals als Empfangszentrale diente, ein großer Teil der Überlebenden aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern aufgenommen. Diese Menschen waren glücklich, die Freiheit wiedergefunden zu haben und ihre Angehörigen, von denen sie gewaltsam getrennt waren. Ihre Freude kann aber nicht die Angst und den Schmerz vergessen machen, den die Familien jener Tausenden von Deportierten zu erleiden hatten, die hier vergeblich auf ihre Rückkehr warteten.“ (Übersetzung bei Jasper, S. 339)

 

Das Hotel Lutetia ist also nicht  nur in ein architektonisches Juwel aus Art Nouveau und Art Déco, sondern es ist auch ein außergewöhnlicher Ort der Erinnerung – gerade auch  an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte, an die damals begangenen Verbrechen, aber auch an den –in Frankreich viel zu wenig bekannten[26]–  deutschen Widerstand, an die Vertreter eines anderen, besseren Deutschland, die sich hier zusammenfanden.  Auch eine darauf hinweisende Erinnerungstafel würde dem neu renovierten Hotel gut anstehen und wäre ein schöner Beitrag zur deutsch-französischen Freundschaft.  Sie könnte vielleicht diese Aufschrift haben:

In diesem Hotel trafen sich zwischen September 1935 und April 1937  Vertreter des deutschen  Widerstands unter dem Vorsitz des Schriftstellers Heinrich Mann,  um eine  Volksfront gegen die Hitlerdiktatur aufzubauen. 

Dieser „cercle Lutetia“ repräsentierte das aus dem Dritten Reich vertriebene  andere  Deutschland des Friedens und der Freiheit.

 

Dans cet hôtel se réunirent , entre septembre 1935 et avril 1937, sous la présidence de l’écrivain Heinrich Mann,  des antifascistes allemands qui voulaient fonder un Front populaire allemand contre la dictature hitlérienne.
Ce „cercle Lutetia“ représentait une Allemagne de paix et de liberté : celle que le IIIe Reich avait bannie. 

 

 

Literatur zum Weiterlesen:

Assouline, Pierre: Lutetia. Roman. Paris: Gallimard 2005. Deutsche Ausgabe: Lutetias Geheimnisse. München: Karl Blessing 2006

Cahier de jeunesse de Denise Bardet, Institutrice à Oradour-sur-Glane, Le 10 juin 1944 Ed. Lucien Souny 2002

Holz, Keith u. Schopf, Wolfgang: Im Auge des Exils. Josef Breitenbach und die Freie Deutsche Kultur in Paris 1933 bis 1941. Berlin: Aufbau-Verlag 2001. Édition française: Allemands en exil. Paris 1933-1941. Paris: Éditions Autrement 2003

Hôtel Lutetia. L’esprit de la Rive Gauche. Paris: Éditions Lattès 2009

Jasper, Willi: Hotel Lutetia. Ein deutsches Exil in Paris. München/Wien: Carl Hanser 1994 Französische Ausgabe: Hôtel Lutétia – Un exil allemand à Paris. Paris: Éditions Michalon 2013

Willi Jasper, Der Bruder Heinrich Mann. Eine Biographie. FFM 1994 (vor allem Kapitel IX: Exil)

Langkau-Alex, Ursula: Deutsche Volksfront 1932-1939. Zwischen Berlin, Paris, Prag und Moskau. 3 Bde  Akademie-Verlag 2004/2005

Langkau-Alex, Ursula:  L’année 1936 et le mouvement du front populaire allemand en exil.  In:  Matériaux pour l’histoire de notre temps, n°7-8, 1986. L’année 1936 dans le monde, sous la direction de Stéphane Courtois. pp. 6-8.    https://www.persee.fr/doc/mat_0769-3206_1986_num_7_1_401426

Simonin, Chantal: Heinrich Mann et la France. Une biographie intellectuelle. Villeneuf d’Ascq 2005

 

 

Anmerkungen:

[1] https://wordpress.com/post/paris-blog.org/11052

[2] https://www.sueddeutsche.de/reise/frankreich-pariser-chic-1.4058103

[3] Pierre Lemaitre, Wir sehen uns da oben. Stuttgart 2014, S. 420

[4] http://www.europe1.fr/faits-divers/main-dans-la-main-les-amants-du-lutetia-voulaient-mourir-ensemble-1719805

[4a] http://www.lepoint.fr/c-est-arrive-aujourd-hui/14-juillet-1921-andre-malraux-aide-clara-goldschmidt-a-perdre-sa-virginite-dans-une-chambre-de-bonne-13-07-2012-1485434_494.php  (Dass in diesem Artikel auch Michel Houellebecq eine Rolle spielt, passt historisch nicht ganz- gehört aber zur Konzeption dieser Artikelserie, in der historische Tatsachen und Fiktion munter vermischt werden).

[5] Assouline, S. 171

[6] Holz/Schopf, Klappentext

[7] Allemands en exil,  S. 13

[8] Thomas Mann-Heinrich Mann, Briefwechsel 1900-1949 FFM 1984, S. 225

[9] Siehe dazu den Blog-Text:  Exil in Frankreich: Sanary, Les Milles und Marseille. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/592

[10] Siehe dazu den entsprechenden Blog-Beitrag

[11] Jasper, Lutetia, S. 99

[12]  Siehe dazu im Einzelnen:

Jasper, Der Bruder Heinrich Mann, S. 288f;  Langkau-Alex, Deutsche Volksfront Band 1. Es gibt auch einen  Fernsehfilm von Hans Rüdiger Minow  aus dem Jahr  1982 zum Thema:  Per Adresse: Hotel Lutetia .   Bezug des Films über : https://wdr-mediagroup.com/geschaeftsfelder/i-o/mitschnittservice/#privatpersonen  Ein kleiner Ausschnitt ist zu sehen unter:  https://www.google.de/search?q=Per+Adresse%3A+Hotel+Lutetia&oq=Per+Adresse%3A+Hotel+Lutetia&aqs=chrome..69i57.6717j0j8&sourceid=chrome&ie=UTF-8

[13] Arbeiterzeitung, Wien 3.4.1932

[14] Willy Brandt, Erinnerungen. Berlin 1997, S. 97

[15] Siehe dazu: Frédéric Monier, Léon Blum, les socialistes français et les réfugiés dans les années 1930. Fondation Jean Jaurès, 13.7.2016 https://jean-jaures.org/nos-productions/leon-blum-les-socialistes-francais-et-les-refugies-dans-les-annees-1930

[16] Bild und Text aus: Langkau-Alex, L’année 1936  https://www.persee.fr/doc/mat_0769-3206_1986_num_7_1_401426

siehe dazu auch: WDR, Stichtag vom 22.12. 2016:  21. Dezember 1936:  Emigranten rufen zu „Volksfront“ gegen Hitler auf.  https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag-emigranten-volksfront-hitler-paris-100.html

[17]  Siehe Langkau-Alex, Band 1, S. 342/343

[18] Siehe dazu: Stéphane Courtois,  La seconde  mort de Willi Münzenberg. In:  Communisme 38/39 (1994), S. 25 ff  Zitat aus: Willi Jasper, Der Bruder Heinrich Mann, S. 297f. In einem Brief an Lion Feuchtwanger  schrieb Heinrich Mann Ende Oktober 1937: „Das Dringlichste ist, den Ulbricht loszuwerden. (…) Er ist ein vertracktes Polizeigehirn, sieht über seine persönlichen Intrigen nicht hinaus, und das demokratische Verantwortngsgefühl, das jetzt erlernt werden muss, ist ihm fremd.“ (zit. bei Jasper a.a.O., S. 299)  Und Alfred Kantorowicz berichtete über ein Gespräch mit Heinrich Mann, in dem der über Ulbricht geäußert habe: „Sehen Sie, ich kann mich nicht mit einem Mann an einen Tisch setzen, der plötzlich behauptet, der Tisch, an dem wir sitzen, sei kein Tisch, sondern ein Ententeich, und der mich zwingen will, dem zuzustimmen.“. zit. a.a.O., S. 298/299

[19] Siehe dazu den Blog-Beitrag: Der Erste Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur im Haus der Mutualité in Paris 1935

[20] A.a.O., S. 108

[21] Volker Weidermann FAZ 4.8.2010

[22] Siehe Manfred Flügge, Traumland und Zuflucht. Heinrich Mann und Frankreich. Berlin 2013, S. 130f  Besonders deutlich wird die idealisierende Sicht Heinrich Manns auf die Sowjetunion in seinem Erinnerungsbuch „Ein Zeitalter wird besichtigt“.

[23] Zitate aus: Volker Weidermann FAZ 4.8.2010. Zum „Henri Quatre“ siehe auch: Wolf Jöckel, Heinrich Manns ‚Henri Quatre‘ als Gegenbild zum nationalsozialistischen Deutschland.  Worms 1977

[24] Richard Bessett, Hitlers Meisterspion. 2007, S. 277

[25] zit. von Jasper, S. 338

[26] Um nur einige Beispiele zu nennen: Das von dem französischen Historiker Gilbert Merlio immerhin 2001/2003  herausgegebene Standardwerk  über „Les résistances allemandes à Hitler“ kann noch für sich in Anspruch nehmen, „eine wenig bekannte Seite“ der deutschen Geschichte darzustellen und zu analysieren.  Das 2004 erschienene Buch Terry Parssinens über die durch das Münchner Abkommen vereitelten Staatsstreichpläne von 1938 trägt den Titel La Conspiration oubliée. Georg  Elser wird in dem ihm gewidmeten Text von Wikipedia fr vorgestellt als  „une figure majeure mais longtemps méconnue de la résistance contre le nazisme (https://fr.wikipedia.org/wiki/Georg_Elser ).  2015 war es schließlich die deutsche Botschaft in Paris, die das Erscheinen eines Buches über den deutschen Widerstand förderte, denn:  La résistance allemande au régime hitlérien demeure peu connue en France. Philippe Meyer, Ils étaient Allemand contre Hitler.   Das Vorwort zu dem Buch schrieb die damalige deutsche Botschafterin in Paris, Susanne Wasum-Rainer.  Auch meine eigenen Erfahrungen bestätigen, dass der deutsche Widerstand in Frankreich –auch unter Intellektuellen- wenig bekannt ist. Résistance gilt gewissermaßen als französisches Alleinstellungsmerkmal.

 

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu deutschsprachigen Schriftstellern in Paris/im französischen Exil:

  • Das Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise in Paris: Eine Hommage an den Vorkämpfer der deutsch- französischen Verständigung

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10585

  • Mit Heinrich Heine in Paris

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8231

  • Exil in Frankreich: Sanary, Les Milles und Marseille

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/592

  • Der Cimetière de Picpus: Ein deutsch-französischer und amerikanischer Erinnerungsort (Rilke, Stefan Zweig)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/1828

  • „Dadurch, dass ich zum Glück die Kinder habe, ist alles doppelt schwer.“ Anna Seghers im Pariser Exil 1933 – 1945

 https://wordpress.com/post/paris-blog.org/11274

 

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Das Haus der Mutualité in Paris (2): Der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935 
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Fontänen im Park von Versailles (2): Ausdruck absolutistischen Größenwahns

fake news, nostalgischer Nationalismus und antideutsche Ressentiments: Der deutsch-französische Freundschaftsvertrag von Aachen schlägt in Frankreich Wellen

Am 22. Januar 2019 wurde im Krönungssaal des Aachener Rathauses der „Vertrag über die deutsch-französische Zusammenarbeit und Integration“ von dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron und der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel unterzeichnet. Ort und Datum waren dabei bewusst gewählt: Aachen als Hauptresidenz Karls des Großen verweist auf die gemeinsame Geschichte, der 22. Januar auf den Elysée-Vertrag, der genau 56 Jahre vorher von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer unterzeichnet wurde. [1]

Unterzeichnung Aachener Vertrag

Der Aachener Vertrag ist denn auch als eine Fortschreibung des Elysée-Vertrags von 1963  zu verstehen.[2]  In seinen 28 Artikeln wird eine verstärkte Zusammenarbeit auf  verschiedenen Bereichen vereinbart: der Europapolitik, der Außenpolitik und Verteidigung, der Kultur und Bildung,  zwischen den jeweiligen Grenzregionen und  im Bereich der Umwelt- und Wirtschaftspolitik. Dafür werden auch spezifische organisatorische Strukturen geschaffen.  Viele Formulierungen des Vertrags  sind eher vage: Die Vertragspartner „bemühen sich“, „setzen sich ein“ „wirken hin auf ,  „arbeiten darauf hin“ etc. Aber es gibt durchaus auch ein Vielzahl konkreter Vereinbarungen, die überprüft,  und  anzustrebender Ziele, an denen die Politik beider Seiten dann auch gemessen werden kann. Insofern ist der Vertrag immerhin eine Grundlage, auf der Menschen und Institutionen, die an einer Vertiefung der Zusammenarbeit interessiert sind,  konkret arbeiten  können. Er fordert also gewissermaßen dazu auf, mit Leben erfüllt zu werden und könnte damit auch ein Vorbild für ähnliche Vereinbarungen mit oder zwischen anderen Staaten der Europäischen Union sein.

 

In  Deutschland hat der Vertrag nach meinen Beobachtungen  wenig Aufsehen erregt. Er wurde eher als wenig weitgehend und ehrgeizig kritisiert; vereinbart worden sei „eine Zusammenarbeit auf Sparflamme“, wie der Grünen- Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Anton  Hofreiter,  feststellte. [3] Auch auf französischer Seite  gab es entsprechende Einschätzungen, etwa von der Zeitung Le Monde, die von „peu d’ambition“ sprach.[4]  Und nach Auffassung der Deutschland-Expertin Claire Demesmay hat der Vertrag „nichts Spektakuläres“ an sich.[5]  Allerdings gibt es in Frankreich auch eine geradezu abenteuerliche Polemik  gegen den Vertrag.  Da wurden und werden absurde Falschmeldungen verbreitet –z.B. dass der Elsass den Deutschen übereignet werde-  und es werden dabei antideutsche Ressentiments geschürt.

Man kann diese Polemiken natürlich abtun als völlig dümmliche und unerhebliche Auswüchse, die keine weitere Beachtung verdienen.[6]  Ich denke aber, dass man es sich da nicht zu leicht machen sollte. Es gibt ja leider derzeit hinreichend Beispiele, die zeigen, wie erfolgreich skrupellose Populisten mit fake news und dem Schüren von Ressentiments sein können. Und  immerhin wird die Polemik gegen den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag  von der extremen Rechten (Le Pens Rassemblement National und Dupont-Aignans Debout la France) und der extremen Linken (La France Insoumise Jean Luc Melenchons) geschürt, hinter denen doch ein beachtlicher Teil der französischen Wählerschaft steht: Legt man die Ergebnisse des ersten Wahlgangs der letzten  Präsidentschaftswahlen zugrunde, entfielen gut 45% der Stimmen auf die Repräsentanten dieser drei Parteien.[7]  Dass diese  den Vertrag von Aachen für ihren Frontalangriff auf Präsident Macron instrumentalisieren[8]  und dabei auch die antideutsche Karte ziehen, zeigt doch, dass sie offenbar eine Chance sehen, damit Erfolg zu haben. Dazu könnte ja auch die intensive Verbreitung entsprechender Polemiken in den sozialen Netzwerken der Gilet Jaunes beitragen. Und nicht zuletzt sind die Grenzen zwischen extremistischen und „republikanischen“ Positionen fließend. Auch auf Seiten der Konservativen ist die Kritik an dem Vertrag verbreitet und auch da sind antideutsche Ressentiments unübersehbar.[9]

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Wo genau die Kampagne gegen den Vertrag ihren Ursprung hat, scheint nicht ganz eindeutig zu sein. Le Monde spricht in diesem Zusammenhang von Verschwörungstheoretikern der „ultradroite“  bzw. der „fachosphère“.

Ein Beispiel:

Macron, der „usurpateur de l’Elysée“ und Verräter,   überlasse  Deutschland ganz Elsass-Lothringen. Die Wirklichkeit sei schrecklich und tragisch: Macron verwirkliche den Traum Hitlers: Ein  Frankreich, das sich – und das auch noch freiwillig!- Deutschland unterworfen habe und ein Deutschland, das sich auf Kosten eines zerstückelten Frankreich vergrößert habe.[10]

Solche Lügen seien dann, so die Le Monde-Analyse-  von der souveränistischen Partei Debout la France des Nicolas Dupon-Aignan und dem Rassemblement national Le Pens (dem früheren Front National) übernommen worden.[11] So verbreitete der Europa-Abgeordnete Bernard Monot (Debout La France) eine Botschaft,  in der er behauptete, der Elsass würde in deutsche Verwaltung übergehen und die Verwaltungssprache werde deutsch sein. Macron liefere wie ein Judas Elsass und Lothringen einer fremden Macht aus. Es handele sich um einen Putsch, ja einen Hochverrat an den Franzosen.[12]

Diese Botschaft aus Absurdistan  ist inzwischen von Monot zurückgezogen worden, allerdings ohne Kommentar und Richtigstellung. In rechtsradikalen Kreisen wird  aber immer noch Werbung dafür gemacht und sie  ist auch (jedenfalls Anfang Februar)  immer noch einsehbar.  https://gloria.tv/video/zZLspuuQypHr3k7YFpE9Qqz3M

Es waren dann die  Vorsitzenden der beiden rechtspopulistischen Parteien, die die Kampagne gegen den Aachener Vertrag weiter führten.

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Nicolas Dupont-Aignan und Marine Le Pen auf einer gemeinsamen Pressekonferenz

 

Auf einer Wahlveranstaltung für die Europawahlen  stellte Marine Le Pen am 19. Januar fest, Präsident Macron sei im Begriff, Verrat zu begehen („acte de trahison“), indem er einen Vertrag abschließe, der zu einer „mise sous tutelle de l’Alsace“ führe  und zu einer „ partage de notre arme nucléaire et de notre siège au Conseil de sécurité“. Nicht nur würde der Elsass unter deutsche Vormundschaft gestellt, sondern es würden  auch die französischen Atomwaffen und der Sitz im Sicherheitsrat mit Deutschland geteilt. [13] Natürlich steht davon nichts im Vertrag von Aachen. Im Gegenteil: Beide Seiten verpflichten sich darin, eine im Grund überfällige  Reform des Sicherheitsrats der UN anzustreben, die die seit 1945  veränderten weltpolitischen Gegebenheiten berücksichtigt. Aspiranten für einen festen Sitz im Sicherheitsrat wären dann Japan, Indien, Brasilien und eben auch Deutschland. Für eine solche Reform will sich Frankreich einsetzen. Eine Teilung des französischen Sitzes im Sicherheitsrat hat dagegen keine Grundlage in dem Vertrag, aber was tut das schon…[14]

Entsprechend also dann auch der Le Pen’sche  Verrats-Vorwurf auf Twitter:[15]

« En signant ce traité d‘#AixLaChapelle en catimini, Emmanuel #Macron commet un acte qui relève de la trahison. »

Mise sous tutelle d’une part de l’Alsace, partage de notre siège au Conseil de sécurité de l’ONU : j’alerte les Français sur le traité d‘#AixLaChapelle !

Nicolas Dupont-Aignan legte nach, indem er die „soumission de la politique étrangère de la France“ anprangerte.

Damit waren die beiden Leitmotive der rechtsradikalen Kampagne  gegen den Vertrag von Aachen geliefert: Verrat und Unterwerfung, trahison und soumission.

Eine Karikatur aus l‘Opinion [16]

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Débout la France! Elsass-Lothringen wird bald an Deutschland verkauft!!! Dupont-Aignan: „Macht nichts, dass die Information falsch ist, wenn dafür die Angst echt ist.“ Le Pen: „ganz schön raffiniert“

 

Auch die republikanische Rechte beteiligte sich an dieser Kampagne. Da sind es vor allem Politiker,  die sich als Gralshüter des Gaullismus verstehen: Immerhin war für de Gaulle ja den Elysée – Vertrag ein Instrument im Rahmen seiner Konzeption eines Europas der Nationen oder Vaterländer, und er sollte der Vormachtstellung Frankreichs in Europa dienen. De Gaulle hatte  Deutschland auch nie verziehen, dass der Bundestag dem Vertrag einseitig eine Präambel voranstellte, in der die Bedeutung der transatlantischen Beziehungen und der europäischen Integration hervorgehoben wurde. Auf diesen  „Dolchstoß in den Rücken“  bezieht sich auch gerne die  „gaullistische Kritik“ am Vertrag von Aachen. So bei  Jacques Myard, dem Bürgermeister von Maison-Lafitte,  langjährigen republikanischen Parlamentsabgeordneten und Präsidenten der „Académie du Gaullisme“.  Nach seiner Einschätzung  hat Frankreich mit dem Vertrag von Aachen auf eine eigenständige Außenpolitik verzichtet. Die werde jetzt unter der Kontrolle Deutschlands, also Berlins, ausgeübt.[17]  Noch weiter ging der umtriebige republikanische Nachwuchspolitiker Mathieu Lafleur.  Er lancierte einen change.org-  Aufruf gegen den Aachener Vertrag mit einer  abenteuerlichen Begründung: Der Vertrag von Aachen sei „un Traité de Versailles inversé“ – bei dem also jetzt Deutschland der Sieger ist und das Frankreich Macrons der Besiegte, der damit und aus freien Stücken die „liquidation de la Maison France“ weiter vorantreibe.[18]  Im Figaro legte  ein Pariser Rechtsprofessor dar, dass der Vertrag insgesamt ein Angriff auf die „Souveränität des Landes“ sei und  dass wesentliche Teile davon gegen die französische Verfassung verstießen.[19]  Ivan Rioufol, der eine regelmäßige Rubrik im Figaro unterhält, sieht unter Berufung auf dieses „Gutachten“ einen  Angriff auf die  „souveraineté nationale“. Damit zeige Macron, dass er nichts von den Forderungen des „vergessenen Frankreichs“ verstanden habe, die von den Gelbwesten vorgetragen würden.  Diese Forderungen richteten sich ja gerade an die Nation und setzten deren Souveränität voraus.[20]

Hier wird also versucht, die Bewegung der Gelbwesten für den souveränistischen Kampf gegen den Vertrag von Aachen zu instrumentalisieren.  An sie hatte sich ja auch  der Europaabgeordnete  Monot in seiner Botschaft  ausdrücklich gewendet und sie  aufgefordert, sich gegen den „Hochverrat Macrons“ zur Wehr zu setzen. Offenbar nicht ganz ohne Erfolg.

Auf Facebook- Gruppen der Gilets Jaunes wurde jedenfalls  verbreitet, Deutschland werde die Herrschaft über Elsass-Lothringen übertragen. Dafür seien „unsere Großeltern und Urgroßeltern 14-18 und 39-40“ nicht gestorben.[21]

Da sah sich sogar die französische Europaministerin Nathalie Noiseau zu Richtigstellungen  veranlasst:  Durch den Vertrag von Aachen werde das Alltagsleben von Deutschen und Franzosen in den Grenzregionen erleichtert. Das eröffne Chancen, bedeute mehr Beschäftigung und eine gegenseitige kulturelle Bereicherung. Wer könnte sich darüber beklagen? Immerhin  scheint die Resonanz auf solche Falschmeldungen bei den Gilets jaunes nicht allzu groß  zu sein – auch wenn bei ihnen eine deutliche rechtsradikale Präsenz unverkennbar zu sein scheint. Aber  andere Themen wie vor allem die Stärkung der Kaufkraft („pouvoir d’achat“), die Steuergesetze und die Einführung von Instrumenten direkter Demokratie spielen  bei den Gilets Jaunes ganz eindeutig eine größere Rolle.

Die Gehässigkeit der Angriffe auf Macron wird allerdings zumindest von Teilen der Gilets Jaunes durchaus geteilt. Das wird  nach einem Gelbwesten-Samstag in Paris deutlich, wie das nachfolgende Foto zeigt. Es  wurde aufgenommen im Januar 2019 am Boulevard Diderot (12. Arrondissement), wo vorher ein Demonstrationszug der Gelbwesten vorbeigezogen war.

DSC03350 Macron prison

Die Aufschrift: Macron: Rücktritt. Ins Gefängnis. An den Galgen.  (Ein Internaut hält sogar schon einen Strick bereit:  J’ai une corde disponible.[22])  Eine Macron-Puppe wurde ja auch schon auf einer Versammlung von Gelbwesten enthauptet.[23]

Bei dem Slogan „Le pouvoir des truies“  (Die Macht der Mutterschweine) handelt es sich um ein Wortspiel: Die Aussprache entspricht ja dem  anarchistischen:  Le pouvoir détruit, also die Herrschaft zerstört…  Und das rechtfertigt dann offenbar auch die von Gelbwesten ausgeübte Gewalt, die von einem Intellektuellen wie Emmanuel Todd im öffentlich-rechtlichen französischen Fernsehen sogar ausdrücklich als Teil der französischen politischen Kultur gefeiert wird, auf die man stolz sein könne.  Immerhin sei die Bastille ja auch nicht gewaltfrei gestürmt worden….

Auch bei der extremen Linken wird heftig gegen den Vertrag von Aachen agitiert. Ein Sprecher der Partei La France Insoumise, Manuel Bompard, stellte zwar in einer auf youtube verbreiteten Botschaft fest, Le Pen und Dupont hätten eine Reihe von Falschmeldungen über den Vertrag verbreitet  wie die Abtretung von Elsass-Lothringen oder die Teilung des französischen Sitzes im Sicherheitsrat mit Deutschland. Aber auch er spricht von einem „Verrat“ Macrons.[24] Denn dass sich eine Partei, die sich „France Insoumise“ nennt, selbstverständlich einer angeblichen Unterwerfung Frankreichs unter seinen gerne als Schreckbild gezeichneten Nachbarn widersetzt, ist ja nur konsequent.

Bei den französischen Linksextremen wird die „deutsche Gefahr“ vor allem in einer Übernahme des  „neoliberalen“  deutschen Wirtschaftsmodells gesehen bzw. als „soumission à l’ordolibéralisme“.[25]  Dieses Wirtschaftsmodell werde  von den Regierenden in Frankreich als Waffe im Kampf gegen die Armen im eigenen Land benutzt. Wenn also im Aachener Vertrag auch eine verstärkte Zusammenarbeit auf wirtschaftlichem Gebiet vereinbart werde, sei höchste Gefahr im Verzug. Denn was nach Überzeugung  von  La France Insoumise wirtschaftlich von Deutschland zu erwarten ist, wissen wir spätestens seit dem ressentimentgesättigten Pamphlet des Linken-Chefs Melenchon „Le Hareng de Bismarck (Le poison allemand)“  von 2015:  Danach ist Deutschland das Land der maximalen Umweltverschmutzung („pollution maximale“), weil es die in Frankreich mehrheitlich als umweltfreundlich gerühmten Atomkraftwerke abschaltet; es ist das Land des „malbouffe“, der notorischen  Fehlernährung und der Übergewichtigen; ein Land, das die Jungen –soweit es die  aufgrund der niedrigen Geburtenrate überhaupt noch gibt-  verlassen, weil sie hier keine Perspektive für sich sehen, und aus dem die Alten mit Gewalt entfernt werden („expatriés de force“), weil man die Kosten  für sie nicht aufbringen will; es ist ein Land der Armut („un océan de pauvreté“) und der Ausbeutung, ein Land des wiederauflebenden Imperialismus und Militarismus, ein Gift –wie es im Untertitel des Buches heißt-  für Europa, ja für die Welt.[26] Mit einem solchen Deutschland einen Vertrag über „Zusammenarbeit und Integration“ abzuschließen, kann also nichts Gutes verheißen.

Was das deutsche  Gift bewirkt, hat der  zu den Kronzeugen Mélenchons gehörende Historiker und Demograph Emmanuel Todd 2014 in einer Interview-Serie  mit der belgischen Zeitung Le Soir so formuliert: Europa habe im 20. Jahrhundert unter deutscher Führung zweimal Selbstmord begangen, im Ersten  und Zweiten  Weltkrieg. Derzeit erlebe man eine dritte europäische Selbstzerstörung, und zwar wieder unter deutscher Leitung- ein schon geradezu  klassischer  Bestandteil der Deutschland-Kritik. [27]

Emmanuel Todd sieht Deutschland als das ganz Europa dominierende Reich an.: l’Europe est Allemagne et l’Allemagne est Europe“.[28] Europa werde von Deutschland und seinen baltischen, polnischen und anderen Satelliten kontrolliert.[29] Todds Europakarte ist  bemerkenswert: In der Mitte (natürlich schwarz) das Neue Deutsche Reich (Le nouvel empire allemand), umgeben von Nachbarn, die alle mehr oder weniger von ihm beherrscht werden:

empire allemand Emmanuel Todd

  • Da gibt es den Espace Allemand Direct, also den Raum, der gewissermaßen direkt zu Deutschland gehört, also nur noch eine scheinbare Unabhängigkeit besitzt, also die Benelux-Staaten, die Tschechische Republik, Österreich, Slowenien, Kroatien und sogar die Schweiz;
  • Dann die Staaten, die aus Angst vor Russland zu deutschen „Satelliten“ geworden sind: Polen, die baltischen Staaten und – aha!- Schweden.
  • Die zahlreichen Staaten, die faktisch von Deutschland beherrscht werden: das sind die gelb markierten…
  • Die braun markierten sind die, die gerade dabei sind, von Deutschland annektiert zu werden. Dazu gehört auch die Ukraine: für Todd derzeit schon le nouveau protectorat Deutschlands: Der Begriff Protektorat ist natürlich nicht zufällig. Er bezieht sich auf das sog. Protektorat Böhmen und Mähren, womit das aktuelle Deutschland in die Tradition des Dritten Reichs gestellt wird. Für Mélenchon (S.121) ist die Ukraine übrigens ein deutsches Sklavenreservat („riche réserve d’esclaves“).
  • Und Frankreich: das hat sich Deutschland aus freien Stücken unterworfen, sich in eine „servitude volontaire“ begeben- eine Behauptung, die ja –wie wir gesehen haben-  jetzt wieder im Zusammenhang mit dem Aachener Vertrag von Rechtsextremen aufgegriffen wurde.[30]

Eine solche Sicht auf Europa ist sicherlich ziemlich bizarr. Aber Todd ist in Frankreich ein durchaus einflussreicher Intellektueller: Sein polemischer Essay „Qui est Charlie“, der sich kritisch mit den Je suis Charlie- Demonstrationen beschäftigt, war ein großer Erfolg und soll in den höchsten Regierungskreisen gelesen worden sein. Und Todd ist –das kann mich sich gut vorstellen- ein auf allen Kanälen gern gesehener Talkshow- Gast.

41mhUeJd6SL._SX341_BO1,204,203,200_ Le choc des empires

Mit wesentlichen Elementen seiner Sicht steht er auch durchaus nicht allein: Vor allem, dass Deutschland die wirtschaftliche und politische Kontrolle Europas übernommen habe: Als Beispiel dafür sei eine Buchveröffentlichung aus dem Jahr 2014 genannt:  Le choc des empires.

Und welches sind die Reiche, die da aufeinanderprallen? Es sind die Vereinigten Staaten, China und … – wie man an den Landesfarben auf der Titelseite erkennen kann-  Deutschland!  Das seien die drei Mächte, die die Weltwirtschaft dominieren und um Vorherrschaft ringen. Deutschland habe seit der Wiedervereinigung Schritt für Schritt ein deutsches Europa aufgebaut und so die Rückkehr „de la Germanie“, des Heiligen Römischen  Reichs Deutscher Nation, auf die Weltbühne ermöglicht. „Au fond, l’Allemagne d’aujourd’hui se verrai bien reconstituer ce Saint Empire romain germanique“.[31] Zu diesem Zweck führe  Deutschland  einen Krieg, allerdings nicht mehr mit Panzern, sondern mit Industrieunternehmen, deren Manager ebenso effektiv seien wie früher Rommel und Guderian.  „L’Allemagne fait la guerre…. économique. Elle a remplacé les Panzers par ses groupes industriels, dont les managers sont aussi efficaces que les Rommel et autres Guderian d’hier“. Bemerkenswert übrigens, dass hier zwei Generäle genannt werden, die wesentlich beteiligt waren an dem „Blitzkrieg“ gegen Frankreich. Die Rolle, die nach Quatrepoint dabei für Frankreich bleibt, ist –ähnlich wie aus der Perspektive Todds- die eines Bestandteils des deutschen Reichs („une composante de l’empire allemand“  bzw. einer „province de la Germanie“. [32] Der Autor des Buches ist übrigens ein renommierter Wirtschaftsjournalist (Le Monde, Les Echos etc)   und erschienen ist das Buch bei Gallimard, einem der bedeutendsten Verlage Frankreichs…[33]

 

Vor diesem Hintergrund ist Deutschland natürlich alles zuzutrauen und ist der Aachener Vertrag nur ein neuer Beleg für die „freiwillige Unterwerfung“ Frankreichs unter das „Vierte Deutsche Reich“- ein von Nicolas Dupont-Aignan während der europäischen Schuldenkrise verwendeter und auch bei anderen europäischen Rechtspopulisten gerne verwendeter Begriff.[34] Dass da Elsass-Lothringen Deutschland übergeben werden und Frankreich auf die letzten Reste seiner Größe, nämlich die souveräne Verfügung über seine Atomwaffen und sein Votum und Vetorecht im Sicherheitsrat zugunsten Deutschlands  verzichtet, passt dann ins Bild.

Allerdings darf und muss man sich fragen, wer wirklich in Frankreich solche absurden Falschmeldungen glaubt.

Die Zeitung Le Monde schreibt in ihrem Éditorial vom 23. Januar 2019: Wenn Lächerlichkeit töten könnte, gäbe es auf der politischen Bühne Frankreichs zwei Tote: Marine Le Pen und Nicolas Dupont-Aignan. Glücklicherweise für die beiden, aber unglücklicherweise für die geistige Gesundheit des Landes habe aber Lächerlichkeit in Zeiten sich ausbreitender Verschwörungstheorien und „fake news“ Konjunktur und präsentiere sich in bester Verfassung. Die beiden Führer der extremen Rechten spielten sich auf als Verteidiger der nationalen Souveränität. In Wirklichkeit machten sie nur sich lächerlich und Frankreich damit auch.[36]

Anscheinend gibt es, wie die Paris-Korrespondentin der FAZ, Michaela Wiegel schreibt, „nichts mehr, was so absurd ist, dass es niemand glaubt.“ Die Gelbwesten, die als Protestbewegung gegen Steuererhöhungen angefangen haben, seien „in Teilen im Lager der Verschwörungstheoretiker angekommen“.[35]

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Pickelhaube der Gendarmerie Elsass-Lothringen aus der Zeit zwischen 1871 und 1918

(Titelbild der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 21.1.2019)

In der Tat: Wie aktuelle Untersuchungen belegen, sind die „Gelbwesten“ in ganz besonderer Weise anfällig für die in sozialen Medien grassierenden Verschwörungstheorien. So sind 23% der Personen, die sich  den gilets jaunes zurechnen der Auffassung,  dass es sich bei dem (islamistischen) Attentat auf den Weihnachtsmarkt von Straßburg (Dezember 2018) um eine Manipulation der Regierung  handele, um von der Bewegung der „Gelbwesten“ abzulenken. Sogar 46% dieser Personengruppe sind davon überzeugt,  dass die Einwanderung von den politischen, intellektuellen und publizistischen Eliten bewusst organisiert werde, um die europäische Bevölkerung durch die Einwanderer zu ersetzen! (35a)

Offenbar gibt es in Frankreich auch einen Bodensatz von längst überwunden geglaubten antideutschen Ressentiments. Rechts- und linksradikale Ideologen versuchen die in Krisenzeiten für ihre Zwecke zu mobilisieren und zu nutzen. Ein Höhepunkt in dieser Hinsicht war die europäische Schuldenkrise, wo es vor allem die Haltung der deutschen Regierung gegenüber Griechenland war, die antideutsche Ressentiments befeuerte. Und jetzt ist es die politische und soziale Krise Frankreichs mit dem Vertrauensverlust des Präsidenten, vor deren Hintergrund ein ganz unspektakulärer Vertrag mit Deutschland skandalisiert wird. Der Erfolg dürfte allerdings, so ist zu hoffen, nicht den Erwartungen entsprechen.[37] Dafür hat doch die deutsch-französische Freundschaft inzwischen ein zu breites und festes gesellschaftliches Fundament.  Dazu hat der Elysée-Vertrag von 1963  wesentlich beigetragen, und der Aachener Vertrag bietet einen Rahmen, diese Freundschaft –aller Stimmungsmache zum Trotz- weiter zu vertiefen.

 

Anmerkungen

[1] Bild aus: https://pl.ambafrance.org/Signature-du-Traite-d-Aix-la-Chapelle  Zum Elysée-Vertrag siehe den entsprechenden Beitrag in diesem Blog: Der Elysée-Vertrag, Mythos und Symbol, wird 50: Ein Grund zum Feiern (2012).  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/475

[2] https://www.auswaertiges-amt.de/blob/2178596/7b304525053dde3440395ecef44548d3/190118-download-aachenervertrag-data.pdf

[3] https://www.welt.de/regionales/nrw/article187490210/Hofreiter-Abkommen-ist-Zusammenarbeit-auf-Sparflamme.html

[4] https://www.lemonde.fr/international/article/2019/01/16/entre-la-france-et-l-allemagne-un-nouveau-pacte-peu-d-ambition_5409918_3210.html

[5] So auf einer Veranstaltung der Maison Heinrich Heine über den Aachener Vertrag am  31.1.2019

[6] Jerôme Vaillant auf der genannten Veranstaltung

[7] Marine le Pen: 21,30%; Jean-Luc Melenchon: 19,58%; Nicolas Dupon-Aignan: 4,70% https://www.lemonde.fr/data/france/presidentielle-2017/

[8] So Hans Stark auf der oben genannten Veranstaltung der MHH. Vaillant und Stark haben übrigens das Heft Okt/Dez 2018 der Zeitschrift L’Allemagne d’aujourd’hui herausgegeben, das sich mit den deutsch-französischen Beziehungen im Vorfeld eines „neuen Elysée-Vertrags“ beschäftigt. Siehe: http://www.septentrion.com/fr/livre/?GCOI=27574100718200

[9] Dies ist, wie auch andere entsprechende Beiträge auf diesem Blog- keine wissenschaftliche Untersuchung. Ich schreibe als ein interessierter Beobachter, der -in überschaubarem Umfang- Printmedien nutzt und Internet—Recherche betreibt. Da ich nicht in sozialen Netzwerken wie facebook und twitter unterwegs bin, habe ich diese Medien auch nicht berücksichtigt, soweit sie nicht in von mir benutzten Medien aufgegriffen werden.

[10]  Macron abandonne l’Alsace et la Lorraine à l’Allemagne. … La réalité est terrifiante, tragique. Macron va réaliser le rêve d’Hitler avec une France soumise à l’Allemagne et découpée pour agrandir l’Allemagne http://resistancerepublicaine.eu/2019/01/14/abomination-le-22-janvier-macron-abandonne-lalsace-et-la-lorraine-a-lallemagne/

s.a. Jacques Myards Kritik an der „soumission“ Macrons:  (http://www.wikistrike.com/2019/01/traite-d-aix-la-chape-une-boite-de-pandore.html ) Beides eingesehen am 26.1.2019

[11] Siehe: Les ‚gilets jaunes‘, terrain d’influence pour la nébuleuse complotiste. Des figures conspirationnistes de l’ultradroite servent du mouvement pour faire infuser leurs idées notamment sur les réseaux sociaux. In: Le Monde, 20./21. Januar 2019, S. 6

[12] Ausschnitte zitiert in: http://resistancerepublicaine.eu/2019/01/14/abomination-le-22-janvier-macron-abandonne-lalsace-et-la-lorraine-a-lallemagne/   Dort auch Hinweis auf eine nach wie vor zugängliche Ausstrahlung der Botschaft von Monot:

https://gloria.tv/video/zZLspuuQypHr3k7YFpE9Qqz3M

L’Alsace repassera sous régime allemand et la langue administrative sera l’allemand  … Macron, tel un Judas, va livrer l’Alsace et la Lorraine à une puissance étrangère.

Il n’a jamais été mandaté pour engager la France dans une soumission volontaire à l’Allemagne. C’est une haute trahison contre les Français.

Macron prépare un nouveau putsch contre la France. Une véritable trahison de Macron.

[13] https://www.lemonde.fr/idees/article/2019/01/22/traite-d-aix-la-chapelle-laissez-en-paix-l-alsace-et-la-lorraine_5412668_3232.html

[14] https://www.lemonde.fr/les-decodeurs/article/2019/01/18/l-intox-de-marine-le-pen-sur-le-traite-d-aix-la-chapelle-qui-affaiblit-la-france_5411073_4355770.html  Eine gewisse Rolle bei dieser Polemik hat natürlich der Vorschlag von Olaf Scholz gespielt, auf mittlere Sicht solle der französische Sitz im Sicherheitsrat auf die Europäische Union übertragen werden- eine Überlegung, die aber von französischer Seite entschieden zurückgewiesen wurde. Siehe: https://www.huffingtonpost.fr/2018/11/28/lallemagne-relance-le-debat-sur-le-siege-de-la-france-a-lonu

[15] http://www.leparisien.fr/politique/perte-de-souverainete-vente-de-l-alsace-lorraine-texte-cache-ce-traite-d-aix-la-chapelle-qui-nourrit-les-fantasmes-21-01-2019-7993452.php

Der immer wieder vorgebrachte Vorwurf, der Vertrag sei heimlich abgeschlossen worden, ist auch unsinnig. Allerdings ist wohl richtig, dass der Vertragstext erst sehr spät veröffentlicht wurde.  Ein Grund dafür liegt wohl darin, dass der Vertrag, wie auf der o.g. Veranstaltung in der Maison Heinrich Heine erläutert wurde, von französischen und deutschen Diplomaten in englischer Sprache verhandelt und abgefasst wurde. Es mussten dann die jeweiligen Fassungen in den beiden Landessprachen erstellt und abgeglichen werden…

[16] https://www.lopinion.fr/edition/politique/alsace-lorraine-fake-campagne-europeennes-est-lancee-175305

[17] http://www.wikistrike.com/2019/01/traite-d-aix-la-chape-une-boite-de-pandore.htmlLa France n’a dès lors plus de politique étrangère propre mais elle l’exerce sous le contrôle de l’Allemagne capitale Berlin.”

[18] https://www.change.org/p/non-%C3%A0-la-ratification-du-trait%C3%A9-d-aix-la-chapelle

[19] http://www.lefigaro.fr/vox/monde/2019/01/21/31002-20190121ARTFIG00281-le-traite-d-aix-la-chapelle-affecte-la-souverainete-nationale.php

[20] Ivan Rioufol, Les cités, indifférentes aux ‚gilets jaunes‘. In: Le Figaro, 25.1.2019

[21] https://www.huffingtonpost.fr/2019/01/15/gilets-jaunes-comment-le-fantasme-de-lalsace-vendue-a-lallemagne-est-arrive-sur-les-pages-facebook-du-mouvement_a_23643258/   Zu dem in der Twitter-Meldung dreifach wiederholte RIC: Dabei handelt es sich um das sogenannte Référendum d’Initiation Citoyenne, das zu den Forderungen der Gilets Jaunes gehört. Es geht dabei um ein Instrument direkter Demokratie, eine Art Volksbegehren, wobei allerdings Form und Inhalt völlig unbestimmt sind. Für die Europawahlen soll es auch eine Kandidatenliste von gilets jaunes mit dem Namen RIC geben.

[22] http://resistancerepublicaine.eu/2019/01/14/abomination-le-22-janvier-macron-abandonne-lalsace-et-la-lorraine-a-lallemagne/

[23] https://www.ladepeche.fr/article/2018/12/29/2932536-trois-gilets-jaunes-garde-vue-avoir-decapite-pantin-effigie-emmanuel.html

[24]https://lafranceinsoumise.fr/2019/01/22/rp35-traite-daix-la-chapelle-macron-trahit-les-francais/

[25] https://melenchon.fr/2019/01/20/coup-de-force-a-aix-la-chapelle/

[26] Éditions Plon 2015. Der Titel bezieht sich auf das Gericht,  das Angela Merkel François Hollande bei einer Bootsfahrt auf der Ostsee hat servieren lassen. Und der Name Bismarck ist für manche  Franzosen ja schon an sich eine Provokation. Und dann noch ein Hering! Und das einem französischen  Gourmet! Bei dem  Untertitel handelt es sich um ein Wortspiel: Der Hering ist ein poisson allemand. Mélenchon macht aus dem deutschen Fisch aber le poison allemand, also ein deutsches Gift.

[27] « «L’Europe est un continent qui, au XXe siècle, de façon cyclique, se suicide sous direction allemande. Il y a d’abord eu la guerre de 14, puis la deuxième guerre mondiale.» Résultat: «On est en train sans doute d’assister à la troisième autodestruction de l’Europe, et de nouveau sous direction allemande.»

https://www.lesoir.be/art/932378/article/debats/2015-07-09/emmanuel-todd-l-europe-s-autodetruit-sous-direction-allemande

[28] https://www.les-crises.fr/todd-2-les-acteurs-sont-incompetents/

[29]https://www.les-crises.fr/todd-3-l-allemagne-tient-le-continent-europeen/ (September 2014)

und :http://www.liberation.fr/monde/2015/07/10/emmanuel-todd-une-autodestruction-de-l-europe-sous-direction-allemande_1345917

[30] https://www.les-crises.fr/todd-1-la-servitude-volontaire-de-la-france/

[31] Jean- Michel Quatrepoint, Le Choc des Empires. États-Unis,  Chine,  Allemagne: qui dominera l’économie –monde?,  S. 235

[32] A.a.O., S. 247

[33] http://www.gallimard.fr/Catalogue/GALLIMARD/Le-Debat/Le-choc-des-empires

Siehe dazu auch das Interview mit Quatrepoint: http://lafautearousseau.hautetfort.com/archive/2015/06/24/l-europe-empire-allemand-les-analyses-de-jean-michel-quatrep-5645366.html   Zitat aus: Le Choc des Empires, S. 184

Ähnlich auch der Schriftsteller Nicolas Bonnal : « La domination allemande est absolue en Europe-«  In :  La soumission européenne et le retour du Reich allemand.  fr.sputniknews.com  vom 8.3.2017.

[34] So in einer Twitter Meldung vom 12.7.2015: Da geht es um den „plan mortel“  Deutschlands einer  “soumission totale“ Griechenlands.  Siehe dazu auch: http://lelab.europe1.fr/4e-reich-nicolas-dupont-aignan-revendique-une-provocation-au-nom-de-lamitie-franco-allemande-1367902  Jean-Luc Melenchon von der anderen Seite des politischen Extremismus sah damals Deutschland an der Spitze der „Länder der Achse“ („pays de l’Axe“) – und rückte damit – mit den Worten von Libération (19.7.2015) – in skandalöser Weise das demokratische Deutschland in die Nähe des Nationalsozialismus.

Mit der Charakterisierung der Bundesrepublik als „Viertes Deutsches Reich“ befindet sich Dupont-Aignan übrigens in „bester“ internationaler Gesellschaft. Siehe Tobias Pilcher, Italien geht auf Distanz zu Europa. In: FAZ vom 16.2.2019: „Die Lega hat Gennaro Sangiuliano befördert, der in einem Buich über das ‚Vierte Reich‘ die Währungsunion als die Vollendung deutscher Hegemoniepläne aus der NS-Zeit darstellt; er ist nun Chefredakteur des zweiten Nachrichtenkanals im Staatssender Rai.“

Siehe dazu den Spiegel vom 21.3.2015: Das Vierte Reich. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-132701110.html 

[35] Bild und Zitate aus: FAZ vom 21. Januar 2017. Michaela Wiegel, Das Elsass bald deutsch? Die ‚Gelbwesten‘, Le Pen und der Aachener Vertrag.

(35a)  Jérôme Fourquet (Ifop),  Enquête complotisme 2019: Focus sur le mouvement des ‚gilets jaunes‘. https://jean-jaures.org/nos-productions/enquete-complotisme-2019-focus-sur-le-mouvement-des-gilets-jaunes

[36] Èditorial Le Monde vom 23. Januar 2019: Laissez en paix l’Alsace et la Lorraine!

[37] Ein Indiz ist beispielsweise die  geringe Resonanz auf die oben genannte Petition gegen den Aachener Vertrag auf change.org.

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Das Haus der Mutualité in Paris (2): Der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935 
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Das Hotel Lutetia (2): Geschichten und Geschichte
  • Die Fontänen im Park von Versailles (2): Ausdruck absolutistischen Größenwahns

Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch- deutsche Flüchtlingsgeschichte. Teil 2: Die Waldenser in Hessen-Homburg

Im ersten Teil des Blog-Beitrags über die Waldenser   (  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10790  ) ging es um ihre  Ursprünge im Lyon des Mittelalters, um ihre wechselhafte Geschichte von Duldungen und Verfolgungen, vor allem im Luberon, und schließlich um ihre Vertreibung aus dem Piemont Ende des 17. Jahrhunderts. Dieser Beitrag behandelt die Aufnahme von Waldensern in Deutschland, vor allem die Ansiedlung einer zunächst aus Frankreich und schließlich auch aus dem Piemont vertriebenen  Flüchtlingsgruppe im hessischen Dornholzhausen, heute ein Ortsteil Bad Homburgs.

 

Die Aufnahme von Waldensern  in Deutschland

Die Aufnahme von Waldensern in Deutschland wurde begünstigt durch die positiven Erfahrungen, die Landesherren einige Jahre vorher mit der Aufnahme von Hugenotten gemacht hatten. Diese waren zum Teil schon im 16. Jahrhundert vor der Repression des Herzogs von Alba aus den spanisch besetzten Niederlanden geflohen, zum Teil Ende des 17. Jahrhunderts aus Frankreich nach der Aufhebung des Toleranzedikts von Nantes durch Ludwig XIV.   Die Hugenotten hatten sich als außerordentlich arbeitsam und geschäftstüchtig erwiesen, sie hatten neue Manufaktur- Techniken aus ihrer Heimat mitgebracht und waren damit eine große Bereicherung für die lokale  Wirtschaft ihrer Aufnahmeländer. Und der hugenottische Adel leistete seinen neuen Landesherren als hochqualifizierte Beamte treue Dienste. Der Berliner Gendarmenmarkt mit seinen zwei Kirchen, dem deutschen und dem französischen Dom, ist ein eindrucksvolles Zeugnis für die bedeutende Rolle, die die eingewanderten Hugenotten in Deutschland spielten. Und dass das lutherisch geprägte Frankfurt, ja selbst das katholische Köln wallonische Hugenotten aufnahmen, zeigt, dass der erhoffte und dann ja auch tatsächlich eingetretene wirtschaftliche Nutzen sogar strenge konfessionelle Grenzen überwinden konnte.

DSC02655 Waldenserweg hessen (2)

Wie verbreitet die Aufnahme von Glaubensflüchtlingen  in Hessen war, zeigt diese Karte (1), wobei  trotz der Bezeichnung „Waldenserweg“ auch die Ansiedlung von Hugenotten berücksichtigt ist.  Zu dem kleinen Hessen-Homburg gehören die drei nördlich von Frankfurt gelegenen Orte Bad Homburg, Friedrichsdorf und Dornholzhausen.  Landgraf Friedrich II. von Hessen-Homburg, der legendäre Prinz von Homburg, dem Heinrich von Kleist ein literarisches Denkmal gesetzt hat, war  von der Ansiedlungs- und Wirtschaftspolitik des Berliner Großen Kurfürsten beeindruckt. „Angesichts der Verwüstungen des Dreißigjährigen Kriegs und entsprechender Einwohnerverluste war es also nicht nur Mitleid mit den Glaubensbrüdern, sondern bei der Aufnahme verfolgte der Landgraf durchaus wirtschaftliche Interessen“, wie die Friedrichsdorfer Stadtarchivarin Erika Dittrich schrieb.

Also erließ Landgraf Friedrich II. schon im August 1684 einen offenen Brief, in dem er „Teutsche von allen im römischen Reich geduldeten Religionen vor allem aber Hugenotten“ zur Ansiedlung einlud. Ein Jahr später verfasste Friedrich ein zweites Schreiben, in dem er ausdrücklich „französische Flüchtlinge“ ansprach. Dittrich: „Mit Steuerprivilegien und der Aufhebung des Zunftzwangs sah der Landesvater die Chance, seinem Minisprengel neue Impulse zu geben.“ Er hoffte auf höheres Steueraufkommen, denn schließlich erwartete er den Zuzug von Handwerkern und Kaufleuten. Die ersten Ankömmlinge siedelte Friedrich in der Homburger Neustadt an.

1687 verfasste er erneut eine Schrift, in der er Flüchtlingen, die sich in Homburg und dem Umland ansiedeln wollten, zehnjährige Steuerfreiheit, kostenlosen Baugrund und Material gewährte. „Sogar der Schultheiß sollte aus ihren Kreisen stammen, auch ein eigener Gerichtsschreiber wurde ihnen versprochen“, so Dittrich. Als Gegenleistung forderte Landgraf Friedrich den Treueeid der Neubürger.

Die von Hugenotten gegründete „colonie francaise“ in Friedrichsdorf prosperierte, die  Hugenotten verbesserten durch die Einführung eines speziellen Strumpfstrickstuhls die Strumpfwirkerei und  erwiesen sich besonders durch die Einführung und Herstellung von Zwieback als höchst innovativ. Dazu blieben die Kolonisten  dem Herrscherhaus eng verbunden. Sie benannten den Ort nach ihm und setzten ihm 200 Jahre später aus Dankbarkeit die Landgrafensäule, die heute auf dem Landgrafenplatz an den Namensgeber der Stadt erinnert.[1]

Es gab also geradezu einen internationalen Wettbewerb, in dem europäische Landesherren mit Privilegien um die Ansiedlung der vertriebenen Hugenotten warben. Die blieben zum Teil in der Schweiz, zum Teil wanderten sie nach England oder in die  Niederlande weiter, andere folgten der Werbung des Großen Kurfürsten und einige eben auch der des Homburger Landgrafen.

Die Aufnahme der aus dem Piemont vertriebenen waldensischen Bergbauern erwies sich dagegen als etwas schwieriger.  Zunächst zogen sie in die Schweiz, wo sie allerdings nur vorübergehend aufgenommen wurden; und zwar mit der Auflage, sich nach anderen Wohnplätzen umzusehen, weil sie, wie es in einer zeitgenössischen Quelle heißt, „fast sämtlich mittellos und sehr übel bekleidet waren, und der größte Teil in Witwen, Weib und Kindern, auch vielen Kranken bestand“.[1a]

Aufgenommen wurden sie schließlich von protestantischen deutschen Landesherren, und zwar in Württemberg und vor allem im damals territorial zersplitterten Hessen, nämlich Hessen-Kassel, Hessen-Darmstadt, Hessen-Homburg und Nassau-Dillenburg.

Der erste aufnahmebereite deutsche Landesherr war übrigens der Landgraf Ernst-Ludwig von Hessen-Darmstadt, der am 2. Mai 1699 ein Aufnahmeedikt erließ, das in seinem – später auch von anderen Landesherrn übernommenen- ersten Artikel den Waldensern ein hohes Maß an Freizügigkeit garantierte:

libre exercice de leur religion (…) en la langue françoise, italienne et allemande (…) se servant de leur liturgie (…) et suivans les règles de leur discipline.“ (2a)

Diese Großzügigkeit war insofern bemerkenswert, als Hessen-Darmstadt und Württemberg, wo die meisten Waldenser aufgenommen wurden,  lutherische Territorien waren und das Verhältnis von Lutheranern und Reformierten ja -vorsichtig ausgedrückt- sehr distanziert war. Aber den Waldenser-Pfarrern Jacques Papon und Henri Arnaud, die die Ansiedlung der Flüchtlinge  mit den jeweiligen Landesherren verhandelten und organisierten, gelang es, die Waldenser-Bewegung  gewissermaßen als Vorläufer der Reformation, als „Mater Reformationis“, zu präsentieren. Von daher konnten die lutherischen Landesherren hoffen, dass sich die Waldenser bald in die lutherischen Landeskirchen  integrieren würden.

Zum Teil wurden die Waldenser in schon bestehenden  Orten aufgenommen, zum Teil gründen sie neue Orte, sogenannte französische Kolonien. Manchmal sind diese Kolonien schon an  ihren Namen erkennbar: In Württemberg sind das zum Beispiel die Orte Pinache, Perouse und Serres, in Hessen-Kassel  Gottstreu und Gewissensruh, in Südhessen Walldorf.

Natürlich spielten auch bei der Aufnahme der Waldenser demographische und ökonomische Gründe eine Rolle. Oft wurden sie in regional abgelegenen oder unterentwickelten Gegenden angesiedelt wie in Nordhessen oder im Odenwald (Wembach, Rohrbach, Hahn).  Aber gerade bei diesen armen Bergbauern aus den Alpen, bei denen die Hoffnung auf ökonomischen  Nutzen nicht allzu groß sein konnte, wird die „christliche Compassion“ durchaus auch eine Rolle gespielt haben. .[3]

Wenn es um die Aufnahme der Flüchtlinge in Hessen-Homburg geht, wird  gerne das Wort des Landgrafen zitiert- gerichtet an Kritiker der Aufnahme von Flüchtlingen und der ihnen zugebilligten Privilegien: „Lieber will ich mein Silbergeräte verkaufen, als diesen armen Leuten die Aufnahme zu versagen.“

Der legendäre Ausspruch des Prinzen von Homburg und die von ihm aufgenommenen Glaubensflüchtlinge vom Landgrafendenkmal im Bad Homburger Kurpark

Gemeint ist damit die Beinprothese des Prinzen von Homburg, die bis heute im Bad Homburger Schlossmuseum besichtigt werden kann. Sie ist zwar nicht aus Silber, ist aber immerhin mit silbernen  Scharnieren versehen. Gerichtet war dieser Satz an einheimische Kritiker, die es in Hessen-Homburg offenbar ebenso gab wie in anderen Territorien, die Glaubensflüchtlinge aufnahmen: Immerhin erhielten sie ja – anders als die alteingesessenen Untertanen- erhebliche Unterstützungen und Privilegien, die Neid und Konkurrenzängste durchaus wecken konnten.  Aber gerade vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert,  dass auf dem Landgrafendenkmal im Bad Homburger Kurpark die Aufnahme von Flüchtlingen durch den Landgrafen auf der dem Park zugewandten Schauseite platziert ist – ein Hinweis auf die Rolle dieser Aktion im dynastischen Selbstverständnis.

DSC00707 Landgrafendenkmal Bad Homburg (8)

Allerdings bestand für den Verkauf des „Silbergeräts“ kein Anlass: Die Aufnahme der Hugenotten erwies sich, wie zu erwarten,  als eindeutiger Gewinn für die kleine Landgrafschaft, und die Bereitschaft des Landgrafen zur Aufnahme von 40 Waldenserfamilien war an die Bedingung geknüpft, dass die protestantischen Mächte, also England und die Niederlande, für sie garantieren würden. Unter diesen Umständen konnte sich der Landgraf ohne allzu großes Risiko als großmütig gegenüber den Glaubensflüchtlingen aus Frankreich und Italien erweisen. Die „christliche Compassion“ hatte also -zumindest anfänglich- eine sichere Grundlage. [4]

DSC02051 Landgrafendenkmal Bad Homburg (2)

 

Die Waldenser in Dornholzhausen (Hessen-Homburg)

Die Koordination der Ansiedlung waldensischer Flüchtlinge wurde von einem Niederländer übernommen, dem Generalbevollmächtigten Pierre Valkenier. Er verhandelte ab Oktober 1689 zusammen mit den Waldenserpfarrern Papon und Arnaud mit dem Landgrafen. „Mit großer Sorgfalt bemühten sich die Pfarrer darum, dass die Flüchtlinge eine ausreichende Existenzgrundlage erhielten. So verließen sich weder die Pfarrer noch der Generalbevollmächtigte auf die landgräfliche Beschreibung der Siedlungsplätze, sondern sahen sich selbst die in Aussicht gestellten Örtlichkeiten genau an, um bei dem Angebot des Landgrafen, in der Stadt oder auf dem Land zu siedeln, das für diese Flüchtlingsgruppe geeignetste herauszusuchen und zu entscheiden, wie viele Siedler dort eine neue Lebensgrundlage finden könnten. So zog man der Stadt, wo die Siedler einen Platz für einen Garten, einen Hühnerstall und ein mittelgroßes Haus bekommen sollten, das sie auf eigene Kosten bauen mussten, den sogenannten „Reisberg“ vor,  wo dreißig bis vierzig Familien je 10 Morgen Land erhalten konnten.“[5]

Schließlich ließen sich zunächst 40 waldensische Familien aus Méan (Meano) am Oberlauf der Chisone  in der Gemarkung des ehemaligen wüst gefallenen Dorfes „Dürreholzhausen“ nieder, aus  dem dann der Name des neuen waldensischen Dorfs, Dornholzhausen, abgeleitet wurde.

DSC02973 St Eustache (6)

Mit  einem solchen Kahn kamen die  Dornholzhäuser Waldenser aus der Schweiz ins Hessische

Von den am 28. Juli 1699 eingetroffenen Familien blieben allerdings nur 30, „da das Gelände deutlich kleiner als zugesagt war und nicht für alle eine ausreichende Lebensgrundlage bot.“[6]

Die neuen  Siedler erhielten vom Landgrafen eine Gründungsurkunde: Die „Déclaration en Faveur des Vaudois“, die  in 35 Artikeln das Leben der Gemeinde und ihr Verhältnis zur Landesherrschaft festlegte.  Im Vergleich zu den anderen Untertanen erhielten die neuen Siedler wesentliche Privilegien, die eine spezifische Entwicklung des Waldenserortes zuließen. Den Waldensern wurde die freie Ausübung ihrer Religion garantiert einschließlich der Pfarrerwahl. Sie durften aus ihren Reihen mit Stimmenmehrheit ein eigenes „Gericht“  wählen, bestehend aus Bürgermeister, Schöffen und  „telles autres personnes, qu’ils jugeront le plus capables[7] Der Landgraf behielt sich nur die Bestätigung der Gewählten vor. Die Kompetenzen des „Gerichtes“ bedeuteten ein großes Maß an Selbständigkeit: Es war Verwaltungsorgan, hatte die öffentliche Ordnung mit Hilfe einer Polizei zu garantieren, Notare zu bestellen und war erste und alleinige Instanz in zivilrechtlichen Fällen mit einem Streitwertobjekt bis zu 50 Gulden. Bei Fällen mit höherem Streitwert war das Gericht erste Instanz, aber es konnte Berufung beim fürstlichen Rat eingelegt werden. Die Siedler hatten also das verbriefte Recht, vor ihr eigenes Gericht gestellt zu werden. Damit waren sie  vor einer durch Sprachschwierigkeiten bedingten ungünstigeren Verhandlungsposition geschützt.

Als Gegenleistung musste jeder Siedler dem Landgrafen „bei dem Platz, den ich im Paradies erstrebe“, geloben und versprechen, ein guter und treuer Untertan zu sein – eine eleganter Kompromiss zwischen dem Anspruch des Souveräns auf Gefolgschaft seiner Untertanen und dem waldensischen Verbot, einen Eid im Namen Gottes zu schwören.

Die Siedler legten in Dornholzhausen –wie auch in anderen waldensischen Niederlassungen- eine regelmäßige Siedlung an entlang einer geraden Straße, der heutigen Dornholzhäuser Straße.

DSC00417 Dornholzhausen Lageplan (2)

             Auszug aus dem Dornholzhäuser Lageplan von 1825

Die Häuser waren giebelständig und bestanden aus Erd- und Dachgeschoss. Im Erdgeschoss befanden sich die Küche und zwei Zimmer, im Dachgeschoss eine Kammer. Hinter den Häusern gab es  lange  Grundstücke, wo die Siedler Stallungen anlegen und Obst und Gemüse für den Eigenbedarf anbauen  konnten. (8)

DSC00286 Dornholzhausen Mai 2018 (7)

In der Dorfstraße (Dornholzhäuser Straße 28) ist noch ein Haus im ursprünglichen Zustand erhalten. Es steht unter Denkmalschutz  und wäre  ein idealer Ort für ein kleines Waldenser-Museum….

DSC00286 Dornholzhausen Mai 2018 (8)

Neben den  Grundstücken erhielten die Waldenser auch Baumaterial für öffentliche und private Bauten und Holz zum Heizen.  Für die ersten sechs Jahre wurden sie von jeglichen Abgaben und Fronden freigestellt und es gab Erleichterungen für Gewerbetreibende. Ausdrücklich wurde der Ort vom Zunftzwang ausgenommen. Diese Privilegien wurden bis 1866, also bis zum Aussterben der herrschenden Fürstenlinie, von jedem neuen Landgrafen bestätigt.

Trotz dieser Privilegien, die großzügig erscheinen mögen, herrschte bei den Waldensern große Armut. Das wird aus den Nachlass-Inventaren deutlich, die die landgräfliche Verwaltung mit großer Genauigkeit erstellte. Im Nachlassinventar der Witwe Louise Berthalot, verheiratet mit dem 1697/1698 in Méan/Pragelas geborenen Jean Berthalot, also einem Mitglied der ersten Siedler-Generation, finden sich unter anderem folgende Posten:

Als erstes wird das Haus mit Scheune, Stall und Ländereien, „sowie 2 1/4 Tagewerke Wiesen“ im Wert von 600 Gulden genannt. Die Ländereien bestanden lediglich aus insgesamt 5 1/4 Morgen Getreidefeldern, auf denen Weizen, Gerste, Hafer und Kartoffeln angebaut wurden. An Tieren werden eine alte Kuh und ein Kalb aufgeführt, dazu eine Ziege, 5 Hennen und ein Hahn. Die Haushaltsgegenstände zeugen von großer Bescheidenheit, so zum Beispiel „eine kleine Bettstelle mit einer Federdecke, eine Schlummerrolle aus Leinen und ein Strohsack“. Aufgeführt werden sogar „1 Omlettwender“, „1 kleiner (Lenden-)Schurz“ und „1 alter zerbrochener (Koch-)Topf“. Und was bei Waldensern nicht fehlen darf: „1 alte Bibel“ und „2 Lobgesänge“. (9)

Trotz ihrer kärglichen Lebensumstände errichteten die Dornholzhäuser Waldenser Anfang des 18. Jahrhunderts in der Ortsmitte eine Kirche. Die Grundsteinlegung erfolgte 1702  in Anwesenheit des Landgrafen.

DSC01927 Waldenser Dornholzhausen Geburtstag Frauke (24)

DSC00286 Dornholzhausen Mai 2018 (6)

Es ist ein schlichtes Kirchengebäude, in dessen Zentrum sich, wie in reformierten Kirchenbauten üblich, die Kanzel  befindet, hier mit der französischen Aufschrift „Je trouve ici mon asile“ (Hier finde ich meine Zuflucht) [10]

DSC01927 Waldenser Dornholzhausen Geburtstag Frauke (10)

 

Die französischen Liedtafeln rechts und links der Kanzel

Einziger Schmuck der Kirche sind die aus den 1970-er Jahren stammenden bunten Kirchenfenster.

Eines zeigt das Wappen der Waldenser, den auf der Bibel stehenden Leuchter (allerdings ohne die Umschrift: lux lucet in tenebris), das andere das Wappen der Waldensergemeinde Dornholzhausen: eine kräftige Palme mit breiter Krone. Dieses Motiv hat auch das alte Siegel der Kirchengemeinde, versehen mit der Umschrift (übersetzt):  „Der Gerechte wird grünen wie ein Palmbaum. Waldenser-Kirche von Dornholzhausen“. [11]

bisheriges-siegel Dornholzhausen

Die ersten Pfarrer wurden, wie auch in anderen waldensischen Kolonien, mit sogenannten „englischen Pensionen“ und Kollektengeldern unterstützt.  Erster Pfarrer der Gemeinde war David Jordan, der auf der Flucht Furchtbares erlebt hatte. „Zeitweise war er als Sklave in Algier festgehalten worden. Weil er gut Englisch sprach, schickte ihn die Synode wiederholt nach England, um die Weiterzahlung der Pension zu erreichen. Seine Gemeinde musste oft ohne ihn auskommen. In seiner Abwesenheit fasste sie den Entschluss, sich der französisch-reformierten Kirche in Homburg anzuschließen.“ So verließ Jordan 1717  aus Verärgerung Dornholzhausen und ging nach Offenbach.[12]

Die Genfer Bibel von 1563

Die Evangelische Waldenser-Kirchengemeinde hat einen besonderen Schatz, eine französische Bibel, welche François Perrin 1563 in Genf gedruckt hat.

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Ob die Waldenser diese Bibel auf ihrer Flucht nach Dornholzhausen mitbrachten, bleibt offen. Sie wiegt immerhin 6,5 kg. Andererseits trägt die Bibel die typischen Merkmale der Flucht: zur „Tarnung“ fehlt das Titelblatt, während im Innern das Titelblatt des Neuen Testaments erhalten  ist.

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Trotz der erheblichen Privilegien, die die Dornholzhäuser Waldenser erhalten hatten, war ihre wirtschaftliche Situation zeitweise alles andere als zufriedenstellend. Von 1717, als Pfarrer Jordan Dornholzhausen verließ,  bis 1754 war die Gemeinde nicht einmal mehr fähig, einen eigenen Pfarrer zu unterhalten.  (Die Gottesdienste wurden damals von Homburger und Friedrichsdorfer Pfarrern gehalten).  Die Siedler betrieben zwar etwas Landwirtschaft auf dem kargen Boden des alten „Dürreholzhausen“, aber das reichte offenbar nicht für ihren  Lebensunterhalt. Zusätzlich hatten sie fast alle auch handwerkliche Berufe, hauptsächlich Strumpfwirker und damit im Zusammenhang stehende Berufe. Das war Heimarbeit,  vor allem im Dienste hugenottischer Fabrikanten aus Friedrichsdorf, die dann aber auch eigene Manufakturen in Dornholzhausen errichteten. [13]

DSC01927 Waldenser Dornholzhausen Geburtstag Frauke (28)

Blütezeit der Dornholzhäuser Strumpfwirkerei war die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts. Aus dieser Zeit stammt folgender Bericht:

„In Folge des Wiederaufblühens von Handel und Gewerbe in ganz Europa konnte auch die Dornholzhäuser Strumpfwaren-Fabrikanten ihre alten Geschäftsverbindungen wieder anknüpfen und bezogen die Frankfurter Messen wieder mit Nutzen. Dem ganzen Dörfchen konnte man auch äußerlich den Wechsel ansehen. Überall in den Höfen und an den Straßen waren in langen Reihen auf den Mauersimsen die nach dem Färben über Formen gespannten Strümpfe zum Trocknen aufgestellt: ein wohltuendes Bild menschlichen Gewerbefleißes. Der Wohlstand nahm in rapider Weise zu, was namentlich dadurch in Erscheinung trat, dass bald das eine, bald das andere Haus ein Stockwerk aufsetzte und eine Anzahl ehemaliger Wohnhäuschen in Färbereien umgewandelt wurden.“[14]

Von Dauer war dieser Aufschwung allerdings bedingt durch die Umwälzungen der industriellen Revolution nicht.  Für etwas Beschäftigung  sorgte ab 1841 die Errichtung der Spielbank in Bad Homburg, „weil man hier wegen der vielen französischen Gäste gerne französisch-sprechende  Dienstmädchen und Portiers einstellte.“[15]

Französisch wurde nämlich in Dornholzhausen lange gesprochen: Unter sich redeten die Siedler wahrscheinlich Patois, eine vom Französischen und Italienischen beeinflusste provencalische Mundart. „In der Schule, der Kirche und im öffentlichen Gebrauch wurde Französisch gesprochen. Die  französische Sprache gehörte so sehr zur Identität der Dornholzhäuser Siedler, dass man noch an ihr festhielt und für den Erhalt kämpfte, als immer mehr Deutsche im Ort lebten. So reichte man Gesuche an den Landgrafen auch noch dann französisch ein, als dieser sie ausdrücklich auf Deutsch forderte.“ Die Sprache des  Gottesdienstes war bis Mitte des 19. Jahrhunderts ausschließlich das Französische. Erst am 8. Februar 1857 fand zum ersten Mal ein deutscher Gottesdienst in der Kirche statt. „Vorsichtshalber schickte der Bürgermeister zwei Gendarmen, weil er Störungen befürchtete, zu Unrecht, wie sich herausstellte.“[16]

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Konfirmationsurkunde von 1868 in französischer Sprache

Ende des 19. Jahrhunderts wurden dann aber alle kirchlichen Amtshandlungen in Deutsch vorgenommen. Dazu trug auch bei, dass die Gemeinde keinen zweisprachigen Lehrer mehr bezahlen konnte. Der „französische“ Pfarrer, der noch einige Zeit etwas Französisch-Unterricht erteilte, wurde schließlich abgefunden und ging zurück zu seinen Schwiegereltern nach Genf. Im Jahr 1899 war das Französische dann fast ganz erloschen und man konnte die 200-Jahrfeier der Gründung des Ortes „nicht mehr als französische Kolonie“ feiern, wie es in der Chronik heißt.[17] Immerhin hatten die waldensischen Flüchtlinge aber fast 200 Jahre lang ihren sprachlichen Eigencharakter bewahren können!

Betrachtet man die Namen der Schultheißen und Bürgermeister Dornholzhausens von der Gründung 1699 bis zur Eingemeindung als Ortsteil Bad Homburgs 1971, dann ist schon an den Namen der langjährige französische Charakter des Ortes erkennbar: Bis 1879 gibt es nur französische Namen: David Jordan, Pierre Conrad Médrat, Pierre Héritier, Jacques Chérigaut, mehrere Angehörige der Familie Bertalot, Jean Gallet, Jacob Vallon, Jaques Désor,  Jean Georges Deisel, Louis  Achard etc. Und auch danach gibt es noch Bürgermeister französischer Herkunft wie Fritz Deisel (1919-1923), allerdings jetzt mit einem gerade aus damaliger französischer Perspektive nicht sehr sympathischen deutschem Vornamen-  und Charles Désor (1945-46).[18]

Alte hugenottische und waldensische Familiennamen und französische Inschriften findet man noch auf dem Friedhof von Dornholzhausen. Dort gibt es  Grabmäler mit französischen Inschriften und alten hugenottischen und waldensischen Familiennamen.

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Ursprünglich lag der Friedhof hinter der Kirche und hieß damals mit Recht „Kirchhof“. In den Kirchenbüchern trug der jeweilige Pfarrer den Geburtstag und auf die Minute genau den Zeitpunkt des Todes ein, sowie das Alter und die Namen der Eltern. Bei den Hugenotten gab es anfangs überhaupt keine Grabmale, und in späterer Zeit waren sie relativ einfach und schlicht. Ähnliche Anschauungen mögen auch die Waldenser gehabt haben. Und für aufwändige Grabmale fehlte sicherlich sowieso  das erforderliche Geld.

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Im Laufe der Zeit wurde der Friedhof hinter der Kirche voll belegt. Pfarrer August Humbert, der 1848 von Neuchâtel nach Dornholzhausen gekommen war, schenkte nach seiner Pensionierung der Kirche einen Acker in der Flur „Im Langenfeld“ für einen neuen Friedhof. Die Kirche übernahm die Kosten für die Mauer, ein eisernes Tor und die Anpflanzung einer Tannenhecke. Aus dem vorherigen „Kirchhof“ wurde ein Gemüsegarten, den der Schullehrer bepflanzte.[19]

Einer der waldensischen Namen Dornholzhausens war der Familienname „Bertalot“. Mitglieder der Familie siedelten sich nicht nur in Dornholzhausen an, sondern auch in anderen waldensischen Gemeinden Hessens wie Gewissensruh, Gottstreu oder Hahn.[20]

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An dem Grab der Familie in Dornholzhausen kann man übrigens ablesen, wie sich allmählich auch im Bereich der Totenehrung bei den Nachfahren der Waldenser die deutsche Sprache durchsetzte.

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Und auf der Grabplatte für das Ehepaar Desor ist nicht nur der Text deutsch, sondern auch der ursprüngliche Akzent auf dem französischen Familiennamen (Désor) ist weggefallen.[21]

DSC00765 Grab Desor Dornholzhausen

Heute  gibt es in Dornholzhausen außer dem Namen „Bertalot“ keinen waldensischen Familiennamen mehr:  Aufgrund der schwierigen Lebensumstände gab es eine hohe Kindersterblichkeit, die jungen Männer starben früh, zogen weg oder heirateten nie, weil sie zu arm waren, um eine Familie ernähren zu können.[22] Aber die waldensische Tradition wird in dem Ort immer noch hochgehalten, wofür unter anderem der rege lokale Geschichtsverein sorgt. Und natürlich und vor allem die Kirchengemeinde, die ihr waldensisches Wappen nicht nur als historisches Zeugnis, sondern auch als Auftrag versteht und die versucht –zum Beispiel durch die jährlichen Konfirmandenfahrten in die Waldensertäler des Piemont- das waldensische Erbe der jüngeren Generation zu vermitteln.

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      Plakat (Ausschnitt) zu einer Dornholzhausen-Ausstellung 2009 im Gotischen Haus in Bad Homburg

 

Anmerkungen

(1) aus: Les Vaudois entre migration et integration, La Valmasque 94,  S. 26

[1a] Anton J. Seib, Der Prinz von Homburg. Vor 325 Jahren gründeten Hugenotten und Waldenser Friedrichsdorf.

In: Frankfurter Rundschau 17.4.2012  http://www.fr.de/rhein-main/alle-gemeinden/hochtaunus/der-prinz-vom-homburg-a-852650

[2] Zit. von Daniele Tron, Die Waldenser im Chisonetal vom 13. bis zum 18. Jahrhundert. In: 300 Jahre Waldenser in Deutschland, S. 50

(2a) s. Theo Kiefner, Die Privilegien der nach Deutschland gekommenen Waldenser. Stuttgart 1990, Bd 1, S. 670 ff

[3] Jörg Desel, „Aus christlicher Compassion aufgenommen“.Waldenser in Hessen-Kassel. In: Dreihundert Jahre Waldenser in Deutschland, S. 53f

[4]https://www.geschichtskreis-dornholzhausen.de/geschichte-1/die-flucht-der-glaubensfl%C3%BCchtlinge-nach-dornholzhausen/  siehe auch: Walter Mittmann, Die Glaubensflüchtlinge von Dornholzhausen: Vom Piemont in die Landgrafschaft Hessen-Homburg. In: Heft des Geschichtskreises Dornholzhausen 13 (2016), S. 47ff

[5] Birgitta Duvenbeck, Geschichte Dornholzhausens. In: 300 Jahre Dornholzhausen, S. 18 . Siehe auch: Birgitta Duvenbeck, Die Waldensersiedlung Dornholzhausen. In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Landeskunde zu Bad Homburg vor der Höhe Heft 32, 1974, S. 25ff

[6] Walter Mittmann, Die  Glaubensflüchtlinge von Dornholzhausen. Heft des Geschichtskreises Dornholzhausen 13 (2016), S. 54

Bild des Kahns (Foto Marcus Kaufhold) aus FAZ vom 6.5. 2010. „Dornholzhausens Wurzeln im Piemont“

[7] In Artikel 9 der Privilegien heißt es: „Pour l’exercice de la justice, il sera permis à eux et à leurs descendants, de prendre entr’eux et d’établir à  la pluralité des voix, une justice particulière“, die   u.a. aus „solchen anderen Personen“ bestehen sollte, „die sie für sehr fähig halten.“ Zit. bei Duvenbeck, Die Waldensersiedlung Dornholzhausen. a.a.O., S. 37

(8) Bild des Lageplan aus: Geschichtskreis Dornholzhausen, Dornholzhausen Heft 15/2018, S. 13

(9) Walter Mittmann und Wolfgang Bühnemann, Dornholzhäuser Namen und Schicksale. Sonderband der Vorträge zur Bad Homburger Geschichte. Bad Homburg 2009, S. 43/44

[10] Zur Geschichte der Waldenser im Allgemeinen und der Dornholzhäuser Waldenser siehe: http://www.waldenser.evangelisch-hochtaunus.de/waldenser/r7.html

[11] Bild aus: http://www.waldenser.evangelisch-hocht(Foto Maraunus.de/dornholzhausen/geschichte-dornholzhausen/siegel/v91.html

Mit der Eingemeindung Dornholzhausen nach Bad Homburg wurde der Zusatz „Eglise vaudoise de Dornholzhausen“ ersetzt durch durch die Worte:  „Waldenser-Kirchengemeinde Bad Homburg- Dornholzhausen“.

[12]  Brigitte Köhler, Die Waldenserkolonien in Südhessen. In: Dreihundert Jahre Waldenser in Deutschland, S. 88

[13] Bild aus dem Tafelband der Enzyklopädie von Denis Diderot

[14] Zitiert von Brigitte Köhler, Die Waldenserkolonien in Südhessen. In: Dreihundert Jahre Waldenser in Deutschland, S. 88

[15] Duvenbeck, a.a.O., S. 28

http://www.fr.de/rhein-main/alle-gemeinden/hochtaunus/arme-strumpffabrikanten-flucht-nach-dornholzhausen-a-1098750

[16] Duvenbeck, S. 32

[17] Duvenbeck, S. 33

[18] 300 Jahre Dornholzhausen, S. 72

(19]http://www.waldenser.ehof/v90.html

[20] http://de.geneanet.org/abstammung/de/bertalot.html

[21] In den Dornholzhäuser Kirchenbüchern sind noch bis Ende des 19. Jahrhunderts Désor-Familiennamen mit Akzent verzeichnet.  Siehe:  Geschichtskreis Dornholzhausen/Dr. Walter Mittmann  herausgegebenen „Familientafeln von Nachkommen der Dornholzhäuser Waldenser und Hugenotten“ (Bad Homburg 2010), S. 236

[22] Siehe: Walter Mittmann, Warum gibt es keine Waldensernamen mehr in Dornholzhausen? In: Geschichtskreis Dornholzhausen, Dornholzhausen… aus unserer Geschichte, Heft 2 (2005)

 

 

 

Zum Weiterlesen:

1699-1999. 300 Jahre Dornholzhausen. 300 Jahre Waldenser-Kirchengemeinde

Albert de Lange (Hrsg), 1699-1999. Dreihundert Jahre Waldenser in Deutschland. Herkunft und Geschichte. Karlsruhe 1998

Albert de Lange, Die Waldenser.  Geschichte einer europäischen Glaubensbewegung in Bildern. (viersprachige Ausgabe in Deutsch, Italienisch, Französisch und Englisch). Karlsruhe 2000

Albert de Lange, Reformierte Konfessionsmigration: Die Waldenser in Südwestdeutschland (1699–1823) http://ieg-ego.eu/de/threads/europa-unterwegs/christliche-konfessionsmigration/albert-de-lange-reformierte-konfessionsmigration-die-waldenser-in-suedwestdeutschland-1699-1823

Molnár, Amadeo, Die Waldenser. Geschichte und europäisches Ausmaß einer Ketzerbewegnung. Göttingen 1980

von Thadden, R./Magdelaine, M.: Die Hugenotten 1685-1985, München 1985

Michael Lausberg, Die Einwanderung der Hugenotten nach Deutschland. http://www.migazin.de/2014/07/30/die-einwanderung-der-hugenotten-nach-deutschland/

 

 

Geplante weitere Beiträge

  • Der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935 im Haus der Mutualité in Paris
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier
  • Das Hotel Lutetia (1): Ein Bauwerk zwischen Art Nouveau und Art Déco in neuem Glanz
  • Das Hotel Lutetia (2): Geschichte und Geschichten
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris: Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen

 

 

 

 

 

 

 

Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch- deutsche Flüchtlingsgeschichte. Teil 1: Lyon, Luberon, Piemont

Dieser Text fällt  ein wenig aus dem Rahmen dieses Blogs heraus, schon allein geographisch:  Es geht zwar zunächst um Frankreich, dann aber auch (ein wenig)  um Italien  und  vor allem um Deutschland:  und dort auch nur um den Ortsteil Dornholzhausen der hessischen Klein- und Kurstadt Bad Homburg nördlich von Frankfurt. Ende des 17. Jahrhunderts wurden in Dornholzhausen waldensische Flüchtlingsfamilien angesiedelt, später kamen hugenottische Einwanderer dazu.

DSC01395 Kirchenbuch Dornholzhausen (2)

Aus dem Geburts-/Taufregister  der Waldensergemeinde Dornholzhausen des Jahres 1782.  Bailly ist ein hugenottischer, Bertalot ein waldensischer Familienname. 

Es wird hier also keine allgemeine Geschichte der Waldenser erzählt, dazu gibt es schon andere ausführliche und fundierte Darstellungen; sondern es werden nur einige Stationen der waldensischen Flüchtlingsgeschichte vorgestellt: Lyon, der Luberon in der Provence, die Waldensertäler in  den cottischen Alpen zwischen Frankreich und Italien und dann vor allem die französische/waldensische Kolonie in Dornholzhausen.

Natürlich klingt bei diesem Thema auch die aktuelle Migrationsbewegung mit. Da ist es ja durchaus üblich, historische Bezüge herzustellen – so zum Beispiel durch den Kölner Bürgermeister Andreas Wolter auf einer Veranstaltung des deutschen Hauses der Cité Universitaire in Paris (MHH) am 5. Dezember 2017 zum Thema  „Réfugiés en Allemagne et en France“  (Flüchtlinge in Deutschland und in Frankreich). Er verwies dabei auf die Erfolgsgeschichte der Einbürgerung wallonischer Hugenotten in Köln, die die Schokoladenproduktion in der Stadt heimisch gemacht und so zu deren Wohlstand beigetragen hätten.  Von da aus schlug er einen Bogen zur heutigen Aufnahme von  Flüchtlingen und benutzte die historische Parallele dazu, seinen diesbezüglichen Optimismus zu begründen.

In der Tat legt es das Schicksal der Waldenser nahe, über die Aufnahme und Integration von Menschen anderer Sprachen, Kulturen und Religionen nachzudenken. Wie der Waldenser-Forscher Gabriel Audisio in einem Vortrag über die Aufnahme der Waldenser im Luberon ausführte:  Die Integration von Fremden habe immer und zu allen Zeiten zu „réactions de défense et de rejet“ geführt. Es sei also eine „question cruciale de tous les temps“, wie weit die Aufnahmebereitschaft und -fähigkeit der Menschen gehe. (1)

Allerdings mag jeder Leser/jede Leserin selbst entscheiden, inwiefern  die Geschichte der Waldenser und ihre Aufnahme in Deutschland sich –in welcher Weise auch immer- als Argumentationsmaterial für die heutige Migrationsdebatte eignen. Zum Nachdenken regen sie auf jeden Fall an.

Im ersten Teil dieses Beitrags geht es um die Ursprünge der Waldenser und ihre Ansiedlungen und Verfolgungen im Luberon und im Piemont. Eindeutiger Schwerpunkt ist dabei der Luberon, den wir im Spätsommer 2018 auf den Spuren der Waldenser besucht haben. Der zweite Teil beschäftigt sich dann mit der Aufnahme von Waldensern in Deutschland, vor allem mit der  in Hessen-Homburg gelegenen französischen Kolonie Dornholzhausen.

 

Petrus Waldes/Pierre Valdo und die Armen von Lyon

Um das Jahr 1176 begann  der wohlhabende Textilkaufmann Petrus Waldes in Lyon öffentlich in der Volkssprache zu predigen.  Durch den Tod eines Freundes betroffen, änderte er sein  Leben und wurde zum Begründer der waldensischen Reformbewegung. Zeitgenössische Quellen zu seinem Leben gibt es nur aus amtskirchlicher Sicht.  Ein Dominikaner und Inquisitor namens Stephan von Bourbon, der einige Augenzeugen noch persönlich kannte, fasste die Geschehnisse so zusammen:

„Ein reicher Mann (in Lyon), genannt Valdensis, hörte die Evangelien, und da er nicht sehr gebildet war und trotzdem unbedingt wissen wollte, was sie sagten, machte er einen Vertrag mit (zwei) Priestern, mit dem einen dass er sie in die Volkssprache übersetzen, und mit dem anderen, dass er aufschreiben sollte, was jener diktierte. Das taten sie auch; ebenso machten sie es mit vielen Büchern der Bibel und vielen Worten  der Heiligen…. Als diese jener reiche Bürger oft gelesen und sich eingeprägt hatte, beschloss er die evangelische Vollkommenheit zu leben, wie die Apostel sie gelebt hatten. Nachdem er all seinen Besitz verkauft hatte, warf  er aus Weltverachtung sein Geld wie Dreck den Armen hin und hat sich das Amt der Apostel angemaßt und angeeignet. Er predigte das Evangelium und das, was er auswendig gelernt hatte, auf den Straßen und Plätzen und scharte viele Männer und Frauen um sich, die er aufforderte, das Gleiche zu tun, und denen er das Evangelium einprägte. Die schickte er in die umliegenden Dörfer zum Predigen; Leute mit den niedrigsten Berufen. Diese Männer und Frauen, dumm und ungebildet, wie sie waren, rannten durch die Dörfer, drangen in die Häuser ein, predigten auf den Plätzen und auch in Kirchen und veranlassten andere, dasselbe zu tun.“[2]

Auch wenn diese Darstellung sehr tendenziös ist, erfährt man doch daraus Wesentliches über die  Waldenser: Am Anfang steht die Begegnung mit der Bibel, vor allem mit dem Neuen Testament und den Berichten über das Leben Jesu und die Berufung der Jünger. Diese Begegnung bewog Waldes, sein bisheriges Leben völlig zu ändern und Beruf und Besitz aufzugeben. Auch wenn Waldes damit  einer asketischen Tradition folgte, wie sie damals auch in Teilen des Mönchstums lebendig war –man denke nur an Franz von Assisi-  betrachtete der dominikanische Inquisitor schon das allein als eine  Provokation. Denn natürlich waren aus seiner Sicht Askese und Weltabkehr von Laien eine Anmaßung und sie implizierten ja auch eine Kritik an der ganz und gar nicht asketischen  Lebensweise vieler Repräsentanten der kirchlichen Hierarchie. Völlig außerhalb der kirchlichen Ordnung stellten sich für ihn aber die Waldenser durch ihr missionarisches Engagement, also durch die sogenannte Laienpredigt: Für ihn waren es ja dumme und ungebildete Menschen, die aus seiner Sicht durch die Dörfer rannten und in die Häuser eindrangen, um das Evangelium zu predigen, und es waren, wie er berichtet, nicht nur Männer,  sondern –für die damalige Zeit unerhört und revolutionär- auch noch Frauen!

Voraussetzung für die Laienpredigt war natürlich die Übersetzung der Bibel in die Volkssprache. Und deshalb verwendete Waldes einen Teil seines Vermögens, die Bibel in die provençalische Landessprache zu übersetzen. Damit war  das Monopol der Kirche auf Verkündigung des Evangeliums und seine Auslegung gebrochen, so dass es unweigerlich zum Konflikt mit der Amtskirche kommen musste. Waldes bemüht sich allerdings sehr intensiv, den Bischof von Lyon und sogar den damaligen Papst Alexander III. von seiner „Rechtgläubigkeit“ zu überzeugen, die von ihm veranlasste Bibelübersetzung zu autorisieren und  die Anerkennung seiner Bewegung zu erreichen. Das  gelang ihm aber nicht. 1184 wurden die „Armen von Lyon“ auf dem Konzil von Verona in der Bulle „Ad Abolendam“ verurteilt.  Neben der Laienpredigt und der Armut waren es vor allem zwei weitere Grundüberzeugungen der Waldenser, die sie für die damalige religiöse und feudale Ordnung verdächtig und sogar gefährlich machten: Sie glaubten nicht an das (unbiblische) Fegefeuer, lehnten also Messen für die Verstorbenen ab, die eine wesentliche Einnahmequelle des Klerus waren. Und sie lehnten den Eid ab,  ein grundlegendes Element der feudalen Ordnung. 1215 wurden die Waldenser erneut und ausdrücklich als Ketzer verurteilt und in eine Rolle gezwungen, die sie nie spielen wollten. Und damit begann eine wechselvolle Geschichte von Verfolgungen und zeitweisen Duldungen– bis hin zu ihrem „Exil“  in Dornholzhausen und anderen Orten,  in denen ihnen endlich Freiräume für ihren Glauben und ihren Lebensstil gewährt wurden.

Petrus_Waldus

Für die Protestanten des 19. Jahrhunderts  galt  Waldes  als ein früher Vorläufer der kirchlichen Reformbewegung.  Er hat deshalb  seinen Platz unter den Vorläufern Luthers auf dem großen Reformationsdenkmal in Worms.[2]

In Lyon erinnert dagegen wenig an Waldes. Immerhin gibt es eine nach ihm benannte Straße und  ein ebenfalls nach ihm benanntes Zentrum für die vorübergehende Aufnahme von Wohnsitzlosen und Flüchtlingen, das von der Fédération Entraide Protestante betrieben wird.[3] Das ist eine Einrichtung, die sicherlich ganz im Geiste der Waldenser tätig ist und insofern die Erinnerung an Pierre Valdo mit Leben erfüllt.

Ob auch  im historischen Museum von Lyon an Waldes und die Armen  von Lyon erinnert wird, konnte ich nicht feststellen. Eine entsprechende Anfrage an das Museum blieb leider ohne Antwort.[4]

 

Erste Verfolgungen der Waldenser/Das Massaker von Mérindol

Nachdem die Waldenser aus Lyon vertrieben worden waren und das Leben und Predigen auch in anderen Städten zu gefährlich wurde, zogen sie sich  in die Alpentäler im  Grenzgebiet zwischen  Frankreich und Italien zurück. (Dauphiné und Piemont). Allerdings gab es dort aufgrund eines Übergangs zur Viehwirtschaft ein Potential an Arbeitskräften, das im Luberon dringend gesucht wurde.  Dort war nämlich die Bevölkerung aufgrund des  100-jährigen Krieges um 60% zurückgegangen, manche Ortschaften waren völlig entvölkert.  Die Herren der  Provence nahmen also gern Einwanderer auf, die ihr Land bewirtschaften sollten, ja luden sie, wie die mächtige Familie d’Agoult, ausdrücklich zum Kommen ein.  Bemerkenswert ist dabei auch, dass sogar die Bischöfe von Apt und Marseille waldensische Siedler anwarben, obwohl die Waldenser ja als Ketzer galten. Möglich wurde das, weil die Waldenser sich nach außen hin als „normale“ Katholiken ausgaben und höchstens dadurch auffielen, dass ihre Nachfrage nach Totenmessen eher gering, aber ihre Kollekten für die Armen außerordentlich hoch waren. Ihren wahren Glauben lebten sie im Untergrund bzw nachts, wenn sie sich mit ihren Predigern, den Barben,  zum Gottesdienst versammelten. Die Barben waren als herumziehende Händler getarnt, die immer zu zweit unterwegs waren: Ein älterer erfahrener Prediger und ein junger Begleiter, der einmal die Rolle des Älteren übernehmen sollte.

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Manche Herren der Provence, ob  weltlich oder geistlich, sahen aber offenbar aufgrund ihrer grundherrlichen Interessenlage nicht so genau hin, was die Besonderheiten der Waldenser anging. So wurden mehrere « contrats d’habitations » abgeschlossen, die zwischen 1490 und 1520 etwa 6000 Waldensern die Ansiedlung in 13 Ortschaften des Luberon ermöglichten, u.a. in  Lourmarin, wo sie  das „vieux château“ errichteten, Lacoste, Cabrières d‘Avignon, Cabrières d’Aigues und in Mérindol.  Der Luberon galt damals als Kerngebiet der Waldenser, und wenn man damals „waldensisch“ sagte, dachte man an die Provence.  (5)

Im Zentrum der waldensischen  Gemeinden des Luberon lag das  nördlich der Durance gelegene Mérindol.

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Die hier wiedergegebene Zeichnung stammt zwar aus dem Ende des 16. Jahrhunderts, gibt aber eher den Zustand des Ortes vor seiner Zerstörung wieder: Oben die Burg, darunter die alte Siedlung und unten im Tal einzelne Gehöfte (Bastides). In Mérindol  trat 1530 eine waldensische Synode zusammen. Es  wurde beschlossen, Abgesandte zu Vertretern der Reformation nach Basel (Bucer) und Straßburg zu schicken. Der Bericht über diese Begegnungen war die Grundlage für den Anschluss der Waldenser an die protestantische Reformation, der 1532 auf der Synode von Chanforan  (Piemont) vollzogen wurde. Damit konnten die Waldenser ihr Dasein als „Untergrundbewegung“ mit heimlichen Gottesdiensten und getarnten Wanderpredigern aufgeben. Sie konnten sich offiziell zu ihrem Glauben bekennen, Gemeinden bilden, Pfarrer wählen und Kirchengebäude errichten.  Außerdem wurde eine offizielle Übersetzung der Bibel  ins Französische finanziert, die berühmte Bible d’Olivétan. [6]

Auch wenn die Waldenser nun Teil einer  größeren, international bedeutsamen Gemeinschaft waren, währte  die  durch die Inquisition immer wieder beeinträchtigte relative Ruhe  allerdings nicht lange.  1540  verurteilte ein Richter aus Apt einen waldensischen Müller  aus Mérindol wegen Ketzerei zum Tode auf dem Scheiterhaufen und eignete sich seinen Besitz an. Das provozierte den Widerstand von Glaubensgenossen.  Das Parlament von Aix reagierte darauf im gleichen Jahr mit dem „Erlass von Mérindol“, in dem 22 Waldenser, die man des Aufruhrs bezichtigte,  zum Tode verurteilt wurden und in dem dekretiert wurde, dass alle, die der Ketzerei für schuldig befunden würden, lebendig verbrannt werden sollten. (7)  Melanchton  setzte sich nun für seine Glaubensbrüder ein und verfasste eine Denkschrift, die an den Hof des französischen Königs Franz I. gelangte. Der befahl zunächst die Aufhebung des Edikts, zumal er für seinen Kampf gegen den  Habsburger Karl V. auf die Unterstützung der Protestanten angewiesen  war.   1545 allerdings setzte der schwankende König seine Unterschrift unter den Befehl zur Inkraftsetzung des Edikts, auch wenn eine von ihm angeordnete Untersuchung zugunsten  der Waldenser ausgefallen war. Daraufhin wurde Mérindol, die „heilige Stadt“ der Waldenser (8),  am 18. April 1545 mit Unterstützung päpstlicher Truppen von angeworbenen  Söldnerbanden unter dem Befehl des Barons Meynier d’Oppède, dem Präsidenten des Parlaments von Aix,  geplündert und zerstört, und bei dieser Gelegenheit auch noch weitere Orte vor allem im südlichen Lubéron. Der (Land-)Besitz der Waldenser wurde verkauft und von dem Erlös wurden die Söldner bezahlt. (9)

Gustave Dore Merindol

Dieser Kupferstich von Gustave Doré (1832-1886)  zeigt eine besonders schlimme Episode des Massakers von Mérindol, die von Jacques Aubéry  so beschrieben wurde:

Mehrere Soldaten hatten in der Kirche von Mérindol Frauen und Mädchen im heiratsfähigen Alter ergriffen. Sie schleppten sie auf  Karren und brachten sie damit in das benachbarte Lauris. Und auf dem Weg dahin hatte jeder seinen Spaß mit diesen Frauen und Mädchen. Die wurden dann in Lauris nackt durch den Ort und um das Schloss herum  getrieben und schließlich von dem Felsen neben dem Schloss in die Tiefe gestürzt. (9a)

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Der Schlossfelsen von Lauris

Zwar konnte die Mehrheit der Bevölkerung vor diesem sogenannten „massacre des Vaudois du Luberon“ in den Piemont,  die Schweiz oder andere Gegenden  entkommen, wo sie (zunächst) sicher waren, aber 2000- 3000 Waldenser wurden getötet, Frauen –wie die von Mérindol- vergewaltigt, 700 Männer auf die  Galeeren verbannt: ein grauenhaftes Vorspiel der kommenden Religionskriege. Für den Luberon war das Massaker ein schwerer Rückschlag, auch für Grundherren, die ihre fleißigen Arbeitskräfte verloren hatten und die sich deshalb beim König beschwerten. Aber Franz I. billigte ausdrücklich „alles, was gegen die Waldenser“ unternommen worden sei, und forderte, auch weiterhin alles zu tun, um diese „verdammte Sekte zu vernichten“. (10) 1551 kam es unter dem neuen König, Henri II, zu einem erneuten Prozess, in dem schwere Vorwürfe gegen Meynier d’Oppède erhoben wurden. Der verteidigte sich damit, dass vorgekommene Übergriffe nicht in seine Verantwortung fielen, sondern eigenmächtig handelnden Truppen zuzurechnen seien.  Im Übrigen habe er mit der Vernichtung der Waldenser nur die königlichen Wünsche exekutiert. d’Oppède wurde also freigesprochen. [11]

 

Auf den Spuren der Waldenser im Luberon

Im kollektiven Gedächtnis der Region bleibt das Massaker  bis heute tief verankert. Einige waldensische Erinnerungsorte im Luberon werden in diesem Abschnitt vorgestellt. Sie sind verbunden durch die Historische Route der Waldenser des Luberon. An den entsprechenden Erinnerungsorten sind zum Teil Tafeln mit Informationen zur Geschichte der Waldenser und des entsprechenden Ortes aufgestellt.

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Karte des Luberon mit Bezügen zu den Waldensern (blau= Orte mit waldensischer Besiedlung; rot= 1545 zerstörte Orte; grün=  historische Monumente mit Bezug zu den Waldensern)

Mérindol

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In Mérindol gibt es  das kleine Waldenser- Museum „La Muse“, das „Centre d’évocation de l’histoire vaudoise.“[13]  Es soll möglichst bald in eine alte Bastide umziehen, eine ehemalige Poststation am Ortseingang.  Die ist schon von ihren ehemaligen Besitzern dem rührigen waldensischen Geschichtsverein des Luberon geschenkt worden, jetzt fehlt „nur noch“ das Geld für Umbau und Einrichtung. Man kann nur wünschen, dass es bald mit dem Projekt vorangeht, denn in der Tat:

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„Die Waldenser und der Luberon, eine lange Geschichte“

Neben dem Museum beginnt auch der Aufstieg zu den Ruinen des alten Dorfes und des Schlosses.

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Ruinen der Burg und der Altstadt von Mérindol

In den Ruinen erinnert noch eine Gedenktafel an das „Massacre de Mérindol“.

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Zur Erinnerung an die Waldenser der Provence, die für ihren  Glauben gestorben sind

Es gibt auch eine 1978 von italienischen,  französischen deutschen  Nachkommen von Waldensern angebrachte Tafel mit dem Wappen der Waldenser:  Der leuchtenden, auf einer Bibel stehenden Kerze, umrahmt von 7 Sternen und der aus dem Johannes-Evangelium übernommenen Umschrift „Lux lucet in tenebris“ (Licht leuchtet in der Finsternis).  Die sieben Sterne beziehen sich auf die Offenbarung des Johannes und bezeichnen die Gemeinden, die seit der Zeit der Apostel dem Evangelium trotz aller Verfolgungen treu geblieben sind: Durch die Treue der waldensischen Gemeinden leuchtet das Licht des Evangeliums in der Finsternis.[12] 

Die großmütige Aufforderung an die Vorbeikommenden: Verzeihe und vergesse nicht!

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Praktische Information: Öffnungszeiten des Museums La Muse: Donnerstags 9.45 bis 12 Uhr, samstags 9.30 bis 12 h, im Winter 14.30-17.30 Uhr

Lourmarin

Auch an anderen Orten des Luberon wird an die Waldenser und das Massaker von 1545 erinnert: So an den in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wieder errichteten  temples vaudois, den Waldenser-Kirchen — wie beispielsweise in Lourmarin.

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Hier ein Bild des teilweise von waldensischen Arbeitskräften errichteten Schlosses und des im 19. Jahrhundert wieder neu errichteten temple protestant. (14)

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Auf einer Informationstafel am Eingang der Kirche werden wesentliche Etappen der Waldenser von Lourmarin skizziert.

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Cabrières d’Aigues. 

Auch in Cabrières d’Aigues gibt es einen temple protestant.

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Dort ist an der Seitenwand der Kirche zusätzlich eine Tafel angebracht mit dem Wappen der Waldenser, der Aufschrift „Nach der Finsternis das Licht“ und drei Daten: Der 10. März steht für die Ansiedlung von Waldensern aus den cottischen Alpen in dem Ort und der 16. April 1545 für das Massacre de Mérindol, von dem auch Cabrières d’Aigues betroffen war. Am 29. April 1995, 500 Jahre nach der Ansiedlung der ersten Waldenser, wurde die Tafel angebracht.

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Der Steinblock daneben besteht aus zwei Teilen: einem Sockel aus einem Felsblock des Luberon, auf dem ein Basaltblock aus den cottischen Alpen ruht: So ist doppelte Heimat der Waldenser des Ortes bezeichnet.

DSC01896 Cabrières d'Aigues (3)

Bewegt man sich im Luberon auf den Spuren der Waldenser, ist das Weingut Domaine des Vaudois in Cabrières d’Aigues ein besonderer Anziehungspunkt.

DSC01896 Cabrières d'Aigues (7)

Es gehört der Familie Aurouze. Claude Aurouze ist sehr engagiert in der Association d’études vaudoises et historique du Luberon und gehört zum Redaktionskomittee der von der Gesellschaft herausgegebenen Zeitschrift La Valmasque.  Er hat ein phänomenales Wissen über die Waldenser -nicht nur des Luberon- und es ist ein Genuss, ihm zuzuhören und seinen schönen Wein zu trinken.

DSC01896 Cabrières d'Aigues (12)

Praktische Information:

Domaine des Vaudois,  Rue du Temple (unterhalb der Kirche) , 84240 Cabrières-d’Aigues. Telefon 0033 (0)4 90 77 60 87

 

Öffnungszeiten unter: http://www.vinchaisnous.fr/producteurs/domaine-des-vaudois/luberon/provence-4713238-1.html
DSC01933 Domaine des Vaudois

Das Fort de Buoux

An die Verfolgung der Waldenser erinnert auch die Festung von Buoux mitten im Luberon: Dorthin flüchteten nämlich Waldenser, die dem Massaker von 1545 entkommen konnten. Es  ist -im wörtlichen Sinne- der Höhepunkt einer Rundfahrt durch den Luberon auf den Spuren der Waldenser. (14a)

853592_1 Luftbild Buoux

Das Fort liegt auf einem Bergrücken nahe der wichtigen Nord-Süd-Verbindung durch den Luberon, die so aus sicherer Höhe kontrolliert werden konnte. Das Fort auch nur zu erreichen ist schon ein kleines Abenteuer: eine kurvige enge Seitenstraße zum kleinen Parkplatz,  ein Fußweg zum Kassenhäuschen und dann der Aufstieg.

Das Fort erstreckt sich über einen langen Bergrücken und besteht aus insgesamt drei Befestigungsanlagen, die auch einem ganzen Dorf mit Kirche Schutz boten.
DSC01772 Fort de Buoux (35)

Überall sieht man die Spuren von Zisternen: Es war also dafür gesorgt, dass das Fort und seine Bewohner auch einer längeren Belagerung standhalten konnten.

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In den Fels gehauene Hohlräume dienten für die Aufbewahrung von Getreide.

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Von höchsten Punkt des Forts hat man einen wunderbaren Rundblick – bis hin zum schneebedeckten Mont Ventoux.

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Abenteuerlich ist dann der sehr empfehlenswerte Abstieg durch eine steile, etwas abgelegene und in den Fels gehauene „versteckte“ Treppe. Da versteht man gut, dass die Waldenser, die hier Zuflucht suchten, in Sicherheit waren.

Ludwig XIV. gab dann den Befehl, das Fort zu zerstören. Die Forts, die das Frankreich dieser Zeit jetzt für notwendig hielt, baute Vauban an den Grenzen des Reichs. Das Fort de Buoux  dagegen hatte seine militärische Bedeutung verloren. Als Sitz einer mächtigen Adelsfamilie passte es außerdem nicht mehr in das zentralistisch-absolutistische Frankreich des „Sonnenkönigs“. Und für religiöse Freiheit oder gar Schutzorte für Glaubensflüchtlinge war da sowieso kein Platz.

Praktische Information:    Öffnungszeiten 10 – 17 h. Dienstags geschlossen, ebenso bei Regen, Schnee oder starkem Wind. Sicherheitshalber Anruf unter 00 33 (0)4.90.74.25.75

Lit. : Pierre Pressemesse: Le Fort de Buoux.  Hrsg. von der Association des Amis du Fort de Buoux. 1997.  Die Broschüre ist am Eingang des Forts erhältlich.

 

Cabrières d’Avignon

Ein besonders geschichtsträchtiger und für die Waldenser im Luberon bedeutsamer Ort ist auch Cabrières d’Avignon.

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Abbildung von Cabrières d’Avignon Ende des 16. Jahrhunderts 

Dort lebte Eustache Marron, ein Held des waldensischen Widerstands. (15) 1532 erregte er schon Aufsehen:  Damals waren waldensische Mädchen von päpstlichen Truppen entführt worden, um sie dem Einfluss ihrer „häretischen“ Gemeinschaft zu entziehen.  Als  die Väter einen Befreiungsversuch unternahmen, wurden auch sie gefangen genommen. Die Befreiung  gelang dann Eustache Marron, der -anders als die Mehrheit der Waldenser- auch vor der Anwendung von Gewalt nicht zurückschreckte, wenn es um den Schutz seiner Glaubensgenossen ging. 1545  verschanzte er sich mit 300 anderen Waldensern im burgähnlich befestigten Schloss von Cabrières.

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Das wird von den königlichen und päpstlichen  Truppen belagert und beschossen. Nach heftigen Kämpfen und großen Verlusten auf beiden Seiten gewährt man den Eingeschlossenen freien Abzug, um nach Deutschland zu gelangen. Der Bischof von Cavaillon verbürgt sich dafür. Dessen  ungeachtet werden aber alle beim Verlassen des Schlosses umgebracht, mit Ausnahme von Eustache Marron und dem Pfarrer Guillaume Serre, die in Avignon als Strafe und  zur Abschreckung auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden. Die Frauen werden in einer Scheune zusammengetrieben und dort verbrannt. Die, die sich in die  Kirche geflüchtet hatten, werden von Glockenturm gestürzt. Eine wenige überlebende Frauen und Kinder verkaufen die „rechtgläubigen“ Sieger in L’Isle-sur-la-Sorgue als Sklaven. (16)

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An die Zerstörung von Cabrières erinnert vor dem Eingang zum Schloss dieses Relief mit dem Waldenser- Wappen. (17). Auf der Tafel darunter kann man lesen, dass sich am 19. und 20. April 1545 hier königliche Truppen und Söldner des Papstes unter dem Befehl von Meynier d’Oppède versammelten, um die unter  Führung des Eustache Marron in der Burg verschanzten Waldenser zu vernichten.

DSC01753 Ca brieres d'Avignon (1)

An den aus Cabrières stammenden Eustache Marron erinnert auch ein nach ihm benannter Weg. Die Ausbuchtung neben dem Schild war übrigens nicht, wie wir dachten, als Sitzbank gedacht, um in Ruhe an das Schicksal der Waldenser zu denken. Es war, wie uns der Besitzer des Hauses nebenan erklärte, vielmehr eine Hilfe für die dort früher wohnenden Bediensteten der Burgherren, ihre Pferde zu besteigen.

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Nach der Aufhebung des Edikts von Nantes mussten die noch im Luberon verbliebenen oder dorthin zwischenzeitlich zurückgekehrten Waldenser/Hugenotten erneut fliehen. Viele von ihnen fanden in Südafrika eine neue Heimat und machten sich dort verdient in der Entwicklung des Weinbaus. 90% des heute in Südafrika produzierten Weins stammt aus den ehemaligen hugenottischen Ansiedlungen! [18]

Aber auch diejenigen, die in Württemberg aufgenommen wurden,  konnten dort den im Luberon praktizierten Anbau von Wein fortzusetzen.

DSC01896 Cabrières d'Aigues (14)

 

Rückzug in die Cottischen Alpen, weitere Verfolgungen und Vertreibungen

Trotz der Verfolgungen verbreitete sich die Bewegung der Waldenser während des gesamten Mittelalters.  Im 13. Jahrhundert war ihr Schwerpunkt die Lombardei, aber es gab waldensische Gemeinden auch in Österreich, in der Schweiz, in Deutschland und in Spanien. Größere Waldenser-Gemeinschaften entwickelten sich in den zwischen Frankreich und Italien gelegenen unzugänglichen Gebirgstälern der Cottischen Alpen, wo die Waldenser vor allem nach ihrem Anschluss an die calvinistische Reform relativ ungestört als einfache Bergbauern ihr Leben fristen und  ihrem Glauben leben konnten. (19)

image Karte Waldenser Savoyen Piemont

Der Siedlungsraum der Waldenser im damals französischen Pragelas und in den piemontesischen Waldensertälern. Die in Dornholzhausen angesidelten Waldenser stammten aus Meano im Chisonetal. 

Die Cottischen Alpen sind „bis heute das Hauptsiedlungsgebiet der Waldenser“.  Gut jeder zweite Einwohner der piemontesischen Waldensertäler gehört der evangelischen Kirche Italiens an, fast ein Drittel aller italienischer Waldenser leben hier. Spiritueller Mittelpunkt ist Torre Pellice mit einer mittelalterlichen Altstadt und dem Waldensermuseum. In der „Casa Valdese“ gibt es die „Aula Sinodale“, in der einmal im Jahr die Synode der waldensischen Kirche stattfindet. [20]

0_1367056180 Casa Valdese

Doch auch in den entlegenen Seitentälern der Cottischen Alpen waren die Waldenser nicht vor Verfolgung sicher, denn der lange Arm des französischen  Absolutismus reichte auch nach Piemont. Seit den 1640-er Jahren nahm der Druck auf die Waldenser zu. 1655 wurden Truppen in ihre Täler verlegt, die 1655 ein Blutbad unter der  Bevölkerung anrichteten. Dieses Massaker wurde bekannt unter dem Namen „Pâques piémontaises“. Zeuge des Massakers war der  Wanderprediger Jean Leger, der in die Niederlande fliehen konnte. Er schrieb eine Geschichte der evangelischen Kirchen von Piemont, deren Kernstück eine auf eigener Anschauung und Augenzeugenberichten beruhende drastische Darstellung schlimmster Exzesse ist. Die jeweiligen Berichte sind mit kleinformatigen Radierungen illustriert.

So liest man beispielsweise unter dem zehnten Bild:

Jean André Michelin de la Tour entkam auf wundersame Weise den Händen der Henker, nachdem er mit eigenen Augen gesehen hatte, wie in seiner Gegenwart drei seiner kleinen Kinder auf die Weise zerstückelt wurden, wie diese Darstellung es zeigt.‘“

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Die zugehörige Illustration zeigt die Hinrichtung dreier Kinder auf je  unterschiedliche Weise und jeweils im Moment unmittelbar vor der Gewalteinwirkung: Links  halten zwei Soldaten ein Kind gemeinsam kopfüber, jeder an einem Fuß, während beide mit der freien  rechten Hand zum Schlag mit dem Schwert ansetzen, um das Kind in zwei Stücke zu teilen. Dasselbe Resultat versuchen zwei Soldaten in der Mitte ganz ohne Schwert, nur durch den Einsatz ihrer Körperkraft, zu erreichen. Ein einzelner Soldat schwingt schließlich rechts ein Kind an den Füßen, um es im nächsten Augenblick vor den Augen seiner Mutter zu zerschmettern.“[21] 

Die Empörung vor allem in den reformierten Niederlanden und im England Cromwells schlug hohe Wellen. Der Dichter John Milton schrieb ein Sonett „On the Late Massacre in Piedmont, dessen erste Strophe so lautet:

Avenge, O Lord, thy slaughtered saints, whose bones
Lie scattered on the Alpine mountains cold,
Even them who kept thy truth so pure of old,
When all our fathers worshiped stocks and stones
….[22]

Das Gedicht  wurde weit verbreitet und sehr berühmt, und es hat sicherlich dazu beigetragen, dass England später die aus den Cottischen Alpen vertriebenen Waldenser mit finanziellen Zuwendungen (Pensionen und Kollekten) unterstützte. Nach dem Widerruf des Toleranzedikts von Nantes durch das Revokationsedikt Ludwigs XIV. von Fontainebleau 1685 kam es zu einer ersten Auswanderungswelle von Waldensern aus den französischen Besitzungen in Piemont. Im Sinne der absolutistischen Maxime des „Sonnenkönigs“ „un roi, une foi, une loi“ (ein König, ein Glaube, ein Gesetz) war für Hugenotten wie Waldenser kein Raum mehr in seinem Königreich. Der damalige Herzog von Savoyen, ein Neffe Ludwigs XIV., folgte der Politik seines Onkels, verbannte die waldensischen Pfarrer, verbot die Gottesdienste und ordnete die katholische Zwangstaufe für Kinder an. Der Widerstand der Waldenser wurde blutig niedergeschlagen, viele konnten aber in die Schweiz emigrieren. 1689 nutzten aber die Waldenser eine für sie günstige militärische Schwäche des Herzogs von Savoyen zur sogenannten  „Glorreichen Rückkehr“ aus der Schweiz in ihre angestammten Täler,   eine Episode, die in der waldensischen Historiographie eine wichtige Rolle spielt: Hier sind sie eben nicht die ewigen Opfer und Leidenden, sondern sie nehmen ihr Schicksal erfolgreich – und zwar auch mit  eigentlich verabscheuten militärischen Mitteln-  in die Hand.  Allerdings wendete sich das Blatt nach dem Ende des Pfälzischen Erbfolgekrieges und dem Frieden von Rijswijk 1697 erneut: Dort konnte Ludwig XIV. durchsetzen, dass alle in Frankreich geborenen, in den Cottischen Alpen ansässigen Waldenser  das Land verlassen mussten, wenn sie nicht ihrem Glauben abschwörten.  So wurde fast ein  Drittel der zu dieser Zeit in den Waldensertälern lebenden Menschen ausgewiesen.[23]

Einige von ihnen fanden schließlich in dem zu Hessen-Homburg gehörenden Dornholzhausen Zuflucht. Dazu mehr im zweiten Teil dieses Beitrags.

Fortsetzung: 

Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte. Teil 2: Die Waldenser in Hessen-Homburg  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10501  (Dezember 2018)

 

 

Anmerkungen

(1) siehe: L’installation des Vaudois dans le Luberon, une empreinte durable. In: Les Vaudois entre Migration et intégration, S. 19

[2] Martin Schneider, Deutsche Waldenser im Mittelalter. In: Dreihundert Jahre Waldenser in Deutschland, S. 21

[2] Bild aus https://www.heiligenlexikon.de/BiographienP/Petrus_Waldus_Valdes.html  Es handelt sich um einen Gipsabguss der Sitzfigur von Ernst Rietschel 1868 vom Wormser Reformationsdenkmal aus der Skulpturensammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Der Vorname Petrus beruht übrigens auf einer Legende des 14. Jahrhunderts zurück, die versuchte, die Anfänge der Waldenser auf die Zeit der Apostel zu verlegen. (a.a.O.)

[3] http://www.fep.asso.fr/membre/entraide-pierre-valdo-centre-provisoire-d-hebergement/ http://www.fep.asso.fr

http://www.fep.asso.fr/vie-federative/vie-de-la-federation/la-plateforme-protestante-pour-laccueil-de-refugies/

[4] http://www.gadagne.musees.lyon.fr/index.php/histoire_fr/Histoire/Pied-de-page/Contact

(5) Eine Übersicht über die Aufnahme von Waldensern in Ortschaften des Luberon siehe:  http://www.tertian.info/vaudois/index.htm

Die nachfolgende Abbildung aus: Audisio, Procès-Verbal d’un Massacre, S. 29

[6]  Molnar, S. 337/338

[7] Giorgio Tourn, Geschichte der Waldenser-Kirche. Die einzigartige Geschichte einer Volkskirche von 1170 bis zur Gegenwart. Erlangen 1983, S. 102/103

(8) Mérindol, „la ville sainte“ der Waldenser: siehe Miquel, Guerres de réligion, S. 121

(9) Die nachfolgende Abbildung von Gustave Doré aus wikimedia

(9a) Text aus einer Informationstafel des Waldensermuseums La Muse in Méridol. (freie Übersetzung von W.J.)

(10) zit. bei Miquel, Guerres de réligion, S. 134

[11) https://www.provenceweb.fr/f/vaucluse/merindol/merindol.htm

http://www.lepoint.fr/voyages/le-massacre-des-vaudois-de-merindol-12-08-2010-1224523_44.php

https://www.museeprotestant.org/notice/histoire-des-vaudois/

https://fr.wikipedia.org/wiki/Massacre_de_M%C3%A9rindol

https://fr.wikipedia.org/wiki/Vaudois_du_Luberon

Luftbild der Ruine der Burg/des Mahnmals:

http://www.luberoncoeurdeprovence.com/decouvrir/circuits-thematiques/la-route-des-vaudois-en-luberon

[12] http://ieg-ego.eu/de/mediainfo/das-wappen-der-waldenser

[13]  https://www.provence-tourismus.de/kulturerbe/luberon/musee-de–la-muse—centre-devocation-de-lhistoire-vaudoise-/provence-2998208-1.html

Öffnungszeiten Donnerstag ganztägig, Samstag vormittags. Kontakt. Telefon:  04 90 72 91 64

[14]  siehe: https://www.luberoncotesud.com/les-temples-du-luberon-adhesion-des-vaudois-a-la-reforme.html
https://www.luberoncotesud.com/les-sites-vaudois-a-proximite-du-luberon.html

(14a) Luftbild aus: https://www.provence-tourismus.de/kulturerbe/luberon/le-fort-de-buoux/provence-853592-1.html

(15) https://fr.wikipedia.org/wiki/Eustache_Marron

siehe dazu auch den Roman von Christrose Rilk, Die Gerechten des Luberon

Die Abbildung von Cabrières aus: Gabriel Audisio, Procès-verbal d’un massacre, S. 31

(16) Miquel, S. 130/131

(17)  Zum Wappen der Waldenser siehe auch den zweiten Teil dieses Beitrags.

[18]  https://fr.wikipedia.org/wiki/Huguenots_d%27Afrique_du_Sud

https://www.museeprotestant.org/de/notice/die-hugenotten-in-sudafrika/  

[19] https://www.museeprotestant.org/notice/histoire-des-vaudois/

Karte aus: https://www.geschichtskreis-dornholzhausen.de/geschichte-1/die-flucht-der-glaubensfl%C3%BCchtlinge-nach-dornholzhausen/

[20] https://protestinfo.ch/20011017877/877-les-vaudois-du-piemont-des-protestants-italiens-entre-histoire-et-foi.htm

Hudry-Menos, L’Israël des Alpes ou les Vaudois du Piemont. In: Revue des Deux Mondes, 72, 1967. Zugänglich durch:

https://fr.wikisource.org/wiki/L%E2%80%99Isra%C3%ABl_des_Alpes_ou_les_Vaudois_du_Pi%C3%A9mont/01

Bei den Waldensern im Piemont. In: Heft 8 (2011) des Geschichtskreises Dornholzhausen, S. 13

Siehe auch: Daniele Tron, Die Waldenser im Chisonetal vom 13. bis zum 18. Jahrhundert. In: Dreihundert Jahre Waldenser in Deutschland, S. 33ff

Waldensermuseum im Centro Culturale: http://www.fondazionevaldese.org/museo-fondazione-valdese.php

Zimmer im waldensischen Gästehaus:  http://www.foresteriatorre.org/de/zimmer-inmitten-der-natur-torre-pellice/#/

Bild der Casa Valdese aus: http://www.gedenkorte-europa.eu/content/list/482/

[21] Zit. von Christine Vogel, „Piemontesische Ostern“. Mediale Inszenierungen des Waldenser-Massakers von 1655. Aus: Dies.:  (Hrsg), Bilder des Schreckens: Die mediale Inszenierung des Schreckens seit dem 16. Jahrhundert. Campus-Verlag 2006, S. 81/82

Dort auch Abdruck des Bildes (Anonyme titellose Radierung)

[22]  https://en.wikipedia.org/wiki/On_the_Late_Massacre_in_Piedmont

„Räche, o Gott, deine erschlagenen Heiligen! Ihre Gebeine liegen in der Einsamkeit der eisigen Alpen, Nur weil sie Wächter deiner Wahrheit waren, Als unsere Vorväter noch die Steine anbeteten.“ Zit. von Tourn, S.142

[23]  Zur „Glorreichen Rückkehr“ siehe: http://www.lestradedeivaldesi.it/de/der-glorreichen-r%C3%BCckkehr.html   Der Begriff „glorreiche Rückkehr“ spielt an auf die englische „Glorreiche Revolution“.

Zur Vertreibung der Waldenser aus dem Piemont siehe:  Christopher Storrs, Der politische Kontext der Vertreibung der französischen Protestanten aus dem Piemont (1698). In: Albert de Lange und Gerhard Schwinge (Hrsg): Pieter Valkenier und das Schicksal der Waldenser um 1700. Waldenserstudien Bd 2  2009, S. 13ff

 

Verwendete/weiterführende Literatur:

Gabriel Audisio,   Guide historique du Luberon vaudois, Éditions du Parc naturel régional du Luberon. 2002 

Gabriel Audisio, Les Vaudois du Luberon. Une minorité en Provence (1460-1560). Mérindol 1984. Rezension: https://www.persee.fr/doc/rhr_0035-1423_1986_num_203_3_2626

Gabriel Audisio, Procès-Verbal d’un Massacre. Les vaudois du Luberon (April 1545). Aix-en-Provence 1992

Gabriel Audisio, Les ‚vaudois‘. Naissance, vie et mort d’une dissidence (XIIe-XVIe siècles). Turin 1989

Le Goff, Jacques (éd.), Hérésies et sociétés dans l’Europe préindustrielle, XIe – XVIIIe siècle, Mouton, Paris-La Haye 1968

Albert de Lange, Die Waldenser.  Geschichte einer europäischen Glaubensbewegung in Bildern. (viersprachige Ausgabe in Deutsch, Italienisch, Französisch und Englisch). Karlsruhe 2000

Pierre Miquel, Les Guerres de Réligion. Paris 1980. Darin vor allem das Kapitel: Le massacre de Mérindol, S. 119-135

Molnár, Amadeo, Die Waldenser. Geschichte und europäisches Ausmaß einer Ketzerbewegnung. Göttingen 1980

Christrose Rilk, Die Gerechten des Luberon. Historischer Roman. Gießen 2005

Christopher Storrs, Der politische Kontext der Vertreibung der französischen Protestanten aus dem Piemont (1698). In: Albert de Lange und Gerhard Schwinge (Hrsg): Pieter Valkenier und das Schicksal der Waldenser um 1700. Waldenserstudien Bd 2 2009, S. 13ff

Les Vaudois entre Migration et intégration. La Valmasque No 94. Mars-Avril 2014. (= Bulletin de l’Association d’études vaudoises & historiques du Luberon)

„Dadurch, dass ich zum Glück die Kinder habe, ist alles doppelt schwer.“ Anna Seghers im Pariser Exil 1933-1940

 

Anna Seghers, geboren am 19.11.1900  als  Netty Reiling, ist Einzelkind und stammt aus einer reichen jüdischen Familie in Mainz. Der Vater ist Kunsthändler und Netty promoviert 1924 über das Thema „Juden und Judentum im Werk Rembrandts“ in Heidelberg. Dort lernt sie Laszlo Radvanyi, ebenfalls Jahrgang 1900, einen ungarischen Soziologen und engagierten Kommunisten kennen. 1925 heiraten die beiden und ziehen nach Berlin. 1926 wird ihr Sohn Peter geboren. Erste Veröffentlichungen unter dem Pseudonym Anna Seghers – Hommage an den niederländischen Maler und Grafiker Hercules Seghers –  erscheinen. 1928 kommt Tochter Ruth zur Welt und Anna Seghers tritt der KPD bei. 1933 zwingt der Reichstagsbrand das Ehepaar Radvanyi zur Flucht. Sie gehen in die Schweiz, die Kinder bleiben vorerst bei den Großeltern in Mainz. Schließlich siedeln sie nach Paris über und holen die Kinder nach. Es folgen sieben relativ ruhige Jahre des Exils im Pariser Vorort Bellevue-Meudon. Die Kinder besuchen die Schule, Anna Seghers nimmt sich die notwendige Zeit zum Schreiben, indem sie in Pariser Cafés geht und dort arbeitet. „Das Siebte Kreuz“ entsteht. Eine Kinderfrau ist immer da und kümmert sich um den Haushalt und die Kinder. In dem schwierigen Leben des Exils so weit wie möglich Normalität zu etablieren, ist eines der Hauptziele von Anna Seghers. Schwer wird es erst, als ihr Mann 1940 mit Kriegseintritt als „feindlicher Deutscher“ interniert wird, sie mit den Kindern auf sich allein gestellt ist und die Wohnung verlassen muss, um Recherchen der Gestapo zu entgehen. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch mit den Kindern in die unbesetzte Zone nach Südfrankreich gelingt es ihr beim zweiten Versuch,  in die Nähe des Internierungslagers Vernet zu gelangen, um Kontakt zu Ehemann und Vater aufzunehmen und die Kinder wieder in der Schule anzumelden. Nach aufreibenden Verhandlungen – der begonnene Roman „Transit“ legt davon Zeugnis ab – gelingt es schließlich der vereinten Familie Radvanyi von Marseille aus Europa zu verlassen in Richtung Mexiko, das zweite Exil, ein zweiter völliger Neuanfang. Aber immer gehen die beiden Kinder zur Schule, so dass sie bei ihrer Rückkehr in Frankreich problemlos studieren können. Und nie hört Anna Seghers auf zu schreiben, was ihr das Durchhalten ermöglicht. Sie ist – darauf hat Christa Wolf verwiesen – Deutsche, Frau, Jüdin, Kommunistin, Schriftstellerin und Mutter  –  die größte denkbare Herausforderung in ihrer Zeit des Exils.

Im Folgenden sollen die Stationen von Anna Seghers im Pariser Exil aufgezeigt werden. Es sind Orte, die auch heute noch gut zugänglich sind : Bahnhof, Hotel, Wohnhaus, Café. Dazu werden entsprechende Bezüge aus ihrem Werk oder anderen  Quellen herangezogen und kommentiert. (1)

 

 I.   GARE DE L‘EST (Ostbahnhof)                                                    Ankunftsort deutscher Flüchtlinge in Paris

Auch heute noch kommen die meisten Besucher aus Deutschland mit dem ICE oder TGV im Pariser Ostbahnhof, Gare de L’Est,  an  – einem modern renovierten hochgeschwungenen Bahnhof aus dem 19.Jahrhundert –  ein architektonisch beeindruckender großzügiger Empfang.  All die Menschen,  die in den 30 er Jahren Nazi-Deutschland schweren Herzens und voller Zukunftssorgen verlassen mussten, um im freien Frankreich Asyl zu suchen, werden das sicherlich kaum bemerkt haben.

DSC02367 Gare de l'Est (2)

Als Anna Seghers mit ihrer Familie hier ankam, hatte sie die beiden Kinder Pierre und Ruth in Straßburg abgeholt, dort waren sie von der Großmutter übergeben worden. In der ersten Zeit des Exils in der Schweiz und die ersten Wochen in Paris hatte das Ehepaar die Kinder bei den Großeltern in Mainz gelassen. Und sie dann nachgeholt.

Anna Seghers schreibt zu dieser denkwürdigen Ankunft

„Die Frau, die die Grenze passiert hat, die eines Abends am Gare de l’Est ankommt, die ist hellwach, nicht bloß aus Gespanntheit, aus Erschöpfung – hellwach in ihr ist die Kraft, die vielleicht ihr Leben lang, vielleicht Jahrhunderte verschüttet war, weil niemand ihrer bedurfte. Jetzt ist sie wieder die Frau von Kriegszügen, von Verbannungen, von Völkerwanderungen. Sie wird vor den ungewöhnlichsten Augenblick gestellt, auf dass sie ihn zwinge, die Züge gewöhnlichen Lebens anzunehmen, damit man ihn ertragen kann. Auf dem fremden, wilden Bahnhof, im Geknatter der fremden Sprache, hält sie Gepäck und Kinder zusammen. Misstrauisch mustert sie das Zimmer, von dem der Mann behauptet, es sei provisorisch. Sie reißt das Fenster auf. Sie hat Nähzeug zur Hand und näht rasch einen Knopf fest. Sie beschnuppert das Bettzeug. Der Mann schimpft wohl über all das Gehabe, doch ist er plötzlich erleichtert. Der furchtbarste Augenblick des gemeinsamen Lebens wird dadurch gezähmt und gebändigt. Geht diese Kraft der Frau ab, dann ist es schwerer für die Familie…“(A.S. 1986 130/31)

Der französische Bahnhof wird als „fremd“ und “wild“ wahrgenommen, vom „Geknatter der fremden Sprache“ ist die Rede. Später von „misstrauisch“ und dem Zweifel, ob die Unterkunft wirklich „provisorisch“ bleibe. Beschreibung eines sehr schwieriger Transit-Moments vom Bekannten ins Ungewisse, von der Heimat in die Fremde. Aber die Familie ist ab jetzt vereint.

In die konkrete  Darstellung der  beklemmenden Situation im Hotelzimmer mischen sich geradezu philosophische Überlegungen der Autorin zur Rolle der Frau/Mutter im Exil. Seghers beschwört in diesem Zusammenhang die sehr einfache, aber im Kontext fast magische Fähigkeit von Frauen, durch kleine notwendige Alltagsgesten den schweren Bann des Schicksals zu relativieren und so erträglich  gestalten zu können. In der Tat : In einem völlig neuen Umfeld ist es eben sehr beruhigend zu erleben, wie vertraute Tätigkeiten selbstverständlich weiter verrichtet werden (z.B. Knopfannähen). Diese Kontinuität schafft Vertrauen und Zuversicht. Diese Aufgabe – damals als rein frauenspezifisch angesehen – wird hier von Anna Seghers als entscheidend für das Gelingen von Exil-Leben, für Paare und vor allem für Familien, angesehen. Eine solche Heraushebung der Alltagsleistung von Ehefrauen und Müttern für die Lebensqualität im Exil erstaunt und sticht hervor in einer Zeit, in der die Haus- und Erziehungsarbeit der Frauen deutlich weniger beachtet und geschätzt wird als die bezahlte Erwerbsarbeit von Männern. In ihrem Aufsatz „Frauen und Kinder in der Emigration“ (1986) betont die Autorin immer wieder die Herausforderung aus dem „ungewöhnlichen Leben“ im Exil ein möglichst weitgehend „normales“ zu gestalten. Dieser Anforderung hat sie sich selbst als Mutter in Frankreich und später in Mexiko immer wieder gestellt, indem sie konsequent ihre Kinder in die Schule schickte und diese somit eine lückenlose französische Schulausbildung erhielten, die ihnen nach dem Krieg ein Studium in Frankreich ermöglichte. Über die Kinder in der Schule blieb sie auch immer mit einer sehr wichtigen Einrichtung des Gastlandes in Kontakt, also eine Art wichtiger Integration. Die Doppelbelastung von Familie und schriftstellerische Tätigkeit war zu meistern, da „Rodi“, ihr Mann, sich wenig um die Kindererziehung kümmerte. Dafür gab es die Hilfe von Hausmädchen, die wichtige Bezugspersonen für die Kinder wurden. „Dadurch, dass ich zum Glück Kinder habe, wird alles doppelt schwer“ (A.S. 1986,30) fasst sie ihre Situation in einem wunderbaren Satz zusammen, der die ganze Ambivalenz ausdrückt. Die Kinder sind zwar eine zusätzliche Last, aber auch ein lebenswichtige positive Verbindung zur Realität im Exil. Ist nicht der verzweifelte Schriftsteller Weigel in „Transit“, der sich das Leben nimmt, als in Paris die deutschen Truppen einmarschieren, das Gegenbeispiel zu ihrer Auffassung, wie wichtig die Normalität, Alltäglichkeit  ist um nicht den Mut zu verlieren? Anna Seghers hat immer wieder betont, dass Exil nicht nur Verlust sei, sondern auch große Chancen berge. „Viele zur Emigration gezwungene Menschen glauben am ersten Tag, alles verloren zu haben. Später haben sie dann gelernt, dass sie vieles gefunden und vieles gewonnen haben, wovon sie früher nicht einmal wussten, dass es das gab.“(A.S. 1986, 129) Dies gilt in gewisser Weise besonders für Frauen, die leichter als ihre Männer in einem fremden Land etwas Geld verdienen können, da sich diese meist an ihren Beruf gebunden fühlen. Diese neue Rolle, entscheidend zum Lebensunterhalt beitragen zu können oder  zu müssen,  verändert den Status der Frau in der Beziehung zu ihrem Partner und im Sozialgefüge der Exilierten insgesamt. Das Gleiche galt unter anderen Vorzeichen auch für die meisten Frauen und Mütter nach Kriegsende. Gewiss bedeutete das mehr Selbstbewusstsein, aber noch keine Emanzipation. Frauen bleiben allein für die Kinder zuständig, ein Prinzip, das nicht in Frage gestellt wird, auch wenn die Mutter eine bekannte Schriftstellerin ist, deren Tätigkeit das Überleben der Familie sichert wie im Fall von Anna Seghers. Sie sei überstrapaziert, so erklärt sie einmal in einem Brief an Bredel. Nicht nur wegen der Fertigstellung ihres Buches und kurzer Krankheit, sondern auch durch Aufgaben für Haushalt und Familie. Daher bat sie ihn einmal <inoffiziell und freundschaftlich< zu bedenken : Du bekommst, weil du ein berühmter Mann bist, auch deine Knöpfe von weiblichen Personen angenäht… Solche Äußerungen, in denen Anna Seghers ihr Frau-Sein thematisiert, sind selten. Es war ihr unangenehm sich schwach zu zeigen oder sich über ihre Rolle als Frau zu beklagen. (A.S. Briefwechsel 1933-45, S. 283)

Aber genau deshalb betont sie immer wieder den wichtigen Beitrag der Frau zum Gelingen eines Lebens im Exil . „Für Mann und Frau kann das Fortgehen die Neuaufrichtung der Ehe bedeuten oder ihre Auflösung. Mag die Frau in den meisten Fällen< dem Mann folgen< – hinter dem Einfachen verbirgt sich wie immer eine stille, beträchtliche Leistung.“ (A.S. 1986, S.129) und ganz konkret: „Wenn es nun wirklich fortgeht, dann überwiegt in diesem Umzug aus höchster Verantwortung  und Entscheidung auf eigentümliche Weise das technische, das Umzugsmäßige. Ob ein Möbelwagen gepackt werden soll oder ein Rucksack, ob ein paar Banknoten eingenäht werden müssen oder Butterbrote geschmiert…“ (A.S. 1986,S-130) Damit ist die wichtige Transformationsleistung der Frauen und Mütter gemeint,  gefährliches angespanntes Leben in gewöhnliches, alltägliches zu verwandeln, hin zu einem Leben ohne Angst. Das ist schon eine Art Philosophie des Pragmatismus.

 

 II.   51, rue Gay Lussac <Hôtel de l’Avenir>                                  Anlaufstelle von Exilanten im Quartier Latin

Bekannt wurde die Straße Gay Lussac 1968 durch die Studentenunruhen und Polizeieinsätze. 1933 war das Hotel in der Nr. 51 oft eine erste Unterkunft für die Schutzsuchenden. Heute gibt es dort immer noch ein Hotel, jedoch mit dem Eingang bei der Nummer 53 und dem neuen Namen Hotel André Latin.

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Der damalige Hoteleingang

Pierre Radvanyi, der Sohn von Anna Seghers erinnert sich: „Mit meiner Mutter fuhren wir im Zug nach Paris zu unserem Vater in ein kleines Hotel in der Rue Gay Lussac, nahe beim Jardin du Luxembourg. Man konnte von dort aus die Spitze des Eiffelturms sehen.“ (P.R. 2005, S.19)

III.   26, avenue du 11 novembre 1918   –                                          eine schöne Bleibe in Bellevue-Meudon

Nach einem gemeinsamen Sommerurlaub in Equihen an der Nordseeküste im Departement Pas de Calais kehrte die Familie Radvanyi nicht mehr ins Hotel zurück,  sondern bezog die erste Etage eines Hauses in dem gut bürgerlichen Vorort Bellevue Meudon – leider bisher ohne Erinnerungsplakette.

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Anna Seghers hatte etwas Ähnliches wie in Berlin-Zehlendorf gesucht und gefunden, „in der frischen Luft, außerhalb der Großstadt“. Mit Hilfe ihrer Mainzer Eltern gelang es sogar,  Möbel und Bücher aus Zehlendorf nach Meudon zu expedieren. 7 Jahre eines (fast) normalen Familienlebens im Exil Paris beginnen. Das Kindermädchen Gaja- aus Deutschland nachgekommen- sorgt lange Jahre zuverlässig für Haushalt und Kinder und für leckere Kuchen am Sonntagnachmittag, wenn Gäste zu Besuch kommen.  Nach anfänglichen Problemen in der staatlichen Schule für Pierre, dem es als Ausländer schwer gemacht wird, löst ein Schulwechsel in eine private „Freie Schule“ das Problem. Im Rückblick schreibt  Sohn Pierre :  „Mit dem Vorortzug  hatten wir es gar nicht weit bis zum Bahnhof Paris-Montparnasse, zudem lag die Avenue du 11 novembre 1918 nahe am Wald von Meudon und lief am unteren Ende  auf eine kleine Terrasse zu, die einst zum Grundbesitz von Madame de Pompadour gehört hatte und von der man einen schönen Blick auf Paris werfen konnte. Von den ersten Monaten abgesehen, habe ich dort Jahre einer glücklichen Kindheit verlebt.“ (P.R.2005,S.20; das nachfolgende Foto aus Zehl Romero, Foto 26))

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Die Familie vor dem Haus in Bellevue

Pierre berichtet auch über viele Spaziergänge mit der Mutter, die diese häufig nutzte ihre dichterischen Eingebungen voranzutreiben. „Oft spazierten wir zur Terrasse unterhalb des Observatoriums von Meudon, von wo man einen herrlichen Blick auf Paris hatte…“(P.R., 2005,S. 26)

Sowohl die kleine Terrasse in Meudon-Bellevue, als auch die große in Meudon Val Fleury erlauben auch heute noch einen schönen Blick auf Paris und lohnende Spaziergänge – insbesondere die hoch gelegene grande terrasse  (mit Zugang zur Orangerie) beim Observatorium.

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  IV.    Cafés  –  Orte des Austauschs und des Arbeitens

„Wenn meine Mutter Ruhe zum Schreiben brauchte, flüchtete sie in ein Café. Zuweilen ging sie in ein Café in der Nähe unserer Post, aber lieber suchte sie die Cafés in Paris auf, vor allem am Boulevard St. Germain. Mit einem einzigen Milchkaffee hielt sie einen ganzen Vor-oder Nachmittag durch. Dass sie sich in allgemeinem Lärm und inmitten von vielen Leuten befand, störte sie gar nicht, im Gegenteil, das stellte für sie eine Art Schutzwand dar.“(P.R. 2005, S. 33)

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Das Café als öffentlicher Ort und Treffpunkt spielte für die Emigranten in Paris eine große Rolle. Hier konnte man sich zwanglos treffen, diskutieren und bei einer Tasse Kaffee stundenlang sitzen bleiben. Der Meinungs-und Informationsaustausch untereinander sowie mit französischen Kollegen stand im Vordergrund. Hermann Kesten beschreibt das so: „Im Exil wird das Café zu Haus und Heimat, Kirche und Parlament…zur Wiege der Illusion und zum Friedhof…zum einzigen kontinuierlichen Ort.“ (H.K.. 1959, S.12)

Hier ein Bild mit Anna Seghers vor einem Pariser Café. (http://www.anna-seghers.de/biographie_paris.php)

 

Bei Seghers war das Café allerdings weniger ein Ort des Gedankenaustauschs und hitziger politischer Debatten, sondern des Rückzugs auf konzentrierte schriftstellerische Arbeit. „Oftmals sah ich sie im Café de la Paix oder in einem kleinen Café am Montparnasse unter einer murmelnden Menschenmenge sitzen…Der Bleistift flog über das Papier, und das Manuskript wuchs“ erinnert sich Lore Wolf, die Frankfurter Freundin, die als verfolgte Kommunistin mit ihrer Tochter in Paris lebte und Anna Seghers das Manuskript von „Das 7. Kreuz“ abtippte (zit. bei Sternburg Anm. 151).  Interessant übrigens, dass die meisten der von den Emigranten damals frequentierten Lokalen im Montparnasse wie  „La Coupole“ oder „ Dôme“ heute zu den teuersten Konsum-Tempeln der Stadt gehören.

Das Café, ein Ort, wo man immer einfach hingehen, sich hinsetzen und schreiben kann: Eine geniale Lösung nicht nur für Anna Seghers, sondern auch heute noch für viele Menschen in Paris, die dort stundenlang über ihrem laptop  sitzen – internet inclusive. Cafés/Restaurants spielen auch in Seghers Roman „Transit“ eine wichtige Rolle. Immer wieder kehrt die Hauptfigur in dasselbe Lokal in Marseille zurück – eine Pizzeria mit wärmendem Feuer. Warum? Zum Warten, zum Essen, zum Weintrinken, zum Beobachten, um Leute zu treffen, vor allem aber um zu warten. Ein bekannter und gewohnter Ort, also ein wenig Zuflucht für die Heimatlosen, ein Stück Innehalten auf der drängenden Suche nach Rettung.

Anna Seghers war im Pariser Exil aber nicht nur als Mutter und Schriftstellerin  engagiert, sondern auch politisch: Wer wäre denn auch besser geeignet gewesen als die aus Deutschland geflohenen Schriftsteller, vor den Gefahren des Nationalsozialismus zu warnen und für eine breite Front des Widerstands  zu werben. Das  politische Engagement Anna Seghers`in der Zeit ihres Pariser Exils  soll aber an anderer Stelle  beispielhaft an ihrer Rede über die Vaterlandsliebe beim „Ersten Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur“ im Haus der  Mutualité  1935 verdeutlicht werden.   

 

 V.  „Six jours – six années“  –  „6 Tage –  6 Jahre“      

Diese Tagebuchblätter von Anna Seghers aus der Pariser Zeit wurden ursprünglich 1938  in französischer  Sprache in der Monatszeitschrift „Europe“ veröffentlicht und sind nur in deutscher Fassung zugänglich (ndl, 9.Sept. 1984). Die Idee : pro Jahr ihres Aufenthaltes Ereignisse von einem Juni-Tag in der Sprache des Gastlandes zu präsentieren. Im Vordergrund stehen dabei deutsch-französische Erfahrungen.

Im Tagebuchblatt aus dem  Juni 1933 erinnert sie sich : „Wir haben die Kinder von der Grenze abgeholt. Wie Verrückte haben sie sich in unsere Arme geworfen, dort verharrten sie dann unbeweglich. Völlige, unendliche Sicherheit bei diesen unsteten Wesen, ihren Eltern, die doch selbst zu den Obdachlosesten dieser Welt zählten, selbst von allen Stürmen hin- und hergeworfen wurden.“    Und sie fährt fort mit dieser rührende Beschreibung des Kontakts mit den Kindern, die  gerade aus dem geliebten unerreichbaren Deutschland gekommen waren: „Das mehrfarbige karierte Kleid der Kleinen, der Geruch ihres Haares machten mich verrückt vor Heimweh….als wir die Hosentaschen des Kleinen leeren : ein paar getrocknete Grashalme, ein Pfennig, eine Fahrkarte, ein Tannenzapfen: ein halbes Deutschland.“ (A.S., 1984 S.5)

Erst später wird Anna Seghers wissen, dass sie bei dieser Übergabe der Kinder in Straßburg ihre Mutter das letzte Mal gesehen hat. In Paris angekommen fährt die nun endlich vereinte Familie Radvanyi nach Equilieu (Pas de Calais) in  Sommerurlaub. „Unsere Wirtin, Witwe eines Schriftstellers, bereitet uns die Suppe. Sie nennt mich „meine Tochter“. Das ist wahrscheinlich nur so ein Ausdruck, aber es tut mir gut. In dieser Frau, und nicht durch irgendein Komitee, begrüßt uns Frankreich.“(A.S., 1984, S.7)  Bei ihr lernen die beiden Kinder erstes Französisch.                                                

Juni 1934 hält sie  fest :“Als ich abends nach Hause komme, höre ich, wie die Kinder sich in einem groben und doch schon geläufigen Französisch zanken….In unseren Augen spielen die Kinder “Franzosen“, wie sie Indianer spielen. Wie man sich als Indianer mit Federn putzt, zieht die Kleine weiße Strümpfe an, um die „französischen Kinder“ am Sonntag zu spielen.“  Und weiter als erzieherische politische Korrektur: „Wir zeigen ihnen Broschüren für Deutschland, die man mit der Lupe liest. Vor allem, die Einheit bewahren! Vor allem niemals die Vergangenheit verraten! Vor allem, niemals die Kontinuität einbüßen!“ (A.S.,1984, S.7)

Juni 1935 bemerkt sie im Kontext des internationalen Schriftstellerkongresses über die französischen Kollegen:“Was uns am meisten erregt, die wundervolle Tradition des revolutionären Denkens, seine kontinuierliche, logische, fast organische Entwicklung…“    (A.S., 1984, S.7)

Juni 1936 zitiert sie ihren Sohn. „Später im Bett, erklärt uns der Kleine, warum er die französischen Gedichte den deutschen vorzieht : die deutsche Dichtung drückt zu oft reines Denken aus, die französischen dagegen Gefühle.“ (A.S.,1984,S.8)  Dieses Urteil hätte sicher ein französisches Kind mit gleichem Recht umgekehrt fällen können. Welche subtile Wahrnehmung kultureller Unterschiede!

 Juni 1937 erwähnt Anna Seghers vor allem das Zusammentreffen mit einem deutschen Widerstandskämpfer, der nach KZ-Haft und Flucht sich nun nach Spanien zum Kampf bei den Internationalen Brigaden aufmacht. Ihre große Hochachtung ist unverkennbar.

Juni 1938 geht sie der Frage nach, „wohin wir mit den Kindern im Kriegsfalle gehen würden. Meine ersten Bombenangriffe habe ich am Ufer des Rheins erlebt, die zweiten in Spanien, und die dritten auch. Aber hier in diesem Land haben meine Kinder Freunde und Sicherheit kennengelernt; sollten sie nicht, wenn es sein muss, auch Schmerz und Gefahren hier begreifen?“ (A.S., 1984, S.9)  Ganz ähnlich wird später auch der Erzähler von Transit argumentieren, als er sich entschließt, bei den Menschen in Südfrankreich zu bleiben, die ihn freundlich aufnehmen und mit ihnen zu erwartendes Leid teilen statt aus Europa vor den Nazis  ins Ungewisse zu fliehen. Anna Seghers hat dann doch die Ausreise nach Mexiko betrieben und so sich und ihrer Familie das Leben gerettet, was ihr im Fall ihrer Mutter jedoch nicht mehr gelang.

 

 VI. Die Stadt Paris im Werk von Anna Seghers                                                     

Der Roman „TRANSIT“, an dem Anna Seghers bereits  1940  in Marseilles zu schreiben anfing, spielt vor allem in dieser Stadt, Ausfallstor in die Welt auf der Flucht vor der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Der Erzähler ist nur zu Anfang kurz in Paris und beschreibt die Stadt nach der Besetzung so :

„Ich ging eines  Sonntags früh nach Paris hinein. Die Hakenkreuzfahne wehte wirklich auf dem Hôtel de Ville. Sie spielten wirklich vor Notre Dame den Hohen Friedberger Marsch. Ich wunderte mich und wunderte mich. Ich lief quer durch Paris. Und überall deutsche Autoparks, überall Hakenkreuze, mir war ganz hohl, ich fühlte schon gar kein Gefühl mehr. Ich grämte mich, dass all der Unfug aus meinem Volk gekommen war, das Unglück über andere Völker. Denn dass sie sprachen wie ich, dass sie pfiffen wie ich, daran war kein Zweifel. Als ich nach Clichy hinaufging, wo Binnets wohnten, meine alten Freunde, da fragte ich mich, ob Binnets wohl vernünftig genug seien, um zu begreifen, dass ich zwar ein Mensch dieses Volkes sei, doch immer noch ich. Ich fragte mich, ob sie mich ohne Papiere aufnehmen würden.                                                                                                                         

Sie nahmen mich auf.“ (A.S., 2018, S.13/14)

Die bewegende Erzählung „OBDACH“ von 1941 (A.S., Erzählungen, Da., 1973, S.199-206) spielt dagegen ganz in Paris. Es geht um den Jungen eines von der Gestapo in Paris verhafteten deutschen Widerstandskämpfers. Das Kind ist verzweifelt, denn es soll nach Deutschland zurück und dann in ein NS-Heim gebracht werden. Doch eine französische Bekannte nimmt ihn in ihre Familie auf trotz Widerstand ihres Mannes. Eine starke Frau, die vorbildlich handelt im Sinne von Seghers, der das Engagement der Helfer für politische Flüchtlinge unumgängliche moralische Verpflichtung galt  – trotz aller Risiken. Naheliegend, dass Anna Seghers bei dem Schicksal des deutschen Jungen auch an das potentielle Los ihrer eigenen Kinder gedacht hat, wenn sie entdeckt und verhaftet würde.

Den Erfolgs-Roman „DAS SIEBTE KREUZ“, den Anna Seghers in der Pariser Zeit verfasste, ist neben der klaren politischen Aussage eine Hommage an ihre rheinische Heimat, die sie mit so viel Liebe beschreibt, wie es nur aus der erzwungenen Trennung heraus möglich ist. Sieben KZ-Flüchtlinge fliehen aus dem KZ Westhofen (Vorbild Osthofen/ Nähe Worms), aber nur einem gelingt die Flucht. Denn er hatte einen Helfer finden können, der es wagte ihn zu verstecken und dann weiter zu leiten – trotz Familie mit Kindern, die er damit in höchste Gefahr brachte. Wieder das Seghers-Anliegen der Bereitschaft zu unzögerlicher praktischer Solidarität, das hier aus Paulchen einen Helden werden lässt. Und die große Befriedigung, die  aus der konkreten Unterstützung eines Verfolgten erwächst, ist immer wieder ein Aspekt, den sie betont.

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                    Amerikanische Ausgabe des Romans für in Europa eingesetzte GIs                  (Exilausstellung des Deutschen Nationalmuseums Frankfurt)  Das erhoffte Visum für die USA erhielt Anna Seghers allerdigs nicht.

Fazit: Die Bereitschaft schnell und entschlossen zu helfen, wenn es für Flüchtlinge notwendig ist, erwies sich als gelernte Lektion im Deutschland von 2015. Im kollektiven deutschen Gedächtnis gibt es die Erinnerung an das Leid der Heimatvertriebenen, vor allem aber an die Not der NS-Verfolgten, die Hitler-Deutschland verlassen mussten, wenn sie es noch konnten. Die literarische Verarbeitung gerade ihrer Schicksale hilft vor dem Vergessen zu bewahren und gelangt in neuem Kontext zu  überraschender Aktualität, wie die jüngste Verfilmung von Anna Seghers  „Transit“ (2018) zeigt.                                                                                                                                                  Frauke Jöckel

 

(1)  Das Portrait von Anna Seghers wurde 1935 aufgenommen von Gisèle Freund.

©  bpk/IMEC Fonds MCC/ Giaèle Freund

https://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/EN/Objects/freund-seghers-en.html?single=1

 

 

Quellenangaben und benutzte Literatur:

Anna Seghers/Wieland Herzfelde : Frauen und Kinder in der Emigration in „Gewöhnliches und gefährliches Leben“, Darmstadt 1986                                                  Anna Seghers : 6 Tage, sechs Jahre, Tagebuchblätter in neue deutsche Literatur 9/1984      Anna Seghers : Das Obdach (1941) in „Erzählungen“ Bd.1, Darmstadt 1973                            Anna Seghers : Das 7. Kreuz (1942) , Berlin 2018                                                                            Frankfurt liest ein Buch 16.-29.April 2018 : Anna Seghers, Das 7. Kreuz                                    Anna Seghers : Transit (1951), Berlin 2018                                                                                    Christian Petzold : Transit (Film), 2018                                                                                              Pierre Radvanyi : Jenseits des Stroms, Erinnerungen an meine Mutter, Berlin 2005              Christiane Zehl Romero : Anna Seghers, eine Biographie 1900-1947, Berlin 2000                  Wilhelm von Sternburg  : Anna Seghers, ein Porträt, Berlin 2012                                        Hermann Kesten : Dichter im Café, Wien 1959                                                                                Roland Hoja : „Wartesäle der Poesie“, Schriftstellerinnen im Pariser Exil 1933-41, Norderstedt 2015                                                                                                                      Monika Melchert : Wilde und zarte Träume, A. Seghers Jahre im Pariser Exil, Berlin 2018  Studienkreis dt. Widerstand (Hrsg) : „Nichts war vergeblich“  Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Katalog zur Ausstellung in der Gedenkstätte KZ Osthofen, 2016                                                                                                                                                          Lore Wolf : „Ein Leben ist viel zu wenig“, Berlin 1979                                                                    Doris Danzer : „Zwischen Vertrauen und Verrat“, deutschsprachige kommunistische Intellektuelle und ihre sozialen Beziehungen, Berlin 2012                                                  Doron Rabinovici : „Das Versagen der Heimat“, Eröffnungsrede zur  Dauerausstellung des Deutschen Exilarchivs in Frankfurt/Main, FAZ, 9.April 2018

 

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu deutschsprachigen Schriftstellern in Paris/im französischen Exil:

  • Das Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise in Paris: Eine Hommage an den Vorkämpfer der deutsch- französischen Verständigung

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10585

  • Mit Heinrich Heine in Paris

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8231

  • Exil in Frankreich: Sanary, Les Milles und Marseille

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/592

  • Der Cimetière de Picpus: Ein deutsch-französischer und amerikanischer Erinnerungsort

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/1828

 

Geplante weitere Beiträge

  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 1: Lyon, Luberon, Piemont
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 2: Die Waldenser in Hessen-Homburg
  • Der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935 im Haus der Mutualité in Paris
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier
  • Das Hotel Lutetia (1): Ein Bauwerk zwischen Art Nouveau und Art Déco in neuem Glanz

 

 

11. November 2018. Paris begeht den 100. Jahrestag des Waffenstillstands

Thema dieses Beitrags sind die Veranstaltungen zum 100. Jahrestag des Waffenstillstands (armistice) in Paris.  Er  schließt sich insofern an einen früheren  Beitrag zur Entwicklung und Veränderung des  11. November als Feiertag in Frankreich an:  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/3394

Diesmal und gerade in der Hauptstadt wird der 11. November in einer außerordentlichen Intensität und Vielfalt begangen. Immerhin ist der 11. November nach dem Urteil des französischen Historikers Pierre Nora „une date absolue“ der Geschichte des Landes. Das gelte sonst nur noch für den 14. Juli, den französischen Nationalfeiertag. (Le Figaro, 10./11.11.2018). Der 11. November 1918 wird allerdings in Frankreich auf unterschiedliche Weise verstanden.  Und obwohl es sich um ein für Frankreich wie Deutschland existentielles Datum handelt, spielt der Tag in beiden Ländern eine ganz verschiedene Rolle. Das soll im Folgenden exemplarisch dargestellt werden.  Gerade unter dem  Blickwinkel der deutsch-französischen Beziehungen ist das besonders interessant: Die jeweilige Ausgestaltung der Erinnerung an den Waffenstillstand kann auch als Gradmesser dieser Beziehungen dienen.

 

Der 11. November in der Topographie von Paris

Welche Bedeutung der  11. November in Paris hat, wird schon daran deutlich, dass es zwei ganz besondere Plätze gibt, die an den Waffenstillstand erinnern, der den „Großen Krieg“ Frankreichs beendete.  Da gibt es die Place du 11 Novembre  1918  vor dem Gare de l’Est: ein symbolischer Ort, weil von diesem Bahnhof aus die Züge in den Osten Frankreichs und nach Deutschland abfahren.

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Es handelt sich hier um den Bahnhofsvorplatz- begrenzt von dem Bahnhofsgebäude auf der einen und der rue du 8 mai auf der anderen Seite. Straße und Platz erinnern damit an das Ende der beiden Weltkriege – wichtige Daten im kollektiven Gedächtnis der Franzosen und immerhin ja auch beides Feiertage.

Und dann gibt es die repräsentative  Place du Trocadéro et du 11 novembre im 16. Arrondissement.

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In dessen Zentrum steht ein  Reiterstandbild  à la Henri Quatre oder Louis Quatorze  des Marschalls Foch, und zwar in perfekter Symmetrie mit der Statue des Marschalls Joffre vor der École militaire auf der anderen Seine-Seite.[1]

An der westlichen Seite des Platzes  befindet sich an der Mauer des  Friedhofs von Passy  das Monument à la gloire de l’armée francaise 1914-1918.

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Wegen seines Themas und seiner Komposition liegt der Vergleich mit der kämpferischen „Marseillaise“ an der Schauseite des Arc de Triomphe nahe.[2] Hier ist es aber weniger die überschäumende Begeisterung, sondern eher die Entschlossenheit der sich um die „Marianne“ in der Mitte scharenden  und letztlich siegreichen Soldaten, der poilus, die präsentiert wird; und dezent am  Rande auch der Tod. Immerhin handelt es sich ja um ein Denkmal „für die Helden und für die Toten“.

Eingeweiht wurde  das Denkmal  1956 von dem Schriftsteller Maurice Genevoix, [3] der auf der  Grundlage eigener Kriegserfahrungen mehrere Erinnerungsbücher über den Ersten  Weltkrieg geschrieben hat.  Sie wurden seit 1916 publiziert,  zusammengefasst 1949 in dem Band „Ceux de 14“. Es sind alles andere als kriegsverherrlichende Bücher. Wegen seiner ungeschminkten Darstellungen der Kämpfe hatte Genevoix  -oft verglichen mit Ernst Jünger- sogar Schwierigkeiten mit der Zensur.   Dass er aber dieses Denkmal „zum Ruhm der französischen Armee“, für ihre „Helden“ und Toten, an der Friedhofsmauer  und neben dem Reiterstandbild  Fochs einweihte,  zeigt, wie sehr die Erinnerung an den 11. November einerseits mit dem Gedenken an die auf dem „Feld der Ehre“[4] gefallenen Opfer des Krieges,  andererseits aber auch mit der Feier der Armee, ihrer „heldenhaften“ Soldaten und ihrer Führer verbunden ist. Der 11. November ist damit ein wesentlicher Bestandteil des sogenannten „roman national“ Frankreichs, der immer wieder neu und auf ganz unterschiedliche Weise erzählt wird, auch jetzt wieder anlässlich des 100. Jahrestags  des Waffenstillstands von 1918.[5]

Dazu gehört auch, dass Maurice Genevoix und „ceux de 14“ 2019 ins Pantheon aufgenommen werden. Maurice Genevoix sei –so Macron-  der „Fahnenträger“ all derer, die im Ersten  Weltkrieg für die Freiheit, das Recht und den Frieden gekämpft und gesiegt hätten und die jetzt auch „à titre collectif“ ins Pantheon aufgenommen würden – übrigens eine Neuheit in einer Einrichtung, die bisher Einzelpersonen vorbehalten war. Die sterblichen Überreste des Schriftstellers sollen allerdings nicht transferiert werden, sondern auf dem  Friedhof von Passy verbleiben.[6]

Dieser Pantheonisierungsbeschluss ist ein eindeutiger Hinweis darauf, wie intensiv der 100.  Jahrestag des Waffenstillstands in Frankreich  begangen wird. Die entsprechenden Veranstaltungen beendeten (und beenden noch) einen  vierjährigen Erinnerungsmarathon zum Ersten Weltkrieg.  Unzählige kulturelle, pädagogische und wissenschaftliche Erinnerungsprojekte wurden  gerade 2018 durchgeführt.[7] In den Medien war der 11. November ein Dauerthema  – es gab im Fernsehen eine „Flut von Programmen zum Jahrestag“ (Le Monde)  und die Printmedien standen dem nicht nach: In den Buchhandlungen quollen die Büchertische über von einschlägiger Literatur, auch vielen Neuerscheinungen[8], und in der Presse war in der Zeit vor dem 11. November die Erinnerung an den Jahrestag das  beherrschende Thema.  Der „Figaro“ beispielsweise veröffentlichte eine sechsteilige Serie „Il y a 100 ans“  mit  Berichten und Analysen (und natürlich auch Auszügen aus dem Buch von Genevoix) und auch in Le Monde gab es eine Sonderbeilage und die  tägliche Rubrik „Centenaire du 11 novembre“.

DSC02843 9.11. Ausstellungen Mairie (5)

Emblem der Erinnerungswoche im Figaro

Höhepunkt der Gedenkveranstaltungen war natürlich der 11. November– eingeleitet um 11 Uhr vormittags durch das Läuten aller Glocken im Land,  so wie es 100 Jahre davor auch war, als der Waffenstillstand eingeläutet und auf diese Weise bekannt gemacht wurde.[9]

Macron, Helden oder Opfer? und der Schatten von Pétain

Eine prominente Rolle bei den Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag des Waffenstillstands spielte natürlich der Staastpräsident. Emmanuel  Macron unternahm vom 4.-9. November eine Rundreise, eine „itinérance mémorielle“,  zu den bedeutendsten Schlachtfeldern des  Ersten Weltkriegs auf französischem Boden. Dabei ging es ihm um die Erinnerung an die Soldaten, die für die Republik gekämpft haben,  auch an Orten wie Morhange, wo tausende poilus für eine skrupellose Strategie der „offensive à outrange“ geopfert wurden.[10]  Und mit der Ehrung der tapferen, ja entsprechend einem breiten französischen Konsens: „heldenhaften“  Soldaten  ist natürlich auch eine Botschaft an die Gegenwart verbunden: nämlich Zuversicht zu verbreiten in Gegenden, die vor 100 Jahren  vom Krieg verwüstet wurden und die  jetzt vielfach Opfer von Globalisierung und Desindustrialisierung sind.  Macron wollte also auch dazu auffordern, sich gegen neue Bedrohungen wie Nationalismus und Populismus „in Marsch“ zu setzen – die anstehenden Europawahlen lassen grüßen.[11]

Beginn der Rundreise war –zusammen mit Bundespräsident Steinmeier- am 4. November ein deutsch-französisches  Konzert im Münster von  Straßburg  – natürlich ein höchst symbolischer Ort – jahrhundertelanger Streitapfel zwischen Frankreich und Deutschland, proklamiertes französisches Ziel einer „Revanche“ seit der Niederlage von 1871 und jetzt europäische Stadt par excellence.  Endpunkt dieses Wegs der Erinnerung war  am 10. 11. –diesmal zusammen mit der deutschen Bundeskanzlerin-  der Besuch die Lichtung  Rethondes  bei Compiègne, auch dies ein höchst symbolischer Ort.  Dort war  der Eisenbahnwagon aufgestellt, in dem  Mathias Erzberger als  Vertreter der am 9. November ausgerufenen Republik  den Waffenstillstand unterzeichnete und der am 22. Juni 1940 Ort eines erneuten  Waffenstillstands  zwischen Frankreich und Deutschland  war – diesmal aber nach dem sogenannten  „Blitzkrieg“ der Wehrmacht gewissermaßen mit umgekehrten Vorzeichen.

Bei dem heute auf der Lichtung von Rethondes aufgestellten Eisenbahnwagon handelt es sich um eine Nachbildung des 1940 nach Deutschland gebrachten und im Krieg zerstörten  Originals. Das Elsass-Lothringen-Denkmal mit dem Datum des 11. November 1918 und dem vom französischen Schwert durchbohrten deutschen Adler wurde auf Befehl Hitlers zerstört, nach dem Krieg aber wieder aufgebaut.

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Hier tragen  sich Macron und Merkel gemeinsam in das von Marschall Foch eröffnete Goldene Buch des Waffenstillstands- Wagens ein 

In dem zum Jahrestag auch inhaltlich entstaubten Museum wird jetzt auch  verdeutlicht, auf welche Weise der Waffenstillstand von 1918 nicht nur das Ende eines mörderischen Krieges, sondern auch das Vorspiel eines weiteren nicht weniger mörderischen Krieges war: Mit einem abgewandelten Zitat von Clausewitz hat ein französischer Historiker denn auch kritisch und treffend den Waffenstillstand von 1918 und die nachfolgenden Friedensverhandlungen überschrieben: Der Frieden ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln…. Gerade für die damalige französische Politik passt das nur allzu gut.[12]

Zum 100. Jahrestag wird in Compiègne auch die „dalle sacrée“ die monumentale Granitplatte restauriert, die 1922 mit folgender Inschrift im damaligen Geist in den Mittelpunkt der Lichtung platziert wurde: „Hier unterlag am 11.November 1918 der verbrecherische Hochmut des deutschen Reichs, besiegt von den freien Völkern, die zu unterjochen es beansprucht hatte.“[13]  Jetzt weihten direkt davor Macron und Merkel eine neue Erinnerungsplatte in französischer und deutscher Sprache ein, auf der die Versöhnung und die Freundschaft zwischen beiden Ländern gewürdigt werden (13a)

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Übrigens kann man sich derzeit in und  um Compiègne auch auf kulinarische Weise an den Waffenstillstand erinnern:  So werden in mehreren Restaurants spezielle „Menus 14-18“ angeboten. So in Les Accordailles in Compiègne mit einer Schützengrabensuppe (Vélouté des tranchés) als Vorspeise, einem „Geheimnis des Sieges“ als Hauptgericht und einer „Margerite im Gewehrlauf“ als Dessert. Der speziell dabei herangezogene Historiker hat sich aber offensichtlich auf die Namensgebung beschränkt. Der Gast muss also nicht damit rechnen, eine Kohlsuppe oder eine Dose mit Sardinen vorgesetzt zu bekommen.[14]

Die abschließende  zentrale Veranstaltung zum 11. November fand dann natürlich genau am Jahrestag des Waffenstillstands in Paris statt.  Dort  versammelten sich  zahlreiche  Repräsentanten der am Krieg beteiligten Staaten und internationaler Organisationen zu einer Gedenkveranstaltung am Grabmal des unbekannten Soldaten unter dem Arc de Triomphe  [15]  – Bundeskanzlerin Merkel dabei demonstrativ neben Staatspräsident Macron und seiner Frau  platziert und diese drei eingerahmt von Trump und Putin…

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Die für diesem Tag zunächst  noch angekündigte und von Präsident Trump sehnlichst erwartete große Militärparade gab es allerdings nicht, angeblich –wie  im Vorfeld immer wieder zu lesen war- um nicht Deutschland zu verletzten. Der Wunsch Macrons war es, am 11. November nicht in erster Linie den Sieg Frankreichs über Deutschland zu feiern, sondern vor allem der Opfer des mörderischen Krieges zu gedenken: Heute werde der 11. November in Frankreich nicht mehr als großer Sieg, sondern als Ende einer großen Schlächterei  („grande boucherie“, grande hécatombe“) gesehen. Allerdings gab es durchaus auch andere Stimmen- beispielsweise die des Vorsitzenden der „Republikaner“ Laurent Wauquiez.  Durch die Verwandlung der Soldaten des Großen Krieges in Opfer werde das von ihnen freiwillig gebrachte Opfer fürs Vaterland seines heroischen Inhalts entleert und eine Chance zur patriotischen Demonstration der Einheit Frankreichs verspielt.[16] Wenn aber einerseits die „victimisation“ (Pierre Nora) der „Helden“ des Großen Kriegs beklagt wird, so gibt es andererseits in Frankreich auch -immer noch- eine Tendenz, das Vaterland als unschuldiges  Opfer der deutschen Aggression zu sehen und dabei die -keineswegs marginale- Mitverantwortung Frankreichs an der Entfesselung des Kriegs zu übersehen. Aber das ist eine andere Geschichte….

Der Chefredakteur der Zeitung Libération, Laurent Joffrin,  hat zur Auseinandersetzung über den Charakter des 11. November einen sarkastischen Leitartikel veröffentlicht (9.11.) und dabei die –eher  männlichen- „Vestalinnen des kriegerischen Nationalismus“  heftig kritisiert. Der von den französischen Nationalisten, vor allem Clemenceau, nach dem Waffenstillstand den Deutschen auferlegte Frieden mit der alleinigen Kriegsschuld und den Reparationen habe wesentlich zu Aufstieg und Erfolg der Nationalsozialisten beigetragen. Und das sei nur ein Aspekt der „paix manquée“ nach dem 11.11.1918.  Statt den Sieg zu feiern solle man also besser über die Gründe für das Blutvergießen im 20. Jahrhundert nachdenken, um wenigstens im 21. Jahrhundert daraus zu lernen. (16a)

Wenn  Wauquiez und andere beklagen, am „11. November Macrons“  würden „nos gloires nationales“  verleugnet und den poilus ihr „sépulture spirituelle“ verweigert, geht natürlich ins Leere angesichts der Entscheidung des Präsidenten, „die von 1914“ kollektiv ins Pantheon aufzunehmen. Angesprochen ist in dieser Auseinandersetzung aber auch die Frage, wie der 11. November begangen  werden soll: Als Feier eines vaterländischen Sieges (Wauqiez: „victoire de la patrie“) oder als Gedenktag an einen mörderischen Krieg mit der Möglichkeit, daraus Energie zu gewinnen  für die Konstruktion einer gemeinsamen europäischen Zukunft.[17]

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Der Zeichner Serguei von Le Monde  (8.11.) gibt darauf eine eindeutige Antwort. Die Zeitung Le Figaro, die in ihrer Ausgabe vom 10. November „La gloire de nos pères“ feiert (Überschrift des Leitartikels)   ebenso.

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Und dazu passt auch die Beilage mit dem Reprint der Ausgabe vom 12.11.1918.

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Macrons  begrüßenswerte Entscheidung, den 11. November als übernationalen Gedenktag zu gestalten und auf eine große Militärparade zu verzichten,  bedeutet aber nicht, dass der Waffenstillstand als Besiegelung eines militärischen Siegs ausgeblendet würde. Immerhin wurde  auf Wunsch des Generalstabs wenigstens eine Zeremonie  der Armee im Hôtel des Invalides organisiert. Dabei sollten die acht französischen Marschälle des Ersten Weltkriegs geehrt werden, von denen  fünf unter dem Dôme des Invalides begraben  sind. Allerdings war einer von ihnen, nämlich Pétain,  der „Sieger von Verdun“,  im zweiten Weltkrieg Chef des  Kollaborations- Regimes von Vichy, das mit   den deutschen Besatzern willig zusammenarbeitete – einschließlich  der Beteiligung am Holocaust. Die französische Verteidigungsministerin korrigierte dann allerdings Ende Oktober diese Planung: Geehrt würden nur die fünf in den Invalides bestatteten Marschälle, also nicht Pétain. Darauf angesprochen, desavouierte Präsident Macron während seiner „itinérance mémorielle“ seine Ministerin: Es sei „vollkommen legitim“, die Marschälle zu ehren, die die Armee zum Sieg geführt hätten. Und diese Ehrung gelte selbstverständlich auch Pétain, der während des Ersten Weltkriegs „ein großer Soldat“ gewesen sei. Das sei eine Tatsache, auch wenn Pétain im zweiten Weltkrieg verhängnisvolle Entscheidungen getroffen habe.[18]  Dass diese Aufspaltung in einen zu würdigenden Pétain von Verdun und einen zu verurteilenden Pétain von Montoire –Ort seines Zusammentreffens mit Hitler-  nicht unwidersprochen bleiben würde, war zu erwarten.  Schon vorab hatte ein Militärsprecher vorausgesagt, es werde wohl Ärger mit der französischen Linken oder der jüdischen  Gemeinde geben, wenn man auch Pétain ehre.[19] Der Vorsitzende der französischen jüdischen Gemeinden (CRIF) und Vertreter der politischen Linken wiesen denn auch darauf hin, dass Pétain im Prozess vom Juli 1945 im Namen des französischen Volkes wegen Hochverrats zum Tode verurteilt wurde und ihm die  bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt wurden.  Man sei deshalb über die Äußerungen Macrons schockiert, was aus meiner Sicht nur allzu verständlich ist: In Deutschland wäre es immerhin außerhalb der Neonazi-Szene völlig ausgeschlossen, beispielsweise Göring als großen Jagdflieger des ersten Weltkriegs zu ehren, der er ja zweifelsohne war…  Für den Regierungssprecher Benjamin Griveaux handelte es  sich aber um eine „schlechte Polemik“. Und er berief sich auf General de Gaulle, der festgestellt habe, Pétains Ruhm von Verdun solle von dem Vaterland nicht in Frage gestellt werden- eine Äußerung  aus dem Jahr 1968, die allerdings  in ihrem  historischen Kontext gesehen werden muss. Auch dass Präsident Mitterand mehrere Jahre lang an jedem 11. November ein Blumengesteck am Grab Pétains auf der Île d’Yeu niederlegte, ist Teil einer spezifischen und lange Jahre –auch über 1968 hinaus- üblichen französischen Form der „Vergangenheitsbewältigung“. Und das Hin und Her um die Ehrung Pétains zeigt, dass die bei weitem noch nicht abgeschlossen ist. [20]

Ich kann nur – noch einmal- Laurent  Joffrin, dem Chefredakteur von Libération zustimmen, der am 7.11. in einem Leitartikel schrieb, man könne zwar als Historiker  die beiden Pétains voneinander trennen. Als Politiker und im „mémoire nationale“ gehe das aber nicht. Die Abschaffung der Republik, die Kollaboration mit den Besatzern, das Judenstatut, die Unterdrückung des Widerstands, die Hilfe bei den Deportationen, darunter die berüchtigte Razzia von 1942  (Rafle du Vél d’Hiv)  und die Verbrechen der Miliz seien  Schandflecken auf der französischen Vergangenheit. Seit der Präsidentschaft Chiracs werde die Verantwortung Pétains  dafür nicht mehr minimisiert und sein Ruhm als Sieger von Verdun nicht mehr gewissermaßen als Ausgleich für seine Verbrechen auf die historische Waagschale gelegt.  Mit dieser Tradition breche nun Macron.  Der Präsident hat jedenfalls meines Erachtens  mit diesem für ihn typischen „en même temps“  einen Schatten auf die Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag des Waffenstillstands geworfen.[21]

Immerhin sah sich das Präsidialamt dann doch veranlasst festzustellen, am 10. November werde nicht Pétain geehrt, sondern es würden nur Blumen an den fünf in den Invalides begrabenen Marschällen niedergelegt. Und Pétain werde nicht zu „ceux de 14“ gehören, die ins Pantheon aufgenommen würden. Da kann man sich dann allerdings fragen, ob und ggf welche weiteren Ausnahmen es gibt. Vielleicht die „morituri“ von 1917, die nicht ergeben ihren Generälen gehorchten und die deshalb zum Tode verurteilt wurden….?  Da  wird es dann sicherlich noch weitere Diskussionen geben…

 

Veranstaltungen in Paris

Aus Anlass des 100. Jahrestags des Waffenstillstands gab es in Paris eine unübersehbare Fülle an Veranstaltungen, von denen hier nur einige wenige vorgestellt werden können. Ziemlich spektakulär war im Vorfeld des 11. November  die Ton-Lichtschau „La dame du cœur“ vor der Kathedrale von Notre Dame.[22]

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Erzählt wird die Liebesgeschichte  einer französischen Krankenschwester und eines  tödlich verwundeten amerikanischen Soldaten, der kurz vor seinem Tod bedauert, nie die Kirche Notre Dame gesehen zu haben. Gemeinsam finden sie aber dann  Notre Dame, die „Dame ihres Herzens“.  Eine ziemlich kitschige Geschichte, auch was den Ton und die Lichtspiele angeht, mit denen die wunderbare Fassade von Notre Dame bestrahlt wurde, die das wirklich nicht nötig und verdient hat. Die Schau wurde schon vom 8.-11. November 2017  mit großem Erfolg präsentiert (80 000 Besucher) und in diesem Jahr noch einmal gezeigt – wir haben sie allerdings nur als Zaungäste verfolgt.

Es gab auch ein reiches musikalisches Programm anlässlich des Jahrestags. Hier nur eine kleine Auswahl: Die Philharmonie von Paris präsentierte vom 9.-11. November mehrere Veranstaltungen  zum Thema Krieg und Frieden.

Dazu gehörte auch die Erinnerung an den Cellisten Maurice Maréchal und sein legendäres Cello „Le Poilu“.  [23]

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Dieses Cello hatten Kameraden des Cellisten  aus Munitionskisten gebaut. Das Original ist im Musée de la musique aufbewahrt, mit einem Nachbau spielte Emmanuelle Bertrand  Stücke u.a. von Bach, Britten und Debussy, dazu wurden Passagen aus dem Tagebuch von Maurice Maréchal vorgelesen.

 

 

 

Im Schloss von Versailles gaben  am  11. November die Wiener Philharmoniker  ein in viele Länder ausgestrahltes Konzert mit einem speziell auf diesen Jahrestag zugeschnittenen  Programm (u.a. Beethovens missa solemnis)  und Solisten aus Frankreich, Deutschland, Russland und den USA. [24]

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Und last but not least, wenn auch nicht ganz so prominent:  Zum musikalischen Programm rund um den 11. November gehört/e  auch eine Aufführung des deutschen Requiems von Brahms in der Madeleine – ich erlaube mir das zu erwähnen, weil ich da als Gast eines „befreundeten Chors“ mitsingen werde. Dass allerdings auf dem Plakat der Titel des Werks unvollständig angegeben ist, ist gerade im Erinnerungsmonat November besonders bedauerlich.[25] Im Oktober 2015 hatte ich  schon einmal Gelegenheit, in der Kathedrale von Lisieux das deutsche Requiem (requiem allemand) mitzusingen. Diese Aufführung fand im Rahmen der Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs statt – mit Fahnen, Veteranen und Marseillaise. Und das deutsche Requiem von Brahms wurde ausdrücklich ausgewählt, um „zur Versöhnung der Völker und zur Hoffnung auf Frieden in der Welt“ beizutragen. Bei dem Konzert 2018 ist dieser Bezug leider nicht so explizit  gemacht.

 

Der Blumenteppich vor dem Hôtel de Ville  

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Am Samstag, dem 10. November wurde von Bürgermeisterin Hildalgo auf dem Platz vor dem fahnengeschmückten Hôtel de Ville ein Blumenteppich von 94 415 Primeln und Stiefmütterchen in den Farben der Tricolore eingeweiht – sie symbolisieren die Anzahl der im Krieg umgekommenen Soldaten der Stadt.

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 Auf einer elektronischen Tafel werden in der Reihenfolge der Kriegsjahre und des Alphabets durchlaufend die Namen aller Gefallenen angezeigt.

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Zwei Fotoausstellungen am Hôtel de Ville

Zum Jahrestag des Waffenstillstands präsentierte die Stadt Paris an den Außenmauern des Hôtel de Ville zwei Fotoausstellungen.  Die eine  bezog sich auf das „camp retranché de Paris“, eine Anlage von Verteidigungstellungen in den die Stadt umgebenden  Wäldern.

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Gezeigt wurden aber auch Bilder von Verteidigungs- und Schutzmaßnahmen in der Stadt.

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Eine Flugabwehrstellung auf dem Eiffelturm

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Sandsäcke an der Place de la Concorde zum Schutz gegen den Beschuss der Stadt mit den sogenannten Pariser Kanonen zwischen März und Juli 2018

In einer zweiten Ausstellung wurden  Fotos von Gegenständen aus den Schützengräben gezeigt.

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Zum Beispiel diese mit Hilfe einer Feldflasche gebaute Mandoline

oder dieses beeindruckende Kruzifix aus Patronen

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Dass auch das nachfolgende Foto ausgestellt war, fand ich sehr bemerkenswert und schön, weil es sich auf den informellen Waffenstillstand („Weihnachtsfrieden“) vor allem zwischen deutschen und britischen Truppen an Weihnachten 1914 bezieht:

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Die Aufschrift dazu: „An Weihnachten 1914 beenden die feindlichen Soldaten das Feuer und verbrüdern sich für die kurze Zeit der Festtage. Der Inhalt der Weihnachtspäckchen, die die deutschen Frontsoldaten erhielten, wurde manchmal geteilt. Die Waffen schwiegen und machten den Platz frei für die  Gefühle der Männer.“

 

Das neue Monument aux Morts an der Mauer des Friedhofs Père Lachaise

Am 11. November enthüllte die Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, das neue Denkmal für die im Krieg umgekommenen Soldaten der Stadt.[26] Es gab zwar in Paris schon bisher zahlreiche Erinnerungsorte an die Toten des Ersten Weltkriegs, aber noch kein zentrales Monument mit allen Namen, wie das bei den ca 30 000 zwischen 1918 und 1925 in Frankreich errichteten Gefallenendenkmälern üblich ist.  Ein Denkmal für  nicht weniger als 94 415 Namen erschien offenbar nicht realisierbar. Bisher war die Liste aller Kriegstoten nur im Internet einzusehen. [27] Jetzt wurde an der Friedhofsmauer des Père Lachaise zwischen dem Haupteingang am Boulevard de Ménilmontant und dem Seiteneingang an der Metrostation Père Lachaise (Linie 2) ein 280 Meter langes und 1,30 Meter breites Band aus 150 blauen Stahltafeln angebracht, auf denen Platz für alle Namen ist.

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Letzte Vorbereitungen: Der Weg entlang der Mauer wird neu asphaltiert und die Stahltafeln werden blank geputzt

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„Den Toten des Großen Krieges“

Das Blau  der Tafeln soll Frankreich symbolisieren und an die damalige Farbe der Uniformen erinnern. Aufschrift: „Aux morts de la Grande Guerre. Paris à ses enfants“. Dazu ein Zitat  von Guillaume Apollinaire, der am 9. November 1918 an  den Folgen seiner Kriegsverletzungen und der Spanischen Grippe starb.

Qui donc saura jamais que de fois j’ai pleuré

Ma génération sur ton trépas sacré“

In dem „Chant d’honneur“ aus dem Jahr 2015, dem diese Verse entnommen sind, ist der Krieg zwar in seinem Schrecken präsent, er wird aber gleichzeitig auch ästhetisiert und heroisiert. Diese Ambivalenz ist auch in den ausgewählten Versen zu spüren.

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Und damit erhält  der Tod -100 Jahre nach dem Ende des verhängnisvollen Krieges- immer noch eine transzendentale Weihe – die aber im Zusammenhang mit der Grande Guerre in Frankreich verbreitet ist. Man denke nur an die „dalle sacrée“ in Compiègne, an die „voie sacrée“, den Nachschubweg nach Verdun,  an die ewige Flamme unter dem Arc de Triomphe oder die vielzitierten Worte Clemenceaus in seiner Siegesansprache am 11. November 1918:

„honneur à nos grands morts, qui nous ont fait cette victoire. (…) Grâce à eux, la France, hier soldat de Dieu, aujourd’hui soldat de l’humanité, sera toujours le soldat de l’idéal.“ (27a)

Eine französische Freundin, die aus dem im Krieg  verwüsteten Nordosten Frankreichs stammt, wunderte sich jedenfalls, warum man gerade diese Verse Apollinaires für das Mahnmal am Père Lachaise ausgewählt hat. Vielleicht hätte man sich ja – so meine ich- auch an den -wenn auch spärlich gesäten- kriegskritischen Denkmälern orientieren können, die nach 1918 in Frankreich errichtet wurden- z.B. dem in Dardilly im Département  Rhône. Die Inschrift dort: „Contre la Guerre. À ses victimes. À la  fraternité des peuples“.[28] Aber das stand wohl selbst in einer (noch) von einer linken Mehrheit regierten Kommune nicht zur Debatte.

Bei der Auswahl der Namen haben sich die verantwortlichen Historiker vor allem auf die in den Rathäusern der Arrondissement geführten „livres d’or“ gestützt. (28a) Dort sind alle Toten mit  dem Prädikat „mort pour la France“ aufgeführt, was den Hinterbliebenen eine Pension sicherte. Auf der Tafel am Père Lachaise sind darüber hinaus aber auch die Namen von verwundeten  Fremdenlegionären und Kolonialsoldaten verzeichnet, die in Paris gestorben sind. Und die Namen von 200 Opfern der Militärjustiz. (siehe unten)

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An der Einweihung des Denkmals konnte ich nicht teilnehmen, aber es wurde auch noch einige Tage danach  festlich beleuchtet.

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Geht man an dieser langen Reihe mit den 94 415 Namen vorbei, wird diese abstrakte Zahl  in ihrer Grauenhaftigkeit etwas konkreter und anschaulich, gerade wenn man auch einmal innehält, auf die einzelnen Namen blickt und sich vorstellt, welche individuellen Schicksale damit bezeichnet sein könnten.  Dann kann man verstehen, warum in Frankreich von dem „Großen Krieg“ gesprochen wird – und ist gleichzeitig auch etwas betroffen, wenn man an Deutschland denkt, wo  dieser Krieg und seine nicht geringeren Opfer im nationalen Gedächtnis kaum eine Rolle spielt- so gute Gründe es dafür auch gibt.

In Deutschland ist der 11. November der Martinstag, an dem Martinsgans gegessen wird (Brust oder Keule?…) , und der Martinsumzug der Kinder mit den Laternen stattfindet….

… und es ist der  Beginn der Karnelvalszeit: Als morgens in Paris die Glocken läuteten, begann im Rheinland pünktlich um 11.11 Uhr die „närrische Jahreszeit“[29]

Faschingsbeginn, 11. November 11.11 Uhr, Tafel mit Schrift, Faschingsdekoration

 

Auch in den 16 Pariser Arrondissements gab es ein vielfältiges Programm rund um den Jahrestag des Waffenstillstands. Dazu  wenigstens einige wenige Beispiele:

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Das Rathaus des 15. Arrondissements feierte nach eigenen Aussagen den 100. Jahrestag des armistice in großem Stil. Eine ganze Woche vor der offiziellen Erinnerungsveranstaltung am 9. November gab es eine ganze Reihe von Konzerten, Konferenzen und Ausstellungen. Hier das Plakat dazu im kitschigen Stil einer Feldpostkarte.[30]:

 

 

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Ein wenig bekanntes und eher nicht zu der Feierstimmung des Jubiläums passendes Thema sprach die Mairie des 2. Arrondissements an: Die von der französischen Militärjustiz verhängten, teilweise auch zur Abschreckung gedachten Todesurteile gegen Soldaten, deren Verhalten als wehrzersetzend angesehen wurde.[31]

Dies ist ein Thema, das  auch im 2016  neu gestalteten Mémorial  von Verdun angesprochen wird und das besondere Brisanz dadurch erhält, dass die französische Militärjustiz im Ersten Weltkrieg einen traurigen Spitzenplatz in diesem Bereich innehat.[32] Besonders hart war das Vorgehen 1917, als  im Zuge der verlustreichen Nivelle-Offensive am Chemin des Dames eine große Meuterei in der französischen Armee ausbrach,  die mit aller Härte, aber auch Zugeständnissen an die Truppe  beendet wurde. Das Chanson de Craonne, die Hymne der Soldaten, die sich nicht weiter in sinnlosen Angriffen abschlachten lassen  wollten,  war bis 1974 verboten. Und ein Schulaufsichtsbeamter verbot kürzlich, 100 Jahre  nach dem Waffenstillstand,  Schülern, bei einer Veranstaltung zur Erinnerung an den 11. November 1918 das Lied vorzutragen….[33]

Mit einem ganz anderen, aber ebenfalls sehr interessanten Thema beschäftigt sich die Mairie des 4. Arrondissements anlässlich des armistice-Jahrestags. Am 9. November wurde im Ehrenhof des Rathauses im Beisein von Schüler/innen des Arrondissements eine Ausstellung mit  Zeichnungen Pariser Grundschüler aus dem Ersten Weltkrieg eröffnet. Präsentiert wurde die Ausstellung von Manon Pignot, die zu diesem Thema auch ein schönes Buch veröffentlicht hat. [34]  Einige Kinderzeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg wurden auch gegenüber der Mairie des 19. Arrondissements am Zaun des Parks Buttes Chaumont befestigt. Es geht dabei nicht nur um selbst erlebte Alltagserfahrungen  –zum Beispiel das Anstehen für  Brot- sondern es werden auch Szenen der Front dargestellt, wie die Kinder sie  sich aufgrund der Erzählungen von Verwandten und Lehrern vorgestellt haben.

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Hier (Fotos oben und unten) erobern französische Truppen  im Jahr 1914, also auch noch nicht behelmt, eine Ortschaft im Norden Frankreichs zurück.

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Die Legende zur nachfolgenden Zeichnung vom 29. Februar 1916:  „In Verdun wehren unsere heroischen Soldaten die wilden Angriffe der Barbaren ab.“  In der Tat zeigt sich hier eine in der Schule verbreitete „unglaubliche antideutsche Propaganda“ ,  wie die Mairie in ihrer Ankündigung der Ausstellung schreibt.[35]

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Die „Société d’Histoire et d’Archéologie du Vieux Montmartre“, die die Ausstellung verantwortet, schlägt von da aus eine Brücke in die Gegenwart:

„Heute, wo die europäische Einigung wesentlich auf dem Fundament der deutsch-französischen Freundschaft beruht, erinnern die patriotischen Akzente der Zeichnungen daran, dass es nicht immer so war und dass es zweier schrecklicher, mörderischer Kriege bedurfte, dass sich zwei Völker auf ihre gemeinsamen Werte besinnen…“

 

Die Bedeutung der deutsch-französischen Freundschaft stand auch im Mittelpunkt einer Veranstaltung in der Maison Heinrich Heine, dem deutschen Haus in der Cité Internationale Universitaire.

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Dort wurde am 7.11. eine Ausstellungen mit Zeichnungen Marcel Santis eröffnet, der als französischer Soldat sein Leben und das seiner Kameraden in den Schützengräben festgehalten hat. Die Ansprache bei der Eröffnung hielt der  ehemaligen Premier- und Außenminister Jean-Marc Ayrault, ein besonderer Kenner und Freund Deutschlands.[36]  Ayrault, der den Waffenstillstand von 1918 in den Kontext der geschichtlichen Entwicklung des 20. Jahrhunderts und der deutsch-französischen Beziehungen einordnete, wies dabei auch auf eine Zeichnung hin, die ihn besonders beeindruckt habe:  Dargestellt sind drei Soldaten, links ein deutscher, rechts ein afrikanischer, vermutlich ein sogenannter tirailleur sénégalais, die einen verletzten französischen  Soldaten in der Mitte stützen.

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Es ist eine  in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerte Zeichnung: Einmal wegen des farbigen Soldaten; es gab ja 200 000 Soldaten aus den Kolonien, die in der französischen Armee gekämpft haben und von denen 30 000 dabei umkamen. Deren Rolle wurde lange nicht oder kaum gewürdigt. Die Namen der Kanak, also der Ureinwohner Neu-Kaledoniens, die im Ersten Weltkrieg auf französischer Seite gekämpft haben und starben, wurden erst 1998 auf dem „monument aux morts“ in der Hauptstadt Noumea verzeichnet![37]  Und gerade jetzt, am 6. November, hat Präsident Macron im Beisein des malischen Präsidenten in Reims das neue Denkmal für die „armée  noire“ in Reims eingeweiht- das alte war 1940 von den deutschen Truppen  zerstört worden.[38]  Für Marcel Santi war der Soldat der „armée noire“  ein Kamerad wie auch der deutsche Soldat. Die drei Männer, die hier vereint abgebildet sind, die aber durch den Krieg zu Feinden gemacht wurden, verbindet eine Humanität, die über den Krieg hinausweist.

Bemerkenswert ist auch die sarkastische Aufschrift im Stil der offiziellen Kriegsberichterstattung, mit der Santi die Zeichnung überschrieben  hat: „Secteur calme, rien  à signaler“ –  was man vielleicht am  besten mit dem Titel von Erich Maria  Remarques Antikriegsbuch übersetzen kann: Im Westen nichts Neues…

Etwa rätselhaft war mir zunächst die Aufschrift auf der nachfolgenden Zeichnung: „Un Fritz, deux jours de perme“, die mir freundliche Ausstellungsbesucher dann erklärt haben. Zu sehen sind im Gewirr einer französischen Stellung ein deutscher Soldat (hier aber nicht als „boche“ tituliert ),  der in Kriegsgefangenschaft geraten ist und nun in die rückwärtigen Stellungen gebracht wird. Der deutsche Soldat ist offenbar hochzufrieden, dass der Krieg für ihn vorbei ist. Aber auch die französischen Soldaten können, wie die  Aufschrift ausdrückt, zufrieden sein: Sie erhalten nämlich für jeden gefangen genommenen deutschen Soldaten zwei Tage Fronturlaub (permissions)…

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Für Santi wie Remarque wie für viele andere Kriegsteilnehmer auf beiden Seiten war klar, dass sich ein solcher Krieg nicht wiederholen  dürfe.

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 In der Zeichnung, die  auf der Ankündigung der Ausstellung abgebildet ist, hat Santi das auf sehr schöne und anrührende Weise zum Ausdruck gebracht.  Ein, wie ich meine, passender Abschluss dieses Blog-Beitrags zum 11. November 2018.

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PS: Ganz zum Schluss aber dann doch noch ein Wermutstropfen:  Wie traurig, dass zum 100, Jahrestag des Waffenstillstands die Renovierung der Mauer für den Frieden immer noch nicht abgeschlossen wurde.[39] Das wäre doch ein passender Anlass gewesen…. Aber vielleicht veranschaulicht das ja auch, wie es derzeit mit dem Frieden in der Welt steht….

Anmerkungen

[1]   siehe den Blog-Beitrag über die Mauer für den Frieden auf dem Marsfeld

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2035

[2] Siehe dazu den Blog-Beitrag über den Arc de Triomphe: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/3476

[3] http://memorial14-18.paris.fr/memorial/jsp/site/Portal.jsp?document_id=113&portlet_id=106

[4] Es ist –gerade aus deutscher Perspektive- auffällig, wie unbefangen der Begriff „champ d’honneur“ noch heute  in Frankreich verwendet wird. Siehe zum Beispiel: in einem Artikel über Maurice Genevoix im Figaro vom 6.11.2018, S. 7

[5] Siehe z.B. das Gespräch mit dem Historiker Nicolas Offenstadt in Le Monde vom 5.11.2018: https://www.lemonde.fr/centenaire-14-18/article/2018/11/05/nicolas-offenstadt-le-roman-national-est-une-croyance_5378890_3448834.html

Zum Beitrag der Schriftsteller Genevoix, Dorgelès und Barbusse zur Wahrnehmung des Ersten  Weltkriegs im „roman national“ Frankreichs:  Libération, 5.11.2018: Maurice Genevoix, Roland Dorgelès et Henri Barbusse: Trois styles pour raconter la Grande Guerre.

[6]http://www.lefigaro.fr/politique/le-scan/2018/11/06/25001-20181106ARTFIG00122-macron-annonce-l-entree-au-pantheon-de-maurice-genevoix-et-de-ceux-de-14.php

[7] Einen  bescheidenen Beitrag zum Erinnerungsmarathon  habe ich auch gleistet: Eine befreundete französische Historikerin und ich haben gemeinsam in einer öffentlichen Bibliothek von Paris deutsche und französische Bücher zum Ersten Weltkrieg vorgestellt, um damit Unterschiede und Gemeinsamkeiten der jeweiligen Perspektiven zu verdeutlichen.

[8] Siehe auch: 1914-1918. Le débat sans fin. Cent ans après,  la Grande Guerre inspire toujours, en témoignent les nombreuses parutions qui interrogent, le consentement et le patriotisme français en temps de guerre. In: Le Monde des livres,  9.11. 2018

[9] http://www.centenaire.org/fr  siehe auch:

https://www.la-croix.com/France/Commemoration-1918-temps-forts-venir-2018-09-21-1200970553

[10] siehe z.B. wenn auch unkritisch: François Cochet, Morhange, la fin de l’offensive à outrance. In: Le Figaro, 5.11.2018 Siehe dazu auch den Blog-Bericht über die mur pour la paix und das Reiterstandbild des Marschalls Joffre:  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2035

[11] siehe: https://www.lexpress.fr/actualite/politique/emmanuel-macron-en-marche-vers-l-histoire_2046539.html

https://www.lepoint.fr/politique/itinerance-memorielle-les-contradictions-d-emmanuel-macron-05-11-2018-2268528_20.php  Beeinträchtigt, ja massiv überlagert wird dieses Erinnerungsprogramm allerdings durch die heftigen französischen Diskussionen um die ab Januar 2019 geplanten höheren Benzinsteuern, die vor allem die in Frankreich besonders verbreiteten Autos mit Dieselantrieb betreffen.

[12] Siehe: Une mémoire centenaire. In: Télérama vom 5.9.2018, S. 17 und  Georges-Henri Soutou, 1918: La fin de la Première Guerre mondiale? In: Revue historique des armées, 2008, S. 4-17

[13] „Ici succomba l’orgueil de l’Empire allemand vaincu par les peuples libres qu’il prétandait asservir“. 

http://www.courrier-picard.fr/118680/article/2018-06-21/renovation-de-la-dalle-de-la-clairiere-de-larmistice-letat-met-le-hola

(13a) Bild aus: https://www.dw.com/de/macron-und-merkel-weihen-gedenktafel-bei-compi%C3%A8gne-ein/a-46241553

[14]  Compiègne, terre de mémoire. In: Le Monde vom 11. Oktober 2018

http://www.leparisien.fr/culture-loisirs/sortir-region-parisienne/compiegne-on-a-teste-le-menu-special-14-18-au-restaurant-les-accordailles-20-06-2018-7782834.php

[15]  Zum Grabmal des unbekannten Soldaten siehe den  Blogbeitrag über den Arc de Triomphe:  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/3476

[16] Laurent Wauquiez, „Macron tourne le dos à notre histoire“. Debattenbeitrag in Le Monde vom 8. November 2018, S. 24

http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2018/10/22/01016-20181022ARTFIG00001-11-novembre-l-elysee-ne-veut-pas-celebrer-la-victoire-militaire-de-1918.php

http://www.lefigaro.fr/vox/politique/2018/10/24/31001-20181024ARTFIG00278-commemoration-du-11-novembre-gloire-a-nos-peres.php

s.a. https://francais.rt.com/france/54800-11-novembre-pour-ne-pas-froisser-allemagne-macron-refuserait-parade-armee-francaise  Wenn da übrigens zu lesen ist, für Deutschland markiere der 11. November „un jour de défaite“ so wird damit eine französische Sicht des 11. November (Tag des Sieges) –mit umgekehrtem Vorzeichen- fälschlicherweise auf Deutschland übertragen (Tag der Niederlage). Tatsache ist doch wohl, dass der 11. November im kollektiven deutschen  Geschichtsbewusstsein keine Rolle spielt –  anders als  der geschichtsträchtige  9. November, der aber leider nicht zum deutschen nationalen Feier- und Gedenktag gemacht wurde.

(16a) Dass Joffrin es hier wagt,  Kritik an dem in Frankreich eigentlich sakrosankten und derzeit mit einer Ausstellung im Pantheon gefeierten Clemenceau, dem „Vater des Sieges“ zu äußern, ist äußerst bemerkenswert. Zur Präsenz des „Tigers“ in den französischen commémorations zum Ersten Weltkrieg siehe: http://www.clemenceau2018.fr/

[17] Siehe: Claire Demesmay und Barbara Kunz, Commémorer au lieu  de célébrer. Debattenbeitrag in Le Monde vom 8. November 2018, S. 24

[18] http://www.lefigaro.fr/politique/le-scan/2018/11/07/25001-20181107ARTFIG00121-macron-petain-a-ete-un-grand-soldat-pendant-la-premiere-guerre-mondiale.php

[19] https://francais.rt.com/france/54800-11-novembre-pour-ne-pas-froisser-allemagne-macron-refuserait-parade-armee-francaise

[20] http://www.lefigaro.fr/flash-actu/2018/11/07/97001-20181107FILWWW00177-le-crif-se-dit-choque-par-les-propos-de-macron-sur-petain.php

http://www.cndp.fr/crdp-reims/memoire/enseigner/memoire_vichy/08reconnaissance1.htm

Hommage à Pétain: deux mois d’atermoiments à  l’Elysée. In: Le Figaro, 9.11. 2018, S. 6

[21] In diesem Sinne kritisierte auch François Hollande seinen Nachfolger: „ L’histoire n’isole pas une étape, même glorieuse d’un parcours militaire. Elle juge l’immense et indigne responsabilité d’un maréchal qui a délibérément couvert de son nom et de son prestige , la trahison, la collaboration et la déportation de milliers de juifs de France.“ (zit. in Le Monde, 9.11. 2018, S. 10: L‘ „itinérance“ rattrapée par l’ombre de Pétain.

[22] https://www.damedecoeur.paris/   Das rechte Bild ist entnommen aus: https://www.paris.catholique.fr/spectacle-dame-de-coeur.html © Yannick Buschat(Diocèse de Paris

[23]  Bild aus. http://www.musicologie.org/Biographies

[24] https://www.chateauversailles-spectacles.fr/page/commemoration-du-centenaire-du-11-novembre-2018_a200/1

[25]   Das  deutsche Requiem von Brahms ist ja ein nicht nur musikalisch herausragendes, sondern  auch im Zusammenhang mit der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg sehr symbolträchtiges Werk.  Im Rahmen des centenaire 14-18 wurde es zum Beispiel Im Oktober 2015 auch in der Kathedrale von Lisieux aufgeführt, wobei ich auch teilnehmen konnte. Eine sehr anrührende Erfahrung.

[26] https://www.paris.fr/actualites/paris-celebre-le-centenaire-de-l-armistice-6084#les-principaux-evenements-de-cette-commemoration_2

[27] http://memorial14-18.paris.fr/memorial/jsp/site/Portal.jsp?page_id=4

(27a) https://www.ladocumentationfrancaise.fr/dossiers/premiere-guerre-mondiale/document-clemenceau.shtml

[28] https://fr.euronews.com/2015/11/11/14-18—maudite-soit-la-guerre-les-rares-monuments-aux-morts-pacifistes

(28a) Journal de Dimanche, 4.11.2018

[29] Bilder von https://www.vineria.de/martinsgansessen/  https://www.hochschwarzwald.de/Veranstaltungen/Martins-Umzug

https://www.neumeyer-abzeichen.de/blog/warum-beginnt-am-11-11-um-11-11-uhr-karneval/

[30] https://www.mairie15.paris.fr/actualites/centenaire-de-l-armistice-la-mairie-du-15e-se-souvient-1025

[31] https://www.mairie02.paris.fr/actualites/fusille-pour-l-exemple-517  Überschrift der Einladung zu der Eröffnung der Ausstellung: Devoir se battre pour son pays, être tué par sa patrie. Die Familien der betroffenen Soldaten warteten immer noch auf eine volle gesetzliche Rehabilitierung.

[32] Siehe den Blog-Beitrag über das Memorial von Verdun:  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/951  und:

https://fr.wikipedia.org/wiki/Soldat_fusill%C3%A9_pour_l%27exemple#Premi%C3%A8re_Guerre_mondiale

Lit: Nicolas Offenstedt, les fusillés de la Grande Guerre et la mémoire collective (1914-1999). Paris 1999

[33] https://de.wikipedia.org/wiki/Chanson_de_Craonne

http://centenaire.org/fr/espace-scientifique/les-caracteristiques-des-mutineries-francaises-de-1917  und

Florence Aubenas, pour mémoires. Le Monde, 9.11., S. 10

[34] https://www.mairie04.paris.fr/actualites/centenaire-de-l-armistice-du-11-novembre-1918-459

https://livre.fnac.com/a1558853/Manon-Pignot-La-guerre-des-crayons-Quand-les-petits-parisiens-dessinaient-la-grande-guerre

[35] https://www.mairie19.paris.fr/actualites/venez-feter-la-quinzaine-du-centenaire-de-l-armistice-368

[36] s. Jean-Pierre Hammer, Marcel Santi (1897-1986):  Carnet de balle et … de voyage. Éditition Karthala 2017.

https://www.maison-heinrich-heine.org/manifestations-culturelles/2018/novembre/marcel-santi-1897-1986-carnets-de-balles-et-de-voyage?lang=fr

Zum Heinrich Heine-Haus in der Cité universitaire in Paris siehe den Blog-Beitrag: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/9080

[37] Dazu der Film: Kalepo, un Kanak dans la Grande Guerre, ausgestrahlt am 8.11.2018. Siehe  Le Monde, 8.11.: Á la mémoire des tirailleurs kanak, S. 21

Zur Diskriminierung der Kanak siehe auch den  Blog Beitrag über die Kolonialausstellung von 1931 (2): Der „menschliche Zoo“ im jardin d’acclimatation und der Tausch von „teutonischen Krokodilen“ und „Menschenfressern“ zwischen Paris und Frankfurt. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/6678

[38] https://fr.wikipedia.org/wiki/Monument_aux_h%C3%A9ros_de_l%27Arm%C3%A9e_noire

https://france3-regions.francetvinfo.fr/grand-est/marne/reims/commemorations-premiere-guerre-mondiale-emmanuel-macron-reims-charleville-mezieres-1568048.html

[39] siehe den Blog-Beitrag über die Mauer für den Frieden auf dem Marsfeld

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2035

Geplante weitere Beiträge

  • „Dadurch, dass ich zum Glück die Kinder habe, ist alles doppelt schwer.“ Anna Seghers im Pariser Exil 1933-1945
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 1: Lyon, Luberon, Piemont
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 2: Die Waldenser in Hessen-Homburg
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier
  • Das Hotel Lutetia (1): Ein Bauwerk zwischen Art Nouveau und Art Déco in neuem Glanz

Die Malerei des französischen Kolonialismus. Eine Ausstellung im Musée Branly in Paris

„Zum ersten Mal seit seiner Eröffnung präsentiert das Musée du Quai Branly seine Gemälde-Kollektion: 200 bisher noch nie gezeigte Werke zeigen den Blick abendländischer Künstler auf exotische Gesellschaften und Völker. Matisse, Gauguin, Emile Bernard,… die Ausstellung stellt die Reisen und Begegnungen europäischer Künstler des 18. bis 20. Jahrhunderts in den Vordergrund.“[1]

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So eine offiziöse Präsentation der Ausstellung „Peintures des lointains“, die noch bis Januar 2019 im Musée du quai Branly Jacques Chirac in Paris zu sehen ist. Der Titel dieser Ausstellung hat einige Kritik provoziert: Es handele sich, so Le Monde, um eine schamhafte Umschreibung dessen, was eigentlich « Exotisme et colonialisme dans la peinture française » heißen müsse.[2]  Die Zeitung  La Croix spricht schlicht von der „kolonialen Malerei“, die hier ausgestellt werde, Paris Match von einer Eloge des Kolonialismus, was aber so nicht genannt werden dürfe.[3]

Bemerkenswert an der offiziellen Präsentation der Ausstellung ist in diesem Zusammenhang ja auch das für das Plakat ausgewählte Indianer-Motiv von George Catlin, das keinen Bezug zum französischen Kolonialismus hat.

Und bemerkenswert ist  die Betonung der Prominenz: Matisse, Gauguin, Bernard – wobei gerade Matisse und Gauguin eher marginal vertreten sind. Denn Schwerpunkt der Ausstellung sind Bilder, die die Gebäude der Kolonialausstellung von 1931 schmückten. Ziel war es damals, die Exotik und den Reichtum der Kolonien und ihren Nutzen für das Mutterland zu propagieren, und zwar mittels eines spezifischen „style  coloniale“, wie er ja  auch das Palais de la Porte Dorée prägt, das damalige zentrale Ausstellungsgebäude und heutige Museum für die Geschichte der Einwanderung.[4]

Wenn in der anfänglich wiedergegebenen Ausstellungsankündigung mitgeteilt wird, es handele sich um eine Präsentation noch nie  gezeigter Bilder, ist das also nicht ganz zutreffend. Sie wurden ja tatsächlich und sehr demonstrativ während der Kolonialausstellung von 1931 ausgestellt und auch danach teilweise gezeigt. Allerdings verschwanden sie  1960 im Zuge der Unabhängigkeitsbewegung der ehemaligen Kolonien in dem Depot des damaligen Kolonialmuseums, als das das Palais de la Porte Dorée damals fungierte.  Danach wurden einzelne Bilder nur noch in wenigen speziellen Ausstellungen präsentiert. Der Bestand  schmorte  also mehr als ein halbes Jahrhundert im „Fegefeuer“, wie La Croix schreibt.[5]

Dass jetzt die Zeit des „Fegefeuers“ beendet ist, hängt sicherlich mit dem geänderten politischen Kontext zusammen. Die Entkolonialisierung des französischen empire ist nach der Entscheidung der Bevölkerung von Neu-Kaledonien beim Mutterland zu bleiben,  abgeschlossen. [6] Und die Zeiten sind vorbei, in denen ein Innenminister und Präsident Sarkozy die Segnungen des französischen Kolonialismus rühmte und eine entsprechende Behandlung des Themas im Unterricht forderte. Präsident Macron hat dagegen ausdrücklich den Kolonialismus als „ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnet. Es habe –hier bezieht er sich auf Algerien-  schreckliche Grausamkeiten gegeben, Folter, Barbarei. Der Kolonialismus sei ein Akt der Herrschaft, der Nicht-Anerkennung der Autonomie eines Volkes. Aber –und jetzt folgt eine typischer Macron’sche Wendung:  gleichzeitig – „en même temps“ – habe es auch Aspekte der Zivilisation gegeben und deshalb dürfe man nicht in eine „culture  de la culpabilisation“ verfallen, die nicht zukunftsträchtig sei.[7]

Deshalb kann man also jetzt  im Musée du quai Branly die Ausstellung sehen, die für Paris Match die amüsanteste, bunteste und „la plus sexy“ des Jahres in der Stadt  ist. Und jeder kann –wie er will- sich an den Farben und  dem Licht ferner Länder oder an einer idealisierten Exotik ferner Kulturen erfreuen, die –soweit es sie je  gab- längst von Kolonialismus und Globalisierung überrollt wurde. Vielleicht werden einige wenige  auch noch nostalgischen Gefühlen nachhängen,  vergangener grandeur nachtrauern und  in den Bildern Belege finden für das bewundernswerte zivilisatorische Wirken  Frankreichs in der Welt. Und es wird sicherlich auch Betrachter geben –zu denen ich gehöre- für die  viele der ausgestellten Bilder nicht nur -zum Teil  sehr ansehnliche-  Werke der Kunst sind, sondern auch Ausdruck der ideologischen Verklärung einer teilweise völlig anderen Realität, die aber bewusst ausgeblendet wird.

Es ist den Verantwortlichen des Musée Branly zugute zu halten, dass zwar der Titel der Ausstellung eher unverbindlich ist. In  den schriftlichen und mündlichen Informationstexten zu den Bildern, dem Katalog und den pädagogischen Materialien allerdings, die das Museum zur Verfügung stellt, ist ein kritischer Ansatz  durchgängig und unübersehbar. Darauf werde ich mich denn auch in der nachfolgenden Darstellung teilweise stützen.[8]

 

Das französische Kolonialreich und sein Nutzen für das Mutterland

Die Kolonialausstellung von 1931 hatte zwar einen internationalen Anspruch und es beteiligten sich auch Belgien, Italien, Portugal und die Niederlande (aber nicht Großbritannien) mit Beiträgen aus ihrem Kolonialreich, aber im Zentrum stand das französische Empire: Mit 12 Millionen Quadratkilometern war seine Fläche zwanzigmal so groß wie die des Mutterlands.[9]  Stolz  wurde das weltumspannende Kolonialreich auf einem Ausstellungsplakat  mit dem Titel „La plus grande France“   präsentiert:

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Frankreich im Zentrum der Karte ist von einer Tricolore umgeben und ist gewissermaßen die Sonne, deren Licht (eine Anspielung auf die Aufklärung, die Zeit der lumières) die französischen Besitzungen erleuchtet: Wie der Begleittext stolz verkündet, bringt Frankreich ja den 60 Millionen Eingeborenen seines Kolonialreichs Frieden und die Segnungen der Zivilisation. Und das Alles mit einem nur geringen Aufwand, nämlich 76900 Männern.[10]

Die Ausstellung war sozusagen ein koloniales Disney-Land, das dazu dienen sollte, durch eine spektakuläre Präsentation von Exotik „eine Politik der kolonialen Expansion“ zu befördern.[11] Der Erfolg blieb auch nicht aus, was unter anderem an den Besucherzahlen (8 Millionen und 11 Millionen verkaufte Eintrittskarten) abzulesen ist. Der Historiker Michel Pierre bilanziert, die Kolonialausstellung habe eine Mehrheit der Franzosen nachdrücklich von der Bedeutung des Kolonialreichs für die Aufrechterhaltung der  grandeur de la France überzeugt.[12]

Dazu trugen auch die großformatigen Bilder von Georges Michel, genannt Géo Michel, bei.[13] Sie wurden von den Organisatoren der Kolonialausstellung bestellt und waren für das Palais de la Porte Dorée bestimmt, das danach als Kolonialmuseum diente – 1935 umbenannt in musée de la France d’Outre-mer und 1960 in musée des Arts Africains et Océaniens. Im Palais de la Porte Dorée wurde ausführlich der Beitrag der Kolonien zum Wohlstand des Mutterlands präsentiert. Die Bilder von Géo Michel veranschaulichten die vielfältigen Güter, die Frankreich aus seinen Kolonien bezog:

Diese sind jeweils zusätzlich mit goldenen Lettern in die bildlichen Darstellungen eingefügt: hier –neben vielen anderen- Ananas und Kakao, Nüsse und Zuckerrohr.

Auf einem anderen Bild wurden die mineralischen Rohstoffe der Kolonien und ihr Abbau gezeigt, hier die Kohle:

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Mit diesen repräsentativen Bildern wird im Innern des Palais de la Porte Dorée aufgegriffen und wiederholt, was schon  auf den großformatigen Reliefs der Fassade präsentiert wurde[14]:

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Die Kolonien, so die unübersehbare Botschaft, leisten einen außerordentlich vielfältigen und wichtigen Beitrag zum Wohlstand des Mutterlands.

 

Die „zivilisatorische Mission Frankreichs“  in seinen Kolonien ….

Die großen Gemälde Géo Michels sind Beispiele der kolonialen Propaganda: Sie stellen die Kolonien als einen  Garten Eden dar. Es gibt keine Spur von Mühe und Anstrengung – und schon gar nicht von Zwang.  Es reicht, die überquellenden Gaben der Natur zum Nutzen des Mutterlandes einzusammeln.[15]

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Michel Georges Dreyfus, genannt Géo Michel, Principales productions d’origine végétale                 

Eine Idealisierung des Kolonialismus findet sich auch in den ebenso monumentalen Bildern  von  André Herivaut, zum Beispiel  dem „Officier topographe“. Im Zentrum steht ein Offizier in blütendweißem Tropenanzug, der durch einen Theodolit sieht, neben ihm ein weiterer Offizier mit Fernrohr. Um die beiden herum sind dunkelhäutige Arbeiter beschäftigt,  ebenfalls in makellosem Weiß, in Posen von Gärtnern bei einer geruhsamen Gartenarbeit.

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Das Bild gehört zu einer Serie von drei Bildern, zu denen auch noch der „Officier constructeur“ und der „Officier administrateur“ gehören.

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„L’Officier administrateur“

Alle Bilder wurden für die Kolonialausstellung von 1931 in Auftrag gegeben. Herivaux  hatte davor schon im Auftrag des Kolonialministeriums Reisen nach Afrika und Indochina unternommen und  mehrere Preise für koloniale Malerei  erhalten. Man konnte also sicher sein, dass er eine beschönigende Vision der zivilisatorischen Mission des kolonialen Frankreichs präsentieren würde.[16]

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L’Officier constructeur“

Dieser Bilder ergänzen und variieren die Botschaft der Fresken auf den Wänden der großen Halle des Palais de la Porte Dorée. Auch dort wird das zivilisatorische Wirken Frankreichs in seinen Kolonien gerühmt – hier die medizinische Versorgung der Eingeborenen.

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Eine zusätzliche Facette der kolonialen Mission Frankreichs veranschaulicht Herivaut in seinem ebenfalls 1931 ausgestellten Bild „Le Moniteur d’éducation physique“.  Hier befinden wir uns in den indochinesischen Kolonialbesitzungen Frankreichs:   Ein Offizier erläutert gerade einem lokalen Würdenträger die segensreichen Wirkungen der Körperertüchtigung, die daneben dann auch militärisch korrekt unter der Fahne der Tricolore praktiziert wird.

Ein weiteres für die koloniale Malerei typisches Exponat der Ausstellung ist das Bild von Louis Jean Beaupuy „Der Generalgouverneur und Madame Renard in M’Pila (einem heutigen Vorort von Brazzaville. W.J.) in Französisch- Äquatorialafrika.“ Ursprünglicher Titel: „Die Verteilung von Stoffen an die Eingeborenen“ (1936). Der Gouverneur mit Tropenhelm ist umringt von der Dorfbevölkerung und blickt wohlwollend auf seine elegant gekleidete Frau, die freundlich lächelnd mit wohltätigen Werken beschäftigt ist. „Die Szene ist von einer kolonialen Perspektive geprägt:  Sie vermittelt eine reduzierte Vision der anonym dargestellten Kolonisierten, denen der Kolonialherr seine Wohltätigkeit erweist,“ wie es in dem beigefügten Begleittext heißt[17]  Dargestellt  ist in der Tat eine Beziehung zwischen Herrschenden und Beherrschten,  ähnlich übrigens der auf dem Bild Louis Hersents, das den König Ludwig XVI. zeigt, wie er im Winter 1788 Almosen an die Armen verteilt- also kurz vor der Revolution… Aber diese Assoziation wollte Beaupuy sicherlich nicht nahe legen…

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In den Bildern von Géo Michel, André Herivaux und Louis Jean Beaupuy präsentiert sich der französische Kolonialismus so, wie ihn nach dem Willen seiner Apologeten die französische Bevölkerung sehen sollte: Einerseits erweist sich Frankreich als hochherzig gegenüber den Eingeborenen, die es auf dem Weg zur Zivilisation anführt, und andererseits hat es dafür auch Anteil an den Schätzen der Kolonien, die ihm von deren Bewohnern freundlich übereignet werden.

 

… versus die zeitgenössische Kolonialismuskritik

Damit  entwirft die koloniale Malerei ein idealisiertes Gegenbild zur Kolonialismus-Kritik, die gerade Ende der 1920-er Jahre unübersehbar wurde.[18]

Zunächst und vor allem ist hier André Gides  Reisebericht Voyage au Congo zu nennen, der 1927 veröffentlicht wurde.[19]   Die Kongoreise ist Joseph Conrad gewidmet, spricht aber –im Gegensatz zu Conrad- auch Missstände an, die dem aufmerksamen Beobachter ins Auge fallen. Überall fehle es –anders als von der kolonialen Propaganda verbreitet-  an Medikamenten, was die Ausbreitung selbst solcher Krankheiten begünstige, derer man mit Leichtigkeit Herr werden könne. Gide schildert grausamste Massaker der Weißen an Eingeborenen, Kinderverschleppung und Ausbeutung, vor allem in den Kautschukplantagen.  Gide beobachtet, dass oft die Bevölkerung von Dörfern, die er besucht, die Flucht ergreift aus Angst, zur Zwangsarbeit verschleppt zu werden. Keineswegs kritisiert er prinzipiell den Kolonialismus, aber das profitgierige Verhalten großer Kapitalgesellschaften und das Wegsehen oder gar das Einverständnis  staatlicher Verwaltungen .

In Schutz nimmt er die Eingeborenen gegen  rassistische Vorurteile:

Die Schwarzen werden als indolent, faul, bedürfnis- und wunschlos geschildert. Aber ich will gerne glauben, daß sich dieser Zustand der Apathie nur zu leicht erklären läßt durch die Erniedrigung und das tiefe Elend, in dem diese Leute leben. Und wie kann jemand Wünsche haben, der nie etwas Wünschenswertes zu sehen bekommt.“ [20]

Der Text erregte einiges Aufsehen, erzielte aber wenig Wirkung, zumal die verantwortlichen Ministerien alles dazu taten, die Kritik Gides unter den Teppich zu kehren.

Ein Jahr später allerdings, also 1928, bestätigte  der Journalist Albert Londres  Gides Beobachtungen, als er im „Petit Parisien“ in einer Fortsetzungsserie einen Reisebericht mit dem  Titel „Vier  Monate unter unseren Schwarzen Afrikas“ veröffentlichte. Ein Jahr später erschien dieser Bericht unter dem Titel „Terre d’ébène“ in Buchform. Londres beschreibt darin die grauenhaften Bedingungen, unter denen eine Eisenbahnlinie in der französischen Kongo-Kolonie gebaut wurde. 17 000 Arbeiter, die in  ihren Dörfern zusammengetrieben und unter sklavenähnlichen Bedingungen gehalten wurden, kamen dabei ums Leben.[21]

Und 1930 erschien bei Gallimard, immerhin einem der renommiertesten Verlagshäuser Frankreichs, Paul Monets Buch  „Les Jauniers“ mit dem  Untertitel „histoire vraie“ , um deutlich zu machen, dass es sich nicht um einen Roman, sondern um einen Tatsachenbericht handelt. [22]

LesJauniers_petit

Monet übte –ebenso wenig wie Gide und Londres- grundsätzliche Kritik am Kolonialismus. Indochina, um das es in seinem Buch geht, habe durch die französische Kolonialherrschaft einen wunderbaren  Veränderungsprozess vollzogen:  Habe es vorher aus überwiegend von Mücken und wilden Tieren besiedelten Wäldern bestanden, so jetzt aus fruchtbaren Reisfeldern und Plantagen. Die eindrucksvollen Villen einheimischer Plantagenbesitzer erstreckten sich über weite Landstriche, die vorher von der Malaria geprägt gewesen seien. [23] Umso härter kritisiert Monet allerdings die teilweise unmenschliche Behandlung von Eingeborenen durch die sogenannten „jauniers“ – dem Pendant der afrikanischen Sklavenhändler, den „négriers“.  Solche Menschenhändler, „marchands d’hommes“  hatten in den 1920-er Jahren  Konjunktur, als im Zuge der Kautschuk-Spekulation  große Kapitalgesellschaften in Indochina riesige Plantagen anlegten, deren einziger Zweck die Gewinnmaximierung war.  Für die Bewirtschaftung dieser Plantagen benötigte man zahlreiche Arbeitskräfte, die es vor Ort nicht gab.  Die unmenschliche  „Rekrutierung“ und Behandlung dieser Arbeitskräfte wird von Monet kritisiert, wobei er auch die staatlichen Instanzen nicht ausspart, die meist über die „esclavage temporaire“  hinwegsähen, die  im Allgemeinen  allerdings eine lebenslange Sklaverei  sei. [24]

 

Der exotische Reiz der Kolonien

Die Apologeten der Kolonialpolitik begegneten dieser Kritik auf dreifache Weise:

  • Indem sie den materiellen Nutzen der Kolonien für das Mutterland herausstellten. Bis auf den heutigen Tag ist das ja ein zentrales und meist ausschlaggebendes Argument, wenn es darum geht, zwischen wirtschaftlichen Vorteilen und der Verletzung von Menschenrechten abzuwägen.
  • Indem die zivilisatorische Mission, die „vocation civilisatrice“ Frankreichs betont wurde[25]: So konnte sich Frankreich in der Tradition von Aufklärung und Französischer Revolution als Agent weltweiten Fortschritts verstehen. Der Kolonialismus erhielt damit die höheren ideologischen Weihen.
  • Indem die Exotik und Vielfalt der Kolonien präsentiert wurde. Dies konnte dazu beitragen, eine emotionale Beziehung der Bevölkerung zu den Kolonien zu fördern. Aber die Exotik konnte noch mehr leisten: nämlich die zivilisatorische Distanz zum Mutterland zu veranschaulichen und so den Bestand des Kolonialreichs auf absehbare Zeit zu legitimieren.

Gemälde hatten einen bedeutenden Anteil daran, den exotischen Reiz der Kolonien zu befördern. Dies war ein wesentliches Element der Kolonialausstellung von 1931 und der Gemäldesammlung des Kolonialmuseums bzw. des Museums der überseeischen Territorien.  Zur Steigerung der Attraktion dienten  natürlich  schon damals die großen Namen:  Gauguin war 1931  mit insgesamt 13 Bildern vertreten, Emile Bernard ebenfalls mit mehreren Arbeiten: War in den Augen Gauguins Tahiti ein paradiesischer Ort, so für Bernard das arabische Viertel von Kairo. Und natürlich durfte auch Delacroix nicht fehlen: Alle wurden von  der kolonialen Propaganda benutzt, um den Reiz der Exotik zu befördern und das emotionale Band zwischen Mutterland und Kolonialreich zu festigen.

Kann man bei manchen Bildern und Malern sicherlich von einer  eher unfreiwilligen „Instrumentalisierung der Kunst durch das koloniale System“ sprechen[26], so  haben sich andere freiwillig instrumentalisieren lassen: Immerhin vergab der französische Staat großzügige Stipendien an Maler für Reisen in die Kolonien, es gab für die dort gemalten Bilder zahlreiche Wettbewerbe und Preise und für die Künstler Karrieremöglichkeiten an Kunsthochschulen im Mutterland oder im Kolonialreich (Indochina, Algier, Tunis, Madagaskar etc).

Im Folgenden werden einige Bilder aus der Ausstellung im Musée Branly vorgestellt, die einen Eindruck von der Spannweite und der Vielfalt der Malerei des französischen Kolonialismus vermitteln sollen und insbesondere von dem durch diese Malerei zur Schau gestellten exotischen Reiz des Kolonialreichs. Oft wird dabei auch das ethnographische Interesse deutlich, manchmal sind die Bilder  aber auch Ausdruck der damals üblichen Ideologie von der Ungleichheit der Rassen und d.h. auch der Überlegenheit der „weißen Rasse“.

DSC02498 Exposition Branly Kolonialismus (70)

Guyane:  Gaston Vincke, Village Wayana (1932). Die Eingeborenen dieses Dorfes hatten sich mit einer roten Farbe überzogen, um sich vor den Fliegen zu schützen. Für einen Maler natürlich ein wunderbares Motiv. Ihm kam es beim Betreten des Ortes vor, schrieb er, „dans un pays de flammes“ zu kommen.

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Martinique: Jean Baldoui, Le Flamboyant  1930

 

 

 

 

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Indochina: Marie Antoinette Boullard-Devé,  Ausschnitte eines 40 Meter langen Frieses für den Indochina- Pavillon der Kolonialausstellung von 1931. Gezeigt werden sollten verschiedene Bevölkerungstypen der Kolonie.

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Vietnam:  Lucien Lièvre, die Halong-Bucht  (um 1930

 

 

 

 

 

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Südostasien:  Jean Dunand, Tigre à l’affût (1930). Hier handelt es sich um eine für den Art-déco-Stil typische Lackarbeit, die neben anderen zur Ausschmückung des Palais de la Porte Dorée bestimmt war.

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Insel La Reunion:  Marcel Mouillot, Le Circe de Cilaos. Um 1930.

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Madagaskar: Suzanne Frémont, Chez les Bara (1926)

 

 

 

 

 

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Äquatorialafrika:  Jeanne Thil, Französisch  Äquatorialafrika. (1935)

Jeanne Thil war eine „peintre-voyageuse“, eine Reise-Malerin, die mit staatlichen Stipendien mehrere Reisen in die französischen Kolonien unternehmen konnte. Sie erhielt zahlreiche Aufträge für Ausstellungen  und zur Ausschmückung von  Rathäusern und Schiffen (z.B. den Überseedampfer Île-de-France). Die beiden hier gezeigten Bilder wurden für die koloniale Weltausstellung in Brüssel 1935 angefertigt. [27]

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Westafrika:  Jeanne Thil, Französisch, Togo, Kamerun (1935)

 

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Neukaledonien: Paul Mascart, Case kanak. (Anfang der 1930-er Jahre)[28]

 

 

 

 

 

 

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Tahiti: Paul Gauguin, Mahna no varua ino (Der Teufel spricht), etwa 1891

Gauguin feiert in seinen Südsee-Bildern das Ideal einer ursprünglichen Kultur – die es ihm erlaubte, seine pädophilen Neigungen rücksichtslos auszuleben – insofern sind seine Bilder auch eine spezifische Variante kolonialer Malerei. Seine in der Ausstellung gezeigten Holzschnitte gehören -mehr als seine Bilder-  zur „Welt der Nacht“.  

  

 

Ein Schwerpunkt der kolonialen Malerei war  natürlich Nordafrika. Seit dem Ägypten-Feldzug Napoleons gab es ja eine regelrechte Ägyptomanie in Frankreich. Napoleon gelang zwar nicht die Eroberung Ägyptens, aber ab 1830 verleibte Frankreich Algerien, Tunesien und Marokko seinem Kolonialreich ein. Exotik, Licht und  Farben Nordafrikas hatten für viele Male eine hohe Anziehungskraft, was auch in der Ausstellung im Musée Branly deutlich wird.

So  etwa in dem Bild  Èmile Bernards mit dem Titel „Die Weinenden von Kairo“ oder auch „arabisches Fest“ (1894). Bernard lebte viele Jahre in Kairo, dessen afrikanisches Viertel  für ihn ein paradiesischer Ort war- ähnlich wie Tahiti für Gauguin.

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Auch André Sureda lebte mehrere Jahre in Nordafrika, wo er zwischen 1910 und 1920 das Bild eines arabischen Festes bei Tlemcen malte.  Gegenstand ist die festliche Prozession zum Grab eines Marabouts. [29]

20cab48_32623-tp6bng.paj5d Fete arabe

Jules Migonney war einer der ersten Stipendiaten der Villa Abd-el-Tif in Algier, wo von 1907 bis 1961 –also kurz vor der algerischen Unabhängigkeit- Maler und Bildhauer mindestens ein Jahr lang auf Staatskosten arbeiten  konnten. Ein von ihm vielfach variiertes Motiv war das der arabischen „Odaliske“ (1912-1914), das sich auch bei anderen Künstlern höchster Beliebtheit erfreute.

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1912 reiste der Maler Charles Camoin nach Marokko, wo er seinen Freund Henri Matissse traf. Er blieb dort drei Monate und  malte dieses Bild des Strands von Tanger. Die Assoziation an die Tunisreise von Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet liegt da wohl nahe.

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Sicherlich wird man solche Werke nicht pauschal einer propagandistischen Zwecken dienenden „kolonialen Malerei“ zuordnen dürfen. Aber sie wurden doch in einem entsprechenden musealen Zusammenhang präsentiert, wodurch sie gewissermaßen ihre künstlerische Unschuld verloren.

In der Kolonialausstellung von 1931 wurde jedenfalls in mehreren Sälen des Kolonialmuseums  die Eroberung der Kolonien und vor allem Nordafrikas mit Waffen und Bildern veranschaulicht und gerühmt. Dazu gehörte auch das speziell für die Kolonialausstellung gemalte  Bild Paul Dupuys, das die Unterwerfung des Rebellenführers Sidi M’Ha Ahansali vor dem französischen Oberst Naugès im Jahr 1923 zeigt.

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An die Anfänge der Eroberung Nordafrikas erinnert ein  Bild von Horace Vernet, der von König Louis Philippe nach Algerien geschickt wurde, um mit Stift und Pinsel das Eroberungswerk der Franzosen zu veranschaulichen und zu glorifizieren [30] – eine frühe Form des „embedded journalism“.  Vernet zeigt die Eroberung des Lagers des Aufstandsführers Abd-el-Kader im Jahr 1843, eine entscheidende Phase der Eroberung Algeriens. Im Musée Branly ist nur ein kleiner Teilentwurf zu sehen, das monumentale über 20 Meter lange Panorama in der aktuellen Ausstellung über Louis Philippe im Schloss von Versailles…. [31]  – ein weiteres interessantes Angebot für Liebhaber der Geschichte und der Kunst.

 

Praktische Informationen zur Ausstellung im Musée Branly

musée du quai Branly- Jacques Chirac

37, quai Branly

75007 Paris

Bis 3. Februar 2019

Öffnungszeiten:

Dienstag, Mittwoch und Sonntag 11 – 19 Uhr

Donnerstag, Freitag und Samstag  11- 21 Uhr

Broschüre zur Ausstellung:  connaissance des arts, hors- série:  Peintures des lointains. La collection du musée du quai Branly- Jacques Chirac. 9,50 €

 

 

 

Thematisch verwandte Blogbeiträge:

  • Die Kolonialausstellung von 1931 (Teil 2): Der „menschliche Zoo“ im Jardin d’acclimatation und der Tausch von „teutonischen Krokodilen“ und          „Menschenfressern“  zwischen Paris und Frankfurt   https://wordpress.com/post/paris-blog.org/6678

 

 

Anmerkungen:

[1] https://at.france.fr/de/news/artikel/die-wichtigsten-ausstellungen-paris-2018

[2] https://www.lemonde.fr/arts/article/2018/02/05/l-art-au-temps-des-colonies_5251799_1655012.html

[3] https://www.la-croix.com/Culture/Expositions/Au-Quai-Branly-peinture-coloniale-sort-lombre-2018-02-06-1200911572

https://www.parismatch.com/Culture/Art/Au-Musee-du-quai-Branly-Jacques-Chirac-les-colonies-vues-par-les-peintres-1480457

[4] Zum Palais de la porte dorée und zur Kolonialausstellung siehe die entsprechenden Blog-Beiträge: Das Palais de la Porte Dorée und die Kolonialausstellung von 1931: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/6242 und:

Die Kolonialausstellung von 1931 (2): Der „menschliche Zoo“ im Jardin d’acclimatation und der Tausch von „teutonischen Krokodilen“ und „Menschenfressern“ zwischen Paris und Frankfurt:  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/6678

[5] https://www.la-croix.com/Culture/Expositions/Au-Quai-Branly-peinture-coloniale-sort-lombre-2018-02-06-1200911572

[6] Im November 2018 fand das lange geplante Referendum statt, bei dem sich 56,4% der Wähler gegen die Unabhängigkeit ausgesprochen haben.

[7] http://www.lefigaro.fr/elections/presidentielles/2017/02/15/35003-20170215ARTFIG00260-en-algerie-macron-denonce-la-colonisation-c-est-un-crime-contre-l-humanite.php

[8] http://www.quaibranly.fr/fileadmin/user_upload/1-Edito/6-Footer/3-Si-vous-etes/2-Enseignant-animateurs/Dossier_Pedagogique_Peintures_des_lointains_SEPT18_VD.pdf

[9] https://www.parismatch.com/Culture/Art/Au-Musee-du-quai-Branly-Jacques-Chirac-les-colonies-vues-par-les-peintres-1480457

[10] Zu dem Plakat siehe: https://www.histoire-image.org/fr/etudes/propagande-coloniale-annees-1930  siehe auch: https://www.persee.fr/doc/homig_1142-852x_2008_num_1274_1_4767 und http://blog.ac-versailles.fr/terminus/public/HdA/Exposition_coloniale/empire-franc3a7ais-expo-coloniale.pdf (Das Plakat wird hier als Unterrichtsmaterial vorgestellt)

[11] Steve Ungar, « La France impériale exposée en 1931 : une apothéose », in Pascal Blanchard et Sandrine Lemaire (sous dir.), Culture coloniale. La France conquise par son empire, 1871-1931, Paris, éditions Autrement, 2003, pp. 201 – 202  (Aus: Dossier péd. S. 32/33)

[12] https://www.persee.fr/doc/homig_1142-852x_2008_num_1274_1_4767

[13] Fast alle nachfolgenden Fotos sind –soweit nicht anders angegeben- im Rahmen der Ausstellung aufgenommen. Es handelt sich dabei fast durchweg um Bildausschnitte.

[14] Siehe dazu den Blog-Beitrag über die Kolonialausstellung von 1931 und das  Palais de la Porte Dorée: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/6242

[15] Siehe pädagogisches Dossier zur Ausstellung und: https://www.connaissancedesarts.com/non-classe/exposition-peintures-des-lointains-%E2%80%89-les-avatars-dune-collection-1188122/

[16] https://www.histoire-image.org/etudes/representation-village-togolais-exposition-coloniale

http://lirelactu.fr/source/le-monde/4896c514-79e0-4988-b02b-b0bf008f3455

[17] s.a. http://www.lefigaro.fr/arts-expositions/2018/02/02/03015-20180202ARTFIG00023–le-plein-de-culture-le-musee-du-quai-branly-deterre-ses-peintures-du-lointain.php

[18] http://geopolis.francetvinfo.fr/peintures-des-lointains-peintures-de-l-afrique-coloniale-181899

[19] Text: http://www.bouquineux.com/index.php?telecharger=627&Gide-Voyage_au_Congo

[20] André Gide. Reisen und Politik. Gesammelte Werke, Bd.5. Stuttgart: DVA, 1992, S. 461

[21] https://www.lemonde.fr/arts/article/2018/02/05/l-art-au-temps-des-colonies_5251799_1655012.html

[22] Abdruck des Textes:  http://www.entreprises-coloniales.fr/inde-indochine/Paul_Monet-Jauniers.pdf

[23] Marianne Boucheret,  Le pouvoir colonial et la question de la main-d’œuvre en Indochine dans les années vingt.  Cahiers d’histoire 85, 2001.  https://journals.openedition.org/chrhc/1740?lang=en

[24] http://belleindochine.free.fr/LesJauniers.htm

[25] So noch 1944 von de Gaulle in seiner Rede in Brazzaville: http://mjp.univ-perp.fr/textes/degaulle30011944.htm

[26] (https://www.lejournaldesarts.fr/expositions/au-temps-des-colonies-136097

[27]  Siehe: connaissance des arts, S. 39

[28] Zu Mascart und seiner „odyssée kanak“ siehe connaissance des arts, S. 20/21

[29] André Sureda, La Fête arabe dans la campagne de Tlemcen (zwischen 1910 und 1920)

Foto: MUSÉE DU QUAI BRANLY-JACQUES CHIRAC/PHOTO : CLAUDE GERMAIN

[30] https://www.histoire-image.org/de/comment/reply/5171

https://www.histoire-image.org/de/etudes/prise-smalah-abd-el-kader

http://geopolis.francetvinfo.fr/peintures-des-lointains-peintures-de-l-afrique-coloniale-181899

[31]  http://collections.chateauversailles.fr/#483bf3ef-c0f2-4dd6-aa18-7e05da21fee3

http://www.chateauversailles.fr/actualites/expositions/louis-philippe-versailles#l%E2%80%99exposition

 

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Das Haus der Mutualité in Paris, die Geschichte eines Mythos

 

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Das Haus der Mutualité  im 5. Arrondissement von Paris ist aus architektonischen und historisch-politischen Gründen interessant.[1] 

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Aus architektonischen Gründen, weil es ein von den Architekten Lesage und Mitgen geplanter eindrucksvoller Bau des Art déco ist.     

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Das wird schon deutlich, wenn man den repräsentativen Treppenaufgang zum großen Saal hinaufgeht: Die Treppen sind aus weißem Marmor, die dekorativen Eisengeländer entsprechen denen in dem zur gleichen Zeit gebauten Überseedampfer „Normandie“, der „ein Symbol des Frankreichs der 30-er Jahre und des französischen Raffinements“ war.[2]

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Hier ein in der Fotogalerie der Mutualité ausgestelltes Bild von der Eröffnung des Hauses im Jahr 1930.   Bestimmt war es als Sitz der 1902 gegründeten  Fédération Mutualiste de la Seine (F.M.S.), einer regionalen Unterorganisation der  Fédération nationale de la mutualité française (FNMF). Die Mutuelles sind ein typisch französisches genossenschaftlich organisiertes System der sozialen Sicherheit – eine Alternative zu dem unter Bismarck entstandenen staatlich reglementierten Versicherungssystem in Deutschland, das aber –im Gegensatz zu dem auf Freiwilligkeit basierenden französischen System- allgemeine Gültigkeit hatte.  Während französische Vertreter der Mutuelles in  diesem obligatorischen  System einen Ausdruck des deutschen Despotismus sahen, musste sich allerdings der Staat spätestens im Ersten Weltkrieg aufgrund der zahlreichen Kriegsopfer verstärkt im Bereich der sozialen Sicherheit engagieren. Dazu kam, dass es nach der Rückgewinnung von Elsaß-Lothringen kaum möglich war,  den dortigen Bewohnern die  „sozialen Vorteile“ zu entziehen, die sie als  deutsche Bürger erhalten hatten und die anzuerkennen der französische Staat nicht umhinkam. Auch dies trug zu einer verstärkten Rolle des Staates im Bereich der sozialen Sicherung bei. Die Mutuelles hatten aber weiter –zumindest als ergänzende Risikoabsicherung- eine große Bedeutung: 1930, als das Haus der Mutualité in Paris eingeweiht wurde, gehörten ihnen 8, 2 Millionen Mitglieder an.[3] Die Größe und repräsentative Form des Baues ist vor diesem Hintergrund zu sehen.

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Das Emblem der Féderation mit ihrer Devise un pour tous, tous pour un  (Alle für einen, einer für alle)  befindet sich noch heute an der Stirnwand des  großen Versammlungsraums. Die mittlere Figur hält in ihren Händen die Charte de la Mutualité vom April 1898, in der die Grundlagen der Mutuelles festgelegt wurden.  Der Versammlungsraum war anfangs mit genau 1789 Sitzplätzen ausgestattet – eine Anspielung auf das Datum der Französischen Revolution und ein Hinweis auf die republikanische Tradition, in sich der Bauherr ostentativ einordnete.[4]

Das Haus der Mutualité entwickelte sich denn auch rasch zu einem wichtigen Versammlungsort der französischen Linken, einem „haut-lieu historique du militantisme des partis français de gauche.“[5]

Eine der ersten großen Veranstaltungen im Festsaal des Hauses war 1933 der 30. Kongress der SFIO, der Vorgängerin der Sozialistischen Partei Frankreichs.

Eine bedeutende Rolle spielte das Haus der Mutualité  in der Zeit der Volksfront. In diesem Zusammenhang steht der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935.  „Es handelte sich dabei um den Versuch antifaschistischer Intellektueller aus Frankreich, Europa , der Sowjetunion und den USA im Rückgriff auf die unausgeschöpften Ressourcen der Aufklärung, einer Verbindung liberaler und egalitärer Momente der Revolutionen von 1789 und 1917, eine Dynamik freizusetzen, von der man sich die ideologische Entzauberung und die politische Entmachtung des Faschismus erhoffte.“  An dem Kongress nahmen auch zahlreiche exilierte deutsche Schriftsteller teil, unter anderem Heinrich Mann und Anna Seghers mit wichtigen Redebeiträgen. Darauf wird in einem besonderen Blog-Beitrag eingegangen. [6]

Im Juli 1936 fand in dem mit 1789 Teilnehmern wieder vollbesetzten großen Saal der Mutualité eine Kundgebung des Rassemblement colonial statt, in dem die in Paris lebenden Vertreter der Völker des französischen Kolonialreichs organisiert waren. Hier war Habib Bourgiba, damals . der Vertreter der tunesischen Unabhängigkeitsbewegung und künftige erste  Präsident des nachkolonialen Tunesiens, einer der Redner.[8]

Auch nach dem Krieg war der vielbeschworene „Mythos der Mutualité“ noch lebendig. Wie die Sozialisten nutzte auch auch die Kommunistische Partei Frankreichs den Ort gerne für ihre Veranstaltungen.[7]

Am 17. März 1953 wurde dort der Jahrestag der Commune gefeiert, am 7. November 1961 wurde der  Oktoberrevolution gedacht. (9)

Und dann war es der Mai 1968, der zu einem Höhepunkt in der Geschichte der Mutualité wurde. Einige Schlaglichter:

Am  22. März 1968, der als die Geburtsstunde der französischen Studentenbewegung gilt[10], hielt der Dominikanermönch Jean Cardonnel im Saal der Mutualité eine Rede zum Thema „Evangelium und Revolution“.[11] Und im gleichen Jahr trat dort der Schriftsteller Aimé Césaire auf, um  nach der Ermordung Martin Luther Kings für die Sache der Black Panthers zu werben.

Und natürlich benutzten die Vertreter der studentischen Revolte im Mai 68 auch die Mutualité als Forum. Am 9. Mai, auf dem Höhepunkt der Revolte, als die Sorbonne von der Universitätsleitung für die Studenten gesperrt wurde,  fand im großen Saal eine schon längst geplante große Veranstaltung der kommunistischen Jugendorganisation JCR statt, die „alle Revolutionäre“ zum Kommen einlud – es wurde eine der größten Veranstaltungen des Mai 68. Natürlich mit dabei: Daniel Cohn-Bendit, der  hier, wie Le Parisien schreibt, „ses premières armes de tribun estudiantin“ erwarb. [12]

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Auf dem Podium im großen Saal der Mutualité Ernest Mandel, Daniel Cohn-Bendit,       Henri Weber,  Daniel Bensaid und Alain Krivine

Und nur einen Tag später, als im Quartier Latin die Barrikaden  errichtet wurden, fand in der Mutualité ein legendäres Konzert mit Léo Ferré statt, das –von einem Teilnehmer aufgenommen- jetzt auch wieder zu hören ist.[13]

Ferré mai 68

1973 versammelten sich in der Mutualité zum ersten Mal  „sans-papiers“,  Einwanderer ohne offizielle Aufenthaltsgenehmigung, um gegen die Verschärfung der Einwanderungsgesetze zu protestieren, für die feministische Bewegung der 1970-er Jahre war das Haus der Mutualité, zärtlich auch „Mutu“ genannt, ebenfalls ein wichtiger Treffpunkt. Sie war also in der Tat ein „mythischer Ort“ (Le Parisien) für die linke Politik und Kultur seit den 1930-er Jahren. Anlass für politischen Romantizismus gibt es allerdings nur bedingt, denn das Haus hat auch seine Schattenseiten:  So fand im März 1943 eine Versammlung des rechtsradikalen Parti populaire français statt, zu Ehren von dessen Gründer Jacques Doriot, der zu seinem Einsatz an der Ostfront – in deutscher Uniform!-  verabschiedet wurde.[14]

 

Das Ende eines Mythos[15]

2009 wurde das Haus der Mutualité  für 35 Jahre an einen privaten Investor, GL-events,  vermietet. Grund dafür waren finanzielle Schwierigkeiten der  Fédération mutualiste parisienne (FMP), die wohl mit der schwieriger werdenden Rolle der Mutuelles im Gesamtzusammenhang der sozialen Sicherungssysteme zusammenhängen: Für die notwendige Ergänzung zu den –tendenziell eher abnehmenden- Leistungen der sécurité sociale  machen inzwischen auch private Versicherungen Angebote. Die große und in Europa einzigartige Bedeutung der Mutuelles – ein Aspekt der sogenannten „exception française“-  geht damit tendenziell zurück. Insofern scheint das Haus der Mutualité ein Spiegel des Bedeutungswandels der  Mutuelles zu sein.[16]

Die neue Bestimmung des Hauses wird von seinem Direktor so definiert:    « un petit palais des congrès de la  Rive gauche, [pour] accueillir aussi bien des concerts de musique classique, […] des soirées évènementielles, des lancements de produits par exemple, [des] défilés de mode, des salons ou des meetings politiques »[17]. – jedenfalls für solche Gruppierungen, die sich das leisten können.

Dazu gehörte auch im Januar 2019 der Rassemblement National, wie der frühere Front National inzwischen heißt. Der eröffnete ausgerechnet in der Mutualité den Wahlkampf für die bevorstehenden Europawahlen. Deutlicher kann „das Ende eines Mythos“ wohl kam markiert werden.

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Wesentlicher Bestandteil der Veränderung des Hauses war auch seine Renovierung, für die der Architekt Jean-Michel Wilmotte verantwortlich war. Wilmotte ist den Parisern unter anderem bekannt durch den Entwurf des russischen Kulturzentrums an der Seine, die Umwandlung einer alten Industriehalle in ein start-up-Zentrum (Station F) und die Mauer für den Frieden auf dem  champ de Mars, die ja schon auf diesem Blog vorgestellt wurde.[18]

Das Haus der Mutualité verfügt jetzt über ein sehr nobles und zeitgemäßes outfit, das seiner neuen Bestimmung und den aktuellen bautechnischen Normen entspricht.

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Der große Saal hat jetzt nicht mehr 1789 Sitzplätze, sondern nur noch bequeme 1732.

Außerdem gibt es mehrere Salons ….

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…. die mit allen zeitgemäßen technischen  Einrichtungen versehen sind.

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Bei der Restaurierung wurde aber auch Wert darauf gelegt,  das art-deco-Interieur nicht nur zu erhalten, sondern besonders zur Geltung zu bringen.

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Das betrifft nicht nur die dekorativen Geländer, sondern vor allem auch die wunderbaren  und typischen Ar-deco- Stuckornamente an Wänden und Decken.

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Insofern hat das Haus der Mutualité zwar an politischem Flair verloren- eine Konsequenz und ein Spiegel des Bedeutungsverlusts der mutuelles und der Krise der linken Bewegungen. Aber  es hat doch immerhin seinen einstigen Glanz als „Art-deco-Juwel“ zurückgewonnen. Dabei wurde die Erinnerung an seine historische Dimension wach gehalten: Eine eindrucksvolle Arbeit des Architekten Wilmotte.

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Ganz unverändert bleiben  natürlich die reizvollen Ausblicke auf die benachbarte Kirche Saint-Nicolas-du- Chardonnet, Sitz übrigens der Anhänger des Erzbischofs Lefebvre, des Anführers katholischer Traditionalisten….

Anmerkungen:

[1] Bild aus: https://www.lindigo-mag.com/La-Mutualite-ou-la-renaissance-d-un-lieu-historique_a531.html

[2] https://fr.wikipedia.org/wiki/Maison_de_la_Mutualit%C3%A9

https://fr.wikipedia.org/wiki/Normandie_(paquebot)

[3] Dreyfus, Liberté, égalité, mutualieté,  S. 127, 129 und 133)

[4] Zur Geschichte und zum Charakter der Mutualité-Bewegung: Michel Dreyfus, Liberté, Égalité, Mutualité. Mutualisme et syndicalisme 1852 – 1967. Paris 2001

Und: Michel Dreyfus, L’Histoire de la Mutualité: quatre grands défis.  https://www.cairn.info/revue-les-tribunes-de-la-sante-2011-2-page-49.htm

[5]  https://fr.wikipedia.org/wiki/Maison_de_la_Mutualit%C3%A9

[6] Zitat aus:  Lutz Winkler, Eine Chronik des Exils. Erinnerungsarbeit in Anna Seghers‘  Transit. In:  Thomas Klinkert, Günter Oesterle, Katastrophe und Gedächtnis,  Berlin/Boston 2014,  S. 148 f

[7] Siehe: B.D. Graham, Choice an Democratic Order. The French Socialist Party, 1937-1950, S. 158

Plakate bei: http://lesmaterialistes.com/parti-communiste-francais-ancrage-republique

https://picclick.fr/%E2%96%AC%E2%96%BAAffiche-Originale-Parti-Communiste-De-1951-Lhumanit%C3%A9-La-292502127477.html

[8] Siehe Michael Goebel, Paris, capitale du tiers monde:  Comment est née la révolution anticoloniale (1919-1939), Paris 2017

(9) siehe Klaus Schüle, Paris. Die kulturelle Konstruktion der französischen Metropole. Opladen 2003, S. 104/105. Der Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur wird hier übrigens auf das Jahr 1936 datiert, das Jahr der Volksfront. Wenn ich solche Fehler bemerke, tröstet mich das etwas. Mir unterlaufen die ja auch öfters -vielleicht sogar oft?- und dann bin ich immer sehr dankbar, wenn mich aufmerksame Leser/innen darauf aufmerksam machen. In einem Blog kann man die dann ja auch -anders als in einem Buch- leicht korrigieren.

[10] Siehe dazu den Blog-Beitrag über „die Plakate der Revolte“: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10345

[11] http://www.lavie.fr/debats/idees/1968-annee-heretique-25-04-2018-89698_679.php

[12]  Le Parisien, 18. September 2009

Bild aus: Mai 68. Paris: Denoël, Préface de Daniel Cohn-Bendit, S. 99

http://www.liberation.fr/cahier-special/1998/05/09/special-mai-68-ce-jour-la-jeudi-9-mai-aragon-vous-etes-vieux-place-de-la-sorbonne-le-fou-d-elsa-se-f_238374

https://www.anti-k.org/2016/02/22/ce-quil-y-a-de-commun-entre-la-periode-qui-a-precede-mai-1968-et-aujourdhui/

[13] https://www.youtube.com/watch?v=qGrovxMBvJA

https://www.lemonde.fr/musiques/article/2018/05/23/le-10-mai-1968-des-paves-et-un-concert-de-leo-ferre_5303117_1654986.html

[14] L’Espress/L’expansion vom 1.3.2009   https://lexpansion.lexpress.fr/actualite-economique/la-maison-de-la-mutualite_1390836.html

[15] http://www.leparisien.fr/paris-75/la-mutualite-la-fin-d-un-mythe-18-09-2009-642787.php

[16] Siehe Dreyfus, S. 335f

[17] http://www.gl-events.com/maison-de-la-mutualite-paris-reception-centre 

[18]  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2035

 

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Die Manufacture des Gobelins: Politik und Kunst

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Marschall Pétain, hoch zu Ross, die blau-weiß-roten Blätter flattern im Wind: Ausschnitt aus einem Wandteppich, der 1942/43 in der Manufacture des Gobelins in Paris hergestellt wurde.

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Rechts im Bild sieht man Pétain noch als General  des ersten Weltkriegs, ruhig inmitten von Stacheldrahtverhauen und explodierender Granaten, die ihm nichts anhaben können; in der Hand den strategischen Plan der Schlacht von Verdun, als deren Sieger Pétain gefeiert wurde.

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Links – im Gegensatz dazu- ein Bild des Friedens, unübersehbar durch die Friedenstauben bezeichnet.

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Die Soldaten kommen aus dem Kampf zurück und machen sich an die Arbeit: Eine Idylle des Landlebens. „La France profonde, éternelle et glorieuse“, wie es leibt und lebt.

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Und in der Mitte Pétain, der Präsident des Collabortations-Regimes von Vichy, der, so die Botschaft des Wandteppichs, durch die Zusammenarbeit mit  Nazideutschland Frankreich den Frieden gebracht hat.  Paul Charlemagne hat diesen „À la Gloire du maréchal Pétain“ betitelten Wandteppich entworfen. 1942, als die Arbeit daran begonnen wurde, war Pétain  schon 86 Jahre alt. Und er legte großen Wert darauf, auf den damals weit verbreiteten Portraits als gerechter und strenger „Vater der Nation“, aber nicht als altersschwacher Großvater zu erscheinen. Allzu realistische Portraits fielen der Zensur zum Opfer. Mit dem Portrait auf Charlemagnes Gobelin wird er sicherlich zufrieden gewesen sein.

Dieser Wandteppich war Teil der damaligen Pétain-Verherrlichung und der Propaganda der von ihm proklamierten „révolution nationale“, in der die Arbeit, und dabei vor allem die Landarbeit, eine zentrale Rolle spielte. Der Gobelin sollte den Chef des État français in eine Reihe mit den großen heroischen Gestalten der französischen Geschichte stellen, wie es in dem Begleitfilm zu der Ausstellung heißt.[1] Der Wandteppich wurde bis zur Befreiung von Paris im Musée de l’Orangerie präsentiert, danach erst jetzt wieder in der Ausstellung „Au fil du siècle, 1918-2018, Chefs-d’œuvre de la tapisserie » (April bis September 2018) in der Manufacture des Gobelins in der avenue des Gobelins.[2]

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Gezeigt werden  in dieser Ausstellung  zwei weitere -ebenfalls bisher noch nie ausgestellte- Gobelins, die während der Zeit der occupation  im deutschen Auftrag von Werner Peiner entworfen  und von der Manufaktur hergestellt wurden.

Der Wandteppich mit dem von Stieren gezogenen Wagen und der Hakenkreuzstandarte der Fruchtbarkeitsgöttin Ceres wurde 1941-1944 angefertigt und war für das Außenministerium des Freiherrn von Ribbentrop bestimmt. Dazu gehörte auch ein weiterer Wandteppich mit dem Motiv der Quadriga-  als „männliches Gegenstück“ zu dem weiblichen Element der Fruchtbarkeit gedacht. Beide Wandteppiche wurden noch vor Kriegsende nach Deutschland gebracht, dort von den Alliierten  entdeckt, 1949 nach Frankreich zurückgebracht und in den Tiefen der Depots des Louvre und des Musée d’Art moderne versenkt…[3]

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Die Herstellung dieser Okkupations-Teppiche erforderte übrigens mehrere Kilogramm Gold- und Silberfäden, die aus Deuschland angeliefert wurden. Man kann sich in der Tat, wie ein  jüdischer Bekannter, den wir beim Besuch der Ausstellung trafen, fragen, woher die Nazis damals das Gold und Silber für diese Wandteppiche hatten…

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Ein weiterer, aber nicht vollendeter Gobelin wurde von „Reichsmarschall“ Göring für seinen Landsitz Carinhall in der Schorfheide bestellt: „Le Globe terrestre“. Materialien waren Wolle, Seide und –natürlich auch hier- Gold- und Silberfäden. Pracht und Ausmaße dieses Wandteppichs entsprachen dem Auftraggeber: Natürlich übertraf die vorgesehene Größe von 72,2 m² nicht nur deutlich die von Ribbentrop bestellten Wandteppiche, er sollte sogar noch 5m² größer werden als das größte im Louvre ausgestellte Bild, Veroneses Hochzeit zu Kana.[4]

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Bemerkenswert sind auf dieser Karte auch Details wie Grenzziehungen und die Hervorhebung von (Haupt-)Städten: Einige Grenzen, z.B. die von Verbündeten Nazi-Deutschlands wie die der Slowakei, Ungarns und Rumäniens, sind mit roter Farbe hervorgehoben, andere wie die belgische, holländische oder dänische Grenze nur leicht skizziert. Und wieder andere fehlen ganz: so  die Grenze zwischen Italien und Frankreich, wo es ja italienische Gebietsansprüche und eine italienische Besatzungszone gab; die Schweiz ist überhaupt nicht berücksichtigt. Und das sogenannte „Protektorat Böhmen und Mähren“ ist (natürlich) voll in das deutsche Staatsgebiet integriert. Elsass-Lothringen allerdings nicht: Vielleicht wollte man diese Provokation den französischen Webern der Manufaktur doch nicht zumuten. Während Hauptstädte im Allgemeinen durch ein Quadrat markiert sind, gilt das für Brüssel nicht, eine niederländische und luxemburgische Hauptstadt existieren überhaupt nicht. Bei Deutschland dagegen sind gleich drei Hauptstädte eingewoben: Berlin, Wien und interessanter Weise auch Prag. Und bemerkenswert ist auch die Bezeichnung „Deutschland“ statt der damals von den Nazis verwendeten Bezeichnung „Großdeutsches Reich“, die man auf einer solchen, propagandistischen Zwecken dienenden Karte vielleicht eher erwarten würde. Aber dieser unvollendete Karten-Gobelin knüpft in seiner Gestaltung eher an traditionelle Weltkarten an. Mit den drei deutschen Hauptstädten bezieht er sich auf den historischen Reichsgedanken und mit seiner selektiven Grenzziehung soll er wohl auch offen sein für die von den Nazis erhofften Veränderungen der europäischen Landkarte im Laufe eines siegreichen Krieges.

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Vollendete Tatsachen schafft der Gobelin aber schon in Afrika, wo die früheren deutschen Kolonien  „heim ins Reich“ geholt sind….

Die in der Ausstellung erstmalig gezeigten Wandteppiche aus der Zeit von collaboration und occupation belegen, wie sich die Gobelin-Manufaktur damals in den Dienst politischer Propaganda gestellt hat oder dazu hat benutzen lassen. Das war allerdings kein völlig aus dem Rahmen fallendes Phänomen.

Die ersten in der Ausstellung gezeigten Gobelins aus der Zeit nach dem ersten Weltkrieg  transportieren ebenfalls eindeutige politische Botschaften. So der von Louis Anquetin entworfene Wandteppich zum Thema „La Victoire“ – einer von insgesamt vier schon 1917 bestellten Gobelins zu diesem Thema.

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In der Mitte des großen Wandteppichs –hier ein Ausschnitt- sieht man eine Bäuerin, die angesichts des blutrot-drohenden Horizonts ängstlich ihr kleines Kind an sich presst. Und Grund zur Angst gibt es in der Tat: Da sieht man die unheilverkündenden Raben…

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… und vor allem einen auf einem feuerspeienden Drachen reitenden wilden Gesellen mit einem blutverschmiertem Dolch und einer Brandfackel in den Händen: An Schaftstiefeln, Pickelhaube und Bart unschwer als ein Bild des mordlustigen deutschen Kaisers zu identifizieren.

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Aber keine Angst: Da sind auf der anderen Seite die in Rubens’scher Manier dargestellten Schmiede des Vulkanus, die aus Pflugscharen Schwerten machen, mit denen der böse Feind besiegt wird.

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Und da ist ganz oben in der Mitte der kampfbereite gallische Hahn, der Garant des Sieges.

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Und als der dann tatsächlich errungen war, produzierte die Manufaktur Bezüge für Sofas und Sessel, auf denen die zum Sieg führenden Waffen abgebildet waren und der heldenhafte Einsatz der französischen Soldaten verherrlicht wurde.

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So gehen Tradition –die klassischen Blumenmuster-, Modernität –die modernen Waffen- und Nationalismus –die heldenhaften Soldaten und die Farben der Tricolore- eine für diese Zeit charakteristische Verbindung ein.

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Die 1921 von der Manufaktur in  Auftrag gegebenen Entwürfe von Adrien Karbowsky sind, wie der Begleittext kritisch vermerkt, Teil der damals gängigen „auto-célébration de la victoire française“. Es handele sich hier angesichts der vom Krieg erzeugten Traumata um „einen letzten Schwanengesang“ militärischer Themen und Motive.

 

Die königliche Manufaktur des Gobelins: Glorifizierung Ludwigs XIV. und Frankreichs

Dass die Manufaktur sich als Instrument politischer Propaganda betätigte, war ihr gewissermaßen in die Wiege gelegt.  Dort, wo Mitte des 15. Jahrhunderts an dem Flüsschen Bièvre der holländische Tuchfärber Jehan Gobelin sein Atelier errichtet hatte….

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Inschrift auf der seitlichen Fassade der Manufaktur des Gobelins, avenue des Gobelins[5]

… wo Anfang des 17. Jahrhunderts Henri Quatre flämische Weber angesiedelt hatte, damit sie Teppiche façon de Flandres, also in „flämischer Manier“ produzierten[6], dort –in dem inzwischen Quartier des Gobelins genannten Viertel- errichtete Colbert, der Wirtschaftsminister Ludwigs XIV., die Manufacture des Meubles de la Couronne, zu denen auch die Manufacture royale des Gobelins gehörte. Die dort produzierten Teppiche trugen also den Namen der holländischen Tuchfärber, die hier früher gearbeitet, aber nie auch nur einen einzigen Teppich hergestellt hatten.

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Inschrift auf der Seitenfassade der Manufaktur amCour d’Antin, über dem Eingang zum Ausstelluungsgebäude[7]

Erster Direktor der Manufaktur war der Hofmaler Ludwigs XIV., Charles Le Brun. Das zeigt die Bedeutung, die das Unternehmen für die Krone hatte. In der Manufaktur wurden neben Gobelins auch andere Ausstattungsstücke wie Möbel, Drucke und Gold- und Silberarbeiten hergestellt. Insgesamt arbeiteten damals etwa 250 Handwerker in der Manufaktur. Bei seinen Entwürfen für die Gobelins wurde Le Brun von einem ganzen Stab von Malern unterstützt, die ihm zuarbeiteten. Es gab Spezialisten für Landschaften, für Architektur, für Ornamente, für Stillleben, für die Darstellung von Personen. Le Brun selbst leitete und koordinierte die Arbeiten, behielt es aber sich vor, in allen Darstellungen, in denen der König erschien, dessen Züge selbst zu zeichnen. [8]

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Statue Le Bruns im Hof der Manufaktur

Nicht zimperlich war man übrigens bei der Ausschaltung unliebsamer Konkurrenz: Es gab nämlich eine bedeutende Produktion von Teppichen in Maincy,  einem Atelier in der Nähe von Vaux-le-Vicomte, dem Schloss Fouquets, des Finanzministers des jungen Ludwigs XIV.  Als der aber seinen Reichtuum allzu protzig zur Schau und damit sogar den  Sonnenkönig in den Schatten stellte, ließ ihn Ludwig XIV. 1661 verhaften und ins Gefängnis werfen, wo er den Rest seines Lebens zubrachte. Gleichzeitig  übernahm der König aber das Künstlerdreigestirn von Vaux-le-Vicomte, nämlich Le Vau (Architekt), Le Nôtre (Gartenarchitekt) und eben auch Le Brun, den Leiter der Fouquet‘schen Teppich-Manufaktur und dessen Personal.[9]

Bei der Anwerbung  zusätzlich benötigter erstklassiger Fachkräfte sah man sogar großzügig über deren Konfession hinweg. Während Protestanten ansonsten vertrieben und verfolgt wurden, standen sie im Bereich der Manufaktur unter dem Schutz der Krone, wenn sie nur  Meister ihres Faches waren – ähnlich also, wie die unter der Protektion der Stiftsdamen des Klosters Saint-Antoine stehenden protestantischen ébénistes. [10]

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Um den rechten Glauben der Beschäftigten zu befördern, wurde immerhin im Bereich der Manufaktur eine Kapelle errichtet – erkennbar an Uhr und Glockentürmchen;  davor auf dem Sockel eine Statue Colberts.

Bei der Gründung der königlichen Manufaktur ging es natürlich, der damals herrschenden merkantilistischen Lehre entsprechend, um –modern ausgedrückt- Importsubstitution. Wie schon zu Zeiten Henri Quatres verbot Colbert die Einfuhr ausländischer Teppiche. Die königlichen Schlösser sollten nur mit Produkten „made in France“ ausgestattet werden. Darüber hinaus waren die in der  Manufaktur hergestellten Gobelins als königliche Präsente und für den Export bestimmt.  In allen Fällen  ging es aber auch darum, die Teppiche als Mittel der Glorifizierung des Sonnenkönigs, seiner „hauts faits es vertus“ zu verwenden. Immerhin wurde die königliche Manufaktur in dem Jahrzehnt gegründet, in dem die absolute Herrschaft Ludwigs XIV. sich konsolidierte und in dem ein festes Repertoire ihm  zugeordneter Symbole und  Bezüge wie die Sonne oder Appollo entstand.  Beispiele solcher der königlichen Propaganda dienender Gobelins sind die Serien zur „Geschichte des Königs“ und zur „Geschichte  Alexanders“, mit dem Ludwig XIV. gerne verglichen wurde. Es ging also auch hier um die Verherrlichung der Monarchie und des Sonnenkönigs. Von diesen Gobelins wurden teilweise bis zu 15 Exemplare hergestellt, um den Ruhm des Königs möglichst weit zu verbreiten. Sie wurden  verwendet, um die Besucher des Hofes zu beeindrucken oder auch als Geschenke für ausländische Botschafter. Die Qualität der Entwürfe, der Reichtum der verwendeten Materialien –auch bei ihnen schon wurde an Gold- und Silberfäden  nicht gespart- und die lange Dauer ihrer Herstellung sollten den Reichtum und die Stabilität Frankreichs zum Ausdruck bringen. Insgesamt wurden während der 30-jährigen Blütezeit der Manufaktur unter der Herrschaft Ludwigs XIV. 775 Gobelins hergestellt – eine beeindruckende Zahl, wenn man bedenkt, dass an einem Gobelin mehrere Weber über ein Jahr lang gearbeitet haben.

Die Bedeutung, die die Manufaktur für Ludwig XIV. hatte, wird in einem  Gobelin anschaulich, der den Besuch des Königs am 15. Oktober 1667  thematisiert. Dieser Gobelin, hier eine Entwurfszeichnung Le Bruns, gehört zu der Serie der 14 Gobelins zur „Histoire du Roi“. [11]

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Die  im Schloss von Versailles ausgestellte Gobelin-Serie zur Geschichte des Königs wurde zwischen 1729 und 1734 hergestellt,  also in der Zeit Ludwigs XV., der sich damit in die Tradition des Sonnenkönigs stellte.[12]

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Die hier dargestellte Szene findet im Hof der Manufaktur statt. Verschiedene Handwerker führen dem König die von ihnen hergestellten Produkte vor: Möbel, Gold- und Silberarbeiten, Teppiche und natürlich Gobelins. Auf der linken Seite sieht man Ludwig XIV., hervorgehoben durch die rote Farbe und durch den freien Raum rund um seine Füße. Außerdem ist er größer als die neben ihm Stehenden, Zeichen seiner Majestät. Begleitet wird er von Colbert, dem er sich zuwendet.

Mit dem Besuch der gerade gegründeten Manufaktur bezeugt der König  seine Modernität, indem er  die Herstellung von Gobelins zu einem „Instrument der politischen Kommunikation“ macht.[13]

Die Blütezeit unter Ludwig XIV. endete allerdings schon frühzeitig: 1694, also 21 Jahre vor dem Tod des Sonnenkönigs, wurde die Manufaktur für fünf Jahre geschlossen, alle dort Beschäftigten entlassen und  ein Teil der dort hergestellten Gold- und Silberarbeiten eingeschmolzen. Grund dafür waren die Staatsfinanzen, die vor allem aufgrund der von Ludwig XIV. angezettelten Kriege, zuletzt durch den sich unerwartet lange hinziehenden Pfälzischen Erbfolgekrieg,  zerrüttet waren.[14]

 

Die Manufacture des Gobelins: Ihr Beitrag zur Verherrlichung Napoleons

Wie sehr die Manufaktur von den geschichtlichen Entwicklungen geprägt war, zeigte sich dann auch während der  Französischen Revolution und der Herrschaft Napoleons. Direktor der Manufaktur zur Zeit der Revolution war Auguste Belle. Der ließ im November 1793 auf dem Hof der Manufaktur einen Freiheitsbaum errichten, unter dem Gobelins verbrannt wurden, die aufgrund ihrer Wappen oder der königlichen Lilie als nicht mehr zeitgemäß galten. Alle Angestellten  der Manufaktur wurden aufgefordert, auf die neue Verfassung, die Convention nationale, zu schwören und an die Nachwelt nur noch Bilder der Helden und Märtyrer der Freiheit  sowie erinnerungswürdige Taten republikanischer Franzosen weiterzugeben. [15] Im Sommer 1794 besuchte eine Kommission die Manufaktur „pour entretenir la flamme républicaine“: Von 321 in den Beständen der Manufaktur vorhandenen Mustern für die Herstellung von Gobelins (cartons) wurden 120 als antirepublikanisch, fanatisch, d.h. zu offensichtlich christlich, und unmoralisch ausgesondert.[16]

Während des Konsulats und vor allem des napoleonischen Kaiserreichs erlebte die Gobelin-Manufaktur einen neuen Aufschwung. Sie arbeitete jetzt ausschließlich für die Zwecke Napoleons, der wünschte, dass die „maisons Impériales“, vor allem die Tuilerien,  mit den Werken der Manufaktur ausgestattet sein sollten. Das waren Gobelins, die die Heldentaten des Kaisers darstellten, wobei  Gemälde von David, Gros und anderen als Vorlage dienten.  Und es waren kaiserliche Portraits, die den Ruhm das Kaisers – und das Ansehen der Manufaktur- verbreiteten: Wie zu Zeiten des Sonnenkönigs erhielten die Herrscherhäuser Europas Gobelins mit dem Portrait des Kaisers, vor allem natürlich seine zahlreichen Familienmitglieder, die er auf europäischen Thronen  platziert hatte. [17] Das von Napoleon bevorzugte Portrait war nicht das Krönungsportrait seines Hofmalers Jacques-Louis David, sondern das 1805 entstandene Gemälde von François Gérard. Es zeigt Napoleon im Krönungsornat und mit goldenem Lorbeerkranz im Thronsaal der Tuilerien und entsprach in seiner Konzeption der traditionellen Darstellung französischer Könige seit Ludwig XIV. Napoleon ließ von diesem „offiziellen“ Kaiser-Portrait zahlreiche Kopien anfertigen. 1808  bestellte er bei der jetzt kaiserlichen Manufacture des Gobelins eine gewebte Version des Gemäldes, das heute im Museum of Modern Art in New York zu sehen ist.  Es war für den Erzkanzler des Reichs, Jean-Jacques Régis de Cambacérès, bestimmt: Eine besondere Auszeichnung. Eine gemalte Kopie wäre ja wesentlich billiger und schneller verfügbar gewesen, während an diesem Auftrag  elf Weber volle drei Jahre lang arbeiteten.[18]

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Auch wenn Napoleon in der Manufacture des Gobelins ein ideales Instrument für sein Prestigestreben sah, gab es doch –aufgrund der großen Abstände zwischen Konzeption und Fertigstellung eines Gobelins- eine erhebliche Diskrepanz zwischen Projekten und Resultaten. Der Wunsch Napoleons, die wichtigsten Ereingnisse seiner Herrschaft durch Gobelins zu verewigen, konnten deshalb nur bruchstückhaft umgesetzt werden.[19]

Aber es gibt doch auch eindrucksvolle Gobelins aus der Pariser Manufaktur, die der Verherrlichung des Kaisers dienten.

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So der nach einem Gemälde von Antoine-Jean Gros gefertigte Gobelin, auf dem der Erste Konsul Bonaparte hoch zu Ross zu sehen ist. Er  verteilt nach der Schlacht von Marengo am 14. Juni 1800 Ehrensäbel an die  Grenadiere seiner Garde. Das Werk wurde 1810 fertiggestellt und ein Jahr später Hortense, der  Stieftochter des Kaisers, Königin von Holland und Mutter des späteren Napoleons III., geschenkt.[20] En weiteres Beispiel ist der 1809 bis 1915 in der Manufaktur angefertigte Gobelin, in dessen Mittelpunkt natürlich auch Napoleon steht: Nach seiner Krönung zum Kaiser am 8. Dezember 1804 empfängt er im Louvre die Abordnungen des Militärs.[21]

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 Seine Macht wird durch sein Ornat und die Herrscchergeste,  die im Spalier aufgereihten stramm stehenden Soldaten und die demütige Haltung des ottomanischen Gesandten eindrucksvoll herausgestellt. Die Umgebung mit den Raumfluchten des Louvre und der römischen Statue in Siegespose trägt natürlich auch ihren Teil zur Verherrlichung des Kaisers bei.

Es gibt also eine lange, auch vom bourbonischen System der Restauration und dem Kaiserreich Napoleons III. weitergeführte Tradition der Manufacture des Gobelins, einen Beitrag zur Glorifizierung der jeweiligen Repräsentanten des Staates zu leisten. Insofern ist es wohl auch zu erklären, dass  Communarden 1871 kurz vor ihrer Niederschlagung in der semaine sanglante[22] den Vorgängerbau des heutigen Ausstellungsgebäudes in Brand setzten. Dies hatte nicht die geringste militärische, aber eine hohe symbolische Bedeutung: Die Manufaktur als repräsentative Instanz der bekämpften alten Ordnung.

 

Kunstgobelins aus der Nachkriegszeit

Nach der Instrumentalisierung der Manufaktur durch Pétain und die Nazis war nach 1945 ein Neuanfang unabdingbar. Eine besondere Rolle dabei spielte André Malraux, der von 1959 bis 1969  Kulturminsiter war und dem  die Förderung zeitgenössischer Kunst ein besonderes  Anliegen war.  In seiner Ära wurden Kontakte zu bedeutenden Künstlern geknüpft, die angeregt wurden, Entwürfe für Gobelins herzustellen. In der oben genannten Ausstellung waren zahlreiche solcher Gobelins ausgestellt.

Hier einige Beispiele:

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Fernand Léger, La Création du monde (1962)

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André Derain, L’Âge d’or (1965/66)

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Raoul Dufy, La Baie de Saint-Adresse (1966/68)

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Joan Miró,  hirondelle d’amour (1979/1980)

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Victor Vasarely, Composition foncée (1977/79)

 

Und aus unserer Sicht besonders eindrucksvoll:

Hartung

Hans Hartung, P 1967-109   (1971/1972)

 

Nach 1945 wurden also in der Manufaktur künstlerisch anspruchsvolle, moderne Gobelins hergestellt. Bei unserem Rundgang –leider abolutes Fotografierverbot- konnten wir einige sehr beeindruckende, von zeitgenössischen Künstlern entworfene Teppiche sehen, die gerade im Entstehen sind. Die einmal gängigen Portraits der jeweils Regierenden haben dagegen  ausgedient. Undenkbar,  dass es etwa Gobelins mit den Portraits von de Gaulle hätte geben können – oder jetzt von Macron: Der vertrat zwar schon vor seiner Wahl zum Staatspräsidenten die Auffassung, dass die Hinrichtung Ludwigs XVI. eine „emotionale Leere“ im kollektiven Bewusstsein der Franzosen geschaffen habe, die durch eine „Resakralisierung“ der präsidialen Funktion auszufüllen sich der junge, gerne als „jupiterien“ charakterisierte Präsident  nach Kräften bemüht.[23] Entsprechende Gobelins scheiden  aber als Instrumente aus.

Immerhin hat der jeweilige Präsident das Privileg, sich aus dem großen und ständig anwachsenden Reservoir des mobilier national für den Elysée-Palast – auch gerne château genannt- das auszuwählen, was seinem Geschmack und den präsidialen Repräsentationszwecken am meisten entspricht. So sollen, wie uns bei dem Besuch der Manufaktur unsere Führerin augenzwinkernd erläuterte, ausländische Besucher vom französischen savoir-faire so beeindruckt werden, dass sie dann angeregt werden, auch einen Airbus oder eine Mirage zu  bestellen….

 

Praktische Hinweise:

Adresse: 42, Avenue des Gobelins im 13. Arrondissement

Öffnungszeiten der Dauerausstellung: täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr

Besuche der Ateliers: Mittwochs 15 Uhr, z.T. auch 13 Uhr. Frühzeitige Reservierung erforderlich. Es werden jeweils zwei der drei unter dem Dach des mobilier national vereinigten, in der Avenue des Gobelins installierten und auf unterschiedliche Verfahren spezialisierten Ateliers gezeigt.  (Atelier des Gobelins, de Beauvais und Savonnerie).

https://www.cultival.fr/visites/ateliers-des-gobelins-dans-les-coulisses-dun-metier-dart

 

Weitere Blog-Beiträge zu Ludwig XIV.:

 

Weitere Blog-Beiträge zu Napoleon:

 

Anmerkungen

[1]  „Cette tapisserie vise à inscrire le chef de l’État français dans la lignée des grandes figures heroïque de l’histoire de France.“ Begleitfilm von Ophélie Juan zur Ausstellung und Begleittext zum Wandteppich

[2] Das repräsentative Ausstellungsgebäude an der avenue des Gobelins stammt aus der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg.

[3] http://www.culture.gouv.fr/Thematiques/Metiers-d-art/Actualites/Au-fil-du-siecle-chefs-d-oeuvre-de-la-tapisserie-1918-2018

[4] Übernommen vom  Begleittext der Ausstellung

[5] „Jean et Philibert Gobelin, Tuchhändler und –färber „en écarlate“  hatten hier am Ufer der Bièvre am Ende des 16. Jahrhunderts ihr Atelier. Nach ihnen wurden  dieses Viertel von Paris und die Teppichmanufaktur benannt.“ Die Färbemethode „en écarlate“ war damals  besonders  innovativ und gefragt, weil man mit ihr vor allem  ein Spektrum leuchtender Rottöne erzeugen konnte. Siehe: Hélène Hatte und Valérie Rialland-Addach, Promenades dans le quartier des Gobelins et la Butte-aux-Cailles. Paris 2008, S. 72

[6] Zur Förderung der heimischen Produktion von Teppichen verbot er sogar die Einfuhr der bis dahin den Markt beherrschenden flämischen Teppiche.

[7] „Im September 1667 gründete Colbert in den Gebäuden der Gobelins die Möbel-Manufaktur der Krone unter der Leitung von Charles Le Brun“.

[8] https://www.universalis.fr/encyclopedie/charles-le-brun/4-le-directeur-de-la-manufacture-royale-des-gobelins/  und Henri Gleizes, Dans les Coulisses du Mobilier National. Paris 1983, S. 161

[9] Henri Gleizes, Dans les Coulisses du Mobilier National. Paris 1983, S. 154/156

[10] Siehe den Blog-Beitrag über den Faubourg Saint-Antoine, das Viertel des Holzhandwerks: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/32

[11] Bild aus: https://commons.wikimedia.org/

[12] Eine Zusammenstellung der Serie in: http://collections.chateauversailles.fr/#f8a9f9ca-48d8-4089-b22f-41bc940ec7bd und https://fr.wikipedia.org/wiki/Tenture_de_l%27Histoire_du_Roy

[13] https://www.histoire-image.org/de/etudes/manufacture-gobelins Siehe auch: Jean-Christian Petitfils, Louis XIV.  Paris, Fayard, 1999.

[14] Gleizes, a.a.O., S. 161  https://www.universalis.fr/encyclopedie/charles-le-brun/4-le-directeur-de-la-manufacture-royale-des-gobelins/ und http://www.mobiliernational.culture.gouv.fr/fr/nous-connaitre/les-manufactures/manufacture-des-gobelins

[15]  Gegenstand des Schwurs:  „de n’employer désormais leurs talents qu’à transmettre à la postériorité les images des héros et martyrs de la liberté ainsi que les actions mémorables des Français … républicains“. Gleizes, S. 163/164

[16]  Gleizes, S.  164

[17] Caroline Girard, La manufacture des Gobelins du Premier Empire à la monarchie de Juil  http://theses.enc.sorbonne.fr/2003/girard

[18] https://www.metmuseum.org/toah/works-of-art/43.99/

[19] Girard a.a.O.

[20] https://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/objets/bonaparte-premier-consul-distribue-des-sabres-dhonneur-aux-grenadiers-de-sa-garde-apres-la-bataille-de-marengo-le-14-juin-1800/

[21] Bild aus: http://www.alaintruong.com/archives/2018/02/05/36115217.html

[22] Siehe  dazu den Beitrag über die Commune auf diesem Blog: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2912

[23] Interview Macrons vom 8. Juli 2015: http://www.atlantico.fr/pepites/emmanuel-macron-manque-roi-2228499.html  und Interview mit dem Verfassungsrechtler  Dominique Rousseau vom 2. Juli 2017: https://www.nouvelobs.com/politique/20170629.OBS1399/congres-de-versailles-macron-tente-de-resacraliser-la-fonction-presidentielle.html

 

 

Geplante weitere Beiträge

  • Street-Art in Paris (3):  Der Invader
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 1: Lyon, Luberon, Piemont
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 2: Die Waldenser in Hessen-Homburg
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier
  • Das Haus der Mutualité in Paris und der Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935

 

Das Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise in Paris: Eine Hommage an den Vorkämpfer der deutsch-französischen Verständigung

 

Der nachfolgende Beitrag ist Ludwig Börne gewidmet, dem Zeitgenossen Heinrich Heines, mit dem er viel gemeinsam hat, von dem ihn aber auch Wichtiges trennt. Obwohl Börne zu seinen Lebzeiten „die zentrale Figur“  war und Heine „überstrahlte“, und obwohl er heutzutage vielfach gerühmt wird z.B. als eine der „hervorragenden Figuren der deutschen Literaturgeschichte“,  als „Schöpfer des deutschen Feuilletons“ oder als „Apostel der Freiheit“[1], ist er „kaum bekannt“, „leider ein vergessener Autor“.[2]

Mein Interesse an Ludwig Börne beruht unter anderem auf seiner deutsch-französischen Biographie: Börnes Leben verläuft nämlich zwischen zwei Polen: Dem heruntergekommenen, überfüllten jüdischen Ghetto in Frankfurt am Main, wo er 1786 geboren wurde, und Paris, der glänzenden „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ (Walter Benjamin), in der er 1837 starb und beerdigt wurde.

Damit gehört er zu einer Reihe von deutschsprachigen Autoren, für die und die für Paris bedeutsam waren.  Einer der prominentesten ist  Heinrich Heine, über  den es schon einen Beitrag auf diesem Blog gibt. (Mit Heinrich Heine in Paris. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8231 ). Andere Autoren sollen folgen.

Zur Konzeption dieses Blog gehört, dass die Beiträge möglichst auf bestimmte  Orte bezogen sind, die  im Zentrum des jeweiligen Beitrags stehen oder für das jeweilige Thema interessant sind. Es gibt,  bezogen auf  deutschsprachige Autoren, zahlreiche solcher Orte in Paris : Für Heinrich Heine   –unter anderem- zwei Erinnerungstafeln an Häusern , die er bewohnte, sein Grab auf dem cimetière de Montmartre, dazu auch noch das deutsche Haus in der Cité Universitaire Internationale, das nach ihm benannt ist[3];  für Joseph Roth ein Portrait in dessen „Stammkneipe“, dem Café Tournon, für Stefan Zweig ein schönes Denkmal  im Jardin du Luxembourg, für Rainer Maria Rilke eine nach ihm benannte Bibliothek, für Heinrich Mann das Hotel Lutétia…

Und für Börne: Da gibt es lediglich ein wenig bekanntes, etwas abgelegenes  Grabmal mit bedrohlich wirkender Schlagseite auf dem Friedhof Père Lachaise, das allerdings aus künstlerischen und politischen Gründen besondere Aufmerksamkeit verdient – zumal es von einem der bedeutendsten französischen  Bildhauer des 19. Jahrhunderts  gestaltet wurde und weil es, worauf der Titel dieses Beitrags hinweist, nicht nur Ludwig Börne allein gewidmet ist, sondern der deutsch-französischen Verständigung insgesamt.

Im Anschluss an die Vorstellung dieses Grabmals  wird auf die Bedeutung von Paris im Leben und Wirken Börnes und auf seine auf dem Grabmal hervorgehobene Rolle als Vorkämpfer der deutsch-französischen Freundschaft eingegangen. Und es wird das ebenfalls auf dem Père Lachaise liegende Grab von Jeanette Wohl vorgestellt, der „Muse“ Börnes und Adressatin seiner Pariser Briefe.

 

Das Grabmal Börnes auf dem Père Lachaise

Das  Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise gehört nicht zu den „prominenten“ Gräbern des Friedhofs, die auf den Übersichtstafeln an den Eingängen verzeichnet sind. Es liegt ein wenig abseits in der 19. Abteilung, fällt –eher bescheiden in seinen Ausmaßen-  dem zufällig Vorbeigehenden nicht unmittelbar ins Auge, zumal die Grabstele, was Lage und Größe angeht,  nicht unübersehbar ist–anders als das am gleichen Friedhofsweg liegende Grabmal  von Samuel Hahnemann, dem Begründer der Homöopathie, oder das monumentale Mausoleum der russischen Baronin Stroganoff.

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Die Grabstele Börnes hat dagegen bescheidenere Ausmaße und liegt auch nicht direkt am Weg. Dazu erscheint der Erhaltungszustand etwas bedenklich:  „Der Grabstein neigt sich gefährlich zur Seite“, wie das Deutschlandradio  2012 berichtete. Die Schlagzeile damals:  „Das Grab des Schriftstellers Ludwig Börne verkommt“.[4]  Seitdem hat sich die deutsche Botschaft in Paris des Grabes angenommen und seine Restaurierung veranlasst. Allerdings konnte die Neigung des Grabmals dabei nicht beseitigt werden. Ihre Ursache liegt nämlich im „desolaten Zustand des Nachbargrabs … das nicht mitsaniert werden konnte“ – dazu hätte es nach französischem Recht der Zustimmung der Erben bedurft, die man aber offenbar nicht ermitteln konnte.[5]  Eine gefährlich anmutende Neigung hat  der Grabstein also trotz Restaurierung nach wie vor- und das ausgerechnet bei dem immer aufrechten Börne! Aber windschief sind viele Grabsteine auf dem Père Lachaise, auch das also wird  kaum die Aufmerksamkeit zufällig vorbeikommender Friedhofs-Flaneure erregen.

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Es sind hier auch nicht –wie an anderen Gräbern des Friedhofs- Blumen deponiert, und man wird kaum Besucher treffen, die das Grab aufgesucht haben, um dem Verstorbenen ihre Reverenz zu erweisen.

Aber vielleicht wird man doch aufmerksam auf die in eine Nische der Grabstele eingefügte bronzene Büste des Verstorbenen: Ein Portrait mit schönen, scharf geschnittenen Gesichtszügen und klarem Blick – Tatkraft und Energie ausstrahlend.

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Durch die Grabinschrift erfährt man, dass hier Ludwig Börne begraben ist, der am 22. Mai 1786 in Frankfurt am Main  (hier: sur le Mein) geboren wurde und am 12. Februar 1837 in Paris starb.  Börne war also ein etwas älterer Zeitgenosse Heinrich Heines: wie er wurde er in Deutschland (als Juda Löb Baruch im jüdischen Ghetto Frankfurts) geboren, wie er konvertierte er zum Protestantismus. Und  wie auch Heine  verbrachte er die letzten Jahre seines Lebens in Paris und starb dort- so wie er es sich schon in seiner Jugend erträumt hatte:

„Es ist nichts Angenehmeres auf der Welt, als in Paris zu sterben; denn kann man dort sterben, ohne auch dort gelebt zu haben?“[6]

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Unterhalb dieser Grabinschrift gibt es ein Bronzerelief von bescheidenem Ausmaß (40 mal 60 cm), das man, neugierig geworden, nun vielleicht doch etwas näher betrachtet.

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Abgebildet sind drei Frauen: In der Mitte eine Frau mit phrygischer Mütze, also ganz offensichtlich eine Allegorie der Freiheit. Ihr zur Seite zwei weitere Frauengestalten, die Frankreich und Deutschland verkörpern.

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Frankreich ist mit einem Lorbeerkranz dargestellt, das  schöne deutsche Fräulein (natürlich) mit einem Kranz aus Eichenlaub.

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Die beiden  Nationen reichen sich die Hände über dem Herzen der Freiheit, die ihrerseits die Hände Frankreichs und Deutschlands umschlingt. Rechts und links ist die Figurengruppe von Freiheitsbäumen flankiert.  Zu deren Füßen liegen Waffen und Trophäen, die auf eine kriegerische Vergangenheit zwischen beiden Nationen verweisen, jetzt aber, wo sie sich die Hände reichen, nicht mehr gebraucht werden. Auf den Sockeln liegen Stapel von Büchern und Schriften, deren Autoren  darunter eingraviert sind:

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Auf der linken  Seite, neben  Marianne, sind es Voltaire, Rousseau, Lamennais und Béranger, auf der rechten, neben  Germania, Lessing, Herder, Schiller und Jean Paul.

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Es sind also Schriftsteller, die –wie Börne-  zu einer Annäherung der beiden Kulturen beigetragen und/oder der Sache des Fortschritts gedient haben. Zu einigen dieser Autoren hatte Börne eine  besonders enge Beziehung: Zu Jean Paul, den er verehrte und auf den er 1825 in Frankfurt eine „Denkrede“ hielt:  „Er war der Dichter der Niedergeborenen, er war der Sänger der Armen, und wo Betrübte weinten, da vernahm man die süßen Töne seiner Harfe“[7] ; zu Lessing, mit dem er zu seinen Lebzeiten oft verglichen wurde[8]; zu Rousseau, dessen bronzene Büste über dem Arbeitspult in seiner Wohnung in der rue Laffitte Nr. 44 stand – deutlich zu erkennen auf Daniel Oppenheims weiter unten abgebildetem Börne-Portrait-[9], zu Voltaire, dessen Spuren in Fernay, Voltaires letztem Wohnort, Börne 1833 auf einer Reise in die Schweiz folgte[10]; zu Béranger, der um 1830 ein äußerst populärer sozialkritischer Lyriker war – er wurde damals auf eine Stufe mit Victor Hugo und Lamartine gestellt. Börne publizierte 1836 den in französischer Sprache verfassten Artikel Béranger et Uhland, ein konkretes Beispiel für sein Bemühen um deutsch-französischen Kulturaustausch. Friedrich Schiller darf unter diesen Autoren natürlich nicht fehlen. Immerhin wurden seine „Räuber“ während der Französischen Revolution in Paris mit großem Erfolg aufgeführt und 1792 wurde Schiller von der Nationalversammlung (mit der Unterschrift Dantons) zum „citoyen français“ ernannt. Auf diese Ehre wollte Schiller im Blick auf seine Nachkommen auch dann nicht verzichten, als er sich angesichts des jacobinischen Terrors  von der revolutionären Entwicklung in Frankreich distanzierte. Für Börne war Schiller der engagierte Schriftsteller, den er –ähnlich wie Jean Paul- gegen den von ihm als aristokratisch-abgehoben kritisierten Goethe auszuspielen versuchte.[11] Besonders wichtig war für Börne auch die Beziehung zu Lamennais,  von dem weiter unten noch die Rede sein wird.

« Bei dem Grabmal handelt es sich somit nicht nur um eine Ehrung Börnes, sondern um eine frühe Würdigung des deutsch-französischen Dialogs »[12]. Und dass auf dem Grabmal über der Verkörperung der Freiheit die Büste Börnes angebracht ist, darf als Hinweis darauf verstanden werden, dass Börne als deutscher Patriot und Wahlfranzose Zeit seines Lebens für die Vision gestritten hat, die David d’Angers auf dem Relief in Bronze gegossen hat.

Dass es nämlich der berühmte Pierre Jean David, genannt David d’Angers, war, der das Bronzerelief –und auch die Büste Börnes- geschaffen hat, ist der Signatur « J. David 1842 » zu entnehmen.

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David d’Angers war einer der prominentesten französischen Bildhauer der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Auf diesem Blog war schon von ihm die Rede als dem Schöpfer der Monumentalplastik im Giebelfeld des Pantheons (https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10112 ) und des Grabmals für den General Gobert auf dem Friedhof Père Lachaise (https://wordpress.com/post/paris-blog.org/9077 ), auf dem auch David d’Angers selbst bestattet ist.  Uns Deutschen ist David d’Angers vielleicht auch bekannt als der Schöpfer der großen Goethe-Büste in der Anna-Amalia- Bibliothek von Weimar, die David d’Angers nach seinem ersten Deutschland-Besuch Goethe als Geschenk übersandt hatte. Ein zweites Exemplar ist im musée d’Orsay ausgestellt. Die Goethe-Büste war Teil der Bemühungen David d’Angers, die großen Geister und Künstler seiner Zeit zu verewigen, also gewissermaßen ein eigenes übernationales bildhauerisches Pantheon zu schaffen- entweder in Form großer Büsten oder wenigstens von Medaillons, deren vollständige Sammlung –insgesamt 550- sich im Louvre befindet.

Dass zu den « großen Männern »  David d’Angers auch Ludwig Börne gehörte, ist kein Zufall, hatten doch beide ganz ähnliche, kosmopolitische Ziele und traten im Sinne ihrer freiheitlichen Ideen für einen Austausch zwischen den Nationen Europas ein. Während Börne diesen Austausch über die journalistische Etablierung einer deutsch-französischen Öffentlichkeit vorantrieb, verfolgte David d’Angers mit seiner „Galerie des contemporains“ auf der künstlerischen Ebene das Ziel einer Vernetzung der großen Geister Europas über alle Nationalgrenzen hinweg.[13]

So schickte David d’Angers 1836 Ludwig Börne, dessen « Genie und noblen Charakter » er bewundere, ein bronzenes Medaillon mit den Worten :   „À l’homme dont j’admire le génie et le noble charactère, j’offre cette esquisse en bronze faite d’après son profil, en le priant de recevoir favorablement l’assurance de mon profond respect.“[14]

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                         Das Medaillon Börnes aus dem Historischen Museum Frankfurt[15]

So lag es nahe, dass David d’Angers nach Börnes Tod von einer dafür eigens gebildeten Kommission beauftragt wurde, das Grabmal für den Verstorbenen zu gestalten. Das erforderliche Geld dafür brachte das Ehepaar Jeanette Wohl/Salomon Strauss auf, bei dem Börne die letzten Jahres seines Lebens in Wohngemeinschaft verbrachte. 1842 wurde das Grabmal auf dem Friedhof enthüllt: Die Stele mit der Bronzebüste und der Bronzeplastik mit dem Titel „La France et l’Allemagne unies par la Liberté“.

David d’Angers hat also wesentlich dazu beigetragen, das Bild Ludwigs Börne der Nachwelt  zu übermitteln- neben dem Maler Moritz Daniel Oppenheim, der von Börne ein Gemälde und einen Kupferstich anfertigte- ausgestellt im Freien Deutschen Hochstift in Frankfurt bzw., was die Graphik angeht, u.a. im Jüdischen Museum von Berlin und  im Museum Schloss Philippsruhe in Hanau.[16]

Die Beerdigung Börnes war ein gesellschaftliches Ereignis: Ein beeindruckender Trauerzug von Schriftstellern, Kaufleuten, aber auch Arbeitern, geleitete  Börnes Leichnam von seiner Wohnung in der Rue Laffitte zum Père Lachaise. „Die nächsten Freunde trugen den Sarg bis zum Grab. Der politische Flüchtling Venedey und ein Frankfurter Kaufmann sprachen am Sarge.“ Die große Grabesrede hielt François-Vincent  Raspail, ein bedeutender Chemiker und  Armenarzt, gleichzeitig aber auch ein engagierter Mann der Opposition gegen die  Herrschaft des Bürgerkönigs Louis-Philippes. Seine Zeitschrift  Réformateur, in der Börne „als französischer Schriftsteller geschrieben hatte, war ein Forum des Kampfs gegen die „Bankokratie“ und für die Sache  der Armen. Der Grabredner Raspail sah sich als Vertreter des republikanischen, freiheitlichen Frankreichs und rühmte Börne als den großen Mittler zwischen Deutschland und Frankreich.    

 „Il voyait le colosse du progrès enjamber les deux rives du fleuve qui coule entre la France et l’Allemagne, en leur tendant une main conciliatrice, qu’ils appartiennent à la même espèce et qu’ils sont soumis aux mêmes devoirs.“ [17]

Ist es bei David d’Angers die Verkörperung der Freiheit, die Deutschland und Frankreich zusammenführt, so ist es bei Raspail der „Koloss des Fortschritts“, der mit seinen beiden Beinen rechts und links des Rheins steht und den beiden Ländern die Hand zur Verständigung reicht.

Selbst Heinrich Heine, seit Anfang der 1830-er Jahre mit Börne in inniger Feindschaft verbunden, konnte sich den eindrucksvollen Bekundungen der Trauer über den Tod Börnes nicht entziehen, als er im ersten Entwurf seines bösartigen  Börne-Pamphlets schrieb :

 «Ludwig Börne hat glücklich vollendet, und die Freunde warens,  welche über seinem Sarge die männliche Thräne vergossen und das trauernde Wort gesprochen. Der Glückliche ! Er ruht auf dem  blühenden Gräberhügel, im Kreise seiner Liebesgenossen, auf dem Père-la-Chaise, und ihm zu Füßen liegt das Jerusalem seines Glaubens, das ewige Paris…  schöner kann man nicht sterben ! schöner nicht begraben seyn ! »[18]

Unmittelbar nach Börnes Tod setzte eine « Verehrungswelle » des Schriftstellers ein, wie sein Verleger Julius Campe dem –ebenfalls von ihm verlegten- Heinrich Heine schrieb :

« Börne ist zu guter Stunde gestorben. Alles achtet und ehrt ihn, sieht in ihm einen Apostel der Freiheit, der als Blutzeuge gestorben ist ; als Verbannter. »[19]

Dass der deutsche Patriot Ludwig Börne in « fremder Erde » bestattet wurde, war ein Thema zahlreicher Gedichte, die im reimfreudigen  deutschen Vormärz, der Zeit vor der Revolution von 1848, entstanden sind. Sie weisen auch auf die große Popularität hin, die Börne damals bei den liberalen Kräften in Deutschland hatte, die für « Einigkeit, Recht und Freiheit für das deutsche Valterland » stritten. Als Beispiel wird hier ein 1844 veröffentlichtes Gedicht von Otto Lünig wiedergegeben:[20]

Klagend greif ich in die Saiten,

Mitternächt’ge Schatten gleiten

Still im Mondlicht hin und her.

Heilig Grab, dich möcht ich schmücken,

Möcht an dich die Stirne drücken,

Ach das Herz ist mir so schwer.

 

Fern vom trauten Vaterlande

Siechte er auf fremder Erde,

Trauernd um sein Vaterland.

Der so  treu mit uns gelitten,

Der so kühn für uns gestritten

Deutsche haben ihn verbannt !

 

Frankreich reichte deinem Sohne,

Vaterland, die Lorbeerkrone,

Frankreich hat sein Grab geschützt !

Sahst du denn sein Herz nicht bluten,

Wenn des Edlen Zornes Gluten

Gegen dich so stolz geblitzt ?

 

Grollend greif ich in die Saiten,

Und die Schatten zürnend schreiten

Sie daher im Mondenlicht.

Ach, sein heilig Grab zu schmücken,

Ihm den Kranz auf’s Haupt zu drücken :-

Deutsche, ihr verdient es nicht.

 

Bleibe bei den Fremden liegen,

Bis der Freiheit Fahnen fliegen,

Bis zum Kampf die Freiheit ruft.

Wenn der Schlachtruf mächtig brauset,

Wenn das Schwert, die Lanze sauset,

Holen wir dich aus der Gruft.

Hörst Du’s in den Lüften  rauschen ?

Bald wirst du dein Grab vertauschen,

Ruhn im freien deutschen Land.

Wie so stolz die Augen glühen !

Sieh, an Deinem Grabe knien

Deutschland, Frankreich Hand in Hand.

 

Donnernd greif ich in die Saiten,

Und die Schatten lächelnd gleiten

Sie im Mondlicht hin und her.

Bald, ja bald wird es uns glücken,

Würdig ihm das Grab zu schmücken-

Herz, nun traure auch nicht mehr.         

 

Ludwig Börne in und über Paris

Es ist hier nicht der Ort für eine umfassende Würdigung Ludwig Börnes. Die findet man zum Beispiel in der abschließend „zum Weiterlesen“ angegebenen Literatur- ebenso wie nähere Informationen und Interpretationen zum „deutschen Zerwürfnis“ zwischen Heine und Börne. Aber die Betrachtung des Grabdenkmals  regt doch dazu an, wenigstens auf zwei Aspekte seines Lebens und Denkens noch etwas einzugehen: Die Bedeutung, die Paris für Börne hatte – von Heine immerhin als dessen Jerusalem bezeichnet- und sein auf der Grabstele hervorgehobenes Engagement für den deutsch-französischen Kulturaustausch und die Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland.

Börne hatte schon als junger Mann Paris besucht und war von der Stadt begeistert, obwohl Frankreich damals noch/wieder von den verhassten Bourbonen beherrscht wurde. Am 21. Oktober 1819,  während seines ersten Aufenthalts, schrieb er an Jeanette, seine Vertraute:

Paris ist der Telegraph der Vergangenheit, das Mikroskop der Gegenwart und das Fernrohr der Zukunft.“[21]

1830 wurden dann in drei glorreichen Julitagen, den „trois glorieuses“, die Bourbonen gestürzt.  Der revolutionäre Enthusiasmus der Franzosen strahlte weit über die Grenzen hinaus nach Belgien, Italien, Polen und auch Deutschland. „Die französische Juli-Revolution wirkte in Europa“, so Ludwig Marcuse, „wie ein Fanal des Jüngsten Gerichts.“ [22]

Heinrich Heine feierte  damals die „heiligen Julitage von Paris mit diesen Worten, die  auch von Börne hätten sein können:

„Heilige Julitage von Paris! Ihr werdet ewig Zeugnis geben von dem Uradel der Menschen, der nie ganz zerstört werden kann. Wer euch erlebt hat, der jammert nicht mehr auf den  alten Gräbern, sondern freudig glaubt er jetzt an die Auferstehung der Völker. Heilige Julitage, wie schön war die Sonne, und wie groß war das Volk von Paris.“[23]

Börne erhielt die Nachricht vom Sturz Karls X., des verhassten Bourbonenkönigs, während eines Kuraufenthalts in Bad Soden. „Von einem Tag zum anderen sind seine Schmerzen, die körperliche Schwäche und Resignation überwunden. Nur weniger Wochen später ist er mit der Postkutsche unterwegs nach Paris“,[24] wo er mit kurzen  Unterbrechungen bis zu seinem Tode blieb.[25]

In seinen „Briefen aus Paris“, gerichtet an seine Freundin und Vertraute Jeanette Wohl in Frankfurt und auf deren Anregung hin mit großem Erfolg publiziert,  schrieb er über seine Ankunft in Paris:

„Das moralische Klima von Paris tat mir immer wohl, ich atme freier, und meine deutsche Engbrüstigkeit verließ mich schon in Bondy.[26] Rasch zog ich alle meine Bedenklichkeiten aus und stürzte mich jubelnd in das frische Wellengewühl. Ich möchte wissen, ob es andern Deutschen auch so begegnet wie mir, ob ihnen, wenn sie nach Paris kommen, wie Knaben zumute ist, wenn an schönen Sommerabenden die Schule geendigt und sie springen und spielen dürfen!“ (5. Brief)

Und über sein Lebensgefühl in Paris schrieb er:

 „Manchmal, wenn ich um Mitternacht noch auf der Straße bin, traue ich meinen Sinnen nicht, und ich frage mich, ob es ein Traum ist. Ich hätte nicht gedacht, daß ich noch je eine solche Lebensart vertragen könnte. Aber nicht allein, daß mir das nichts schadet, ich fühle mich noch wohler dabei. Ich war seit Jahren nicht so heiter, so nervenfroh, als seit ich hier bin. Die Einsamkeit scheint nichts für mich zu taugen, Zerstreuung mir zuträglich zu sein …. hier erst bekam ich wieder Herz zu leben. Die geistige Atmosphäre, die freie Luft, in der man hier auch im Zimmer lebt, die Lebhaftigkeit der Unterhaltung und der ewig wechselnde Stoff wirken vorteilhaft auf mich. Ich esse zweimal soviel wie in Deutschland und kann es vertragen.“ (13. Brief)

In Paris wartete Börne voller Ungeduld auf die große Revolution. In seinen „Briefen aus Paris“ prophezeite er, „dass im Jahre 1831 ein Dutzend Eier teurer sein werden als ein Dutzend Fürsten„.

Börne hoffte,  dass der revolutionäre Funke auch nach Deutschland überspringen werde. Genährt wurde diese Hoffnung durch das  Hambacher Fest 1832, das  große Treffen der deutschen Liberalen auf dem Hambacher Schloss in der Pfalz, in der damals noch die staatsbürgerlichen Freiheiten aus der Napoleon-Ära fortbestanden. Das Fest, zu dem Börne als Ehrengast eingeladen war, wurde für ihn „ein rauschähnliches Erfolgserlebnis“.[27] Am  28. Mai schrieb er Jeanette Wohl:

„Auch wenn ich  Zeit hätte, könnte ich Ihnen nicht schildern, wie bedeutend das Fest war und in seinen Folgen werden wird. Ich habe mich nach meiner Art zurückgezogen und fast versteckt. Half aber alles nichts. Ich werde als ein Napoleon angesehen. Gestern abend brachten mir die Heidelberger Studenten unter Anführung des Herolds ein Vivat mit Fackelzug vor meine Wohnung. Schon früher zog mir auf den Straßen alles nach mit dem Geschrei: es lebe Börne, es lebe der deutsche Börne! Der Verfasser der Briefe aus Paris. (…)“[28]

Aber mit den sogenannten Juli-Ordonnanzen folgte die Repression in den Ländern des Deutschen Bundes auf dem Fuß. Der erhoffte „Mai der Völker“ blieb aus. Auch in Frankreich:  Börne musste erkennen, dass  in Paris nur ein Übel aufs andere gefolgt war: Der Bourbone Karl X. war zwar  gestürzt, aber unter dem „Bürgerkönig“ Louis Philippe hatte sich die „Geldaristokratie“ oder „Bankokratie“, wie Proudhon sie taufte, etabliert. [29]

Börne, der aufgrund dieser Erfahrungen vom Anhänger der konstitutionellen Monarchie zum Republikaner wurde, sah –besonders nach dem Aufstand der Weber von Lyon im November/Dezember 1831- einen Krieg der Armen gegen die Reichen voraus, und wendete sich in seinen journalistischen Arbeiten nun auch an die sehr umfangreiche „deutsche Kolonie“, damals die größte Gruppe von Ausländern in Paris: Als Börne 1830 in Paris eintraf, lebten dort etwa 7000 Deutsche, 1848 waren es  60000, die aus vielfältigen Gründen nach Paris gekommen waren.  Ein wichtiger Bestandteil waren die politischen Emigranten, die bei weitem größte Gruppe allerdings bildeten Arbeiter und  Handwerker, die zum Beispiel in den Werkstätten des Faubourg Saint-Antoine arbeiteten, oder Armutsflüchtlinge aus Nordhessen, die die Pariser Müllabfuhr betrieben.[30]   Einen großen Einfluss auf Börne hatte in dieser zeit der Priester Hugues Filicité Robert de Lamennais, dessen Name ja auch auf dem Grabmal Börnes eingraviert ist:  Lamennais war Vertreter eines christlichen, sozialrevolutionären Sozialismus. Obwohl der vom Vatikan 1832 in einer Enzyklika ausdrücklich verurteilt wurde, fanden  seine 1834 erschienenen  Paroles d’un croyant  (Worte des Glaubens) damals eine breite Leserschaft, zu der auch Börne gehörte.  Der war von der Schrift  tief beeindruckt,  bezeichnete sie sogar als „das dritte Testament“ und  übersetzte sie ins Deutsche.  Als Honorar für die schweizerische „Volksausgabe“  der deutschen Übersetzung erhielt er auf seinen Wunsch hin 500 Freiexemplare, die er  unter den deutschen Handwerkern und Arbeitern in Paris verteilen ließ.[31]

Für Börne war die religiöse Terminologie in dieser Zeit  ein Mittel, sich –nach dem Scheitern der direkten  politischen Agitation-  über den engen Kreis der Intellektuellen hinaus Gehör zu verschaffen. Der Gedanke an Georg Büchners Hessischen Landboten, der von dem Butzbacher Pfarrer Weidig entsprechend überarbeitet wurde, liegt dabei nahe. Börne sah im Bezug zum Christentum auch eine Chance, „vor allem bei den Unterschichten neues, auf ethisch gesichertem Boden stehendes politisches Bewusstsein“ heranzubilden[32], eine Antriebskraft für sozialen Fortschritt und einen gemeinsamen Nenner zwischen den verschiedenen kulturellen Traditionen Deutschlands und Frankreichs. Heinrich Heine hat in seinem Börne-Pamphlet  Börne vorgeworfen, „er fraternisier(t)e mit dem Pfaffen Lamennais“, aber für Börne war der Kampf für die Freiheit nicht ein Kampf gegen die Kirche, sondern gegen die Bourgeoisie, und wenn  Vertreter eines engagierten Christentums auch an diesem Kampf teilnehmen wollten:  tant mieux…. [33]

Börne war in dieser Zeit in Kreisen der in Paris lebenden, politisch engagierten Deutschen eine zentrale Figur. In einem Spitzelbericht aus dem  Jahr 1836 liest sich das so:

 „Die Bemühung, zu Paris das revolutionäre Zentrum der deutschen Refugierten und sogenannten Patrioten zu gründen und die Leitung einem Komitee zu übertragen, ist seit vergangener Woche vollkommen ausgeführt. Börne als der reichste, älteste und berühmteste Schriftsteller ist jetzt die revolutionäre Autorität und bei ihm werden jetzt Zusammenkünfte gehalten. (…) Börne besitzt ungefähr 50.000 Reichstaler Privatvermögen, lebt sehr angenehm in Paris und verdient durch die stets wiederholten Auflagen seiner Werke bedeutend. Die deutschen Republikaner gehen seit Wochen zu Börne.“[34]

Allerdings haben die Spitzel hier Börnes Rolle sicherlich etwas übertrieben, übrigens auch was seine finanziellen Verhältnisse angeht. Börne hatte zwar nach dem Tod seines Vaters einen Erbteil erhalten und dazu eine regelmäßige Rente, wozu auch noch eine von ihm erstrittene Pension für seine Dienstzeit als Polizeiaktuar in Frankfurt kam, aber er war, „um seinen großbürgerlichen Lebensstandard  erhalten zu können, auf regelmäßige Autorenhonorare angewiesen“[35]. Angesichts der damals  in weiten Teilen  Deutschlands herrschenden Zensur war das  durchaus nicht garantiert.

Adressat von Börnes publizistischer Aktivität war neben den Deutschen in der Heimat und in Paris auch das französische Publikum: 1835 wurde er Mitarbeiter des  von Raspail herausgegebenen „Réformateur“, in der er auch Artikel in französischer Sprache veröffentlichte. 1835 musste die Zeitschrift eingestellt werden, so dass Börne nun keine Plattform  mehr hatte für seine Bemühungen um die deutsch-französische Kulturvermittlung. So griff er seinen alten Plan wieder auf, eine eigene deutsch-französische Zeitschrift herauszugeben mit dem schönen Titel  „Balance. Revue allemande et française“ – der Titel der Zeitschrift schlägt damit eine Brücke zur „Waage“, der „Zeitschrift für Bürgerleben, Wissenschaft und Kunst“, die der junge Börne herausgegeben hatte, bis sie 1821 nach ständiger Auseinandersetzung mit der Zensur von Metternich verboten wurde. In der Balance  erschien auch Börnes letzte große Arbeit über den „Franzosenhasser Wolfgang Menzel“: „Gallophobie de M. Menzel“. Die an die Zeitschrift geknüpften Hoffnungen erfüllen sich aber nicht: Die Auflage kam nie über 250 Exemplare hinaus und musste schon in ihrem Gründungsjahr 1836 auch wieder ihr Erscheinen einstellen.[36]

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Der Tuberkulose – kranke Börne verbrachte seinen letzten Lebensabschnitt treu umsorgt im Haushalt des Ehepaares Jeanette Wohl und Salomon Strauss: Beide verehrten Börne, waren wegen ihm auch von Frankfurt nach Paris übergesiedelt und engagierten sich sehr  für die Publizierung von Börnes Arbeiten. Die Sommer verbrachten die drei  in Auteuil, die Winter in Paris in der rue Laffitte. Dort starb  er am 12. Februar 1837  und von dort aus wurde dann auch sein Leichnam zum Père Lachaise geleitet. Die Konzession des Grabes- „à perpétuité“, wie es damals üblich war- hatte Salomon Strauss erworben.[37]

 

Börnes Vision der deutsch-französischen Verständigung

Schon 1808 schrieb Börne in einer Abhandlung „Über die geometrische Gestalt des Staatsgebiets“, in Europa gäbe es einen Kern, „der nicht zerstückelt werden kann“, und der bestehe vor allem aus Deutschland und Frankreich: „die hängen so fest zusammen, dass sie sich schwerlich werden trennen können. Hier sieht man aber auch deutlich den Fingerzeig des Schicksals, das beide Länder nur einen Staat bilden sollen. Und welch ein glücklicher Staat müsste das nicht werden, wenn sich die deutsche Natur mit der französischen vermählte…“[38]

Im 6. Brief aus Paris aus dem Jahr 1830 scheibt Börne anlässlich einer Soiree im gleichen Sinne:  „Es war da ein Gemisch von Deutschen und Franzosen, wie es mir behagt. Da wird doch ein gehöriger Salat daraus. Die Franzosen allein sind Öl, die Deutschen allein Essig…“

Und dann nutzt er die Gelegenheit für einen großen historischen Rück-  und Ausblick:

„In wenigen Jahren wird es ein Jahrtausend, dass Frankreich und Deutschland, die früher nur ein Reich bildeten, getrennt wurden. Diese dumme Streich wurde, gleich allen dummen Streichen in der Politik, auf einem Kongresse beschlossen, zu Verdun im Jahre 843. (…) Ich hoffe, im Jahr 1843 endigt das tausendjährige Reich des Antichrists, nach dessen Vollendung die Herrschaft Gottes und der Vernunft wieder eintreten wird. Wir haben nämlich den Plan gemacht, Frankreich und Deutschland wieder zu einem großen fränkischen Reiche zu vereinigen. Zwar soll jedes Land seinen eigenen König behalten, aber beide Länder eine gemeinschaftliche Nationalversammlung haben. Der französische König soll wie früher in Paris thronen, der deutsche in unsrem Frankfurt und die Nationalversammlung jedes Jahr abwechselnd in Paris oder in Frankfurt gehalten werden.“ (6. Brief aus Paris)

Das „tausendjährige Reich des Antichrists“, von dem Börne hier spricht, war dann doch noch nicht 1843 zu Ende, wie er es erhofft hatte. Es mussten erst noch drei weitere Kriege und das „tausendjährige Reich“ der Nazis kommen, bis sich Franzosen und Deutsche auf den gemeinschaftlichen Gräbern umarmen konnten, so wie es Börne gewünscht hatte:

„Die altersreifen Männer beider Länder sollten sich bemühen, die junge Generation Frankreichs mit der jungen Generation Deutschlands durch eine wechselseitige Freundschaft und Achtung zu verbinden. Wie schön wird der Tag sein, wo die Franzosen und die Deutschen auf den Schlachtfeldern, wo einst ihre Väter sich untereinander gewürgt, vereinigt niederknien und, sich umarmend, auf den gemeinschaftlichen Gräbern ihre Gebete halten werden!“[39]

Hoffte Börne in der julirevolutionären Begeisterung von 1830, dass 1000 Jahre nach dem Teilungsvertrag von Verdun, also 1843, Deutschland und Frankreich endlich wieder vereint seien, so war er zwei Jahre später deutlich skeptischer:

Wir gewähren“, so schreibt er da, „noch ein Jahrhundert, bis die Völker Europens, bis besonders die Franzosen und Deutschen zur Einsicht gelangen, dass von ihrer Einigkeit ihr Glück und ihre Freiheit abhängen.“[40]  Sicher war er aber, dass Deutschlands und Frankreichs Schicksale nicht voneinander zu trennen seien. In seiner letzten Schrift, „Menzel, der Franzosenfresser“ von 1837, gewissermaßen seinem politischen Testament, schreibt er:

Die Geschichte Frankreichs und Deutschlands ist seit Jahrhunderten nur ein beständiges Bemühen, sich zu nähern, sich zu begreifen, sich zu vereinigen, sich ineinanderzuschmelzen, die Gleichgültigkeit war ihnen immer unmöglich, sie müssen sich hassen oder lieben, sich verbrüdern oder sich bekriegen. Das Schicksal weder Frankreichs noch Deutschlands wird nie einzeln festgesetzt und gesichert werden können.“

Der Wunsch nach einer Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich ist ein Leitmotiv des Börneschen Denkens und Handelns. Und dabei war er sich einig mit seinem Antipoden Heinrich Heine. Malte sich aber Börne, wie es seinem politischen Denken entsprach, die Zukunft beider Länder schon ganz konkret  in seiner politischen Konstruktion aus, so bezog der Ästhet Heine auch die Dimension des Genusses ein:

 „Laßt uns die Franzosen preisen! sie sorgten für die zwey größten Bedürfnisse der menschlichen Gesellschaft, für gutes Essen und bürgerliche Gleichheit, in der Kochkunst und in der Freyheit haben sie die größten Fortschritte gemacht, und wenn wir einst alle, als gleiche Gäste, das große Versöhnungsmahl halten, und guter Dinge sind, […] dann wollen wir den Franzosen den ersten Toast darbringen. […] sie wird doch endlich kommen, diese Zeit, wir werden, versöhnt und allgleich, um denselben Tisch sitzen; wir sind dann vereinigt, und kämpfen vereinigt gegen andere Weltübel, vielleicht am Ende gar gegen den Tod“ (DHA VII, 70)

Damit ergänzen sich, wie ich meine, Börne und Heine auf  wunderbare und ganz aktuelle Weise: Die deutsch-französische Verständigung ist –wie die europäische Einheit insgesamt- nicht nur eine politische Notwendigkeit nach vielen Kriegen und Katastrophen, sondern sie ist auch etwas – bzw. sollte auch etwas sein, das die Völker mit Leib und Seele, mit Freude und Lust verbindet, und vor allem: mit der animierenden Perspektive eines gemeinsamen Kampfes für eine bessere Zukunft.

 

Das Grab von Jeanette Wohl auf dem Père Lachaise

Nach dem Besuch von Ludwig Börnes Grabmal lohnt es sich, noch ein paar Schritte weiter zu gehen zu dem ebenfalls von David d’Angers gestalteten Grabmal des Generals Gobert.[41] Und bevor man von dort aus wieder zum Ausgang zurückgeht –am besten über den malerischen chemin des chèvres, bietet es sich an, am Grab von Jeanette Wohl vorbeizugehen, das sich auch auf diesem Friedhof befindet, und zwar neben dem Gebäude der Friedhofsverwaltung (Conservation)  am Seiteneingang der Rue du Repos  in der 7. Division. Hier befinden  sich überwiegend jüdische Gräber, darunter auch das Grab des französischen Zweiges der Rothschild-Dynastie- übrigens auch eine Frankfurt und Paris verbindende Geschichte… [42]

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Jeanette Wohl war für Börne  „Mutter, Schwester, Tochter, Freundin, Geliebte, Frau und Braut.“[43] In den 1820-er Jahren gab es bei Börne und Jeanette Wohl Heiratspläne, die aber scheiterten- unter anderem an der Konvertierung Börnes zum Protestantismus. Für das orthodox-jüdische Milieu, aus dem Jeanette Wohl stammte, war das kaum akzeptabel. Das Scheitern der Heiratspläne tat allerdings der Freundschaft zwischen den beiden keinen Abbruch. Der Schmerz, nicht mit Börne zusammenleben zu können, wurde nach den Worten Norbert Altenhofers „durch das Bewusstsein kompensiert, ihm als Briefpartnerin unersetzlich zu sein.“[44]  Das war sie in der Tat: 1932 lieferte Börne im Brief vom 6. November eine saloppe, „in ihrem  tiefen Wahrheitsgehalt aber nicht zu unterschätzende Begründung für das Scheitern der Heiratspläne: ‚Es fragte mich hier einer,  warum wir uns nicht verheiratet hätten.  Da erinnerte ich mich der Antwort, die einst auf die gleiche Frage ein Franzose gegeben: où passerois-je mes soirées?  und ich erwiderte: an  wen sollte ich dann Briefe schreiben?“ (zit. Walz, 72)

Und es war Jeanette Wohl Verdienst, dass auf der Grundlage von Börnes Korrespondenz mit ihr die „Pariser Briefe“ entstanden, Börnes bekannteste und bedeutendste Publikation.[45] In seiner Börne- Denkschrift schreibt Heine „an der einzigen Jeanette Wohl gewidmeten Stelle, die nicht denunziatorischen Charakter trägt:

‚Die Pariser Briefe waren nicht an eine erdichtete Luftgestalt, sondern an Madame Wohl gerichtet (..) Wenn sich in Briefen nicht bloß der Charakter des Schreibers,  sondern auch des Empfängers abspiegelt, so ist Madame Wohl eine höchst respektable Person, die für Freiheit und Menschenrechte glüht, ein Wesen voll Gemüt und Begeisterung…‘“[46]

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1832 heiratete Jeanette Wohl den zwölf Jahre jüngeren Kaufmann Salomon Strauss, ebenfalls ein Frankfurter Verehrer Börnes und wie Jeanette Wohl engagiert in der Aufarbeitung und Verbreitung der Werke Börnes.  Bedingung für die Ehe mit Strauss war für Jeanette Wohl aber die Fortdauer der engen Beziehung zu Börne. In einem Brief machte sie dies ihrem künftigen  Ehemann klar:

 „Der Doktor hat niemanden auf der Welt als mich, ich bin ihm Freundin, Schwester, alles was  sich mit diesem Namen  Freundliches, Theilnehmendes, Wohlwollendes im Leben  geben, bezeichnen  lässt.  …. Der Doktor muss bei uns sein können, wann, wo und so oft und für immer, wenn er es will. (…)  Solange ich lebe, bis zum letzten Athemzuge werde ich für Börne die Treue, die Liebe und Anhänglichkeit einer Tochter zu ihrem  Vater, einer Schwester zu ihrem Bruder, einer Freundin zu ihrem Freunde haben.“[47]

In der zweiten Novemberhälfte siedelte das Ehepaar Wohl/Strauss nach Paris über, wo es bis zu Börnes Tod mit diesem in ungetrübter Harmonie zusammenlebte.“ Durch die Ehe mit Strauss und den Umzug nach Paris schafft sie Börne,  „dem Freund ihres Lebens einen neuen Freund, eine neue Heimat, ein letztes Asyl.“[48] In Frankfurt wäre „die merkwürdige Ehe zu dritt“ angesichts des konservativen Umfelds Jeanettes vermutlich kaum möglich gewesen. Dass  Jeanette sich auf eine solche –von Heinrich Heine geschmähte- Beziehungsform eingelassen hat, ist vielleicht auch damit zu erklären, dass ihr Vater, ein durch Finanzgeschäfte äußerst wohlhabend gewordener Frankfurter Wechselmakler und Schutzjude, als angeblich „gottloser Freigeist“ von dem jüdischen  Gemeindevorstand  verstoßen worden war und er „wie ein Vieh“ fern vom Grab seiner Vorfahren verscharrt wurde, bis die Mutter in einem langjährigen, letztlich von Kaier Franz II. entschiedenen Rechtsstreit, doch noch eine Umbettung und eine Bestattung in der Nähe seiner Vorfahren  erreichte.[49]

Nach Börnes Tod  wurde Jeanette  von Börne zur „Erbin seiner sämtlichen literarischen Eigentumsrechte“ eingesetzt. Mit Unterstützung von Strauss gab sie zwischen 1844 und 1850 bei einem Mannheimer Verlag sechs Bände mit nachgelassenen Schriften Börnes heraus.  Die erste große Gesamtausgabe von Börnes Schriften erschien aber erst 1862, ein Jahr nach Jeanettes Tod: Grund dafür waren  Kompetenzstreitigkeiten mit dem Verleger Campe, zu dem Jeanette das Vertrauen verloren hatte, nachdem er 1840 Heines Pamphlet gegen Börne verlegt hatte.

DSC00596 Jeanette Wohl Père Lachaise (5)

Das Grab von Jeanette Strauss-Wohl befindet sich leider in einem lamentablen Zustand. Immerhin hat jemand die den Grabstein überwuchernden und ihm schwer zusetzenden dicken Efeuranken teilweise entfernt, so dass wenigstens die Aufschrift (noch) lesbar ist.  Jeanette  Wohl hätte es angesichts ihrer Verdienste um das Werk  Börnes wohl verdient, dass ihr Grab nicht dem Verfall preisgegeben wird. Zuständig wären eigentlich Erben, falle es die noch gibt…  Oder vielleicht die Stadt Frankfurt? Aber das Kulturdezernat der Stadt, das ich in dieser Sache angeschrieben habe, hüllt sich in Schweigen.  Und die von mir ebenfalls kontaktierte prominente Frankfurter Börne-Stiftung, deren Aufgabe es ist, „an den großen Schriftsteller und Journalisten Ludwig Börne zu erinnern“, die den Prestige-trächtigen Börne-Preis vergibt und in der auch der Oberbürgermeister Frankfurts vertreten ist, hat dafür jedenfalls, wie sie mir mitteilte, „keine Mittel“… [50]

(Juli 2018)

 

Benutzte Literatur/Zum Weiterlesen

Ludwig Börne,  Das große Lesebuch. Herausgegeben von Inge Rippmann, FFM 2012

Ludwig Börne, Briefe aus Paris: http://gutenberg.spiegel.de/buch/briefe-aus-paris-1678/1

Ludwig Börne, Menzel der Franzosenfresser und andere Schriften. Herausgegeben und eingeleitet von Walter Hinderer. Sammlung insel 45 FFM 1969

Ludwig Börne und Heinrich Heine. Ein deutsches Zerwürfnis. Bearbeitet von Hans Magnus Enzensberger. FFM 1997, S.96

Über Ludwig Börne/Sekundärliteratur:

Rachid l’Aoufir, Ludwig Börne un parisien pas comme les autres. Paris: L’Harmattan  2004

Alfred Estermann (bearbeitet von), Ludwig Börne 1786-1837. Zum 200. Geburtstag des Frankfurter Schriftstellers. Freiheit, Recht und Menschenwürde. FFM: Buchhändler –Vereinigung 1986

Anne Hardy, Ein Frankfurter Publizist und seine Muse. Der Briefwechsel zwischen Ludwig Börne und Jeanette Wohl. In: Forschung Frankfurt 1/2008  http://www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/36050628/Frankfurter_Publizist.pdf

Heinrich Heine, Über Ludwig Börne   http://gutenberg.spiegel.de/buch/uber-ludwig-borne-373/1

Willi Jasper, Keinem Vaterland geboren. Ludwig Börne. Eine Biographie. Hamburg: Hoffmann und Campe 1989

Ludwig Marcuse, Ludwig Börne. Aus  der Frühzeit der deutschen Demokratie. Diogenes TB 21/VII 1977

Inge Rippmann, Jeanette Strauß-Wohl (1783-1861) »Die bekannte Freyheitsgöttinn“ Versuch eines Porträts der Freundin Ludwig Börnes. https://link.springer.com/chapter/10.1007%2F978-3-476-02790-0_4

Schnapper-Arndt, G., „Wohl, Jeanette“ in: Allgemeine Deutsche Biographie 43 (1898), S. 707-709  https://www.deutsche-biographie.de/sfz85997.html

Frank Stern/Maria Gierlinger (Hg), Ludwig Börne.  Deutscher, Jude, Demokrat. Berlin 2003

Christa Walz, Jeanette Wohl und Ludwig Börne: Dokumentation und Analyse des Briefwechsels. Frankfurt: Campus 2001  https://books.google.fr/books?id=qX-vAHx5_ZgC&printsec=frontcover&hl=de#v=onepage&q&f=false

 

 

Weitere Blog-Beiträge mit thematischem Bezug zum Père Lachaise:

 

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu deutschsprachigen Schriftstellern in Paris/im französischen Exil:

  • Mit Heinrich Heine in Paris

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8231

  • Exil in Frankreich: Sanary, Les Milles und Marseilles

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/592

  • Der Cimetière de Picpus: Ein deutsch-französischer und amerikanischer Erinnerungsort

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/1828

  • Das Haus der Mutualité in Paris und der Erste internationale Kongress zur Verteidigung der Kultur 1935

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10658

 

Anmerkungen:

[1]  Willi Jasper, S. 255, Marcel Reich-Ranicki In: Estermann, S, 169, Frank Stern , in: Stern /Gierlinger , S. 7 und entsprechend: https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_B%C3%B6rne;  Walter Hinderer im Vorwort zu:  Börne, Menzel der Franzosenfresser,  S. 7

[2] Alfred Grossser in: Estermann, S. 157 und  Marcel Reich-Ranicke .a.a.O.

[3] https://wordpress.com/post/paris-blog.org/9080

[4] http://www.deutschlandradio.de/das-grab-des-schriftstellers-ludwig-boerne-verkommt.331.de.html?dram:article_id=204997

[5] Auskunft der deutschen Botschaft vom 19.6.2018

[6] Gesammelte WerkeII, 88f. Zitiert in Stern/Gierlinger, S. 106

[7] Börne-  Lesebuch S. 115f; „Denkrede auf Jean Paul“: http://www.zeno.org/Literatur/M/B%C3%B6rne,+Ludwig/Schriften/Aufs%C3%A4tze+und+Erz%C3%A4hlungen/Denkrede+auf+Jean+Paul

[8] Siehe Heine: Soll ich in der Literatur einen verwandten Charakter aufsuchen, so böte sich zuerst Gotthold Ephraim Lessing, mit welchem Börne sehr oft verglichen worden. http://gutenberg.spiegel.de/buch/uber-ludwig-borne-373/4

[9] Michael Werner, Börne in Paris. In: Estermann, S. 262

[10] s. Jasper, S. 222

[11] Siehe Marcel Reich- Ranicki. In: Estermann, Ludwig  Börne, S. 171. S.a. Alfred Grosser a.a.O., S. 164

[12] marianne und germania 1789 – 1889. Frankreich und Deutschland. Zwei Welten-  Eine Revue. Katalog der Ausstellung im Martin-Gropius-Bau in Berlin vom 15. September 19996-5. Januar 1997, S.324/325

[13] Philip Molderings, Ludwig Börne und der bildgewordene Freiheitskampf. Blog des Historischen Museums Frankfurt 2016 https://blog.historisches-museum-frankfurt.de/ludwig-boerne-und-der-bildgewordene-freiheitskampf/

[14] Brief vom 9. Juni 1836. Zitiert in: M. de Cormenin, Fragments politiques et littéraires par Ludwig Boerne. Paris 1842 https://books.google.de/books?id=NHY6AAAAcAAJ&pg=PR25&lpg=PR25&dq

[15] Nicht korrekt ist übrigens – jedenfalls in einem Punkt- die Erläuterung zu dem Medaillon in der Dauerausstellung „Frankfurt Einst?“ des neuen Historischen Museums. Dort heißt es: „Nach Börnes Tod fertigte der französische Künstler David d’Angers für seinen Freund und Gesinnungsgenossen dessen Grabmal auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise sowie das Bronzemedaillon an.“ Allerdings wurde das Bronzemedaillon ja schon 1836 angefertigt, als Börne noch lebte und diesem übersandt. (Siehe oben das entsprechende Begleitschreiben David d’Angers an Börne).  Börne starb am 12.2.1837. (Identisch auch in: Jan Gerchow/Nina Gorgus (Hrsg), 100 mal Frankfurt. Geschichten aus (mehr als) 1000 Jahren. FFM 2017, S. 150/151

Korrekt dafür: https://blog.historisches-museum-frankfurt.de/ludwig-boerne-und-der-bildgewordene-freiheitskampf/ 

Im oben angegebenen Informationstext heißt es übrigens weiter zu Börnes Medaillon: „Es kam erst Jahrzehnte später in die Münzsammlung der Stadtbibliothek Frankfurt. Vorher wäre ein Erinnerungsstück an den ‚Aufrührer‘ durch die vom Frankfurter Rat verwaltete Bibliothek undenkbar gewesen.“ (a.a.O., S. 152). Leider wird hier kein Datum angegeben. Aber Salomon Strauss, in dessen Besitz  vermutlich nach Börnes und Jeanette Wohls Tod das Medaillon war, starb 1866, also genau in dem Jahr, in dem Frankfurt seinen Status als Freie Reichsstadt verlor. Damit waren wichtige Voraussetzungen für eine Ausstellung des Medaillons in Bernes Heimatstadt erfüllt.

[16] http://objekte.jmberlin.de/object/jmb-obj-91417;jsessionid=2D1924CEF1D706B3870D449A2F43F995

s.a. http://frankfurter-personenlexikon.de/node/1823

David d’Angers fertigte auch eine Marmorbüste Börnes an, die im Treppenhaus der alten Frankfurter  Stadtbibliothek am Obermaintor ausgestellt war. Sie wurde der Stadt 1866 von Salomon Strauss geschenkt, dem Mann von Jeanette Wohl, mit denen Börne in Paris in einer ménage à trois zusammenlebte. Die Büste ging im Krieg verloren,  „wohl kriegszerstört 1944“. http://frankfurter-personenlexikon.de/node/1823

[17] Discours prononcé par M. Raspail, sur la tombe de Ludwig Bœrne le 15 février 1837  https://www.persee.fr/doc/r1848_1155-8806_1916_num_12_69_1577 S. 195

[18] Heinrich Heine, Erster Entwurf zu Ludwig Börne. Eine Denkschrift. (1837). In: Ludwig Börne und Heinrich Heine. Ein deutsches Zerwürfnis. Bearbeitet von Hans Magnus Enzensberger. FFM 1997, S.96

[19] siehe Jasper, 262/3

[20]Otto Lünig, Börne’s Grab. Veröffentlicht in: Der Sprecher. Wesel. Nr. 30/1844. Wiedergegeben in: Alfred Estermann: Die Eiche Börne… Gedichte der Zeitgenossen. . In: Estermann, S. 348

[21]  II,16. Zitiert bei Stern/Gierlinger, S. 106

[22] Marcuse, S 175

[23] zit. Marcuse, S. 178

[24] Jasper, S. 145

[25] Zur Biographie Börnes siehe: http://www.zeno.org/Literatur/M/B%C3%B6rne,+Ludwig/Biographie

[26] Bondy ist eine Vorstadt im Norden von Paris – im heute verrufenen 93. Departement gelegen. Reisende aus Deutschland –wie danach auch Heine- kamen damals aus dem Norden in die Stadt.

[27] Jasper, S. 179

[28] Zit. bei Jasper 179/180

[29] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46169324.html und Marcuse, Ludwig Börne S. 181

[30] Siehe dazu: Jacques Grandjonc/Michael Werner, Deutsche Auswanderungsbewegungen im 19. Jahrhundert (1815-1914). In:  Deutsche Emigranten in Frankreich. Französische Emigranten in Deutschland 1685-1945. Ausstellungskatalog. Paris 1983, S. 82ff. Siehe auch die Texte über den Faubourg Saint-Antoine auf diesem Blog: Der Faubourg Saint-Antoine (1): Das Viertel des Holzhandwerks: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/32 und Der Faubourg Saint-Antoine (2): Das Viertel der Revolutionäre: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/102

[31] L’Aoufir, S. 177,  s.a. S. 74;  Michael Werner, Börne in Paris. A.a.O., S. 265/266

[32] Michael Werner, Börne in Paris 265

[33]  Alfred Grosser, In. Estermann, Ludwig Börne, S. 163/165

[34] zit. Enzensberger, 83 und  https://d-nb.info/1017360421/34,  S. 46

[35] Jasper, S. 92

[36] Jasper, S. 183/184.  Bild aus: l’Aoufir, S. 164

[37] Ein entsprechendes Dokument konnte ich in der Friedhofsverwaltung des Père Lachaise einsehen.

[38] Zit. in: Ludwig Börne. Das große Lesebuch, S. 249/250

[39] Zitiert in Ludwig Börne, Das große Lesebuch, S. 251/252

[40] III,919. Zit. l’Aoufir, S. 168

[41] Siehe dazu: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/9077

[42] Die Friedhofsverwaltung war übrigens weder auf mündliche noch auf schriftliche Nachfrage  in der Lage, mir Informationen zu dem Grabmal zu geben. Da dafür allerdings vor allem die 7. Division infrage kam, haben wir auf eigene Faust gesucht und es schließlich auch gefunden: Vom Verwaltungszentrum des Friedhofs aus (Conservation) geht man die Avenue Rachel entlang bis fast zur Friedhofsmauer. Kurz davor befindet sich das Grab auf der rechten Seite in der zweiten Reihe.

Zu dem Rothschild-Grab: z.B.: http://francerevisited.com/2013/12/the-rothschilds-in-france-a-19th-century-riches-to-riches-story/

[43] https://www.zeit.de/1990/02/man-muss-auch-mut-zeigen–/seite-3

[44] Norbert Altenhofer, Henriette Herz und Louis Baruch- Jeanette Wohl und Ludwig Börne. In: Ludwig Börne zum 200. Geburtstag, S. 220

[45] Siehe G. Schnapper-Arndt 1898,  https://www.deutsche-biographie.de/sfz85997.html   „Besonderen Dank sind ihr die Litteratur- wie die Freiheitsfreunde dafür schuldig, daß sie zu den Pariser Briefen die Anregung gegeben hat. Erst auf ihr Drängen nämlich benutzte Börne jene durchaus nicht im Hinblick auf eine Veröffentlichung begonnene Correspondenz, um unter der Eingebung des Moments die Gedanken und Empfindungen in ihr niederzulegen, welche ihn in jener bedeutungsvollen Zeit bewegten.“

[46] Norbert Altenhofer a.a.O., S. 221

[47] Zit. Walz, S. 78

[48] Rippmann, zit. bei Walz, S. 85)

[49] Siehe Jasper, S. 87

[50] http://boerne-stiftung.de/  und Mail vom 23.6.2018

 

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