Halle au Blé – Bourse de Commerce – Pinault Collection: Verwandlung und Kontinuität (Teil 1) von Ulrich Schläger

Halle aux blés von Victor-Jean Nicolle; Musée national du Château de Malmaison

Es gibt in Paris eine Fülle von außergewöhnlichen, wunderbaren Bauwerken. Zu ihnen gehört ganz gewiss auch die Bourse de Commerce im Quartier des Halles: Der Bau ist architektonisch einzigartig und er war dazu wegweisend: Vorbild der Architektur des ausgehenden 18. Jahrhunderts mit dem sich auf römische Vorbilder beziehenden Rundbau, und, mit seiner monumentalen Kuppel, Pionier der Eisenarchitektur des 19. Jahrhunderts. Dazu hat das Bauwerk mehrere Leben gehabt: Es war zunächst Halle für die Lagerung von Getreide, dann eine Handelsbörse und seit 2021 ist es Ausstellungsort der Collection Pinault, einer der weltweit größten und bedeutendsten Sammlungen moderner Kunst.

Ulrich Schläger zeichnet in seinem Beitrag mit großer Sachkenntnis die Geschichte des Baus nach: Er zeigt, welche Veränderungen die unterschiedlichen Verwendungen des Baus mit sich brachten, wie Architekten, Ingenieure und Künstler dazu beigetragen haben, dieses einzigartige Bauwerk zu schaffen, das bei allen Verwandlungen im Laufe seiner 250-jährigen Geschichte sich doch immer treu geblieben ist. Die Lektüre dieser außerordentlich fundierten Darstellung ist für architekturgeschichtlich interessierte Leserinnen und Leser ein großer Gewinn. Aber auch aus sozialgeschichtlichen Gründen ist die Darstellung höchst aufschlussreich, bettet Ulrich Schläger doch den Bau in seinen historischen Kontext ein. Nach der Lektüre des Beitrags wird man die Bourse de Commerce mit offeneren Augen sehen und mit einem vertieften Verständnis dafür, was diesem Bau seine Einzigartigkeit und Schönheit verleiht und wie er zu dem geworden ist, was er heute ist: ein altehrwürdiger und doch auch höchst moderner Kunsttempel mitten in Paris.

Der Beitrag umfasst zwei Teile: Im ersten (Kapitel I – 5) wird die Entwicklung bis zum Bau der großen Kuppel nachgezeichnet, die bis heute den grandiosen Innenraum überspannt; im zweiten Teil (Kapitel 6 und 7) geht es um die Umwandlung zur Getreidebörse und den Einzug der Moderne durch den japanischen Architekten Tadao Ando. Er greift das prägende Kreismotiv des Baus mit einem Beton-Zylinder auf, interpretiert es modern und schafft mit der reizvollen Verbindung und Kontrastierung von Altem und Neuem einen wunderbaren Ort für die Präsentation moderner Kunst. (Lesezeit 42 Minuten)

Wolf Jöckel

Von einem Bauwerk wird die Rede sein, das schon zu Beginn mehr verkörperte als der Zweck, für den es eigentlich errichtet wurde. Mit seinen geometrischen Grundformen, dem Kreis und der [Halb-]kugel, Abbild von Ordnung und Vollkommenheit, wurde es zum Modell für die Architektur des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Mit seiner Bauweise gewährleistete es Schutz und ideale Kontrolle zugleich. Seine Fassade erinnerte an die Arkaden eines antiken Zirkus und Theaters, und seine Kuppel rief die Vorstellung an das Pantheon zu Rom wach und verband sich so auch mit dem wiederkehrenden Anspruch von Paris als „neues Rom“. Seine Kuppeln, zunächst die hölzerne, dann seine eiserne, waren richtungsgebende technische Meisterwerke. Im radikalen Umbau am Ende des 19. Jahrhunderts und der Art, wie er erfolgte, spiegelte sich die wirtschaftliche Macht von Kapital, Handel und Industrie. Und der letzte Eingriff in den Bau nahm die geometrische Grundidee nochmals auf und setzte sie mit dem Baustoff der Moderne um.

Ich werde die Entwicklung dieses außergewöhnlichen Bauwerks in seiner ca. 250-jährigen Geschichte nachzeichnen. Auf diesem Weg, auf dem der Bau mehrere Umwandlungen erfuhr,  lassen sich drei Abschnitte abgrenzen, in denen sich der Hauptnutzen des Gebäudes änderte. Aus der Getreidehalle (erbaut 1763-1767) wurde eine Handelsbörse (seit 1889) und aus dieser ein Ort für die Kunst der Moderne (seit 2021). Ich werde die baulichen Charakteristika der drei Nutzungsphasen beschreiben.

Doch bevor ich mich der Architektur des Gebäudes zuwende, soll in der hier leider gebotenen Kürze dargelegt werden, warum dieser Bau überhaupt entstand.

Kapitel I – Vorgeschichte: Die verzweifelte Nation

If Nature had been comfortable, mankind would never have invented architecture. Oscar Wilde: The Decay Of Lying – A DIALOGUE.

Hungersnöte hatte Frankreich schon in den vorausgegangenen Jahrhunderten erlebt. Aber der grausame Winter von 1709, le grand hiver mit der nachfolgenden Hungersnot, die grande famine, die der bereits seit neun Jahren tobende Spanische Erbfolgekrieg noch verschlimmerte, „endete“, wie Voltaire in Le Siècle de Louis XIV schreibt, „mit der Verzweiflung der Nation“. In ganz Frankreich kursierten Berichte von Menschen, die wie Tiere Gras fraßen, über Erfrorene, über den völligen Stillstand von Handel, Industrie und öffentlichem Leben. Das Vieh in den Ställen, die wilden Tiere in den Wäldern und die Fische in den Flüssen und Seen starben. Obst-, Olivenbäume und Weinstöcke gingen zugrunde.

Henri François d’Aguesseau (1668-1751) rettet Frankreich während der Hungersnot 1709. Gravur von 1792

Gravierend waren die Verluste bei der Getreideernte. Der Mangel an Kornspeichern mit Vorräten verschärfte die Lage. Die Getreidepreise schossen in die Höhe. Zu langsam erkannte die Regierung das Ausmaß der Krise. Erst spät wurde Getreide importiert, von Zöllen und Wegegeldern befreit, vorhandene Vorräte erfasst und freigegeben, um Spekulationen zu verhindern, Märkte überwacht und der Verkauf von Brot streng nach Person und Zeit beschränkt. Die Gemeinden wurden gezwungen, Lebensmittelverteilungen an Bedürftige zu organisieren.

Distribution du pain du roy au Louvre, estampe, Paris, 1693. Gallica. Bnf.fr/Bibliothèque nationale de France

Gleichwohl kam es in Paris und ganz Frankreich zu Hunger- bzw. Teuerungsrevolten, den émeutes de grain. Banden überfielen Schlösser und Klöster, die im Verdacht standen, über Getreidereserven zu verfügen. In Paris und anderswo wurden Bäckereien gestürmt, auf Plünderer wurde geschossen. 

Bei der Hungersnot von 1709 starben etwa 600.000 Menschen. Insgesamt hatte Frankreich ein Jahr später ca. 850000 Einwohner weniger. Gründe dafür waren neben Unterernährung und Krankheiten auch ein Rückgang der Eheschließungen und der Geburten. Durch die massiven Verluste in der Agrarproduktion, verschärft durch Kriegsaufwendungen, geriet Frankreich als Agrarstaat, dessen Bruttosozialprodukt maßgeblich von der Landwirtschaft abhing, darüber hinaus in eine Finanzkrise.

Biopolitik als Antwort auf die Versorgungskrise

„Der Lebensunterhalt des Volkes ist der wichtigste Gegenstand, mit dem sich die Verwaltung beschäftigen muss“. Jacques Necker, Finanzminister unter Ludwig XVI. am 14. Februar 1778 an Antoine de Sartine, Lieutenant général de police.

Angesichts des katastrophalen Ausmaßes der grande famine für die Bevölkerung und die Stabilität des Staates, waren Vorkehrungen für eine stabile Lebensmitteversorgung zu treffen, allem voran für Brot, das Hauptnahrungsmittel des Volkes.  Brot sollte zu stets erschwinglichen Preisen zur Verfügung stehen, denn Brot war weit mehr als nur ein einfaches Nahrungsmittel. Es bildete den Kern des sozialen Pakts zwischen König und Volk unter dem ancien régime. Der König war wie ein Vater, der den Lebensunterhalt seiner Kinder sichern soll.

Die Versorgung mit Getreide hing nicht allein von meteorologischen Zufällen ab. Der Weg von den Feldern auf den Tisch der Verbraucher, d.h. der Vertrieb, war noch heikler und komplexer. Er hing ab von Transportwegen und -mitteln, der Organisation des Getreide- und Mehlhandels, dem Wettbewerb zwischen Stadt und Land um das Getreide, der Getreidekonservierung, den Mühlen und Bäckereien und nicht zuletzt von der Situation auf den Märkten selbst. Eine paternalistischen Marktgesetzgebung, gesteuert und überwacht durch die Polizei, die oft ein Teil der Probleme wurde, sollte diese Versorgung gewährleisten.

Die „Polizei“ war im ancien régime für ein außerordentlich breites Spektrum öffentlicher Aufgaben zuständig, das von der Überwachung der Prostituierten, der Gefängnisse, der Kontrolle der Zünfte, der Straßenreinigung und -beleuchtung bis hin zur Durchsetzung von Vorschriften bezüglich der Produktion und des Verkaufs von Waren und Dienstleistungen reichte. Sie kümmerte sich um alle Aspekte des täglichen Lebens, nicht nur um Straftaten. In dieser Universalität ihrer Aufgaben erfüllte die Polizei eine bedeutende Funktion in der Biopolitik. Deren Ziel war die Gewährleistung der physischen und psychischen Gesundheit und damit die Gesamtproduktivität der Bevölkerung und nicht zuletzt die Stabilität des ancien régime. Doch diese administrativen Maßnahmen allein reichten nicht.

Aufgrund der gravierenden Mängel der Getreide-Märkte in Paris, die alle unter freiem Himmel abgehalten wurden, kam der Architektur und der Stadtplanung eine wichtige biopolitische Rolle zu. Auf die disziplinären Fähigkeiten der Architektur bei der Versorgungssicherheit wird noch zurückzukommen sein.

Getreide und Mehl, die zum Verkauf nach Paris geschickt wurden, waren nicht auf einen einzigen Markt konzentriert. Die im Quartier Les Halles, nahe der St.-Eustache-Kirche gelegene Halle au bled (s. Turgot-Plan),  empfing das meiste auf dem Landweg nach Paris gelangte Getreide und den Großteil des Mehls.

Die Häfen vermarkteten fast das gesamte über den Fluss ankommende Getreide. Der Port au bled am Port et Quay de la Grève unweit des Hôtel de Ville war der wichtigste und größte der Häfen.

Les Halles und Halle au bled – Ausschnitt aus Turgot-Plan 1739

Hafen an der Place de Greve  Bild-Ausschnitt : Port et Quay de la Grève (Nr.2), 3 Port au bled (Nr.3)

Die Dringlichkeit der Neugestaltung der Getreidemärkte in Paris hat Steven Laurence Kaplan in seinen Arbeiten zur französischen und besonders Pariser Getreideversorgung im 18. Jahrhundert eindrucksvoll dargestellt. Er schildert die katastrophalen, unfallträchtigen, engen, verwinkelten Zufahrtsstraßen zu den Märkten und die chaotische Situation auf den Märkten selbst:

„Händler stritten sich weiterhin um Platz zum Entladen, Makler weigerten sich aus Platzmangel, versandte Waren anzunehmen, Kontrolleure der Maße und Träger konnten ihre Aufgaben nicht effizient erfüllen und Käufer hatten Schwierigkeiten, sich zu bewegen und zu inspizieren. … die Träger und die einfachen Arbeiter (stapelten) …die Säcke mit Getreide und Mehl durcheinander, was Verwirrung stiftete, Streitigkeiten über Priorität und sogar Eigentum provozierte, zu Diebstählen einlud und die Waren der Gefahr von Beschädigungen aussetzte. (…) Mercier, Dussausoy und andere Beobachter der Zentralmärkte beschrieben sie als „ekelhaft“, „dreckig“ und „infiziert“.

Zwischen den Säcken lagen Schlamm, Misthaufen, verrottetes Stroh, das zum Abdecken der Säcke verwendet wurde, und anderer Unrat. Die Menschen waren kaum wählerischer als die Pferde – die Mieter in den Wohnungen rund um den Getreidemarkt, so ein Mehlmädchen, warfen häufig „Töpfe mit Urin und Fäkalien“ auf die Waren und manchmal auch auf die Händler. Die Luft war verdorben und der Lärm unerträglich. An schlechten Tagen wehte der üble Gestank des nahe gelegenen Friedhofs St.-Jean mit dem Geruch von verfaultem Fisch vom benachbarten Marktplatz über den Getreidemarkt.“[1]

Als sich Berichte über verdorbenes Mehl, Überfüllung, Diebstahl und Unordnung häuften, erkannte vor allem ein Polizeiinspektor namens Poussot, dass sowohl räumliche als auch organisatorische Veränderungen der Getreidevermarkung notwendig waren. Er organisierte eine Kampagne für den Bau eines dauerhaften Gebäudes für den Getreideverkauf. 1762 stimmte die Regierung zu und gab der Stadtverwaltung die entsprechende Anweisung. Es ging nicht nur um den Bau der Getreidehalle; auch das umliegende Gebiet musste neu organisiert und die sanitären Anlagen verbessert werden.

Kapitel II – Die neue Halle au Blé

Die Halle au Blé wurde auf dem weitläufigen Gelände errichtet, auf dem zuletzt das Hôtel de Soissons unweit der Kirche St.-Eustache, stand.

Das Hôtel de Soissons im 17. Jahrhundert, Kupferstich von Israël Silvestre, um 1650. Die Colonne de l’Horoscope ist im Hintergrund rechts zu sehen.

Benannt war es nach Charles de Bourbon, Comte de Soissons, der das ehemalige, von Jean Bullant zwischen 1574 und 1584 für Catharina de Medici, der Witwe Heinrichs II. von Frankreich, erbaute Hôtel de la Reine, erworben und umgebaut hatte. Der letzte Besitzer, Viktor Amadeus I. Fürst von Savoyen-Carignan, gründete 1720 im Garten des Palais die Pariser Börse. 1740 war er gezwungen, das Hôtel zu verkaufen, um seine Schulden zu bezahlen. Im Jahr 1748 wurde es abgerissen.

Nur ein Turm in Form einer dorischen Säule, die sogen. Colonne Médicis, mit Verzierungen aus Lilien und dem Emblem von Catharina und Heinrich, ein ineinander verschlungenes H und C, blieb erhalten.

Foto: Wolf Jöckel

Die begehbare Säule nutzte vielleicht Cosimo Ruggeri, der Astrologe der Königin für seine Beobachtungen.

Colonne Médicis. Gallica.bnf.fr./ Bibliothèque nationale de France

Lange Jahre aber war die Nutzung des Geländes des ehemaligen Hôtel de Soissons unklar. Gedacht wurde u.a. an einen neuen Königsplatz. Der bedeutsamste Entwurf hierzu stammt von Germain Boffrand mit einem quadratischen Königsplatz für Louis XV und mit zwei Plätzen an beiden Seiten für einen Getreide- bzw. Gemüsemarkt, gesäumt von Arkadengebäuden. Auch der Bau eines Opernhauses wurde ernsthaft erwogen.

Letztlich fiel aber die Entscheidung für die Getreidehalle, auch weil ihre Finanzierung durch die Vermarktung einer Wohnsiedlung rund um das neue Gebäude die Stadt überzeugte. Die neue Halle war somit ein öffentliches und privates Spekulationsprojekt. Mit dem Entwurf der Getreidehalle wurde Nicolas Le Camus de Mézières (1721-1793) beauftragt, der sich allerdings auch an den Grundstückspekulationen beteiligte und sich dabei finanziell ruinierte.

Drei Anforderungen sollte die Halle erfüllen. Sie musste hell, luftig und brandgeschützt sein. Ebenso wichtig waren bequeme und sichere Zugangsstraßen.

Plan des Halles couvertes et Incombustibles en l’Emplacement de l’hôtel de Soissons, Musée Carnavalet

Bereits 1761 begann Le Camus mit der Planung. Der Grundstein wurde am 13. April 1763 gelegt, die Einweihung fand am 12. Januar 1767 statt, aber erst im Januar 1769 wurde der Markt eröffnet. Die noch im Bau befindlichen umliegenden Gebäude hatten den Zugang blockiert. Die hohen Häuser und die dichte Bebauung wurden als Folge der Gier der Spekulanten scharf kritisiert. In den relativ engen Straßen staute sich nicht nur der Verkehr. Die Luft war stickig und ein freier Luftaustausch wurde behindert, was wiederum das Getreide zu schädigen drohte.

Dessen ungeachtet lobten schon während der Bauzeit der Halle au Blé berühmte Architektur-theoretiker wie Marc-Antoine Laugier [2] und Jacques-François Blondel [3] die innovative Form, die Harmonie ihrer Komposition und die Angemessenheit ihres Ausdrucks. Und für Georges-Louis Le Rouge [4] war es  „ein wahrhaft patriotisches Denkmal“, das „den Römern würdig“ sei. Le Camus‘ Halle au Blé brach mit den üblichen rechteckigen Grundrissen. Seine ringförmige Getreidehalle hatte den Charakter eines Amphitheaters. Der Bau reihte sich ein in das Bestreben, Paris mehr Glanz zu verleihen.

Nicolas Le Camus de Mézières. Plan de halle couverte et incombustible en l’emplacement de l’hôtel de Soissons ca. 1763

Die zweistöckige Halle mit einem Gesamtdurchmesser von 68 m umschloss einen offenen Platz mit einem Durchmesser von fast 40 m. Eine 12,5 m breite Straße umfasste das Gebäude, auf das sechs Straßen mit 7,7 m Breite sternförmig zuführten.

Die Halle öffnete sich im Erdgeschoss nach außen und innen durch 25 identischen Arkaden. Sechs von ihnen korrespondierten mit den sechs zuführenden Straßen und waren Fuhrwerken vorbehalten, während die restlichen 19 den Fußgängern vorbehalten waren.

Der offene Innenhof diente dem schnellen Warenumsatz, er war wie das Arkadengewölbe im Erdgeschoss für den täglichen Handel von Getreide, Mehl und Hülsenfrüchten bestimmt. Empfindliche Ware konnte kurzfristig im Arkadengeschoss gelagert werden. Das Dachgeschoss war als längerer Speicherplatz für Mehl und Getreide vorgesehen. Im Ringbau residierte auch die Marktpolizei, die den Handel überwachte. Hier konnte Antoine de Sartine, Generalleutnant der Polizei, eine gesicherte Versorgung in Szene setzen, indem er Vorräte vor den Fenstern aufhäufen ließ, um Gerüchten über eine Ernährungskrise vorzubeugen.

 

Schnitt durch die ringförmige Halle. Abb. aus Laura Cantero Esquerdo:  La Halle au Blé de Paris –  “Sección transversal de la Halle au Blé”. Nicolas Le Camus de Mézières Musée Carnavalet. Extraída del libro de Mark K. Deming. p.91

Zwei diametral gegenüberliegende, Treppen führten in die Lagerräume des Obergeschosses. Dieses wurde erhellt und belüftet durch 24 rechteckige Fenster, jeweils in einer Achse mit den Innen- und Außenarkaden gelegen, darüber hinaus über ebenso viele kleinere Rundfenster oberhalb der Fensterpfeiler des Obergeschosses. Um Brand, holzfressenden Insekten und Fäulnis vorzubeugen, wurde das Gebäude ohne jegliche Holzteile erbaut. Ein zweireihiges Kreuzrippengewölbe, in der Mitte auf Rundpfeilern ruhend, bildete die Decke des Erdgeschosses. Das Obergeschoss überspannte ein einreihiges Stützliniengewölbe, das auf Robert Hooke zurückgeht, der es 1675 als ideale Gewölbeform präsentierte: „Wie die biegeschlaffe Linie hängt, so wird umgekehrt das stabile Gewölbe stehen.“[5] Ein einfaches Satteldach schützte dieses Gewölbe.

Das gemischte System des Gewölbes aus Steinen und Ziegel unterstrich durch die farblichen Unterschiede die Struktur und übte zugleich, wegen der geringeren Last im Vergleich zu einem reinen Steingewölbe, eine verminderte Schubkraft aus und ermöglichte weniger massige Stützteile.

Kreuzgewölbe im Erdgeschoss. Vue intérieure de l’ancienne Halle au blé, en 1886, Maurice Emmanuel  Lansyer. Musée Carnavalet

Stützlinien-Gewölbe in Obergeschoss. Halle aux Bleds – Paris –  Corn Market. llustration from Versailles, Paris and Saint-Denis, von John Claude Nattes, pub. 1805. British Museum

Eine Besonderheit waren die beiden Treppen zum Dachgeschoss.  Die erste, zur Rue du Four hin gelegen, war hauptsächlich für das Verwaltungspersonal bestimmt, hatte vier, wechselnd doppelte und einfache Absätze und fünf Läufe. Raffinierter war die zweite, zur Rue Grenelle hin. Sie war für die Sackträger bestimmt und konnte gleichzeitig zum Be- und Entladen benutzt werden, ohne dass man sich in Quere kam. Sie hat eine Struktur einer doppelten Wendeltreppe, die sich aus zwei unabhängigen Rampen zusammensetzt wie die berühmte Treppe von Chambord. Nur diese blieb erhalten.

La Halle aux blé. Escalier

Die Medici-Säule, das einzige Überbleibsel des Hôtel de Soissons, wurde in die Außenwand integriert. Der Plan, die Säule in die Mitte des ringförmigen Platzes zu versetzen, wurde aufgegeben. Die Versetzung war zu schwierig, außerdem hätte sie die Markttätigkeit behindert. Um von Nutzen zu sein, installierte man 1764 eine Sonnenuhr. 1812 baute man in den Sockel einen jetzt schon wieder verschwundenen Brunnen ein. Verfolgt man das Schicksal der Säule, wird man den Gedanken nicht los, dass keiner der am Bau beteiligten Architekten mit ihr etwas azufangen wusste und sie nur aus Respekt vor dem kulturellen Erbe erhalten blieb.

Kapitel III – DIE KREISFORM DER HALLE AU BLÉ

I. Schutz und Kontrolle

Der kreisförmige Grundriss der Halle au Blé entsprach nützlichen Erwägungen. Die offenen Arkaden und Fenster brachten Luft in das Gebäude, wichtig für die hygienische Lagerung der Lebensmittel. Die vielen Eingänge erleichterten den Warenverkehr, schützten durch verschließbare Tore an der Außenwand vor Diebstahl und gewährleisteten die Überwachung durch die Marktpolizei. In der Kreisform, die an  Jeremy Benthams Panopticon[6] erinnert, zeigte sich das perfekte Modell für Kontrollen. Die architektonische Gestaltung wurde mit der Lebensmittelversorgung und somit der Gesundheit und Produktivkraft der Stadt verknüpft. Architektur übernahm eine biopolitische Rolle.

Mit ihrer innovativen Form wurde die Halle au Blé zu einem bedeutsamen architektonischen Manifest und beeinflusste die Architektur des späten 18. Jahrhunderts, besonders die Generation der „revolutionären Architekten“. DerKreis und die Kugel feierten ein fulminantes Revival. Man denke nur an die Projekte wie den Cénotaphe de Newton und den Temple de Raison von Etienne-Louis Boullée oder an Claude-Nicolas Ledoux’s Saline royale d’Arc-et-Senans, die architektonische Vorwegnahme der Idee eines moralisch egalitären Gesellschaftssystems, die sich im 19. Jahrhundert entwickelte (Saint-Simonismus, Fourierismus).[7] Wie viele dieser „sozialen Utopien“ trug aber auch Ledoux’s Projekt den Keim der Kontrolle des Wohlverhaltens in sich.

Saline royale d’Arc-et-Senans, Projektskizze. Bibliothèque nationale de France, 2014

II. Schauspiel und Fest

Seit Urzeiten sind Orte von Feiern und Schauspielen in Kreisform gestaltet; man denke nur an Stonehenge, die orchestra des griechischen Theaters oder den römischen circus. Jacques-François Blondel bezeichnete die Halle au Blé wegen der formalen Ähnlichkeit als „Zirkus“. Die Doppelfunktion, die der Getreidespeicher als Zentrum des Pariser Handelslebens und als Ort öffentlicher Feste annehmen sollte, war daher kein Zufall, sondern bereits in der Grundform des Gebäudes angelegt. Mit seinem kreisförmigen Arkadenbau schuf Le Camus wie Louise Pelletier schreibt „eines der theatralischsten Bauwerke im damaligen Paris“. Es „erfüllte sowohl die Anforderungen einer neuen öffentlichen Einrichtung für den Getreidehandel als auch die repräsentative Rolle eines Ortes für öffentliche Versammlungen.“[8]

Anlässlich der Geburt des Dauphins fand am 21. Januar 1782 ein großes Fest statt, bei der der große offene Innenraum durch ein großes Zeltdach (Velum) geschützt wurde. Es soll Legrand und Molinos zum Bau ihrer Kuppel (1782-1783) inspiriert haben. Die eindrucksvollste Feier in der Halle au blé war die am 14. Dezember 1783 zu Ehren des Friedens von Versailles.[9] Die Zuschauer konnten je nach Rang von den unteren Arkaden, den Fenstern des Speichergeschosses und von einer Galerie, die Legrand und Molinos direkt unterhalb der Kuppel eingebaut hatte, die Feierlichkeiten verfolgen.

Celebration in honor of the Peace of Versailles in the Halle au blé (1783): anonymous engraving. COU. Hennin, Bibliothèque nationale, Cabinet des estampes, Paris. Deming].

Louis Petit de Bachaumont beschreibt das Ereignis in seinen Mémoires secrets de Bachaumont, de 1762 à 1787 und hebt die ‚theatralische‘ Inszenierung hervor: „Das Publikum war in zwei verschiedene Gruppen aufgeteilt: Im Erdgeschoss tanzte das allgemeine Publikum, das von einem Orchester in der Mitte des kreisförmigen Raums unterhalten wurde. Dieses jubelnde ‚Publikum‘ wurde zum ‚acteur malgré lui [Schauspieler ohne besseres Wissen] für ein Publikum, das sich auf der Ebene des Dachgeschosses und des Balkons befand…“[10]  Und in einem anonymen Brief heißt es: „Dieser Tempel, dessen Kuppel heute mit dem Pantheon in Rom konkurriert, ist auch ein Kolosseum: Heute Abend wird dort ein Volksball zu Ehren des Friedens von Versailles für die Hofgesellschaft aufgeführt. Und die Medici-Säule, die glücklicherweise vor dem Abriss gerettet wurde, ist die Trajanssäule von Paris, das zu einem neuen Rom geworden ist.“[11]

Während der Revolution wurde die Halle au Blé zum Schauplatz zahlreicher öffentlicher Manifestationen und Demonstrationen:  Am 23. Juli 1789 zog eine johlende Menge mit den abgeschlagenen Köpfen von Joseph François Foullon und seines Schwieger-sohns Berthier Sauvigny, aufgespießt auf langen Piken, in die Halle au Blé ein. Beide, Foullon als Finanzminister und Berthier als Intendant von Paris, waren beim Volk verhasst und wurden für die Lebensmittelknappheit in Paris verantwortlich gemacht.

Corps decapite et tetes exhibees au bout de piques devant la Halle au Blé. Musée Carnavalet – Histoire de Paris

Ein Jahr später, am 21. Juli 1790, wurde hier Benjamin Franklins gedacht. Die Wände wurden mit schwarzem Vorhängen verhüllt, eine Kanzel errichtet und in der Mitte der Halle ein Sarkophag aufgestellt, auf dem die Büste Franklins thronte – eine Inszenierung „Wie ein Echo auf Boullées Kenotaph für Newton“[12]

Oraison funebre de M. Franklin par l’Abbé Fauchet, Paris 1792 – Le Panthéon des philantropes, ou, L’école de la revolution, Yale University

Dass die Halle au Blé nicht nur an ein Theater erinnerte, dass sie Elemente eines Theaters hatte, sondern tatsächlich Ort theatralischer Ereignisse wurde, hing auch zusammen mit Le Camus Leidenschaft für alles, was mit dem Theater zu tun hat.  Er beschäftigte sich intensiv mit der sinnlichen Einwirkung eines Bauwerkes auf seinen Betrachter und zog dabei immer wieder Analogien zum Theater, vor allem in seiner Abhandlung Le génie de l’architecture, ou l’analogie de cet art avec nos sensations [Der Geist der Architektur oder die Analogie dieser Kunst mit unseren Empfindungen], Paris, 1780. Er selbst hatte ein Theater geleitet und war als Dramaturg tätig. Auch das Opernhaus-Projekt an diesem Ort dürfte ihm bekannt gewesen sein.

Kapitel IV  BAU DER  KUPPEL – DIE PANTHEONISIERUNG

Die hölzerne Kuppel –Wiederbelebung einer alten Idee.

Schon bald  nach der Eröffnung der Markthalle stellte sich heraus, dass sie ihren Aufgaben nicht genügte. Der Zuwachs der Pariser Bevölkerung erforderte eine größere Speicherfläche für das Getreide als mit den oberen Gewölbespeichern zur Verfügung stand. Die Säcke mussten im unteren Arkadenring gelagert werden, was die Arbeit der Händler behinderte. Der offene Innenhof  konnte nicht bei jeder Wetterlage genutzt werden. Es wurden deshalb immer wieder provisorische Unterstände errichtet. Die Debatten, wie der  Innenhof ohne Unter-brechung der Markttätigkeit dauerhaft, schnell, kostengünstig und  ästhetisch  ansprechend,  bei begrenzter Tragfähigkeit der bestehenden Struktur, überdacht werden sollte, erstreckten sich über 12 Jahre. Die Projekte zur Überdachung hat Dora Wiebenson [13] detailliert darlegt. Hier können nur wenige Projekte vorgestellt werden.

Bereits 1769 veröffentlichte Le Camus de Mézières selber einen Entwurf einer Steinkuppel. Da ihre Last für die bestehende Struktur zu groß war, sollte sie auf Bögenzwickel ruhen, die von den zwölf Säulen innerhalb des bestehenden offenen Rings getragen werden.

Le Camus de Mézières, Projekt für eine Steinkuppel für  Halle au Blé (aus Le Camus : Recueil des différens plans et dessins, concernant la nouvelle Halle aux grains, située au lieu et place de l’ancien Hôtel de Soissons)

 

Auch Jean-Baptiste Rondelet, Nachfolger von Soufflot beim Bau des Panthéons,  legte 1775 ein Projekt mit einer Steinkuppel vor, die sich auf die bestehende innere Arkadenwand stützte. François-Joseph Bélanger schlug 1782, in Zusammenarbeit mit Pierre Deumier,  serrurier de la ville et des bâttiments du Roi, eine Kuppel aus Schmiedeeisen mit Verkleidung aus Kupferblech vor. 1782 war die Zeit noch nicht reif für eine derartige innovative Lösung. Später wird er Architekt der noch heute bestehenden Metallkuppel werden.All diese Entwürfe wurden wegen so hoher Kosten, zu langer Bauzeit, zu langer Unterbrechung der Markttätigkeit oder aus all diesen Gründen zusammen, abgelehnt. Bei anderen standen einer Realisierung  statische und ästhetische Erwägungen im Wege.

Ausgewählt wurde schließlich das Projekt einer hölzernen Kuppel von Jacques-Guillaume Legrand und Jacques Molinos. Die Konstruktion basierte auf den Studien des Renaissance-Architekten Philibert de l’Orme (auch Philibert Delorme genannt; 1510-1570), die er erstmals 1561 unter dem Titel Nouvelles inventions pour bien bastir et a petits fraiz, trouvées n’agueres par Philibert de L’orme, Lyonnois, Architecte, Conseiller & Aulmonier ordinaire du feu Roy Henry, & Abbé de St Èloy les Noyon frais veröffentlichte.

Abbildung aus: Nouvelles inventions pour bien bastir et a petits fraiz, trouvées n’agueres par Philibert de L’orme Paris 1561 [13a]

 „De l’Ormes Konstruktionen zeichnen sich durch kurze gekrümmte Bohlenstücke aus, die versetzt zueinander angeordnet sind. Die binderlosen Bögen sind in kurzen Abständen hintereinander angebracht und werden in Längsrichtung durch kurze Riegel ausgesteift. Diese sind durch die Bögen hindurchgesteckt und mit seitlichen Keilen gesichert.“ [14]

Abbildung aus: Nouvelles inventions pour bien bastir et a petits fraiz, trouvées n’agueres par Philibert de L’orme Paris 1561.

Dieses Kuppel-System war leicht genug, um es auf die bestehende Struktur ohne zusätzliche Abstützung zu errichten. Es war wirtschaftlich und schnell zu bauen, vorausgesetzt, man fand jemanden, der die exakte Bearbeitung der Tausenden Holzteile und ihr genaues Zusammenfügen kontrollierte.  Die Wahl für die Zimmermannsarbeiten fiel auf den Tischlermeister André-Jacob Roubo, schon bekannt durch sein sechsbändiges Werk L’Art du menuisier, das zwischen 1769 und 1775 erschienen war.  „Seiner Ausbildung und seinem Status nach war er sicherlich ein Handwerker. Gleichzeitig kann man ihn aber auch als eine Art Mitglied der Republik der Wissenschaften betrachten, dessen Ruhm auf seinen Fachkenntnissen in der Holzbearbeitung und Tischlerei beruhte. Sein Fall veranschaulicht, dass die Kluft zwischen den gens de métiers und den gens de lettres im achtzehnten Jahrhundert weniger groß war, als gemeinhin behauptet wird.“[15]

Brian Anderson  schildert die dramatischen Momente des 31. Januars 1783. Der Rohbau der Kuppel mit einer Spannweite von 39,5 m und einer Höhe von 38 m war ohne jegliche innere Abstützung vollendet. André-Jacob Roubo stand allein hoch oben auf einer Plattform. Tief unter ihm und in sicherer Entfernung hatte sich eine große Menschenmenge versammelt. „Es hatten sich keine Freiwilligen gefunden, die Roubo auf den Gipfel begleiten wollten. Würde alles zusammenstürzen? An jenem Januartag wurde also das letzte Gerüst abgebaut. Die Menge hielt den Atem an. Und nichts geschah. Roubos Plan war aufgegangen. Die wartende Menge strömte auf den Getreidemarkt und trug Roubo im Triumph auf den Schultern davon.“[16]

André Roubo in Les artisans célèbres, par François Valentin, 1843, Gallica/bnf

Das Ergebnis von Roubos Arbeit an der Kuppel der Halle au Blé wurde von den Zeitgenossen als „premier chef-d’oevre de la menuiserie“ bezeichnet. Insgesamt dauerten die Arbeiten an der Kuppel von September 1782 (nach anderer Quelle Juli 1782) bis zum September des folgenden Jahres. Die Kuppel war mit Blei und Kupfer gedeckt und mit 24 großen vertikalen Glasstreifen versehen, um den Innenraum zu beleuchten.  Die später zerstörte Kuppel ist durch Jean-Charles Krafft gut dokumentiert.

Jean-Charles Krafft: Plans, coupes, élévations des plus belles maisons et des hotels construits à Paris et dans les environs , Paris 1801. gallica/bnf.fr. (Ausschnitt)

„Das Gebäude avancierte …in der öffentlichen Wahrnehmung zum Pantheon des modernen Roms.“[17] Und nicht nur das. Wie Benjamin Hays, Professor für Architektur und Architekturgeschichte an der Universität von Virginia, zeigt[18], beeindruckte die Kuppel aus dünnen Holzbohlen den damaligen Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in Frankreich, Thomas Jefferson, der im August 1786 die Halle au blé besuchte, derart, dass es zu einem regelrechten Transfer von de l’Ormes Technik nach Amerika kam.

Die USA suchte „nach architektonischen Ausdrucksformen, die ihren Status als junge Nation und ihre erhoffte Beständigkeit zum Ausdruck bringen konnten. Gleichzeitig waren die öffentlichen Mittel für große Bauwerke begrenzt…Um dieses Problem zu lösen, förderte der Gentleman-Architekt und späterer Präsident Thomas Jefferson eine Bautechnologie, die zugleich kostengünstig und repräsentativ war: Philibert De l‘Ormes französische Fachwerktechnik aus dem 16. Jahrhundert. Jefferson förderte diese Methode, so erfolgreich, dass der Architekturhistoriker Doug Harnsberger Jefferson als „Delormes leidenschaftlichen Botschafter in Amerika“ bezeichnete.“[19]

Jefferson überzeugte viele der ersten amerikanischen Architekten, De l‘Ormes Methode – er nannte sie salopp a parcel of sticks and chips put together in pens – bei vielen der großartigsten Gebäude der jungen Nation anzuwenden. Die ersten Beispiele für diese Bauweise in Amerika existieren nur auf dem Papier, so Jeffersons Vorschlag für das Präsidentenhaus sowie einen Plan für das US-Kapitol und eines Kuppeldachs für das Präsidentenhaus 1792. Angeregt von Jefferson errichtete 1805 der britische Emigrant Benjamin Henry Latrobe eine Kuppel nach De L’Orme-System über der Repräsentantenhalle des US-Kapitols. Sie brannte 1814 nieder.

Benjamin Henry Latrobes Kuppel über der Repräsentantenhalle des US-Kapitols

Latrobe wandte die De L’Orme-Methode nach dem Bau des US-Kapitols noch mehrfach  an: so an Kuppel der University of Pennsylvania,  der St. John’s Church in Washington (1817), der Baltimore Exchange und an der hybriden Kuppel aus Ziegelstein und De L’Orme–Bauweise der Baltimore Cathedral. In Deutschland sorgte der Architekt, preußische Baubeamter, Baureformer und  Publizist David Gilly (1748-1808) für die Verbreitung des Bohlendachs. Er wurde direkt durch die französischen Beispiele von de l’Orme sowie die Pariser „Halle aux blés“ beeinflusst, wie sein Werk Ueber Erfindung, Construction und Vortheile der Bohlen-Dächer, mit besonderer Rücksicht auf die Urschrift ihres Erfinders, Berlin 1797 und seine Kupfer-Sammlung zu Handbuch der Land-Bau-Kunst, Braunschweig 1820 belegen.

Die eiserne Kuppel – Rationalität versus Tradition

HALLE AUX GRAINS ET FARINES de Paris. Pl., études pour la construction d'une coupole et dessins d'une charpente en fer. Sign. Bélanger. 1809-1812. Archives nationales, Paris 

Die Kuppel der Halle au Blé erforderte immer wieder Reparaturarbeiten. Bei einer dieser Arbeiten kam es am 16. Oktober 1802 durch eine Nachlässigkeit zu einem Brand, der die Kuppel innerhalb weniger Stunden zerstörte. Fünf Jahre debattierte man über die neue Überdachung für den Hof der Halle au Blé. Fest stand nur: die Kuppel musste feuerfest sein. Ansonsten galt auch hier: Wie konnte man ohne Unterbrechung der Marktes auf der bestehenden Struktur schnell, wirtschaftlich bauen.

Zwischen 1802 und 1806 reichten mehrere Architekten[20], darunter  Legrand, Rondelet und Bélanger, bei dem Conseil des travaux publics, ihre Vorschläge ein. Legrand wollte jetzt eine  gusseiserne Kuppel bauen. Rondelet stellte 1803[21] vier Methoden zur Gewölbekonstruktion vor, die jeweils auf einem anderen Material (Ziegel, Stein, Holz und Eisen) basierten. Er selbst favorisierte wiederum ein Steingewölbe. Und François-Joseph Bélanger hatte  sein Metallkuppel-Projekt von 1781 durch die gewonnenen Erkenntnisse zu Konstruktion, Produktion und Materialeigenschaft von Eisen auf seinen Reisen nach England  weiter entwickelt und perfektioniert.

Die Kommission lehnte alle Projekte als technisch unausführbar ab. Eine neue Kommission aus dem Conseil des travaux publics und dem Conseil des bâtiments civil, sprach sich 1807 für eine Steinkuppel aus. Der neue Innenminister Emanuel Crétet, in seinem früheren Amt mit Bau der Eisenbrücken (Pont des Arts und Pont d’Austerlitz) befasst, hatte eine Neigung zu neuerer Bautechnik. Er forderte von Joseph Marie Stanislas Becquey de Beaupré,  ingénieur directeur des ponts et chaussées und Konstrukteur der pont d’Austerlitz  ein Gutachten zu Bélangers Eisenkuppel-Projekt an.

Eingehend wurde alles geprüft, was mit einer Metallkonstruktion dieser Größenordnung verbunden war, wie z.B.:  thermische Einflüsse auf Guss- und Schmiedeeisen, die Druck- und Dehnungsfestigkeit, die Größe der Dachträger, ihre Probleme bei Herstellung und Montage, die Materialdicke/-stärke der Träger für eine ausreichenden Stärke, die Verbindung der Dachelemente und ihre Auswirkung auf Stabilität und Haltbarkeit, die Lastabtragung der Metallkonstruktion auf die bestehende Bausubstanz und die Auswirkung der  positiven oder negativen thermischen Ausdehnung  der Metallstruktur auf die Pfeiler und die unteren Wände.

Becquey de Beaupré sprach sich für den Bau einer Metallkonstruktion aus, die „aus vertikalen Bögen aus geschmolzenem Eisen (Gußeisen) besteht, die durch schmiedeeiserne Streben verbunden sind“ (Becquey de Beaupré-Bericht 1807).[22] Auf dieser Grundlage basierte im Prinzip Bélangers Kuppel.

Darstellung eines Fachwerkbinders aus 5 Voissoirs, die sich von das Basis (rechts) zur Spitze (links) zunehmend verjüngen. Abbildung aus:  HALLE AUX GRAINS ET FARINES de Paris. Pl., études pour la construction d’une coupole et dessins d’une charpente en fer. Sign. Bélanger. 1809-1812. Archives nationales, Paris

Sie ruht auf einem Sockel auf der Innenwand der Halle und besteht aus „51 großen, gebogenen Fachwerkbindern  (Meridianen), die durch Streben zusammengehalten werden, die 15 kreisförmige Gürtel (Parallelen) bilden.“[23] Jeder der 51 Fachwerkbinder besteht aus jeweils 5 mit einander verschraubter Voussoirs (gebogene Träger-Segmente).  4 Voissoirs sind aus Gusseisen, 1 Voissoir oben nahe der Laterne ist, wie diese selbst, – abweichend von Becquey de Beaupré – aus Schmiedeeisen.

Bélanger präsentiert sich hier auch als Spezialist für bautechnische Probleme – eine Rolle, die er vehement verteidigte. Er betonte wiederholt, der alleiniger Designer der Kuppel gewesen zu sein und nicht François Brunet, dem die Berechnungen anvertraut worden waren. [24] Brunet war kein Ingenieur, eine Bezeichnung, die auf Sigfried Giedion zurückgeht: 1928 schreibt er in seinem enorm einflussreichen Buch „Bauen in Frankreich. Bauen in Eisen. Bauen in Eisenbeton“ „Es ist unseres Wissens das erste Mal, dass Architekt und Ingenieur nicht mehr in einer Person vereinigt sind.“ Brunet ist ein Bauunternehmer, der im Auftrag Bélangers als Bauleiter auf der Baustelle fungierte.

Sowohl Jean-Roch Dumont Saint-Priest[25] als auch Laura Cantero Esquerdo[26] schreiben ihm aber eine wesentliche Rolle beim Bau der Kuppel zu: Er erstellte die Berechnungen für die Abmessungen der Bauteile, beriet Bélanger bei deren Erstellung und dem Einsatz von Baumaschienen, arbeitete mit den Herstellern (den Creusot-Schmieden) zusammen und überwachte die verschiedenen Gewerke auf der Baustelle. Neben Brunet waren noch andere Fachleute dort tätig wie z.B. die Schlosser Jacquemard und Roussel und der Mechaniker Leschner. Auch wenn sich Bélanger selbst „als Heeresführer auf der Baustelle sah“ [27] – darin wird ihm sein Schüler Jakob Ignaz Hittorff gleichen, war ihm bewusst, dass er durch seine Mitarbeiter neue, ihm zuvor fehlende Fähigkeiten erwerben musste.

Valérie Nègre[28] hat am Beispiel des Baus der ersten Kuppel der Halle au Blé ( 1782-1783) die Produktion und Zirkulation von technischem Wissen auf Baustellen am Ende des achtzehnten Jahrhunderts untersucht.  Die Baustellen waren nicht nur  Austausch von technischem Wissen zwischen Architekten, Ingenieuren, Handwerksmeistern, Bauunternehmer und Sach-verständigen, sondern auch Orte des Kampfes um Macht und Wissen.

Die Situation hatte sich beim Bau der zweiten Kuppel nicht grundlegend geändert. Auch Verwendung von Metall in der Architektur agierte Bélanger nicht als Einzelkämpfer. „Im Gegenteil: Seine Fähigkeit, kompetente Fachleute zusammenzubringen, war eine der größten Stärken seines Projekts…,[Es ist ] treffender, die Metallkuppel der Halle au Blé von 1813 als Gemeinschaftswerk von François-Joseph Bélanger und François Brunet zu bezeichnen.“ [29]

Sicherlich geht der eigentliche Plan der Kuppel auf Bélanger zurück. Aber das Umsetzen des Plans in einen realen Bau ist ein dynamischer Prozess mit vielen Interaktionen und Akteuren. Mit Recht fordert Valérie Nègre von den Architekturhistorikern, dass sie sich „mehr mit der Kreativität und dem Geschick befassen [sollten], die nötig sind, um „Dinge zum Laufen zu bringen“.[30]

Die Arbeiten an der Kuppel wurden 1809 in Gang gesetzt, nachdem Cretet mit Napoleon Bélangers Entwurf beraten hatte und dieser das Projekt mit einem Dekret vom 4. September 1807 billigte. Napoleon war, wie Frances H. Steiner in seiner Arbeit zu Napoleons Akzeptanz der Metallarchitektur schreibt, „an dem Projekt so sehr interessiert gewesen“, „dass er die Baustelle während der Bauarbeiten besucht und die Kuppel persönlich einweiht“ habe.[31] Die Baustelle wurde sogar anlässlich der Hochzeit Napoleons und Marie-Louise von Österreich in der Nacht vom 1. auf den 2. April 1810 festlich beleuchtet. Da war Bélanger, früher Leiter der Menus Plaisirs du Roi und verantwortlich für die Ausrichtung und Dekoration der Feste am Hof Ludwig XVI., ganz in seinem Element.  Bélanger berichtet, der Kaiser habe beim Anblick der 1813 fertiggestellten Kuppel ausgerufen: „Mein Gott, sie ist prachtvoll!“

Ob Napoleon auf der Baustelle vielleicht einen jungen Mann aus Köln, Jakob-Ignaz Hittorff , gesehen hat?  Belege dafür finden sich nicht. Hittorff war 1810 zum Architekturstudium nach Paris gekommen und von Bélanger mit der Dokumentation der Arbeiten am Kuppelbau beauftragt worden.

Arbeiter beim Bau der neuen Kuppel“. Die neue Kuppel“. Zeichnung von I.J. Hittorf, dem Assistenten von Bélanger. Wallraf-Richartz-Museum, Köln

Dazu gehörte auch die Aufstellung der Baugerüste, die den Handel im Innenhof nicht ernstlich behinderten durften. Diese hölzernen Hilfskonstruktionen mussten immer wieder an den Fortgang der Arbeiten an der Kuppel angepasst werden. Hittorff nahm sich den Aufgaben mit großer Sorgfalt an, wie seine Zeichnungen über den Bau der Kuppel, größtenteils aufbewahrt im Kölner Wallraf-Richartz-Museum, belegen.

Hittdorff konnte später bei seinen Bauten, wie der Dachkonstruktionen des Theatre Ambique-Comique, des Panoramas und des Cirque d’Été, besonders aber beim Gare du Nord auf seine Erfahrungen mit der Eisenkuppel der Halle au blé aufbauen.

Eine Schwachstelle von Bélangers Kuppel war ihr Mangel an Belüftung und Lichteinfall. Luft und Licht drangen nur durch die einzigen seitlichen Öffnungen in der Laterne ein. Um dieses Problem zu lösen, beschloss man, das Dach mit einer Reihe von Öffnungen zu versehen, ohne dass jedoch dabei die Helligkeit der Kuppel von Legrand und Molinos erreicht wurde.

The Halle aux blés. drawn by A. Pugin, published by Jennings & Chaplin, London, 1831 [31a]

Bélangers Konstruktion der monumentalen Eisenkuppel nahm ein Jahrhundert der Metallarchitektur in Europa vorweg. Erst am Ende dieses 19. Jahrhunderts wird gelingen, Bauten wie die für die Weltausstellung von 1889 errichtete Galerie des Machines mit einem überspannten Raum von 110 Meter Breite und einen Turm von 300 m Höhe zu errichten, was mit den traditionellen Baustoffen nicht möglich war. Das Paradoxe war dabei, dass Frankreich in der Eisenarchitektur die Führung übernahm, obwohl es im Vergleich zu Großbritannien in seiner Eisenindustrie einen geringeren technologischen Entwicklungszustand hatte.

Monuments anciens et modernes : collection formant une histoire de l’architecture des différents peuples à toutes les époques. Tome 4 / publiée par Jules Gailhabaud. Gallica.bnf.fr

Frances H. Steiner[32] sieht den Grund in rationalistischen Prägung Frankreichs. Französische Architekten und Ingenieure stützten ihre Arbeiten tendenziell stärker auf aktuelle theoretische Studien als ihre englischen Kollegen. Sie planten logisch und pragmatisch und bezogen sowohl  die Fertigungs- als auch die Montageprozesse mit ein. Die Ablösung von vorgegebenen Normen, traditionellen Formen und eines akademischen Gestaltungsstil bei den Eisenkonstruktionen erfolgte nicht sofort. In den ersten Stadien der Eisenkonstruktionen waren die Gußformen noch der Steinarchitektur und ihrer klassischen Formensprache entlehnt. Wir können dies an Henri Labroustes Bibliothèque Geneviève und Jakob Ignaz Hittorffs Gare du Nord sehen. Erst später wird die Eisenarchitektur  ihre eigene Stilsprache entwickeln und in spezifisch eigenartigen Formen ihren künstlerischen Ausdruck finden.

Umso bemerkenswerter ist, dass Bélanger schon früh, ohne Rückgriff auf traditionelle Formen, einen eigenständigen Stil entwickelt hat. Jetzt, in großen Teilen sichtbar herausgestellt, entfaltet seine Eisenkonstruktion ihre Ästhetik.

Die freigelegte Kuppel Bélangers – Foto Wolf Jöckel

Durch neue Konstruktionsmöglichkeiten mit Eisen wurden  offene, lichtdurchflutete Räume möglich, die von einer leichten Konstruktion und Glas umschlossen wurden. Durch die  Standardisierung und Vorfertigung bildeten die einzelnen Elemente  „zusammengesetzt zu einer Gebäudeeinheit oder einem Raumfachwerk […] die Basis für die Serienproduktion.“[33]

Die monumentalen Eisenkonstruktionen brachen nicht nur mit den Formen und ästhetischen Traditionen und Normen, sie veränderten auch die Rolle der Architekten: „Der Einsatz einer experimentellen Bautechnik zwingt ihn zur Zusammenarbeit mit einem Ingenieur oder Techniker. Er sieht sich der Gesamtgestaltung eines Denkmals beraubt, das dadurch gewissermaßen zu einem Gemeinschaftswerk wird.“ (Marc Lauro, ebd.)

Kapitel V   Der Niedergang der Halle au Blé

1854 wurde die Halle au Blé erneut durch ein Feuer schwer beschädigt, zunächst aber wieder repariert. Die Unhygiene rund um die Halle und die sechs Straßen zu ihr, bebaut mit vier- bis fünfgeschossigen Häusern, genügten schon längst nicht mehr dem reibungslosen Waren-transport, denn auf  ihnen konkurrierte das Leben der Bevölkerung des Viertels mit den Fuhrwerken und dem Treiben der Verkäufer und Käufer auf dem Markt.

Überdies machten die von Victor Baltrat erbauten Pavillons die Halle au Blé zu einem Anachronismus. Die ersten sechs östlichen wurden zwischen 1857 und 1858 errichtet. Zwischen 1860 und 1866 folgten vier westliche Pavillons. Weitere folgten später.

Der Rückgang des Weizenhandels an dieser Stelle führte dazu, dass die Halle au Blé nur noch als Lager genutzt wurde. 1873 wurde sie ganz geschlossen.

Aufgrund der Expansion der Wertpapierbörse, die den  gesamten Palais Brongniart einnahm, trennten sich die Institutionen des Handels. Die Handelskammer zog 1853 in ihre eigenen Mauern – blieb aber auf dem Place de la Bourse -, das Handelsgericht schloss sich 1865 der Judikative auf der Île de la Cité an und die Halle au Blé  sollte zur neuen Handelsbörse, zur Bourse de Commerce, umgebaut werden. Sie war Umschlagplatz nicht nur für den Kauf und Verkauf von Getreide, sondern auch von Zucker, Alkohol, Öl und Gummi.


Anmerkungen

[1] Steven Laurence Kaplan: Provisioning Paris: Merchants and Millers in the Grain and Flour Trade during the Eighteenth Century. Cornell University Press, 1984; hier S.114-115.

[2] Marc-Antoine Laugier, Observations sur l’architecture, The Hague: Desaint, 1765, p. 196.

[3] J.-F. Blondel, Cours d’architecture, 6 vols., ed. Pierre Patte, Paris, 1771–7, Vol. 1, p.108.

[4] Georges-Louis Le Rouge, Curiosités de Paris, de Versailles et de Marly, Paris, 1771. Tome 1, p. 223-227

[5] Santiago Huerta & Karl-Eugen Kurrer: Zur baustatischen Analyse gewölbter Steinkonstruktionen. 2008 Archivo Digital UPM. https://oa.upm.es/16334/1/X-1905_PDF_Huerta_Kurrer_2008_Baustatischen.pdf

[6] Das Panopticon (von griechisch παν pān, ‚alles‘, und οπτικό optikó, ‚zum Sehen gehörend‘), ist ein von dem britischen Juristen, Philosophen und Begründer des klassischen Utilitarismus Jeremy Bentham (1748-1832) stammendes Konzept zum Bau von Gefängnissen und ähnlichen Anstalten, aber auch von Fabriken, das die gleichzeitige Überwachung vieler Menschen durch wenige ermöglicht.  Michel Foucault bezeichnete dieses Ordnungsprinzip als Modell moderner Überwachungsgesellschaften und als wesentlich für westlich-liberale Gesellschaften, die er auch Disziplinargesellschaften nennt. Das im 19. Jahrhundert errichtete (nicht mehr existierende) Gefängnis La Petite Roquette im 11. Arrondissement von Paris war nach diesen Prinzipien gebaut.

[7] L’utopie ou la poésie de l’art. https://expositions.bnf.fr/boullee/arret/d7/index.htm

[8] Louise Pelletier: Architecture in Words. Theatre, language and the sensuous space of architecture. Published 2006 by Routledge.https://library.uoh.edu.iq/admin/ebooks/56950-architecture-in-words.pdf

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Frieden_von_Paris_(1783)

[10] Louise Pelletier, Nicolas Le Camus de Mézières’s Architecture of Expression, and the Theatre of Desire at the end of the Ancien Régime ; School of Architecture, McGill University Montreal, May 2000

[11] Anonymer Brief zur Halle au Blé vom 14. Dezember 1783. Zitiert nach Louise Pelletier, ebd.

[12] Louise Pelletier, ebd.

[13] Dora Wiebenson: The Two Domes of the Halle au Blé in Paris. The Art Bulletin, Vol. 55, No. 2 (Jun., 1973), pp. 262-279 (18 pages) https://www.jstor.org/stable/3049099 und  https://doi.org/10.2307/3049099

[13a] ETH-Bibliothek Zürich doi:10.3931/e-rara-7 und gallica. bnf.fr/Bibliothèque de France

[14] Das De l’Orme’sche Bohlendach in Anja Säbel: Hölzerne Dachtragwerke im Königreich Bayern. Dissertation 2016. https://athene-forschung.unibw.de/doc/121178/121178.pdf

[15] Bruno Belhoste: A Parisian Craftsman Among The Savants: The Joiner André-Jacob Roubo And His Works. Annals of Science 65 (4):395-411 (2008)

[16] Brian Anderson : Roubo’s dome for Paris’s Halles aux Blés.,Posted on January 19, 2013 by Lost Art Press. https://blog.lostartpress.com/2013/01/19/roubos-dome-for-pariss-halles-aux-bles/

[17] The Genius of Architecture; or, The Analogy of That Art with Our Sensations. Werner Szambien, Editorial Consultant, Lynne Kostman, Manuscript Editor. Introduction by ROBIN MIDDLETON. Published by The Getty Center for the History of Art and the Humanities, Santa Monica, published 1992

[18] Benjamin Hays: The transfer of thin wood vaulting from France to America. In: History of Construction Cultures, Vol. 1. Mascarenhas-Mateus & Paula Pires (eds)© 2021 Copyright the Author(s).

https://www.taylorfrancis.com/chapters/oa-edit/10.1201/9781003173359-8/transfer-thin-wood-vaulting-france-america-hays

[19] Benjamin Hays, ebd.

[20] Details sind bei Dora Wiebenson, ebd. und Laura Cantero Esquerdo: LA HALLE AU BLÉ DE PARIS – La primera gran cúpula de hierro fundido; Trabajo de fin de Grado, Curso 2020/2021. Madrid, 8 de junio de 2022. Escuela Técnica Superior de Arquitectura de Madrid, Universidad Politécnica de Madrid, nachzulesen.

[21] Mémoire sur la reconstruction de la coupole de la halle au bled de Paris, par Jean Rondelet 1803

[22] Matteo Porrino. Designing a ground-breaking structure. Notes on the cast-iron/wrought-iron dome of the former Halle au Blé, 1809–1813. https://hal.science/hal-03653098. Submitted on 27 Apr 2022

[23] Matteo Porrino, ebd.

[24] Marc Lauro. Charles-François Viel (1745-1819): architecte et théoricien. Art et histoire de l’art. Université Panthéon-Sorbonne – Paris I, 2019. Français.

[25] Jean-Roch Dumont Saint-Priest: La cupola metallica dell’«halle au blé» di Parigi (1806-1813), un’architettura meccanica. ArcHistoR anno VI (2019) n. 12

[26] Laura Cantero Esquerdo: LA HALLE AU BLÉ DE PARIS – La primera gran cúpula de hierro fundido; Trabajo de fin de Grado, Curso 2020/2021. Madrid, 8 de junio de 2022. Escuela Técnica Superior de Arquitectura de Madrid, Universidad Politécnica de Madrid, nachzulesen.

[27] Jean-Roch Dumont Saint-Priest, ebd.

[28] Valérie Nègre: Production and Circulation of Technical Knowledge on Building Sites at the End of the Eighteenth Century. Université Paris 1 Panthéon Sorbonne, France. HoST – Journal of History of Science and Technology, Vol. 15, no. 2, Dec 2021, pp. 17-33. 10.2478/host-2021-0011

[29] Jean-Roch Dumont Saint-Priest, ebd.

[30] Valérie Nègre, ebd.

[31] Frances H. Steiner, Building with Iron: A Napoleonic Controversy. Technology and Culture, Vol. 22, No. 4 (Oct., 1981). https://doi.org/10.2307/3104569https://www.jstor.org/stable/3104569

[31a] Paris and its environs : displayed in a series of two hundred picturesque views, from original drawings By A.Pugin & Ch. Heath, Charles, published 1831 by  Jennings and Chaplin. London

[32] Frances H. Steiner, ebd.

[33] Helene Marie Conway: Visible Structures. Submitted to the department of Architecture in partial fulfillment of the requirement for the degree of Master of Science in Architecture Studies at the Massachusetts Institute of Technology, June, 1991. http://dspace.mit.edu/handle/1721.1/7582

Literatur

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Jacques-Louis David, ein politischer Maler par excellence. Von Sonia Branca-Rosoff und Wolf Jöckel

Vom 25. Oktober 2025 bis zum 16. Januar 2026 fand im Louvre eine große Ausstellung mit Werken des Malers Jacques-Louis David statt. Es gibt wohl keinen französischen Maler, der mit seinen Werken so einflussreich und Geschichtsbild-prägend war wie David. Sonia Branca-Rosoff, Leserinnen und Lesern des Blogs  bekannt durch ihren schönen Beitrag über den Maler Georges La Tour,  hat die Ausstellung zum Anlass für einen Beitrag auf ihrem  Blog genommen:  https://passagedutemps.com/2026/01/26/la-peinture-tres-politique-de-david/ (26. Januar 2026)

Ich habe ihren Text weitgehend übernommen, aber nach Rücksprache mit ihr an einigen Stellen ergänzt- dies gerade auch im Hinblick auf deutsche Leserinnen und Leser. So habe ich Davids Bild zum Ballhausschwur in den Text integriert und den Abschnitt über David und Napoleon ergänzt. Dabei habe ich auch das monumentale Krönungsbild einbezogen, das ja -allein schon aus räumlichen Gründen- nicht Teil der Ausstellung sein konnte, aber dauerhaft in der Grande Galerie des Louvre zu besichtigen ist. Hinzugekommen sind außerdem der erste Abschnitt über den Beginn des politischen Engagements Davids und über die Zeichnung, die er von Marie-Antoinettes auf dem Weg zur Hinrichtung angefertigt hat. [1]


Im Rückblick auf die Jacques-Louis David- Ausstellung im Louvre könnte ich über den brillanten Porträtisten sprechen;  aber mich haben vor allem die „engagierten” Gemälde (ich weiß, das Wort ist anachronistisch!) angesprochen, die altmodisch wirken. Trotz der Zwischenphase der Impressionisten und Abstrakten war die Kunst doch immer politisch, verherrlichte die Mächtigen und zeigte Könige, die kämpften oder stolz auf ihrem Thron saßen. Andere Künstler protestierten gegen die Ungerechtigkeiten der Macht und verteidigten die Demütigen. Die Politik, die im Mittelpunkt von Davids Malerei steht, ist jedoch anders, sei es die Feier der Heiligkeit des Eides, der die Akteure des Jeu de Paume verbindet, das Opfer Marats, der Charlotte Corday zum Opfer fiel, der Aufruf der Sabinerinnen zur Einheit des Volkes oder der Ruhm Napoleon Bonapartes. Als ich mir die Ausstellung ansah, zögerte ich: Propaganda? Engagierte Kunst? Und ich fragte mich, ob es einen Unterschied gibt.

Auf jeden Fall scheint es mir, dass die Gemälde, die bis zum Sturz Robespierres und der Inhaftierung Davids reichen, Teil des Traums von einer Erneuerung des politischen Lebens sind. Ihre Botschaft veranschaulichte nicht nur die vertikale Machtstruktur, sondern lud auch dazu ein, sich in der Welt zu engagieren. (Sonia Branca-Rosoff)

1790: Davids Engagement für die Revolution und für das Ende der Sklaverei

Als die Revolution ausbrach, war David schon ein bedeutender, weithin geschätzter Maler. Als Portraitist und als Maler monumentaler Historienbilder hatte er sich einen Namen gemacht und war zum „peintre du roi“ (Hofmaler) avanciert. Im königlichen Auftrag entstanden die historischen Monumentalgemälde Schwur der Horatier (1784) und Die Liktoren bringen Brutus die Leichen seiner Söhne (1789), die beide im Louvre ausgestellt sind.

Jacques-Louis David, Die Liktoren bringen Brutus die Leichen seiner Söhne. 1789 (Wikipedia)

Brutus war der erste römische Konsul. Seine Söhne hatten sich gegen die Republik, die liberté romaine, wie es im Originaltitel des Werks hieß, aufgelehnt und waren deshalb vom eigenen Vater zum Tode verurteilt worden. [1] Im Bild links sieht man den um seine Söhne trauernden Vater, für den aber die Verteidigung der „römischen Freiheit“ mehr zählte als seine väterliche Liebe. Für Besucher des Ende August 1789 eröffneten Salons drängte sich eine Parallelisierung von liberté romaine und der gerade erkämpften liberté française geradezu auf. Das Bild wurde als Verherrlichung der Opferbereitschaft für die Nation gesehen und hatte deshalb eine große Resonanz.

Insofern lag es nahe, dass der als „Rubens unseres Jahrhunderts“ titulierte David 1790 einen Ruf nach Nantes erhielt, den im August 1789 gewählten neuen Bürgermeister von Nantes, Christophe Clair Danyel de Kergevan, zu portraitieren. Es war auch insofern eine Auszeichnung, als Nantes beim Übergang des Ancien Régime in eine konstitutionelle Monarchie eine Vorreiterrolle eingenommen hatte. Schon im November 1788 proklamierte die Schicht reicher Händler und Reeder der dem Dreieckshandel und damit auch dem Sklavenhandel ihren Wohlstand verdankenden Stadt die „commune de Nantes“, also das Ende der Adelsherrschaft. Das Portrait des einer alteingesessenen Familie von Reedern entstammenden Kergevan sollte im großen Saal des Rathauses als Zeichen der neuen Machtverhältnisse in der Stadt aufgehangen werden.[2]

Als David im März nach Nantes kam, sah er sich allerdings einer paradoxen Situation ausgesetzt: Die Vertreter der Stadt, revolutionäre Vorreiter, engagierten sich zwar für eine Regeneration der Nation, für Freiheit und Menschenrechte, die allerdings für die Sklaven in den Kolonien und auch nicht für die freien „Noirs“ gelten sollten. David dagegen hatte sich schon vor 1789 den Positionen der Société des Amis des Noirs angenähert, für die Freiheit und gleiches Recht für die gesamte Menschheit gelten sollten. Möglicherweise hat dabei der Kontakt mit dem Chemiker Antoine-Laurent Lavoisier gespielt: Der schloss sich 1788 den Amis des Noirs an, im gleichen Jahr also, in dem David sein Portrait und das seiner Frau malte. [3]

Jacques Louis David, Antoine-Laurent Lavoisier et sa femme, Marie Anne Pierette Paulze. 1788. Metropolitan Museum of Art (Bild: Wikipedia)

David wurde während seines Aufenthalts in Nantes sehr ehrenvoll behandelt, zu einer Konkretisierung des Portrait-Projekts kam es zu seiner großen Enttäuschung allerdings nicht. Auch das von der Stadtverwaltung vorgeschlagene darüber hinausgehende Projekt eines monumentalen Gemäldes kam nicht zustande. Mit ihm sollte die revolutionäre Vorreiterrolle der Bürger von Nantes dargestellt werden. David hatte dazu Ideen entwickelt und seinen potentiellen Auftraggebern übermittelt, ebenso wie eine eine Projektskizze, die nachfolgend vorgestellt wird.

Allegorie de la Révolution à Nantes. Bleistiftzeichnung. Musée d’Arts de Nantes [4]

Am Kai des Hafens von Nantes, deren Umrisse im Hintergrund angedeutet sind, liegt ein Schiff. Auf dem Steg empfängt ein in eine römische Toga gekleideter Mann mit ausgebreiteten Armen die Menge, die dabei ist, auf das Schiff zu gelangen. Dessen allegorische Bedeutung hat eine lange Tradition: Es ist das Schiff des Staates, und gelenkt wird es von dem Gesetzgeber, der dem Staat seit der erfolgreichen Revolution vorsteht. In der mittleren Gruppe von Menschen, die auf dem Weg auf das Schiff und damit in eine bessere Zukunft sind, sticht die Frau mit den beiden Kindern in ihren Armen hervor: Die schützende Mutter, die an die von David bewunderte Darstellung Raphaëls des Massakers der Unschuldigen erinnert: Die Allegorie der Revolution erhält damit auch eine religiöse Dimension. Die Menschengruppe auf der linken Seite der Skizze wird dominiert von einer aufrecht stehenden Frau, die im kompositorischen Rang die gleiche Bedeutung hat wie der Gesetzgeber rechts und die Mutter in der Mitte; dies auch dadurch, dass diese drei Figuren in römische Gewänder gehüllt sind.

Angeführt von dieser den Blick zum Himmel erhobenen Frankreich Frauengestalt ist die Menschengruppe auf der linken Seite eine Allegorie des alten, sich erhebenden Frankreichs. Da gibt es ganz links einen am Boden liegenden Mann, der gerade, wie in Darstellungen des Jüngsten Gerichts, dabei ist, sich zu erheben. Daneben den nackten Mann in Rückenansicht, inspiriert von der Darstellung eines römischen Soldaten in Michelangelos Fresko der Bekehrung des Paulus im Vatikan.

David, Jacques-Louis, Homme nu vu de dos, d’après Michel-Ange [5]

Er reißt eine Mauer nieder, Symbol des Kerkers, in dem die Menschen bisher gefangen waren, so wie ja auch die Bastille niedergerissen wurde als Symbol des Ancien Régime. Besonders bemerkenswert ist der hilfesuchend die Beine der Frauenfigur umklammernden Gestalt mit der zerbrochenen Kette. In allegorischen Darstellungen der Revolution waren, inspiriert von der Bastille, die Ketten ein verbreitetes Motiv. Der citoyen hat seine Ketten zerbrochen und so seine Freiheit gewonnen. Die Hautfarbe dieses Mannes ist weiß, sein Kopf allerdings ist verdunkelt und die Ketten sind eindeutig die Ketten der kolonialen Sklaverei: Die Ketten der Bastille waren Fußfesseln, die der kolonialen Sklaverei Halsfesseln, so wie hier bei David. Nach der Interpretation von Bordes handelt es sich damit um eine Darstellung der esclavage Noir-Blanc, also einer Sklaverei im doppelten Sinne: der metropolitanen, 1789 beendeten, und der noch weiter bestehenden kolonialen. Dass die Vertreter der von der kolonialen Sklaverei profitierenden Stadt Nantes natürlich keinerlei Interesse an einer solchen Darstellung haben konnten und dass David dementsprechend auch nicht den Auftrag erhielt, auf der Grundlage dieses Entwurfs ein monumentales Gemälde für das Rathaus anzufertigen, ist nicht verwunderlich. Davids Aufenthalt in Nantes markiert damit aber den Eintritt dieses „Giganten der Malerei“ in die Revolution, und zwar als Maler und engagierter Bürger (citoyen). [6]

Das Engagement Davids für die Abschaffung der Sklaverei, die dann 1794 nach heftigen Debatten vom Nationalkonvent beschlossen wurde, war allerdings nicht von Dauer: Zum Hofmaler Napoleons konvertiert, schwieg David, als sein neuer Held und Auftraggeber 1802 die Wiedereinführung der Sklaverei in den französischen Kolonien dekretierte. [7]

1791:  Malerei der Gegenwart statt antiker Mythologie. Der Ballhausschwur

Der Ballhausschwur vom 20. Juni 1789 ist einer der grundlegenden Markierungspunkte der Französischen Revolution. Aufgrund der desolaten wirtschaftlichen und finanziellen Situation Frankreichs hatte Ludwig XVI. im Juni 1789 die Generalstände, also die Vertreter von Adel, Klerus und  Bürgertum nach Versailles eingeladen. Am 17. Juni erklärten sich die Vertreter des Dritten Standes, die immerhin 98% der Bevölkerung repräsentierten, zur Nationalversammlung, und drei Tage später schworen sie, zusammen mit einigen Vertretern von Adel und Geistlichkeit, im Ballhaus von Versailles, dem jeu de paume, sich nicht zu trennen und sich überall dort zu versammeln, wo es die Umstände erfordern, bis die Verfassung des Königreichs auf soliden Grundlagen errichtet und gefestigt sei.

Drei Jahre später erhielt David von der Verfassungsgebenden Nationalversammlung den Auftrag, diesen historischen Moment in einem Gemälde festzuhalten. David nahm den Auftrag an. Für ihn bestand der wahre Zweck der Kunst darin, „der Moral zu dienen und die Seelen zu erheben, indem sie in den Zuschauern die großzügigen Gefühle weckt, an die die Werke der Künstler erinnern”.

Der Maler hält es jetzt nicht mehr für erforderlich, sich auf Titus Livius zu beziehen wie zu Zeiten seines Gemäldes „Der Schwur der Horatier“ von 1785.  Es geht ihm darum zu zeigen, dass die Geschichte vor unseren Augen geschrieben wird.  Ein historischer Impuls entsteht zwischen den Männern von 1789, die nicht mehr nebeneinander existierende Individuen sind, sondern eine Versammlung von Helden, die durch das Ereignis des Schwurs miteinander verbunden sind.

Skizze zu dem Ballhausschwur-Gemälde (Ausschnitt)

Das Heldische des Moments wird auf dieser vorbereitenden Skizze durch die Nacktheit der dargestellten Protagonisten betont: So sind die Helden der Gegenwart mit denen der Antike verbunden. David  bedient sich der Sprache der Historienmalerei und des antiken Heldentums, um das revolutionäre Ideal und dessen Taten zu veranschaulichen. 

In dem großen Entwurf des Gemäldes platziert David seine Figuren im Ballsaal von Versailles, wo sich die Abgeordneten versammelt hatten. Sie stehen hinter einer fiktiven Linie, als wollten sie sich einem imaginären Publikum besser präsentieren.

Der Ballhausschwur. Lavierte Federzeichnung von Jacques-Louis David  Musée national du château de Versailles  H. 0,66 m ; L. 1,012 m

Mit ausgestrecktem Arm schwören sie in einem gemeinsamen Anflug von Begeisterung und Kameradschaft den Eid, und die Vertreter der Nation richten ihre Gesten auf Jean-Sylvain Bailly, der den Eid vorliest. Bailly, ein bedeutender Astronom, war damals Präsident der Nationalversammlung.

Auf beiden Seiten des Saals stellt David Zuschauer dar, die wie im Theater die Szene beobachten, die sich vor ihren Augen abspielt. Links hebt der Wind der Freiheit die Vorhänge und weht in den Saal hinein, während ein Blitz in die königliche Kapelle des Versailler Schlosses einschlägt.

Der Aufruf zur gemeinschaftlichen Finanzierung des Gemäldes brachte jedoch nicht das erwartete Geld ein, und die anfängliche Einstimmigkeit war bereits nicht mehr gegeben. Zwischen den „gemäßigten“ Verfassungsvätern und den Jakobinern hatte sich eine Kluft aufgetan, die die Verwirklichung des Werks, das die Einheit verherrlichte, verhinderte: Wichtige Protagonisten des Ballhausschwurs wurden im Verlauf der Revolution von ihren ehemaligen Mitstreitern ermordet: So der im Mittelpunkt der Skizze stehende Präsident der Nationalversammlung Jean-Sylvain Bailly.  Der war zwar am 15. Juli 1789, also einen Tag nach dem Sturm auf die Bastille, zum ersten Bürgermeister von Paris, ernannt worden; er trat aber, überzeugter Anhänger der konstitutionellen Monarchie und angefeindet von den Jakobinern, 1791 zurück. Ein Gemälde mit Bailly als Mittelpunkt verbot sich daher. 1792 sagte Bailly im Prozess gegen Marie-Antoinette zu deren Gunsten aus und wurde, wie viele andere Revolutionäre „der ersten Stunde“, am 12. November 1793 selbst hingerichtet.

1793: David macht Marat unsterblich

Jean-Paul Marat (1743-1793) war Abgeordneter der Montagnards im Konvent. Als Hauptredakteur der Zeitschrift Ami du Peuple verteidigte er eine soziale Revolution und setzte sich beispielsweise für die Armen ein, denen das Wahlrecht verwehrt war. Gegenüber seinen Gegnern schreckte er nicht vor massiver Gewalt zurück: „Was haben wir gewonnen, wenn wir die Aristokratie der Adligen zerstören, sie aber durch die Aristokratie der Reichen ersetzt wird? Und wenn wir unter dem Joch dieser neuen Emporkömmlinge stöhnen müssen“ (30. Juni 1790, Bitte eines passiven Bürgers). Die Freiheit, so forderte er im April 1793 in Zeiten des jacobinischen Terrors, müsse  durch Gewalt begründet werden, „und es ist jetzt der Augenblick gekommen, den vorübergehenden Despotismus der Freiheit zu errichten, um den Despotismus der Könige zu vernichten.“[8]
Im Juli 1793 wurde Marat von Charlotte Corday ermordet, die ihm seine Aufrufe zum Massaker an den Gegnern, insbesondere den Girondisten, vorwarf.

Auf Wunsch der Konventsmitglieder, zu denen er gehörte, malte David sehr schnell ein Porträt zu Ehren seines Freundes Marat. (Er hatte sein Gesicht am Tag seines Todes gezeichnet.)

Der Kopf Marats, gezeichnet am Tag seines Todes, dem 13. Juli 1793

David, La Mort de Marat, 1793 Öl auf Leinwand 162×128. Königliche Museen der Schönen Künste, Brüssel

Das Bild ist ergreifend. Marat liegt in der Badewanne, in der er Bäder nahm, um ein sehr schmerzhaftes eitriges Ekzem zu behandeln. Die mit einem Brett abgedeckte Badewanne ist nicht wirklich erkennbar, was jeden prosaischen Charakter vermeidet. Das blasse, grell beleuchtete Gesicht, umgeben von einem blutbefleckten Handtuch, hebt sich vom dunklen Hintergrund ab, der den größten Teil der Leinwand einnimmt. Das Badetuch ist bereits ein Leichentuch. Marat hat sanfte und ruhige Gesichtszüge, die im Kontrast zu Michelets düsterer Beschreibung in seiner Geschichte der Revolution von 1848 stehen: „Sein fettiges Haar, umwickelt mit einem Taschentuch oder Handtuch, seine gelbe Haut, seine dürren Glieder, sein großer amphibienartiger Mund ließen kaum erkennen, dass dieses Wesen ein Mensch war.“

Die linke Hand ruht auf einem grünen Filz, der auf einem Brett liegt. Sie hält noch immer eine Notiz von Charlotte Corday in der Hand, die ihr den Zugang zu ihm ermöglicht hatte: „Marie Anne Charlotte Corday an den Bürger Marat – es reicht, dass ich sehr unglücklich bin, um Anspruch auf Ihre Güte zu haben”. Immer Mitgefühl! Auf der Truhe einer der Versionen des Bildes steht in Großbuchstaben geschrieben: „Da sie mich nicht korrumpieren konnten, haben sie mich ermordet.“

Auf der Kiste liegen ein Tintenfass, ein Assignat und ein Brief, der von Marats Großzügigkeit zeugt: „Sie werden diesen Assignat dieser Mutter von fünf Kindern geben, deren Mann für die Verteidigung des Vaterlandes gestorben ist.“[9]

David erklärte die eindrucksvolle Komposition des Gemäldes so: Ich dachte, es wäre interessant, ihn in der Haltung darzustellen, in der ich ihn gefunden habe, wie er zum Wohle des Volkes schreibt. Aber natürlich verdankt sein Marat viel den Grabesdarstellungen der religiösen Malerei. Außerdem ist die Ähnlichkeit zwischen Christus und Marat offensichtlich, wie Jacques Guilhaumou in La Mort de Marat feststellt.

16. Oktober 1793: Die Hinrichtung Marie-Antoinettes, das Ende der besiegten Tyrannei

David, der 1792 zum Abgeordneten des Konvents gewählt wurde, sich an der Seite der Montagnards vehement für die Revolution engagierte und bis zum Sturz Robespierres sehr aktiv im Comité de Salut public (Ausschuss für das öffentliche Wohl) war, stimmte für die Hinrichtung des Königs. Aus seinem Hass auf die Königin hatte er schon seit 1789 keinen Hehl gemacht. [9a] Er nahm auch am Schnellverfahren gegen Marie-Antoinette  (vom 15. Oktober bis zum Morgen des 16. Oktober) und der für die Anklage peinlichen „Vernehmung“ ihres minderjährigen Sohnes teil. Während er Marat mit seinem Gemälde zum Helden und Märtyrer der Revolution erhebt, spiegelt die Zeichnung der gestürzten Königin die enggültig besiegte Tyrannei wider.[10]

Jacques-Louis David (1748- 1827), Portrait von Marie Antoinette, Königin Frankreichs, auf dem Weg zur Hinrichtung, 1793. Schwarze und braune Tinte,  14,8 x 10,1 cm,  Louvre.

David zeichnet Marie-Antoinette (1774-1792) in dem Moment, als sie von der Conciergerie zum Schafott auf der Place de la Révolution (heute place de la Concorde) gebracht wird. Es ist der 16. Oktober 1793. David stand der Überlieferung zufolge am Fenster der Bürgerin Julien, der Frau eines Konventsabgeordneten, in der Rue Saint-Honoré, auf dem Weg des Konvois. Mit wenigen schnellen Federstrichen entsteht ein schonungsloses Porträt von Marie-Antoinette. Sie trägt ein weißes Kleid und eine Haube, unter der einige Strähnen ihres kurz geschnittenen Haares hervorschauen. Die Königin ist im Profil von links zu sehen, wie sie mit auf dem Rücken gefesselten Händen auf dem Karren sitzt, mit dem die zum Tode Verurteilten zu ihrer Hinrichtungsstätte gebracht wurden.  Ihre Haltung ist steif, ihr Blick hochmütig und ihr Rücken kerzengerade. Marie-Antoinette ist damals 37 Jahre alt, aber hier erscheint sie wie eine alte Frau, als Repräsentantin des auszulöschenden Ancien Régime.

1900 malt Joseph Emanuel Van den Bussche den „Maler David, Marie-Antoinette auf dem Weg zur Hinrichtung zeichnend“: Ein ganz anderes Bild Marie-Antoinettes… [10a]

1795: Die Sabinerinnen rufen zur Versöhnung auf

Das Blatt hat sich gewendet. Robespierre wurde guillotiniert und David sitzt im Gefängnis. Nach seiner Freilassung schlägt er ein neues Kapitel auf. Drei Jahre lang arbeitet er an einem gigantischen Gemälde von 5,22 mal 3,85 Metern, das aus der römischen Geschichte stammt. Nach Fertigstellung des Gemäldes organisiert er eine kostenpflichtige öffentliche Ausstellung, wodurch er sich von öffentlichen Aufträgen unabhängig machen kann. Einige amerikanische Künstler hatten bereits ähnliche Neuerungen eingeführt, aber in Frankreich lief alles über die von der Akademie organisierten Malereisalons.

Poussin hatte die Entführung der Sabinerinnen durch die Römer gemalt, David wählte den Moment der Versöhnung. Drei Jahre sind seit der Entführung vergangen; einige Sabinerinnen haben Kinder mit ihren Entführern bekommen und fordern ein Ende der Feindseligkeiten. Titus Livius beschreibt uns in seinem Geschichtswerk über die Gründung der Stadt Rom die Szene:

Daraufhin wagten es die sabinischen Frauen – denn um das Unrecht, das man ihnen angetan hatte, hatte der Krieg begonnen – mit gelöstem Haar und zerrissenen Gewändern, sich zwischen die geschwungenen Waffen zu werfen, die feindlichen Heere wie in einem Angriff voneinander zu trennen, den Zorn zu bändigen, und auf der einen Seite ihre Väter und auf der anderen Seite ihre Männer zu bitten, nicht frevlerisch ihre Hände mit dem Blut ihres Schwiegersohns oder Schwiegervaters zu beflecken und nicht ihre Enkel und  ihre Kinder mit dem Mord an  ihren Verwandten. „Wenn ihr über eure Verwandtschaft oder über eure Heirat erzürnt seid, wendet euren Zorn gegen uns; wir sind der Grund des Krieges. … lieber werden wir sterben, als, zu Witwen und Waisen gemacht, unsere Männer und Väter zu überleben.“  Dies bewegte sowohl die Massen als auch die Anführer; der Kampf endete und die Führer beider Lager gingen daran, einen Friedensvertrag zu schließen.[11]

Alles auf diesem Gemälde ist darauf ausgerichtet, eine Botschaft zu vermitteln, die man aber ohne Kenntnis der entsprechenden römischen Geschichte und Mythologie kaum verstehen kann. Im Zentrum steht an der Spitze der gegen den Krieg rebellierenden Frauen  Hersilie mit weit ausgebreiteten Armen zwischen ihrem Vater Tatius, König der Sabiner, und ihrem Ehemann Romulus, dem ersten legendären König Roms. Romulus erkennt man an seinem glänzenden Schild, der mit der römischen Wölfin verziert ist.  Seine Position, in Form eines Dreiecks, symbolisiert Stabilität. Er richtet seine (männliche) Lanze gegen seinen Schwiegervater Tatius.

Der sabinische König auf der linken Seite, dessen geneigte Haltung auf einen geringeren Status in der Geschichte hindeutet, richtet sein Schwert auf den Boden (der Schwertgurt schützt die Scham). Zwischen den beiden breitet Hersilie, die Frau von Romulus und Tochter von Tatius, ihre Arme aus, um die Kämpfer unter Missachtung ihres eigenen Lebens zu trennen. Hersilie verkörpert das wiedervereinigte Vaterland…

Die weiße Tunika Hersiles ist Symbol der Reinheit   

Aber ich ziehe die Frau in Rot vor, die mit erhobenen Armen hinter ihr in der Mitte des Bildes steht. Ich verzichte darauf, mich für das Gesamtbild zu interessieren, und isoliere (wie viele andere auch) diese von Hersilias Arm umrahmte Figur. Noch bevor ich mir die Details anschaue, nehme ich die emotionale Kraft der roten Farbe und die Entschlossenheit ihres Blicks wahr, da sie als Einzige mich ansieht. Das Gemälde langweilt mich etwas: David, der die römischen Reliefs bewundert hatte, malt ein wenig so, als würde er Statuen zeichnen, und seine Figuren sind seltsam unbeweglich, erstarrt in ihren bedeutungsvollen Gesten. (Sonia Branca-Rosoff)

Die Frau in Rot ist da eine eindrucksvolle Ausnahme.

David im Dienste der Macht: Die Verherrlichung Bonapartes/Napoleons

David wird zum wichtigsten Bildschöpfer des Kaiserreichs. Da die Einheit der Revolutionäre zerbrochen ist, bleibt nur noch, sich einem Helden anzuschließen. Sein idealisierter Bonaparte, der auf einem wilden Pferd den Mont-Saint-Bernard-Pass erklimmt, und seine großartige Krönungsszene finden sich in allen französischen Schulbüchern wieder. 

Wenn uns das Wort Propaganda in Bezug auf Napoleon in den Sinn kommt, dann deshalb, weil David die kollektiven Themen seiner militanten Zeit hinter sich gelassen hat und sich in den Dienst der Macht gestellt hat.  Das zeigt eindrucksvoll das nachfolgende Bild:

Jacques-Louis David, Bonaparte beim Überschreiten der Alpen am Großen Sankt Bernhard. 1800  Schloss Malmaison  (Spätere Kopien Davids im Schloss Charlottenburg, in der Wiener Galerie Belvedere und zweifach im Schloss von Versailles)

Auf einem sich aufbäumenden Schimmel überquert Bonaparte mit wild wehendem Mantel in bizarrer Felslandschaft die Alpen am Großen Sankt Bernhard. David stellt ihn damit explizit in die Nachfolge Hannibals und Karls des Großen, deren Namen -natürlich kleiner als die Bonapartes- ausdrücklich am linken unteren Bildrand in die Felsen geritzt sind. Das Bild entstand kurz nach Napoleons erfolgreichem Italienfeldzug. Es ist ein propagandistisches Werk, das Napoleon als visionären Führer glorifiziert. David entsprach damit dem Wunsch seines Auftraggebers, der auf einem feurigen Pferd gemalt werden wollte.  Niemand werde überprüfen, ob die Portraits großer Männer auch der Realität entsprächen, hatte er dem Maler erklärt. Es genüge, dass ihr Genie in dem Bild lebendig sei.[12] 

David folgte dieser Vorgabe: In Wirklichkeit überquerte Bonaparte die Alpen nämlich nicht auf einem feurigen Pferd, sondern auf einem trittsicheren Maulesel… Napoleon war denn auch so zufrieden mit dem Bild, dass er gleich fünf weitere Versionen davon bestellte. In Schloss Malmaison bei Paris ist das Original ausgestellt. [13]

Aber überquerte Napoleon die Alpen denn ganz alleine? Hatte er nicht auch, so möchte man mit Brechts lesendem Arbeiter fragen, -vom Koch einmal abgesehen[14]–  wenigstens Soldaten dabei, mit denen er die Österreicher aus Italien vertreiben wollte?  Oder machte der große Held das ganz alleine? Natürlich gab es die Soldaten auch.

Und es gibt sie auch auf dem Gemälde Davids – unter dem Stiefel Napoleons und den Hufen seines Pferdes… Könnte da vielleicht der alte Republikaner und Jakobiner durchscheinen?

Die Krönung Napoleons

Eines der berühmtesten Gemälde Davids ist sicherlich die monumentale „Krönung Napoleons“: über 6 Meter hoch und fast 10 Meter lang.

Die Krönung Kaiser Napoleons I. und Kaiserin Josephines in der Kathedrale Notre-Dame de Paris am 2. Dezember 1804, 1804-1807 Öl auf Leinwand, 621 x 979 cm, Paris, Musée du Louvre, Denon-Flügel, 1. Etage

In diesem von Napoleon I. in Auftrag gegebenen Gemälde stellt David den prunkvollen Charakter der Krönung und ihre politische und symbolische Botschaft dar: Es ging Bonaparte darum, durch die Krönung in einem monarchistisch geprägten Europa eine nicht nur auf Waffen gestützte Legitimität zu erhalten. Für viele Zeitgenossen, für die Bonaparte bis dahin ein Verfechter revolutionärer Ideale war, ein Schock. Am bekanntesten wohl Beethovens Reaktion, der seine 3. Sinfonie, die Eroica, dem bewunderten Bonaparte gewidmet hatte,  nach der Krönung aber diese Widmung auslöschte.

Titelblatt der Eroica, von Beethoven korrigierte Abschrift mit dem ausradierten Untertitel „intitolata Bonaparte“ (Wikipedia)

Für Bonaparte/Napoleon war aber die erhoffte Legitimität entscheidend und die sollte „Hofmaler“ David durch sein monumentales Werk anschaulich machen. Der Maler war Augenzeuge der Zeremonie und fügte sein Abbild auch in das Gemälde ein.

Selbstportrait Davids auf der Besuchertribüne obere Reihe, Mitte

David war aber nicht nur passiver Beobachter, sondern er fertigte auch Skizzen der Zeremonie an.

Die Skizze des zentralen Ereignisses, der Krönung Napoleons. (Musée du Louvre)

Diese Vorzeichnung zum Gemälde „Die Krönung“ wurde zur Übertragung auf die Leinwand mit einem Raster versehen. Sie ist berühmt und ein wertvolles Zeugnis dafür, was David für die Gruppe des Kaisers und des Papstes in der Mitte seiner Komposition zu malen beabsichtigte. Nach einem Bericht über die Krönungszeremonie stieg Napoleon auf den Altar, griff nach der Krone, setzte sie sich auf den Kopf und umklammerte mit der linken Hand kräftig das Schwert. David betont die gebieterische Geste des Kaisers. Sein Körper ist bis zum Äußersten angespannt und nach hinten geneigt, entsprechend der Bewegung des Arms, der die Krone hält und sie so besonders hervorhebt. Die weiten, monumentalen Gewänder verstärken den theatralischen Charakter der Szene und die Kraft, die von Napoleon ausgeht. Die Geste des Kaisers spiegelt den Mann der Tat wider, der seine Macht allein sich selbst und seinen militärischen Siegen verdankt. Im Gegensatz dazu scheint der Papst, der hinter dem Kaiser sitzt, die Hände auf den Knien und den Rücken gekrümmt, resigniert der ikonoklastischen Geste Napoleons beizuwohnen.[15]

Im Gemälde allerdings ist diese Geste des Kaisers nicht mehr zu sehen. Für ein neues Regime, das nach Legitimität strebt, gerade mit der Kirche verhandelt hat und die französischen Katholiken für sich gewinnen will, war sie zu provokativ.  Er macht Platz für die konsensfähigere Krönung Josephines, Kaiserin der Franzosen (1804-1809), durch Napoleon. Ebenso verzichtet David auf die Apathie des Papstes, indem er ihn die Segensgeste machen lässt. Napoleon soll über ihn gesagt haben: „Ich habe ihn nicht von so weit herkommen lassen, damit er nichts tut.“[16] 

Alle Blicke richten sich auf die Krone. Um sie hervorzuheben, hat der Maler einen Teil des grünen Vorhangs beiseite geschoben. Das Profil der knienden Joséphine, die für diesen Anlass verjüngt wurde, hebt sich vom schönen ockergelben Mantel des Kreuzträgers ab, direkt vor Murat, der noch das Kissen mit ihrer extra für diesen Anlass gefertigten Krone trägt.

Für seine Komposition ließ sich David von Rubens‘ Krönung der Maria de‘ Medici inspirieren, die heute im Louvre zu sehen ist. Er studierte die Zeremonie vor Ort und ließ die meisten Teilnehmer posieren. In seinem Atelier stellte er die Szene mit Hilfe von Pappmodellen und Wachsfiguren nach. Der Maler platzierte das Kaiserpaar in der Mitte und beleuchtete es mit einem Lichtstrahl. Die Arkaden bilden einen feierlichen Rahmen um das Kaiserpaar: Sie gehören nicht zur damals reichlich heruntergekommenen Architektur von Notre-Dame, sondern sind für die Kröning angefertigtes Theaterdekor.

Im Hintergrund, von der offiziellen Tribüne aus, dominiert Napoleons Mutter Letizia Bonaparte die Szene.

Die Samt-, Pelz-, Satin- und Lamé-Stoffe der Kostüme und Möbel werden durch eine außergewöhnliche Farbpalette wiedergegeben. Dieses Gemälde, ein Gruppenporträt der kaiserlichen Familie, ihres Hofes und des Klerus in Prunkgewändern, vermittelt einen Eindruck von absoluter Realität. Dennoch hat sich der Maler einige Freiheiten gegenüber der Geschichte genommen. Er hat die Architektur der Notre-Dame verkleinert, um den Figuren mehr Raum zu geben. Laetitia Bonaparte, Madame Mère, die bei der Krönung, die sie missbilligte, nicht anwesend war, ist auf Geheiß ihres Sohnes auf dem Gemälde zu sehen. Sie dominiert sogar von der offiziellen Tribüne aus die Szene.  Und die segnende Geste des Papstes, der zunächst die Hände auf den Knien hatte, geht ja auch auf Napoleons Wunsch zurück. Aber wie wir schon gesehen haben, nahm es Napoleon mit der historischen Wahrheit nicht so genau, wenn es um seine Verherrlichung und sein Bild in der Geschichte ging. Und das Volk, das David so eindrucksvoll in seinen Entwurf des Ballhausschwurs einbezogen hatte, hat hier nichts zu suchen. Es gibt auch kein offenes Fenster mehr, durch das der Wind der Freiheit weht…

Der Kaiser war jedenfalls von Davids Gemälde begeistert: „Was für eine Lebendigkeit, was für eine Wahrhaftigkeit! Das ist keine Malerei, man kann in diesem Bild spazieren gehen“, woraufhin der Künstler sagte: „Ich werde im Schatten meines Helden in die Nachwelt eingehen.“

David im Brüsseler Exil: Das Ende des politischen Künstlers

Gegen Ende seines Lebens musste Jacques-Louis David mit ansehen, wie die Ideale, für die er gekämpft hatte, zusammenbrachen. Die Bourbonen waren zurück in Paris und verbannten ihn ins Ausland. [17] Das war für die Bourbonen die Konsequenz des Votums Davids für das Todesurteil Ludwigs XVI. Umso bemerkenswerter Davids Einladung durch den preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. nach Berlin, wo er die Direktion sämtlicher Kunstanstalten übernehmen sollte. Die schlug David aber aus und wählte Brüssel als Ort seines Exils. Mit 73 Jahren hatte er noch die Energie, ein letztes großformatiges Werk (308 × 265 cm) in Angriff zu nehmen: Mars, von Venus entwaffnet (Mars désarmé par Vénus). Der Maler inszenierte sich erneut selbst, aber diesmal handelt es sich um eine private Szene.

Mars désarmé par Vénus. 1824. Bruxelles

Was bleibt, wenn man nicht mehr an den Fortschritt glauben kann? Das Varietétheater! Mars hat seinen Schild und seinen Bogen einer Dienerin zu seiner Rechten übergeben; er streckt sein Schwert mit der linken Hand aus, ohne hinzuschauen. Venus ist von hinten zu sehen (ein Rücken, der direkt aus den Gemälden von Ingres, dem begabtesten Schüler Davids, stammen könnte). Sie überreicht Mars eine Blumenkrone. Um ehrlich zu sein, sind dieser fröhliche Mars, der schon im Voraus errötet, wenn er an die schöne Zeit denkt, die er haben wird, und die beiden turtelnden Tauben, die vielsagend sein Geschlecht verdecken, ein Triumph des schlechten Geschmacks.

Literatur:

Jacques-Louis David, l’empereur des peintres, Passés Composés, Paris, 2025

Jacques Guilhaumou, 1793, la mort de Marat, coll. « La mémoire des siècles » Éditions  complexes 1989

Jacques-Louis David   Dossier pédagogique en lien avec l’exposition 25_10_03_EXE_DOSSIER_PEDAGOGIQUE_DAVID.pdf

Jean-Sylvain Bailly, astronome, homme politique, maire de Paris, 1736 – 1793. https://www.chateauversailles.fr/decouvrir/histoire/grands-personnages/jean-sylvain-bailly#bailly-premier-depute

Jérémie Benoît, « Le Sacre de Napoléon », Histoire par l’image [en ligne], consulté le 11/02/2026. URL : http://histoire-image.org/etudes/sacre-napoleon

Philippe Bordes, Le Serment du Jeu de paume de Jacques-Louis David. Musée national du château de Versailles, Paris, RMN, 1983.  Le serment du Jeu de paume, 20 juin 1789 – Histoire analysée en images et œuvres d’art | https://histoire-image.org/

Philippe Bordes, Jacques Louis David, la traite négrière et l’esclavage  Son séjour à Nantes, mars-avril 1790. Éditions de la Maison des sciences de l’homme, Centre allemand d’histoire de l’art Paris 2023

Le Couronnement de l’empereur Napoléon Ier et de l’impératrice Joséphine dans la cathédrale Notre-Dame de Paris, le 2 décembre 1804.  https://collections.louvre.fr/ark:/53355/cl010065720

Robert FOHR et Pascal TORRÈS, « Marat, martyr de la Révolution », Histoire par l’image [en ligne], consulté le 11/02/2026. URL : http://histoire-image.org/etudes/marat-martyr-revolution


Anmerkungen:

[1] Titelbild: Selbstportrait Davids aus dem Jahr 1794. Louvre. Lesezeit 30 Minuten

[1a] Der Titel desBildes imLivret des Salons lautet: „Brutus,premier consul, de retour en sa maison, apres avoir condamné
ses deux fils qui s’etaient unis aux Tarquins et avaient conspiré contre la liberte romaine. Les licteurs rapportent leurs
corps pour qu’il leur donne la sepulture.“ Oskar Bätschmann, Das Historienbild als „Tableau des Konflikts“: Jacques-Louis Davids „Brutus“ von 1789. Originalveröffentlichung in: Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte 39 (1986), S. 145-162 https://d-nb.info/1295111802/34 Anmerkung 6

[2] Dieser Abschnitt stützt sich auf: Philippe Bordes, Jacques Louis David, la traite négrière et l’esclavage. Siehe dazu auch:   https://www.dfk-paris.org/fr/publication/jacques-louis-david-la-traite-negriere-et-lesclavage-3871.html und https://www.fmsh.fr/parutions/jacques-louis-david-la-traite-negriere-et-lesclavage

[3] David konnte das Doppelportrait allerdings auf dem Salon von 1789 nicht zeigen: „Man befürchtete erneute Unruhen wegen eines kürzlichen Vorfalls, der Lavoisier beinahe das Leben gekostet hatte. Als Kommissär im Rüstungsamt seit 1775 verantwortlich für die Herstellung und Lagerung des Schießpulvers, hatte Lavoisier im August einen Austausch von altem durch neues Pulver angeordnet. Die mißtrauische Bevölkerung hatte offenbar nur den Abtransport wahrgenommen und darin einen Akt des Verrats an der Revolution gesehen. Lavoisier wäre beinahe umgebracht worden, obwohl bekannt war, daß er den revolutionären Kreisen um Mirabeau, Brissot, Sieyes und Bailly zugehörte.“ Oskar Bätschmann, Das Historienbild als „Tableau des Konflikts“: Jacques-Louis Davids „Brutus“ von 1789. Originalveröffentlichung in: Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte 39 (1986), S. 145-162 https://d-nb.info/1295111802/34

[4] Bild aus: https://arthive.com/fr/jacqueslouidavid/works/541042~Une_allgorie_de_la_rvolution_Nantes

[5] Musée du Louvre, Département des Arts graphiques, RF 36942, 13 – https://collections.louvre.fr/ark:/53355/cl020038861https://collections.louvre.fr/ark:/53355/cl020038861 Siehe Bordes, S. 90/91

[6]  „L’histoire renouvelée du séjour nantais de David se révèle alors comme le moment de l’entrée en Révolution de ce géant de la peinture en tant que citoyen et artiste.“ https://www.dfk-paris.org/fr/publication/jacques-louis-david-la-traite-negriere-et-lesclavage-3871.html

[7] Bordes, Jacques Louis David, la traite négrière et l’esclavage  S. 16. Als Lavoisier, der vermutlich zur Sensibilisierung Davids für die Situation der Sklaven beigetragen hatte, 1794 von einem Revolutionsgericht zum Tode verurteilt wurde, schwieg David, damals entschiedener Anhänger Robespierres, offenbar übrigens auch. Bezeichnend ist da seine Skizze für die Neugestaltung der Figur des Brutus in seinem Historiengemälde von 1789. Da ist der Brutus nicht mehr der trauernde Vater, sondern der Staatslenker, der hoch erhobenen Hauptes und ohne Bedauern das politische Notwendige tut, auch wenn er dabei über Leichen geht – selbst wenn es die eigenen Söhne sind. (Siehe Bordes, S. 80/81)

[8] Marat über den Wohlfahrts­ausschuss, 6. April 1793.   

[9] Assignaten waren das in der Französischen Revolution eingeführte Papiergeld. https://de.wikipedia.org/wiki/Assignat

[9a] Siehe Bordes S.86

[10]  Dieser Abschnitt stützt sich weitgehend auf das Dossier pédagogique  der Ausstellung. 25_10_03_EXE_DOSSIER_PEDAGOGIQUE_DAVID.pdf

[10a] Le Peintre David dessinant Marie-Antoinette conduite au supplice, 1793, par Joseph Emanuel Van den Bussche, 1900 (Vizille, musée de la Révolution française). HERITAGE IMAGES / AURIMAGES siehe: https://www.lefigaro.fr/histoire/marie-antoinette-sur-l-echafaud-vue-par-jacques-louis-david-deux-mondes-et-un-impossible-dialogue-20251025

[11] Titus Livius, ab urbe condita Buch I,13  https://www.lateinlehrer.net/autoren/ab-urbe-condita

[12]  „Personne ne s’informe si les portraits des grands hommes sont ressemblants. Il suffit que leur génie y vive.“ https://musees-nationaux-malmaison.fr/chateau-malmaison/collection/objet/le-premier-consul-franchissant-les-alpes-au-col-du-grand-saint-bernard 

[13] Siehe dazu den Blog-Beitrag https://paris-blog.org/2025/05/05/malmaison-das-allerliebste-landhaus-napoleons-und-josephines/

[14]  Das bezieht sich auf diese Zeilen aus Brechts Gedicht:  Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?

[15]  Der Abschnitt über die Krönung Napoleons stützt sich weitgehend auf die Darstellung im Dossier pédagogique des Louvre https://collections.louvre.fr/ark:/53355/cl010065720

Zur selbstherrlichen Geste Napoleons und der entsprechenden Geste Trumps bei der Übernahme des „Friedenspreises“ des Internationalen Fußballbundes siehe den Blog-Beitrag https://paris-blog.org/2025/12/13/napoleon-und-david-trump-und-infantino/

[16] Le Moniteur vom 16. Januar 1808 und der Bericht von Charles Blanc, 1845

[17] Dass David, der ja nach dem Sturz Robespierres nur knapp dem Fallbeil entging, nach der Restauration zum Exil verurteilt wurde, beruhte auf der Tatsache, dass er für das Todesurteil Ludwigs XVI. gestimmt hatte. Zum Exil Davids habe ich in der vom Centre des Monuments Nationaux herausgegebenen offiziellen Darstellung der Chapelle Expiatoire folgende bemerkenswerte Passage gefunden. Dort geht es um den napoleonischen Architekten Charles Percier, der nach dem Sturz Napoleons keine Aufträge mehr annimmt. „Percier choisit de se désengager. Ce retrait général de la pratique professonelle, probablement motivé par des convictions politiques, cet exil intérieur (est) comparable au départ de David pour la Belgique.“ Da wird das erzwungene Exil Davids als freiwilliger Akt umgedeutet… (Jean-Philippe Garric, La Chapaelle expiatoire. Paris 2025, S.13)

Von Herrn Ulrich Schläger habe ich die nachfolgenden Anmerkungen zu David erhalten, die ich mit seiner Zustimmung hier wiedergebe:

Ein Wort zu David: Man muss nur talentiert genug sein, dann wird so ein elender Schuft wie  David wiederum, wie schon 1989, im Louvre gewürdigt.  Mir ist nicht bekannt, dass David, der noch kurz vor Robespierres Sturz im Konvent verkündete: Er sei bereit, mit Robespierre zusammen »den Giftbecher zu trinken«, jemals sich seinen Taten im Sicherheitsausschuss und anderen vielen Gremien ernsthaft gestellt und diese bereut hätte. Stattdessen stilisierte er sich als irregeleitetes Opfer: „Man kann sich kaum vorstellen, wie sehr mich dieser Unglückliche (Robespierre) getäuscht hat; er hat mich mit seinen heuchlerischen Gefühlen betrogen.“  David hat es verstanden Marat, Haupturheber der Septembermorde, bei denen 1792 über 1200 inhaftierte Revolutionsgegner und auch andere Gefängnisinsassen massakriert wurden, zu einem Märtyrer der Revolution zu stilisieren. Mit seinem Bild  Marat à son dernier soupir hat David eine „gefühlsbeladene Ikone für den Ami du peuple aufgerichtet“ (Sauerländer, Willibald: Davids »Marat à son dernier soupir« oder Malerei und Terreur. In: IDEA II (1983), die die Kunstwelt bis heute feiert und auch ansonsten das hohle Pathos seiner Bilder (Der Schwur der HoratierDie SabinerinnenLiktoren bringen Brutus die Körper seiner Söhne) hereinfällt. Das gleiche theatralische, heroisierende Getöse, mit dem David die diversen Revolutionsfeierlichkeiten inszenierte.  David griff auch immer wieder zur Feder, um die letzten Momente der Verurteilten (s. Bild von Marie Antoinette) festzuhalten. „Als Danton auf dem Henkerkarren zur Guillotine gefahren wurde, sah er David bei seiner Arbeit und rief ihm zu: Lakai! – eine kurze und prägnante Charakterisierung der moralischen Qualitäten dieses Ausnahmekünstlers.“ (https://republique.de/de/david) Und dann noch ein opportunistischer Propagandist Napoleons. Ein Ehrgeizling ohne jedes Gewissen! .

Für David habe ich nur Verachtung übrig.

In Dankbarkeit für Ihre vielen anregenden Blogs

Ulrich Schläger

Zuviel Glanz: Das Schloss Vaux-le-Vicomte des Nicolas Fouquet und die Rache des Sonnenkönigs (Teil 1)

Vaux-le-Vicomte, erbaut und gestaltet von dem genialen Dreigestirn Le Vau, dem Architekten, Le Brun, dem Maler, und Le Nôtre, dem Gartenarchitekten, lädt ein zu Superlativen: Das Schloss wird gerne als „Wunder der Architektur“ oder Gipfelpunkt der französischen Architektur und Kunst bezeichnet, es „gilt heute als eines der ersten und zugleich glänzendsten architektonischen Gesamtkunstwerke“ des „Grand Siècle“, also des französischen 17. Jahrhunderts. [1] Der dazugehörende Park wurde kürzlich von der New York Times ausgewählt, zu den 25 schönsten der ganzen Welt zu gehören. Im Barock wurde Frankreich „zum führenden Gartenland Europas“. Das Modell des Barockgartens à la française entstand in Vaux-le-Vicomte „und wurde dann in zweiter Generation in Versailles zum Modell des gesellschaftlichen Absolutismus umgewidmet. Das Modell wurde in ganz Europa kopiert, das ästhetische wie das politische.“ [2]

Schloss und Garten faszinieren aber auch wegen der Geschichte ihres Bauherren, Nicolas Fouquet. Der war 1661, nach den legendären Worten Voltaires  („Le Siècle de Louis XIV“) „am 17. August um 6 Uhr abends König von Frankreich, um 2 Uhr morgens war er nichts mehr.“[3] An diesem Tag veranstaltete Fouquet für seinen König, den jungen Ludwig XIV., und eine große Hofgesellschaft ein grandioses Fest auf seinem Schloss, das, wie gerne kolportiert wird, der Grund für seinen Absturz gewesen sein soll. Eine tragisch-schöne, aber nicht ganz zutreffende Geschichte.

Ich möchte nachfolgend in zwei Teilen mit jeweils zwei Abschnitten Nicolas Fouquet und Vaux-le-Vicomte vorstellen:

Teil 1:

  • Quo non ascendet – Nicolas Fouquets fulminanter Aufstieg zu den Gipfeln der Macht
  • Das Schloss von Vaux-le-Vicomte, das „erste Versailles“: Prachtbau und Propaganda

Teil 2:

  • Vaux-le-Vicomte: Der erste Barockgarten Frankreichs
  • Das Fest vom 17. August 1661 und der Absturz Fouquets

Quo non ascendet: Nicolas Fouquets Aufstieg zu den Gipfeln der Macht

Nicolas Fouquet stammte aus einer Familie in Angers, die ihr Vermögen im Tuchhandel machte.  Der erste bekannte Vorfahre, Jehan Fouquet, hatte sich Ende des 15. Jahrhunderts als Tuchmacher in der Nähe von Angers niedergelassen. Dieser Herkunft verdankt die Familie auch als Wappentier das Eichhörnchen. Denn dessen Name im lokalen Dialekt ist Fouquet. Außen am und innen im Schloss finden sich deshalb auch immer wieder Darstellungen des Eichhörnchens. Am eindrucksvollsten vielleicht auf diesem Renommée genannten Wandteppich:

Die beiden Füllhörner weisen auf den Wohlstand der Familie hin und vor allem natürlich auf den von Nicolas, für den dieser Wandteppich angefertigt wurde.  Über der Kartusche mit dem Eichhörnchen halten zwei Putten eine Krone: Natürlich bedeutet das nicht, dass sich das Eichhörnchen/Nicolas Fouquet königlichen Rang anmaßt, aber hoch hinaus wollte Nicolas Fouquet durchaus – und das Eichhörnchen ist ja auch in der Lage, flink in die höchsten Spitzen der Bäume zu klettern.  Dazu passt auch der familiäre Wahlspruch: Quo non ascendet- Wie weit wird er noch steigen…[4]  

Robert Nanteuil, Portrait von Nicolas Fouquet mit dem Eichhörnchen im Familienwappen. 1661[5]

Nicolas Fouquet wird sehr weit und sehr hoch steigen. Hatte die Familie schon in nur drei Generationen den Aufstieg von provinziellen Händlern zu Mitarbeitern der politischen Elite in Paris erreicht, so setzte der 1615 geborene Nicolas nach einer Schulzeit bei den Jesuiten und einem juristischen Studium an der Sorbonne den Aufstieg mit einer dem Eichhörnchen würdigen Behändigkeit fort. Dabei half ihm seine königstreue Haltung in den Zeiten der Fronde, des Adelsaufstands gegen das Könighaus und dessen ersten Vertreter, den Kardinal Mazarin. Als Dank wurde Fouquet 1653 zum surintendant des finances ernannt. Er war also Finanzminister und damit nach dem Premierminister Mazarin  einer der wichtigsten Männer des Königreichs. Fouquet konnte sich Hoffnungen machen, einmal dessen Nachfolge anzutreten.

Die Finanzen Frankreichs waren damals zerrüttet, der Krieg gegen Spanien verschlang enorme Gelder, die der Staat nicht hatte, und auch Mazarin hatte große Ansprüche, deren Erfüllung zu Fouquets Aufgaben gehörte. Der bankrotte Staat war aber nicht mehr in der Lage, die bei privaten Bankiers aufgenommenen Kredite zurückzuzahlen. Um das Vertrauen der Gläubiger zurückzugewinnen, setzte Fouquet sogar sein eigenes Vermögen ein, teils zur direkten Finanzierung von Kriegskosten, teils in Form von Bürgschaften. Dabei kam er aber selbst nicht zu kurz. Sein Reichtum wuchs immer mehr an, begünstigt auch durch erfolgreiche spekulative Geldgeschäfte und zwei Heiraten mit großer Mitgift.

Charles Le Brun, Portrait von Nicolas Fouquet (um 1661, Vaux-le-Vicomte) [6]

Seinen Reichtum nutzte Fouquet auch, sich einen Kreis von ihm ergebenen Klienten zu schaffen und um als Mäzen sein Ansehen zu vermehren. Eine große Anzahl von Künstlerinnen und Künstlern wurde von ihm gefördert, darunter Mme de Sévigné, Scarron, Perrault, Mlle de Scudéry, Corneille, Molière:  ein künstlerischer und  intellektueller Hofstaat, für den er viel Geld ausgab.

            Kabinett von Jean de la Fontaine in Vaux-le-Vicomte

Auch La Fontaine gehörte zu diesem Kreis. Er hatte ein besonders enges Verhältnis zu Fouquet, wohnte drei Jahre in Vaux-le-Vicomte und erhielt eine Pension, wofür er lediglich alle drei Monate ein Gedicht abliefern musste.

                             Büste Jean de la Fontaines von Houdon in seinem Cabinet in Vaux-le-Vicomte[7]

Dieser Kreis förderte das Ansehen Fouquets als Mäzen und Freund der Musen und verbreitete schon während der Bauarbeiten den Ruf von der Außerordentlichkeit seines Schlosses. La Fontaine verfasste eine Beschreibung des entstehenden Schlosses, Le songe de Vaux, die allerdings unvollendet blieb. [8] Madeleine de Scudery rühmte in ihrem 1660 publizierten Roman Clélie, in dem -wenn auch unter römischem Pseudonym- Fouquet auftritt, Schloss und Garten: Das was man da sehe, sei ein Meisterwerk, das Kunst und Natur verbinde.[9] Und André Félibien veröffentlichte ebenfalls schon 1660 eine intensive und kenntnisreiche Éloge de Vaux, de Foucquet et de Le Brun.[10]

Allerdings gab es gegen Fouquet auch zunehmenden Widerstand. Der wurde vor allem genährt von Colbert, der in Fouquet einen unliebsamen Konkurrenten sah, gegen den er nach Kräften bei Mazarin intrigierte. Fouquet reagierte darauf mit seinem Schlossprojekt von Vaux-le-Vicomte: Es sollte seinen Bauherrn ins beste Licht rücken, seine herausragenden Qualitäten zu Schau stellen, aber auch seine enge Bindung an das Könighaus und den jungen Monarchen. Vaux-le-Vicomte lag zwischen Paris und Fontainebleau, wo sich Ludwig XIV. gerne aufhielt. Ihm sollte das Schloss ein prachtvoller, der Muße und den Musen gewidmeter Aufenthaltsort fernab des höfischen Zeremoniells sein und dem Bauherrn die königliche Gunst sichern.

1641 hatte Fouquet die Vicomté de Vaux gekauft, die er bis 1656 durch Zukäufe erheblich erweiterte, bis er schließlich über mehr als 400 h zusammenhängenden Landes verfügte, die als Baugrund zur Verfügung standen. Es gab auch schon vorbereitende Arbeiten für einen Nutzgarten und erste Planungen eines lokalen Architekten für Garten und Schloss. 1655/56 allerdings engagierte Fouquet für das Schlossprojekt drei sehr bekannte und angesehen Künstler, die auch schon für das Könighaus gearbeitet hatten: den Architekten Louis Le Vau, den Maler Charles Le Brun und den Gartenarchitekten André Le Nôtre. [11]

Louis Le Vau war kurz vorher zum premier architecte du roi ernannt worden und hatte sich schon durch zahlreiche Bauten ausgezeichnet, u.a. das hôtel Lambert auf der Île Saint Louis, dessen galerie d’Hercule der Vorläufer des Spiegelsaals von Versailles ist.

Charles le Brun stand seit 1638 in den Diensten Ludwigs XIII. Als Fouquet ihn für Vaux-le-Vicomte engagierte, galt er als der bedeutendste Innenraumdekorateur Frankreichs. In Vaux-le-Vicomte sollte er für die gesamte Inneneinrichtung und die skulpturale Ausgestaltung des Gartens zuständig sein.

Der Dritte im Bunde, André Le Nôtre, steht für die Einführung eines neuen Gartentyps in Frankreich, des jardin à la française. Sein Plan für die Anlage von Vaux gilt als der erste in Gänze erhaltene Plan eines französischen Gartens überhaupt.

Dieses Künstlertrio arbeitete in Vaux-le-Vicomte eng zusammen, wie das perfekt aufeinander abgestimmte Zusammenspiel von Architektur, künstlerischer Ausgestaltung und Gartenplanung zeigt. So entstand hier „ein in allen seinen Teilen aufeinander bezogenes Gesamtkunstwerk“.[12]

Das „erste Versailles“: Prachtbau und Propaganda

Man hat das Schloss von Vaux-le-Vicomte als „das erste Versailles“ bezeichnet: Ein grandioses Gesamtkunstwerk, entstanden zu einer Zeit, als Versailles noch ein kleines unbedeutendes Schloss unter vielen anderen war.

Der von Melun kommende Besucher sieht zuerst nicht das Schloss, sondern das die Anlage begrenzende Gitter, das mit doppelseitigen Hermen geschmückt ist. Es sind Darstellungen antiker Götter.  „Die Hermen kennzeichnen Vaux noch vor dem Betreten der Anlage als einen besonderen, von göttlichen Kräften gesegneten Ort.“[13]

Zu den Göttern gehört auch der Sonnengott Apoll, der Gott des Sonnenkönigs: Ludwig verglich sich ja seit seinen Ballettauftritten von 1651 und 1659 mit Apoll, der allgemein als Symbol des Königs galt. So wird schon hier der Segen des Schlosses und seines Schlossherrn durch Ludwig XIV. beschworen.

Vom Hermengitter aus blickt der Besucher auf die Hofseite des Schlosses. Und was heute ganz normal erscheint, war damals absolut modern: Das Gebäude war nämlich nicht in der damals charakteristischen Mischung von behauenen Steinblöcken und roten Ziegeln erbaut, im sogenannten Louis XIII- Stil also, sondern nur noch aus behauenem Stein, wie es sich dann auch allgemein durchgesetzt hat.  

Die Wirtschaftsgebäude rechts und links des Vorhofs sind dagegen traditionell mit brique und pierre errichtet und heben damit das aus hellem Stein erbaute Schloss in seiner Neuheit und Einzigartigkeit hervor.[14]

An ihrem nördlichen und südlichen Ende sind Triumphbögen gebaut, „die den Vorplatz architektonisch erhöhen“ und „den königlichen Einzug in das Schloss flankieren“ sollten.[15]

Der Einzug des Königs wird dann in der Konzeption des Schlosses entsprechend großartig inszeniert: Das Schloss ist gegenüber dem Vorhof und den Wirtschaftsgebäuden deutlich erhöht, was ihm, wie Mlle de Scudéry schreibt, „une grande Majesté“ verleiht.[16] Und der Eingang wird noch einmal betont durch einen mächtigen, vor die Fassade gesetzten Triumphbogen. Über seinen mächtigen Säulen verläuft ein Triglyphenfries mit mehreren Wappen-Eichhörnchen in den Metopen.[17] Und über dem Tympanon, in dem ursprünglich in der Mitte natürlich das Wappen Fouquets enthalten war, thronen zwei Götterfiguren: Rea, die Erdengöttin und Mutter aller Götter, und -wie könnte es anders sein- Apollo mit seiner Lyra.

Der auf die römische Antike verweisende Triumphbogen und die Fassade sind geschmückt mit Medaillons antiker Persönlichkeiten und mit Büsten antiker Herrscher. Die finden sich dann auch reichlich im Innern des Schlosses.

Büste Caesars aus dem Salon (Ausschnitt)

„Mit den Antikendarstellungen reiht sich Fouquet nicht nur in die architektonische Tradition seiner Zeit und seines Standes ein, er beansprucht zugleich die antiken Herrschertugenden und Weisheiten zur Glorifizierung seines neuen Besitzes.“[18]

Wenn man durch den Triumphbogen hindurchgeht und das Schloss betritt, gelangt man in den Salon, den großen, ovalen, über zwei Stockwerke sich erstreckenden Kuppel-überwölbten Empfangsraum des Schlosses.[19]

© Yann Priou / Collection du château de Vaux-le-Vicomte

Die Größe dieses Raumes beruht darauf, dass hier keine große Treppenanlage in die bel étage, also das Obergeschoss, existiert. Le Vau hat nämlich, begünstigt durch die erhöhte Lage des Schlosses, die bel étage in das Erdgeschoss verlegt. Schon beim ersten Blick auf das Schloss lässt sich das unschwer erkennen: Die Fenster des Erdgeschosses sind die einer bel étage, die Fenster des Obergeschosses dagegen deutlich kleiner, was auch den unterschiedlichen Geschosshöhen entspricht. Um die Privaträume Fouquets und die seiner Frau im Obergeschoss zu erreichen, genügen kleine, unauffällige Treppen im Vestibül.

Le Vau: Grundriss des Erdgeschosses von Vaux-le-Vicomte[20]

Die Innendekoration des Raums konnte Le Brun wegen der Verhaftung Fouquets nicht vollenden. Es gibt aber einen damals schon berühmten Entwurf für das zentrale Gemälde in der Kuppel: Im Zentrum die Sonne (Ludwig XIV.), die ein Eichhörnchen (Fouquet) in den Götterhimmel erhebt. Umgeben wird die Szene von der Darstellung der vier Jahreszeiten, der Monate, Tage und Wochen. So wird Nicolas Fouquet „zum ewigen Helden.“[21] Dazu passen auch die 12 Sternzeichen-Skulpturen auf der Höhe der ersten Etage, die dem Bildhauer François Girardon zugeschrieben werden. Auch wenn die Ausmalung der Kuppel nur angedeutet ist: Es ist insgesamt ein grandioser Raum, dessen Schönheit gerade wegen seiner „Nacktheit“ besonders deutlich wird.[22]

Auch andere Räume des Schlosses, vor allem die Privaträume im Obergeschoss, blieben unvollendet. Und nach der Verhaftung von Fouquet wurde ein großer Teil der kostbaren Einrichtung von Ludwig XIV. konfisziert, anderes versteigert.  Vieles wurde aber nach dem Kauf des heruntergekommenen Schlosses 1875 durch die Industriellenfamilie Sommier im alten Stil ergänzt. So besitzt Vaux-le-Vicomte heute „die für seine Zeit umfangreichste und einheitlichste Innendekoration in Frankreich, obwohl sie nie vollendet wurde.“[23]

Dazu gehörten auch kostbare Wandteppiche, die Fouquet zum Teil sogar in der eigens von ihm gegründeten Manufaktur von Maincy herstellen ließ. Von Ludwig XIV. konfisziert, wurden sie zum Teil während der Französischen Revolution wegen der in ihnen enthaltenen kostbaren Goldfäden zerstört, aber wieder ersetzt. Hier zwei Kommoden im sog. Mazarine-Stil von André-Charles Boulle. Boulle war einer der großen Kunsttischler des Faubourg Saint-Antoine und gilt als Erfinder der Kommode.

         Ein aus Ebenholz gefertigter Mazarine-Schreibtisch von Boulle im Antichambre du Roi

Dies ist eine von fünf kleinen Bronze- Versionen der großen Reiterstatue Ludwigs XIV., die François Girardin (1628-1715) für den Platz Louis-le-Grand (heute place Vendôme) angefertigt hat.

Nicolas Fouquet hatte sein Schloss natürlich auch mit einer Vielzahl von Gemälden ausgestattet. In den für ihn bestimmten Räumen hing damals auch ein Gemälde des niederländischen Malers Lambert Sustris.  Es zeigt Venus, zusammen mit einem geflügelten Amor, die ihren herbeieilenden Geliebten, den Kriegsgott Mars, erwartet und in freudiger Erwartung die beiden kopulierenden Tauben streichelt. [24]

Lambert Sustris, Venus und Cupido.

Das Bild hat eine abenteuerliche Geschichte: Sustris malte es in Augsburg, wo er zahlreiche Kunden hatte, darunter die Familie Fugger. Nach dem Bankrott eines Zweigs der Familie kaufte ein Pariser Kunsthändler das Bild, und dann war es Nicolas Fouquet, der es für sein neues Schloss erwarb. Nach dem Sturz Fouquets wurde das Bild konfisziert und Teil der Gemäldesammlung Ludwigs XIV. Heute ist das Original im Louvre ausgestellt, und zwar im Saal der Mona Lisa![25] In Vaux-le-Vicomte ist eine Kopie zu sehen.

Das künstlerisch und politisch bedeutendste Element der Innendekoration waren sicherlich die Deckengemälde Le Bruns. Zunächst arbeitete er an denen in dem Appartement des Hausherrn, das aus drei Räumen besteht: dem Vorzimmer (antichambre, Salon d’Hercule), dem Zimmer (chambre/Salon des Muses) und dem Kabinett (cabinet des jeux). In ihren Deckengemälden wird der Hausherr und Auftraggeber gefeiert, und es werden die Gründe für Fouquets im Salon dargestellte Aufnahme in den Götterhimmel im Einzelnen illustriert. Aber Le Brun feiert sich hier auch selbst: Er demonstriert seine große Kunstfertigkeit als Innendekorateur im Allgemeinen und Maler im Besonderen und empfiehlt sich damit für weitere und noch höhere Aufgaben, die ja dann auch nicht lange auf sich warten ließen..

Möglich wurden die allgemein Aufsehen erregenden Deckengemälde Le Bruns durch eine neue Deckenkonstruktion. Bisher dominierten in den französischen Schlössern und Stadtpalästen die Decken à la française mit Eichenholzbalken.[26]

                                     Eichenholzdecke à la française im hôtel Sully in Paris

Die Balken waren zwar bemalt, ermöglichten aber keine großflächigen Deckengemälde.  Das änderte sich im 17. Jahrhundert unter italienischem Einfluss.  Vaux-le-Vicomte ist dafür ein prominentes Beispiel.[27]  Die entsprechenden Decken hatten jetzt in der Mitte eine große freie Fläche für ein zentrales Gemälde und waren an den Rändern leicht gewölbt, was Raum bot für kleinere, das zentrale Thema vertiefende Gemälde und Stuckelemente.

Im Vorzimmer Fouquets, dem salon d’Hercule, steht natürlich Herkules im Mittelpunkt des Deckengemäldes. Er fährt hier mit einem Wagen in den Himmel, auf dessen oberem Wagenrand die Devise Fouquets eingezeichnet ist. Félibien hat in seinem Bericht über Vaux-le-Vicomte die Notwendigkeit betont, dass die von der Architektur und der Dekoration vermittelte Botschaft auf den ersten Blick verstanden werden müsse.[28] Das scheint hier der Fall zu sein, indem die Geschichte des Herkules mit der Fouquets verknüpft ist. Und für Félibien war klar, dass hier -passend zu dem Deckengemälde des Salons- Fouquet in der Gestalt des Herkules dargestellt ist. Man könnte aber auch den König in der Person des Herkules vermuten. Der Wagen wäre in dieser Interpretation ein Symbol für Nicolas Fouquet und seine Loyalität gegenüber der Krone. „Er trägt den Herrscher und unterstützt ihn bei seinen Taten.“[29]

© Christian Gluckman

Das wohl bedeutendste der von Le Brun fertiggestellten Deckengemälde im Schloss ist das im Chambre des Muses. Dieser Raum hatte insgesamt eine besonders wertvolle Ausstattung und wurde schon vor Fertigstellung des Schlosses für herausragende Anlässe genutzt. [30]

Zentrum des zentralen Gemäldes ist die weiß gekleidete Allegorie der Treue. Emporgehoben wird sie von der Geschichtsmuse Clio,  die die Devise Fouquets -Quo non ascendet- zum Himmel trägt. Begleitet wird sie von den Allegorien der Vorsicht und der Treue – ein deutlicher Hinweis auf Fouquets königstreue Haltung zu Zeiten der Fronde. Mit dabei sind auch Minerva, geflügelt und mit Speer, die Verkörperung der Vernunft,  und, oben im Bild, auch Apoll. Er vertreibt die Feinde und Ungeheuer, die den treuen Fouquet bedrohen.[31]

Charles le Brun, Le sommeil (Cabinet des jeux)

Das kleine Cabinet de jeux ist „der intimste und fröhlichste Raum im Erdgeschoss.“[32] Im Mittelpunkt ein weiteres Meisterwerk von Le Brun, eine auf Wolken ruhende, Mohnblüten streuende Allegorie des Schlafs, umgeben von Blumen, Amouren und Eichhörnchen.   La Fontaine beendet in Songe de Vaux den diesem Salon gewidmeten Abschnitt mit den Worten: „Qu’elle est belle à mes yeux cette Nuit endormie“.[33]

Zum Schluss des Rundgangs noch ein Blick auf die Decke des chambre du Roi auf der anderen Seite des Schlosses. Hier zeigt Le Brun seine Meisterschaft nicht nur als Maler, sondern  als Innendekorateur: Die Stuckarbeiten sind von höchstem Raffinement, an Gold wird nicht gespart.[34] Fouquet drückt so seine Ehrerbietung aus und bietet sich als treuer Diener seines Herrn an.

Das zentrale Deckengemälde enthält aber auch eine Mahnung an den König: Dargestellt ist die Wahrheit, die von einer Allegorie der Zeit in den Himmel gehoben wird: Und Wahrheit bedeutet hier natürlich, dass der König nicht denen Glauben schenken soll, die Fouquet verleumden, sondern  er soll die Wahrheit, die Treue und Rechtschaffenheit Fouquets erkennen.

Ein konkreter Hinweis auf den Urheber von Verleumdungen ist eine Szene in der Deckenwölbung des Cabinet des jeux: Da wird ein Eichhörnchen, also Fouquet, von einer Natter verfolgt.[35] Und die ist das Wappentier Colberts, der dann ja wesentlichen Anteil an dem Fall seines Konkurrenten hatte….

Man sollte bei einem Besuch von Vaux-le-Vicomte nicht versäumen, auch in den Keller hinabzusteigen, in dem die Küche untergebracht war.

Küchenchef Fouquets in Vaux-le-Vicomte war François Vatel, dessen Schicksal von zwei großen und für ihn höchst fatalen Festen geprägt war: Dem legendären Fest vom 17. August 1661, von dem noch die Rede sein wird. Da Vatel nicht wusste, dass Ludwig XIV. das gesamte Personal Fouquets für sich requirierte, floh er nach England. Schließlich trat er in die Dienste des großen Condé, des Schlossherrn von Chantilly. Dort organisierte Vatel die Bewirtung des königlichen Hofes für das spektakuläre und ebenso legendäre Fest vom 23.-25. April 1671. Weil da die von ihm bestellten Fische nicht rechtzeitig eintrafen, sah er seine Ehre verletzt und verübte Selbstmord.

Und zum Abschluss des Schlossrundgangs sollte man hoch in die Kuppel steigen.

Dort kann man das noch das im ursprünglichen  Zustand erhaltene Gebälk aus Eichenholz bewundern und das ganze Anwesen überblicken: Die Wirtschaftsgebäude….

… und den Garten.

Der Garten wird dann Gegenstand des zweiten Teils dieses Beitrags über Fouquet und Vaux-le-Vicomte sein.  Abgeschlossen wird der dann mit einer Darstellung des großen Fests vom 17. August 1661 und der Umstände und Gründe von Fouquets tiefem Fall.

Literatur:

Alain Baraton, Le Jardinier de Versailles. Grasset 2006, S. 153ff

Vaux-le-Vicomte. Château & jardin. Herausgegeben von der Association Les Amis de Vaux-le-Vicomte 2022

Michael BrixDer barocke Garten. Magie und Ursprung – André Le Nôtre in Vaux-le-Vicomte. Stuttgart 2004

Bénédictine Garnier und Francoise de La Moureyre, La folle course de Charles Le Brun dans le Grand Salon de Vaux-le-Vicomte. In: Bulletin du Centre de Recherche du Château de Versailles 14/2017 https://journals.openedition.org/crcv/14530?lang=en

Christine Howald: Der Fall Nicolas Fouquet: Mäzenatentum als Mittel politischer Selbstdarstellung 1653–1661. München 2011.

Alain Mérot, Temple des Muses, Palais du Soleil: les plafonds peints par Charles Le Brun au château de Vaux-le-Vicomte. In: Les Années Fouquet. LIT 2000

Marion Müller, Représentation politique et ambition artistique. Le décor de Charles Le Brun pour la chambre des Muses au château de Vaux-le-Vicomte. Bulletin du Centre de Recherche du Château de Versailles 14/2017  https://doi.org/10.4000/crcv.14617

Marion Müller, Das Schloss als Zeichen des Aufstiegs Die Ausstattung von Vaux-le-Vicomte im Kontext repräsentativer Strategien des neuen Adels im französischen 17. Jahrhundert. Universität Heidelberg 2022 https://heiup.uni-heidelberg.de/catalog/book/819

Hanno Dampf, Die Entwicklung der Gartenanlagen von der Renaissance zum Barock. Eine Gegenüberstellung der Villa Lante und Vaux-Le-Vicomte.

Schweizer, Stefan: André le Nôtre und die Erfindung der französischen Gartenkunst, Berlin: Wagenbach 2013

Praktische Hinweise

Von Paris aus erreicht man das Schloss mit dem Transilien  Linie R nach Melun. (Erste Station des Zuges Richtung Montereau ab Gare de Lyon, 25 Minuten. Als Fahrkarte dient der Pass Navigo.

Ab Bahnhof Melun gibt es einen vorab zu buchenden Shuttle-Bus (Navette).

Fahrplan: https://media.vaux-le-vicomte.com/wp-content/uploads/2025/05/23144944/Navettes-2025-VF.pdf?_gl=1*vlo6fc*_gcl_au*ODk0OTI0NzUxLjE3NDg3MzkxMTY.

Alternative: Taxi oder Uber, was -wenn überhaupt- kaum teurer ist, bei mehr als 2 Personen sogar günstiger und schneller.

Schloss und Park sind vom 15. März bis 3. November täglich von 10-17.30 h geöffnet.

Die Springbrunnen sind nur noch während der soirées chandelles in Betrieb. Bei dieser Gelegenheit auch Feuerwerk. https://www.tourisme-seine-et-marne.fr/visiter-decouvrir/798844-soirees-chandelles-vaux-vicomte/


Anmerkungen

[1] Hohwald, Der Fall Nicolas Fouquet, S. 80. Siehe z.B. auch: https://savingcastles.com/fr/chateau-de-vaux-le-vicomte-splendeur-baroque-francaise/

Alle Bilder des Beitrags, wenn nicht anders bezeichnet, von Wolf Jöckel

20 Minuten Lesezeit

[2] https://www.ouest-france.fr/tourisme/ces-quatre-jardins-francais-font-partie-des-plus-beaux-du-monde-et-vous-pouvez-les-visiter-5c950402-36e4-11f0-bb9d-ae310489ba72

[3] « Le 17 août, à 6 heures du soir, Fouquet était le roi de France ; à 2 heures du matin, il n’était plus rien. »  https://fr.anecdotrip.com/vaux-le-vicomte-17-aout-1661-la-fete-qui-a-coute-sa-liberte-a-nicolas-fouquet-par-vinaigrette

[4] Zum Aufstieg von Nicolas Fouquet siehe: Quo Non Ascendet?. In: Christine Howald, Der Fall Nicolas Fouquet: Mäzenatentum als Mittel politischer Selbstdarstellung 1653–1661, S. 11-35  

[5] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/Robert_Nanteuil#/media/Fichier:0_Nicolas_Fouquet_-_Vaux-le-Vicomte_(2).JPG

[6] Zur Bedeutung der Szene im Hintergrund Mitte/rechts habe ich keine Informationen gefunden. Für entsprechende Hinweise wäre ich dankbar. Ich hatte dazu übrigens mal interessehalber bei Meta AI nachgefragt und da die Auskunft erhalten, „die Szene werde oft als Symbol für Macht und Reichtum interpretiert.“ Bei genauerer Nachfrage kam dann die kleinlaute Antwort: „Ich habe mich zu weit aus dem Fenster gelehnt!“

[7] Eine bedeutende Sammlung von Houdon-Büsten, darunter auch der von Jean de la Fontaine, gibt es auch in Schloss Ludwigslust. Siehe den Blog-Beitrag https://paris-blog.org/2024/10/13/fast-wie-gott-in-frankreich-ludwigslust-das-versailles-des-nordens/

[8]  https://gallica.bnf.fr/essentiels/fontaine/fouquet-brillant-protecteur s.a. https://www.pariscityvision.com/fr/paris/environs/vaux-le-vicomte/la-fontaine-fouquet

Zur Rolle Fouquets als Mäzen und der Bedeutung der Dichter und Schriftsteller für Vauix-le-Vicomte siehe im Einzelnen das Kapitel „Vaux-le-Vicomte und die Dichter“ bei Howald, S. 158ff

[9] https://www.tectona.net/fr_fr/pour-toujours-vaux-le-vicomte.html

[10] https://www.persee.fr/doc/lefab_0996-6560_1999_num_11_1_1030 

[11] Siehe dazu Howald, S. 80f

[12] Howald, S. 91

[13] Howald, S. 91

[14] Bild aus: https://www.all-free-photos.com/show/showphoto.php?idph=PI79914&lang=de  

[15] Howald, S. 84   Nachfolgendes Bild aus: https://www.moretimetotravel.com/wp-content/uploads/2014/10/4-scaled.jpeg

[16] Zit. Howald, S. 94

[17] Einen solchen Fries gibt es auch auf der Gartenseite des Schlosses.

[18] Howald, S. 99

[19] © Yann Priou / Collection du château de Vaux-le-Vicomte https://journals.openedition.org/crcv/14530?lang=en

[20] „Vaux-le-Vicomte.“ Wikipedia. Wikimedia Foundation, 09 Oct. 2014. Web. 21 Sept. 2014.

[21] Howald, S. 107

[22] Vaux-le-Vicomte, Châteu et jardin, S. 28

[23] Howald, S. 102

[24] https://de.wikipedia.org/wiki/Lambert_Sustris#/media/Datei:Lambert_Sustris_-_Venus_and_Love_-_Louvre.jpg

[25] https://collections.louvre.fr/en/ark:/53355/cl010061294

[26] Alexandre Gady, Poutres et solives peintes. Le plafond à la française. Revue de l’Art 122,1998, S9-20.

[27] Siehe Alain Mérot, Temple des Muses, Palais du Soleil: les plafonds peints par Charles Le  Brun auf château de Vaux-le-Vicomte.

[28]  https://journals.openedition.org/crcv/14617 Anm.35

[29] Howald, S. 125

[30] Im Einzelnen dazu:  Marion Müller, Représentation politique et ambition artistique. Le décor de Charles Le Brun pour la chambre des Muses au château de Vaux-le-Vicomte.  https://journals.openedition.org/crcv/14617 oder https://doi.org/10.4000/crcv.14617

[31] Howald, S. 125 und https://journals.openedition.org/crcv/14617

[32] http://www.noblesseetroyautes.com/vaux-le-vicomte-ou-livresse-des-sommets/

[33] http://pimousse.vaux.free.fr/vauxlevicomte/jeux.html

[34] Nachfolgendes Bild aus: . https://onlybyland.com/visit-vaux-le-vicomte/

[35] Howald S. 112/114

Bild des Monats Februar 2026: Das Grab von Antoine-Augustin Parmentier auf dem Père Lachaise

Der Dank für die Pommes Frites gilt Antoine-Augustin Parmentier (1737 – 1813), einem französischen Pharmazeuten und Agronom, der auf dem Friedhof Père Lachaise bestattet ist. Sein Grab wird gerne von Kartoffel-Freunden und -Freundinnen geschmückt.

Denn Parmentier hatte wesentlichen Anteil daran, die Kartoffel in Frankreich, dem klassischen Land des Getreideanbaus, zu verbreiten. Ein wesentlicher Anstoß dazu waren sicherlich die im 17. und 18. Jahrhundert häufigen Hungersnöte, vor allem die „grande famine“ von 1709, der ca 600 000 Menschen zum Opfer fielen. Sicherung und Verbreiterung der Nahrungsmittelversorgung waren eine existentielle Notwendigkeit. Dass dabei die Kartoffel eine wichtige Rolle spielen kann, erfuhr Parmentier in Theorie und dann sogar am eigenen Leibe in Deutschland. Während des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) war er, damals als Apotheker im Dienst der französischen Armee, nämlich längere Zeit in Deutschland. In Frankfurt am Main hatte er Kontakt zu dem Naturforscher Christian Friedrich Meyer, der ihm sogar seine Tochter zur Frau geben wollte, sofern er sich hier niederlassen würde. Parmentier kehrte jedoch nach Frankreich zurück. Erneut in Deutschland, lernte er dann als Kriegsgefangener in Westfalen den Kartoffelanbau auch in der Praxis kennen. Den hatte Friedrich der Große mit Hilfe seiner „Kartoffelbefehle“ schon seit 1746 in Preußen durchgesetzt. Über seine entsprechenden Erfahrungen als Kriegsgefangener schrieb Parmentier: „Während mehr als 14 Tagen waren Kartoffeln meine einzige Ernährung, aber ich fühlte mich dabei nicht ermüdet und nicht unwohl“.

Parmentier überzeugte sich von dem Potential der Kartoffel und gewann 1771 mit ihr den Preis der Akademie zu Besançon zur Untersuchung von Nahrungspflanzen, die in Zeiten einer Hungersnot genutzt werden könnten. Zur allgemeinen Akzeptanz der Kartoffel war es aber noch ein beschwerlicher Weg, den Parmentier aber mit großer Energie beschritt. Es gelang ihm sogar, Marie Antoinette und König Ludwig XVI. für die Kartoffel zu begeistern: Am Saint Louis-Feiertag 1786 überreichte er dem König in Versailles einen Strauß Kartoffelblüten. Eine steckte der König in sein Knopfloch, eine andere Marie-Antoinette in ihr hochgetürmtes Haar: Eine neue Mode war kreiert. Dazu überließ Ludwig XVI. Parmentier auf einem sandigen Militärgelände im Westen von Paris einen Acker als Versuchsfeld für den Kartoffelanbau: Die Metrostation „Les Sablons“ der Linie 1 erinnert noch daran.

Übrigens soll Ludwig XVI. Soldaten abgestellt haben, um die Kartoffelfelder von „Les Sablons“ zu „bewachen“. Er habe damit erreichen wollen, dass die Bauern die offensichtlich wertvollen Kartoffeln von den Feldern stehlen. So soll es ja vor ihm schon Friedrich der Große gemacht haben, um die Vorbehalte seiner zögerlichen Bauern zu überwinden.

Heute ist Frankreich nach Deutschland und Polen das drittgrößte „Kartoffel-Land“ der EU, und der Name Parmentier ist bekannt und populär. Ein verbreiteter Kartoffelauflauf – im Allgemeinen mit Rindfleisch – siehe Foto) ist nach ihm benannt. Manchmal, wenn bei uns „schnelle Küche“ angesagt ist, gibts auch den Kartoffelauflauf mit Ente (Parmentier de canard)….

Und wenn auf der Speisekarte potage parmentier steht, wie bei dem Petit Bouillon Pharamond in Paris, dann weiß zumindest jeder französische Gast, dass es sich um eine Kartoffelsuppe handelt.

Selbst in deutschen Supermarktregalen findet man Produkte, die an Parmentier erinnern:

Aber Parmentiers Verdienste und Tätigkeiten beschränkten sich nicht auf die Kartoffel. Er beschäftigte sich auch mit Zucker und stellte Weinsirup her, den er im ganzen Land bekannt zu machen suchte. Daran erinnert ein Relief auf seinem Grabdenkmal.

Ursprünglich war es von einem mit Kartoffeln bepflanzten Beet umgeben. Das gibt es jetzt nicht mehr. Aber dafür gibt es ja die Kartoffeln auf dem Denkmal…

Ludwig XVI. beglückwünschte übrigens Parmentier zur erfolgreichen Einführung der Kartoffel in Frankreich. Das Land werde ihm einmal dankbar dafür sein „das Brot der Armen“ erfunden zu haben. Die pommes frites wurden erst später „erfunden“, aber ohne Parmentier gäbe es sie nicht…

Das Grab Parmentiers befindet sich in division 39, allée P. Reste.

„Der größte Teppich der Welt“: Die Prunkteppiche Ludwigs XIV. für die Grande Galerie des Louvre

Während der 54 Jahre, in denen Ludwig XIV. Frankreich allein regierte, demonstrierte er seine Herrlichkeit und Macht in prachtvollen Bauten und Gärten, in aufwändigen Festen und mit einem kostspieligen Hofstaat. Das Projekt, in dem dafür völlig ungeeigneten Park von Versailles die etwa 50 großen Fontänen mit über 1400 Düsen mit ständig sprudelndem Wasser zu versorgen, wurde auf diesem Blog schon ausführlich als  größenwahnsinnige Machtdemonstration dargestellt.[1] Weniger bekannt ist ein ebenfalls gigantisches Projekt: ein monumentaler Teppich, der die gesamte Grande Galerie, die den Louvre mit den Tuilerien verbindet, bedecken sollte – insgesamt eine Fläche von fast 4000 Quadratmetern. Tatsächlich wurde er hergestellt, aber nie dort ausgelegt. Und die Grande Galerie gibt es heute nicht mehr…[2]

                                                Die Grande Galerie auf dem Turgot-Plan von 1739[3]

1668 beauftragte Colbert, der Minister des Sonnenkönigs, dessen Hofmaler, Charles Le Brun, und die Pariser Teppich-Manufaktur de la Savonnerie, einen riesigen Teppich zu Ehren des Sonnenkönigs herzustellen. Es sollte der größte Teppich der Welt werden..[4] Damals, zu Beginn der Regierungszeit Ludwigs XIV., war der Louvre als offizielle Residenz des Königs ausersehen. Die Grande Galerie sollte zu einem zeremoniellen Korridor ausgebaut werden, den jeder ausländische Botschafter auf dem Weg zu dem geplanten Thronsaal und zum Sonnenkönig zu durchschreiten hatte – hinweg über eine Folge von 93 aneinandergefügten, 9 Meter breiten Teppichen: ein durchgehender Boden von etwa 440 Metern – sechsmal so lang wie der Spiegelsaal von Versailles.

Wer auf den Teppichen über diese geradezu endlose Galerie endlich den Thronsaal erreichte, sollte die eigene Begrenztheit und die Größe des Sonnenkönigs erlebt und den königlichen Glanz mit eigenen Augen gesehen haben. [5]

Dem entsprach die Ikonografie der Teppiche. Sie sollten das Ansehen und die Macht des Königreichs und seines Herrschers demonstrieren. Dafür dienten Herrschaftssymbole, wie sie hier auf dem ersten von ca 30 erstmalig im Grand Palais ausgerollten Teppichen zu sehen sind: Krone, die königliche Lilie und -natürlich- die Sonne.

Diese Herrschaftssymbole wiederholen sich in unterschiedlichen Variationen:

Der königliche Adler durfte natürlich auch nicht fehlen:

Hier mit Schwert und einem Rammbock mit Widderkopf, der auf die vielen von Ludwig XIV. eroberten befestigten Städte hinweist.

Über der Weltkugel die Krone der Bourbonen: Ludwig XIV. als Weltenherrscher

Sein Monogramm mit den beiden Ls.

Hier ein vierfach verschlungenes Monogramm, umgeben von Musikinstrumente: Auch die Musik stand im Dienste des Sonnenkönigs.

Und natürlich platzierte Le Brun den Kopf des Sonnengotts Apoll, seines göttlichen Pendants, in den Mittelpunkt mancher Teppiche. So entstand, wie die Kuratorin der Ausstellung erläuterte, der Beiname „Sonnenkönig“ nicht in Versailles, sondern schon mit diesen grandiosen Teppichen für die Grande Galerie.[6]

Die Sonne mit Ludwigs Devise: Nec pluribus impar (Auch mehreren nicht unterlegen): Auch mit mehreren Feinden kann es, so der Anspruch, der Sonnenkönig aufnehmen… © Mobilier national – Isabelle Bideau

Die große Bedeutung dieser Teppiche zeigt sich auch daran, dass mit den Entwürfen (den cartons) der bedeutendste französische Maler dieser Zeit, Charles Le Brun, beauftragt wurde. Le Bruns Karriere konnte glanzvoller nicht sein. Zwischen 1642 und 1644 wirkte er an der Ausstattung des Hôtel Lambert auf der Île Saint-Louis mit: Er schmückte die Galerie d’Hercule aus, Vorbild für den Spiegelsaal von Versailles. Von der wohlhabenden Pariser Goldschmiede-Gilde erhielt er den ehrenvollen Auftrag, zwei der jährlich für die Kathedrale von Notre-Dame gestifteten großen Gemälde zu schaffen, die Mays von 1647 und 1651. Und dann gehörte er zu dem großen Künstlerdreigestirn Le Vau, Le Nôtre, Le Brun, das ab 1658 Fouquets Schloss Vaux-le-Vicomte baute und ausstattete und das 1661 nach dem Sturz Fouquets von Ludwig XIV. übernommen wurde. Gefördert von Colbert, dessen Schloss in Sceaux  er auch ausgemalt hatte, wurde Le Brun 1662 in den Adelsstand erhoben und zum Premier Peintre du Roi, dem höchsten offiziellen Maleramt, ernannt.  Ein Jahr später erfolgte die Ernennung zum Direkter der Manufacture Royale des Tapisseries et Meubles de la Couronne, für die er zahlreiche Entwürfe machte und deren Ausführung er dann überwachte. 

Im Hof der Manufacture des Gobelins im 13. Arrondissement von Paris steht denn auch eine Statue Le Bruns.

1668 folgte dann der große Auftrag für den Entwurf der 92 Teppiche in der Grande Galerie. Hier der 5. Teppich der Serie, der heute zu den Ausstellungsstücken des Louvre gehört[7]:

In der Mitte des 8,9 x 4,9 m großen Teppichs befindet sich die in alle vier Himmelsrichtungen bekrönte Weltkugel, ein beliebtes Motiv

Darum herum hat Le Brund zweimal die Wappen Frankreichs gruppiert -hier abgebildet mit den königlichen Lilien-  und, nachfolgend abgebildet, zweimal die Wappen Navarras.

Der nördlich des Pyrenäenkamms liegende Teil Navarras war im 16. Jahrhundert ein eigenständiges Königreich. Unter Heinrich IV. kam es dann zur Personalunion von Navarra und Frankreich, und 1620 wurden beide Königreiche vereinigt.

An den Außenseiten zwei ovale Medaillons mit reliefartigen allegorischen Darstellungen: Auf der einen Seite die Verkörperung des Sieges, auf der anderen Seite die des Ruhms, die mit ausgebreiteten Flügeln und vollen Backen die Glorie des Sonnenkönigs gleich mit zwei Trompeten in die Welt schmettert.

Und alles wird umspielt von kunstvollen Arabesken.

Le Bruns Entwurf gefiel den Auftraggebern offensichtlich so gut, dass gleich zwei Teppiche mit diesem Muster hergestellt wurden. Und es kann wohl vermutet werden, dass einer davon zu den 13 Teppichen Le Bruns gehörte, mit denen 1919 der Spiegelsaal von Versailles anlässlich der Unterzeichnung des den Ersten Weltkrieg beendenden „Friedensvertrags“ ausgelegt wurde[8]….

Dass Colbert bereit war, 20 Jahre lang enorme Summen für die Herstellung der Teppiche zur Verfügung zu stellen, hat wohl mehrere Gründe: Die schon unter Heinrich IV. initiierte Herstellung von Knüpfteppichen nach orientalischem Muster (la technique du point noué) sollte so weit perfektioniert werden, dass Frankreich im Sinne des Merkantilismus nicht mehr auf kostspielige Importe angewiesen war. Und die geplante Auslegung der Teppiche in der Grand Galerie sollte ausländischen Besuchern nicht nur den Glanz des Sonnenkönigs, sondern auch die Qualität der französischen Teppichproduktion veranschaulichen. Es kann auch davon ausgegangen werden, dass Colbert, der die enormen Kosten der Verlegung der Residenz nach Versailles scheute, durch die luxuriöse Ausstattung der Grande Galerie den König motivieren wollte, seine Residenz im Louvre nicht aufzugeben.[9] Und nicht zuletzt diente die Luxusindustrie auch der Schaffung von Arbeitsplätzen: Die Teppiche wurden zwar nicht für das Volk, aber immerhin vom Volk hergestellt….

Für den textilen Großauftrag reichte die unter Heinrich IV. im Louvre eingerichtete Werkstatt Pierre Duponts nicht aus. Die Herstellung dieser textilen Meisterwerke verlangte technische und organisatorische Lösungen, die es in dieser Form in Frankreich noch nicht gab. Den Auftrag für die Teppiche der Grande Galerie wurde deshalb an die Manufacture de la Savonnerie in Paris vergeben, benannt nach einer früheren Seifenfabrik am Ort des heutigen Palais de Tokyo. Diese Seifenfabrik wurde von Marie de Médicis zu einem Waisenhaus gemacht. Die billige Arbeitskraft der Waisenkinder zog dann zwei Tuchfabrikanten an, die 1931 ihre Manufaktur dorthin verlegten. Für die Tepichproduktion wurden dann eigens große Werkstätten eingerichtet und Webstühle von bisher unbekanntem Ausmaß gebaut. Verwendet wurde Wolle mit feinen Knüpftechniken [10] und eine breite Farbenpalette. Da war große handwerkliche und auch künstlerische Kompetenz gefragt – man denke nur an die Übertragung der Entwürfe Le Bruns auf die vielfach größeren Teppichformate…

Darstellung der Teppichherstellung und der Werkzeuge der manufacture de la Savonnerie aus der Enzyklopädie von Diderot und Alembert (1771)

Für den auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft und seines Ruhms stehenden Le Brun war der Auftrag ebenfalls eine Herausforderung: Es ging ja darum 92 Teppiche zu entwerfen, die einerseits miteinander harmonieren mussten, andererseits aber auch immer Neues, Überraschendes, Anziehendes anbieten mussten.  Natürlich konnte sich der premier peintre du roi  Le Brun da nicht mit einer Ansammlung von Herrschaftssymbolen begnügen. Der große Auftrag gab ihm Gelegenheit, sein Können und den Reichtum seiner Ideen zu präsentieren und damit Werbung für das „fabriqué en France“ zu betreiben. Die Teppiche zeichnen sich also durch eine Fülle von Formen, Farben und Motiven aus. So gibt es auch schöne Medaillons mit Landschaftsdarstellungen…

Hier wird das Medaillon von zwei Greifen, mythischen Mischwesen, gehalten. © Mobilier national – Isabelle Bideau

…. Sphingen….

…. phantastische Köpfe, im Stil der in der Architektur höchst beliebten Mascarons, wie man sie etwa vom Pont Neuf und den Fassaden der Pariser Stadtpaläste kennt.

Es gibt auch viele allegorische Darstellungen:

Diese Allegorie der Autorität entspricht genau der einflussreichen Iconologie des Cesare Ripa, der 1593 eine detaillierte Beschreibung allegorischer Darstellung vorlegte[11]: Eine Frau mit einem Zepter in der einen und einem Schlüssel in der anderen Hand. An ihrer Seite ein Buch und Trophäen. Der Teppich mit dieser Darstellung, der 70. der für die Grande Galerie vorgesehenen Teppiche, lag übrigens von 1962-1978 und von 1986 bis 2008 im Büro des französischen Staatspräsidenten im Élysée-Palast.

Es gibt auch einen Teppich mit allegorischen Darstellungen des Friedens: Eine weibliche Figur zerbricht die Waffen, eine andere repräsentiert den mit dem Frieden einhergehenden Wohlstand.

 Umgeben sind sie mit dekorativen Elementen aus Olivenzweigen, Symbolen des Friedens.

Für das Thema des Wohlstandes, des Überflusses, steht auch die Allegorie der Abondance mit ihrem Füllhorn.

Abondance, Teppich Nummer 56

Mit der Realität der Herrschaft Ludwigs XIV. haben die Darstellungen von Frieden von Wohlstand nur sehr bedingt zu tun. Denn Ruhm erlangte man ja in der absolutistischen Herrscher-Ideologie Ludwigs vor allem durch (siegreiche) Kriege. Und so waren denn auch in den 55 Jahren der Herrschaft des Sonnenkönigs Friedensjahre eher eine Ausnahme. Aber diese ständigen Kriege zerrütteten den französischen Staatshaushalt massiv und nachhaltig.  Die Saat der Revolution wurde in der Zeit des Sonnenkönigs gelegt. Und angesichts der Lebenswirklichkeit weiter Teile der französischen Bevölkerung waren die immensen Kosten der Teppiche und ihre Motive ein Hohn. Aber Le Bruns Aufgabe war ja, den Sonnenkönig zu verherrlichen, und dazu gehörten natürlich auch die wirklichkeitsfremden Allegorien des Überflusses und des Friedens.

Meist sind es Frauen, die die Allegorien verkörpern. Es können aber auch Tiere sein. Hier zum Beispiel Reiher und – geduckt unter ihm- Hase als Allegorien der Wachsamkeit (vigilance):

Wie an seiner Beinhaltung erkennbar, schläft zwar der Reiher, aber die durch die Farbe Rot hervorgehobenen Augen sind geöffnet, ebenso beim Hasen unter ihm: Wachsam nach allen Seiten…

Auch der kämpferische Hase steht für die Wachsamkeit.

Es gibt noch viele weitere Tierdarstellungen auf den Teppichen; zum Teil ganz entzückende, ob allegorisch oder einfach nur dekorativ…

Ein Elefant durfte natürlich nicht fehlen, galt er doch als Symbol königlicher Macht und Weisheit. Zu den besonderen Attraktionen der Menagerie Ludwigs XIV. im Park von Versailles gehörte ja auch ein vom portugiesischen König geschenkter Elefant, der Elefant von Versailles, der auch ein beliebtes Modell für die königlichen Maler war.

Die verbreitetsten dekorativen Elemente der Teppiche sind Blumen und Früchte.

Das konnten sogar auch eher bescheidene Blumen sein, vor allem aber natürlich Rosen.

Die prachtvollen Früchtekörbe werden den Sonnenkönig besonders erfreut haben: Der potager du roi, der königliche Obst-und Gemüsegarten am Rand des Parks von Versailles war ein Lieblingsort des Königs und La Quintinie, der oberste königliche Nutzgärtner,  ein besonders geschätzter und  geehrter Vertrauter.

Aber Blumen und Früchte sind nicht nur dekorativ: Sie kommen ja auch aus dem Füllhorn der Abondance: Wer über den Teppich der Grande Galerie schreitet, soll sehen, dass er sich in einem Land des Wohlstands und des Glücks befindet.

Ludwig XIV. war das allerdings nicht genug. Der Sonnenkönig wollte mit seinem größenwahnsinnigen Versailles-Projekt alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen. In Versailles allerdings wurden die Teppiche für die Grande Galerie nicht mehr gebraucht. Einige wurden als Staatsgeschenke verwendet, 51 während der Französischen Revolution verkauft, manche wegen ihrer royalen Hoheitssymbole von fanatischen Revolutionären zerstückelt. Napoleon kaufte zwar manche wieder zurück, aber viele gingen in dieser Zeit verloren.  Heute sind die noch bekannten Teppiche der Grande Galerie verstreut, in öffentlichen und privaten Sammlungen in Frankreich, Italien, der Schweiz, Dänemarks, Großbritanniens und den Vereinigten Staaten.

Zwei identische Teppiche. Der eine, 1668-1677 gefertigt, der andere 1688. Der zweite war als Staatsgeschenk bestimmt, blieb dann aber doch im Besitz des französischen Staates.[12]

Für die noch im Besitz des französischen Staates befindlichen Teppiche ist das Mobilier national zuständig, das ehemalige Möbellager des Hofes, das 1663 von Louis XIV. und Colbert gegründet wurde. Es kümmert sich heute um die Einrichtung der offiziellen Regierungspaläste der Republik, wie den Palais de l‘Élysée oder die Ministerien. So wurden und werden denn auch die Teppiche gelegentlich für offizielle Zwecke verwendet: Zum Beispiel wurde manchen Staatsgästen nicht der übliche einfache rote Teppich ausgerollt, sondern eben Teppiche Le Bruns. Nelson Mandela wurde 1996 bei seinem Empfang auf dem Flughafen Orly diese Ehre zuteil. Die präsidialen Räume im  Élysée-Palast waren zeitweise auch mit Le Brun-Teppichen ausgelegt und auch das Pariser Rathaus war dafür würdig genug. Manchmal wurden sie auch bei feierlichen Anlässen verwendet – so bei der Krönung Karls X. 1825 in der Kathedrale von Reims.

Anfang Februar 2026 waren ca 30 dem Mobiliar national anvertraute Teppiche gemeinsam im Grand Palais ausgestellt: Eine Weltpremiere. Aber nur eine einzige Woche lang; aus Gründen der Konservierung der empfindlichen Stücke, vor allem aber wohl wegen des prall gefüllten Kalenders des Grand Palais.

Wir waren sehr froh, diese einmalige Gelegenheit nutzen zu können und sind froh, jetzt Leserinnen und Lesern des Blogs einen Eindruck von der eindrucksvollen Präsentation zu vermitteln.


Anmerkungen

[1] Lesezeit 13 Minuten

https://paris-blog.org/2017/09/01/die-fontaenen-von-versailles-1-die-feier-des-sonnenkoenigs/

https://paris-blog.org/2019/04/01/die-fontaenen-von-versailles-2-ausdruck-absolutistischen-groessenwahns/

https://paris-blog.org/2020/05/19/der-canal-louis-xiv-und-das-aquaedukt-von-maintenon-die-fontaenen-von-versailles-teil-3/

[2] Im Einleitungsteil des Beitrags beziehe ich mich vor allem auf:  Sonja Siegenthaler, Ein gigantischer, nie ausgelegter Teppich des Sonnenkönigs wird im Grand Palais gezeigt. Kultur 04.02.2026  https://bellevue.nzz.ch/reisen-entdecken/kultur/grand-palais-zeigt-den-nie-ausgelegten-teppich-ludwigs-xiv-ld.1923464

[3] Alle Bilder des Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Frauke und Wolf Jöckel

[4] „Le plus grand tapis du monde“, wie die Ausstellungsmacher stolz verkünden. So auf einer Informationstafel am Anfang der Ausstellung. Siehe auch: https://www.rtbf.be/article/a-paris-les-exceptionnelles-tapisseries-du-roi-soleil-s-exposent-pour-la-premiere-fois-au-grand-palais-11673174

Ein Überblick über alle ausgestellten Teppiche bei: https://fr.wikipedia.org/wiki/Tapis_de_la_galerie_d%E2%80%99Apollon_et_de_la_grande_galerie_du_Louvre

[5] « L’idée était que les ambassadeurs qui visitaient Louis XIV puissent marcher pendant 442 m sur des tapis très forts en symbolique jusqu’au trône du roi, et se disent qu’il est le plus puissant monarque du monde », explique Emmanuelle Federspiel, conservatrice et co-commissaire de l’exposition. https://www.leparisien.fr/culture-loisirs/expositions/reunis-pour-la-premiere-fois-au-grand-palais-les-tapis-du-roi-soleil-brillent-enfin-plus-de-350-ans-apres-

[6] „C’est d’ailleurs de ce programme artistique que naît le surnom du Roi-Soleil,  au Louvre, et non pas à Versailles“ (Emmanuelle Federspiel, conservatrice et co-commissaire de l’exposition). https://www.leparisien.fr/culture-loisirs/expositions/reunis-pour-la-premiere-fois-au-grand-palais-les-tapis-du-roi-soleil-brillent-enfin-plus-de-350-ans-apres-01-02-2026

[7] Tapis de la Grande Galerie aux armes de France et de Navarre avec un globe au centre – Louvre site des collections  Siehe auch: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tapis_de_Savonnerie_Louis_XIV_apres_Charles_Le_Brun_pour_la_Grande_Galerie_du_Louvre.jpg und

Le Trésor retrouvé du Roi-Soleil | Grand Palais RMN | Espace Presse

[8] Nachfolgendes Bild: Gemälde von Herbert Arnould Olivier aus: Tapis de la galerie d’Apollon et de la grande galerie du Louvre — Wikipédia

[9] So eine Informationstafel der Ausstellung

[10] Im Ausstellungsbericht des Le Parisien ist von 16 000 Knoten pro Quadratzentimeter die Rede. Das wären pro Quadratmeter 16 000 000 Knoten. Besonders feine persische Seidenteppiche haben allerdings „nur“ 600 000 Knoten pro Quadratmeterhttps://www.leparisien.fr/culture-loisirs/expositions/reunis-pour-la-premiere-fois-au-grand-palais-les-tapis-du-roi-soleil-brillent-enfin-plus-de-350-ans-apres-01-02-2026-TDZIKLJ6RVCTVPPLYXWCXXSPTM.php  und https://www.kibek.de/lexikon/knuepfdichte/

Die Manufacture de la savonnerie gibt es auch heute noch, allerdings in Lodève (Herault): https://www.herault-tourisme.com/fr/fiche/patrimoine-culturel/manufacture-nationale-de-la-savonnerie-atelier-de-lodeve-lodeve_TFOPCULAR034FS00026/

[11] Siehe dazu: Alice Thaler,  Die Signatur der Iconologia des Cesare Ripa : Fragmentierung, Sampling und Ambivalenz : eine hermeneutische Studie. Basel 2018

[12] Bild aus: Tapis de la galerie d’Apollon et de la grande galerie du Louvre — Wikipédia

Weitere Blog-Beiträge zu Ludwig XIV.:

Napoleon und David, Trump und Infantino

Am 5. Dezember 2025 fand in Washington die Auslosung für die Gruppen der Fußballweltmeisterschaft 2026 statt. Da die Weltmeisterschaft in drei Ländern, den USA, Kanada und Mexiko, ausgetragen wird, waren auch die Präsidentin Mexikos und der kanadische Premierminister nach Washington gekommen, die Statistenrollen einzunehmen hatten. Im Mittelpunkt stand nämlich, wie zu erwarten, Donald Trump. Ihm wurde an diesem Tag auch ein -extra für ihn geschaffener?- Friedenspreis des Internationalen Fußballverbandes FIFA verliehen. Oder besser: Trump, der sich ja der vielen Friedensschlüsse brüstet, die er erreicht habe, verlieh sich die Auszeichnung selbst. Jedenfalls hängte er sich eigenhändig das Band, an dem die Trophäe befestigt war, um den Hals. Und Infantino lächelt in einem Akt der Selbstunterwerfung noch dazu.

Foto: (IMAGO / Schüler / IMAGO / Marc Schueler)[1]

Vielleicht dachte Trump bei seinem eigenhändigen Vorgehen vor allem an seine Frisur, die nicht Schaden nehmen sollte. Aber wie dem auch sei: Der wohl kaum so vorgesehene Akt der Selbstermächtigung/Selbstbeweihräucherung passt hervorragend zu der hochgradig narzisstischen Persönlichkeit des amerikanischen Präsidenten.[2]

Trump hat für sein Verhalten ein Vorbild, das er vielleicht sogar als ebenbürtig anerkennen würde: Napoleon Bonaparte, der sich am 4. Dezember 1804 in der Kathedrale Notre-Dame de Paris selbst zum Kaiser der Franzosen krönte.[3]

Napoleons „Hofmaler“ Jacques Louis David hat diese Szene in einer Zeichnung festgehalten, die derzeit in einer David-Ausstellung im Louvre [4] zu sehen ist:

Foto: Wolf Jöckel

Breitbeinig und in leichter Rückenlage, den rechten Fuß vorgeschoben und mit der linken Hand ein Schwert an sich haltend, setzt sich Napoleon Bonaparte mit der hoch erhobenen rechten Hand selbst die eigens für diesen Anlass angefertigte Krone auf.[5]

Der Pariser Hofjuwelir Marie-Étienne Nitot hatte die Kaierkrone nach antiken und frühmittelalterlichen Vorbildern hergestellt, sah sich Napoleon doch in der Nachfolge der römischen Kaiser und Karls des Großen. Die Krone war bis zum spektakulären Einbruch in den Louvre in der Apollo-Galerie ausgestellt, wurde deshalb auch Krone Karls des Großen/Charlemagne genannt. Allerdings haben die Diebe sie bei ihrer Flucht verloren oder weggeworfen, so dass sie nicht für die Öffentlichkeit verloren ist…  

Hinter dem bewaffneten und mit Lorbeerkranz als Held gefeierten Napoleon mit aufgeplustertem Gewand sitzt schmächtig und in sich gekehrt der Papst, als habe er mit dem Geschehen vor ihm nichts zu tun: Zwischen ihm und Napoleon gibt es keine Verbindung von Blicken und Gesten.

Allerdings war die Selbstkrönung nicht, wie es manche Napoleon-Legenden suggerieren, eine spontane Handlung, sondern vielmehr zentraler Teil eines in den historischen und internationalen Kontext eingebetteten hochsymbolischen und minutiös orchestrierten Aktes. Es ging darum, Napoleons Kaisertum einerseits als Abkehr von der Ordnung des Ancien Régimes zu darzustellen, andererseits ihm durch die Krönung aber auch einen legitimen Platz in der monarchistisch geprägten europäischen Staatenordnung zu sichern. Weiterhin ging es darum, das Kaiserreich Napoleons einerseits als Bruch mit den terroristischen Auswüchsen der Französischen Revolution zu kennzeichnen, andererseits aber auch Napoleon als Erben der Errungenschaften dieser Revolution zu feiern. Und schließlich sollte und wollte Napoleon nicht ein Kaiser von „Gottes Gnaden“ sein, andererseits aber war ihm aber auch an einem guten Verhältnis zur katholischen Kirche gelegen, mit der er ja schon 1801 ein Konkordat geschlossen hatte. Zu all dem passte die dem Papst in dem Krönungszeremoniell zugewiesene Rolle. Und dazu passte auch der Ort der Zeremonie, nämlich Notre-Dame, auch wenn die damals arg heruntergekommen war: Aber Notre-Dame bot sich als Kompromiss an zwischen dem auch in Erwägung gezogenen republikanischen Marsfeld und dem royalen Reims oder Saint-Denis mit seinen wenige Jahre zuvor zerstörten königlichen Gräbern und Gabmalen. [6]

Es ist also nicht ganz zutreffend, die Selbstkrönung Napoleons als schlichten „Akt des Größenwahns“ abzutun[7]. Für Trumps „Selbstkrönung“ gilt das aber in der Tat: Niemand, auch kein Infantino, kann ihm das Wasser und auch kein Ordensband reichen….

In dem monumentalen Gemälde (6,21 x 9,79 m), das schließlich Jacques- Louis David mit seinen Gehilfen anfertigte und das heute in der Großen Galerie des Louvre hängt, ist die zentrale Krönungsszene allerdings anders dargestellt als auf der vorbereitenden Zeichnung. Da wird nicht Napoleons Selbstkrönung gezeigt, sondern die -historisch weniger aufgeladene- Krönung von Napoleons Frau Josephine durch ihren Mann. Diese Szene sollte Ausdruck der Verbindung unterschiedlicher Elemente der französischen Geschichte sein: Josephine stammte von den Antillen, war aber bei den Parisern beliebt;  sie war Witwe eines Adligen des Ancien régime, der republikanischer General wurde, dann aber dem jacobinischen Terror zum Opfer fiel; und nicht zuletzt war Josephine Mutter zweier Kinder, die Bonaparte adoptiert hatte…. [8]

© 2018 GrandPalais RMN (musée du Louvre) / Michel Urtado [9]

Es war Napoleons Wunsch, dass David die schon gemalte Selbstkrönung Napoleons durch die Krönung Josephines ersetzte. Auf dem das Geschichtsbild der Franzosen prägenden Krönungsbild wollte Napoleon dem Papst, den er doch selbst aus Rom geholt habe, dann doch nicht nur eine Statistenrolle zuweisen. So hebt dieser zur Krönung Josephines denn auch segnend die Hand.

© 2018 GrandPalais RMN (musée du Louvre) / Michel Urtado

Vielleicht ging Napoleon ja tatsächlich die Selbsterhöhung später zu weit. Von Trump ist das allerdings kaum zu erwarten….

Karikatur von Greser und Lenz. FAZ 11.12.2025


[1] https://www.deutschlandfunk.de/menschenrechtsorganisation-reicht-beschwerde-gegen-infantino-ein-100.html

[2] Nachfolgendes Bild aus: https://www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/erniedrigendes-verhalten-friedenspreis-f%C3%BCr-trump-us-pr%C3%A4sident-h%C3%A4ngt-sich-medaille-selber-um/ar-AA1RPn0k

[3] Den Bezug stellte schon die FAZ am 8.12.2025, S. 24 her: Der Sieger, das bin ich

[4] https://www.louvre.fr/expositions-et-evenements/expositions/jacques-louis-david Bis 26. Januar 2026

[5] Nachfolgendes Bild aus https://www.wikiwand.com/de/articles/Kaiserkrone_Napoleons_I.

[6] Siehe dazu im Einzelnen: Günter Desterle Die Kaiserkrönung Napoleons Eine ästhetische und ideologische Instrumentalisierung. https://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/opus4/frontdoor/deliver/index/docId/65203/file/Oesterle_1995_Napoleon.pdf

[7] Sven-Felix Kellerhoff, Napoleons Selbsterhöhung ging ihm später selbst zu weit. In: Die Welt vom 16.12.2024

https://www.welt.de/geschichte/article254655096/Napoleon-in-Notre-Dame-Seine-Selbsterhoehung-ging-ihm-spaeter-selbst-zu-weit.html

[8] https://collections.louvre.fr/en/ark:/53355/cl010065720

[9] Nachfolgende Bildausschnitte aus: Le Couronnement de l’empereur Napoléon Ier et de l’impératrice Joséphine dans la cathédrale Notre-Dame de Paris, le 2 décembre 1804. – Louvre site des collections https://collections.louvre.fr/en/ark:/53355/cl010065720

Das Pariser Terrorismus-Museum (MMT) stellt sich vor: Eine Fotoausstellung am Gitter des Pariser Rathauses

Im Rahmen der Veranstaltungen zur Erinnerung an den 13. November 2015 werden bis zum 30. November 2025 24 große Foto- und Texttafeln am Gitter des Pariser Rathauses (rue de Rivoli) gezeigt. Im Mittelpunkt stehen dabei Gegenstände, die in besonderer Weise an die Attentate des 13. November 2015, aber auch an andere terroristische Aktionen der letzten Jahre erinnern.

Ausgerichtet wird die Ausstellung von dem Musée-mémorial du terrorisme (MMT), ein im Aufbau befindliches Museum und eine Gedenkstätte. Es gibt inzwischen eine Vorbereitungsgruppe mit dem ausgewiesenen Historiker Henri Rousso als Vorsitzendem, es gibt ein ausgearbeitetes Konzept, und es gibt schon einen Fundus von 2500 Ausstellungsstücken. Einige davon sind in dieser Ausstellung abgebildet.[1]

Sie werden unter drei thematischen Komplexen zusammengefasst: Die von Terroristen ausgeübte und von den Opfern erlittene Gewalt (la violence), der Widerstand von Gesellschaften gegen diese Gewalt (résistance) und die Art und Weise des Umgangs und der Bewältigung des zugefügten Leids durch die Opfer (résilience).

Ziele des islamistischen Terrors am 13. November waren Terrassen von Cafes und Restaurants im 10. und 11. Arrondissement von Paris, ein Fußballspiel im Stade de France in Saint-Dennis und ein Rockkonzert im Konzertsaal Bataclan. Mit offiziell 132 Todesopfern und vielen zum Teil schwer Verletzten und für ihr Leben Gezeichneten war der 13. November nach dem Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo der zweite des Jahres in Frankreich und nach dem Madrider Zuganschlag vom 11. März 2004 der zweitschwerste Terrorangriff in Europa seit 1945.[2]

Diese Umhängetasche trug ein Konzertbesucher, der das mörderische Attentat überlebte. Auf der Unterseite der Tasche gibt es noch Brandspuren, die an den 13. November 2015 erinnern.

Diese unvollendete Gitarre ist das Werk von Romain Naufle, der im 20. Arrondissement von Paris eine Werkstatt betrieb, in der er Gitarren baute und reparierte.[3] Naufle gehört zu den Opfern des Bataclan-Attentats. Die Gitarre, an der er gerade arbeitete, ist „Zeuge eines plötzlich zerbrochenen Lebens.“

Am 13. November 2015 feierte die aus Tunesien stammende Houda Saadi in dem Café/Restaurant La Belle Époque ihren 35. Geburtstag. Sie arbeitete als Serviererin in dem in der Nähe gelegenen Café des Anges. Die meisten der 21 Opfer des Anschlags waren ihre Geburtstagsgäste, darunter ihre zwei Jahre ältere Schwester Halima, Mutter zweier Kinder, während ihre beiden Brüder Khaled und Bashir verschont blieben. Vergeblich versuchten sie, ihre am Boden liegenden Schwestern am Leben zu erhalten. Diese Schiefertafel stand am 13.11.2015 an dem Café. Die „heures heureuses“ (glücklichen Stunden) kontrastieren auf bedrückende Weise mit dem, was dann geschah. Auf der Schiefertafel sind Kalaschnikow-Einschüsse der Attentäter zu sehen.

Der französische Journalist Nicolas Hénin erhielt diese Zahnbürste von Gefolgsleuten des sogenannten État islamique, die ihn 2013/2014 als Geisel gefangen hielten. Ein Stück des Griffs hatten die Terroristen abgebrochen, um eine Verwendung der Zahnbürste als Waffe zu verhindern.

Dies ist der Sicherheitsgurt des 1989 infolge eines Bombenanschlags in Afrika (Niger) abgestürzten DC-10-Flugzeugs der französischen Fluggesellschaft UTA. Ein Pariser Schwurgericht befand 1999 sechs Libyer für schuldig, das Attentat begangen zu haben. Einer davon war der stellvertretende Geheimdienstchef Libyens, ein Schwager Gaddafis. Die Angeklagten wurden in Abwesenheit verurteilt, weil Libyen sie nicht an Frankreich auslieferte. „Der ehemalige französische Präsident Nicolas Sarkozy sitzt seit Kurzem hinter Gittern, weil er von 2005 an mit den Verantwortlichen dieses Anschlags einen Verbrecherpakt geschlossen hatte“[4] – ein in der Geschichte der französischen Republik einzigartiger Vorgang. Wegen illegaler Wahlkampffinanzierung mit Geld des damaligen libyschen Machthabers Gaddafi war Sarkozy zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Vor seiner Fahrt ins Gefängnis hatte Präsident Macron seinen Vorgänger im Élysée-Palast un-gebührend verabschiedet. Am 10. 11. hat ein Berufungsgericht entschieden, dass Sarkozy bis zu der von ihm angestrengten Revision das Gefängnis verlassen darf, allerdings nicht als freier Mann, sondern mit gerichtlichen Auflagen. [4a]

Zwei Radio France -Journalisten, die am 2. November 2013 in Mali verschleppt und dann ermordet wurden, waren mit einem solchen Aufnahmegerät ausgestattet. „Es würdigt all diejenigen, die ihr Leben für die Berichterstattung einsetzen.“

Am 16. Oktober 2020 wurde der Lehrer Samuel Paty vor seiner Schule in einem Pariser Vorort auf bestialische Weise ermordet. Paty hatte in seinem Unterricht das vom Lehrplan vorgeschriebene Thema Meinungsfreiheit behandelt und dabei, auf sehr behutsame Weise, die umstrittenen Mohammed-Karikaturen der Satirezeitschrift Charlie-Hebdo verwendet: Die Veröffentlichung dieser Karikaturen war Anlass für zwei islamistische Terroristen, am 7. Januar 2015 in die Redaktionsräume der Zeitschrift einzudringen und elf Menschen zu erschießen. Dass Paty diese Karikaturen fünf Jahre danach als Unterrichtsmaterial verwendete, führte zu einer islamistisch gesteuerten Hetzkampagne und schließlich seiner Ermordung.

Die Abbildung zeigt ein von Schülern entworfenes Gesellschaftsspiel zum Thema Demokratie. Es gewann 2023 einen Preis bei dem von Kollegen Patys zu seiner Erinnerung geschaffenen Wettbewerbs: Die Schule als Ziel islamistischer Einflussnahme und Terrors, aber auch als Ort der Demokratie, der Meinungsfreiheit und des Widerstands gegen blinden, gewalttätigen Fanatismus.

Am 11. Dezember 2018 verübten islamistische Terroristen ein Attentat auf den Weihnachtsmarkt von Straßburg. Ein im Auftrag des État islamique handelnder Terrorist tötete fünf Besucher, 11 wurden verletzt. Das hier abgebildete Gemälde ist das Werk eines Überlebenden. Es veranschaulicht die Bedeutung der Kunst bei der Bewältigung traumatischer Folgen von Attentaten.

Die vielen Augen der Karnevalsmaske symbolisieren Wachsamkeit eines Mädchens, das am 14. Juli 2016, dem französischen Nationalfeiertag,  in der Menschenmenge der Promenade des Anglais in Nizza einen 19 Tonnen schweren Lastwagen auf sich und die Mutter hatte zurasen sah – „die ‚Superkraft‘ des aufmerksamen Blicks für die Umgebung hatte beide gerettet.“[5] 86 Menschen wurden aber von dem Lastwagen überrollt und getötet, mehrere hundert zum Teil schwer verletzt.

Diesen Bildteppich haben zwei Künstler geschaffen, die das Attentat in Nizza überlebten. Einer der Künstler stammt aus Chile. Abgebildet ist eine südfranzösische Landschaft, inspiriert von den arpilleras, chilenischen Stickereien, mit denen der Widerstand gegen die Diktatur Pinochets ausgedrückt wurde. . Mit ihrem gemeinsamen Werk ehren die beiden Überlebenden des Attentats die Opfer der chilenischen Militärdiktatur und des islamistischen Terrors. Und sie stellen dieser Gewalt in lebhaften Farben den in den Menschen tief verwurzelten Lebenswillen entgegen.

Dieses Graffiti in den Farben der Tricolore erinnert an den Polizisten Ahmet Merabet, der bei dem Anschlag auf Charlie Hebdo getötet wurde. Die Attentäter töteten ihn, einen praktizierenden Muslim, der bereits verletzt auf dem Gehweg lag, kaltblütig bei ihrer Flucht. Unter dem Hashtag „Je suis Ahmed“- analog zu „Je suis Charlie“- drückten viele Menschen in sozialen Netzwerken ihre Anteilnahme aus. Auch der Street-art-Künstler C 215, bekannt durch zahlreiche Portraits in den Straßen der Stadt, sehr oft auf Kabelverteilerkästen am Straßenrand,[6] hat den Polizisten gewürdigt und Passanten auf sein Schicksal aufmerksam gemacht.

Aufnahme Boulevard Richard-Lenoir, 11ième Arrondissement Juni 2025

Ahmet Merabet soll auch in dem geplanten Museum gewürdigt werden. Dessen Schicksal ist allerdings derzeit höchst ungewiss. Es wurde zwar schon viel Geld für die Vorbereitungen investiert, auch ein Standort in der Nähe des Mont Valérien war ausgewählt, ein unter Denkmalschutz stehender Schulkomplex aus den 1930-er Jahren, der auch von den Opferverbänden als ideal angesehen wurde.[7] Dann aber hat die Regierung Barnier aus Budgetgründen das Projekt getoppt. Allerdings hat es auch Bedenken gegen den Standort gegeben, werden auf dem Mont Valérien doch die Opfer der Résistance geehrt; und es gibt auch Bedenken, unter einer „Inflation der Erinnerungsorte“ könnten andere Einrichtungen leiden.

Gerade noch rechtzeitig vor den großen Gedenkveranstaltungen des 13. November wurde aber ein neuer Standort für das Museum bekannt gegeben: Der nicht genutzte Teil einer ehemaligen Kaserne im 13. Arrondissement von Paris. Es ist zwar ein Platz mit deutlich weniger Ausstrahlung als der ursprünglich vorgesehene Standort, aber auf diese Weise soll die Hälfte des geplanten Budgets eingespart werden- und immerhin können sich die Verantwortlichen damit trösten, dass das von Präsident Macron sehr unterstützte Projekt nicht beerdigt wird.

Das ist sehr zu begrüßen, weil sonst, um Gothes Faust zu zitieren, ein großer Aufwand schmählich vertan worden wäre, sondern vor allem auch, weil es sich um ein höchst bedeutsames und innovatives Vorhaben handelt. „Das MMT stellt ein intellektuell aufregendes Modell dar, das zum Teil Neuland betritt. Es wird Gerichtszeichnungen, Bekennerschreiben, Kunstobjekte, Abhörmittel und Mordwaffen sammeln, wissenschaftliche wie konservatorische, pädagogische und therapeutische Funktionen erfüllen, die Vergangenheit, aber auch die Gegenwart beleuchten.“ [8]

Spätestens 2030 soll das neue Museum eröffnet werden.[9]


Anmerkungen:

[1] Alle Fotos des Beitrags von Wolf Jöckel

Zitate ohne Beleg sind der Legende der ausgestellten Fotos übernommen.

[2] Marc Zitzmann, Weiter Blick auf den Terrorismus. Frankreichj gedenkt der Opfer der islamistischen Attentate von 2015. Ein Museum soll der Erinnerung Dauer verleihen, sein Ansatz ist international und innovativ. Doch noch ringt die Politik um Finanzierung und Standort des neuen Ausstellungshauses. In: FAZ vom 6. November 2025

[3] https://actu.fr/normandie/reveillon_61348/attentats-a-paris-un-enfant-de-reveillon-tue-au-bataclan_6598146.html

[4] Mark Zitzmann, a.a.O.

[4a] Le Parisien vom 10.11.2025 Nicolas Sarkozy incarcéré : la demande de libération acceptée, l’ex-président placé sous contrôle judiciaire

[5] Mark Zitzmann a.a.O.

[6] Siehe z.B. die Blog-Beiträge:

[7] https://www.lemonde.fr/societe/article/2025/07/30/le-musee-memorial-du-terrorisme-toujours-menace-six-ans-de-travail-plusieurs-millions-depenses-et-un-lieu-laisse-a-l-abandon_6625404_3224.html

https://www.liberation.fr/politique/musee-memorial-du-terrorisme-emmanuel-macron-maintient-finalement-le-projet-sur-le-mont-valerien-20250107_XUUMOABBMNFRZEUNP2WAGKSFYY/

[8] Marc Zitzmann, a.a.O.

[9] 5. November:  https://www.lefigaro.fr/culture/le-musee-memorial-du-terrorisme-finalement-situe-dans-une-ancienne-caserne-de-paris-20251106  und https://www.telerama.fr/debats-reportages/le-musee-memorial-du-terrorisme-ouvrira-bien-a-paris-a-l-horizon-2030-7028153.php

Drancy,  das „Vorzimmer des Todes“: Durchgangslager auf dem Weg nach Auschwitz

Annette Kracjer war zwölf Jahre, als sie nach Drancy gebracht wurde. Wenige Tage zuvor hatte man sie brutal von ihrer Mutter getrennt. „Ich hatte den Eindruck in die Hölle zu kommen, die Eisengitter, der schwarze Boden, nirgends Grün, und an den Fenstern …, an diesen Doppelfenstern, wie sie heute noch da sind, diese Masse von Menschen, die uns Ankommende beobachteten.“ Philippe Allouche, Direktor der Stiftung „Mémorial de la Shoah“, ergänzt: „Dieses Gebäude, das war das „Vorzimmer des Todes“.[1]

Dieses Gebäude: Das ist die cité de la Muette, in den 1930-er Jahren ein Pilotprojekt des sozialen Wohnungsbaus in der von ökonomischen und sozialen Umwälzungen gebeutelten nördlichen Banlieue von Paris. Zu dem Projekt gehörten 10 zwei- bis dreistöckige Wohnhäuser, 5 Hochhäuser mit 14 Etagen und ein großer „cour d’entrée“ genannter Platz mit einer hufeisenförmigen Randbebauung: ein damals revolutionäres Konzept, nicht nur wegen der Größe und der Hochhäuser, sondern auch wegen des Baus mit vorgefertigten Teilen. Die Bauarbeiten ziehen sich wegen der Wirtschaftskrise der 1930-er Jahre hin und am Beginn des Zweiten Weltkriegs waren die Wohnungen des Hufeisens noch nicht fertiggestellt. Elektrische und sanitäre Installationen fehlten noch.

Mit Kriegsbeginn wird die Cité de la Muette, auch wenn die hufeisenförmige Anlage noch nicht fertiggestellt ist, von der republikanischen Regierung Daladier als Internierungslager verwendet: Sie bietet dafür beste Voraussetzungen: Es gibt einen großen freien Platz und eine geschlossene Randbebauung von 200 Meter Länge und 40 Meter Breite, so dass nur eine Schmalseite mit Zaun, Stacheldraht und ggf. Wachtürmen geschlossen werden muss. Interniert werden dort Kommunisten, die aufgrund des Hitler-Stalin-Pakts als potentielle 7. Kolonne und damit Gefahr für die innere Sicherheit angesehen werden. [2]

Nach dem Waffenstillstand mit Frankreich wird das Lager von der Wehrmacht requiriert. Erst werden französische Kriegsgefangene dort provisorisch untergebracht, bevor sie auf Gefangenenlager in Deutschland verteilt werden, dann Briten.

Das Internierungslager für Juden

Im August 1941 wird Drancy zum Internierungslager für Juden: Nach dem Angriff auf die Sowjetunion und dem Bruch des Hitler-Stalin-Pakts setzt der kommunistische Widerstand ein. Für die Nazis war klar: Widerstand=Kommunisten= Juden. Am 20. August findet eine große Razzia im 11. Arrondissement von Paris statt. 4230 Juden, vor allem mit ausländischer Staatsbürgerschaft, werden verhaftet und nach Drancy gebracht, das darauf völlig unvorbereitet ist. Es fehlt an allem, es gibt Krankheiten und -zum ersten Mal wieder in Frankreich seit dem Ancien Régime- Hungertote. Man spricht auch von Drancy-la-Faim, dem Lager des Hungers. [1a] Die Lage ist so katastrophal, dass Anfang November das deutsche Militärkommando entscheidet, tausend Häftlinge zu entlassen. Die verbleibenden Häftlinge dürfen nun Päckchen erhalten, das französische Rote Kreuz ist vor Ort. Die Situation im Lager ist und bleibt trotzdem extrem schwierig. Da gibt es das Problem der ethnischen, sozialen und kulturellen Unterschiede der Häftlinge: Es gibt französische Juden mit hoher Bildung und aus gehobenen sozialen Verhältnissen. Überwiegend stammen die Häftlinge aber aus Osteuropa, ihr kultureller Hintergrund ist yiddisch, ihre Beherrschung der französischen Sprache oft nur mangelhaft. Die Gruppen sind auch in unterschiedlichen Partien des Lagers untergebracht: die einen ironisch „Champs-Élysées“ genannten Bereich, die anderen in „Belleville“ oder „Saint-Paul“, benannt nach eher proletarischen Pariser Vierteln mit starker jüdischer Präsenz. Und es gibt eine Tendenz bei den Bewohnern der „Champs-Élysées“, sich von den als lärmend, schnorrend, undiszipliniert und abscheulich angesehenen anderen abzugrenzen. Durch die Möglichkeit, Päckchen zu empfangen, werden die Gegensätze auch noch deutlicher und größer. [3]

Durchsuchung von Päckchen [4]

Die im Lager eintreffenden Päckchen sind auch Grundlage eines blühenden Schwarzmarkts im Lager. Am 16. Oktober 1941 titelt die Zeitung France-Soir: „Gibt es einen Skandal in Drancy? Im Konzentrationslager bei Paris werden alle Schwarzmarkt-Rekorde gebrochen.“ Das liegt auf der Linie der antisemitischen Propaganda der Nazis und Vichys. Außen vor bleibt dabei natürlich, dass es auch für die Eingangskontrolle der Päckchen zuständige Gendarmen gibt, die den Schwarzmarkt beliefern und davon profitieren. [5]

Und nicht zuletzt schwebt über den Lagerinsassen das Damokles-Schwert der Repressalien: Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion gibt es zunehmend im Raum Paris Attentate auf deutsche Militärangehörige. Sie werden mit der Erschießung oder der Deportation zur Zwangsarbeit von Geiseln beantwortet, die vor allem unter den kommunistischen Internierten des Lagers ausgewählt wurden.[6]

Drancy August 1941

Das Transitlager

Eine entscheidende neue Etappe des Lagers beginnt mit der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942. Drancy spielt nun eine entscheidende Rolle bei der dort beschlossenen sogenannten „Endlösung der Juidenfrage“. Am 16./17. Juli 1942 findet in Paris und dem umliegenden Département de la Seine die große Vel d’Hiv-Razzia statt: Fast 13 000 Juden, zum ersten Mal auch Frauen und Kinder, werden verhaftet.  Drancy wird nun zum Transitlager, dem Sammelpunkt auf dem Weg in die Vernichtungslager.

Ankunft jüdischer Häftlinge in Drancy 1942 [7]

Aus;: Drancy, Zeichnungen von Internierten. Juli 1942.  Ausstellung L‘Art en guerre. Musée d’Art moderne de Paris 2012 Foto: Wolf Jöckel.

Auf Wunsch der Vichy-Regierung werden, anders als zunächst vorgesehen, auch die Kinder deportiert. Im Mai 1943 übernimmt Alois Brunner, der Abgesandte Eichmanns, das Kommando in Drancy.  Er reorganisiert das Lager, steigert noch einmal die Effizienz der Jagd auf Juden, wobei er sich auch skrupellos der Mitwirkung von Juden bedient, und den Rhythmus der Todestransporte. Selbst nach der Landung der Alliierten in der Normandie verlassen noch Konvois nach Auschwitz das Lager: Als der „Endsieg“ selbst für die Verblendetsten kaum noch zu erwarten war, wurde noch umso fanatischer an der „Endlösung“ gearbeitet…

Der Zug der zur Deportation Bestimmten zu den Bussen, die sie zu dem im Bahnhof wartenden Convoi brachten.  Zeitgenössische Zeichnung. Foto Wolf Jöckel. Aus einer Ausstellung zum 80. Jahrestag des Vel d’Hiv Pogroms 2022 am Mémorial de la Shoah in Paris

Die Convois/Züge nach Auschwitz fuhren zunächst vom Bahnhof Le Bourget ab, dann von dem noch näher gelegenen Bahnhof Bobigny, der seit 2023 Erinnerungsort an die Deportation von Juden nach Auschwitz ist.

„Meine Liebste. Hier sind wir auf dem Weg nach X. Ich habe keine Ahnung. Alle möglichen Vermutungen machen die Runde , Deutschland, Polen ebenso wie die Pyrenäen. Wir werden sehen… Es kann sehr lange dauern. Aber wir werden zurückkommen. Ich fürchte nur eines, nämlich dass es euch geht wie uns“. 27. März 1942.  Ein Zettel, der aus dem ersten Konvoi  Drancy-Auschwitz geworfen wurde.  (Briefe aus Drancy)

Für 80% der aus Frankreich deportierten Juden war Drancy das Durchgangslager, vor allem für die aus Paris und Umgebung, insgesamt 63 000. Die meisten davon wurden unmittelbar nach ihrer Ankunft in Auschwitz ermordet.[11]

Ausländische Juden, auch viele Deutsche, die in Frankreich Zuflucht gesucht hatten, gehörten zu den ersten Internierten und Deportierten. Stolpersteine in Frankfurt

2009 wurden bei Renovierungsarbeiten in den  Sozialwohnungen der cité de la Muette an den  Wänden Graffiti von Häftlingen entdeckt, die 2012 im Mémorial de la Shoah Graffiti von Drancy ausgestellt wurden.[6]

„Auf die gekalkten Wände der Zimmer hatten wir Inschriften geritzt“.[7] Sarah Lichtsztejn-Montard – Convoi n° 75 du 30 mai 1944

       Mart Spindel, eingeliefert in Drancy am 27.3.1944, deportiert am 23.4.1944  

Martin Spindel wurde am 6. Oktober 1930 in Vienne (Isère) geboren. 1944 verhaftet, wurde er in Drancy interniert und am 23. April 1944 –zusammen mit den Kindern von Izieu- im Konvoi Nr. 71 nach Auschwitz –Birkenau gebracht. Informationen über das weitere Schicksal des 13-jährigen Jungen gibt es nicht. Das Foto wurde zuerst von Serge Klarsfeld in seinem Buch „Le mémorial des enfants juifs déportés de France. La Shoah en France“ Paris 2001 veröffentlicht und danach auch auf dem Cover des Buchs über die Graffiti des Lagers.

Max Lévy, Fernand Bloch und Eliane Haas,  eingeliefert in Drancy am 27.7.1944, deportiert am 27.7.1944  je reviens (ich komme zurück)  Fernand (Foto Wolf Jöckel 1919 Graffiti-Ausstellung Drancy)

Eliane Haas wurde am 4. August in Auschwitz ermordet, über das weitere Schicksal von Max Lévy gibt es keine weiteren Informationen.

Fernand Bloch wurde am 18. Juli 1944 von der faschistischen „Parti Populaire Français“ verhaftet und über Drancy nach Auschwitz deportiert. 1945 nach Dachau und Österreich verlegt, wurde er am 1. Mai 1945 von der amerikanischen Armee befreit und konnte nach Hause zurückkehren. Im Gegensatz zu den meisten seiner Schicksalsgenossen hat sich bei ihm die Hoffnung zurückkehren zu können erfüllt.

    Ein Graffiti aus dem Lager Drancy. Foto Wolf Jöckel 2019 im Mémorial de Drancy

Am 18. August 1944 wurde das Lager von Soldaten der Forces françaises de l’intérieur (FFI)  und dem amerikanischen Roten Kreuz befreit. 1380 Menschen  wurden dort noch angetroffen. Alois Brunner hatte sich gerade noch rechtzeitig, einen Tag vorher,  mit jüdischen Häftlingen, die als potentielle Geiseln dienen sollten, abgesetzt. Er wurde niemals verhaftet und zur Rechenschaft gezogen.  Im Syrien Assads soll er mit prominenter deutscher Unterstützung Unterschlupf gefunden haben und dort auch gestorben sein.[4]

Schon wenige Wochen nach der Befreiung diente Drancy zeitweise weiter als Internierungslager,  als „centre de séjour surveillé“ für tatsächliche und angebliche Kollaborateure, darunter u.a. der Regisseur Sacha Guitry und -jedenfalls für kurze Zeit- die Schauspielerin Arletty. Im Oktober 1944 waren mehr als 5000 Verdächtige in dem völlig überfüllten Lager zusammengepfercht. Im September 1945 wurde das Lager aufgelöst und die Cité de la Muette wieder zu dem gemacht, wofür sie ursprünglich geplant worden war: zu einem Projekt des sozialen Wohnungsbaus (HLM).

Foto: Wolf Jöckel

Drancy, un lieu de mémoire/ein Erinnerungsort

Foto: Wolf Jöckel

In der Cité de la Muette angebrachte Marmortafeln, die an die Verwendung des Lagers 1940 als Gefangenenlager für britische und französische Soldaten erinnern und von 1941-1944 an seine Bestimmung als Internierungslager und als Durchgangslager für die Transporte von Juden in die Vernichtungslager.

Erinnerungstafel auf dem ehemaligen Lagergelände: „Die Französische Republik ehrt die Opfer der rassistischen und antisemitischen Verfolgungen und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit, begangen unter der Autorität der sogenannten Regierung des État français“ (d.h. Vichys).

Es waren zwar die deutschen Besatzer, die in Drancy das Sagen hatte: Sie waren dafür verantwortlich, wer hier interniert, als Geisel ausgewählt und wer deportiert wurde. Aber der französische Polizeipräfekt hatte die Verantwortung für das Lager, die Gendarmerie sorgte für die Bewachung und die innere Ordnung, das Département de la Seine für die Versorgung.

Bald nachdem 2009 unser neuer Lebensabschnitt in Paris begann, fuhr ich nach Drancy- hatte doch Serge Klarsfeld 2004  festgestellt,  Drancy sei der in der ganzen Welt bekannteste Erinnerungsort der Shoah in Frankreich. Verabredet war ich dort mit dem aus Tunesien stammenden Raphaël Chemouni, „Président du  Conservatoire historique du Camp de Drancy“.

Hier stehen wir, bei einem Wiedersehen im April 2019 vor der Wand mit den plaques  commémoratives.

Herr Chemouni erklärte, dass auf der ursprünglichen, Anfang der 1950-er Jahre angebrachten mittleren Tafel,  noch nicht angegeben war, dass es sich bei den Insassen des Lagers und den Deportierten um Juden handelte. Das sei von der damaligen kommunistischen Stadtverwaltung bewusst ausgelassen worden. Man entsprach damit der dominierenden staatssozialistischen Lesart der „Opfer des Faschismus“. [12]

Er führte mich zu dem von Shelomo Selinger entworfenen monumentalen Mahnmal, das 1976 am Eingang des ehemaligen Lagers errichtet wurde.[13]

Fotos: Wolf Jöckel

„Am 20. August 1941 wurden 5000 Juden in Paris verhaftet und hier zusammengeführt. So entstand das Lager von Drancy, das Vorzimmer der Todeslager“.

Er zeigte mir auch den 1980 dort aufgestellten Eisenbahnwagen. Solche Wagons wurden für die Konvois von Le Bourget bzw. Bobigny nach Auschwitz benutzt.

Diese Wagen waren für 8 Pferde oder 40 Menschen bestimmt- bei den Auschwitz-Transporten waren es eher doppelt so viele.

Zur Verfügung gestellt wurden die Wagons von der französischen Staatsbahn, auch die Zugführer bis zur deutschen Grenze waren SNCF-Angehörige.

Im Erdgeschoss der cité de la Muette gab es einen kleinen, schäbigen Raum mit ein paar Tafeln über die Geschichte des Lagers, über das auch ein Kurzfilm informierte. Es war Herrn Chemouni offensichtlich unangenehm, dass alles hier so unsäglich trist und heruntergekommen war. Aber immerhin: Jetzt könne man sich hier noch aufhalten, abends sei das überhaupt nicht mehr möglich: Da werde die Szene von Drogendealern beherrscht.  Aber dann zeigte er auf eine große Baustelle gegenüber: Ein mehrstöckiger Rohbau. Dort werde eine Zweigstelle des Mémorial de la Shoah einziehen und dann werde alles besser. 

Im Oktober 2012 wurde die neue Dependence eröffnet. Ein imposantes Gebäude mit einer Glasfront, so dass man immer einen Blick auf das ehemalige Lager und die Gedenkstätte hat. Und eine sehr modern gestaltete interaktive Ausstellung mit vielen Zugriffsmöglichkeiten auf Zeitzeugenberichte.

Plakat zum Mémorial von Drancy: Paris-Drancy 12km; Drancy-Auschwitz 1220 km Foto: Wolf Jöckel Oktober 2018

Bei unserem Besuch der neu eröffneten Erinnerungsstätte hatten wir das große Glück, zwei ehemalige Lagerinsassen zu treffen, die versucht hatten, mit Hilfe eines Tunnels der Deportation zu entgehen.  Die beiden, Serge Bouder und Roger Handschuh, gehörten zu den 70 Internierten, die in drei Schichten mit primitivsten Werkzeugen, z.B. Suppenlöffeln, den Tunnel in die Freiheit gruben.

Unter dieser Allee verlief in 1,3 Metern Tiefe der Fluchttunnel des Lagers Drancy. 70 Internierte arbeiteten Tag und Nacht an  seiner Fertigstellung. Begonnen im September 1943 und 36 Meter lang, wurde er im November 1943 von den Nazis entdeckt und niemals fertiggestellt. Es fehlten drei Meter, um die Freiheit zu erreichen.

Fotos: Wolf Jöckel

Nach der Entdeckung des Tunnels wurden Bouder und Handschuh in einem der Viehwagons deportiert, konnten allerdings bei einem nächtlichen Stopp des Transports durch eine Luke des Wagons entkommen.

Zu Fuß liefen sie etwa 50 km nach Paris zurück, wo sie Freunde/Genossen hatten, bei denen sie Unterschlupf fanden und mit denen sie im Widerstand arbeiteten. Eine faszinierende, abenteuerliche und inzwischen auch unter dem Titel „Les évadés de Drancy“ verfilmte Geschichte.[14]

Im Sommer 2022 wurden am Zaun des jardin du Luxembourg Portraits von Überlebenden des Holocaust ausgestellt, Teil des Projekts Lest we forget/Gegen das Vergessen des deutsch-italienischen Fotografen Luigi Toscano. Eines der Portraits zeigt den inzwischen verstorbenen Henri Zajdenwerger.

Aufgenommen am Zaun des jardin du Luxembourg. Juli 2022. Wolf Jöckel

Der 14-jährige Henri wurde 1942 bei einer Razzia in Angoulême verhaftet, aber als Franzose wieder freigelassen. Am 7. Februar 1944 wurde er erneut verhaftet und im Mai 1944 nach Drancy überstellt, wo er 8 Tage blieb. Am 15. Mai 1944 wurde er mit dem Konvoi 73 in die baltischen Staaten deportiert. Es war der einzige Konvoi, der nicht Auschwitz als Bestimmungsort hatte.  Von den 878 Männern des Konvois überlebten nur 22.  2022 war Henri Zajdenwerger der Einzige von ihnen, der noch lebte und seine Geschichte erzählen konnte. Am 20. Mai 2024 ist er in Paris gestorben. [15]

Praktische Hinweise

110-112, avenue Jean-Jaurès 93700 Drancy

Geöffnet von Sonntag bis Donnerstag 10-18 Uhr. Freier Eintritt

Mit öffentlichen Verkehrsmitteln: Metro 5 bis Station Bobigny Pablo Picasso, dann mit Bus 251 bis Place du 19 mars 1962

oder: RER B bis Le Bourget, dann Bus 143 bis Square de la Libération

Informationen über Tage, an denen das Mémorial geschlossen ist, auf der Website des Mémorial: https://drancy.memorialdelashoah.org/

An einem Sonntag im Monat gibt es um 13 Uhr einen kostenlosen Bus vom Pariser Mémorial de la Shoah nach Drancy und zurück. Nähere Informationen auf der Website https://drancy.memorialdelashoah.org/

Literatur

Jacques Fredj, Drancy, un camp d’internement aux portes de Paris. 2015. Éditions Privat 2015

Maurice Rajsfus,  Drancy, un camp de concentration très ordinaire. Aus: Chroniques allemandes 12/2008, S.185-191  https://www.persee.fr/doc/chral_1167-4733_2008_num_12_1_888

Annette  Wieviorka, Michel Laffitte, À l’intérieur du camp de Drancy. Paris 2015

Annette  Wieviorka, Drancy. In: Les lieux de l’histoire de France. Sous la direction de Olivier Wieviorka et Michel Winock. Paris 2019

Collectiv, Les Graffiti du Camp de Drancy. Des noms sur les murs  / sous la direction de Mélanie Curdy, Denis Peschanski, Benoît Pouvreau, Thierry Zimmer. Belgique : Snoeck Publishers, 2014   

Antoine Sabbagh, Denis Peschanski, Lettres de Drancy. Tallandier 2019

Anmerkungen

[1] https://www.deutschlandfunk.de/vorzimmer-zur-hoelle-100.html  Von Ursula Welter | 22.09.2012

Titelbild aus: Drancy, Zeichnungen von Internierten vom Juli 1942.  Ausstellung L‘Art en guerre. Musée d’Art moderne de Paris 2012 Foto: Wolf Jöckel.

[1a] Wieviorka/Laffitte, À’intérieur du camp de Drancy, S. 57

[2] De septembre 1939 à juin 1940, il sert au Gouvernement français de lieu de détention pour les communistes. Le fichier de Drancy. Archives Agence 11. Januar 2022 https://blogs.icrc.org/cross-files/fr/le-fichier-de-drancy/ Entsprechend: Lieu de détention des communistes au cours de la Drôle de guerre, de septembre 1939 à mai 1940  https://museedelaresistanceenligne.org/media4330-La-camp-de-Drancy Es ist aber bemerkenswert, dass in vielen der von mir konsultierten Darstellungen diese erste Phase des Internierungslagers Drancy nicht erwähnt wird. (z.B. Wieviorka, Drancy; https://de.wikipedia.org/wiki/Sammellager_Drancy; https://www.paris.fr/pages/le-memorial-de-drancy-lieu-de-memoire-de-la-deportation-des-juifs-15426 : La cité de la Muette a été utilisée comme camp d’internement de 1941 à 1944.)

Nachfolgendes Bild aus: https://www.paris.fr/pages/le-memorial-de-drancy-lieu-de-memoire-de-la-deportation-des-juifs-15426

[3] Wieviorka/Laffitte, À’intérieur du camp de Drancy, S. 81f

[4] Aus: Drancy, Zeichnungen von Internierten. Juli 1942.  Ausstellung L‘Art en guerre. Musée d’Art moderne de Paris 2012 Foto: Wolf Jöckel.

[5] Wieviorka/Laffitte, À’intérieur du camp de Drancy, S. 75f

[6] Zur Geschichte des Lagers siehe im Einzelnen: Annette Wieviorka, Drancy

Nachfolgendes Foto: https://museedelaresistanceenligne.org/musee/mediatheque/mediatheque.php?r_texte=Drancy&r_Tri=1

[7] Zum weiteren Schicksal Brunners siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Alois_Brunner

[5] Wieviorka, Drancy, S. 568

[9] Der Fond der Zeichnungen kann eingesehen  werden unter: https://www.siv.archives-nationales.culture.gouv.fr/siv/rechercheconsultation/consultation/ir/consultationIR.action?irId=FRAN_IR_053857&details=true&gotoArchivesNums=false&udId=root&auSeinIR=true

[10] https://garedeportation.bobigny.fr/en/107/lannonce-du-depart-etles-derniers-jours-adrancy.htm   sur les murs des chambrées badigeonnés à la chaux, nous avions gravé des inscriptions

[11] https://www.paris.fr/pages/le-memorial-de-drancy-lieu-de-memoire-de-la-deportation-des-juifs-15426

[12] Ein aktuelles Beispiel dafür ist auch „der weite  Weg“ des 2024 ins Deutsche übersetzten „Berichts aus dem Land namens Auschwitz“, „Kaltes Krematorium“ von Jozsef Debreczeni. Siehe FAZ vom 24.1.2025

[13] https://www.paris.fr/pages/le-memorial-de-drancy-lieu-de-memoire-de-la-deportation-des-juifs-15426

[14] https://www.fondationshoah.org/memoire/les-evades-de-drancy-de-nicolas-levy-beff

[15] Weitere Informationen zu Henri Zajdenwerger: Lest We Forget 

Interview mit ihm: https://www.dailymotion.com/video/x866lg4 (Leider mit zwischengeschalteter Werbung)

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Die Statuen der Nationalheldin und Nationalheiligen Jeanne d’Arc in Paris

Im Frühjahr 2025 fand in den Archives Nationales in Paris eine Ausstellung statt, in der die erste bildliche Darstellung der Jeanne d’Arc zu sehen war: Eine kleine Zeichnung, angefertigt am 10. Mai 1429, als sich in Paris die Nachricht von der Niederlage der Engländer bei Orleans verbreitete. Sie befindet sich am Rand des Régistre du conseil, des Protokolls des Parlaments von Paris: Der Protokollant, Clément de Fauquembergue, hat Jeanne d’Arc nie gesehen und stellte sie so dar, wie er sie sich aufgrund der umlaufenden Berichte vorstellte und wie sie bis heute unser Bild von Jeanne d’Arc geprägt haben.

Diese Ausstellung hat mich angeregt, mir einmal gezielt die Pariser Statuen der Nationalheldin und Nationalheiligen Jeanne d’Arc anzusehen, sie in ihren historischen Kontext einzuordnen und in ihren unterschiedlichen Darstellungsformen besser zu verstehen.

Das Andenken an Jeanne d’Arc ist nicht neutral: Es ist „Ausdruck der geistigen Konflikte, welche die französische Gesellschaft seit Beginn der Moderne gespalten haben.“ Über nahezu 50 Jahre stritten sich die Linke und die Rechte in Frankreich um sie. [1] Für die Linken war sie eine “Bannerträgerin des antiklerikalen Republikanismus“; aber auch der nationale Katholizismus entdeckte Jeanne d’Arc als Kultfigur. Und die extreme Rechte beanspruchte sie als Ahnherrin und versammelte sich einmal im Jahr vor ihrem Reiterstandbild auf der place des Pyramides in Paris.

Jeanne d’Arc war damit gleichzeitig republikanische Nationalheldin und katholische Nationalheilige, und in der Erinnerung an die „Heilige des Vaterlandes“ konnte sich das republikanische mit dem katholischen Frankreich aussöhnen. Es gibt jedenfalls keine andere historisch belegte Frauengestalt, die noch nahezu 600 Jahre nach ihrem Tod im kulturellen Gedächtnis der Franzosen so lebendig geblieben ist. Dem entsprechend ist auch keine andere Person, erst recht keine Frau, derart oft im öffentlichen Raum von Paris präsent: Es gibt hier insgesamt 7 Jeanne d’Arc – Statuen -wozu noch viele andere in Kirchen kommen.

Nachfolgend möchte ich einige dieser Statuen vorstellen: Sie geben einen Einblick in die Geschichte des Mythos der Jeanne d’Arc, aber auch in den Zusammenhang dieses Mythos mit der Sozialgeschichte und der politischen Geschichte Frankreichs.

Beginnen möchte ich mit einem Standbild der betenden Jeanne d’Arc vor der Kirche Saint Honoré-d’Eylau (16. Arrondissement). Es handelt sich um die Kopie eines Werks der Marie d’Orléans (1813-1839). Marie d’Orléans war eine Tochter des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe. Bevor sie durch ihre Heirat Herzogin von Württemberg wurde, betätigte sie sich, Schülerin des romantischen Malers Ari Scheffer, als Bildhauerin. Besonders intensiv beschäftigte sie sich mit der Gestalt der Jeanne d’Arc: In Versailles gibt es die Marmorstatue einer betenden Jeanne, von der zahlreiche Kopien angefertigt wurden. Eine davon steht vor der Kirche Saint Honoré-d’Eylau in Paris.

Es ist das anrührende Bild eines im Gebet versunkenen jungen Mädchens. Es tragt zwar Rüstung und ein Schwert in ihren Händen, aber es ist nichts Martialisches an ihr. Dazu passt auch eine weitere Jeanne d’Arc- Skulptur der Marie d’Orléans: Das im Musée des beaux-arts Lyon ausgestellte Standbild der reitenden Jeanne d’Arc, weinend angesichts der verwundeten Engländer: Jeanne d’Arc ist zwar eine Kämpferin, aber sie hat auch Gefühle: Sie bekämpft die Engländer, sieht aber auch das Leid. Sie ist demütig, senkt ihr Haupt vor den Opfern und vor Gott.[2]

Aus der Zeit vor 1871 stammt auch die Jeanne d’Arc-Statue von François Rude. Rude wurde berühmt durch das  Marseillaise genannte Relief am Arc de Triomphe, das den Auszug der Freiwilligen 1792 darstellt und verherrlicht. Die von ihm geschaffene Jeanne d’Arc-Statue gehörte zu der Galerie bedeutender Frauen, die im Jardin du Luxembourg aufgestellt sind. Um sie allerdings vor den Witterungseinflüssen zu schützen, wurde sie 1872 ins Louvre überführt und durch eine andere Statue ersetzt. [3]

Rude hat Jeanne als einfaches Mädchen dargestellt. Sie kommt vom Feld oder Garten und trägt in der linken Hand das, was sie dort gesammelt hat. Die andere Hand hat sie ans Ohr gelegt: Sie hört die Stimmen, die zu ihr sprechen. So steht sie zögernd da zwischen Erde und Himmel- drei Jahre soll es ja gedauert haben, bis sie sich entschloss, ihren Stimmen zu folgen. Auf den Boden hat Rude aber schon eine Rüstung gestellt, die auf ihre Bestimmung verweist.

Ganz anders die vier Standbilder, die zwischen 1871 und 1914, dem „goldenen Zeitalter“ der städtischen Skulptur, in Paris errichtet wurden. Insgesamt wurden in diesen Jahren etwa 150 Skulpturen in Paris aufgestellt, die fast ausschließlich „großen Männern“  gewidmet waren. Nur acht stellen bedeutende Frauen dar, vier davon Jeanne d’Arc. Die vier anderen Frauen-Skulpturen  waren in dem zurückgezogenen Bereich öffentlicher Gärten und Grünanlagen aufgestellt – wie etwa die Skulptur der Marguerite Boucicaut, der Besitzerin des Kaufhauses Bon Marché. Drei der Jeanne d’Arc- Skulpturen dagegen befinden sich an prononcierten Stellen: Plätzen (place des Pyramides) oder Verkehrsadern (Saint-Augustin, Saint-Marcel). Und dass gleich vier Standbilder der Jeanne d’Arc aufgestellt werden, zeigt ihre Bedeutung als Verkörperung des Patriotismus und der nationalen Einheit nach der Niederlage von 1871 und dem Verlust des Elsass und eines Teils von Lothringen.[4]

Jeanne d’Arc, Place des Pyramides

Das Standbild auf der place des pyramides ist das erste überhaupt, das in Paris nach dem verlorenen Krieg von 1870/71 errichtet wurde, und zwar 1874. Der Standort ist in dreifacher Hinsicht bedeutsam:

  • Er liegt nahe an der Stelle, an der Jeanne d’Arc bei ihrem gescheiterten Versuch Paris zu erobern, verwundet wurde, was ihren Kampfeswillen aber nicht brechen konnte.
  • Der Platzname erinnert an die -von Bonaparte publikumswirksam entsprechend benannte- Schlacht bei den Pyramiden, die den Franzosen 1798 den Weg nach Kairo öffnete
  • Der Platz selbst liegt an der noblen rue de Rivoli, benannt nach dem Ort eines weiteren Sieges Bonapartes 1797 gegen die Österreicher. Die Straße verbindet die place de la Bastille, Symbol der Revolution, mit der place de la Concorde, Ort eines großen Straßburg-Denkmals,  das nach dem verlorenen Krieg an den Verlust des Elsass erinnert und zur patriotischen Pflicht seiner Rückgewinnung mahnt.
  • Und schließlich ist der Platz in der Nähe von Tuilerien, Louvre und Palais Royal symbolisch der Mittelpunkt von Paris, ja Frankreichs.

Es war der Staat, der das Standbild bestellte und finanzierte, was seine Bedeutung unterstreicht. Emmanuel Frémiet, ein zu jener Zeit bekannter Bildhauer, wurde für diese wichtige Aufgabe ausgewählt. Und knauserig war der doch immerhin von hohen Reparationen belastete Staat nicht: Das Material des Denkmals ist leuchtende vergoldete Bronze und nicht der preisgünstigere Marmor. Jeanne d’Arc ist hoch zu Ross dargestellt: Lange Zeit Ausdruck königlicher Macht verleiht eine Reiterstatue im 19. Jahrhundert eine patriotische Aura. Jeannes Blick ist entschlossen geradeaus gerichtet, das -wie bei  Fauquembergues erstem Portrait– geschweifte Banner hoch erhoben. Gekrönt ist sie mit einem Lorbeerkranz, dem weltlichen Pendant des Heiligenscheins. So ist Jeanne ein Symbol des Widerstands, des Kampfes- und Siegeswillens Frankreichs. 

Die mythische Figur der Jeanne d’Arc wurde von verschiedenen Gruppen reklamiert, auch von Monarchisten und antirepublikanischen Nationalisten. Die Standbilder wurden zu Orten von Kundgebungen und politischen Auseinandersetzungen. Dies gilt gerade für das Reiterstandbild auf der place des pyramides, das der extremen Rechten als Versammlungsort diente: Anhänger der Action française und später des Front National Le Pens versammelten sich dort am 1. Mai. Im Zuge ihrer Bemühungen um „De-Diabolisierung“ hat allerdings Marine le Pens „Rassemblement National“ 2024 mit dieser Tradition gebrochen.[5]

T Samson/AFP

Jeanne d’Arc, libératrice de la France:  boulevard Saint-Marcel

Diese Statue, ein Werk des Bildhauers Émile-François Chatrousse,  wurde 1891 auf Vorschlag der Einwohner des Viertels an der Kreuzung des Boulevard Saint-Marcel und der Straßen Jeanne-d’Arc und Duméril errichtet. Jeanne d’Arc war zwar niemals hier gewesen, aber viele Straßennamen der Umgebung erinnern an die Zeit des Hundertjährigen Krieges: Die rue de Domremy an den Geburtsort Jeanne d’Arcs, die  rue Xaintrailles,  die rue Dunois und die rue Lahire an Waffengefährte Jeanne d’Arcs, die rue de Patay an einen Sieg Jeannes über die Engländer. Dazu gibt es den Platz Jeanne-d’Arc und die Kirche Notre-Dame-de-la Gare, die auch gerne église Jeanne-d’Arc genannt wird. Diese Namensgebung geht auf das Zweite Kaiserreich Napoleons III. zurück und ist ein Hinweis auf den durchgängigen Jeanne d’Arc- Kult im 19. Jahrhundert, ungeachtet aller politischer Veränderungen. [6]

Das Denkmal ist ausdrücklich der Libératrice de la France gewidmet, womit der Gegenwartsbezug deutlich betont wird; zumal es ja auf einer Straßenverbindung zwischen der Place de la Bastille und der Place Denfert -Rochereau liegt: Die Julisäule auf dem Place de la Bastille ist ein Symbol des Freiheitskampfes, den Place Denfert-Rochereau beherrscht die große Skulptur des Löwen von Belfort, die „an die heldenhafte Verteidigung der Stadt im deutsch-französischen Krieg erinnert. [7]

Schild der Jeanne d’Arc mit ihrem Wappen (Schwert, Krone und zwei königlichen Lilien)[8]

Eine Kopie dieser Statue wurde 1891 vor dem maison d’éducation de la Légion d’honneur in Saint-Denis aufgestellt.[9]

Jeanne d’Arc, place Saint Augustin, ein Beitrag zur Volkserziehung

Diese Reiterstatue Jeanne d’Arcs (8. Arrondissement) ist -wie die auf der place des Pyramides-  an einem sehr prononcierten Ort aufgestellt: Die place Saint Augustin befindet sich an der Schnittstelle des Boulevard Haussmann und des Boulevard Malesherbes, zwei der neuen vom Baron Haussmann konzipierten großen Verkehrsachsen der Stadt. Und sie steht vor der Kirche Saint Augustin, einem von Victor Baltard, dem Architekten der Pariser Hallen, konzipierten Bau: Zum ersten Mal wurden hier bei einem Kirchenbau dieser Größe wesentliche aus Metall gefertigte Bauteile verwendet. Und Napoleon III. bestimmte, dass Prinzen und Prinzessinnen der kaiserlichen Familie in der Krypta der Kirche bestattet werden sollten. Das verhinderte dann die französische Niederlage im Krieg 1870/71.

Der von noblen Cafés gesäumte Platz in einem neu entstandenen bourgeoisen Viertel galt den Zeitgenossen als angemessener Ort für die Reiterstatue Jeanne d’Arcs. 1900 dort aufgestellt, ist sie mit ihrem hoch erhobenen Schwert in der rechten Hand Ausdruck eines gesteigerten Nationalgefühls.[10]

In Auftrag gegeben wurde das Standbild nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71, der zur Abtretung des Elsass und von Teilen Lothringens an das Deutsche Reich führte. Die aus Lothringen stammende Jeanne d’Arc verkörpert damit eine höchst politische Botschaft: Den Willen zum Widerstand- damals gegen die Engländer, heute gegen die Deutschen, die Teile Frankreichs besetzt hatten bzw. haben.

Den Blick zum Himmel gerichtet und vor die Fassade der Kirche postiert,  erhält Jeanne d’Arc hier gewissermaßen göttliche Weihen. Sie ist, auf dem Weg zur Heiligsprechung durch die katholische Kirche, schon dargestellt wie eine Heilige.

Bemerkenswert sind die ausführlichen Inschriften auf der Vorderseite und den Seiten des Sockels. Die Inschrift auf der Vorderseite: „Jeanne d’Arc (1412-1431). Im Alter von 17 Jahren macht sie sich daran, die Feinde aus Frankreich zu verjagen. Sie durchbricht die Belagerung von Orléans, vernichtet die englische Armee bei Patay, führt Charles VII nach Reims und lässt ihn zum König krönen. Als sie Paris befreien will, wird sie verwundet, vor Compiègne gefangen genommen und lebendigen Leibes von den Engländern in Rouen verbrannt. Sie wurde 19 Jahre alt.“[11]

Diese Inschrift dramatisiert den Tod der jungen Jeanne und beschuldigt direkt die Engländer. Das für die Inschriften auf Pariser Denkmälern zuständige Komitee votierte dann allerdings für eine abgemilderte Inschrift:

„Jeanne d’Arc/Befreierin Frankreichs/ geboren in Domrémy/ am 6. Januar 1412/Lebendigen Leibes in Rouen verbrannt/am 30. Mai 1431.“ [12]  

Christel Sniter bezeichnet diese Version als Ausdruck des allgemein anerkannten Verständnisses von Jeanne d’Arc als „Befreierin Frankreichs“. Insofern nimmt die Inschrift eine neutrale Position ein gegenüber den verschiedenen innenpolitischen Deutungen und Inanspruchnahmen Jeannes.  Außenpolitisch ist die neue Version aber ganz und gar nicht neutral: Denn die zweite Version erwähnt nicht mehr die Engländer als Verantwortliche für den Tod Jeannes, auch nicht ihre Kämpfe gegen die Engländer. Dafür wird ihr Geburtsort in Lothringen genannt. Die Rolle Jeannes als „Libératrice de la France“ hat damit nicht nur eine historische,  sondern auch eine ganz aktuelle Bedeutung. Die „Schonung“ der Engländer in dieser zweiten  Version könnte m.E. vielleicht auch mit der außenpolitischen Situation Frankreichs im Kräftespiel der europäischen Mächte um 1900 zusammenhängen. Frankreich war damals schon mit Russland verbunden, Großbritannien aber noch ungebunden. Es hatte durchaus gemeinsame Interessen mit dem Deutschen Reich, aber koloniale Interessengegensätze mit Frankreich. Vielleicht spiegelt sich in der zweiten Version eine französische Behutsamkeit gegenüber Großbritannien- ganz im Gegensatz zu der wahnwitzigen deutschen Flottenpolitik Kaiser Wilhelms II. und des Admirals Tirpitz, die Großbritannien in die Arme Frankreichs trieb (Entente cordiale von 1904).

Heute ist an der Vorderseite des Sockels wieder die ursprüngliche Version angebracht.

Eglise St-Denys de la Chapelle (XVIIIème arrondissement)

Die Statue vor der Basilique Ste Jeanne d’Arc geht auf einen Wunsch des Geistlichen der Kirchengemeinde St-Denys de la Chapelle zurück. Sie wurde 1894 vor der Kirche aufgestellt, also in dem Jahr, in dem der Vatikan Jeanne d’Arc als verehrungswürdig anerkannte.

Das Dorf La Chapelle war kürzlich eingemeindet worden. Die Statue vor der Kirche, ein Werk von  Félix Charpentier (1858-1924), sollte den neuen Stadtteil aufwerten und ein Bezugspunkt für die Bevölkerung sein. Jeanne ist zu Fuß und trägt ihre Standarte. Sie ist weniger kriegerisch als die republikanischen Reiterstatuen von der place des Pyramides und der place Saint Augustin, eher beschützend und nachdenklich: Ein Beispiel dafür, wie sich die Kirche die Kultfigur aneignete.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs beschloss die Kirchengemeinde, neben der bisherigen Kirche eine Basilika zu Ehren Jeanne d’Arcs zu errichten. Sie war damals zwar noch nicht heiliggesprochen, wie es die Tafel feststellt, aber das war nur noch eine Frage der Zeit.

Der Bau der Basilika litt aber unter einem Mangel an  Geldmitteln, so dass sie wesentlich bescheidener ausfiel als ursprünglich geplant und in der Straßenfront des Boulevard Saint Chapelle kaum auffiel. Deshalb erhielt die Statue 2004 einen neuen Platz neben dem Eingang der Basilika.[13]

Die Reiterstatue Jeanne d’Arc neben dem  Hauptportal von Sacré Coeur (1927)

Die Kirche Sacré-Cœur gehört zu den Wahrzeichen von Paris. Dass es sich bei der rechts neben dem Hauptportal auf halber Höhe aufgestellten Statue aber um Jeanne d’Arc handelt, dürfte weniger bekannt sein.[14] Die Statue – das Pendant zu der des heiligen Ludwig auf der linken Seite- ersetzte 1927 die bisher an dieser Stelle aufgestellte Statue des heiligen Martin. Der Unterschied könnte nicht ausgeprägter sein: Statt des Heiligen der Barmherzigkeit jetzt eine extrem kämpferische, das Schwert hoch erhobene Jeanne d’Arc, bereit alle Feinde Frankreichs zu vernichten. Dass Jeanne eine Frau, eine Jungfrau, war, ist nicht zu erkennen. [15]

Vertreter/innen der LGBTQ+ Bewegung mögen hier eine non-binäre Jeanne d’Arc erkennen. Aber das ist eine unhistorische Perspektive. Die androgyne Jeanne d’Arc von Sacré-Cœur bringt zum Ausdruck, dass stark und kämpferisch offenbar nur ein Mann sein kann. Aber beide Sichtweisen sind, wie Robert Tombs, Professor in Cambridge feststellt, eine Beleidigung für alle Frauen: Als hätten sie nicht den Mut,  ihr Leben für ihre Überzeugungen einzusetzen, als gäbe es kein weibliches Heldentum.[16]  Und dies ausgerechnet in den 1920-er Jahren, einer Zeit also, in der die Emanzipation der Frau ein zentrales gesellschaftliches Thema war. Aber insofern passt die auf Paris herabblickende Jeanne d’Arc zu Sacré-Cœur: Ist die Kirche doch ein Werk der Reaktion, gebaut ab 1875 als Sühnezeichen für die (angeblichen) Verbrechen der Pariser Commune und als ein ganz Paris beherrschendes triumphales Fanal der siegreichen Gegenrevolution.

„La France Renaissante“ alias Jeanne d’Arc: Pont de Bir-Hakeim (XVIème arrondissement)

Diese Statue auf dem Pont- Bir Hakeim ist in mehrfacher Hinsicht kurios:

  • Es ist eine Jeanne d’Arc- Statue, die aber nicht ihren Namen trägt.
  • Es ist eine Statue, die aus dem Rahmen der üblichen Jeanne d’Arc-Ikonographie herausfällt
  • und es ist die  einzige der Pariser Jeanne d’Arc-Statuen, die nicht von einem Franzosen geschaffen  wurde.

Die Statue ist ein Werk des dänischen Künstlers Holger Wederknich (1886 – 1959), der sie 1930 im Grand Palais ausstellte und 1948 der Stadt Paris schenkte.

Die Folge waren heftige und lange Debatten wegen der Gestaltung des Werks und wegen seines ausländischen Schöpfers. Kann oder darf ein Ausländer überhaupt eine Statue der französischen Nationalheiligen schaffen, und dann auch noch eine solche? Und wenn ja, wo sollte der Platz für dieses etwas dubiose Geschenk sein? 1955 endlich akzeptierte der Pariser Stadtrat die Statue und bestimmte die île aux cygnes, auf deren westlichem Ende eine Replik der Freiheitsstatue steht, als Standort. Dazu passt ja auch der Strahlenkranz um das Haupt der Jeanne d’Arc.

Ein Jahr später erhob allerdings die Commission des Monuments Commémoratifs Einspruch: Das Standbild entspreche nicht der traditionellen Ikonographie. Was tun, nachdem die Stadt doch schon das Geschenk angenommen hatte? Der Künstler, die dänische Botschaft und die Stadt Paris fanden schließlich eine Lösung: Die Statue, die dann schließlich 1958 auf der Schwaneninsel aufgestellt wurde, trägt nicht den Namen Jeanne d’Arcs, sondern wurde „La France Renaissante“ getauft. Und dazu passt auch die Erinnerungstafel an die Kämpfe französischer Truppen in Nordafrika: Sie hätten damals der Welt gezeigt, dass Frankreich niemals aufgehört habe zu kämpfen. Da ist also wieder die kämpferische Jeanne d’Arc der Jahre nach der Niederlage von 1871….

Und so darf das wieder auferstehende Frankreich darf seitdem mit gezücktem Schwert in Richtung Eiffelturm  galoppieren… [17]

Jeanne d’Arc als Nationalheilige

Dass Jeanne d’Arc auch von den „nationalen Katholiken“ Frankreichs als Kultfigur entdeckt wurde, ist auch einem Deutschen zu verdanken: „In den 1830-er Jahren hatte Guido Görres, Sohn des berühmten katholischen Publizisten Joseph Görres, eine ‚Johanna von Orleans‘ verfasst, in der Jeanne … als Frau aus dem Volk mit göttlichem Auftrag agierte.“ [18] Das Buch war seit den 1840-er Jahren in mehreren französischen Ausgaben zugänglich. Der Bischof Dupanloup, seit 1849 Bischof von Orleans und Protagonist einer Neubestimmung Jeanne d’Arcs als katholischer Heldin, bezog seine historischen Kenntnisse und seine These von der Heiligkeit Jeanne d’Arcs im kanonischen Sinne hauptsächlich aus Görres‘ Buch. 1867 brachte Dupanloup mit Unterstützung aller katholischer Bischöfe Frankreichs ein formelles Heiligsprechungsbegehren vor den Heiligen Stuhl. Pius IX. leitete 1894 einen entsprechenden Prozess ein. „1894 wurde Jeanne als venerabilis (ehrwürdig), die  erste Stufe der Heiligsprechung anerkannt, 1909 folgte die Seligsprechung und 1920 schließlich -nach einigen Verzögerungen“- die Heiligsprechung.“[19]

Dementsprechend gibt es auch zahlreiche Figuren der heiligen Jeanne d’Arc in Kirchen. Auf dem Scheiterhaufen verbrannt, wird sie von katholischen Gläubigen als Märtyrerin verehrt:

Nach Gottes Willen sollte Johannas Leben mit der Verherrlichung des Martyriums gekrönt werden: Sie wurde in Compiègne verraten, an die Engländer verkauft und nach langer Gefangenschaft, in der sie jede Schande erlitt, verurteilt und am 30. Mai 1431 in Rouen verbrannt. Ihre Seele verließ ihren Körper in Gestalt einer Taube, und ihr Herz blieb von den Flammen verschont.[20]

Jeanne d’Arc als Märtyrerin in der Basilique Jeanne d’Arc de la Chapelle

Andere Jeanne d’Arc-Skulpturen in Kirchen stellen sie -so wie die republikanischen Statuen-  in Rüstung mit Banner und Schwert dar, aber anstelle des Schwertes  ist das Gesicht deutlich zum Himmel erhoben, von dem sie ihre Eingebungen und Weisungen erhalten hat:

„Mit dreizehn Jahren hörte sie geheimnisvolle Stimmen….  Drei Jahre lang forderten der Erzengel Michael, die heilige Katharina von Alexandrien und die heilige Margarete von Antiochia sie auf, Frankreich zu befreien und den König in Reims krönen zu lassen.“[21]

Dieses Standbild der betenden Jeanne d’Arc wurde 1921, ein Jahr nach ihrer Heiligsprechung, in Notre-Dame de Paris aufgestellt. In der „Kirche der Nation“ musste selbstverständlich auch die neue Nationalheilige ihren Platz haben. Das Material ist weißer Marmor, Symbol der Reinheit.

Neben der Statue der Nationalheiligen ist eine Marmorplatte angebracht, die an den Besuch de Gaulles, Führern der Résistance und des Generals Leclerc in Notre-Dame erinnert, um die Befreiung von Paris mit einer Messe zu feiern.

                                 Statue der heiligen Johanna in Saint Eustache

Und weil zur Heiligsprechung auch die Fähigkeit gehört, Wunder zu vollbringen, gibt es bei der Statue in Sainte Eustache auch eine Votivtafel mit einem entsprechenden Dank.


Anmerkungen:

[1] In der Einleitung zu diesem Beitrag beziehe ich mich auf: Michael Winock, Jeanne d’Arc. In: Pierre Nora (Hrsg.), Erinnerungsorte Frankreichs. München: C.H.Beck 2005, S. 368 und Gerd Krumeich, Jeanne d’Arc. Die Geschichte der Jungfrau von Orleans. C.H.Beck 2006 Nachleben, S. 111ff Zu den Darstellungen Jeanne d’Arcs in der Kunst siehe: https://balises.bpi.fr/jeanne-darc-beaux-arts/

Alle Bilder des Blog-Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Wolf Jöckel

[2] https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Statue_de_Jeanne_d%27Arc_de_l%27%C3%A9glise_Saint-Honor%C3%A9-d%27Eylau_de_Paris#/media/File:Statue_Jeanne_d’Arc_-_%C3%89glise_Saint-Honor%C3%A9-d’Eylau_de_Paris_(%C3%A9glise_ancienne)_4-2.jpg  Eine andere Kopie dieser Statue befindet sich in der Kirche Saint-Vincent-de Paul. Es gibt eine weitere Jeanne d’Arc- Skulptur der Marie d’Orléans: Jeanne d’Arc, hoch zu Ross, beweint einen vor ihr liegenden Engländer. https://fr.pinterest.com/pin/508484614169424494/ und https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Jeanne_d’Arc_pleurant_%C3%A0_la_vue_d’un_Anglais_bless%C3%A9_by_Marie_d’Orl%C3%A9ans#

[3] Rude, FrançoisFrance, Musée du Louvre, Département des Sculptures du Moyen Age, de la Renaissance et des temps modernes, RF 2974 – https://collections.louvre.fr/ark:/53355/cl010094788https://collections.louvre.fr/CGU

[4] Christel Sniter, La guerre des statues. La statuaire publique, un enjeu de violence symbolique : l’exemple des statues de Jeanne d’Arc à Paris entre 1870 et 1914  https://shs.cairn.info/article/SR_011_0263?lang=fr

Es gibt eine Liste der französischen Jeanne d’Arc- Statuen, die aber völlig unvollständig ist: https://de.frwiki.wiki/wiki/Liste_de_statues_de_Jeanne_d%27Arc#google_vignette Da sind zum Beispiel die Reiterstatuen Place des Pyramides und Place Saint Augustin nicht berücksichtigt.

[5] https://www.20minutes.fr/politique/4088917-20240430-manifestation-1er-mai-pourquoi-rn-fete-plus-jeanne-arc 30.4.2024

[6] https://shs.cairn.info/article/SR_011_0263?lang=fr

[7] https://shs.cairn.info/revue-societes-et-representations-2001-1-page-263?lang=fr

[8] Zum Wappen der Jeanne d’Arc siehe im Einzelnen: https://www.jeanne-darc.info/biography/coat-of-arms/ Vielen Dank, lieber Herr Schläger, für diesen Hinweis!

Die Bedeutung des Wappens auf dem Sockel des Standbildes konnte ich nicht herausfinden. Über entsprechende Hinweise würde ich mich freuen.

[9] https://panamstory.wordpress.com/2017/08/30/16-de-jeanne-la-parisienne-3eme-partie/

[10] Zur Statue siehe auch: https://odyssea-paris.com/jeanne-darc-statuette-saint-augustin/

[11] Sur le socle, la mention se veut pédagogique : « Jeanne d’Arc (1412-1431) à l’âge de dix-sept ans entreprend de chasser les ennemis hors de France. Elle fait lever le siège d’Orléans, détruit l’armée anglaise à Patay, conduit Charles VII à Reims et le fait sacrer roi. Blessée en voulant délivrer Paris, elle est prise devant Compiègne et brûlée vive par les Anglais à Rouen. Elle avait dix-neuf ans. » https://shs.cairn.info/article/SR_011_0263?lang=fr

[12] À Jeanne d’Arc/Libératrice de la France/née à Domrémy/Le 6 janvier 1412/Brûlée vive à Rouen/Le 30 mai 1431.  https://shs.cairn.info/article/SR_011_0263?lang=fr

Das hier angegebene exakte Geburtsdatum Jeanne d’Arcs ist allerdings Bestandteil ihres Mythos. Siehe die Rezension von Gerd Krumeich von Claude Gauvard, Jeanne d’Arc. Héroïne diffamée et martyre, Paris (Gallimard) 2022 in Francia recensio 2,2022

[13]  https://panamstory.wordpress.com/2017/08/30/16-de-jeanne-la-parisienne-3eme-partie/

[14] Zu der Statue  siehe:  https://panamstory.wordpress.com/2018/07/21/19-de-jeanne-la-parisienne-4eme-partie/  und https://www.histoire-genealogie.com/Une-Jeanne-d-Arc-incognito-a-Paris?lang=fr

[15] Nachfolgendes Bild aus: https://paris1900.lartnouveau.com/paris18/sacre_coeur/sculptures.htm 

[16] Jeanne d’Arc, décrite comme ‚non-binaire‘ dans un livre scolaire,  les historiens scandalisés. 26.4.2025 https://www.linternaute.com/actualite/histoire/7789587-article/

[17]  Siehe: https://www.reddit.com/r/interesting/comments/bea5fj/monument_de_la_france_renaissante_on_the_ile_aux/ und https://www.histoire-genealogie.com/Une-Jeanne-d-Arc-incognito-a-Paris?lang=fr und https://panamstory.wordpress.com/2018/07/21/19-de-jeanne-la-parisienne-4eme-partie/

[18] Krumeich, Jeanne d’Arc, S. 114 ff Darauf beziehe ich mich auch im Folgenden.

[19] Krumeich, S. 115

[20] Abbé L. Jaud, Vie des Saints pour tous les jours de l’année, Tours, Mame, 1950  https://sanctoral.com/fr/saints/sainte_jeanne_d_arc.html   

[21] https://hozana.org/saints/sainte-jeanne-d-arc Nachfolgendes Bild aus: https://fr.pinterest.com/pin/393924298663477933/ Mikestravelguide.com

Das königliche Kloster Brou in Bourg-en-Bresse: Die europäische Geschichte einer außerordentlichen Frau um Macht,  Liebe und Tod

Als wir einem französischen Bekannten erzählten, wir würden auf der Rückreise von Südfrankreich in Bourg-en-Bresse Station machen, rümpfte er etwas verständnislos die Nase, nach dem Motto: Warum ausgerechnet dort? Was wollt Ihr denn da?

Die Landschaft Bresse ist den meisten Franzosen natürlich sehr vertraut, denn daher kommt das nicht nur bei Feinschmeckern wohlbekannte poulet de Bresse, nach dem sogar eine Autobahnraststätte benannt ist.[1]

Aber es war nicht das Bresse-Huhn, das für unseren Aufenthalt verantwortlich war, sondern das in Bourg-en-Bresse gelegene königliche Kloster Brou. Es war von Margarete von Österreich für ihren früh verstorbenen Mann Philibert von Savoyen erbaut worden. Es ist nach dem überschwänglichen Urteil einer aktuellen Autorin „ein Monument der Liebe, das in seiner klaren Schönheit in nichts dem weltberühmten  Zeugnis einer großen Leidenschaft, dem Tadsch Mahal in Indien, nachsteht.“[2] Über Vergleiche lässt sich gerne trefflich streiten. Dass aber das Kloster Brou ein ganz außerordentlicher Bau ist, lässt sich kaum bestreiten.

Der Kirchturm und das typisch burgundische Dach mit den bunt lasierten Ziegeln

Die prächtige Westfassade der Kirche

Im Zentrum der Fassade die Statue des heiligen Andreas mit seinem schräg gestellten Kreuz, an dem er den Märtyrertod erlitt. Andreas ist der burgundische Hausheilige. Seinem Attribut begegnet man im Inneren der Kirche immer wieder.

Dass das Kloster Brou bei Franzosen weniger bekannt ist, hängt mit seiner Geschichte zusammen, und da vor allem mit der Frau, der das Kloster seine Entstehung verdankt: nämlich Margarete von Österreich.

Portrait der Margarete von Österreich in einem Kirchenfenster des Chors

Margarete war die Tochter von Maximilian I., dem Kaiser des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation. Und ihr Neffe war sein Nachfolger Karl V. – zwei Habsburger also, mit denen Frankreich in heftiger machtpolitischer Konkurrenz stand. Vor allem, nachdem Karl der Kühne, der Herzog des reichen Burgund, seine Tochter, um Burgund vor dem Zugriff der begehrlichen französischen Könige zu schützen, mit Kaiser Maximilian verheiratet hatte.  Dessen Wappen ist ebenfalls unübersehbar im Chor der Klosterkirche zu sehen.

Der Habsburger Doppeladler, umgeben von der Kette des Ordens vom Goldenen Vlies, bekrönt mit der Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reichs. Ein beträchtlicher Teil der Kirchenfenster des Chors sind mit Wappen geschmückt, die die Herkunft Margretes illustrieren: Ausdruck ihres Standesbewußtseins und einer hocharistokratischen Architektur (Hörsch).

Die „allerchristlichen“ Könige scheuten im Kampf gegen Habsburg sogar nicht davor zurück, mit den Türken gemeinsame Sache zu machen und sich mit den -ansonsten verhassten-  deutschen Protestanten zu verbünden… Da passt die Kaisertochter Margarete schwerlich in die nationale Geschichtserzählung Frankreichs und hat kaum einen Platz im „kollektiven französischen Gedächtnis“.[3]

Margarete von Österreich, die Emanzipation einer verkauften Braut

Umso mehr allerdings sollte Margarete von Österreich einen Ehrenplatz in der europäischen Geschichte haben, denn sie war eine außerordentliche Frau mit einem unglaublichen Werdegang: Schon bei der Geburt mit einem beträchtlichen Erbe ausgestattet (Flandern, Artois, Comté) wird sie im Alter von drei Jahren mit dem französischen Thronfolger, dem zukünftigen Karl VIII., verheiratet. Erzogen wird sie als zukünftige französische Königin auf dem Loire-Schloss Amboise, das damals als  Internat für die Hocharistokratie diente. Die kleine Königin, la petite reine, wie sie dort  genannt wird, erhält nach dem Tod Ludwigs XI. dann auch den offiziellen Titel einer Königin Frankreichs.[4] Dann aber die Enttäuschung: Als sie 11 Jahre alt ist, wird sie von dem ihr zugedachten Charles zurückgewiesen. Frankreich hatte nämlich die Bretagne erobert und um diese Neuerwerbung dynastisch abzusichern, heiratet Karl die bretonische Herzogin Anne. Für Margarete und Kaiser Maximilian eine ungeheure Demütigung. Für ihn war klar: „Es gibt keinen größeren Schuft als den französischen König“. 

Für Margarete gibt es aber einen durchaus gleichwertigen Ersatz: Mit 15 Jahren heiratet sie Don Juan, den spanischen Infanten. Durch die Verbindung Habsburgs mit Spanien wird Frankreich gewisermaßen in die Zange genommen…  Die Hochzeit wird per procurationem in Mechelen vollzogen, also noch in Abwesenheit des Ehemanns, aber gleichwohl mit kirchlichem Segen und rechtsgültig. Als auf dem Weg nach Spanien ihr Schiff in einen Sturm gerät, veranstaltet Margarete ein makabres Spiel, das sie in Amboise gelernt hatte: Jeder soll für den Fall aller Fälle einen Grabspruch für sich verfassen. Ihr Spruch: „Hier ruht Margarete, die edle Dame, zweimal verheiratet und dennoch als Jungfrau gestorben.“ Immerhin erreicht das Schiff dann Spanien und Margarete kann bald ihrem Vater schreiben: „Mein Gemahl ist edel und von so minniglichem Wesen, dass ich bald alle Angst verlor. Ich habe in diesen Tagen ein großes Wunder erlebt und weiß nun, wieviel Lieblichkeit in dem Wort Minne ist.“ [5] Das große Wunder dauert aber nur ein halbes Jahr. Don Juan, von Geburt an kränklich, verstirbt schon bald nach der Eheschließung. Mit 17 Jahren ist Margarete also Witwe. Drei Jahre später folgt die dritte Eheschließung: diesmal mit Philibert dem Schönen, dem Herzog von Savoyen. Dies ist jetzt keine königliche Partie, aber wegen der Lage Savoyens eine durchaus in die Heiratspolitik des Hauses Habsburg passende Ehe. Dazu kennt Margarete den schönen Herzog von ihren Jugendjahren in Amboise, wo Philibert ebenfalls erzogen wurde und zu ihren Spielkameraden gehörte. Es ist denn auch nach dem Urteil eines zeitgenössischen Historiographen  eine glückliche Ehe: „ Diese Ehe ward zu der zyt unter allen christlichen Fürsten die lustigste und hübscheste geachtet, dann die beiden von Lyb, Gestalt und Tugend ganz wohl geschöpfet waren.“ [6] Aber auch dieser Ehe war nur ein kurzes Glück beschieden, denn auch Philibert verstirbt schon in jungen Jahren.

Altar des Lebens des heiligen Hieronymus, 1518, Ausschnitt. Die Darstellung ist von einer Miniatur inspiriert, die den Tod Philiberts und die trauernde Margarete zeigt. Musée de Brou

Eine erneute Ehe kommt für die junge Witwe danach nicht mehr infrage, auch wenn ihr Vater sie gerne mit dem englischen König Heinrich VII. verheiratet hätte, um damit einen Verbündeten im Kampf gegen Frankreich zu gewinnen bzw. zu sichern. Auch andere Heiratspläne lehnt sie ab.[7]

Statt dessen greift Margarete ein nicht erfülltes Gelübde ihrer Schwiegermutter, Margarete von Bourbon, auf, das heruntergekommene und fast schon aufgegebene benediktinische Kloster Brou, wo Philibert bestattet wurde, neu aufzubauen. Es soll Ausdruck ihrer großen Liebe sein und die Gräber von Philibert und dessen Mutter aufnehmen. Daneben ist es aber auch ein Ausdruck machtpolitischer Interessen, die Grabkirche bei Bourg-en-Bresse zu errichten: Die habsburgische Präsenz in diesem Raum, dessen Stellung zwischen Frankreich und Habsburg immer schwankend um umstritten war, soll damit manifestiert werden.

Die Initialien von Philibert und Margarete, verbunden durch das Band der Liebe. Detail von der Westfassade der Kirche

Mit großer Energie bringt sie ihr Projekt auf den Weg und legt am 28. August 1506 den Grundstein. Dann aber eine erneute Wendung ihres Lebens: Ihr Bruder Philipp der Schöne, Regent der Niederlande, stirbt und hinterlässt eine geistig verwirrte Frau und sechs kleine Kinder. Der älteste, der spätere Kaiser Karl V., ist gerade einmal sechs Jahre alt. So wird Margarete von ihrem Vater mit der Regentschaft der Niederlande und der Erziehung seiner sechs Enkelkinder betraut. Margarete verlässt Savoyen für immer und richtet einen glanzvollen herrschaftlichen Hof in Mechelen ein. Dort schart sie die großen Familien Burgunds, Savoyens und der Niederlande, aber auch eine intellektuelle Elite um sich, darunter Erasmus von Rotterdam. Sie sammelt Handschriften und Kunstwerke, die von durchreisenden Künstlern, darunter auch Dürer, bewundert werden:  Eine starke Frau, die ihr Schicksal in die eigene Hand genommen und sich einen dazu passenden Wahlspruch gegeben hat:  

Fortune Infortune Fort Une  (Glück oder Unglück Stark nur allein)

Glasfenster im Chor des Klosters Brou mit dem Wahlspruch Margaretes

Von ihrem Witwensitz in Mechelen aus engagierte sich Margarete auch in der europäischen Politik. Große Verdienste erwarb sie sich 1513 um das Zustandekommen des Vertrags von Mechelen zwischen Maximilian, Heinrich VIII. von England und König Ferdinand von Aragon gegen Frankreich. Nach dem Tod ihres Vaters sah Margarete ihre wichtigste Aufgabe in der Sicherung der Wahl ihres Neffen Karl zu seinem Nachfolger. Denn für das Amt hatten sich gleich mehrere Kandidaten beworben, darunter auch der verhasste französische König Franz! 1519 wurde Karl schließlich von den sieben Kurfürsten in der Wahlkapelle des Frankfurter Doms einstimmig zum römisch-deutschen König gewählt.

Bernard von Orley, Portrait des jungen Karl V. (um 1515). Karl trägt das Band des zunächst burgundischen, dann habsburgischen Ordens vom Heiligen Vlies, um damit seine Verbundenheit mit Burgund zu demonstrieren. (Musée de Brou)

Die Teilnahme an der anschließenden Krönung Karls V. in Aachen war „ein Triumph für die Statthalterin.“ Bei dieser Krönung wurde ihr der Ehrentitel „Erste Dame des Reiches“ verliehen. Sie rangierte damit vor allen Königinnen und Fürstinnen, und dies allein kraft ihrer außerordentlichen Persönlichkeit.[8]

Bernard van Orley, Offizielles und weit verbreitetes Portrait der Margarete von Österreich in ihrer Witwentracht, 1515-1518 (Museum von Brou)

Die Krönung ihres politischen Wirkens war dann 1529 der sogenannte Damenfrieden von Cambrai, der einen grausamen Krieg wischen Franz I. und Karl V. beendete. Da die beiden Herrscher es ablehnten, direkt miteinander zu verhandeln, waren es in ihrem Auftrag Luise von Savoyen, die Mutter des französischen Königs, und Margarete von Österreich, die Tante des gewählten Kaisers Karls V., die sich auf einen Interessenausgleich verständigten und den Vertrag unterzeichneten. „Diese Großtat trug ihr in den Kanzleien Europas den Ehrentitel ‚Europas bester Diplomat‘ ein.“[9]  

Der Umzug in die Niederlande und das große politische Engagement bedeutete aber nicht, dass ihr Interesse an Brou nachließ. Ganz im Gegenteil: Sie legte testamentarisch fest, auch selbst in Brou bestattet zu werden. Die ursprüngliche Planung erschien nun zu bescheiden. Sie wollte ein einzigartiges Bauwerk errichten- einzigartig durch seine Größe, seine Schönheit, seinen Glanz und seine Neuartigkeit. Um den Ruhm der Bourgogne und Österreichs zum Ausdruck zu bringen, brauchte es „ein grandioses Werk“.[10]

Von Mechelen aus nahm Margarete regen Anteil an der Entstehung dieses grandiosen Werks. Künstler und Handwerker aus Brabant, aus Deutschland und aus Frankreich wurden dafür engagiert. Waren es für die zunächst errichteten Klosterbauten eher lokale Handwerksmeister, so berief Margarete als „Bauleiter“  für den Bau der Kirche den renommierten Brüsseler Steinmetz Loys/Louis van Boghem/Bodeghem, der „ein Meisterwerk der flämischen Flamboyant-Gotik“ schuf.[11]

In dem monumentalen Chor- Altar der „sieben Freuden der Jungfrau“ Maria hat Loys van Boghem einer biblischen Gestalt seine eigenen Züge verliehen: Ausdruck eines schon neuzeitlichen künstlerischen Selbstbewusstseins.

Mittel- und Höhepunkt des Baus ist der Chor: Wegen seiner großen Ausmaße, seiner reichen Verzierung und Farbigkeit, seiner wunderbaren Glasfenster. So bildet er den festlichen Rahmen für die drei Grabmäler, die hier aufgestellt sind. Im Mittelpunkt das Grabmal von Philibert dem Schönen.

Der Verstorbene ist doppelt dargestellt: Oben auf der Grabplatte mit offenen, dem Grabmal seiner Frau zugewandten Augen, Prunkgewand und Schwert; unten nach seinem Tod in Erwartung der Auferstehung fast nackt mit geschlossenen Augen.

„Doch ist die irdische Hülle des Herrschers nicht wie bei früheren Doppelgrabmälern als in Verwesung übergegangen und von Würmern zerfressen dargestellt, sondern quasi schlafend, in idealer Schönheit.“[12]

Die Steinmetzen, die den zu Füßen Philiberts liegenden Löwen gestaltet haben, hatten offensichtlich noch keinen wirklichen Löwen gesehen…

In den Nischen, die das Grabmal umgeben, stehen in zehn Sibyllen, Prophetinnen der Antike, die Weissagungen über das Leben Christi gemacht haben sollen. Gefertigt wurden sie in den Brüsseler Werkstätten des Loys van Boghem und des deutschen Bildhauers Conrad Meit/Meyt. Geboren in Worms, trat Meit in den Dienst Margerites von Österreich und hatte wesentlichen Anteil an den kunstvollen Steinmetzarbeiten des Klosters Brou.

Besonders anmutig ist die Figur der Sibylle Agrippa, die die Auspeitschung Christi vorausgesagt haben soll.

Darauf verweist die Peitsche an ihrer Seite.

In einer Grabnische der Südwand befindet sich das Grabmal der Margarete von Bourbon, der Mutter Philiberts.

Die liegende Figur ist ein Werk Conrad Meits. Zu ihren Füßen ein Hund, Symbol der Treue.

Umrahmt wird das Grabmal von aus Alabaster gefertigten Trauernden (pleurants), wie man sie auch von den Grabmälern der Herzöge von Burgund kennt.

Auf der Nordseite wurde dann das Grabmal der Margarete von Österreich errichtet. Sie starb 1530 in Mechelen, noch vor der Vollendung der Kirche, die sie nie gesehen hat. Nach deren Fertigstellung wurde ihr Leichnam nach Brou überführt und neben Philibert und Marguerite de Bourbon in einer Gruft unter dem Chor bestattet.

Ihr Grabmal ist -entsprechend ihrem dynastischen Rang-  ein imposantes und reich verziertes Bauwerk….

 …. mit gewaltigem Baldachin, kunstvoll gestaltetem Wahlspruch…

…. und von Engeln gehaltenem Wappen und Krone. Wie beim Grabmal Philiberts gibt es auch hier zwei Ebenen: Auf der oberen ist Margarete realistisch dargestellt als 50-jährige Regentin der Niederlande in höfischer Kleidung mit allen Abzeichen ihrer Würde.

Unten ist sie in mittelalterlicher Tradition als jüngere, nur mit einem Tuch bekleidete  Frau dargestellt, den Kopf nach Osten gewendet, die Augen halb geöffnet – im Blick ins Jenseits und auf das verheißene ewige Leben.

Für „das Werk ihres Lebens“ wollte Margarete von Österreich nur das Beste.[13] Das zeigt sich auch an den Materialien, die sie für die Gestaltung der Grabmäler auswählte: Basis und Grabplatten sind aus sogenanntem schwarzer Marmor gefertigt. Er stammt aus Steinbrüchen in Belgien und der Schweiz. Für die Verstorbenen in ihren Prunkgewändern in Augenhöhe der Betrachter wurde Carrara-Marmor aus Italien verwendet und für die kleineren Statuen und Arabesken, die die Gräber schmücken, Alabaster aus dem Jura. Der war nicht nur leichter zu bearbeiten, so dass damit Gestalten und Ornamente von großer Feinheit geschaffen werden  konnten, sondern der Stein drückt auch die Verbundenheit mit ihren burgundischen Wurzeln aus: Auch für die berühmten Gräber der Herzöge von Burgund war dieser Stein verwendet worden. Jura, Italien, Schweiz, Belgien…  Auch was die Herkunft der Materialien angeht: Die Gräber von Brou sind wahrhaft europäische Werke!

Dies gilt auch für die wunderbaren Glasfenster des Chors. Die Vorlagen (cartons) wurden in den Niederlande gezeichnet, wobei auch Dürer Anregungen lieferte: Er hatte Margarete eine Sammlung aller seiner Lithografien geschenkt.

Blick von der Galerie des Lettners in den Chor

Die Krönung Marias in eher mittelalterlicher Tradition, oben eher von der italienischen Renaissance beeinflusste Grisailles-Malerei

Bunt waren auch die Fliesen, mit denen der Boden des Chors ausgelegt war. Davon sind heute nur noch einige Reste vor den Grabmalen zu sehen.

Die meisten der Kacheln wurden aber im Laufe der Jahre abgenutzt und schließlich durch einen einfachen und einfarbigen Bodenbelag ersetzt. Im Museum sind allerdings noch einige  erhaltene Kacheln ausgestellt und vermitteln einen Eindruck von der ursprünglichen Schönheit.

Zu dem wunderbaren Ensemble des Chors gehört und passt auch das Chorgstühl aus Eichenholz. [14]  

Die dort dargestellten Figuren aus dem Alten Testament (Südseite) und dem Neuen Testament (Nordseite) stammen aus einer niederländischen Werkstadt.

Sie sind ausgesprochen raffiniert gestaltet, meist in Bewegung, miteinander kommunizierend.

Ganz anders die von lokalen Handwerkern hergestellten Verzierungen und Misericordien (von latein misericordia=Mitleid) , die es den Mönchen ermöglichten, sich während langer Messen hinzusetzen, aber dabei doch scheinbar zu stehen. (Wie sympathisch: Offenbar gingen die Mönche davon aus, dass der liebe Gott die Schummelei durchgehen lässt).

Dort sind alltägliche Szenen zu sehen, zum Beispiel Handwerker bei ihrer Arbeit, hier ein Gerber…

…. ein Trinker….

Es gibt auch derbe erotische Szenen…

… und phantastische Figuren. Hier auf Entdeckungsreise zu gehen, ist ein Vergnügen.

Insgesamt ist der Chor ein wunderbares einheitliches Ensemble, ein würdiger und festlicher Raum für die drei Grabdenkmäler und für den Gottesdienst der Mönche, deren alleinige Aufgabe es war, für die hier Bestatteten zu beten.

Margarete von Österreich hatte schon frühzeitig Mönche aus der Lombardei für ihr Kloster angeworben. Es waren Augustiner, die als ihren Heiligen Nikolaus von Tolentino verehrten. Ihn als Kirchenpatron auszuwählen, lag insofern nahe, als der Todestag Philiberts genau auf den Tag des Heiligen fiel. Dies versprach besonders intensive Fürbitte. Die Klosterkirche trägt also den Namen des Heiligen: St. Nicolas-de-Tolentin.

Ein Bild von ihm und den ihm zugeschriebenen Wundertaten befindet sich am Lettner, der Chor und Kirchenschiff trennt.[15] Der gezackte Stern auf der Brust des Heiligen ist sein Erkennungszeichen.

Er erstrahlt auch auf einem Kirchenfenster.

Der Lettner von Brou ist eines der wenigen erhaltenen Exemplare in Frankreich. Die meisten Lettner französischer Kirchen (mit Ausnahme der Bretagne) wurden im Zuge des gegenreformatorischen Konzils von Trient zerstört, um den Gläubigen den Blick auf den Chor zu öffnen und sie an der Inszenierung katholischer Liturgie teilhaben zu lassen.

Im Gegensatz zu dem Chor ist der Kirchenraum auf der anderen Seite des Lettners eher schlicht und einfarbig. Seine Ausmaße sind auch, im Vergleich zum Chor, relativ bescheiden. Allerdings entfaltet die Architektur an den Pfeilern des Langhauses „die ganze Pracht ihrer Profile“, wie auch der nachfolgende Blick in ein Seitenschiff zeigt.

Blick vom Lettner in das südliche Seitenschiff

Flamboyantes Maßwerk

Die schöne und eindruckvolle Schlichtheit des Kirchenschiffs hat seinen Grund wohl vor allem in dem bewussten Kontrast zur überwältigenden Gestaltung des Chors. Sie hängt aber auch damit zusammen, dass der Raum kaum genutzt wurde. Er wurde nur an besonderen Feiertagen für Gläubige geöffnet. Insofern bestand wohl auch keine besondere Notwendigkeit, den Lettner, ebenfalls ein flamboyantes Schmuckstück, zu zerstören. Außerdem verfügte er über eine Galerie, die einen direkten Zugang von den Klostergebäuden zum Chor der Kirche ermöglichte. Der war zunächst gedacht für Margarete von  Österreich, wurde später aber sicherlich auch von den Mönchen genutzt.

Aus einem im Museum gezeigten Video über die Geschichte des Klosters

Das an die Kirche angrenzende Kloster verfügte -eine Besonderheit- über drei Kreuzgänge. Der erste war der Gästekreuzgang, in dessen oberer Galerie Räume für die Prinzessin und ihr Gefolge vorgesehen waren.

Der zweite und größte Kreuzgang war für die Mönche bestimmt.

An den Kreuzgang grenzten wie üblich der Speisesaal (refectorium) und der Kapitelsaal. Einen gemeinsamen Schlafsaal (dormitorium) gab es nicht, weil die Mönche auf der Einrichtung individueller Mönchszellen bestanden.

Eine Mönchszelle des Klosters, neu eingerichtet nach den alten Inventarlisten

Die Architektur der Erdgeschossarkaden ist schlicht und streng und wird nur von unterschiedlich gestalteten Konsolen aufgelockert.

Drachenkonsole im Großen Kreuzgang

An den beiden Enden einer Galerie des Kreuzgangs ist ein Werk von Richard Serra aus dem Jahr 1985 installiert. Es sind zwei große Blöcke aus Stahl: voneinander entfernt, aber aufeinander bezogen…

Hier der Philibert gewidmete Stahlblock auf der einen Seite des Ganges

… um den dritten Kreuzgang gruppierten sich Wirtschaftsgebäude: Küche, Wärmestube, Vorratslager, eine Bäckerei, ein Raum für die Bediensteten, im Obergeschoss eine Krankenstation. Es gab sogar Gefängniszellen, deren Anzahl nach Einschätzung sachkundiger Beobachter „un peux nombreux“ war für ein Kloster…[16]

Die Kirche und all diese Gebäude haben die Zeitläufte relativ unbeschadet überstanden. Zur Zeit der Französischen Revolution mussten die Augustiner das Kloster verlassen, das aber in den Besitz und Obhut des Staates überging. So wurde nur die royale Bekrönung des Glockenturms zerstört. Die Gebäude dienten dann u.a. als Gefängnis, als Kavalleriekaserne und als Hospiz für Geisteskranke, bevor sie 1823 an die  Kirche zurückgegeben wurden, die darin ein Priesterseminar einrichtete.  

Seit dieser Zeit sind die offenbar als unzüchtig betrachteten Geschlechtsteile der Grabdenkmals-Putten verstümmelt…

Infolge der Trennung von Kirche und Staat räumte das Seminar 1907 das Kloster. Seit 1922 ist dort das Museum der Stadt Bourg-en-Bresse eingerichtet.

Das Museum

Man findet dort vielfache Informationen über das Leben der Margarite von Österreich und über den Bau es Klosters. Darüber hinaus gibt es Sammlung religiöser Skulpturen vom 12. bis zum 17. Jahrhundert und eine reiche Sammlung von Gemälde vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart.

Hier nur der Hinweis auf zwei Schwerpunkte: die niederländische Malerei und das Werk von Gustave Doré.

Dass Gustave Doré mit einigen hochkarätigen Werken im Museum von Brou vertreten ist, hat seinen Grund darin, dass Doré einen Teil seiner Schulzeit in Bourg-en-Bresse verbrachte.[17] In Brou ist sein monumentales Gemälde Dante und Vergil im 9. Kreis der Hölle aus dem Jahr 1861 ausgestellt. Hier ein Ausschnitt:

Dante in roter mittelalterlicher Kleidung dargestellt, Vergil in blauem antikem Gewand.

Verdammte im Eis

Dass niederländische Malerei reichlich im Museum vertreten ist, passt zu der Bauherrin, der niederländischen Statthalterin Margarete.

Hier zwei Ausschnitte aus der entzückenden „Storchenjagd“ von Jan Brueghel dem Älteren, dem zweiten Sohn Pieter Brueghels. (um 1600)

Und hier -passend zur Hühnerlandschaft Bresse- ein Hahnenkampf.

Frans Snyders, Hahnenkampf (Ausschnitt)

Nach dem Besuch der Kirche, des Klosters und des Museums -oder auch zwischendurch- empfiehlt es sich, in der Bar/dem Tabac gegenüber der Kirche ein poulet de Bresse aux morilles zu verzehren, die lokale Spezialität, die dort angeboten wird.

Es ist zwar wohl kaum genau à la Paul Bocuse zubereitet wie das Huhn auf dem abgebildeten Teller[18], aber auf jeden Fall ausgesprochen lecker und sicherlich deutlich preiswerter als bei Paul Bocuse…

Bei gutem Wetter kann man auch draußen sitzen mit Blick auf die Westfassade der Kirche, und bei Sonne zeigt sich vielleicht auch das Schattenteufelchen…

Literatur

Briat-Philippe, Magali u.a., Musée des beaux-arts du monastère royal de Brou : guide des collections.  Silvana Editoriale 2023

Markus Hörsch, Architektur unter Margarethe von Österreich, Regentin der Niederlande. Eine bau- und architekturgeschichtliche Studie zum Grabkloster St.-Nicolas-de-Tolentin in Brou bei Bourg-en-Bressse. Brüssel 1994

Thea Leitner, Europas bester Diplomat. Margarete 1480-1530. In: Dies, Habsburgs verkaufte Töchter. München/Berlin 2017, S. 57-92

Marie-Françoise Poiret, Le monastère royal de Brou. Éditions du patrimoine. Paris 2023

https://meinfrankreich.com/kloster-brou/  (Ein kompakter Überblick im Blog von Hilke Maunders)

https://www.monastere-de-brou.fr/decouvrir/etincelante-toiture

https://www.monastere-de-brou.fr/decouvrir/somptueux-tombeaux

https://www.monastere-de-brou.fr/decouvrir/somptueux-tombeaux

https://www.monastere-de-brou.fr/decouvrir/extraordinaire-jube

https://www.historia.fr/guide-culture-loisirs/tourisme/le-monastere-royal-de-brou-un-reve-damour-et-de-pouvoir-2066656


Anmerkungen

[1] Bild aus: https://voyage.aprr.fr/autoroute-info/decouvrir-la-saone-et-loire-par-lautoroute

[2] Leitner, S. 72

[3] Poiret, Le monastère royal de Brou. S. 2

[4] https://www.historia.fr/guide-culture-loisirs/tourisme/le-monastere-royal-de-brou-un-reve-damour-et-de-pouvoir-2066656

[5] Zitate bei Leitner, S. 66 und 67

[6] Zit. bei Leitner, S. 72

[7] https://www.deutsche-biographie.de/sfz58204.html

[8] https://www.deutsche-biographie.de/sfz58204.html  Vom Papst zum Kaiser gekrönt wurde Karl allerdings erst 1530; Leitner S. 87

[9] Leitner, S. 87

[10] Der Historiker Max Bruchet, zit. von Poiret in: Le monastère royale de Brou, S. 20

[11] Centre des Monuments Nationaux  Monastère royal de Brou, Königliches Kloster Brou. Das Meisterwerk einer Kaisertochter. Deutscher Info-Flyer

Zu Louis van Boghem: François Chauvat,  Louis van Boghem, architecte de l’église de Brou.  In: Réunion des sociétés savantes des départements à la Sorbonne. 1. Januar 1888 https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k2062079/f190.image

[12] Hörsch, S. 51

[13] Bei der nachfolgenden Passage beziehe ich mich auf: https://www.monastere-de-brou.fr/decouvrir/somptueux-tombeaux

[14] Nachfolgendes Bild aus: https://www.parisladouce.com/2022/04/eglise-saint-nicolas-de-tolentin.html#google_vignette

[15] Bild aus: https://www.chroniquesdebresse.fr/Les-petits-pains-de-Saint-Nicolas

[16] Marie-Françoise Poiret/Marie-Dominique Niviere, Brou, Bourg-en-Bresse. Bourg-en-Bresse 1990, S. 27. Zitiert von Markus Hörsch, S. 32

[17] https://www.monastere-de-brou.fr/decouvrir/gustave-dore-un-artiste-genial-au-monastere

[18] https://www.papillonette.fr/?p=112