Das Palais Royal (2): Ein Einkaufs- und Unterhaltungszentrum in den „wilden Jahren“ zwischen 1780-1830 

Am 27. März 1790 berichtete der junge russische Reisende Nikolai Michailowitsch Karamansin in einem Brief über seine ersten Eindrücke von Paris:

„Als wir uns Paris näherten, fragte ich unaufhörlich: ‚Werden wir es bald sehen können?‘  Endlich erblickten wir es in seiner ganzen Größe auf einer weiten Ebene. Unsere gierigen Blicke starrten auf diese Häusermasse und verloren sich darinnen wie in dem unermesslichen Ozean. Mein Herz schlug hoch. Das ist sie, die Königin der Städte, dachte ich, die so viele Jahrhunderte hindurch Europa zum Muster diente und die Quelle des Geschmacks und der Moden für so viele Nationen war (…) Paris, von dem ich so vieles gelesen und gehört, über das ich so manchmal geschwärmt und gedacht habe- da liegt es vor mir. (…) Keiner Stadt habe ich mich noch mit solchen regen Gefühlen, mit solcher Neugierde, mit solcher Ungeduld genähert! (…)

Die Sonne ging unter, es ward Nacht, und man zündete die Laternen an. Wir kamen in das Palais Royal, ein ungeheures Gebäude, das man mit Recht die Hauptstadt von Paris nennt. Stellt Euch einen prächtigen Palast im Quadrat vor, um welchen ringsher Arkaden laufen, darunter den erstaunten Blicken in unzählbaren Läden alle Reichtümer der Welt entgegenstrahlen. Alle Schätze Indiens und Amerikas, Brillanten, Perlen, Gold und Silber – alle Produkte der Natur und Kunst, alles, womit nur immer die königliche Pracht sich brüstet, alle Erfindungen des Luxus zur Verschönerung des Lebens: alles das ist auf die geschmackvollste Weise hier ausgelegt und mit verschieden-farbigen Lampen erleuchtet. Ein Anblick, dessen Glanz die Augen blendet! Dabei die ungeheure Volksmenge, die in diesen Arkaden auf und nieder wallt, um zu sehen und gesehen zu werden! Hier sind die  besten Kaffeehäuser von ganz Paris, die gleichfalls immer mit Menschen vollgestopft sind und in denen man Zeitungen und Journale laut vorliest, darüber streitet und lärmt, Reden hält usw.

Mir ging der Kopf in die Runde. Wir verließen die Bogengänge und gingen in die Kastanienallee des Jardin du Palais Royal, um auszuruhen. Hier herrschen Stille und Dunkel: die Arkaden ergossen zwar ihr Licht über die grünen Zweige, aber es verlor sich in ihren Schatten. Aus einer anderen Allee schallten sanfte leise Töne einiger Instrumente zu uns herüber, und ein kühler Wind rauschte in den Blättern der Bäume. Freudenmädchen besuchten uns in Menge, bewarfen uns mit Blumen, seufzten, lachten, luden uns in ihre Grotten ein und versprachen uns unendliches Vergnügen- verschwanden aber endlich wie die Erscheinungen einer Mondnacht.“ [1]

Karamansin nennt das Palais Royal „die Hauptstadt von Paris“ und er bezieht sich dabei –ohne den Namen zu nennen- auf  Louis-Sébastien Merciers «Tableau de Paris», dessen Lektüre offenbar zu seinen Reisevorbereitungen gehörte. Nur konsequent also, dass schon sein erster Paris-Abend ihn dorthin führte. Für Mercier war das Palais Royal ein „Zauberort“, „eine luxuriöse kleine Stadt, die in einer grossen eingeschlossen ist“[2]  und entsprechend empfindet es auch Karamasin:  Mir kam alles wie Zauberei vor.  

Verzaubert vom Palais Royal ist auch Ludwig Börne, der in seinem fünften Brief aus Paris vom 17. September 1830 begeistert berichtet:

Die Pracht und Herrlichkeit der neuen Galerie d’Orléans im Palais Royal kann ich Ihnen nicht beschreiben. Ich sah sie gestern abend zum ersten Male in sonnenheller Gasbeleuchtung und war überrascht wie selten von etwas. Sie ist breit und von einem Glashimmel bedeckt. Die Glasgassen, die wir in früheren Jahren gesehen, so sehr sie uns damals gefielen, sind düstere Keller oder schlechte Dachkammern dagegen. Es ist ein großer Zaubersaal, ganz dieses Volkes von Zauberern würdig.“ (3)

Und noch 1835  ist das Palais Royal für den Paris-Reisenden Carl Gustav Carus ein „Zaubergarten“: „Wer … so ganz unbefangen, bei einem recht schönen Abende, von der Seite der Seine in den Garten des Palais Royal und seine glänzend erleuchteten Galerien tritt, mag immer in einen märchenhaft luxuriösen Zauberkreis sich versetzt fühlen.“ (4)

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Ein weiterer Zeitzeuge ist Restif de la Bretonne,  um 1800 einer der meistgelesenen französischen Autoren in Deutschland. Er nannte das Palais Royal „das Zentrum des Chaos einer großen Stadt“ und  „le centre de tous les amusements.“  Restif musste es wissen: Hatte er doch wie kein anderer das Palais Royal zum Gegenstand seiner Literatur gemacht und damit zur Popularität des Ortes beigetragen.[5]

 

 

Die Attraktivität des Palais Royal ist wesentlich  dem Besitzer des Anwesens,  Louis-Philippe d’Orléans (1747-1793), duc de Chartres, später duc d’Orléans und ab 1792 Philippe Égalité  zu verdanken.  Der beschloss nämlich 1781 ein großes Umbauprogramm des Palais Royal, um die Anlage aufzuwerten und seiner Geldnot abzuhelfen. Er beauftragte damit Victor Louis, einen der großen Architekten des 18. Jahrhunderts.

Der umgab den Ehrenhof  (damals der cour royale) mit Kolonaden, zu denen er sich vom Petersplatz in Rom inspirieren ließ. (Heute befinden sich in dem betonierten Hof  Les Deux Plateaux  des französischen Künstlers Daniel Buren, UXH, auch les colonnes de Buren genannt: Eine Kunstinstallation mit  „Parkplatzflair“ (Marc Zitzmann), die ich gerne rechts liegen lasse, wenn ich vom Louvre aus zu dem  Jardin  durchgehe).  Die Parzellen am Rand des Palais-Gartens ließ Louis-Philippe d’Orléans  –ähnlich der Konzeption der Place Royal/Place des Vosges- mit noblen,  gleichmäßig gestalteten  „Reihenhäusern“ und  Arkadengängen bebauen, um sie dann zu vermieten oder zu verkaufen.  Sie boten Platz für Wohnungen, kleine Läden, Cafés und Restaurants am westlichen, nördlichen und östlichen Flügel des Gartens.

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Plan von Victor Louis der Umbauten des Palais Royal mit den Kolonaden rund um die beiden Innenhöfe und der Randbebauung des Gartens.[6]

Dazu kam später am  südlichen Rand des Gartens, am Übergang zum Ehrenhof des Palais,  eine hölzerne Galerie, die ebenfalls eine Fülle von Läden umfasste und im Volksmund camp des Tartares  (Tartarenlager) genannt wurde: Es war dies gewissermaßen die Ahnherrin der später (nicht nur) in Paris so beliebten überdachten Galerien bzw. Passagen.[7]

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Und schließlich gab es den auf diesem Entwurf auch noch nicht vorgesehenen cirque, den „Zirkus“: ein in der Mitte des Gartens platziertes 112 Meter langes und 32 Meter breites Gebäude, das teilweise in den Boden versenkt war, um den Blick auf die Arkaden nicht zu behindern.

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Es verfügte über einen großen glasgedeckten Raum für große Veranstaltungen und über 40 halb in den Boden versenkte Boutiquen — gewissermaßen ein Vorläufer heutiger Einkaufszentren. Im Dezember 1798 brannte das Gebäude ab und wurde dann nicht mehr wieder aufgebaut.

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Zeichnung des Inneren von Meunier, um 1788 (Musée Carnavalet[8])

Dazu kamen dann noch das 1783 errichtete Théâtre Beaujolais in der Rue de Montpensier (heute Théâtre du Palais-Royal) und das  ebenfalls von Victor Louis entworfene Theatergebäude der heutigen Comédie Française (gebaut 1786-1790).

Das Projekt Louis- Philippes kombinierte also Wohnungen, Kommerz und Unterhaltung.  Ein solches Konzept war geeignet, ein großes Publikum anzuziehen. Dazu trug auch bei, dass der Hausherr dem Garten und den umgebenden Galerien einen Sonderstatus verlieh, ihn nämlich der polizeilichen Aufsicht entzog. Das entsprach dem wirtschaftlichen Interesse des Herzogs, aber auch seiner Neigung zu Reformideen noch zur Zeit des Ancien Régime. 1792 gab er sich den neuen Titel „Philippe Égalité“ und benannte seinen Garten in „Jardin de la Révolution“ um. Er stimmte  sogar für die Todesstrafe Ludwigs XVI., was ihn aber nicht davor bewahrte, 1793 selbst unter der Guillotine zu enden.[8] Die Erfolgsgeschichte des Palais Royal ging aber weiter und überdauerte die Wirren der Revolution, die Herrschaft Napoleons und die Restaurationsphase der Bourbonen. Es war ausgerechnet die Julirevolution von 1830,  die den Sohn Louis Philippes von Orléans zum König der Franzosen machte, die dem im Palais Royal herrschenden bunten Treiben ein Ende bereitete.

Der Charme des Ortes ging damit aber nicht verloren, wie Carl Gustav Carus 1836 bestätigte. Im  Tagebuch seiner Reise „Paris und die Rheingegenden“ rühmte er das Palais Royal – wie schon so viele Besucher vor ihm- als einen Zaubergarten:

„Und gewiß! Wer unvorbereitet und ohne weiter zu wissen, was alles in diesen Hallen sich bewegt, so ganz unbefangen, bei einem recht schönen Abende, von der Seite der Seine in den Garten des Palais Royal und seine glänzend erleuchteten Galerien tritt, mag immer in einen märchenhaft luxuriösen Zauberkreis sich versetzt glauben.“[9]

Was die Attraktivität, ja den Ruhm des Palais Royal vor allem in seinen „wilden Jahren“ ausmachte, wird in diesem und dem folgenden Beitrag näher entfaltet. So soll ein anschauliches Panorama dieses kommerziellen, gesellschaftlichen, erotischen und  politischen „hotspots“ von Paris in den Jahren zwischen 1780 und 1830 entstehen.

 

Das Paradies (nicht nur) der Damen: Die Boutiquen im Palais Royal

Insgesamt gab es in den Jahren um 1800 fast 400 Geschäfte im Palais Royal. Die Vielfalt war beeindruckend, die Konkurrenz groß. Besonders reichlich vertreten waren Luxuswaren.

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Auf diesem Gemälde  von Philibert- Louis Debucourt von 1789 (nach einem Gemälde von François Bosio) sieht man feine Damen und Herren –jung und alt-  bei der Promenade durch die  „Galerie du Palais Royal“- so der Titel. Die beiden jungen Damen sind nach der neuesten Mode gekleidet – es sind die sogenannten élégantes.  Da man bei den eng anliegenden Gewändern  die notwendigen Utensilien jetzt nicht mehr unter dem Kleid verbergen konnte – wie bei der alten noch im Stil des ancien régime gekleideten Dame links im Bild-  kamen jetzt Handtaschen aus Seide oder Leder in Mode: Das Kind rechts im Bild darf die Tasche seiner Mutter tragen.[10]

Modische Accessoires wurden im Palais Royal in Fülle angeboten; zum Beispiel Kaschmir-Schals. Hatte man unter den Arkaden die Boutique mit den chinesischen Schattenspielen passiert, war man da am richtigen Platz.

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Kaschmir-Schals waren nach 1800 in Frankreich „der letzte Schrei“.[12] Joséphine de Beauharnais, die Frau Napoleons, liebte sie und schuf damit eine entsprechende Mode. Die Nachfrage war so groß, das Angebot echter „châles des Indes“ aber, vor allem in Zeiten der Kontinentalsperre,  so gering, dass man begann französische Kaschmir-Schals zu produzieren.  Von der Kaiserin wurde das auch entsprechend unterstützt: 1812 kaufte sie 12 Kaschmir-Schals „made in France“ für 24 000 Francs![13]  Die publikumswirksame Unterstützung französischer Produktion durch die höchsten staatlichen Autoritäten hat in Frankreich eine lange Tradition…

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Dies ist der Eingang zu dem früheren Laden des Uhrmachers Charles Oudin in der Galerie Montpensier Nummer 51 und 52.[14] Oudin (1768-1840) hatte bei dem berühmten Uhrmacher Bréguet sein Handwerk gelernt und zu dessen Erfolgen mit eigenen Erfindungen beigetragen. 1801 machte er sich selbstständig und eröffnete eine eigene Werkstatt im Palais Royal.  Mit seinen handsignierten Uhren belieferte er die russische Zarenfamilie, die Königshäuser von Spanien, Portugal, Italien und Griechenland und die Kaiserin Josephine.[15]   Alte Oudin-Uhren sind heute gesuchte Sammlerstücke. Aber es gibt auch neue Oudin-Uhren, die allerdings nicht mehr im Palais Royal, sondern an der Place Vendôme verkauft werden.

Hier und an manchen anderen Stellen des Palais Royal sind noch alte Firmenschilder und Mosaike zu sehen:

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Hier sieht man noch die alten Nummern der Boutiquen, die die Orientierung erleichterten.

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Ein schöner alter Mosaikfußboden ist auch noch in dem luxuriösen belgischen  Modegeschäft Delvaux in der Galerie de Valois erhalten. Delvaux hat sich 1828 im Palais Royal niedergelassen und verweist  stolz auf diese Tradition und auf seine exklusiven Magritte-Vermarktungsrechte. [11]

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Zu der Palais Royal-Tradition gehören auch die zahlreichen Formen von Siegeln, die in dem Geschäft ausgestellt sind und aus einer nicht weniger noblen Vorgängerboutique stammen.

Der frühere Besitzer  belieferte den ganzen europäischen Adel mit Siegeln. Gerne werden interessierten Besuchern auch die beiden gezeigt, die für Napoleon angefertigt worden waren…

Die eiserne Wendeltreppe in der Boutique stammt übrigens vom Eiffelturm.

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Zum Schluss dieses kleinen Rundgangs durch die Galerien des Palais Royal noch ein Blick auf das Tabak- und Pfeifengeschäft À L’ORIENTAL.

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Es verweist stolz auf seine Gründung im Jahr 1818, und auch für Nichtraucher lohnt es sich, einen Blick in dieses Kuriositätenkabinett zu werfen. [16]

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Es erinnert an einen früheren Tabakladen, den es im Palais Royal gab, von dem Casanova in seinen Memoiren Geschichte meines Lebens  berichtet: Ein einmaliger Besuch der Herzogin von Chartres in dem Tabakladen habe bewirkt, dass die Kunden nur so hereinströmten und die Verkäuferin ihr Glück gemacht habe.

 

Restaurants und Cafés im Palais Royal der „années folles“

Das Palais Royal gilt mit Recht als „Wiege der französischen Gastronomie“.[17]  Hier zum ersten Mal gab es Restaurants, in denen die Gäste an individuellen Tischen jederzeit aus einer Speisekarte mit fest angegebenen Preisen  eine Auswahl  treffen konnten. Außerdem wurden die Speisen dort nicht auf einmal serviert, sondern entsprechend dem „service à la russe“  die verschiedenen Gänge nacheinander. Die ersten,  bedeutendsten und in ganz Europa berühmten Restaurants der Stadt lagen in den Galerien des Palais Royal: „Les Frères provençaux“ (Nr. 96-98), das Very (Nr. 83-85) und das Véfour (Nr. 79-82). (Das im Sinne eines Speiselokals   zu verstehende Wort Restaurant wurde übrigens erst 1835 in den Dictionnaire de l’Académie française aufgenommen).

Les Trois Freres Provencaux, H. Roger-Viollet, 1842

Les Frères provençaux wurde 1786 von drei Brüdern aus der Provence im Palais Royal eröffnet. Der große Speisesaal unterschied sich kaum von dem heutiger nobler Restaurants. [18]

Für viele Ausländer, vor allem Amerikaner, war das Restaurant im 19. Jahrhundert der erste Pariser Anlaufpunkt  auf ihrer „grand tour“ durch Europa. Kein Wunder bei der Eleganz der Einrichtung und der Gäste und vor allem natürlich auch wegen des außerordentlichen Angebots: Es gab allein 16 Gerichte mit Rind,  30 mit Geflügel, 20 mit Kalb, 13 mit Lamm und 29 mit Fisch- wobei das Restaurant besonders für seine Brandade, ein mit Fisch und Gemüse zubereitetes Pürree,  berühmt war.[19]

Auch das Restaurant Very genoss internationales Renommee.  Das zeigt die nachfolgende Farblithografie des Engländers  George Cruikshank (1792–1878). Der hatte 1822 in London eine Sammlung von karikaturistischen Lithografien mit dem Titel  Life in Paris, comprising the rambles, sprees and amours of Dick Wildfire veröffentlicht.

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Hier sieht man ihn mit zwei Freunden beim Dinner im Restaurant Very.[20]  Aber natürlich zog das Very auch Franzosen an, wie man aus Balzacs Illusions perdues erfahren kann: Da entdeckt nämlich der aus der Provinz stammende  Lucien Chardon/Lucien de Rubempré das Palais Royal und besucht das Very „pour s’initier aux plaisirs de Paris“.[21] 

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Das einzige der drei ursprünglichen Nobel-Restaurants im Palais Royal, das es heute noch gibt, ist Le Grand Véfour. Es wurde 1784 in den gerade errichteten Arkaden als Café de Chartres eröffnet und 1820 von Jean Véfour übernommen.  

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Die Innenausstattung des Véfour war (und ist)  ausgesprochen nobel, was sicherlich dazu beitrug, dass das Restaurant ein bevorzugter Treffpunkt von Schriftstellern wurde.[22]

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Zum kulinarischen Angebot  in den Galerien des Palais Royal trugen auch die commerces de bouche bei, also feine Geschäfte rund ums Essen: Feinkostläden, Konditoreien, Traiteure  (Produzenten und Lieferanten von Fertiggerichten) ….   Hier das Ladenschild  des Delikatessenladens Corcellet in der Galerie de Valois Nummer 104, entstanden um 1801 und heute ausgestellt im Musée Carnavalet. [23]

 

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Das Palais Royal war aber nicht nur berühmt wegen seiner Restaurants, sondern auch wegen der Cafés, die sich in den Galerien niederließen. In einem englischen Paris-Führer aus dem Jahr 1839 findet sich im Anhang eine Auflistung von besonders empfehlenswerten Pariser Restaurants und Cafés. Von den dort aufgeführten 24 Etablissements befinden sich allein 9 im Palais Royal, obwohl dessen beste Zeit damals schon vorbei war und ihm die großen Boulevards den Rang abgelaufen hatten. [24]  Die Konkurrenz unter den Cafés war also  sehr groß, und die Besitzer hatten  zum Teil schon  besondere Einfälle, um das Publikum anzuziehen.  Das konnte eine besondere Ausstattung sein wie in der Nummer 55: Dort gab es in der ersten Etage eine Darstellung des Übergangs der napoleonischen Armee über die Alpen. Und entsprechend war dann auch das Café du Mont-St-Bernard  benannt und ausgestattet:  Mit Grotten, Mineralien, landestypischen Trachten…  Unübertroffen war aber in dieser Hinsicht das „Café Méchanique“ in der Nummer 121: Dort gab man seine Bestellung auf, indem man einen entsprechend ausgefüllten Zettel in ein Loch im Tisch warf. Bald danach erschien dann das gewünschte Getränk wie durch ein Wunder auf dem Tisch: Seine Beine waren nämlich Zylinder mit einer darin verborgenen Aufzugsvorrichtung, die mit der darunter befindlichen Küche verbunden war. Eine andere Form, das Publikum anzuziehen, waren außergewöhnliche Darbietungen wie in dem Café Lyrique, wo ein Blindenchor und  blinde Musikanten auftraten, was dem Café dann auch den Namen „Café des Aveugles“, der Blinden, gab.[25]

 

Unterhaltung  ohne Grenzen im Palais Royal

Solche – und andere- Angebote machten das Palais-Royal  in seinen „wilden Jahren“  zum unbestrittenen  Zentrum der Unterhaltung und des Amusements von Paris. Eine große Rolle dabei spielte das (Glücks-)Spiel.  Insgesamt gab es in den Galerien eine große Zahl von Boutiquen mit unterschiedlichen Spielangeboten, und auch im Cirque gab es noch Spieltische. In ihrer Histoire de la société francaise pendant la  Révolution schreiben Edmond und Jules de Goncourt, in Paris, der Hauptstadt der Welt, sei das Palais Royal die Hauptstadt des Spiels geworden;  „dans ce Paris, capitale du monde, le Palais-Royal devient la capitale du jeu.“ (25a) :

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Auf diesem 1808 entstandenen Bild von Louis Léopold Boilly wird eine Partie Dame im Café Lamblin im Palais Royal gezeigt- natürlich ohne Damen, die aber auch beim Glücksspiel eine Rolle spielten. [26]

So etwa in der Nummer 113, einer  besonders  bekannten Adresse für Spieler.  Im  Erdgeschoss gab es ein kleines Restaurant und  im ersten Stock Spielsäle, wo von nachmittags bis zum frühen Morgen an sechs Tischen Roulette gespielt wurde.

Georg Emanuel Opitz - Galeries du Palais-Royal from Tableau de Paris 1815-30 - (MeisterDrucke-93704)

Die große Ziffer am Eingang deutet aber darauf hin, dass das Etablissement auch noch eine andere Bestimmung hatte[27]: In allen Zimmern saßen um die Spieltische und Spieler herum Damen, die sich anboten, die Gewinner zu verwöhnen und die Verlierer zu trösten. Dafür gab es im zweiten Stock des Hauses die entsprechenden Räume. Und wie man auf dem Aquarell von Georg Emmanuel Opitz (1775- 1841) sieht, boten auch schon am Eingang Damen ihre Dienste an.[28]

1814 wurde sogar in Paris ein Roman  von J.-P.-R. Cuisin publiziert, der am Beispiel der „Spielhölle“ in Nummer 113 die Gefahren des Glücksspiels thematisierte: Le Numéro 113 ou la Catastrophe du jeu. Histoire véritable.[29] Eine abschreckende Wirkung hat das Buch aber offensichtlich nicht gehabt…

Ein Jahr nach dem Erscheinen des Buchs verlor jedenfalls der siegreiche preußische Marschall Blücher an einem einzigen Abend ein Vermögen beim Spiel im Palais Royal.[30] Und wenn man dann unbedingt noch mehr Geld benötigte oder seine ausländische Währung umtauschen wollte, gab es auch zum Umtausch oder Eintausch von Wertsachen/Pfändern  die entsprechenden Einrichtungen in den Galerien des Palais Royal.[31]

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Stellenweise glich das  Unterhaltungsangebot im Palais Royal  dem eines Jahrmarkts. Dazu gehörte auch die Präsentation besonders ausgefallener menschlicher „Exponate“.

Hier zwei Werbezettel für die Zurschaustellung des schwergewichtigen Engländers Paul Butterbrodt (238 Kilogramm)  und der „jungen preußischen Riesin“ Mlle La Pierre (2.20 m groß). [32]

Bewundern konnte man auch einen kleinwüchsigen Menschen aus dem Schwarzwald. Der war nur 75 cm groß, sprach aber verschiedene Sprachen, in denen er alle möglichen Fragen zur Geografie, seinem Spezialgebiet, beantworten konnte:  Sein Geist hatte das in Fülle, was seinem Körper fehlte, wie es in der Werbung für ihn hieß.  Zu sehen war er -natürlich auch gegen ein entsprechendes Eintrittsgeld- von 10 Uhr morgens bis 2 Uhr nachts. Man konnte aber auch private Reservierungen vornehmen  -vielleicht als Attraktion für eine häusliche Einladung. (33)

Eine Attraktion war auch das Wachsfigurenkabinett des Philippe Curtz/Curtius in der Galerie de Montpensier Nummer 17. Dort waren die Büsten bedeutender historischer Persönlichkeiten und aktueller politischer Prominenz ausgestellt. (Die künftige Mme Tussaud erlernte übrigens dort ihr Handwerk). Der deutsche Reisende August von Kotzebue schreibt in seinem Reisebericht von 1790:

„Ein anderer Schreier machte uns aufmerksam auf den Saal von Wachsfiguren in Lebensgröße, der wirklich sehenswert ist. Der König, die Königin, der Dauphin mit seiner Schwester, la Fayette, Bailly, Voltaire, Rousseau, Franklin, die berühmten beiden Gefangenen, die in ihrer Gefangenschaft so interessant, und außer derselben so langweilig sind, ich meine Trenk und la Trude, die indianischen Gesandten, die einst hier waren, Madame du Barry schlafend und halb nackend, Maria Theresia, Clermont Tonnerre und Gott weiß wer sonst noch.  Alle stehen hier in außerordentlicher Ähnlichkeit, in ihrer gewöhnlichen Kleidung.- Was gäbe ich nicht darum, eine solche Abbildung meiner Friederike zu besitzen!“ (34)

Im „Muséum de démonstrations de physiologie et de pathologie“ des M. Bertrand in der Nummer 23 konnten Besucher außerdem  alle  aus bemaltem Wachs nachgeformte  Partien des menschlichen Körpers  in Augenschein nehmen, die entsprechend der damaligen Werbung mit solcher Kunstfertigkeit hergestellt waren, dass sie wie echt erschienen. (35)

Und natürlich durften da auch sogenannte „sauvages“ nicht fehlen.  Kotzebue berichtet zum Beispiel von einem angeblichen homme sauvage, „der Gott weiß auf welcher Insel gefangen worden sein sollte (…) Seine ganze Wildheit bestand darin, dass er Steine fraß. … Er zermalmte die Kiesel mit den Zähnen, sperrte das Maul weit auf, um uns die klein gekauten Steine sehen zu lassen, und ließ uns dann auf seinem Unterleibe trommeln, wo wir ein ansehnliches Depot von Steinen konnten klappern hören. Betrug schien es mir nicht zu sein. (36)  Wie Mercier berichtet,  konnten Voyeure  –gegen eine entsprechende Gebühr- sogar einen anderen jungen „Wilden“ beobachten, „qui s’accouplait publiquement avec une femme de son espèce“.[37]

Zu den Attraktionen des Palais Royal gehörte auch die kleine Kanone, die 1786 von dem Uhrmacher Rousseau, „ingénieur en instruments de mathématiques, particulièrement en montres et cadrans solaires portatifs, méridiennes et canons“ installiert wurde.

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Die Kanone ersetzte die auf Veranlassung des duc de Chartres angebrachte Markierung des Pariser Meridians. Auf einem der benachbarten Gebäude des Gartens war eine Mittagslinie eingezeichnet. Casanova notierte 1750, dass viele Menschen um die Mittagszeit im Garten aufmerksam herumständen und die „Nase in die Luft“ streckten. Jeder habe seine Uhr in der Hand, um sie genau um 12 Uhr exakt einzustellen. Es gäbe zwar viele solcher Mittagslinien, „aber die des Palais Royal ist die genaueste“.[36] Als dann die den Garten umgebenden Galerien und Häuser gebaut wurden, verdeckten sie den Blick auf die benachbarten Fassaden mit dem Meridian. Die kleine Kanone bot nun eine attraktive Alternative: Genau um 12 Uhr entzündeten die Sonnenstrahlen das unter einem Brennglas deponierte Schwarzpulver und lösten damit eine kleine Explosion aus. Mit einigen Unterbrechungen funktionierte diese Kanone bis 1997. Da wurde sie gestohlen und durch eine „stumme“ Nachbildung ersetzt….

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Das –hier erst teilweise behandelte- überwältigende und vielfältige Angebot im Palais Royal zog, wie schon der anfangs zitierte russische Reisende Karamansin feststellte, eine große Zahl von Besuchern an, die aus Paris, Frankreich und dem Ausland herbeiströmten. Es gibt zahlreiche zeitgenössische Darstellungen, die das veranschaulichen. Eine davon ist die Farblithografie „La promenade publique“ von Dubucourt aus dem Jahr 1792.

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Dargestellt ist „die bessere Gesellschaft“, die sich auch in Zeiten der Revolution das Vergnügen im Palais Royal nicht nehmen lässt.[39] Man kann es zwar als  Ankündigung eines sozialen Umbruchs verstehen, dass der Stuhl unter dem  jungen Aristokraten im Vordergrund links zusammenbricht. Dass aber der Umbruch nicht allzu tiefgreifend werden wird, zeigt ein weiterer junger Aristokrat recht im Bild hinter dem Kind, das ein Tablett mit zwei Flaschen trägt. Dieser eine Kusshand werfende junge Mann ist der Duc de Chartres, der junge Herr des Anwesens. Und der fiel nicht der Revolution zum Opfer wie sein Vater, sondern er wurde 1830 französischer König, der „Bürgerkönig“ Louis Philippe…

 

In dem nachfolgenden Beitrag wird es um „Sex und Politik“ in den wilden Jahren des Palais Royal gehen.

Zum Palais Royal heute siehe:   https://paris-blog.org/2020/07/17/das-palais-royal-1-ein-garten-der-literatur-und-eine-oase-der-ruhe-mitten-in-paris/

 

Anmerkungen

[1] N.M.Karamansin, Brief eines russischen Reisenden. Aus: Europa erlesen: Paris. Herausgegeben von Joachim Dennhardt. Klagenfurt 2015, S.34/37

[2]  Zit. von Marc Zitzmann, Kristalltöne aus der Spieluhr. NZZ  6.1.2006

(3) zitiert bei: Willi Jasper, Keinem Vaterland geboren. Ludwig Börne. Eine Biographie. Hamburg 1989, S. 156. Zu Ludwig Börne in Paris siehe auch den Blog-Beitrag https://paris-blog.org/2018/07/10/das-grabmal-ludwig-boernes-auf-dem-pere-lachaise-in-paris-eine-hommage-an-den-vorkaempfer-der-deutsch-franzoesischen-verstaendigung/

(4) zit. bei: Karsten Witte (Hrsg), Paris. Deutsche Republikaner reisen. Insel-Taschenbuch 389. Ffm 1980, S. 129

[5] Die Zitate aus: Susanne Gretter, Paris liegt an der Seine. Bilder einer Stadt. Suhrkamp taschenbuch 2994, FFM S. 295  und  Le Palais Royal. Deuxième Partie. Les Sunamites. Paris 1790  https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k6439744c/f23.image   Die Abbildung zeigt das Cover einer späteren Auflage:  https://fr.wikisource.org/w/index.php?title=Fichier:Restif_de_la_Bretonne_-_Le_Palais-Royal,  Zu Rétif in Paris  (es gibt die beiden Schreibweisen) siehe auch: Waltraut Dennhardt-Herzog,  Auf den Spuren von Rétif de la Bretonne. In: Europa erlesen. A.a.O., S. 132 f  Zu seiner Rezeption in Deutschland: Yong-Mi Quester, Frivoler Import: Die Rezeption freizügiger französischer Romane in Deutschland (1730-1800). Tübingen 2006

[6] Bild aus: https://commons.wikimedia.org/wiki/

[7] Bild aus: https://www.meisterdrucke.at/kunstdrucke/French-School/526075/Holzgalerien,-ehemaliges-Tartarenlager,-Palais-Royal,-1825.html

[8] http://passerelles.bnf.fr/dossier/palais_royal_01.php

[9] Carl Gustav Carus, Paris und die Rheingegenden. Tagebuch einer Reise im Jahre 1835. Leipzig 1836.  Zit in: Karsten Witte (Hrsg), Paris. Deutsche Republikaner reisen. FFM 1980  (Insel Taschenbuch 389), S. 129

[10] rhttps://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons  (Die Titelangabe ist allerdings falsch. Bei der „Promenade de la galerie du Palais-Royal“  handelt es sich um eine Farblithografie, die später noch gezeigt wird. Das Bild befindet sich im Musée Marmottan Monet in Paris. Siehe dazu: :   French Art of  the Eighteenth Century.  Yale University Press, New Haven and London,   S. 154

[11] Es handelt sich um eine Dépendence der Brüsseler Firma, die sich als Pionier luxuriöser Ledertaschen bezeichnet.

[12] La mode du châle cachemire en France. Ausstellungskatalog 1982.   Musée de la mode et du costume. Herausgegeben von der Stadt Paris.

[13] siehe M. Rousseau, Au Musée Galiéna: Le châle cachemire,  chef -d‘ œuvre et curiosité zootechnique  Bull. Acad. Vét. de France, 1983, 56, 3947 http://documents.irevues.inist.fr/bitstream/handle/2042/65265/AVF_1983_1_39.pdf?sequence=1

[14]https://commons.wikimedia.org/wiki/

[15] https://www.kollenburgantiquairs.com/de/Uhren/Franzoesischer-Reisewecker.-Charles-Oudin

[16] Bilder:  https://vivreparis.fr/10-des-plus-anciens-commerces-de-paris/ und  http://www.fumeursdepipe.net/oriental.htm

Info zu Casanova siehe: Uwe Schultz, Paris. Literarische Spaziergänge. Insel-Taschenbuch 2884, FFM und Leipzig 2003, S.198

[17] http://www.grand-vefour.com/legrandvefour/lhistoire.html le berceau de la gastronomie française

[18] Siehe: Food. The history of taste. University of California Press. Berkely 2005

Bild aus: http://4.bp.blogspot.com/

[19] http://www.theamericanmenu.com/2012/05/general-lewis-cass.html Abbildung der Speisekarte aus: https://happy-apicius.dijon.fr/une-carte-de-restaurant-ancienne-nos-belles-acquisitions-2016-n1/

[20]  “Dick, the Captain, and Squire Jenkin dining at Very’s in the Palais Royal”. Abbildung aus: https://www.akg-images.com/archive/

[21] zit. bei: Patrick Rambourg, Histoire de la cuisine et de la gastronomie françaises.  Éditions Plon 2010

[22]  Siehe dazu den Blog Beitrag über den Garten des Palais Royal: Ein Garten der Literatur und eine Oase der Stille mitten in Paris.

[23]  Siehe: https://chartes.hypotheses.org/5640  und  http://www.domaine-palais-royal.fr/Actualites/Histoire-gourmande-du-Palais-Royal

[24] Calignani‘s  New Paris Guide. Paris 1839, Seiten 547/548

[25] https://chartes.hypotheses.org/5640

(25a) Edmond und Jules de Goncourt,  Histoire de la société  française pendant la  Révolution“. Paris: Éditions du Boucher 2002. Nachdruck der Ausgabe von 1889

[26] Bild aus der Ausstellung Les Nuits de Paris mit entsprechenden Erläuterungen

[27] Zur Bedeutung der großen Straßennummern siehe den Blog-Beitrag  Aux Belles Poules, ein ehemaliges Pariser Bordell im Quartier St. Denis.  https://paris-blog.org/2019/11/01/aux-belles-poules-ein-ehemaliges-pariser-bordell-im-quartier-st-denis/

[28] Georg Emmanuel Opitz, Palais Royal Nummer 113 (Aquarell). Aus: Tableau de Paris 1815-1830) https://www.meisterdrucke.de/kunstdrucke/Georg-Emanuel-Opitz/93704/Galeries-du-Palais-Royal,-von-Tableau-de-Paris,-1815-1830.html

[29] http://www.pileface.com/sollers/pdf/cataloguelivre052019WEB.pdf

[30] http://www.grand-vefour.com/legrandvefour/lhistoire.html  : Danach waren es 15. 000 Francs, die Blücher verspielte. Nach dem immerhin sehr seriösen und fundierten  Artikel  „Gambling in revolutionary Paris — The Palais Royal: 1789–1838“ von Russel T. Barnhart (Journal of Gambling Studies 8, 1992, S. 151-166) waren es sogar 15 Millionen Francs! https://link.springer.com/article/10.1007/BF01014633

[31]  Foto aus der Ausstellung Les Nuits de Paris 2017 im Hôtel de Ville von Paris

[32] Abbildungen bei: https://chartes.hypotheses.org/5640

(33) Trouilleux, Le Palais-Royal, S. 49

(34) August von Kotzebue, Meine Flucht nach Paris im Winter 1790. Berlin 1883, S. 61  https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k35315n/f3.image

(35)  Robert Calasso, Der Untergang von Kasch. FFM 1997.  Zitiert in: Susanne Gretter, Paris liegt an der Seine. Bilder einer Stadt. Suhrkamp taschenbuch 2994, FFM S. 301

(36) August von Kotzebue, a.a.O., S. 60/61

[37] L.-S. Mercier, Le Nouveau Paris. Zit. bei:  https://chartes.hypotheses.org/5640

[38] Zur Kanone im Palais Royal siehe Trouilleux, Le Palais-Royal, S. 107f

[39] Bild und Erläuterungen dazu bei: https://www.artgallery.nsw.gov.au/collection/works/276.2011/

 

Literaturangaben

Le Palais Royal. Katalog der Ausstellung im Musée Carnavalet 1988

Le ‚Palais des Fées‘: Le Palais-Royal, centre des amusements de la capitale de 1780 à 1815. Interview mit Florence Köll,  Autorin einer Doktorarbeit über  « Le résumé de Paris »?  Le Palais-Royal de 1780 à 1815 : commerces, logements, divertissements .  https://chartes.hypotheses.org/5640 2019

Olivier Dautresme, La promenade, un loisir urbain universel? L’exemple du Palais-Royal à Paris à la fin du XVIIIe siècle. In: Histoire urbaine 2001/1, S. 83-102. https://www.cairn.info/revue-histoire-urbaine-2001-1-page-83.htm#no7

Guy Lambert/Dominique Massounie, Le Palais-Royal. Ed. du Patrimoine 2010

Clyde Plumauzille, Le ‘marché aux putains’ : économies sexuelles et dynamique spatiales du Palais-Royal dans le Paris révolutionnaire. https://journals.openedition.org/gss/2943

Rodolphe Trouilleux, Le Palais-Royal. Un demi-siècle de folies 1780-1830. Bernard Giovanangeli Éditeur 2010

René Héron de Villefosse: L’anti-Versailles ou le Palais-Royal de Philippe Egalité. Paris: Dullis 1974

 

Weitere geplante Beiträge:

Das Palais Royal (3): revolutionärer Freiraum und Sündenbabel in den „wilden Jahren“ zwischen 1780 und 1830

Erinnerungsorte an den Holocaust in Paris und Umgebung (1): Einführung

Der Parc Jean-Jacques Rousseau in Ermenonville:  der erste Landschaftspark auf dem europäischen Kontinent und die erste Begräbnisstätte Rousseaus

„L’homme qui marche“ (der schreitende Mann) von Alberto Giacometti: Eine exquisite Ausstellung in einem exquisiten Pariser Ambiente

 

 

Wie man eine Revolution feiert: der 14. Juli in Paris

Frankreich feiert am 14. Juli die Erstürmung der Bastille  am 14. Juli 1789,  für Victor Hugo die Geburtsstunde der Freiheit,  „l’éveil de la liberté.“  Seit 1880 ist der 14. Juli der französische Nationalfeiertag. Damals allerdings bezog man sich nicht allein auf den 14. Juli 1789, sondern auch bzw.  eher auf den 14. Juli des darauf folgenden Jahres: An diesem Tag  wurde zur Erinnerung an den Sturm auf die Bastille das sogenannte Föderationsfest gefeiert, bei dem der König  Ludwig XVI. vor Vertretern aller Provinzen und Stände einen feierlichen Eid auf die Nation ablegte: Eine große Kundgebung nationaler Einheit, während der Sturm auf die Bastille  für viele konservative/monarchistische  Abgeordnete  der Nationalversammlung als Bezugspunkt eines  Nationalfeiertags nicht infrage kam.   Der 14. Juli 1790 ist inzwischen allerdings weitgehend aus dem kollektiven Gedächtnis der Franzosen verschwunden, und so war es auch nur konsequent, dass die großen Feiern zum 200-jährigen Jubiläum der Französischen Revolution 1989 stattfanden und nicht ein Jahr später. Im angelsächsischen Bereich ist die Sache sowieso klar: Da ist der 14. Juli der „Bastille-day“.[1]

Seit 1880 hat sich ein Ritual der Feiern zum 14. Juli herausgebildet.  In seinem Paris-Roman schreibt  Edward Rutherford dazu:

„Was für ein Glück für die nachfolgenden Generationen, dass die Sansculottes, als sie die Französische Revolution im Jahr 1789 mit der Erstürmung der Festung einläuteten, sich dafür ausgerechnet einen Sommertag ausgesucht hatten. Die perfekte Wahl für einen Feiertag mit Festlichkeiten, Paraden und Feuerwerk“.[2]

Rutherford hat hier den Dreiklang der Feiern des 14. Juli in ganz Frankreich und natürlich auch und vor allem in Paris bezeichnet:

  • Die Festlichkeiten, das  sind Konzerte und Tanz, in Paris vor allem der Tanz in den Kasernen der Feuerwehr
  • Die Paraden, in Paris natürlich die große Parade auf den Champs – Élysées
  • Das große Feuerwerk am Eiffelturm, das die Feierlichkeiten zum 14. Juli abschließt.

 

In diesem Jahr ist allerdings (fast) alles (ganz) anders. Die nach wie vor geltenden Beschränkungen aufgrund der CV-Pandemie verbieten, dass die Feierlichkeiten so wie üblich ablaufen:

  • Der Tanz in den Kasernen der Feuerwehr wird ausfallen, weil da das geforderte Abstandsgebot nicht durchsetzbar ist.
  • Die große Parade auf den Champs-Élysées wird ebenfalls ausfallen: Eng nebeneinander marschierende Soldaten und ein dicht gedrängtes Publikum stehen natürlich auch im Widerspruch zu den nach wie vor geltenden Verhaltensregeln. Statt dessen wird es eine  Zeremonie mit begrenzter Teilnehmerzwahl auf der place de la Concorde geben. Da sollen die Soldaten und vor allem das medizinische Personal geehrt werden, die am „Krieg“ gegen den Virus beteiligt waren, möglicherweise auch- wie von vielen Seiten gefordert- Vertreter der „Alltagshelden“, der „héros du quotidien“, die in den Zeiten des confinements/shutdowns dafür gesorgt haben, „systemrelevante“ Bereiche des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens aufrecht zu erhalten. Die Luftwaffe wird sich allerdings wie gewohnt präsentieren, und damit werden auch die Farben der Tricolore in den Himmel über der place de la Concorde gezeichnet werden.
  • Das Feuerwerk am Eiffelturm findet auch unter Corona-Bedingungen statt. Da es allerdings nicht mehrere hunderttausend  Schaulustige auf dem Champ de Mars und anderen bevorzugten Schauplätzen geben darf, wird das Gebiet um den Eiffelturm weiträumig abgesperrt.

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Karikatur von Plantu in Le Monde vom 14. Juli 2020

Der diesmal völlig andere 14. Juli ist für mich Anlass, darzustellen, wie der Nationalfeiertag sonst in Paris begangen wird und wie er -hoffentlich-  im nächsten Jahr wieder gefeiert werden kann, vielleicht dann sogar in einer Form, die die Erfahrungen dieses besonderen Jahres berücksichtigt….

 

  1. Musik und Tanz

Als zentraler Ort von Festlichkeiten bietet sich natürlich aus historischen Gründen der Bastille-Platz an. Allerdings erinnert dort  nur noch wenig an den 14. Juli 1789. Die Bastille wurde ja bald nach ihrer Erstürmung bis auf die Grundmauern abgetragen.  Kleine, fast versteckte Erinnerungen gibt es noch: So die Plakette mit dem Plan der Bastille an einem der angrenzenden Häuser (Place de la Bastille Nummer 5), die anlässlich der Proklamation des 14. Juli zum Nationalfeiertag dort angebracht wurde.

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Plan der Bastille – begonnen 1370, erobert vom Volk am 14. Juli 1789 und abgerissen im gleichen Jahr. Der Umriss der Festung ist auf dem Boden dieses Platzes markiert. 14. Juli 1880.

Diese Umrisse waren bis vor kurzem sehr klar erkennbar und eindrucksvoll im Kopfsteinpflaster des Platzes und einiger auf ihn hinführender Straßen markiert.

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Nach dem  Umbau des Platzes 2019/2020 gibt es kein Kopfsteinpflaster mehr, sondern Asphalt und eine neue Form der Markierung. Dieser Umbau ist städtebaulich sehr überzeugend und ein Segen für Fußgänger und Radfahrer. Aber dem alten Kopfsteinpflaster mit seinen schön abgesetzten Bastille-Markierungen trauere ich dennoch etwas nach….

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Die Säule in der Mitte des Platzes mit dem glänzenden Génie de la liberté erinnert übrigens nicht an die Revolution von 1789, sondern an die Revolution von 1830.

Errichtet ist sie über den Gräbern der während der drei  Aufstandstage, den „Trois Glorieuses“, getöteten Revolutionären.

Hier ist die Säule im Fahnenschmuck für den 14. Juli 2020 zu sehen.

 

 

 

Und auch das berühmte Revolutionsbild von Delacroix bezieht sich auf die Julirevolution von 1830, nicht aber auf die Erstürmung der Bastille.

 

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Wurfbude an der place de la Bastille

Aber am 14. Juli wurden schon an der place de la Bastille  Freiluftbühnen für Pop-Konzerte aufgebaut, die sich allergrößter Beliebtheit erfreuten.

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Glücklich, wer da noch einen Platz auf den Stufen der Bastille-Oper ergattern konnte!

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In diesem Jahr geht das natürlich nicht – nicht nur wegen der Corona-Pandemie (da betrachtet  man solche Bilder mit einiger Wehmut), aber es wäre wegen der aktuellen Umgestaltung des  Platzes sowieso kaum möglich gewesen.

Ball 14. Juli

Zur Feier des 14. Juli gehört vor allem der Tanz.  Das hat  Joseph Roth  in einem  Manuskript mit dem Titel „Wie man eine Revolution feiert“ (den ich für diesen Blog-Beitrag übernommen habe) hervorgehoben. „Man tanzt auf den Straßen von Paris“ beginnt dieser im Juli 1925 in Paris geschriebene Text. „Seit drei Tagen tanzte man. In der Mitte der Straßen und Plätze spielten Musikkapellen. Großväter tanzten mit Enkeln, Mütter mit Töchtern, Väter mit Söhnen. Eine ungeheure Weltstadt wollte keine Weltstadt sein, sondern eine Weltfreude.(…) Auch der Bürgersteig gehörte den Tänzern und nicht den Passanten. Wer wäre da nicht Tänzer geworden?““[3]

Getanzt wird am 14. Juli seit 1790, wie uns Heinrich Heine ganz wunderbar berichtet:  „…. als am 14 Julius 1789 das Wetter sehr günstig war, begann das Volk das Werk seiner Befreiung, und wer am 14. Julius 1790 den Platz besuchte, wo die alte, dumpfe, mürrisch unangenehme Bastille gestanden hatte, fand dort, statt dieser, ein luftig lustiges Gebäude, mit der lachenden Aufschrift: Ici on danse.“ [4] (Hier wird getanzt).

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„Der Ball des 14. Juli“, den uns der seit 1781 in Montmartre lebende Schweizer Théophile Steinlein auf diesem Gemälde schildert, ist ein echtes Volksfest: Die Straßen sind mit Lampions und Fahnen geschmückt, alle Schichten der Bevölkerung, jung und alt, sind dabei, und es wird nach Herzenslust getanzt.[5]

 Heutzutage wird allerdings nicht mehr auf der place de la Bastille oder auf den Straßen und Bürgersteigen getanzt, sondern vor allem in den Feuerwehrkasernen der Stadt. Es ist nicht ganz klar, seit wann dies so ist. Es gibt dafür aber eine von der Pariser Feuerwehr verbreitete sympathische Version: Am 14. Juli 1937 habe der Sergent Cournet spontan die Tore seiner Feuerwehrkaserne in Montmartre  geöffnet. Seine Kollegen hätten Knallfrösche und bengalische Feuer gezündet und sogar einen Notfalleinsatz simuliert. Es sei dann auch etwas Musik gemacht und ein Ball improvisiert worden- und zwar mit so großem Erfolg, dass dies  die Tradition der Feuerwehrbälle begründet habe.[6]  Heute gibt es diese Bälle in allen Arrondissements,  sie sind kostenlos (es wird nur um eine freiwillige Kollekte gebeten), sie dauern von abends bis in den frühen Morgen (4 Uhr) und die eingeladenen Bands spielen fetzige Musik zum Tanzen.

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Hier der Eingang zur Feuerwehrkaserne des 12. Arrondissements, wo gerade der Ball vorbereitet wurde.

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Als wir das letzte Mal  dort waren, war allerdings das Gedränge so groß, dass man nur stehen und zuhören konnte. An Tanzen war da überhaupt nicht zu denken. Die Stimmung war aber trotzdem bestens.

  1. Die Parade auf den Champs-Élysées

Die Militärparade auf den Champs-Élysées wird gerne als der Höhepunkt der Feierlichkeiten des Nationalfeiertags bezeichnet.[7]  Selbst für die linke Tageszeitung „Libération“ gehört die Militärparade auf den Champs-Élysées neben der Marseillaise, der blau-weiß-roten Flagge und der Büste der Marianne zu den republikanischen Symbolen Frankreichs.[8]  Dies entspricht einer Lesart, nach der die Militärparade ein Ritual ist, das die Kontrolle der Nation über die Armee symbolisiert. Die Armee zeige sich auf den Champs-Élysées als republikanische  Institution. [9]

Joseph Roth hat allerdings in seinem begeisterten Text „Wie man eine Revolution feiert“  gerade diesen Schwerpunkt der Revolutionsfeierlichkeiten übergangen. Denn diese  Militärparade entsprach wohl doch nicht seinem verklärten Bild des 14. Juli.

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Am Vorabend des 14. Juli  proben die Formationen der armée de l’air  ihren großen Auftritt. Den Abflug  konnten  wir öfters von unserer Pariser Wohnung beobachten.

Immerhin ist Frankreich eines der wenigen demokratischen Länder, die am Nationalfeiertag  „un giganteste défilé militaire“ veranstalten[10], die größte Militärparade Europas!  (Überboten wird das wohl nur noch von Ländern wie Russland und China). 2019 nahmen daran 4299 Soldaten, 169 Fahrzeuge, 67 Flugzeuge, 40 Hubschrauber und 237 Pferde der republikanischen Garde teil.[11]

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Die Zurschaustellung militärischer Macht hat ihre  Wurzeln  in der Situation Frankreichs nach der Niederlage von 1871: Françoise Marcard schreibt in ihrem Buch über Frankreich zwischen 1870 und 1918, dass das Trauma der Niederlage ganz eindeutig zur Herausbildung eines revanchistischen Nationalismus vor allem im Erziehungsbereich und auf der linken Seite des politischen Spektrums geführt habe. Der „Kult der Armee“, einer „armée de revanche“ (Quétel),  habe die gesamte öffentliche Meinung  bestimmt. [12] Mit der Militärparade sollte vor allem dem Deutschen Reich gezeigt werden, dass mit Frankreich militärisch wieder zu rechnen sei und dass man –entsprechend den Mahnungen Gambettas und Clemenceaus- den Verlust von Elsass-Lothringen nicht vergessen werde.[13] Natürlich ist diese Zeit überwunden und inzwischen haben  schon mehrfach deutsche Soldaten (im Rahmen übernationaler Einheiten und zuletzt wieder 2019) an der Militärparade auf den Champs-Élysées teilgenommen.

Bis zum Ersten Weltkrieg fand die Truppenparade in Longchamp statt. Grund dafür war das  große Hippodrom, das beste Voraussetzungen für die Präsentation der Kavallerie bot. 1919 wurde die Militärparade dann auf die Champs-Élysées verlegt, wo wesentlich mehr Zuschauer die siegreichen Truppen feiern und –  nach dem Vorbild  römischer Triumphzüge- erbeutete Kanonen bewundern  konnten:  etwa  zwei  Millionen Menschen sollen das damals  gewesen sein![14]

Heutzutage werden es sicherlich nicht mehr ganz so viele sein, aber die Truppenparade ist für viele Menschen immer noch eine große Attraktion.

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Für die Champs-Élysées als Ort der Parade sprach auch  der symbolische Beginn am Arc de triomphe, dem Monument der militärischen Siege (des napoleonischen) Frankreichs.

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Und die Champs Élysées eignen sich natürlich auch besonders gut für motorisierte Einheiten  und  die armée de l‘air, die sich auf bzw. über  der Pariser West-Ost-Achse optimal präsentieren können.

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Der Ablauf der Truppenparade ist immer minutiös geplant. Es beginnt damit, dass von der Plattform des Arc de Triomphe mit Trompetenschall die Ankunft des Präsidenten der Republik verkündet wird. Dann folgt das défilé der einzelnen Einheiten – ein Schauspiel, das über zwei Stunden dauert!

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Ein von allen erwarteter und mit vielen Ahs und Ohs und  Beifall bedachter spektakulärer  Höhepunkt der Parade sind natürlich die Alphajets  der patrouille de France, die die Farben der Tricolore in den Himmel über den Champs-Élysées zeichnen.

 

 

 

Das beeindruckte  offenbar den amerikanischen Präsidenten Trump, der 2017 aus Anlass des 100. Jahrestags des Kriegseintritts der USA als Ehrengast Macrons an der Militärparade des 14. Juli teilnahm – das gehörte zu der allerdings völlig fehlgeschlagenen Charmeoffensive Macrons. Danach wollte auch Trump „seinen 14. Juli“ haben. Allerdings gab es erhebliche  Widerstände, selbst von seinen Parteifreunden. Der republikanische Senator von Louisiana, John N. Kennedy, meinte, Amerika sei das mächtigste Land der gesamten Menschheitsgeschichte, das wisse jeder und das müsse man nicht zur Schau stellen.[15]  Wer über ein solches –sicherlich arg überhebliches- nationales Selbstbewusstsein verfügt, braucht in der Tat keine spektakuläre Militärparade – aber vielleicht liegt hier auch eine Erklärung dafür, warum es nicht einfach nur die Fortführung einer Tradition ist, wenn die „grande nation“  am 14. Juli ihre Truppen auf den Champs-Élysées aufmarschieren lässt.

2011 hatte die damalige grüne Präsidentschaftskandidatin Eva Joly den Vorschlag gemacht, die Militärparade durch ein  défilé citoyen zu ersetzen, an dem die Zivilgesellschaft die gemeinsamen Werte der Republik feiern solle.  Dieser Vorschlag hat damals einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Diesmal wird es aufgrund der Corona-Pandemie  ein solches défilé citoyen geben. Und vielleicht ist das Notprogramm dieses Jahres doch so überzeugend, dass es ein Modell für die Zukunft wird. Das wäre sicherlich auch im Sinne Joseph Roths…   (15a)

 

 

  1. Das Feuerwerk am Eiffelturm

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Das Feuerwerk am Eiffelturm gibt es seit 1887 – damals war die „dame de fer“  noch im Bau. Und wie man auf der zeitgenössischen Darstellung sieht, war das schon damals ein spektakuläres Ereignis.[16]

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Immerhin war es auch die „société de pyrotechnie Ruggieri“, die das Feuerwerk veranstaltete. Die Gebrüder Ruggieri, die aus Italien stammen, organisierten seit der Mitte des 18. Jahrhunderts große Feuerwerke in Frankreich: Zum ersten Mal eines in Paris 1739 in Paris, um die Hochzeit der ältesten Tochter Ludwigs XV. zu feiern. Und nach dem 14. Juli 1897 feierten sie zwei Jahre später am 14. Juli 1889 die rechtzeitige  Fertigstellung des Eiffelturms zur Weltausstellung  und zum 100. Jubiläum des Beginns der Französischen Revolution. Insofern ist der Eiffelturm auch aus historischen Gründen der ideale Ort für das Feuerwerk zum Nationalfeiertag. Die Firma Ruggieri, inzwischen mit einer französischen Feuerwerksfirma fusioniert, ist übrigens immer noch für die Feuerwerke des 14. Juli zuständig.

Der gewissermaßen klassische Ort für die Betrachtung des Feuerwerks ist natürlich der Champ de Mars. Denn dort wurde am 14. Juli 1790 das Föderiertenfest gefeiert, das ja gewissermaßen der zweite Bezugspunkt des französischen Nationalfeiertags ist.  Am besten ist es, sich schon rechtzeitig einen Platz  zu sichern, denn der Andrang ist groß, auch wenn das riesige Champ de Mars selbst dem  üblichen Massenansturm von mehr als 500 000 Schaulustigen gewachsen ist. Man kann es sich dann –den Sansculotten sei Dank für den günstigen Zeitpunkt des Nationalfeiertags- auf dem Boden gemütlich machen bei einem zünftigen Picknick mit Baguette, Rotwein und Käse. Um 21.15 gibt es dann ein großes Konzert: 2019 mit Beethovens Ode an die Freude und natürlich der Marseillaise am Schluss, bevor schließlich das Feuerwerk beginnt, auf das man von hier aus eine hervorragende Aussicht hat. Etwas schwierig ist dann allerdings der Weg zurück in die Unterkunft, weil alle Metro- und RER-Stationen in der Nähe gesperrt sind. Aber das nimmt man danach gerne in Kauf.

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Natürlich gibt es noch andere –auf den entsprechenden Internet-Seiten empfohlene-  Aussichtspunkte für das Feuerwerk. Wir hatten einmal das Glück, am 14. Juli auf eine Dachterrasse in der Nähe des auf einem Hügel gelegenen Pariser Observatoriums eingeladen worden zu sein. Dort befindet man sich gewissermaßen auf nobler Augenhöhe mit dem Eiffelturm und dem Feuerwerk.

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Lassen wir zum Schluss noch einmal Joseph Roth zu Wort kommen:

„Am Abend des vierzehnten Juli ereignete sich das Feuerwerk. (…) Bunte, knallende Raketen gebar der Horizont. Auf den Schultern der Väter jubelten die Kinder. Diese Kinder, die niemals aufhören werden, Republikaner zu sein, auch wenn sie einmal Opfer der Politik werden müssten. Denn sie haben in einem Alter, in dem ein Feuerwerk erhaben erscheint, den fernen, aber verwandten Glanz einer Flamme gesehn, die Revolution heißt!…“  

Damit schließt Roths Text „Wie man eine Revolution feiert“ und damit soll auch dieser Blog-Beitrag enden.

 

Anmerkungen:

[1]  Zur Geschichte des 14. Juli siehe u.a. Olivier Ihl, La Fête républicaine. Paris: Gallimard 1996; Claude Quétel, Le mythe du 14 juillet ou la méprise de la Bastille Paris: JC Lattès;  Christian Amalvi,  Le 14 Juillet. Du dies irae à Jour de fête. In:  Les Lieux de mémoire (sous direction de P. Nora), Paris: Gallimard  1997, S. 383-422 und:  Le 14 juillet,  naissance  d’une fête nationale (http://www.cndp.fr/fileadmin/user_upload/POUR_MEMOIRE/14_juillet/PM_14juillet.pdf)

Zu diesem Thema  ist auch ein weiterer Blog-Beitrag geplant.

[2] Paris, Roman einer Stadt.  Heyne 2016, S. 213

[3] Aus: Joseph Roth, Im Bistro nach Mitternacht. Ein Frankreich-Lesebuch herausgegeben von Katharina Ochse. Köln 1999, S. 24

[4] Düsseldorfer Heine-Ausgabe  Band XII, S. 144.

[5] Théophile Steinlen (1859-1923), Le bal du 14 juillet, Paris, musées de la Ville de Paris, © RMN / Agence Bulloz

http://www.cndp.fr/entrepot/index.php?id=1278

[6] https://www.liberation.fr/societe/2014/07/13/pourquoi-les-pompiers-font-ils-la-fete-le-14-juillet_1063232

[7] http://www.parisinfo.com/decouvrir-paris/les-grands-rendez-vous/paris-fete-le-14-juillet

[8] http://www.liberation.fr/france/2017/07/14/pourquoi-les-militaires-defilent-ils-le-14-juillet_1583675

[9]  So Olivier Ihl in:  La Fête républicaine.  Paris: Gallimard 1996

[10]  Das Zitat stammt von Eva Joly, Kandidatin der Grünen bei den französischen Präsidentschaftswahlen von 2011. Zit. in http://www.liberation.fr/france/2017/07/14/pourquoi-les-militaires-defilent-ils-le-14-juillet_1583675

[11] http://www.lefigaro.fr/conjoncture/parades-feux-d-artifice-ce-que-coute-le-14-juillet-aux-francais-20190714

[12] Françoise Marcard,  La France de 1870 à 1918: L’ancrage de la République

Siehe auch: Francis Démier, La France du XIXe siècle. 1814-1914. Paris: Éditions du Seuil 2000, S. 348f

https://www.paris-normandie.fr/actualites/societe/changements-de-dates-controverses-et-delocalisation–un-historien-normand-raconte-le-14-juillet-DF15326665

und: https://www.caminteresse.fr/histoire/pourquoi-defile-militaire-14-juillet-armee-fete-nationale-champs-elysees-soldats-1146254/

[13] Allerdings war dieser Revanchismus auch direkt nach 1871 nicht unumstritten –er wurde z.B. nicht von den Monarchisten geteilt. Und es gab im Verlauf der Dritten Republik deutliche Veränderungen. Siehe dazu:  Jean-Jacques Becker und Gerd Krumeich, Les opinions françaises et allemandes, fin XIXe siecle- début XXe siècle. In: Becker/Krumeich, La Grande Guerre, une histoire fanco-allemande. Paris: Tallandier 2012, S. 17ff

[14] Le 14 juillet,  naissance  d’une fête nationale, S. 55  ,(http://www.cndp.fr/fileadmin/user_upload/POUR_MEMOIRE/14_juillet/PM_14juillet.pdf

[15] Le Monde 11./12.Februar 2018: „La parade militaire de Donald Trump piétine“

(15a)  https://www.leparisien.fr/elections/presidentielle/suppression-du-defile-du-14-juillet-eva-joly-provoque-un-tolle-15-07-2011-1533808.php  https://www.liberation.fr/france/2020/06/05/defile-du-14-juillet-emmanuel-macron-dans-les-pas-d-eva-joly_1790405

[16] Bild aus: https://www.toureiffel.paris/fr/actualites/evenements/le-feu-dartifice-du-14-juillet

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Pariser Erinnerungsorte an den Holocaust (Einleitung) 
  • Der Garten des Palais-Royal (1): ein Garten der Literatur und eine Oase der Stille mitten in Paris
  • Der Garten des Palais-Royal (2): Die „wilden Jahre“ (1780-1830)

 

Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Barrieren von Ledoux

Im vorausgehenden ersten Beitrag über die Mauer der Generalpächter,  „le mur des Fermiers généraux“ ging es um die Geschichte der Mauer und um ihre Protagonisten, den Generalpächter und Chemiker Lavoisier, und ihren Architekten, Claude-Nicolas Ledoux.

https://paris-blog.org/2020/06/01/ledoux-lavoisier-und-die-mauer-der-generalpaechter/

Lavoisier, der „Erfinder der Mauer“, endete auf dem Schafott.  Ledoux, ein früher Vertreter des Neoklassizismus und Theoretiker und Praktiker einer utopischen „Revolutionsarchitektur“,  blieb ein solches Ende nur knapp erspart.  Ihr Werk, die Mauer mit ihren Durchgängen, den Barrieren und Torhäusern, wurde 1860 abgerissen. Nur vier dieser Durchgänge sind erhalten geblieben.  Sie wurden, wie es in einer Information der Pariser Arsenal-Bibliothek über „Die Propyläen von Paris“  heißt, „gerettet, um schließlich Teil des Pantheons der französischen Architektur“ zu werden.[1]  Gehörten sie zwar zu einem  Vorhaben, das vielfach als Symbol der Unterdrückung, der demonstrativen Verschwendung und Bereicherung wahrgenommen wurde[2], so wurden andererseits die „Propyläen“ auch als Ausdruck einer längst überfälligen städtebaulichen Anstrengung gesehen, Paris  mit repräsentativen Zugängen auszustatten, die der Bedeutung der Stadt entsprechen sollten.[3] Davon zeugen die vier noch erhaltenen Bauten:

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Auf diesem Plan der „Propyläen von Paris“ [4] sind die vier erhaltenen Barrieren des Ledoux hervorgehoben, indem der jeweilige Name und eine Skizee des Bauwerks in eine Kartusche eingezeichnet sind.

Es sind (im Uhrzeigersinn angeordnet) dies

  • die Rotonde de Monceau/ die Rotonde de Chartres im westlichen Abschnitt der ehemaligen Mauer
  • die Rotonde de la Villette im Norden
  • die Barrière de Vincennes/Barrière du Trône im Osten der Mauer
  • die Barrière d’Enfer im Süden

 

Die Rotonde des parc Monceau/rotonde de Chartres

Dieser schöne Rundbau hat einen doppelten Namen: Das beruht darauf, dass er auf einem früher weitläufigen Gelände liegt, das dem duc de Chartres, einem Cousin Ludwigs XVI.,  gehörte. (Der duc de Chartres war auch Hausherr des Palais Royal, das Gegenstand nachfolgender Beiträge sein wird.)  Als die Mauer der Generalpächter errichtet wurde, fiel ein Teil des Grundstücks an die Stadt Paris. Immerhin wurde der duc ein wenig durch die von Ledoux entworfene Rotunde entschädigt: Denn der Bau, dessen untere Stockwerke für die Angestellten der ferme vorgesehen waren, erhielt einen auf 16 Säulen ruhenden Aufbau mit einer umlaufenden Terrasse, von der aus der Herzog den Rundblick auf die Stadt und über die Ebene im Norden genießen konnte: ein harmonischer, klassizistischer Bau.[5]

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Allerdings gehörte die Rotonde nicht im engeren Sinne zu einer Barrière, denn es gab hier gar keinen Durchgang durch die Zollmauer. Die Rotonde war -anders als die später angesprochene Rotonde de la Villette-  ein Solitär. Eine Funktion für die Mauer der Generalpächter hatte sie aber durchaus:  als Unterkunft für die Angestellten der ferme und als Aussichts- und Wachturm.

Mit dem Abriss der Zollmauer hat sich auch die Funktion der  Rotonde geändert: Genutzt wird sie jetzt nicht mehr von den Zolleintreibern, sondern von den Wächtern des schönen Parks Monceau, an dessen nördlichem Rand sich die Rotonde jetzt befindet.[6]

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Praktische Informationen:

 Rotonde du Parc Monceau, Boulevard de Courcelles, 8. Arrondissement, Métro Linie 2, Station Monceau.

Zum Parc Monceau siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2019/06/01/le-chocolat-menier-2-die-villen-der-familie-im-8-arrondissement-von-paris-und-das-grabmal-auf-dem-pere-lachaise/

Sehr sehenswert auch das im März 2020 nach längerer Renovierung wieder eröffnete musée Cernuschi  (asiatische Kunst)  in einem schönen hôtel particulier am Rand des Parks Monceau. http://www.cernuschi.paris.fr/

 

Die Rotonde de la Villette

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Diese beeindruckende Rotunde wurde in wesentlichen Teilen von Juni 1786 bis März 1788  als Zollstation (barrière d’octroi) errichtet. Ledoux hatte sie als Zentrum eines Ensembles mit vier größeren Wärterhäusern (guérites) geplant, die streng symmetrisch rechts und links davon vorgesehen waren. Auf diese Weise wäre die zentrale Rotunde noch besser zur Geltung gekommen.

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Hier eine Zeichnung der gesamten Anlage, wie sie von Ledoux geplant worden war. Stich von Antoine Joseph Gaitte ca 1785[7]

Finanzielle Fehlplanungen sowie die Französische Revolution verzögerten allerdings den Bau. Die Rotunde immerhin wurde fertig gestellt und hat als eine von vier Barrieren das Ende und den Abriss der Zollmauer überlebt. Glücklicherweise, denn es handelt sich um einen ganz außerordentlichen, gewissermaßen aus zwei unterschiedlichen Teilen zusammengesetzten Bau: Einen quadratischen Sockel mit mächtigen,  von jeweils  8 dorischen Säulen getragenen Portiken und darüber die Rotunde mit einer umlaufenden Galerie und eleganten Doppelsäulen: Eine klassizistische Architektur vom Feinsten, wobei der Einfluss der Villen des Palladio unverkennbar ist: In seinem im Gefängnis geschriebenen Architektur-Traktat bezieht sich Ledoux auch ausdrücklich auf ihn und seine englischen Nachfolger.[8] Anfang des 19. Jahrhunderts –also zu der Zeit Napoleons- wurde dann das 70 mal 700 Meter große Bassin de la Villette unter anderem von österreichischen Kriegsgefangenen gegraben und an der Rotonde ausgerichtet.[9]

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Die Rotonde und das Bassin de la Villette im Jahr 1820

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Gespeist von dem Flüsschen Ourq diente es der Versorgung der Stadt Paris mit frischem Trinkwasser. So entwickelte sich die Gegend um die Rotonde zu einem beliebten Naherholungsgebiet der Pariser. Und damals gab es  noch kalte Winter, so dass das Bassin von der besseren Gesellschaft der Stadt zum  Eis- und Schaulaufen genutzt werden konnte. Die auf diesem Bild etwas gelängte Rotonde diente dabei als passendes Bühnenbild.

 

 

 

Wie attraktiv die Rotonde und ihre Umgebung damals waren, zeigt sich auch daran, dass der letzte Bourbonenkönig, Karl X., nach seiner Krönung in Reims hier in die Stadt einzog.[10]

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Mit der Industrialisierung veränderte sich dieses idyllische Bild völlig. Es entstand hier einer der größten Häfen Frankreichs, Lagerhallen wurden errichtet, das große Schlachthaus wurde gebaut.  Die Rotonde de la Villette wurde nun zu einer Kaserne der garde municipale, was sie vor dem Schicksal der meisten anderen Barrieren bewahrte. Dann war sie Salzspeicher und Bürogebäude. Seit 2011 ist sie eine „angesagte Location“ – ein attraktiver  Ort für die unterschiedlichsten Veranstaltungen, auch Kunstausstellungen: Beispielsweise 2014 die wunderbare Installation der im Raum schwebenden Papierschnitte von Sarah Barthélémy-Sibi  Continents dans levant“ mit den Grafiken unseres Freundes Juan de Nubes[11]:

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Es gibt –natürlich- auch eine Bar bzw. ein Café…

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… und eine große Terrasse, auf der man im Sommer gut sitzen und den Blick auf den Springbrunnen und das Bassin de la Villette genießen kann.

Gerade in den Sommermonaten lohnt es sich, einen Spaziergang um das Bassin zu machen, den Boule-Spielern zuzusehen und –ganz offiziell- ins natürliche, unbehandelte Wasser des Bassins zu springen- wenn die Stadt Paris dort wieder das inzwischen schon traditionelle Schwimmbad eingerichtet hat.[12] Und nebenan (Richtung Métro-Station Jaurès)  kann man zusehen, wenn ein Schiff, das auf dem Kanal Saint Martin zur Bastille fährt oder von dort ankommt, die enge Schleuse passiert.

Praktische Informationen:

Place de la Bataille-de-Stalingrad,  19. Arrondissement

Metro Linie 2, Station Jaurès oder Stalingrad.

 

Barrière de Vincennes oder Barrière du Trône

Barriere du Trone (2)

Dass es sich bei der Barrière de Vincennes um ein ganz besonderes Bauwerk handelt, erkennt man schon von weitem; etwa wenn man –von der autoroute de l’Est kommend- über den Boulevard périphérique und den weitläufigen Cours de Vincennes in die Stadt hineinfährt. Da wird man von den beiden Säulen mit ihren „Säulenheiligen“, den Königen Philippe Auguste und dem heiligen Ludwig, huldvoll begrüßt.

Die Anlage wurde 1787 nach den Plänen von Claude Nicolas Ledoux errichtet. Sie besteht aus den beiden Säulen, die auf einem als Wachhäuschen dienenden Fundament errichtet sind.

Barriere du Trone (1)

Und dazu gehören zwei  repräsentative, im typisch klassizistischen Stil entworfene Bauten  für die Angestellten der ferme, die dort ihre Wohnungen und Büros hatten.  Die besonders aufwändige Ausgestaltung dieser Barriere hängt mit ihrem Ort, seiner Bedeutung und seiner Geschichte zusammen. Sie liegt nämlich –wie die dem Triumphbogen Napoleons zum Opfer gefallene  barrière de l’Étoile- an der königlichen Ost-West-Achse, die Paris durchzieht: Vom Schloss Versailles, über die Champs-Elysées zu dem Louvre und den Tuilerien und von dort über die rue de Rivoli bis zum Schloss von Vincennes.

Im Jahr 1660 zog hier Maria Teresa von Spanien mit ihrem frisch vermählten Gatten Ludwig XIV. in die Stadt ein. Auf dem Platz wurde ein großer Thron errichtet, wo die junge Königin die Huldigungen der Stadt Paris, des Hochadels, kirchlicher Würdenträger und der Professoren der Sorbonne entgegennahm.

fjt_264580 Maria Theresia

Wie damals üblich, wurde auch gleich eine Gedenkmünze zu diesem Anlass geprägt.[13] Die dort abgebildete Säule ist natürlich nicht die von Ledoux. Aber,  worauf ja auch das Bild vom Einzug Karls X. nach Paris an der barrière de la Villette hindeutet: Zu einem königlichen Einzug gehörte offensichtlich ein solches Monument, und selbst wenn es nur die Dekoration für einen Tag war.

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Diesem königlichen Empfang verdankte diese Barriere des Ledoux ihren Namen. Und der kleine Straßenabschnitt zwischen der Place de la Nation und dem Cours de Vincennes, die Avenue du Trône,  erinnert auch noch an dieses Ereignis.

 

 

 

Bei Ledoux allerdings gab es noch keine Königsstatuen auf den Säulen.[14]

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Zeichnung von J. Palaiseau 1819

Die wurden erst 1845 aufgesetzt – Philippe August auf der südlichen Säule (12. Arrondissement) und  Ludwig IX., der Heilige,  auf der nördlichen Säule (11. Arrondissement), beide stattliche 3,8 Meter hoch.

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Ludwig der Heilige mit dem königlichen Schwert in der Hand

Der sogenannte Bürgerkönig Louis Philippe reihte sich ja gerne in einen illustren historischen Zusammenhang ein: Die Bourbonen durften das natürlich nicht sein, weil er die ja mit der Julirevolution von 1830 abgelöst hatte: Aber Napoleon und die beiden bedeutendsten vorbourbonischen Könige durften/mussten es schon sein. Auch wenn es nicht einer gewissen historischen Pikanterie entbehrt, dass gerade diese beiden Könige, nämlich Philippe Auguste mit seiner  Mauer und der heilige Ludwig mit den Sonderabgaben für seine Kreuzzüge gewissermaßen die Ahnherren der verhassten Zollmauer von Paris waren.[15]

Auf dem kleinen Platz hinter dem südlichen Zollhaus wurde zwischen dem 14. Juni und dem 28. Juli 1794, also am Ende der Schreckensherrschaft, die Guillotine aufgestellt.

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Die  Toten wurden in den Garten eines in der Nähe gelegenen aufgehobenen Klosters gekarrt und dort in improvisierten  Massengräbern verscharrt: Heute ist das der Friedhof von Picpus, ein privater Friedhof, dessen Besuch unbedingt zu empfehlen ist.[16]

Die inzwischen renovierten historischen Pavillons dienten nach dem Ende der Zollmauer unterschiedlichen  Zwecken: Zum Beispiel als Gewerkschaftssitz für die im nahe gelegenen Faubourg Saint Antoine beschäftigten Arbeiter der Möbelherstellung.

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Inzwischen sind dort Sozialwohnungen eingerichtet: ein nobler, allerdings aufgrund der kleinen Fenster wohl etwas düsterer Ort…

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Empfehlenswert sind natürlich auch die wenigen Schritte zur Place de la Nation mit der monumentalen Figurengruppe, dem „Triumph der Republik“ des Bildhauers Dalou. Der Platz ist 2018/2019 umgestaltet worden: weniger vergeudeter Platz für die Autos und damit auch weniger Beton, dafür mehr Grün und Raum für Flaneure und Freunde/Freundinnen sanfterer Fortbewegungsmittel.  [17]

Metro Station Place de la Nation (Linien 1, 2, 6 und 9;  RER A

 

Die barrière d’Enfer

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Die barrière d’Enfer lag an einer der Haupteinfahrtstraßen von Paris. An dem Gedränge auf der place de l’Enfer in  der zeitgenössischen Darstellung wird das sehr anschaulich.[18]  Die Zollstation bestand aus zwei Wächterhäuschen und zwei Pavillons für die Angestellten der ferme. Als Gestaltungselemente wählte Ledoux für die beiden Pavillons jeweils drei Arkaden, wobei  die Assoziation an römische Triumphbögen nahe liegt. Und wie dort ist auch die mittlere Arkade -wenn auch mit anderen stilistischen Mitteln-  besonders hervorgehoben.

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Und wenn eine solche Assoziation zu hoch gegriffen erscheinen mag: Dann sollte man in die Höhe sehen zum Fries der Tänzerinnen von Jean-Guillaume Moitte. Der  ließ sich dabei vom Zug der Panathenäen auf der Akropolis von Athen inspirieren.[19] Also Bezüge der nobelsten Art bei den „Propyläen von Paris“!

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Am 1. Mai 1791 wurde die Erhebung des Zolls an der mur des fermiers  (jedenfalls für einige Jahre) eingestellt und die Weinfässer und das Vieh für die Fleischversorgung der Stadt konnten nun ungehindert auch die Barrière d’Enfer passieren.[20]

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Nach der endgültigen Aufhebung der Zollmauer wurden die beiden Pavillons unterschiedlich genutzt. Inzwischen dient der östliche als Zugang zu den Katakomben, in die im 19. Jahrhundert die noch erhaltenen sterblichen Überreste der Menschen überführt wurden, die bei der Aufhebung der innerstädtischen Friedhöfe von Paris gesammelt wurden.[21]

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Der Street-Art-Künstler Invader hat das Gebäude mit einem dazu passenden Mosaik versehen. Dazu wird wohl selbst die Denkmalschutz-Behörde ihren Segen gegeben haben! (21 a)

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In den westlichen  Pavillon sind  2019 das  musée de la Libération de Paris, das musée du général Leclerc und das musée Jean Moulin  eingezogen. Das passt insofern gut, weil sich unterhalb des westlichen Pavillons im August 1944 das Hauptquartier des Kommandanten der FFI Rol-Tanguy befand. Der nutzte eine in den 1930-er Jahren dort angelegte Kommandozentrale, die dazu bestimmt war, im Falle von Bombardements die Kontinuität der örtlichen Verwaltung  der Stadt Paris zu sichern.

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Dass die Katakomben und die Kommandozentrale gerade hier angelegt wurden, hat seinen Grund darin, dass das Gebiet von unterirdischen Steinbrüchen durchzogen war, die man problemlos für diese Zwecke nutzen konnte. Immerhin liegt der Bunker 20 Meter unter der früheren Zollstation!

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Eine Besichtigung ist im Rahmen eines Museumsbesuchs möglich, allerdings nur in Gruppen mit begrenzter Teilnehmerzahl und mit etwas Kondition: es geht etwa 100 Stufen in die Tiefe.  Bei den Katakomben sind es sogar genau 131 Stufen in die Tiefe und 112 zurück an die frische Luft!  [22]

 

 

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Anlage zur Stromerzeugung per pedes

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Namensgeberin der Barriere war übrigens die rue d’Enfer und die place d‘Enfer. Dieser Platz und die Straße  wurden 1879 – eine Namensverwandtschaft nutzend –  umgetauft und nach dem Gouverneur von Belfort, Denfert-Rochereau,  benannt, der im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 104 Tage lang der Belagerung der Festung Belfort durch die Preußen widerstanden hatte.

 

 

Dazu passt das Monument im Zentrum des Platzes: Ein zum Kampf entschlossener Löwe des Bildhauers Auguste Bartholdi, des Schöpfers nicht nur der Freiheitsstatue von New York, sondern auch des „Löwen von Belfort“, eines riesigen in den Fels von Belfort gemeißelten Löwen, des Wahrzeichens der Stadt.[23]

 

Praktische Informationen:

Die beiden Pavillons von Ledoux befinden sich in Nummer 1 und Nummer 4 der Avenue du Colonel Henri Rol-Tanguy.

14. Arrondissement

Métro 2 und 4.  RER B

 

http://www.museeliberation-leclerc-moulin.paris.fr/venir-au-musee/visite-du-pc-du-colonel-rol-tanguy

http://catacombes.paris.fr/visiter  und

http://catacombes.paris.fr/en

 

 

Anmerkungen:

[1]„rescapés ayant fini par rejoindre, in fine, le panthéon de l’architecture française“  https://www.culture.leclerc/livre-u/arts-culture–societe-u/art-u/architecture-urbanisme-u/les-propylees-de-paris-1785-1788–claude-nicolas-ledoux–une-promenade-savante-au-clair-de-lune

[2] Siehe dazu den ersten Teil des Beitrags über die Mauer der Generalpächter. Weitere Belege der Mauerkritik bei Potier, La Rotonde de la Vilette, S.22f

[3] Potier, La Rotonde de la Vilette, S. 20:  En effet, à la vocation financière de la nouvelle enceinte s‟ajoute une portée plus noble, celle d‟embellir Paris. Comme en témoigne la littérature, au milieu du XVIIIe siècle, qu‟il s‘agisse de Candide ou de Babouc, les visiteurs « sont vivement déçus. L‘entrée dans la capitale n‘a rien de magnifique, rien d‘enchanteur. Bien au contraire, le nouveau débarqué rencontre un peuple sale, des rue étroites et malodorantes » . L‘abbé Laugier, dont l‘influence se ressent clairement dans l‘architecture et l‟urbanisme de cette fin de siècle, s‘indigne « des petites rues étroites, tortueuses, qui ne respirent que la mal-propreté et l‘ordure » . Selon lui, « il faut que les entrées d‘une Ville soient 1° libres & dégagées ; 2° multipliées à proportion de la grandeur de l‘enceinte ; 3° suffisamment ornées». La nouvelle enceinte répondra à ses attentes.

[4] https://fr.wikipedia.org/w/index.php?title=Liste_des_barrières_de_Paris&oldid=163693851 ».

[5] Bild aus: http://paris1900.lartnouveau.com/paris08/parc_monceau/la_rotonde_monceau.htm Siehe auch: La rotonde du Parc Monceau. In: Histoires de Paris, 21. Juni 2019  https://www.histoires-de-paris.fr/rotonde-parc-monceau/ und https://fra.archinform.net/projekte/13090.htm

[6] Bilder aus: https://www.pariszigzag.fr/secret/histoire-insolite-paris/les-vestiges-du-mur-des-fermiers-generaux und https://tate-mono.blogspot.com/2018/03/rotonde-de-chartres.html

[7]https://de.wikipedia.org/wiki/Rotonde_de_la_Villette

[8] Zur Rotonde de la Villette siehe den schönen Blog-Beitrag von Sonia Rosoff: https://passagedutemps.wordpress.com/2019/11/18/la-rotonde-de-la-villette/

[9] Bild aus: Potier, Baptiste – La Rotonde de la Villette, histoire d’un catalyseur urbain. Paris, 2011. Vol II. Annexes p.67.

[10] Bild aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Rotonde_de_la_Villette

[11]   http://s-b-s.fr/continents-dans-levant#/i/3.

Zu Juan de Nubes siehe http://ateliers-artistes-belleville.fr/artiste/juan-de-nubes/ und den Blog-Beitrag zu Belleville: https://paris-blog.org/2016/07/18/das-multikulturelle-aufsaessige-und-kreative-belleville-modell-oder-mythos/

[12] Siehe dazu den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2017/08/07/sommer-in-paris-schwimmen-im-bassin-de-la-villette-in-der-marne-und-aufin-der-seine/

[13] Bild aus: https://www.cgb.fr/marie-therese-dautriche-arrivee-de-la-reine-a-paris-ttb,fjt_264580,a.html

[14] Bild aus: https://www.histoires-de-paris.fr/les-batiments-des-barrieres/

[15] https://lexpansion.lexpress.fr/actualite-economique/l-octroi-de-paris_1362021.html

[16] Zum Friedhof von Picpus siehe: https://paris-blog.org/2016/07/01/der-cimetiere-de-picpus-ein-deutsch-franzoesischer-erinnerungsort/

[17] Zu Dalou siehe den Blog-Beitrag über den Friedhof Père Lachaise: https://paris-blog.org/2016/08/13/der-buergerkrieg-in-frankreich-1871-ein-rundgang-auf-dem-friedhof-pere-lachaise-in-paris-auf-den-spuren-der-commune/

[18] Bild aus: http://catacombes.paris.fr/lhistoire/larchitecture

[19] Bild aus: http://www.visites-guidees.net

Siehe https://passagedutemps.wordpress.com/2019/11/14/suivre-le-mur-des-fermiers-generaux-de-la-place-de-lile-de-la-reunion-aux-pavillons-de-bercy/

[20] http://parismuseescollections.paris.fr/fr/musee-carnavalet/oeuvres/la-liberte-des-entre-par-la-barriere-d-enfer-le-ier-may-1791

[21] Zu den Katakomben von Paris siehe: https://paris-blog.org/2017/04/20/die-bergwerke-und-steinbrueche-von-paris/

(21a) Zum Invader siehe den entsprechenden Blog-Beitrag:

https://paris-blog.org/2018/10/01/street-art-in-paris-3-der-invader/

[22] http://www.museeliberation-leclerc-moulin.paris.fr/venir-au-musee/visite-du-pc-du-colonel-rol-tanguy

http://catacombes.paris.fr/visiter

[23] Zu Bartholdi: siehe den Blog-Beitrag über die „Väter von Miss Liberty“, Gustave Eiffel und Auguste Bartholdi:  https://paris-blog.org/2017/02/23/die-freiheitsstatue-von-new-york-und-ihre-schwestern-in-paris-teil-2-die-vaeter-von-miss-liberty/

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Wie man eine Revolution feiert: Der 14. Juli in Paris
  • Pariser Erinnerungsorte an den Holocaust (Einleitung) 
  • Der Garten des Palais-Royal (1): ein Garten der Literatur und eine Oase der Stille mitten in Paris

Ledoux, Lavoisier und die Mauer der Generalpächter

Am Ende des 18. Jahrhunderts wurde Paris mit einer Zollmauer umgeben. Diese Mauer –ungefähr 24 Kilometer lang und markiert durch die späteren Metro-Linien 2 und 6- existiert heute nicht mehr. Aber es gibt noch vier der früheren Durchgänge (barrières):  architektonische Kostbarkeiten, gebaut von Claude-Nicolas Ledoux, einem der sogenannten Revolutionsarchitekten, dessen Saline von Arc et Senans ja schon Gegenstand eines Beitrags auf diesem Blog war.[1]

Die Zollmauer oder „Mauer der Generalpächter“, wie sie offiziell hieß,  war in gewisser Weise – allerdings völlig unfreiwillig-  auch revolutionär- sie trug nämlich erheblich dazu bei, die revolutionäre Stimmung der Pariser Bevölkerung zu befördern, die dann am 14. Juli 1789 in der  Erstürmung der Bastille kulminierte. Den Zollpächtern bescherte die Mauer erhebliche Einnahmen, aber viele mussten dafür dann auch in der Zeit des jakobinischen Terrors mit ihrem Leben bezahlen – so der berühmte Chemiker Lavoisier.

Die Zollmauer oder „Mauer der Generalpächter“ ist also aus architektonischen und historischen Gründen höchst interessant und deshalb ist ihr der nachfolgende Beitrag gewidmet.

Inhaltsübersicht:

  • Die Errichtung und Organisation der Zollmauer
  • Die „Propyläen“ von Ledoux
  • Le mur murant Paris… : Von der Kritik an der Mauer bis zur ihrer Erstürmung am Vorabend des 14. Juli 1789
  • Lavoisier: Chemiker, Zollpächter und Opfer der Mauer
  • Das Ende der Mauer

Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux, Bestandteile des „Pantheons der französischen Architektur“ werden Gegenstand des  nachfolgenden Beitrags sein.

 

1. Die Errichtung und Organisation der Zollmauer

Der Bau der Zollmauer ist begründet in der  Finanzkrise des ancien régime, also des königlichen Frankreichs vor der Französischen Revolution.  Die kostspieligen Kriege Ludwigs XIV. hatten die Finanzen ruiniert, wovon sie sich bis zum Ausbruch der Revolution  nicht erholten.  In den 1780-er Jahren musste die Hälfte der Staatsausgaben für den Schuldendienst verwendet werden, ein weiteres Viertel für das Militär. Alle Versuche, auch den Adel zur Finanzierung der Staatsausgaben heranzuziehen, scheiterten an dessen erbittertem Widerstand.[2]

Ein wichtiges Mittel zur Finanzierung des Staates waren deshalb Zölle, die von einer sogenannten ferme eingetrieben und (telweise) an den Staat abgeführt wurden. Nach dem dictionnaire des finances von 1727 ist die ferme ein Zusammenschluss von mehreren Personen, die sich zusammengeschlossenen haben, um eigentlich in der Zuständigkeit des Königs liegende Aufgaben zu übernehmen: Dies konnten Binnenzölle sein, die innerhalb des Königreichs erhoben wurden, oder auch indirekte Steuern, zum Beispiel auf Salz (die sog. gabelles) und Tabak. Dazu kam das Monopol des Sklavenhandels, die traites. [3] Die Mitglieder einer ferme, die fermiers, waren  direkt dem König unterstellt und besaßen vom König übertragene Privilegien- so das Recht zur Bewaffnung ihrer Angestellten oder das Recht zur Durchsuchung – übrigens von Angehörigen aller Stände, also auch von Adligen und Geistlichen. Angriffe auf die fermiers und ihre Beschäftigten galten als „actes de rébellion“ und wurden entsprechend geahndet.[4] Modern ausgedrückt handelte es sich bei der Beziehung zwischen der ferme und dem König um eine Public Private Partnership (PPP), die nach dem damaligen Verständnis der Beteiligten im Interesse beider Seiten lag: Der König sollte von der Übertragung des Rechts auf Zoll- bzw. Steuererhebung an Privatleute profitieren, indem er einen jeweils für sechs Jahre vereinbarten Garantiebetrag für das staatliche Budget erhielt, was der Überschaubarkeit der Finanzplanung zu Gute kam, die ferme profitierte –und zwar, zurückhaltend ausgedrückt:  nicht unerheblich- von den erzielten Überschüssen, die allerdings prozentual begrenzt waren: Jeweils am Ende eines sechsjährigen Zyklus erfolgte eine Abrechnung und die über den Garantiezins hinausgehenden Gewinne der ferme wurden an den trésor royal abgeführt.

Schon vor Errichtung der Zollmauer unterlagen die nach Paris eingeführten Waren einem Zoll.  Aber die entsprechende Zollgrenze war durch die  Entwicklung der Stadt obsolet geworden: Sie trennte teilweise Straßen,  Grundstücke und Häuser, war kaum noch wahrnehmbar und entsprechend auch kaum noch kontrollierbar. Die Angestellten der ferme  waren hauptsächlich damit beschäftigt, die Grenze zu überwachen, so weit das überhaupt möglich war. Da die Steuern innerhalb der Stadt etwa dreimal so hoch waren wie die außerhalb, blühte der Schmuggel. Die Einnahmen der ferme – und des Fiskus- waren dadurch erheblich geschmälert.

Die Zollpächter entwickelten deshalb das Projekt, eine massive und effiziente Zollmauer zu bauen. Es wurde am 23.1.1785 vom König gebilligt und mit dem Bau konnte begonnen werden. Die Mauer war  3,30 Meter hoch,  ca. 24  Kilometer lang und wurde von breiten Boulevards begleitet, die nicht zuletzt der besseren Überwachung dienten.  An den 54 Durchgängen, den sogenannten „barrières“, kontrollierten die Zöllner  Personen und Güter und erhoben Zölle. Die Angestellten der ferme, vornehm in einen Gehrock gekleidet, fragten alle Personen, die eine barrière Richtung Paris passieren wollten, ob sie etwas zu verzollen hätten. Die obligatorische Antwort lautete: „voyez!“- sehen Sie nach. Und wenn dann nicht deklarierte zollpflichtige Waren entdeckt wurden, gab es eine Anzeige. Der Zoll wurde auf  Waren des täglichen Bedarfs wie Fleisch und Geflügel, Holz und Kohle erhoben, auf Baumaterialien wie Gips,  dazu auf Wein und Spirituosen, deren Besteuerung besonders hohe Erträge abwarf.

Die ferme nutzte die Gelegenheit des Baus einer Zollmauer, die Pariser Zollgrenze wesentlich zu erweitern – und damit natürlich auch ihre Einnahmen erheblich zu vergrößern.  Es wurden nun auch stark bevölkerte Vororte in den Pariser Zollbezirk einbezogen, während noch eher landwirtschaftlich genutzte und weniger besiedelte Randbezirke, die für die Ferme weniger Bedeutung hatten, außen vor gelassen wurden.[5]

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Die Mauer der Generalpächter ist  –von außen gesehen- die dritte auf dieser Übersicht. Ganz außern die heutige Grenze von Paris, danach , kurz dahinter, die Mauer von Thiers aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Es wird deutlich, wie weit die Mauer der Generalpächter über die vorherige aus der Zeit Ludwigs XIII. hinausreichte.

Das bedeutete, dass wesentlich mehr Menschen nun von den Zöllen betroffen waren und unter entsprechenden Preissteigerungen zu leiden hatten.

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Auf dieser Karte ist blau die mur der fermiers généraux eingezeichnet, rot die Festungsmauer von Thiers aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Ebenso die Eisenbahnlinien mit den entsprechenden Kopfbahnhöfen, allerdings noch ohne den südlichen Abschnitt der die Stadt umgebenden Petite Ceinture.[6]

 

2. Die „Propyläen“ von Ledoux

An den Durchgängen durch die Zollmauer wurden Pavillons errichtet, die für die Büros und Wohnungen der Angestellten der ferme bestimmt waren. Mit ihrem Bau wurde der Architekt Claude-Nicolas Ledoux (1736 – 1806) beauftragt, ein in der Zeit des ausgehenden ancien régime  angesehener Architekt.

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Portait von Ledoux mit seiner Tochter  Adélaïde. Gemälde von Antoine-François Callet. Ausgestellt im Pariser Stadtmuseum Carnavalet in Paris in dem Raum, in dem die von Ledoux entworfenen Holzvertäfelungen des  Café militaire ausgestellt sind – einem dem Militär vorbehaltenen noblen Café in der rue Saint-Honoré, die Ledoux entworfen hatte.

 

 

Ledoux hatte städtische Palais (hôtels particuliers) und Schlösser  für die Aristokratie gebaut- berühmt und richtungsweisend war der für Madame du Barry, die Favoritin Ludwigs XV.,  errichtete neoklassizistische Musikpavillon in Louveciennes. (6a)

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Und dann  hatte sich Ledoux  beim  Bau der Saline von Arc et Senans –ebenfalls eine Einrichtung der ferme- ausgezeichnet.

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Portal der Saline von Arc et Senans

Natürlich sollten die Eingänge in die Stadt an Kreativität und Monumentalität nicht hinter der ländlichen Saline zurückstehen. Insgesamt entwarf Ledoux 55 Eingänge, jeder unterschiedlich. Und der mit ihnen verbundene Anspruch wird aus dem Namen dieser Pavillons deutlich: Sie hießen Propyläen, sollten also einen Bezug herstellen zum Eingang der Akropolis von Athen! Und dazu passte auch die neoklassizistische Architektur der Torhäuser.[7]

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Alle Torhäuser waren von Ledoux unterschiedlich und sehr aufwändig konzipiert.

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Eines der symmetrisch angelegten Torhäuser der barrière de l’étoile- an der Stelle der heutigen place de l’Étoile- An ihnen vorbei promenierten die reichen Pariser und die Aristokraten zum Bois de Boulogne.   [8]

 

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Die Barrière de Belleville.

Dies war im 19. Jahrhundert eine der bekanntesten Barrieren von Paris, weil es auf der anderen Seite eine Vielzahl von Tanzsälen und Weinkneipen gab – sehr populäre und nahe gelegene Ausflugsziele der weniger betuchten Pariser. Kein Wunder:  Der Preis des Weins dort betrug nur etwa ein Drittel des Weins intra muros. An Wochenenden waren dann die guinguettes an der Marne sehr beliebt und frequentiert- auch dort war der Wein nicht dem Pariser Zoll unterworfen, also entsprechend billiger.[9]

 

3. Le mur murant Paris…. Von der Kritik an der Mauer bis zur ihrer Erstürmung am Vorabend des 14. Juli 1789

Was die Pariser von der Zollmauer gehalten haben, wird in einem berühmten Alexandriner deutlich, den Beaumarchais zitiert oder erfunden hat: « Le mur murant Paris rend Paris murmurant. »  („Die Mauer, die Paris einmauert, lässt Paris murren“). Das Murren der Pariser hatte vielfältige Gründe. Natürlich bedeutete die Mauer für manche Bewohner der Stadt und vor allem der neu dem Einfuhrzoll unterworfenen Bewohner des Umlandes eine z.T.  deutliche finanzielle Belastung. Nach Überzeugung von Sébastien Mercier, einem zeitgenössischen Beobachter des ancien régime,  gab es dafür aber keinerlei Legitimation.  In seinen Songes et visions philosophiques von 1788  schrieb er, das Volk zahle schon genug an Steuern und Abgaben. Die Mauer sei ein Angriff auf Ruhe und Wohlstand der Nation und er verlange von den für sie verantwortlichen Männern der Finanz, sie wieder abzureißen.

Aber auch die durch die Mauer hervorgerufenen (angeblichen) gesundheitlichen Gefahren wurden kritisiert. Die Zeitung Courrier de l’Europe vom 4. Juli 1785 gab die Auffassung eines Monsieur de Buffon wieder, der das Mauerprojekt als schädlich für die Luftqualität der Stadt bezeichnet hatte: Durch die Mauer könne die schlechte Luft der Großstadt nicht durch die frische Luft von draußen ersetzt werden. Alle Ärzte hätten bestätigt, dass das sehr gefährlich für die Hauptstadt sein könne. Deshalb sähe es die Öffentlichkeit mit der allergrößten Befriedigung, wenn die Arbeiten an der Mauer beendet würden.[10]

Auf ein weit verbreitetes Unverständnis stieß auch die Architektur der Barrieren, die –bezogen auf ihren eigentlichen Zweck- viel zu aufwändig und damit auch zu kostspielig sei. Ihr repräsentativer, ja zum Teil monumentaler Charakter sei dysfunktional, provokativ und vor allem Geldverschwendung. Mercier greift in seinem berühmten Tableau de Paris Ledoux direkt an[11]:  Die Räuberhöhlen der Steuereintreiber habe er in säulenbestandene Palais verwandelt. „Ah, Monsieur Ledoux, Sie sind ein furchtbarer Architekt!“ Diese Kritik war angesichts der klammen Staatsfinanzen in allen Schichten der Bevölkerung verbreitet und führte dazu, dass  Ledoux 1787 vorläufig und 1789 definitiv seinen Posten als „Chefarchitekt“ der Mauer verlor.[12]

Darüber hinaus und vor allem aber wurde die Mauer als Symbol der Unterdrückung, der Unfreiheit verstanden. Bachaumont bezeichnet in seinen Mémoires secrets pour servir à l’histoire de la republique des lettres en France von 1786 die Pavillons als  „monuments d’esclavage et de despotisme.“[13] Und um noch einmal Sébastien Mercier zu zitieren: Für ihn war die Mauer erniedrigender Ausdruck der Sklaverei. Durch sie würden die Bürger wie Schafe gehalten. Sie werde von dem „bon peuple“ als „un malheur“ und „un outrage“ angesehen.[14]

Dieses von der Mauer erzeugte Gefühl von Knechtschaft, Unglück und Beleidigung kam auch in diesem weit verbreiteten Vierzeiler zum Ausdruck:

Pour augmenter son numéraire

Et racourcir notre horizon

La ferme a jugé nécessaire

De nous mettre tous en prison.[15]

 

Um ihre Einnahmen zu erhöhen  und unseren Horizont zu beschneiden,

 hat es die ferme für nötig gehalten,  uns alle ins Gefängnis zu sperren.

  

Insofern ist es nur allzu verständlich, dass es in der revolutionär aufgeladenen Situation des Juli 1789 zum Sturm auf die Mauer kam. Und der kam  keineswegs aus heiterem Himmel: Schon seit Beginn des Jahres gab es mehrere Zwischenfälle an der Mauer: Da wurden Angestellte der ferme bei dem Besuch eines Cabarets in Belleville angegriffen; da versuchten gewerbsmäßige Schmuggler –in den Polizeiakten als „fraudeurs de profession“,  von der ferme als „brigands“ tituliert –   mit Gewalt Waren ohne Einfuhrzoll nach Paris zu bringen; da weigerten sich Bürger, an den barrières den geforderten Zoll zu bezahlen…

7-5248e355ee Angriff auf die Zollhäuser

 

Am 12. und 13. Juli waren es dann nicht mehr nur einzelne Vorfälle, sondern die Barrieren wurden systematisch angegriffen: Meist wurden die Angestellten der ferme vorgewarnt, dann wurden Barrieren geplündert und in Brand gesteckt. Die Urheber dieser Aktionen waren vor allem Schmuggler, die ihre Lebensgrundlage durch die Zollmauer bedroht sahen, dazu kamen dann aber auch Weinhändler und schließlich in prekären Verhältnissen lebende Gruppen der Bevölkerung wie Tagelöhner, Hilfsarbeiter, Lehrlinge …  [16]

 

Dieser Sturm auf die Mauer der Generalpächter ist „le premier grand fait de la révolte parisienne“[17],   Vorspiel des Sturms auf die Bastille. Michelet hat in seiner großen Geschichte der Französischen Revolution diese Verbindung ausdrücklich hergestellt: Er bezeichnet die Barrieren als „diese schweren kleinen Bastilles der Generalpächter“. Sie seien vom Volk angegriffen worden und hätten die Nacht über gebrannt.[18] Natürlich ist der 14. Juli mit dem Sturm auf die Bastille der symbolische Beginn der Französischen Revolution, aber der Sturm auf die Mauer der Generalpächter war ihr Auftakt. Und der Erfolg des spontanen Angriffs auf die „kleinen Bastilles“ war sicherlich eine Ermutigung, sich auch an die „große Bastille“ heranzuwagen.

Allerdings: Diejenigen, die am 14. Juli  die Bastille erstürmten, waren vom ersten Tag an Helden der Revolution, der Freiheit. Diejenigen aber, die die „kleinen Bastilles“ der Zollmauer angegriffen hatten, mussten, wenn sie denn identifiziert wurden, mit juristischen Konsequenzen rechnen: Denn die Zollgrenze wurde erst 1791 –für wenige Jahre- abgeschafft, was in der nachfolgenden Abbildung gefeiert wird: Da wird den „weisen Gesetzgebern“ gedankt, dass sie den „droit d’entrée“ abgeschafft und die Raffgier der Zolleinnehmer niedergeschlagen hätten.  Die Abondance, Verkörperung von Reichtum und Überfluss,  Bacchus, der Gott des Weins, und Ceres, die Göttin des Getreides, ziehen ungehindert in die Stadt ein: Die Freiheit hat die Grenzen durchbrochen. [19]

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1791 wird die ferme – rückwirkend datiert auf den 14. Juli 1789-  aufgelöst und den fermiers  der Prozess gemacht. Mit welchen Ergebnissen lässt sich eindrucksvoll auf dem Friedhof von Picpus erkennen. Da gibt es in der Kapelle große  Tafeln mit den Namen, Berufen und dem Alter derjenigen, die dort in Massengräbern verscharrt wurden.

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Das waren die Opfer des Revolutionstribunals und der Guillotine, die in den letzten Wochen des terreur auf dem nahe gelegenen Platz bei der barrière de Vincennes/barrièrre du thrône hingerichtet wurden,  und auch hier waren Zollpächter unter den Opfern.[20]

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Ledoux entging nur knapp der Guillotine. Allerdings wurde er Ende 1793 verhaftet: Als „Stararchitekt“ des ancien régime und als Baumeister der Zollmauer war er abgestempelt und verfemt.  Im Gefängnis begann er, ausgehend von der Saline von Arc et Senans, eine ideale Stadt zu entwerfen, die er als Prototyp demokratischen Zusammenlebens verstand. Das rettete ihn vor dem Revolutionstribunal und der Guillotine. Dass er allerdings immer damit rechnete, auf dem  Schafott zu enden, zeigt eine Passage aus seinem Traktat: 

Ich werde unterbrochen…  man ruft Ledoux, aber ich bin nicht gemeint; mein Gewissen und mein guter Stern sagen es mir. Es ist ein Doktor der Sorbonne mit dem gleichen Namen. Armes Opfer!… Ich mache weiter.[21]

Anfang 1795 wurde er aus dem Gefängnis entlassen. Aufträge für neue Bauten erhielt er nicht mehr. Sein theoretisches Werk aber gilt als visionäres Produkt einer Revolutionsarchitektur mit großer und breiter Nachwirkung und Ledoux als einer der Ahnherren der modernen Architektur.[22]

Als Beispiel hier nur eine kleine Zeichnung: Sie zeigt das Innere des von ihm entworfenen Theaters von  Besançon, das sich im Auge des Betrachters spiegelt: Ein Raum organisiert wie ein Amphitheater. Es gibt also nicht mehr eine strikte Trennung zwischen den Logenplätzen für den Adel des Geldes oder Geblüts zum Sehen und Gesehen-Werden und den Stehplätzen im Parkett: Durch die Architektur wird der aufklärerische Anspruch der Gleichheit konkretisiert.

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Dieses Auge des Betrachters hat die Surrealisten fasziniert und Magritte hat es in seinem wichtigsten Gemälde, „Le Faux Miroir“ von 1928, einem Schlüssel zu seiner Philosophie und seinem Werk,  aufgegriffen. (22a)

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4. Lavoisier: Chemiker, Zollpächter und Opfer der Mauer

Anders als Ledoux blieb dem  wohl bekanntesten fermier général, nämlich Antoine Laurent de Lavoisier, die Guillotine nicht erspart. Lavoisier war ein genialer Chemiker, Pasteur nannte ihn den „législateur de la chimie“. Aber Lavoisier war weit mehr als das:  unter anderem auch noch Doktor der Rechte,  Bankier, Direktor von Tabakmanufakturen und Schießpulver- Fabriken, Reformator von Maßeinheiten, Bildungspolitiker, Direktor der Akademie der Wissenschaften  – und nicht zuletzt Zollpächter, und auch dies mit großen Engagement.

Lavoisier wurde 1768 Mitglied der Akademie der Wissenschaften und er trat als Teilhaber in die ferme ein. Er hatte ein entsprechendes Angebot erhalten. Zwar musste er sich dafür in erheblichem Maße verschulden, aber es handelte sich dabei um eine sichere Kapitalanlage, weil für das eingesetzte Kapital eine Verzinsung von 10 bzw. 6% garantiert war.  Allerdings beschränkte sich  Lavoisier keineswegs auf eine eher passive Teilhaberschaft. Zu seinem Engagement trug sicherlich auch bei, dass er 1771  Anne Marie Paulze,  die Tochter des für die Tabak-Regie verantwortlichen fermiers heiratete. Die Tabak-Regie hatte das Monopol für die Einfuhr, Weiterverarbeitung und Steuererhebung für Tabak. Lavoisier kümmerte sich hier besonders um die Verarbeitung des eingeführten Tabaks und die Festlegung von Qualitätsstandards, wobei er seine chemischen Kompetenzen sehr sinnvoll anwenden konnte. Das gilt auch für einen weiteren Tätigkeitsbereich bei der Régie des Poudres et Salpêtres, die das Monopol auf die Herstellung von Schießpulver hatte.  Im Siebenjährigen  Krieg war der Mangel an Schießpulver für die französische Armee deutlich geworden. Frankreich sollte jetzt unabhängig von Importen von Salpeter werden. Als Mitglied der Akademie erhielt Lavoisier Mittel, um die wissenschaftlichen Grundlagen für die Produktion von Salpeter in Frankreich zu verbessern. Er entwickelte Ausbildungsprogramme für Arbeiter und schuf neue Produktionsstätten. Die Qualitätssteigerung in der Pulverherstellung durch Lavoisier war ein wichtiger Faktor für die Erfolge der französischen Armeen während der Revolutionskriege.[23] 1776 bezog Lavoisier Räume im Arsenal von Paris mit Bibliothek und Labor, um die Arbeiten besser organisieren zu können. Von 6-9 Uhr morgens und von 19-22 Uhr abends arbeitete er an seinen wissenschaftlichen Projekten und in der Zeit dazwischen für die Akademie und die ferme.

1780 wurde ein neuer Vertrag zwischen der ferme und dem trésor royal abgeschlossen. Die Zahl der fermiers wurde auf 40 reduziert, zu denen auch weiterhin Lavoisier gehörte. Er war jetzt auch zuständig für die Erhebung der Einfuhrzölle an der Pariser Stadtgrenze. Lavoisier berechnete, dass die nach Paris offiziell eingeführten Waren nur vier Fünftel des Bedarfs deckten, dass also ein Fünftel geschmuggelt wurde: Begünstigt wurde das nicht nur durch die Unmöglichkeit einer effizienten Kontrolle aufgrund zahlreicher nicht kontrollierbarer Zugänge, sondern auch dadurch, dass bestimmte Gruppen von den Zöllen ausgenommen waren (z.B. die religiösen Gemeinschaften), die dieses Privileg auch zum Schmuggel nutzten. Um den Schmuggel besonders von Alkohol und Tabak zu unterbinden oder wenigstens zu erschweren, betrieb Lavoisier den Bau der Zollmauer, was Ludwig XVI.  1785 genehmigte. Dass Ledoux die  Aufgabe übertragen wurde, die Barrieren zu bauen, wird sicherlich im Sinne Lavoisiers gewesen sein: Da er auch für die Salinen in der Franche-Comté zuständig war, kannte er ja und schätzte offenbar auch die Saline von Arc et Senans. Und er ermutigte Ledoux auch dazu,  beim Bau  der Pavillons eher auf die Ästhetik und weniger auf das Geld zu achten.[24]

Die Kritik an der Zollmauer fokussierte sich denn auch ganz massiv auf Lavoisier als ihren „geistigen Vater“.  In einem der zahlreichen damals kursierenden Pamphlete heißt es:  „Dieses scheußliche Bauwerk ist das Werk von Herrn Lavoisier, dem einzigen der vierzig Säulen des Staates, (gemeint sind damit die 40 Generalpächter. W.J.) der auch Mitglied der Akademie der Wissenschaften ist. Er ist Chemiker und die Lästerer sagen, dass er Paris in einen Destillierkolben stecken wollte, dessen Auffangbehälter die Kasse der ferme sei.“[25]

In einem anderen Flugblatt wurde ebenfalls Lavoisier massiv angegriffen: Die Mauer sei  „un projet tyrannique… Du bist verantwortlich für die neue Unterdrückung deiner Mitbürger durch die Zolleintreiber.… Alle Welt versichert, dass Herr Lavoisier von der Akademie der Wissenschaften der wohltätige Patriot sei, dem man die segensreiche Erfindung verdanke, die Hauptstadt in ein Gefängnis zu verwandeln. … Man berichtet, dass ein Marschall Frankreichs, den man nach seiner Meinung zu der Mauer fragte, geantwortet habe: ‚Meiner Meinung nach sollte der Urheber dieses Projekts gehenkt werden.‘ Herr Lavoisier hat Glück, dass dies noch nicht erfolgt ist.“[26]

Das Ende des ancien régime und der Beginn einer neuen Ära wurde von Lavoisier durchaus begrüßt. In den lettres de doléances des Adels von Blois, die er redigierte, forderte er die allgemeine Gleichheit: „De la liberté personelle dérive celle d’écrire, de penser, le droit de faire imprimer et publier…. Le but de toute institution sociale est de rendre le plus heureux qu’il est possible ceux qui vivent sous ses lois. Le bonheur ne doit pas être réservé à un petit nombre d’hommes, il appartient à tous.“ (cit. bei Poirier, S. 241)

Er engagierte sich auch in der „Gesellschaft von 1789“, in der sich Anhänger einer konstitutionellen Monarchie wie Condorcet, La Fayette, Sieyès und andere zusammengeschlossen hatten, zusätzlich zu seiner Tätigkeit als fermier noch ein weiterer Grund, die Feindschaft der Jacobiner auf sich zu ziehen. Im L’Ami du peuple bezeichnete Marat  Lavoisier als „coryphée des charlatans“ und den größten Intriganten des Jahrhunderts- „le plus grand intrigant du siècle“.  Es war aber nun nicht speziell Lavoisier, der von den Jacobinern gehasst und verfolgt wurde, sondern es waren die Zollpächter insgesamt. Ihnen wurde vorgeworfen, sich maßlos und in ungesetzlicher Weise bereichert zu haben. In der Tat hatten die fermiers ja erhebliche Reichtümer angesammelt, auch Lavoisier, der sie immerhin auch für seine naturwissenschaftlichen Versuche nutzte. Seine Einkommenserklärung für das Jahr 1791 weist einen Betrag von 37 500 livres aus, wobei eine ganze Reihe von zusätzlichen Einkommen gar nicht berücksichtigt sind. Zum Vergleich: ein mittlerer Beamter hatte ein Jahreseinkommen von 1000 livres. Am 15. Oktober 1793 legte Lavoisier, der dazu aufgefordert wurde, eine Aufstellung der Güter seines alltäglichen Bedarfs vor: Darunter befanden sich immerhin 160 Pfund Kaffee, 39 Flaschen eau de vie (Schnaps), 268 Flaschen Likör und 8000 (sic!) Flaschen Wein…

Am 5. Mai 1974, auf dem Höhepunkt des jaconinischen Terrors, beschloss der Konvent, den Fall der Zollpächter an das Revolutionstribunal zu übergeben. Die Anklageschrift erhielten Lavoisier und die mitangeklagten fermiers  erst am Vorabend des Prozesses spät nachts und sie konnten sich am Prozesstag nur je 15 Minuten mit den insgesamt vier Verteidigern beraten. Der öffentliche Prozess war eine Farce und ein Schauprozess. Der vorsitzende Richter, Jean-Baptiste Coffinhal,  war berüchtigt dafür, den Anklagten mit den Worten „tu n’as pas la parole“ das Wort abzuschneiden und sich über sie lustig zu machen.  Auf die wissenschaftlichen Verdienste Lavoisiers aufmerksam gemacht, soll er lakonisch geantwortet haben:  „La République n’a pas besoin de savants et de chimistes, le cours de la justice ne peut être suspendu.» („Die Republik braucht weder Wissenschaftler noch Chemiker. Der Lauf der Justiz darf nicht aufgehalten werden.“) – ein gut zu ihm passender, allerdings nicht verbürgerter Ausspruch. Am 8. Mai 1794 wurden Lavoisier und die mitangeklagten fermiers zum Tode verurteilt.  Allerdings hatte Lavoisier vorher  noch die Gelegenheit,  einen Abschiedsbrief zu schreiben. Darin findet sich der Satz: „Es ist anzunehmen, dass die Ereignisse, in die ich verstrickt bin, mir die Unannehmlichkeiten des Alterns ersparen.“ Er werde sein Leben als kerngesunder Mann beenden. Das besorgte die auf der Place de la Révolution, heute Place de la Concorde, aufgestellte Guillotine am 8. Mai 1794. Wie die anderen an diesem Tag Guillotinierten wurde Lavoisier in einem Massengrab auf dem Cimetière de Errancis  bestattet, bevor  bei dessen Auflösung die Gebeine in die Katakomben überführt wurden. Ironie des Schicksals: Dazu gehörten dann auch die sterblichen Überreste Robespierres, der im Juli 1794 unter dem Schafott endete- wie im August des Monats Coffinhal übrigens auch.

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Erinnerungstafel 97 rue de Monceau.

Ort des früheren Friedhofs des Errancis, wo zwischen dem 24. März 1794 und dem  Monat Mai 1795 1119 Personen bestattet wurden, die auf der Place de la Révolution guillotiniert worden waren.

Am Tag nach der Hinrichtung Lavoisiers notierte der bedeutende Mathematiker und Astronom Lagrange: „Es hat den Henkern nur einen Augenblick gekostet, einen solchen Kopf abzuschlagen, und  hundert Jahre reichen vielleicht nicht hin,  einen ähnlichen wieder hervorzubringen“. (26a)

5. Das Ende der Zollmauer

Mit der Erstürmung der Mauer  in den Tagen vor dem 14. Juli war allerdings noch nicht das Ende der Zollmauer gekommen. Immerhin beschloss die konstituierende Nationalversammlung am 20. Januar 1791, dass der octroi, die Zollerhebung an der Zollmauer,  mit Wirkung vom 1. Mai des Jahres beendet werden sollte. Das Musikkorps und Abteilungen der Nationalgarde verkündeten entlang der Mauern diesen Beschluss. Die Folgen für die städtischen Finanzen waren allerdings katastrophal, sodass der octroi 1798 vom Direktorium wieder eingeführt wurde. Er firmierte nun als „städtische Wohfahrtssteuer“ (octroi municipal de bienfaisance)  und diente offiziell der Verbesserung der medizinischen Versorgung der Pariser Bevölkerung. In Wirklichkeit waren 85% der Einkünfte der Stadt dem octroi zu verdanken, so dass er zu einem grundlegenden Bestandteil der städtischen Finanzen wurde. Und dies nicht nur für Paris, sondern auch für andere Städte und Kommunen: In den 1840-er Jahren mussten die von Paris nach Versailles  beförderten Waren insgesamt sechs Zollgrenzen passieren! Die Forderung von Liberalen, im Namen des Freihandels den octroi abzuschaffen, hatte allerdings selbst unter der  Herrschaft des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe die Liberalen wenig Erfolg. Immerhin beseitigte die junge II. Republik 1848 die Zölle für Fleisch und ersetzte sie durch eine Steuer auf Luxuswaren.

Erst mit der Erweiterung von Paris im Jahr 1860 und der Integration von elf Gemeinden, die zwischen der Zollmauer und der Festungsmauer von 1840 lagen, wurde die Mauer obsolet und auf Befehl von Baron Haussmann beseitigt. (27)

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Abgerissen wurden auch die meisten der Ledoux’schen Torhäuser- hier zum Beispiel die an der Place de l’Étoile, weil sie der von Haussmann gewünschten monumentalen Umgestaltung des Platzes im Wege standen. Und natürlich hätten die Torhäuser Ledoux‘ auch etwas die Apotheose des Triumphbogens und Napoleons relativiert. (28)

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Die Steuer allerdings wurde damit  nicht beseitigt: Die wurde nun an den neuen Außengrenzen der Stadt erhoben. Erst 1943, also unter der deutschen Besatzung, wurde der Pariser octroi abgeschafft und durch lokale Steuern ersetzt, was 1948 dann für ganz Frankreich gesetzlich festgelegt wurde. Einmal erhobene Abgaben haben manchmal ein langes Leben….

Vier der ehemaligen Barrieren wurden aber verschont, sind also noch erhalten. Sie gehören zum „Pantheon der französischen Architektur“ und ihnen ist der nachfolgende Blog-Beitrag gewidmet.

 

Anmerkungen

[1]https://paris-blog.org/2019/07/14/die-grosse-saline-von-salins-les-bains-und-die-koenigliche-saline-von-arc-et-senans-unesco-weltkulturerbe-im-jura/

[2] Vincent Milliot/Philippe Minard, La France d’Ancien Régime. Armand Colin 2018, S. 170f (Abschnitt: L’impossible réforme de la monarchie)

[3]une union de plusieurs personnes qui s’associent pour entrer dans les affaires du Roi.“ Cit. bei Durand,  Les Fermiers généraux au XVIIIe siècle, S. 45

[4] Durand, a.a.O.  S. 50

[5] Renaud Gagneux, Denis Prouvost: Sur les traces des enceintes de Paris, S. 138/140

[6] https://www.pariszigzag.fr

(6a) Bild von: By Jean-Marie Hullot – Own work – http://www.fotopedia.com/items/jmhullot-N3qptM-Vrsk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8538329

[7] Abbildung aus: https://paris-atlas-historique.fr/55.html

Zu Ledoux siehe auch den Blog-Beitrag über die Saline von Arc et Senans: https://paris-blog.org/2019/07/14/die-grosse-saline-von-salins-les-bains-und-die-koenigliche-saline-von-arc-et-senans-unesco-weltkulturerbe-im-jura/

[8] Bild aus  http://www.francegenweb.org/wiki/  Artikel über die Barrières du mur des Fermiers généraux. Dort auch eine Liste aller Barrières-    Siehe auch:

https://www.histoires-de-paris.fr/lettre-25-mars-2019-le-mur-des-fermiers-generaux/

[9] Siehe: Les guinguettes des Barrières. In: Histoires de Paris vom 22. April 2017. https://www.histoires-de-paris.fr/guinguettes-barrieres/

Siehe auch die Blog-Beiträge über Belleville: https://paris-blog.org/2016/07/18/das-multikulturelle-aufsaessige-und-kreative-belleville-modell-oder-mythos/

und über die Guinguettes an der Marne: https://paris-blog.org/2017/08/06/musik-und-tanz-an-der-marne-au-pays-des-guinguettes/

[10] Zitiert  bei:  http://www.ecrivaines17et18.com/pages/18e-siecle/bon-a-savoir/le-paris-de-louis-sebastien-mercier.html#fgCGR3jf0kWHa2w8.99  Das Argument der verhinderten Frischluftzufuhr wird auch von Mercier in seinen Songes et visions philosophiques von 1788 verwendet:

[11] https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k8320w/f263.image

[12] https://journals.openedition.org/ahrf/12765 und

https://www.historia.fr/le-mur-murant-paris-rend-paris-murmurant

[13] https://fr.anecdotrip.com/anecdote/6-anecdotes-sur-le-trone-et-sa-barriere-des-fermiers-generaux-par-vinaigrette

[14] Sébastien Mercier, Songes et visions philosophiques, 1788,  Zit. in: http://www.ecrivaines17et18.com/pages/18e-siecle/bon-a-savoir/le-paris-de-louis-sebastien-mercier.html#fgCGR3jf0kWHa2w8.99

[15] Mercier: Le nouveau Paris. Cit. von Poirier, Lavoisier, S. 186. Insofern kann ich auch die nachfolgende Feststellung von  Markovic nicht ganz nachvollziehen: Ce qui est critiqué par la presse et les pamphlets demeure l’opulence de ces édifices (der Barrieren von Ledoux W.J.) et non l’enfermement de Paris. https://journals.openedition.org/ahrf/12765

[16] Markovic, La révolution aux barrières. https://journals.openedition.org/ahrf/12765 Nachfolgendes Bild vom Sturm auf die Zollhäuser aus: https://www.academia.edu/10699921/Entstehung_der_Autonomen_Architektur_Analyse_Emil_Kaufmanns

[17] Durand, Les fermiers généraux, S. 621

[18] Michelet, Histoire de la Révolution Française. Éditions Robert Laffont. Paris 1979, S. 137/138  Das bezieht sich auf den Sonntag, den 12. Juli 1789

[19] Quelle der nachfolgenden Abbildung: https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b6947726s/f1.item.r

[20] siehe den Blog-Beitrag über den Cimetière de Picpus: https://paris-blog.org/2016/07/01/der-cimetiere-de-picpus-ein-deutsch-franzoesischer-erinnerungsort/

[21] Siehe zu Ledoux den Blog-Beitrag über die Saline von Arc et Senans

Zum Leben kurz auch: http://www.whoswho.de/bio/claude-nicolas-ledoux.html

Zur Architektur: https://www.uni-heidelberg.de/md/zaw/akh/akh_texte/05schlembach150705.pdf

Zitat aus dem Traktat s. Anm. 22  „Je suis interrompu… La hache nationale étoit levée, on appelle Ledoux, ce n’est pas moi ; ma conscience, mon heureuse étoile me le dictoient : c’étoit un docteur de Sorbonne du même nom. Malheureuse victime !… Je continue.“

siehe  den schönen Blog-Beitrag von Sonia Branca- Rosoff: https://passagedutemps.wordpress.com/2019/11/18/la-rotonde-de-la-villette/

[22] Ledoux, Claude-Nicolas, (1736-1806), . considérée sous le rapport de l’art, des meurs et de la législation, Paris, Herman. (Originale Ausgabe frei zugänglich bei Gallica:  https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k857284.image

Siehe dazu Emil Kaufmann, Von Ledoux bis Le Corbusier. Entstehung und Entwicklung der Autonomen Architektur. Wien und Leipzig 1933 https://www.academia.edu/10699921/Entstehung_der_Autonomen_Architektur_Analyse_Emil_Kaufmanns

(22a) siehe dazu Petra Kipphoff in ihrer Rezension der großen Brüsseler Magritte- Ausstellung von 1978: https://www.zeit.de/1978/46/die-entfuehrung-des-gesunden-menschenverstandes. Zu dem Zusammenhang zwischen Ledoux und Magritte siehe auch den Blog-Beitrag von Sonia Branca- Rosoff: https://passagedutemps.wordpress.com/2019/11/18/la-rotonde-de-la-villette/

[23] https://de.wikipedia.org/wiki/Antoine_Laurent_de_Lavoisier

[24]  Poirier, S. 185. Auf das Buch von Poirier stütze ich mich auch in den nachfolgenden Passagen über Lavoisier.

[25]Cet odieux monument fiscal est l’ouvrage de M. Lavoisier, le seul des quarantes colonnes de l’Etat (die fermier généraux) qui soit membre de l’Académie des Sciences. Il est chimiste, et les mauvais plaisants disent qu’il a voulu mettre Paris dans un cucurbite dont la caisse des fermes sera le récipient.“ (Cit. Poirier S. 185)

[26] Cit. bei Poirier, S. 186. Entsprechend auch der Tenor einer Darstellung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts: „Sous Louis XVI, le savant Lavoisier, qui était en même temps un des 40 fermiers généraux, eut la pensée fort peu philantropique de quintuplers les revenus du fisc en portant les limites de la capitale à une très grande distance de son centre. C’est lui qui lui assigna une nouvelle frontière dans laquelle furent enclavés tous ses faubourgs soumis dès lors à payer des droits d’entrée sur les principaux objets de consommation.“  Le Nouveau conducteur dans Paris et dans les environs, indiquant tout ce qui peut intéresser l’étranger au sein de cette capitale du monde civilisé. Paris 1851, S. 6 https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k6393839z/f238.item

(26a) Zit. in: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände (Conversations-Lexikon). 8. Auflage, 6. Band, Leipzig: Brockhaus 1835, S. 536

(27) https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/

(28) Bild aus: http://paris1900.lartnouveau.com/paris00/mur_des_fermiers_generaux.htm

 

Literatur:

Sonia Branca-Rosoff, https://passagedutemps.wordpress.com/2019/11/14/suivre-le-mur-des-fermiers-generaux-de-la-place-de-lile-de-la-reunion-aux-pavillons-de-bercy/

Yves Durand,  Les Fermiers généraux au XVIIIe siècle. Paris: PUF 1971

Momcilo Markovic,  La Révolution aux barrières : l’incendie des barrières de l’octroi à Paris en juillet 1789   https://journals.openedition.org/ahrf/12765

Les  propylées de Paris. 1785-1788. Claude Nicolas Ledoux. Une promenade savante au clair de lune. Editions Honoré Clair.  (Bibl. Arsenal)

Le mur des fermiers généraux, In: La lettre d’Histoires-de-Paris.fr Nummer 25. März 2019. https://www.histoires-de-paris.fr/lettre-25-mars-2019-le-mur-des-fermiers-generaux/

Gallet, Michel. Claude-Nicolas Ledoux, 1736-1806. Paris, 1980

Renaud Gagneux, Denis Prouvost: Sur les traces des enceintes de Paris. Promenades au long des murs disparus.   Parigramme, 2004

Jean-Pierre Poirier, Lavoisier. 17423 – 1794. Paris: Pygmalion 1993

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux
  • Wie man eine Revolution feiert: Der 14. Juli in Paris
  • Pariser Erinnerungsorte an den Holocaust (Einleitung) 
  • Der Garten des Palais-Royal: ein Garten der Literatur und eine Oase der Stille mitten in Paris

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Canal Louis XIV und das Aquädukt von Maintenon (Die Fontänen von Versailles, Teil 3)

Zur Zeit des Sonnenkönigs sprudelten im Park von Versailles insgesamt etwa 1400 Fontänen!  Sie dienten dazu, durch ihre Menge und Größe und durch ihr bildhauerisches Programm die absolute Macht des Königs zu demonstrieren. Dies wurde im ersten Teil der kleinen Reihe über die Fontänen von Versailles erläutert:

https://paris-blog.org/2017/09/01/die-fontaenen-von-versailles-1-die-feier-des-sonnenkoenigs/

Allerdings waren die Schwierigkeiten bei der Umsetzung dieses Vorhabens immens,  denn die Lage des Schlosses und des Parks hätten kaum ungünstiger sein können. Das Gelände war sumpfig und  es gab (und gibt) in der Region keine natürlichen Wasserläufe, die man für die Versorgung mit Wasser hätte nutzen können. Die Seine lag mehrere Kilometer entfernt und dazu auch noch 142 tiefer als das Schloss.  Es gab in der Nähe lediglich einen kleinen Teich,  der von einigen Bächlein gespeist wurde. Aber der reichte natürlich nicht im Geringsten für die Bedürfnisse der vielen Fontänen, geschweige denn für die von Schloss und Stadt.

Allein für die Versorgung der Fontänen mussten also immer neue Wasserquellen erschlossen werden- war es doch der Wunsch des Sonnenkönigs, dass die Springbrunnen Tag und Nacht ununterbrochen sprudeln sollten.  Eine der ersten Maßnahmen war die Umleitung des Wassers der Bièvre, eines kleinen Nebenflüsschens der Seine. Aber auch das reichte nicht, den Wasserbedarf der vom Sonnenkönig  gewünschten immer zahlreicheren Fontänen zu befriedigen. Neue Wasserquellen waren also erforderlich.

Dazu gehörte vor allem die Erschließung der gut 10 Kilometer südöstlich von Versailles gelegenen  Hochebene von Saclay für die Alimentierung der Springbrunnen. Es wurde ein System von Teichen und kleinen Wasserläufen (rigoles)  geschaffen, mit deren Hilfe das Regenwasser gesammelt wurde. Über das große Aquädukt von Buc konnte dann dieses Wasser nach Versailles transportiert werden.

Im Einzelnen wird das im zweiten Teil der Reihe über die Fontänen von Versailles erläutert: https://paris-blog.org/2019/04/01/die-fontaenen-von-versailles-2-ausdruck-absolutistischen-groessenwahns/

Allerdings reichte auch diese Maßnahme nicht aus.  Zumal es inzwischen noch weiteren Wasserbedarf gab: Denn nach dem Ende des Holländischen Krieges ließ sich Ludwig XIV. in dem wenige Kilometer von Versailles entfernten Marly abseits des „überzeremoniellen Hofes“  ein weiteres Schloss von Mansart bauen, um „sich zu erholen und seine Zeit ganz häuslich zu verbringen.“ (1) Aber ohne Fontänen ging das natürlich nicht. Woher aber jetzt noch das Wasser für die immer unersättlicheren Fontänen  nehmen?  Die vorhandenen Lösungsvorschläge mussten nun, angesichts der topografischen Voraussetzungen,  immer kühner und schwieriger in ihrer Umsetzung sein.

Warum also nicht das Wasser der Seine nutzen? Die floss immerhin in nur etwa 10 Kilometer Entfernung an Versailles vorbei und Wasser war da –anders als bei den Reservoiren auf der Hochebene von Saclay- immer reichlich vorhanden. Das Problem allerdings: Der Wasserspiegel der Seine lag an der nächst gelegenen möglichen Wasserentnahmestelle 144 Meter unterhalb des Parks! Aber für den Sonnenkönig, der sich als absoluter Herrscher auch über die Natur verstand, konnte das kein unüberwindliches Hindernis sein, sondern eher eine Herausforderung, deren Bewältigung ein weiterer Beweis seiner Größe sein würde. Dies war die Geburtsstunde der machine de Marly, einer gewaltigen Pumpanlage, die das Wasser der Seine auf die erforderliche Höhe pumpen sollte und zum Teil ja auch pumpte, In einem folgenden vierten Teil wird auf dieses Projekt genauer eingegangen werden. Aber auch die machine de Marly reichte nicht aus, zumal sie aufgrund technischer Probleme die an sie gesetzten Erwartungen immer weniger erfüllen konnte.

So entstand die Idee, die gut 150 Kilometer entfernte Loire zu nutzen.  Es war kein Geringerer als Pierre-Paul Riquet, der Schöpfer des Canal du Midi  (damals canal royal de Languedoc), der Ludwig XIV. diesen Vorschlag unterbreitete. Und der  war von einem solchen megalomanischen Projekt natürlich  sehr angetan und auch gleich bereit, die dafür erforderliche immense Geldsumme zur Verfügung zu stellen. Ludwigs Finanzminister Colbert hatte allerdings Zweifel an der Machbarkeit (und Finanzierbarkeit)  und beauftragte  den Abbé Picard, Mitglied der Akademie des Sciences, mit einem Gutachten. Die Überprüfung ergab, dass die Loire an der geplanten Wasserentnahmestelle tiefer lag als das Schloss von Versailles…. Das Projekt wurde also aufgegeben, ebenso wie die Überlegung, die Essonne umzuleiten, einen Nebenfluss der Seine.

Aber dann gab es ja noch die Eure. Die Eure ist ebenfalls ein kleiner Nebenfluss der Seine. Sie hat zwar einen wesentlich geringeren Wasserdurchfluss als die Loire, aber dafür hat sie zwei entscheidende Standortvorteile:  Sie liegt deutlich näher an Versailles und sie liegt –jedenfalls in den flussaufwärts gelegenen Abschnitten- so hoch, dass sie für den gedachten Zweck geeignet ist. Ludwig XIV. beauftragte also  Louvois,  seinen Kriegs- und Bauminister, das Unternehmen zu prüfen und  einen entsprechenden Plan zu entwerfen.  Louvois beauftragte seinerseits den Astronomen und Mathematiker de La Hire, einen Schüler des Abbé Picard, die topografischen Voraussetzungen zu untersuchen. Das Ergebnis war das Projekt eines etwa 80  Kilometer langen Kanals von Pontguin an der Eure bis zu einem Teich in der Nähe von Rambouillet, der schon an das System der Wasserversorgung von Versailles angeschlossen war.[1a]

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Hier handelt es sich um die zentrale Partie eines  Stichs aus dem Jahr 1689 mit dem Titel: Les Ouvrages magnifiques du roy Louis le Gran en temps de paix (Die großartigen Werke Ludwigs des Großen in Friedenszeiten), der im Schloss von Maintenon ausgestellt ist. (1b) Abgebildet ist die Begutachtung eines Plans, der den Verlauf des Eure-Kanals zeigt, durch  Ludwig XIV. Bei den beiden hohen Herren, die ihm den Plan unterbreiten, dürfte es sich um  Louvois und Vauban handeln. Louvois war damals nicht nur Kriegsminister, sondern seit dem Tod Colberts 1683 auch Minister für öffentliche Bauten. Und der Festungsbaumeister Vauban erhielt von Ludwig XIV. den Auftrag, die Arbeiten an dem Kanal zu organisieren. Es ist das einzige zivile Projekt Vaubans: ein Hinweis darauf, für wie bedeutsam Ludwig XIV. diesen Kanal hielt, der ein für allemal die Versorgung seiner Springbrunnen mit Wasser sicherstellen sollte.

Geplant war ein Kanal mit einem gleichmäßigen Gefälle von 14 bis 17 cm pro Kilometer, der verschiedenen Quellen zufolge die Springbrunnen von Versailles mit täglich 50 000 Kubikmetern Wasser versorgen sollte- vergleicht man das mit den maximal 2000-2500 Kubikmetern, die die Maschine von Marly unter optimalen Bedingungen täglich lieferte, dann wird die Bedeutung dieses Kanalprojekts nur allzu deutlich.[2]  Um eine solche Wassermenge zu transportieren, reichte  natürlich kein „einfaches“ Aquädukt  aus, wie man es von den Römern kannte, sondern es sollte  ein schiffbarer Kanal nach dem Vorbild des schon existierenden canal royal, des Canal du Midi,  sein.

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Aus der Vogelperspektive[3] lässt sich das an einem Teilstück des Kanals bei Théléville westlich von Maintenon noch recht gut erkennen. Dort ist ein Damm aufgeschüttet, heute Les Terrasses genannt, worauf auch noch der entsprechende Straßenname  (Rue des Terrasses) hinweist. Dieser Damm war auf seinem Scheitel 21 Meter breit. In der Mitte verlief der Kanal, 4,62 Meter breit und 1,95 Meter tief, der inzwischen zugewachsen ist,  rechts und links davon befanden sich noch deutlich zu erkennende  Wege. Einen solchen Kanal –aller topografischer Hindernisse zum Trotz- bauen zu wollen, war natürlich ein „pharaonisches“ Unterfangen oder wie es der Herzog von Saint – Simon in seinen Memoiren nannte: eine grausame Verrücktheit, eine „cruelle folie.“  Aber „die Natur zu tyrannisieren“ (Saint Simon), hier also „die Wasser der Eure gegen ihre eigentliche Bestimmung fließen zu lassen“, wie eine zeitgenössische Beobachterin schrieb, war für Ludwig XIV. doch nur eine weitere Möglichkeit, seine unumschränkte Macht zu demonstrieren. (3a)

Die unumschränkte Macht in Europa hatte Ludwig XIV. ja gerade errungen:  1678 war der „Holländische Krieg“ mit dem Frieden von Nijmwegen beendet worden, der Frankreich einen erheblichen Landzuwachs und die Vormachtstellung auf dem europäischen Kontinent  sicherte.[4]  1684 wurde der sogenannte „Regensburger Stillstand“ mit dem durch die Türkenkriege geschwächten Heiligen Römischen Reich geschlossen. Frankreich verleibte sich Luxemburg ein, und alle Territorien, die Ludwig XIV. im  Zuge der sogenannten Reunionspolitik  annektiert hatte, wurden  für 20 Jahre, faktisch damit allerdings dauerhaft, als französischer Besitz anerkannt.  So wurden Straßburg und das Elsass französisch….

Jetzt herrschte also –eher selten zu Zeiten des Sonnenkönigs-  Frieden und das stehende Heer Frankreichs war gewissermaßen arbeitslos. Was lag da näher, als Soldaten für den Bau des königlichen Kanals abzukommandieren? Insgesamt waren es 30 000 Soldaten, die für den Kanalbau eingesetzt wurden, die natürlich auch untergebracht und versorgt werden mussten.  Das war sicherlich nicht  einfach, zumal es in der Gegend nur ein paar kleine Dörfer gab und  die nächste Stadt, Chartres, zu weit entfernt war, um für den Kanalbau eine Rolle spielen zu können. Begonnen wurden die Arbeiten im westlichen Abschnitt des Projekts, also zwischen der Wasserentnahme an der Eure bei Pontguin und Maintenon.

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„Carte particulière du canal de la rivière d’Eure depuis Pontguin, jusques à Versailles“  von Hubert Jaillot[5] (westliches Teilstück des Kanals)

Pontguin, der Anfangspunkt des Aquädukts,  ist mit einem Punkt am mittleren linken Rand der Karte bezeichnet. Maintenon ist ebenfalls mit einem Punkt bezeichnet: Es befindet sich etwa auf gleicher Höhe wie Pontguin etwas rechts von der Mitte der Karte – bevor der geplante Kanal nach Südosten abknickt.

Die erste Baumaßnahme war die Errichtung eines Eure- Deichs bei Boizard, etwa 3 km westlich von Pontgouin (an der D 347.6 gelegen).  Seine Funktion war es, den Fluss so weit aufzustauen, dass eine kontinuierliche Wasserversorgung des Kanals gewährleistet war. Durchbrochen wurde der Deich von der sogenannten Schleuse von Boizard, mit deren Hilfe die Wasserzufuhr geregelt werden konnte.[6]

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Außerdem ermöglichte sie den Schiffsverkehr zwischen der Eure und dem Kanal. Die Schleusenkammern waren zwar nur 2 Meter breit, aber das reichte für die Schiffe, die Vauban höchstpersönlich für den Kanal entworfen hatte: Schmale, aber sehr tragfähige Boote, die für den Transport von Baumaterial  geeignet waren.[7]

 

 

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Die Bauarbeiten kamen offenbar gut voran. Es gab auch zunächst keine größeren Hindernisse und  der Verlauf des Kanals war  – anders als bei den römischen Aquädukten- den topografischen Gegebenheiten angepasst. So mussten nur das Kanalbett ausgehoben und die seitlichen Wege angelegt werden. Noch heute kann man entsprechende Reste sehen.

 

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Schon etwa ein Jahr  nach Beginn der Arbeiten war der Kanal bis Berchères fertig gestellt. Das heißt, etwa zwei Drittel der Strecke zwischen Pontguin und Maintenon waren schon gebaut, so dass eine Abordnung der Akademie des Scienes, zu der La Hire und der bedeutende Astronom Cassini gehörten, am 25. August 1685 beobachten konnte, wie das Wasser der Eure in den Kanal einströmte und  Berchères erreichte.

Danach wurden die Bauarbeiten  komplizierter, und es musste unter anderem der schon genannte Damm, Les Terrasses, aufgeschüttet werden. Ihn kann man noch deutlich erkennen  wenn man von Bouglainval auf der D 26.1 nach Maintenon fährt. Da sieht man auf der rechten Seite ganz deutlich den Kanal- Damm,  und es gibt an einigen Stellen auch die Möglichkeit, abzubiegen und durch einen der Tunnel zu fahren, die den Kanal unterquerten, um eine Verbindung zwischen den Ortschaften auf beiden Seiten des Kanals zu gewährleisten.

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Einer dieser Tunnel ist „das große Gewölbe“, „La Grande Voûte“, das früher die beiden Ortschaften  Boisricheux und Chartrainville (D 4)  verband. Geht man durch diesen Tunnel hindurch, wird eindrucksvoll erfahrbar, wie mächtig und breit dieser Kanal-Damm war; und aufgeschüttet ohne die modernen Hilfsmittel!   Die Straße ist inzwischen unterbrochen, so dass der aufgeschüttete Damm und das umgebende  Gelände der Natur überlassen sind. Das freute offensichtlich den prächtigen Fasan, der sich in keiner Weise von unserer Anwesenheit stören ließ.

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Anders aber die jungen Männer, die ihr Auto im Tunnel abgestellt hatten und die, als wir herankamen, uns sehr argwöhnisch beäugten und in hektische Betriebsamkeit verfielen. Offenbar hatten sie in dem Tunnel Schießübungen veranstaltet und versuchten, ihre Utensilien in den Kofferraum ihres Autos zu packen, bevor wir bei ihnen waren. Wir kamen dann aber ins Gespräch und sie beruhigten sich, als sie hörten, dass wir Ausländer sind und uns nicht für sie, sondern für den Kanal Ludwigs XIV. interessierten. Dass der einmal über ihren Köpfen  entlangführen sollte, war ihnen offenbar unbekannt, Auf jeden Fall waren sie – mit diesem Wissen bereichert-  sehr zufrieden, als wir wieder weiter fuhren, ohne sie behelligt zu haben.

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Die größte Herausforderung für das Projekt war Maintenon. Denn dort musste die Eure, deren Verlauf zwischen Maintenon und Pontgouin ein großes U nach Süden beschreibt, überbrückt werden.  Das Wasser konnte man in Maintenon  nicht entnehmen, weil die dortige Höhe über dem Meeresspiegel bei weitem nicht für die Versorgung der Springbrunnen von Versailles ausreichte.

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Zunächst war geplant, ab Berchères ein insgesamt 17 Kilometer langes Aquädukt aus Stein zu bauen, das bei Maintenon in drei Etagen und  in 73 Metern Höhe die Eure überqueren sollte. Das hätte noch deutlich den Pont du Gard mit seinen 49 Metern Höhe übertrumpft! Aber es hätte dann doch die staatlichen Finanzen überfordert, die durch die ständigen Kriege und die Repräsentations- und Verschwendungssucht des Hofes  arg klamm war. Also begnügte man sich mit einer deutlich bescheideneren Variante: Einem  Aquädukt von 955 Länge und einer Höhe von maximal 28,5 m Länge.

 

 

Von diesem Bauwerk sind noch eindrucksvolle Reste erhalten.

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Den besten Blick darauf hat man vom  Schloss von Maintenon aus.

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Das war auch bewusst so geplant.  Denn kurz vor Beginn des Kanalbaus (Oktober 1683 oder Januar 1684)  hatte Ludwig XIV. Françoise d’Aubigné, seit 1874 Schlossherrin von Maintenon und spätere Marquise de Maintenon, in einer geheim gehaltenen Zeremonie geheiratet.[8]

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Portrait von Madame de Maintenon  (1635-1719)

(Françoise d’Aubigné, future Marquise de Maintenon. École française, XVIIe siècle)

102739140 Schlafzimmer von M de Maintenon

Ihr Schlafzimmer

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… und die schöne Tapete

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Der von dem Gartenarchitekten des Versailler Parks, Le Nôtre, gestaltete Park des Schlosses von Maintenon war  so angelegt, dass er in seiner zentralen Perspektive einen unverstellten Blick auf den zentralen Abschnitt des Aquädukts bot. Und durch das Aquädukt war die Verbindung zwischen dem Schloss des Sonnenkönigs und dem Schloss seiner heimlichen Ehefrau gewissermaßen in Stein gemeißelt.

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Wenn man die als Grand Canal fungierende Eure entlang durch die Bögen des Aquädukts hindurchging, hatte man eine ebenso reizvolle Aussicht auf das Schloss – heute ist das etwas schwieriger, weil dort jetzt ein Golfplatz eingerichtet ist… Betreten natürlich offiziell verboten!

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Als dieses im Schloss ausgestellte Gemälde entstand, gab es den Golfplatz noch nicht. (F.R. Ricois, 1795-1881, Le château de Maintenon, Vue à travers l’aquéduc. Ausschnitt)

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Die deutliche Verkleinerung des Aquädukts gegenüber der ursprünglichen Planung bedeutete allerdings, dass damit eine durchgängige Schiffbarkeit des Kanals ausgeschlossen war. Die Absenkung des Aquädukts bei Maintenon war ja nur möglich, weil hier das Prinzip der kommunizierenden Röhren angewandt wurde: Vor und nach dem Aquädukt waren also Siphons erforderlich und das entsprechende Teilstück des Kanals musste als geschlossenes System gebaut werden, auch ein sehr aufwändiges Verfahren.

So weit kam es aber nicht. Denn 1688  zettelte Ludwig XIV. „unter dem wachsenden Einfluss seines ehrgeizigen und skrupellosen“ Kriegsministers Louvois schon wieder seinen nächsten Krieg an: Den Pfälzischen Erbfolgekrieg, in dem die französischen Truppen  nicht nur das Heidelberger Schloss in eine Ruine verwandelten, sondern in der Pfalz systematisch eine Strategie der verbrannten Erde verfolgten und selbst vor der Plünderung der Kaisergräber im Speyerer Dom nicht zurückschreckten. Nach der „unter Berufung auf fiktive oder an den Haaren herbeigezogene Rechtstitel“  erfolgten Annexion von -unter anderem-  Metz, Breisach, Besançon und Straßburg  rief das erneut im deutschen Reich „eine Welle patriotischer Entrüstung“  hervor (9): gewissermaßen die Geburtsstunde der sogenannten deutsch-französischen „Erbfeindschaft“. Was dieser Krieg für Frankreich bedeutete, schildert sehr eindrucksvoll der bis dahin von Ludwig XIV. mit Gnadenerweisen überhäufte Abbé de Fénelon in einem wahrscheinlich aus dem Jahr 1694 stammenden mutigen Brief an seinen an Lobreden gewohnten Monarchen.  Darin schreibt er:

„Man hat Ihre Einkünfte und Ihre Ausgaben bis ins Unendliche gesteigert. Man hat Sie bis in den Himmel gehoben, weil Sie, wie man sagte, die Größe aller Ihrer Vorgänger in den Schatten gestellt haben, das heißt, dass Sie ganz Frankreich ausgesogen haben, um am Hofe einen ungeheuerlichen und unheilvollen Luxus einzuführen. Ihre Minister haben Sie groß machen wollen auf den Ruinen aller Stände Ihres Reiches, als ob Sie groß sein könnten, wenn Sie alle Ihre Untertanen, auf denen Ihre Größe gegründet ist, zugrunde richten. 

Ihre Untertanen, die Sie lieben sollten wie Ihre Kinder, die bis jetzt so für Sie begeistert waren, sterben vor Hunger. Die Bebauung des Bodens ist fast aufgegeben worden, alle Industrien siechen dahin und ernähren ihre Arbeiter nicht mehr, jeglicher Handel ist lahmgelegt. Also haben Sie die Hälfte der wirklichen Kräfte im Innern Ihres Staates zerstört, um draußen eitle Eroberungen zu machen und aufrechtzuerhalten. Anstatt Geld aus diesem armen Volke zu ziehen, sollten Sie ihm Almosen geben und es ernähren. Ganz Frankreich ist nur mehr ein großes, trostloses Armenhaus ohne Vorräte.  (…)

Das ist nun dieses große und blühende Königreich unter einem König, den man uns täglich als das Entzücken seines Volkes schildert und der es in Wahrheit wäre, wenn die Ratschläge der Schmeichler ihn nicht vergiftet hätten. Das Volk selbst -man muss alles sagen- das Sie so geliebt hat, das soviel Vertrauen in Sie gehabt hat, beginnt die Liebe , das Vertrauen und sogar die Achtung zu verlieren. Ihre Siege und Ihre Eroberungen erfreuen es nicht mehr. Es ist voller Verbitterung und Verzweiflung.“ (10)

Unter diesen Umständen war nach dem Ende des neun Jahre andauernden Krieges  an einen Weiterbau des Eure-Kanals nicht mehr zu denken. Er blieb also unvollendet, diente danach als Steinbruch und ist heute, benannt nach seinem Initiator Ludwig XIV., ein teilweise pittoreskes, aber makabres Monument eines macht- und ruhmversessenen Monarchen, der schließlich an seiner Hybris scheiterte. (11)

 

 

Anmerkungen:

(1) Jacques Revel, Der Hof. In: Pierre Nora (Hrsg), Erinnerungsorte Frankreichs. München: Beck 2005, S. 335

[1a] Die einzelnen Etappen der Wasserversorgung sind anschaulich präsentiert bei:  L’acheminement des eaux à Versailles   https://www.youtube.com/watch?v=u0VYY2iK3Lo

Siehe auch:  Association pour l’Etude et la Sauvegarde des Vestiges du Canal de Louis XIV et de ses Environs:  Histoire du Canal de l’Eure. Aqueduc royal de Pontguin à Versailles. Dort gibt es auch  eine genaue Beschreibung der vorhandenen Reste des Kanals. http://claude.millereux.free.fr/Canal/asso_canal.htm

(1b) Vollständig ist der Stich abgebildet bei: Jacques Revel, Der Hof. In: Pierre Nora (Hrsg), Erinnerungsorte Frankreichs. München: Beck 2005, S. 349

[2] Hier und im Weiteren beziehe ich mich auf die detaillierte Darstellung der Association pour l’Etude et la Sauvegarde des Vestiges du Canal de Louis XIV et de ses Environs: http://claude.millereux.free.fr/Canal/asso_canal.htm

[3] earthview-de.com/maps

(3a) s. Jacque Revel, Der Hof. a.a.O., S. 623

[4] Siehe dazu den Blog-Beitrag über die place des Victoires in Paris, der aus Anlass des Friedens von Nimwegen errichtet wurde und die Siege Ludwigs XIV. feiert: https://paris-blog.org/2020/03/12/la-place-des-victoires-der-platz-der-siege-ludwigs-xiv-in-paris-das-modell-eines-koeniglichen-platzes/

[5] https://gallica.bnf.fr/

Zur Geschichte des Kanals siehe: Gabriel Despots/Jacques Galland, Histoire du canal Louis XIV de Pontguin à Maintenon. CAEL 2006

[6] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/

[7] Bild aus: http://projetbabel.org/fluvial/

[8] Zu Madame de Maintenon siehe auch den Blog-Beitrag:  https://paris-blog.org/2020/05/10/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-2-grosse-frauen/

(9) Aus dem Vorwort von Gilbert Ziebura zu:  Gilette Ziegler, Der Hof  Ludwigs XIV. in Augenzeugenberichten.  München: dtv 1981

(10) zitiert von Gilette Ziegler, Der Hof  Ludwigs XIV. in Augenzeugenberichten. Mit einer Einleitung von Gilbert Ziebura.  München: dtv 1981, S. 288/289 s.a. S. 287

(11) siehe Jacques Revel, Der Hof. a.a.O., S. 351 und Anmerkung 84, S. 623

 

Eingestellt am 19.5.2020 am und zum Geburtstag meines Schwagers Dr. H. D. 

 

Weitere Blog-Beiträge zu Ludwig XIV.:

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux
  • Pariser Erinnerungsorte an den Holocaust (Einleitung) 
  • Der Garten des Palais-Royal: ein Garten der Literatur und eine Oase der Stille mitten in Paris

 

Große Männer und Frauen des Marais: Eine Ortsbesichtigung anhand der Portraits des Street-Art- Künstlers C 215 (Teil 2: große Frauen)

Im ersten Teil dieses Beitrags wurden einige Männer vorgestellt, die das „große Jahrhundert“ des Marais und Frankreichs geprägt haben: Der König Henri Quatre, sein Minister Sully  und Ludwig XIII., die den Plan dieses neuen Viertels entworfen und umgesetzt haben; dazu mehrere Künstler,  Architekten, Maler, Musiker, die dem Viertel Leben und Glanz verliehen haben.[1]

Zu dem Glanz des Marais im „großen Jahrhundert“ Frankreichs haben  ganz wesentlich auch Frauen beigetragen. Das Marais war damals ein Zentrum der französischen Kultur literarischer Salons, die vor allem von Frauen betrieben wurden. So der Salon der  Madeleine de Scudéry, die E.T.A. Hofmann zur Potagonistin seiner Kriminalgeschichte  Das Fräulein von Scuderi machte. Madeleine de Scudéry, auch Sapho genannt nach der Dichterin des klassischen Griechenland, schrieb sehr erfolgreiche heroisch-galante Romane im Stil der Zeit und eröffnete 1652 in der rue de Beauce ihren eigenen preziösen und hocharistokratischen Salon, in dem die Teilnehmer/innen die Kunst einer geistreichen Konversation pflegten. Madeleine de Scudery wurde sogar als Anwärterin für einen Sitz in der Académie Française gehandelt, die es aber dann doch vorzog, für weitere 300 Jahre (bis 1980) eine den Männern vorbehaltene Domäne zu bleiben.

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Portrait der Madeleine de Scudéry (1607 – 1701) : rue du Temple Nummer 4

 DSC07010 Ninon de l'EnclosEinen weiteren bedeutenden Salon betrieb Ninon de  L’Enclos (1620-1705), deren Portrait sich in der rue du Pas de la Mule, auf der Rückseite des Portraits von Ludwig XIII.  befindet.  Wie Madeleine de Scudery war auch sie Schriftstellerin, blieb ihr Leben lang  ledig, hatte aber eine Fülle von Liebhabern und war eine heißbegehrte Kurtisane. Das hinderte aber „tout Paris“ nicht daran, ihren Salon zu frequentieren, wenn man denn das entsprechende  Privileg hatte. Im Vorwort zur deutschen Ausgabe der Briefe von Ninon d’Enclos an den Marquis von Sévigné aus dem Jahr 1751 heißt es:

„Das Haus der Fräulein Lenclos … war der Sammelplatz aller gesitteten und durch ihren Witz berühmten Leute, die Hof und Stadt nur aufweisen konnten. Die tugendhaftesten Mütter bewarben sich aufs eifrigste,  ihren Söhnen, die auf den Schauplatz der Welt getreten waren, den Vortheil zu verschaffen, daß ihnen zu dieser liebenswürdigen Gesellschaft der Zutritt verstattet würde, die man für den Mittelpunkt eines guten Umgangs ansah.“[2]

Erotisch anziehende, kultivierte adelige Damen waren geradezu ein Markenzeichen des Marais im „Grand Siècle“. Es ist deshalb auch kein reiner Zufall,  dass alle drei nachfolgend etwas ausführlicher vorgestellten Frauen Mätressen Ludwigs XIV. waren. Ein Auswahlkriterium war das allerdings nicht: Es sind drei Frauen, die ich wegen ihrer Persönlichkeit und Lebensumstände besonders interessant finde und mit deren Namen auch sehenswerte Orte verbunden sind. Ein Spaziergang zu den Portraits  großer Männer und Frauen des  Marais kann so vielleicht ein Panorama des Lebens der high society des großen Jahrhunderts entfalten und einen genaueren Blick auf einige der architektonischen Schätze des Marais  ermöglichen.

Die drei nachfolgend vorgestellten Frauen und Orte sind:

Die Princesse de Soubise, petite maitresse  Ludwigs XIV.,  und das hôtel de Soubise

Mme de Montespan, Maitresse de titre Ludwigs XIV.,  und das hôtel d’Albret

Françoise d’Aubigné, die spätere  Madame de Maintenon und zweite Gemahlin Ludwigs XIV.,  und der literarische Salon, den sie zusammen mit ihrem ersten Mann Paul Scarron  in der rue de Turenne 56 betrieb. Einbezogen wird hier auch ein Ort außerhalb von Paris, nämlich  das Schloss von Maintenon.

In einem später folgenden dritten Teil soll Madame de Sévigné mit ihrem  Geburtshaus an der place des Vosges und ihrem langjährigen Wohnsitz, dem hôtel de Carnavalet vorgestellt werden. Das ist jetzt der Ort des Pariser Stadtmuseums, das aber wegen Renovierungsarbeiten geschlossen ist. Und in einen solchen Beitrag könnte/sollten auch das château de Rochers bei Vitré und  das Schloss von Grignan bei Montélimar einbezogen werden. Dort lebte die Tochter der Madame de Sévigné. Zwischen Mutter und Tochter gab es ja einen berühmten Briefwechsel. Und in Grignan ist Madame de Sévigné auch bestattet. Grignan liegt auf dem Weg ans Mittelmeer, wo wir im Juni sein wollten. Und in Grignan wollten wir bei dieser Gelegenheit gerne  einen Zwischenaufenthalt einlegen.  Daraus wird nun nichts. Also hoffentlich ein anderes Mal….

 

 

  1. Die Princesse de Soubise und das hôtel Soubise

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Anne de Rohan-Chabot (1648-1709)

Kurzinformation auf dem Faltblatt des Projekts: Bekannte Maitresse von Ludwig XIV. Ihr Portrait befindet sich in der Nähe des hôtel de Soubise, das ihr Mann auf ihre Veranlassung hin 1700 kaufte.

Anne de Rohan-Chabot war eine Tochter aus bestem adeligem Hause (ihre Mutter war Marguerite, die duchesse de Rohan), erhielt eine sehr gute Bildung und wurde schon im Alter von 15 Jahren mit François, prince de Soubise verheiratet. Das hinderte Ludwig XIV. allerdings nicht daran, ein Auge auf die junge Frau zu werfen, zumal damals der Stern seiner Mätresse Françoise-Louise de la Vallière gerade verblasste. Die Mutter Annes war allerdings auf den Ruf ihrer Tochter bedacht und entfernte sie vom Hof des Sonnenkönigs, was auch dessen neuer Mätresse, der Madame de Montespan,  sehr gelegen kam. Einige Jahre später, Anne war inzwischen 25 Jahre alt,  kam es zu einer erneuten  Begegnung mit Ludwig XIV..  Der verlieh ihr den sehr ehrenvollen Titel einer dame du palais der Königin, so dass sie ganz offiziell in seiner Nähe war.  Anne hatte damals schon sechs Kinder,  war aber dank einer speziellen Diät aus Obst, Gemüse und gekochtem Fleisch immer noch sehr attraktiv. Ein zeitgenössischer Beobachter bemerkte: „Ihre ständigen Schwangerschaften„-  zu den sechs Kindern kamen noch fünf hinzu- „unterbrachen die Gelüste des Königs, denn sie ist nur in der Zeit schön, wenn sie nicht schwanger ist.“  Vielleicht wurde auch deshalb Anne de Soubise  von der Eifersucht der Madame de Montespan verschont: Die konnte ja damit rechnen, dass die nächste Schwangerschaft nicht weit ist.  Eines der 11 Kinder Annes, Armand-Gaston, der spätere Kardinal de Rohan, entstammt möglicherweise der Beziehung mit Ludwig XIV..  Die sah Annes Ehemann durchaus mit Wohlwollen.  Von Zeit zu Zeit verließ er ostentativ Versailles und seine Frau legte ebenso ostentativ Smaragd-Ohrringe an: Dann wusste der Hof, dass ein Rendezvous mit dem König anstand. Monsieur de Soubise konnte von dieser Liaison erhebliche Vorteile erwarten, die er „für seine guten Dienste“ (en considération de ses services) auch erhielt.[3]  So konnte er 1700 auf Wunsch seiner Frau das noch aus dem 14. Jahrhundert stammende hôtel de Clisson erwerben, das einem weitläufigen Neubau  mit einem grandiosen, von Kolonaden gesäumten Ehrenhof Platz machte. Nur noch das alte Torhaus des hôtel de Clisson ist  erhalten.[4]

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In der Französischen Revolution wurde der Besitz enteignet und von Napoleon zum Sitz des Staatsarchivs bestimmt. Heute gibt es in dem Gebäude noch ein kleines Museum des Nationalarchivs.

Wolf Marais etc Juli 2010 019

Treppenhaus mit dem Aufgang zur Salle des Documents

Besonders sehenswert und schön sind die aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts stammenden Rokokoräume: das Appartement de la Princesse im ersten Stock und das Appartement du Prince im Erdgeschoss.

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Dort finden öfters auch Konzerte statt- womit eine Tradition aus der für die Rohans glanzvollen  Zeit des ancien régime fortgesetzt wird: Eine Gelegenheit, die im  Louis Quinze-Stil reich ausgestatteten Räume zu bewundern.

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Hier ein Konzert am Tag des offenen Denkmals 2018

Besonders kunstvoll sind die Stuckarbeiten von Lambert Sigisbert Adam:

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Hier die  geflügelten Allegorien der Geschichte, der Zeit und des Ruhms: Der Ruhm ist auf dem Weg in die Zukunft, hat den Kopf aber zurückgewandt und feiert zum Schall der Trompete die Taten der großen Männer. Auf dem Buch der Geschichte ist schon  verzeichnet: Listoir de la meson de Roan, Die Geschichte des Hauses Rohan.

 

  1. Mme des Montespan und das hôtel d’Albret

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Kurzinformation aus dem Faltblatt des Projekts:  Madame de Montespan (Françoise de Rochechouart de Mortemart, 1640-1707). Ihr Portrait befindet sich nicht weit von dem hôtel d’Albret, Ort eines literarischen Salons, den Mme de Montespan oft besuchte und wo sie Françoise d’Aubigné kennen lernte, die später die Marquise de Maintenon wurde.

 Während man die princesse de Soubise wohl mit einiger Berechtigung als „petite maitresse“ Ludwigs XIV. bezeichnen kann[5], trifft das bei  Madame de Montespan ganz und gar nicht zu. Immerhin war sie mehrere Jahre lang  „maitresse en titre“, das heißt,  sie hatte den offiziellen Rang einer königlichen Mätresse inne!  Und sie hatte sieben Kinder mit dem Sonnenkönig, von denen sechs von ihm legitimiert wurden. Mme de Montespan war eine schöne, charmante und kultivierte Unterhalterin, eine herausragende Vertreterin der damals gerade im Marais blühenden Kultur der literarischen Salons. Mme de Sévigné, von der später noch die Rede sein wird, und andere rühmten ihren „esprit Mortemart“, eine besondere Form geistreicher Kommunikation, die dem Geschlecht der Mortemart, dem sie angehörte, zugeschrieben wurde.  Dazu war sie eine sehr ehrgeizige und berechnende Frau. Madame de Sévigné nennt sie deshalb in ihren Briefen die „Quanto“ oder „Quantova“.(italienisch: „Wieviel?“ oder „Wieviel kostet’s ?“)  Ganz offensichtlich hatte es die schon verheiratete Madame de Montespan darauf angelegt, Mätresse des Königs zu werden. Charmant und trickreich bahnte sie sich den Weg zu Ludwig XIV., indem sie sich mit Louise de La Vallière anfreundete, ihrer Vorgängerin als „maîtresse royale„. Die La Vallière schwärmte gegenüber dem König von ihrem Witz und ihrem klugen Kopf – und bald war nicht mehr sie die offizielle Geliebte, sondern die Marquise de Montespan. (6) Lieselotte von der Pfalz beschreibt, auf welch demütigende Weise Ludwig XIV. Mademoiselle La Vallière abservierte: 

„Der König war hart zu ihr und ironisch bis zur Beleidigung. Als er durch das Zimmer der La Vallière ging, um sich zu Madame de Montespan zu begeben, nahm der König, von dieser aufgestachelt, seinen kleinen Hund, einen hübschen Spaniel, der Malice hieß, und warf  ihn der Herzogin mit den Worten zu: ‚Madame, das ist Ihre Gesellschaft, das muss Ihnen genügen.'“ 

Der Marquis de Montespan, ihr Gatte, sah allerdings –anders als etwa der prince de Soubise und andere adlige Ehemänner-  das Interesse des Königs an seiner Frau mit Missfallen. Er trug sogar Trauerkleidung für seine Frau und ließ ein Paar Hörner an seiner Kutsche anbringen – als öffentliches Zeichen dafür, dass sie ihn betrogen hatte.  Montespan wurde verhaftet, aber nach einigen Tagen wieder freigelassen. Offenbar hatte man sich bei Hofe darauf verständigt, ihn  „für einen ungehobelten Menschen und für einen Narren“ anzusehen  und die  Montespan selber beklagte sich, dass ihr Papagei und ihr Mann der Hofgesellschaft zum Amüsement dienten. Schließlich entschied man sich aber, den Marquis nach Spanien zu verbannen und  seine Ehe mit der Mätresse des Königs per Gerichtsbeschluss zu beenden.[7] So blieben ihm die königlichen Gunsterweisungen verwehrt, die dem prince de Soubise den Erwerb seines hôtel particulier ermöglicht hatten. Ein hôtel de Montespan gibt es also nicht im Marais, nur das heute sehr streng wirkende hôtel d’Albret, in dem Madame de Montespan, die sich in Anspielung an die Göttin Athene auch Athénaïs de Montespan nannte, mit ihren geistreichen Wortspielen und bissigen Bemerkungen glänzte.

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                           Innenhof des hôtel d’Albret, 31 rue des Francs-Bourgeois

Um 1750 wurde der frühere Bau von François Mansart im Stil seiner Zeit umgestaltet, während der Französischen Revolution dann enteignet und in eine Lampenfabrik umgewandelt.[8] Heute befindet sich in dem Bau die Direction des Affaires culturelles de la Ville. Immerhin. Und es gibt noch das Eine oder Andere, das an den früheren Glanz erinnert.[9]

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Zum Bruch zwischen dem König und seiner Geliebten kommt es, als de Montespans Name im Prozess gegen die bekannte Giftmischerin und angebliche Magierin Cathérine La Voisin fällt. Ludwig XIV. möchte aber einen Skandal vermeiden und verhindert, dass den Beschuldigungen nachgegangen wird.

Ironischerweise ist es gerade eine enge Vertraute der Marquise de Montespan,  die ihr als „maîtresse royale“ nachfolgt, nämlich Madame Scarron, die Erzieherin der unehelichen Kinder des Königs und die spätere Marquise de Maintenon.

 

  1. Madame de Maintenon

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Kurzinformation auf dem Faltblatt des Projekts: Madame de Maintenon (Françoise d’Aubigné  (1635-1719)  und  Paul Scarron (1610-1660)

Der berühmte Salon von Paul Scarron befand sich in der rue de Turenne 56, wo er mit seiner Frau  Françoise d’Aubigné wohnte. Sie führte mit ihm diesen Salon und wurde später Mme de Maintenon, die Favoritin Ludwigs XIV.

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Die unscheinbare  Plaque commémorative für Paul Scarron über der Tür von Nr. 56

 

Die Geschichte der Madame de Maintenon ist sicherlich –auch im Vergleich zu den beiden bisher vorgestellten großen Frauen des Marais- am faszinierendsten und wäre ein idealer Stoff für einen  Groschenroman oder einen Bollywood-Film.  War die Princesse de Soubise „nur“ eine petite maitresse des Sonnenkönigs, die Madame de Montespan immerhin maitresse en titre, so wurde Madame de Maintenon nicht nur die letzte Mätresse Ludwigs XIV., sondern  nach dem Tode der Königen Marie Thérèse auch im Rahmen einer sogenannten morganatischen, von der Kirche gesegneten Ehe „linker Hand“,  seine ihm bis zu seinem Tod verbundene zweite Ehefrau. Diesem glanzvollen Status steht eine völlig entgegengesetzte Jugend der Françoise d’Aubigné gegenüber: Zwar  war ihr Großvater Agrippa d’Aubigné ein Freund und Kampfgefährte Heinrichs IV., aber ihr Vater war ein wenig erfolgreicher Abenteurer, dazu Hugenotte, weswegen er zeitweise im Gefängnis von Niort einsaß, wo auch seine Tochter geboren wurde. Er versuchte dann, sein Glück in den Antillen/Westindien zu finden, wohin die Familie ihm folgte – Françoise brachte das den Beinamen „La Belle Indienne“ ein.[10] Allerdings scheiterte auch dieser Versuch. Nach dem Tod des Vaters kehrte die Familie nach Frankreich zurück.

1652 nahm ihr Leben eine entscheidende Wendung, und hier kommt nun auch das auf der anderen Seite des Kastens gemalte Portrait ins Spiel:

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Das 16 Jahre alte Mädchen lernte nämlich den 42-jährigen  Komödien-Autor Paul Scarron kennen.

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Scarron war damals einer der meistgelesenen Autoren Frankreichs, „figure incontournable de l’esprit du temps“. Racine, dessen eigenhändig signiertes Exemplar der Werke Scarrons hier abgebildet ist, schätzte ihn zwar nicht allzu sehr, aber die Lektüre von Werken Scarrons brachte ihn dann doch des Öfteren zum Lachen.[11]

 

 

 

 

 

Scarron  litt unter einer fortschreitenden Muskellähmung, saß im Rollstuhl und sah nach eigenen Worten aus  „wie ein Z“.[12]  Die junge Françoise soll bei seinem Anblick vor Mitleid in Tränen ausgebrochen sein.  Scarron fiel nicht nur die Schönheit, sondern auch die ungewöhnliche Intelligenz des schüchternen und zurückhaltenden Mädchens auf, und er machte ihr einen Heiratsantrag, den die Sechzehnjährige annahm.  Durch den Witz Scarrons und den Esprit seiner jungen Frau wurde ihr Salon zu einem Treffpunkt von Literaten und geistig interessierten Aristokraten, der auch von finanzkräftigen Gönnern wie dem Kardinal de Retz und  dem surintendent Fouquet, dem Finanzminister Ludwigs XIV.,  gefördert wurde. Allerdings lebte Scarron in eher bescheidenen Verhältnissen und hinterließ bei seinem Tod 1660 eine Witwe, die nun ihr Leben in die eigenen Hände nehmen musste, indem sie zunächst alleine  die Tradition des Salons fortsetzte. Dabei gewann sie einflussreiche Freundinnen wie  die Marquise de Sévigné und  Madame de Montespan,  auf deren Bitten hin sie die Erziehung der Kinder übernahm, die diese mit ihrem Mann und mit Ludwig XIV. hatte.

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Françoise Scarron und die beiden ersten Kinder von Ludwig XIV. und Madame de Montespan. Zugeschrieben dem Maler Pierre Mignard und ausgestellt im Schloss von Maintenon

1673 erkannte  Ludwig seine Kinder an und holte sie nach Versailles, wohin  nun auch  Françoise übersiedelte. Ludwig XIV. schätzte sie, die so ganz anders war als die üblichen kapriziösen Hofdamen, sehr: Durch Schenkungen verschaffte er ihr  wirtschaftliche Unabhängigkeit. So konnte sie schon 1674 Besitzung und  Schloss von Maintenon westlich von Paris erwerben und den heruntergekommenen Bau mit seinen runden Wehrtürmen zu einem ansehnlichen und eleganten  Landsitz umgestalten.

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Sie wurde nun, vor allem, nachdem Madame de Montespan in Ungnade gefallen war, zur engsten Vertrauten des Königs. Er empfing seine Minister in ihren Gemächern und pflegte sich stundenlang mir ihr zu unterhalten.  Der Hofgesellschaft war das ein Rätsel. In einer zeitgenössischen Quelle heißt es über Madame de Maintenon:

„Es ist erstaunlich, dass sie, die weder Schönheit noch Jugend besitzt, imstande ist, eine so starke Leidenschaft und soviel Vertrauen zu wecken“. 

Viele konnten sich auch nur vorstellen, dass Ludwig XIV. sich bald wieder einer der jungen Damen des Hofes  zuwenden würde, die sich danach drängten, seine Mätresse zu werden. Und so wurde Madame de Maintenon auch von spitzen Zungen „Madame de Maintenant“ genannt: Ein Wortspiel mit dem französischen maintenant, also jetzt, nunmehr. Da war dann Madame de Maintenon „die Derzeitige“, der sicherlich bald -wie gewohnt bei dem Sonnenkönig- eine andere folgen würde.  (12a)  Aber es kam anders.

Als 1683 die Königin starb, entschloss sich Ludwig XIV. – er war damals 45 Jahre alt- die Beziehung auf eine neue Grundlage zu stellen. Sein Kriegsminister Louvois war entsetzt:

Oh Sire! Der größte, ruhmreichste König der Welt heiratet die Witwe Scarron! Wollt Ihr Euch entehren?“[13]

Der Sonnenkönig ließ sich zwar nicht von seinem Vorhaben abbringen, auf Vorschlag des Erzbischofs von Paris wurde aber mit dem Segen der Kirche eine heimliche  Ehe „zur linken Hand“ geschlossen, die ohne rechtliche und dynastische Konsequenzen war.  Bis zu seinem Tod 1715 lebte Ludwig XIV. nun mit ihr zusammen. Das nach außen unklare Verhältnis der beiden, ihr Alter (sie war drei Jahre älter als der König) ihr Witwenstand und ihre niedrige Herkunft führten natürlich  zu Gerede am Hofe und in Europa, auch wenn Ludwig XIV. die Witwe Scarron 1688 zur Marquise de Maintenon erhob und auch wenn er nur allzu deutlich machte, wie hoch er sie schätzte.  So durch den Bau eines  unmittelbar durch den Schlosspark von Maintenon führendes  Aquädukts. Es war Teil eines gigantischen und gescheiterten Projekts zur Wasserversorgung von Versailles-  des einzigen zivilen Projekts, das der Festungsbaumeister Vauban auf Veranlassung Ludwigs XIV. übernahm. Und dem war es wichtig, dass Madame de Maintenon von ihrem Schloss aus dieses gewissermaßen ihr gewidmete Bauwerk direkt vor Augen haben sollte- ein krönender Abschluss des von keinem Geringerem als dem großen Le Nôtre entworfenen Parks.[14]

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Bei dem gehässigen Gerede über Madame de Maintenon tat sich besonders die Schwägerin Ludwigs XIV., Liselotte von der Pfalz, hervor. Sie bezichtigte ihre Intimfeindin wohl zu Unrecht (15), den König zu der Hugenottenverfolgung bewogen zu haben, belegte sie mit Ausdrücken  wie „altes Weib“, „alte Hexe“ und „alte Vettel“, „die Scarron“, besonders gerne aber „die alte Zott“.  Nach dem Tod Ludwigs XIV. 1715 schrieb sie über seine Frau: „Der Teufel in der Hölle kann nicht schlimmer sein als sie gewesen ist“,[39] und nach dem Tode der Maintenon: „In dießem morgen erfahre ich, daß die alte Maintenon verreckt ist, gestern zwischen 4 und 5 Uhr abendt. Es were ein groß glück geweßen, wen es vor etlich und 30 Jahren geschehen wäre“.[16]

Dabei hätte gerade Liselotte von der Pfalz Anlass gehabt, etwas nachsichtiger gegenüber der Madame de Maintenon zu sein, und zwar 1689,  anlässlich der Strategie der verbrannten Erde, die von Louvois, dem „schrecklichen Minister“  Ludwigs XIV.[17] im sogenannten pfälzischen Erbfolgekrieg angeordnet und dem „Sonnenkönig“ als militärisch geboten dargestellt worden war. Louvois hatte seine Offiziere ausdrücklich zur Zerstörung der Pfalz und zur Niedermetzelung seiner Bewohner aufgefordert. Da war es nun Madame de Maintenon, die nach dem Zeugnis des ihr nun wahrlich nicht sehr gewogenen Herzogs von Saint Simon beim König intervenierte – trotz ihrer herausragenden Stellung reichlich kühn:

Sie versäumte es nicht, dem König die ganze Grausamkeit vor Augen zu führen. … Und sie machte ihm deutlich, dass der Hass auf den Herrn zurückfallen werde (also den König) und nicht auf den Nachgeordneten (Louvois).

Languet de Gergy, ein anderer zeitgenössischer Beobachter,  schreibt:

„Madame de Maintenon (…) konnte das Geschrei der Völker und die Empörung aller Nationen nicht ertragen. Sie glaubte sich verpflichtet, dem König die schlechten Dienste aufzudecken, die ihm sein bedeutendster Minister, unter dem Vorwand, ihm von Nutzen zu sein, erwiesen hatte. Es überrascht nicht, dass sie ihren Charakter in dieser Angelegenheit überwand, die für den Staat und die Ehre des Königs und das Glück der Völker von so großer Bedeutung war.“

Sie wies damit den König darauf hin, dass hier der für ihn besonders wichtige Ruhm beeinträchtigt werde,  und sie hat damit nach dem Urteil ihres Biografen Jean-Paul Desprat Trier davor bewahrt, das gleiche Schicksal zu erleiden wie Heidelberg, Worms, Speyer, Oppenheim und Bingen. Ganz so „devot“,- so charakterisiert sie Gilbert Ziebura- war Madame de Maintenon dann offenbar doch nicht.  [18]

Nach dem Tod Ludwigs XIV. zog sich Madame de Maintenon nach Saint-Cyr zurück, wo sie eine Mädchenschule gegründet hatte, die bald durch Theateraufführungen unter der Leitung von Racine berühmt wurde. Es war die erste und damit zukunftsweisende Gründung einer staatlichen Bildungsstätte für Mädchen. In Saint-Cyr starb sie am 15. April 1719.

 

 

Anmerkungen:

[1] Siehe:   https://paris-blog.org/2020/04/20/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-1-grosse-maenner/

[2] Briefe des Fräuleins Ninon de Lenclos an den Marquis de Sevigne. Leipzig in der Weidmannischen Handlung 1751 S. XXI/XXII  Der Marquis de Sévigné war der Sohn der Madame de Sévigné. Auf deren Wunsch sollte Ninon de Lenclos den jungen Marquis gewissermaßen als Mentorin auf seinem Weg ins Leben und in Angelegenheiten der Liebe begleiten und beraten.

Siehe auch: Claudia Simone Dorchain, Die Moral des Salons: https://www.youtube.com/watch?v=ApTLo25ugh0

[3] Zitat zu den ständigen Schwangerschaften der Madame de Soubise und den Gelüsten des Königs: Der Hof Ludwigs XIV. in Augenzeugenberichten, S. 131

„Le prince de Soubise trouvait donc dans les richesses et les honneurs dont on l’accablait une heureuse compensation aux petits désagréments que d’autres partagaient avec lui, sans en retirer les mêmes avantages.“ Savernon, S. 20

[4] https://wikimonde.com/article/H%C3%B4tel_de_Soubise

http://enviedhistoire.canalblog.com/arc hives/2006/08/13/2459029.html

Eine Führung durch das Hôte de Soubise in französischer Sprache:   https://www.youtube.com/watch?v=3ypqrWO9ehY

[5] http://enviedhistoire.canalblog.com/archives/2006/08/13/2459029.html

[6] Gilette Ziegler: Der Hof Ludwigs XIV. in Augenzeugenberichten, S. 127 (Brief vom 28. Juni 1675), S. 131 (Briefe vom 2. September und 30. September 1676                                und: https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag-geburtstag-der-marquise-de-montespan-100.html

Das nachfolgende Zitat der Lieselotte von der Pfalz aus Ziegler, a.a.O., S. 93

[7]  Siehe Gilette Ziegler a.a.O, S. 61 (aus den Memoiren der Mademoiselle de Montpensier) und  https://de.wikipedia.org/wiki/Madame_de_Montespan

[8] Bild aus:  http://www.paristoric.com/index.php/paris-d-hier/hotels-particuliers/hotels-particuliers-tous/1197-l-hotel-d-albret  Zu Mansart siehe den ersten Teil dieses Beitrags über Männer und Frauen des Großen Jahrhunderts des Marais

[9]  Bilder aus: https://de.wikipedia.org/wiki

[10] Desprat, S. 42

Zu Mme de Maintenant siehe auch: https://www.proantic.com/magazine/madame-de-maintenon-dans-les-allees-du-pouvoir/

[11] Lévêque, S. 50 und 40. Dort auch die Abbildung der Werke Scarrons.

[12]  Der Ausruf Louvois‘ wird wiedergegeben in den Erinnerungen des Abbé de Choisy. Zit. von Ziegler in: Der Hof Ludwigs XIV. in Augenzeugenberichten, S. 210.

siehe auch: Helga Thoma: ‘Madame, meine teure Geliebte‘ – die Mätressen der französischen Könige, Ueberreuter, Wien 1996, S. 114 f.

(12a) Zitat aus den zeitgenössischen „Lettres historiques et galantes“. Zit. bei Ziegler, a.a.O., S. 213. Zur „Madame de Maintenant“ a.a.O., S. 202

[13] zit. bei: https://www.deutschlandfunk.de/vor-300-jahren-starb-madame-de-maintenon-die-heimliche.871.de.html?dram:article_id=446309

[14] Über das Aquädukt und das Projekt des Canal Louis XIV (Umleitung der Eure)  in einem späteren Blog-Beitrag mehr.

(15) Desprat weist darauf hin, dass es in dem umfangreichen Briefwechsel der Madame de Maintenon keinen einzigen Beleg für die Billigung des Edikts von Fontainebleau gibt. Allerdings sei sie ungern an ihr hugenottisches Erbe und ihre hugenottische Erziehung erinnert worden, und sie habe alles getan, um Vorwürfen vorzubeugen, sie würde die Hugenotten protegieren.  (S. 302ff)

[16] Dirk van der Cruisse: Madame sein ist ein ellendes Handwerck…, S. 300 f und 606

[17] Desprat, S. 458:  „ce terrible ministre“

[18] Desprat, S. 459    Zitat von Languet de Gergy aus Ziegler, a.a.O., S. 254

Gilbert Ziebura im Vorwort zu „Der Hof Ludwigs XIV. in Augenzeugenberichten“, S. 17

 

Literatur

Françoise  Chandernagor, L’allée du Roi: Souvenirs de Françoise d’Aubigné, marquise de Maintenon, épouse du Roi de France. Paris: Julliard 1982

Dirk van der Cruisse: „Madame sein ist ein ellendes Handwerck…“: Liselotte von der Pfalz – eine deutsche Prinzessin am Hof des Sonnenkönigs, Piper, München 1990

Jean-Paul Desprat, Madame de Maintenon (1635-1719) ou le prix de la réputation. Paris: Perrin 2015

Paul Savernon, Les Maîtresses de Louis XIV  Paris 1904  https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k9323247/f6.image

Briefe des Fräuleins Ninon de Lenclos an den Marquis de Sevigne. Leipzig in der Weidmannischen Handlung 1751 https://books.google.de/books?id=8ZZRAAAAcAAJ&printsec=frontcover&dq=Der+Ninon+von+Lenclos+Leben+und+Briefe+nebst+der+Briefe+der+Babet&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjl18u-8bHJAhVmJHIKHd1ACBAQ6AEIIzAB#v=onepage&q&f=false

Der Hof Ludwigs XIV. in Augenzeugenberichten. Herausgegeben von Gilette Ziegler. Mit einem Vorwort von Gilbert Ziebura. München: dtv 1981

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux
  • Pariser Erinnerungsorte an den Holocaust (Einleitung) 
  • Der Kanal Louis XIV und das Aquädukt von Maintenon

 

Zwei besondere Jahrestage: Der 8.und 9. Mai 2020 und das auf 2021 verschobene Pantheon-Projekt

Im August 2019 habe ich in diesen Blog eine Besprechung des Buches von Philippe Apeloig „Enfants de Paris 1939-1945“ (éditions Gallimard) eingestellt. In diesem Buch sind die Fotografien aller Pariser Erinnerungstafeln versammelt, die sich auf die Zeit von 1939-1945 beziehen. Ein beeindruckendes Werk, das von der  Académie française zum besten historischen Buch des Jahres 2019 gewählt wurde.

https://paris-blog.org/2019/08/25/erinnerungstafeln-zu-der-zeit-von-1939-bis-1945-in-paris-enfants-de-paris-1939-1945/

Es war geplant, am Freitag, dem 8. Mai, und am Samstag, dem 9. Mai 2020, die von Apeloig in seinem Buch versammelten Erinnerungstafeln noch einmal auf ganz spektakuläre Weise zu präsentieren: nämlich auf den Außenmauern des Pantheons. Diese Aktion wurde aufgrund der Corona-Virus-Krise  zunächst auf  den 18. und den 19. September, die Tage des offenen Denkmals, verschoben, inzwischen aber, da auch dieses Datum zu unsicher ist, auf das Frühjahr 2021. [1]

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Der 8. und der 9. Mai 2020: Zwei außerordentliche Erinnerungstage

Die beiden ursprünglich für die Projektion gewählten Daten haben eine hohe symbolische Bedeutung: Der 8. Mai 2020 markiert den 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges (jedenfalls auf dem europäischen Kriegsschauplatz), auf den sich die plaques commémoratives für die enfants de Paris ja auch beziehen. Die Erinnerung an diesen Tag  hat in Frankreich eine sehr wechselhafte Geschichte, von der hier nur die wesentlichsten Etappen skizziert werden sollen:  Zunächst wurde am 8. Mai an den Sieg erinnert: Frankreich gehörte ja offiziell zu den Siegermächten, und in unserem französischen Wandkalender für das Jahr 2020 findet sich an diesem Tag die lapidare Angabe: Victoire. Erinnert wurde an dieses Ereignis direkt am 8. Mai zunächst nur dann, wenn der Tag auf einen Sonntag fiel, ansonsten war der darauf folgende Sonntag der Gedenktag.  1953  wurde der 8. Mai –unabhängig vom Wochentag- zum Feiertag erklärt. 1975 allerdings schaffte der damalige Präsident Valéry Giscard d’Estaing diesen Gedenktag im Blick auf die deutsch- französische Verständigung und die europäische Einigung wieder ab. Seit der Präsidentschaft François Mitterands ist der 8. Mai aber wieder offizieller Feiertag zur Erinnerung an das Ende des  Weltkriegs. Und es gibt ein traditionelles Ritual: Der jeweilige Präsident legt einen Kranz an der Statue des Generals de Gaulle an der place Clemenceau nieder, danach Truppenparade auf den Champs Elysées, Nationalhymne und Kranzniederlegung am Grab des unbekannten Soldaten unter dem Arc de Triomphe und Ehrung der Veteranen.[2]

Für uns Deutsche hat dieser Tag seine eigene Bedeutung. Und die hat auf eindrucksvolle Weise der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner Rede zum 8. Mai 1985 zum Ausdruck gebracht. Ich zitiere daraus:

„Viele Völker gedenken heute des Tages, an dem der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende ging. Seinem Schicksal gemäß hat jedes Volk dabei seine eigenen Gefühle. Sieg oder Niederlage, Befreiung von Unrecht und Fremdherrschaft oder Übergang zu neuer Abhängigkeit, Teilung, neue Bündnisse, gewaltige Machtverschiebungen – der 8. Mai 1945 ist ein Datum von entscheidender historischer Bedeutung in Europa. (…)

Der 8. Mai ist für uns vor allem ein Tag der Erinnerung an das, was Menschen erleiden mussten. Er ist zugleich ein Tag des Nachdenkens über den Gang unserer Geschichte. Je ehrlicher wir ihn begehen, desto freier sind wir, uns seinen Folgen verantwortlich zu stellen.

Der 8. Mai ist für uns Deutsche kein Tag zum Feiern. Die Menschen, die ihn bewusst erlebt haben, denken an ganz persönliche und damit ganz unterschiedliche Erfahrungen zurück. Der eine kehrte heim, der andere wurde heimatlos. Dieser wurde befreit, für jenen begann die Gefangenschaft. Viele waren einfach nur dafür dankbar, dass Bombennächte und Angst vorüber und sie mit dem Leben davongekommen waren. Andere empfanden Schmerz über die vollständige Niederlage des eigenen Vaterlandes. Verbittert standen Deutsche vor zerrissenen Illusionen, dankbar andere Deutsche vor dem geschenkten neuen Anfang. (…)

Der Blick ging zurück in einen dunklen Abgrund der Vergangenheit und nach vorn in eine ungewisse dunkle Zukunft. Und dennoch wurde von Tag zu Tag klarer, was es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. (…)

Wir haben wahrlich keinen Grund, uns am heutigen Tag an Siegesfesten zu beteiligen. Aber wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte zu erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft barg.[3]

Richard von Weizsäcker hat mit dieser wegweisenden Rede die deutsche Kultur der Erinnerung wesentlich geprägt. Die Rede war, wie der damalige israelische Botschafter feststellte, „eine Sternstunde der deutschen Nachkriegsgeschichte.“ [4] Und den 8. Mai als „Tag der Befreiung“ auch für uns Deutsche zu bezeichnen, war ein wichtiger Beitrag zu einer gemeinsamen europäischen Erinnerung. Denn natürlich ist der 8. Mai in den von Nazideutschland besetzten Ländern ein Tag der Befreiung- so auch in Frankreich.  Und auch in Frankreich ist dies ein durchaus ambivalenter Gedenktag- denn immerhin fand an diesem Tag auch das grauenhafte Massaker französischer Truppen unter den ihr Selbstbestimmungsrecht, ihre Befreiung,  einfordernden Algeriern von Setif statt. Das wird in offiziellen Darstellungen aber gerne unter den Teppich gekehrt…. [5]

Am 9. Mai 2020 jährt sich zum 70. Mal die  déclaration Schumann, der Schumann-Plan vom 9. Mai 1950.  Damit der Friede wirklich eine Chance habe, müsse es zu allererst ein gemeinsames Europa geben, erklärte der französische Außenminister damals. Fünf Jahre, fast auf den Tag genau, nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschland, vollziehe Frankreich den ersten entscheidenden Akt einer Konstruktion Europas und beziehe Deutschland darin ein. Konkret schlug er vor, die (west)europäische, und vor allem die deutsche und französische Kohle- und Stahlindustrie einer gemeinsamen europäischen Behörde zu unterstellen. Indem die Grundlagen jeder Rüstungsproduktion nationalem Einfluss entzogen würden, werde ein Krieg in Europa unmöglich gemacht und der säkulare deutsch-französische Gegensatz beendet. Ermöglicht würden durch die Verwirklichung des Plans aber weitere bisher unmöglich erscheinende Schritte. Aus all dem werde ein dauerhaft geeintes und starkes Europa erwachsen.[6] Und so ist es dann ja auch (trotz aller Irrungen und Wirrungen) gekommen: Dieser Vorschlag führte 1951 zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS), der ersten supranationalen Organisation in Europa. Er gilt deshalb als Beginn der europäischen Integration überhaupt.

Allerdings waren für den französischen Vorschlag nicht nur so hehre Motive wie die Einigung Europas und die Sicherung des Friedens ausschlaggebend. Denn abgesehen von dem traditionellen Bestreben Frankreichs, Einfluss auf (oder am besten: Kontrolle über) das damals noch als strategisch wichtig  betrachtete Ruhrgebiet und seine Ressourcen zu gewinnen, hatte Frankreich nach dem Krieg ein wirtschaftliches Problem, das mit Hilfe der Montanunion gelöst werden sollte: In Frankreich war nämlich unter der Federführung des Planungskommissars Jean Monnet mit Steuermitteln und Geldern des Marshall-Plans die Stahlproduktion ganz erheblich und weit über den eigenen Bedarf hinaus ausgeweitet worden. Allerdings benötigte man für die Produktion erhebliche Mengen an Koks, über die Frankreich nicht verfügte, dafür aber das Ruhrgebiet. Und man benötigte ausländische Absatzmärkte, wofür sich das Westdeutschland des Wiederaufbaus und des „Wirtschaftswunders“ anbot.[7] Der „geistige Vater“ des Schumannplans war denn auch gar nicht Schumann selbst, sondern Jean Monnet, damals französischer Planungskommissar.  Er war es auch, der die französische Delegation bei den Verhandlungen zur Bildung der Montanunion  leitete. Auf der anderen Seite eröffnete der Plan der  damals noch nicht souveränen Bundesrepublik Deutschland und ihrem Kanzler Konrad Adenauer die Chance,  als gleichberechtigtes Mitglied unter den sechs Mitgliedern der Montanunion anerkannt zu werden, durch die wirtschaftliche Zusammenarbeit die Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg zu fördern und durch die Integration in den Westen die Sicherheit Westdeutschlands  im Kalten Krieg zu erhöhen.

Ungeachtet der verschiedenen nationalen Interessenlagen, die hinter dem Schumann-Plan standen: Er  gilt  als „Grundstein der heutigen Europäischen Union“  und so  wird in der Europäischen Union mit Fug und Recht am 9. Mai der Europatag, la Journée de l’Europe, begangen.[8]

 

Die Aktion vom 8. und 9. Mai 2020 bzw. 2021

Es gibt in Paris über 1000 Erinnerungstafeln zu der  Zeit von 1939 bis 1945: Ein in der Welt einzigartiger Fall. Philippe Apeloig hat sie fotografiert und  in seinem Buch „Enfants de Paris, 1939-1945“ versammelt. Sie sollten am 8. und 9. Mai 2020  zwischen 21.30 und 0.30 Uhr fortlaufend  auf die Außenwände des Pantheons projiziert werden.

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  • Es handelt sich dabei um eine „installation artistique“: Philippe Apeloig ist ja Designer und  ein Meister der Typographie, und die überdimensionale Projektion der Erinnerungstafeln ermöglicht es den Betrachtern, die Vielfalt und Schönheit der Tafeln wie unter einer Lupe zu erkennen und zu würdigen.
  • Und natürlich geht es bei der Aktion um die Erinnerung: Diese Tafeln erzählen ja  die Geschichte der „Enfants de Paris“, der Opfer des Krieges und des Widerstands, der Kämpfer für die Befreiung und der deportierten und ermordeten Juden. Die Projektion der Plaketten soll dazu beitragen, die Erinnerung an diese vielen Opfer wachzuhalten. Aber gleichzeitig soll sie auch –und damit wird die Brücke zum 9. Mai geschlagen- das vereinte Europa feiern, das aus den Ruinen und dem Leid des Weltkrieges entstanden ist und das seinen Mitgliedern eine einzigartige Periode des Friedens eröffnet hat.[9]

Die Verbindung der beiden beziehungsreichen Daten verleiht der Projektion der Erinnerungstafeln damit eine besondere Dimension, indem geschichtliche Erinnerung in einen aktuellen Kontext gestellt wird. Sie gilt der Vergangenheit, aber sie hat auch eine eminente Bedeutung für die Gegenwart und die Zukunft.

Dieser doppelte Bezug der Aktion wird  auf besondere Weise herausgestellt: Am 8. Mai 2020 sollte  der Portikus des Pantheons in den Farben der Trikolore erstrahlen,  am 9. Mai  im Blau Europas. Das wird sicherlich auch bei der im nächsten Jahr nachgeholten Aktion so sein.

 

Die Wände des Pantheons als Projektionsfläche

Ursprünglich war das Pantheon in Paris  eine der heiligen Genoveva (Sainte Geneviève), der Schutzheiligen von Paris,  geweihte Kirche. Entworfen von dem  Architekten Soufflot sollte sie mit dem Petersdom in Rom und Sankt Paul in London wetteifern. Der Kuppelbau und der monumentale Eingang bezogen ihr Vorbild aus dem antiken Pantheon in Rom. In der Französischen Revolution wurde der Bau umgewidmet in eine Begräbnisstätte „großer Männer ab der Zeit der französischen Freiheit“, das heißt ab 1789.  Ausnahmen für vorher gestorbene große Männer wie Voltaire und Rousseau waren allerdings auch möglich. Napoleon missbrauchte dann das Pantheon, um die Krypta hemmungslos mit den Gräbern seiner Generäle und Granden zu füllen. Danach wechselte der Bau mehrfach zwischen einer Bestimmung als Kirche und laizistischem Denkmal, bis mit dem Tod und der grandiosen „Pantheonisierung“ Victor Hugos 1885 das Pantheon endgültig der Ort der letzten Ruhe und der Verehrung der „großen Männer“ Frankreichs wurde:  inzwischen sind es insgesamt 78 Männer und 5 Frauen.[10] Die letzten ins Pantheon aufgenommen Persönlichkeiten waren 2015 während der Präsidentschaft François Hollandes zwei Männer und zwei Frauen des Widerstands: Jean Zay und Pierre Brossolette, Germaine Tillon und Geneviève de Gaulle-Anthonioz.[11] 2018 kam dann –schon zur Zeit der Präsidentschaft Macrons- Simone Veil hinzu. Und in diesem Jahr wird der Schriftsteller  Maurice Genevois, Kriegsteilnehmer des 1. Weltkrieges, als Repräsentant der damaligen Kriegsgeneration („Ceux de 1914“) folgen. Seine sterblichen Überreste werden am 11.11.2020 , dem Gedenktag an das Ende des 1. Weltkriegs, ins Pantheon überführt werden.[12]

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Dieses Foto habe ich aufgenommen am 27.5. 2015 während der feierlichen Überführung der sterblichen Überreste von Jean Zay, Geneviève de Gaulle-Anthonioz, Pierre Brossolette und Germaine Tillon ins Pantheon, das gerade einer gründlichen Renovierung/Sanierung unterzogen wurde. Der Tambour, auf dem die mächtige Kuppel ruht, war damals –statt der sonst inzwischen leider üblichen Werbebanner-  mit einer die Portraits anonymer Menschen zeigenden Hülle umgeben- Teil einer den universalistisch- humanitären Geist des Pantheons popularisierenden Aktion des Foto-Künstlers JR. [13]

Die durch die Aktion vom 8. und 9. Mai   hergestellte Verbindung zwischen der Erinnerung an die Schrecken der Vergangenheit und einer europäischen Zukunftsperspektive wird im Leben und der Persönlichkeit der  derzeit letzten ins Pantheon aufgenommenen Persönlichkeit, der schon genannten Simone Veil, anschaulich. Als Jüdin wurde sie im Alter von 16 Jahren nach Auschwitz deportiert, überlebte aber selbst den „Todesmarsch“ nach Bergen-Belsen und gehörte zu denen, die nach der Befreiung des Lagers im Pariser Hotel Lutetia aufgenommen wurden.[14] Sie studierte, wurde Richterin, Politikerin. Als Gesundheitsministerin während der Präsidentschaft Giscard d’Estaings setzte sie nach harten Kämpfen  das Recht auf Schwangerschaftsabbruch durch: das entsprechende Gesetz, das loi Veil,  trägt ihren Namen,  Bei der ersten Europawahl 1979 war sie Spitzenkandidatin der liberalen Partei UDF, und als erste Frau wurde sie im gleichen Jahr zur Präsidentin des Europäischen Parlaments gewählt.

Am 27. Januar 2004, dem –wie sie hervorhob- zuerst in Deutschland offiziell begangenen Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus, hielt sie im Bundestag eine sehr persönliche Rede, in der sie ihre eigene Geschichte und ihr Engagement für die deutsch- französische Aussöhnung und die Einigung Europas verknüpfte. Ich zitiere daraus:

Die Ereignisse, derer wir heute gemeinsam gedenken, hat die Person des öffentlichen Lebens, die Politikerin, die ehemalige Präsidentin des Europäischen Parlaments, die Sie in mir vor sich sehen, jedoch zunächst am eigenen Leib erfahren; ich war eine namenlose abgezehrte Gestalt, als das Lager von Bergen-Belsen befreit wurde, wohin mich die Willkürherrschaft der Nazis nach Auschwitz verbannt hatte.
Die Sprache, die hier an diesem Ort gesprochen wird, diese deutsche Sprache, die ich im Laufe der Jahre von meinen Freunden und Partnern zu hören gelernt habe, war die Sprache, die wir damals hastig und in der ständigen Angst, die Befehle, die unser Überleben bedrohten, nicht schnell genug verstehen zu können, zu entschlüsseln versuchten. Es ist die gleiche Sprache, die nun ihren Geist und ihre Menschlichkeit wiedergefunden hat und die heute in diesem schönen Plenarsaal erklingt, in dem das Herz einer der lebendigsten Demokratien der Europäischen Union schlägt. (…)

Es ist nicht leicht, sich auf Leid und Tod, auf Trauer und Tränen zu berufen, um an der Versöhnung zu arbeiten und neue Bande zwischen verfeindeten Völkern zu knüpfen, die sich so oft bekämpft haben. Aber mit dem Zweiten Weltkrieg, mit den Verbrechen der Nationalsozialisten, mit der Shoah und ihren Millionen Toten ohne Gräber, mit dem Versuch, das jüdische Volk auszulöschen, einem Plan, dessen Vollendung nur durch das Ende des Krieges knapp verhindert werden konnte, haben wir eine Schwelle überschritten. Die lange Geschichte des Hasses und der mörderischen Bruderkriege hatte einen Punkt erreicht, an dem es kein Zurück mehr gab. Ohne die gezielte Bemühung um Aussöhnung, so hart sie für uns Überlebende, die wir zudem vielfach unsere Familien großenteils verloren hatten, auch sein mochte, würden sich die Völker Europas nicht von dieser Katastrophe erholen. Dessen war ich mir bewusst: auch wenn es den Anschein haben mochte, als vergäßen wir so unsere Toten. Aus dieser leidvollen Erfahrung rührt mein Engagement für die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland und die europäische Einigung, die beiden Ziele, die für mich in einem offenkundigen, inneren Zusammenhang stehen.

Mit dem Nationalsozialismus hatte ganz Europa am Boden gelegen. Nur gemeinsam, indem man sich gegenseitig stützte, würde man wiedererstehen können. Dabei gab man sich weder einer beschwichtigenden Naivität hin, noch sollte Deutschland von seiner Verantwortung freigesprochen werden. Es ging hier nicht um Verzeihen, sondern um eine hellsichtige und mutige Versöhnung, die ebenso utopisch wie realistisch und um so notwendiger war, als sie aus der tiefsten Verzweiflung erwachsen musste. Der Teufelskreis musste durchbrochen werden: die deutsch-französische Aussöhnung würde der Eckstein beim Aufbau eines befriedeten Europa sein.[15]

Der Geist des produktiven, zukunftsorientierten Erinnerns, der aus diesen Worten spricht, bestimmt auch die Aktion vom 8. und 9. Mai 2020 bzw. dem Frühjahr 2021.   Philippe Apeloig, dessen Familie selbst Opfer der Shoah ist,  hat sich deshalb ganz bewusst bemüht, auch deutsch-französische Sponsoren für das Pantheon-Projekt zu gewinnen. Und er hat sie im Deutsch-Französischen Jugendwerk/dem Office franco-allemand de la jeunesse (OFAJ/DFJW) und der deutschen Vertretung bei der in Paris ansässigen UNESCO (Délégation Permanente de la République fédérale d’Allemagne auprès de l’UNESCO) auch gefunden. Das gibt, wie ich meine, diesem Ereignis eine ganz besondere Bedeutung.

 

Anmerkungen:

[1] Die beiden Bilder mit den auf die Wände des Pantheons projizierten Plaketten sind während einer „Generalprobe“ der Aktion Ende Februar 2020 aufgenommen worden. Sie wurden mir von Philippe Apeloig freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.

[2] Siehe: https://www.gouvernement.fr/que-celebre-t-on-le-8-mai

http://www.politique.net/2007050804-8-mai-histoire-d-une-commemoration-tres-politique.htm Dort wird allerdings -wie auch in anderen französischen Veröffentlichungen- der 8. Mai als Tag des armistice bezeichnet. Das ist natürlich Unsinn, denn anders als am 11. November 1918 handelte es sich da nicht um einen Waffenstillstand, sondern um eine bedingungslose Kapitulation.

s.a. Cérémonies 2020 du 8 mai à Paris  https://www.evous.fr/Ceremonies-du-8-mai-a-Paris-la-place-Clemenceau-puis-l-Arc-de-Triomphe-1182634.html

[3] https://www.tagesschau.de/inland/rede-vonweizsaecker-wortlaut-101.html

[4] https://www.bz-berlin.de/deutschland/der-8-mai-war-ein-tag-der-befreiung

[5] https://www.gouvernement.fr/que-celebre-t-on-le-8-mai In diesem offiziellen französischen Regierungstext wird der 8. Mai auch als Erinnerungstag der Libération bezeichnet.

https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_S%C3%A9tif

https://www.gouvernement.fr/que-celebre-t-on-le-8-mai: Da ist von Setif natürlich nicht die Rede, aber das ist ja nun auch wirklich kein Grund zum Feiern…

Präsident Macron hat allerdings die „Vergangenheitsbewältigung“ der französischen Algerienpolitik zu einem wesentlichen Anliegen gemacht und auf die gleiche Stufe gestellt wie die Erinnerungspolitik von Präsident Chirac in Bezug auf die französische Beteiligung an der Ausgrenzung und Deportation von Juden während des Zweiten Weltkrieges.

[6]„Pour que la Paix puisse vraiment courir sa chance il faut d’abord, qu’il y ait une Europe. Cinq ans, presque jour pour jour, après la capitulation sans conditions de l’Allemagne, la France accomplit le premier acte décisif de la construction européenne et y associe l’Allemagne. Les conditions européennes doivent s’en trouver entièrement transformées. Cette transformation rendra possible d’autres actions communes impossibles jusqu’à ce jour. L’Europe naîtra de tout cela, une Europe solidement unie et fortement charpentée. Une Europe où le niveau de vie s’élèvera grâce au groupement des productions et à l’extension des marchés qui provoqueront l’abaissement des prix. Une Europe où la Ruhr, la Sarre et les bassins français travailleront de concert et feront profiter de leur travail pacifique, suivi par des observateurs des Nations-Unies, tous les Européens.“  Zitiert in:   Gérard Bossuat, L’EUROPE DES FRANÇAIS, 1943-1959.  Éditions de la Sorbonne, 1997  https://books.openedition.org/psorbonne/722  Die deutsche Version der Rede findet sich unter: https://www.europa.clio-online.de/quelle/id/q63-28465

Zum Schumann-Plan: Wilkens, Andreas (dir.), Le Plan Schuman dans l’histoire. Intérêts nationaux et projet européen, Coll. Organisation internationale et relations internationales, Bruxelles, Bruylant, 2004, 467 p.  Eine Zusammenfassung bei:  Dumoulin, A. (2005). Compte rendu de Wilkens, Andreas (dir.), Le Plan Schuman dans l’histoire. In: Études internationales, 36 (2), 276–278. https://doi.org/10.7202/011432ar

[7] Siehe dazu und zum Folgenden: Gérard Bossuat, L’EUROPE DES FRANÇAIS, 1943-1959.  Éditions de la Sorbonne, 1997  https://books.openedition.org/psorbonne/722  s.a. als zeitgenössische Stimme: Der Schumannplan: Die neue Ruhrbehörde. Der Spiegel vom 12.12.1951. https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-20833254.html

[8] https://europa.eu/european-union/about-eu/symbols/europe-day_de

[9] Ich beziehe mich hier auf das Pressedossier des Studio Apeloig zu dem „Diaporama sur les mur extérieurs du Pantheon, les 8 et 9 mai 2020“.

[10]https://fr.wikipedia.org/wiki/Liste_des_personnes_transf%C3%A9r%C3%A9es_au_Panth%C3%A9on_de_Paris

[11] Siehe dazu: https://paris-blog.org/2018/04/01/das-pantheon-der-grossen-und-der-weniger-grossen-maenner-und-der-wenigen-grossen-frauen-1-das-pantheon-der-frauen/

[12] https://www.huffingtonpost.fr/2018/11/06/maurice-genevoix-au-pantheon-un-hommage-a-ceux-de-14_a_23581263/

Zur Bedeutung des 11.11. in Frankreich siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2016/10/01/der-11-november-ein-franzoesischer-feiertag-im-wandel/

[13] http://www.au-pantheon.fr/fr/ und  http://www.jr-art.net/fr/projects/inside-out-au-pantheon

[14] Siehe dazu den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2019/03/01/das-hotel-lutetia-2-geschichten-und-geschichte/

[15] https://www.bundestag.de/parlament/geschichte/gastredner/veil/rede_veil-245118

 

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux
  • Pariser Erinnerungsorte an den Holocaust (Einleitung) 
  • Große Männer und Frauen des Marais: Eine Ortsbesichtigung anhand der Portraits des Street-Art-Künstlers C215  (Teil 2: große Frauen)
  • Der Kanal Louis XIV und das Aquädukt von Maintenon

Große Männer und Frauen des Marais: Eine Ortsbesichtigung anhand der Portraits des Street-Art- Künstlers C 215 (Teil 1: große Männer)

Am 31.  August 2019 wurde im Marais eine Serie von Portraits von Männern und Frauen eingeweiht, die das  „Grand Siècle“ des Marais geprägt haben.

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Mit dem Begriff des großen Jahrhunderts  des Marais ist die Periode zwischen dem Beginn der Herrschaft Heinrichs IV.  und dem Tod seines Enkels Ludwig XIV. bezeichnet.

In dieser Phase war das Marais ein intellektuelles und künstlerisches Zentrum Frankreichs und auch ein Ort der Macht. Die Entwicklung des Marais unter Henri Quatre und Ludwig XIII. war ein ungeheures städtebauliches Entwicklungsprojekt. Auf dem eher sumpfigen Gelände -deshalb ja der Name Marais- entstand um die Place Royale/Place des Vosges ein neues Viertel mit noblen Stadtpalais – hôtels particuliers-  wie es sie in dieser Fülle sonst nirgends in Paris gibt und die in ihrer raffinierten Architektur und Ausstattung vorbildlich wurden.  In diesem Viertel ließ sich besonders gerne eine meist  durch  Handel neu zu Reichtum gekommene Schicht von Adligen nieder. Und diese schufen sich auch ein kulturelles und geselliges Leben unabhängig vom Hof:  Es war im Marais, wo die Theatertruppe Molières zu Beginn seiner Karriere ihren Sitz hatte;  im Garten des hôtel Salé, des heutigen Musée Picasso, wurde der Cid  Corneilles uraufgeführt und im Marais entwickelte er sich zum gefeierten Dramenautor; es gab eine Fülle von literarischen Salons und berühmte Kurtisanen, die dort ihre noblen, libertären Gäste empfingen.

Der Bürgermeister des 4. Arrondissements, zu dem das Marais gehört, hatte die Idee, den Street-Art Künstler Christian Guémy alias C215 einzuladen, in dem Viertel Portraits von Männern und Frauen des  „großen Jahrhunderts“ auszustellen. Vorbild war der ebenfalls von C215 entworfene „Circuit des Illustres“,  ein Rundgang rund um das Pantheon anhand der Portraits  berühmter im Pantheon bestatteter Persönlichkeiten.[1]

C215 hat für beide Aktionen sehr ungewöhnliche Ausstellungsorte gewählt: Nämlich die überall   herumstehenden Schaltkästen  für die Stromversorgung;  und zwar  jeweils solche Kästen, die in der Nähe von Orten stehen, die mit den Portraitierten in besonderer Weise verbunden sind. Insgesamt handelt es sich um 21 Portraits. Eine Übersicht mit Plan liegt im Rathaus des 4. Arrondissements aus, aber es gibt den Flyer auch im Internet.[2]

Ich möchte im Folgenden einige Portraits von C 215 vorstellen und dabei auch etwas über ihre Bedeutung und die mit ihnen verbundenen Orte des Marais informieren. Das fehlt bei den Portraits von C215 und kommt in dem Flyer verständlicher Weise viel zu kurz. Und vielleicht regt der Beitrag damit auch dazu an, sich auf den Spuren von C215 etwas genauer im Marais umzusehen und vielleicht auch das eine oder andere bisher Neue zu entdecken.

In einem ersten Teil sollen folgende  Persönlichkeiten und Orte berücksichtigt werden:

  1. Die Könige Heinrich IV. (Henri Quatre) und Ludwig XIII. und die place des Vosges
  2. Maximilien de Béthune, Duc de Sully, und das hôtel de Sully
  3. François Mansart, der Architekt Ludwigs XIV., sein Wohnhaus in der rue Payenne 5 und der temple du Marais
  4. Le Vau, le Brun, Eustache le Sueur und das hôtel Lambert auf der Île Saint-Louis
  5. Der Komponist Couperin, der Maler Philipp de Champaigne und die Kirche Saint  Gervais

 

Zwei nachfolgende Beiträge sollen dann mehreren starken Frauen gewidmet werden, die das Marais geprägt haben und deren Potraits auch von C215 ausgestellt sind, vor allem:

Françoise d’Aubigné, die künftige Madame de Maintenon und zweite Gemahlin Ludwigs XIV.,  und der literarische Salon, den sie zusammen mit ihrem ersten Mann Paul Scarron  in der rue de Turenne 56 betrieb

Die Prinzesse de Soubise, Mätresse Ludwigs XIV.,  und das hôtel de Soubise

Mme de Montespan, Maitresse de titre Ludwigs XIV.,  und das hôtel d’Albret

und abschließend:

Madame de Sévigné mit ihrem  Geburtshaus an der place ds Vosges, dem hôtel de Carnavalet und ihrem literarischen Salon 23, rue de Sévigné

Natürlich handelt es sich dabei um eine persönliche Auswahl: Weil ich die vorgestellten Personen besonders interessant  und meistens auch die mit ihnen verbundenen Orte besonders sehenswert finde. Die entsprechenden Orte  liegen auch im Allgemeinen nahe beieinander, lassen sich also gut in einem Rundgang verbinden. (Die Fotos wurden selbstverständlich noch vor dem Beginn des aufgrund der CV-19 – Pandemie verhängten confinements gemacht).

 

  1. Henri Quatre, Ludwig XIII. und die place royal/place des Vosges

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Heinrich IV. (1553-1610) Boulevard Henri IV Nummer 15

Henri Quatre muss am Anfang dieses Überblicks stehen. Denn immerhin markiert seine Regentschaft (von 1589 bis zu seiner Ermordung durch einen religiösen Fanatiker 1610) den Beginn dessen, was als das „Grand Siècle“ bezeichnet wird.  Die Bedeutung dieses Königs liegt vor allem darin, dass er mit dem Edikt von Nantes die Phase der grauenhaften Religionskriege beendete und den Hugenotten –in gewissen Grenzen- die Freiheit ihrer Religionsausübung  gestattete. Und was Paris angeht, so hat er die Stadt durch eine ganze Reihe großer Projekte umgestaltet und modernisiert: So durch den Bau des hôpital Saint Louis, des pont neuf und die Planung großzügiger Plätze, von denen zu seiner Zeit die place Dauphine vollständig und die place royal teilweise fertiggestellt wurden, während die place de France nie realisiert wurde.

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Wie der pont neuf orientiert sich die place royale/des Vosges an italienischen Vorbildern: Der Platz war streng symmetrisch geplant. Die Fassadengestaltung mit der für diese Zeit typischen Kombination von roten Ziegeln und weißen Kalksteinquadern war streng vorgeschrieben, ebenso wie die für Paris damals revolutionären Arkaden.  Gedacht war der Platz als Wohnort und Treffpunkt einer reichen Schicht von Bürgern und Adligen, von Manufaktur-Besitzern und Vertretern der Finanzindustrie, die hier abseits der mittelalterlich-engen Stadt einen großzügigen Lebensstil pflegen konnten.

Die place royal/des Vosges wird gemeinhin als der erste der sogenannten königlichen Plätze von Paris bezeichnet. Einerseits hat das seine Berechtigung, denn immerhin ist dieser Platz einer königlichen Initiative zu verdanken und sein ursprünglicher Name: place royal ist ja auch eindeutig.  Aber ein königlicher Platz im engeren Sinne, wie später zum Beispiel die place des victoires oder die place Vendôme war dieser Platz nicht[3]: Denn seine Funktion war ja nicht die Feier eines Königs, symbolisiert durch eine entsprechende Statue in der Mitte. Eine solche Statue  gehörte nicht zur ursprünglichen Konzeption, sondern kam erst später hinzu.

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Ludwig XIII. 1601-1643, rue du pas de la mule, in der Nähe der place des Vosges

Fertig gestellt wurde der Platz erst unter Henri Quatres Sohn Ludwig XIII. Und eingeweiht wurde er am 15., 16. und 17. April 1612 mit einem großen „carrousel“, einem festlichen Umzug, der aus Anlass der Verlobung des jungen Ludwigs XIII. mit Anna, der Tochter Philipps III. von Spanien, veranstaltet wurde. (3a)

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1639 wurde dann in der Mitte des Platzes eine Reiterstatue Ludwigs XIII. aufgestellt. Die, die wir heute sehen, stammt allerdings aus dem Jahr 1825, weil die ursprüngliche wie alle königlichen Statuen auf den königlichen Plätzen der Revolution zum Opfer fiel. Und natürlich änderten die Revolutionäre auch den Namen des Platzes: Er erhielt den Namen des ersten Departements, des département des Vosges,  das brav seine Steuern bezahlte.

 

 

 

Henri Quatre selbst ist  auf der place des Vosges immerhin  auch präsent, und zwar mit einer gekrönten Büste über dem zentralen Durchgang  des Platzes in Richtung der rue de Birague.

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Erstaunen mag vielleicht, dass das Bild Heinrichs IV. von C215 nicht an der place des Vosges ausgestellt ist. Aber der Ort am Boulevard Henri IV hat nicht nur wegen des Straßennamens seine Berechtigung: Denn er liegt zwischen der place des Vosges und dem Arsenal, in dem Henris wichtigster Minister und Freund, der duc de Sully, seinen Arbeitsplatz hatte. Und der König verbrachte viel Zeit mit seinem Freund im Arsenal, ja er soll sich dort sogar eigene Zimmer habe einrichten lassen. Mehr zu Sully und dem Arsenal  im nächsten Abschnitt.

 

 

  1. Maximilien de Béthune (Duc de Sully) und das hôtel de Sully

Das Portrait von Sully findet sich in der  rue Saint-Antoine Nummer 47  gegenüber dem hôtel de Sully.

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Sully  (1559-1641) war Minister und enger Vertrauter Heinrichs IV. Er war surintendant des finances, also Finanzminister und damit auch für große  öffentliche Bauvorhaben zuständig wie das neue Marais-Viertel  mit der place royale. Außerdem war er Grand maître de l‘artillerie, so dass sein Arbeitsplatz als Minister vor allem das Arsenal war., wo ihn Henri Quatre oft besuchte.

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Die Büsten von Heinrich dem Vierten und des duc de Sully im ersten Stock des Arsenals. Heute  ist dort die exquisite  bibliothèque de l’Arsenal untergebracht.

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Nach der Ermordung Henri Quatres zog sich Sully auf sein Altenteil zurück.  Aber er kaufte das dann nach ihm benannte Stadtpalais in unmittelbarer Nachbarschaft zur place royal,  ein typisches  hôtel particulier  im Geschmack der Zeit, dazu mit dem Privileg eines direkten Zugangs zu diesem Platz.

Nach außen- zur rue Saint Antoine zu- ist das Anwesen durch ein großes, aber repräsentatives Tor abgeschlossen. Tritt man durch das Tor, erreicht man den Innenhof mit dem Blick auf das Hauptgebäude, dessen Eingang von Sphingen eingerahmt ist.

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Darüber befinden sich Jahreszeitenreliefs: Der Herbst und der Winter auf der Hofseite, Frühling und Sommer auf der Rückseite des Gebäudes.

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Auf den Seitenflügeln gibt es Statuen der vier Elemente, Feuer und Wind auf der linken, Erde und Wasser auf der rechten Seite. Hier die Allegorie des Wassers, die man in ähnlicher Form auch am Brunnen des Innocents findet.

Geht man durch das Hauptgebäude, erreicht man den kleinen Garten mit der Orangerie. Und in der rechten hinteren Ecke befindet sich der Durchgang zur place des Vosges.

Heute beherbergt das hôtel Sully das Centre des Monuments Nationaux, das auch eine sehr schöne Bücherei unterhält, deren Besuch sich unbedingt lohnt. Dabei sollte man auch einen Blick auf die Decke werfen- einer schönen bemalten Eichenholzdecke, wie sie in den hôtel particuliers des Marais üblich war.

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Nach dem Tod Henri Quatres zog sich Sully mehr und mehr aus der Politik zurück.  Da er als Protestant nicht in Paris bestattet werden konnte, wählte er als  seine letzte Ruhestätte Nogent-le-Rotrou, dessen Seigneur er war. Dessen ungeachtet  durfte er als Protestant aber  nicht in der Kirche selbst bestattet werden, sondern zusammen mit seiner Frau nur in einem gesonderten Anbau außerhalb des Kirchenraums.

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  1. François Mansart, sein Wohnhaus in der rue Payenne und der temple du Marais

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François Mansart (1598-1666) rue Payenne

 Dieses Portrait befindet sich in der rue Payenne gegenüber dem Haus Nummer 5, dem Geburts- und Wohnhaus Mansarts, das heute die Chapelle de l’Humanite beherbergt.

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Aber natürlich gibt es an dem Haus auch eine Plakette, die an Mansart erinnert.

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Denn in der Tat war Mansart ein „berühmter Architekt“.[4] 1625 wurde er zum „Architekten des Königs“ ernannt und somit oberster Baumeister für sämtliche offiziellen Bauvorhaben im zentral verwalten Frankreich Ludwigs XIII.  Dieses Amt hatte er auch nach dem Tod Ludwigs XIII. 1643 unter seiner Witwe, der Regentin Anna von Österreich, und später unter dem jungen Ludwig XIV. inne. Der hielt große Stücke auf ihn, was aus dieser Anekdote deutlich wird:  Als der junge König Ludwig XIV. einmal an einem heißen Sommertag mit dem nicht mehr ganz so jungen Architekten François Mansart im Park von Schloss Versailles spazieren ging, um neue Bauvorhaben zu besprechen, brannte die Sonne heiß auf den Kopf des barhäuptigen Architekten. Ganz gegen die strenge Hofetikette reichte der Sonnenkönig ihm daraufhin seinen Hut. Als seine Höflinge ihn verwundert fragten, warum er das getan habe, antwortete Ludwig:

„Wenn ich will, kann ich an einem einzigen Tag eintausend neue Herzöge  machen; aber in eintausend Jahren nicht einen einzigen neuen Mansart.[5]

 

Temple du Marais

Von den zahlreichen Bauten, die Mansart auch in Paris entwarf, ist der Temple du Marais in der Rue Saint-Antoine Nr. 17, eines der ersten Bauwerke François Mansarts. Vorbild des Baus war das Pantheon in Rom. (5a)

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Ursprünglich hieß die Kirche  Sainte-Marie-des-Anges de la Visitation. Es war die Kirche eines  Ordens, der von der Großmutter der Madame de Sévigné gegründet worden war.  Madame de Sévigné gehört auch zu den großen Persönlichkeiten des Marais. Von ihr wird im dritten Teil dieses Beitrags noch die Rede sein. Die Mitglieder der Familie Sévigné wurden hier beerdigt, ebenso Fouquet, der in Ungnade gefallene Finanzminister Ludwigs XIV.   Heute ist der  Temple du Marais eine protestantische Kirche.

Ebenfalls ein Werk Mansarts ist das Hôtel Guénégaud, das heutige Jagd- und Naturkundemuseum in der rue des Archives. Es ist das einzige hôtel particulier Mansarts, das noch weitgehend im ursprünglichen Zustand erhalten ist und schon deshalb einen Besuch lohnt.

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  1. Le Vau, Eustache le Sueur und das hôtel Lambert auf der Île Saint-Louis

Das Portrait  Le Vaus  (1612-1670)  soll  auf der Île de la Cité  am Boulevard Henri IV am Zaun des squarre Barrye ausgestellt sein.  Allerdings  konnte ich es dort nicht ausfindig machen.  Der Ort ist aber insofern gut gewählt, weil man da einen schönen Blick auf das hôtel Lambert hat, ein von Le Vau geplantes und von 1640-1644 gebautes hôtel particulier.

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Blick von der Seinebrücke auf das hôtel Lambert und seine Rotunde

Le Vau gehörte zu dem spektakulären Dreigestirn Le Brun, Le Nôtre und Le Vau, das in den Diensten von Nicolas Fouquet stand, dem Finanzminister Ludwigs XIV. Die drei hatten für Fouquet dessen Schloss Vaux -le- Vicomte errichtet: Le Vau war für die Architektur zuständig, Le Brun für die innere Ausstattung und Le Nôtre für die Gartenanlagen. Als Fouquet nach seinem legendären, den Sonnenkönig in den Schatten stellenden Fest in Ungnade fiel, wurden die drei von Ludwig XIV. für den Ausbau und die Ausgestaltung  von Versailles und seiner Gartenanlagen engagiert.  Das hôtel Lambert war eines der ersten Arbeiten Le Vaus und  gewissermaßen sein Meisterstück.

Bauherr war zunächst Jean-Baptiste Lambert und nach dessen Tod sein Bruder Nicolas Lambert de Thorigny, Präsident der königlichen Rechnungskammer (Chambre des comptes) und einer der reichsten Männer Frankreichs, der dann allerdings auch im Zuge des Prozesses gegen Fouquet von Ludwig XIV. zurechtgestutzt wurde.

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Den berühmten Innenhof des hôtel Lambert mit der noblen Fassade von Le Vau konnte ich leider nicht selbst fotografieren. Das Stadtpalais gehört jetzt dem Emir von Quatar und der ist an Öffentlichkeit  offensichtlich nicht interessiert. Als ich Anfang des Jahres einmal mit dem Fahrrad an dem hôtel Lambert vorbeifuhr, stand gerade das Hofportal offen, weil Wäsche angeliefert wurde. Ich wollte die Gelegenheit nutzen und schnell ein Foto machen, aber da stürzte schon ein bulliger Wachmann auf mich zu und drängte mich ab. Da half auch freundliches Bitten nichts. Also ein Bild aus dem Internet.[6]

An der prachtvollen Ausgestaltung des hôtel Lambert waren zwei außerordentliche Künstler beteiligt, nämlich Eustache le Sueur und Charles Le Brun, die auch in der Bildergalerie von C215 ihren Platz haben.  Sie trugen wesentlich dazu bei, das hôtel Lambert zu einem der der „prunkvollsten städtischen Repräsentationsbauten des 17. Jahrhunderts“  (Wikipedia) zu machen.

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Eustache Le Sueur (1616-1655) Kreuzung des  quai des Célestins und des  boulevard Henri IV

Le Sueur war ein bedeutender  Maler und Zeichner des französischen Barock;  er wird auch gerne als der französische Raphaël bezeichnet.  Fünf Jahre lang arbeitete er an der Ausstattung des hôtel Lambert. Unter anderem malte er 1652 bis 1655  für dessen  Cabinet des Muses  fünf Bilder der neun Musen.  Ludwig XVI. war von diesen Bildern so entzückt, dass er sie 1777 in seine Kunstgalerie im Louvre aufnahm, wo sie sich noch heute befinden. [7]

 

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Hier das Bild mit den Musen Clio (Trompete), Euterpe (Flöte) und Thalia (Maske).

Das letzte Werk Le Sueurs im hôtel Lambert war das cabinet des Bains, ein grandios ausgestatteter Raum, dessen ausgemaltes Gewölbe Ludwig XVI. auch gerne ins Louvre transportiert hätte. Aber das erwies sich als technisch nicht machbar. Wie bedauerlich, denn 2013 wurde dieser Raum –wie das gesamte hôtel de Lambert-  ein Opfer der Flammen: Der Emir von Quatar wollte das neu erworbene hôtel modernisieren, wozu auch -Petrodollar-„noblesse“ oblige- ein Aufzug zu einem unterirdischen Parkhaus für seine Nobelkarossen gehören sollte, was dann immerhin von der Pariser Stadtverwaltung verhindert wurde. Immerhin gehört das hôtel Lambert zum UNESCO-Weltkulturerbe Seineufer. Bei den  Arbeiten kam es zu einem verheerenden Brand.  Inzwischen ist das hôtel Lambert zwar wieder in Stand gesetzt, aber das cabinet des Bains ist endgültig verloren.

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Charles Le Brun (1619-1690):  quai aux Fleurs  Nummer 1

Auch Charles le Brun, seit 1647  « Peintre et Valet de chambre du Roi »,  war am Ausbau des hôtel Lambert beteiligt. Sein Werk war die Ausmalung der Herkulesgalerie, ein auf den Spiegelsaal von Versailles vorausweisender Bau – aber leider auch er ein Opfer der Flammen. (7a)

Hôtel_Lambert03 Galerie

In gewisser Weise ebenfalls ein Opfer der Flammen sind derzeit zwei andere Werke Le Bruns, auf die in dem Flyer der C215-Aktion hingewiesen wird: Nämlich die beiden Mays der Kathedrale von Notre Dame, die zu malen Le Brun die Ehre hatte. Die Mays waren Bilder, die jedes Jahr von der Corporation der Goldschmiede in Auftrag gegeben und der Kathedrale geschenkt wurden.[8]  

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Hier das Mays des Jahres 1647, die Kreuzigung des heiligen Andreas.  Dieses Bild hatte, wie auch das zweite Mays Le Bruns,  seinen Platz in einer Kapelle von Notre Dame. Sie entgingen  dem Brand der Kathedrale und sind jetzt in einem Depot aufbewahrt. Das wird wohl  auch noch einige Jahre andauern…. [9]

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Blick auf Notre Dame von der Seinebrücke aus. (Februar 2020)

 

 

5.François Couperin, Philippe de Champaigne und die Kirche Saint Gervais et Protais

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François Couperin,  „Le Grand“ (1668-1733)   25 rue du Pont Louis-Philippe

François  Couperin  war seit 1685 Organist der Kirche Saint Gervais, damals eine der bedeutendsten Kirchen von Paris. Daneben war er auch Komponist. Dazu wurde er 1693 zu einem der vier Organisten der chapelle royale in Versailles ernannt und war als Pianist am Hof Ludwigs XIV. tätig – Gründe genug, ihn „der Große“ zu nennen. Auf diese Weise ist er auch leicht identifizierbar: Denn zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert waren insgesamt acht Mitglieder der Familie Couperin Organisten in Saint Gervais!

Um ihren erheblichen Verpflichtungen als Organisten der Kirche nachzukommen, hatten sie auch gleich nebenan (heute rue François Miron) eine „Dienstwohnung“.

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Dort befindet sich heute ein plaque commémorative: Hier lebten die Couperins, französische Musiker.

Die Orgel, auf der Couperin spielte, ist im Wesentlichen noch erhalten, auch wenn sie immer wieder erneuert wurde.

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Während der Französischen Revolution entging sie nur knapp der Zerstörung und auch 1918 blieb sie verschont, als die Kirche von einem Geschoss der „Dicken Berta“ getroffen wurde, wobei es 156 Opfer gab.

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Ausgabe der Zeitung Excelsior vom 29. März 1919:  Vor einem Jahr bombardierte die „Bertha“ Paris. 

Einmal im Monat findet am ersten oder zweiten Samstag um  16 Uhr ein Orgelkonzert statt: „L’Heure d’Orgue de Saint-Gervais“ (freier Eintritt): Nachdem die Orgelkonzerte in Notre Dame auf absehbare Zeit nicht mehr möglich sind, ist das eine schöne, exquisite Alternative.

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Direkt gegenüber der Kirche gibt es zwei weitere Portraits von C 215:

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Salomon de Brosse (1571-1626) –rechts im Bild-   war Architekt und hat die eindrucksvolle Fassade der Kirche entworfen. Ein wesentliches Gestaltungselement sind da übrigens die Doppelsäulen, die später ein Markenzeichen seines Schülers François Mansart wurden.

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Philippe de Champaigne  (1602-1674) –links im Bild- war Hofmaler von Maria de Medici, der Witwe Henri Quatres, und unter anderem an der Ausmalung des Palais du Luxembourg beteiligt. Für die Kirche Saint-Gervais-Saint-Protais  malte er drei Bilder, darunter das berühmte Bild L’invention des reliques de Saint Gervais et Protais, das heute im Musée des Beaux Arts in Lyon ausgestellt ist. (10)

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Zwei weitere für Saint Gervais bestimmte Bilder , Saints Gervais et saint Protais apparaissant à saint Ambroise  und  La Translation des corps des saints Gervais et Protais sind im Louvre ausgestellt.  Sie gehörten zu einer Serie von ingesamt sechs Bildern/Tapisserie-Vorlagen, die dazu bestimmt waren,  zwischen den Pfeilern der Kirche aufgehangen zu werden.

Philippe de Champaigne  wurde in Saint Gervais bestattet.

 

Anmerkungen:

[1] https://www.par-ci-par-la.com/portraits-du-grand-siecle-du-marais-par-c215/

[2] Das Rathaus des 4. Arrondissements steht am Place Baudoyer 2, 75004 Paris https://lavoixdelarturbain.com/2019/08/29/c215-grand-siecle-marais-streetart-paris-2019/

[3] Zur place des victoire siehe den entsprechenden Blog-Beitrag:

(3a) Das Karussell war ein Schauspiel, das das ritterliche Turnier ersetzte, das seit dem tödlichen Unfall Heinrichs II. bei einem Turnier im Marais im Jahre 1559 verboten war.  Siehe dazu: Jacques Revel, Der Hof. In: Pierre Nora (Hrsg), Erinnerungsorte Frankreichs. München 2005, S. 326

[4] Zum Teil wird auch die Schreibweise Mansard verwendet. François Mansart ist nicht zu verwechseln mit seinem Großneffen  Jules Hardouin-Mansart, der sein Nachfolger als erster Baumeister Ludwigs XIV. wurde. Nach ihnen ist übrigens das Mansarddach benannt, das sie gerne verwendeten, aber das nicht von ihnen erfunden wurde.

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Fran%C3%A7ois_Mansart

(5a) Bilder aus: http://uemhm2perolaimperfeita.blogspot.com/2011/06/imagens.html

und  https://it.wikipedia.org/wiki/Temple

[6] http://nobleyreal.blogspot.com/2010/04/el-baron-de-rede.html

[7] https://voir-et-savoir.com/les-muses/

(7a) Bild Herkulesgalerie: https://de.wikipedia.org/wiki/

[8] https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/les-mays-de-notre-dame/

[9] https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/le-crucifiement-de-saint-andre/

https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/la-lapidation-de-saint-etienne/

(10) Bild aus: https://www.mba-lyon.fr/en/node/179

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux
  • Pariser Erinnerungsorte an den Holocaust (1):  Einleitung
  • Zwei besondere Jahrestage: Der 8./ 9. Mai 2020  und die Aktion am Pantheon vom 18./19. September 2020 
  • Große Männer und Frauen des Marais: Eine Ortsbesichtigung anhand der Portraits des Street-Art-Künstlers C215  (Teil 2: große Frauen)

 

Die Petite Ceinture (Teil 1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen

Es war vor ein paar Jahren, als wir die Petite Ceinture entdeckten.  Eines Tages rief eine französische  Freundin an: Sie hatte gelesen, ein Stück dieser ehemaligen, seit Jahren stillgelegten und sich selbst überlassenen Bahnlinie rund um Paris sei an einem Wochenende ausnahmsweise zugänglich und man könne dort außergewöhnliche  botanische Beobachtungen machen.  Als Gartenfreundin hatte das ihr Interesse geweckt. Und unseres natürlich auch. Also machten wir uns am bezeichneten Tag auf zur angegebenen Einstiegsstelle im quartier Bagnolet im  20. Arrondissement. Da gab es zwar ein Tor, aber das war geschlossen – und unsere Enttäuschung groß. Da wir nicht einfach aufgeben wollten, versuchten wir, eine  andere Zugangsmöglichkeit zu finden.

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Und dass es die geben musste, bestätigten die jungen Leute, die wir auf der Brücke der Petite Ceinture an der Place du Salamandre sahen, die allerdings schon einen längeren Spaziergang hinter sich hatten.  Mit einer Leiter wäre  es durchaus möglich gewesen, über eine Mauer zu den Gleisen heraufzukommen, aber ohne… Als wir etwas ratlos herumstanden und überlegten, wie wir weiter vorgehen  könnten, kam ein junges Paar vorbei, das uns fragte, ob sie uns helfen könnten. Sie dachten, wir würden eine bestimmte Adresse suchen. Als wir ihnen erzählten, worum es uns ging, hatten sie einen wunderbaren Einfall: Der junge Mann bot an,  eine „Räuberleiter“ zu machen. Für uns doch schon etwas ältere Semester ein unkonventioneller, aber wunderbarer Vorschlag. Also zuerst ich, dann –mit Hilfe von unten und oben- die beiden Damen…

Oben angekommen befand man sich in einer anderen Welt: alte Gleise auf verrotteten Bohlen, Gestrüpp rechts und links, aber auch ein offenbar noch bewohntes Häuschen am Rande.

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Und dabei gab es auch ein kleines unter dem Gestrüpp verstecktes Gärtchen, in dem Kohl angebaut wurde.

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… und Artischocken; aber vielleicht eher zum Anschauen als zum Essen….

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Dort kam ein junger Mann auf uns zu, der uns sehr energisch darauf hinwies, dass wir uns auf einem Privatgelände der Bahn befänden, dessen Betreten strafbar sei und dass Zuwiderhandlungen hoch bestraft werden könnten. (Über die mögliche Höhe der Strafen gab es wilde Gerüchte[1] ).  Er dagegen war, wie sich herausstellte, ein Biologe, dessen Interesse oder Auftrag es war, das Biotop, das sich hier allmählich entwickelt hatte, zu erforschen und zu kartografieren. Besser hätten wir es ja  nicht treffen können! Jedenfalls trennten  wir uns nach einer kleinen  Führung in bestem  Einvernehmen und von drohenden  Strafen war nicht mehr die Rede.

Rosen gab es allerdings nicht in dem Gärtchen, die gab –und gibt- es nur am Rand der Gleise – denn die Petite Ceinture ist nicht nur ein Biotop, sondern auch ein bevorzugter Ort für Freunde der Street-Art.

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Das die Gleise überspannende Gebäude, das wir auf unserem kleinen Spaziergang auf der Petite Ceinture sahen, ist übrigens die ehemalige Bahnstation Charonne.  (102, rue de Bagnolet)

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In den  1990-er Jahren wurde dort von ehemaligen Studenten der Pariser Kunsthochschule eine Musikkneipe eingerichtet, die nach dem Zug „La Flèche d’Or“  benannt war, der seit den 1920-er Jahren  Paris mit London verband.[2]

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Inzwischen ist auch diese Kneipe stillgelegt, aber die Mairie des 20. Arrondissements bemüht sich, das „bâtiment magique“ zu erhalten. Was daraus wird, scheint aber noch völlig unklar zu sein. Überlegt war wohl,  dort einen irischen Pub einzurichten.[3] Aber danach sieht es derzeit (Februar 2020) nicht aus. Einige junge Leute hatten 2019 zu Versammlungen in der Flèche d’Or aufgerufen, um über die Zukunft des Gebäudes nachzudenken. Ob da etwas/was da herausgekommen ist, weiß ich aber nicht. 

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Aufgenommen am 30.1.2020

Immerhin ist inzwischen  gleich nebenan in der rue Florian der Zugang zu dem Gärtchen mit dem Kohl und den Artischocken und damit  zur Petite Ceinture möglich.

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Und er wird auch gerne, vor allem von jungen Leuten, genutzt.

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Man kann auf oder an den alten Gleisen entlanglaufen und sich dabei etwas als Entdecker fühlen und seiner Phantasie freien Lauf lassen, was man alles – auch jenseits der Street-Art- aus dieser alten  Bahnstrecke und ihren Resten machen  könnte.

Hier zum Beispiel ein Blick auf die alte Bahnstation Avron.- zu schade, um sie weiter verfallen zu lassen.[4]

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 Dass die Petite Ceinture  endlich aus dem Dornröschenschlaf einer Verkehrsbrache erwacht, ist überfällig; und zwar gerade in einer dicht besiedelten Stadt wie Paris, in der ein eklatanter Mangel an Grünflächen und Naherholungsmöglichkeiten herrscht. Da bietet das zwar schmale, aber immerhin ganz Paris umspannende Gelände der ehemaligen Ringbahn ein interessantes Feld der Gestaltung, das sicherlich das Herz jedes Stadtplaners höher schlagen lässt.

Und immerhin ist die Erschließung des Ringbahngeländes auch eine späte und hoffentlich konsequente Fortsetzung eines  nach dem ersten Weltkrieg begonnenen Prozesses. Denn damals wurde der  längst obsolete Festungsgürtel aus der Mitte des 19. Jahrhunderts beseitigt und zum Bau von Sport- und Parkanlagen, Sozialwohnungen und –last but not least- zur Errichtung der Cité Internationale Universitaire genutzt.[5]  Dieser Prozess könnte nun durch die neue Nutzung der Petite Ceinture abgeschlossen  werden. Ihr Bau  steht nämlich  in engem Zusammenhang mit dem Bau des nach Thiers benannten Festungsgürtels, zu dem  die Ringbahn weitgehend parallel verlief- ebenso wie die nach  napoleonischen Marschällen benannten und heute noch existierenden Boulevards des Maréchaux.  Die Ringbahn hatte ebenso wie diese Boulevards die strategische Funktion, die die Stadt umgebenden Festungen rasch mit Truppen und Material zu versorgen. Dies galt vor allem für den Fall einer Belagerung, wenn Paris von seinem Umland abgeschnitten wäre.[6]  Denn in einem solchen Fall war die logistische Situation der Stadt besonders prekär: Paris war das Zentrum des französischen Eisenbahnnetzes und es besaß eine ganze Reihe von Kopfbahnhöfen, von denen aus die Züge in alle Himmelsrichtungen abfuhren bzw. von wo aus sie dort ankamen.

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Diese Karte zeigt die Eisenbahnverbindungen rund um Paris im Jahr 1863.[7]

Die Pariser Endstationen dieser Linien gibt es  meist noch heute: die Bahnhöfe St. Lazare, du Nord, de l’Est, de Lyon, d’Austerlitz, Montparnasse, Invalides. Aber zwischen diesen und den weiteren heute nicht mehr existierenden Bahnhöfen wie Luxembourg, Bastille/Vincennes und d’Orsay gab es keine Verbindungen.  Eine schnelle Verschiebung von Truppen und Material innerhalb der Stadt war deshalb nicht möglich. Da konnte die Petite Ceinture Abhilfe schaffen.

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Hier eine Karte der vier Sektionen der Petite Ceinture, die zwischen 1854 und 1869 in Betrieb genommen wurden und auf denen auch der Verlauf des Thiers’schen Festungsgürtels zu erkennen ist. [8]

Im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 wurde die Petite Ceinture zum Transport von Truppen, insgesamt etwa 800 000 Mann, und Material genutzt, vor allem aus dem Süden Frankreichs nach Osten.  Und es sollten auch drei Armeekorps mit 50 000 Mann, 12 000 Pferden und 1300 Kanonen aus dem Elsass via Paris an die  Front in die Champagne  verschoben werden. Bevor sie allerdings dort ankamen, hatte Napoleon III. schon nach der Niederlage von Sedan  kapituliert.[9]  Die Petie Ceinture sollte aber auch ganz direkt für den Kampf genutzt werden, und zwar für den Einsatz gepanzerter,  von Lokomotiven gezogener Batterien bei der Verteidigung von Paris.

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Diese Batterien sahen sehr eindrucksvoll aus und hatten auch entsprechende Namen: „Dévastation“, „Foudroyante“, „Gloire“ und „Belliqueux“. Allerdings spielten sie keine Rolle in den Kämpfen, fielen dann allerdings in die Hände der Commune, die sie zum Teil bei den Kämpfen gegen die Versaillais nutzte.[10]

Dass die Petite Ceinture auch lange nach der Umnutzung des Festungsgürtels militärisch genutzt wurde, zeigt diese Erinnerungsplakette:

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Sie befindet sich auf der Brücke rue de Ménilmontant (20. Arrondissement), die die Petite Ceinture überquert und ehrt 5 Mitglieder der Résistance, die anlässlich der Befreiung von Paris im August 1944 Züge der Besatzungstruppen angegriffen hatten –auch „bataille de Ménilmontant“ genannt- und dabei getötet wurden.  An einer dieser Aktionen nahm übrigens auch Peter Menden,  ein deutscher Antifaschist,  teil: Er stoppte in einer unblutig verlaufenen Aktion im Tunnel in der Nähe des Bahnhofs Ménilmontant einen deutschen Munitionszug, die Besatzung wurde gefangen genommen, die Munition erbeutet.[11]

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Der Bahnhof Ménilmontant existiert heute nicht mehr. Erhalten ist aber noch die Treppe, die von der rue de Ménilmontant zu den Bahnsteigen herabführte und kürzlich wieder geöffnet wurde, um ein kleines Teilstück der Petite Ceinture für die Öffentlichkeit  zugänglich zu machen.

Und  eine Fußgängerbrücke mit einem entsprechenden Hinweisschild erinnert noch an den früheren Bahnhof.

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1948 machte Willy Ronis dort ein Photo, das seinen 1954 erschienenen Bildband „Belleville Ménilmontant“ einleitete. Es zeigt einen Zug der Petite Ceinture-Linie, der gerade den Bahnhof passiert.[12]  .

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Dieser Zug diente nicht militärischen Zwecken, sondern dem Personentransport. Denn natürlich war die Petite Ceinture  nicht nur für einen militärischen Notfall bestimmt, sondern diente auch – und dem Umfang nach: vor allem- dem Transport von Personen und Waren innerhalb der Stadt, zumal es im 19. Jahrhundert noch keine Metro gab, die die Pariser Kopfbahnhöfe miteinander verband. Diese Verbindung schuf  –wenn auch etwas umständlich- die Petite Ceinture.  Sie wurde deshalb  mit einer Vielzahl von  Bahnhöfen für den Personenverkehr ausgestattet und zusätzlich auch mit Güterbahnhöfen, die mit  einer entsprechenden Infrastruktur versehen waren. Bahnhöfe für den Personenverkehr gab es übrigens überall auf der Petite Ceinture,  Güterbahnhöfe nur in der Nähe von Industrieanlagen, also nicht im schon damals noblen Westen der Stadt.

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Auf dieser Karte ist der Verlauf der Petite Ceinture schwarz eingezeichnet- die schwarzen Punkte markieren die Bahnhöfe für den Personenverkehr, die Quadrate die Güterbahnhöfe. Die Tunnelstrecken sind gepunktet.  Zur Erleichterung der Orientierung ist auch der boulevard périphérique eingezeichnet (orange), der in den 1950-er bis 1970-er Jahren überwiegend ebenfalls auf dem Gelände des Thiers’schen Festungsgürtels errichtet wurde.[13]

Die Bedeutung der Petite Ceinture lässt sich an der Entwicklung der Passagierzahlen ablesen: 1878 waren  es 5 Millionen Menschen, die die Ringbahn nutzten, 1900 wurde der „Rekord“ von fast 40 Millionen erreicht.[14]Dazu beigetragen hatte eine Modernisierung der Infrastruktur, die pünktlich zu der vom Bau des Eiffelturms gekrönten prestigeträchtigen Weltausstellung  von 1889 – dem 100. Jahrestag der Französischen Revolution- vollzogen wurde. Teile der Ringbahn wurden damals abgesenkt oder erhöht, um die niveaugleichen Bahnübergänge zu beseitigen und den Verkehr so zu beschleunigen. Im Jahr der Weltausstellung gab es eine Frequenz von 6 Zügen pro Stunde.  In einer Stunde und zwanzig Minuten konnte man damals die Stadt umrunden, seit 1903 mit der Einführung leistungsfähigerer Lokomotiven sogar in einer Stunde und fünf Minuten. [15]

Der Bau  der von der Petite Ceinture unabhängigen Pariser Metro – die erste Linie wurde 1900 eingeweiht- führte allerdings zu einem zunehmenden Bedeutungsverlust der Ringbahn. Die Metro war nicht nur komfortabler –immerhin waren die Stationen vor Wind und Wetter geschützt und die Zugänge verfügten teilweise über Rolltreppen-  mit ihrem elektrischen Antrieb präsentierte sie  sich als modernes Verkehrsmittel  und mit den  Art-nouveau- Eingängen Hector Guimards entsprach sie dem Zeitgeschmack.[16] Und vor allem: Mit der Metro wurden für Passagiere (mehr oder weniger) direkte und auf jeden Fall schnellere Verbindungen zwischen den Pariser Kopfbahnhöfen geschaffen als mit der Petite Ceinture. Die Folge davon war, dass die Ringbahn immer weniger Fahrgäste transportierte, während andererseits ihre Rolle für den Transport von Waren immer mehr zunahm. 1914 wurde der Ringverkehr für Personen eingestellt und auch nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr aufgenommen. Danach gab es noch auf Teilstücken  Personenverkehr, allerdings mit wenigen Ausnahmen nur noch bis 1934.

Der Aufschwung des Warenverkehrs auf der Petite Ceinture war aber nicht von Dauer. Die dort zugelassene Geschwindigkeit und Tonnage der Güterzüge waren zu begrenzt, um der zunehmenden Konkurrenz durch Lastkraftwagen standhalten zu können – zumal nach dem Bau des Boulevard péripherique. 1993 wird auch auf dem größten Teil der Petite Ceinture der Güterverkehr eingestellt.[17]  Die Bahntrasse bleibt bis auf ein vom RER genutztes Teilstück sich selbst bzw. der Natur überlassen. Und sie dient als Rückzugsort für Wohnsitzlose, als  abenteuerlicher Treffpunkt von Jugendlichen oder als Fotoobjekt für Fotographen auf der Suche nach dem Besonderen…  Bis dann gut 20 Jahre später die Rückeroberung  („reconquête“) der stillgelegten Bahantrasse begann. Darüber  mehr in dem nachfolgenden  Beitrag.

 

Anmerkungen

[1] https://entreprendrelemonde.com/voyages-a-velo/promenade-petite-ceinture/

[2] https://www.lesinrocks.com/2017/05/05/musique/la-fleche-dor-ferme-ses-portes-dans-lindifference-generale-11941888/

[3] http://www.leparisien.fr/paris-75020/paris-la-fleche-d-or-va-renaitre-en-pub-irlandais-musical-04-05-2017-6917781.php

http://www.lylo.fr/lieu/concerts-la-fleche-d-or-paris-20

[4] Zu den aktuellen Planungen für eine Nutzung der Anlagen der Petite Ceinture gehört auch die Erhaltung und  kommerzielle Nutzung dieses Bahnhofs. Siehe: https://www.petiteceinture.org/Ouverture-au-public-de-troncons-de-la-Petite-Ceinture-d-ici-2020-le-saut-vers-l.html#3_planning_des_travaux_et_des_ouvertures

[5] siehe dazu den entsprechenden Blog-Beitrag über die Cite Internationale  https://paris-blog.org/2017/01/02/die-cite-internationale-universitaire-in-paris-ein-ort-des-friedens-und-der-voelkerverstaendigung/

[6] https://www.petiteceinture.org/Histoire-de-la-Petite-Ceinture-ferroviaire-de-Paris-des-origines-a-1934.html

und https://www.paris.fr/petiteceinture

[7] Karte aus: https://www.petiteceinture.org/Histoire-de-la-Petite-Ceinture-ferroviaire-de-Paris-des-origines-a-1934.html

[8] Karte aus: https://www.petiteceinture.org/Histoire-de-la-Petite-Ceinture-ferroviaire-de-Paris-des-origines-a-1934.html  Im Nordosten weicht der Verlauf der Petite Ceinture vom Verlauf des Festungsgürtels ab. Eine plausible Erklärung dafür gibt es offenbar nicht.

[9] Siehe: Ricroch, La Petite Ceinture, S.23

[10] Carrière, La Saga de la Petite Ceinture, Bd 1, S. 51

[11] A.a.O., S. 21/22  Zur plaque commémorative siehe: http://www.museedelaresistanceenligne.org/media.php?media=5019

[12] Bildausschnitt. Aus einer Ronis-Ausstellung im Pavillon Carrée de Baudoin in Ménilmontant (April 2018 bis Januar 2019)

[13] http://keblo1515.free.fr/souterrinterdit/pc.htm

[14] https://www.petiteceinture.org/Les-principales-dates-de-l.html

[15]  J. Kœchlin, Les locomotives 51-65 du Chemin de fer de la Petite Ceinture, Revue Générale des Chemins de fer, mai 1904, pp 334-350. Zit in: https://www.petiteceinture.org/Histoire-de-la-Petite-Ceinture-ferroviaire-de-Paris-des-origines-a-1934.html  s.a.http://paris1900.lartnouveau.com/paris00/gares_de_la_petite_ceinture%20.htm

[16] Siehe den Blog-Beitrag über Hector Guimard: Jugendstil in Paris.  https://paris-blog.org/2018/02/01/__trashed-3/

[17] https://www.paris.fr/petiteceinture

 

Literatur:

Bruno Carrière: La Saga de la Petite Ceinture 1836-1991, tome 1, Paris  2017

Bruno Carrière, La Saga de la Petite Ceinture 1991-2017, tome 2, Paris 2018

Nicolas Chaudun, Le promeneur de la Petite Ceinture. Récit de Voyage. Actes Sud Nature 2003

Johannes Freybler, Das zweite Leben der Gütellinie. In: FAZ Reiseblatt. 5. Dezember 2019

René Ricroch, La Petite Ceinture. Hrsg. von der Association d’histoire et d’archéologie du XXe arrondissemet de Paris. 2000

Jean-Pierre Rigouard, La Petite Ceinture. 2002

Evelyne Rigouard/ Jean-Pierre Rigouard, La Petite Ceinture, Tome II . 2009 (Postkarten und Photographien)

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • La place des Victoires in Paris: Das Modell eines königlichen Platzes
  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux
  • Pariser Erinnerunsorte an den Holocaust (Fortsetzung) 

 

 

 

 

Keine Erinnerungsplakette für den Lutetia-Kreis: Eine verpasste Chance

Dans cet hôtel  se réunirent, dans les années 1935 à 1937, sous la présidence de l’écrivain Heinrich Mann,  des représentants de la résistance allemande en exil qui voulaient fonder un Front populaire allemand contre le nazisme.

Ce „Cercle Lutetia“ représentait une Allemagne de paix et de liberté, une Allemagne enracinée dans la tradition culturelle européenne: celle que le régime nazie  avait bannie. 

In diesem Hotel  trafen sich in den Jahren 1935 bis 1937  Vertreter des deutschen  Widerstands im Exil unter dem Vorsitz des Schriftstellers Heinrich Mann,  um eine  Volksfront gegen den Nationalsozialismus aufzubauen. 

Dieser „Lutetia-Kreis“ repräsentierte das aus Nazideutschland vertriebene, in der europäischen Kulturtradition verwurzelte  Deutschland des Friedens und der Freiheit.

Dies hätte der Text einer Erinnerungsplakette im Pariser Hotel Lutetia sein können/sollen, für deren Anbringung  sich im letzten Jahr eine Initiative stark gemacht hat. Trotz einer breiten und ganz wunderbaren Unterstützung ist das Projekt aber an der verweigerten Zustimmung des Besitzers des Hotels und der Nobelhotelkette „The Set“ gescheitert.

Dass es eine solche Plakette nicht geben wird, halte ich für eine verpasste Chance. Im Folgenden soll dies begründet und erläutert werden,  und es soll zumindest auszugsweise die Zustimmung dokumentiert werden, die das Projekt erhalten hat: Ausdruck des Dankes und Illustration dessen, was hätte sein können und nun leider nicht möglich ist.

 

Warum sollte es eine Plakette für den Lutetia-Kreis geben?

Am 12.7.2018 erschien in der deutschen Wirtschaftszeitung Handelsblatt ein Artikel zur Wiedereröffnung des renovierten Hotels Lutetia. Die Überschrift des Artikels: „Lutetia- vom Zentrum der Volksfront zum Palace-Hotel“.  Diese Schlagzeile ist geeignet, Leser neugierig zu machen und zur Lektüre des Beitrags zu motivieren. Immerhin wird damit auf eine Episode der langen  Geschichte des legendären Hotels hingewiesen, die weniger bekannt und für viele eher unerwartet sein dürfte.

Denn zuerst gilt das Lutetia natürlich als Treffpunkt einer internationalen intellektuellen und künstlerischen Elite: Man denkt da an Namen wie Samuel Becket, James Joyce, Ernest Hemingway, Pablo Picasso, André Gide, Antoine Saint-Exupéry, Jean-Paul Sartre, Jacques Prévert, Josephine Baker und viele andere. An die Glanzzeiten des Hotels während der „Annés Folles“ erinnert noch der Salon Josephine, besungen in dem Lied Eddy Mitchells Au bar du Lutetia: Es erinnert an Serge Gainsbourg, der auf seinen nächtlichen Eskapaden durch Saint-Germain-des-Près immer irgendwann in der Bar des Hotel Lutetia landete.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass der junge Charles de Gaulle gerade im Lutetia seine Hochzeitsnacht verbrachte, bzw. dass die Legende ihm dies zuschrieb.  Und für  Édouard Péricaut aus dem wunderbaren Roman  „Wir sehen uns da oben“ von Pierre Lemaitre  hätte es kaum ein geeigneteres Hotel geben können, um dort seine letzten Tage auszukosten.

In eben diesem Hotel haben sich in den 1930-er Jahren Vertreter des deutschen Widerstands im Exil  getroffen. Warum gerade dort?

Dass es in Frankreich sein musste, lag nahe: Frankreich als das Mutterland der Menschenrechte hatte die meisten Flüchtlinge aus Nazideutschland aufgenommen. Nicht zu Unrecht hat man das  Paris der Jahre 1933-1940 als „die europäische Hauptstadt der deutschen Kultur“ bezeichnet. Und in Paris war das Lutetia der ideale Treffpunkt: wegen seines Renommees als intellektuelles Zentrum und wegen seines stilvollen Ambientes – man wollte und brauchte sich ja nicht zu verstecken.  Auch der Name des Hotels und seine Symbolik passten zu dem Vorhaben: Das Lutetia trägt –wie die Stadt Paris-  im Wappen das Schiff, das auch in hoher See nicht untergeht: Fluctuat nec mergitur. Das entsprach dem Lebensgefühl derer, die sich zwischen 1935 und 1937 im Lutetia versammelten, um dort Widerstand gegen die Herrschaft der Nationalsozialisten zu leisten.  Sie konnten und wollten in dem Deutschland der Unfreiheit, des Rassismus und der Kriegsvorbereitung nicht mehr leben, glaubten aber an eine andere, bessere Zukunft für ihr Land und arbeiteten daran. Und hatte nicht  Heinrich Heine, der 100 Jahre vorher Paris als Ort seines Exils gewählt hatte, seine gesammelten Berichte aus  Frankreich „Lutetia“ überschrieben? Fluctuat nec mergitur: Dies gilt für Paris, für die im Lutetia versammelten Vertreter des deutschen Widerstands, aber auch insgesamt für Frankreich und Deutschland in diesen stürmischen und schlimmen 1930-er und 1940-er Jahren.

Wer waren die Vertreter des Widerstands, die sich zwischen 1935 und 1937 im Lutetia trafen? Es waren Kommunisten wie der gerne als „der rote Pressezar“ titulierte  Willi Münzenberg, die endlich erkannt hatten, dass der Nationalsozialismus eine tödliche Gefahr darstellte, die es gemeinsam zu bekämpfen galt. Es waren  Sozialdemokraten wie Rudolf Breitscheid, bis 1933 Vorsitzender der SPD-Reichstagsfraktion, und   Albert Grzesinski, ehemaliger preußischer Innenminister; es waren Sozialisten wie der junge Willy Brandt, der aus seinem norwegischen Exil nach Paris kam, um an den Bemühungen um eine Einigung der Antifaschisten teilzunehmen;  dazu kamen unabhängige Intellektuelle wie die Schriftsteller Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Arnold Zweig, Klaus Mann, Ernst Toller, Ernst Bloch, Ludwig Marcuse, der Statistikprofessor Emil Julius Gumbel, die Journalisten Leopold Schwarzschild und Georg Bernhard, ehemaliger Chefredakteur der linksliberalen Berliner Vossischen Zeitung und Mitbegründer des Pariser Tageblatts, der Tageszeitung des deutschen Exils, und ihrer Nachfolgerin, der Pariser Tageszeitung;  Persönlichkeiten also, die sich mit Recht als Repräsentanten eines anderen, des wahren Deutschlands verstanden.

Zum Präsidenten des Lutetia-Kreises wurde Heinrich Mann gewählt, in der Weimarer Republik Mitglied der linksliberalen DDP,  Präsident der preußischen Akademie der Künste, Sektion Dichtkunst, unermüdlicher Warner vor dem Nationalsozialismus und Mahner eines gemeinsamen Kampfs gegen die von ihm ausgehenden Gefahren; dazu  ein leidenschaftlicher Kenner und Freund Frankreichs und überzeugter Europäer. Sein Volksfront-Ideal glich einer Mischung aus Rennaissance-Humanismus und Fortschrittsideen des 20. Jahrhunderts. Während seines französischen Exils schrieb er einen großen Roman über den „guten König Henri Quatre“- ein Gegenbild zu dem in Deutschland herrschenden Nationalsozialismus, gewissermaßen der Roman der deutschen Volksfront. Für Denise Bardot, die mit ihren Schulkindern von der SS-Division Das Reich umgebrachte Volksschullehrerin von Oradour-sur-Glane, war dieser Roman Ausdruck des deutschen Humanismus.

Die Diskussionen, programmatischen Überlegungen und konkreten Maßnahmen des Lutetia-Kreises lassen sich in folgenden Punkten zusammenfassen:

– Programmatische Diskussionen und Entwürfe zu einem postfaschistischen Deutschland in einem geeinten Europa

–  Verbreitung von wahrheitsgemäßen Informationen unter der deutschen Bevölkerung als Gegenmittel zu Zensur und Propaganda

– Verbreitung von Informationen im Ausland über den wahren Charakter des Nationalsozialismus und die vom faschistischen Deutschland ausgehende Kriegsgefahr

– Maßnahmen zur Unterstützung von Flüchtlingen aus dem nationalsozialistischen Herrschaftsbereich.

 

De Bemühungen des Lutetia-Kreises zur Schaffung einer gemeinsamen Front gegen den Faschismus sind zwar letztendlich gescheitert, vor allem aufgrund von Auseinandersetzungen um die Moskauer Prozesse, die von den Vertretern der KPD verteidigt wurden; dennoch ist der Lutetia-Kreis ein bedeutender Beweis für die Existenz und Vielfalt eines anderen, demokratischen Deutschlands, das sich der nationalsozialistischen Diktatur widersetzte. Und wären die hellsichtigen Warnungen der im Hotel Lutetia versammelten Antifaschisten vor der vom „Dritten Reich“ ausgehenden Kriegsgefahr gehört worden,  wäre der Welt ungeheures Leid erspart geblieben.

Dass sich die deutsche Opposition gegen den Nationalsozialismus gerade im Lutetia traf und nach diesem Hotel auch benannt wird, ehrt das Lutetuía  besonderer Weise. Die vorgeschlagene Gedenktafel hätte damit, wie Serge und Beate Klarsfeld schreiben, zur weiteren Ausstrahlung dieses Ortes beigetragen. Sie hätte auch die schon vorhandene Erinnerungstafel an der Fassade des Hotels sinnvoll ergänzt:

022 Plaque historique

„Von April bis August 1945 wurden in diesem Hotel, das damals als Empfangszentrale diente, ein großer Teil der Überlebenden aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern aufgenommen. Diese Menschen waren glücklich, die Freiheit wiedergefunden zu haben und ihre Angehörigen, von denen sie gewaltsam getrennt waren. Ihre Freude kann aber nicht die Angst und den Schmerz vergessen machen, den die Familien jener Tausenden von Deportierten zu erleiden hatten, die hier vergeblich auf ihre Rückkehr warteten.“ (Übersetzung bei Jasper, S. 339)

Mit der von de Gaulle verfügten  Aufnahme der Überlebenden aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern im Hotel Lutetia, wurde, wie Pierre Assouline in seinem Roman Lutetia schreibt, der Makel (tache noir) von Besatzung und Collaboration vom Hotel abgewischt. Denn nach den Vertretern des deutschen Widerstandes waren es die Vertreter der deutschen Besatzungsmacht, die in das Hotel einzogen: Die Herren der von Admiral Canaris geleiteten militärischen Abwehr, einer Organisation zur Gegenspionage und zur Bekämpfung des französischen Widerstands.

Das Hotel Lutetia ist damit ein einzigartiger Ort,  der nacheinander ein Zentrum des Widerstands, ein Ort der Täter und schließlich ein Ort der Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherschaft  war. Ich wüsste nicht, welch anderer Ort dies von sich behaupten könnte.

Mit Recht wird an die im Hotel aufgenommenen Überlebenen der Konzentrationslager mit einer plaque commémorative erinnert.  Angebracht wurde diese Tafel an der Außenwand des Hotels, und zwar  gegen einigen Widerstand der damaligen Besitzer: Das war nämlich die Familie Taittinger, deren  früherer Chef,  Pierre Taittinger, im Krieg zu den überzeugten Pétainisten und Collaborateuren gehörte und sich von den Nazis noch 1943  zum Präsidenten des Stadtrates von Paris (conseil municipal de Paris) ernennen ließ. Unter diesen Umständen  hat die vom  Souvenir Français  initiierte Plakette noch eine zusätzliche Bedeutung. 

 Diese Plakette macht deutlich, dass die Opfer  nicht vergessen werden dürfen: Sie sind Mahnung und Verpflichtung für die Lebenden. Aber es dürfen auch diejenigen nicht vergessen werden und es müssen auch diejenigen geehrt werden,  die Widerstand leisteten: Sie können Vorbild für die Lebenden sein, gerade auch für die Jugend.   Insofern kann ich nicht nachvollziehen, wenn mir die Direktion lakonisch mitteilen lässt, sie wolle „diskret mit der Geschichte bleiben.“  Im bzw. am Mémorial de la Shoah in Paris gibt es lange Tafeln mit den Namen der von den Nazis umgebrachten Juden, es gibt aber auch eine Tafel mit den Namen derjenigen, die dem Unrecht widerstanden und Juden gerettet haben.  Die Opfer und diejenigen, die Widerstand geleistet haben, werden da gleichermaßen geehrt. Diese Chance hätte auch das Hotel Lutetia gehabt und damit einen wichtigen Beitrag zu einer europäischen Erinnerungskultur leisten können. Dass diese Chance nun nicht genutzt wird, ist umso bedauerlicher,  als ein Engagement gegen Unrecht und Gewalt aktuell ist und bleibt. Denn, wie Christiane Deussen, die Leiterin des Maison Heinrich Heine,  in ihrer Stellungnahme zu der Initiative schreibt: „Le monde est de nouveau confronté à la remise en cause des valeurs démocratiques dans un nombre croissant de pays“.  

 

Literatur zum Hotel Lutetia und zum Lutetia -Kreis:

Willi Jasper, Hotel Lutetia. Ein deutsches Exil in Paris. München/Wien: Carl Hanser 1994  französische Übersetzung: Hôtel Lutétia. Un exil allemand à Paris. Paris: Éditions Michalon 1995

Pierre Assouline, Lutetia. roman. Paris: Gallimard 2005

Hôtel Lutetia. L’esprit de la Rive Gauche. Paris: Éditions Lattès 2009 (Zum  Cercle Lutetia S. 75/76

Ursula Langkau-Alex, Deutsche Volksfront 1932-1939. 3 Bände. Berlin: Akademie-Verlag 2004 und 2005

  • Band 1: Vorgeschichte und Gründung des Ausschusses zur Vorbereitung einer deutschen Volksfront. Berlin 2004
  • Band 2: Geschichte des Ausschusses zur Vorbereitung einer deutschen Volksfront. 2004
  • Band 3: Dokumente, Chronik und Verzeichnisse. 2005

Gilbert Merlio, Les résistances allemandes à Hitler. Paris: Tallandier Éditions 2003 (Dort ein kleiner Abschnitt über La tentative du Front populaire allemand. S. 340-344

Wolfgang Benz/Walter H. Pehle (Hg.): Lexikon des deutschen Widerstandes. Frankfurt am Main 1994

 

 

Initiative für die Anbringung einer Tafel im Hotel Lutetia zur Erinnerung an den Lutetia-Kreis

Die Initiatoren:

Die Idee, eine Erinnerungstafel für den Lutetia-Kreis anzuregen, kam mir, als ich die beiden Beiträge über das Hotel Lutetia für diesen Blog geschrieben habe. Allerdings war mir klar, dass ich allein kaum Chancen und Ressourcen haben werde, ein solches Projekt anzugehen. Ich wandte mich deshalb an Willi Jasper. Dieser emeritierte Professort der Universität Potsdam  hatte immerhin ein schönes Buch über das Hotel Lutetia geschrieben, ein weiteres über Heinrich Mann, dem ich ja auch in besonderer Weise verbunden bin, und schließlich eines über Ludwig Börne, das ich bei meiner Arbeit über das Börne-Grab auf dem Père Lachaise mit Gewinn gelesen und genutzt hatte. Als 2013 Willi Jasper die französische Übersetzung seines Buches im Lutetia präsentierte, war ich anwesend und ließ mir ein Exemplar signieren. Im Sommer 2019 trafen wir uns in Berlin und besprachen das Projekt, das nun ein gemeinsames war. Und ich war froh, einen kompetenten und prominenten Mitstreiter an meiner Seite zu haben.

Willi Jasper, emeritierter Professor der Universität Potsdam (School of Jewish Studies), Zahlreiche Veröffentlichungen u.a. über das Hotel Lutetia: Das Hotel Lutetia, ein deutsches Exil in Paris, München/Wien: Hanser 1994  auch ins Französische übersetzt (Hôtel Lutétia, Un exil allemand à Paris. Paris: Michalon 1995),  Ludwig Börne (Ludwig Börne, Keinem Vaterland geboren. 1989) und Heinrich Mann (Der Bruder Heinrich Mann, 1992). Die französische Ausgabe des Buches wurde 2013 in Anwesenheit des Autors im Salon Président, dem Tagungsort des Lutetia- Kreises, vorgestellt.

Wolf Jöckel, Historiker (Promotion über Heinrich Manns ‚Henri Quatre‘)  und Blogger: Paris- und Frankreich-Blog https://paris-blog.org Dort auch zwei Beiträge über das Hotel Lutetia: Das Hotel Lutetia (1): Ein Bauwerk zwischen Art Nouveau und Art Déco in neuem Glanz: https://paris-blog.org/2019/01/01/das-hotel-lutetia-1-ein-bauwerk-zwischen-art-nouveau-und-art-deco-im-neuen-glanz/ und Das Hotel Lutetia (2): Geschichte und Geschichten: https://paris-blog.org/2019/03/01/das-hotel-lutetia-2-geschichten-und-geschichte/

Der Unterstützerkreis

Die entscheidende Instanz für die Genehmigung einer Erinnerungsplakette im Hotel Lutetia war der Besitzer des Hotels. Im Jahr 2010, dem Jahr des 100-jährigen Jubiläums des Hotels, hatte das Lutetia einen neuen Besitzer erhalten, nämlich das israelische Immobilien- Unternehmen Alrov, zu dem auch die Nobelhotel-Gruppe The Set mit zwei Hotels in Jerusalem, das Conservatorium in Amsterdam, das Café Royal in London und jetzt auch das Lutetia gehören. In einem Artikel der Zeitung Le Parisien wurde der Kauf des Lutetia durch eine israelische Gruppe als Symbol bezeichnet, da es während der Besatzungszeit von den Nazis requiriert worden sei und danach die Überlebenden aus den Konzentrationslagern aufgenommen habe.

Le rachat du Lutetia par un groupe israélien est tout un symbole : cet hôtel avait été réquisitionné durant l’Occupation par les nazis puis avait accueilli les rescapés des camps à leur libération. (Le Parisien, 7. August 2010)

Das mag auch der Grund dafür sein, dass mir von Anfang an von der Hotelleitung signalisiert wurde, dass die Initiative nur dann Aussicht auf Erfolg habe, wenn sie von maßgeblicher jüdischer Seite unterstützt würde. Genannt wurde in diesem Zusammenhang das Mémorial de la Shoah in Paris.  Der Direktor des Mémorials, den ich zu diesem Zweck angesprochen hatte, wollte zwar selbst kein Empfehlung für die Initiative abgeben, verwies mich aber auf das Ehepaar Klarsfeld und vermittelte auch einen entsprechenden Kontakt. Wie glücklich war ich, als ich einige Zeit danach das Empfehlungsschreiben von Serge und Beate Klarsfeld erhielt:

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Lieber Doktor Jöckel, Sie haben unsere volle Unterstützung für die Anbringung einer Erinnerungstafel an den ‚Lutetia-Kreis‘ und ich hoffe, dass die Direktion des Hotels Lutetia Ihren Vorschlag aktzeptieren wird, der die Reputation der Einrichtung noch weiter verbreiten wird.

Welche schönere Empfehlung von jüdischer – und gleichzeitig auch deutsch-französischer!-  Seite als die der Klarsfelds hätte es geben können?

Die zweite Adresse, die mir von der Hotelleitung als wesentliche Voraussetzung für eine Zustimmung zu dem Projekt genannt wurde, war die deutsche Botschaft in Paris. Botschafter dort ist Nikolaus Meyer-Landruth, früherer außenpolitischer Berater von Kanzlerin Merkel und einer der Top-Diplomaten Deutschlands. Ich wandte mich aber natürlich nicht direkt an ihn, sondern an die Kulturabteilung der Botschaft. Dort wurde ich sehr freundlich empfangen, konnte mein Anliegen vortragen und hatte auch den Eindruck, dabei auf einige Sympathie zu stoßen. Allerdings hörte ich dann längere Zeit nichts mehr: Kein Wunder! Die Angelegenheit müsse in der Zentrale in Berlin entschieden werden! Aber dann kam schließlich doch ein offizieller Brief der Botschaft mit einem vom Botschafter selbst unterschriebenen sehr schönen Empfehlungsschreiben. Dass dabei die Unterstützung der Klarsfelds und anderer Personen und Institutionen, die ich inzwischen vorweisen konnte, eine wichtige Rolle gespielt hat, ist dem Schreiben zu entnehmen (und auch durchaus verständlich).

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Ich danke Ihnen für die detaillierten Informationen zu Ihrem Projekt, das zum Ziel hat, eine Erinnerungsplakette zu Ehren des Lutetia-Kreises in dem kürzlich wiedereröffneten Hotel anzubringen. Als Treffpunkt deutscher Emigranten – von Repräsentanten verschiedener politischer Parteien, Intellektuellen und Schriftstellern von Rang- die unter der Präsidentschaft des deutschen Schriftstellers Heinrich Mann sich für ein antifaschistisches Deutschland einsetzten, war das Lutetia ein hervorragender Ort des deutschen Widerstands gegen den Faschismus, und diese Rolle in der Geschichte hat es verdient erinnert zu werden. 

Ich bin auch sehr glücklich, dass Ihr Projekt ein solches Echo erfahren hat und Sie in den letzten Monaten die Unterstützung so wichtiger Persönlichkeiten wie Serge und Beate Klarsfeld erhalten haben.

Seien Sie versichert, dass auch ich Ihre Initiative begrüße.

Ich wünsche Ihnen vollen Erfolg bei der Umsetzung des Projekts ….

 

Weitere Unterstützer:

In dem Schreiben des deutschen Botschafters ist von dem großen Echo die Rede, das die Initiative erfahren hat. Die nachfolgende Aufstellung kann das bestätigen und illustrieren:

  • Goethe-Institut Paris. Brief der Direktorin Dr. Barbara Honrath vom 6. März 2019. Frau Dr. Honrath war übrigens die erste, die auf unsere Informationsschreiben und Bitten um Unterstützung reagierte. Dafür einen ganz besonderen Dank!

 

  • Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung Berlin:  https://willy-brandt.de/die-stiftung/
     Die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung begrüßt und unterstützt die Anbringung einer Plakette, die an den ‚Lutetia-Kreis‘ erinnert – umso mehr, als der damals in Norwegen exilierte junge Willy Brandt zu den Anstrengungen beitrug, die verschiedenen Gruppen und Persönlichkeiten des deutschen Widerstands gegen den Faschismus zu einen.  (Mail des stv. Generalsekretärs Dr.Rother vom 16. Mai 2019

 

  • Le Souvenir Françaishttp://le-souvenir-francais.fr/  Association nationale reconnue d’utilité publique.  Président Général/ Director Serge Barcellini  Die positive Aufnahme des Projekts durch Herrn Barcellini war mir besonders wichtig. Immerhin ist Souvenir Français eine wichtige und offizielle Instanz der französischen Erinnerungspolitik, und es war ja auch der Souvenir Français, der die Erinnerungsplakette für die Überlebenden der Lager an der Fassade des Lutetia initiiert hatte.

 

  • Deutsch-Französisches Institut    https://www.dfi.de/Ludwigsburg dfi (Mail vom 5. November 2019)

 

  • Béatrice Fischer-Dieskau, Musikmanagerin, Organisatorin von Konzerten im Hotel Lutetia. Frau Fischer-Dieskau hatte auch die musikalische Umrahmung der Buchpräsentation von Willi Jaspers Lutetia-Buch organisiert. Sie hat einen guten Kontakt zur Direktion des Hotels und diente gewissermaßen als Kontaktperson.

 

 

  • Ursula Langkau-Alex, Vorsitzende der Gesellschaft für Exilforschung e.V. 2009-2013, Honorary Fellow International Institute of Social History Amsterdam,  https://iisg.amsterdam/en/about/staff/ursula-langkau-alex   Autorin des Standardwerks über die deutsche Volksfront (Deutsche Volksfront 1932-1938. 3 Bände, Berlin 2005)   Das ist eine sehr gute Idee, nicht nur, weil die exilierten Antifaschisten in internationales öffentliches Gedächtnis gerufen werden, sondern auch, weil die innere  und die äußere Gedenktafel  einander ergänzen insofern, als sie die (nicht gehörte) Gegenstimme zum, und die Konsequenz des Nationalsozialismus aufzeigen.  Hoffentlich stimmen Leitung und Besitzer des Lutetia zu. (Mail 23.5. 2019)  Frau Langkau – Alex hat vor, im nächsten Nachrichtenbrief der Gesellschaft für Exilforschung (Juni 2020) einen „Nachruf“ auf die plaque commémorative im Hotel Lutetia zu veröffentlichen. Online unter:  http://www.exilforschung.de)  

 

  • Maison Heinrich Heine,  Fondation de l’Allemagne,  in der Cité Internationale Universitaire von  Paris.  Siehe dazu den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2017/11/01/la-maison-heinrich-heine-das-deutsche-haus-in-der-cite-internationale-universitaire-de-paris/      Das Heinrich Heine-Haus ist ein wichtiges Zentrum des deutsch-französischen kulturellen und politischen Austauschs. In unseren Pariser Jahren  haben wir  dort viele interessante Menschen kennen gelernt.  Brief der Direktorin Dr. Christiane Deussen vom 15. August 2019: La Fondation de l’Allemagne- Maison Heinrich Heine salue chaleureusement l’initiative visant à installer à l’intérieur de cet établissement chargé d’histoire une plaque commémorant l’activité en son sein du ‚Cercle Lutetia‘. La Maison Heinrich Heine s’associe d’autant plus volontiers à cette action que Heinrich Heine lui-même s’exila à Paris pour échapper à la censure politique outre Rhin. À cette époque déjà, Paris représentait pour les réfugiés politiques un havre de liberté et il n’est pas étonnant qu’un siècle plus tard des écrivains et intellectuels allemands aient choisi la capitale francaise, l’ancienne Lutecia, pour lutter, sous l’égide de l’écrivain francophile Heinrich Mann, contre le régime nazi et faire émerger une autre Allemagne.                  L’activité déployée entre 1935 et 1937 au service de l’humanisme par les membres du ‚Cercle Lutetia‘ mérite aujourd’hui, plus que jamais, d’être rappelée au public et aux clients de cet hôtel prestigieux. Ce rappel est d’autant plus nécessaire que le monde est de nouveau confronté à la remise en cause des valeurs démocratiques dans un nombre croissant de pays. La Maison Heinrich Heine souhaite plein succès à cette initiative et tient à féliciter ses promoteurs.

 

  • heinrichmann gesellschaft Buddenbrookhaus Lübeck   http://heinrich-mann-gesellschaft.de/Schreiben der Vize-Präsidentin Britta Dittmann vom 19.8.2019Der Vorstand der Heinrich Mann-Gesellschaft schließt sich Ihrer Idee aus voller Überzeugung an. Der von 1935 bis 1937 unternommene Versuch, die Kräfte des zerstrittenen deutschen Exils zu einen, um einer menschenverachtenden, kriegstreibenden Politik entschieden entgegentreten zu können, ist nicht nur bedeutsam als ein Mosaikstein im deutsch-französischen kulturellen Gedächtnis.  Das Ansinnen ist auch aktuell relevant, nicht zuletzt, wenn man sich die Konsequenzen des damaligen Scheiterns vor Augen führt.  Indem die von Ihnen vorgeschlagene Plakette auf die Vorgeschichte der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges verweist, ergänzt sie die bereits vorhandene Gedenktafel an die Nutzung des Gebäudes als Aufnahmezentrum für KZ-Überlebende nach 1945 auf das Sinnvollste. Als Heinrich Mann-Gesellschaft freut es uns natürlich besonders, dass das Engagement Heinrich Manns in diesem Zusammenhang explizit Erwähnung findet.

 

  • Gesellschaft für Exilforschung e.V.    http://www.exilforschung.de/ Schreiben der Vorsitzenden, Prof. Dr. Inge Hansen-Schaberg, vom 28.8.2019

 

  • Dr. Wolfgang Klein, Mitherausgeber der Kritischen Gesamtausgabe der Essays und Publizistik Heinrich Manns und von „Für die Verteidigung der Kultur. Die Texte des Internationalen Schriftstellerkongresses zur Verteidigung der Kultur Paris 1935. Berlin 1982.  Französische Ausgabe herausgegeben mit Sandra Peroni  2005. „Ihre und Herrn Jaspers Initiative unterstütze ich sehr gerne. Sie erinnert an ein wichtiges und jeder Ehrung wertes Engagement deutscher Politiker und Intellektueller in der Vergangenheit, dessen Ideale und Ziele erst nach einem Weltkrieg und nicht überall Anerkennung erlangten und heute erneut in Frage gestellt werden. Es gilt zunehmend wieder, was Heinrich Mann im Juli 1937 in dem Artikel „Christenverfolgung“ schrieb: „Wir müssen heute laut von Dingen reden, die sonst jeder gewusst hat“. Umso wichtiger wäre die von Ihnen angestrebte jetzige Erinnerung an diese Vergangenheit.

 

  • Hélène Roussel Maître de conférences honoraire, Université Paris 8, Prof. Dr. Lutz Winckler, Université de Poitiers (Mail vom 27. August 2019) Die Unterstützung des Projekts durch Hélène Roussel und Lutz Winkler hat mich sehr gefreut, weil beide ganz intensive Kenner des deutschen Exils und der Exilliteratur sind. Lutz Winkler ist z.B. Mitherausgeber des Handbuchs der deutschsprachigen Emigration 1933-1945 und zusammen mit Hélène Roussel ist er Herausgeber der von einer deutsch-französischen Forschergruppe erarbeiteten Untersuchung der Exilzeitungen Pariser Tageblatt und Pariser Tageszeitung. Deren Chefredakteur war Georg Bernhard, ein Mitglied des Lutetia-Kreises. Hélène Roussel ist außerdem als Übersetzerin der Werke Anna Seghers‘ hervorgetreten. 

 

  •  Gerhard Bökel  https://de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_B%C3%B6kel    Früherer Rechtsanwalt und Notar und Innenminister des Landes Hessen. Er lebt in Saint Laurent des Arbres bei Avignon und forscht und publiziert über die Résistance in der Provence. Im Zusammenhang damit lernten wir uns kennen.   Thank you for your considerable commitment with regard to the plaque in memory of the ‘Lutetia Circle`. It’s a commendable project ! I hope that the management of the Hotel Lutetia will support your proposal.

 

  • Willi Semmler  https://www.newschool.edu/nssr/faculty/willi-semmler/ Henry Arnhold Professor of Economics, New School for Social Research, New York               I would like to strongly support the Lutetia Project. One important member of the German exile group who met at the Hotel Lutetia was  Emil Julius Gumbel, a mathematician, statistician, economist, and political writer against Nazi organizations in the 1920s. He was Professor in Heidelberg, until 1932, when he was fired by the Nazis, fled to France, and was active in the French Resistance movement and the Lutetia-circle. He taught as a Professor at the New School for Social Research  from 1940-1945, then became  Columbia University Professor from 1950 on. He wrote pathbreaking publications on Extreme value theory which was later applied to the study of financial and climate disasters. He is a very well known scholar among contemporary researchers for his outstanding work on extreme events. He very much deserves to be honored by the Lutetia-Project.

 

  • Yves Potel, Historiker, Schriftsteller, Publizist, Professor Universität Paris VIII

 

  • Gilbert Merlio, Autor des Buches  Les résistances allemandes à Hitler. Paris: Tallandier Éditions 2003, in dem auch „der Versuch einer deutschen Volksfront“ thematisiert wird.

Es hat mich auch außerordentlich gefreut, dass mehrere unserer Pariser Freunde bzw. Freundinnen, deren persönliche oder familiäre Geschichte eng mit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, dem Rassismus und dem Widerstand verwoben ist, die Initiative unterstützt haben:

  • Sonia Branca-Rosoff, emeritierte Professorin der Universität Sorbonne Nouvelle- Paris 3. Tochter einer Widerstandskämpferin, die nach Ravensbrück deportiert wurde und zu den Überlebenden der Konzentrationslager gehörte, die nach der Befreiung im Hotel Lutetia aufgenommen wurden. „Votre initiative me paraît très bien venue car il ne faudrait pas qu’à après le déni de l’exterminiation des Juifs, on ocullte par une dénégation inverse la place des résistants dans l’histoire du nazisme et en particulier la place des résistants allemands.Je suis d’autant plus sensible à votre projet que ma mère (juive non pratiquante, Russe d’origine) était entrée dans la Résistance. Déportée à Ravensbrück, comm résistante (et non comme juive, ce qui lui a permis de survivre), elle nous a toujours dit qu’elle avait combattu le nazisme et non le peuple allemand et rappelé que les communistes allemands avaient été les premiers à s’opposer aux exactions des nazis et à connaître les arrestations et la prison. Je vous souhaite donc de réussir dans votre projet d’une plaque commémorative célébrant le clairvoyance du Cercle Lutétia.“ (Lettre du 2 juni)  Sonia Branca-Rosoff ist Mitglied „meines“ Pariser Chors Lacryma Voce und Autorin eines sehr lesenswerten Blogs     (https://passagedutemps.wordpress.com/author/soniabrancarosoff/), was uns beide verbindet.

 

  • Rémi Dreyfus, nahm als Angehöriger der SAS (Special Air Service der Royal Air Force) an der alliierten Landung in der Normandie am 6. Juni 1944 teil (Siehe dazu: https://paris-blog.org/2019/06/07/6-juni-1944-aus-feinden-werden-freunde/)         Ayant participé en France à la résistance à l’occupant nazi, je connais les difficultés et les dangers courus par ceux qui ont eu le courage de s’opposer. Si un de leurs rencontre était le lieux de Lutetia, on ne peut que souhaiter qu’hommage leur soit rendu en ce lieu. Rémi Dreyfus, inzwischen 100 Jahre alt, hat in den Jahren unseres Pariser Aufenthalts mehrere Schülergruppen bei sich empfangen, ihnen von seinen Erfahrungen im Krieg berichtet und mit ihnen diskutiert: Das waren bewegende Generationen-übergreifende deutsch-französische Begegnungen.

 

  • Francoise Tillard  (http://www.paroleetmusique.net/francoise-tillard-cv-anglais/) Tochter des Journalisten und Schriftstellers Paul Tillard (Bücher über le rafle du vel d’Hiv und Mauthausen). Sie ist  Dozentin für Musik, Spezialistin des deutschen Liedes des 19. Jahrhunderts, Gründerin des Klaviertrios Fanny Hensel, der Schwester von Felix Mendelssohn- Bartholdy, über die sie die erste große Biographie geschrieben hat. (Die verkannte Schwester. Kindler 1994)                       Fille de résistant et déporté à Mauthausen et son commando Ebensee, j’ai toujours su par mon père que la résistance intérieure du camp avait été soutenue et approvisionnée en armes par des soldats allemands qui ont ainsi sauvé l’honneur de leur pays et le camp d’Ebensee de la destruction totale par les SS. Une plaque au Lutetia rappellera que les premiers résistants dans les camps étaient allemands et les englobera ainsi que les dignes soldats d’Ebensee dans le souvenir et le respect qui leur sont dus.

 

  • Marie-Christine Schmitt, (professeure agrégée d’allemand), ehemalige Deutschlehrerin an einem Pariser Gymnasium und in einer classe préparatoire. Sie engagierte sich besonders in deutsch-französischen Austauschprogrammen für Schüler und Lehrer, wobei wir uns kennengelernt haben.  Ihr Vater geriet 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft und war in einem Lager (Stalag) an der deutsch-dänischen Grenze untergebracht. Im Winter 1942/1943 gelang ihm eine abenteuerliche Flucht aus dem Lager quer durch Deutschland und das besetzte Frankreich bis in seine Heimat, die Corrèze, wo er ein führendes Mitglied der Résistance wurde. Unterstützt wurde er bei der Flucht durch einen deutschen Hitlergegner, einen Schneider, der ihn mit Kleidung und Geldmitteln versorgte: Die wunderbare Geschichte eines gemeinsamen deutsch-französischen Widerstands. Dazu im Einzelnen: https://paris-blog.org/2016/09/09/die-correze-teil-1-besatzung-und-widerstand-occupation-et-resistance/

 

Auch diese so breite und intensive Unterstützung für die vorgeschlagene Erinnerungstafel, die dabei vorgetragenen vielfältigen Argumente  und die manchmal sehr bewegenden biographischen Bezüge konnten die Verantwortlichen des Hotels Lutetia nicht zu einer positiven Reaktion bewegen. Das bedauere ich sehr. Ich sehe aber in der Zusammenstellung der befürwortenden Stellungnahmen eine wunderbare Würdigung des Lutetia-Kreises und ein eindrückliches Dokument deutsch-französischer Freundschaft. 

 

PS. Juni 2020: Nachruf auf eine verpasste Chance

Im Nachrichtenbrief der Gesellschaft für Exilforschung  vom Juni 2020 hat Ursula Langkau-Alex einen „Nachruf auf eine verpasste Chance“ über das gescheiterte Lutetia- Projekt veröffentlicht. Frau Langkau-Alex ist Autorin des  Standardwerks über die deutsche Volksfront und gehört zu den Unterstützern des Gedenktafel-Projekts.

http://www.exilforschung.de/_dateien/neuer-nachrichtenbrief/NNB55.pdf  (S. 4-7)

In dem Beitrag werden die Bemühungen zur Gründung einer deutschen Volksfront gewürdigt,  und es wird herausgestellt, wie bedauerlich es gerade in einer Phase zunehmenden Rassismus und Antisemitismus ist, dass die Anbringung der vorgeschlagenen Gedenktafel von den Verantwortlichen des Hotels abgelehnt wurde.

Zum Hotel Lutetia siehe auch:

https://paris-blog.org/2019/01/01/das-hotel-lutetia-1-ein-bauwerk-zwischen-art-nouveau-und-art-deco-im-neuen-glanz/

https://paris-blog.org/2019/03/01/das-hotel-lutetia-2-geschichten-und-geschichte/

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux