Exil in Frankreich: Sanary, Les Milles und Marseille

Sanary-sur- Mer an der malerischen  Côte d’Azur, Les Milles bei Aix-en-Provence und Marseille waren in den 1930-er und 40-er  Jahren Schicksalsorte für viele Deutsche, die aus politischen und/oder sogenannten rassischen  Gründen Deutschland verlassen wollten bzw. meistens verlassen mussten.

  • In Sanary-sur-Mer zwischen Marseille und Toulon entstand  seit 1933  eine Kolonie exilierter Künstler aus Deutschland und Österreich.
  • In der ehemaligen Ziegelei von Les Milles bei Aix-en-Provence wurden ab September 1939 viele der nach Frankreich geflüchteten Antifaschisten, darunter auch Bewohner der „Künstlerkolonie“ von Sanary, interniert.
  • Marseille war vor allem nach der Besetzung Südfrankreichs durch deutsche Truppen ein wichtiger Transitplatz von Flüchtlingen aus dem von Nazideutschland besetzten Europa.

Es sind drei Erinnerungsorte also, die eng verbunden sind mit dem Schicksal deutscher und europäischer Emigranten und mit der Collaboration des Vichy-Regimes. Wir haben diese Orte 2013 bei einer Reise nach Südfrankreich besucht. Damals erinnerte Marseille als Kulturhauptstadt Europas auch an  diese Phase seiner Geschichte. Und zusätzliche Anregungen für diesen  Bericht erhielten wir durch eine gleichzeitige Ausstellung im Maison-Heinrich-Heine in der Cité Universitaire de Paris über Mexiko als letzten Zufluchtsort des deutschen Exils.

(ursprünglich 28. Bericht aus Paris vom August 2013/  überarbeitet  April 2016)

Sanary -sur -Mer: „Das flüchtige Paradies“

Der Journalist und Schriftsteller Ludwig Marcuse hat in seinen Lebenserinnerungen das Sanary der 1930-er Jahre die „Hauptstadt der deutschen Literatur“ genannt. Dass der kleine Fischerhafen zwischen Marseille und Toulon so bezeichnet werden konnte, ohne dass sich der Autor der Lächerlichkeit preisgab, mag zunächst erstaunen. Aber wenn man die Namensliste auf der Plakette am Office de Tourisme ansieht, erkennt man doch schnell, dass Marcuses Formulierung keinesfalls aus der Luft gegriffen war – und sie wird dort ja auch gerne aufgegriffen:

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Ernst Bloch, Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Walter Hasenclever, Franz und Helen Hessel, Alfred Kerr, Annette Kolb, die Familie Mann mit Heinrich, Thomas, Katia, Klaus, Erika und Golo, Erich Maria Remarque, Joseph Roth, Ernst Toller, Franz Werfel, Arnold und Stefan Zweig: Sie und viele andere haben sich in den 30-er Jahren auf der Flucht vor nationalsozialistischer Verfolgung oder Gleichschaltung  kürzer oder länger in Sanary eingefunden.

 

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Warum gerade Sanary? Das verträumte Fischerdorf hatte schon vor 1933 eine große Anziehungskraft auf Künstler ausgeübt. Aldous Huxley beispielsweise ließ sich 1930 in Sanary nieder und schrieb hier seine „Brave new world“. Andere folgten ihm, und so hatte Sanary schon 1933, als jüdische und regimekritische Intellektuelle das Dritte Reich verließen, einen Ruf als Künstlerkolonie.  Klaus und Erika Mann schrieben bereits 1931 in ihrem gemeinsamen  „Buch von der Riviera“ über Sanary:

Sanary scheint zunächst durchaus das freundliche und intime Hafenstädtchen, wie es deren viele an der Riviera gibt… In Wahrheit hat es aber seine eigene Bewandtnis mit Sanary, denn seit einigen Jahren ist es die erklärte Sommerfrische des Café du Dôme  (des Künstlercafés von Montparnasse- Wolf), der sommerliche Treffpunkt der pariserisch-berlinisch-schwabingerischen Malerwelt, der angelsächsischen Boheme.“ (zit.von Manfred Flügge in seinem Buch „Das flüchtige Paradies“ Berlin 2008)

Angezogen wurden sie alle vom Zauber der Landschaft und dem Reiz des milden Mittelmeerklimas. Ludwig Marcuse schreibt dazu in seinen Erinnerungen:

„Der Winter war kurz und leicht- mit Rosen, weißem Thymian, frühen Mimosen und Nelken. Es war gar kein Winter, wenn man aus dem Norden kam. Im Januar wurde es schon wieder Frühling. Wir wanderten ins Land hinein; die Narzissen-Felder betäubten uns so schmeichelnd, dass ich noch in den trübsten Stunden zum Leben verführt wurde. Die Kirschbäume blühten üppiger als im Kleinen Tannenwald bei Homburg.[1] … Am verliebtesten war ich in die adoptierte Heimat, wenn ich zur Zeit des ausgehenden Tages vor dem Café de la Marine saß oder nebenan bei der Witwe Schwob. … Über den Pinienwald des Vorgebirges…  glitt das große gelbe Licht und entwarf auf dem stillen Wasser eine seiner unvergesslichen Malereien. … Der winzige Hafen, eingerahmt von einer niedrigen Mole, war gefüllt mit leise schauernden Fischerbarken, die Masten taumelten sanft und schlaftrunken. … In solchen Stunden war’s, dass ich Deutschland selig vergaß.“ (S.181/182)

Marcuse macht in seinen Erinnerungen die Gespaltenheit der Existenz vieler Emigranten deutlich: Einerseits seien sie im Land, „in dem sich Gott einst am wohlsten fühlte“, andererseits war ihr Gemüt schwer. „Wir wohnten im Paradies –notgedrungen.“  Und nicht alle der Emigranten konnten sich bei ihrer Ankunft in Sanary  zunächst im recht noblen Hotel de la Tour am Hafen einquartieren, um sich dann in Ruhe nach einer angemessenen Unterkunft umzusehen. Viele befanden sich ja bedingt durch das Exil und das Publikationsverbot in Deutschland in finanziellen Schwierigkeiten. Für Thomas Mann galt das  nicht – er hatte in der Schweiz ein beträchtliches Vermögen und er gehörte nicht zu den Schriftstellern, denen von den Nazis gleich nach der sog. Machtergreifung die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen wurde und deren Bücher am 10. Mai verbrannt wurden. Den Aufenthalt in Sanary im Sommer 1933 nutzte er, um sich darüber im Klaren zu werden, was die Herrschaft der Nationalsozialisten für ihn und  Deutschland bedeutet. Am 31. Juli 1933 schrieb er an Hermann Hesse:

„Ich habe meinen Kampf durchgekämpft. Es kommen freilich immer noch Augenblicke, in denen ich mich frage: Warum eigentlich? –es können in Deutschland doch andere leben, Hauptmann etwa, die Huch, Carossa. Aber die Anfechtung geht rasch vorüber. Es ginge nicht, ich würde verkommen und ersticken. … Ein furchtbarer Bürgerkrieg scheint mir unvermeidlich und ‚ich begehre‘, wie unsere Mathias Claudius sagt, ‚nicht schuld zu sein‘ an all dem, was geschehen ist, geschieht und geschehen wird.“

 Zu dieser eindeutigen Positionierung hat sicherlich auch der enge Kontakt „mit den hiesigen Siedlern“, den Emigranten von Sanary, beigetragen. Dort wohnte er in La Tranquille, einer über dem Meer gelegenen Villa, die der Schwiegermutter des deutschen Botschafters in Kairo gehörte- so dass auch auf diese Weise noch eine ganz spezifische Verbindung zu Deutschland existierte.

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Thomas Manns Frau Katja organisierte während dieser Zeit Autorenlesungen, bei denen zum Beispiel Lion Feuchtwanger und René Schickele, die ebenfalls in Sanary wohnten, oder Heinrich Mann, der öfters aus Nizza kam, ihre neuesten Werke vorstellten. 1944 rissen deutsche Truppen  –trotz der deutschen Besitzer-  das Haus ab, um Platz für Flugabwehrgeschütze zu schaffen. Nach dem Krieg wurde es aber im ursprünglichen Stil wieder aufgebaut. Die Villa La Tranquille ist Teil eines Parcours, den die Stadt Sanary 2003 aus Anlass des dort gefeierten 40. Jahrestages der Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerks eingerichtet hat:  „Auf den Spuren der Deutschen und Österreicher  im Exil in Sanary, 1933 – 1945“. Dazu gibt es im Tourismus-Büro ein kleines Faltblatt- und wenn man sich als besonders interessiert zu erkennen gibt, wird man auf eine kleine, sehr informative Publikation zu diesem Thema hingewiesen, die man für 3€ erwerben kann. Mit ihrer Hilfe kann man einen schönen Spaziergang quer durch die deutsche Literatur-und Geistesgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts organisieren.

In unmittelbarer Nachbarschaft zu Thomas Mann lebte –wie vorher schon in München- der Schriftsteller Bruno Frank- sogar noch etwas nobler mit wunderbarem Blick auf das Meer.

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Bruno Frank gründete am 10. Mai 1934 mit Heinrich Mann, Romain Rolland und anderen Intellektuellen die Deutsche Freiheitsbibliothek in Paris für die in Deutschland verbotenen und verbrannten Bücher  und engagierte sich später  im Emergency Rescue Committee, das vielen Intellektuellen die Ausreise nach Amerika ermöglichte (s.u.): Die „Sommerfrische“ im idyllischen Sanary ließ keinenfalls vergessen, warum man Deutschland verlassen hatte und dass auch das „Paradies“, in dem man sich jetzt befand, „flüchtig“ war.

Erste „Anlaufstelle“ für Neuankömmlinge war das um einen alten Turm herumgebaute Hotel de la Tour am Hafen. das immer noch existiert und offenbar ein überregionaler kulinarischer Anziehungspunkt ist.

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Hier haben unter anderem  Erika und Klaus Mann gewohnt. Es ist ein guter Ausgangs- und Endpunkt für einen Rundgang auf den Spuren des deutschsprachigen Exils.

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Eine architektonisch besonders auffällige Etappe auf dem Exil-Parcours ist die ebenfalls über dem Meer gelegene Villa Le Moulin Gris, in der Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel von 1938 bis 1940 wohnten – im selben Chemin de la Colline, in dem ein Stück weiter auch die Familie Mann 1933 gewohnt hatte und Bruno Frank noch wohnte.

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Entgegen des Namens war das Haus ein ehemaliger Wachturm, in dessen Spitze sich Werfel ein mit 12 Fenstern versehenes Arbeitszimmer mit Rundblick über ganz Sanary und die Küste einrichtete. Einen –allerdings rechteckigen- Turm (La Tourelle carrée) weist auch der nicht weit davon entfernte, in einer ruhigen Sackgasse gelegene Mas de la Carreirado auf, in dem Franz und Helen Hessel, die Eltern Stéphane Hessels, wohnten -nachdem sie in Sanary zunächst von Aldous Huxley aufgenommen worden waren. In der Tourelle carrée richtete sich Franz Hessel ein Arbeitszimmer ein. Für ihn, den literarischen Flaneur, der Paris kannte und liebte, der Balzac und  Proust übersetzt hatte, war Frankreich nicht eigentlich ein Exil – jedenfalls bis zu seiner Internierung im Lager von Les Milles. Immerhin hatte er das große Glück, dank des Eingreifens seines Sohnes Stéphane, inzwischen französischer Offizier, aus dem Lager entlassen zu werden und in das Haus in Sanary zurückkehren zu können. Dort starb er am 6. Januar 1941 und wurde auf dem Alten Friedhof in Sanary beigesetzt. Hans Siemsen, einer der „Siedler“ des Ortes hielt eine kurze Ansprache: „Unser lieber Hessel hatte viele Freunde. Dieser kleine Friedhof könnte sie nicht fassen, wenn sie alle hier wären.“ (cit. Flügge, 224) Aber natürlich konnten nur ganz wenige, die noch in Sanary verblieben waren, dort sein. Die anderen saßen in deutschen oder französischen Lagern, waren von den Nazis ermordet, hatten sich aus Angst vor ihnen das Leben genommen, warteten in Marseille auf die Möglichkeit zur Flucht, waren schon in die USA, nach Mexiko oder wohin auch immer entkommen…  Auf dem alten Friedhof von Sanary haben wir das  Grab von Franz Hessel vergeblich gesucht. Der Friedhofswächter, den wir ansprachen, erklärte uns, Hessels Grab sei nach dem Krieg nach Deutschland transferiert worden. Warum? Wohin genau? Näheres wusste er auch nicht, und in den hektographierten Blättern mit der Biographie Hessels (Überschrift: Jules, sans Jim), die er uns aus seinem Wärterhäuschen brachte, war lediglich vermerkt: „après la guerre son tombe disparaîtra“.  Stéphane Hessel kann man nun leider nicht mehr fragen, er hätte dazu bestimmt Näheres sagen können und wollen. Anlässlich der französischen Neuauflage der „Promenades dans Berlin“ von Franz Hessel 2012, zu der er das Vorwort geschrieben hat,  erinnerte er sich mit großer Zuneigung an seinen bisher eher im Schatten der geliebten Mutter stehenden Vater  und würdigte dessen  Werk als Autor und Übersetzer.

Helen, die Frau von Franz Hessel und die Mutter von Stéphane, entging übrigens dem Schicksal der Internierung:  „Nackt unter ihren Laken liegend“  leistete sie, wie Hessel in seinen Erinnerungen „Tanz mit dem Jahrhundert“ berichtet, dem „unglücklichen Polizisten“, der sie  abholen sollte, „mit den  Waffen  einer Frau“ Widerstand: „Nehmen Sie mich mit, wenn Sie den Mut dazu haben.“ Er hatte ihn nicht, wie Hessel lakonisch anmerkt. Und später verhinderte ein ärztliches Attest eine sonst dann wohl doch unvermeidliche Internierung.

Lion Feuchtwanger hat seine Zeit im südfranzösischen Exil geradezu hymnisch so beschrieben, und drückte damit das aus, was wohl die meisten der dort im „flüchtigen Paradies“ lebenden Schriftsteller, Maler und Intellektuellen empfanden:

Ich habe während der sieben Jahre meines Aufenthalts an der französischen Küste des Mittelmeers die Schönheit der Landschaft und die Heiterkeit des Lebens dort mit allen Sinnen genossen. Wenn ich etwa, von Paris mit dem Nachtzug zurückkommend, des Morgens das blaue Ufer wiedersah, die Berge, das Meer, die Pinien und Ölbäume, wie sie die Hänge hinaufkletterten, wenn ich die aufgeschlossene Behaglichkeit der Mittelmeermenschen wieder um mich fühlte, dann atmete ich tief auf und freute mich, dass ich mir diesen Himmel gewählt hatte, unter ihm zu leben. Und wenn ich dann den kleinen Hügel hinauffuhr zu meinem weißen, besonnten Haus, wenn ich meinen Garten wiedersah in seiner tiefen Ruhe und mein großes, helles Arbeitszimmer und das Meer davor und den launischen Umriss seiner Küste und seiner Inseln und die endlose Weite dahinter und wenn ich meine lieben Bücher wieder hatte, dann spürte ich mit all meinem Wesen: hier gehörst du hin, das ist deine Welt. Oder wenn ich etwas den Tag über gut gearbeitet hatte und mich nun in der Stille meines abendlichen  Gartens erging, in welcher nichts war als das Auf und Ab des Meeres und vielleicht ein kleiner Vogelschrei, dann war ich ausgefüllt von Einverstandensein, von Glück.“

(Sehr informativ zu Sanary als Zentrum des deutschen Exils ein französischer „Blog pédagogique pour les germanistes“ : http://exilsanaryen.over-blog.com/

 

Les Milles, „Der Teufel in Frankreich“

Dieses Glück nahm aber ein jähes Ende mit dem Beginn des zweiten Weltkrieges. Denn jetzt wurden alle „feindlichen Ausländer“ – und damit waren alle aus dem Deutschen Reich stammenden Ausländer gemeint-  interniert. Einige wie Lion Feuchtwanger hatten zwar einflussreiche Fürsprecher, so dass sie nach wenigen Tagen wieder entlassen wurden, aber mit dem Angriff der Wehrmacht auf Frankreich im Mai 1940 gab es auch für ihn kein Pardon. Der Bürgermeister von Sanary wies am 17. Mai 1940 höchstpersönlich in einer Eingabe an den Präfekten von Var auf die „inconvénients“ hin, die die Anwesenheit von „sujets allemands“ in der Nähe des Kriegshafens Toulon haben könne – eine Anspielung auf eine mögliche 5. Kolonne unter deutschen Bewohnern seines Ortes- und er forderte vom Präfekten  die „Entfernung aller feindlicher Subjekte aus meiner Gemeinde“,  um möglichen antideutschen Unruhen vorzubeugen. Ob es wirklich, wie der Bürgermeister behauptet, „Zwischenfälle“ gab „zwischen der Bevölkerung und den feindlichen Subjekten“, erscheint mir eher zweifelhaft. Bedrückend ist aber, dass selbst der Bürgermeister unterschiedslos von „sujets allemands“ spricht. Dabei musste er doch wissen, dass es sich bei den meisten deutschen und österreichischen Bewohnern seines Ortes um ausgewiesene Antifaschisten handelte,  die er nun –auch wenn sie zum Teil schon seit sechs Jahren in Sanary lebten und nicht unerheblich zum Ruf und zum wirtschaftlichen Aufschwung des Ortes beigetragen hatten, nicht zur Bevölkerung rechnete. Jedenfalls wurde  dieser Aufforderung  umgehend entsprochen: Die örtliche Presse verbreitete, dass die „ressortissants allemands“ sich binnen 48 Stunden auf eigene Kosten in das Camp des Milles zu begeben hätten, und es wurde sogar zur Denunziation aufgefordert, damit auch niemand übersehen würde: Lieber einer zu viel als einer zu wenig.[2] Eine Unterscheidung zwischen Nazis und ausgewiesenen Hitlergegnern wurde also –anders als in England- jetzt und auch später im Lager nicht gemacht. Den immer wieder versprochenen und erwarteten „Tri“ gab es nie. Und hier handelte es sich nicht um einen Akt der Kollaboration des Vichy-Regimes, sondern all das geschah noch unter einer Regierung der 3. Republik, die Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit auf ihre Fahnen geschrieben hatte und sich als Wiege und Hort der Menschenrechte betrachtete! Proteste und Widerstand der französischen Bevölkerung gegen die Internierung ihrer ausländischen Mitbürger scheint es übrigens nicht gegeben zu haben. Feuchtwanger berichtet jedenfalls davon –und das ist vielleicht ein bezeichnendes Beispiel- , dass das Dienstmädchen der Familie, das ihm die Nachricht der bevorstehenden Internierung überbrachte, neben aufrichtigem Bedauern auch „ein klein bisschen Schadenfreude“ zeigte, „dass nun auch ich, der ‚Patron‘, der ‚Herr‘, die Bitternisse des Krieges zu spüren bekäme und sogar schlimmer als sie selber.“

Weil für die französischen Behörden also jeder Deutsche automatisch ein „boche“ war, wurden in Les Milles –wie auch in den zahlreichen anderen Internierungslagern dieser Zeit- Menschen eingesperrt, die sich ein solches Schicksal nie hätten alp-träumen lassen: Saarländer, „die sich während der Abstimmung, ob das Saarland deutsch oder französisch werden solle, durch Agitation für Frankreich kompromittiert hatten“ und denen deshalb nichts anderes übriggeblieben war, als sich vor der Rache der Nazis nach Frankreich zu flüchten; Antifaschisten, die nach den KZs  Dachau und Buchenwald nun ein französisches Lager kennen lernen mussten; andere, die mit Empfehlungsschreiben französischer Konsulate versehen waren, um auf französischer Seite gegen die Nazis zu kämpfen, die aber –so zum Beispiel Golo Mann- an der Grenze verhaftet und umgehend nach Les Milles verbracht wurden; ehemalige Fremdenlegionäre, die zum Teil „zwanzig und dreißig Jahre für Frankreich Militärdienst getan hatten“, fast alle mit militärischen Auszeichnungen versehen, denen Frankreich die dem Land geleisteten Dienste nun so vergalt–was selbst die Wachsoldaten erbitterte. Immerhin besaßen sie einen eigenen Bereich in den Katakomben des Lagers.

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Und es gehörten zu den ressortissants allemands Schriftsteller und Intellektuelle wie Lion Feuchtwanger, Franz Hessel,  Ernst Kantorowicz, Golo Mann und Walter Hasenclever, Rechtsanwälte und Mediziner –darunter die Nobelpreisträger Otto Meyerhof und Wilhelm Reichstein;  Maler wie Max Ernst und Hans Bellmer: Menschen also, die man gefeiert hatte, als sie das Dritte Reich verlassen und nach Frankreich gekommen waren. „Die Zeitungen hatten“, wie Lion Feuchtwanger in seinen Erinnerungen schreibt, „herzliche, respektvolle Begrüßungsartikel geschrieben, die Behörden hatten erklärt, es sei eine Ehre für Frankreich, uns gastlich aufzunehmen, der Präsident der Republik hatte mich empfangen. Jetzt also sperrte man uns ein.“

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Gründer der Ziegelei war ein christlich und sozial engagierter Unternehmer – was auch die Marien-Statue im Giebel des Hauptgebäudes erklärt.  1938 wurde die Fabrik stillgelegt, weil der aus Deutschland gelieferte Brennofen ausgefallen war, eine Ersatzteillieferung Probleme bereitete und sich angesichts der wirtschaftlichen Lage der Einbau eines neuen Brennofens nicht lohnte. Also stand die Fabrik leer und wurde 1939 zum Internierungslager umfunktioniert.

Allerdings war die Ziegelei für einen solchen Zweck denkbar ungeeignet.   Es gab keine Betten und Schlafräume, lediglich etwas Stroh, keine Sitzgelegenheiten, keine Tische, viel zu wenig Wasser für die vielen Internierten, von den katastrophalen sanitären Einrichtungen ganz zu schweigen. Und überall –selbst heute noch- Staub:

 „Verdickter, festgetretener Ziegelstaub machte den Boden uneben, zerbröckelnde, sich in Staub auflösende Ziegel lagen in Massen herum, Staub, Staub war überall…. Ziegelstaub füllte unsre gesundheitlich zu schädigen, warum dann sucht man sich für unsre Unterbringung eine dunkle, staubige Lungen, entzündete unsre Augen…. Wir fragten uns: warum, wenn man nicht die Absicht hat, uns Fabrik aus, in der es Waschwasser nur sehr wenig und trinkbares Wasser überhaupt nicht gibt? Die französischen Offiziere erwiderten auf solche Fragen: ‚Unsre Soldaten an der Front haben es auch nicht besser‘.“ (Lion Feuchtwanger)

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Die „Katakomben“- die ehem. Brennöfen                 Der „Schlafsaal

Während die beiden oberen Stockwerke der völlig überfüllten ehemalligen Fabrik als Schlafsaal dienten – im Juni 1940 waren dort 3500 Internierte zusammengepfercht-  boten die ehemaligen Öfen im Erdgeschoss im Sommer Schutz vor der brennenden provenzalischen Sonne und wurden verwendet für literarische Salons, medizinische Consilien, Theater-,  Musik- und Kabarettdarbietungen. In einem der ehemaligen Brennöfen waren dafür aus Ziegeln Sitzplätze aufgebaut, über dem Eingang eines anderen kann man noch heute die Inschrift „Die Katakombe“ erkennen – ein an diesem Ort besonders passender Name und gleichzeitig eine Erinnerung an das gleichnamige von den Nazis 1935 verbotene Berliner Kabarett: Alles Versuche, auch unter solch unsäglichen Bedingungen die Menschenwürde zu bewahren.

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Die Abend & Tages-Kasse                                    Der Zuschauerraum

In einer der Katakomben richteten sich die Maler Max Ernst und Hans Bellmer  gewissermaßen ein Atelier ein und versuchten, ihre künstlerische Arbeit fortzusetzen.

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Max Ernst:  Apatrides 1939             Hans Bellmer: Portrait Max Ernst

Dabei verarbeiteten sie auch die Erfahrungen ihrer Internierung in Les Milles, wie die beiden Bilder zeigen: Max Ernst zeigt zwei Apatrides, also Staatenlose. Viele der in Les Milles und anderen Internierungslager festgehaltenen Menschen waren staatenlos, weil sie von den Nazis ausgebürgert worden waren. Max Ernst gibt den beiden sich unterhaltenden Staatenlosen die Form von Feilen – Ausdruck der gerade für diese Menschen fast schon illusionären  Hoffnung, in die Freiheit entkommen zu können. Und Hans Bellmers Portrait von Max Ernst ist aus Ziegelsteinen zusammengesetzt…  Bellmer hatte schon in den 1930-er Jahren mit dem Motiv der Ziegelsteine gearbeitet, aber seit seiner Einlieferung in das Lager von Les Milles  1940 wurde es bei ihm geradezu obsessiv:

„Bellmer’s drawings performed a kind of exorcism, delivering him from the oppressive presence of this menacing decor. His portrait von Max Ernst, with his face composed entirely of bricks, was in fact an ironic reminiscence of their shared experience,”

wie die Kunsthistorikerin Saran Alexandrian in einer Monographie über Max Ernst schrieb.

Wie schlimm die Internierung gewesen ist, zeigt eine Karte, die Max Ernst aus dem Lager Les Milles an seine Pariser Galeristin Jeanne Bucher schrieb. Auf ihr steht nichts außer dem Notruf SOS…

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In den Katakomben sind noch Graffiti von Internierten erhalten- es sind vor allem Botschaften der Sehnsucht nach Freiheit-  wie beispielsweise das durchbohrte Herz oder die Glockenblumen eines polnischen Malers, mit denen zahlreiche Säulen in den Katakomben geschmückt sind. Die Glocken  sind nach den Erläuterungen unseres Führers Ausdruck der Sehnsucht nach Frieden und Freiheit.

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Und dann gibt es noch die von Gefangenen ausgeführten Wandmalereien im Speisesaal des Wachpersonals.

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Alle Bilder dort haben einen Zusammenhang mit dem Essen- aber eine politische Botschaft ist auch erkennbar wie im Bild von den Sardinen. Die verlassen nämlich die Büchse, in der sie zusammengepfercht sind (links), dann besteigen sie ein großes Schinken-Schiff (rechts), das sie in das gelobte Land bringt, in dem zwar nicht Milch und Honig fließen, aber dafür die leckere, exotische Ananas wächst (Mitte).

Im August und September 1942 diente das Lager als Sammelpunkt für die Deportation von staatenlosen und ausländischen Juden aus der sogenannten „freien Zone“ Frankreichs (unter der Verwaltung von Vichy)  in die Vernichtungslager –oft mit Zwischenstation in Drancy.  Daran erinnert der Bahnwagon, der auf den Gleisen vor dem Lager steht – den gleichen Typ kennen wir schon von Drancy.  Er erinnert aber auch an die Geisterfahrt der Internierten nach Bayonne und zurück, über die Lion Feuchtwanger in seinen Erinnerungen berichtet…  Als die deutsche Wehrmacht Frankreich überrannte, fürchteten die internierten Antifaschisten, den Nazis in die Hände zu fallen. Sie konnten den Lagerkommandanten davon überzeugen, dass das ihr sicherer Tod sein werde, und ihm gelang es schließlich  im allgemeinen Chaos dieser Zeit einen Zug zu organisieren, der die gefährdeten Nazi-Gegner in vermeintlich sicherere Gefilde im Südwesten Frankreichs bringen sollte.

„Es war ein langer Zug: Wie lang merkte ich, als ich mein Gepäck alle die Wagen entlangschleppte. Da waren zunächst Personenwagen, einige wenige, uralte, ausrangierte. Dann kamen Frachtwagen, einer und noch einer und ein zehnter, ein zwanzigster, ein ich weiß nicht wievielter. Sie trugen die Aufschrift: ‚Acht Pferde oder vierzig Mann‘. Sie sahen ungeheuer ramponiert aus. Aber trotzdem war es ein Zug, er stand auf den Schienen, die Schienen führten weiter, führten fort aus dem Bereich der Nazi-Truppen, führten in die Sicherheit.“ (Lion Feuchtwanger)  

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 Der Schriftsteller Walter Hasenclever hat nicht mehr an seine Rettung geglaubt: In der Nacht vor Abfahrt des Zuges nahm er sich aus Angst vor dem Vorrücken der deutschen Truppen im Lager Les Milles das Leben. Doch dann fuhr der mit etwa 2000 Internierten besetzte –und natürlich völlig überfüllte- Zug los, eine Geisterfahrt – weil die deutsche Wehrmacht nicht wie erwartet die Rhone entlang in den Süden vorgestoßen war, sondern gerade in den Südwesten, der als sicheres Ziel galt. Also kehrte der Zug wieder um und endete nach einer mehrtätigen Irrfahrt durch Südfrankreich schließlich in einem Zeltlager bei Nîmes, das als neues Internierungslager eingerichtet wurde.

Nach dem Krieg wurde die Ziegelei von der Firma Lafarge wieder in Betrieb genommen –die Firma übrigens, die vor einigen Jahren in Oberursel den Dachziegelhersteller Braas übernommen hat. Nach der erneuten Stilllegung der Fabrik war geplant, das Wachgebäude mit den Wandmalereien –„Salle des peintures murales“ genannt- abzureißen. Dies  war der Beginn eines dreißigjährigen Kampfes von 1982 bis 2012 „gegen das Vergessen und die Unwissenheit“, wie es in der Broschüre der Erinnerungsstätte heißt. Die wurde erst im September 2012 in Anwesenheit des damaligen Premierministers Ayrault eröffnet als „das einzige große französische Internierungs- und Deportationslager, das noch intakt und für die Öffentlichkeit zugänglich ist“.

 

Bei unserer Reise nach Südfrankreich im Sommer 2013 sprachen  wir mit den Vermietern unserer Ferienwohnung in Cassis –einem Arztehepaar-  auch über unseren Besuch des Lagers, und sie erzählten uns, bis vor kurzem weder etwas von dessen Existenz noch von der Internierung deutscher Antifaschisten unter der Dritten Republik gewusst zu haben. Gerade in der vorigen Woche habe aber die Tochter einen Klassenausflug dorthin gemacht, sodass sie auf diese Weise etwas von diesem Kapitel französischer Geschichte erfahren hätten. Die Erinnerungsstätte Les Milles hat also in der Tat eine wichtige Bildungsaufgabe „gegen das Vergessen und die Unwissenheit“, und wir fanden, dass sie diese Aufgabe ganz hervorragend erfüllen kann –aufgrund der beeindruckenden Spuren der Vergangenheit und -nach der Konzeption des Erinnerungsortes und dem Engagement unseres Führers zu urteilen. Ein besonders wichtiger Bestandteil der Konzeption ist der „volet réflexif“, der Versuch also, die Besucher zum Nachdenken anzuregen über die kollektiven und individuellen Mechanismen, die in der Vergangenheit zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit geführt haben und in Zukunft führen können, aber auch über diejenigen, die von der Gleichgültigkeit und dem Geschehen-Lassen zum Widerstand führen. In diesem Zusammenhang steht auch das nachfolgend abgebildete und als Postkarte erhältliche Plakat:

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Abgebildet sind Angestellte und Arbeiter der Werft Blohm und Voss anlässlich des Stapellaufs des Schulschiffs „Horst Wessel“ am 13. Juni 1936 in Anwesenheit Adolf Hitlers. Alle haben die rechte Hand zum „Hitlergruß“ erhoben, außer einem: dem eingerahmten Arbeiter August Landmesser: Jeder kann reagieren, jeder kann Widerstand leisten, jeder auf seine Weise.

 

Marseille : Transit

Ein dritter für die Exilierten bedeutsamer, ja lebenswichtiger Ort war seit 1939 Marseille. Denn nach der Niederlage Frankreichs war Marseille der einzige große Hafen  in der –zunächst noch- unbesetzten „Zone libre“. Marseille war oft die „letzte Hoffnung der Versprengten, Gehetzten, Verfolgten aus ganz Europa. Tausende kämpfen verzweifelt um Schiffspassagen, Visa und Transit.“ (Waschzettel der rororo-Taschenbuchausgabe von 1966)  Es diente also als Zufluchtsort, vor allem aber als Anlaufpunkt für die Emigranten, die versuchten, von hier aus ins rettende Ausland zu gelangen.

Wie dramatisch und teilweise sogar tragisch dies war, beschreibt Anna Seghers in einzigartiger Weise in ihrem Roman „Transit“:

Da ist der Erzähler: Nach seiner Flucht aus  einem deutschen KZ wird er in Frankreich in ein Arbeitslager gesteckt,  aus dem er –beim Einmarsch der Deutschen- erneut flüchtet. Er gelangt schließlich nach Marseille und kämpft monatelang um die notwendigen Papiere und Formalitäten für die Ausreise: Visum, Transitvisum, Schiffspassage, Flüchtlingsschein, Ausreisegenehmigung…  Französische Freunde eröffnen ihm aber eine Perspektive,  in Frankreich zu bleiben…

Da ist der Schriftsteller Weidel, der sich aus Verzweiflung in Marseille das Leben nimmt und dessen Identität und Papiere der Erzähler übernimmt.

Da ist Heinz, „der von den Nazis halbtot geschlagen worden war im Jahre 1935, der … nach Paris geflohen war, nur um nach Spanien zu den Internationalen zu kommen, wo er dann sein Bein verlor, und einbeinig war er weitergeschleppt worden durch alle Konzentrationslager Frankreichs…“, dem aber schließlich die Ausreise gelingt. (S.13)

Da ist der Arzt. Er hat ein Angebot, in einem mexikanischen Krankenhaus seinen geliebten Beruf weiter auszuüben. Aber es ist „geradezu teuflisch schwer“, dorthin zu kommen (S. 57).  Schließlich hat er seinen Platz auf dem Schiff, aber es bleibt offen, ob es jemals an seinem Bestimmungsort ankommt.

Und da ist –neben vielen anderen mehr- der Jude aus Polen, der die Hölle des Wartens auf die erforderlichen Papiere nicht mehr erträgt und lieber wieder in seine Heimat zurück will, obwohl er weiß, dass ihn dort das Ghetto erwartet. Dass ihn noch weit Schlimmeres erwartet, weiß er nicht –bzw. weiß Anna Seghers noch nicht, als sie im Krieg –im mexikanischen Exil- den Roman schrieb.

 

Als Kulturhauptstadt Europas hatte Marseille 2013 einen zusammen mit dem Goethe-Institut produzierten Parcours  eingerichtet, der an die Zeit der Stadt als Ort der Zuflucht, des Transits, der Besatzung und des Widerstands erinnert. Unter der Überschrift: Ici-même 2013 sind  an insgesamt 51 Erinnerungsorten Pflastergraffitis mit kurzen Texten auf den Boden gesprüht, die darüber informieren, welche Bedeutung dieser Ort jeweils zwischen 1940 und 1944 hatte.

Aufmerksam gemacht wurde ich darauf durch einen Artikel in der FAZ. Im kulturhauptstadt-noblen Office de Tourisme von Marseille an der Canebière hatte man allerdings einige Schwierigkeiten, mir nähere Informationen zu dem Projekt zu geben. Immerhin erhielt ich nach einigem Suchen einen Flyer mit einer Karte und einem –allerdings sehr vagen- Verzeichnis der markierten Erinnerungsorte. Viele befinden sich rund um den alten Hafen, wie schon der FAZ-Artikel angekündigt hatte:

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„Nichts deutet darauf hin, dass sich genau hier, rund um den Hafen, einst zahllose Dramen der Emigration abspielten. Besser gesagt: fast nichts. Denn kaum einer der Flaneure bemerkt, dass sich vor dem Fischhändler auf dem Boden ein Zitat von Anna Seghers befindet: „Mütter, die ihre Kinder, Kinder, die ihre Mütter verloren hatten“, steht da in unscheinbaren französischen und hier übersetzten Lettern, „aus allen Ländern verjagte Menschenhaufen, die schließlich am Meer ankamen, wo sie sich auf die Schiffe warfen, um neue Länder zu entdecken, aus denen sie wieder verjagt wurden; alle auf der Flucht vor dem Tod, in den Tod.“ (FAZ 30.4.2013)

Leider haben wir dieses Zitat am Hafen nicht gefunden – manche haben auch schon von den vielen Menschen, die darüber laufen, an Farbe verloren und sind nur noch schwer erkennbar – andere sind eher versteckt angebracht. So der zwischen einem Metro-Eingang, abgestellten Motorrädern und Müllcontainern versteckte  Hinweis auf  das ehemalige Café Au Brûleurs de Loups am alten Hafen, wo sich während des zweiten Weltkriegs zahlreiche Flüchtlinge –Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle- getroffen haben.

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Die Hafencafés waren ja hier wie auch schon in Sanary ein zentraler Treffpunkt für die Exilierten und Umschlagplatz für Informationen und Gerüchte. In Anna Seghers „Transit“ sind die Cafés deshalb auch ein zentraler Schauplatz des Geschehens.  Und das Brûleurs de(s) Loups ist auch eines der Cafés, in denen der Erzähler von Anna Seghers  Roman oft sitzt und in denen Marie ihren Mann, den Schriftsteller Weidel, sucht.

„Ich trat danach in das nächste Café – was sollte ich auch sonst auch tun? Das Café hieß Brûleurs des Loups.  …  An meinem langen Tisch saß eine großfrisierte dicke Person. Sie fraß unzählige Austern. Sie fraß aus Kummer. Ihr Visum war ihr endgültig verweigert worden, deshalb verfraß sie ihr Reisegeld. Doch gab es kaum etwas anderes zu kaufen als Wein und Muscheln. – Der Nachmittag schritt vor. Die Konsulate wurden geschlossen. Jetzt überschwemmten die Transitäre, von Furcht gepeinigt, die Brûleurs des Loups … Ihr tolles Geschwätz erfüllte die Luft, das unsinnige Gemisch verwickelter Ratschläge und blanker Ratlosigkeit. Das dünne Licht der einzelnen Anlagestellen bestrich schon die dunkler werdende Fläche des Alten Hafens“. (Transit, S. 81)

 Und mehr noch als in Sanary spielten in dem Transit-Ort Marseille die Hotels eine wichtige Rolle, wo viele Exilierte unterkamen, während sie auf ein lebensrettendes Visum warteten. Und manche dienten auch unter dem Vichy-Regime als Internierungsort für unerwünschte Ausländer. So etwa das –heute jedenfalls und vermutlich wohl schon damals- ziemlich heruntergekommene Hafen-Hotel Terminus. Diejenigen, denen bis dahin die Ausreise bzw. Flucht nicht gelang, wurden im August 1942 nach Les Milles und von dort aus meist über Drancy in die Vernichtungslager deportiert– und zwar, worauf die Inschrift hinweist,  mit ihren Kindern. Und das geht, worauf die Inschrift nicht hinweist, auf eine ausdrückliche Initiative des Vichy-Regierungschefs Laval zurück.

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Die Aufschrift vor dem Hotel war nicht leicht zu finden, weil sie mit Tischen und Stühlen arg vollgestellt war. Ein ziemlich trostloser Anblick. Da weit und breit niemand zu sehen war, begann ich, die Inschrift für ein Foto etwas frei zu räumen. Darin wurde ich dann allerdings von einem plötzlich auftauchenden ziemlich giftigen und lautstarken Hotelangestellten unterbrochen, woran auch freundliche Erklärungsversuche meinerseits nichts ändern konnten. Offensichtlich möchte das Hotel nicht so gerne an diesen Abschnitt seiner Geschichte erinnert werden. Ein Foto konnte ich aber immerhin noch machen

Eine ganz wichtige Bedeutung hatten für die in Marseille zusammengeströmten Flüchtlinge die Hilfsorganisationen, die bei der Beschaffung von Visa, Schiffspassagen und Geld behilflich waren. In der Rue de la République,  im Zentrum der Stadt, gibt es den Hinweis, dass dort der Sitz mehrerer Hilfsorganisationen war, bevor sie 1941 von der Vichy-Regierung verboten wurden.

Die wohl bedeutendste und bekannteste dieser Organisationen war das Emergency Rescue Committee, das kurz nach der Besetzung Frankreichs in den USA gegründet worden war. Es sollte prominenten Regimegegnern, die nach Frankreich geflohen und nach dem Waffenstillstandsvertrag von Auslieferung bedroht waren, die Ausreise in die USA  ermöglichen. Der Sitz des ERC lag allerdings nicht in der Rue de la République, sondern in der von Andé Breton angemieteten, etwas außerhalb gelegenen Villa de Bel Air, von den auf ein Visum wartenden Künstlern –u.a. Max Ernst- umgetauft in „château espère-visas“.[3] Mit der Umsetzung der Rettung wurde der amerikanische Journalist Varian Fry betraut, der in Marseille ein Fluchthilfe-Netzwerk aufbaute. Da er schnell die Begrenztheit seiner offiziellen Möglichkeiten, andererseits aber  Dramatik, Dringlichkeit und immensen Bedarf an Hilfe erfuhr, nutzte er auch unkonventionelle, ja illegale Mittel wie z.B. die Fälschung von Pässen, so dass mit seiner Hilfe über 2000 Menschen gerettet werden konnten-  unter anderen Hannah Arendt, André Breton, Marc Chagall, Alfred Döblin, Max Ernst, Lion Feuchtwanger, Leonhard Frank, Heinrich und Golo Mann, Walter Mehring, Otto Meyerhof, Alfred Polgar,  Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel. Fluchtwege waren das Meer, meistens aber, da es zu wenig Schiffspassagen gab und/oder die erforderlichen Papiere fehlten,  versteckte, beschwerliche Fußpfade über die Pyrenäen nach Spanien und von dort aus über Lissabon in die USA.

Heinrich Mann berichtet in seiner Autobiographie „Ein Zeitalter wird besichtigt“ von dem „Ziegensteig nach dem Exil“  – erst jetzt begann für ihn, den Frankophilen und –phonen, der viele Freunde und auch Publikationsmöglichkeiten in Frankreich hatte, das eigentliche Exil. Mit dabei waren auf dem beschwerlichen, abenteuerlichen  Weg über die Pyrenäen seine Frau Nelly Kröger, sein Neffe Golo, und außerdem –aus Sanary-  Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel.

Auch Walter Siemsen, der die Rede am Grab von Franz Hessel gehalten hatte, gehörte zusammen mit seinem Freund Walter zu den vom ERC Geretteten. Das kann dann ganz banal klingen:

 „Im Februar 1941 begaben sich die beiden Freunde von Sanary-sur-Mer aus wieder auf die Flucht. Über Marseille und Spanien erreichten sie im März mit Hilfe von Varian Fry Lissabon, von wo aus sie im Juni auf der SS Guinee New York erreichten.“

 Einen Eindruck von der Dramatik, die sich dahinter verbirgt, vermittelt aber ein Brief Siemsens vom Januar 1941:

„Ich habe ein Visa für U. S. A. Walter wird eins bekommen. Nur – wie wir hingelangen und ob wir noch können, das wissen wir nicht. Alles, aber auch alles, was wir hatten, haben wir verloren. … Wir führen ein sonderbares Leben. Jeden Tag und jede Nacht kann sich alles zum Guten – aber auch zum Allerschlimmsten ändern. Wir haben aber vorgesorgt und können rechtzeitig Schluss machen.“  Vorgesorgt hatte auch Walter Benjamin, der nach überstandener Überquerung der Pyrenäen von den spanischen Grenzpolizisten wieder nach Frankreich zurückgeschickt werden sollte und der sich deshalb das Leben nahm – musste er doch fürchten, aufgrund des berüchtigten Paragraphen 19 des Waffenstillstandsvertrags an die Nazis ausgeliefert zu werden.

Varian Fry geriet übrigens nach seinem Tod 1967 fast in Vergessenheit. Erst allmählich wurde seine große Leistung gewürdigt:  Seit dem 3. Dezember 1997 heißt eine Straße im neu angelegten zentralen Potsdamer-Platz-Areal in Berlin Varian-Fry-Straße.

IMG_1250 Unsere Freundin Marie-Christine hat  an einer Bushaltestelle am Potsdamer Platz in Berlin auch  eine Informationstafel über Varian Fry gefunden und fotografiert: auf diese Weise kann man erfahren, wer dieser Varian Fry denn überhaupt war und damit auch noch die Wartezeit auf den nächsten Bus verkürzen.

Und von unseren Freunden Gerd und Uta aus Oberursel, die im Herbst 2013 in Südfrankreich und auch in Marseille waren, bekamen wir schließlich Fotos von dem nach Varian Fry benannten Platz an der Präfektur und von der Informationstafel, die es auch dort gibt, allerdings weniger öffentlich sichtbar als die in Berlin. Sie steht im Hof des US-amerikanischen Generalkonsulats – etwas versteckt neben dem repräsentativen Straßenkreuzer des Konsulats.

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Passend zum Gegenstand dieses Berichts fand  im September/Oktober 2013 eine Ausstellung im Maison Heinrich Heine in der Cité Universitaire statt über die Rolle des mexikanischen Generalkonsuls in Marseille, Gilberto Bosques,  bei der Rettung antifaschistischer Emigranten. Dass Mexiko „eine letzte Zuflucht“ für viele Emigranten war, wusste ich zwar, und ein mexikanischer Diplomat spielt ja auch in  Anna Seghers „Transit“ eine wichtige Rolle. Dass sich dahinter die reale Person Gilberto Bosques verbirgt, war mir allerdings  neu. Und leider wird ja  bisher auch –anders als an Varian Fry- soweit ich weiß weder in Marseille noch in Berlin  im  öffentlichen Raum an ihn erinnert. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in die unbesetzte Zone wurde Bosques übrigens nach Deutschland gebracht und im Rheinhotel Dreesen in Bad Godesberg interniert, bevor er im Austausch gegen deutsche Diplomaten frei kam und in seine Heimat zurückkehren konnte.

(PS. Inzwischen gibt es eine sehr schöne Würdigung Gilberto Bosques‘: Robert Mencherini: Étrangers Antifascistes à  Marseille 1940-1944. Hommage au Consul de Mexique Gilberto Bosques. 2014)

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Bei einer Veranstaltung im Rahmen der Gilberto Bosques-Ausstellung lernten wir Pierre Radvanyi und seine Frau Marie-France kennen. Pierre Radvanyi ist der Sohn Anna Seghers, und er kann ganz wunderbar und anschaulich über seine Erfahrungen in den Jahren des Exils in Frankreich und Mexiko erzählen. Anna Seghers gelang nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Frankreich mit ihren beiden Kindern die Flucht in die unbesetzte Zone und dann von Marseille aus die rettende Überfahrt nach Mexiko. Nach Kriegsende kehrte Anna Seghers nach Deutschland –in die DDR- zurück, Pierre nach Frankreich, wo er Physik studierte und als Forscher im CNRS in Orsay bei Paris arbeitete, wo er heute noch lebt.

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Wir kamen ins Gespräch, ich schickte ihm meinen Bericht und er und seine Frau luden uns zu „Kaffee und Kuchen“ nach Orsay ein.

Dort waren wir dann auch Anfang November, zusammen mit unserer Freundin Marie-Pierre, die zufällig ganz in der Nähe wohnt. Es gab von seiner Frau selbstgemachten Nusskuchen, ein intensives Gespräch über seine Zeit in Mexiko und das Verhältnis zu seinen Eltern. Während der Vater seinen eigenen Lebensrhythmus hatte und sich eher weniger um die Kinder kümmerte, hatte Pierre ein sehr enges Verhältnis zu seiner Mutter, die ihm viel über ihre Arbeiten erzählte und ihn –als Heranwachsenden- sogar fragte, wie sie denn ihren Roman Transit beenden solle: Mit der Ausreise des Protagonisten oder mit seiner Entscheidung, in Frankreich zu bleiben. Pierre plädierte für das Bleiben, weil er selbst sehr gerne in Frankreich geblieben wäre und den Ernst der Lage damals kaum abschätzen konnte.

Dann sahen wir ei nen langen in Mexiko gedrehten Film über Gilberto Bosques, mit zahlreichen originalen Filmausschnitten, die von Bosques selbst aufgenommen worden waren und einem Interview, das für diesen Film mit ihm als genau 100-Jährigem gemacht worden war. Sehr eindrucksvoll, vor allem auch sein Grundsatz, dass man verantwortungsvoll und menschlich handeln muss, auch wenn es die herrschenden Regeln verletzt. Nur so konnte Bosques  viele tausend Flüchtlingen vor dem drohenden Tod retten. Zum krönenden Abschluss dieses Nachmittags sangen wir noch gemeinsam deutsche Volkslieder wie „Am Brunnen vor dem Tore“ oder „Ännchen von Tharau“, die ich sicherlich seit 50 Jahren nicht mehr gesungen habe: Pierres Frau Marie-France macht nämlich gerade einen Deutsch-Kurs, zu dem auch ein kleines Chor-Projekt mit deutschen Liedern gehört. Die gemeinsam zu singen, war gerade für sie und für uns alle eine große Freude. Pierre Radvanyi hat übrigens im Aufbau-Verlag ein sehr schönes, empfehlenswertes Buch mit Erinnerungen an seine Mutter, an die Zeit des Exils in Frankreich, die abenteuerliche Flucht nach Marseille und das Exil in Mexiko geschrieben: Jenseits des Stroms. (4)

[1] Da stutzt man natürlich, wenn man nebenan in Oberursel lebt bzw. wie Frauke aus Homburg bzw. dem benachbarten Dornholzhausen stammt.  Aber wie kommt Marcuse auf den Kleinen Tannenwald? Des Rätsels Lösung: In den zwanziger Jahren wohnte er für einige Zeit in der Saalburgstraße in Bad Homburg, „zwischen der Grenze des verblühten Badeorts und dem Örtchen Dornholzhausen, von dem es zur Saalburg hinaufgeht.“ (S.84). Über solche überraschenden Entdeckungen freut man sich natürlich.

[2] Am 23. Mai schrieb Le Petit Var: „La délation est devenue une nécessité, et mieux vaut dénoncer un innocent que de laisser courir un coupable.“ Zitiert von Jeanne-Marie Portevin, Les Années Sombres. In: Télérama,hors-série,  Le Grand Atelier du Midi, S. 84

[3] Siehe Jeanne-Marie Portevin, Les années sombres. In: Télérama hors-série, Le grand atelier du midi. Paris 2013, S. 85.  Dazu auch: Wieland Freund, Der Fluchthelfer der Dichter und Denker. Die Welt 8.10.2011 http://www.welt.de/kultur/article1387312/Der-Fluchthelfer-der-Dichter-und-Denker.html Neu erschienen: Eveline Hasler, Mit dem letzten Schiff. Der gefährliche Auftrag von Varian Fry. München 2013

Es gibt auch einen Dokumentarfilm: Villa Air Bel – Varian Fry in Marseille. 1987, 90 Min., ein Film von Jörg Bundschuh.  http://www.kickfilm.de/de/info.php?film=Villa_Air_B

(4) Auf der Website des Musée de l’Immigration gibt es auch einen autobiographischen Bericht von Pierre Radvanyi: http://portraits.histoire-immigration.fr/

2 Gedanken zu “Exil in Frankreich: Sanary, Les Milles und Marseille

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