Vor 400 Jahren, also 1626, wurde auf Befehl Ludwigs XIII. der Pariser Jardin des Plantes geschaffen, ein heute 500 Meter langer Garten im Südosten der Stadt (5. Arrondissement), zwischen der Seine und der Grande Galérie de l’évolution (Naturkundemuseum) gelegen. 1626 gab es schon gut 20 botanische Gärten in Europa, es war also höchste Zeit für die französische Krone, diesen Rückstand aufzuholen: botanische Gärten waren – auch Ausdruck von Macht, so wie ja auch die Tierschauen: Da war es Ludwig XIV., der mit seiner Ménagerie im Schlossgarten von Versailles sich auch als Herr der Tiere inszenierte.
Die Gärtner des Jardin des Plantes feiern das Jubiläum des Jardin des Plantes mit einer besonders reichen und wissenschaftlich fundierten Schau von Blumen. Sie beziehen sich dabei auf den Bestand historischer Pergamente des Muséum national d’histoire naturelle, auf denen höchst exakt, aber auch ästhetisch anspruchsvoll Blumen abgebildet waren. Entsprechende Informationstafeln sind im Jardin des Plantes aufgestellt.
Dazu gehört auch die „riesige rote Papageien-Tulpe“, mit der mehrere Beete des Gartens bepflanzt sind. Sie wurde von dem aus Nürnberg stammenden Arzt und Naturforscher Christoph Jacob Trew (1695-1769) in den Jardin des Plantes eingeführt: Auf einer Studienreise durch Europa hatte Trew auch für 13 Monate in Paris Station gemacht… Und natürlich war für den königlichen botanischen Garten eine so ausgefallene Tulpe besonders willkommen.
Tulpen waren im 17. Jahrhundert ja besonders beliebt und auch Gegenstand irrwitziger finanzieller Spekulationen, wie die holländische Tulpen-Krise von 1637 eindrucksvoll zeigt. Eine einzige Tulpenzwiebel konnte so teuer sein wie ein ganzes Haus an einer Amsterdamer Gracht, bevor dann der große Absturz kam…
Die Vielfalt der Tulpen zeigt sich auch in zeitgenössischen Zeichnungen, wie dieser von Nicolas Robert (1614-1685) und entsprechend in der Jubiläums-Bepflanzung des Jardin des Plantes.
Insgesamt wurden von den Gärtnern des Jardin des Plantes 23 000 Tulpenzwiebeln von 120 verschiedenen Sorten gepflanzt!
Neben den Tulpen sind es die Anemonen, die die Rabatte des Jardin des Plantes in der Frühjahrsschau bestimmen.
Auch das beruht auf historischen Vorbildern.
Nicolas Robert, verschiedene Anemonen. 17. Jahrhundert. Aus der Sammlung von Pergamenten des Pariser Naturkundemuseums.
Für den Sommer wird es dann eine große neue Bepflanzung geben, auf die man sich schon freuen kann: Eine würdige Feier des Jubiläumsjahres!
Im ersten Teil dieses Beitrags (Kapitel I – 5) wurde die Entwicklung der Halle au Blé bis zum Bau der großen Kuppel nachgezeichnet, die bis heute den grandiosen Innenraum überspannt.
Im zweiten Teil (Kapitel 6 und 7) geht es um die Umwandlung zur Getreidebörse und den Einzug der Moderne durch den japanischen Architekten Tadao Ando. Er greift das prägende Kreismotiv des Baus mit einem Beton-Zylinder auf, interpretiert es modern und schafft mit der reizvollen Verbindung und Kontrastierung von Altem und Neuem einen wunderbaren Ort für die Präsentation moderner Kunst. (Lesezeit 20 Minuten)
Kapitel VI HENRI BLONDEL GREIFFT RADIKAL EIN
Der Umbau zur Bourse de Commerce
„Die Politik hat ihre Paläste, die Religion ihre Kirchen, die Industrie ihre Manufakturen und Werften, der Handel seine Häfen, das Kapital seine Banken: Warum sollte die Spekulation in einem rein abstrakten Zustand bleiben? Die Börse ist der Tempel der Spekulation. Die Börse ist das Monument par excellence der modernen Gesellschaft“ P.-J. Proudhon 1854[1]
Wie schon die alte Halle au Blé, war auch der Umbau zur Handelsbörse ein Spekulationsobjekt. Zwischen 1878 und 1886 wurden fast zehn Projekte dem Pariser Stadtrat vorgelegt. Intern fiel die Entscheidung schon früh zugunsten des Architekten Henri Blondel, der nach einer nur noch formalen Ausschreibung am 2. März 1886 mit der Planung und den Bauarbeiten beauftragt wurde. Die Konzession sah außerdem den Bau von zwei Gebäudeblöcken für Handel und Industrie an der Rue du Louvre und die Errichtung von drei Brunnen vor, die jedoch nie realisiert wurden.
Ursprünglich plante Blondel einen größeren Erhalt des bestehenden Gebäudes. Er wollte zwar die Kuppel von Bélanger freilegen, sie aber ansonsten unverändert lassen. Zwei einander gegenüber liegenden Eingängen sollte jeweils ein korinthischer Tetrastilportikus vorgesetzt werden, der eine zur Rue du Louvre, der andere zu Baltarts Markthallen hin. Der letztere verschwand in einem endgültigen Entwurf vom 19. Dezember 1887.
Coupe du premier projet de la Bourse de commerce, 1885, dessin d’Henri Blondel, Archives de Paris, Plans 2116.
Dann änderte Blondel seinen Plan und griff rigoros in die Halle au Blé ein. Ohne die endgültige Bestätigung seines Projekts abzuwarten, verkaufte er 1886 ohne behördliche Genehmigung das Kupfer, mit dem die Kuppel bedeckt war. Dann riss er den ringförmigen Getreidespeicher ein, von dem nur noch der innere Arkadenring mit der Kuppel und eine der beiden Treppen, die doppelte Wendeltreppe, verblieb.
Reduziert auf diesen inneren Arkadenring ragten von der Halle au Blé nur noch die kahle Kuppel und die Medici-Säule aus den Trümmern des Saint-Eustache-Viertels heraus. Bemerkenswert ist dabei, dass die Medici-Säule, letzter Überrest des Palais von Katharina de Medici aus dem Jahr 1572 erhalten blieb. Aber es gab einen breiten Konsens unter Kunstsachverständigen, dass diese Säule zu den markanten Punkten und Sehenswürdigkeiten von Paris gehöre. [1a]
Abriss der Halle au blé 1887. Musée Carnavalet
Das von seiner Kupferabdeckung befreite Eisenskelett der Kuppel offenbarte jetzt seine großartige Struktur.
„Entdeckung der Struktur nach dem Abriss“. Le Genie Civil. 15 – Dezember – 1888. Band 14 Nr. 7.
„In einem Artikel von Emile Rümler in „La Construction moderne“ vom 10. Dezember 1887 wurde sie mit Eiffels Bauwerk verglichen.“[2]
Raphaël Gentilini, einst Eleve der École des Ponts et Chaussées, schrieb: „Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die von Bélanger entworfene Metallkuppel der alten Getreidebörse auch heute noch aufgrund ihrer Solidität und Eleganz ein bemerkenswertes Werk ist und umso wichtiger hervorzuheben ist, als sie die erste nennenswerte Anwendung von Metallen für die Dachkonstruktion von öffentlichen und großen Gebäuden darstellt.“[3] Und Cosimo Canovetti, Absolvent der École Centrale des Arts et Manufactures, kam 1888 nach methodischen Vermessungen und Berechnungen der Struktur zu dem bewundernden Schluss, dass das Bauwerk perfekt erhalten war, und dass Bélanger im Großen und Ganzen die richtigen Entscheidungen getroffen hatte.[4]
Anders noch als bei ersten Plan griff Blondel jetzt auch in den Kernbereich der Halle au Blé ein. Er schuf ein riesiges Untergeschoss, um die Belüftung, die Heizung und Stromge-neratoren unterzubringen. Das untere Drittel der Kuppel wurde mit Ziegeln zugemauert, um ein riesiges Panorama aufzunehmen, das den Welthandel darstellen sollte.
Um den inneren Kern herum schuf er einen großen Komplex mit einem zusätzlichen Zwischengeschoss (Mezzanin) und ein weiteres Stockwerk. Schließlich errichtete er einen monumentalen Portikus, dekoriert mit einem riesigen allegorischen Giebel – geschaffen von Croissy, der die Stadt Paris inmitten von Handel und Industrie repräsentierte. Die ehemalige Halle au Blé mutierte in einen Tempel der wirtschaftlichen Macht.
Schnitt durch die Bourse du Commerce von Blondel aus: Bourse de commerce – Le Génie civil: revue générale des industries françaises et étrangères, 27.10.1888. gallica, bnf.fr.
Ansicht von Osten (Les Halles) Mai 2024 Foto: Wolf Jöckel
Die Radikalität mit der Blondel zu Werke ging, entsprach dem gleichen Geist, mit der er schon bei der Transformation von Paris mit Enteignungen, Häuserabrissen und Straßendurchbrüchen unter dem Präfekten Georges-Eugène Haussmann als dessen „großer Favorit“ agierte. Auch wenn Haussmann Blondel in seinen Memoiren nicht erwähnt, bestand eine enge Verbindung zwischen beiden. In Briefen an Blondel beginnt Haussmann mit „mon cher Blondel“ und schließt mit der Formel „mille amitiés“. „Es besteht kein Zweifel daran, dass Haussmann Blondel zum „Mann von Paris“ machte und die Entwicklung seiner Geschäfte förderte, von denen ein Großteil während des Zweiten Kaiserreichs abgeschlossen wurde.“ [7] Beide handelten mit einer Energie und Durchsetzungskraft, die wohl ihrem protestantisch-calvinistischen Arbeitsethos entsprang.
Portikus (Foto: Bourse de Commerce/Pinault Collection)
Der allegorische Giebel. Davor der obere Teil von Idee de pietra- 1532 kg di luce von Giuseppe Penone aus dem Jahr 2010 – der Bronzeabguss eines Baums mit vom Wasser geschliffenen Steinen, der dauerhaft auf dem Vorplatz der Bours installiert ist. Foto: Wolf Jöckel
Das Monogramm der Bourse de Commerce im Foyer. Foto: Wolf Jöckel
Auf der Weltausstellung von 1889 präsentierte sich Frankreich mit dem Eiffelturm als weltweit höchstes eiserne Bauwerk und der riesigen Maschinenhalle als größtem überspannten Raum. Mit der zeitgleich eröffneten Bourse de Commerce sollte die zentrale Bedeutung Frankreichs im Welthandel demonstriert werden. Dazu dient das 1400 Quadratmeter große Panorama-Gemälde auf dem unteren Teil der Kuppel.
Die Kuppel mit dem Panorama-Gemälde. Fotos: Wolf Jöckel
Auf vier riesigen Bildtafeln, getrennt durch Allegorien der Regionen Europa, Asien, Afrika, Amerika und des Nordens im Trompe-l‘oeil-Stil, mischen sich Phantasie und Realität: exotische Szenerien mit Bildern aus Industrie und Technik (Fabrikschornsteine, Strommast, Lokomotive).
Unübersehbar ist die Gegenüberstellung der nackten „Wilden , der indigen Bevölkerung Amerikas und Afrikas, mit den korrekt gekleideten Weißen: Demonstrativer Anspruch der Überlegenheit des „weißen Mannes“. „Die rassistische Ikonographie [ist] allgegenwärtig und deckt die gesamte Bandbreite grotesker Kolonialstereotype ab. In der Amerika-Abteilung entspannt sich eine weiße Frau in einem blassrosa Kleid auf einem Baumwollballen, geschützt vor der Sonne unter einem Sonnenschirm, den ihre schwarze Zofe hält. Vor ihr kniet ein indigener Jugendlicher nieder und bietet ihr zur Unterhaltung einen Papagei an, während hinter ihr zwei eingeschüchterte Sklaven, die unbeachtet bleiben, einen Baumstamm tragen. Ein Stückchen entfernt handelt ihr Ehemann mit einer Gruppe Stammesangehöriger und bietet ihnen ein Gewehr und einen Korb mit westlicher Kleidung an.“[5]
Évariste-Vital Luminais, Amerika (Ausschnitt)
Das Panoramabild in der Bourse de Commerce ist ohne Zweifel Ausdruck des europäischen Kolonialismus und der White Supremacy.
Die Bilder wurden von fünf Malern geschaffen, die alle sehr bekannt waren und an großen öffentlichen Bauten mitgewirkt hatten. Évariste-Vital Luminais behandelte Amerika, Victor Georges Clairin Asien und Afrika. F. Hippolyte Lucas stellte die Handelsaktivitäten in Europa dar, Désiré-François Laugée wurden Russland und der Norden zugewiesen und Alexis-Joseph Mazerolle, der Leiter des Teams, schuf die Allegorien der Kontinente und Regionen. „Europa wird durch Kunst und Architektur repräsentiert; Afrika von einem Löwen und der Jagd; Asien und der Orient mit Wasserpfeife und Elefanten; und der Norden von einem Eisbären. Diese große, detaillierte Komposition nimmt den Betrachter mit auf eine visuelle Reise um die Welt.“[6]
Victor Georges Clairin, Asien und Afrika.
F. Hippolyte Lucas, Europa/Der Norden.
Die Gemälde entstanden in ihren Ateliers auf mehreren Bahnen Leinwand, die zurechtgeschnitten, zusammengefügt und mit Kleber auf das Rund der Kuppel befestigt wurden. Das Panorama fand keine einhellige Zustimmung. Die zeitgenössische Kritik entzündete sich aber mehr an der mangelnden Kohärenz in der Gesamtdarstellung und der Qualität der Malerei, nicht aber an der Darstellung der Kolonisation selbst.
Das neue, völlig umgestaltete Gebäude wurde am 24. September 1889 mit großem Pomp eingeweiht
Kapitel VII Tadao Andos Kreis im Kreis
Die Börse wird zum Ort für die Kunst
Nach vielen Jahren als Bourse de Commerce residierte dort zuletzt nur noch die städtische Handelskammer. Das Gebäude wurde vernachlässigt, alles war grau und schmuddelig vor Schmutz, auch das Rundgemälde. 1989, hundert Jahre nach seiner Eröffnung stand der Bau leer. Die Stadt Paris kaufte das Gebäude und bot es 2016 François Pinault, dem Milliardär und Gründer eines Luxus- und Modeimperiums für seine Kunstsammlung zur Pacht an.
Pinault, leidenschaftlicher Sammler zeitgenössischer Kunst, hatte schon 2004 versucht, auf der Île Seguin ein Museum für seine 1999 gegründete Collection Pinault zu errichten. Sein Vorhaben scheiterte an diversen Umwelt- und Planungseinwänden. Pinault und sein Architekt Tadao Ando gingen nach Venedig und bauten dort den Palazzo Grassi und das ehemalige Zollhaus Punta della Dogana zu Orten für die Sammlung um.
Pinault beauftragte seinen Lieblings-Architekten, Tadao Ando, den japanischen Pritzker-Preisträger, mit dem Umbau der Börse, der in Zusammenarbeit mit dem Pariser Architekturbüro NeM (Lucie Niney und Thibault Marca), dem Denkmalspezialisten Pierre-Antoine Gatier und der Restauratorin Alix Laveau erfolgte. Die Ausstattung der «Bourse de Commerce» und auch die Gestaltung der Umgebung wurde Ronan und Erwan Bouroullec (Studio Bouroullec, Paris) anvertraut. Die wesentlichen Elemente und Strukturen des Gebäudes sollten nicht nur erhalten, sondern in den Dienst der neuen Funktion des Baus gestellt werden.
Das Äußere des Baus blieb unangetastet. Sorgfältig wurde Bélangers großartige Kuppel restauriert und neu verglast. Das Kuppelpanorama, „ein Überbleibsel aus einer Zeit, als sich die Kolonialmächte hemmungslos bereicherten und feierten: ein stolzer Lobgesang auf den Kapitalismus“[9], wurde gereinigt und repariert. Da es eng mit der Geschichte des Baus verbunden ist, sollte es nicht dem Cancel Culture-Zeitgeist zum Opfer fallen. Darüberhinaus wurden die Räume, die den Kernbau mit der Kuppel umgeben, von entstellenden Eingriffen befreit und in großen Teilen für die Präsentation der Sammlung zur Verfügung gestellt.
Das markanteste Merkmal seiner neuen Nutzung war Andos Einbau eines Hohlzylinders aus Beton in die Rotunde in Form eines konzentrischen Kreises, eines neuen Raums im Raum.
Tadao Ando, Holzmodell des neuen Baus. Ausgestellt in der Bourse de Commerce. Foto: Wolf Jöckel
Er öffnet sich zum Himmel und das wechselnde Licht, das durch die riesige Kuppel fällt, schafft stets neue Stimmungen und Sinneseindrücke und interagiert mit den ausgestellten Objekten. Er kann sowohl als ein Ort der Intensivierung der Fokussierung der Sinne wie auch als Bühne, Arena für ein Schauspiel verstanden werden, wo sich Künstler/-innen mit ihren Werken zeigen, wo sie mit den Betrachter/-innen kommunizieren. Er ist das Gravitationszentrum des Museums.
Es ist eine große Herausforderung, Kunst auszuwählen, die diesem grandiosen Kuppelsaals gewachsen ist.
Eröffnungsausstellung 2021: Urs Fischer, Vanité de Cire. Der Raub der Sabinerinnen von Giambologna aus Florenz (Marmor), in Wachs nachgebildet und langsam im Verlauf der Ausstellung abschmelzend….
Eine besondere Erfahrung war auch 2024 die Installation eines Bodens aus Spiegeln, in denen sich nicht nur die Besucher selbst spiegelten, sondern auch die Kuppel.
Eine Wasserfläche mit Klangschalen 2025: Intensiver und adäquater kann man dem Raum der Rotunde nicht gerecht werden.
Bei der Konzeption des Beton-Zylinders ließ sich Ando nach eigenem Bekunden von den ineinander schachtelbaren russischen Matrjoschka-Puppen inspirieren. „Die Idee war, einen lebendigen Raum zu gestalten, der einen dynamischen Dialog zwischen Alt und Neu fördert, wie es sich für einen Ort gehört, der der zeitgenössischen Kunst gewidmet ist. Die Architektur sollte als Bindeglied zwischen den Fäden der Zeit, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dienen […] Die räumliche Anordnung der Bourse de Commerce besteht aus konzentrischen Kreisen und soll einen intensiven und subtileren Dialog zwischen Alt und Neu schaffen.“[10]
Der Betonzylinder hat einen Durchmesser von 30 m; er ist 9 m hoch und hat eine Wandstärke von 50 cm. Er wirkt dadurch schwer und massiv. Dabei ist er in Wirklichkeit ein hybrides Konstrukt: Nur eine jeweils 12 cm dicke Schicht aus Sichtbeton bildet die Innen- und Außenseite des Zylinders. Die Schichten werden durch eine 26 cm breite Stahlkonstruktion im Innern der Wand gestützt. Diese Konstruktion soll einen möglichen Rückbau des Zylinders erleichtern.
Der Beton, zuvor intensiv getestet, dann geschliffen, erfüllt mit seiner glatten, matten, homogenen, fast samtigen Oberfläche Tadao Andos hohe Ansprüche. Seine Ankerlöcher für die Verschalungsplatten tragen die Signatur Andos. In ihrer Anordnung, Größe und Seiten-verhältnisse erinnern sie japanische Tatamimatten. Die Zahl der Ankerlöcher geht über die technisch notwendige hinaus und folgt der in Japan üblichen Sichtbetonbauten mit ihrer größeren Zahl an Schalungsankern.
Durch insgesamt vier Tore gelangt man ins Innere der Trommel. Diese misst 29 Meter im Durchmesser. (Foto: Wolf Jöckel)
Die fünf Meter breite Passage zwischen der Wand des Zylinders und des Kuppel tragenden ehemaligen inneren Arkadenringes der Halle au Blé, wirkt jetzt wie eine städtische Gasse. An vier Stellen hat Ando durch türförmige Öffnungen die Beton-Ringmauer zur Passage hin durchbrochen. Er hat den zentralen Raum zugänglich gemacht für Aktionen und Interaktionen ohne ihn zu zerstören.
Eine Treppe schraubt sich an der Außenseite des Zylinders nach oben bis zur Spitze, wo ein „Promenoir“ in neun Metern Höhe den zentralen Kreisplatz umläuft und eine spektakuläre Aussicht auf die monumentalen Malereien an der Unterseite der Kuppel bietet.
Alt und neu: Die Treppe zwischen der Wand der ehemaligen Halle au Blé und dem Beton-Zylinder Andos. Fotos: Wolf Jöckel
Auf dem Weg nach oben verbindet sich die Treppe über Stege mit einem Halbgeschoss und dem darüber liegenden Obergeschoss des Bestandbaus. Die dort untergebrachten Ausstellungsräume sind so mit dem Zylinder und der umlaufenden Erschließung, der sogenannten „Passage“, verbunden.
Eine andere Treppe führt entlang des Zylinders nach unten zu einem Auditorium mit über 250 Plätzen und zu einer Block Box, einem großen verdunkelten Raum für Installationen. (Foto: Wolf Jöckel)
Im Untergeschoss sind auch noch die alten Maschinen zur Belüftung, Heizung und Stromerzeugung zu sehen.
Maschinenraum im Untergeschoss. Foto: Wolf Jöckel
Von der Passage kann man über Aufzüge und Treppenanlagen, darunter die Helix-förmige Doppel-Wendetreppe in die beiden oberen Stockwerke mit ihren Ausstellungsräumen, den Galerien gelangen.
Foto: Maxime Verret
Die Lichtinstallation bei der historischen Treppe stammt vom Studio Bouroullec. Foto: Wolf Jöckel
Während der eingestellte Zylinder den Kontrast zwischen Alt und Neu inszeniert (Foto: Wolf Jöckel), wurden die Räume, die den Kernbau mit der Kuppel umgeben, von entstellenden Eingriffen befreit. Mit ihrer runden Wand, der weißen Bekleidung und raffinierte Lichttechnik wurde sie in eine neue Form von „White Cubes“ verwandelt.
Die Ausstellungsflächen, insgesamt sind es 6.800 m2, können in variable Volumina, die von intim bis monumental reichen, verwandelt werden und erlauben ein dynamisches Programm in der Präsentation von Künstler aus der eigener Sammlung, aber auch von neuen künstlerischen Projekten, die ergänzt werden können durch pädagogische Programme, Konferenzen und Begegnungen, Filmvorführungen, Konzerte und Performances. Die Ausstellungsräume beeindrucken Klarheit, Helligkeit und „die Allgegenwart von makellosem Weiß… Das Bühnenbild ist von einer fast manischen Sauberkeit.“[11]
Die Galerien wurden auch durch ausgesuchte Möblierung und Ausstattungselemente – nach Entwürfen der Brüder Bouroullec – belebt. Sie gestalteten auch das Restaurant im obersten Geschoss.
Teppiche und Möbel, die die Designer in der Galerie platziert haben, um eine häuslichere, entspanntere Atmosphäre zu schaffen (Foto: mit freundlicher Genehmigung von Claire Lavabre/Studio Bouroullec).
Unbedingt empfehlenswert ist ein Besuch in der Bar/dem Restaurant La Halle aux Graines im obersten Geschoss. Man kann dort auch den Köchen bei der Arbeit zusehen.
Die kleinen Schoko-Kügelchen, die zusammen mit dem Kaffee serviert werden, haben – dem genius loci entsprechend- einen Kern aus verschiedenen Getreiden.
Besonders schön ist, wenn ein Platz am Rand frei ist – entweder mit Blick nach unten in den Kuppelraum oder nach außen auf das (derzeit wegen Renovierung geschlossene) Centre Pompidou, das Dach von Les Halles und auf die Kirche Saint Eustache. Fotos: Wolf Jöckel
Epilog
Wenn Architektur den Charakter eines Bauwerks ausdrücken soll, so sollten seine Teile so ausgewählt, so gestaltet sein und so zusammenwirken, dass bei den Betrachtenden die Sinne auf dieses Wesensmerkmal hingelenkt werden. Bei Vitruv und noch jahrhundertelang bestimmten die Säulenordnungen die traditionelle Architektursprache. Im Ablösungsprozess von dieser Tradition wurde die Wirkung architektonischer Formen – gleichsam die „Wörter“ der Architektursprache – auf die Sinne/Gefühle untersucht. Der Prozess ging weiter mit der Entwicklung einer neuen, zeitgemäßen, passenden Ausdrucksprache (durch neue Materialen/Baustoffe, neue Konstruktionsweisen).
Unverändert dabei bleibt der Anspruch an die Architektur bestehen, den Nicolas Le Camus de Mézières mit dem Motto, das er seinem Traktat Le génie de l’architecture, ou l’analogie de cet art avec nos sensations (Der Geist der Architektur oder die Analogie dieser Kunst mit unseren Empfindungen) (Paris, 1780) vorangestellt hat:
Non satis est placuisse oculis, nisi pectora tangas
C’est peu de plaire aux yeux, il faut émouvoir l‘âme
[Es genügt nicht, nur die Augen zu erfreuen; man muss auch die Seele berühren.]
Haben Pinault und vor allem Tadao Ando diesen Anspruch eingelöst? Ich denke, ja:
In der Zurückhaltung, mit der auf jedweden Hinweis und jede Werbung für den Konzern verzichtet wird,
In der geschmackvollen Gestaltung der Umgebung des Baus,
insbesondere in der glanzvollen Wiederherstellung der alten Bausubstanz,
in den reizvollen Kontrasten zwischen Altem und Neuen,
in der Bereitstellung großzügiger, heller Ausstellungsflächen, Kommunikations- und Aktionsräumen,
im kreativen Einsatz von natürlichem Licht und von künstlichem Licht durch eine innovative Technik im Eingangsbereich, den Treppenanlagen und in der Rotonde und vor allem aber
mit der Installation des schlichten und so komplexen Beton-Zylinders, dem Wiederaufgreifen des Kreises als Wesensmerkmal des Gebäudes.
Damit ist etwas wirklich Großartiges gelungen.
Anmerkungen:
[1] Zitiert nach Claire Lemercier : Die Börsen in Frankreich im 19. Jahrhundert: Symbole der Handelsmacht? Dans Histoire, économie & société 2006/1 (25e année), pages 51 à 66. https://doi.org/10.3917/hes.061.0051
[7] ElsaJamet: An Agency at the Service of Haussmannian Paris: the Agency of Henri Blondel (1821-1897). Online since 28 December 2020, URL: http://journals.openedition.org/craup/5747
Laura Cantero Esquerdo: LA HALLE AU BLÉ DE PARIS – La primera gran cúpula de hierro fundido; Trabajo de fin de Grado, Curso 2020/2021. Madrid, 8 de junio de 2022. Escuela Técnica Superior de Arquitectura de Madrid, Universidad Politécnica de Madrid
La Collection Pinault à la Bourse de Commerce. Ouverture. Édition Beaux Arts, Paris 2021
Helene Marie Conway: Visible Structures. Submitted to the department of Architecture in partial fulfillment of the requirement for the degree of Master of Science in Architecture Studies at the Massachusetts Institute of Technology, June, 1991. http://dspace.mit.edu/handle/1721.1/7582
Jean-Roch Dumont Saint-Priest: La cupola metallica dell’«halle au blé» di Parigi (1806-1813), un’architettura meccanica. ArcHistoR anno VI (2019) n. 12
The Genius of Architecture; or The Analogy of That Art with Our Sensations. Werner Szambien, Editorial Consultant, Lynne Kostman, Manuscript Editor. Introduction by ROBIN MIDDLETON. Published by The Getty Center for the History of Art and the Humanities, Santa Monica, published 1992
Le Genie Civil. Tome XIV, Nr. 7, 15. Dez. 1888, p.97-101 Le Génie civil Tome XIII, Nr. 16, 18. Aug. 1888, p.242ff
Elsa Jamet: An Agency at the Service of Haussmannian Paris: the Agency of Henri Blondel (1821-1897). Online since 28 December 2020, URL: http://journals.openedition.org/craup/5747
Steven Laurence Kaplan: Provisioning Paris: Merchants and Millers in the Grain and Flour Trade during the Eighteenth Century. Cornell University Press, 1984; hier S.114-115
Marc-Antoine Laugier, Observations sur l’architecture, The Hague: Desaint, 1765, p. 196.
Marc Lauro. Charles-François Viel (1745-1819): architecte et théoricien. Art et histoire de l’art. Université Panthéon-Sorbonne – Paris I, 2019. Français.
Claire Lemercier : Die Börsen in Frankreich im 19. Jahrhundert: Symbole der Handelsmacht? Dans Histoire, économie & société 2006/1 (25e année), pages 51 à 66. https://doi.org/10.3917/hes.061.0051
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Jean Rondelet, Mémoire sur la reconstruction de la coupole de la halle au bled de Paris 1803
Alexandre Sumpf, « Des Médicis aux Pinault : la bourse de commerce à Paris », Histoire par l’image [en ligne], consulté le 18/02/2026. https://histoire-image.org/etudes/medicis-pinault-bourse-commerce-paris
Meredith TenHoor: Architecture and Biopolitics at Les Halles. French Politics, Culture & Society, Vol. 25, No. 2 (Summer 2007), pp. 73-92 (20 pages) https://www.jstor.org/stable/42843502
Hier ein Plakat der aktuellen Ausstellung in der Bourse de Commerce. Titelbild: Titriteros (2023) des rumänischen Malers Victor Man, von dem mehrere Bilder zu sehen sind.
Dieses Schaubild aus dem Parisien vom 16. März zeigt, welche Parteien im ersten Wahlgang der Pariser Kommunalwahlen am 15. März 2026 in den einzelnen Pariser Arrondissements in Führung lagen. In den blauen Arrondissements war das eine Mitte-rechts-Koalition (LR,MoDem, UDI), deren Spitzenkandidatin für das Amt der Bürgermeisterin von Paris Rachida Dati von der konservativen Partei Les Républicains (LR) ist. Dati ist Bürgermeisterin im 7. Arrondissement und wurde dort schon im ersten Wahlgang direkt wiedergewählt. Zuvor war sie Kultusministerin und auch schon Justizministerin, muss sich allerdings im September 2026 in einem Prozess u.a. wegen Vorwürfen der Korruption verantworten. In den roten Arrondissements hatte ein linkes Parteienbündnis (PS, Grüne, PCF) im ersten Wahlgang die Mehrheit. Spitzenkandidat ist hier der Sozialist Emmanuel Grégoire. Er war von 2014 bis 2024 in der Pariser Stadtverwaltung tätig, zuletzt als premier adjoint, also „zweiter Mann“ nach der Bürgermeisterin Anne Hidalgo, die nicht mehr kandidiert. In dem gelben 5. Arrondissement lag im ersten Wahlgang Pierre-Yves Bournazel vor, der eine von Macron unterstützte liberale Liste (Renaissance-Horizonts) anführt.
Ich habe dieses Schaubild ausgewählt, weil es -zusammen mit dem Vergleichsbild der Wahlen von 2020- eindrucksvoll die politische Ost-West-Spaltung von Paris zeigt, die für Kommunal- wie auch für Parlaments- und Präsidentschaftswahlen charakteristisch ist. Die Polarisierung der Wählerstimmen -für die Rechte im Pariser Westen, für die Linke im Pariser Osten- hängt eng mit der sozialen Struktur der Stadt zusammen. Der Westen ist geprägt von einer „gutbürgerlichen“ Wählerschaft (cadre et bourgeois), die Wählerschaft im Osten ist sozial und auch bezogen auf die ethnische Herkunft stärker gemischt (social et ouvrier- Claude Dargent, CEVIPROF). Das geht auf die in den östlichen Vororten wie im Faubourg Saint-Antoine heimischen Handwerksbetriebe und die im Zuge der Industriellen Revolution in den östlichen Arrondissements errichteten Industriebetriebe zurück.
Der Gegensatz zwischen dem reichen Pariser Westen und dem ärmeren Osten bildete sich aber schon früher heraus, als Aristokratie und reiches Bürgertum den Osten der Stadt, vor allem das Marais, verließen und sich im den Faubourgs Saint-Honoré und Saint-Germain oder noch weiter im Westen Richtung Versailles niederzulassen (z.B. Neuilly-sur-Seine). Seit der Juli-Monarchie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und mit der Ära Haussmann hat sich die „ségrégation horizontal“ dann weiter ausgeprägt. (Bernard Marchand: Paris, histoire d’une ville, 1993). Und die bei Haussmann noch vorhandene „ségrégation vertical“ (die Reichen in den noblen Etagen, die Armen/Bediensteten unter dem Dach) gibt es heute auch kaum noch- dazu sind die Wohnungspreise im Pariser Westen viel zu hoch: Ein Quadratmeter Altbau kostet dort aktuell durchschnittlich über 10 000 Euro, im östlichen 19. Arrondissement dagegen „nur“ 7500 Euro (NouvelObs Immobilier März 2026). Für die traditionelle Arbeiterschaft und Geringverdiener ist auch das natürlich nicht tragbar. Die müssen dann in die angrenzende noch ärmere Banlieue abwandern, falls sie nicht das Glück haben, eine Sozialwohnung zu erhalten – von denen gibt es im Osten der Stadt immerhin deutlich mehr als in den westlichen Stadtteilen, wenn auch bei weitem nicht genug. Und dann gibt es ja auch schöne Ecken im östlichen Paris, in denen sich gerne -und mit gutem sozialen und ökologischen Gewissen- wohlhabende Bobos (bourgeois-bohème) niederlassen- wie beispielsweise im quartier de la Mouzaïa, einer einst für die Arbeiter in den dortigen Steinbrüchen errichteten Siedlung im 19. Arrondissement oder in manchen der früheren Handwerkerhöfen des Faubourg Saint-Antoine…
Die politischen Konsequenzen der Spaltung der Stadt zeigten sich in allen Revolutionen von 1789 über 1830, 1848 und 1871, an denen die Bevölkerung des Pariser Ostens einen wesentlichen Anteil hatte. Und sie zeigt sich bis heute in den Wahlergebnissen der Stadt…
Ausblick:
Am Sonntag 22.3. findet dann der zweite Wahlgang statt. An dem stehen drei Listen zur Auswahl: Die beiden Listen von Dati und Grégoire und dazu noch eine Liste der linken LFI (La France Insoumise). Die hatte mit ihrer „Spitzenkandidatin“ Sophia Chikirou, der Partnerin des LFI-Gründers und Chefs Melenchon, im ersten Wahlgang über 10% der Stimmen erreicht (11,7 Prozent) und damit die Berechtigung, am entscheidenden zweiten Wahlgang teilzunehmen. Der im 5. Arrondissement in Führung liegende liberale Kandidat ist dagegen -entgegen vorhergehender Bekenntnisse- ein Wahlbündnis mit Dati eingegangen, und Sarah Knafo, Lebens- und politische Gefährtin des Rechtsextremisten Eric Zemmour, die im ersten Wahlgang ebenfalls über 10% der Stimmen gewann, hat auf eine Teilnahme am 2. Wahlgang verzichtet, um eine Zersplitterung der Stimmen des rechten Spektrums zu verhindern. Diese Zersplitterung gibt es nun aber (aus für mich nachvollziehbaren Gründen) auf der linken Seite… Grégoire hatte zwar im ersten Wahlgang deutlich mehr Stimmen als Dati, aber im zweiten Wahlgang sind die Karten neu gemischt, der Ausgang ist völlig offen… Und völlig offen ist auch, wie lange Dati, falls sie denn gewinnen sollte, angesichts des bevorstehenden Prozesses wird im Amt bleiben können… Ihr Förderer, der verurteilte Ex-Präsident Sarkozy, lässt grüßen…
Persönliches Nachwort:
Mit der Ost-West-Spaltung der Stadt wurden wir übrigens persönlich konfrontiert, als wir 2009 eine Mietwohnung in Paris suchten. Wir bekamen da einen Hinweis auf eine sehr schöne -auf Zeit zur Verfügung stehende und deshalb auch bezahlbare- Wohnung im noblen 16. Arrondissement. Unsere Pariser Freunde, denen wir das erzählten, waren entsetzt. Ins 16. …???…!!! Zur allgemeinen Zufriedenheit (vor allem unserer) entschieden wir uns schließlich aber für eine Wohnung im populären 11. Arrondissement: In der Wohnung im 16. gab es nämlich keine Waschmaschine, und weit und breit kein Waschsalon; und was Lebensmittelgeschäfte und öffentliche Verkehrsmittel angeht, sah es auch nicht viel besser aus…
Aktuelles Nachwort vom Wahlabend:
Die Ost-West-Spaltung von Paris bleibt übrigens auch nach dem 2. Wahlgang erhalten. Sie verstärkt sich sogar noch: Im 9. Wahlkreis gibt es im zweiten Wahlgang eine Mehrheit für Grégoire, ebenfalls im 5. Arrondissement.
Ihre Wahlanalyse vom 26. März überschreibt Le Monde mit den Worten:
„Noch niemals war die Hauptstadt derart in zwei politische und geographische Blöcke gespalten“
Angesichts der Übersichtskarte des gespaltenen Paris stellt sie sogar die rhetorische Frage, ob es sich hier um Paris oder nicht vielmehr um das Berlin vor dem Mauerbau handelt….
Dass Grégoire entgegen allen Voraussagen so deutlich gewonnen hat, ist offenbar darauf zurückzuführen, dass die liberalen Wähler/innen Bournazels im zweiten Wahlgang deutlich mehr für Grégoire gestimmt haben als erwartet. Und ein Teil der Wähler/innen von La France insoumise hat ebenfalls im zweiten Wahlgang mit einem sogenannten vote utile für Grégoire gestimmt, um einen Wahlsieg von Rachida Dati zu verhindern. Eine wichtige Rolle hat auch das neue Wahlsystem gespielt, bei dem die Wahl des Bürgermeisters von Paris und der Bürgermeister in den Arrondissement getrennt waren. So haben offensichtlich viele Wähler/innen in den Arrondissements rechts, für die Wahl des Pariser Stadtoberhaupts aber links abgestimmt.
Leserinnen und Lesern dieses Blogs ist Eva Jospin schon mehrfach begegnet. So im Beitrag über die verlängerte Metro-Linie 14, wo Eva Jospin eine Außenwand des Bahnhofs Hôpital-Bicêtre künstlerisch gestaltet hat.[1]
Und im Park von Chaumont-sur-Loire, der im September 2025 auf diesem Blog vorgestellt wurde, hat Eva Jospin eine wunderbare „Folie“ gestaltet, eine der in klassischen englischen Landschaftgärten eingestreuten Attraktionen und Blickpunkte.[2]
Es ist eine wunderbare Mischung zwischen Tempelchen und Grotte, inzwischen von der Natur überwuchert: eine für Jospin ideale Verbindung zwischen Natur und Architektur.
Sowohl die Wand des Bahnhofs von Hôpital-Bicêtre als auch die Folie von Chaumont-sur-Loire sind überwiegend aus Beton gefertigt. Die Modelle dafür bestanden aber aus Karton, dem bevorzugten Arbeitsmaterial Jospins. Die aktuelle Ausstellung im Grand Palais bietet nun die einzigartige Möglichkeit, die Meisterschaft ihrer Karton-Arbeiten und deren Variationsreichtum im Detail und aus nächster Nähe zu betrachten und zu bewundern.
Ein bevorzugter Gegenstand, den Eva Jospin mit ihren Kartons gestaltet, ist der Wald. Am Ende der Ausstellungs- Galerie steht eine monumentale, 9 Meter breite Wald-Wand.
Panorama, 2016, Karton und Holz 480 x 900 x 450 cm
Es ist ein Halbrund und trägt den Titel „Panorama“: Das bezieht sich auf die historischen Panoramen, die Ende des 18. Jahrhunderts entstanden und sich, Vorläufer des Kinos, im 19. Jahrhundert großer Beliebtheit erfreuten – gerade auch in Paris: Die Passage des Panoramas und die Panorama-Rotunde an den Champs-Élysées, Nachfolgerin des klassischen Baus Hittorffs, erinnern an die Blütezeit der Panoramen. Und ein wenig wie damals lädt Jospins Panorama zu einem Spaziergang zwischen tiefem Wald und mineralischen Felswänden ein. Es gibt keine Menschen oder Tiere, aber der Wald ist nicht tot, er ist nur eingeschlafen. Ein Wolf könnte im dichten Unterholz lauern, Eichhörnchen jederzeit in den Baumwipfeln herumtollen…
Für Jospin ist der Wald „Quelle der Magie. Er verweist auf die Ursprünge der Welt, auf Legenden und Märchen, weckt Staunen und Furcht.“ Mit den Worten Eva Jospins: „Es ist ein Ort, der sofort dazu anregt, neue Welten zu entdecken. Für mich ist es der Raum, der das Sichtbare und das Unsichtbare am besten verkörpert.“[4]
Schleicht hier vielleicht eine Echse durch das Unterholz?
Die Bewunderung des Waldes teilt Jospin übrigens mit Gustave Courbet, auf den sie sich auch ausdrücklich bezieht und in dessen Atelier in Ornans sie 2025 einige ihrer Werke ausgestellt hat. Beide waren fasziniert von den Wäldern, den Felsen, den Grotten und den Quellen. Aber im Gegensatz zu Courbet, dem Meister des Realismus, imitiert Jospin niemals die Natur, sondern erschafft sie immer wieder neu.[5]
Neben den Wäldern sind es phantasievolle Werke der Architektur, die Eva Jospin vor allem aus Karton herstellt. Beide Bereiche ohne jede menschliche Präsenz, geheimnisvoll, aber nicht beunruhigend – verstörend.
Scala, 2025 Karton, Messing
Diorama 2025 Holz, Karton, Bronze, Gips
Bögen, Säulen, Baumstümpfe, Felsen, Stalaktiten: Dieses Diorama vereint einen Großteil der Bildsprache Eva Jospins, zwischen Präsenz und Abwesenheit, Steinen und Bäumen, Ruinen und Höhlen. In diesem kleinen, intimen Theater vermischen sich Natur und Kultur organisch, ähnlich wie in den Kuriositätenkabinetten, deren Idee in der italienischen Renaissance entwickelt wurde.[6]
Betrachtet man die phantastischen Architekturen Jospins drängen sich viele Assoziationen auf: an die Architektur der troglodytischen Siedlungen, an die Säulen und Kapitelle des antiken Griechenlands, an die italienischen Capricci des 18. Jahrhunderts, die Welt des M.C.Escher oder die erträumten Landschaften und Bauten Hubert Roberts….
Es sind auch mächtige Bauten, die Jospin in der Ausstellung präsentiert.
Ausstellungstücke und Ausstellungsort sind nicht ganz so exquisit wie 2024 im Palais des Papes in Avignon, aber eindrucksvoll genug – trotz des großen Gedränges in der Galerie des Grand Palais.
Im Vordergrund der Cénotaphe aus dem Jahr 2020, u.a. aus Holz, Karton, Muscheln, Buntpapier. Dahinter die Kuppel des 7,3 Meter hohen Duomo aus dem Jahr 2025
Die Kuppel des Duomo erinnert mit der Öffnung zum Himmel und den herabhängenden Wurzeln an die Folie in Chaumont-sur-Loire.
Da die Fenster der Galerie ausdrücklich nicht zugestellt sind, öffnet sich der Blick auch auf die Architektur der Stadt… Und die Ausstellungsstücke verändern sich mit dem unterschiedlichen Lichteinfall.
Beim Rundgang durch die Ausstellung versteht man auch den Titel, den ihr Eva Jospin gegeben hat: Grottesco: Der Name verweist auf eine Legende, die von einem jungen Römer handelt. Er fällt aus Versehen in eine Höhle, wo er wunderschöne, vergessene Fresken entdeckt: Überreste des Domus Aurea des Nero, die seit Jahrhunderten verschüttet waren. Daraus entstand der Begriff des „Grotesken“, ein Stil, in dem, so Jospin, „Pflanzen, Architektur, das Illusionäre und das Märchenhafte eine Einheit bilden. Das Groteske ist ein anderer Name für das Fantastische, das Unerwartete.“[8]
In der Ausstellung im Grand Palais gibt es auch einige Stickereien aus Seide und Wollfäden. Ein besonderes Beispiel für Jospins textile Arbeiten konnte man 2024 in der Orangerie des Schlosses von Versailles bewundern: Ein monumentales, 107 Meter langes Natur- und Architekturpanorama.[9]
In der Galerie des Grand Palais sind kleine(re), aber ebenfalls feine textile Werke ausgestellt.
Arche 2025 (Ausschnitt) Seiden- und Metallfäden
Source (Quelle), 2025. Eine Landschafts- Stickerei mit Seidenfäden, Holzrahmen
Source, Detail
Sous-bois (Unterholz, Ausschnitt) 2025 Stickerei mit Seidenfäden
[4] „C’est un lieu qui incite immédiatement à découvrir de noveaux mondes. Pour moi, c’est l’espae qui incarne le mieux le visible et l’invisible.“ Connaissance des arts hors-série, Eva Jospin, Grottesco. S. 14
Dieses Heft von Conaissance des arts behandelt auch die Ausstellung von Claire Tabouret, d’un seul souffle, die gleichzeitig in einer benachbarten Galerie des Grand Palais stattfindet.
[5] Guillaume Morel, Eva Jospin, rêver le paysage. In: connaissance des arts, S. 17
[6] Siehe: Le microcosme magique. In: connaissance des arts, S. 23
Zum letzten und vorletzten Jahreswechsel habe ich den Leserinnen und Lesern dieses Blog ein gutes und friedlicheres neues Jahr gewünscht. Auch wenn Präsident Trump sich als Friedens-Deal-Maker inszeniert: Im Nahen Osten herrscht noch nicht einmal ein völliger Waffenstillstand, wirklicher Friede ist nicht in Sicht; und in der Ukraine gehen die Kämpfe an den Fronten und die Angriffe auf die Zivilbevölkerung im Land in unverminderter Härte weiter. Und friedlich geht es auch in vielen anderen Gegenden der Welt leider ganz und gar nicht zu.
Zu Hoffnung ist also derzeit wenig Anlass. Da gibt es wenigstens die Kunst: Im Januar werde ich zweimal das Glück haben, an Aufführungen der 9. Sinfonie von Beethoven teilzunehmen und die Hymne an die Freude mitzusingen. Sie ist ja auch die Hymne eines Europa, dem Trump und Putin den Kampf angesagt haben. Der Text stammt ja bekanntlich von Friedrich Schiller, der, was vielleicht weniger bekannt ist, während der Französischen Revolution als Ehrenbürger Frankreichs geadelt wurde.
Hoffnung heißt auch das „neo-pointilistische“ Wandbild des Street Art-Künstlers Kan, das derzeit auf der M.U.R Bastille in der Rue de la Roquette im 11. Arrondissement von Paris zu sehen ist.
Meine Hoffnung: Dass es Ende dieses jungen Jahres keinen Anlass gibt für ein neues Wandbild der Tränen und der Trauer!
2025 war immerhin, was den Blog angeht, wieder ein sehr intensives und gutes Jahr: Die Zahl der Abonnenten, der Besucher/innen und der Aufrufe hat weiter zugenommen. Zum erste Mal haben in einem Monat über 10 000 Menschen den Blog besucht. Dazu beigetragen haben gegen Ende des Jahres zahlreiche Aufrufe aus China, die zeitweise sogar die aus Deutschland auf den zweiten Platz verdrängt haben.
Natürlich ist im abgelaufenen Jahr auch die Zahl der Beiträge gewachsen: 51 Beiträge kamen hinzu, ein neuer „Rekord“. Das hängt auch damit zusammen, dass mit dem „Bild des Monats“ ein neues, zusätzliches Format in den Blog eingeführt wurde und dass der Blog wieder durch einige schöne Gastbeiträge bereichert wurde, wofür ich mich an dieser Stelle noch einmal herzlich bedanken möchte.
Deutliche „Spitzenreiter“ im vergangenen Jahr waren diese beiden Beiträge:
Trotz der vielen Beiträge des Jahres 2025 wurden aber noch nicht einmal alle vor einem Jahr angekündigten Projekte verwirklicht:
Die Bauten Le Corbusiers in und um Paris I (Doppelhaus La Roche und Jeanneret, Miets- und Atelierhaus Porte Molitor und Schweizer Pavillon in der Cité Universitaire)
Le Corbusier II: Villa Savoye
Le Corbusier III: Le Corbusiers Paris-Pläne (Plan Voisin ff): Kahlschlag und totalitäre Neugestaltung
Wem „gehört“ er? Die Gutenberg-Denkmäler in Straßburg und Mainz
Der frisch restaurierte Arc de Triomphe du Caroussel
Diese Beiträge werden dann -hoffentlich- im Laufe des neuen Jahres in dem Blog erscheinen. Und natürlich -und ganz gewiss!- die beiden schon für 2024 vorgesehenen Beiträge über das Schloss und den Park von Vaux-le-Vicomte.
Und dann gibt es natürlich wieder viele neue Projekte für 2026:
Galette aux Rois (Bild des Monats Januar)
La Rue de la Femme sans Teste auf der Île Saint-Louis in Paris oder Die Angst der Männer vor starken Frauen
Das Louxor: Der „ägyptische“ Art-déco-Kinopalast von Paris
Das Palais d’Iéna: Ein Meisterwerk von Auguste Perret, dem Pionier des Eisenbetons.
Das Grab Antoine Parmentiers, der die Kartoffel in Frankreich heimisch machte, auf dem Père Lachaise
Das Café des Chats im 11. Arrondissement von Paris
Der neue Metro- Bahnhof von Villejuif (Linie14): Ausgezeichnet als schönster Bahnhof der Welt des Jahres 2025
Die Gerhard Richter- Ausstellung in der Fondation Louis Vuitton
Die Eva Jospin-Ausstellung im Grand Palais
Die Ausstellung der neuen Kirchenfenster von Notre-Dame de Paris im Grand Palais
Das Zisterzienser-Kloster von Fontenay in Burgund
Die Bouillons von Paris
Die Pariser Getreidebörse (Pinault Collection)
40 Jahre nach Christo und Jeanne-Claude: Die Umgestaltung des pont neuf im Juni 2026
Dazu wird sicherlich -wie im letzten Jahr- noch einiges Weitere hinzukommen, was sich im Lauf des Jahres ergeben wird. Ich hoffe also, dass für jede und jeden etwas Interessantes dabei sein wird. Bedanken möchte ich mich für freundliche Zuschriften und Rückmeldungen. Auch über kritische Hinweise und Verbesserungsvorschläge freue ich mich.
Mit vielen guten Wünschen für das neue Jahr und natürlich auch weiterhin Interesse und Freude an dem Paris- und Frankreich-Blog
„Wenn einer eine Reise tut, da kann er was erleben“. So lautet ein Sprichwort, das wunderbare Reiseerlebnisse verheißt. Ist man aber regelmäßig mit der Bundesbahn/der SNCF zwischen Frankfurt und Paris unterwegs, ist man geneigt, das Sprichwort auch als Drohung zu verstehen: Da kannst du was erleben!!! Und da kannst du auch was erzählen. Aber ich will die Leserinnen und Leser dieses Blogs nicht mit den üblichen Geschichten über Verspätungen und Zugausfälle langweilen. Und ich will mich nicht nur beklagen. Denn die Fahrten, die sonst doch nur Routine wären, bieten immer wieder Gesprächsstoff und bei allen Problemen manchmal auch interessante und positive Überraschungen.
Zum Beispiel Nachhilfe in Landeskunde: Wenn also der ICE auf dem Weg von Paris nach Frankfurt es nur bis Saarbrücken schafft und man dann aufgefordert wird, in einen bereitstehenden Flix-Train umzusteigen. Der tuckert durch schöne Pfälzer Landschaften, durch Weinberge, entlang der Nahe, und er hält an Bahnstationen, deren Namen man noch nie gehört hat…
Oder wenn im jetzt zu Ende gehenden Jahr wegen der Generalsanierung der Direktverbindung Frankfurt – Mannheim der Zug -wie früher- über Darmstadt mit seinem schönen Jugendstilbahnhof fährt. Für meinen Vater, ein begeisterter Darmstädter „Heiner“, war es ein großer Schock, als der Zug Frankfurt – Paris nicht mehr in Darmstadt Halt machte. Er erzählte auch gerne die Anekdote des Darmstädter Stationsvorstehers, der die ankommenden Fahrgäste auf gut hessisch mit einem kräftigen „Station Dammstadt“ begrüßte. Der volksnahe Großherzog Ernst Ludwig habe ihn bei Gelegenheit freundlich darum gebeten, doch das R nicht zu vergessen, was der gute Mann auch brav befolgte: Das nächste Mal also: StaRRtion Dammstadt… Jetzt hatte immerhin wenigstens der Sohn die verspätete, wenn auch nur zeitlich begrenzte Genugtuung ausgiebiger (allerdings nicht offizieller) Fahrtpausen in „Dammstadt“.
Es hat auch durchaus etwas Gutes, wenn der ICE ein technisches Problem hat und deshalb (nach kräftig verspäteter Abfahrt) nur mit angekündigten maximal 200 km (tatsächlich eher weniger als 150 km) durch Frankreich fahren kann. Denn es gibt mir immer einen Stich, wenn der Zug (ICE oder TGV) mit über 300 Sachen durch die Champagne rast und dann in gefühltem S-Bahn- Tempo gemütlich den Pfälzer Wald durchquert. Stolz verkündete kürzlich die Bundesbahn, dass nach der Generalsanierung der Strecke zwischen Frankfurt und Mannheim sogar Tempo 160 möglich sei!- allerdings nur an einzelnen Abschnitten….
Aber jetzt endlich etwas zu dem Bild von dem „Aufenthaltszug“! Wer hätte denn gedacht, dass die Probleme der Bundesbahn auch der Wortschatzerweiterung dienen können.
Den „Aufenthaltszug“ gibt es zwar bei der Bundesbahn, aber (noch) nicht im Duden. Tippt man das Wort in der neuesten Online-Ausgabe ein, erhält man als Antwort eine Frage:
Dass der Duden hier passt, kann ich verstehen. Denn eigentlich ist ja ein Zug fürs Fahren da und nicht für einen Aufenthalt. Insofern ist der „Aufenthaltszug“ ein in sich widersprüchliches Wortkonstrukt. Aber für die Bundesbahn ist er eine (wohl auch nicht erst ganz neue) Realität, wie wir am eigenen Leibe erfahren haben. Da kam auf dem Weg nach Paris in Saarbrücken die Durchsage, der Zug -wieder ein ICE- könne wegen technischer Probleme die Fahrt nicht fortsetzen. Die Fahrgäste müssten auf den nachfolgenden Pariszug warten, dürften aber so lange in dem zum Aufenthaltszug umfirmierten Pannenzug bleiben – immerhin war es Winter und ziemlich kalt. Wir konnten uns etwas mit dem ausgesprochen netten Zugführer unterhalten, der gerne nach Paris weitergefahren wäre – er sprach auch perfekt französisch. Er erklärte uns, dass die Bundesbahn im Zuge ihrer früheren Privatisierungsstrategie nicht nur notwendige Investitionen unterlassen, sondern auch Bahnhöfe -u.a. den von Saarbrücken- verkauft oder verpachtet habe. Seitdem gäbe es keinen warmen Wartesaal mehr, dafür aber jetzt einen Aufenthaltszug. Wie schön! Und für den etwa vierstündigen Aufenthalt im Aufenthaltszug bekamen wir sogar von der Bahn ein kleines Fläschchen Wasser spendiert…. Die netten Inder in unserem Abteil hatten allerdings nichts davon. Das in Frankfurt wohnende Ehepaar hatte die Eltern, die gerade zu Besuch aus Indien gekommen waren, für einen Tag nach Paris eingeladen. Damit war’s nun nichts mehr. Also keine vier Stunden Aufenthaltszug, keine „ville lumière“, keine „schönste Avenue der Welt“, kein Eiffelturm, keine Seine-Rundfahrt, keine Notre-Dame, sondern mit dem nächsten Zug zurück nach Frankfurt…
Wenn einer eine Reise tut…
Aber da will ich dann doch noch von unserem letzten Eisenbahnabenteuer berichten: Der Zug von Paris nach Frankfurt sollte am 18.8. um 7.07 Uhr in Paris-Est losfahren. Am Abend vorher rief ich gegen 22.30 Uhr vorsichtshalber nochmal die Seite des Bundesbahn-Internetportals auf, in der meine Fahrkarten gespeichert und aktuelle Informationen zu den Fahrten verzeichnet sind. Und da fand ich die Meldung, dass der Zug ersatzlos gestrichen sei. Wir könnten aber ohne Mehrpreis einen anderen Zug wählen. Das Gleiche war uns einige Wochen vorher schon einmal passiert, wir hatten den nachfolgenden 9.55-Zug gewählt und es gab damit keine Probleme. Diesmal allerdings kam alles ganz anders: An der Zugangskontrolle am Bahnsteig des Pariser Ostbahnhofs wurden wir nicht durchgelassen. Wir hätten keine gültige Fahrkarte, der Zug um 7.07 sei gefahren. Ich zeigte auf meinem Handy die Information des Zugausfalls und die Aufforderung, einen späteren Zug zu nutzen.
Barsche, lautstarke Reaktion der SNCF-Dame an der Durchgangskontrolle: Unsinn! Der Zug sei gefahren. Basta! Wir sollten gefälligst zum Schalter gehen und neue Fahrkarten kaufen. Heftiger Protest unsererseits. Aufmarsch einer Polizeitruppe. Hinzukommen des Chefs des Zugbegleitpersonals. Der bedeutete uns, der Zug sei ausgebucht, aus versicherungsrechtlichen Gründen könnten wir nicht mitfahren. Neue Diskussionen. (Wir waren glücklicherweise so rechtzeitig zum Bahnsteig gekommen, dass noch Zeit bis zur Abfahrt und für engagierte Wortwechsel war). Schließlich dann doch ein „Vorschlag zur Güte“: Er würde uns freundlicherweise mitfahren lassen gegen die Ausstellung von zwei Platzkarten zum Preis von 70 Euro. Wo plötzlich die freien Plätze herkamen, war nicht ersichtlich, warum wir 70 Euro (für den Kooperationspartner SNCF) zahlen sollten, wo doch die Bundesbahn ausdrücklich die Kostenfreiheit aller alternativer Züge betont hatte, auch nicht. Aber besser so, als ein späterer Zug zum vollen Preis….
Zu Hause angekommen: Anruf beim Serviceportal der Bundesbahn. Lange Warteschleife. Dann Darstellung des Vorfalls mit dem Ziel einer Rückerstattung der 70 Euro. Weiterleitung an die Beschwerdestelle. Eine höchst ruppige Dame am Apparat: Es wäre unsere Pflicht gewesen, uns zeitnah nochmals zu informieren, ob nicht der (22.30 Uhr als storniert gemeldete) 7.07 Uhr-Zug nicht doch noch fahren würde. Das solle sie sich doch bitte mal, so meine empörte Antwort, konkret vorstellen. Schließlich eröffnete sie mir als Lösung die Möglichkeit, das im Internet zugängliche Antragsformular für Entschädigung auszufüllen. Ich solle den Posten Zugausfall ankreuzen und dann dazu schreiben, dass es um die 70 Euro Reservierungskosten ginge. Das Formular habe ich aufgerufen, das Kästchen Zugausfall angekreuzt, aber die Möglichkeit für eine Zusatzinformation sieht das Formular nicht vor. Also ohne Zusatz (und also auch ohne eine Kopie der Reservierungs-Rechnung abgeschickt. Eineinhalb Monate später erhielt ich ein postalisches Schreiben der offenbar hoffnungslos überforderten Abteilung Fahrgastrechte der Bundesbahn, Ausdruck von good-will (Wir kümmern uns), aber auch einer gewissen Ratlosigkeit: Ich solle doch bitte die Dauer der Verspätung unseres 7.07- Uhr- Zuges mitteilen. Immerhin hatte ich jetzt aber eine Adresse und ein Aktenzeichen und damit die Möglichkeit, mein Anliegen darzustellen… Ein beträchtlicher Aufwand für mich und die bedauernswerten Mitarbeiter/innen der Beschwerdestelle, aber nach all dem Ärger wollte ich die Sache dann doch nicht einfach auf sich beruhen lassen…
Anfang November wieder ein Brief von der Servicestelle, den ich hoffnungsvoll öffne. Aber dann traue ich kaum meinen Augen: Noch einmal das Schreiben wie das letzte Mal, auf das ich doch schon ausführlich geantwortet hatte. Diesmal Anruf beim Servicecenter. Ja, die Post von mir sei angekommen. Man benötige aber die genaue Ankunftszeit des von uns genutzten späteren Zuges. Sonst könne die Angelegenheit nicht bearbeitet werden. Möglicherweise fällt unser „Fall“ aus dem administrativen Raster und es gibt eine Entschädigung über die „Verspätungs-Schiene“…. Vielleicht als „Weihnachtsgeschenk“?
Enttäuschte Hoffnung: Ende November eine abschlägige Antwort: Da ja weder der als gestrichen gemeldete 7.07 h-Zug, der dann doch fuhr, verspätet war, noch der als Ersatz gewählte nachfolgende 9.55h-Zug: „Wir bitten um Verständnis, dass in Ihrem Fall keine Entschädigung gezahlt werden kann.“ Ich habe den Fall dann zähneknirschend auf sich beruhen lassen bzw. mich als kleine Entschädigung entschlossen, ihn dann doch wenigstens hier darzustellen….
Trotz alledem: Nach Paris und zurück fahren wir immer mit dem Zug. Wenn alles gut geht -und das ist sogar mehrheitlich so!- ist es die schnellste, bequemste, billigste und ökologischste Reisemöglichkeit… Und manchmal sogar die abenteuerlichste… Was will man mehr?
Titelbild zu der Jahreschronik 2025 von Greser & Lenz: Ist Deutschland noch zu retten?
Paris verfügte schon bisher über ganz außerordentliche Orte zur Präsentation moderner/zeitgenössischer Kunst. Man denke nur an das Centre Pompidou, das Musée d’Art moderne de la ville de Paris, und natürlich an die wunderbaren privaten Ausstellungsorte: Die Bourse de Commerce, in der François Pinault „die Werke einer der wichtigsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst der Welt“ ausstellt[1], und die Fondation Louis Vuitton von Bernard Arnault, dem Besitzer des Luxuskonzerns LVHM und einem der reichsten Männer der Welt. Der kann es sich auch leisten, dort die bisher umfassendste und schönste Ausstellung der Werke Gerhard Richters zu präsentieren[2].
Jetzt hat Paris seiner „Kulturkrone“ einen weiteren funkelnden Edelstein hinzugefügt: Das Ausstellungsgebäude der Fondation Cartier mitten in Paris, im Zentrum des gesellschaftlichen, künstlerischen, politischen Lebens der Stadt, ja des Landes. Allein die Adresse ist ein Ausrufungszeichen: 2, place du Palais Royal. Es ist ein monumentales, ein ganzes Straßenareal ausfüllendes Bauwerk, an der Pariser Ost-West-Achse rue de Rivoli gelegen, gegenüber dem Louvre, dem Kultusministerium, der Comédie Française und, natürlich, des Palais Royal mit dem Conseil d’État [3].
Der fünfstöckige, 153 Meter lange und bis zu 58 Meter breite Riese aus hellem Kalkstein wurde 1854/55 im Hinblick auf die unmittelbar bevorstehende Weltausstellung aus dem Boden gestampft. Das Hôtel du Louvre bildete mit 1200 Zimmern eine Miniaturstadt und bot seiner kosmopolitischen Klientel neben Wasserklosets auch Luxusboutiquen unter den ringsumlaufenden Arkaden. Eine dieser Boutiquen, die Galeries du Louvre, wuchs sich zum -laut Werbung- ‚größten Warenhaus der Welt‘ aus und verdrängte, inzwischen umfirmiert zu Grands Magasins du Louvre, 1887 gar das Hotel aus den Mauern.[5] Die Grands Magasins du Louvre waren neben dem noch älteren Kaufhaus Bon Marché Vorbild für die späteren großen Kaufhäuser in aller Welt und für Zolas Roman Au bonheur des dames/Das Paradies der Damen.
1978 allerdings musste das Kaufhaus schließen und machte Platz für das Louvre des Antiquaires. Rund 240 Antiquitätenläden boten dort bis 2019 Kunstwerke aus aller Welt zum Verkauf an. 1995 hatte allerdings eine französische Immobiliengesellschaft den Gebäudekomplex erworben. Zunächst war geplant, dort ein Centre commercial der Mode einzurichten, dann hatte Dominique Perrin, Präsident der Fondation Cartier, das Gebäude als idealen Ort für einen neuen Ort für die Ausstellungen seiner Stiftung ausersehen, wobei zunächst nur daran gedacht war, die Hälfte des Gebäudes anzumieten. Dann war es aber Jean Nouvel, der „Hausarchitekt“ der Fondation Cartier, der Perrin davon überzeugte, den gesamten Gebäudekomplex für die Stiftung zu nutzen: Insgesamt sind in das 8500 für Besucher zugängliche Quadratmeter und davon 6500 m2 Ausstellungsfläche, also fast eine Verfünffachung gegenüber des Gebäudes am Boulevard Raspail. [6]
Dafür waren allerdings erhebliche Umbaumaßnahmen erforderlich, mit denen Jean Nouvel beauftragt wurde. Der hatte schon Ende der 1990-er Jahre das erste, noch erheblich kleinere Pariser Ausstellungsgebäude der Stiftung am Boulevard Raspail konzipiert.
Dies ist das bisherige Ausstellungsgebäude Boulevard Raspail, „eines der interessantesten Bauwerke Ende des 20. Jahrhunderts,“[7] war für Nouvel sein „monument de Paris“. Es ist ein transparentes Gebäude aus Stahl und Glas, ohne feste Mauern: offen und flexibel für die Bedürfnisse der jeweiligen Ausstellungen. [8] Im Vordergrund eine Libanon-Zeder, 1823 gepflanzt von dem Schriftsteller Chateaubriand, der damals hier wohnte.
Jean Nouvel, inzwischen 80 Jahre alt und ausgezeichnet mit dem Pritzker-Preis, dem „Nobel-Preis der Architektur“, ist den Parisern wohlbekannt als Architekt der Philharmonie, des Institut du Monde Arabe und der extravaganten Duo-Türme am östlichen Stadtrand von Paris.
Das für die Stiftung vorgesehene kolossale Gebäude entsprach nun allerdings ganz und gar nicht seinen Vorstellungen und dem neuen Verwendungszweck des Gebäudes. Es war weder offen, noch transparent, noch flexibel – ihm fehlte also all das, was das alte Ausstellungsgebäude am Boulevard Raspail ausgemacht hatte. Eine große Herausforderung für den Architekten.
Jean Nouvel im Rückblick: „Der Innenraum war sehr dunkel. Es galt, ihm Tiefe zu verleihen, die Höhen zu variieren und die Lichtquellen zu vervielfachen. Wir wollten eine Perspektive schaffen, die es ermöglicht, sich im Raum zu orientieren.“[10]
Nouvel öffnete also unter Bewahrung der Fassade den jetzt lichtdurchfluteten Eingangsbereich hin zur place du Palais Royal, entkernte den Bau, legte einen 85 Meter langen Innenraum frei und konzipierte drei Glaskuppeln über den Innenhöfen mit steuerbarem Lichteinfall und Blick auf das begrünte Dach.
Bilder: Fondation Cartier/Martin Argyroglo
Außerdem schuf er fünf 200 bis 263 Quadratmeter große Plattformen, die sich mit einer für die Besucher sichtbaren Mechanik über eine Höhe von 11 Metern anheben oder absenken lassen.
Man hat deshalb das Gebäude einen „flexiblen Maschinenraum“ genannt.[11] Assoziationen an die Hebebühnen des Theaters liegen nahe, vielleicht hat es aber auch -so Le Monde- Anleihen bei der Militärtechnik gegeben. [12]
Jean Nouvel zu der so ermöglichten Flexiblität der Ausstellungsflächen:
„In diesem Bauwerk, von dem aus dem 19. Jahrhundert nur noch die charakteristische Fassade und einige strukturelle Elemente erhalten sind, befindet man sich in einer industriellen Kathedrale mit seltener Größe und sehr großen Spannweiten. Es strahlt eine sehr starke Kraft aus. Seine fünf Stahlplattformen, deren Beweglichkeit man sehen kann, stehen in völligem Kontrast zur Haussmann’schen Architektur des Äußeren. Es ähnelt einem Super-Theater, in dem man sehr schwere Böden anhebt. Diese Innovation ist nicht nur funktional oder szenografisch. Für mich ist sie architektonisch, in dem Sinne, dass sie dynamisch wird. Die Innovation besteht darin, dass man über alle möglichen Höhenverstellungen und alle diese Lichter mit variabler Intensität bis hin zur völligen Dunkelheit verfügen kann, je nachdem, wie weit die Glasdächer und Seitenfenster geschlossen sind. Die Fondation Cartier wird wahrscheinlich die Institution sein, die die größte Differenzierung ihrer Räume, die meisten Ausstellungsmöglichkeiten und die meisten Blickwinkel bietet. Die Leistungsfähigkeit der Plattformen ermöglicht es, sehr schwere Werke aufzunehmen und sie auf völlig neue Weise aufzuhängen. Hier kann man, indem man das Ausstellungssystem verändert, Dinge tun, die anderswo nicht möglich wären.“[13]
Was die Umbaukosten für das auf Dauer angemietete Gebäude angeht, hüllt sich die Fondation in vornehmes Schweigen. Es sollen aber zwischen 225 und 245 Millionen Euro gewesen sein.[14] Aber anders als bei staatlichen Kultureinrichtungen, selbst sogar dem Louvre auf der anderen Straßenseite, spielt Geld hier wohl keine Rolle. Denn wenn auch der französische Staat unter seiner Schuldenlast ächzt, die französische Luxusindustrie floriert nach wie vor, und Pinault, Arnault und Cartier stellen das auch ostentativ zur Schau. So musste Nouvel nicht kleckern, sondern konnte klotzen.
Besonders wichtig und typisch für ihn waren „die vielen Durchblicke,“[15] die der neue Bau ermöglicht. Da gibt es die sieben Meter hohen Rundbogenfenster, die früheren Schaufenster, durch die Passanten Einblicke in die Ausstellung haben und durch die die Ausstellungsbesucher nach draußen sehen können.
Blick nach drinnen: Die Trennung von Innen und Außen ist aufgehoben. Mit den Worten von Jean Nouvel:
„Im Erdgeschoss ist die Fassade entlang der gesamten Länge der Rue de Rivoli und der Rue Saint-Honoré verglast, sodass der Blick von einer Straße zur anderen schweifen kann und Innen und Außen miteinander verschmelzen. Diese Transparenz der Seitenfenster bestärkt das Gefühl, im Herzen von Paris zu sein.“[16]
„Im Herzen von Paris“: rue de Rivoli
Besucher des Louvre auf der gegenüberliegenden Straßenseite
Interessierte Blicke auf das kleine Stück Amazonas im Untergeschoss des Gebäudes.
Beim Rundgang durch die Eröffnungsausstellung fällt auf, wie bedeutend der Anteil außereuropäischer, gerade auch indigener Kunst ist. Sie ist ein Schwerpunkt der Sammlungstätigkeit der Fondation Cartier.[17]
Aus der Bilderserie „Künstler des Gran Chaco“. In diesem Wald im Norden Paraquays, der von völliger Zerstörung bedroht ist, leben die autochtonen Volksstämme Guarani und Nivaclé. Sie machen in ihren Zeichnungen auf die Vielfalt der bedrohten Flora und Fauna aufmerksam.
Sheroanawe Hakihiiwe gehört zur Gemeinschaft der Yamomanis in Venezuela. Mit minimalistischen Methoden stellt er Motive der ihn umgebenden Natur dar. Oben: Der Weg der Ameisen, darunter: Blatt mit Früchten.
Jivya Soma Mashe, Fischnetz (2009). Der Künstler aus dem Stamm der Warlis in Maharashtra/Indien hat eine 4500 alte künstlerische Maltradition neu belebt. Seine Szenen des Ackerbaus, der Ernte, der Tierwelt oder -wie hier- des Fischfangs sind mit Kuhdung und Acrylfarben gemalt.
Es gibt immer wieder neue Perspektiven im Innern zwischen den verschiedenen Ebenen des Gebäudes:
Eine Besuchergruppe am Fuß des Miracéus der Brasilianerin Solange Pessoa: ein in der Luft schwebender Pilz aus Stoffen und Vogelfedern ihrer Heimat.
Ron Mueck, Woman with Shopping (2013). Dahinter der obere Teile des Miracéus.
Foto: Sonia Branca-Rosoff [17a] Links an der Wand Masken aus Holz und Metall von David Hammons. Im Geschoss darunter eine Farbkomposition des Bolivianers Mamani.
Blick in das Foyer mit der Petite Cathédrale von Alessandro Mendini (2002)
Blick auf die für die Eröffnungsausstellung konzipierte dreidimensionale Installation von Sarah Sze, speziell für die Eröffnungsausstellung in der neuen Fondation Cartier im Untergeschoss des Gebäudes aufgebaut.
Von dem oberen Geschoss kann man das Spiel der Farben und die Bewegung eines an Foucault erinnernden Pendels beobachten.
Auch das U-Boot Panamarenkos aus dem Jahr 1996 befindet sich natürlich im Untergeschoss, wo man es auf Augenhöhe betrachten kann.
Durchblicke: Baumstämme für den Küstenschutz von Saint-Malo von Raymond Haynes und Pierrick Sorin. Zum ersten Mal ausgestellt in der Fondation Cartier Boulevard Raspail 1994. Auch eine Reverenz an Chateaubriand, der in Saint-Malo aufwuchs und später auf dem Gelände der Fondation Boulevard Raspail wohnte.
Und dann gibt es auch noch die Blicke nach oben, zu den Glasdächern über den Innenhöfen, über denen Bäume wachsen…
Der Bau der neuen Fondation Cartier wird als eine architektonische Meisterleistung („une prouesse architecturale“), ja als Wunderwerk („une merveille architecturale“) gerühmt.[18] Marc Zitzmann, der ebenfalls begeisterte Pariser Kulturkorrespondent der FAZ, formulierte sogar etwas salopp, Jean Nouvel hänge mit dem Bau „die Konkurrenz ab“. Dem kann ich aber nicht ganz zustimmen. Frank Gehrys Schiff mit seinen 12 aufgespannten Segeln für die Fondation Louis Vuitton, die aus dem 18. Jahrhundert stammende Getreidebörse, von Tadaō Ando wunderbar für die Pinault-Kunstsammlung umgebaut, und auch das von Renzo Piano, Richard Rogers und Gianfranco Franchini entworfene Centre Pompidou kann auch ein Jean Nouvel nicht so einfach „abhängen“.
In einem Punkt allerdings hat Nouvel Gehry und Ando in der Tat „abgehängt“: Die Ausstellungsfläche der Fondation Cartier ist mit ihren 6500 Quadratmetern deutlich größer als die der Fondation Louis Vuitton (3500 qm2) und der Bourse de Commerce (ca 3000qm2). Hinter dem Centre Pompidou mit seinen ca 7500 Metern Ausstellungsfläche bleibt sie allerdings etwas zurück.
Aber ungeachtet aller Unterschiede und „Wer ist die Schönste im Lande? – Eifersüchteleien: Einen weiteren Edelstein hat Jean Nouvel der Pariser Kunstkrone in der Tat hinzugefügt.
Die Eröffnungsausstellung der Fondation Cartier im neuen Domizil ist überschrieben: Exposition générale.
Das knüpft an die Zeit an, als das Bauwerk die Grands Magasins du Louvre beherbergte, die jährlich eine Exposition Générale des Nouveautés veranstalteten.[19]
In der Exposition générale der Fondation Cartier werden allerdings keine Neuheiten des Sommers gezeigt, wie hier auf dem Plakat des Kaufhauses angekündigt. Präsentiert wird eine „Auswahl ikonischer Werke“ früherer Ausstellungen, „die mehr als vierzig Jahre internationales zeitgenössisches Kunstschaffen nachzeichnet.
An der Schau beteiligt sind unter anderem die brasilianisch-schweizerische Fotografin Claudia Andujar, die kolumbianische Textilkünstlerin Olga de Amaral, der chinesische Konzept- und Performancekünstler Cai Guo-Qiang und der Japaner Jun’ya Ishigami, bekannt für seine Rauminstallationen: ein buntes Bouquet von Kunst, das einen von einer Welt in eine andere versetzt.“ [20]
Empfehlenswert ist, frei durch die Ausstellung zu flanieren. „Der Erkundungsgang macht Spaß: Es geht nach unten und nach oben (…), der Parcours führt über Endlosgänge in Sackgässchen, vom Licht ins Dunkel und vom Lauten ins Leise.“ [21] Das Zusammenspiel von Kunst und Architektur, von Innen und Außen, von einigem Bekannten und vielem Neuen, von ganz unterschiedlichen künstlerischen Medien, von europäischer und außereuropäischer Kunst sind Garanten einer spannenden Entdeckungsreise.
Die olympische Flamme faszinierte während der Olympischen Sommerspiele und der Paralympics 2024 täglich Tausende.
Der Ballon der olympischen Flamme, aufgenommen bei Vollmond am 19. August 2024 Foto: Wolf Jöckel
Seit Juni diesen Jahres ist sie wieder im Tuilerien-Garten zu sehen.
Die Feuerschale war nach den Olympischen Spielen abgebaut worden, Pariser Bürgerinnen und Bürger und die Stadtverwaltung setzten sich aber für ihre Rückkehr ein. Jetzt steigt sie bis zum 14. September jeden Abend nach Einbruch der Dunkelheit mit einem Heliumballon in 60 Meter Höhe auf.
Blick durch den napoleonischen Triumphbogen Arc du Carrousel am Louvre. Fotos: 7.8. 2025 Wolf Jöckel
Weniger frequentierte Beobachtungsplätze gibt es an den Seine-Kais rive gauche zwischen der Monnaie de Paris und der Assemblée nationale. Auf dem Tiefkai vor dem Musée d’Orsay zum Beispiel gibt es direkt am Fluss bequeme Sitzplätze mit freiem Blick, die sich auch für ein abendliches Picknick anbieten.
Blick über die Seine auf den Tuileriengarten, wo derzeit gerade ein Jahrmarkt stattfindet (La Fête des Tuilerien), zu dem auch das Riesenrad gehört.
Anlässlich des ersten Jahrestags der Olympischen Spiele von Paris hatte Amnesty International France am 26. Juli 2025 die Worte Schluss mit dem Völkermord in Gaza auf den Ballon projiziert. Aktivisten hatten dafür ein Hotelzimmer in der Rue de Rivoli angemietet.
Zu dieser spektakulären Aktion Anne Avinel-Barras, die Präsidentin von AIF:
„Was in Gaza geschieht, steht im krassen Gegensatz zu den Werten des Humanismus und Pazifismus, die in der Olympischen Charta verankert sind. Die Schwere der Verstöße der israelischen Armee gegen die Zivilbevölkerung, Männer, Frauen, ältere Menschen und Kinder, zwingt uns im Rahmen dieses olympischen Festes, daran zu erinnern, dass der Völkermord in Gaza unverzüglich beendet werden muss.“
Daniela David ist Reisejournalistin, Filmautorin, Gartenliebhaberin und Gartenkennerin. Sie ist fasziniert von der Gartenkultur verschiedener Epochen, Länder und Kulturen. In ihrem Blog gibt es ein weltweites Spektrum von Garten-Beiträgen, es werden aber auch weitere französische Gärten in der Provence, in Paris und der Normandie vorgestellt…
Der Garten der Villa Eilenroc
Der Garten der Villa Eilenroc an der Spitze von Cap d’Antibes hat eine sensationelle Lage, auf einem Plateau direkt am Mittelmeer. Und die Villa? Sie ist gigantisch. Mit ihren Säulen erinnert sie an das Weiße Haus in Washington. Charles Garnier, der berühmte französische Architekt der Alten Oper in Paris, hatte den Auftrag „Klotzen!“ Das war 1865. Der Meisterarchitekt sollte ein bombastisches Bauwerk schaffen.
Die Villa Eilenroc ruht auf der Halbinsel von Cap d’Antibes, die ins Meer hineinragt. Blau der Himmel und azurblau die See. Palmen wedeln im Wind.
Doch ursprünglich war hier nichts, kein Baum, kein Strauch – außer einem Felsen im Wasser mit grandioser Aussicht. Den Garten gab es noch nicht. Wie auch, auf einem Felsen? Der erste Gärtner kapitulierte sofort. Garten, geht nicht. Nicht hier.
Der zweite Gärtner, ein einfacher Mann, überlegte, zeichnete kurz einen Plan mit Struktur und Achsen. Der reiche Eigentümer winkte ihn durch und los ging es. Unzählige Esel schafften mit Karren die Erde herbei. Dies war die Voraussetzung für die Pflanzen: Palmen und Pinien, Olivenbäume und grüne Eichen, Jakaranda und Zypressen. Eilenroc ist die unglaubliche Geschichte von unmöglichen Ideen und von Machbarkeit. Esel sei Dank!
Und heute? „Inzwischen kämpfen wir, das üppige Grün im Zaum zu halten“, erklärt Jean-Pierre Schaefer vom Grünflächenamt in Antibes. Das sonnenverwöhnte Mikroklima der Côte d’Azur lässt exotische Pflanzen gut gedeihen. Durch Erbschaft gelangte das Anwesen in die öffentliche Hand. Da inzwischen nur noch eine Handvoll Gärtner zur Verfügung stehen und nicht wie einst rund 30, wird zwangsläufig der „natürliche Stil“ gepflegt.
In der Villa Eilenroc ist fast alles eine Nummer größer als üblich.
Die anfangs gepflanzten Bäumchen sind längst zu stattlichen Bäumen ausgewachsen. So promeniert der Besucher durch schattenspendende, mediterrane Wäldchen und Olivenhaine. Von den beiden großen Rosengärten kann der Neugierige auf die Nachbarvillen blicken. Sie gehören den Reichsten der Reichen dieser Welt, wie etwa dem russischen Oligarchen Abramowitsch. Die Gärten jener Anwesen an der Côte d’Azur bleiben für reguläre Besucher allerdings verschlossen.
Der Jardin Thuret
Der Jardin Thuret ist ein wissenschaftlicher Garten, der stellenweise wie ein Urwald aussieht.
Für jeden Besucher offen und dazu ohne Eintrittsgebühr ist der Jardin Thuret, ein dschungelartiger Garten ein Stück weiter auf Cap d’Antibes. „Es ist der schönste Garten, den ich je gesehen habe“, hat Georg Sand über den Jardin Thuret in Antibes geschrieben. Vermutlich war es die unermessliche Vielfalt der exotischen Gehölze, die die Französin betörte. Doch der Besuch der Schriftstellerin ist schon eine Weile her.
Heute wuchert es in diesem Garten. Bäume strecken sich in den Himmel. Darunter sind seltene Exemplare, die die südländische Hitze lieben, wie der Arbutus andrachne. Ein Erdbeerbaum mit rotfarbenem Stamm! Diese Art stammt vom Balkan. Zuerst wächst die Rinde in Grün, dann schält sie sich und gibt den glatten Stamm frei in Rot. Dieser Baum ist ein Exzentriker! Er stich im Kreise seiner Nachbarn deutlich hervor und zieht die Blicke auf sich.
Ein seltenes Rot: Arbutus andrachne, der Erdbeerbaum.
Forschungsgarten mit Historie
„Wir führen in unserem Jardin Thuret viele Forschungen durch“, sagt Catharine Ducatillon, die Direktorin des Forschergartens. „So untersuchen wir, wie sich die Bäume auf den Klimawandel einstellen.“ Die Wissenschaftlerin ist eine Frau mit Erfahrung. Pflanzen sind ihre Leidenschaft. So passioniert war auch der Begründer dieses Gartens an der französischen Riviera: Gustave Thuret (1817-1875). Der Pflanzenkenner kaufte 1857 ein fünf Hektar großes Grundstück auf der Halbinsel Cap d’Antibes. In 20 Jahren pflanzte er dort rund 4.000 Pflanzenarten. Viele der teils exotischen Gewächse stammten aus Kolonien.
„Thuret hatte in gewisser Weise einen extremen Charakter“, versucht Catherine zu erklären. „Er zog Dinge durch!“ Protestantisch, diskret, seriös. Ein leidenschaftlicher Gärtner. Seine wohlhabende hugenottische Familie stammte aus den Niederlanden. Gustave Thuret sprach mehrere Sprachen und war in der Welt unterwegs, auch als Attaché in der Botschaft Frankreichs in Konstantinopel.
Seine Schwägerin, die später den Garten mit der Villa an der Côte d’Azur erbte, vermachte das Anwesen dem französischen Staat. „Noch heute leben Mitglieder der Familie Thuret in der Region“, berichtet Catherine. „Und sie interessieren sich nach wie vor für den Garten.“
Pflanzenjäger im Auftrag der Wissenschaft
Büste von Gustave Thuret
Doch Thuret war kein üblicher Pflanzenjäger wie die gartenanlegenden Engländer zu der Zeit an der Riviera. Thuret war Botaniker. Sein Interesse galt der Wissenschaft. Er untersuchte die exotischen Pflanzen in seinem Garten und protokollierte, wie sich die eingeführten Bäume an das Mittelmeer adaptierten.
Dank seiner Aufzeichnungen, die nach seinem Tod fortgeführt wurden, weiß man heute ganz genau, wann welcher exotische Baum gepflanzt wurde. Ein unermesslicher Schatz für Wissenschaftler. Wie haben die Pflanzen sich an den Ortswechsel angepasst? Wie reagieren sie auf Trockenheit? Wie ertragen sie Schädlingsbefall? Fragen, die heute aktueller denn je sind.
„Der Jardin Thuret ist der einzige Garten in der Gegend, in dem eine aktive wissenschaftliche Recherche stattfindet“, erklärt Cathrine etwas stolz. Gestern waren Studenten von der Uni in Montpellier im Garten und untersuchten bestimmte Baumarten. Forscher aus der ganzen Welt besuchen den Jardin Thuret für ihre Forschungszwecke. Insgesamt zählt der Garten an der Côte d’Azur 15.000 bis 20.000 Besucher im Jahr.
Die Côte d’Azur ohne Palmen – unvorstellbar!
Der Mann mit der Phoenix Palme
So ist der Jardin Thuret das Gegenteil eines typisch französischen Gartens: nicht streng geordnet und beschnitten, sondern wild und natürlich. In diesem Park mit dem großen Pflanzenreichtum haben die Bäume die Chance, zu ihrer eigenen Gestalt heranzuwachsen. Kein Gärtner beschneidet sie. „Für mich ist das die Harmonie der Natur“, schwärmt Catherine.
Gustave Thuret war es auch, der die Phoenix-Palme von den Kanarischen Inseln an die Côte d’Azur brachte. Vor dem 19. Jahrhundert gab es dort nur zwei eigene Palmenarten. Thuret ließ die Phoenix Palme von den Kanarischen Inseln heranschiffen. Diese groß wachsende, einstämmige Palme sollte zum Emblem der Riviera werden. Das Postkartenmotiv schlechthin.
Praktische Hinweise:
Jardin Eilenroc: Avenue Mrs Beaumont 06160 Cap D’Antibes, Antibes
Samstags 10-17 Uhr geöffnet
Jardin botanique de la villa Thuret:
90, chemin Gustave Raymond 06160 Antibes Juan-les-Pins
Öffnungszeiten: April bis Oktober 8 h 00 – 18 h 00; November bis März 8 h 30 – 17 h 30
Daniela David veröffentlicht auch Romane unter dem Pseudonym Elena Eden, zuletzt den Côte d‘Azur Gartenroman „Der Garten im Licht.“ Es ist eine deutsch-französische Familiengeschichte, kann aber gleichzeitig als Gartenreiseführer dienen. Am Ende werden zahlreiche Gärten mit Adressen, Informationen und Tipps der Autorin aufgeführt.
Elena Eden, Der Garten im Licht – Côte d’Azur-Roman, E-Book (3,99 Euro) und Taschenbuch (13,99 Euro) bei Amazon und im Buchhandel, 2024
Ein Kormoran an der Seine, mitten in Paris, am Pont de l’Alma, offenbar seinem Stammplatz. Inzwischen sind die Kormorane dort heimisch und das bedeutet: Diese gefräßigen Tiere finden genügend Nahrung. Gab es 1990 im Pariser Abschnitt der Seine 14 Fischarten, so sind es heute 34. Und kürzlich hat man dort 20 Süßwassermuschelarten registriert, davon drei besonders empfindliche. (Le Parisien vom 4.2.2025). Die Wasserqualität der Seine hat sich also deutlich verbessert. Nachdem schon im Sommer 2024 mehrere Schwimmwettbewerbe der Olympischen Spiele in der Seine ausgetragen wurden, gibt es gute Chancen, dass auch wir in diesem Sommer wie versprochen in der Seine baden können. Die Vorbereitungen dafür sind im Gange.
Drei solcher Badeanstalten sollen im Sommer 2025 in der Seine betriebsbereit sein. (Le Parisien 9.1.2025)
Für uns ist besonders erfreulich, dass eine der drei Badeanstalten am Pont Marie (4. Arrondissement), unserer Pariser Lieblingsbrücke, eingerichtet werden soll, da wo noch vor wenigen Jahren die Autos auf der voie Pompidou, einer Seine-Schnellstraße vorbeibrausten. Heute drängen sich dort bei gutem Wetter Einheimische und Touristen, es gibt vor Anker liegende Schiffe, die auf dem Wasser und an Land Essen und Trinken anbieten – und demnächst dann hoffentlich auch die Seine-Badeanstalt…
Einen Kormoran bei der Unterwasserjagd nach Fischen (wie z.B. im Mittelmeer) werden wir dort aber kaum „Aug’in Aug'“ beobachten können. Nicht nur, weil die Seine-Bassins von dem Fluss mit seiner starken Strömung und dem intensiven Schiffsverkehr abgetrennt sein werden, sondern weil das Wasser für solche Begegnungen denn doch bei weitem (noch) nicht klar genug ist …