Erinnerungstafeln zu der Zeit von 1939 bis 1945 in Paris/Enfants de Paris 1939-1945

In diesem Beitrag wird ein außergewöhnliches und wunderbares Buch vorgestellt, in dem alle Pariser Erinnerungstafeln zu der Zeit von 1939 bis 1945 fotografisch festgehalten sind. Seit wir vor zehn Jahren eine Wohnung in Paris bezogen haben, interessiere ich mich für diese Erinnerungstafeln. Sie gehören gewissermaßen zu unserem Pariser Alltag. Ich möchte deshalb zunächst einige plaques commémoratives vorstellen, denen wir fast täglich begegnen. Im zweiten Teil geht es dann um Philippe Apeloigs 2018 erschienenes Buch über „Die Kinder von Paris 1939-1945“

Alltägliche Begegnungen

Wer als Flaneur durch Paris geht, wird immer wieder Erinnerungstafeln (plaques commémoratives) bemerken, die an Hauswänden befestigt sind. In manchen Gegenden –zum Beispiel auf der Ile St Louis- sind fast an allen Häusern solche Tafeln befestigt: Sie erinnern an prominente Personen, die in diesem Haus geboren wurden, gelebt haben oder gestorben sind.

Besonders häufig sind aber solche Tafeln, die sich auf die Zeit von 1939 bis 1945 beziehen.  Sie erinnern an die Besatzung von Paris durch deutsche Truppen, an die vielen Menschen, die ihr Leben im Kampf gegen die Nazis und für die Befreiung der Stadt und Frankreichs verloren haben und vor allem an die vielen Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns.

Allein in der unmittelbaren Umgebung unserer Wohnung im 11. Arrondissement gibt es eine Fülle solcher Erinnerungstafeln, von denen hier  einige vorgestellt werden sollen.

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Zum Beispiel in der Rue de la Folie Regnault diese Tafel für ein Paar, das gegen die nationalsozialistischen Besatzer gekämpft hat. Hier gehen oder fahren wir auf dem Weg in den Supermarkt oder ins Schwimmbad fast täglich vorbei.  Die beiden Personen, denen diese Tafel gewidmet ist,  waren Mitglieder der F.T.P.F., der Francs-tireurs et partisans, einer kommunistischen Widerstandsorganisation. Marcel André Berthelot wurde am 26. Februar 1943 „von den Nazis“ erschossen. Mit der Formel „mort pour la France“ werden traditionell die in den Kriegen gefallenen französischen Soldaten geehrt, hier also auch ein Mitglied der „Freischärler und Partisanen“. Berthelots Partnerin Yvette Semard konnte „aus den Lagern von Vichy“, dem Kollaborations-Regime, entkommen, in denen sie interniert war.

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Regelmäßig gehen wir auch zum Bäcker in der rue Léon-Frot oder fahren mit unseren Fahrrädern durch die Straße. An der Hauswand der Nummer  55 erinnert eine Tafel an den  kommunistischen Lokalpolitiker Léon Frot, der in diesem Haus gewohnt hat und nach dem auch die Straße benannt ist.

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Er wurde am 15. November 1939 verhaftet, also nach Kriegsbeginn, aber vor der Niederlage, als das Land noch eine Demokratie war. Die Frage, die sich hier stellt, nämlich warum er  verhaftet wurde, beantwortet die Tafel nicht, aber man findet die Antwort bei Wikipedia:  Léon Frot wurde „wegen kommunistischer Propaganda“ verhaftet und  zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.[1] Wikipedia erklärt auch, wie es zu der Erschießung durch „die Deutschen“ am 13. Januar 1942 in Clairvaux kam: Dort war das Gefängnis, in dem Léon Frot gefangen war; und erschossen wurde er als Geisel. Geiselerschießungen waren ein von den deutschen Truppen vielfach angewandtes, im totalen Widerspruch zum Kriegsvölkerrecht stehendes Mittel, auf Aktionen der Résistance zu reagieren.

An den Widerstand gegen die nationalsozialistischen Besatzer erinnert auch die nachfolgend abgebildete Gedenktafel am Eingang zur „Square de la Roquette“, einer kleinen Grün- und Freizeitanlage in der Rue de la Roquette. Befestigt ist diese Tafel an einem der beiden Torhäuser des ehemaligen Gefängnisses „Petite Roquette“, das bis 1974 hier stand. Die Torhäuser können wir übrigens von der kleinen Terrasse unserer Pariser Wohnung sehen… [2] Die Petite Roquette war eine im 19. Jahrhundert errichtete monumentale Gefängnisanlage, die nach dem Panopticon-Prinzip konstruiert war.[3] In diesem Gefängnis wurden, wie die Tafel mitteilt, vom Appell des Generals de Gaulle vom 18. Juni 1940, also dem Aufruf zum Widerstand, und der Befreiung von Paris am 25. August 1944 4000 résistantes eingekerkert, „weil sie gegen den Besatzer gekämpft hatten“. Vielleicht gehörte zu ihnen auch Yvette Senard, von der oben schon die Rede war…

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Hier fällt auf, dass zwar die Opfer,  nicht aber die Täter und ihre Helfer benannt werden. Auf der homepage der ajpn, der Vereinigung der „Anonymes, Justes et Persécutés  durant la periode Nazie“ ist das anders: Dort findet sich folgende präzisere Angabe: „Während des Zweiten Weltkriegs wurden in der Roquette 4000 Frauen wegen Widerstandshandlungen von der französischen Polizei gefangen gehalten“.[4] Das Gefängnis unterstand jedenfalls  -wie auch die Polizei-  der Regierung von Vichy, d.h. die Gefängnisverwaltung lag in französischer Hand. Die Repression der résistance entsprach ja nicht nur dem gemeinsamen Willen der Besatzer und der Collaboration, sondern auch dem Interesse des besiegten Frankreichs, des sogenannten État français,  ein Höchstmaß an (scheinbarer) Souveränität zu erhalten.

In der Nähe unserer Wohnung liegt das Lycée Voltaire, in dem donnerstags die Proben des Chors Tempestuoso stattfinden, an dessen Konzerten ich öfters als Gast teilnehmen darf. Und davor nehme ich natürlich an der einen oder anderen Probe im Lycée Voltaire teil. Einer der Höfe des weitläufigen Gymnasiums erinnert an den Lehrer Raymond Travers. Er war Leutnant der F.F.I., der Forces françaises de l’intérieur, eines im Februar 1944 vollzogenen Zusammenschlusses verschiedener Gruppen des Widerstands. Am 23. August 1944 wurde Raymond Travers  im Kampf „auf dem Feld der Ehre“ getötet.

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Raymond Travers war Deutschlehrer, also ein Freund Deutschlands und ein Liebhaber der deutschen Sprache. Wie schlimm muss es für ihn gewesen sein, wie die Nazis „la langue de Goethe“, wie es in Frankreich gerne heißt, durch ihre „Lingua Tertii Imperii“ (Victor Klemperer) verunstalteten, wie sie die kulturelle Elite des Landes verfolgten und vertrieben, wie sie Europa mit Krieg überzogen und ganze Bevölkerungsgruppen auslöschten. Und wenn er sich den Untergrundkämpfern, dem Maquis, anschloss, dann wohl nicht nur, um sein Land und seine Freiheit zu verteidigen, sondern auch, um das andere Deutschland, das er  seinen Schülerinnen und Schülern nahe gebracht hatte, vor der völligen Vernichtung zu bewahren.

In der schon erwähnten rue Léon – Frot  befindet sich auch der Eingang  zum collège Alain Fournier, neben dem eine Erinnerungstafel aus schwarzem Marmor angebracht ist.

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Sie erinnert an „die Schüler dieser Schule, die von 1942 bis 1944 deportiert wurden, weil sie Juden waren, unschuldige Opfer der Nazi-Barbarei und der Regierung von Vichy. Mehr als 1200 Kinder des 11. Arrondissements wurden in den Todeslagern umgebracht. Vergessen wir sie niemals.“[5]  Betroffen macht die Zahl von über 1200 Kindern des Arrondissements, die deportiert und getötet wurden. Sie weist darauf hin, dass das 11. Arrondissement eine starke jüdische Präsenz aufwies (und zum Teil auch noch heute aufweist). Und bemerkenswert ist, dass die Regierung von Vichy auf der gleichen Stufe wie die „Nazi-Barbarei“  als  Täter genannt wird. In der Tat war ja die Regierung des État français ein willfähriger Helfer bei der Shoah, teilweise –gerade im Falle der Kinder- sogar ein Antreiber.

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Allerdings hat erst 1995  der damalige Präsident Jacques Chirac die Beteiligung Frankreichs an der Deportation der Juden anerkannt, und zwar in einer außerordentlichen –und wie man sagen muss: mutigen-  Rede, fast vergleichbar mit dem historischen Kniefall Willy Brandts in Warschau. Chirac hielt diese Rede anlässlich des  53. Jahrestags der Razzia des Wintervelodroms, der rafle du Vel d’hiv. Damals wurden in Paris über 10 000 Juden verhaftet, von denen die meisten tagelang unter unsäglichen Bedingungen im Wintervelodrom in der Nähe des Eiffelturms eingepfercht wurden, der ersten Station auf dem Weg in die Vernichtungslager.[6]

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An die Razzia des Wintervelodroms erinnert auch eine Gedenktafel am Gymnase Japy, an dem wir immer auf dem Weg zum marché d’Aligre vorbeikommen, wo wir Obst und Gemüse einkaufen.

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Auf dieser Erinnerungstafel wird nicht nur der 16. Juli 1942, das Datum der rafle du Vel d’Hiv, genannt, sondern auch der 20. August 1941: Damals fand eine weniger bekannte Razzia speziell im 11. Arrondissement statt. Beide Male diente das Gymnase Japy als einer der ersten Sammelpunkte. [7]

 

 

 

 

Besonders anrührend ist die Erinnerungstafel an die 1200 Kinder des Arrondissements, die „von der Polizei der Regierung von Vichy, Komplize des Besatzers“ verhaftet und dann deportiert und umgebracht wurden.[8] Die Tafel befindet sich im jardin de la Folie –  Titon, einer kleinen vielbesuchten Grünanlage direkt gegenüber dem Haus, in dem wir während der ersten Jahre unseres Paris-Aufenthalts wohnten. Man steht fassungslos da, wenn man, wie die Tafel den Passanten auffordert, das Alter und die Namen der Kinder liest.

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Als ich im Juni 2019 dieses Foto machte, kam ich mit einem älteren Herrn ins Gespräch, der auf einer Bank neben der Erinnerungstafel saß. Eines der dort genannten Kinder sei sein Bruder. Die Familie stamme aus Polen, sei aber wegen des dortigen Antisemitismus nach Ungarn geflüchtet. „Das war keine gute Entscheidung“, dann nach Frankreich:  „Das war auch keine gute Entscheidung“. Immerhin habe die Familie vorsichtshalber ihren Namen –Cohen-  geändert. Das habe einem Teil der Familie das Leben gerettet. Allerdings sei der Großvater weiter als Rabbiner tätig gewesen. Deshalb sei ein anderer Teil der Familie deportiert und umgebracht worden…

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Solche Begegnungen werden, je weiter die Zeit fortschreitet, immer seltener. Zeitzeugenberichte wie die Dr. Adlers, von dem an anderer Stelle auf diesem Blog berichtet wird [9], werden bald nicht mehr möglich sein. Umso dringlicher stellt sich da die Frage, wie die Erinnerung wachgehalten werden kann. Und daran, dass sie wachgehalten werden muss, kann es keinen Zweifel geben, wenn man das „Nie wieder!“ Ernst nimmt. Stolpersteine, wie sie in Deutschland und anderswo installiert werden, oder die in Frankreich üblichen plaques commémoratives sind da ein wichtiges Medium.

 

„Enfants de Paris 1939-1945“- Eine Buchempfehlung

Genau zur richtigen Zeit also ist da ein wunderbares Buch erschienen, das die Pariser Erinnerungstafeln zu der Zeit von 1939 bis 1945  präsentiert. (Gallimard, 2018,  ISBN 978-2-07-278285-5 45 Euro)

Alle Personen, um die es bei ihnen geht, waren in irgendeiner Weise mit Paris verbunden, sie sind dort geboren, haben dort eine Zeit lang gelebt, sind dort gestorben oder umgebracht worden. Insofern sind sie „Kinder von Paris“ – entsprechend den „enfants de la patrie“ der Marseillaise. Und oft sind es ja tatsächlich Kinder, denen Erinnerungstafeln gewidmet sind. (8a)

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Das Buch liegt schwer und grau in der Hand – es wiegt fast 3 Kilogramm! Also gewissermaßen ein Buch in der Form eines Stolpersteins. Und wenn man dieses Buch öffnet, findet man auf über 1100 Seiten eine Bild- Enzyklopädie aller Pariser Erinnerungstafeln zu der Zeit von 1939 bis 1945, geordnet nach Arrondissements vom 1. bis zum 20.  und da jeweils nach Stadtvierteln.  Auf jeder Seite ist eine Erinnerungstafel abgebildet, darunter ist in kleiner Schrift angegeben, wo sie sich befindet; manchmal sind es auch zwei oder mehr Fotos auf einer Seite, in wenigen Fällen reicht ein Foto über zwei Seiten- immer jedenfalls werden die Abschnitte der einzelnen Arrondissement mit einem doppelseitigen Foto einer Schule und der dazugehörigen Erinnerungsplakette abgeschlossen. Ich verstehe das als Ausdruck des Wunsches, die Erinnerung bei den nachfolgenden Generationen wachzuhalten.

Deutlich wird schon beim ersten Durchblättern: Es handelt sich nicht um eine schlichte Dokumentation, sondern eher um einen  Kunstband[10]: Nicht nur wegen der Qualität des Papiers und der Drucke, sondern vor allem wegen der Fotografien: Sie zeigen die unglaubliche Vielfalt der Erinnerungstafeln, ihrer künstlerischen Gestaltung, ihrer Texte und der Orte, an denen sie angebracht sind. Die Fotos lassen meist ein Stück weit ihr Umfeld, ihren architektonischen Kontext, erkennen oder auch nur erahnen. Aus der Beschaffenheit der Mauern ist es fast schon möglich, auf die Arrondissements zu schließen, in denen sie angebracht sind, worauf Apeloig in seinem Vorwort aufmerksam macht (53): Behauene Steine (pierres de taille) und Sauberkeit verweisen eher auf den noblen Pariser Westen, abgeblätterte, altersschwache Fassaden und Graffitis eher auf den ärmeren Pariser Osten. Und natürlich ist bei den Erinnerungsplaketten auch die traditionelle politische Ost-West-Spaltung von Paris abzulesen. Plaketten für kommunistische Widerstandskämpfer wird man -wie schon die obigen Beispiele andeuten- eher in den östlichen Arrondissements finden als in den westlichen.  Die Ost-West-Spaltung der Pariser Stadtgeografie lässt sich also auch an den plaques commémoratives ablesen.

Bei den neueren, von offiziellen Institutionen angebrachten Plaketten gibt es allerdings keine Unterschiede: Da glänzt der schwarze Marmor und die goldenen Buchstaben leuchten im 16. wie im 20. Arrondissement.

Angebracht sind die Plaketten an ganz verschiedenen Orten: in Bahnhöfen, Schulen, Rathäusern, Polizeirevieren, Ministerien, Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden, manchmal auch im Innern; vor allem aber findet man sie an Hausfassaden, meist im oberen Abschnitt des Erdgeschosses angebracht, so dass sie für den aufmerksamen Passanten sichtbar sind, andererseits aber auch vor Beschädigungen und Schmierereien etwas geschützt sind. Allerdings gibt es die, wie die Abbildungen zeigen, gleichwohl…

Die meisten Tafeln erinnern an Opfer der Kämpfe um die Befreiung von Paris, den „glorreichen“ – aber auch sehr blutigen- „ journées de la Libération“ (607).  Das ist an den vielen Todesdaten zwischen dem 19. und dem 25. August, dem Tag der  Kapitulation des deutschen Kommandanten von „Groß-Paris“, von Choltitz, zu erkennen:

  • Tombé pour la libération de Paris August 1944 (193)  Anm: Die Zahlen in Klammer sind Seitenangaben)
  • Fusillé par les Allemands 20. August 1944 (975)
  • Tombé le 21 août 1944 au cours de la Libération de Paris (914)
  • A été tué à la Barricade August 1944 (273)
  • Blessé mortellement pendant les Combats de la Libération August 1944 (968)
  •  Tombé glorieusement le 25 août 1944 – und die zahlreichen anderen Erinnerungstafeln an die Opfer dieses Tages in der rue de Rivoli, an der Ecke zur Place de la Concorde (102, 103, 104)

Die Namen der Toten, Jem Harrix, Fernand Mazuoyer, René Vinchon, Georges Lafont  und die vieler anderer  sind wohl in keinem Lexikon verzeichnet, manchmal fehlen sie auch ganz:

  • Trois Français (409)
  • Plusieurs soldats français (415)
  • Des patriotes (525)
  • Un unconnu (574)

Aber auch für diese anonymen Opfer der Befreiung gibt es so einen Ort der Erinnerung.

An ein besonderes Ereignis des 25. August 1944 erinnert übrigens eine in 300 Metern Höhe angebrachte Plakette: Damals hissten im noch besetzten Paris Feuerwehrleute auf dem Eiffelturm die Trikolore (47, 402).  Einen Tag später wurde die Kapitulation von Paris vom französischen General Leclerc de Hauteclocque im Billardsaal der Polizeipräfektur im 4. Arrondissement entgegengenommen. Die entsprechende Erinnerungstafel ist natürlich in dem Buch abgebildet (228). Vermittelt hatte diese Kapitulation der schwedische Generalkonsul Raoul Nordling. „Er arbeitete unermüdlich daran, Paris vor der Zerstörung zu retten, von der die Stadt bedroht war“, wie es auf einer Tafel an dem Haus heißt, in dem Nordling tätig war (451). „Paris schuldet ihm ewige Dankbarkeit“ steht auf einer Tafel, die die Bedeutung Nordlings würdigt,  an dem Platz Raoul-Nordling im 11. Arrondissement.

An die Befreiung von Paris erinnert auch die „voie de la Libération“ die von der porte d’Italie bis zum Pariser Rathaus reicht und mit 11  Medaillons aus Bronze markiert ist. Sie erinnern an die nach ihrem Kommandeur  Colonne Dronne benannte Einheit der Division Leclerc, die als erste in Paris einrückte und hauptsächlich aus  spanischen Republikanern zusammengesetzt war. (190, 216, 662,663,664,665 666)

Aber natürlich war der Kampf gegen die Besatzer, zu dem General de Gaulle in seinem berühmten „Appell“ schon am 18. Juni 1940 aufgerufen hatte,  nicht nur auf den August 1944 beschränkt. Das erste zivile Opfer dieses Kampfes war der Ingenieur Jacques Bonsergent, an den eine Pariser Métro-Station  und dort entsprechende Tafeln auf beiden Seiten der Bahnsteige erinnern. (495).

Und danach- und bis zum Ende des Krieges- gab es eine Vielzahl von Opfern der Nazi-Herrschaft, an die erinnert wird:

Prominente wie der Dichter Robert Desnos (582), Marc Bloch (344), Pierre Brossolette (380, 825, 829, 867) oder Geneviève de Gaulle Anthonioz (333) und Jean Zay (369), die 2015  ins Pantheon aufgenommen wurden[11], vor allem aber die vielen Unbekannten wie

  • André Chassagne, mort pour que vive la France, fusillé par les Allemands le 6 octobre 1943 au Mont Valérien (1053)
  • Serge Grivillers, torturé de pendu par les Nazis le 21 juillet 1944 (970)
  • René Chollet, patriote et résistant, fusillé par les Hitlériens en 1943 (469)
  • Angèle Mercier, déportée à Auschwitz (991)
  • Jean Verrier, mort en déportation à Buchenwald (587)
  • Raoul Naudet, déporté et exterminé au camp de Mauthausen (149)
  • Marcel, Lucien et André Engros, fusillés par les occupants hitlériens (206)

und viele andere….

Interessant ist dabei auch, wie sich das Vokabular für die Täter ändert.  Kann man auf einer  –wohl noch frühen- Plakette  lesen: „fusillés par les boches“ (988), so sind es dann die kollektiv-schuldigen Deutschen, also „les Allemands“ (z.B. auf einer am 2.2.1947 angebrachten Plakette, 989),  und schließlich eingegrenzter und präziser Les Nazis, les Hitlériens, la Barbarie Nazi.

Dass so oft „les Allemands“ als Täter genannt werden, weist darauf hin dass in Frankreich lange kaum zur Kenntnis genommen wurde, dass es auch in Deutschland –und nicht erst 1944 sozusagen in letzter Minute- Widerstand gegen das NS-Regime gab. Dabei war gerade Frankreich das Land, das vielen geflüchteten und vertriebenen Nazi-Gegnern Zuflucht bot, und Paris war die Stadt, wo die verschiedenen Strömungen des Widerstands versuchten, eine gemeinsame Front gegen das Nazi-Regime aufzubauen.[12]

Neben „den Deutschen“ und den Nazis oder Besatzern erscheinen auch Vichy und seine berüchtigten Milizen als Täter:

  • Assassiné par la Gestapo française (1052)
  • A été assssiné par la Milice (271)
  • Assassinée par les agents de Vichy (996)
  • Tombé sous les balles des policiers français de la brigade speciale (sic) au service de l’ennemi (445)

Gründe für diese Taten waren für die Nazis und ihre Helfer nicht nur der bewaffnete Kampf, wie die nachfolgenden Beispiele zeigen:

  • Déportée comme otage, assassinée au camp de Bergen-Belsen (1060)
  • Ont hébergé et protegé des aviateurs alliés (99)
  • Arrêtés en 1943 par la Gestapo pour l’aide apportée aux juifs et morts en déportation (800)

Es gab aber auch Opfer des Krieges, die nicht mit dem Widerstand und seiner Repression zu tun haben:

  • Malheureuses victimes du bombardement de La Plaine 21. Avril 1944 (956 und ähnlich 649): Das waren unglückliche Opfer der alliierten Bombenangriffe, mit denen die Landung vom 6. Juni vorbereitet wurden
  • À la mémoire des victimes du bombardement allemand du 26 août 1944 (918)

 

Die Nationalität der Opfer wird nur in den seltensten Fällen genannt, und wenn, dann natürlich bei ausländischen Kämpfern gegen die Nazi-Besatzer. Die kamen, wie die Erinnerungstafeln andeuten,  aus vielen verschiedenen Ländern wie  Polen (88, 291, 384),  Großbritannien (89),  Armenien (153, 924),  Spanien (190, 361, 662, 663, 664, 665, 666, 986), Ungarn (243),  Bessarabien (267), Jugoslawien (323),  USA  (443, 842, 954),  Nord-Afrika (621),  Luxemburg (494). (Zusammenstellung ohne Anspruch auf Vollständigkeit). Auch ein (ehemaliger) Deutscher ist dabei, der nach der Flucht aus Deutschland französischer Staatsbürger geworden war und 1939 französischer Soldat wurde:

Es ist Wolfgang Döblin, Sohn des Schriftstellers Alfred Döblin: „mathématicien, précurseur du calcul des probabilités, est mort pour la France à Housseras (Vosges) le 21 juni 1940 à l’âge de 25 ans. Titulaire de la Médaille Militaire et de la Croix de Guerre“. (713)

2007 wurde die Erinnerungstafel für Alfred Döblin, Autor des von den Nazis verbrannten Romans „Berlin Alexanderplatz“,  und seinen Sohn am square Henri-Delormel im 14. Arrondissement enthüllt, da also, wo Döblin und seine Familie von 1934 bis 1939 gewohnt hatten. „Fuyant le nazisme l’écrivain allemand Alfred Döblin 1878 – 1957  s’installa avec sa famille dans cet immeuble“ …“ [13]

Mich berührt es, wenn ich auf den Erinnerungstafeln für Menschen, die unter dem Nationalsozialismus gelitten und gegen ihn gekämpft haben, auch die verschiedenen Herkunftsländer angegeben sind; und wenn –spätestens seit der Vel d’Hiv- Rede Chiracs- der französische „nationale Roman“ und damit auch die plaques commémoratives differenzierter geworden sind: Damit tragen die Pariser Erinnerungstafeln auch zu dem bei, was Aleida Assmann eine „europäische Gedächtniskultur“ nennt.[14]

Manchmal wird auch die religiöse Zugehörigkeit auf den Tafeln angegeben: Das waren dann  katholische Christen wie der Abbé Jean Courcel (95), evangelische Christen wie Paul Vergara, pasteur à l’Oratoire du Louvre und Marcelle Guillemot, médailles des Justes des Nations (125), Moslems., d.h.  muslimische Soldaten, die für die Befreiung Frankreichs gekämpft haben und gefallen sind (264/5) – und das waren außerordentlich viele, deren Bedeutung aber lange eher minimiert oder gar verschwiegen wurde. Dabei stellten sie bei der Landung in der Provence am 15. August 1944 mehr als die Hälfte der Truppen! [15] Und es waren natürlich Juden, denn die waren ja insgesamt durch den Faschismus existentiell bedroht, wobei man da allerdings die Religionszugehörigkeit auf den Tafeln manchmal nur anhand der Namen vermuten kann:

  • David Liberman, fusillé par les Allemands le 16 septembre 1941. Mort pour la France (151)
  • Renée Lévy, membre de la Résistance, décapité à Cologne le 31 août 1943 (172 und 173)
  • Samuel Tyszelman, fusillé par les Allemands le 19 août 1941 (169)

… oder man weiß es, wie bei den Mitgliedern der Gruppe „Affiche Rouge“, aufgrund der denunziatorischen und rassistischen nationalsozialistischen Propaganda (153) oder –wie im Falle des zu dieser Gruppen gehörenden Marcel Rajman- aufgrund des stolzen Hinweises auf einen „héros juif de la résistance“ (554)

Juden sind es auch, unter denen die meisten Opfer zu beklagen sind, worauf neben den Tafeln an den Schulen und den Stelen für die umgebrachten Kinder in allen Arrondissements viele andere Erinnerungstafeln hinweisen.

  • 122 Bewohner, darunter 40 kleine Kinder, des Hauses 10-12, rue des deux-ponts im 4. Arrondissement (219 und 220)
  • À la mémoire de tous les habitants de cet immeuble (67, rue de la Roquette) disparus durant la tragédie de 1939 à 1945. (586)
  • En mémoire des hommes, femmes et enfants du 12ème Arrondissement qui parce que nés juifs, ont été arrétés et regroupés ici (…) par des policiers français lors des rafles de 1942 à 1944 (602)
  • Eliaz Zajdner, Ancien Résistant, déporté à Auschwitz par les nazis en Mai 1944 avec ses trois Fils. Albert âgé de 21 ans, Salomon et Bernard âgés de 15 ans. Morts dans dans le bloc des expériences (211) Diese Kinder fielen also offensichtlich den schrecklichen Menschenversuchen des KZ- Arztes Mengele zum Opfer.[16]

Aus dieser sehr selektiven Übersicht wird wohl schon die unglaubliche Vielfalt der plaque commémoratives zur Zeit 1939- 1945 deutlich. Dazu kommt aber noch ihre unterschiedliche Gestaltung- abgesehen von den genormten Erinnerungstafeln an den Schulen. Manchmal sind die Tafeln mit zusätzlichen Zeichen versehen wie dem Davidstern, oder dem christlichen oder öfters: dem lothringischen Kreuz als dem Symbol der Londoner Exil-Regierung de Gaulles und ihrer Streitkräfte. Dazu kommen oft die Farben der Tricolore oder das Logo des Betriebs oder der Einrichtung, in dem/der die jeweilige Person tätig war. Geschmückt sind die Plaketten manchmal auch mit Lorbeerzweigen, Portraits oder Orden. Und für zusätzliche Farbe sorgen bisweilen die –wenn auch oft verwelkten- Blumen, die zu besonderen Jahrestagen wie dem 27. Januar, dem  8. Mai, dem 25. August oder dem 11. November  von der Stadtverwaltung in die dafür vorgesehenen Ringe gesteckt werden, die sich meistens unterhalb der Plaketten befinden. (s. z.B. 511, 584, 737)

Und dann gibt es ja noch die verschiedenen Materialien und Formen der Tafeln und die Typografie- die vielfältige Gestaltung der Schrift. Philippe Apeloig weist in seinem Vorwort ausdrücklich auf die ästhetische Qualität der Erinnerungstafeln hin und auf den außerordentlichen Reichtum ihres „graphischen Vokabulars.“ Insgesamt bildeten sie einen eigentümlichen Katalog typografischer Kreationen dar, „un véritable hommage aux dessinateurs de lettres.“ (49/50) Das besondere Interesse des Autors an der Typografie wird schon beim Aufschlagen des Buches deutlich: Die ersten und die letzen inneren Umschlagseiten –es sind immerhin insgesamt 24!-  zeigen Ausschnitte von Plaketten und veranschaulichen deren typografischen Reichtum, den Philippe Apeloig, selbst Grafiker und Typograf, besonders herausstellt und zu würdigen weiß.

Aber natürlich geht es Apeloig um mehr als die ästhetische Qualität und Vielfalt der Tafeln. Denn die sind ja Mittel zum Zweck, sie dienen der Erinnerung. Und auch zu ihr hat Philippe Apeloig einen sehr persönlichen Bezug: Sein Großvater Szmul Icek Rozenberg, geboren in Kazimierz in Polen, war 1930 – wie zwei Jahre zuvor sein Bruder Joseph-  nach Frankreich ins „Land der Menschenrechte“ ausgewandert. Das Leben dort schien, wenn auch nicht völlig glücklich, doch wenigstens –anders als in Polen- schlicht und einfach möglich zu sein. Beide Brüder fanden Arbeit und Wohnung im Faubourg-Saint-Antoine, dem damaligen Zentrum der französischen Möbelproduktion.[17] Szmul machte sich schließlich selbstständig und spezialisierte sich auf die Kopie alter Stilmöbel.  Nach Ausbruch des Krieges engagierte er sich als „volontaire juif“ in der Fremdenlegion, kam allerdings nicht zum Einsatz. Nach dem Waffenstillstand und der Besetzung eines großen Teils Frankreichs durch deutsche Truppen siedelte die Familie nach Châteaumeillant in der von Vichy kontrollierten sogenannten freien Zone über. Die Einwohner von Châteaumeillant hatten etwa 40 jüdische Familien aufgenommen, um sie vor Verfolgung zu schützen. Angesichts des Vichy’schen Antisemitismus waren Juden aber auch dort nicht in absoluter Sicherheit. Der Ortspolizist allerdings warnte sie vor bevorstehenden Verhaftungen, so dass die Miliz meist unverrichteter Dinge wieder abziehen musste. Trotz aller Gefahren überlebten der Großvater, seine Frau Golda und seine drei Kinder und konnten 1945 wieder nach Paris zurückkehren, wo der Großvater 1947 die französische Staatsbürgerschaft erhielt.  Sein Bruder Joseph allerdings und seine Frau, die in Paris geblieben waren, wurden deportiert und in Auschwitz ermordet.

Im November 2004 wurde auf Initiative von Philippes Mutter Ida eine Erinnerungsplakette an der alten Markthalle von Châteaumeillant installiert- ein Dank an die Einwohner des Ortes, die –trotz aller damit verbundener Risiken-  Juden aufnahmen und sie vor Verhaftung und Deportation retteten. Es ist dies die erste in dem Buch abgebildete plaque commémorative (39). Bei der Enthüllung hatte die Mutter in einer Rede ihre Kinder aufgefordert, die Arbeit der Erinnerung fortzusetzen. Philippe Apeloig hat dies in einzigartiger Weise befolgt.  Entstanden ist ein Werk über einen ganz besonderen Erinnerungsort, einen „lieux de mémoire“, der allerdings in dem großen Kompendium Pierre Noras nicht berücksichtigt ist.[18]

Diese Lücke schließt das Buch.

Den Abbildungen der Plaketten ist ein Essay von Danièle Cohn vorangestellt, die wie Philippe Apeloig  einen eigenen familiären Bezug zu den plaques commémoratives hat: Die Geschichte  ihres Großvater Wilhelm Friedmann, eines österreichischen Intellektuellen. Bevor er das erhoffte Visum in die USA erhielt, wurde er von den Nazis verhaftet  und nahm sich „als freier Mann“ selbst das Leben (62/63).  Die Tafel in einem kleinen Ort der Pyrenäen, die an ihn erinnert ist in dem sensiblen Text Danièle Cohns abgebildet. Die Überschrift des Essays:  „Voir et écouter les murs„, was als Einladung zum Umgang mit den Erinnerungstafeln verstanden werden kann.  Der Text schließt mit den Worten, die ich zum Abschluss dieses Textes zitieren möchte:

Les hommes et les femmes abattus, déportés n’ont pas laissé de trace dans un ‚ici‘. La chute des corps atteints par une balle ennemie n’a pas laissé d’empreinte, c’est l’inquiétude de ceux qui ont survécu, puis la force du souvenir des vivants qui en ont inventé la trace, et ceci vaudrait plus encore pour les corps brûlés dans les camps: pas d’image, pas de marque matérielle, et la tâche des plaques devient alors de tracer au sens littéral du trait, de l’incision, de l’inscription pour que nous soyons marqués, et à la fin heureux d’avoir eu la chance de l’être.“ (70)

 

Dieser Text wurde am 25. August 2019, dem 75. Jahrestag der Befreiung von Paris, in den Blog eingestellt.

 

Anmerkungen:

[1] https://fr.wikipedia.org/wiki/L%C3%A9on_Frot

[2] Siehe den Blog-Beitrag: Über den Dächern von Paris: Blicke von unserer Terrasse. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/20

[3] Siehe den Blog-Beitrag: Wohnen, wo einmal die Guillotine stand. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/1654

[4] http://www.ajpn.org/internement-Prison-de-la-Roquette-470.html

[5] Solche Tafeln gibt es an allen Pariser Schulen. Sie wurden mit Unterstützung der Stadt Paris von der Association pour la Mémoire des Enfants Juifs déportés  (AMEJD) angebracht. Eine Aufstellung findet sich bei Apeloig, Enfants de Paris, S. 1101-1103

[6]https://fr.wikisource.org/wiki/Discours_prononc%C3%A9_lors_des_comm%C3%A9morations_de_la_Rafle_du_Vel%E2%80%99_d%E2%80%99Hiv%E2%80%99

Inzwischen gibt es eine Fülle von Literatur zur rafle du Vel d’Hiv. Hervorheben möchte ich hier nur die folgende Veröffentlichung, nicht nur weil Paul Tillard der Vater einer guten Pariser Freundin ist, sondern weil es sich auch um eine ganz frühe Veröffentlichung zum Thema handelt: Claude Lévy et Paul Tillard (préf. Joseph Kessel), La Grande rafle du Vel d’Hiv : 16 juillet 1942, Paris, Éditions Robert Laffont, 1967 ; rééd. Tallandier, coll. « Texto », 2010

Kurzinformation unter: https://www.deutschlandfunk.de/vor-75-jahren-in-paris-die-razzia-im-wintervelodrom.871.de.html?dram:article_id=391170

https://de.wikipedia.org/wiki/Rafle_du_V%C3%A9lodrome_d%E2%80%99Hiver

siehe auch die Erinnerungsplakette am ehemaligen Velodrom d’Hiver bei Apeloig, 815

[7] http://www.genami.org/culture/rafle-paris-20-aout-1941.php

https://blogs.mediapart.fr/albert-herszkowicz/blog/230811/memoire-la-rafle-meconnue-du-20-aout-1941-paris

[8] Ähnliche Tafeln  (stèles) gibt es in jedem Arrondissement. Initiator ist auch hier die AMEJD. Eine Zusammenstellung findet sich bei Apeloig, Les Enfants de Paris, S. 1092 f.

(8a) Philippe Apeloig hat den Titel des Buches ausdrücklich auch deshalb gewählt, „weil die meisten aufgeführten Personen unglaublich jung waren“.  siehe: Xavier de Jarcy,  Le Paris de 1939-1945 raconté par ses plaques commémoratives. Télérama vom 9.1.2019. Jarcy berichtet in dem Text über einen Rundgang mit Philippe Apeloig vom Faubourg- Saint-Antoine zum Marais.

[9] siehe den Blog-Beitrag: Von Frankfurt nach Paris und zurück: Die Stolpersteine in der Westendstraße. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/1311

[10] Dies jedenfalls ist die erklärte Absicht Apeloigs. Siehe sein Interview mit Norbert Czarny, Plaques sensibles. https://www.en-attendant-nadeau.fr/2019/01/01/plaques-sensibles-apeloig/

[11] Siehe den Blog-Beitrag: Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10112

[12] Die Deutsche Botschaft Paris hat deshalb 2015 die Herausgabe eines Buches über den deutschen Widerstand gefördert (Vorwort der damaligen Botschafterin Frau Wasum-Rainer), mit der ausdrücklichen Begründung, dass der deutsche Widerstand gegen das Hitlerregime in Frankreich wenig bekannt sei: Philippe Meyer, Ils étaient des Allemands contre Hitler. Editions L’Âge d’Homme.

Über deutsche Antifaschisten, die auf Seiten der französischen résistance gekämpft haben: https://www.reseau-canope.fr/cndpfileadmin/pour-memoire/le-50e-anniversaire-du-traite-de-lelysee-et-les-relations-franco-allemandes/le-temps-des-ennemis-hereditaires/les-resistants-allemands-en-france/

[13] Die schöne Rede, die der Professor für vergleichende Literatur Lionel Richard bei der Enthüllung der Tafel hielt, ist abgedruckt unter:  http://www.alfred-doblin.com/hommages-et-critiques/ecrivain-xx-siecle-pantheon/ Zu Wolfgang Döblin siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_D%C3%B6blin Dort wird als Datum der Enthüllung 2006 angegeben.

[14] Aleida Assmann, Auf dem Weg zu einer europäischen Gedächtniskultur? Wiener Vorlesungen im Rathaus, Bd 161. 2012

[15] https://www.lepoint.fr/afrique/debarquement-de-provence-les-soldats-venus-d-afrique-en-premiere-ligne-14-08-2019-2329922_3826.php

[16] Siehe dazu das preisgekrönte Buch von Olivier Guez, Das Verschwinden des Josef Mengele. Aufbau-Verlag 2018

[17] Siehe den Blog-Beitrag über den Faubourg-Saint-Antoine, das Viertel des Holzhandwerks. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/32

[18] Eine Aufstellung aller Erinnerungsorte, die in den 7 von Nora herausgegebenen Bänden behandelt werden, findet sich bei: https://fr.wikipedia.org/wiki/Lieu_de_m%C3%A9moire

 

 

Weitere geplante Beiträge:

  • 10 Jahre Singen in Paris
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • Aux Belles Poules. Ein ehemaliges Bordell im Quartier Saint Denis
  • Von Montreuil nach Sansscouci: Die murs à pêches von Montreuil und die Lepère’schen Mauern im königlichen Weinberg von Sanssouci

Street-Art in Paris (4): Monsieur Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier

Dies ist nun der vierte und (zumindest vorläufig) letzte Beitrag  zur Street-Art in Paris.

Die bisherigen Beiträge:

  • Open your eyes, Street-Art in Paris 1, Einführung und Überblick (Dezember 2017)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8875

  • Jeff Aerosol, Jerôme Mesnager und Mosko (Street-Art in Paris 2)

https://wordpress.com/pos t/paris-blog.org/7096

  • Der Invader (Street-Art in Paris 3)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/7397

(Außerdem gibt es in dem Beitrag über das Stadtviertel Belleville auch einen Abschnitt zur dort weit verbreiteten Street-Art:

  • Das multikulturelle, aufsässige und kreative Belleville: Modell oder Mythos?

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2092 )

 

Nachfolgend werden drei weitere,  ganz unterschiedliche, auch mit unterschiedlichen Techniken arbeitende,  originelle und aus Paris nicht wegzudenkende Street-Art-Künstler vorgestellt:  Thomas Vuille, das „Herrchen“ von Monsieur Chat, Miss Tic mit  der charakteristischen Kombination von Frauenfiguren und nachdenklichen oder provozierenden Sprüchen, und Fred le Chevalier und seine poetischen Figuren. Für diesen wie für die vorhergehenden Beiträge gilt der Hinweis, dass es sich bei  der Street-Art um eine ephemere Kunst handelt: Es ist also nicht garantiert, dass es  die nachfolgend abgebildeten Werke heute noch gibt- zumal die Fotos über einen längeren Zeitraum hinweg gemacht wurden. Aber wie auch bisher schon: Sie sollen dazu anregen, mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen. Und wenn man dann manches vermissen wird: Es gibt immer genug Neues zu entdecken!

 

Monsieur Chat

Der fette und meist gelbe Kater, der den Flaneur ab und zu von den Pariser Hauswänden –angrinst, heißt Monsieur Chat.

Künstlerhaus Goutte d'Or Jan 14 018

Hier zum Beispiel ziert er das  geschlossene Rollgitter des Künstlerhauses im Goutte d’Or. Ein paar Schritte weiter –passender Weise in der rue Mann-Chat-  freuen sich gleich mehrere Kater, dass die mit der republikanischen Kokarde geschmückte Marianne Menschen aus aller Welt an ihre Brust nimmt.[1]

Rue Mann-Chat 036

Oft hat er sich Plätze ausgesucht, die ziemlich weit oben und scheinbar unzugänglich sind, wie hier in der rue Drevet im 18. Arrondissemet.

Rue Drevet 18. Arr. Fetter Kater

M Chat ist auf den ersten Blick wiederzuerkennen. Es handelt sich aber immer um originale Figuren, während Miss Tic und Fred le Chevalier Techniken verwenden, die identische Reproduktionen und entsprechend auch vielfache Variationen ermöglichen.

Manchmal lässt er sich sogar auf ziemlich waghalsige Klettertouren ein, zum Beispiel auf ein  Dach neben der Kirche Saint- Merry. Sehen kann man ihn da aber nur von der oberen Aussichtsplattform des Centre Pompidou – bzw. von dem dortigen Café/Restaurant aus und auch nur dann, wenn man das wunderbare Panorama eingehender betrachtet.

St Merry vom Centre Pompidou IMG_9031

Sein „maître“ heißt Thoma Vuille, der inzwischen auch internationale Karriere gemacht hat.[2]  In Paris bekommt er Aufträge renommierter Adressen: z.B. die Ausmalung der Rollgitter des ehemaligen Kaufhauses BHV Homme in der rue de la Verrerie im Marais.

M Chat rue de la Verrerie IMG_0029 (3)

Diesen Teil des Kaufhauses gibt es nicht mehr; die grinsenden matous trösten etwas über die  Tristesse der geschlossenen Läden hinweg.

Ziemlich trist ist auch ein kleiner Platz im 11. Arrondissement, an dem ich fast täglich auf meinem Weg zum marché d’Aligre vorbeikomme. Da brachte M Chat 2012 etwas Freude und Farbe hinein, was eine amerikanischen Touristin zu der Bemerkung veranlasste, Frankreich im Allgemeinen und Paris im Besonderen hätten wohl ein anderes Verhältnis zur Street-Art, als sie es von den Vereinigten Staaten her kenne, wo Street-Art im Allgemeinen als Vandalismus behandelt werde.

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Allerdings kann, wie wir noch sehen werden, auch M Chat davon ein trauriges Lied singen, und seine Werke leider oft auch, gerade wenn der grinsende Kater einmal nicht auf den Dächern von Paris herumspringt, sondern die Passanten auf Augenhöhe ansieht wie hier. [3]

2013 habe ich an dem kleinen Platz ein Foto gemacht, da  war die Wand  ziemlich beschmiert, und inzwischen  sind Kater und Blumen ganz verschwunden, wie auch sein Kollege, den es damals ganz in der Nähe gab.

Das kann man bedauern, muss es aber als Begleiterscheinung des ephemeren Charakters der Street-Art wohl akzeptieren.

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In einem Tunnel der promenade plantée (12. Arrondissement)  hat sich der Kater unter andere -zum Teil prähistorische Tiere- gemischt und scheint sich da offensichtlich wohl zu fühlen.  Aber wie lange noch? (aufgenommen im März 2019)

Der grinsende Kater bringt also –zumindest zeitweise- etwas Freude und Farbe in die Stadt, was allerdings nicht alle so sehen:  Im Oktober 2016 wurde Thomas Vuille zu einer Geldstrafe von 500 Euro wegen Sachbeschädigung verurteilt, „pour délit de dégradation d’un bien appartenant à autrui“.  Grund: er hatte eine Rohbau- Mauer (!) des Gard du Nord, die eine Metallverblendung erhalten sollte, zwischenzeitlich mit seinem Kater verziert.  Für die staatliche SNCF war das  Anlass für eine Anzeige und für den Staatsanwalt schwerwiegend genug, für Thomas Vuille, der  ja immerhin Wiederholungstäter sei, 3 Monate Gefängnis ohne Bewährung zu fordern, was erhebliches Aufsehen erregte. (Angesichts solcher staatsanwaltlicher Usancen  wundert es einen übrigens nicht, dass viele französische Strafanstalten hoffnungslos und z.T. sogar in menschenrechtswidriger Weise überbelegt sind.[4])   Die Richter des „Tribunal de Grande Instance de Paris“ (!) haben aber immerhin davon abgesehen, M Chat ins Gefängnis zu stecken. Allerdings bleibt an M Chat der Vorwurf der „dégradation“, der Beschädigung, hängen, was für ihn  allerdings nicht nachzuvollziehen ist. Er habe sich gerade an diesem Begriff gestört, stellte er in einem Interview mit dem Figaro fest. „Ich betrachte mich nicht als jemand, der Sachen beschädigt.“ Angesichts der tristen Verhältnisse um ihn herum sei es doch  ein dringendes  Bedürfnis sich zu entspannen. Mit seinem Kater versuche er, ein positives Symbol zu schaffen, das die Menschen daran erinnere, dass  es Hoffnung gibt.  Aber das habe, wie das Urteil zeige, eben seinen Preis.[5]

Die SNCF kann also offenbar keinen Unterschied machen zwischen Schmierern einerseits, die  ganze Züge mit  ihren tags verunstalten, sie manchmal sogar in die Scheiben einritzen, und andererseits einem echten und prominenten Street-Art- Künstler, dessen Kater  an einer Baustelle  des Nordbahnhofs  strafbar ist,  an anderen Stellen aber hochwillkommen: So offensichtlich am Eingang der renommierten École nationale supérieure des beaux-art im Pariser Quartier latin…

001 Kater Ecole des Beaux Arts

Inzwischen ist M Chat auch in Kunstgalerien und Ausstellungen  vertreten. So  in der Galerie de la Sablière in der vornehmen rue de Grenelle in Paris, wo er zu den unverkäuflichen Ausstellungsstücken gehört oder in der Urban Art-Ausstellung 2017 in der Völklinger Hütte (Weltkulturerbe), wo er zu den Ehrengästen gehörte.

Und vor einigen Jahren wurde er sogar eingeladen, den Vorplatz des Centre Pompidou mit seinem Besuch zu beehren.[6]

M.-Chat-Vuille-Beaubourg-1973

Ende 2017/Anfang 2018 gab es in Paris eine Ausstellung mit dem schönen Titel „M Chat aime Paris“  in dem Hotel mit dem schönen Titel „Jules & Jim“, in der Nähe der Métro – Station Arts et Métiers gelegen, worauf das nachfolgende Plakat hinweist. Die Ausstellung markiert  und feiert den 20. Geburtstag von M Chat.[7]

Expo monsieur chat

Dass M Chat Paris liebt, ist hoffentlich auch in dieser kurzen Präsentation deutlich geworden,  auch wenn der Eiffelturm auf dem nachfolgenden Bild sicherlich nicht so sympathisch dargestellt ist wie der lachende, geflügelte Kater.

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Und dass M Chat in der gerade im Umbau begriffenen Metro-Station Place de Clichy die leere unansehnliche Plakatfläche mit seinem Kater verziert, macht ihn zusätzlich sympathisch. Die RATP wird hoffentlich nicht so verbohrt sein wie die SNCF und das als Sachbeschädigung verfolgen…. (Aufgenommen am 27. Januar 2019)

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Miss Tic

Bei einer Übersicht über die Pariser Street-Art-Künstler darf natürlich Miss Tic nicht fehlen, die seit 1985 in Paris vertreten ist. Hinter dem Pseudonym Miss Tic verbirgt sich Radhia de Ruiter, die sich als „Poetin der städtischen Kunst“ versteht. Sie wurde 1956 in Paris geboren – der Vater war ein aus Tunesien stammender Arbeiter, die Mutter Französin. Viele ihrer Bilder finden sich in dem Viertel Butte aux Cailles im 13. Arrondissement, wo sie aufgewachsen ist.

An einem Restaurant auf dem Butte aux Cailles

Das Männliche bringt es voran- aber wohin?  Ich suche die Wahrheit und eine Wohnung

 

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Stärker als die Leidenschaft ist die Illusion  (Butte aux Cailles)

Miss Tic Butte aux cailles IMG_9985 (2)

Die Poesie ist ein unbedingt notwendiger Luxus

(rue du moulin des prés, Butte aux Cailles)

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Rue des cinq diamants, Butte aux Cailles

Miss Tic Buttes aux Cailles (16)

Dieses Pochoir an der Place Verlaine (Butte aux Cailles) ist sicherlich eine Antwort von Miss-Tic auf die  Anschläge vom 13. November 2015.  Denn  Ziel der Anschläge waren damals  auch mehrere Terrassen von Bars mit ihren Freiheit und Lebensfreude verkörpernden Besuchern;   den islamistischen Terroristen verhasst, so dass sie die „terrasses de la vie“ zu Terrassen des Todes machten. Aber -so die Botschaft von Miss-Tic: diese Freiheit, an der wir umso wütender und trotziger hängen, lassen wir uns nicht nehmen!

Auch in dem  11. Arrondissement, in dem wir wohnen, finden sich viele  Arbeiten von ihr, in der rue de la Forge Royale, einer kleinen Seitenstraße der rue de la Faubourg Saint-Antoine, gleich dreimal und gleich dreimal spielen dabei Katzen eine wichtige Rolle:

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Ich zerbreche nicht nur die Herzen

 

 

 

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Wir sind keine Hunde/Ihr sollt uns nicht wie Hunde behandeln

Das Atelier Elio, das maßgeschneiderte Bilderrahmen herstellt, hat das Bild von Miss Tic sogar verglast und eingerahmt, sodass es vor möglichen Beschädigungen geschützt ist.

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Ich habe aufgegeben/das Handtuch geworfen

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Die freundliche Besitzerin des Ladens hat mir erklärt, wie sie zu der Arbeit von Miss Tic gekommen ist: Die habe nämlich eines Tages  angefragt, ob sie dort ein Bild anbringen dürfe. Es handelte sich also nicht um eine bezahlte Auftragsarbeit, sondern um ein Angebot der Street-Art-Künstlerin, das gerne angenommen wurde und auch entsprechend geehrt wird.

Das  Markenzeichen von Miss Tic  ist die Kombination von Bildern –meist jungen langhaarigen Frauen, manchmal auch femmes fatales- und kurzen Sprüchen, die oft zum Nachdenken anregen wollen. Auf der Website von Miss Tic ist das so formuliert:

Avec des dessins de femmes caractéristiques et des phrases incisives, ses créations expriment la liberté. Tout son art repose sur un subtil mélange de légèreté et de gravité, d’insouciance et de provocation. [8]

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Die Leidenschaft verschlingt die Zeit, die Liebe genießt sie (11. Arrondissement)

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Madame träumt,  Monsieur schnarcht

Miss Tic Place Voltaire IMG_9940 (1)

Liebe, Ruhm und Botox (Place Voltaire, 11. Arrondissement)

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Ein Übermaß an Vergnügen ist ausgezeichnet für die Gesundheit (In Abänderung des Anti-Raucher Slogans: l’abus d’alcool est dangereux pour la santé)   (rue Faidherbe, 11. Arr., ebenfalls Butte aux Cailles)

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In der rue Faidherbe ist jetzt allerdings ein marokkanischer Traiteur eingezogen und seitdem gibt es dort kein „Übermaß an Vergnügen“ mehr….  (Aufnahme April 2019). Ein Angestellter, bei dem ich damals nachfragte, warum das Bild von Miss Tic verschwunden sei, sagte, es sei beschmiert worden, Miss Tic würde es aber „demnächst“ erneuert. Im September 2019 war das allerdings noch nicht geschehen…

 1997 wurde auch Miss Tic wegen Beschädigung einer Wand angezeigt und 2000 in letzter Instanz zu 4.500 Euro Geldbuße verurteilt. Inzwischen kann sie solche Summen sicherlich aus der Portokasse bezahlen: Sie arbeitet für Zeitschriften, ist in Ausstellungen vertreten und macht Werbung: Die Mietwagen von Ucar haben bzw. hatten mehrere Jahre lang  ihren Slogan von Miss Tic erhalten: Louer c’est rester libre/Mieten heißt frei bleiben.[9]

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Und auf einem Brief, den uns unsere Freundin Marie-Pierre im September 2013 schickte, klebte eine Miss Tic-Briefmarke mit –natürlich- einem für sie typischen Motiv…

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Es ist ein Hundewetter (Sauwetter) – bei Miss Tic allerdings nicht in der üblichen männlichen Form (temps de chien), sondern der weiblichen.

Zum Schluss dieses Abschnitts noch eine kleine Suchaufgabe:

Auf der Website von Miss Tic[10] sind zwei im Sommer 2017 von ihr gestaltete Wände in Paris abgebildet –jeweils wieder mit charakteristischen Wortspielen:

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Eine Frau, die man diffamiert (femme/diffame)

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Die Liebe verleiht Flügel, damit man dann umso besser gerupft/entblättert werden kann.

Leider wird aber nicht mitgeteilt, wo diese beiden Arbeiten zu finden sind. Über „sachdienliche Hinweise“ würde ich mich freuen. (10a)

 

Fred le Chevalier

Fred le Chevalier verwendet nicht wie Miss Tic die Schablonentechnik (Pochoir), sondern er bedruckt Papier, das er dann an die Wände klebt. Es sind also Collagen aus bedrucktem Papier,  eine Technik, die zwar auch zahlreiche Reproduktionen und Variationen ermöglicht, aber sehr anfällig ist gegenüber den Unbilden der Witterung und dem Vandalismus, zumal seine Arbeiten –anders als viele von M Chat- leicht zugänglich sind.  Diese junge Frau neben den Mülltonnen in der Impasse de  Mont-Louis im 11. Arrondissement hatte jedenfalls nur ein kurzes Leben.

Fred Impasse de Mont-Louis IMG_8917

Und die Königin (oder Zauberin?) in der rue de Charonne (11. Arrondissement schmückte auch nur für kurze Zeit die triste Hauswand, die Fred le Chevalier für sie ausgesucht hatte.

Fred Rue de Charonne

In der rue de Ramponeau, wo wir öfters vorbeikommen, gibt es (April 2019) nur noch einen viel versprechenden  Text. („Es wird eine Zukunft für die Ewigkeit geben.„) Das dazugehörige Bild ist leider verschwunden.

DSC03778 Street Art April 2019 div (6)

Ihm war offensichtlich nur eine kurze Zukunft beschieden, geschweige denn Ewigkeit. Hoffentlich ist der Frau an der ehemaligen Bäckerei in der rue Léon Frot Nr. 64 (11. Arrondissement- aufgenommen Dezember 2018) ein etwas längeres Dasein vergönnt, auch wenn Fred le Chevalier in der Legende dieses Bildes -passend zum Ort- auf die  Vergänglichkeit des Lebens hinweist („Les années nous ont pixelisé).

DSC03222 Fred le Chevalier (4) - Kopie

Die Vergänglichkeit  ist  für Fred le Chevalier in der Tat  ein wesentliches Element der Street-Art.

„I think that one of the most beautiful aspects of street art is that you put up something and you don’t know whether it will be there for five minutes, or one year. It’s part of the game to know that they might disappear, and it’s part of the beauty to know that they will disappear, it is a paradox.“[11]

Allerdings ist das Verschwinden seiner Collagen für mich besonders bedauerlich.  Man findet seine Figuren in kleinen Passagen, vergessenen Ecken und versteckten Plätzen: Er schmückt mit ihnen gerne besonders triste Ecken der Stadt schmückt – sie verdienten also durchaus ein etwas längeres Leben.

Fred le Chevalier kommt aus Angoulême, was für seine Entwicklung eine große Rolle spielt,  wie er in einem anderen  Interview bekannte:

I do not have a fine art degree, my background is not coming from the street or the graffiti world. I’m from Angoulême where there is a comics festival, so “image” was therefore ultra-present in my life , plus a dad who was painting and a mother who reads a lot . So if I mix it all; it gives a natural focus to drawing, and an approach to the street which is quite logical, because there a sense of gratuitousness, freedom and do things spontaneously.[12]

Seinen Künstlernamen hat  sich Fred le Chevalier wegen seiner Liebe zur ritterlichen Welt und der entsprechenden Literatur (Dumas, Cervantes) gewählt und seine Motive sind auch oft aus diesem Bereich gewählt. Die Papierschnitte sind meistens schwarz/weiß, aber ein rotes Herz gibt es fast immer – und manchmal ist es auch –wie man sehen kann- rot/grün. Seine Arbeiten sind außerordentlich poetisch und phantasievoll, und es ist immer eine Freude etwas (Neues) von ihm zu entdecken- wie zum Beispiel diese Frau  in dem  bei Joggern beliebten couloir verte  (12. Arrondissement, an der rue du Sahel), aufgenommen im September 2019.

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Ein Schwerpunkt seiner Arbeiten ist  Ménilmontant im 20. Arrondissement und da vor allem die Place de Ménilmontant:

Place de Menilmontant 003

 

Die Arbeiten Freds sind manchmal auch mit einer Botschaft versehen, so die Arbeiten zur Legitimität  gleichgeschlechtlichen Partnerschaften – oft  mit der unmissverständlichen Unterschrift „L’amour n’est jamais sale“ (Die Liebe ist nie schmutzig)

Fred le Chevalier Place de Ménilmontant 045

9899829115_74910c0fd8_b Fred le Chevalier L'amour n'est jamais sale

Eine für Fred le  Chevalier eher untypische schriftliche und ausführliche Botschaft enthält die nachfolgende Arbeit: Passend zum multikulturellen  und politisch aktiven Stadtteil Belleville (siehe Blog-Beitrag über Belleville), wo ich sie gefunden habe, ist es ein Aufruf zum friedlichen Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Glaubens und (in ironischer Variante)  zum politischen Engagement: Die protestantischen Staaten wie Schweden, Finnland, Deutschland, USA, Neu Seeland etc seien alle reich. Also: „soyons protestants“.

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Wie die anderen in dieser Street-Art-Reihe vorgestellten Pariser Straßenkünstler hat Fred le Chevalier inzwischen ein „Gesicht“ und einen Namen, und damit auch eine ganz offizielle und wohl auch ruecharlesdelescluze11eme036 existenzsichernde Präsenz im öffentlichen Raum.

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Hier zum Beispiel sein Logo für die u.a. von der Stadt Paris organisierte Veranstaltungsserie „Paris, face cachée“ 2019 (https://www.parisfacecachee.fr/)

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Ein Buch mit Zeichnungen hat Fred auch veröffentlicht, worauf es in  „Le Bouquin qui bulle“ in der Rue de l’Orillon (11. Arrondissement, November 2018)  einen schönen Hinweis gibt.  (13):

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Wir sind alle Könige in einem Land, das nicht existiert

Und auf seiner Website findet man Hinweise auf seine Ausstellungen.[14]

Es gilt also auch hier:

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(Puzzle-Teil von Bea Pyl in der rue Charles Delescluze im 11. Arrondissement)

Anmerkungen:

[1] Siehe den Blog-Beitrag: La Goutte d’or oder Klein-Afrika in Paris (Mai 2016)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/1077

[2] http://www.monsieurchat.fr/

http://www.lefigaro.fr/arts-expositions/2016/10/14/03015-20161014ARTFIG00222-pas-de-prison-pour-monsieur-chat.php

[3]  https://maratinage.wordpress.com/2012/11/08/street-art-in-paris-lart-de-la-rue-a-paris/

[4] Surpopulation: Les prisons françaises sont des cocottes-minute‘. Le Monde, 8.8.2016: http://www.lemonde.fr/police-justice/article/2016/08/08/surpopulation-carcerale-le-numerus-clausus-une-question-de-courage-politique-adeline-hazan-controleure-generale-des-lieux-de-privation-de-liberte-surpopulation-les-p_4980010_1653578.html

[5]http://france3-regions.francetvinfo.fr/centre-val-de-loire/loiret/pas-prison-thomas-vuille-auteur-monsieur-chat-1107727.html

[6] http://archeologue.over-blog.com/article-m-chat-observe-l-affrontement-de-jean-luc-melanchon-et-de-marine-le-pen-a-henin-beaumont-106547196.html

[7] https://www.sortiraparis.com/arts-culture/exposition/articles/154590-m-chat-aime-paris-l-exposition-a-l-hotel-jules-jim

http://www.leparisien.fr/paris-75/paris-monsieur-chat-fete-ses-20-ans-24-11-2017-7413261.php

[8] http://missticinparis.com/biopresse/biographie/

[9] http://archeologue.over-blog.com/article-miss-tic-a-la-une-les-uns-et-les-unes-en-couverture-detournee-120568914.html

Über aktuelle Aktionen und  Ausstellungen informiert die home-page von Miss Tic: http://missticinparis.com/actualites/

[10] http://missticinparis.com/  (Zugriff Januar 2018)

(10a) Eine Pariser Bekannte, die Miss Tic kennt, hat bei ihr wegen der beiden Arbeiten angefragt. Miss Tic hat zwei Hinweise gegeben:  Die „femme qu’on diffame“ hat etwas mit Amélie Poulain zu tun und beide Arbeiten befinden sich im 18. Arrondissement. Das könnte doch das „jeu de piste“ erleichtern…..

[11] http://fredlechevalier.blogspot.fr/p/biographie.html

[12] http://www.isupportstreetart.com/interview/13933/

(13)   https://www.lapionniere.com/boutique/hors-collections/fred-le-chevalier

[14] http://fredlechevalier.blogspot.de/p/accueil.html

 

Weitere geplante Beiträge:

  • fake news, nostalgischer Nationalismus und antideutsche Ressentiments: Der deutsch-französische Freundschaftsvertrag von Aachen schlägt in Frankreich Wellen
  • Das Haus der Mutualité in Paris (2): Der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935 
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Das Hotel Lutetia (2): Geschichten und Geschichte
  • Die Fontänen im Park von Versailles (2): Ausdruck absolutistischen Größenwahns

„Dadurch, dass ich zum Glück die Kinder habe, ist alles doppelt schwer.“ Anna Seghers im Pariser Exil 1933-1940

 

Anna Seghers, geboren am 19.11.1900  als  Netty Reiling, ist Einzelkind und stammt aus einer reichen jüdischen Familie in Mainz. Der Vater ist Kunsthändler und Netty promoviert 1924 über das Thema „Juden und Judentum im Werk Rembrandts“ in Heidelberg. Dort lernt sie Laszlo Radvanyi, ebenfalls Jahrgang 1900, einen ungarischen Soziologen und engagierten Kommunisten kennen. 1925 heiraten die beiden und ziehen nach Berlin. 1926 wird ihr Sohn Peter geboren. Erste Veröffentlichungen unter dem Pseudonym Anna Seghers – Hommage an den niederländischen Maler und Grafiker Hercules Seghers –  erscheinen. 1928 kommt Tochter Ruth zur Welt und Anna Seghers tritt der KPD bei. 1933 zwingt der Reichstagsbrand das Ehepaar Radvanyi zur Flucht. Sie gehen in die Schweiz, die Kinder bleiben vorerst bei den Großeltern in Mainz. Schließlich siedeln sie nach Paris über und holen die Kinder nach. Es folgen sieben relativ ruhige Jahre des Exils im Pariser Vorort Bellevue-Meudon. Die Kinder besuchen die Schule, Anna Seghers nimmt sich die notwendige Zeit zum Schreiben, indem sie in Pariser Cafés geht und dort arbeitet. „Das Siebte Kreuz“ entsteht. Eine Kinderfrau ist immer da und kümmert sich um den Haushalt und die Kinder. In dem schwierigen Leben des Exils so weit wie möglich Normalität zu etablieren, ist eines der Hauptziele von Anna Seghers. Schwer wird es erst, als ihr Mann 1940 mit Kriegseintritt als „feindlicher Deutscher“ interniert wird, sie mit den Kindern auf sich allein gestellt ist und die Wohnung verlassen muss, um Recherchen der Gestapo zu entgehen. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch mit den Kindern in die unbesetzte Zone nach Südfrankreich gelingt es ihr beim zweiten Versuch,  in die Nähe des Internierungslagers Vernet zu gelangen, um Kontakt zu Ehemann und Vater aufzunehmen und die Kinder wieder in der Schule anzumelden. Nach aufreibenden Verhandlungen – der begonnene Roman „Transit“ legt davon Zeugnis ab – gelingt es schließlich der vereinten Familie Radvanyi von Marseille aus Europa zu verlassen in Richtung Mexiko, das zweite Exil, ein zweiter völliger Neuanfang. Aber immer gehen die beiden Kinder zur Schule, so dass sie bei ihrer Rückkehr in Frankreich problemlos studieren können. Und nie hört Anna Seghers auf zu schreiben, was ihr das Durchhalten ermöglicht. Sie ist – darauf hat Christa Wolf verwiesen – Deutsche, Frau, Jüdin, Kommunistin, Schriftstellerin und Mutter  –  die größte denkbare Herausforderung in ihrer Zeit des Exils.

Im Folgenden sollen die Stationen von Anna Seghers im Pariser Exil aufgezeigt werden. Es sind Orte, die auch heute noch gut zugänglich sind : Bahnhof, Hotel, Wohnhaus, Café. Dazu werden entsprechende Bezüge aus ihrem Werk oder anderen  Quellen herangezogen und kommentiert. (1)

 

 I.   GARE DE L‘EST (Ostbahnhof)                                                    Ankunftsort deutscher Flüchtlinge in Paris

Auch heute noch kommen die meisten Besucher aus Deutschland mit dem ICE oder TGV im Pariser Ostbahnhof, Gare de L’Est,  an  – einem modern renovierten hochgeschwungenen Bahnhof aus dem 19.Jahrhundert –  ein architektonisch beeindruckender großzügiger Empfang.  All die Menschen,  die in den 30 er Jahren Nazi-Deutschland schweren Herzens und voller Zukunftssorgen verlassen mussten, um im freien Frankreich Asyl zu suchen, werden das sicherlich kaum bemerkt haben.

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Als Anna Seghers mit ihrer Familie hier ankam, hatte sie die beiden Kinder Pierre und Ruth in Straßburg abgeholt, dort waren sie von der Großmutter übergeben worden. In der ersten Zeit des Exils in der Schweiz und die ersten Wochen in Paris hatte das Ehepaar die Kinder bei den Großeltern in Mainz gelassen. Und sie dann nachgeholt.

Anna Seghers schreibt zu dieser denkwürdigen Ankunft

„Die Frau, die die Grenze passiert hat, die eines Abends am Gare de l’Est ankommt, die ist hellwach, nicht bloß aus Gespanntheit, aus Erschöpfung – hellwach in ihr ist die Kraft, die vielleicht ihr Leben lang, vielleicht Jahrhunderte verschüttet war, weil niemand ihrer bedurfte. Jetzt ist sie wieder die Frau von Kriegszügen, von Verbannungen, von Völkerwanderungen. Sie wird vor den ungewöhnlichsten Augenblick gestellt, auf dass sie ihn zwinge, die Züge gewöhnlichen Lebens anzunehmen, damit man ihn ertragen kann. Auf dem fremden, wilden Bahnhof, im Geknatter der fremden Sprache, hält sie Gepäck und Kinder zusammen. Misstrauisch mustert sie das Zimmer, von dem der Mann behauptet, es sei provisorisch. Sie reißt das Fenster auf. Sie hat Nähzeug zur Hand und näht rasch einen Knopf fest. Sie beschnuppert das Bettzeug. Der Mann schimpft wohl über all das Gehabe, doch ist er plötzlich erleichtert. Der furchtbarste Augenblick des gemeinsamen Lebens wird dadurch gezähmt und gebändigt. Geht diese Kraft der Frau ab, dann ist es schwerer für die Familie…“(A.S. 1986 130/31)

Der französische Bahnhof wird als „fremd“ und “wild“ wahrgenommen, vom „Geknatter der fremden Sprache“ ist die Rede. Später von „misstrauisch“ und dem Zweifel, ob die Unterkunft wirklich „provisorisch“ bleibe. Beschreibung eines sehr schwieriger Transit-Moments vom Bekannten ins Ungewisse, von der Heimat in die Fremde. Aber die Familie ist ab jetzt vereint.

In die konkrete  Darstellung der  beklemmenden Situation im Hotelzimmer mischen sich geradezu philosophische Überlegungen der Autorin zur Rolle der Frau/Mutter im Exil. Seghers beschwört in diesem Zusammenhang die sehr einfache, aber im Kontext fast magische Fähigkeit von Frauen, durch kleine notwendige Alltagsgesten den schweren Bann des Schicksals zu relativieren und so erträglich  gestalten zu können. In der Tat : In einem völlig neuen Umfeld ist es eben sehr beruhigend zu erleben, wie vertraute Tätigkeiten selbstverständlich weiter verrichtet werden (z.B. Knopfannähen). Diese Kontinuität schafft Vertrauen und Zuversicht. Diese Aufgabe – damals als rein frauenspezifisch angesehen – wird hier von Anna Seghers als entscheidend für das Gelingen von Exil-Leben, für Paare und vor allem für Familien, angesehen. Eine solche Heraushebung der Alltagsleistung von Ehefrauen und Müttern für die Lebensqualität im Exil erstaunt und sticht hervor in einer Zeit, in der die Haus- und Erziehungsarbeit der Frauen deutlich weniger beachtet und geschätzt wird als die bezahlte Erwerbsarbeit von Männern. In ihrem Aufsatz „Frauen und Kinder in der Emigration“ (1986) betont die Autorin immer wieder die Herausforderung aus dem „ungewöhnlichen Leben“ im Exil ein möglichst weitgehend „normales“ zu gestalten. Dieser Anforderung hat sie sich selbst als Mutter in Frankreich und später in Mexiko immer wieder gestellt, indem sie konsequent ihre Kinder in die Schule schickte und diese somit eine lückenlose französische Schulausbildung erhielten, die ihnen nach dem Krieg ein Studium in Frankreich ermöglichte. Über die Kinder in der Schule blieb sie auch immer mit einer sehr wichtigen Einrichtung des Gastlandes in Kontakt, also eine Art wichtiger Integration. Die Doppelbelastung von Familie und schriftstellerische Tätigkeit war zu meistern, da „Rodi“, ihr Mann, sich wenig um die Kindererziehung kümmerte. Dafür gab es die Hilfe von Hausmädchen, die wichtige Bezugspersonen für die Kinder wurden. „Dadurch, dass ich zum Glück Kinder habe, wird alles doppelt schwer“ (A.S. 1986,30) fasst sie ihre Situation in einem wunderbaren Satz zusammen, der die ganze Ambivalenz ausdrückt. Die Kinder sind zwar eine zusätzliche Last, aber auch ein lebenswichtige positive Verbindung zur Realität im Exil. Ist nicht der verzweifelte Schriftsteller Weigel in „Transit“, der sich das Leben nimmt, als in Paris die deutschen Truppen einmarschieren, das Gegenbeispiel zu ihrer Auffassung, wie wichtig die Normalität, Alltäglichkeit  ist um nicht den Mut zu verlieren? Anna Seghers hat immer wieder betont, dass Exil nicht nur Verlust sei, sondern auch große Chancen berge. „Viele zur Emigration gezwungene Menschen glauben am ersten Tag, alles verloren zu haben. Später haben sie dann gelernt, dass sie vieles gefunden und vieles gewonnen haben, wovon sie früher nicht einmal wussten, dass es das gab.“(A.S. 1986, 129) Dies gilt in gewisser Weise besonders für Frauen, die leichter als ihre Männer in einem fremden Land etwas Geld verdienen können, da sich diese meist an ihren Beruf gebunden fühlen. Diese neue Rolle, entscheidend zum Lebensunterhalt beitragen zu können oder  zu müssen,  verändert den Status der Frau in der Beziehung zu ihrem Partner und im Sozialgefüge der Exilierten insgesamt. Das Gleiche galt unter anderen Vorzeichen auch für die meisten Frauen und Mütter nach Kriegsende. Gewiss bedeutete das mehr Selbstbewusstsein, aber noch keine Emanzipation. Frauen bleiben allein für die Kinder zuständig, ein Prinzip, das nicht in Frage gestellt wird, auch wenn die Mutter eine bekannte Schriftstellerin ist, deren Tätigkeit das Überleben der Familie sichert wie im Fall von Anna Seghers. Sie sei überstrapaziert, so erklärt sie einmal in einem Brief an Bredel. Nicht nur wegen der Fertigstellung ihres Buches und kurzer Krankheit, sondern auch durch Aufgaben für Haushalt und Familie. Daher bat sie ihn einmal <inoffiziell und freundschaftlich< zu bedenken : Du bekommst, weil du ein berühmter Mann bist, auch deine Knöpfe von weiblichen Personen angenäht… Solche Äußerungen, in denen Anna Seghers ihr Frau-Sein thematisiert, sind selten. Es war ihr unangenehm sich schwach zu zeigen oder sich über ihre Rolle als Frau zu beklagen. (A.S. Briefwechsel 1933-45, S. 283)

Aber genau deshalb betont sie immer wieder den wichtigen Beitrag der Frau zum Gelingen eines Lebens im Exil . „Für Mann und Frau kann das Fortgehen die Neuaufrichtung der Ehe bedeuten oder ihre Auflösung. Mag die Frau in den meisten Fällen< dem Mann folgen< – hinter dem Einfachen verbirgt sich wie immer eine stille, beträchtliche Leistung.“ (A.S. 1986, S.129) und ganz konkret: „Wenn es nun wirklich fortgeht, dann überwiegt in diesem Umzug aus höchster Verantwortung  und Entscheidung auf eigentümliche Weise das technische, das Umzugsmäßige. Ob ein Möbelwagen gepackt werden soll oder ein Rucksack, ob ein paar Banknoten eingenäht werden müssen oder Butterbrote geschmiert…“ (A.S. 1986,S-130) Damit ist die wichtige Transformationsleistung der Frauen und Mütter gemeint,  gefährliches angespanntes Leben in gewöhnliches, alltägliches zu verwandeln, hin zu einem Leben ohne Angst. Das ist schon eine Art Philosophie des Pragmatismus.

 

 II.   51, rue Gay Lussac <Hôtel de l’Avenir>                                  Anlaufstelle von Exilanten im Quartier Latin

Bekannt wurde die Straße Gay Lussac 1968 durch die Studentenunruhen und Polizeieinsätze. 1933 war das Hotel in der Nr. 51 oft eine erste Unterkunft für die Schutzsuchenden. Heute gibt es dort immer noch ein Hotel, jedoch mit dem Eingang bei der Nummer 53 und dem neuen Namen Hotel André Latin.

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Der damalige Hoteleingang

Pierre Radvanyi, der Sohn von Anna Seghers erinnert sich: „Mit meiner Mutter fuhren wir im Zug nach Paris zu unserem Vater in ein kleines Hotel in der Rue Gay Lussac, nahe beim Jardin du Luxembourg. Man konnte von dort aus die Spitze des Eiffelturms sehen.“ (P.R. 2005, S.19)

III.   26, avenue du 11 novembre 1918   –                                          eine schöne Bleibe in Bellevue-Meudon

Nach einem gemeinsamen Sommerurlaub in Equihen an der Nordseeküste im Departement Pas de Calais kehrte die Familie Radvanyi nicht mehr ins Hotel zurück,  sondern bezog die erste Etage eines Hauses in dem gut bürgerlichen Vorort Bellevue Meudon – leider bisher ohne Erinnerungsplakette.

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Anna Seghers hatte etwas Ähnliches wie in Berlin-Zehlendorf gesucht und gefunden, „in der frischen Luft, außerhalb der Großstadt“. Mit Hilfe ihrer Mainzer Eltern gelang es sogar,  Möbel und Bücher aus Zehlendorf nach Meudon zu expedieren. 7 Jahre eines (fast) normalen Familienlebens im Exil Paris beginnen. Das Kindermädchen Gaja- aus Deutschland nachgekommen- sorgt lange Jahre zuverlässig für Haushalt und Kinder und für leckere Kuchen am Sonntagnachmittag, wenn Gäste zu Besuch kommen.  Nach anfänglichen Problemen in der staatlichen Schule für Pierre, dem es als Ausländer schwer gemacht wird, löst ein Schulwechsel in eine private „Freie Schule“ das Problem. Im Rückblick schreibt  Sohn Pierre :  „Mit dem Vorortzug  hatten wir es gar nicht weit bis zum Bahnhof Paris-Montparnasse, zudem lag die Avenue du 11 novembre 1918 nahe am Wald von Meudon und lief am unteren Ende  auf eine kleine Terrasse zu, die einst zum Grundbesitz von Madame de Pompadour gehört hatte und von der man einen schönen Blick auf Paris werfen konnte. Von den ersten Monaten abgesehen, habe ich dort Jahre einer glücklichen Kindheit verlebt.“ (P.R.2005,S.20; das nachfolgende Foto aus Zehl Romero, Foto 26))

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Die Familie vor dem Haus in Bellevue

Pierre berichtet auch über viele Spaziergänge mit der Mutter, die diese häufig nutzte ihre dichterischen Eingebungen voranzutreiben. „Oft spazierten wir zur Terrasse unterhalb des Observatoriums von Meudon, von wo man einen herrlichen Blick auf Paris hatte…“(P.R., 2005,S. 26)

Sowohl die kleine Terrasse in Meudon-Bellevue, als auch die große in Meudon Val Fleury erlauben auch heute noch einen schönen Blick auf Paris und lohnende Spaziergänge – insbesondere die hoch gelegene grande terrasse  (mit Zugang zur Orangerie) beim Observatorium.

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  IV.    Cafés  –  Orte des Austauschs und des Arbeitens

„Wenn meine Mutter Ruhe zum Schreiben brauchte, flüchtete sie in ein Café. Zuweilen ging sie in ein Café in der Nähe unserer Post, aber lieber suchte sie die Cafés in Paris auf, vor allem am Boulevard St. Germain. Mit einem einzigen Milchkaffee hielt sie einen ganzen Vor-oder Nachmittag durch. Dass sie sich in allgemeinem Lärm und inmitten von vielen Leuten befand, störte sie gar nicht, im Gegenteil, das stellte für sie eine Art Schutzwand dar.“(P.R. 2005, S. 33)

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Das Café als öffentlicher Ort und Treffpunkt spielte für die Emigranten in Paris eine große Rolle. Hier konnte man sich zwanglos treffen, diskutieren und bei einer Tasse Kaffee stundenlang sitzen bleiben. Der Meinungs-und Informationsaustausch untereinander sowie mit französischen Kollegen stand im Vordergrund. Hermann Kesten beschreibt das so: „Im Exil wird das Café zu Haus und Heimat, Kirche und Parlament…zur Wiege der Illusion und zum Friedhof…zum einzigen kontinuierlichen Ort.“ (H.K.. 1959, S.12)

Hier ein Bild mit Anna Seghers vor einem Pariser Café. (http://www.anna-seghers.de/biographie_paris.php)

 

Bei Seghers war das Café allerdings weniger ein Ort des Gedankenaustauschs und hitziger politischer Debatten, sondern des Rückzugs auf konzentrierte schriftstellerische Arbeit. „Oftmals sah ich sie im Café de la Paix oder in einem kleinen Café am Montparnasse unter einer murmelnden Menschenmenge sitzen…Der Bleistift flog über das Papier, und das Manuskript wuchs“ erinnert sich Lore Wolf, die Frankfurter Freundin, die als verfolgte Kommunistin mit ihrer Tochter in Paris lebte und Anna Seghers das Manuskript von „Das 7. Kreuz“ abtippte (zit. bei Sternburg Anm. 151).  Interessant übrigens, dass die meisten der von den Emigranten damals frequentierten Lokalen im Montparnasse wie  „La Coupole“ oder „ Dôme“ heute zu den teuersten Konsum-Tempeln der Stadt gehören.

Das Café, ein Ort, wo man immer einfach hingehen, sich hinsetzen und schreiben kann: Eine geniale Lösung nicht nur für Anna Seghers, sondern auch heute noch für viele Menschen in Paris, die dort stundenlang über ihrem laptop  sitzen – internet inclusive. Cafés/Restaurants spielen auch in Seghers Roman „Transit“ eine wichtige Rolle. Immer wieder kehrt die Hauptfigur in dasselbe Lokal in Marseille zurück – eine Pizzeria mit wärmendem Feuer. Warum? Zum Warten, zum Essen, zum Weintrinken, zum Beobachten, um Leute zu treffen, vor allem aber um zu warten. Ein bekannter und gewohnter Ort, also ein wenig Zuflucht für die Heimatlosen, ein Stück Innehalten auf der drängenden Suche nach Rettung.

Anna Seghers war im Pariser Exil aber nicht nur als Mutter und Schriftstellerin  engagiert, sondern auch politisch: Wer wäre denn auch besser geeignet gewesen als die aus Deutschland geflohenen Schriftsteller, vor den Gefahren des Nationalsozialismus zu warnen und für eine breite Front des Widerstands  zu werben. Das  politische Engagement Anna Seghers`in der Zeit ihres Pariser Exils  soll aber an anderer Stelle  beispielhaft an ihrer Rede über die Vaterlandsliebe beim „Ersten Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur“ im Haus der  Mutualité  1935 verdeutlicht werden.   

 

 V.  „Six jours – six années“  –  „6 Tage –  6 Jahre“      

Diese Tagebuchblätter von Anna Seghers aus der Pariser Zeit wurden ursprünglich 1938  in französischer  Sprache in der Monatszeitschrift „Europe“ veröffentlicht und sind nur in deutscher Fassung zugänglich (ndl, 9.Sept. 1984). Die Idee : pro Jahr ihres Aufenthaltes Ereignisse von einem Juni-Tag in der Sprache des Gastlandes zu präsentieren. Im Vordergrund stehen dabei deutsch-französische Erfahrungen.

Im Tagebuchblatt aus dem  Juni 1933 erinnert sie sich : „Wir haben die Kinder von der Grenze abgeholt. Wie Verrückte haben sie sich in unsere Arme geworfen, dort verharrten sie dann unbeweglich. Völlige, unendliche Sicherheit bei diesen unsteten Wesen, ihren Eltern, die doch selbst zu den Obdachlosesten dieser Welt zählten, selbst von allen Stürmen hin- und hergeworfen wurden.“    Und sie fährt fort mit dieser rührende Beschreibung des Kontakts mit den Kindern, die  gerade aus dem geliebten unerreichbaren Deutschland gekommen waren: „Das mehrfarbige karierte Kleid der Kleinen, der Geruch ihres Haares machten mich verrückt vor Heimweh….als wir die Hosentaschen des Kleinen leeren : ein paar getrocknete Grashalme, ein Pfennig, eine Fahrkarte, ein Tannenzapfen: ein halbes Deutschland.“ (A.S., 1984 S.5)

Erst später wird Anna Seghers wissen, dass sie bei dieser Übergabe der Kinder in Straßburg ihre Mutter das letzte Mal gesehen hat. In Paris angekommen fährt die nun endlich vereinte Familie Radvanyi nach Equilieu (Pas de Calais) in  Sommerurlaub. „Unsere Wirtin, Witwe eines Schriftstellers, bereitet uns die Suppe. Sie nennt mich „meine Tochter“. Das ist wahrscheinlich nur so ein Ausdruck, aber es tut mir gut. In dieser Frau, und nicht durch irgendein Komitee, begrüßt uns Frankreich.“(A.S., 1984, S.7)  Bei ihr lernen die beiden Kinder erstes Französisch.                                                

Juni 1934 hält sie  fest :“Als ich abends nach Hause komme, höre ich, wie die Kinder sich in einem groben und doch schon geläufigen Französisch zanken….In unseren Augen spielen die Kinder “Franzosen“, wie sie Indianer spielen. Wie man sich als Indianer mit Federn putzt, zieht die Kleine weiße Strümpfe an, um die „französischen Kinder“ am Sonntag zu spielen.“  Und weiter als erzieherische politische Korrektur: „Wir zeigen ihnen Broschüren für Deutschland, die man mit der Lupe liest. Vor allem, die Einheit bewahren! Vor allem niemals die Vergangenheit verraten! Vor allem, niemals die Kontinuität einbüßen!“ (A.S.,1984, S.7)

Juni 1935 bemerkt sie im Kontext des internationalen Schriftstellerkongresses über die französischen Kollegen:“Was uns am meisten erregt, die wundervolle Tradition des revolutionären Denkens, seine kontinuierliche, logische, fast organische Entwicklung…“    (A.S., 1984, S.7)

Juni 1936 zitiert sie ihren Sohn. „Später im Bett, erklärt uns der Kleine, warum er die französischen Gedichte den deutschen vorzieht : die deutsche Dichtung drückt zu oft reines Denken aus, die französischen dagegen Gefühle.“ (A.S.,1984,S.8)  Dieses Urteil hätte sicher ein französisches Kind mit gleichem Recht umgekehrt fällen können. Welche subtile Wahrnehmung kultureller Unterschiede!

 Juni 1937 erwähnt Anna Seghers vor allem das Zusammentreffen mit einem deutschen Widerstandskämpfer, der nach KZ-Haft und Flucht sich nun nach Spanien zum Kampf bei den Internationalen Brigaden aufmacht. Ihre große Hochachtung ist unverkennbar.

Juni 1938 geht sie der Frage nach, „wohin wir mit den Kindern im Kriegsfalle gehen würden. Meine ersten Bombenangriffe habe ich am Ufer des Rheins erlebt, die zweiten in Spanien, und die dritten auch. Aber hier in diesem Land haben meine Kinder Freunde und Sicherheit kennengelernt; sollten sie nicht, wenn es sein muss, auch Schmerz und Gefahren hier begreifen?“ (A.S., 1984, S.9)  Ganz ähnlich wird später auch der Erzähler von Transit argumentieren, als er sich entschließt, bei den Menschen in Südfrankreich zu bleiben, die ihn freundlich aufnehmen und mit ihnen zu erwartendes Leid teilen statt aus Europa vor den Nazis  ins Ungewisse zu fliehen. Anna Seghers hat dann doch die Ausreise nach Mexiko betrieben und so sich und ihrer Familie das Leben gerettet, was ihr im Fall ihrer Mutter jedoch nicht mehr gelang.

 

 VI. Die Stadt Paris im Werk von Anna Seghers                                                     

Der Roman „TRANSIT“, an dem Anna Seghers bereits  1940  in Marseilles zu schreiben anfing, spielt vor allem in dieser Stadt, Ausfallstor in die Welt auf der Flucht vor der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Der Erzähler ist nur zu Anfang kurz in Paris und beschreibt die Stadt nach der Besetzung so :

„Ich ging eines  Sonntags früh nach Paris hinein. Die Hakenkreuzfahne wehte wirklich auf dem Hôtel de Ville. Sie spielten wirklich vor Notre Dame den Hohen Friedberger Marsch. Ich wunderte mich und wunderte mich. Ich lief quer durch Paris. Und überall deutsche Autoparks, überall Hakenkreuze, mir war ganz hohl, ich fühlte schon gar kein Gefühl mehr. Ich grämte mich, dass all der Unfug aus meinem Volk gekommen war, das Unglück über andere Völker. Denn dass sie sprachen wie ich, dass sie pfiffen wie ich, daran war kein Zweifel. Als ich nach Clichy hinaufging, wo Binnets wohnten, meine alten Freunde, da fragte ich mich, ob Binnets wohl vernünftig genug seien, um zu begreifen, dass ich zwar ein Mensch dieses Volkes sei, doch immer noch ich. Ich fragte mich, ob sie mich ohne Papiere aufnehmen würden.                                                                                                                         

Sie nahmen mich auf.“ (A.S., 2018, S.13/14)

Die bewegende Erzählung „OBDACH“ von 1941 (A.S., Erzählungen, Da., 1973, S.199-206) spielt dagegen ganz in Paris. Es geht um den Jungen eines von der Gestapo in Paris verhafteten deutschen Widerstandskämpfers. Das Kind ist verzweifelt, denn es soll nach Deutschland zurück und dann in ein NS-Heim gebracht werden. Doch eine französische Bekannte nimmt ihn in ihre Familie auf trotz Widerstand ihres Mannes. Eine starke Frau, die vorbildlich handelt im Sinne von Seghers, der das Engagement der Helfer für politische Flüchtlinge unumgängliche moralische Verpflichtung galt  – trotz aller Risiken. Naheliegend, dass Anna Seghers bei dem Schicksal des deutschen Jungen auch an das potentielle Los ihrer eigenen Kinder gedacht hat, wenn sie entdeckt und verhaftet würde.

Den Erfolgs-Roman „DAS SIEBTE KREUZ“, den Anna Seghers in der Pariser Zeit verfasste, ist neben der klaren politischen Aussage eine Hommage an ihre rheinische Heimat, die sie mit so viel Liebe beschreibt, wie es nur aus der erzwungenen Trennung heraus möglich ist. Sieben KZ-Flüchtlinge fliehen aus dem KZ Westhofen (Vorbild Osthofen/ Nähe Worms), aber nur einem gelingt die Flucht. Denn er hatte einen Helfer finden können, der es wagte ihn zu verstecken und dann weiter zu leiten – trotz Familie mit Kindern, die er damit in höchste Gefahr brachte. Wieder das Seghers-Anliegen der Bereitschaft zu unzögerlicher praktischer Solidarität, das hier aus Paulchen einen Helden werden lässt. Und die große Befriedigung, die  aus der konkreten Unterstützung eines Verfolgten erwächst, ist immer wieder ein Aspekt, den sie betont.

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                    Amerikanische Ausgabe des Romans für in Europa eingesetzte GIs                  (Exilausstellung des Deutschen Nationalmuseums Frankfurt)  Das erhoffte Visum für die USA erhielt Anna Seghers allerdigs nicht.

Fazit: Die Bereitschaft schnell und entschlossen zu helfen, wenn es für Flüchtlinge notwendig ist, erwies sich als gelernte Lektion im Deutschland von 2015. Im kollektiven deutschen Gedächtnis gibt es die Erinnerung an das Leid der Heimatvertriebenen, vor allem aber an die Not der NS-Verfolgten, die Hitler-Deutschland verlassen mussten, wenn sie es noch konnten. Die literarische Verarbeitung gerade ihrer Schicksale hilft vor dem Vergessen zu bewahren und gelangt in neuem Kontext zu  überraschender Aktualität, wie die jüngste Verfilmung von Anna Seghers  „Transit“ (2018) zeigt.                                                                                                                                                  Frauke Jöckel

 

(1)  Das Portrait von Anna Seghers wurde 1935 aufgenommen von Gisèle Freund.

©  bpk/IMEC Fonds MCC/ Giaèle Freund

https://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/EN/Objects/freund-seghers-en.html?single=1

 

 

Quellenangaben und benutzte Literatur:

Anna Seghers/Wieland Herzfelde : Frauen und Kinder in der Emigration in „Gewöhnliches und gefährliches Leben“, Darmstadt 1986                                                  Anna Seghers : 6 Tage, sechs Jahre, Tagebuchblätter in neue deutsche Literatur 9/1984      Anna Seghers : Das Obdach (1941) in „Erzählungen“ Bd.1, Darmstadt 1973                            Anna Seghers : Das 7. Kreuz (1942) , Berlin 2018                                                                            Frankfurt liest ein Buch 16.-29.April 2018 : Anna Seghers, Das 7. Kreuz                                    Anna Seghers : Transit (1951), Berlin 2018                                                                                    Christian Petzold : Transit (Film), 2018                                                                                              Pierre Radvanyi : Jenseits des Stroms, Erinnerungen an meine Mutter, Berlin 2005              Christiane Zehl Romero : Anna Seghers, eine Biographie 1900-1947, Berlin 2000                  Wilhelm von Sternburg  : Anna Seghers, ein Porträt, Berlin 2012                                        Hermann Kesten : Dichter im Café, Wien 1959                                                                                Roland Hoja : „Wartesäle der Poesie“, Schriftstellerinnen im Pariser Exil 1933-41, Norderstedt 2015                                                                                                                      Monika Melchert : Wilde und zarte Träume, A. Seghers Jahre im Pariser Exil, Berlin 2018  Studienkreis dt. Widerstand (Hrsg) : „Nichts war vergeblich“  Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Katalog zur Ausstellung in der Gedenkstätte KZ Osthofen, 2016                                                                                                                                                          Lore Wolf : „Ein Leben ist viel zu wenig“, Berlin 1979                                                                    Doris Danzer : „Zwischen Vertrauen und Verrat“, deutschsprachige kommunistische Intellektuelle und ihre sozialen Beziehungen, Berlin 2012                                                  Doron Rabinovici : „Das Versagen der Heimat“, Eröffnungsrede zur  Dauerausstellung des Deutschen Exilarchivs in Frankfurt/Main, FAZ, 9.April 2018

 

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu deutschsprachigen Schriftstellern in Paris/im französischen Exil:

  • Das Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise in Paris: Eine Hommage an den Vorkämpfer der deutsch- französischen Verständigung

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10585

  • Mit Heinrich Heine in Paris

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8231

  • Exil in Frankreich: Sanary, Les Milles und Marseille

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/592

  • Der Cimetière de Picpus: Ein deutsch-französischer und amerikanischer Erinnerungsort (Stefan Zweig, R.M. Rilke)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/1828

  • La Maison de la Mutualité à Paris/Das Haus der Mutualité in Paris (2): Der Erste Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935 (Heinrich Mann, Anna Seghers)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/11479

 

Geplante weitere Beiträge

  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 1: Lyon, Luberon, Piemont
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 2: Die Waldenser in Hessen-Homburg
  • Der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935 im Haus der Mutualité in Paris
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier
  • Das Hotel Lutetia (1): Ein Bauwerk zwischen Art Nouveau und Art Déco in neuem Glanz

 

 

11. November 2018. Paris begeht den 100. Jahrestag des Waffenstillstands

Thema dieses Beitrags sind die Veranstaltungen zum 100. Jahrestag des Waffenstillstands (armistice) in Paris.  Er  schließt sich insofern an einen früheren  Beitrag zur Entwicklung und Veränderung des  11. November als Feiertag in Frankreich an:  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/3394

Diesmal und gerade in der Hauptstadt wird der 11. November in einer außerordentlichen Intensität und Vielfalt begangen. Immerhin ist der 11. November nach dem Urteil des französischen Historikers Pierre Nora „une date absolue“ der Geschichte des Landes. Das gelte sonst nur noch für den 14. Juli, den französischen Nationalfeiertag. (Le Figaro, 10./11.11.2018). Der 11. November 1918 wird allerdings in Frankreich auf unterschiedliche Weise verstanden.  Und obwohl es sich um ein für Frankreich wie Deutschland existentielles Datum handelt, spielt der Tag in beiden Ländern eine ganz verschiedene Rolle. Das soll im Folgenden exemplarisch dargestellt werden.  Gerade unter dem  Blickwinkel der deutsch-französischen Beziehungen ist das besonders interessant: Die jeweilige Ausgestaltung der Erinnerung an den Waffenstillstand kann auch als Gradmesser dieser Beziehungen dienen.

 

Der 11. November in der Topographie von Paris

Welche Bedeutung der  11. November in Paris hat, wird schon daran deutlich, dass es zwei ganz besondere Plätze gibt, die an den Waffenstillstand erinnern, der den „Großen Krieg“ Frankreichs beendete.  Da gibt es die Place du 11 Novembre  1918  vor dem Gare de l’Est: ein symbolischer Ort, weil von diesem Bahnhof aus die Züge in den Osten Frankreichs und nach Deutschland abfahren.

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Es handelt sich hier um den Bahnhofsvorplatz- begrenzt von dem Bahnhofsgebäude auf der einen und der rue du 8 mai auf der anderen Seite. Straße und Platz erinnern damit an das Ende der beiden Weltkriege – wichtige Daten im kollektiven Gedächtnis der Franzosen und immerhin ja auch beides Feiertage.

Und dann gibt es die repräsentative  Place du Trocadéro et du 11 novembre im 16. Arrondissement.

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In dessen Zentrum steht ein  Reiterstandbild  à la Henri Quatre oder Louis Quatorze  des Marschalls Foch, und zwar in perfekter Symmetrie mit der Statue des Marschalls Joffre vor der École militaire auf der anderen Seine-Seite.[1]

An der westlichen Seite des Platzes  befindet sich an der Mauer des  Friedhofs von Passy  das Monument à la gloire de l’armée francaise 1914-1918.

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Wegen seines Themas und seiner Komposition liegt der Vergleich mit der kämpferischen „Marseillaise“ an der Schauseite des Arc de Triomphe nahe.[2] Hier ist es aber weniger die überschäumende Begeisterung, sondern eher die Entschlossenheit der sich um die „Marianne“ in der Mitte scharenden  und letztlich siegreichen Soldaten, der poilus, die präsentiert wird; und dezent am  Rande auch der Tod. Immerhin handelt es sich ja um ein Denkmal „für die Helden und für die Toten“.

Eingeweiht wurde  das Denkmal  1956 von dem Schriftsteller Maurice Genevoix, [3] der auf der  Grundlage eigener Kriegserfahrungen mehrere Erinnerungsbücher über den Ersten  Weltkrieg geschrieben hat.  Sie wurden seit 1916 publiziert,  zusammengefasst 1949 in dem Band „Ceux de 14“. Es sind alles andere als kriegsverherrlichende Bücher. Wegen seiner ungeschminkten Darstellungen der Kämpfe hatte Genevoix  -oft verglichen mit Ernst Jünger- sogar Schwierigkeiten mit der Zensur.   Dass er aber dieses Denkmal „zum Ruhm der französischen Armee“, für ihre „Helden“ und Toten, an der Friedhofsmauer  und neben dem Reiterstandbild  Fochs einweihte,  zeigt, wie sehr die Erinnerung an den 11. November einerseits mit dem Gedenken an die auf dem „Feld der Ehre“[4] gefallenen Opfer des Krieges,  andererseits aber auch mit der Feier der Armee, ihrer „heldenhaften“ Soldaten und ihrer Führer verbunden ist. Der 11. November ist damit ein wesentlicher Bestandteil des sogenannten „roman national“ Frankreichs, der immer wieder neu und auf ganz unterschiedliche Weise erzählt wird, auch jetzt wieder anlässlich des 100. Jahrestags  des Waffenstillstands von 1918.[5]

Dazu gehört auch, dass Maurice Genevoix und „ceux de 14“ 2019 ins Pantheon aufgenommen werden. Maurice Genevoix sei –so Macron-  der „Fahnenträger“ all derer, die im Ersten  Weltkrieg für die Freiheit, das Recht und den Frieden gekämpft und gesiegt hätten und die jetzt auch „à titre collectif“ ins Pantheon aufgenommen würden – übrigens eine Neuheit in einer Einrichtung, die bisher Einzelpersonen vorbehalten war. Die sterblichen Überreste des Schriftstellers sollen allerdings nicht transferiert werden, sondern auf dem  Friedhof von Passy verbleiben.[6]

Dieser Pantheonisierungsbeschluss ist ein eindeutiger Hinweis darauf, wie intensiv der 100.  Jahrestag des Waffenstillstands in Frankreich  begangen wird. Die entsprechenden Veranstaltungen beendeten (und beenden noch) einen  vierjährigen Erinnerungsmarathon zum Ersten Weltkrieg.  Unzählige kulturelle, pädagogische und wissenschaftliche Erinnerungsprojekte wurden  gerade 2018 durchgeführt.[7] In den Medien war der 11. November ein Dauerthema  – es gab im Fernsehen eine „Flut von Programmen zum Jahrestag“ (Le Monde)  und die Printmedien standen dem nicht nach: In den Buchhandlungen quollen die Büchertische über von einschlägiger Literatur, auch vielen Neuerscheinungen[8], und in der Presse war in der Zeit vor dem 11. November die Erinnerung an den Jahrestag das  beherrschende Thema.  Der „Figaro“ beispielsweise veröffentlichte eine sechsteilige Serie „Il y a 100 ans“  mit  Berichten und Analysen (und natürlich auch Auszügen aus dem Buch von Genevoix) und auch in Le Monde gab es eine Sonderbeilage und die  tägliche Rubrik „Centenaire du 11 novembre“.

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Emblem der Erinnerungswoche im Figaro

Höhepunkt der Gedenkveranstaltungen war natürlich der 11. November– eingeleitet um 11 Uhr vormittags durch das Läuten aller Glocken im Land,  so wie es 100 Jahre davor auch war, als der Waffenstillstand eingeläutet und auf diese Weise bekannt gemacht wurde.[9]

Macron, Helden oder Opfer? und der Schatten von Pétain

Eine prominente Rolle bei den Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag des Waffenstillstands spielte natürlich der Staastpräsident. Emmanuel  Macron unternahm vom 4.-9. November eine Rundreise, eine „itinérance mémorielle“,  zu den bedeutendsten Schlachtfeldern des  Ersten Weltkriegs auf französischem Boden. Dabei ging es ihm um die Erinnerung an die Soldaten, die für die Republik gekämpft haben,  auch an Orten wie Morhange, wo tausende poilus für eine skrupellose Strategie der „offensive à outrange“ geopfert wurden.[10]  Und mit der Ehrung der tapferen, ja entsprechend einem breiten französischen Konsens: „heldenhaften“  Soldaten  ist natürlich auch eine Botschaft an die Gegenwart verbunden: nämlich Zuversicht zu verbreiten in Gegenden, die vor 100 Jahren  vom Krieg verwüstet wurden und die  jetzt vielfach Opfer von Globalisierung und Desindustrialisierung sind.  Macron wollte also auch dazu auffordern, sich gegen neue Bedrohungen wie Nationalismus und Populismus „in Marsch“ zu setzen – die anstehenden Europawahlen lassen grüßen.[11]

Beginn der Rundreise war –zusammen mit Bundespräsident Steinmeier- am 4. November ein deutsch-französisches  Konzert im Münster von  Straßburg  – natürlich ein höchst symbolischer Ort – jahrhundertelanger Streitapfel zwischen Frankreich und Deutschland, proklamiertes französisches Ziel einer „Revanche“ seit der Niederlage von 1871 und jetzt europäische Stadt par excellence.  Endpunkt dieses Wegs der Erinnerung war  am 10. 11. –diesmal zusammen mit der deutschen Bundeskanzlerin-  der Besuch die Lichtung  Rethondes  bei Compiègne, auch dies ein höchst symbolischer Ort.  Dort war  der Eisenbahnwagon aufgestellt, in dem  Mathias Erzberger als  Vertreter der am 9. November ausgerufenen Republik  den Waffenstillstand unterzeichnete und der am 22. Juni 1940 Ort eines erneuten  Waffenstillstands  zwischen Frankreich und Deutschland  war – diesmal aber nach dem sogenannten  „Blitzkrieg“ der Wehrmacht gewissermaßen mit umgekehrten Vorzeichen.

Bei dem heute auf der Lichtung von Rethondes aufgestellten Eisenbahnwagon handelt es sich um eine Nachbildung des 1940 nach Deutschland gebrachten und im Krieg zerstörten  Originals. Das Elsass-Lothringen-Denkmal mit dem Datum des 11. November 1918 und dem vom französischen Schwert durchbohrten deutschen Adler wurde auf Befehl Hitlers zerstört, nach dem Krieg aber wieder aufgebaut.

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Hier tragen  sich Macron und Merkel gemeinsam in das von Marschall Foch eröffnete Goldene Buch des Waffenstillstands- Wagens ein 

In dem zum Jahrestag auch inhaltlich entstaubten Museum wird jetzt auch  verdeutlicht, auf welche Weise der Waffenstillstand von 1918 nicht nur das Ende eines mörderischen Krieges, sondern auch das Vorspiel eines weiteren nicht weniger mörderischen Krieges war: Mit einem abgewandelten Zitat von Clausewitz hat ein französischer Historiker denn auch kritisch und treffend den Waffenstillstand von 1918 und die nachfolgenden Friedensverhandlungen überschrieben: Der Frieden ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln…. Gerade für die damalige französische Politik passt das nur allzu gut.[12]

Zum 100. Jahrestag wird in Compiègne auch die „dalle sacrée“ die monumentale Granitplatte restauriert, die 1922 mit folgender Inschrift im damaligen Geist in den Mittelpunkt der Lichtung platziert wurde: „Hier unterlag am 11.November 1918 der verbrecherische Hochmut des deutschen Reichs, besiegt von den freien Völkern, die zu unterjochen es beansprucht hatte.“[13]  Jetzt weihten direkt davor Macron und Merkel eine neue Erinnerungsplatte in französischer und deutscher Sprache ein, auf der die Versöhnung und die Freundschaft zwischen beiden Ländern gewürdigt werden (13a)

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Übrigens kann man sich derzeit in und  um Compiègne auch auf kulinarische Weise an den Waffenstillstand erinnern:  So werden in mehreren Restaurants spezielle „Menus 14-18“ angeboten. So in Les Accordailles in Compiègne mit einer Schützengrabensuppe (Vélouté des tranchés) als Vorspeise, einem „Geheimnis des Sieges“ als Hauptgericht und einer „Margerite im Gewehrlauf“ als Dessert. Der speziell dabei herangezogene Historiker hat sich aber offensichtlich auf die Namensgebung beschränkt. Der Gast muss also nicht damit rechnen, eine Kohlsuppe oder eine Dose mit Sardinen vorgesetzt zu bekommen.[14]

Die abschließende  zentrale Veranstaltung zum 11. November fand dann natürlich genau am Jahrestag des Waffenstillstands in Paris statt.  Dort  versammelten sich  zahlreiche  Repräsentanten der am Krieg beteiligten Staaten und internationaler Organisationen zu einer Gedenkveranstaltung am Grabmal des unbekannten Soldaten unter dem Arc de Triomphe  [15]  – Bundeskanzlerin Merkel dabei demonstrativ neben Staatspräsident Macron und seiner Frau  platziert und diese drei eingerahmt von Trump und Putin…

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Die für diesem Tag zunächst  noch angekündigte und von Präsident Trump sehnlichst erwartete große Militärparade gab es allerdings nicht, angeblich –wie  im Vorfeld immer wieder zu lesen war- um nicht Deutschland zu verletzten. Der Wunsch Macrons war es, am 11. November nicht in erster Linie den Sieg Frankreichs über Deutschland zu feiern, sondern vor allem der Opfer des mörderischen Krieges zu gedenken: Heute werde der 11. November in Frankreich nicht mehr als großer Sieg, sondern als Ende einer großen Schlächterei  („grande boucherie“, grande hécatombe“) gesehen. Allerdings gab es durchaus auch andere Stimmen- beispielsweise die des Vorsitzenden der „Republikaner“ Laurent Wauquiez.  Durch die Verwandlung der Soldaten des Großen Krieges in Opfer werde das von ihnen freiwillig gebrachte Opfer fürs Vaterland seines heroischen Inhalts entleert und eine Chance zur patriotischen Demonstration der Einheit Frankreichs verspielt.[16] Wenn aber einerseits die „victimisation“ (Pierre Nora) der „Helden“ des Großen Kriegs beklagt wird, so gibt es andererseits in Frankreich auch -immer noch- eine Tendenz, das Vaterland als unschuldiges  Opfer der deutschen Aggression zu sehen und dabei die -keineswegs marginale- Mitverantwortung Frankreichs an der Entfesselung des Kriegs zu übersehen. Aber das ist eine andere Geschichte….

Der Chefredakteur der Zeitung Libération, Laurent Joffrin,  hat zur Auseinandersetzung über den Charakter des 11. November einen sarkastischen Leitartikel veröffentlicht (9.11.) und dabei die –eher  männlichen- „Vestalinnen des kriegerischen Nationalismus“  heftig kritisiert. Der von den französischen Nationalisten, vor allem Clemenceau, nach dem Waffenstillstand den Deutschen auferlegte Frieden mit der alleinigen Kriegsschuld und den Reparationen habe wesentlich zu Aufstieg und Erfolg der Nationalsozialisten beigetragen. Und das sei nur ein Aspekt der „paix manquée“ nach dem 11.11.1918.  Statt den Sieg zu feiern solle man also besser über die Gründe für das Blutvergießen im 20. Jahrhundert nachdenken, um wenigstens im 21. Jahrhundert daraus zu lernen. (16a)

Wenn  Wauquiez und andere beklagen, am „11. November Macrons“  würden „nos gloires nationales“  verleugnet und den poilus ihr „sépulture spirituelle“ verweigert, geht natürlich ins Leere angesichts der Entscheidung des Präsidenten, „die von 1914“ kollektiv ins Pantheon aufzunehmen. Angesprochen ist in dieser Auseinandersetzung aber auch die Frage, wie der 11. November begangen  werden soll: Als Feier eines vaterländischen Sieges (Wauqiez: „victoire de la patrie“) oder als Gedenktag an einen mörderischen Krieg mit der Möglichkeit, daraus Energie zu gewinnen  für die Konstruktion einer gemeinsamen europäischen Zukunft.[17]

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Der Zeichner Serguei von Le Monde  (8.11.) gibt darauf eine eindeutige Antwort. Die Zeitung Le Figaro, die in ihrer Ausgabe vom 10. November „La gloire de nos pères“ feiert (Überschrift des Leitartikels)   ebenso.

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Und dazu passt auch die Beilage mit dem Reprint der Ausgabe vom 12.11.1918.

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Macrons  begrüßenswerte Entscheidung, den 11. November als übernationalen Gedenktag zu gestalten und auf eine große Militärparade zu verzichten,  bedeutet aber nicht, dass der Waffenstillstand als Besiegelung eines militärischen Siegs ausgeblendet würde. Immerhin wurde  auf Wunsch des Generalstabs wenigstens eine Zeremonie  der Armee im Hôtel des Invalides organisiert. Dabei sollten die acht französischen Marschälle des Ersten Weltkriegs geehrt werden, von denen  fünf unter dem Dôme des Invalides begraben  sind. Allerdings war einer von ihnen, nämlich Pétain,  der „Sieger von Verdun“,  im zweiten Weltkrieg Chef des  Kollaborations- Regimes von Vichy, das mit   den deutschen Besatzern willig zusammenarbeitete – einschließlich  der Beteiligung am Holocaust. Die französische Verteidigungsministerin korrigierte dann allerdings Ende Oktober diese Planung: Geehrt würden nur die fünf in den Invalides bestatteten Marschälle, also nicht Pétain. Darauf angesprochen, desavouierte Präsident Macron während seiner „itinérance mémorielle“ seine Ministerin: Es sei „vollkommen legitim“, die Marschälle zu ehren, die die Armee zum Sieg geführt hätten. Und diese Ehrung gelte selbstverständlich auch Pétain, der während des Ersten Weltkriegs „ein großer Soldat“ gewesen sei. Das sei eine Tatsache, auch wenn Pétain im zweiten Weltkrieg verhängnisvolle Entscheidungen getroffen habe.[18]  Dass diese Aufspaltung in einen zu würdigenden Pétain von Verdun und einen zu verurteilenden Pétain von Montoire –Ort seines Zusammentreffens mit Hitler-  nicht unwidersprochen bleiben würde, war zu erwarten.  Schon vorab hatte ein Militärsprecher vorausgesagt, es werde wohl Ärger mit der französischen Linken oder der jüdischen  Gemeinde geben, wenn man auch Pétain ehre.[19] Der Vorsitzende der französischen jüdischen Gemeinden (CRIF) und Vertreter der politischen Linken wiesen denn auch darauf hin, dass Pétain im Prozess vom Juli 1945 im Namen des französischen Volkes wegen Hochverrats zum Tode verurteilt wurde und ihm die  bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt wurden.  Man sei deshalb über die Äußerungen Macrons schockiert, was aus meiner Sicht nur allzu verständlich ist: In Deutschland wäre es immerhin außerhalb der Neonazi-Szene völlig ausgeschlossen, beispielsweise Göring als großen Jagdflieger des ersten Weltkriegs zu ehren, der er ja zweifelsohne war…  Für den Regierungssprecher Benjamin Griveaux handelte es  sich aber um eine „schlechte Polemik“. Und er berief sich auf General de Gaulle, der festgestellt habe, Pétains Ruhm von Verdun solle von dem Vaterland nicht in Frage gestellt werden- eine Äußerung  aus dem Jahr 1968, die allerdings  in ihrem  historischen Kontext gesehen werden muss. Auch dass Präsident Mitterand mehrere Jahre lang an jedem 11. November ein Blumengesteck am Grab Pétains auf der Île d’Yeu niederlegte, ist Teil einer spezifischen und lange Jahre –auch über 1968 hinaus- üblichen französischen Form der „Vergangenheitsbewältigung“. Und das Hin und Her um die Ehrung Pétains zeigt, dass die bei weitem noch nicht abgeschlossen ist. [20]

Ich kann nur – noch einmal- Laurent  Joffrin, dem Chefredakteur von Libération zustimmen, der am 7.11. in einem Leitartikel schrieb, man könne zwar als Historiker  die beiden Pétains voneinander trennen. Als Politiker und im „mémoire nationale“ gehe das aber nicht. Die Abschaffung der Republik, die Kollaboration mit den Besatzern, das Judenstatut, die Unterdrückung des Widerstands, die Hilfe bei den Deportationen, darunter die berüchtigte Razzia von 1942  (Rafle du Vél d’Hiv)  und die Verbrechen der Miliz seien  Schandflecken auf der französischen Vergangenheit. Seit der Präsidentschaft Chiracs werde die Verantwortung Pétains  dafür nicht mehr minimisiert und sein Ruhm als Sieger von Verdun nicht mehr gewissermaßen als Ausgleich für seine Verbrechen auf die historische Waagschale gelegt.  Mit dieser Tradition breche nun Macron.  Der Präsident hat jedenfalls meines Erachtens  mit diesem für ihn typischen „en même temps“  einen Schatten auf die Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag des Waffenstillstands geworfen.[21]

Immerhin sah sich das Präsidialamt dann doch veranlasst festzustellen, am 10. November werde nicht Pétain geehrt, sondern es würden nur Blumen an den fünf in den Invalides begrabenen Marschällen niedergelegt. Und Pétain werde nicht zu „ceux de 14“ gehören, die ins Pantheon aufgenommen würden. Da kann man sich dann allerdings fragen, ob und ggf welche weiteren Ausnahmen es gibt. Vielleicht die „morituri“ von 1917, die nicht ergeben ihren Generälen gehorchten und die deshalb zum Tode verurteilt wurden….?  Da  wird es dann sicherlich noch weitere Diskussionen geben…

 

Veranstaltungen in Paris

Aus Anlass des 100. Jahrestags des Waffenstillstands gab es in Paris eine unübersehbare Fülle an Veranstaltungen, von denen hier nur einige wenige vorgestellt werden können. Ziemlich spektakulär war im Vorfeld des 11. November  die Ton-Lichtschau „La dame du cœur“ vor der Kathedrale von Notre Dame.[22]

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Erzählt wird die Liebesgeschichte  einer französischen Krankenschwester und eines  tödlich verwundeten amerikanischen Soldaten, der kurz vor seinem Tod bedauert, nie die Kirche Notre Dame gesehen zu haben. Gemeinsam finden sie aber dann  Notre Dame, die „Dame ihres Herzens“.  Eine ziemlich kitschige Geschichte, auch was den Ton und die Lichtspiele angeht, mit denen die wunderbare Fassade von Notre Dame bestrahlt wurde, die das wirklich nicht nötig und verdient hat. Die Schau wurde schon vom 8.-11. November 2017  mit großem Erfolg präsentiert (80 000 Besucher) und in diesem Jahr noch einmal gezeigt – wir haben sie allerdings nur als Zaungäste verfolgt.

Es gab auch ein reiches musikalisches Programm anlässlich des Jahrestags. Hier nur eine kleine Auswahl: Die Philharmonie von Paris präsentierte vom 9.-11. November mehrere Veranstaltungen  zum Thema Krieg und Frieden.

Dazu gehörte auch die Erinnerung an den Cellisten Maurice Maréchal und sein legendäres Cello „Le Poilu“.  [23]

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Dieses Cello hatten Kameraden des Cellisten  aus Munitionskisten gebaut. Das Original ist im Musée de la musique aufbewahrt, mit einem Nachbau spielte Emmanuelle Bertrand  Stücke u.a. von Bach, Britten und Debussy, dazu wurden Passagen aus dem Tagebuch von Maurice Maréchal vorgelesen.

 

 

 

Im Schloss von Versailles gaben  am  11. November die Wiener Philharmoniker  ein in viele Länder ausgestrahltes Konzert mit einem speziell auf diesen Jahrestag zugeschnittenen  Programm (u.a. Beethovens missa solemnis)  und Solisten aus Frankreich, Deutschland, Russland und den USA. [24]

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Und last but not least, wenn auch nicht ganz so prominent:  Zum musikalischen Programm rund um den 11. November gehört/e  auch eine Aufführung des deutschen Requiems von Brahms in der Madeleine – ich erlaube mir das zu erwähnen, weil ich da als Gast eines „befreundeten Chors“ mitsingen werde. Dass allerdings auf dem Plakat der Titel des Werks unvollständig angegeben ist, ist gerade im Erinnerungsmonat November besonders bedauerlich.[25] Im Oktober 2015 hatte ich  schon einmal Gelegenheit, in der Kathedrale von Lisieux das deutsche Requiem (requiem allemand) mitzusingen. Diese Aufführung fand im Rahmen der Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs statt – mit Fahnen, Veteranen und Marseillaise. Und das deutsche Requiem von Brahms wurde ausdrücklich ausgewählt, um „zur Versöhnung der Völker und zur Hoffnung auf Frieden in der Welt“ beizutragen. Bei dem Konzert 2018 ist dieser Bezug leider nicht so explizit  gemacht.

 

Der Blumenteppich vor dem Hôtel de Ville  

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Am Samstag, dem 10. November wurde von Bürgermeisterin Hildalgo auf dem Platz vor dem fahnengeschmückten Hôtel de Ville ein Blumenteppich von 94 415 Primeln und Stiefmütterchen in den Farben der Tricolore eingeweiht – sie symbolisieren die Anzahl der im Krieg umgekommenen Soldaten der Stadt.

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 Auf einer elektronischen Tafel werden in der Reihenfolge der Kriegsjahre und des Alphabets durchlaufend die Namen aller Gefallenen angezeigt.

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Zwei Fotoausstellungen am Hôtel de Ville

Zum Jahrestag des Waffenstillstands präsentierte die Stadt Paris an den Außenmauern des Hôtel de Ville zwei Fotoausstellungen.  Die eine  bezog sich auf das „camp retranché de Paris“, eine Anlage von Verteidigungstellungen in den die Stadt umgebenden  Wäldern.

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Gezeigt wurden aber auch Bilder von Verteidigungs- und Schutzmaßnahmen in der Stadt.

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Eine Flugabwehrstellung auf dem Eiffelturm

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Sandsäcke an der Place de la Concorde zum Schutz gegen den Beschuss der Stadt mit den sogenannten Pariser Kanonen zwischen März und Juli 2018

In einer zweiten Ausstellung wurden  Fotos von Gegenständen aus den Schützengräben gezeigt.

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Zum Beispiel diese mit Hilfe einer Feldflasche gebaute Mandoline

oder dieses beeindruckende Kruzifix aus Patronen

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Dass auch das nachfolgende Foto ausgestellt war, fand ich sehr bemerkenswert und schön, weil es sich auf den informellen Waffenstillstand („Weihnachtsfrieden“) vor allem zwischen deutschen und britischen Truppen an Weihnachten 1914 bezieht:

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Die Aufschrift dazu: „An Weihnachten 1914 beenden die feindlichen Soldaten das Feuer und verbrüdern sich für die kurze Zeit der Festtage. Der Inhalt der Weihnachtspäckchen, die die deutschen Frontsoldaten erhielten, wurde manchmal geteilt. Die Waffen schwiegen und machten den Platz frei für die  Gefühle der Männer.“

 

Das neue Monument aux Morts an der Mauer des Friedhofs Père Lachaise

Am 11. November enthüllte die Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, das neue Denkmal für die im Krieg umgekommenen Soldaten der Stadt.[26] Es gab zwar in Paris schon bisher zahlreiche Erinnerungsorte an die Toten des Ersten Weltkriegs, aber noch kein zentrales Monument mit allen Namen, wie das bei den ca 30 000 zwischen 1918 und 1925 in Frankreich errichteten Gefallenendenkmälern üblich ist.  Ein Denkmal für  nicht weniger als 94 415 Namen erschien offenbar nicht realisierbar. Bisher war die Liste aller Kriegstoten nur im Internet einzusehen. [27] Jetzt wurde an der Friedhofsmauer des Père Lachaise zwischen dem Haupteingang am Boulevard de Ménilmontant und dem Seiteneingang an der Metrostation Père Lachaise (Linie 2) ein 280 Meter langes und 1,30 Meter breites Band aus 150 blauen Stahltafeln angebracht, auf denen Platz für alle Namen ist.

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Letzte Vorbereitungen: Der Weg entlang der Mauer wird neu asphaltiert und die Stahltafeln werden blank geputzt

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„Den Toten des Großen Krieges“

Das Blau  der Tafeln soll Frankreich symbolisieren und an die damalige Farbe der Uniformen erinnern. Aufschrift: „Aux morts de la Grande Guerre. Paris à ses enfants“. Dazu ein Zitat  von Guillaume Apollinaire, der am 9. November 1918 an  den Folgen seiner Kriegsverletzungen und der Spanischen Grippe starb.

Qui donc saura jamais que de fois j’ai pleuré

Ma génération sur ton trépas sacré“

In dem „Chant d’honneur“ aus dem Jahr 2015, dem diese Verse entnommen sind, ist der Krieg zwar in seinem Schrecken präsent, er wird aber gleichzeitig auch ästhetisiert und heroisiert. Diese Ambivalenz ist auch in den ausgewählten Versen zu spüren.

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Und damit erhält  der Tod -100 Jahre nach dem Ende des verhängnisvollen Krieges- immer noch eine transzendentale Weihe – die aber im Zusammenhang mit der Grande Guerre in Frankreich verbreitet ist. Man denke nur an die „dalle sacrée“ in Compiègne, an die „voie sacrée“, den Nachschubweg nach Verdun,  an die ewige Flamme unter dem Arc de Triomphe oder die vielzitierten Worte Clemenceaus in seiner Siegesansprache am 11. November 1918:

„honneur à nos grands morts, qui nous ont fait cette victoire. (…) Grâce à eux, la France, hier soldat de Dieu, aujourd’hui soldat de l’humanité, sera toujours le soldat de l’idéal.“ (27a)

Eine französische Freundin, die aus dem im Krieg  verwüsteten Nordosten Frankreichs stammt, wunderte sich jedenfalls, warum man gerade diese Verse Apollinaires für das Mahnmal am Père Lachaise ausgewählt hat. Vielleicht hätte man sich ja – so meine ich- auch an den -wenn auch spärlich gesäten- kriegskritischen Denkmälern orientieren können, die nach 1918 in Frankreich errichtet wurden- z.B. dem in Dardilly im Département  Rhône. Die Inschrift dort: „Contre la Guerre. À ses victimes. À la  fraternité des peuples“.[28] Aber das stand wohl selbst in einer (noch) von einer linken Mehrheit regierten Kommune nicht zur Debatte.

Bei der Auswahl der Namen haben sich die verantwortlichen Historiker vor allem auf die in den Rathäusern der Arrondissement geführten „livres d’or“ gestützt. (28a) Dort sind alle Toten mit  dem Prädikat „mort pour la France“ aufgeführt, was den Hinterbliebenen eine Pension sicherte. Auf der Tafel am Père Lachaise sind darüber hinaus aber auch die Namen von verwundeten  Fremdenlegionären und Kolonialsoldaten verzeichnet, die in Paris gestorben sind. Und die Namen von 200 Opfern der Militärjustiz. (siehe unten)

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An der Einweihung des Denkmals konnte ich nicht teilnehmen, aber es wurde auch noch einige Tage danach  festlich beleuchtet.

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Geht man an dieser langen Reihe mit den 94 415 Namen vorbei, wird diese abstrakte Zahl  in ihrer Grauenhaftigkeit etwas konkreter und anschaulich, gerade wenn man auch einmal innehält, auf die einzelnen Namen blickt und sich vorstellt, welche individuellen Schicksale damit bezeichnet sein könnten.  Dann kann man verstehen, warum in Frankreich von dem „Großen Krieg“ gesprochen wird – und ist gleichzeitig auch etwas betroffen, wenn man an Deutschland denkt, wo  dieser Krieg und seine nicht geringeren Opfer im nationalen Gedächtnis kaum eine Rolle spielt- so gute Gründe es dafür auch gibt.

In Deutschland ist der 11. November der Martinstag, an dem Martinsgans gegessen wird (Brust oder Keule?…) , und der Martinsumzug der Kinder mit den Laternen stattfindet….

… und es ist der  Beginn der Karnelvalszeit: Als morgens in Paris die Glocken läuteten, begann im Rheinland pünktlich um 11.11 Uhr die „närrische Jahreszeit“[29]

Faschingsbeginn, 11. November 11.11 Uhr, Tafel mit Schrift, Faschingsdekoration

 

Auch in den 16 Pariser Arrondissements gab es ein vielfältiges Programm rund um den Jahrestag des Waffenstillstands. Dazu  wenigstens einige wenige Beispiele:

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Das Rathaus des 15. Arrondissements feierte nach eigenen Aussagen den 100. Jahrestag des armistice in großem Stil. Eine ganze Woche vor der offiziellen Erinnerungsveranstaltung am 9. November gab es eine ganze Reihe von Konzerten, Konferenzen und Ausstellungen. Hier das Plakat dazu im kitschigen Stil einer Feldpostkarte.[30]:

 

 

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Ein wenig bekanntes und eher nicht zu der Feierstimmung des Jubiläums passendes Thema sprach die Mairie des 2. Arrondissements an: Die von der französischen Militärjustiz verhängten, teilweise auch zur Abschreckung gedachten Todesurteile gegen Soldaten, deren Verhalten als wehrzersetzend angesehen wurde.[31]

Dies ist ein Thema, das  auch im 2016  neu gestalteten Mémorial  von Verdun angesprochen wird und das besondere Brisanz dadurch erhält, dass die französische Militärjustiz im Ersten Weltkrieg einen traurigen Spitzenplatz in diesem Bereich innehat.[32] Besonders hart war das Vorgehen 1917, als  im Zuge der verlustreichen Nivelle-Offensive am Chemin des Dames eine große Meuterei in der französischen Armee ausbrach,  die mit aller Härte, aber auch Zugeständnissen an die Truppe  beendet wurde. Das Chanson de Craonne, die Hymne der Soldaten, die sich nicht weiter in sinnlosen Angriffen abschlachten lassen  wollten,  war bis 1974 verboten. Und ein Schulaufsichtsbeamter verbot kürzlich, 100 Jahre  nach dem Waffenstillstand,  Schülern, bei einer Veranstaltung zur Erinnerung an den 11. November 1918 das Lied vorzutragen….[33]

Mit einem ganz anderen, aber ebenfalls sehr interessanten Thema beschäftigt sich die Mairie des 4. Arrondissements anlässlich des armistice-Jahrestags. Am 9. November wurde im Ehrenhof des Rathauses im Beisein von Schüler/innen des Arrondissements eine Ausstellung mit  Zeichnungen Pariser Grundschüler aus dem Ersten Weltkrieg eröffnet. Präsentiert wurde die Ausstellung von Manon Pignot, die zu diesem Thema auch ein schönes Buch veröffentlicht hat. [34]  Einige Kinderzeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg wurden auch gegenüber der Mairie des 19. Arrondissements am Zaun des Parks Buttes Chaumont befestigt. Es geht dabei nicht nur um selbst erlebte Alltagserfahrungen  –zum Beispiel das Anstehen für  Brot- sondern es werden auch Szenen der Front dargestellt, wie die Kinder sie  sich aufgrund der Erzählungen von Verwandten und Lehrern vorgestellt haben.

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Hier (Fotos oben und unten) erobern französische Truppen  im Jahr 1914, also auch noch nicht behelmt, eine Ortschaft im Norden Frankreichs zurück.

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Die Legende zur nachfolgenden Zeichnung vom 29. Februar 1916:  „In Verdun wehren unsere heroischen Soldaten die wilden Angriffe der Barbaren ab.“  In der Tat zeigt sich hier eine in der Schule verbreitete „unglaubliche antideutsche Propaganda“ ,  wie die Mairie in ihrer Ankündigung der Ausstellung schreibt.[35]

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Die „Société d’Histoire et d’Archéologie du Vieux Montmartre“, die die Ausstellung verantwortet, schlägt von da aus eine Brücke in die Gegenwart:

„Heute, wo die europäische Einigung wesentlich auf dem Fundament der deutsch-französischen Freundschaft beruht, erinnern die patriotischen Akzente der Zeichnungen daran, dass es nicht immer so war und dass es zweier schrecklicher, mörderischer Kriege bedurfte, dass sich zwei Völker auf ihre gemeinsamen Werte besinnen…“

 

Die Bedeutung der deutsch-französischen Freundschaft stand auch im Mittelpunkt einer Veranstaltung in der Maison Heinrich Heine, dem deutschen Haus in der Cité Internationale Universitaire.

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Dort wurde am 7.11. eine Ausstellungen mit Zeichnungen Marcel Santis eröffnet, der als französischer Soldat sein Leben und das seiner Kameraden in den Schützengräben festgehalten hat. Die Ansprache bei der Eröffnung hielt der  ehemaligen Premier- und Außenminister Jean-Marc Ayrault, ein besonderer Kenner und Freund Deutschlands.[36]  Ayrault, der den Waffenstillstand von 1918 in den Kontext der geschichtlichen Entwicklung des 20. Jahrhunderts und der deutsch-französischen Beziehungen einordnete, wies dabei auch auf eine Zeichnung hin, die ihn besonders beeindruckt habe:  Dargestellt sind drei Soldaten, links ein deutscher, rechts ein afrikanischer, vermutlich ein sogenannter tirailleur sénégalais, die einen verletzten französischen  Soldaten in der Mitte stützen.

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Es ist eine  in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerte Zeichnung: Einmal wegen des farbigen Soldaten; es gab ja 200 000 Soldaten aus den Kolonien, die in der französischen Armee gekämpft haben und von denen 30 000 dabei umkamen. Deren Rolle wurde lange nicht oder kaum gewürdigt. Die Namen der Kanak, also der Ureinwohner Neu-Kaledoniens, die im Ersten Weltkrieg auf französischer Seite gekämpft haben und starben, wurden erst 1998 auf dem „monument aux morts“ in der Hauptstadt Noumea verzeichnet![37]  Und gerade jetzt, am 6. November, hat Präsident Macron im Beisein des malischen Präsidenten in Reims das neue Denkmal für die „armée  noire“ in Reims eingeweiht- das alte war 1940 von den deutschen Truppen  zerstört worden.[38]  Für Marcel Santi war der Soldat der „armée noire“  ein Kamerad wie auch der deutsche Soldat. Die drei Männer, die hier vereint abgebildet sind, die aber durch den Krieg zu Feinden gemacht wurden, verbindet eine Humanität, die über den Krieg hinausweist.

Bemerkenswert ist auch die sarkastische Aufschrift im Stil der offiziellen Kriegsberichterstattung, mit der Santi die Zeichnung überschrieben  hat: „Secteur calme, rien  à signaler“ –  was man vielleicht am  besten mit dem Titel von Erich Maria  Remarques Antikriegsbuch übersetzen kann: Im Westen nichts Neues…

Etwa rätselhaft war mir zunächst die Aufschrift auf der nachfolgenden Zeichnung: „Un Fritz, deux jours de perme“, die mir freundliche Ausstellungsbesucher dann erklärt haben. Zu sehen sind im Gewirr einer französischen Stellung ein deutscher Soldat (hier aber nicht als „boche“ tituliert ),  der in Kriegsgefangenschaft geraten ist und nun in die rückwärtigen Stellungen gebracht wird. Der deutsche Soldat ist offenbar hochzufrieden, dass der Krieg für ihn vorbei ist. Aber auch die französischen Soldaten können, wie die  Aufschrift ausdrückt, zufrieden sein: Sie erhalten nämlich für jeden gefangen genommenen deutschen Soldaten zwei Tage Fronturlaub (permissions)…

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Für Santi wie Remarque wie für viele andere Kriegsteilnehmer auf beiden Seiten war klar, dass sich ein solcher Krieg nicht wiederholen  dürfe.

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 In der Zeichnung, die  auf der Ankündigung der Ausstellung abgebildet ist, hat Santi das auf sehr schöne und anrührende Weise zum Ausdruck gebracht.  Ein, wie ich meine, passender Abschluss dieses Blog-Beitrags zum 11. November 2018.

DSC02754 Mur pour la paix 5.11 (7)

 

 

PS: Ganz zum Schluss aber dann doch noch ein Wermutstropfen:  Wie traurig, dass zum 100, Jahrestag des Waffenstillstands die Renovierung der Mauer für den Frieden immer noch nicht abgeschlossen wurde.[39] Das wäre doch ein passender Anlass gewesen…. Aber vielleicht veranschaulicht das ja auch, wie es derzeit mit dem Frieden in der Welt steht….

Anmerkungen

[1]   siehe den Blog-Beitrag über die Mauer für den Frieden auf dem Marsfeld

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2035

[2] Siehe dazu den Blog-Beitrag über den Arc de Triomphe: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/3476

[3] http://memorial14-18.paris.fr/memorial/jsp/site/Portal.jsp?document_id=113&portlet_id=106

[4] Es ist –gerade aus deutscher Perspektive- auffällig, wie unbefangen der Begriff „champ d’honneur“ noch heute  in Frankreich verwendet wird. Siehe zum Beispiel: in einem Artikel über Maurice Genevoix im Figaro vom 6.11.2018, S. 7

[5] Siehe z.B. das Gespräch mit dem Historiker Nicolas Offenstadt in Le Monde vom 5.11.2018: https://www.lemonde.fr/centenaire-14-18/article/2018/11/05/nicolas-offenstadt-le-roman-national-est-une-croyance_5378890_3448834.html

Zum Beitrag der Schriftsteller Genevoix, Dorgelès und Barbusse zur Wahrnehmung des Ersten  Weltkriegs im „roman national“ Frankreichs:  Libération, 5.11.2018: Maurice Genevoix, Roland Dorgelès et Henri Barbusse: Trois styles pour raconter la Grande Guerre.

[6]http://www.lefigaro.fr/politique/le-scan/2018/11/06/25001-20181106ARTFIG00122-macron-annonce-l-entree-au-pantheon-de-maurice-genevoix-et-de-ceux-de-14.php

[7] Einen  bescheidenen Beitrag zum Erinnerungsmarathon  habe ich auch gleistet: Eine befreundete französische Historikerin und ich haben gemeinsam in einer öffentlichen Bibliothek von Paris deutsche und französische Bücher zum Ersten Weltkrieg vorgestellt, um damit Unterschiede und Gemeinsamkeiten der jeweiligen Perspektiven zu verdeutlichen.

[8] Siehe auch: 1914-1918. Le débat sans fin. Cent ans après,  la Grande Guerre inspire toujours, en témoignent les nombreuses parutions qui interrogent, le consentement et le patriotisme français en temps de guerre. In: Le Monde des livres,  9.11. 2018

[9] http://www.centenaire.org/fr  siehe auch:

https://www.la-croix.com/France/Commemoration-1918-temps-forts-venir-2018-09-21-1200970553

[10] siehe z.B. wenn auch unkritisch: François Cochet, Morhange, la fin de l’offensive à outrance. In: Le Figaro, 5.11.2018 Siehe dazu auch den Blog-Bericht über die mur pour la paix und das Reiterstandbild des Marschalls Joffre:  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2035

[11] siehe: https://www.lexpress.fr/actualite/politique/emmanuel-macron-en-marche-vers-l-histoire_2046539.html

https://www.lepoint.fr/politique/itinerance-memorielle-les-contradictions-d-emmanuel-macron-05-11-2018-2268528_20.php  Beeinträchtigt, ja massiv überlagert wird dieses Erinnerungsprogramm allerdings durch die heftigen französischen Diskussionen um die ab Januar 2019 geplanten höheren Benzinsteuern, die vor allem die in Frankreich besonders verbreiteten Autos mit Dieselantrieb betreffen.

[12] Siehe: Une mémoire centenaire. In: Télérama vom 5.9.2018, S. 17 und  Georges-Henri Soutou, 1918: La fin de la Première Guerre mondiale? In: Revue historique des armées, 2008, S. 4-17

[13] „Ici succomba l’orgueil de l’Empire allemand vaincu par les peuples libres qu’il prétandait asservir“. 

http://www.courrier-picard.fr/118680/article/2018-06-21/renovation-de-la-dalle-de-la-clairiere-de-larmistice-letat-met-le-hola

(13a) Bild aus: https://www.dw.com/de/macron-und-merkel-weihen-gedenktafel-bei-compi%C3%A8gne-ein/a-46241553

[14]  Compiègne, terre de mémoire. In: Le Monde vom 11. Oktober 2018

http://www.leparisien.fr/culture-loisirs/sortir-region-parisienne/compiegne-on-a-teste-le-menu-special-14-18-au-restaurant-les-accordailles-20-06-2018-7782834.php

[15]  Zum Grabmal des unbekannten Soldaten siehe den  Blogbeitrag über den Arc de Triomphe:  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/3476

[16] Laurent Wauquiez, „Macron tourne le dos à notre histoire“. Debattenbeitrag in Le Monde vom 8. November 2018, S. 24

http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2018/10/22/01016-20181022ARTFIG00001-11-novembre-l-elysee-ne-veut-pas-celebrer-la-victoire-militaire-de-1918.php

http://www.lefigaro.fr/vox/politique/2018/10/24/31001-20181024ARTFIG00278-commemoration-du-11-novembre-gloire-a-nos-peres.php

s.a. https://francais.rt.com/france/54800-11-novembre-pour-ne-pas-froisser-allemagne-macron-refuserait-parade-armee-francaise  Wenn da übrigens zu lesen ist, für Deutschland markiere der 11. November „un jour de défaite“ so wird damit eine französische Sicht des 11. November (Tag des Sieges) –mit umgekehrtem Vorzeichen- fälschlicherweise auf Deutschland übertragen (Tag der Niederlage). Tatsache ist doch wohl, dass der 11. November im kollektiven deutschen  Geschichtsbewusstsein keine Rolle spielt –  anders als  der geschichtsträchtige  9. November, der aber leider nicht zum deutschen nationalen Feier- und Gedenktag gemacht wurde.

(16a) Dass Joffrin es hier wagt,  Kritik an dem in Frankreich eigentlich sakrosankten und derzeit mit einer Ausstellung im Pantheon gefeierten Clemenceau, dem „Vater des Sieges“ zu äußern, ist äußerst bemerkenswert. Zur Präsenz des „Tigers“ in den französischen commémorations zum Ersten Weltkrieg siehe: http://www.clemenceau2018.fr/

[17] Siehe: Claire Demesmay und Barbara Kunz, Commémorer au lieu  de célébrer. Debattenbeitrag in Le Monde vom 8. November 2018, S. 24

[18] http://www.lefigaro.fr/politique/le-scan/2018/11/07/25001-20181107ARTFIG00121-macron-petain-a-ete-un-grand-soldat-pendant-la-premiere-guerre-mondiale.php

[19] https://francais.rt.com/france/54800-11-novembre-pour-ne-pas-froisser-allemagne-macron-refuserait-parade-armee-francaise

[20] http://www.lefigaro.fr/flash-actu/2018/11/07/97001-20181107FILWWW00177-le-crif-se-dit-choque-par-les-propos-de-macron-sur-petain.php

http://www.cndp.fr/crdp-reims/memoire/enseigner/memoire_vichy/08reconnaissance1.htm

Hommage à Pétain: deux mois d’atermoiments à  l’Elysée. In: Le Figaro, 9.11. 2018, S. 6

[21] In diesem Sinne kritisierte auch François Hollande seinen Nachfolger: „ L’histoire n’isole pas une étape, même glorieuse d’un parcours militaire. Elle juge l’immense et indigne responsabilité d’un maréchal qui a délibérément couvert de son nom et de son prestige , la trahison, la collaboration et la déportation de milliers de juifs de France.“ (zit. in Le Monde, 9.11. 2018, S. 10: L‘ „itinérance“ rattrapée par l’ombre de Pétain.

[22] https://www.damedecoeur.paris/   Das rechte Bild ist entnommen aus: https://www.paris.catholique.fr/spectacle-dame-de-coeur.html © Yannick Buschat(Diocèse de Paris

[23]  Bild aus. http://www.musicologie.org/Biographies

[24] https://www.chateauversailles-spectacles.fr/page/commemoration-du-centenaire-du-11-novembre-2018_a200/1

[25]   Das  deutsche Requiem von Brahms ist ja ein nicht nur musikalisch herausragendes, sondern  auch im Zusammenhang mit der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg sehr symbolträchtiges Werk.  Im Rahmen des centenaire 14-18 wurde es zum Beispiel Im Oktober 2015 auch in der Kathedrale von Lisieux aufgeführt, wobei ich auch teilnehmen konnte. Eine sehr anrührende Erfahrung.

[26] https://www.paris.fr/actualites/paris-celebre-le-centenaire-de-l-armistice-6084#les-principaux-evenements-de-cette-commemoration_2

[27] http://memorial14-18.paris.fr/memorial/jsp/site/Portal.jsp?page_id=4

(27a) https://www.ladocumentationfrancaise.fr/dossiers/premiere-guerre-mondiale/document-clemenceau.shtml

[28] https://fr.euronews.com/2015/11/11/14-18—maudite-soit-la-guerre-les-rares-monuments-aux-morts-pacifistes

(28a) Journal de Dimanche, 4.11.2018

[29] Bilder von https://www.vineria.de/martinsgansessen/  https://www.hochschwarzwald.de/Veranstaltungen/Martins-Umzug

https://www.neumeyer-abzeichen.de/blog/warum-beginnt-am-11-11-um-11-11-uhr-karneval/

[30] https://www.mairie15.paris.fr/actualites/centenaire-de-l-armistice-la-mairie-du-15e-se-souvient-1025

[31] https://www.mairie02.paris.fr/actualites/fusille-pour-l-exemple-517  Überschrift der Einladung zu der Eröffnung der Ausstellung: Devoir se battre pour son pays, être tué par sa patrie. Die Familien der betroffenen Soldaten warteten immer noch auf eine volle gesetzliche Rehabilitierung.

[32] Siehe den Blog-Beitrag über das Memorial von Verdun:  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/951  und:

https://fr.wikipedia.org/wiki/Soldat_fusill%C3%A9_pour_l%27exemple#Premi%C3%A8re_Guerre_mondiale

Lit: Nicolas Offenstedt, les fusillés de la Grande Guerre et la mémoire collective (1914-1999). Paris 1999

[33] https://de.wikipedia.org/wiki/Chanson_de_Craonne

http://centenaire.org/fr/espace-scientifique/les-caracteristiques-des-mutineries-francaises-de-1917  und

Florence Aubenas, pour mémoires. Le Monde, 9.11., S. 10

[34] https://www.mairie04.paris.fr/actualites/centenaire-de-l-armistice-du-11-novembre-1918-459

https://livre.fnac.com/a1558853/Manon-Pignot-La-guerre-des-crayons-Quand-les-petits-parisiens-dessinaient-la-grande-guerre

[35] https://www.mairie19.paris.fr/actualites/venez-feter-la-quinzaine-du-centenaire-de-l-armistice-368

[36] s. Jean-Pierre Hammer, Marcel Santi (1897-1986):  Carnet de balle et … de voyage. Éditition Karthala 2017.

https://www.maison-heinrich-heine.org/manifestations-culturelles/2018/novembre/marcel-santi-1897-1986-carnets-de-balles-et-de-voyage?lang=fr

Zum Heinrich Heine-Haus in der Cité universitaire in Paris siehe den Blog-Beitrag: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/9080

[37] Dazu der Film: Kalepo, un Kanak dans la Grande Guerre, ausgestrahlt am 8.11.2018. Siehe  Le Monde, 8.11.: Á la mémoire des tirailleurs kanak, S. 21

Zur Diskriminierung der Kanak siehe auch den  Blog Beitrag über die Kolonialausstellung von 1931 (2): Der „menschliche Zoo“ im jardin d’acclimatation und der Tausch von „teutonischen Krokodilen“ und „Menschenfressern“ zwischen Paris und Frankfurt. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/6678

[38] https://fr.wikipedia.org/wiki/Monument_aux_h%C3%A9ros_de_l%27Arm%C3%A9e_noire

https://france3-regions.francetvinfo.fr/grand-est/marne/reims/commemorations-premiere-guerre-mondiale-emmanuel-macron-reims-charleville-mezieres-1568048.html

[39] siehe den Blog-Beitrag über die Mauer für den Frieden auf dem Marsfeld

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2035

Geplante weitere Beiträge

  • „Dadurch, dass ich zum Glück die Kinder habe, ist alles doppelt schwer.“ Anna Seghers im Pariser Exil 1933-1945
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 1: Lyon, Luberon, Piemont
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 2: Die Waldenser in Hessen-Homburg
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier
  • Das Hotel Lutetia (1): Ein Bauwerk zwischen Art Nouveau und Art Déco in neuem Glanz

Street-Art in Paris (3): Der Invader

Im zweiten  Beitrag  über die Pariser Street-Art wurden  drei Künstler vorgestellt, die mit ihren Werken den öffentlichen Raum der Stadt in besonderer Weise prägen: Mosko, Jerôme Mesnager und  Jef Aérosol. In einem nachfolgenden sollen Miss Tic, Monsieur chat und  Fred le chevalier folgen.  Der Invader, den ich –gewissermaßen im Zentrum platziert- hier vorstellen möchte, ist sicherlich der  präsenteste  von ihnen und er war auch der erste, den ich, seit  wir uns in Paris niedergelassen haben, mit Bewusstsein wahrgenommen habe. (1)

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Bei Spaziergängen und Fahrten durch die Stadt waren mir kleine Mosaike aufgefallen – unübersehbar bei der Orientierung, weil sie vor allem an Straßenecken bei den Straßenschildern angebracht sind.

Allmählich wurde ich neugierig und fragte einige alteingesessene Pariser, was es denn mit diesen Mosaiken auf sich habe: Fehlanzeige! Selbst unser Zeitungshändler hatte sie noch nie bemerkt und konnte sich auch aus dem Bild, das ich ihm zeigte, keinen Reim machen. Für die Pariser scheint ihre Stadt jedenfalls nicht (mehr) ein Ort zum Flanieren zu sein.

Wenige Tage später  fiel mir am Zeitungskiosk die  Ausgabe der Libération vom 11./12. Juni 2011 auf.  Ein unübersehbares schwarz-weiß-rotes Mosaik zierte das Titelblatt:  Invader envahit Libé– Invader überfällt Libération; wobei auch noch die beiden a-s  in der Schlagzeilen  durch kleine Mosaiken ersetzt waren.

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Die gesamte Zeitung fiel typografisch aus dem Rahmen: In den meisten Überschriften waren die a-s mosaikartig umgestaltet. Zunächst dachte ich an ein technisches Problem, bis ich verstand, worum es hier ging: Um eine Ausgabe zu Ehren eines Pariser Straßenkünstlers mit dem Pseudonym Invader.

libération Ausgabe zum 1000. invader 002 (2)

Dort erfuhr ich nun endlich etwas über das „Geheimnis“ der merkwürdigen Mosaike:  „Seit zwölf Jahren bringt Invader in den Städten der ganzen Welt seine Mosaikfiguren an, inspiriert von einem Videospiel der 70-er Jahre.“ 

In der Ausstellung  Être Moderne: Le MoMa à Paris, die 2017/18 in der Fondation Louis Vuitton gezeigt wurde, gehörten auch zwei klassische Videospiele zu den Ausstellungsobjekten, eines davon war der Space Invader von 1978, der damit in den Rang einer Ikone der modernen Kunst aufrückte.  Man konnte sie nicht nur betrachten, sondern auch benutzen, wovon jugendliche Ausstellungsbesucher mit großer Intensität Gebrauch machten.

Wie andere Straßenkünstler  hat der Invader eine gediegene künstlerische Ausbildung,  einen entsprechenden künstlerischen Anspruch und einen Horror vor banalen Nachahmern.  Der Grund, warum ihn  Libération 2011 mit einer besonderen Ausgabe ehrte:  Invader hatte gerade sein 1000. Mosaik in Paris angebracht.

Expo St Honoré 012

Und während Invader meistens nachts unterwegs ist und maskiert und im Schutz der Dunkelheit ans Werk geht, war das 1000. Mosaik Teil einer Vernissage: In einem ehemaligen Elektrizitätswerk der Stadt Paris in unserem 11. Arrondissement, einem repräsentativen Industriebau des 19. Jahrhunderts, wurde das 1000. Mosaik enthüllt und eine Invader-Ausstellung eröffnet.

Aus Anlass des 1000. Pariser Mosaiks wurde eine Karte herausgegeben, auf der alle Pariser „Space Invaders“ verzeichnet sind- buchhalterisch exakt mit Nummer, Arrondissement und Datum. Außerdem ist für jeden Space Invader auch noch eine Punktzahl angegeben.  Für jedes Mosaik gibt es zwischen 10 und 50 Punkten:  und zwar je nach der Schwierigkeit, es anzubringen und seinem „künstlerischen Wert.“  Punkte gab es auch schon bei dem Videospiel der 70-er Jahre, und der Spieler, der die meisten Punkte gesammelt hatte, war der Gewinner:  Im Gegensatz dazu ist der Pariser „Invader“  immer der Gewinner.

In der Ausstellung waren natürlich jede Menge der kleinen Mosaike ausgestellt, darüber hinaus eine Vitrine mit entsprechend gestalteten Turnschuhen, die der „Invader“ bei seinen nächtlichen Aktionen getragen hatte. Und verkauft wurden Waffeln mit natürlich dem unvermeidlichen Invader-Muster.

Gezeigt  wurde auch, dass der „Invader“ rund um den Erdball tätig ist. Auf allen Kontinenten und in 72 Städten war er schon aktiv, vor allem aber in Europa.[1a]

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Wie man sehen kann, ist der Invader auch in Frankfurt und Berlin schon aktiv geworden.[2]

Schwerpunkt seiner Tätigkeit ist aber eindeutig Paris.  Der Invader macht das auch sehr deutlich – zum Beispiel durch das „I (love) Paris“- Mosaik an der Place des Vosges und den entsprechenden Titel von Sammelbänden mit den Pariser Mosaiken des Invaders.

Die wurden im Februar 2017 mit großem Werbeaufwand in der großen Buchhandlung im Centre Pompidou präsentiert.  An der Eingangstür sieht man die Abbildung eines Pariser Mosaiks des Invaders  in „Arbeitskleidung“ und  mit Ausrüstung.

Buchhandlung Centre pompidou Febr 2017 (4)

Die Stadt dankt ihm seine Anhänglichkeit, indem sie ihm zum Beispiel  Ehrenplätze einräumt:

IMG_9882 Am Pont neuf (2)

Place Suzanne Valadon Montmartre

 

 

Invader-Mosaik am Pont Neuf und  an der Place Suzanne Valadon am Fuß von Sacré-Coeur. Da bedroht ja ganz offensichtlich der Invader nicht die Stadt, sondern er liefert ihr die  fehlenden Mosaiksteinchen: Die Street-Art bereichert also, so die Botschaft, die Stadt um etwas, was ihr bisher gefehlt hat.

 

 

 

 

Die französische Post ehrte sogar den Invader –wie auch andere (Pariser)  Straßenkünstler-  mit einer Briefmarke.

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Es sind vor allem die populären Stadtviertel im Osten – wo nach Ansicht des Künstlers offenbar eher Menschen wohnen, die die Space-Invasions nicht als Sachbeschädigung, sondern als Bereicherung des öffentlichen Raums ansehen.

In den Katalogen der „invasions de Paris“ sind die Mosaike kartografiert. Da ist die Vorliebe des Invaders für den Osten von Paris, also auch den  Faubourg- Saint- Antoine unübersehbar.

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Als „Lokalpatriot“ des 11. Arrondissements bzw. des Faubourg Saint-Antoine, der ich inzwischen geworden bin, freue ich mich natürlich besonders über die Invader-Mosaike  in unserer Umgebung: Beispielsweise über das an der historischen Fontaine de Montreuil…

IMG_9315 La fontaine de Montreuil (3)

.. oder das am deutsch-französischen Café Titon  an der Ecke der Rue Chanzy und der Rue Titon, das auf die draußen sitzenden Gäste herabäugt.

Oder  über das Mosaik an der U-Bahn-Station Faidherbe-Chaligny, offensichtlich ein 900er Mosaik: genau die Nummer 944, wie der Invader-Plan verrät. Dass es die Form eines Tisches oder einer Kommode hat, ist wohl ein Bezug zur Tradition des Holzhandwerks in diesem Viertel.[3]

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An diesem Mosaik an der Place Voltaire ist sogar die genaue Nummer angegeben- immerhin eine ganz besondere….

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… Interessant ist auch, dass bei der Renovierung der Fassade  des Café-Titon-Hauses  das Mosaik nicht beschädigt  oder gar entfernt wurde. Inzwischen ist der Invader so bekannt, dass Hausbesitzer sich eher glücklich schätzen, wenn ihr Haus durch ein solches Mosaik verziert und aufgewertet wird. Und auch wenn der Invader weiterhin nur nachts  und mit Gesichtsmaske unterwegs ist: Selbst die Pariser Polizei, die ihn zu Beginn seiner Interventionen noch mehrmals vorläufig festgenommen hatte, wie uns in der Ausstellung erklärt wurde, weiß, dass sie es mit einem inzwischen höchst erfolgreichen Künstler zu tun hat, dessen Tätigkeit sie nicht behindert. Der Invader kann jetzt im Allgemeinen auch ganz ungehindert seine Leiter anstellen und seine Mosaike ankleben, so wie er es sehr schön in der rue de Montreuil (11. Arrondissement, März 2018) zeigt.

DSC02890 Invader rue de Montreuil (3)

Eher sind es jetzt Souvenir-Jäger, die sich für die Mosaike des Invaders interessieren…

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… und darauf Jagd machen.

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Immerhin kosten schon die kleinen Mosaike im Kunsthandel 5000- 7000 Euro – jedenfalls waren das die Preise, die 2011 auf einer Ausstellung von Mosaiken des Invaders im noblen Faubourg Saint-Honoré verlangt wurden. Als ich damals die Ausstellung besichtigte, waren alle kleinen Mosaike schon verkauft. Noch zu haben waren nur große Formate  mit Preisen von um die 50.000 Euro! 2016 wurde ein Werk des Invaders sogar für 251.000 Euro verkauft!

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Inzwischen gibt es allerdings wieder eine ganz exakte Kopie der drei Läufer am gleichen Ort. (aufgenommen April 2019). Mal sehn, wie lange sie dort ungestört laufen können….

DSC01288 Invader Menilmontant

 

Dass der Invader wie andere arrivierten Straßenkünstler auch -sicherlich lukrative- Werbeaufträge annimmt, entdeckte ich übrigens an einem kleinen versteckten Siedlungshäuschen in Ménilmontant. Die Firma, für die der Invader offenbar ein Logo entworfen hatte, ist aber keine Wach- und Schließgesellschaft, wie ich zunächst vermutete, sondern ein  deutsches Hochtechnologie- Unternehmen der cyber-Sicherheit.  Aber potentielle Diebe wissen das wohl kaum und gehen dann vielleicht lieber woanders ans Werk.

 

Inzwischen benötigten allerdings die Werke des Invaders selbst Protektion: Anfang August 2017 berichteten Libération und Le Monde, dass street-Art-Werke des Invaders in Paris inzwischen systematisch geraubt würden. Und zwar immer nach dem gleichen Muster: Zwei Männer mit Leiter und in Monteuerskleidung gäben sich als Angestellte der Stadt aus und  machten  sich an die Arbeit, die Mosaike zu entfernen. Angeblich kämen sie mit einem Mercedes. Die mairie de Paris versicherte daraufhin in einer Presseerklärung, sie habe damit nichts zu tun:

«Sur les photos, on les voit habillés normalement, avec des gilets jaunes qu’on peut trouver n’importe où, alors que les employés municipaux portent un uniforme. Et non, la ville de Paris ne fournit pas encore de Mercedes à ses employés.»

Die Stadt hat inzwischen  auch Anzeige gegen Unbekannt gestellt „pour usurpation de fonction.“

Und es gibt inzwischen auch eine breite Kampagne in den sozialen Netzwerken, wachsam zu sein, und es gibt sogar Gruppen, die sich vorgenommen  haben, gestohlene oder zerstörte Mosaiken zu ersetzen.  Ein Auslöser dabei war die Entfernung eines besondes bekannten Mosaiks, nämlich das der Mona Lisa (Joconde)  in der Rue du Louvre (1. Arrondissement), was große Empörung auslöste.

La Joconde

Auch der Invader hat  reagiert: Er verwendet jetzt einen stärkeren Leim als früher und seine Kacheln/Mosaiksteine sind dünner, lassen sich also  nicht mehr so leicht unbeschädigt entfernen. Und er erwartet  juristische konsequenzen. Aber kann die Entfernung eines illegal angebrachten Mosaiks ein illegaler Akt sein? Auch wenn die betroffenen Hausbesitzer ich inzwischen mit ihnen angefreundet haben? Und auch wenn die Mosaike nicht aus finanziellen Motiven  entfernt wurden?  Darüber können sich jetzt die Juristen die Köpfe zerbrechen… (3a)

Offenbar ist aus dem nächtlichen Straßenkünstler längst ein höchst erfolgreicher Star der Kunstszene geworden, dem eine zahlungskräftige Kundschaft die Werke geradezu aus den Händen zu reißen scheint. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, als seien die Straßeninvaders inzwischen Teil einer ausgebufften Marketingstrategie und einer gekonnten Selbstinszenierung.

Inzwischen gibt es   –laut offizieller Website- 1367 Invader-Mosaike in Paris. (Stand September 2018).[4] Ein Problem ist angesichts einer so großen Zahl natürlich das Verhältnis von Wiederholung und Veränderung. Weit über 1000 Invader-Mosaike allein in Paris! Besteht da nicht die Gefahr, dass die Passanten genug davon haben, es ihnen allmählich reicht mit den Eindringlingen aus dem Weltraum, die sich ungefragt an den Häuserfassaden niedergelassen haben?

Dem Invader ist dieses Problem durchaus bewusst. So gehört es zu seinen Prinzipien, dass  jedes Mosaik ein Unikat sein soll:

„Répéter la même forme aurait été lassant j’ai donc décidé de ne jamais reproduire deux fois la même mosaïque et je m’y suis tenu.“[5]

Also hat er das „klassische“ Invader-Motiv vielfach variiert:

Zum Beispiel durch Vervielfachungen, wie hier am Louvre gegenüber dem Denkmal für den in der Bartholomäusnacht ermordeten Führer der Hugenotten, den Admiral von Coligny – wobei die Form dieses Mosaiks wohl als Anspielung auf diesen historischen Hintergrund verstanden werden kann…

IMG_9759 Am Louvre gegenüber Coligny Denkmal (2)

…durch oft dem entsprechenden Platz angepassten Erweiterungen….

DSC04049 Invader Pere Lachaise

… hier zum Beispiel in der rue de la Roquette am Eingang zum Friedhof Père Lachaise…

— oder zum Beispiel  durch einen Invader in Form  einer Kapelle  oder  die  Flasche als Ersatz für ein zerstörtes Wirtshausschild auf der Ile Saint-Louis (Quai Bourbon)….

…. durch Angabe der Jahreszahl der Anbringung des Mosaiks…

DSC00620 Invader mit Jahreszahl

DSC03778 Street Art April 2019 div (3)

…. durch Vergrößerungen der Mosaiksteinchen, also die Verwendung von Kacheln…

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… oder durch die Verwendung anderer Materialien….

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Der  etwas aus dem Rahmen fallende space invader wird übrigens von einer Oktopus-Dame des Straßenkünstlers GZUP bewundert, der schon im ersten Beitrag über die Street-Art in Paris  kurz vorgestellt wurde.

Darüber hinaus hat der Invader das Spektrum seiner Möglichkeiten über das klassische Invader-Motiv hinaus erheblich erweitert wie hier –passend zum Ort der Platzierung- an der streng quadratisch angelegten Place des Vosges. (Leider existiert das inzwischen nicht mehr).

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Auch bei anderen Mosaik-Figuren ist auf den ersten Blick deutlich, dass sie speziell für den jeweiligen Platz ausgewählt und vielleicht auch erdacht wurden:

PA_1082-diapo-OD2QODMJ Website Invader

… so der Invader mit einer Serie von Früchten auf dem marché d’Aligre im 12. Arrondissement oder mit der  Rakete am Anfang der rue de la Roquette  in der Nähe der Bastille.  Eigentlich müsste  da ja ein Rukola-Blatt abgebildet sein, denn der Name der Straße bezieht sich auf diese Pflanze (französisch: roquette), die  dort einmal verbreitet war. (Siehe den  Blog-Beitrag: Wohnen, wo einmal die Guillotine stand). Aber für die vielen Touristen, die dort vorbeigehen, ist eine Rakete sicherlich einsichtiger: Man braucht ja auch nur den Akzent von der zweiten auf die erste Silbe zu verschieben, um von dem französischen Salatblatt auf die englisch/amerikanische Rakete zu kommen: also ein schönes Wortspiel des Invaders…

DSC01308 Invader Rakete rue de la Roquette

 

Eine öfters zu sehende Variation ist auch der Mann mit den blauen Hosen und der braunen Jacke, der in der rue Oberkampf Klimmzüge an einer Überwachungskamera unternimmt und  in der rue Saint-Maur die in Paris häufig anzutreffenden vorstehenden „pierres d’attente“ hochklettert. Diese sogenannten „Wartesteine“ waren beim Bau von Häusern oft extra an die seitlichen Hauswände eingebaut worden, um die Verzahnung mit einem geplanten, aber nicht ausgeführten Nachbargebäude  zu verbessern. Ganz in der Nähe steht das Männchen dann auf einem Sims in der Passage du chemin vert und hält sich die Ohren zu. Kein Wunder, denn er befindet sich hier mitten im geschäftigen Viertel des chinesischen Textilhandels, an einer engen, viel  befahrenen und oft zumindest teilweise von Lieferwagen blockierten  Straße, Der Lärm dort ist entsprechend. Alle diese kleinen Mosaike befinden sich übrigens im 11. Arrondissement.

IMG_0034 Invader (1)

Der kleine Pinguin steht an einer Hauswand im Quartier Latin gegenüber von Notre Dame und träumt wohl davon, ins Wasser der Seine zu springen- Allerdings tut er gut daran, das nicht zu tun: Nicht nur, weil es ihm kaum bekommen würde, sondern weil sich dann die Passanten, wenn sie ihn denn entdecken, nicht mehr über ihn freuen könnten.

Manche der vom Invader verwendeten Figuren können auch aus anderen Bereichen stammen, aus anderen Computerspielen, aus Comics, Filmen:

 „je m’amuse aussi parfois à changer de registre avec des figures venant d’autres horizons.“[6]

DSC00123 Invader Canal Saint Martin (4)

Hier handelt es sich wohl um Mickey-mouse und offensichtlich um Homer Simpson, an anderen Stellen ist mir die Herkunft der Figuren nicht bekannt. (Über Tipps und Hinweise würde ich mich freuen):

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Bei den drei nachfolgend abgebildeten Mosaiken  sind übrigens  die klassischen Invader-Raumschiffe integriert, so dass kein Zweifel aufkommen  kann, von wem sie gemacht sind.

DSC01045 Invader 2017

 

Kein Zweifel kann auch bei einem der neuesten , im Juni 2016 geschaffenen  Invader-Mosaike in Paris aufkommen, der Figur des Dr. House, dem 1205. Invader-Werk in Paris.[7] Immerhin ist es – mit 10 Meter Höhe!- das bisher mit Abstand größte Werk des Invaders , und es befindet sich an einer Wand des berühmten Krankenhauses  Pitié-Salpêtrière an der Avenue Vincent-Auriol im Street-Art-freundlichen 13. Arrondissement und gut sichtbar von der vorbeiführenden Métro-Linie 6.

Invader Dr. House IMG_9951 (1)

Es handelt sich um die Figur des Dr. House,  der einer populären  Fernsehserie einen Namen  gegeben hat. Der etwas schräge, aber sehr kompetente Arzt ist mit all seinen Attributen ausgestattet: dem Dreitagebart, dem offenen Hemd und Jackett, den Turnschuhen und dem Stock. Und das für den Diagnostiker Dr.  House unentbehrliche Stetoskop wird von dem gerade anfliegenden space invader gebracht.

Der Invader hat sich selbst zu dieser sehr medienwirksamen Arbeit geäußert:

Pourquoi le Dr House ? « J’avais envie de faire un grand portrait, ce qui est difficile à faire de manière non officielle, car cela prend du temps. Ce personnage, que j’aime bien, est un symbole de la culture populaire de notre époque, et le contexte s’y prêtait », s’amuse Invader. Pour l’artiste, il s’agit aussi d’un « exercice de style » : « Aujourd’hui, le carreau de mosaïque et l’esthétique 8 bits, très pixelisée, sont devenus ma­ signature, plus que les personnages Space Invader eux-mêmes. » [8]
Der Invader betont also selbst, wie vielfältig sein Repertoire  inzwischen ist und weit über die traditionellen Space Invaders hinausgehen.  Vielleicht ist wohl auch der Grund dafür, dass ich mich immer noch freue, wenn ich ein für mich neues Mosak des Invaders sehe. Und wenn es ein besonders Schönes und zur Umgebung passendes  ist, freue ich mich besonders. Zumal alles auf Zufall beruht. Die  Invader- Karte oder aktueller: die application FlashInvaders für eine gezielte Suche zu benutzen ist tabu. Die Freude besteht ja gerade im überraschenden Finden!

Die wünsche ich  auch allen Paris- Besuchern/Besucherinnen, die diesen Bericht lesen und vielleicht angeregt werden, beim Flanieren in der Stadt auch etwas nach Mosaiken des Invader Ausschau zu halten!

 

Weitere Beiträge zur Pariser Street-Art:

  • Street- Art in Paris (2): Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/7096

  • open your eyes! Street-Art in Paris (1)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8875

  • Das multikulturelle, aufsässige und kreative Belleville: Modell oder Mythos? (Abschnitt Street-Art)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2092

 

Anmerkungen:

(1) Das Beitragsbild zeigt ein I love-Paris Mosaik des Invaders aus der rue de l’hôtel Colbert im 5. Arrondissement

Die Fotos dieses Beitrags sind alle im Lauf der letzten Jahre aufgenommen worden, seit wir uns in Paris niedergelassen haben.  Da Street-Art eine ephemere Kunst ist, kann es also gut sein, dass es manche der hier abgebildeten Arbeiten des Invaders nicht mehr gibt.

[1a] http://www.space-invaders.com/world/

[2] http://www.space-invaders.com/world/frankfurt/

http://www.space-invaders.com/world/berlin/

[3] siehe dazu den entsprechenden Beitrag über den Faubourg-Saint-Antoine auf diesem Blog.

(3a) http://www.liberation.fr/france/2017/08/04/mais-qui-decolle-les-oeuvres-d-invader-des-murs-de-paris_1588160

Und Le Monde vom 10. August 2017: Les internautes au secours de oeuvres d’Invader. S. 15

[4] http://www.space-invaders.com/world/paris/

[5] http://www.artistikrezo.com/art/street-art/invader-interview.html

[6] http://www.artistikrezo.com/art/street-art/invader-interview.html

[7] Siehe Stéphanie Lombard, Guide du Street-Art, Paris. Éditions Gallimard, Paris 2017, S. 73

http://itinerrance.fr/dr-house-in-da-house-dinvader-a-paris/  Die Galerie Itinerrance hat zusammen mit der Mairie des 13. Arrondissements die Entstehung des Mosaiks initiiert.

[8] http://www.lemonde.fr/arts/article/2016/06/24/le-dr-house-fait-le-mur-a-l-hopital-de-la-pitie-salpetriere_4957092_1655012.html

 

Geplante weitere Beiträge

  • Die Insel Porquerolles: Natur und Kunst 
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 1: Lyon, Luberon, Piemont
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 2: Die Waldenser in Hessen-Homburg
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier
  • Das Hotel Lutetia und der Lutetia-Kreis, der Versuch der Schaffung einer deutschen Volksfront gegen den Faschismus

Street- Art in Paris (2): Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager

Nach dem Pariser Street-Art – Überblick im ersten Beitrag der kleinen Street-Art-Reihe  (open your eyes! Dezember 2017) möchte ich in drei nachfolgenden Beiträgen einige für mich besonders interessante Street-Art-Künstler vorstellen, hier zunächst  Mosko, Jeff Aérosol und Jerôme Mesnager. Sie  sind in Paris deutlich präsent und sie sind (inzwischen) auch so prominent, dass ihre Werke meist nicht mehr „ephemère“ sind, wie das ja eigentlich typisch für die Street- Art ist. Sie haben eigene websites,  vermarkten ihre Arbeiten, sind in Ausstellungen vertreten und werden für Werbezwecke oder die Ausgestaltung des öffentlichen Raums engagiert. Sie sind aus Paris also nicht mehr wegzudenken. Wenn man durch die Stadt geht oder fährt, wird man immer wieder auf ihre Werke stoßen und sich  über zufällige  Begegnungen mit ihnen freuen. So geht es jedenfalls mir und vielleicht ja auch einigen Leser/innen dieser kleinen Street-Art-Serie,  die zu dieser Entdeckerfreude beitragen möchte.

 

Mosko et associés

Schon seit Jahren haben wir Freude an den exotischen Tieren Moskos, mit denen die Ecole maternelle  in  der der Rue du Jourdain in Belleville gleich  neben dem Haus unserer Freundin Marie-Christine verziert ist.

 

 

Rue du Jourdain (20e)

Den gleichen Tiger gibt es übrigens auch beim Kindergarten an der Square Henri-Cadiou im 13. Arrondissement- nur dass er diesmal in andere Richtung läuft und dazu noch auf einem Seil. Eine solche Reproduktion und Variation ist dank der  Schablonen-Technik (pochoir), zu deren französischen Pionieren Mosko gehört, einfach herzustellen.

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Vor allem sind es Tiger, Giraffe,  Zebra und Schmetterlinge, die Mosko et associés  mit ihren Schablonen und bunten Farben an die Wände von Schulen, Geschäften und Privathäusern auftragen, wobei das Logo Mosko et associés nie fehlt. Der Name Mosko ist abgeleitet von dem quartier de la Moskova (18. Arrondissement), aus dem die beiden Straßenkünstler Gérard Laux und  Michel Allemand  stammen.

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Im letzten Jahr habe ich während der französischen Sommerferien entdeckt, dass das in dieser Zeit geschlossene Rollgitter des deutsch-französischen Café Titon in der Nähe unserer damaligen Wohnung auch von Mosko gestaltet ist- natürlich mit Tiger. Solche  kleinen Entdeckungen freuen mich immer sehr. Street- Art- Künstler erhalten übrigens nach meinen Beobachtungen öfters den Auftrag, Rollgitter zu bemalen: ein kleiner Trost für Gäste oder Kunden, die enttäuscht vor einer geschlossenen Tür stehen.

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Oft –und vor allem in den Anfängen seit 1989/1990- brachten Mosko und associés ihre Wandbilder in heruntergekommenen Gegenden vor allem des 18., 19. und 20. Arrondissements an zugemauerten Türen und Fenstern und halb verfallenen Wänden an:  Sie verstehen sich als „embellisseurs du cadre de vie“. Schönheit, Freude und Leben sollten dahin gebracht werden, wo es Dreck, Dunkelheit und Ruinen gibt.[1]

Zwei schöne Beispiele dafür sind die Giraffen am foyer de jeunes travailleurs in der rue Daubenton (5. Arrondissement) und der eindrucksvolle Tiger in der rue du Retrait (20. Arrondissement). Mit dem Aufkleber auf der rechten  Seite wird übrigens gegen das (inzwischen beendete) Projekt des Baus eines Großflughafens bei Nantes (Notre- Dame-des- Landes) protestiert.

Auch die Giraffen und Schmetterlinge, die wir auf unserem Weg zu den mursv à pêches in Montreuil   entdeckt haben,  (rue Gaston Monmousseau), bringen etwas Farbe und Leben in ein wenig anheimelndes Viertel.

Schön ist auch die Bemalung des Eingangs des Restaurants HAΪ KAĬ am Canal Saint Martin (Quai de Jemmapes), einem Zentrum des „hippen Paris“. (2)   Danach würde man wohl eher eine exotische Küche erwarten. Angeboten wird hier  aber nach eigener Präsentation eine französische haute cuisine mit, so jedenfalls Michelin, „un véritable antre bobo-chic“ im Innern. Und dazu passen die Tiere Moskos wohl auch…

 

Jef Aérosol

Jean-François Perroy, alias Jef Aérosol (Aérosol= Sprühlack), ist sicherlich einer der bekanntesten Street-Art-Künstler in Paris und „ein Protagonist der urspünglichen französischen pochoir-Bewegung“. 1987 wurde er in der ersten Publikation über diese neue Kunstform berücksichtigt, und in der Urban-Art-Bienale in der Völklinger Hütte 2017 ist/war er gleich mit mehreren Arbeiten vertreten. (3]

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Er ist der Schöpfer des  Wandbilds an der Place Stravinsky zwischen dem Centre Pompidou und der gotischen Kirche Saint-Merri am Brunnen von Niki de Saint-Phalle und  Jean Tinguely: Quel honneur!

Jeff Aerosol Chut (2)

 Es handelt sich um ein  Selbstportrait des Künstlers mit dem Titel „chuuuttt!!!“, ein Auftragswerk des Centre Pompidou und  mit seinen 350 qm² eines der größten Wandbilder der Welt.[4]

Aber natürlich ist Jef Aérosol auch an anderen Stellen der Stadt präsent, so in dem Viertel la butte aux cailles (13. Arrondissement), das in ganz besonderer Weise von der  street art geprägt ist.

DSC03499 Street Art 2019 (5)

Hier kann man in der Passage du moulin des prés  den tanzenden Flötisten sehen (Februar 2019)  und an anderer Stelle den  Akkordeon spielenden Jungen. Zu beiden passt der schöne Titel in Rot:  La musique adoucit les murs. Nicht fehlen darf bei Jef Aérosol der rote Pfeil, sein Markenzeichen. Während die Musik die Wand in der rue de la butte aux cailles schmückt, gehört der Boden darunter den Ratten. Die sehen zwar ganz possierlich aus, sind aber in Paris derzeit eine große Plage. Wir konnten sie schon nachts auf dem Vorplatz von Notre Dame beobachten, als sie sich ungeniert über die dort aufgestellten Abfallsäcke hermachten. Zwar hat jetzt die Stadt Paris  eine große  „dératification“- Kampagne gestartet, aber der Erfolg scheint keineswegs durchschlagend zu sein.

Den jungen Akkordeonisten sieht man übrigens auch auf einem der bekanntesten Werke Jef Aérosols, der Fassade eines  Hauses in Fâches-Thumesnil an der belgischen Grenze.[5)  Ein Foto dieser Fassade hat es sogar einmal geschafft, in den –leider inzwischen nicht mehr existierenden- Abreißkalender des Taschen-Verlags  aufgenommen zu werden:

TASCHEN kALENDER 002

Den links unten auf der Fassade zu sehenden  sitzenden traurigen Jungen gibt es auch an mehreren Stellen in Paris zu sehen, zum Beispiel in der Rue du Père Teilhard de Chardin (5. Arrondissement) oder in der Passage du Moulin des Prés. Und dann auf dem weiter unten zu sehenden Gemeinschaftsplakat von Mesnager, Jef Aérosol und Mosko in der Rue Biot.[6]  Und in der Rue Biot nahe an der Place de Clichy, von der noch weiter unten die Rede ist,  gibt es einen sitzenden Mann Jef Aérosols: Die Anbetung der Heiligen Dreifaltigkeit von Pfund, Dollar und Euro.

IMG_0014 Rue Biot Place de Clichy (11)

 

 

Jerôme Mesnager

DSC03049 Mesnager Nov 2018

Auch Jerôme Mesnager, der 2018 auf einer Kunstausstellung im Rathaus des 8. Arrondussements als „Pionier der französischen Street-Art“ vorgestellt wurde, hat eine ganz eigene unverkennbare „Handschrift“: Es sind seine weißen Männer, die man vor allem im Osten von Paris findet, am auffälligsten in Ménilmontant, im 19. und 20. Arrondissement.

Als Geburtsdatum des „homme blanc“  wird der 16. Januar 1983 genannt. Angeblich habe sich da der damalige Kunststudent Mesnager in angeheitertem Zustand mit seinen Kumpeln  nackt ausgezogen, mit weißer Farbe bestrichen und an eine Wand gestellt- das sei der Ursprung seiner Figuren.  Wie auch immer:  Inzwischen sind sie aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Und als ich einmal nach einem Fahrradunfall das Krankenhaus St. Antoine aufsuchen musste, stellte ich fest, dass die Flure von Mesnager ausgemalt waren und ich habe gehofft, dass ich auch bald wieder so würde herumspringen können wie seine weißen Männer: Immerhin werden sie von ihrem Schöpfer ja auch verstanden als  „un symbole de lumière, de force et de paix“.[7]  Und gleichzeitig habe ich dort die erste  Mesnager-Frau entdeckt –  eine, wie ich finde, schöne Variation der sonst doch immer arg stereotypen männlichen Gestalten.

Mesnager hat inzwischen –auch international- Karriere gemacht.Er wird mit eigenen Ausstellungen gewürdigt, beispielsweise 2014 mit einer Ausstellung in einer Galerie im Marais.  Die unten rechts abgebildete Druckplatte gefiel uns so gut, dass wir sie gerne gekauft hätten. Aber da waren uns andere schon zuvorgekommen.

Wie das Beispiel des St.Antoine-Krankenhauses schon gezeigt hat, bekommt Mesnager inzwischen offizielle und sicherlich lukrative Aufträge.

Mesnager 11eme 004

Baustelle in der rue Charonne neben dem Palais de la Femme im 11. Arrondissement . Auch am Neubau war Mesnager am Werk 

DSC02886 Mesnager (1)   

 

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Firmenschild in der noblen Avenue F.D. Roosevelt

Eine besondere Auszeichnung bedeutete es sicherlich auch, dass Mesnager an dem großen Projekt quai 36, der Ausgestaltung der Wand am Bahnsteig 36 des Pariser Gare du Nord teilnehmen konnte. Seinen Beitrag verstand er als hommage an Fritz Lang (Metropolis) und Charly Chaplin (Modern Times): Es geht um die Möglichkeit, die Zeit anzuhalten, in der -gerade auch für einen Bahnhof typischen Hektik- einmal innezuhalten – zum Beispiel auch, um sich die vielen interessanten Street-Art-Arbeiten an dem  Bahnsteig 36 anzusehen. (7a)

Quai 36 Jerome Mesnager febr. 2018 (42)

Eine besonders bekannte Auftragsarbeit von Jerôme Mesnager ist die Gestaltung der Wand eines Schulhofs in der Rue Bouret im 19. Arrondissement.

DSC02562 Mesnager rue Bouret 19ieme (5)

Die Motive sind passend zu einer Schule gewählt…

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… dass auch Georg, der Drachentöter, dabei ist, beruht auf dem Namen der  privaten Schule, die nach diesem Heiligen benannt ist.

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Aber es gibt auch nach wie vor weiße Männer als ephemere Produkte in der alten Tradition der Street-Art wie hier am Bassin de la Vilette.

Mesnager Bassin de la Vilette 017 - Kopie

Und man muss nicht in eine noble Gelerie im Marais gehen, um „einen Mesnager“ zu kaufen, sondern kann auch schon auf dem populären Marché d’Aligre im 12. Arrondissement fündig werden.

Mesnager Marché Aligre IMG_8705

400 Euro wollte der Händler für das weiße Liebespaar  haben….

 

Gemeinschaftsarbeiten

Besonders schön finde ich es, dass Jerôme Mesnager auch viel mit anderen Street-Art-Künstlern zusammenarbeitet:

Zum Beispiel an der Place de Contrescarpe mit Seth, den wir schon vom Belvedere von Belleville her kennen….

Mesnager Seth Place de Contrescarpe IMG_1494

… oder mit dem auch aus Belleville bekannten Nemo –unverkennbar mit dem roten Regenschirm und dem Koffer-  im 5. Arrondissement…

 

 

und mit Mosko und Jeff Aerosol, wie hier in der Rue Biot an der Placy Clichy- einmal an einer Hauswand und dann auf einem Transparent an der gegenüber liegenden music-hall L’Européen.[8]

IMG_0014 Rue Biot Place de Clichy (4)

Im nächsten Beitrag zur Pariser Street-Art wird  es dann um den Invader gehen, einen der ersten und bekannteten Vertreter der Szene, hat er doch in den Straßen von Paris schon über 1000 seiner Produktionen angebracht…

 

Weitere  Beiträge zur Pariser Street-Art:

  • open your eyes! Street-Art in Paris (1)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8875

  • Street-Art in Paris (3): Der Invader

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/7397

  • Street-Art in Paris (4): M. Chat, Miss Tic und Fed le chevalier

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/9929

  • Das multikulturelle, aufsässige und kreative Belleville: Modell oder Mythos? (Abschnitt Street-Art)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2092

 

 

Anmerkungen: 

[1] https://www.urbacolors.com/fr/artist/mosko-et-associes

(2) https://de.parisinfo.com/paris-entdecken/themenfuhrer/stadtereise-in-paris/vom-marais-zum-canal-saint-martin/vom-marais-zum-canal-saint-martin-die-hippsten

[3] https://fr.wikipedia.org/wiki/Jef_A%C3%A9rosol  Der deutsche Wikipedia-Artikel über Jef Aérosol ist ausgesprochen dürftig.

Website von Jef Aérosol: https://www.jefaerosol.com/  Dort auch Link zu einem Interview, das france inter mit ihm geführt hat.

Nicolas Devil, Marie-Pierre Massé, Josiane Pinet,  vite fait bien fait. Éditions alternatives  1987

[4] http://www.artistikrezo.com/201105246779/actualites/street-art/chuuutttt-by-jef-aerosol-place-stravinski.html

[5] https://www.flickr.com/photos/jefaerosol/albums/72157615765606580

[6] https://murmuresdemurs.wordpress.com/category/artistes/i-j/jef-aerosol-i-j-artistes/page/2/

[7] https://fr.wikipedia.org/wiki/J%C3%A9r%C3%B4me_Mesnager

siehe auch: http://www.parisladouce.com/2013/11/street-art-promenade-sur-les-pas-de.html

(7a) http://jeromemesnager.com/quai-36-gare-du-nord/

https://www.google.fr/search?q=gare+du+nord+quai+36&oq=Gare+du+nord+Paris+Quai&aqs=chrome.1.69i57j0l5.8601j0j8&sourceid=chrome&ie=UTF-8

[8] https://www.flickr.com/photos/jefaerosol/albums/72157600611794569 https://lapartmanquante.wordpress.com/2013/03/18/street-art-du-cote-de-la-place-de-clichy/

 

Geplante Beiträge:

  • Politik, Kommerz und Kunst: Die Manufacture des Gobelins
  • Auf dem Weg nach Paris: Die Mühle von Valmy, ein Fanal der Französischen Revolution
  • Street-Art in Paris (3):  Der Invader
  • Das Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise: Eine hommage an den Vorkämpfer der deutsch-französischen Verständigung
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier

open your eyes! Street-Art in Paris (1):

Une ville sans graffitis serait comme une rivière sans poissons”.  (Nemo)

Eine Stadt ohne Graffitis wäre wie ein Fluss ohne Fische

DSC01381 Street art Belleville- (4)

Paris hat  viele Superlative. Zu ihnen gehört sicherlich auch der, dass es wohl eine der Städte der Welt ist, die am meisten von der Street-Art geprägt ist.[1] Vergleiche ich jedenfalls Paris mit Frankfurt, ist der Unterschied ganz deutlich. Natürlich gab und gibt es auch in Frankfurt viele Street art- Werke man denke nur an die Bemalung der Mauer um den Neubau der EZB. Aber in Paris begegnet man ihr auf Schritt und Tritt. Ich möchte deshalb im ersten Teil dieses Beitrags einige Eindrücke von der Street- Art in Paris vermitteln. Das will und kann kein systematischer Überblick sein, sondern lediglich andeuten, wie vielfältig die Street- Art-Szene ist Paris ist.  In nachfolgenden Beiträgen möchte ich dann mehrere Street-Art-Künstler etwas intensiver vorstellen, die mit ihren Arbeiten wichtige und, wie ich finde,  schöne Beiträge zur Ausgestaltung des öffentlichen  Raums der Stadt leisten:

In diesem ersten Teil also zunächst ein kleiner (persönlicher) Überblick über die  Pariser Street-Art-Szene:

Da gibt es die Tintenfische mit menschlichen Gesichtern von GZUP, die aus sicherer Höhe auf die Passanten herabblicken[2]  wie die Mona Lisa in der rue des archives im Marais.

DSC01136 Street art rue des archives (1)

Durch diese Positionierung erhöht sich natürlich ihre Lebensdauer: Sie sind vor Beschädigungen und Übermalungen sicherer, zumal ab 4 m Höhe die jeweiligen Hauseigentümer zuständig sind und nicht die Stadt Paris.

Sehr präsent in Paris ist auch der Straßenkünstler A2, also zweimal A, was für amour und Anarchie steht. (Hier fotografiert im Goutte d’Or, wo er sehr präsent ist, im Februar 2018)

DSC02484 Street Art febr. 2018 (28)

… und hier in Montmartre…

DSC01690 Montmartre (6)

….  Manchmal befinden sich in der Nähe von Straßenschildern gleich mehrere kleine Werke verschiedener Street-Art-Künstler. Sie scheinen  sich in Gemeinschaft wohl zu fühlen …

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In sicherer Höhe sind auch die Sprüche von im texto-Französisch zu sehen,

Hier  am Boulevard Soult:

Gibt es niemanden, der sich in mich verlieben will?

Boulevard Soult IMG_9384 (2)

Und ei uns um die Ecke  im Impasse de Mont-Louis im 11. Arrondissement…

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Es ist hart, wenn man alleine ist 

Dieses Bekenntnis regte dann zu einer direkt darunter veröffentlichten Liebes- und Leideserklärung an:

DSC03065 Street Art Liebe (1)

Rue de Candie codex urbanus

 

Der codex urbanus belebt Hauswände mit allerlei phantastischen Lebewesen – hier in der Rue de Candie, ebenfalls im 11. Arrondissement und in der rue des Francs Bourgeois im 4. Arrondissement.  Die Exemplare des Codex haben zwar lateinische Namen, aber sie sind reine Produkte der Phantasie und der Träume. Insofern passt es, dass Codex urbanus im Mai 2016 durch eine Ausstellung im Musée Gustave Moreau geehrt wurde, denn mit dessen Namensgeber teilt er „le goût pour le songe, le fantastique et le Symbolisme“. [3]

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Dieses phantastische 278. Exemplar des Codex Urbanus habe ich denn auch gleich um die Ecke des musée Gustave Moreau entdeckt. (Rue de la tour des dames, 9. Arrondissement, November 2018)

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Vielleicht stand der Codex Urbanus Pate bei  bei diesem wunderbaren Skelett im Tunnel   der promenade plantée unter der rue de Reuilly( 12. Arrondissement, aufgenommen März 2019). 

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Sehr schmuck sind die bunt bemalten Pfosten eines Straßenkünstlers, der sich cyklop  nennt.[4] Auf die Enden von Pfosten malt er einziges großes buntes Auge- insofern passt sein Künstler-Pseudonym. Bei dem Pfosten in der Cité de l’Ameublement am jardin Titon im 11. Arrondissement  ist es allerdings ein lachende Gesicht: Ergebnis eines Projekts mit einem benachbarten Kindergarten. Da kann man sich gut vorstellen, wie begeistert die Kleinen bei der Sache waren!

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Die LéZarts de la Bièvre schmücken triste Hauswände entlang des heute in Paris überbauten Flüsschens Bièvre – hier im 5. Arrondissement mit einem Gemälde von Caillebotte, den „raboteurs du parquet“, den  Parkettschleifern.

019Öfters begegnet man auch in Paris den von Clet Abraham verfremdeten Verkehrsschildern.[5] Besonders hat er es  offenbar auf  Verbotsschilder abgesehen wie hier an der Kreuzung zwischen der Rue Saint Maur und der Rue du Chemin Vert im 11. Arrondissement oder in der Rue de Quatre Fils im Marais.

Dass das Durchfahrt-verboten-Zeichen weggetragen oder zusammengequetscht wird, ist auch ganz im meinem Sinn, weil hier –im Gegensatz zu vielen anderen Pariser Einbahnstraßen- keine Ausnahmeregelung für Fahrradfahrer vorgesehen ist.

Sehr präsent in Paris ist auch Gregory mit dem Künstlernamen Gregos, der sein eigenes Portrait an den Wänden der Stadt befestigt.

DSC00474 Faubourg St Antoine (1)

Zunächst waren das Masken mit ausgestreckter Zunge – so wie er als kleiner Junger immer seine Zunge herausstreckte, wenn er fotografiert werden sollte. (5a) Inzwischen verändert er in jedem Jahr das Motiv seiner Selbstportraits. Am Quai 36 des Gare du Nord kann man eine ganze Serie von ihnen betrachten.

Leicht zu erkennen und zuzuordnen sind die Wandbilder von Seth, hier zum Beispiel ein schönes auf dem  butte aux cailles, einem Viertel im 13. Arrondissement, das bei Street-Art-Künstlern besondere Attraktivität genießt.

DSC03499 Street Art 2019 (10)

Öfters sieht man inzwischen auch Figuren mit den großen runden und schwarzen Augen von Kam et Laurene (5b), hier zum Beispiel passend zum Namen der Straße im 11. Arrondissement oder -ebenfalls im 11. Arrondissement- den Kapuzenmann, der aus dem (zugemauerten) Fenster in der Passage de la Folie Regnault  blickt: Aus der Tristesse dieses Ortes wird damit ein „Hingucker“.

Sehr schön und passend ist seit Neuestem auch der lebensgroße Spaziergänger an der bei Spaziergängern und Joggern beliebten promenade plantée am  Eingang des Tunnels unter der rue de Reuilly im 12. Arrondissement. Entdeckt habe ich die Figur im Februar 2019, als der Mantel noch sehr passend war. Das Foto entstand aber bei frühlingshaften Temperaturen im März 2019 )

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Ein Hingucker sind auch die Puzzlestücke von Béa Pyl, hier zum Beispiel einer in der Rue Sédaine im 11. Arrondissement.  Manche haben auch eine Aufschrift, oft mit Aufforderungscharakter: enjoy, smile, vivre, love…. (5c)   – ein weiterer Puzzleteil von ihr wird diesen Beitrag abschließen….

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Weniger auffällig sind dagegen die kleinen sportlichen Männ.er, die die Topografie von Hauswänden für ihre sportlichen Übungen nutzen wie dieser Turner in der rue de Ménilmontant. (Nr. 54-56, aufgenommen April 2019) Umso mehr freue ich mich immer, wenn ich einen von ihnen entdecke.

DSC03778 Street Art April 2019 div (8)

Eine feste und prominente  Adresse für die Pariser Street art ist seit nunmehr 10 Jahren die Wand (le MUR) in der Rue Oberkampf/Ecke Rue Saint-Maur im 11. Arrondissement.  MUR bedeutet dabei nicht nur „Mauer“ sondern ist auch eine Abkürzung für „Modulable, Urbain, Réactif). Alle zwei Wochen wird da ein neues Werk produziert und ausgestellt und auf dem kleinen Platz davor gibt es ein nettes Café, von dem aus man bei einer Tasse Kaffee die „Mauer“ betrachten  kann. Le MUR hat gerade ihr zehnjähriges Jubiläum gefeiert und gehört zu den Projekten der Street-Art, die von der ville de Paris gefördert werden. [6]

Caselemurweb©HeleneLaxenaire

(Nr. 241 von Case Maclain)

le mur rue Oberkampf le Maur_9994 (1)

(Nr. 234 von Jason Botkin)

DSC00213 le mur April 2018

( Nr. 256  von Doudou’style April 2018)

Da die entsprechenden Daten auf der mur und im Internet bekannt gegeben werden, kann man sogar mit etwas Glück und Planung die Entstehung eines neuen Werkes beobachten – so wie wir am 18. November 2017 die Arbeit der brasilianischen Street Art-Künstlerin Fefe Talavera – das 246. Werk der MUR Oberkampf.

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Auch an anderen Stellen der Stadt gibt es solche für die Street-Art reservierten und von der Stadt geförderten Plätze. So zum Beispiel im 12. Arrondissement  le M.U.R 12 in der rue du Sahel, da wo die promenade plantée/la coulée verte  die Avenue du général Michel Bizot kreuzt. Hier kommen wir immer mit dem Fahrrad auf dem Weg ins Schwimmbad vorbei. Kürzlich präsentierte da Monsieur Qui/Eric Lacan eine Arbeit. (6a) In der Ankündigung dazu heißt es:

“ Il propose ses visages de femmes mysterieuses, combinées à des motifs végétaux, masquant une douce satire des diktats féminins imposés par la société. Son jeu trouble et ambigue du noir et planc explore l’héritage des graveurs du XIXe siècle et notamment de Gustave Doré.“

Und hier die ganz aktuelle (Juni 2018) Gestaltung der Mauer:

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Eine weitere, allerdings auf Dauer angelegte und zur Touristenattraktion von Paris gewordene Mauer ist die je t’aime-Mauer an der Place des Abesses im 18. Arrondissement.

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Sie  ist aus 511 Kacheln zusammengesetzt , auf denen  in über 300 Varianten und 200 Sprachen die Worte „ich liebe dich“ stehen. Da liegt es nahe, die Version in der eigenen Sprache zu suchen und den Liebsten oder die Liebste davor zu fotografieren. Aber natürlich gibt es in der Stadt der Liebe auch (mehr oder weniger professionelle) Straßenkünstler, die auf ein solches vorgefertigtes Angebot nicht angewiesen sind.

Diese beiden Versionen sind (waren?) in der rue d’Alexandre im 2 Arrondissement und -ganz unübersehbar- am Boulveard Voltaire gegenüber der Kirche St. Ambroise im 11. Arrondissement zu sehen.

Und im Marais in der rue du Foin (3ième):

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… eine ganze Folge mit roten Herzen gibt es an einer Hauswand .im impasse de Saint Eustache im 1. Arrondissement.

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Ebenfalls im Marais an dem kleinen Platz Ecke rue des Tournelles und rue Roger Verlomme, wo die Köchin und der Koch eines benachbarten Hotels gerade eine Frühstückspause machte.

Es gibt sicherlich  unzählige weitere, anonyme oder weniger prominente  Beispiele für Street- Art in Paris; wie etwa die Taube, die ich ab und zu mal im Pariser Norden gesehen habe…

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… oder die kleine Spinne bei dem vor unserem Haus abgestellten Fahrrad, die leider nach einigen Tagen wieder verschwunden war. (6b)

IMG_8276rue Maillard

Offensichtlich hatte sie sich ein paar Häuser weiter in der Rue de Croix Faubin ein ruhigeres Plätzchen gesucht….

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Reiseführer mit vorgeschlagenen Street art-Rundgängen und Führungen durch Arrondissements, in denen die Street- Art besonders lebendig ist – z.B. durch das Gebiet nördlich des Bassin de la Villette oder  durch Belleville- gibt es inzwischen auch schon. [7]

In Belleville -wie überhaupt im traditionell eher „roten“ Ost von Paris transportiert die Street-Art übrigens oft und gerne auch politische Botschaften. So zur (in Frankreich extrem restriktiven und abschreckenden) Flüchtlingspoltik..

Rue des Couronnes IMG_4774

… oder zur Obdachlosigkeit und zur Arbeitslosigkeit. Jèrémy, an den hier erinnert wird, wohnte im 21. Arrondissement, das es in Paris nicht gibt. Er hatte also  keinen Wohnsitz. Und die Freiheitsgöttin des berühmten Gemäldes von Delacroix schwenkt nicht die Tricolore, sondern ein Schild von pôle emploie, dem französischen Arbeitsamt.

Derzeit sehr „angesagt“ ist vor allem das 13. Arrondissement, das zahlreiche anonyme Hochhausbauten der Nachkriegszeit aufweist, deren triste Fassaden inzwischen immer mehr –mit Unterstützung des zuständigen Bezirksbürgermeisters- mit großformatigen Wandbildern bemalt werden.[8]

Street Art 13eme IMG_9961 (4)

Große Wandgemälde gibt es aber auch an anderen Stellen der Stadt, zum Beispiel  im Marais (an der Ecke der Rue des Rosiers und der Rue Vieille du Temple (4. Arr.) zum Tag der Frauen….

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oder im 20. Arrondissement zur Gruppe Manouchian, einer Widerstandsgruppe gegen die deutsche Besatzer von Paris. Aufgrund eines Propagandaplakats des Vichy-Regimes und der deutschen Besatzungsbehörden, das nach der Verhaftung und Hinrichtung der Gruppe verbreitet wurde, ist sie auch  unter dem Namen affiche rouge bekannt geworden – gewissermaßen als Kontrapunkt sind auf dem Wandbild die Mitglieder der Gruppe mit einem roten „Heiligenschein“ versehen…

Übrigens ist es hier nicht die mairie, die die für diese Arbeit die Hauswand zurVerfügung gestellt hat, sondern die copropriété, also die Eigentümergemeinschaft – so etwas ist wohl nur im traditionell linken Osten der Stadt möglich.

Dieser Überblick ließ sich nun fast nach Belieben ausweiten. Das würde aber den Rahmen dieses einführenden Berichts und auch dieses Blogs sprengen. Auffällig ist aber im Blick auf die Pariser  Street -Art- Literatur, die professionell angebotenen Street-Art-Spaziergänge und die eigenen Beobachtungen,  dass die Street-Art vor allem im Pariser Osten (einschließlich dem Nord- und dem Südosten) heimisch ist. Die charakteristische Trennung zwischen dem eher proletarisch-volkstümlichen Osten und dem bürgerlich-bourgeoisen Westen von Paris schlägt sich also auch in diesem Bereich nieder.

Auf zwei (natürlich auch im Pariser Osten tätig gewordene) Street-Art- Künstler soll abschließend noch einmal hingewiesen, von denen schon im Bericht über Belleville die Rede war, nämlich Ben und Nemo. (9)

Bens großes Wandbild  an der Place Fréhel gehört zu den bekanntesten Street-Art-Werken in Paris.

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Man muss sich vor Worten in Acht nehmen

Ben ist einer der international prominentesten  Street Art-Künstler von Paris. Er war in den 1960-er Jahren Mitglied der Fluxus-Kunstrichtung, zu der auch u.a. Bazon Brock, John Cage, Yoko Ono und Joseph Beuys gehörten, auf der Dokumenta in Kassel war er auch schon vertreten.  Besondere Berühmtheit erlangte sein kleiner Plattenladen, den er von 1958 bis 1973 in Nizza betrieb. Seine Mutter hatte ihm dafür die erforderlichen Mittel zur Verfügung gestellt, um ihm eine gesicherte Lebensgrundlage zu ermöglichen. Die Aufsehen-erregende Fassade des kleinen Lädchens war aus allen möglichen gebrauchten Gegenständen zusammengesetzt: Motto über der Eingangstür: Tout est art, tout est marchandise/ Alles ist Kunst, alles ist zu verkaufen. Und „tout est art“ -allerdings mit einem sehr berechtigten Fragezeichen versehen-  war auch der Titel einer Ben-Ausstellung im Musée Maillol 2016/2017.

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Wenn ich mich recht erinnere, wurde vor einigen Jahren Bens Lädchen- auch „Bizard Bazar“ oder Loboratoire 32 genannt-  in der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt ausgestellt; die  letzte Version kaufte das Centre Pompidou auf, wo sie heute zu sehen ist.

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Ein fester Bestandteil der Street-art-Szene von Belleville sind auch die Wandbilder von Nemo, vor allem die Bemalung der Hauswand an der Ecke des Boulevard Belleville und der Rue de Ménilmontant und des Supermarkts in der Rue de Ménilmontant.  Ursprünglich sollen, so die „Legende“, die poetischen Wandmalereien Momos mit dem schwarzen Mann –oft mit Regenschirm-  mit fliegendem Drachen, Vögeln,  Katzen  und dem roten  Luftballon dem kleinen schulunwilligen Sohn Nemos den Weg zur Schule schmackhaft gemacht haben.

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Der rote Luftballon bezieht sich auf den Kurzfilm „Le Ballon rouge“ von Albert Lamorisse aus dem Jahr 1956, der mit der Goldenen Palme von Cannes und sogar mit einem Oskar für das beste Originaldrehbuch ausgezeichnet wurde: Er spielt im Ménilmontant der 50-er Jahre und es geht um einen magischen Ballon, der den kleinen Jungen Pascal auf Schritt und Tritt begleitet. Eine zauberhafte Geschichte, an deren Ende aber die Zerstörung des Luftballons durch eifersüchtige Altersgenossen –und damit das Ende der Kindheit- steht. Für viele französische Kinder der 50-er Jahre war der „rote Ballon“ geradezu ein Kultfilm, wie die hymnischen Kommentare zu dem Film zeigen, die man im Internet findet. („Ein wahres Wunder“; „meine Kindheit“; „unbestreitbar einer der besten Kurzfilme aller Zeiten“). Auch wenn Nemo den kleinen Pascal durch den bonhomme noir ersetzt hat, so knüpft er  mit seinen poetischen Bildern  an diesen Film –und seinen Erfolg- an.

 

Ausblick:

In nachfolgenden Beiträgen einer kleinen Pariser Street-Art-Reihe möchte ich  einige Street- Art- Künstler  vorstellen, die im Stadtbild von Paris besonders viele und prominente Spuren  hinterlassen haben und die ich ganz besonders schätze:

… Mosko… 

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… Jef Aérosol…

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…Jerôme Mesnager…

Mesnager Bassin de la Vilette 017 - Kopie

… den  Invader ….  

IMG_9882 Am Pont neuf (2)

…und  Miss Tic…

IMG_2293 Miss Tic 11ieme

… M Chat und Fred le Chevalier

Alle sind in Paris deutlich präsent und sie sind (inzwischen) auch so prominent, dass ihre Werke meist nicht mehr „ephemère“ sind, wie das ja eigentlich typisch für die Street- Art ist. Sie haben eigene websites,  vermarkten ihre Arbeiten, sind in Ausstellungen vertreten und werden für Werbezwecke oder die Ausgestaltung des öffentlichen Raums engagiert. Sie sind aus Paris also nicht mehr wegzudenken. Wenn man durch die Stadt geht oder fährt, wird man immer wieder auf ihre Werke stoßen und sich  über zufällige  Begegnungen mit ihnen freuen. So geht es jedenfalls mir und vielleicht ja auch einigen Leser/innen dieses Blog-Beitrags der, wie die drei nachfolgenden,  zu dieser Entdeckerfreude beitragen möchte.

Street-Art gibt es überall, also Augen auf!

Angesichts der großen Vielfalt der Street-Art in Paris lohnt es sich also,  mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen und zu fahren und sich über das zu freuen, was man meist (fast) auf Augenhöhe entdecken kann, also:

Rue Charles Delescluze 11eme 036

Ein Puzzle-Teil von Béa Pyl in der  Rue Charles Delezcluse (11e)

 

Weitere  Beiträge zur Pariser Street-Art:

  • Street- Art in Paris (2): Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/7096

  • Street-Art in Paris (3): Der Invader

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/7397

  •  Street-Art in Paris (4): Monsieur Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/9929

  • Das multikulturelle, aufsässige und kreative Belleville: Modell oder Mythos? (Abschnitt Street-Art)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2092

 

Anmerkungen

[1] Es gibt ganz unterschiedliche Schreibweisen des Begriffs. Ich habe mich für die vom Duden empfohlene entschieden, also Street-Art.  Den Begriff Urban Art verwende ich nicht, weil er offenbar eher ein Oberbegriff ist, der auch andere Kunstformen umfasst. Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Urban_Art

Der Pariser Street-Art-Künstler Fred le Chevalier, der in einem der nachfolgenden Street-Art-Beiträge dieses blogs auch noch gewürdigt wird, siehe  übrigens Berlin als Hauptstadt der Street-Art-Szene. In einem Interview sagte er:
I travel a bit, but Berlin seems to have a pretty portion of excessiveness, a variety, it is a city that impressed me because you can’t find any virgin door, there are things everywhere. This is the world upside down, suddenly you find a white wall, and you wonder “why is it still white?” (Laughs)

http://www.isupportstreetart.com/interview/13933/

[2] http://www.streetlove.fr/interview/la-pieuvre-de-gzup-streetart-interview.html

[3] http://www.codexurbanus.com/codex-sinvite-chez-gustave-bestiaires-croises-musee-gustave-moreau

[4] http://lecyklop.blogspot.de/

[5] https://fr.wikipedia.org/wiki/Clet_Abraham

(5a) http://www.telerama.fr/sortir/street-art-quand-gregos-tombe-le-masque,131937.php

(5b) Bild aufgenommen im Februar 2018

https://www.urbacolors.com/fr/artist/kam-laurene

(5c) https://lumieresdelaville.net/paroles_urbs/les-rencontres-street-artistiques-de-miss-acacia-puzzle-your-life-avec-bea-pyl/

[6] http://www.lemur.fr/realisations/

https://fr.wikipedia.org/wiki/Le_MUR_(art_urbain)6a

Auf der Wand rechts unten  ist immer angegeben, wann der Wechsel stattfindet.

Die Stadt Paris benutzt  ausdrücklich die Street-Art als Mittel ihres Stadt-Marketings. Siehe: Street Art. Paroles des Murs. In: À Paris. Le magazine de la ville de Paris, no 64, Hiver 2017/2018, S. 28

(6a) https://www.facebook.com/Eric.Lacan/

(6b)  Solche Spinnen waren schon 2012 einer amerikanischen Touristin im 11. Arrondissement aufgefallen. Auch wenn sie wohl nur eine kurze „Lebenszeit“ haben, sie sind doch ganz offenbar nicht vom Aussterben bedroht.

[7] siehe dazu den Blog-Beitrag  über „Das multikulturelle, aufsässige und kreative Belleville“, Abschnitt Street -Art

Stadtführungen zu Street -Art in Belleville bietet an: http://www.ca-se-visite.fr/demandez-le-programme-2   (12 € pro Person)

Ein neuer Street-Art-Führer mit 8 vorgeschlagenen Rundgängen durch verschiedene Stadtviertel: Stéphanie Lombard,  Guide Street Art/Paris. Paris: Gallimard 2017

Eine Karte von Paris mit Street-Art-Orten und kurzen Erläuterungen: http://web.archive.org/web/20130427062928/http:/www.paris-streetart.com:80/pdf/carte-pochoir-paris

[8] http://www.mairie13.paris.fr/mairie13/jsp/site/Portal.jsp?page_id=94  siehe auch : Le street art poursuit sa conquête des quartiers parisiens. L’art envahit  la rue. In: cnewes  19.5.2017

siehe dazu auch: Georges Feterman: Paris, 24 nouvelles balades à thèmes. Paris 2017. Darin: Balade no 21: mur peints et trompe-l’oeil, S. 155f

(9) weitgehend übernommen aus dem Blog-Beitrag  über „Das multikulturelle, aufsässige und kreative Belleville“, Abschnitt Street -Art

 

Geplante Beiträge:

  • Little India, das indische Viertel in Paris
  • Street-Art in Paris (2)  Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • Hector Guimard: Jugendstil in Paris/art nouveau à Paris
  • Street-Art in Paris (3)  Der Invader
  • Auf dem Weg nach Paris: Die Mühle von Valmy, ein Fanal der Französischen Revolution

 

 

 

 

Die Erinnerung an Sklavenhandel und Sklaverei: Der schwierige Umgang mit einem düsteren Kapitel der französischen Vergangenheit

 Un seul esclave sur la terre suffit pour déshonorer la  liberté de tous les hommes.        Victor Hugo in einem Brief vom 17. Januar 1862

 

Die von der Stadtverwaltung in Charlottesville im amerikanischen  Bundesstaat Virginia beschlossene Entfernung des Denkmals für den Südstaatengeneral Robert D. Lee war Anlass zu heftigen Auseinandersetzungen, einem Aufmarsch weißer Suprematisten, einem Todesopfer unter den Gegendemonstranten und einer höchst umstrittenen, ja skandalösen Rede des amerikanischen Präsidenten: In ihr setzte er nicht nur „die mit Hakenkreuzen und Waffen marschierenden Neonazis mit den linken Gegendemonstranten gleich“, sondern auch die Gründerväter des Landes mit den Sezessionisten, „indem er fragte, wann man anfangen wolle, Monumente von George Washington oder Thomas Jefferson zu entfernen. Damit gab er jenen Auftrieb, die gegen die demokratisch legitimierte Entscheidung der Stadt demonstrierten, eine Statue zu entfernen, die für viele vor allem den Widerstand gegen die Befreiung der Sklaven nach dem amerikanischen Sezessionskrieg symbolisiert. Viele solcher Monumente im Süden wurden aufgestellt, weil das weiße Establishment die Abschaffung der Sklaverei nicht tolerieren wollte – und sie stehen für dessen erfolgreichen Kampf gegen die Zentralregierung in Washington, der dazu führte, dass mit den „Jim Crow“-Gesetzen den Schwarzen viele der zunächst erlangten Rechte für ein weiteres knappes Jahrhundert wieder aberkannt werden konnten.“[1]

Am 23. August 2017 erschien die Zeitung Libération mit einem Aufmacher zum Thema Sklaverei. Auf vier ganzen  Seiten wird darin dargestellt,  wie in Frankreich an seine Geschichte des Sklavenhandels und der Sklaverei erinnert.

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Auch in Frankreich habe der Sklavenhandel seine Spuren und Narben hinterlassen: Straßennamen, Reklameschilder, Statuen…. So wie in den USA entsprechende Symbole beseitigt würden, müsse sich auch Frankreich mit dieser Vergangenheit auseinandersetzen- nach Einschätzung von Libération offenbar eine teilweise noch „unbewältigte Vergangenheit“.

An die Rolle Frankreichs im Dreieckshandel zwischen Europa, Afrika und Amerika und damit an seinen Anteil an dem Transport von Afrikanern in die karibischen Kolonien und das dortige System der Sklaverei wird in Frankreich durchaus erinnert.

So etwa in dem eindrucksvollen Mémorial de l’abolition de l’esclavage“ in Nantes. Es erinnert an die Rolle der Stadt als wichtigstem Hafen des französischen Sklavenhandels und möchte diejenigen ehren, die gegen die Sklaverei gekämpft haben und dies auch heute noch tun, da wo es immer noch Sklaverei gibt.[2]

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In die Wege zum Mémorial sind kleine beleuchtete Platten  eingelassen, in die die Namen von Sklavenschiffen eingraviert sind und die Jahreszahlen ihres Auslaufens aus dem Hafen von Nantes. Lange Reihen von „Stolpersteinen“ sozusagen, die erfahrbar machen, welche immense Bedeutung der Sklavenhandelt für die Stadt hatte: Insgesamt gingen von Nantes zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert 1714 „expéditions négrières“ aus, mehr als von allen anderen französischen Häfen zusammen.[3]

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Zu dem Mémorial steigt man einige Treppenstufen hinunter: Es befindet sich damit auf der Höhe des Wassers der Loire, die man sehen und hören kann.  Die Assoziation, sich in einem Schiffsrumpf zu befinden stellt sich so fast unwillkürlich ein. Man läuft den langgestreckten Bau entlang und enthält eine Vielzahl von Informationen über die Geschichte des Sklavenhandels und den Widerstand dagegen. Hier setzt sich eine Stadt ganz offen und eindrucksvoll mit einem schwierigen Kapitel ihrer Vergangenheit auseinander.

 

Bordeaux spielte, wenn auch in deutlichem Abstand zu Nantes, ebenfalls  eine wichtige Rolle im französischen Sklavenhandel. Allerdings war die wirtschaftliche Bedeutung der Sklaverei für Bordeaux außerordentlich hoch, weil Bordeaux sich auf den Handel mit Kolonialprodukten konzentrierte: Es lieferte Wein in die Kolonien und importierte dafür von Sklaven  hergestellten Zucker, Rhum und Kaffee. So hat Bordeaux mehr von der Sklaverei profitiert als jede andere französische Stadt.[4] Im musée d’Aquitaine gibt es auch eine 2009 neu gestaltete Abteilung zum Thema Sklaverei.  Sie ist auch information, kann aber  in ihrer Präsentation im Rahmen eines traditionellen Museums natürlich nicht mit dem Mémorial von Nantes mithalten.

Ärgerlich fand ich allerdings bei unserem Besuch des Museums im Sommer 2015, dass die Rolle von Bordeaux in der Präsentation eher heruntergespielt wird. In einer Informationstafel wird ausdrücklich festgestellt, dass Bordeaux zwischen 1672 und 1837 –ähnlich wie Le Havre und La Rochelle- einen Anteil von 12% am französischen Sklavenhandel hatte, „weit hinter Nantes“. Da liest man fast unwillkürlich ein „allerdings nur“ vor den „12%“ mit.

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 Und gleich am Anfang der Informationstafel wird festgestellt, Bordeaux habe „wie alle europäischen Häfen“ den Sklavenhandel betrieben- und auf einer beigefügten  Karten waren zu meiner großen Überraschung  auch die Häfen Bremen, Hamburg und Lübeck eingezeichnet…  Einen jungen Mann, der gerade eine Gruppe durch die Abteilung führte, sprach ich darauf an, ob das denn eine historisch zutreffende Feststellung sei. Er zögerte einen Moment und meinte dann, das sei wohl in der Tat eine nicht ganz richtige Verallgemeinerung, die geändert werden müsse…

Denn in der Tat: Die Häfen der Hanse waren an dem Sklavenhandel nicht beteiligt. Das ist eine einschlägig  bekannte Tatsache, wie auch die nachfolgende Darstellung zeigt (Aus: M. Dorigny/B. Gainot, Atlas des esclavages. Autrement 2006, S. 24) :

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Man wird hier kaum von einem Versehen oder gar von Unkenntnis ausgehen können. Eher von einer Tendenz der Verallgemeinerung, durch die die eigene Rolle relativiert wird. Von Kindern ist das ja hinreichend bekannt: „Ja aber die anderen haben doch auch…“ Und gerade in Deutschland ist ein relativierender Umgang mit den Verbrechen des Dritten Reichs ein leider bekanntes Phänomen.

 

Seit dem loi Taubira vom 10. Mai 2001 gelten  Sklavenhandel und  Sklaverei in Frankreich ausdrücklich  als  „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“,  eine bis dato wohl einzigartige Maßnahme.[5]  2006, während der Präsidentschaft Jaques Chiracs, wurde dann  der 10. Mai ein „nationaler Tag der Erinnerung an den Sklavenhandel, die Sklaverei und ihrer Abschaffung.“  Für Chirac gehörte es zur  „grandeur“ eines Landes, seine ganze Geschichte anzunehmen, „avec ses pages glorieuses mais aussi avec ses zones d’ombre“.  In diesem Sinne erkannte Chirac ja auch endlich die Beteiligung Frankreichs an der nationalsozialistischen Judenverfolgung und –vernichtung an.[6]  Am 10. Mai findet  jedes Jahr im jardin du Luxembourg eine Zeremonie mit Beteiligung des jeweiligen Präsidenten statt.

Dort gibt es seit 2007 eine Skulptur aus Bronze, die  an die Abschaffung der Sklaverei erinnern soll. Sie besteht aus drei ineinander verschränkten Ringen, also Teilen einer Kette: Der untere in den Boden versenkte Ring soll die Wurzeln der Sklaverei symbolisieren, der mittlere ihre  fortdauernde Existenz  in vielen Teilen der Welt und der obere, geöffnete das Ende der Sklaverei. (6a)

Auf einer beigefügten Informationstafel wird nicht nur über die Entstehung und die Bedeutung der Skulptur informiert, sondern es wird auch der Befreiungskampf der Sklaven in den franzöischen Kolonien gewürdigt: Damit hätten sie zur Universalität der Menschenrechte und der Ideale der Französischen Revolution von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit beigetragen.

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2017 haben sogar gewissermaßen zwei Präsidenten an der Zeremonie teilgenommen: der scheidende François Holland und der damals schon gewählte, aber noch nicht amtierende, Emanuel Macron.

Außerdem gibt es seit 2017 am 23. Mai die „Journée nationale de commémoration en hommage aux victimes de l’esclavage colonial“, also einen Erinnerungstag an die Opfer der kolonialen Sklaverei.[7]  Dieses Datum bezieht sich auf einen großen Schweigemarsch, der am 23. Mai 1989 in Paris stattfand.

 

Die aktuelle  Diskussion: Wie wird an die Sklaverei erinnert und wie sollte an sie erinnert werden?

Vor diesem Hintergrund mag es erstaunen, dass die Ereignisse in den USA  eine Debatte auch in Frankreich ausgelöst haben, welche Rolle Sklavenhandel und Sklaverei in der nationalen Erinnerungskultur spielen. Die Erinnerung an dieses dunkle Kapitel der eigenen Geschichte scheint doch ausgesprochen intensiv und  in der Zielrichtung eindeutig am Gleichheits-Anspruch der französischen Revolution orientiert zu sein. Aber es gibt, wie Libération in der anfangs schon angesprochenen Ausgabe aufzeigt, in mehreren französischen Städten und vor allem den am Sklavenhandel beteiligten  Häfen noch eine sichtbare Erinnerung an Persönlichkeiten, die diesen Handel betrieben haben. Und es gibt in Frankreich noch Straßen, die den Namen des Generals Richepanse tragen, der nach der Wiedereinführung der Sklaverei in den französischen Kolonien 1802 durch Napoleon in die Karibik geschickt wurde, um den Widerstand der wieder zu Sklaven gewordenen farbigen citoyens zu brechen, was er auf blutigste Weise dann auch tat. Dass Straßen nach diesem General benannt sind, der schlimmste Massaker in Guadeloupe verübt habe, schockiere zu Recht „la mémoire républicaine“, wie Laurent Joffrin in seinem Kommentar in Libération schreibt,   und dies nicht nur in den “communautés antillaise ou africaine.“[8]

Im Zuge  der von den Ereignissen in Charlotteville ausgelösten Diskussion in Frankreich sind auch darüber weit hinausgehende Forderungen laut geworden. Am 28. August  veröffentlichte Libération einen Gastbeitrag von Louis-Georges Tin, dem Präsidenten des CRAN, des Conseil représentatif des associations noire en France,  in Libération mit dem Titel „Eure Helden sind manchmal unsere Henker“. [9] Zu diesen Henkern bzw. Helden zählte er vor allem Colbert, den Minister Ludwigs XIV. Der habe nicht nur den Code noir geschaffen, ein  juristisches Monster („monstre juridique“), das die rechtlichen Grundlagen der Sklaverei darstellte und dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit legalisierte. Darüber hinaus habe er die „Compagnie des Indes occidentales“ gegründet, eine „compagnie négrière de sinistre mémoire. En d’autres termes, en matière d’esclavage, Colbert symbolise la théorie  et la pratique au plus haut niveau.“   Nach Tins Überzeugung müsse man sich fragen, welches der beiden Länder problematischer sei. Das Land, in dem es einen Konflikt um die Statue eines die Sklaverei verteidigenden Generals gäbe, oder das andere Land, wo  es vor dem Parlament eine Statue von Colbert gäbe und innen einen Saal Colbert, einen Seitenflügel Colbert im Wirtschaftsministerium, nach Colbert benannte Gymnasien, in denen  doch die republikanischen Werte unterrichtet werden sollten, dazu dutzende von nach Colbert benannten Straßen, ohne dass es auch nur den geringsten Konflikt,  das  geringste schlechte Gewissen oder auch nur die geringste Unsicherheit bezüglich einer solchen Namensgebung gäbe.

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In einer in Le Monde veröffentlichten Petition forderten Tin und zahlreiche weitere Persönlichkeiten dazu auf,  die  Schulen umzubenennen, die den Namen Colberts trügen. Immerhin sollten öffentliche Gebäude und Straßen nicht dazu dienen, die Erinnerung an Verbrecher wachzuhalten, sondern  die an Helden. Deshalb gäbe es in Frankreich ja auch weder eine  rue Pierre-Laval noch eine rue Pétain, dafür aber zahlreiche nach Jean Moulin benannte Straßen.[10] Natürlich blieben solche Positionen nicht unwidersprochen, denn Colbert mit  Laval und Pétain auf eine Stufe zu stellen, ist doch wohl historisch kaum haltbar.[11] Und wenn die Sklaverei 2001 im loi Taubira zu Recht als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnet wurde, so wäre es ziemlich unhistorisch, es auf eine Zeit anzuwenden, in der in Europa die Versklavung von Afrikanern  allgemein  als völlig legitim angesehen wurde und der von Tin und anderen gebrandmarkte „code noire“ von 1685 einen dem damaligen Rechtsverständnis entsprechenden Rahmen für die Behandlung von Sklaven festlegte. Allerdings diente  dieser Rahmen kaum dazu, den Sklavenhaltern und Sklaven feste Regeln und Verpflichtungen aufzuerlegen und damit gleichzeitig Exzesse der Sklaverei zu verhindern. Der Code noir war also nicht, wie auch behauptet wurde, ein Werk der Menschlichkeit: Die Schwarzen waren danach ein „bien meuble“, über das die Sklavenhalter verfügen konnten, und der Code noir erlaubte die schlimmsten  Misshandlungen. Und immerhin war die Sklaverei auf französischem Boden schon seit einem Dekret Ludwigs X. von 1315 verboten. Die Verurteilung von Sklaverei war also nicht erst eine Erfindung von Aufklärern und Revolutionären. (11a)

Allerdings war den  großen französischen Aufklärern wie Voltaire, Diderot, Rousseau oder Condorcet die Abschaffung der Sklaverei kein besonderes Anliegen. Während Dänemark 1803 als erstes Land den Sklavenhandel verbot und Großbritannien 1807, wurde er in Frankreich erst 1831 verboten.  Und während  Großbritannien 1833 die Sklaverei verbot, geschah dies in Frankreich erst 1848. Da wurde der -abgesehen von dem kurzen Zeitraum zwischen 1793 und 1802- bis dahin gültige „Code noir“  beseitigt.[12] Die von der Französischen Revolution proklamierte Gleichheit galt eben nicht für alle Menschen, nicht für Sklaven und auch nicht für Frauen, die  in Frankreich erst nach dem 2. Weltkrieg das Wahlrecht erhielten.

Soweit ich sehe, kann man als Fazit der durch Charlottesville in Frankreich ausgelösten Diskussion festhalten, dass es,  von Extremfällen wie Richepanse abgesehen,  nicht darum gehen könne,  kompromittierende  Namen aus dem Straßenbild zu entfernen, sondern sie zum Anlass zu nehmen, über ihre Taten und Schattenseiten zu informieren. Der französisch-senegalesische Essayist Karfa Diallo, der wesentlich dazu beigetragen hat, in Bordeaux das Bewusstsein für die koloniale Vergangenheit zu wecken, formuliert das so: „Si on débaptise, on efface la mémoire. Il faut que les noms des esclavagistes restent pour que nul n’oublie les crimes commis“.[13]  Ähnlich formuliert es auch Benoît Hopquin in einer Stellungnahme in Le Monde vom 24./25. September 2017. Wenn man die Geschichte „en noir et blanc“ zeichne, könne man  auch nicht bei Colbert stehen bleiben. Dann seien  auch Victor Hugo, Jules Ferry, Léon Blum und andere an der Reihe, die den Kolonialismus mit teilweise rassistischem Zungenschlag verteidigt hätten. (11a)

Ein weiteres gemeinsames Fazit der Diskussion  ist die Aufforderung, diejenigen stärker im öffentlichen Bewusstsein zu verankern, die sich  gegen die Sklaverei und für ihre Abschaffung eingesetzt haben, und ganz allgemein diejenigen „Noirs de France“ ins öffentliche  Bewusstsein zu rücken, die -oft in Vergessenheit geraten- Frankreich zu dem gemacht hätten, was es heute ist. (13a)

 

Erinnerungsorte an Sklaverei und Sklavenbefreiung in Parisa

Diese Diskussion war für mich Anlass, einmal unter diesem Gesichtspunkt Paris näher zu betrachten. Immerhin ist, wie der Historiker Marcel Dorigny in der esclavage-Ausgabe von Libération schreibt, Paris übersät mit Namen und Orten, die an die Sklaverei und den Kolonialismus erinnerten.

Der wohl bedeutendste  entsprechende Ort ist sicherlich das Palais de la Porte Dorée, das für die Kolonialausstellung von 1931 gebaut wurde. [14]

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Wandmalerie in Palais de la Porte Dorée

Hier wird auch das im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorherrschende französische  Selbstverständnis  propagiert, dass der (eigene) Kolonialismus eine zivilisatorische Mission erfülle. [15] Dazu gehörte  auch  die Sklavenbefreiung-  womit natürlich nicht die von Frankreich selbst betriebene Sklaverei gemeint war, sondern die in Afrika von Arabern betriebene.

So  wurde auch das Reklameschild für das Geschäft in der rue des Petits-Carreaux Nummer 12 im 2. Arrondissement als unproblematisch empfunden. Es machte seit 1890, also lange nach Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien) auf die exotischen Produkte und vor allem den Kaffee aufmerksam, die hier verkauft wurden. Diesen Laden gibt es heute nicht mehr, das Reklameschild steht aber unter Denkmalschutz.[16]

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Ein weiteres  ähnliches Reklameschild  befindet sich an der Place de la Contrescarpe im 5. Arrondissement.  Dort befand sich seit 1748 eine chocolaterie., später eine épicerie und zuletzt ein Kaffeegeschäft. Abgebildet sind ein Farbiger mit einer Karaffe und eine weiße Frau mit einem Tablett.  Nach einer verbreiteten Sichtweise handelt es sich hier um die  Abbildung eines Sklaven, der eine „dame de qualité“, angeblich  Madame du Barry, die Mätresse Ludwigs XV. , bedient.;  oder auch um zwei Bedienstete der chocolaterie.  [17]

Das Bild wurde und wird also vielfach als rassistisch qualifiziert und es wurde wiederholt vandalisiert.  Derzeit ist es Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen.[18]

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Kürzlich hat der Stadtrat von Paris auf Antrag der kommunistischen Fraktion entschieden, das Bild zu entfernen und es  dem Stadtmuseum von Paris, dem musée Carnavalet, zu übergeben- vielleicht auch einmal einem zukünftigen der Sklaverei gewidmeten neuen Museum.  Der Bürgermeister des betroffenen 5. Arrondissements hat dagegen aus meines Erachtens guten Gründen protestiert. Er hat darauf hingewiesen, dass eine Bürgerinitiative des Viertels sich für die Erhaltung des Bildes an seinem angestammten Platz ausgesprochen habe. Es sei aber angeregt worden, eine erklärende Plakette anzufügen, auf der der historische Hintergrund des Bildes erläutert und die Sklaverei ausdrücklich verurteilt werden sollte. Und es sollte außerdem dazu auffordert werden,  alle Formen des Rassismus zu bekämpfen. Dieser Text sei zusammen mit dem Vorsitzenden des CRAN erarbeitet worden, also Herrn Tin, der hier –anders als bei  Colbert- offenbar  einen pädagogisch- aufklärerischen Umgang mit der kolonialistischen Vergangenheit befürwortete.

Die Interpretation des Bildes als Produkt des Rassismus ist allerdings sehr fragwürdig, worauf kürzlich Didier Rykner in einem Aufsatz in der Tribune de l’Art hingewiesen hat. (18a) Das Reklamebild gehöre keineswegs zu der chocolaterie von 1748, sondern zu dem seit 1897 dort ansässigen Geschäft „au nègre joyeux“, in dem Kaffee verkauft wurde. Es stamme also aus einer Zeit, in der der die Sklaverei in den französischen Kolonien längst abgeschafft worden sei. Und das Wort „nègre“ sei eine damals übliche Bezeichnung und keinenfalls pejorativ gewesen. Vor allem aber zeige das Bild ganz und gar nicht eine Szene, wo ein „négre“ eine vornehme Frau bediene, sondern, wie das genaue Gegenteil: Es sei gerade die Frau, die auf einem Tablett Kaffeekanne, Zuckerschale und Gebäck dem „schwarzen Mann“ bringe.  Er habe um seinen Hals eine Serviette gelegt und trage in einer Hand eine Karaffe, „“sans doute du rhum avec lequel il va arroser son café“. Die Frau sei wie eine Bedienstete gekleidet. Auch deshalb könne es sich auf gar keinen Fall um Madame du Barry handeln. Der „nègre“, habe also allen Grund, fröhlich zu sein, weil man ihm einen wunderbaren Kaffee mit Rum und Gebäck serviere.

Auch Claude Ribbe, immerhin ein engagierter Streiter für eine „farbige Erinnerungskultur und Initiator des Denkmals für den farbigen General Dumas (s.u.), sieht in dem „nègre“ einen freien und wohlhabenden Gast des Hauses, so dass es sich für ihn  um eine emanzipatorische Darstellung handelt.

Trotzdem hat im  Stadtrat von Paris eine Mehrheit  für die  Entfernung des Bildes gestimmt. Der erste Beigeordnete der Bürgermeisterin, der Sozialist Bruno Julliard, hat diesen Beschluss ausdrücklich als schlecht bezeichnet. Es sei  besser, der  Intelligenz der Bürger zu vertrauen und die Spuren der Vergangenheit zu erklären. „Ich glaube nicht, dass es die beste Pädagogik ist, diese Spuren zu beseitigen“.  In der Tat: Die Sklaverei hat ja existiert, und die Erinnerung an sie aus dem öffentlichen Raum zu verbannen, ist das beste Mittel, sie auszulöschen. Trotzdem forderte aber Juillard die sozialistische Fraktion des Stadtrates auf, dem kommunistischen Antrag zuzustimmen –  aus Angst,  wie er es ausdrückte, vor einer  eventuellen Instrumentalisierung einer Ablehnung.[19] Es ist schon bemerkenswert, welche bizarren Formen die Anpassung an eine vermeintliche „political correctness“ annehmen kann….  (19a)

In der esclavage-Ausgabe von Libération wird allerdings der schwerwiegende Vorwurf erhoben, Paris beteilige sich auch an der Feier der Sklaverei. „Paris n’echappe pas à la célébration de l’esclavage.“[20] Als Beispiel werden ein Platz und eine Statue im 16. Arrondissement angeführt „à la mémoire du maréchal Jean-Baptiste Donatien de Vimeur de Rochambeau (1725-1807), qui mata dans le sang la révolte des esclaves à Haiti. L’émissaire de Napoléon utilisait des bouldogues por traquer les mutin, comme il l’indiquait dans un courrier en 1803: ‚Vous devez leur donner des nègres à manger.‘“  Weitere Statuen Rochambeaus gäbe es in seiner Heimatstadt Vendôme und in Washington D.C., weil er an der Seite Lafayettes am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg teilgenommen habe.

Allerdings ist Libération hier Opfer ihres investigativen Übereifers geworden: Jean Baptiste Donatien de Rochambeau war tatsächlich der gefeierte Kämpfer für die amerikanische Unabhängigkeit und Sieger von Yorktown gegen die Engländer,  allerdings nicht der Sklavenschlächter: Das war sein Sohn Donatien-Marie-Joseph de Rochambeau, der 1813 in der Völkerschlacht von Leipzig tödlich verwundet wurde. [21] Ein, wie ich finde, ziemlich peinlicher Lapsus, der sich durch eine einfache Internetrecherche hätte verhindern lassen. Aber nach den Ereignissen von Charlottesville wurde das Sklaven-Thema von Libération offenbar etwas  überhastet auf die Tagesordnung gebracht.

 

Das Grabmal des Generals Gobert auf dem Friedhof  Père Lachaise

Ein Denkmal für einen Sklavenschlächter gibt es Paris allerdings in der Tat. und zwar die Reiterstatue des Generals Gobert auf dem Friedhof Père Lachaise, die in einer Zusammenstellung der zehn schönsten Grabmale des  Friedhofs sogar besonders herausgestellt wird.[22]

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In der Tat handelt es sich um ein sehr eindrucksvolles, wenn auch deutlich renovierungsbedürftiges Werk. Es zeigt, auf einem Sockel postiert,  den tödlich verwundeten General. Sein Pferd bäumt sich vor einem ziemlich wild aussehenden Angreifer auf. Das Grabmal ist ein Werk  David d’Angers‘, eines der bedeutendsten französischen Bildhauer in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.  Zu seinen Werken gehören unter anderem die Giebelfiguren des Pantheons und –aus deutscher Sicht bemerkenswert- eine große Goethebüste, die er 1828 auf einer Studienreise nach Weimar schuf. Es gibt zwei Exemplare der Büste:  Eine, die David d’Angers Goethe schenkte, steht  heute in der Weimarer Anna-Amalia- Bibliothek, die andere  im musée d’Orsay.[23] Für David d’Angers war es ein Anliegen, durch seine Arbeiten  große Männer für die Nachwelt lebendig zu erhalten. Zu ihnen gehörte für ihn offenbar auch General Gobert. Der wird von Napoleon nach Guadeloupe geschickt, um nach der Wiedereinführung der Sklaverei die Revolte der  wieder zu Sklaven gewordenen Bevölkerung niederzuschlagen. Oberkommandierender war damals der berüchtigte General Richepanse,[24]  dessen Nachfolger Gobert wurde, bevor er von Napoleon wieder nach Europa beordert wurde, wo er im Kampf gegen die -auf der Statue als unzivilisierte Barbaren dargestellten-  aufständischen Spanier ums Leben kam.[25]

Eines der seitlichen Reliefs des Grabmals bezieht sich –entsprechend der Überschrift- auf Goberts Einsatz in Guadeloupe.

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Er zeigt –nach der Legende auf dem Grabmal- wie der Generals „während eines Kampfes gegen die Schwarzen“  die von ihnen eingeschlossenen Gefangenen im letzten Moment rettete.[26] Hier ist er zu sehen, wie er mit seiner Pistole einen Gefängniswächter erschießt, der gerade im Begriff ist, das Gefängnis in Brand zu setzen. Noch eindrucksvoller, aber nicht ganz zutreffend gibt Marcel Dorigny in Libération die Szene auf dem Relief wieder. Dort werde gezeigt, wie Gobert mit einem einzigen Säbelhieb den Kopf eines Schwarzen abgeschlagen habe….

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Allerdings lässt die Darstellung des Kampfes gegen die wieder zu Sklaven gemachten Schwarzen nichts an Drastik zu wünschen übrig.

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Das Denkmal  Goberts ist allerdings unantastbar. Nicht nur aufgrund seines Schöpfers, sondern auch, weil es in prominentem Privatbesitz ist: nämlich dem  der Académie française.  Wie das kam, kann man dem linken Relief entnehmen: Hier ist nämlich der Sohn Goberts zu sehen, der in jungen Jahren nach einem Bad im Nil starb. Und der sehr verwitterte und kaum noch lesbare Text auf der Vorderseite des Denkmals enthält, wie ich der Literatur entnehme,  das Testament des jungen Gobert: Seinen  Landbesitz in der Bretagne vermachte er seinen Bauern – unter der Bedingung, dass sie ihren Kindern das Lesen und Schreiben beibringen. Und seinen sonstigen Besitz vermachte er der Académie française, was aber ebenfalls an eine Bedingung geknüpft war: Dass nämlich seinem Vater ein angemessenes Grabmal errichtet werde (26a).  Das haben  also die reich Beschenkten offenbar sehr ernst genommen und den berühmten David d’Angers mit der Aufgabe betraut. Aber vielleicht könnte das verbliebene  Erbe  auch noch für eine Erläuterung zum historischen Hintergrund genutzt werden. Die wäre hier wirklich angebracht – auch wenn sicherlich kaum einmal einer, der an dem Grabmal vorbeigeht,  das  nur etwas mühsam zugängliche Guadeloupe-Relief bemerken, geschweige denn genauer in Augenschein nehmen wird.

 

Ehrung von Menschen, die sich für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt haben

In der aktuellen französischen Diskussion über den Umgang mit Sklavenhandel und Sklaverei gibt es einen Aspekt, der immer wieder und übereinstimmend betont wird, und zwar die Notwendigkeit einer deutlicheren Würdigung der Menschen, die sich für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt haben. Dabei werden immer wieder zwei Namen genannt, an die erinnert werden sollte, nämlich Toussaint Louverture und Louis Delgrès.

Der schwarze Napoleon“  Toussaint Louverture  wurde 1794  einer der ersten farbigen Generäle  der französischen Armee und Oberkommandierender der französischen Kolonie Sainte-Domingue, dann aber  Führer der haitischen Befreiungsbewegung. 1801 schickte Napoleon ein Heer nach Santo Domingo, um die alte Ordnung wiederherzustellen. Toussaint Louverture musste kapitulieren, wurde nach Frankreich deportiert, wo er offenbar aufgrund entsprechender Haftbedingungen im Gefängnis starb. [27]

Der „Chevalier de la Liberté“ Louis Delgrès war Führer des Widerstands gegen die Wiedereinführung der Sklaverei durch Napoleon und die Truppen des Generals Richepanse.[28]

Ich habe mich also dafür interessiert, ob bzw. wie in Paris an diese beiden Männer erinnert wird:

Im 11. Arrondissement gibt es seit 2013 die rue Toussaint-Louverture, ein kleines Straßenstück zwischen dem boulevard Jules Ferry und der rue de la Folie-Méricourt. Damit sollte, wie es in dem offiziellen Beschluss heißt,  „un homme politique et figure emblématique de la Révolution haïtienne“ geehrt werden.  Ende Oktober 2017 habe ich mir die Straße angesehen, die  in neuen Stadtplänen dem Beschluss von 2013 entsprechend bezeichnet ist. Dabei stellte ich zu meinem großen Erstaunen fest, dass es dort noch immer die alten Straßenschilder (rue Rampon) gibt.  Offenbar ist da  keine Eile geboten, weil es sowieso in diesem kleinen Straßenstück keine Eingänge von Wohnungen oder Geschäften gibt-  keinen Falls ein sehr  angemessener Ort für die Würdigung einer doch angeblich so bedeutenden Persönlichkeit.  Und  in vier Jahren hätte man  doch wenigstens die Straßenschilder austauschen können!  Also ein schöner Beschluss fürs gute politische Gewissen und  für die Galerie, aber offenbar ohne Konsequenzen.[29]

Immerhin gibt es seit 2009 eine in die Wand der Krypta des Pantheons eingravierte Inschrift, die seinen Kampf für die Abschaffung der Sklaverei würdigt. Und -Nachtrag 2018: Toussaint-Louverture gehört auch zu den Persönlichkeiten, die im Rahmen einer Kooperation des Pantheons mit dem Street-Art-Künstler C 215 in der Umgebung des Pantheons porträtiert wurde.

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Das Portrait befindet sich (von Juli bis September 2018) an der Ecke zwischen der rue Cloövis und der rue Descartes im 5. Arrondissement

 

Nun weiter zu der schon seit 1996  nach Louis Delgrès benannten Straße  im 20. Arrondissement.[30]

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Im Mai 2015 wurde dort sogar, wie man  dem Internet entnehmen kann,  durch Mme George Pau-Langevin, der damaligen Ministerin für die überseeischen Gebiete Frankreichs, eine Bank (banc mémorial)  zur Erinnerung an  Delgrès aufgestellt.[31]

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In ihrer Rede bezeichnete die Ministerin Delgrès als „une des figures les plus illustres de notre République“  und sie zitierte seine  von den Idealen der Aufklärung und der Französischen  Revolution geprägte Proklamation  „à l’univers entier“.  Der Aufruf wurde am 10. Mai 1802 in Guadeloupe verbreitet, als die Truppen des Generals Richepanse anrückten.  Angesichts der feindlichen  Übermacht und der Aussichtslosigkeit eines weiteren Widerstands sprengten sich Delgrès und seine 300 Gefährten entsprechend der revolutionären Devise „Freiheit oder Tod“  (vivre libre ou mourir)  am 28. Mai 1802 in die Luft.

Als ich nach dem  Besuch der entsprechenden Internetseite mit der ministeriellen Rede und dem Foto der Bank Ende Oktober 2017 die Rue Delgrès besuchte, war ich allerdings entsetzt: Die Straße ist völlig heruntergekommen und wird eher als  Mullkippe verwendet, die Wände der anliegenden Gebäude sind  verschmiert, die Grünanlage hinter der Bank ist verschwunden, die ebenfalls verschmierte Bank lädt kaum noch zum Hinsetzen ein: Auch hier  ein trauriger Widerspruch zwischen  offiziellen Proklamationen und der Realität.

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Immerhin gibt es im Pantheon auch zur Erinnerung an Louis Delgrès eine Wandinschrift.  [32]

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Zur Erinnerung an Louis Delgrès, Held des Widerstands gegen die Wiedereinführung der Sklaverei in Guadeloupe, gestorben ohne zu kapitulieren mit 300 Kämpfern in Matouba 1802, damit die Freiheit lebt

Nach den beiden ernüchternden Erfahrungen mit den Louis Delgrès und  Toussaint-Louverture gewidmeten Pariser Straßen  ist man geneigt, sich zu fragen, ob es denn nicht auch angemessene Erinnerungsorte für die Sklaverei  und ihre Abschaffung gibt. Und die gibt es in der Tat: So das  eindrucksvolle Denkmal für General Dumas, den Vater und Großvater der Schriftsteller Alexander Dumas senior und junior.

 

Das Denkmal für General Dumas

Das 2009 eingeweihte Denkmal für den General Dumas befindet sich auf der Place du Général Catroux im 17. Arrondissement (Métro Malhesherbes). Es  besteht aus zwei bis zu fünf Meter hohen eisernen Fußfesseln, wie sie Sklaven angelegt wurden.

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Aber die Eisenfesseln sind aufgebrochen, sollen sie doch an die Befreiung der Sklaven erinnern, konkret an den General Dumas, der als Sohn eines normannischen Adligen  und dessen Sklavin  in Haiti geboren wurde. Er wurde zunächst von seinem Vater als Sklave verkauft, dann aber wieder zurückgekauft und frei gelassen.  In Paris erhält er zur Zeit des ancien régime die Ausbildung eines Adligen, er schlägt eine militärische Karriere ein und zeichnet sich in den Revolutionskriegen vielfach aus.  1793 wird er der erste farbige Divisionsgeneral der französischen Armee. 1802 allerdings verfügt Napoleon seine Entlassung aus der Armee. Farbigen Soldaten und Offizieren wird sogar untersagt, sich in Paris und Umgebung aufzuhalten. [33]

Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde ein erstes Standbild des Generals errichtet, wofür sich besonders der Schriftsteller Anatol France stark gemacht hatte. Denn:

« Le plus grand des Dumas, c’est le fils de la négresse. Il a risqué soixante fois sa vie pour la France et est mort pauvre. Une pareille existence est un chef-d’œuvre auprès duquel rien n’est à comparer ». 

Dieses Standbild wurde allerdings 1942/43 von dem französischen Kollaborationsregime eingeschmolzen, um den Anforderungen der deutschen Besatzungsmacht zu entsprechen. Um das geforderte Metall zu liefern, suchten sich die Vichy-Leute natürlich bevorzugt solche Denkmäler aus, die ihnen sowieso nicht in ihre Ideologie passten- also das Denkmal eines Farbigen wie Dumas oder eines Demokraten wie Baudin  im Faubourg-Saint-Antoine.[34]

Der Ort,  wo das Denkmal steht, hatte übrigens lange den Beinamen „Platz der drei Dumas“, weil dort auch Denkmale für den Sohn und den Enkel des  Generals stehen: die Schriftsteller Alexandre Dumas (Vater), den Autor von „Die drei Musketiere“  und  „Der Graf von Montechristo“  und Alexandre Dumas (Sohn), der Autor der „Kameliendame“. (34a)

An jedem 10. Main, dem nationalen „Tag der Erinnerung an den Sklavenhandel, die Sklaverei und ihrer Abschaffung“, findet nachmittags am Denkmal für den General Dumas eine Veranstaltung der „Freunde des Generals Dumas“ und der Stadt Paris  statt – gewissermaßen das -öffentliche- Gegenstück zu der präsidialen Feier am Vormittag im Jardin du Luxembourg, zu der nur eingeladene Gäste Zutritt haben.

 

Victor Schoelcher auf dem Père Lachaise und im Pantheon

Wenn es um die Erinnerung an diejenigen geht, die sich für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt haben, darf natürlich der aus Fessenheim im Elsass stammende Victor Schoelcher nicht fehlen. Immerhin war er der Initiator des „décret d’abolition de l’esclavage du 27 avril 1848“, also des Dekrets zur (endgültigen) Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien.

Im Mémorial de l’abolition de l’esclavage von Nantes werden die berühmten Worte Schoelchers aus seinem 1842 erschienenen Buch über die französischen Kolonien zitiert:

„Si comme le disent les colons on ne peut cultiver les Antilles qu’avec des esclaves, il faut renoncer aux Antilles. – La raison d’utilité de la servitude pour la conservation des colonies est de la politique de brigands. – Une chose criminelle ne doit pas être nécessaire. – Périssent les colonies plutôt qu’un principe.“ [35]

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Wenn es wirklich zutreffe, dass man die Antillen nur mit Hilfe von Sklaven bewirtschaften könne, wie die Plantagenbesitzer behaupteten, dann müsse man eben auf die Antillen verzichten. Nützlichkeit oder Notwendigkeit rechtfertigten nicht ein kriminelles Verhalten. Eher sollten die Kolonien untergehen als ein Prinzip. Und konkret angesprochen waren damit die Ideale von Freiheit und Gleichheit der Französischen Revolution, die Schoelcher beim Wort nahm….  

Victor Schoelcher wurde an der Seite seines Vaters auf dem Friedhof Père Lachaise bestattet. (50. Division)[36]

Eine etwas zwiespältige Ehre wurde Victor Schoelcher zuteil, indem sein Name in die Westfassade des zur Kolonialausstellung 1931 errichteten Palais de la Porte Dorée eingraviert wurde.  Hier hat das „dankbare Frankreich“ die Namen derer versammelt, die das Kolonialreich ausgeweitet und dazu beigetragen haben, dass der Name Frankreichs in Übersee geliebt werde….  Schoelcher befindet sich da in der zweifelhaften Gesellschaft von Eroberern und kolonialen Profiteuren.  Diese Ehrentafel ist denn auch gewissermaßen ein Gegenentwurf zum republikanischen Pantheon, in dem „die großen Männer“  geehrt werden, die sich um die Werte der Französischen Revolution verdient gemacht haben. (36a)
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1948, 100 Jahre nach Abschaffung der Sklaverei, wurde immerhin beschlossen, Victor Schoelcher zu „pantheonisieren“, also seine sterblichen Überreste zu den großen, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit repräsentierrenden  Männern (und Frauen)  Frankreichs zu überführen. Dies geschah am 20. Mai 1949, zusammen mit seinem Vater, von dem er nie getrennt sein wollte, und zusammen mit dem  schwarzen Kolonialpolitiker Félix Éboué. Dies war der erste Schwarze, der, sicherlich ganz im Sinne Schoelchers, auf diese  Weise geehrt wurde.

 

Das  hôtel de la marine: ein zukünftiges Museum der Sklaverei?

Der  Beschluss des Pariser Stadtrats, das umstrittene Firmenschild an der place de la contescarpe mit dem „nègre joyeux“ zu entfernen, beinhaltete auch die Aufforderung, in Paris ein Museum der Sklaverei, des Sklavenhandels und deren Abschaffung zu errichten. Warum in Paris? Die Cran, die Vereinigung der „associations noires“, weist darauf hin, dass Paris das Zentrum des französischen Geschäfts mit der Sklaverei  gewesen sei. Die Lobby der karibischen Farmer habe ihren Sitz in Paris gehabt, drei Viertel der Gründer der Banque de France hätten mit der Sklaverei Geld verdient. Und selbstverständlich war Paris der Ort, wo der code noir entstand und wo die Verwaltung der Kolonien angesiedelt war.[37]

Als möglicher Platz für ein solches Museum ist das repräsentative  hôtel de la marine (bzw. ein Teil davon) an der place de la Concorde im Gespräch. Und das nicht von ungefähr: Das hôtel de la marine war nämlich Sitz der Kolonialverwaltung, die für die Sklaverei, den Sklavenhandel und die entsprechenden Häfen zuständig war. Dort wurde auch die Auszahlung der Kopfprämien organisiert, die der Staat für die Deportation von Afrikanern in die französischen Antillen festgesetzt hatte. Und nicht zuletzt: Dort wurde  1848 das Dekret zur Abschaffung der Sklaverei unterzeichnet. [38]

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Rechts ein Teil des noch verhüllten hôtel de la marine, das gerade renoviert wird.        Leider gibt es nicht -wie bei anderen Baustellen- eine Informationstafel,  der man entnehmen kann, wie das Gebäude einmal genutzt werden soll.

Für das hôtel de la marine spricht auch, dass derzeit seine neue Verwendung intensiv verhandelt wird, nachdem die dort ansässigen militärischen Nutzer in das neugebaute „französische Pentagon“ umgezogen sind.  Zunächst (2010)  hatte der damalige Präsident Sarkozy geplant, das Gebäude  privaten Investoren zu überlassen, dann aber aufgrund massiver öffentlicher Proteste einen  Rückzieher gemacht. Schon damals hatte übrigens eine Gruppe von Historikern und anderen Wissenschaftler in einem öffentlichen Aufruf in Le Monde gefordert, das hôtel de la marine als nationales Erbe zu bewahren und dort ein „musée de l’esclavage, de la colonisation et de l’outre-mer (MECOM) zu installieren und auf diese Weise  „faire entrer le passé colonial dans l’esprit de nos contemporains“.[39]

Jetzt ist das Centre des monuments nationaux mit der Konzeption einer zukünftigen Nutzung betraut, und ein großer Teil des Gebäudes soll auf jeden Fall für die Öffentlichkeit zugänglich sein. [40]  Die Keimzelle einer 2016 von Francois Hollande angeregten  Fondation pour la mémoire de l’esclavage  hat dort übrigens schon ihren Sitz.[41]  Weiter gehenden Museumsplänen muss allerdings auch die Regierung bzw. das zuständige Kulturministerium seinen Segen (und Geld) geben, aber dort hält man  sich offenbar noch vornehm zurück – es gibt ja wohl auch schon genug andere und noch größere „Baustellen“ für die neue Administration. Auch wenn „Volkes Stimme“ massiv Stimmung gegen das Museumsprojekt macht, wie man den sozialen Medien entnehmen kann: Ich würde mich freuen, wenn ein MECOM im hôtel de la marine entstünde. Und dann gäbe es sicherlich auch einen entsprechenden neuen Beitrag auf diesem  Blog.

 

Den Abschluss dieses Textes soll aber ein kurzer Bericht über eine Veranstaltung sein, die zeigt, wie sehr die Sklaverei und ihre Abschaffung noch im Bewusstsein von Menschen mit „Mitgrationshintergrund“- und vielleicht ja auch mit einer von der Sklaverei geprägten Familiengeschichte präsent sind.

 

Ein Umzug zur Erinnerung an die Abschaffung der Sklaverei

Im Mai 2016 stieß ich zufällig im 12. Arrondissement auf einen laustarken Umzug von auffällig weiß und schwarz kostümierten Schwarzen. Ich war zunächst etwas überrascht und ratlos. Eine Demonstration von Schwarzen? Und die Polizei ist kaum vertreten? Auch nicht in dem sonst demonstrations-üblichen martialischen Outfit?  Und sie macht den Demonstranten sogar den Weg frei?  Ich erfuhr dann von einem freundlichen Gendarmen, dass  es sich um einen harmlosen und friedlichen Umzug handele, mit dem an die Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1848 erinnert werden sollte.

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Dies wird ja auch durch die z.T. mit Ketten und der Jahreszahl 1848 bemalten Gewändern zum Ausdruck gebracht. Auf dem schwarzen Gewand eines Umzugsteilnehmers kann man übrigens den Namen „Solitude“ erkennen. Solitude war die Tochter einer afrikanischen Sklavin, die während der Deportation auf die Antillen von einem weißen Matrosen vergewaltigt wurde. An der Seite von Louis Delgrès kämpfte Solitude gegen die Wiedereinführung der Sklaverei. Im Mai 1802 wurde sie, schwanger, von den napoleonischen Truppen gefangen genommen und 6 Monate später, einen Tag nach ihrer Entbindung, gehängt. Den Willen und/oder Mut, neben  Schoelcher und Éboué auch sie ins Pantheon aufzunehmen, hat allerdings bisher noch kein französischer Präsident gehabt.

 

Nachtrag zum 27. April 2018, dem 170. Jahrestag der Abschaffung der Sklaverei

Am 27. April 2018 wurde in Frankreich vielfach an den  170. Jahrestag der Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien erinnert. Präsident Macron legte im Pantheon Blumen am Grab Victor Schoelchers nieder.

Und Arte produzierte aus diesem Anlass einen vierteiligen Film: „Les Routes de l’esclavage. Histoire des traites africaines, VIe-XXe siècle“. (Albin Michel/Arte Editions, 19,50€ und als Film: Arte, 2 DVD)

Im „Figaro“ wurden am 27. April in der Rubrik „entre guillemets“ („in Anführungsstrichen“)  diese Worte  Victor Schoelchers zitiert:

Disons-nous et disons à nos enfants que tant qu’il restera un esclave sur la surface de la Terre, l’asservissement de cet homme est une injure permanente faite à la race humaine tout entiere“ (Le Figaro, 27.4.2018, S. 19)

Catherine Coquery-Vidrovitch wies am 5. Mai 2018 in einem Beitrag für Le Monde darauf hin, dass es auch nach dem Verbot der Sklaverei von 1848 in Frankreich auch danach noch Formen der Sklaverei in der verschleierten Form  der Zwangsarbeit gab. Noch Ende des 19. Jahrhunderts hätten Briten und Franzosen mit leseunkundigen Schwarafrikanern Verträge geschlossen, die sie verpflichteten, drei Jahre lang in ehemaligen „colonies esclavagistes“ zu arbeiten und ihre Rückfahrt nach Afrika selbst zu bezahlen. Da das praktisch unmöglich gewesen sei, hätten die meisten nicht in ihre Heimat zurückkehren können.

Am 27. April 2018 sendete France 2 in seinen 8-Uhr-Nachrichten einen Beitrag über Sklaverei im Frankreich unserer Tage aus und dabei nicht nur erschreckende Zahlen/Schätzungen genannt, sondern auch zwei Beispiele: Eine Frau, die -systematisch entrechtet und gedemütigt- jahrelang ohne Kontakt zur Außenwelt als Haushaltssklavin gehalten wurde,  und ein junger Mann aus Ägypten, der einem „passeur“ 5000 Euro bezahlt hatte, um nach Frankreich zu kommen. Dort wurden ihm die Papiere weggenommen und er musste mehrere Monate unter unsäglichen Bedingungen sieben Tage die Woche als Illegaler auf einem Bau arbeiten, bis eine Hilfsorganisation auf ihn aufmerksam wurde.

Einen Überblick über aktuelle Formen der Sklaverei und des Menschenhandels mit zahlreichen Literaturhinweisen bietet das Buch von Lothar Franz: Sklaverei und moderner Menschenhandel- Schrei nach Freiheit und Gerechtigkeit. Stuttgart 2017, auf das mich Leser dieses Blogs aufmerksam gemacht haben.

Die von Schoelcher gebrandmarkte „Beleidigung der menschlichen Rasse“ durch auch nur einen einzigen Sklaven auf dieser Erde gibt es also nach wie vor, und zwar gewissermaßen vor unserer Haustüre…

Thematisch verwandte Blogbeiträge:

 

 

  • Die Kolonialausstellung von 1931 (Teil 2): Der „menschliche Zoo“ im Jardin d’acclimatation und der Tausch von „teutonischen Krokodilen“ und          „Menschenfressern“  zwischen Paris und Frankfurt   https://wordpress.com/post/paris-blog.org/6678

Anmerkungen:

[1] http://www.faz.net/aktuell/politik/trumps-praesidentschaft/donald-trumps-tiefpunkt-nach-gewalt-in-charlottesville-15153396.html

[2] http//memorial.nantes.fr/

[3] Libération, 23. August 2017

[4] http://la1ere.francetvinfo.fr/2015/04/17/bordeaux-beaucoup-plus-vecu-de-l-esclavage-que-tous-les-autres-ports-selon-le-directeur-du-musee-d-aquitaine-248443.html 

[5]https://www.google.de/search?q=Francce+jour+de+l%27abolition+de+l%27esclavage&oq=Francce+jour+de+l%27abolition+de+l%27esclavage&aqs=chrome..69i57.13110j0j8&sourceid=chrome&ie=UTF-

[6] http://www.lemonde.fr/societe/article/2006/01/30/jacques-chirac-fixe-au-10-mai-le-jour-souvenir-de-l-esclavage_735825_3224.html#iDm3PbKTR0xV8i7V.99

(6a) http://www.esclavage-memoire.com/lieux-de-memoire/le-cri-l-ecrit-sculpture-33.html

http://titeparisienne.over-blog.net/article-jardin-du-luxembourg-108698647.html

Böse Zungen lesen aus der Skulptur -von oben nach unten-  übrigens das wenig schmeichelhafte Wort „con“….

[7] http://www.lefigaro.fr/flash-actu/2017/05/23/97001-20170523FILWWW00250-premiere-commemoration-des-victimes-de-l-esclavage.php

[8] Éditorial mit dem Titel „Mémoire“ von Laurent Joffrin in Libération vom 23. August 2017

[9] http://www.liberation.fr/debats/2017/08/28/vos-heros-sont-parfois-nos-bourreaux_1592510

Diesem Artikel ist auch das Bild der Statue  Colberts vor dem Gebäude der Assemblée Nationale entnommen.  Teilweise identisch dann auch die Petition, die Le Monde am 19. September 2017 veröffentlichte: Louis-Georges Tin und Louis Sala-Molins u.a., Enlevons le nom de Colbert aux écoles.

[10] Le Monde 19.9. 2017. Am gleichen Tag  gab es in den 20-Uhr-Nachrichten des öffentlichen Fernsehsenders TV 2 eine kleine Sequenz zum Thema: Faut-il bannir Colbert? Dort kam Louis-Georges Tin zu Wort, aber auch der Philosoph Pascal Bruckner, der eine Gegenposition vertrat.

[11] Zur Diskussion siehe z.B. https://www.marianne.net/politique/de-charlottesville-colbert-faut-il-deboulonner-tous-les-personnages-historiques-qui

Sehr empfehlswert die Debattenbeiträge in Humanité vom 3. Oktober 2017  https://www.humanite.fr/travail-de-memoire-et-histoire-faut-il-debaptiser-les-lieux-publics-colbert-642923

(11a) siehe Benoît Hopquin, L’histoire en noir et blanc. Le Monde 24./25. September 2017, S. 31

[12]  Zu den verschiedenen Phasen der Abschaffung von Sklavenhandel und Sklaverei siehe: Catherine Coquery-Vidrovitch in: Le Monde 5. Mai 2018  und dieselbe: Les Routes de l’esclavage.. Histoire des traites africaines, VIe-XXe siècle. Paris 2018

https://de.wikipedia.org/wiki/Code_Noir et  https://fr.wikipedia.org/wiki/Code_noir

[13] Zitiert von Libération, 23. August 2017, S. 4

http://www.rfi.fr/afrique/20130410-karfa-diallo-senegalais-vin-bureaux-esclavage-traite-esclaves-france-afrique-commerce-triangulaire

(13a) Hopquin a.a.O. siehe Anm. 11a. Hopquin verweist in seiner Stellungnahme übrigens auch auf sein 2009 erschienenes Buch „Les Noirs qui on fait la France“, in dem er die Portraits von solchen schwarzen „héros“ gezeichnet hat, die „pourraient utilement nourrir nos panthéons universels“.

[14] siehe den entsprechenden Blog-Beitrag: Das Palais de la Porte Doree und die Kolonialausstellung von 1931

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/6242

[15] Immerhin hatten nach den Worten von Jules Ferry die  „races supérieures“  die Aufgabe, „de civiliser les races inférieures“. http://tempsreel.nouvelobs.com/histoire/20170918.OBS4786/colbert-mitterrand-saint-louis-qui-faut-il-deboulonner-a-vous-de-juger.html

[16] http://breves-histoire.fr/au-planteur-rue-petits-carreaux/

[17]    Marcel Dorigny in Libération vom 23. August 2017, S. 5

[18]  http://www.lefigaro.fr/flash-actu/2017/09/25/97001-20170925FILWWW00348-l-enseigne-le-negre-joyeux-rappel-de-l-esclavage-va-quitter-le-ve-a-paris.phphttp://www.liberation.fr/debats/2017/10/09/cachez-cette-enseigne-que-je-ne-saurais-voir_1601887https://fr.wikipedia.org/wiki/Au_N%C3%A8gre_joyeux

http://www.actupolitique.info/paris-lenseigne-au-negre-joyeux-va-etre-retiree/

(18a)  „Au négre joyeux“ n’est pas une enseigne raciste.  21. November 2017

http://www.latribunedelart.com/, au-negre-joyeux-n-est-pas-une-enseigne-raciste

[19] http://www.lefigaro.fr/flash-actu/2017/09/25/97001-20170925FILWWW00348-l-enseigne-le-negre-joyeux-rappel-de-l-esclavage-va-quitter-le-ve-a-paris.php 

http://www.liberation.fr/debats/2017/10/09/cachez-cette-enseigne-que-je-ne-saurais-voir_1601887

(19 a) In Frankfurt am Main gibt es derzeit (März 2018) eine ähnliche Auseinandersetzung. Da gibt es  eine Mohrenapotheke und in der Großen Friedberger Straße 8 ein Haus mit der traditionellen Bezeichnung „zum Mohren“, Sitz der „Zeil-Apotheke zum Mohren“. Nach Auffassung der Kommunalen Ausländervertretung der Stadt sollen  aber diese von ihr als rassistisch empfundenen Bezeichnungen „aus dem Stadtbild verschwinden.“ Das würde bedeuten, dass der in die Fassade eingemeißelte Name des unter Denkmalschutz stehenden Hauses beseitigt werden müsste. Ein CDU-Abgeordneter des Stadtparlaments hatte  allerdings gewagt darauf  hinzuweisen, dass der Name „Mohr“ abgeleitet sei von dem Wort „Maure“. Und der „sei in traditionellen Apothekennamen häufig zu finden, weil das pharmazeutische Wissen des Morgenlandes dem des Abendlandes jahrhundertelang überlegen gewesen 8:::). Die Apotheker hätten mit der Bezeichnung und entsprechenden Darstellungen für die Fortschrittlichkeit und Hochwertigkeit ihrer Produkte geworben. ‚Mohr‘ sei deshalb nicht abwertend, sondern anerkennend zu verstehen.“ Für die Hüter der political correctness sind solche Feststellungen aber eher Ausdruck mangelnder Sensibilität, wenn nicht gar eines (mehr oder weniger ausgeprägten) Rassismus. Also soll, wie die FAZ einen Beitrag über diese Auseinandersetzung überschrieb, der Mohr gehen.  (FAZ, 1.3.2018 Seite 35)  Das Frankfurter Stadtparlament hat über dieses Thema heftig debattiert, aber immerhin darauf verzichtet, Namensänderungen vorzuschreiben.  Unter der Überschrift „Die Mohren-Apotheke gehört zu Frankfurt“ kommentierte in der FAZ Werner d’Inka, immerhin ein Herausgeber der Zeitung,  am 4.3.2018:  „Darf eine Pharmazie „Mohren-Apotheke“ heißen? Darüber wird in Frankfurt gestritten. Der sprachhygienische Furor ist lehrreich. Denn er zeigt, wie man Zeitgenossen, denen Rassismus fern ist, in die Arme der AfD treibt.“  Wo er Recht hat, hat er Recht.

[20] Libération, 23. August, S. 4

[21] https://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Baptiste-Donatien_de_Vimeur,_comte_de_Rochambeau  und

https://fr.wikipedia.org/wiki/Donatien-Marie-Joseph_de_Rochambeau

[22] https://voyages.michelin.fr/europe/france/ile-de-france/ville-de-paris/paris/reportage/balade-entre-les-tombes-les-10-plus

[23] https://de.wikipedia.org/wiki/Pierre_Jean_David_d%E2%80%99Angers

Bild der Goethe-Büste aus der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar bei Wikimedia.org

http://www.musee-orsay.fr/fr/collections/oeuvres-commentees/recherche/commentaire_id/johann-wolfgang-von-goethe-162.html?no_cache=1

[24] Bis 2002 gab es in Paris noch eine nach Richepanse benannte Straße, die dann allerdings auf Initiative des damaligen Pariser Bürgermeisters Delanoë umbenannt wurde und seitdem den Namen des Chevaliers de Saint-Georges trägt: Saint-Georges war der illegitime Sohn eines französischen Adligen und einer Sklavin aus Guadeloupe. In Paris sorgte er für Aufsehen als Geigenvirtuose, Komponist, Dirigent, Fechter und während der Revolution als Kommandeur der Légion Saint-George, einem aus Schwarzen bestehenden Regiment – also eine echte Alternative zu dem früheren Namensgeber der Straße.

https://fr.wikipedia.org/wiki/Rue_du_Chevalier-de-Saint-George

https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Bologne,_Chevalier_de_Saint-Georges

[25] https://fr.wikipedia.org/wiki/Jacques_Nicolas_Gobert

Zum Grabmal Goberts  gibt es ein Kapitel in dem  neu erschienenen Büchlein  von Jean Tardy und Charles Dolbakian mit dem  bemerkenswerten  Titel:   Proménades napoléoniennes au Père Lachaise. Paris 2017

[26] „Pendant un combat contre les noirs le général Gobert apprenant qu’ils avaient enfermé leurs prisonniers dans une maison minée y courut et tua le gardien qui en approchait déjà une mèche enflammée.“

(26a) Eine Erläuterung zu diesem Relief gibt es im Buch von Tardy und Dolbakian.  (siehe Anmerkung 25)

[27] https://de.wikipedia.org/wiki/Toussaint_Louverture.

Toussaint Louverture spielt auch eine wichtige Rolle in den „Karibischen Geschichten“ von Anna Seghers. Berlin und Weimar 1965

[28] https://fr.wikipedia.org/wiki/Louis_Delgr%C3%A8s

[29] http://www.parisrues.com/rues11/paris-11-rue-toussaint-louverture.html .             (Hier gibt es zwar die Information zur Umbenennung des Straßenstücks, auf der beigefügten Karte ist aber ebenfalls noch der alte Straßenname –rue Rampon- eingezeichnet). Eingesehen am 24.10.2017

http://a06.apps.paris.fr/a06/jsp/site/plugins/odjcp/DoDownload.jsp?id_entite=27282&id_type_entite=6

[30] http://www.parisrues.com/rues20/paris-20-rue-louis-delgres.html

[31] http://www.esclavage-memoire.com/evenements/hommage-aux-esclaves-banc-memorial-a-louis-delgres-a-paris-118.html  

[32] Info über Louis Delgrès und Bild aus: http://la1ere.francetvinfo.fr/guadeloupe/jour-delgres-ses-camarades-ont-choisi-mort-au-retablissement-esclavage-477997.html

[33]   https://fr.wikipedia.org/wiki/Place_du_G%C3%A9n%C3%A9ral-Catroux#Acc.C3.A8s            Dieser Website ist auch das Bild entnommen.

https://fr.wikipedia.org/wiki/Thomas_Alexandre_Dumas

http://www.esclavage-memoire.com/lieux-de-memoire/monument-a-la-memoire-du-general-dumasparis-93.html

und grundlegend: Claude Ribbe, Le Diable noir: Biographie du général Alexandre Dumas, père de l’écrivain. 2008

[34] siehe den Blog-Beitrag über den Faubourg-Saint- Antoine, das Viertel der Revolutionäre. (April 2016)

(34a) Das Denkmal wird übrigens ganz offensichtlich gerne als Picknick-Platz genutzt. Entsprechend sah der Boden darum herum aus. Ich musste mich erst einmal als Müllsammler betätigen, um nach dem Foto von der Delgrès-Bank ein weiteres peinliches Foto zu vermeiden.

[35] http://lvhpog.e-monsite.com/medias/files/schoelcher-1842.pdf

[36] https://www.tombes-sepultures.com/crbst_1810.html

(36a) siehe den Blog-Text: Das Palais de la Porte Dorée und die Kolonialausstellung von 1931

https://de.wikipedia.org/wiki/Victor_Sch%C5%93lcher

Bei den beiden im oberen Teil des Denkmals abgebildeten Personen handelt es sich um Marc Schoelcher,  den Vater Victors, und einen Gesellen, also nicht um Vater und Sohn.

[37] http://www.liberation.fr/france/2017/09/29/esclavage-a-paris-le-retrait-d-une-enseigne-relance-le-projet-de-musee_1599770  

[38] http://www.une-autre-histoire.org/lhotel-de-la-marine

[39]  http://www.lemonde.fr/idees/article/2011/01/18/faire-de-l-hotel-de-la-marine-un-musee-de-l-esclavage_1467179_3232.html#Bosbm4tUHX8MyoXp.99

[40] https://fr.wikipedia.org/wiki/H%C3%B4tel_de_la_Marine

[41] http://outremers360.com/societe/commemoration-abolition-esclavage-2017-jean-marc-ayrault-conduira-la-mission-chargee-de-creer-la-fondation-sur-la-memoire-de-lesclavage/ 

 

Weitere geplante Beiträge:

  • open your eyes! Street-Art in Paris (1) 
  • Street-Art in Paris (2): Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • Street-Art in Paris (3): Der Invader
  • Auf dem Weg nach Paris: Die Mühle von Valmy, ein Fanal der Französischen Revolution
  • Little India: das indische Viertel in Paris

 

Hochwasser in Paris (2016 und 2018)

 

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Le  Monde, 4. Juni 2016

An vielen Orten in Frankreich, vor allem aber auch in Deutschland, hatte das Hochwasser katastrophale Ausmaße und Folgen. In Paris ist das- soweit man das bisher weiß- nicht so.

Natürlich führt das Hochwasser zu manchen Beeinträchtigungen:  Die Schiffsrundfahrten auf der Seine sind eingestellt, weil selbst die niedrigen bateaux mouches nicht mehr die Brücken passieren können.

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 Metro-Stationen und eine Linie der Vorort-Bahn RER sind gesperrt. Die  läuft in Paris parallel der Seine und das Gleisbett liegt mehrere Meter unter dem Hochwasser-Spiegel des Flusses. Zwar liegen zwischen Fluss  und Bahn mehrere Meter und eine dicke Wand, aber durch die rieselt und tröpfelt es überall. Auch wenn das Wasser ständig abgepumpt wird, ist das Risiko für einen Betrieb der Bahn offensichtlich zu groß. Das betrifft leider gerade die RER-Linie C nach Versailles. Da wurde also nichts aus den  grands eaux im Park von  Versailles, die Freunde aus Deutschland unbedingt sehen wollten. Dafür gab es eben die grands eaux in Paris.

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Und zusätzliche Beeinträchtigungen des öffentlichen Nahverkehrs gab es durch ein mouvement social, die Streikbewegung eines Teils der Gewerkschaften gegen die von der Regierung geplante Reform des loi de travail, des Arbeitsgesetzes.

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Natürlich stehen die Fußgängerzonen auf den Tiefkais der Seine  rive gauche unter Wasser, ebenso. die Voie Pompidou, die Autostraße auf der nördlichen Seine-Seite. Aber die ist am Wochenende sowieso  für den Autoverkehr gesperrt, und die Bürgermeisterin von Paris hat angekündigt,  dass  diese Sperrung generalisiert werden  soll.

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Dazu waren das Louvre und das Musée d’Orsay zeitweise geschlossen, weil dort die in den Kellern gelagerten  Bestände und zum Teil auch die Ausstellungsstücke im Erdgeschoss  in Sicherheit gebracht werden mussten. Und dann gibt es auch ganz unerwartete Probleme, selbst da, wo man sie am wenigsten  erwartet hätte: Die ja nun wirklich nicht vom Hochwasser bedrohten Türme von Notre Dame waren zeitweise nicht mehr zugänglich, weil die Sromversorgung nicht mehr funktionierte.

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Aber das alles ist zu verschmerzen. Zumal  das Hochwasser an der Seine  eine außerordentliche Touristen-Attraktion ist. So hoch wie jetzt stand das Wasser der Seine seit 1982 nicht mehr.

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Auf den Brücken an an den Rändern der Seine drängeln sich die Zuschauer und Fotografen. Interessante Motive gibt es ja mehr als genug.

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Ein geradezu obligatorisches Hochwasser-Fotomotiv ist die Statue des Soldaten am Pont de l’Alma, der jede Menge von Schaulustigen anzieht.

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Es handelt sich um ein „Überbleibsel“ der ersten Alma-Brücke, die Mitte  des 19. Jahrhunderts gebaut wurde. Diese Brücke hatte zwei Pfeiler, die mit insgesamt vier Statuen verziert waren. Sie repräsentierten vier Regimenter der französischen Armee, die 1854 am Krim-Krieg teilnahmen: Ein Artillerist, ein Zuave,  ein Jäger und ein Grenadier. Als die Brücke in den 1970-er Jahren durch eine neue ersetzt wurde,  blieb nur das Standbild des Zuaven am alten  Platz.

Zuaven  waren eingeborene Söldner,  die von den Franzosen ab 1830 angeworben wurden, um an der Eroberung Algeriens teilzunehmen. Im Krim-Krieg wurden auch Zuaven-Verbände eingesetzt, die sich in mehreren Kämpfen, so auch in der Schlacht an der Alma, auszeichneten. Insofern  ist zu erklären, dass die Zuaven-Statue ihren Platz an der Alma-Brücke behalten hat. Inzwischen ist sie nicht nur ein prominenter Hochwasserindikator, sondern ist sogar Teil der französischen Kultur: In Chansons, Romanen und in den Abenteuern von Tim und Struppi hat er der Zuave seinen Platz.  (1)

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Das Bild wurde am 5. Juni  2016  nachmittags aufgenommen- das war das Hochwasser schon deutlich zurückgegangen und dem Zuaven stand das Wasser nicht mehr „bis zum Hals“, aber immerhin noch bis über die Knie – und das heißt, dass die berges de la Seine, die Tiefkais, nicht mehr zugänglich sind. (Im Hintergrund kann man übrigens bei genauem Hinsehn die goldene Kuppel der gerade im Bau  befindlichen russisch-orthodoxen Kathedrale am Quai Branly erkennen.)

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Anfang Februar 2018 erhielt der Zuave anlässlich eines erneute Seine-Hochwassers eine Rettungsweste, um auf die Folgen und Gefahren des Klimawandels aufmerksam zu machen. Das Wasser stand da ähnlich hoch wie schon 2016. (2)

Zum Vergleich: Bei  normalem Wasserstand hat der Zuave trockene Füße….

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Und so  präsentiert er sich den Bootsfahrern:

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Bis über den Hals steht dem braven Zuaven Hollande allerdings das Wasser der Steikbewegung in Frankreich – und das auch noch eine Woche vor dem Beginn der Fußball-Europameisterschaften:

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Karikatur von Plantu in der Ausgabe von Le Monde vom 7.6.2016

Aber es gibt auch Möglichkeiten,  dem Hochwasser  positive Seiten abzugewinnen:

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Opfer gab es -soweit man bisher weiß- in Paris nicht. Aber es ist -nach Überzeugung der Umweltministerin Ségolène Royal- nicht ausgeschlossen, dass man noch Opfer entdecken wird. Immerhin gibt es sehr viele Obdachlose (SDF) und Flüchtlinge, die auf den  Seinekais ihre Zelte aufgeschlagen haben oder in Verschlägen hausen. Da ist es gut möglich, dass einige von der schnell ansteigenden Flut überrascht wurden – zumal das Ausmaß des Hochwassers und seine Dynamik von den Experten eher unterschätzt wurden.

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Aber größere Schäden  blieben bei dieser Flut (toi,toi,toi!) aus. Und bei 6,10 Metern Höchststand des Wassers kann man zwar ein außergewöhnliches Naturschauspiel erleben, ohne aber selbst nasse Füße zu bekommen. 1955 stand das Wasser der Seine noch einen Meter höher, 1910 bei dem „Jahrhunderthochwasser“ sogar zweieinhalb Meter höher. Da erreichte es genau 8,62 Meter, so dass große Teile von Paris unter Wasser standen und natürlich auch ein großer Teil der Metro-Schächte. An der  Markierung auf der Ile St. Louis kann man sich eine Vorstellung  vom Ausmaß der damaligen Katastrophe machen. Jetzt konnte ich an dieser Stelle aus sicherer Höhe den Strudel auf dem überschwemmten Kai fotografieren…

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Eine sehr anschauliche Übersicht über die Hochwasserstände der Seine findet sich übrigens am Porte de plaisance de l’Arsenal, kurz bevor es über die Schleuse zur Seine geht.

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Die Markierung ganz oben bezeichnet das Jahrhunderthochwasser von 1910. Für die Hochwasser von 2016 und 2018 gibt es noch keine Markierungen – sie würden sich ziemlich weit unten befinden- zwischen den beiden unteren Markierungen…  Also gerade im historischen Vergleich kein dramatisches Ereignis. Umso besser.

Außergewöhnlich war allerdings, wie lange es 2018 gedauert hat, bis nach dem Höhepunkt des Pegelstandes Ende Januar  wieder ein Normalzustand hergestellt war. Wochenlang waren die beiden Tiefkais der Seine gesperrt und an Seine-Rundfahrten war nicht zu denken. Also vielleicht tatsächlich ein bedenklicher Vorbote dessen, was Paris bei dem weiteren Klimawandel erwartet.

Die nachfolgenden Fotos wurden Ende Februar 2018 aufgenommen. Auf den berges de la Seine, wo  jetzt immer noch das Wasser steht, kann man sonst laufen, Rad fahren oder  sich in die Sonne legen….

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Die Möwen haben es allerdings gut bei dem Hochwasser und die Kormorane offsichtlich auch: Sonst haben wir die im Stadtgebiet von Paris noch nie gesehen. Aber in den seichten Überschwemmungszonen ist ihre Jagd besonders vielversprechend.

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Zufrieden  sind auch die Angler. Auch sie haben es auf die Fische in den Überschwemmungszogen abgesehen. Allerdings sind sie gegenüber den Kormoranen im Nachteil, denn bei dem kalten Wetter beißen die Fische eher selten an. Den  alten Herrn störte das allerdings nicht.  Er verbringe  hier einen schönen ruhigen Nachmittag und da sei er zufrieden, auch wenn er keinen Fisch zum Abendessen mitbringe…

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Anmerkungen

(1) Zur Bedeutung und Geschichte des Zuaven:

http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2016/06/03/01016-20160603ARTFIG00112-qui-est-vraiment-le-zouave-du-pont-de-l-alma.php

Dieser Artikel des Figaro wurde im Januar 2018 anlässlich des erneuten Seine-Hochwassers  noch einmal in aktualisierter Form ins Netz gestellt

(2)  http://www.lemonde.fr/climat/article/2018/01/25/inondations-pas-de-repit-la-seine-de-plus-en-plus-haute-a-paris_5246640_1652612.html

http://www.liberation.fr/depeches/2018/02/04/rechauffement-climatique-un-gilet-de-sauvetage-pour-le-zouave-de-la-seine_1627311