Rue de la Femme sans Teste oder die Angst der Männer vor starken Frauen. Von Ulrich Schläger

Wo auf der Île Saint-Louis die Rue Le Regrattier auf den Quai Boubon trifft, steht auf einem Sockel des Eckhauses der Torso einer Statue, von der nur noch die Beine mit Resten eines Gewandes vorhanden sind.

Unterhalb des Sockels ist in den Eckstein der ehemalige Straßenname eingemeißelt: „Rue de la Femme sans Teste“, „Straße der Frau ohne Kopf“. („Teste“ ist das altfranzösische Wort für „Tête“.)

Die meisten von uns würden den naheliegen Schluss ziehen, dass sich der alte Straßenname auf die kopflose Skulptur bezieht. Tatsächlich verhält es sich ganz anders.

Auf dem Sockel hatte Nicolas de Jassaud, Besitzer eines Nachbargebäudes am Quai, 1666 keine Frauenfigur, sondern Saint Nicolas stellen lassen. Es war sein Namenspatron und Schutzheiliger der Bruderschaft der Seeleute und Schiffer, der er angehörte.

Die Heiligenfigur wurde 1793 von Pierre-André Coffinhal-Dubail (1762-1794), bekannt als Jean-Baptist Coffinhal, zerstört. Ein neuer kleinerer Nikolaus füllt allerdings inzwischen die Lücke mehr schlecht als recht etwas aus.

Coffinhal wohnte in der Rue Le Regrattier Nummer 6.  An seinem Haus erinnert noch eine Plakette an ihn.

Fotos: Wolf Jöckel

Der Jurist Coffinhal, ein besonders radikaler Anhänger Robespierres, war Wahlmann für die Section de l’Île-Saint-Louis bei den französischen Parlamentswahlen  und für den Konvent. Die Section wurde 1792 in Section de la Fraternité umbenannt, um alle Hinweise auf eine religiöse Herkunft auszulöschen.  Dieser Ikonoklasmus machte in der radikalen Phase der Französischen Revolution, d.h. vom Sturm auf die Tuilerien im August 1792 bis zum Sturz von Robespierre am 9. Thermidor (27. Juli 1794) nicht Halt bei religiösen Bezeichnungen und Bildwerken, sondern betraf auch alle Symbole und Zeichen des Königtums. An Gebäuden und Straßen wurde – wie man noch heute sehen kann – das „Saint“ oder „St.“ herausgemeißelt, Statuen und Denkmäler von Heiligen und alle Königsdenkmäler wurden zerstört. Selbst die Grabstätten der französischen Könige in der Basilika Saint-Denis wurden geschändet.

Straßenschild der rue Saint-Séverin im Quartier Latin (5. Arrondissement) Foto: Wolf Jöckel

1793 wurde Coffinhal zum Richter des Revolutionstribunals ernannt. Der Freund des berüchtigten Chefanklägers Fouquier-Tinville zeichnete sich durch seinen Eifer und seine Unnachgiebigkeit aus. Er führte auch den Vorsitz beim Prozess gegen den berühmten Chemiker Antoine de Lavoisier. In seinen Prozessen legte er einen fanatischen Eifer an den Tag. Er war berüchtigt dafür, den Angeklagten das Wort abzuschneiden, er fälschte Protokolle und auch Beweismittel, soweit er sie nicht ganz unterschlug. Im Prozess gegen Lavoisier soll er, als jemand dessen wissenschaftliche Verdienste anführte, geäußert haben: La république n’a pas besoin de savants et de chimistes, le cours de la justice ne peut être suspendu. („Die Republik braucht weder Wissenschaftler noch Chemiker. Der Lauf der Justiz darf nicht aufgehalten werden.“), doch ist das umstritten. Das französische ’n’a pas besoin de savants‘ könnte auch mit ‚hat keinen Mangel an Wissenschaftlern‘ übersetzt werden, was die Bedeutung ändern würde, wenn er dies tatsächlich gesagt hätte.  Nach dem Sturz von Robespierre wurde Coffinhal auf der Flucht gefasst, am 18. Thermidor (6. August 1794) zum Tode verurteilt und am selben Tag auf der Place de Grève guillotiniert. Als er das Schafott bestieg, soll ihm die höhnische Menge den Satz zugerufen haben, den er so oft benutzt hatte, als er den Vorsitz im Revolutionstribunal führte – „Coffinhal, tu n’as pas la parole!“. (Coffinhal, du hast nicht das Wort). Dieser üble Zeitgenosse war nun un l’homme sans Tête, das angemessene Schicksal für diesen Mann an diesem Ort.

Es bleibt die Frage: Wenn also die kopflose Skulptur und eingravierte Inschrift „rue de la femme sans teste“ nichts miteinander zu tun haben, wie erklärt sich dann dieser Straßenname?

Foto: Wolf Jöckel

Benannt wurde der  Straßenabschnitt zwischen der Rue Saint-Louis und dem Quai de Bourbon zwischen 1660 und 1665 nach einer Taverne in dieser Straße oder nach einem Schild an diesem Wirtshaus, das eine kopflose Frau mit einem Glas in der Hand zeigte, begleitet von dem Motto tout en est bon (alles ist gut), ein damals häufiger Brauch in Paris.

Edmond Beaurepaire, Journalist, später Bibliothekar an der Bibliothèque historique de la Ville de Paris und Autor von Werken über die Hauptstadt, der sich eingehend mit der Geschichte der Straße beschäftigt hat (“A propos de la rue de la Femme-sans-Tête.” La Cité 1911) zeigt, dass der Name mit der Geschichte von Lustucru verbunden ist. Unklar ist lediglich, ob die Taverne zum Gedenken an Lustucru benannt wurde oder ob ihr Ladenschild die Ikonographie der Figur inspirierte.

Ein Bild von Lustucru findet sich in der Histoire de l’imagerie populaire, von Jules Champfleury, Paris 1886. Sie zeigt die Reproduktion eines Holzschnittes aus dem 17.Jahrhundert und war vermutlich für einen Almanach bestimmt.

Maitre Lustucru“ – hier als Schmied dargestellt,  schlägt in Begleitung eines Arbeiters auf den Kopf einer Frau, den er mit einer Zange in seinen Armen auf einem Amboss hält, und ruft aus: Je te rendrai bon (Ich werde es dir gut machen), worauf der Mitarbeiter hinzufügt: Maris, réjouissez-vous (Ehemänner, freut euch). Man beachte, dass ein weiterer Kopf einer üblen Frau auf dem Herd der Schmiede liegt und darauf wartet, dass der Schmied ihn der gleichen Operation unterzieht, um ihn ebenfalls gut zu machen. Oben links sehen wir ein Schild mit einer kopflosen Frau und darunter die Inschrift „A la bonne femme“ (Auf die gute Frau).

Eine frühere Quelle ist Jacques Lagniets Sammlung der berühmtesten Sprichwörter (Recueil des plus illustres proverbes, divisés en trois livres), die zwischen 1657 und 1663 in Paris gedruckt wurde. Sie ist illustriert mit 119 satirischen Drucken , die das Leben, die Sitten und die Sprichwörter des französischen Volkes unter den Regentschaften von Ludwig XIII. und Ludwig XIV. zum Inhalt haben. Dazu gehören auch Bilder zu dem Motto „femme sens teste tout en est bon) und von Lustucru., erst als Scharfrichter, dann als Schmied und „Kopfchirurg“.

Auch wenn in der besonders drastischen Henkerszene der Scharfrichter nicht als Lustucru gekennzeichnet ist, kann der nachfolgende Stich aus Lignaits Sammlung wegen seines hervorgehobenen Titels femme sans tête tout en est bon (Frau ohne Kopf, alles ist gut) dem Listucru-Zyklus zugeordnet werden.

Anonymous engraving (printed and sold by Jacques Lagniet) [1]

Der Kupferstich zeigt eine enthauptete Frau, aus deren Hals Blut spritzt, die aber noch immer mit gefalteten Händen kniet ; neben ihr der Henker mit dem Schwert in der Hand, ihr Kopf auf dem Boden, umgeben von einer schaulustigen Menge. Dazu sind eine Reihe  „Sprichwörter“ eingraviert:  il n’y a pas à rire (da gibt es nichts zu lachen), il est brave comme un bourreau qui fait ses Pâques (er ist so mutig wie ein Henker, der Ostern feiert), c’est un bon médecin, il guérit de tous maux  (er ist ein guter Arzt, er heilt alle Krankheiten), couper le passage des vivres (schneidet der Nahrung den Durchgang ab), couper net comme navet (sauber geschnitten wie eine Rübe),  grosse tête peu de sens (großer Kopf, wenig Sinn)  neben dem abgetrennten Kopf!),  morte la bête morte le venin, il ne se faut jamais étonner qu’on ne voie sa tête à ses pieds (tot das Biest, tot das Gift, man sollte sich nie wundern, dass man seinen Kopf zu seinen Füßen sieht).

In verschiedenen Medien, mit denen Informationen schnell einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden konnten, Zeitungen, Kalender, Münzen, wurde im 17. Jahrhundert das Lustucru-Motiv thematisiert. Sein gleichzeitiges Auftauchen zeigt, dass Lustucru weit mehr als nur eine Kuriosität war: Er war ein wahres gesellschaftliches Phänomen.

Lustucru – Jeton” von 1660 [2]

Auf der einen Seite der Münze arbeiten unter dem Slogan „unicus est specie“, er ist der Einzige seiner Art, zwei Schmiede an einem Frauenkopf. Auf der anderen Seite ist ein mit Frauenköpfen beladener Esel abgebildet. Auf der Umschrift steht:  „omne ferens malum“, er trägt alles Böse hinweg, und zeigt an, dass Frauenköpfe in großen Mengen transportiert werden müssen, damit Lustucru sie bearbeiten kann.

Lustucru, der als Schmied brutal den Kopf „verrückter“ und widerspenstiger Frauen bearbeitet, ist auch Thema des ersten einer Reihe von Stichen, die eine wahre Orgie der Gewalt gegen Frauen zeigen. Hier erhält Lustucru seinen Titel als „opérateur céphalique“, als „Kopfchirurg“.[3]

Links im Hintergrund des Stiches ist das Ladenschild des Kopfchirurgen zu sehen: eine kopflose Frau und das Motto „tout en est bon“ (Alles ist in Ordnung), ein Motto, das schon auf dem Bild des Henkers zu lesen ist und die Verbindung von Lustucru und der Rue de le Femme sans Teste deutlich macht.

Dem New Yorker Essayisten Jé Wilson zufolge erscheint Lustucru als Schmied mit seiner „Kopfbearbeitung“ erstmals in einem heute verlorenen Almanach um 1659 und findet sich dann 1663 in Jacques Ligniets Recueil des plus illustres proverbes (Sammlung illustrer Sprichwörter).  Auf dem mit Campion signierten Druck ist Meister Lustucru unter Schmieden zu sehen. Er erhebt seinen Hammer über den abgetrennten Kopf einer Frau, den er wie ein Stück zu schmiedendes Metall mit einer Zange festhält. Überall in seiner Werkstatt hängen die Köpfe anderer Frauen an Haken. Sie warten darauf, an die Reihe zu kommen oder kühlen nach der Bearbeitung ab. Links im Vordergrund schleifen zwei Männer eine noch unberührte Frau zur Schmiede. Neben ihrem Mund stehen die Worte „Ich werde nicht gehen“.

Rechts im Vordergrund ist ein gesattelter Esel zu sehen, der von einem Affen geführt wird und zwei Körbe voller Frauenköpfe trägt. Vor ihm geht mühsam ein gebeugter Mann, der einen ebenfalls mit Köpfen gefüllten Korb trägt.

Um die Botschaft „tout en est bon“ unmissverständlich zu machen, fordern die Textblöcke oben und unten auf dem Druck Männer auf, ihre schwierigen Frauen zu diesem „Chefarzt“ zu bringen, wo ihre Köpfe neu geschmiedet und von allen „Unannehmlichkeiten“ gereinigt werden. So lautet der Text am unteren Rand des Drucks:

Hier hat Meister Lustucru ein bewundernswertes Geheimnis, das er aus Madagaskar mitgebracht hat, um […] (ohne Schaden oder Schmerzen zu verursachen) die Köpfe von streitsüchtigen, […] schrillen, teuflischen, wütenden, launischen, herrlichen, boshaften, unerträglichen, launischen, bösen, lauten, […] listigen, dummen, sturen, eigensinnigen Frauen und jenen, die andere Unannehmlichkeiten haben, neu zu schmieden. Alles zu einem vernünftigen Preis, für die Reichen gegen Geld und für die Armen kostenlos.“

Nicht weniger ironisch ist der Text oben auf dem Druck, der die Worte „Opérateur céphalique“ umrahmt:

„Ihr armen Unglücklichen, die ihr euch immer über die Launenhaftigkeit der Frauen von heute aufregt und die ihr nicht glaubt, dass sie sich jemals ändern werden, bringt sie hierher in unseren Laden. Welche Qualität ihr Kopf auch haben mag, wir werden ihn mit Feile und Hammer so gut bearbeiten, dass Sie, selbst wenn der Mond in ihrem Gehirn voll wäre, ihr Herr sein werdet, wenn Sie unser Haus verlassen. Unser Geschäft arbeitet ohne Unterlass, man sieht Menschen aus allen Nationen, aus den unterschiedlichsten Staaten und Verhältnissen und es ist rund um die Uhr geöffnet. Sie bringen uns auf Schiffen, zu Pferd, in Schubkarren, ohne Unterbrechung müssen wir arbeiten: Wir haben nicht einmal Zeit zum Schlafen, denn je länger wir leben [?], desto schlechter werden ihre Köpfe.

Dieser Stich wurde für andere Almanache variert, so z.B. in Pierre Bourdans Opérateur céphalique. [4]

Der Name Lustucru geht zurück auf „L’eusses-tu-cru?“, eine gängige Phrase der Theaternarren jener Zeit, die so viel bedeutete wie: „Hätten Sie es geglaubt?“ oder in diesem Fall: „Hätten Sie gedacht, dass man den Kopf einer Frau reparieren könnte?“ Laut dem französischen Schriftsteller Gédéon Tallemant des Réaux aus dem 17. Jahrhundert entstand Lustucru aus dem Wunsch eines Mannes nach Rache. In seinen Historiettes, einer Sammlung biografischer Skizzen aus dem Jahr 1659, schreibt er, der im Almanach jenes Jahres erscheinende „médecin céphalique“ sei von einem anonymen „Witzbold“ eigens als Reaktion auf die Langey-Affäre gezeichnet worden, einen Scheidungsfall zwischen zwei Aristokraten, der sich zwei Jahre lang durch die französischen Gerichte gequält hatte. Der Marquis de Langey, zu diesem Zeitpunkt einunddreißig Jahre alt, wurde von seiner zwanzigjährigen Frau (sie war vierzehn gewesen, als er sie geheiratet hatte) der Impotenz beschuldigt: ein Scheidungsgrund. Beide Parteien wurden gezwungen, sich demütigenden körperlichen Untersuchungen zu unterziehen. Vor einer Jury aus zehn Ärzten und fünf Matronen konnte der Marquis nach stundenlangen Versuchen keine Erektion bekommen. Seiner Frau wurde die Scheidung gewährt.

Der anonyme Künstler des Kupferstichs war entsetzt über die Dreistigkeit dieser jungen, unzufriedenen Ehefrau und stellte sich einen „Gehirnchirurgen“ vor, der die öffentlichen Demütigungen des Marquis de Langey im Namen aller Männer chirurgisch wiedergutmachen könnte. Nach einer Operation würde die Ehefrau wieder in ihren alten Zustand versetzt werden – als gedankenloses, willenloses Wesen, das weder den Willen noch die Frechheit hätte, die Männlichkeit ihres Mannes in Frage zu stellen oder sich ein besseres Leben zu wünschen.

„Die Angst der Männer vor dem wachsenden Einfluss und der Macht der Frauen nahm in Frankreich in den 1650er Jahren allgemein zu. Frauen hatten begonnen, in der Literatur an Ansehen zu gewinnen, und waren so etabliert, dass sie als „les précieuses“ satirisch dargestellt wurden, ein Typ kluger Frauen, die Pariser Salons besuchten, Bücher schrieben und einen elegant-kultivierten (oder, für andere, affektierten und prätentiösen) Sprech- und Schreibstil bevorzugten. 1659 inszenierte Molière in Paris sein Debüt mit Les précieuses ridicules, einem kurzen satirischen Stück, das sich über zwei junge, eingebildete Frauen lustig macht, die sich für zu schlau und kultiviert für ihre Verehrer halten. Sie bekommen ihre gerechte Strafe und werden zum Narren gehalten. Einige der hastig geschriebenen Stücke im Jahr des ersten Erscheinens von Lustucru behandelten sowohl Lustucru als auch die Précieuses und machten sich die Popularität beider Themen zunutze.“ [5]

„Wie die Wissenschaftlerin Joan DeJean in einem Essay über „starke Frauen“ im frühneuzeitlichen Frankreich feststellte, wurde der spekulative Roman Épigone, histoire du siècle futur (Epigone, Geschichte des zukünftigen Jahrhunderts) im selben Jahr, in dem der Almanach erschien, anonym veröffentlicht. Dieser Roman war eine Parodie auf Geschichten über heldenhafte Frauen und imaginierte eine Zukunft, die von einem Geschlecht von Amazonen beherrscht würde – furchteinflößenden Frauen, die „das geistige Leben bevorzugen und dadurch das Leben für alle ‚unglücklich und prüde‘ machen“.  Nach ihrer Niederlage wird die Anführerin der Amazonen zunächst lobotomiert („enthirnt“) und dann enthauptet. Diese futuristischen Amazonen waren eine weitere Satire auf die Précieuses. (…)

Die extreme Gewalt sowohl der Lustucru-Bilder als auch einiger dieser literarischen Satiren drückt eindringlich „die Spannungen aus, die den Debatten des 17. Jahrhunderts über neue Rollen für Frauen zugrunde lagen“, wie es eine andere Wissenschaftlerin dieser Zeit, Katherine Dauge-Roth, formuliert hat. In einem Klima, das bereits von Spott und Feindseligkeit gegenüber gebildeten Frauen geprägt war, wurde die Figur der Lustucru zur perfekten Galionsfigur für diejenigen, die glaubten, dass die Intelligenz von Frauen eine Bedrohung für die Gesellschaft darstellte.“ [5]

Auch wenn in Stein gemeißelt immer noch Rue de la femme sans teste da steht, offiziell wurde der schreckliche Straßename getilgt.

Die beiden Abschnitte der Nord-Süd-Querstraße, die den Übergang vom Quai de Bourbon zum Quai d’Orléans ermöglicht, wurden 1868 unter ihrem alten Namen Rue Le Regrattier zusammengefasst, ein Name, den ihr südlicher Teil immer schon getragen hatte.  

Der nördliche Abschnitt, der am Quai de Bourbon beginnt und bis zur Rue Saint-Louis-en-l’Île reicht, der nacheinander Rue Angélique und dann Rue de la Femme sans Teste hieß, wurde wieder zur Rue Le Regrattier. 

Île Saint-Louis heute. Der rote Punkt markiert die „geköpfte“ Statue

Schon 1627 hieß diese Nord-Süd-Verbindung Rue le Regrattière, benannt nach François Le Regrattier, einem Unternehmer, der Schatzmeister der Hundertschweizer war und zusammen mit den Parzellierern (Projektentwicklern) Christophe Marie und Lugles Poulletier im 17. Jahrhundert für die Stadtentwicklung der Île-Notre-Dame zuständig war. [6]

Ursprünglich bestand die Île Saint-Louis aus zwei durch die Seine getrennten kleinen Inseln, die man „Île aux Vaches“ und „Île Notre Dame“ nannte. Beide wurden als Viehweiden genutzt und gehörten dem Domkapitel von Notre Dame. Auf alten Paris-Plänen sind die beiden kleinen Seine-Inseln noch zu sehen.

Plan de Vassalieu (1609) : détail montrant l’île Notre-Dame et l’île aux Vaches.

Der Raum auf der Île de la Cité war immer enger geworden. Dicht an dicht standen die Häuser. Enge, verwinkelte Straßen und Gassen bestimmten das Bild der Île de la Cité. Lange widersetzte sich die Kirche der Bebauung der beiden Nachbarinseln.  Zum anderen fehlten für die zunehmende Zahl der Einwohner und des dadurch anwachsenden Verkehrs Brücken zwischen den Seine-Ufern.

Erst unter König Ludwig XIII. wurde 1614 der Bauunternehmer Christophe Marie, zusammen mit François Le Regrattier und Lugles Poulletier, mit der Erschließung der kleinen Inseln beauftragt. Der sie trennende Seine-Arm wurde zugeschüttet, die vereinigten Inseln wurden mit einer Kaimauer umfasst und Brücken zu den Flussufern errichtet. Die Brücke, die die Insel mit dem Marais auf der rechten Seine-Seite verbindet, trägt bis heute den Namen ihres Bauherrn: Pont Marie. Das neu gewonnene Stadtgebiet auf der Île Saint-Louis wurde ab etwa 1618 zunächst mit Häusern für Handwerker und Kaufleute bebaut.

Die Île Saint-Louis und (rechts im Bild) die frühere Île Louviers (die später in das rechte Seine-Ufer einbezogen wurde)

Erst ab 1638, als sich ein Ende des Rechtsstreits mit dem Klerus abzeichnete, begannen auch die Adligen, luxuriöse Stadtpaläste errichten zu lassen. Die Bebauung erfolgte nach einem festen Grundplan mit geraden Straßen, der noch heute erkennbar ist. Die Erschließung der Île Saint-Louis war eine der erfolgreichsten, aber auch finanziell interessantesten städtebaulichen Maßnahmen im Paris dieser Zeit.

Île Saint-Louis und Île Louviers  – Auschnitt aus dem Turgot-Plan 1739  mit dem Pont Marie (links) und dem Pont de la Tournelle (rechts)

Ein passender Nachtrag zur Rue de la Femme-sans-Teste: Baudelaire et Jeanne Duval

In der Rue de la Femme-sans-Teste wohnte nicht nur der berüchtigte Coffinhal, sondern ein halbes Jahrhundert später auch Jeanne Duval,  Baudelaires Geliebte, die er Vénus Noire nannte. Baudelaire lernte die Schauspielerin und Tänzerin Jeanne 1842 kennen. Sie hatte von 1838 bis 1839 kleine Rollen am Théâtre de la Porte‐Saint‐Antoine und schlug sich als eine Art Escortdame der dekadent-selbstverliebten Pariser Dichterszene durch. Sie wird im Laufe zahlreicher Wohngemeinschaften, die von Brüchen und Versöhnungen unterbrochen werden, Baudelaires Muse sein. Eine Anzahl von Gedichten wurden durch sie inspiriert und sind Teil der 1857 erschienenen Veröffentlichung Les Fleurs du mal.

„Jeanne, die Haitianerin, von Baudelaire geliebt und verflucht, gehört zu den vergessenen und ausgebeuteten Frauen des 19. Jahrhunderts. Weil in der Gesellschaft arrivierte dunkelhäutige Frauen zur Zeit Baudelaires nicht existierten, konnte auch Jeanne nicht existieren, höchstens als Prostituierte. «Hottentottenfrau» wurde sie auch genannt und spürte den Schmerz, ein Leben zu leben, das geprägt war von den Erniedrigungen und Benachteiligungen einer rassistischen, frauenfeindlichen Zeit.“ (Sarah Pines, s.u.)

Wir kennen nicht einmal ihren richtigen Familiennamen – infrage kommen Lemaire, Lemer, Duval und Prosper – und auch nicht ihr Sterbedatum (wahrscheinlich in den späten 1860er Jahren). Bekannt ist nur, dass sie 1820 in Haiti geboren wurde, dass Baudelaire sie mit Syphilis ansteckte, an der sie starb, wahrscheinlich ein paar Jahre nach dem Dichter.

 Jeanne Duval: Zeichung von Charles Baudelaire

Kein von ihr unterzeichneter Brief ist uns überliefert. Was bleibt, sind einige Zeugnisse, von Baudelaire selbst gezeichnete Porträts, ein Foto von Nadar (nicht gesichert), Baudelaires Gedichte, die sie inspiriert hat, und ein herrliche Gemälde «La Maîtresse de Baudelaire», das Édouard Manet von Jeanne Duval malte.

Édouard Manet, «La Maîtresse de Baudelaire», 1862. Musée des Beaux-Arts, Budapest.

 „Obwohl Baudelaire nichts ferner lag als Natur und Natürlichkeit, liebte er das «Tierische» an Jeanne. Kamen Freunde auf Besuch, saß sie am Rand, wie eine Zofe. Nahm er sie mit ins Restaurant, bediente man sie schnöde. Für Baudelaire spielte sie die Rolle der tanzenden Kreolin. Weil er es so wollte. Weil sie ihn brauchte und er sie. Jeanne las ihm seine angefangenen Gedichte vor, er schrieb sie, inspiriert von ihrer Stimme, zu Ende. ….Nachdem er Jeanne mit Syphilis angesteckt hatte, ließ er sie fallen, für eine andere Prostituierte, Madame Sabatier. …

Bis heute erinnert in der Rue de la Femme-sans-Teste  nichts daran, dass hier eine große Muse lebte. Keine Tafel, kein Hinweisschild. Jeanne ist die Unsichtbare einer Epoche. Gegen Ende ihres Lebens konnte sie kaum mehr gehen. Die Zähne waren ihr ausgefallen. Zu Baudelaires Beerdigung wurde sie nicht eingeladen.“ [7]

Da war der Name der Straße Femme-sans-Teste – im Sinne des herrschen Frauenbilds -dann doch wieder passend.

Anmerkungen:

 [1] Il est brave comme un boureaux qui faict ses pasques (1660?). Photo: Bibliothèque Nationale de France. Dok. 27, II, 3

[2] Bildquelle: https://www.suffren-numismatique.com/fr/jetons/5324-auvergne-saint-flour-heros-populaire-lustucru-jeton-1660-r1.html

 [3] “Operateur Cephalique” — undated engraving by Images by François Campion, approximately 1615-1681 Photo: Bibliothèque Nationale de France. in: Recueil des plus illustres proverbes de Jacques Lagniet, Paris,[s.n.], 1663, t. II, p. 68.

 [4] Pierre Boudan, Opérateur céphalique, in Almanach de Pierre Janvier, fin 1659, gravure au burin, Paris, Bibliothèque nationale de France, département des Estampes et de la photographie.

[5] Jé Wilson: Lustucru From Severed Heads to Ready-Made Meals. Published June 13, 2019 https://publicdomainreview.org/essay/lustucru-from-severed-heads-to-ready-made-meals/

[6] Die Hundertschweizer (französisch Cent-suisses) war eine aus Schweizer Söldnern gebildete Einheit, die von 1497 bis 1792 bestand und zur Garde (Maison militaire du roi) des Königs von Frankreich gehörte.

[7] (Sarah Pines: Die Muse des verruchten Dichters: Eine Fotografie, ein paar Gedichte, das ist alles, was an Jeanne Duval erinnert, Charles Baudelaires «schwarze Venus», NZZ, 29.10.2021)

Literatur

Orna Lieberman:  The Headless Woman – The Story of French Misogyny (Die kopflose Frau – Die Geschichte der französischen Misogynie) https://www.francophilesanonymes.com/en/femme-sans-teste/

Légende du « véritable » Lustucru raccommodant au XVIIe siècle les têtes des mauvaises femmes(D’après « Revue de folklore français », paru en 1940 et « Histoire de l’imagerie populaire », paru en 1869). Publié / Mis à jour le dimanche 30 mai 2021 https://www.france-pittoresque.com/spip.php?article13623

L’imagerie populaire : Lustucru. Le Bibliomane Moderne : Bibliophilie et autres Bibliomanies … par Bertrand Hugonnard-Roche https://le-bibliomane.blogspot.com/2009/05/limagerie-populaire-lustucru.html

Auréline Cardoso et Charlotte Thevenet, « Rhétoriques antiféministes : entre recherche et pratiques », GLAD! [En ligne], 04 | 2018, mis en ligne le 30 juin 2018, consulté le 17 août 2025. URL : http://journals.openedition.org/glad/995 ; DOI : https://doi.org/10.4000/glad.995

Jé Wilson Lustucru:  From Severed Heads to Ready-Made Meals. Published June 13, 2019https://publicdomainreview.org/essay/lustucru-from-severed-heads-to-ready-made-meals/

Claire Carlin:Wrong-Headed Spouses in Early Modern France https://mariage.uvic.ca/wrong_headed_spouses.html Die Hochzeit unter dem alten Regime.Falsche Ehepartner im frühneuzeitlichen Frankreich

Joan DeJean: Violent Women and Violence against Women: Representing the “Strong” Woman in Early Modern France. Signs, Vol. 29, No. 1 (Autumn 2003), pp. 117-147 (31 pages) https://doi.org/10.1086/375709 https://www.jstor.org/stable/10.1086/375709

Katherine Dauge-Roth: Femmes lunatiques: Women and the Moon in Early Modern France Author(s) Source: Dalhousie French Studies, Vol. 71 (Summer 2005), pp. 3-29 Published by: Dalhousie University Stable URL: http://www.jstor.org/stable/40837599 Accessed: 20-11-2015 21:36 UTC

Facétie : La vraye femme Créature mi-bouc/mi-femme https://essentiels.bnf.fr/fr/image/a49718cc-43cb-4150-89e5-ef54ae004c0b-facetie-vraye-femme

Brigitte SERRE-BOURET: La Lune et les femmes. Date de publication : mai 2019 https://histoire-image.org/etudes/lune-femmes

Emma Renaud: La représentation du corps féminin à travers des gravures anglaises et françaises du xviie siècle. Féminin/masculin – Littératures et cultures anglo-saxonnes, p. 197-204 https://books.openedition.org/pur/36019

Lustucru – Wikipedia https://fr.wikipedia.org/wiki/Lustucru_(personnage)

La carte de Tendre ou le manifeste de la Préciosité (Die Karte der Zärtlichkeit oder das Manifest der Préciosité)

Die „Carte de Tendre“ als Medium eines neuen Liebesideals Christina VOGEL (Romanisches Seminar, Universität Zürich) http://www.symbolforschung.ch/files/pdf/Carte_de_Tendre.pdf

Antje Eske: Madeleine de Scudéry und die Carte de Tendre. [2010] http://konversationskunst.org/index.php/presse Konversationskunst – Kurd Alsleben, Antje Eske  und Freunde. 16. Oktober 2010 – 9. Januar 2011 ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe| Medienmuseum

Die Gerhard Richter-Ausstellung in Paris, eine Schau der Superlative

In der Fondation Louis Vuitton in Paris wird noch bis zum 2. März eine Retrospektive des Jahrhundertkünstlers Gerhard Richter gezeigt, eine Schau der Superlative.[1]

Gerhard Richter 2005 in seinem Kölner Atelier [2]

Ein Jahrhundertkünstler ist Gerhard Richter in der Tat: Er ist der berühmteste und teuerste lebende deutsche Künstler[3], der seit 20 Jahren den Capital-Kunstkompass der bedeutendsten Gegenwartskünstler der Welt anführt; der gerne auch der „Picasso des 21. Jahrhunderts“ genannt wird, weil er sich bis ins hohe Alter immer wieder neu erfindet,[4] ausgezeichnet 1997, wie Le Monde hervorhebt, mit dem Praemium imperiale, auch „Nobelpreis der Künste“ genannt.[5]

Umso bemerkenswerter, dass Richter ein sehr zurückhaltender Mensch voller Selbstzweifel ist und dem ihn verwöhnenden Kunstbetrieb eher distanziert begegnet.

Und er inszeniert sich auch nicht, wie etwa Josef Beuys oder Günther Ücker, als Künstler. In seinem ersten Selbstportrait von 1996 (MoMa New York) stellt er sich nicht als weltberühmter Maler auf dem Gipfel seines Ruhms dar, sondern eher wie ein biederer, dem Zuschauer nicht ins Auge blickender zurückhaltender Durchschnittsmensch.[6]

Die diesem Jahrhundertmaler gewidmete aktuelle Ausstellung ist, auch dies eine treffende Charakterisierung, eine Schau der Superlative. 271 Werke werden präsentiert, so viele wie noch nie. „Es gab bereits zahlreiche Ausstellungen mit Werken von Gerhard Richter. Doch keine zuvor war so umfassend, so dicht und so monumental wie die Retrospektive in der Fondation Louis Vuitton.“[7] Diese Stiftung des Luxuskonzerns LVHM hat selbst inzwischen einen beträchtlichen Bestand von Werken Richters, und Bernard Arnault,  der Besitzer von LVHM und einer der reichsten Männer der Welt, verfügt über genügend Prominenz und finanzielle Mittel, für die Ausstellung eines seiner „Lieblingskünstler“ in dem Kunsttempel Frank Gehrys bedeutende Kuratoren und ausgesuchte Leihgaben aus aller Welt zu gewinnen: „Mehr Richter war nie.“ [8]

Die Ausstellung folgt im chronologischen Ablauf den verschiedenen Schaffensphasen Richters und stellt damit die ganze Breite seines Werks dar. Im nachfolgenden Beitrag möchte ich aber nur – und auch nur an ausgewählten Beispielen- auf drei thematische Bereiche eingehen, die mich besonders beeindruckt haben.

  • Die Familienbilder: Schönheit und Tragik
  • Die Würde des Banalen: Orte und Landschaften
  • Die Darstellung von Zivilisationsbrüchen und Gewalt

Dies sind alles Arbeiten, die auf der Grundlage von Fotos entstanden sind. Damit ist nur ein -wenn auch wichtiger- Teil seines Schaffens und der in der Fondation Louis Vuitton ausgestellten Arbeiten berücksichtigt, also nicht seine abstrakten Bilder oder die Zeichnungen. Aber bei einer solchen Schau der Superlative ist Mut zur Bescheidenheit angebracht…

Familienbilder: Schönheit und Tragik

Richter hat seit den 1960-er Jahren Fotos aus Zeitschriftenartikeln, von Mitgliedern seiner Familie und von Orten und Landschaften gesammelt und zur Grundlage von Bildern gemacht.[9]  1963 entstehen erste Arbeiten mit Unschärfetechniken, Ausdruck seiner Auseinandersetzung mit der Fotografie und seiner Malerei sowie ihrem Verhältnis zueinander. In einer Zeit und Umgebung, in der vor allem die experimentelle, abstrakte Kunst das Sagen hatte, sorgten Richters fotorealistische Bilder für Aufsehen und waren Grundlage seines Erfolgs. [10]

Dazu gehören auch Portraits von Familienmitgliedern wie seiner Töchter Ella und Betty, seines Sohnes Moritz oder seiner Ehefrauen, deren Grundlage eigene Farbfotos waren. Besonders populär, schön und interessant sind die drei nachfolgend abgebildeten Bilder.

Lesende 1984,  San Francisco Museum of Modern Art (SFMOMA), San Francisco, USA

Auf dem Bild „Lesende“ ist Richters dritte Frau, Sabine Moritz, abgebildet. Sie steht vor dem Fenster und liest das Magazin „Der Spiegel“. Sie ist gelassen und weiß nicht, dass sie beobachtet wird.  

Das Bild wird als Versuch gewertet, an die „Briefleserin am offenen Fenster“ von Jan Vermeer anzuknüpfen, [11] was auch insofern nahe liegt, als Vermeers Gemälde in Dresden (Gemäldegalerie Alte Meister) ausgestellt ist, wo Richter studierte.

Brieflesenden Mädchens am offenen Fenster von 1657-59 (Ausschnitt)

Aber auch Vermeers Briefleserin in Blau wird als malerisches Vorbild genannt.[12]

Briefleserin in Blau (1662-1664) Rijksmuseum Amsterdam (Ausschnitt)

Während aber in den Bildern Vermeers die Briefleserinnen von dem durch das Fenster scheinende Licht erhellt werden, fallen bei Richter glühendes Strahlen auf die Haare und den Nacken seiner Leserin und verleihen ihr damit, abgehoben vor dem neutralen Hintergrund, einen besonderen Glanz: Hier war ganz offensichtlich der Maler am Werk.  Richter erkennt das Echo Vermeers im fertigen Gemälde, sei sich dessen jedoch, so der Ausstellungs- Begleittext zur Lesenden, während der Ausführung des Werks nicht bewusst gewesen.

In der Ausstellung sind auch zwei der drei Bilder zu sehen, die Richter, ebenfalls nach fotografischen Vorlagen, von seiner ersten Tochter Babette (Betty) gemalt hat.

Betty 1977  Museum Ludwig Köln

Das Bild aus dem Jahr 1977 „löst immer wieder Irritationen aus.“[13] Anders als bei Portraits üblich, liegt das im Dezember 1966 geborene Mädchen auf einem Tisch oder einer Holzplatte. „Der Blick ihrer blauen Augen trifft punktgenau in die Augen der betrachtenden Person; ihr Blick wirkt dabei dennoch durchdringlich und in die Ferne gleitend. … Ihre Lippen sind voll, sehr markant und in einem satten Rot.“[14]

Es ist gerade dieses Rot, das für Irritationen sorgt. In Gerhard Richters Atlas, seiner Sammlung von Fotos und Bildern, sind auch Fotos, die die kranke Betty zeigen. Das Rot ist also vielleicht auf eine fiebrige Erkrankung des Kindes zurückzuführen. Vom Fieber wird aber kaum ein Mensch beim Betrachten des Gemäldes wissen.  Also wird das Rot eher verstanden als Hinweis auf den Übergang der Tochter vom Mädchen zur Frau. „Mit Mitteln der Kunst, so ließe sich pointieren, scheint es hier zu gelingen, gewaltsame und sexuelle Aspekte in der Vorstellung eines Kindes, wie es im Begriff ist, zu einer Frau zu werden, zu thematisieren.“[15]  Babette selbst weist in ihrem Gespräch mit dem Vater auf den zerbrechlichen und aggressiven Charakter des Bildes hin: „Das liegende Portrait von mir …. diese Leichenblässe … dieses Abgeschnittene … und diese Verletztheit.“[16]

1988 malte Gerhard Richter ein weiteres Portrait seiner Tochter Betty, das zu seinen bekanntesten Werken gehört und das- im wahrsten Sinne des Wortes- zu den Glanzpunkten der Ausstellung gehört.

Betty 1988. Saint Louis Art Museum

Grundlage dieses Bildes ist ein Foto der 11-jährigen Betty aus dem Jahr 1978. Betty dreht sich vom Betrachter weg. Es ist, wie die erwachsene Babette in dem Gespräch mit ihrem Vater sagt, „eine rätselhafte, seltsame Wendung“[17].  „Richters Entscheidung, Betty von den Betrachtern abzuwenden, schafft einen Aspekt des Geheimnisses. Diese Abkehr von der typischen frontalen Darstellung zwingt die Zuschauer, über die Fragen der Identifikation nachzudenken. Wir fragen uns: Wer ist sie? Worauf schaut sie? Warum versteckt sie ihr Gesicht?“[18] Ist es Ausdruck von Schüchternheit oder Koketterie? Und was heißt das für die Beziehung zum Vater, der das Foto machte?[19] Und was bedeutet „dieses unheimliche Nichts“, in das Betty schaut?

Möglicherweise handelt es sich um eines der monochromen Grau-Bilder, die ihr Vater seit Ende der 1960-er Jahre malte. [20]

Grau 1974 MKM Duisburg

Es war eine Zeit der Krise im Schaffen Richters, weil er, wie er sagte, damals nicht gewusst habe, was er malen könnte. Gerhard Richter 1975: „Grau ist für mich die willkommene und einzig mögliche Entsprechung zu Indifferenz, Aussageverweigerung, Meinungslosigkeit, Gestaltlosigkeit.​“[21]

 Und 1988 war das Jahr, in dem Richter den (weiter unten behandelten) Zyklus zum Terror der Baader-Meinhof-Gruppe schuf. Richter dazu im Gespräch mit seiner Tochter: „Ja, das war zu der Zeit der Baader-Meinhof-Serie, oder auch kurz danach. (…)  Das ist auf jeden Fall eine schöne Geschichte, dass es als Ausgleich zu den Terroristen-Bildern gemalt wurde.“

                                     Zelle, 1988 (Museum of Modern Art, New York)

Dagegen steht nun das Bild eines jungen Mädchens, zwar rätselhaft in diesem Moment der Abgewandtheit und Gesichtslosigkeit, aber festlich beleuchtet, rot-weiß gekleidet in den Farben der Unschuld und der Liebe. Und sicherlich hat das Mädchen bald danach, so möchte ich vermuten, ihren Kopf wieder dem Betrachter zugewandt:  Ein Kontrapunkt der Schönheit und des Lebens zu dem Grau der Krise und der Gestaltlosigkeit, dem Terror und den Toten von Stammheim.  

Auch bei Betty (1988) werden auf Parallelen zur klassischen und neoklassischen Malerei verwiesen, vor allem auf die Sitzende Frau/Die Badende von Valpinçon von Ingres aus dem Jahr 1808.[22]

„Richter spielt mit der Gegenüberstellung von klassischer Malerei und Fotografie, Tradition und Moderne, wodurch ein mehrdeutiges und faszinierendes Bild entsteht.“[23] „Als die englische Kunstzeitschrift Frieze im Herbst 2008 … eine Umfrage unter Künstlern, Museumsleuten, Ausstellungmachern und Galeristen nach ihren Lieblingsbildern startet, belegt Richters Portrait Betty den zweiten Platz“ hinter einem Bild von Andy Warhol und einem Gemälde von Jan Breugel dem Älteren. [24]

Völlig anders sind die Familienbilder Tante Marianne und Horst mit Hund, die Gerhard Richter 1965 malte. Grundlage sind schwarz-weiß- Fotos aus dem Fotoalbum der Familie, das Richter bei seiner Flucht/Übersiedlung in den Westen kurz vor dem Bau der Mauer mitgenommen hatte. Es sind Bilder, in denen sich auf ebenso eindrucksvolle wie bedrückende Weise die Tragödie von Nationalsozialismus und Krieg spiegelt.

Tante Marianne (1965)  Foto: gk_rh hh [25]

Das Foto, Grundlage dieses im charakteristisch verwischten Stil Richters gemalten Bildes, wurde 1932 aufgenommen. „Gerd vier Monate, Marianne 14 Jahre alt“ war auf der Rückseite vermerkt.[26]

Das Baby ist also Gerhard Richter, das Mädchen in weißem Kleid, das ihn in den Armen hält, seine Tante Marianne, die jüngere Schwester seiner Mutter. „Noch im Abstand vieler Jahre erscheint sie dem Neffen Gerhard so rein, so hübsch, so artig, dass er ohne Zögern erklärt, sie sieht aus wie eine Madonna.[27]  Auch wenn der kleine Gerd etwas griesgrämig ausschaut: Es ist ein „harmonisches Familieidyll“, das „keinerlei Rückschlüsse auf die tragische Biografie der Tante“ zulässt.[28] Als ein Amtsarzt bei ihr Schizophrenie diagnostizierte, wurde sie zwangsweise in eine „Irrenanstalt“ eingewiesen. 1938, also 6 Jahre nachdem das Familienfoto entstand, wurde sie als „Geisteskranke“ zwangssterilisiert und 1945 in der Tötungsanstalt Großschweidnitz ermordet. Die Familie wird erst verspätet vom Tod Mariannes informiert, so dass sie nicht an der Beerdigung teilnehmen kann.  Tante Marianne war eine von 400 000 kranken und behinderten Menschen, die ab 1934 zwangssterilisiert wurden, und eine von 200 000 Menschen, die in (sogenannten) Heil- und Pflegeeinrichtungen ermordet wurden. „Es muss grauenhaft gewesen sein“, sagte Richter 2020 über den Leidensweg seiner Tante. „Wir wussten, dass sie unheilbar krank war und dass man sie sterilisiert hatte. Wir waren ja den Autoritäten ausgeliefert und dachten, die werden schon das Richtige tun. Aber man hat sie verhungern lassen, dazu noch die Medikamenten-Überdosen. Erschütternd!“[29]

Als Richter 1965 in Düsseldorf das Bild malte, war ihm das Schicksal seiner Tante nicht voll bewusst, aber auch nicht ganz fremd: „Meine Schwester hat mir davon erzählt. Sie war dabei, wenn meine Mutter mit ihrer Schwester und meiner Großmutter von Besuchen bei Tante Marianne zurückkamen und weinten. Ich habe damals versucht, das zu verdrängen. Aber so langsam merke ich, dass ich mir das Foto schon mit Absicht als Bildmotiv ausgesucht habe.“ [29]

Und wenn Richter gerne sagt, seine Bilder seien klüger als er, dann trifft das gerade für seine „Tante Marianne“ zu. Denn Richters Tante wurde wohl in der Dresdner Städtischen Frauenklinik sterilisiert, deren Direktor der Gynäkologe Heinrich Eufinger war. In dessen Haus wohnte Richter als Student in Dresden und Eufingers Tochter Ema wurde seine erste Ehefrau. Eufinger nahm zahlreiche Sterilisierungs-Operationen selbst vor; vielleicht auch die an der Tante seines späteren Schwiegersohns. Wohl in kaum einer anderen Familie treffen Opfer und Täter auf so grauenhafte Weise aufeinander wie in der Familie von Gerhard Richter.

Erst durch die Recherche des Journalisten Jürgen Schreiber erfuhr Richter von dieser Rolle seines Schwiegervaters. Scheiber verfasste 2005 ein Buch über diese Familiengeschichte. „Ich wusste, dass mein Schwiegervater ehrenhalber in der SS war. Was das heißt, wollte ich damals nicht wissen. Ich habe auch nicht mit ihm darüber gesprochen. Mich interessierte eher, dass er drei Jahre bei den Russen in Bautzen gesessen hatte.“ [30] Das war wegen seiner SS-Mitgliedschaft. Nach seiner Entlassung konnte Eufinger aber in der DDR seine ärztliche Karriere ungehindert fortsetzen. An der Aufklärung seines Engagements für die Euthanasie bestand angesichts des eklatanten Ärzte-Mangels kein Interesse. 1953, als Richter bei ihm einzieht, wird er sogar als „Verdienter Arzt des Volkes“ ausgezeichnet.[31]

„Tante Marianne“: in der Tat ein „deutsches Bild“. Bald nach seiner Entstehung kaufte es ein schwäbischer Kunstfreund für nicht einmal 1000 Deutsche Mark.[32] 40 Jahre später übergaben die Witwe und ihr marktbewusster Sohn das Bild der Firma Sothebys, die es in London versteigerte. Ein in Taiwan wohnender chinesischer Sammler erhielt für umgerechnet 3,1 Millionen Euro den Zuschlag. Die Dresdner Kunstsammlungen konnten da nicht mithalten. Dabei würde das Bild nirgendwo „besser hinpassen als nach Dresden, wo Richter aufwuchs und studierte, seine Tante Marianne gequält wurde und sein Schwiegervater sich schuldig machte.“[33] Armes Deutschland…

Horst mit Hund, 1965. Collection Carmignac

Auch das kleine Bild „Horst mit Hund“ hat als Grundlage ein Foto aus dem Richter’schen Familienalbum. Es zeigt „einen etwas dicklichen Mann mit hoher Stirnglatze; an den Seiten stehen ihm die Haare wild vom Kopf ab. Um den Hals hat er sich ein Tuch gewickelt. Unter dem linken Arm hält er einen Frauenhut und einen Hund.“[34]  

Dazu Gerhard Richter: „Vielleicht nur ein Prozent meiner Bilder zeigt Angehörige von mir, und ob dabei Probleme bewältigt werden? Wahrscheinlich können diese Probleme nur gezeigt werden. Aber es gibt immer wieder Fotos, private und andere, die mich so faszinieren, dass ich sie malen möchte. Und oft merke ich erst später, welche Bedeutung diese Bilder für mich haben. Besonders krass war das mit dem kleinen Bild »Horst mit Hund«. Als ich es gemalt hatte, fand ich es nur komisch und auch angenehm nahe am Humor eines Malers wie Sigmar Polke, aber als ich es gut 30 Jahre später in New York hängen sah, erschrak ich etwas…“

Und warum erschrak Richter? Weil die Clownsfigur mit dem schiefen Lächeln und dem Spitz auf dem Schoß sein Vater war und „… wie da der Vater dargestellt war, das fand ich vor allem tragisch.“ [35] Und weiter: „Mit diesem blödsinnigen Spitz, dazu der Damenhut und die Haare wie ein Clown, als so eine armselige Figur habe ich ihn gemalt- das erbarmt mich heute mehr denn je.“[36]

Dieser Horst ist ja in der Tat eine tragische Figur: Seine Frau, Gerhards Mutter, verachtete und betrog ihn. Horst ist auch gar nicht Richters leiblicher Vater. Und die Mutter versuchte immer wieder, ihren Lieblingssohn Gerhard gegen ihren Mann auszuspielen, ihn als „unfähige, kulturell ungebildete und unmusikalische Person“ vorzuführen und ins Lächerliche zu ziehen.[37] Dabei war Horst Richter ausgesprochen intelligent, hatte zwei Klassen übersprungen und erfolgreich ein Studium der Mathematik absolviert.

Um eine Stelle als Mathematik-Lehrer an einem Gymnasium zu erhalten, musste der christlich engagierte Horst nicht nur der NSDAP beitreten, sondern die Familie musste in eine sächsische Kleinstadt umziehen – so dass ihr allerdings das Dresdener Inferno erspart blieb. Zu Beginn des Kriegs wurde Horst zur Wehrmacht eingezogen, geriet aber schnell in Kriegsgefangenschaft – so dass er immerhin den Krieg überlebte. Nach seiner Rückkehr, so Gerhard Richter,  „war ich ihm – oder wir, die Familie – so entwöhnt, dass wir gar nichts Richtiges miteinander anfangen konnten. Kein Einzelfall war das.“ [38] Und der Vater hatte kaum eine Chance, sich in den Augen seines heranwachsenden Sohnes zu rehabilitieren, wozu auch seine prekäre berufliche Situation in der DDR beitrug.  Während der verbrecherische Nazi-Schwiegervater weiter Karriere machte, durfte Horst Richter wegen seiner Zwangsmitgliedschaft in der NSDAP seinen Lehrberuf nicht weiter ausüben, und musste sich mit Hilfstätigkeiten durchschlagen. Die „beschädigten Väter“, wie Gerhard Richter das nennt, gehören zu den Erfahrungen seiner Generation.[39]

Gerhard Richter hatte dann auch lange daran zu arbeiten, in der Beziehung zu seinem ersten Kind, seiner Tochter Betty, eine andere, positive Vaterrolle zu entwickeln. Dass Betty sich in dem Portrait von 1988 von dem Fotografen, ihrem Vater, abwendet, kann vielleicht auch in diesem Licht gesehen werden.

Die Würde des Banalen: Orte und Landschaften

Auch für Richters Bilder von Landschaften und Orten dienten ihm Fotos als Vorlage. Dabei waren es allerdings vor allem eigene Fotos und es waren vor allem eher banale, keinen Falls malerische Motive, die Richter auswählte. „Oft handelt es sich um eine Szene, die niemand sonst für würdig gehalten hätte, dokumentiert zu werden. Richter wählt seine Motive aus ländlichen oder städtischen Zusammenhängen, die oft an eine vergessene Ecke erinnern.“[40]

Scheune, 1983 (Art Gallery of Ontario, Toronto)

Domecke, 1987  (The Heyman Family Collection, USA)

Dieses Bild zeigt eine unbedeutende Ecke des Doms von Köln, der Stadt, in der Richter lebt und arbeitet, und des Doms, den Richter mit einem großen bunten Glasfenster im südlichen Querschiff schmückte. Die Banalität dieser unscheinbaren Domecke wird allerdings aufgehoben durch den von Richter in seinem Bild noch betonten Sonnenstrahl, der einen Teil der Mauer und der gotischen Fenster beleuchtet: Dem Betrachter ist es überlassen, dies auch als religiöse Botschaft zu deuten…

Wie aus einem banal erscheinenden, kunstlosen Foto ein Kunstwerk werden kann[41], zeigt auch das nachfolgende Bild:

Apfelbäume, 1987 (Privatsammlung)

In ihrem hymnischen Bericht über die Ausstellung („Der heilige Georg“) hat DIE ZEIT (30.10.2025) gerade dieses Bild als Illustration verwendet. Untertitel: „Lieblichkeit kennt keine Grenzen“)

Venedig (Treppe), 1985 (The Art Institute of Chicago)

Dieses Bild ist vielleicht sogar mein Lieblingsbild der Ausstellung, weil es eigene Erinnerungen wachruft. Vor vielen, vielen Jahren machten wir nämlich auf dem Weg nach Jugoslawien (das gab es damals noch) Station in Venedig. Wir waren mit großen Erwartungen hingefahren, dann aber völlig überwältigt von den Besuchermassen, die sich durch die Stadt wälzten. Das Wort overtourism gab es damals noch nicht, wir hatten Derartiges nicht erwartet und standen gewissermaßen unter Schock. Da suchten wir uns an einem kleinen Kanal ein abseitiges ruhiges Plätzchen, und dort verbrachten wir den Tag – nur ab und zu kam eine Katze vorbei und leistete mir Gesellschaft: ein intensiver, unvergesslicher Tag Venedig.  

Die Darstellung von Gewalt und Zivilisationsbrüchen

Der Jahrhundertkünstler Gerhard Richter hat auch geschichtliche Ereignisse seiner Lebenszeit künstlerisch verarbeitet. Ich finde es bemerkenswert, dass es sich dabei, soweit ich das sehe, um die Auseinandersetzung mit Gewalt, mit Katastrophen und Zivilisationsbrüchen handelt, die in dieser Form neu und einzigartig war und ist.

Bomber, 1963 (Städtische Galerie Wolfsburg)

Dazu gehört auch -aus nahe liegenden biographischen Gründen- der Bombenkrieg und die Vernichtung Dresdens im Februar 1945. Sie war der Höhepunkt gezielter alliierter Flächenbombardements eng bebauter und dicht bevölkerter deutscher Innenstädte, mit dem Ziel, eine möglichst große Zahl Menschen zu töten und die Moral der Überlebenden zu brechen.[42]  Zum Zeitpunkt des großen Angriffs auf Dresden war der junge Gerhard nicht in Dresden, sondern in einer kleinen Stadt in Sachsen, wo sein Vater Lehrer war.

„Trotz seines jungen Alters begreift er die Tragweite des Krieges und erinnert sich, wie Dresden im Februar 1945 nahezu vollständig dem Erdboden gleichgemacht wird: In der Nacht rannten alle auf die Straße in diesem hundert Kilometer entfernten Dorf. Dresden wurde bombardiert, jetzt, in diesem Augenblick![43]    

Die Vorlage des 18 Jahre später entstandenen Bildes ist einer Zeitschrift entnommen. Es ist eine seiner ersten anerkannten Arbeiten (Werkverzeichnis Nr. 13) und eines seiner ersten Fotobilder. Dass es sich um eine fotografische Vorlage handelt, macht Richter durch die weißen Ränder deutlich, die das  Bild als Ausschnitt aus einer Zeitung oder einem Magazin ausweisen.[44]

Im Begleittext zu dem Bild Richters ist zu lesen, hier gehe es „unvermeidlich“ (inévitablement) um die Bombardierung Dresdens. In der noch weitgehend zerstörten Stadt habe er ja bis 1961, also bis zu seiner Flucht in den Westen, gelebt und studiert.

Allerdings waren die zwei aufeinanderfolgenden Wellen nächtlicher Bombenangriffe auf Dresden am 13./14. Februar 1944, die zu einem Feuersturm mit der totalen Zerstörung von „Elb-Florenz“ führten und etwa 25 000 Menschen das Leben kosteten, nicht das Werk amerikanischer Bomber, die auf dem Bild zu sehen sind, sondern der Royal Air Force. Die USAF bombardierte zwar auch mehrfach Dresden, zuletzt am 14. Februar 1945, aber ihre Ziele waren militärische Infrastruktur. Es spricht also mehr dafür, den grauen Fotorealismus des Gemäldes „keinem Krieg eindeutig zuzuordnen, so wie auch die vermeintlich realistischen Bomben sich in abstrakte Strichwelten aufzulösen beginnen. Es ist ein Sinnbild der Zerstörung, der Gewalt. Der schmale Abstand zwischen den abgeworfenen Feuerkörpern enthält schon das Desaster, das sie anrichten werden.“ [45]

Wie anders das gleichzeitig (1963) entstandene (allerdings nicht in der Richter-Ausstellung gezeigte) Bomber-Bild von Roy Lichtenstein (Whaam!). Hier wird distanzlos die Zerstörung eines feindlichen Flugzeugs in Szene gesetzt, so als sei die Vorlage einem heutigen Video-Spiel entnommen. Das Feuerwerk der Explosion lässt übersehen, dass in diesem Moment nicht nur ein Flugzeug, sondern auch ein Mensch vernichtet wird.[46]

Roy Lichtenstein, Whamm! (172.7 x 421.6 cm) Tate Modern, London

Ganz anders das Bomber-Bild Richters und das 2005 entstandene Bild über die Zerstörung der New Yorker Twin Towers durch islamistische Terroristen.

Auch dieses Bild hat bescheidene Ausmaße (52,1 x 71,8) und ebenfalls hält es Distanz zu dem Schrecken des Geschehens und den vielen Opfern des Anschlags. 

September, 2005 Museum of Modern Art, New York

Zu erkennen sind die beiden Türme des World Trade Center im Moment des Aufpralls eines der Flugzeuge auf den Südturm, also der „entscheidende Moment“ in der Terminologie von Fotoreportern. Und dargestellt ist vor allem die „ungeheure Wolke, die zum eigentlichen „Geschehen“ und dem zentralen „Sujet“ des Gemäldes wird. Dazu Robert Storr, ein Augenzeuge von 9/11, der dem Bild eine Monografie widmete:

„Da die giftigen Rauchschwaden von den brennenden Türmen direkt über uns hinwegzogen, stieg uns der Gestank des Infernos, das wir gebannt verfolgten, in die Nase. Die Summe dieser Eindrücke – der beißende Geruch rauchender Ruinen, die Sirenen, die sichtbare und erahnte Eskalation des Schreckens (…) erschwerte die Unterscheidung von Objektivität und Subjektivität, Entfernung und Nähe. (…) Wir dachten, sie (die Türme) würden von Möven umschwärmt. In Wirklichkeit handelte es sich um Papierwolken, die aus der zerstörten Fassade gerissen und vom Wind davongetragen wurden. Abgesehen von diesen beiden Erscheinungen strahlte der Himmel in reinstem Blau (…). Der Geruch verkohlten Fleisches war übertüncht vom Gestank verbrannter Kunststoffe und anderer anorganischer Substanden, aber man wusste, dass der widerwärtige Gestank auch den Dunst des Krematoriums enthielt. Bilder riechen nicht, aber im synästhetischen Sinne haftet Richters Fassung des 11. September 2001 ein Rauchgeruch an.“[47]

Vermutlich werden sich viele Betrachter des Bildes noch genau an die Situation erinnern, als sie völlig ungläubig von dem Anschlag erfuhren und mit Schrecken immer wieder die Bilder der in die Türme einschlagenden Flugzeuge, die zusammenstürzenden Türme und die in Panik fliehenden Menschen sahen.

Meine Mutter hat damals auf ihre Weise auf den grauenhaften Anschlag reagiert: „Jetzt sehen sie mal, wie das Ist“, sagte sie nämlich: Und sie bezog das auf das Darmstädter 9/11, die „Brandnacht“ vom 11. September 1944. An diesem Tag wurde die Darmstädter Innenstadt mit einem systematischen, fächerartigen „Bombenteppich“, der Generalprobe für Dresden, überzogen. Und diese Generalprobe war höchst „erfolgreich“:  Dem Angriff auf das dichtbesiedelte historische Stadtzentrum, das völlig zerstört wurde, fielen 11.500 Menschen zum Opfer. Rund 66.000 von damals rund 110.000 Einwohnern der Stadt wurden obdachlos.

Natürlich kann man den islamistischen Terror und die alliierten Bombenangriffe auf deutsche Städte nicht parallelisieren. Aber beim Betrachten von Richters September-Bild musste ich dann doch unwillkürlich an meine Kindheit und Jugend in Darmstadt denken, dessen Ruinen uns als Spielplatz dienten…

Auch den Terror der Roten Armee Fraktion (RAF), der Deutschland seit Ende der 1960-er Jahre erschütterte, hat Gerhard Richter thematisiert. „Richter hatte als Kind noch das nationalsozialistische System miterlebt, später jahrelang unter dem Kommunismus der DDR gelebt und die Konsequenzen beider Ideologien erfahren. In der Geschichte  „der RAF entdeckt Gerhard Richter eine andere Ideologie, die aufgrund ihrer Radikalität und Gewaltbereitschaft tragisch enden musste. Die Ereingisse des 18. Oktober 1977 sind für ihn auf diese Weise zur Metapher für jegliche Ideologie, deren Inhumanität und zwangläufiges Scheitern geworden.“ [48] 1988, als die sogenannte dritte Generation der RAF Anschläge verübte, schuf Richter einen Zyklus von 15 auf Fotografien basierenden Bildern: 18. Oktober 1977.[49] Der Titel bezieht sich auf das Datum des Selbstmords von 4 Mitgliedern der Baader- Meinhof-Gruppe im Gefängnis Stammheim. Die Bilder thematisieren die Haft und den gemeinsamen Tod der Führungsfiguren der RAF.

                                             Erhängte. 1988 (Gudrun Ensslin)[50]

Aus diesem Rahmen fällt, auch wegen seiner geringen Größe, Jugendbildnis, ein Portrait von Ulrike Meinhof, die schon vor der „Todesnacht von Stammheim“ ihrem Leben ein Ende gemacht hatte.

Die Originalfotografie wurde am 10. Oktober 1966 für eine Kolumne der Zeitschrift konkret aufgenommen, für die Meinhof nicht nur Artikel verfasste, sondern die sie auch zusammen mit ihrem damaligen Ehemann Klaus Rainer Röhl leitete. Nur vier Jahre später, am 14. Mai 1970, war Meinhof an der gewaltsamen Befreiung Andreas Baaders aus der Haft beteiligt – diese Aktion gilt gemeinhin als Geburtsstunde der RAF.[51]

Jugendbildnis 67 x 62 cm. Museum of Modern Art, New York

„Bei der Adaption dieser Fotografie in die Malerei hat der Künstler einige Änderungen vorgenommen: Ulrike Meinhof mutet deutlich jünger an, ihr Blick wirkt weniger entschlossen und der Zug um den Mund weniger energisch als auf der Vorlage. Durch die Verwischung der noch nassen Farbe steigert Richter den jugendlich-zarten Eindruck des Porträts.“[52] „Es ist das einzige Motiv, das außerhalb der Ereignisse um die RAF steht. Innerhalb des Zyklus erfüllt das Bildnis dadurch die wichtige Funktion des unschuldigen noch hoffnungsvollen Gegenstücks zu den dramatischen Bildern von dem fatalen  Ende einer gescheiterten Ideologie.“[53]

Mich hat dieses Bild besonders berührt.  Es wirft die Frage auf, wie aus einer intelligenten, sensiblen, sozial engagierten und vielversprechenden jungen Frau ein Führungsmitglied der terroristischen RAF werden konnte. Richter lässt den Betrachter bei der Suche nach Antworten allein. Wenn aber Hubertus Butin in seiner Arbeit zu den Oktober-Bildern feststellt, sie verdeutlichten, zu welchen Taten jeder Mensch unter Umständen in der Lage wäre,[54] dann macht er dem Betrachter diese Suche zu leicht, und die Brisanz des verschwommenen Portraits löst sich im Allgemein-Menschlichen auf.

Die Frage, wie es dazu kommen konnte, stellt sich auch bei Gerhard Richters Birkenau-Zyklus, der, „geradezu sakral inszeniert, in einem kapellenartigen Saal … den Schluss und Höhepunkt der Ausstellung bildet.“[55]  Hier geht es ja um den größten Zivilisationsbruch in der Lebenszeit Richters, um ein kaum vorstellbares, singuläres Menschheitsverbrechen. Und für Richter stellte sich seit den 1960-er Jahre immer wieder die Frage, wie man den Holocaust, die Vernichtung von 6 Millionen europäischer Juden, malerisch fassen kann. „Als ich Mitte 20 war“, schreibt Richter, „habe ich KZ-Photos gesehen, die mich sehr erschüttert haben. Mit Mitte dreißig habe ich die gesammelt, photografiert und versucht, sie zu malen. Ich habe das aufgeben müssen.“[56] 1967 nahm er in seinen Atlas, das Konvolut der von ihm gesammelten Fotos, auch ein Foto nackter Frauen auf dem Weg in die Gaskammer auf. 40 Jahre später stieß er wieder auf dieses Foto, und zwar in der deutschen Ausgabe des Buches Images malgré tout von Georges Didi-Huberman.[57]  Gegenstand des Buches sind, mit den Worten des Autors, „vier grauenvolle Bilder … Diese vier Bilder sind alles, was uns bleibt- die Menschen waren, als sie fotografiert wurden, bereits tot oder dem Tode nahe, und der Fotograf selbst hat die Aufnahme nicht lange überlebt- , alles, was uns von einer Entscheidung bleibt, die jüdische Gefangene des Sonderkommandos in Auschwitz-Birkenau im August 1944 getroffen haben, unter größter Gefahr den Ablauf der Vernichtung fotografisch zu bezeugen … Die heimlichen Aufnahmen haben lediglich diese vier armseligen und lückenhaften Bilder entstehen lassen. Sie tragen das Zeichen äußerster Eile und tödlicher Gefahr. Es sind vier Monaden eines blanken Terrors.“[58]

Diese vier unter Lebensgefahr heimlich aufgenommenen und in einer Zahnpastatube aus dem Lager geschmuggelten Fotos gelten als die weltweit einzigen fotografischen Dokumentationen des Holocaust in Auschwitz.  

Die Präsentation dieser vier Fotos in einer Pariser Ausstellung im Hôtel Sully 2001 und der Text Didi-Hubermans lösten eine heftige Kontroverse aus. Es war unter anderem Claude Lanzman, der kritisierte, diese Fotos könnten nicht dazu beitragen, die Geschichte der Vernichtungslager zu erfassen.[59]  Richter sah durchaus die Schwierigkeit des Umgangs mit diesen Fotos und mit der künstlerischen Darstellung des Holocaust. Zu der hier abgebildeten „Aufnahme von einem KZ-Hof“ bemerkte er: „Die Leute laufen da ganz friedlich rum und wenden Leichen. Das sieht man aber erst, wenn man sehr genau hinguckt. Zunächst wirken sie wie nette Gartenarbeiter. Es gibt da einen wahnsinnigen Kontrast zwischen dem Inhalt und dem Erscheinungsbild.“[60] Richter fand aber schließlich eine, wie ich finde, überzeugende Lösung, sowohl der Bedeutung und Einzigartigkeit der Fotos als auch den Bedenken gegen eine gegenständliche oder überhaupt künstlerische Darstellung des Holocausts gerecht zu werden.

Er übertrug die Fotografien in Vergrößerung auf vier weiße Leinwände, die schon lange vorher an den Wänden seines Ateliers befestigt waren: „Bilder im Wartezustand“ sozusagen.[61]  Schließlich machte er sich daran, an mehreren Tagen mit immer wieder neuen Farbschichten diese Fotos zu bearbeiten.  Es sind unschöne Farben:  Es ist ein Blutrot, es ist ein Giftgrün, das Ganze wird am Ende abgedeckt von aschegrauen Farben. Mit jeder weiteren Farbschicht verschwand die gemalte fotografische Vorlage etwas mehr, bis sie schließlich nicht mehr sichtbar war. [62] Richter hatte sich nach langem Zögern also gegen eine figurative Bearbeitung der vier Fotos entschieden. Er war sich darüber im Klaren, dass „die Wahrheit der Fotografien … niemals erreichbar (sei), wenn man das malt.“[63]

Birkenau, 2014. Neue Nationalgalerie Berlin

„Angesichts des Grauens und des unfassbaren Verbrechens gegen die Menschlichkeit, das mit dem Holocaust verbunden ist, entsteht bei Gerhard Richter also ein Abstraktionsprozess, der in eine Weigerung der direkten Abbildung mündet. Mit diesem Prozess fand Gerhard Richter einen Weg, auf dokumentarisches Material zurückzugreifen, ohne es direkt zu zeigen. Seine abstrakte Malerei bietet Form- und Farbklänge, erzeugt, gerade mit den zahlreichen schwarz-grauen Flächen, eine melancholische, nachdenkliche Stimmung. Das Figurative und das Abstrakte schließen sich in diesen Werken jedoch nicht aus. Vielmehr eröffnet Richter einen entstehenden Raum zwischen Zeigen und Nicht-Zeigen. Es ist ein Art Zwischenraum, der malerisch, ästhetisch und gedanklich ein weites Feld an Reflexionen ermöglicht.“[64] Richter sei davon ausgegangen, so Andreas Kaernbach, Kurator der Kunstsammlung des Deutschen Bundestages, in einem Radiointerview, „dass sich diese Bilder, die er dort übermalt hat, in unserem kollektiven Gedächtnis eingebrannt haben. Sie sind ja in unserem Kopf drin unter diesen Erinnerungsschichten, wie unter diesen Farbschichten. Und nun ist der Betrachter gefordert, wenn er diese Bilder sieht, in ganz anderer Weise mitzudenken, nachzudenken. Was ist da unter dieser Farbe und warum ist diese Farbe darüber getragen worden.“[65]  

Richter entschied, dass die vier originalen, aber stark vergrößerten Fotografien zusammen mit seinen Arbeiten ausgestellt werden, um deren Grundlagen zu zeigen und um die Opfer der Vernichtungslager und die todesmutigen Mitglieder des Sonderkommandos, die die Fotografien erstellten und aus dem Lager schmuggelten, zu ehren. 2019 fügte er dann auch noch grau getönte Spiegel hinzu.

Die Distanz zwischen Betrachter und Bild und damit auch zu den Toten, die unter dicken Farbschichten begraben sind[66], wird damit aufgehoben. Dem Zuschauer bleibt es allerdings selbst überlassen, inwieweit er sich durch Richters Installation in das Geschehen hineinziehen lässt.[67]  Das hieße zuerst, sich zu fragen, was der Holocaust für mich und für uns heute bedeutet; und weiter, wie ein solches Menschheitsverbrechen, begangen mitten im 20. Jahrhundert, möglich war; und in letzter Konsequenz müsste man sich beim Blick in den Spiegel auch die verstörende Frage stellen, ob man damals vielleicht selbst einer der „ganz normalen Männer“[68] hätte sein können, die die Täter meist waren,  und unter welchen Umständen auch heute wieder „ganz normale Männer“  zu solchen Taten fähig sein könnten….    

Literatur

Hubertus Butin: Zu Richters Oktober-Bildern. Schriften zur Sammlung des Museums für Moderne Kunst Frankfurt (Main). Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 1991. S. 47 f.

Georges Didi-Huberman, Bilder trotz allem. Aus dem Französischen von Peter Geimer. Paderborn/München 2007

Georges Didi-Huberman, Wo es war. Vier Briefe an Gerhard Richter. Köln: Verlag der Buchhandlung Walter König. 2018

Dietmar Elger, Gerhard Richter. Maler. Biografie und Werk. Köln: DuMont Verlag 2002

Insa Härtel und Karl –Josef Pazzini, „Frage-Antwort-Spiel“: Babette und Gerhard Richter. kunsttexte.de 3/2012 –    https://edoc.hu-berlin.de/server/api/core/bitstreams/eba2575d-2860-46a2-948e-b50a9604587e/content Schriften des Gerhard Richter Archiv Band 15

Martin Henatsch: Gerhard Richter – 18. Oktober 1977. Das verwischte Bild der Geschichte. kunststück. Fischer, Frankfurt (Main), 1998.

Karl-Josepf Pazzini, Eine gewisse Gewalt des Imaginären – Über Gerhard Richters „Betty“ (1977) Zeitschrift Kunst Medien Bildung https://www.zkmb.de/eine-gewisse-gewalt-des-imaginaeren-ueber-gerhard-richters-betty-1977-teil-1/?print=pdf|

Monika Jenni-Preihs: Gerhard Richter und die Geschichte Deutschlands. LIT-Verlag 2013

Simone Reber, Gerhard Richter – Der Über-Maler. SWR2 Wissen 3. Februar 2022. Ein Gespräch mit Gerhard Richter, Andreas Kaernbach (Deutscher Bundestag), Dietmar Elger (Gerhard Richter Archiv Dresden) u.a.

Jürgen Schreiber: Ein Maler aus Deutschland. Gerhard Richter. Das Drama einer Familie. München:Piper-Verlag 2017 (ungekürzte Taschenbuchausgabe). Zuerst: 2005

Robert Storr: September. Ein Historienbild von Gerhard Richter.  Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2011


Anmerkungen

[1] Focus plus 02.11.2025  https://www.focusplus.de/gesellschaft/gerhard-richter-jahrhundertkuenstler-6710 Beitragsbild: Kerze. 1982. Institut d’art contemporain, Villeurbanne

[2] Alle Bilder des Beitrags sind, wenn nicht ausdrücklich anders angegeben, Aufnahmen von Wolf Jöckel aus der Richter-Ausstellung. Als Lesezeit gibt WordPress 32 Minuten an.

[3] https://www.tagesspiegel.de/kultur/zweifler-aus-prinzip-eine-gigantische-retrospektive-zum-werk-von-gerhard-richter-14896169.html

[4] https://www.kunsthaus-artes.de/lp/90-jahre-gerhard-richter/ s.a. https://www.gerhard-richter.com/en/literature/articles/online-publications/deutschlands-picasso-welche-spannenden-ruckblicke-auf-3596

[5] https://www.lemonde.fr/culture/article/2025/10/16/gerhard-richter-un-faiseur-d-images-expose-a-la-fondation-louis-vuitton_6647174_3246.html

[6] Dazu im Begleittext der Ausstellung: „Lorsqu’en 1996 il peint son premier autoportrait, il ne se montre pas sous les traits de l’artiste parvenu au sommet de sa carrière“.  https://www.tagesspiegel.de/kultur/zweifler-aus-prinzip-eine-gigantische-retrospektive-zum-werk-von-gerhard-richter-14896169.html

[7] https://www.awmagazin.de/design/gerhard-richter-in-paris-fondation-vuitton

[8] https://www.vogue.de/artikel/gerhard-richter-ausstellung-fondation-louis-vuitton und .  https://www.welt.de/kultur/article68ef96d90dc4b85759d384f5/gerhard-richter-in-paris-er-hat-aufgehoert-zu-malen-und-erschafft-doch-noch-immer-neue-bilder.html

[9] Später hat er diese und weitere Fotos dann auf losen Blättern angeordnet und in seinem sogenannten Atlas zusammengestellt. https://www.gerhard-richter.com/de/art/atlas

[10]  https://www.gerhard-richter.com/de/biography/19611964-the-dusseldorf-academy-years-4 https://www.arsmundi.de/kuenstler/richter-gerhard/ 

[11] https://www.mdr.de/kultur/ausstellungen/dresden-gerhard-richter-bilder-portrait-kerze-106.html

Siehe z.B. https://gra.hypotheses.org/tag/lesende (Gerhard Richter im Spiegel der Alten Meister)

[12] https://de.wikipedia.org/wiki/Sabine_Moritz

[13] https://www.ipu-berlin.de/blickfaenger-gerhard-richter-betty-1977/ 

[14] Jolin Hölzel,  100 Meisterwerke: 38. „Betty“ von Gerhard Richter  https://bildbeschreibungen.com/2016/10/11/100-meisterwerke-38-betty-von-gerhard-richter/

[15] Karl-Josef Pazzini, Eine gewisse Gewalt des Imaginären – Über Gerhard Richters „Betty“ (1977)  Zeitschrift Kunst Medien Bildung https://www.zkmb.de/eine-gewisse-gewalt-des-imaginaeren-ueber-gerhard-richters-betty-1977-teil-1/?print=pdf und

https://www.ipu-berlin.de/blickfaenger-gerhard-richter-betty-1977/

[16] Zit. https://www.zkmb.de/eine-gewisse-gewalt-des-imaginaeren-ueber-gerhard-richters-betty-1977-teil-1/?print=pdf

[17] Zit. https://www.zkmb.de/eine-gewisse-gewalt-des-imaginaeren-ueber-gerhard-richters-betty-1977-teil-1/?print=pdf Auch das nachfolgend zitierte „unheimliche Nichts“ stammt aus dem Interview Babettes mit ihrem Vater.

[18]   https://www.singulart.com/blog/de/2024/09/20/betty-by-gerhard-richter/

[19] Siehe Begleittext der Ausstellung zu dem Bild

[20] https://www.slam.org/collection/objects/23250/  

[21] https://www.museum-moenchengladbach-1967-1978.de/ausstellungen/gerhard-richter-graue-bilder   

[22] Z.B. https://www.artforum.com/features/gerhard-richters-betty-204259/  Abbildung aus: https://app.fta.art/de/artwork/2d1856209eccafeadae36a72cdb2624e512f4743    

[23] https://www.dailyartmagazine.com/betty-by-gerhard-richter/

[24] Elger, Gerhard Richter, S. 333

[25] Bild aus: https://www.bz-berlin.de/archiv-artikel/die-tragoedie-um-gerhard-richter-tante-marianne

[26] Nachfolgendes Originalfoto aus: Scheiber, Ein Maler für Deutschland, S. 57

[27] Schreiber, Ein Maler aus Deutschland, S. 57

[28] Elger, Gerhard Richter, S. 154

[29] https://www.bz-berlin.de/archiv-artikel/die-tragoedie-um-gerhard-richter-tante-marianne

[30]  Richter-Zitate aus: Gerhard Richter: Tante Mariannes Tragödie – B.Z. – Die Stimme Berlins 20.2.2020

[31] Elger, Gerhard Richter, S. 223/224

[32] Schreiber, Ein Maler aus Deutschland, nennt den „aus heutiger Sicht lächerlichen Preis von unter 1000 Mark.“ (S. 249/250) In manchen Darstellungen werden 3000 Deutsche Mark als Preis genannt.

[33]  Sebastian Preuss, Ein deutsches Bild.  Gerhard Richters „Tante Marianne“ wurde in London versteigert. Dresden konnte nicht mitbieten  https://www.berliner-zeitung.de/archiv/gerhard-richters-tante-marianne-wurde-in-london-versteigert-dresden-konnte-nicht-mitbieten-ein-deutsches-bild-li.953955 23.6.2006

[34] Elger, Gerhard Richter, S. 158

[35] https://www.spiegel.de/kultur/mich-interessiert-der-wahn-a-7329691d-0002-0001-0000-000041429248

[36] Elger, Gerhard Richter, S. 158

[37] Elger, Gerhard Richter, S. 157

[38]  https://www.gerhard-richter.com/de/biography

[39] SWR2 Wissen Gerhard Richter – Der Über-Maler Von Simone Reber.  3. Februar 2022,

[40] Begleittext zum nachfolgenden Bild (Scheune 1983)

[41] https://www.welt.de/kultur/article68ef96d90dc4b85759d384f5/gerhard-richter-in-paris-er-hat-aufgehoert-zu-malen-und-erschafft-doch-noch-immer-neue-bilder.html

[42] https://www.dhm.de/lemo/kapitel/zweiter-weltkrieg/kriegsverlauf/dresden  Im Einzelnen: Jörg Friedrich, Der Brand: Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945. 2002 

[43] https://www.gerhard-richter.com/de/biography  Zitat aus einem Interview mit Robert Storr, 2002.  Zitiert in Malerei, 2007, S. 17.

[44] https://www.kmw.ch/ausstellungen/kunst-und-krieg/richter/

[45] https://www.weltkunst.de/ausstellungen/2022/10/gerhard-richter-bomber-bild-des-tages

[46] Bild aus: https://www.artchive.com/artwork/whaam-roy-lichtenstein-1963/

[47] Robert  Storr, September. Ein Historienbild von Gerard Richter, S. 10,14,49

[48] Elger,  Gerhard Richter, S. 331/332

[49] Siehe: https://www.gerhard-richter.com/de/art/paintings/photo-paintings/baader-meinhof-56

[50] Siehe dazu: https://www.gerhard-richter.com/de/art/paintings/photo-paintings/baader-meinhof-56/hanged-7690/?pg=4

[51] https://www.gerhard-richter.com/de/art/paintings/photo-paintings/baader-meinhof-56/youth-portrait-7697?categoryid=19&p=1&sp=32&pg=11  

[52] A.a.O.

[53] Elger, Gerhard Richter S. 332

[54] Butin 1991, S. 48 Zitiert am Schluss des Beitrags der Gerhard Richter-Homepage zu dem Bild

[55] Hanno Rautenberg, Der heilige Gerhard. So schön, so umfassend wurde sein Werk  noch nie gezeigt. Ganz Paris will Richters Bilder sehen.“ In: DIE ZEIT vom 30. Oktober 2025

[56] Zitiert bei Elger, Gerhard Richter, S. 322

[57] Georges Didi-Huberman, Bilder trotz allem. Aus dem Französischen von Peter Geimer. Paderborn/München 2007. Originalausgabe: Images malgré tout. Les Éditions de Minuit 2003

[58] Didi-Huberman, Wo Es war, S. 31

[59]  „Ces images ne peuvent servir à écrire l´histoire des camps.“ Claude Lanzmann, écrivain et cinéaste : « La question n’est pas celle du document, mais celle de la vérité » Le Monde, 18 janvier 2001. Im Einzelnen: https://fr.wikipedia.org/wiki/Images_malgr%C3%A9_tout

[60] Aus einem  Gespräch mit Nicolas Serrota. Zitiert bei  Didi-Huberman, S. 32/33

[61] Didi-Huberman, Wo Es war, S. 30

[62] Siehe: Simone Reber, Gerhard Richter SWR Kultur

[63] Richter in einem Brief an Didi-Huberman. Zitiert in Didi-Huberman, Wo es war, S. 88

[64] https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/reflexionen-ueber-malerei/

[65] Auch im Deutschen Bundestag, dem alten Reichstagegebäude, ist eine Version des Birkenau-Zyklus ausgestellt. Siehe: https://www.bundestag.de/resource/blob/546610/flyer_birkenau.pdf

[66] S. Hanno Rautenberg in DIE ZEIT, 30.10.2025: Richter „vermalte die Toten, begrub sie unter dicken Farbschichten – mit dem  Ergebnis, dass in der Rezeption von Birkenau sehr viel über die Unmöglichkeit geschrieben wird, den Holocaust angemessen abzubilden. Der Holocaust selbst aber kaum erwähnt wird, abgedrängt vom ästhetischen Diskurs. Auch das wird nun in Paris bewundert, als Tat des heiligen Gerhard. Man kann diesem Deutschen einfach nicht böse sein, er meint es ernst, er lässt nicht locker. Er entrückt alles, was einem quer liegen könnte, ins milde Reich des Ungefähren. Und dafür, was sonst, kann man nur dankbar sein.“ Meines Erachtens findet eine solche Entrückung „ins milde Reich des Ungefähren“ aufgrund der zu dem Zyklus gehörenden Originalbilder und des Spiegels nicht statt.

[67] „le spectateur devenant ainsi partie prenante“. Aus dem Begleittext der Ausstellung zu Birkenau.

[68] Der Ausdruck bezieht sich auf das Buch des amerikanischen Historikers Christopher R. Browning:  Ganz normale Männer:Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die „Endlösung“ in Polen. Rowohlt Verlag 1992. Er zeigt, wie aus „normalen Männern“, die wegen ihres Alters nicht in die Wehrmacht eingezogen wurden und die man nicht zu den nationalsozialistischen Überzeugungstätern rechnen kann, in wenigen Monaten gefühllose Massenmörder wurden.

Zu Gehrys Bau der Fondation Louis Vuitton s.a.:

Bild des Monats Januar 2026: Galettes des Rois

Wir freuen uns jeden Januar aufs Neue, wenn die Pariser Bäckereien ab dem Dreikönigstag wieder die Galettes des Rois anbieten.

Die Galette ist wieder da. Schaufenster einer Bäckerei in der rue Saint Dominique in Paris

Die Galettes des Rois sind eine typisch französische Spezialität und unter den Backwaren so populär wie sonst nur noch das Croissant: So wie jedes Jahr der beste Croissant-Bäcker von Paris gekürt wird, so auch jährlich der „roi de la galette“ (Le Parisien), der beste Galette-Bäcker von Grand Paris, der dann auch für ein Jahr das Privileg hat, Matignon (den Sitz des Ministerpräsidenten) mit seinen ausgezeichneten Galettes des Rois zu beliefern.

Es gibt verschiedene Sorten. Meist werden die Galettes aus Blätterteig hergestellt und mit Mandelcreme (frangipane) oder seltener auch Apfelmus gefüllt. Unser Favorit ist aber der gâteau des rois, die hier abgebildete südfranzösische Variante aus Brioche-Teig mit kandierten Früchten und Zuckerhagel.

Die Geschichte der Galettes geht zurück auf vorchristliche Zeiten. Die Römer feierten die Wintersonnenwende mit den Saturnalien. Dazu gehörte ein Bankett mit einem Kuchen, in dem eine Bohne (fève), Symbol der Fruchtbarkeit, versteckt war. Wer beim Verteilen des Kuchens das Stück mit der Bohne erhielt, war für diesen Tag der König des Fests.

Eine Verkäuferin der Boulangerie Landemaine im 11. Arrondissement von Paris mit der Krone, die zu jeder Galette gehört.

Das Christentum übernahm diese populäre heidnische Sitte für den Dreikönigstag (Epiphanias), den 6. Januar, der an die Anbetung des Jesuskindes durch die Heiligen Drei Könige, die Weisen aus dem Morgenland, erinnert.

Im 19. Jahrhundert wurden die Bohnen allmählich durch kleine Porzellanfiguren ersetzt. Zunächst waren das Motive, die sich auf den Dreikönigstag bezogen. Heutzutage werden fèves, wie es sich im demokratischen und laizistischen Frankreich gehört, eher aus billiger Keramik oder Plastik und mit unterschiedlichsten Motiven hergestellt.

Besonders für Kinder, aber auch für uns Erwachsene, ist es immer wieder spannend, wer die Figur erhält und wie sie aussieht. Damit beim Verteilen der Galette-Stücke jeder die gleichen Chancen hat und „Schummeln“ ausgeschlossen ist, setzt sich traditionell der Jüngste der Anwesenden unter den Tisch. Dort bestimmt er, wer das gerade angeschnittene Stück Galette erhält.

Das Sammeln von fèves ist für manche Menschen, den fabiophiles, zu einem Hobby geworden, und es gibt sogar in Blain (Loire- Atlantique) ein fèves-Museum mit fast 10000 der kleinen Figuren.  

Wir freuen uns besonders, wenn wieder ein neues Mitglied unseres kleinen fèves-Zoos dazukommt…

Unsere beiden Enkelinnen als Galette-Königinnen

Gruß zum neuen Jahr 2026

Zum letzten und vorletzten Jahreswechsel habe ich den Leserinnen und Lesern dieses Blog ein gutes und friedlicheres neues Jahr gewünscht. Auch wenn Präsident Trump sich als Friedens-Deal-Maker inszeniert: Im Nahen Osten herrscht noch nicht einmal ein völliger Waffenstillstand, wirklicher Friede ist nicht in Sicht; und in der Ukraine gehen die Kämpfe an den Fronten und die Angriffe auf die Zivilbevölkerung im Land in unverminderter Härte weiter. Und friedlich geht es auch in vielen anderen Gegenden der Welt leider ganz und gar nicht zu.

Zu Hoffnung ist also derzeit wenig Anlass. Da gibt es wenigstens die Kunst: Im Januar werde ich zweimal das Glück haben, an Aufführungen der 9. Sinfonie von Beethoven teilzunehmen und die Hymne an die Freude mitzusingen. Sie ist ja auch die Hymne eines Europa, dem Trump und Putin den Kampf angesagt haben. Der Text stammt ja bekanntlich von Friedrich Schiller, der, was vielleicht weniger bekannt ist, während der Französischen Revolution als Ehrenbürger Frankreichs geadelt wurde.

Hoffnung heißt auch das „neo-pointilistische“ Wandbild des Street Art-Künstlers Kan, das derzeit auf der M.U.R Bastille in der Rue de la Roquette im 11. Arrondissement von Paris zu sehen ist.

Meine Hoffnung: Dass es Ende dieses jungen Jahres keinen Anlass gibt für ein neues Wandbild der Tränen und der Trauer!

2025 war immerhin, was den Blog angeht, wieder ein sehr intensives und gutes Jahr: Die Zahl der Abonnenten, der Besucher/innen und der Aufrufe hat weiter zugenommen. Zum erste Mal haben in einem Monat über 10 000 Menschen den Blog besucht. Dazu beigetragen haben gegen Ende des Jahres zahlreiche Aufrufe aus China, die zeitweise sogar die aus Deutschland auf den zweiten Platz verdrängt haben.

Natürlich ist im abgelaufenen Jahr auch die Zahl der Beiträge gewachsen: 51 Beiträge kamen hinzu, ein neuer „Rekord“. Das hängt auch damit zusammen, dass mit dem „Bild des Monats“ ein neues, zusätzliches Format in den Blog eingeführt wurde und dass der Blog wieder durch einige schöne Gastbeiträge bereichert wurde, wofür ich mich an dieser Stelle noch einmal herzlich bedanken möchte.

Deutliche „Spitzenreiter“ im vergangenen Jahr waren diese beiden Beiträge:

und

Trotz der vielen Beiträge des Jahres 2025 wurden aber noch nicht einmal alle vor einem Jahr angekündigten Projekte verwirklicht:

  • Die Bauten Le Corbusiers in und um Paris I (Doppelhaus La Roche und Jeanneret, Miets- und Atelierhaus Porte Molitor und Schweizer Pavillon in der Cité Universitaire)
  • Le Corbusier II: Villa Savoye
  • Le Corbusier III:  Le Corbusiers Paris-Pläne (Plan Voisin ff): Kahlschlag und totalitäre Neugestaltung
  • Wem „gehört“ er? Die Gutenberg-Denkmäler in Straßburg und Mainz
  • Der frisch restaurierte Arc de Triomphe du Caroussel

Diese Beiträge werden dann -hoffentlich- im Laufe des neuen Jahres in dem Blog erscheinen. Und natürlich -und ganz gewiss!-  die beiden schon für 2024 vorgesehenen Beiträge über das Schloss und den Park von Vaux-le-Vicomte.

Und dann gibt es natürlich wieder viele neue Projekte für 2026:

  • Galette aux Rois (Bild des Monats Januar)
  • La Rue de la Femme sans Teste auf der Île Saint-Louis in Paris oder Die Angst der Männer vor starken Frauen
  • Das Louxor: Der „ägyptische“ Art-déco-Kinopalast von Paris
  • Das Palais d’Iéna: Ein Meisterwerk von Auguste Perret, dem Pionier des Eisenbetons.
  • Das Grab Antoine Parmentiers, der die Kartoffel in Frankreich heimisch machte, auf dem Père Lachaise
  • Das Café des Chats im 11. Arrondissement von Paris
  • Der neue Metro- Bahnhof von Villejuif (Linie14): Ausgezeichnet als schönster Bahnhof der Welt des Jahres 2025
  • Die Gerhard Richter- Ausstellung in der Fondation Louis Vuitton
  • Die Eva Jospin-Ausstellung im Grand Palais
  • Die Ausstellung der neuen Kirchenfenster von Notre-Dame de Paris im Grand Palais
  • Das Zisterzienser-Kloster von Fontenay in Burgund
  • Die Bouillons von Paris
  • Die Pariser Getreidebörse (Pinault Collection)
  • 40 Jahre nach Christo und Jeanne-Claude: Die Umgestaltung des pont neuf im Juni 2026

Dazu wird sicherlich -wie im letzten Jahr- noch einiges Weitere hinzukommen, was sich im Lauf des Jahres ergeben wird. Ich hoffe also, dass für jede und jeden etwas Interessantes dabei sein wird. Bedanken möchte ich mich für freundliche Zuschriften und Rückmeldungen. Auch über kritische Hinweise und Verbesserungsvorschläge freue ich mich.

Mit vielen guten Wünschen für das neue Jahr und natürlich auch weiterhin Interesse und Freude an dem Paris- und Frankreich-Blog

Wolf Jöckel

Der „Aufenthaltszug“: abenteuerliche Erfahrungen mit der Bahn zwischen Paris und Frankfurt

„Wenn einer eine Reise tut, da kann er was erleben“. So lautet ein Sprichwort, das wunderbare Reiseerlebnisse verheißt. Ist man aber regelmäßig mit der Bundesbahn/der SNCF zwischen Frankfurt und Paris unterwegs, ist man geneigt, das Sprichwort auch als Drohung zu verstehen: Da kannst du was erleben!!! Und da kannst du auch was erzählen. Aber ich will die Leserinnen und Leser dieses Blogs nicht mit den üblichen Geschichten über Verspätungen und Zugausfälle langweilen. Und ich will mich nicht nur beklagen. Denn die Fahrten, die sonst doch nur Routine wären, bieten immer wieder Gesprächsstoff und bei allen Problemen manchmal auch interessante und positive Überraschungen.

Zum Beispiel Nachhilfe in Landeskunde: Wenn also der ICE auf dem Weg von Paris nach Frankfurt es nur bis Saarbrücken schafft und man dann aufgefordert wird, in einen bereitstehenden Flix-Train umzusteigen. Der tuckert durch schöne Pfälzer Landschaften, durch Weinberge, entlang der Nahe,  und er hält an Bahnstationen, deren Namen man noch nie gehört hat…

Oder wenn im jetzt zu Ende gehenden Jahr wegen der Generalsanierung der Direktverbindung Frankfurt – Mannheim der Zug -wie früher- über Darmstadt mit seinem schönen Jugendstilbahnhof fährt. Für meinen Vater, ein begeisterter Darmstädter „Heiner“, war es ein großer Schock, als der Zug Frankfurt – Paris nicht mehr in Darmstadt Halt machte. Er erzählte auch gerne die Anekdote des Darmstädter Stationsvorstehers, der die ankommenden Fahrgäste auf gut hessisch mit einem kräftigen „Station Dammstadt“ begrüßte. Der volksnahe Großherzog Ernst Ludwig habe ihn bei Gelegenheit freundlich darum gebeten, doch das R nicht zu vergessen, was der gute Mann auch brav befolgte: Das nächste Mal also: StaRRtion Dammstadt… Jetzt hatte immerhin wenigstens der Sohn die verspätete, wenn auch nur zeitlich begrenzte Genugtuung ausgiebiger (allerdings nicht offizieller) Fahrtpausen in „Dammstadt“.

Es hat auch durchaus etwas Gutes, wenn der ICE ein technisches Problem hat und deshalb (nach kräftig verspäteter Abfahrt) nur mit angekündigten maximal 200 km (tatsächlich eher weniger als 150 km) durch Frankreich fahren kann. Denn es gibt mir immer einen Stich, wenn der Zug (ICE oder TGV) mit über 300 Sachen durch die Champagne rast und dann in gefühltem S-Bahn- Tempo gemütlich den Pfälzer Wald durchquert. Stolz verkündete kürzlich die Bundesbahn, dass nach der Generalsanierung der Strecke zwischen Frankfurt und Mannheim sogar Tempo 160 möglich sei!- allerdings nur an einzelnen Abschnitten….

Aber jetzt endlich etwas zu dem Bild von dem „Aufenthaltszug“! Wer hätte denn gedacht, dass die Probleme der Bundesbahn auch der Wortschatzerweiterung dienen können.

Den „Aufenthaltszug“ gibt es zwar bei der Bundesbahn, aber (noch) nicht im Duden. Tippt man das Wort in der neuesten Online-Ausgabe ein, erhält man als Antwort eine Frage:

Meinten Sie AufenthaltsortAufenthaltsdauer oder Aufenthalt?

Dass der Duden hier passt, kann ich verstehen. Denn eigentlich ist ja ein Zug fürs Fahren da und nicht für einen Aufenthalt. Insofern ist der „Aufenthaltszug“ ein in sich widersprüchliches Wortkonstrukt. Aber für die Bundesbahn ist er eine (wohl auch nicht erst ganz neue) Realität, wie wir am eigenen Leibe erfahren haben. Da kam auf dem Weg nach Paris in Saarbrücken die Durchsage, der Zug -wieder ein ICE-  könne wegen technischer Probleme die Fahrt nicht fortsetzen. Die Fahrgäste müssten auf den nachfolgenden Pariszug warten, dürften aber so lange in dem zum Aufenthaltszug umfirmierten Pannenzug bleiben – immerhin war es Winter und ziemlich kalt. Wir konnten uns etwas mit dem ausgesprochen netten Zugführer unterhalten, der gerne nach Paris weitergefahren wäre – er sprach auch perfekt französisch. Er erklärte uns, dass die Bundesbahn im Zuge ihrer früheren Privatisierungsstrategie nicht nur notwendige Investitionen unterlassen, sondern auch Bahnhöfe -u.a. den von Saarbrücken- verkauft oder verpachtet habe. Seitdem gäbe es keinen warmen Wartesaal mehr, dafür aber jetzt einen Aufenthaltszug.  Wie schön! Und für den etwa vierstündigen Aufenthalt im Aufenthaltszug bekamen wir sogar von der Bahn ein kleines Fläschchen Wasser spendiert…. Die netten Inder in unserem Abteil hatten allerdings nichts davon. Das in Frankfurt wohnende Ehepaar hatte die Eltern, die gerade zu Besuch aus Indien gekommen waren, für einen Tag nach Paris eingeladen. Damit war’s nun nichts mehr. Also keine vier Stunden Aufenthaltszug, keine „ville lumière“, keine „schönste Avenue der Welt“, kein Eiffelturm, keine Seine-Rundfahrt, keine Notre-Dame, sondern mit dem nächsten Zug zurück nach Frankfurt…

Wenn einer eine Reise  tut…

Aber da will ich dann doch noch von unserem letzten Eisenbahnabenteuer berichten: Der Zug von Paris nach Frankfurt sollte am 18.8. um 7.07 Uhr in Paris-Est losfahren. Am Abend vorher rief ich gegen 22.30 Uhr vorsichtshalber nochmal die Seite des Bundesbahn-Internetportals auf, in der meine Fahrkarten gespeichert und aktuelle Informationen zu den Fahrten verzeichnet sind. Und da fand ich die Meldung, dass der Zug ersatzlos gestrichen sei. Wir könnten aber ohne Mehrpreis einen anderen Zug wählen. Das Gleiche war uns einige Wochen vorher schon einmal passiert, wir hatten den nachfolgenden 9.55-Zug gewählt und es gab damit keine Probleme. Diesmal allerdings kam alles ganz anders: An der Zugangskontrolle am Bahnsteig des Pariser Ostbahnhofs wurden wir nicht durchgelassen. Wir hätten keine gültige Fahrkarte, der Zug um 7.07 sei gefahren. Ich zeigte auf meinem Handy die Information des Zugausfalls und die Aufforderung, einen späteren Zug zu nutzen.

Barsche, lautstarke Reaktion der SNCF-Dame an der Durchgangskontrolle: Unsinn! Der Zug sei gefahren. Basta! Wir sollten gefälligst zum Schalter gehen und neue Fahrkarten kaufen. Heftiger Protest unsererseits. Aufmarsch einer Polizeitruppe. Hinzukommen des Chefs des Zugbegleitpersonals. Der bedeutete uns, der Zug sei ausgebucht, aus versicherungsrechtlichen Gründen könnten wir nicht mitfahren. Neue Diskussionen. (Wir waren glücklicherweise so rechtzeitig zum Bahnsteig gekommen, dass noch Zeit bis zur Abfahrt und für engagierte Wortwechsel war). Schließlich dann doch ein „Vorschlag zur Güte“: Er würde uns freundlicherweise mitfahren lassen gegen die Ausstellung von zwei Platzkarten zum Preis von 70 Euro. Wo plötzlich die freien Plätze herkamen, war nicht ersichtlich, warum wir 70 Euro (für den Kooperationspartner SNCF) zahlen sollten, wo doch die Bundesbahn ausdrücklich die Kostenfreiheit aller alternativer Züge betont hatte, auch nicht. Aber besser so, als ein späterer Zug zum vollen Preis….

Zu Hause angekommen: Anruf beim Serviceportal der Bundesbahn. Lange Warteschleife. Dann Darstellung des Vorfalls mit dem Ziel einer Rückerstattung der 70 Euro. Weiterleitung an die Beschwerdestelle. Eine höchst ruppige Dame am Apparat: Es wäre unsere Pflicht gewesen, uns zeitnah nochmals zu informieren, ob nicht der (22.30 Uhr als storniert gemeldete) 7.07 Uhr-Zug nicht doch noch fahren würde. Das solle sie sich doch bitte mal, so meine empörte Antwort, konkret vorstellen. Schließlich eröffnete sie mir als Lösung die Möglichkeit, das im Internet zugängliche Antragsformular für Entschädigung auszufüllen. Ich solle den Posten Zugausfall ankreuzen und dann dazu schreiben, dass es um die 70 Euro Reservierungskosten ginge. Das Formular habe ich aufgerufen, das Kästchen Zugausfall angekreuzt, aber die Möglichkeit für eine Zusatzinformation sieht das Formular nicht vor. Also ohne Zusatz (und also auch ohne eine Kopie der Reservierungs-Rechnung abgeschickt. Eineinhalb Monate später erhielt ich ein postalisches Schreiben der offenbar hoffnungslos überforderten Abteilung Fahrgastrechte der Bundesbahn, Ausdruck von good-will (Wir kümmern uns), aber auch einer gewissen Ratlosigkeit: Ich solle doch bitte die Dauer der Verspätung unseres 7.07- Uhr- Zuges mitteilen. Immerhin hatte ich jetzt aber eine Adresse und ein Aktenzeichen und damit die Möglichkeit, mein Anliegen darzustellen… Ein beträchtlicher Aufwand für mich und die bedauernswerten Mitarbeiter/innen der Beschwerdestelle, aber nach all dem Ärger wollte ich die Sache dann doch nicht einfach auf sich beruhen lassen…

Anfang November wieder ein Brief von der Servicestelle, den ich hoffnungsvoll öffne. Aber dann traue ich kaum meinen Augen: Noch einmal das Schreiben wie das letzte Mal, auf das ich doch schon ausführlich geantwortet hatte. Diesmal Anruf beim Servicecenter. Ja, die Post von mir sei angekommen. Man benötige aber die genaue Ankunftszeit des von uns genutzten späteren Zuges. Sonst könne die Angelegenheit nicht bearbeitet werden. Möglicherweise fällt unser „Fall“ aus dem administrativen Raster und es gibt eine Entschädigung über die „Verspätungs-Schiene“…. Vielleicht als „Weihnachtsgeschenk“?

Enttäuschte Hoffnung: Ende November eine abschlägige Antwort: Da ja weder der als gestrichen gemeldete 7.07 h-Zug, der dann doch fuhr, verspätet war, noch der als Ersatz gewählte nachfolgende 9.55h-Zug: „Wir bitten um Verständnis, dass in Ihrem Fall keine Entschädigung gezahlt werden kann.“ Ich habe den Fall dann zähneknirschend auf sich beruhen lassen bzw. mich als kleine Entschädigung entschlossen, ihn dann doch wenigstens hier darzustellen….

Trotz alledem: Nach Paris und zurück fahren wir immer mit dem Zug. Wenn alles gut geht -und das ist sogar mehrheitlich so!- ist es die schnellste, bequemste, billigste und ökologischste Reisemöglichkeit… Und manchmal sogar die abenteuerlichste… Was will man mehr?

Titelbild zu der Jahreschronik 2025 von Greser & Lenz: Ist Deutschland noch zu retten?

Napoleon und David, Trump und Infantino

Am 5. Dezember 2025 fand in Washington die Auslosung für die Gruppen der Fußballweltmeisterschaft 2026 statt. Da die Weltmeisterschaft in drei Ländern, den USA, Kanada und Mexiko, ausgetragen wird, waren auch die Präsidentin Mexikos und der kanadische Premierminister nach Washington gekommen, die Statistenrollen einzunehmen hatten. Im Mittelpunkt stand nämlich, wie zu erwarten, Donald Trump. Ihm wurde an diesem Tag auch ein -extra für ihn geschaffener?- Friedenspreis des Internationalen Fußballverbandes FIFA verliehen. Oder besser: Trump, der sich ja der vielen Friedensschlüsse brüstet, die er erreicht habe, verlieh sich die Auszeichnung selbst. Jedenfalls hängte er sich eigenhändig das Band, an dem die Trophäe befestigt war, um den Hals. Und Infantino lächelt in einem Akt der Selbstunterwerfung noch dazu.

Foto: (IMAGO / Schüler / IMAGO / Marc Schueler)[1]

Vielleicht dachte Trump bei seinem eigenhändigen Vorgehen vor allem an seine Frisur, die nicht Schaden nehmen sollte. Aber wie dem auch sei: Der wohl kaum so vorgesehene Akt der Selbstermächtigung/Selbstbeweihräucherung passt hervorragend zu der hochgradig narzisstischen Persönlichkeit des amerikanischen Präsidenten.[2]

Trump hat für sein Verhalten ein Vorbild, das er vielleicht sogar als ebenbürtig anerkennen würde: Napoleon Bonaparte, der sich am 4. Dezember 1804 in der Kathedrale Notre-Dame de Paris selbst zum Kaiser der Franzosen krönte.[3]

Napoleons „Hofmaler“ Jacques Louis David hat diese Szene in einer Zeichnung festgehalten, die derzeit in einer David-Ausstellung im Louvre [4] zu sehen ist:

Foto: Wolf Jöckel

Breitbeinig und in leichter Rückenlage, den rechten Fuß vorgeschoben und mit der linken Hand ein Schwert an sich haltend, setzt sich Napoleon Bonaparte mit der hoch erhobenen rechten Hand selbst die eigens für diesen Anlass angefertigte Krone auf.[5]

Der Pariser Hofjuwelir Marie-Étienne Nitot hatte die Kaierkrone nach antiken und frühmittelalterlichen Vorbildern hergestellt, sah sich Napoleon doch in der Nachfolge der römischen Kaiser und Karls des Großen. Die Krone war bis zum spektakulären Einbruch in den Louvre in der Apollo-Galerie ausgestellt, wurde deshalb auch Krone Karls des Großen/Charlemagne genannt. Allerdings haben die Diebe sie bei ihrer Flucht verloren oder weggeworfen, so dass sie nicht für die Öffentlichkeit verloren ist…  

Hinter dem bewaffneten und mit Lorbeerkranz als Held gefeierten Napoleon mit aufgeplustertem Gewand sitzt schmächtig und in sich gekehrt der Papst, als habe er mit dem Geschehen vor ihm nichts zu tun: Zwischen ihm und Napoleon gibt es keine Verbindung von Blicken und Gesten.

Allerdings war die Selbstkrönung nicht, wie es manche Napoleon-Legenden suggerieren, eine spontane Handlung, sondern vielmehr zentraler Teil eines in den historischen und internationalen Kontext eingebetteten hochsymbolischen und minutiös orchestrierten Aktes. Es ging darum, Napoleons Kaisertum einerseits als Abkehr von der Ordnung des Ancien Régimes zu darzustellen, andererseits ihm durch die Krönung aber auch einen legitimen Platz in der monarchistisch geprägten europäischen Staatenordnung zu sichern. Weiterhin ging es darum, das Kaiserreich Napoleons einerseits als Bruch mit den terroristischen Auswüchsen der Französischen Revolution zu kennzeichnen, andererseits aber auch Napoleon als Erben der Errungenschaften dieser Revolution zu feiern. Und schließlich sollte und wollte Napoleon nicht ein Kaiser von „Gottes Gnaden“ sein, andererseits aber war ihm aber auch an einem guten Verhältnis zur katholischen Kirche gelegen, mit der er ja schon 1801 ein Konkordat geschlossen hatte. Zu all dem passte die dem Papst in dem Krönungszeremoniell zugewiesene Rolle. Und dazu passte auch der Ort der Zeremonie, nämlich Notre-Dame, auch wenn die damals arg heruntergekommen war: Aber Notre-Dame bot sich als Kompromiss an zwischen dem auch in Erwägung gezogenen republikanischen Marsfeld und dem royalen Reims oder Saint-Denis mit seinen wenige Jahre zuvor zerstörten königlichen Gräbern und Gabmalen. [6]

Es ist also nicht ganz zutreffend, die Selbstkrönung Napoleons als schlichten „Akt des Größenwahns“ abzutun[7]. Für Trumps „Selbstkrönung“ gilt das aber in der Tat: Niemand, auch kein Infantino, kann ihm das Wasser und auch kein Ordensband reichen….

In dem monumentalen Gemälde (6,21 x 9,79 m), das schließlich Jacques- Louis David mit seinen Gehilfen anfertigte und das heute in der Großen Galerie des Louvre hängt, ist die zentrale Krönungsszene allerdings anders dargestellt als auf der vorbereitenden Zeichnung. Da wird nicht Napoleons Selbstkrönung gezeigt, sondern die -historisch weniger aufgeladene- Krönung von Napoleons Frau Josephine durch ihren Mann. Diese Szene sollte Ausdruck der Verbindung unterschiedlicher Elemente der französischen Geschichte sein: Josephine stammte von den Antillen, war aber bei den Parisern beliebt;  sie war Witwe eines Adligen des Ancien régime, der republikanischer General wurde, dann aber dem jacobinischen Terror zum Opfer fiel; und nicht zuletzt war Josephine Mutter zweier Kinder, die Bonaparte adoptiert hatte…. [8]

© 2018 GrandPalais RMN (musée du Louvre) / Michel Urtado [9]

Es war Napoleons Wunsch, dass David die schon gemalte Selbstkrönung Napoleons durch die Krönung Josephines ersetzte. Auf dem das Geschichtsbild der Franzosen prägenden Krönungsbild wollte Napoleon dem Papst, den er doch selbst aus Rom geholt habe, dann doch nicht nur eine Statistenrolle zuweisen. So hebt dieser zur Krönung Josephines denn auch segnend die Hand.

© 2018 GrandPalais RMN (musée du Louvre) / Michel Urtado

Vielleicht ging Napoleon ja tatsächlich die Selbsterhöhung später zu weit. Von Trump ist das allerdings kaum zu erwarten….

Karikatur von Greser und Lenz. FAZ 11.12.2025


[1] https://www.deutschlandfunk.de/menschenrechtsorganisation-reicht-beschwerde-gegen-infantino-ein-100.html

[2] Nachfolgendes Bild aus: https://www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/erniedrigendes-verhalten-friedenspreis-f%C3%BCr-trump-us-pr%C3%A4sident-h%C3%A4ngt-sich-medaille-selber-um/ar-AA1RPn0k

[3] Den Bezug stellte schon die FAZ am 8.12.2025, S. 24 her: Der Sieger, das bin ich

[4] https://www.louvre.fr/expositions-et-evenements/expositions/jacques-louis-david Bis 26. Januar 2026

[5] Nachfolgendes Bild aus https://www.wikiwand.com/de/articles/Kaiserkrone_Napoleons_I.

[6] Siehe dazu im Einzelnen: Günter Desterle Die Kaiserkrönung Napoleons Eine ästhetische und ideologische Instrumentalisierung. https://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/opus4/frontdoor/deliver/index/docId/65203/file/Oesterle_1995_Napoleon.pdf

[7] Sven-Felix Kellerhoff, Napoleons Selbsterhöhung ging ihm später selbst zu weit. In: Die Welt vom 16.12.2024

https://www.welt.de/geschichte/article254655096/Napoleon-in-Notre-Dame-Seine-Selbsterhoehung-ging-ihm-spaeter-selbst-zu-weit.html

[8] https://collections.louvre.fr/en/ark:/53355/cl010065720

[9] Nachfolgende Bildausschnitte aus: Le Couronnement de l’empereur Napoléon Ier et de l’impératrice Joséphine dans la cathédrale Notre-Dame de Paris, le 2 décembre 1804. – Louvre site des collections https://collections.louvre.fr/en/ark:/53355/cl010065720

Bild des Monats Dezember 2025: Der Super-Vollmond über den Dächern von Paris

Der Dezember-„Supermond“ des Jahres 2025, aufgenommen am 5. Dezember um 8 Uhr an der Métro-Station Voltaire/place Léon Blum im 11. Arrondissement von Paris. Im Vordergrund ein sogenannter Kandelaber Dervaux. Diese lösten in den 1920-er Jahren die Jugenstil-Lichter Hector Guimards ab. Foto: Wolf Jöckel

Der nächste „Supermond“ wird am 24. Dezember 2026 zu sehen sein….

Paris in der Vorweihnachtszeit: Illuminationen und Dekorationen

Paris nennt sich -seit der Weltausstellung von 1900- gerne Ville lumière, Stadt des Lichts. Verglichen mit New York war das damals etwas schmeichelhaft: Noch nicht einmal in dem für die Weltausstellung errichteten Grand Palais gab es damals elektrisches Licht. Heute, in der Vorweihnachtszeit, hat der Ausdruck aber seine volle Berechtigung.  Da strahlt und leuchtet die ganze Stadt.

Bekannt sind ja die jährlich neuen vorweihnachtlichen Illuminationen der Champs-Élysées, der -so das französische Selbstverständnis- „schönsten Avenue der Welt“.

Aber auch andere, weniger prominente Pariser Straßen zeigen sich in festlicher Beleuchtung:

Die rue Saint-Louis en l’Île

Im Hintergrund die Juli Säule auf der place de la Bastille mit dem Genius der Freiheit.

Auch die meisten Einzelhändler knausern nicht mit der Beleuchtung.

Markthalle des marché d’Aligre im 12. Arrondissement

„Unser“ Metzger in der rue de la Roquette (11. Arrondissement)

Sehr verbreitet ist es auch, die Schaufensterscheiben mit gemalten oder aufgeklebten weihnachtlichen Motiven zu schmücken.

Auch öffentliche Gebäude werden aufwändig illuminiert wie hier das Rathaus des 11. Arrondissements:

Am benachbarten Place Léon- Blum hat man sogar einen kleinen weihnachtlichen „forêt urbaine“ geschaffen:

Wirtschaftliche oder ökologische Bedenken gibt es da nicht –  der Strom ist in Frankreich vergleichsweise günstig und -nachdem einige wegen Reparaturarbeiten abgeschaltete AKWs wieder am Netz sind- so reichlich, dass man ihn sogar mit stolzem Gewinn ins Ausland -zum Beispiel nach Deutschland- liefern kann…

Es blinkt und glitzert also überall in Paris:

Mit farbigem Licht angestrahlte Fassade der Philharmonie de Paris

Blick von der Fondation Louis Vuitton auf den von tausenden japanischen Lampions beleuchteten jardin d’acclimatation.

Einen besonderen Aufwand bei der vorweihnachtlichen Beleuchtung betreiben die großen Pariser Kaufhäuser. Hier einige Eindrücke von dem Bon Marché, dem Samaritaine, dem Au Printemps und dem Lafayette.

Le Bon Marché

Zuerst geht es zum Le Bon Marché. Immerhin ist es das älteste Kaufhaus von Paris, ja der Welt!

Dass dieses Kaufhaus zu einem Vorbild für spätere Nachfolger und Nachahmer wurde, ist den vielen Neuerungen zu verdanken, die der Gründer des Bon Marché, Aristide Boucicaut, einführte, um Kundschaft anzuziehen.

Dazu gehörten auch die besonderen Schaufensterdekorationen in der Weihnachtszeit. Sie waren auch und vor allem für Kinder gedacht, für die kleine Podeste aufgebaut wurden.

Das damals völlig Neue und Sensationelle dabei war, dass die Schaufensterfiguren beweglich waren. So auch die Hasen, die in diesem Jahr Leitmotiv der Dekoration im Bon Marché sind. Hier sind sie gerade am Stricken.

Und hier reiten sie auf fliegenden Karotten durch die Luft.

Und es wird dann auch gleich für passende Produkte geworben: Karottensuppe, Karottenkonfitüre, Karottensaft. Das passt immerhin.

Aber auch andere Produkte des Hauses werden von Hasen präsentiert: Vielleicht ein kostensparendes Recycling von Osterhasen einer früheren Präsentation?

Le Bon Marché 24, rue de Sèvres, 75007

La Samaritaine

Das Kaufhaus La Samaritaine an der Seine, ein architektonisches Art déco-Juwel, schmückt sich zu Weihnachten eher zurückhaltend.

Ich finde das aber sehr passend, weil so die Schönheit des Gebäudes nicht hinter einer aufwändigen Dekoration verschwindet.

Und ganz oben unter dem gläsernes Dach gibt es ein schönes und im Allgemeinen auch ruhiges Café, in dem man sich etwas von dem Pariser Weihnachtstrubel erholen kann.

La Samaritaine 9 rue de la Monnaie, 75001 Paris.

La Fayette

Die Schaufensterdekorationen des La Fayette fanden wir wenig attraktiv.

Hier wird das Büro des Weihnachtsmanns präsentiert, der die Bestellungen für Geschenke entgegennimmt und registriert.

Aber natürlich lohnt es sich, hoch unter die Kuppel zu fahren, die wie jedes Jahr besonders aufwändig dekoriert ist.

Galeries Lafayette Paris Haussmann 40, Boulevard Haussmann 75009 Paris

Au Printemps

Das benachbarte Kaufhaus Au Printemps hat seine diesjährige Weihnachtsdekoration unter das Motto „Weihnachten in New York“ gestellt.

Das ist recht originell: Hier können Kinder beispielsweise im Foyer des Hauses in ein Auto steigen und sozusagen durch New York fahren.

Auch in den Schaufenstern ist New York Hintergrund der Dekorationen und beweglichen Präsentationen.

Dazu gibt es auch die passende Musik.

Natürlich geht es in erster Linie nicht um Unterhaltung, sondern um Werbung für die Produkte des Hauses: Kinder als zukünftige Kunden…

Hier präsentiert die fesche kleine Maus eine schicke Tasche.

Innen kann man dann diese Tasche von Hermès bewundern: „Constance“ aus Krokodilleder (Varanus Niloticus) für 20. 000 Euro….

Die Kinder freuen sich aber über die lustigen Schaufenstertiere.

Und dann gibt es ja auch hier noch die festliche Kuppel mit Weihnachtsbaum -geschmückt mit New York-Motiven…

… und natürlich die Terrasse mit einer kleinen Eislaufbahn für Kinder und einem wunderbaren Blick über die Stadt.

Printemps Haussmann 64 Boulevard Haussmann, 75009 Paris

Allen Leserinnen und Lesern des Blogs wünschen wir eine gute Vorweihnachtszeit mit vielen hellen Lichtern.

Jean Nouvels neue Fondation Cartier – ein weiteres grandioses Zentrum zeitgenössischer Kunst in Paris

Paris verfügte schon bisher über ganz außerordentliche Orte zur Präsentation moderner/zeitgenössischer Kunst. Man denke nur an das Centre Pompidou, das Musée d’Art moderne de la ville de Paris, und natürlich an die wunderbaren privaten Ausstellungsorte: Die Bourse de Commerce, in der François Pinault „die Werke einer der wichtigsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst der Welt“ ausstellt[1], und die Fondation Louis Vuitton von Bernard Arnault, dem Besitzer des Luxuskonzerns LVHM und einem der reichsten Männer der Welt. Der kann es sich auch leisten, dort die bisher umfassendste und schönste Ausstellung der Werke Gerhard Richters zu präsentieren[2].

Jetzt hat Paris seiner „Kulturkrone“ einen weiteren funkelnden Edelstein hinzugefügt: Das Ausstellungsgebäude der Fondation Cartier mitten in Paris, im Zentrum des gesellschaftlichen, künstlerischen, politischen Lebens der Stadt, ja des Landes. Allein die Adresse ist ein Ausrufungszeichen: 2, place du Palais Royal. Es ist ein monumentales, ein ganzes Straßenareal ausfüllendes Bauwerk, an der Pariser Ost-West-Achse rue de Rivoli gelegen, gegenüber dem Louvre, dem Kultusministerium, der Comédie Française und, natürlich, des Palais Royal mit dem Conseil d’État [3].

Das Ausstellungsgebäude im Haussmann-Stil an der Place du Palais Royal. Bild: © Luc Boegly[4]    

Der fünfstöckige, 153 Meter lange und bis zu 58 Meter breite Riese aus hellem Kalkstein wurde 1854/55 im Hinblick auf die unmittelbar bevorstehende Weltausstellung aus dem Boden gestampft. Das Hôtel du Louvre bildete mit 1200 Zimmern eine Miniaturstadt und bot seiner kosmopolitischen Klientel neben Wasserklosets auch Luxusboutiquen unter den ringsumlaufenden Arkaden. Eine dieser Boutiquen, die Galeries du Louvre, wuchs sich zum -laut Werbung- ‚größten Warenhaus der Welt‘ aus und verdrängte, inzwischen umfirmiert zu Grands Magasins du Louvre, 1887 gar das Hotel aus den Mauern.[5] Die Grands Magasins du Louvre waren neben dem noch älteren Kaufhaus Bon Marché Vorbild für die späteren großen Kaufhäuser in aller Welt und für Zolas Roman Au bonheur des dames/Das Paradies der Damen.  

1978 allerdings musste das Kaufhaus schließen und machte Platz für das Louvre des Antiquaires.  Rund 240 Antiquitätenläden boten dort bis 2019 Kunstwerke aus aller Welt zum Verkauf an. 1995 hatte allerdings eine französische Immobiliengesellschaft den Gebäudekomplex erworben. Zunächst war geplant, dort ein Centre commercial der Mode einzurichten, dann hatte Dominique Perrin, Präsident der Fondation Cartier, das Gebäude als idealen Ort für einen neuen Ort für die Ausstellungen seiner Stiftung ausersehen, wobei zunächst nur daran gedacht war, die Hälfte des Gebäudes anzumieten. Dann war es aber Jean Nouvel, der „Hausarchitekt“ der Fondation Cartier, der Perrin davon überzeugte, den gesamten Gebäudekomplex für die Stiftung zu nutzen: Insgesamt sind in das 8500 für Besucher zugängliche Quadratmeter und davon  6500 m2 Ausstellungsfläche, also fast eine Verfünffachung gegenüber des Gebäudes am Boulevard Raspail. [6]

Dafür waren allerdings erhebliche Umbaumaßnahmen erforderlich, mit denen Jean Nouvel beauftragt wurde. Der hatte schon Ende der 1990-er Jahre das erste, noch erheblich kleinere Pariser Ausstellungsgebäude der Stiftung am Boulevard Raspail konzipiert.

  © Philippe Ruault/Fondation Cartier

Dies ist das bisherige Ausstellungsgebäude Boulevard Raspail, „eines der interessantesten Bauwerke Ende des 20. Jahrhunderts,“[7] war für Nouvel sein „monument de Paris“. Es ist ein transparentes Gebäude aus Stahl und Glas, ohne feste Mauern: offen und flexibel für die Bedürfnisse der jeweiligen Ausstellungen. [8] Im Vordergrund eine Libanon-Zeder, 1823 gepflanzt von dem Schriftsteller Chateaubriand, der damals hier wohnte.

Jean Nouvel, inzwischen 80 Jahre alt und ausgezeichnet mit dem Pritzker-Preis, dem „Nobel-Preis der Architektur“, ist den Parisern wohlbekannt als Architekt der Philharmonie, des Institut du Monde Arabe und der extravaganten Duo-Türme am östlichen Stadtrand von Paris.

Jean Nouvel in dem roten Auditorium der neuen Fondation Cartier © Adrien Dirand[9]

Das für die Stiftung vorgesehene kolossale Gebäude entsprach nun allerdings ganz und gar nicht seinen Vorstellungen und dem neuen Verwendungszweck des Gebäudes. Es war weder offen, noch transparent, noch flexibel – ihm fehlte also all das, was das alte Ausstellungsgebäude am Boulevard Raspail ausgemacht hatte. Eine große Herausforderung für den Architekten.

Jean Nouvel im Rückblick: „Der Innenraum war sehr dunkel. Es galt, ihm Tiefe zu verleihen, die Höhen zu variieren und die Lichtquellen zu vervielfachen. Wir wollten eine Perspektive schaffen, die es ermöglicht, sich im Raum zu orientieren.“[10]

Nouvel öffnete also unter Bewahrung der Fassade den jetzt lichtdurchfluteten Eingangsbereich hin zur place du Palais Royal,  entkernte den Bau, legte einen 85 Meter langen Innenraum frei und konzipierte drei Glaskuppeln über den Innenhöfen mit steuerbarem Lichteinfall und Blick auf das begrünte Dach.

Bilder: Fondation Cartier/Martin Argyroglo

Außerdem schuf er fünf 200 bis 263 Quadratmeter große Plattformen, die sich mit einer für die Besucher sichtbaren Mechanik über eine Höhe von 11 Metern anheben oder absenken lassen.

Man hat deshalb das Gebäude einen „flexiblen Maschinenraum“ genannt.[11] Assoziationen an die Hebebühnen des Theaters liegen nahe, vielleicht hat es aber auch -so Le Monde- Anleihen bei der Militärtechnik gegeben. [12]

Jean Nouvel zu der so ermöglichten Flexiblität der Ausstellungsflächen:

„In diesem Bauwerk, von dem aus dem 19. Jahrhundert nur noch die charakteristische Fassade und einige strukturelle Elemente erhalten sind, befindet man sich in einer industriellen Kathedrale mit seltener Größe und sehr großen Spannweiten. Es strahlt eine sehr starke Kraft aus. Seine fünf Stahlplattformen, deren Beweglichkeit man sehen kann, stehen in völligem Kontrast zur Haussmann’schen Architektur des Äußeren. Es ähnelt einem Super-Theater, in dem man sehr schwere Böden anhebt. Diese Innovation ist nicht nur funktional oder szenografisch. Für mich ist sie architektonisch, in dem Sinne, dass sie dynamisch wird. Die Innovation besteht darin, dass man über alle möglichen Höhenverstellungen und alle diese Lichter mit variabler Intensität bis hin zur völligen Dunkelheit verfügen kann, je nachdem, wie weit die Glasdächer und Seitenfenster geschlossen sind. Die Fondation Cartier wird wahrscheinlich die Institution sein, die die größte Differenzierung ihrer Räume, die meisten Ausstellungsmöglichkeiten und die meisten Blickwinkel bietet. Die Leistungsfähigkeit der Plattformen ermöglicht es, sehr schwere Werke aufzunehmen und sie auf völlig neue Weise aufzuhängen. Hier kann man, indem man das Ausstellungssystem verändert, Dinge tun, die anderswo nicht möglich wären.“[13]

Was die Umbaukosten für das auf Dauer angemietete Gebäude angeht, hüllt sich die Fondation in vornehmes Schweigen. Es sollen aber zwischen 225 und 245 Millionen Euro gewesen sein.[14] Aber anders als bei staatlichen Kultureinrichtungen, selbst sogar dem Louvre auf der anderen Straßenseite, spielt Geld hier wohl keine Rolle. Denn wenn auch der französische Staat unter seiner Schuldenlast ächzt, die französische Luxusindustrie floriert nach wie vor, und Pinault, Arnault und Cartier stellen das auch ostentativ zur Schau. So musste Nouvel nicht kleckern, sondern konnte klotzen.

Besonders wichtig und typisch für ihn waren „die vielen Durchblicke,“[15] die der neue Bau ermöglicht. Da gibt es die sieben Meter hohen Rundbogenfenster, die früheren Schaufenster, durch die Passanten Einblicke in die Ausstellung haben und durch die die Ausstellungsbesucher nach draußen sehen können.

Blick nach drinnen: Die Trennung von Innen und Außen ist aufgehoben. Mit den Worten von Jean Nouvel:

„Im Erdgeschoss ist die Fassade entlang der gesamten Länge der Rue de Rivoli und der Rue Saint-Honoré verglast, sodass der Blick von einer Straße zur anderen schweifen kann und Innen und Außen miteinander verschmelzen. Diese Transparenz der Seitenfenster bestärkt das Gefühl, im Herzen von Paris zu sein.“[16]

„Im Herzen von Paris“: rue de Rivoli

Besucher des Louvre auf der gegenüberliegenden Straßenseite

Interessierte Blicke auf das kleine Stück Amazonas im Untergeschoss des Gebäudes.

Beim Rundgang durch die Eröffnungsausstellung fällt auf, wie bedeutend der Anteil außereuropäischer, gerade auch indigener Kunst ist. Sie ist ein Schwerpunkt der Sammlungstätigkeit der Fondation Cartier.[17]

Aus der Bilderserie „Künstler des Gran Chaco“. In diesem Wald im Norden Paraquays, der von völliger Zerstörung bedroht ist, leben die autochtonen Volksstämme Guarani und Nivaclé. Sie machen in ihren Zeichnungen auf die Vielfalt der bedrohten Flora und Fauna aufmerksam.

Sheroanawe Hakihiiwe gehört zur Gemeinschaft der Yamomanis in Venezuela. Mit minimalistischen Methoden stellt er Motive der ihn umgebenden Natur dar. Oben: Der Weg der Ameisen, darunter: Blatt mit Früchten.

Jivya Soma Mashe, Fischnetz (2009). Der Künstler aus dem Stamm der Warlis in Maharashtra/Indien hat eine 4500 alte künstlerische Maltradition neu belebt. Seine Szenen des Ackerbaus, der Ernte, der Tierwelt oder -wie hier- des Fischfangs sind mit Kuhdung und Acrylfarben gemalt.

Es gibt immer wieder neue Perspektiven im Innern zwischen den verschiedenen Ebenen des Gebäudes:

Eine Besuchergruppe am Fuß des Miracéus der Brasilianerin Solange Pessoa: ein in der Luft schwebender Pilz aus Stoffen und Vogelfedern ihrer Heimat.

Ron Mueck, Woman with Shopping (2013). Dahinter der obere Teile des Miracéus.

Foto: Sonia Branca-Rosoff [17a] Links an der Wand Masken aus Holz und Metall von David Hammons. Im Geschoss darunter eine Farbkomposition des Bolivianers Mamani.

Blick in das Foyer mit der Petite Cathédrale von Alessandro Mendini (2002)

Blick auf die für die Eröffnungsausstellung konzipierte dreidimensionale  Installation von Sarah Sze, speziell für die Eröffnungsausstellung in der neuen Fondation Cartier im Untergeschoss des Gebäudes aufgebaut.

Von dem oberen Geschoss kann man das Spiel der Farben und die Bewegung eines an Foucault erinnernden Pendels beobachten.

Auch das U-Boot Panamarenkos aus dem Jahr 1996 befindet sich natürlich im Untergeschoss, wo man es auf Augenhöhe betrachten kann.

Durchblicke: Baumstämme für den Küstenschutz von Saint-Malo von Raymond Haynes und Pierrick Sorin. Zum ersten Mal ausgestellt in der Fondation Cartier Boulevard Raspail 1994. Auch eine Reverenz an Chateaubriand, der in Saint-Malo aufwuchs und später auf dem Gelände der Fondation Boulevard Raspail wohnte.

Und dann gibt es auch noch die Blicke nach oben, zu den Glasdächern über den Innenhöfen, über denen Bäume wachsen…

Foto: Sonia Branca-Rosoff [17a]

Der Bau der neuen Fondation Cartier wird als eine architektonische Meisterleistung („une prouesse architecturale“), ja als Wunderwerk („une merveille architecturale“) gerühmt.[18]  Marc Zitzmann, der ebenfalls begeisterte Pariser Kulturkorrespondent der FAZ, formulierte sogar etwas salopp, Jean Nouvel hänge mit dem Bau „die Konkurrenz ab“. Dem kann ich aber nicht ganz zustimmen. Frank Gehrys Schiff mit seinen 12 aufgespannten Segeln für die Fondation Louis Vuitton, die aus dem 18. Jahrhundert stammende Getreidebörse, von Tadaō Ando wunderbar für die Pinault-Kunstsammlung umgebaut, und auch das von Renzo Piano, Richard Rogers und Gianfranco Franchini entworfene Centre Pompidou kann auch ein Jean Nouvel nicht so einfach „abhängen“.

In einem Punkt allerdings hat Nouvel Gehry und Ando in der Tat „abgehängt“: Die Ausstellungsfläche der Fondation Cartier ist mit ihren 6500 Quadratmetern deutlich größer als die der Fondation Louis Vuitton (3500 qm2) und der Bourse de Commerce (ca 3000qm2). Hinter dem Centre Pompidou mit seinen ca 7500 Metern Ausstellungsfläche bleibt sie allerdings etwas zurück.

Aber ungeachtet aller Unterschiede und „Wer ist die Schönste im Lande? –  Eifersüchteleien:  Einen weiteren Edelstein hat Jean Nouvel der Pariser Kunstkrone in der Tat hinzugefügt.

Die Eröffnungsausstellung der Fondation Cartier im neuen Domizil ist überschrieben: Exposition générale.

Das knüpft an die Zeit an, als das Bauwerk die Grands Magasins du Louvre beherbergte, die jährlich eine Exposition Générale des Nouveautés veranstalteten.[19]

In der Exposition générale der Fondation Cartier werden allerdings keine Neuheiten des Sommers gezeigt, wie hier auf dem Plakat des Kaufhauses angekündigt. Präsentiert wird eine „Auswahl ikonischer Werke“ früherer Ausstellungen, „die mehr als vierzig Jahre internationales zeitgenössisches Kunstschaffen nachzeichnet.

An der Schau beteiligt sind unter anderem die brasilianisch-schweizerische Fotografin Claudia Andujar, die kolumbianische Textilkünstlerin Olga de Amaral, der chinesische Konzept- und Performancekünstler Cai Guo-Qiang und der Japaner Jun’ya Ishigami, bekannt für seine Rauminstallationen: ein buntes Bouquet von Kunst, das einen von einer Welt in eine andere versetzt.“ [20]

Empfehlenswert ist, frei durch die Ausstellung zu flanieren. „Der Erkundungsgang macht Spaß: Es geht nach unten und nach oben (…), der Parcours führt über Endlosgänge in Sackgässchen, vom Licht ins Dunkel und vom Lauten ins Leise.“ [21]  Das Zusammenspiel von Kunst und Architektur, von Innen und Außen, von einigem Bekannten und vielem Neuen, von ganz unterschiedlichen künstlerischen Medien, von europäischer und außereuropäischer Kunst sind Garanten einer spannenden Entdeckungsreise.


Anmerkungen:

[1] https://www.pinaultcollection.com/en/boursedecommerce/deutsch  

[2] Der heilige Gerhard. So schön, so umfasend wurde sein Werk noch nie gezeigt. In: Die ZEIT, 30. Oktober 2025

[3] Zum Palais Royal siehe die Blog-Beiträge:

[4] https://www.archdaily.com/1021421/fondation-cartier-reveals-plans-to-move-into-a-historic-landmark-in-paris-reimagined-by-jean-nouvel

Alle Bilder des Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Frauke und Wolf Jöckel

[5] Marc Zitzmann, Neobarocke Kunstmaschine. In: FAZ vom 22. Oktober 2025.  Daraus habe ich auch den Ausdruck „Kulturkrone“ übernommen.

[6] https://medias.fondationcartier.com/fondation/documents/press/Fondation-Cartier-DP-40ANS-FR.pdf

und https://www.louvre-antiquaires.com/le-louvre-des-antiquaires-lautre-louvre-qui-faisait-battre-le-coeur-des-collectionneurs/

Die nachfolgende Abbildung stammt von der Eintrittskarte für die Ausstellung.

[7] https://paris-promeneurs.com/la-fondation-cartier-pour-l-art/

[8] https://medias.fondationcartier.com/fondation/documents/press/Fondation-Cartier-DP-40ANS-FR.pdf

[9] Dana Thomas, La nouvelle Fondation Cartier, une prouesse architecturale signée Jean Nouvel. 29. Oktober 2025  https://www.admagazine.fr/article/fondation-cartier-jean-nouvel

[10] Zit. bei Dana Thomas a.a.O.

[11] Alexandra Wach, Das neue Museum der Fondation Cartier im Herzen von Paris: Schwebend in die Zukunft. Tagesspiegel 9.11.2035

[12] Au cœur de la capitale, l’architecte a transformé le Louvre des antiquaires en jouant la carte de l’ingénierie militaire. Le Monde 25.10.2025

[13] Zit.  https://medias.fondationcartier.com/fondation/documents/press/Fondation-Cartier-DP-40ANS-FR.pdf   S. 39

[14] Zitzmann, a.a.O.

[15] Zitzmann a.a.O.

[16] Zit.  https://medias.fondationcartier.com/fondation/documents/press/Fondation-Cartier-DP-40ANS-FR.pdf  S. 38

[17]Siehe:  Fondation-Cartier-DP-40ANS-FR.pdf S. 15/16

[17a] https://passagedutemps.com/2025/11/24/fondation-cartier-premiere-visite/

[18] https://www.admagazine.fr/article/fondation-cartier-jean-nouvel, https://odyssea-paris.com/mot-motivations-fondation-cartier/ etc

[19] Abbildung aus: https://artvee.com/dl/grands-magasins-du-louvre-exposition-generale-des-nouveautes-dete/

[20] Malena Ruder, Fünf Gründe, die neue Fondation Cartier pour l’art contemporain zu besuchen

https://bellevue.nzz.ch/reisen-entdecken/kultur/fondation-cartier-in-paris-5-gruende-fuer-einen-besuch-am-neuen-standort-ld.1910015  vom 04.11.2025

[21] Zitzmann a.a.O.

Georges de La Tour. La Tour, ein Licht in unserer Dunkelheit. Ein Gastbeitrag von Sonia Branca-Rosoff

Sonia Branca-Rosoff kenne ich seit mehreren Jahren. Wir haben einiges gemeinsam:  So ist sie Mitglied des gleichen Pariser Chors, und auch sie unterhält, seitdem sie (als Linguistik-Professorin an der Sorbonne) in Ruhestand gegangen ist, einen sehr empfehlenswerten Blog mit persönlich gefärbten, sehr sachkundigen und anregenden Beiträgen:  https://passagedutemps.com/

Dazu gehört auch ihr Bericht über die Ausstellung George de La Tour. Entre ombre et lumière, die derzeit im Pariser Musée Jacquemard-André zu sehen ist.

Ich freue mich deshalb, ihren Beitrag -ins Deutsche übersetzt- in diesen Blog aufzunehmen.

Wolf Jöckel

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Auch wenn Kunsthistoriker Malraux (den französischen Kultusminister zu Zeiten des Generals de Gaulle, W.J.) kritisieren mögen, war er doch ein großartiger „Betrachter”. Auf jeden Fall hat er mir in seinem Buch Les Voies du silence beigebracht, den Maler nächtlicher Bilder zu lieben, als sich noch kaum jemand für ihn interessierte.

Gorges de La Tour ist auch für seine hellen Bilder bekannt. Es sind Szenen der Täuschung, in denen die Schönheit der Körper, die unschuldigen Gesichter und die kostbaren Gewänder nur dazu dienen zu täuschen. Keine krampfhaften Bewegungen wie bei Caravaggio, sondern eingefrorene Gesten und spähende Blicke… doch Hände bereiten sich darauf vor, eine Geldbörse zu stehlen, eine Goldkette durchzuschneiden, Gewinnkarten zu verstecken. Auch unsere Blicke werden zu Voyeuren, zu Komplizen von Dieben und Betrügern. Aber diese Bilder sind in der Ausstellung nicht zu sehen. So auch nicht das nachfolgend abgebildete: Le Tricheur à l’as de carreau (Der Betrüger mit dem Karo-Ass) aus dem Louvre.

Die Ausstellung beginnt mit Porträts armer Menschen, die er zu Beginn seiner Karriere gemalt hat. Hätte er nur die Apostel von Albi, die Vielleurs oder die vom Hunger geplagten Erbsenesser (1620) dargestellt, wäre er Velasquez oder Louis Le Nain, ein Maler der Würde der Demütigen, und das wäre schon sehr schön.

Le Vielleur au chien,  vers 1620. (Der Drehleierspieler mit seinem Hund). Musée du Mont-de-Piété de Bergues

So ist sein blinder Musiker weder erbärmlich noch grotesk, und der kleine Hund mit den flehenden Augen, der ihn führt, weckt nur noch mehr Sympathie.

Aber La Tour ist bereits der Maler des Dialogs zwischen Licht und Schatten. Und das schon sehr früh, denn „Die Frau mit dem Floh“ stammt aus dem Jahr 1632: Eine Frau, die sich entkleidet hat, um sich zu entlausen, taucht aus der Dunkelheit auf, halb beleuchtet von einer Kerze. Kein Dekor, außer einem roten Stuhl, kein Hintergrund.

La Tour hat zweifellos seine Themen und dunklen Hintergründe von Caravaggio übernommen, lehnt jedoch bereits die Farbenpracht und die Gestik der Figuren ab.

Ein Kind, ein Engel, Jesus

Die unvergesslichen Gemälde sind jedoch diejenigen, in denen der Wechsel zwischen Licht und Schatten mit der Darstellung des Unsichtbaren verschmilzt.

Das berühmteste Gemälde ist das mit dem Titel „Das Neugeborene“: Zwei Frauen schweigen, vereint in der Betrachtung des Neugeborenen. Einige Teile ihres Körpers heben sich dank des Lichts der Kerze ab, die von der Hand der älteren Frau verdeckt wird: Der Blick der Älteren ruht auf der jungen Frau. „Ist sie es, meine Tochter, die Mutter geworden ist?“ Die Augenlider der jüngeren Frau senken sich über ihr Kind. Ihre Formen sind schematisch dargestellt: die Rundungen der Schultern, der Brust, des Gesichts; der Winkel des Ellbogens und der Nase, das Dreieck des bestickten Saums des Hemdes. Die Farben sind auf jeder Ebene gleichmäßig verteilt. Rot umhüllt den Körper, und das Baby ruht auf dem pyramidenförmigen Hintergrund dieses vereinfachten, homogenen Rots.

La Tour Georges de (1593-1652). Rennes, musée des Beaux-Arts

Quignard schreibt: „Man weiß nicht, ob es ein Kind oder Jesus ist. Oder besser gesagt: Jedes Kind ist Jesus. Jede Frau, die sich über ihr Neugeborenes beugt, ist Maria, die über einen Sohn wacht, der sterben wird“ (1991, S. 48). Nichts trennt die heilige Welt von der profanen Welt.

La Tour hat mehrere Magdalena-Gemälde geschaffen. Die Magdalena/Madeleine, die in der Ausstellung präsentiert wird, sitzt allein mitten in der Nacht in einer Zelle. Ein Nachtlicht beleuchtet einige fromme Bücher und einen Schädel. Die Büßerin hat noch das glatte Gesicht und die langen, dunklen Haare der Jugend, und doch steht sie außerhalb der Zeit des Lebens. Sie bewegt sich nicht. Sie starrt auf die Flamme und wartet nur auf die Erlösung. Der Schädel erinnert an den Tod am Ende des irdischen Lebens, aber alles ist ruhig in diesem Bild, das dazu einlädt, sich aus der Welt zurückzuziehen, um nur das Unsichtbare zu betrachten.

Trösterin oder grausame Spötterin?

Das Gemälde, das mir am besten gefällt, ist eine Szene, die durch das Missverhältnis zwischen einer riesigen Frau und einem alten Mann an Traum- oder Alptraumszenen erinnert.

Die Frau beugt sich zu einem verzweifelten Mann hinunter. Sie ist so groß, dass sie nicht in das Bild passt und sich vorbeugen muss, um nicht aus dem Rahmen der Komposition herauszutreten. Ihr weites, unter den Brüsten eng anliegendes Kleid betont ihre Formen noch zusätzlich. Ist sie eine Trösterin oder die Frau Hiobs, die ihren vom Unglück gebeutelten Mann zum Fluchen auffordert? Im Museum ist der Titel eindeutig. Es handelt sich um Hiob, der von seiner Frau verspottet wird; auf dem Boden sieht man übrigens die Scherbe, mit der der magere und fast nackte Hiob seine Geschwüre kratzt.

In Epinal hieß das Gemälde „Der Gefangene“, und unter diesem Titel beschrieb René Char während des Krieges diesen roten Engel mit dem bauschigen Gewand, der eine Metapher für die Poesie ist.

„Die Worte, die aus dieser irdischen Gestalt eines roten Engels fallen, sind wesentliche Worte, Worte, die sofort Hilfe bringen.  (…) Das bauschige Gewand füllt plötzlich den ganzen Kerker aus. Das Wort der Frau bringt das Unerwartete besser zur Welt als jede Morgendämmerung.“ (Anerkennung für Georges de la Tour, der die Finsternis Hitlers mit einem Dialog zwischen Menschen bezwang. Feuillets d’Hypnos, um 1944, S. 76-77)

Pascal Quignard hingegen schwankt zwischen der bedrohlichen Frau Hiobs und der monumentalen Gestalt der Philosophie, die dem inhaftierten Boethius zu Hilfe kam (1991, S. 58). Während der Herrschaft Theoderichs, um 524, wurde der Philosoph Boethius, Übersetzer von Aristoteles und Platon und Meister der Senatsämter, beschuldigt, ein Bündnis mit Byzanz anzustreben. Der Kaiser ließ ihn ins Gefängnis werfen und foltern. Als er vom Unglück niedergeschlagen war und in seiner Zelle auf den Tod wartete, erschien ihm die Philosophie, um ihn zu trösten. Sie hatte eine majestätische Statur und beugte sich zu ihm hinunter. Er kauerte auf seinem Hocker, blickte zu ihr auf und gestärkt durch die Kraft ihrer Weisheit, die von überragender Schönheit strahlte, schrieb er „Der Trost“, einen der bedeutendsten Texte des Mittelalters.    

Es ist seltsam, welche Macht ein Gemälde auf uns ausüben kann. La Tour hat als Magier des Lichts* ein Bild geschaffen, das sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat: der verlassene Mensch, der Angst und Schrecken ausgesetzt ist; die Poesie oder Philosophie, die Hilfe bringen und die Dunkelheit besiegen.

 * Im französischen Original findet sich hier der Ausdruck grand imagier. Da ich das Wort imagier nicht kannte, habe ich nachgeschlagen und als Übersetzung Bilderbuch (für Kinder) gefunden. Das passt offensichtlich nicht. Ich hatte darauf die Idee, imagier als eine schöne Wortschöpfung anzusehen, zusammengezogen aus image (Bild) und magicien (Zauberer, Magier) und daraus dann den Magier des Lichts gemacht. Sicherheitshalber bei der Autorin nachgefragt erhielt ich die Auskunft, dass das Wort imagier im Mittelalter einen Bildhauer oder Maler bezeichnete. Sie habe mit dem grand imagier zum Ausdruck bringen wollen, dass das besprochene Bild wie etwa auch „Die Freiheit führt das Volk” von Delacroix Ikonen sind, die die Menschen im Kopf haben. Nicht alle Künstler seien in der Lage, Bilder von einer solchen Kraft zu schaffen. Da Sonia Branca-Rosoff meine Interpretation von imagier aber sehr schön fand, habe ich den Magier des Lichts beibehalten.

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Die Besuchsbedingungen im musé Jacquemard-André sind mittelmäßig. Die acht Räume sind zu klein für die Menschenmassen, die sich vor den Gemälden drängen. Sie ermöglichen keinen Abstand zu den größten Werken. Dennoch sind wir hier. Wenn man kleinlich sein wollte, könnte man sich fragen, warum der Louvre nicht „Der Betrüger” oder „Die Anbetung der Hirten” ausgeliehen hat… Aber um nichts in der Welt würden wir uns diese Gelegenheit entgehen lassen, 23 Gemälde eines der seltensten Maler zu sehen. Die zusätzlich ausgestellten Gemälde von Zeitgenossen ermöglichen es Liebhabern vielleicht, den Einfluss Italiens (eine ohnmächtige Magdalena von Finson, ein Heiliger Petrus von Saraceni…) und den Einfluss des Nordens (wunderschöne Stiche von Callot und Bellange) in dem Wunder zu erkennen, das die meditative Einfachheit des Meisters des Hell-Dunkel für den Betrachter darstellt.  

Praktische Informationen

Dauer der Ausstellung bis 25. Januar 2026

Musée Jacquemart-André, 158 boulevard Haussmann 75008 Paris

Mit öffentlichen Verkehrsmitteln: Metro Linien 9 und 13, Stationen Saint-Augustin, Miromesnil oder Saint-Philippe du Roule

Öffnungszeiten Montag bis Donnerstag 10-18 h; Freitag bis 22h, Samstag und Sonntag bis 19 h

Ticket-Reservierung: https://www.musee-jacquemart-andre.com/fr/tickets/68418c5d3d96ad850fa9ebe8

Literatur

CHAR René, Feuillet d’Hypnos, Paris Gallimard.1946.
VANPETEGHEM E. (éd. et trad.), BOÈCE, La Consolation de Philosophie, Paris, 2008.
MALRAUX André, Les Voies du silence Paris, Gallimard, 1951.
QUIGNARD Pascal, La Nuit et le Silence : Georges de la Tour, Flohic, 1991.

Anmerkung zum Museum (von Wolf Jöckel):

Das Musée Jacquemart-André befindet sich in einem denkmalgeschützten feudalen Stadtpalais (hôtel particulier) aus dem Jahr 1875, einem der glanzvollsten von Paris (Le Monde). Es wurde von dem Bankier und Politiker Édouard André (* 1833; † 1894) und seiner Frau Nélie Jacquemart (1841-1912) errichtet, um die von ihnen seit den 1860-er Jahren gesammelten Kunstwerke aufzunehmen. (André war übrigens zusammen mit den Rothschilds wesentlich daran beteiligt, die Frankreich nach dem verlorenen Krieg von 1870/71 im Vertrag von Frankfurt auferlegte gewaltige Reparationssumme von 5 Mrd. Francs aufzubringen.) Die Sammlung Jacquemart-André reicht von Meisterwerken der italienischen Renaissance und des niederländischen „goldenen Zeitalters“ bis zu französischen Arbeiten des 19. Jahrhunderts. Ausgesuchte Gäste konnten anlässlich von Bällen, Empfängen oder Galadiners die Kunstwerke sehen und bewundern. In ihrem Testament verfügte Nélie Jacquemart, dass die Sammlung einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden sollte. Sie vermachte 1912 das Stadtpalais und ihren Sommersitz, die königliche Abtei von Chaalis, dem Institut de France, das beide Häuser bis heute als Museen betreibt.