Séraphine Louis und Wilhelm Uhde: Die wunderbare und tragische Geschichte einer französischen Malerin und ihres deutschen „Entdeckers“

Aufmerksam wurde ich auf Séraphine Louis durch eine Ausstellung, die 2019/2020 im Musée Maillol in Paris gezeigt wurde: Vom Zöllner Rousseau bis Séraphine. Die großen naiven Meister.

Die dort ausgestellten Bilder Séraphines fand ich faszinierend, zum Teil auch verstörend. Und ich fragte mich, wer diese mir bis dahin ganz unbekannte Malerin war. Dabei stieß ich auf eine wunderbare und tragische deutsch-französische Geschichte, und die begann so:

Im Jahr 1912 suchte der deutsche Kunsthändler und –sammler Wilhelm Uhde, der damals in Paris lebte, einen  ruhigen Platz auf dem Lande zum Arbeiten. Seine Wahl fiel auf Senlis,  „das mittelalterliche Städtchen mit seinen engen Gassen, seiner Kathedrale und den vielen gotischen Kirchen … mit seinen Klöstern und von hohen Mauern umfriedeten Adelssitzen.“  So Wilhelm Uhde in seinen Erinnerungen.  „Obgleich es nur vierzig Kilometer von Paris entfernt liegt, kam selbst an den Sonntagen niemand in diesen Ort. Er hatte nicht viel mehr als 4000 Einwohner.“

Senlis war ein verschlafenes Nest, das sich im 19. Jahrhundert geweigert hatte, an die Eisenbahnverbindung Paris- Lille angebunden zu werden – und das auch noch heute nicht über einen Bahnanschluss verfügt. Die freiwillige Distanzierung von der nahen Metropole kam dem Bedürfnis Uhdes aber gerade entgegen. Er schreibt weiter:

 „… Es waren seltsame enge Gassen da mit kleinen grauen Häusern, auf deren Fensterbänken rote Blumen standen.“  Die Kathedrale „hatte über der Pforte das Wappen Franz I. mit dem Salamander und in den äußeren Galerien wuchs Farren und blaue Glockenblumen.“[1] „Wenn man an der Kathedrale vorbeiging und dann an der Ruine eines Schlosses, das Heinrich IV. bewohnt hatte …

…. und sich dem Ende des Städtchens näherte, … kam man zu einem ganz kleinen Platze, auf dem das Gras zwischen den Steinen wuchs. Dort mietete ich drei Zimmer, für die ich fünfzehn Francs im Monat bezahlte …  Hier brachte ich jetzt von Zeit zu Zeit einige Wochen in Besinnung und Arbeit zu…[2]

Und hier beginnt auch  die wunderbare und tragische Geschichte einer französischen Malerin und ihres deutschen „Entdeckers“.

Eine  Künstlerin wird entdeckt

Wilhelm Uhde hat in seinen 1938 zuerst erschienen Erinnerungen (Von Bismarck bis Picasso) und dann noch einmal in seinem  Buch Fünf primitive Meister: Rousseau, Vivin, Bombois, Beauchant, Séraphine von 1947 berichtet, wie er auf die Malerin Séraphine aufmerksam wurde:

Eines Tages fand ich bei Bürgern auf einem Stuhl ein Stillleben, das mir seltsam den Atem benahm.

Granatäpfel auf blauem Grund. Aus der Ausstellung der Werke Séraphines im Museum Senlis[3]

Das waren Früchte, in schwerer, schöner Materie gebildet, nicht so hingestrichen: das sollen Äpfel sein, sondern sie waren in Schönheit geschaffen und Wirklichkeit geworden. Der junge Cézanne hätte sie gemalt haben können. Ich fragte nach dem Künstler und erhielt zur Antwort ‚Seraphine‘. Als ich damit nichts anfangen konnte, erklärte man mir, dass es meine Aufwartefrau sei, eine Alte, die seit einigen Tagen meine Zimmer machte und der ich noch keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte.[4]

„Als Séraphine am nächsten Tag bei mir ankam, sah sie auf einem Stuhle das Stillleben“. Uhde hatte es  seinen Gastgebern gleich für 8 Francs abgekauft. „Sie begann zu lachen.  ‚Monsieur hat mein Bild gekauft? Es gefällt also Monsieur?‘ – ‚Sehr gut. Haben Sie noch mehr?‘  Sie brachte ein halbes Dutzend, von denen jedes einen gleich großen Eindruck auf mich machte, wie das erste. Eine seltene Leidenschaft, ein heiliger Eifer, eine mittelalterliche Glut lebte in diesen Stillleben.“[5]

Einige dieser Bilder zeigte Uhde seinen Pariser Freunden. „Sie waren ebenso erstaunt und beglückt wie ich, und einer rief: ‚Es hat doch keinen Sinn, weiter zu malen, wenn eine ungebildete Frau solche gewaltigen Sachen fertig bringt.‘“[6]

Beten, putzen, malen: Das Leben der Séraphine Louis

Wer war diese Séraphine, die Wilhelm Uhde entdeckte, und die nach dem Urteil ihres Biographen Jean-Pierre Foucher zu den Unsterblichen gehört, die  den Rahmen einer Bewegung oder einer Schule durchbrechen?[7]  Geboren wurde sie 1864 in einfachen Verhältnissen, verlor früh ihre Eltern und erhielt nur eine rudimentäre Schuldbildung. Von 1881 bis 1901  arbeitete sie wohl als Laienschwester im Couvent de la Charité de la Providence in  Clermont-de-l’Oise, das sie dann aber verließ. Sie nahm Stellungen  als Haushaltshilfe bei  Familien in Senlis an, wo sie sich in der  rue du Puits-Tiphaine  ein eigenes Zimmer anmietete.[8]

Erinnerungsplakette am Haus, in dem Séraphine de Senlis von 1906 bis 1932 wohnte

Von dort  hatte sie es nicht weit zur Kathedrale, die sie, von einer tiefen, naiven Frömmigkeit geprägt, täglich besuchte. Es war dann auch ein Engel, der ihr in der Kathedrale von Senlis  den Auftrag Marias zum Malen übermittelte:

„Séraphine, tu dois te mettre à dessiner!“

 Séraphine folgte diesem Auftrag mit großer Beharrlichkeit. Weil sie sich keine Leinwände leisten konnte, malte sie Blumen und Früchte auf alles, was ihr in die Hände fiel, zum Beispiel auf diese beiden Crème-fraîche-Töpfe, die im Museum von Senlis ausgestellt sind.

Das nachfolgend wiedergegebene,  um 1910 entstandene Bild ist wahrscheinlich das früheste bekannte,  an Allgäuer Bauernmalerei erinnernde Werk von Séraphine. Hier nutzte sie offensichtlich die Wasserfarben eines Kindes, bei dessen Eltern sie als Haushaltshilfe beschäftigt war.[9]

Schon hier wie auch später verwendet Séraphine florale Motive. Die Vorlage waren wohl Blumen, die  sie auf ihren Spaziergängen fand – wie den Weißwurz, das Vergissmeinicht-Ästchen oder die beiden Hahnenfüße  auf diesem Bild. 

Christine Bourcey, Hommage à Séraphine. (2020) Abgebildet ist die von einer Aura umgebene Séraphine in ihrer typischen Kleidung und dem schwarz angemalten Strohhut beim Blumensammeln auf den Feldern um Senlis

Aber man kann auch von einer weiteren Inspirationsquelle ausgehen: „Die Tätigkeit als Reinemachefrau eröffnete ihr den Zugang zu den Büchern ihrer Dienstherren. Zum üblichen Bestand bürgerlicher Hausbibliotheken gehörten auch und gehören botanische Nachschlagewerke. In diesen wird sie manche Anregung für ihre Früchtestilleben gefunden haben.“[10]

Die Farben für ihre Bilder erstand sie in der örtlichen Drogerie Duval,  mischte sie aber auch selbst an. Vor allem verwendete sie Ripolin, eine von dem Holländer Riep 1889 entwickelte Farbe  für die Lackierung von Karosserien und Oberflächen in Feuchträumen.[11]

Ripolin war billig und hatte eine große Leuchtkraft. Das kam Séraphine sehr entgegen, so dass sie daran noch festhielt, als sie über Künstlerölfarben verfügte.  Zur Anmischung ihrer eigenen Farben verwendete  sie auch, so Uhde 1947, „Öl aus der kleinen Lampe des Muttergottesbildes“. Manches spricht dafür, dass es sich dabei um eine „literarische Fiktion“ Wilhelm Uhdes handelt. Aber  die Vorstellung, dass diese „Malerin des heiligen Herzens“, die ihre Bilder mit frommen Gesängen begleitete, als Bindemittel heiliges Öl verwendete, war nur allzu verführerisch. Wie auch immer: „Man muss“, so Körner/Wilkens, „die Maltechnik nicht mystifizieren, um sich von der Kunst dieser malenden Mystikerin faszinieren zu lassen.“[12]

Die Kapelle Saint-Denis der Kathedrale, in der sich auch die von Séraphine verehrte Marien-Statue befindet,  ist mit leuchtend –  bunten Glasfenstern aus dem 16. Jahrhundert ausgestattet, und man kann davon ausgehen, dass diese Fenster einen großen Einfluss auf ihr Werk gehabt haben. Wilhelm Uhde hatte ja spontan die „mittelalterliche Glut“ und die  „geheimnisvolle mittelalterliche Wirkung“  der Bilder seiner Zugehfrau bewundert.[13]

Nachfolgend  drei Fenster der Kapelle und drei m.-E. dazu passende- Bilder Séraphines  aus verschiedenen Phasen ihres Schaffens[14]:

Vogel und Kirschzweig (Oiseau et branche de cerisiers) 1925

Ausschnitt aus: Blumen und Früchte, um 1920

Ausschnitt aus: Les Grappes de raisins, um 1930

Der Entdecker  Séraphines: Wilhelm Uhde

Wilhelm Uhde, der 1912 das künstlerische Talent seiner Haushälterin erkannte, war ein ebenso außergewöhnlicher Mensch wie Séraphine. Und vielleicht war es ja diese Gemeinsamkeit, die sie verband.

Es gibt vier Portraits von Wilhelm Uhde, die diese Außerordentlichkeit etwas veranschaulichen:

Dieses Portrait Uhdes malte Robert Delaunay 1907. Drei Jahre zuvor hatte sich Uhde in Paris niedergelassen, wo er von seinen Artikeln zur modernen Kunst, vor allem aber von dem Verkauf von Bildern lebte, die er –ein hervorragender Kenner der zeitgenössischen Kunst- gesammelt hatte.[15]  Mit vielen Malern dieser Zeit war Uhde befreundet. So auch mit Robert Delaunay und der russischen Malerin Sonia Terk, die er 1906 heiratete. Allerdings war das eine Vernunftehe, und als Sonia Terk ihre Liebe zu Uhdes Freund entdeckte, wurde die Ehe geschieden und Sonia ging als Sonia Delaunay in die Kunstgeschichte ein.

Uhde hatte damals seine Homosexualität erkannt und sich zu ihr bekannt.  Ende des 1. Weltkriegs lernte er in Frankfurt  den 20 Jahre jüngeren Maler Helmut Kolle kennen, mit dem er bis zu dessen Tod 1931 zusammenlebte.  Hier das Portrait Wilhelm Uhdes, das Kolle um 1930 malte.[16]

Der heute fast vergessene Maler André Lanskoy (1902-1976) hat 1929 das nachfolgend abgebildete Portrait Uhdes in einem blauen Frauenkleid gemalt. Als „Zeugnis schwuler Selbstinszenierung“ war es allerdings nicht für die öffentliche Präsentation bestimmt. 2016 hat es ein bayerischer Kunstsammler aus Privatbesitz erworben,  und 2018 wurde es im schwulen Museum Berlin ausgestellt. .[17]

Das vierte Portrait Uhdes stammt von Pablo Picasso und entstand 1910.[18]

Picasso kannte Uhde seit 1905 – oder treffender: Uhde lernte Picasso  1905 kennen. Wie das kam, beschreibt er in seinen Erinnerungen:

„An der Ecke des Boulevard Rochechouart und der Rue des Martyrs hatte eine alter … Mann einen Laden, in dem er Betten und Bettzeug verkaufte. Vor der Tür des Ladens aber hatte er, der ein Bilderfreund war, die Malereien unbekannter junger Maler zu wohlfeilen Preisen aufgestellt. Dort fand ich eine Leinwand, auf der ein weiblicher Akt mit gelbem Haar abgebildet war. Ich zahlte die zehn Francs, die man für dieses Bild verlangte, das mir sonderlich gefiel. Die Signatur des Namens, der mit einem P begann, war mir durchaus unbekannt.“[19]

Am nächsten Tag traf Uhde den jungen Maler in Montmartre. Es war der  damals noch unbekannte Pablo Picasso, von dem er wohl als erster ein Bild erworben hatte und dem er sein Leben lang freundschaftlich verbunden war. Das kubistische Portrait ist „das bedeutendste Zeugnis der Freundschaft zwischen Picasso und Uhde“.[20] 

Georges Braque war Uhdes zweite große Entdeckung: Er wurde dessen erster Käufer und Händler. Der dritte „Große“, den Uhde in seinem ersten Pariser Jahrzehnt entdeckte, war der „Douanier“, der  „Zöllner“ Rousseau.  Uhde tat auch alles dafür, „seine“ Maler durch publizistische Beiträge und Ausstellungen bekannt zu machen. Die  erste Werkausstellung Rousseaus beispielsweise brachte er, tief beeindruckt von der Charmeuse de serpents, 1908 in Paris auf den Weg.  Der Douanier soll Uhde, als er an der Schlangenbeschwörerin arbeitete, „wiederholt um Rat gefragt haben, was die Komposition und das Kolorit betraf, sodass Uhde ein Stück Autorschaft an diesem Meisterwerk beanspruchen kann.“[21] 1921 widmete er Rousseau eine erste Monographie.  Der Maler wurde damals als nicht ernst zu nehmender Spaßvogel abgetan, und der „Figaro“ machte sich über den närrischen Ausländer lustig, „der sich mit diesem abwegigen Unfug französischer Kunstproduktion abgab“.[22] In den Jahren vor dem Krieg besuchte Uhde öfters Rousseau in dessen Atelier. Uhde berichtet in seinen Erinnerungen:

„Einmal sprach er vom Kriege, den er verabscheute. Er wurde heftig: ‚Wenn ein König Krieg führen will, soll eine Mutter zu ihm gehen und es ihm verbieten.‘ ….Der schönste Tag bei ihm war ein vierzehnter Juli, an dem das französische Nationalfest ist. An diesem Tag hatte, wie immer, ganz Paris geflaggt. Aber man sah natürlich nur die französische Fahne. Ich besuchte Rousseau in seinem Atelier, wo außer mir noch französische Bürger waren, alte Rentner aus demselben Stadtviertel. … Bevor wir tranken, nahm mich der alte Rousseau bei der Hand und zeigte mir die deutsche Fahne, die er am Fenster neben der französischen angebracht hatte. Dann erhob er sein Glas und forderte uns alle auf, mit ihm auf den Frieden anzustoßen.“[23]

Es war auch Uhde, der die erste Ausstellung von Bildern der Marie Laurencin organisierte, die damals völlig unbekannt war und noch kein einziges Werk verkauft hatte.

Uhde war also ein hervorragender Kenner der zeitgenössischen Kunst, „ein Geburtshelfer der Avantgarde“ (Bernd Roeck). Er hatte ein Auge für noch unbekannte, aber  vielversprechende Maler und Malerinnen, auch für sogenannte „naive“ – und so war die Begegnung mit Séraphine in Senlis zwar ein Zufall, aber es war dann keinesfalls ein Zufall, dass Uhde ihren  außerordentlichen künstlerischen Wert  erkannte.

Allerdings blieb dies zunächst ohne Folgen. Denn durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs musste Uhde als „feindlicher Ausländer“  Frankreich verlassen und nach Deutschland zurückkehren.  Die Folgen waren gravierend: Die Einrichtung von Uhdes Wohnung in Senlis wurde verkauft, und damit auch die Bilder Séraphines. „Ich habe niemals erfahren können“, schreibt Uhde 1947, „wer sie erworben hat.“[24] Vielleicht wurden die Bilder Séraphines wie andere aus dieser Zeit bei „Entrümpelungen“ entsorgt…. Uhdes Pariser Kunstsammlung  wurde -wie auch die ebenso bedeutende  seines Freundes Henri Kahnweiler- vom französischen Staat als Kriegsentschädigung beschlagnahmt und 1921 im Auktionshaus Hôtel Druot  versteigert. Der Katalog umfasste  73 Gemälde und Zeichnungen: neben Arbeiten von Matisse, Rousseau,  Laurencin u.a. auch  18  Werke von Braque und 16 von Picasso, darunter das oben abgebildete Portrait Uhdes. Als Sachverständiger fungierte der Pariser Kunsthändler Léonce Rosenberg, der die von Uhde und Kahnweiler gesammelten Werke „lächerlich niedrig taxierte. …. Er nutzte die Chance, seine deutschen Konkurrenten auf dem Pariser Markt ausschalten zu können.“ Was diese „boches“ gesammelt hatten, konnte ja nur minderwertig sein. Als der im Krieg hochdekorierte und schwer verwundete Braque sah, wie Kahnweilers Sammlung verschleudert wurde, stürzte er sich auf Rosenberg und konnte nur mühsam gebändigt werden. Der ebenfalls anwesende Henri Matisse unterstützte Braque dabei lautstark und protestierte gegen diesen –im Grunde gegen die Interessen Frankreichs verstoßenden-„Akt nationalistischer, kulturpolitischer Aggression“.[25]

Uhdes Rückkehr nach Frankreich und Séraphines „Jahre des Ruhms“

1924 kehrte Uhde –trotz alledem- in seine Wahlheimat Frankreich zurück, nachdem er die dafür erforderlichen Bürgschaften erhalten hatte.  Er  begann nun, eine neue Sammlung aufzubauen.  Die Maler seiner  verlorenen Vorkriegssammlung waren inzwischen berühmt und ihre Werke für ihn unerschwinglich. Zufällig entdeckt er bei einem Ausstellungsbesuch ein Werk von Rousseau, das er besonders geliebt hatte: Es wird ihm zum Preis von 300 000 Francs zum Rückkauf angeboten. Er selbst hatte es vor dem Krieg für 40 Francs von einer Wäscherin gekauft….    Uhde konzentrierte sich also auf noch unbekannte naive Maler wie Bombois und Vivin,  die er – auch weil die Kirche Sacré Cœur zu ihren bevorzugten Motiven gehörte-  die Maler vom Heiligen Herzen nennt.

                               Louis Vivin,  Basilique du Sacré-Cœur de Montmartre. 1930

Mit Séraphine nahm Uhde  allerdings –merkwürdiger Weise- zunächst keinen Kontakt auf. Über die Gründe kann nur spekuliert werden.  Möglicherweise hatte er sie schlicht aus den Augen verloren. Erst 1927, als er mit Helmut Kolle und seiner Schwester Anne-Marie-Uhde im benachbarten Chantilly wohnte, kam es zu einem Wiedersehen.  Anlass war eine Ausstellung heimischer Künstler (Exposition de la Société des Amis des Arts de Senlis) im Rathaus von Senlis:

„Jetzt ging ich die hohe steinerne Treppe des Rathauses hinan, betrat den Saal, an dessen Wänden Bilder, Aquarelle, Zeichnungen hingen. Die übliche Provinzkunst, angefertigt in ihren Mußestunden von Schlossbesitzern und adeligen Fräulein, eine enge Welt, klein gesehen und klein gemalt, beliebig, dünn und bunt. Und indem mein Blick dieses alles suchend schnell abtastete und wieder verließ, entdeckte er plötzlich in einem Winkel drei große Bilder von packender Gewalt, die ihn hielten, einen Fliederstrauß in schwarzer Vase, einen Kirschbaum, zwei Weinstöcke, einen roten und einen weißen. Und als ich diesen Bildern Séraphines ruhig und fest ins Gesicht sah, da war es, als fingen draußen längst verstummte Glocken an zu läuten.“[26]

 „Alles suchend“ abgetastet: Das gilt natürlich den Bildern Séraphines. Denn als Uhde nach Senlis zur Ausstellung fuhr, war die  Pariser Kunstöffentlichkeit schon auf die Ausstellung in Senlis und auf Séraphine aufmerksam geworden. Und zwar durch einen Aufsatz des renommierten Kunsthistorikers Louis Gillet, der Séraphine rühmte:

„Seit drei Tagen gibt es in Senlis, das nicht gerade ruhmverwöhnt ist, Genialität. Senlis hat zur Avantgarde gefunden. (…) Senlis hat seine Legende. Senlis hat Séraphine.“[27]

Ist es unter diesen Bedingungen so wahrscheinlich, dass –wie Uhde berichtet- die für die Ausstellung Verantwortlichen es mit „Mitleid und Spott“ quittierten, als er drei Bilder Séraphines aufkaufte? Und es waren dem Katalog der Ausstellung zufolge auch gar nicht die einzigen, die sie dort ausgestellt und –kaum erstaunlich nach der Eloge Gillets- verkauft hatte.[28] Da hat Uhde wohl seine Rolle etwas überhöht, so wie er ja auch die Legende der Séraphine von Senlis nach Kräften befördert hat.

Eines der drei von Uhde gekauften Bilder der Ausstellung war wohl das mit Ripolin gemalte Bild Les Grappes (1927, heute in Privatbesitz), das auf der anfangs erwähnten Ausstellung im Musée Maillol zu sehen war.

 Uhde erneuerte nun den Kontakt mit Séraphine, die inzwischen nur noch für die Malerei lebte: „Ich diene nicht mehr bei Leuten“, sagte sie Uhde, „aber es ist furchtbar schwer, denn ich bin alt und ein Anfänger, der nicht viel kann.“[29] Da war Uhde aber völlig anderer Meinung. Er  kaufte alle ihre Bilder auf, vermittelte ihr Kontakte zu anderen Interessenten und ließ ihr die gewünschten zwei Meter hohen Leinwände bringen.

Und Uhde unterhielt sich auch intensiv mit Séraphine über ihre Kunst und ermutigte sie wohl dazu, mit dem Anspruch auf exakte Gegenständlichkeit in ihren Bildern souveräner umzugehen. So eröffneten sich für sie gestalterische Möglichkeiten, das „Bild einer anderen – paradiesischen- Vegetation überzeugender zu realisieren“[30] -– so wie auf dem nachfolgend gezeigten um 1929 entstandenen Bild Grappes et feuilles roses.      

 „Unter starker Anspannung, in schlaflosen Nächten malte sie nun ein Meisterinnenwerk nach dem anderen. …. Gallot vermutet, dass in diesen produktivsten Jahren drei bis vier Bilder pro Monat entstanden. Regelmäßig kam ein von Uhde geschickter Lastwagen, der ihr neues Material brachte und die fertigen Werke abholte.“[31] 

Ohne Uhde und seine Schwester, die einen engen persönlichen Kontakt mit Séraphine Louis pflegte, hätte sich ihr künstlerische Werk nicht in dieser Weise entfalten können. Die Förderung  durch die Uhdes bedeutete für sie das Versprechen, eine große Künstlerin zu sein. So entstand in einem kurzen Zeitraum von drei, höchstens vier Jahren ein „in der Tat einzigartiges und großartiges künstlerisches Werk“.[32]

Es waren Jahre eines kurzfristigen Ruhms,  zu dem auch Geld gehörte, das  Séraphine mit (mehr als) vollen Händen wieder ausgab. Ihre  frühere, fast unterwürfige Demut legte sie, überzeugt von der Größe ihres Werkes, ab. Ihre Briefe unterschrieb sie nun mit Séraphine Louis Maillard –sans rivale (ohne Rivalin): Louis war der Name ihre Vaters, Maillard der ihrer Mutter. Uhde adelte sie mit dem Künstlernamen Séraphine de Senlis.  

Séraphine Louis, fotografiert von Anne-Marie Uhde in den 1920-er Jahren.[33] Margeriten waren eine Lieblingsblume von Séraphine Louis. Es gibt viele Gemälde mit diesen Blumen, so „Die großen Margeriten“ von 1929/1930 im Museum Senlis. [34]

Séraphine Louis hat ihren Bildern nie Namen gegeben- sie stammen von Wilhelm Uhde oder seiner Schwester.  Wie die floralen Motive spielt auch der Baum eine wichtige Rolle in ihrem Werk.  Dabei scheint die christliche Ikonographie des Mittelalters auf: Der Paradiesgarten, das himmlische Jerusalem, Getreide und Trauben, Brot und Wein, der Baum des Wissens und der Baum des Jesse, der Himmel und Erde verbindet. 

L’arbre de vie, Der Baum des Lebens (1928/1930) Museum Senlis.

Dass sie sich dabei auch von faszinierenden Schilderungen der exotischen Fauna und Flora in den französischen Kolonien inspirieren ließ, legen Wilkens und Körner in ihrem Buch dar. Als Quelle können dafür die in Senlis ansässigen und auch in der Missionsarbeit tätigen Schwestern von Saint-Joseph de Cluny gedient haben, mit denen Séraphine in Kontakt stand. In dem Buch einer in Martinique tätigen Ordens- und Namensschwester findet sich jedenfalls ein Satz über die Vegetation in Martinique, der auch zum Werk der Séraphine Louis passt: „Die Vegetation kennt keine Erholung; die Bäume erneuern ständig ihre Blüten und ihre Früchte und übersetzen die Erinnerung an das irdische Paradies in lebende Bilder.[35]

Hier zwei Ausschnitte aus dem in diesen Jahren entstandenen Paradiesbaum  (L’arbre de paradis, 1929/1930), einem der in jeder Hinsicht größten Werke der Künstlerin.[36] 

Dies ist in Stück des Blätterwaldes, „dessen einzelne Formen an  Muscheln, Vulven, Pfauenfedern erinnern…

….  Und genau in der Bildmitte ‚thront‘ ein Blatt in der Form eines Auges, das natürlich als das Auge Gottes erscheint.“[37]

Wilhelm Uhde in seinen Erinnerungen:  „In den Bildern der Séraphine erwachte in neuen Formen die Inbrunst des Mittelalters, da in den Klöstern die ekstatischen Gebete von Gott besessener Nonnen gen Himmel stiegen. Sie lebte wie Rousseau auf einer anderen Ebene, wie bei diesem lag der Ursprung des Werkes im Mystischen, in einem unbeschreiblichen Zustand der Seele, der schöpferisch ist. … Diese Herkunft aus einer Welt, zu der wir keine Beziehungen haben, gibt den Bildern Séraphines ihre geheimnisvoll mittelalterliche Wirkung. Sie war fähig, dem großen Erlebnis die große Form zu geben, auf der begrenzten Fläche der Leinwand das unbegrenzte Erlebnis zu gestalten. Ihr Werk gleicht dem Hohenlied Salomonis“. [38]

Zunehmende Verwirrung, Krankheit und Tod der Séraphine Louis

Séraphine Louis galt in Senlis schon seit den 1920-er Jahren als wunderliche Person. Sie malte vor allem nachts, und der ganze Stadtteil hörte, wie sie dabei, schrill und falsch, Choräle sang. Man machte sich lustig über ihre Kleidung, ihren Weinverbrauch (sie liebte den ‚natürlichen Wein‘ und hatte immer eine Flasche ‚Roten‘ bei sich‘), ihre Visionen und natürlich über ihre Malerei. Séraphine war – gemildert in den Jahren ihres Ruhms, der von Paris ausstrahlte- dem „Hohn der kleinen Stadt“ ausgesetzt.[39] Das verstärkte sich 1931, als die Zeichen ihrer geistigen Verwirrung immer deutlicher wurden. Dazu beigetragen hat wohl nicht zuletzt der Rückzug Uhdes[40]: Der hatte in der Weltwirtschaftskrise zunehmend Schwierigkeiten, Ausstellungen zu organisieren und Bilder zu verkaufen. Er forderte Séraphine auf, sparsamer zu sein und keine weiteren Schulden zu machen, für die er bisher immer aufgekommen war. Schließlich stellte er die Zahlungen vollständig ein und brach –wohl auch bedingt durch den qualvollen Tod Helmut Kolles- die Beziehung zu Séraphine ganz ab.  Séraphine war nun allein mit ihren Phantasien von Weltruhm und Reichtum, mit ihren Ängsten und ihrem Verfolgungswahn, mit ihren wahnhaften Anschuldigungen.  Als Haushaltshilfe hatte sie eine klar definierte soziale Stellung gehabt, danach als erfolgreiche Malerin. Als  das endet, verliert sie ihren sozialen Ort, alles löst sich auf. Séraphines Malerei, ihr Spiel mit den Farben waren Mittel, „die Bruchstücke ihrer Persönlichkeit zusammenzufügen“. Jetzt hört sie auf zu malen und der Wahnsinn nimmt von ihr Besitz.[41] 

Unter der Überschrift „Débilité mentale“ berichtet der Courrier de l’Oise am 7. Februar 1932:  Am 31.Januar 1932 sei das geistig verwirrte Fräulein Séraphine Louis, die sich als Malerin bezeichne (se disant artiste-peintre), in das Krankenhaus von Senlis eingeliefert worden. Se disant artiste-peintre: Dem Journalisten des Courrier de l’Oise, der dies schrieb, konnte nicht unbekannt sein, dass Séraphine Louis, damals die wohl prominenteste Einwohnerin der Stadt, eine erfolgreiche Malerin war. Durch diese Formulierung wird aber die Malerei als Ausdruck ihres Wahnsinns denunziert. Und so kündigt denn auch der Courrier de l’Oise im weiteren Verlauf des Artikels an,  dass diese stadtbekannte Senliser Erscheinung  sicherlich in ein Asyl überführt würde, „wo ihr alle Fürsorge zuteil werden wird, die sie benötigt“.[42] Eingeliefert wurde Séraphine Louis dann in der Tat  am 25. Februar 1932 in die psychiatrische Anstalt von Clerment-de l’Oise, wo sie bis zu ihrem Tod im Dezember 1942 blieb.

Von der hier angekündigten Pflege und Behandlung konnte allerdings kaum die Rede sein. Die Anstalt war völlig überfüllt: Der Pavillon, in dem Séraphine untergebracht war, war nach einem Bericht aus dem Jahr 1938 für 160 Kranke gedacht, allerdings mit der doppelten Anzahl Patienten belegt. Der Krieg verschlimmerte die Situation noch erheblich: Die Mehrheit der Ärzte und Krankenpfleger wurde eingezogen, viele flohen vor der anrückenden Wehrmacht. Die Insassen waren sich weitgehend selbst überlassen. Die Wäscherei funktionierte nicht mehr, die Toiletten auch nicht, viele Kranke schliefen im eiskalten Winter nackt auf dem Boden, es gab nicht genug zu essen, worüber sich Séraphine immer wieder beklagte. Im Sommer 1942 riss sie Kräuter aus, um sie nachts zu essen: Die psychiatrischen Kliniken des Landes wurden während des Krieges zunehmend mangelhaft versorgt, so dass viele Insassen an Hunger und Verwahrlosung  starben, wahrscheinlich auch Séraphine Louis.[43] Man hat in diesem Zusammenhang von einer „extermination douce“ gesprochen, einer „sanften“ bzw. eher einer grausam sich hinziehenden, allmählichen Vernichtung, der etwa 45 000 Insassen psychiatrischer Anstalten in Frankreich zum Opfer fielen: Unter dem von Krieg und der deutschen Besatzung verursachten allgemeinen Nahrungsmittelmangel litten besonders die Menschen am Rand der Gesellschaft, deren Leben als unwert oder als am ehesten entbehrlich angesehen wurde und die keine eigenen Mittel hatten oder erhielten, ihr Überleben zu ermöglichen. [44] Zu diesen Menschen gehörte auch die Bildhauerin Camille Claudel, deren Leben erstaunliche Parallelen zu dem von Séraphine Louis aufweist. Auch sie verbrachte –ohne weiter künstlerisch tätig zu sein-  die letzten Jahre ihres Lebens in einer psychiatrischen Anstalt  und starb  ein Jahr nach Séraphine Louis.[45]

Séraphine Louis  hatte es sich gewünscht, dass nach ihrem Tod eine großartige Prozession in Senlis und eine Totenmesse mit Chor und Solisten für sie in der Kathedrale gefeiert würde und dass auf dem Grabstein in ihrem Geburtsort Arsy, wo sie bestattet werden wollte, folgende Inschrift mit goldenen Lettern eingemeißelt wäre:

„Ici repose Séraphine Louis Maillard,   sans

rivale, en attendant la résurrection bienheureuse“.

Hier ruht Séraphine Louis Maillar, ohne Rivalin, in Erwartung der glücklichen Auferstehung.

Tatsächlich gab es aber für sie weder eine Totenmesse, noch ein Grab mit Grabstein in Arsy. Sondern bestattet wurde sie  wie andere mittellose Insassen des Asyls in einem anonymen Gemeinschaftsgrab (fosse commune) in Clermont. Niemand war bei der Beerdigung anwesend.

Erst am 5. April 2005 wurde auf dem Friedhof eine schlichte Tafel eingeweiht mit dem von Séraphine gewünschten Text: [46]

Wilhelm Uehde: Überleben in Frankreich während des Dritten Reichs und der deutschen Besatzung

Und Wilhelm Uhde? Natürlich hatte er erfahren, dass Séraphine Louis in das Asyl von Clermont eingeliefert worden war. Er habe  deshalb -so wird berichtet- bei den Ärzten angefragt  und sich nach ihr erkundigt, aber die  Auskunft erhalten, sie nicht zu besuchen, weil dies Krisen auslösen könne. Uhde habe aber Geld nach Clermont geschickt, um die Unterbringung Séraphines in einem Einzelzimmer zu ermöglichen und ihre Situation insgesamt zu verbessern. 1934 habe er, wie und von wem auch immer, die Nachricht vom Tod Séraphines erhalten.[47] In seinen Erinnerungen und in den „Fünf primitiven Meistern“ stirbt Séraphine Louis in der Tat 1934, und dieses Todesdatum verbreitete sich auch in Paris und hielt sich lange in der Literatur. Uhdes Vordatierung des Todes von Séraphine Louis  ist nach Körner/Wilkens „eine Konstruktion“: Für ihn war Séraphine als Künstlerin 1934 gestorben und nicht mehr „von Belang“. [48]

Im gleichen Jahr kehrte Uhde nach Paris zurück. Das freiwillige Leben im geliebten Frankreich wurde nun unter den Bedingungen des Dritten Reichs zum auferlegten politischen Exil. Seiner Arbeit für die Kunst und für die Popularisierung der von ihm geförderten Maler  tat dies aber zunächst keinen Abbruch:  1937 präsentierte eine große Pariser Ausstellung seine „maïtres populaires“ , wozu auch zahlreiche Exponate von Séraphine Louis aus seiner Sammlung  gehörten. Anschließend wurde die Ausstellung im Kunsthaus Zürich und im Museum of Modern Art in New York gezeigt.[49]

Daneben suchte Uhde  den Kontakt mit der deutschen Emigration und schrieb für Willi Münzenbergs Zeitschrift Die Zukunft. Die Nazis entzogen ihm die deutsche Staatsangehörigkeit, was ihm aber von den französischen Behörden nicht bescheinigt wurde. So galt er in Frankreich auch weiterhin als Deutscher.[50] Immerhin blieb ihm, aufgrund seiner guten Kontakte, nach Ausbruch des Krieges die Einweisung in eines der Internierungslager für „feindliche Ausländer“ erspart- anders als seiner Schwester.

Nach dem Einmarsch der Wehrmacht floh er – immer in Angst, den Nazis in die Hände zu fallen – aus Paris. Während mehrerer Monate beherbergte und schützte ihn Jean Cassou, der Chefkonservator des Musée du Luxembourg und spätere Direktor des Pariser Museums der modernen Kunst.  Und immerhin wurden er und seine Schwester, anders als der Maler Otto Freundlich, der ebenfalls in der zone libre Zuflucht gesucht hatte, nicht verraten…[51]

Uhdes Wohnung  in der rue de l’Université wurde von der Gestapo allerdings verwüstet und geplündert.  Teile seiner Sammlung, die nicht vorher in Sicherheit gebracht werden konnten,  gingen wieder verloren. 1944 kehrte Uhde in das befreite Paris zurück, wo er noch zwei Ausstellungen für Séraphine Louis und für Helmut Kolle organisieren und deren Anerkennung erleben konnte. Eines der geretteten Bilder, Séraphines Stillleben mit Kirschen (ca 1925),  schenkte Uhde 1945 Jean Cassou.[52]

Im  Musée National d’Art Moderne , ehemals im Palais de Tokyo in Paris –heute im Centre Pompidou- richtete Cassou einen den Namen Uhdes tragenden Saal mit Bildern  der „Fünf primitiven Meister“ Henri Rousseau, André Bauchant, Camille Bombois, Louis Vivin und Séraphine Louis ein.[53] Dazu gehörte auch der arbre rouge  (Der rote Baum, 1928/1930), der Teil von Uhdes Nachkriegsausstellung war und den Cassou für das Museum aufgekauft hatte.[54]

Auffällig ist hier die asymmetrische Komposition und die Spannung zwischen dem zur Seite geneigten Baumstamm und den Blättern, die den größten Teil des Bildes einnehmen: Ein Bruch mit der für diie Bilder Séraphines sonst meist üblichen Ordnung und Harmonie, den das Centre Pompidou in seinem Begleittext schon in den Zusammenhang mit ihrer psychischen Erkrankung rückt.

                             Detail des ‚arbre rouge‘

Im Centre Pompidou gibt es heute keine salle Uhde mehr und die nach dem Krieg dort versammelten Bilder sind heute im Museum von Senlis ausgestellt, das dazu auch noch weitere Bilder Séraphines präsentiert.[55]

Die verbliebene Sammlung des  1947 verstorbenen Uhde wurde von Dina Vierny, dem Modell und der „Muse“ Aristide Maillols,  erworben. Die Ausstellung im Musée Maillol Vom Zöllner Rousseau bis Séraphine, auf die am Beginn dieses Beitrags hingewiesen wurde, konnte aus diesem Fundus schöpfen.

Bestattet wurde Uhde auf dem Friedhof Montparnasse, in der Stadt und dem Viertel, das er so sehr liebte. (Chemin Circulaire, 1./2. Division).

Im gleichen Grab sind auch seine Schwester Anne – Marie und Helen Hessel beigesetzt, die ihre letzten Lebensjahre gemeinsam verbrachten.

Helen Hessel:  Das ist die in den 1930-er Jahren in Sanary-sur-mer,  der damaligen „Hauptstadt der deutschen Literatur“ im Exil lebende Frau Franz Hessels, die Mutter des (ebenfalls auf dem Friedhof Montparnasse bestatteten) französischen Diplomaten Stéphane Hessel und die im Film von François Truffaut von Jules und Jim umworbene junge Frau… Aber das ist eine andere Geschichte…[56]

Der Wahlspruch auf dem Grabstein: vivens flagro (Lebend brenne ich) passt für die drei hier bestatteten Personen, genauso aber auch für Séraphine Louis.

Zum Ansehen:

Sehr sehenswert ist der mehrfach ausgezeichnete deutsch-französische Film „Séraphine“ von Martin Provost aus dem Jahr 2008. In den Hauptrollen Yolande Moreau und Ulrich Tukur.[57]

Benutzte Literatur/Zum Weiterlesen:

Françoise Cloarec, Séraphine. La vie rêvée de Séraphine de Senlis. Paris 2008 (Cloarec ist Psychoanalytikerin und hat mit einer Arbeit über Séraphine Louis promoviert)

Manfred Flügge, ‚Was unser Dasein in die Ferne trägt…‘  Ein deutscher Kunsthändler in Paris: Wilhelm Uhde. In: Manfred Flügge, Paris ist schwer. Deutsche Lebensläufe in Frankreich. Berlin 1992, S.41-57

Hans Körner/Manja Wilkens, Séraphine Louis 1864 – 1942. Biographie/Werkverzeichnis. Biographie/Catalogue raisonné. Traduit par Annette Gautherie-Kampka.   Berlin: Reimer-Verlag  2. erweiterte Auflage 2015. Das Kapitel: Erste Bilder ist im Internet einsehbar unter:  https://www.reimer-mann-verlag.de/pdfs/101547_2.pdf

Musées de Senlis (Hrsg), Séraphine 1864-2014. 150e anniversaire. Broschüre zur Ausstellung in Senlis 2014/2015

Bernd Roeck, Über die Kunst, das Schöne zu sehen- Wilhelm Uhde, ein Geburtshelfer der Avantgarde. In: Wilhelm Uhde, Von Bismarck bis Picasso. Zürich 2010, S. 353 – 375

Andrea Schweers, Séraphine Louis (genannt Séraphine de Senlis) 1864-1942. Malerin von Maris Gnaden. In: Sibylle Dua und Luise F. Pusch, Wahnsinnsfrauen.  Suhrkamp taschenbuch 2439  FFM 1996, S. 39 -70

Wilhelm Uhde, Aufzeichnungen aus den Kriegsjahren. Mit einem Nachwort von Anne-Marie Uhde. In: Manfred Flügge, Paris ist schwer. Deutsche Lebensläufe in Frankreich. Berlin 1992, S. 59 – 108 (auch enthalten in: Wilhelm Uhde, Von Bismarck bis Picasso, S. 305f)

Wilhelm Uhde, Von Bismarck bis Picasso. Erinnerungen und Bekenntnisse.  Zürich 2010

Wilhelm Uhde, Fünf primitive Meister. Rousseau/Vivin/Bombois/Bauchant/Seraphine. Zürich: Atlantis Verlag 1947

Alain Vircondolet, L’art jusqu’à la folie. Camille Claudel, Séraphine de Senlis, Aloïse Corbaz. Monaco: Éditions du Rocher 2016

Praktische Hinweise:

Das Musée d’Art et d’Archéologie: Place Notre-Dame 60300 Senlis

Tel. +33 (0)3 44 24 86 72

Öffnungszeiten (außer zu Covid-19-Zeiten):

Mittwochs bis sonntags 10-13 Uhr und 14-18 Uhr

Zufahrt Senlis:

Von Paris aus: Autobahn A 1, Ausfahrt 8 Senlis  (45 km)

oder

SNCF: vom Gare du Nord nach Chantilly, von dort aus Bus Linie 15

Ein Ausflug nach Senlis kann gut kombiniert werden mit einem Besuch von


Anmerkungen:

[1] Wilhelm Uhde, Von Bismarck bis Picasso, S. 170/171 Foto aus: https://www.flickr.com/photos/jrthibault/8380847336/lightbox/ 

[2] A.a.O., S. 171

[3] Die meisten der  in diesem Beitrag wiedergegebenen Bilder Séraphines befinden sich in dem Museum von Senlis und sind dort aufgenommen.  Bei dem hier abgebildeten Bild handelt es sich nicht um das Stilleben, durch das Uhde auf Séraphine Louis aufmerksam wurde. Das ist verschollen. Aber es ist eines ihrer Bilder „bei denen am ehesten noch (wie bei Uhde. W.J.) die Erinnerung an Cézanne-Stilleben wach werden könnte“. (Körner/Wilkens, S. 53)

[4] Uhde, Von Bismarck bis Picasso, S. 172/3

[5] Uhde, Fünf primitive Meister, S. 123

[6] Uhde, von Bismarck bis Picasso, S. 173  Allerdings gibt es verschiedene andere Versionen über den ersten Kauf eines Werkes von Séraphine durch Uhde: Vielleicht entdeckte er ein Bild von ihr auch bei dem lokalen Photographen, Schneider, Schuster oder Antiquitätenhändler. Aber die Uhde’sche Version von 1947 ist natürlich eindrucksvoller. Siehe Körner/Wilkens, S. 47

[7] Zitiert im Vorwort von Françoise Cloarec, Séraphine. La vie rêvée de Séraphine de Senlis.

[8] Im Tourismus-Büro der Stadt (place du Parvis Notre-Dame) ist ein Faltblatt Séraphine erhältlich mit einem kleinen Stadtrundgang, auf dem Drehorte des Films (s.u.) angegeben sind und natürlich auch das Haus in der rue du Puits Tiphaine Nummer 1.

[9] Siehe den sehr empfehlenswerten Beitrag von Andrea Schwer, Séraphine Louis, 1864-1942. Malerin von Maria Gnaden. In: Wahnsinns-Frauen. Hrsg. von Sibylle Duda und Luise F. Pusch. Suhrkamp taschenbuch 2493. Ffm 1996, S. 39 – 70.   Diesem Aufsatz habe ich auch den biographischen Dreiklang „beten, putzen, malen“  entnommen (S.43) und ich stütze mich auch im Weiteren auf ihn, ebenso wie auf das grundlegende Werk von Körner und Wilkens.

[10] Körner/Wilkens, S. 55

[11] Plakat von Eugène Charles Paul Vavasseur https://www.moma.org/collection/works/7829

Siehe dazu das Kapitel aus Körner/Wilkens: Ripolin aus der Drogerie Duval, S. 41ff

[12] Zitat Uhde aus: Fünf primitive Meister, S. 125 Körner/Wilkens, S. 113

[13] s.o. und Uhde, Von Bismarck zu Picasso, S. 259 Im Begleittext zur Ausstellung der Bilder Séraphines im Museum von Senlis ist die Rede von einer „luminosité particulière, qu’elle affectionne peut-être parce qu’elle rappelle les vitraux de la cathédrale de Senlis“

Siehe auch: Nathalia Brodskaya in L’Art naïf (2014): „Les vitraux de l’église de Senlis eurent également une influence diffuse tout en long de son Œuvre“.

[14] Der Vogel mit Früchten ist im Museum Senlis ausgestellt. Die beiden anderen Bilder wurden 2019/2020  in der Ausstellung Du Douanier Rousseau à Séraphine. Les grands maîtres naïfs gezeigt.

[15]https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Uhde_(Kunsth%C3%A4ndler)#/media/Datei:Robert_Delaunay,_1907,_Portrait_of_Wilhelm_Uhde..jpg

[16] https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Uhde_(Kunsth%C3%A4ndler)  Im Museum von Senlis sind auch Werke Kolles ausgestellt. Ein Selbstportrait Kolles befindet sich auch in der Sammlung des Städel-Museums Frankfurt. https://sammlung.staedelmuseum.de/de/person/kolle-helmut

[17] Bild aus https://www.nordbayern.de/kultur/laufer-kunstsammler-fand-wieder-eine-raritat-1.5630063  24.11.2016 https://www.schwulesmuseum.de/ausstellung/portraets-aus-wilhelm-uhdes-kunstsammlung-in-tapetenwechsel-2-04/  In Wilhelm Uhdes Erinnerungsbuch „Von Bismarck bis Picasso“ sind die Portraits von Delauney, Kolle und Picasso abgebildet (S.350-352), das von Lanskoy aber nicht.  

[18] https://www.phaidon.com/agenda/art/articles/2015/march/17/the-amazing-life-story-of-wilhelm-uhde/  

[19] Uhde, Von Bismarck bis Picasso, S. 146/7

[20] Zitat und zum Nachfolgenden: Roeck, Über die Kunst, das Schöne zu sehen. S. 361

[21] Roeck, Über die Kunst, das Schöne zu sehen, S. 362

[22] Uhde, Von Bismarck bis Picasso, S. 158

[23] Uhde, Von Bismarck bis Picasso, S. 162

[24] Uhde, Fünf primitive Meister, S. 119f

[25]   https://www.deutsche-biographie.de/pnd117267716.html und Roeck, Über die Kunst, das Schöne zu sehen, S. 367/8. Um Missverständnisse zu vermeiden: Das abschließende Zitat stammt nicht von Matisse, sondern von Roeck. Zum Hintergrund siehe die Darstellung Roecks über die damals in Frankreich gängige Abwertung des Kubismus. Die Preise für diese „scheußlichen Werke“ würden durch „unerwünschte Ausländer““, vor allem Deutsche, in die Höhe getrieben.

[26] Uhde, Von Bismarck bis Picasso, S. 258

[27] Zit. Körner/Wilkens, S. 65

[28] Körner/Wilkens, S. 69/71

[29] A.a.O., S. 259

[30] Körner/Wilkens, S. 75

[31] Schweers, Séraphine Louis, S. 49/50

[32] Körner/Wilkens, S. 71

[33] Bild aus: https://www.wikiart.org/de/seraphine-louis

[34] Katalog von Körner/Wilkens Nr. 65. https://musees.ville-senlis.fr/Collections/Explorer-les-collections/Rechercher-une-oeuvre/Musee-d-Art-et-d-Archeologie/Les-grandes-marguerites

[35]  Hans Körner/Manja Wilkens, Séraphine Louis 1864 – 1942. Biographie/Werkverzeichnis.  Berlin: Reimer-Verlag  2. Auflage 2015, S. 31

[36] Schweers, S. 52; Körner/Wilkens, S. 19

[37] Schweers, S. 61; Körner/Wilkens, S. 19

[38] Uhde, Von Bismarck bis Picasso, S. 259

[39] Schweers, S. 48 und 51

[40] Siehe dazu: Cloarec, S. 140ff

[41] „sa place n’est plus assurée dans le circuit sociale. Tout se défait.“ Cloarec, S. 32 und S. 31 siehe auch Vircondelet, S. 146ff

[42]  Körner/Wilkens, S. 12/13

[43]https://www.lefigaro.fr/cinema/2008/10/01/03002-20081001ARTFIG00411-seraphine-de-senlis-enfin-rehabilitee-.php  (morte probab­lement de faim)

[44]  Der Begriff der Extermination douce geht zurück auf ein Buch des Psychiaters Paul Lafont aus dem Jahr 1987: L’extermination douce. La mort de 40000 malades mentaux dans les hôpitaux psychiatriques en France sous le régime de Vichy. Siehe dazu: Pierre Broussolle, L’Extermination douce. La Cause des fous 40000 malades mentaux morts de faim dans les hôpitaux sous Vichy. https://www.cairn.info/revue-vie-sociale-et-traitements-2001-1-page-45.htm# Neuer und auf einem breiteren Forschungsstand:   Isabelle von Bueltzhingsloewen (Hrsg), « Morts d’inanition ». Famine et exclusions en France sous l’Occupation, Rennes, Presses universitaires de Rennes, 2005 und dies., L’Hécatombe des fous. La famine dans les hôpitaux psychiatriques français sous l’Occupation, Paris: Aubier 2007. Siehe dazu: Danièle Voldman in:https://www.cairn.info/revue-d-histoire-moderne-et-contemporaine-2008-4-page-234.htm

siehe auch Vircondolet, S. 167: er zitiert aus einem Rundschreiben der Regierung von Vichy vom 3. März 1942, wo von menschlichem Abfall (déchets) gesprochen wird, dessen Ernährung nicht zu rechtfertigen sei.

[45] Siehe dazu: Séraphine Louis und Camille Claudel- zwei parallele Leben. In: Schweers, Séraphine Louis, S. 62f. Zu Camille Claudel siehe auch den Beitrag auf diesem Blog: https://paris-blog.org/2019/12/22/camille-claudel-orte-der-erinnerung-an-eine-grosse-bildhauerin/ 

[46] Bild des Epitaphs aus: https://docplayer.fr/9911326-Seraphine-louis-1864-1942-artiste-peintre.html  Wie schwer sich die Gemeinde auch heute noch mit Seraphine tut, die dort ja viele Jahres ihres Lebens verbracht hat, wird aus dem entsprechenden Text der lokalen homepage deutlich: Elle meurt en 1942, et sera inhumée dans la fosse commune du cimetière de Clermont, et recevra comme épitaphe:  « Ici repose Séraphine Louis Maillard sans rivale, en attendant la résurrection bienheureuse ». https://www.clermont-oise.fr/ville/monuments-clermont  Da werden weder die (schlimmen) Umstände ihres Todes angegeben noch der (späte) Zeitpunkt,  wann die Tafel  installiert wurde.

[47] Siehe Cloarec, S. 159; Vircondolet, S. 159

[48] Körner/Wilkens, S. 115/116

[49] Siehe Körner/Wilkens, S. 271/272

[50] Das wird aus seinen Aufzeichnungen aus den Kriegsjahren deutlich. Siehe auch Cloarec, S. 170: „Il n’a jamais pu obtenir la nationalité française.“  Manfred Flügge schreibt allerdings in seinem Buch über Stéphane Hessel (Portrait d’un rebelle heureux) über Uhde: Il avait été naturalisé français dans les années 1930.

[51] Siehe den Blog-Beitrag über Otto Freundlich: https://paris-blog.org/2020/04/01/der-maler-und-bildhauer-otto-freundlich-ein-deutsch-franzoesisches-kuenstlerschicksal-eine-ausstellung-im-museum-montmartre/ 

[52] Siehe Cloarec, S. 169. Bild aus: https://www.artcurial.com/en/lot-seraphine-louis-dite-seraphine-de-senlis-1864-1942-nature-morte-aux-cerises-circa-1925-huile Es wurde 2012 für 25,741 Dollar verkauft.

[53]  „Fünf primitive Meister“ ist der Titel eines 1947 erschienenen Buches von Walter Uhde über Rousseau, Vivin, Beauchamp, Bombois und Séraphine Louis.

[54] Bilder  aus:  https://www.centrepompidou.fr/fr/ressources/oeuvre/cn74brg und   http://espacetrevisse.e-monsite.com/pages/mes-travaux-personnels-notes-etudes/l-arbre-rouge-de-seraphine.html

[55] Im Juni 2020, als wir das Centre Pompidou zuletzt besuchten, war dort leider kein einziges Werk von Séraphine Louis zu sehen.

[56] Siehe dazu den Blog-Beitrag  https://paris-blog.org/2016/04/18/exil-in-frankreich-sanary-les-milles-und-marseille/

[57] Bild aus: https://www1.wdr.de/fernsehen/kinozeit/sendungen/seraphine100.html

Geplante weitere Beiträge:

Gravelotte: Ein einzigartiger Erinnerungsort an den deusch-französischen Krieg 1870/1871

Die Bäderstadt Vichy:  Der Schatten „Vichys“ über der „Königin der Kurbäder“

„L’homme qui marche“ (der schreitende Mann) von Alberto Giacometti: Eine exquisite Ausstellung in einem exquisiten Pariser Ambiente

Vom 4. 7. – 29.11.2020 wird im Pariser Institut Giacometti die Ausstellung  L’homme qui marche gezeigt:

  • Eine exquisite Ausstellung, geht es hier doch um eine Ikone der modernen Kunst – mit entsprechenden Konsequenzen für den Kunstmarkt:  2010 wurde ein Exemplar des schreitenden Mannes –es gibt mehrere Versionen- für 74 Millionen Euro versteigert und erzielte damit den bis dahin höchsten Preis, der je für ein Kunstwerk auf einer Auktion bezahlt wurde.[1]  Dieses Werk in seinem Kontext zu präsentieren, ist niemand besser geeignet  als  die Stiftung Giacometti, die den Nachlass des Künstlers verwaltet.
  • Präsentiert wird diese Ausstellung dazu an einem ganz besonderen Ort, dem Institut Giacometti. Das hat seit 2018 seinen Sitz in einem heute unter Denkmalschutz stehenden wunderbaren Jugendstil/Art déco- Stadtpalais in Montparnasse, einem unglaublichen Ort, der jetzt zu einem, wie der Figaro schreibt, petit bijou de musée geworden ist.[2]

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Die Verbindung einer so exquisiten Ausstellung mit einem so exquisiten Ort ist einfach wunderbar.

Gebaut wurde das Haus zwischen 1911 und 1914 von Paul Follot, einem –wie man heute sagen würde- Designer zwischen Art nouveau (Jugendstil) und Art déco. Follot war ein Generalist.  Vom Silberbesteck, über Keramiken (für Wegwood), Teppiche (für die Savonnerie-Manufaktur), Möbel und Seidenstoffe bis zur Ausstattung des Pariser Nobelkaufhauses  Bon Marché und der Normandie, des bei seiner Indienststellung 1935 größten und  luxuriösesten  Überseedampfers der Welt, entwarf er alles.[3]

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Und das Wohnhaus für seine Familie, das gleichzeitig auch als Atelier und als Ausstellungsraum für die von ihm entworfenen Gegenstände diente, entwarf er natürlich auch: Ein Gesamtkunstwerk, das bei seiner Einweihung 1914 Le Tout- Paris  anlockte.[4]

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Das Haus liegt in dem Künstlerviertel Montparnasse, in der Rue Schoelcher Nummer 5.

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Und es liegt damit nur wenige Straßenzüge entfernt von der Rue Hippolyte-Maindron, wo Giacometti sein Atelier hatte und von 1926 bis zu seinem Tod 1966 – mit kriegsbedingter Unterbrechung- lebte und arbeitete, woran eine Plakette am Haus noch erinnert.[5]

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Ein Großteil der Einrichtung von Follots Stadtpalais war zwar schon früher versteigert worden,  aber es gibt noch genug Elemente der Inneneinrichtung zwischen Jugendstil und Art déco, die  an Follot und die Glanzzeiten des Hauses erinnern:

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Hier die Kaminnische im Atelier von Paul Follot:

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Besonders schön gestaltet sind die Glasfenster in den Türen…

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… oder hier in der Trennwand zum Atelier.

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Auch  das Waschbecken in der Toilette hat Follet entworfen.

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Auch ohne das ursprüngliche Mobiliar bilden doch die noch erhaltenen Elemente der Ausstattung  „un ensemble décoratif homogène et unique en France.“[6]

Für die Fondation Giacometti war es ein Glücksfall, Parterre und Zwischengeschoss des Gebäudes für das Institut Giacometti erwerben zu können.

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Es war genau das, was die Leiterin der Stiftung, Catherine Grenier, suchte:

Ich suchte nach einem Ort von rund 350 m2, der keine „white box“ oder ein haussmannisches Interieur ist. Ich suchte nach einem Künstleratelier in Montparnasse, um die Verbindung mit dem für ihn so wichtigen „«génie des lieux“ aufrechtzuerhalten. Beim Verlassen der rue Victor Schœlcher Nummer 5 werden die Besucher in Giacomettis Fußstapfen treten und wie er nach La Coupole, zum Select, gehen können. Simone de Beauvoir lebte in dieser Straße, Picasso hatte dort eine Werkstatt. (…)  Wir kauften zwei Stockwerke, das Erdgeschoss und das Zwischengeschoss dieses denkmalgeschützten Gebäudes.“[7]

Finanziell waren der Kauf und die aufwändige Restaurierung für die Stiftung kein Problem: Geld war durch den Verkauf eines Bildes hinreichend vorhanden, das Miro Giacometti geschenkt hatte….

 

Das Atelier Giacomettis

BILD bildstudio.net

Prunkstück des Instituts Giacometti ist das hier wieder –zum ersten Mal- vollständig rekonstruierte und dauerhaft ausgestellte Atelier des Künstlers.[8]  Giacomettis Frau hatte nach dem Tod ihres Mannes das Atelier mit allen Einzelheiten gesichert.

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Selbst seine benutzten  Malerutensilien und die letzen Zigarettenkippen sind erhalten und ausgestellt.

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Giacometti hat in dieser nur  23qm2 großen „Höhle“ bis zu seinem Tod  gearbeitet und auch gelebt.

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Auch als arrivierter Künstler änderte er an seinem spartanischen Lebensstil nichts.

Artiste, Alberto Giacometti dans son atelier par Robert Doisneau

Alberto Giacometti wurde dort von zahlreichen Fotografen portraitiert, unter anderem 1957 von Robert Doisneau.[9]

Die aufwändige Erhaltung des Ateliers ist mit dessen großer Bedeutung für das Verständnis des Werkes Giacomettis und des Künstlerviertels Montparnasse zu erklären:

„Giacometti hat immer wieder den besonderen Charakter seines Ateliers hervorgehoben, eines mythischen Ortes, der im kollektiven Gedächtnis als Symbol des künstlerischen Lebens des Montparnasse-Bezirks erhalten geblieben ist.  Untrennbar verknüpft mit der Legende des Künstlers, ist das Atelier notwendig für das Verständnis seines Werkes. Die mit Zeichnungen bedeckten Wände sind Zeuge der vierzig Jahre langen Arbeit des Künstlers und enthalten wertvolle Hinweise auf seinen kreativen Prozess.[10]

Zur Entwicklung des Ateliers als ein „mythischer Ort“ hat auch Jean Genet beigetragen, der mehrmals Modell für Giacometti gestanden hat und der 1957 den Essay L’Atelier d’Alberto Giacometti geschrieben hat.

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Auf dem Titelbild ist auch ein Gipsmodell des schreitenden Mannes abgebildet, das Giacometti sein Leben lang behalten hat, auch wenn es arg ramponiert war (und ist): Bei der Fragilität von Form und Material nur allzu verständlich.  Erst nach dem Krieg war Giacometti prominent genug, dass seine Skulpturen auch in Bronze ausgeführt wurden. Selbstverständlich ist das Gipsmodell des schreitenden Mannes -neben anderen Entwürfen-  auch  in dem Atelier in der rue Schoelcher zu sehen.

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Impressionen der Ausstellung

In dieser Ausstellung sind  zum ersten Mal die wichtigsten Werke der  mehr als dreißig Jahre dauernden Beschäftigung Giacomettis mit dem aufrechten Gang des Menschen zusammengeführt worden.

Hier im Zwischengeschoss gebührend gewürdigt wird die Femme qui marche von 1932, also noch aus der surrealistischen Periode Giacomettis. Diese an die ägyptische Kunst erinnernde kerzengerade stehende Statue markiert die Wiederentdeckung des menschlichen Körpers durch Giacometti.

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Die Figur zwischen zwei Häusern aus dem Jahr 1950 ist ein Werk der Nachkriegszeit, in dem noch einmal der Geist des Surrealismus anklingt. Das für Giacometti typische Motiv des Käfigs wird hier aufgenommen in den beiden Häusern, zwischen denen die Figur schreitet, aber auch gefangen ist: „Un univers absurde“.[11]

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Das folgende Bild zeigt „Die Nacht“ von 1946, von Giacometti betitelt als study for a monument. Vielleicht gehörte das zu dem Entwurf eines für die Stadt Paris bestimmten, aber abgelehnten Projekts zur Erinnerung an den Pädagogen Jean Macé.

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Giacometti:  Es ist ein schlankes junges Mädchen, das im Dunkeln herumtappt und Nacht heißt.

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Im zentralen Raum des Institut, dem ehemaligen Atelier von Paul Follet, stehen drei der schreitenden Männer Giacomettis. Natürlich gibt es dazu auch zahlreiche Skizzen und Zeichnungen aus über 30 Jahren.  Denn das Thema, wie man mit einer immobilien Statue Bewegung anschaulich machen kann,  hat Giacometti jahrelang intensiv beschäftigt. Das zeigt auch seine Auseinandersetzung mit Rodins Homme qui marche. Eine Abbildung davon war in Rilkes 1920 erschienenem Rodin-Buch enthalten. Giacometti hatte es dort nachgezeichnet und die Arme und den Kopf ergänzt, die bei Rodin fehlen.[12] Trotzdem ist aber, wie die Süddeutsche Zeitung in ihrem Bericht über die Ausstellung urteilt,  keine  Entwicklung  bei der Bearbeitung des Themas  zu erkennen.  Das erlaube der Ausstellung, es mit wenigen gut ausgesuchten Werken  erschöpfend zu behandeln.[13]

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Ein Werk nur rumore durch seine Abwesenheit, wie die Süddeutsche Zeitung weiter schreibt:  „In einem dem Katalog beigefügten „Erratum“-Zettel nimmt das Institut Giacometti mit scharfen Worten seine dort ausgesprochene Danksagung an die Unesco zurück. Deren Leitung hatte die Ausleihe der seit 1970 in ihrem Besitz befindlichen Version des „Homme qui marche“ von 1960 zugesagt und dann wenige Tage vor der Ausstellungseröffnung wieder zurückgezogen, weil das Museum der Forderung auf eine Versicherungssumme von 100 Millionen Euro nicht nachkommen konnte. Solche überzogenen Ausleihbedingungen kämen immer öfter vor und seien skandalös seitens einer öffentlichen Organisation, empört sich Catherine Grenier, die Direktorin des Institut Giacometti. Bei der Unesco bedauert man den Vorfall, doch halte man sich bei allen Ausleihen an eine unabhängige Einschätzung des Versicherungswerts.“ [14]

100 Millionen Euro Versicherungswert! Das muss man sich, nachdem man an dem ärmlichen Atelier Giacomettis vorbeigegangen ist, gewissermaßen auf der Zunge zergehen lassen. Und das umstrittene Objekt in der UNESCO ist immerhin (ausschnittsweise)  hier zu sehen:

Giacometti L'homme qui marche

Diese Version des schreitenden Mannes gibt es also nicht im Institut Giacometti  zu sehen. Aber es gibt die Möglichkeit, sich in die Bibliothek im ehemaligen Atelier Paul Follots zu setzen  und in Ruhe in den dort ausgestellten Ausstellungskatalogen zu stöbern.

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Das entspricht dem Konzept des Institut Giacometti, das ausdrücklich kein „normales Museum“ sein möchte. Welch ein Genuss, in diesem Raum zu lesen und dabei ab und zu  einen Blick auf die drei schreitenden Männer zu werfen und das Spiel von Licht und Schatten über ihren Köpfen zu beobachten!

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Praktische Informationen:

L’Homme qui marche. Une icône du XXe siècle.

Fondation Giacometti

5, rue Victor Schoelcher  75014 Paris

Dienstags bis Sonntags 10-18 Uhr

Unabhängig von Corona ist eine Besichtigung  ausschließlich mit Online-Reservierung möglich:   https://www.fondation-giacometti.fr/fr/institut

Eine Leserin des Blogs hat mich auf eine sehr schöne weiterführende Lektüre zum homme qui marche aufmerksam gemacht:

Lydia Salvayre, Marcher jusqu’au soir  (Reihe „Ma nuit au musée“) Stock 2019

Lydia Salvayre (Prix Goncourt 2014)  hat 2016 während der Ausstellung „Picasso -Giacometti“ eine ganze Nacht im musée Picasso zugebracht und ihr Feldbett vor dem l’homme qui marche aufgeschlagen, nach ihrer Überzeugung « l’œuvre au monde qui disait le plus justement et de la ­façon la plus poignante ce qu’il en était de notre condition humaine : notre infinie solitude et notre infinie vulnérabilité (…), notre entêtement à persévérer contre toute ­raison dans le vivre » . 

In diesem sehr persönlichen Buch l’auteure décrypte son rapport à l’art. Elle se plonge dans la vie de Giacometti, se reconnaît dans son acceptation de l’échec, sa radicalité, son désir d’échapper aux diktats de l’époque pour tracer sa voie en répercutant le chaos du monde et l’inacceptable condition humaine.  (Aude Carasco, La Croix 16.5.2019 – dort auch das nachfolgende Bild)

« Marcher jusqu’au soir » de Lydie Salvayre

Anmerkungen:

[1] https://www.dw.com/de/schreitender-mann-erzielt-rekordpreis/a-5215537

[2] https://www.lefigaro.fr/arts-expositions/2018/06/20/03015-20180620ARTFIG00333-l-institut-giacometti-un-petit-bijou-de-musee-est-ne-a-paris.php

[3]  https://www.diepresse.com/5726509/paris-atelierbesuch-bei-giacometti

[4] http://www.ateliersdelachapelle.com/1760-2/

[5] Bild aus:  https://de.wikipedia.org/wiki/Alberto_Giacometti

[6] http ://www.ateliersdelachapelle.com/1760-2/

[7] https://www.lefigaro.fr/arts-expo sitions/2018/06/20/03015-20180620ARTFIG00333-l-institut-giacometti-un-petit-bijou-de-musee-est-ne-a-paris.php

[8] Bild von:  https://www.fondation-giacometti.fr/fr/institut#/fr/article/285/architecture-pascal-grasso

[9] Bild aus:  http://www.en-noir-et-blanc.com/Alberto%20Giacometti%20dans%20son%20atelier%20par%20Robert%20Doisneau-id2.html  Siehe auch die schönen Portraits Giacomettis in seinem Atelier von Sabine Weiss aus dem Jahr 1954: https://www.artsy.net/artwork/sabine-weiss-giacometti  und  von Gordon Parks: https://www.pinterest.de/pin/47569339784883220/

[10] https://www.fondation-giacometti.fr/fr/reconstitution-de-latelier

Übersetzung von W.J.

[11] Siehe Broschüre der Ausstellung

[12] Giacometti fait bouger les statues. La fondation consacrée à l’artiste étudie la genèse de son œuvre célèbre ‚Homme qui marche‘. In: Le Monde 9. Juli 2020, S. 23

[13] https://www.sueddeutsche.de/kultur/ausstellung-in-paris-ein-viel-zu-menschliches-menschenbild-1.4971795

[14] https://www.sueddeutsche.de/kultur/ausstellung-in-paris-ein-viel-zu-menschliches-menschenbild-1.4971795

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zum art nouveau und zur Art Deco:

Weitere geplante Beiträge:

Das Palais Royal (3): revolutionärer Freiraum und Sündenbabel in den „wilden Jahren“ zwischen 1780 und 1830

Erinnerungsorte an den Holocaust in Paris und Umgebung (1): Einführung

Der Parc Jean-Jacques Rousseau in Ermenonville:  der erste Landschaftspark auf dem europäischen Kontinent und die erste Begräbnisstätte Rousseaus

Der Garten der tropischen Landwirtschaft (jardin d’agronomie tropicale) im Bois de Vincennes: Ein „romantisches“ Überbleibsel der Kolonialausstellung von 1907

Der Maler und Bildhauer Otto Freundlich, ein deutsch-französisches Künstlerschicksal: Eine Ausstellung im Museum Montmartre

Museen wie auch andere öffentliche Einrichtungen sind derzeit in Frankreich bis auf Weiteres (jusqu‘ à nouvel ordre) geschlossen.

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Angesichts der geschlossenen Museen lassen es sich Frieda Kahlo,  das Mädchen mit der Perle Vermeers und die Mona Lisa gut gehen. Ein Bild, geschickt am 1. April von unserer Freundin Monique Bauer aus Bordeaux. Merci!)

Natürlich ist auch das Museum Montmartre geschlossen.

Aktuelle Anmerkung  Juli 2020: Die Ausstellung ist jetzt wieder geöffnet und bis 31. Januar 2021 verlängert.

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Plakat in der Métro-Station Jaurès (aufgenommen am 16. Juli 2020)

Glücklicherweise hatten wir aber die Otto Freundlich-Ausstellung besucht, bevor das Ausgehverbot  verhängt wurde. Ich biete hier also gewissermaßen einen virtuellen Rundgang durch die Ausstellung an. Da sie nach ursprünglicher Planung bis 6. September geöffnet sein soll, gibt es ja vielleicht  doch noch Gelegenheit, sie sich selbst anzusehen.

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Derzeit wird in dem kleinen, sympathischen musée Montmartre in Paris  eine aus mehreren Gründen sehr sehenswerte Ausstellung gezeigt:                                                   Otto Freundlich, la révélation de l’abstraction.[1]

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Das Bild auf dem Ausstellungsplakat ist eine um 1919 entstandene Composition

Otto Freundlich war, worauf der Name der Ausstellung schon hinweist, ein Pionier der abstrakten Kunst.  Aus Pommern stammend reiste er nach Studien in Berlin und München 1908 nach Paris, wurde in Montmartre  Nachbar Picassos  und  gehörte zur künstlerischen Avantgarde seiner Zeit. Bei Kriegsausbruch 1914 kehrte er nach Deutschland zurück, ließ sich aber  1925 endgültig in Paris nieder.  Während im Deutschland der Weimarer Republik  seine Werke von aufgeschlossenen Museumsleitern gekauft und ausgestellt wurden, hatte  der von den Nazis verfemte Künstler nach 1933 große Existenzschwierigkeiten.  Erst 1937 wurde auf Initiative prominenter Künstler und Freunde eines seiner  Werke  für die staatlichen Kunstsammlungen Frankreichs erworben. Im gleichen Jahr verwendeten die Nazis das Bild einer Plastik Freundlichs für das Plakat der Ausstellung „Entarte Kunst“: Als Maler der Abstraktion, als politisch engagierter Künstler und als Jude passte  er perfekt in das Feindbild der Nazis. Denen wird er – versteckt in einem Bauernhof der Pyrenäen und von Nachbarn denunziert-  von der französischen Gendarmerie ausgeliefert und am 9. März 1943 im Vernichtungslager Majdanek umgebracht.

Im nachfolgenden Beitrag geht es zunächst  anhand der Ausstellung im Museum Montmarte um die künstlerische  Bedeutung  Freundlichs und sein Leben im Paris der Avantgarde. Dabei wird auch ein Blick auf die von ihm geschaffenen Glasfenster in der Kirche Sacré Coeur geworfen.

Danach wird es um sein tragisches Schicksal als „feindlicher Ausländer“, als verfolgter Jude und schließlich als Opfer des Holocaust gehen.

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Im Treppenhaus des Museums: Otto Freundlich war und bleibt ein strahlendes Bild der europäischen Seele (Raoul Ubac)

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Im 1. Stock des Museums: Die Wahrheit,  Grundlage aller unserer künstlerischer Anstrengungen, ist ewig und wird ihre große Bedeutung für die Zukunft der Menschheit behalten. (Otto Freundlich 1940)

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An der Wand rechts Abdruck eines Selbstportraits Freundlichs aus dem Jahr 1923

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Einen hervorgehobenen Platz in der Ausstellung hat das Ölgemälde Composition aus dem Jahr 1911. Es ist das einzige große Gemälde Freundlichs aus der Zeit vor 1914, das erhalten ist. Daneben ist  eine Bleistiftzeichnung aus dem gleichen Jahr ausgestellt: Drei Personen sind dabei, vier anderen beim Aufstehen zu helfen. Nach dem  Ausstellungskatalog  transportiert Freundlich hier eine politische Botschaft: Eine Aufforderung zur Solidarität, um allen Menschen, auch den am meisten Benachteiligten, eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Freundlich habe auf eine „sanfte Revolution“ gehofft, zu der die Kunst auch beitragen sollte. Dieser erhoffte Aufstieg zum Licht sei in dem Ölgemälde mit den Mitteln der Abstraktion dargestellt.[2]

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Gruppe, Bleistiftzeichnung auf Papier 1911

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Eindrucksvoll sind die farbigen Kompositionen der 1920-er Jahre wie die hier abgebildete aus den Jahren 1920-1925. Diese Bild soll vom 2. April bis 23. August 2020 im Musée d’art et d’histoire du Judaïsme im Rahmen der Ausstellung Chagall, Modigliani, Soutine… Paris pour École1905 – 1940 präsentiert werden.

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Kosmischer Regenbogen von 1922  (Pastel sur papier)

Wie hier spielt  die komische Dimension bei Freundlich eine große Rolle. So auch in diesem Exemplar der Grafik-Serie Die Zeichen von 1919/1920.

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Die geometischen Figuren laufen auf ein „kosmisches Auge“, das Freundlich 1920/21 zum Thema eines Gemäldes gemacht hat und das sich auch auf der Komposition findet, die für das Ausstellungsplakat verwendet wurde.

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Neben der Komposition von 1911 ist die „Hommage aux peuples des couleurs“ von 1935 ein weiterer Höhepunkt der Ausstellung. Bei diesem Triptychon  handelt  es sich um den Entwurf für ein geplantes Mosaik. Die unterschiedlichen Farben des Bildes sind eine Feier der Unterschiedlichkeit, aus denen aber ein harmonisches Ganzes  entsteht: Ein monumentales Manifest gegen den faschistischen Rassismus und die Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsgruppen.

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Die „hommage aux peuples de couleurs“ war Gegenstand einer Subscription namhafter Künstler und Persönlichkeiten anlässlich des 60. Geburtstages von Otto Feundlich im Jahr 1938. Sie erwarben dieses Bild „das man als das repräsentativste seiner Kunst ansieht“ und boten es dem Musée du Jeu de Paume/Musée national d’art moderne  an mit der Bitte, es seiner Bedeutung entsprechend in die Sammlung aufzunehmen und auszustellen.  Sie wiesen dabei auch auf die Anerkennung hin, die Freundlich vor 1933 in Deutschland erfahren habe,  auf seine Verfemung durch die Nazis und auf die schwierige wirtschaftliche Lage des in Paris lebenden Künstlers, der manchmal Schwierigkeiten habe, überhaupt die Farben für seine Bilder zu erwerben. Er verdiene deshalb dringend der Unterstützung.

Unterzeichnet war der Aufruf u.a. von Max Ernst, Alfred Döblin, Hans Arp, Georges Braque, Pablo Picasso, Oskar Kokoschka, Fernand Léger, Wassily Kandinsky, Wilhelm Uhde, Jacques Lipchitz und  dem Ehepaar Delaunay.[3]

Ein Beispiel für die intensiven Freunschaftsbeziehungen Freundlichs zur Pariser Kunstszene ist die nachfolgende Komposition 1937  (Linogravure auf Japanpapier 1937)

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Sie ist mit der Widmung für meinem Freund und Genossen Hans Arp versehen.

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Die Glasgemälde Otto Feundlichs

1914 arbeitete Otto Freundlich fünf Monate lang in dem Restaurations-Atelier der Kirchenfenster der Kathedrale von Chartres – eine Erfahrung, die ihn, wie er in einem Brief an Karl Schmitt-Rottluff schrieb, für immer geprägt hat.

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Otto Freundlich, Liegende Frau,  Glasgemälde  1924

In eigenen Arbeiten nahm er die leuchtende Farbigkeit der gotischen Glasmalerei  auf.  Im Musée Montmartre sind Beispiele ausgestellt und ebenso in der Kirche Sacré Coeur in der Franz von Assisi geweihten Kapelle.

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Wie sehr die Erfahrung mit den gotischen Glasfenstern von Chartres die Arbeit von Freundlich beeinflusst hat, zeigt sich vor allem in einem 1938 gemalten (und hier nicht ganz vollständig wiedergegebenen)  großformatigen Bild mit dem bezeichnenden Titel Die Fensterrose. Wie in den Glasfenstern die Farben im Licht erstrahlen, so auch hier  und in vielen anderen Arbeiten Freundlichs.

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Die Renoir-Gärten des Museums

Zu dem Museum gehören auch drei Gärten oberhalb des berühmten Weinbergs von Montmartre. Benannt sind sie nach Auguste Renoir, der hier zwischen 1875 und 1877 gelebt und gearbeitet hat.

Anlässlich der Ausstellung ist in einem der Gärten Freundlichs Bronzeplastik Ascension von 1929 ausgestellt, ein Werk, das von Picasso besonders geschätzt wurde. Die Gesetze der Schwerkraft sind hier aufgehoben, die lastenden Formen werden in schwebende Balance überführt – auch dies ein Ausdruck von Freundlichs utopischem Ideal.

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Im Frankfurter Städelmuseum gibt es auch ein Exemplar dieses Werks. [4] Und ein weiteres im Centre Pompidou – prominent aufgestellt direkt am Eingang zur Dauerausstellung.

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Im Garten des musée Montmartre empfiehlt sich  das schöne Café Renoir (mittwochs bis sonntags geöffnet) für eine Ruhepause nach einem Ausstellungsbesuch.

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Otto Freundlich in Montmartre

Man mag, wie der Autor des Artikels in Le Monde, bedauern, dass diese Ausstellung nicht im repräsentativen Musée d’Art Moderne, sondern in dem viel bescheideneren Montmartre-Museum zu sehen ist. Aber das hat durchaus seine Logik: Denn als sich Otto Freundlich 1908 zum ersten Mal in Paris niederließ, hatte er sein erstes Atelier in Montmartre. In seinem Tagebuch von 1931 berichtet er:

Eines Tages traf ich Rodolf Levy im Café du Dôme in Paris. Willst du ein Atelier haben, fragte er mich. Ich kenne eines, dessen Miete schon drei Monate im Voraus bezahlt ist. Es befindet sich in Montmartre. (…) Als ich Levy sagte, dass ich bereit sei, sind er, der Kunstkritiker und –händler Wilhelm Uhde und ich hingefahren, haben das Auto abgestellt und sind dann zu Fuß zur place Ravignan hochgegangen – ein ganz kleiner Platz wie in einer kleinen Stadt. Dort befand sich ein Haus, das ehemalige Bateau-Lavoir (…)  Vor der Tür stand ein junger,  etwas gedrungener Mann mit großen leuchtenden schwarzen Augen in einem Blaumann. Ich weiß nicht mehr, ob es Levy oder Uhde war, der mich ihm vorstellte. ‚Das ist Herr Picasso, Ihr neuer Nachbar‘. Danach murmelten sie ein einfaches ‚au revoir‘, verschwanden und ließen mich allein mit Picasso, der mich umgehend zu einem Glas Wein einlud.“[5]

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Das Bateau-Lavoir war ein ziemlich verwahrlostes Haus in der Rue Ravignac Nr. 13 – heute place Émile Goudeau. Es wurde Waschschiff genannt, weil es den Booten auf der Seine ähnelte,  auf denen die Waschfrauen ihre Arbeit verrichteten. Picasso lebte dort von 1904 bis 1909 und malte dort auch seine ersten kubistischen Werke wie die Demoiselles d’Avignon. Das Atelierhaus Bateau-Lavoir kann daher als Geburtsort des Kubismus bezeichnet werden.[6]  Neben Picasso und Freudlich fanden auch andere Künstler wie Kees van Dongen, Juan Gris, Max Jacob und Amadeo Modigliani hier eine bezahlbare Unterkunft. Und  für sie und andere Vertreter der künstlerischen Avantgarde wie Guillaume Apollinaire, Georges Braque, Henri Matisse und Jean Cocteau war das Haus ein beliebter Treffpunkt.

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Seit dieser ersten Begegnung im Bateau-Lavoir entwickelte sich eine enge künstlerische Beziehung und Freundschaft zwischen Picasso und Otto Freundlich.  So wird Freundlich 1922 Picasso gegen Kritik an dessen Abkehr vom Kubismus verteidigen („Was wollt Ihr von Picasso?“), und Picasso wird Freundlich auf vielfache Weise –auch materiell- seine Solidarität erweisen.[7]

 

Das tragische Ende, „un amour trahi“

1937 wurde in München die Ausstellung „Entartete Kunst“ eröffnet,  eine Propagandashow der nationalsozialistischen „Kultur“-politik, in der vor allem Werke von Vertretern der Klassischen Moderne wie Max Beckmann, Otto Dix, Max Ernst, George Grosz, Paul Klee oder Oskar Kokoschka an den Pranger gestellt wurden.

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Für das Titelblatt des Ausstellungsführers verwendeten die Ausstellungsmacher das in verzerrter Perspektive wiedergegebene Bild der Plastik Großer Kopf von Otto Freundlich aus dem Jahr 1912. Die Gipsfigur, die an die Steinköpfe der Osterinsel erinnert, wurde 1930 vom Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg aufgekauft,  1937 von den Nazis beschlagnahmt und in München und anderen Städten als eine der „Ausgeburten des Wahnsinns, der Frechheit, des Nichtkönnens und der Entartung“ (Adolf Ziegler, Präsident der Reichskammer der Bildenden Künste) ausgestellt.

Seitdem sind die Plastik und eine für die Ausstellungstournee  von den Nazis beauftragte Kopie verschollen.

Otto Freundlich entsprach in geradezu idealer Weise dem nationalsozialistischen Feindbild: Als  Jude, als Pionier der abstrakten Kunst und als politisch engagierter Künstler, der jenseits aller Doktrinen an eine bessere Welt glaubte, zu der die Kunst ihren Beitrag leisten sollte. Ein solcher Beitrag war auch seine in den 1920-er Jahren entwickelte Idee einer die Völker verbindenden „Straße der Skulpturen Paris-Moskau“ (französischer Original-Name: „Une voie de la fraternité et solidarité humaine“). Er begriff sie als einen Weg der Brüderlichkeit und der menschlichen Solidarität, sie sollte ein sichtbares Zeichen für die Abkehr von Krieg und menschlicher Gewalt sowie für das friedliche Zusammenleben von unterschiedlichen Nationen sein. Seit den 1970-er Jahren wird diese Idee Freundlichs wieder aufgegriffen und von einem länderübergriefenden Projekt in Teilstücken umgesetzt. Auch Freundlichs heute polnischer Geburtsort Stolp nimmt daran teil.  Ein wunderbares europäisches Projekt! (8)

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Otto Freundlich wählte für sein politisches Denken  1919 selbst den Begriff des „kosmischen Kommunismus“.  Damit überschrieben dann auch das Museum Ludwig in Köln und das Kunstmuseum Basel 2017 die große Retrospektive des Werks von Otto Freundlich.[9]

Mit der nationalsozialistischen Denunziation von 1937 hatte Otto Freundlich endgültig sein Vaterland verloren, wie er in einem Brief an seinen Malerfreund Braque schrieb. Den bat er unter diesen Umständen, ihm dabei behilflich zu sein, die französische Staatsbürgerschaft zu erwerben. Braque unterstützte ihn zwar, aber die französische Staatsbürgerschaft blieb Freundlich verwehrt: Erstes Kapitel einer „amour trahi“, einer verratenen Liebe des Künstles zu Frankreich.[10)

Das zweite Kapitel folgte nach Kriegsbeginn 1939:  wurde  Freundlich –wie Walter Benjamin und andere antifaschistische Deutsche- als feindlicher Ausländer im Sportstadion Colombe  interniert. Diese Internierung war also nicht  das Werk von Vichy, wie es in der Verlagswerbung für das Buch über „die amour trahi“ Freundlichs zu Frankreich heißt, sondern das des demokratischen Frankreichs der vielgerühmten Dritten Republik! (11)   Danach begann mit einer kurzen Unterbrechung  ein Irrweg durch mehrere Internierungslager (Blois, Francillon-par-Villebarou, Marolles, Fossé, Cepoy). Versuche, nach Amerika zu emigrieren, scheiterten. Im Juni 1940 wurde er entlassen und fand  Unterkunft in einem Hotel im Pyrenäendorf Saint-Paul-de Fenouillet in der „freien“, von Vichy verwalteten Zone Frankreichs. Er stand zwar dort unter polizeilicher Kontrolle, arbeitete aber  den Umständen entsprechend „tant bien que mal“ weiter.  Dort schloss sich ihm  auch Jeanne Kosnick-Kloss/ Hannah Freundlich an, seit 1930 seine Lebensgefährtin. Sie war auch Malerin  und begleitete und bestärkte  ihn auf seinem künstlerischen Weg.  

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Es ist ein Rätsel, trotzdem will ich fest und friedlich meinem Schicksal entgegensehen, wie ich das immer gemacht habe (Otto Freundlich 1940)  Darunter das Portrait Otto Freundlichs von August Sander (um 1925)

In seinem Pyrenäen-Exil  rekonstruierte Otto Freundlich –in kleinerem Format- frühere Bilder, die von den Nazis vernichtet worden waren wie 1941 die Komposition mit drei Figuren von 1911

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Composition de trois figures (1911/1941

In einem Brief an Picasso vom Mai 1941 bat er seinen Freund um Unterstützung bei der Erhaltung seines Pariser Ateliers „während unserer Abwesenheit“.

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Picasso, der in dem  von den Deutschen besetzten Paris relativ unbehelligt weiterarbeiten konnte,  bezahlte daraufhin die Miete für das Atelier, um die dort aufbewahrten Werke seines Freundes zu bewahren. Das gelang immerhin.

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Fotografie des Ateliers von Willy Maywald aus dem Jahr 1948

Im Dezember 1942 versuchte Otto Freundlich  den laufenden Deportationen von Juden durch Rückzug in das Nachbardorf Saint-Martin-de Fenouillet   zu entkommen, wo ihn eine Bauernfamilie versteckte. Als im Februar 1943 nach einem Anschlag auf deutsche Offiziere eine verstärkte Verhaftungsaktion durch die französische Polizei begann, wurde Otto Freundlich von einem Dorfnachbarn als Jude denunziert  und am 23. Februar 1943 von der französischen Gendarmerie  verhaftet –  letztes Kapitel der amour trahi.   Nach einem Zwischenaufenthalt im Lager Gurs wurde er im März 1943 vom Sammellager Drancy  bei Paris aus als Nr. 33 des Konvois  50  ins Vernichtungslager Majdanek deportiert und ermordet. (12)

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Otto Freundlichs Name auf der Mauer der Namen im Mémorial de la Shoah: 

Die Mur des Noms besteht aus insgesamt drei Mauern aus Steinen von Jerusalem, auf denen die Namen von 76 000 Juden, darunter 11 400 Kindern, eingraviert sind, die „im Rahmen des  nationalsozialistischen Plans der Vernichtung der europäischen Juden Juden mit Unterstützung der Regierung von Vichy“ deportiert wurden. Die meisten Menschen,  deren Name auf diesen Mauern verzeichnet ist, wurden zwischen 1942 und 1944 in Auschwitz-Birkenau ermordet, die anderen in Sobibor,  wo Otto Freundich am 9. März 1943 ermordet wurde, in Majdanek und im Rahmen eines Konvois in die baltischen Staaten.  (Aus der Information des Museums Montmartre über das Begleitprogramm zur Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Mémorial de la Shoah)

Es gibt auch einen Grabstein mit dem Namen Otto Freundlichs. Er befindet sich auf dem Friedhof von Auvers-sur-Oise in unmittelbarer Nachbarschaft des Grabs der Brüder van Gogh. Es ist der Grabstein für Jeanne Kossnick-Kloss. 1958, nachdem endlich die Ehe mit Heinrich Kossnick geschieden worden war, wurde ihre langjährige Beziehung zu Otto Freundlich anerkannt und sie durfte nun auch seinen Namen tragen.    (12)

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Der künstlerische Nachlass von Otto Freundlich befindet sich heute im Museum von Pontoise bei Paris. Das wird derzeit renoviert – eine gute Gelegenheit, die vom Museum Montmartre genutzt wurde. Da auch Bauarbeiten derzeit in Frankreich unterbrochen sind, kann es gut sein, dass die Renovierungsarbeiten in Pontoise sich verzögern und dass deshalb auch die Ausstellung noch über den 7. September 2020  hinaus zu sehen sein wird….   (siehe Anmerkung oben vom Juli 2020: In der Tat wurde die Ausstellung verlängert, und zwar bis 31. Januar 2021).

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Aufnahme vom 15.Juli 2020: Für die bis Januar verlängerte Ausstellung wird derzeit intensiv geworben. Der so verfemte und von den Nazis ermordete Otto Freundlich hat es wahrlich verdient, dass seine Bilder jetzt so gewürdigt werden!

Eingestellt am 1. 4. 2020

Anmerkungen

[1] Musée de Montmartre  12, rue Cortot, 18. Arrondissement. Bis 6. September 2020/inzwischen verlängert bis 31.1.2021)

Das Beitragsbild ist ein in der Ausstellung präsentiertes Glasgemälde Otto Freundlichs

Einen ausführlichen schönen Beitrag zu der Ausstellung gibt es inzwischen auch auf dem Blog von Hilke Maunders: https://meinfrankreich.com/otto-freundlich/

[2] Ausstellungskatalog: Composition (1911) et ‚le miracle de l’art‘. S. 23ff

[3] Der Aufruf ist auch Teil der Ausstellung.

[4] Siehe: Joachim Heusinger von Waldegg: Otto Freundlich. Ascension. Frankfurt a. M.:  Fischer Verlag, 1987

[5] Der Auszug aus dem Tagebuch ist in der Ausstellung abgedruckt. (freie) Übersetzung von mir. Wilhelm Uhde,  ein damals in Paris lebender deutscher Kunsthändler, gehörte zu den „Entdeckern“ und frühen Förderern Picassos und –nach Verlagswerbung- auch von Braque, Séraphine und des Zöllners Rousseau.  Siehe Wilhelm Uhde, Von Bismarck zu Picasso. Erinnerungen und Bekenntnisse. Zürich 2010

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Bateau-Lavoir

[7] Siehe: Freundlich et Picasso, histoire d’une amitié artistique. In:  Austellungskatalog, S. 29ff

(8) siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Stra%C3%9Fe_des_Friedens_(Kunstprojekt)      Bild aus: https://www.sr.de/sr/home/der_sr/kommunikation/aktuell/20190809_pm_leo_kornbrust_kuenstler100~_print-1.html

Es gibt einen Dokumentarfilm von Gabi Heleen Bollinger über das Projekt: Das geht nur langsam (2011):  http://www.leokornbrust.de/sites/kornbrust_dokumentarfilm.php 11

Zu dem Projekt gehört auch  die deutsch-französische Skulpturenlandschaft, die der saarländische Bildhauer Paul Schneider von 1986 bis 1992 mit 34 Bildhauerinnen und Bildhauern aus 16 Ländern auf den Höhen des Merziger Saargaus gestaltete. https://magazin-forum.de/node/20174#article

[9] https://info.arte.tv/de/otto-freundlich-der-glaube-eine-besser-welt

https://www.museum-ludwig.de/de/ausstellungen/rueckblick/2017/otto-freundlich-kosmischer-kommunismus.html

[10] Ein Abdruck des Briefes ist Teil der Ausstellung.   Der Begriff der „amour trahi“ ist dem Titel folgender Publikation entnommen: Mettay/Maillet, Otto Freundlich et la France, un amour trahi. 2004

(11)  „L’artiste juif allemand aimait la France, celle de l’effervescence créatrice des annés Montmartre. Mais Vichy l’interne puis le déporte. Amour trahi.“  (https://www.amazon.de/Otto-Freundlich-France-amour-trahi/dp/2908476398)

(12) Es finden sich in der Literatur unterschiedliche Angaben, in welchem Vernichtungslager Freundlich ermordet wurde: Sobibor und Majdanek.  Ich verwende anders als der Ausstellungskatalog den Namen Majdanek, der sich auch auf den beiden in diesem Beitrag abgebildeten Fotos findet, auf denen der Todesort Freundlichs genannt ist.

(12) Foto von Elke Wetzig aus Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=58189430

Literatur

Auststellungskatalog: Otto Freundlich 1878-1943. La révélation de l’abstraction. Zweisprachig französisch und englisch. Musée de Montmartre. Éditions Hazan 2020

Philippe Dagen, Otto Freundlich, aventurier de la couleur. Le Musée Montmartre rend hommage à l’artiste allemand, pionnier de l’abstraction, déporté et assassiné au camp de Sobibor. Le Monde, 10. März 2020

Klaus Hammer, Otto Freundlichs „Kosmischer Kommunismus“. Das Blättchen vom 19. Juni 2017

https://retrospektiven.wordpress.com/2017/02/27/otto-freundlich-kosmischer-kommunismus-im-museum-ludwig-koeln/

Asterix, ein französischer Mythos. Zum Tod von Albert Uderzo

Zum Tod von Albert Uderzo ist schon viel geschrieben worden. Trotzdem  will ich dazu auf diesem Blog  auch einen kleinen Beitrag leisten. Was kann/soll man aber den vielen Würdigungen noch hinzufügen als bescheidener Blogger, zumal der auch in dieser Materie kein Spezialist ist?

Ich habe mir zweierlei vorgenommen:

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Zunächst möchte ich einen – natürlich keinen Falls umfassenden – Blick auf französische Würdigungen Uderzos werfen, die aus Anlass seines Todes veröffentlicht wurden. Die sind zum Teil auch auf die aktuelle kritische Lage bezogen, was ich besonders interessant finde.

Bild von der Titelseite der Tageszeitung Libération vom 25. März 2020

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Und dann möchte ich auf eine Ausstellung im Musée Cluny zurückblicken, die 2009 aus Anlass des 50. Geburtstages der Asterix-Serie stattfand. Es war eine der ersten Ausstellungen, die wir besucht haben, nachdem wir uns vor gut 10 Jahren in Paris niedergelassen haben. Glücklicherweise habe ich davon einige Fotos gespeichert, die ich sehr sehenswert finde und die –wie ich meine- ein schöner Beitrag zur Würdigung Uderzos sind.

Natürlich  haben viele Zeichner und Karikaturisten auf ihre Weise auf den Tod Uderzos reagiert. Dabei werden natürlich besonders gerne Uderzos Figuren von Asterix und Obelix verwendet. Hier eine Zeichnung des französischen Zeichners ZEP, der Uderzo als seinen Adoptivvater bezeichnet.[1]

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Manchmal werden auch bekannte Aussprüche aus der Serie einbezogen:

ET3ZO_AXgAA1EZpTod von Uderzo: Jetzt ist es soweit… Der Himmel ist uns auf den Kopf gefallen.[2]

Da Uderzos Tod genau in die Zeit der Coronavirus-Pandemie fällt, liegen entsprechende aktuelle Bezüge natürlich nahe.

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Hier tragen die am Grab Uderzos – natürlich einem Hinkelstein- trauernden Astrix und Obelix Atemschutzmasken; angesichts des katastrophalen Mangels an Schutzmasken in Frankreich übrigens ein besonderes Privileg…[3] Und über dem gallischen Dorf weht die französische Fahne auf Halbmast.

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Aber auf der Karikatur von Chanu aus der Zeitung Ouest France fordert Uderzo –auf der  Bleistiftleiter in den Himmel kletternd, wo schon Goscinny mit der Schreibmaschine auf ihn wartet- Asterix und Obelix auf, nicht in Trauer zu versinken. Und er deutet auf die Familie, die aufgrund der Ausgangsperre  im häuslichen confinement  zusammensitzt und Asterix-Heftchen betrachtet: Sie brauchen Euch.

Einen schönen Aktualitätsbezug hat auch die nachfolgende Hommage an Uderzo, von dem ganz offensichtlich die  Sequenz direkt übernommen ist. Es ist ja geradezu ein Asterix-Klassiker, der aber durch den Text in der Sprechblase des römischen Legionärs in einen neuen Kontext gestellt wird:

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Anhalten, Gallier! Auf Befehl von Coronavirus, dem Präfekten Galliens, müsst Ihr mir  Eure Attestation de Déplace…. 

Weiter kommt der Römer nicht. Was er zu sehen wünscht, ist die Attestation de déplacement dérogatoire. Das ist eine Bescheinigung, die jede/r, der in Frankreich derzeit seine Wohnung verlässt, bei einer Polizeikontrolle vorweisen muss. Die Attestation kann man sich von der homepage des französischen Innenministeriums herunterladen und ausdrucken, aber –so man über keinen Drucker verfügt- auch in handschriftlicher Form vorlegen.[4]  Eintragen muss man Name, Geburtsdatum und -ort,  Adresse, Datum und die genaue Uhrzeit, wann man seine Wohnung verlassen hat. Und dann gibt es sechs Kästchen zum Ankreuzen, die jeweils einen legitimen Grund angeben, warum man sich nicht zu Hause aufhält, wie es ja eigentlich unter der Bedingung der Ausgangssperre  verlangt wird. Das können unabdingbare berufliche oder krankheitsbedingte Gründe sein (die natürlich entsprechend dokumentiert sein müssen – könnte ja jeder kommen….), es kann sich um einen Weg zum Einkauf von Gütern „de première nécessité“ handeln (Supermarkt, Bäcker, Metzger und natürlich- man ist ja in Frankreich- Weinhandlungen), man darf aber auch –allerdings nur im Umkreis von 1000 Metern und für maximal eine Stunde- alleine  etwas Sport treiben (aber nicht mit dem Fahrrad!), einen Spaziergang machen, aber nur mit den Personen, mit denen man zusammenwohnt oder mit dem Hund, damit der wie gewohnt draußen an die Hauswände pinkeln kann (besoins des animaux de compagne) – Da die Pariser Straßenreinigung offenbar ihre Arbeit eingestellt hat, erhöht das nicht gerade die Attraktivität eines noch zulässigen Spaziergangs rund um den Häuserblock.

Die Reaktion von Obelix finde ich da jedenfalls nur allzu verständlich.[5]

In Zeiten der Coronavirus-Pandemie liegt ein Rückgriff auf die potion magique des Miraculix natürlich nahe.

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Hier weist Asterix auf den entsprechenden Anschlag an der Wand und die Dringlichkeit einer Abhilfe gegen den Virus hin,  und der Druide Panoramix versichert: Ich suche ihn doch, diesen Zaubertrank, Kinder, ich suche ihn… (Übrigens: Idefix mit Schutzmaske!).

ET59bm-WAAAzLk6Hier ist es ein moderner Druide, der am Kessel steht und seufzt:  Wenn er uns doch nur das Rezept hinterlassen hätte….

Der Name des Druiden ist Raoultix. Das bezieht sich auf den französischen Virologen Didier Raoult, den in Frankreich derzeit wohl bekanntesten  Vertreter seiner Zunft.  Raoult ist Leiter eines renommierten medizinischen Forschungszentrums  in Marseille (IHU Méditeranée infection) und ein  international anerkannter und  ausgezeichneter Wissenschaftler. Er gehört auch zu dem wissenschaftlichen Beirat, auf den Macron seine Maßnahmen zur Eindämmung des Virus stützt. Wegen seines unangepassten Aussehens liegt es natürlich  nahe, dass man Raoult mit einem „druide gaulois“ assoziiert. Le Monde  spricht von „son look de vieux druide blanc“. [6]

Allerdings ist Raoult auch sehr umstritten, weil er ein entschiedener Verfechter der Behandlung von Coronavirus-Patienten mit Cloroquine ist. Solange es nichts Besseres gäbe, sei das ein pragmatisches Vorgehen. Die nachfolgend abgebildete, ebenfalls zu Ehren von Albert Uderzo erschienene Karikatur bezieht sich darauf:

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Obelix bittend  (wie gewöhnlich in der Nähe des Kessels mit der potion magique): Ich fühle mich ein wenig schwach…  Panoramix weist ihn dann ja immer ab. So auch hier der mit den Zügen Raoults ausgestattete moderne Druide mit der entsprechend variierten Antwort: Nein! Kein Cloroquin für dich! Aber dann auch hier die klassische  Begründung: Du bist da reingefallen, als du klein warst!

Natürlich gibt es auch viele verbale Nachrufe auf Albert Uderzo. Ich beschränke mich darauf, den meines Erachtens besonders treffenden Text von Laurent Joffrin, dem Chefredakteur der Zeitung Libération,  vom 25.3. in freier Übersetzung wiederzugeben:[7]

Ultimatives Paradoxon: Uderzo stirbt zu einem Zeitpunkt, als jede französische Familie ihr Zuhause in ein gallisches Minidorf verwandelt sieht, das von einem der römischen Besatzung ebenbürtigen System der Kontrolle  umgeben ist.  Und er stirbt zu einem Zeitpunkt,  als sich die Vertreter des Staates über die „gallische“ Disziplinlosigkeit der Franzosen in der aktuellen Krise  beschweren. Hier wird  die symbolische Kraft der Figuren deutlich, die der von italienischen Vorfahren abstammende Albert Uderzo  mit seinem aus einer polnisch-jüdischen Familie stammenden  Freund René Goscinny geschaffen hat: Sie prägten ebenso wie Jeanne d’Arc oder Napoleon den französischen Mythos. Die Gallier waren nicht unbedingt so, wie die beiden sie dargestellt haben, und die Franzosen auch nicht. Wie dem auch sei: Beider Talent hat die historische Wahrheit verdunkelt. So bildete sich das Klischee heraus: ein Volk, das eifersüchtig auf seine Unabhängigkeit bedacht ist, hedonistisch und streitsüchtig, locker, gespalten und stolz. Sollen wir uns beschweren? Nicht unbedingt. Damit einher geht auch  eine unterschwellige politische Botschaft. Das Regierungssystem von Abraracourcix ist gutmütig und nachsichtig. Die  Dorfbewohner lieben nichts so sehr, als ihren Geschäften nachzugehen, weit entfernt von der römischen Autorität, die unaufhörlich verspottet wird, geschützt durch diesen Zaubertrank, der ein doppeltes Symbol ist für das  Gesetz  und die  Stärke. Sie stehen für den Widerstand gegen Unterdrückung,  den in der Geschichte des Landes viele geleistet haben:    die rebellischen Bauern, die sich der  königlichen Ordnung  widersetzenden Stadtbewohner,  die  der industriellen Ausbeutung ausgesetzten  Arbeiter, kurz die Dissidenten aller Epochen im Widerstand gegen  Willkür und Tyrannei. Eine Idee von Frankreich, die von einem italienischen Einwanderer verbreitet wurde und die auch eine Idee der Freiheit ist. (Libération, 24.3.2020, S.24)

Nun, wie angekündigt, ein kleiner Rückblick auf die Asterix-Jubiläumsausstellung des Jahres 2009 im Musée Cluny.

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Goscinny und Uderzo beim der Konzeption der Serie. Ein Exponat der Ausstellung

Dass dort die Ausstellung stattfand, war  natürlich eine ganz besondere Ehre, und es hatte offenbar, wie Le Monde berichtete, über dieses Projekt heftige Auseinandersetzungen zwischen den Verantwortlichen gegeben. Dass dann doch das Museum seine Räume für Asterix öffnete, beruhte vor allem darauf, dass auch die Reste der Thermen von Lutetia, dem gallo-römischen Paris, Teil dieses Museums sind. Von diesen Thermen ist das Frigidarium noch ziemlich gut erhalten, ein eindrucksvoller Raum mit 12 Meter hohen Gewölben, der einen grandiosen Eindruck vermittelt von der Monumentalität römischer Architektur selbst in dem für die Römer eher weniger bedeutenden Lutetia. Dort fand damals die Jubiläums-Ausstellung statt.[8]

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Zu diesem Ort passte natürlich eine ausgestellte Originalzeichnung Uderzos vom Besuch der beiden Comic-Helden in den römischen Thermen: Obelix sitzt verdutzt auf dem Beckenboden im Trockenen und  wundert sich, wo nach seinem Bauchplatscher das Wasser geblieben ist. Und während der eine Römer fluchend das Bad verlässt, bewundert der andere  -durchaus auch kein Hänfling-  die beeindruckenden Proportionen des Galliers.

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Ausgestellt war auch die kleine amerikanische Schreibmaschine Keystone Royal, mit der Goscinny für die ersten 24 Alben alles aufgeschrieben hat, was der Zeichner Uderzo dann in Bilder umgesetzt hat: den Handlungsablauf einzelner Szenen, die Dialoge, Regieanweisungen… Da gab es auch das Szenario vom Einmarsch der Römer in Gallien,  der ersten Asterix-Seite: Des soldats romains, marchant en rang. On peut ne voir que leurs jambes, comme dans les documentaires montrant les Allemands entrant en France. (Römische Soldaten, in Reihen marschierend. Man kann nichts sehen außer ihren Beinen, wie in den Dokumentationen, die die Deutschen beim Einmarsch in Frankreich zeigen.)

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Hier wird der zeitgeschichtliche Hintergrund des 1959 geschaffenen „Asterix“ mehr als deutlich: Es ist das Frankreich de Gaulles, das sein Selbstverständnis aus dem Widerstand gegen Nazi-Deutschland bezog. Aber für Uderzo und Goscinny gehörte –ganz anders als damals für das gaullistische Frankreich- dazu auch die Kritik an der Kollaboration, die für das damalige (offizielle) Frankreich kein Thema war: Da begrüßt der Gallier Aplusbegalix auf einer ebenfalls ausgestellten Originalseite die als „geliebte Eindringlinge“ titulierten römischen Offiziere mit zum römischen /Hitler-Gruß erhobener Hand und dem Ruf: „Ave César! Bienvenue à nos envahisseurs bien-aimés !… »

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Und er wird dann auch gleich noch lächerlicher gemacht:  Als er nämlich seine Gäste in sein Haus bittet, wird deutlich, dass es zwar im Stil einer römischen Villa gebaut ist, das Dach aber nicht mit Ziegeln gedeckt ist, sondern mit ziemlich ungehobelten Holzbalken… Und die Gegend, in der das römische Feldzeichen auf der ersten Seite eines Asterix-Heftes mit Gewalt in die gallische Erde gerammt ist, ist das Zentralmassiv mit  der Stadt Vichy, dem Sitz der Kollaborations-Regierung von Marschall Pétain.

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Der Eingang zum Cluny-Museum liegt ziemlich versteckt und das Museum gehört ja auch nicht zu denen, vor denen sich üblicherweise lange Schlangen bilden. Insofern war es  ein schöner Einfall, den Zaun des Museums, der an den belebten Boulevards St.Germain und St. Michel liegt, zu nutzen, um für die Ausstellung zu werben und auch noch einen Beitrag zur kunsthistorischen Bildung zu leisten. Da waren großformatige Bilder befestigt mit jeweils einem klassischen Meisterwerk auf der einen Seite und gleich daneben der entsprechenden  Asterix-Version.

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So  Breughels  Bauernhochzeit und daneben das große gallische Mahl, mit dem ja jedes Asterix-Abenteuer versöhnlich  endet.

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Es gibt auch eine gallische Version von Leonardos berühmter Proportionenstudie nach Vitruv : Statt des wohlproportionierten jungen Manns  ist es hier der dicke Obelix, der den um die ausgebreiteten Arme und Beine geschlagenen Kreis fast ganz ausfüllt. Goscinny hat dazu eine schöne Erläuterung beigetragen:

Proportionsstudie des menschlichen Körpers (nicht nach, sondern) vor Vitruv.  Überraschendes Zeugnis des gallischen Schönheitsideals“

Und natürlich darf auch eine Parodie auf Delacroixs Gemälde „La liberté guidant le peuple“  nicht fehlen. Zunächst die klassische Version, 1830 anlässlich der Juli-Revolution in Paris entstanden und heute im Louvre zu besichtigen.

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Dann die Asterix-Version, bei der Bonnemine mit Besen und Weljerholz (so hieß das bei uns in Darmstadt) die Gallier in den Kampf gegen die Römer führt.

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Das sind die freiheitsliebenden Gallier, die libres, von denen Laurent Joffret in seinem Nachruf auf Uderzo spricht – Teil des nationalen Mythos, zu dem er und Goscinny mit ihrem Asterix einen wunderbaren Beitrag geleistet haben.

Anmerkungen:

[1] https://www.glonaabot.fr/articles-associes/zep-uderzo-cetait-mon-papa-adoptif

[2] Dieses Bild  und die nachfolgenden Abbildungen aus: https://www.lefigaro.fr/bd/albert-uderzo-les-hommages-joyeux-des-dessinateurs-20200325

[3] Libération spricht in seiner Ausgabe vom 26. März von einem „désastre du manque de masques“.

[4] https://www.interieur.gouv.fr/fr/Actualites/L-actu-du-Ministere/Attestation-de-deplacement-derogatoire-et-justificatif-de-deplacement-professionnel

[5] Um Missverständnisse zu vermeiden, möchte ich darauf hinweisen, dass ich selbstverständlich entschiedene Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus befürworte. In Frankreich werden die Beschränkungen aber eher formalistisch und nicht inhaltlich-vernünftig exekutiert. Siehe dazu meine entsprechenden Anmerkungen in dem Bericht über Sainte Anne/Martinique im CV-19-Modus. https://paris-blog.org/2020/03/24/sainte-anne-martinique-im-cv-19-modus/

[6] Siehe: Antiviral, antirivaux. Didier Raoult. In: Liberation 25. März 2020 und Didier Raoult, le trublion du Covid-19. In: Le Monde 26.3.2020  und Le Monde, 29./30. März 2020

[7] Hier das Original:  Paradoxe ultime : Uderzo disparaît au moment où chaque famille française voit son logement transformé en mini-village gaulois, enserré par un appareil de contrôle digne de l’occupation romaine. Au moment, aussi, où les autorités se plaignent de l’indiscipline «gauloise» dont feraient preuve les Français. C’est la force symbolique des personnages créés par Albert Uderzo, d’ascendance italienne, avec son compère René Goscinny, né d’une famille juive polonaise : ils ont façonné, autant que Jeanne d’Arc ou Napoléon, le mythe français. Les Gaulois n’étaient pas forcément ce qu’ils en ont dit, pas plus que les Français. Peu importe : le talent a occulté la vérité historique. Ainsi s’est cristallisé le cliché : un peuple jaloux de son indépendance, hédoniste et querelleur, léger, divisé et orgueilleux. Faut-il s’en plaindre ? Pas forcément. Il y a là un message politique subliminal. Le système de gouvernement d’Abraracourcix est bonhomme et indulgent, ces villageois susceptibles n’aiment rien tant que vaquer à leurs affaires loin de l’autorité romaine sans cesse tournée en ridicule, protégés par cette potion magique qui est le double symbole du droit et de la force. Un exemple de résistance à l’oppression, celle que cherchaient, dans l’histoire du pays, les paysans révoltés, les citadins rebelles à l’ordre royal, les ouvriers en butte à l’exploitation industrielle, bref, les dissidents de toutes les époques, rétifs à l’arbitraire et à la tyrannie. Une idée de la France promue par un immigré italien, qui est aussi une idée de la liberté. https://www.liberation.fr/france/2020/03/24/libres_1782956

[8] Aus: https://commons.wikimedia.org/18./

Nachwort

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, nicht mehr als einen oder maximal zwei neue Beiträge pro Monat in diesen Blog einzustellen – um weder mich noch meine Leser/innen zu überfordern. Unter den Bedingungen der Corona-Virus-Ausgangsssperre weiche ich von dieser selbtverordneten Begrenzung ab. (Prominente Vorbilder dafür gibt es ja reichlich). Immerhin werden manche ja jetzt mehr Zeit zum Lesen haben, und was mich angeht: Ich nutze einen Teil der gewonnenen „Freizeit“ für die Beschäftigung mit dem Blog. Das hilft auch etwas über diese schwierigen Zeiten hinweg…  Und kleine Projekte dafür gibt es, wie man sieht, ja genug.

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux
  • Pariser Erinnerunsorte an den Holocaust (Einleitung/Fortsetzung) 
  • Das Pantheon: 8. und 9. Mai 2020/ 18./19. September 2020
  • Große Männer und Frauen des Marais: Eine Ortsbesichtigung anhand der Portraits des Street-Art-Künstlers C215 (Teil 1)
  • Der Maler Otto Freundlich. Eine Ausstellung im Musée Montmartre