Das Musée de Cluny in Paris: Das Preziosen-Kabinett des Mittelalters

Seit 2013 wurde das Musée de Cluny, offiziell:  Musée national du Moyen Âge aufwändig renoviert, ein neuer Eingangsbereich gebaut und ein neuer Parcours eingerichtet. Nachdem das Museum zuletzt fast zwei Jahre lang nicht mehr zugänglich war, wurde es im Mai 2022 wieder geöffnet und präsentiert sich nun stolz als eine moderne Präsentation des Mittelalters: Le Moyen Âge. Nouvelle Génération.

Auf den Werbeplakaten, die zur Neueröffnung überall in Paris zu sehen waren, sind die Stars des Museums mit modernen Accessoires zu sehen: ein Ritter mit Rockgitarre, ein Prediger als DJ, Nonnen mit Sonnenbrillen; eine halb nackte Skulptur schlürft am Grill einen Smoothie.  Mittelalter goes Neuzeit.[1] Dazu passt auch der architektonische Hintergrund: Hinten links im Bild der mittelalterliche Ehrenhof, rechts der neue Eingangsbereich.  Die Dame mit dem Einhorn, „diese Mona Lisa des Mittelalters“, darf natürlich nicht fehlen.[2]


Ich könnte mir vorstellen, dass manche von denen, die von diesen Plakaten angelockt werden, nicht auf ihre Kosten kommen. Vielleicht und wahrscheinlicher aber werden sie von der Kostbarkeit und Vielfalt der Ausstellungsstücke und dem grandiosen Ambiente, in dem sie  präsentiert werden, überwältigt.  Denn das Musée Cluny ist eine Abfolge von Preziosen-Kabinetten mit den berühmten Teppichen der „Dame mit dem Einhorn“ als Höhepunkt. Und all das in einem einzigartigen, grandiosen Bau aus Antike und Mittelalter.

Der erste Eindruck, den dieses wunderbare Museum vom Mittelalter vermittelt: Das war offenbar eine Zeit, in der grandiose Kunstwerke aus Marmor, Gold, Silber, Elfenbein, Edelsteinen und leuchtendem Glas entstanden. Worüber man eher weniger erfährt: Das sind die sozialen, ökonomischen, politischen und kulturellen Entwicklungen, in deren Rahmen sich diese Kunst entfaltete – Entwicklungen übrigens, zu deren Kenntnis gerade die französische Geschichtswissenschaft erheblich beigetragen hat. Hubert Spiegel rühmt allerdings in der FAZ die „Fähigkeit der Kuratoren, komplexe Vorgänge in wenigen Worten zu umreißen. So werden vielfältige Bezüge sichtbar, Handelsverbindungen, kultureller Austausch, die verschlungenen Wege von Stilen und Moden durch ein Europa, das Latein sprach, aber Einflüsse aus Byzanz oder der arabischen Welt begierig aufnahm. Kriege, Seuchen und Hungersnöte bestimmten das Alltagsleben der Menschen und beförderten oft die Hinwendung zu Reliquienkult und Heiligenverehrung.“[3] „Seuchen und Hungersnöte“ werden in dem Museum aber nicht thematisiert, Kriege nur am Rande.  Das ist vielleicht auch zu viel verlangt von einem Museum, das über einen reichen Bestand von 24 000 Kunstwerken verfügt und mit der Präsentation einer kleinen Auswahl davon -1 600- schon hinreichend ausgelastet ist. Und auch wenn es um den Alltag im Mittelalter geht, dienen kostbare Ausstellungsstücke als Illustration: Kämme und Messer sind mit Elfenbein verziert, und von einem Bad, wie es auf diesem Wandteppich dargestellt ist, konnten damals -und können heute-  die Menschen- mit ganz wenigen Ausnahmen- nur träumen….

Für mich ist das „Museum des Mittalters“ eher ein grandioses „Museum mittelalterlicher Kunst“, das sich den Marketing-Gag der Eröffnungsphase hätte sparen können. Den hat es nämlich wirklich nicht nötig: Der einzigartige Bau mit seinen imposanten Anfängen in der Antike, mit seinem spätgotischen Kern und den einfühlsamen modernen Ergänzungen und dann vor allem die Fülle und Schönheit der dort präsentierten Kunstwerke sprechen für sich.

Das Frigidarium der spätrömischen Thermen ist Teil des Museums

Hier treffen römisches und mittelalterliches Mauerwerk aufeinander

Die Benediktiner von Cluny hatten wie andere Orden auch 1269 in Paris, auf dem Gelände der heutigen place de la Sorbonne, ein Kolleg für die jungen Mönche des Ordens gegründet, die an der Pariser Universität studierten. Die Abtei von Cluny  war als Ausgangspunkt bedeutender Klosterreformen eines der einflussreichsten religiösen Zentren des Mittelalters. Ihre Kirche war zeitweise das größte Gotteshaus des Christentums. Im 14. Jahrhundert beschlossen die mächtigen Herren der Abtei von Cluny, dass es höchste Zeit sei, für eine angemessene Unterkunft in Paris zu sorgen. Reichtum und Einfluss der Äbte von Cluny waren zunehmend bedroht, und man legte Wert darauf, am Königshof präsent zu sein. So kaufte man ein Areal südlich der Seine mit den Resten einer römischen Bäderanlage und errichtete dort ein herrschaftliches Stadtpalais (hôtel particulier).

Es handelt sich um eines der ersten entsprechenden Bauwerke von Paris, die mit der typischen Abfolge von Hof, Wohngebäude und Garten die noble Architektur der Stadt bis zur Französischen Revolution prägten. Hinter der Umfassungsmauer mit den burgartigen Zinnen, Ausdruck des aristokratischen Anspruchs der Anlage bzw,. ihrer Erbauer befindet sich der Ehrenhof (cour d’honneur), heute ein wunderbarer Ort für das Museumscafé.  Aus der Fassade des Wohntrakts ragt ein fünfeckiger Turm heraus (« hors d’œuvre »), in dem eine große Wendeltreppe die wesentlichen Räume des Stadtpalais zugänglich macht.

 Auch dies ist ein aristokratisches Element, wie man es ja auch von dem Tour Jean-sans-Peur, einem Überrest des aus dem Beginn des 15. Jahrhunderts stammenden mächtigen Hôtel de Bourgogne in Paris her kennt. (In späteren Anlagen wurde dann die Treppenanlage meistens zu einem repräsentativen Architekturelement erweitert und in das Gebäude integriert).  

Auf der Außenwand des Turms ist nicht nur eine schöne Sonnenuhr angebracht, sondern vor allem wird hier das Familienwappen des Bauherrn, Jacques d’Amboise, präsentiert: Ein Pilgerstab mit Jacobsmuscheln und dazu die Devise ‚Initium sapiencie timor domini‘: Die Furcht Gottes ist der Anfang der Weisheit und  ‚Servas mandata tua‘.[4] Jacques d’Amboise war 1485 Abt von Cluny geworden und hatte sofort mit dem Bau des Pariser Stadtpalais begonnen. Sein Familienwappen ist dort überall präsent, zum Beispiel auch auf den Ziergiebeln über den Fenstern.

Glanzvoller Höhepunkt des Baus ist die im spätgotischen Flamboyant-Stil gehaltene Kapelle mit dem kunstvoll verzweigten Gewölbe und dem an Flammen erinnernden Maßwerk zwischen den Gewölberippen.

Unter den Baldachinen entlang der Wände standen einst Statuen von Familienmitgliedern des Bauherrn, die allerdings der Französischen Revolution zum Opfer gefallen sind. Damit ist auch das Thema des Verlusts angesprochen: die teils offensichtliche, teils subkutane Spur der Zerstörung, die sich durch dieses grandiose Museum mit seinen exquisiten Exponaten zieht.

Das wird gleich am Anfang des Rundgangs deutlich: Im Frigidarium sind nämlich Fragmente  von Statuen der Kathedrale Notre Dame de Paris ausgestellt, zum Beispiel 12 kopflose Apostel vom Südportal der Kathedrale.

Köpfe gibt es aber auch zu sehen: Zwar nicht von den Aposteln, aber von der Königsgalerie der Westfassade. 

Auch die war den Revolutionären ein Dorn im Auge: Zweifellos handelte es sich -passend zu einer „Notre Dame“ geweihten Kathedrale-  um die Könige von Juda, die als die Vorfahren von Maria angesehen wurden. Aber gleichzeitig wurde mit der Königsgalerie der Anspruch der französischen Könige auf Heiligkeit untermauert.  Sie führten sich auf die biblische Ahnenreihe zurück und allmählich vermischten sich diese Zuschreibungen der Königsstatuen.  Grund genug für die Revolutionäre, sie 1793 zu zerschlagen und als Baumaterial zu verkaufen. So verschwanden sie im wahrsten Sinne des Wortes in der Versenkung. Noch 1974 beklagte der französische Kunsthistoriker und Notre-Dame-Spezialist Erlande-Brandenbourg den unschätzbaren Verlust der Statuen. Aber 1977 kamen 21 Königsköpfe  bei Ausschachtungsarbeiten für einen Bankneubau in der Chaussée d’Antin zufällig ans Tageslicht- eine der wichtigsten archäologischen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte. Immerhin ist die Königsgalerie von Notre Dame de Paris die älteste ihrer Art und diente als Vorbild für die Kathedralen von Chartres, Reims und Amiens. Von den 28 ursprünglichen Statuen sind die 21 wiederaufgefundenen -und zum Teil übel zugerichteten- Köpfe im Frigidarium ausgestellt.

Man kann sie nun -anders als die Menschen des Mittelalters- aus nächster Nähe betrachten und die für Zeitgenossen nicht erkennbare Feinheit der Steinmetzkunst bewundern. Und man kann auch noch Reste der ursprünglichen Bemalung erkennen: Rot für die Lippen, rosa für die Backen, blau-grau für die Haare und den Bart, schwarz oder grün für die Pupillen…

Etwas sorgefältiger und gezielter sind die Revolutionäre bei dieser Grabplatte eines Bischofs aus  dem Collège de Cluny vorgegangen, wo fein säuberlich die christlichen Symbole herausgeschnitten wurden.

Die Hakenkreuze auf dem Gewand allerdings haben sie nicht entfernt. Wenn sie gewusst hätten…

Dieser leicht lädierte Kopf eines lächelnden Engels stammt aus der Kirche Saint-Louis-de Poissy.

Dass auch diese Kirche im Verlauf und in Folge der Französischen Revolution völlig zerstört bzw. als Steinbuch verwendet wurde, wird im kurzen Begleittext übrigens nicht mitgeteilt. Man kann es fast verstehen…

Victor Hugo hat den zerstörerischen revolutionären Furor, dem nicht nur die Kathedrale Notre Dame de Paris, sondern weitere unermessliche Kunstschätze zum Opfer gefallen sind, heftig beklagt und angeprangert.[5] Umso bedeutsamer waren deshalb  die Anstrengungen zur Rettung und Bewahrung mittelalterlicher Kunst. Als während der Französischen Revolution zahlreiche historische Monumente – verhasste Symbole der Aristokratie und des Klerus – Vandalismus und Verfall ausgesetzt waren, setzte sich der Archäologe Alexandre Lenoir als Mitglied der Commission des Arts für die Bewahrung der bedeutenden Kunstwerke ein. Zahlreiche gerettete Kunstwerke wurden in das Hôtel des Nesle und das ehemalige Konvent der Petits Augustins, die als Depots dienten, verbracht. Lenoir wurde 1791 zu deren Leiter berufen. 1795 gelang es ihm schließlich, im Konvent der Petits Augustins das Musée des Antiquités et Monuments français (kurz: Musée des Monuments français) für das Publikum zu öffnen.[6] Dies war die Keimzelle des Musée Cluny. Dazu kam die umfangreiche Sammlung mittelalterlicher Kunst, die Alexandre Du Sommerard zusammengetragen und 1832 in einem Teil des hôtel Cluny installiert hatte. Nach seinem Tod erwarb der Staat die Sammlung, und gleichzeitig überließ die Stadt Paris dem Staat die Reste der römischen Thermen und die dort ausgestellten Kunstwerke. So konnte 1843 das Museum eröffnet werden, das seit 1980 den offiziellen Beinamen Musée national de Moyen Âge trägt.

Vielleicht hat der große Verlust mittelalterlicher Kunst in Frankreich dazu beigetragen, dass im Musée Cluny auch hervorragende Werke des europäischen und vor allem des deutschen Mittelalters präsentiert werden. In Deutschland ist ja das „Kirchenmobiliar weitgehend erhalten, wir aber hatten die Französische Revolution“, wie Damien Berné, Konservator des Museums, lakonisch feststellt.[7]

Aus Deutschland stammt zum Beispiel dieses Tuch aus Samt und Seide mit einer Abbildung einer Quadriga. Hergestellt wurde es im 8. Jahrhundert in Konstantinopel, gelangte dann aber bald nach Aachen. Der Legende nach handelt es sich um das Leichentuch Karls des Großen, was aber nicht verbürgt ist. Nach der beigefügten Informationstafel kam das Tuch 1895 in den Besitz des Museums. Es erscheint allerdings recht unwahrscheinlich, dass das damals zur preußischen Rheinprovinz gehörende Aachen diesen Schatz nach Frankreich verkauft hat. Ist das Tuch vielleicht Teil der Kriegsbeute der französischen Revolutionstruppen aus dem Jahr 1794?  Sie brachen ja nicht nur Säulen aus der Pfalzkapelle Karls des Großen heraus, von denen einige heute zum Dekor des Louvre gehören, sondern erbeuten auch den spätrömischen Proserpina-Sarkophag,  ein singuläres Prunkstück des Doms.  In ihm soll 814 Karl der Große bestattet worden sein.[8] Warum also nicht auch das (vermeintliche) Leichentuch Karls? Gerne wüsste man da mehr…

Das wohl bedeutendste Beispiel deutscher Kunst des Mittelalters im Musée Cluny ist sicherlich das sogenannte Baseler Antependium, auch Goldene Altartafel oder Goldene Tafel genannt.[9]

Es ist ein in Fulda oder Bamberg angefertigter Goldaltar, der zu den herausragenden Beispielen ottonischer Goldschmiedekunst gehört. Im Zentrum steht der segnende Christus, der in der linken Hand eine Weltkugel trägt mit dem Christus-Monogramm und den Buchstaben Alpha und Omega, dem ersten und letzten Buchstaben des klassischen griechischen Alphabets, die für Anfang und Ende stehen.

Fotos: Wolf Jöckel

Zu seinen Füßen sieht man klein die Stifterfiguren Heinrich und seine Frau Kunigunde: Zeichen der Unterwerfung unter Gott, aber auch der eigenen Erhöhung als Repräsentanten Gottes auf Erden.[10]

Umrahmt wird Christus von drei Erzengeln und ganz links dem von Heinrich II. besonders verehrten heiligen Benedikt von Nursia, dem Gründer des Benediktinerordens. Er ist mit Tonsur, Mönchskutte, Sandalen, Krummstab und Regelbuch als Abt gekennzeichnet. Die lateinische Inschrift besagt übersetzt: „Wer ist wie Gott ein starker Arzt, ein gesegneter Heiland – Sorge, milder Mittler für die menschlichen Wesen.“ Kaiser Heinrich II. schenkte 1019 den Altaraufsatz dem Basler Münster, dessen Neubau in seiner Anwesenheit damals geweiht wurde. Im 16. Jahrhundert wurde das kostbare Stück aus Angst vor den Bilderstürnern versteckt und – in Vergessenheit geraten- erst 1827 wiederentdeckt. 1833 gelangte es in den Besitz des neugegründeten und finanziell klammen Kantons Basel-Landschaft, der es 1836 aufgrund seines Goldwertes versteigerte. Seit 1852 gehört es zum Bestand des Musée Cluny.[11]

Zwei weitere Beispiele der ganz unterschiedlichen aus Deutschland stammenden Ausstellungsstücke:

Ein Manuskript über Kampftechniken aus Augsburg (um 1480). Es ist unvollendet – die erläuternde Schrift fehlt.

Und hier eine entzückende Heilige Familie vom Anfang des 16. Jahrhunderts aus Schwaben:  Josef hätte ja gerne seine Ruhe, aber das kleine Jesuskind hat Spaß daran, ihn am Bart zu zupfen. Immerhin kann dann Maria mal ungestört ein Buch lesen. Eine Familienszene wie im richtigen Leben….

Diese kleine Skulptur ist ausgestellt in einem großen Saal (Nummer 21) mit  beeindruckendem kirchlichen Mobiliar. Dazu gehört auch ein Sessel aus der chapelle de la nation de Picardie im 5. Arrondissement von Paris. Auf dem Sitz lagen bei unserem Besuch im September 2022 getrocknete Zweige des Einjährigen Silberblatts (lunaria annua) mit den markanten Samenschötchen: sehr dekorativ und beziehungsreich. Denn das Einjährige Silberblatt hat sowohl im Deutschen wie im Französischen auch einen religiösen Bezug: Im Deutschen wird es auch Judaspfennig oder Judassilberling genannt, im Französischen heißt die Pflanze Monnaie du Pape: In Frankreich kann man sie also mit gutem Gewissen auf den Sessel eines kirchlichen Würdenträgers legen…    

Insgesamt ist Hubert Spiegel zuzustimmen, wenn er schreibt: „Die Schönheit vieler Objekte, die Vielfalt der Materialien und die Präzision ihrer künstlerischen Gestaltung sind oft schlichtweg atemberaubend.“

Zu den beeindruckend verarbeiteten Materialien gehört natürlich das Elfenbein.

Kleiner Elfenbein-Kästchen mit ritterlichen Kampfszenen. Paris, Anfang 15. Jahrhundert

Auch einige hervorragende Beispiele der im Mittelalter bedeutenden Emailkunst von Limoges sind in dem Museum ausgestellt.

Und dann gibt es wunderbar leuchtende Glasfenster. Beispielsweise ein großes Ensemble aus der noch vor der totalen Zerstörung geretteten Sainte Chapelle in Paris.

Die Auferstehung der Toten (um 1200)

Manche Glasfenster der Sainte Chapelle – und natürlich die mit der verhassten Bourbonen-Lilie- haben allerdings bei dem revolutionären Bildersturm einige Blessuren davongetragen.

Fotos: Wolf Jöckel

Rouen, Anfang 16. Jahrhundert, Ausschnitt.  Foto: Wolf Jöckel

Besonders eindrucksvoll sind bei dieser Darstellung von Rebhühnern die feine Zeichnung mit Hilfe der Grisaille-Technik, die Verwendung der intensiven, aus Eisenoxyd hergestellten roten Farbe und die echten leuchtenden Blumen, die im Prozess der Glasherstellung in das entstehende Bild integriert wurden.

Es gibt aber nicht nur Glasmalereien aus christlichen Zusammenhängen.

Foto: Wolf Jöckel

Dies ist ein sehr seltenes Exemplar eines nicht geistlichen Glasfensters mit höfischem Motiv.  Es ist um 1450 in Lyon entstanden und stammt aus einem hôtel particulier in Villefranche-sur-Saône. Der Mann hat offensichtlich gerade im Schachspiel die Spielfigur der Dame geschlagen, Zeichen seines Sieges. Die junge Frau bestätigt zwar mit erhobener rechter Hand ihre Niederlage, weist allerdings mit ihrem auf den Arm des Partners gelegten linken Hand seine Erwartungen zurück, nun auch die junge Dame zu erobern. Die Enttäuschung ist ihm ins Gesicht geschrieben. Auch hier ist die Grisaille-Technik mit großer Meisterschaft angewandt.[12]

Fast am Ende des Rundgangs durch das Museums warten dann in dem großen, abgedunkelten Raum 20 die sechs Wandteppiche der „Dame mit dem Einhorn“, der mit einem Zitat aus den „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ von Rainer Maria Rilke angekündigte Glanzpunkt des Museums.  

Hier der Beginn der entsprechenden wunderbaren Passage:

„Es gibt Teppiche hier, Wandteppiche. komm, lass uns langsam vorübergehen. Aber erst tritt zurück und sieh alle zugleich. Wie ruhig sie sind, nicht? Es ist wenig Abwechslung darin. Da ist immer diese ovale blaue Insel, schwebend im zurückhaltend roten Grund, der blumig ist und von kleinen, mit sich beschäftigten Tieren bewohnt. Nur dort, im letzten Teppich, steigt die Insel ein wenig auf, als ob sie leichter geworden sei. Sie trägt immer eine Gestalt, eine Frau in verschiedener Tracht, aber immer dieselbe. Zuweilen ist eine kleinere Figur neben ihr, eine Dienerin, und immer sind die wappentragenden Tiere da, groß, mit auf der Insel, mit in der Handlung. Links ein Löwe, und rechts, hell, das Einhorn; sie halten die gleichen Banner, die hoch über ihnen zeigen: drei silberne Monde, steigend, in blauer Binde auf rotem Feld.“

Alle Fotos der Wandteppiche: Wolf Jöckel

Fünf der sechs Teppiche sind den menschlichen Sinnen gewidmet. Die Dame hält dem Einhorn einen Spiegel vor: Sehen.  Die Dame berührt das Einhorn und hält den Schaft der Standarte: Tasten.

Das Wappen mit den drei Halbmonden ist das der aus Italien stammenden Lyoner Familie La Viste, der im 14. Jahrhundert der soziale Aufstieg gelang. Ein Mitglied dieser reich gewordenen Tuchhändler-Dynastie hat die Teppiche gegen Ende des 15. Jahrhunderts in Auftrag gegeben. Entdeckt wurden die Teppiche im Schloss von Boussac (Département Creuse) von Georges Sand. Sie machte den damaligen inspecteur des monuments historiques Proper Merimée, einen früheren Liebhaber, auf sie aufmerksam, und so wurden sie Anfang der 1840-er Jahre auf die Liste der geschützten Kulturgüter gesetzt und dann in den Bestand des Cluny-Museums übernommen.

Eine ganz entgegengesetzte Tasterfahrung macht übrigens der Affe auf dem Bild: Er ist angekettet.

Die Dame füttert einen Papagei: Schmecken.

                                

Die Dame flicht einen Kranz aus Blüten, an denen ein kleiner Affe schnuppert: Riechen

Dazu Rilke: „Geht man nicht unwillkürlich leiser zu dem nächsten Teppich hin, sobald man gewahrt, wie versunken sie ist: sie bindet einen Kranz, eine kleine, runde Krone aus Blumen. Nachdenklich wählt sie die Farbe der nächsten Nelke in dem flachen Becken, das ihr die Dienerin hält, während sie die vorige anreiht. Hinten auf einer Bank steht unbenutzt ein Korb voller Rosen, den ein Affe entdeckt hat.“

Dann das Hören:

Dazu noch einmal Rilke:

„Musste nicht Musik kommen in diese Stille, war sie nicht schon verhalten da? Schwer und still geschmückt, ist sie (wie langsam, nicht?) an die tragbare Orgel getreten und spielt, stehend, durch das Pfeifenwerk abgetrennt von der Dienerin, die jenseits die Bälge bewegt. So schön war sie noch nie. Wunderlich ist das Haar in zwei Flechten nach vorn genommen und über dem Kopfputz oben zusammengefasst, so dass es mit seinen Enden aus dem Bund aufsteigt wie ein kurzer Helmbusch. Verstimmt erträgt der Löwe die Töne, ungern, Geheul verbeißend. Das Einhorn aber ist schön, wie in Wellen bewegt.“

Und dann der letzte Teppich:

Er zeigt die Dame „in ihrem fürstlichen Kleid“ vor einem Zelt, „aus blauem Damast und goldgeflammt.“ (Rilke) mit der Inschrift über dem Eingang: „Mon seul désir“, mein einziges Verlangen. Hier ist alles rätselhaft: Tritt die Dame aus dem Zelt, wie Rilke meint oder ist sie dabei hineinzugehen?  Welche Bedeutung hat die Szene, die hier dargestellt ist: „Die Dienerin hat eine kleine Truhe geöffnet, und sie hebt nun eine Kette heraus, ein schweres, herrliches Kleinod, das immer verschlossen war.“ (Rilke)?   „Folgt das Bildprogramm einer religiösen Symbolik? Dann stünde die Dame für Maria und das Einhorn für Jesus. Aber suggeriert die sehr weltliche Szenerie der kostbar gekleideten Dame nicht einen ganz anderen, eher erotischen Hintergrund? Ist das „einzige Verlangen“ so etwas wie die Summe aller Sinneswahrnehmungen und zugleich ihre Überwindung“?[13]

Viele Geheimnisse, die die „Mona Lisa des Mittealters“[14] umgeben….


Anmerkungen:

[1] https://www.deutschlandfunkkultur.de/mittelaltermuseum-in-cluny-wiedereroeffnet-100.html 

[2] Bild aus: https://www.google.com/search?q=Reouverture+musee+Cluny&rlz=1C1ONGR_deDE950DE950&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=2ahUKEwimhcWYjNH5AhWPHOwKHStmAzoQ_AUoAnoECAEQBA&biw=936&bih=598&dpr=1.56#imgrc=Z_9eoHDcNAx8jM

Zitat aus: https://www.challenges.fr/lifestyle/reouverture-du-musee-de-cluny-un-nouvel-ecrin-pour-la-dame-a-la-licorne_812894

[3] Hubert Spiegel, Das Verlangen nach Vergangenheit. FAZ 31.7.2022

[4] https://www.collecta.fr/image.php?id=8349,span-classnum-inventaire112span-devise-du-cardinal-d-amboise Bei dem zweiten Teil der Devise  handelt es sich danach um ein Deformation eines Wortes  aus dem biblischen Buch der Sprichwörter Kapitel 7,2: „Achte  auf meine Gebote“. Siehe:  https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/spr7.html

[5] Siehe dazu: https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Mus%C3%A9e_des_Monuments_fran%C3%A7ais

[7] Zit. in: Stefanie Markert,  Musée de Cluny in Paris wiedereröffnet. Fabelhaft lebendiges Mittelalter

https://www.deutschlandfunkkultur.de/mittelaltermuseum-in-cluny-wiedereroeffnet-100.html

[8] Mehr dazu bei: https://paris-blog.org/2021/05/01/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-1-die-grose-ausstellung-deutscher-raubkunst-1806-1807/

[9] Bild aus: https://www.musee-moyenage.fr/collection/oeuvre/devant-autel-cathedrale-bale.htm

l Von I, Sailko, CC BY 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5845232

[10] Bild aus: https://www.musee-moyenage.fr/collection/oeuvre/devant-autel-cathedrale-bale.html

[11] https://www.musee-moyenage.fr/collection/oeuvre/devant-autel-cathedrale-bale.html   Siehe auch: Die Goldene Altartafel aus dem Basler Münsterschatz. Historisches Museum Basel 2019 und https://www.unibas.ch/de/Aktuell/Uni-Nova/Uni-Nova-124/Uni-Nova-124-Goldene-Altartafel.html

[12] Siehe: https://www.musee-moyenage.fr/collection/oeuvre/joueurs-echec.html

[13] Hubert Spiegel in FAZ vom 31.7.2022

[14] https://www.challenges.fr/lifestyle/reouverture-du-musee-de-cluny-un-nouvel-ecrin-pour-la-dame-a-la-licorne_812894

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