Der 2. Mai 2022: Boulevard Voltaire/Paris 11ème.

Ich muss gestehen, dass ich den diesjährigen 1. Mai ganz unpolitisch verbracht habe: Nämlich mit einer Radtour ins Pariser Umland, um ein kleines privates Museum am Canal de l’Ourcq zu besuchen, das schon lange auf meiner „Wunschliste“ steht. Es hat aber nur ab und zu geöffnet – diesmal gerade am 1. Mai…

Dass es nun trotzdem diesen ganz ungeplanten und spontan erstellten Blog-Text zum 1. bzw. genauer: zum 2. Mai gibt, hat seinen Grund in diesem Zettel:

Ich entdeckte ihn zufällig am 2. Mai nachmittags an einer Immobilien-Agentur im Boulevard Voltaire: „Ihre Agentur bleibt geöffnet „noch mehr als gewöhnlich“.

Der Text sprach mich unmittelbar an. Er hing an der Fassade der Agentur, die völlig offen war:  Glas an der Schauseite gab es nicht, auch nicht in der Tür, durch die man treten konnte, ohne sie zu öffnen. Die Agentur war also in der Tat „noch mehr als gewöhnlich“ geöffnet – eine auch noch in  Anführungsstriche gesetzte und an dieser Stelle geradezu surrealistische Information….  

Drinnen saß ein junges Paar auf einer Couch – offensichtlich die Betreiber dieser Agentur. Der junge Mann wurde auf mich aufmerksam, trat vor bzw. durch die Tür und wir kamen ins Gespräch. Er war noch sichtlich erschüttert von dem, was sich tags zuvor abgespielt haben musste: Die massive Fensterfront der Agentur war völlig zerstört worden, was nur mit größter Gewaltanwendung und nur mit einigem Zeitaufwand möglich sei. Die Polizei habe nicht eingegriffen, was er aber im Prinzip richtig fand: Besser nur Sachschäden als Verletzte oder gar Tote….  Der bzw. die Vandalen hätten sich sogar noch die Zeit genommen, eine Informationstafel im Innern in ihrem Sinne umzugestalten: Statt des Angebots einer kostenlosen Bewertung von Immobilien der Aufruf zu Streik und die Proklamation von Anarchie.

Er habe ja viel Verständnis für die verbreitete Unzufriedenheit, wofür er das Wort „colère“ /Wut verwendete. Damit wird derzeit gerne die Befindlichkeit vieler Franzosen bezeichnet, und auch politische Aktivisten benutzen das Wort ausgiebig, um ihre Aktionen zu begründen.  Das aber, was da am 1. Mai geschehen sei, habe -so der junge Mann- nichts mehr mit einer verständlichen, legitimen Meinungsäußerung zu tun. Einige Randalierer hätten die Demonstration genutzt, um im Boulevard eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Darüber werde jetzt nur noch berichtet und gesprochen und nicht über die berechtigten Anliegen friedlicher Demonstranten. So war es denn ja auch.[1]

Und dann erklärte er mir die Anführungsstriche auf dem Zettel: Dass die Agentur „noch mehr als gewöhnlich“ geöffnet sei.  Dieser Ausdruck stamme aus London aus der Zeit des deutschen Bombardements der Stadt im Zweiten Weltkrieg. Als er merkte, wie mich dieser Bezug berührte, empfahl er mir zum Abschied, mich doch etwas umzusehen. Auch wenn schon viel aufgeräumt worden sei – wie in seiner Agentur- würde ich da immer noch einen Eindruck von dem bekommen, was sich tags zuvor abgespielt habe.

Da wir Freunde erwarteten, hatte ich nur ganz wenig Zeit. Aber die 15 Minuten, die mir noch blieben, nutzte ich, um in der Umgebung der Agentur im Boulevard Voltaire Fotos zu machen. Hier einige Eindrücke:

Die Immobilien-Agentur la forêt

Am ärgsten betroffen waren vor allem Bankfilialen.

Werbung sei ein Akt der Gewalt. Sie zu zerstören ein Akt der Therapie.

Und darunter: „ein Reicher, eine Kugel, Gerechtigkeit“

„Das ist explodiert“

Dieser Geldautomat wurde vermutlich schon vorsorglich vernagelt. „Warum versteckst du dich?“  – Aber statt der Verbform von „cacher“ (sich verstecken) wird das englische Wort für Bargeld verwendet (cash)….

Die dazu passenden politischen Botschaften gibt es auch:

Der Kapitalismus als Ursprung des Zorns (la colère)

Gestern die Fensterscheibe, heute die Mauer, morgen Macron

Zwischen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen: Wählen tötet

Die Jugend hat nichts mehr zu verlieren. Ihr habt uns unsere Zukunft gestohlen, wir zerstören eure Gegenwart.  Dem hat jemand hinzugefügt: Pardon, aber was tun?

Niederlassung der AXA-Versicherung im Boulevard Voltaire. Dort haben wir unsere staatlich vorgeschriebene Wohnungsversicherung abgeschlossen und sind wegen wiederholter -in Pariser Altbauten üblicher- Wasserschäden gut bekannt.  Hier haben die Vandalen nicht nur Schaufenster und Tür zerstört, sondern auch den Innenraum mit den Einrichtungsgegenständen verwüstet. Die Angestellten waren aber schon wieder notdürftig bei der Arbeit und freuten sich über mein „bon courage!“. Immerhin gehe ich davon aus, dass sie gut versichert sind….

Der Boulevard Voltaire war deshalb besonders von den Zerstörungen betroffen, weil dies die klassische Demonstrationsroute zwischen der place de la Nation und der place de la République ist. Betroffen waren nicht nur Bankfilialen und Immobilienagenturen, sondern zum Beispiel auch diese Zeitarbeits-Agentur, die mit einer entsprechenden Aufschrift versehen wurde:

Schluss mit der Arbeit! (cramer = abfackeln, anzünden). In Brand gesteckt wurden am 1. Mai auch wieder einige Autos, die unvorsichtigerweise an der Demonstrationsmeile abgestellt waren. Aber auf dem kleinen von mir beobachteten Teilstück des Boulevard Voltaire war davon am 2. Mai nachmittags nichts (mehr) zu sehen.

Unübersehbar war dieser Bio-Laden. Der Pfeil (Bio für alle) zeigt auf die (zerstörte) Tür. Der Laden wurde am 1. Mai -entsprechend dieser Aufforderung- geplündert. Und dazu folgende Aufschrift:

Die Milliarden der Reichen sollen die Bio-Lebensmittel bezahlen. Dann wird sich der Zorn (natürlich auch hier: la colère) legen. Bio-Lebensmittel zugänglich für jedermann. Es lebe der freie Preis. Offenbar soll wohl jeder den Preis entrichten, den er bezahlen kann bzw. will. Die, die das Geschäft plünderten, gehörten offensichtlich zu denen, die nichts bezahlen wollten…

Hier mal ein Maiplakat der Gewerkschaft CGT mit der Aufforderung, sich für die Löhne, die Beschäftigung und den Frieden in der Welt zu engagieren.

75% der Franzosen sind der Meinung, dass ihre Kaufkraft sinkt. Sie haben 100% Recht. Mit der CGT für bessere Löhne

Ein Stopp-Schild für Le Pen: immerhin stehen jetzt Parlamentswahlen bevor.

Besonders schlimm und traurig, dass auch öffentliche Güter wie hier die Metro-Station Voltaire der Linie 9 verwüstet wurden.

Die Informationstafel mit dem Stadt- und Metro-Plan von Paris war stark beschädigt und abgeknickt. Sie wurde am nächsten Tag abmontiert. Dahinter der Zeitungskiosk…

… und daneben der Aufruf zur Erhaltung der öffentlichen Dienstleistungen….

Hart getroffen hat es auch den Zeitungskiosk: Das seien Verrückte gewesen, sagte der Zeitungshändler. Immerhin saß er aber am 3. Mai schon wieder in seinem notdürftig zusammengeflickten Kiosk, zeigte mir aber auf seinem Handy gerne Bilder vom Werk der „casseurs“.   Aber bei McDonald’s an der Ecke sei es noch schlimmer: Die ganze Einrichtung verwüstet. Man könne dort nicht mehr sitzen, es gäbe jetzt nur Straßenverkauf und die Schaufenster blieben wohl noch -in Erwartung möglicher weiterer Ausschreitungen- bis über den 8. Mai verrammelt.  2020, bei der großen Demonstration gegen die damals geplante Rentenreform waren die Fenster der  McDonald’s Filiale an der place Voltaire noch mit hunderten kleinen politischen Aufklebern beklebt worden. Das war damals sogar eine Attraktion gewesen und hatte etwas von Aktionskunst.[2]

Jetzt nur noch blinde Zerstörung. Es habe ausgesehen, als sei eine Bombe eingeschlagen, sagte der Zeitungsverkäufer.  Da sind wir wieder bei den Bomben wie am Anfang dieses kleinen Rundgangs….

Der abschließende Kurzkommentar des Zeitungshändlers: Le monde à l’envers…  Verkehrte Welt

Beeindruckend war aber auch, mit welcher Geschwindigkeit und Professionalität schon am 2. Mai die ärgsten Schäden beseitigt wurden oder sogar schon beseitigt worden waren.

Agentur der Versicherungsgesellschaft MAIF, Place Voltaire
Verpiss dich/fick dich MAIF! Es lebe die Demonstration

… und wie auch unter diesen teilweise extremen Bedingungen „business as usual“ praktiziert wurde. Das schien entsprechend eingespielt zu sein. Und es gab ja in der Vergangenheit schon genug Gelegenheiten, entsprechende Erfahrungen zu sammeln…

Trotz alledem also: Wir haben geöffnet oder mit einem schon klassischen Frankfurter Zitat: Lebbe geht weider… la vie continue…

Anmerkungen:

[1] Siehe z.B. https://www.leparisien.fr/faits-divers/1er-mai-vitrines-cassees-pompier-agresse-de-violents-heurts-en-marge-du-defile-a-paris-01-05-2022-VE7X5EONU5FD7MVDEIRPE2DHEE.php und https://www.lemonde.fr/politique/live/2022/05/01/1er-mai-en-direct-cortege-dense-a-paris-heurts-et-degradation-en-marge-de-la-manifestation_6124336_823448.html und https://www.lefigaro.fr/actualite-france/a-paris-tensions-et-debordements-en-marge-de-la-manifestation-du-1er-mai-20220501

[2] Siehe: https://paris-blog.org/2020/02/10/aktionskunst-im-rentenstreik-mcdo-paris-place-voltaire-6-2-2020/

Weitere geplante Blog-Beiträge:

Das Château Rosa Bonheur in By bei Paris

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Der König der Tiere: Das Labyrinth und die Menagerie Ludwigs XIV. im Park von Versailles

Ein Gedanke zu “Der 2. Mai 2022: Boulevard Voltaire/Paris 11ème.

  1. Jürgen Scheller

    Sehr geehrter Herr Wolf,

    vielen Dank für diesen ebeno informativen wie traurig machenden Bericht.
    Wir haben Paris Mitte 2020 verlassen, insgesamt nach mehr als 7 schönen
    Jahren. Der Stadt und dem Land bleiben wir verbunden; nicht aber diesen
    sinnlosen Gewaltausbrüchen. Als wir am 28.11.2018 nach einem Urlaub in
    Deutschland zurückkehrten, rauchten die Autos noch vor unserer
    Wohnanlage und die Ave. Victor Hugo sah so aus, wie Ihr 11. Ardsmt.

    Da läuft einiges falsch und Frankreich war uns in diesen Dingen immer
    ein paar Jahre voraus. Wenn man sich die Einkommensverteilung in
    Deutschland ansieht und die aktuellen Maßnahmen unserer Regierungen
    dagegen spiegelt, dann sind solche Exzesse auch bei uns bald sehr
    wahrscheinlich. Der deutsche Michel wird da seine zahlreichen
    Komfortzonen verlassen müssen und begreifen, dass man sich nicht nur
    aufs Fremdschämen beschränken darf. Gleichwohl lassen solche Bilder
    einen eher ratlos zurück.

    Nochmals besten Dank und – bon courage
    JS

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