Große Männer und Frauen des Marais: Eine Ortsbesichtigung anhand der Portraits des Street-Art- Künstlers C 215 (Teil 2: große Frauen)

Im ersten Teil dieses Beitrags wurden einige Männer vorgestellt, die das „große Jahrhundert“ des Marais und Frankreichs geprägt haben: Der König Henri Quatre, sein Minister Sully  und Ludwig XIII., die den Plan dieses neuen Viertels entworfen und umgesetzt haben; dazu mehrere Künstler,  Architekten, Maler, Musiker, die dem Viertel Leben und Glanz verliehen haben.[1]

Zu dem Glanz des Marais im „großen Jahrhundert“ Frankreichs haben  ganz wesentlich auch Frauen beigetragen. Das Marais war damals ein Zentrum der französischen Kultur literarischer Salons, die vor allem von Frauen betrieben wurden. So der Salon der  Madeleine de Scudéry, die E.T.A. Hofmann zur Potagonistin seiner Kriminalgeschichte  Das Fräulein von Scuderi machte. Madeleine de Scudéry, auch Sapho genannt nach der Dichterin des klassischen Griechenland, schrieb sehr erfolgreiche heroisch-galante Romane im Stil der Zeit und eröffnete 1652 in der rue de Beauce ihren eigenen preziösen und hocharistokratischen Salon, in dem die Teilnehmer/innen die Kunst einer geistreichen Konversation pflegten. Madeleine de Scudery wurde sogar als Anwärterin für einen Sitz in der Académie Française gehandelt, die es aber dann doch vorzog, für weitere 300 Jahre (bis 1980) eine den Männern vorbehaltene Domäne zu bleiben.

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Portrait der Madeleine de Scudéry (1607 – 1701) : rue du Temple Nummer 4

 DSC07010 Ninon de l'EnclosEinen weiteren bedeutenden Salon betrieb Ninon de  L’Enclos (1620-1705), deren Portrait sich in der rue du Pas de la Mule, auf der Rückseite des Portraits von Ludwig XIII.  befindet.  Wie Madeleine de Scudery war auch sie Schriftstellerin, blieb ihr Leben lang  ledig, hatte aber eine Fülle von Liebhabern und war eine heißbegehrte Kurtisane. Das hinderte aber „tout Paris“ nicht daran, ihren Salon zu frequentieren, wenn man denn das entsprechende  Privileg hatte. Im Vorwort zur deutschen Ausgabe der Briefe von Ninon d’Enclos an den Marquis von Sévigné aus dem Jahr 1751 heißt es:

„Das Haus der Fräulein Lenclos … war der Sammelplatz aller gesitteten und durch ihren Witz berühmten Leute, die Hof und Stadt nur aufweisen konnten. Die tugendhaftesten Mütter bewarben sich aufs eifrigste,  ihren Söhnen, die auf den Schauplatz der Welt getreten waren, den Vortheil zu verschaffen, daß ihnen zu dieser liebenswürdigen Gesellschaft der Zutritt verstattet würde, die man für den Mittelpunkt eines guten Umgangs ansah.“[2]

Erotisch anziehende, kultivierte adelige Damen waren geradezu ein Markenzeichen des Marais im „Grand Siècle“. Es ist deshalb auch kein reiner Zufall,  dass alle drei nachfolgend etwas ausführlicher vorgestellten Frauen Mätressen Ludwigs XIV. waren. Ein Auswahlkriterium war das allerdings nicht: Es sind drei Frauen, die ich wegen ihrer Persönlichkeit und Lebensumstände besonders interessant finde und mit deren Namen auch sehenswerte Orte verbunden sind. Ein Spaziergang zu den Portraits  großer Männer und Frauen des  Marais kann so vielleicht ein Panorama des Lebens der high society des großen Jahrhunderts entfalten und einen genaueren Blick auf einige der architektonischen Schätze des Marais  ermöglichen.

Die drei nachfolgend vorgestellten Frauen und Orte sind:

Die Princesse de Soubise, petite maitresse  Ludwigs XIV.,  und das hôtel de Soubise

Mme de Montespan, Maitresse de titre Ludwigs XIV.,  und das hôtel d’Albret

Françoise d’Aubigné, die spätere  Madame de Maintenon und zweite Gemahlin Ludwigs XIV.,  und der literarische Salon, den sie zusammen mit ihrem ersten Mann Paul Scarron  in der rue de Turenne 56 betrieb. Einbezogen wird hier auch ein Ort außerhalb von Paris, nämlich  das Schloss von Maintenon.

In einem später folgenden dritten Teil soll Madame de Sévigné mit ihrem  Geburtshaus an der place des Vosges und ihrem langjährigen Wohnsitz, dem hôtel de Carnavalet vorgestellt werden. Das ist jetzt der Ort des Pariser Stadtmuseums, das aber wegen Renovierungsarbeiten geschlossen ist. Und in einen solchen Beitrag könnte/sollten auch das château de Rochers bei Vitré und  das Schloss von Grignan bei Montélimar einbezogen werden. Dort lebte die Tochter der Madame de Sévigné. Zwischen Mutter und Tochter gab es ja einen berühmten Briefwechsel. Und in Grignan ist Madame de Sévigné auch bestattet. Grignan liegt auf dem Weg ans Mittelmeer, wo wir im Juni sein wollten. Und in Grignan wollten wir bei dieser Gelegenheit gerne  einen Zwischenaufenthalt einlegen.  Daraus wird nun nichts. Also hoffentlich ein anderes Mal….

  1. Die Princesse de Soubise und das hôtel Soubise

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Anne de Rohan-Chabot (1648-1709)

Kurzinformation auf dem Faltblatt des Projekts: Bekannte Maitresse von Ludwig XIV. Ihr Portrait befindet sich in der Nähe des hôtel de Soubise, das ihr Mann auf ihre Veranlassung hin 1700 kaufte.

Anne de Rohan-Chabot war eine Tochter aus bestem adeligem Hause (ihre Mutter war Marguerite, die duchesse de Rohan), erhielt eine sehr gute Bildung und wurde schon im Alter von 15 Jahren mit François, prince de Soubise verheiratet. Das hinderte Ludwig XIV. allerdings nicht daran, ein Auge auf die junge Frau zu werfen, zumal damals der Stern seiner Mätresse Françoise-Louise de la Vallière gerade verblasste. Die Mutter Annes war allerdings auf den Ruf ihrer Tochter bedacht und entfernte sie vom Hof des Sonnenkönigs, was auch dessen neuer Mätresse, der Madame de Montespan,  sehr gelegen kam. Einige Jahre später, Anne war inzwischen 25 Jahre alt,  kam es zu einer erneuten  Begegnung mit Ludwig XIV..  Der verlieh ihr den sehr ehrenvollen Titel einer dame du palais der Königin, so dass sie ganz offiziell in seiner Nähe war.  Anne hatte damals schon sechs Kinder,  war aber dank einer speziellen Diät aus Obst, Gemüse und gekochtem Fleisch immer noch sehr attraktiv. Ein zeitgenössischer Beobachter bemerkte: „Ihre ständigen Schwangerschaften„-  zu den sechs Kindern kamen noch fünf hinzu- „unterbrachen die Gelüste des Königs, denn sie ist nur in der Zeit schön, wenn sie nicht schwanger ist.“  Vielleicht wurde auch deshalb Anne de Soubise  von der Eifersucht der Madame de Montespan verschont: Die konnte ja damit rechnen, dass die nächste Schwangerschaft nicht weit ist.  Eines der 11 Kinder Annes, Armand-Gaston, der spätere Kardinal de Rohan, entstammt möglicherweise der Beziehung mit Ludwig XIV..  Die sah Annes Ehemann durchaus mit Wohlwollen.  Von Zeit zu Zeit verließ er ostentativ Versailles und seine Frau legte ebenso ostentativ Smaragd-Ohrringe an: Dann wusste der Hof, dass ein Rendezvous mit dem König anstand. Monsieur de Soubise konnte von dieser Liaison erhebliche Vorteile erwarten, die er „für seine guten Dienste“ (en considération de ses services) auch erhielt.[3]  So konnte er 1700 auf Wunsch seiner Frau das noch aus dem 14. Jahrhundert stammende hôtel de Clisson erwerben, das einem weitläufigen Neubau  mit einem grandiosen, von Kolonaden gesäumten Ehrenhof Platz machte. Nur noch das alte Torhaus des hôtel de Clisson ist  erhalten.[4]

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In der Französischen Revolution wurde der Besitz enteignet und von Napoleon zum Sitz des Staatsarchivs bestimmt. Heute gibt es in dem Gebäude noch ein kleines Museum des Nationalarchivs.

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Treppenhaus mit dem Aufgang zur Salle des Documents

Besonders sehenswert und schön sind die aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts stammenden Rokokoräume: das Appartement de la Princesse im ersten Stock und das Appartement du Prince im Erdgeschoss.

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Dort finden öfters auch Konzerte statt- womit eine Tradition aus der für die Rohans glanzvollen  Zeit des ancien régime fortgesetzt wird: Eine Gelegenheit, die im  Louis Quinze-Stil reich ausgestatteten Räume zu bewundern.

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Hier ein Konzert am Tag des offenen Denkmals 2018

Besonders kunstvoll sind die Stuckarbeiten von Lambert Sigisbert Adam:

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Hier die  geflügelten Allegorien der Geschichte, der Zeit und des Ruhms: Der Ruhm ist auf dem Weg in die Zukunft, hat den Kopf aber zurückgewandt und feiert zum Schall der Trompete die Taten der großen Männer. Auf dem Buch der Geschichte ist schon  verzeichnet: Listoir de la meson de Roan, Die Geschichte des Hauses Rohan.

  1. Mme des Montespan und das hôtel d’Albret

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Kurzinformation aus dem Faltblatt des Projekts:  Madame de Montespan (Françoise de Rochechouart de Mortemart, 1640-1707). Ihr Portrait befindet sich nicht weit von dem hôtel d’Albret, Ort eines literarischen Salons, den Mme de Montespan oft besuchte und wo sie Françoise d’Aubigné kennen lernte, die später die Marquise de Maintenon wurde.

 Während man die princesse de Soubise wohl mit einiger Berechtigung als „petite maitresse“ Ludwigs XIV. bezeichnen kann[5], trifft das bei  Madame de Montespan ganz und gar nicht zu. Immerhin war sie mehrere Jahre lang  „maitresse en titre“, das heißt,  sie hatte den offiziellen Rang einer königlichen Mätresse inne!  Und sie hatte sieben Kinder mit dem Sonnenkönig, von denen sechs von ihm legitimiert wurden. Mme de Montespan war eine schöne, charmante und kultivierte Unterhalterin, eine herausragende Vertreterin der damals gerade im Marais blühenden Kultur der literarischen Salons. Mme de Sévigné, von der später noch die Rede sein wird, und andere rühmten ihren „esprit Mortemart“, eine besondere Form geistreicher Kommunikation, die dem Geschlecht der Mortemart, dem sie angehörte, zugeschrieben wurde.  Dazu war sie eine sehr ehrgeizige und berechnende Frau. Madame de Sévigné nennt sie deshalb in ihren Briefen die „Quanto“ oder „Quantova“.(italienisch: „Wieviel?“ oder „Wieviel kostet’s ?“)  Ganz offensichtlich hatte es die schon verheiratete Madame de Montespan darauf angelegt, Mätresse des Königs zu werden. Charmant und trickreich bahnte sie sich den Weg zu Ludwig XIV., indem sie sich mit Louise de La Vallière anfreundete, ihrer Vorgängerin als „maîtresse royale„. Die La Vallière schwärmte gegenüber dem König von ihrem Witz und ihrem klugen Kopf – und bald war nicht mehr sie die offizielle Geliebte, sondern die Marquise de Montespan. (6) Lieselotte von der Pfalz beschreibt, auf welch demütigende Weise Ludwig XIV. Mademoiselle La Vallière abservierte: 

„Der König war hart zu ihr und ironisch bis zur Beleidigung. Als er durch das Zimmer der La Vallière ging, um sich zu Madame de Montespan zu begeben, nahm der König, von dieser aufgestachelt, seinen kleinen Hund, einen hübschen Spaniel, der Malice hieß, und warf  ihn der Herzogin mit den Worten zu: ‚Madame, das ist Ihre Gesellschaft, das muss Ihnen genügen.'“ 

Der Marquis de Montespan, ihr Gatte, sah allerdings –anders als etwa der prince de Soubise und andere adlige Ehemänner-  das Interesse des Königs an seiner Frau mit Missfallen. Er trug sogar Trauerkleidung für seine Frau und ließ ein Paar Hörner an seiner Kutsche anbringen – als öffentliches Zeichen dafür, dass sie ihn betrogen hatte.  Montespan wurde verhaftet, aber nach einigen Tagen wieder freigelassen. Offenbar hatte man sich bei Hofe darauf verständigt, ihn  „für einen ungehobelten Menschen und für einen Narren“ anzusehen  und die  Montespan selber beklagte sich, dass ihr Papagei und ihr Mann der Hofgesellschaft zum Amüsement dienten. Schließlich entschied man sich aber, den Marquis nach Spanien zu verbannen und  seine Ehe mit der Mätresse des Königs per Gerichtsbeschluss zu beenden.[7] So blieben ihm die königlichen Gunsterweisungen verwehrt, die dem prince de Soubise den Erwerb seines hôtel particulier ermöglicht hatten. Ein hôtel de Montespan gibt es also nicht im Marais, nur das heute sehr streng wirkende hôtel d’Albret, in dem Madame de Montespan, die sich in Anspielung an die Göttin Athene auch Athénaïs de Montespan nannte, mit ihren geistreichen Wortspielen und bissigen Bemerkungen glänzte.

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                           Innenhof des hôtel d’Albret, 31 rue des Francs-Bourgeois

Um 1750 wurde der frühere Bau von François Mansart im Stil seiner Zeit umgestaltet, während der Französischen Revolution dann enteignet und in eine Lampenfabrik umgewandelt.[8] Heute befindet sich in dem Bau die Direction des Affaires culturelles de la Ville. Immerhin. Und es gibt noch das Eine oder Andere, das an den früheren Glanz erinnert.[9]

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Zum Bruch zwischen dem König und seiner Geliebten kommt es, als de Montespans Name im Prozess gegen die bekannte Giftmischerin und angebliche Magierin Cathérine La Voisin fällt. Ludwig XIV. möchte aber einen Skandal vermeiden und verhindert, dass den Beschuldigungen nachgegangen wird.

Ironischerweise ist es gerade eine enge Vertraute der Marquise de Montespan,  die ihr als „maîtresse royale“ nachfolgt, nämlich Madame Scarron, die Erzieherin der unehelichen Kinder des Königs und die spätere Marquise de Maintenon.

  1. Madame de Maintenon

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Kurzinformation auf dem Faltblatt des Projekts: Madame de Maintenon (Françoise d’Aubigné  (1635-1719)  und  Paul Scarron (1610-1660)

Der berühmte Salon von Paul Scarron befand sich in der rue de Turenne 56, wo er mit seiner Frau  Françoise d’Aubigné wohnte. Sie führte mit ihm diesen Salon und wurde später Mme de Maintenon, die Favoritin Ludwigs XIV.

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Die unscheinbare  Plaque commémorative für Paul Scarron über der Tür von Nr. 56

Die Geschichte der Madame de Maintenon ist sicherlich –auch im Vergleich zu den beiden bisher vorgestellten großen Frauen des Marais- am faszinierendsten und wäre ein idealer Stoff für einen  Groschenroman oder einen Bollywood-Film.  War die Princesse de Soubise „nur“ eine petite maitresse des Sonnenkönigs, die Madame de Montespan immerhin maitresse en titre, so wurde Madame de Maintenon nicht nur die letzte Mätresse Ludwigs XIV., sondern  nach dem Tode der Königen Marie Thérèse auch im Rahmen einer sogenannten morganatischen, von der Kirche gesegneten Ehe „linker Hand“,  seine ihm bis zu seinem Tod verbundene zweite Ehefrau. Diesem glanzvollen Status steht eine völlig entgegengesetzte Jugend der Françoise d’Aubigné gegenüber: Zwar  war ihr Großvater Agrippa d’Aubigné ein Freund und Kampfgefährte Heinrichs IV., aber ihr Vater war ein wenig erfolgreicher Abenteurer, dazu Hugenotte, weswegen er zeitweise im Gefängnis von Niort einsaß, wo auch seine Tochter geboren wurde. Er versuchte dann, sein Glück in den Antillen/Westindien zu finden, wohin die Familie ihm folgte – Françoise brachte das den Beinamen „La Belle Indienne“ ein.[10] Allerdings scheiterte auch dieser Versuch. Nach dem Tod des Vaters kehrte die Familie nach Frankreich zurück.

1652 nahm ihr Leben eine entscheidende Wendung, und hier kommt nun auch das auf der anderen Seite des Kastens gemalte Portrait ins Spiel:

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Das 16 Jahre alte Mädchen lernte nämlich den 42-jährigen  Komödien-Autor Paul Scarron kennen.

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Scarron war damals einer der meistgelesenen Autoren Frankreichs, „figure incontournable de l’esprit du temps“. Racine, dessen eigenhändig signiertes Exemplar der Werke Scarrons hier abgebildet ist, schätzte ihn zwar nicht allzu sehr, aber die Lektüre von Werken Scarrons brachte ihn dann doch des Öfteren zum Lachen.[11]

Scarron  litt unter einer fortschreitenden Muskellähmung, saß im Rollstuhl und sah nach eigenen Worten aus  „wie ein Z“.[12]  Die junge Françoise soll bei seinem Anblick vor Mitleid in Tränen ausgebrochen sein.  Scarron fiel nicht nur die Schönheit, sondern auch die ungewöhnliche Intelligenz des schüchternen und zurückhaltenden Mädchens auf, und er machte ihr einen Heiratsantrag, den die Sechzehnjährige annahm.  Durch den Witz Scarrons und den Esprit seiner jungen Frau wurde ihr Salon zu einem Treffpunkt von Literaten und geistig interessierten Aristokraten, der auch von finanzkräftigen Gönnern wie dem Kardinal de Retz und  dem surintendent Fouquet, dem Finanzminister Ludwigs XIV.,  gefördert wurde. Allerdings lebte Scarron in eher bescheidenen Verhältnissen und hinterließ bei seinem Tod 1660 eine Witwe, die nun ihr Leben in die eigenen Hände nehmen musste, indem sie zunächst alleine  die Tradition des Salons fortsetzte. Dabei gewann sie einflussreiche Freundinnen wie  die Marquise de Sévigné und  Madame de Montespan,  auf deren Bitten hin sie die Erziehung der Kinder übernahm, die diese mit ihrem Mann und mit Ludwig XIV. hatte.

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Françoise Scarron und die beiden ersten Kinder von Ludwig XIV. und Madame de Montespan. Zugeschrieben dem Maler Pierre Mignard und ausgestellt im Schloss von Maintenon

1673 erkannte  Ludwig seine Kinder an und holte sie nach Versailles, wohin  nun auch  Françoise übersiedelte. Ludwig XIV. schätzte sie, die so ganz anders war als die üblichen kapriziösen Hofdamen, sehr: Durch Schenkungen verschaffte er ihr  wirtschaftliche Unabhängigkeit. So konnte sie schon 1674 Besitzung und  Schloss von Maintenon westlich von Paris erwerben und den heruntergekommenen Bau mit seinen runden Wehrtürmen zu einem ansehnlichen und eleganten  Landsitz umgestalten.

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Sie wurde nun, vor allem, nachdem Madame de Montespan in Ungnade gefallen war, zur engsten Vertrauten des Königs. Er empfing seine Minister in ihren Gemächern und pflegte sich stundenlang mir ihr zu unterhalten.  Der Hofgesellschaft war das ein Rätsel. In einer zeitgenössischen Quelle heißt es über Madame de Maintenon:

„Es ist erstaunlich, dass sie, die weder Schönheit noch Jugend besitzt, imstande ist, eine so starke Leidenschaft und soviel Vertrauen zu wecken“. 

Viele konnten sich auch nur vorstellen, dass Ludwig XIV. sich bald wieder einer der jungen Damen des Hofes  zuwenden würde, die sich danach drängten, seine Mätresse zu werden. Und so wurde Madame de Maintenon auch von spitzen Zungen „Madame de Maintenant“ genannt: Ein Wortspiel mit dem französischen maintenant, also jetzt, nunmehr. Da war dann Madame de Maintenon „die Derzeitige“, der sicherlich bald -wie gewohnt bei dem Sonnenkönig- eine andere folgen würde.  (12a)  Aber es kam anders.

Als 1683 die Königin starb, entschloss sich Ludwig XIV. – er war damals 45 Jahre alt- die Beziehung auf eine neue Grundlage zu stellen. Sein Kriegsminister Louvois war entsetzt:

Oh Sire! Der größte, ruhmreichste König der Welt heiratet die Witwe Scarron! Wollt Ihr Euch entehren?“[13]

Der Sonnenkönig ließ sich zwar nicht von seinem Vorhaben abbringen, auf Vorschlag des Erzbischofs von Paris wurde aber mit dem Segen der Kirche eine heimliche  Ehe „zur linken Hand“ geschlossen, die ohne rechtliche und dynastische Konsequenzen war.  Bis zu seinem Tod 1715 lebte Ludwig XIV. nun mit ihr zusammen. Das nach außen unklare Verhältnis der beiden, ihr Alter (sie war drei Jahre älter als der König) ihr Witwenstand und ihre niedrige Herkunft führten natürlich  zu Gerede am Hofe und in Europa, auch wenn Ludwig XIV. die Witwe Scarron 1688 zur Marquise de Maintenon erhob und auch wenn er nur allzu deutlich machte, wie hoch er sie schätzte.  So durch den Bau eines  unmittelbar durch den Schlosspark von Maintenon führendes  Aquädukts. Es war Teil eines gigantischen und gescheiterten Projekts zur Wasserversorgung von Versailles-  des einzigen zivilen Projekts, das der Festungsbaumeister Vauban auf Veranlassung Ludwigs XIV. übernahm. Und dem war es wichtig, dass Madame de Maintenon von ihrem Schloss aus dieses gewissermaßen ihr gewidmete Bauwerk direkt vor Augen haben sollte- ein krönender Abschluss des von keinem Geringerem als dem großen Le Nôtre entworfenen Parks.[14]

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Bei dem gehässigen Gerede über Madame de Maintenon tat sich besonders die Schwägerin Ludwigs XIV., Liselotte von der Pfalz, hervor. Sie bezichtigte ihre Intimfeindin wohl zu Unrecht (15), den König zu der Hugenottenverfolgung bewogen zu haben, belegte sie mit Ausdrücken  wie „altes Weib“, „alte Hexe“ und „alte Vettel“, „die Scarron“, besonders gerne aber „die alte Zott“.  Nach dem Tod Ludwigs XIV. 1715 schrieb sie über seine Frau: „Der Teufel in der Hölle kann nicht schlimmer sein als sie gewesen ist“,[39] und nach dem Tode der Maintenon: „In dießem morgen erfahre ich, daß die alte Maintenon verreckt ist, gestern zwischen 4 und 5 Uhr abendt. Es were ein groß glück geweßen, wen es vor etlich und 30 Jahren geschehen wäre“.[16]

Dabei hätte gerade Liselotte von der Pfalz Anlass gehabt, etwas nachsichtiger gegenüber der Madame de Maintenon zu sein, und zwar 1689,  anlässlich der Strategie der verbrannten Erde, die von Louvois, dem „schrecklichen Minister“  Ludwigs XIV.[17] im sogenannten pfälzischen Erbfolgekrieg angeordnet und dem „Sonnenkönig“ als militärisch geboten dargestellt worden war. Louvois hatte seine Offiziere ausdrücklich zur Zerstörung der Pfalz und zur Niedermetzelung seiner Bewohner aufgefordert. Da war es nun Madame de Maintenon, die nach dem Zeugnis des ihr nun wahrlich nicht sehr gewogenen Herzogs von Saint Simon beim König intervenierte – trotz ihrer herausragenden Stellung reichlich kühn:

Sie versäumte es nicht, dem König die ganze Grausamkeit vor Augen zu führen. … Und sie machte ihm deutlich, dass der Hass auf den Herrn zurückfallen werde (also den König) und nicht auf den Nachgeordneten (Louvois).

Languet de Gergy, ein anderer zeitgenössischer Beobachter,  schreibt:

„Madame de Maintenon (…) konnte das Geschrei der Völker und die Empörung aller Nationen nicht ertragen. Sie glaubte sich verpflichtet, dem König die schlechten Dienste aufzudecken, die ihm sein bedeutendster Minister, unter dem Vorwand, ihm von Nutzen zu sein, erwiesen hatte. Es überrascht nicht, dass sie ihren Charakter in dieser Angelegenheit überwand, die für den Staat und die Ehre des Königs und das Glück der Völker von so großer Bedeutung war.“

Sie wies damit den König darauf hin, dass hier der für ihn besonders wichtige Ruhm beeinträchtigt werde,  und sie hat damit nach dem Urteil ihres Biografen Jean-Paul Desprat Trier davor bewahrt, das gleiche Schicksal zu erleiden wie Heidelberg, Worms, Speyer, Oppenheim und Bingen. Ganz so „devot“,- so charakterisiert sie Gilbert Ziebura- war Madame de Maintenon dann offenbar doch nicht.  [18]

Nach dem Tod Ludwigs XIV. zog sich Madame de Maintenon nach Saint-Cyr zurück, wo sie eine Mädchenschule gegründet hatte, die bald durch Theateraufführungen unter der Leitung von Racine berühmt wurde. Es war die erste und damit zukunftsweisende Gründung einer staatlichen Bildungsstätte für Mädchen. In Saint-Cyr starb sie am 15. April 1719.

Anmerkungen:

[1] Siehe:   https://paris-blog.org/2020/04/20/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-1-grosse-maenner/

[2] Briefe des Fräuleins Ninon de Lenclos an den Marquis de Sevigne. Leipzig in der Weidmannischen Handlung 1751 S. XXI/XXII  Der Marquis de Sévigné war der Sohn der Madame de Sévigné. Auf deren Wunsch sollte Ninon de Lenclos den jungen Marquis gewissermaßen als Mentorin auf seinem Weg ins Leben und in Angelegenheiten der Liebe begleiten und beraten.

Siehe auch: Claudia Simone Dorchain, Die Moral des Salons: https://www.youtube.com/watch?v=ApTLo25ugh0

[3] Zitat zu den ständigen Schwangerschaften der Madame de Soubise und den Gelüsten des Königs: Der Hof Ludwigs XIV. in Augenzeugenberichten, S. 131

„Le prince de Soubise trouvait donc dans les richesses et les honneurs dont on l’accablait une heureuse compensation aux petits désagréments que d’autres partagaient avec lui, sans en retirer les mêmes avantages.“ Savernon, S. 20

[4] https://wikimonde.com/article/H%C3%B4tel_de_Soubise

http://enviedhistoire.canalblog.com/arc hives/2006/08/13/2459029.html

Eine Führung durch das Hôte de Soubise in französischer Sprache:   https://www.youtube.com/watch?v=3ypqrWO9ehY

[5] http://enviedhistoire.canalblog.com/archives/2006/08/13/2459029.html

[6] Gilette Ziegler: Der Hof Ludwigs XIV. in Augenzeugenberichten, S. 127 (Brief vom 28. Juni 1675), S. 131 (Briefe vom 2. September und 30. September 1676                                und: https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag-geburtstag-der-marquise-de-montespan-100.html

Das nachfolgende Zitat der Lieselotte von der Pfalz aus Ziegler, a.a.O., S. 93

[7]  Siehe Gilette Ziegler a.a.O, S. 61 (aus den Memoiren der Mademoiselle de Montpensier) und  https://de.wikipedia.org/wiki/Madame_de_Montespan

[8] Bild aus:  http://www.paristoric.com/index.php/paris-d-hier/hotels-particuliers/hotels-particuliers-tous/1197-l-hotel-d-albret  Zu Mansart siehe den ersten Teil dieses Beitrags über Männer und Frauen des Großen Jahrhunderts des Marais

[9]  Bilder aus: https://de.wikipedia.org/wiki

[10] Desprat, S. 42

Zu Mme de Maintenant siehe auch: https://www.proantic.com/magazine/madame-de-maintenon-dans-les-allees-du-pouvoir/

[11] Lévêque, S. 50 und 40. Dort auch die Abbildung der Werke Scarrons.

[12]  Der Ausruf Louvois‘ wird wiedergegeben in den Erinnerungen des Abbé de Choisy. Zit. von Ziegler in: Der Hof Ludwigs XIV. in Augenzeugenberichten, S. 210.

siehe auch: Helga Thoma: ‘Madame, meine teure Geliebte‘ – die Mätressen der französischen Könige, Ueberreuter, Wien 1996, S. 114 f.

(12a) Zitat aus den zeitgenössischen „Lettres historiques et galantes“. Zit. bei Ziegler, a.a.O., S. 213. Zur „Madame de Maintenant“ a.a.O., S. 202

[13] zit. bei: https://www.deutschlandfunk.de/vor-300-jahren-starb-madame-de-maintenon-die-heimliche.871.de.html?dram:article_id=446309

[14] Über das Aquädukt und das Projekt des Canal Louis XIV (Umleitung der Eure)  in einem späteren Blog-Beitrag mehr.

(15) Desprat weist darauf hin, dass es in dem umfangreichen Briefwechsel der Madame de Maintenon keinen einzigen Beleg für die Billigung des Edikts von Fontainebleau gibt. Allerdings sei sie ungern an ihr hugenottisches Erbe und ihre hugenottische Erziehung erinnert worden, und sie habe alles getan, um Vorwürfen vorzubeugen, sie würde die Hugenotten protegieren.  (S. 302ff)

[16] Dirk van der Cruisse: Madame sein ist ein ellendes Handwerck…, S. 300 f und 606

[17] Desprat, S. 458:  „ce terrible ministre“

[18] Desprat, S. 459    Zitat von Languet de Gergy aus Ziegler, a.a.O., S. 254

Gilbert Ziebura im Vorwort zu „Der Hof Ludwigs XIV. in Augenzeugenberichten“, S. 17

Literatur

Françoise  Chandernagor, L’allée du Roi: Souvenirs de Françoise d’Aubigné, marquise de Maintenon, épouse du Roi de France. Paris: Julliard 1982

Dirk van der Cruisse: „Madame sein ist ein ellendes Handwerck…“: Liselotte von der Pfalz – eine deutsche Prinzessin am Hof des Sonnenkönigs, Piper, München 1990

Jean-Paul Desprat, Madame de Maintenon (1635-1719) ou le prix de la réputation. Paris: Perrin 2015

Paul Savernon, Les Maîtresses de Louis XIV  Paris 1904  https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k9323247/f6.image

Briefe des Fräuleins Ninon de Lenclos an den Marquis de Sevigne. Leipzig in der Weidmannischen Handlung 1751 https://books.google.de/books?id=8ZZRAAAAcAAJ&printsec=frontcover&dq=Der+Ninon+von+Lenclos+Leben+und+Briefe+nebst+der+Briefe+der+Babet&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjl18u-8bHJAhVmJHIKHd1ACBAQ6AEIIzAB#v=onepage&q&f=false

Der Hof Ludwigs XIV. in Augenzeugenberichten. Herausgegeben von Gilette Ziegler. Mit einem Vorwort von Gilbert Ziebura. München: dtv 1981

Weitere Beiträge zur Street – Art in Paris auf diesem Blog:

Zur Street-Art siehe auch die Beiträge zu folgenden Stadtvierteln:

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