Das multikulturelle, aufsässige und kreative Belleville: Modell oder Mythos?

Gegenstand dieses Beitrags ist das Stadtviertel Belleville im 20. Arrondissement von Paris. Belleville weist –ähnlich wie der Faubourg Saint Antoine- keine Sehenswürdigkeiten im traditionellen Sinne auf und wird deshalb von den üblichen Reiseführern eher nicht beachtet. Es ist aber ein außerordentlich lebendiges, facettenreiches Viertel, dessen Besuch unbedingt zu empfehlen ist. Es ist ein  Ort der Kunst, vor allem auch der Street-Art, ein  Ort politischen Engagements in Vergangenheit und Gegenwart und nicht zuletzt das multikulturelle Viertel von Paris. Hier wird Belleville oft Modellcharakter zugesprochen, der allerdings in letzter Zeit  immer mehr in Frage gestellt wird. Ist Belleville also auf dem Weg vom Modell zum Mythos? Ich kann die Frage stellen; ich kann auch erläutern, warum man sie sich stellen  kann oder vielleicht sogar muss, beantworten kann ich sie aber nicht.

Der Bericht enthält folgende Abschnitte:

  1. Das Belleville des Wassers und des Weins
  2. Das Belleville der Arbeiter und Handwerker
  3. Das Belleville der Commune
  4. Das –immer noch- linke Belleville
  5. Das Belleville der Guinguettes und der Ballsäle
  6. Das Belleville der Künstler und der Bobos
  7. Das Belleville der Street Art
  8. Das multikulturelle Belleville (Juden, Tunesier, Schwarzafrikaner, Chinesen)

Wenn von Belleville die  Rede ist, fehlt fast nie die Betonung des multikulturellen Charakters des Stadtviertels: Es ist ein „Babel“, ein „laboratoire de la diversité“, une „terre d’asile et d’accueil de populations aux provenances multiples“, geprägt vom „exotisme des communautés mélangées.  „C’est un lieu emblématique des quartiers pluriethniques à la française“, wie es in einer Präsentation des Viertels durch das Pariser Immigrationsmuseum heißt.[1] In der Tat leben dort auf engem Raum zusammen bzw. nebeneinander alteingesessene Franzosen[2], Nordafrikaner. Schwarzafrikaner und Chinesen- bzw. Menschen afrikanischer, asiatischer oder karibischer Herkunft; Chrsten, Juden,  Mohammedaner, Bouddhisten und sicherlich auch Atheisten.

Im Gegensatz zu Arrondissements, wo die Weißen weitgehend unter sich sind (wie im 16.), die Chinesen (wie  im „Chinatown“ des 13. Arrondissements) oder die Afrikaner -bzw. ihre jeweiligen Nachkömmlinge im Goutte d’Or (siehe den entsprechenden Blog-Beitrag vom Mai 2016) leben hier Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe. Ein quartier pluriethnique ist Belleville also ganz gewiss. Wenn allerdings mit dem Zusatz à la français das vielbeschworene „modèle français d’intégration“ gemeint ist, also eine die Unterschiede von Herkunft, Hautfarbe und sozialem Status überwindende Integration in das republikanische Frankreich mit seinen Werten und Idealen, dann ist nicht ganz sicher, inwieweit Belleville hier noch als Modell gelten kann, sondern eher ein Mythos ist. Dazu am Ende dieses Beitrags mehr.

Belleville ist auch darüber hinaus ein Stadtviertel ausgeprägter diversité: soziologisch, indem hier ganz verschiedene Bevölkerungsschichten und Berufsgruppen zusammen leben:  Handwerker, Künstler, Händler, sehr viele Arme, aber auch sogenannte BoBos, also jüngere, gut verdienende Menschen, die oft im  Kreativbereich arbeiten.  Am Stadtbild lässt  sich die große Vielfalt des Viertels ablesen: Es gibt ein paar wenige Zeugen der mittelalterlichen Vergangenheit, stellenweise ist noch etwas von dem ehemaligen ländlichen und kleinbürgerlichen Charme zu spüren; es gibt sukzessive Fluchten von Hinterhöfen, die auf den ehemaligen Parzellen von Gemüsefeldern errichtet wurden, und es gibt die HLM-Kästen des sozialen Wohnungsbaus als Zeugen der teilweise brutalen Sanierungs-Bemühungen, denen Belleville seit dem 2. Weltkrieg ausgesetzt war und ist. Auch in dieser Hinsicht ist Belleville also ein patchwork-Viertel. Sein Reiz erschließt sich wohl nicht auf den ersten  Blick, aber es lohnt sich, durch das Viertel zu streifen und auf Entdeckungstour zu gehen. Vielleicht kann dieser Text  dazu anregen.

Ein idealer Ausgangspunkt für eine solche Entdeckungstour ist übrigens der Belvedère de Belleville an der Ecke zwischen der Rue Piat und der Rue des Envierges am nördlichen Rand des Parc de Belleville.

Von dort aus hat man  einen der besten Panorama-Blicke über Paris, es gibt ein schönes Café und in dem Amphitheater unter dem Belvedere, das  von dem Street-Art-Künstler Seth ausgemalt wurde,  gibt es im Sommer öfters Konzerte. Ein Ort „à  ne pas manquer!“, wie es in einschlägigen  Führern heißt. (2a)

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  1. Das Belleville des Wassers und des Weins

Im 18. Jahrhundert war Belleville ein –wie der Name schon sagt-  schöner und beschaulicher Ort außerhalb von Paris. Hier wurde Gemüsen und vor allem Wein angebaut. Die Quellen der Hügel versorgten schon seit dem Mittelalter Paris mit sauberem Wasser, wohlhabende Pariser errichteten Landhäuser im Grünen, sogenannte folies (vom französischen Wort feuilles, Blätter, abgeleitet) und genossen die frische Luft. Davon ist heute nicht mehr viel zu sehen. Immerhin gibt es aber noch einige sogenannte mittelalterliche Regards.Das Quellwasser aus den Hügeln von Belleville und Ménilmontant wurde in steinernen Kanälen zu diesen Regards geführt, dort gesammelt und auf seine Qualität geprüft – deshalb auch der Name „regard“- und dann zu den Verbrauchern weitergeleitet. Ein besonders schönes Exemplar ist der Regard St. Martin in der Rue des Cascades – einer von mehreren Straßennamen in Belleville, die an die Bedeutung des Wassers  für dieses Viertel erinnern.

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In der lateinischen Inschrift des Regard wird festgestellt, dass das hier gefasste Wasser für den gemeinsamen Gebrauch der Geistlichen von Saint-Martin de Cluny (oder Saint-Martin des Champs, dem heutigen Museum Arts et Métiers) und ihren Nachbarn, den Tempelherren, bestimmt war. Nach längerer Vernachlässigung der Anlage sei sie in den Jahren 1633 und 1722  von den Quellen an wiederhergestellt worden.[3]

Von den Weinstöcken und Gemüsefeldern ist heute nichts mehr zu sehen: Ihre Parzellen sind aber z.T. noch an der Topographie ablesbar: Da wo heute in der Rue de Bellville enge, langgestreckte Grundstücke mit mehrstöckigen Wohnblöcken und sukzessiven Hinterhöfen dicht bebaut sind, wurde im 19. Jahrhundert Gemüse  gepflanzt. Und im oberen Teil des Parc de Belleville gibt es noch –zur Erinnerung an die Weinbau-Tradition des Viertels- ein kleines Feld mit Weinstöcken…

 

  1. Das Belleville der Arbeiter und Handwerker

Im Zeitalter der Industrialisierung siedelten sich in  Belleville zahlreiche Handwerks—und kleine Industriebetriebe an. Schwerpunkte waren die Textil-, Leder- und Metallverarbeitung. Dazu kamen die Steinbrüche, die im Norden des Viertels betrieben wurden, die carrières d’Amerique. Sie verdanken ihren Namen der Legende, der hier gebrochene Stein sei teilweise nach Amerika exportiert und zum Bau des Weißen Hauses verwendet worden. Die letzten Steinbrüche in Belleville wurden 1873 geschlossen. Da war Belleville schon das erste Arbeiterviertel von Paris geworden, das Einwanderern zunächst aus ärmeren Gegenden Frankreichs, vor allem der Auvergne, dann aber auch Flüchtlingen aus anderen Ländern die Hoffnung auf Arbeit und ein besseres Leben gab.[4] Dazu kamen dann noch die Beschäftigten vieler  kleiner Industrie- und Handwerksbetriebe, die von dem radikalen Stadtumbau des Barons Haussmann aus Paris vertrieben worden waren und sich das Leben in der zunehmend bourgoisen Stadt nicht mehr leisten konnten.

All das waren gute Voraussetzungen für ein reges politisches Leben. Belleviille hatte sich schon während der Französischen Revolution als politisch aktiver Ort hervorgetan: 1791 wurde in der rue de Belleville 130 ein Club des Amis de la Constitution gegründet, der sich ein Jahr später in Club des Amis de l’Égalité et de la  Liberté umbenannte.[5] Im Juli 1840 wurde von Anhängern des Frühkommunisten Babeuf in Belleville das sogenannte Banquet communiste de Belleville organsiert, das erste seiner Art mit ca 1000 Teilnehmern.[6] Dabei handelt(e) es sich um  ein typisch französisches Mittel zur Umgehung des Verbots politischer Veranstaltungen, das auch kürzlich wieder im benachbarten Ménilmontant genutzt wurde, um gegen den Ausnahmezustand zu protestieren.[7]  Mit der Industrialisierung entwickelte sich auch die Arbeiterbewegung in Belleville: Erste Arbeiterassoziationen  entstanden hier und 1877 die erste Pariser Cooperative. Das war in dem Maison du Peuple de la Bellevilloise. Während oben im ersten Stock der sozialistische Parteiführer Jean Jaurès Versammlungen abhielt, wurde im Erdgeschoss im Sinne des Proudhon’schen mutuellisme associatif ein genossenschaftlich organisierter fairer direkter Handel zwischen Herstellern und Produzenten eingerichtet. Vor dem ersten Weltkrieg hatte die Bellevilloise 9000 Mitgliedern  und war damit die größte Genossenschaft Frankreichs. Die Bellevilloise gibt es heute immer noch- und sie ist immer noch ein Ort mit großer politischer und kultureller Ausstrahlung, von dem noch weiter unten die Rede sein wird. [8]

 Von dem Belleville der kleinen Handwerker und Arbeiter ist heute allerdings nicht mehr viel zu sehen. Die klandestinen chinesischen Textilmanufakturen, die es in Hinterhöfen noch geben soll, wird man kaum finden. Auch nicht mehr die bis vor wenigen Jahren noch in Belleville ansässigen Schuhmacher, die maßgeschneiderte Schuhe zu durchaus konkurrenzfähigen Preisen herstellten, wie uns Freunde aus Belleville berichteten.

Aber es gibt noch die Metallwerkstatt in der Rue Ramponneau und den aktuellen Kampf um ihre Erhaltung.

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Diese Werkstadt liegt in einem malerischen Hof –zusammen mit den Ateliers verschiedener Künstler. Die Einrichtung erscheint zwar ziemlich museal, aber offenbar verfügt der Betrieb über ein besonderes und immer selteneres savoir-faire/know how, das mit dem von der Stadt Paris zunächst geplanten  Verkauf des ganzen Areals an einen privaten Investor und einer neuen Nutzung als Jugendherberge wohl verloren gegangen wäre.

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Inzwischen hat die Stadt Paris nach energischen Protesten aus dem Viertel – mit mehreren Protestveranstaltungen in der Bellevilloise- wohl eingelenkt, so dass einer der letzten traditionellen Handwerksbetriebe von Belleville vielleicht doch erhalten bleibt und die  Ateliers der Künstler im Hof damit wohl auch.

Am Eingang zum Hof  gibt es  übrigens zwei Erinnerungstafeln für Widerstandskämpfer, die hier gewohnt haben – auch das gehört zu Belleville.

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Etwas weiter unten in der rue  Ramponneau gibt es übrigens eine ehemalige kleine metallverarbeitende Fabrik, in der inzwischen Ateliers untergebracht sind, die Künstlern jeweils für eine begrenzte Zeit zur Verfügung gestellt werden: Die Villa Belleville. Die Laufbänder der Dampfmaschine  in der ehemaligen  Fabrikhalle schaffen ein ganz besonderes Ambiente.

Villa Belleville Rue Ramponeau (1) - Kopie

  1. Das Belleville der Commune

Im Zuge der 1860 durch den Baron Haussmann vorgenommenen Einteilung der Stadt in 20 Arrondissements wurde Belleville zerschnitten und auf die neuen Arrondissements 19 und 20 aufgeteilt: Ein Versuch, den notorisch aufsässigen Stadtteil nach dem Prinzip „Teile und herrsche“ zu pazifizieren- so wie das Haussmann ja auch mit dem Faubourg Saint-Antoine gemacht hatte, der zwischen dem 11. und 12. Arrondissement aufgeteilt wurde. Und die neuen Rathäuser der betroffenen Arrondissements wurden extra weit entfernt voneinander errichtet, um auch insofern die Kommunikation und Koordination zu erschweren. Genutzt hat das allerdings wenig, wie die Commune de Paris von 1871 gezeigt hat. In Belleville wurde während der semaine sanglante an der letzten Barrikade noch verzweifelter Widerstand geleistet[9], bevor dann auf dem Père Lachaise die letzten Kämpfer der Commune erschossen wurden.

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Graffiti an der Mauer gegenüber  dem Regard St Martin        
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und an der Rue Ramponeau

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            Erinnerungstafel an die letzte Barrikade der Commune am  Südeingang des Parc de Belleville.  Darüber der Ziergiebel  der  alten Kinderkrippe la Goutte de Lait

 

Zu Ehren der Communarden von Belleville ist übrigens geplant –und von dem Pariser Stadtparlament schon beantragt- die Métro-Station Belleville umzubenennen in Belleville-Commune de Paris 1871.[10]

 

  1. Das –immer noch- linke Belleville

Bis auf den heutigen Tag ist der Nordosten und Osten von Paris überwiegend links –im Gegensatz zum eher konservativen/bourgeoisen Westen, wie sich zuletzt wieder eindrucksvoll bei den Kommunalwahlen gezeigt hat. Da entscheiden dann  zwei, drei Arrondissements in der Mitte, wer schließlich die Mehrheit im Conseil, also der Stadtverordnetenversammlung,  erhält und damit den/die Bürgermeister/in bestimmen kann: Bei der Wahl von 2014 waren das die Sozialisten und die mit ihnen verbündeten Grünen, so dass seitdem die Sozialistin Anne Hidalgo  Bürgermesterin (la maire) ist.

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                                   (blau: Republikaner (vormals UMP); rot: die Linke (Sozialisten, Grüne)

Es ist insoferrn auch kein Zufall, dass die Organisatoren der Bewegung für eine primaire der Linken als Versammlungsort für ihre Auftaktveranstaltung Anfang Februar 2016 die Bellevilloise ausgewählt haben. Da waren  (fast) alle versammelt, die auf der Linken Rang und Namen haben: Vertreter des linken Flügels der Sozialistischen Partei (die sogenannten Frondeurs) und der PCF, prominente Wissenschaftler wie der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty und Vertreter der Grünen wie die ehemalige Wohnungsbau-Ministerin Cécile Duflot und die –kurz danach- zur Ministerin aufgestiegene (und dann als Parteivorsitzende der Grünen zurückgetretene) Emmanuelle Cosse- und last but not least der gute alte Dany Cohn-Bendit.[11] Jedenfalls habe ich noch nie –und so hautnah- so viel linke Prominenz zusammen gesehen.

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Die Chancen, dass es 2017 einen von der gesamten Linken unterstützten gemeinsamen Präsidentschaftskandidaten geben wird, sind allerdings äußerst gering. Hollande tut ja so ziemlich alles nur Erdenkliche, um die Linke zu spalten (sein letztendlich gescheitertes Vorhaben, die Aberkennung der französischen Staatsangeörigkeit gesetzlich zu verankern, oder die völlig unprofessionelle Einführung und provokante Durchsetzung der Arbeitsrechts-Reform). Außerdem hat der unsägliche Jean-Luc Mélenchon schon einseitig seine Kandidatur angekündigt. Angesichts der damit zu erwartenden Zersplitterung der linken Stimmen im ersten Wahlgang wird es wohl im entscheidenden zweiten Durchgang auf einen Zweikampf zwischen Marine Le Pen und dem Kandidaten der Republikaner hinauslaufen. Und da kann man nur hoffen, dass das nicht der –ebenfalls unsägliche-  Sarkozy sein wird, sondern wenigstens Alain Juppé….

 Dass wir uns in Belleville sozusagen auf linkem Terrain befinden, wird immer wieder deutlich, wenn man mit offenen Augen durch das Viertel geht: Beispielsweise wenn man an Hauswänden die eindrucksvollen Versuche sieht, die aktuelle Flüchtlingsproblematik –in französischer Perspektive i.a. sonst allein auf Calais reduziert- künstlerisch/plakativ zu bearbeiten.

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Hier wird –zunächst etwas überraschend- das Nomen und Adjektiv étranger als Verb verwendet und durchkonjugiert. Dazu gibt es unten auf dem Plakat folgende Fußnote: Le verbe étranger a existé. Il signifiait „chasser, éloigner, bannir“. La quatrième édition du Dictionnaire de l’Académie de 1762 donne comme exemples: „Les rats, les moineaux ont étrangé les pigeons du colombier“ et „Il a étrangé les importuns qui venoient chez lui.“

Die deutsche Übersetzung: Das Verb étranger hat es gegeben. Es bedeutete: verjagen, entfernen, verbannen. Die vierte Auflage des Wörterbuchs der Akademie von 1762 gibt diese Beispiele: Die Ratten, die Spatzen haben die Tauben aus ihrem Taubenhaus verjagt  und Er hat die unerwünschten/lästigen Personen verjagt, die zu ihm gekommen waren.

…. so wie –möchte/muss man wohl hinzufügen- ganz aktuell die étrangers im jungle von Calais….  Einen besseren Kommentar zu dem derzeit in Europa vorherrschenden Umgang mit Flüchtlingen kann ich mir jedenfalls kaum vorstellen. C’est Belleville!

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  1. Das Belleville der Guinguettes und der Ballsäle

Belleville war und ist aber nicht nur ein Ort politischen Engagements, sondern auch ein Ort des Vergnügens, des Feierns. Und dafür gab  es vor allem die Guinguettes, die im 19. Jahrhundert nicht nur weiter außerhalb von Paris –an Seine und Marne- sondern gerade auch in Belleville ihren Platz hatten. Für Wein- und Vergnügungslokale war Belleville ein idealer Standort: Wein –den leichten Weißwein Guiguet- gab es dort ja sozusagen sur place und vor allem: Belleville lag bis zur Eingemeindung 1860 außerhalb der Stadtgrenze von Paris und damit außerhalb der Zollgrenze und Zollmauer -der mur des fermiers généraux–  mit der Paris kurz vor der Französischen Revolution umgeben wurde. Nach Paris eingeführte  Waren, auch Grundnahrungsmittel wie Zucker, Salz, Mehl und Wein, wurden hier mit einem Zoll belegt, um die maroden Staatskassen aufzufüllen. Was lag da näher, als seinen Wein ein paar Schritte außerhalb der verhassten Zollmauer preisgünstig in geselliger, anregender Atmosphäre in Montmartre oder eben Belleville in einer guinguette zu trinken. Das galt besonders für das einfache Volk, während es die bürgerlichen Pariser eher am Wochenende in die etwas eleganteren Guinguettes an Seine und Marne zog, die dann auch den Impressionisten als Motive dienten.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Belleville ein Ort, „wo  man sich amüsidert, wo man spazieren geht, wo die Verliebten sich treffen.“ (Gerard Jacquemet)  Und wo man in einer Guinguette seinen Schoppen trinken kann. Guinguettes gab es in ganz Belleville: Weiter oben  zum Beispiel gegenüber der Kirche St. Jean Baptiste die Ile d’amour, die sogar in einem Lied besungen wurde. Eigentlich verdankt sie ihren Namen schlicht ihrem Besitzer, einem Herrn Damour,  aber als Insel der Liebe  war die Guinguette natürlich viel anziehender.

L’ile d’amour

C’est un amour d’ile

L’ile d’amour

C’est un chouette séjour

Flaneurs du faubourg

Flaneurs de la ville

V’nez à l’ile d’amour[13]

 

Später wurde dann in dieserm Vergnügungslokal die Mairie von Belleville installiert, bis nach der Eingemeindung die neuen Rathäuser gebaut wurden. Auch eine schöne Belleville-Geschichte!

Weiter unten in der Nähe der Zollmauer (heute Boulevard de la Viillette/Boulevard de Belleville) gab es natürlich auch zahlreiche Guinguettes – die mit einem unterirdisch verlegten Seil gezogene Straßenbahn nach oben war noch nicht gebaut, die Métro  erst recht nicht; so konnte man sich am kurzen Feierabend den mühsamen Aufstieg sparen. Und direkt hinter der barrière de Belleville, einem Durchgang durch die Zollmauer an der heutigen Métro-Station Belleville, gab es auch große Ballsäle: So La Veilleuse –heute eine gewöhnliche Eckkneipe-, deren Spiegel 1918 durch ein Geschoss der Dichen Berta beschädigt worden war. Dort trafen sich am 13. Juli 1941 junge Kommunisten, sangen Freiheitslieder und feierten den 14. Juli.

Und gleich daneben lag der größte Ballsaal von Paris, der dem Weinhändler Denoyez gehörte. Auch dort gehörten Politik und Vergnügen in einer für Belleville charakteristischen Kombination zusammen: Da wurde getanzt, gefeiert und getrunken und Gambetta und Vallès hielten dort am Ende der Herrschaft Napoleons III. die meisten ihrer Reden.[14] Dieser Ballsaal wurde später  umbenannt in  Folies Belleville, die ihre große Zeit in der sogenannten „belle époque“ hatte.

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Plakat von 1880

Heute ist das eine schlichte, aber  fast immer voll besetzte Bar zwischen der (ehemaligen) Graffiti-Straße rue Denoyez und der rue de Belleville , in der man gut einen Apéro oder einen Pfefferminztee trinken kann.  Es wird aber noch an die glorreiche Vergangenheit erinnert, als beispielsweise Maurice Chevalier und natürlich vor allem Edith Piaf hier auftraten.

 

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Edith Piaf wurde ja immerhin –der Legende nach- ein paar hundert Meter weiter oben in der Rue de Belleville auf den Stufen der Nr. 72 geboren.

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Eiine Gedenktafel  über dem Eingang  erinnert daran.

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Das an der alten Zollmauer gelegene Amüsierviertel von Belleville wurde auch Courtille genannt. Besonders berühmt war es für seinen alljährlichen grotesken Aschermittwochs-Umzug von der barrière de Belleville, die auch barrière de la Courtille genannt wurde, bis zum Hôtel de Ville. Zu diesem Umzug trafen sich alle, die die Nacht davor in Belleville oder sonstwo in der Stadt oder ihrer Umgebung durchgefeiert hatten. Die Descente de la Courtille war so populär, dass sie vielfach in Bildern festgehalten wurde. Und kein Geringerer als Richard Wagner komponierte während seiner Pariser Jahre dazu ein kleines 1841 aufgeführtes Chorwerk: Descendons gaiement la courtille (WWV 65)[15], das allerdings leider nicht zu meinem Pariser Chorrepertoire gehört. Es sieht auch nicht so aus, als dass sich das in absehbarer Zeit ändern wird, zumal mein „Heimatchor“ sich gerade in lacrima voce umbenannt hat- dazu passt die Courtille ja nun wirklich nicht…

 

  1. Das Belleville der Künstler und der Bobos

Dass Belleville ein bevorzugter Ort für Künstler ist, erkennt man sofort, wenn man durch die Straßen des Viertels schlendert. Überall gibt es kleine Galerien von Malern, Bildhauern, Graveuren, Kunsthandwerkern aller Art. In jedem Jahr veranstalten die Künstler von Belleville Tage der offenen Ateliers, an denen sie ihre Werke ausstellen, gerne erläutern und natürlich auch am liebsten verkaufen. 2016 waren über 250 Künstler beteiligt: Ein eindrucksvoller Beleg für das rege künstlerische Leben des Viertels.

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Mit den roten  Luftballons auf dem Plakat für die Tage der offenen Ateliers von 2015 hat es übrigens seine besondere Bewandtnis- doch dazu mehr im Abschnitt über die Street Art in Belleville. Der rote Ballon wurde übrigens auch  im Frühjahr 2016 von den  Künstlern von Belleville als Hintergrundsmotiv verwendet, um gegen die Vertreibung von Handwerkern und  von Künstlern aus dem Hof der Rue de Ramponeau zu protestieren (siehe Abschnitt 2) und die „mixité“ des Viertels zu erhalten.

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Plakat am Sitz der Artistes de Belleville in der Rue Francis Picabia Frühjahr 2016

Mit einem  Künstler aus Belleville, Carlos Lopez/Juan de Nubes, sind wir übrigens  befreundet.

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Er ist Graveur und eines seiner neuesten Werke hängt bei uns in der Pariser Wohnung. Es  ist auch ausgerechnet das, mit dem er sich auf der Website der Künstlervereinigung von Belleville vorstellt,[17] – ein Wald im Norden von Berlin, wo Carlos auch arbeitet- und die Farbe der Gravur ist preußisch Blau – also gewissermaßen ein deutsch-französisches Produkt.

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Carlos hat sein Atelier am südlichen  Ausgang des Parc de Belleville. Es ist klein, aber ein schöner ruhiger Ort zum Arbeiten und für kleine Ausstellungen. Aber Carlos hat auch Sorgen, ob er auf Dauer dort bleiben  kann oder ob nicht steigende Mieten ihn zum Ortswechsel zwingen werden – und mit diesen Sorgen steht er  nicht alleine da.

Damit ist der Prozess der Gentrifizierung oder Boboisation angesprochen, der in Belleville zu beobachten ist – womit es das Schicksal auch anderer Pariser Stadtviertel (z.B. des Faubourg Saint Antoine) teilt. Freunde haben uns zum Beispiel berichtet, wie sich in den letzten Jahren immer  mehr feine Boutiquen in der Rue de Belleville um die Métro -Station Jourdain- ausbreiten. Belleville wird (jedenfalls in Teilen) zu einem Viertel der BoBos, der Gruppe der bourgeoisen Bohémiens, die das neue Angebot der teuren Weine und exquisiten Käsesorten zu schätzen wissen und sich leisten können. Die Attraktion von Belleville für die Bobos hat schon Tradition: In der Villa Castel, einem „ensemble harmonieux et campagnard“ aus dem Ende des 19. Jahrhunderts, [18] oberhalb des Parks von Belleville hat Truffaut 1961 einige Szenen seines Films „Jules et Jim“ gedreht: Mit dem Begriff „Villa“ ist hier -wie an vielen anderen Orten in Paris- ein abgeschlossener nobler Bezirk von Wohnungen und Häusern gemeint, zu dem man -wenn man denn den entsprechenden Code kennt- durch das schmiedeeiserne Eingangstor und einen langen begrünten Gang gelangt. An dessen Ende befindet sich ein „maison féérique“, in dem  die beiden Freunde Jules und Jim in einer Dreiecksbeziehung mit der von Jeanne Moreau wunderbar verkörperten Cathérine leben. Und hier singt Moreau auch das schöne Lied Le Tourbillon: „Elle avait des bagues à chaque doigt, des tas de bracelets… »

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Vorbild ist die leidenschaftliche deutsch-französische Beziehung von  Franz und Helen Hessel, den Eltern von Stéphane Hessel, und  Henri-Pierre Roché.   Diese Geschichte passt wunderbar zu dem Mythos von Belleville, wie er auch in einem Pochoir der Pariser Street-Art-Künstlerin Miss Tic zum Ausdruck gebracht wird.

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Glücklicherweise ist die Villa Castel den gewaltsamen Sanierungsmaßnahmen in Belleville entgangen und steht seit 1979 unter Denkmalschutz. Andere, ähnliche Ensembles in diesem Viertel hatten diese Chance nicht, wie der Guide Vert (S. 48) bitter anmerkt.

Zu hoffen ist, dass trotz der Sanierungsmaßnahmen des Viertels seine Boboisierung nicht noch begünstigt wird und die Wohnungspreise und Mieten so steigen, dass es für Künstler wie Carlos Lopez und viele andere nicht mehr tragbar ist. Bisher scheint aber die soziologische  Vielfalt des Viertels immer noch zu bestehen. Auch das Kleinbürgertum ist anscheinend in Belleville noch nicht untergegangen , worauf ein Blick in einen Vorgarten in der Rue des Couronnes hindeuten könnte.

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Wenn man aber einen Blick auf das ursprüngliche, authentische Belleville werfen will, sollte man sich den wunderbaren Bildband von Willy Ronis „Belleville Ménilmontant“ ansehen. (zuerst 1954, Neuauflagen 1989 und -mit Texten von Didier Daeninckx- 1999.

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Über seine Beziehung zu Belleville sagte Ronis:

„J’ai vécu à Belleville des bonheurs personels et des bonheurs photographiques, pour moi cela ne fait qu’un, c’est le bonheur tout court.“ 

 

  1. Das Belleville der Street art

Auf welchen Wegen auch immer man  durch Belleville streift: Street-art begegnet man auf Schritt und Tritt.Belleville hat dafür schon einen Ruf, und die rue Denoyez im unteren Belleville wird in manchen Führern sogar als sogenannter Geheimtipp gehandelt- eher stimmt aber,  dass es sich um die wohl berühmteste Straße des 20. Arrondissements handelt.[19]

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Alle Wände der Häuser sind nämlich über und über mit Graffiti bedeckt, manchmal kann man auch Sprayer bei der Arbeit beobachten und bewundern. Allerdings ist die Straße inzwischen arg heruntergekommen, die meisten Boutiquen und Ateliers sind geschlossen. Kein Wunder, denn es handelt  sich um ein Sanierungsprojekt: Eine Kinderkrippe, Sozialwohnungen und Unterkünfte für alleinstehende Frauen sollen hier entstehen: Sicherlich sind das alles sehr zu begrüßende Vorhaben. Die Straße wird dann aber ihren Reiz verloren haben, wenn Künstler und Street-Artisten dort nicht mehr ihren Platz haben. (Nachtrag September 2018: Inzwischen stehen schon die Rohbauten der neuen Häuserzeile. Damit hat die Straße einiges von ihrem alten anarchischen Charme verloren.) Entdecken kann man immerhin noch einiges- zum Beispiel den schönen Dialog zur Rolle der Frau an zwei Häusern der Straße:

Das zweite Statement  befindet sich an dem sehr empfehlenswerten gemütlichen Lesecafé Le barbouquin in der rue Donoyez 1 an der Ecke zur rue Ramponeau.

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Dort haben Kam und Laurene nicht nur außen den Fries mit ihren großäuigen Figuren gestaltet haben, sondern waren -neben anderen Street-Artisten-  auch innen aktiv. (19a)

Fries von Kam & Laurene in der rue Denoyez über dem Café Le barbouquin

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Es gibt ein Werk eines bekannten Street-Art-Künstler in Belleville, das wohl auf Dauer zu den touristischen Attraktionen des Viertels gehören wird: Das große Wandbild von Ben an der Place Fréhel, das bei den ab und zu angebotenen Street-art-Spaziergängen durch Belleville nicht fehlen darf.

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Ben ist der wohl international prominenteste in Belleville vertretene Street Art-Künstler. Er war in den 1960-er Jahren Mitglied der Fluxus-Kunstrichtung, zu der auch u.a. Bazon Brock, John Cage, Yoko Ono und Joseph Beuys gehörten, auf der Dokumenta in Kassel war er auch schon vertreten.  Besondere Berühmtheit erlangte sein kleiner Plattenladen, den er von 1958 bis 1973 in Nizza betrieb. Seine Mutter hatte ihm dafür die erforderlichen Mittel zur Verfügung gestellt, um ihm eine gesicherte Lebensgrundlage zu ermöglichen. Die Aufsehen-erregende Fassade des kleinen Lädchens war aus allen möglichen gebrauchten Gegenständen zusammengesetzt: Motto über der Eingangstür: Tout est art, tout est marchandise/ Alles ist Kunst, alles ist zu verkaufen. Wenn ich mich recht erinnere, wurde vor einigen Jahren Bens Lädchen- auch „Bizard Bazar“ oder Loboratoire 32 genannt-  in der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt ausgestellt; die  letzte Version kaufte das Centre Pompidou auf, wo sie heute ausgestellt ist.

Ein fester Bestandteil der Street-art-Szene von Belleville sind auch die Wandbilder von Nemo, vor allem die Bemalung der Hauswand an der Ecke des Boulevard Belleville und der Rue de Ménilmontant. Ursprünglich sollen, so die „Legende“, die poetischen Wandmalereien Momos mit dem schwarzen Mann –oft mit Regenschirm-  mit fliegendem Drachen, Vögeln,  Katzen  und dem roten  Luftballon dem kleinen schulunwilligen Sohn Nemos den Weg zur Schule schmackhaft gemacht haben.

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Der rote Luftballon bezieht sich auf den Kurzfilm „Le Ballon rouge“ von Albert Lamorisse aus dem Jahr 1956, der mit der Goldenen Palme von Cannes und sogar mit einem Oskar für das beste Originaldrehbuch ausgezeichnet wurde: Er spielt im Ménilmontant der 50-er Jahre und es geht um einen magischen Ballon, der den kleinen Jungen Pascal auf Schritt und Tritt begleitet. Eine zauberhafte Geschichte, an deren Ende aber die Zerstörung des Luftballons durch eifersüchtige Altersgenossen –und damit das Ende der Kindheit- steht. Für viele französische Kinder der 50-er Jahre war der „rote Ballon“ geradezu ein Kultfilm, wie die hymnischen Kommentare zu dem Film zeigen, die man im Internet findet. („Ein wahres Wunder“; „meine Kindheit“; „unbestreitbar einer der besten Kurzfilme aller Zeiten“). Auch wenn Nemo den kleinen Pascal durch den bonhomme noir ersetzt hat, so knüpft er  mit seinen poetischen Bildern  an diesen Film –und seinen Erfolg- an.

Zu den inzwischen prominenten Straßenkünstlern von Belleville/Ménilmontant gehört auch Jerôme Mesnager, dessen „Markenzeichen“ die weißen Männer sind. Zum Ursprung der weißen Männer gibt es eine schöne Geschichte: Während seines Kunststudiums habe sich Mesnager in bester Laune mit seinen Kumpeln nackt ausgezogen, mit weißer Farbe bestrichen und an eine Wand gestellt. Wie auch immer: Inzwischen sind die weißen Männer aus dem Stadtbild –besonders im Pariser Osten, aus dem Mesnager stammt- nicht mehr wegzudenken.  

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Schneiderei und Frisiersalon Rue de Jourdin

In der Rue de Jourdin hat auch Mosko mit seinen bunten Tieren die Grundschule verziert.

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Seine Schmetterlinge umflatterten ja schon die beiden weißen Männer Mesnagers auf dem Fenster des Frisiersalons: Straßenkünstler arbeiten – das zeigt sich hier wie auch an anderen Stellen in Belleville- gerne zusammen.

Aber der für Mosko typische Tiger ist natürlich auch dabei.

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Und selbstverständlich darf auch in Belleville der Invader nicht fehlen, der hier  -unter anderem- mit zwei recht originellen Beiträgen vertreten  ist

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Der Invader an der Ecke der Rue Mélingue und der Rue de Belville befindet sich übrigens in prominenter Gesellschaft: Das Pariser Wappen unter dem Giebel stammt nämlich aus der Zeit, als hier das Depot der Drahtseilbahn war, die –nach dem Muster des cable-car von San Francisco konstruiert-  von  der  Place de la Republique über die rue de Paris/rue de Belleviille zur  Kirche St. Jean führte. 1924 wurde der Betrieb eingestellt und 1935 die Métro-Linie 11 eingeweiht, mit der der Hügel von Belleville ans Métro-Netz der Stadt Paris angeschlossen wurde.

Es lohnt sich also, durch Belleville zu streifen und die Augen offen zu halten: Da findet sich vieles Interessante, Überraschende und auch immer Neues wie die oben gezeigten Werke zur Flüchtlingsproblematik, denn –von den prominenten Künstlers abgesehen, deren Arbeiten man auch in Galerien sehen und für viel Geld erwerben kann – ist street art eine ephemere Kunst und einem ständigen Wandel unterworfen. Und da viele street-art-Künstler in Belleville und dem benachbarten  Ménilmontant zu Hause sind, ist Belleville geradezu ein Eldorado für Street-Art-Freunde.

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Das ist oft einfach nur phantasievoll und schön und eine Bereicherung des teilweise doch eher tristen Straßenbildes.

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Aber es gibt dabei auch immer wieder politische Botschaften, wie das in Belleville auch kaum anders sein kann. Das kann dann die Liberté von Delacroix sein, die das Schild von Pôle emploi, der französischen Arbeitsagentur in die Höhe hält- ein  Hinweis auf die hohe Arbeitslosigkeit; oder das alte Ehepaar in seinem aus Karton gefertigten Bett- ein Hinweis auf die vielen SDF in Paris, die Menschen ohne einen festen Wohnsitz, die ihre Nächte –selbst im Winter- im Freien  verbringen müssen.

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Dieses Problem wurde dann noch drastischer 2015 in einer Aktion am Fuß des Parks von Belleville aufgegriffen. Da wurde an die  auf der Straße gestorbenen Obdachlosen erinnert.

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Das 21. Arrondissement gibt es nicht: Die Obdachlosen haben eben kein zu Hause.Und manchmal kennt man nur den Vornamen.

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  1. Das multikulturelle Belleville

Am Anfang dieses Beitrags wurde die große multikulturelle Vielfalt angesprochen, der Belleville einen großen Teil seiner Attraktion verdankt. Dieser Aspekt soll denn auch zum Schluss aufgegriffen und wenigstens skizziert werden.

  • Juden, 

Nach dem Ersten Weltkrieg kam es zu einer ersten großen ausländischen Zuwanderungswelle: Es waren Griechen, Polen, Armenier und vor allem Juden aus Ostmitteleuropa, die nach Belleville kamen. In den 1930-er Jahren  suchten  viele Juden aus  Deutschland, die  vor dem Nationalsozialismus geflohen waren, in Belleville Zuflucht. Das Viertel wurde so zu einem „quartier juif“ mit einem intensiven Gemeinschaftsleben, einer Dominanz des Jiddischen und einer eindeutig politisch linken Tendenz- während im jüdischen Marais rund um die rue des rosiers, dem  Pletzl,  das orthodoxe Judentum vorherrschte. Das Belleville der Zwischenkriegszeit war auch ein Stedtl mit jiddischen Filmen im Kino Bellevue, einer CGT-Gewerkschaft, die auf ihrer Fahne eine jiddische Aufschrift hatte, der Synagoge in der rue Julien-Lacroix, in der jiddisch gesprochen wurde, und Restaurants, in denen gifiltefish und pickelfleish angeboten wurde. Der erste jiddisch geschriebene Roman über Paris bezieht sich denn auch auf Belleville: „Yidn fun Belleville“ (Baruch Schlewin, 1948)[21]

Allerdings sind die jüdischen Einrichtungen –wie die Synagoge und die jüdische Schule- heute kaum noch zu erkennen- höchstens durch die Präsenz von schwerbewaffneter Polizei, die leider aufgrund der zahlreichen Angriffe auf jüdische Einrichtungen in Frankreich notwendig ist.  Deutlich zu identifizieren ist immerhin die neue Synagoge am Boulevard de Belleville, an der Stelle des „Bellevue“- Kinos mit seiner jiddischen Tradition, das, bevor es in den 1980-er Jahren als letztes Kino des Viertels zumachte, schließlich zum Porno-Kino heruntergekommen war, wie uns Freunde aus Belleville erzählten.

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Dass Bellville immer noch bzw. wieder auch ein jüdisches Viertel ist, ist für einen Außenstehenden vor allem an den zahlreichen jüdischen Geschäften rund um den  Boulevard de  Belleville zu erkennen.

Die eingewanderten Juden waren es vor allem, die den großen „rafles“ von 1941 und 1942  zum Opfer fielen. Die Bewohner ganzer Straßenzüge von Belleville, insgesamt mehr als 4000, wurden damals ausgerechnet in der Bellevilloise zusammengetrieben und dann über Drancy  nach Auschwitz deportiert.  Einer von ihnen war Henri Krasucki, nach dem heute ein Platz in Belleville benannt ist.

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An dem in der Mitte des Platzes stehenden Baum hängen alte Lampenschirme: Wir sind mitten in Belleville

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Krasuckis Lebensweg ist außerordentlich und wirft ein Licht auf den wichtigen jüdischen Anteil der spezifischen diversité  von Belleville:

Seine politisch engagierten Eltern flohen in den 1920-er Jahren vor dem Antisemitismus und Antikommunismus im Polen des Marschalls Pilsudski und fanden in Belleville Zuflucht.  Dort  betrieben sie eine kleine Schneiderei, der kleine Henri engagierte sich schon früh bei den „roten Pionieren“. Die standen  unter der Obhut der Bellevilloise-Kooperative, von der ja schon die Rede war. Unter der occupation war Krasucki führendes Mitglied in der Widerstandsgruppe FTP-MOI. 1943 verhaftet, wurde er nach Auschwitz deportiert und von dort aus 1945 auf den sog. Todesmarsch nach Buchenwald geschickt, den er aber überlebte. Nach dem Krieg stieg er – der stalinistischen KP- Linie immer treu- in die Führungsriege der kommunistischen  Gewerkschaft CGT auf, deren  Vorsitz er 10 Jahre innehatte: Ein Lebensweg also, auf dem Belleville eine wichtige und prägende Station war.

  • Tunesier

Seit den 1950- er Jahren wurde Bellevlle  durch die tunesische Einwanderung wieder zum bedeutendsten, jetzt sefardisch geprägten,  jüdischen Viertel von Paris. Tunesier kamen nach der Unabhängigkeit des Landes in großer Zahl nach Frankreich und Paris – und dort natürlich vor allem nach Belleville, das deshalb auch gerne „La Goulette sur Seine“ genannt wird, benannt nach einer tunesischen Stadt, die einen Teil der Hafenanlagen von Tunis umfasst. Gerade im Süden von Belleville gibt es viele tunesische Restaurants und Cafés. Wenn man also einen echten  thé à la menthe trinken oder, zum Beispiel in dem kleinen Restaurant „aux bons amis“ in der Rue de l’Atlas,  einen couscous essen will, braucht man in der Tat nicht die Reise von 1500 Kilometer nach Tunis zu unternehmen: Es reicht ein Spaziergang nach/durch Belleville.

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Die Tunesier, die sich in Belleville niedergelassen  haben, waren Juden und Muslime. Bemerkenswert ist dabei, dass nach der Selbsteinschätzung von Betroffenen in Belleville jüdische und muslimische Franzosen „mit tunesischem Migrationshintergrund“ in gegenseitigem Respekt zusammenleben und sich ihrer gemeinsamen Traditionen  bewusst sind. Selbst in der Zeit des letzten  Gaza-Kriegs, in dessen Zusammenahng es in Paris zum Teil zu gewaltsam ausgetragenen jüdisch-muslimischen Auseinandersetzungen kam, sei es in Belleville ruhig und friedlich zugegangen. Dies gilt offenbar auch für die  Zeit der Anschläge auf Charlie Hebdo und den jüdischen Supermarkt. Ein Pariser Jude berichtet im Nouvel Obeservateur unter der Überschrift Belleville, oui, Barbès, non, er habe den Eindruck, dass die i.a. nordafrikanischen Händler auf dem Straßenmarkt von Belleville/Ménilmontant seit den Anschlägen ihm gegenüber noch freundlicher geworden seien. In das mehrheitlich afrikanische Barbès-Viertel gehe er seitdem aber nicht mehr.Das kosmopolitische Modell von Belleville ist also insoweit offenbar immer noch lebendig.[23] Als Zeichen dafür kann auch gesehen werden, dass auf dem Boulevard de Belleville jüdische und muslimische Geschäfte direkt benachbart sind.

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Das jüdische Restaurant wirbt für seine tunesischen Spezialitäten mit dem Siegel von Beth Din, also damit, dass seine Produkte vom Rabbinat kontrolliert und genehmigt sind. Gleich daneben versichert die muslimische Metzgerei unübersehbar, dass ihre Produkte das Gütesiegel der Organsiation AVS (À Votre Service) tragen und damit halal en toute confiance sind.

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Aber leidler gibt es auch  in Belleville  Tendenzen der Reislamisierung und Radikalisierung, die das typisch Belleville’schen Modell des „vivre ensemble“  in Frage stellen- dazu mehr am Schluss dieses Beitrags.

  • Schwarzafrikaner

In den letzten Jahrzehnten waren es vor allem Einwanderer aus den Antillen und aus Schwarzafrika, die sich  im südlichen Belleville rund um die Place Alphonse Allais niedergelassen haben.(23a)

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Hier wird einmal im Jahr ein großes Stadtteilfest gefeiert- mit dem  selbstbewußten Titel: Belleville en vrai. Und selbstbewusst treten auch die jungen Mädchen auf, die sich zu ihrer Herkunft bekennen und damit bei Wahl zur Miss Belleville besonderen Beifall ernten. Stolz auf seine Herkunft war auch der junge Mann, mit dem ich ins Gespräch kam und der bereitwillig für ein Foto posierte – das zweite Attribut -reich- war allerdings, wie er einschränkend bemerkte, eher ironisch gemeint.

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Wie schwierig aber das Leben selbst in dem multikulturellen Belleville für Einwanderer aus einer anderen Kultur  sein kann, zeigt eindrucksvoll das Lied  C’est déjà ça von Alain Souchon über einen Einwanderer aus dem Sudan. Er ist fern von seiner Heimat, alles ist ihm fremd in der Rue de Belleville. Aber immerhin lächeln die Passanten, wenn er in seiner Djellabah vorbeigeht und tanzt. Und er hofft und träumt, dass der Sudan sich erhebt und er wieder zurückkehren kann… [24]

Je sais bien que, rue d’Belleville,
Rien n’est fait pour moi,
Mais je suis dans une belle ville :
C’est déjà ça.
Si loin de mes antilopes,
Je marche tout bas.
Marcher dans une ville d’Europe,
C’est déjà ça.Oh, oh, oh, et je rêve
Que Soudan, mon pays, soudain, se soulève…
Oh, oh,
Rêver, c’est déjà ça, c’est déjà ça.
 

Y a un sac de plastique vert
Au bout de mon bras.
Dans mon sac vert, il y a de l’air :
C’est déjà ça.
Quand je danse en marchant
Dans ces djellabas,
Ça fait sourire les passants :
C’est déjà ça.

Oh, oh, oh, et je rêve
Que Soudan, mon pays, soudain, se soulève…
Oh, oh,
Rêver, c’est déjà ça, c’est déjà ça.

 

 

Dass es in Belleville noch eine andere gerne übersehene „dunkle“ Seite der Einwanderung von „Blacks“ gibt, beschreibt der Autor von „Jours tranquilles à Belleville“  Thierry Jonquet, der in Belleville lebt und seine Veränderungen miterlebt:

Da gibt es die halbwüchsigen afrikanischen Jungen und Kleinkriminiellen, die sich bis zum frühen Morgen auf den Straßen herumtreiben. Es gibt die Dealer, die ganz offen in der rue Ramponneau ihren Geschäften nachgehen. Und es gibt die Einwanderer aus Bamako und anderen Gegenden mit anderen Hygiene-Kulturen, die hemmungslos hinpinkeln, wo sie gerade ein entsprechendes Bedürfnis überkommt – zumal es die schönen alten offenen Urinoirs oder Vespasiennes, wie sie für Paris so typisch waren, ja leider nicht mehr gibt, sondern nur noch die „zeitgemäßen“, aber selteneren und vielleicht auch bei manchen Menschen Schwellenangst erzeugenden  Sanitärkabinen von Décaux.[25]

  • Chinesen

Und dann –last but not least- gibt es noch die Chinesen in Belleville. Das Viertel  wird manchmal sogar als das  Chinatown von Paris oder als „Chinatown-sur-Seine“- bezeichnet – neben dem chinesischen Viertel im 13. Arrondissement.[26]  Es gibt in Belleville jedenfalls eine deutlich sichtbare chinesische Präsenz, und das schon seit fast einem Jahrhundert. Denn während des Ersten Weltkriegs kamen etwa 140 000 Chinesen nach Frankreich: Sie waren angeworben worden, um den großen kriegsbedingten Arbeitskräftemangel zu lindern. Viele von ihnen, vor allem aus Wenzhou, blieben, einige  in Belleville, andere folgten.

Nach der kommunistischen Machtübernahme im Jahr 1949 wurde die Auswanderung von Chinesen offiziell untersagt. Erst Anfang der 1980-er Jahre wurden die Ausreisekontrollen lockerer und es waren nun wieder Chinesen aus Wenhzou, die  -teilweise illegal- nach Frankreich kamen und vor allem in kleinen Textilbetrieben arbeiteten.  So entstand die sogenannte „Chinatown“ von Belleville.[27] Und dann war es vor allem die Welle von Chinesen aus Vietnam und Kambodscha, die nach der kommunistischen Machtübernahme –z.T. als boat people- nach Frankreich kamen. Sie hatten oft französische Schulen besucht und verfügten auch teilweise über erhebliche finanzielle Mittel. Sie waren es, die zahlreiche Geschäfte am Beginn der rue de Belleville aufkauften, ebenso wie die alten Galéries Barbès an der Métro-Station Belleville, aus der das große, repräsentative Restaurant Président wurde.

Die starke und ausgreifende chinesische Präsenz in Belleville wird vielfach als Problem  wahrgenommen

  • weil die Chinesen  immer mehr traditionelle Geschäfte aufkaufen und verdrängen. L’arrivée massive d’une communauté asiatique“  ist aus Sicht der tunesichen Gemeinde ein täglich zu erlebendes dringendes Problem.[28]
  •  weil die Chinesen  über  spezifische Finanzierungsmöglichkeiten verfügen, mit denen sie einen entscheidenden Vorteil gegenüber anderen ethnischen Gruppierungen haben:  die sogenannte Tontine, eine Finanzierungsform, die auf persönlichen Beziehungen beruht. Sie eröffnet den Chinesen einen  Zugang zu Kapital, der sie  unabhängig macht vom Bankensystem und seinen Restriktionen. (dazu: http://terrain.revues.org/)
  • weil sie eine Tendenz haben, unter sich zu bleiben und teilweise wenig Anstrengungen zur Integration machen. In dieser Hinsicht lohnt sich ein Blick  auf den Stand mit den chinesischen Zeitungen (zusammen mit der Actualité juive) am Kiosque an der Métro Belleville…

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…. oder in die chinesische Buchhandlung in der rue de Tourtille, das Pendant zu den rein arabischen Buchhandlungen (mit offenbar meist islamischer Tendenz), in die ich mich als „Ungläubiger“ allerdings noch nicht hineingetraut habe. In der chinesischen Buchhandlung kann man sich allerdings ganz unproblematisch umsehen und auf diese Weise auch einen kleinen Eindruck von den Lebensgewohnheiten der Chinesen von Belleville erhalten.

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  • und schließlich wird auch als Problem beschrieben, dass die Chinesen von Belleville gerne ihren Wohlstand offen zur Schau stellen. Bei einem meiner Rundgänge konnte ich einen jungen Chinesen beobachten, der seinen funkelnden Mercedes-Sportwagen an einer Straßenecke abstellte, ohne Rücksicht auf die dadurch massiv behinderten Fußgänger zu nehmen. Jonquet beschreibt, dass man an Wochenenden als Zaungast an grandiosen asiatischen Hochzeiten teilnehmen kann. Mit aufwändigst blumengeschmückten Luxuskarossen, Smoking, feinsten Brautkleidern, Fotografen…. Die Kinder (mit afrikanischem Migrationshintergrund) auf dem gegenüberliegenden Trottoir würden das als Provokation erleben.
  • Eine Konsequenz dieser eklatanten sozialen Gegensätze in dem Viertel sei der Diebstahl, der gerade die Chinesen treffe, zumal die oft auch erhebliches Bargeld bei sich trügen und -da sie teilweise ohne offiziellen Status in Frankreich lebten- bei einem Überfall eher nicht die Polizei einschalteten.  In der Tat fühlen sich Asiaten öfters von „schwarzen und arabischen Banden“ terrorisiert, die die Seitenstraßen der Rue de Belleville kontrollierten, wie der französische Chinaexperte Dr. Pierre Picquart auf der Website der Chinois de France feststellt. Aus diesem Grund fand im Juni 2010 eine Demonstration von etwa 10.000 „immigrés asiatiques“ in Belleville statt, die mit Parolen wie „Stop à la violence“,   sécurité pour tous und I love Belleville auf dieses Problem aufmerksam machten. [29]

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Le Figaro, 2.7.2010: „La révolte des Chinois de Belleville

  • Und dann gibt es noch das Problem der chinesischen Prostitution in Belleville, die gerade derzeit besonders im Rampenlicht steht. Denn in französischen Kinos läuft derzeit  ein intensiv beworbener und hochgelobter Film über die marcheuses, wie die chinesischen Prostituierten von Belleville genannt werden.

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Sie sind meistens zwischen 40 und 60 Jahre alt (das auf dem Plakat abgebildete junge Mädchen ist die Tochter der Protagonistin des Films), sehen eher verhärmt aus, sind ärmlich angezogen, haben weder Arbeitsgenehmigung noch Aufenthaltserlaubnis, und stehen unter dem Druck, für ihre Familien und Kinder Geld beschaffen zu müssen. „Die Emigration ist für uns, was für die Männer der Krieg ist,“  erklärte eine dieser Marcheuses der Zeitung Le Monde. Die Männer hoffen, dass sie schnell mit dem Sieg nach Hause kommen, wir mit Geld.“[30]

Prostitution ist in Frankreich ja offiziell verboten, seit Neuestem sind auch „Kunden“ mit Strafe bedroht. Das entsprechende neue Gesetz soll Prostitutierten den Ausstieg ermöglichen und das Zuhälterwesen bekämpfen. Aber viele marcheuses fürchten, damit noch mehr in eine gefährliche Illegalität abgedrängt zu werden. Außerdem ständen sie als „Selbstständige“ nicht unter dem Druck von Zuhältern, sondern höchstens unter dem Druck der famliären Erwartungshaltungen…

 

Belleville wurde, wie am Anfang zitiert, ein laboratoire de la diversité genannt. Und es wird immer wieder als Erfolgsgeschichte gerühmt – im Gegensatz zu manchen cités am Rand der Stadt. Eine solche Erfolgsgeschichte ist Belleville in der Tat, wenn man an die vielen Menschen aus vielen Teilen Europas, ja der Welt denkt, die seit 150 Jahren hier eine neue Heimat gefunden haben. Aber es wird bei einem Blick hinter  Kulissen der Exotik, wie ihn Thierry Jonquet mit seinem Buch „Jours tranquilles à Belleville“ (2013) ermöglicht, doch auch deutlich, wie prekär und gefährdet das dort noch überwiegend herrschende Gleichgewicht ist. Vor allem, wenn der Austausch und die gegenseitige Anregung eher zurückgehen und sich auf engstem Raum ethnische Inseln bilden, wie Jonquet berichtet: Da dominieren in der Schule auf der westlichen Seite der rue de Belleville die Asiaten, während in der Schule auf der anderen Seite der Straße die Blacks fast unter sich sind. Das ist für ihn –und da kann ich ihm nur zustimmen- eine gefährliche Entwicklung. Eine Enklavenbildung und Ghettoisierung müsse unbedingt verhindert werden, ebeso wie die Herausbildung von Parallelgesellschaften, in denen fundamentale Integrationsanstrengungen nicht erbracht würden. Und es gibt auch eine schon 15 Jahre alte, aber immer noch aktuelle Warnung des linken Schriftstellers Jonquets: Wenn es um gravierende Probleme des Zusammenlebens, des vivre ensemble, gehe, darunter auch um Kriminialität und ihre Begleiterscheinung, die Unsicherheit, sei es gefährlich, dies zu Tabus zu erklären mit der Begründung, man würde sich mit solchen Themen in rechtsradikales Fahrwasser begeben.[31]

Die Warnung vor dem von ihr selbst lange Zeit  praktizierten Wegsehen und einer falsch verstandenen Toleranz gehört auch zur Quintessenz des 2016 erschienenen Buches von Géraldine Smith  „Rue Jean-Pierre Timbaud“.

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In diesem Buch beschreibt Smith sehr konkret und eindringlich die Gefährung des multikulturellen Belleville und des dortigen „vivre ensemble“. Die Rue Jean-Pierre Timbaud liegt zwar nicht im heutigen Verwaltungsbezirk Belleville, also einem Teil des 20. Arrondissements, der von der Rue de Belleville, dem Boulevard de Belleville, der Rue de Ménilmontant und der Rue de Pixérécourt umschlossen wird. Aber das alte, 1860 eingemeindete Belleville reicht Ja darüber hinaus und umfasst auch Teile der heutigen 11., 12. und 19. Arrondissements. Die im nördlichen 11. Arrondissement gelegene Rue Jean-Pierre Timbaud im quartier Couronnes gehört damit zum „alten“ Belleville. Géraldine Smith, die viele Jahre mit ihrem Mann und zwei Kindern in Beleville wohnte,  berichtet von den  Erfahrungen ihrer Familie, von Freunden und Bekannten  in diesem Viertel; von der anfänglichen Begeisterung, in einem lebendigen, sozial gemischten und multikulturellen Umfeld zu wohnen – und von dessen allmählicher Veränderung und ihrer eigenen Ernüchterung.

Da ist die öffentliche Schule, in die die Kinder gehen –sie sollen ja nicht in der privilegierten Enklave einer privaten Schule aufwachsen. Die weißen frankophonen Kinder sind dort zwar eine kleine Minderheit, die völlig unterfordert ist und sich meistens langweilt,  aber die Schulleiterin propagiert ihre Rolle als „poissons-pilotes“, die das Niveau der ganzen Klasse heben würden.  Es gehe dabei um eine „démarche  citoyenne, die für die Entwicklung des Viertels unverzichtbar sei. (S. 32) Später meldet sie dann ihre eigenen Kinder in einer Privatschule an….  Die Jungen der Schule spielen mit Begeisterung Fußball: Eine Mannschaft ist  PSG –Paris  Saint Germain- die andere Real Madrid. Aber eines Tages möchte ein Kind mit marokkanischen Wurzeln nicht mehr für eine dieser Mannschaften spielen, sondern für die „Löwen des Atlas“, also die marokkanische Nationalmannschaft, obwohl er von der keinen einzigen Spieler kennt: Seitdem spielt „Frankreich“  gegen „den Rest der Welt“, also vor allem  gegen die Kinder mit nord- oder schwarafrikanischen Wurzeln. Und der kleine Sohn kommt ratlos nach Hause und versteht die Welt nicht mehr: „Ils se prennent tous pour leur origine“  S.122)– ein Armutszeugnis für die republikanische  Integration.  Dann wird die „classe vert“, eine gemeinsame Fahrt in die Berge,  gestrichen ebenso wie die Fahrten  nach England: die meisten muslimischen Eltern weigerten sich aus Angst vor Promiskuität, ihre Töchter daran teilnehmen zu lassen.  Géraldine Smith beschreibt auch, was sich draußen ändert. Beispielsweise:  Als sie vor der Schule Cola-trinkend auf ihren Sohn wartet, wird sie von einem Mann in weißer Djellaba angeherrscht  und als saloppe (Schlampe) beschimpft, die abhauen solle (S.134). Frauen dürften nicht trinkend auf der Straße herumstehen.   Ein Bäcker redet seine Kundschaft nur noch auf arabisch an und bedient zuerst die muslimischen Männer, die Frauen grundsätzlich zuletzt. Der radikal-islamische Iman der Moschee ermuntert die Gläubigen, auf der Straße zu beten, auch wenn die Moschee gar nicht voll besetzt ist: Ostentative Demonstration der „Machtergreifung“ des radikalen Islam in einem Teil der Rue Jean-Pierre Timbaud. Dazu kommt das Gefühl zunehmender Unsicherheit und Fremdheit im eigenen Viertel. Erstes Opfer der Radikalisierung sind übrigens die liberalen Muslime. Entweder sie fügen sich dem auf sie ausgeübten Druck wie der nette Kebab-Verkäufer, der plötzlich keine Jeans mehr trägt und nur noch Halal-Cola verkauft, oder sie weichen ihm durch Umzug aus.

Liest man  die Bücher von Jonquet und Smith, wird man die Elogen auf das mulitkulturelle Belleville, in dem alle Gruppen der Bevölkerung in bester Harmonie zusammen leben, mit Vorbehalten und Fragezeichen versehen. Ob es sich hier, wo man es am wenigsten erwarten würde, um einen Niederschlag  der „fractures françaises“ handelt (Le Figaro 29.4.2016), kann ich nicht beurteilen. Es scheint jedenfalls Tendenzen zu geben, dass die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen eher neben- als miteinander leben und dass einige ihren Lebens- und Einfllussbereich kontinuierlich auf Kosten anderer Bevölkerungsgruppen ausweiten: Die Chinesen eher geräuschlos, die muslimischen Integristen eher demonstrativ. Jonquet und Smith kennen  und lieben Belleville. Sie wollen mit ihren Büchern das Bewusstsein für die Besonderheit des Viertels schärfen und dazu beitragen, dass es ein Modell bleibt und nicht zum Mythos verkommt. Man kann nur hoffen, dass sie damit Erfolg haben.

 

Kleiner ernüchternder Nachtrag Februar 2018:

Die französische Staatssekretärin für die Gleichstellung von Männern und Frauen, Marlène Schiappa, die in einfachen Verhältnissen in  Belleville aufgewachsen ist, hat in einem ausführlichen Interview mit Le Monde (4./.5. Februar 2018) von dem Glück gesprochen, das sie in ihrem Leben gehabt habe. Sie berichtet:

„Eine tolle Französisch-Lehrerin und eine gute Beratungslehrerin haben sich die Zeit genommen, mit mir zu überlegen, welche Möglichkeiten es gibt, dem „lycée de secteur“, (also dem eigentlich für sie „zuständigen“ Gymnasium des Viertels. W.J.)  zu entkommen und statt dessen von einem angesehenen Pariser Gymnasium aufgenommen zu werden. Ich habe Russisch und Latein gewählt, und -hopp!- wurde ich von Belleville ins 16. Arrondissement katapultiert. Mein Glück!“

Dies übrigens auch eine kleine Illustration zum französischen Schulsystem – siehe den Blog-Beitrag über Frankreich als Spitzenreiter der schulischen Ungleichheit.

 

 

Zum Weiterlesen und –hören:

Thierry Jonquet, Jours tranquilles à Belleville. Paris 2013

Clément Lépidis und Emmanuel Jacomin: Belleville. Paris 2008

http://www.franceculture.fr/emissions/les-nuits-de-france-culture/belleville-par-ses-habitants-avant-entendait-chanter-le-coq (Bewohner von Belleville erzählen von ihrem Quartier aus der Zeit „avant sa destruction par les promoteurs“ in den 1970-er Jahren)

Géraldine Smith, Rue Jean-Pierre Timbaud. Une vie de famille entre barbus et bobos. Paris: Stock 2016

 

Anmerkungen:

[1] http://www.histoire-immigration.fr/la-cite/le-reseau/les-actions-du-reseau/2009-journees-europeennes-du-patrimoine/quartier-de-belleville-paris

[2] Für sie wird manchmal der Begriff „de souche“ verwendet, der i.a. mit „gebürtig“ übersetzt wird. Wenn von „français de souche“ die Rede ist, sind aber weniger die in Frankreich Geborenen gemeint, sondern diejenigen, die schon seit  (mehreren) Generationen in Frankreich leben. Insofern verstößt der Ausdruck auch gegen die republikanische political correctness, weil es nach ihr eine solche Unterscheidung gar nicht geben dürfte. Vielleicht ist es also auch ein Ausdruck politisch schlechten Gewissens, wenn das de souche öfters auch in Anführungsstriche gesetzt wird. .

(2a) siehe Stéphanie Lombard, Street Art Paris. Paris 2017, S. 59. Auf der vorderen inneren Umschlagseite ist der Belvedere von Belleville mit den Malereien von Seth und den  Arbeiten weiterer Street-Art-Künstler abgebildet.

[3]  « Fontaine coulant d’habitude pour l’usage commun des religieux de Saint-Martin de Cluny et de leurs voisins les Templiers. Après avoir été trente ans négligée et pour ainsi dire méprisée, elle a été recherchée et revendiquée à frais communs et avec grand soin, depuis la source et les petits filets d’eau. Maintenant enfin, insistant avec force et avec l’animation que donne une telle entreprise, nous l’avons remise à neuf et ramenée plus qu’à sa première élégance et splendeur. Reprenant son ancienne destination, elle a recommencé à couler l’an du Seigneur 1633, non moins à notre honneur que pour notre commodité. Les mêmes travaux et dépenses ont été recommencés en commun, comme il est dit ci-dessus, l’an du Seigneur 1722 » https://fr.wikipedia.org/wiki/Regard_Saint-Martin

Zur Bedeutung des Wasser für Belleville:  http://plateauhassard.blogspot.fr/2013/03/histoires-deaux-belleville.html

Zum Kloster Saint-Martin-des-Champs -heute das musée des arts et métiers- siehe den Blog-Beitrag über die Freiheitsstatue in New York  und ihre Pariser Schwestern, Teil 3

Es gib noch einen weiteren  schönen Regard in Belleville, den 1583-1613 errichteten Regard de la Lanterne, Rue de Belleville/Rue Complans.

[4] Heute erinnern nur noch der Name Quartier d’Amerique mit der Place des Fêtes als Mittelpunkt und die rue des carrières des Amerique an diese Vergangenheit.

[5] http://www.parisrevolutionnaire.com/spip.php?article135 (Für politisch interessierte Promeneurs eine äußerst interessante und ergiebige Quelle)

[6] https://bataillesocialiste.wordpress.com/2012/08/23/allocution-du-coiffeur-rozier-au-banquet-communiste-de-belleville-1840/

[7] https://paris-luttes.info/banquet-contre-l-etat-d-urgence-a-4635?lang=fr  Allerdings –wohl auch aufgrund des schlechten Wetters- mit deutlich geringerer Beteiligung als beim Banquet von 1840 –sieht man von dem massiven Polizeiaufgebot ab. Dabei ging es noch nicht einmal gegen den Ausnahmezustand als solchen, sondern nur um die Art seiner Instrumentalisierung durch die Regierung!

[8] Es gehört übrigens zu den Perversitäten, die die Geschichte manachmal mit sich bringt, dass ausgerechnet an diesem Ort während der großen rafles unter deutscher Besatzung die Juden  des Viertels zusammengetrieben wurden, bevor sie dann ins Vel d’hiver, nach Drancy und schließlich Auschwitz deportiert wurden. Entsprechend geschah es ja auch mit dem  Gymnase Japy im 11. Arrondissement, einem  weiteren mythischen Ort der französischen Arbeiterbewegung.

[9]  So jedenfalls zu entnehmen der Histoire de la Commune de 1871 von Lissagaray. Entsprechend auch Jule Vallès im L’Insurgé. Die Ehre der letzten Commune-Barrikade beansprucht allerdings  auch –unter Berufung auf Louise Michel-  die rue de la Fontaine-au-Rois

[10] http://www.lefigaro.fr/flash-actu/2015/11/12/97001-20151112FILWWW00365-paris-le-metro-belleville-change-de-nom.php

[11] http://www.liberation.fr/france/2016/01/10/pour-une-primaire-a-gauche_1425509

http://www.lefigaro.fr/politique/2016/02/04/01002-20160204ARTFIG00039–la-bellevilloise-la-gauche-de-la-gauche-tente-de-mettre-sur-les-rails-la-primai

[13] http://plateauhassard.blogspot.fr/2011/10/lile-damour.html

[14]  http://www.alain-rustenholz.net/2012/02/belleville-ou-la-revanche-du-lapin.html

[15] https://www.youtube.com/watch?v=oTFQK767Qik

[16] http://ateliers-artistes-belleville.fr/les-portes-ouvertes/les-artistes-participant/

[17] http://ateliers-artistes-belleville.fr/artiste/juan-de-nubes/

[18] Guide Vert, Idées des promenades à Paris, S. 48).

http://www.hellocoton.fr/to/8mnt#http://news.celemondo.com/2010/12/la-villa-castel-lieu-de-tournage-de-jules-et-jim/

[19] http://www.lemonde.fr/culture/visuel/2015/04/16/a-belleville-la-rue-denoyez-perd-ses-artistes_4616550_3246.html)

(19a) http://kamlaurene.com/

[20] Siehe dazu: http://voyage.blogs.rfi.fr/article/2012/06/08/belleville-les-multiples-visages-du-paris-populaire (mit interessanten Berichten aus Belleville zum Abspielen und Mithören)

[21] Eric Hazan, L’invention de Paris. Il n’y a pas de pas perdus. Éditions du Seuil 2002, S. 283

Patrick Simon et Claude Tapia: Le Belleville des Juifs tunisiens. Paris 1998

22]  siehe 10. Bericht aus Paris: Spuren der Erinnerung

[23] http://www.tunisiensdumonde.com/les-rendez-vous/2009/03/quartier-belleville-a-paris-la-goulette-sur-seine/

http://leplus.nouvelobs.com/contribution/1326242-insultes-regard-menaces-je-suis-juif-aujourd-hui-j-evite-certains-quartiers-de-paris.html

Siehe auch:  Daniel Gordon, « Juifs et musulmans à Belleville entre tolérance et conflit », Cahiers de la Méditerranée, 67 | 2003, 287-298. http://cdlm.revues.org/135

(23a) Schwarzafrikaner hat es allerdings wohl auch schon seit dem Ersten Weltkrieg in Belleville gegeben. Siehe dazu die Legende vom Sekou-Touré-Baum in dem Innenhof des Hauses 10,rue du Jourdan an der Kirche St Jean Baptiste:

„10 rue du Jourdain se trouve une cour bordée d’immeubles bas et planté entre autres de „Sekou Touré“. Cette plante exotique aurait été importée par les tirailleurs sénégalais  à l’issue de la première guerre mondiale“ (.http://plateauhassard.blogspot.fr/2013/06/la-rue-de-belleville.html)

[24] https://www.youtube.com/watch?v=jBIWL9S32QQ

[25] Jonquet Thierry, « « Jours tranquilles à Belleville ». », Sociétés & Représentations 1/2004 (n° 17) , p. 183-192  http://www.cairn.info/revue-societes-et-representations-2004-1-page-183.htm

[26] http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2010/07/02/01016-20100702ARTFIG00573-la-revolte-des-chinois-de-belleville.php

Siehe zu Belleville auch den Blog-Beitrag über „Chinatown in Paris“ (Rubrik Stadtviertel, 13. Arrondissement)

[27] http://www2.cnrs.fr/presse/thema/600.htmImprimer

[28] http://www.tunisiensdumonde.com/a-la-une/2009/03/au-coeur-du-quartier-de-belleville-%C2%AB-la-goulette-sur-seine-

[29]  www.chinoisdefrance.com

http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2010/07/02/01016-20100702ARTFIG00573-la-revolte-des-chinois-de-belleville.php

[30] Florence Aubenas, Belleville, extérieur nuit. In: Le Monde, 3.2.2016. Enquête, S.

[31] http://www.hommes-et-migrations.fr/docannexe/file/1227/1227_05.pdf

Der Cimetière de Picpus, ein deutsch-französischer und amerikanischer Erinnerungsort

In diesem Beitrag geht es um den Cimetière de Picpus, einen wenig bekannten kleinen privaten Friedhof im 12. Arrondissement von Paris. Dieser Friedhof ist nicht nur ein einzigartiges Zeugnis des jacobinischen Terrors  zur Zeit der Französischen Revolution, sondern auch –eher weniger bekannt- ein ganz besonderer deutsch-französischer (und amerikanischer!) Erinnerungsort, verdankt er doch seine Entstehung einer deutschen Prinzessin… Und es ist ein Ort, der vielfältige Bezüge zur französischen und deutschen Literatur aufweist: Dafür stehen Namen wie Stefan Zweig, Rainer Maria Rilke, Gertrud von Le Fort, André Chenier und Patrick Modiano.

 

Der Friedhof von Picpus gehört sicherlich nicht zu den spektakulären Pariser Sehenswürdigkeiten. Und selbst unter den Pariser Friedhöfen  führt er eher ein Schattendasein: Mit dem Père Lachaise und seinen unzähligen Grabmälern bedeutender Frauen und Männer, dem Cimetière Montparnasse mit den Gräbern von Sartre, Simone de Beauvoir und Stéphane Hessel oder auch dem Cimetière Montmartre mit dem Grab Heinrich Heines kann er kaum mithalten. Schließlich liegt er auch noch versteckt am Rande von Paris, südlich der Place de la Nation, der Eingang ist ganz unscheinbar und nur zu bestimmten  Tageszeiten geöffnet- man muss den Friedhof also schon sehr bewusst ansteuern. Aber der Weg lohnt sich.(0)

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Der Cimetière de Picpus ist nicht nur eine Oase der Stille, abseits des touristischen Trubels, sondern auch ein Erinnerungsort an ein blutiges Kapitel der Französischen Revolution, den jacobinischen Terror. Aber, und das macht einen zusätzlichen Reiz dieses Ortes aus, es geht hier nicht nur um französische Geschichte: Der Ort ist wegen des Grabes von La Fayette auch ein Pilgerort für Amerikaner.

Und eine besondere Pointe: Seine Entstehung hat der Friedhof einer deutschen Prinzessin zu verdanken, die in besonderer Weise von dem jacobinischen Terror betroffen war. Der Friedhof ist also –und nicht nur deshalb- auch ein deutsch-französischer Erinnerungsort.[1]

Dass gerade an dieser Stelle 1306 Opfer der Guillotine verscharrt wurden, hat seine besondere Bewandtnis. Zunächst stand ja die Guillotine auf der place de la Révolution, der heutigen Place de la Concorde,  auf der anderen Seite der Stadt. Aber die Anwohner und Gewerbetreibenden der damals schon noblen rue St-Honoré beschwerten sich über das geschäftsschädigende Vorbeirattern der Leichenwagen. Das beeindruckte auch die Jacobiner, so dass sie die Guillotine im Juni 1794 auf die Place de la Bastille verlegten. Die Opfer wurden nun auf den Friedhof der Kirche Sainte Marguerite im Faubourg Saint Antoine gebracht.[2]  Aber auch das in diesem Viertel ansässige feine Tischlerhandwerk wollte nicht durch den Transport verstümmelter Leichen belästigt werden. Also wurde die Guillotine noch einmal verlegt und auf der Place du Trône renversé, der heutigen Place de la Nation, bzw. der sich daran anschließenden barrière du trône aufgestellt. Von hier aus waren es nur wenige Schritte zu den Gärten des in der Revolution aufgehobenen Damenstifts St. Augustin de Picpus. Das war auch noch von einer hohen Mauer umgeben, so dass die Totengräber hier ungestört zwischen dem 14. Juni und dem 27. Juli 1794, dem Sturz Robbespierres und dem Ende des Grand Terreur,  zu Werk gehen und die Hingerichteten in zwei Massengräbern verscharren konnten.  Eine  Tafel am großen Holztor in der nördlichen Mauer des ehemaligen Klostergeländes und heutigen Friedhofs erinnert daran:

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„Die blutigen Karren der Guillotine, die 1794 an der barrière du trône aufgestellt wurde, rollten in die Gärten der Stiftsdamen von St. Augustin de Picpus durch eine Tür in der nördlichen Mauer des Gartens. Der Türsturz davon ist noch erhalten. Die verstümmelten Leichen der 1306 Opfer  ruhen in zwei Massengräbern.“[3]

Gartentür 016

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In der kleinen Kapelle vor dem Friedhof sind auf zwei gegenüberliegenden Wänden riesige Tafeln  mit den Namen, dem Alter und dem Beruf der Opfer  angebracht, geordnet nach den Daten der Hinrichtung. In den sechs Wochen des Juni und Juli 1874 wurden auf der place du trône renversée mehr Menschen  umgebracht als in den 13 Monaten davor auf der place de la Revolution.  Auch wenn die Beleuchtung etwas düster ist: Die abstrakte Zahl  1306 wird hier  erfahrbar und,  wenn man genauer hinsieht, auch etwas davon, wer alles dem Terror zum Opfer fiel: Menschen jeden Alters, Geschlechts und Standes.

Erinnerungstafel alle Opfer nach Stand 012

Natürlich Adlige und Geistliche, die als Feinde der Republik galten, vor allem und mehrheitlich aber „gens du peuple“, Hausbedienstete, kleine Handwerker, eine Frisöse, ein Bäcker, eine Krankenschwester, ein Gebrauchtwarenhändler[4]…. Die jacobinischen Revolutionstribunale konnten sich nicht nur einer zügigen Abwicklung der Prozesse und der geradezu fließbandmäßiger Vollstreckung der üblichen Todesurteile rühmen, sondern auch –man kennt das aus der deutschen Geschichte- einer peniblen Buchführung. (4a)

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Hier wird auch die Formel von Ernst Moritz Arndt aus dem Jahre 1805 nachvollziehbar, die Revolution samt Schreckensherrschaft sei ein gefräßiges Ungeheuer gewesen, welches „hungrig sich selbst verschlang, bis es im Würgen ermattete“, wobei allerdings Revolution und Schreckensherrschaft zu Unrecht in einen Topf geworfen werden.   Aber dass man nach den Protesten im noblen Faubourg Saint Honoré und im Faubourg Saint Antoine der Handwerker die Guillotine am äußersten Ende von Paris aufstellte  und  dass mit den Gärten des Klosters St. Augustin ein “Ort des kurzen Wegs“ für die Massengräber gewählt wurde, zeigt, dass sich der Konvent  der  öffentlichen Zustimmung zu den immer willkürlicheren und teilweise völlig zufälligen Hinrichtungen nicht mehr sicher sein konnte. „Nicht Robespierres Gegner waren die Guillotine und das Guillotinieren leid“, schrieb denn auch Rudolf Augstein 1989 in seiner Spiegel-Serie über die Französische Revolution.  „Das Volk von Paris war des immer gleichen Schauspiels müde, haßte den Blutgeruch und nahm dem Konvent die Blutmaschine aus den blutigen Händen.“[5]

 

Ein Rundgang durch den Friedhof

Der Cimetière de Picpus besteht aus zwei Teilen: zunächst einem Friedhof im typisch französischen Stil – mit eng aneinander liegenden steinernen bzw. nebeneinander stehenden Grabmälern von adligen Familien, die Angehörige im jacobinischen Terror verloren hatten. Entsprechend respektabel sind denn auch einige dieser Grabstätten – ganz im Gegensatz zu dem hinter einer weiteren Mauer liegenden  und nicht zugänglichen Feld mit den beiden Massengräbern der letzten  Opfer des  Terrors, an die  schlichte Kreuze oder Gedenksteine erinnern.

Beginnen wir unseren Rundgang am Grab von La Fayette.  Das Grab La Fayettes ist nicht zu übersehen, auch wenn es in der hinteren Ecke des Friedhofs liegt. Aber die amerikanische Fahne, der einzige Farbtupfer in dem steinernen Gräberfeld, weist den Weg. Die stars and stripes an diesem Grab sind eine Würdigung der besonderen Rolle, die La Fayette im amerikanischen Bürgerkrieg spielte. Immerhin hatte sich La Fayette als überzeugter Aufklärer mit einer auf eigene Kosten angeworbenen Freiwilligentruppe am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg beteiligt und war zum Generalmajor des amerikanischen Kontinentalheeres ernannt worden. Mit den Führern der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung, George Washington und Thomas Jefferson, war er bekannt. Jeffersons 1776 verfasste „Blll of rights of Virginia“, die Vorläuferin der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, beeinflusste ihn sehr. Am 11. Juli 1789 brachte er in die neue Nationalversammlung, deren Vizepräsident er drei Tage später wurde, den Entwurf einer Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte  nach amerikanischem Vorbild ein, den er mit der Unterstützung von  Jeffersons erarbeitet hatte, der inzwischen  Botschafter in Paris geworden war.

In Amerika wurde er als Kriegsheld gefeiert. Zahlreiche Städte und Landkreise (counties) tragen seinen Namen. Auf dem Lafayette Square in Washington, D.C. ist er in einer Statue verewigt und auch in Paris gibt es eine von einem Amerikaner gestiftete Lafayette-Statue,  ein Dank für die von Frankreich der USA geschenkte Freiheitsstatue. Sie stand ursprünglich im Hof des Louvre, musste aber aufgrund des Baus der Pyramide an den cours la reine, eine Anlage an der Seine auf der Höhe des Grand Palais, „umziehen“.

Dass La Fayette, der aufgrund seiner Flucht nach Flandern und seiner Gefangenschaft bei Österreichern und Preußen  dem jacobinischen Terror Terror entging, auf dem Friedhof Picpus begraben liegt, hat er seiner Frau bzw. deren Familie zu verdanken.

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Die aus einem alten und bedeutenden französischen Adelsgeschlecht stammende Adrienne de Noailles wurde 1774 im Alter von 14 Jahren mit dem 16-jährigen Gilbert du Motier, Marquis de la Fayette, verheiratet. Ihre Großmutter, ihre Mutter und ihre Schwester wurden am 22. Juli 1794 hingerichtet, also 5 Tage vor dem Ende der Schreckensherrschaft. Ende Juni waren schon vier weitere Mitglieder des Noialles-Geschlechts hingerichtet worden: Philippe de Noailles, duc de Mouchy, Marschall Frankreichs, seine Frau, eine „madame etiquette“ genannte Ehrendame Marie-Antoinettes, dazu seine Nichte und Schwiegertochter.

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Damit hatten die Noailles/La Fayettes gewissermaßen das Anrecht erworben, auf dem Cimetière de Picpus  begraben zu werden.

Das Grab von La Fayette und der Familie de Noailles markiert nicht nur ein besoders blutiges Kapitel des jacobinischen Terreur, sondern  es ist auch ein Symbol der amerikanisch-französischen Waffenbrüderschaft. Am 13. Juni 1917 besuchte der Oberbefehlshaber des amerikanischen Expeditionsheeres, General Pershing, in Begleitung des französische Generals Pelletier das Grab Lafayettes. (5a)

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An Lafayette und Pershing erinnern auch Tafeln am Eingang des Friedhofs.

Und am 4. Juli 1917,  dem Tag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und Nationalfeiertag, rief Oberst Stanton, Vertreter des amerikanischen  Expeditionscorps, im Beisein von Marschall Joffre am Grab aus. „La Fayette, nous voici!“- ein berühmt gewordener  Ausspruch, der dann auch wieder 1944  anlässlich der Landung der amerikanischen Truppen in der Normandy zitiert wurde.[6]. Heutzutage  besucht der jeweilige amerikanische Botschafter in Paris am 4. Juli das Grab von La Fayette und eine neue stars and stripes wird gehisst.

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Geht man etwas  durch die Gräberreihen und betrachtet die Inschriften, so stellt man fest,  dass  es sich hier geradezu um ein   who is who?  des französischen Hochadels handelt. Zwar waren zahlreiche Adlige noch rechtzeitig emigriert, aber es gab doch noch genug andere, die davon ausgingen, wegen ihrer Zustimmung zu den Idealen  der Revolution oder wegen ihrer besonderen persönlichen Situation nichts befürchten zu müssen.  Dazu gehörte der schon erwähnte Philippe de Noailles: Als er aufs Schafott stieg –er war damals 79 Jahre alt-  rief ihm einer der Schaulustigen zu: „Courage, Monsieur le Maréchal!“. Seine Antwort: „Als ich 15 Jahre alt war, stieg ich aufs Pferd zum Sturmangriff für meinen König, jetzt, fast 80-jährig, steige ich aufs Schafott für meinen Gott.“[7]

Hingerichtet und verscharrt wurde auch Marie-Louise de Laval-Montmorency, die letzte Äbtissin von Montmartre. Sie war blind und taub und wurde vom Revolutionstribunal zum Tode verurteilt, weil sie „sourdement et aveuglément“ gegen die Republik agitiert habe- ein vielzitiertes Beispiel für den Zynismus der Revolutionstribunale.

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Zu den Opfern gehörte auch der Dichter André de Chénier. An ihn erinnert eine schlichte Gedenkplatte an der Mauer, die die Wiese mit den Massengräbern von dem heutigen Friedhof trennt. Die Inschrift der Tafel:  André de Chénier, Sohn Griechenlands und Frankreichs. Er diente den  Musen, liebte die Weisheit und starb für die Wahrheit.

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Rudolf Augstein schrieb in seiner Spiegel-Serie Vom Freiheitsrausch bis Waterloo über das  Ende von Chenier:

„Der Dichter Andre Marie de Chénier, ein erklärter Feind der Jakobiner, wird am 7. März 1794 verhaftet. Man sperrt ihn in das Gefängnis Grande-Force und guillotiniert ihn drei Tage vor Robespierre. Warum hat er diesen nicht überlebt? Nun, in den Gefängnissen sitzen auch die „moutons“, die Spitzel. Einer, der Graf Ferrières-Sauvebeuf, hat ihn beim Sicherheitsausschuß denunziert. Chéniers Geliebte, Madame de Bonneuil, eine erwiesene Feindin der Republik, trifft im Juli 1793 im Gefängnis Sainte-Pelagie ein und überlebt. Unter dem Namen „Camille“ hat sie der Dichter verewigt.“ (Augstein).

Chenier kritzelt, auf den Karren wartend, sein letztes Gedicht. Es zeugt  „von seiner Anstrengung, selbst den letzten Moment im Zeichen der eigenen klassizistischen, auf Freiheit und Tugend gerichteten Poesie zu gestalten. Dem bevorstehenden Tod wird nichts Tröstliches abgerungen.“[8]

Comme un dernier  rayon, comme un dernier zéphyre

Anime la find d’un beau jour,

Au pied de l’échafaud j’essaye encore ma lyre.

Peut-être est-ce bientôt mon tour;

Peut-être avant que l’heure en cercle promenée

Ait posé sur l’émail brillant,

Dans les soixante pas où sa route est bornée,

Son pied sonore et vigilant,

Le sommeil du tombeau pressera ma paupière!

Avant que de ses deux moitiés

Ce vers que ke commence ait atteint la  dernière,

Peut-être en ces murs effrayés

Le messager de mort, noir recruteur des ombres,

Escorté d’infâmes soldats,

Remplira de mon nom ces longs corridors sombres.

Quoi! Nul ne restera pour attendrir l’histoire

Sur tant de justes massacrés;

Pour consoler leurs fils, leurs veuves, leur mémoire;

Pour que des brigands abhorrés

Frémissent aux portraits noirs de  leur ressemblance;

Pour descendre jusqu’aux enfers

Chercher le triple fouet, le fouet de la vengeance,

Déjà levé  sur ces pervers;

Pour cracher sur leurs noms, pour chanter leur supplice!

Allons, étouffe tes clameurs;

Souffre, ô choeur gros de  haine, affamé de justice.

Toir, Vertu, pleure si je meurs.“

 Aber noch auf den Stufen der Conciergerie wird auch er, ähnlich wie Saint-Just, sagen: „Und doch war hier etwas.“[9]

Stefan Zweig berichtet im 9. Kapitel  seiner 1942 posthum erschienenen Memoiren „Die Welt von gestern“, wie er in der Zeit vor dem  Ersten Weltkrieg mit dem damals in Paris lebenden Rainer Maria  Rilke, dem Sekretär Auguste Rodins,  den Cimetière de Picpus und das Grab von Chénier besuchte:

… am schönsten war es, mit Rilke in Paris spazierenzugehen, denn das hieß, auch das Unscheinbarste bedeutsam und mit gleichsam erhelltem Auge sehen; er bemerkte jede Kleinigkeit, und selbst die Namen der Firmenschilder sprach er, wenn sie ihm rhythmisch zu klingen schienen, gerne sich laut vor; diese eine Stadt Paris bis in ihre letzten Winkel und Tiefen zu kennen, war für ihn Leidenschaft, fast die einzige, die ich je an ihm wahrgenommen. Einmal, als wir uns bei gemeinsamen Freunden begegneten, erzählte ich ihm, ich sei gestern durch Zufall an die alte ›Barrière‹ gelangt, wo am Cimetière de Picpus die letzten Opfer der Guillotine eingescharrt worden waren, unter ihnen André Chenier; ich beschrieb ihm diese kleine rührende Wiese mit ihren verstreuten Gräbern, die selten Fremde sieht, und wie ich dann auf dem Rückweg in einer der Straßen durch eine offene Tür ein Kloster mit einer Art Beginen erblickt, die still, ohne zu sprechen, den Rosenkranz in der Hand, wie in einem frommen Traum im Kreis gewandelt. Es war eines der wenigen Male, wo ich ihn beinahe ungeduldig sah, diesen so leisen, beherrschten Mann: er müsse das sehen, das Grab André Cheniers und das Kloster. Ob ich ihn hinführen wolle. Wir gingen gleich am nächsten Tage. Er stand in einer Art verzückter Stille vor diesem einsamen Friedhof und nannte ihn ›den lyrischsten von Paris‹. Aber auf dem Rückweg erwies sich die Tür jenes Klosters als verschlossen. Da konnte ich nun seine stille Geduld erproben, die er im Leben nicht minder als in seinen Werken meisterte. »Warten wir auf den Zufall«, sagte er. Und mit leicht gesenktem Haupt stellte er sich so, daß er durch die Pforte schauen konnte, wenn sie sich öffnete. Wir warteten vielleicht zwanzig Minuten. Dann kam die Straße entlang eine Ordensschwester und klingelte. »Jetzt«, hauchte er leise und erregt. Aber die Schwester hatte sein stilles Lauschen bemerkt – ich sagte ja, daß man alles an ihm von ferne atmosphärisch fühlte –, trat auf ihn zu und fragte, ob er jemanden erwarte. Er lächelte sie an mit diesem seinem weichen Lächeln, das sofort Zutrauen schuf, und sagte offenherzig, er hätte so gerne den Klostergang gesehen. Es tue ihr leid, lächelte nun ihrerseits die Schwester, aber sie dürfe ihn nicht einlassen. Jedoch riet sie ihm, zum Häuschen des Gärtners nebenan zu gehen, von dessen Fenster im Oberstock habe er einen guten Blick. Und so ward auch dies ihm wie so vieles gegeben.“[10]

Eine Tafel an der Friedhofswand erinnert an 23 Bewohner der Vendée, die im Juni 1794 hier verscharrt wurden- sie stehen  stellvertretend für die etwa 200000 Opfer, die die brutale Niederschlagung des konterrevolutionären Aufstandes in der Vendée gekostet hat.

001 Vendées

Zur Durchsetzung der Einheit Frankreichs und der Errungenschaften der Revolution gehörte auch ein teilweise Genozid-Ausmaße annehmender Terror zu den legitimen Mitteln: Nach dem Befehl des Wohlfahrtsausschusses sollte die Vendée „ausgeblutet“ werden, ihre Bewohner deportiert und durch „gute Sansculotten“ ersetzt werden.  „Zwanzig Kolonnen durchkämmten von Januar bis Mai 1794 die vier Départements Maine-et-Loire, Loire-Inférieure, Vendeée und Deux-Sèvres  mit entsetzlicher, an den Dreißigjährigen Krieg  erinnernder Grausamkeit.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Aufstand_der_Vendée)

Die ungewöhnlich brutale Bestrafung, auch unter Anwendung der Sippenhaft, dokumentierte sich in einem Befehl, den General Turreau gegeben haben soll: „[…] il faut exterminer tous les hommes qui ont pris les armes, et frapper avec eux leurs pères, leurs femmes, leurs sœurs et leurs enfants. La Vendée doit n’être qu’un grand cimetière national.„Wir müssen alle Männer vernichten, die zu den Waffen gegriffen haben und sie mit ihren Vätern, ihren Frauen, ihren Schwestern und ihren Kinder zerschlagen. Die Vendée soll nichts anderes sein als ein großer nationaler Friedhof.“ (a.a.O.)

 Zu den prominentesten  Opfern des jacobinischen Terrors, die auf dem Cimetière de Picpus verscharrt wurden, gehören sicherlich die 16 Karmeliterinnen von Compègne, an die eine weitere  Marmortafel an der Friedhofsmauer erinnert:

„Zur Erinnerung an die 16 Carmeliterinnen  von Compiègne, die am 17. Juli 1794 für ihren  Glauben  starben und am 27. Mai 1906 seliggesprochen  wurden. Ihre Körper ruhen hinter dieser Mauer.“        

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An die 16 Karmeliterinnen erinnert übrigens auch ein Fenster in der Kirche St. Marguerite im Faubourg Saint Antoine, die auch wegen seines kleinen Friedhofs und der mit trompe d’oeil-Technik ausgemalten Kapelle sehenswert ist.

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Die Nonnen hatten sich geweigert, ihr Ordensgelübde zu brechen, und wurden deshalb zum Tode verurteilt. Im Karmeliterkloster von Jonquière, einem Nachbarort von Compiègne, wird  die Erinnerung an die 16 Ordensschwestern wach gehalten. Dort wird auch eine Marienstatue gezeigt, die sie auf dem Weg zum Schafott in den Händen gehalten haben sollen.      

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 Im Kloster von Jonquière hängt auch das  Bild von G. Molinari (1906), das die 16 Karmeliterinnen auf dem Weg zum Schafott zeigt.  Im Hintergrund sind die beiden Säulen der Barrière du Trône zu sehen.

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Die beiden Königsstatuen auf den Säulen gab es damals allerdings noch nicht. Sie wurden erst 1845 hinzugefügt.

Das Schicksal der 16 Karmeliterinnen wurde mehrfach künstlerisch verarbeitet.  Es inspirierte Gertrud von Le Fort zu ihrer 1931 erschienenen Novelle   Die Letzte am Schafott.  Im Mittelpunkt der Novelle steht die junge, vormals ängstliche Blanche, die an der Guillotine den frommen Gesang der (anschließend) enthaupteten Nonnen mutig aufnimmt  und damit ihre schwache Stimme gegen den blutigen Terror der Revolution erhebt.

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             Poulec: Dialogues des Carmélites im Théatre des Champs-Elysées 2013/2014

photo : Vincent Pontet/Wikispectacle)

Georges Bernanos schrieb auf der Basis der Erzählung zunächst 1947 ein Film-Drehbuch, das 1960 unter dem Titel Le Dialogue des Carmélites (dt. Opfergang einer Nonne) verfilmt wurde. Jeanne Moreau spielte in diesem Film die Schwester Marie, Pascale Audret die Blanche.  Und Francis Poulenc  machte aus  diesem Stoff seine Oper Dialogues des Carmélites, die 1957 an der Mailänder Scala uraufgeführt wurde. Wir haben das Stück 2013 in einer beeindruckenden Inszenierung von Olivier Py  im Théatre des Champs-Elysées gesehen.[11]

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Besonders eindrucksvoll fanden wir das letzte Bild: Nach und nach gehen die Nonnen langsam nach hinten, wo eine Treppe nach unten führt, über die sie Schritt für Schritt aus dem Blickfeld der Zuschauer verschwinden. Ein harter Knall markiert das Ende auf dem Schafott, bevor dann die nächste –und schließlich Blanche, die letzte- an der Reihe ist.

Die Geschichte des Friedhofs von Picpus

Es gibt aber noch zwei weitere prominente Opfer des jacobinischen Terrors, die beide am 23. Juli 1794 guillotiniert und auf dem Gelände des heutigen cimetière de Picpus verscharrt wurden:  Alexandre de Beauharnais, der erste Mann von Josephine,  der späteren Frau Napoleons, und der Prinz Friedrich III. von Salm-Kyrburg. Ohne sie hätte  es wohl diesen Friedhof nie  gegeben. Vor allem aber   ist seine Entstehung der Schwester Friedrichs III. zu verdanken, der Amalie Zephyrine von Hohenzollern-Sigmaringen. Dahinter verbirgt sich eine ziemlich abenteuerliche deutsch-französische Geschichte, die es wert ist, hier erzählt zu werden.

 Beginnen wir die Geschichte mit dem Fürsten Friedrich III- Johann Otto zu Salm-Kyrburg  (1745–1794).[12] Sitz seiner Familie war ursprünglich die Kyrburg in Kirn, einem kleinen Städtchen an der Nahe. Die Kyrburg war im Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit eine ansehnliche Residenz, bis sie 1734 unter französischer Besatzung gesprengt wurde.

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Das ist übrigens auch insofern  von Bedeutung, weil sich der finanziell stets klamme  Friedrich III. später um eine Kriegsentschädigung seitens der französischen Krone bemühte, die ihm aber verweigert wurde. Nach der Zerstörung des Schlosses richteten die Fürsten von Salm-Kyrburg dort zwar in einem zweistöckigen Neubau eine Garnison ein–heute ein Restaurant-, als Residenz kamen die Ruinen  der Kyrburg aber nicht mehr in Frage.  Wenigstens dienten sie dann  der Bevölkerung als Steinbruch.

Friedrich III., immerhin verheiratet mit einer leibhaftigen Hohenzollern (Johanna Franziska von Hohenzollern-Sigmaringen), beauftragte also keinen Geringeren als den Pariser Architekten Jacques- Denis Antoine mit der Konzeption eines Stadtentwicklungsplans –wie man  heute sagen würde- für Kirn  und mit dem Bau einer standesgemäßen barocken Sommerresidenz. Antoine war – zusammen  mit Soufflot und Ledoux- vor der Revolution einer der bekanntesten und auch international geschätzten französischen Architekten. Antoine verstand es, wie es in einem Informationsblatt über die von ihm entworfene und kürzlich renovierte Monnaie de Paris heißt,  äußerst begüterte und renommierte internationale Auftraggeber zu gewinnen[13]. Dazu gehörte offenbar auch der Prinz von Salm-Kyrburg. Zu Ehren seiner Schwester, Amalie Zephyrine von Salm-Kyrburg, erhielt die Residenz den  Namen Amalienlust.

36e4bef3-446b-44d9-bb5c-3a54606390ac www, Gastlandschaften. Amalienlust

http://www.gastlandschaften.de

Erhalten  sind davon noch zwei Pavillons (Teichweg 7 und 11) und ein Theater (Teichweg 12).[14] Auch wenn bei Wikipedia zu lesen ist, dass dieses Theater  – ein bescheidenes Gebäude vom Umfang eines Ein- oder höchstens Zweifamilienhauses- „mondäne Ansprüche… befriedigt“ habe[15]: Das Provinznest Kirn mit seiner –wenn auch von einem Franzosen geplanten- Duodez-Residenz war dem Fürsten einfach zu eng.

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Portrait von Friedrich III. von Salm-Kyrburg im Salon de l’aurore des Hôtel de Salm (Kopie)

Wohin also? Natürlich nach Paris, der Hauptstadt nicht nur des 19.Jahrhunderts, wie Walter Benjamin es formulierte,  sondern auf jeden  Fall auch  des  18. Jahrhunderts. In Paris hatten schon seine Eltern einen „Zweitwohnsitz“- so wie viele andere linksrheinische deutsche Adelsfamilien, denen es zu Hause zu eng war und die vom Glanz des Pariser Hofes angezogen wurden. So ist es zu erklären, dass  Friedrich schon einen Teil seiner Jugend in Paris verbracht und dort die noble Schule Louis le Grand besucht hatte. Seit 1771 war er sogar „colonel“ in einem in französischen  Diensten stehenden deutschen Infanterieregiment. (Emig, 69)

In Paris  nutzte Friedrich III. seine Aura als deutscher Märchenprinz und die Einkünfte aus seinen Besitzungen in Deutschland und Belgien und ließ durch den Architekten Pierre Rousseau von 1782 bis 1787 ein grandioses Adelspalais (hôtel particulier) in bester Lage an der Seine errichten, das Hôtel de Salm am Quai d’Orsay.[16]

Download Hotel de Salm

Bau des Hôtel  de Salm (anonym) Musée Carnavalet

Dieses Bauwerk erregte damals außerordentliche Bewunderung. In zeitgenössischen Handbüchern  der Architektur wurde es als eines der schönsten Häuser von Paris gerühmt. Als Thomas Jefferson Botschafter der Vereinigten  Staaten von Amerika in Paris war, bat er darum, seinen Sessel im Tuilerien-Garten  so aufzustellen, dass er das Hôtel de Salm betrachten konnte, in dem er auch gerne und oft zu Gast war.[17] Er sei in dieses Gebäude verliebt, schrieb er.[18]

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Kein Wunder,  denn  die Schauseite zur Seine ist von einer außerordentlichen  Eleganz (damals noch zu einem Garten geöffnet und nicht durch den vorbeibrausenden Verkehr beeinträchtigt), während die gegenüberliegende pompöse Seite mit ihrem aufgeblähten Portikus ganz offensichtlich dazu diente, den Rang Friedrichs in der Adelshierarchie ostentativ zur Schau zu stellen.

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Für Jefferson gehörten die beiden Frontseiten des Hôtel de Salm  zu den “celebrated fronts of modern buildings”, die als Vorbild für Amerika dienen könnten. Und als Jefferson sein Landhaus in Monticello entwarf, ließ er sich dabei von seinem geliebten Hôtel de Salm inspirieren.[19]

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Es passt also genau, dass  an der Seine eine Statue Jeffersons platziert ist, der auf das fahnengeschmückte Hôtel de Salm blickt. Und in seiner Hand trägt er die Skizze seines Handhauses in Monticello.

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Die ostentative Präsentation des Ranges in der Adelshierarchie und des erworbenen Sozialprestiges beschränkte sich bei Friedrich aber nicht nur auf die Architektur, sondern umfasste den gesamten repräsentativen Lebensstil:  Anfang des Jahres 1789 gab Friedrich III. zum Beispiel  in seinem noch nicht ganz  fertiggestellten hôtel ein großes Abendessen mit anschließendem Ball, zu dem über 1000 Gäste – halb Paris also, wie ein Gast damals schrieb-  eingeladen waren![20] Seit 1804 ist das Hôtel de Salm Palais und Museum der 1802 gegründeten Ehrenlegion und lässt auch im Innern noch etwas von dem früheren Glanz spüren, auch wenn der Großteil der ursprünglichen Inneneinrichtung dem Feuer der Commune zum Opfer fiel.[21]

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Aber noch ist es nicht soweit: Noch logiert in dem  Hôtel nicht die Ehrenlegion, sondern der Prinz von Salm-Kyrburg,  dessen  Namen  es nach wie vor trägt. Und  bald nach seiner Errichtung wird es ein Treffpunkt der hochadligen Oberschicht des (vor)revolutionären Frankreich.

Und jetzt kommt ein zweites Mitglied des oben genannten  Trios ins Spiel, nämlich Amalie Zephyrine von Hohenzollern-Sigmaringen, die Schwester Friedrichs III.[22]

Amalie wurde 1860 in Paris geboren und in der großartigen Kirche Saint-Sulpice getauft – in derselben  Kirche, in der  gut 60 Jahre später Charles Baudelaire ebenfalls getauft wurde und  Heinrich Heine im Todesjahr Amalies seine Mathilde heiratete[23]. Erzogen wurde sie, wie es sich für ein Mädchen ihres Standes gehörte[24], zunächst im katholischen Mädchenpensionat Couvent Port-Royal, danach im noblen Kloster Bellechasse Faubourg Saint-Germain.  1782 heiratete Amalie –allerdings in Kirn-  auf Wunsch ihrer Eltern den Erbprinzen Anton Aloys von Hohenzollern-Sigmaringen, den Bruder Johannas, der frischvermählten Frau ihres Bruders. Seinen ersten gemeinsamen Winter verbrachte das junge Paar immerhin noch in Paris. 1784 kam Amalie Zephyrine dann zum ersten Mal nach Sigmaringen, wo sie sich nun auf Wunsch ihres Mannes und Schwiegervaters fest installieren sollte. Amalie konnte jedoch keine Zuneigung zu dem ihr angeheirateten Anton Alyois entwickeln, den sie „mon prince héréditaire“ nannte.  Und das von ihrem Schwiegervater streng reglementierte  Leben in der kleinen Residenzstadt an der Donau empfand sie als „unerträglich einengend“. Sigmaringen hatte zwar ein imposantes Schloss, aber es war ansonsten  ein bescheidenes Städtchen von 1000 Einwohnern. Paris dagegen, die Stadt ihrer Jugend und ihrer Träume, war Ende des 18. Jahrhunderts die geistige, künstlerische und politische Metropole Europas.[25] Also floh Amalie bereits ein Jahr später, zehn Wochen nach der Geburt ihres Sohnes Karl, als Mann verkleidet aus der oberschwäbischen Provinz nach Kirn zu ihrem Bruder. Den Mann und das kleine  Kind  ließ sie in Sigmaringen zurück. Ihr eigentliches Ziel war aber selbstverständlich nicht der Hunsrück, sondern das glänzende Paris, wo Friedrich III. und seine Frau die meiste Zeit des  Jahres verbrachten.

Download Amalia Zephyrine

                             Amalie Zephyrine  (Fürstl. Hohenzoll. Samml. Sigmaringen)

Und nun kommt auch der Dritte im Bunde ins Spiel, Alexandre de Beauharnais.

Download Alexandre de Beauharnais

http://frda.stanford.edu/

Der Vicomte de Beauharnais hatte –wie Lafayette- am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg teilgenommen und sich dort ausgezeichnet, 1779 heiratete er Joséphine, die wie er aus der französischen Kolonie Martinique stammte. Eigentlich hatte er Joséphines drei Jahre jüngere Schwester Catherine-Désirée Alexandre heiraten wollen, doch die starb an Tuberkulose. Die dritte Schwester, Marie Françoise, war erst elf Jahre alt, also noch etwas zu jung zum Heiraten. Schließlich akzeptierte er Joséphine als Frau – sie war ihm mit ihren 16 Jahren aber eigentlich bereits zu alt. Die Ehe verlief alles andere als glücklich, es kam zu einer psychischen und physischen Entfremdung und Alexandre unterstellte seiner Gattin sogar, dass die gemeinsame Tochter ein Kukuckskind sei. Im Jahr 1785 beschloss das Ehepaar mit beiderseitigem Einverständnis die Trennung.[26] So konnte Beauharnais seine wahre Liebe entdecken in Gestalt der …. natürlich!: Amalie Zephyrine von Hohenzollern-Sigmaringen, die er –bei allen sonstigen Affairen- seine „einzige wahre Freundin“ nannte.[27] Die lebte jetzt in Paris wie eine Göttin in Frankreich mit ihrem geliebten Bruder Friedrich und ihrem Liebhaber Alexandre. Und Josephine, immer noch Ehefrau Alexandres, freute sich offenbar an dem Liebesglück ihres Mannes und war mit Anna Amalie in einer herzlichen Freundschaft verbunden. Das kam gewissermaßen noch als i-Tüpfelchen dazu und erwies sich später als politisch höchst bedeutsam, als Josephine die Ehefrau Napoleons war und es um die Existenz des Hauses Hohenzollern ging. Aber das ist eine andere Geschichte….

Das Glück der drei Protagonisten unserer Geschichte währte allerdings nicht lange. Da gab es vor allem die finanziellen Probleme  Friedrichs, dessen finanzielle Mittel nicht auf gleicher Höhe waren wie sein Adelsprädikat und seine Ansprüche.  Friedrich hatte schon seit seiner Jugend einen Hang zur Verschwendung. Dazu kamen zahlreiche verlustreiche finanzielle Engagements- zum Beispiel das schließlich gescheiterte Projekt eines Kanals zwischen  Provins und der Seine. Die Schulden wuchsen ihm allmählich über den Kopf, der Druck der Geldgeber wurde immer massiver. Der dem adligen Prestigestreben geschuldete Bau des hôtel de Salm und die aufwändige doppelte Hofhaltung in Paris und Kirn waren absolut ruinös. Da außerdem die französische Krone sich weigerte, ihn für die Zerstörung der Kyrburg zu entschädigen, musste Friedrich  einen  Teil seines Besitzes veräußern oder pfänden, sein Pariser hôtel an den Architekten verkaufen und –das gab es schon damals!- zurückleasen.

Friedrich III. betrachtete insofern die revolutionären Ereignisse bis 1793 durchaus als eine Chance und als eine Art Neubeginn: „wenn nicht in ökonomischer Sicht, so doch in Form einer Distanzierung und Abrechnung mit einem ‚Ancien régime‘, das ihn in seiner finanziellen Misere im Stich gelassen und damit die Aufrechterhaltung seines adligen Status in Gefahr gebracht hatte.“ (Emig, 262)

Friedrichs Sympathie für die revolutionären Ereignisse hatte  ihre Grundlage aber durchaus auch in seiner Offenheit gegenüber den Ideen der Aufklärung:  Wie bei manchen anderen Mitgliedern des Hochadels gehörte es zum guten vorrevolutionären Ton, Kontakte zu den prominenten „gens de lettres“ der Aufklärung zu pflegen. Es galt geradezu als Maßstab des gesellschaftlichen Ansehens, von Voltaire in Fernay in der Nähe von Genf  empfangen zu werden. Friedrich unternahm die Reise im August 1771. Voltaire war offensichtlich von ihm sehr angetan und beschrieb ihn gegenüber d’Alembert als „instruit, modeste, très aimable et digne d’un meilleur siècle.“[28]

In Paris bemühte sich Friedrich auch um Jean Jacques Rousseau, der sich seit 1770 in seine ‚Dachkammer‘ in der rue de la Platrière zurückgezogen hatte, und besuchte ihn dort zusammen mit dem österreichischen Offizier, Diplomaten und Schriftsteller Karl  Charles Joseph de Ligne. Solche Besuche ausländischer Adliger bei französischen Philosophen und Schriftstellern gehörten damals zum Programm von Bildungsreisen und dienten der gegenseitigen Aufwertung. Und sie stärkten das bürgerliche Selbstbewusstsein im vorrevolutionären Frankreich: „Visitant les hommes de lettres parce qu’ils sont devenus le seul étendard prestigieux de l’identité nationale, les princes étrangers confortent le sentiment que l’opinion avait de leur pouvoir.“ [29]

Dass Friedrich dann auch die revolutionären Ereignisse von 1789 mit Anteilnahme und Sympathie verfolgte, zeigt seine  Teilnahme am Föderationsfest vom 14. Juli 1790, zu dem er  extra mit Amalie Zephyrine aus Kirn anreiste. Dieses Fest hatte der Bürgermeister von Paris, de Bailly, vorgeschlagen, mit dem Friedrich enge Kontakte pflegte- ebenso wie mit anderen der Revolution zuneigenden Adligen  wie La Fayette, Alexandre de Beauharnais und seine Frau Josephine. Gerade auch Frauen wie  Josephine oder Madame de La  Fayette spielten damals eine  wichtige Rolle und führten in veränderter Form die Tradition der vorrevolutionären Salons fort. „Ein zeitgenössischer Beobachter und Gast dieser Salons, der amerikanische Gouverneur Morris, benannte explizit Amalie als  Initiatorin und Gastgeberin eines solchen Salons, der offenbar im ‚Hôtel de Salm‘ stattfand. Morris behauptete in diesem Zusammenhang sogar, dass jenen  Frauen fast eine ‚republikanische Gesinnung‘ unterstellt werden konnte.“ (Emig,  267)

Inwieweit bei Friedrichs aufklärerischem und revolutionsfreundlichem Eifer auch opportunistische Erwägungen, nämlich der Statuserhaltung allen politischen und sozialen Umwälzungen zum Trotz- eine Rolle  gespielt haben, sei allerdings dahingestellt.  Das gilt auch für sein am 19. Dezember 1792  in einem Brief an den Konvent verkündetes Dekret der Untertanenbefreiung:

Ich ging zu den Menschen, die ich einmal meine Untertanen genannt habe und jetzt meine Mitbürger, meine Freunde, meine Kinder nenne, um ihre Knechtschaft und Hörigkeit, die lehnsherrlichen Rechte über ihr Hab und Gut – mit einem Wort, alle barbarischen Reste der Feudalherrschaft abzuschaffen.[30]

Man kann dies, wie Rudolf Augstein,  als Versuch verstehen, die französische Revolutionsideologie auf deutschem Boden auszubreiten, aber auch als ‚Verzweiflungsakt‘ , mit der Friedrich angesichts des Vordringens der Revolutionsarmee in linksrheinisches Gebiet noch etwas von seiner dortigen Stellung bewahren wollte.[31]

Dass Friedrich trotz aller öffentlichen Bekenntnisse zur Revolution ins Visier des jacobinischen Wohlfahrtsausschusses geriet, beruhte offenbar auf Denunziationen und  Namensverwechslungen mit anderen Angehörigen der weitverzweigten Salm-Dynastie, die der Konterrevolution verdächtigt wurden. Anfang April 1794 wurde Friedrich verhaftet und in die in einem aufgehobenen Karmeliterkloster  eingerichtete  Anstalt „Les Carmes“ eingeliefert. Die Haftbedingungen waren dort so, dass er zeitweise geradezu ein Ende fast herbeisehnte:

Il ne reste plus qu’à désirer la fin d’une existence que l’ont ne peut plus supporter“ (cit. Emig,333)

Dieses Ende kam dann sehr schnell. Aus Furcht vor konspirativen Umtrieben in den Gefängnissen wurden sie von verdächtigen „Elementen gesäubert“. Friedrich wurde mit 50 anderen  Gefangenen in die Conciergerie verlegt, und am 23. Juli 1794 verurteilte ihn das Revolutionstribunal zum Tode, weil  er unter der Maske des Patriotismus ein Agent der deutschen Koalition gegen Frankreich sei.[32]

Noch am gleichen Tag wurde Friedrich auf der Place de la Barrière de Vincennes bzw. Place du Trône renversée guillotiniert – zusammen mit Alexandre de  Beauharnais, mit dem er auch schon seine letzten Wochen im Gefängnis verbracht hatte.  Mit ihm war Friedrich –vermittelt über Amalie Zephyrine- schon seit längerem freundschaftlich verbunden. Beauharnais gehörte zu den  ersten  adligen Abgeordneten  der Nationalversammlung, die zum Dritten Stand übertraten. Im Juni und Juli 1791 stieg er zum amtierenden Präsidenten der Nationalversammlung auf und war 1791 eine Zeit lang Sekretär, dann Präsident des Jacobinerclubs. Als  Oberbefehlshaber der ersten  Rheinarmee wurde ihm vorgeworfen, aus Inkompetenz bzw. fehlendem revolutionärem Eifer 1793 den Fall von Mainz verschuldet zu haben. Jedenfalls Grund genug für ein Todesurteil.[33] Seine und Josephines Kinder, Eugène und Hortense, wurden von Napoleon adoptiert und mit höchsten Ämtern ausgestattet. Die beiden  kauften  übrigens 1803 ein zur Zeit Ludwigs XIV. errichtetes Adelspalais, das seitdem den Namen der Familie trägt: Nach dem Sturz Napoleons ging Eugène ins Exil nach München und verkaufte 1818 sein Hôtel de Beauharnais an den  preußischen  König.  Heute ist es Sitz der deutschen Botschaft- auch eine ganz besondere deutsch-französische Geschichte…[34]

 

Amalie Zephyrine von Hohenzollern-Sigmaringen erwarb am 14. November 1796  das Terrain mit den  beiden Massengräbern, um ihrem Bruder und ihrem  Geliebten eine würdige letzte Ruhestätte zu schaffen.[35]  Ein Versuch der Exhumierung scheiterte jedoch.  Auch der vorgesehene  Grabstein, auf den sie nach dem Rat des Dichters Treneuil folgende Worte  einmeißeln wollte, wurde nicht ausgeführt:

„C’est ici,qu’avec toi je viens  m’entretenir:

Mon frère! Ô Frédéric!, pour  ta soeur, ton amie

Il n’est qu’une pensée., il n’est qu’un souvenir

Et ta mort l’a rendu étrangère à la vie.“[36]

Ausgeführt wurde aber die Ummauerung des Grundstücks, das  mit einem vergitterten Eingang versehen wurde. Dies ist der Ursprung des Cimetière de Picpus. 1802/03  kaufte mit Hilfe  einer Subskription die Marquise de Montagu das Gebiet des ehemaligen Klosters, seine Gärten und damit auch den Ort der Massengräber.  Familien, deren Angehörige dem  jacobinischen Terror zum Opfer gefallen waren (Noallies, Montagu, Montmorency u.a.) , gründeten die Société de Picpus und errichteten neben den Massengräbern einen zweiten Friedhof, den  privaten Cimetière de Picpus, der heute einer Stiftung gehört und von ihr verwaltet wird. Es ist der einzige private Friedhof von Paris, der heute noch betrieben wird.

In ihm wird in eindrucksvoller Weise die Erinnerung an den jacobinischen Terror wachgehalten – aber auch an die Verbrechen des Nationalsozialismus: Bevor man den Friedhof verlässt, geht man an Tafeln vorbei, die an Mitglieder der Stiftungsfamilien erinnern, die von den  Nazis umgebracht wurden.[37]

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Auch im Blick darauf kann man den Cimetière de Picpus mit vollem Recht als einen deutsch-französischen Erinnerungsort bezeichnen.

Zu den vielfachen literarischen Bezügen des Cimetière de Picpus  gehört übrigens auch Patrick Modianos Roman „Dora Bruder“.  Darauf wurde ich aufmerksam durch einen Vortrag von Christoph König in der Mediathek Marguerite Duras in Paris am 5.12.2015 im Rahmen einer Veranstaltung über den Cimetière de Picpus, an der auch unsere Freundin Marie-Christine Schmitt und ich teilgenommen  haben.

 In seinem Vortrag wies Christoph König darauf hin, dass die Straßen um den Friedhof von Picpus zu den wichtigsten Schauplätzen des Romans gehören.[38]  „Der Friedhof wird erwähnt…. Und wie beiläufig zur Chiffre für das Unrecht, das im Grande Terreur und in der Zeit der Ermordung der Juden genau an diesem Ort stattfindet.“  Patrick Modianos Roman geht von einer Vermisstenanzeige im Jahr 1941 aus, die die Eltern von Dora Bruder für ihre Tochter aufgegeben haben.  „Sorgfältig und geduldig sucht der Autor nun die Hintergründe, das Leben der bis heute Vergessenen. Doch was Dora in den Monaten  gemacht hat, nachdem sie im Dezember 1941 weggelaufen ist und bis sie wieder, im April 1942, in die Wohnung der Mutter zurück kommt, bleibt ihm unzugänglich. So versucht er sich ihr zu nähern etwa über den Verlauf des Wetters und der politischen Ereignisse und der eigenen Biographie damals:

‚Die einzige Möglichkeit, Dora  Bruder in diesem Zeitraum nicht ganz zu verlieren, wäre vielleicht, von den Wetterveränderungen zu berichten. Am 4. November 1941 war zum ersten Mal Schnee gefallen. Der Winter hatte am 22. Dezember mit empfindlicher Kälte eingesetzt. Am 29. Dezember war die Temperatur noch weiter gesunken, und die Fensterscheiben waren mit einer leichten Eisschicht überogen. Vom 13. Januar an hatte die Kälte sibirische Ausmaße erreicht. Das Wasser gefror. Ungefähr vier Wochen war es so geblieben. Am 12. Februar scheint ein wenig die Sonne. (…) Am Abend dieses 12. Februars wurde mein Vater von den Beamten der Polizei für Judenfragen geschnappt….‘“

 Bevor der Erzähler weiter an der Geschichte Dora Bruders arbeitet, schreibt er einen Roman, ‚Hochzeitsreise‘. Aber auch da ist er Dora Bruder nahe und zugleich den in den letzten Tagen der Schreckensherrschaft Ermordeten, die gerade an den  Schauplätzen dieses Romans begraben  sind:

Auf dem Plan folgend einander auf der anderen Seite der Rue de Picpus , dem Pensionat (Saint Coeur de-Marie,wo Dora 1940 aufgenommen wurde) gegenüber, die Kongregation der Mutter Gottes, die Ordensfrauen der Anbetung und das Oratorium von Picpus mit dem Friedhof, wo in einem Massengrab über tausend Opfer beigesetzt sind, die während der letzten Monate der Schreckensherrschaft guillotiniert wurden.‘

Die  meisten der im Cimetière Picpus Verscharrten haben keine Zeugnisse hinterlassen- das verbindet sie mit Dora Bruder. Ihr hat Patrick Modiano  mit den Mitteln der Literatur Leben zurückgegeben. Der Roman regt dazu auch,  auch an das Leben der Guillotinierten zu denken, die auf den großen  Tafeln  des Oratoriums von Picpus verzeichnet sind.

 

 

Cimetière de Picpus

35, rue de Picpus

Tel. 01 43 44 18 54

Métro: Place de la Nation

 

Öffnungszeiten:

Montag bis Samstag 14 – 17 Uhr

An Sonn- und Feiertagen geschlossen

 

Anmerkungen

(0) In einem Beitrag von Le Monde vom 10. Februar 2017 („Paris par la petite porte„) wird der cimetière de Picpus zu den „lieux confidentiels“ gerechnet, die den Charme von Paris ausmachten.

[1] George Lenotre: Le jardin de Picpus. Paris 1955

[2] S. Bericht 3 und http://www.tombes-sepultures.com/crbst_756.html

[3] „Les tombereaux sanglants  de la guillotine, établie 1794 barrière du trône, ont pénétré dans les jardins des dames chanoinesses de St. Augustin de Picpus, par une porte charretière pratiqué dans le mur nord de ce jardin. Le linteau des cette porte existe encore. Les corps mutilés des 1306 victimes reposent  dans deux fosses communes.”

[4] https://fr.wikipedia.org/wiki/Cimeti%C3%A8re_de_Picpus

(4a) Eine Liste aller vom 14. Juni bis zum 27. Juli hingerichteten Opfer findet sich in der Broschüre „Les Victimes de Picpus“, die am Eingang des Friedhofs verkauft wird.

[5] Vom Freiheitsrausch bis Waterloo. Der Spiegel 4/1989 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13495571.html

Dabei hatte Danton die Einrichtung der Revolutionstribunale gerade damit begründet, dass die Entscheidung über das Leben von Revolutionsgegnern nicht den Zufälligkeiten und Stimmungen der Straße überlassen werden sollte: „Soyons terrible pour dispenser le peuple d’être terrible.“

(5a) Bild von: http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b53002994t

[6] http://www.parisinfo.com/musee-monument-paris/71410/Cimeti%C3%A8re-de-Picpus   siehe dazu auch den zusammenfassenden Text:

http://www.cheminsdememoire.gouv.fr/sites/default/files/editeur/MC41.pdf

 

[7] „A quinze ans, j’ai monté à l’assaut pour mon roi, à près de quatre-vingt, je monterai à l’échafaut pour mon Dieu.”

[8] Christoph König, Manuskript für Vortrag in der Médiathèque M. Duras, Paris vom 5.12.2015

[9] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13495571.html

[10] http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-welt-von-gestern-6858/7

 

 

[11] http://www.diapasonmag.fr/actualites/critiques/au-theatre-des-champs-elysees-des-dialogues-des-carmelites-entre-ascese-et-perfe  Dort auch ein kurzes Video mit einem Ausschnitt der Inszenierung

[12] Joachim Emig: Friedrich III. von Salm-Kyrburg (1745–1794). Ein deutscher Reichsfürst im Spannungsfeld zwischen Ancien régime und Revolution. Lang, Frankfurt a.M. u.a., 1997, ISBN 3-631-31352-7 (Europäische Hochschulschriften, Reihe 3, Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, 750.

[13]une clientèle parmi les plus prestigieuses et fortunées de son temps“ . (Monnaie de Paris: Salon Dupré, p.2)

[14] www. Google.de Amalienlust in Kirn

[15] https://de.wikipedia.org/wiki/Amalie_Zephyrine_von_Salm-Kyrburg

[16] Joëlle Bertrand et al: L’hôtel de Salm, Palais de la Légion d’honneur. Préface du général Kelche, Grand Chancelier de la Légion d’honneur Saint-Rémy-en-l’eau 2009)

http://www.carnavalet.paris.fr/fr/collections/l-hotel-de-salm-en-construction-vers-1786-actuel-7e-arrondissement

[17] Loges, 130/131

[18] https://fr.wikipedia.org/wiki/Pierre_Rousseau_(1751-1829)

[19] http://france.usembassy.gov/jefferson.html

[20] Ein zu dieser ‚Großveranstaltung‘ eingeladener Graf charakterisierte diese Festivität mit den Worten: „Le prince de Salm eut alors la  fantaisie de donner un bal où la moitié  de Paris fut invitée.“ (Emig, 85)

[21] Im Hôtel de Salm gibt es auch einen von der Grande Chancellerie de la Légion d’honneur herausgegebenen Film über „Les Secrets du Palais“ von Eric Beuaducel, der über die Geschichte des Bauwerks informiert und Bilder der normalerweise unzugänglichen Partien zeigt.

[22] Gabriele Loges: Paris, Sigmaringen oder Die Freiheit der Amalie Zephyrine von Hohenzollern, Klöpfer & Meyer, Tübingen 2013. Gunter  Haug: Die Schicksalsfürstin. Amalie Zephyrine, die Retterin von Hohenzollern. Historischer Roman. Leinfelden-Echterdingen 2005

[23] Loges, 37 und 19. Bericht: Auf den Spuren Heinrich Heines durch Paris

[24] „fille de grande naissance“ hieß das damals

[25] Noch eine kleine deutsch-französische historische Fußnote: Das Schloss diente ab August 1944 bis Kriegsende als Sitz des Vichy-Regierung. Vor den heranrückenden  Alliierten wurden die Kollaborateure Pétain und die Regierung Laval von den Nazis als Exilregierung in Sigmaringen installiert.

[26] https://de.wikipedia.org/wiki/Alexandre_de_Beauharnais

[27] Zit. bei Loges, S. 134

[28] Cit. bei Emig, 74

[29] http://www.deutsche-biographie.de/sfz51389.html und Olivier Nora. La visite au grand écrivain. In: Pierre Nora (dir): Les lieux de mémoire, Bd II La Nation, p. 570

[30]  Cit. Bei Rudolf Augstein, Vom Freiheitsrausch bis Waterloo. Der Spiegel 4/1989. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13495571.html

[31] s. Emig,  276ff und Zusammenfassung S. 312

[32] „… qui n’étoit sous le masque du patriotisme que  l’agent caché de la coalition allemande contre la France“. Cit Emig, 339

[33] http://www.executedtoday.com/2008/07/23/1794-alexandre-de-beauharnais-josephine-napoleon-widow/

[34] http://www.allemagne.diplo.de/Vertretung/frankreich/fr/01-Botschaft/03-residenz/00-residenz-uebseite.html

[35] Es ist allerdings bedauerlich, dass weder in dem kleinen Informationsblatt, das am Eingang des Friedhofs ausliegt, noch im neuen Guide Vert von Paris (Ausgabe 2010,  Seite 421) auf ihre entscheidende Rolle hingewiesen wird. In der wesentlich schmaleren Ausgabe von 1997 wird immerhin noch auf „une princesse de Hohenzollern“ hingewiesen, „dont le frère, le prince  de  Salm, était l’une des victimes“ – unerwähnt bleibt dabei allerdings der Geliebte. Sie habe „le terrain mortuaire“ gekauft und mit einer Mauer umgeben. (S. 228)

Bei  Wikipedia wird als Grund für den  Kauf durch Amalie Zephyrine  übrigens  nur der Bruder genannt, nicht der Geliebte….  https://fr.wikipedia.org/wiki/Cimeti%C3%A8re_de_Picpus

[36] Zit bei Emig, S. 341

[37] Allerdings ist es zwar vielleicht ehrenvoll gewesen, aber es wird keineswegs  „süß“ gewesen sein,  wie es der Horaz’sche Spruch der Grabinschrift verkündet, in der Hölle von Mauthausen zu sterben, selbst wenn es „pro patria“ gewesen  ist.

[38] Christoph König (Universität Osnabrück) Manuskript für den 5.12.2015. Mediathèque M. Duras, Paris

Die nachfolgenden Passagen sind weitestgehend diesem Vortrag entnommen.

Die Mauer für den Frieden (le mur pour la paix) auf dem Marsfeld

Im November 2016  wird in Dresden ein Kongress von Französisch-Lehrern/innen stattfinden zum Thema Friedenspädagogik und Französischunterricht  100 Jahre nach Verdun. Im Rahmen dieses Kongresses werde ich ein Atelier für Lehrkräfte gestalten zum Thema „Orte der Erinnerung an Frieden und Krieg in Paris“. Es soll Anregungen geben für entsprechend thematisch orientierte Studienfahrten.

Was  Orte angeht, die im Zusammenhang stehen mit Kriegen und Siegen, so sind die –wie in der Hauptstadt der „grande nation“ nicht anders  zu erwarten- reichlich gesät:  Das Stadtbild von Paris ist geprägt von Orten der Erinnerung an Kriege und Siege: Man denke nur an die Place Vendôme mit der Siegessäule, an die Place des Victoires mit dem Reiterstandbild Ludwigs XIV. oder an die vier Triumphbögen Napoleons und des Sonnenkönigs. Und wenn man die topographischen Bezeichnungen hinzunimmt, so begeget man Kriegen und  französischen Siegen auf Schritt und Tritt: La gare d’Austerlitz, rue de Wagram, avenue d’Iéna, rue d’Ulm, die Paris umgebenden Boulevards des maréchaux, allesamt benannt nach napoleonischen Heerführern. 

Aber Orte des Friedens? Natürlich gibt es Friedhöfe, auf denen auch die „in Frieden ruhen“, die Opfer von inneren Kämpfen geworden  sind: So die Opfer des jacobinischen Terrors auf dem wunderbaren Cimetière  de Picpus oder die Opfer der Commune auf dem Père Lachaise.

Aber spezifische Pariser Orte, die dem Frieden gewidmet sind?  Spontan fiel mir der Sitz der  Unesco ein: eine Einrichtung, die dem Frieden dient, und ein bemerkenswerter, von prominenten Künstlern ausgestatteter Bau ist.  Dort war ich vor vielen Jahren  schon einmal mit einem Politik-Leistungskurs gewesen, und in dem großen Sitzungssaal hatte ich 2011 an einem Benefizkonzert teilgenommen, bei dem –passend zu diesem Ort- die 9. Sinfonie von Beethoven aufgeführt wurde.

Dann dachte ich natürlich an die Cité Internationale Universitaire de Paris, die sich  als Cité pour la paix darstellt. Nach den Schrecken des Ersten Weltkrieges gegründet, sollte sie jungen Menschen aus aller Welt ermöglichen, sich kennenzulernen, zusammen zu leben und zu arbeiten  und so zur Völkerverständigung beizutragen. (Ein Text über die Cité internationale wird im Dezember in den diesen Blog eingestellt)  Dort gibt es auch das deutsche Haus, das Maison Heinrich Heine, das viele außerordentliche politische und kulturelle Veranstaltungen anbietet.  Wir sind  dort oft zu Gast sind und viele Bekanntschaften und Freundschaften unserer Pariser Jahre haben dort ihren Anfang.  

Und dann gibt es die Mauer für den Frieden, le mur pour la paix, oft auch le mur de la paix  genannt,  eine Installation vor der École Militaire auf dem Marsfeld.-  ein einzigartiges dem Frieden gewidmetes Monument an einem einzigartigen Ort. Diese Mauer für den Frieden ist  Gegenstand dieses Blog-Beitrags.

An dessen Schluss  wird der Bericht über ein Atelier mit Schülerinnen und Schülern des Romain-Rolland-Gymnasiums in Dresden stehen, die sich  in eindrucksvoller handlungsorientierter Weise mit diesem Friedensmonument  beschäftigt haben. 

Welch einen  besseren Ort könnte es geben für ein Friedensdenkmal als das Marsfeld- benannt nach dem  römischen  Kriegsgott- da also, wo früher die in der Kriegsakademie ausgebildeten Soldaten  exercierten, und in unmittelbarer Nachbarschaft zum Denkmal des Marschalls Joffre, neben Foch und Pétain einer der großen Marschälle des 1. Weltkriegs.

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Er  ausgerechnet war es, der den Angriff bis zum äußersten, die „offensive à outrance“ als militärische Doktrin propagierte. Ihr fielen zu Beginn des 1. Weltkriegs hunderttausende französischer Soldaten zum Opfer, am 22. August 1914, einem einzigen Tag, allein 27.000! Es war „le jour le plus meurtrier de l’histoire de France“ (Michel Steg).  Joffre hatte damals den Angriff angeordnet:   ‚il faut passer, quel que soit le prix‘. 

2015 setzte Joffre die mörderische Strategie unbedingten Angriffe fort, um einen Durchbruch durch die feindlichen Linien, also ein Ende des Stellungskrieges,  zu erzwingen, die sogenannte „rupture“. Aber eine ganze Serie von Angriffen in diesem Jahr blieb spätestens an der zweiten deutschen Verteidigungslinie stecken, die Geländegewinne waren minimal. Bei der  großen September-Offensive in der Champagne wurden gerade einmal 4 Kilometer Geländegewinn erreicht.  Insgesamt ließen bei diesen Kämpfen zwischen 310 und 350 000 französische Soldaten ihr Leben- wesentlich mehr als auf der Gegenseite. Ein französischer Offizier schrieb am 15. März 2015 an seine Frau:

„ Dieu sait si je suis soldat dans l’âme et si j’ai le culte de la discipline! Mais il est des choses qui sautent aux yeux et qui sont criminelles dans leur but et dans leur résultat! Et cette façon de faire la guerre (…) est l’une de ces choses. Elle fait sacrifier  sans résultat des millier de vies humaines.“

Um die von ihm befohlenen Attaken zu rechtfertigen, hatte Joffre eine Formel parat, die aufgrund der vielen und sinnlosen Opfer traurige Berühmtheit erlange: „Je les grignote!“

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Auf dem hohen Podest, auf dem die Reiterstatue Joffres steht, ist ein Tagesbefehl von ihm in Stein gehauen mit dem  „coute que coute“: Ausdruck der Geringschätzung des Lebens seiner Soldaten, des „Menschenmaterials“.

Daneben steht also  die  Mauer für den  Frieden. Die Bezeichnung mur pour la paix ist eigentlich unzutreffend, vielleicht  ironisch gemeint. Denn um eine trennende, undurchdringliche Mauer handelt es sich ganz und gar nicht. Man kann (bzw. konnte bis Herbst letzten  Jahres) durch die „Mauer“ hindurchgehen, wurde geradezu dazu angeregt. Wenn auch die Ausmaße mit 16 Metern Länge, 13 Metern Breite und 9 Metern Höhe durchaus beeindruckend sind und insgesamt 52 Tonnen Stahl, Holz und Glas für den Bau verwendet wurden, ist es eine eher leichte, elegante Konstruktion. In das Glas ist in 32 Sprachen und den entsprechenden, von Clara Halter entworfenen Schriftzeichen das Wort Frieden eingraviert.

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Die Installation verwehrt durch ihre Konzeption weder den Blick noch den Durchgang. Vielmehr eröffnet sie sogar  – in guter Pariser Tradition- ganz besondere, attraktive und beziehungsreiche Perspektiven…

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… bei Tag und auch bei Nacht…

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Allerdings sind derzeit ein Betreten der Anlage und also auch das Hindurchgehen  nicht möglich. Die Mauer für den Frieden sei, wie die Mairie de Paris plakatiert hat, unstabil und gefährlich. In der Erwartung, dass sie wieder normgerecht instandgesetzt werde, könne der Bereich nicht unterhalten werden. Also –mit der Bitte um Verständnis- Betreten verboten! Eine  Aufforderung, der durch einen entsprechenden Zaun Nachdruck verliehen wird.

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In gewisser Weise handelt es sich jetzt doch um eine Mauer, dafür aber, wie eine auch nur oberflächliche Internetrecherche ergibt,  nicht (mehr) um eine Mauer des Friedens: In den Medien ist von einer „mur de la discorde“ die Rede [1a],  von einer mur de la polémique,  von der „affaire de la mur de la paix“  oder gar dem „Mauerkrieg“.[2]

Da wird man neugierig: Was hat es mit dieser Mur pour la paix auf sich? Wann wurde sie von wem errichtet? Warum an dieser Stelle? Warum löst ein solches Bauwerk  solche extremen Emotionen aus und mobilisiert entschiedensten Widerstand? Und was ist die Zukunft dieser mur pour la paix?

Am besten der Reihe nach:

Die „Mauer für den Frieden“  wurde im Jahr 2000 anlässlich der Jahrtausendwende auf Anregung des französischen Kultusministeriums errichtet.[3]  Entworfen hat sie die französische Bildhauerin und Schriftstellerin Clara Halter. Sie hat sich dabei von der Klagemauer in Jerusalem inspirieren lassen:  „Les visiteurs peuvent déposer sur place leurs messages de paix dans les interstices du Mur prévus à cet effet“.[4] Die technische Gestaltung und Umsetzung übernahm Jean-Michel Wilmotte, einer der prominentesten und international gefragtesten Architekten Frankreichs. In Paris wird –unter anderem- gerade die von ihm entworfene neue russische Kathedrale am Pont de l’Alma gebaut. Der Figaro feierte ihn kürzlich als den Architekten, „qui redessine Paris“.[5] Wenn ich mit Freunden oder Parisien-d‘un-Jour-Gästen durch den Faubourg Saint Antoine gehe, versäume ich es nie, auf das Büro Wilmottes hinzuweisen, das –eher bescheiden- mitten im Viertel liegt und nicht etwa im noblen 16. Arrondissement oder im Büroviertel La Défense. Jedenfalls finde ich das sehr sympathisch- und dass ein so prominenter Architekt an diesem Projekt beteiligt ist, verleiht ihm natürlich zusätzliche Bedeutung. Clara Halter und Jean-Michel Wilmotte haben danach auch noch mehrere weitere Monuments pour la  Paix entworfen:

La Tour de la Paix in St. Petersburg, die Portes de  la Paix in Hiroshima zum 60. Jahrestag des Abwurfs der Atombombe und die Tentes de la Paix in Jerusalem.

Nimmt man all das zusammen: die Anregung durch das Kultusministerium, die Prominenz von Clara Halter und Jean- Michel Wilmotte,  die  Originalität des Bauwerks und seine Ausdruckskraft gerade auf dem Champ de Mars, dazu auch noch den besonderen Anlass seiner Errichtung am Beginn des neuen Jahrtausends, dann erscheint es folgerichtig, dass die offizielle Einweihung durch den damaligen Präsidenten Jacques Chirac erfolgte. Ich gebe seine Rede im Wortlaut wieder, weil sie die Bedeutung der mur pour la  paix unterstreicht und –vor dem Hintergrund der Situation des Jahres 2000- grundsätzliche Überlegungen zum Verhältnis von Krieg und Frieden enthält.

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Präsident Chirac und Clara Halter bei der Eröffnung der mur pour la  paix[6]

 

Allocution de M. Jacques CHIRAC, Président de la République, prononcée lors de l’inauguration du „Mur pour la paix-2000“[7].

Champ-de-Mars, Paris, le jeudi 30 mars 2000

Monsieur le Ministre de la Défense,

Monsieur le Maire de Paris,

Chère Clara HALTER,

Vous qui avez prononcé votre discours avec toute la fantaisie qu’un artiste de grand talent, comme vous, peut mettre dans les choses,

Mesdames, Messieurs,

C’est un heureux signe des temps. Le Champ de Mars, dédié jadis à la guerre, à ses héros et à ses chefs, cette grande perspective ouverte par notre Ecole militaire et la statue du maréchal Joffre, accueille aujourd’hui le “ Mur pour la paix „.

Je voudrais saluer ses créateurs, et d’abord Clara Halter, qui a mis tout son talent et toute la force de ses convictions humanistes au service de ce beau projet. Beau parce qu’il exalte l’esprit de paix qui doit habiter chacun d’entre nous. Beau parce que cet élan généreux s’exprime en un geste épuré, lumineux, d’une extrême élégance, où l’on reconnaît aussi, bien sûr, l’empreinte de notre ami Jean-Michel Wilmotte, qui en a été le brillant architecte.

Vous avez voulu que ce mur témoigne du désir universel de paix et réunisse les hommes, en lieux et places de tous les murs qui les ont si souvent séparés dans l’histoire. Vous avez fait oeuvre de passeurs.

Passeurs entre les pays et entre les êtres. Il n’est pas indifférent que cette oeuvre d’art s’élève dans ce site exceptionnel, emblématique de Paris. Paris qui, depuis si longtemps, est une ville de débats, de dialogues et d’échanges. Paris qui accueille le siège de l’UNESCO, institution-phare dans le combat pour la démocratie, la tolérance et le respect des cultures. Paris où se croisent chaque année des millions de visiteurs. Paris, ville-rencontre.

Passeurs, vous l’êtes aussi entre les traditions et les civilisations, avec ce Mur qui donne la parole à toutes les langues, et qui s’inspire du Mur des Lamentations de Jérusalem, ville sacrée pour les trois religions du Livre, et dont le nom même est promesse de paix. Le Mur des Lamentations qui recueille les souhaits les plus ardents de ceux qui viennent y prier. Et d’abord le souhait de voir la culture de paix s’enraciner dans ce Proche-Orient si durement éprouvé par des siècles d’incompréhension et de haine.

Passeurs, vous l’êtes enfin entre hier et aujourd’hui, le passé et le présent.

Le passé, marqué par le risque de guerre, la guerre qui a si souvent écrit l’histoire, dessiné les frontières, décidé du destin des peuples. Le passé, qui a vu s’affronter nos vieilles nations européennes dans des conflits meurtriers dont chaque village de France, chaque monument aux morts, porte encore l’émouvante cicatrice.

Le présent, marqué par le refus de la violence et le désir de paix, après tant d’affrontements. La volonté, aussi, de toujours mieux respecter la dignité et la liberté humaines, valeurs dont le parvis des Droits de l’homme rappelle, en face de nous sur la colline de Chaillot, l’exigence absolue.


     Si cette oeuvre est symboliquement importante, c’est parce que beaucoup reste à faire sur le

     chemin de la paix, sur le chemin de la tolérance.

Bien sûr, la construction européenne a rendu la guerre impensable entre des nations qui, au long des siècles, n’avaient cessé de se déchirer.

Bien sûr, nous avons vu émerger peu à peu une conscience universelle, sous l’égide des Nations Unies.

Bien sûr, il y a onze ans, la chute du Mur de la honte éloignait les menaces de la guerre froide et ouvrait grandes les portes de l’espérance.

Il n’empêche qu’aujourd’hui, alors que tant de régions du monde continuent de s’abîmer dans des rivalités territoriales, ethniques ou religieuses ; alors qu’à l’est de l’Europe, un demi-siècle après la Shoah, l’on a vu resurgir les démons de la pureté raciale, avec leur cortège d’atrocités, nous avons parfois le sentiment que l’histoire recule ou balbutie.

En dépit de ces piétinements ou de ces retours en arrière, j’ai la conviction que, si nous le voulons vraiment, le XXIe siècle verra progresser la paix et l’exigence éthique.

Parce que les peuples, de mieux en mieux informés, de plus en plus conscients, rejettent la violence, sous toutes ses formes. La violence entre les nations. Celle qu’exercent les dirigeants d’un pays à l’encontre des citoyens ou d’une minorité. La violence infligée par quelques-uns au nom d’une vision fanatique ou totalitaire de la société.

Parce que de plus en plus, l’opinion publique exige que la Communauté internationale réagisse quand les Droits de l’homme sont bafoués.

Parce que dans cet esprit, la Communauté des nations s’est donnée les moyens pour rétablir la paix et pour faire passer la justice.

C’est l’effort inlassable de nos démocraties, et l’implication personnelle de leurs dirigeants pour trouver, grâce à une diplomatie agissante, des solutions pacifiques aux conflits.

C’est l’action de la Cour internationale de justice, qui dit le droit et rend des arbitrages.

C’est, lorsque la diplomatie et la médiation ont échoué et que se produit l’inacceptable, le recours à la force, sous l’égide des Nations Unies, comme cela s’est passé en Bosnie ou au Kosovo.

Ce sont les tribunaux qui sanctionnent les atteintes à l’éthique. Au sortir de la guerre, ceux de Nuremberg et de Tokyo ont, pour la première fois, condamné les fauteurs de guerre et les criminels contre l’humanité.

Aujourd’hui, qu’il s’agisse du Tribunal pour l’ex-Yougoslavie, de celui qui doit juger les responsables du génocide au Rwanda, ou de la prochaine Cour pénale internationale, l’ambition est la même : faire en sorte que le crime contre l’humanité ne reste jamais impuni.

Mais, au-delà de ces instruments nouveaux, au-delà de ces politiques au service d’une certaine idée de l’homme et qui fondent notre espérance, nous savons bien que la paix se gagne d’abord dans les coeurs. Contre les préjugés hérités du passé. Contre l’ignorance, terreau privilégié de l’intolérance et de la haine. Avec la mémoire des souffrances que l’homme peut infliger à l’homme. Avec la conviction que la paix est le bien le plus précieux, la condition même du bonheur des peuples.

Ce sont ces messages essentiels, je crois, que porte le Mur pour la paix. La paix, aspiration universelle. C’est bien le sens, Chère Clara Halter, d’une oeuvre qui décline le mot paix dans toutes les langues, toutes les écritures. Qui invite chacun à témoigner. Chaque visiteur mais également tous ceux, toutes celles qui, des quatre coins du monde, et grâce à Internet, pourront lui confier leurs espoirs.

Remercions chaleureusement ses auteurs qui ont su traduire et inscrire dans le paysage parisien le rêve de paix de l’humanité tout entière. Je vous remercie.

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Bei so viel Lob und präsidialer Anerkennung ist es auch nur folgerichtig, dass die noble garde républicaine in ihrer Selbstdarstellung auf der Kasernenmauer des Boulevard Henri IV in Paris sich mit einer besonders kunstvollen Formation vor der Mauer für den  Frieden und dem Eiffelturm präsentiert.

 

Warum so viel Streit um die Mauer für den Frieden?

Liest man diese Eloge Chiracs auf die Mauer für den Frieden und ihre  Schöpfer, dann kann man sich nur wundern, warum seit Jahren ein erbitterter Streit um dieses Bauwerk tobt. Der Figaro sprach  sogar 2011 von einem „guerre des tranchés“ – eine noch schärfere Formulierung ist in dem Land des Verdun-Gemetzels kaum denkbar.[8]

Die Auseinandersetzung bezieht sich auf drei wesentliche Bereiche:

  • die ursprüngliche zeitliche Befristung des Bauwerks
  • sein Ort und seine Qualität
  • seine aktuelle Baufälligkeit
  • und insgesamt seine unzureichende juristische Grundlage

Ursprünglich war die Mauer für den Frieden als eine zeitlich befristete Installation, ein  monument éphémère,  mit einer Genehmigung für 4 Monate geplant[9]– manchmal werden auch 6 Monate, manchmal  nur 3 Monate als zeitiche Befristung genannt. Appelé à un droit de séjour de trois mois seulement, ce mur a bénéficié depuis 11 ans de reconductions successives, de trois ans en trois ans, par les autorités publiques.  Wie bei dem Eiffelturm  bei seinen Anfängen  handele es sich um ein provisoire durable,  wie Marek Halter feststellt, der Mann Clara Halters, der sich besonders für die Erhaltung der Friedensmauer einsetzt und der in den teilweise mit härtesten Bandagen geführten juristischen Auseinandersetzungen an vorderster Front steht. [10]

Während die Befürworter der Friedensmauer also auf das anfängliche Provisorium Eiffelturm verweisen, das heute ganz unverzichtbar zum Stadtbild von Paris gehört, pochen  die Gegner auf die Verbindlichkeit des Rechts und die Lage auf einem „site classé“ zwischen École militaire und Eiffelturm, wo für eine solche Installation kein Platz  sei.  So argumentiert auch die auf der Seite der Gegner besonders engagierte Bürgermeisterin des betroffenen 7. Arrondissements, Rachida Dati (LR), immerhin eine  ehemalige Justizministerin. «Cette construction provoque l’exaspération des habitants (…) car elle obstrue la perspective classée de l’École militaire à la tour Eiffel, en violation de la loi».[11] Das hatte der damalige – und ebenfalls konservative- Präsident Chirac in seiner Eröffnungsrede im Jahr 2000 ganz anders gesehen, als er  gerade den Standort auf dem Champ de Mars und die Nachbarschaft zur École militaire und zum Platz des Marschalls  Joffre als besonders sinnfällig bezeichnet hatte. Dies gilt für den 2011 von Frédéric Mitterand vorgeschlagenen alternativen Standort in La Vilette[12] sicherlich nicht.

Tatsache ist jedenfalls, dass die Friedensmauer auf einem höchst wackeligen juristischen Fundament steht: Als sie gebaut wurde, hatte sich, wie ein Verantwortlicher der Pariser Stadtverwaltung feststellt, niemand große Gedanken darüber gemacht. Es habe  allgemeine Übereinstimmung geherrscht, dass es eine gute Idee sei, die Friedensmauer auf dem Champ de Mars zu installieren. „Cela montre bien qu’il y avait une adhésion forte et à la démarche du Mur pour la paix et à la qualité de l’œuvre.“ Diesen Konsens gibt es inzwischen nicht mehr,  und da rächt sich das juristische Vakuum und nährt die  Polemik. [13]

Inzwischen hat Rachida Dati in ihrem erbitterten Kampf gegen die Mauer für den Frieden noch nachgelegt. Sie spricht ihr jede Bedeutung und Qualität ab:  „Cette structure n’est pas un monument et n’a pas qualité d’œuvre“. Außerdem sei es allein schon aus Sicherheitsgründen geboten, jetzt endlich diese „structure illegale“ zu beseitigen. Zumal wegen der Fußballeuropameisterschaft in Paris im Sommer 2016, während der das Marsfeld als Fanzone diene und dort die Spiele auf Riesenleinwänden übertragen würden.[14] Aber die mairie von Paris als die Besitzerin des Geländes und die damit zuständige Institution hat der Aufforderung nach Entfernung der mur pour la paix nicht stattgegeben.

Die Auseinandersetzung um diese Installation erhält noch eine zusätzliche Dimension durch den Vandalismus, dem sie von Anfang an ausgesetzt war:  Sie war regulièrement… victime d’attaques racistes et antisémites.[15] 2014 wurden beispielsweise Scheiben der Installation mit dem  Slogan „Vive la Shoananas“ beschmiert (Bild aus Metronews).

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Das ist der Titel eines antisemitischen Liedes, das der vielfach wegen Antisemitismus und Apologie des Terrorismus verurteilte selbsternannte „Humorist“ Dieudonné M’bala M‘bala regelmäßig ans Ende seiner Vorstellungen platziert und das dann von seinen Anhängern mitgesungen bzw. wohl eher mitgegröhlt wurde.[16] Der damalige Pariser Bürgermeister Delanoë verurteilte diesen Vandalismus: „Ce détournement d’un monument symbolisant la paix et la concorde pour exprimer un message insultant à forte connotation antisémite est à la fois minable et scandaleux“, erklärte er und sah einen Angriff auf die demokratischen Werte, für die Paris stehe.[17]

Die Zukunft der mur pour la paix

Die Stadt Paris, die als Eigentümerin des Grundstücks, auf dem die Mauer für den Frieden steht, für sie und ihre Zukunft allein verantwortlich  ist, [18] hat sich allerdings nie für ihre Unterhaltung zuständig erachtet und engagiert.  Als Verantwortlichen für die Renovierung, die die Sicherheit der Besucher garantiert und die Aufhebung der Absperrungen ermöglicht,  sieht sie die Vereinigung «le Mur pour la Paix-2000», in der das Ehepaar Halter eine wichtige Rolle spielt.

Bei bisherigen Renovierungen, die es natürlich in den 15 Jahren des „Provisoriums“ auch schon mehrfach gab, waren es wohl – wie auch bei seinem Bau- vor allem große Unternehmen gewesen, die die Finanzierung sicher gestellt haben. Diesmal hat Marek Halter  über die Internet-Plattform Ulule zu einer Spendensammlung aufgerufen. Die Wahl dieser Plattform sollte eine  breit gestreute Beteiligung und damit auch eine gesellschaftlich verankerte Identifikation mit der mur pour la paix  ermöglichen. Ziel war, das Bauwerk bis zur Fußball-Europameisterschaft renovieren zu können. Da würden nämlich besonders viele ausländische Besucher und Fans zu dem zur Fanmeile umfunktionierten  Champ de Mars kommen.  « L’image d’un Mur pour la Paix en piteux état serait désastreuse pour la France et la ville de Paris. On ne peut  pas laisser une ruine au milieu de la ville » s’insurge l’intellectuel.[19]

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https://fr.ulule.com/sauvonslemurpourlapaix/

Hier der Wortlaut des Spendenaufrufs vom Februar 2016, nach den Terroranschlägen von Paris, auf den er sich auch bezieht:  

Nous lançons aujourd’hui un appel pressant aux Internautes du monde entier, pour nous aider à sauvegarder ce monument sur lequel l’artiste Clara Halter a inscrit le mot „PAIX“ dans toutes les langues.

Sommes-nous en guerre ?

Des milliers de monuments en hommage aux victimes

des conflits qui ravagent l’humanité

sont disséminés à travers le monde.

L’artiste Clara Halter et l’architecte Jean-Michel Wilmotte

ont répondu, eux, par la création de monuments dédiés à la paix : 

Hiroshima, Saint-Pétersbourg, Paris… (www.murpourlapaix.org)

Or, au moment où tous les monuments du monde, par solidarité,

affichent les couleurs de la France,

le seul monument qui s’oppose à la violence,

le Mur pour la Paix sur le Champ de Mars à Paris,

risque de disparaître.

Vous qui lirez cette page, aidez-nous! [20]

 

Offenbar sollten insgesamt 45.000 Euro an Spenden zusammenkommen, Ende Juni waren  aber schon 103% erreicht und die Kampagne wurde gestoppt.  Ich hätte auch gerne meinen Obolus dazugegeben, aber dazu gab es keine Möglichkeit mehr.  Zur Fußball-Europameisterschaft im Juni konnte die Friedensmauer zwar nicht mehr erneuert werden, aber man kann nun hoffen, dass die mur pour la paix bald wieder in frischem Glanz  erstrahlt und transparent und zugänglich sein wird. Das spannungsreiche und historisch gesättigte Ensemble von Marsfeld, auf dem am 14. Juli 1790 das Föderiertenfest gefeiert wurde, von École Militaire, Joffre-Standbild, Eiffelturm von 1889 und Menschenrechtsdenkmal von 1989 wäre durch dieses attraktive und symbolisch bedeutsame Kunstwerk dauerhaft und wunderbar ergänzt und bereichert.

Im Moment allerdings bietet die Mauer für den Frieden ein ganz trauriges Bild.

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Das die Mauer umgebende Gelände ist völlig verwildert, ein Teil der Glasplatten abmontiert,  es gibt keinerlei Information darüber, was nun passiert, wie es weitergeht – noch nicht einmal  mehr die Hinweistafeln der Stadt Paris …  Seit neuestem (März 2017) allerdings ein Warnschild, dass gerade eine Rattenbekämpfungsaktion im Gange ist…

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Als Passant kann man  nur ratlos, irritiert und traurig sein… und hoffen, dass ihr das Schicksal ihres Sankt Petersburger Pendants, der Friedenssäule (la tour pour la paix) erspart bleibt.

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Zustand im Februar 2018

Dieses Monument -ein Gegenentwurf zu den üblichen Triumph- und Siegessäulen- war 2003 von Frankreich der Stadt Sankt Petersburg zum 300-jährigen Jubiläum der Stadt geschenkt worden. 2010 wurde der Turm allerdings wegen Baufälligkeit abgerissen – endlich! – wie es in einem Petersburg-Blog heißt. Der Turm sei ein Fremdkkörper in der Stadt gewesen und habe einfach nicht zu  ihren Traditionen gepasst…. (21)  Vertraute Argumente für Pariser Beobachter…

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Unumstritten scheinen immerhin die ebenfalls von Clara Halter und Wilmotte entworfenen Portes de la Paix zu sein, die zum 60. Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima im Friedenspark der Stadt errichtet wurden.(22)

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Es sind neun Tore, die den 9 Höllenkreisen von Dantes göttlicher Komödie entsprechen – und ein zehntes Tor symbolisiert die Hölle von Hiroshima.

Ein Schülerprojekt zur „Mauer für den Frieden“

Im November 2016 fand in Dresden ein von unserem Freund Kristian Raum organisierter deutsch-französischer Kongress des Carolus-Magnus-Kreises statt. Thema waren „Friedenspädagogik und Französisch-Unterricht 100 Jahre nach Verdun.“

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 Im Rahmen dieses Kongresses nahm ich auch an einem Schülerprojekt zur „Mauer für den Frieden“ teil, das Steffi Wolf und Kerstin Plötner, zwei Kolleginnen des Romain-Rolland-Gymnasiums in Dresden für Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 11 und 12 vorbereitet hatten.

Nach einer kurzen Vorstellung der „Mauer für den Frieden“  erhielten die Schüler folgenden Auftrag:

Qu’est ce que vous voyez, entendez et sentez en pensant au mot ‚la paix‘?

Quel lieu associez-vous à la paix?

Notez vos idées sur une carte (mot-clés)“

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Auffällig war, wie oft als Schlagwort „liberté“ genannt wurde, aber daneben wurden auch viele andere Begriffe und Orte assoziiert wie silence, nature, ma maison, forêt…

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Danach arbeiteten die Schüler/inn sehr konzentriert und motiviert in Kleingruppen zu den hier vorgestellten Aufträgen. Die Ergebnisse wurden am Ende der Doppelstunde an einer vor der Aula aufgstellten „Mauer für den Frieden“ zusammengetragen.

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Drei Beispiele:

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Und wie die Mauer für den Frieden in Paris,  so hat auch diese „Mauer“ im Romain- Rolland-Gymnasium von Dresden Aufforderungscharakter: Auch andere Angehörige der Schulgemeinde sind eingeladen, Beiträge zum Thema Frieden dort zu befestigen: Ein schönes handlungsorientiertes und mit vertretbarem Aufwand durchzuführendes Projekt – und ein Projekt ganz sicher auch im Sinne der Schöpfer der Friedensmonumente in Paris, Petersburg und Hiroshima und des Namensgebers der Schule, denen es ja gemeinsam darum ging, „Brücken menschlichen Verstehens“ im Zeichen des Friedens zu bauen…

 

Ein Interview zum Projekt

Im Februar hat mich eine Schülerin vom Romain-Rolland-Gymnasium in Dresden, die an dem Projekt zur Mauer für den Frieden  teilgenommen hatte, gebeten, einige Fragen zu beantworten. Hier der Wortlaut des Interviews:

 INTERVIEW MIT DR. WOLF JÖCKEL

Sehr geehrter Herr Jöckel,

am 11. November 2016 fand an unserer Schule ein Projekt für die 11. und 12. Klassen statt, in dessen Rahmen wir von Ihnen einen eindrucksvollen Vortrag zur „Mur pour la Paix“ in Paris und weiteren Friedensmonumenten hörten und uns danach in Gruppenarbeit mit dem Thema Frieden befassten.

Vielen Dank, dass Sie sich Zeit nehmen und einige Fragen dazu  beantworten.

 

  • Wie empfanden Sie den Umgang der Schüler mit dem Thema Frieden?

Die Arbeit der Schüler/innen an  diesem Projekt hat mich sehr beeindruckt. Ich lebe nun schon seit einigen Jahren in Frankreich und weiß, wie schwer es an den Schulen dort ist, offenere  Formen von Unterricht zu organisieren. Das Atelier am Romain-Rolland-Gymnasium hat gezeigt, wie intensiv und produktiv das Arbeiten in Projekten sein kann. Frau Plötner und Frau Wolf hatten das hervorragend vorbereitet, und dann haben die Schüler/innen selbstständig und motiviert gearbeitet. Da habe ich mir gewünscht, einige Kolleg/innen aus Paris hätten das miterleben können.

Sicherlich waren die beteiligten Schüler/innen auch und gerade deshalb so motiviert, weil es um das Thema „Frieden“ ging.  Die Schüler/innen waren ja am Anfang aufgefordert, stichwortartig aufzuschreiben, was Frieden für sie bedeutet. Die Antworten darauf waren sehr vielfältig: Oft wurde „Freiheit“ genannt, aber auch „Ruhe“, „mein  Haus“, „die Natur“, der „Wald“, der „kulturelle Austausch“, natürlich auch die „Abwesenheit von Krieg“ u.v.m.: ein Hinweis auf die vielen Dimensionen des Friedensbegriffs und auf die Vielfältigkeit dessen, was Frieden für jede/n einzelne/n bedeuten kann.

 

  • Als wie wichtig erachten Sie solche Projekte, welche den Frieden und Friedensmonumente in unserer heutigen Welt thematisieren und Schüler damit in Kontakt bringen?

Nach den großen Umbrüchen 1989/1990, dem Ende des Kalten Kriegs, dem Fall der Mauer und der Überwindung der Spaltung Europas in zwei sich feindlich gegenüberstehe Lager schien ja endlich eine Zeit des Friedens angebrochen zu sein. Das hat sich als Illusion erwiesen.  Als Präsident Chirac im Mai 2000 die Friedensmauer in Paris einweihte, war  seine Rede von vorsichtigem Optimismus geprägt. Heute könnte ein verantwortungsvoller Politiker eine solche Rede kaum noch halten, wollte er nicht als  weltfremder Träumer erscheinen. Wie könnte und müsste  aber heute eine Rede zum Stand des Friedens in der Welt aussehen? Und wo könnte oder sollte sie gehalten werden? Vielleicht bei der Einweihung eines neuen Friedensdenkmals? Wo sollte es stehen? Wie könnte es aussehen? Da sind Träume durchaus erlaubt und erwünscht.

Selbst in Europa, dessen Gründung nach zwei selbstmörderischen Kriegen  einem „nie wieder!“ zu verdanken war und in dem der Friede zur Selbstverständlichkeit geworden zu sein schien, ist Krieg –in verschiedenen Ausprägungen-  als Realität oder Möglichkeit wieder präsent. Dabei ist das vereinte Europa ein außerordentliches  Friedensmonument, und wir können nur hoffen und unseren Teil dazu beitragen, dass es nicht zur Ruine verkommt wie die Friedensmauer in Paris.  Und wenn wir uns auch ohnmächtig fühlen und es weitgehend ja auch wirklich sind:  Die Konsequenz sollte nicht Resignation sein, sondern vielmehr die Frage an sich selbst, was man tun kann, um dort, wo man lebt, einen noch so kleinen Beitrag für den Frieden zu leisten. Dazu können solche Projekte wie das im Romain-Rolland-Gymnasium ermutigen.

 

  • In Ihrem Vortrag sprachen Sie außer der „Mur pour la Paix“ noch  weltweit weitere Monumente des Friedens an. Wie schätzen Sie den gesellschaftlichen Bedarf am Aufbau weiterer Mahnmale für den Frieden ein?

Mahnmale für den Frieden kann es eigentlich gar nicht genug geben, aber leider gibt es viel zu wenige davon. In Paris zum Beispiel wimmelt es nur so von Denkmälern, die an Kriege und Siege erinnern, viele Straßen und Monumente tragen die Namen von Feldherren und erinnern an siegreiche Schlachten. Die wunderbare  „Mauer für den Frieden“ auf dem Champ- de- Mars dagegen ist einzigartig, allerdings  immer noch umstritten und immer noch eine abgesperrrte Ruine….  Und dabei ist sie –wie die Friedensmauer aus Kartons, die Frau Plötner und Frau Wolf vor der Aula aufgebaut hatten-  ein Anlass zum Nachdenken über Frieden und zum gegenseitigen Austausch. Zu der benachbarten Reiterstatue des Marschalls Joffre, der im Ersten Weltkrieg sein „Menschenmaterial“ rücksichtlos einsetzte und verbrauchte,  soll man dagegen bewundernd aufschauen. Aber gerade solche zum Denken und Handeln  aktivierenden  Denkmäler wie die Friedensmauer sind wichtig. Ich bin deshalb auch froh, dass es am Berliner Schloss ein begehbares und bewegliches Denkmal für die friedliche Revolution von 1989 geben wird.

 

Vielen Dank für Ihre Antworten.

Außerdem danke ich Frau Plötner und Frau Wolf, die dieses Projekt organisierten.

Helene Krämer

 

Anmerkungen:

(1) Jean-Jacques becker und Serge berstein, Victoire et frustrations. 1914-1929. Nouvelle histoire de la France contemporaine. Éditions du Seuil, Paris 1990, S. 47f

[1a] http://www.franceculture.fr/architecture/le-mur-de-la-discorde   Entsprechend: Le monde diplomatique,  April 2012

[2] http://www.leparisien.fr/espace-premium/paris-75/dati-gagne-une-manche-dans-la-guerre-du-mur-de-la-paix-08-05-2014-3823805.php#xtref=https%3A%2F%2Fwww.google.fr%2F

http://www.exponaute.com/magazine/2016/03/07/paris-il-faut-sauver-le-mur-pour-la-paix/

[3] http://www.aufeminin.com/portraits-de-femmes/clara-halter-d48116.html

[4] http://www.murpourlapaix.org/site/mur.html

[5] Le Figaro, 18.2.2016. Siehe auch:  http://plus.lefigaro.fr/tag/jean-michel-wilmotte

http://www.wilmotte.com/en/projects/programs In der umfangreichen Präsentation seiner Arbeiten auf der Homepage hat Wilmotte die mur de la paix allerdings nicht aufgenommen- vermutlich deshalb, weil die künstlerische Gestaltung ein Werk Clara Halters ist und Wilmotte hier wohl eher nur für die technische Ausführung verantwortlich war.

[6] https://fr.ulule.com/sauvonslemurpourlapaix/

[7] http://www.jacqueschirac-asso.fr/archives-elysee.fr/elysee/elysee.fr/francais/interventions/discours_et_declarations/2000/mars/allocution_du_president_de_la_republique_lors_de_l_inauguration_du_mur_pour_la_paix-2000.2394.html

[8] http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2011/10/18/01016-20111018ARTFIG00760–paris-le-mur-pour-la-paix-continue-de-diviser.php

http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2011/05/16/01016-20110516ARTFIG00753-mur-pour-la-paix-la-guerre-entre-halter-et-dati.php

[9] siehe Brief des damaligen Kultusministers Frédéric Mitterand an die Bürgermeisterin des 7. Arrondissements, Rachida Dati, vom 9. November 2009  http://www.mairie07.paris.fr/mairie07/jsp/site/Portal.jsp?page_id=381

[10] http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2011/05/16/01016-20110516ARTFIG00753-mur-pour-la-paix-la-guerre-entre-halter-et-dati.php

[11] http://www.mairie07.paris.fr/mairie07/jsp/site/Portal.jsp?page_id=381 Dort gibt es eine ausführliche Zusammenstellung von Initiativen/Anfragen der Bürgermeisterin des 7. Arrondissements bezüglich der mur pour la paix seit dem Jahr 2009

2012 hat das Comité d’Aménagement ein Buch über die mur pour la paix herausgegeben, in dem die Kritik zusammengefasst ist. Auszüge daraus in:  http://www.comiteamenagement7eme.fr/publication-dun-nouveau-livre-le-mur-de-la-paix-et-letat-de-droit-499

http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2011/10/18/01016-20111018ARTFIG00760–paris-le-mur-pour-la-paix-continue-de-diviser.php

[12] http://www.comiteamenagement7eme.fr/publication-dun-nouveau-livre-le-mur-de-la-paix-et-letat-de-droit-499

[13] http://www.franceculture.fr/architecture/le-mur-de-la-discorde

[14] http://www.leparisien.fr/paris-75/paris-75007/a-paris-le-mur-de-la-paix-en-ruine-et-dangereux-cherche-des-mecenes-04-03-2016-5598831.php

[15] http://www.franceculture.fr/architecture/le-mur-de-la-discorde

http://www.leparisien.fr/paris-75/paris-75007/a-paris-le-mur-de-la-paix-en-ruine-et-dangereux-cherche-des-mecenes-04-03-2016-5598831.php

[16] http://theinglouriousbasterds.com/archives-antisemitisme-2-0/photos/shoananas/

http://www.francetvinfo.fr/societe/justice/dieudonne/

[17] http://www.metronews.fr/paris/des-tags-antisemites-sur-le-mur-pour-la-paix/mnaf!DOx5kaI22KNw/

[18] Brief von Frédéric Mitterand an Rachida Dati vom 9. November 2009

[19] http://www.la-croix.com/Culture/Marek-Halter-veut-sauver-le-Mur-pour-la-Paix-a-Paris-2016-04-05-1200751232

[20] https://fr.ulule.com/sauvonslemurpourlapaix/

http://www.leparisien.fr/paris-75/paris-75007/a-paris-le-mur-de-la-paix-en-ruine-et-dangereux-cherche-des-mecenes-04-03-2016-5598831.php

(21) http://www.lizotchka-russie.fr/article-bonne-nouvelle-pour-ceux-qui-aiment-saint-petersbourg-54734439.html

(22) http://images.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fmurpourlapaix.org%2Fsite%2Fdiapo%2Fimage%25203.jpg&imgrefurl=http%3A%2F%2Fmurpourlapaix.org%2F&h=270&w=270&tbnid=v66iAWOe8ZqOqM%3A&vet=1&docid=CjJYYLv_YBOIvM&hl=de&ei=Q_UhWKyQCsK2Ubzkq5AM&tbm=isch&iact=rc&uact=3&dur=1386&page=0&start=0&ndsp=19&ved=0ahUKEwjsvaDFwpnQAhVCWxQKHTzyCsIQMwgmKAkwCQ&bih=662&biw=1366