Little India, das indische Viertel von Paris

In Paris gibt es mehrere Viertel, die sehr sichtbar von Menschen mit außereuropäischen Wurzeln geprägt sind: La Goutte  d’Or, das afrikanische Viertel im 18. Arrondissement (siehe Blog-Beitrag: La Goutte d’or oder Klein-Afrika in Paris),  das chinesische Viertel im 13. Arrondissement  (siehe Blog-Beitrag: Chinatown in Paris) oder das  multikulturelle Belleville im 20. Arrondissement (siehe Blog-Beitrag: Das multikulturelle, aufsässige und kreative Belleville). Gegenstand dieses Beitrags ist Little India, also das Viertel von Paris, das geprägt ist von der Einwanderung aus dem indischen Subkontinent,  „un des quartiers ethniques les plus visibles de Paris.“ (Jones)

Es gibt für dieses Viertel verschiedene Bezeichnungen, was zwei Gründe hat:

  • Seine genaue Lage, Ausdehnung und Grenzen sind nicht so (einigermaßen) klar umrissen wie bei dem afrikanischen oder dem chinesischen  Viertel. Es gibt das stark tamilisch geprägte Viertel rund um die Métro-Station  La Chapelle und rund um den nördlichen Teil der rue du Faubourg Saint-Denis zwischen dem gare- de l’Est und gare  du Nord,  es gibt aber auch die etwas südlich gelegene und eher pakistanisch geprägte Passage Brady (10. Arrondissement) und –wenn auch extra muros- das indische Viertel von Courneuve in der nördlichen banlieue von Paris.
  • Die verschiedenen Bezeichnungen für das „quartier indien“ haben ihren Grund aber auch darin, dass es dabei um Menschen mit vielfältigen ethnischen, religiösen und geographischen Wurzeln geht: Um Menschen aus Indien, aus  Pakistan, aus Bangla-desh und vor allem aus Sri Lanka,  und da wiederum vor allem aus dem tamilischen Norden der Insel rund um die Stadt Jaffna.  Also findet man eher allgemeinere Bezeichnungen für das Viertel wie Little India oder La Petite Asie, aber auch konkretere wie Little Islamabad, Little Sri Lanka oder Little Jaffna. Ich verwende hier den Ausdruck Little India, womit der indische Subkontinent insgesamt angesprochen ist.[1]

Little India ist aufgrund seiner Vielfalt, Buntheit und Exotik unübersehbar. Aber auch darüber hinaus ist die Einwanderung aus dem indischen Subkontinent präsent: In vielen Supermärkten sitzen Frauen aus Sri Lanka an den Kassen, in den Gängen oder an den Eingängen großer Metro-Stationen verkaufen Männer aus Indien oder Pakistan Obst, Musikkassetten oder geröstete Maronen oder sie bieten abends im Quartier Latin oder anderen touristischen Vierteln in den Restaurants Rosen zum Verkauf an.

Am  buntesten und lautesten stellt sich Little India am alljährlich im September veranstalteten Ganesha-Fest dar, insofern gewissermaßen dem Pendant zu dem ebenso populären chinesischen Neujahrsfest.

 

Der Ganesha-Tempel in der rue Pajol und das  Ganesha- Fest

Das Ganesha-Fest wird an einem Sonntag im Spätsommer jeden Jahres (meist im September) zu Ehren des Gottes Ganesha gefeiert. Ganesha, der Gott mit dem Elefantenkopf, ist eine der beliebtesten Formen des Göttlichen im Hinduismus und von allen hinduistischen Göttern der mit der größten Präsenz und Popularität außerhalb Indiens. Immerhin schützt er alle  neuen Unternehmungen: Heiraten, Reisen oder Geschäfte. Jeder hinduistische Gottesdienst (Puja)  beginnt mit einem Gebet an Ganesha.  Im indischen Viertel von Paris, (rue Pajol, 18. Arrondissement, métro La  Chapelle) gibt es seit 1984 einen dem Ganesha geweihten Tempel, den ältesten Hindu-Tempel in Frankreich.

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Man ist dort, nachdem man seine Schuhe ausgezogen und abgestellt hat, jederzeit willkommen. Man darf sogar – wie i.a. überall in litte India- Fotos machen, auch wenn man das natürlich mit der gebotenen Zurückhaltung tun sollte.

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Selbstverständlich hat der Gott Ganesha einen Ehrenplatz in dem Tempel.

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Der Tempel ist ziemlich klein – beim Ganesha-Fest gibt es sogar lange Schlangen vor der Tür und innen viel Gedränge. Aber an einem „normalen“ Tag  kann man sich ganz in Ruhe auf den Boden setzen, den Raum und die Menschen darin beobachten  und, zum Beispiel  nach einem Besuch von „little India“,  zur Ruhe kommen.

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Der Tempel organisiert seit 1996 das Ganesha-Fest in Paris.  Es ist ein Volksfest, das Hindus aus Paris und der näheren und weiteren Umgebung anzieht.[2]

Als ich mit der Metro zum Ganesha- Fest 2017 fuhr, stand neben mir dichtgedrängt eine ganze Reihe von Menschen, die ganz offensichtlich ebenfalls dieses Ziel hatten. Es waren vor allem Familien mit festlich gekleideten Frauen und Mädchen. Mit einer Familie aus einem östlichen Vorort von Paris kam ich –soweit das unter diesen Umständen möglich war- ins Gespräch und das kleine Mädchen durfte ich, als wir in der Station La Chapelle ausgestiegen waren, mit Zustimmung der stolzen Eltern fotografieren.

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In der Nähe der Métro-Station La Chapelle, in der rue Pajol,  liegt der Ganesha Tempel  bzw.  le temple de Sri Manicka Vinayakar Alayam –so seine offizielle Bezeichnung. Dort beginnt  die große bunte Prozession mit zahlreichen Motivwagen und  vielen Teilnehmer/innen in traditionellen Gewändern, die sich nur schwer einen Weg durch die Masse der Besucher bahnen können.

Von einem Wagen herab werden große Mengen von Opfergaben verkauft, mit denen die Gläubigen  den Schutz Ganeshas  erbitten.

Eine besondere Rolle spielen offenbar auch die am Rand des Zuges gestapelten Kokosnüsse.  Man konnte beobachten, dass mit der gelben Farbe Mädchen ein Punkt zwischen die Augenbrauen getupft wurde.

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Es gibt nicht nur viel zu sehen, sondern auch zu hören: In dem Zug wird  kräftig Musik gemacht, vor allem mit Trommeln und dem traditionellen  Blasinstrument nagaswaram.[3]

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Und natürlich darf bei dem Umzug für den elefantenköpfigen Gott  ein bunt  geschmückter    lebensgroßer  Plastik- Elefant  nicht fehlen.

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Auch wenn man als  Beobachter, der mit den Ritualen und der Symbolik des Hinduismus nicht vertraut ist, Vieles nicht versteht:  Beeindruckend sind  die Buntheit und Vielfalt der Prozession. Und unübersehbar ist auch, welche außerordentliche Bedeutung sie für die vielen Teilnehmer und Besucher hat.  Es ist auch eine Demonstration der kulturellen Selbstbehauptung der  Hindus in  der neuen Heimat.

Zur  Geschichte der indischen Einwanderung

1674 gründete die Compagnie royale des Indes orientales einen Handelsstützpuunkt (comptoir) in Pondichéry (heute offiziell Puducherry).  Aus einem kleinen Fischerdorf wurde allmählich eine blühende Kolonie und der wichtigste französische Stützpunkt in Indien.

Die ersten Menschen aus dem indischen Subkontinent, die sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Frankreich niederließen, waren denn auch Händler und Verwaltungsbeamte aus Pondichéry. Allerdings fielen sie kaum auf  und integrierten sich –begünstigt durch ihre französischen Sprachkenntnisse- schnell in das neue Heimatland.

Weitere Zuwanderer aus Pondichéry waren Studenten, Kriegsfreiwillige, die dem Aufruf de Gaullles zum Widerstand gegen Nazideutschland folgten, und Auswanderer, die nach der sehr geräuschlosen und einvernehmlichen Übergabe der französischen Stützpunkte an Indien für eine Übersiedlung nach Frankreich optierten.  Die Übersiedlung verlief problemlos, weil die Einwohner von Pondichéry seit der Februarrevolution von 1848 die französische Staatsbürgerschaft besaßen. Es waren oft Verwaltungsbeamte oder Militärs, die ihre Karriere in Frankreich fortsetzten. Anderen Ankömmlingen aus Pondichéry erleichterte der französische Staat die Integration, indem er ihnen beispielsweise Posten als Aufsicht in staatlichen Museen oder Schlössern anbot. Es handelte sich hier um die erste bedeutende Präsenz von (südindischen) Tamilen[4], die allerdings in Paris wenig sichtbar waren. Sie wohnten eher extra muros und unterschieden sich ja auch weder durch Sprache noch durch Religion (die meisten waren Katholiken) von den eingesessenen Franzosen.

Zahlenmäßig bedeutender und deutlich sichtbarer wurde die Einwanderung aus dem indischen Subkontinent vor allem ab den 1970-er Jahren. Das waren zunächst Pakistaner,  junge wenig qualifizierte  Männer aus armen ländlichen Regionen, die im Ausland Geld verdienen wollten, um ihre Familien in der Heimat zu unterstützen. Viele von ihnen fanden Arbeit in den Konfektions-Betrieben des multikulturell geprägten „Sentier“-Viertels im 2. Arrondissement rund um  die Place du Caire, einem beliebten Treffpunkt der Pakistani.  Traditionelles Ziel dieser Menschen war ja eigentlich Großbritannien, aber die Verschärfung der britischen Einwanderungsgesetzgebung zwischen 1968 und 1971 machte Frankreich zu einer Alternative – vielleicht ja auch –wie in der Gegenwart bei den Flüchtlingen von Calais- in der Hoffnung, von dort aus doch noch einmal  zu ihrem eigentlichen Ziel zu gelangen. Die Einreise nach Frankreich war für Pakistani damals ohne Visum möglich, 1982 erhielten sie einen offiziellen Aufenthaltsstatus und konnten ihre Familien nachkommen lassen. Die fest installierten und arrivierten Pakistani findet man im südlichen Bereich des 10. Arrondissement rund um die rue du Faubourg St. Denis, besonders in der Passage Brady, deren Restaurants und Boutiquen überwiegend im Besitz  von Pakistani sind. Im Sentier-Viertel arbeiten auch viele Menschen indischer Abstammung aus Mauritius, die auch einen Teil der indischen Einwanderung in der Stadt ausmachen.

In den 1980-er Jahren wurde aber gleichzeitig die weitere Zuwanderung eingeschränkt. Deshalb versuchten  viele Pakistani, unter Berufung auf das in ihrem Heimatland herrschende Kriegsrecht, über das Asylrecht in Frankreich Fuß zu fassen. Da allerdings die meisten Asylanträge abgelehnt wurden, gibt es unter den in Frankreich lebenden Pakistani einen hohen Anteil an Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis und Arbeitsgenehmigung. Das sind die in Frankreich ganz unbefangen als „Illegale“, bezeichnete Menschen,  die sich mit prekären Beschäftigungsverhältnissen durchs Leben schlagen:  zum Beispiel als Kassetten-, Spielzeug-,  Maronen-  und  Obstverkäufer, die man auch als Tourist an und in Métro-Stationen sieht, oder es sind die Rosenverkäufer, die abends in den touristischen Restaurants ihre Kunden suchen. Aber es kann sich dabei auch um Inder handeln, die als  Touristen eingereist sind und sich dann meist illegal in Frankreich aufhalten. Ihre  Zahl wird von der indischen Botschaft in Paris auf etwa 100 000 geschätzt.[5] Offenbar geht die Polizei mit den illegalen fliegenden Händlern ziemlich nachsichtig um:  Oft sieht sie  einfach über sie  hinweg oder sie fordert sie nur dazu auf, die Sachen einzupacken. Selbst wenn sie einmal  von der Polizei aufgegriffen und festgenommen  werden, können aber die illegal in Frankreich lebenden Menschen aus dem indischen Subkontinent nur selten abgeschoben werden: Da sie meistens keine Papiere haben, ist schwer nachweisbar, aus welchem Land sie nun kommen: aus  Indien, Pakistan, Sri Lanka oder Bangla-Desh.

Den größten Anteil an der Einwanderung aus dem indischen Subkontinent haben aber Tamilen aus Sri Lanka, die seit den 1980-Jahren vor dem Bürgerkrieg zwischen Singalesen und Tamilen flohen.[6]   Dieser Bürgerkrieg wurde mit größter Brutalität geführt: von Seiten der tamilischen Unabhängigkeitsbewegung (LTTE), den sogenannten „Tigern“, die auch mit terroristischen Mitteln die Unabhängigkeit des tamilischen Nordens von Sri Lanka erzwingen wollten.  Umgekehrt ging aber auch die singalesische Armee mit großer Brutalität nicht nur gegen die „Befreiungstiger“, sondern auch gegen die tamilische Bevölkerung im Norden vor. Außerdem kam  es in dem  mehrheitlich von Singalesen bewohnten Teil des Landes  zu anti-tamilischen Pogromen mit mehreren tausend Opfern.[7]

Es gibt Schätzungen, nach denen etwa 100 000 tamilische Flüchtlinge nach Frankreich gekommen sind und sich vor allem in Paris und den anliegenden Départements niedergelassen haben.[8] Deren Präsenz ist –nicht nur anlässlich des Ganesha-Festes- unübersehbar, weil das Viertel, das von den Tamilen bevorzugt bewohnt wird,  relativ klar umrissen  ist und weil dort selbst für einen  flüchtigen Passanten  ganz klar erkennbar ist, dass er sich hier in „Little India“ bzw. „Little Jaffna“ befindet.[9]

Wenn man allgemein von „Little India“ und damit von der Einwanderung aus dem  indischen Subkontinent spricht, so verbirgt sich dahinter eine große ethnische,  nationale und kulturelle Vielfalt: Eingeschlossen sind darin (muslimische) Einwanderer aus Pakistan, christliche Tamilen aus Pondichéry/Südindien, hinduistische Tamilen aus Sri Lanka, Einwanderer aus Bangla-Desh, aber auch indisch- stämmige Einwanderer aus Mauritius und Madagaskar. Übereinstimmend wird in der von mir konsultierten  Literatur festgestellt, dass die verschiedenen ethnischen  Gruppen relativ getrennt sind und es wenig Verbindungen zwischen ihnen gibt.

Gemeinsam scheint aber allen Gruppen der Wunsch zu sein, ihre kulturelle Identität in der neuen Heimat nicht ganz aufzugeben und selbst an  solchen Traditionen festzuhalten, die konträr sind zu den französisch-republikanischen Gepflogenheiten. Das betrifft zum Beispiel –so Thiney Duvoy-  die von Eltern arrangierten Heiraten innerhalb des eigenen sozialen Kontextes oder den Umgang mit Verstorbenen: Deren Asche werde von den Hindus üblicherweise nach Indien gebracht – und das gelte sogar auch für die christlichen Inder aus Pondichéry.[10]

 

Little Jaffna, das tamilische Viertel von La Chapelle

Die Konzentration der tamilischen Einwanderung auf das Gebiet von La Chapelle kommt nicht von ungefähr:  Als in den 1980-er Jahren die Bürgerkriegsflüchtlinge aus Sri Lanka in Paris ankamen, gab es dort –in der Nähe des Gare de l’Est und des gare du Nord-  billige Hotels, wo sie eine Weile unterkommen konnten.  Es gab auch billigen und freien Wohnraum in diesem früheren Arbeiterviertel aufgrund des fortschreitenden Verlusts  städtischer  Arbeitsplätze in Industrie und Handwerk. Außerdem grenzte das Gebiet an die  traditionellen Einwanderungsviertel Barbès und la Goutte d’Or, die so  gewissermaßen  nur nach Süden ausgeweitet wurden.  Da die Neuankömmlinge aus  Sri Lanka  aber – anders als die tamilischen Zuwanderer  aus Pondichéry- nicht  Französisch sprachen und sich in eine für sie völlig neue und  fremde Umgebung versetzt sahen, suchten  sie die gegenseitige Nähe und Vertrautheit.  Little Jaffna ist  das Zentrum einer weitgespannten solidarischen Organisationsstruktur, es  hat wirtschaftliche, soziale und kulturelle Funktionen: Hier kann man  Arbeit und Unterkunft finden, sich informieren; es gibt Zeitungen in tamilischer Sprache, einschließlich lokaler Ausgaben mit nützlichen Anzeigen, und man findet hier Geschäfte mit den vertrauten Produkten, also einen sogenannten „commerce ethnique.“   Diese Geschäfte dienten also dazu, sich eine neue Lebensgrundlage zu schaffen und waren zuerst und vor allem für die eigenen Landsleute bestimmt.[11]

Das waren natürlich vor allem épiceries, also Lebensmittelgeschäfte, in denen sie die vertrauten Produkte kaufen konnten und dabei  auch solche, die sonst eher nicht zu finden waren.

Bemerkenswert sind bei manchen Beschilderungen  übrigens die sprachlichen Mixturen wie bei „Flower de Banana“. Und befremdend ist –jedenfalls für mich als Freund der Unterwasserwelt- dass manchmal   die Exotik doch etwas zu weit geht: Etwa wenn im Fischgeschäft nicht nur Krebse aus Sri Lanka angeboten werden, sondern dazu auch noch die farbenfrohen Papageien-Fische, deren Fang zur Verarmung der Riffe beiträgt.

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Aber der freundliche Fischhändler war ganz stolz, dass er Papageienfische (natürlich auch aus  Sri Lanka)  im Angebot hatte und ließ es sich nicht nehmen, sie für ein Foto auch noch wirkungsvoll in Szene zu setzen….

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Unbedingt erforderlich waren -und sind offenbar immer noch- Übersetzungsbüros.

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Und nicht fehlen dürfen natürlich – „La Chapelle ist auch das Paradies von Bollywood“[12] – entsprechende Videotheken und Kassettenläden, Handy- und Internet-Boutiquen und alles rund ums Geld.

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Und dann gibt es auch noch viele Geschäfte, in denen man Dinge kaufen kann, um sich und sein neues Zuhause heimatlich auszustatten;  etwas respektlos könnte man sagen:  mit  „Nippes“.  Dazu gehört natürlich der sympathische Gott Ganesha,  der hier ähnlich präsent ist wie in den entsprechenden Geschäften im chinesischen Viertel die Winkekatze.

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Für festliche Anlässe wie Heiraten ist selbstverständlich auch gesorgt:

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Und dazu gehört auch der glänzende Goldschmuck, der in großen Mengen und großer Vielfalt angeboten wird: Armreifen, Ohrringe und vor allem Colliers. Gold spielt ja  in der indischen Kultur eine ganz wichtige Rolle. „No gold, no wedding“  lautet ein  indisches Sprichwort.  Der hier angebotene goldene Schmuck soll übrigens aus Singapur stammen, wo es eine große indische Gemeinde und eine entsprechende Produktion von Schmuck gibt.[13]

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Der commerce ethnique  ist für die  Tamilen  ein Stück Heimat und für die alteingesessenen Pariser und  Touristen vermittelt er ein in dieser Form einzigartiges exotisches Flair inmitten der vertrauten Stadt.  „Little Jaffna“ schließt sich nicht ab gegenüber der Außenwelt und  diese zeigt sich auch ihrerseits offen. Diese Offenheit gegenüber alteingesessenen Einheimischen und Touristen, die nicht nur anlässlich des Ganesha- Fests überall  und immer in „little Jaffna“ erfahrbar ist, macht den Charme dieses Viertels aus: Es bewahrt sein  Eigenleben, aber es ist auch integriert in das Stadtgefüge und bereichert es.[14]

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Dringend gesucht wird eine Verkäuferin, die französisch und tamilisch spricht:                Zeichen für die Offenheit des Viertels nach außen

Eine Institution in Little Jaffna ist die épicerie VT Cash & Carry  in der rue du Faubourg St. Denis Nr. 157.  Der Laden ist sehr eng,  so vollgeräumt wie nur möglich, dazu offensichtlich ein bevorzugter Ort der Tamilen nicht nur  für ihre Einkäufe, sondern auch ein Treffpunkt. Auch als „Auswärtiger“ wird man freundlich behandelt und findet immer einen aufmerksamen Verkäufer, der einem mit einem scharfen kleinen Messer einige der leckeren kleinen asiatischen Bananen abschneidet oder einem weiterhilft, wenn man etwas Bestimmtes sucht.

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Ebenfalls eine Institution  ist die pakistanische „Konditorei“ Bhai-Bhai-Sweets in der  Rue des Deux Gares, einer wenig einladenden Seitenstraße der rue du Faubourg St.-Denis. Auch dieser Laden ist sehr klein, er wird nach meiner Erfahrung meist von Männern bevölkert, die dort teilweise große Mengen von Süßigkeiten einkaufen. An den Wänden gibt es auch einige  sehr rustikale Sitzmöglichkeiten, wo man direkt etwas probieren kann, zum Beispiel das typisch indische Dessert Rasmalai. Das Ambiente ist wenig einladend, aber man wird sehr freundlich aufgenommen und immerhin gilt der Laden als   „best asian sweet shop I ever seen in Paris“.[15]

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Es ist aber allein schon lohnend, durch „little Jaffna“ mit offenen Augen zu streifen. Und beispielsweise zu beobachten und zu bewundern, wie das indische Fladenbrot paratha hergestellt wird:

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Die Nachwehen des Bürgerkriegs

Als ich Ende des Jahres 2017 in Vorbereitung dieses Beitrags öfters durch das tamilische Viertel  von Paris gegangen bin, fielen mir die vielen an  Schaufenstern befestigten Plakate auf, mit denen zu einer „journée des héros“ , einem „Tag der Helden“ aufgerufen wurde.  Ähnliche Plakate hatte ich schon bei  Besuchen des Viertels  in früheren Jahren gesehen.

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Abgebildet ist Velipullai  Prabhakaran, der Führer der tamilischen Befreiungsbewegung LTTE  (Liberation Tigers of Tamil Eelam), der gerade eine Flamme entzündet.   Die LTTE versuchte in einem blutigen Bürgerkrieg, die Unabhängigkeit der von Tamilen bewohnten  Gebiete im Norden Sri Lankas zu erzwingen.  Die Umrisse des beanspruchten tamilischen Staates  sieht man auf dem Plakat über der Flamme. Über Prabhakaran weht die Fahne der LTTE, ein Tigerkopf mit gekreuzten Gewehren und umgeben von einem Kranz von 32  Patronen.[16]

Der Bürgerkrieg endete im Mai 2009 in einem Blutbad und mit der militärischen Niederlage der LTTE. Prabhakaran und seine Familie kamen im gleichen Monat ums Leben, möglicherweise durch Selbstmord, um nicht in die Hände der Regierungstruppen zu fallen. Die vielen Plakate, die zur Feier der „Helden“ aufrufen, bestätigen wohl die Einschätzung von Kennern der Lage, dass es zwar eine Waffenruhe, aber keinen Prozess der Versöhnung gibt. Und gerade in der Diaspora scheint der Traum von einem unabhängigen tamilischen Staat noch nicht ausgeträumt zu sein und wohl auch als  Bestandteil der Gruppenidentität zu fungieren.[17]

In einem kleinen Lebensmittelgeschäft in der rue du faubourg St. Denis war sogar nicht nur das aktuelle „Helden-Plakat“ befestigt, sondern  offenbar dauerhaft  auch noch ein Portrait des ehemaligen LTTE-Chefs.

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Ich versuchte, mit einem dort beschäftigten Tamilen ins Gespräch zu kommen, was aber an sprachlichen Problemen scheiterte: Der junge Mann sprach kaum Französisch und ebenso wenig Englisch. Offensichtlich war aber sein Stolz auf den lächelnden Helden- trotz allen Leids des Bürgerkriegs, für das auch er Verantwortung trägt:  eine selbst gegenüber der eigenen Bevölkerung rücksichtslose Kriegsführung, die Verwendung von Kindersoldaten und menschlichen Schutzschilden, dazu Terroranschläge gegen die singalesische Zivilbevölkerung….

In dem 2015 mit der goldenen Palme von Cannes ausgezeichneten Film Dheepan  (deutscher Titel: Dämonen und Wunder- Dheepan) wird gezeigt, wie die tamilischen Tiger auch noch viele Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs in der Diaspora aktiv sind: Ein junger Mann, der in führender Position auf Seiten der Tiger im Bürgerkrieg gekämpft hat, jetzt aber in Paris ein neues Leben in Frieden anfangen will, wird massiv unter Druck gesetzt, den Kampf weiterzuführen, und als Feigling und Verräter beschimpft, weil er das ablehnt. (Dass der Krieg ihn dann doch einholt – im Banden- und Rauschgiftmilieu des banlieue, wo er als Hausmeister mit Frau und Kind in Frieden leben will, aber nicht kann, ist eine andere –französische- Geschichte).

Beim bunten und fröhlichen  Ganesha-Fest 2017 in Little Jaffna wurden neben vielen anderen aufgeblasenen luftigen Figuren auch Tiger und Panzer angeboten. Ein kleiner Junge begleitete mit einem solchen unmissverständlich beschrifteten Panzer (Tiger 01) den friedlichen Zug des Gottes Ganesha. Ich kann mir nicht vorstellen, dass zu den neuen Unternehmungen, die der Gott unter seine Fittiche nimmt, auch ein neuer Bürgerkrieg gehören könnte….

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Passage Brady, the little Islamabad

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Die Passage Brady zwischen dem boulevard de Strasbourg und der rue du Faubourg Saint Denis im 10. Arrondissement wird gerne „little Islamabad“ genannt. Die meisten Besitzer und Angestellte der dort ansässigen Restaurants und Geschäfte stammen nämlich aus Pakistan.  So auch Antoine Ponnoussamy, der 1972 ein Lebensmittelgeschäft mit exotischen Produkten in der Passage eröffnete und danach das erste indische Restaurant der Passage, womit er  deren allmähliche Transformation in ein weiteres indisches Viertel von Paris einleitete.

Das Restaurant heißt Passage de Pondichéry, womit die Beziehung zu dem alten französischen Handelsstützpunkt ausgedrückt wird. Es liegt in dem  überdachten Teil der Passage,  wo man meistens draußen sitzen kann –der andere, offene, ist ziemlich heruntergekommen. Sicherlich wird in der Passage  keine Spitzenküche angeboten, aber man ist mitten in „little India“ oder „little Islamabad“ und besonders mittags kann man dort sehr preiswert essen.

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Antoine Ponnoussamy, der Besitzer des Pondichéry, kam Ende der 1960-er Jahre  als Koch des französischen Botschafters nach Paris.  Er erzählt:

„In Pondichéry arbeitete ich als Koch bei französischen Familien. Ich war 17 Jahre alt, als eine dieser Familien mich nach Paris mitnehmen wollte. Mein Vater war aber dagegen, weil ich noch zu jung war. Danach arbeitete ich 10 Jahre lang in Bombay und heiratete. Danach ging ich nach Neu-Dehli, wo ich Koch der französischen Botschaft wurde. Eines Tages rief der Botschafter mich zu sich und kündigte mir an, dass ich nach Frankreich wechseln würde. Das war eine Chance für mich. Ich hatte kein Geld um eine solche Reise zu machen. Er bezahlte mir alles, sogar den Anzug. Ich hätte niemals geglaubt, dass ich eines Tages einmal ein „patron“ werden würde. 1974 eröffnete ich das erste indische Restaurant, ‚Le Pondichéry‘. Ich bot Speisen aus Pondichéry an… Das lief sehr gut. Man sagt, man würde hier ein Stück Indien finden. In einer Zeitschrift war einmal zu lesen: ‚Mit einem Metro-Fahrschein kann man nach Indien fahren – in die Passage Brady‘“.[18]

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In der Tat: In der Passage Brady sind – wie sonst nirgendwo in Paris- alle Ingredienzien versammelt, die nach gängigem Verständnis ein  exotisch- indisches Ambiente ausmachen:  Bunte Auslagen mit exotischen Früchten und Blütenketten, die duftenden Speisen auf den draußen aufgestellten Tischen, die Gewürze, die Frisöre und Schönheitssalons, die Rufe der Kellner, die versuchen, Kunden anzulocken, die Musik, das Tohuwabohu…  Little Islamabad auf den 200 Metern der überdachten Passage.

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Ende Oktober 2017 ist Antoine Ponnoussamy gestorben. Die Todesanzeigen waren überall in der Passage Brady ausgehängt. Er war ganz offensichtlich „die Seele“ der Passage. Aber er hat 16 Enkelkinder hinterlassen, von denen einige sicherlich sein Erbe fortführen werden.

 

Praktische Information

Eingang in die Passage am besten  rue du Faubourg Saint-Denis. 75010 Paris  métro Château d’eau (Linie 4) oder Strasbourg-Saint Denis (Linien 4, 8 und 9)

 

Tamilen in der banlieue: Courneuve und sein Shiva-Tempel

Beim kurzen Abriss der Geschichte der indischen Einwanderung  wurde schon angesprochen, dass es jenseits von  „Little India“ auch eine deutliche indische Präsenz extra muros gibt, vor allem in den nord-östlichen  Vorstädten von Paris. Während das Gebiet von La Chapelle als erste Anlaufstation für Neuankömmlinge fungierte, war es weniger geeignet für die Aufnahme ganzer Familien, die sich allmählich auch im Zuge der Familienzusammenführung in Paris einfanden. Die Pariser nordöstlichen  Vorstädte boten sich da als Alternative an. Ein Beispiel dafür ist Courneuve, das mit der métro gut zu erreichen ist. Dort hat sich allmählich auch ein indisches Viertel herausgebildet. Es handelt sich um ein Viertel, in dem aus Sri Lanka stammende hinduistische Tamilen und aus Pakistan stammende Muslime offenbar friedlich nebeneinander leben. Es gibt hier viele Geschäfte für den alltäglichen Bedarf, auch einen großen  indischen Supermarkt, – aber  Paris bleibt  dann doch für alle der soziale Bezugspunkt, wo man die Wochenendeinkäufe erledigt und sich trifft; ähnlich wie La Goutte d’Or für die afrikanisch-stämmigen Menschen).  [19]

Immerhin  besitzt aber Courneuve einen der größten hinduistischen Tempel Frankreichs, der durchaus einen Besuch lohnt. Er ist Shiva geweiht, einer der drei großen Götter des Hinduismus.[20]  Die Umgebung ist ziemlich vorstädtisch-trist, woran auch die gemeinsamen  längst verblassten Bemühungen der Street-Artisten Nemo und Jerôme Mesnager nichts ändern konnten.

Umso auffälliger ist dann der bunte Eingang zum Tempel.

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Hier ist das Pantheon der hinduistischen Gottheiten farbenfroh abgebildet.

In der Mitte sieht man Shiva,  erkennbar an der Mondsichel, dem dritten Auge auf der Stirn, der Kobra, die sich um seinen Hals windet,  und den vier Armen. Neben Shiva sitzt seine göttliche Gemahlin Parvathi, die Mutter Ganeshas.

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Bei der Figur des Ganesha kann man übrigens erkennen, dass einer seiner Stoßzähne abgebrochen ist. Das ist kein renovierungsbedürftiger Mangel, sondern Bestandteil der hinduistischen Mythologie: In einem wichtigen Moment seines Lebens benötigte er dringend ein Schreibgerät. Also brach er ein Stück eines Stoßzahns ab…

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Im Innern des Tempels kann man –wie ja auch im Ganesha-Tempel in der rue Pajol- sich hinsetzen und in Ruhe das Geschehen beobachten.  Ein Erlebnis nicht nur für die Augen, sondern für alle Sinne.

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In der Tat: Für die Reise nach Indien benötigt man nur ein métro-ticket!

 

Praktische Information:

Temple in der  Avenue Paul Vaillant Couturier Nummer 159 in  93120 La Courneuve

Métro- Linie 7  Station La Courneuve –  8  Mai 1945

Poojas:  10 Uhr, 12 Uhr  und 18,30 Uhr.

 

Spaziergänge durch little India von der passage Brady bis zum quartier de la Chapelle und durch  das indische Viertel von Courneuve (etwa einmal im Monat und in französischer Sprache) werden  angeboten von:

https://www.tourisme93.com/balade-indienne-a-paris-et-la-courneuve.html

 

 En savoir plus:

Graham Jones, Le trésor caché du Quartier indien: esquisse ethnographique d’une centralité minoritaire parisienne. In: Revue Européenne des migrations internationales. 19/2003, S. 233-243

http://remi.revues.org/3005?lang=en  

Raphaël lo Duca, mondes urbains indiens/la diaspora tamoule: de la migration internationale à l’ancrage commercial en île de France. (April 2015)  http://www.revue-urbanites.fr/chroniques-la-diaspora-tamoule-de-la-migration-internationale-a-lancrage-commercial-en-ile-de-france

Aude Mary, En territoire tamoul à Paris: un quartier ethnique au métro La Chapelle. Paris 2008

Christine Moliner,  Invisible et modèle ? Première approche de l’immigration sud-asiatique en France, 2009. Disponible sur le site du ministère de l’immigration. https://www.immigration.interieur.gouv.fr/content/

Sophie Royer, Les Indes à Paris: histoire, culture, arts, gastronomie, sorties

2002 Parigramme

Solange Thiney-Duvoy, L’inde en France. Paris 2007

Immigration clandestine : « des marrons chauds ? » Publié dans INDES magazine janvier-février 2015 https://actuinde.com/2015/02/05/immigration-clandestine-des-marrons-chauds/

Anthony Goreau-Ponceaud,  L’immigration sri lankaise en France. Trajectoires, contours et perspectives. In: hommes &migrations 2011, S. 26-39  https://hommesmigrations.revues.org/671?lang=en

Musée de l’histoire de l’immigration,  Le sous-continent indien et ses diasporas à Paris. (kommentierte Literaturliste der Médiathek Abdelmalek Sayad) Oktober 2014

 

Anmerkungen:

[1] So z.B. auch Thiney-Duvoy in „L’inde en France“

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Ganesha  und   https://www.templeganesh.fr/fetegan.htm

[3] https://fr.wikipedia.org/wiki/Ganesh_Chaturthi

[4] Royer gibt ihre Zahl mit etwa 30 000 an. (S.26)

[5] https://actuinde.com/2015/02/05/immigration-clandestine-des-marrons-chauds/

[6] Thiney-Duvoy, S. 45,  46 und 50

[7] Als wir in den frühen 1980-er Jahren als Rucksacktouristen in Sri Lanka unterwegs waren und im Herrenhauseiner Teeplantage übernachteten, wurden wir Ohrenzeugen  eines solchen Pogroms: Heftige Schreie, Hilferufe- offensichtlich von tamilischen Familien, die, in eher Schweineställen ähnelnden Behausungen untergebracht, auf der Plantage arbeiteten. Unsere Interventionen und Nachfragen bei unseren singalesischen Ansprechpartnern in der Plantage stießen aber auf eine Mauer des Schweigens.

[8] https://www.tripsavvy.com/la-chapelle-little-sri-lanka-1618685 Royer spricht noch von 30-40000, aber das sind sicherlich längst überholte Zahlen aus dem Jahr 2002.

[9]  Von einer  „immigration invisible“ zu sprechen, wie Vassoodeven Vuddamalay  in einem 1989 veröffentlichten Aufsatz, ist heute also kaum mehr möglich.  (V.V., Pésence indienne en France. Les facettes multiformes d’une immigration invisible. In:  Revue européenne des migrations internationales. 5, 1998, No 3, S. 65-77

[10] Siehe zum Beispiel:  Thiney-Duvoy, S. 60 und Royer, S. 31

[11] Siehe dazu:  Graham Jones  http://remi.revues.org/3005?lang=en und http://www.revue-urbanites.fr/chroniques-la-diaspora-tamoule-de-la-migration-internationale-a-lancrage-commercial-en-ile-de-france

[12] https://www.azurever.com/paris/le-quartier-indien

[13]  http://remi.revues.org/3005?lang=en

[14] Bien qu’il apparaisse à première vue un espace d’exclusion, il s’agit plutôt d’un espace liminal où s’effectue une transition adaptatrice. Les immigrés peuvent y participer à la vie « profane » de la ville tout en exprimant le « sacré » de leur particularité culturelle. http://remi.revues.org/3005?lang=en

Siehe auch: http://www.revue-urbanites.fr/chroniques-la-diaspora-tamoule-de-la-migration-internationale-a-lancrage-commercial-en-ile-de-france

[15] https://www.facebook.com/Bhai-Bhai-Sweets-642016652604098/ 

[16] Bemerkenswert finde ich übrigens, dass im Vergleich zu ähnlichen früheren Plakaten zur „journée des héros“, die ich gesehen habe, diesmal die Tiger-Fahne der LTTE ganz offensiv präsentiert wird. Und während der Kampf um Unabhängigkeit auf dem  Plakat von 2015 –in französischer Sprache-  in die Tradition der Französischen Revolution eingeordnet wurde, bleibt man jetzt gewissermaßen unter sich: Hier also statt Öffnung eher ein nostalgischer Rückzug.

[17] In einem 2011 veröffentlichten Interview äußerte sich der damalige Botschafter Sri  Lankas in Paris zum Verhältnis der Pariser Tamilen zur LTTE:  „it seems to me that the politically active and preponderant element of the Tamil diaspora – the more mobilised and active element – seems comfortable demonstrating under the flag of the LTTE. But I am not sure if they represent the bulk of the Tamil community in Parir only an active minority. What’s missing is an opposition movement from within Paris’s Tamil community. “Something that says, ‘No we don’t feel comfortable with the flag of the LTTE with its 32 bullets and its crossed rifles’“.  Vielleicht könnte diese Einschätzung ja noch nicht ganz veraltet sein. http://en.rfi.fr/visiting-france/20110203-sdgvsdg  

[18] Zitiert bei Thiney-Duvoy, S. 63 und 65. Übersetzung von mir

[19] http://remi.revues.org/3005?lang=en

[20] http://www.leparisien.fr/espace-premium/seine-et-marne-77/un-temple-hindou-a-la-courneuve-20-07-2015-4956667.php

 

Geplante Beiträge:

  • Street-Art in Paris (2):  Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • Hector Guimard: Jugendstil in Paris/Art Nouveau à Paris
  • Street-Art in Paris (3):  Der Invader
  • Auf dem Weg nach Paris: Die Mühle von Valmy, ein Fanal der Französischen Revolution
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier

Mit Heinrich Heine in Paris

 

Heinrich Heine,  einer der prominentesten Paris-Verehrer, verbrachte die Hälfte seines Lebens  in der Stadt seiner Träume.  Paris war für ihn  eine „Zauberstadt“, „die geistige Hauptstadt Europas“, „Hort der Revolution“ bzw. „die Hauptstadt der Revolution“, „ein Pantheon der Lebenden“, ja die „Spitze der Welt“, „das neue Jerusalem“.   „Paris ist nicht bloß die Hauptstadt von Frankreich, sondern der ganzen zivilisierten Welt. … Versammelt ist hier alles, was groß ist durch Liebe und Hass, durch Fühlen und Denken, durch Wissen oder Können, durch Glück oder Unglück, durch Zukunft oder Vergangenheit.“ [1]

Für Heines Übersiedlung nach Paris gab es mehrere Gründe:

  • Die Aussichtslosigkeit, als geborener Jude und aufmüpfiger Geist  eine sicher besoldete Stelle in Deutschland  zu erhalten, woran die Konversion  zum Christentum nichts änderte
  • Seine Begeisterung für die Revolution von 1830 in Frankreich und für Paris
  • Die Gefahr, in der Unterdrückungsphase des „Vormärz“ zwischen 1830 und 1848 in Deutschland Opfer der herrschenden Repression zu werden

Ökonomische und politische Gründe veranlassten auch viele andere Deutsche, ihr Glück oder wenigstens ihr Auskommen in Paris zu suchen.  „Ende der 1840er Jahre kam auf zwanzig Bewohner der Stadt ein Deutscher. Ihre Zahl betrug knapp sechzigtausend: Künstler, Schriftsteller, Publizisten, aber noch mehr Handwerker…. Viele Arbeitslose aus entlegenen Winkeln Deutschlands suchten und fanden Arbeit in Paris, so zahlreiche Nordhessen, die die Straßen und Plätze der Stadt kehrten. Die Säuberung der Hauptstadt Europas war fest in der Hand von hessischen Gastarbeitern. An den Sonntagen trafen sie sich in den Gastwirtschaften (also den Guinguettes W.J.)  am Rande der Stadt und zogen abends mehr oder weniger angetrunken und deutsche Lieder singend nach Hause.“ [2] Für die Deutschen in Paris gab es übrigens sogar eine eigene Kirche, und zwar in „unserem“ 11. Arrondissement, dem Handwerkerviertel, am Jardin Titon. Inzwischen ist das die Kirche der Koreaner. So ändern sich die Zeiten….

Aber zurück zu Heine: Dass er sein halbes Leben in Paris verbrachte, hatte also zwei Seiten: eine negative, auf Deutschland bezogen, und eine positive- bezogen auf Frankreich:  In Deutschland  erwarteten ihn Perspektivlosigkeit und drohte ihm eine Verhaftung wegen „demagogischer Umtriebe“. Ein alter Justizrat, der mehrere Jahre in der Festung  Spandau bei/in Berlin eingekerkert war, hatte ihm erzählt, wie unangenehm es sei, wenn  man im Winter Eisenringe um die Füße tragen müsse.  Heine dazu in seinem wunderbar locker-ironischen Stil:

» Ich fand es in der Tat sehr unchristlich, dass man den Menschen die Eisen nicht ein bisschen wärme. Wenn man uns die Ketten  ein wenig wärmte, würden sie keinen so unangenehmen Eindruck machen…. Ich frug meinen Justizrath, ob er zu Spandau oft Austern zu essen bekommen. Er sagte Nein, Spandau sei zu weit vom Meere entfernt. … Da ich nun wirklich einer Aufheiterung bedurfte, und Spandau zu weit vom Meere entfernt ist, um dort Austern zu essen, und mich die Spandauer Geflügelsuppen nicht sehr lockten, und auch obendrein die preußischen Ketten im Winter sehr kalt sind und meiner Gesundheit nicht zuträglich seyn konnten, so entschloß ich mich, nach Paris zu reisen und im Vaterland des Champagners und der Marseillaise jenen zu trinken und diese letztere, nebst En avant marchons und Lafayette aux cheveux blancs, singen zu hören.« [3]

Und hier ist ja auch die andere Seite wunderschön bezeichnet: Heine reist ins „Vaterland des Champagners und der Marseillaise“:  Er sah in Frankreich die ideale Verbindung von Genuss und politischem Fortschritt, besonders nachdem dort der sogenannte Bürgerkönig Louis Philippe herrschte, der nicht mehr wie seine Vorgänger roi de France, sondern roi des Français war- ein für Heine entscheidender Unterschied! Während eines Besuchs auf Helgoland erfährt Heine von der Juli- Revolution in Frankreich und ist außer sich vor Begeisterung:  „Lafayette, die dreifarbige Fahne, die Marseillaise… Ich bin wie berauscht….Lafayette, die dreifarbige Fahne, die Marseillaise… Fort ist meine Sehnsucht nach Ruhe. Ich weiß jetzt wieder, was ich will, was ich soll, was ich muss. Ich bin der Sohn der Revolution und greife wieder zu den gefeiten Waffen.“ [4]

Am 1. Mai 1831 reist Heine, 33 Jahre alt,  nach Paris,  wo er als einmal in einem früheren französischen Hoheitsgebiet Geborener Bleiberecht hat und als bereits bekannter und von deutschen Behörden verfolgter deutscher Dichter freundlich aufgenommen wird. Dort bleibt er  – abgesehen von zwei kurzen illegalen Besuchen seiner Mutter in Hamburg- bis zu seinem Tod am 17. Februar 1856. (4a)

Von einer dieser Reisen nach Paris zurückgekehrt, schreibt Heinrich Heine:

„Nach einer vierwöchentlichen Reise bin ich seit gestern wieder hier, und ich gestehe, das Herz jauchzte mir in der Brust, als der Postwagen über das geliebte Pflaster der Boulevards dahinrollte, als ich den ersten Putzladen mit lächelnden Grisettengesichtern vorüberfuhr, als ich das Glockengeläute der Cocoverkäufer vernahm, als die holdselige zivilisierte Luft von Paris mich wieder umwehte. (…) Warum aber war die Freude bei  meiner Rückkehr nach Paris diesmal so überschwenglich, dass es mich fast bedünkte als beträte ich den süßen Boden der Heimat, als hörte ich wieder die Laute des Vaterlandes? Warum übt Paris einen solchen Zauber auf Fremde, die in seinem Weichbild einige Jahre verlebt? Viele wackere Landsleute, die hier sesshaft, behaupten, an keinem Orte der Welt könne der Deutsche sich heimischer fühlen als eben in Paris, und Frankreich selbst sei am Ende unserem Herzn nicht anderes als ein französisches Deutschland.“[5]

Im Folgenden werde ich einige Stationen Heinrich Heines in Paris aufsuchen. Es sind wichtige und interessante Orientierungspunkte, von denen aus ich einen Blick auf Heines Leben und Werk werfen möchte. Und zum Abschluss soll ein kleiner Rundgang auf den Pariser Spuren Heinrich Heines vorgestellt werden.

Bevor es losgeht, aber noch zwei Vorbemerkungen:

  1. Ich möchte den Rundgang auch dazu nutzen, Heines Werk seiner Pariser Jahre ein wenig vorzustellen. Da wird dann für manche manches/vieles Bekannte dabei sein, wofür ich um Verständnis bitte.
  2. Der deutsch-amerikanische Historiker Fritz Stern, in Deutschland auch bekannt durch seine Gespräche mit Helmut Schmidt, sagte am 20.6.2011 in einem Vortrag über den Europäer Heinrich Heine in der Maison Heinrich Heine in der Cité Universitaire: „ Er schreibt so genial, dass es verführerisch ist, ihn zu zitieren“.  Ich werde das hemmungslos tun, denn warum sollte man sich nicht von Heine verführen lassen?
  3. Bei den hier vorgeschlagenen Stationen handelt es sich um eine Auswahl, die sich, mit drei Ausnahmen  (Porte Saint- Denis, Rue Laffitte und Rue Matignon) in einem Rundgang verbinden lassen. Manches muss da unberücksichtigt bleiben. Bernd Kortländer schlägt in seinem Buch „Mit Heine durch Paris“ nicht weniger als 14 literarische Spaziergänge vor, wobei er sich allerdings auf  das Zitieren passender Heine-Texte beschränkt.  Der nachfolgende Blog-Beitrag ist insofern begrenzter und umfassender zugleich.

 

  1. Der Triumphbogen am Boulevard Saint-Denis: Einzug in Paris

Die Porte Saint-Denis war zu Zeiten Heines das Stadttor, durch das Reisende aus Deutschland Paris betraten. Auch Heine kam im Mai 1831 hier vorbei und schildert seinen Einzug durch den von Ludwig XIV. errichtete Triumphbogen:

»In zwanzig Minuten war ich in Paris, und zog ein durch die Triumphpforte des Boulevards Saint-Denis, die ursprünglich zu Ehren Ludwigs XIV. errichtet worden, jetzt aber zur Verherrlichung meines Einzugs in Paris diente. Wahrhaft überraschte mich die Menge von geputzten Leuten, die sehr geschmackvoll gekleidet waren wie Bilder eines Modejournals. Dann imponirte mir, daß sie alle französisch sprachen, was bey uns ein Kennzeichen der vornehmen Welt; hier ist also das ganze Volk so vornehm wie bey uns der Adel. Die Männer waren alle so höflich, und die schönen Frauen so lächelnd. Gab mir jemand unversehens einen Stoß, ohne gleich um Verzeihung zu bitten, so konnte ich darauf wetten, daß es ein Landsmann war; und wenn irgend eine Schöne etwas allzu säuerlich aussah, so hatte sie entweder Sauerkraut gegessen, oder sie konnte Klopstock im Original lesen. Ich fand alles so amüsant, und der Himmel war so blau und die Luft so liebenswürdig, so generös, und dabey flimmerten noch hie und da die Lichter der Julisonne; die Wangen der schönen Lutezia waren noch roth von den Flammenküssen dieser Sonne, und an ihrer Brust war noch nicht ganz verwelkt der bräutliche Blumenstrauß. An den Straßenecken waren freylich hie und da die liberté, égalité, fraternité schon wieder abgewischt.« [6]

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Noch angemessener wäre natürlich gewesen, wenn der Triumphbogen schon für den Vater Ludwigs XIV., Henri Quatre, errichtet worden wäre, dann hätte auf dem Triumphbogen passend zur Begrüßung Heines  HENRICO MAGNO  gestanden. Und Henri Quatre war auf dem Weg von der Basilika  Saint-Denis hier auch nach Paris eingezogen  und  er war etwas weniger prunk- und eroberungssüchtig  als sein Enkel- von seinem Faible für Frauen einmal abgesehen. Das hätte dann wohl noch besser zu Heinrich Heine gepasst, der sich gerade anschickte, „die Hauptstadt der zivilisierten Welt“ – und ihre Frauen- zu erobern.

(Porte St. Denis, Metro Strasbourg Saint – Denis; Linien 4,8 und 9)

  1. Die Passage des Panoramas: Die Frauen von Paris

Heine quartiert sich zunächst –wie damals auch über längere Zeit durchaus üblich- in Pariser Hotels ein und er ist entzückt von dem Pariser Leben.

Heinrich_Heine-Oppenheim

Heine –Portrait von Moritz Oppenheim  (1831) Hamburger Kunsthalle

 

Er ist ein attraktiver junger Mann mit fein geschnittenen Gesichtszügen, der allabendlich in der Passage des Panoramas am Boulevard Montmartre auf und ab schlendert.  1799 gebaut, ist es die älteste der Pariser Passagen, die es –angeregt durch die orientalischen Souks-  den Parisern ermöglichte, trockenen und sauberen (!) Fußes spazieren zu gehen  und einzukaufen: Damals ein riesiger Fortschritt, denn Trottoirs und Gullys fürs Regenwasser (oder sonstige Abwässer) gab es  noch nicht auf den Straßen. Der Name der Galerie ist abgeleitet von zwei großen Türmen am Eingang, in denen  -zum ersten Mal in Frankreich- Panorama-Bilder gezeigt wurden – ein großer Erfolg, der noch zunahm, als 1816 in der Galerie die erste Gasbeleuchtung von Paris installiert wurde. Als Heine 1831 nach Paris kam, waren die beiden Türme gerade abgerissen worden, aber die Passage des Panoramas war immer noch ein Anziehungspunkt für die Bewohner und Besucher der Stadt.

Die Passage des Panoramas früher und heute

 

Hier kann Heine erste Kontakte knüpfen und sein Französisch etwas aufpolieren:

Mit dem Französischen haperte es etwas bei meiner Ankunft; aber nach einer halbstündigen Unterredung mit einer kleinen Blumenhändlerin in der Passage des Panoramas ward mein Französisch, das seit der Schlacht bei Waterloo eingerostet war, wieder flüssig, ich stotterte mich hinein in die galantesten Konjugationen und erklärte der Kleinen sehr verständlich das Linnéische System, wo man die Blumen nach ihren Staubfäden einteilt; die Kleine folgte einer anderen Methode und teilte die Blumen ein in solche die gut röchen und solche welche stänken. Ich glaube, auch bei den Männern beobachtete sie dieselbe Klassifikation. Sie war erstaunt, dass  ich trotz meiner Jugend so gelehrt sei, und posaunte meinen gelehrten Rufe im ganzen Passage des Panoramas.“[7]

Zwar war die Passage ein Ort, „wo man abends gern vermeidet hindurchzugehen, wenn man eine Dame am Arm führt“,  wie ein zeitgenössischer Beobachter bemerkte.[8] Tagsüber konnte man dort aber die Auslagen der Juwelierläden betrachten oder bei Herrn Félix Pasteten kaufen und abends konnte Heine „jene  Zoen, Aglaen, Désiréen, Clarissen und Amalien“ treffen, die dort auf und ab flanierten. „Manche gebratene Taube“ sei ihm da  „ins offene, gaffende Maul“ geflogen“.[9] Diese „gebratenen Täubchen“ machte er dann unter dem vielsagenden Titel  Verschiedene  zum Gegenstand  ziemlich eindeutiger Verse.  Beispielsweise „Diana“:

                                   Welcher Busen, Hals und Kehle

                                  (Höher seh ich nicht genau)

                                  Eh‘  ich mich ihr anvertrau

                                 Gott empfehl ich meine  Seele.

 

In einem Brief vom Juli 1833 lässt Heine vermuten, wo er wohl manche solcher Verse niederschrieb:

„Ich schreibe diese Zeilen im Bett meiner schönhüftigen Freundin, die mich diese Nacht nicht fortließ“   – wer auch immer das damals gewesen sein mag. Einen entscheidenden Makel haben die Pariserinnen für Heine aber doch: Sie sind zu klein. Wenn man „die langen deutschen Glieder gewohnt ist“, sei es schwer, „sich hier einzurichten“. [10] Aber offensichtlich hat sich Heine doch gut einrichten gelernt.  Ein knappes Jahr später, im Oktober 1834, lernt er in der Passage des Panoramas Augustine Crescence  Mirat kennen, eine Schuhverkäuferin im Geschäft ihrer Tante.  Sie kann weder lesen noch schreiben, aber dafür „plappern und plaudern“ [11] und bezaubert mit ihrem Temperament und ihren Tanzkünsten die Menschen, vor allem Heine. Heine nennt sie Mathilde, er wird bis zu seinem Tod mit ihr zusammenleben, sie lieben, neben und unter ihr leiden und –trotz alledem- bei ihr bleiben- und sie bei ihm.

 

  1. Cité Bergère No 3: Mathilde und das Duell

Heine lebt hier von Januar 1836 bis Januar 1838, also immerhin volle zwei Jahre.  Das ist für ihn schon ziemlich lange, denn seitdem er im Mai 1831 nach Paris übersiedelte, ist das schon seine 6. Unterkunft.  Dies vor allem wegen seiner Lärmempfindlichkeit-  Heine erträgt  keine tickende Uhr in seinem Zimmer, geschweige denn alle möglichen heftigeren Geräusche, die es in einer Stadt wie Paris fast zwangsläufig gibt. In einem Brief vom 24. Okt. 1833 schreibt Heine: „Eine Familie mit entsetzlichem Spektakel und Kindergeschrei ist grad unter mir eingezogen.“ [12] Mit der Wohnung in der Cité Bergère war Heine dagegen (zunächst) sehr zufrieden. Sein neues Appartement, so teilte er seinem Verleger Campe mit, sei „prächtig und wollüstig angenehm, so dass  ich jetzt warm und wohlig sitze. Es ist Cité Bergère No 3.“ , gelegen „in einer dorfähnlichen Oase parallel zu den Boulevards, die heute noch eine kleine Stadt in der Stadt bildet.“[13]

 

Grillparzer hat ihn dort besucht. Er schreibt dazu in seinem Tagebuch (Paris, 27. April 1836):  „Hatte endlich die Wohnung Heines erfragt, gieng heute zwölf Uhr zu ihm, cité Bergère N° 3. Als ich schellte, öffnete mir ein hübscher, runder junger Mann im Schlafrock, der mir wie einem alten Bekannten die Hand reichte. Es war Heine selbst, der mich für den Markis de Cüstine hielt. Er zeigte große Freude als ich mich nannte und führte mich in seine tolle Wirthschaft hinein. Tolle Wirthschaft. Denn er wohnt da in ein paar der kleinstmöglichen Stuben mit einer oder zwei Grisetten, denn zwei waren eben da, die in den Betten herumstörten, und von denen er mir eine, eben nicht zu hübsche, als seine petite bezeichnete. Er selbst aber sieht wie die Lebenslust und, mit seinem breiten Nacken, wie die Lebenskraft aus. Machte mir einen sehr angenehmen Eindruck, denn mir ist der Leichtsinn nur da zuwider, wo er die Ausübung dessen was man soll, hindert.  Wir kamen gleich in die Literatur, fanden uns in unsern Neigungen und Abneigungen ziemlich auf demselben Wege und ich erfreute mich des seltenen Vergnügens bei einem deutschen Literator gesunden Menschenverstand zu finden.“[14]

Dies Gespräch über  Literatur findet  in Heines Arbeitszimmer statt. Hier ist Grillparzer besonders von der Bibliothek beeindruckt, weil die nur aus einem einzigen Buch besteht. In der Tat ein bemerkenswertes Verhältnis, wie Grillparzer findet: zwei muntere junge Frauen im Bett, ein Buch im Arbeitszimmer! Um welches Buch es sich handelt, habe ich  leider bei meiner Beschäftigung mit Heine in Paris nicht herausfinden können. Heines eigentliches Arbeitszimmer war übrigens die Bibliothèque Royale, wo er sich regelmäßig aufhielt, um an seinen Abhandlungen über deutsche Literatur und Philosophie zu arbeiten.

Die Grisette, die Heine Grillparzer gegenüber seine „petite“ nannte, ist vermutlich Mathilde, die zweite wohl ihre Freundin Pauline.  Was eine „Grisette“ ist, erfahren wir  bei Wikipedia: „Der Begriff Grisette bezeichnete in der französischen Literatur des 19. Jahrhunderts eine junge, unverheiratete Frau niederen Standes, meist aus dem oberen Bereich der Unterschicht, die sich selbstständig als Putzmacherin, aber auch als Näherin (Midinette), Wäscherin oder Fabrikarbeiterin ihren Lebensunterhalt verdiente. Sie wohnte alleine, ohne Aufsicht ihrer Eltern, was in dieser Epoche als unkonventionell galt. Der Name leitet sich ab von einem grauen, günstigen und strapazierfähigen Wollstoff namens Grisette, den sie häufig als Kleid trugen und den sie sich auch von ihrem geringen Verdienst leisten konnten. Mit dem Ausdruck wurde in Paris ein nicht ganz ehrbarer Lebenswandel verbunden, namentlich wurden manche Frauen als Grisettes du quartier latin bezeichnet, die Geliebten der Studenten, Künstler usw. im Quartier Latin, die mit ihren Liebhabern einige Zeit unverheiratet zusammen lebten. Sie bildet literarisch das Gegenstück zum männlichen „Bohémien“, steht aber im Gegensatz zur „Kokotte“, der berufsmäßigen Prostituierten.“

Und dass noch eine weitere „Grisette“ im Bett „herumstörte“:  Das ist Heine, wie er leibt und lebt: Kein Wunder, dass er in dieser Zeit begeistert seinem Verleger mitteilte: „Ich befinde mich gesünder und heiterer als jemals und genieße mit vollsaugender Seele alle Süßigkeiten dieser Lustsaison. Dank den ewigen Göttern!“.[15]

Die sog. bessere Gesellschaft war allerdings nicht so verständnisvoll wie Grillparzer, sondern eher  verwundert oder gar befremdet über eine solche „mésalliance“:  hier ging es Heine wohl ähnlich wie Goethe mit seiner Christiane Vulpius.

 

In die Zeit der Cité Bergère fällt auch das Duell Heines- eine schöne von Kerstin Decker berichtete Geschichte, die deshalb auch hier berücksichtigt werden soll. Worum geht es? Heine diniert –nachdem er endlich einen Vertrag mit seinem Verleger Campe über die Herausgabe einer Gesamtausgabe abgeschlossen hat- mit Mathilde und einem Freund im Restaurant „Bœuf à la mode“. Am Nebentisch sitzen sechs französische Studenten, die offenbar mit Mathilde anzubändeln versuchen, die von dem Gespräch Heines mit seinem deutschen Freund ausgeschlossen ist. Plötzlich springt der  -notorisch eifersüchtige- Heine auf und verpasst dem nächstsitzenden Studenten eine schallende Ohrfeige.  Eine  Schlägerei bahnt sich an- gerade noch  vom Wirt und beherzten Gästen abgewendet, die sich zwischen die Kampfhähne stellen. Dafür werden dann Visitenkarten ausgetauscht – und da der Hauptbeleidigte  altem Adel entstammt, erhält Heine eine Aufforderung zum Duell.  Heine, sonst ja eher wenig dem Adel zugeneigt, engagiert u.a. einen polnischen Grafen als Sekundant, der mit  der anderen Seite die Bedingungen aushandelt und am 1. Mai mit einem Vollblutvierergespann in der Cité Bergère vorfährt, um Heine zum Duell abzuholen. Heine ist selten so wohlgelaunt und geistreich wie auf dem Weg zum Duellplatz. Dort kommt es noch  einmal zwischen den Sekundanten beider Seiten zu einer Unterredung, die einen bemerkenswerten Ausgang hat: Der Beleidigte hat nun selbst keine Lust mehr, auf einen, wie er soeben erfahren hat, berühmten Dichter zu schießen. Heine lässt übermitteln, dass die Ohrfeige vielleicht etwas unangemessen war, und damit ist die Sache erledigt. Oder doch nicht ganz: Denn am nächsten Morgen steht in einem Pariser Journal, Heine habe, getroffen von der Kugel des Gegners, großmütig in die Luft geschossen. Ein anderes meldet, aufgrund beleidigender Äußerungen des Franzosen über deutsche Manieren habe der Dichter ein Duell gefordert und sei dabei von einem  Pistolenschuss getroffen worden. In   der „Allgemeinen Zeitung“, der bedeutendsten deutschen Zeitung dieser Zeit, deren  Pariser Korrespondent Heine ist, wird das umgehend nachgedruckt.  Heine merkt, dass man nicht nur durch Gedichte, sondern auch mit Duellen berühmt werden kann – so dass er –allerdings vergeblich-  mit einem breitschultrigen, großmäuligen  deutschen Major  in Paris ein weiteres –fiktives- Duell auszumachen versucht, um seinen Ruhm noch weiter zu steigern….  [16]

(Cité Bergère zwischen Bd Poissonière und Rue Bergère. Metro Grands Boulevards oder Bonne Nouvelle; Linien 8 oder 9)

 

  1. Palais Rothschild, Rue de Laffitte 19: Heines spitze Zunge

Grillparzer traf Heine übrigens nicht nur in seiner Wohnung, sondern einige Tage später auch bei einem Empfang von Baron James de Rothschild, dem damals reichsten Mann Frankreichs  (oder wie Decker meint, sogar dem reichsten Mann der Welt). Heine ist zur Eröffnung von dessen im Stil der französischen Renaissance errichteten protzigen Stadtpalast in der Rue de Laffitte eingeladen, der allerdings 1969 abgerissen wurde. In einem  Beitrag für die „Allgemeine Zeitung“ bezeichnete er das neue Stadtpalais der Rothschilds als „das Versailles der absoluten Geldherrschaft“.[17] Hier sei alles vereinigt, was nur der Geist des 16. Jahrhunderts habe ersinnen und nur der Geist des 19. Jahrhunderts habe  bezahlen können:

 

Für die schöne Welt von Paris war gestern ein merkwürdiger Tag: die erste Vorstellung von Meyerbeers langersehnten Hugenotten gab man in der Oper, und Rothschild gab seinen ersten großen Ball in seinem neuen Hotel. … da ich ihn erst um vier Uhr diesen Morgen verlassen und noch nicht geschlafen habe, bin ich zu sehr ermüdet, als dass ich Ihnen von dem Schauplatze dieses Festes, dem neuen, ganz im Geschmack der Renaissance erbauten  Palaste, und von dem Publikum, das mit Erstaunen  darin umherwandelte, einen Bericht abstatten könnte. Dieses Publikum bestand, wie bei allen Rothschild-Soireen, in einer strengen Auswahl aristokratischer Illustrationen, die durch große Namen  oder hohen Rang, die Frauen  aber mehr durch Schönheit und Putz, imponieren könnten. Was jenen Palast mit seinen Dekorationen betrifft, so ist hier alles vereinigt, was nur der Geist des 16. Jahrhunderts ersinnen und das Geld des 19. Jahrhunderts bezahlen  konnte; hier wetteiferte der Genius der bildenden Kunst mit dem  Genius von Rothschild. Seit zwei Jahren ward an diesem Palast und seiner Dekoration beständig gearbeitet, und die Summen, die daran verwendet worden, sollen ungeheuer sein. Hr. von Rothschild lächelt, wenn man in darüber befragt. Es ist das Versailles der absoluten Geldherrschaft. Indessen muss man den  Geschmack, womit alles ausgeführt ist, ebenso sehr wie  die Kostbarkeit der Ausführung bewundern. Die Leitung der Verzierungen hatte Hr. Duponchel übernommen, und alles zeugt von seinem guten Geschmack. Im Ganzen, so wie in den Einzelheiten, erkannt man auch den feinen Kunstsinn der Dame  des Hauses, die nicht bloß eine der hübschesten Frauen  von Paris ist, sondern, ausgezeichnet durch Geist und Kenntnisse, sich auch praktisch mit bildender Kunst, nämlich Malerei, beschäftigt.“[18]

Heine verstand sich, wie hier deutlich wird,  gut mit der Hausherrin, der er seine Bücher schickte. Anders sein Verhältnis zum Baron. Über dessen  Privatkabinett schreibt Heine:

Jenes Privatkabinett ist in der Tat ein merkwürdiger Ort, welcher erhabene Gedanken und Gefühle erregt, wie der Anblick des Weltmeeres oder des gestirnten Himmels: wir sehen hier, wie klein der Mensch und wie groß Gott ist! Denn das Geld ist der Gott unserer Zeit und Rothschild ist sein Prophet.

Vor mehreren Jahren, als ich mich einmal zu Herrn von Rothschild begeben wollte, trug eben ein galonierter Bedienter das Nachtgeschirr desselben über den Korridor, und ein Börsenspekulant, der in demselben  Augenblick vorbeiging, zog ehrfurchtsvoll seinen Hut ab vor dem  nächtlichen Topfe. So weit geht, mit Respekt zu sagen, der Respekt gewisser Leute.“[19]

 

Heines Respekt ging nicht so  weit, wie  folgende schöne Geschichte zeigt:

„Als  ihn der Baron bei der Einweihung seines Palasts fragt, warum der Wein, den sie gerade trinken, wohl „Lacrima Christi“ heiße, schlug Heine zu:  „Übersetzen Sie nur! Christus weint, wenn reiche Juden solchen Wein trinken, während so viel arme Menschen Hunger und Durst leiden.“  Aber das ist noch nicht genug.  Heine beteiligt sich anschließend auch an der allgemeinen Erörterung, warum die Seine in Paris so schmutzig ist. „Am wenigsten Verständnis  dafür hat der Hausherr selbst. Er habe den Fluss einmal an der Quelle gesehen: Ein Wasser, klar wie Kristall. Heine nickt langsam und spricht zum Baron: Ihr Vater soll doch auch ein rechtschaffener Mann gewesen sein, Herr Baron!“ [20]

Heine konnte sich solche Frechheiten –die Grillparzer dann doch zu weit gingen-  aber offenbar erlauben- jedenfalls bei Rothschild, im Gegensatz zu vielen anderen Menschen, die es weniger goutierten, dass Heine „selbst seine besten Freunde mit seiner grausamen Spöttelei“ verfolgte –  so  eine wohlwollende Freundin in ihren Erinnerungen.[21] Im Hause des Barons Rothschild  hatte er dagegen  Narrenfreiheit.  Die Börsenspekulationen, die er mit großem Engagement bis zu seinem Tode betrieb, wären ohne Rothschild nicht möglich gewesen. Während die Spekulation mit der Prager Gasbeleuchtung ein arger Reinfall war, hatte Heine mit den vom Baron empfohlenen  Eisenbahnaktien mehr Glück:  Heine vermachte sie seiner Frau als Altersversorgung- aber Mathilde, die kein Verhältnis zum Geld hatte, verschenkte sie einfach….

Leider ist von dem Palais der Rothschilds heute nichts mehr zu sehen – und es gibt noch nicht einmal eine Erinnerungstafel. Trotzdem lohnt  sich ein Besuch in der Rue Laffitte durchaus. Wenn man nämlich vom Boulevard Haussmann oder vom Boulevard des Italiens kommt und die Straße hochgeht, hat man den grandiosen Blick auf Sacré Coeur und die klassizistische Kapelle Notre Dame de Lorette, von dem Henry Miller  in Quiet Days in Clichy schwärmte: “Looking towards the Sacré Coeur from any point along the rue Laffitte on a day like this, an hour like this, would be sufficient to put me in ecstasy“. The view is indeed a spectacular one, perhaps because of the narrowness of the street which is “just wide enough to frame the little temple at the end…and above it the Sacré Cœur,” noted Miller again, this time in Tropic of Cancer.[22]

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Stattdessen findet man hier einen modernen Zweckbau, der auf manchen Internetseiten gelobt wird für seine Offenheit und Modernität- gebaut u.a. von  Max Abramovitz, einem in der Tradition des Bauhauses stehenden bedeutenden amerikanischen Architekten der Nachkriegszeit, der u.a. auch am Bau des UNO-Hauptquartiers mitarbeitete. Dass aber der von Henry Miller gerühmte „Rahmen“ der Rue Laffitte aufgerissen und der Neubau rechtwinklig zur Straßenflucht in die offene Flanke gesetzt wurde, ist für mich ein  ästhetischer und städtebaulicher Vandalismus  – Bauhaus hin oder her.

 

  1. Boulevard Poissonière, Conservatoire, Cour d’Orléans:  Liszt, Chopin, George Sand und Berlioz

Heinrich Heine ist, als er 1831 nach Paris kommt, für die Pariser kulturelle Szene kein Unbekannter, er ist in den sogenannten besten Jahren, sieht blendend aus und ist ein kenntnisreicher und witziger Gesprächspartner, auch wenn er im Französischen bei weitem nicht an seine sprachliche Brillanz in der Muttersprache heranreicht. Heine wird also gerne in die einschlägigen Salons eingeladen und macht schnell eine Fülle von interessanten Bekanntschaften. Franz Liszt beispielsweise lernt er bei den frühsozialistischen Saint-Simonisten kennen, deren Zirkel beide zu Beginn der 1830-er Jahre besuchen.  Liszt führt Heine auch in den noblen Salon der Comtesse Marie d’Agoult ein, „einer großen blonden Dame von Welt. Heine war umgehend von ihr begeistert. Sie stammte aus Deutschland, aus der Frankfurter Bankiersfamilie Bethmann, war dann in einem französischen Konvent erzogen worden und hatte 1827 den Comte d’Agoult geheiratet, ihn aber bald wieder verlassen und sich in eine Liaison mit Liszt gestürzt, aus der zwei Töchter hervorgingen. Eine von ihnen Cosima, sollte später Richard Wagner heiraten.“ [23] Liszt stellt ihn als „unseren berühmten Landsmann Heine … , einen der ausgezeichnetsten Geister Deutschlands“ vor. Und Heine sprach umgekehrt von dem Komponisten als dem „genialsten Menschen“, den er „je kennengelernt.“[24] Und da Liszt damals mit George Sand befreundet  war, lernt er auch sie kennen und schickt ihr –sogar auf französisch- huldigende Zeilen: „Soyez persuadé qu’il est impossible d’exprimer combien vous êtes aimable, adorable, divine.[25] Er könne -jedenfalls  auf Französisch- nicht ausdrücken, wie liebenswert, anbetungswürdig und göttlich George Sand sei. (Solche französischen Briefe unterschreibt Heine übrigens gerne mit Henri Heiné – um zu verhindern, dass Franzosen seinen Namen wie „haine“- Hass- aussprechen.)  Aber dann versucht er es auf Deutsch, und George Sand, die „Cousine“,  bekommt von ihrem „Cousin“ einen seiner schönsten Briefe[26]

„Meine schöne und sehr gute Cousine! Ich kann (also selbst auf Deutsch, das Heinrich Heine  souverän beherrschte wie kaum ein anderer! W.J.) nicht in Worte fassen, wie bekümmert ich bin, dass ich Sie in Paris nicht mehr gesehen habe. Am Vorabend meiner Abfahrt habe ich durch Chopin Ihr liebenswürdiges Billet erhalten…. Tausend Dank! Ich hätte Sie so gern gesehen. Die Strahlen Ihrer Augen hätten mir wohlgetan. … Ich liebe Sie sehr, von ganzem Herzen, mit allen Fasern meines Herzens. Wenn Sie frei sind, erfreuen Sie sich Ihrer Freiheit! Ich bin noch in den schrecklichen Ketten, und weil man mich abends mit besonderer Sorgfalt ankettet, gelang es mir nicht, Sie in Paris zu sehen. Aber wenn ich alles hinter mir habe, werde ich Sie wiedertreffen, und sei es am Ende der Welt…  Leben Sie wohl. Erfreuen Sie sich Ihrer Freiheit. Weinen Sie nie, denn Tränen schwächen den Blick. Welch schöne Augen Sie haben. Quälen Sie sich nicht wegen der Zukunft; das macht grau. Und Ihr Haar ist das schönste, das ich gesehen habe. Henri Heine.“ [27]

Als Heine dies schrieb, wollte er sich von Mathilde – und ihren „schrecklichen Ketten“- losreißen, konnte es aber nicht. Und George Sand hatte Liszt mit Chopin vertauscht. Heine verehrte beide, Liszt,   den „genialen Pianisten“, und  Chopin, den „Raphael des Fortepiano“ [28]:

„Chopin ist von französischen Eltern in Polen geboren und hat einen Teil seiner Erziehung in Deutschland genossen. Diese Einflüsse dreier Nationalitäten machen seine Persönlichkeit zu einer höchst merkwürdigen Erscheinung; er hat sich nämlich das Beste angeeignet, wodurch sich die drei Völker auszeichnen: Polen gab ihm seinen chevaleresken Sinn und seinen geschichtlichen Schmerz, Frankreich gab ihm seine leichte Anmut, seine Grazie, Deutschland gab ihm den romantischen Tiefsinn … Die Natur aber gab ihm eine zierliche, schlanke, etwas schmächtige Gestalt, das edelste Herz und das Genie. Ja, dem Chopin muß man Genie zusprechen, in der vollen Bedeutung des Worts; er ist nicht bloß Virtuose, er ist auch Poet, er kann uns die Poesie, die in seiner Seele lebt, zur Anschauung bringen, er ist Tondichter, und nichts gleicht dem Genuß, den er uns verschafft, wenn er am Klavier sitzt und improvisiert. Er ist alsdann weder Pole noch Franzose noch Deutscher, er verrät dann einen weit höheren Ursprung, man merkt alsdann, er stammt aus dem Lande Mozarts, Raffaels, Goethes, sein wahres Vaterland ist das Traumreich der Poesie. Wenn er am Klavier sitzt und improvisiert, ist es mir, als besuche mich ein Landsmann aus der geliebten Heimat.“[29]

Links der Informationstext am Square d’Orléans: Die vier Seiten des Platzes wurden 1829 nach englischem Vorbild errichtet. Die Ruhe des Ortes zog viele romantische Künstler an. George Sand quartierte sich 1842 in der Nr. 5 ein. Ihr folgte bald danach Chopin, der die Erdgeschoss-Wohnung in Nr. 9 bezog. Beide verließen den Platz nach ihrem Bruch 1847.

Eine enge Beziehung entwickelte Heinrich Heine auch zu Hector Berlioz, dessen Trauzeuge er sogar wurde und über dessen Musik er  in seinen Briefen über die französische Bühne nach Deutschland berichtete:

„ …  Von Berlioz werden wir bald eine Oper erhalten. Das Süjet   ist eine Episode aus dem Leben Benvenuto Cellinis …    Man erwartet Außerordentliches, da dieser Componist schon Außerordentliches geleistet. Seine Geistesrichtung ist das Phantastische, nicht  verbunden mit Gemüth, sondern mit Sentimentalität… Schon seine äußere  Erscheinung deutet darauf hin. Es ist Schade, daß er seine ungeheure,  antediluvianische Frisur, diese aufsträubenden Haare, die über seine Stirne, wie ein Wald über eine schroffe Felswand, sich erhoben,  abschneiden lassen; so sah ich ihn zum erstenmale vor sechs Jahren, und  so wird er immer in meinem Gedächtnisse stehen. Es war im  Conservatoire de Musique, und man gab eine große Symphonie von ihm,  ein bizarres Nachtstück, das nur zuweilen erhellt wird von einer  sentimentalweißen Weiberrobe, die darin hin- und herflattert, oder von  einem schwefelgelben Blitz der Ironie. Das Beste darin ist ein Hexensabbath, wo der Teufel Messe liest und die katholische Kirchenmusik mit  der schauerlichsten, blutigsten Possenhaftigkeit parodirt wird. Es ist eine  Farce, wobey alle geheimen Schlangen, die wir im Herzen tragen, freudig  emporzischen. Mein Logennachbar, ein redseliger junger Mann, zeigte  mir den Componisten, welcher sich, am äußersten Ende des Saales, in einem Winkel des Orchesters befand, und die Pauke schlug. Denn die  Pauke ist sein Instrument. „Sehen Sie in der Avant-scene“ – sagte mein  Nachbar, „jene dicke Engländerinn? Das ist Miß Smithson; in diese Dame  ist Herr Berlioz seit drey Jahren sterbens verliebt, und dieser Leidenschaft  verdanken wir die wilde Symphonie, die Sie heute hören“. In der That, in der Avant-scene-Loge saß die berühmte Schauspielerinn von Covent- garden; Berlioz sah immer unverwandt nach ihr hin, und jedesmal, wenn  sein Blick dem ihrigen begegnete, schlug er los auf seine Pauke, wie  wüthend. Miß Smithson ist seitdem Madame Berlioz geworden, und ihr  Gatte hat sich seitdem auch die Haare abschneiden lassen. Als ich diesen  Winter im Conservatoire wieder seine Symphonie hörte, saß er wieder als  Paukenschläger im Hintergrunde des Orchesters, die dicke Engländerinn  saß wieder in der Avant-scene, ihre Blicke begegneten sich  wieder … aber er schlug nicht mehr so wüthend auf die Pauke).[30]

 

Erinnerungstafel für Berlioz (und Beethoven) am Conservatoire, wo 1830 seine Symphonie fantastique aufgeführt wurde.

Heinrich Heine Rundgang Juni 11 014

Dass der Paris- Korrespondent Heine auch über das musikalische Leben der Stadt  berichtete, fand Ludwig Börne, der mit seinen “Briefen aus Paris“ ebenfalls dieses Feld beackerte,  reichlich unpassend. Heine verstünde, so meinte er, nichts von Musik- er habe nach dem ersten Satz einer Symphonie sogar lautstark geklatscht- in der Meinung, das Stück sei schon zu Ende. Aus dem Bericht Heines über Berlioz wird allerdings deutlich, dass es sich bei Heines Berichtserstattung eher um unterhaltsame Stimmungsbilder und weniger um professionelle musikalische Kritik handelte.  Und was die Information vom unpassenden Klatschen Heines angeht: Die Verbreitung eines solchen Details ist wohl auch vor dem Hintergrund des erbitterten Konkurrenzkampfes zwischen Heine und Börne zu sehen- deshalb  klatscht also Börne.  Und was Heines (angebliches) Klatschen angeht: Ihm ist durchaus zuzutrauen, dass er damit demonstrativ seinen Wunsch nach Beendigung einer misslungenen musikalischen Darbietung zum Ausdruck bringen wollte- oder dass er wirklich seiner Begeisterung über einen besonders gelungenen Satz Ausdruck verleihen wollte, so wie das sachkundige Leipziger Publikum, das es sich bei der Uraufführung von Schuberts langer C-dur-Sinfonie durch das Gewandhausorchester und unter der Leitung von Felix Mendelssohn-Bartholdy nicht nehmen ließ, gegen alle Konvention nach jedem Satz zu klatschen.

(Conservatoire Nat.Sup. d’Art Dramatique. Rue du Conservatoire – Seitenstraße der Rue Bergère)

 

  1. Rue du Faubourg Poissonière  72

Hier hat Heinrich Heine von 1841 bis 1846 in der 4. Etage gewohnt – eine für Heine’sche Verhältnisse sehr lange und in seinem Leben und literarischen Schaffen wichtige Zeit.

Heinrich Heine Rundgang Juni 11 016 

An diesem Haus ist  eine der beiden Heine-Erinnerungstafeln befestigt, die in es Paris gibt: Neben den einschlägigen Daten wird dort auch –auf französisch-  der berühmte Satz zitiert, den Heine einem Bekannten über sein Leben in Paris schrieb:

Fragt Sie jemand, wie ich mich hier befinde, so sagen Sie: Wie ein Fisch im Wasser, oder vielmehr sagen Sie den Leuten, dass, wenn im Meere ein Fisch den anderen nach seinem Befinden fragt, so antworte dieser: Ich befinde mich wie Heine in Paris.“ [31]

 

Heine schrieb dies allerdings schon am 24.Okt. 1832, da wohnte er –noch lange nicht- hier- und wie ein Fisch im Wasser konnte sich Heine im Faubourg  de la Poissonière nicht mehr so recht fühlen. Zwar war er durch Zuwendungen seines reichen Hamburger Onkels  und eine Rente des französischen Staates finanziell einigermaßen abgesichert, aber mit seiner Gesundheit stand es schlecht und dann wurde er auch noch steckbrieflich in Preußen gesucht-  nach Hamburg zu seiner Mutter und seinem  Verleger reiste er also 1843 und 1844 sicherheitshalber auf dem Seeweg über Le Havre. Und immer mehr empfand er sein Leben in Frankreich auch als Zwangsaufenthalt, als Exil:

„Wer das Exil nicht kennt, begreift nicht, wie grell es unsere Schmerzen färbt, und wie es Nacht und Gift in unsere Gedanken gießt. Dante schrieb seine ‚Hölle‘ im Exil. Nur wer im Exil gelebt hat, weiß auch was Vaterlandsliebe ist, Vaterlandsliebe mit all ihren süßen Schrecken und sehnsüchtigen Kümmernissen.“ [32]

Um die „sehnsüchtigen Kümmernisse“  geht es auch in den „Nachtgedanken“ von 1843, die ein knappes Jahrhundert später von den deutschen Emigranten in Paris und anderswo immer wieder zitiert werden, zum Beispiel mit Illustration in der Pariser Exilzeitschrift „Deutsche Freiheit“ vom 24. Dezember 1937:

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 Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Tränen fließen.

Es gibt aber auch die letzte Strophe der „Nachtgedanken“:

 Gottlob! durch meine Fenster bricht
Französisch heitres Tageslicht;
Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen,
Und lächelt fort die deutschen Sorgen.

 

Zeit seines Lebens sehnte sich Heine sich nach Deutschland, wie sein Gedicht In der Fremde zeigt:

Ich hatte einst ein schönes Vaterland.   

Das küßte mich auf deutsch und sprach auf deutsch das Wort: „Ich liebe dich!“

 Der Eichenbaum     (Man glaubt es kaum Wie gut es klang)

Wuchs dort so hoch, die Veilchen nickten sanft.                            

 Es war ein Traum.                                                                                       

 Es war ein Traum.

 

Für die vor dem Nationalsozialismus Geflohenen war Heine eine Identifikationsfigur, er wurde „zur Leitfigur des literarischen Exils nach 1933“[33], weil er, als Vaterlandsverräter und Nestbeschmutzer diffamiert, sich als Vertreter eines wahren, an den Idealen der Französischen Revolution orientierten Patriotismus verstand. Und  die Exilierten identifizierten sich mit Heine, weil sie ihre Situation und die ihres Heimatlandes in Heines Werken gespiegelt sahen – bis hin zum Prophetischen: Originalton Heine (Almansor, 1821!):

Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher/

Verbrennt, verbrennt man am Ende Menschen“.

 

Heines Reise nach Hamburg 1843 war auch der Ausgangspunkt für sein Buch „Deutschland, ein Wintermärchen“ mit dem wunderschönen Anfang:

Ein neues Lied, ein besseres Lied,                                

O Freunde, will ich euch dichten!                                

Wir wollen hier auf Erden schon                       

Das Himmelreich errichten.                                      

 

Wir wollen auf Erden glücklich sein,                              

Und wollen nicht mehr darben;                                        

Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,                      

Was fleißige Hände erwarben.                                        

 

Es wächst hienieden Brot genug

  Für alle Menschenkinder,

  Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,

    Und Zuckererbsen nicht minder.

 

 Ja, Zuckererbsen für jedermann,

Sobald die Schoten platzen!

Den Himmel überlassen wir

 Den Engeln und den Spatzen.

 

Die Wirklichkeit sah aber anders aus. Als 1844 „Deutschland, ein Wintermärchen“ bei Hoffmann und Campe im liberalen Hamburg erschien, wurden Demokraten in Deutschland verfolgt, gab es Berufsverbote und Zensur.  Heinrich Heine machte zwar stellenweise Zugeständnisse, um seinen Arbeiten eine Chance auf Verbreitung in Deutschland zu geben, aber er verschonte auch die Zensur nicht[34]:

Die deutschen Zensoren — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — Dummköpfe — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —

Im gleichen Jahr 1844 wurde in Schlesien der Aufstand  der verzweifelten Weber niedergeschlagen, die wegen der englischen industriellen Konkurrenz nur noch Hungerlöhne für ihr Tuch erhielten.  Gerhard Hauptmann machte –viel später-  daraus ein Drama, Heinrich Heine sein berühmtes  Weberlied.

 Im düstern Auge keine Thräne                                          

Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:

 „Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,               

 Wir weben hinein den dreifachen Fluch!  

 Wir weben! Wir weben!

 

„Ein Fluch dem Gotte, dem blinden, dem tauben,                             

Zu dem wir gebetet mit kindlichem Glauben;                                    

Wir haben vergebens gehofft und geharrt,                                    

Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt.                         

 Wir weben! Wir weben!         

                                                   

„Ein Fluch dem König’, dem König’ der Reichen,

Den unser Elend nicht konnte erweichen,

Der uns den letzten Groschen erpreßt,

Und uns wie Hunde erschießen läßt!

Wir weben! Wir weben!          

 

„Ein Fluch dem falschen Vaterlande,

Wo nur gedeihen Lüg’ und Schande,

Wo nur Verwesung und Todtengeruch

Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch!

Wir weben! Wir weben!

 Erstmals veröffentlicht  wurde das Weberlied, das hier in der ursprünglichen Fassung wiedergegeben ist,  unter dem Titel „Die armen Weber“ am 10. Juli 1844 in Karl Marx‘ Vorwärts! (34a) Und als Flugblatt wurde es  in einer Auflage von 50.000 Stück in den Aufstandsgebieten verteilt. Heine hatte damals engen- auch familiären- Kontakt mit Karl Marx, der wie er im Pariser Exil lebte.  Ein einziger Brief von Heine an Marx ist erhalten, der mit den Worten endet: „… wir brauchen ja wenige Zeichen, um uns zu verstehen! Herzinnigst H. Heine.“  Einen solchen Gruß hatte Heine noch nie verschickt!  Das enge Verhältnis endete aber, weil die Mitarbeiter des Vorwärts! auf Betreiben der preußischen Regierung ausgewiesen wurden – außer Heinrich Heine, dem  zu Gute  kam, dass alle Düsseldorfer, die –wie er-  zwischen 1791 und 1801 –also während der französischen Annexion der Stadt- geboren worden waren,  das Recht hatten, in Frankreich zu leben. Dazu kam, dass Heine –als Pensionär der französischen Regierung- einen ganz besonderen Status hatte.

Ein Marxist war Heine allerdings ganz und gar nicht- dafür hatte er viel zu viel Misstrauen gegenüber einer möglichen Herrschaft des Volkes.  Eher war er  republikanischer Royalist- König Louis Philippe, in der Revolution von 1830 an die Regierung gekommen,  war sein Idol- so lange jedenfalls, wie er noch als „Bürgerkönig“ durchging. Das Misstrauen gegenüber dem unberechenbaren Volk war auch etwas, was  viele deutsche Emigranten der Nazizeit mit Heine verband – siehe Heinrich Manns „guter König“ Henri Quatre. Und so hatte die im Exil geläufige Verbindungslinie „von Heinrich Heine zu Heinrich Mann“  durchaus ihre Berechtigung.  Heinrich Mann selbst fasste die Haltung des antifaschistischen deutschen Exils gegenüber dem Vorbild so zusammen:  „Er hat uns im Voraus gerächt, da er das meiste, was über das Land in seinem jetzigen Zustand zu sagen ist, schon damals gesagt hat- in einer Sprache, wir hätten keine zeitgemäßere.“ [35]

 

  1. Rue d’Amsterdam 54 und Rue Matignon 3: Die Matratzengruft

1848 war das „Unglücksjahr in  Heinrich Heines Leben.“[36] Im Februar wurde in Paris die konstitutionelle bürgerliche Monarchie, für Heine die beste aller möglichen Staatsformen, von der  Revolution, die für Heine eine „Universalanarchie“ war, hinweggefegt. Er gerät selbst einmal in die heftigen Auseinandersetzungen: Seine Kutsche, mit der er unterwegs ist, wird von Revolutionären umgestürzt und zum Barrikadenbau verwendet! Die neue republikanische Regierung, in der sein Dichterkollege Alphonse de Lamartine sitzt, streicht ihm dann auch noch seine Pension, die ein wichtiger Teil seines Lebensunterhalts war.

Am schlimmsten aber:  seine Krankheit:

„Es war im Mai 1848, an dem Tage, wo ich zum letzten Male ausging, als ich Abschied nahm von den holden Idolen, die ich angebetet in den Zeiten meines Glücks. Nur mit Mühe schleppte ich mich bis zum Louvre. Und ich brach fast zusammen, als ich in den erhabenen Saal trat, wo die hochgebenedeite Göttin der Schönheit, unsere liebe Frau von Milo, auf ihrem Postamente steht. Zu ihren Füßen lag ich lange und ich weinte so heftig, dass sich dessen ein Stein erbarmen musste. Auch schaute die Göttin mitleidig auf mich herab, doch zugleich so trostlos, als wollte sie sagen: Siehst du denn nicht, dass ich keine Arme habe und also nicht helfen kann.” (Nachwort zum Romanzero).

Hier hätte Heinrich Heine, wie er einer Freundin schreibt, gerne sterben wollen- aber er lebt noch acht  Jahre weiter,  acht lange Jahre in seiner „Matratzengruft“-  weitgehend gelähmt und erblindet, die Schmerzen können nur noch mit Morphium gelindert werden.  Er führt ein „Unleben“, seine „Krankheit wird täglich unerträglicher…“.  Gleichzeitig ist er „dabey aber geistig stark,  geweckt, ja geweckt, wie ich es nie vorher gewesen.“ [37]

Heine7 Kilb

Heine und seine Frau Mathilde: Ölbild von Benedikt Kietz (1851) (37a)

 

Mathilde liest ihm manchmal vor –das hat sie inzwischen gelernt- man trägt ihn –da er nicht mehr gehen kann-  „auf Händen“,  wie er seinen Zustand ironisiert, er hat –junge, hübsche- Krankenpflegerinnen, dazu  einen Sekretär, dem er diktiert, er arbeitet wie besessen. Raddatz bezeichnet die Rue d’Amsterdam, in der Heine jetzt wohnt, als „die Kommandozentrale einer kranken Weltmacht, keine 60 Kilo an Gewicht, doch  ihres Gewichtes sich ganz sicher.“ (S. 309).

Da nimmt es Heine auch mit der Bibel auf und dichtet seine wunderbare Version des alttestamentarischen Hohen Liedes des Königs Salomon:

 

                                  Das Hohelied  (Aus: Nachgelesene Gedichte 1845-56)

 

                             Des Weibes Leib ist ein Gedicht,                                            

Das Gott der Herr geschrieben          Ins große Stammbuch der Natur,                                 

                                   Als ihn der Geist getrieben.                                                  

                                                                                                      

             Ja, günstig war die Stunde ihm,                                        

Der Gott war hochbegeistert;            Er hat den spröden, rebellischen Stoff                             

                 Ganz künstlerisch bemeistert.                                             

                                                                        

Fürwahr, der Leib des Weibes ist                                         

         Das Hohelied der Lieder          Gar wunderbare Strophen sind                                            

Die schlanken, weißen Glieder.                                         

 

                                       O welche göttliche Idee                                                         

          Ist dieser Hals, der blanke,           Worauf sich wiegt der kleine Kopf,     

   Der lockige Hauptgedanke!       

                                                  

                                Der Brüstchen Rosenknospen sind                                        

                    Epigrammatisch gefeilet;        Unsäglich entzückend ist die Zäsur,                 

Die streng den Busen teilet.     

                                               

 

Den plastischen Schöpfer offenbart

Der Hüften Parallele;      Der Zwischensatz mit dem Feigenblatt

 Ist auch eine schöne Stelle.

 

Das ist kein abstraktes Begriffspoem!

 Das Lied hat Fleisch und Rippen      Hat Hand und Fuß; es lacht und küßt

Mit schöngereimten Lippen.

 

   Hier atmet wahre Poesie!      

   Anmut in jeder Wendung!   Und auf der Stirne trägt das Lied

      Den Stempel der Vollendung.

 

   Lobsingen will ich dir, O Herr,

   Und dich im Staub anbeten!     Wir sind nur Stümper gegen dich,

den himmlischen Poeten.

 

 Versenken will ich mich, o Herr,

   In deines Liedes Prächten;     Ich widme seinem Studium

   Den Tag mitsamt den Nächten.

 

                            Ja, Tag und Nacht studier ich dran,

                                    Will keine Zeit verlieren;       Die Beine werden mir so dünn –

                      Das kommt vom vielen Studieren. 

                                                                                      

Die Klage über seine Beine gehören zu Heines letzten Krankheitsjahren. Er habe „Beine wie Baumwolle“ – er sei eine „Holzpuppe mit abgezehrten Beinen“. Heine nennt sein Leiden die „Krankheit der glücklichen Männer“.   Und Ferdinand Lassalle schreibt im Juli 1855 nach einem Besuch von Heine an Karl Marx, Heine, dessen Geist „so hell und scharf wie je“ sei,  habe nach der ersten Begrüßung  gleich  „auf seinen Schwanz weisend“ (Decker umschreibt das dezent mit „Unterleib“) ausgerufen: „Sehen Sie, welcher Undank! Diese Partie, für die ich so viel getan habe, hat mich so weit gebracht.“[38]

Ob Heines Selbstdiagnose zutrifft und er wirklich an einer Geschlechtskrankheit litt, ist wohl nicht erwiesen. Bisweilen jedenfalls hatte Heine bei seinen Damenbesuchen „Condome aus veilchenblauer Seide“  bei sich,[39] deren Wirksamkeit allerdings dahingestellt sein mag. Gegen die Syphilis-Diagnose spricht vor allem Heines bis ans Ende hellwacher Geist. Wenn er also tatsächlich Syphilitiker war, dann immerhin „Ausnahmesyphilitiker“. [40]

 

Im Juni 1854 bricht im Nachbarhaus von Heines Wohnung in der Rue d’Amsterdam ein Brand aus. Heine hört, wie Kerstin Decker berichtet, „schon durch die Wand seines Zimmer das Feuer prasseln, er fühlt die Hitze. Er braucht es wirklich sehr warm, aber das hier ist eine eindeutige Übertreibung. Keiner weiß, ob sich das Feuer mit einem einzigen Haus begnügen wird. Schließlich lässt ihn Mathilde evakuieren; man trägt ihn nach unten zum Portier. Von hier aus kann man ihn im Notfall schnell über die Straße schaffen. Die Hausbewohner der Rue d’Amsterdam 50 schauen nacheinander beim Portier vorbei. Sie haben  viel gehört von dem berühmten, kranken deutschen Dichter, der schon sechs Jahre in ihrem Haus wohnen soll. Es ist mit ihm wie mit den Gespenstern: Alle reden davon und keiner hat sie gesehen. Jetzt besichtigen sie den Mitmieter. Er sieht wirklich aus wie ein Gespenst. Alle sind sehr höflich zu ihm. Als das Nachbarhaus abgebrannt ist und die Rue d’Amsterdam 50 immer noch steht, wird das Gespenst wieder nach oben getragen.“ [41]

Bleiben wollte Heine in dieser Wohnung aber schon lange nicht mehr. Seinem Bruder Maximilian gegenüber bezeichnete er sie als „ein stinkendes Loch, sehr lärmig, was meinem Nervenzustand wenig zuträglich ist, und das ich leider aus übertriebener Ökonomie gewählt habe.“ [42] Nach dem Feuer ist nun auch Mathilde bereit umzuziehen. Nach einem kurzen Zwischenspiel  ziehen sie in die rue Matignon 3 in der Nähe der Champs-Elysées (heute avenue Matignon 3).  Es ist die letzte Wohnung  Heines – über dem Eingang versehen mit einer, allerdings ziemlich vergilbten und unscheinbaren Plakette, die darauf hinweist, dass „le poète Henri Heine“ hier am 17. Februar 1856 gestorben ist.

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Die Wohnung  „hat einen kleinen Balkon vor jedem seiner französischen Fenster. So komfortabel hat er noch nie gewohnt.“ (Decker,399). Vom Balkon aus kann Heine –wenn auch mit großen Anstrengungen- etwas am bunten Treiben auf der Straße teilhaben, gleichzeitig wohnt er gewissermaßen  „im Grünen“ mit Blick in den Park um das Marigny-Theater.   Hier verliebt sich Heine–schon seit sieben Jahren gelähmt- noch einmal in eine junge Verehrerin, Elise Krinitz, die er  seine „liebliche mouche“ (Fliege)  nennt . Er schreibt ihr Gedichte und leidet darunter „nur noch ein Geist“ zu sein, „ein Toter, lechzend nach den lebendigsten Lebensgenüssen“:    

„Worte, Worte, keine Taten!   …..   Immer Geist und keine Braten…“

 Heines Schmerzen werden immer unerträglicher. Er hat nicht mehr lange zu leben. Als man ihm nahe legt, sein Verhältnis zu Gott zu klären, soll er –wie von den Brüdern Goncourt kolportiert-  geantwortet haben: Sei  unbesorgt, „dieu me pardonnera, c’est  son metier“ – Gott werde ihm verzeihen, das sei sein Beruf.

 

(Avenue Matignon 3: Metro Franklin D. Roosevelt; Metro Linie 1)

 

  1. Der Friedhof Montmartre: Das Grab

Wie er es immer gewünscht hatte, wurde Heinrich Heine auf dem Friedhof Montmartre begraben. In seinem Testament hatte er ausdrücklich verfügt: „ Wenn ich mich zur Zeit meines Ablebens in Paris befinde und nicht zu weit von Montmartre entfernt wohne, so wünsche ich auf dem Kirchhofe dieses Namens beerdigt zu werden, da ich eine Vorliebe für dieses Quartier hege, wo ich lange Jahre hindurch gewohnt habe.“  Hier habe er sein „liebstes Leben“ gelebt. Weiter hatte Heine verfügt: „ Ich verlange, daß mein Leichenbegängnis so einfach wie möglich sei und daß die Kosten meiner Beerdigung nicht den gewöhnlichen Betrag derjenigen des geringsten Bürgers übersteigen. Obschon ich durch den Taufakt der lutherischen Konfession angehöre, wünsche ich nicht, daß die Geistlichkeit dieser Kirche zu meinem Begräbnisse eingeladen werde; ebenso verzichte ich auf die Amtshandlung jeder andern Priesterschaft, um mein Leichenbegängnis zu feiern….. Ich verbiete, daß irgendeine Rede, deutsch oder französisch, an meinem Grabe gehalten werde. Gleichzeitig spreche ich den Wunsch aus, daß meine Landsleute, wie glücklich sich auch die Geschicke unsrer Heimat gestalten mögen, es vermeiden, meine Asche nach Deutschland überzuführen; ich habe es nie geliebt, meine Person zu politischen Possenspielen herzugeben. Es war die große Aufgabe meines Lebens, an dem herzlichen Einverständnisse zwischen Deutschland und Frankreich zu arbeiten und die Ränke der Feinde der Demokratie zu vereiteln, welche die internationalen Vorurteile und Animositäten zu ihrem Nutzen ausbeuten. Ich glaube mich sowohl um meine Landsleute wie um die Franzosen wohlverdient gemacht zu haben, und die Ansprüche, welche ich auf ihren Dank besitze, sind ohne Zweifel das wertvollste Vermächtnis, das ich meiner Universalerbin zuwenden kann“.

 

Aber auch an seine Feinde denkt Heine am Ende seines Lebens:

 

Vermächtnis

Nun mein Leben geht zu Ende,                                    

Mach ich auch mein Testament;                             

Christlich will ich drin bedenken                                 

Meine Feinde mit Geschenken.                                   

 

Diese würdgen, tugendfesten                                     

Widersacher sollen erben                                              

All mein Siechtum und Verderben,                             

Meine sämtlichen Gebresten.                                      

 

 Ich vermach Euch die Koliken,

 Die den Bauch wie Zangen zwicken,

Harnbeschwerden, die perfiden

Preußischen Hämorrhoiden.

 

Meine Krämpfe sollt Ihr haben,

Speichelfluss und Gliederzucken,

Knochendarre in dem Rucken,

 Lauter schöne Gottesgaben.

 

 Kodizill zu dem Vermächtnis:

 In Vergessenheit versenhen

 Soll der Herr eur Angedenken

 Er vertilge eur Gedächtnis.

 

Seinen einstigen bösen Sarkasmus hatte Heinrich Heine also auch am Ende seines Lebens nicht verloren.

Heinrich Heine Rundgang Juni 11 031

Das Grabmal Heines, verziert mit Lyra und Schmetterling, ehrt den Dichter.  Auf den Sockel eingraviert Heines Gedicht  „Wo?“

Wo wird einst des Wandermüden                                          

Letzte Ruhestätte sein?                                                           

Unter Palmen in dem Süden?                                        

Unter Linden an dem Rhein?                                    

 

 Werd ich wo in einer Wüste

 Eingescharrt von fremder Hand?

 Oder ruh ich an der Küste

 Eines Meeres in dem Sand?

 

 Immerhin! Mich wird umgeben

 Gotteshimmel, dort wie hier,

 Und als Totenlampen schweben

 Nachts die Sterne über mir.

 

Heine hatte sich –vergeblich- auch eine Erinnerung an sein politisches Engagement gewünscht:

„…ein Schwert sollt ihr mir auf den Sarg legen, denn ich war ein braver Soldat im Befreiungskriege der Menschheit.“  1829 (Reisebilder, Italien)

 

Sie erlischt 

 Der Vorhang fällt, das Stück ist aus,                          

Und Herrn und Damen gehn nach Haus                       

Ob ihnen auch das Stück gefallen?                               

Ich glaub, ich hörte Beifall schallen.                             

Ein hochverehrtes Publikum                                          

Beklatschte dankbar seinen Dichter.                           

Jetzt aber ist das Haus so stumm,                                

Und sind verschwunden Lust und Lichter.                   

Doch horch! ein schollernd schnöder Klang               

Ertönt unfern der öden Bühne; –

Vielleicht, daß eine Saite sprang

An einer alten Violine.

Verdrießlich rascheln im Parterr‘

Etwelche Ratten hin und her,

Und alles riecht nach ranz’gem Öle.

Die letzte Lampe ächzt und zischt

Verzweiflungsvoll, und sie erlischt.

Das arme Licht war meine Seele.

 

 

 

 

Der Rundgang

Wichtige Anregungen zu diesem Bericht und zu diesem Rundgang erhielt ich von Karin und Bernd Füllner vom Heinrich- Heine-Institut in Düsseldorf.  Ihre wunderbaren jährlichen Führungen zu Heinrich Heine in  Paris  werden von der Maison Heinrich Heine organisiert.  Wenn man die Gelegenheit hat, anlässlich eines Paris-Besuchs an einer ihrer Führungen -jeweils mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten- teilzunehmen, sollte man die unbedingt nutzten. An einer ihrer Führungen durch Montmartre zum Thema  „Heinrich Heine und die Musik“ haben  wir teilgenommen. Daran orientiert sich der nachfolgende Rundgang, der wichtige  Stationen des Pariser  Lebens Heinrich Heines berücksichtigt.

 

 

  1. Passage des Panoramas am Boulevard Montmartre (s. oben Nr. 2)
  2. Cité Bergère 3 (siehe oben Nr. 3
  3. Conservatoire National, Rue du Conservatoire (Berlioz-Tafel- Nr. 5)
  4. Faubourg Poissonière 72 (Nr. 6)
  5. Rue Taitbout/Square d’Orléans (Chopin, George Sand- Nr. 5)
  6. Musée de la Vie Romantique, 16 rue Chaptal (Erinnerungsstücke an George Sand) und vor allem: ein entzückender Ort mit kleinem Garten für eine Erholungspause, bevor es zum Grab Heinrich Heines geht.
  7. Über den Square Berlioz zum Friedhof Montmartre, Grab Heinrich Heines (Nr. 8)

 

Verwendete Literatur und zum Weiterlesen:

Jörg Aufenanger,  Heinrich Heine in Paris. München 2005

Kerstin Decker, Heinrich Heine, Narr des Glücks. Berlin 2005

Bernd Kortländer, Mit Heine durch Paris.  Literarische Spaziergänge. Reclam Taschenbuch 20384, Stuttgart 2015

Ludwig Marcuse,  Heinrich Heine in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rde 1966

Fritz J. Raddatz, Taubenherz und Geierschnabel. Heinrich Heine, Eine Biographie. Weinheim/Berlin 1997

Wolfgang Schopf, Mit Heine, im Exil. Heinrich Heine in der deutschsprachigen Exilpresse 1933 bis 1945. FFM 1997

Robert Steegers, Der Tod und der Dichter.  Heinrich Heines Matratzengruft  1848-1856  Erscheinungsjahr

Zu Heinrich Heines 150. Todestag am 17. Februar 2006. http://www.heinrich-heine-denkmal.de/rezeption/steegers.shtml

 

 

Anmerkungen

[1] zit. Aufenanger, 23

[2] Aufenanger, S. 65/66

[3] Heinrich Heine, Geständnisse . DHA, Bd. XV, S. 23f

[4] Brief an Magnus von Moltke, zit. Decker, S. 210

(4a) http://www.literarischegesellschaft.de/Heinrich_Heine_in_GoettingenIII.html

[5] DHA, Band XIV, S. 28f. Zitiert bei Kortländer, Mit Heine durch Paris, S. 17/18

[6] Heinrich Heine, Geständnisse (DHA, Bd. 15, S. 24f)

[7] DHA, Band XV, S. 25

[8] Zit. bei Raddatz, S. 160

[9] zit. Aufenanger, S. 30

[10] zit. Decker, S. 229/230

[11] Raddatz, S. 199

[12] zit. Decker, S. 262

[13] Brief vom 12.1.1836, zit. Decker, S. 286 und Aufenanger, S. 55

[14] Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Historisch-kritische Gesamtausgabe. Hg. von August Sauer u. Reinhold Backmann. Wien 1909ff., II. Abteilung, Bd. IV, S. 44f.

[15] zit. Decker, S. 287

[16] Decker, S. 301/303

[17] zit. Decker, S. 291

[18] DHA, Band XII, S. 295-297

[19] DHA, Band XIII, S. 123f

[20] Spiegel,  Ausgabe  35/1962; Marcuse, S. 98 und Decker, S. 291

[21] zit. Aufenanger, S. 59

[22]  http://www.bonjourparis.com/story/paris-street-stories-rue-laffitte/

[23]Aufenanger, S.  43/43

[24] zit. Raddatz, S. 156

[25]  zit. Raddatz, S. 189

[26] Decker, S. 312

[27] Brief vom 17. August 1838. zit. Decker, S. 313

[28] DHA, Bd XIII, S. 125. Zit bei Kortländer, S. 55

[29] http://www.heinrich-heine-denkmal.de/heine-texte/fr-buehne10.shtml

[30] Über die französische Bühne, 10. Brief (http://www.heinrich-heine-denkmal.de/heine-texte/fr-buehne10.shtml

Das nachfolgende Bild aus: http://www.hberlioz.com/Paris/BPConservatoireF.html. Dort wird auch darauf hingewiesen, dass der Druck von 1888 einen deutlich überbriebenen Eindruck von den Dimensionen des Saales vermittelt.

[31] Zit. Decker, S. 220

[32] aus:  Ludwig Börne. Eine Denkschrift, 1840

[33] Schopf, S. 7

[34] Ideen. Das Buch Le Grand. Kapitel XII

(34a) https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/EAEZ56P4H2AIBXD5HY4N4UXYFO5NL27P

[35] zit. Schopf, S. 8

[36] Aufenanger, S. 102

[37] zit. Raddatz, S. 295

[37] Aufenanger, 102

[37] zit. Raddatz,295).

(37a) Bild:  Heinrich Heine Institut Düsseldorf  abgebildet in:  http://www.literarischegesellschaft.de/Heinrich_Heine_in_GoettingenIII.html

[38] zit. bei Raddatz, S.297

[39] zit. Raddatz, S. 297

[40] Decker, S.391

[41] Decker,  S. 394/5

[42] zit. Aufenanger, S. 115

[43] DHA VII, 70

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Street-Art in Paris (1): Einführung und Überblick 
  • Street-Art in Paris (2): Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • Street-Art in Paris (3): Der Invader
  • Das deutsche Haus, „la maison Heinrich Heine“, in der Cité internationale universitaire in Paris
  • Auf dem Weg nach Paris: Die Mühle von Valmy, ein Fanal der Französischen Revolution

Die Bergwerke und Steinbrüche von Paris

 

Im Blog-Beitrag über die fünf kleineren Schwestern der New-Yorker Freiheitsstatue (März 2017) ging es anhand der Statue im Musée des Arts et Métiers in Paris auch um die Herstellung von „Miss Liberty“. Dabei wurde deutlich, welche großen Mengen an Gips erforderlich waren für die Herstellung der kleineren Exemplare, aber vor allem für das Modell in Originalgröße.

In einem Schaukasten des  Museums, in dem die Arbeit an der Gipsversion des Kopfes veranschaulicht wird, sieht man die großen Säcke mit Gips, aus dem – mit Wasser vermischt-  eine formbare Masse (franz: plâtre) entsteht, die  zur Modellierung der Figuren verwendet werden konnte.

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Für mich war das ein Anlass, mich für den Gips und seine Herkunft zu interessieren. Dabei bin ich auf viel Interessantes, manches schon Bekannte, aber auch einiges für mich Neue und Überraschende gestoßen. Grund für einen Blog-Beitrag  über den faszinierenden Untergrund von Paris.  

Die Bergwerkstadt Paris

Die nachfolgend abgebildete Karte zeigt, wo überall auf dem Gebiet des heutigen Paris sich Bergwerke befanden. Und man wird –vielleicht mit einigem Erstaunen- sehen, dass ein großer Teil des heutigen Stadtgebiets früher einmal dem Abbau von Steinen diente, teilweise unter Tage, teilweise im Tagebau. Paris ist zwar nicht auf Sand und auch nicht auf Eichenpfählen erbaut, aber in weiten Teilen eben auf ehemaligem Bergwerks- und Steinbruchgelände…. Betrachtet man die Karte von Paris, so gleicht sie, wie man gesagt hat, einem löcherigen Schweizer Käse.   [1]

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Die schrag schraffierten Flächen bezeichnen den Abbau von Gipssteinen, die waagrecht schraffierten den Abbau von Kalksteinen. Die geschwärzten Stellen in den jeweiligen Flächen markieren den Abbau von Steinen unter Tage.

Abgebaut wurden, wie auf der Karte zu sehen  ist, nördlich der Seine vor allem Gipssteine, die zu gebrauchsfertigem Gipspulver verarbeitet wurden; außerdem Kalksteine, die vor allem südlich der Seine und am Rand von Paris  unter Tage abgebaut wurden. Der Abbau unter Tage war dann erforderlich, wenn es sich wie südlich der Seine, z.B. im Quartier Latin, um schon bebaute Stadtviertel  handelte.  [2]

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Die Steine wurden schon unter Tage roh behauen und mit Hilfe großer hölzerner Treträder an die Oberfläche gehoben.  Abgebaut wurden neben Kalk- und Gipssteinen auch meulière-Steine. Die wurden in ihrer festen Form als Mühlsteine verwendet (deshalb  der Name). Und in ihrer porösen, leichten und gut isolierenden Ausprägung waren sie Ende des 19. Jahrhunderts das typische Baumaterial der Pariser Vorstadthäuser.

Hier ein schönes Beispiel aus Clamart/Meudon im Westen von Paris.

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Verwendet wurden sie aber auch als Schmuckelemente an Häusern in der Stadt –  zum Beispiel am noblen Palais des femmes der Heilsarmee im 11. Arrondissement.[3]

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Der Vorteil der stadtnahen Steinbrüche liegt auf der Hand: auf diese Weise hatte man sehr kurze Transportwege der für den Stadtausbau benötigten Steine – und das Bauholz wurde ja ebenfalls sehr günstig über die Seine nach Paris geflößt.

Allerdings erwies sich der Steinabbau in der Peripherie der Stadt in dem Moment als problematisch, als die Stadt sich ausdehnte – spätestens wurde das in aller Schärfe deutlich, als im 19. Jahrhundert die Stadtgrenzen die heutige Ausdehnung erreichten. Die offenen Gips-Steinbrüche im Norden waren ökologische Wüsten und für eine Bebauung zumindest unmittelbar nicht geeignet. Die unterirdischen Steinbrüche im Süden hatten erhebliche Hohlräume unter der Stadt geschaffen, die eine Bebauung ohne zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen nicht zuließen. Und manchmal konnten auch ganze Häuser in der Tiefe verschwinden, wie 1777 in der rue d’Enfer –nomen est omen- dem späteren Boulevard Saint Michel. Und 1961 kam es in der sogenannten petite ceinture, in Clamart am  Rand von Paris, zu dem spektakulären Einbruch eines ganzen Stadtviertels über einem ehemaligen Steinbruch, bei dem 21 Menschen ums Leben kamen.  [4]…. Heute sind zwar die Kavernen unter den Privathäusern zugeschüttet, aber das schützt nicht immer vor Absenkungen und es gibt eine erhebliche poltische und administrative Sensibilität in diesem Bereich. Immerhin ist ein  Viertel  der etwa 100 000 Pariser Häuser über ehemaligen Steinbrüchen errichtet. Zu den  Unterlagen, die bei dem Kauf/Verkauf einer Wohnung oder eines Hauses auf dem Gebiet der Stadt Paris beim Notar vorgelegt werden müssen, gehört denn auch ein offizielles Gutachten über den Untergrund und die Standsicherheit des Gebäudes. So kann man einigermaßen sicher sein, keine  bösartigen Überraschungen zu erleben, wie sie bis heute in Paris durchaus noch vorkommen[5].

Die Katakomben von Paris

Die unterirdischen Kavernen waren allerdings nicht nur ein Problem, sondern man konnte ihnen auch durchaus Positives abgewinnen: So konnte man sie nutzen, als die meisten innerstädtischen Friedhöfe um 1800 aus sanitären Gründen  aufgelöst wurden. Da bettete man die Knochen in die Katakomben  um, die heute eine Touristenattraktion von Paris sind.

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Hier beginnt –unübersehbar- das Reich des Todes.

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In diesen Bereich der Katakomben  wurden die bei der Auflösung des innerstädtischen Friedhofs des innocents geborgenen Gebeine umgebettet.

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Manchmal wurden sie säuberlich gestapelt, manchmal aber auch nur einfach kreuz und quer hingeworfen.

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Genutzt wurden die stillgelegten Steinbrüche im Untergrund von Paris auch für die Aufzucht von Champignons: Deshalb ja auch der Name „champignons de Paris“.

gravure Champignons Montrouge

Diese Gravur aus dem Jahr 1854 zeigt den Anbau von Champignons in den ehemaligen Steinbrüchen. Mit dem Bau der Metro erwiesen sich allerdings die champignonnières als hinderlich, so dass der Champignonanbau aus Paris verdrängt wurde – heute werden sie vor allem in der Gegend von Saumur angebaut, wo es auch ein Champignonmseum gibt. [6]

Genutzt wurden die Kavernen aber auch im Krieg – zum Beispiel im 2. Weltkrieg sowohl von der deutschen Besatzungsarmee als  auch von der Résistance, wie das zum Beispiel in dem Film Volker Schloendorffs über die Rettung von Paris 1944 (Diplomacie) eindrucksvoll gezeigt wird. Am Platz Denfert-Rocherau, wo auch der Eingang der Katakomben ist, befindet sich an einem der beiden dort noch erhaltenen Torhäuser der ehemaligen Pariser Zollmauer (mur des Fermier généraux) eine Plakette,  die daran  erinnert,  dass im Untergrund dieses Hauses, der barrière d’Enfer, die Widerstandskämpfer der FFI ihr Hauptquartier während der Befreiung von Paris von deutcher Besatzung eingerichtet hatten.

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Und nicht zuletzt konnte/und kann vielleicht auch noch das unterirdische Paris  –wenn auch nicht ganz offiziell- als eine ganz besondere „location“ genutzt werden. Als Studenten nahm uns ein Pariser Bekannter, einer der sogenannten „cataphiles“, einmal mit in den Untergrund. Irgendwo mitten auf einer ruhigen Seitenstraße hob er einen Kanaldeckel hoch und ab gings in die Tiefe. Ziemlich unheimlich, ziemlich aufregend. Es folgte ein Stadtspaziergang besonderer Art: Durch die Gänge unterhalb der Straßen, die sich ab und zu, an den Orten ehemaliger Steinbrüche, ausweiteten. Dort konnte es dann auch  andere unterirdische Nachtschwärmer geben, die es sich mit Musik und Wein gemütlich gemacht hatten. Auf die Wände aufgemalte Straßennamen erleichterten die Orientierung und manchmal sind diese Markierungen sogar künstlerisch ausgestaltet. Aber etwas erleichtert waren wir doch, als wir wieder, wie zu Beginn, durch einen hochgedrückten Kanaldeckel gestiegen waren und festen Straßenboden unter den Füßen hatten.

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Insgesamt gibt es noch heute viele Gänge und Hallen im Pariser Untergrund, die inzwischen abgesichert und teilweise ausgemauert sind, aber man kann „noch mehrere Bezirke zu Fuß durchqueren, ohne ‚auftauchen‘ zu müssen.[7]

Die Gipssteinbrüche von Montmartre  und die carrières d’Amérique

Der Gipsstein ist nördlich der Seine sehr reichlich vertreten und wurde auf den nördlichen Hügeln (des heutigen Paris)  schon seit römischen  Zeiten dort abgebaut: Wenn die Gipsschicht von einer nur dünnen Erdschicht bedeckt war, baute man den Gips im Tagebau ab, ansonsten wurden an den Seiten große Eingänge geöffnet, um einen Abbau unter Tage zur ermöglichen.

Der Gipsstein von Montmartre erfreute sich besonderer Wertschätzung. 1750 galt der „Gips von Montmartre bei  Paris … als der beste von allen, die in den Bauwerken verwendet werden, die ununterbrochen in dieser großen Stadt entstehen.[8]

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Zu erkennen ist hier, dass der Gipsstein gleichzeitig über und unter Tage abgebaut wurde, und zwar in unmittelbarer Nähe des Ortes.

Und er wurde auch gleich an Ort und Stelle verarbeitet, also gebrannt und gemahlen. Für diesen Mahlvorgang benötigte man natürlich große Menge Mühlsteine. Insofern  war es ein glücklicher Umstand, dass in den Steinbrüchen im Norden von Paris nicht nur Gipssteine vertreten waren, sondern auch die pierres meulières, aus denen die Mühlräder hergestellt wurden.

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Gipsofen in Montmartre, Gemälde von Carle Vernet 1832 [9]

Der Name des westlichen quartiers des 18. Arrondissements, also von Montmartre, erinnert noch an diese Vergangenheit: Es ist das quartier des  Grandes Carrières, das Viertel  der Großen Steinbrüche.[10] Und in diesem quartier liegt auch der Friedhof von Montmartre (mit dem Grab Heinrich Heines), der auf aufgelassenem Steinbruchgelände errichtet wurde.[11]

In der rue Ronsard am Fuß von Sacré Coeur (Einmündung in die Place Louise Blanquart)  ist noch der Eingang eines ehemaligen Steinbruchs zu sehen.

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Etwas weiter rechts davon ist eine Erinnerungsplakette an Georges  Cuvier,  den „Schöpfer der Paläontologie“, angebracht.

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Cuvier fand in diesen  Steinbrüchen wichtige Fossilien,  die in  unterschiedlichen Gesteinsschichten  abgelagert waren. Auf dieser Grundlage entwickelte er  seine Theorie der abrupten Veränderung der Arten.[12]

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Cuvier hat dort auch anhand von fossilen Zähnen eine bis dahin unbekannte Tierart entdeckt, die nach ihm benannt wurde: Peratherium cuvieri.[13]

Neben dem Montmartre-Gips hatte auch der Gipsstein aus den weiter östlich gelegenen Steinbrüchen, den sogenannten „carrières d’Amerique“,  eine exzellente Reputation. Der Name verdankt sich einer weit verbreiteten Legende: Danach soll ein Teil des dort abgebauten Gipssteins nach Amerika exportiert worden sein, wo er für den  Bau des Weißen Hauses verwendet worden sei.  Das entspricht zwar nicht den Tatsachen, aber einen Bezug zu Amerika gibt es gleichwohl: Der Besitzer eines der Steinbrüche war nämlih ein Ire, Mr Fitz-Merald, der in Amerika reich geworden war…  Auch hier wurde der Gips im Tagebau abgebaut, zum Teil aber  auch unter Tage in Stollen.[14]

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Die  „Carrières d’Amérique“ in einer Aufnahme von 1852[15]  .

Die Steinbrüche wurden 1872/73  stillgelegt. Heute erinnert noch ein Straßenname an diese Vergangenheit, die rue des carrières d’Amérique. Ursprünglich hieß sie – zu den Steinbrüchen führend-  chemin des Carrières.
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Les „cathédrales de gypse“

Von den  Steinbrüchen im Untergrund von Paris kann man als Tourist heute kaum noch etwas sehen. Gelegenheit zum Besuch eines Gips-Bergwerks, wie sie bis ins 19. Jahrhundert noch auf (dem heutigen) Pariser Territorium betrieben  wurden, gibt es aber durchaus. Es sind die sogenannten „cathédrales de gypse“ im nördlichen  Umkreis von Paris, die man im Rahmen einer Führung besichtigen kann.

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Dabei versteht man sehr gut den zunächst etwas übertriebenen erscheinenden Ausdruck der unterirdischen „Kathedralen“.[15]

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Und man  erfährt etwas über den Abbau: das Bohren der Sprenglöcher, die Sprengung, die Verladung und den Abtransport der Gipssteine und ihre Verarbeitung:  Die Steine werden dann gebrannt und gemahlen und so zu einem gebrauchsfertigen und handlichen Gipspulver (plâtre) umgewandelt. [16]

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Der unterirdische Gipssteinbruch der Firma Placoplatre im 93. Département nördlich von Paris,  in dem diese Fotos aufgenommen wurden, ist erst nach der Jahrtausendwende eingerichtet worden und rühmt sich seines umweltbewussten Umgangs mit der Natur. Dann werden diese Steinbrüche also hoffentlich nicht solche erheblichen Probleme, was Renaturierung und Bebauung betrifft, nach sich ziehen wie die bis ins 19. Jahrhundert auf Pariser Gebiet  betriebenen Steinbrüche.

In einem nachfolgenden Beitrag möchte ich an zwei Beispielen zeigen, was auf dem Gelände früherer Steinbrüche in Paris entstanden ist: dem Landschaftspark Buttes Chaumont, einem „Disneyland des 19. Jahrhunderts“ und der für Paris ganz untypischen und reizvollen Reihenhaussiedlung  La Mouzaïa – beide im 19. Arrondissement gelegen und auf dem Gelände der ehemaligen carrières d’Amérique entstanden.

 

Praktische Information:

Seit Neuestem kann man die oft äußerst langen Schlangen vor den Katakomben vermeiden und vorab im Internet Eintrittskarten  kaufen. Außerdem wurden  die Öffnungszeiten  bis 20.30h verlängert. (Kassenschluss 19.30)

Die Stadt Paris wirbt mit einem etwas  makabren Plakat für diese Neuerungen.

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En savoir plus:

Atlas du Paris souterrain. La doublure sombre de la ville lumière. Paris: Parigramme 2001, Neuauflage 2016

Patrick Saletta, A la découverte des souterrains de Paris. Anthony 1993

http://www.nicolaslefloch.fr/Lieux/carrieres.html

https://www.franceculture.fr/emissions/lsd-la-serie-documentaire/quatre-paysages-14-les-buttes-chaumont

Anmerkungen

[1] Karte aus: Saletta, A la découverte des souterrains de Paris

siehe auch: Sous les pavés…. les carrières. In: À Paris. Le magazin de la ville de Paris. No 61, printemps 2017, S. 28/29

(2) Abbildung auf einer Informationstafel der Stadt Meudon, wo vor allem im Bereich von Val Fleury Kalksteine abgebaut wurden.

[3] http://www.parc-naturel-chevreuse.fr/new-life-starts-here/habitat-et-jardin-architecture-locale/la-meuliere-pierre-precieuse-dile-de

[4] http://www.leparisien.fr/espace-premium/air-du-temps/le-sauveur-de-paris-26-05-2013-2835493.php  und: sous les pavés… les carrières. a.a.O.

[5] http://www.lexpress.fr/informations/paris-croule-t-il_634113.html

[6] http://ruedeslumieres.morkitu.org/apprendre/champignon/origine/index_origine.htmlhttp://blog.infotourisme.net/histoire-champignon-de-paris/

[7] http://www.viennaslide.com/paris/s-0533-21.htm

[8] Savary des Brûlons, Jacques, Dictionnaire universel de commerce: d’histoire naturelle, & des arts & métiers, Paris, Cramer & Philibert, 1750, volume 3, p. 216.   Zit. bei: http://www.nicolaslefloch.fr/Lieux/carrieres.html

[9] http://plateauhassard.blogspot.fr/2012/09/les-carrieres-de-la-butte-chaumont.html

[10] https://fr.wikipedia.org/wiki/Quartier_des_Grandes-Carri%C3%A8res

[11] https://fr.wikipedia.org/wiki/Carri%C3%A8res_de_Montmartre

[12] Abbildung aus: http://plateauhassard.blogspot.fr/2012/09/les-carrieres-de-la-butte-chaumont.html

[13] Ce spécimen a été découvert dans le gypse des carrières de Montmartre servant à fabriquer du plâtre, et est daté de l’Oligocène, soit environ 33 millions d’années.  http://www.mnhn.fr/fr/collections/ensembles-collections/paleontologie/mammiferes-fossiles/sarigue-cuvier

(14)  http://plateauhassard.blogspot.fr/2012/09/les-carrieres-de-la-butte-chaumont.html

(15) Das obere  Bild ist der Werbung von tourisme 93 für den Besuch des Bergwerks entnommen.   http://www.tourisme93.com/visites/en/873-au-coeur-des-cathedrales-de-gypse-de-placoplatre.html

(16) http://www.placoplatre.fr/L-ENTREPRISE/Carrieres-de-gypse/Carriere-de-Bernouille

Seine-Saint-Denis Tourisme veranstaltet von Zeit zu Zeit Führungen, die allerdings sehr schnell ausgebucht sind.

Das  nachfolgende stammt aus  dem Blog: http://bluette.fr/blog/2013/10/16/les-cathedrales-de-gypse/#comment-43340

Weitere geplante Beiträge:

  • Neues Leben auf alten Steinbrüchen: Der Park Buttes – Chaumont und das quartier de la Mouzaïa
  • Die Kirche Saint-Sulpice in Paris
  • Das Palais de la Porte Dorée und die Kolonialausstellung von 1931

La Goutte d’Or oder Klein-Afrika in Paris

Paris ist eine Stadt, die schon immer Zuwanderer angezogen hat: Es waren  Franzosen vom Land, die wegen der Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten  in die Stadt kamen- so wie die Auvergnats, die sich in der Nähe der Bastille niedergelassen haben und die mit ihren Kneipen und Tanzsälen in der Rue de Lappe das kulturelle Leben von Paris bereicherten; es waren Einwanderer aus Europa, wie die deutschen Handwerker, die im 18. Jahrhundert in den Tischlerwerkstätten des Faubourg Saint- Antoine gearbeitet haben, so dass damals in dem Viertel ebenso deutsch wie französisch gesprochen wurde,  und es sind Menschen aus anderen Kontinenten, vor allem aus den ehemaligen  Kolonien Frankreichs, die in Paris das Bild bestimmter Stadtviertel prägen: Chinesen und Vietnamesen das 13. Arrondissement und Belleville, Inder/Tamilen das Viertel von La Chapelle und die Afrikaner das Viertel von Goutte d’Or im 18. Arrondissement.

Der nachfolgende Text ist eine aktualisierte Version des 31.Berichtsaus Paris vom April 2014

 

Eine im Stadtbild besonders auffällige Gruppe von Einwanderern sind natürlich Nordafrikaner und vor allem Schwarzafrikaner, weil es sich um eine „immigration visible“ handelt, also eine Gruppe von Menschen, deren Status als Einwanderer schon an der Hautfarbe erkennbar ist.  Wie sichtbar und auffällig diese Einwanderergruppe  ist, hängt allerdings von den Erfahrungen und Sehgewohnheiten ab, vor allem aber auch von dem Stadtviertel, in dem man sich befindet. Im noblen 16. Arrondissement im Pariser Westen wird man kaum auf einen Menschen mit schwarzafrikanischem „Migrationshintergrund“ stoßen; in unserem gemischten Stadtteil –dem Faubourg Saint Antoine- kann man Menschen mit schwarzer Hautfarbe  in kleineren Seitenstraßen treffen, die wir aber nur selten betreten, vor allem dann, wenn wir dort mal für kurze Zeit unser Auto abstellen. Aber man trifft sie auch gegenüber im Jardin Titon, wo die meist schwarzen Tagesmütter zusammen schwatzen, während die weißen Kinder im Kinderwagen dösen oder sich auf dem Spielplatz amüsieren.

Ganz anders ist es in dem Stadtviertel Goutte d’Or bzw. Château Rouge im nordöstlich gelegenen 18. Arrondissement.

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Hier ist man  -nach einer kurzen Fahrt mit der Métro- sozusagen mitten in Afrika. Steigt man an der Métro-Station Château-Rouge aus und geht in die Rue Poulet oder Rue Dejean hinein, kann man sich bisweilen vorkommen wie wir vor vielen Jahren in Tanzania, als wir fast die einzigen „wasungus“, (Weiße) weit und breit waren. Im November 2013 besuchte ich zum ersten Mal das Viertel mit zwei aus Mali stammenden Franzosen, die in dem Viertel wohnen. Als ich am Ausgang der Métro auf sie wartete, betrachtete ich mit einigem Erstaunen die Menschen, die die Treppe passierten. Wäre nicht im Hintergrund der „Fournil de Paris“ gewesen, konnte man sich durchaus fühlen wie in einer afrikanischen Großstadt. Einige Zeit zählte ich – bis 200- die hinauf- oder heruntergehenden Menschen:  Es waren darunter gerade einmal 24, die keine schwarze Hautfarbe hatten- und unter diesen 24 waren sicherlich auch noch mehrere Maghrebiens, also Nordafrikaner. In der Tat: Klein-Afrika in Paris.

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Nach Auffassung unserer ortkundigen Begleiter, die ich darauf ansprach, gibt es geradezu eine unsichtbare Mauer, die ihrer Meinung nach das petit Mali, wie sie es nannten,  umgibt- sogar mit (wenn auch unsichtbaren) checkpoints wie hier an der Métro Château Rouge: Es seien  fast nur Afrikaner, die von dort aus ins afrikanische Viertel gingen – in eine für  andere Pariser und erst recht für Auswärtige fremde und eher Unsicherheit, ja Ängste erzeugende Welt.

Dass man hier in einer anderen Welt ist, wird auch deutlich, wenn man am Ausgang der Métro einen kleinen Werbezettel in die Hand gedrückt bekommt, wie man ihn auch oft unter den Scheibenwischern der Autos befestigt findet – natürlich vor allem in „Klein-Afrika“, aber auch in Belleville oder in unserem Faubourg St. Antoine. Da bietet der „Maitre Charles“, „le plus grand Marabout de Paris“ seine Dienste an: Kein Fall sei hoffnungslos. „Ich habe immer eine Lösung“.  „J’ai toujours une solution“. Professeur Ali,  ein „grand voyant medium compétant“  garantiert den Erfolg seiner „travaux occultes“,  Monsieur Momo sogar innerhalb von 72 Stunden. Bezahlung jeweils nur nach Ergebnis, und bei Maître Yamba ist die erste consultation  kostenlos.

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Besonders beeindruckend fand ich die Selbstdarstellung von Monsieur Ba, dem „grand voyant medium guerrisseur“, der mit seinen 30 Jahren Berufserfahrung und einer über Generationen „de père en fils“ reichenden Tradition 100% Erfolg in allen Bereichen garantiert. Aufgrund seiner Wundertaten sei sein Name in der ganzen Welt bekannt. [1] Ob es sich um politische, wirtschaftliche, sportliche, juristische oder gesundheitliche Probleme handele: Er könne sie alle lösen; und natürlich auch die sofortige Rückkehr einer geliebten Person bewirken und die Wiederkehr einer verlorenen Zuneigung: „Ihr Partner wird vor Ihren Füßen liegen.“  Noch eindrucksvoller  beschreibt der „professeur Moro“ auf einem ebenfalls verteilten Waschzettel seine Erfolge: Er kümmere sich darum, wenn ein Partner mit einem anderen durchgegangen sei. Mit seiner Hilfe werde er wiederkommen. „Er wird hinter Ihnen herlaufen wie ein Hund hinter seinem Herrn.“ Wenn das nichts ist!

Die unsichtbare, aber deutliche Abgrenzung des petite Afrique hat sicherlich ganz vielfältige Ursachen. Natürlich gibt es in dem Viertel Kriminalität –bei dem Spaziergang mit den Ortskundigen  haben wir eine kleine Verfolgungsjagd der dort demonstrativ postierten Polizisten miterlebt, die offenbar hinter einem Dieb oder Schwarzhändler her waren.  Denn die vor allem gibt es um die Métro-Station Château-Rouge herum, obwohl diese Konkurrenz von den „offiziellen“ Händlern des Viertels angeprangert wird und obwohl die dort aufgefahrene Polizei sie immer wieder verjagt. Seit September 2012 ist das „petite Afrique“ sogar „Zone de sécurité prioritaire“ (ZSP), also eine von der Polizei besonders intensiv beobachtete und kontrollierte Sicherheitszone.[2] Die Einrichtung solcher Zonen hat dann im Allgemeinen die Konsequenz, dass die Kriminalität dort zurückgeht und sich eher in andere weniger überwachte Bereiche verlagert.  Man muss also in klein-Afrika nicht um seine Wertgegenstände fürchten, wenn man sich entsprechend vorsieht, wozu es in einer Großstadt in Paris ja generell Anlass gibt. Immerhin wird man in der Métro ausdrücklich in vielen Sprachen zur Vorsicht aufgefordert und die großen Pariser Museen sind geradezu ein Eldorado für bandenmäßig organisierte jugendliche Taschendiebe. Im Vergleich dazu ist das Goutte d’Or vermutlich ein relativ sicherer Ort.  Aber der Ruf des Viertels ist offenbar miserabel, woran vor allem rechte Politiker einen wesentlichen Anteil haben[3]: Da gibt es die berüchtigte „bruit et odeur“-Rede Jaques Chiracs aus dem Jahr 1991: Chirac war damals Bürgermeister von Paris und Vorsitzender der RPR, der Vorgängerpartei der heutigen UMP.  Nach einem Rundgang durch das Viertel stellte er in einer Rede vor Anhängern ein hart arbeitendes französisches Arbeiterpaar einer aus Afrika eingewanderten Familie gegenüber, bestehend aus einem Familienvater, drei oder vier Frauen und etwa zwei Dutzend Kindern. Der Mann arbeite « natürlich » nicht, die Familie erhalte aber ein Mehrfaches des Verdienstes der französischen Arbeiterfamilie an Sozialleistungen. Und dazu komme dann noch der Lärm und Geruch –bzw eher: Gestank, was den braven französischen Mitbürger zur Weißglut bringe, und das sei nur allzu verständlich.[4]

Und natürlich setzte die extreme Rechte noch einen drauf  mit ihrer Kampagne gegen  Gebete von Moslems im öffentlichen Raum. Marine Le Pen, inzwischen Vorsitzende des rechtsradikalen Front National, prangerte in einer Rede im Dezember 2010 an,  ganze Straßenzüge und Stadtviertel würden regelmäßig von betenden Moslems in Beschlag genommen. Hier herrsche nicht mehr das Recht des Staates, sondern das islamische Recht.  Das sei eine occupation, eine Besatzung. Und dies unangeachtet dessen, dass es keine Panzer und Soldaten gäbe :  « Es ist gleichwohl eine Besatzung » [5] Le Pen sprach zwar  allgemein von «occupation », aber dieser Begriff ist natürlich vor allem bezogen auf die deutsche Besatzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg, mit der damit das öffentliche Gebet von Moslems auf eine Stufe gestellt wurde. Und  deren Bekämpfung wurde so implizit zu einem notwendigen und ehrenhaften Akt der Résistance erklärt. Dass Le Pen später ergänzte, mit dem Begriff « occupation » könne auch die der Engländer im 100-jährigen Krieg gemeint sein, verschärfte die Hetze nur noch : Denn damit stellte Le Pen sich in eine Reihe mit Jeanne d’Arc, der Nationalheiligen, die jedes Jahr am 1. Mai an ihrem Denkmal auf der Place des Pyramides in Paris vom Front National gefeiert wird.

Wenn Marine le Pen die öffentlichen Gebete von Moslems anprangerte,  dann war damit –was Paris betrifft- vor allem die rue Myrha im Goutte d’Or angesprochen.

In der Tat wurde seinerzeit dort Freitag mittags die Straße für den Durchgangsverkehr gesperrt und gebetet. Das wurde von den Rechten als Provokation und Angriff auf das geheiligte französische Prinzip der laïcité, der strikten Trennung von Kirche und Staat, angesehen. In Wirklichkeit aber war es Ausdruck einer Notsituation, weil die beiden kleinen Moscheen des Viertels dem Andrang der vielen Gläubigen nicht gewachsen waren. Eine dieser Moscheen war die Khaled Ibn al Walid- Moschee in der Rue Myrha, so dass mit Zustimmung des zuständigen sozialistischen Bürgermeisters des 18. Arrondissements am Freitag die Straße vor der Moschee für den Gottesdienst genutzt werden durfte.

Um dem ein Ende zu machen, wurde den Moslems von dem damaligen rechten Innenminister Guéant eine stillgelegte Feuerwehr-Kaserne als Gebetsraum  zur Verfügung gestellt und die Nutzung der Straße verboten. Aber dies ist natürlich auch keine befriedigende Lösung. Um die bemühten sich  während vieler Jahre der Pariser Bürgermeister Delanoë und der Rektor der großen Moschee von Paris, Dalil Boubakeur.

Am 28. November 2013 wurde dann endlich in der Rue Stephanson im Goutte d’Or- Viertel das Institut des Cultures d’Islam (ICI)  eingeweiht.

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 Dieses von der Stadt Paris getragene Institut soll eine kulturelle Brücke zur Welt des Islams sein- « un lieu dédié à la création et la diffusion des cultures contemporaines en lien avec le monde muselman » (Prospekt zur Eröffnung des Zentrums). Beispielsweise gab es 2015 eine sehr eindrucksvolle Ausstellung von Künstlern des Nahen Ostens, in denen das Nebeneinander von Krieg und Frieden zum Thema gemacht wurde:

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Neben Kunstausstellungen gibt es auch  Musik,  Filme, Sprach- und Malkurse, Führungen durch das Viertel und – nicht zuletzt : einen großzügigen Gebetsraum, der das ganze 1. Stockwerk einnimmt.  In der Tat handelt es sich hier um eine –für das laizistische Frankreich- gewagte Verbindung von Gebet und Kunst, wie Le Monde am 29.11.2013 schrieb. Und dass die überregionale Zeitung Le Monde, die immerhin über keinen Pariser Lokalteil verfügt, der Eröffnung des ICI einen großen Artikel widmete, zeigt, welche Bedeutung und Problematik dieses Ereignis hatte und hat, und zwar nicht nur in Bezug auf die fremdenfeindliche Propaganda des Front National. Auch auf der Linken, also der aktuellen politischen Mehrheit in Frankreich, stehen sich ja zwei grundlegend verschiedene Positionen gegenüber, was den Umgang mit Einwanderern angeht : Auf der einen Seite die Vertreter einer Anerkennung ethnischer, kultureller und religiöser Minderheiten, also gewisssermaßen die multikulturelle Fraktion,  auf der anderen Seite die Vertreter einer « unteilbaren Republik », deren Sorge die Entwicklung eines « comminutarisme » ist, also der Herausbildung abgeschotteter gesellschaftlicher Räume.

Der Umgang des Staates mit den Muslimen ist insofern ein besonders sensibler Gegenstand.  Denn natürlich dürfen nach dem Gesetz von 1905, der Grundlage des französischen Laizismus, weder Staat –noch entsprechend auch die Stadt Paris- Glaubensgemeinschaften subventionieren. Aber andererseits müssen Staat und Stadt auch daran interessiert sein, dass den gläubigen Moslems angemessene Gebetsräume zur Verfügung stehen, um die vom Front National angeprangerten öffentlichen Gebete zu vermeiden. Und Staat und Stadt  müssen natürlich auch daran interessiert sein, dass in den Moscheen keine islamistischen Fanatiker das Wort haben. Und so hat man im ICI eine in vieler Hinsicht vorbildliche Lösung gefunden : Der dortige Gebetsraum wurde vom ICI an eine Gesellschaft verkauft, die auch für die Große Moschee von Paris (GMP) verantwortlich ist. Und die GMP verfügt nicht nur –aufgrund ihrer engen Beziehungen zu Algerien- über die erforderlichen Geldmittel, sondern sie steht auch für einen toleranten, weltoffenen Islam, der sich ohne Probleme in das republikanische Selbstverständnis Frankreichs einfügt.

Zur Geschichte von Goutte d’Or

Dass das Viertel von Château Rouge und Goutte d’Or heute das klein- Afrika in Paris genannt werden kann, ist ein Ergebnis der Migration seit dem 2. Weltkrieg. Noch zu Beginn des 19. Jahrhundert wurde hier –wie ja auch im benachbarten Monmartre-  Wein angebaut, der im Mittelalter einen hervorragenden Ruf hatte und sogar an der königlichen Tafel serviert worden sein soll. Unter der Herrschaft Ludwigs des Heiligen, also im 13. Jahrhundert, wurden von einer Jury die besten Weine ausgezeichnet: Den ersten Preis erhielten die Weine aus Zypern, den zweiten die aus Malaga und  den dritten zu gleichen Teile der Malvasier, der Wein aus Alicante und der aus diesem Viertel, das davon ja auch noch seinen schönen Namen erhalten hat : goutte d’Or, Goldtropfen.  Ab den 1840er Jahren – es war die Zeit der Industrialisierung und des enrichissez-vous des frühkapitalistischen « Bürgerkönigs » Louis Philippe-  wurde im Goutte d’Or Industrie angesiedelt :  Beispielsweise die Maschinenfabrik des François Cavé, der dort die damals größte französische Dampfmaschine baute und auch das Dampfschiff « Courrier », das Calais und Dover mit der damals sensationellen Geschwindigkeit von 13 Knoten verband.[6] Und vor allem  wurden im Goutte d’Or der Frühindustrialisierung Eisenbahnen gebaut : Nach der in Le Creusot konstruierten « La Gironde » entstand als zweite französische Lokomotive hier « La Gauloise », ebenfalls bestimmt für die Strecke zwischen Paris und Versailles, dem französischen Pendant der deutschen Strecke zwischen Nürnberg und Fürth.  Und mit der Industrie kamen die Spekulanten und errichteten kleine Häuser und Hôtels mit billigen Zimmern, die an Migranten vermietet wurden, die in den Fabriken des Viertels arbeiteten : Menschen aus den ländlichen Gebieten Frankreichs, dann aus europäischen Nachbarländern wie Belgien oder Deutschland. Wenn man mit offenen Augen durch das Viertel geht, entdeckt man an einigen Stellen noch einige der zwei-bis drei-stöckigen Häuser aus dieser Zeit. Besonders schön erhalten ist noch die Villa Poissonière zwischen der Rue Polonceau nr. 41 und der Rue de la Goutte d’Or Nr.42 : Ein schmaler gepflasterter Weg mit kleinen, meist sympathisch verwilderten Vorgärtchen und schönen Häusern rechts und links, deren Fassaden eher nicht nahelegen, dass es sich hier um  Spekulationsobjekte aus den 1840-er Jahren handelt.

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Leider ist die Villa aber –wie ja auch viele der schönsten Höfe im Faubourg St.Antoine- inzwischen « bobo-isiert », also von der neuen Elite des Informationszeitalters und Künstlern bewohnt und nur mit einem Code zugänglich.  Aber vielleicht hat man ja das Glück und ein freundliches Mitglied der Eigentümergemeinschaft öffnet gerade eine Tür und gestattet dem neugieren Besucher einen Blick in dieses kleine und an dieser Stelle völlig unerwartete spezifische Bio- und Soziotop : Dazu passt tatsächlich der Titel von David Brooke’s einschlägigem Buch über die « Bobos in paradise ».

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 Dass das Goutte d’Or im 19. Jahrhundert aber insgesamt alles andere als paradiesisch war, zeigt in aller Deutlichkeit Emile Zolas Roman mit dem bezeichnenden Titel „l’Assommoir“ – auf deutsch: „Der Totschläger“, der in diesem Viertel spielende 7. Band der „Rougon-Macquart“- Romanreihe.[7] Im Vorwort zu diesem Roman schreibt  Zola:

 „Ich habe den verhängnisvollen Verfall einer Arbeiterfamilie in dem verpesteten Innern unserer Vorstädte schildern wollen. Am Ende der Trunksucht und des Müßigganges steht eine Erschlaffung der Familienbande, ein Versinken im Schmutz, ein fortschreitendes Abnehmen jeder ehrenwerten Empfindung und schließlich als Lösung die Schande und der Tod.“

Vor dem Ersten Weltkrieg kamen dann polnische und russischen Juden, die wegen der Pogrome ihre Heimat verlassen hatten, in das Viertel. Sie arbeiteten vor allem in Textilbetrieben : Eine Tradition, die inzwischen vor allem von Westafrikanern  -und zwar immer Männern!- weitergeführt wird.

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Sie fertigen die festlichen, farbenfrohen Kleider an, die besonders an Wochenenden von den aus Schwarzafrika stammenden Frauen getragen werden.

Die Stoffe allerdings kommen nur zum Teil (noch) aus Afrika, die billigen dagegen überwiegend aus China und die besonders kostbaren, die Bazins, aus … Österreich ! Die beliebten Batik-Stoffe (die Wax) sind übrigens auf dem Weg über Indonesien nach Afrika gekommen ! Dort haben nämlich die Niederländer Söldner angeworben für ihre Kolonie in Südostasien. Und diese Menschen fanden so viel Gefallen an den dort gebräuchlichen Batiken, dass sie sie nach Afrika mitbrachten, wo sie dann auch heimisch wurden, und dann natürlich auch nach klein-Afrika in Paris.

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Die ersten Afrikaner kamen  schon nach dem Ersten Weltkrieg. Aber eigentlich müsste man sagen : Sie blieben. Denn es waren demobilisierte Soldaten, die sogenannten « tirailleurs sénégalais »,  die für Frankreich gekämpft hatten und zum Teil –wie ja auch viele der  angeworbenen chinesischen Arbeiter aus den Munitionsfabriken-  nicht mehr in ihre Heimat zurückkehrten.[9] Zum afrikanischen Viertel wurde das Goutte d’Or aber erst seit dem zweiten Weltkrieg, als zunächst  Algerier kamen, die sich vor allem im Süden des Viertels rund um das Kaufhaus Tati niederließen ; und dann in  den 1960-er Jahren, als die ehemaligen französischen Kolonien unabhängig wurden und junge Männer aus Mali, Sénégal, Mauretanien – später dann auch aus dem Congo, Kamerun und der Côte d’Ivoire- kamen und  in dem damals ziemlich heruntergekommenen Viertel noch erschwinglichen Wohnraum und landsmannschaftliche Vertrautheit und Solidarität fanden. Nach einigen Jahren kamen dann auch die Familien nach, so dass heute der Bezirk des Château Rouge das afrikanische Zentrum von Paris ist.

Ein Spaziergang durch das « petite Afrique » von Paris

Natürlich führen viele Wege durch das afrikanische Viertel von Paris. Man kann einfach hinein gehen und sich etwas treiben lassen, was durchaus lohnend ist. Aber vielleicht wird man auch dem nachfolgenden Vorschlag folgen. Ein guter Zeitpunkt für einen Spaziergang ist der Nachmittag, weil dann aufgrund des Marktes das Viertel besonders belebt ist. Und das gilt besonders für den Mittwoch und den Samstag, wenn auch der große nordafrikanische Markt unter der Hochbahn zwischen den Stationen Barbès Rochechouart und La Chapelle abgehalten wird.

Ein guter Ausgangspunkt für den Spaziergang ist die Métro-Station Château Rouge, wo es sich lohnt, ein wenig die Menschen zu beobachten, die dort hineingehen oder herauskommen. Zu Marktzeiten gibt es auf dem Platz davor meist auch „fliegende Händler“, wenn sie nicht gerade von der Polizei verjagt wurden.

Wenn man dann in die Rue Poulet hineingeht und weiter  in die rue Doudauville, stellt man schnell fest, dass  sich hier überwiegend kleinere Geschäfte angesiedelt haben, die sich an eine afrikanische Kundschaft wenden und im Allgemeinen auch noch von Afrikanern betrieben werden – allerdings sind auch hier die Chinesen auf dem Vormarsch: einige der etwas größeren Lebensmittelgeschäfte des Viertels gehören inzwischen Chinesen, die sich aber voll und ganz auf die Bedürfnisse der afrikanischen Kunden eingestellt haben.

 

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Die Kunden sind übrigens nicht nur die afrikanischen Bewohner des Viertels. Gerade an Wochenenden kommen offenbar aus ganz Paris, aber auch aus dem Umland und –wie uns gesagt wurde- sogar aus ganz Frankreich und Belgien  Menschen mit afrikanischer Herkunft hierher, um die gewohnten Produkte einzukaufen und gleichzeitig auch Freunde und Verwandte zu treffen. Und auch afrikanische Restaurants decken sich hier in den entsprechenden großen Mengen mit den aus Afrika importierten Produkten ein.

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In der Querstraße, der Rue Léon Nr. 35,  befindet sich auch das lavoir moderne parisien, eine ehemalige Wäscherei von 1870 wie die, in der Gervaise, die Heldin von  Zolas  „L’Assommoir“, ihre Wäsche wusch:

„Die Waschanstalt lag in der Mitte der Straße an einer Stelle, wo das Pflaster bergan zu gehen anfing. Über einem niedrigen Gebäude zeigten drei ungeheure Wasserbehälter von starkem Zink ihre grauen Rundungen, während dahinter in einem zweiten, sehr hohen Stockwerk sich der Trockenraum erhob, von allen Seiten durch Jalousien aus schmalen Holzplättchen geschlossen, zwischen denen die Luft freien Spielraum hatte, und durch deren Öffnungen man auf Messingdrähten trocknende Wäsche sah. Der enge Schlot der Maschine stieß mit regelmäßigem Ächzen den Dampf aus. Gervaise schritt durch die Eingangstür, ohne die Röcke hochzunehmen wie eine Frau, die es gewöhnt ist, durch Wasserlachen zu gehen. Der Zugang war durch große Bütten von Fleckwasser fast versperrt. Sie kannte die Besitzerin der Waschanstalt, eine kleine zarte Frau mit kranken Augen, die in einem Kabinett mit Glasscheiben saß; vor sich hatte sie Stücke Seife, auf den Regalen stand Waschblau und kohlensaure Soda in Paketen. Im Vorbeigehen forderte sie von ihr ihren Waschschlegel und ihre Bürste, die sie ihr bei der letzten Wäsche zum Aufbewahren gegeben hatte. Nachdem sie ihre Nummer genommen, trat sie in die Waschanstalt. Es war ein ungeheurer Schuppen mit niedriger Decke, deren sichtbares Gebälk auf gußeisernen Säulen ruhte; große helle Fenster erleuchteten den Raum. Das bleiche Tageslicht drang frei durch den heißen Dunst, der wie ein milchweißer Nebel in der Luft hing. Aus verschiedenen Ecken stiegen Dämpfe auf, die sich ausbreiteten und die Enden des Schuppens in bläuliche Schleier hüllten. Eine schwere, mit Seifendünsten geschwängerte Feuchtigkeit tropfte hernieder, die bald von stärkeren Strömen von Fleckwasserdämpfen verschlungen wurde. Längs der Vorrichtungen zum Schlagen der Wäsche, die an beiden Seiten des Mittelganges hinliefen, standen Reihen von Frauen, deren Arme bis zu den Schultern entblößt waren; die Hälse waren nackt, und die verkürzten Röcke ließen farbige Strümpfe und grobe Schnürschuhe sehen. Sie hieben kräftig auf die Wäsche ein, lachten und beugten sich vor, um sich in dem Lärm ein Wort zuzurufen; unmäßig beschmutzt, schlampig und durchnäßt wie von einem Sturzregen, Arme, Gesicht und Busen gerötet und dampfend, beugten sie sich auf den Grund ihrer Wäschezuber nieder. Um sie herum und unter ihnen flutete ein fortwährender Strom, die Eimer heißen Wassers, die herbeigebracht und auf einmal geleert wurden, die geöffneten Kaltwasserhähne, aus denen das Wasser herabfloß, der mit Seifenschaum vermischte Schmutz, der unter den Waschschlegeln hervorquoll, das Abtropfwasser der gespülten Wäsche, und endlich die Pfützen, in denen sie umherpatschten, das alles floß in kleinen Bächen über den abschüssigen steinernen Fußboden dahin. Inmitten all dieses Schreiens, der regelmäßig ertönenden Schläge, des murmelnden Regengeräusches und dieses Sturmgeheuls, das von der niedrigen feuchten Decke erstickt wurde, schien die in einen weißen Tau gehüllte Dampfmaschine zur Rechten, die ohne Unterlaß keuchte und stöhnte, mit dem tanzenden Beben ihres Schwungrades, den ungeheuren Lärm zu beherrschen.“ [10]

Seit 1953 ist das Lavoir  ein Theater, in dem aber noch etwas vom Ambiente des alten Waschhauses spürbar ist.[11]

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Aber es ist auch – wie beziehungsreich-  ein „Stützpunkt“ und „Trainingslager“ der feministischen Gruppe „Femen“, die im letzten Jahr in Paris durch eine „oben-ohne-Aktion“ in Notre Dame großes Aufsehen erregt hat. Und provokativ war auch eine Demonstration halbnackter Femen-Aktivistinnen gegen islamischen Fundamentalismus gerade in diesem Viertel.[12]

Nun kann man die Rue Léon am ICI Léon vorbei zur rue Myrha gehen, in die man links einbiegt: Hier befindet sich die schon erwähnte Moschee und ein kurioses Geflügelgeschäft, die Ferme Parisienne: Ein alteingesessenes Geschäft „de père en fils“ –  inzwischen aber fest in schwarzafrikanischer Hand. Zwar werden auch Eier verkauft, aber vor allem lebendes Geflügel – nach Aussagen eines Ortskundigen das einzige Geschäft dieser Art in Paris. Zu erklären sei das mit der Fortdauer traditioneller Religionen und Riten, zu denen auch das Opfern von Hühnern bzw. Hähnen gehören könne – deshalb vielleicht auch die vielen Hähne, die dort gehalten werden. In mancher Hinsicht kann man offenbar hier leben, als hätte man sein heimatliches Dorf nicht verlassen und dazu gehört auch das Fortleben einer „conception magique du monde.“[13]

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Es lohnt sich übrigens, bei dem Rundgang auch einen Blick auf die zahlreichen brachliegenden Grundstücke zu werden. Die werden zum Teil als provisorische Nachbarschaftgärten genutzt, wie hier von einer „coopérative alimentaire„…

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oder sogar als Ausstellungfläche für Kunstprojekte. Die Ähnlichkeit mit den Kreationen des Italieners Penone, die im letzten Jahr den Park von Versailles schmückten, sind hier ganz auffällig. Dass der entwurzelte Baum im Goutte d‘Or nicht die Penone’sche Eleganz und Schwerelosigkeit aufweist, passt sehr gut in die ganz andere Umgebung: Wir sind eben nicht am Brunnen des Apollo im Schlosspark von Versailles, sondern auf einem Abrissgrundstück in einem Sanierungsgebiet im Pariser klein-Afrika. Vielleicht ist es ja sogar ein afrikanischer Baobab, der hier –auf den Kopf gestellt- eine vorübergehende Bleibe gefunden hat.

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Nun geht es weiter bis zur Rue Stephanson mit dem neuen ICI in der Nummer 56 und danach zur Kirche St. Bernard. Sie wurde nach der 1860 vorgenommenen Angliederung des Goutte d’Or an Paris gebaut, um dem sehr bescheidenen neuen Stadtteil ein monumentales Zentrum zu geben. Interessant ist bei der Kirche weniger die –allerdings durchaus beeindruckende-  neu-/spät-gotische Architektur, sondern die Rolle, die St.Bernard für das Viertel spielte und noch spielt.

Einige Berühmtheit erlangte sie 1996, als sie von über 200 „sans papiers“, also Einwanderern ohne offiziellen juristischen Status, besetzt wurde. Mit dieser Kirchenbesetzung und einem Hungerstreik wollten sie auf ihre prekäre Situation aufmerksam machen: Teilweise lebten und leben diese sans papiers schon seit Jahren mit ihren Familien in Frankreich, haben dort auch Arbeit –vor allem als Bauarbeiter und im Bereich der  Zeitarbeit- und die Kinder gehen in die staatlichen Schulen, aber ihr Status öffnet der Ausbeutung Tür und Tor und sie sind immer von Ausweisung bedroht. In den letzten Jahren erhielten zwar jährlich –unter der Präsidentschaft Sarkozys und Hollandes- etwa 30 000 sans papiers pro Jahr einen offiziellen Status, aber unter dem Druck des Front National war der bisherige Innenminister  und jetzige Ministerpräsident Manuel Valls bemüht, den Rechtsradikalen durch eine ziemlich rigide Politik im Umgang mit den „Illegalen“ keine zusätzliche Angriffsfläche zu bieten, wie sich gerade wieder kürzlich gezeigt hat, als Leonarda, ein junges „illegales“ Mädchen, von der Polizei während einer Klassenfahrt aus einem Schulbus geholt wurde, um mit ihrer Familie ausgewiesen zu werden. Das wurde von vielen –auch dem damaligen  Bildungsminister- als Angriff auf den geschützten Raum der republikanischen Schule angesehen und löste heftige Reaktionen aus, die Präsident Hollande zu einem partiellen und sehr umstrittenen Einlenken veranlassten.[14] Entsprechend war es auch 1996, als ein Großaufgebot der Polizei gewaltsam in die Kirche St. Bernard  eindrang und die Aktion der sans papiers mit massivem Einsatz beendete. Das konnte auch der Priester der Gemeinde, der père Coindé, nicht verhindern, der sich schützend vor die sans papiers in seiner Kirche stellte und sich mit ihrem Anliegen solidarisierte.[15] Aber bis heute ist die Kirche St. Bernard ein Zufluchtsort für Menschen in Not, ob das nun sans papiers oder SDFs, also Obdachlose, oder Flüchtlinge wie die von Lampedusa sind.  Und dies ganz unabhängig von ihrer Hautfarbe oder ihrem Glauben.[16]

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Am Rande des Markts zwischen La Chapelle und Barbès-Rochechouart verteilte übrigens bei einem meiner Spaziergänge durch das Viertel ein junger Mann eine  ziemlich umfangreiche Broschüre zum Thema „sans papiers“- Es werden darin sehr konkrete Informationen gegeben, wie man sich gegen drohende Ausweisungen organisieren und schützen kann und welche Maßnahmen im Fall einer Verhaftung möglich und aussichtsreich sind. Die Broschüre entstand 2009 und wurde 2012 auf den aktuellen Stand gebracht: Das Thema steht  nach wie vor auf der Tagesordnung- gerade in diesem Viertel der Stadt.

Wie sehr die Ereignisse von 1996 auf viele Franzosen traumatisierend gewirkt haben und wie sehr das Flüchtlingsthema gerade im Goutte d’Or auf bedrückende Weise aktuell ist, zeigte sich besonders wieder 2015. Zwischen den Métro-Stationen Barbès-Rochechouart und La  Chapelle hatte sich nämlich ein „jungle“, eine Zeltstadt von afrikanischen Flüchtlingen, angesiedelt.

Als wir im Früjahr 2015 abends einmal mit Freunden aus Frankfurt dort entlanggegangen sind, waren wir ziemlich entsetzt über die Zustände. Eng gedrängt stand ein Zelt am anderen und außer einem Pissoir waren keinerlei sanitäre Einrichtungen zu sehen. In der Ausgabe von Le Monde vom 30.Mai 2015 wurde angekündigt, dass der „jungle de La Chapelle“ evakuiert werden soll, dass allerdings allen dort hausenden Flüchtlingen humanere Wohnmöglichkeiten angeboten werden  sollen.[17]

Bei der Räumung ging es dann aber wohl doch ziemlich „musclé“ zu, wie man das auf Französisch gerne nennt und die versprochenen menschenwürdigen Alternativen standen dann offenbar doch nicht für alle bereit. Das hat dann Assoziationen an die Ereignisse von 1996 geweckt: „A gauche chacun se souvient de ce jour de juin 1996 où, à quelques rue de là, les forces de l’ordre avaient ouvert à l hache les porte de l’église Saint-Bernard dans laquelle s’étaient réfugiés des sans-papiers.“ (Le Monde 11.6.15)

Und die ehemalige grüne Wohnungsbauministerin Cécile Duflot schrieb in einem offenen Brief an den  Präsidenten:

„Toute la gauche a en mémoire les tristes événements de 1996, quand la droite au pouvoir n’hésitait pas à pourchasser les migrants jusque dans les églises. Nous ne pensions pas alors que le désarroi et la colère qu’ils nous faisaient ressortir, nous les ressentirions un jour sous  un gouvernement de gauche.“ [18]

Anfang Juli 2015 bin ich dann zufällig auf eine  Demonstration der Flüchtlinge des „jungle“ von La Chapelle gestoßen – eine nachdrückliche Erinnerung daran, dass es hier um eine Herausforderung geht, der Europa ganz und gar nicht gewachsen ist – und für Frankreich, das Land der Menschenrechte, gilt dies leider in ganz besonderem Maße.

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Aber weiter in unserem Rundgang: In der Rue Polonceau, in die man dann einbiegt, sollte man auf der rechten Seite die Erinnerungstafel für Louise Michel beachten. Bei den beiden Spaziergängen, die ich mit afrikanischen Führern durch das Viertel machte, gingen wir zwar an diesem Haus vorbei, ohne dass aber auf diese Erinnerungstafel hingewiesen wurde. Dabei hat Louise Michel gerade in diesem Einwandererviertel eine besondere Würdigung verdient. Denn während ihrer Verbannung in die französische Kolonie Neu-Caledonien entdeckte sie die Kultur von deren Ureinwohnern, den Kanaks, lehrte sie die französische Sprache, trat –auch nach ihrer Rückkehr nach Frankreich- für ihre Rechte ein und warb –damals noch ganz außergewöhnlich-  für die Anerkennung ihrer Kultur.[19]

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Gleich nebenan gibt es eine afrikanische Apotheke mit vielen Naturprodukten gegen alle möglichen Krankheiten, aber auch Naturkosmetik und  Amulette zum Schutz gegen böse Blicke oder andere Widrigkeiten des Lebens und der Welt.

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Da kann man durchaus auch mal hineingehen – die „Apotheker“ sind freundliche Menschen und  vielleicht  erläutern sie dem interessierten Besucher etwas die Herkunft und Wirkungsweise ihrer Produkte.

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Auf der linken Seite der Rue Polonceau sollte man dann –durch das vergitterte Eingangstor- wenigstens einen Blick in die Villa Polonceau werfen und – dafür braucht man keinen Code-  in die rue Erckmann-Chatrian reingehen. Bevor sie auf die rue Richomme trifft, kann man auf der linken Seite das schöne Multi-Kulti-Wandbild von Thoma Vouille bewundern, das wunderbar in dieses Viertel passt: Die gelben Matous freuen sich mit Recht darüber, wie Marianne die Immigranten aller Hautfarben an ihren Busen drückt.

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Übrigens findet man den Monsieur Chat –so der offizielle Name des gelben Katers- auch noch sonst öfters im Viertel, zum Beispiel am Künstlerhaus in der Rue Cavé: Da ist er sogar geflügelt…

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An der Ecke der Rue Polonceau und der Rue des Poissonniers befindet sich die Ruine der zweiten Moschee dieses Viertels. Hier war eine weitere Dependence des ICI – auch wieder mit einem Gebetsraum-  geplant, die speziell dem schwarzafrikanischen Islam gewidmet sein sollte. Die Einweihung war für 2015 geplant und auch schon groß angekündigt. Aber inzwischen sind die Pläne ad acta  gelegt, Offenbar waren die Kosten für die Stadt zu groß und die Kommune wollte sich wohl auch nicht noch einmal dem Vorwurf aussetzen, mittels eines Kulturzentrum indirekt einen muslimischen Gebetsraum mitzufinanzieren.[20]

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Der Name der Rue des Poissonniers  erinnert übrigens daran, dass  früher die Wagen aus Calais, die Paris mit frischem Fisch versorgt haben, hier auf ihrem Weg zu den großen Markthallen im Zentrum der Stadt hindurchgefahren sind. Aber das ist- wie vieles in diesem Viertel- nur noch eine Reminiszenz.

Vor dem ursprünglichen  Bauplatz der neuen Moschee steht (bzw. stand zumindest bei meinen Besuchen im Viertel immer) ein Stuhl mit einem Gefäß von Kola-Nüssen, an dem man nicht vorbeigehen sollte, ohne eine davon – gegen eine kleine Spende- zu nehmen und zu probieren. Die Kola-Nuss spielt in der traditionellen Kultur Westafrikas eine große Rolle : Nicht nur wegen der zahlreichen gesundheitlichen Wirkungen, die ihr zugeschrieben werden u.a. als Antidepressivum und AphrodisiacumDarüber hinaus hat sie aber auch eine symbolische Bedeutung : Sie wird oft bei feierlichen Anlässen gegessen, z.B. besiegelt sie die Verständigung oder Versöhnung zwischen zwei Parteien. Aber sie ist auch Ausdruck des Willkommens für Gäste und für die Freundschaft.[21] Was für ein schöner Empfang im petite Afrique von Paris !

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Und manchmal trifft man dort auch einen Afrikaner mit einem nach Tuareg-Art um den Kopf geschlungenen Schal und einem mannshohen Stab: Eine in dem Viertel präsente und repektierte Autoritätsperson, die  Konflikte schlichtet und den Zusammenhalt der Einwohner sichert.

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Auf dem Weg durch die Rue des Poissoniers  sollte man unbedingt einen Blick in das schöne, aufwändig verzierte ehemalige Kino des Viertels werfen, das « Barbès palace » dessen Decor dem früheren Namen alle Ehre macht. Inzwischen dient es als Verkaufshalle für billige Schuhe.

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Ein besonderes Erlebnis ist dann der afrikanische Straßenmarkt in der Rue Dejean, vor allem nachmittags und an Wochenenden, wenn er besonders belebt ist. Da sollte man sich etwas Zeit nehmen, sich das Treiben in Ruhe anzusehen und vielleicht etwas Obst oder Fisch zu kaufen, der hier sehr frisch und gut sein soll. Es müssen ja nicht unbedingt die ausgestellten Kalbsköpfe oder Schweinefüße sein.

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Eine große Rolle in der afrikanischen Küche spielt offenbar  Maniok, den man in den kleinen Lebensmittelläden oder auf dem Markt kaufen kann;

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auch als eine Art Paste schon (zum Teil?) zubereitet und in Palmblätter eingewickelt. Wie man daraus allerdings ein schmackhaftes Gericht machen kann, habe ich nicht genau verstanden. Mein Versuch, die weiße Maniokmasse aus den Palmblättern in Butter leicht anzubraten, war jedenfalls nicht allzu überzeugend.

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Jetzt ist man auch direkt wieder bei der Métro Château Rouge. Wenn man aber noch gerne etwas im petite Afrique bleiben will, kann man die Rue des Poissoniers ein Stück weiter bis zur Rue Labat gehen. Dort gibt es in Nr. 3 das afrikanische Restaurant Taif, das ein Einheimischer empfohlen hat. Die Namen der auf der Speisekarte aufgeführten Gerichte sind mir allerdings völlig unverständlich. Also auf gut Glück versuchen oder fragen. Wenn man danach wieder den Boulevard Barbès hinunter geht bis zur Métro Château Rouge oder einen kurzen Abstecher auf die andere Seite des Boulevards in die Fortsetzung der Rue Dejean, wird man eine Vielzahl von Perücken- und Manikürläden finden.

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Die Perückenläden gehören meistens Indern bzw. Pakistani – deshalb auch die Werbung für Perücken mit echtem indischen Haar. Und die Manikürlädchen, in denen Afrikanerinnen sich für das Wochenende schick machen lassen, werden im Allgemeinen von Chinesen betrieben, zumindest sind die dort arbeitenden Maniküristinnen –so heißen sie wohl- fast immer Chinesinnen – bzw. selten auch einmal ein junger Mann.  Es ist interessant, ihnen  durch die Schaufenster etwas bei der Arbeit zuzusehen, was offenbar akzeptiert wird. Beim Fotografieren hatte ich dann aber doch etwas Bedenken, zumal vor den Türen meistens die männlichen Begleiter der schwarzafrikanischen Kundinnen herumstehen und warten, bis sie ihre herausgeputzten Damen wieder in Empfang nehmen können.

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Ein Zeitungsartikel in Le Monde vom 23./24. März 2014 ermöglicht einen Blick hinter die Kulissen der Manikürläden: Anlass des Berichts ist ein bisher einzigartiger Streik von 5  chinesischen Maniküristinnen, dem sich auch zwei schwarzafrikanische Frisösinnen anschlossen. Beschäftigt waren sie in dem Schönheitssalon  eines Schwarzafrikaners aus der Elfenbeinküste, der seine „Angestellten“ „schwarz“ arbeiten ließ, was diese akzeptierten: Sie waren nämlich als Touristinnen eingereist, hatten also keine Arbeitserlaubnis, und die Alternative wäre entweder die Arbeit in illegalen chinesischen Textilbetrieben gewesen oder die Prostitution als „marcheuse“ im chinesischen Viertel von Belleville. Als nun aber der Chef des Betriebs abrupt die Bezahlung einstellte, begannen die fünf Chinesinnen –zum völligen Unverständnis vieler ihrer Landsleute („C’est comme ça que ça marche“)- einen Streik, der von der einflussreichen Gewerkschaft CGT unterstützt wird. Die hatte sich ja schon öfters für Arbeitskräfte „sans papiers“ engagiert.  Dabei geht es vor allem –der Chef ist inzwischen spurlos verschwunden- um eine Aufenthaltsberechtigung und Arbeitserlaubnis. Da die Maniküristinnen einer regelmäßigen Arbeit nachgehen und auf keine öffentliche Unterstützung angewiesen sind, wäre das im Prinzip auch erreichbar: Nur hatten sie als Illegale nie eine Verdienstbescheinigung bekommen…. Jetzt hoffen sie aber,  mit Unterstützung der CGT eine Regularisierung ihres Status zu erreichen. Der betreffende Schönheitssalon liegt zwar im Boulevard Strasbourg, also nicht im Goutte d’Or, aber die Gewerkschaft geht davon aus, dass die dortigen  Zustände kein Einzelfall sind und hofft, dass das Beispiel, sich gegen ausbeuterische Verhältnisse zu wehren, Schule machen werde.  Man muss jedenfalls davon ausgehen, dass die von außen so bunt und exotisch erscheinende Welt von Klein-Afrika auch ihre sehr dunklen Seiten hat.[22]

Eine Möglichkeit, den Rundgang noch etwas zu erweitern, besteht darin, den Boulevard Barbès bis zur Métro Barbès Rochechouart weiterzugehen: mittwochs und samstags ist dort –unter der Hochbahn- ein vielbesuchter Wochenmarkt und ein Treffpunkt der Maghrebiens.

Und dann gibt es dort das legendäre Kaufhaus Tati  (2 au 28 boulevard Rochechouart, 2 au 44 boulevard Barbès). Das Kaufhaus wurde 1948 von dem aus Tunesien stammenden Jule Ouaki gegründet, der es nach dem Namen seiner Mutter Tita benannte. Weil dieser Name aber schon urheberrechtlich geschützt war, stellte er die Vokale um, und so wurde „Tati“ daraus.

Ouaki führte großformatige Preisschilder und die Selbstbedienung für seine preisgünstigen Textilien ein. So reduzierte er die Schwellenangst seiner Kundschaft, die die Waren problemlos – und auch ohne Französisch-Kenntnisse-  anfassen, anprobieren und kaufen konnte. Die einzelnen Abteilungen sind voneinander abgetrennt und haben den Charakter von Spiegelkabinetten: Eine spezifische Mischung von Zimmeratmosphäre und Weite. Und –wie man/frau sieht- nach wie vor unschlagbare Preise. Also eine echte Alternative zu den Edelkaufhäusern der Grands Boulevards! Für Georg Stefan Troller ist das Tati der „goldene Graal“ der Immigranten „von Tanger und Togo und von Timbuktu“. Hier „schieben sie sich vorüber in ihren farbenfrohen Ttachten, starren auf die (ausschließlich weißen) Mannequinpuppen, die Schlüpfer und die BHs und Unterkleider und Pullis und Jeans und Stöckelschue, die eben für sie Paris repräsentieren und die westliche Kultur (obschon wahrscheinlich in Bangalore hergestellt oder in Beijing)…. 5 Millionen Strumpfhosen verkauft Tati im Jahr, 3,5 Millionen Höschen, 1 Million Lippenstifte und 20000 Hochzeitskleider (zehn Prozent des gesamten französischen Marktes, heißt es).[23]

Das Goutte d’Or ist eine eigene Welt. Aber wie lange noch? Der südliche Teil wird wohl seine nordafrikanische Eigenheit behalten, weil die dortigen Händler auch Eigentümer der Läden und Häuser sind, so dass man sie dort nicht so leicht vertreiben kann.  Das ist noch –wie Belleville- eine der „poches de résistence“ in Paris. Um die Metro-Station Barbès-Rochechuoard herum sind  Veränderungen allerdings unverkennbar und die Existenz des Tati, des „temple  de l’habillement à bas prix“ steht auf dem Spiel. Am 12.  März 2017 schreibt der Parisien:

„Un quartier en pleine mutation                                                                                                                         Avec la renaissance du cinéma le Louxor, l’installation de la célèbre librairie de la rive gauche Gibert-Joseph, l’ouverture de la brasserie Le Barbès, le carrefour tente de rompre avec ses vendeurs de cigarettes de contrefaçon, et les différents trafics qui lui collent à la peau. Et, même si rien n’est réglé, comme en témoignent les groupes de « sauvette » qui, pour certains, se sont contentés de changer de trottoir, où les marchés aux voleurs et de la misère qui perdurent, la brasserie ne désemplit pas, et le Louxor, qui a surgi de ses cendres après trois années de travaux pharaoniques, commence à se faire une réputation.

Au milieu de cette grande métamorphose, Tati, qui domine les lieux depuis 1948, a voulu, lui aussi, s’adapter. Pionnier du discount textile, qui a quitté il y a une dizaine d’années le giron de la famille Ouaki pour celui du groupe Eram, le vaisseau amiral du boulevard Barbès a sérieusement dépoussiéré ses rayons, tout en continuant à pratiquer les prix bas qui ont fait son succès.“

Aber geholfen hat dieser Versuch einer Modernisierung und „Entstaubung“  offenbar nicht. So ist ein Verkauf des Tati wahrscheinlich geworden und damit „das Ende eines Mythos.“ (23a)

Noch deutlicher sind die Veränderungen  weiter nördlich rund um die Rue Myrha, „où la population est mjoritairement africaine et financièrement fragile“. Dort gibt es „de terribles opérations de logements sociaux“: Alte baufällige Häuser werden abgerissen, die aus Schwarzafrika stammenden Bewohner umgesiedelt, und wenn dann die neuen Sozialbauten fertig sind, ziehen dort meist nicht mehr die ursprünglichen Bewohner ein, sondern eine  „bourgeoisie blanche, instruite et bien plus aisée.“ (Erich Hazan in Le Monde 31.1.14). Insofern ist auch dieses Viertel Teil eines Prozesses des „embourgeoisement“ der Stadt Paris, die im Grunde schon mit der Kahlschlagsanierung des Baron Haussman begonnen hat und sich in den letzten Jahren verschärft fortsetzt. Einige sanierte Straßenzüge wie die zwischen Square Léon und dem Bd de la Chapelle gelegene Passage Boris Vian mit ihren eher unpariserischen Arkaden und den noblen Afro-Modeboutiquen scheinen Erich Hazans These zu bestätigen,  dass das Goutte d’Or immer mehr seinen ursprünglichen spezfischen Charakter verliert.

Der langjährige (ehemalige) Pariser Bürgermeister  Delanoë sieht das natürlich ganz anders.[24] Die –inzwischen sehr behutsamen und auch aufwändigen- Sanierungen seien unvermeidlich  und der Anteil von Immigranten im 18., 19. und  20. Arrondissement –also dann erst Recht im Goutte d’Or- sei immer noch höher als  in dem im nördlichen banlieue  gelegenen Département La Seine-Saint-Denis, das nicht nur das ärmste Département von ganz Frankreich ist[25], sondern gerne auch als Beispiel für eine besonders von Immigration geprägte Problemzone genannt wird. Und trotz des schleichenden Prozesses des embourgeoisement erreicht der Prozentsatz der Armen in Goutte d’Or  immer noch fast 50% – in Paris insgesamt beträgt er etwa 14%.[26]  Dafür sind die Wohnungspreise auch die niedrigsten in Paris: Der Durchschnittspreis pro Quadratmeter liegt bei „nur“ 6000 Euro, in feineren Vierteln sind es über 12 000 Euro![27]

Wie auch immer: Das Goutte d’Or ist  eine kleine eigene Welt für sich, die  zu erkunden ich nur empfehlen kann!

 

Pour en savoir plus:

ICI: Öffnungszeiten Di bis Do 10-21 Uhr, Freitag 16-21 Uhr, Samstag 10-20 Uhr und Sonntag 12-19 Uhr.  Es gibt dort auch Angebote für Spaziergänge ins Quartier: Daten und Reservierungen über www.ici.paris.fr (Château Rouge, Petite Afrique à Paris, L’Islam à la Goutte d’or und andere)

http://www.bastina.fr/voyage.php?voyage=petit-mali-a-chateau-rouge-a-paris ( ebenfalls Angebote für Spaziergänge durch das Viertel)

http://www.fgo-barbara.fr/infos-pratiques (Centre Musical Fleury Goutte d’Or – Barbara: Dort gibt es u.a. auch afrikanische Musik)

Barbès l’africaine des années 70 à nos jours. Hrsg. von der Association Salle Saint-Bruno. Paris 2011

Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot: La  Goutte d’Or, terre de tous les exodes.  In: Paris. Quinze promenades sociologique. Petite Bibliothèque Payot. Paris 2013, S. 247ff

 

Anmerkungen:

[1] . „Son nom a fait le tour du monde grâce aux miracles de ses travaux. Il aide à resoudre les problèmes quels que soient la difficulté”.

[2] Siehe Le Parisien, 15.1.2014: Marché Dejean: haro sur les vendeurs à la sauvette

[3] Aber leider nicht nur rechte: Wenn François Hollande (Le Monde, 22.12.13)  in einer Rede –ausgerechnet!- vor dem CRIF, dem Verband der französischen jüdischen Gemeinden,  „scherzhaft“ mitteilt, sein Innenminister sei „sein et sauf“ aus Algerien zurückgekehrt und das sei schon viel („C’est déjà beaucoup“), dann trägt das sicherlich nicht dazu bei, die Offenheit gegenüber den aus Afrika stammenden Menschen in Frankreich und dem „petite Afrique“ in Paris zu fördern.

[4] http://fr.wikipedia.org/wiki/Le_bruit_et_l%27odeur_(discours_de_Jacques_Chirac):  « avec un père de famille, trois ou quatre épouses, et une vingtaine de gosses, et qui gagne 50 000  francs de prestations sociales  sans naturellement travailler! »

[5] « Maintenant, il y a dix ou quinze endroits où, de manière régulière, un certain nombre de personnes viennent pour accaparer les territoires. C’est une occupation de pans du territoire, des quartiers dans lesquels la loi religieuse s’applique, c’est une occupation. Certes y a pas de blindés, y a pas de soldats, mais c’est une occupation tout de même. »  http://www.lemonde.fr/politique/article/2010/12/11/marine-le-pen-compare-les-prieres-de-rue-des-musulmans-a-une-occupation_1452359_823448.html

[6] Heute erinnert nur noch ein Straßenname an diese industrielle Vergangenheit des Viertels

[7] Der Romantitel bezeichnet übrigens eine frühere Kneipe in der rue des Islettes Nr. 12, wo auch Gervaise, die Heldin des Romans, wohnte.

[8] http://gutenberg.spiegel.de/buch/5933/2

[9] siehe Blog-Beitrag : Chinatown in Paris. Der –im Allgemeinen unfreiwillige- Einsatz der schwarafrikanischen tiralleurs wurde übrigens lange Zeit in Frankreich kaum gewürdigt. Erst anlässlich des in Frankreich äußerst intensiv begangenen 100. Jahrestags des Kriegsbeginns scheint sich das etwas zu ändern.

[10] http://gutenberg.spiegel.de/buch/5933/3  Eine weitere Beschreibung der Wäscherei gibt es auch in den Carnets d’enquêtes par Emile Zola. La Goutte d’Or 1875 Bei der von Zola an anderer Stelle genau beschriebenen Dampfmaschine könnte es sich übrigens um ein von Cavé in Frankreich eingeführtes Modell handeln.

[11] http://www.theatreonline.com/Theatre/Lavoir-Moderne-Parisien/56

[12] http://www.huffingtonpost.fr/2012/09/18/femen-ouvrent-centre-entrainement-nouveau-feminisme-goutte-or-paris_n_1893413.html

Kürzlich wurden bei einer Theaterveranstaltung im lavoir moderne zwei Zuschauer durch Messerstiche  von einem Mann verletzt, der es aber offenbar auf die Femen-Aktivistin Inna Shevchenko abgesehen hatte. http://www.liberation.fr/societe/2014/03/29/paris-deux-spectateurs-du-lavoir-moderne-blesses-au-couteau_991332. Inzwischen gibt es aber an dem Theater keinerlei Hinweise mehr auf die Femen-Aktivistinnen. Und auch die grelle Bemalung der Fassade hat einer grauen Tristesse Platz gemacht- und einer über die ganze obere Fassade reichenden Aufforderung an die Kultusministerin, das Überleben des Theaters zu sichern.

[13] Barbès l’africaine, S.65

[14] Siehe http://www.lemonde.fr/politique/article/2013/10/21/je-pense-qu-il-est-bon-que-je-cloture-cette-sequence-a-estime-le-president_3499913_823448.html

[15] Siehe La Vie 1997 und http://www.dixhuitinfo.com/societe/article/23-aout-1996-les-sans-papiers

[16] Der Platz vor der Kirche wurde übrigens 2012 umbenannt in square « Saint Bernard – Saïd Bouziri“ – zu Ehren eines engagierten Kämpfers für die Rechte von Einwanderern.

[17] http://www.lemonde.fr/societe/article/2015/05/29/comment-sortir-de-la-jungle-parisienne_4643064_3224.html

[18] „Notre politique des migrations est un Waterloo moral“ . Le Monde, 11.6.2015   Insgesamt wurden im Winter 2015/2016 21 „campements“ von Flüchtlingen in Paris aufgelöst, ohne dass ihnen aber dafür menschenwürdige alternative Unterkünfte angeboten werden konnten – Dies wäre Aufgabe des Staates, der allerdings gegenüber Flüchtlingen eine Abschreckungspolitik betreibt. Das führt dazu, dass Asylbewerber monatelang sich selbst -und Hilfsorganisationen- überlassen  sind und auf der Straße leben. Anfang Juni 2016 hat nun die Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, angekündigt, zusammen mit Hilfsorganisationen ein „camp humanitaire“ in Paris einzurichten für die etwa 60 Asylbewerber, die täglich nach Paris kommen – eine für französische Verhältnisse äußerst mutige,  ja  kühne Entscheidung…. (s. Le Monde,2.6.2016)

[19] Zu Louise Michel in der Pariser Commune siehe Bericht 15: 140 Jahre Commune. Über die Zeit Michels in Neu-Kaledonien gibt es einen Film von 2010: http://www.commeaucinema.com/film/louise-michel-la-rebelle-drame,124629 . Und in der aktuellen Kanak-Ausstellung im Musée Branly wird die Rolle von Louise Michel für die Würdigung der Kanak-Kultur ausdrücklich hervorgehoben.

[20] http://www.paris-normandie.fr/breves/l-essentiel/paris-la-construction-de-la-2e-partie-de-l-institut-des-cultures-d-islam-abandonnee-CI3956675#.V0s65PmLTIU

[21] http://fr.wikipedia.org/wiki/Noix_de_kola

[22] A Paris, la révolte inédite de Chinoises sans papiers. Les cinq employees d’une onglerie du quartier “afro” de Paris sont soutenues par la CGT. Le Monde 23./24. Mars 2014, S. 9 Vorher hatte schon Libération über die Aktion berichtet: http://www.liberation.fr/societe/2014/02/26/sans-salaire-les-sans-papiers-du-salon-de-beaute-se-rebellent_983032

[23] Georg Stefan Troller, Paris geheim, S. 281

(23a) http://www.leparisien.fr/paris-75018/paris-tati-a-barbes-la-fin-d-un-mythe-12-03-2017-6755826.php#xtor=EREC-1481423604-[NL75]—${_id_connect_hash}@1

[24] Paris est riche de sa diversité retrouvée. Le Monde vom 5.2.14 und http://bertranddelanoe.net/

[25] Le Figaro, 25.9.13

(26)  http://www.liberation.fr/societe/2014/01/28/quand-la-pauvrete-se-revele-dans-les-grandes-villes_975822

[27] http://www.notaires.paris-idf.fr/outil/immobilier/carte-des-prix