Mme de Sévigné,  Stationen ihres Lebens (3): Grignan/Provence. Mit einem Exkurs über ihre Haltung zu den Hugenottenverfolgungen

Im ersten Teil der kleinen Beitragsreihe zum 400. Geburtstag Madame de Sévignés wurden Orte in Paris dargestellt, die in ihrem Leben bedeutsam waren:

  • Die Place Royale/Place des Vosges, wo sie geboren wurde
  • Die ehemalige Klosterkirche der Filles de la Visitation Sainte-Marie
  • Die Kirche Saint-Gervais, wo sie heiratete
  • Das hôtel Carnavalet, in dem sie viele Jahre wohnte

Im zweiten Teil wurden Orte in Frankreich vorgestellt, die im Leben der Madame de Sévigné eine besondere Rolle spielten.

  • Das Schloss Rochers der Sévignés bei Vitré in der Bretagne, wo sie viele ihrer Briefe schrieb mit einem Exkurs über die Haltung von Mme de Sévigné zum Aufstand der bonnets rouges
  • Das Schloss ihres Vetters Bussy-Rabutin in Burgund
  • Die Kurorte Vichy und Bourbon l’Archambault.

In dem nachfolgenden und abschließenden dritten Teil der kleinen Reihe steht das Schloss von Grignan in der Provence im Mittelpunkt, in dem nach ihrer Heirat die geliebte Tochter residierte, der sie die Mehrzahl ihrer Briefe schrieb. Dort ist Mme de Sévigné auch begraben. Ein abschließender zweiter Exkurs thematisiert ihre bedingungslose Akzeptanz der Hugenottenverfolgungen, bei denen ihr Schwiegersohn in der Provence eine bedeutende Rolle spielte. Dabei hatte Mme de Sévigné enge Beziehungen zu dem hugenottischen bretonischen Adel, vor allem zu ihrer Freundin Emilie von Hessen-Kassel, die nach dem Ende der Religionsfreiheit in Frankreich das Land verließ und sich in Frankfurt für ihre Glaubensbrüder einsetzte. [1] 

Grignan

Das auf einem Felsplateau östlich von Montélimar in der Provence gelegene Grignan verdankt seine Prominenz Mme de Sévigné. Ihr begegnet man dort auf Schritt und Tritt.

Statue der Mme de Sévigné auf der place Sévigné in Grignan

In ihrer Hand natürlich die Schreibfeder

Souvenir-Tasche mit Schreibfeder, Portrait der Tochter und Schlossansicht von Grignan

Nach Grignan gingen nämlich die meisten erhaltenen Briefe der Mme de Sévigné, weil dort seit 1671 ihre Tochter Françoise-Marguerite lebte. Es sind vor allem die zwei oder drei wöchentlich geschriebenen Brief an ihre Tochter, die den Ruhm der Mme de Sévigné als Briefschreiberin begründen.

Pierre Mignard zugeschrieben: Portrait von Françoise-Margueritte de Sévigné, comtesse de Grignan (1646-1705), um 1969. Musée Carnavalet Paris

Françoise-Marguerite war eine  schöne junge Frau, für ihre sie abgöttisch liebende Mutter sogar „das hübscheste Mädchen Frankreichs“.  1663, damals 16 Jahre alt,  wurde sie in die Hofgesellschaft von Versailles eingeführt und tanzte mit dem jungen Ludwig XIV. in dem „Ballet des Arts“ und ebenso in den beiden Ballettaufführungen der folgenden Jahre. Gerüchten zufolge machte ihr der junge Souverän Avancen, auf die sie aber nicht einging.

1668 heiratete sie standesgemäß, was Mme de Sévigné stolz ihrem Vetter Bussy-Rabutin mitteilte: : Heute muss ich Ihnen eine Neuigkeit melden, die Sie bestimmt freuen wird, nämlich, dass endlich das hübscheste Mädchen von Frankreich heiratet, nicht den hübschesten jungen Mann (Grignanist 15 Jahre älter als Françoise-Marguerite. W.J.), wohl aber einen der besten Edelleute des Königreichs, Herrn von Grignan, den Sie längst kennen. Alle seine Gattinnen sind gestorben, um Ihrer Cousine den Platz zu überlassen und sogar, durch außergewöhnlich günstiges Geschicke, auch noch sein Vater und sein Sohn, so dass er reicher ist denn je zuvor und überdies durch Geburt, Stellung und gute Eigenschaften ganz so, wie wir es wünschen…“ [2] 

François Adhémar de Moonteil, comte de Grignan. Grafik aus dem 17. Jahrhundert

Die Freude von Mme de Sévigné schlug aber um in allergrößte Traurigkeit, als ihre geliebte Tochter 1671 in die Provence übersiedelte, zu deren königlichem Gouverneur ihr Schwiegersohn ernannt worden war.  Und so residierte er nun mit seiner Frau auf dem Familienschloss von Grignan. Für Mme de Sévigné war die Trennung ein Schock. Am 5. Februar 1674 schrieb sie ihrer Tochter: „Gestern waren es drei Jahre, daß ich eine der schmerzlichsten Erfahrungen meines Lebens machte: Du zogst nach der Provence und bist noch dort. Mein Brief würde lang werden, wenn ich Dir alle Bitternis, die ich empfand, schildern wollte und allen Kummer, der darauf folgte.“[3] 

Und 15 Jahre später, am 9. Oktober 1689, als sie ihre Tochter schon in der Provence besucht hatte:   „Ich denke ständig an Grignan, an euch alle, an eure Terrassen, an eure wunderschöne, atemberaubende Aussicht.“ [4] 

Die obere Schlossterrasse

Blick von der oberen Schlossterrasse

Blick auf die untere Schlossterrasse, an der auch der Eingang zur Schlosskirche liegt.

Mme de Sévigné  ließ es sich also nicht nehmen, mehrfach die beschwerliche Reise von Paris nach Grignan auf sich zu nehmen, um ihrer Tochter nahe zu sein und die „atemberaubende Aussicht“ zu genießen. Die gab es ja weder in Paris noch in Les Rochers. Allerdings war man damals 17 Tage unterwegs, teilweise auf der noch ungebändigten Rhône, die Mme de Sévigné besonders fürchtete, die aber dennoch sicherer war als der Landweg auf holprigen Wegen durch Wälder, „in denen es von Banditen und Wölfen wimmelte.“ [5] 

Von dem Schloss war sie sehr beeindruckt. Ihrem Onkel, dem Abbé de Coulanges, der einen Brief „an das königliche Schloss Grignan“ adressiert hatte, schrieb sie am 9. September 1694:

„Eine solche Anschrift erweckt zum mindesten den Eindruck, dass unter allen Schönheiten, die Ihre Phantasie erfüllen, die Schönheit dieses Schlosses seinen Platz behauptet, und das gereicht ihm zur Ehre. Ich muss Ihnen ein wenig davon erzählen, da Sie es lieben.

Die hässlichen Stufen, über die man, zur Schande der d’Adhémars, zum zweiten Hof steigen musste, sind jetzt der angenehmsten Treppe, die man sich vorstellen kann, gewichen. …. da ist nun ein Meisterwerk entstanden. Die Eingangshalle ist schön, und es lässt sich dort sehr angenehm essen. Man gelangt über eine große Freitreppe hin, über der Türe ist das Wappen der Grignans. Die Gemächer der Prälaten, von denen Sie nur den Salon kennen, sind sehr befriedigend eingerichtet, und wir bewohnen sie sehr angenehm.“[6] 

In der Tat unternahm der Schwiegersohn von Mme des Sévigné erhebliche Anstrengungen, das Schloss den repräsentativen Anforderungen seines Amtes entsprechend umzubauen. Vorbild war dabei das Schlosss von Versailles.

Ihrem adligen Freundeskreis in Paris berichtete sie begeistert: „Es ist ein wunderschönes Haus, eine wunderschöne Aussicht, eine herrliche Atmosphäre voller Erhabenheit und Pracht,  von der ich ganz verzaubert bin.“ [7] 

Die südliche Schlossfassade

Verzaubert war sie auch von den Speisen auf Schloss Grignan. Ihrem Vetter berichtet sie:

Aber da wir beim häuslichen Thema sind, wollen wir auch davon reden, wie grausam man hier isst, besonders in dieser Jahreszeit. Es gibt zwar dieselben Speisen wie in überall: Rebhühner, das ist gewöhnlich, jedoch ungewöhnlich ist es, dass alle so sind wie in Paris jene, die man mit ganz besonderer Miene unter die Nase zu halten pflegt und ausruft: ‚Oh, dieser Duft! Riechen Sie ein wenig!‘  Solches Erstaunen lassen wir hier weg; unsere Rebhühner nähren sich mit Thymian und Majoran, mit allen duftenden Kräutern, die wir in Säckchen eingenäht in unsere Wäsche legen. Er gibt hier keine besseren und schlechteren. Und dasselbe sage ich von unseren fetten Wachteln, deren Schenkel sich bei der ersten Aufforderung vom Körper lösen müssen (sie gehorchen unfehlbar), und Turteltauben, auch sie vollendet gut. Und was die Melonen, Feigen und Muskatellertrauben betrifft, so ist es eigenartig: wenn wir den schlechten Einfall hätten, eine solche Melone finden zu wollen, müssten wir sie aus Paris kommen lassen, hier gibt es keine. Die weißen Feigen sind zuckersüß, die Trauben wie essbare Bernsteinkugeln. Man könnte sich leicht an ihnen berauschen, falls man zu viel davon essen würde, denn es ist, als trinke man in kleinen Schlücken Wein von Saint-Laurent. Das ist ein Leben, lieber Vetter!“[8] 

Aber dann gießt sie dem beeindruckten Vetter doch etwas Wasser in den süßen provencalischen Wein: „Sie glauben, alle unsere Tage seien aus Gold und Seide gemacht. Mein Vetter, leider ist es hier hundert mal kälter als in Paris. Es ist der Südwind, es ist der Nordwind, es sind die Teufel, die darin wetteifern, uns zu verhöhnen; sie streiten sich um die Ehre, uns in unseren Zimmern  einzusperren.“ [9] 

Und auch ihrer Tochter gegenüber betont sie die Nachteile von Grignan – wohl um sie zu motivieren, öfters einmal die Mutter in Paris oder Les Rochers zu besuchen:

„Grignan sehe ich auch, aber Du hast keine Bäume, das tut mir leid; ich sehe nicht recht, wo Du spazieren gehen kannst, auch hast Du keine Grotten mit Wasserkünsten, und ich fürchte, daß der Sturm Dich eines Tages von Deiner Terrasse fortträgt: ja, wenn ich glauben könnte, der Wirbel brächte Dich einst hierher, ich hielte immer mein Fenster offen – und auffangen wollt‘ ich Dich, Gott weiß es!“[10] 

Wenn Mme de Sévigné in Grignan zu Besuch war, vermisste sie natürlich ihren geliebten Park von Les Rochers und ihre Bäume, aber immerhin gab es die Grotte von Rochecourbière, einen Felsüberhang, wohin sie sich gerne zurückzog, „um ihren bleichen Teint vor der sengenden Sonne zu schützen und fernab des Trubels auf dem Schloss ihre Briefe zu schreiben.“ [11] 

Zugang zur Grotte

Ein Platz zum Ausruhen und Briefe-Schreiben…

Insgesamt war Mme de Sévigné  dreimal  in Grignan und verbrachte dort insgesamt fast vier Jahre. In Grignan starb sie am 17. April 1696 und sie ist auch dort begraben.

Grabstätte der Mme de Sévigné in der am Fuß des Schlosses gelegenen Stiftskirche Saint-Sauveur aus dem 16./17. Jahrhundert. 1793 hatten Revolutionäre auch die Gräber geöffnet – allerdings nicht wie in Saint Denis aus politischen, sondern aus militärischen Gründen: Sie suchten nämlich nach Blei für die Herstellung von Munition. Sie trennten auch den Kopf der inzwischen berühmten Mme de Sévigné ab, der auf Umwegen zu Franz Joseph Gall, dem in Paris niedergelassenen Begründer der Phrenollogie (Schädellehre) gelangte. Diese Pseudowissenschaft unterstellte einen Zusammenhang zwischen Schädel- und Gehirnform einerseits und Charakter und Geistesgaben andererseits. Galls leitete aus seinen Untersuchungen ab, dass dieser Schädel tatsächlich einer Frau gehörte, die eine bemerkenswerte Besonderheit aufwies: nämlich eine völlige Unfähigkeit zur mütterlichen Liebe… [12] 

Im 18. Jahrhundert wurde Grignan aufgrund seiner Lage und seines literarischen Renommees Zwischenstation vor allem englischer Kunstfreunde und Aristokraten auf dem Weg nach Italien.[13] 

Das konnte aber nicht verhindern, dass 1793 das Schloss als Symbol feudaler Unterdrückung weitgehend zerstört wurde. Das Mobiliar und die Kunstwerke wurden geplündert und verkauft. Prosper Mérimée, Inspektor der monuments historiques schrieb 1844, das Schloss sei nur noch ein -allerdings von romantisch angehauchten Reisen geschätzter Trümmerhaufen (une masse de décombres).

Schlossruine im 19. Jahrhundert (zeitgenössische Darstellung, Schloss von Grignan)

1911 kaufte Marie Fontaine, eine steinreiche Bankierswitwe und Mäzenin, das noch weitgehend ruinierte Schloss und ließ es weitgehend originalgetreu wieder aufbauen. Es wurde auch wieder prachtvoll eingerichtet und dabei natürlich Mme de Sévigné nicht vergessen:

Das rekonstruierte Schlafzimmer der Mme de Sévigné

Der Schreibtisch mit der obligatorischen Feder

2026 feiert Grignan Mme de Sévigné, der es so viel verdankt, ausgiebig mit einem Sévigné-Jahr.

Exkurs: Mme de Sévigné, die Hugenottenverfolgungen und Emilie von Hessen-Kassel

Zum Schluss der Mme de Sévigné gewidmeten kleinen Beitragsreihe möchte ich auf ihre Haltung zu den Hugenottenverfolgungen in der Provence eingehen – ein Thema, das, soweit ich das sehe, in den Würdigungen zum 400. Geburtstag der Mme de Sévigné eher freundlich umgangen wird – vielleicht um die allgemeine gute Festlaune nicht zu trüben.

Denn Mme de Sévigné  gehörte immerhin zu den entschiedensten, ja begeistertsten Befürwortern des Edikts von Fontainebleau, mit dem Ludwig XIV. das Edikt seines Großvaters aufhob und dass dabei auch Gewalt angewendet wurde, hielt sie für durchaus gerechtfertigt, ja notwendig.

In dem Brief an ihren Vetter vom 28. Oktober 1685 schrieb sie: „Sie haben sicherlich von dem Edikt gehört, mit dem der König das Edikt von Nantes aufhebt. Es gibt nichts Großartigeres als all das, was darin steht, und noch nie hat ein König etwas Denkwürdigeres getan und wird es auch nie tun.“ [14] 

Dabei wusste Mme de Sévigné, dass die von ihr gepriesene Wiederherstellung der religiösen Einheit Frankreichs mit durchaus rabiaten Mitteln durchgesetzt wurde. In dem schon zitierten Brief an ihren Vetter rühmt sie den Pater Bordaloue „der einen charmanten Geist besitzt und eine sehr liebenswürdige Art hat. Auf Befehl des Königs bricht er nun auf, um in Montpellier und in jenen Provinzen zu predigen, in denen sich so viele Menschen bekehrt haben, ohne zu wissen, warum. Pater Bourdaloue wird es ihnen beibringen und sie zu guten Katholiken machen. Die Dragoner waren bisher sehr gute Missionare: Die Prediger, die man nun entsendet, werden das Werk vollenden.“

Kopie einer Zeichnung aus dem Jahr 1686. Links ein Dragoner/Missionar – in seinem Gewehr statt einer Kugel ein Kreuz. Rechts ein Häretiker/Hugenotte, der seinen Übertritt zum Katholizismus vollzieht.

Offenkundig schwingt in diesen Worten auch etwas Ironie mit – so wie ja auch in ihren in Worten zu den Galeerensträflingen, die ich im ersten Teil des Blog-Beitrags über Mme de Sévigné zitiert habe. Aber es ist doch befremdlich, wie sie die staatliche Brutalität, die bei der zwangsweisen „Bekehrung“ von Hugenotten angewandt wurde, darstellt. Die Soldaten, die bei den berüchtigten Dragonnaden in protestantischen Häusern einquartiert wurden, waren ja nun wirklich keine „sehr guten Missionare“. Und die Hugenotten, die unter diesen Bedingungen zum Katholizismus übertraten, wussten durchaus warum: wegen des massiven Zwangs, der auf sie ausgeübt wurde. Aber die Abfolge von militärischer Zwangskonversion und anschließender Missionierung nimmt Mme de Sévigné ironisch-billigend in Kauf. Der heilige Zweck heiligt eben die Mittel, selbst die schlimmsten.  Das gilt auch für ihren Vetter, der in seinem Antwortbrief vom 14. November 1685 schreibt, er bewundere „das Vorgehen des Königs, die Hugenotten zugrunde zu richten.“ Das neue Edikt Ludwigs XIV. sei ihr „coup de grâce“, ihr Gnadenstoß – eine sehr „feinsinnige“  Formulierung: Selbst wenn es darum geht, eine ganze Bevölkerungsgruppe „zugrunde zu richten“, wird das in der Art der „Rabutinage,“ dem geistreich plänkelnden Austausch zwischen Mme de Sévigné und ihrem Bruder behandelt. Die als Grundton ihrer Briefe vom FAZ-Feuilletonisten Mark Zitzmann gerühmte „Zartheit“ bzw. das „Zartgefühl“, das Mme de Sévigné auch für sich selbst beanspruchte, sucht man vergeblich, wenn es um den Kampf gegen die Hugenotten geht. Und ihre diesbezügliche Militanz  geht über ein „gutkatholisches Überlegenheitsgefühl über die verfolgten Protestanten“ doch weit hinaus.[15] 

Die Zustimmung von Mme de Sévigné zur Gewaltanwendung bei der Durchsetzung des Edikts von Fontainebleau beruht wohl auch darauf, dass ihr Schwiegersohn, der Gouverneur der Provence, dabei eine wichtige Rolle spielte. Am 16. März 1689 schreibt Mme de Sévigné, die gerade bei ihrer Tochter zu Besuch ist, ihrem Vetter Bussy-Rabutin [16]: „Herr und Frau von Grignan sind auf ihrem Posten. Herr von Grignan hat eine entsetzlich ermüdende Reise in die Berge der Dauphiné hinter sich. Er musste Hugenotten aufstöbern und bestrafen. Sie kommen aus ihren Löchern hervor, um gemeinsam zu Gott zu beten, und verflüchtigen sich wie Geister, sobald sie merken, dass man ihnen auf der Spur ist und sie ausrotten will. Diese Art von fliegenden, unsichtbaren Feinden verursacht endlose Mühe, ja, wörtlich, sie nimmt kein Ende. Diese Leute verschwinden im Nu, und sobald man ihnen den Rücken kehrt, kommen sie wieder aus ihren Höhlen hervor. Ich glaube, in Burgund gibt es nichts dergleichen.“

Das Mitleid, das Mme de Sévigné noch mit den Opfern des blutig niedergeschlagenen bretonischen Aufstandes hatte, fehlt gegenüber den Hugenotten völlig: Anstatt sich, wie es sich anscheinend ihrer Meinung nach gehörte, willig ausrotten zu lassen, verschwinden sie einfach und verflüchtigen sich wie Geister. Und nota bene: Es geht hier für sie nicht um Bekehrung oder Vertreibung, sondern um Ausrottung. Die Vokabel, die sie verwendet, exterminer, also vernichten/ausrotten, wird, das muss ich doch anmerken, im Französischen auch für den Holocaust verwendet.

Aber das Mitleid geht Mme de Sévigné auch hier nicht völlig ab. Ihr armer Schwiegersohn hat „eine entsetzlich ermüdende Reise“ hinter sich.  Es verursacht „endlose Mühe“, die Hugenotten „aufzustöbern und zu bestrafen“, also auszurotten. Es macht ihr große Sorgen, dass die Jagd auf die Hugenotten zu beschwerlich oder gar gefährlich sein könnte: „Der Brief von Monsieur de Grignan hat mich erschauern lassen, mich, meine Liebe, Gute,  die ich weder den Anblick noch die Vorstellung eines Abgrunds ertragen kann. Wie schrecklich, … immer nur einen Hauch vom schrecklichen Tod entfernt zu sein! … Ich befürchte, dass diese Dämonen verschwinden, sobald sie Angst haben und Monsieur de Grignan sehen, aber mit derselben Leichtigkeit wieder auftauchen, sobald er nicht mehr da ist.“ [17]  Aber sie ist doch stolz auf ihn, denn die Vernichtung der Hugenotten ist für sie ein ehrenvolles Werk: „Sie können froh sein, dass niemand kommt, um Ihnen bei Ihrer Arbeit zu helfen. Monsieur de Grignan wird diese Dämonen vertreiben, die aus den Bergen kommen und sich dort wieder verstecken. Im Languedoc gibt es viele davon; Monsieur de Broglio und Monsieur de Bâville jagen sie. Sie sind wie Geister, sie verschwinden einfach.“ [18]  Damit stellt Mme de Sévigné ihren Schwiegersohn auf eine Ebene mit Männern, die für ihre Härte, ja Grausamkeit bei der Jagd nach Hugenotten im Languedoc bekannt und berüchtigt waren. [19] In einem ihrer Briefe nennt sie selbst Bâville ohne jeden kritischen Unterton den Schrecken des Languedoc („la terreur du Languedoc“): offenbar sieht sie ihn als Vorbild für ihren Schwiegersohn bei seinem Kampf gegen die „Dämonen“.[20] 

Bei der Lektüre dieser Briefe musste ich ganz unwillkürlich und gegen jede political bzw historical correctness an die Posener Rede des „Reichsführers SS“ Heinrich Himmler vom Oktober 1943 denken. Da redete er von der notwendigen „Ausrottung“ des jüdischen Volks, an der teilgenommen zu haben „ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte“ sei. Natürlich ist es völlig abwegig, Mme de Sévigné und Himmler auf eine Stufe zu stellen, es sind Welten, die beide trennen.[21]  Aber irritierend ist die Haltung von Mme de Sévigné zu der Gewaltanwendung gegen die Hugenotten doch. So fühlt sich denn auch Ferdinand Lotheißen, Übersetzer der Briefsammlung des Projekts Gutenberg, genötigt, den Brief vom 28. Oktober 1685 mit einer ansonsten völlig unüblichen Anmerkung zu versehen:

Von einer Frau wie Mme. de Sévigné einen solchen Brief zu lesen, erstaunt uns. Doch vergessen wir nicht, daß uns mehr als zwei Jahrhunderte von jener Zeit trennen, und daß erst nach langen Kämpfen Toleranz und Gewissensfreiheit errungen wurden. Mme. de Sévigné sprach hier, wie fast alle ihre Standesgenossen, welche die Aufhebung des Edikts von Nantes als eine große Tat priesen. Auch La Fontaine pries in einem Brief an den Herzog von Vendôme den König, daß er die »ketzerische dumme Hugenottenbrut« vertrieben hätte.“ [22]

Allerdings hatte es unter dem ursprünglich hugenottischen und nur aus Staatsraison zum Katholizismus konvertierten Heinrich IV. mit dem Edikt von Nantes durchaus schon ein gewisses Maß an Toleranz in Frankreich gegeben. Und es gab in Frankreich auch vereinzelte kritische Stimmen. So von dem Festungsbauer Vauban, der aus sachlichen Gründen vor einer Aufhebung des Edikts von Nantes gewarnt und dabei vor allem auf die möglichen -und dann ja auch durchaus eingetretenen – negativen Konsequenzen für Frankreich hingewiesen hatte. Andere, wie der Jansenist Antoine Arnault, rieten immerhin dazu, nicht allzu laut und triumphal die Aufhebung des Edikts von Nantes zu bejubeln, weil bei der Konversion so vieler „Ketzer“ doch auch einige Gewalt angewandt worden sei. [23] Diese Zurückhaltung gibt es bei Mme de Sévigné nicht.

Dass es Mme de Sévigné nur allzu richtig fand, „die elenden Hugenotten auszurotten“ (exterminer), ist für mich schon befremdlich genug. Umso mehr allerdings, wenn man bedenkt, wie engen Kontakt sie vor dem Edikt von Fontainebleau mit Hugenotten hatte. Vitré, in dessen Nähe Les Rochers, das Schloss der Sévignés, lag und wo sie auch direkt ein stattliches hôtel particulier besaß, war nämlich eine Hochburg der Hugenotten. 1583 fand dort die 12. Synode der reformierten Kirchen Frankreichs statt, 1617 die 22. Synode. 1598 gab sogar Henri Quatre der Stadt die Ehre und habe dabei ausgerufen, er wäre gerne Bürger von Vitré, wenn er nicht französischer König wäre. Zu dem bretonischen Freundeskreis von Mme de Sévigné gehörte auch Emilie von Hessen- Kassel, Prinzessin von Tarent, zu dieser Zeit sicherlich die prominenteste Bewohnerin von Vitré. [24] Emilie war die älteste Tochter des Landgrafen Wilhelm V. von Hessen-Kassel. 1648 heiratete sie den in hessischen Diensten stehenden Hugenotten Henri Charles de La Trémoille, Fürst von Tarent und Talmont. Nach dem Tod ihres Mannes 1672 lebte Emilie im Sommer auf ihrem Landsitz, dem Château Marie in  Vitré, und wurde eine enge Freundin der genau gleichaltrigen Mme de Sévigné. Die rechnete es, wie wir schon gesehen hatten, ihrer Freundin und deren Nähe zum Versailler Hof zu und hoch an, dass Vitré beim bretonischen Aufstand der bonnets rouges von der Einquartierung königlicher Truppen verschont wurde. Der „bonne Tarente“ las sie Ausschnitte aus den Briefen ihrer Tochter vor und umgekehrt las Emilie Mme de Sévigné  auf deutsch geschriebene lange Briefe ihrer Nichte Liselotte von der Pfalz, der Schwägerin Ludwigs XIV., vor und übersetzte sie ihr. [25]  Die verschiedenen Konfessionen waren dabei kein Hinderungsgrund, sondern wurden akzeptiert. Am Weihnachtstag 1675 berichtet Mme de Sévigné, habe sie an der Messe teilgenommen und dabei große Freude empfunden, katholisch zu sein. Gleichzeitig sei Emilie, „la bonne princesse“, zu ihrem Gottestdienst gegangen. Und anschließend habe sie mit dem ministre, dem Pfarrer, diniert: eine wunderbare Momentaufnahme des Miteinanders über konfessionelle Grenzen hinweg.

Dass trotz dieser engen Beziehungen zu Hugenotten Mme de Sévigné derart eindeutig deren Ausrottung befürwortet, ist schon bemerkenswert. Immerhin pflegte sie, wie ihre Briefe zeigen, Freundschaften und hielt, wie sie gegenüber dem von Ludwig XIV. geächteten Nicolas Fouquet eindrucksvoll bewies, auch dann noch daran fest, als es politisch inopportun war, ja sogar gefährlich werden konnte. Aber bei den Hugenotten war es wohl die unbedingte Treue zur katholischen Kirche, die die Enkelin einer Ordensgründerin und späteren Heiligen veranlasste, sich so radikal zu positionieren. Obwohl sie doch aus eigener Erfahrung wusste/wissen musste, dass die Hugenotten durchaus nicht so „elend“ und „dämonisch“ waren, wie sie sie dann in ihren Briefen darstellte. Aber dass bei Verfolgung ganzer Bevölkerungsgruppen immer auch einzelne Ausnahmen gemacht werden, liegt nahe.

Emilie von Hessen-Kassel, die auch nach der Konversion ihres Mannes zum Katholizismus an ihrem Glauben festhielt,  entschied sich übrigens nach dem Erlass des Edikts von Fontainebleau zur Rückkehr nach Deutschland, obwohl ihr Ludwig XIV. “nicht unbeträchtliche Pensionszahlungen anbot, falls sie konvertierte.“ Sie erhielt die außerordentliche, „einfachen“ Hugenotten verwehrte Erlaubnis, mit 5 bis 6 französischen Bediensteten in ihre deutschen Besitzungen zurückzukehren.[26] Allerdings kehrte sie nicht in das elterliche Hessen-Kassel zurück, obwohl das zu den deutschen Territorien gehörte, die den aus Frankreich geflohenen Hugenotten Zuflucht boten. Sondern sie ließ sich in Frankfurt nieder, das eine wichtige Zwischenstation von aus Frankreich geflohenen Menschen war.[27] Aufgrund ihrer herausgehobenen Stellung wurden ihr dort sogar Privilegien zugebilligt, die Reformierte in der streng lutherischen Stadt nicht hatten.  Mit ihren geringen verbliebenen Mitteln unterstützte sie vor allem Waldenser,  die auf Hilfe wesentlich mehr angewiesen waren als die wegen ihrer vielfältigen Kompetenzen und großen Arbeitsmoral von reformierten Territorialherren gerne aufgenommenen Hugenotten. In Frankfurt starb sie 1693, drei Jahre vor ihrer ehemaligen Freundin. Bestattet wurde sie in Kassel, aber ein Denkmal wurde ihr nicht gesetzt.


Literatur

Madame de Sévigné, Briefe. Herausgegeben und übersetzt von Theodora von der Mühl. Insel TB 1979

Marquise de Sévigné, Ausgewählte Briefe. Übersetzt von Ferdinand Lotheißen. München: Albert Langen 1925  https://www.projekt-gutenberg.org/sevigne/sevigbrf/chap001.html

Madame de Sévigné, Briefe an die Tochter. Ausgewählt und aus dem Französischen übersetzt von Susanne Schürmann. Mülheim 2020

Marie de Rabutin-Chantal, marquise de Sévigné, Lettres de Madame de Sévigné, de sa famille et de ses amis Texte établi par Louis MonmerquéHachette, 1862 https://fr.wikisource.org/w/index.php?title=Lettres_de_Madame_de_S%C3%A9vign%C3%A9/%C3%89dition_Monmerqu%C3%A9/Volume_1/Notice&utm_source=chatgpt.com

Les Classiques de Lire, Themenheft Madame de Sévigné. 2/3/4 2026

Paul Deschanel, membre de l’Académie Française, Rede zur Einweihung der Statue  von Madame de Sévigné. Vitré,  8. Oktober 1911  https://www.academie-francaise.fr/inauguration-de-la-statue-de-mme-de-sevigne-vitre  

Duchêne, Roger (Hrsg), Autour de Mme de Sévigné, deux colloques pour un tricentenaire. Biblio 17 Hrsg vom Romanischen Seminar der Uni Tübingen 1997

Rob Kieffer, Göttliche Trüffel, hinterhältige Teufel. Die Drôme provencale war für Madame de Sévigné, die plauderfreudige, scharfsinnige Briefeschreiberin und Chronistin des königlichen Hoflebens, Zufluchtsort und Inspirationsquelle. In diesem Jahr feiert man dort ihren 400. Geburtstag. In: FAZ 23.5.2026

Gerlinde Kraus, Madame de Sévigné. In: Bedeutende Französinnen. Mühlheim/Main 2006

Jean-Jacques Lévêque, Madame de Sévigné ou la saveur des mots 1626-1696. Paris ACR Editions 1996

Claude Lefebvre, Portrait von Madame de Sévigné. https://de-academic.com/dic.nsf/dewiki/899704

Stéphane Maltère, Madame de Sévigné. Paris: Gallimard 2013

Genès Pradel, Madame de Sévigné en Bourbonnais : ses séjours à Vichy et à Bourbon-l’Archambault. Conférence faite aux « Amis de Montluçon », le 2 mai 1914. Madame de Sévigné en Bourbonnais : ses séjours à Vichy et à Bourbon-l’Archambault / par Genès Pradel | Gallica

Anmerkungen

[1] Alle Fotos dieses Beitrags, soweit nicht anders angegeben, von Wolf Jöckel

Lesezeit 24 Minuten

[2] Brief an den Grafen Bussy-Rabutin vom 4. Dezember 1668. Aus: Briefe a.a.O., S. 26/27

[3] Von Mme. de Sévigné an Mme de Grignan  Brief 37 Paris, 5. Februar 1674 Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné Kapitel 5

[4] Info-Tafel im Schloss von Grignan. Übersetzung in: FAZ 23.5.2026

[5] FAZ 23.5.2026

[6] Brief aus Grignan vom 9. September 1694. Zit. Briefe, S. 380

[7] Zit. von Kieffer, FAZ, 23.5.2026

[8] Brief aus Grignan vom 9. September 1694. Zit. Briefe, S. 380/381

[9] Zit. Kieffer, FAZ, 23.5.2026

[10] https://www.projekt-gutenberg.org/sevigne/sevigbrf/chap003.html Brief 21

[11] Kieffer, FAZ, 23.5.2026

[12] Les Classique de Lire, S. 11

[13] Die nachfolgende Abbildung aus der im Schloss präsentierten Geschichte von Grignan

[14] Lettres de Mme de Sévigné (Bibliothèque de la Pleiade), t. III, p. 114  Zitiert auch bei  https://de.frwiki.wiki/wiki/%C3%89dit_de_Fontainebleau_%281685%29  als Beispiel für die begeisterte Zustimmung der Marquise de Sévigné zu dem Edikt von Fontainebleau:  „Kein König hat jemals etwas Denkwürdigeres getan oder wird es tun.“ Auch das musée protestant zitiert in dem Beitrag über die französischen und ausländischen Reaktionen auf das Edikt von Fontainebleau an hervorgehobener Stelle diese Briefpassage der Mme de Sévigné. https://museeprotestant.org/notice/les-reactions-en-france-et-a-letranger/

[15] Mark Zitzmann, Was sie schrieb, war einfach unerhört. 400 Jahre Madame de Sévigné. In: FAZ vom 5.2.2026  Zitzmann spricht zwar immerhin das heikle Thema an, aber die Haltung von Mme de Sévigné derart zu bagatellisieren, finde ich eher peinlich.

[16] Brief S. 345 vom 16. März 1689

[17] Ibid., p. 377

[18] Lettres de Mme de Sévigné (Bibliothèque de la Pleiade), t. III  S. 363 Brief vom 25. Februar 1689

[19] Zur Rolle des Grafen von Grignan bei der Bekämpfung der Hugenotten siehe: R. Duchêne, Monsieur de Grignan et les protestants de Provence  https://cinumedpub.mmsh.fr/Provence-historique/Pdf/PH-1970-20-079_07.pdf S. 64/65 Duchêne geht von einem Artikel in der in der Enzyklopädie Grand Larousse (Ausgabe 1962), die er zitiert:

« Grignan (François-Adhémar de Monteil, comte puis marquis de) [Grignan 1629, id. 1714). Colonel du régiment d’infanterie de Champagne en 1654, il fut nommé lieutenant général de Provence (1669) et fut rigoureux avec les protestants.“

In seinem Beitrag versucht Duchêne, dieses Urteil zu korrigieren. Grignan habe nur die königllichen Instruktionen ausgeführt und dabei sogar besondere Zurückhaltung walten lassen: es sei ihm nämlich darauf angekommen, die Grenzen zu schließen und möglichst viele Hugenotten im Land zu halten. Grund für das negative Urteil des Larousse seien die Briefe von Mme de Sévigné, die das Bild ihres Schwiegersohns geprägt hätten.

» L’approbation de Mm. de Sévigné à son gendre ne peut, dès lors, que le rendre suspect: La réputation de dureté du comte de Grignan lui vient de ces quelques passages, les seuls qui attestent sa présence dans une expédition contre les protestants, sans doute en service commandé, puisqu’il est hors de son propre gouvernement. Parce que l’imagination de l’épistolière était effrayée de la difficulté des chemins ct de l’aptitude des protestants à se cacher, elle a fixé ses impressions dans une image qui s’imposait à son esprit et qui s’est imposée à celle de ses lecteurs, celle d’une sorte de chasse contre les ‚démons‘. L’horreur du cadre s’est associée dans les esprits à l’horreur de cette poursuite, où il s’agit d‘ « exterminer“. Et M. de Grignan, solidaire de Broglio et de Bâville, a été rendu responsable d’une expédition dont on ignore s’il la commandait et s’il l’approuvait.“

[20] Brief an Mme de Grignan vom 2. Oktober 1689. https://fr.wikisource.org/wiki/Lettres_choisies_%28S%C3%A9vign%C3%A9%29%2C_%C3%A9d._1846/Lettre_295?utm Brief 295

[21] Mme de Sévigné ist außerdem Kommentatorin, Himmler dagegen verantwortlicher Täter.

[22] .Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné Kapitel 16, 148

[23] Siehe: https://museeprotestant.org/notice/les-reactions-en-france-et-a-letranger/ , wo die wesentlichen Bedenken Vaubans aufgeführt sind. Siehe auch:  Charles Alfred de Janzé, Les Huguenots. Cent ans de persécution 1685 — 1789 (1886 https://www.gutenberg.org/cache/epub/16849/pg16849.html

[24] https://de.wikipedia.org/wiki/Emilie_von_Hessen-Kassel

[25] Brief vom 23. Oktober 1675 an ihre Tochter

„Madame écrit en allemand de grandes lettres à Mme de Tarente : je me les fais expliquer. Elle lui parle avec beaucoup de familiarité et de tendresse, et la souhaite fort.“  

[26] Archives nationales, La Trémoille, Marie-Amélie de Hesse-Cassel (1626-1693 ; duchesse de)

https://rdf.archives-nationales.culture.gouv.fr/garance/entities/agent/052904/?utm

[27] Dazu im Einzelnen: Michelle Magdelaine, Francfort-sur-le-Main et les réfugiés huguenots.  Pariser Historische Studien Bd. 82 2007 https://perspectivia.net/servlets/MCRFileNodeServlet/ploneimport_derivate_00010832/magdelaine_huguenots.pdf?utm

Mme de Sévigné:  Stationen ihres Lebens (2): Bretagne, Burgund

Im ersten Teil des Beitrags zu Madame de Sévigné wurden Orte in Paris dargestellt, die in ihrem Leben bedeutsam waren:

  • Die Place Royale/Place des Vosges, wo sie geboren wurde
  • Die ehemalige Klosterkirche der Filles de la Visitation Sainte-Marie, ein von ihrer Großmutter gegründeter Frauenordens.
  • Die Kirche Saint-Gervais, wo sie heiratete
  • Das hôtel Carnavalet, in dem sie viele Jahre wohnte; heute das Stadtmuseum von Paris, in dem derzeit anlässlich ihres 400. Geburtstages die Ausstellung Mme de Sévigné. Lettres parisiennes gezeigt wird.

In diesem zweiten Teil des Beitrags werden nun Orte außerhalb von Paris vorgestellt, die im Leben der Madame de Sévigné eine besondere Rolle spielten.[1] Sie liegen alle in Frankreich, denn Mme de Sévigné war zwar viel unterwegs, blieb aber immer nur innerhalb der Grenzen ihres Landes.

  • Der nach Paris wichtigste Ort, an dem sie sich viel aufhielt, war das Schloss Rochers der Sévignés bei Vitré in der Bretagne, wo sie viele ihrer Briefe schrieb.  Darin bezieht sie sich auch auf den Aufstand der bonnets rouges in der Bretagne, der in einem Exkurs angesprochen wird. Mme de Sévigné verurteilte ihn entschieden und folgte damit bedingungslos der Politik Ludwigs XIV., auch wenn sie sich der leidvollen Konsequenzen dieser Politik bewusst war.
  • Weitere „Mme de Sévigné-Orte“ waren die Bäder Vichy und Bourbon l’Archambault, die sie  wegen ihrer gesundheitlichen Beschwerden aufsuchte.
  • Und schließlich in Burgund das Schloss ihres Vetters Bussy-Rabutin, mit dem sie einen intensiven Briefwechsel unterhielt und in dem die Erinnerung an Mme de Sévigné gepflegt wird.

In einem dritten und abschließenden Beitrag der kleinen Mme de Sévigné-Reihe steht dann das provencalische Grignan im Mittelpunkt: In dem Schloss, auch „das provencalische Versailles genannt, residierte ihre mit dem Gouverneur der Provence verheiratete Tochter Françoise-Marguerite de Grignan. Die Mehrheit der gut 1120 erhaltenen Briefe von Mme de Sévigné, etwa 750, waren an ihre Tochter gerichtet. Mme de Sévigé besuchte auch mehrmals ihre Tochter und starb in Grignan. Abgeschlossen wird dieser dritte Beitrag mit einem Exkurs über die Zustimmung von Mme de Sévigné zu der Aufhebung des Toleranzedikts von Nantes und ihre Unterstützung einer Verfolgung und „Vernichtung“ der Hugenotten, für die in der Provence ihr Schwiegersohn verantwortlich war.

Les Rochers, das Schloss der Sévignés in der Bretagne

Das Schloss Les Rochers bei Vitré, an der Grenze zwischen der Normandie und der Bretagne, war das Familienschloss der Sévignés und nach ihrer Heirat ihr wichtigster und meist besuchter Ort. Viele ihrer Briefe hat sie dort geschrieben. Nachdem ihr Mann Henri dank der Mitgift seiner Frau das Amt des Gouverneurs der Bretagne gekauft hatte, zog das Paar 1644 von Paris in die Bretagne. Dort kam 1648 ihr Sohn Charles zur Welt. Nach der Geburt des Stammhalters erklärte Mme de Sévigné ihre ehelichen Pflichten für erfüllt und überließ ihren Mann seinen Geliebten.  In Rochers erfuhrt sie vom Tod ihres Manns bei einem Duell wegen Liebeshändeln. Sie war damals 25 Jahre alt. Sie kehrte dann zwar nach Paris zurück, verbrachte fortan aber vor allem ihre Sommerferien auf Schloss Rochers. Insgesamt war sie 16 mal in Rochers, besonders oft und lange nach 1671, als ihre Tochter in die Provence übersiedelte. Ihr letzter Aufenthalt in Les Rochers dauerte 16 Monate, vom 25. Mai 1689 bis zum 3. Oktober 1690, als sie -ihre letzte Reise- zu ihrer Tochter nach Grignan aufbrach.

Was ihr den Aufenthalt dort besonders angenehm machte, war der große Park, den sie anlegen ließ und für ausgedehnte Spaziergänge nutzte.[2]

Mit Hilfe ihres Gärtners, Mr Pilois, nutzte sie jeden Aufenthalt für die Unterhaltung und Erweiterung des Parks, der von 15 auf 24 Hektar anwuchs. Allerdings war er nicht nach der gängigen strengen französischen Mode gestaltet. Es war eher ein naturbelassener Wald,  geprägt durch eine gewisse Wildheit („sauvagerie“) und durchzogen von Alleen, denen sie Namen gab und mit Sinnsprüchen versah.

Aus einem Brief an ihre Tochter vom 9. Dezember 1671:

„Meine kleinen Bäume sind überwältigend schön. Pilois lässt sie mit Geschick und Einsicht bis zum Himmel wachsen. Im Ernst, es gibt nichts Herrlicheres als diese Alleen, die Sie aufwachsen sahen. Sie erinnern sich, wie ich einen Sinnspruch anbringen ließ, der zu Ihnen passte? Hier ein neuer, an einem andern Stamm, für meinen Sohn, als er von Candia zurückkehrte: ‚vago di fama‘. Ist das nicht hübsch. Und so schön kurz. Gestern ließ ich noch einen schreiben, zu Ehren der Trägen: ´bella cosa far niente.‘“ [3]

Man könne die Alleen von Rochers gar nicht genug loben. „Sie würden sich sogar in Versailles sehen lassen – das sagt schon alles.“[4]

Als sie zu ihrem letzten Besuch nach Rochers kommt, bezeichnet sie die von ihr gepflanzten Bäume als ihre inzwischen noch schon groß gewordenen Enkelkinder…[5]

Als sie Pfingsten 1689 zu ihrem letzten und längsten Besuch nach Les Rochers kam, war dort auch von ihrem Sohn Charles ein französischer Garten angelegt worden.[6]

Der Entwurf stammt  von niemand Geringerem  als dem großen Le Nôtre, dem „Erfinder“ des französischen Gartens – noblesse oblige… Daneben lag der Obst- und Gemüsegarten (potager), der aber nicht mehr unterhalten wird.

Charles hatte sich nach seiner Heirat in Les Rochers niedergelassen.

École française, Charles de Sévigné (Château d’Époisses)

Mme de Sévigné bedauerter sehr, dass er die von ihr finanziell unterstützte militärische Karriere und damit die Aussichten auf Ansehen und Ruhm aufgegeben hatte, sich nach Rochers zurückzog und mit der Verwaltung seiner Güter begnügte.[7] Aber das Zusammenleben von Mutter, Sohn und Schwiegertochter auf Rochers verlief harmonisch. Man respektierte sich und das jeweilige Ruhebedürfnis, wofür das weiträumige Schloss ja auch beste Voraussetzungen bot.  Charles las ihr öfters vor oder ließ sich von ihr Briefe diktieren, wenn die Mutter Probleme mit dem Schreiben hatte.

Der Treppenturm des weitgehend aus Bruchsteinen gebauten Schlosses. Les Rochers: ein passender Name

Die Briefe der Marquise geben einen guten Einblick in das Leben, das sie auf dem Schloss führte: Aufstehen um 8 Uhr, Messe in der Kapelle um 9 Uhr. In dem Schloss hatte es zwar schon eine gotische Kapelle gegeben, Mme de Sévigné ließ aber 1671-75  eine „moderne“ nach Pariser Vorbild  für sich und ihren Onkel, den ‚guten Abbé de Coulanges‘, errichten.

 Mme de Sévigné verehrte ihn sehr: Als er starb, schrieb sie ihrem Vetter: „Er hat mir alles Gute erwiesen, hat mir sein ganzes Vermögen zugewendet, hat das Vermögen meiner Kinder erhalten und vermehrt. Er hat mich aus dem Abgrund gezogen, in dem ich mich bei dem Tod M. de Sévignés sah. Er hat Prozesse gewonnen, hat alle meine Güter in guten Stand gesetzt und unsre Schulden bezahlt. Er hat das Gut, auf dem mein Sohn lebt (also Les Rochers) zu dem schönsten und angenehmsten gemacht, das man sich denken kann.[8]  

Es folgte je nach Wetter ein erster Spaziergang mit anschließendem Mittagessen, manchmal mit Nachbarn, mit denen man Neuigkeiten aus der Bretagne oder Paris austauschte. Nachmittags: Stickarbeiten, erneuter Spaziergang, Unterhaltungen mit Gästen, Korrespondenz. Abendessen war 20 Uhr, danach wieder Lesekreis bis 22 Uhr. Bis Mitternacht las oder schrieb die Marquise dann in ihrem Zimmer.[9]

Jean Nocret, Marie de Rabutin-Chantal, marquise de Sévigné (1626-1696). Um 1645-1650 (Château de Rochers-Sévigné)

Aber auch in der Bretagne führte  Mme de Sévigné ein reges und standesgemäßes gesellschaftliches Leben. Beispielsweise berichtet sie am 12. August 1671 ihrer Tochter:

Kaum hatte ich letzten Sonntag meine Briefe gesiegelt, als ich vier sechsspännige Wagen in meinen Hof einfahren sah, mit fünfzig Garden zu Pferd, mehreren Handpferden und einigen berittenen Pagen. Es waren M. de Chaulnes, M de Rohan, M. de Lavardin, de Coëtlogon und de Locmaria, die Barone de Guais, die Bischöfe von Rennes und Saint-Malo, M. d’Argouges und acht oder zehn andre, die ich nicht kenne. (…)  Ich empfange die ganze Sippschaft, man fragt und antwortet alles Mögliche. Dann machten wir einen Spaziergang, der ihnen sehr gefiel, und endlich erschien am Ende der Mailbahn ein gutes und feines Gabelfrühstück mit Burgunderwein, den sie tranken, als wäre es Mineralwasser aus Forges. Man war der Meinung, ich hätte das alles hervorgezaubert.“[10]

Am nächsten Tag geht es dann gleich weiter: „M. de Chaulnes (der Gouverneur der Bretagne, mit dem Mme de Sévigné befreundet war. Die Familien de Chaulnes und Rabutin-Chantal waren ja Nachbarn an der place royal gewesen. W.J.) bat mich dringend nach Vitré zu kommen. So kam ich denn Montag abends hierher. Mme. de Chaulnes veranstaltete mir zu Ehren ein Souper, eine Aufführung des »Tartüffe«, die nicht allzuübel war, und einen Ball, bei dem mir die Passe-pieds und das Menuett fast Tränen entlockten.“ [11] Aber dann ist sie auch wieder froh, in ihr „armes Les Rochers“, in ihre „arme Einsamkeit“, zurückzukommen, in den Alleen spazieren zu gehen und Briefe zu schreiben. 294 ihrer Briefe stammen aus Les Rochers, davon 262 an ihre Tochter in Grignan.

Dies machte sie in ihrem „kleinen Schreibzimmer“ im Nordturm des Schlosses[12]. In Les Rochers kann man „normalerweise“ neben diesem Zimmer auch das im Erdgeschoss gelegener Cabinet Vert besichtigen, das „mit Gegenständen aus dem persönlichen Besitz der Marquise ausgestattet“ ist. [13]

Bei unserem Besuch (zu Corona-Zeiten) war das leider nicht möglich. Als wir etwas enttäuscht im Schlosshof einen Kaffee tranken -das Café gehört zu dem benachbarten Golfplatz- sah ich allerdings einen Herrn mit Begleitung aus dem Schloss kommen und zu den wartenden Limousinen gehen. Ganz offensichtlich handelte es sich um den Herrn des Hauses. Ich sprach ihn freundlich an (stellte mich kurz vor, extra aus Deutschland gekommen, Veröffentlichung zu Mme Sévigné geplant…) und fragte ihn, ob es möglich sei, mir einen kurzen Besuch des Zimmers von Mme de Sévigné zu ermöglichen. Der „hohe“ Herr würdigte mich aber -im wahrsten Sinne des Wortes- keines Blickes und Wortes, sondern verwies mich mit einer Handbewegung an einen noch an der Schlosstür stehenden Herrn, vielleicht der Hausmeister (oder sollte man hier besser sagen: maior domus…?).  Der hörte sich mein Anliegen an, auf das er mit einem knappen „Non, c’est pas possible“ antwortete. Das war’s. Punkt! Feudalistische Umgangsformen im 21. Jahrhundert….

Exkurs: Mme de Sévigné zum Aufstand der bonnets rouges in der Bretagne

Die drei Blog-Beiträge zu Mme de Sévigné thematisieren Orte, Stationen ihres Lebens. Geht es um Rochers, wird man dabei aber auch mit dem bretonischen Aufstand und dabei immer wieder mit Mme de Sévigné konfrontiert, die als wesentliche Zeitzeugin dient. Deshalb in aller gebotenen Zurückhaltung dieser Exkurs.

1675 brach in der Bretagne ein Aufstand aus, der unter den Bezeichnungen La Révolte des Bonnets rouges und  Révolte du Papier timbré in die Geschichte einging. Wie sehr dieser Aufstand im regionalen Bewusstsein lebendig ist, zeigt sich daran, dass 2013 der bretonische Widerstand vor allem gegen die Einführung einer Öko-Steuer für Lastwagen sich „Mouvement des Bonnet rouges“ nannte und so auf 1675 bezog.

Der Aufstand des Jahres 1675 wurde durch die steigenden Geldforderungen des Staates hervorgerufen. Ludwig XIV. führte Krieg gegen Holland, aber die Staatskassen waren leer. Um dem abzuhelfen, erhöhte Finanzminister Colbert u.a. verschiedene Steuern und führte neue ein, so eine Steuer auf das in der Bretagne verbreitete Zinngeschirr, auf Tabak und auf Stempelpapier (papier timbré), das heißt auf alle notarielle Akte. Diese Maßnahmen wurden ohne Zustimmung, geschweige denn Rücksprache mit den bretonischen Ständen verordnet- ein Bruch der relativen Autonomie, die die Bretagne bis dahin besaß.

Dies führte zu einem Sturm des Unwillens in der Provinz, der sich zunächst vor allem gegen den Gouverneur der Provinz, den duc de Chaulnes, richtet.  Zunächst konzentrierte sich der Widerstand auf die Städte, breitete sich dann aber auch auf die ländlichen Gebiete aus: Bauern überfielen die Steuerämter, verbrannten Akten und forderten in einem code paysan die Freiheit der Provinz und die Abschaffung der grundherrlichen Rechte.

Dieser Widerstand gegen die Autorität des Königs und die soziale Ordnung des Feudalsystems wurde mit großer Brutalität niedergeschlagen. Das als zu nachgiebig angesehene Parlament der bretonischen Stände wurde von Rennes nach Vannes verlegt, der duc de Chaulnes forderte militärische Verstärkung an. König Ludwig schickte einige Regimenter der Rheinarmee, 6000 Mann, in die Bretagne, wo sie blutige Vergeltung übten. Schnellverfahren mit Verurteilungen zu Galeerenstrafen und Massenhinrichtungen waren an der Tagesordnung, Aufständische wurden zur Abschreckung entlang der Landstraßen an Bäumen erhängt. Auch Kirchen, die zum Widerstand aufgerufen hatten, wurden bestraft und ihre Glockentürme abgerissen (heute sind sie Zeichen bretonischen Stolzes). So wurde schließlich der Aufstand unterdrückt und die Bretagne dem königlichen Absolutismus und Zentralismus unterworfen. [14]

Jean-Bernard Chalette, Allégorie de la révolte du papier timbré. 1667. Musée des Beaux-Arts (Rennes)

In diesem kurz nach dem Aufstand im Auftrag eines höheren und adligen bretonischen Geistlichen entstandenen Gemälde wird die Steuerpolitik Ludwigs XIV. und das brutale Vorgehen des duc de Chaulnes ganz offen und deutlich angeprangert.[15]

Dieser ist möglicherweise in Gestalt des Teufels dargestellt, der den von zwei wilden Tigern gezogenen Wagen lenkt, oder in Gestalt des monströsen Wesens, das links oben vor der brennenden Stadt zu sehen ist: Der Gouverneur wurde auch gerne „das fette Schwein“ genannt…  Auf dem von dem Wagen gezogenen Thron sitzt eine dunkle Gestalt mit Herrschergebärde. Zu seinen Füßen liegen Goldsäcke und Truhen voller Juwelen und Edelsteine- offensichtlich Ludwig XIV., der nur an Reichtum interessiert ist und dazu im wahrsten Sinn des Wortes über Leichen geht.  Er hat, so die Botschaft des Gemäldes, einen Pakt mit dem Teufel geschlossen.  Im Vordergrund rechts sitzen hinter einem Vorhang die Allegorien der Gerechtigkeit und des Friedens – zwei junge Frauen in antiker Kleidung, umgeben von ihren jeweiligen symbolischen Attributen (die Waage bei der einen, der Lorbeerkranz bei der anderen). Sie plaudern miteinander und interessieren sich nicht für die Gewaltszenen, die sich vor ihnen abspielen.

Die Inschrift in der Kartusche unterstreicht noch einmal die Botschaft des Bildes: „Die Reichen und die Armen werden ungerechtfertigt bedrückt.“

In Beiträgen über den Aufstand der bonnets rouges werden oft und gerne Passagen aus Briefen der Mme de Sévigné zitiert, bezieht sie sich doch darin wiederholt auf die aktuellen Ereignisse in ihrer Umgebung. Vieles, was wir über den Aufstand wissen, haben wir ihr zu verdanken. Und die Informationen darüber hatte sie aus erster Hand. Das waren die Adligen, mit denen sie verkehrte, allen voran wohl die Frau des Gouverneurs, Mme de Chaulnes. Natürlich hätte es auch noch -sozusagen- eine zweite erste Hand geben können, nämlich die der Aufständischen, aber über die hatte sie ihre Informationen nur aus zweiter höchst parteiischer Hand.

Einen direkten Kontakt zum Volk hatte sie nur über ihre Bediensteten, die ihr treu ergeben waren.Am 27. Oktober 1675 schrieb sie ihrer Tochter, sie sei „immer sehr wohl“, all ihre Leute seien „bewundernswert folgsam“ und sorgten für sie. „Sie kommen abends mit allen erdenklichen Waffen zu mir, und wenn nur ein Eichhörnchen vorüber raschelt, wollen sie schon den Degen ziehen.“[16]  Unter dem Aufstand hatte Mme de Sévigné also nicht direkt zu leiden. [17]

Trotzdem ist ihre Position zu dem Aufstand und seinen Ursachen eindeutig und völlig anders als die, die in dem Gemälde Chalettes zum Ausdruck kommt. Sie verurteilt nicht die Fiskalpolitik des Sonnenkönigs, aber den Aufstand, und steht auf der Seite des duc de Chaulnes, des Gouverneurs der Bretagne, der für die Durchsetzung der königlichen Direktiven und dann auch für die brutale Niederschlagung des Aufstandes verantwortlich ist. Mme de  Sévigné ist mit Chaulnes befreundet, und besonders eng befreundet ist sie mit der Frau des Gouverneurs, mit der sie später sogar zur Kur fährt.

Hier einige Briefauszüge:

Am 3. Juli berichtet sie ihrer Tochter „man sage“, dass es 500 oder 600 Bonnets bleus gäbe, die gehängt werden müssten. „Man“: Das sind sicherlich ihre hochadligen Freundinnen und Freunde, die etwas von dem Aufstand gehört haben. Sehr genau ist das nicht: Die Vom-Hörensagen-Bonnets sind blau und nicht rot; aber dass da massenhafte  Hinrichtungen erforderlich seien, scheint auch ihre Meinung zu sein.

Im Brief vom 24. Juli kann sie ihrer Tochter schon – im wahrsten Sinne des Wortes- Näheres berichten:  „Wir wollen uns nicht in den Aufruhr stürzen, der unsre Provinz beunruhigt.   . Er nimmt täglich zu. Die Teufel kamen sengend und brennend bis nach Fougères, das ist doch ein bisschen zu nahe bei les Rochers… . Man hat von neuem ein Bureau in Rennes geplündert. Mme. de Chaulnes ist halb tot über die Drohungen, denen sie täglich ausgesetzt ist. Indessen ist es nur zu wahr, dass man Truppen schicken muss, und man tut recht daran, denn bei dem Stand der Dinge sind halbe Maßregeln nicht am Platz.“[18]

Und die Truppen rücken ja auch schon ein: „Der Duc de Chaulnes zog in Rennes ein, gefolgt von zwei Kompanien Musketieren, sechs Kompanien französischer Gardisten und Schweizergardisten, sechshundert Dragonern, mehreren Infanterie-Regimentern, tausend Bogenschützen …, zu Fuß und zu Pferd. Sie rücken zu viert vor, mit an beiden Enden brennender Lunte, die Kugel im Mund, die Muskete hochgereckt, den Degen aus der Scheide.“ (Brief vom 23. Juli)

Das ist fast beschrieben wie eine Theaterszene, jedenfalls ein beeindruckendes Aufgebot. Und während auf dem Gemälde Chalettes der duc de Chaulnes und Ludwig XIV. mit dem Teufel im Bunde sind, sind für Mme de Sévigné die Widerstand leistenden Bretonen die Teufel. Sie verkörpern also das Böse, indem sie die gottgegebene Ordnung des absolutistischen Staates angreifen. Und dass der befreundete Gouverneur der Bretagne und seine Frau Zielscheiben des Volkszorns werden, empört sie besonders und muss ihrer Meinung nach entschieden bekämpft und bestraft werden.

„M. de Chaulnes ist in Rennes mit Fourbin und Vins und viertausend Mann; man glaubt, daß es eine große Hängerei geben wird. M. de Chaulnes wurde wie der König empfangen, aber da nur die Furcht sie eine andre Sprache gelehrt hat, wird M. de Chaulnes nicht alle Beleidigungen vergessen, die man ihm gesagt hat, und unter denen der Ruf »Dickes Schwein« eine der zartesten und gewöhnlichsten war. Die Steine, die man ihm in sein Haus und seinen Garten warf, und die Drohungen, deren Ausführung, wie es scheint, Gott allein verhinderte, erwähne ich gar nicht. Das alles wird man strafen.“[19]

Diese Strafe lässt nicht auf sich warten: Der Gouverneur „wütet gegen alle mutmaßlichen Rebellen. Er lässt sie an den die Straßen säumenden Bäumen aufhängen, ohne jeden Prozess. Er lässt auch die Glockentürme der Kirchen abreißen, die zum Aufstand aufgerufen haben.“[20]

In ihrem Brief an die Tochter vom 24. September 1675 bezeichnet sie die Aufständischen dann allerdings nicht mehr als Teufel, sondern als unsere armen Bretonen:   

„Unsre armen Bretonen scharen sich, wie man uns sagt, auf den Feldern zusammen, vierzig oder fünfzig. Sobald sie der Soldaten ansichtig werden, werfen sie sich auf die Knie und sagen »mea culpa«, das ist das einzige französische Wort, das sie wissen; (…) Man hängt die armen Bretonen unermüdlich auf, sie fordern Tabak und etwas zu trinken.“[21] Der „Haß gegen die Regierung in der ganzen Provinz (sei) unglaublich.“[22]

„Haß gegen die Regierung in der ganzen Provinz unglaublich.“[22]

„Der Ruin von Rennes zieht den der ganzen Provinz nach sich. (…) Ich fürchte die Truppen nicht im mindesten, aber ich nehme teil an der Trauer und der Verzweiflung der ganzen Provinz.“[23] Mme de Sévigné sieht sogar das Ende der Bretagne gekommen. „Sie können davon ausgehen, dass es keine Bretagne mehr gibt“, schreibt sie ihrer Tochter, was natürlich übertrieben ist. Und natürlich schreibt sie das dem Aufstand der bonnets rouges zu und nicht dem willkürlichen Vorgehen des Sonnenkönigs, der die verbriefte Autonomie der Bretagne und ihr „goldenes Zeitalter“ beendete.[24]

Die Bevölkerung leidet nicht nur wegen (willkürlicher) Strafaktionen durch die Truppen des Gouverneurs, sondern weil die Soldaten von den davon betroffenen Städten beherbergt und verköstigt werden müssen. Mme de Sévigné ist froh, dass die benachbarte Stadt Vitré, in der sie auch ein großes Haus (den sogenannten Sévigné-Turm in der heutigen rue de Sévigné) besitzt, davon nicht betroffen ist. Zu verdanken habe man das Emilie von Hessen-Kassel, der Tochter des Landgrafen Wilhelm V. von Hessen-Kassel, die durch ihre Heirat Fürstin von Tarent geworden war.

La Princesse de Tarente (Ausstellung Les Rochers)

Nach dem Tod ihres Mannes verbrachte sie den Winter am Hof von Versailles – sie war die Tante Liselottes von der Pfalz, der Frau des Bruders Ludwigs XIV.-  die Sommer auf ihrem Schloss in Vitré. So wurde sie zu einer engen Freundin Mme de Sévignés.[25] Die schrieb es der Fürstin zu, dass auf Grund ihrer engen Beziehungen zum Hof von Versailles die königlichen Truppen Vitré verschonten.[26]

Allerdings kamen dann doch noch Truppen nach Vitré.  Aus einem Brief vom 8. Dezember 1675 an die Tochter:  „Kaum war mein Brief fort, so kamen achthundert Mann Kavallerie nach Vitré, mit denen die Prinzessin sehr wenig zufrieden ist. Sie sind freilich nur auf dem Durchmarsch, aber sie benehmen sich, als ob sie in einem eroberten Land wären“.

Umso härter traf es allerdings Rennes:  

„Mit einem Wort, die Provinz hat unrecht, aber sie ist so hart bestraft, daß sie sich nie erholen wird. Es sind fünftausend Mann in Rennes, von denen mehr als die Hälfte den Winter über dort bleibt. (…) Man hat aufs Geratewohl fünfundzwanzig oder dreißig Menschen herausgegriffen, die man hängen will.“ (Brief vom 27. Oktober)[27]

Und am 30. Oktober: „Willst Du Nachrichten von Rennes? Es sind noch immer fünftausend Mann dort, denn es sind noch Soldaten von Nantes gekommen. Man hat der Bürgerschaft eine Taxe von hunderttausend Taler auferlegt, und wenn man sie nicht in vierundzwanzig Stunden aufbringt, wird sie verdoppelt, und die Soldaten sollen sie eintreiben. Man hat die Bewohner einer großen Straße verjagt, und bei Lebensstrafe verboten, sie aufzunehmen. So sah man die Unglücklichen, Greise, Wöchnerinnen und Kinder, weinend vor den Toren umherirren, ohne Obdach und Nahrung. Vorgestern hat man einen Gefangenen gerädert, der den Tanz mit dem Stempelpapier angefangen hatte. Nach seinem Tod wurde er gevierteilt und die Stücke an den vier Enden der Stadt ausgestellt“.[28]

Aber dann fügt sie doch noch hinzu, dass sie -bei  allem Bedauern über die „armen Bretonen“ die Strafen richtig findet:

„Sechzig Bürger sind gefangen genommen worden; morgen beginnt man mit der Bestrafung. Diese Provinz ist ein gutes Exempel für die anderen, vor allem, was das Respektieren der Statthalter und der Regierenden betrifft, dass man diese nämlich nicht beleidigen und keine Steine in ihren Garten werfen darf.

Mme de Sévigné schwankt also ganz offensichtlich zwischen ihrer Empathie für das Volk und der Loyalität zum König, die am Ende dann aber doch überwiegt. Mme de Sévigné ist eben ein Kind ihrer Zeit und ihres Standes. Das wird gerade in ihrem Blick auf den Aufstand der bonnets rouges deutlich.

Am13. November 1675 schreibt sie Ihrer Tochter:  „Was Du von M. de Chaulnes sagst, ist köstlich.“ Und direkt danach dieser Satz: „Gestern hat man in Rennes einen Menschen lebendig gerädert, der die Absicht eingestanden hat, ihn umzubringen.[29] Übertreibe ich, wenn ich das gruselig finde?

Sébastien Leclerc Le Galérien (1664) Aus der Ausstellung im musée Carnavalet

Gängig war allerdings die Galeerenstrafe. Im April 1671, also noch vor der Aufstand in der Bretagne, begegnete Mme de Sévigné in Vincennes einmal einem Zug von 400-500 aneinander geketteten Galeerensträflingen auf dem Weg zum Mittelmeer. „Die Briefschreiberin stellt sich damals, nicht ohne Ironie, vor, sich unter die Verurteilten zu mischen, um ihre Tochter in der Provence zu treffen: „Wie angenehm überrascht wären Sie doch in Marseilles, mich in so guter Gesellschaft zu finden.“ (Aus dem Begleittext zur Ausstellung). Manchmal habe ich den Eindruck, dass Mme de Sévigné um jeden Preis geistreich sein will….

Aus einem Brief vom 24. November 1675 an die Tochter: „Du scherzest über unser Elend. Man rädert uns aber nicht mehr so sehr, nur einmal alle acht Tage, um die Justiz in der Übung zu erhalten. Es ist wahr, die Hängerei kommt mir jetzt wie eine wahre Erfrischung vor. Ich habe eine ganz andere Idee von der Gerechtigkeit, seit ich in dem Land hier bin. Eure Galeerensträflinge erscheinen mir wie eine Gesellschaft anständiger Leute, die sich von der Welt zurückgezogen haben, um ein ruhiges Leben zu führen. Wir haben Euch deren zu Hunderten geschickt, aber unglücklicher als sie sind jene, die hier geblieben sind. “[30] In Les Rochers führte Mme de Sévigné  „ein ruhiges Leben.“ Aber die Galeerensträflinge…?!

In der kleinen Ausstellung in Les Rochers (die im Gegensatz zum Schloss bei unserem Besuch immerhin zugänglich war), wird dieser Briefabschnitt zitiert, was ich bemerkenswert finde. Dazu als Erläuterung: „Ein zynischer, harter Kommentar, in einer Zeit, als die herrschende Klasse (la classe dominante) den Protest nicht akzeptierte“. (Den Satz hat wohl kaum der Schlossherr geschrieben, dem zu begegnen ich das zweifelhafte Vergnügen hatte). Es sei damals eine sehr schwere Zeit gewesen, aber nichtsdestotrotz seien die gute Laune, die Geselligkeit und das Talent der Mme de Sévigné untrennbarer Bestandteil der glücklichsten Zeiten der Provinz….

Für mich erscheint da allerdings die als sensible Repräsentantin des „préfeminisme“ gerühmte Mme de Sévigné in keinem so glänzenden Licht. Oder, an Voltaire anknüpfend: Liegt hier über der für die Salondamen dieser Zeit charakteristischen „Morgenröte des Geistes“ nicht doch ein dunkler Schatten? [30a] 

Bussy- Rabutin, das Schloss ihres Vetters

Roger de Rabutin, Graf von Bussy -bekannt unter dem Namen Bussy-Rabutin, war der Vetter der Mme de Sévigné. Nach ihrer geliebten Tochter war er der Mensch, mit dem sie über 40 Jahre lang die meisten Briefe wechselte.[31] Und sie hat ihn auch öfters in seinem Schloss in Burgund besucht.

Es gibt wohl zwei Gründe für diesen intensiven Briefwechsel:

 -Rabutin war wie Mme de Sévigné ein höchst geistreicher Mensch und ambitionierter Schriftsteller. Immerhin wurde er 1665 in die illustre Académie française  gewählt.

– Er war -wie Mme de Sévigné- ein „echter Rabutin“, also stolz auf seine familiären Wurzeln und seinen adligen Rang: Seine letztes schriftstellerisches Werk war eine Histoire généalogique de la maison de Rabutin.

Mme de Sévigné bezeichnet das Verhältnis zwischen ihr und ihrem Vetter als Rabutinage: den beiderseitigen Stolz auf ihre Herkunft, vor allem eine geistige und schriftstellerische Nähe, eine Lust am geschliffenen geistreichen Austausch und ein alle existierenden Gräben überbrückendes gegenseitiges Verständnis.

Und Gräben. bzw Krisen gab es zwischen den beiden durchaus:

Bussy-Rabutin hätte nämlich gerne die junge, hübsche und recht wohlhabende Marquise geheiratet. Aber sie ging auf seine Avancen nicht ein: eine große Enttäuschung für ihn.  Bussy-Rabutin rächte sich, indem er in seiner Histoire amoureuse des Gaules (1665) das nicht ganz schmeichelhafte Charakterbild seiner Kusine zeichnete, der er u.a. zahlreiche Liebschaften andichtete.[32] Und sie gewährte ihm auch nicht auf Anraten des ihre Finanzen verwaltenden Abbé de Coulanges einen erbetenen Kredit. Darüber zerbrach die enge Beziehung aber nicht. Am 5. November 1687 schrieb Bussy-Rabutin an seine Kusine:

„Ich habe Sie immer sehr lieb gehabt, meine teure Kusine, und selbst unsre kleinen Zerwürfnisse waren ein Zeichen, daß Sie mir nicht gleichgültig waren.  Aber ich habe Sie doch nie so geschätzt und geliebt als jetzt. Ich sehe es daran, daß ich mehr als je fürchte, Sie zu verlieren. Was täte ich auf der Welt ohne Sie, meine arme, gute Kusine? Mit wem könnte ich lachen? Mit wem könnte ich geistreich sein? Von wessen Liebe könnte ich so überzeugt sein? Mit wem könnte ich so offen über alles reden?[33]

Und gerade Bussy-Rabutin hatte Bedarf genug, offen zu reden. Denn seine militärische Karriere war gescheitert: Marschall Turenne bezeichnete ihn zwar als „den besten seiner Offiziere, aber nur wegen seiner Lieder“. Und in seinen satirischen Versen verschonte er auch nicht die Versailler Hofgesellschaft, ja noch nicht einmal den Sonnenkönig: In einem Gedicht verspottete er die Liebschaft König Ludwigs XIV. mit Madame La Vallière!  Der verzieh ihm allerdings nicht, schickte ihn zunächst für ein Jahr zur Festungshaft in die Bastille und verbannte ihn dann in dessen heimatliche Bourgogne. Dort widmete sich Bussy der Literatur und dem Ausbau seines Schlosses – und einem intensiven Briefwechsel mit mehr als 150 Personen, darunter seiner Kusine, deren literarisches Talent er erkannte: Er fertigte Kopien seiner und ihrer Briefe an und forderte seine und ihre Kinder auf, sie aufzuheben und nach ihrem Tod zu veröffentlichen.

Eingang zu Garten und Schloss

Reich verzierte Fassade im Schlosshof

Schlosskapelle

Besonderen Wert legte Bussy-Rabutin auch auf die Innenausstattung des Schlosses.

Bemalte Kassettendecke mit dem Familienwappen im Schloss von Bussy-Rabutin.[34]

Bemerkenswert sind auch die Bildergalerien, mit denen Bussy-Rabutin das Schloss ausstattete. Da gab es eine Galerie mit Portraits aller französischer Könige von Hugues Capet bis Ludwig XIV. Bussy war zwar vom Hof verbannt, aber auf diese Weise doch mit seinem König verbunden. Und auch wenn seine militärische Karriere wenig ruhmreich zu Ende gegangen war, ließ er sich doch für die Nachwelt in der Rüstung eines königlichen Generalleutnants portraitieren: Denn gar zu gerne wäre er -wie Turenne- Marschall Frankreichs geworden.

Claude Lefebvre zugeschrieben: Roger de Bussy-Rabutin  en armure de lieutenant général du roi. Um 1673. (Château de Bussy-Rabutin)

Und im l‚Antichambre des Hommes de Guerre befindet sich – rechts unten- auch ein Portrait des Hausherrn. [35]

 Bussy versuchte mit allen Mitteln, auch im Exil nicht in Vergessenheit zu geraten und mit dem Schloss und seiner Einrichtung den von ihm beanspruchten Rang zu dokumentieren. Man  hat das Schloss auch das „Schloss der 1000 Portraits“ genannt.[36] Für den Schlossherrn war dabei die Quantität wichtiger als die Qualität. Keiner der unbekannten Maler hatte einen der portraitierten Menschen je gesehen, sondern es sind Kopien von Drucken, von Kopien. Das führt, wie auf diesem Foto zu sehen, zu einer gewissen Gleichförmigkeit. Nur Bussy selbst stand für sein Portrait als Modell zur Verfügung.

Dann gibt es auch eine Galerie mit Abbildungen königlicher Schlösser, darunter natürlich das Schloss von Versailles, von dem er verbannt war.

Erst nach 16 Jahren erlaubte ihm Ludwig XIV. die Rückkehr, aber da war Bussy-Rabutin schon alt, er konnte am Hof nicht mehr den von ihm beanspruchten Platz finden und kehrte lieber wieder in sein heimatliches Schloss zurück.

Und dann gibt es sprechende Bilder, die einen Einblick in Bussys Gefühlsleben gewähren wie bei dem Bild mit der Sonnenuhr.

Da steht zwar die Sonne -Symbol des Sonnenkönigs- am Himmel, aber auf der Sonnenuhr ist es nur ein Stern: Ausdruck der Distanz Bussys zu Ludwig XIV., der ihn zur Festungshaft und zum Exil verurteilt hatte.

Dieses Bild illustriert aus der Sicht Bussys sein Verhältnis zur Marquise de Sévigné. Er selbst wird symbolisiert durch einen Stapel Kalk, sie durch die Kanne Wasser, die eigentlich eine kalte Dusche ist, weil sie auf die Heiratswünsche ihres Vetters nicht eingegangen ist. Der Kalk wird aber durch das Wasser nicht gelöscht, ganz im Gegenteil.

Bilder von Mme de Sévigné gehören natürlich auch zur Einrichtung des Schlosses.

Portrait der späteren Marquise de Sévigné im Alter von 18 Jahren. Vermutlich hat die junge Marie es ihrem Vetter geschenkt.[37] 

Und dann ist im Schloss auch noch ein Doppelportrait von Madame de Sévigné (rechts) und ihrer Tochter, Madame de Grignan, ausgestellt.[38]

Zu einem standesgemäßen Schloss dieser Zeit gehörte natürlich auch ein Garten. Und wenn der den feudalen Ansprüchen Bussy-Rabutins entsprechen sollte, musste er natürlich von dem Gartenarchitekten des Sonnenkönigs, Le Nôtre, entworfen sein.

Blick vom Schloss auf den Garten und das darunter liegende Dorf

Zu einem von standesgemäßen Garten dieser Zeit gehörten auch die Wasserspiele, für die Le Nôtre das natürliche Gefälle des Geländes ausnutzte. Natürlich sind sie hier viel bescheidener als im Versailles des Sonnenkönigs, dem Vaux-le-Vicomte Fouquets oder dem Sceaux Colberts. Aber den Dreiklang von Architektur, Innenausstattung und Garten gibt es auch hier, und so konnte der Schlossherr seinen Anspruch demonstrieren, zu den ganz Großen Frankreichs zu gehören.

Kuraufenthalte in Vichy und Bourbon l‘Archambault

Der Name Vichys ist natürlich vor allem mit dem unseligen Vichy-Regime Pétains und der Collaboration mit Hitler-Deutschland verbunden. Aber Vichy ist auch ein wunderbares Kurbad und eines der europäischen Bäder mit Weltkulturerbe-Status. Wegen seiner heilsamen Quellen hatte Vichy schon zur Zeit Mme de Sévignés einen hervorragenden Ruf. Zweimal reiste sie denn auch zu Kuraufenthalten in das burgundische Bad.[39] Daran wird in der Stadt gerne erinnert: Da gibt es einen nach ihr benannten Platz…

… eine Büste…

…. mit Informationstafel: Eine Station auf einem ausgeschilderten Rundgang durch die Kurstadt…

Der Grund für die Kuraufenthalte in Vichy wird aus einem Brief an ihre Tochter deutlich, den Mme de Sévigné am 3. Februar 1676 ihrem Sohn diktierte:

„Erraten Sie, was das ist, meine liebe Tochter: es ist am schnellsten da und geht am langsamsten fort… Es ist ein Rheumatismus. Seit 23 Tagen bin ich daran erkrankt… bin ich überall geschwollen, an den Füßen, den Beinen, den Schenkeln, den Armen, den Händen. Diese Schwellungen …erregen meine Ungeduld…. Ehe ich schließe, will ich meine geschwollene Hand fragen, ob sie geruht, Ihnen  zwei Worte zu schreiben. Ich stelle fest, dass sie nicht geruht.“[40]

Die geschwollene Hand: Das war eine Folge des schweren Rheumatismus, an dem Mme Sévigné litt.  Und natürlich litt sie besonders darunter, ihrer geliebten Tochter keine Briefe schreiben zu können. Da suchte sie Rat und Hilfe bei den Pariser Ärzten – und sicherlich den besten. Aber sie wurde enttäuscht. Sie habe da „die größten Ignoranten“ getroffen. Jeder rate etwas anderes.  Personen, die sich ihnen auslieferten, würden hoffentlich trotz ihrer Behandlung gesund werden. Die Alternative waren für Mme de Sévigné Kuren, und zwar vor allem in Vichy. 1676 reist sie zum ersten Mal dorthin. Unterwegs besucht sie Mme Fouquet, die Familie des inhaftierten ehemaligen „Finanzministers“ Ludwigs XIV., den sie nicht- wie viele andere- fallen lässt, nachdem er von Ludwig XIV. zu lebenslanger Festungshaft verurteilt worden war. Von Vichy ist sie entzückt. Sie gehe „in den schönsten Stellen der Welt“ spazieren, schreibt sie am 19. Mai 1676. Einen Tag später beginnt sie mit der Kur und trinkt das berühmte Vichy-Wasser. Das allerdings entzückt sie ganz und gar nicht: Es sei kochend heiß und habe einen unangenehmen Geschmack von Salpeter.

Ihrer Tochter berichtet sie vom Tagesablauf der Kur: Vormittags gehe man spazieren, dann in die Messe und dann sei man bis Mittag mit der Einnahme des Wassers beschäftigt. Dann folge das Mittagessen und anschließend sei Zeit für gegenseitige Besuche der (adligen) Kurgäste. Ab 5 Uhr gehe man wieder in der wunderbaren Landschaft spazieren, um 7 nehme man ein leichtes Abendessen ein und um 10 Uhr gehe man schlafen.[41]

Für die gegenseitigen Besuche benötigte man natürlich auch eine standesgemäße Unterkunft. Und die hatte Madame de Sévigné in Vichy durchaus zur Verfügung.

Der Pavillon Sévigné

Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné, wohnte in diesem Haus in den Jahren 1676 und 1677

Und dann gibt es auch noch die Bäder, die sie als „une assez bonne répétition du purgatoire“ bezeichnet. „Man ist vollkommen nackt in einem kleinen Gelass unter der Erde, wo es einen Schlauch mit diesem heißen Wasser gibt, den eine Frau dahin hält, wo Sie ihn haben wollen. Dieser Zustand, in dem man kaum ein Feigenblatt behält, sich zu bedecken ist eine wahrhaft erniedrigende Angelegenheit. (…) Stellen Sie sich einen Wasserstrahl vor gegen eine beliebige Stelle Ihres armen Körpers, so kochend heiß, wie Sie es sich nur denken können. Zuerst wird alles überall in Aufruhr gebracht, um sämtliche Lebensgeister zu wecken, und dann konzentriert man sich auf die erkrankten Gelenke. Wenn dann aber der Nacken getroffen wird, ist es plötzlich wie ein Feuer, eine Überraschung, die man nicht versteht. Genau das aber ist der Kern des Ganzen. Man muss das alles aushalten, und man hält es auch aus, und man wird auch gar nicht verbrannt, und hinterher legt man sich in ein heißes Bett, wo man ausgiebig schwitzt, und das ist dann der Heilungsprozess.“[42]

Dieser fast vierwöchige Aufenthalt in Vichy verbessert tatsächlich ihren Gesundheitszustand deutlich. Es sei, als habe sie „einen neuen Pakt mit dem Leben und der Gesundheit“ geschlossen. Der Allier, die tausend kleinen Wäldchen, die Bäche und Wiesen, die Schafe und Ziegen, die auf den Feldern tanzenden Bäuerinnen: Allein schon dieses Land werde sie heilen.[43]

Ein Jahr später fährt sie noch einmal zur Kur nach Vichy. Diesmal macht sie auf dem Weg unter anderem Station im Schloss ihres Vetters Bussy-Rabutin.  In Vichy wohnt sie wieder in dem gleichen noblen Haus wie das Jahr zuvor.

Rückseite des Pavillon Sévigné mit Garten

Für ihre Hände erwartet sie keine Wunder, sondern gibt ihnen Zeit für die Heilung. Und sie ist zuversichtlich genug, von Vichy aus mit Hilfe eines Freundes für mehrere Jahre das hôtel Carnavalet in Paris für sich und ihre Familie anzumieten.[44]

Die Ruine der Burg von Bourbon l‘Archambault[45]

Und dann gab es noch einen weiteren Kuraufenthalt in Bourbon l’Archambault,  einem  seit der Antike für die wohltuende und heilende Wirkung seines Wassers bekannten geschichtsträchtigen Kurort, der Wiege des Bourbonen-Dynastie.[46]

Ihre Freundin, Frau von Chaulnes, Frau des Gouverneurs der Bretagne, wollte dort eine Kur machen, und Mme de Sévigné schloss sich ihr an, zumal das Wasser von Bourbon gerade bei rheumatischen Beschwerden als besonders hilfreich galt. Am 13. November 1688 berichtet sie ihrem Vetter:

Als ich am 15. oder 16. September sah, daß ich  (nach dem Tod ihres Onkels. W.J.) nur zu frei sei, entschloß ich mich nach Vichy zu gehen, um wenigstens meine Einbildung zu kurieren, da ich eine Art Krampf in der linken Hand hatte, der mich einen Schlagfluß befürchten ließ. Der Plan, dorthin zu reisen, machte der Herzogin de Chaulnes ebenfalls Lust. Ich schloss mich ihr an, und da ich über Bourbon zurückkommen wollte, verließ ich sie nicht. Sie wollte nur Bourbon, so ließ ich Vichywasser kommen, das, in den Bourboner Brunnen gewärmt, ganz vortrefflich ist. Ich trank zuerst davon, und dann von dem Wasser in Bourbon; die Mischung ist sehr gut. Die beiden Rivalen haben sich ausgesöhnt, sie sind ein Herz und eine Seele. Vichy ruht sich am Busen von Bourbon aus und wärmt sich an seinem Herd, das heißt in dem Brausen seiner Quellen. Es ist mir sehr gut bekommen, und als ich die Dusche vorschlug, fand man mich so gesund, dass man sie mir verweigerte, und sich über meine Angst lustig machte. Man erklärte sie für Einbildung und schickte mich als gesund nach Hause. Man hat es mich so fest versichert, dass ich es glaube und mich heute als gesund betrachte.[47] 


Anmerkungen

[1] Lesezeit 39 Minuten. Alle Fotos des Beitrags,  wenn nicht anders angegeben, von Wolf Jöckel

[2] Bild: ©Mairie de Vitré  aus:  https://actu.fr/bretagne/vitre_35360/vitre-apres-les-intemperies-le-parc-du-chateau-des-rochers-sevigne-est-ferme-au-public_60304846.html

[3] „die schöne Einsamkeit hier“  Brief aus Rochers an Frau von Grignan vom 9. Dezember 1671. Briefe a.a.O., S. 66

[4] « L’on ne peut assez louer toutes les allées des Rochers. Elles auraient leur mérite à Versailles ; c’est tout vous dire . »   https://fr.wikisource.org/wiki/Page:S%C3%A9vign%C3%A9_-_Lettres,_%C3%A9d._Monmerqu%C3%A9,_1862,_tome_7.djvu/460

Nachfolgendes Bild aus: https://www.bretagne-vitre.com/les-pepites/le-chateau-de-mme-de-sevigne/

[5] https://www.parcsetjardins.fr/jardins/596-jardin-francais-et-parc-du-chateau-des-rochers-sevigne

[6] Bild aus: https://www.chateau-fort-manoir-chateau.eu/photos/chateau-des-rochers-sevigne_g.JPG

[7] Aus dem Begleittext der Ausstellung zu dem Portrait von Charles de Sévigné: „le jeune homme … se retranche, au grand regret de sa mère, dans une vie simple consacrée à administrer  ses terres.“

[8]  Brief 135 an den Vetter Bussy-Rabutin  Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné (Kapitel 15) 

[9] Siehe Brief von Mme Sévigné an ihre Tochter vom 18. September 1689

[10] Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné Brief 27 an Mme de Gignan vom 12. August 1671.  Das Mailspiel war ein beliebtes Spiel mit Holzkugeln, die man mit Hämmern oder einer Art Löffel auf ebener Bahn trieb.

[11] Wie Anmerkung 7 Tränen, weil sie da an ihre Tochter dachte, die auch eine hervorragende Tänzerin war.

[12] Brief an Frau von Grignan vom 31. Mail 1671

[13] Michelin Bretagne Der grüne Reiseführer. München 2009, S. 395 

[14] Zusammengestellt aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/R%C3%A9volte_du_Papier_timbr%C3%A9; https://histoire-image.org/etudes/revolte-papier-timbre  und  Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné Fußnote zum Brief von Mme de Sévigné an Mme. de Grignan vom 24. Juli 1675, Kapitel 5

[15] Pascal Dupuy, La révolte du papier timbré.  https://histoire-image.org/etudes/revolte-papier-timbre  Juin 2013

[16]  Brief an Mme. de Grignan ausLes Rochers vom 27. Oktober 1675 Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné  Kapitel 7, Brief 59

[17] Pascal Dupuy, La révolte du papier timbré.  https://histoire-image.org/etudes/revolte-papier-timbre  Juin 2013

[18]  An Mme. de Grignan,  Paris, 24. Juli 1675 Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné Kapitel 5, Brief 38

[19] An Mme. de Grignan    Les Rochers, 16. Oktober 1675 Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné Kapitel 7, Brief 56

[20] Fabienne Manière, 18 avril 1675 La révolte des Bonnets rouges https://www.herodote.net/18_avril_1675-evenement-16750418.php

[21] Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné Kapitel 7

[22] Brief vom 23. Juli 1675 Zum Hass auf den Gouverneur siehe auch ihren Brief an die Tochter vom 6. November 1675: „Wenn Ihr den Schrecken und den Abscheu sähet, den man hier vor dem Gouverneur hat, und wie man ihn haßt, würdet Ihr die Annehmlichkeit empfinden, überall verehrt zu werden. Welcher Schimpf! welche Beleidigungen! welche Drohungen! welche Vorwürfe! samt den hübschen Steinen, die um sie herumfliegen!“  Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné Kapitel 8, Brief 62

[23] Brief  57 aus Rochers vom 20. Oktober 1675

https://www.projekt-gutenberg.org/sevigne/sevigbrf/chap006.html

[24]  Enfin, vous pouvez compter qu’il n’y a plus de Bretagne. Zitiert in: https://www.geo.fr/histoire/bretagne-quand-les-bonnets-rouges-defiaient-louis-xiv-198503  30. Oktober 1675.

[25] Von der Prinzessin von Tarent wird später noch die Rede sein, wenn es um die Haltung Mme de Sévignés zu den Hugenottenverfolgungen geht.

[26] Siehe Brief 60 aus Rochers vom 30. Oktober 1675: „Ich habe Dir erzählt, wie Mme. de Tarente uns alle gerettet hat. Sie war gestern bei entzückendem Wetter hier im Wald; es war dabei weder vom Zimmer, noch von Bewirtung die Rede, sie kam durch das Parktor und fuhr auch so wieder weg.“

https://www.projekt-gutenberg.org/sevigne/sevigbrf/chap007.html Brief 60

[27] An Mme. de Grignan   Les Rochers, 27. Oktober 1675 Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné Kapitel 7, Brief 59

[28] An Mme. de Grignan Les Rochers, 30. Oktober 1675  Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné Kapitel 8, Brief 60

[29] An Mme. de Grignan Les Rochers, 13. November 1675 Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné Kapitel 8, Brief 63

[30]  An Mme. de Grignan  Les Rochers, 24. November 1675  Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné Kapitel 8, Brief 66

[30a] Melanie Spehl: Auf den Spuren des préfeminisme der Madame de Sévigné. https://www.ilw.uni-stuttgart.de/abteilungen/romanische-literaturen/forschung/projekte-in-der-lehre/exposition-litteraire/Spehl/

Siehe die Zuschrift von Ulrich Schläger zum ersten Beitrag der Reihe zu Mme de Sévigné.

[31] Nachfolgendes Bild aus: https://www.chateau-bussy-rabutin.fr/decouvrir/roger-de-rabutin-le-flamboyant

Bis zum 11. Oktober 2026 gibt es noch im Schloss Bussy-Rabutin die Ausstellung: „Ma belle cousine. De la demoiselle de Bourgogne à la marquise de Sévigné.

[32] Hier der betreffende Ausschnitt: „Elle aime généralement tous les hommes ; quelque âge, quelque naissance et quelque mérite qu’ils aient, et de quelque profession qu’ils aient ; tout lui est bon, depuis le manteau royal jusqu’à la soutane, depuis le sceptre jusqu’à l’écritoire. Entre les hommes, elle aime mieux un amant qu’un ami ; et, parmi les amants, les gais que les tristes ; les mélancoliques flattent sa vanité ; les éveillés, son inclination ; elle se divertit avec ceux-ci, et se flatte de l’opinion qu’elle a bien du mérite d’avoir pu causer de la langueur à ceux-là.

   Elle est d’un tempérament froid, au moins si on en croit feu son mari : aussi lui avait-il l’obligation de sa vertu, comme il disait ; toute sa chaleur est à l’esprit.“ Aus:

https://www.ecrivaines17et18.fr/pages/17e-siecle/ecrivaines/sevigne/mme-de-sevigne-et-bussy-rabutin.html

[33] Bussy-Rabutin an Mme. de Sévigné  5. November 1687 Projekt Gutenberg Brief 138

Zur Beziehung der beiden siehe auch:https://www.lemonde.fr/series-d-ete/article/2023/07/19/madame-de-sevigne-et-roger-de-bussy-rabutin-a-qui-parlerais-je-a-c-ur-ouvert-de-toutes-choses_6182659_3451060.html

[34] © David Bordes / Centre des monuments nationaux   https://www.monuments-nationaux.fr/magazine/dossiers-thematiques/grands-personnages/l-illustre-cousine-de-bussy-rabutin-la-marquise-de-sevigne

[35] © David Bordes / Centre des monuments nationaux

[36] https://www.chateau-bussy-rabutin.fr/decouvrir/un-chateau-aux-mille-portraits

[37]  Dies jedenfalls die Auskunft unserer Schlossführerin. © Benjamin Gavaudo / Centre des monuments nationaux https://www.monuments-nationaux.fr/magazine/dossiers-thematiques/grands-personnages/l-illustre-cousine-de-bussy-rabutin-la-marquise-de-sevigne

[38] ©Base Regards / Centre des monuments nationaux https://www.monuments-nationaux.fr/magazine/dossiers-thematiques/grands-personnages/l-illustre-cousine-de-bussy-rabutin-la-marquise-de-sevigne

[39] Zu den Kuraufenthalten der Mme de Sévigné siehe im Einzelnen:  Madame de Sévigné en Bourbonnais : ses séjours à Vichy et à Bourbon-l’Archambault / par Genès Pradel | Gallica  (1914)

[40] Zit. Kraus, Berühmte Französinnen,  S. 127

[41] Siehe Maltère, S.

[42] Brief an die Tochter vom 28. Mai 1667. Schürmann, Mme de Sévigné, S. 26

[43] Breife vom 28. Mai und 1. Juni 1667. Zit bei Maltère, S. 234

[44] Maltère, S. 245/247

[45] Bild aus: https://en.wikipedia.org/wiki/Bourbon-l%27Archambault#/media/File:BOURBON-L’ARCHAMBAULT_-_CH%C3%82TEAU_-2.JPG

[46] Hilke Maunder, Bourbon l’Archambault; Wiege der Bourbonen.   https://meinfrankreich.com/bourbon-larchambault/

Genès Pradel, Madame de Sévigné en Bourbonnais : ses séjours à Vichy et à Bourbon-l’Archambault. Conférence faite aux « Amis de Montluçon », le 2 mai 1914. Madame de Sévigné en Bourbonnais : ses séjours à Vichy et à Bourbon-l’Archambault / par Genès Pradel | Gallica

[47] An den Grafen Bussy-Rabutin Paris, 13. November 1687Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de SévignéKapitel 15,  139   

Literatur

Madame de Sévigné, Briefe. Herausgegeben und übersetzt von Theodora von der Mühl. Insel TB 1979

Marquise de Sévigné, Ausgewählte Briefe. Übersetzt von Ferdinand Lotheißen. München: Albert Langen 1925  https://www.projekt-gutenberg.org/sevigne/sevigbrf/chap001.html

Madame de Sévigné, Briefe an die Tochter. Ausgewählt und aus dem Französischen übersetzt von Susanne Schürmann. Mülheim 2020

Les Classiques de Lire, Themenheft Madame de Sévigné. 2/3/4 2026

Paul Deschanel, membre de l’Académie Française, Rede zur Einweihung der Statue  von Madame de Sévigné. Vitré,  8. Oktober 1911  https://www.academie-francaise.fr/inauguration-de-la-statue-de-mme-de-sevigne-vitre  

Duchêne, Roger (Hrsg), Autour de Mme de Sévigné, deux colloques pour un tricentenaire. Biblio 17 Hrsg vom Romanischen Seminar der Uni Tübingen 1997

Rob Kieffer, Göttliche Trüffel, hinterhältige Teufel. Die Drôme provencale war für Madame de Sévigné, die plauderfreudige, scharfsinnige Briefeschreiberin und Chronistin des königlichen Hoflebens, Zufluchtsort und Inspirationsquelle. In diesem Jahr feiert man dort ihren 400. Geburtstag. In: FAZ 23.5.2026

Gerlinde Kraus, Madame de Sévigné. In: Bedeutende Französinnen. Mühlheim/Main 2006

Jean-Jacques Lévêque, Madame de Sévigné ou la saveur des mots 1626-1696. Paris ACR Editions 1996

Claude Lefebvre, Portrait von Madame de Sévigné. https://de-academic.com/dic.nsf/dewiki/899704

Stéphane Maltère, Madame de Sévigné. Paris: Gallimard 2013

Genès Pradel, Madame de Sévigné en Bourbonnais : ses séjours à Vichy et à Bourbon-l’Archambault. Conférence faite aux « Amis de Montluçon », le 2 mai 1914. Madame de Sévigné en Bourbonnais : ses séjours à Vichy et à Bourbon-l’Archambault / par Genès Pradel | Gallica

Die D-Day-Landungsstrände in der Normandie: Seit Juli 2026 Weltkulturerbe

Vor 10 Jahren, im Mai 2016, habe ich auf diesem Blog zwei Beiträge über die Normandie veröffentlicht: In dem ersten Artikel ging es u.a. um die große Spannweite der noch erhaltenen authentischen Zeugnisse aus der Zeit der Kämpfe in der Normandie. Die Landungsstrände sind ja gewissermaßen ein „Freilichtmuseum.“ [1]

Seit 2008 haben vor allem die Region Normandie, der französische Staat und die betroffenen Départements und Gemeinden sich dafür engagiert, die Landungsstrände in das Weltkulturerbe der UNESCO aufzunehmen.  

Aufruf zur Unterstützung der Kandidatur der Landungsstrände für die Aufnahme in das Weltkulturerbe der UNESCO. Schaufensterscheibe eines Geschäfts in Trevières, April 2016

Es war von Anfang an ein außergewöhnliches Projekt, weil es sich ja nicht, wie meistens, um kultur- und kunstgeschichtlich herausragende Objekte handelt, sondern um einen Kriegsschauplatz. Und es dauerte denn auch 18 Jahre, bis die Bemühungen Erfolg hatten: Nach einem ersten Versuch 2018 wurde 2024 ein neuer Antrag gestellt, der schließlich am 26. Juli 2026 von dem Welterbekomittee positiv beschieden wurde.[2] Hier die Beschreibung des neuen Welterbes durch die UNESCO:

Das Kulturgut besteht aus einer Serie von sechs Bestandteilen, die sich über etwa achtzig Kilometer Küstenlinie entlang der Seine-Bucht erstrecken. Es umfasst Utah Beach, Omaha Beach, Gold Beach, Juno Beach und Sword Beach sowie den Landungsort Pointe du Hoc. Diese Stätten stehen im Zusammenhang mit der Landung der Alliierten am 6. Juni 1944, der Anfangsphase der Operation Overlord, deren Ziel es war, Westeuropa während des Zweiten Weltkriegs von der Besetzung durch Nazideutschland zu befreien. Das Kulturgut bewahrt Elemente des deutschen Atlantikwalls, darunter Bunker, Artilleriebatterien, Feuerleitstellen und „Widerstandsnester“, sowie Überreste des Schlachtfelds, originale Ausrüstung und bedeutende Gedenkstätten und Denkmäler, insbesondere den amerikanischen Friedhof in Colleville-sur-Mer. Zusammen bilden diese Elemente eine Reihe von Stätten, die durch die Ereignisse von 1944 und das spätere Gedenken daran geprägt sind.“[3]

Diese Landungsstrände wurden von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt, weil sie dem Kriterium (vi) der Welterbekonvention entsprechen. Als Welterbe gelten danach „Stätten, die mit Ereignissen von außergewöhnlicher universeller Bedeutung verbunden sind.“ Bezogen auf die Landungsstrände heißt es im Beschluss des Gutachtergremiums (ICOMOS)[4]:

„Die Landungsstrände sind unmittelbar und nachweisbar mit einem Ereignis von außergewöhnlicher universeller Bedeutung verbunden: der Landung der Alliierten am 6. Juni 1944. Dieses Ereignis markierte den Beginn der Befreiung Westeuropas vom Nationalsozialismus und wird weltweit als Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg verstanden.“

Außerdem handele es sich um eine außergewöhnliche Kulturlandschaft:

„Die Stätte bildet eine außergewöhnliche Kulturlandschaft, die sowohl durch die Ereignisse von 1944 als auch durch das bis heute anhaltende Gedenken geformt wurde. Die physischen Überreste -Befestigungen, Krater, Wracks, der Mulberry-Hafen- verbunden mit Friedhöfen, Denkmälern und Museen, tragen die universelle Botschaft von Freiheit, Frieden und Versöhnung“.

Und schließlich und nicht zuletzt wird der universelle Wert der neuen Welterbe-Stätte betont:

„Die Normandie-Strände stehen nicht für Sieg oder Niederlage einer Nation, sondern für den gemeinsamen Kampf für Freiheit. Sie sind zu Orten des Gedenkens für Menschen aller Nationen geworden und verkörpern die Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden auf dem europäischen Kontinent.“

Die Gemeinsamkeit des Kampfes wird gerade auch von französischer Seite betont. Es seien ja nicht nur die USA, Großbritannien und Kanada gewesen, die die Landungsoperationen ausgeführt hätten, sondern insgesamt hätten „17 Nationen ihre militärischen, logistischen, politischen und menschlichen Ressourcen für diese einzigartige Operation“ mobilisiert. [5] Am zentralen Gedenkort der Landungsstrände in Saint-Laurent-sur-Mer am Omaha Beach wehen denn auch die Fahnen von neun der beteiligten Nationen:

Dänemark, Norwegen, Niederlande, Großbritannien, Frankreich

USA, Kanada, Belgien, Polen

Nimmt man die Erklärung der UNESCO zum universellen Wert der Landungsstrände beim Wort, müsste hier eigentlich auch eine deutsche Fahne wehen; war doch die alliierte „Invasion“ ein entscheidender Beitrag, Deutschland von der Nazi-Herrschaft zu befreien. Und das Ende des Dritten Reichs wurde von deutschen Antifaschisten, die es doch auch gab, herbeigesehnt und unterstützt. Ich verweise hier nur als Beispiel auf den in Paris tagenden sogenannten Lutetia-Kreis. Und Bundeskanzler Willy Brandt hätte in ein würdiger Vertreter Deutschlands bei D-day-Jubiläen sein können. Es war aber erst Gerhard Schröder, der am 6. Juni 2004 als erster offizieller Repräsentant Deutschlands an einem solchen Jubiläum teilnehmen durfte: Auf Einladung des französischen Präsidenten Jacques Chirac beim 60. Jahrestag der alliierten Landung. Zu diesem Jubiläum wurde auch das eindrucksvolle Denkmal Les Braves am Strand von Saint-Laurent-sur-Mer eingeweiht.

Zu den D-day-Jubiläumsfeierlichkeiten war auch, heute kaum noch vorstellbar, der russische Präsident Putin 2004 und 2014 eingeladen. Aus dem Treffen von 2014 ging das sogenannte Normandie-Format hervor, eine 4-Länder- Kontaktgruppe (Russland, Ukraine, Frankreich, Deutschland/Merkel), deren Ziel es sein sollte, den Ukraine-Konflikt friedlich beizulegen. Dieser Versuch einer diplomatischen Lösung ist bekanntlich mit dem Einmarsch der russischen Truppen in die Ukraine gescheitert. Wenn der Direktor des Mémorial de Caen die Frage aufwirft, welchen Beitrag das Débarquement leisten kann, „die großen Fragen unserer Zeit“ zu erhellen[6], dann verstehe ich das als Hinweis auf den Ukraine-Krieg und als Aufforderung zum gemeinsamen Kampf gegen den russischen Aggressor…

Dass am Omaha Beach die Tricolore neben dem Sternenbanner in der Mitte der Fahnenreihe hängt, ist selbstverständlich, ging es doch am 6. Juni 1944 zunächst um die Befreiung Frankreichs von deutscher Besatzung. Und außerdem waren auch Franzosen beteiligt; vor allem französische Marineinfanteristen des Kommando Kieffer, die mit den britischen Truppen am Sword-Beach an Land gingen.[7] Auch hinter der Front waren Franzosen im Einsatz. So unser inzwischen verstorbener Freund Remi Dreyfus. Er hatte sich nach der französischen Niederlage 1940 als junger Soldat zu de Gaulle nach England durchgeschlagen und wurde von der RAF als Fallschirmspringer ausgebildet.  Im Zuge der alliierten Landung war er über Frankreich abgesetzt worden, um Kontakt mit der Résistance aufzunehmen. Ziel war es, im Innern Frankreichs stationierte deutsche Truppen am Marsch zu der Normandie-Front zu hindern.

Was bedeutet die Verpflichtung, das Welterbe zu erhalten, für die Landungsstrände?

Die über 80 seit der Landung der Alliierten in der Normandie vergangenen Jahre sind nicht spurlos an den Relikten aus der damaligen Zeit vorbeigegangen, soweit sie nicht in einem der zahlreichen Museen konserviert werden.

Amerikanischer Panzer vor dem Overlord-Museum, Omaha Beach

Es gibt natürliche Zerfallsprozesse, die durch den Klimawandel noch verstärkt werden. Die Landungsstrände sind der Erosion ausgesetzt: An den Stränden kann man Reste des „Atlantikwalls“ finden, die damals in den Dünen verborgen waren. Manchmal bei Ebbe noch sichtbare Gerippe von Landungsbooten verrosten und verfallen immer mehr. Wie an anderen Stellen der normannischen Küste (z.B. Étretat) sind auch die steilen Klippen zwischen den Landungsstränden bedroht. Es gab schon große und gefährliche Abbrüche.

So an der strategisch wichtigen und 1944 hart umkämpften Pointe du Hoc zwischen Omaha- und Utah-beach.[8] Und die Feuerleitstelle der deutsche Küstenbatterie in Longues-sur-Mer zwischen Omaha-und Gold- beach ist seit 2025 nicht mehr zugänglich, weil die entsprechende Felspartie vom Absturz bedroht ist. [9]

Ruinen deutscher Geschützstellungen bei Granville zwischen Omaha – und Utah Beach (Aufgenommen Sept 2019)

Gerippe eines Landungsbootes am Omaha Beach, zum Teil mit Miesmuscheln bewachsen…

All das ist nur noch bei Ebbe zu sehen…

Betonteile des „Atlantikwalls“ am Strand

Ruinen eines sogenannten „Widerstandsnests“ der Wehrmacht in den Dünen von Omaha Beach. Insgesamt gab es im Bereich dieses 8 km langen Strandes 14-15 solcher großen Stützpunkte (WN 60-74), die zum Teil noch im Bau waren. Dazu kam eine dreistellige Zahl kleinerer Stellungen.

So überschwemmt und überwuchert die Natur allmählich manche Zeugnisse des débarquement vom 6. Juni 1944. Das war sicherlich eine wesentliche Motivation, die Erinnerung an diesen Wendepunkt des Zweiten Weltkrieges durch eine Aufnahme der Landungsstrände in das Welterbe der UNESCO wachhalten zu wollen. Denn die Einschreibung in das Weltkulturerbe schließt, wie das französische Kultusministerium hervorhebt, ausdrücklich die Verpflichtung ein, „diese Gedenklandschaften zu erhalten. Sie unterstreicht, wie wichtig es ist, die Überreste, Landschaften und Gedenkstätten zu schützen.“ [10] Und die UNESCO wacht auch darüber, dass erhalten und schützen ernst genommen werden. Bei der getreuen Rekonstruktion des bei dem Brand zerstörten Dachreiters von Notre-Dame hat denn auch das Argument, durch eine eventuelle andere Lösung nicht den Welterbestatus der Kathedrale zu gefährden, eine wesentliche Rolle gespielt. Und am Beispiel des modern ergänzten Cranach Altars im Naumburger Dom wurde erst kürzlich deutlich, wie penibel die UNESCO die Verpflichtung zur Erhaltung interpretieren und durchsetzen kann.[11]

Bei den Landungsstränden ist es allerdings völlig unmöglich, die Verpflichtung zur Erhaltung strikt auszulegen. Gegen den Zahn der Zeit ist auch die UNESCO machtlos.  Es wäre ja auch völlig absurd, die vielen Bauwerke des „Atlantikwalls“ im Bereich der Landungsstrände vor dem weiteren (verdienten) Verfall zu bewahren. Sie haben ja nun wirklich nicht den Adelstitel eines „Kulturguts“ verdient.

Ausnahmen wird es allerdings geben. Dies gilt vor allem natürlich für die Bauwerke, die inzwischen als Museen dienen und zur offiziellen Besichtigung freigegeben sind . Vielleicht auch für herausragende Anlagen wie die mächtige Batterie von Langues-sur-Mer (so lange die Klippen, auf denen sie gebaut ist, noch dem Klimawandel standhalten).

Und da würde die Erhaltung ja auch dazu dienen, die Leistung der alliierten Landungstruppen besonders anschaulich zu machen.

D-day war, was gerne herausgestellt wird, das größte Landungsunternehmen der Geschichte. Wie herausfordernd dieses Unternehmen war, wird eindrücklich sichtbar am port Mulberry B, dem künstlichen Hafen, den die Engländer bei Arromanches errichtet haben. Es war den Alliierten ja klar, dass sie bei dem geplanten Landungsunternehmen auf einen funktionierenden Hafen für den erforderlichen immensen Nachschub angewiesen sein würden. Nach dem katastrophal gescheiterten Landungsunternehmen der Kanadier in Dieppe am 19. August 1942 (Operation Jubilee) mussten sie aber erkennen, dass die existierenden Häfen zu gut geschützt waren, also nicht infrage kommen konnten. Also hatten die Engländer die geniale Idee, direkt nach der Landung künstliche Häfen anzulegen;  einen am Omaha-Beach (Mulberry A), der aber schon am 19. Juni 1944 einem Sturm zum Opfer fiel, und Mulberry B vor Arromanches, über den der Normandie-Brückenkopf erfolgreich mit Nachschub versorgt wurde, bis der Hafen von Cherbourg diese Rolle übernehmen konnte.[12]

Es wird kaum möglich sein, das, was heute von dem Hafen noch erhalten ist, dauerhaft gegen das Meer zu verteidigen. Schon jetzt stecken viele seiner Teile im Sand und sind nur noch bei Ebbe sichtbar. Es ist ein Erbe, „voué à disparaitre“, dessen Bestimmung es also ist zu verschwinden.[13]

Aber der Hafena war schließlich auch nur für wenige Monate des Sommers 1944 gebaut. Immerhin stehen einige Brückenteile noch an Land, ebenso wie in Vierville-sur-Mer am Omaha-Beach. Die sind als Monument historique klassifiziert und geschützt. Aber es wird schon schwer und kostspielig genug sein, auch nur diese Teile dauerhaft zu erhalten.

Nicht nur im Blick auf den prestigeträchtigen Welterbestatus wird man einige solcher spektakulären Zeugnisse der Vergangenheit wohl bewahren: Es geht ja dabei auch um die touristische Attraktion der Landungsstrände. Dass die ungebrochen ist, wird auf Schritt und Tritt deutlich.

Touristen am zentralen Gedenkort Omaha Beach

Amerikanische Militärfahrzeuge, die für Schlachtenbummler-Rundfahrten angeboten werden.

Ein Kabinett mit D-day-Devotionalien in einem Geschäft in Trevières

Blick durch eine Windschutzscheibe

Verständlicherweise sind es gerade Amerikaner, die gerne die Landungsstrände, und dabei natürlich vor allem Omaha Beach, besuchen. Wo sonst flattern auch so viele Sternenbanner im Wind…

 … und wo sonst in der Welt können bei einem Auslandseinsatz gefallene amerikanische Soldaten als Helden präsentiert werden, ohne Befremden, Ablehnung oder gar Hass zu erzeugen?

Zu dem Erbe der Landungsstrände und ihrer touristischen Attraktion gehören auch die vielen Denkmäler, die an den Einsatz einzelner Verbände oder auch Einzelpersonen erinnern.

Sehr eindrucksvoll ist das eher unscheinbare Memorial des Gap Assault Team 10 im Abschnitt Easy Red von Omaha Beach zwischen Saint-Laurent und Colleville-sur-Mer.

Die Mission des Gap Assault Team 10 gehörte zum Plan, am Omaha Beach sechzehn Fahrrinnen durch die Zone von Hindernissen zu öffnen, die auf Initiative Rommels an den möglicen Landungsstränden aufgebaut worden waren. Die freigeräumten Korridore sollten es den folgenden Einheiten, Fahrzeugen und der Versorgung ermöglichen, vom Ufer aus voranzukommen. [14]

Ebenfalls in diesem hart umkämpften Abschnitt liegt bei Colleville-sur-Mer der Betonbrocken eines Bunkers auf dem Strand, der sogenannte Ray’s Rock.

Eine Tafel erinnert an die Sanitäter, die in diesem Abschnitt im Einsatz waren. Zu ihnen gehörte auch Ray Lambert, der am 6. Juni, selbst verwundet,  unter Beschuss Kameraden aus dem Wasser zog und versorgte.[15]

Außergewöhnlich ist auch das 2017 errichtete Charles Shay Indian Memorial in den Dünen von Saint-Laurent-sur-mer. Es erinnert nicht nur an den Sanitäter Charles Shay, sondern an die insgesamt etwa 500 amerikanischen Soldaten indianischer Abstammung, die an den Landungsoperationen teilnahmen.

Die Schildkröte aus Granit steht in vielen indianischen Mythologien für Weisheit und Langlebigkeit. Später wurde auch noch eine Büste von Charles Shay hinzugefügt, der sich im Rahmen der Veteranenbewegung besonders dafür engagierte, die Erinnerung an die amerikanischen Soldaten indianischer Abstammung wachzuhalten.

Shay wurde 101 Jahre alt und verbrachte seine letzten Lebensjahre in der Normandie. Bei der Einweihung des Memorial sagte Shay, die „Natifs“ würden nirgendwo sonst so geehrt wie in der Normandie.[16]

Ein Denkmal für die 1700 schwarzen Soldaten, die an der Landung teilgenommen haben, gibt es übrigens nicht. Selbst 2009, beim 65. D-day- Jahrestag, an dem auch Präsident Obama teilnahm, wurde ihrer nicht gedacht. Einer von ihnen, der Jazz-Musiker Jon Hendricks, beklagte damals den Rassismus der durchweg weißen amerikanischen Offiziere, für die die schwarzen Soldaten nur Menschenmaterial gewesen seien.[17]

Das neueste und äußerst aufwändig gestaltete Denkmal am Omaha Beach ehrt die Pioniere (demolition units), die als erste an Land gingen, um Breschen in die am Strand aufgebauten Hindernisse zu schlagen: „Den Einwohnern von Saint-Laurent-sur mer, der Großzügigkeit unserer Geldgeber (die nachfolgend in aller Ausführlichkeit aufgeführt werden W.J.) und den Männern des 6. Juni“.[18]

Teil des Denkmals ist auch ein in einen Granitblock gemeißelter, heroisch in den Kampf schreitender, natürlich weißer Soldat in seiner Kampfausrüstung vom 6.. Juni 1944. Davor eine Panzersperre Igel, auch Tschechenigel genannt, das am meisten verwendete Panzerhindernis.

Ich vermute, dass das Denkmal auch Präsident Trump gut gefallen würde. Jedenfalls passt es, wie ich finde, gut in seine Ära.

Die noble steinerne Umrandung des Monument Park wird übrigens gerne von Menschen genutzt, die vom Strand zurückkommen, um die Füße vom Sand zu säubern und wieder ihre Schuhe anzuziehen….

Was bedeutet nun die Anerkennung als Weltkulturerbe für die Zukunft der Landungsstrände? Sie auf dem heutigen Stand zu konservieren, ist auch für die UNESCO keine Option. Gefordert wird aber:

  • Die Dokumentation des Bestandes, die aber schon im Rahmen der Bewerbung vorgenommen wurde.
  • Der Schutz vor Raubbau (Souvenir-Jäger, Bebauung).  Dies war übrigens ein Grund für Gegner der Windkraft, das UNESCO-Projekt zu unterstützen. So soll der Bau von Windrädern im Bereich der Landungsstrände, also auch im Meer, verhindert werden.
  • Die Erklärung und Vermittlung   durch Informationstafeln und Museen. Über den Ablauf der Landung gibt es schon eine Vielzahl von Informationsgelegenheiten. Allein am Omaha Beach präsentieren zwei Museen entsprechendes Material. Allerdings nicht über die zivilen Opfer, die es ja auch gab- man denke nur an das von englischen und amerikanischen Bomben in Schutt und Asche gelegte Saint-Lô, die „capitale des ruines“ (Samuel Becket), an Saint-Malo oder Le Havre. Und ich weiß nicht, inwieweit es auch schon hinreichende Informationen gibt oder geben wird über den Bau des Atlantikwalls, eines durchaus gewaltigen Unternehmens, das zwar von den Nazis geplant und organisiert, aber an den französischen Küsten von Franzosen ausgeführt wurde, wovon manche durchaus profitierten. Man hat den Atlantikwall deshalb als ein „Monument der Collaboration“ bezeichnet. [19] Ich würde auch gerne etwas erfahren über die am „Atlantikwall“ eingesetzten deutschen Soldaten. Geht man über den deutschen Soldatenfriedhof von La Cambe, wo viele in den Normandie-Kämpfen gefallene deutsche Soldaten bestattet sind, sieht man oft die Gräber ganz junger und vieler älterer Soldaten, auch solcher mit ausländischen Namen…Und wie viele deutsche Soldaten wurden bei der alliierten Landung getötet. Für jeden der 5 Landungsstrände gibt es schließlich genaue Zahlenangaben der alliierten Opfer. Und wo waren diese Soldaten in Erwartung der „Invasion“ untergebracht? Und welche Kontakte gab es zwischen ihnen und der lokalen Bevölkerung?

Viele Fragen, auf die man an den Landungsstränden eher keine Antworten erwarten kann…


Anmerkungen:

[1] Alle Fotos des Beitrags von Frauke und Wolf Jöckel, überwiegend aufgenommen im August 2026 am Omaha Beach, dem größten und für die alliierten Truppen verlustreichsten der fünf Landungsstrände.

14 Minuten Lesezeit

[2] https://www.normandie.fr/les-plages-du-debarquement-patrimoine-mondial

[3] https://whc.unesco.org/fr/list/1581/

[4] Beschluss des UNESCO Weterbekomitees, 48. Sitzung Busan (Südkorea) 2026 und ICOMOS Evaluation Report: The D-Day Landing Beaches, Normandy, 1944 – Advisory Body Evaluation

[5] https://www.culture.gouv.fr/regions/drac-normandie/actualites/les-plages-du-debarquement-normandie-1944-inscrites-sur-la-liste-du-patrimoine-mondial-de-l-unesco

[6] https://www.memorial-caen.fr/wp-content/uploads/2026/07/CP-Memorial-de-Caen-UNESCO-Memorial-de-Caen-Juillet-2026.pdf

[7] Les Commandos français à Sword Beach:  https://www.caenlamer-tourisme.fr/decouvrir-caen-la-mer/sur-les-traces-du-debarquement-et-de-la-bataille-de-normandie-a-caen/les-commandos-francais-a-sword-beach/

[8] https://www.lemonde.fr/planete/article/2024/06/03/debarquement-la-bataille-contre-l-erosion_6237101_3244.html    

[9] https://www.ouest-france.fr/environnement/rechauffement-climatique/on-sy-attendait-a-la-batterie-de-longues-sur-mer-lerosion-oblige-a-fermer-une-partie-du-site-9ff99e3a-19eb-11f0-a759-74724e64dd56

[10] https://www.culture.gouv.fr/regions/drac-normandie/actualites/les-plages-du-debarquement-normandie-1944-inscrites-sur-la-liste-du-patrimoine-mondial-de-l-unesco

[11] Trotz Kritik von Kirche und Künstler. Streit um Altar im Naumburger Dom: Forderungen der Unesco werden wohl erfüllt. MDR 21.8.2025 https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/halle/burgenland/naumburg-dom-triegel-altar-streit-unesco-kultur-news-100.html

Vatikan bestätigt Umzug des umstrittenen Naumburger Altars. Weil ein zerstörtes Altarbild wiederhergestellt wurde, droht dem Naumburger Dom der Verlust des Weltkulturerbetitels. Deshalb wird der Altar jetzt nach Rom verlegt. 28. 9.2025 https://www.zeit.de/gesellschaft/2025-09/naumburger-dom-altar-unesco-weltkulturerbe-rom

[12] Au large de Arromanches-les-Bains – Le port Mulberry B (EA 4221)  Prospection avec materiel spécialisé (2011). https://journals.openedition.org/adlfi/76913?lang=fr

[13] https://archeologie.culture.gouv.fr/epaves-debarquement/fr/des-facteurs-de-degradation-multiples

[14] https://www.dday-overlord.com/de/map_point/memorial-des-gap-assault-team-10-easy-red-colleville-sur-mer

[15] https://www.smithsonianmag.com/history/one-few-surviving-heroes-d-day-shares-his-story-180972323/

[16] https://www.ouest-france.fr/d-day/78e-d-day-le-veteran-charles-shay-passe-le-relais-de-la-memoire-a-julia-kelly-efc96c10-e3ed-11ec-bb25-7d471ff200ae

[17] Jon Hendricks, soldat noir du D-Day : «Tous nos officiers étaient blancs et racistes»  L’INA éclaire l’actu vom 29.5.2024 https://www.ina.fr/ina-eclaire-actu/jon-hendricks-debarquement-normandie-6-juin-1944-noirs-soldat-racisme

[18] https://www.dday-overlord.com/map_point/naval-combat-demolition-units-memorial-saint-laurent-sur-mer

[19] Jérôme Prieur, Le mur de l’Atlantique. Monument de la Collaboration, Paris, Points Histoire Seuil, 2017

Siehe auch die beiden d-day-Blogbeiträge von 2016:

63 Orte: Eine Topographie deutsch-französischer Geschichte. Eine Buchrezension von Wilfried Loth

Das nachfolgend rezensierte Buch behandelt einen Themenbereich, der auch für diesen Blog eine besondere Bedeutung hat. Manche der 63 in dem Buch thematisierten Orte finden sich auch hier wieder. Das Buch ist insofern eine hervorragende Ergänzung und Bereicherung. Die Rezension erschien zuerst in der Internetzeitschrift doc.doc.eu am 6. Mai 2026. https://dokdoc.eu/2026/05/06/eine-topographie-deutsch-franzoesischer-geschichte/ Ich danke der Redaktion und Herrn Loth für die Genehmigung zum Abdruck. Bilder von Wolf Jöckel.

Die deutsch-französische Geschichte ist geprägt von Extremen – von Weltkriegen, Traumata und Feindschaft bis zu Vertrauen, Freundschaft und Frieden. Ein neues Buch macht diesen Wandel an 63 Schauplätzen von 1870 bis heute sichtbar.

Tobias Bütow, Generalsekretär des Deutsch-Französischen Jugendwerks, Corine Defrance, Professorin für Zeitgeschichte am CNRS (Sirice – Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne), und Ulrich Pfeil, Professor für Deutschlandstudien an der Université de Lorraine (Cegil, Metz), präsentieren gemeinsam 63 Orte der deutsch-französischen Geschichte.

Copyright: Herder-Verlag

Ihr Buch ist – anders als der Titel vermuten lässt – kein Reiseführer. Es bietet auch keine repräsentative Sammlung von „Erinnerungsorten“ im Sinne von Pierre Nora, also von Orten, die durch Geschichtspolitik und/oder aufgrund der mit ihnen verbundenen dramatischen Ereignisse zu symbolischen Elementen des kollektiven Gedächtnisses in Frankreich, Deutschland oder darüber hinaus geworden sind. Solche Orte kollektiver Erinnerung sind im Buch durchaus vertreten – etwa das „zerstörte Dorf“ Fleury-devant-Douaumont, wo die sterblichen Überreste von schätzungsweise 130.000 französischen und deutschen Soldaten an die Schlacht von Verdun erinnern, oder das „Märtyrerdorf“ Oradour-sur-Glane, in dem SS-Soldaten fast die gesamte Bevölkerung ermordeten.

Aus der Video-Präsentation eines Geschichts-Kurses der Carl-Schurz-Schule Frankfurt/Main anlässlich der Anbringung einer Erinnerungstafel an Robert Hebras, den letzten Überlebenden von Oradour,  am 24.10.2025

Nicht nur Erinnerungsorte

Aber das Buch bietet mehr und damit im Kern auch etwas anderes: eine Topographie deutsch-französischer Geschichtsorte, die politische, militärische, kulturelle, wirtschaftliche, ökologische und gesellschaftliche Entwicklungen in den Blick nimmt, an denen Franzosen und Deutsche beteiligt waren und in denen sie auf unterschiedliche Weise zusammenwirkten. Jeder der 63 von den Herausgebern ausgewählten Orte steht dabei pars pro toto für Entwicklungen, die sich an ihm in besonderer Weise kristallisiert haben, zeitlich jedoch mehr oder weniger weit darüber hinausreichen.

 So finden sich neben den Hochburgen des offiziellen Gedenkens an das Massensterben französischer und deutscher Soldaten im Ersten Weltkrieg oder an die Mordaktionen der SS nach der Landung der Alliierten im Juni 1944 auch Orte und Ereignisse, die einem größeren Publikum nahezu unbekannt geblieben sind – etwa das Olympiastadion von Colombes, in dem 1927 ein Rugbyspiel zwischen der französischen und der deutschen Nationalmannschaft stattfand, ein erster Schritt zur Aufhebung des Boykotts, dem deutsche Sportverbände nach dem Ersten Weltkrieg unterlagen. Oder das Deutsch-französische Gymnasium in Saarbrücken, das 1961 als erste binationale Schule aus einer französischen Sekundarschule hervorgegangen war, die auch bei saarländischen Kindern und Jugendlichen beliebt war.

Neben dem Kontrast zwischen traumatischen Erfahrungen und Akten der Versöhnung sowie des gemeinsamen Handelns, der auch hier deutlich hervortritt, zeigt sich eine weitere Spannbreite: die zwischen hoher Politik und zivilgesellschaftlichem Engagement.

Statue des triumphierenden Frankreichs am Ehrenhof des Schlosses von Versailles

Für Erstere steht etwa das Schloss von Versailles als Ort der deutschen Kaiserproklamation von 1871 und der Unterzeichnung des Versailler Vertrags 1919, für Letzteres Fessenheim als symbolträchtiger Schauplatz eines transnationalen Kampfes gegen die Kernenergie.

Am Ortseingang von Souain in der schwer umkämpften Champagne

Viele der behandelten Orte liegen zudem in den Kampfzonen des Ersten Weltkriegs oder in der französischen Besatzungszone nach dem Zweiten Weltkrieg. Es werden aber auch erinnerungsträchtige Orte in den beiden Hauptstädten porträtiert: In Paris wird etwa das Hotel Lutetia vorgestellt, in dem sich 1935 ein Kreis von deutschen Exilanten um den Schriftsteller Heinrich Mann gebildet hatte und das dann ab 1940 als Zentrale der deutschen Abwehr diente, bevor es im Frühjahr 1945 als Auffangzentrum für Überlebende der Konzentrationslager genutzt wurde.

 Am Hotel Lutetia erinnert eine Gedenktafel an die Rolle, die das Hotel am Ende des Zweiten Weltkriegs spielte. Eine Erinnerungs-Plakette an den „Lutetia-Kreis“ des deutschen Widerstandes gibt es leider nicht.

Und in Berlin wird unter anderem an das Französische Kulturzentrum Unter den Linden erinnert. Die SED-Führung hatte seiner Eröffnung im Januar 1984 notgedrungen zugestimmt, um einen internationalen Prestigeverlust zu vermeiden. Sie tat sich aber außerordentlich schwer damit, dass die DDR-Bürger den freien Zugang zu westlicher Literatur und Kultur, der ihnen hier geboten wurde, intensiv nutzten.

Auch Oslo und Dien Bien Phu

Einen besonderen Akzent erhält die Sammlung dadurch, dass auch Schauplätze deutsch-französischer Begegnungen und Aktivitäten in Drittländern einbezogen werden. So wirkte sich die deutsch-französische Rivalität an der Grenze zwischen der deutschen Kolonie Togo und Französisch-Dahomey (dem heutigen Benin) auf die Auseinandersetzungen mit der einheimischen Bevölkerung aus; daran wird in den Nachfolgestaaten bis heute erinnert. In Oslo wurde der Friedensnobelpreis zweimal an deutsch-französische Paare vergeben: 1926 an Aristide Briand und Gustav Stresemann, 1927 an die Pazifisten Ferdinand Buisson und Ludwig Quidde. Und in Dien Bien Phu kämpften auch 1.500 bis 2.000 deutsche Angehörige der Fremdenlegion im Rahmen einer multinationalen, von französischen Offizieren geführten Truppe, die den Stützpunkt gegen den Ansturm der Viet Minh verteidigen sollte.

Die deutsche Beteiligung an den Kämpfen um Dien Bien Phu ist praktisch unbeachtet geblieben. An die vielen Gefallenen erinnert erst seit Mitte der 1990er Jahre ein schlichter Obelisk, der bemerkenswerter Weise von einem ehemaligen deutschen Legionär errichtet wurde. In dem Beitrag über das Symbol der französischen Niederlage im Indochinakrieg wird abschließend darüber berichtet. In gleicher Weise schließen auch alle anderen Beiträge mit Informationen über die Art des jeweiligen Gedenkens oder auch Nicht-Gedenkens. Erinnerungen sind nicht nur vielfältig, sie wandeln sich auch im Laufe der Zeit und sie tragen so zum Wandel des kollektiven Gedächtnisses bei. Dabei ist insbesondere auf französischer Seite ein zunehmender Wille zur Versöhnung erkennbar, der zur Stabilisierung der Demokratie in Deutschland beitragen soll und dies auch leistet.

Insgesamt werden 63 Orte in strikt chronologischer Reihenfolge vorgestellt, beginnend mit der verlustreichen Schlacht von Gravelotte am 18. August 1870, die den Weg zur deutschen Belagerung von Metz eröffnete.

Bei der Schlacht von Gravelotte am 18. August 1870 starben 42.000 Soldaten. Grabmal auf dem Soldatenfriedhof

Diese Beschränkung wirkt auf den ersten Blick etwas willkürlich. Begründet wird sie damit, dass der Élysée-Vertrag, der die Entwicklung deutsch-französischer Zusammenarbeit maßgeblich vorangetrieben hat, 1963 geschlossen wurde und somit im Jahr des Erscheinens 63 Jahre zurückliegt.

Erinnerungstafel an den Gottesdienst von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer in der Kathedrale von Reims, Besiegelung der deutsch-französischen Versöhnung und wichtige Etappe auf dem Weg zum Élysée-Vertrag

Gleichwohl musste eine Auswahl getroffen werden, wenn das Projekt aussagekräftig bleiben sollte. Mit 63 Orten lassen sich tatsächlich wesentliche Züge der gemeinsamen deutsch-französischen Geschichte sowie ihrer Erinnerungskultur gut abbilden.

Eine anregende Geschichte

So kann man den Band, an dem nicht weniger als 56 Autorinnen und Autoren mitgewirkt haben, als eine ebenso anschauliche wie anregende Einführung in die Geschichte des Deutsch-Französischen lesen. Man kann ihn aber auch zur Vorbereitung und Durchführung deutsch-französischer Exkursionen heranziehen. Jeder Artikel enthält einen QR-Code, der Zugang zur französischen Fassung des jeweiligen Textes verschafft; das wird bei dieser Art des Einsatzes hilfreich sein.

Zu Recht betonen die Herausgeber, dass die Wahrung, Weitergabe und Weiterentwicklung der gemeinsamen Geschichtskultur von Franzosen und Deutschen für die Zukunft der Demokratie von wegweisender Bedeutung sind. Dazu kann dieser Band einen wesentlichen Beitrag leisten. Sehr passend endet er mit einer Präsentation der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw, die im Juni 2022 von Emmanuel Macron, Olaf Scholz und dem damaligen italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi gemeinsam besucht wurde. Sie erinnert daran, dass im Kern der europäischen Unterstützung für die ukrainische Demokratie die deutsch-französische Zusammenarbeit im sogenannten „Normandie-Format“ stand und dass das Ausmaß dieser Unterstützung für den Ausgang des Krieges in der Ukraine von entscheidender Bedeutung sein wird.

Tobias Bütow, Corine Defrance, Ulrich Pfeil (Hg.), 63 Orte der deutsch-französischen Geschichte. Von 1870 bis heute. Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2026, 330 Seiten, 23,00 €.

 Wilfried Loth, Jahrgang 1948, ist emeritierter Professor für Neue und Neueste Geschichte an der Universität Duisburg-Essen. Sein Standardwerk zur Geschichte der europäischen Einigung liegt jetzt in einer aktualisierten Ausgabe vor: Europas Einigung. Eine unvollendete Geschichte. Hardcover: Campus, Frankfurt/New York 2025; Paperback: Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2026.

Zuviel Glanz: Das Schloss Vaux-le-Vicomte des Nicolas Fouquet und die Rache des Sonnenkönigs (Teil 1)

Vaux-le-Vicomte, erbaut und gestaltet von dem genialen Dreigestirn Le Vau, dem Architekten, Le Brun, dem Maler, und Le Nôtre, dem Gartenarchitekten, lädt ein zu Superlativen: Das Schloss wird gerne als „Wunder der Architektur“ oder Gipfelpunkt der französischen Architektur und Kunst bezeichnet, es „gilt heute als eines der ersten und zugleich glänzendsten architektonischen Gesamtkunstwerke“ des „Grand Siècle“, also des französischen 17. Jahrhunderts. [1] Der dazugehörende Park wurde kürzlich von der New York Times ausgewählt, zu den 25 schönsten der ganzen Welt zu gehören. Im Barock wurde Frankreich „zum führenden Gartenland Europas“. Das Modell des Barockgartens à la française entstand in Vaux-le-Vicomte „und wurde dann in zweiter Generation in Versailles zum Modell des gesellschaftlichen Absolutismus umgewidmet. Das Modell wurde in ganz Europa kopiert, das ästhetische wie das politische.“ [2]

Schloss und Garten faszinieren aber auch wegen der Geschichte ihres Bauherren, Nicolas Fouquet. Der war 1661, nach den legendären Worten Voltaires  („Le Siècle de Louis XIV“) „am 17. August um 6 Uhr abends König von Frankreich, um 2 Uhr morgens war er nichts mehr.“[3] An diesem Tag veranstaltete Fouquet für seinen König, den jungen Ludwig XIV., und eine große Hofgesellschaft ein grandioses Fest auf seinem Schloss, das, wie gerne kolportiert wird, der Grund für seinen Absturz gewesen sein soll. Eine tragisch-schöne, aber nicht ganz zutreffende Geschichte.

Ich möchte nachfolgend in zwei Teilen mit jeweils zwei Abschnitten Nicolas Fouquet und Vaux-le-Vicomte vorstellen:

Teil 1:

  • Quo non ascendet – Nicolas Fouquets fulminanter Aufstieg zu den Gipfeln der Macht
  • Das Schloss von Vaux-le-Vicomte, das „erste Versailles“: Prachtbau und Propaganda

Teil 2:

  • Vaux-le-Vicomte: Der erste Barockgarten Frankreichs
  • Das Fest vom 17. August 1661 und der Absturz Fouquets

Quo non ascendet: Nicolas Fouquets Aufstieg zu den Gipfeln der Macht

Nicolas Fouquet stammte aus einer Familie in Angers, die ihr Vermögen im Tuchhandel machte.  Der erste bekannte Vorfahre, Jehan Fouquet, hatte sich Ende des 15. Jahrhunderts als Tuchmacher in der Nähe von Angers niedergelassen. Dieser Herkunft verdankt die Familie auch als Wappentier das Eichhörnchen. Denn dessen Name im lokalen Dialekt ist Fouquet. Außen am und innen im Schloss finden sich deshalb auch immer wieder Darstellungen des Eichhörnchens. Am eindrucksvollsten vielleicht auf diesem Renommée genannten Wandteppich:

Die beiden Füllhörner weisen auf den Wohlstand der Familie hin und vor allem natürlich auf den von Nicolas, für den dieser Wandteppich angefertigt wurde.  Über der Kartusche mit dem Eichhörnchen halten zwei Putten eine Krone: Natürlich bedeutet das nicht, dass sich das Eichhörnchen/Nicolas Fouquet königlichen Rang anmaßt, aber hoch hinaus wollte Nicolas Fouquet durchaus – und das Eichhörnchen ist ja auch in der Lage, flink in die höchsten Spitzen der Bäume zu klettern.  Dazu passt auch der familiäre Wahlspruch: Quo non ascendet- Wie weit wird er noch steigen…[4]  

Robert Nanteuil, Portrait von Nicolas Fouquet mit dem Eichhörnchen im Familienwappen. 1661[5]

Nicolas Fouquet wird sehr weit und sehr hoch steigen. Hatte die Familie schon in nur drei Generationen den Aufstieg von provinziellen Händlern zu Mitarbeitern der politischen Elite in Paris erreicht, so setzte der 1615 geborene Nicolas nach einer Schulzeit bei den Jesuiten und einem juristischen Studium an der Sorbonne den Aufstieg mit einer dem Eichhörnchen würdigen Behändigkeit fort. Dabei half ihm seine königstreue Haltung in den Zeiten der Fronde, des Adelsaufstands gegen das Könighaus und dessen ersten Vertreter, den Kardinal Mazarin. Als Dank wurde Fouquet 1653 zum surintendant des finances ernannt. Er war also Finanzminister und damit nach dem Premierminister Mazarin  einer der wichtigsten Männer des Königreichs. Fouquet konnte sich Hoffnungen machen, einmal dessen Nachfolge anzutreten.

Die Finanzen Frankreichs waren damals zerrüttet, der Krieg gegen Spanien verschlang enorme Gelder, die der Staat nicht hatte, und auch Mazarin hatte große Ansprüche, deren Erfüllung zu Fouquets Aufgaben gehörte. Der bankrotte Staat war aber nicht mehr in der Lage, die bei privaten Bankiers aufgenommenen Kredite zurückzuzahlen. Um das Vertrauen der Gläubiger zurückzugewinnen, setzte Fouquet sogar sein eigenes Vermögen ein, teils zur direkten Finanzierung von Kriegskosten, teils in Form von Bürgschaften. Dabei kam er aber selbst nicht zu kurz. Sein Reichtum wuchs immer mehr an, begünstigt auch durch erfolgreiche spekulative Geldgeschäfte und zwei Heiraten mit großer Mitgift.

Charles Le Brun, Portrait von Nicolas Fouquet (um 1661, Vaux-le-Vicomte) [6]

Seinen Reichtum nutzte Fouquet auch, sich einen Kreis von ihm ergebenen Klienten zu schaffen und um als Mäzen sein Ansehen zu vermehren. Eine große Anzahl von Künstlerinnen und Künstlern wurde von ihm gefördert, darunter Mme de Sévigné, Scarron, Perrault, Mlle de Scudéry, Corneille, Molière:  ein künstlerischer und  intellektueller Hofstaat, für den er viel Geld ausgab.

            Kabinett von Jean de la Fontaine in Vaux-le-Vicomte

Auch La Fontaine gehörte zu diesem Kreis. Er hatte ein besonders enges Verhältnis zu Fouquet, wohnte drei Jahre in Vaux-le-Vicomte und erhielt eine Pension, wofür er lediglich alle drei Monate ein Gedicht abliefern musste.

                             Büste Jean de la Fontaines von Houdon in seinem Cabinet in Vaux-le-Vicomte[7]

Dieser Kreis förderte das Ansehen Fouquets als Mäzen und Freund der Musen und verbreitete schon während der Bauarbeiten den Ruf von der Außerordentlichkeit seines Schlosses. La Fontaine verfasste eine Beschreibung des entstehenden Schlosses, Le songe de Vaux, die allerdings unvollendet blieb. [8] Madeleine de Scudery rühmte in ihrem 1660 publizierten Roman Clélie, in dem -wenn auch unter römischem Pseudonym- Fouquet auftritt, Schloss und Garten: Das was man da sehe, sei ein Meisterwerk, das Kunst und Natur verbinde.[9] Und André Félibien veröffentlichte ebenfalls schon 1660 eine intensive und kenntnisreiche Éloge de Vaux, de Foucquet et de Le Brun.[10]

Allerdings gab es gegen Fouquet auch zunehmenden Widerstand. Der wurde vor allem genährt von Colbert, der in Fouquet einen unliebsamen Konkurrenten sah, gegen den er nach Kräften bei Mazarin intrigierte. Fouquet reagierte darauf mit seinem Schlossprojekt von Vaux-le-Vicomte: Es sollte seinen Bauherrn ins beste Licht rücken, seine herausragenden Qualitäten zu Schau stellen, aber auch seine enge Bindung an das Könighaus und den jungen Monarchen. Vaux-le-Vicomte lag zwischen Paris und Fontainebleau, wo sich Ludwig XIV. gerne aufhielt. Ihm sollte das Schloss ein prachtvoller, der Muße und den Musen gewidmeter Aufenthaltsort fernab des höfischen Zeremoniells sein und dem Bauherrn die königliche Gunst sichern.

1641 hatte Fouquet die Vicomté de Vaux gekauft, die er bis 1656 durch Zukäufe erheblich erweiterte, bis er schließlich über mehr als 400 h zusammenhängenden Landes verfügte, die als Baugrund zur Verfügung standen. Es gab auch schon vorbereitende Arbeiten für einen Nutzgarten und erste Planungen eines lokalen Architekten für Garten und Schloss. 1655/56 allerdings engagierte Fouquet für das Schlossprojekt drei sehr bekannte und angesehen Künstler, die auch schon für das Könighaus gearbeitet hatten: den Architekten Louis Le Vau, den Maler Charles Le Brun und den Gartenarchitekten André Le Nôtre. [11]

Louis Le Vau war kurz vorher zum premier architecte du roi ernannt worden und hatte sich schon durch zahlreiche Bauten ausgezeichnet, u.a. das hôtel Lambert auf der Île Saint Louis, dessen galerie d’Hercule der Vorläufer des Spiegelsaals von Versailles ist.

Charles le Brun stand seit 1638 in den Diensten Ludwigs XIII. Als Fouquet ihn für Vaux-le-Vicomte engagierte, galt er als der bedeutendste Innenraumdekorateur Frankreichs. In Vaux-le-Vicomte sollte er für die gesamte Inneneinrichtung und die skulpturale Ausgestaltung des Gartens zuständig sein.

Der Dritte im Bunde, André Le Nôtre, steht für die Einführung eines neuen Gartentyps in Frankreich, des jardin à la française. Sein Plan für die Anlage von Vaux gilt als der erste in Gänze erhaltene Plan eines französischen Gartens überhaupt.

Dieses Künstlertrio arbeitete in Vaux-le-Vicomte eng zusammen, wie das perfekt aufeinander abgestimmte Zusammenspiel von Architektur, künstlerischer Ausgestaltung und Gartenplanung zeigt. So entstand hier „ein in allen seinen Teilen aufeinander bezogenes Gesamtkunstwerk“.[12]

Das „erste Versailles“: Prachtbau und Propaganda

Man hat das Schloss von Vaux-le-Vicomte als „das erste Versailles“ bezeichnet: Ein grandioses Gesamtkunstwerk, entstanden zu einer Zeit, als Versailles noch ein kleines unbedeutendes Schloss unter vielen anderen war.

Der von Melun kommende Besucher sieht zuerst nicht das Schloss, sondern das die Anlage begrenzende Gitter, das mit doppelseitigen Hermen geschmückt ist. Es sind Darstellungen antiker Götter.  „Die Hermen kennzeichnen Vaux noch vor dem Betreten der Anlage als einen besonderen, von göttlichen Kräften gesegneten Ort.“[13]

Zu den Göttern gehört auch der Sonnengott Apoll, der Gott des Sonnenkönigs: Ludwig verglich sich ja seit seinen Ballettauftritten von 1651 und 1659 mit Apoll, der allgemein als Symbol des Königs galt. So wird schon hier der Segen des Schlosses und seines Schlossherrn durch Ludwig XIV. beschworen.

Vom Hermengitter aus blickt der Besucher auf die Hofseite des Schlosses. Und was heute ganz normal erscheint, war damals absolut modern: Das Gebäude war nämlich nicht in der damals charakteristischen Mischung von behauenen Steinblöcken und roten Ziegeln erbaut, im sogenannten Louis XIII- Stil also, sondern nur noch aus behauenem Stein, wie es sich dann auch allgemein durchgesetzt hat.  

Die Wirtschaftsgebäude rechts und links des Vorhofs sind dagegen traditionell mit brique und pierre errichtet und heben damit das aus hellem Stein erbaute Schloss in seiner Neuheit und Einzigartigkeit hervor.[14]

An ihrem nördlichen und südlichen Ende sind Triumphbögen gebaut, „die den Vorplatz architektonisch erhöhen“ und „den königlichen Einzug in das Schloss flankieren“ sollten.[15]

Der Einzug des Königs wird dann in der Konzeption des Schlosses entsprechend großartig inszeniert: Das Schloss ist gegenüber dem Vorhof und den Wirtschaftsgebäuden deutlich erhöht, was ihm, wie Mlle de Scudéry schreibt, „une grande Majesté“ verleiht.[16] Und der Eingang wird noch einmal betont durch einen mächtigen, vor die Fassade gesetzten Triumphbogen. Über seinen mächtigen Säulen verläuft ein Triglyphenfries mit mehreren Wappen-Eichhörnchen in den Metopen.[17] Und über dem Tympanon, in dem ursprünglich in der Mitte natürlich das Wappen Fouquets enthalten war, thronen zwei Götterfiguren: Rea, die Erdengöttin und Mutter aller Götter, und -wie könnte es anders sein- Apollo mit seiner Lyra.

Der auf die römische Antike verweisende Triumphbogen und die Fassade sind geschmückt mit Medaillons antiker Persönlichkeiten und mit Büsten antiker Herrscher. Die finden sich dann auch reichlich im Innern des Schlosses.

Büste Caesars aus dem Salon (Ausschnitt)

„Mit den Antikendarstellungen reiht sich Fouquet nicht nur in die architektonische Tradition seiner Zeit und seines Standes ein, er beansprucht zugleich die antiken Herrschertugenden und Weisheiten zur Glorifizierung seines neuen Besitzes.“[18]

Wenn man durch den Triumphbogen hindurchgeht und das Schloss betritt, gelangt man in den Salon, den großen, ovalen, über zwei Stockwerke sich erstreckenden Kuppel-überwölbten Empfangsraum des Schlosses.[19]

© Yann Priou / Collection du château de Vaux-le-Vicomte

Die Größe dieses Raumes beruht darauf, dass hier keine große Treppenanlage in die bel étage, also das Obergeschoss, existiert. Le Vau hat nämlich, begünstigt durch die erhöhte Lage des Schlosses, die bel étage in das Erdgeschoss verlegt. Schon beim ersten Blick auf das Schloss lässt sich das unschwer erkennen: Die Fenster des Erdgeschosses sind die einer bel étage, die Fenster des Obergeschosses dagegen deutlich kleiner, was auch den unterschiedlichen Geschosshöhen entspricht. Um die Privaträume Fouquets und die seiner Frau im Obergeschoss zu erreichen, genügen kleine, unauffällige Treppen im Vestibül.

Le Vau: Grundriss des Erdgeschosses von Vaux-le-Vicomte[20]

Die Innendekoration des Raums konnte Le Brun wegen der Verhaftung Fouquets nicht vollenden. Es gibt aber einen damals schon berühmten Entwurf für das zentrale Gemälde in der Kuppel: Im Zentrum die Sonne (Ludwig XIV.), die ein Eichhörnchen (Fouquet) in den Götterhimmel erhebt. Umgeben wird die Szene von der Darstellung der vier Jahreszeiten, der Monate, Tage und Wochen. So wird Nicolas Fouquet „zum ewigen Helden.“[21] Dazu passen auch die 12 Sternzeichen-Skulpturen auf der Höhe der ersten Etage, die dem Bildhauer François Girardon zugeschrieben werden. Auch wenn die Ausmalung der Kuppel nur angedeutet ist: Es ist insgesamt ein grandioser Raum, dessen Schönheit gerade wegen seiner „Nacktheit“ besonders deutlich wird.[22]

Auch andere Räume des Schlosses, vor allem die Privaträume im Obergeschoss, blieben unvollendet. Und nach der Verhaftung von Fouquet wurde ein großer Teil der kostbaren Einrichtung von Ludwig XIV. konfisziert, anderes versteigert.  Vieles wurde aber nach dem Kauf des heruntergekommenen Schlosses 1875 durch die Industriellenfamilie Sommier im alten Stil ergänzt. So besitzt Vaux-le-Vicomte heute „die für seine Zeit umfangreichste und einheitlichste Innendekoration in Frankreich, obwohl sie nie vollendet wurde.“[23]

Dazu gehörten auch kostbare Wandteppiche, die Fouquet zum Teil sogar in der eigens von ihm gegründeten Manufaktur von Maincy herstellen ließ. Von Ludwig XIV. konfisziert, wurden sie zum Teil während der Französischen Revolution wegen der in ihnen enthaltenen kostbaren Goldfäden zerstört, aber wieder ersetzt. Hier zwei Kommoden im sog. Mazarine-Stil von André-Charles Boulle. Boulle war einer der großen Kunsttischler des Faubourg Saint-Antoine und gilt als Erfinder der Kommode.

         Ein aus Ebenholz gefertigter Mazarine-Schreibtisch von Boulle im Antichambre du Roi

Dies ist eine von fünf kleinen Bronze- Versionen der großen Reiterstatue Ludwigs XIV., die François Girardin (1628-1715) für den Platz Louis-le-Grand (heute place Vendôme) angefertigt hat.

Nicolas Fouquet hatte sein Schloss natürlich auch mit einer Vielzahl von Gemälden ausgestattet. In den für ihn bestimmten Räumen hing damals auch ein Gemälde des niederländischen Malers Lambert Sustris.  Es zeigt Venus, zusammen mit einem geflügelten Amor, die ihren herbeieilenden Geliebten, den Kriegsgott Mars, erwartet und in freudiger Erwartung die beiden kopulierenden Tauben streichelt. [24]

Lambert Sustris, Venus und Cupido.

Das Bild hat eine abenteuerliche Geschichte: Sustris malte es in Augsburg, wo er zahlreiche Kunden hatte, darunter die Familie Fugger. Nach dem Bankrott eines Zweigs der Familie kaufte ein Pariser Kunsthändler das Bild, und dann war es Nicolas Fouquet, der es für sein neues Schloss erwarb. Nach dem Sturz Fouquets wurde das Bild konfisziert und Teil der Gemäldesammlung Ludwigs XIV. Heute ist das Original im Louvre ausgestellt, und zwar im Saal der Mona Lisa![25] In Vaux-le-Vicomte ist eine Kopie zu sehen.

Das künstlerisch und politisch bedeutendste Element der Innendekoration waren sicherlich die Deckengemälde Le Bruns. Zunächst arbeitete er an denen in dem Appartement des Hausherrn, das aus drei Räumen besteht: dem Vorzimmer (antichambre, Salon d’Hercule), dem Zimmer (chambre/Salon des Muses) und dem Kabinett (cabinet des jeux). In ihren Deckengemälden wird der Hausherr und Auftraggeber gefeiert, und es werden die Gründe für Fouquets im Salon dargestellte Aufnahme in den Götterhimmel im Einzelnen illustriert. Aber Le Brun feiert sich hier auch selbst: Er demonstriert seine große Kunstfertigkeit als Innendekorateur im Allgemeinen und Maler im Besonderen und empfiehlt sich damit für weitere und noch höhere Aufgaben, die ja dann auch nicht lange auf sich warten ließen..

Möglich wurden die allgemein Aufsehen erregenden Deckengemälde Le Bruns durch eine neue Deckenkonstruktion. Bisher dominierten in den französischen Schlössern und Stadtpalästen die Decken à la française mit Eichenholzbalken.[26]

                                     Eichenholzdecke à la française im hôtel Sully in Paris

Die Balken waren zwar bemalt, ermöglichten aber keine großflächigen Deckengemälde.  Das änderte sich im 17. Jahrhundert unter italienischem Einfluss.  Vaux-le-Vicomte ist dafür ein prominentes Beispiel.[27]  Die entsprechenden Decken hatten jetzt in der Mitte eine große freie Fläche für ein zentrales Gemälde und waren an den Rändern leicht gewölbt, was Raum bot für kleinere, das zentrale Thema vertiefende Gemälde und Stuckelemente.

Im Vorzimmer Fouquets, dem salon d’Hercule, steht natürlich Herkules im Mittelpunkt des Deckengemäldes. Er fährt hier mit einem Wagen in den Himmel, auf dessen oberem Wagenrand die Devise Fouquets eingezeichnet ist. Félibien hat in seinem Bericht über Vaux-le-Vicomte die Notwendigkeit betont, dass die von der Architektur und der Dekoration vermittelte Botschaft auf den ersten Blick verstanden werden müsse.[28] Das scheint hier der Fall zu sein, indem die Geschichte des Herkules mit der Fouquets verknüpft ist. Und für Félibien war klar, dass hier -passend zu dem Deckengemälde des Salons- Fouquet in der Gestalt des Herkules dargestellt ist. Man könnte aber auch den König in der Person des Herkules vermuten. Der Wagen wäre in dieser Interpretation ein Symbol für Nicolas Fouquet und seine Loyalität gegenüber der Krone. „Er trägt den Herrscher und unterstützt ihn bei seinen Taten.“[29]

© Christian Gluckman

Das wohl bedeutendste der von Le Brun fertiggestellten Deckengemälde im Schloss ist das im Chambre des Muses. Dieser Raum hatte insgesamt eine besonders wertvolle Ausstattung und wurde schon vor Fertigstellung des Schlosses für herausragende Anlässe genutzt. [30]

Zentrum des zentralen Gemäldes ist die weiß gekleidete Allegorie der Treue. Emporgehoben wird sie von der Geschichtsmuse Clio,  die die Devise Fouquets -Quo non ascendet- zum Himmel trägt. Begleitet wird sie von den Allegorien der Vorsicht und der Treue – ein deutlicher Hinweis auf Fouquets königstreue Haltung zu Zeiten der Fronde. Mit dabei sind auch Minerva, geflügelt und mit Speer, die Verkörperung der Vernunft,  und, oben im Bild, auch Apoll. Er vertreibt die Feinde und Ungeheuer, die den treuen Fouquet bedrohen.[31]

Charles le Brun, Le sommeil (Cabinet des jeux)

Das kleine Cabinet de jeux ist „der intimste und fröhlichste Raum im Erdgeschoss.“[32] Im Mittelpunkt ein weiteres Meisterwerk von Le Brun, eine auf Wolken ruhende, Mohnblüten streuende Allegorie des Schlafs, umgeben von Blumen, Amouren und Eichhörnchen.   La Fontaine beendet in Songe de Vaux den diesem Salon gewidmeten Abschnitt mit den Worten: „Qu’elle est belle à mes yeux cette Nuit endormie“.[33]

Zum Schluss des Rundgangs noch ein Blick auf die Decke des chambre du Roi auf der anderen Seite des Schlosses. Hier zeigt Le Brun seine Meisterschaft nicht nur als Maler, sondern  als Innendekorateur: Die Stuckarbeiten sind von höchstem Raffinement, an Gold wird nicht gespart.[34] Fouquet drückt so seine Ehrerbietung aus und bietet sich als treuer Diener seines Herrn an.

Das zentrale Deckengemälde enthält aber auch eine Mahnung an den König: Dargestellt ist die Wahrheit, die von einer Allegorie der Zeit in den Himmel gehoben wird: Und Wahrheit bedeutet hier natürlich, dass der König nicht denen Glauben schenken soll, die Fouquet verleumden, sondern  er soll die Wahrheit, die Treue und Rechtschaffenheit Fouquets erkennen.

Ein konkreter Hinweis auf den Urheber von Verleumdungen ist eine Szene in der Deckenwölbung des Cabinet des jeux: Da wird ein Eichhörnchen, also Fouquet, von einer Natter verfolgt.[35] Und die ist das Wappentier Colberts, der dann ja wesentlichen Anteil an dem Fall seines Konkurrenten hatte….

Man sollte bei einem Besuch von Vaux-le-Vicomte nicht versäumen, auch in den Keller hinabzusteigen, in dem die Küche untergebracht war.

Küchenchef Fouquets in Vaux-le-Vicomte war François Vatel, dessen Schicksal von zwei großen und für ihn höchst fatalen Festen geprägt war: Dem legendären Fest vom 17. August 1661, von dem noch die Rede sein wird. Da Vatel nicht wusste, dass Ludwig XIV. das gesamte Personal Fouquets für sich requirierte, floh er nach England. Schließlich trat er in die Dienste des großen Condé, des Schlossherrn von Chantilly. Dort organisierte Vatel die Bewirtung des königlichen Hofes für das spektakuläre und ebenso legendäre Fest vom 23.-25. April 1671. Weil da die von ihm bestellten Fische nicht rechtzeitig eintrafen, sah er seine Ehre verletzt und verübte Selbstmord.

Und zum Abschluss des Schlossrundgangs sollte man hoch in die Kuppel steigen.

Dort kann man das noch das im ursprünglichen  Zustand erhaltene Gebälk aus Eichenholz bewundern und das ganze Anwesen überblicken: Die Wirtschaftsgebäude….

… und den Garten.

Der Garten wird dann Gegenstand des zweiten Teils dieses Beitrags über Fouquet und Vaux-le-Vicomte sein.  Abgeschlossen wird der dann mit einer Darstellung des großen Fests vom 17. August 1661 und der Umstände und Gründe von Fouquets tiefem Fall.

Literatur:

Alain Baraton, Le Jardinier de Versailles. Grasset 2006, S. 153ff

Vaux-le-Vicomte. Château & jardin. Herausgegeben von der Association Les Amis de Vaux-le-Vicomte 2022

Michael BrixDer barocke Garten. Magie und Ursprung – André Le Nôtre in Vaux-le-Vicomte. Stuttgart 2004

Bénédictine Garnier und Francoise de La Moureyre, La folle course de Charles Le Brun dans le Grand Salon de Vaux-le-Vicomte. In: Bulletin du Centre de Recherche du Château de Versailles 14/2017 https://journals.openedition.org/crcv/14530?lang=en

Christine Howald: Der Fall Nicolas Fouquet: Mäzenatentum als Mittel politischer Selbstdarstellung 1653–1661. München 2011.

Alain Mérot, Temple des Muses, Palais du Soleil: les plafonds peints par Charles Le Brun au château de Vaux-le-Vicomte. In: Les Années Fouquet. LIT 2000

Marion Müller, Représentation politique et ambition artistique. Le décor de Charles Le Brun pour la chambre des Muses au château de Vaux-le-Vicomte. Bulletin du Centre de Recherche du Château de Versailles 14/2017  https://doi.org/10.4000/crcv.14617

Marion Müller, Das Schloss als Zeichen des Aufstiegs Die Ausstattung von Vaux-le-Vicomte im Kontext repräsentativer Strategien des neuen Adels im französischen 17. Jahrhundert. Universität Heidelberg 2022 https://heiup.uni-heidelberg.de/catalog/book/819

Hanno Dampf, Die Entwicklung der Gartenanlagen von der Renaissance zum Barock. Eine Gegenüberstellung der Villa Lante und Vaux-Le-Vicomte.

Schweizer, Stefan: André le Nôtre und die Erfindung der französischen Gartenkunst, Berlin: Wagenbach 2013

Praktische Hinweise

Von Paris aus erreicht man das Schloss mit dem Transilien  Linie R nach Melun. (Erste Station des Zuges Richtung Montereau ab Gare de Lyon, 25 Minuten. Als Fahrkarte dient der Pass Navigo.

Ab Bahnhof Melun gibt es einen vorab zu buchenden Shuttle-Bus (Navette).

Fahrplan: https://media.vaux-le-vicomte.com/wp-content/uploads/2025/05/23144944/Navettes-2025-VF.pdf?_gl=1*vlo6fc*_gcl_au*ODk0OTI0NzUxLjE3NDg3MzkxMTY.

Alternative: Taxi oder Uber, was -wenn überhaupt- kaum teurer ist, bei mehr als 2 Personen sogar günstiger und schneller.

Schloss und Park sind vom 15. März bis 3. November täglich von 10-17.30 h geöffnet.

Die Springbrunnen sind nur noch während der soirées chandelles in Betrieb. Bei dieser Gelegenheit auch Feuerwerk. https://www.tourisme-seine-et-marne.fr/visiter-decouvrir/798844-soirees-chandelles-vaux-vicomte/


Anmerkungen

[1] Hohwald, Der Fall Nicolas Fouquet, S. 80. Siehe z.B. auch: https://savingcastles.com/fr/chateau-de-vaux-le-vicomte-splendeur-baroque-francaise/

Alle Bilder des Beitrags, wenn nicht anders bezeichnet, von Wolf Jöckel

20 Minuten Lesezeit

[2] https://www.ouest-france.fr/tourisme/ces-quatre-jardins-francais-font-partie-des-plus-beaux-du-monde-et-vous-pouvez-les-visiter-5c950402-36e4-11f0-bb9d-ae310489ba72

[3] « Le 17 août, à 6 heures du soir, Fouquet était le roi de France ; à 2 heures du matin, il n’était plus rien. »  https://fr.anecdotrip.com/vaux-le-vicomte-17-aout-1661-la-fete-qui-a-coute-sa-liberte-a-nicolas-fouquet-par-vinaigrette

[4] Zum Aufstieg von Nicolas Fouquet siehe: Quo Non Ascendet?. In: Christine Howald, Der Fall Nicolas Fouquet: Mäzenatentum als Mittel politischer Selbstdarstellung 1653–1661, S. 11-35  

[5] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/Robert_Nanteuil#/media/Fichier:0_Nicolas_Fouquet_-_Vaux-le-Vicomte_(2).JPG

[6] Zur Bedeutung der Szene im Hintergrund Mitte/rechts habe ich keine Informationen gefunden. Für entsprechende Hinweise wäre ich dankbar. Ich hatte dazu übrigens mal interessehalber bei Meta AI nachgefragt und da die Auskunft erhalten, „die Szene werde oft als Symbol für Macht und Reichtum interpretiert.“ Bei genauerer Nachfrage kam dann die kleinlaute Antwort: „Ich habe mich zu weit aus dem Fenster gelehnt!“

[7] Eine bedeutende Sammlung von Houdon-Büsten, darunter auch der von Jean de la Fontaine, gibt es auch in Schloss Ludwigslust. Siehe den Blog-Beitrag https://paris-blog.org/2024/10/13/fast-wie-gott-in-frankreich-ludwigslust-das-versailles-des-nordens/

[8]  https://gallica.bnf.fr/essentiels/fontaine/fouquet-brillant-protecteur s.a. https://www.pariscityvision.com/fr/paris/environs/vaux-le-vicomte/la-fontaine-fouquet

Zur Rolle Fouquets als Mäzen und der Bedeutung der Dichter und Schriftsteller für Vauix-le-Vicomte siehe im Einzelnen das Kapitel „Vaux-le-Vicomte und die Dichter“ bei Howald, S. 158ff

[9] https://www.tectona.net/fr_fr/pour-toujours-vaux-le-vicomte.html

[10] https://www.persee.fr/doc/lefab_0996-6560_1999_num_11_1_1030 

[11] Siehe dazu Howald, S. 80f

[12] Howald, S. 91

[13] Howald, S. 91

[14] Bild aus: https://www.all-free-photos.com/show/showphoto.php?idph=PI79914&lang=de  

[15] Howald, S. 84   Nachfolgendes Bild aus: https://www.moretimetotravel.com/wp-content/uploads/2014/10/4-scaled.jpeg

[16] Zit. Howald, S. 94

[17] Einen solchen Fries gibt es auch auf der Gartenseite des Schlosses.

[18] Howald, S. 99

[19] © Yann Priou / Collection du château de Vaux-le-Vicomte https://journals.openedition.org/crcv/14530?lang=en

[20] „Vaux-le-Vicomte.“ Wikipedia. Wikimedia Foundation, 09 Oct. 2014. Web. 21 Sept. 2014.

[21] Howald, S. 107

[22] Vaux-le-Vicomte, Châteu et jardin, S. 28

[23] Howald, S. 102

[24] https://de.wikipedia.org/wiki/Lambert_Sustris#/media/Datei:Lambert_Sustris_-_Venus_and_Love_-_Louvre.jpg

[25] https://collections.louvre.fr/en/ark:/53355/cl010061294

[26] Alexandre Gady, Poutres et solives peintes. Le plafond à la française. Revue de l’Art 122,1998, S9-20.

[27] Siehe Alain Mérot, Temple des Muses, Palais du Soleil: les plafonds peints par Charles Le  Brun auf château de Vaux-le-Vicomte.

[28]  https://journals.openedition.org/crcv/14617 Anm.35

[29] Howald, S. 125

[30] Im Einzelnen dazu:  Marion Müller, Représentation politique et ambition artistique. Le décor de Charles Le Brun pour la chambre des Muses au château de Vaux-le-Vicomte.  https://journals.openedition.org/crcv/14617 oder https://doi.org/10.4000/crcv.14617

[31] Howald, S. 125 und https://journals.openedition.org/crcv/14617

[32] http://www.noblesseetroyautes.com/vaux-le-vicomte-ou-livresse-des-sommets/

[33] http://pimousse.vaux.free.fr/vauxlevicomte/jeux.html

[34] Nachfolgendes Bild aus: . https://onlybyland.com/visit-vaux-le-vicomte/

[35] Howald S. 112/114

Bild des Monats Januar 2026: Galettes des Rois

Wir freuen uns jeden Januar aufs Neue, wenn die Pariser Bäckereien ab dem Dreikönigstag wieder die Galettes des Rois anbieten.

Die Galette ist wieder da. Schaufenster einer Bäckerei in der rue Saint Dominique in Paris

Die Galettes des Rois sind eine typisch französische Spezialität und unter den Backwaren so populär wie sonst nur noch das Croissant: So wie jedes Jahr der beste Croissant-Bäcker von Paris gekürt wird, so auch jährlich der „roi de la galette“ (Le Parisien), der beste Galette-Bäcker von Grand Paris, der dann auch für ein Jahr das Privileg hat, Matignon (den Sitz des Ministerpräsidenten) mit seinen ausgezeichneten Galettes des Rois zu beliefern.

Es gibt verschiedene Sorten. Meist werden die Galettes aus Blätterteig hergestellt und mit Mandelcreme (frangipane) oder seltener auch Apfelmus gefüllt. Unser Favorit ist aber der gâteau des rois, die hier abgebildete südfranzösische Variante aus Brioche-Teig mit kandierten Früchten und Zuckerhagel.

Die Geschichte der Galettes geht zurück auf vorchristliche Zeiten. Die Römer feierten die Wintersonnenwende mit den Saturnalien. Dazu gehörte ein Bankett mit einem Kuchen, in dem eine Bohne (fève), Symbol der Fruchtbarkeit, versteckt war. Wer beim Verteilen des Kuchens das Stück mit der Bohne erhielt, war für diesen Tag der König des Fests.

Eine Verkäuferin der Boulangerie Landemaine im 11. Arrondissement von Paris mit der Krone, die zu jeder Galette gehört.

Das Christentum übernahm diese populäre heidnische Sitte für den Dreikönigstag (Epiphanias), den 6. Januar, der an die Anbetung des Jesuskindes durch die Heiligen Drei Könige, die Weisen aus dem Morgenland, erinnert.

Im 19. Jahrhundert wurden die Bohnen allmählich durch kleine Porzellanfiguren ersetzt. Zunächst waren das Motive, die sich auf den Dreikönigstag bezogen. Heutzutage werden fèves, wie es sich im demokratischen und laizistischen Frankreich gehört, eher aus billiger Keramik oder Plastik und mit unterschiedlichsten Motiven hergestellt.

Besonders für Kinder, aber auch für uns Erwachsene, ist es immer wieder spannend, wer die Figur erhält und wie sie aussieht. Damit beim Verteilen der Galette-Stücke jeder die gleichen Chancen hat und „Schummeln“ ausgeschlossen ist, setzt sich traditionell der Jüngste der Anwesenden unter den Tisch. Dort bestimmt er, wer das gerade angeschnittene Stück Galette erhält.

Das Sammeln von fèves ist für manche Menschen, den fabiophiles, zu einem Hobby geworden, und es gibt sogar in Blain (Loire- Atlantique) ein fèves-Museum mit fast 10000 der kleinen Figuren.  

Wir freuen uns besonders, wenn wieder ein neues Mitglied unseres kleinen fèves-Zoos dazukommt…

Unsere beiden Enkelinnen als Galette-Königinnen

Der Skulpturenpark von Chaumont-sur-Loire

Das Schloss von Chaumont-sur-Loire gehört eher nicht zu den „ersten Adressen“ unter den Schlössern der Loire wie Chambord, Villandry, Chenonceau oder Azay-le-Rideau. [1] Es ist gleichwohl ein wunderbarer, hoch über der Loire gelegener Bau.

Gebaut wurde das Schloss um 1500 von der einflussreichen Familie d’Amboise. Das war die Zeit von König Ludwig XII., und darauf verweist dessen Wappen, das gekrönte Stachelschwein, am Eingang des Schlosses.

Eine große Rolle in der Geschichte des Schlosses spielte auch Catharina von Medici, die Frau von König Heinrich II. Sie kaufte das Schloss 1550. Als 1559 ihr Mann starb, wurde sie Regentin Frankreichs. Sie nutzte ihre Macht, von Diane de Poitiers, der von ihr gehassten schönen Geliebten ihres Mannes, die Herausgabe des königlichen Schlosses von Chenonceau zu verlangen. Das hatte Henri II Diane geschenkt. Als „Trostpreis“ erhielt sie dafür immerhin das Schloss von Chaumont-sur-Loire, das seine heutige Gestalt wesentlich ihr verdankt.

1875 kaufte Marie-Charlotte-Constance Say, die reiche Erbin der Zuckerraffinerien Say, das Schloss und wurde durch Heirat eine Prinzessin de Broglie. Die Broglies renovierten und modernisierten ihren Besitz beträchtlich und sie ließen in den 1880-er Jahren den großen Schlosspark anlegen, der heute die besondere Attraktion von Chaumont-sur-Loire ausmacht. Das vor dem Schloss liegende Gelände wurde gekauft, die dort stehenden Häuser abgerissen und das Dorf an das Ufer der Loire verlegt. So war genügend Platz für einen großen Landschaftsgarten. [1a] 1938 übernahm der Staat Schloss und Garten. Inzwischen gehören sie der Region Centre – Val de Loire, unter deren Regie die Anlage zu einem Kunst- und Gartenzentrum entwickelt wurde.

Es gibt vor allem den historischen Park (parc historique), auf dem Plan rechts, die Prés du Gualoup, auf dem Plan links unten, und die Jardins du Festival, auf dem Plan links: In Chaumont-sur-Loire findet jedes Jahr ein Gartenfestival statt (Festival international des jardins), das in diesem Jahr unter dem Motto „Il était une fois au jardin“ steht: Die insgesamt 25 kleinen Gärten des dem Festival gewidmeten Arreals haben also einen Bezug zu Märchen aus aller Welt.

Es ist völlig unmöglich, diese Gärten und dazu noch das Schloss mit seinen Nebengebäuden (vor allem die berühmten Pferdeställe) an einem Tag zu anzusehen. Wir haben deshalb -es ist unser erster Besuch in Chaumont- entschieden, uns auf den sogenannten historischen Garten zu konzentrieren. Dies auch deshalb, weil es in diesem Gartenbereich Skulpturen einer Künstlerin und eines Künstlers gibt, die wir ganz besonders schätzen, nämlich Eva Jospin und Miquel Barceló. Deren Beiträge zum Skulpturenpark von Chaumont-sur-Loire wollten wir unbedingt sehen.

Nachfolgend ein kleiner Rundgang durch den Garten mit Fotos von ausgewählten Skulpturen und dabei natürlich vor allem den ganz besonders eindrucksvollen von Jospin und Barceló.

Nicolas Alquin, Bois révélés. (Grange aux Abeilles)

Christian Lapie, La  constellation du fleuve

Im Hintergrund der homme sauvage von Denis Monfleur

Etwas versteckt in einem Gehölz in der Mitte des historischen Gartens befindet sich die Grotte Chaumont von Miquel Barceló. Wir kennen und schätzen Barceló von unseren Besuchen in der Villa Carmignac auf der Insel Porquerolles.

Dort gehören zwei seiner Werke zum festen Bestand: Ein grandioses Unterwasserpanorama und ein sagenhaftes Ungeheuer am Eingang der Villa. [2]

Barcelós 2024 entstandene Chaumont-Grotte sieht auch eher aus wie das weit aufgerissene Maul eines Ungeheuers, eines riesigen gefräßigen Fisches.

Die Zähne des Monsters aber sind wie Stalaktite einer Eiszeithöhle.

Und dazu passt die Zeichnung eines Höhlenlöwen…. Barceló gehörte übrigens der wissenschaftlichen Kommission an, deren Aufgabe es war, nach dem sensationellen Fund der grotte Chauvet-Pont d’Arc (Ardèche) ein originalgetreues Duplikat der Höhle herzustellen.

Nebeneinander: Fisch und Schädel, Leben und Tod. Und der rote Tuchfetzen in den Zähnen des Ungeheuers? Im Begleittext zu der Skulptur wird dazu auf Pieter Lastmans 1621 entstandenes Gemälde Jonas und der Wal verwiesen. [3]

Da entkommt Jonas unversehrt aus dem riesigen Maul des Wals, und höchstens sein blutrotes Tuch bleibt zurück…

Dieser optimistischen Botschaft schien auch das Rotkehlchen zuzuneigen, das sich unerschrocken und neugierig direkt neben dem Höhleneingang auf der Absperrungs-Kordel niedergelassen hatte.

Im Park gibt es immer wieder Ausblicke auf das Schloss. Hier mit Anastazia von Ursula von Rydingsvard im Vordergrund.

Anastazia: Detail

Nikolay Polisky, Les Racines de la Loire

Der freundliche Drache ist aus mehreren hundert alten Weinstöcken zusammengesetzt.

Lionel Sabatté, Chemins croisés. Dahinter eine der Baumhütten (Cabanes dans les arbres) von Tadashin Kaaawamata. Es gibt im Park mehrere Exemplare.

François Méchain, l’Arbre aux Echelles. Méchain hat mehrere Leitern in dem Baum befestigt, die allerdings keinen Kontakt zum Boden haben und sich deshalb auch leicht im Wind bewegen können. Die Installation bezieht sich auf Italo Calvinos Roman Der Baron auf den Bäumen.

Éva Jospins Folie ist für uns ein Höhepunkt des historischen Parks. Ihr im letzten Jahr in der Orangerie von Versailles ausgestelltes Natur- und Architekturpanorama [4] hat uns sehr begeistert, so dass wir auf ihren Beitrag für den Park von Chaumont-sur-Loire besonders gespannt waren.

Hier hat sie ein geheimnisvolles monumentales Werk geschaffen, eine Folie oder fabrique de jardin, wie sie in Landschaftsgärten üblich waren als Blickfang und anregende Stationen auf einem Spaziergang. [5] Ganz untypisch für sie handelt es sich nicht um ein filigranes Werk und zum ersten Mal hat sie hier auch nicht mit ihrem Lieblingsmaterial, dem Karton, gearbeitet, sondern mit massiven Materialien wie dem Beton. Bei der Betrachtung der Außen- und Innenwände drängen sich Assoziationen auf zu den Versteinerungen, die ja gerade im Gebiet der Loire besonders häufig anzutreffen sind.

Der Raum innen wird durch ein Öffnung in der Decke erhellt.

An den Rändern hängen feine wurzelartige Gespinste herab, wie man sie von Jospins Gestaltung der neuen Métro-Station Hôpital-Bicêtre der Pariser Metro-Linie 14 kennt.

Detail der von Eva Jospin gestalteten Außenwand der Metro-Station Hôpital-Bicêtre

Ein Stück Wand des Innenraums der Folie im Park von Chaumont-sur-Loire

Inzwischen ist die Natur dabei, das Bauwerk zu überwuchern und in ihren Besitz zu nehmen. Dabei können sich ganz überraschende Perspektiven ergeben.

Hier kann man sich den Kopf eines grimmig blickenden Tieres vorstellen und darüber einen von Ranken und abgestorbenen Blättern gebildeten Totenkopf.

Ulrich Schläger hat dies an den  Sacro Bosco des Fürsten Vicino Orsini in Bomarzo erinnert, „wo die Monster auf Schritt und Tritt lauern,  wo Fürchten und Staunen die beherrschenden Gefühle sind, wo die steinernen Figuren, von Moos und Flechten überzogen, im Laufe der Jahrhunderte so vollständig zur Natur zurückkehren, dass sie jetzt aussehen, als wären sie vor Urzeiten gemeinsam mit den Bäumen gewachsen oder aus dem Boden gekrochen. Wo ist man hier? Vielleicht im Kopf eines Verrückten, der den Figuren seiner Albträume eine steinerne Form gegeben hat?  Vieles bleibt trotz komplizierter und weit ausholender  Interpretationen rätselhaft, wie das Leben des Menschen, das ja auch voller  ungelöster Rätsel ist.

TU CH’ENTRI QUI CON MENTE PARTE A PARTE ET DIMMI POI SE TANTE MARAVIGLIE SIEN FATTE PER INGANNO O PUR PER ARTE.

»Du, der du hier eintrittst, betrachte alles  Stück für Stück und sag mir dann, ob so viel Wundersames zur Verwirrung gemacht wurde oder nur für die Kunst?« (Fürst Vicino Orsini)

Und dann ist es auch die Natur selbst, die im Park ihre Kunstwerke schafft…

Nach einer kleinen Mittagspause im Café du Parc werfen wir einen Blick in den Prés du Goualoup.

Die stählernen Bögen von Bernar Venet

Marc Nucera, Bancs Sculptés et Fruits fantastiques

Ein Blickfang sind auch die Pflanzenwände (murs végétaux) des Biologen und Gartenarchitekten Patrick Blanc. Er gilt als der Erfinder solcher Wände und hat sie in Frankreich und besonders in Paris populär gemacht. Die Pflanzenwand der Fondation Cartier und die des Musée du quai Branly in Paris wurden von ihm gestaltet.

Frösche fühlen sich gerade in den Zeiten großer Hitze hier sehr wohl…

Andy Goldsworthy, Cairn. [6] Der aus Steinen zusammengefügte Kegel ruht in den ausgetriebenen Ästen einer abgeschnittenen Platane. Allmählich und immer mehr gehen auch hier Kunstwerk und Natur eine reizvolle Verbindung ein.

Vom nördlichen Rand des historischen Parks, in dem auch Goldworthy’s Cairn steht, hat man schöne Ausblicke ins Tal der Loire.

Dies sind drei auf dem Heck stehende Boote: traditionelle gabarres mit niedrigem Tiefgang zum Transport von Menschen und Waren auf der Loire. Eine Installation von El Anatsui.

Manchmal allerdings ist der Wasserspiegel der Loire so niedrig, dass selbst diese -für touristische Zwecke nachgebauten- speziellen Loire-Boote nur begrenzt fahrtüchtig sind.

Auch das Schloss wird für Ausstellungszwecke genutzt.

Die in den Jahren 1498-1511 errichtete Schlosskapelle wurde in diesem Jahr von Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger ausgeschmückt: Les pierres et le printemps (Die Steine und das Frühjahr) nannten sie ihre Installation. Die Fenster der Kapelle stammen aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. Hier ein Fenster mit der Abbildung eines Schlossturms:

… und zum Abschied ein letzter Blick von der Schlossterrasse auf die Loire…

Praktische Hinweise:

Chaumont-sur-Loire liegt zwischen Amboise und Blois.

Das Schloss, der historische Park und die Pferdeställe sind während des ganzen Jahres zugänglich, die Gärten des Gartenfestivals und die Prés de Goualoup bis zum 2. November 2025.

https://domaine-chaumont.fr/fr/informations-pratiques

Eintrittskarten und Preise: https://billetterie.domaine-chaumont.fr/

Anmerkungen:

[1] Auf der Seite https://loirelovers.fr/de/schonste-schlosser-loire-tal/ ist Chaumont noch nicht einmal unter den 12 schönsten  Schlössern der Loire aufgeführt.

[1a] Bei Wikipedia.de liest sich das so:  „Das Ehepaar trieb großen Aufwand, um die Schlossanlage umfassend zu restaurieren und einen Abglanz höfischen Lebens zu schaffen. Auch das Dorf profitierte davon: 1882 wurde die Kirche wieder aufgebaut, und die Bewohner erhielten große Schenkungen.“ (!) https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Chaumont (8.9.2025)

[2] Zu den Ausstellungen in der Villa Carmignac (und Miquel Barceló) siehe auch: https://paris-blog.org/2021/08/01/la-mer-imaginaire-die-jahresausstellung-2021-in-der-villa-carmignac-auf-porquerolles/

[3] Billd aus: https://en.wikipedia.org/wiki/Pieter_Lastman#/media/File:Pieter_Lastman_-_Jonah_and_the_Whale_-_Google_Art_Project.jpg

[4] https://paris-blog.org/2024/08/30/versailles-ein-natur-und-architekturpanorama-eva-jospins-in-der-orangerie-von-versailles/

[5] Siehe dazu den Blog-Beitrag über den Park von Ermenoville, den ersten Landschaftsgarten auf dem europäischen Kontinent: https://paris-blog.org/2020/09/01/der-park-jean-jacques-rousseau-in-ermenonville-der-erste-landschaftspark-auf-dem-europaeischen-kontinent-und-die-erste-begraebnisstaette-rousseaus/

[6] Das schottisch-gälische Wort cairn bezeichnet auf den Britischen Inseln einen meist aus dem Neolithikum stammenden und meist aus Bruchsteinen zusammengesetzten künstlichen Hügel. Das entsprechende bretonische Wort carn (Steinmal) hat dem Ort Carnac seinen Namen gegeben.

VERTIGO: Die Jahresausstellung 2025 in der Villa Carmignac auf Porquerolles

Seit einigen Jahren gehört der Besuch der Jahresausstellung in der Villa Carmignac auf der Insel Porquerolles zu unserem „Sommerprogramm“.

Da  ist es immer wieder die Freude des Wiedersehens: Es ist gleichsam ein Besuch bei alten Freunden. Das  beginnt am Eingang mit dem -jedes Jahr neu zusammengestellten- Kräutertee.

Dann der Weg hoch zur Villa.

Dort wird man von Miquel Barcelós bronzenem Alycastre empfangen, einem legendären Insel-Ungeheuer.

Barceló stellt den Alycastre halb als Totenkopf da, halb als mächtigen Herrscher der Meere dar, der über den Ort und seine Besucher wacht.

Und dann freuen  wir uns natürlich auf Bruce Naumans „One Hundret Fish Fountain“.

Aus 97 bronzenen Fischen sprudelt da das Wasser. Es gibt neben dem Brunnen eine Bank zum Hinsetzen, zum Zusehen, Zuhören – ein idealer Ort auch zur Meditation.

Das gilt auch oder sogar noch mehr für Barcelós Unterwasserpanorama in einem kapellenartigen Seitenflügel des Untergeschosses.

Und dann sind wir natürlich gespannt auf VERTIGO,  die neue Jahresausstellung.

 Anspruch der Ausstellungmacher ist es, ausgehend von den Erfahrungen der heißen Mittelmeersonne, des Mistrals, der Wellen, der Weite des Himmels und der Meerestiefen auf der Insel Porquerolles „die Verbindungen zwischen der Wahrnehmung von Naturphänomenen und der Abstraktion seit den 1950-er Jahren“ zu erkunden.

Als Motiv des Ausstellungsplakats dient das Bild von Oliver Beer (Großbrittannien 1985): Resonance Painting (Lovesong), 2024 (Ausschnitt), das auch die die Ausstellung prägende Farbe Blau des Meeres und des Himmels vorgibt.

Besonders  gespannt sind wir natürlich darauf, wie der zentrale sonnenüberflutete Raum der Villa mit seinem gläsernen Dach und der Wasserfläche darüber gestaltet ist. Das ist ja eine große Herausforderung, weil hier das jeweilige Thema der Ausstellung sichtbar und erlebbar gemact werden soll. Sehr eindrucksvoll war das beispielsweise bei den zerbrochenen Segeln der Odysseus- Jahresausstellung von 2022…

…. oder der mächtigen Spinne der Louise Bourgeois bei der „Infinite Woman“- Ausstellung von 2024.

Diesmal ist es eine Installation des venezolanischen Künstlers Jesús Rafael Soto (1923-2005)

Jesús Rafael Soto, Esfera Amarilla (1984)

453 gelb bemalte Metallstäbe sind kugelförmig an der Decke befestigt. Je nach der Sonneneinstrahlung, dem Wind, der das Wasser auf der Glasdecke bewegt, und den eigenen Bewegungen werden unterschiedliche flirrende Spiegelungen und Schattierungen erzeugt. Es gibt einen Prozess ständiger Veränderung, Verwandlung:  also genau das, was mit dem vom lateinischen vertere abgeleiteten Namen der Ausstellung bezeichnet wird.

Die Ausstellung ist in verschiedene Abschnitte gegliedert, die sich auf die Bereiche des Wassers, der Erde, der Luft, des Weltraums und des Unendlichen beziehen.  Ich werde diesen -für mich auch nicht durchweg unmittelbar nachvollziehbaren- Einteilungen der Exponate nicht folgen, sondern nur einige Werke vorstellen, die uns besonders angesprochen haben.  

Flora Moscovici (Frankreich 1985), À la poursuite du rayon vert/Romancing the Light, 2025 (Ausschnitt)

Der untere Eingangsbereich des Gebäudes wurde für die Ausstellung von Flora Moscovici ausgemalt. Hier ein kleiner Ausschnitt. Die Künstlerin ließ sich vom Meer, den Pflanzen und dem Licht von Porquerolles anregen und bezog dabei auch ihre Erfahrungen als Taucherin anregen. Und auch das Tauchen ist ja ein Prozess ständiger Bewegung und Veränderung.

Passend dazu:

Helen Frankenthaler (USA, 1928-2011), Petroglyphs, 1990)

Thomas Ruff (Deutschland, 1958) d.o.pe.05/2022 (Ausschnitt)

Diese Arbeit ist angeregt von Aldous Huxleys 1954 erschienenem Buch The Doors of Perception  (Die Pforten der Wahrnehmung), in dem er seine Erfahrungen mit der Einnahme von Drogen beschreibt und reflektiert. Dem beigefügten Informationstext zufolge lädt Ruff uns mit seiner Arbeit dazu ein, unsere gewohnten Wahrnehmungsweisen beiseite zu lassen und uns „von den Tiefen eines unendlich fragmentierten Motivs“ inspirieren zu lassen. Ich habe hier -aus dem Ausstellungsbereich des Aquatischen kommend- eher an einen Korallengarten gedacht, teilweise noch bunt „blühend“, teilweise aber auch schon von der immer mehr sich ausbreitenden Bleiche befallen….

Bernard Frize (Frankreich 1949), Rami, 1993

In einer Ausstellung, in der das Blau des Meeres und des Himmels eine zentrale Rolle spielt, darf Yves Klein natürlich nicht fehlen, ist er doch der Schöpfer des nach ihm benannten „Blau“, 1960 patentiert unter der Bezeichnung IKB  (International Klein Blue).

Hier ist ein monochromer blauer „Teppich“ ausgestellt, über dem 12 blau bemalte hölzerne Stäbe hängen: pluie bleu/ blauer Regen – erste Version 1957 – ein Versuch, „sich der blauen Unendlichkeit des Himmels anzunähern“ (beigefügte Informationstafel).

Hinter dem „blauen Regen“ Yves Kleins ein aus kleinen silbernen Metalltäfelchen gefertigtes Werk von Anna-Eva Bergman (Schweden, 1909-1987), in dem sich das Blau Yves Kleins spiegelt. Es handelt sich um eine Leihgabe der Fondation Hartung-Bergman in Antibes, einem künstlerischen highlight der an Kunstwerken so reichen Côte d’Azur.  

Auch von Bergmans Ehemann Hans Hartung (Deutschland/Frankreich, 1904-1989) gibt es ein zur dominanten Farbe Blau passsendes Bild in der Ausstellung (T1967-H22, 1967) – hier kann man vielleicht an ein sich zusammenbrauendes Gewitter denken…

Rotraut (Deutschland 1938), Éclipse, undatiert

Und es gibt auch ein Bild von Rotraut, die 1962 Ehefrau von Yves Klein wurde. Rotraut hat bewusst ihren Vornamen als Künstlernamen gewählt, weil sie als eigenständige Künstlerin gesehen werden wollte und nicht als Ehefrau von Yves Klein; und auch nicht als Schwester von Günther Uecker, der seit den 1960-er Jahren eine europaweit bekannte Persönlichkeit der künstlerischen Avantgarde war.

In diesem für Uecker charakteristischen Nagelbild geht es sehr stürmisch zu. Die Geburtsstunde dieser Nagelbilder war vielleicht 1945, als der 15-jährige Günther beim Einmarsch der Roten Armee Türen und Fenster des elterlichen Hauses in Mecklenburg vernagelte, um ein Eindringen der Soldaten und die Vergewaltigung seiner Mutter und Schwestern zu verhindern.

Günther Uecker (Deutschland, 1930-2025) Spirale I, 2002 (Detail)

Günther Uecker gehörte auch 1958 zu den Gründungsmitgliedern der Künstlergruppe Zero. Der Name war Programm: Er sollte auf die Notwendigkeit eines völligen Neubeginns der Kunst nach der Katastrophe des Nationalsozialismus hinweisen. Die beiden anderen Gründungsmitglieder der Gruppe waren Otto Piene (1928-2014) und Heinz Mack, die ebenfalls in der Ausstellung vertreten sind.

In Pienes Lightroom with Mönchengladbach Wall, 1963-2013) wird es kosmisch. Mehrere Scheinwerfer und Installationen erzeugen ein Light Ballet, eine Choreographie des Lichts.

Ganz anders dann eine kleine Zeichnung von Heinz Mack (Deutschland, 1931), die den Abschluss der Ausstellung bildet und gleichzeitig ihr ältestes Exponat ist.

Die Zeichnung entstand 1950, als Heinz Mack, damals 19 Jahre alt, das Grab seines im Krieg gefallenen Vaters in Bordeaux besuchte und dabei das Meer entdeckte mit den Spiegelungen der Sonne auf der Wasseroberfläche und in der Luft. Auf dieser Zeichnung erkennt man zwei Schichten von Linien: Eine Schicht mit geraden Linien eine andere mit sägezahnförmig gezackten Linien. „Ihre Beziehung untereinander und mit dem weißen Untergrund erzeugt“ nach den Worten der beigefügten Informationstafel, „eine feine optische Bewegung“. Ein schöner Abschluss der Ausstellung.

Aber halt! Da müssen wir doch noch etwas übersehen haben! Zu allen Jahresausstellungen in der Villa Carmignac gehört doch auch das kleine bronzene Pflänzchen, ein Unkraut, das nicht totzukriegen ist, das immer irgendwo anders eine kleine Spalte gefunden hat.

Tony Matelli, Weed #389, 2017

„Unkraut ist immer zugleich ein Triumph und eine Niederlage. Unkräuter sind nicht totzukriegen. Sie feiern das Unerwünschte. Sie sind Unrat und Leben zugleich“. Tony Matelli

Diesmal mussten wir allerdings die Hilfe einer Dame der Stiftung in Anspruch nehmen, um Tony Matellis Pflanze zu finden: Unten am Gang zu dem Aufzug und den Toiletten – und die hatten wir nicht in Anspruch genommen.

Darüber die Plakate der letzten Jahresausstellungen.

Danach lädt der Garten zu einem Rundgang ein.

Blick nach draußen auf das Meer und die Küste

Blick nach innen

Auch im Garten ist es eine Freude, Bekanntes wiederzusehen und Neues zu entdecken.

Olaf Breuning, Mother Nature, 2018

VHILS, Scratching the Surface Porquerolles 2018

Breuning und VHILS sind alte Bekannte, neu ist dagegen die geflochtene Hütte von Flora Kuentz: Sie soll zur schöpferischen Kommunikation einladen (Espace dédié aux ateliers créatifs), bietet aber auch ganz schlicht die Möglichkeit zu einer kleinen Rast und Schutz vor Sonne und Hitze…

Eine schöne Möglichkeit zur Rast sind aber auch die Liegestühle und Tische unter den alten Olivenbäumen. Es gibt dort auch einen Foodtruck mit freundlicher Bedienung und kalten und warmen Getränken.

Da kann man noch einmal die Ausstellung an sich vorbeiziehen lassen und freut sich schon auf das Wiedersehen im nächsten Jahr.

Praktische Informationen

Villa Carmignac, Porquerolles Island, Var, France
Vom 26. April bis zum 2. November 2025
Die Insel Porquerolles erreicht man in ca 20 Minuten mit der Fähre von der Halbinsel Giens aus. Abfahrten i.a. alle halbe Stunde von der Fährstation La Tour Fondu. Bezahlte Parkplätze sind dort ausreichend vorhanden. Vom Hafen Porquerolles bis zur Villa Carmignac sind es ca 20 Minuten Fußweg. Ein Inselplan liegt im Touristenbüro am Hafen aus.

Eintrittskarten für die Ausstellung sollten unbedingt reserviert werden! https://billetterie.villa-carmignac.com/fr-FR/accueil-billetterie

Öffnungszeiten:
Geöffnet dienstags bis sonntags. Montags geschlossen. Geöffnet ab 10 Uhr. Siehe: https://www.fondationcarmignac.com/en/vertigo-exhibition-villa-carmignac-porquerolles/

Frühere Beiträge zur Insel Porquerolles/zu den Jahresausstellungen der Villa Carmignac

Das königliche Kloster Brou in Bourg-en-Bresse: Die europäische Geschichte einer außerordentlichen Frau um Macht,  Liebe und Tod

Als wir einem französischen Bekannten erzählten, wir würden auf der Rückreise von Südfrankreich in Bourg-en-Bresse Station machen, rümpfte er etwas verständnislos die Nase, nach dem Motto: Warum ausgerechnet dort? Was wollt Ihr denn da?

Die Landschaft Bresse ist den meisten Franzosen natürlich sehr vertraut, denn daher kommt das nicht nur bei Feinschmeckern wohlbekannte poulet de Bresse, nach dem sogar eine Autobahnraststätte benannt ist.[1]

Aber es war nicht das Bresse-Huhn, das für unseren Aufenthalt verantwortlich war, sondern das in Bourg-en-Bresse gelegene königliche Kloster Brou. Es war von Margarete von Österreich für ihren früh verstorbenen Mann Philibert von Savoyen erbaut worden. Es ist nach dem überschwänglichen Urteil einer aktuellen Autorin „ein Monument der Liebe, das in seiner klaren Schönheit in nichts dem weltberühmten  Zeugnis einer großen Leidenschaft, dem Tadsch Mahal in Indien, nachsteht.“[2] Über Vergleiche lässt sich gerne trefflich streiten. Dass aber das Kloster Brou ein ganz außerordentlicher Bau ist, lässt sich kaum bestreiten.

Der Kirchturm und das typisch burgundische Dach mit den bunt lasierten Ziegeln

Die prächtige Westfassade der Kirche

Im Zentrum der Fassade die Statue des heiligen Andreas mit seinem schräg gestellten Kreuz, an dem er den Märtyrertod erlitt. Andreas ist der burgundische Hausheilige. Seinem Attribut begegnet man im Inneren der Kirche immer wieder.

Dass das Kloster Brou bei Franzosen weniger bekannt ist, hängt mit seiner Geschichte zusammen, und da vor allem mit der Frau, der das Kloster seine Entstehung verdankt: nämlich Margarete von Österreich.

Portrait der Margarete von Österreich in einem Kirchenfenster des Chors

Margarete war die Tochter von Maximilian I., dem Kaiser des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation. Und ihr Neffe war sein Nachfolger Karl V. – zwei Habsburger also, mit denen Frankreich in heftiger machtpolitischer Konkurrenz stand. Vor allem, nachdem Karl der Kühne, der Herzog des reichen Burgund, seine Tochter, um Burgund vor dem Zugriff der begehrlichen französischen Könige zu schützen, mit Kaiser Maximilian verheiratet hatte.  Dessen Wappen ist ebenfalls unübersehbar im Chor der Klosterkirche zu sehen.

Der Habsburger Doppeladler, umgeben von der Kette des Ordens vom Goldenen Vlies, bekrönt mit der Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reichs. Ein beträchtlicher Teil der Kirchenfenster des Chors sind mit Wappen geschmückt, die die Herkunft Margretes illustrieren: Ausdruck ihres Standesbewußtseins und einer hocharistokratischen Architektur (Hörsch).

Die „allerchristlichen“ Könige scheuten im Kampf gegen Habsburg sogar nicht davor zurück, mit den Türken gemeinsame Sache zu machen und sich mit den -ansonsten verhassten-  deutschen Protestanten zu verbünden… Da passt die Kaisertochter Margarete schwerlich in die nationale Geschichtserzählung Frankreichs und hat kaum einen Platz im „kollektiven französischen Gedächtnis“.[3]

Margarete von Österreich, die Emanzipation einer verkauften Braut

Umso mehr allerdings sollte Margarete von Österreich einen Ehrenplatz in der europäischen Geschichte haben, denn sie war eine außerordentliche Frau mit einem unglaublichen Werdegang: Schon bei der Geburt mit einem beträchtlichen Erbe ausgestattet (Flandern, Artois, Comté) wird sie im Alter von drei Jahren mit dem französischen Thronfolger, dem zukünftigen Karl VIII., verheiratet. Erzogen wird sie als zukünftige französische Königin auf dem Loire-Schloss Amboise, das damals als  Internat für die Hocharistokratie diente. Die kleine Königin, la petite reine, wie sie dort  genannt wird, erhält nach dem Tod Ludwigs XI. dann auch den offiziellen Titel einer Königin Frankreichs.[4] Dann aber die Enttäuschung: Als sie 11 Jahre alt ist, wird sie von dem ihr zugedachten Charles zurückgewiesen. Frankreich hatte nämlich die Bretagne erobert und um diese Neuerwerbung dynastisch abzusichern, heiratet Karl die bretonische Herzogin Anne. Für Margarete und Kaiser Maximilian eine ungeheure Demütigung. Für ihn war klar: „Es gibt keinen größeren Schuft als den französischen König“. 

Für Margarete gibt es aber einen durchaus gleichwertigen Ersatz: Mit 15 Jahren heiratet sie Don Juan, den spanischen Infanten. Durch die Verbindung Habsburgs mit Spanien wird Frankreich gewisermaßen in die Zange genommen…  Die Hochzeit wird per procurationem in Mechelen vollzogen, also noch in Abwesenheit des Ehemanns, aber gleichwohl mit kirchlichem Segen und rechtsgültig. Als auf dem Weg nach Spanien ihr Schiff in einen Sturm gerät, veranstaltet Margarete ein makabres Spiel, das sie in Amboise gelernt hatte: Jeder soll für den Fall aller Fälle einen Grabspruch für sich verfassen. Ihr Spruch: „Hier ruht Margarete, die edle Dame, zweimal verheiratet und dennoch als Jungfrau gestorben.“ Immerhin erreicht das Schiff dann Spanien und Margarete kann bald ihrem Vater schreiben: „Mein Gemahl ist edel und von so minniglichem Wesen, dass ich bald alle Angst verlor. Ich habe in diesen Tagen ein großes Wunder erlebt und weiß nun, wieviel Lieblichkeit in dem Wort Minne ist.“ [5] Das große Wunder dauert aber nur ein halbes Jahr. Don Juan, von Geburt an kränklich, verstirbt schon bald nach der Eheschließung. Mit 17 Jahren ist Margarete also Witwe. Drei Jahre später folgt die dritte Eheschließung: diesmal mit Philibert dem Schönen, dem Herzog von Savoyen. Dies ist jetzt keine königliche Partie, aber wegen der Lage Savoyens eine durchaus in die Heiratspolitik des Hauses Habsburg passende Ehe. Dazu kennt Margarete den schönen Herzog von ihren Jugendjahren in Amboise, wo Philibert ebenfalls erzogen wurde und zu ihren Spielkameraden gehörte. Es ist denn auch nach dem Urteil eines zeitgenössischen Historiographen  eine glückliche Ehe: „ Diese Ehe ward zu der zyt unter allen christlichen Fürsten die lustigste und hübscheste geachtet, dann die beiden von Lyb, Gestalt und Tugend ganz wohl geschöpfet waren.“ [6] Aber auch dieser Ehe war nur ein kurzes Glück beschieden, denn auch Philibert verstirbt schon in jungen Jahren.

Altar des Lebens des heiligen Hieronymus, 1518, Ausschnitt. Die Darstellung ist von einer Miniatur inspiriert, die den Tod Philiberts und die trauernde Margarete zeigt. Musée de Brou

Eine erneute Ehe kommt für die junge Witwe danach nicht mehr infrage, auch wenn ihr Vater sie gerne mit dem englischen König Heinrich VII. verheiratet hätte, um damit einen Verbündeten im Kampf gegen Frankreich zu gewinnen bzw. zu sichern. Auch andere Heiratspläne lehnt sie ab.[7]

Statt dessen greift Margarete ein nicht erfülltes Gelübde ihrer Schwiegermutter, Margarete von Bourbon, auf, das heruntergekommene und fast schon aufgegebene benediktinische Kloster Brou, wo Philibert bestattet wurde, neu aufzubauen. Es soll Ausdruck ihrer großen Liebe sein und die Gräber von Philibert und dessen Mutter aufnehmen. Daneben ist es aber auch ein Ausdruck machtpolitischer Interessen, die Grabkirche bei Bourg-en-Bresse zu errichten: Die habsburgische Präsenz in diesem Raum, dessen Stellung zwischen Frankreich und Habsburg immer schwankend um umstritten war, soll damit manifestiert werden.

Die Initialien von Philibert und Margarete, verbunden durch das Band der Liebe. Detail von der Westfassade der Kirche

Mit großer Energie bringt sie ihr Projekt auf den Weg und legt am 28. August 1506 den Grundstein. Dann aber eine erneute Wendung ihres Lebens: Ihr Bruder Philipp der Schöne, Regent der Niederlande, stirbt und hinterlässt eine geistig verwirrte Frau und sechs kleine Kinder. Der älteste, der spätere Kaiser Karl V., ist gerade einmal sechs Jahre alt. So wird Margarete von ihrem Vater mit der Regentschaft der Niederlande und der Erziehung seiner sechs Enkelkinder betraut. Margarete verlässt Savoyen für immer und richtet einen glanzvollen herrschaftlichen Hof in Mechelen ein. Dort schart sie die großen Familien Burgunds, Savoyens und der Niederlande, aber auch eine intellektuelle Elite um sich, darunter Erasmus von Rotterdam. Sie sammelt Handschriften und Kunstwerke, die von durchreisenden Künstlern, darunter auch Dürer, bewundert werden:  Eine starke Frau, die ihr Schicksal in die eigene Hand genommen und sich einen dazu passenden Wahlspruch gegeben hat:  

Fortune Infortune Fort Une  (Glück oder Unglück Stark nur allein)

Glasfenster im Chor des Klosters Brou mit dem Wahlspruch Margaretes

Von ihrem Witwensitz in Mechelen aus engagierte sich Margarete auch in der europäischen Politik. Große Verdienste erwarb sie sich 1513 um das Zustandekommen des Vertrags von Mechelen zwischen Maximilian, Heinrich VIII. von England und König Ferdinand von Aragon gegen Frankreich. Nach dem Tod ihres Vaters sah Margarete ihre wichtigste Aufgabe in der Sicherung der Wahl ihres Neffen Karl zu seinem Nachfolger. Denn für das Amt hatten sich gleich mehrere Kandidaten beworben, darunter auch der verhasste französische König Franz! 1519 wurde Karl schließlich von den sieben Kurfürsten in der Wahlkapelle des Frankfurter Doms einstimmig zum römisch-deutschen König gewählt.

Bernard von Orley, Portrait des jungen Karl V. (um 1515). Karl trägt das Band des zunächst burgundischen, dann habsburgischen Ordens vom Heiligen Vlies, um damit seine Verbundenheit mit Burgund zu demonstrieren. (Musée de Brou)

Die Teilnahme an der anschließenden Krönung Karls V. in Aachen war „ein Triumph für die Statthalterin.“ Bei dieser Krönung wurde ihr der Ehrentitel „Erste Dame des Reiches“ verliehen. Sie rangierte damit vor allen Königinnen und Fürstinnen, und dies allein kraft ihrer außerordentlichen Persönlichkeit.[8]

Bernard van Orley, Offizielles und weit verbreitetes Portrait der Margarete von Österreich in ihrer Witwentracht, 1515-1518 (Museum von Brou)

Die Krönung ihres politischen Wirkens war dann 1529 der sogenannte Damenfrieden von Cambrai, der einen grausamen Krieg wischen Franz I. und Karl V. beendete. Da die beiden Herrscher es ablehnten, direkt miteinander zu verhandeln, waren es in ihrem Auftrag Luise von Savoyen, die Mutter des französischen Königs, und Margarete von Österreich, die Tante des gewählten Kaisers Karls V., die sich auf einen Interessenausgleich verständigten und den Vertrag unterzeichneten. „Diese Großtat trug ihr in den Kanzleien Europas den Ehrentitel ‚Europas bester Diplomat‘ ein.“[9]  

Der Umzug in die Niederlande und das große politische Engagement bedeutete aber nicht, dass ihr Interesse an Brou nachließ. Ganz im Gegenteil: Sie legte testamentarisch fest, auch selbst in Brou bestattet zu werden. Die ursprüngliche Planung erschien nun zu bescheiden. Sie wollte ein einzigartiges Bauwerk errichten- einzigartig durch seine Größe, seine Schönheit, seinen Glanz und seine Neuartigkeit. Um den Ruhm der Bourgogne und Österreichs zum Ausdruck zu bringen, brauchte es „ein grandioses Werk“.[10]

Von Mechelen aus nahm Margarete regen Anteil an der Entstehung dieses grandiosen Werks. Künstler und Handwerker aus Brabant, aus Deutschland und aus Frankreich wurden dafür engagiert. Waren es für die zunächst errichteten Klosterbauten eher lokale Handwerksmeister, so berief Margarete als „Bauleiter“  für den Bau der Kirche den renommierten Brüsseler Steinmetz Loys/Louis van Boghem/Bodeghem, der „ein Meisterwerk der flämischen Flamboyant-Gotik“ schuf.[11]

In dem monumentalen Chor- Altar der „sieben Freuden der Jungfrau“ Maria hat Loys van Boghem einer biblischen Gestalt seine eigenen Züge verliehen: Ausdruck eines schon neuzeitlichen künstlerischen Selbstbewusstseins.

Mittel- und Höhepunkt des Baus ist der Chor: Wegen seiner großen Ausmaße, seiner reichen Verzierung und Farbigkeit, seiner wunderbaren Glasfenster. So bildet er den festlichen Rahmen für die drei Grabmäler, die hier aufgestellt sind. Im Mittelpunkt das Grabmal von Philibert dem Schönen.

Der Verstorbene ist doppelt dargestellt: Oben auf der Grabplatte mit offenen, dem Grabmal seiner Frau zugewandten Augen, Prunkgewand und Schwert; unten nach seinem Tod in Erwartung der Auferstehung fast nackt mit geschlossenen Augen.

„Doch ist die irdische Hülle des Herrschers nicht wie bei früheren Doppelgrabmälern als in Verwesung übergegangen und von Würmern zerfressen dargestellt, sondern quasi schlafend, in idealer Schönheit.“[12]

Die Steinmetzen, die den zu Füßen Philiberts liegenden Löwen gestaltet haben, hatten offensichtlich noch keinen wirklichen Löwen gesehen…

In den Nischen, die das Grabmal umgeben, stehen in zehn Sibyllen, Prophetinnen der Antike, die Weissagungen über das Leben Christi gemacht haben sollen. Gefertigt wurden sie in den Brüsseler Werkstätten des Loys van Boghem und des deutschen Bildhauers Conrad Meit/Meyt. Geboren in Worms, trat Meit in den Dienst Margerites von Österreich und hatte wesentlichen Anteil an den kunstvollen Steinmetzarbeiten des Klosters Brou.

Besonders anmutig ist die Figur der Sibylle Agrippa, die die Auspeitschung Christi vorausgesagt haben soll.

Darauf verweist die Peitsche an ihrer Seite.

In einer Grabnische der Südwand befindet sich das Grabmal der Margarete von Bourbon, der Mutter Philiberts.

Die liegende Figur ist ein Werk Conrad Meits. Zu ihren Füßen ein Hund, Symbol der Treue.

Umrahmt wird das Grabmal von aus Alabaster gefertigten Trauernden (pleurants), wie man sie auch von den Grabmälern der Herzöge von Burgund kennt.

Auf der Nordseite wurde dann das Grabmal der Margarete von Österreich errichtet. Sie starb 1530 in Mechelen, noch vor der Vollendung der Kirche, die sie nie gesehen hat. Nach deren Fertigstellung wurde ihr Leichnam nach Brou überführt und neben Philibert und Marguerite de Bourbon in einer Gruft unter dem Chor bestattet.

Ihr Grabmal ist -entsprechend ihrem dynastischen Rang-  ein imposantes und reich verziertes Bauwerk….

 …. mit gewaltigem Baldachin, kunstvoll gestaltetem Wahlspruch…

…. und von Engeln gehaltenem Wappen und Krone. Wie beim Grabmal Philiberts gibt es auch hier zwei Ebenen: Auf der oberen ist Margarete realistisch dargestellt als 50-jährige Regentin der Niederlande in höfischer Kleidung mit allen Abzeichen ihrer Würde.

Unten ist sie in mittelalterlicher Tradition als jüngere, nur mit einem Tuch bekleidete  Frau dargestellt, den Kopf nach Osten gewendet, die Augen halb geöffnet – im Blick ins Jenseits und auf das verheißene ewige Leben.

Für „das Werk ihres Lebens“ wollte Margarete von Österreich nur das Beste.[13] Das zeigt sich auch an den Materialien, die sie für die Gestaltung der Grabmäler auswählte: Basis und Grabplatten sind aus sogenanntem schwarzer Marmor gefertigt. Er stammt aus Steinbrüchen in Belgien und der Schweiz. Für die Verstorbenen in ihren Prunkgewändern in Augenhöhe der Betrachter wurde Carrara-Marmor aus Italien verwendet und für die kleineren Statuen und Arabesken, die die Gräber schmücken, Alabaster aus dem Jura. Der war nicht nur leichter zu bearbeiten, so dass damit Gestalten und Ornamente von großer Feinheit geschaffen werden  konnten, sondern der Stein drückt auch die Verbundenheit mit ihren burgundischen Wurzeln aus: Auch für die berühmten Gräber der Herzöge von Burgund war dieser Stein verwendet worden. Jura, Italien, Schweiz, Belgien…  Auch was die Herkunft der Materialien angeht: Die Gräber von Brou sind wahrhaft europäische Werke!

Dies gilt auch für die wunderbaren Glasfenster des Chors. Die Vorlagen (cartons) wurden in den Niederlande gezeichnet, wobei auch Dürer Anregungen lieferte: Er hatte Margarete eine Sammlung aller seiner Lithografien geschenkt.

Blick von der Galerie des Lettners in den Chor

Die Krönung Marias in eher mittelalterlicher Tradition, oben eher von der italienischen Renaissance beeinflusste Grisailles-Malerei

Bunt waren auch die Fliesen, mit denen der Boden des Chors ausgelegt war. Davon sind heute nur noch einige Reste vor den Grabmalen zu sehen.

Die meisten der Kacheln wurden aber im Laufe der Jahre abgenutzt und schließlich durch einen einfachen und einfarbigen Bodenbelag ersetzt. Im Museum sind allerdings noch einige  erhaltene Kacheln ausgestellt und vermitteln einen Eindruck von der ursprünglichen Schönheit.

Zu dem wunderbaren Ensemble des Chors gehört und passt auch das Chorgstühl aus Eichenholz. [14]  

Die dort dargestellten Figuren aus dem Alten Testament (Südseite) und dem Neuen Testament (Nordseite) stammen aus einer niederländischen Werkstadt.

Sie sind ausgesprochen raffiniert gestaltet, meist in Bewegung, miteinander kommunizierend.

Ganz anders die von lokalen Handwerkern hergestellten Verzierungen und Misericordien (von latein misericordia=Mitleid) , die es den Mönchen ermöglichten, sich während langer Messen hinzusetzen, aber dabei doch scheinbar zu stehen. (Wie sympathisch: Offenbar gingen die Mönche davon aus, dass der liebe Gott die Schummelei durchgehen lässt).

Dort sind alltägliche Szenen zu sehen, zum Beispiel Handwerker bei ihrer Arbeit, hier ein Gerber…

…. ein Trinker….

Es gibt auch derbe erotische Szenen…

… und phantastische Figuren. Hier auf Entdeckungsreise zu gehen, ist ein Vergnügen.

Insgesamt ist der Chor ein wunderbares einheitliches Ensemble, ein würdiger und festlicher Raum für die drei Grabdenkmäler und für den Gottesdienst der Mönche, deren alleinige Aufgabe es war, für die hier Bestatteten zu beten.

Margarete von Österreich hatte schon frühzeitig Mönche aus der Lombardei für ihr Kloster angeworben. Es waren Augustiner, die als ihren Heiligen Nikolaus von Tolentino verehrten. Ihn als Kirchenpatron auszuwählen, lag insofern nahe, als der Todestag Philiberts genau auf den Tag des Heiligen fiel. Dies versprach besonders intensive Fürbitte. Die Klosterkirche trägt also den Namen des Heiligen: St. Nicolas-de-Tolentin.

Ein Bild von ihm und den ihm zugeschriebenen Wundertaten befindet sich am Lettner, der Chor und Kirchenschiff trennt.[15] Der gezackte Stern auf der Brust des Heiligen ist sein Erkennungszeichen.

Er erstrahlt auch auf einem Kirchenfenster.

Der Lettner von Brou ist eines der wenigen erhaltenen Exemplare in Frankreich. Die meisten Lettner französischer Kirchen (mit Ausnahme der Bretagne) wurden im Zuge des gegenreformatorischen Konzils von Trient zerstört, um den Gläubigen den Blick auf den Chor zu öffnen und sie an der Inszenierung katholischer Liturgie teilhaben zu lassen.

Im Gegensatz zu dem Chor ist der Kirchenraum auf der anderen Seite des Lettners eher schlicht und einfarbig. Seine Ausmaße sind auch, im Vergleich zum Chor, relativ bescheiden. Allerdings entfaltet die Architektur an den Pfeilern des Langhauses „die ganze Pracht ihrer Profile“, wie auch der nachfolgende Blick in ein Seitenschiff zeigt.

Blick vom Lettner in das südliche Seitenschiff

Flamboyantes Maßwerk

Die schöne und eindruckvolle Schlichtheit des Kirchenschiffs hat seinen Grund wohl vor allem in dem bewussten Kontrast zur überwältigenden Gestaltung des Chors. Sie hängt aber auch damit zusammen, dass der Raum kaum genutzt wurde. Er wurde nur an besonderen Feiertagen für Gläubige geöffnet. Insofern bestand wohl auch keine besondere Notwendigkeit, den Lettner, ebenfalls ein flamboyantes Schmuckstück, zu zerstören. Außerdem verfügte er über eine Galerie, die einen direkten Zugang von den Klostergebäuden zum Chor der Kirche ermöglichte. Der war zunächst gedacht für Margarete von  Österreich, wurde später aber sicherlich auch von den Mönchen genutzt.

Aus einem im Museum gezeigten Video über die Geschichte des Klosters

Das an die Kirche angrenzende Kloster verfügte -eine Besonderheit- über drei Kreuzgänge. Der erste war der Gästekreuzgang, in dessen oberer Galerie Räume für die Prinzessin und ihr Gefolge vorgesehen waren.

Der zweite und größte Kreuzgang war für die Mönche bestimmt.

An den Kreuzgang grenzten wie üblich der Speisesaal (refectorium) und der Kapitelsaal. Einen gemeinsamen Schlafsaal (dormitorium) gab es nicht, weil die Mönche auf der Einrichtung individueller Mönchszellen bestanden.

Eine Mönchszelle des Klosters, neu eingerichtet nach den alten Inventarlisten

Die Architektur der Erdgeschossarkaden ist schlicht und streng und wird nur von unterschiedlich gestalteten Konsolen aufgelockert.

Drachenkonsole im Großen Kreuzgang

An den beiden Enden einer Galerie des Kreuzgangs ist ein Werk von Richard Serra aus dem Jahr 1985 installiert. Es sind zwei große Blöcke aus Stahl: voneinander entfernt, aber aufeinander bezogen…

Hier der Philibert gewidmete Stahlblock auf der einen Seite des Ganges

… um den dritten Kreuzgang gruppierten sich Wirtschaftsgebäude: Küche, Wärmestube, Vorratslager, eine Bäckerei, ein Raum für die Bediensteten, im Obergeschoss eine Krankenstation. Es gab sogar Gefängniszellen, deren Anzahl nach Einschätzung sachkundiger Beobachter „un peux nombreux“ war für ein Kloster…[16]

Die Kirche und all diese Gebäude haben die Zeitläufte relativ unbeschadet überstanden. Zur Zeit der Französischen Revolution mussten die Augustiner das Kloster verlassen, das aber in den Besitz und Obhut des Staates überging. So wurde nur die royale Bekrönung des Glockenturms zerstört. Die Gebäude dienten dann u.a. als Gefängnis, als Kavalleriekaserne und als Hospiz für Geisteskranke, bevor sie 1823 an die  Kirche zurückgegeben wurden, die darin ein Priesterseminar einrichtete.  

Seit dieser Zeit sind die offenbar als unzüchtig betrachteten Geschlechtsteile der Grabdenkmals-Putten verstümmelt…

Infolge der Trennung von Kirche und Staat räumte das Seminar 1907 das Kloster. Seit 1922 ist dort das Museum der Stadt Bourg-en-Bresse eingerichtet.

Das Museum

Man findet dort vielfache Informationen über das Leben der Margarite von Österreich und über den Bau es Klosters. Darüber hinaus gibt es Sammlung religiöser Skulpturen vom 12. bis zum 17. Jahrhundert und eine reiche Sammlung von Gemälde vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart.

Hier nur der Hinweis auf zwei Schwerpunkte: die niederländische Malerei und das Werk von Gustave Doré.

Dass Gustave Doré mit einigen hochkarätigen Werken im Museum von Brou vertreten ist, hat seinen Grund darin, dass Doré einen Teil seiner Schulzeit in Bourg-en-Bresse verbrachte.[17] In Brou ist sein monumentales Gemälde Dante und Vergil im 9. Kreis der Hölle aus dem Jahr 1861 ausgestellt. Hier ein Ausschnitt:

Dante in roter mittelalterlicher Kleidung dargestellt, Vergil in blauem antikem Gewand.

Verdammte im Eis

Dass niederländische Malerei reichlich im Museum vertreten ist, passt zu der Bauherrin, der niederländischen Statthalterin Margarete.

Hier zwei Ausschnitte aus der entzückenden „Storchenjagd“ von Jan Brueghel dem Älteren, dem zweiten Sohn Pieter Brueghels. (um 1600)

Und hier -passend zur Hühnerlandschaft Bresse- ein Hahnenkampf.

Frans Snyders, Hahnenkampf (Ausschnitt)

Nach dem Besuch der Kirche, des Klosters und des Museums -oder auch zwischendurch- empfiehlt es sich, in der Bar/dem Tabac gegenüber der Kirche ein poulet de Bresse aux morilles zu verzehren, die lokale Spezialität, die dort angeboten wird.

Es ist zwar wohl kaum genau à la Paul Bocuse zubereitet wie das Huhn auf dem abgebildeten Teller[18], aber auf jeden Fall ausgesprochen lecker und sicherlich deutlich preiswerter als bei Paul Bocuse…

Bei gutem Wetter kann man auch draußen sitzen mit Blick auf die Westfassade der Kirche, und bei Sonne zeigt sich vielleicht auch das Schattenteufelchen…

Literatur

Briat-Philippe, Magali u.a., Musée des beaux-arts du monastère royal de Brou : guide des collections.  Silvana Editoriale 2023

Markus Hörsch, Architektur unter Margarethe von Österreich, Regentin der Niederlande. Eine bau- und architekturgeschichtliche Studie zum Grabkloster St.-Nicolas-de-Tolentin in Brou bei Bourg-en-Bressse. Brüssel 1994

Thea Leitner, Europas bester Diplomat. Margarete 1480-1530. In: Dies, Habsburgs verkaufte Töchter. München/Berlin 2017, S. 57-92

Marie-Françoise Poiret, Le monastère royal de Brou. Éditions du patrimoine. Paris 2023

https://meinfrankreich.com/kloster-brou/  (Ein kompakter Überblick im Blog von Hilke Maunders)

https://www.monastere-de-brou.fr/decouvrir/etincelante-toiture

https://www.monastere-de-brou.fr/decouvrir/somptueux-tombeaux

https://www.monastere-de-brou.fr/decouvrir/somptueux-tombeaux

https://www.monastere-de-brou.fr/decouvrir/extraordinaire-jube

https://www.historia.fr/guide-culture-loisirs/tourisme/le-monastere-royal-de-brou-un-reve-damour-et-de-pouvoir-2066656


Anmerkungen

[1] Bild aus: https://voyage.aprr.fr/autoroute-info/decouvrir-la-saone-et-loire-par-lautoroute

[2] Leitner, S. 72

[3] Poiret, Le monastère royal de Brou. S. 2

[4] https://www.historia.fr/guide-culture-loisirs/tourisme/le-monastere-royal-de-brou-un-reve-damour-et-de-pouvoir-2066656

[5] Zitate bei Leitner, S. 66 und 67

[6] Zit. bei Leitner, S. 72

[7] https://www.deutsche-biographie.de/sfz58204.html

[8] https://www.deutsche-biographie.de/sfz58204.html  Vom Papst zum Kaiser gekrönt wurde Karl allerdings erst 1530; Leitner S. 87

[9] Leitner, S. 87

[10] Der Historiker Max Bruchet, zit. von Poiret in: Le monastère royale de Brou, S. 20

[11] Centre des Monuments Nationaux  Monastère royal de Brou, Königliches Kloster Brou. Das Meisterwerk einer Kaisertochter. Deutscher Info-Flyer

Zu Louis van Boghem: François Chauvat,  Louis van Boghem, architecte de l’église de Brou.  In: Réunion des sociétés savantes des départements à la Sorbonne. 1. Januar 1888 https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k2062079/f190.image

[12] Hörsch, S. 51

[13] Bei der nachfolgenden Passage beziehe ich mich auf: https://www.monastere-de-brou.fr/decouvrir/somptueux-tombeaux

[14] Nachfolgendes Bild aus: https://www.parisladouce.com/2022/04/eglise-saint-nicolas-de-tolentin.html#google_vignette

[15] Bild aus: https://www.chroniquesdebresse.fr/Les-petits-pains-de-Saint-Nicolas

[16] Marie-Françoise Poiret/Marie-Dominique Niviere, Brou, Bourg-en-Bresse. Bourg-en-Bresse 1990, S. 27. Zitiert von Markus Hörsch, S. 32

[17] https://www.monastere-de-brou.fr/decouvrir/gustave-dore-un-artiste-genial-au-monastere

[18] https://www.papillonette.fr/?p=112

Le Palais idéal du Facteur Cheval: Das phantastische und grandiose Lebenswerk eines Briefträgers

Dies ist der Blick auf die nördliche Fassade des Palais idéal des Facteur Cheval in Hauterives (Drôme), seines palais imaginaire.[1] Es ist ein imposantes Bauwerk: 26 Meter lang, 14 Meter breit und bis zu 12 Meter hoch. Ein Märchenpalast, ganz allein gebaut von einem Land-Briefträger, einem Autodidakten mit rudimentärer Schulbildung, zwischen 1879 und 1912, in 33 Jahren, 10 000 Tagen und 93 000 Stunden, wie es Ferdinand Cheval auf einer Tafel seines Palais verzeichnet hat.

Und schalkhaft fügte er noch an, wer hartnäckiger sei als er, solle sich doch gleich an die Arbeit machen.

Ferdinand Cheval legte auf seiner Briefträgertour täglich zwischen 30 und 43 km zurück, „bei Schnee oder Eis oder blühenden Landschaften“, wie er rückblickend schrieb – in einer Gegend, die wegen der rauhen Winter auch „terres froides“ genannt wird.  Während er die Post zu den oft abgelegenen Gehöften brachte,  träumte er davon, „einen märchenhaften Palast jenseits aller Vorstellungskraft“ zu erbauen. Der -im wahrsten Sinne des Wortes-  Anstoß, diesen Traum zu verwirklichen, war nach seinen Angaben ein „bizarrer und pittoresker Stein“, auf den er 1879, damals 43 Jahre alt, während seiner Tour trat. Er gab ihm den bilblischen Namen pierre d’achoppement. Heute hat dieser Stolperstein auf der Terrasse des Palais einen Ehrenplatz. [2]

Cheval begann nun, auf seinen dienstlichen Wegen markante Steine zu sammeln, sie direkt in seine Briefträger-Tasche zu stecken oder beiseitezulegen, um sie dann nach Dienstschluss mit einer einfachen hölzernen Schubkarre einzusammeln und nach Hause zurückzubringen. Das ist die „brouette bien-aimée“ aus André Bretons Gedicht über den Facteur Cheval.[3]

Hier sind es allerdings selbst geformte Zementblöcke, die er mit seiner Schubkarre transportiert.

Cheval sammelte Steine und Ideen. Eine umfassende Konzeption des Bauwerks, wie es einmal aussehen sollte, gab es nicht. „Als ich anfing, dachte ich noch nicht an solche Dimensionen“, schrieb er 1905, „aber ich fand immer etwas Neues in meinen Träumen“.[4] Es gibt aber eine Zeichnung wohl aus dem Anfang der 1880-er Jahre, in der Cheval erste Ideen für sein Palais skizzierte. Es sind sechs Blätter mit einer Länge von fast einem Meter. Die Zeichnung, von der in dem kleinen Museum der Anlage Ausschnitte abgebildet sind, zeigt unten einen kleinen Wasserlauf und oben phantasievoll gestaltete Springbrunnen.

Das Wasser spielte in den Vorstellungen Chevals eine große Rolle. Sein erstes Werk war eine mit Muscheln geschmückte Source de la vie, die er in seinem Gemüsegarten anlegte, den er zum verständlichen anfänglichen Missfallen seiner Frau zum Bauplatz machte. Als dann der Bau immer größer und höher wurde, reichte das Wasser zwar nicht mehr für anspruchsvollere Wasserspiele, aber immerhin für die Bauarbeiten. Und als das Palais fertig war, wurde zu besonderen Anlässen Wasser für kleine Wasserläufe oder Wasserfälle nach oben getragen.

Im Laufe der Zeit erweiterte Cheval sein Bauwerk immer mehr. Er fungierte damit als Architekt und verstand sich auch als solcher, obwohl er keinerlei entsprechende Ausbildung erhalten hatte: Bevor er Postbote wurde, war er als Bäcker und Tagelöhner tätig gewesen. Und das ganze Bauwerk errichtete er mit einfachsten Mitteln: Vor allem den von ihn gesammelten Steinen, Kalk und Zement. Und aus Baumstämmen baute er abenteuerliche Baugerüste zusammen.

Cheval 1890 bei der Arbeit an seinem Palais[5]

Eine örtliche Genehmigungs- und Aufsichtsinstanz gab es nicht- sonst hätte es dieses außerordentliche Palais sicherlich nie gegeben.  Es wurden aber keinerlei gravierende Baumängel festgestellt, als das Palais idéal 1969 vom damaligen Kultusminister André Malraux unter Denkmalschutz gestellt wurde.  

Man entdeckte aber dabei, dass Cheval in den Zementboden der langen Terrasse[6] Eisendrähte eingearbeitet und sie so befestigt hatte: Eine frühe Form des béton armé…  Die große „unterirdische“ Galerie[7] darunter war deshalb -wie das gesamte Bauwerk-  nie von Einsturz bedroht.

                                                           Galerie souterraine du Palais idéal 

Möglich wurde der imposante und phantasievolle Bau auch durch den Kauf mehrerer angrenzender Grundstücke. Vor allem aber durch Anregungen, die er aus Illustrierten und Postkarten bezog. Postkarten hatten damals, auch begünstigt durch die Weltausstellungen, Hochkonjunktur. Besonders beliebt waren koloniale Motive, die ferne architektonische Wunderwerke wie Moscheen, hinduistische und ägyptische Tempel zeigten.[8]

Postkarten aus der Sammlung Chevals (Museum)

Mehr als Lesen und Schreiben hatte Cheval in der Schule nicht gelernt, und er hatte nie größere Reisen unternehmen können. Aber er abonnierte zwei illustrierte Zeitschriften, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts großen Erfolg hatten und wesentlich zur Volksbildung beitrugen. So konnte der Landbriefträger Cheval mit seiner bescheidenen Bildung die große weite Welt, die Geschichte und die Philosophie in sein Lebenswerk einarbeiten.

Die große weite Welt, Geschichte und Religion im Palais idéal

Das Palais idéal ist ein Werk mit einer unübersehbaren universalistischen Programmatik: Mensch und Natur, verschiedene Religionen, Geschichtsepochen und Regionen stehen hier gleichberechtigt nebeneinander. Das Christentum ist zum Beispiel mit einer Marienfigur, betenden Engeln, dem Kreuz und den falschen Schlangen vertreten, auf die Eva hört.

Vor allem aber sind es exotische Bauwerke und fremde Religionen, die Cheval in sein Palais integriert.

Dies ist der Turm „de Barbarie“, ein Gebäude des Orients, wo, mit den Worten Chevals „in einer Oase Feigenbäume, Kakteen, Palmen, Aloen und Olivenbäume wachsen.“[9] In dem Turm war ein Wasserreservoir eingebaut, das dazu bestimmt war, die Source de la vie mit Wasser zu versorgen.

Das „ägyptische Grab“ ist sicherlich der spektakulärste Teil des Bauwerks. Mit den Worten  Chevals: „Mein Grab hat 10,50 Meter Höhe, 5 Meter Breite und 4 Meter Tiefe.  Ich habe 7 Jahre lang daran gearbeitet.“[10]

Ein markantes Element des Bauwerks ist auch die „Moschee“. Sie betont den universalistischen Charakter der Palais, „in dem Religionen und ganz unterschiedliche architektonische Traditionen in einem brüderlichen Geist nebeneinander stehen und miteinander harmonieren.“[11]

Der Halbmond über der Moschee

In die Nischen der Westfassade hat Cheval verschiedene architektonische Modelle aus aller Welt eingebaut: Ein Schweizer Chalet, eine mittelalterliche Burg, ein algerisches Haus…

… und einen hinduistischen Tempel.

Vorbilder können hier neben Postkarten und Illustrierten die damals sehr populären Nachbauten solcher Bauwerke auf den Weltausstellungen gewesen sein.

Die Natur: Material und Gegenstand der Gestaltung

Steine nicht nur als Baumaterial, sondern auch zur Dekoration von Fassaden zu verwenden, war gerade in der Gegend von Drôme und Ardèche durchaus üblich. Cheval steht in dieser Tradition. Er nutzte aber nicht nur verschiedene Steine als Gestaltungselemente, sondern auch Muscheln und Austernschalen, die er von einem Vetter aus Marseille bezog.

Deutlich zu erkennen ist hier, dass Cheval für viele seiner Skulpturen sorgfältig ausgewählte Steine verwendete, dass er zum Teil gar nicht selbst modellierte, sondern nur passende Steine zusammensetzte wie für das Maul des bissigen Tieres, das gewissermaßen darüber wacht, dass das Gebot, nichts anzurühren, auch eingehalten werde.

Der Körper des Kalbs ist aus flachen Steinen zusammengesetzt.

Die Harmonie zwischen Mensch und Natur

Die Lebensphilosophie von Ferdinand Cheval

Cheval hat insgesamt über 150 Inschriften an seinem Palais angebracht. Es handelt sich zum Teil um literarische Zitate, vor allem um einen Lobpreis der menschlichen Schaffenskraft – auch seiner eigenen- und um die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens.

An einer Decke, die einer barocken Rocaille-Grotte nachempfunden ist: La vie sans but est une chimère

„Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu“

„Indem ich diesen Felsen schuf, wollte ich beweisen, was Willenskraft möglich machen kann“.

Das Grabmal auf dem Friedhof

Cheval wäre gerne selbst in seinem Palais beerdigt worden, was die Gemeinde allerdings ablehnte. So baute er schließlich nach Abschluss der Arbeiten an seinem Palais auch noch ein eigenes Familiengrab auf dem Friedhof des Ortes. Acht Jahre war er damit beschäftigt und hatte im Alter von 86 Jahren das einem hinduistischen Tempel nachempfundene „Grabmal der Stille und der ewigen Ruhe“ (Tombeau du Silence et du Repos sans fin) vollendet.

In dem Grabmal sind auch andere Mitglieder der Familie bestattet, so seine zweite Frau Philomène und die gemeinsame Tochter Alice, die 1879 geboren wurde, im gleichen Jahr, als Cheval mit den Arbeiten an seinem Palais begann. Alice nahm als Kind freudigen Anteil an der Entstehung des Palais, das Nils Tavernier, Autor eines Buches über Cheval und des Films über ihn als „une espece de cabane pour enfants“, als eine Art Kinderhaus, bezeichnet hat.[12] Der frühe Tod  von Alice 1894 war ein schwerer Verlust für den Vater.

Großes Selbstbewusstsein

Zunächst gab es wenig Verständnis bei der Dorfbevölkerung, Cheval wurde eher für verrückt erklärt. Man hielt ihn, wie er im Rückblick schrieb, für einen „armen Irren“, einen „Idioten, der in seinem Garten Steine aufhäuft.“[13]  Bei seinen ersten Bauten vermutete man, es handele sich vielleicht um einen Kaninchenstall…   In jedem Fall muss ein Mensch, der 33 Jahre, zum Teil neben seinem höchst herausfordernden Beruf, bis tief in die Nacht an einem solchen Projekt arbeitet, eine außerordentliche Persönlichkeit gewesen sein, vielleicht mit autistischen Zügen.[14] Für Cheval  passen im wahrsten Sinne des Wortes die deutschen Ausdrücke Arbeiten wie ein Pferd (cheval) und Arbeiten wie verrückt. Jedenfalls bietet es sich offensichtlich an, sein geradezu wahnwitziges Projekt als Fall für psychologische Begutachtung zu betrachten. [15]  Aber das gilt wohl für die meisten Menschen, die Außerordentliches vollbracht haben….

Cheval hat dieses Projekt gegen alle Widerstände und Anfeindungen verwirklicht. Und er war sich sicher, dass ihm dadurch einmal Ruhm und Ehre zuteil würden. Im Palais stößt man immer wieder auf Zeichen dieses Selbstbewusstseins.

In die Säulen der Westfassade ist in großen Lettern sein Name (CH-E-V-A-L)  eingezeichnet. (In den Nischen die Architekturmodelle)

Eingang zur Galerie mit der Inschrift: Wo der Traum Wirklichkeit wird

Von großem Selbstbewusstsein zeugen auch Inschriften wie diese: Dieses Wunderwerk, auf das der Erbauer stolz sein kann, wird einzigartig im Universum sein.[16]

Hier redet sich Cheval selbst als „gigantischen Bildhauer“ an, der seinen „übermenschlichen Traum“ verwirklicht habe. „Gestern war es Mühe und Arbeit, morgen ist es der Ruhm“.

Cheval zeigte sein Wunderwerk auch gerne den Besuchern, die sich immer zahlreicher einfanden.

Er hatte für sie sogar einen festen Rundgang vorgesehen und ein Gästebuch lag aus, in das die Namen fein säuberlich eingetragen wurden.

Die Besichtigungsplattform

Cheval baute auch eine Aussichtsplattform (Belvédère),  von der aus man „die majestätische Westfassade bewundern konnte.“[17]

Die Aussichtsplattform mit der Sonnenuhr (cadran de la vie): „Jedesmal, wenn du mich betrachtest, siehst du, wie dein Leben vorbeigeht.“

Vom Belvedere aus hat man einen schönen Blick auf die gesamte östliche Fassade…..

… und dabei auch auf die „drei Giganten“: Caesar, Vercingetorix und Archimedes“. Gewidmet im Jahr 1899 -mitten im Zeitalter von Nationalismus und Imperialismus- der „Brüderlichkeit zwischen den Völkern“.

Und darunter eine ägyptische Mumie mit der Aufschrift: „Den großen Männern. Die dankbare Menschheit“ – eine universalistische Umformung der Inschrift auf dem Pantheon von Paris: „Den großen Männern. Das dankbare Vaterland“.

Nachwirkung 

Zunächst war das Palais idéal eine eher lokale Sehenswürdigkeit. Nach der Jahrhundertwende gab es allerdings schon Berichte in der überregionalen und internationalen Presse, es gab Postkarten und Bilder des Bauwerks. Und es gab 1904 einen Dichter aus Grenoble, Emile Roux Parassac, der dem Facteur Cheval das Gedicht „ton Idéal, ton Palais“ schickte, das dem entstehenden Bauwerk seinen Namen gab. Aber die etablierte Kunstwelt rümpfte noch die Nase. Das änderte sich erst in den 1930-er Jahren, als die Surrealisten, die in dem Palais einen traumhaften Bau sehen, der sich der herrschenden akademischen Kunstauffassung entziehe. Allen voran war es André Breton, der das Palais entdeckte und Cheval ein Gedicht widmete. Und er begeisterte den damals ganz in der Nähe in Saint Martin d’Ardèche wohnenden Max Ernst für das Palais.

Die Collage Max Ernsts zum Facteur Cheval (Peggy Guggenheim Sammlung, Venedig) stammt aus dem Jahr 1932.[18]  Zur Faszination, die das Palais idéal auf Max Ernst ausübte, trug vielleicht auch die große Bedeutung bei, die Vögel in seinem Werk und dem von Cheval spielen.  Insofern bezieht sich nicht nur der Briefumschlag in der Collage auf Cheval, sondern wohl auch die Gestalt mit dem Vogelkopf.

Max Ernst bei einem Besuch des Palais mit seiner zweiten Frau, Dorothea Tanning, im Jahr 1950.[19]

1937 besuchte Picasso in Begleitung von Paul Eluard und Dora Maar das Palais idéal und widmete ihm ein ganzes Heft mit Zeichnungen. [20]

Paul Eluard und Pablo Picasso 1937 am Entrée d’un palais imaginaire

Dass Cheval als Pferd mit der Aufschrift PTT (Abkürzung der französischen Post) dargestellt ist, erscheint wenig originell, eher schon, dass das Pferd mit einem Vogelkopf ausgestattet ist. Auch hier also ein Hinweis auf die Bedeutung der Vögel im Palais idéal.

Die Fotos, die Dora Maar bei diesem Besuch von dem Bauwerk machte, sind derzeit in dem zur Anlage gehörenden Atelier ausgestellt.

Dora Maar, Foto von der Galerie (galérie souterraine)

Eine besondere Bewunderin Chevals war Niki de Saint Phalle. In einem Brief an Jean Tinguely schrieb sie:  „Ich habe dir von Gaudi und dem Facteur Cheval erzählt, die ich entdeckt und zu meinen Helden gemacht habe. Sie repräsentieren die Schönheit des Menschen, alleine in seinem Wahnsinn, ohne jeden Vermittler, ohne Museum, ohne Galerien. Ich habe dich dadurch provoziert, dass ich sagte, der Facteur Cheval sei ein größerer Bildhauer als du.“[21]

Zeugnis der Bewunderung Niki de Saint Phalles für Cheval ist auch ihr „Fragment de l’Hommage au Facteur Cheval“. Und dass Niki de Saint Phalle Gaudi und Cheval zusammen als ihre „Helden“ nennt, liegt insofern nahe, als es in der Tat eine strukturelle Verwandtschaft zwischen beiden gibt, was die  Unbedingtheit und Außerordentlichkeit ihrer Projekte und ihres Schaffens angeht.[22]  

Die offizielle staatliche Würdigung des Palais idéal ließ allerdings noch lange auf sich warten. Erst 1969 wurde es von dem damaligen Kultusminister Malraux unter Denkmalschutz gestellt. Während die Kultusbürokratie  das Palais als „absolut hässlich“ und als „ein erbärmliches Sammelsurium von Unsinn“ bezeichnete, sah Malraux darin das weltweit einzige erhaltene Bauwerk der „art naïf“. Die Franzosen könnten stolz darauf sein. Es wäre kindisch, es nicht zu erhalten. [23]

Inzwischen hat die Gemeinde Hauterives die Verantwortung für das Palais übernommen: Sie kann sich glücklich schätzen, einen touristischen Anziehungspunkt ersten Ranges zu besitzen, von dem die ganze Gemeinde profitiert.

Seit einigen Jahren hat sich das Palais auch der modernen Kunst geöffnet.

2022 hat zum Beispiel der Glaskünstler Jean Michel Othoniel, Paris-Besuchern bekannt durch den extravaganten Eingang zur Metro-Station Palais-Royal, das Palais ausgestaltet.[24]  Im Zentrum seiner Arbeit standen 10 gläserne Fontänen aus Murano-Glas, mit denen er auf seine Weise den Traum Chevals von dem  im Palais sprudelnden Wasser erfüllte.[25]

Im Garten des Palais steht seit 2024 ein Brunnen in Gestalt von Philomène, der zweiten Frau von Ferdinand Cheval.

Es ist ein Werk von Claire Tabouret, einem breiteren Publikum bekannt, weil sie  ausgewählt wurde, die modernen Kirchenfenster in Seitenkapellen von Notre-Dame de Paris zu gestalten. Mit dem Brunnen würdigt Tabouret eine Frau, die -wohl nach anfänglichem Zögern- ihren Mann emotional und finanziell dabei unterstützt hat, seinen Traum zu verwirklichen. Zwei Jahre nach Fertigstellung des Palais verstarb sie und hat nun ihren Platz neben dem Werk ihres berühmten Mannes.[26]

Praktische Informationen

Palais idéal du Facteur Cheval

26390 Hauterives (Drôme)

www.facteurcheval.com

Öffnungszeiten: https://www.facteurcheval.com/infos-pratiques/

In Ferienzeiten wird die Reservierung von Eintrittskarten empfohlen.

Es gibt auch eine Boutique mit Informationsmaterial und Kassetten des schönen Films von Nils Tavernier über die Entstehung des Baus. Die deutsche Version des Films (Der Palast des Postboten) wurde am 31.5.2025 im Sender One gezeigt. Er ist bis 30.6.2025 in der ARD-Mediathek verfügbar: https://www.ardmediathek.de/video/der-palast-des-postboten/der-palast-des-postboten/one/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLXNvcGhvcmEtZGUyNGY5OWUtZGMxNy00ZWE4LWE1YmYtMDExYzVkNGZlNTlh

Nils und Tiffany Tavernier haben auch ein Buch über den Facteur Cheval geschrieben: Le Facteur Cheval: Jusqu’au bout du rêve… Flammarion 2018

Auch eine Sendung der Reihe Visites privés von Stéphane Bern (France 2) ist dem Palais idéal gewidmet: https://www.youtube.com/watch?v=SQra-ELRKxc


Anmerkungen

[1] Alle Bilder des Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Wolf Jöckel

[2] Nachfolgendes Bild aus:  https://aufildeslieux.fr/architextures-et-perspectives-au-palais-ideal-du-facteur-cheval/ ©K.Hibbs

[3] https://www.barapoemes.net/2025/01/andre-breton-1896-1966-facteur-cheval.html

[4] Le Palais idéal du Facteur Cheval. Connaissance des arts 899 2025, S. 17/18. Auf diese Veröffentlichung beziehe ich mich im Wesentlichen bei meiner Darstellung.

[5] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/Ferdinand_Cheval#/media/Fichier:Facteur-Ferdinand-Cheval-02.jpg

[6] Bild aus: https://aufildeslieux.fr/architextures-et-perspectives-au-palais-ideal-du-facteur-cheval/

[7] Bild aus: https://aufildeslieux.fr/architextures-et-perspectives-au-palais-ideal-du-facteur-cheval/  ©Le Lab 

[8] https://www.radiofrance.fr/franceculture/le-palais-du-facteur-cheval-un-tresor-d-influences-2107760

[9] Zit. in Connaissances des arts, S. 37

[10] Connaissances des arts, S.35

[11] Connaissance des arts, S. 29

[12] https://www.pointdevue.fr/culture/cinema/le-palais-du-facteur-cheval-le-reve-dun-homme-enfant

[13] Zit. Connaissance des arts, S. 24

[14] So ein Neurologe, den Nils Tavernier im Rahmen seiner Beschäftigung mit Cheval konsultierte. https://www.pointdevue.fr/culture/cinema/le-palais-du-facteur-cheval-le-reve-dun-homme-enfant

[15] https://shs.cairn.info/revue-psychologie-clinique-2016-1-page-109?lang=fr Réalisation d’un rêve : le palais idéal du Facteur Cheval Monique Bon

Pages 109 à 121  Psychologie Clinique
2016/1 n° 41

[16] Insgesamt hat Cheval an dem Palais mehr als 150 Inschriften angebracht. Eine Auswahl bei: https://fr.wikipedia.org/wiki/Palais_id%C3%A9al

[17] Begleitendes Faltblatt des Palais idéal

[18] https://www.facteurcheval.com/musee/facteur-cheval-fac-simile/ und The Postman Cheval (1932) by Max Ernst – Artchive

[19] https://www.andrebreton.fr/work/56600100812030

[20] https://www.sciencesetavenir.fr/decouvrir/quand-picasso-retourne-au-palais-ideal-du-facteur-cheval_137471

[21] Zit in: https://fr.wikipedia.org/wiki/Ferdinand_Cheval

[22] Bild aus: https://www.artbasel.com/catalog/artwork/14260/Niki-de-Saint-Phalle-Fragment-de-l-Hommage-au-Facteur-Cheval  Siehe auch:

[23] Zitate aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/Palais_id%C3%A9al

[24] Voriges Bild: Jean-Michel-Othoniel_Oriflamme-4-web.jpg (1476×1476)

[25] Nachfolgendes Bild: https://www.eventail.be/art-et-culture/expositions/jean-michel-othoniel-au-palais-ideal-du-facteur-cheval  Trésors et Fontaines © Jean-Michel Othoniel Adagp, Paris, 2022

[26] https://www.facteurcheval.com/programmation/evenements/lee-miller-claire-tabouret/

Kommentar von Ulrich Schläger:

Was wissen wir schon von den seelischen Verletzungen, der Verzweiflung, den Ängsten Ferdinand Chevals, der elf war, als seine Mutter starb, der mit 17 Jahren seinen Vater verlor, dessen einjähriger Sohn verstarb und 8 Jahre später auch seine erste Frau Rosalie Revol, die gerade mal 32 Jahre alt wurde und dann auch noch den Tod seiner 15-jährigen Tochter Alice-Marie-Philomène erleben musste. Ihm bleiben die schmerzhaften Erinnerungen und Träume einer anderen Welt, die den Tod überwindet. Diese andere Welt erscheint ihm in der Natur, die er auf seinen langen, täglichen Fußmärschen als Landpostbote durchquert und ihm mit einem Stein „von solch bizarre doch pittoresken Form“ ein Zeichen gibt. „Da die Natur die Bildhauerei übernehmen will, kümmere ich mich um die Maurerarbeit und die Architektur.“ Am Ende unsäglicher Mühen steht das Palais idéal, eine Kollage aus Bildern der Geschichte, fremder Kulturen und auch der Natur in ihren vielfältigen, auch phantastischen, Erscheinungen.

Man muss keine psychopathologische Schublade bemühen, wenn man Chevals Werk einordnen will. Man kann Chevals Werk auch als eine gigantische Kompensation seiner schlimmen Erlebnisse oder als Flucht aus diesen sehen, oder auch als Suche nach Harmonie, Ruhe und Frieden verstehen, oder aus allem zusammen. Mit derselben ungeheuren Energie, mit der er seinem Beruf nachgeht, schafft er auch sein Palais idéal. Das ist für die meisten von uns unverständlich, ja „irre“, „aber“, wie Sie lieber Herr Jöckel richtig schreiben, „gilt wohl für die meisten Menschen, die Außerordentliches vollbracht haben….“