Camille Claudel: Orte der Erinnerung an eine große Bildhauerin

Im Oktober 2018, zum 75. Jahrestag des Todes von Camille Claudel in einem Asyl für psychisch Kranke,  fand im Oktober 2018 eine von  Nachkommen ihres Bruders Paul Claudel organisierte Messe zu ihrem Gedenken statt.  Lacryma Voce, mein Pariser Chor, steuerte dazu den musikalischen Part bei.[1]

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Totenmesse für Camille Claudel in der Kirche Saint Roch in Paris

Neben dem Altar stand eine Staffelei mit dem Portrait Camilles. Reine-Marie Paris, Enkelin Paul Claudels, die aus Krankheitsgründen nicht an der Messe teilnehmen konnte, schreibt in ihrem wunderbaren Buch über Camille Claudel zu diesem Bild:

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 „1884 fixierte der Fotograph César mit einem meisterlichen Schnappschuss die gebieterische Camille Claudel im Alter von zwanzig Jahren, zu einem Zeitpunkt also, da ihre künstlerische Berufung bereits feststand. Sie war als junges Mädchen von verheißungsvoller Schönheit, doch keiner neutralen oder aufreizenden Schönheit. Wir haben das Portrait einer Siegesgewissheit vor uns, mit dem äußerst gespannten Blick voller Lebensgier und Schaffensdrang.“

Der Bruder Paul wird später vom „triumphalen Glanz der Schönheit und des Genies“ sprechen.“[2]

 

Diese junge Frau wurde eine begnadete Bildhauerin, Mitarbeiterin und Geliebte Auguste Rodins,  einem breiteren Publikum vor allem bekannt geworden durch den Camille Claudel-Film (1988) mit Isabelle Adjani (Camille Claudel) und Gérard Depardieu (Auguste Rodin).[3]

Aber die letzten Jahre ihres Lebens waren ein grausames Dahinvegetieren in einer psychiatrischen Anstalt bei Avignon, wo sie 1943 als ein Opfer der vom Pétin-Regime praktizierten extermination douce verstarb.

Angeregt von der Messe haben wir in den letzten Monaten einige Erinnerungsorte Camille Claudels besucht, vor allem das neue Camille Claudel-Museum in Nogent-sur-Seine und das neu eröffnete Claudel-Haus in Villeneuve, dessen Besuch uns François Claudel, der Enkel Paul Claudels, bei dem Empfang im Anschluss an die Totenmesse empfohlen hatte.

In dem nachfolgenden Beitrag sollen nun fünf Erinnerungsorte vorgestellt werden, die wichtige Stationen des Lebens von Camille Claudel markieren:

  • Villeneuve-sur-Fère in der Champagne, wo sie –vor allem zusammen mit ihrem Bruder Paul- eine schwierige, aber auch glückliche Jugendzeit verbrachte und wo seit 2018  im ehemaligen Wohnhaus der Familie ein kleines Claudel-Museum eingerichtet ist.
  • Nogent- sur- Seine, wo der Bildhauer Alfred Boucher ihr erster Lehrmeister wurde und wo es seit 2017 ein bedeutendes Camille-Claudel- Museum gibt.
  • Paris, wo Camille Schülerin, Mitarbeiterin und Geliebte Auguste Rodins wurde, wichtige Werke schuf und schließlich nach der Trennung von Rodin ein eigenes Atelier auf der Île Saint – Louis bezog.
  • Dazwischen das Schloss Islette in derTouraine, ein Traumort für die kleinen Fluchten des Liebespaares.
  • Und zum Schluss der Friedhof von Montfavet  bei Avignon, wo Camille Claudel nach 30-jähriger Internierung in einem Massengrab verscharrt wurde und wo heute eine Stele an sie erinnert.

 

  1. Villeneuve-sur-Fère: Camille und ihr Bruder Paul

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Von einer „glücklichen Jugend“ kann man bei Camille Claudel nur bedingt sprechen. Im elterlichen Haus gab es ständig Streit. „Bei Tisch wüten die Claudels. Ihr Gezänk, das schon am frühen Morgen beginnt und erst abends endet, erreicht am Esstisch seinen Höhepunkt. Eine abscheuliche Atmosphäre“. Es geht, wie Paul später sagte, zu „wie in einem Gemeinderat“. Und Camille trifft es besonders hart: Sie wird von ihrer Mutter von Geburt an abgelehnt. Es gibt „einen erbarmungslosen Mangel an Zärtlichkeit“. Noch einmal Paul: „Sie umarmte uns nie“.  Und die Mutter hatte auch keinerlei Verständnis für die künstlerischen Neigungen und Ambitionen ihrer Tochter. [4]

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Rückwärtige Ansicht des Hauses, des ehemaligen Presbyteriums der Kirche

Am Haus der Claudels ist eine Tafel angebracht, auf der verzeichnet ist, dass hier Paul Claudel geboren wurde und dass Villeneuve für ihn und seine Schwestern Camille und Louise immer „der bevorzugte Ort ihrer Kindheit“ bleiben wird.

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Darunter ein Zitat von Camille: „Dieses hübsche Villeneuve, das auf der Welt nicht seinesgleichen hat.“  Das ist ein Satz aus einem Brief, den sie am 3. März 1927  ihrem Bruder aus dem Asyl von Montdevergues geschrieben hat:

„Mein Traum wäre, sofort nach Villeneuve zurückzukehren und mich nicht mehr wegzurühren, eine Scheune in Villeneuve wäre mir lieber als ein Platz Patientin Erster Klasse hier. … Wenn ich doch plötzlich wieder in Villeneuve sein könnte, was für ein Glück!“ [5]

Die sehnsüchtigen Erinnerungen an Villeneuve sind sicherlich nicht nur Ausdruck einer ihrer Internierung geschuldeten Verklärung. Es gibt dort den wärmenden Kamin, von dem sie in Montdevergues träumt, und es gibt den Vater. Der hätte sich zwar –Provinz- Beamter des Katasterwesens- sicherlich solidere Beschäftigungen für seine Kinder gewünscht, aber er unterstützte rückhaltlos die künstlerische Berufung  Camilles und Pauls. Er akzeptierte es, „dass seine älteste Tochter ihre geballte Energie nicht der Kochkunst, sondern der bildenden Kunst widmete. Zu den ersten Werken seines Sohnes äußerte er sich in Briefen erstaunlich scharfsinnig.“  Paul emanzipierte sich schnell und schlug dann ja auch eine Prestige-trächtige Karriere im diplomatischen Dienst ein, aber Camille nahm unbegrenzt die väterliche Großzügigkeit in Anspruch. „Louis-Prosper Claudel kommt ihr zu Hilfe, so gut er kann, in allen Phasen ihres Lebens, sogar in ihrem Scheitern und ihrem schlimmsten Elend. Finanziell, aber auch emotional lässt er sie nie im Stich, denn er ist sich der Zerbrechlichkeit seiner ältesten Tochter und der äußersten Schwierigkeiten der Karriere, die sie gewählt hat, nur allzu bewusst. …. Er kommt für das Lebensnotwendige auf, ohne jeden Kommentar. Und erst sein Tod wird Camille in die Hölle schicken.“ Camille nannte ihren Vater „Die Eiche von Villeneuve“. Ohne ihn wäre, wie Dominique Bona schreibt, nichts möglich gewesen.[6]

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Und es gibt ihren Bruder Paul, zu dem sie ungeachtet des Altersunterschieds sehr schnell besondere Bande knüpft.[7]  Wie eng die Beziehung zu ihrem Bruder Paul war, zeigt sich auch daran, dass Camille ihren Bruder immer wieder zeichnerisch oder bildhauerisch portraitiert hat. Der detaillierte Werkkatalog von Reine-Marie Paris weist sechs  Zeichnungen und Büsten ihres Bruders zwischen seinem 13. und 42. Lebensjahr auf. Kein anderer Gegenstand hat sie so sehr beschäftigt- selbst nicht Rodin…[8]

Camille Claudel, Mon frère ou jeune Romain (um 1884)  Musée Camille Claudel

Wie intensiv die Beziehung auch dann noch war, als Paul durch seine Tätigkeit im diplomatischen Dienst oft im Ausland war, zeigen die Briefe Camilles an ihren Bruder, in denen sie von ihren künstlerischen Unternehmungen berichtet.

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Hier ein Auszug aus einem Brief vom Dezember 1893,  in dem sie das Projekt der vier Causeuses beschreibt, in dem Brief als „La Confidance“, die Vertraulichkeit, betitelt. (Reproduktion Maison Claudel). Mathias Morhardt, ein zeitgenössischer Bewunderer Camille Claudels, hat das kleine Werk  in einem Beitrag für die Zeitschrift Mercure deFrance  1898 ausführlich gewürdigt und als „prodigieux chef-d’œuvre“ bezeichnet.[9]

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Les Bavardes/Les Causeuses/La Confidence, Ausschnitt (1895) Musée Camille Claudel

Die  Hottée du Diable

La Hottée du Diable ist ein „Felsenmeer“ in der Nähe von Villeneuve und ein Lieblingsziel der beiden Kinder Camille und Paul: Ein die Phantasie anregendes „fabuleux chaos de monstres“, wo Camille die erstaunlichen Skulpturen einer schöpferischen Natur entdeckt.[10]

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Die Hottée du Diable ist in wenigen Autominiuten von Villeneuve aus zur erreichen. Sie liegt an der Straße nach Château – Thierry. Der Parkplatz ist deutlich ausgeschildert.

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  1. Das Musée Camille Claudel in Nogent-sur-Seine

In Nogent-sur-Seine, wohin der Vater versetzt wurde,  wohnte die Familie nur drei Jahre, von 1876 – 1879.  Aber es waren doch entscheidende Jahre. Denn in Nogent  wohnte auch Alfred Boucher, ein Bildhauer, der in Künstlerkreisen bekannt war als Förderer junger Leute. „Zu Beginn des Jahrhunderts versammelte er in einem Pariser Gemeinschaftsatelier namens ‚Arche‘, mit freiem Mittagstisch, etliche von jenen, die später die Pariser Schule bilden sollten: Chagall, Soutine, Modigliani Zadkine und Lipchitz.“ Camilles Vater hatte sich an den prominenten Künstler gewandt, um ihn um eine Beurteilung der künstlerischen Ambitionen seiner Tochter zu bitten. Boucher erkannte ihre außergewöhnliche Begabung. Camille Claudel war  eine seiner ersten Entdeckungen und Boucher wurde Camilles erster Lehrmeister.[11]

Im Museum, dem früheren Wohnhaus der Familie Claudel,  das ursprünglich Alfred Boucher und einem weiteren lokalen Bildhauer gewidmet war,  sind zahlreiche seiner Werke  augestellt.

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Alfred Boucher,  La rêve

2017 wurde dann das neue Museum eingeweiht: Es besteht aus dem Wohnhaus der Familie und einem modernen Anbau, einer insgesamt sehr gelungenen und gerühmten Kombination von alt und neu, entworfen von dem Architekten Adelfo Scaranello.[12]

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Seitdem trägt das Museum den Namen Camille Claudels, und dies sicherlich mit Fug und Recht, weil dort die umfangreichste Sammlung ihrer Werke ausgestellt ist.

Höhepunkt des Museums sind die in einem wunderbaren Ambiente exponierten vier Exemplare der Skulptur La Valse/Der Walzer, dessen erste Fassung 1892, nach dem Bruch Camilles mit Rodin, entstand.

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Ein nacktes, engumschlungenes Paar dreht sich. Der Mann hält die Frau an sich gepresst, sie lehnt an seiner Schulter und überlässt sich ihm in einer so zärtlichen Haltung, das sie ihren ganzen Körper ins Wanken bringt; ohne den Arm des Mannes würde sie fallen. Vom Inspektor des Beaux-Arts aufgefordert, ihre Figuren zu bekleiden oder wenigstens ihre ‚realistischsten Details‘ zu verbergen, hat sich Camille, die von einem schönen Auftrag und damit von einem Stück Marmor für ihre Figuren träumt, Draperien ausgedacht, die ihre Tanzenden umhüllen, ohne sie ganz zu bekleiden. Den Mann lässt sie völlig nackt; die Hüften der bis zur Taille nackten Frau sind unter einer Flut von Stoffen verborgen, die wie Algen aussehen und sie einer Meeresgöttin ähneln lassen. Es ist eine erstaunliche Gruppe voller Bewegung und Sinnlichkeit.“[13]

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Der Musikschriftsteller Robert Godet, ein Freund von Claude Debussy, schrieb über La valse: „Diese Sehnsucht und dieser Schwung, in einem einzigen Rhythmus verschmolzen, der nur schwächer wird, um umso unermüdlicher dahin zu fliegen…“[14] 

Auf dem Klavier Claude Debussys, der mit Camille in dieser Zeit eine kurze Affaire hatte,  stand bis zu seinem Tod ein Bronzeguss von La Valse.

 

 

Die in dem Museum ausgestellten Werke gehörten  überwiegend zur Sammlung von Reine-Marie Paris. Sie hatte die Werke zu einer Zeit erworben, als Camille Claudel nicht mehr bzw. noch nicht wieder eine bekannte Bildhauerin war.

Ein später dazu erworbenes einzigartiges Exponat des Museums ist Camille Claudels Skulptur Perseus und Medusa.  Es ist das  letzte große Werk der Bildhauerin. Die ursprüngliche Fassung aus Ton zerstörte Camille Claudel, aber es gab immerhin eine Kopie aus Marmor, die nun im Museum von Nogent-sur-Seine zu sehen ist.  Hier ein Ausschnitt.

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Das Haupt der Medusa wird gerne als Selbstportrait gesehen:  „Camille Claudel hat mit dieser Skulptur ihr eigenes Schicksal dargestellt: Sie ist Medusa in Form eines Selbstportraits, ein mächtiges Ungeheuer, die durch den Bruch mit Rodin von ihm Geköpfte.  Er lebt weiter, während sie verendet am Boden liegt.“ (14a) Paul Claudel sah in den verzerrten Zügen der Medusa schon die sich ankündigende geistige Verwirrung seiner Schwester…

 

  1. Paris: Camille als Mitarbeiterin und Geliebte Rodins 1883-1893: Das Musée Rodin

Rodin mietete sich 1908 in dem etwas heruntergekommenen Hôtel Biron ein, das bis 1904 Sitz eines katholischen Ordens war und danach – bis zu einer geplanten Nutzung durch den Staat-   zu einer Art Künstlerkolonie wurde. Henri Matisse, Jean Cocteau und die Tänzerin Isadora Duncan wohnten dort zeitweise, ebenso wie die Bildhauerin Clara Westhoff, die Frau Rainer Maria Rilkes. Durch ihn, seinen damaligen Privatsekretär, wurde Rodin auf das Anwesen aufmerksam, das seit 1919 Sitz des Musée Rodin ist.

Camille Claudel hat sicherlich nie das Hôtel Biron betreten: Als Rodin dort ein Atelier einrichtete, war die Beziehung zu Camille längst zerbrochen. Aber es gibt dort seit 1952 einen ihr gewidmeten Saal, in dem wesentliche Werke der Künstlerin versammelt sind. Die Idee, einen solchen Camille Claudel-Saal  einzurichten, wurde schon früh von Mathias Morhardt vorgeschlagen. Rodin war durchaus einverstanden, nicht aber die Familie Claudel. 1952 vermachte dann aber Paul Claudel dem Museum wichtige Werke seiner Schwester, die die Grundlage der Camille-Claudel-Sammlung bilden.

Die erste Begegnung zwischen Camille und Rodin wird gemeinhin auf das Jahr 1883 datiert. Rodin benötigte damals aufgrund seiner zahlreichen Aufträge Gehilfen und Schüler.  Nicht weniger als zwölf Skulpturen Rodins gibt es, für die das Gesicht Camilles als Modell diente, unter anderem die beiden nachfolgend abgebildeten Portraits aus dem Musée Rodin. [15]

      Camille Claudel mit kurzen Haaren (1883/4)  Camille Claudel mit Mütze (ca 1885)

Die beiden wohl berühmtesten Skulpturen Rodins, für die Camille Claudel das Modell war, sind „Der Gedanke“ und „Morgenröte„.

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La Pensée  („Der Gedanke“) von 1886  (seit 1986 im musée d’Orsay,  davor im musée Rodin)  ist eine der Figuren des Höllentors. Die Marmorversion wurde  von einem Mitarbeiter Rodins  aus einem unbehauenen Marmorblock herausgearbeitet- der Meister selbst schuf -anders als Camille Claudel- nur Tonmodelle, die dann in Bronze gegossen oder von Gehilfen in Marmor kopiert wurden.

 

L'Aurore

 

 

 

Auch in der Skulptur Morgenröte (L’Aurore, um 1885) ist das Gesicht Camilles aus dem Marmorblock modelliert und in ihn integriert. Die Skulptur hat Rainer Maria Rilke und Antoine Bourdelle, damals noch einer der Mitarbeiter Rodins, später selbst ein bedeutender Bildhauer,  tief beeindruckt.  „Vom Modell ebenso besessen wie von der Skulptur selbst, vergleicht Bourdelle Camille mit einer Sphinx.“[16]

 

Wie eng gerade auch die künstlerische Beziehung zwischen Rodin und Camille Claudel in dieser Zeit war, zeigen zwei komplementäre Skulpturen der Beiden aus dieser Zeit, nämlich Sakuntala oder Die Hingabe von Camille Claudel (zuerst 1895) und Rodins „Das ewige Idol“ von 1889.

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Rodin, Das ewige Idol 1889 (Musée Rodin)

In einem Liebesbrief, wahrscheinlich aus dem Jahr 1886, fasst Rodin die gegenseitige Hingabe in Worte. Sein Leben, so schreibt er seiner Geliebten, habe  mit ihr eine ganz neue Wendung erhalten:

„Ich küsse dir die Hände, meine Freundin, die du mir einen so erlesenen, feurigen Genuss bereitest;  wenn ich bei dir bin, existiert meine Seele mit aller Kraft, und trotz der heftigen Liebe hat der Respekt vor dir immer Vorrang. Der Respekt, den ich für dich und deinen Charakter habe, meine Camille, Drohe mir nicht und komm zu mir, damit deine so sanfte Hand deine Güte für mich zeigt und überlasse sie mir einige Male, dass ich sie in meiner Erregung küsse. (…) Ich musste dich kennenlernen, und ein ganz unbekanntes Leben begann, meine trübe Existenz loderte in einem Freudenfeuer auf. Danke, denn dir allein verdanke ich den himmlischen Teil, den ich vom Leben erhalten habe.  Lass deine lieben Hände auf meinem Gesicht verweilen, damit mein Fleisch glücklich ist und mein Herz wieder fühlt, wie sich deine göttliche Liebe erneut ausbreitet. (…) Ach! Göttliche Schönheit, Blume, die spricht und liebt, kluge Blume, mein Liebling. Meine Geliebte, ich knie vor dir und umklammere deinen schönen Körper.“ [18]

Und Camille Claudel?  Als Gehilfin Rodins  arbeitete sie mit an dem gewaltigen Höllentor (im Park des Rodin-Museums),  wobei ihr Rodin besonders die Ausführung von Händen übertrug. Da Hände für Rodin ja eine ganz besondere Bedeutung hatten, ist dies als Ausdruck besonderer Wertschätzung zu sehen.

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Auch beim Ausmodellieren von Händen und Füßen der „Bürger von Calais“ wirkte Camille Claudel wesentlich mit. (16a)

Aber Camille konnte neben den Arbeiten für Rodin auch an eigenen Werken arbeiten: So  fertigte  sie von ihrem Meister und Geliebten eine Büste an:

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Camille Claudel, Büste von Rodin (1888) Musée Rodin und Musée du Petit Palais Paris

Diese Büste stellt Rodin unverschönt dar: Mit einem Vollbart, der den unteren Teil des Gesichts überwuchert, eine ungeschlachte, wilde, Energie und Autorität ausstrahlende Erscheinung. Rodin mochte seine Büste; ein monumentales Werk, das alle anderen in dieser Zeit geschaffenen Büsten Camilles überrage, schrieb Bruder Paul. Hier drücke sich eine leidenschaftliche Seele aus, und abgebildet sei „ l’animal humain“.[17]

Sakuntara ist die erste große Skulptur Camille Claudel und gewissermaßen das frühere Gegenstück zu Rodins „Das ewige Idol“.  Die Figurengruppe und ihr Titel beziehen sich auf ein Werk der klassischen indischen Literatur: Ein König verliebt sich in Sakuntara, ein Mädchen aus einer Einsiedelei, und heiratet sie trotz dieser Hürde. Durch Schicksalsschläge werden sie voneinander getrennt, aber am Ende siegt dann doch die Liebe….

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Sakuntala, Die Hingabe. Musée Rodin (Marmorfassung aus dem Jahr 1905, Ausschnitt)   Es gibt Versionen in verschiedenen Materialien und Größen und mit verschiedenen Bezeichnungen. ( auch Vertumnus und Pomona und  L’Abandon) 

In der Beziehung zwischen Rodin und Camille Claudel allerdings siegte die Liebe nicht: Rodin sah sich außerstande, sein Heiratsversprechen einzuhalten- er konnte bzw. wollte sich dann doch nicht von seiner langjährigen Partnerin Rose Beuret trennen.

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Camille Claudel hat dieses Beziehungsdrama in ihrer Figurengruppe L’Âge mûr verarbeitet. Eine junge Frau versucht auf Knien, ihren vom Alter gezeichneten Geliebten zurückzuhalten. Die ausgestreckten Hände  der jungen Frau berühren nicht mehr den leicht nach hinten gerichteten linken Arm des Mannes, der in Begleitung einer alten Frau davon geht: Man kann in der jungen Frau Camille Claudel sehen, in dem älteren Mann Rodin und in der alten Frau an seiner Seite seine karikiert dargestellte Lebensgefährtin Rose Beuret. Der  Bruch der Liebes- und Arbeitsbeziehung zwischen Camille Claudel und Rodin ist vollzogen.

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August Rodin, L’Adieu  (Musée Rodin)

Es wäre falsch und einseitig, darin nur die Schuld Rodins zu sehen. Camille Claudel wollte eine eigenständige Künstlerin sein und nicht nur als Mitarbeiterin Rodins angesehen werden. Wie sehr auch Rodin unter der Trennung gelitten hat, wird aus der Collage deutlich, die er von dem Kopf der jungen Camille mit den kurzen Haaren und den beiden Händen herstellte- Hände, die vielleicht in glücklichen Tagen von Camille selbst modelliert worden waren…

  1. Das Château de l‘Islette in der Touraine

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In Künstlerkreisen war die Beziehung zwischen Rodin und Camille Claudel, die vom Alter her gut auch seine Tochter hätte sein können, kein Geheimnis. Gegenüber seiner langjährigen Lebensgefährtin Rose Beuret hielt Rodin sie aber geheim, ebenso wie Camille Claudel gegenüber ihrer Familie.  Deshalb war es für die beiden ein großes Glück, dass es als Ort ihrer „kleinen Fluchten“ das Schloss Islette gab, das Rodin bei einer Reise zu den Schlössern der Loire entdeckt –und gezeichnet- hatte.

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Kopie einer Zeichnung Rodins aus dem Musée Rodin im Château de l‘Islette

Das Schloss liegt in einem großen Park an dem Flüsschen Indre in der Nähe von Azay-le-Rideau, gewissermaßen eine bescheidenere, intimere Version des dortigen Schlosses.

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Die ehemalige Mühle des Schlosses, heute ein sehr sympathisches Café

Hier brauchten Rodin und Camille Claudel wenigstens den Sommer über ihre Liebe nicht zu verbergen. 1889, 1890 und 1892 halten sie sich gemeinsam dort auf, 1894 ist Camille alleine dort – wahrscheinlich um sich dort von den Folgen einer Abtreibung zu erholen.[19]

Das Schloss erinnert heute gerne an die Zeit, in der es Schauplatz der amours tumultueuses der  beiden großen Bildhauer Camille Claudel und Auguste Rodin war.

Salle des Gardes Parterre

Buffet aus dem Wachensaal (salle des gardes) im Erdgeschoss des Hotels.

Dieser Saal ist heute Camille Claudel und Rodin gewidmet. Gezeigt werden Fotos und vor allem Abdrucke von Briefen aus dem Musée Rodin, die einen Bezug zum Schloss und zur Liebesbeziehung der beiden Bildhauer haben.

Islette  bezeichnet sich als „Le château des amours de Camille Claudel et Rodin“  -gewissermaßen ein Alleinstellungsmerkmal unter den vielen Schlössern der Loire. [20]

Zimmer Camilles im westlichen Turm heute Schlafzimmer der besitzer (8)

Ehemaliges Schlafzimmer Camille Claudels, heute Schlafzimmer der Besitzer des Hotels

Auf der homepage des Schlosses findet sich dieses Zitat aus dem  einzig erhaltenen Liebesbrief Camilles an Rodin, der auch zum Abschluss der Schlossführungen vorgelesen wird:

„Sie können sich nicht vorstellen, wie angenehm es ist in Islette. Heute habe ich im mittleren Saal gegessen (der als Treibhaus dient, und wo man auf beiden Seiten in den Garten sieht.) (…) Ich bin im Park spazieren gegangen, alles ist abgemäht, Heu, Weizen, Hafer, man kann ringsherum gehen, sehr reizvoll. Sollten Sie Ihr Versprechen wirklich wahrmachen- es wäre das Paradies. Einen Arbeitsraum dürften Sie sich bestimmt aussuchen. Ich bin sicher, die Alte wird Sie vergöttern. Sie schlug mir vor, doch auch im Fluss zu baden, wie ihre Tochter und das Kindermädchen; es soll völlig gefahrlos sein. Wenn Sie gestatten- ich werde es tun. (…) Ich schlafe splitternackt; dann träume ich, Sie seien hier; doch wenn ich aufwache, ist alles ganz anders. Betrügen Sie mich ja nicht mehr.“[21]

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Islette ist für Camille Claudel und Rodin nicht nur ein Ort  des Glücks, sondern auch schöpferischer Arbeit.

Rodin hatte 1891 den Auftrag für eine Balzac-Statue erhalten  und  reiste unter dem Vorwand dorthin, eine Balzac ähnliche Physiognomie suchen zu müssen. Die fand er in Gestalt eines Chauffeurs aus Azay-le-Rideau namens Estager, dessen Ähnlichkeit mit Balzac verblüffend gewesen sein soll.

modell für Balzac- Statue

 

 

Da Rodin mit nackten Modellen arbeitete –und auch die Balzac-Statue sollte ja den Romancier in seiner Nacktheit zeigen-  musste er  einen Louis d’or pro Sitzung bezahlen, um den biederen Fuhrmann dazu zu bewegen, sich zu entblößen –  immerhin war der Ausgleich für ihn ein kleines Vermögen.

 

 

Als Atelier Rodins und Camille Claudels diente der große Salon im ersten Stock des Schlosses.

Salon im 1. Stock diente Rodin als Atelier

Auf dem Tisch vor dem Kamin steht heute eine Bronze- Version der Petite Châtelaine, (Das kleine Schlossfräulein), ein entzückendes Werk Camille Claudels,  für das die Enkelin der damaligen Besitzerin, Madame Courcelles,  als Modell diente.

Petite Chatelaine

 

 

Eine der verschiedenen Fassungen befindet sich im Musée Rodin, zwei weitere im Musée Camille Claudel. Eine weitere lange verschollene Version wurde Anfang der 1980-er Jahre „von einem Kunstliebhaber bei einer Versteigerung zum Preis von 100 Francs erworben, da es aufgeführt war als eine belanglose Marmorplastik ‚eines gewissen Claudel.‘“[22]

 

 

 

Mathias Morhardt wusste es 1898 schon besser:

« Il y a … dans la disproportion même de cette tête déjà trop puissante, déjà trop vivante, déjà trop ouverte sur les mystères éternels et les épaules délicatement puériles qu’elle découvre, quelque chose d’indéfinissable qui communique une angoisse profonde … Le buste prouve …  que Mlle Camille Claudel est désormais un maître … » [23]

 

  1. Paris: Das Atelier auf der Île Saint – Louis (1899-1913)

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Das Hôtel de Jassaud, 19 quai de Bourbon

In dem oben zitierten Brief Camilles ist von einem Versprechen Rodins die Rede: „Sollten Sie Ihr Versprechen wirklich wahrmachen- es wäre das Paradies“. Camille Claudel bezieht sich dabei auf das Heiratsversprechen, das Rodin ihr 1886 gegeben, aber dann nicht eingehalten hatte. Er konnte und wollte sich dann doch nicht von seiner langjährigen Lebensgefährtin Rose Beuret trennen, die er kurz vor seinem Tod noch heirate.[24] Allerdings ist es wohl zu einfach, in Rodin den allein Verantwortlichen für die Trennung und den Bruch zu sehen. Sicherlich war Rodin es gewohnt, bei seinen Modellen –so auch bei Camille- ein ius primae noctis in Anspruch zu nehmen, und sicherlich ließ er Gehilfen -wie damals durchaus üblich- für sich arbeiten. Aber dass die Beziehung zu Camille für ihn einen besonderen Rang hatte, ist wohl unbestreitbar und wird ja auch in dem berühmten Ausspruch deutlich, den Mathias Morhardt in seinem Aufsatz  von 1898 zitierte:

„Je lui ai montré où elle trouverait l’or; mais l’or quelle trouve est à elle“. (Ich habe ihr gezeigt, wo sie Gold finden kann. Aber das Gold, das sie findet, gehört ganz alleine ihr)

Für Camille Claudel hätte eine Ehe mit Rodin einen gesicherten gesellschaftlichen und ökonomischen Status bedeutet, andererseits aber wohl auch eine Einschränkung ihrer Selbstständigkeit. Sie empfand es als verletzend, immer nur als Schülerin Rodins angesehen zu werden, nicht aber als eigenständige Künstlerin.  Insofern bedeutete die Trennung von Rodin das Eingeständnis, dass mit ihm eine Beziehung „auf Augenhöhe“ nicht möglich war, es war ein potentieller Akt der Emanzipation, der allerdings in einer Sackgasse endete.  Und sicherlich lag hier ein auslösendes Moment für die Erkrankung Camille Claudels, ihre wahnhaften Ängste und für „die morbide Intensität“ ihres Hasses gegen Rodin.[25]

In dem eigenen Atelier, das sie 1899 auf der Île Saint-Louis bezog,  verbarrikadierte sie sich aus Angst vor Verfolgungen durch „Rodins Bande“,  Beziehungen zu Freunden brach sie ab. Seit 1905 zerstörte sie systematisch ihre Skulpturen. „Es ist nicht abwegig, daraus zu schließen, dass sie damit sich selbst vernichten und alles zerstören wollte, was Rodins Einfluss oder gar Gegenwart ahnen ließ, alles, was sie erinnern konnte an die Zeit gemeinsamen Arbeitens.“[26]

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Camille Claudel lebte und arbeitete im Erdgeschoss dieses Hauses von 1899 bis 1913. In diesem Jahr endete ihre kurze Laufbahn als Künstlerin und es begann die lange Nacht der Internierung.  „Es gibt immer etwas Fehlendes, was mich umtreibt“ (Brief an Rodin 1886)

Dies der Text der Erinnerungsplakette am Eingang des Hôtel de Jassaud am quai de Bourbon. Der Eingang zum Atelier war allerdings eher unscheinbar in der engen Seitenstraße. (26, rue Le Regrattier). Dass die Plakette am repräsentativen Haupteingang  befestigt ist, täuscht über die prekäre Lage Camille Claudels in dieser Zeit hinweg.

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Hier im Hof  befand sich das Atelier Camille Claudels

Sie hatte erhebliche finanzielle Sorgen, nur gemildert durch die (heimlichen) Zuwendungen ihres Vaters. Aus Angst vor den Leuten Rodins, die es angeblich auf sie und ihre Werke abgesehen hatte, verbarrikadierte sie sich in ihrem Atelier, hauste dort -angefeindet von ihren Nachbarn- inmitten von Gerümpel und Unrat, und als wäre das nicht genug, setzte dann auch noch die Jahrhundertflut von 1911 alles unter Wasser. Aber der Weg zurück zur Familie nach Villeneuve-sur-Fère war ihr verwehrt: Dort war sie, zurückgewiesen von Mutter und Schwester,  persona non grata. Und ihr Bruder Paul, der ihr vielleicht noch eine Stütze hätte sein können,  war meist als Diplomat auf fernen Missionen. Wie sehr er ihr fehlte, wird wohl auch daran deutlich, dass zu den wenigen Werken, die aus dieser Zeit erhalten sind, zwei Büsten Pauls im Alter von 37 und 42 Jahren gehören.

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Paul im Alter von 37 Jahren. Musée Camille Claudel Nogent

 

  1. Das Asyl von Montdevergues und das Grab auf dem Friedhof von Montfavet

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Am 3. März 1913 stirbt Louis-Prosper Claudel, der Vater Camilles und ihr familiärer Rückhalt. Eine Woche später wird Camille gewaltsam aus ihrer Wohnung geholt und in einem Heim für psychisch-Kranke in Ville-Évrard bei Paris interniert. Deren Insassen werden nach Ausbruch des Krieges im September 1914 nach Montdevergues bei Avignon evakuiert, vermutlich um das Heim als Lazarett nutzen zu können.  „Merkwürdig ist, dass Camille, die aufgrund der deutschen Invasion nach Montdevergues verlegt worden war, nicht nach Ville-Evrard zurückgeholt wurde, was normal gewesen wäre. Alle aus denselben Gründen evakuierten Personen waren in ihre frühere Anstalt zurückgekehrt. Dafür gibt es nur eine Erklärung: die Gleichgültigkeit der Mutter, was das Schicksal der Tochter anbetraf, oder gar das Drängen der Mutter die Tochter von Paris fernzuhalten.“[27]

Wie die Zustände in dem Asyl von Montdeverges waren und wie sehr Camille Claudel darunter gelitten hat, wir aus ihren Briefen deutlich, zum Beispiel einem an ihren Bruder aus dem Jahr 1927:

Hier müssen … alle Arten von gräßlichen, gewalttätigen, kreischenden, drohenden Kreaturen in Schach gehalten werden. … All das schreit, singt, grölt von morgens bis abends und abends bis morgens. Es sind Kreaturen, die ihre Verwandten nicht mehr ertragen können, weil sie so widerwärtig sind. Doch wie kommt es, dass ich gezwungen bin, sie zu ertragen. Ganz zu schweigen von den Unannehmlichkeiten, die aus einer solchen Promiskuität entstehen. Das lacht, das wimmert, das plappert Geschichten von früh bis spät, mit Einzelheiten, die sich alle ineinander verheddern! Und da mitten drin zu sein, ist so peinvoll, Ihr musst mich rausholen aus diesem Milieu, denn heute sind es vierzehn Jahre, dass ich eingesperrt bin! Ich fordere lautstark die Freiheit!“[28]

Dazu kam im Winter die Kälte: In ihrem Zimmer sei es so kalt, dass sie den Stift nicht halten könne. Sie sei „bis auf die Knochen“ gefroren. Eine ihrer Freundinnen, eine ehemaligen Gymnasiallehrerin, die in dem Asyl gestrandet sei, habe man in ihrem Bett tot aufgefunden. Man könne sich keine Vorstellung machen von der Kälte von Montedvergues. Und die dauere sieben Monate.[29]

Während des Krieges verschlimmerte sich die Lage in dem Asyl noch ganz erheblich. Zwischen 1940 und 1943 wandte sich die Direktion des Hauses mehrfach an die zuständigen Instanzen, wies auf die schlimme Lage hin und bat um Verbesserungen. Die Antwort war eindeutig: Es gäbe interessantere Kranke als die des Asyls. Im August 1943 stellte der Direktor von Montdevergues resignierend fest, seine Patienten verhungerten buchstäblich.[30] Camille Claudel war damit eine von mehreren Zehntausenden psychisch Kranken, die aufgrund einer auch in Frankreich verbreiteten Eugenik der vom Pétin-Regime praktizierten „extermination douce“ zum Opfer fielen.[31]

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Bestattet wurde Camille auf dem Teil des Friedhofsgeländes von Montfavet, der für die Toten von Montdevergues reserviert war. Über dem Grab gab es ein Kreuz mit der Aufschrift  „1943 – n° 392“.  Wie die Anstaltsleitung dem Bruder lakonisch mitteilte, gab es zum Zeitpunkt ihres Todes keinerlei persönliche Gegenstände, „même à titre de souvenir.“  Und als die Familie schließlich auf die Idee kam, dass Camille ein Grab erhalten sollte, „plus digne de la grande artiste quelle était“, erhielt sie die Auskunft, das Grab existiere nicht mehr, weil das Terrain „pour les besoins de service“ benötigt worden sei. Da waren die sterblichen Überreste Camilles also längst in einem Massengrab verscharrt.[32]

DSC05131 Camille Claudel Monfavet (23)

Inzwischen gibt es aber an dieser Stelle eine Stele, die an Camille Claudel und die 30 Jahre erinnert, die sie in Montdevergues „interniert“ war. Als wir im Sommer 2019 dort waren, fuhr ein älterer Herr mit dem Fahrrad  vorbei, der mehrmals, kaum uns zugewandt,  laut vor sich hinsagte: “30 ans d’internement! 30 ans d’internement!“ Das berührte ihn offenbar ganz persönlich.

Camille Claudel hat in den Jahren ihrer Internierung nichts mehr geschaffen. Aber sie denkt zurück an das Villeneuve ihrer Jugend, „das auf der Welt nicht seinesgleichen hat“ und sicherlich dabei auch an den wärmespendenden Kamin im Wohnzimmer des Hauses.  Eine ihrer letzten Skulpturen ist „Rêve au coin du feu“,  eine am Kamin sitzende Frau, die ins Feuer blickt.

DSC02373 Nogent sur Seine (87)

Traum am Kaminfeuer (1900/1902) Musée Camille Claudel

Paul Claudel schrieb dazu 1940: „Une femme assise et qui regarde le feu, c’est le sujet d’une des dernières sculptures de ma pauvre sœur, la conclusion de sa douloureuse existence. (…)  Une femme assise et étroitement enveloppée dans son châle, assise et qui regarde le feu. Elle est bienheureusement assise et toute seule, il n’y a personne, tout le monde est mort ou c’est la même chose. Il pleut violemment au dehors, une lamentation intarissable de toute la terre.“ [33]

DSC05479 Camille Claudel Villneuve sur Fere (29)

Vor dem Kamin in Villeneuve steht heute die Skulptur  „L’implorante“ (Die Flehende). Ursprünlich Teil von „L’Âge mûr“, wurde sie 1894 unter dem Titel „Le Dieu envolé“ (Der entflogene Gott) separat ausgestellt.   Paul Claudel beschrieb sein Entsetzen beim Anblick der Skulptur so:

Das nackte Mädchen ist meine Schwester! Meine Schwester Camille, flehend, gedemütigt und auf den Knien: diese wunderbare, stolze junge Frau stellt sich auf diese Weise dar.“[34]

 Und Reine Marie Paris, die Großnichte Camilles, schreibt dazu:

„Eine junge Frau sucht mit flehender Gebärde die fliehende Realität anzuhalten. Was wollen sie festhalten, diese übermäßig langen Arme? Nicht so sehr den Geliebten, der sich entfernt, sondern das eigene Leben, das sich entzieht“, die eigene Identität, „die ihr zu entgleiten drohte“ und die ihr schließlich ja auch entglitt…. [35]

 

Literatur:

Reine-Marie Paris/Philippe Crescent, Camille Claudel, Intégrale des œuvres/complete works. Paris: Ed. Economica 2014

Camille Claudel, Correspondance. Édition d’Anne Rivière et Bruno Gaudichon. Paris: Gallimard 2014

Über Camille Claudel in deutscher Sprache:

Dominique Bona, Camille und Paul Claudel. München:  Btb-Verlag 2010

Anne Delbée, Der Kuss. Kunst und Leben der Camille Claudel. Btb 20038 . (deutsche Ausgabe von: Anne Delbée, Une Femme. Paris: Fayard  1998 , Le Livre de Poche, 5959)

Reine-Marie Paris, Camille Claudel 1864 – 1943. Deutsch von Annette Lallemand. Frankfurt: S. Fischer 9. Auflage 2007

In französischer Sprache:

Hélène Pinet et Reine-Maris Paris, Camille Claudel. Le génie et comme un miroir. Paris: Gallimard 20

Michel Deveaux, Camille Claudel à Montdevergues. Histoire d’un internement. (7 septembre 1914 – 19 octobre 1943) Paris: L’Harmattan 2012

Antoinette Le Normand-Romain, Camille Claudel & Rodin. Herman Éditeurs/musée Rodin 2014

Véronique Mattiussi und Mireille Rosambert-Tissier, Camille Claudel, une femme insoumise. Idées reçues 2014

Reine-Marie Paris,  Chère Camille Claudel. Histoire d’une collection. Paris: Ed. Economica 2012

 

Anmerkungen:

[1]   Siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2019/09/06/10-jahre-singen-in-paris/

[2] Reine-Marie Paris, Camille Claudel, S. 9 und Paul Claudel, Ma sœur Camille. Zit. von Dominique Bona, S. 44

[3] Mitarbeiterin des Drehbuchs war Reine-Marie Paris, die Großnichte Camille Claudels, die wesentlich dazu beigetragen hat, dass das Werk Camille Claudels heute (wieder) bekannt und anerkannt ist.

Isabelle Adjani hat in einem Interview mit Le Monde (17. Dezember 2019, S. 26) übrigens darauf hingewiesen, dass Camille Claudel eine ganz wichtige Rolle für ihre eigene persönliche Entwicklung gespielt hat: „C’est son courage qui m’a donné du courage.“

[4] Bona, S. 20

[5] Cit. bei Reine-Marie Paris, S. 136f Original bei Delbée, S. 34:

„… mon rêve serait de regagner tout de suit Villeneuve et de ne plus bouger, j’aimerais mieux une grange à Villeneuve au’une place de première pensionnaire ici…  Quel bonheur si je pouvais me retrouver à Villeneuve. Ce joli Villeneuve qui n’a rien de pareil sur la terre! …“

[6] Reine-Marie Paris, S. 23 und Bona, S. 34/35

[7] Bona, S. 28

[8] Siehe auch: https://www.paul-claudel.net/oeuvre/sculpture

[9] Der Artikel ist in Auszügen abgedruckt bei Delbée, S. 473ff

[10] Flyer: Sur les pas de Camille et Paul Claudel.  La Hottée du Diable  ist wenige Autominuten von Villeneuve entfernt: Über die D 79 zur D 310 Richtung Château—Thierry.  Kurz nach der Einbiegung in die D 310  ist auf der rechten Seite der Parkplatz beschildert.

[11] Reine-Marie Paris, Camille Claudel, S. 208

[12] http://www.pavillon-arsenal.com/fr/paris-dactualites/10895-musee-camille-claudel.html

[13] Bona, Camille und Paul Claudel, S. 174/175

[14] Zitiert in: https://de.wikipedia.org/wiki/La_Valse_(Claudel)

(14a) Heike Fischer-Heine, „Da ist immer etwas Abwesendes, das mich quält…“  Verfolgt vom Bösen- Kreativität und Wahnsinn der Bildhauerin Camille Claudel (1864-1943). In: Pit Wahl/Ulrike Lehmkuhl (Hrsg), Die Magie des Bösen. Göttingen 2012, S. 90

[15] Bona, Camille und Paul Claudel, S. 110f

[16] Bona, S. 111

(16a)  https://www.art-directory.de/malerei/camille-claudel-1864/

[17] Paul Claudel, Ma sœur Camille, 1951 und Bona, Camille und Paul Claudel, S. 116

[18] Übersetzung aus dem im Château de l’Islette ausliegenden Heft mit den dort ausgestellten Briefen Rodins und Camille Claudels. Original zugänglich bei: https://www.vanityfair.fr/culture/people/diaporama/les-plus-belles-lettres-damour-de-tous-les-temps/24960?page=2

[19] Siehe Bona, Camille und Paul Claudel, S. 167

[20] https://www.chateaudelislette.fr/

[21] Brief vom 25. Juni 1892, Archiv des Musée Rodin. Zitiert bei Reine-Marie Paris, Camille Claudel, S. 39

Camille Claudel war damals allein in Islette, möglicherweise um sich von einer Fehlgeburt oder Abtreibung zu erholen.  Nach der Einschätzung von Reine-Marie Paris steckt der Brief allerdings voller Ambivalenzen- zum Beispiel, wenn  CC Rodin bittet, ihr für das Bad im Fluss ein Badekleid z.B. im Bon Marché in Paris zu besorgen: Einen schon älteren, wohlbeleibten Herren zu beauftragen, ein damals so intimes Kleidungsstück zu kaufen, sei schon eine Zumutung gewesen.

[22] Zit. aus Reine-Marie Paris, Camille Claudel, S. 360

[23] Zit. auf der Homepage des Schlosses

https://www.chateaudelislette.fr/

[24] Brief Rodins an Camille Claudel vom 12. Oktober 1886, der den Charakter einer rechtlich bindenden Selbstverpflichtung hat. Darin heißt es unter anderem: „Nach der Ausstellung im >Monat Mai fahren wir nach Italien und bleiben dort mindestens sechs Monate, der Beginn einer unverbrüchlichen Verbindung, nach der Fräulein Camille meine Frau wird.“

Siehe dazu auch Bona, Camille und Paul Claudel, S. 163f

[25] Siehe Reine-Marie Paris, Camille Claudel, S. 53  und S. 75

[26] François Lhermitte nd Jean-François Allilaire, Camille Claudels psychische Krankheit. In: Reine-Marie Paris, Camille Claudel, S. 161

[27] Lhermitte/Alliaire, Camille Claudels psychische Krankheit. A.a.O., S. 169

[28] Brief an Paul Claudel vom 3. März 1927. Zitiert bei Reine-Marie Paris, Camille Claudel, S. 137

[29] Zit. Bei  Delbée, S. 323

[30] https://www.midilibre.fr/2013/03/13/vichy-est-responsable-de-la-mort-de-camille-claudel,659049.php

[31] Siehe:  Der Begriff der Extermination douce geht zurück auf ein Buch von Paul Lafont aus dem Jahr 1987. Siehe: Extermination douce.  La Cause des fous.  40000 malades mentaux morts de faim dans les hôpitaux sous Vichy. https://www.cairn.info/revue-vie-sociale-et-traitements-2001-1-page-45.htm#  Siehe auch: https://fr.wikipedia.org/wiki/Extermination_douce

[32] Zitat wiedergegeben bei Delbée, Une femme, S. 465/466

[33] Siehe dazu Paul Claudel, Assise et qui regarde le feu  (1940) Schautafel im Musée Camille Claudel

[34] Rachel Corbett, Rilke und Rodin. Die Geschichte einer Freundschaft. Berlin: Aufbau-Verlag 2017, S. 73

[35] Reine-Marie Paris, Camille Claudel, 324/325. Reine-Marie Paris weist darauf hin, dass diese Skulptur meist in die Gruppe „Das reife Alter“ eingefügt ist, dass diese „allzu augenfällige Allegorie“ allerdings dadurch an Ausdruckskraft verliere, nämlich die sich darin ausdrückende „panische Angst“ Camille Claudels vor allem, was sich entziehe, vor allem ihrer eigenen Identität, „die ihr zu entgleiten drohte“.

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux

Der Hartmannswillerkopf, das französische Nationaldenkmal und das deutsch-französische Historial zum Ersten Weltkrieg

Rund um den 956 Meter hohen, im südlichen Elsass gelegenen Hartmannswillerkopf starben im Ersten Weltkrieg etwa 30 000 deutsche und französische Soldaten.[1] Er wurde deshalb auch der „Menschenfresserberg“ genannt.  Im Vergleich mit den großen Schlachtfeldern der Westfront um Verdun, in der Champagne und an der Somme mögen diese Opferzahlen zwar  gering erscheinen und der Hartmannswillerkopf war ja auch nur ein sogenannter Nebenkriegsschauplatz.  Aber die Kämpfe um diesen Berg waren aufgrund seiner symbolischen und zum Teil auch strategischen Bedeutung, der extrem schwierigen topographischen Gegebenheiten und dem  ganz außergewöhnlichen Einsatz beider Seiten besonders intensiv und spektakulär. Zwischen Dezember 1914 und Januar 1916 gab es eine Welle von Angriffen und Gegenangriffen. Acht Mal wechselte der Gipfel den Besitzer. Auch die Bombardierungen durch die französische und die deutsche Artillerie  waren  heftig: An einem einzigen Tag, dem 21. Dezember 1915, wurden beispielsweise von der französischen Artillerie 250 000 Granaten abgefeuert. So wurde der  umliegende Wald nach und nach in eine Mondlandschaft verwandelt. Keine Seite war aber bereit, dem Gegner den Berg zu überlassen.  General Joffre, bekannt als Vertreter eine bedingungslosen  Offensive „coute que coute“, gab  die Losung aus: „Der Hartmann muss zurückerobert werden“, während der deutsche General Gaede verkündete: „Ich halte Wache über den Rhein“.[2]

Über 100 Jahre nach den Kämpfen ist ein Besuch des ehemaligen Schlachtfeldes äußerst eindrucksvoll. Immerhin sind dort noch etwa die Hälfte der ursprünglich 6000 Unterstände und 90 Kilometer Schützengräben erhalten, die man zum Teil auf einem ausgeschilderten Geschichtsparcours besichtigen kann. Weiterhin gibt es das  französische Nationaldenkmal aus dem Jahr 1932, den französischen Soldatenfriedhof und schließlich das neue deutsch-französische „Historial“, das 2017 von den Präsidenten Macron und Steinmeier eingeweiht wurde. Insofern  ist der Hartmannswillerkopf nicht nur „ein weltweit einzigartiger Zeuge eines Schlachtfelds aus dem Ersten Weltkrieg im Mittelgebirge[3], sondern auch ein eindrucksvolles Zeugnis der deutsch-französischen Beziehungen von der „Erbfeindschaft“ zur Freundschaft.

In einem Faltblatt der Gedenkstätte heißt es dazu (in der deutschen Version):

Die 2008 begonnene und 2012 abgeschlossene Restaurierung des nationalen Denkmals am Hartmannsweilerkopf, die Umsetzung bis 2014 eines inszenierten Parcours durch das einstige Schlachtfeld sowie die Konstruktion bis 2015 eines französisch-deutschen Museums verfolgen ein und dasselbe Ziel: Das Fortbestehen der Erinnerungspflicht gegenüber den Soldaten beider Länder, die ihr Leben im Ersten Weltkrieg geopfert und so das Fundament und ein bedeutendes Symbol für die französisch-deutsche Versöhnung gelegt haben- eine französisch-deutsche Freundschaft, die heute Realität ist.“

Diese Formulierung ist ehrenwert, für mich aber ein Versuch der „Sinngebung des Sinnlosen“. Ich weiß nicht, ob die vielen Toten des Hartmannswillerkopfs tatsächlich alle „ihr Leben geopfert“ haben, was ja impliziert, dass es sich um einen bewussten, freiwilligen Akt für ein höheres Gut handelte- so wie es der nachher vorgestellte heroische  Altar des Nationaldenkmals nahe legt.  Und dass die hier getöteten Soldaten  „ein bedeutendes Symbol für die französisch-deutsche Verständigung gelegt haben“ ist, wie ich finde, nicht  nur grammatisch schief. Das grauenhafte gegenseitige Gemetzel am „Menschenfesserberg“ war sinnlos,  und die beteiligten Soldaten hatten sicherlich alles andere im Kopf als „die französisch-deutsche Versöhnung“. Richtig ist allerdings, und das macht die Gedenkstätte am Hartmannswillerkopf so bedeutsam, dass die grauenhaften Kriege des 20. Jahrhunderts eine wesentliche Grundlage nicht nur für die deutsch-französische Aussöhnung, sondern auch für den europäischen Einigungsprozess waren. Für die Generationen, die den Krieg und die unmittelbare Nachkriegszeit noch erlebt  haben, war das „nie wieder“ eine entscheidende Motivation. Für die nachfolgenden Generationen ist das anders. Das gibt einer Gedenkstätte wie dem Hartmannswillerkopf eine besondere Bedeutung und einen pädagogischen Auftrag.

 

1. Das französische Nationaldenkmal  und der französische Soldatenfriedhof

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Das „Monument national du Hartmannswillerkopf“ ist – neben Douaumont/Verdun, Dormans an der Marne und Notre-Dame-de-Lorette in Flandern eines der vier nationalen französischen Denkmäler, die an den Ersten Weltkrieg erinnern.  Es besteht aus drei Teilen: Einer Krypta, darüber einem weiten Platz mit einem republikanischen Altar und dahinter einem  Friedhof für etwa 12000 am Hartmannswillerkopf gefallene französische Soldaten.

Von der Straße, der route des crêtes,  aus führt ein Weg zu dem Nationaldenkmal, der an einen Schützengraben erinnern soll.

Den Eingang zur Krypta flankieren zwei von Antoine Bourdelle gestaltete „geflügelte Siegesgöttinnen“.[4]

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Über dem Eingang wurde die nationale Inschrift „Ici reposent des soldats morts pour la France“ mittlerweile durch die neutrale Gravur „1914 Hartmannswillerkopf 1918“ ersetzt. Diese Namensgebung ist bemerkenswert: Der französische Name für den Ort ist „Vieil Armand“, der deutsche „Hartmannsweilerkopf“. „Hartmannswillerkopf“ ist der elsässische Name,  dessen Auswahl  dem neuen Geist dieses Erinnerungsortes entspricht.

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Im Eingangsbereich zur Krypta werden an den Wänden die verschiedenen französischen Einheiten genannt, die an den Kämpfen um den Hartmannswillerkopf teilgenommen haben. Hier sind es unter anderem eine Skifahrerkompanie und Versorgungseinheiten mit Maultieren, die bei der Heranführung von Nachschub für die auf dem Berg stationierten Truppen eine wichtige Rolle spielten. Heute sind darunter auch Tafeln mit den Namen der deutschen Einheiten aufgestellt.

 

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In der Mitte der Krypta befindet sich ein riesiger Grabdeckel mit einer ewigen Flamme und der Aufschrift Patrie/Vaterland. Darunter ruhen mehrere tausend unbekannte Soldaten.  

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Darum sind drei Altäre gruppiert, der mittlere für Katholiken, der auf der linken Seite für Protestanten und der rechte für Juden. Als im zweiten Weltkrieg deutsche Soldaten die Anlage sprengen wollten –die dafür notwendigen Löcher für die Sprengsätze waren schon gebohrt- wurden sie darauf hingewiesen, dass unter den hier bestattetem Überresten unbekannter Soldaten es sicherlich auch deutsche Soldaten gäbe. Dem verdankt das Nationaldenkmal seine Erhaltung.

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Über der Krypta befindet sich ein riesiger republikanischer Altar mit den Wappen großer französischer Städte- ein repräsentativer Ort für heroische Gedenkfeiern im Angesicht der Nekropole am Berghang und dem umkämpften Berggipfel.[5]

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Auf dem zwischen 1921 und 1926 geschaffenen Friedhof sind etwa 12 000 französische Soldaten bestattet- zum Teil, wenn sie nicht mehr identifizierbar waren,  in  Gemeinschaftsgräbern, sonst in  mit Kreuzen bezeichneten Einzelgräbern mit Angabe des Namens, der Einheit und des Todesdatums des Gefallenen. Manchmal  fehlen auch die Angabe von Einheit und Todesdatum, wenn die nicht mehr festzustellen waren.

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Immer allerdings sind die Kreuze mit der  Aufschrift „Mort pour la France“ versehen.

Die deutschen Opfer des „Todesberges“ hatten natürlich nicht die Ehre, in dieser nationalen Nekropole bestattet zu werden. Die gefallenen „Boches“, deren Überreste nicht in ihre Heimat zurückgebracht wurden,  bestatteten die Franzosen am Rand/außerhalb des in der Nähe gelegenen Ortes Cernay. Insgesamt ruhen dort 7085 deutsche Gefallene des Ersten Weltkriegs.[6] Der Platz für den Friedhof –früher wohl auf freiem Feld, heute in einem hässlichen Industriegebiet- deutet wohl darauf hin, wie tief die Wunden waren, die der Krieg gerissen hatte und wie lebendig die „Erbfeindschaft“ zwischen Deutschland und Frankreich damals noch war.

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Heute wird der schlichte und würdige Friedhof, wie alle anderen deutschen Gefallenenfriedhöfe, vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge verwaltet.

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Eine Besonderheit stellen, das sei hier  am Rande erwähnt, die im Weltkrieg gefallenen elsässischen Soldaten dar. Denn die kämpften ja -mit wenigen Ausnahmen-  nicht „pour la France“, sondern für das Deutsche Reich, zu dem Elsass-Lothringen damals seit über 40 Jahren gehörte und in dem sie aufgewachsen waren. Allerdings wurden die Elässer eher nicht an der Westfront eingesetzt, sondern vornehmlich bei den Kämpfen an der Ost- oder Südostfront. Die Gefallenen ehrte man –wie auch sonst in Frankreich üblich- nach dem Krieg mit einem Gefallenendenkmal in der Mitte ihrer Heimatorte. Allerdings war da die sonst übliche Bezeichnung „mort pour la France“ nicht möglich. Also wählte man, wie hier auf dem Denkmal in Uffholtz am Fuß des Berges,  neutrale Bezeichnungen wie „Kriegsopfer“[7]

9390bd Kriegerdenkmal Uffholtz

Bemerkenswert ist hier übrigens auch das Verhältnis von Opfern des Ersten und des Zweiten Weltkrieges. Auf den üblichen französischen Denkmälern ist das Verhältnis ja eindeutig: Da sind viele Opfer des Ersten Weltkrieges verzeichnet, der in Frankreich deshalb auch als „la grande guerre“ bezeichnet wird, und relativ wenige Opfer des Zweiten Weltkrieges. In Uffholtz ist es anders: Unter den hier aufgeführten Kriegsopfern werden zwar vielleicht auch einige Elsässer sein, die 1940 für Frankreich kämpften und starben, die meisten aber werden zu denen gehören, die in die deutsche Wehrmacht einzogen wurden und sich damit -oft gegen ihren Willen (malgré nous)-  am nationalsozialistischen Eroberungs- und Vernichtungskrieg beteiligen mussten – Kriegsopfer also in ganz besonderem Maße.

 

  1. Das deutsch-französische Historial

Bei diesem Geschichtsmuseum handelt es sich um die erste gemeinsame deutsch-französische Einrichtung dieser Art- gemeinsam finanziert,  von einem deutsch-französischen Team ausgewiesener Wissenschaftler (Gerd Krumeich, Nicolas Offenstadt) gemeinsam konzipiert und von den Präsidenten Macron und Steinmeier am 10. November 2017 gemeinsam eingeweiht.

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In der Mite des Gebäudes befindet sich ein Raum, in dem eine multimediale Show über „Leben und Sterben auf dem Hartmannswillerkopf“ präsentiert wird.

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Das ist sehr anschaulich und intensiv, zumal hier deutsche und französische Soldaten zu Wort kommen, die über das berichten, was sie am Hartmannswillerkopf erlebt haben.

Um diesen Raum herum ist eine Art Schützengraben geführt, in dem zum Beispiel einige Waffen ausgestellt und Ergebnisse der Kriegsarchäologie präsentiert werden.

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Und es gibt Vitrinen mit weiteren Ausstellungstücken wie französischen und deutschen Uniformen….

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…. Karten zum Frontverlauf, die deutlich machen, wie nah deutsche und französische Einheiten beieinander lagen….

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… und es gibt  zum Beispiel dieses beeindruckende Foto aus einem deutschen Unterstand…  „Hier ruht ein französischer Krieger“ – da war die Verbundenheit der Schicksalsgenossen auf beiden Seiten der Frontlinien stärker als die sogenannte Erbfeindschaft…

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Alles ist überschaubar,  anschaulich,  klar strukturiert, von der Menge her nicht erdrückend und mit knappen Erläuterungen versehen. Und –im Gegensatz zu manchen anderen Präsentationen zum Ersten oder Zweiten Weltkrieg wie vor allem an den Landungsstränden der Normandie: Hier wird nicht durch die Präsentation blankgeputzter und imposanter Waffen einer Faszination für das Militär Vorschub geleistet.  Im deutsch-französischen Historial wird der pädagogische Auftrag  Ernst genommen und offensichtlich auch angenommen.

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Das Prunkstück des Historials ist zweifellos der 20 m² große Wandteppich Pietà for the Word War I  an der rückseitigen Wand der Ausstellungshalle.[8]

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Entworfen wurde er von Thomas Bayrle, lange Jahre Lehrer an der  Frankfurter Städelschule und ausgebildeter Weber,  und hergestellt in der Cité internationale de la tapisserie Aubusson, einem „Ableger“ der Manufacture des Gobelins in Paris, also eine deutsch- französisches Gemeinschaftsarbeit.

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Es ist die meistreproduzierte Pietà der Welt, die Bayrle zitiert: Michelangelos marmorne Skulptur aus dem Petersdom in Rom.  Hier aber bestehen Maria und Christus aus Hunderten von Totenschädeln, die auch den Teppichfond bilden: ein wunderbares Alterswerk Bayrles, der auch hier das für ihn  typische  ästhetische Element des Seriellen verwendet. Und wie passend ist das: Die  gereihten Schädel erwecken den Eindruck von Massenproduktion und erinnern so  an die Serialität des Todes in der Maschinerie moderner Vernichtungsschlachten. Aber  jeder dieser Totenschädel ist doch auch wieder ganz individuell gestaltet und keiner ist wie der andere.

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Jeder einzelne der vielen Menschen, die hier starben, war ein Individuum mit seiner eigenen Identität, seiner eigenen Geschichte, seinen eigenen Hoffnungen und Träumen. Und alle zusammen bilden ein grandioses deutsch-französisches Leichentuch, das aber –wie  Heines  Leichentuch der schlesischen Weber-  auch die Hoffnung auf eine neue bessere Zukunft symbolisiert.

3. Der Gescbichtsparcours durch das Scblachtfeld

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Unbedingt empfehlenswert ist der am Parkplatz vor dem Historial beginnende Rundweg über das ehemalige Schlachtfeld. Er ist insgesamt 4,5 Kilometer lang, kann aber auch verkürzt werden. Man sollte mindestens zwei Stunden für den verkürzten Weg, für den ganzen Rundweg 3 – 5 Stunden einkalkulieren, je nachdem, wie viel Zeit man sich für die Lektüre der zahlreichen Informationstafeln oder auch eine Rast am Gipfelkreuz oder auf dem Aussichtsfelsen am nördlichen Wendepunkt des Rundwegs nimmt.[9] Der Weg ist gut beschildert. Es geht zwar auf und ab, aber besondere Schwierigkeiten gibt es nicht.

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Über weite Strecken verläuft der Weg durch ehemalige Schützengräben und Verbindungswege, von denen es  90 Kilometer gibt! Und von den ursprünglich 6000 Stellungen, Bunkern und Schutzräumen für Mannschaften und Munition sind noch die Hälfte erhalten.

 

 

 

Dass so viele militärische Anlagen noch existieren, hat seinen Grund darin, dass die  Zone des Hartmannswillerkopfs aus Sicherheitsgründen lange Zeit gesperrt war.

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Im Allgemeinen ist der Zutritt zu den Stellungen aber versperrt, in jedem Fall ist er verboten- auch wegen der vielen Fledermäuse, die dort inzwischen zu Hause sind.

Überall auf dem Weg stößt man auf ehemalige militärische Anlagen…

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Stacheldrahtverhaue, inzwischen versteinerte Sperren aus Betonsäcken, die an der vordersten Frontlinie verwendet wurden, um dahinter, von feindlichem Beschuss geschützt, massivere Befestigungen zu errichten…

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… Reste von Waffen wie hier einem deutschen Minenwerfer….

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… oder einen gepanzerten französischen Beobachtungsposten auf dem Gipfel. Es handelt sich um den Typ „taupinière/Mauwurfshügel“ in Form einer Halbkugel mit drehbarem Visier. Nach dem Krieg wurden die meisten verschrottet oder in der Maginot-Linie wiederverwertet.

 

 

 

Manche der Bauwerke aus der Zeit des Krieges sind besonders auffällig.

Zum Beispiel die Reste einer Seilbahn, mit der die Versorgung der deutschen Truppen an Material, Waffen, Munition und Verpflegung –incl. Wasser!-  erleichtert werden sollte. Auch Soldaten wurden mit diesen Seilbahnen nach oben oder unten verfrachtet.

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Auffällig auch  diese von Mineuren/Bergleuten mit einigem Stolz erbaute Stellung.

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Es ist der sogenannte Gewerkschaftsstollen, der den Zugang zu zahlreichen in den Berg gehauenen Unterständen erlaubte.

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Ab 2016 verwandelten vor allem aus den Kohlegruben des Ruhrgebiets rekrutierte Mineure den Berg in einen „Ameisenbau“. Dadurch konnten Truppen durch den Berg von West nach Ost und umgekehrt verlegt werden. Vor einem geplanten Angriff waren sie während der Artillerievorbereitung geschützt, und die Verteidiger des Gipfelplateaus konnten selbst einen stundenlangen großkalibrigen Artilleriebeschuss überstehen.

Es gibt auch Bauten, die an das Alltagsleben der Soldaten erinnern, wie eine befestigte Küche mit Kantine oder diese Latrinen.

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Vieles ist  inzwischen  von der Natur überwuchert.

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Jetzt ist sie es, die die Mondlandschaft der Kriegszeit zurückerobert hat.

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Das macht den Rundgang durch diese Mittelgebirgslandschaft zusätzlich lohnend. Dazu kommen wunderbare Ausblicke in die Vogesentäler im Westen und in die Rheinebene im Osten bis hin zum –hier wolkenverhangenen-  Schwarzwald. Die sind besonders eindrucksvoll von dem Aussichtsfelsen im Norden des Rundwegs.

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Dieser Felsen war strategisch wichtig und dementsprechend besonders umkämpft.

Bergarbeiter aus dem Ruhrgebiet unterhöhlten den Tunnel, wobei auch Stellungen für Maschinengewehre und Minenwerfer geschaffen wurden. Der Durchgang ist heute noch passierbar.

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An der Nordseite des Felsens  erinnert  ein imposantes bronzenes Denkmal an das 152. französische Infanterieregiment, das in den Kämpfen um den Hartmannswillerkopf besonders viele Opfer zu beklagen hatte. Das Denkmal wurde 1921 eingeweiht, 1940 bei der Einnahme des Elsass durch die Wehrmacht gesprengt,   nach dem Krieg rekonstruiert und 1954 in Anwesenheit einer Abordnung deutscher und französischer Veteranen erneut eingeweiht.

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Schön sind auch die Ausblicke vom Gipfel des Hartmannswillerkopfs, da wo der im Zweiten Weltkrieg stark beschädigte Markstein steht.

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Es ist einer von 118 Marksteinen, die in den 1920- er Jahren von dem Bildhauer Moreau-Vauthier gesetzt wurden, um den Verlauf der französisch-deutschen Frontlinie vom Juli 1918 zu markieren.

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Und auf dem Rückweg zum Parkplatz hat man einen freien Blick auf das Nationaldenkmal und das Gräberfeld.

Zum Schluss:

Am 11. November 1918 war der Krieg endlich zu Ende, auch am „Mernschenfresserberg“.

Der deutsche Hauptmann Gustav Goes berichtet:

„Freund und Feind stehen auf den Deckungen, winken einander zu, bewirten sich, doch vielen, vielen blutet das Herz. (. ..) Abend wird es. Noch einmal steigt das Feuerwerk der Raketen hoch, in allen Farben schimmern die Höhen, zittert die Ebene. In der Dunkelheit versinken sie. Wie ein Stern schwebt noch eine einsame Leuchtkugel über das zerschossene Haupt des Hartmannsweiler Kopfes, dann zerstiebt auch sie.“

Der französische Leutnant Jean Marot:

„Waffenstillstand. Sofort stiegen die Fritz aus ihren Schützengräben und kamen um Tabak und Zigarren gegen Brotlaibe und Dosen mit Rindfleisch einzutauschen. Beobachtungsoffiziere auf dem Molkenrain bemerkten die Vorgänge und schleuderten strenge Befehle gegen die Verbrüderungen. Es half nichts.“

 

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zum Ersten Weltkrieg:

 

Anmerkungen

[1] Die Angaben zu den Opferzahlen am Hartmannswillerkopf sind  sehr unterschiedlich: Die Zahl 30000 wird zum Beispiel von Wikipedia genannt (https://de.wikipedia.org/wiki/Hartmannswillerkopf). Es ist aber auch  von „schätzungsweise 25000 Mann auf beiden Seiten“ die Rede (https://de.france.fr/de/elsass-lothringen/artikel/der-hartmannswillerkopf), von „rund 10000 Soldaten“, womit aber wohl nur die deutschen Gefallenen gemeint sind (https://www.volksbund.de/kriegsgraeberstaette/cernay.html), in der vom Comité du Monument National du Hartmannswillerkopf herausgegebenen Broschüre Hartmannswillerkopf 1914-1918 (2014) ist sogar von 60 000 französischen und deutschen Soldaten die Rede, die am Hartmannswillerkopf getötet wurden. (Vorwort)

[2]https://de.france.fr/de/elsass-lothringen/artikel/der-hartmannswillerkopf Zu Joffre siehe auch den Blog-Beitrag über die Mauer für den Frieden auf dem Marsfeld, wo sich auch eine Reiterstatue Joffres befindet: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2035

[3] Hartmannswillerkopf 1914-1918 a.a.O., Vorwort

[4]  Hartmannswillerkopf 1914-1918  Aus dem Vorwort von General Cochin,

[5] Manchmal kann man auch lesen, es handele sich hier um einen „riesigen Sarkophag“, was aber nicht zutrifft. https://www.zdf.de/nachrichten/heute/deutsch-franzoesisches-museum-berg-des-todes-100.html 

Das passende heroisierende Foto von Sébastien Muré stammt aus der Broschüre Hartmannswillerkopf 1914-1918

[6] https://www.volksbund.de/kriegsgraeberstaette/cernay.html Der Friedhof befindet sich am südlichen Stadtrand in der rue de la Ferme.

[7] Bild aus der sehr sehenswerten Bilderserie zu den Kämpfen um den Hartmannswillerkopf: https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/der-1-weltkrieg/der-hartmannsweilerkopf-ein-menschenfresser-im-1-weltkrieg

380 000 Elsässer kämpften in der kaiserlichen deutschen Armee, während sich zwischen 17 und 25 000 den französischen Truppen anschlossen. (s. Broschüre Hartmannswillerkopf 1914-1918 im Kapitel über den Aussichtsfelsen.

[8] Siehe dazu Stefan Trinks, Der Tod, der Webstuhl und die Geliebte. Thomas Bayrles Kriegsgräberteppich aus Totenschädelfalten für Frankreich. In: FAZ vom 10.11. 2017. Auf diesen Beitrag stütze ich mich teilweise im Folgenden.

[9] Soweit es im nachfolgenden Text nähere Erläuterungen zu den Bildern gibt, sind sie den Informationstafeln entnommen bzw. der Broschüre Hartmannswillerkopf 1914-1918, in der Text und Bilder aller Informationstafeln wiedergegeben sind. Dieser Broschüre sind auch die abschließenden Zitate zum Waffenstillstand vom 11. November 1918 entnommen.

 

Weitere geplante Beiträge:

  • „Les enfants de Paris“: Pariser Erinnerungstafeln/plaques commémoratives zur Zeit 1939-1945
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • Aux Belles Poules. Ein ehemaliges Bordell im Quartier Saint Denis
  • Von Montreuil nach Sansscouci: Die murs de pêches von Montreuil und die Lepère’schen Mauern im königlichen Weinberg von Sanssouci

 

 

Die Große Saline von Salins – les- Bains und die königliche Saline von Arc- et -Senans. (UNESCO-Weltkulturerbe im Jura)

In dem nachfolgenden Bericht geht es um zwei Salinen in der Franche-Comté.  Beide liegen nur wenige Kilometer auseinander und sie gehören gemeinsam  zum UNESCO – Weltkulturerbe.[1]

Mein Interesse an den Salinen  ist allerdings nicht in erster Linie die Salzgewinnung, sondern die Architektur der königlichen Saline von Arc- et -Senans. Sie ist  ein architektonisches Juwel, entworfen von  Claude Nicolas Ledoux. Und der hat nicht nur diese Saline entworfen, sondern gleichzeitig auch darum herum eine ideale Stadt geplant, die zwar nicht gebaut wurde, aber Ausdruck einer „Revolutionsarchitektur“ ist, die Ledoux repräsentiert.

Und Ledoux war – und das macht ihn für mich besonders interessant- auch der Baumeister der Pariser Mauer der Generalpächter, der Mur des Fermiers Généraux, die von 1784 bis 1790 errichtet wurde, um die Zolleinnahmen, die der König verpachtet hatte,  zu sichern.  Die Durchgänge durch diese Zollmauer, die sogenannten barrières, von denen in Paris noch vier erhalten sind, entwarf Ledoux in klassizistischer Bauweise in Form von Propyläen.

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Die Rotonde de la Vilette, eine der erhaltenen Barrieren von Ledoux

Dass nur vier dieser architektonisch bemerkenswerten Barrieren erhalten sind, hängt auch damit zusammen, dass die Mauer der Generalpächter bei der Pariser Bevölkerung verständlicher Weise sehr verhasst war. Von Beaumarchais ist ein berühmter Alexandriner überliefert, der die Unzufriedenheit der Pariser mit dieser Zollmauer zum Ausdruck brachte:

« Le mur murant Paris rend Paris murmurant. »

Und die Pariser haben nicht nur insgeheim über diese Mauer gemurrt, sondern am 11. Juli 1789 und den Tagen danach Barrieren angegriffen, geplündert  und zerstört – das Vorspiel des großen Sturms auf die Bastille am 14. Juli.

Historisch und architektonisch ist das also ein spannender Gegenstand. Und ein besonderer Beitrag  zur Mauer der Generalpächter und den Barrieren Ledoux` gehört  deshalb auch zum Programm  künftiger  Blog-Beiträge.[2]

Hier nun steht die von Ledoux entworfene Saline und die um sie herum geplante Idealstadt Chaux im Mittelpunkt. Die Saline ist ein von den Ideen der Aufklärung inspiriertes Projekt, das aber nur zur Hälfte realisiert wurde. Nach 1789 erhielt Ledoux, vor allem als Chefarchitekt der umstrittenen Mauer der Generalpächter, keine weiteren Aufträge und musste eher froh sein, nicht unter der Guillotine zu enden.  Aber er  entwickelte  das futuristische Konzept der Stadt Chaux, das noch über 100 Jahre später Architekten inspirierte.

Das erklärt die Zuerkennung des Welterbestatuts für die Saline von Arc et Senans und übrigens auch ihre  Aufnahme  in eine aktuelle französische Briefmarkenserie  zum Thema „Histoire de styles“.

Briefmarke Arc et Senans (2)

Die Große Saline von Salins-les-Bains

Aber zuerst kurz zur Großen Saline von Salins-les-Bains, die ebenfalls zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört und die gewissermaßen der Vorläufer der königlichen Saline von Arc et Senans ist. Ihre Grundlage ist ein großer Salzstock in 250 Metern Tiefe. Da salzhaltiges Wasser über Quellen an die Oberfläche gelangte, wurde das Vorkommen schon im frühen Mittelalter entdeckt und dann systematisch ausgebeutet. Durch Verbesserungen der Bohr- und Fördertechnik wurde die Salzgewinnung immer bedeutender: Im 17. Jahrhundert war Salins-les-Bains der zweitwichtigste Ort der Franche-Comté (nach Besancon) und erwirtschaftete die Hälfte ihrer Einkünfte. Die Sole wurde in riesigen Pfannen erhitzt, bis das Wasser verdampft war und die Salzkristalle abgeschöpft werden konnten. Als Energie dafür diente Holz, ab dem 19. Jahrhundert dann die Kohle.

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Mit solchen Schaufeln wurde das Salz aus den  eisernen Pfannen auf das darüber gelegene Gestell geschippt, wo es noch weiter trocknen konnte. Von dort aus wurde es  in Loren verladen. Die nächsten Arbeitsgänge waren dann Verpackung und Abtransport.

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Blick auf das Siedehaus von Salins-les-Bains

Die Arbeitsbedingungen in dem Siedehaus waren äußerst hart: Es war Schwerstarbeit, dazu war die Arbeit mit dem Salz in großer Hitze äußerst gesundheitsschädlich. Aber, wie uns die Führerin erklärte, aufgrund guter Bezahlung und damals sonst unüblicher sozialen Vergünstigungen habe es nie Mangel an Arbeitskräften gegeben.

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Besonders eindrucksvoll ist es, im Rahmen einer Führung in die unterirdische Galerie herabzusteigen. Dort ist eine hydraulisch betriebene Pumpe zu sehen, eine sogenannte Noria, die im 14. Jahrhundert installiert wurde und bis Mitte des 18. Jahrhunderts in Betrieb war.  Und vor allem kann man das Gewölbe bewundern, das eher an eine romanische Kirche erinnert als an ein technisches Bauwerk.

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Die Große Saline war bis 1962 in Betrieb. Allerdings konnte sie schon im 18. Jahrhundert nicht mehr den wachsenden Bedarf an Salz decken,  zumal es immer mehr an einem entscheidenden Rohstoff mangelte, nämlich dem Holz, das in großen Mengen für  den Verdampfungsprozess der Sole benötigt wurde. Und das war nun die große Stunde des Claude Nicolas Ledoux.

 

Ledoux und die königliche Saline von Arc- et -Senans im Jura:  Das revolutionäre Projekt eines Architekten des ancien régime.

Claude Nicolas Ledoux, der aus eher ländlichen und kleinbürgerlichen Verhältnissen stammte, ließ sich 1766 in Paris nieder. Dort wurde Madame Du Barry, die Mätresse Ludwigs XV., auf ihn aufmerksam und beauftragte ihn – gegen einige Widerstände- mit dem Bau eines Pavillons für ihr Anwesen in Louveciennes bei Paris.[3]  Begünstigt durch diese Förderung wurde Ledoux zu einem renommierten Architekten des ancien régime. Von König Ludwig XVI. wurde er zum Inspektor der Salinen in Lothringen und Burgund ernannt.[4]

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Büste von Ledoux in Arc et Senans

Ledoux erkannte bald  die Unzulänglichkeiten der Großen Saline:  Die schwierigen, Produktionsbedingungen in dem engen Tal des Flüsschens Fourieuse und vor allem der Mangel an verfügbarem Holz, von dem große Mengen für das Sieden des Salzes benötigt wurden.  Er schlug deshalb dem König vor, eine neue Saline in Arc- et -Senans zu bauen- ein sehr unkonventioneller Vorschlag, denn in diesen beiden Ackergemeinden gab es keinerlei Salzvorkommen. Aber es gab dort genügend Platz- gewissermaßen die sprichwörtliche grüne Wiese, auf der der Architekt seine Ideen ungehindert verwirklichen konnte; dazu gab es  Wind gegen die bei der Salzherstellung entstehenden Dämpfe und vor allem: In der Nähe lag (und liegt immer noch) der  große Wald von Chaux, eines der größten Waldgebiete Frankreichs. Es handelte sich um eine königliche Domäne, was für Ludwig XVI. sicherlich eine wesentliche Motivation war, dem Projekt seinen Segen zu geben.   Und für Ledoux war es „einfacher, das Wasser auf Reisen zu schicken, als einen Wald Stück für Stück durch die Gegend zu fahren“.[5]

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Die Sole (la saumure)  der Großen Saline zur neuen Saline von Arc- et -Senans zu leiten, war allerdings trotzdem eine schwierige und aufwändige Angelegenheit. Aufgrund der Topographie war nur ein Transport in Leitungen möglich, die entlang der Flüsschen La Furieuse und La Loue verlegt wurden. Das waren immerhin 21,5 Kilometer.

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Die Rohre wurden unterirdisch verlegt, um einen Diebstahl und ein winterliches Einfrieren der kostbaren saumure zu verhindern. Die Leitungen bestanden zunächst aus innen ausgehöhlten Fichtenstämmen, die ineinander gesteckt wurden.  Geht man von der Länge der im Museum von Salins-les-Bains und in Arc -et – Senans ausgestellten Rohre aus, dürften das etwa 5000 Rohre dieser Art gewesen sein. 135 000 Liter Sole liefen täglich durch dieses Leitungssystem, von denen allerdings 30% unterwegs verloren gingen: Durch Lecks in den Leitungen und durch Diebstahl – obwohl die Leitungen ständig überprüft und überwacht wurden.

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Im 19. Jahrhundert wurden die Fichtenrohre deshalb  durch gußeiserne Rohre ersetzt.[6]

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An einigen Stellen wurden kleine Behälter eingebaut, die es ermöglichten, den Zu- und Ablauf der Sole auf ihrem Weg von Salins-les-Bains nach Arc -et -Senans zu kontrollieren.

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Die Saline im Überblick

Aus der Vogelperspektive betrachtet fällt die  strenge geometrische Form der Anlage  und ihre Großzügigkeit  auf.  Hier konnte Ledoux  -zumindest  teilweise-  seinen Traum verwirklichen,  „Rivale des Schöpfers“ zu sein.  Die Form der Architektur sollte nach Ledoux „so rein sein wie die, die die Sonne auf ihrem Lauf beschreibt.“[7]

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In der Mitte befindet sich das Haus des Direktors, rechts und links davon sind  die Produktionsstätten angeordnet. In einem weiten Halbkreis darum herum sind Verwaltungsgebäude, Werkstätten und die Wohnhäuser der Arbeiter gruppiert. Zwischen diesen Gebäuden und der Mauer, die die Anlage umgibt, ist Raum für die Anlage von Gärten. Assoziationen zum antiken Theater  liegen da nahe. Dessen Bauprinzipien hat der römische Autor Vitruv beschrieben. Sein mit Illustrationen versehenes Werk wurde 1673 in einer französischen Ausgabe publiziert, die Ledoux ausführlich studiert hat. Und Ledoux hat ja für Besançon, die neue Hauptstadt der Franche-Comté, ein damals revolutionäres Theater entworfen- ohne die üblichen Logen, aber mit Sitzen im Zuschauerraum.[8]

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Den ebenfalls theatralischen Eingang zur Saline bildet der Portikus mit seinen mächtigen dorischen Säulen. Das Vorbild des in der Nähe Neapels gelegenen griechischen Tempels von Paestum ist unverkennbar.  Der Portikus markiert und symbolisiert mit seiner Grotte aus unbehauenen Steinen den Übergang vom Dunkel ins Licht, vom  „Naturzustand“ in die wohl geordnete Welt der Saline.[9]

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In den rechts und links angrenzenden Gebäuden waren die Wächter untergebracht, von denen viele benötigt wurden- nicht nur um ein unbefugtes Betreten oder Verlassen der Anlage zu verhindern, sondern vor allem, um die Rohrleitung der Sole von der Großen Saline bis Arc- et – Senans zu überwachen – das kostbare Salz bedurfte besonderen Schutzes.

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Deshalb war die gesamte Anlage ja auch von einer hohen Mauer umgeben.

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Das dem Eingang gegenüberliegende Gebäude war das Haus des Direktors, das sich denn auch durch seine Mächtigkeit, sein Höhe und seinen besonders kunstvoll gestalteten Portikus  von den anderen Gebäuden deutlich abhebt.

Rechts und links des Direktorengebäudes lagen die Siedehäuser, die Produktionsstätten des kostbaren Salzes, während die vier Gebäude  rechts und links des Eingangs,  Werkstätten und  die Wohnungen der Arbeiter beherbergten.

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Wohnen und Arbeiten gehörten für Ledoux also zusammen. Man kann das als einen fortschrittlichen Ansatz betrachten, wobei allerdings berücksichtigt werden muss, dass auf diese Weise die Kontrolle über die Arbeiter effizienter war. Denn so waren sie nicht nur zu ihren Arbeitszeiten in der Saline, sondern dauerhaft. Ein Verlassen war nur mit einer ausdrücklichen Genehmigung des Direktors möglich,  der das gesamte Geschehen im Auge hatte.  Und wenn man manchmal in Veröffentlichungen zu Ledoux  lesen kann, sein Ziel sei es gewesen, die Wohnverhältnisse der Arbeiter  zu verbessern, womit er seiner Zeit „weit voraus“ gewesen sei, [10] so muss dahinter ein Fragezeichen gesetzt werden.

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Immerhin weisen die Wohnungen der Salinenarbeiter als einzige Lichtöffnung eine an mythologische Brunnenfiguren erinnernde stilisierte Urne auf, aus der Salzlake zu fließen scheint.  Und bei den Siedehäusern gab es trotz der dort herrschenden Hitze und der Salzdämpfe – anders als bei der Großen Saline von Salins-les-Bains-  keine Schornsteine zur Entlüftung.  Damit  sollte wohl die Harmonie und Ästhetik der Anlage erhalten werden, zumal Schornsteine auch das Haus des Direktors überragt hätten….  

 

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Blick aus einem „Urnenfenster“ der früheren Arbeiterwohnungen

Ledoux stellte sich allerdings das Leben in der Saline als eines vor,  wo alles Anlass zur Freude ist, „où tout est jouissance„, wie er auf einer Schautafel des Museums zitiert wird. Aber er betonte auch die Stein gewordene Macht des Direktors, dessen „surveillance“ nichts entgehe. (rien n’échappe).  Michel Foucault hat deshalb auch in seinem Buch „Überwachen und Strafen“ die Saline von Arc-et- Senans als einen perfekten Disziplinarapparat bezeichnet:

Der perfekte Disziplinarapparat wäre derjenige, der es einem einzigen Blick ermöglichte, dauernd  alles zu sehen.  Ein zentraler Punkt wäre zugleich die Lichtquelle, die alle Dinge erhellt, und der Konvergenzpunkt für alles, was gewusst werden muss: ein vollkommenes Auge der Mitte, dem nichts entginge und auf das alle Blick gerichtet wären. So etwas schwebte Ledoux vor, als er Arc-et-Senans erbaute: im Zentrum der ringförmig angeordneten und nach innen geöffneten Gebäude sollte ein hoher Bau die administrativen Funktionen der Leitung, die polizeilichen Funktionen der Überwachung, die ökonomischen Funktionen der Kontrolle und Erhebung, die religiösen Funktionen der Ermutigung zu Gehormsam und Arbeit auf sich vereinigen; von da würden alle Befehle kommen, da würden alle Tätigkeiten registriert, würden alle Fehler wahrgenommen und beurteilt werden. Und zwar würde sich das alles unmittelbar, dank jener strengen Geometrie vollziehen. Die Vorliebe für kreisförmige Architekturen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatte mancherlei Gründe; einer davon war zweifellos der, dass sie eine bestimmte politische Utopie zum Ausdruck brachten.“ (11)

Allerdings war die totale Überwachung, die Foucault dem Konzept der Saline zuschreibt, anders als  etwas bei dem Panoptikum Benthams und den entsprechenden Gefängnisbauten (wie der Petite Roquette in Paris  (12), nicht real, sondern eher symbolisch. Die Werkstätten und die  Wohnungen der Bediensteten waren ja alles andere als transparent. Interessant ist dabei aber, wie  Ledoux hier einerseits in eine Ahnenreihe totalitärer Architekturkonzepte und entsprechender Utopien eingereiht wird -Albert Speer beispielsweise hat Ledoux sehr  bewundert- dass er andererseits aber auch als Ahnherr sozialistischer Utopisten und einer modernen progressiven Architektur firmiert.  In seinem 1933 erschienenen bahnbrechenden Werk  „Von Ledoux bis Le Corbusier“ beschreibt  Emil Kaufmann Ledoux als revolutionären Architekten, der den Anfang der modernen Architektur markiere und entdeckt ihn damit neu.  Für Gruson hat die Verbindung von Wohnen und Arbeiten und die von Ledoux  vorgegebene Vermischung von Gemeinschaftseinrichtungen (eine zentrale Feuerstelle/Küche für alle Wohnhäuser) und privaten Bereichen den französischen Sozialreformer Charles Fourier zu seinem Konzept eines Phalanstère, einer  Produktions- und Wohngenossenschaft inspiriert.  Und bei den Gärten, die zu den Wohnungen der Bediensteten gehörten und  ihnen einen Anbau von Obst und Gemüse für den eigenen Bedarf ermöglichten,  denkt man natürlich an fortschrittliche Konzepte von Arbeitersiedlungen,  wie  sie  im 19. Jahrhundert in England und auch in Frankreich -wie in der ville ouvrière von Noisiel an der Marne –  verwirklicht wurden. (13)

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Ein Gartenhaus

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Heute gehören die Gärten zu einem Projekt, dem „festival des jardins„: Jedes Jahr werden sie neu gestaltet, wobei jeweils ein bestimmtes Motto vorgegeben wird. Im Jahr 2019 war das aus Anlass des 50. Jahrestages des Woodstock-Festivals das Motto Flower power. Angesprochen werden als Gestalter nicht nur renommierte Gartenarchiteken, sondern auch Studenten von (Fach-)Hochschulen für Gartenbau und Schüler/Innen von fachbezogenen Berufsschulen. Insgesamt werden 12 Gärten entsprechend gestaltet- ein Rundgang lohnt sich also.

Die Erinnerung an die ursprüngliche Bestimmung der Gärten wird allerdings/immerhin auch noch wachgehalten wie die Reihen von Spalierobst zeigen.

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Dass wir heute die Saline bewundern können, wäre vor 100 Jahren noch kaum vorstellbar gewesen.  1895 wurde nämlich die Produktion eingestellt,  weil sie gegenüber den Salinen am Mittelmeer und am Atlantik nicht mehr konkurrenzfähig war, zumal mit dem billigen Transportmittel der Eisenbahn. Danach verfiel die Anlage zunehmend, sie diente als Steinbuch, 1918 wurde sie durch ein Feuer verwüstet. 1927 kaufte das Departement du Doubs die Anlage und rettete sie so vor dem völligen Verfall.   Im Frühjahr 1939 wurden dort Flüchtlinge aus Franko-Spanien untergebracht, vom Kriegsbeginn bis zum Waffenstillstand im Juni 1940 Einrichtungen der französischen Armee, auf die dann bis zum Frühjahr 1941 deutsche Besatzungssoldaten folgten. Danach wurde die ehemalige Saline zu einem Lager für „familles tziganes“ , wie es in dem offiziellen Aushang der Anlage heißt, deren Lebensbedingungen „äußerst hart“ gewesen seien, vor allem auifgrund der fehlenden bzw. völlig unzureichenden sanitären Einrichtungen.[14]  Ihnen folgen schließlich im Winter 1944/45  mehr als 1000 deutsche Kriegsgefangene, deren Lebensbedingungen kaum weniger hart gewesen sein dürften. Bilder aus der Nachkriegszeit zeigen eine völlig heruntergekommene verfallene Anlage, die nur mit größter Mühe etwas von dem früheren und heutigen Glanz erahnen lässt. Ab etwa 1960 begann dann eine lange Restaurierung, die schließlich die Anerkennung der Saline als Teil des UNESCO-Weltkulturerbes im Jahr 1982 ermöglichte.[15] 

Heute ist die Saline Mittelpunkt eines regen kulturellen Lebens, es ist ein centre du futur, ein Ort des Nachdenkens über die Zukunft unserer Gesellschaften, es beherbergt drei Museen und ein Hotel.

Als Hotelgast  ist man zum Beispiel  im ehemaligen Haus der Zollpächter untergebracht, deren Bedeutung von der Fassade unterstrichen wird – nach dem Direktorenhaus und dem Eingangs-Portikus gewissermaßen die Nummer drei auf der architektonischen Rangliste: Ein sogenanntes venezianisches Fenster, also ein zentrale, auf zwei Säulen ruhende Arkade. Die Zollpächter waren ja immerhin die Betreiber der Anlage: Wie bei der Zollmauer  um Paris hatten sie vom König eine Konzession erhalten, die der Monarchie feste regelmäßige Einahmen sicherten und den Zollpächtern die Gewinne. Also gewissermaßen eine Private Public Partnership vor der Zeit…

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Zu der Übernachtung im Hotel  gehören auch Eintrittskarten für die Ausstellungen. Und vor allem: Abends hat man die Anlage (fast) ganz für sich alleine und kann in aller Muße die angestrahlten Gebäude und beleuchteten Gärten bewundern. Exquisit!

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Das Ledoux-Museum

Zu einem Besuch der Saline gehört natürlich der Besuch der Museen: eines Museums der Geschichte der Salzgewinnung, eines Museums der Geschichte der Saline seit ihrer Schließung und vor allem eines Ledoux-Museums. Es ist nach der Selbstdarstellung das einzige Museum Europas, das ausschließlich einem Architekten gewidmet ist.[16]

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Untergebracht ist es in der ehemaligen Holzwerkstatt und dem Holzlager. Dort wurden die Tonnen hergestellt, in die das Salz gefüllt und in denen es kommerzialisiert wurde. Außerdem gab es in diesem Gebäude auch Räume für die Böttcher und eine Gemeinschaftsküche.

Die Ehre eines speziell ihm gewidmeten Museums  verdankt Ledoux vor allem seinem Architektur- Traktat, von  dem ein erster Teil 1804 veröffentlicht wurde.  Es gilt als theoretisches Hauptwerk der sogenannten Revolutionsarchitektur – ein eher aus der Not geborenes Opus. Denn mit der Französischen Revolution verlor Ledoux aufgrund seiner Stellung im ancien régime und vor allem der Konstruktion der verhassten Zollmauer seine bisherige Lebensgrundlage. Er wurde sogar verhaftet und entging nur knapp der Guillotine.

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Er konnte aber nun auf der Grundlage früherer Zeichnungen das Modell der idealen Stadt Chaux entwerfen, die um die zu einem vollständigen Kreis ergänzte Saline herum gruppiert war.

Arc et Senans Foto von Gilles Abegg, vue perspective de la ville de Chaux

Dazu gehörten Bauten für die Allgemeinheit  wie zum Beispiel -zu dieser Zeit in der Tat revolutionär-  öffentliche Bäder.

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Charakteristisch für die meisten Bauten ist die „sprechende Architektur“, das heißt, dass die Gestaltung der einzelnen Gebäude deren Zweck deutlich macht, wie die folgenden Beispiele zeigen.

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Das Atelier der Köhler, der  charbonniers

 

 

 

pl1-1024x643 Oikema

 

 

Auch bei dem sogenannten „Oikema“ , von dem ich allerdings in dem Museum kein Modell und keine Abbildung entdecken konnte, dürfte  die Funktion wohl eindeutig sein.[17] Offenbar hielt Ledoux auch einen solchen  Bau für erforderlich, um das von ihm angestrebte harmonische Zusammenleben zu gewährleisten.

 

 

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„Sprechend“ ist auch  der Entwurf eines pavillon des cercles,  eines Ateliers der Böttcher. Davon gibt es nicht nur das kleine Modell im Ledoux-Museum, sondern auch ein 1 zu 1- Modell auf der weitläufigen Jura- Raststätte der Autobahn A 39 bei Lons-le-Saunier. So kann man, auch wenn man nicht über den Wald von Chaux und die Weinberge von Arbois fahren und in Arc -et -Senans Halt machen kann oder will, auf dem Weg in den Süden einen kleinen Eindruck von der Revolutionsarchitektur des Claude-Nicolas Ledoux erhalten.

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Das Gebäude ist für Ausstellungen gedacht, war allerdings im Sommer 2019 etwas vernachlässigt und heruntergekommen. Aber auch das passt ja zu Ledoux….

Anmerkungen

[1] http://whc.unesco.org/fr/list/203

[2] Als kleine deutsch-französische Fußnote soll noch angemerkt werden, dass Ledoux  als Contrôleur général des bâtiments der Landgrafschaft Hessen-Kassel den Bau des Fridericianums in Kassel beaufsichtigte…

[3] http://www.pavillondemusiquedubarry.fr/fr/contact.html

[4] Zur Biografie von Ledoux:  http://www.whoswho.de/bio/claude-nicolas-ledoux.html

[5] Zitiert in: https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6nigliche_Saline_in_Arc-et-Senans

« Il étoit plus facile de faire voyager l’eau que de voiturer une forêt en détail » Zit. Gruson

[6] https://wikimonde.com/article/Saumoduc_de_Salins-les-Bains_%C3%A0_Arc-et-Senans

[7] Ziate aus: https://www.sueddeutsche.de/kultur/bauhausjubilaeum-wie-ein-anfall-von-wuerfelhusten-1.2413082-2  und Luc Gruson a.a.O.

[8]  Siehe dazu Luc Gruson a.a.O. und http://memoirevive.besancon.fr/?id=440.  Aufgrund der streng  halbkreisförmigen Anlage ist die Behauptung, die ich im Internet gefunden habe, unzutreffend- auch wenn sie sich überzeugend anhört:   „Je niedriger der Rang von Angestellten oder Arbeitern ist, desto weiter liegen deren Gebäude vom Direktorenhaus entfernt.“ . https://www.planet-wissen.de/gesellschaft/lebensmittel/salz/pwiearcetsenansdiekoeniglichesaline100.html

[9] „Ainsi, l’entrée dans la Saline ressemble à un passage dans un autre monde, que Ledoux a voulu parfait.“ (Gruson)

[10] https://www.a-k.sia.ch/de/node/236

(11) Michel Foucault, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. suhrkamp taschenbuch 2271  FFM 2016, S. 224/225

(12) Siehe dazu den Blog-Beitrag Wohnen, wo einmal die Guillotine stand. La Grande et la Petite Roquette. https://paris-blog.org/2016/06/14/wohnen-auf-historischem-boden-la-grande-et-la-petite-roquette/

(13) Siehe den Blogbeitrag über die Schokoladenfabrik Menier in Noisiel: https://paris-blog.org/2019/05/23/le-chocolat-menier-1-die-schokoladenfabrik-in-noisiel-an-der-marne-repraesentative-fabrikarchitektur-und-patriarchalischer-kapitalismus-im-19-jahrhundert/

Der utopischen Charakter der Entwürfe von Ledoux wird betont in dem Artikel „Imagined Architecture“ von Devi Norton. https://michaelgimberblog.com/2017/03/10/imagined-architecture/ Dort steht er in einer Reihe von Revolutionsarchitekten, die bis zur russischen Revolution reicht.

[14] Siehe dazu: Alain Gagnieux, Chronique des jours immobiles : L’internement des nomades à Arc-et-Senans (1941-1943), Éditions L’Harmattan, 2011

[15] https://www.museumspass.com/de/museen/saline-royale 

[16] https://www.museumspass.com/de/museen/saline-royale

[17]  Bild aus: http://hiddenarchitecture.net/oikema/

 

Weiterführende Literatur:

Alain Chenevez, La saline d’Arc- et- Senans. Paris: Harmattan 2006

Gérard Chouquer et Jean-Claude Daumas (dir.),  Autour de Ledoux:  architecture, ville et utopie. 2008

Richard Copans, Architecture 4. Éd. Par Arte France und Réunions des Musées Nationaux. 2005

Michel Gallet,  Claude-Nicolas Ledoux, 1737-1806, Paris 1980  Siehe:   http://www.persee.fr/docAsPDF/bulmo_0007-473x_1981_num_139_3_6012_t1_0193_0000_3.pdf

Luc Gruson, Claude-Nicolas Ledoux, Architecture visionnaire et utopie sociale. (Überarbeitete Fassung eines Vortrags in Arc- et -Senans vom Oktober 2008 https://docplayer.fr/20788304-Claude-nicolas-ledoux-architecture-visionnaire-et-utopie-sociale.html

Emil Kaufmann, Von Ledoux bis Le Corbusier. Ursprung und Entwicklung der autonomen Architektur. Reprint der Originalausgabe von 1933. Stuttgart 1985

Jean-Pierre Lyonnet, Les Propylées de  Paris 1785-1788: Claude-Nicolas Ledoux, une promenade savante au clair  de lune. 2013

Dominique Massounie:  Arc -et- Senans  La Saline Royale  de Nicolas Ledoux. Éditions du patrimoine 2016

Daniel Rabreau: La Saline royal d’Arc – et – Senans.  Un monument industriel, allégorie des Lumières. Paris 2002  siehe: http://www.persee.fr/doc/bulmo_0007-473x_2003_num_161_3_1238_t1_0272_0000_1

 

 

Weitere geplante Beiträge:

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  • „Les enfants de Paris“: Pariser Erinnerungstafeln/plaques commémoratives zur Zeit 1939-1945
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • Aux Belles Poules. Ein ehemaliges Bordell im Quartier Saint Denis

 

 

 

 

Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch- deutsche Flüchtlingsgeschichte. Teil 1: Lyon, Luberon, Piemont

Dieser Text fällt  ein wenig aus dem Rahmen dieses Blogs heraus, schon allein geographisch:  Es geht zwar zunächst um Frankreich, dann aber auch (ein wenig)  um Italien  und  vor allem um Deutschland:  und dort auch nur um den Ortsteil Dornholzhausen der hessischen Klein- und Kurstadt Bad Homburg nördlich von Frankfurt. Ende des 17. Jahrhunderts wurden in Dornholzhausen waldensische Flüchtlingsfamilien angesiedelt, später kamen hugenottische Einwanderer dazu.

DSC01395 Kirchenbuch Dornholzhausen (2)

Aus dem Geburts-/Taufregister  der Waldensergemeinde Dornholzhausen des Jahres 1782.  Bailly ist ein hugenottischer, Bertalot ein waldensischer Familienname. 

Es wird hier also keine allgemeine Geschichte der Waldenser erzählt, dazu gibt es schon andere ausführliche und fundierte Darstellungen; sondern es werden nur einige Stationen der waldensischen Flüchtlingsgeschichte vorgestellt: Lyon, der Luberon in der Provence, die Waldensertäler in  den cottischen Alpen zwischen Frankreich und Italien und dann vor allem die französische/waldensische Kolonie in Dornholzhausen.

Natürlich klingt bei diesem Thema auch die aktuelle Migrationsbewegung mit. Da ist es ja durchaus üblich, historische Bezüge herzustellen – so zum Beispiel durch den Kölner Bürgermeister Andreas Wolter auf einer Veranstaltung des deutschen Hauses der Cité Universitaire in Paris (MHH) am 5. Dezember 2017 zum Thema  „Réfugiés en Allemagne et en France“  (Flüchtlinge in Deutschland und in Frankreich). Er verwies dabei auf die Erfolgsgeschichte der Einbürgerung wallonischer Hugenotten in Köln, die die Schokoladenproduktion in der Stadt heimisch gemacht und so zu deren Wohlstand beigetragen hätten.  Von da aus schlug er einen Bogen zur heutigen Aufnahme von  Flüchtlingen und benutzte die historische Parallele dazu, seinen diesbezüglichen Optimismus zu begründen.

In der Tat legt es das Schicksal der Waldenser nahe, über die Aufnahme und Integration von Menschen anderer Sprachen, Kulturen und Religionen nachzudenken. Wie der Waldenser-Forscher Gabriel Audisio in einem Vortrag über die Aufnahme der Waldenser im Luberon ausführte:  Die Integration von Fremden habe immer und zu allen Zeiten zu „réactions de défense et de rejet“ geführt. Es sei also eine „question cruciale de tous les temps“, wie weit die Aufnahmebereitschaft und -fähigkeit der Menschen gehe. (1)

Allerdings mag jeder Leser/jede Leserin selbst entscheiden, inwiefern  die Geschichte der Waldenser und ihre Aufnahme in Deutschland sich –in welcher Weise auch immer- als Argumentationsmaterial für die heutige Migrationsdebatte eignen. Zum Nachdenken regen sie auf jeden Fall an.

Im ersten Teil dieses Beitrags geht es um die Ursprünge der Waldenser und ihre Ansiedlungen und Verfolgungen im Luberon und im Piemont. Eindeutiger Schwerpunkt ist dabei der Luberon, den wir im Spätsommer 2018 auf den Spuren der Waldenser besucht haben. Der zweite Teil beschäftigt sich dann mit der Aufnahme von Waldensern in Deutschland, vor allem mit der  in Hessen-Homburg gelegenen französischen Kolonie Dornholzhausen.

 

Petrus Waldes/Pierre Valdo und die Armen von Lyon

Um das Jahr 1176 begann  der wohlhabende Textilkaufmann Petrus Waldes in Lyon öffentlich in der Volkssprache zu predigen.  Durch den Tod eines Freundes betroffen, änderte er sein  Leben und wurde zum Begründer der waldensischen Reformbewegung. Zeitgenössische Quellen zu seinem Leben gibt es nur aus amtskirchlicher Sicht.  Ein Dominikaner und Inquisitor namens Stephan von Bourbon, der einige Augenzeugen noch persönlich kannte, fasste die Geschehnisse so zusammen:

„Ein reicher Mann (in Lyon), genannt Valdensis, hörte die Evangelien, und da er nicht sehr gebildet war und trotzdem unbedingt wissen wollte, was sie sagten, machte er einen Vertrag mit (zwei) Priestern, mit dem einen dass er sie in die Volkssprache übersetzen, und mit dem anderen, dass er aufschreiben sollte, was jener diktierte. Das taten sie auch; ebenso machten sie es mit vielen Büchern der Bibel und vielen Worten  der Heiligen…. Als diese jener reiche Bürger oft gelesen und sich eingeprägt hatte, beschloss er die evangelische Vollkommenheit zu leben, wie die Apostel sie gelebt hatten. Nachdem er all seinen Besitz verkauft hatte, warf  er aus Weltverachtung sein Geld wie Dreck den Armen hin und hat sich das Amt der Apostel angemaßt und angeeignet. Er predigte das Evangelium und das, was er auswendig gelernt hatte, auf den Straßen und Plätzen und scharte viele Männer und Frauen um sich, die er aufforderte, das Gleiche zu tun, und denen er das Evangelium einprägte. Die schickte er in die umliegenden Dörfer zum Predigen; Leute mit den niedrigsten Berufen. Diese Männer und Frauen, dumm und ungebildet, wie sie waren, rannten durch die Dörfer, drangen in die Häuser ein, predigten auf den Plätzen und auch in Kirchen und veranlassten andere, dasselbe zu tun.“[2]

Auch wenn diese Darstellung sehr tendenziös ist, erfährt man doch daraus Wesentliches über die  Waldenser: Am Anfang steht die Begegnung mit der Bibel, vor allem mit dem Neuen Testament und den Berichten über das Leben Jesu und die Berufung der Jünger. Diese Begegnung bewog Waldes, sein bisheriges Leben völlig zu ändern und Beruf und Besitz aufzugeben. Auch wenn Waldes damit  einer asketischen Tradition folgte, wie sie damals auch in Teilen des Mönchstums lebendig war –man denke nur an Franz von Assisi-  betrachtete der dominikanische Inquisitor schon das allein als eine  Provokation. Denn natürlich waren aus seiner Sicht Askese und Weltabkehr von Laien eine Anmaßung und sie implizierten ja auch eine Kritik an der ganz und gar nicht asketischen  Lebensweise vieler Repräsentanten der kirchlichen Hierarchie. Völlig außerhalb der kirchlichen Ordnung stellten sich für ihn aber die Waldenser durch ihr missionarisches Engagement, also durch die sogenannte Laienpredigt: Für ihn waren es ja dumme und ungebildete Menschen, die aus seiner Sicht durch die Dörfer rannten und in die Häuser eindrangen, um das Evangelium zu predigen, und es waren, wie er berichtet, nicht nur Männer,  sondern –für die damalige Zeit unerhört und revolutionär- auch noch Frauen!

Voraussetzung für die Laienpredigt war natürlich die Übersetzung der Bibel in die Volkssprache. Und deshalb verwendete Waldes einen Teil seines Vermögens, die Bibel in die provençalische Landessprache zu übersetzen. Damit war  das Monopol der Kirche auf Verkündigung des Evangeliums und seine Auslegung gebrochen, so dass es unweigerlich zum Konflikt mit der Amtskirche kommen musste. Waldes bemüht sich allerdings sehr intensiv, den Bischof von Lyon und sogar den damaligen Papst Alexander III. von seiner „Rechtgläubigkeit“ zu überzeugen, die von ihm veranlasste Bibelübersetzung zu autorisieren und  die Anerkennung seiner Bewegung zu erreichen. Das  gelang ihm aber nicht. 1184 wurden die „Armen von Lyon“ auf dem Konzil von Verona in der Bulle „Ad Abolendam“ verurteilt.  Neben der Laienpredigt und der Armut waren es vor allem zwei weitere Grundüberzeugungen der Waldenser, die sie für die damalige religiöse und feudale Ordnung verdächtig und sogar gefährlich machten: Sie glaubten nicht an das (unbiblische) Fegefeuer, lehnten also Messen für die Verstorbenen ab, die eine wesentliche Einnahmequelle des Klerus waren. Und sie lehnten den Eid ab,  ein grundlegendes Element der feudalen Ordnung. 1215 wurden die Waldenser erneut und ausdrücklich als Ketzer verurteilt und in eine Rolle gezwungen, die sie nie spielen wollten. Und damit begann eine wechselvolle Geschichte von Verfolgungen und zeitweisen Duldungen– bis hin zu ihrem „Exil“  in Dornholzhausen und anderen Orten,  in denen ihnen endlich Freiräume für ihren Glauben und ihren Lebensstil gewährt wurden.

Petrus_Waldus

Für die Protestanten des 19. Jahrhunderts  galt  Waldes  als ein früher Vorläufer der kirchlichen Reformbewegung.  Er hat deshalb  seinen Platz unter den Vorläufern Luthers auf dem großen Reformationsdenkmal in Worms.[2]

In Lyon erinnert dagegen wenig an Waldes. Immerhin gibt es eine nach ihm benannte Straße und  ein ebenfalls nach ihm benanntes Zentrum für die vorübergehende Aufnahme von Wohnsitzlosen und Flüchtlingen, das von der Fédération Entraide Protestante betrieben wird.[3] Das ist eine Einrichtung, die sicherlich ganz im Geiste der Waldenser tätig ist und insofern die Erinnerung an Pierre Valdo mit Leben erfüllt.

Ob auch  im historischen Museum von Lyon an Waldes und die Armen  von Lyon erinnert wird, konnte ich nicht feststellen. Eine entsprechende Anfrage an das Museum blieb leider ohne Antwort.[4]

 

Erste Verfolgungen der Waldenser/Das Massaker von Mérindol

Nachdem die Waldenser aus Lyon vertrieben worden waren und das Leben und Predigen auch in anderen Städten zu gefährlich wurde, zogen sie sich  in die Alpentäler im  Grenzgebiet zwischen  Frankreich und Italien zurück. (Dauphiné und Piemont). Allerdings gab es dort aufgrund eines Übergangs zur Viehwirtschaft ein Potential an Arbeitskräften, das im Luberon dringend gesucht wurde.  Dort war nämlich die Bevölkerung aufgrund des  100-jährigen Krieges um 60% zurückgegangen, manche Ortschaften waren völlig entvölkert.  Die Herren der  Provence nahmen also gern Einwanderer auf, die ihr Land bewirtschaften sollten, ja luden sie, wie die mächtige Familie d’Agoult, ausdrücklich zum Kommen ein.  Bemerkenswert ist dabei auch, dass sogar die Bischöfe von Apt und Marseille waldensische Siedler anwarben, obwohl die Waldenser ja als Ketzer galten. Möglich wurde das, weil die Waldenser sich nach außen hin als „normale“ Katholiken ausgaben und höchstens dadurch auffielen, dass ihre Nachfrage nach Totenmessen eher gering, aber ihre Kollekten für die Armen außerordentlich hoch waren. Ihren wahren Glauben lebten sie im Untergrund bzw nachts, wenn sie sich mit ihren Predigern, den Barben,  zum Gottesdienst versammelten. Die Barben waren als herumziehende Händler getarnt, die immer zu zweit unterwegs waren: Ein älterer erfahrener Prediger und ein junger Begleiter, der einmal die Rolle des Älteren übernehmen sollte.

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Manche Herren der Provence, ob  weltlich oder geistlich, sahen aber offenbar aufgrund ihrer grundherrlichen Interessenlage nicht so genau hin, was die Besonderheiten der Waldenser anging. So wurden mehrere « contrats d’habitations » abgeschlossen, die zwischen 1490 und 1520 etwa 6000 Waldensern die Ansiedlung in 13 Ortschaften des Luberon ermöglichten, u.a. in  Lourmarin, wo sie  das „vieux château“ errichteten, Lacoste, Cabrières d‘Avignon, Cabrières d’Aigues und in Mérindol.  Der Luberon galt damals als Kerngebiet der Waldenser, und wenn man damals „waldensisch“ sagte, dachte man an die Provence.  (5)

Im Zentrum der waldensischen  Gemeinden des Luberon lag das  nördlich der Durance gelegene Mérindol.

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Die hier wiedergegebene Zeichnung stammt zwar aus dem Ende des 16. Jahrhunderts, gibt aber eher den Zustand des Ortes vor seiner Zerstörung wieder: Oben die Burg, darunter die alte Siedlung und unten im Tal einzelne Gehöfte (Bastides). In Mérindol  trat 1530 eine waldensische Synode zusammen. Es  wurde beschlossen, Abgesandte zu Vertretern der Reformation nach Basel (Bucer) und Straßburg zu schicken. Der Bericht über diese Begegnungen war die Grundlage für den Anschluss der Waldenser an die protestantische Reformation, der 1532 auf der Synode von Chanforan  (Piemont) vollzogen wurde. Damit konnten die Waldenser ihr Dasein als „Untergrundbewegung“ mit heimlichen Gottesdiensten und getarnten Wanderpredigern aufgeben. Sie konnten sich offiziell zu ihrem Glauben bekennen, Gemeinden bilden, Pfarrer wählen und Kirchengebäude errichten.  Außerdem wurde eine offizielle Übersetzung der Bibel  ins Französische finanziert, die berühmte Bible d’Olivétan. [6]

Auch wenn die Waldenser nun Teil einer  größeren, international bedeutsamen Gemeinschaft waren, währte  die  durch die Inquisition immer wieder beeinträchtigte relative Ruhe  allerdings nicht lange.  1540  verurteilte ein Richter aus Apt einen waldensischen Müller  aus Mérindol wegen Ketzerei zum Tode auf dem Scheiterhaufen und eignete sich seinen Besitz an. Das provozierte den Widerstand von Glaubensgenossen.  Das Parlament von Aix reagierte darauf im gleichen Jahr mit dem „Erlass von Mérindol“, in dem 22 Waldenser, die man des Aufruhrs bezichtigte,  zum Tode verurteilt wurden und in dem dekretiert wurde, dass alle, die der Ketzerei für schuldig befunden würden, lebendig verbrannt werden sollten. (7)  Melanchton  setzte sich nun für seine Glaubensbrüder ein und verfasste eine Denkschrift, die an den Hof des französischen Königs Franz I. gelangte. Der befahl zunächst die Aufhebung des Edikts, zumal er für seinen Kampf gegen den  Habsburger Karl V. auf die Unterstützung der Protestanten angewiesen  war.   1545 allerdings setzte der schwankende König seine Unterschrift unter den Befehl zur Inkraftsetzung des Edikts, auch wenn eine von ihm angeordnete Untersuchung zugunsten  der Waldenser ausgefallen war. Daraufhin wurde Mérindol, die „heilige Stadt“ der Waldenser (8),  am 18. April 1545 mit Unterstützung päpstlicher Truppen von angeworbenen  Söldnerbanden unter dem Befehl des Barons Meynier d’Oppède, dem Präsidenten des Parlaments von Aix,  geplündert und zerstört, und bei dieser Gelegenheit auch noch weitere Orte vor allem im südlichen Lubéron. Der (Land-)Besitz der Waldenser wurde verkauft und von dem Erlös wurden die Söldner bezahlt. (9)

Gustave Dore Merindol

Dieser Kupferstich von Gustave Doré (1832-1886)  zeigt eine besonders schlimme Episode des Massakers von Mérindol, die von Jacques Aubéry  so beschrieben wurde:

Mehrere Soldaten hatten in der Kirche von Mérindol Frauen und Mädchen im heiratsfähigen Alter ergriffen. Sie schleppten sie auf  Karren und brachten sie damit in das benachbarte Lauris. Und auf dem Weg dahin hatte jeder seinen Spaß mit diesen Frauen und Mädchen. Die wurden dann in Lauris nackt durch den Ort und um das Schloss herum  getrieben und schließlich von dem Felsen neben dem Schloss in die Tiefe gestürzt. (9a)

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Der Schlossfelsen von Lauris

Zwar konnte die Mehrheit der Bevölkerung vor diesem sogenannten „massacre des Vaudois du Luberon“ in den Piemont,  die Schweiz oder andere Gegenden  entkommen, wo sie (zunächst) sicher waren, aber 2000- 3000 Waldenser wurden getötet, Frauen –wie die von Mérindol- vergewaltigt, 700 Männer auf die  Galeeren verbannt: ein grauenhaftes Vorspiel der kommenden Religionskriege. Für den Luberon war das Massaker ein schwerer Rückschlag, auch für Grundherren, die ihre fleißigen Arbeitskräfte verloren hatten und die sich deshalb beim König beschwerten. Aber Franz I. billigte ausdrücklich „alles, was gegen die Waldenser“ unternommen worden sei, und forderte, auch weiterhin alles zu tun, um diese „verdammte Sekte zu vernichten“. (10) 1551 kam es unter dem neuen König, Henri II, zu einem erneuten Prozess, in dem schwere Vorwürfe gegen Meynier d’Oppède erhoben wurden. Der verteidigte sich damit, dass vorgekommene Übergriffe nicht in seine Verantwortung fielen, sondern eigenmächtig handelnden Truppen zuzurechnen seien.  Im Übrigen habe er mit der Vernichtung der Waldenser nur die königlichen Wünsche exekutiert. d’Oppède wurde also freigesprochen. [11]

 

Auf den Spuren der Waldenser im Luberon

Im kollektiven Gedächtnis der Region bleibt das Massaker  bis heute tief verankert. Einige waldensische Erinnerungsorte im Luberon werden in diesem Abschnitt vorgestellt. Sie sind verbunden durch die Historische Route der Waldenser des Luberon. An den entsprechenden Erinnerungsorten sind zum Teil Tafeln mit Informationen zur Geschichte der Waldenser und des entsprechenden Ortes aufgestellt.

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Karte des Luberon mit Bezügen zu den Waldensern (blau= Orte mit waldensischer Besiedlung; rot= 1545 zerstörte Orte; grün=  historische Monumente mit Bezug zu den Waldensern)

Mérindol

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In Mérindol gibt es  das kleine Waldenser- Museum „La Muse“, das „Centre d’évocation de l’histoire vaudoise.“[13]  Es soll möglichst bald in eine alte Bastide umziehen, eine ehemalige Poststation am Ortseingang.  Die ist schon von ihren ehemaligen Besitzern dem rührigen waldensischen Geschichtsverein des Luberon geschenkt worden, jetzt fehlt „nur noch“ das Geld für Umbau und Einrichtung. Man kann nur wünschen, dass es bald mit dem Projekt vorangeht, denn in der Tat:

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„Die Waldenser und der Luberon, eine lange Geschichte“

Neben dem Museum beginnt auch der Aufstieg zu den Ruinen des alten Dorfes und des Schlosses.

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Ruinen der Burg und der Altstadt von Mérindol

In den Ruinen erinnert noch eine Gedenktafel an das „Massacre de Mérindol“.

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Zur Erinnerung an die Waldenser der Provence, die für ihren  Glauben gestorben sind

Es gibt auch eine 1978 von italienischen,  französischen deutschen  Nachkommen von Waldensern angebrachte Tafel mit dem Wappen der Waldenser:  Der leuchtenden, auf einer Bibel stehenden Kerze, umrahmt von 7 Sternen und der aus dem Johannes-Evangelium übernommenen Umschrift „Lux lucet in tenebris“ (Licht leuchtet in der Finsternis).  Die sieben Sterne beziehen sich auf die Offenbarung des Johannes und bezeichnen die Gemeinden, die seit der Zeit der Apostel dem Evangelium trotz aller Verfolgungen treu geblieben sind: Durch die Treue der waldensischen Gemeinden leuchtet das Licht des Evangeliums in der Finsternis.[12] 

Die großmütige Aufforderung an die Vorbeikommenden: Verzeihe und vergesse nicht!

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Praktische Information: Öffnungszeiten des Museums La Muse: Donnerstags 9.45 bis 12 Uhr, samstags 9.30 bis 12 h, im Winter 14.30-17.30 Uhr

Lourmarin

Auch an anderen Orten des Luberon wird an die Waldenser und das Massaker von 1545 erinnert: So an den in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wieder errichteten  temples vaudois, den Waldenser-Kirchen — wie beispielsweise in Lourmarin.

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Hier ein Bild des teilweise von waldensischen Arbeitskräften errichteten Schlosses und des im 19. Jahrhundert wieder neu errichteten temple protestant. (14)

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Auf einer Informationstafel am Eingang der Kirche werden wesentliche Etappen der Waldenser von Lourmarin skizziert.

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Cabrières d’Aigues. 

Auch in Cabrières d’Aigues gibt es einen temple protestant.

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Dort ist an der Seitenwand der Kirche zusätzlich eine Tafel angebracht mit dem Wappen der Waldenser, der Aufschrift „Nach der Finsternis das Licht“ und drei Daten: Der 10. März steht für die Ansiedlung von Waldensern aus den cottischen Alpen in dem Ort und der 16. April 1545 für das Massacre de Mérindol, von dem auch Cabrières d’Aigues betroffen war. Am 29. April 1995, 500 Jahre nach der Ansiedlung der ersten Waldenser, wurde die Tafel angebracht.

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Der Steinblock daneben besteht aus zwei Teilen: einem Sockel aus einem Felsblock des Luberon, auf dem ein Basaltblock aus den cottischen Alpen ruht: So ist doppelte Heimat der Waldenser des Ortes bezeichnet.

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Bewegt man sich im Luberon auf den Spuren der Waldenser, ist das Weingut Domaine des Vaudois in Cabrières d’Aigues ein besonderer Anziehungspunkt.

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Es gehört der Familie Aurouze. Claude Aurouze ist sehr engagiert in der Association d’études vaudoises et historique du Luberon und gehört zum Redaktionskomittee der von der Gesellschaft herausgegebenen Zeitschrift La Valmasque.  Er hat ein phänomenales Wissen über die Waldenser -nicht nur des Luberon- und es ist ein Genuss, ihm zuzuhören und seinen schönen Wein zu trinken.

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Praktische Information:

Domaine des Vaudois,  Rue du Temple (unterhalb der Kirche) , 84240 Cabrières-d’Aigues. Telefon 0033 (0)4 90 77 60 87

 

Öffnungszeiten unter: http://www.vinchaisnous.fr/producteurs/domaine-des-vaudois/luberon/provence-4713238-1.html
DSC01933 Domaine des Vaudois

Das Fort de Buoux

An die Verfolgung der Waldenser erinnert auch die Festung von Buoux mitten im Luberon: Dorthin flüchteten nämlich Waldenser, die dem Massaker von 1545 entkommen konnten. Es  ist -im wörtlichen Sinne- der Höhepunkt einer Rundfahrt durch den Luberon auf den Spuren der Waldenser. (14a)

853592_1 Luftbild Buoux

Das Fort liegt auf einem Bergrücken nahe der wichtigen Nord-Süd-Verbindung durch den Luberon, die so aus sicherer Höhe kontrolliert werden konnte. Das Fort auch nur zu erreichen ist schon ein kleines Abenteuer: eine kurvige enge Seitenstraße zum kleinen Parkplatz,  ein Fußweg zum Kassenhäuschen und dann der Aufstieg.

Das Fort erstreckt sich über einen langen Bergrücken und besteht aus insgesamt drei Befestigungsanlagen, die auch einem ganzen Dorf mit Kirche Schutz boten.
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Überall sieht man die Spuren von Zisternen: Es war also dafür gesorgt, dass das Fort und seine Bewohner auch einer längeren Belagerung standhalten konnten.

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In den Fels gehauene Hohlräume dienten für die Aufbewahrung von Getreide.

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Von höchsten Punkt des Forts hat man einen wunderbaren Rundblick – bis hin zum schneebedeckten Mont Ventoux.

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Abenteuerlich ist dann der sehr empfehlenswerte Abstieg durch eine steile, etwas abgelegene und in den Fels gehauene „versteckte“ Treppe. Da versteht man gut, dass die Waldenser, die hier Zuflucht suchten, in Sicherheit waren.

Ludwig XIV. gab dann den Befehl, das Fort zu zerstören. Die Forts, die das Frankreich dieser Zeit jetzt für notwendig hielt, baute Vauban an den Grenzen des Reichs. Das Fort de Buoux  dagegen hatte seine militärische Bedeutung verloren. Als Sitz einer mächtigen Adelsfamilie passte es außerdem nicht mehr in das zentralistisch-absolutistische Frankreich des „Sonnenkönigs“. Und für religiöse Freiheit oder gar Schutzorte für Glaubensflüchtlinge war da sowieso kein Platz.

Praktische Information:    Öffnungszeiten 10 – 17 h. Dienstags geschlossen, ebenso bei Regen, Schnee oder starkem Wind. Sicherheitshalber Anruf unter 00 33 (0)4.90.74.25.75

Lit. : Pierre Pressemesse: Le Fort de Buoux.  Hrsg. von der Association des Amis du Fort de Buoux. 1997.  Die Broschüre ist am Eingang des Forts erhältlich.

 

Cabrières d’Avignon

Ein besonders geschichtsträchtiger und für die Waldenser im Luberon bedeutsamer Ort ist auch Cabrières d’Avignon.

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Abbildung von Cabrières d’Avignon Ende des 16. Jahrhunderts 

Dort lebte Eustache Marron, ein Held des waldensischen Widerstands. (15) 1532 erregte er schon Aufsehen:  Damals waren waldensische Mädchen von päpstlichen Truppen entführt worden, um sie dem Einfluss ihrer „häretischen“ Gemeinschaft zu entziehen.  Als  die Väter einen Befreiungsversuch unternahmen, wurden auch sie gefangen genommen. Die Befreiung  gelang dann Eustache Marron, der -anders als die Mehrheit der Waldenser- auch vor der Anwendung von Gewalt nicht zurückschreckte, wenn es um den Schutz seiner Glaubensgenossen ging. 1545  verschanzte er sich mit 300 anderen Waldensern im burgähnlich befestigten Schloss von Cabrières.

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Das wird von den königlichen und päpstlichen  Truppen belagert und beschossen. Nach heftigen Kämpfen und großen Verlusten auf beiden Seiten gewährt man den Eingeschlossenen freien Abzug, um nach Deutschland zu gelangen. Der Bischof von Cavaillon verbürgt sich dafür. Dessen  ungeachtet werden aber alle beim Verlassen des Schlosses umgebracht, mit Ausnahme von Eustache Marron und dem Pfarrer Guillaume Serre, die in Avignon als Strafe und  zur Abschreckung auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden. Die Frauen werden in einer Scheune zusammengetrieben und dort verbrannt. Die, die sich in die  Kirche geflüchtet hatten, werden von Glockenturm gestürzt. Eine wenige überlebende Frauen und Kinder verkaufen die „rechtgläubigen“ Sieger in L’Isle-sur-la-Sorgue als Sklaven. (16)

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An die Zerstörung von Cabrières erinnert vor dem Eingang zum Schloss dieses Relief mit dem Waldenser- Wappen. (17). Auf der Tafel darunter kann man lesen, dass sich am 19. und 20. April 1545 hier königliche Truppen und Söldner des Papstes unter dem Befehl von Meynier d’Oppède versammelten, um die unter  Führung des Eustache Marron in der Burg verschanzten Waldenser zu vernichten.

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An den aus Cabrières stammenden Eustache Marron erinnert auch ein nach ihm benannter Weg. Die Ausbuchtung neben dem Schild war übrigens nicht, wie wir dachten, als Sitzbank gedacht, um in Ruhe an das Schicksal der Waldenser zu denken. Es war, wie uns der Besitzer des Hauses nebenan erklärte, vielmehr eine Hilfe für die dort früher wohnenden Bediensteten der Burgherren, ihre Pferde zu besteigen.

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Nach der Aufhebung des Edikts von Nantes mussten die noch im Luberon verbliebenen oder dorthin zwischenzeitlich zurückgekehrten Waldenser/Hugenotten erneut fliehen. Viele von ihnen fanden in Südafrika eine neue Heimat und machten sich dort verdient in der Entwicklung des Weinbaus. 90% des heute in Südafrika produzierten Weins stammt aus den ehemaligen hugenottischen Ansiedlungen! [18]

Aber auch diejenigen, die in Württemberg aufgenommen wurden,  konnten dort den im Luberon praktizierten Anbau von Wein fortzusetzen.

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Rückzug in die Cottischen Alpen, weitere Verfolgungen und Vertreibungen

Trotz der Verfolgungen verbreitete sich die Bewegung der Waldenser während des gesamten Mittelalters.  Im 13. Jahrhundert war ihr Schwerpunkt die Lombardei, aber es gab waldensische Gemeinden auch in Österreich, in der Schweiz, in Deutschland und in Spanien. Größere Waldenser-Gemeinschaften entwickelten sich in den zwischen Frankreich und Italien gelegenen unzugänglichen Gebirgstälern der Cottischen Alpen, wo die Waldenser vor allem nach ihrem Anschluss an die calvinistische Reform relativ ungestört als einfache Bergbauern ihr Leben fristen und  ihrem Glauben leben konnten. (19)

image Karte Waldenser Savoyen Piemont

Der Siedlungsraum der Waldenser im damals französischen Pragelas und in den piemontesischen Waldensertälern. Die in Dornholzhausen angesidelten Waldenser stammten aus Meano im Chisonetal. 

Die Cottischen Alpen sind „bis heute das Hauptsiedlungsgebiet der Waldenser“.  Gut jeder zweite Einwohner der piemontesischen Waldensertäler gehört der evangelischen Kirche Italiens an, fast ein Drittel aller italienischer Waldenser leben hier. Spiritueller Mittelpunkt ist Torre Pellice mit einer mittelalterlichen Altstadt und dem Waldensermuseum. In der „Casa Valdese“ gibt es die „Aula Sinodale“, in der einmal im Jahr die Synode der waldensischen Kirche stattfindet. [20]

0_1367056180 Casa Valdese

Doch auch in den entlegenen Seitentälern der Cottischen Alpen waren die Waldenser nicht vor Verfolgung sicher, denn der lange Arm des französischen  Absolutismus reichte auch nach Piemont. Seit den 1640-er Jahren nahm der Druck auf die Waldenser zu. 1655 wurden Truppen in ihre Täler verlegt, die 1655 ein Blutbad unter der  Bevölkerung anrichteten. Dieses Massaker wurde bekannt unter dem Namen „Pâques piémontaises“. Zeuge des Massakers war der  Wanderprediger Jean Leger, der in die Niederlande fliehen konnte. Er schrieb eine Geschichte der evangelischen Kirchen von Piemont, deren Kernstück eine auf eigener Anschauung und Augenzeugenberichten beruhende drastische Darstellung schlimmster Exzesse ist. Die jeweiligen Berichte sind mit kleinformatigen Radierungen illustriert.

So liest man beispielsweise unter dem zehnten Bild:

Jean André Michelin de la Tour entkam auf wundersame Weise den Händen der Henker, nachdem er mit eigenen Augen gesehen hatte, wie in seiner Gegenwart drei seiner kleinen Kinder auf die Weise zerstückelt wurden, wie diese Darstellung es zeigt.‘“

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Die zugehörige Illustration zeigt die Hinrichtung dreier Kinder auf je  unterschiedliche Weise und jeweils im Moment unmittelbar vor der Gewalteinwirkung: Links  halten zwei Soldaten ein Kind gemeinsam kopfüber, jeder an einem Fuß, während beide mit der freien  rechten Hand zum Schlag mit dem Schwert ansetzen, um das Kind in zwei Stücke zu teilen. Dasselbe Resultat versuchen zwei Soldaten in der Mitte ganz ohne Schwert, nur durch den Einsatz ihrer Körperkraft, zu erreichen. Ein einzelner Soldat schwingt schließlich rechts ein Kind an den Füßen, um es im nächsten Augenblick vor den Augen seiner Mutter zu zerschmettern.“[21] 

Die Empörung vor allem in den reformierten Niederlanden und im England Cromwells schlug hohe Wellen. Der Dichter John Milton schrieb ein Sonett „On the Late Massacre in Piedmont, dessen erste Strophe so lautet:

Avenge, O Lord, thy slaughtered saints, whose bones
Lie scattered on the Alpine mountains cold,
Even them who kept thy truth so pure of old,
When all our fathers worshiped stocks and stones
….[22]

Das Gedicht  wurde weit verbreitet und sehr berühmt, und es hat sicherlich dazu beigetragen, dass England später die aus den Cottischen Alpen vertriebenen Waldenser mit finanziellen Zuwendungen (Pensionen und Kollekten) unterstützte. Nach dem Widerruf des Toleranzedikts von Nantes durch das Revokationsedikt Ludwigs XIV. von Fontainebleau 1685 kam es zu einer ersten Auswanderungswelle von Waldensern aus den französischen Besitzungen in Piemont. Im Sinne der absolutistischen Maxime des „Sonnenkönigs“ „un roi, une foi, une loi“ (ein König, ein Glaube, ein Gesetz) war für Hugenotten wie Waldenser kein Raum mehr in seinem Königreich. Der damalige Herzog von Savoyen, ein Neffe Ludwigs XIV., folgte der Politik seines Onkels, verbannte die waldensischen Pfarrer, verbot die Gottesdienste und ordnete die katholische Zwangstaufe für Kinder an. Der Widerstand der Waldenser wurde blutig niedergeschlagen, viele konnten aber in die Schweiz emigrieren. 1689 nutzten aber die Waldenser eine für sie günstige militärische Schwäche des Herzogs von Savoyen zur sogenannten  „Glorreichen Rückkehr“ aus der Schweiz in ihre angestammten Täler,   eine Episode, die in der waldensischen Historiographie eine wichtige Rolle spielt: Hier sind sie eben nicht die ewigen Opfer und Leidenden, sondern sie nehmen ihr Schicksal erfolgreich – und zwar auch mit  eigentlich verabscheuten militärischen Mitteln-  in die Hand.  Allerdings wendete sich das Blatt nach dem Ende des Pfälzischen Erbfolgekrieges und dem Frieden von Rijswijk 1697 erneut: Dort konnte Ludwig XIV. durchsetzen, dass alle in Frankreich geborenen, in den Cottischen Alpen ansässigen Waldenser  das Land verlassen mussten, wenn sie nicht ihrem Glauben abschwörten.  So wurde fast ein  Drittel der zu dieser Zeit in den Waldensertälern lebenden Menschen ausgewiesen.[23]

Einige von ihnen fanden schließlich in dem zu Hessen-Homburg gehörenden Dornholzhausen Zuflucht. Dazu mehr im zweiten Teil dieses Beitrags.

Fortsetzung: 

Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte. Teil 2: Die Waldenser in Hessen-Homburg  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10501  (Dezember 2018)

 

 

Anmerkungen

(1) siehe: L’installation des Vaudois dans le Luberon, une empreinte durable. In: Les Vaudois entre Migration et intégration, S. 19

[2] Martin Schneider, Deutsche Waldenser im Mittelalter. In: Dreihundert Jahre Waldenser in Deutschland, S. 21

[2] Bild aus https://www.heiligenlexikon.de/BiographienP/Petrus_Waldus_Valdes.html  Es handelt sich um einen Gipsabguss der Sitzfigur von Ernst Rietschel 1868 vom Wormser Reformationsdenkmal aus der Skulpturensammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Der Vorname Petrus beruht übrigens auf einer Legende des 14. Jahrhunderts zurück, die versuchte, die Anfänge der Waldenser auf die Zeit der Apostel zu verlegen. (a.a.O.)

[3] http://www.fep.asso.fr/membre/entraide-pierre-valdo-centre-provisoire-d-hebergement/ http://www.fep.asso.fr

http://www.fep.asso.fr/vie-federative/vie-de-la-federation/la-plateforme-protestante-pour-laccueil-de-refugies/

[4] http://www.gadagne.musees.lyon.fr/index.php/histoire_fr/Histoire/Pied-de-page/Contact

(5) Eine Übersicht über die Aufnahme von Waldensern in Ortschaften des Luberon siehe:  http://www.tertian.info/vaudois/index.htm

Die nachfolgende Abbildung aus: Audisio, Procès-Verbal d’un Massacre, S. 29

[6]  Molnar, S. 337/338

[7] Giorgio Tourn, Geschichte der Waldenser-Kirche. Die einzigartige Geschichte einer Volkskirche von 1170 bis zur Gegenwart. Erlangen 1983, S. 102/103

(8) Mérindol, „la ville sainte“ der Waldenser: siehe Miquel, Guerres de réligion, S. 121

(9) Die nachfolgende Abbildung von Gustave Doré aus wikimedia

(9a) Text aus einer Informationstafel des Waldensermuseums La Muse in Méridol. (freie Übersetzung von W.J.)

(10) zit. bei Miquel, Guerres de réligion, S. 134

[11) https://www.provenceweb.fr/f/vaucluse/merindol/merindol.htm

http://www.lepoint.fr/voyages/le-massacre-des-vaudois-de-merindol-12-08-2010-1224523_44.php

https://www.museeprotestant.org/notice/histoire-des-vaudois/

https://fr.wikipedia.org/wiki/Massacre_de_M%C3%A9rindol

https://fr.wikipedia.org/wiki/Vaudois_du_Luberon

Luftbild der Ruine der Burg/des Mahnmals:

http://www.luberoncoeurdeprovence.com/decouvrir/circuits-thematiques/la-route-des-vaudois-en-luberon

[12] http://ieg-ego.eu/de/mediainfo/das-wappen-der-waldenser

[13]  https://www.provence-tourismus.de/kulturerbe/luberon/musee-de–la-muse—centre-devocation-de-lhistoire-vaudoise-/provence-2998208-1.html

Öffnungszeiten Donnerstag ganztägig, Samstag vormittags. Kontakt. Telefon:  04 90 72 91 64

[14]  siehe: https://www.luberoncotesud.com/les-temples-du-luberon-adhesion-des-vaudois-a-la-reforme.html
https://www.luberoncotesud.com/les-sites-vaudois-a-proximite-du-luberon.html

(14a) Luftbild aus: https://www.provence-tourismus.de/kulturerbe/luberon/le-fort-de-buoux/provence-853592-1.html

(15) https://fr.wikipedia.org/wiki/Eustache_Marron

siehe dazu auch den Roman von Christrose Rilk, Die Gerechten des Luberon

Die Abbildung von Cabrières aus: Gabriel Audisio, Procès-verbal d’un massacre, S. 31

(16) Miquel, S. 130/131

(17)  Zum Wappen der Waldenser siehe auch den zweiten Teil dieses Beitrags.

[18]  https://fr.wikipedia.org/wiki/Huguenots_d%27Afrique_du_Sud

https://www.museeprotestant.org/de/notice/die-hugenotten-in-sudafrika/  

[19] https://www.museeprotestant.org/notice/histoire-des-vaudois/

Karte aus: https://www.geschichtskreis-dornholzhausen.de/geschichte-1/die-flucht-der-glaubensfl%C3%BCchtlinge-nach-dornholzhausen/

[20] https://protestinfo.ch/20011017877/877-les-vaudois-du-piemont-des-protestants-italiens-entre-histoire-et-foi.htm

Hudry-Menos, L’Israël des Alpes ou les Vaudois du Piemont. In: Revue des Deux Mondes, 72, 1967. Zugänglich durch:

https://fr.wikisource.org/wiki/L%E2%80%99Isra%C3%ABl_des_Alpes_ou_les_Vaudois_du_Pi%C3%A9mont/01

Bei den Waldensern im Piemont. In: Heft 8 (2011) des Geschichtskreises Dornholzhausen, S. 13

Siehe auch: Daniele Tron, Die Waldenser im Chisonetal vom 13. bis zum 18. Jahrhundert. In: Dreihundert Jahre Waldenser in Deutschland, S. 33ff

Waldensermuseum im Centro Culturale: http://www.fondazionevaldese.org/museo-fondazione-valdese.php

Zimmer im waldensischen Gästehaus:  http://www.foresteriatorre.org/de/zimmer-inmitten-der-natur-torre-pellice/#/

Bild der Casa Valdese aus: http://www.gedenkorte-europa.eu/content/list/482/

[21] Zit. von Christine Vogel, „Piemontesische Ostern“. Mediale Inszenierungen des Waldenser-Massakers von 1655. Aus: Dies.:  (Hrsg), Bilder des Schreckens: Die mediale Inszenierung des Schreckens seit dem 16. Jahrhundert. Campus-Verlag 2006, S. 81/82

Dort auch Abdruck des Bildes (Anonyme titellose Radierung)

[22]  https://en.wikipedia.org/wiki/On_the_Late_Massacre_in_Piedmont

„Räche, o Gott, deine erschlagenen Heiligen! Ihre Gebeine liegen in der Einsamkeit der eisigen Alpen, Nur weil sie Wächter deiner Wahrheit waren, Als unsere Vorväter noch die Steine anbeteten.“ Zit. von Tourn, S.142

[23]  Zur „Glorreichen Rückkehr“ siehe: http://www.lestradedeivaldesi.it/de/der-glorreichen-r%C3%BCckkehr.html   Der Begriff „glorreiche Rückkehr“ spielt an auf die englische „Glorreiche Revolution“.

Zur Vertreibung der Waldenser aus dem Piemont siehe:  Christopher Storrs, Der politische Kontext der Vertreibung der französischen Protestanten aus dem Piemont (1698). In: Albert de Lange und Gerhard Schwinge (Hrsg): Pieter Valkenier und das Schicksal der Waldenser um 1700. Waldenserstudien Bd 2  2009, S. 13ff

 

Verwendete/weiterführende Literatur:

Gabriel Audisio,   Guide historique du Luberon vaudois, Éditions du Parc naturel régional du Luberon. 2002 

Gabriel Audisio, Les Vaudois du Luberon. Une minorité en Provence (1460-1560). Mérindol 1984. Rezension: https://www.persee.fr/doc/rhr_0035-1423_1986_num_203_3_2626

Gabriel Audisio, Procès-Verbal d’un Massacre. Les vaudois du Luberon (April 1545). Aix-en-Provence 1992

Gabriel Audisio, Les ‚vaudois‘. Naissance, vie et mort d’une dissidence (XIIe-XVIe siècles). Turin 1989

Le Goff, Jacques (éd.), Hérésies et sociétés dans l’Europe préindustrielle, XIe – XVIIIe siècle, Mouton, Paris-La Haye 1968

Albert de Lange, Die Waldenser.  Geschichte einer europäischen Glaubensbewegung in Bildern. (viersprachige Ausgabe in Deutsch, Italienisch, Französisch und Englisch). Karlsruhe 2000

Pierre Miquel, Les Guerres de Réligion. Paris 1980. Darin vor allem das Kapitel: Le massacre de Mérindol, S. 119-135

Molnár, Amadeo, Die Waldenser. Geschichte und europäisches Ausmaß einer Ketzerbewegnung. Göttingen 1980

Christrose Rilk, Die Gerechten des Luberon. Historischer Roman. Gießen 2005

Christopher Storrs, Der politische Kontext der Vertreibung der französischen Protestanten aus dem Piemont (1698). In: Albert de Lange und Gerhard Schwinge (Hrsg): Pieter Valkenier und das Schicksal der Waldenser um 1700. Waldenserstudien Bd 2 2009, S. 13ff

Les Vaudois entre Migration et intégration. La Valmasque No 94. Mars-Avril 2014. (= Bulletin de l’Association d’études vaudoises & historiques du Luberon)

„Dadurch, dass ich zum Glück die Kinder habe, ist alles doppelt schwer.“ Anna Seghers im Pariser Exil 1933-1940

Anna Seghers, geboren am 19.11.1900  als  Netty Reiling, ist Einzelkind und stammt aus einer reichen jüdischen Familie in Mainz. Der Vater ist Kunsthändler und Netty promoviert 1924 über das Thema „Juden und Judentum im Werk Rembrandts“ in Heidelberg. Dort lernt sie Laszlo Radvanyi, ebenfalls Jahrgang 1900, einen ungarischen Soziologen und engagierten Kommunisten kennen. 1925 heiraten die beiden und ziehen nach Berlin. 1926 wird ihr Sohn Peter geboren. Erste Veröffentlichungen unter dem Pseudonym Anna Seghers – Hommage an den niederländischen Maler und Grafiker Hercules Seghers –  erscheinen. 1928 kommt Tochter Ruth zur Welt und Anna Seghers tritt der KPD bei. 1933 zwingt der Reichstagsbrand das Ehepaar Radvanyi zur Flucht. Sie gehen in die Schweiz, die Kinder bleiben vorerst bei den Großeltern in Mainz. Schließlich siedeln sie nach Paris über und holen die Kinder nach. Es folgen sieben relativ ruhige Jahre des Exils im Pariser Vorort Bellevue-Meudon. Die Kinder besuchen die Schule, Anna Seghers nimmt sich die notwendige Zeit zum Schreiben, indem sie in Pariser Cafés geht und dort arbeitet. „Das Siebte Kreuz“ entsteht. Eine Kinderfrau ist immer da und kümmert sich um den Haushalt und die Kinder. In dem schwierigen Leben des Exils so weit wie möglich Normalität zu etablieren, ist eines der Hauptziele von Anna Seghers. Schwer wird es erst, als ihr Mann 1940 mit Kriegseintritt als „feindlicher Deutscher“ interniert wird, sie mit den Kindern auf sich allein gestellt ist und die Wohnung verlassen muss, um Recherchen der Gestapo zu entgehen. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch mit den Kindern in die unbesetzte Zone nach Südfrankreich gelingt es ihr beim zweiten Versuch,  in die Nähe des Internierungslagers Vernet zu gelangen, um Kontakt zu Ehemann und Vater aufzunehmen und die Kinder wieder in der Schule anzumelden. Nach aufreibenden Verhandlungen – der begonnene Roman „Transit“ legt davon Zeugnis ab – gelingt es schließlich der vereinten Familie Radvanyi von Marseille aus Europa zu verlassen in Richtung Mexiko, das zweite Exil, ein zweiter völliger Neuanfang. Aber immer gehen die beiden Kinder zur Schule, so dass sie bei ihrer Rückkehr in Frankreich problemlos studieren können. Und nie hört Anna Seghers auf zu schreiben, was ihr das Durchhalten ermöglicht. Sie ist – darauf hat Christa Wolf verwiesen – Deutsche, Frau, Jüdin, Kommunistin, Schriftstellerin und Mutter  –  die größte denkbare Herausforderung in ihrer Zeit des Exils.

Im Folgenden sollen die Stationen von Anna Seghers im Pariser Exil aufgezeigt werden. Es sind Orte, die auch heute noch gut zugänglich sind : Bahnhof, Hotel, Wohnhaus, Café. Dazu werden entsprechende Bezüge aus ihrem Werk oder anderen  Quellen herangezogen und kommentiert. (1)

 

 I.   GARE DE L‘EST (Ostbahnhof)                                                    Ankunftsort deutscher Flüchtlinge in Paris

Auch heute noch kommen die meisten Besucher aus Deutschland mit dem ICE oder TGV im Pariser Ostbahnhof, Gare de L’Est,  an  – einem modern renovierten hochgeschwungenen Bahnhof aus dem 19.Jahrhundert –  ein architektonisch beeindruckender großzügiger Empfang.  All die Menschen,  die in den 30 er Jahren Nazi-Deutschland schweren Herzens und voller Zukunftssorgen verlassen mussten, um im freien Frankreich Asyl zu suchen, werden das sicherlich kaum bemerkt haben.

DSC02367 Gare de l'Est (2)

Als Anna Seghers mit ihrer Familie hier ankam, hatte sie die beiden Kinder Pierre und Ruth in Straßburg abgeholt, dort waren sie von der Großmutter übergeben worden. In der ersten Zeit des Exils in der Schweiz und die ersten Wochen in Paris hatte das Ehepaar die Kinder bei den Großeltern in Mainz gelassen. Und sie dann nachgeholt.

Anna Seghers schreibt zu dieser denkwürdigen Ankunft

„Die Frau, die die Grenze passiert hat, die eines Abends am Gare de l’Est ankommt, die ist hellwach, nicht bloß aus Gespanntheit, aus Erschöpfung – hellwach in ihr ist die Kraft, die vielleicht ihr Leben lang, vielleicht Jahrhunderte verschüttet war, weil niemand ihrer bedurfte. Jetzt ist sie wieder die Frau von Kriegszügen, von Verbannungen, von Völkerwanderungen. Sie wird vor den ungewöhnlichsten Augenblick gestellt, auf dass sie ihn zwinge, die Züge gewöhnlichen Lebens anzunehmen, damit man ihn ertragen kann. Auf dem fremden, wilden Bahnhof, im Geknatter der fremden Sprache, hält sie Gepäck und Kinder zusammen. Misstrauisch mustert sie das Zimmer, von dem der Mann behauptet, es sei provisorisch. Sie reißt das Fenster auf. Sie hat Nähzeug zur Hand und näht rasch einen Knopf fest. Sie beschnuppert das Bettzeug. Der Mann schimpft wohl über all das Gehabe, doch ist er plötzlich erleichtert. Der furchtbarste Augenblick des gemeinsamen Lebens wird dadurch gezähmt und gebändigt. Geht diese Kraft der Frau ab, dann ist es schwerer für die Familie…“(A.S. 1986 130/31)

Der französische Bahnhof wird als „fremd“ und “wild“ wahrgenommen, vom „Geknatter der fremden Sprache“ ist die Rede. Später von „misstrauisch“ und dem Zweifel, ob die Unterkunft wirklich „provisorisch“ bleibe. Beschreibung eines sehr schwieriger Transit-Moments vom Bekannten ins Ungewisse, von der Heimat in die Fremde. Aber die Familie ist ab jetzt vereint.

In die konkrete  Darstellung der  beklemmenden Situation im Hotelzimmer mischen sich geradezu philosophische Überlegungen der Autorin zur Rolle der Frau/Mutter im Exil. Seghers beschwört in diesem Zusammenhang die sehr einfache, aber im Kontext fast magische Fähigkeit von Frauen, durch kleine notwendige Alltagsgesten den schweren Bann des Schicksals zu relativieren und so erträglich  gestalten zu können. In der Tat : In einem völlig neuen Umfeld ist es eben sehr beruhigend zu erleben, wie vertraute Tätigkeiten selbstverständlich weiter verrichtet werden (z.B. Knopfannähen). Diese Kontinuität schafft Vertrauen und Zuversicht. Diese Aufgabe – damals als rein frauenspezifisch angesehen – wird hier von Anna Seghers als entscheidend für das Gelingen von Exil-Leben, für Paare und vor allem für Familien, angesehen. Eine solche Heraushebung der Alltagsleistung von Ehefrauen und Müttern für die Lebensqualität im Exil erstaunt und sticht hervor in einer Zeit, in der die Haus- und Erziehungsarbeit der Frauen deutlich weniger beachtet und geschätzt wird als die bezahlte Erwerbsarbeit von Männern. In ihrem Aufsatz „Frauen und Kinder in der Emigration“ (1986) betont die Autorin immer wieder die Herausforderung aus dem „ungewöhnlichen Leben“ im Exil ein möglichst weitgehend „normales“ zu gestalten. Dieser Anforderung hat sie sich selbst als Mutter in Frankreich und später in Mexiko immer wieder gestellt, indem sie konsequent ihre Kinder in die Schule schickte und diese somit eine lückenlose französische Schulausbildung erhielten, die ihnen nach dem Krieg ein Studium in Frankreich ermöglichte. Über die Kinder in der Schule blieb sie auch immer mit einer sehr wichtigen Einrichtung des Gastlandes in Kontakt, also eine Art wichtiger Integration. Die Doppelbelastung von Familie und schriftstellerische Tätigkeit war zu meistern, da „Rodi“, ihr Mann, sich wenig um die Kindererziehung kümmerte. Dafür gab es die Hilfe von Hausmädchen, die wichtige Bezugspersonen für die Kinder wurden. „Dadurch, dass ich zum Glück Kinder habe, wird alles doppelt schwer“ (A.S. 1986,30) fasst sie ihre Situation in einem wunderbaren Satz zusammen, der die ganze Ambivalenz ausdrückt. Die Kinder sind zwar eine zusätzliche Last, aber auch ein lebenswichtige positive Verbindung zur Realität im Exil. Ist nicht der verzweifelte Schriftsteller Weigel in „Transit“, der sich das Leben nimmt, als in Paris die deutschen Truppen einmarschieren, das Gegenbeispiel zu ihrer Auffassung, wie wichtig die Normalität, Alltäglichkeit  ist um nicht den Mut zu verlieren? Anna Seghers hat immer wieder betont, dass Exil nicht nur Verlust sei, sondern auch große Chancen berge. „Viele zur Emigration gezwungene Menschen glauben am ersten Tag, alles verloren zu haben. Später haben sie dann gelernt, dass sie vieles gefunden und vieles gewonnen haben, wovon sie früher nicht einmal wussten, dass es das gab.“(A.S. 1986, 129) Dies gilt in gewisser Weise besonders für Frauen, die leichter als ihre Männer in einem fremden Land etwas Geld verdienen können, da sich diese meist an ihren Beruf gebunden fühlen. Diese neue Rolle, entscheidend zum Lebensunterhalt beitragen zu können oder  zu müssen,  verändert den Status der Frau in der Beziehung zu ihrem Partner und im Sozialgefüge der Exilierten insgesamt. Das Gleiche galt unter anderen Vorzeichen auch für die meisten Frauen und Mütter nach Kriegsende. Gewiss bedeutete das mehr Selbstbewusstsein, aber noch keine Emanzipation. Frauen bleiben allein für die Kinder zuständig, ein Prinzip, das nicht in Frage gestellt wird, auch wenn die Mutter eine bekannte Schriftstellerin ist, deren Tätigkeit das Überleben der Familie sichert wie im Fall von Anna Seghers. Sie sei überstrapaziert, so erklärt sie einmal in einem Brief an Bredel. Nicht nur wegen der Fertigstellung ihres Buches und kurzer Krankheit, sondern auch durch Aufgaben für Haushalt und Familie. Daher bat sie ihn einmal <inoffiziell und freundschaftlich< zu bedenken : Du bekommst, weil du ein berühmter Mann bist, auch deine Knöpfe von weiblichen Personen angenäht… Solche Äußerungen, in denen Anna Seghers ihr Frau-Sein thematisiert, sind selten. Es war ihr unangenehm sich schwach zu zeigen oder sich über ihre Rolle als Frau zu beklagen. (A.S. Briefwechsel 1933-45, S. 283)

Aber genau deshalb betont sie immer wieder den wichtigen Beitrag der Frau zum Gelingen eines Lebens im Exil . „Für Mann und Frau kann das Fortgehen die Neuaufrichtung der Ehe bedeuten oder ihre Auflösung. Mag die Frau in den meisten Fällen< dem Mann folgen< – hinter dem Einfachen verbirgt sich wie immer eine stille, beträchtliche Leistung.“ (A.S. 1986, S.129) und ganz konkret: „Wenn es nun wirklich fortgeht, dann überwiegt in diesem Umzug aus höchster Verantwortung  und Entscheidung auf eigentümliche Weise das technische, das Umzugsmäßige. Ob ein Möbelwagen gepackt werden soll oder ein Rucksack, ob ein paar Banknoten eingenäht werden müssen oder Butterbrote geschmiert…“ (A.S. 1986,S-130) Damit ist die wichtige Transformationsleistung der Frauen und Mütter gemeint,  gefährliches angespanntes Leben in gewöhnliches, alltägliches zu verwandeln, hin zu einem Leben ohne Angst. Das ist schon eine Art Philosophie des Pragmatismus.

 

 II.   51, rue Gay Lussac <Hôtel de l’Avenir>                                  Anlaufstelle von Exilanten im Quartier Latin

Bekannt wurde die Straße Gay Lussac 1968 durch die Studentenunruhen und Polizeieinsätze. 1933 war das Hotel in der Nr. 51 oft eine erste Unterkunft für die Schutzsuchenden. Heute gibt es dort immer noch ein Hotel, jedoch mit dem Eingang bei der Nummer 53 und dem neuen Namen Hotel André Latin.

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Der damalige Hoteleingang

Pierre Radvanyi, der Sohn von Anna Seghers erinnert sich: „Mit meiner Mutter fuhren wir im Zug nach Paris zu unserem Vater in ein kleines Hotel in der Rue Gay Lussac, nahe beim Jardin du Luxembourg. Man konnte von dort aus die Spitze des Eiffelturms sehen.“ (P.R. 2005, S.19)

III.   26, avenue du 11 novembre 1918   –                                          eine schöne Bleibe in Bellevue-Meudon

Nach einem gemeinsamen Sommerurlaub in Equihen an der Nordseeküste im Departement Pas de Calais kehrte die Familie Radvanyi nicht mehr ins Hotel zurück,  sondern bezog die erste Etage eines Hauses in dem gut bürgerlichen Vorort Bellevue Meudon – leider bisher ohne Erinnerungsplakette.

DSC03074 Meudon April 2018 (2)

Anna Seghers hatte etwas Ähnliches wie in Berlin-Zehlendorf gesucht und gefunden, „in der frischen Luft, außerhalb der Großstadt“. Mit Hilfe ihrer Mainzer Eltern gelang es sogar,  Möbel und Bücher aus Zehlendorf nach Meudon zu expedieren. 7 Jahre eines (fast) normalen Familienlebens im Exil Paris beginnen. Das Kindermädchen Gaja- aus Deutschland nachgekommen- sorgt lange Jahre zuverlässig für Haushalt und Kinder und für leckere Kuchen am Sonntagnachmittag, wenn Gäste zu Besuch kommen.  Nach anfänglichen Problemen in der staatlichen Schule für Pierre, dem es als Ausländer schwer gemacht wird, löst ein Schulwechsel in eine private „Freie Schule“ das Problem. Im Rückblick schreibt  Sohn Pierre :  „Mit dem Vorortzug  hatten wir es gar nicht weit bis zum Bahnhof Paris-Montparnasse, zudem lag die Avenue du 11 novembre 1918 nahe am Wald von Meudon und lief am unteren Ende  auf eine kleine Terrasse zu, die einst zum Grundbesitz von Madame de Pompadour gehört hatte und von der man einen schönen Blick auf Paris werfen konnte. Von den ersten Monaten abgesehen, habe ich dort Jahre einer glücklichen Kindheit verlebt.“ (P.R.2005,S.20; das nachfolgende Foto aus Zehl Romero, Foto 26))

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Die Familie vor dem Haus in Bellevue

Pierre berichtet auch über viele Spaziergänge mit der Mutter, die diese häufig nutzte ihre dichterischen Eingebungen voranzutreiben. „Oft spazierten wir zur Terrasse unterhalb des Observatoriums von Meudon, von wo man einen herrlichen Blick auf Paris hatte…“(P.R., 2005,S. 26)

Sowohl die kleine Terrasse in Meudon-Bellevue, als auch die große in Meudon Val Fleury erlauben auch heute noch einen schönen Blick auf Paris und lohnende Spaziergänge – insbesondere die hoch gelegene grande terrasse  (mit Zugang zur Orangerie) beim Observatorium.

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  IV.    Cafés  –  Orte des Austauschs und des Arbeitens

„Wenn meine Mutter Ruhe zum Schreiben brauchte, flüchtete sie in ein Café. Zuweilen ging sie in ein Café in der Nähe unserer Post, aber lieber suchte sie die Cafés in Paris auf, vor allem am Boulevard St. Germain. Mit einem einzigen Milchkaffee hielt sie einen ganzen Vor-oder Nachmittag durch. Dass sie sich in allgemeinem Lärm und inmitten von vielen Leuten befand, störte sie gar nicht, im Gegenteil, das stellte für sie eine Art Schutzwand dar.“(P.R. 2005, S. 33)

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Das Café als öffentlicher Ort und Treffpunkt spielte für die Emigranten in Paris eine große Rolle. Hier konnte man sich zwanglos treffen, diskutieren und bei einer Tasse Kaffee stundenlang sitzen bleiben. Der Meinungs-und Informationsaustausch untereinander sowie mit französischen Kollegen stand im Vordergrund. Hermann Kesten beschreibt das so: „Im Exil wird das Café zu Haus und Heimat, Kirche und Parlament…zur Wiege der Illusion und zum Friedhof…zum einzigen kontinuierlichen Ort.“ (H.K.. 1959, S.12)

Hier ein Bild mit Anna Seghers vor einem Pariser Café. (http://www.anna-seghers.de/biographie_paris.php)

 

Bei Seghers war das Café allerdings weniger ein Ort des Gedankenaustauschs und hitziger politischer Debatten, sondern des Rückzugs auf konzentrierte schriftstellerische Arbeit. „Oftmals sah ich sie im Café de la Paix oder in einem kleinen Café am Montparnasse unter einer murmelnden Menschenmenge sitzen…Der Bleistift flog über das Papier, und das Manuskript wuchs“ erinnert sich Lore Wolf, die Frankfurter Freundin, die als verfolgte Kommunistin mit ihrer Tochter in Paris lebte und Anna Seghers das Manuskript von „Das 7. Kreuz“ abtippte (zit. bei Sternburg Anm. 151).  Interessant übrigens, dass die meisten der von den Emigranten damals frequentierten Lokalen im Montparnasse wie  „La Coupole“ oder „ Dôme“ heute zu den teuersten Konsum-Tempeln der Stadt gehören.

Das Café, ein Ort, wo man immer einfach hingehen, sich hinsetzen und schreiben kann: Eine geniale Lösung nicht nur für Anna Seghers, sondern auch heute noch für viele Menschen in Paris, die dort stundenlang über ihrem laptop  sitzen – internet inclusive. Cafés/Restaurants spielen auch in Seghers Roman „Transit“ eine wichtige Rolle. Immer wieder kehrt die Hauptfigur in dasselbe Lokal in Marseille zurück – eine Pizzeria mit wärmendem Feuer. Warum? Zum Warten, zum Essen, zum Weintrinken, zum Beobachten, um Leute zu treffen, vor allem aber um zu warten. Ein bekannter und gewohnter Ort, also ein wenig Zuflucht für die Heimatlosen, ein Stück Innehalten auf der drängenden Suche nach Rettung.

Anna Seghers war im Pariser Exil aber nicht nur als Mutter und Schriftstellerin  engagiert, sondern auch politisch: Wer wäre denn auch besser geeignet gewesen als die aus Deutschland geflohenen Schriftsteller, vor den Gefahren des Nationalsozialismus zu warnen und für eine breite Front des Widerstands  zu werben. Das  politische Engagement Anna Seghers`in der Zeit ihres Pariser Exils  soll aber an anderer Stelle  beispielhaft an ihrer Rede über die Vaterlandsliebe beim „Ersten Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur“ im Haus der  Mutualité  1935 verdeutlicht werden.   

 

 V.  „Six jours – six années“  –  „6 Tage –  6 Jahre“      

Diese Tagebuchblätter von Anna Seghers aus der Pariser Zeit wurden ursprünglich 1938  in französischer  Sprache in der Monatszeitschrift „Europe“ veröffentlicht und sind nur in deutscher Fassung zugänglich (ndl, 9.Sept. 1984). Die Idee : pro Jahr ihres Aufenthaltes Ereignisse von einem Juni-Tag in der Sprache des Gastlandes zu präsentieren. Im Vordergrund stehen dabei deutsch-französische Erfahrungen.

Im Tagebuchblatt aus dem  Juni 1933 erinnert sie sich : „Wir haben die Kinder von der Grenze abgeholt. Wie Verrückte haben sie sich in unsere Arme geworfen, dort verharrten sie dann unbeweglich. Völlige, unendliche Sicherheit bei diesen unsteten Wesen, ihren Eltern, die doch selbst zu den Obdachlosesten dieser Welt zählten, selbst von allen Stürmen hin- und hergeworfen wurden.“    Und sie fährt fort mit dieser rührende Beschreibung des Kontakts mit den Kindern, die  gerade aus dem geliebten unerreichbaren Deutschland gekommen waren: „Das mehrfarbige karierte Kleid der Kleinen, der Geruch ihres Haares machten mich verrückt vor Heimweh….als wir die Hosentaschen des Kleinen leeren : ein paar getrocknete Grashalme, ein Pfennig, eine Fahrkarte, ein Tannenzapfen: ein halbes Deutschland.“ (A.S., 1984 S.5)

Erst später wird Anna Seghers wissen, dass sie bei dieser Übergabe der Kinder in Straßburg ihre Mutter das letzte Mal gesehen hat. In Paris angekommen fährt die nun endlich vereinte Familie Radvanyi nach Equilieu (Pas de Calais) in  Sommerurlaub. „Unsere Wirtin, Witwe eines Schriftstellers, bereitet uns die Suppe. Sie nennt mich „meine Tochter“. Das ist wahrscheinlich nur so ein Ausdruck, aber es tut mir gut. In dieser Frau, und nicht durch irgendein Komitee, begrüßt uns Frankreich.“(A.S., 1984, S.7)  Bei ihr lernen die beiden Kinder erstes Französisch.                                                

Juni 1934 hält sie  fest :“Als ich abends nach Hause komme, höre ich, wie die Kinder sich in einem groben und doch schon geläufigen Französisch zanken….In unseren Augen spielen die Kinder “Franzosen“, wie sie Indianer spielen. Wie man sich als Indianer mit Federn putzt, zieht die Kleine weiße Strümpfe an, um die „französischen Kinder“ am Sonntag zu spielen.“  Und weiter als erzieherische politische Korrektur: „Wir zeigen ihnen Broschüren für Deutschland, die man mit der Lupe liest. Vor allem, die Einheit bewahren! Vor allem niemals die Vergangenheit verraten! Vor allem, niemals die Kontinuität einbüßen!“ (A.S.,1984, S.7)

Juni 1935 bemerkt sie im Kontext des internationalen Schriftstellerkongresses über die französischen Kollegen:“Was uns am meisten erregt, die wundervolle Tradition des revolutionären Denkens, seine kontinuierliche, logische, fast organische Entwicklung…“    (A.S., 1984, S.7)

Juni 1936 zitiert sie ihren Sohn. „Später im Bett, erklärt uns der Kleine, warum er die französischen Gedichte den deutschen vorzieht : die deutsche Dichtung drückt zu oft reines Denken aus, die französischen dagegen Gefühle.“ (A.S.,1984,S.8)  Dieses Urteil hätte sicher ein französisches Kind mit gleichem Recht umgekehrt fällen können. Welche subtile Wahrnehmung kultureller Unterschiede!

 Juni 1937 erwähnt Anna Seghers vor allem das Zusammentreffen mit einem deutschen Widerstandskämpfer, der nach KZ-Haft und Flucht sich nun nach Spanien zum Kampf bei den Internationalen Brigaden aufmacht. Ihre große Hochachtung ist unverkennbar.

Juni 1938 geht sie der Frage nach, „wohin wir mit den Kindern im Kriegsfalle gehen würden. Meine ersten Bombenangriffe habe ich am Ufer des Rheins erlebt, die zweiten in Spanien, und die dritten auch. Aber hier in diesem Land haben meine Kinder Freunde und Sicherheit kennengelernt; sollten sie nicht, wenn es sein muss, auch Schmerz und Gefahren hier begreifen?“ (A.S., 1984, S.9)  Ganz ähnlich wird später auch der Erzähler von Transit argumentieren, als er sich entschließt, bei den Menschen in Südfrankreich zu bleiben, die ihn freundlich aufnehmen und mit ihnen zu erwartendes Leid teilen statt aus Europa vor den Nazis  ins Ungewisse zu fliehen. Anna Seghers hat dann doch die Ausreise nach Mexiko betrieben und so sich und ihrer Familie das Leben gerettet, was ihr im Fall ihrer Mutter jedoch nicht mehr gelang.

 

 VI. Die Stadt Paris im Werk von Anna Seghers                                                     

Der Roman „TRANSIT“, an dem Anna Seghers bereits  1940  in Marseilles zu schreiben anfing, spielt vor allem in dieser Stadt, Ausfallstor in die Welt auf der Flucht vor der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Der Erzähler ist nur zu Anfang kurz in Paris und beschreibt die Stadt nach der Besetzung so :

„Ich ging eines  Sonntags früh nach Paris hinein. Die Hakenkreuzfahne wehte wirklich auf dem Hôtel de Ville. Sie spielten wirklich vor Notre Dame den Hohen Friedberger Marsch. Ich wunderte mich und wunderte mich. Ich lief quer durch Paris. Und überall deutsche Autoparks, überall Hakenkreuze, mir war ganz hohl, ich fühlte schon gar kein Gefühl mehr. Ich grämte mich, dass all der Unfug aus meinem Volk gekommen war, das Unglück über andere Völker. Denn dass sie sprachen wie ich, dass sie pfiffen wie ich, daran war kein Zweifel. Als ich nach Clichy hinaufging, wo Binnets wohnten, meine alten Freunde, da fragte ich mich, ob Binnets wohl vernünftig genug seien, um zu begreifen, dass ich zwar ein Mensch dieses Volkes sei, doch immer noch ich. Ich fragte mich, ob sie mich ohne Papiere aufnehmen würden.                                                                                                                         

Sie nahmen mich auf.“ (A.S., 2018, S.13/14)

Die bewegende Erzählung „OBDACH“ von 1941 (A.S., Erzählungen, Da., 1973, S.199-206) spielt dagegen ganz in Paris. Es geht um den Jungen eines von der Gestapo in Paris verhafteten deutschen Widerstandskämpfers. Das Kind ist verzweifelt, denn es soll nach Deutschland zurück und dann in ein NS-Heim gebracht werden. Doch eine französische Bekannte nimmt ihn in ihre Familie auf trotz Widerstand ihres Mannes. Eine starke Frau, die vorbildlich handelt im Sinne von Seghers, der das Engagement der Helfer für politische Flüchtlinge unumgängliche moralische Verpflichtung galt  – trotz aller Risiken. Naheliegend, dass Anna Seghers bei dem Schicksal des deutschen Jungen auch an das potentielle Los ihrer eigenen Kinder gedacht hat, wenn sie entdeckt und verhaftet würde.

Den Erfolgs-Roman „DAS SIEBTE KREUZ“, den Anna Seghers in der Pariser Zeit verfasste, ist neben der klaren politischen Aussage eine Hommage an ihre rheinische Heimat, die sie mit so viel Liebe beschreibt, wie es nur aus der erzwungenen Trennung heraus möglich ist. Sieben KZ-Flüchtlinge fliehen aus dem KZ Westhofen (Vorbild Osthofen/ Nähe Worms), aber nur einem gelingt die Flucht. Denn er hatte einen Helfer finden können, der es wagte ihn zu verstecken und dann weiter zu leiten – trotz Familie mit Kindern, die er damit in höchste Gefahr brachte. Wieder das Seghers-Anliegen der Bereitschaft zu unzögerlicher praktischer Solidarität, das hier aus Paulchen einen Helden werden lässt. Und die große Befriedigung, die  aus der konkreten Unterstützung eines Verfolgten erwächst, ist immer wieder ein Aspekt, den sie betont.

DSC01177 Exilausstellung DB August 2018 (11)

                    Amerikanische Ausgabe des Romans für in Europa eingesetzte GIs                  (Exilausstellung des Deutschen Nationalmuseums Frankfurt)  Das erhoffte Visum für die USA erhielt Anna Seghers allerdigs nicht.

Fazit: Die Bereitschaft schnell und entschlossen zu helfen, wenn es für Flüchtlinge notwendig ist, erwies sich als gelernte Lektion im Deutschland von 2015. Im kollektiven deutschen Gedächtnis gibt es die Erinnerung an das Leid der Heimatvertriebenen, vor allem aber an die Not der NS-Verfolgten, die Hitler-Deutschland verlassen mussten, wenn sie es noch konnten. Die literarische Verarbeitung gerade ihrer Schicksale hilft vor dem Vergessen zu bewahren und gelangt in neuem Kontext zu  überraschender Aktualität, wie die jüngste Verfilmung von Anna Seghers  „Transit“ (2018) zeigt.                                                                                                                                                  Frauke Jöckel

 

(1)  Das Portrait von Anna Seghers wurde 1935 aufgenommen von Gisèle Freund.

©  bpk/IMEC Fonds MCC/ Giaèle Freund

https://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/EN/Objects/freund-seghers-en.html?single=1

 

 

Quellenangaben und benutzte Literatur:

Anna Seghers/Wieland Herzfelde : Frauen und Kinder in der Emigration in „Gewöhnliches und gefährliches Leben“, Darmstadt 1986                                                  Anna Seghers : 6 Tage, sechs Jahre, Tagebuchblätter in neue deutsche Literatur 9/1984      Anna Seghers : Das Obdach (1941) in „Erzählungen“ Bd.1, Darmstadt 1973                            Anna Seghers : Das 7. Kreuz (1942) , Berlin 2018                                                                            Frankfurt liest ein Buch 16.-29.April 2018 : Anna Seghers, Das 7. Kreuz                                    Anna Seghers : Transit (1951), Berlin 2018                                                                                    Christian Petzold : Transit (Film), 201                                                                                                Pierre Radvanyi : Jenseits des Stroms, Erinnerungen an meine Mutter, Berlin 2005            Christiane Zehl Romero : Anna Seghers, eine Biographie 1900-1947, Berlin 2000                  Wilhelm von Sternburg  : Anna Seghers, ein Porträt, Berlin 2012                                        Hermann Kesten : Dichter im Café, Wien 1959                                                                                Roland Hoja : „Wartesäle der Poesie“, Schriftstellerinnen im Pariser Exil 1933-41, Norderstedt 2015                                                                                                                      Monika Melchert : Wilde und zarte Träume, A. Seghers Jahre im Pariser Exil, Berlin 2018  Studienkreis dt. Widerstand (Hrsg) : „Nichts war vergeblich“  Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Katalog zur Ausstellung in der Gedenkstätte KZ Osthofen, 2016                                                                                                                                                          Lore Wolf : „Ein Leben ist viel zu wenig“, Berlin 1979                                                                    Doris Danzer : „Zwischen Vertrauen und Verrat“, deutschsprachige kommunistische Intellektuelle und ihre sozialen Beziehungen, Berlin 2012                                                  Doron Rabinovici : „Das Versagen der Heimat“, Eröffnungsrede zur  Dauerausstellung des Deutschen Exilarchivs in Frankfurt/Main, FAZ, 9.April 2018

Margit Bircken : „Acht Jahre in 12 Tagen“ – über eine Frankreichreise im April 2000 im Bus von Berlin über Mainz bis Marseille auf den Spuren von Anna Seghers mit Pierre Radvanij; illustriert mit vielen Fotos in „Argonautenschiff“ (Jahrbuch der Anna-Seghers-Gesellschaft, Berlin+Mainz), S.119-146

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu deutschsprachigen Schriftstellern in Paris/im französischen Exil:

 

 

 

Geplante weitere Beiträge

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  • Der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935 im Haus der Mutualité in Paris
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier
  • Das Hotel Lutetia (1): Ein Bauwerk zwischen Art Nouveau und Art Déco in neuem Glanz

 

 

Die Insel Porquerolles: Natur und Kunst

Nach längerer Zeit also wieder ein Blog-Beitrag zu einem Ort weit außerhalb von Paris; genau: 875 km entfernt davon. Aber ein Beitrag aus zwei guten  Gründen:  Natur und Kunst.

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Zuerst die Natur:  Porquerolles ist ein Inseltraum, es gibt wunderschöne Strände, kleine versteckte Buchten, glasklares  Wasser. Hier zeigt sich Frankreich von seiner schönsten Seite.  Die Insel ist 7 km lang und 3 km breit, Fortbewegungsmittel der Besucher sind die Füße oder das Fahrrad. (1)

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Der lang gestreckte (aber schmale) Strand Notre Dame  wurde 2015, wie der zuständige Fremdenverkehrsverband stolz verkündet, vor 300 Mitbewerbern zum „schönsten Strand Europas“ gekürt.[1a]

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Wenn in der Hochsaison allzu viele  Menschen sich dahin auf den Weg machen, wird man aber sicherlich  ein ruhigeres Plätzchen an einem der anderen, von der Anlegestelle der Fähren etwas entfernteren Strände oder in einer der versteckten kleinen felsigen Buchten finden.

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Auf dem Weg zu den Stränden geht es durch Wälder von Steineichen und Pinien und vorbei an Weinbergen, die Anfang des 20. Jahrhunderts als Feuerschutzzonen angelegt wurden, um zu verhindern, dass –wie 1897-  bei einem Waldbrand die ganze Insel betroffen ist.  Der hier erzeugte Wein war dann allerdings sogar einer der ersten, der die Klassifizierung „Côtes de Provence“ erhielt.

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Auf dem Weg zum Strand Notre Dame kommt man sogar -eine Besonderheit dieser Insel- durch eine Allee von stattlichen Eukalyptusbäumen, die dort von François-Joseph Fournier eingeführt wurden, der die Insel 1912 kaufte. Inzwischen verhindert die Verwaltung des Nationalparks allerdings eine  unkontrollierte Ausbreitung auf Kosten der heimischen Flora. (1a)   .

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Bei einer Fahrt durch die Insel wird man die typischen Erdbeerbäume (arbousier) nicht übersehen können, wenn im Herbst die Früchte erst gelb und dann rot leuchten. Sie sind übrigens essbar und es gibt davon leckere Gelees zu kaufen![2]

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Sehr verbreitet ist auch der Mastixstrauch, auch Wilde Pistazie genannt (franz: Pistachier lentisque).  Im Frühjahr leuchten seine weißen Blüten, im Herbst die kleinen roten Früchte, die im Winter den Vögeln als Nahrung dienen.

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Etwas abseits des Wegs kann man wunderbare überraschende Entdeckungen machen wie diese auf dem kargen Gelände eines ehemaligen Forts wachsenden Lilien.

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Und immer wieder hat man wunderbare Aussichten auf das Meer. Und das lädt nicht nur zum Schwimmen ein. Es gibt hier auch eine beeindruckende Unterwasserwelt.

Porquerolles gehört nämlich zu dem Nationalpark von Port-Cros, dem ersten europäischen Nationalpark übrigens, der Gebiete über und unter Wasser umfasst. Für Taucher ist dieser Nationalpark, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, eine große Attraktion. Vor allem  „La Gabinière“ mit seinen bis zum 1,5 m  großen Zackenbarschen und Barrakudaschwärmen.[3]

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Junge Barrakudas sieht man dort seit einigen Jahren in großen Schwärmen (Schulen). Den Taucher freut das – allerdings ist der das warme Wasser liebende Fisch ein biologischer Indikator des Klimawandels- das trübt dann doch etwas die Freude…  [4]

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Sehr schön ist auch das Tauchgebiet um die  „Zwei Brüder“, eine auffällige aus dem Meer ragenden Felsformation  an der östlichen Spitze von Porquerolles – hier von der Presqu’île de Giens aus im Abendlicht zu sehen.

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Die Ausstellung moderner Kunst der Fondation Carmignac

Seit Juni 2018 hat Porquerolles eine weitere große Attraktion zu bieten: Die Kunstausstellung der Fondation Carmignac. Sie ist „680 Schritte vom Hafen“  entfernt auf dem weitläufigen Gelände der ehemaligen domaine de La Courtade, eines provençalischen Gehöfts, untergebracht, Drehort des Films „Pierrot le fou“ von Jean—Luc Godard. In den 1980-er Jahren  wurde das Anwesen von dem Architekten Henri Vidal erworben und zu einer noblen Villa umgebaut. Als dort 1989 seine Tochter  ihre Hochzeit feierte, war auch Edouard Carmignac eingeladen. Der verliebte sich in das Anwesen und kaufte es 2013. Kein Problem für einen der reichsten Männer Frankreichs (Platz 50), der laut Forbes über ein Vermögen von 1,7 Mrd Dollar verfügt.[5] Als „self-made-man“ hat er sich  zu einem der größten europäischen Vermögensverwalter hochgearbeitet, sich dabei aber immer noch eine Affinität zur Kunst erhalten – ursprünglich wollte er einmal Musiker werden. So erwarb er im Laufe der Zeit eine etwa 300 Gemälde und Fotografien umfassende Kunstsammlung, von denen 70 vom 2. Juni bis zum 4. November 2018  auf Porquerolles zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert werden/bzw. wurden.

Während die Stiftungen Louis Vuitton und Seydoux-Pathé (2014), die Lafayette- Stiftung  (Lafayette Anticipations 2018) und die Collection François Pinault (2019)  in Paris angesiedelt sind oder sein werden (und sich mit prominentesten Namen der internationalen Architektur-Szene schmücken), hat sich Edouard Carmagnac für einen Ort weit außerhalb der Hauptstadt entschieden. Dazu sein Sohn Charles,  Direktor der Stiftung und Chef  der Anlage auf Porquerolles:

 „Mein Vater wollte seine Sammlung an einem abgelegenen Ort zeigen, weg von Alltag, der Stadt und all den Dingen, die darüber hinaus stattfinden. Die Menschen müssen dafür ihren Alltag hinter sich lassen, sie müssen ein Boot nehmen, sie müssen hierherkommen, sie müssen laufen. Und hier sind sie abgeschieden und auch die Gedanken sind frei und klar und man hat eine Art inneren Frieden, um sich auf die Kunstwerke einzulassen und zu hören, was sie vermitteln wollen.“[6]

Allerdings war die Villa Vidals nicht für die Präsentation von Kunst und für Publikumsverkehr geeignet. Eine einfache Erweiterung war aber aufgrund des Nationalpark-Statuts der Insel nicht möglich. Die Lösung war, unter dem Haus zusätzliche Ausstellungsflächen von 2000 qm² zu schaffen. Die werden teilweise durch einen Schacht mit natürlichem Licht versorgt.

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Die gläserne Decke dieser Öffnung ist mit Wasser bedeckt, was unten und oben wunderbare wellenförmige Spiegelungen auf den  Wänden und Pfeilern produziert. Vor allem in dem Raum  direkt unterhalb der Glasdecke/Wasserfläche. Dessen „Ausstellungsobjekte“ sind große blaue Rechtecke an den Wänden, die vom einfallenden Licht belebt werden.  So hat der Besucher geradezu das Gefühl, sich auf dem Meeresgrund zu bewegen, wie Julien Bordier im Express schreibt. In der Tat ein genialer Einfall.[7] 

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Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass die Besucher aufgefordert werden, die Schuhe auszuziehen und barfuß auf den Grund des „sea of desire“ hinabzusteigen.  Und passend dazu kommt man dann auch direkt zu Bruce Naumans „One Hundred Fish Fountain“ von 2005, wo aus hundert verschiedenen und identifizierbaren Fischen Wasser sprudelt. Es ist übrigens der einzige Ausstellungsraum, der mit Türen versehen ist, so dass man sich intensiv dem Sehen und Hören überlassen kann- zumal es ein Gedränge wie bei vielen Pariser Kunstausstellungen nichtgibt: In die Fondation Camignac  werden pro halbe Stunde nur maximal 50 Besucher eingelassen.

 

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Im Hintergrund/Nachbarraum ein monumentales Bild von Roy Lichtenstein mit spielenden Mädchen am Strand  (Beach scene from Starfish)

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Ein Wels am Boden des Brunnens

Das Privileg eines eigenen Raums hat auch das  eindrucksvolle 16 Meter lange Panorama-Bild von Miquel Barceló. Es zeigt seltsame Tintenfische und Quallen, wie sie –so oder so ähnlich- der Künstler im Mittelmeer angetroffen haben mag.

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Das Werk wurde extra für diesen Raum gestaltet und hat denn wohl auch –wie der Brunnen Naumanns- gute Chancen, dort dauerhaft ausgestellt zu werden. 2019 war es jedenfalls noch da-  sogar mit Polstern auf dem Boden. So kann man gwissermaßen auf Tauchstation gehen und von dort aus das Unterwasserpanorama bewundern.

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Befindet man sich im Untergeschoss eher im aquatischen Milieu, so betont die Architektur des Erdgeschosses das terrestrische Element: Man ist an Land, geöffnet zur umgebenden Natur, dem Garten, den Pinien und uralten Olivenbäumen, aber das Wasser, das Meer, ist immer nahe.

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Blick auf den Leuchtturm…

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     … und über den Garten der Fondation aufs Meer

Die Verbundenheit der Fondation Carmignac mit Porquerolles wird schon am Eingang zum Ausstellungsgebäude deutlich: Da wird man von einer Bronzeplastik Miquel Barcelós empfangen.

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Dargestellt ist der Alycastre, ein Ungeheuer, das  der Legende nach Angst und Schrecken auf der Insel verbreitete. Zum weiteren Verlauf  gibt es offenbar unterschiedliche Versionen: Dem von der Stiftung herausgegebenen Ausstellungs-Flyer zufolge war es kein geringerer als Odysseus, der auf seiner Irrfahrt in die Heimat hier Schiffbruch erlitt und das von Poseidon ausgesandte Ungeheuer besiegen musste, bevor er seine Fahrt fortsetzen konnte.   Einer anderen Version zufolge war es ein kampferprobter Pilger, der dem Schrecken ein Ende machte:  Von einer Fahrt ins Heilige Land zurückkommend war er in Seenot geraten und von hilfsbereiten Inselbewohnern gerettet worden. Als Dank tötete er das Ungeheuer und  brachte der Insel damit Sicherheit und Glück zurück.[8] Barceló stellt den Alycastre halb als Totenkopf, halb als Meeres-Ungeheuer dar, das über den Ort und seine Besucher wacht. Was für ein beziehungsreicher und schöner Empfang!

Der Alycastre kann vielleicht auch einen Schlüssel bieten zum Verständnis der Ausstellung:  Denn dort geht es auch um Gewalt und um die Gefahren, denen die Menschheit ausgesetzt ist. Darauf weisen einige der 8 Kapitel hin, in die die Ausstellung eingeteilt ist, wie „Brave New World revisited“ oder „Révolution, terreur et effondrement“.

 

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Bildausschnitt aus Joseph Kudelka, The Danube Delta, Romania (1994)

 

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Massimo Berruti: Mahnbanr (2011) Ausschnitt

 

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Tony Matelli, Weed 389 (2017)

 

Und es geht in der Ausstellung auch um Glück und Schönheit in unserer Zeit. Bei dem Ausstellungskapitel Brave new world“ bezieht sich der Kurator der Ausstellung, Dieter Buchhart, ausdrücklich auf Huxleys berühmten Roman, den er in den 1930-er Jahren  ganz in der Nähe in Sanary-sur-mer geschrieben hat.

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David Spiller Be Happy (1998)

Auffällig ist gerade bei dem Thema Schönheit die deutliche Vorliebe des Sammlers für den mit insgesamt 9 Bildern  vertretenen Roy Lichtenstein und die Konfrontation von Arbeiten Lichtensteins mit einer Venus und einer Madonna Botticellis- den einzigen klassischen Gemälden der Ausstellung.  Dazu Edouard Carmignac:

„J’ai toujours vu une relation entre Botticelli et Lichtenstein. Le premier a défini l’archétype de la beauté occidentale à la Renaissance. Roy Lichtenstein, lui, a renouvelé le concept de la beauté contemporaine avec une nouvelle écriture composée de points et de lignes, inspirée par la bande dessinée. Pour moi, il est le plus grand peintre de la fin du XXe siècle.“

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Roy Lichtenstein, Collage for Nude with red shirt (1995)

 

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Sandro Botticelli, Venus (um 1490) Ausschnitt. Leihgabe der Musei Reali de Torino

 

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Roy Lichtenstein, Collage for Seductive Girl (1996)

Bei einem Rundgang kommt man vorbei an weiteren Werken der amerikanischen Kunst der 1960-er bis 1980-er Jahre, die ein Schwerpunkt der Sammlung ist,  und vielen weiteren Größen der internationalen zeitgenössischen Nachkriegskunst (Gerhard Richter natürlich eingeschlossen).

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Jean-Michel Basquiat: Zing (1984)

 Dabei soll es sich um ein Portrait Edouard Carmagnacs handeln.

 

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Jean- Michel Basquiat: untitled (Fallen Angel) 1981

Andy Warhol: Lenin (1986)  und Mao (1973)

Das Lenin-Bild hat -dem Katalog zufolge-  sonst  übrigens seinen Platz im Büro von Edouard Carmignac!

Lohnend ist auch ein Spaziergang durch den großen, allmählich in die umgebende Natur übergehenden Garten des Anwesens, der auch als Ausstellungsraum dient.

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Zum Beispiel für die vom deutschen Künstler Nils-Udo eigens für den Museumsgarten geschaffenen riesigen  Marmoreier mit ihren reizvollen Schattenspielen.

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….oder für die vier im Olivenfeld aufgestellten monumentalen Köpfe von Ugo Rondione (Four Seasons

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und die drei Alchimisten von Jaume Plensa – hier einer der drei.

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Die Assoziation an Jurassic Park oder die Osterinsel liegt da natürlich nahe.[9]

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Das auffällig weiß verputzte Gartenhaus, sichtbar in dem Film Godards, gehört auch zu den Ausstellungsobjekten:

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Der Verputz der Wände ist von dem portugiesischen Künstler Alexandre Farte (AKA VHILS) eingeritzt, so dass Muster und Bilder entstehen: Scraching the surfaces. 

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Der Brunnen im Stelenlabyrinth von Jeppe Hein (Path of Emotions)

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La  femme de ma vie von Patrice Hyber (seit 2019)

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Neu ist auch die Installation des brasilianischen Künstlers  Cildo Meireles Volátil. Des handelt sich um eine Hütte, deren Boden vielleicht 40 cm hoch mit Talg bedeckt ist. Innen ist es völlig dunkel, man tastet sich durch den Raum, watet durch den Talg, versucht sich zu orientieren, vielleicht auch mit Hilfe von (maximal vier) anderen Personen, die sich auch dort befinden. Und schließlich entdeckt man im Dunkel – in der Nähe? wo genau?- ein Licht… Eine spannende Erfahrung.

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Als Fazit kann ich mich nur uneingeschränkt dem Urteil des Deutschlandfunks anschließen:

„Es ist bemerkenswert, wie schnell man hier zur Ruhe kommt und nicht, wie in Museen so oft, von einem Raum in den anderen hetzt, um ja alle Werke innerhalb einer bestimmten Zeit zu sehen. Hier spielen die erstklassigen Kunstwerke vielleicht nicht wirklich die größte Rolle. Es ist vielmehr das Zusammenspiel von Landschaft, Architektur, Kunst, Gerüchen und Geräuschen, das die Fondation Carmignac zu einem neuen, bisher ungewöhnlichen Kulturort macht“.[10]

Prosaischer drückt das der Tripadviser mit seinen 4,5 Punkten aus, davon weit überwiegend  der Bewertung „ausgezeichnet“.[11]

Zu verdanken haben wir dies Edouard Carmignac, dem Kunstliebhaber, Vermögensverwalter und Milliardär. Welche Zusammenhänge es zwischen diesen drei Aspekten  gibt? Die zur Eröffnung des Projekts eingeladenen Journalisten haben, soweit ich das sehe, diese Frage vornehm übergangen. Nur Tim Ackermann von der ZEIT hat den Direktor der Stiftung auf die ökonomische Dimension der Kunstsammlung angesprochen:  Aber garantieren die grundsoliden Werke mit überwiegend klingenden Künstlernamen nicht stabile Preise beim Wiederverkauf?“ eine angesichts der aktuellen Kunstmarkt- Hype mit seinen horrenden Preissteigerungen äußerst zurückhaltende Formulierung. Charles Carmignac weist eine solche Vermutung aber treuherzig  von sich:

„Mein Vater sieht die Sammlung nicht als Investment. Die Kunstwerke sind seine Leidenschaft. Er liebt es, sich mit ihnen zu umgeben und seinen Geschmack mit anderen Kunstliebhabern zu teilen.“ [12]

Mag ja sein.  Aber wenn die öffentlichkeits- und werbewirksame Präsentation der Sammlung auch noch zur Vermehrung seines Vermögens beiträgt, wird Edouard Carmignac sicherlich nicht traurig sein….

Denn Monsieur Carmignac ist ganz offensichtlich  sehr darauf bedacht, sein Vermögen zu mehren und er scheint dabei sogar auch Mittel am Rand bzw.  jenseits der Legalität anzuwenden. In der Ausgabe von Le Monde vom 30.Juni/1.Juni findet sich jedenfalls die Information, dass „Carmignac Gestion, fleuron de la gestion de capitaux“ bereit gewesen sei, (zusätzlich zu schon bezahlten 21 Millionen Euro) 30 Millionen Euro an die französische Finanzverwaltung zu bezahlen. Im Gegenzug sei das juristische Verfahren gegen das Unternehmen eingestellt worden.  Man habe ihm vorgeworfen, durch illegale Maßnahmen („un montage à Luxembourg“) seine eigentlich fälligen Steuerabgaben vermindert zu haben…

 

Praktische Informationen

Es gibt regelmäßige Fährverbindungen zwischen dem Port de la Tour Fondue an der Spitze der Presqu’île de Giens und Porquerolles. Die Fahrzeit dauert etwa 20 Minuten. Am Port de la Tour Fondue gibt es große Bezahlparkplätze.[13]

Im Touristenbüro am Hafen von Porquerolles erhält man einen Plan des Ortes, in dem auch die Fondation Carmignac eingezeichnet ist, die man bequem zu Fuß in etwa einer Viertelstunde erreicht.

Eintrittskarten sollte man am besten vorreservieren, weil pro halbe Stunde immer nur maximal 50 Personen eingelassen werden. (www.fondationcarmignac.com )   Aber wenn man, wie wir, außerhalb der Hauptsaison  kommt, hat man gute Chancen, auch ohne Vorreservierung dabei zu sein.

Ab April wird eine neue Ausstellung in der Fondation Carmignac präsentiert werden.

Es gibt auch einen Katalog zur Sammlung der Stiftung  zum stolzen Preis von 65 Euro.

 

Anmerkungen

(1) Die beiden Zeichnungen in diesem Beitrag stammen aus einem schönen Heft von Cécile Pierre über die Insel Porquerolles.  www. callicecilecom

[1a] https://www.hyeres-tourisme.com/equipement-loisir/plage-notre-dame/

[2] Zur Flora der Insel: http://www.horizon-nomade.com/porquerolles-ile-dexception/ Dort auch das Arbousier-Foto.

[3] Bilder aus: http://www.plongees-de-reve.fr/porquerolles

[4] http://www.portcros-parcnational.fr/fr/des-connaissances/patrimoine-naturel/la-faune/poissons/barracuda

[5] https://www.forbes.com/profile/edouard-carmignac/#29ff9b994b16

[6] https://www.deutschlandfunkkultur.de/fondation-carmignac-auf-porquerolles-ein-kunstmuseum-im.1013.de.html?dram:article_id=419153

[7] https://www.lexpress.fr/culture/art/fondation-carmignac-un-lieu-d-art-a-part_2013568.html

[8]  Siehe: Dominique Amann, Dragnos et Dracs dans l’imaginaire provençal. Toulon 2006, S. 156/157  Abgedruckt in:  http://www.porquerolles-patrimoine.fr/digressions/alic.html

[9]  „Porquerolles prend alors des allures de Jurassic Park ou d’île de Pâques.“

https://www.lexpress.fr/culture/art/fondation-carmignac-un-lieu-d-art-a-part_2013568.html

[10] https://www.deutschlandfunkkultur.de/fondation-carmignac-auf-porquerolles-ein-kunstmuseum-im.1013.de.html?dram:article_id=419153

[11] https://www.tripadvisor.de/Attraction_Review-g681252-d14156540-Reviews-Fondation_Carmignac-Porquerolles_Island_Iles_d_Hyeres_French_Riviera_Cote_d_Azur.html

[12] https://www.zeit.de/2018/24/fondation-carmignac-museum-insel-porquerolles

In einem Beitrag von TV 2 über Verrücktheiten des Kunstmarktes, der im November 2018 in den Abendnachrichten ausgestrahlt wurde, wurde übrigens auf einige reiche Kunstsammler verwiesen, die durch ihre immensen Geldmittel die Kunstpreise in die Höhe treiben. In diesem Zusammenhang wurde  ausdrücklich auch Edouard Carmignac verwiesen.

[13] www.tlv-tvm.com

https://voyagesetgourmandises.fr/horaires-des-bateaux-de-la-tour-fondue-a-porquerolles/

Karte aus: http://www.fondationcarmignac.com/fr/villa-carmignac/voyager

 

 

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Auf dem Weg nach Paris: Die Mühle von Valmy, das Fanal einer neuen Epoche

Wenn wir auf der Autoroute de l’Est von Deutschland nach Paris fahren, machen wir gerne einen Halt in der zwischen Ste Menehoult und Reims gelegenen  Raststätte  Valmy Orbeval/Valmy le Moulin. Von dort aus hat man einen Blick auf die Mühle von Valmy.  Hier fand im September 1792 die sogenannte „Kanonade von Valmy“ statt,  die einen Wendepunkt der Geschichte der Französischen  Revolution markiert. Einen Tag nach dem Sieg der französischen  Revolutionstruppen über die verbündeten Truppen der „alten Mächte“ Preußen und Österreich wurde in Paris die Republik ausgerufen.

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Goethe war als Begleiter des Weimarer Herzogs, also  gewissermaßen „embedded“, Teil des preußischen Heeres und beobachtete das Gefecht. In seinem autobiographischen Text „Campagne in Frankreich“ berichtet er, wie er am Abend danach die deprimierten Begleiter mit diesen Worten getröstet habe: „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen“[1]ein  berühmt gewordener Satz, der in keiner Darstellung der Kanonade von Valmy fehlen darf.

Es gibt also Gründe genug, sich einmal den Ort des Geschehens genauer anzusehen,  zumal es seit 2014 dort auch ein  „centre historique“ gibt, also ein Ausstellungszentrum, in dem man am historischen  Schauplatz Näheres über die Kanonade von Valmy erfahren kann.

 

Die Mühle, das  Denkmal und das Centre historique

Der historische Erinnerungsort „Valmy“ besteht aus mehreren Elementen: Natürlich zuerst der Windmühle, die allerdings eine neuere Rekonstruktion ist. Die ursprüngliche wurde am Morgen der Kanonade auf Befehl Kellermanns zerstört: Sie bot den auf einem gegenüber liegenden Hügel postierten preußischen Geschützen ein gar zu leichtes Ziel. Immerhin waren die französischen Truppen halbkreisförmig um die Mühle aufgestellt. Der Besitzer der Mühle wurde immerhin entschädigt und baute nach dem Ende der Kampfhandlungen die Mühle wieder auf. Aber im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden die Windmühlen nicht mehr benötigt, sondern zunächst durch wasserbetriebene, dann durch industrielle Mühlen ersetzt. So verfiel die Mühle von Valmy, bis in den 1930-er Jahren  eine neue Initiative für einen Wiederaufbau gestartet wurde. Aufgrund der Kriegsereignisse konnte sie erst 1947 eingeweiht werden. Sie markierte nun wieder als Wahrzeichen das Schlachtfeld von Valmy, als Mühle allerdings diente sie nicht mehr. Aber auch diese Mühle hatte nur eine begrenzte Lebensdauer, denn 1999 fiel sie dem Sturm Lothar zum Opfer. 2005 wurde dann –pünktlich zum 20. September, dem Jahrestag der Kanonade-  die jetzige Mühle eingeweiht, die dem ursprünglichen Modell der Mühle von Valmy entspricht und auch voll funktionsfähig ist. Schade allerdings, dass man in der Boutique des centre historique kein Valmy-Mehl kaufen kann….

Neben der Mühle sieht man schon von der Autobahn aus ein hochaufragendes Denkmal. An seiner Spitze ein Soldat mit wehendem Rock, Säbel und hocherhobenem Arm. In seiner Hand hält er einen mit den Farben der Tricolore geschmückten Hut.  Die Statue zeigt den General  und späteren Marschall und Herzog von Valmy, François-Christophe Kellermann, wie er seine Truppen zum Gegenangriff führt. Die Statue erinnert damit nicht nur an eine entscheidende Situation der Schlacht: Nicht nur wird damit der Angriff der preußischen Truppen abgewehrt, sondern es wird auch der revolutionäre Patriotismus deutlich,  der die französischen Truppen inspiriert. Auf Kellermanns Ruf „Vive la Nation!“ antworten die französischen Soldaten  mit dem Ruf „Viva la Nation! Vive la France! Vive notre général!“ und sie stimmen das Revolutionslied „ça ira“ an.[2]  Das erscheint allerdings insofern etwas merkwürdig, als darin gleich zweifach den  Aristokraten der Tod angekündigt wird. (Les aristocrates à la lanterne!… Les aristocrates on les pendra).  Für ihren Kommandeur,  der immerhin altem sächsisch-elsässischem Adel entstammt, galt das jedenfalls  offensichtlich nicht.

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Vor dem Denkmal befindet sich ein Obelisk, unter dem –entsprechend seinem Wunsch- das Herz Kellermanns bestattet ist. Der übrige Leichnam ruht im Familiengrab auf dem Friedhof  Père Lachaise in Paris (30. Division).  Dass neben Valmy auch Marengo aufgeführt ist, bezieht sich auf den Sohn Kellermanns, des zweiten Herzogs von Valmy, der sich an der Seite Bonapartes in der Schlacht von Marengo (1800) auszeichnete.

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In einer kleinen Kapelle auf dem Hügel von Valmy schließlich wird die Asche von Prinzession  Ginetti, der Urenkelin und letzten direkten Nachfahrin Kellermanns, aufbewahrt.

Und dann gibt es am Fuß des Hügels noch eine weitere Statue.  Es handelt sich um den venezolanischen General Francisco de Miranda.

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Was hat ein venezolanischer General mit Valmy zu tun? Der 1750 geborene Miranda war zunächst in die Armee der spanischen Krone eingetreten, zu deren Kolonialreich Venezuela und der größte Teil Südamerikas damals gehörten. Seine Teilnahme am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg weckte in ihm den Wunsch nach einer Unabhängigkeit Südamerikas, für die er sich von nun an engagierte und für die er auf einer Reise durch Europa warb. 1788 kommt er nach Frankreich und erlebt die Französische Revolution mit. Am 11. September 1792 tritt er auf französische Bitten hin in die Revolutionsarmee ein und nimmt dann gleich an der Kanonade von Valmy teil.  Dabei zeichnet er sich aus  und wird  zum Feldmarschall befördert.

Zurückgekehrt nach Südamerika versucht in zwei militärischen Operationen, die Befreiung der südamerikanischen Kolonien zu erreichen. Damit scheitert er zwar, aber seine Wirkung auf die südamerikanische Befreiungsbewegung war beträchtlich. Das wird in Valmy dadurch zum Ausdruck gebracht, dass gegenüber der Statue Mirandas auch eine Büste Simon Bolivars aufgestellt ist.

Seine Verdienste wurden später von Frankreich gewürdigt. Sein Name ist auf dem Arc de Triomphe in Paris eingraviert.  Er ist damit der einzige Amerikaner, dem diese Ehre zuteil geworden ist. (2a)

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Das 2014 eingeweihte Centre historique ist völlig in den Hügel versenkt, so dass die Topographie des Schlachtfelds und seine Monumente nicht beeinträchtigt werden.

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Das Informationszentrum ist ausgesprochen abwechslungsreich gestaltet. Es gibt eine Nachbildung des Schlachtfelds, auf dem die Positionen und Bewegungen der verschiedenen Truppenteile  veranschaulicht  werden- sogar mit Pulverdampf.

image Ausstellung Valmy

Ein Glanzstück (im wahrsten Sinne des Wortes) der Ausstellung ist eine französische Kanone –  effektvoll in Richtung Mühle postiert.

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Es  handelt sich um das sehr effiziente Gribeauval- Modell, das schon im  ancien régime in den 1770-er Jahren eingeführt wurde.  Auch nach 1789  wurde es mit entsprechender Aufschrift, wie das nachfolgende Foto zeigt, weiter produziert. Es war die Grundlage die für Überlegenheit der französischen Artillerie in den Koalitionskriegen und den Kriegen Napoleons.[3]

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Und es gibt Tafeln mit den Portraits wichtiger beteiligter Personen, die sich, wenn man sich ihnen nähert,  zur Kanonade von Valmy und ihrer Rolle darin äußern. Und da fehlt natürlich auch nicht Goethe mit seiner berühmten Äußerung.

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Hier spricht er gerade von der Wirkung des Kanonendonners, die  er gewissermaßen mit wissenschaftlicher Distanz an  sich beobachtet:

„Ich war nun vollkommen in die Region gelangt, wo die Kugeln herüber spielten; der Ton ist wundersam genug, als wär‘ er zusammengesetzt aus  dem Brummen des Kreisels, dem Butteln des Wassers und dem Pfeifen eines Vogels… Unter diesen  Umständen konnt‘ ich jedoch bald bemerken, dass etwas Ungewöhnliches in mir vorgehe; ich achtete genau darauf, und doch würde sich die Empfindung nur vergleichsweise mitteilen lassen. Es schien, als wäre man an einem sehr heißen Orte, und zugleich von derselben Hitze völlig durchdrungen, so dass man sich mit demselben Element in welchem man sich befindet, vollkommen gleich fühlt. Die Augen verlieren nichts an ihrer Stärke, noch Deutlichkeit; aber es ist doch, als wenn die Welt einen gewissen  braunrötlichen Ton hätte…. mir schien vielmehr alles in jener Glut verschlungen zu sein. Hieraus erhellet nun in welchem Sinne man diesen  Zustand ein Fieber nennen könne. Bemerkenswert bleibt indessen, dass jenes grässlich Bängliche nur durch die Ohren zu uns gebracht wird; denn der Kanonendonner, das  Heulen, Pfeifen, Schmettern  der Kugeln durch die Luft ist doch eigentlich Ursache an diesen  Empfindungen.“ (Campagne, 234)

Zahlreiche Teilnehmer und Beobachter der Schlacht haben den von dem Artilleriefeuer verbreiteten Schrecken bestätigt. Lese man die zeitgenössischen Berichte, werde man, wie Bertrand schreibt, an die Beschreibungen von Kriegsteilnehmern aus dem Ersten Weltkrieg erinnert[4]– auch in dieser Hinsicht ist Valmy der Beginn einer das Grauen noch vielfach potenzierenden neuen Epoche: eine distanzierte Beobachtung wie die Goethes kann man sich von einem Soldaten in den Schützengräben  vor Verdun kaum noch vorstellen.

 

Der geschichtliche Hintergrund

Im Informationszentrum wird natürlich auch der historische Hintergrund der Kanonade von Valmy erläutert, der hier kurz skizziert werden  soll:

Gegner im sogenannten ersten Koalitionskrieg waren Frankreich auf der einen und  Preußen, Österreich und königstreue französische Emigranten auf der anderen Seite.  Ziel der Koalitionäre war die Wiederherstellung der alten Ordnung in Frankreich, auf französischer Seite wurde der Krieg immer mehr zu einem „Kreuzzug für die Freiheit“ mit imperialistischen Zügen.[5] Es handelt sich also um einen aus weltanschaulichen Gründen geführten Krieg. Kommandeur der Koalitionstruppen ist der Herzog von Braunschweig, ein  erfahrener Heerführer. Der rückt mit seinen Truppen in Frankreich ein und zunächst lässt sich der Feldzug gut an: Die Festungen Longwy und Verdun fallen, der Weg nach Paris scheint frei.  Braunschweig  droht schon einmal in einem Manifest der Bevölkerung von Paris. Sie sei  verantwortlich für die Sicherheit der königlichen Familie. Vom Niederbrennen der Häuser und schwersten Strafen für jeden „Rebellen“ ist die Rede. Dieses Manifest ist, wie Richard Friedenthal in seiner Goethe-Biographie schreibt, „der erste Schritt zur Niederlage“.[6] Er bestärkt nämlich den Patriotismus der Franzosen. In Paris melden sich Freiwillige zur Verteidigung der Nation. Und unter den altgedienten  Berufssoldaten läuft kein einziger Deserteur zu  den Alliierten über, während die Emigranten den Übertritt ganzer Armeen als sicher in Aussicht gestellt hatten. Wenige Tage nach dem Bekanntwerden des Manifests werden die Tuilerien gestürmt, der König mit seiner Familie wird gefangen genommen. Die Nationalversammlung berät über seine Absetzung.

Das französische Heer unter Dumouriez, das zum großen Teil noch aus altgedienten  Soldaten des ancien régime besteht, soll den Koalitionstruppen den Weg nach Paris versperren und sie im Argonnen-Wald, von Dumouriez schon als seine „Thermopylen“ bezeichnet[7], zum Stehen bringen. zu blockieren. Das misslingt aber.  Braunschweig hat nun scheinbar freie Bahn.  Aber  in Wirklichkeit kann er nicht durch die freie Champagne nach Paris marschieren, denn in seinem Rücken haben sich die Truppen Dumouriez‘, mit denen sich die aus dem Elsass herbeigeeilten Truppen Kellermanns vereinigt haben,  strategisch  günstig bei Valmy positioniert. Damit können sie die Koalitionstruppen von ihrem lebenswichtigen Nachschub abschneiden: Der entsprechende Bedarf ist beträchtlich: Die Koalitionstruppen rücken mit „schwerer Bagage an. Eine Menge von Fürstlichkeiten: das bedeutet einen Stab von Fourieren, Köchen, Leibdienern, Ordonanzen, Stabsoffizieren…. Verpflegt werden soll das  alles aus rückwärtigen Magazinen.“[8]  Dazu kommt natürlich die Verpflegung der Truppe und ihr militärischer Nachschub. Umgekehrt sind allerdings auch die Franzosen von ihren Nachschublinien abgeschnitten. Es muss also zum Kampf kommen und das ist die sogenannte Kanonade  von Valmy.  Diese Bezeichnung hat ihren Grund im massiven und bis dahin –in diesem Ausmaß-  kaum bekannten Einsatz der Kanonen. Valmy war, wie François Furet und Denis Richet in ihrer Geschichte der Französischen Revolution schreiben,  „eines der ersten Treffen, in denen das Artilleriefeuer eine  entscheidende Rolle spielte.“[9] Auf französischer Seite waren etwa 150 Kanonen im Einsatz, auf Seiten der Koalition sogar 200. Deren Kommandeur kein Geringerer als Georg Friedrich von Tempelhoff, der  als „Preußens bester Artillerist“ galt.[10] Es wird geschätzt, dass am Tag der Kanonade etwa 20 000 Kanonenkugeln von beiden Seiten verschossen wurden. Allerdings verursachten sie weniger Verluste in den gegnerischen  Reihen als man angesichts solcher Feuerkraft vermuten könnte: Die meisten Kugeln versanken im vom tagelangen Regen aufgeweichten  Boden, ohne damit großen Schaden anzurichten. Aber die psychologische Wirkung war erheblich und keine Seite wollte die eigenen Truppen dem Dauerbeschuss der feindlichen  Kanonen aussetzen. Außerstande, die französischen Kanoniere aus ihren gut postierten Stellungen  zu verdrängen, blies der Herzog von Braunschweig also das Gefecht lieber ab und trat angesichts des von den Witterungsbedingungen und um sich greifender Krankheiten zermürbten Koalitionsheeres vorbeugend den Rückzug an, was die  Moral der Truppe noch weiter untergrub. Die Bedeutung der Artillerie in diesem Gefecht wird auch daran anschaulich, dass viele der damals im Osten Frankreichs produzierten Teller mit Motiven der Revolution wurden mit den Kanonen und Kugeln bemalt wurden, die den französischen Truppen in Valmy zum Sieg verholfen hatten.

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Der Rückzug der Koalitionstruppen mag erstaunlich erscheinen angesichts der tatsächlichen Verluste auf beiden Seiten. Den gut hundert Gefallenen und Schwerverletzten auf Seiten der Koalitionstruppen standen rund dreimal so hohe Verluste der Franzosen gegenüber. Aber trotzdem traf die von Braunschweigs Oberkommando bis zu den gemeinen Soldaten verbreitete Ansicht zu, dass die Koalition „eine vernichtende Schlappe“ erlitten hatte [11]. Die Illusion, als gefeierte Befreier von einer königstreuen Bevölkerung begrüßt zu werden und im Siegeszug nach Paris zu marschieren, wurde in Valmy endgültig zerstört.

Mit dem Rückzug der Koalitionstruppen war ein „kritischer Wendepunkt des Krieges und der Revolution“ erreicht. Vom 20. September, dem Tag von Valmy und gleichzeitig dem Tag der Eröffnung des Nationalkonvent an, sollten alle Staatsdokumente das Datum „Jahr 1 der französischen Freiheit „ tragen. Mit der am 21. September offiziell ausgerufenen Republik begann eine neue historische Ära.[12]

 

Goethe in Valmy

Goethes legendäre Äußerung über die weltgeschichtliche  Bedeutung der Kanonade von Valmy ist anfangs schon zitiert worden. Sie ist historisch so nicht verbürgt und  erst 30 Jahre später von Goethe in „Campagne in Frankreich‘ publiziert worden. Aber so ähnlich wird er gedacht haben. Denn immerhin schrieb er direkt vom Schauplatz des Geschehens in einem Brief:

„Es ist mir sehr lieb, dass ich das alles mit Augen gesehen habe und dass  ich, wenn von dieser wichtigen Epoche die Rede ist sagen kann: et quorum pars minima fui“ – von all dem war ich ein kleiner Teil.[13]

Goethe war vom Weimarer Herzog Karl August, dem Kommandeur eines preußischen Kontingents, gebeten worden, ihn auf dem Kriegszug zu begleiten. Goethe, Minister und Freund des Herzogs, konnte und wollte sich dem nicht entziehen. Er war hin und her gerissen zwischen dem Verlangen nach Ruhe und Abschirmung und der Neugier, auch Abenteuerlust, bei großen Ereignissen dabei zu sein.  Und dass es sich bei  der Französischen Revolution um ein großes Ereignis handelte, war gerade im Weimar Wielands und Herders unübersehbar. Goethe, der in Natur und Gesellschaft eher dem Evolutionären als dem Revolutionären zuneigte, sah einerseits in der Französischen Revolution das „schrecklichste aller Ereignisse“, andererseits sah er durchaus das empörende Unrecht, das zu der Revolution geführt hatte  und war von dem sie begleitenden Pathos beeindruckt.

In „Herrmann und Dorothea“ heißt es:

Denn wer leugnet es wohl, dass hoch sich das Herz ihm erhoben,

Ihm die freiere Brust mit reineren  Pulsen geschlagen,

Als sich der erste Glanz der neuen Sonne heranhob,

Als man hörte vom Rechte der Menschen, das allen gemein sei

Von der begeisternden Freiheit und von der löblichen Gleichheit!

Damals hoffte jeder, sich selbst zu leben; es schien sich

Aufzulösen das Band, das viele Länder umstrickte,

Das  der Müßiggang und der Eigennutz in der Hand hielt.

Schauten nicht alle Völker in jenen drängenden Tagen

Nach der Hauptstadt der Welt, die es schon lange gewesen

Und jetzt mehr als je den herrlichen Namen verdiente?“

Jetzt hatte Goethe also Gelegenheit, im Gefolge des Herzogs ins Land der Französischen Revolution zu reisen und er war wie die anderen davon überzeugt, dass er bald in der „Hauptstadt der Welt“ sein werde. In einem seiner ersten Briefe vom Feldzug verspricht er Christiane Vulpius, mit der er in Weimar zusammen  lebt, ihr das eine und andere Krämchen von dort mitzubringen.[14]

Nach der Kapitulation von Verdun versorgen sich denn auch Goethe und seine Kameraden mit feinen Likören und Drageen, die sie nach Hause schicken, damit sich die Freundinnen „in höchster Beruhigung überzeugen mochten, dass wir in einem Lande wallfahrteten, wo Geist und Süßigkeit niemals ausgehen dürfen.“ (Campagne, S. 211)

Dann beginnt jedoch das von Goethe ungeschminkt wiedergegebene Elend des Feldzugs. Es regnet pausenlos:

„Ich fand auch unsere Zelte aufgeschlagen, aber im schrecklichsten Zustande; man sah sich in grundlosem Kot versenkt, die verfaulten Schlingen der Zelttücher zerrissen eine nach der anderen, und die Leinwand schlug dem über Kopf und Schulter zusammen, der darunter sein Heil zu suchen gedachte.“ (Campagne, S. 216).

„Alles schilt auf den  Jupiter Pluvius (also den Regengott. W.J.), dass auch er ein Jacobiner geworden.“[15] 

Dazu fehlt es an Nahrung:

Mitten im Regen ermangelten wir sogar des Wassers, und einige Teiche waren schon durch eingesunkene Pferde verunreinigt; das alles zusammen bildete den schrecklichsten Zustand.“ Dazu macht „die eingerissene Krankheit“, die Ruhr, „den unbequemen, drückenden, hülflosen Zustand trauriger und fürchterlicher.“ (Campagne, S. 236/7)

Keine guten Voraussetzungen also für den Kampf mit den Truppen Dumouriez‘ und Kellermanns. Goethe nutzt die Kanonade auf seine Weise, indem er an sich selbst die Ursache und Wirkung des sogenannten  „Kanonenfibers“ erkundet. Und dann zieht er abends Bilanz:

„So war der Tag hingegangen; unbeweglich standen die Franzosen, Kellermann hatte auch einen bequemen Platz genommen; unsere Leute zog man aus dem Feuer zurück, und es war eben, als wenn nichts gewesen wäre. Die größte Bestürzung verbreitete sich über die Armee. Noch am Morgen hatte man nicht anders gedacht, als die sämtlichen Franzosen aunzuspießen und aufzuspeisen, ja mich selbst hatte das unbedingte  Vertrauen auf ein solches Heer, auf den Herzog von Braunschweig zur Teilnahme an dieser gefährlichen Expedition gelockt; nun aber ging jeder vor sich hin, man sah sich nicht an, oder wenn es geschah, so war es um zu fluchen oder zu verwünschen.“ Es stürmt und regnet, die Truppen heben provisorische Erdlöcher aus, um darin, mit den Mänteln zugedeckt, die Nacht zu verbringen. „Der Herzog von Weimar selbst verschmähte nicht eine solche voreilige Bestattung.“ (Campagne, S. 235)

In dieser „beschämenden, hoffnungslosen Lage“ (Campagne, S. 236) wird Goethe aufgefordert, zu sagen, was er dazu denke. Und dann spricht er seine berühmten Worte über „eine neue Epoche der Weltgeschichte“, die von hier und heute ausgehe….

 

 

Die Konstruktion und Instrumentalisierung des Mythos Valmy

Den viel zitierten  Worten Goethes zum Trotz geriet die Kanonade von Valmy bald  eher in Vergessenheit: Es war eine der vielen Schlachten in den Revolutionskriegen, die zudem noch etwas kompromittiert war dadurch, dass der damalige Oberkommandierende, Dumouriez,  bald danach zu den Österreichern  übergelaufen  war. Deshalb wurde er in der Erinnerungskultur eher übergangen –heute ist Dumouriez, wie Richard  Friedenthal schreibt, „ein halb verschollener Name“.[16]

Der Mythos von Valmy entwickelte sich dann aber sehr schnell und intensiv  mit der Thronbesteigung Louis-Philippes nach der Julirevolution von 1830. Louis- Philippe, damals noch duc de Chartres,  hatte als junger Offizier an der Kanonade teilgenommen und sich dabei seine ersten militärischen Sporen verdient. Als er 1830 nun zum König der Franzosen ausgerufen wurde, war es sein Bestreben, die revolutionäre Traditionslinie von 1789 und die monarchistische Traditionslinie zusammenzuführen. Was hätte sich da besser geeignet als Valmy, das ja gewissermaßen die letzte Schlacht des Ancien Régime und der erste  Sieg der Republik war?

So wird gleich nach der  Julirevolution der den Kanal St. Martin in Paris  säumende quai Louis-XVIII umbenannt in quai Valmy. Es wird ein großes Kriegsschiff in Auftrag gegeben, das auf den namen Valmy getauft wird – das letzte Segelschiff der französischen Marine. Und im Pantheon wird Valmy als Ausdruck der revolutionären Begeisterung der Jugend gefeiert. Die Nähe zum plastischen Schmuck des Arc de Triomphe ist dabei unverkennbar. (siehe Blog-Beitrag zum Arc de Triomphe)

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Und dann stellte Louis-Philippe natürlich seine eigene Rolle in Valmy heraus. Bei dem Maler Mauzaisse bestellte er 1835 die Kopie eines berühmten Gemäldes von Horace Vernet, das für das historische Museum von Versailles bestimmt war. (Da Original befindet sich in der National Gallery in London). Das Gemälde zeigt einen dramatischen Augenblick der Schlacht, als das Pferd Kellermanns –von einer feindlichen Kugel getroffen- zusammenbricht. Und es zeigt – natürlich!-  den duc de Chartres hoch zu Ross  inmitten des französischen Generalstabs.[17]

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Ein Gemälde von Éloi Firmin Feron zeigt den duc de Chartres (zu Fuß)  in Begleitung seines Bruders, des duc de Montpesier, nach der Kanonade von Valmy dem Generalstab Bericht erstattet. Rechts hinter der Mühle sieht man die wohlgeordneten französischen Truppen, links die Ortschaft Valmy. Auf beiden Gemälden darf natürlich die Mühle nicht fehlen, auch wenn die zu dem Zeitpunkt, den sie darstellen, schon längst auf Befehl Kellermanns zerstört worden war.

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Diese beiden Gemälde hatten für den König Louis-Philippe eine besondere  Bedeutung, weil sie ihn als Patrioten und Anhänger der revolutionären Ideale präsentieren.[18]

Darüber hinaus gilt Valmy nun als Ausdruck der nationalen Einheit, als ein Sieg, der mit dem Ruf „Vive la Nation! Vive la France!“ errungen wurde. Und an den Sieg über die preußisch-österreichischen Koalitionstruppen wird vor allem in entsprechenden Konfliktsituationen erinnert. So hofft der junge Rimbaud 1870  in seinem Gedicht Morts de Quatre-vingt-douze auf ein neues Valmy im deutsch-französischen  Krieg.[19]

In der 3. Republik wurde der „revolutionäre Heroismus“ der Truppen von Valmy dann besonders herausgestellt. Anlass war vor allem das 100. Jubiläum der Schlacht, das auch Anlass für die Errichtung des monumentalen Kellermann-Denkmals war. Die Beschwörung des siegreichen Kampfs eines geeint zu den Waffen greifenden Volkes hatte in einer Zeit natürlich besondere Konjunktur, in der die Wiedergewinnung des 1871 verlorenen Elsass-Lothringens ein in Politik und Gesellschaft weit verbreitetes Anliegen war. Zu Beginn des Jahrhunderts war diese Sicht auf Valmy in den französischen Schulbüchern weit verbreitet und bereitete die sogenannte „union sacrée“ vor, die dann bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges beschworen wurde. (19a)

Bei den Sozialisten wird –in der Tradition Michelets- Valmy zum Sieg eines spontan sich erhebenden Volkes, das aufgrund seines Glaubens an die Ideen der Revolution den Eindringling besiegt. Dass damit die in Valmy noch entscheidende Rolle der Linientruppen, also der noch traditionellen Berufssoldaten,  –und der meist adligen Kommandeure-   heruntergespielt wird, tat diesem revolutionären Valmy-Mythos keinen Abbruch. Zum Erfolg des republikanisch-revolutionären Mythos von Valmy gehörte schließlich auch die internationale Dimension: Valmy wurde zum Symbol eines Befreiungskampfes der Völker gegen ihre Unterdrückung, von den Aufständen und  Unabhängigkeitskriegen in Europa und Lateinamerika im 19. Jahrhundert bis hin zu den antikolonialen Bewegung im 20. Jahrhundert.[20]

Aber Valmy wurde auch danach noch genutzt, um politische Botschaften in symbolisch aufgeladener Umgebung zu präsentieren. So 2012 von Arnaud Montebourg im Rahmen seiner Bewerbung für die sozialistische Präsidentschaftskandidatur.[21] Montebourg wurde später ja Wirtschaftsminister unter dem Präsidenten François Hollande und war dabei ein engagierter Herold eines „ökonomischen Patriotismus“ und Protektionismus. Valmy war insofern sicherlich für ihn ein passender Ort….

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Verwendete Literatur:

Jean-Paul Bertaud, Valmy, Gallimard folio histoire, 2013

La bataille de Valmy. Le 20 septembre 1792 collection les patrimoines 2017

Johann Wolfgang von Goethe, Campagne in Frankreich 1792. In: Goethes Werke, Hamburger  Ausgabe Bd 10. Hamburg 1960, S. 188f

Rüdiger Safranski, Goethe. Kunstwerk des Lebens.  Fischer TB. FFM 2015

 

Anmerkungen

[1] Campagne in Frankreich, S 235

[2] Bertaud, S. 36/37

(2a) Bild aus: https://venezuelatina.com/2009/10/17/francisco-de-miranda-cote-face-cote-pile/franciso-de-miranda_arco_triunfo/

[3] Bertaut, S. 44. Siehe auch . https://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Baptiste_Vaquette

[4] Bertrand, Valmy S. 42

[5]  François Furet/Denis Richet, Die Französische Revolution. München 1968,  S. 242

[6] Friedenthal, S. 374

[7] Simon Schama, Der zauderne Citoyen. Rückschritt und Fortschritt in der Französischen Revolution. München 1989, S.638. Siehe auch Campagne S. 215, wo Goethe von einem zweiten Thermopylä spricht.

[8] Friedenthal, S. 373

[9] Furet/Richet, S. 228

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Friedrich_von_Tempelhoff

[11] Safranski,  S. 373

[12] Schama, S. 638; entsprechend  Furet/Richet, S. 239

[13]  Safranski, auf den ich mich im Weiteren wesentlich stütze,  S. 373

[14] Safranski, S. 367, 368 und 372

[15] Zit. von Safranski, S. 372

[16] Friedenthal, Goethe  S. 375

[17] https://www.histoire-image.org/etudes/bataille-valmy-20-septembre-1792

[18] https://www.histoire-image.org/etudes/bataille-valmy-20-septembre-1792

[19] Siehe La Bataille de Valmy, S. 40

(19a) https://ahrf.revues.org/3933

[20]Louis Bergès, Valmy, le mythe de la République, Toulouse 2001  Siehe auch: http://www.enssib.fr/bibliotheque-numerique/documents/64920-valmy-la-naissance-d-un-mythe-orleaniste-et-republicain-1830-1848.pdf

[21] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/

 

Geplante Beiträge:

  • Das Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise: Eine hommage an den Vorkämpfer der deutsch-französischen Verständigung
  • Street-Art in Paris (3):  Der Invader
  • Politik und Kunst: Die Manufacture des Gobelins
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier

 

Zu Fuß zum Mont-Saint-Michel: La traversée de la baie

Es gibt auf diesem Blog schon zwei Beiträge zur Normandie, deren Gegenstand die Landung der Alliierten im Juni 1944 ist, konkret: der einerseits sehr touristisch- offensive, andererseits aber auch der eher verschämt-zurückhaltende Umgang mit diesem Ereignis. Diesmal steht der Mont-Saint-Michel im Mittelpunkt, an der Grenze zwischen Normandie und Bretagne gelegen. Den vielen Berichten über den „heiligen Berg“ im Meer  kann man Neues nicht mehr hinzufügen, auch wenn manches vielleicht doch nicht so bekannt sein mag- zum Beispiel, dass der Mont- Saint-Michel vom Beginn der Neuzeit bis 1863 als Staatsgefängnis diente, gewissermaßen als „Bastille des mers“, wie er auch genannt wurde.

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Zu den prominenten Gefangenen in den finsteren „cachots“ gehörte auch Auguste Blanqui, von dem schon einmal im Rahmen des Spaziergangs auf dem Père Lachaise die Rede war.[1]

Inzwischen ist der Mont- Saint- Michel vor allem eine touristische Attraktion ersten Ranges. Wenn man  selbst Tourist ist, darf man sich ja nicht über andere Touristen beschweren, auch wenn man gerade in Ferienzeiten vielleicht Schwierigkeiten haben wird, einen Parkplatz für sein Auto zu finden  oder sich, am Berg angekommen,   nur mühsam den Weg nach oben bahnen kann.  Der Mont- Saint- Michel ist eben alles andere als ein „Geheimtipp“: Nach dem Eiffel-Turm und dem Schloss von Versailles nimmt er mit mehr als 2,5 Millionen Besuchern im Jahr auf der Rangliste der meistbesuchten touristischen Ziele Frankreichs immerhin den dritten Platz ein.

Eine  weniger massentouristische Alternative ist es, auf einem alten Pilgerweg den Berg zu Fuß zu erreichen. So wandert man durch ein Weltnaturerbe der UNESCO zu einem Weltkulturerbe- eine übrigens weltweit einmalige Gelegenheit. Möglich ist das allerdings aufgrund nur im Rahmen einer geführten Gruppe.

Grund dafür sind die besonderen topographischen Verhältnisse und die Gezeiten in der Bucht. Sie  ist zwar in den letzten Jahrhunderten immer mehr verlandet, so dass sie nur noch bei besonders hohen Wasserständen von allen Seiten von Waser umspült war – so wie das  auf alten  Stichen  noch eindrucksvoll zu sehen ist.[2]

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Die Verlandung der Bucht wurde wesentlich beschleunigt durch den Bau eines Dammes vom Festland zur Klosterinsel, um den motorisierten Touristen einen einfachen Zugang zu ermöglichen. Inzwischen wurde  dieser Damm für den privaten Autoverkehr gesperrt und der große Parkplatz am Fuß des Mont-Saint-Michel beseitigt.  Und vor allem:  Der massive Deich wurde durch eine Brücke ersetzt und der in die Bucht mündende Fluss Couesnon mit einer neuen Absperrung versehen. So kann das aufgestaute Wasser phasenweise abgelassen werden, so dass es mit hohem Druck ausströmt. Die durch die Flut in die Bucht gelangten Sedimente werden dadurch wieder ausgewaschen und  das Wasser kann wie einst bei Flut den Klosterberg umspülen.

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Möglich geworden sind diese Arbeiten übrigens  durch einen wesentlichen Beitrag des Europäischen Regionalfonds (FEDER), worauf eine aktuelle Ausstellung auf dem gerade eröffneten Seine-Park in Paris, der früheren Autostraße Voie Pompidou, hinweist.

Bei Ebbe ist es aber nach wie vor möglich, die Bucht zu Fuß zu überqueren. Denn immerhin gibt es hier die größte Differenz an der Atlantikküste bzw. in ganz Europa zwischen Ebbe und Flut von bis zu 12 Metern Höhenunterschied. Das bedeutet, dass bei Ebbe die Bucht weitgehend trocken fällt, die  Flut  dann allerdings auch mit großer Geschwindigkeit  in die Bucht einströmt. Aber gerade deshalb kann man sich nicht selbst auf den  Weg machen, sondern benötigt einen Führer, der die Gezeiten, die Untiefen, die Schlammlöcher und Flüsse in der Bucht kennt und auch die Zeiten, wann die Absperrung des Couesnon geöffnet wird. Im Mittelalter galt der Weg zum Klosterberg als äußerst gefahrvoll.  „Gehst du nach Saint-Michel, vergiss nicht, vorher dein Testament zu machen“, steht in alten Schriften. „Denn bei Flut kommt das Meer mit derartiger Macht wie ein galoppierendes Pferd.“[3]

Um solchen Gefahren zu entgehen, muss man sich einer Führung anvertrauen. Führungen werden (u.a.) angeboten von  der Maison de la baie de Genêts am Bec d’Andaine Im Süden der Halbinsel Cotentin.  Es ist unbedingt erforderlich, sich dort (in Ferienzeiten frühzeitig) anzumelden und entsprechend auszurüsten: in kälteren Jahreszeiten mit warmer Kleidung und Gummistiefeln, bei wärmeren Temperaturen mit Mütze, wasserfesten Sandalen –auch wenn man die meisten Strecken barfuß geht- genügend Trinkwasser und Sonnenschutz.[4]

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Es wird von den Veranstaltern ausdrücklich darauf hingewiesen, rechtzeitig an Ort und Stelle zu sein, also 15 – 30  Minuten vor dem festgelegten Termin.  Ist man etwas zu früh angekommen, kann man die Zeit bis zum Beginn der Wanderung gut in den ruhigen Dünen am Strand verbringen. Man hat dann schon den Blick auf das Felseninselchen Tombelaine, das als Zufluchtsort von Eremiten und im hundertjährigen Krieg als Fort diente und das man auf dem Weg zum Mont-Saint- Michel passieren wird. Und man sieht von hier aus die wildeste, schroffste Seite des Mont-Saint-Micel  mit den Stützmauern des gotischen Klosters.

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Und jetzt noch einmal aus der Vogelperspektive:

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In den ruhigen Dünen kann man sich einstimmen auf die Wanderung zum Berg (ca 7 km).  Der Weg zum Mont-Saint-Michel gehörte im Mittelalter zu den bedeutendsten christlichen Pilgerpfaden. Das beruht –wie meist in solchen Fällen- auf einer Legende: Danach forderte der Erzengel Michael den Bischof von Avranches, Aubert, im Schlaf dreimal auf, auf dem damals noch Mont-Tombe genannten Felsen,  einer druidischen Kultstätte, ein ihm geweihtes Heiligtum zu errichten. Als Aubert angesichts der topographischen Verhältnisse zögerte,  diese Herkulesaufgabe anzugehen, verlieh der Erzengel seiner Aufforderung Nachdruck, indem er einen Daumenabdruck auf dem Kopf des Bischofs hinterließ. Daraufhin machte sich Aubert daran, den Wunsch des Erzengels zu erfüllen und wurde dafür immerhin auch heiliggesprochen. In der Schatzkammer der Basilika Saint-Gervais d’Avranches wird der Schädel des zögerlichen Bischofs als Reliquie aufbewahrt. [5]

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Der Traum des heiligen Aubert: Skulptur im Kloster des Mont-Saint-Michel

Geht dann die Wanderung los, sollte man nicht erschrecken, wenn man viele Menschen  um sich herum sieht, die sich auch auf den Weg machen wollen.  Man wird in überschaubare  Gruppen eingeteilt, denen jeweils ein eigener Führer zugeordnet wird. Dazu  geht es in gebührendem Abstand los, jede Gruppe findet einen eigenen Weg  und man kann durchaus auch etwas Abstand von den anderen halten, wenn man denn will. Wer also auf Erläuterungen des Führers keinen Wert legt –oder sie sowieso nicht versteht- kann sich  in aller Ruhe und Bewunderung dem heiligen Berg nähern und die unterschiedlichen Reliefs des Bodens bewundern und  das Wasser und den Schlick unter den Fußsohlen spüren.

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Ist man dann fast am Fuß des Mont-Saint-Michel angelangt, wartet noch ein besonderes Abenteuer auf die Wanderer.

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Es sind die Schlammlöcher, die sogenannten „sables mouvants“,  die es dort gibt und die von den Führern  gerne gezeigt werden. Man kann selbst einen Versuch machen, indem man an einer entsprechenden Stelle etwas mit den Füßen –oder sicherheitshalber erst einmal mit einem Fuß-   herumruckelt und merkt, wie man langsam tiefer in den Schlamm einsinkt. Das ist ein ganz  besonderes Gefühl, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Allerdings hatte ich dann einige Schwierigkeiten, das bis zum Knie im Schlamm steckende Bein wieder mit eigener Kraft herauszuziehen.

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Da kann man sich dann gut vorstellen, dass das Abenteuer im Schlammloch auch einmal zu einem echten Problem werden  kann, zumal das Phänomen schon im Teppich von Bayeux eine Rolle spielt: Dieses wunderbare gestickte Stoffband von fast 70 Metern Länge aus dem Ende des 11. Jahrhunderts erzählt die Geschichte der Eroberung Englands durch Wilhelm den Eroberer. In einer Episode der Vorgeschichte wird erzählt,  wie Harald Godwinson (auf dem Teppich: Harold dux),  den Wilhelm später  (1066) in der Schlacht von Hastings besiegt, mit seinen Gefährten am Mont- Saint-Michel  vorbeireitet und den Couesnon (auf dem Teppich: flumen Cosnoni) durchquert.

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Ein Pferd mit seinem Reiter kommt im Treibsand  zu Fall und zwei von Harolds Leuten sinken so tief in den Sand ein, dass er sie herausziehen muss.  (auf dem Teppich: trahebat de arena)

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In der Lokalpresse habe ich einen schon etwas älteren Zeitungsbericht gefunden, in dem von drei Touristen berichtet wird, die ebenfalls in den sables mouvantes stecken geblieben sind. Sie waren –in Begleitung eines Führers- zum Mont-Saint-Michel gewandert und so tief in ein Schlammloch geraten, dass sie weder aus eigener Kraft noch mit Hilfe der anderen Gruppenmitglieder oder des Führers wieder herauskamen. Auch die auf dem Klosterberg stationierte Feuerwehr war machtlos. Es musste also erst ein Hubschrauber alarmiert werden, der die im Schlamm feststeckenden Touristen  herausziehen konnte. Immerhin endet der Zeitungsbericht beruhigend: Die drei Touristen seien keines Falls traumatisiert und würden sich sicherlich noch lange an ihr Abenteuer am Mont-Saint-Michel  erinnern.[6]

Für eine ausführliche Besichtigung reicht die Zeit auf dem Klosterberg nicht. Aber für einen Kaffee am Rande des Wegs hoch zur Kirche bestimmt  – oder noch besser für ein kleines Picknick an einem ruhigen Platz, von dem aus man einen wunderbaren Ausblick auf die Bucht und den Tombelaine-Felsen hat.

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Dass sich dann auch hungrige Gäste beim Picknick einstellen, ist übrigens sehr wahrscheinlich.

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Viel Zeit bleibt aber nicht, denn man wird bald wieder von einem Bus abgeholt und zum Bec d’Andaine zurückgebracht oder man geht wieder zu Fuß zurück. Wir haben uns für diese Variante entschieden und es nicht bereut; auch wenn man dann nicht mehr den Klosterberg vor Augen, sondern im Rücken hat.

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Aber der Charakter der Wanderung war auf dem  Rückweg völlig verändert. Jetzt floss das Wasser nicht mehr ab wie auf dem  Hinweg, sondern es begann wieder in die Bucht einzuströmen. Da wanderte man öfters durch seichtes Wasser und stellenweise durch Priele mit einiger Strömung: auch eine schöne Erfahrung!

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Und die Stimmung des späten  Nachmittags mit einem heraufziehenden Gewitter hatte einen ganz besonderen Reiz.

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Also unbedingt empfehlenswert!  Einziger Nachteil: Die Zeit auf dem Mont-Saint-Michel war –zumindest in unserem Fall- ausgesprochen  kurz und reichte lediglich für einen Kaffee und einen kleinen Rundgang.  Aber es hing wohl auch mit den Gezeiten und dem drohenden Gewitter zusammen, dass unser Führer auf einen raschen Aufbruch drängte. Die Busfahrer hatten wohl etwas mehr Zeit. Aber zu einer angemessenen Besichtigung des Klosterbergs hätte  auch bei ihnen die Zeit  nicht ausgereicht.  Das muss man wissen, wenn man sich auf die Wanderung begibt. Und es werden ja auch Tagesausflüge angeboten mit Wanderung hin und zurück und ausreichender Zeit zur Besichtigung.

 

 

Nähere Informationen:

Es werden verschiedene Varianten für die Wanderung zum Mont-Saint-Michel angeboten:

– z.B. die traversées commentées, also Wanderungen durch die Bucht mit ausführlichen Erläuterungen des Führers – Rückweg zu Fuß oder mit Bus

– die nicht kommentierten  Wanderungen, ebenfalls mit den  beiden Rückweg-Varianten (allerdings gibt der Führer auch da interessante Erläuterungen, jedenfalls für diejenigen Wanderer, die sich in seiner Nähe halten)

–  Tagesauflüge mit Wanderung durch die Bucht und zurück und Zeit zur Besichtigung des Klosters ( traversée Merveille de l’Occident en Baie du Mont Saint Michel)

Ausrüstung: Von April bis Oktober mit nackten Füßen und Shorts. In jedem Fall mitzubringen: Rucksack, Pullover, Regenjacke, Handtuch, Wasserflasche, ggf. Picknick, Sonnenschutz.

Ausgangspunkt: Bec d’Andaine oder St-Léonard (auf der Karte: Pointe du Grouin du Sud) – beides von Avranches aus gut zu erreichen und ausgeschildert.

Konditionen (Preise, Treffpunkte, Zeiten)  und (unbedingt erforderliche) Reservierung im Internet unter:

http://www.traverseebaie.com/  oder

www.cheminsdelabaie.com

 

 

Anmerkungen

[1] Bild und weitere Infos dazu:  http://motsetmauxdemiche.blog50.com/archive/2013/03/29/vivre-libre-ou-mourir.html http://www.infobretagne.com/mont-saint-michel.htm

[2]  Plakate von der Umfassungsmauer des  Hôtel des Invalides (Werbung für das musée des plans reliefs)- aufgenommen im Mai 2017

[3] https://www.welt.de/reise/nah/article106365619/Der-Mont-Saint-Michel-versinkt-im-Schlamm.html

[4] http://www.traverseebaie.com/  Näheres am Ende des Beitrags unter „Praktische  Informationen“

Karte aus:  Le Guide Vert Normandie Cotentin. 2013, S. 292

[5] Le Mont-Saint-Michel à travers baie.  In: Libération 27./28.August 2016, Beilage voyages,   S. X/XI

Bild bei: https://fr.wikipedia.org/wiki/Aubert_d%27Avranches

[6] http://www.lamanchelibre.fr/actualite-35862-mont-saint-michel-trois-touristes-enlises-dans-les-sables-mouvants.html

 

eingestellt Mai 2017

 

Die letzten Beiträge:

  • Die Kolonialausstellung von 1931 (Teil 2): Der ‚menschliche Zoo‘ im Jardin d’acclimatation und der Tausch von „teutonischen Krokodilen“ und „Menschenfressern“ zwischen Paris und Frankfurt.  (Juni 2017)
  • Das Palais de la Porte Dorée und die Kolonialausstellung von 1931 (Mai 2017)
  • Neues Leben auf alten Steinbrüchen: Der Park Buttes-Chaumont und das quartier de la Mouzaïa (Mai 2017)

 

Geplante Beiträge/demnächst auf dem Blog:

  • Die Kirche Saint -Sulpice in Paris , Teil 1 (Die Musik, die Krypta, Pigalle und die Säulen von Leptis Magna)
  • Die Kirche Saint- Sulpice in Paris, Teil 2 (Der Gnomon, der Kampf mit dem Engel von Delacroix und das café de la mairie)
  • Street-Art in Paris
  • Sommer in Paris: Baden im Bassin de la Villette, in der Marne und auf/in der Seine
  • Das deutsche Haus, „la maison Heinrich Heine“, in der Cité internationale universitaire in Paris

 

Das Napoleon-Museum auf der Île d’Aix (vive l’empereur! Teil 2)

Wenn man in Paris lebt,  kommt man an Napoleon nicht vorbei – zumal wenn man sich gerade mit Orten des Friedens und des Kriegs in Paris näher beschäftigt (siehe den Blog-Beitrag über die mur pour la paix auf dem  Marsfeld vom 1. Juli 2016). Der Text über den Arc de Triomphe (1. November 2016)  ist in diesem Zusammenhang entstanden- gewissermaßen der erste Teil einer kleinen „vive l’empereur-Serie.  Ein weiterer  über Napoleon in den Invalides  (Invalidendom und Musée de l’Armée) wird im Dezember 2016 folgen und dann wohl auch noch einer über die Triumphsäule auf der place Vendôme.  Der  Beitrag über das Napoleon-Musem auf der Île d’Aix hat sich eher zufällig ergeben: Wir verbrachten im Sommer einige Tage auf der Île d’Oléron. Ein kleiner Ausflug auf die benachbarte Île d’Aix bot sich da an, zumal wenn Napoleon gerade ein Thema ist…

Die Île d’Aix ist eine kleine Festungsinsel  in der Bucht von Rochefort. Hier ein eindrucksvolles  Modell der Insel aus dem musée des plans – reliefs im Hôtel des Invalides in Paris:

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Die Funktion der Befestigungsanlagen war der Schutz der Stadt Rochefort, die unter Ludwig XIV. zu einem  Marinestützpunkt mit einem bedeutenden  Arsenal ausgebaut wurde.

Rochefort war auch ein wichtiger Stützpunkt im Krieg Napoleons gegen England. Und die englische Marine stellte eine erhebliche Bedrohung für das strategisch wichtige Rochefort dar, wo die Schiffe gebaut wurden oder gebaut werden sollten für die geplante Invasion der Insel. Napoleon inspizierte also 1808 die Île d’Aix  und befahl  den Bau eines „unzerstörbaren“  und „uneinnehmbaren“ Forts auf dem höchsten Punkt der Insel: Das Fort Liédot.  Die Arbeiten begannen 1810 – zogen sich allerdings bis 1834 hin… Die Festung konnte eine Garnison von 600 Mann aufnehmen- wurde aber auch als Gefängnis für Kriegsgefangene und für politische Gefangenen genutzt. 1870 waren zum Beispiel preußische Kriegsgefangene hier untergebracht [1] und ein Jahr später Kämpfer der Commune – bevor sie im Allgemeinen in die Verbannung geschickt wurden. Ein besonders prominenter Gefangener war Ahmed Ben Bella, einer der Führer des algerischen Widerstands gegen die französische Besetzung, der von 1959 bis 1961 dort gefangen war , bevor er 1963 der erste Präsident des unabhängig gewordenen Landes wurde.[2]

Außerdem inspizierte Napoleon bei seinem Besuch von 1808 die Arbeiten an dem Bau des mächtigen Forts Boyard zwischen der Île d’Aix und der Île d’Oléron – von dem später noch die Rede sein wird. Und last but not least: Er ordnete den Bau einer standesgemäßen Behausung für den  Gouverneur der Insel an. Und sicherlich hätte er sich nicht träumen lassen, dass dieses Haus einmal seine letzte Unterkunft in Frankreich, ja Europa sein würde, bevor er den  Weg in die  Verbannung nach Sankt Helena antreten musste.

Man ist also, das wird schon aus diesen wenigen Angaben deutlich, Napoleon auf der Île d’Aix ganz nahe-  es ist gewissermaßen eine napoleonische Insel.  Und das merkt man auch gleich, wenn man sie  –vom Boot ankommend-  betritt und von einer Büste Napoleons empfangen wird.

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Darunter ist ein Schild angebracht, das erklärt, welche Bewandtnis es mit dieser Büste hat:  Aufgestellt wurde sie 2015, 200 Jahre, nachdem der zum Rückzug gezwungene Napoleon,  von Rochefort kommend,  am 12. Juli 1815 die Insel betreten habe, bevor er in der Nacht vom 14. zum 15. Juli sich in die Hand der Engländer begeben habe und ins Exil aufgebrochen sei.

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Auch danach begegnet man Napoleon auf der Insel auf Schritt und Tritt.

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Und selbstverständlich trägt auch das erste Haus am Platz –ungeachtet des äußeren schlichten Aussehens ein 3-Sterne Hotel-  den  Namen Napoleons- das dazugehörige Restaurant heißt dann passender Weise  „Chez  Josephine“.

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Hauptsehenswürdigkeit der Insel ist das Napoleon-Museum, das im ehemaligen Gouverneurssitz der Insel untergebracht ist, da also, wo Napoleon seine letzten europäischen Tage verbracht hatte.

 

Die letzten Tage Napoleons in Europa

Am 22. Juni 1815 musste Napoleon auf Druck des Parlaments sein kaiserliches Amt niederlegen. Er  spielte  zwar mit dem Gedanken, die Nationalgarde gegen das Parlament in Bewegung zu setzen, aber ob die ihm auch jetzt  noch gefolgt wäre, ist unsicher.  Die einzige Konzession, die dem Parlament und dem neuen provisorischen Regierungschef Fouché abtrotzen konnte, war die Proklamation seines Sohnes als sein  Nachfolger unter dem Namen Napoleon II. Der regierte aber nur etwa zwei Wochen, aber das reichte aus, dass der nächste französische Kaiser dann den Namen  Napoleon III  trug.

Nach seiner Abdankung zog sich Napoleon in das Schloss von  Malmaison zurück, wo er unter  anderem  seine Mutter und  zwei seiner Mätressen, Maria Walewska und Èléonore Denuelle de la Plaigne traf, ebenso wie die  Söhne, die er mit ihr hatte. Da aber die Engländer und die Preußen im Anmarsch waren, musste er auch Malmaison verlassen. Mit einem kleinen  Gefolge irrte er einige Tage die Atlantikküste entlang bis Rochefort und zur Île d‘Aix, in der Hoffnung, von dort aus nach Amerika entkommen zu können, wie es ihm geraten worden war:  Wenn er dort wäre, würde er immer noch seine Feinde zum Zittern bringen. Und wenn die Bourbonen wieder zurückkämen, wäre seine Anwesenheit in einem freien Land ein wichtiger Faktor für die öffentliche Meinung in Frankreich.

Um in die USA zu gelangen,  hätte Napoleon allerdings einen englischen  Passierschein benötigt, denn die übermächtige englische Flotte konnte jede von ihr nicht genehmigte Überfahrt nach Amerika verhindern. Nach Napoleons 100-Tage Abenteuer und den vielen Opfern, die es gekostet hatte, war an ein Entgegenkommen der Alliierten allerdings überhaupt nicht zu denken.

Napoleon saß also auf der Île d’Aix fest. Er schrieb also am 14. Juli einen Brief an den britischen Prinzregenten:

 „Königliche Hoheit, den Parteien ausgesetzt, und der Feinschaft der europäischen Mächte überliefert, habe ich meine politische Laufbahn beendet und komme, wie Themistokles, im Lande des britischen Volkes eine Zuflucht zu suchen! Ich stelle mich in den Schutz Ihrer Gesetze und bitte Eure königliche Hoheit als den mächtigsten, beständigsten und großmütigsten meiner Feinde, ihn mir zu gewähren. Napoleon“[3]

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Entwurf des Briefs (Handschriftlich von Napoleon mit Anmerkungen des Generals Gourgaud)  Facsimile, ausgestellt im Museum von Île d’Aix

 

Dass sich Napoleon hier mit dem griechischen Feldherrn Themistokles vergleicht, passt zwar zum ego Napoleons und seiner Vorliebe für die Antike – passend ist der Vergleich aber nicht ganz. Denn Themistokles hatte immerhin Jahre vorher den Persern eine vernichtende Niederlage in der Seeschlacht von Salamis beigebracht. Gegen die Briten hatte Napoleon aber immer nur verloren….

Am 15. Juli lieferte sich Napoleon dem Kommandanten des englischen Kriegsschiffes Bellerophon aus. Und auch hier gibt es einen Bezug zur Antike, der aber besser passt als der Vergleich mit Themistokles: Bellerophon war der Sohn des Poseidon, vollbrachte außerordentliche Heldentaten, verfiel aber schließlich der Hybris:  Mit dem von ihm gezähmten geflügelten Pferd Pegasus wollte er zum Olymp reiten und Zeus von seinem Thron stürzen. Die Strafe folgte auf dem Fuß. Verkrüppelt und erblindet irrte er einsam und die Menschen meidend die letzten Jahre seines Lebens umher.  …

Auf Napoleon wartete am 7. August die englische Fregatte Northumberland, die ihn nicht, wie wohl immer noch erhofft, in die Vereinigten Staaten und auch nicht nach England brachte, sondern auf die ferne Felseninsel Sankt Helena. ..

 

Die Geschichte des Museums

Untergebracht ist das Napoleon-Museum in der  ehemaligen Residenz des Insel- Gouverneurs, die auf Anordnung Napoleons gebaut wurde.  Es  ist das größte Haus der Insel.

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Gegenüber den gedrungenen Fischerhäuschen der Insel nimmt sich dieses Bauerwerk mit seinen zwei hohen Geschossen und der repräsentativen Fassadengestaltung mit der Attika und den dorischen Säulen am Eingang  sehr imposant aus.

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Die Krönung des Hauses ist der im zweiten Kaiserreich Napoleons III. hinzugefügte Giebel mit einem mächtigen napoleonischen Adler, der  im zweiten Kaiserreich Napoleons III. hinzugefügt wurde. In ihn ist in goldenen Lettern eine Weihe- Inschrift „an unseren unsterblichen Kaiser“ eingemeißelt, dessen Name auf der ganzen Welt verehrt werde:

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« A la mémoire de notre immortel Empereur Napoléon Ier, 15 juillet 1815. Tout fut sublime en lui: sa gloire, ses revers. Et son nom respecté plane sur l’univers ».

 

Genau der richtige Rahmen also für ein napoleonisches Museum. Seine Entstehung  ist dem Baron Gourgaud zu verdanken, der durchaus nicht zufällig den Vornamen Napoléon trägt.. Er ist der Urenkel von Gaspard Gourgaud, einem der letzten Getreuen, die Napoleon auf die Insel Sankt Helena begleiteten. Er war dem gestürzten  Kaiser in einer  bedingungslosen und besitzergreifenden  Weise ergeben  – „er liebte seinen Kaiser, wie man nur eine Frau  lieben kann“, heißt es in einer (unter Gender-Gesichtspunkten etwas  problematischen) Charakterisierung. Selbst Napoleon und erst recht den anderen Begleitern ging  das allmählich auf die Nerven  und Gourgaud wurde nach Frankreich zurückbeordert. Immerhin erhielt er 1840 den ehrenvollen Auftrag,  an der Exhumierung der sterblichen Überreste Napoleons auf Sankt Helena teilzunehmen und sie nach Frankreich zu überführen, wo sie im Invalidendom ihre letzte Ruhe fanden.[4] Eine Nachbildung des Katafalks Napoleons bei dieser sogenannten „retour des cendres“  befindet sich im oberen Teil des Grabs von Gaspard Gourgaud und seiner Familie auf dem Père Lachaise. Auffällig ist dabei, dass von Gourgaud zwar Name, militärischer Rang und Lebensdaten angegeben sind, im Zentrum allerdings die Girlanden-bekränzte Inschrift „1815 SAINT HELENE 1840“ steht. Selbst noch das Grabmal lässt keinen Zweifel daran aufkommen, wem das Leben des hier Beerdigten gewidmet war.[5]

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Die enge Verbundenheit Gourgauds mit seinem geliebten Kaiser wird auch daran deutlich, dass er seinem Sohn den Vornamen Napoléon gab. Der wiederum nannte seinen Sohn Honoré-Gaspard-Napoléon  und der für das Museum entscheidende Urenkel war dann wieder ein reiner  Napoléon (und Gründer der Fondation Napoléon)–  dieser Namen ist seit 200 Jahren in dieser Familie offenbar Tradition und Verpflichtung… Auf dem Grabmal Gaspard Gourgons ist aber für die nachfolgenden  Napoléons kein Platz…[6]

Napoléon Gourgaud, der Urenkel Gaspards, und seine Frau Eva Gebhard, eine amerikanische Millionenerbin, fanden in den 1920-er Jahren Gefallen an der kleinen Insel, auf der Napoleon seine letzten europäischen  Tage verbracht hatte. Sie gründet die „Gesellschaft der Freude der Île d’Aix“ und kauften mehrere Häuser der Insel, unter anderem die ehemalige Residenz des Gouverneurs, inzwischen Haus des Kaisers genannt. Dort trugen  sie ihre Sammlerstücke und Napoleon-Devotionalien zusammen und eröffneten 1928 das Musée napoléonien.

 

Was gibt es dort zu sehen?

Die Räume des Museums sind ziemlich randvoll ausgefüllt mit Erinnerungsstücken an Napoleon – zum Beispiel im Treppenhaus einem großen napoleonischen Adler und einem Portrait Josefines.

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Stolz präsentiert das Museum  einige besonders weltvolle oder außergewöhnliche Ausstellungsstücke. Zum Beispiel  das Portrait Napoleons als König von Italien, „ein Meisterwerk“ von Appiani. So wie die französischen Künstler die Aufgabe hatten, den  Kaiser zu verherrlichen und zu verewigen, so wurden  nach der Proklamation und Krönung Napoleons als König von Italien 1805 auch italienische Künstler für diese Aufgabe herangezogen. Napoleon selbst beauftragte den bedeutendsten Maler Mailands –dort hatte die Krönung stattgefunden- mit der Anfertigung seines offiziellen Portraits. Er ist ausgestattet mit allen Insignien seiner neuen Würde und Macht. Es gibt zwei Versionen dieses Portraits- eines davon im Museum von Île d’Aix.

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Dann gibt es natürlich Ausstellungsstücke, die einen besonderen Bezug zu dem Ort des Museums haben: So kann man das Bett sehen, in dem Napoleon während der Tage auf der Insel schlief.

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Es ist ein Rest der sonst nicht mehr erhaltenen Möblierung des Hauses.  Es steht auch noch an  seinem ursprünglichen Ort, ursprünglich das Zimmer des Kommandanten, dann „la chambre de l’Empereur“.  Dort war es auch, wo Napoleon am 13. Juli 181 den Brief an den englischen Prinzregenten schrieb.

Dazu gibt es auch noch ein ziemlich ramponiertes Sofa.

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Welchen Bezug es zu Napoleon hat, erklärt das Blatt, das darauf befestigt ist:

 img_7470 Napoleon habe auf diesem Kanapee die Nacht vom 13. auf den  14. Februar 1814 auf der Poststation von Château-Thierry zugebracht. Er sei von einem wichtigen Telegramm eines Generals geweckt worden und sogleich um 4 Uhr morgens aufgebrochen, um die Armee Blüchers bei Marchaix und Montmirail zu schlagen.Unter einem Kissen habe man ein weißes gesticktes Taschentuch mit einem gekrönten N gefunden und ein Band der Ehrenlegion.Das Kanapee sei von der Familie Souliac – offenbar den Besitzern  der Poststation von Château-Thierry-  „religieusement“  aufbewahrt worden, als Erinnerung an den „großen Mann“ und als historischer Gegenstand.

 

Einen indirekten Bezug zu dem Museumsbau hat das Gemälde, das Napoleon beim Diktat seiner Memoiren  in Sankt Helena zeigt. Am Tisch sitzen nämlich mit gespitzten  Ohren und ebenso gespitzter Feder die Generäle Montholon und Gaspard Gourgaud, dessen Urenkel dann das Museum gründete.

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Eindrucksvoll ist die Zusammenstellung von 40 Uhren mit Napoleon-Motiven aus der Zeit des Kaiserreichs und der Regierungszeit Louis Philippes. Alle sind angehalten bei 17. 49 h, seinem Todeszeitpunkt (5. Mai 1821).

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Ein Stück weiter in der rue Napoléon gibt es das afrikanische Museum der Gourgaud-Stiftung. Der Baron war auch ein begeisterter Jäger und versammelte in diesem Museum seine Trophäen, die er von seinen Jagdausflügen nach Afrika mitbrachte. Eine exotische Besonderheit ist ein präpariertes Dromedar, das Bonaparte bei seiner Ägypten- Kampagne geritten haben soll.

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Angesichts eines solchen Ausstellungsstückes würden, wie ein Napoleon-Kenner schreibt, selbst die Kuratoren des Armee-Museums in den Invalides vor Neid erblassen- auch wenn es dort immerhin ein anderes „prominentes“ Reittier Napoleons gibt- nämlich seinen Schimmel Vizir. [7)

Das Napoleon-Museum gehört inzwischen zum Kreis der musées nationaux, es ist also eine staatliche Einrichtung. Gerade  vor diesem Hintergrund ist es -zumal für einen  deutschen Besucher- bemerkenswert, wie völlig ungebrochen, gewissermaßen naiv, hier Napoleon-Devotionalien präsentiert werden. Die Napoleon-Legende  ist also auch hier lebendig. Aber vielleicht ist das ja als Gegengewicht gemeint gegen die angebliche  Herabwürdigung und Verunglimpfung „unseres großen Mannes“, die angeblich in den französischen Schulbüchern vorherrscht….  (7a)

 

Auf dem Weg zur Insel: Fort Boyard

Zwischen der Île d’Oléron und der Île d’Aix  liegt das Fort Boyard, das man mit dem Boot von Boyardville kommend  passiert bzw. umrundet. Es ist ein eindrucksvolles Festungsbauwerk, das seine Entstehung –natürlich- auch Napoleon verdankt, auch wenn es erst lange nach seinem Tod fertiggestellt wurde – als es wegen der vergrößerten Reichweite der Artillerie keine militärische Bedeutung mehr hatte.

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Das Fort wurde unter größten Schwierigkeiten auf einer Sandbank errichtet, es wird aber bei Flut von Wasser umspült. So sieht es in der Tat aus wie ein mächtiges Schiff aus Stein, ein „vaisseau de pierre“.[8] Heute ist es weitgehend ungenutzt. Immerhin dient es als Kulisse für eine offenbar beliebte französische Spielshow …

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… und als Ruheplatz und Aussichtsplattform für Möven: Also in gewisser Weise ein eindrucksvolles Beispiel für eine gelungene Rüstungskonversion….

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Praktische Informationen

Musée national Napoléon de l’Île d’Aix und Musée national africain de l’Île d’Aix.  http://musees-nationaux-malmaison.fr/musees-napoleonien-africain/ 

Fährverbindungen  (Fahrzeit 20-30 minuten) von Fouras (ganzjährig) oder Boyardville auf der Île d’Oléron (April bis November). http://www.inter-iles.com/ 

 

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu Napoleon:

 

Anmerkungen

[1] Theodor Fontane war übrigens auch 1870 in französischer Kriegsgefangenschaft, und zwar ganz in der Nähe auf der Île d’Oléron.

[2]http://www.iledaix.fr/Les-personnages-celebres?lang=fr

[3] Briefe Napoleons I. Hrsg. Von Friedrich M. Kircheisen, Dritter Band, Paderborn, 2012,  S. 269

[4] Siehe dazu den Blog-Beitrag: Napoleon in den Invalides (Dezember 2016)

[5]  In der 23. Division an   Avenue Transversal N° 1 gelegen

Zur Beziehung Gourgauds zu Napoleon: http://www.appl-lachaise.net/appl/article.php3?id_article=88  und Steven Englund: Napoléon. Paris 2004, S.543   Zur „retour des cendres“ siehe den entsprechenden Blog-Beitrag vom Dezember 2016 (Napoleon in den Invalides)

[6] Der Sohn des Museumsgründers begründete dann immerhin die „Fondation Napoléon“ und nannte seinen Sohn wieder…. Napoléon.

[7] L’ABC-daire de Napoléon et l’Empire. Paris: Flammarion, 2013,  S.25. Siehe zu Vizir den Blog-Beitrag über Napoleon in den Invalides (Dez. 2016)

7 (a) „Vu le silence des manuels scolaires sur notre grand homme (sauf pour le dénigrement masochiste)“   http://www.lefigaro.fr/voyages/2012/07/06/03007-20120706ARTFIG00476-l-ile-d-aix-sentinelle-imperiale.php 

[8] Siehe: Les cahiers d’Oléron. Le fort Boyard, Vaisseau de pierre, monstre créateur. N° 6, 1986

Die Corrèze (Teil 2): touristische Impressionen

Im ersten Blog-Beitrag zur Corrèze ging es um die allgegenwärtige Erinnerung an die Zeit von 1940-1944, also die Zeit zwischen der französischen  Niederlage von 1940 und der Befreiung von 1944. Die  Corrèze hat damals  als ein Zentrum der Résistance  auch bezogen auf den nationalen Rahmen  Frankreichs eine ganz herausragende  Rolle  gespielt.

Es  wäre aber bedauerlich, die Corrèze nur aus diesem begrenzten  Blickwinkel zu sehen, ist sie doch eine äußerst interessante, vielfältige und reizvolle Gegend. Das soll  anhand einiger Fotos wenigstens ansatzweise gezeigt werden. Und vielleicht macht das auch Lust und weckt die Neugierde, dieses Gebiet etwas zu erkunden, das zwar nicht zu den ersten touristischen Destinationen Frankreichs gehört, dessen Besuch sich aber unbedingt lohnt.

Bei der Vorstellung der Corrèze möchte ich mich auf zwei unterschiedliche Landschaften konzentrieren, die wir besonders schön finden : Die Dordogne im Süden des Départements und das Hügelland Millevaches im Nordosten.  Nicht, dass es auch andernorts in der Corrèze schöne Orte und Landschaften gäbe, aber es ist ja hier nicht darum, nach dem Motto:  „Alles über die Corrèze“  einen Reiseführer zu ersetzen.

 

Das Plateau des Millevaches und die Monédières

Das Millevaches-Plateau liegt im Zentrum der Corrèze.  Der Name hat nichts mit „vaches“, also Kühen zu tun, sondern mit dem okzitanischen „vacca“, also Quellen. Und die gibt es dort reichlich. Zum Beispiel  die Quelle der Vienne….

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…. und die Quelle der Vézère.  Ideale Ziele für schöne Wanderungen.

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Auf der Hochebene….

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weiden  Schafe…

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… aber auch die berühmten Limousin-Rinder….

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die nicht  in Fleischfabriken produziert, sondern in freier Natur leben.  Und der Nachwuchs ist, entsprechend dem schönen Marketing-Slogan,  „élevé sous sa mère“ – wächst also unter bzw zusammen mit der Mutter auf.

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Das Fleisch ist dann auch entsprechend schmackhaft.

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In den weiter südlich gelegenen Monédières  gibt es wunderschöne Hochmoore, schöne Wälder, die charakteristischen Granit-Findlinge und viel Heidekraut. Auch ein Wanderparadies.

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Bekannt sind die Monédières auch für ihre Heidelbeeren

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An ganz vielen Stellen des plateau de Millesvaches und der Monédière findet man  am Wegesrand, manchmal auch mitten im Wald Kreuze aus Granit. Zeichen der traditionellen Frömmigkeit der Menschen dieser Gegenden.

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In der ganzen Corrèze hat man insgesamt 174 solcher Kreuze gezählt.

Hier abgebildet sind das Croix du Pey und das Croix de Combe-Longue (Lestards)

In den  kleinen Orten der GeCgend findet man auch ganz viele mittelalterliche Kirchen- immer aus dem heimischen Granit errichtet und immer mit der für die ganze Corrrèze typischen Turmform – einer vor den Eingang gesetzten Scheibe mit meist zwei oder drei Bogenöffnungen oben für die Glocken und oft einem sehr kunstvoll verzierten Portal.

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Kapitell in der Kirche in Meymac

Hölle,  Himmel und Heil waren hier immer präsent: Durch diese Gegend führten früher Pilgerwege nach Santiago de Compostella hindurch,wie die in eine Hauswand in St Merd eingebaute Muschel zeigt. Vermutlich handelt es sich um ein Fragment aus einer Pilgerkirche:  eine der vielen Entdeckungen, die man in dieser Gegend machen kann.

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Am Südhang des Plateau de Millevaches, in Sarran, gibt es noch eine besondere Attraktion, das Musée Jacques Chirac. Chirac war lange Jahre Bürgermeister von Paris, dann auch Staatspräsident, aber er war und blieb immer ein Mann der Corrèze. Seine Frau Bernadette ist übrigens noch bis heute lokalpolitisch (und darüber hinaus) engagiert.

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Natürlich wird  da auch reichlich Personenkult betrieben, aber der Besuch des Museums lohnt sich auf jeden Fall. Vor allem wegen der Ausstellung von  Geschenken, die Chirac bei seinen Staatsbesuchen erhielt. Gezeigt wird eine kleine globale Auswahl: Manches Schöne und Kostbare, viel Kurioses.

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Diejenigen, die diese Geschenke überreicht haben, möchten ihre Länder ja in einer ganz spezifischen Weise repräsentieren. Dieser Blickwinkel macht die Ausstellung zusätzlich interessant. Bei unserem Besuch war Deutschland leider nicht mit einem Staatsgeschenk vertreten. Interessant wäre aber bestimmt, einmal zu sehen, welche Staatsgeschenke die deutsche Seite gemacht hat und wie sich das im Laufe der Jahre –und im Wechsel der politischen Repräsentanten- vielleicht verändert…

 

Die  Dordogne zwischen dem Pont du Chambon und Beaulieu

Der Abschnitt der Dordogne zwischen dem Pont du Chambon und Beaulieu, der die südliche Grenze der Corrèze markiert, ist sicherlich nicht so  spektakulär wie der stromabwärts  anschließende im Périgord.  Aber er ist sehr abwechslungsreich und in vielfacher Hinsicht attraktiv . Bis Argentat ist die  Dordogne eingezwängt in eine Schlucht, die Georges de la Dordogne, an deren unzugänglichen Abhängen sich im 2.  Weltkrieg Widerstandskämpfer einen Unterschlupf gesucht hatten. (siehe Teil 1). Es gibt dort aber auch schöne Spazierwege  durch Eichen- und Esskastanienwälder.

Die Esskastanien wurden gesammelt,  in speziellen Hütten getrocknet, so dass man  daraus Mehl herstellen  konnte: in einer Gegend ohne  Getreideanbau eine  wenn auch mühsame Alternative.

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Dach einer alten Trockenhütte für Esskastanien an den Abhängen der Dordogne. Die Schieferabdeckung ist typisch für die gesamte Corrèze.

 Bei diesen Spaziergängen hat man oft  wunderbare Ausblicke auf die Dordogne, z.B. vom „fauteuil de dieu“ aus.[1]

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Früher war die Dordogne hier ein ganz gefährlicher Fluss, der nur schwer für Schiffe passierbar war. Heute ist er durch mehrere Dämme gestaut und  gezähmt, so dass er sich manchmal geradezu wie ein ruhiger See ausmacht.

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Ab Argentat weitet sich das Tal der Dordogne aus. Hier gab es einmal den wichtigsten Hafen an der Dordogne.

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Vor allem das für den Weinanbau und die Fassproduktion wichtige Eichen- und Kastanienholz wurden  hier gesammelt und auf eigens dafür gebauten Schiffen mit geringem Tiefgang verladen. Das waren die sogenannten „gabares“. Am Ankunftsort Libourne (vor Bordeaux) wurden sie zerlegt, das Holz verkauft und die Schiffer wanderten die Dordogne hoch zurück nach Argentat, um eine neue Ladung zu übernehmen.

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Blicke von der Brücke von Argentat

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Ein Fischer und ein Badender   in der Dordogne zwischen Argentat und Beaulieu

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In Beaulieu gibt es einen malerischen Badeplatz an der Büßerkapelle. Hier ist das Wasser etwas  angestaut,  sodass man in der Dordogne auch schwimmen kann. Das Wasser ist allerdings auch im Hochsommer ziemlich frisch….

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Unbedingt ansehen sollte man sich in Beaulieu die Abteikirche Saint-Pierre. Das Südportal ist „ein Meisterwerk romanischer Skulptur“.  Besonders ins Auge fallen die zu Füßen Jesu dargestellten Kräfte des Bösen, das siebenköpfige Ungeheuer aus der Apokalypse und diverse menschenverschlingende Monster.

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Im nördllchen Querschiff ist der Kirchenschatz ausgestellt, darunter ein emaillierter Reliquienschrein, eine Madonna mit Kind und diverse Reliquienbehälter.

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Etwa nordwestlich von Beaulieu liegt das zu den schönsten Dörfern Frankreichs zählende Curemonte.  Es liegt malerisch auf einem Hügel- wenn man vom Tal aus den Ort erreicht und die Straße noch etwas weiter hoch fährt, erreicht man  einen Platz mit Park- und Picknickmöglichkeit, von dem aus man einen  schönen Blick auf den Ort hat. Auffällig sind die beiden direkt nebeneinanderliegenden burgartigen Schlösser Saint-Hilaire und  de  Plas.

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Die Schriftstellerin Colette hat  1940 – im Jahr der Niederlage in den beiden –damals halb verfallenen- Burgen gewohnt, die ihrer Tochter  Colette  de Jouvenel gehörten. Sie hat  darüber in ihrem Tagebuch berichtet:

Danger…. Défense de visiter les ruines, défense de laisser les enfants jouer au pied des ruines. Mais libre à nous, qui habitons au sein du chaos, de cueillir la grande marguerite et la mauve dans la salle des gardes, tendre une ficelle dans un appartement  d’honneur et y mettre le linge à sécher, quand il ne pleut pas. Tout les poutres des planchers sont tombées.Là gît notre dépôt de bois de chauffage, qui durera plus longtemps que la paix elle-même. … Quel  motif amena les seigneurs de Plas et ceux de Saint-Hilaire, environ au XVe siècle, à construire si proches l’un de l’autre leurs deux châteaux que sépare, dans un étroit enclos au  sommet du village, un espace de six ou sept mètres?

Saint Hilaire commença, Plas le suivit. Celui-ci aima le cylindre, et celui-là le cube. Nous ne savons rien sur eux et avons bien autre chose en tête, car la radio est muette, sourd le télégraphe, nous n’avons pas de beurre depuis trois semaines, ni de journal, ni d’essence“[2]

 

Die wunderbare Veränderung der Grange von Marcillac-la-Croisille

Dass wir das Plateau de Millevaches und die Dordogne für die Vorstellung der Corrèze ausgewählt haben,  hängt vor allem damit zusammen, dass sie für uns gut und schnell zugänglich sind, wenn wir in der Corrèze sind. Da wohnen wir nämlich in Marcillac-la-Croisille  bei  unserer Freundin Marie-Christine, und zwar in der inzwischen ausgebauten Scheune,  die gelegentlich der Resistance als Versteck diente.

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Jetzt ist dort  eine sehr geschmackvolle kleine Wohnung eingerichtet, die es Marie-Christine gelegentlich erlaubt einen Wohnungstausch zu machen. [3]

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Marcillac ist ein kleiner sympathischer Ort, es gibt noch die notwendigen Geschäfte (Bäcker, Metzger, eine épicerie,  einen Tabac –Laden, wo man Zeitungen bekommt)  und einen Wochenmarkt, wo es aus einem großen Kupferkessel frisch zubereiteten Aligot gibt.  Das ist eine Art Kartoffelpüree, das mit Tomme-Käse verrührt wird.  Das Gericht wurde  von Priestern entwickelt, die damit die Pilger auf dem Jacobsweg durch das Zentralmassiv verköstigten. Absolut lecker. Dazu am besten die schön gewürzte Wurst  „chipolata aux herbes“ des Metzgers von Marcillac.

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Und einer der größten Pluspunkt des Ortes: Es gibt einen großen Stausee, in dem man -om diesem Jahr bei  angenehmen  Wassertemperaturen bis in den September hinein- wunderbar schwimmen kann.  Ein idealer Ausgangspunkt zur Erkundung der Corrèze. Es lohnt sich!

 

 

[1] Vorschläge für Spaziergänge mit entsprechendem Kartenmaterial gibt es im Tourismus-Büro von Marcillac

[2] Colette, Journal à rebours. Zit. In: Claude Latta, Le guide de la Corrèze. Lyon 1988, S.264

[3] Wer Interesse hat, kann sich direkt mit Marie-Christine in Verbindung setzen: mchs@orange.fr