Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch- deutsche Flüchtlingsgeschichte. Teil 1: Lyon, Luberon, Piemont

Dieser Text fällt  ein wenig aus dem Rahmen dieses Blogs heraus, schon allein geographisch:  Es geht zwar zunächst um Frankreich, dann aber auch (ein wenig)  um Italien  und  vor allem um Deutschland:  und dort auch nur um den Ortsteil Dornholzhausen der hessischen Klein- und Kurstadt Bad Homburg nördlich von Frankfurt. Ende des 17. Jahrhunderts wurden in Dornholzhausen waldensische Flüchtlingsfamilien angesiedelt, später kamen hugenottische Einwanderer dazu.

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Aus dem Geburts-/Taufregister  der Waldensergemeinde Dornholzhausen des Jahres 1782.  Bailly ist ein hugenottischer, Bertalot ein waldensischer Familienname. 

Es wird hier also keine allgemeine Geschichte der Waldenser erzählt, dazu gibt es schon andere ausführliche und fundierte Darstellungen; sondern es werden nur einige Stationen der waldensischen Flüchtlingsgeschichte vorgestellt: Lyon, der Luberon in der Provence, die Waldensertäler in  den cottischen Alpen zwischen Frankreich und Italien und dann vor allem die französische/waldensische Kolonie in Dornholzhausen.

Natürlich klingt bei diesem Thema auch die aktuelle Migrationsbewegung mit. Da ist es ja durchaus üblich, historische Bezüge herzustellen – so zum Beispiel durch den Kölner Bürgermeister Andreas Wolter auf einer Veranstaltung des deutschen Hauses der Cité Universitaire in Paris (MHH) am 5. Dezember 2017 zum Thema  „Réfugiés en Allemagne et en France“  (Flüchtlinge in Deutschland und in Frankreich). Er verwies dabei auf die Erfolgsgeschichte der Einbürgerung wallonischer Hugenotten in Köln, die die Schokoladenproduktion in der Stadt heimisch gemacht und so zu deren Wohlstand beigetragen hätten.  Von da aus schlug er einen Bogen zur heutigen Aufnahme von  Flüchtlingen und benutzte die historische Parallele dazu, seinen diesbezüglichen Optimismus zu begründen.

In der Tat legt es das Schicksal der Waldenser nahe, über die Aufnahme und Integration von Menschen anderer Sprachen, Kulturen und Religionen nachzudenken. Wie der Waldenser-Forscher Gabriel Audisio in einem Vortrag über die Aufnahme der Waldenser im Luberon ausführte:  Die Integration von Fremden habe immer und zu allen Zeiten zu „réactions de défense et de rejet“ geführt. Es sei also eine „question cruciale de tous les temps“, wie weit die Aufnahmebereitschaft und -fähigkeit der Menschen gehe. (1)

Allerdings mag jeder Leser/jede Leserin selbst entscheiden, inwiefern  die Geschichte der Waldenser und ihre Aufnahme in Deutschland sich –in welcher Weise auch immer- als Argumentationsmaterial für die heutige Migrationsdebatte eignen. Zum Nachdenken regen sie auf jeden Fall an.

Im ersten Teil dieses Beitrags geht es um die Ursprünge der Waldenser und ihre Ansiedlungen und Verfolgungen im Luberon und im Piemont. Eindeutiger Schwerpunkt ist dabei der Luberon, den wir im Spätsommer 2018 auf den Spuren der Waldenser besucht haben. Der zweite Teil beschäftigt sich dann mit der Aufnahme von Waldensern in Deutschland, vor allem mit der  in Hessen-Homburg gelegenen französischen Kolonie Dornholzhausen.

 

Petrus Waldes/Pierre Valdo und die Armen von Lyon

Um das Jahr 1176 begann  der wohlhabende Textilkaufmann Petrus Waldes in Lyon öffentlich in der Volkssprache zu predigen.  Durch den Tod eines Freundes betroffen, änderte er sein  Leben und wurde zum Begründer der waldensischen Reformbewegung. Zeitgenössische Quellen zu seinem Leben gibt es nur aus amtskirchlicher Sicht.  Ein Dominikaner und Inquisitor namens Stephan von Bourbon, der einige Augenzeugen noch persönlich kannte, fasste die Geschehnisse so zusammen:

„Ein reicher Mann (in Lyon), genannt Valdensis, hörte die Evangelien, und da er nicht sehr gebildet war und trotzdem unbedingt wissen wollte, was sie sagten, machte er einen Vertrag mit (zwei) Priestern, mit dem einen dass er sie in die Volkssprache übersetzen, und mit dem anderen, dass er aufschreiben sollte, was jener diktierte. Das taten sie auch; ebenso machten sie es mit vielen Büchern der Bibel und vielen Worten  der Heiligen…. Als diese jener reiche Bürger oft gelesen und sich eingeprägt hatte, beschloss er die evangelische Vollkommenheit zu leben, wie die Apostel sie gelebt hatten. Nachdem er all seinen Besitz verkauft hatte, warf  er aus Weltverachtung sein Geld wie Dreck den Armen hin und hat sich das Amt der Apostel angemaßt und angeeignet. Er predigte das Evangelium und das, was er auswendig gelernt hatte, auf den Straßen und Plätzen und scharte viele Männer und Frauen um sich, die er aufforderte, das Gleiche zu tun, und denen er das Evangelium einprägte. Die schickte er in die umliegenden Dörfer zum Predigen; Leute mit den niedrigsten Berufen. Diese Männer und Frauen, dumm und ungebildet, wie sie waren, rannten durch die Dörfer, drangen in die Häuser ein, predigten auf den Plätzen und auch in Kirchen und veranlassten andere, dasselbe zu tun.“[2]

Auch wenn diese Darstellung sehr tendenziös ist, erfährt man doch daraus Wesentliches über die  Waldenser: Am Anfang steht die Begegnung mit der Bibel, vor allem mit dem Neuen Testament und den Berichten über das Leben Jesu und die Berufung der Jünger. Diese Begegnung bewog Waldes, sein bisheriges Leben völlig zu ändern und Beruf und Besitz aufzugeben. Auch wenn Waldes damit  einer asketischen Tradition folgte, wie sie damals auch in Teilen des Mönchstums lebendig war –man denke nur an Franz von Assisi-  betrachtete der dominikanische Inquisitor schon das allein als eine  Provokation. Denn natürlich waren aus seiner Sicht Askese und Weltabkehr von Laien eine Anmaßung und sie implizierten ja auch eine Kritik an der ganz und gar nicht asketischen  Lebensweise vieler Repräsentanten der kirchlichen Hierarchie. Völlig außerhalb der kirchlichen Ordnung stellten sich für ihn aber die Waldenser durch ihr missionarisches Engagement, also durch die sogenannte Laienpredigt: Für ihn waren es ja dumme und ungebildete Menschen, die aus seiner Sicht durch die Dörfer rannten und in die Häuser eindrangen, um das Evangelium zu predigen, und es waren, wie er berichtet, nicht nur Männer,  sondern –für die damalige Zeit unerhört und revolutionär- auch noch Frauen!

Voraussetzung für die Laienpredigt war natürlich die Übersetzung der Bibel in die Volkssprache. Und deshalb verwendete Waldes einen Teil seines Vermögens, die Bibel in die provençalische Landessprache zu übersetzen. Damit war  das Monopol der Kirche auf Verkündigung des Evangeliums und seine Auslegung gebrochen, so dass es unweigerlich zum Konflikt mit der Amtskirche kommen musste. Waldes bemüht sich allerdings sehr intensiv, den Bischof von Lyon und sogar den damaligen Papst Alexander III. von seiner „Rechtgläubigkeit“ zu überzeugen, die von ihm veranlasste Bibelübersetzung zu autorisieren und  die Anerkennung seiner Bewegung zu erreichen. Das  gelang ihm aber nicht. 1184 wurden die „Armen von Lyon“ auf dem Konzil von Verona in der Bulle „Ad Abolendam“ verurteilt.  Neben der Laienpredigt und der Armut waren es vor allem zwei weitere Grundüberzeugungen der Waldenser, die sie für die damalige religiöse und feudale Ordnung verdächtig und sogar gefährlich machten: Sie glaubten nicht an das (unbiblische) Fegefeuer, lehnten also Messen für die Verstorbenen ab, die eine wesentliche Einnahmequelle des Klerus waren. Und sie lehnten den Eid ab,  ein grundlegendes Element der feudalen Ordnung. 1215 wurden die Waldenser erneut und ausdrücklich als Ketzer verurteilt und in eine Rolle gezwungen, die sie nie spielen wollten. Und damit begann eine wechselvolle Geschichte von Verfolgungen und zeitweisen Duldungen– bis hin zu ihrem „Exil“  in Dornholzhausen und anderen Orten,  in denen ihnen endlich Freiräume für ihren Glauben und ihren Lebensstil gewährt wurden.

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Für die Protestanten des 19. Jahrhunderts  galt  Waldes  als ein früher Vorläufer der kirchlichen Reformbewegung.  Er hat deshalb  seinen Platz unter den Vorläufern Luthers auf dem großen Reformationsdenkmal in Worms.[2]

In Lyon erinnert dagegen wenig an Waldes. Immerhin gibt es eine nach ihm benannte Straße und  ein ebenfalls nach ihm benanntes Zentrum für die vorübergehende Aufnahme von Wohnsitzlosen und Flüchtlingen, das von der Fédération Entraide Protestante betrieben wird.[3] Das ist eine Einrichtung, die sicherlich ganz im Geiste der Waldenser tätig ist und insofern die Erinnerung an Pierre Valdo mit Leben erfüllt.

Ob auch  im historischen Museum von Lyon an Waldes und die Armen  von Lyon erinnert wird, konnte ich nicht feststellen. Eine entsprechende Anfrage an das Museum blieb leider ohne Antwort.[4]

 

Erste Verfolgungen der Waldenser/Das Massaker von Mérindol

Nachdem die Waldenser aus Lyon vertrieben worden waren und das Leben und Predigen auch in anderen Städten zu gefährlich wurde, zogen sie sich  in die Alpentäler im  Grenzgebiet zwischen  Frankreich und Italien zurück. (Dauphiné und Piemont). Allerdings gab es dort aufgrund eines Übergangs zur Viehwirtschaft ein Potential an Arbeitskräften, das im Luberon dringend gesucht wurde.  Dort war nämlich die Bevölkerung aufgrund des  100-jährigen Krieges um 60% zurückgegangen, manche Ortschaften waren völlig entvölkert.  Die Herren der  Provence nahmen also gern Einwanderer auf, die ihr Land bewirtschaften sollten, ja luden sie, wie die mächtige Familie d’Agoult, ausdrücklich zum Kommen ein.  Bemerkenswert ist dabei auch, dass sogar die Bischöfe von Apt und Marseille waldensische Siedler anwarben, obwohl die Waldenser ja als Ketzer galten. Möglich wurde das, weil die Waldenser sich nach außen hin als „normale“ Katholiken ausgaben und höchstens dadurch auffielen, dass ihre Nachfrage nach Totenmessen eher gering, aber ihre Kollekten für die Armen außerordentlich hoch waren. Ihren wahren Glauben lebten sie im Untergrund bzw nachts, wenn sie sich mit ihren Predigern, den Barben,  zum Gottesdienst versammelten. Die Barben waren als herumziehende Händler getarnt, die immer zu zweit unterwegs waren: Ein älterer erfahrener Prediger und ein junger Begleiter, der einmal die Rolle des Älteren übernehmen sollte.

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Manche Herren der Provence, ob  weltlich oder geistlich, sahen aber offenbar aufgrund ihrer grundherrlichen Interessenlage nicht so genau hin, was die Besonderheiten der Waldenser anging. So wurden mehrere « contrats d’habitations » abgeschlossen, die zwischen 1490 und 1520 etwa 6000 Waldensern die Ansiedlung in 13 Ortschaften des Luberon ermöglichten, u.a. in  Lourmarin, wo sie  das „vieux château“ errichteten, Lacoste, Cabrières d‘Avignon, Cabrières d’Aigues und in Mérindol.  Der Luberon galt damals als Kerngebiet der Waldenser, und wenn man damals „waldensisch“ sagte, dachte man an die Provence.  (5)

Im Zentrum der waldensischen  Gemeinden des Luberon lag das  nördlich der Durance gelegene Mérindol.

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Die hier wiedergegebene Zeichnung stammt zwar aus dem Ende des 16. Jahrhunderts, gibt aber eher den Zustand des Ortes vor seiner Zerstörung wieder: Oben die Burg, darunter die alte Siedlung und unten im Tal einzelne Gehöfte (Bastides). In Mérindol  trat 1530 eine waldensische Synode zusammen. Es  wurde beschlossen, Abgesandte zu Vertretern der Reformation nach Basel (Bucer) und Straßburg zu schicken. Der Bericht über diese Begegnungen war die Grundlage für den Anschluss der Waldenser an die protestantische Reformation, der 1532 auf der Synode von Chanforan  (Piemont) vollzogen wurde. Damit konnten die Waldenser ihr Dasein als „Untergrundbewegung“ mit heimlichen Gottesdiensten und getarnten Wanderpredigern aufgeben. Sie konnten sich offiziell zu ihrem Glauben bekennen, Gemeinden bilden, Pfarrer wählen und Kirchengebäude errichten.  Außerdem wurde eine offizielle Übersetzung der Bibel  ins Französische finanziert, die berühmte Bible d’Olivétan. [6]

Auch wenn die Waldenser nun Teil einer  größeren, international bedeutsamen Gemeinschaft waren, währte  die  durch die Inquisition immer wieder beeinträchtigte relative Ruhe  allerdings nicht lange.  1540  verurteilte ein Richter aus Apt einen waldensischen Müller  aus Mérindol wegen Ketzerei zum Tode auf dem Scheiterhaufen und eignete sich seinen Besitz an. Das provozierte den Widerstand von Glaubensgenossen.  Das Parlament von Aix reagierte darauf im gleichen Jahr mit dem „Erlass von Mérindol“, in dem 22 Waldenser, die man des Aufruhrs bezichtigte,  zum Tode verurteilt wurden und in dem dekretiert wurde, dass alle, die der Ketzerei für schuldig befunden würden, lebendig verbrannt werden sollten. (7)  Melanchton  setzte sich nun für seine Glaubensbrüder ein und verfasste eine Denkschrift, die an den Hof des französischen Königs Franz I. gelangte. Der befahl zunächst die Aufhebung des Edikts, zumal er für seinen Kampf gegen den  Habsburger Karl V. auf die Unterstützung der Protestanten angewiesen  war.   1545 allerdings setzte der schwankende König seine Unterschrift unter den Befehl zur Inkraftsetzung des Edikts, auch wenn eine von ihm angeordnete Untersuchung zugunsten  der Waldenser ausgefallen war. Daraufhin wurde Mérindol, die „heilige Stadt“ der Waldenser (8),  am 18. April 1545 mit Unterstützung päpstlicher Truppen von angeworbenen  Söldnerbanden unter dem Befehl des Barons Meynier d’Oppède, dem Präsidenten des Parlaments von Aix,  geplündert und zerstört, und bei dieser Gelegenheit auch noch weitere Orte vor allem im südlichen Lubéron. Der (Land-)Besitz der Waldenser wurde verkauft und von dem Erlös wurden die Söldner bezahlt. (9)

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Dieser Kupferstich von Gustave Doré (1832-1886)  zeigt eine besonders schlimme Episode des Massakers von Mérindol, die von Jacques Aubéry  so beschrieben wurde:

Mehrere Soldaten hatten in der Kirche von Mérindol Frauen und Mädchen im heiratsfähigen Alter ergriffen. Sie schleppten sie auf  Karren und brachten sie damit in das benachbarte Lauris. Und auf dem Weg dahin hatte jeder seinen Spaß mit diesen Frauen und Mädchen. Die wurden dann in Lauris nackt durch den Ort und um das Schloss herum  getrieben und schließlich von dem Felsen neben dem Schloss in die Tiefe gestürzt. (9a)

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Der Schlossfelsen von Lauris

Zwar konnte die Mehrheit der Bevölkerung vor diesem sogenannten „massacre des Vaudois du Luberon“ in den Piemont,  die Schweiz oder andere Gegenden  entkommen, wo sie (zunächst) sicher waren, aber 2000- 3000 Waldenser wurden getötet, Frauen –wie die von Mérindol- vergewaltigt, 700 Männer auf die  Galeeren verbannt: ein grauenhaftes Vorspiel der kommenden Religionskriege. Für den Luberon war das Massaker ein schwerer Rückschlag, auch für Grundherren, die ihre fleißigen Arbeitskräfte verloren hatten und die sich deshalb beim König beschwerten. Aber Franz I. billigte ausdrücklich „alles, was gegen die Waldenser“ unternommen worden sei, und forderte, auch weiterhin alles zu tun, um diese „verdammte Sekte zu vernichten“. (10) 1551 kam es unter dem neuen König, Henri II, zu einem erneuten Prozess, in dem schwere Vorwürfe gegen Meynier d’Oppède erhoben wurden. Der verteidigte sich damit, dass vorgekommene Übergriffe nicht in seine Verantwortung fielen, sondern eigenmächtig handelnden Truppen zuzurechnen seien.  Im Übrigen habe er mit der Vernichtung der Waldenser nur die königlichen Wünsche exekutiert. d’Oppède wurde also freigesprochen. [11]

 

Auf den Spuren der Waldenser im Luberon

Im kollektiven Gedächtnis der Region bleibt das Massaker  bis heute tief verankert. Einige waldensische Erinnerungsorte im Luberon werden in diesem Abschnitt vorgestellt. Sie sind verbunden durch die Historische Route der Waldenser des Luberon. An den entsprechenden Erinnerungsorten sind zum Teil Tafeln mit Informationen zur Geschichte der Waldenser und des entsprechenden Ortes aufgestellt.

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Karte des Luberon mit Bezügen zu den Waldensern (blau= Orte mit waldensischer Besiedlung; rot= 1545 zerstörte Orte; grün=  historische Monumente mit Bezug zu den Waldensern)

Mérindol

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In Mérindol gibt es  das kleine Waldenser- Museum „La Muse“, das „Centre d’évocation de l’histoire vaudoise.“[13]  Es soll möglichst bald in eine alte Bastide umziehen, eine ehemalige Poststation am Ortseingang.  Die ist schon von ihren ehemaligen Besitzern dem rührigen waldensischen Geschichtsverein des Luberon geschenkt worden, jetzt fehlt „nur noch“ das Geld für Umbau und Einrichtung. Man kann nur wünschen, dass es bald mit dem Projekt vorangeht, denn in der Tat:

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„Die Waldenser und der Luberon, eine lange Geschichte“

Neben dem Museum beginnt auch der Aufstieg zu den Ruinen des alten Dorfes und des Schlosses.

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Ruinen der Burg und der Altstadt von Mérindol

In den Ruinen erinnert noch eine Gedenktafel an das „Massacre de Mérindol“.

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Zur Erinnerung an die Waldenser der Provence, die für ihren  Glauben gestorben sind

Es gibt auch eine 1978 von italienischen,  französischen deutschen  Nachkommen von Waldensern angebrachte Tafel mit dem Wappen der Waldenser:  Der leuchtenden, auf einer Bibel stehenden Kerze, umrahmt von 7 Sternen und der aus dem Johannes-Evangelium übernommenen Umschrift „Lux lucet in tenebris“ (Licht leuchtet in der Finsternis).  Die sieben Sterne beziehen sich auf die Offenbarung des Johannes und bezeichnen die Gemeinden, die seit der Zeit der Apostel dem Evangelium trotz aller Verfolgungen treu geblieben sind: Durch die Treue der waldensischen Gemeinden leuchtet das Licht des Evangeliums in der Finsternis.[12] 

Die großmütige Aufforderung an die Vorbeikommenden: Verzeihe und vergesse nicht!

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Praktische Information: Öffnungszeiten des Museums La Muse: Donnerstags 9.45 bis 12 Uhr, samstags 9.30 bis 12 h, im Winter 14.30-17.30 Uhr

Lourmarin

Auch an anderen Orten des Luberon wird an die Waldenser und das Massaker von 1545 erinnert: So an den in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wieder errichteten  temples vaudois, den Waldenser-Kirchen — wie beispielsweise in Lourmarin.

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Hier ein Bild des teilweise von waldensischen Arbeitskräften errichteten Schlosses und des im 19. Jahrhundert wieder neu errichteten temple protestant. (14)

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Auf einer Informationstafel am Eingang der Kirche werden wesentliche Etappen der Waldenser von Lourmarin skizziert.

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Cabrières d’Aigues. 

Auch in Cabrières d’Aigues gibt es einen temple protestant.

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Dort ist an der Seitenwand der Kirche zusätzlich eine Tafel angebracht mit dem Wappen der Waldenser, der Aufschrift „Nach der Finsternis das Licht“ und drei Daten: Der 10. März steht für die Ansiedlung von Waldensern aus den cottischen Alpen in dem Ort und der 16. April 1545 für das Massacre de Mérindol, von dem auch Cabrières d’Aigues betroffen war. Am 29. April 1995, 500 Jahre nach der Ansiedlung der ersten Waldenser, wurde die Tafel angebracht.

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Der Steinblock daneben besteht aus zwei Teilen: einem Sockel aus einem Felsblock des Luberon, auf dem ein Basaltblock aus den cottischen Alpen ruht: So ist doppelte Heimat der Waldenser des Ortes bezeichnet.

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Bewegt man sich im Luberon auf den Spuren der Waldenser, ist das Weingut Domaine des Vaudois in Cabrières d’Aigues ein besonderer Anziehungspunkt.

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Es gehört der Familie Aurouze. Claude Aurouze ist sehr engagiert in der Association d’études vaudoises et historique du Luberon und gehört zum Redaktionskomittee der von der Gesellschaft herausgegebenen Zeitschrift La Valmasque.  Er hat ein phänomenales Wissen über die Waldenser -nicht nur des Luberon- und es ist ein Genuss, ihm zuzuhören und seinen schönen Wein zu trinken.

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Praktische Information:

Domaine des Vaudois,  Rue du Temple (unterhalb der Kirche) , 84240 Cabrières-d’Aigues. Telefon 0033 (0)4 90 77 60 87

 

Öffnungszeiten unter: http://www.vinchaisnous.fr/producteurs/domaine-des-vaudois/luberon/provence-4713238-1.html
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Das Fort de Buoux

An die Verfolgung der Waldenser erinnert auch die Festung von Buoux mitten im Luberon: Dorthin flüchteten nämlich Waldenser, die dem Massaker von 1545 entkommen konnten. Es  ist -im wörtlichen Sinne- der Höhepunkt einer Rundfahrt durch den Luberon auf den Spuren der Waldenser. (14a)

853592_1 Luftbild Buoux

Das Fort liegt auf einem Bergrücken nahe der wichtigen Nord-Süd-Verbindung durch den Luberon, die so aus sicherer Höhe kontrolliert werden konnte. Das Fort auch nur zu erreichen ist schon ein kleines Abenteuer: eine kurvige enge Seitenstraße zum kleinen Parkplatz,  ein Fußweg zum Kassenhäuschen und dann der Aufstieg.

Das Fort erstreckt sich über einen langen Bergrücken und besteht aus insgesamt drei Befestigungsanlagen, die auch einem ganzen Dorf mit Kirche Schutz boten.
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Überall sieht man die Spuren von Zisternen: Es war also dafür gesorgt, dass das Fort und seine Bewohner auch einer längeren Belagerung standhalten konnten.

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In den Fels gehauene Hohlräume dienten für die Aufbewahrung von Getreide.

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Von höchsten Punkt des Forts hat man einen wunderbaren Rundblick – bis hin zum schneebedeckten Mont Ventoux.

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Abenteuerlich ist dann der sehr empfehlenswerte Abstieg durch eine steile, etwas abgelegene und in den Fels gehauene „versteckte“ Treppe. Da versteht man gut, dass die Waldenser, die hier Zuflucht suchten, in Sicherheit waren.

Ludwig XIV. gab dann den Befehl, das Fort zu zerstören. Die Forts, die das Frankreich dieser Zeit jetzt für notwendig hielt, baute Vauban an den Grenzen des Reichs. Das Fort de Buoux  dagegen hatte seine militärische Bedeutung verloren. Als Sitz einer mächtigen Adelsfamilie passte es außerdem nicht mehr in das zentralistisch-absolutistische Frankreich des „Sonnenkönigs“. Und für religiöse Freiheit oder gar Schutzorte für Glaubensflüchtlinge war da sowieso kein Platz.

Praktische Information:    Öffnungszeiten 10 – 17 h. Dienstags geschlossen, ebenso bei Regen, Schnee oder starkem Wind. Sicherheitshalber Anruf unter 00 33 (0)4.90.74.25.75

Lit. : Pierre Pressemesse: Le Fort de Buoux.  Hrsg. von der Association des Amis du Fort de Buoux. 1997.  Die Broschüre ist am Eingang des Forts erhältlich.

 

Cabrières d’Avignon

Ein besonders geschichtsträchtiger und für die Waldenser im Luberon bedeutsamer Ort ist auch Cabrières d’Avignon.

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Abbildung von Cabrières d’Avignon Ende des 16. Jahrhunderts 

Dort lebte Eustache Marron, ein Held des waldensischen Widerstands. (15) 1532 erregte er schon Aufsehen:  Damals waren waldensische Mädchen von päpstlichen Truppen entführt worden, um sie dem Einfluss ihrer „häretischen“ Gemeinschaft zu entziehen.  Als  die Väter einen Befreiungsversuch unternahmen, wurden auch sie gefangen genommen. Die Befreiung  gelang dann Eustache Marron, der -anders als die Mehrheit der Waldenser- auch vor der Anwendung von Gewalt nicht zurückschreckte, wenn es um den Schutz seiner Glaubensgenossen ging. 1545  verschanzte er sich mit 300 anderen Waldensern im burgähnlich befestigten Schloss von Cabrières.

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Das wird von den königlichen und päpstlichen  Truppen belagert und beschossen. Nach heftigen Kämpfen und großen Verlusten auf beiden Seiten gewährt man den Eingeschlossenen freien Abzug, um nach Deutschland zu gelangen. Der Bischof von Cavaillon verbürgt sich dafür. Dessen  ungeachtet werden aber alle beim Verlassen des Schlosses umgebracht, mit Ausnahme von Eustache Marron und dem Pfarrer Guillaume Serre, die in Avignon als Strafe und  zur Abschreckung auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden. Die Frauen werden in einer Scheune zusammengetrieben und dort verbrannt. Die, die sich in die  Kirche geflüchtet hatten, werden von Glockenturm gestürzt. Eine wenige überlebende Frauen und Kinder verkaufen die „rechtgläubigen“ Sieger in L’Isle-sur-la-Sorgue als Sklaven. (16)

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An die Zerstörung von Cabrières erinnert vor dem Eingang zum Schloss dieses Relief mit dem Waldenser- Wappen. (17). Auf der Tafel darunter kann man lesen, dass sich am 19. und 20. April 1545 hier königliche Truppen und Söldner des Papstes unter dem Befehl von Meynier d’Oppède versammelten, um die unter  Führung des Eustache Marron in der Burg verschanzten Waldenser zu vernichten.

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An den aus Cabrières stammenden Eustache Marron erinnert auch ein nach ihm benannter Weg. Die Ausbuchtung neben dem Schild war übrigens nicht, wie wir dachten, als Sitzbank gedacht, um in Ruhe an das Schicksal der Waldenser zu denken. Es war, wie uns der Besitzer des Hauses nebenan erklärte, vielmehr eine Hilfe für die dort früher wohnenden Bediensteten der Burgherren, ihre Pferde zu besteigen.

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Nach der Aufhebung des Edikts von Nantes mussten die noch im Luberon verbliebenen oder dorthin zwischenzeitlich zurückgekehrten Waldenser/Hugenotten erneut fliehen. Viele von ihnen fanden in Südafrika eine neue Heimat und machten sich dort verdient in der Entwicklung des Weinbaus. 90% des heute in Südafrika produzierten Weins stammt aus den ehemaligen hugenottischen Ansiedlungen! [18]

Aber auch diejenigen, die in Württemberg aufgenommen wurden,  konnten dort den im Luberon praktizierten Anbau von Wein fortzusetzen.

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Rückzug in die Cottischen Alpen, weitere Verfolgungen und Vertreibungen

Trotz der Verfolgungen verbreitete sich die Bewegung der Waldenser während des gesamten Mittelalters.  Im 13. Jahrhundert war ihr Schwerpunkt die Lombardei, aber es gab waldensische Gemeinden auch in Österreich, in der Schweiz, in Deutschland und in Spanien. Größere Waldenser-Gemeinschaften entwickelten sich in den zwischen Frankreich und Italien gelegenen unzugänglichen Gebirgstälern der Cottischen Alpen, wo die Waldenser vor allem nach ihrem Anschluss an die calvinistische Reform relativ ungestört als einfache Bergbauern ihr Leben fristen und  ihrem Glauben leben konnten. (19)

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Der Siedlungsraum der Waldenser im damals französischen Pragelas und in den piemontesischen Waldensertälern. Die in Dornholzhausen angesidelten Waldenser stammten aus Meano im Chisonetal. 

Die Cottischen Alpen sind „bis heute das Hauptsiedlungsgebiet der Waldenser“.  Gut jeder zweite Einwohner der piemontesischen Waldensertäler gehört der evangelischen Kirche Italiens an, fast ein Drittel aller italienischer Waldenser leben hier. Spiritueller Mittelpunkt ist Torre Pellice mit einer mittelalterlichen Altstadt und dem Waldensermuseum. In der „Casa Valdese“ gibt es die „Aula Sinodale“, in der einmal im Jahr die Synode der waldensischen Kirche stattfindet. [20]

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Doch auch in den entlegenen Seitentälern der Cottischen Alpen waren die Waldenser nicht vor Verfolgung sicher, denn der lange Arm des französischen  Absolutismus reichte auch nach Piemont. Seit den 1640-er Jahren nahm der Druck auf die Waldenser zu. 1655 wurden Truppen in ihre Täler verlegt, die 1655 ein Blutbad unter der  Bevölkerung anrichteten. Dieses Massaker wurde bekannt unter dem Namen „Pâques piémontaises“. Zeuge des Massakers war der  Wanderprediger Jean Leger, der in die Niederlande fliehen konnte. Er schrieb eine Geschichte der evangelischen Kirchen von Piemont, deren Kernstück eine auf eigener Anschauung und Augenzeugenberichten beruhende drastische Darstellung schlimmster Exzesse ist. Die jeweiligen Berichte sind mit kleinformatigen Radierungen illustriert.

So liest man beispielsweise unter dem zehnten Bild:

Jean André Michelin de la Tour entkam auf wundersame Weise den Händen der Henker, nachdem er mit eigenen Augen gesehen hatte, wie in seiner Gegenwart drei seiner kleinen Kinder auf die Weise zerstückelt wurden, wie diese Darstellung es zeigt.‘“

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Die zugehörige Illustration zeigt die Hinrichtung dreier Kinder auf je  unterschiedliche Weise und jeweils im Moment unmittelbar vor der Gewalteinwirkung: Links  halten zwei Soldaten ein Kind gemeinsam kopfüber, jeder an einem Fuß, während beide mit der freien  rechten Hand zum Schlag mit dem Schwert ansetzen, um das Kind in zwei Stücke zu teilen. Dasselbe Resultat versuchen zwei Soldaten in der Mitte ganz ohne Schwert, nur durch den Einsatz ihrer Körperkraft, zu erreichen. Ein einzelner Soldat schwingt schließlich rechts ein Kind an den Füßen, um es im nächsten Augenblick vor den Augen seiner Mutter zu zerschmettern.“[21] 

Die Empörung vor allem in den reformierten Niederlanden und im England Cromwells schlug hohe Wellen. Der Dichter John Milton schrieb ein Sonett „On the Late Massacre in Piedmont, dessen erste Strophe so lautet:

Avenge, O Lord, thy slaughtered saints, whose bones
Lie scattered on the Alpine mountains cold,
Even them who kept thy truth so pure of old,
When all our fathers worshiped stocks and stones
….[22]

Das Gedicht  wurde weit verbreitet und sehr berühmt, und es hat sicherlich dazu beigetragen, dass England später die aus den Cottischen Alpen vertriebenen Waldenser mit finanziellen Zuwendungen (Pensionen und Kollekten) unterstützte. Nach dem Widerruf des Toleranzedikts von Nantes durch das Revokationsedikt Ludwigs XIV. von Fontainebleau 1685 kam es zu einer ersten Auswanderungswelle von Waldensern aus den französischen Besitzungen in Piemont. Im Sinne der absolutistischen Maxime des „Sonnenkönigs“ „un roi, une foi, une loi“ (ein König, ein Glaube, ein Gesetz) war für Hugenotten wie Waldenser kein Raum mehr in seinem Königreich. Der damalige Herzog von Savoyen, ein Neffe Ludwigs XIV., folgte der Politik seines Onkels, verbannte die waldensischen Pfarrer, verbot die Gottesdienste und ordnete die katholische Zwangstaufe für Kinder an. Der Widerstand der Waldenser wurde blutig niedergeschlagen, viele konnten aber in die Schweiz emigrieren. 1689 nutzten aber die Waldenser eine für sie günstige militärische Schwäche des Herzogs von Savoyen zur sogenannten  „Glorreichen Rückkehr“ aus der Schweiz in ihre angestammten Täler,   eine Episode, die in der waldensischen Historiographie eine wichtige Rolle spielt: Hier sind sie eben nicht die ewigen Opfer und Leidenden, sondern sie nehmen ihr Schicksal erfolgreich – und zwar auch mit  eigentlich verabscheuten militärischen Mitteln-  in die Hand.  Allerdings wendete sich das Blatt nach dem Ende des Pfälzischen Erbfolgekrieges und dem Frieden von Rijswijk 1697 erneut: Dort konnte Ludwig XIV. durchsetzen, dass alle in Frankreich geborenen, in den Cottischen Alpen ansässigen Waldenser  das Land verlassen mussten, wenn sie nicht ihrem Glauben abschwörten.  So wurde fast ein  Drittel der zu dieser Zeit in den Waldensertälern lebenden Menschen ausgewiesen.[23]

Einige von ihnen fanden schließlich in dem zu Hessen-Homburg gehörenden Dornholzhausen Zuflucht. Dazu mehr im zweiten Teil dieses Beitrags.

Fortsetzung: 

Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte. Teil 2: Die Waldenser in Hessen-Homburg  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10501  (Dezember 2018)

 

 

Anmerkungen

(1) siehe: L’installation des Vaudois dans le Luberon, une empreinte durable. In: Les Vaudois entre Migration et intégration, S. 19

[2] Martin Schneider, Deutsche Waldenser im Mittelalter. In: Dreihundert Jahre Waldenser in Deutschland, S. 21

[2] Bild aus https://www.heiligenlexikon.de/BiographienP/Petrus_Waldus_Valdes.html  Es handelt sich um einen Gipsabguss der Sitzfigur von Ernst Rietschel 1868 vom Wormser Reformationsdenkmal aus der Skulpturensammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Der Vorname Petrus beruht übrigens auf einer Legende des 14. Jahrhunderts zurück, die versuchte, die Anfänge der Waldenser auf die Zeit der Apostel zu verlegen. (a.a.O.)

[3] http://www.fep.asso.fr/membre/entraide-pierre-valdo-centre-provisoire-d-hebergement/ http://www.fep.asso.fr

http://www.fep.asso.fr/vie-federative/vie-de-la-federation/la-plateforme-protestante-pour-laccueil-de-refugies/

[4] http://www.gadagne.musees.lyon.fr/index.php/histoire_fr/Histoire/Pied-de-page/Contact

(5) Eine Übersicht über die Aufnahme von Waldensern in Ortschaften des Luberon siehe:  http://www.tertian.info/vaudois/index.htm

Die nachfolgende Abbildung aus: Audisio, Procès-Verbal d’un Massacre, S. 29

[6]  Molnar, S. 337/338

[7] Giorgio Tourn, Geschichte der Waldenser-Kirche. Die einzigartige Geschichte einer Volkskirche von 1170 bis zur Gegenwart. Erlangen 1983, S. 102/103

(8) Mérindol, „la ville sainte“ der Waldenser: siehe Miquel, Guerres de réligion, S. 121

(9) Die nachfolgende Abbildung von Gustave Doré aus wikimedia

(9a) Text aus einer Informationstafel des Waldensermuseums La Muse in Méridol. (freie Übersetzung von W.J.)

(10) zit. bei Miquel, Guerres de réligion, S. 134

[11) https://www.provenceweb.fr/f/vaucluse/merindol/merindol.htm

http://www.lepoint.fr/voyages/le-massacre-des-vaudois-de-merindol-12-08-2010-1224523_44.php

https://www.museeprotestant.org/notice/histoire-des-vaudois/

https://fr.wikipedia.org/wiki/Massacre_de_M%C3%A9rindol

https://fr.wikipedia.org/wiki/Vaudois_du_Luberon

Luftbild der Ruine der Burg/des Mahnmals:

http://www.luberoncoeurdeprovence.com/decouvrir/circuits-thematiques/la-route-des-vaudois-en-luberon

[12] http://ieg-ego.eu/de/mediainfo/das-wappen-der-waldenser

[13]  https://www.provence-tourismus.de/kulturerbe/luberon/musee-de–la-muse—centre-devocation-de-lhistoire-vaudoise-/provence-2998208-1.html

Öffnungszeiten Donnerstag ganztägig, Samstag vormittags. Kontakt. Telefon:  04 90 72 91 64

[14]  siehe: https://www.luberoncotesud.com/les-temples-du-luberon-adhesion-des-vaudois-a-la-reforme.html
https://www.luberoncotesud.com/les-sites-vaudois-a-proximite-du-luberon.html

(14a) Luftbild aus: https://www.provence-tourismus.de/kulturerbe/luberon/le-fort-de-buoux/provence-853592-1.html

(15) https://fr.wikipedia.org/wiki/Eustache_Marron

siehe dazu auch den Roman von Christrose Rilk, Die Gerechten des Luberon

Die Abbildung von Cabrières aus: Gabriel Audisio, Procès-verbal d’un massacre, S. 31

(16) Miquel, S. 130/131

(17)  Zum Wappen der Waldenser siehe auch den zweiten Teil dieses Beitrags.

[18]  https://fr.wikipedia.org/wiki/Huguenots_d%27Afrique_du_Sud

https://www.museeprotestant.org/de/notice/die-hugenotten-in-sudafrika/  

[19] https://www.museeprotestant.org/notice/histoire-des-vaudois/

Karte aus: https://www.geschichtskreis-dornholzhausen.de/geschichte-1/die-flucht-der-glaubensfl%C3%BCchtlinge-nach-dornholzhausen/

[20] https://protestinfo.ch/20011017877/877-les-vaudois-du-piemont-des-protestants-italiens-entre-histoire-et-foi.htm

Hudry-Menos, L’Israël des Alpes ou les Vaudois du Piemont. In: Revue des Deux Mondes, 72, 1967. Zugänglich durch:

https://fr.wikisource.org/wiki/L%E2%80%99Isra%C3%ABl_des_Alpes_ou_les_Vaudois_du_Pi%C3%A9mont/01

Bei den Waldensern im Piemont. In: Heft 8 (2011) des Geschichtskreises Dornholzhausen, S. 13

Siehe auch: Daniele Tron, Die Waldenser im Chisonetal vom 13. bis zum 18. Jahrhundert. In: Dreihundert Jahre Waldenser in Deutschland, S. 33ff

Waldensermuseum im Centro Culturale: http://www.fondazionevaldese.org/museo-fondazione-valdese.php

Zimmer im waldensischen Gästehaus:  http://www.foresteriatorre.org/de/zimmer-inmitten-der-natur-torre-pellice/#/

Bild der Casa Valdese aus: http://www.gedenkorte-europa.eu/content/list/482/

[21] Zit. von Christine Vogel, „Piemontesische Ostern“. Mediale Inszenierungen des Waldenser-Massakers von 1655. Aus: Dies.:  (Hrsg), Bilder des Schreckens: Die mediale Inszenierung des Schreckens seit dem 16. Jahrhundert. Campus-Verlag 2006, S. 81/82

Dort auch Abdruck des Bildes (Anonyme titellose Radierung)

[22]  https://en.wikipedia.org/wiki/On_the_Late_Massacre_in_Piedmont

„Räche, o Gott, deine erschlagenen Heiligen! Ihre Gebeine liegen in der Einsamkeit der eisigen Alpen, Nur weil sie Wächter deiner Wahrheit waren, Als unsere Vorväter noch die Steine anbeteten.“ Zit. von Tourn, S.142

[23]  Zur „Glorreichen Rückkehr“ siehe: http://www.lestradedeivaldesi.it/de/der-glorreichen-r%C3%BCckkehr.html   Der Begriff „glorreiche Rückkehr“ spielt an auf die englische „Glorreiche Revolution“.

Zur Vertreibung der Waldenser aus dem Piemont siehe:  Christopher Storrs, Der politische Kontext der Vertreibung der französischen Protestanten aus dem Piemont (1698). In: Albert de Lange und Gerhard Schwinge (Hrsg): Pieter Valkenier und das Schicksal der Waldenser um 1700. Waldenserstudien Bd 2  2009, S. 13ff

 

Verwendete/weiterführende Literatur:

Gabriel Audisio,   Guide historique du Luberon vaudois, Éditions du Parc naturel régional du Luberon. 2002 

Gabriel Audisio, Les Vaudois du Luberon. Une minorité en Provence (1460-1560). Mérindol 1984. Rezension: https://www.persee.fr/doc/rhr_0035-1423_1986_num_203_3_2626

Gabriel Audisio, Procès-Verbal d’un Massacre. Les vaudois du Luberon (April 1545). Aix-en-Provence 1992

Gabriel Audisio, Les ‚vaudois‘. Naissance, vie et mort d’une dissidence (XIIe-XVIe siècles). Turin 1989

Le Goff, Jacques (éd.), Hérésies et sociétés dans l’Europe préindustrielle, XIe – XVIIIe siècle, Mouton, Paris-La Haye 1968

Albert de Lange, Die Waldenser.  Geschichte einer europäischen Glaubensbewegung in Bildern. (viersprachige Ausgabe in Deutsch, Italienisch, Französisch und Englisch). Karlsruhe 2000

Pierre Miquel, Les Guerres de Réligion. Paris 1980. Darin vor allem das Kapitel: Le massacre de Mérindol, S. 119-135

Molnár, Amadeo, Die Waldenser. Geschichte und europäisches Ausmaß einer Ketzerbewegnung. Göttingen 1980

Christrose Rilk, Die Gerechten des Luberon. Historischer Roman. Gießen 2005

Christopher Storrs, Der politische Kontext der Vertreibung der französischen Protestanten aus dem Piemont (1698). In: Albert de Lange und Gerhard Schwinge (Hrsg): Pieter Valkenier und das Schicksal der Waldenser um 1700. Waldenserstudien Bd 2 2009, S. 13ff

Les Vaudois entre Migration et intégration. La Valmasque No 94. Mars-Avril 2014. (= Bulletin de l’Association d’études vaudoises & historiques du Luberon)

„Dadurch, dass ich zum Glück die Kinder habe, ist alles doppelt schwer.“ Anna Seghers im Pariser Exil 1933-1940

 

Anna Seghers, geboren am 19.11.1900  als  Netty Reiling, ist Einzelkind und stammt aus einer reichen jüdischen Familie in Mainz. Der Vater ist Kunsthändler und Netty promoviert 1924 über das Thema „Juden und Judentum im Werk Rembrandts“ in Heidelberg. Dort lernt sie Laszlo Radvanyi, ebenfalls Jahrgang 1900, einen ungarischen Soziologen und engagierten Kommunisten kennen. 1925 heiraten die beiden und ziehen nach Berlin. 1926 wird ihr Sohn Peter geboren. Erste Veröffentlichungen unter dem Pseudonym Anna Seghers – Hommage an den niederländischen Maler und Grafiker Hercules Seghers –  erscheinen. 1928 kommt Tochter Ruth zur Welt und Anna Seghers tritt der KPD bei. 1933 zwingt der Reichstagsbrand das Ehepaar Radvanyi zur Flucht. Sie gehen in die Schweiz, die Kinder bleiben vorerst bei den Großeltern in Mainz. Schließlich siedeln sie nach Paris über und holen die Kinder nach. Es folgen sieben relativ ruhige Jahre des Exils im Pariser Vorort Bellevue-Meudon. Die Kinder besuchen die Schule, Anna Seghers nimmt sich die notwendige Zeit zum Schreiben, indem sie in Pariser Cafés geht und dort arbeitet. „Das Siebte Kreuz“ entsteht. Eine Kinderfrau ist immer da und kümmert sich um den Haushalt und die Kinder. In dem schwierigen Leben des Exils so weit wie möglich Normalität zu etablieren, ist eines der Hauptziele von Anna Seghers. Schwer wird es erst, als ihr Mann 1940 mit Kriegseintritt als „feindlicher Deutscher“ interniert wird, sie mit den Kindern auf sich allein gestellt ist und die Wohnung verlassen muss, um Recherchen der Gestapo zu entgehen. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch mit den Kindern in die unbesetzte Zone nach Südfrankreich gelingt es ihr beim zweiten Versuch,  in die Nähe des Internierungslagers Vernet zu gelangen, um Kontakt zu Ehemann und Vater aufzunehmen und die Kinder wieder in der Schule anzumelden. Nach aufreibenden Verhandlungen – der begonnene Roman „Transit“ legt davon Zeugnis ab – gelingt es schließlich der vereinten Familie Radvanyi von Marseille aus Europa zu verlassen in Richtung Mexiko, das zweite Exil, ein zweiter völliger Neuanfang. Aber immer gehen die beiden Kinder zur Schule, so dass sie bei ihrer Rückkehr in Frankreich problemlos studieren können. Und nie hört Anna Seghers auf zu schreiben, was ihr das Durchhalten ermöglicht. Sie ist – darauf hat Christa Wolf verwiesen – Deutsche, Frau, Jüdin, Kommunistin, Schriftstellerin und Mutter  –  die größte denkbare Herausforderung in ihrer Zeit des Exils.

Im Folgenden sollen die Stationen von Anna Seghers im Pariser Exil aufgezeigt werden. Es sind Orte, die auch heute noch gut zugänglich sind : Bahnhof, Hotel, Wohnhaus, Café. Dazu werden entsprechende Bezüge aus ihrem Werk oder anderen  Quellen herangezogen und kommentiert. (1)

 

 I.   GARE DE L‘EST (Ostbahnhof)                                                    Ankunftsort deutscher Flüchtlinge in Paris

Auch heute noch kommen die meisten Besucher aus Deutschland mit dem ICE oder TGV im Pariser Ostbahnhof, Gare de L’Est,  an  – einem modern renovierten hochgeschwungenen Bahnhof aus dem 19.Jahrhundert –  ein architektonisch beeindruckender großzügiger Empfang.  All die Menschen,  die in den 30 er Jahren Nazi-Deutschland schweren Herzens und voller Zukunftssorgen verlassen mussten, um im freien Frankreich Asyl zu suchen, werden das sicherlich kaum bemerkt haben.

DSC02367 Gare de l'Est (2)

Als Anna Seghers mit ihrer Familie hier ankam, hatte sie die beiden Kinder Pierre und Ruth in Straßburg abgeholt, dort waren sie von der Großmutter übergeben worden. In der ersten Zeit des Exils in der Schweiz und die ersten Wochen in Paris hatte das Ehepaar die Kinder bei den Großeltern in Mainz gelassen. Und sie dann nachgeholt.

Anna Seghers schreibt zu dieser denkwürdigen Ankunft

„Die Frau, die die Grenze passiert hat, die eines Abends am Gare de l’Est ankommt, die ist hellwach, nicht bloß aus Gespanntheit, aus Erschöpfung – hellwach in ihr ist die Kraft, die vielleicht ihr Leben lang, vielleicht Jahrhunderte verschüttet war, weil niemand ihrer bedurfte. Jetzt ist sie wieder die Frau von Kriegszügen, von Verbannungen, von Völkerwanderungen. Sie wird vor den ungewöhnlichsten Augenblick gestellt, auf dass sie ihn zwinge, die Züge gewöhnlichen Lebens anzunehmen, damit man ihn ertragen kann. Auf dem fremden, wilden Bahnhof, im Geknatter der fremden Sprache, hält sie Gepäck und Kinder zusammen. Misstrauisch mustert sie das Zimmer, von dem der Mann behauptet, es sei provisorisch. Sie reißt das Fenster auf. Sie hat Nähzeug zur Hand und näht rasch einen Knopf fest. Sie beschnuppert das Bettzeug. Der Mann schimpft wohl über all das Gehabe, doch ist er plötzlich erleichtert. Der furchtbarste Augenblick des gemeinsamen Lebens wird dadurch gezähmt und gebändigt. Geht diese Kraft der Frau ab, dann ist es schwerer für die Familie…“(A.S. 1986 130/31)

Der französische Bahnhof wird als „fremd“ und “wild“ wahrgenommen, vom „Geknatter der fremden Sprache“ ist die Rede. Später von „misstrauisch“ und dem Zweifel, ob die Unterkunft wirklich „provisorisch“ bleibe. Beschreibung eines sehr schwieriger Transit-Moments vom Bekannten ins Ungewisse, von der Heimat in die Fremde. Aber die Familie ist ab jetzt vereint.

In die konkrete  Darstellung der  beklemmenden Situation im Hotelzimmer mischen sich geradezu philosophische Überlegungen der Autorin zur Rolle der Frau/Mutter im Exil. Seghers beschwört in diesem Zusammenhang die sehr einfache, aber im Kontext fast magische Fähigkeit von Frauen, durch kleine notwendige Alltagsgesten den schweren Bann des Schicksals zu relativieren und so erträglich  gestalten zu können. In der Tat : In einem völlig neuen Umfeld ist es eben sehr beruhigend zu erleben, wie vertraute Tätigkeiten selbstverständlich weiter verrichtet werden (z.B. Knopfannähen). Diese Kontinuität schafft Vertrauen und Zuversicht. Diese Aufgabe – damals als rein frauenspezifisch angesehen – wird hier von Anna Seghers als entscheidend für das Gelingen von Exil-Leben, für Paare und vor allem für Familien, angesehen. Eine solche Heraushebung der Alltagsleistung von Ehefrauen und Müttern für die Lebensqualität im Exil erstaunt und sticht hervor in einer Zeit, in der die Haus- und Erziehungsarbeit der Frauen deutlich weniger beachtet und geschätzt wird als die bezahlte Erwerbsarbeit von Männern. In ihrem Aufsatz „Frauen und Kinder in der Emigration“ (1986) betont die Autorin immer wieder die Herausforderung aus dem „ungewöhnlichen Leben“ im Exil ein möglichst weitgehend „normales“ zu gestalten. Dieser Anforderung hat sie sich selbst als Mutter in Frankreich und später in Mexiko immer wieder gestellt, indem sie konsequent ihre Kinder in die Schule schickte und diese somit eine lückenlose französische Schulausbildung erhielten, die ihnen nach dem Krieg ein Studium in Frankreich ermöglichte. Über die Kinder in der Schule blieb sie auch immer mit einer sehr wichtigen Einrichtung des Gastlandes in Kontakt, also eine Art wichtiger Integration. Die Doppelbelastung von Familie und schriftstellerische Tätigkeit war zu meistern, da „Rodi“, ihr Mann, sich wenig um die Kindererziehung kümmerte. Dafür gab es die Hilfe von Hausmädchen, die wichtige Bezugspersonen für die Kinder wurden. „Dadurch, dass ich zum Glück Kinder habe, wird alles doppelt schwer“ (A.S. 1986,30) fasst sie ihre Situation in einem wunderbaren Satz zusammen, der die ganze Ambivalenz ausdrückt. Die Kinder sind zwar eine zusätzliche Last, aber auch ein lebenswichtige positive Verbindung zur Realität im Exil. Ist nicht der verzweifelte Schriftsteller Weigel in „Transit“, der sich das Leben nimmt, als in Paris die deutschen Truppen einmarschieren, das Gegenbeispiel zu ihrer Auffassung, wie wichtig die Normalität, Alltäglichkeit  ist um nicht den Mut zu verlieren? Anna Seghers hat immer wieder betont, dass Exil nicht nur Verlust sei, sondern auch große Chancen berge. „Viele zur Emigration gezwungene Menschen glauben am ersten Tag, alles verloren zu haben. Später haben sie dann gelernt, dass sie vieles gefunden und vieles gewonnen haben, wovon sie früher nicht einmal wussten, dass es das gab.“(A.S. 1986, 129) Dies gilt in gewisser Weise besonders für Frauen, die leichter als ihre Männer in einem fremden Land etwas Geld verdienen können, da sich diese meist an ihren Beruf gebunden fühlen. Diese neue Rolle, entscheidend zum Lebensunterhalt beitragen zu können oder  zu müssen,  verändert den Status der Frau in der Beziehung zu ihrem Partner und im Sozialgefüge der Exilierten insgesamt. Das Gleiche galt unter anderen Vorzeichen auch für die meisten Frauen und Mütter nach Kriegsende. Gewiss bedeutete das mehr Selbstbewusstsein, aber noch keine Emanzipation. Frauen bleiben allein für die Kinder zuständig, ein Prinzip, das nicht in Frage gestellt wird, auch wenn die Mutter eine bekannte Schriftstellerin ist, deren Tätigkeit das Überleben der Familie sichert wie im Fall von Anna Seghers. Sie sei überstrapaziert, so erklärt sie einmal in einem Brief an Bredel. Nicht nur wegen der Fertigstellung ihres Buches und kurzer Krankheit, sondern auch durch Aufgaben für Haushalt und Familie. Daher bat sie ihn einmal <inoffiziell und freundschaftlich< zu bedenken : Du bekommst, weil du ein berühmter Mann bist, auch deine Knöpfe von weiblichen Personen angenäht… Solche Äußerungen, in denen Anna Seghers ihr Frau-Sein thematisiert, sind selten. Es war ihr unangenehm sich schwach zu zeigen oder sich über ihre Rolle als Frau zu beklagen. (A.S. Briefwechsel 1933-45, S. 283)

Aber genau deshalb betont sie immer wieder den wichtigen Beitrag der Frau zum Gelingen eines Lebens im Exil . „Für Mann und Frau kann das Fortgehen die Neuaufrichtung der Ehe bedeuten oder ihre Auflösung. Mag die Frau in den meisten Fällen< dem Mann folgen< – hinter dem Einfachen verbirgt sich wie immer eine stille, beträchtliche Leistung.“ (A.S. 1986, S.129) und ganz konkret: „Wenn es nun wirklich fortgeht, dann überwiegt in diesem Umzug aus höchster Verantwortung  und Entscheidung auf eigentümliche Weise das technische, das Umzugsmäßige. Ob ein Möbelwagen gepackt werden soll oder ein Rucksack, ob ein paar Banknoten eingenäht werden müssen oder Butterbrote geschmiert…“ (A.S. 1986,S-130) Damit ist die wichtige Transformationsleistung der Frauen und Mütter gemeint,  gefährliches angespanntes Leben in gewöhnliches, alltägliches zu verwandeln, hin zu einem Leben ohne Angst. Das ist schon eine Art Philosophie des Pragmatismus.

 

 II.   51, rue Gay Lussac <Hôtel de l’Avenir>                                  Anlaufstelle von Exilanten im Quartier Latin

Bekannt wurde die Straße Gay Lussac 1968 durch die Studentenunruhen und Polizeieinsätze. 1933 war das Hotel in der Nr. 51 oft eine erste Unterkunft für die Schutzsuchenden. Heute gibt es dort immer noch ein Hotel, jedoch mit dem Eingang bei der Nummer 53 und dem neuen Namen Hotel André Latin.

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Der damalige Hoteleingang

Pierre Radvanyi, der Sohn von Anna Seghers erinnert sich: „Mit meiner Mutter fuhren wir im Zug nach Paris zu unserem Vater in ein kleines Hotel in der Rue Gay Lussac, nahe beim Jardin du Luxembourg. Man konnte von dort aus die Spitze des Eiffelturms sehen.“ (P.R. 2005, S.19)

III.   26, avenue du 11 novembre 1918   –                                          eine schöne Bleibe in Bellevue-Meudon

Nach einem gemeinsamen Sommerurlaub in Equihen an der Nordseeküste im Departement Pas de Calais kehrte die Familie Radvanyi nicht mehr ins Hotel zurück,  sondern bezog die erste Etage eines Hauses in dem gut bürgerlichen Vorort Bellevue Meudon – leider bisher ohne Erinnerungsplakette.

DSC03074 Meudon April 2018 (2)

Anna Seghers hatte etwas Ähnliches wie in Berlin-Zehlendorf gesucht und gefunden, „in der frischen Luft, außerhalb der Großstadt“. Mit Hilfe ihrer Mainzer Eltern gelang es sogar,  Möbel und Bücher aus Zehlendorf nach Meudon zu expedieren. 7 Jahre eines (fast) normalen Familienlebens im Exil Paris beginnen. Das Kindermädchen Gaja- aus Deutschland nachgekommen- sorgt lange Jahre zuverlässig für Haushalt und Kinder und für leckere Kuchen am Sonntagnachmittag, wenn Gäste zu Besuch kommen.  Nach anfänglichen Problemen in der staatlichen Schule für Pierre, dem es als Ausländer schwer gemacht wird, löst ein Schulwechsel in eine private „Freie Schule“ das Problem. Im Rückblick schreibt  Sohn Pierre :  „Mit dem Vorortzug  hatten wir es gar nicht weit bis zum Bahnhof Paris-Montparnasse, zudem lag die Avenue du 11 novembre 1918 nahe am Wald von Meudon und lief am unteren Ende  auf eine kleine Terrasse zu, die einst zum Grundbesitz von Madame de Pompadour gehört hatte und von der man einen schönen Blick auf Paris werfen konnte. Von den ersten Monaten abgesehen, habe ich dort Jahre einer glücklichen Kindheit verlebt.“ (P.R.2005,S.20; das nachfolgende Foto aus Zehl Romero, Foto 26))

DSC02317 Anna Seghers Meudon

Die Familie vor dem Haus in Bellevue

Pierre berichtet auch über viele Spaziergänge mit der Mutter, die diese häufig nutzte ihre dichterischen Eingebungen voranzutreiben. „Oft spazierten wir zur Terrasse unterhalb des Observatoriums von Meudon, von wo man einen herrlichen Blick auf Paris hatte…“(P.R., 2005,S. 26)

Sowohl die kleine Terrasse in Meudon-Bellevue, als auch die große in Meudon Val Fleury erlauben auch heute noch einen schönen Blick auf Paris und lohnende Spaziergänge – insbesondere die hoch gelegene grande terrasse  (mit Zugang zur Orangerie) beim Observatorium.

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  IV.    Cafés  –  Orte des Austauschs und des Arbeitens

„Wenn meine Mutter Ruhe zum Schreiben brauchte, flüchtete sie in ein Café. Zuweilen ging sie in ein Café in der Nähe unserer Post, aber lieber suchte sie die Cafés in Paris auf, vor allem am Boulevard St. Germain. Mit einem einzigen Milchkaffee hielt sie einen ganzen Vor-oder Nachmittag durch. Dass sie sich in allgemeinem Lärm und inmitten von vielen Leuten befand, störte sie gar nicht, im Gegenteil, das stellte für sie eine Art Schutzwand dar.“(P.R. 2005, S. 33)

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Das Café als öffentlicher Ort und Treffpunkt spielte für die Emigranten in Paris eine große Rolle. Hier konnte man sich zwanglos treffen, diskutieren und bei einer Tasse Kaffee stundenlang sitzen bleiben. Der Meinungs-und Informationsaustausch untereinander sowie mit französischen Kollegen stand im Vordergrund. Hermann Kesten beschreibt das so: „Im Exil wird das Café zu Haus und Heimat, Kirche und Parlament…zur Wiege der Illusion und zum Friedhof…zum einzigen kontinuierlichen Ort.“ (H.K.. 1959, S.12)

Hier ein Bild mit Anna Seghers vor einem Pariser Café. (http://www.anna-seghers.de/biographie_paris.php)

 

Bei Seghers war das Café allerdings weniger ein Ort des Gedankenaustauschs und hitziger politischer Debatten, sondern des Rückzugs auf konzentrierte schriftstellerische Arbeit. „Oftmals sah ich sie im Café de la Paix oder in einem kleinen Café am Montparnasse unter einer murmelnden Menschenmenge sitzen…Der Bleistift flog über das Papier, und das Manuskript wuchs“ erinnert sich Lore Wolf, die Frankfurter Freundin, die als verfolgte Kommunistin mit ihrer Tochter in Paris lebte und Anna Seghers das Manuskript von „Das 7. Kreuz“ abtippte (zit. bei Sternburg Anm. 151).  Interessant übrigens, dass die meisten der von den Emigranten damals frequentierten Lokalen im Montparnasse wie  „La Coupole“ oder „ Dôme“ heute zu den teuersten Konsum-Tempeln der Stadt gehören.

Das Café, ein Ort, wo man immer einfach hingehen, sich hinsetzen und schreiben kann: Eine geniale Lösung nicht nur für Anna Seghers, sondern auch heute noch für viele Menschen in Paris, die dort stundenlang über ihrem laptop  sitzen – internet inclusive. Cafés/Restaurants spielen auch in Seghers Roman „Transit“ eine wichtige Rolle. Immer wieder kehrt die Hauptfigur in dasselbe Lokal in Marseille zurück – eine Pizzeria mit wärmendem Feuer. Warum? Zum Warten, zum Essen, zum Weintrinken, zum Beobachten, um Leute zu treffen, vor allem aber um zu warten. Ein bekannter und gewohnter Ort, also ein wenig Zuflucht für die Heimatlosen, ein Stück Innehalten auf der drängenden Suche nach Rettung.

Anna Seghers war im Pariser Exil aber nicht nur als Mutter und Schriftstellerin  engagiert, sondern auch politisch: Wer wäre denn auch besser geeignet gewesen als die aus Deutschland geflohenen Schriftsteller, vor den Gefahren des Nationalsozialismus zu warnen und für eine breite Front des Widerstands  zu werben. Das  politische Engagement Anna Seghers`in der Zeit ihres Pariser Exils  soll aber an anderer Stelle  beispielhaft an ihrer Rede über die Vaterlandsliebe beim „Ersten Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur“ im Haus der  Mutualité  1935 verdeutlicht werden.   

 

 V.  „Six jours – six années“  –  „6 Tage –  6 Jahre“      

Diese Tagebuchblätter von Anna Seghers aus der Pariser Zeit wurden ursprünglich 1938  in französischer  Sprache in der Monatszeitschrift „Europe“ veröffentlicht und sind nur in deutscher Fassung zugänglich (ndl, 9.Sept. 1984). Die Idee : pro Jahr ihres Aufenthaltes Ereignisse von einem Juni-Tag in der Sprache des Gastlandes zu präsentieren. Im Vordergrund stehen dabei deutsch-französische Erfahrungen.

Im Tagebuchblatt aus dem  Juni 1933 erinnert sie sich : „Wir haben die Kinder von der Grenze abgeholt. Wie Verrückte haben sie sich in unsere Arme geworfen, dort verharrten sie dann unbeweglich. Völlige, unendliche Sicherheit bei diesen unsteten Wesen, ihren Eltern, die doch selbst zu den Obdachlosesten dieser Welt zählten, selbst von allen Stürmen hin- und hergeworfen wurden.“    Und sie fährt fort mit dieser rührende Beschreibung des Kontakts mit den Kindern, die  gerade aus dem geliebten unerreichbaren Deutschland gekommen waren: „Das mehrfarbige karierte Kleid der Kleinen, der Geruch ihres Haares machten mich verrückt vor Heimweh….als wir die Hosentaschen des Kleinen leeren : ein paar getrocknete Grashalme, ein Pfennig, eine Fahrkarte, ein Tannenzapfen: ein halbes Deutschland.“ (A.S., 1984 S.5)

Erst später wird Anna Seghers wissen, dass sie bei dieser Übergabe der Kinder in Straßburg ihre Mutter das letzte Mal gesehen hat. In Paris angekommen fährt die nun endlich vereinte Familie Radvanyi nach Equilieu (Pas de Calais) in  Sommerurlaub. „Unsere Wirtin, Witwe eines Schriftstellers, bereitet uns die Suppe. Sie nennt mich „meine Tochter“. Das ist wahrscheinlich nur so ein Ausdruck, aber es tut mir gut. In dieser Frau, und nicht durch irgendein Komitee, begrüßt uns Frankreich.“(A.S., 1984, S.7)  Bei ihr lernen die beiden Kinder erstes Französisch.                                                

Juni 1934 hält sie  fest :“Als ich abends nach Hause komme, höre ich, wie die Kinder sich in einem groben und doch schon geläufigen Französisch zanken….In unseren Augen spielen die Kinder “Franzosen“, wie sie Indianer spielen. Wie man sich als Indianer mit Federn putzt, zieht die Kleine weiße Strümpfe an, um die „französischen Kinder“ am Sonntag zu spielen.“  Und weiter als erzieherische politische Korrektur: „Wir zeigen ihnen Broschüren für Deutschland, die man mit der Lupe liest. Vor allem, die Einheit bewahren! Vor allem niemals die Vergangenheit verraten! Vor allem, niemals die Kontinuität einbüßen!“ (A.S.,1984, S.7)

Juni 1935 bemerkt sie im Kontext des internationalen Schriftstellerkongresses über die französischen Kollegen:“Was uns am meisten erregt, die wundervolle Tradition des revolutionären Denkens, seine kontinuierliche, logische, fast organische Entwicklung…“    (A.S., 1984, S.7)

Juni 1936 zitiert sie ihren Sohn. „Später im Bett, erklärt uns der Kleine, warum er die französischen Gedichte den deutschen vorzieht : die deutsche Dichtung drückt zu oft reines Denken aus, die französischen dagegen Gefühle.“ (A.S.,1984,S.8)  Dieses Urteil hätte sicher ein französisches Kind mit gleichem Recht umgekehrt fällen können. Welche subtile Wahrnehmung kultureller Unterschiede!

 Juni 1937 erwähnt Anna Seghers vor allem das Zusammentreffen mit einem deutschen Widerstandskämpfer, der nach KZ-Haft und Flucht sich nun nach Spanien zum Kampf bei den Internationalen Brigaden aufmacht. Ihre große Hochachtung ist unverkennbar.

Juni 1938 geht sie der Frage nach, „wohin wir mit den Kindern im Kriegsfalle gehen würden. Meine ersten Bombenangriffe habe ich am Ufer des Rheins erlebt, die zweiten in Spanien, und die dritten auch. Aber hier in diesem Land haben meine Kinder Freunde und Sicherheit kennengelernt; sollten sie nicht, wenn es sein muss, auch Schmerz und Gefahren hier begreifen?“ (A.S., 1984, S.9)  Ganz ähnlich wird später auch der Erzähler von Transit argumentieren, als er sich entschließt, bei den Menschen in Südfrankreich zu bleiben, die ihn freundlich aufnehmen und mit ihnen zu erwartendes Leid teilen statt aus Europa vor den Nazis  ins Ungewisse zu fliehen. Anna Seghers hat dann doch die Ausreise nach Mexiko betrieben und so sich und ihrer Familie das Leben gerettet, was ihr im Fall ihrer Mutter jedoch nicht mehr gelang.

 

 VI. Die Stadt Paris im Werk von Anna Seghers                                                     

Der Roman „TRANSIT“, an dem Anna Seghers bereits  1940  in Marseilles zu schreiben anfing, spielt vor allem in dieser Stadt, Ausfallstor in die Welt auf der Flucht vor der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Der Erzähler ist nur zu Anfang kurz in Paris und beschreibt die Stadt nach der Besetzung so :

„Ich ging eines  Sonntags früh nach Paris hinein. Die Hakenkreuzfahne wehte wirklich auf dem Hôtel de Ville. Sie spielten wirklich vor Notre Dame den Hohen Friedberger Marsch. Ich wunderte mich und wunderte mich. Ich lief quer durch Paris. Und überall deutsche Autoparks, überall Hakenkreuze, mir war ganz hohl, ich fühlte schon gar kein Gefühl mehr. Ich grämte mich, dass all der Unfug aus meinem Volk gekommen war, das Unglück über andere Völker. Denn dass sie sprachen wie ich, dass sie pfiffen wie ich, daran war kein Zweifel. Als ich nach Clichy hinaufging, wo Binnets wohnten, meine alten Freunde, da fragte ich mich, ob Binnets wohl vernünftig genug seien, um zu begreifen, dass ich zwar ein Mensch dieses Volkes sei, doch immer noch ich. Ich fragte mich, ob sie mich ohne Papiere aufnehmen würden.                                                                                                                         

Sie nahmen mich auf.“ (A.S., 2018, S.13/14)

Die bewegende Erzählung „OBDACH“ von 1941 (A.S., Erzählungen, Da., 1973, S.199-206) spielt dagegen ganz in Paris. Es geht um den Jungen eines von der Gestapo in Paris verhafteten deutschen Widerstandskämpfers. Das Kind ist verzweifelt, denn es soll nach Deutschland zurück und dann in ein NS-Heim gebracht werden. Doch eine französische Bekannte nimmt ihn in ihre Familie auf trotz Widerstand ihres Mannes. Eine starke Frau, die vorbildlich handelt im Sinne von Seghers, der das Engagement der Helfer für politische Flüchtlinge unumgängliche moralische Verpflichtung galt  – trotz aller Risiken. Naheliegend, dass Anna Seghers bei dem Schicksal des deutschen Jungen auch an das potentielle Los ihrer eigenen Kinder gedacht hat, wenn sie entdeckt und verhaftet würde.

Den Erfolgs-Roman „DAS SIEBTE KREUZ“, den Anna Seghers in der Pariser Zeit verfasste, ist neben der klaren politischen Aussage eine Hommage an ihre rheinische Heimat, die sie mit so viel Liebe beschreibt, wie es nur aus der erzwungenen Trennung heraus möglich ist. Sieben KZ-Flüchtlinge fliehen aus dem KZ Westhofen (Vorbild Osthofen/ Nähe Worms), aber nur einem gelingt die Flucht. Denn er hatte einen Helfer finden können, der es wagte ihn zu verstecken und dann weiter zu leiten – trotz Familie mit Kindern, die er damit in höchste Gefahr brachte. Wieder das Seghers-Anliegen der Bereitschaft zu unzögerlicher praktischer Solidarität, das hier aus Paulchen einen Helden werden lässt. Und die große Befriedigung, die  aus der konkreten Unterstützung eines Verfolgten erwächst, ist immer wieder ein Aspekt, den sie betont.

DSC01177 Exilausstellung DB August 2018 (11)

                    Amerikanische Ausgabe des Romans für in Europa eingesetzte GIs                  (Exilausstellung des Deutschen Nationalmuseums Frankfurt)  Das erhoffte Visum für die USA erhielt Anna Seghers allerdigs nicht.

Fazit: Die Bereitschaft schnell und entschlossen zu helfen, wenn es für Flüchtlinge notwendig ist, erwies sich als gelernte Lektion im Deutschland von 2015. Im kollektiven deutschen Gedächtnis gibt es die Erinnerung an das Leid der Heimatvertriebenen, vor allem aber an die Not der NS-Verfolgten, die Hitler-Deutschland verlassen mussten, wenn sie es noch konnten. Die literarische Verarbeitung gerade ihrer Schicksale hilft vor dem Vergessen zu bewahren und gelangt in neuem Kontext zu  überraschender Aktualität, wie die jüngste Verfilmung von Anna Seghers  „Transit“ (2018) zeigt.                                                                                                                                                  Frauke Jöckel

 

(1)  Das Portrait von Anna Seghers wurde 1935 aufgenommen von Gisèle Freund.

©  bpk/IMEC Fonds MCC/ Giaèle Freund

https://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/EN/Objects/freund-seghers-en.html?single=1

 

 

Quellenangaben und benutzte Literatur:

Anna Seghers/Wieland Herzfelde : Frauen und Kinder in der Emigration in „Gewöhnliches und gefährliches Leben“, Darmstadt 1986                                                  Anna Seghers : 6 Tage, sechs Jahre, Tagebuchblätter in neue deutsche Literatur 9/1984      Anna Seghers : Das Obdach (1941) in „Erzählungen“ Bd.1, Darmstadt 1973                            Anna Seghers : Das 7. Kreuz (1942) , Berlin 2018                                                                            Frankfurt liest ein Buch 16.-29.April 2018 : Anna Seghers, Das 7. Kreuz                                    Anna Seghers : Transit (1951), Berlin 2018                                                                                    Christian Petzold : Transit (Film), 2018                                                                                              Pierre Radvanyi : Jenseits des Stroms, Erinnerungen an meine Mutter, Berlin 2005              Christiane Zehl Romero : Anna Seghers, eine Biographie 1900-1947, Berlin 2000                  Wilhelm von Sternburg  : Anna Seghers, ein Porträt, Berlin 2012                                        Hermann Kesten : Dichter im Café, Wien 1959                                                                                Roland Hoja : „Wartesäle der Poesie“, Schriftstellerinnen im Pariser Exil 1933-41, Norderstedt 2015                                                                                                                      Monika Melchert : Wilde und zarte Träume, A. Seghers Jahre im Pariser Exil, Berlin 2018  Studienkreis dt. Widerstand (Hrsg) : „Nichts war vergeblich“  Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Katalog zur Ausstellung in der Gedenkstätte KZ Osthofen, 2016                                                                                                                                                          Lore Wolf : „Ein Leben ist viel zu wenig“, Berlin 1979                                                                    Doris Danzer : „Zwischen Vertrauen und Verrat“, deutschsprachige kommunistische Intellektuelle und ihre sozialen Beziehungen, Berlin 2012                                                  Doron Rabinovici : „Das Versagen der Heimat“, Eröffnungsrede zur  Dauerausstellung des Deutschen Exilarchivs in Frankfurt/Main, FAZ, 9.April 2018

 

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu deutschsprachigen Schriftstellern in Paris/im französischen Exil:

  • Das Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise in Paris: Eine Hommage an den Vorkämpfer der deutsch- französischen Verständigung

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10585

  • Mit Heinrich Heine in Paris

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8231

  • Exil in Frankreich: Sanary, Les Milles und Marseille

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/592

  • Der Cimetière de Picpus: Ein deutsch-französischer und amerikanischer Erinnerungsort (Stefan Zweig, R.M. Rilke)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/1828

  • La Maison de la Mutualité à Paris/Das Haus der Mutualité in Paris (2): Der Erste Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935 (Heinrich Mann, Anna Seghers)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/11479

 

Geplante weitere Beiträge

  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 1: Lyon, Luberon, Piemont
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 2: Die Waldenser in Hessen-Homburg
  • Der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935 im Haus der Mutualité in Paris
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier
  • Das Hotel Lutetia (1): Ein Bauwerk zwischen Art Nouveau und Art Déco in neuem Glanz

 

 

Die Insel Porquerolles: Natur und Kunst

Nach längerer Zeit also wieder ein Blog-Beitrag zu einem Ort weit außerhalb von Paris; genau: 875 km entfernt davon. Aber ein Beitrag aus zwei guten  Gründen:  Natur und Kunst.

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Zuerst die Natur:  Porquerolles ist ein Inseltraum, es gibt wunderschöne Strände, kleine versteckte Buchten, glasklares  Wasser. Hier zeigt sich Frankreich von seiner schönsten Seite.  Die Insel ist 7 km lang und 3 km breit, Fortbewegungsmittel der Besucher sind die Füße oder das Fahrrad. (1)

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Der lang gestreckte (aber schmale) Strand Notre Dame  wurde 2015, wie der zuständige Fremdenverkehrsverband stolz verkündet, vor 300 Mitbewerbern zum „schönsten Strand Europas“ gekürt.[1a]

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Wenn in der Hochsaison allzu viele  Menschen sich dahin auf den Weg machen, wird man aber sicherlich  ein ruhigeres Plätzchen an einem der anderen, von der Anlegestelle der Fähren etwas entfernteren Strände oder in einer der versteckten kleinen felsigen Buchten finden.

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Auf dem Weg zu den Stränden geht es durch Wälder von Steineichen und Pinien und vorbei an Weinbergen, die Anfang des 20. Jahrhunderts als Feuerschutzzonen angelegt wurden, um zu verhindern, dass –wie 1897-  bei einem Waldbrand die ganze Insel betroffen ist.  Der hier erzeugte Wein war dann allerdings sogar einer der ersten, der die Klassifizierung „Côtes de Provence“ erhielt.

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Auf dem Weg zum Strand Notre Dame kommt man sogar -eine Besonderheit dieser Insel- durch eine Allee von stattlichen Eukalyptusbäumen, die dort von François-Joseph Fournier eingeführt wurden, der die Insel 1912 kaufte. Inzwischen verhindert die Verwaltung des Nationalparks allerdings eine  unkontrollierte Ausbreitung auf Kosten der heimischen Flora. (1a)   .

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Bei einer Fahrt durch die Insel wird man die typischen Erdbeerbäume (arbousier) nicht übersehen können, wenn im Herbst die Früchte erst gelb und dann rot leuchten. Sie sind übrigens essbar und es gibt davon leckere Gelees zu kaufen![2]

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Sehr verbreitet ist auch der Mastixstrauch, auch Wilde Pistazie genannt (franz: Pistachier lentisque).  Im Frühjahr leuchten seine weißen Blüten, im Herbst die kleinen roten Früchte, die im Winter den Vögeln als Nahrung dienen.

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Etwas abseits des Wegs kann man wunderbare überraschende Entdeckungen machen wie diese auf dem kargen Gelände eines ehemaligen Forts wachsenden Lilien.

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Und immer wieder hat man wunderbare Aussichten auf das Meer. Und das lädt nicht nur zum Schwimmen ein. Es gibt hier auch eine beeindruckende Unterwasserwelt.

Porquerolles gehört nämlich zu dem Nationalpark von Port-Cros, dem ersten europäischen Nationalpark übrigens, der Gebiete über und unter Wasser umfasst. Für Taucher ist dieser Nationalpark, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, eine große Attraktion. Vor allem  „La Gabinière“ mit seinen bis zum 1,5 m  großen Zackenbarschen und Barrakudaschwärmen.[3]

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Junge Barrakudas sieht man dort seit einigen Jahren in großen Schwärmen (Schulen). Den Taucher freut das – allerdings ist der das warme Wasser liebende Fisch ein biologischer Indikator des Klimawandels- das trübt dann doch etwas die Freude…  [4]

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Sehr schön ist auch das Tauchgebiet um die  „Zwei Brüder“, eine auffällige aus dem Meer ragenden Felsformation  an der östlichen Spitze von Porquerolles – hier von der Presqu’île de Giens aus im Abendlicht zu sehen.

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Die Ausstellung moderner Kunst der Fondation Carmignac

Seit Juni 2018 hat Porquerolles eine weitere große Attraktion zu bieten: Die Kunstausstellung der Fondation Carmignac. Sie ist „680 Schritte vom Hafen“  entfernt auf dem weitläufigen Gelände der ehemaligen domaine de La Courtade, eines provençalischen Gehöfts, untergebracht, Drehort des Films „Pierrot le fou“ von Jean—Luc Godard. In den 1980-er Jahren  wurde das Anwesen von dem Architekten Henri Vidal erworben und zu einer noblen Villa umgebaut. Als dort 1989 seine Tochter  ihre Hochzeit feierte, war auch Edouard Carmignac eingeladen. Der verliebte sich in das Anwesen und kaufte es 2013. Kein Problem für einen der reichsten Männer Frankreichs (Platz 50), der laut Forbes über ein Vermögen von 1,7 Mrd Dollar verfügt.[5] Als „self-made-man“ hat er sich  zu einem der größten europäischen Vermögensverwalter hochgearbeitet, sich dabei aber immer noch eine Affinität zur Kunst erhalten – ursprünglich wollte er einmal Musiker werden. So erwarb er im Laufe der Zeit eine etwa 300 Gemälde und Fotografien umfassende Kunstsammlung, von denen 70 vom 2. Juni bis zum 4. November 2018  auf Porquerolles zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert werden/bzw. wurden.

Während die Stiftungen Louis Vuitton und Seydoux-Pathé (2014), die Lafayette- Stiftung  (Lafayette Anticipations 2018) und die Collection François Pinault (2019)  in Paris angesiedelt sind oder sein werden (und sich mit prominentesten Namen der internationalen Architektur-Szene schmücken), hat sich Edouard Carmagnac für einen Ort weit außerhalb der Hauptstadt entschieden. Dazu sein Sohn Charles,  Direktor der Stiftung und Chef  der Anlage auf Porquerolles:

 „Mein Vater wollte seine Sammlung an einem abgelegenen Ort zeigen, weg von Alltag, der Stadt und all den Dingen, die darüber hinaus stattfinden. Die Menschen müssen dafür ihren Alltag hinter sich lassen, sie müssen ein Boot nehmen, sie müssen hierherkommen, sie müssen laufen. Und hier sind sie abgeschieden und auch die Gedanken sind frei und klar und man hat eine Art inneren Frieden, um sich auf die Kunstwerke einzulassen und zu hören, was sie vermitteln wollen.“[6]

Allerdings war die Villa Vidals nicht für die Präsentation von Kunst und für Publikumsverkehr geeignet. Eine einfache Erweiterung war aber aufgrund des Nationalpark-Statuts der Insel nicht möglich. Die Lösung war, unter dem Haus zusätzliche Ausstellungsflächen von 2000 qm² zu schaffen. Die werden teilweise durch einen Schacht mit natürlichem Licht versorgt.

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Die gläserne Decke dieser Öffnung ist mit Wasser bedeckt, was unten und oben wunderbare wellenförmige Spiegelungen auf den  Wänden und Pfeilern produziert. Vor allem in dem Raum  direkt unterhalb der Glasdecke/Wasserfläche. Dessen „Ausstellungsobjekte“ sind große blaue Rechtecke an den Wänden, die vom einfallenden Licht belebt werden.  So hat der Besucher geradezu das Gefühl, sich auf dem Meeresgrund zu bewegen, wie Julien Bordier im Express schreibt. In der Tat ein genialer Einfall.[7] 

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Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass die Besucher aufgefordert werden, die Schuhe auszuziehen und barfuß auf den Grund des „sea of desire“ hinabzusteigen.  Und passend dazu kommt man dann auch direkt zu Bruce Naumans „One Hundred Fish Fountain“ von 2005, wo aus hundert verschiedenen und identifizierbaren Fischen Wasser sprudelt. Es ist übrigens der einzige Ausstellungsraum, der mit Türen versehen ist, so dass man sich intensiv dem Sehen und Hören überlassen kann- zumal es ein Gedränge wie bei vielen Pariser Kunstausstellungen nichtgibt: In die Fondation Camignac  werden pro halbe Stunde nur maximal 50 Besucher eingelassen.

 

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Im Hintergrund/Nachbarraum ein monumentales Bild von Roy Lichtenstein mit spielenden Mädchen am Strand  (Beach scene from Starfish)

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Ein Wels am Boden des Brunnens

Das Privileg eines eigenen Raums hat auch das  eindrucksvolle 16 Meter lange Panorama-Bild von Miquel Barceló. Es zeigt seltsame Tintenfische und Quallen, wie sie –so oder so ähnlich- der Künstler im Mittelmeer angetroffen haben mag.

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Das Werk wurde extra für diesen Raum gestaltet und hat denn wohl auch –wie der Brunnen Naumanns- gute Chancen, dort dauerhaft ausgestellt zu werden.

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Befindet man sich im Untergeschoss eher im aquatischen Milieu, so betont die Architektur des Erdgeschosses das terrestrische Element: Man ist an Land, geöffnet zur umgebenden Natur, dem Garten, den Pinien und uralten Olivenbäumen, aber das Wasser, das Meer, ist immer nahe.

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Blick auf den Leuchtturm

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Blick aus dem Foyer/Kassenraum auf den Garten und das Meer. 

Das auffällig weiß verputzte Gartenhaus, sichtbar in dem Film Godards, gehört auch zu den Ausstellungsobjekten:  Der Verputz der Wände ist von dem portugiesischen Künstler Alexandre Farte (AKA VHILS) eingeritzt, so dass Muster und Bilder entstehen: Scraching the surfaces. 

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Die Verbundenheit der Fondation Carmignac mit Porquerolles wird schon am Eingang zum Ausstellungsgebäude deutlich: Da wird man von einer Bronzeplastik Miquel Barcelós empfangen.

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Dargestellt ist der Alycastre, ein Ungeheuer, das  der Legende nach Angst und Schrecken auf der Insel verbreitete. Zum weiteren Verlauf  gibt es offenbar unterschiedliche Versionen: Dem von der Stiftung herausgegebenen Ausstellungs-Flyer zufolge war es kein geringerer als Odysseus, der auf seiner Irrfahrt in die Heimat hier Schiffbruch erlitt und das von Poseidon ausgesandte Ungeheuer besiegen musste, bevor er seine Fahrt fortsetzen konnte.   Einer anderen Version zufolge war es ein kampferprobter Pilger, der dem Schrecken ein Ende machte:  Von einer Fahrt ins Heilige Land zurückkommend war er in Seenot geraten und von hilfsbereiten Inselbewohnern gerettet worden. Als Dank tötete er das Ungeheuer und  brachte der Insel damit Sicherheit und Glück zurück.[8] Barceló stellt den Alycastre halb als Totenkopf, halb als Meeres-Ungeheuer dar, das über den Ort und seine Besucher wacht. Was für ein beziehungsreicher und schöner Empfang!

Der Alycastre kann vielleicht auch einen Schlüssel bieten zum Verständnis der Ausstellung:  Denn dort geht es auch um Gewalt und um die Gefahren, denen die Menschheit ausgesetzt ist. Darauf weisen einige der 8 Kapitel hin, in die die Ausstellung eingeteilt ist, wie „Brave New World revisited“ oder „Révolution, terreur et effondrement“.

 

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Bildausschnitt aus Joseph Kudelka, The Danube Delta, Romania (1994)

 

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Massimo Berruti: Mahnbanr (2011) Ausschnitt

 

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Tony Matelli, Weed 389 (2017)

 

Und es geht in der Ausstellung auch um Glück und Schönheit in unserer Zeit. Bei dem Ausstellungskapitel Brave new world“ bezieht sich der Kurator der Ausstellung, Dieter Buchhart, ausdrücklich auf Huxleys berühmten Roman, den er in den 1930-er Jahren  ganz in der Nähe in Sanary-sur-mer geschrieben hat.

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David Spiller Be Happy (1998)

 

Auffällig ist gerade bei dem Thema Schönheit die deutliche Vorliebe des Sammlers für den mit insgesamt 9 Bildern  vertretenen Roy Lichtenstein und die Konfrontation von Arbeiten Lichtensteins mit einer Venus und einer Madonna Botticellis- den einzigen klassischen Gemälden der Ausstellung.  Dazu Edouard Carmignac:

„J’ai toujours vu une relation entre Botticelli et Lichtenstein. Le premier a défini l’archétype de la beauté occidentale à la Renaissance. Roy Lichtenstein, lui, a renouvelé le concept de la beauté contemporaine avec une nouvelle écriture composée de points et de lignes, inspirée par la bande dessinée. Pour moi, il est le plus grand peintre de la fin du XXe siècle.“

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Roy Lichtenstein, Collage for Nude with red shirt (1995)

 

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Sandro Botticelli, Venus (um 1490) Ausschnitt. Leihgabe der Musei Reali de Torino

 

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Roy Lichtenstein, Collage for Seductive Girl (1996)

Bei einem Rundgang kommt man vorbei an weiteren Werken der amerikanischen Kunst der 1960-er bis 1980-er Jahre, die ein Schwerpunkt der Sammlung ist,  und vielen weiteren Größen der internationalen zeitgenössischen Nachkriegskunst (Gerhard Richter natürlich eingeschlossen).

 

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Jean-Michel Basquiat: Zing (1984)

 Dabei soll es sich um ein Portrait Edouard Carmagnacs handeln.

 

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Jean- Michel Basquiat: untitled (Fallen Angel) 1981

 

 

 

Andy Warhol: Lenin (1986)  und Mao (1973)

Das Lenin-Bild hat -dem Katalog zufolge-  sonst  übrigens seinen Platz im Büro von Edouard Carmignac!

Lohnend ist auch ein Spaziergang durch den großen, allmählich in die umgebende Natur übergehenden Garten des Anwesens, der auch als Ausstellungsraum dient.

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Zum Beispiel für die vom deutschen Künstler Nils-Udo eigens für den Museumsgarten geschaffenen riesigen  Marmoreier.

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Oder für die vier im Olivenfeld aufgestellten monumentalen Köpfe von Ugo Rondione (Four Seasons) und die drei Alchimisten von Jaume Plensa – hier einer der drei.

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Die Assoziation an Jurassic Park oder die Osterinsel liegt da natürlich nahe.[9]

 

Als Fazit kann ich mich nur uneingeschränkt dem Urteil des Deutschlandfunks anschließen:

„Es ist bemerkenswert, wie schnell man hier zur Ruhe kommt und nicht, wie in Museen so oft, von einem Raum in den anderen hetzt, um ja alle Werke innerhalb einer bestimmten Zeit zu sehen. Hier spielen die erstklassigen Kunstwerke vielleicht nicht wirklich die größte Rolle. Es ist vielmehr das Zusammenspiel von Landschaft, Architektur, Kunst, Gerüchen und Geräuschen, das die Fondation Carmignac zu einem neuen, bisher ungewöhnlichen Kulturort macht“.[10]

Prosaischer drückt das der Tripadviser mit seinen 4,5 Punkten aus, davon weit überwiegend  der Bewertung „ausgezeichnet“.[11]

Zu verdanken haben wir dies Edouard Carmignac, dem Kunstliebhaber, Vermögensverwalter und Milliardär. Welche Zusammenhänge es zwischen diesen drei Aspekten  gibt? Die zur Eröffnung des Projekts eingeladenen Journalisten haben, soweit ich das sehe, diese Frage vornehm übergangen. Nur Tim Ackermann von der ZEIT hat den Direktor der Stiftung auf die ökonomische Dimension der Kunstsammlung angesprochen:  Aber garantieren die grundsoliden Werke mit überwiegend klingenden Künstlernamen nicht stabile Preise beim Wiederverkauf?“ eine angesichts der aktuellen Kunstmarkt- Hype mit seinen horrenden Preissteigerungen äußerst zurückhaltende Formulierung. Charles Carmignac weist eine solche Vermutung aber treuherzig  von sich:

„Mein Vater sieht die Sammlung nicht als Investment. Die Kunstwerke sind seine Leidenschaft. Er liebt es, sich mit ihnen zu umgeben und seinen Geschmack mit anderen Kunstliebhabern zu teilen.“ [12]

Mag ja sein.  Aber wenn die öffentlichkeits- und werbewirksame Präsentation der Sammlung auch noch zur Vermehrung seines Vermögens beiträgt, wird Edouard Carmignac sicherlich nicht traurig sein….

 

Praktische Informationen

Es gibt regelmäßige Fährverbindungen zwischen dem Port de la Tour Fondue an der Spitze der Presqu’île de Giens und Porquerolles. Die Fahrzeit dauert etwa 20 Minuten. Am Port de la Tour Fondue gibt es große Bezahlparkplätze.[13]

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Im Touristenbüro am Hafen von Porquerolles erhält man einen Plan des Ortes, in dem auch die Fondation Carmignac eingezeichnet ist, die man bequem zu Fuß in etwa einer Viertelstunde erreicht.

Eintrittskarten sollte man am besten vorreservieren, weil pro halbe Stunde immer nur maximal 50 Personen eingelassen werden. (www.fondationcarmignac.com )   Aber wenn man, wie wir, außerhalb der Hauptsaison  kommt, hat man gute Chancen, auch ohne Vorreservierung dabei zu sein.

Ab April wird eine neue Ausstellung in der Fondation Carmignac präsentiert werden.

Es gibt auch einen Katalog zur Sammlung der Stiftung  zum stolzen Preis von 65 Euro.

 

Anmerkungen

(1) Die beiden Zeichnungen in diesem Beitrag stammen aus einem schönen Heft von Cécile Pierre über die Insel Porquerolles.  www. callicecilecom

[1a] https://www.hyeres-tourisme.com/equipement-loisir/plage-notre-dame/

[2] Zur Flora der Insel: http://www.horizon-nomade.com/porquerolles-ile-dexception/ Dort auch das Arbousier-Foto.

[3] Bilder aus: http://www.plongees-de-reve.fr/porquerolles

[4] http://www.portcros-parcnational.fr/fr/des-connaissances/patrimoine-naturel/la-faune/poissons/barracuda

[5] https://www.forbes.com/profile/edouard-carmignac/#29ff9b994b16

[6] https://www.deutschlandfunkkultur.de/fondation-carmignac-auf-porquerolles-ein-kunstmuseum-im.1013.de.html?dram:article_id=419153

[7] https://www.lexpress.fr/culture/art/fondation-carmignac-un-lieu-d-art-a-part_2013568.html

[8]  Siehe: Dominique Amann, Dragnos et Dracs dans l’imaginaire provençal. Toulon 2006, S. 156/157  Abgedruckt in:  http://www.porquerolles-patrimoine.fr/digressions/alic.html

[9]  „Porquerolles prend alors des allures de Jurassic Park ou d’île de Pâques.“

https://www.lexpress.fr/culture/art/fondation-carmignac-un-lieu-d-art-a-part_2013568.html

[10] https://www.deutschlandfunkkultur.de/fondation-carmignac-auf-porquerolles-ein-kunstmuseum-im.1013.de.html?dram:article_id=419153

[11] https://www.tripadvisor.de/Attraction_Review-g681252-d14156540-Reviews-Fondation_Carmignac-Porquerolles_Island_Iles_d_Hyeres_French_Riviera_Cote_d_Azur.html

[12] https://www.zeit.de/2018/24/fondation-carmignac-museum-insel-porquerolles

In einem Beitrag von TV 2 über Verrücktheiten des Kunstmarktes, der im November 2018 in den Abendnachrichten ausgestrahlt wurde, wurde übrigens auf einige reiche Kunstsammler verwiesen, die durch ihre immensen Geldmittel die Kunstpreise in die Höhe treiben. In diesem Zusammenhang wurde  ausdrücklich auch Edouard Carmignac verwiesen.

[13] www.tlv-tvm.com

https://voyagesetgourmandises.fr/horaires-des-bateaux-de-la-tour-fondue-a-porquerolles/

Karte aus: http://www.fondationcarmignac.com/fr/villa-carmignac/voyager

 

 

Geplante weitere Beiträge

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Auf dem Weg nach Paris: Die Mühle von Valmy, das Fanal einer neuen Epoche

 

Wenn wir auf der Autoroute de l’Est von Deutschland nach Paris fahren, machen wir gerne einen Halt in der zwischen Ste Menehoult und Reims gelegenen  Raststätte  Valmy Orbeval/Valmy le Moulin. Von dort aus hat man einen Blick auf die Mühle von Valmy.  Hier fand im September 1792 die sogenannte „Kanonade von Valmy“ statt,  die einen Wendepunkt der Geschichte der Französischen  Revolution markiert. Einen Tag nach dem Sieg der französischen  Revolutionstruppen über die verbündeten Truppen der „alten Mächte“ Preußen und Österreich wurde in Paris die Republik ausgerufen.

DSC00066 Moulin de Valmy (1)

Goethe war als Begleiter des Weimarer Herzogs, also  gewissermaßen „embedded“, Teil des preußischen Heeres und beobachtete das Gefecht. In seinem autobiographischen Text „Campagne in Frankreich“ berichtet er, wie er am Abend danach die deprimierten Begleiter mit diesen Worten getröstet habe: „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen“[1]ein  berühmt gewordener Satz, der in keiner Darstellung der Kanonade von Valmy fehlen darf.

Es gibt also Gründe genug, sich einmal den Ort des Geschehens genauer anzusehen,  zumal es seit 2014 dort auch ein  „centre historique“ gibt, also ein Ausstellungszentrum, in dem man am historischen  Schauplatz Näheres über die Kanonade von Valmy erfahren kann.

 

Die Mühle, das  Denkmal und das Centre historique

Der historische Erinnerungsort „Valmy“ besteht aus mehreren Elementen: Natürlich zuerst der Windmühle, die allerdings eine neuere Rekonstruktion ist. Die ursprüngliche wurde am Morgen der Kanonade auf Befehl Kellermanns zerstört: Sie bot den auf einem gegenüber liegenden Hügel postierten preußischen Geschützen ein gar zu leichtes Ziel. Immerhin waren die französischen Truppen halbkreisförmig um die Mühle aufgestellt. Der Besitzer der Mühle wurde immerhin entschädigt und baute nach dem Ende der Kampfhandlungen die Mühle wieder auf. Aber im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden die Windmühlen nicht mehr benötigt, sondern zunächst durch wasserbetriebene, dann durch industrielle Mühlen ersetzt. So verfiel die Mühle von Valmy, bis in den 1930-er Jahren  eine neue Initiative für einen Wiederaufbau gestartet wurde. Aufgrund der Kriegsereignisse konnte sie erst 1947 eingeweiht werden. Sie markierte nun wieder als Wahrzeichen das Schlachtfeld von Valmy, als Mühle allerdings diente sie nicht mehr. Aber auch diese Mühle hatte nur eine begrenzte Lebensdauer, denn 1999 fiel sie dem Sturm Lothar zum Opfer. 2005 wurde dann –pünktlich zum 20. September, dem Jahrestag der Kanonade-  die jetzige Mühle eingeweiht, die dem ursprünglichen Modell der Mühle von Valmy entspricht und auch voll funktionsfähig ist. Schade allerdings, dass man in der Boutique des centre historique kein Valmy-Mehl kaufen kann….

Neben der Mühle sieht man schon von der Autobahn aus ein hochaufragendes Denkmal. An seiner Spitze ein Soldat mit wehendem Rock, Säbel und hocherhobenem Arm. In seiner Hand hält er einen mit den Farben der Tricolore geschmückten Hut.  Die Statue zeigt den General  und späteren Marschall und Herzog von Valmy, François-Christophe Kellermann, wie er seine Truppen zum Gegenangriff führt. Die Statue erinnert damit nicht nur an eine entscheidende Situation der Schlacht: Nicht nur wird damit der Angriff der preußischen Truppen abgewehrt, sondern es wird auch der revolutionäre Patriotismus deutlich,  der die französischen Truppen inspiriert. Auf Kellermanns Ruf „Vive la Nation!“ antworten die französischen Soldaten  mit dem Ruf „Viva la Nation! Vive la France! Vive notre général!“ und sie stimmen das Revolutionslied „ça ira“ an.[2]  Das erscheint allerdings insofern etwas merkwürdig, als darin gleich zweifach den  Aristokraten der Tod angekündigt wird. (Les aristocrates à la lanterne!… Les aristocrates on les pendra).  Für ihren Kommandeur,  der immerhin altem sächsisch-elsässischem Adel entstammt, galt das jedenfalls  offensichtlich nicht.

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Vor dem Denkmal befindet sich ein Obelisk, unter dem –entsprechend seinem Wunsch- das Herz Kellermanns bestattet ist. Der übrige Leichnam ruht im Familiengrab auf dem Friedhof  Père Lachaise in Paris (30. Division).  Dass neben Valmy auch Marengo aufgeführt ist, bezieht sich auf den Sohn Kellermanns, des zweiten Herzogs von Valmy, der sich an der Seite Bonapartes in der Schlacht von Marengo (1800) auszeichnete.

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In einer kleinen Kapelle auf dem Hügel von Valmy schließlich wird die Asche von Prinzession  Ginetti, der Urenkelin und letzten direkten Nachfahrin Kellermanns, aufbewahrt.

Und dann gibt es am Fuß des Hügels noch eine weitere Statue.  Es handelt sich um den venezolanischen General Francisco de Miranda.

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Was hat ein venezolanischer General mit Valmy zu tun? Der 1750 geborene Miranda war zunächst in die Armee der spanischen Krone eingetreten, zu deren Kolonialreich Venezuela und der größte Teil Südamerikas damals gehörten. Seine Teilnahme am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg weckte in ihm den Wunsch nach einer Unabhängigkeit Südamerikas, für die er sich von nun an engagierte und für die er auf einer Reise durch Europa warb. 1788 kommt er nach Frankreich und erlebt die Französische Revolution mit. Am 11. September 1792 tritt er auf französische Bitten hin in die Revolutionsarmee ein und nimmt dann gleich an der Kanonade von Valmy teil.  Dabei zeichnet er sich aus  und wird  zum Feldmarschall befördert.

Zurückgekehrt nach Südamerika versucht in zwei militärischen Operationen, die Befreiung der südamerikanischen Kolonien zu erreichen. Damit scheitert er zwar, aber seine Wirkung auf die südamerikanische Befreiungsbewegung war beträchtlich. Das wird in Valmy dadurch zum Ausdruck gebracht, dass gegenüber der Statue Mirandas auch eine Büste Simon Bolivars aufgestellt ist.

Seine Verdienste wurden später von Frankreich gewürdigt. Sein Name ist auf dem Arc de Triomphe in Paris eingraviert.  Er ist damit der einzige Amerikaner, dem diese Ehre zuteil geworden ist. (2a)

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Das 2014 eingeweihte Centre historique ist völlig in den Hügel versenkt, so dass die Topographie des Schlachtfelds und seine Monumente nicht beeinträchtigt werden.

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Das Informationszentrum ist ausgesprochen abwechslungsreich gestaltet. Es gibt eine Nachbildung des Schlachtfelds, auf dem die Positionen und Bewegungen der verschiedenen Truppenteile  veranschaulicht  werden- sogar mit Pulverdampf.

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Ein Glanzstück (im wahrsten Sinne des Wortes) der Ausstellung ist eine französische Kanone –  effektvoll in Richtung Mühle postiert.

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Es  handelt sich um das sehr effiziente Gribeauval- Modell, das schon im  ancien régime in den 1770-er Jahren eingeführt wurde.  Auch nach 1789  wurde es mit entsprechender Aufschrift, wie das nachfolgende Foto zeigt, weiter produziert. Es war die Grundlage die für Überlegenheit der französischen Artillerie in den Koalitionskriegen und den Kriegen Napoleons.[3]

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Und es gibt Tafeln mit den Portraits wichtiger beteiligter Personen, die sich, wenn man sich ihnen nähert,  zur Kanonade von Valmy und ihrer Rolle darin äußern. Und da fehlt natürlich auch nicht Goethe mit seiner berühmten Äußerung.

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Hier spricht er gerade von der Wirkung des Kanonendonners, die  er gewissermaßen mit wissenschaftlicher Distanz an  sich beobachtet:

„Ich war nun vollkommen in die Region gelangt, wo die Kugeln herüber spielten; der Ton ist wundersam genug, als wär‘ er zusammengesetzt aus  dem Brummen des Kreisels, dem Butteln des Wassers und dem Pfeifen eines Vogels… Unter diesen  Umständen konnt‘ ich jedoch bald bemerken, dass etwas Ungewöhnliches in mir vorgehe; ich achtete genau darauf, und doch würde sich die Empfindung nur vergleichsweise mitteilen lassen. Es schien, als wäre man an einem sehr heißen Orte, und zugleich von derselben Hitze völlig durchdrungen, so dass man sich mit demselben Element in welchem man sich befindet, vollkommen gleich fühlt. Die Augen verlieren nichts an ihrer Stärke, noch Deutlichkeit; aber es ist doch, als wenn die Welt einen gewissen  braunrötlichen Ton hätte…. mir schien vielmehr alles in jener Glut verschlungen zu sein. Hieraus erhellet nun in welchem Sinne man diesen  Zustand ein Fieber nennen könne. Bemerkenswert bleibt indessen, dass jenes grässlich Bängliche nur durch die Ohren zu uns gebracht wird; denn der Kanonendonner, das  Heulen, Pfeifen, Schmettern  der Kugeln durch die Luft ist doch eigentlich Ursache an diesen  Empfindungen.“ (Campagne, 234)

Zahlreiche Teilnehmer und Beobachter der Schlacht haben den von dem Artilleriefeuer verbreiteten Schrecken bestätigt. Lese man die zeitgenössischen Berichte, werde man, wie Bertrand schreibt, an die Beschreibungen von Kriegsteilnehmern aus dem Ersten Weltkrieg erinnert[4]– auch in dieser Hinsicht ist Valmy der Beginn einer das Grauen noch vielfach potenzierenden neuen Epoche: eine distanzierte Beobachtung wie die Goethes kann man sich von einem Soldaten in den Schützengräben  vor Verdun kaum noch vorstellen.

 

Der geschichtliche Hintergrund

Im Informationszentrum wird natürlich auch der historische Hintergrund der Kanonade von Valmy erläutert, der hier kurz skizziert werden  soll:

Gegner im sogenannten ersten Koalitionskrieg waren Frankreich auf der einen und  Preußen, Österreich und königstreue französische Emigranten auf der anderen Seite.  Ziel der Koalitionäre war die Wiederherstellung der alten Ordnung in Frankreich, auf französischer Seite wurde der Krieg immer mehr zu einem „Kreuzzug für die Freiheit“ mit imperialistischen Zügen.[5] Es handelt sich also um einen aus weltanschaulichen Gründen geführten Krieg. Kommandeur der Koalitionstruppen ist der Herzog von Braunschweig, ein  erfahrener Heerführer. Der rückt mit seinen Truppen in Frankreich ein und zunächst lässt sich der Feldzug gut an: Die Festungen Longwy und Verdun fallen, der Weg nach Paris scheint frei.  Braunschweig  droht schon einmal in einem Manifest der Bevölkerung von Paris. Sie sei  verantwortlich für die Sicherheit der königlichen Familie. Vom Niederbrennen der Häuser und schwersten Strafen für jeden „Rebellen“ ist die Rede. Dieses Manifest ist, wie Richard Friedenthal in seiner Goethe-Biographie schreibt, „der erste Schritt zur Niederlage“.[6] Er bestärkt nämlich den Patriotismus der Franzosen. In Paris melden sich Freiwillige zur Verteidigung der Nation. Und unter den altgedienten  Berufssoldaten läuft kein einziger Deserteur zu  den Alliierten über, während die Emigranten den Übertritt ganzer Armeen als sicher in Aussicht gestellt hatten. Wenige Tage nach dem Bekanntwerden des Manifests werden die Tuilerien gestürmt, der König mit seiner Familie wird gefangen genommen. Die Nationalversammlung berät über seine Absetzung.

Das französische Heer unter Dumouriez, das zum großen Teil noch aus altgedienten  Soldaten des ancien régime besteht, soll den Koalitionstruppen den Weg nach Paris versperren und sie im Argonnen-Wald, von Dumouriez schon als seine „Thermopylen“ bezeichnet[7], zum Stehen bringen. zu blockieren. Das misslingt aber.  Braunschweig hat nun scheinbar freie Bahn.  Aber  in Wirklichkeit kann er nicht durch die freie Champagne nach Paris marschieren, denn in seinem Rücken haben sich die Truppen Dumouriez‘, mit denen sich die aus dem Elsass herbeigeeilten Truppen Kellermanns vereinigt haben,  strategisch  günstig bei Valmy positioniert. Damit können sie die Koalitionstruppen von ihrem lebenswichtigen Nachschub abschneiden: Der entsprechende Bedarf ist beträchtlich: Die Koalitionstruppen rücken mit „schwerer Bagage an. Eine Menge von Fürstlichkeiten: das bedeutet einen Stab von Fourieren, Köchen, Leibdienern, Ordonanzen, Stabsoffizieren…. Verpflegt werden soll das  alles aus rückwärtigen Magazinen.“[8]  Dazu kommt natürlich die Verpflegung der Truppe und ihr militärischer Nachschub. Umgekehrt sind allerdings auch die Franzosen von ihren Nachschublinien abgeschnitten. Es muss also zum Kampf kommen und das ist die sogenannte Kanonade  von Valmy.  Diese Bezeichnung hat ihren Grund im massiven und bis dahin –in diesem Ausmaß-  kaum bekannten Einsatz der Kanonen. Valmy war, wie François Furet und Denis Richet in ihrer Geschichte der Französischen Revolution schreiben,  „eines der ersten Treffen, in denen das Artilleriefeuer eine  entscheidende Rolle spielte.“[9] Auf französischer Seite waren etwa 150 Kanonen im Einsatz, auf Seiten der Koalition sogar 200. Deren Kommandeur kein Geringerer als Georg Friedrich von Tempelhoff, der  als „Preußens bester Artillerist“ galt.[10] Es wird geschätzt, dass am Tag der Kanonade etwa 20 000 Kanonenkugeln von beiden Seiten verschossen wurden. Allerdings verursachten sie weniger Verluste in den gegnerischen  Reihen als man angesichts solcher Feuerkraft vermuten könnte: Die meisten Kugeln versanken im vom tagelangen Regen aufgeweichten  Boden, ohne damit großen Schaden anzurichten. Aber die psychologische Wirkung war erheblich und keine Seite wollte die eigenen Truppen dem Dauerbeschuss der feindlichen  Kanonen aussetzen. Außerstande, die französischen Kanoniere aus ihren gut postierten Stellungen  zu verdrängen, blies der Herzog von Braunschweig also das Gefecht lieber ab und trat angesichts des von den Witterungsbedingungen und um sich greifender Krankheiten zermürbten Koalitionsheeres vorbeugend den Rückzug an, was die  Moral der Truppe noch weiter untergrub. Die Bedeutung der Artillerie in diesem Gefecht wird auch daran anschaulich, dass viele der damals im Osten Frankreichs produzierten Teller mit Motiven der Revolution wurden mit den Kanonen und Kugeln bemalt wurden, die den französischen Truppen in Valmy zum Sieg verholfen hatten.

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Der Rückzug der Koalitionstruppen mag erstaunlich erscheinen angesichts der tatsächlichen Verluste auf beiden Seiten. Den gut hundert Gefallenen und Schwerverletzten auf Seiten der Koalitionstruppen standen rund dreimal so hohe Verluste der Franzosen gegenüber. Aber trotzdem traf die von Braunschweigs Oberkommando bis zu den gemeinen Soldaten verbreitete Ansicht zu, dass die Koalition „eine vernichtende Schlappe“ erlitten hatte [11]. Die Illusion, als gefeierte Befreier von einer königstreuen Bevölkerung begrüßt zu werden und im Siegeszug nach Paris zu marschieren, wurde in Valmy endgültig zerstört.

Mit dem Rückzug der Koalitionstruppen war ein „kritischer Wendepunkt des Krieges und der Revolution“ erreicht. Vom 20. September, dem Tag von Valmy und gleichzeitig dem Tag der Eröffnung des Nationalkonvent an, sollten alle Staatsdokumente das Datum „Jahr 1 der französischen Freiheit „ tragen. Mit der am 21. September offiziell ausgerufenen Republik begann eine neue historische Ära.[12]

 

Goethe in Valmy

Goethes legendäre Äußerung über die weltgeschichtliche  Bedeutung der Kanonade von Valmy ist anfangs schon zitiert worden. Sie ist historisch so nicht verbürgt und  erst 30 Jahre später von Goethe in „Campagne in Frankreich‘ publiziert worden. Aber so ähnlich wird er gedacht haben. Denn immerhin schrieb er direkt vom Schauplatz des Geschehens in einem Brief:

„Es ist mir sehr lieb, dass ich das alles mit Augen gesehen habe und dass  ich, wenn von dieser wichtigen Epoche die Rede ist sagen kann: et quorum pars minima fui“ – von all dem war ich ein kleiner Teil.[13]

Goethe war vom Weimarer Herzog Karl August, dem Kommandeur eines preußischen Kontingents, gebeten worden, ihn auf dem Kriegszug zu begleiten. Goethe, Minister und Freund des Herzogs, konnte und wollte sich dem nicht entziehen. Er war hin und her gerissen zwischen dem Verlangen nach Ruhe und Abschirmung und der Neugier, auch Abenteuerlust, bei großen Ereignissen dabei zu sein.  Und dass es sich bei  der Französischen Revolution um ein großes Ereignis handelte, war gerade im Weimar Wielands und Herders unübersehbar. Goethe, der in Natur und Gesellschaft eher dem Evolutionären als dem Revolutionären zuneigte, sah einerseits in der Französischen Revolution das „schrecklichste aller Ereignisse“, andererseits sah er durchaus das empörende Unrecht, das zu der Revolution geführt hatte  und war von dem sie begleitenden Pathos beeindruckt.

In „Herrmann und Dorothea“ heißt es:

Denn wer leugnet es wohl, dass hoch sich das Herz ihm erhoben,

Ihm die freiere Brust mit reineren  Pulsen geschlagen,

Als sich der erste Glanz der neuen Sonne heranhob,

Als man hörte vom Rechte der Menschen, das allen gemein sei

Von der begeisternden Freiheit und von der löblichen Gleichheit!

Damals hoffte jeder, sich selbst zu leben; es schien sich

Aufzulösen das Band, das viele Länder umstrickte,

Das  der Müßiggang und der Eigennutz in der Hand hielt.

Schauten nicht alle Völker in jenen drängenden Tagen

Nach der Hauptstadt der Welt, die es schon lange gewesen

Und jetzt mehr als je den herrlichen Namen verdiente?“

Jetzt hatte Goethe also Gelegenheit, im Gefolge des Herzogs ins Land der Französischen Revolution zu reisen und er war wie die anderen davon überzeugt, dass er bald in der „Hauptstadt der Welt“ sein werde. In einem seiner ersten Briefe vom Feldzug verspricht er Christiane Vulpius, mit der er in Weimar zusammen  lebt, ihr das eine und andere Krämchen von dort mitzubringen.[14]

Nach der Kapitulation von Verdun versorgen sich denn auch Goethe und seine Kameraden mit feinen Likören und Drageen, die sie nach Hause schicken, damit sich die Freundinnen „in höchster Beruhigung überzeugen mochten, dass wir in einem Lande wallfahrteten, wo Geist und Süßigkeit niemals ausgehen dürfen.“ (Campagne, S. 211)

Dann beginnt jedoch das von Goethe ungeschminkt wiedergegebene Elend des Feldzugs. Es regnet pausenlos:

„Ich fand auch unsere Zelte aufgeschlagen, aber im schrecklichsten Zustande; man sah sich in grundlosem Kot versenkt, die verfaulten Schlingen der Zelttücher zerrissen eine nach der anderen, und die Leinwand schlug dem über Kopf und Schulter zusammen, der darunter sein Heil zu suchen gedachte.“ (Campagne, S. 216).

„Alles schilt auf den  Jupiter Pluvius (also den Regengott. W.J.), dass auch er ein Jacobiner geworden.“[15] 

Dazu fehlt es an Nahrung:

Mitten im Regen ermangelten wir sogar des Wassers, und einige Teiche waren schon durch eingesunkene Pferde verunreinigt; das alles zusammen bildete den schrecklichsten Zustand.“ Dazu macht „die eingerissene Krankheit“, die Ruhr, „den unbequemen, drückenden, hülflosen Zustand trauriger und fürchterlicher.“ (Campagne, S. 236/7)

Keine guten Voraussetzungen also für den Kampf mit den Truppen Dumouriez‘ und Kellermanns. Goethe nutzt die Kanonade auf seine Weise, indem er an sich selbst die Ursache und Wirkung des sogenannten  „Kanonenfibers“ erkundet. Und dann zieht er abends Bilanz:

„So war der Tag hingegangen; unbeweglich standen die Franzosen, Kellermann hatte auch einen bequemen Platz genommen; unsere Leute zog man aus dem Feuer zurück, und es war eben, als wenn nichts gewesen wäre. Die größte Bestürzung verbreitete sich über die Armee. Noch am Morgen hatte man nicht anders gedacht, als die sämtlichen Franzosen aunzuspießen und aufzuspeisen, ja mich selbst hatte das unbedingte  Vertrauen auf ein solches Heer, auf den Herzog von Braunschweig zur Teilnahme an dieser gefährlichen Expedition gelockt; nun aber ging jeder vor sich hin, man sah sich nicht an, oder wenn es geschah, so war es um zu fluchen oder zu verwünschen.“ Es stürmt und regnet, die Truppen heben provisorische Erdlöcher aus, um darin, mit den Mänteln zugedeckt, die Nacht zu verbringen. „Der Herzog von Weimar selbst verschmähte nicht eine solche voreilige Bestattung.“ (Campagne, S. 235)

In dieser „beschämenden, hoffnungslosen Lage“ (Campagne, S. 236) wird Goethe aufgefordert, zu sagen, was er dazu denke. Und dann spricht er seine berühmten Worte über „eine neue Epoche der Weltgeschichte“, die von hier und heute ausgehe….

 

 

Die Konstruktion und Instrumentalisierung des Mythos Valmy

Den viel zitierten  Worten Goethes zum Trotz geriet die Kanonade von Valmy bald  eher in Vergessenheit: Es war eine der vielen Schlachten in den Revolutionskriegen, die zudem noch etwas kompromittiert war dadurch, dass der damalige Oberkommandierende, Dumouriez,  bald danach zu den Österreichern  übergelaufen  war. Deshalb wurde er in der Erinnerungskultur eher übergangen –heute ist Dumouriez, wie Richard  Friedenthal schreibt, „ein halb verschollener Name“.[16]

Der Mythos von Valmy entwickelte sich dann aber sehr schnell und intensiv  mit der Thronbesteigung Louis-Philippes nach der Julirevolution von 1830. Louis- Philippe, damals noch duc de Chartres,  hatte als junger Offizier an der Kanonade teilgenommen und sich dabei seine ersten militärischen Sporen verdient. Als er 1830 nun zum König der Franzosen ausgerufen wurde, war es sein Bestreben, die revolutionäre Traditionslinie von 1789 und die monarchistische Traditionslinie zusammenzuführen. Was hätte sich da besser geeignet als Valmy, das ja gewissermaßen die letzte Schlacht des Ancien Régime und der erste  Sieg der Republik war?

So wird gleich nach der  Julirevolution der den Kanal St. Martin in Paris  säumende quai Louis-XVIII umbenannt in quai Valmy. Es wird ein großes Kriegsschiff in Auftrag gegeben, das auf den namen Valmy getauft wird – das letzte Segelschiff der französischen Marine. Und im Pantheon wird Valmy als Ausdruck der revolutionären Begeisterung der Jugend gefeiert. Die Nähe zum plastischen Schmuck des Arc de Triomphe ist dabei unverkennbar. (siehe Blog-Beitrag zum Arc de Triomphe)

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Und dann stellte Louis-Philippe natürlich seine eigene Rolle in Valmy heraus. Bei dem Maler Mauzaisse bestellte er 1835 die Kopie eines berühmten Gemäldes von Horace Vernet, das für das historische Museum von Versailles bestimmt war. (Da Original befindet sich in der National Gallery in London). Das Gemälde zeigt einen dramatischen Augenblick der Schlacht, als das Pferd Kellermanns –von einer feindlichen Kugel getroffen- zusammenbricht. Und es zeigt – natürlich!-  den duc de Chartres hoch zu Ross  inmitten des französischen Generalstabs.[17]

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Ein Gemälde von Éloi Firmin Feron zeigt den duc de Chartres (zu Fuß)  in Begleitung seines Bruders, des duc de Montpesier, nach der Kanonade von Valmy dem Generalstab Bericht erstattet. Rechts hinter der Mühle sieht man die wohlgeordneten französischen Truppen, links die Ortschaft Valmy. Auf beiden Gemälden darf natürlich die Mühle nicht fehlen, auch wenn die zu dem Zeitpunkt, den sie darstellen, schon längst auf Befehl Kellermanns zerstört worden war.

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Diese beiden Gemälde hatten für den König Louis-Philippe eine besondere  Bedeutung, weil sie ihn als Patrioten und Anhänger der revolutionären Ideale präsentieren.[18]

Darüber hinaus gilt Valmy nun als Ausdruck der nationalen Einheit, als ein Sieg, der mit dem Ruf „Vive la Nation! Vive la France!“ errungen wurde. Und an den Sieg über die preußisch-österreichischen Koalitionstruppen wird vor allem in entsprechenden Konfliktsituationen erinnert. So hofft der junge Rimbaud 1870  in seinem Gedicht Morts de Quatre-vingt-douze auf ein neues Valmy im deutsch-französischen  Krieg.[19]

In der 3. Republik wurde der „revolutionäre Heroismus“ der Truppen von Valmy dann besonders herausgestellt. Anlass war vor allem das 100. Jubiläum der Schlacht, das auch Anlass für die Errichtung des monumentalen Kellermann-Denkmals war. Die Beschwörung des siegreichen Kampfs eines geeint zu den Waffen greifenden Volkes hatte in einer Zeit natürlich besondere Konjunktur, in der die Wiedergewinnung des 1871 verlorenen Elsass-Lothringens ein in Politik und Gesellschaft weit verbreitetes Anliegen war. Zu Beginn des Jahrhunderts war diese Sicht auf Valmy in den französischen Schulbüchern weit verbreitet und bereitete die sogenannte „union sacrée“ vor, die dann bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges beschworen wurde. (19a)

Bei den Sozialisten wird –in der Tradition Michelets- Valmy zum Sieg eines spontan sich erhebenden Volkes, das aufgrund seines Glaubens an die Ideen der Revolution den Eindringling besiegt. Dass damit die in Valmy noch entscheidende Rolle der Linientruppen, also der noch traditionellen Berufssoldaten,  –und der meist adligen Kommandeure-   heruntergespielt wird, tat diesem revolutionären Valmy-Mythos keinen Abbruch. Zum Erfolg des republikanisch-revolutionären Mythos von Valmy gehörte schließlich auch die internationale Dimension: Valmy wurde zum Symbol eines Befreiungskampfes der Völker gegen ihre Unterdrückung, von den Aufständen und  Unabhängigkeitskriegen in Europa und Lateinamerika im 19. Jahrhundert bis hin zu den antikolonialen Bewegung im 20. Jahrhundert.[20]

Aber Valmy wurde auch danach noch genutzt, um politische Botschaften in symbolisch aufgeladener Umgebung zu präsentieren. So 2012 von Arnaud Montebourg im Rahmen seiner Bewerbung für die sozialistische Präsidentschaftskandidatur.[21] Montebourg wurde später ja Wirtschaftsminister unter dem Präsidenten François Hollande und war dabei ein engagierter Herold eines „ökonomischen Patriotismus“ und Protektionismus. Valmy war insofern sicherlich für ihn ein passender Ort….

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Verwendete Literatur:

Jean-Paul Bertaud, Valmy, Gallimard folio histoire, 2013

La bataille de Valmy. Le 20 septembre 1792 collection les patrimoines 2017

Johann Wolfgang von Goethe, Campagne in Frankreich 1792. In: Goethes Werke, Hamburger  Ausgabe Bd 10. Hamburg 1960, S. 188f

Rüdiger Safranski, Goethe. Kunstwerk des Lebens.  Fischer TB. FFM 2015

 

Anmerkungen

[1] Campagne in Frankreich, S 235

[2] Bertaud, S. 36/37

(2a) Bild aus: https://venezuelatina.com/2009/10/17/francisco-de-miranda-cote-face-cote-pile/franciso-de-miranda_arco_triunfo/

[3] Bertaut, S. 44. Siehe auch . https://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Baptiste_Vaquette

[4] Bertrand, Valmy S. 42

[5]  François Furet/Denis Richet, Die Französische Revolution. München 1968,  S. 242

[6] Friedenthal, S. 374

[7] Simon Schama, Der zauderne Citoyen. Rückschritt und Fortschritt in der Französischen Revolution. München 1989, S.638. Siehe auch Campagne S. 215, wo Goethe von einem zweiten Thermopylä spricht.

[8] Friedenthal, S. 373

[9] Furet/Richet, S. 228

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Friedrich_von_Tempelhoff

[11] Safranski,  S. 373

[12] Schama, S. 638; entsprechend  Furet/Richet, S. 239

[13]  Safranski, auf den ich mich im Weiteren wesentlich stütze,  S. 373

[14] Safranski, S. 367, 368 und 372

[15] Zit. von Safranski, S. 372

[16] Friedenthal, Goethe  S. 375

[17] https://www.histoire-image.org/etudes/bataille-valmy-20-septembre-1792

[18] https://www.histoire-image.org/etudes/bataille-valmy-20-septembre-1792

[19] Siehe La Bataille de Valmy, S. 40

(19a) https://ahrf.revues.org/3933

[20]Louis Bergès, Valmy, le mythe de la République, Toulouse 2001  Siehe auch: http://www.enssib.fr/bibliotheque-numerique/documents/64920-valmy-la-naissance-d-un-mythe-orleaniste-et-republicain-1830-1848.pdf

[21] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/

 

Geplante Beiträge:

  • Das Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise: Eine hommage an den Vorkämpfer der deutsch-französischen Verständigung
  • Street-Art in Paris (3):  Der Invader
  • Politik und Kunst: Die Manufacture des Gobelins
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier

 

Zu Fuß zum Mont-Saint-Michel: La traversée de la baie

Es gibt auf diesem Blog schon zwei Beiträge zur Normandie, deren Gegenstand die Landung der Alliierten im Juni 1944 ist, konkret: der einerseits sehr touristisch- offensive, andererseits aber auch der eher verschämt-zurückhaltende Umgang mit diesem Ereignis. Diesmal steht der Mont-Saint-Michel im Mittelpunkt, an der Grenze zwischen Normandie und Bretagne gelegen. Den vielen Berichten über den „heiligen Berg“ im Meer  kann man Neues nicht mehr hinzufügen, auch wenn manches vielleicht doch nicht so bekannt sein mag- zum Beispiel, dass der Mont- Saint-Michel vom Beginn der Neuzeit bis 1863 als Staatsgefängnis diente, gewissermaßen als „Bastille des mers“, wie er auch genannt wurde.

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Zu den prominenten Gefangenen in den finsteren „cachots“ gehörte auch Auguste Blanqui, von dem schon einmal im Rahmen des Spaziergangs auf dem Père Lachaise die Rede war.[1]

Inzwischen ist der Mont- Saint- Michel vor allem eine touristische Attraktion ersten Ranges. Wenn man  selbst Tourist ist, darf man sich ja nicht über andere Touristen beschweren, auch wenn man gerade in Ferienzeiten vielleicht Schwierigkeiten haben wird, einen Parkplatz für sein Auto zu finden  oder sich, am Berg angekommen,   nur mühsam den Weg nach oben bahnen kann.  Der Mont- Saint- Michel ist eben alles andere als ein „Geheimtipp“: Nach dem Eiffel-Turm und dem Schloss von Versailles nimmt er mit mehr als 2,5 Millionen Besuchern im Jahr auf der Rangliste der meistbesuchten touristischen Ziele Frankreichs immerhin den dritten Platz ein.

Eine  weniger massentouristische Alternative ist es, auf einem alten Pilgerweg den Berg zu Fuß zu erreichen. So wandert man durch ein Weltnaturerbe der UNESCO zu einem Weltkulturerbe- eine übrigens weltweit einmalige Gelegenheit. Möglich ist das allerdings aufgrund nur im Rahmen einer geführten Gruppe.

Grund dafür sind die besonderen topographischen Verhältnisse und die Gezeiten in der Bucht. Sie  ist zwar in den letzten Jahrhunderten immer mehr verlandet, so dass sie nur noch bei besonders hohen Wasserständen von allen Seiten von Waser umspült war – so wie das  auf alten  Stichen  noch eindrucksvoll zu sehen ist.[2]

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Die Verlandung der Bucht wurde wesentlich beschleunigt durch den Bau eines Dammes vom Festland zur Klosterinsel, um den motorisierten Touristen einen einfachen Zugang zu ermöglichen. Inzwischen wurde  dieser Damm für den privaten Autoverkehr gesperrt und der große Parkplatz am Fuß des Mont-Saint-Michel beseitigt.  Und vor allem:  Der massive Deich wurde durch eine Brücke ersetzt und der in die Bucht mündende Fluss Couesnon mit einer neuen Absperrung versehen. So kann das aufgestaute Wasser phasenweise abgelassen werden, so dass es mit hohem Druck ausströmt. Die durch die Flut in die Bucht gelangten Sedimente werden dadurch wieder ausgewaschen und  das Wasser kann wie einst bei Flut den Klosterberg umspülen.

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Möglich geworden sind diese Arbeiten übrigens  durch einen wesentlichen Beitrag des Europäischen Regionalfonds (FEDER), worauf eine aktuelle Ausstellung auf dem gerade eröffneten Seine-Park in Paris, der früheren Autostraße Voie Pompidou, hinweist.

Bei Ebbe ist es aber nach wie vor möglich, die Bucht zu Fuß zu überqueren. Denn immerhin gibt es hier die größte Differenz an der Atlantikküste bzw. in ganz Europa zwischen Ebbe und Flut von bis zu 12 Metern Höhenunterschied. Das bedeutet, dass bei Ebbe die Bucht weitgehend trocken fällt, die  Flut  dann allerdings auch mit großer Geschwindigkeit  in die Bucht einströmt. Aber gerade deshalb kann man sich nicht selbst auf den  Weg machen, sondern benötigt einen Führer, der die Gezeiten, die Untiefen, die Schlammlöcher und Flüsse in der Bucht kennt und auch die Zeiten, wann die Absperrung des Couesnon geöffnet wird. Im Mittelalter galt der Weg zum Klosterberg als äußerst gefahrvoll.  „Gehst du nach Saint-Michel, vergiss nicht, vorher dein Testament zu machen“, steht in alten Schriften. „Denn bei Flut kommt das Meer mit derartiger Macht wie ein galoppierendes Pferd.“[3]

Um solchen Gefahren zu entgehen, muss man sich einer Führung anvertrauen. Führungen werden (u.a.) angeboten von  der Maison de la baie de Genêts am Bec d’Andaine Im Süden der Halbinsel Cotentin.  Es ist unbedingt erforderlich, sich dort (in Ferienzeiten frühzeitig) anzumelden und entsprechend auszurüsten: in kälteren Jahreszeiten mit warmer Kleidung und Gummistiefeln, bei wärmeren Temperaturen mit Mütze, wasserfesten Sandalen –auch wenn man die meisten Strecken barfuß geht- genügend Trinkwasser und Sonnenschutz.[4]

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Es wird von den Veranstaltern ausdrücklich darauf hingewiesen, rechtzeitig an Ort und Stelle zu sein, also 15 – 30  Minuten vor dem festgelegten Termin.  Ist man etwas zu früh angekommen, kann man die Zeit bis zum Beginn der Wanderung gut in den ruhigen Dünen am Strand verbringen. Man hat dann schon den Blick auf das Felseninselchen Tombelaine, das als Zufluchtsort von Eremiten und im hundertjährigen Krieg als Fort diente und das man auf dem Weg zum Mont-Saint- Michel passieren wird. Und man sieht von hier aus die wildeste, schroffste Seite des Mont-Saint-Micel  mit den Stützmauern des gotischen Klosters.

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Und jetzt noch einmal aus der Vogelperspektive:

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In den ruhigen Dünen kann man sich einstimmen auf die Wanderung zum Berg (ca 7 km).  Der Weg zum Mont-Saint-Michel gehörte im Mittelalter zu den bedeutendsten christlichen Pilgerpfaden. Das beruht –wie meist in solchen Fällen- auf einer Legende: Danach forderte der Erzengel Michael den Bischof von Avranches, Aubert, im Schlaf dreimal auf, auf dem damals noch Mont-Tombe genannten Felsen,  einer druidischen Kultstätte, ein ihm geweihtes Heiligtum zu errichten. Als Aubert angesichts der topographischen Verhältnisse zögerte,  diese Herkulesaufgabe anzugehen, verlieh der Erzengel seiner Aufforderung Nachdruck, indem er einen Daumenabdruck auf dem Kopf des Bischofs hinterließ. Daraufhin machte sich Aubert daran, den Wunsch des Erzengels zu erfüllen und wurde dafür immerhin auch heiliggesprochen. In der Schatzkammer der Basilika Saint-Gervais d’Avranches wird der Schädel des zögerlichen Bischofs als Reliquie aufbewahrt. [5]

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Der Traum des heiligen Aubert: Skulptur im Kloster des Mont-Saint-Michel

Geht dann die Wanderung los, sollte man nicht erschrecken, wenn man viele Menschen  um sich herum sieht, die sich auch auf den Weg machen wollen.  Man wird in überschaubare  Gruppen eingeteilt, denen jeweils ein eigener Führer zugeordnet wird. Dazu  geht es in gebührendem Abstand los, jede Gruppe findet einen eigenen Weg  und man kann durchaus auch etwas Abstand von den anderen halten, wenn man denn will. Wer also auf Erläuterungen des Führers keinen Wert legt –oder sie sowieso nicht versteht- kann sich  in aller Ruhe und Bewunderung dem heiligen Berg nähern und die unterschiedlichen Reliefs des Bodens bewundern und  das Wasser und den Schlick unter den Fußsohlen spüren.

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Ist man dann fast am Fuß des Mont-Saint-Michel angelangt, wartet noch ein besonderes Abenteuer auf die Wanderer.

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Es sind die Schlammlöcher, die sogenannten „sables mouvants“,  die es dort gibt und die von den Führern  gerne gezeigt werden. Man kann selbst einen Versuch machen, indem man an einer entsprechenden Stelle etwas mit den Füßen –oder sicherheitshalber erst einmal mit einem Fuß-   herumruckelt und merkt, wie man langsam tiefer in den Schlamm einsinkt. Das ist ein ganz  besonderes Gefühl, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Allerdings hatte ich dann einige Schwierigkeiten, das bis zum Knie im Schlamm steckende Bein wieder mit eigener Kraft herauszuziehen.

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Da kann man sich dann gut vorstellen, dass das Abenteuer im Schlammloch auch einmal zu einem echten Problem werden  kann, zumal das Phänomen schon im Teppich von Bayeux eine Rolle spielt: Dieses wunderbare gestickte Stoffband von fast 70 Metern Länge aus dem Ende des 11. Jahrhunderts erzählt die Geschichte der Eroberung Englands durch Wilhelm den Eroberer. In einer Episode der Vorgeschichte wird erzählt,  wie Harald Godwinson (auf dem Teppich: Harold dux),  den Wilhelm später  (1066) in der Schlacht von Hastings besiegt, mit seinen Gefährten am Mont- Saint-Michel  vorbeireitet und den Couesnon (auf dem Teppich: flumen Cosnoni) durchquert.

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Ein Pferd mit seinem Reiter kommt im Treibsand  zu Fall und zwei von Harolds Leuten sinken so tief in den Sand ein, dass er sie herausziehen muss.  (auf dem Teppich: trahebat de arena)

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In der Lokalpresse habe ich einen schon etwas älteren Zeitungsbericht gefunden, in dem von drei Touristen berichtet wird, die ebenfalls in den sables mouvantes stecken geblieben sind. Sie waren –in Begleitung eines Führers- zum Mont-Saint-Michel gewandert und so tief in ein Schlammloch geraten, dass sie weder aus eigener Kraft noch mit Hilfe der anderen Gruppenmitglieder oder des Führers wieder herauskamen. Auch die auf dem Klosterberg stationierte Feuerwehr war machtlos. Es musste also erst ein Hubschrauber alarmiert werden, der die im Schlamm feststeckenden Touristen  herausziehen konnte. Immerhin endet der Zeitungsbericht beruhigend: Die drei Touristen seien keines Falls traumatisiert und würden sich sicherlich noch lange an ihr Abenteuer am Mont-Saint-Michel  erinnern.[6]

Für eine ausführliche Besichtigung reicht die Zeit auf dem Klosterberg nicht. Aber für einen Kaffee am Rande des Wegs hoch zur Kirche bestimmt  – oder noch besser für ein kleines Picknick an einem ruhigen Platz, von dem aus man einen wunderbaren Ausblick auf die Bucht und den Tombelaine-Felsen hat.

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Dass sich dann auch hungrige Gäste beim Picknick einstellen, ist übrigens sehr wahrscheinlich.

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Viel Zeit bleibt aber nicht, denn man wird bald wieder von einem Bus abgeholt und zum Bec d’Andaine zurückgebracht oder man geht wieder zu Fuß zurück. Wir haben uns für diese Variante entschieden und es nicht bereut; auch wenn man dann nicht mehr den Klosterberg vor Augen, sondern im Rücken hat.

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Aber der Charakter der Wanderung war auf dem  Rückweg völlig verändert. Jetzt floss das Wasser nicht mehr ab wie auf dem  Hinweg, sondern es begann wieder in die Bucht einzuströmen. Da wanderte man öfters durch seichtes Wasser und stellenweise durch Priele mit einiger Strömung: auch eine schöne Erfahrung!

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Und die Stimmung des späten  Nachmittags mit einem heraufziehenden Gewitter hatte einen ganz besonderen Reiz.

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Also unbedingt empfehlenswert!  Einziger Nachteil: Die Zeit auf dem Mont-Saint-Michel war –zumindest in unserem Fall- ausgesprochen  kurz und reichte lediglich für einen Kaffee und einen kleinen Rundgang.  Aber es hing wohl auch mit den Gezeiten und dem drohenden Gewitter zusammen, dass unser Führer auf einen raschen Aufbruch drängte. Die Busfahrer hatten wohl etwas mehr Zeit. Aber zu einer angemessenen Besichtigung des Klosterbergs hätte  auch bei ihnen die Zeit  nicht ausgereicht.  Das muss man wissen, wenn man sich auf die Wanderung begibt. Und es werden ja auch Tagesausflüge angeboten mit Wanderung hin und zurück und ausreichender Zeit zur Besichtigung.

 

 

Nähere Informationen:

Es werden verschiedene Varianten für die Wanderung zum Mont-Saint-Michel angeboten:

– z.B. die traversées commentées, also Wanderungen durch die Bucht mit ausführlichen Erläuterungen des Führers – Rückweg zu Fuß oder mit Bus

– die nicht kommentierten  Wanderungen, ebenfalls mit den  beiden Rückweg-Varianten (allerdings gibt der Führer auch da interessante Erläuterungen, jedenfalls für diejenigen Wanderer, die sich in seiner Nähe halten)

–  Tagesauflüge mit Wanderung durch die Bucht und zurück und Zeit zur Besichtigung des Klosters ( traversée Merveille de l’Occident en Baie du Mont Saint Michel)

Ausrüstung: Von April bis Oktober mit nackten Füßen und Shorts. In jedem Fall mitzubringen: Rucksack, Pullover, Regenjacke, Handtuch, Wasserflasche, ggf. Picknick, Sonnenschutz.

Ausgangspunkt: Bec d’Andaine oder St-Léonard (auf der Karte: Pointe du Grouin du Sud) – beides von Avranches aus gut zu erreichen und ausgeschildert.

Konditionen (Preise, Treffpunkte, Zeiten)  und (unbedingt erforderliche) Reservierung im Internet unter:

http://www.traverseebaie.com/  oder

www.cheminsdelabaie.com

 

 

Anmerkungen

[1] Bild und weitere Infos dazu:  http://motsetmauxdemiche.blog50.com/archive/2013/03/29/vivre-libre-ou-mourir.html http://www.infobretagne.com/mont-saint-michel.htm

[2]  Plakate von der Umfassungsmauer des  Hôtel des Invalides (Werbung für das musée des plans reliefs)- aufgenommen im Mai 2017

[3] https://www.welt.de/reise/nah/article106365619/Der-Mont-Saint-Michel-versinkt-im-Schlamm.html

[4] http://www.traverseebaie.com/  Näheres am Ende des Beitrags unter „Praktische  Informationen“

Karte aus:  Le Guide Vert Normandie Cotentin. 2013, S. 292

[5] Le Mont-Saint-Michel à travers baie.  In: Libération 27./28.August 2016, Beilage voyages,   S. X/XI

Bild bei: https://fr.wikipedia.org/wiki/Aubert_d%27Avranches

[6] http://www.lamanchelibre.fr/actualite-35862-mont-saint-michel-trois-touristes-enlises-dans-les-sables-mouvants.html

 

eingestellt Mai 2017

 

Die letzten Beiträge:

  • Die Kolonialausstellung von 1931 (Teil 2): Der ‚menschliche Zoo‘ im Jardin d’acclimatation und der Tausch von „teutonischen Krokodilen“ und „Menschenfressern“ zwischen Paris und Frankfurt.  (Juni 2017)
  • Das Palais de la Porte Dorée und die Kolonialausstellung von 1931 (Mai 2017)
  • Neues Leben auf alten Steinbrüchen: Der Park Buttes-Chaumont und das quartier de la Mouzaïa (Mai 2017)

 

Geplante Beiträge/demnächst auf dem Blog:

  • Die Kirche Saint -Sulpice in Paris , Teil 1 (Die Musik, die Krypta, Pigalle und die Säulen von Leptis Magna)
  • Die Kirche Saint- Sulpice in Paris, Teil 2 (Der Gnomon, der Kampf mit dem Engel von Delacroix und das café de la mairie)
  • Street-Art in Paris
  • Sommer in Paris: Baden im Bassin de la Villette, in der Marne und auf/in der Seine
  • Das deutsche Haus, „la maison Heinrich Heine“, in der Cité internationale universitaire in Paris

 

Das Napoleon-Museum auf der Île d’Aix (vive l’empereur! Teil 2)

Wenn man in Paris lebt,  kommt man an Napoleon nicht vorbei – zumal wenn man sich gerade mit Orten des Friedens und des Kriegs in Paris näher beschäftigt (siehe den Blog-Beitrag über die mur pour la paix auf dem  Marsfeld vom 1. Juli 2016). Der Text über den Arc de Triomphe (1. November 2016)  ist in diesem Zusammenhang entstanden- gewissermaßen der erste Teil einer kleinen „vive l’empereur-Serie.  Ein weiterer  über Napoleon in den Invalides  (Invalidendom und Musée de l’Armée) wird im Dezember 2016 folgen und dann wohl auch noch einer über die Triumphsäule auf der place Vendôme.  Der  Beitrag über das Napoleon-Musem auf der Île d’Aix hat sich eher zufällig ergeben: Wir verbrachten im Sommer einige Tage auf der Île d’Oléron. Ein kleiner Ausflug auf die benachbarte Île d’Aix bot sich da an, zumal wenn Napoleon gerade ein Thema ist…

Die Île d’Aix ist eine kleine Festungsinsel  in der Bucht von Rochefort. Hier ein eindrucksvolles  Modell der Insel aus dem musée des plans – reliefs im Hôtel des Invalides in Paris:

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Die Funktion der Befestigungsanlagen war der Schutz der Stadt Rochefort, die unter Ludwig XIV. zu einem  Marinestützpunkt mit einem bedeutenden  Arsenal ausgebaut wurde.

Rochefort war auch ein wichtiger Stützpunkt im Krieg Napoleons gegen England. Und die englische Marine stellte eine erhebliche Bedrohung für das strategisch wichtige Rochefort dar, wo die Schiffe gebaut wurden oder gebaut werden sollten für die geplante Invasion der Insel. Napoleon inspizierte also 1808 die Île d’Aix  und befahl  den Bau eines „unzerstörbaren“  und „uneinnehmbaren“ Forts auf dem höchsten Punkt der Insel: Das Fort Liédot.  Die Arbeiten begannen 1810 – zogen sich allerdings bis 1834 hin… Die Festung konnte eine Garnison von 600 Mann aufnehmen- wurde aber auch als Gefängnis für Kriegsgefangene und für politische Gefangenen genutzt. 1870 waren zum Beispiel preußische Kriegsgefangene hier untergebracht [1] und ein Jahr später Kämpfer der Commune – bevor sie im Allgemeinen in die Verbannung geschickt wurden. Ein besonders prominenter Gefangener war Ahmed Ben Bella, einer der Führer des algerischen Widerstands gegen die französische Besetzung, der von 1959 bis 1961 dort gefangen war , bevor er 1963 der erste Präsident des unabhängig gewordenen Landes wurde.[2]

Außerdem inspizierte Napoleon bei seinem Besuch von 1808 die Arbeiten an dem Bau des mächtigen Forts Boyard zwischen der Île d’Aix und der Île d’Oléron – von dem später noch die Rede sein wird. Und last but not least: Er ordnete den Bau einer standesgemäßen Behausung für den  Gouverneur der Insel an. Und sicherlich hätte er sich nicht träumen lassen, dass dieses Haus einmal seine letzte Unterkunft in Frankreich, ja Europa sein würde, bevor er den  Weg in die  Verbannung nach Sankt Helena antreten musste.

Man ist also, das wird schon aus diesen wenigen Angaben deutlich, Napoleon auf der Île d’Aix ganz nahe-  es ist gewissermaßen eine napoleonische Insel.  Und das merkt man auch gleich, wenn man sie  –vom Boot ankommend-  betritt und von einer Büste Napoleons empfangen wird.

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Darunter ist ein Schild angebracht, das erklärt, welche Bewandtnis es mit dieser Büste hat:  Aufgestellt wurde sie 2015, 200 Jahre, nachdem der zum Rückzug gezwungene Napoleon,  von Rochefort kommend,  am 12. Juli 1815 die Insel betreten habe, bevor er in der Nacht vom 14. zum 15. Juli sich in die Hand der Engländer begeben habe und ins Exil aufgebrochen sei.

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Auch danach begegnet man Napoleon auf der Insel auf Schritt und Tritt.

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Und selbstverständlich trägt auch das erste Haus am Platz –ungeachtet des äußeren schlichten Aussehens ein 3-Sterne Hotel-  den  Namen Napoleons- das dazugehörige Restaurant heißt dann passender Weise  „Chez  Josephine“.

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Hauptsehenswürdigkeit der Insel ist das Napoleon-Museum, das im ehemaligen Gouverneurssitz der Insel untergebracht ist, da also, wo Napoleon seine letzten europäischen Tage verbracht hatte.

 

Die letzten Tage Napoleons in Europa

Am 22. Juni 1815 musste Napoleon auf Druck des Parlaments sein kaiserliches Amt niederlegen. Er  spielte  zwar mit dem Gedanken, die Nationalgarde gegen das Parlament in Bewegung zu setzen, aber ob die ihm auch jetzt  noch gefolgt wäre, ist unsicher.  Die einzige Konzession, die dem Parlament und dem neuen provisorischen Regierungschef Fouché abtrotzen konnte, war die Proklamation seines Sohnes als sein  Nachfolger unter dem Namen Napoleon II. Der regierte aber nur etwa zwei Wochen, aber das reichte aus, dass der nächste französische Kaiser dann den Namen  Napoleon III  trug.

Nach seiner Abdankung zog sich Napoleon in das Schloss von  Malmaison zurück, wo er unter  anderem  seine Mutter und  zwei seiner Mätressen, Maria Walewska und Èléonore Denuelle de la Plaigne traf, ebenso wie die  Söhne, die er mit ihr hatte. Da aber die Engländer und die Preußen im Anmarsch waren, musste er auch Malmaison verlassen. Mit einem kleinen  Gefolge irrte er einige Tage die Atlantikküste entlang bis Rochefort und zur Île d‘Aix, in der Hoffnung, von dort aus nach Amerika entkommen zu können, wie es ihm geraten worden war:  Wenn er dort wäre, würde er immer noch seine Feinde zum Zittern bringen. Und wenn die Bourbonen wieder zurückkämen, wäre seine Anwesenheit in einem freien Land ein wichtiger Faktor für die öffentliche Meinung in Frankreich.

Um in die USA zu gelangen,  hätte Napoleon allerdings einen englischen  Passierschein benötigt, denn die übermächtige englische Flotte konnte jede von ihr nicht genehmigte Überfahrt nach Amerika verhindern. Nach Napoleons 100-Tage Abenteuer und den vielen Opfern, die es gekostet hatte, war an ein Entgegenkommen der Alliierten allerdings überhaupt nicht zu denken.

Napoleon saß also auf der Île d’Aix fest. Er schrieb also am 14. Juli einen Brief an den britischen Prinzregenten:

 „Königliche Hoheit, den Parteien ausgesetzt, und der Feinschaft der europäischen Mächte überliefert, habe ich meine politische Laufbahn beendet und komme, wie Themistokles, im Lande des britischen Volkes eine Zuflucht zu suchen! Ich stelle mich in den Schutz Ihrer Gesetze und bitte Eure königliche Hoheit als den mächtigsten, beständigsten und großmütigsten meiner Feinde, ihn mir zu gewähren. Napoleon“[3]

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Entwurf des Briefs (Handschriftlich von Napoleon mit Anmerkungen des Generals Gourgaud)  Facsimile, ausgestellt im Museum von Île d’Aix

 

Dass sich Napoleon hier mit dem griechischen Feldherrn Themistokles vergleicht, passt zwar zum ego Napoleons und seiner Vorliebe für die Antike – passend ist der Vergleich aber nicht ganz. Denn Themistokles hatte immerhin Jahre vorher den Persern eine vernichtende Niederlage in der Seeschlacht von Salamis beigebracht. Gegen die Briten hatte Napoleon aber immer nur verloren….

Am 15. Juli lieferte sich Napoleon dem Kommandanten des englischen Kriegsschiffes Bellerophon aus. Und auch hier gibt es einen Bezug zur Antike, der aber besser passt als der Vergleich mit Themistokles: Bellerophon war der Sohn des Poseidon, vollbrachte außerordentliche Heldentaten, verfiel aber schließlich der Hybris:  Mit dem von ihm gezähmten geflügelten Pferd Pegasus wollte er zum Olymp reiten und Zeus von seinem Thron stürzen. Die Strafe folgte auf dem Fuß. Verkrüppelt und erblindet irrte er einsam und die Menschen meidend die letzten Jahre seines Lebens umher.  …

Auf Napoleon wartete am 7. August die englische Fregatte Northumberland, die ihn nicht, wie wohl immer noch erhofft, in die Vereinigten Staaten und auch nicht nach England brachte, sondern auf die ferne Felseninsel Sankt Helena. ..

 

Die Geschichte des Museums

Untergebracht ist das Napoleon-Museum in der  ehemaligen Residenz des Insel- Gouverneurs, die auf Anordnung Napoleons gebaut wurde.  Es  ist das größte Haus der Insel.

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Gegenüber den gedrungenen Fischerhäuschen der Insel nimmt sich dieses Bauerwerk mit seinen zwei hohen Geschossen und der repräsentativen Fassadengestaltung mit der Attika und den dorischen Säulen am Eingang  sehr imposant aus.

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Die Krönung des Hauses ist der im zweiten Kaiserreich Napoleons III. hinzugefügte Giebel mit einem mächtigen napoleonischen Adler, der  im zweiten Kaiserreich Napoleons III. hinzugefügt wurde. In ihn ist in goldenen Lettern eine Weihe- Inschrift „an unseren unsterblichen Kaiser“ eingemeißelt, dessen Name auf der ganzen Welt verehrt werde:

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« A la mémoire de notre immortel Empereur Napoléon Ier, 15 juillet 1815. Tout fut sublime en lui: sa gloire, ses revers. Et son nom respecté plane sur l’univers ».

 

Genau der richtige Rahmen also für ein napoleonisches Museum. Seine Entstehung  ist dem Baron Gourgaud zu verdanken, der durchaus nicht zufällig den Vornamen Napoléon trägt.. Er ist der Urenkel von Gaspard Gourgaud, einem der letzten Getreuen, die Napoleon auf die Insel Sankt Helena begleiteten. Er war dem gestürzten  Kaiser in einer  bedingungslosen und besitzergreifenden  Weise ergeben  – „er liebte seinen Kaiser, wie man nur eine Frau  lieben kann“, heißt es in einer (unter Gender-Gesichtspunkten etwas  problematischen) Charakterisierung. Selbst Napoleon und erst recht den anderen Begleitern ging  das allmählich auf die Nerven  und Gourgaud wurde nach Frankreich zurückbeordert. Immerhin erhielt er 1840 den ehrenvollen Auftrag,  an der Exhumierung der sterblichen Überreste Napoleons auf Sankt Helena teilzunehmen und sie nach Frankreich zu überführen, wo sie im Invalidendom ihre letzte Ruhe fanden.[4] Eine Nachbildung des Katafalks Napoleons bei dieser sogenannten „retour des cendres“  befindet sich im oberen Teil des Grabs von Gaspard Gourgaud und seiner Familie auf dem Père Lachaise. Auffällig ist dabei, dass von Gourgaud zwar Name, militärischer Rang und Lebensdaten angegeben sind, im Zentrum allerdings die Girlanden-bekränzte Inschrift „1815 SAINT HELENE 1840“ steht. Selbst noch das Grabmal lässt keinen Zweifel daran aufkommen, wem das Leben des hier Beerdigten gewidmet war.[5]

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Die enge Verbundenheit Gourgauds mit seinem geliebten Kaiser wird auch daran deutlich, dass er seinem Sohn den Vornamen Napoléon gab. Der wiederum nannte seinen Sohn Honoré-Gaspard-Napoléon  und der für das Museum entscheidende Urenkel war dann wieder ein reiner  Napoléon (und Gründer der Fondation Napoléon)–  dieser Namen ist seit 200 Jahren in dieser Familie offenbar Tradition und Verpflichtung… Auf dem Grabmal Gaspard Gourgons ist aber für die nachfolgenden  Napoléons kein Platz…[6]

Napoléon Gourgaud, der Urenkel Gaspards, und seine Frau Eva Gebhard, eine amerikanische Millionenerbin, fanden in den 1920-er Jahren Gefallen an der kleinen Insel, auf der Napoleon seine letzten europäischen  Tage verbracht hatte. Sie gründet die „Gesellschaft der Freude der Île d’Aix“ und kauften mehrere Häuser der Insel, unter anderem die ehemalige Residenz des Gouverneurs, inzwischen Haus des Kaisers genannt. Dort trugen  sie ihre Sammlerstücke und Napoleon-Devotionalien zusammen und eröffneten 1928 das Musée napoléonien.

 

Was gibt es dort zu sehen?

Die Räume des Museums sind ziemlich randvoll ausgefüllt mit Erinnerungsstücken an Napoleon – zum Beispiel im Treppenhaus einem großen napoleonischen Adler und einem Portrait Josefines.

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Stolz präsentiert das Museum  einige besonders weltvolle oder außergewöhnliche Ausstellungsstücke. Zum Beispiel  das Portrait Napoleons als König von Italien, „ein Meisterwerk“ von Appiani. So wie die französischen Künstler die Aufgabe hatten, den  Kaiser zu verherrlichen und zu verewigen, so wurden  nach der Proklamation und Krönung Napoleons als König von Italien 1805 auch italienische Künstler für diese Aufgabe herangezogen. Napoleon selbst beauftragte den bedeutendsten Maler Mailands –dort hatte die Krönung stattgefunden- mit der Anfertigung seines offiziellen Portraits. Er ist ausgestattet mit allen Insignien seiner neuen Würde und Macht. Es gibt zwei Versionen dieses Portraits- eines davon im Museum von Île d’Aix.

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Dann gibt es natürlich Ausstellungsstücke, die einen besonderen Bezug zu dem Ort des Museums haben: So kann man das Bett sehen, in dem Napoleon während der Tage auf der Insel schlief.

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Es ist ein Rest der sonst nicht mehr erhaltenen Möblierung des Hauses.  Es steht auch noch an  seinem ursprünglichen Ort, ursprünglich das Zimmer des Kommandanten, dann „la chambre de l’Empereur“.  Dort war es auch, wo Napoleon am 13. Juli 181 den Brief an den englischen Prinzregenten schrieb.

Dazu gibt es auch noch ein ziemlich ramponiertes Sofa.

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Welchen Bezug es zu Napoleon hat, erklärt das Blatt, das darauf befestigt ist:

 img_7470 Napoleon habe auf diesem Kanapee die Nacht vom 13. auf den  14. Februar 1814 auf der Poststation von Château-Thierry zugebracht. Er sei von einem wichtigen Telegramm eines Generals geweckt worden und sogleich um 4 Uhr morgens aufgebrochen, um die Armee Blüchers bei Marchaix und Montmirail zu schlagen.Unter einem Kissen habe man ein weißes gesticktes Taschentuch mit einem gekrönten N gefunden und ein Band der Ehrenlegion.Das Kanapee sei von der Familie Souliac – offenbar den Besitzern  der Poststation von Château-Thierry-  „religieusement“  aufbewahrt worden, als Erinnerung an den „großen Mann“ und als historischer Gegenstand.

 

Einen indirekten Bezug zu dem Museumsbau hat das Gemälde, das Napoleon beim Diktat seiner Memoiren  in Sankt Helena zeigt. Am Tisch sitzen nämlich mit gespitzten  Ohren und ebenso gespitzter Feder die Generäle Montholon und Gaspard Gourgaud, dessen Urenkel dann das Museum gründete.

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Eindrucksvoll ist die Zusammenstellung von 40 Uhren mit Napoleon-Motiven aus der Zeit des Kaiserreichs und der Regierungszeit Louis Philippes. Alle sind angehalten bei 17. 49 h, seinem Todeszeitpunkt (5. Mai 1821).

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Ein Stück weiter in der rue Napoléon gibt es das afrikanische Museum der Gourgaud-Stiftung. Der Baron war auch ein begeisterter Jäger und versammelte in diesem Museum seine Trophäen, die er von seinen Jagdausflügen nach Afrika mitbrachte. Eine exotische Besonderheit ist ein präpariertes Dromedar, das Bonaparte bei seiner Ägypten- Kampagne geritten haben soll.

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Angesichts eines solchen Ausstellungsstückes würden, wie ein Napoleon-Kenner schreibt, selbst die Kuratoren des Armee-Museums in den Invalides vor Neid erblassen- auch wenn es dort immerhin ein anderes „prominentes“ Reittier Napoleons gibt- nämlich seinen Schimmel Vizir. [7)

Das Napoleon-Museum gehört inzwischen zum Kreis der musées nationaux, es ist also eine staatliche Einrichtung. Gerade  vor diesem Hintergrund ist es -zumal für einen  deutschen Besucher- bemerkenswert, wie völlig ungebrochen, gewissermaßen naiv, hier Napoleon-Devotionalien präsentiert werden. Die Napoleon-Legende  ist also auch hier lebendig. Aber vielleicht ist das ja als Gegengewicht gemeint gegen die angebliche  Herabwürdigung und Verunglimpfung „unseres großen Mannes“, die angeblich in den französischen Schulbüchern vorherrscht….  (7a)

 

Auf dem Weg zur Insel: Fort Boyard

Zwischen der Île d’Oléron und der Île d’Aix  liegt das Fort Boyard, das man mit dem Boot von Boyardville kommend  passiert bzw. umrundet. Es ist ein eindrucksvolles Festungsbauwerk, das seine Entstehung –natürlich- auch Napoleon verdankt, auch wenn es erst lange nach seinem Tod fertiggestellt wurde – als es wegen der vergrößerten Reichweite der Artillerie keine militärische Bedeutung mehr hatte.

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Das Fort wurde unter größten Schwierigkeiten auf einer Sandbank errichtet, es wird aber bei Flut von Wasser umspült. So sieht es in der Tat aus wie ein mächtiges Schiff aus Stein, ein „vaisseau de pierre“.[8] Heute ist es weitgehend ungenutzt. Immerhin dient es als Kulisse für eine offenbar beliebte französische Spielshow …

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… und als Ruheplatz und Aussichtsplattform für Möven: Also in gewisser Weise ein eindrucksvolles Beispiel für eine gelungene Rüstungskonversion….

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Praktische Informationen

Musée national Napoléon de l’Île d’Aix und Musée national africain de l’Île d’Aix.  http://musees-nationaux-malmaison.fr/musees-napoleonien-africain/ 

Fährverbindungen  (Fahrzeit 20-30 minuten) von Fouras (ganzjährig) oder Boyardville auf der Île d’Oléron (April bis November). http://www.inter-iles.com/ 

 

Anmerkungen

[1] Theodor Fontane war übrigens auch 1870 in französischer Kriegsgefangenschaft, und zwar ganz in der Nähe auf der Île d’Oléron.

[2]http://www.iledaix.fr/Les-personnages-celebres?lang=fr

[3] Briefe Napoleons I. Hrsg. Von Friedrich M. Kircheisen, Dritter Band, Paderborn, 2012,  S. 269

[4] Siehe dazu den Blog-Beitrag: Napoleon in den Invalides (Dezember 2016)

[5]  In der 23. Division an   Avenue Transversal N° 1 gelegen

Zur Beziehung Gourgauds zu Napoleon: http://www.appl-lachaise.net/appl/article.php3?id_article=88  und Steven Englund: Napoléon. Paris 2004, S.543   Zur „retour des cendres“ siehe den entsprechenden Blog-Beitrag vom Dezember 2016 (Napoleon in den Invalides)

[6] Der Sohn des Museumsgründers begründete dann immerhin die „Fondation Napoléon“ und nannte seinen Sohn wieder…. Napoléon.

[7] L’ABC-daire de Napoléon et l’Empire. Paris: Flammarion, 2013,  S.25. Siehe zu Vizir den Blog-Beitrag über Napoleon in den Invalides (Dez. 2016)

7 (a) „Vu le silence des manuels scolaires sur notre grand homme (sauf pour le dénigrement masochiste)“   http://www.lefigaro.fr/voyages/2012/07/06/03007-20120706ARTFIG00476-l-ile-d-aix-sentinelle-imperiale.php 

[8] Siehe: Les cahiers d’Oléron. Le fort Boyard, Vaisseau de pierre, monstre créateur. N° 6, 1986

Die Corrèze (Teil 2): touristische Impressionen

Im ersten Blog-Beitrag zur Corrèze ging es um die allgegenwärtige Erinnerung an die Zeit von 1940-1944, also die Zeit zwischen der französischen  Niederlage von 1940 und der Befreiung von 1944. Die  Corrèze hat damals  als ein Zentrum der Résistance  auch bezogen auf den nationalen Rahmen  Frankreichs eine ganz herausragende  Rolle  gespielt.

Es  wäre aber bedauerlich, die Corrèze nur aus diesem begrenzten  Blickwinkel zu sehen, ist sie doch eine äußerst interessante, vielfältige und reizvolle Gegend. Das soll  anhand einiger Fotos wenigstens ansatzweise gezeigt werden. Und vielleicht macht das auch Lust und weckt die Neugierde, dieses Gebiet etwas zu erkunden, das zwar nicht zu den ersten touristischen Destinationen Frankreichs gehört, dessen Besuch sich aber unbedingt lohnt.

Bei der Vorstellung der Corrèze möchte ich mich auf zwei unterschiedliche Landschaften konzentrieren, die wir besonders schön finden : Die Dordogne im Süden des Départements und das Hügelland Millevaches im Nordosten.  Nicht, dass es auch andernorts in der Corrèze schöne Orte und Landschaften gäbe, aber es ist ja hier nicht darum, nach dem Motto:  „Alles über die Corrèze“  einen Reiseführer zu ersetzen.

 

Das Plateau des Millevaches und die Monédières

Das Millevaches-Plateau liegt im Zentrum der Corrèze.  Der Name hat nichts mit „vaches“, also Kühen zu tun, sondern mit dem okzitanischen „vacca“, also Quellen. Und die gibt es dort reichlich. Zum Beispiel  die Quelle der Vienne….

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…. und die Quelle der Vézère.  Ideale Ziele für schöne Wanderungen.

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Auf der Hochebene….

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weiden  Schafe…

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… aber auch die berühmten Limousin-Rinder….

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die nicht  in Fleischfabriken produziert, sondern in freier Natur leben.  Und der Nachwuchs ist, entsprechend dem schönen Marketing-Slogan,  „élevé sous sa mère“ – wächst also unter bzw zusammen mit der Mutter auf.

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Das Fleisch ist dann auch entsprechend schmackhaft.

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In den weiter südlich gelegenen Monédières  gibt es wunderschöne Hochmoore, schöne Wälder, die charakteristischen Granit-Findlinge und viel Heidekraut. Auch ein Wanderparadies.

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Bekannt sind die Monédières auch für ihre Heidelbeeren

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An ganz vielen Stellen des plateau de Millesvaches und der Monédière findet man  am Wegesrand, manchmal auch mitten im Wald Kreuze aus Granit. Zeichen der traditionellen Frömmigkeit der Menschen dieser Gegenden.

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In der ganzen Corrèze hat man insgesamt 174 solcher Kreuze gezählt.

Hier abgebildet sind das Croix du Pey und das Croix de Combe-Longue (Lestards)

In den  kleinen Orten der GeCgend findet man auch ganz viele mittelalterliche Kirchen- immer aus dem heimischen Granit errichtet und immer mit der für die ganze Corrrèze typischen Turmform – einer vor den Eingang gesetzten Scheibe mit meist zwei oder drei Bogenöffnungen oben für die Glocken und oft einem sehr kunstvoll verzierten Portal.

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Kapitell in der Kirche in Meymac

Hölle,  Himmel und Heil waren hier immer präsent: Durch diese Gegend führten früher Pilgerwege nach Santiago de Compostella hindurch,wie die in eine Hauswand in St Merd eingebaute Muschel zeigt. Vermutlich handelt es sich um ein Fragment aus einer Pilgerkirche:  eine der vielen Entdeckungen, die man in dieser Gegend machen kann.

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Am Südhang des Plateau de Millevaches, in Sarran, gibt es noch eine besondere Attraktion, das Musée Jacques Chirac. Chirac war lange Jahre Bürgermeister von Paris, dann auch Staatspräsident, aber er war und blieb immer ein Mann der Corrèze. Seine Frau Bernadette ist übrigens noch bis heute lokalpolitisch (und darüber hinaus) engagiert.

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Natürlich wird  da auch reichlich Personenkult betrieben, aber der Besuch des Museums lohnt sich auf jeden Fall. Vor allem wegen der Ausstellung von  Geschenken, die Chirac bei seinen Staatsbesuchen erhielt. Gezeigt wird eine kleine globale Auswahl: Manches Schöne und Kostbare, viel Kurioses.

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Diejenigen, die diese Geschenke überreicht haben, möchten ihre Länder ja in einer ganz spezifischen Weise repräsentieren. Dieser Blickwinkel macht die Ausstellung zusätzlich interessant. Bei unserem Besuch war Deutschland leider nicht mit einem Staatsgeschenk vertreten. Interessant wäre aber bestimmt, einmal zu sehen, welche Staatsgeschenke die deutsche Seite gemacht hat und wie sich das im Laufe der Jahre –und im Wechsel der politischen Repräsentanten- vielleicht verändert…

 

Die  Dordogne zwischen dem Pont du Chambon und Beaulieu

Der Abschnitt der Dordogne zwischen dem Pont du Chambon und Beaulieu, der die südliche Grenze der Corrèze markiert, ist sicherlich nicht so  spektakulär wie der stromabwärts  anschließende im Périgord.  Aber er ist sehr abwechslungsreich und in vielfacher Hinsicht attraktiv . Bis Argentat ist die  Dordogne eingezwängt in eine Schlucht, die Georges de la Dordogne, an deren unzugänglichen Abhängen sich im 2.  Weltkrieg Widerstandskämpfer einen Unterschlupf gesucht hatten. (siehe Teil 1). Es gibt dort aber auch schöne Spazierwege  durch Eichen- und Esskastanienwälder.

Die Esskastanien wurden gesammelt,  in speziellen Hütten getrocknet, so dass man  daraus Mehl herstellen  konnte: in einer Gegend ohne  Getreideanbau eine  wenn auch mühsame Alternative.

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Dach einer alten Trockenhütte für Esskastanien an den Abhängen der Dordogne. Die Schieferabdeckung ist typisch für die gesamte Corrèze.

 Bei diesen Spaziergängen hat man oft  wunderbare Ausblicke auf die Dordogne, z.B. vom „fauteuil de dieu“ aus.[1]

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Früher war die Dordogne hier ein ganz gefährlicher Fluss, der nur schwer für Schiffe passierbar war. Heute ist er durch mehrere Dämme gestaut und  gezähmt, so dass er sich manchmal geradezu wie ein ruhiger See ausmacht.

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Ab Argentat weitet sich das Tal der Dordogne aus. Hier gab es einmal den wichtigsten Hafen an der Dordogne.

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Vor allem das für den Weinanbau und die Fassproduktion wichtige Eichen- und Kastanienholz wurden  hier gesammelt und auf eigens dafür gebauten Schiffen mit geringem Tiefgang verladen. Das waren die sogenannten „gabares“. Am Ankunftsort Libourne (vor Bordeaux) wurden sie zerlegt, das Holz verkauft und die Schiffer wanderten die Dordogne hoch zurück nach Argentat, um eine neue Ladung zu übernehmen.

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Blicke von der Brücke von Argentat

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Ein Fischer und ein Badender   in der Dordogne zwischen Argentat und Beaulieu

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In Beaulieu gibt es einen malerischen Badeplatz an der Büßerkapelle. Hier ist das Wasser etwas  angestaut,  sodass man in der Dordogne auch schwimmen kann. Das Wasser ist allerdings auch im Hochsommer ziemlich frisch….

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Unbedingt ansehen sollte man sich in Beaulieu die Abteikirche Saint-Pierre. Das Südportal ist „ein Meisterwerk romanischer Skulptur“.  Besonders ins Auge fallen die zu Füßen Jesu dargestellten Kräfte des Bösen, das siebenköpfige Ungeheuer aus der Apokalypse und diverse menschenverschlingende Monster.

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Im nördllchen Querschiff ist der Kirchenschatz ausgestellt, darunter ein emaillierter Reliquienschrein, eine Madonna mit Kind und diverse Reliquienbehälter.

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Etwa nordwestlich von Beaulieu liegt das zu den schönsten Dörfern Frankreichs zählende Curemonte.  Es liegt malerisch auf einem Hügel- wenn man vom Tal aus den Ort erreicht und die Straße noch etwas weiter hoch fährt, erreicht man  einen Platz mit Park- und Picknickmöglichkeit, von dem aus man einen  schönen Blick auf den Ort hat. Auffällig sind die beiden direkt nebeneinanderliegenden burgartigen Schlösser Saint-Hilaire und  de  Plas.

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Die Schriftstellerin Colette hat  1940 – im Jahr der Niederlage in den beiden –damals halb verfallenen- Burgen gewohnt, die ihrer Tochter  Colette  de Jouvenel gehörten. Sie hat  darüber in ihrem Tagebuch berichtet:

Danger…. Défense de visiter les ruines, défense de laisser les enfants jouer au pied des ruines. Mais libre à nous, qui habitons au sein du chaos, de cueillir la grande marguerite et la mauve dans la salle des gardes, tendre une ficelle dans un appartement  d’honneur et y mettre le linge à sécher, quand il ne pleut pas. Tout les poutres des planchers sont tombées.Là gît notre dépôt de bois de chauffage, qui durera plus longtemps que la paix elle-même. … Quel  motif amena les seigneurs de Plas et ceux de Saint-Hilaire, environ au XVe siècle, à construire si proches l’un de l’autre leurs deux châteaux que sépare, dans un étroit enclos au  sommet du village, un espace de six ou sept mètres?

Saint Hilaire commença, Plas le suivit. Celui-ci aima le cylindre, et celui-là le cube. Nous ne savons rien sur eux et avons bien autre chose en tête, car la radio est muette, sourd le télégraphe, nous n’avons pas de beurre depuis trois semaines, ni de journal, ni d’essence“[2]

 

Die wunderbare Veränderung der Grange von Marcillac-la-Croisille

Dass wir das Plateau de Millevaches und die Dordogne für die Vorstellung der Corrèze ausgewählt haben,  hängt vor allem damit zusammen, dass sie für uns gut und schnell zugänglich sind, wenn wir in der Corrèze sind. Da wohnen wir nämlich in Marcillac-la-Croisille  bei  unserer Freundin Marie-Christine, und zwar in der inzwischen ausgebauten Scheune,  die gelegentlich der Resistance als Versteck diente.

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Jetzt ist dort  eine sehr geschmackvolle kleine Wohnung eingerichtet, die es Marie-Christine gelegentlich erlaubt einen Wohnungstausch zu machen. [3]

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Marcillac ist ein kleiner sympathischer Ort, es gibt noch die notwendigen Geschäfte (Bäcker, Metzger, eine épicerie,  einen Tabac –Laden, wo man Zeitungen bekommt)  und einen Wochenmarkt, wo es aus einem großen Kupferkessel frisch zubereiteten Aligot gibt.  Das ist eine Art Kartoffelpüree, das mit Tomme-Käse verrührt wird.  Das Gericht wurde  von Priestern entwickelt, die damit die Pilger auf dem Jacobsweg durch das Zentralmassiv verköstigten. Absolut lecker. Dazu am besten die schön gewürzte Wurst  „chipolata aux herbes“ des Metzgers von Marcillac.

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Und einer der größten Pluspunkt des Ortes: Es gibt einen großen Stausee, in dem man -om diesem Jahr bei  angenehmen  Wassertemperaturen bis in den September hinein- wunderbar schwimmen kann.  Ein idealer Ausgangspunkt zur Erkundung der Corrèze. Es lohnt sich!

 

 

[1] Vorschläge für Spaziergänge mit entsprechendem Kartenmaterial gibt es im Tourismus-Büro von Marcillac

[2] Colette, Journal à rebours. Zit. In: Claude Latta, Le guide de la Corrèze. Lyon 1988, S.264

[3] Wer Interesse hat, kann sich direkt mit Marie-Christine in Verbindung setzen: mchs@orange.fr

 

Die Corrèze (Teil 1): Besatzung und Widerstand/ occupation et résistance

In diesem Beitrag geht es um das  im Südwesten Frankreichs gelegene Gebiet der Corrèze. Franzosen ist die Corrèze wohl vor allem bekannt als Heimat des ehemaligen Präsidenten Chirac, der dort auch ein nach ihm benanntes Museum eingerichtet hat, und als politische Heimat von François Hollande, beides ausgemachte Lokalpatrioten, deren gemeinsame Verbundenheit mit der Corrèze manchmal sogar schwerer wiegt als ihre politischen Gegensätze. Das hat sich vor der letzten Präsidentschaftswahl gezeigt, als Chirac zum Befremden seiner rechten Parteifreunde für den Sozialisten Hollande Partei ergriff.  

Und dann gibt es natürlich –wie auf diesem Blog nicht anders zu erwarten- ein spezifisch historisches Interesse an der Corrèze, gerade auch aus deutscher Sicht. Denn die Corrèze war ein Zentrum der Résistance während des Zweiten Weltkriegs und sie war auch Schauplatz besonders schlimmer mörderischer Aktionen deutscher Truppen: Auf dem Weg zur Invasionsfront verübte die SS-Division „Das Reich“ in Tulle, der Hauptstadt des Département Corrèze,  ein grauenhaftes Massaker, bevor sie dann auf ihrem weiteren  Weg nach Norden den Ort Oradour- sur- Glane und seine Bewohner auslöschte. Das Interesse an diesem historischen Hintergrund ist nicht nur „professionell“, sondern hat einen ganz persönlichen Grund: Die Corrèze wurde und wird uns nahe gebracht durch unsere Pariser Freundin Marie-Christine, die aus Marcillac-la-Croisille stammt und die wir kürzlich wieder dort besuchten. Am Eingang ihres (Eltern-)hauses  ist eine Erinnerungstafel für ihren Vater, Marcel Fieyre, und ihren Onkel, Lucien Fieyre, angebracht, beides engagierte und führende  Mitglieder der Résistance in der Corrèze.

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Da liegt es nahe, sich etwas für die Résistance in der Corrèze zu interessieren und dabei vor allem auch für die beiden Brüder Fieyre und an ihrem  Beispiel zu erfahren, was es konkret  bedeuten konnte, ein „résistant“ der ersten Stunde zu sein.

Es geht dabei nicht darum, ein umfassendes Panorama des Widerstands in der Corrèze zu entwerfen. Es sollen nur einige Aktionen angesprochen werden, an denen die beiden Brüder, bzw. einer von ihnen, beteiligt waren – einmal sogar auch die Mutter Marie-Christines. Und vor allem wird es um das abenteuerliche Schicksal von Marcel Fieyre  gehen, der 1940 als Soldat in deutsche Kriegsgefangenschaft geriet, dem es aber auf gerade märchenhafte Weise gelang, im Winter 1942/43 zu entkommen und sich von seinem Arbeitskommando in Schleswig-Holstein bis in die Corrèze durchzuschlagen, wo er dann in ganz besonderer Weise für den Maquis tätig war… Ein Schicksal, das nur aus Bruchstücken rekonstruiert werden kann, das es aber wert ist, erzählt und festgehalten  zu werden….

Überblick:

  • Die allgegenwärtige Geschichte von Besatzung und Widerstand in der Corrèze

 

  • Die Zerstörung des Eisenbahndepots von Brive, eine Alternative zum Bombardement

 

  • Lucien Fieyre und die Gefangenenbefreiung von Tulle

 

  • Die abenteuerliche Geschichte des Marcel Fieyre: Gefangenschaft, Flucht und Widerstand

 

Und dann soll es auch noch einen zweiten Teil über die Corrèze geben – mit touristischen Impressionen: Immerhin hat die Corrèze gerade auch in dieser Hinsicht viel zu bieten….

 

 

Die allgegenwärtige Geschichte von Besatzung und Widerstand in der Corrèze

In der Corrèze ist, wie auch in anderen Gegenden Frankreichs, die Geschichte  allgegenwärtig:  An der Somme und in und um Verdun ist das der Erste Weltkrieg, in der Normandie der Zweite Weltkrieg bzw. konkret die Landung der Alliierten und die nachfolgenden Kämpfe[1]; in der Corrèze sind das die deutsche Besatzung und der Widerstand.  An ganz vielen  Stellen stößt man auf Denkmäler oder plaques commémoratives, die an diese Zeit erinnern. Hier nur eine kleine  und völlig zufällige Auswahl:

Auf dem Weg zum Musée Jacques Chirac zwischen Égletons und Sarran liegen am  Rand der Straße zwei Grabmäler von getöteten Widerstandskämpfern:

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(Ausschnitt)

 

An einem Haus in Gros-Chastang an der D 18 zwischen Argentat und Égletons, gibt es gleich  zwei Gedenktafeln:

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Eine erinnert daran,  dass hier der 1942 in Compiègne von den Deutschen erschossene Leopold Rechaussière geboren wurde; die andere, dass im März 1943 in den Gorges de la Dordogne ein großes Lager von Maquisards der F.T.P.F.,  das seinen Namen trug, aufgebaut wurde.

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Die französischen Feriengäste, die in dem Haus wohnten und mich neugierig beim Fotografieren beobachteten, hatten  die Gedenktafeln übrigens noch nicht bemerkt. Sie fanden es aber dann sehr erhebend, in einem solchen Haus zu wohnen, und waren voll Anerkennung für den deutschen Touristen, der sich für diese Geschichte interessiert.

Das nid d’aigle (Adlershorst) genannte Lager liegt völlig abgelegen am Abhang der Dordogne-Schlucht. Bei schönem Wetter ist das ein wunderbarer malerischer Platz und man kann sich nur mit Mühe vorstellen, wie die Maquisards dort gelebt haben…

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Auch hier gibt es inzwischen eine plaque commemorative, auf der mitgeteilt wird, dass zwischen Februar und Juni 1943 „Le Nid d’Aigle“ einer der ersten bewaffneten Gruppen der F.T.P.F. als Lager mit dem Namen „Léopold Rechossière“ gedient hat.

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Allerdings konnte sich der Widerstand noch vor der Befreiung 1944 im Untergrund administrative Strukturen  aufbauen – mit Büros, Druckereien, Krankenstationen. Es gab dann sogar schon -in dem kleinen abgelegenen Ort  Nougein in den Gorges de la Dordogne- eine Präfektur des Widerstands und ein Befreiungskomitee des Département Corrèze. Marcel Fieyre wird damals als „chef départmental des renseignements généraux de la  Corrèze“ möglicherweise öfters  dort gewesen  sein, wenn er nicht mit auswärtigen Aufgaben betraut war.

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Die hier vorgestellten Tafeln und Grabmäler weisen nicht nur auf die starke  Verbreitung der Résistance hin, sondern auch darauf, dass der Widerstand durchaus nicht einheitlich war. Es gab verschiedene Richtungen: Vor allem die  Francs-tireurs et partisans français, der militärische Arm der KPF- abgekürzt FTPF  bzw. oft auch nur FTP. Dies waren  zum Teil Maquisards,  also im Untergrund –zum Beispiel in Lagern  wie dem an der Dordogne- lebende Widerstandskämpfer, aber auch sogenannte „légaux“, also „ordentliche“ Bürger, die den Widerstand unterstützten. Dann gab es die  Armée secrète (AS),  den gaullistischen Zweig des Widerstands, der in der Corrèze aber eine weniger wichtige Rolle spielte als die FTP. Allerdings hatte die AS  gute Kontakte nach London und eine ihrer wichtigsten Aufgaben war die Bereitstellung von Plätzen, über denen  Waffen und anderes Material für den Widerstand von den Alliierten  abgeworfen wurden. Aus der  Verbindung –allerdings nicht der Integration-  der verschiedenen Widerstandsgruppen, also vor allem der FTP und der AS, entstanden am 1. Februar 1944 die  FFI (forces françaises de l’intérieur). Durch eine verbesserte Organisation und Koordination sollte die Schlagkraft des Widerstands erhöht und ihm ein legaler Rahmen gegeben werden. Es ist  in diesem Zusammenhang  bezeichnend, dass auf dem abgebildeten Grabstein Baptiste Gibiat als „Soldat FFI“ bezeichnet wird. Er hat damit also, anders als die von Vichy und den Deutschen als „Terroristen“ bezeichneten maquisards, einen offiziellen militärischen Status.

In Marcillac-la-Croisille gibt es Tafeln, die an ganz besondere Ereignisse aus dieser Zeit erinnern:

Eine Granittafel an der Schule erinnert daran, dass in dem Ort dank des mutigen Schutzes der Bevölkerung mehrere jüdische Familien  gerettet wurden. „Drei Kinder, die in dieser Schule unterrichtet wurden, werden das nicht vergessen“.

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Diese Gedenktafel wurde am 14. Juli 2014 in Anwesenheit der drei darauf genannten Personen – aus Rumänien stammenden  Juden- angebracht als Dank für die Bürger von Marcillac:  Jeder wusste, dass es sich um Juden handelt, aber alle hüteten es als Geheimnis, es gab keine Denunziation. Die Kinder, deren  Eltern in der Schweiz überlebten, wurden von Lucien Fieyre nach Marcillac gebracht, wo sie von einer Frau aufgenommen wurden, „qui leur apporta leur tendresse.[2]

Gleich nebenan, in Clergoux,  wird daran erinnert, dass die Gemeinde und ihre Umgebung sich zwischen Juni 1940, der französischen Kapitulation, und der Befreiung der Corrèze am 21. August 1944, einhellig („unanimes“) gegen das Regime von Vichy und die Besatzung durch die Nazis aufgelehnt hätten.

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Clergoux war im Zweiten Weltkrieg in der Tat ein „haut lieux de la Résistance du Limousin. On l’appelait la ‚capitale du Maquis Corrézien.‘“  In der Umgebung des Ortes kamen 62 Widerstandskämpfer ums Leben: Franzosen, Deutsche, Spanier,  Polen, Nordafrikaner, Italiener, Russen und Tschechen…[3]  Allerdings war durchaus nicht die ganze Bevölkerung der Corrèze ausnahmslos vereint im Widerstand gegen Vichy und die Besatzer. Anfang Juli 1942 wurde der Staatschef des État français,  Marschall Pétain,  bei einem  Besuch in der Corrèze vom sozialistischen Bürgermeister der Stadt Ussel herzlich begrüßt: „Ici, on vous aime, Monsieur le Maréchal, et cela depuis longtemps déjà!“  Selbst die engagierten Widerstandskämpfer mussten zur Kenntnis nehmen, dass  ihre  Aktionen- zumindest bis  zur Einführung des obligatorischen  Arbeitsdienstes S.T.O., oft nicht viel Widerhall fanden bei einer Bevölkerung „qui restait indifférente, souvent hostile.“[4]

Ein kurioser Beleg dafür, dass  Pétain auch in der Corrèze seine Anhänger hatte, ist ein 1940/41 entstandenes Fenster in der Kirche Saint-Barthélemy in Lamazière-Basse, das Maria, der „Königin des Friedens“ gewidmet ist. Im unteren Teil wird die Niederlage von 1940 dargestellt:

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Ein Zug wird von einem deutschen Flugzeug bombardiert, Frauen fliehen mit ein paar Habseligkeiten, hinter ihnen liegt ein Toter, davor detoniert gerade eine Bombe.

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Im oberen Teil des Fensters, über der Darstellung der Maria, sieht man auf der linken Seite eine Mutter mit ihren vier Kindern, rechts –vor der Kirche von Lamazière- einen Bauern mit seinem Ochsengespann. Und darüber in der Mitte –gewissermaßen als Motto des Fensters-  ein Wappen in den Farben der Tricolore  mit den Worten: Travail, Famille, Patrie – Arbeit, Familie, Vaterland: Das Programm des Marschalls Pétain. Umrahmt wird die Darstellung von den Namen der Spender, die zur Finanzierung des Fensters beigetragen haben, vielen Ortsansässigen, aber auch Flüchtlingen aus dem besetzten Frankreich.[5]

Bemerkenswert ist, dass auf dem Denkmal in Clergoux Vichy und Nazi-Besatzer (übrigens nicht: deutsche Besatzer) im gleichen Atemzug genannt werden. Und in der Tat hatten es die Widerstandskämpfer ja –selbst nach der Besetzung der sogenannten „zone libre“  durch deutsche Truppen-  vor allem mit französischen Gendarmen  oder fanatischen Milizionären zu tun. Die deutschen Besatzungstruppen dagegen seien, wie sich ein Résistant erinnert,  oft schon etwas älteren Semesters und eher kriegsmüde gewesen:

„Les ‚pépères‘ de la Wehrmacht ne manquent … aucune occasion de se lamenter en cette fin d’année 1943, et murmurent même aux Français qu’ils ont la  charge d’arrêter ‚Krieg nicht gut, Krieg gross malheur‘“.

Und ein anderer résistant berichtet von der anschließend thematisierten Sabotageaktion im Eisenbahndepot von Brive, das von zwei deutschen Soldaten bewacht wurde:

Les deux soldats âgés, qui ont fait la guerre de 14-18, sont abasourdis et paraissent plus occupés de leur sort que de celui du grand Reich. Ils expliquent. ‚Nous avons petits enfants… nous pas hitlériens.‘“[6]

Ganz anders allerdings die SS-Division „Das Reich“, die im Juni 1944 durch die Corrèze zog, um an den Kämpfen gegen die alliierten Invasionstruppen teilzunehmen. Auf ihrem Weg lag auch Tulle.  Dessen deutsche Garnison und die dort stationierten französischen Milizen waren am 6./7. Juni von Einheiten des bewaffneten  Arms der KPF, den FPTF,–parallel mit der Landung der Alliierten- angegriffen worden war.  Bei der Vorbereitung dieser Aktion hatte übrigens auch wieder Lucien Fieyre als Chef des Nachrichtendienstes der FPTF erheblichen  Anteil.[7]  Jedenfalls war die Aktion zunächst erfolgreich. Der größte Teil der Stadt wurde erobert, die Bevölkerung feierte die Befreier. Als am 8. Juni –für die Résistants unerwartet- Einheiten der Division „Das  Reich“ anrückten, zogen sich die Widerstandskämpfer mangels ausreichender Bewaffnung, Stärke und Koordination zurück, so dass die Bevölkerung schutzlos der brutalen Vergeltung durch die SS ausgeliefert war. Die Stadt erlebte „un drame hors du commun, qui fait de Tulle une ‚ville martyre‘“.[8] 99 Männer zwischen 16 und 60 Jahren werden öffentlich und demonstrativ an Straßenlaternen und Strommasten erhängt, 18 für die Überwachung und Sicherung von Transportwegen zuständige Arbeiter werden erschossen, 149 Menschen  deportiert, von denen 101 nicht überlebten.

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Die zur Deportation bestimmten Menschen werden willkürlich aus einer Gruppe von zunächst 3000 zusammengetriebenen Einwohnern der Stadt ausgewählt. Unter denen, die deportiert werden sollten, war auch Marie-Christines Großvater. Er saß schon auf einem Lastwagen, der auf das Kommando zum Losfahren wartete. Dabei wurde den Angehörigen aber noch einmal die Gelegenheit zum Verabschieden gegeben. Unter ihnen ist auch die damals 17-jährige Tochter Georgette, also die spätere Mutter Marie-Christines. Einer der zur Deportation bestimmten Männer flüstert Georgette zu, bei diesem Lastwagen sei keine Zählung vorgenommen worden. Er habe ein Messer dabei, um die seitliche Befestigung der Plane aufzuschneiden. Sie solle auf das Trittbrett des Wagens steigen, um mit ihrem weiten Rock für Ablenkung der Deutschen und Deckung zu sorgen. So gelingt es dem Großvater und zwei, drei anderen, unbemerkt vom Lastwagen zu springen und ihr Leben zu retten. Was für eine wunderbare Episode in diesem grauenhaften Geschehen!

Es ist auffällig und merkwürdig, dass die Erinnerung an das Massaker in Tulle in Frankreich eher wenig ausgeprägt ist. Während Oradour sur Glane, wo die SS-Division „Das Reich“ auf ihrem weiteren Weg zur Front anschließend wütete, „un symbole de la barbarie nazie“ geworden ist und zum festen Bestand des französischen Schulunterrichts gehört, ist das  mit Tulle anders.  Es spielt in der nationalen  Erinnerungskultur keine Rolle: „Tulle a échappé à  la mémoire nationale.[9] In Tulle allerdings wird an zahlreichen Stellen an das Massaker erinnert, die in einer u.a. von der Stadt herausgegebenen Broschüre in einem „Chemin de Mémoire“ zusammenfassend vorgestellt werden. Am eindrucksvollsten ist wohl der „Champ de Martyrs“, eingezwängt zwischen dem Fluss Corrèze und der Straße von  Tulle nach Brive.

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Auf dieser ehemaligen Müllkippe wurden die Leichen der 99 Erhängten von Tulle verscharrt.

Die Namen der Gehängten und Deportierten sind auf Bronze-Tafeln verzeichnet und es  wird ausführlich über das Geschehen zwischen dem 6. Juni und dem 17. August –Datum der Kapitulation der deutschen Garnison- informiert.

 

Die Zerstörung des Eisenbahndepots von Brive, eine Alternative zum Bombardement

Dass der Widerstand in der Corrèze besonders stark war,  hat seine Ursache vor allem darin, dass das Département traditionell politisch links eingestellt war und dass es dort eine ganze Reihe von kommunistischen Bastionen gab.  Einen besonderen Aufschwung erfuhr der Widerstand durch die Einführung des S.T.O. (Service de Travail Obligatoire) im Februar 1943. Damit wurden junge Männer der Jahrgänge 1920-1922 verpflichtet, in Deutschland zu arbeiten – z.T. aber auch  in Frankreich für die Organisation Todt (da vor allem Teilnahme am  Bau des sog. Atlantikwalls). Für junge Männer, die nicht für die Besatzungsmacht arbeiten wollten, die sogenannten „réfractaires“, bot sich der Untergrund, der maquis, als patriotische Alternative an.

Zur Bedeutung der Corrèze für den Widerstand trug auch die große strategische Bedeutung als wichtige Durchgangsstation für die Eisenbahn von Toulouse nach Paris und als Standort der Waffenproduktion bei. So waren denn auch das Eisenbahndepot von Brive la Gaillarde und die Waffenfabrik von Tulle besonders wichtige Ziele der Résistance. Bei solchen Sabotageaktionen gab es teilweise eine enge Kooperation mit den Alliierten bzw. mit den Vertretern  des Freien Frankreich in London. Die Zerstörung des großen Eisenbahndepots in Brive zum Beispiel wurde, wie ein Mitglied des Widerstands berichtet, vom englischen Geheimdienst lanciert. Mitte Februar 1944 habe er einen englischen Hauptmann  des I.S. (Intelligence service) getroffen, der ihm erklärt habe, die Invasion stehe bevor und dafür müssten  die wichtigen Transportwege der Wehrmacht zerstört werden. Der Eisenbahnknotenpunkt von Brive gehöre zu den strategischen Zielen.

Et il n’y va pas par quatre chemins pour dire: ‚Ou bien une unité armée opèrera un sabotage massif capable de paralyser longuement l’activité ferroviaire, ou bien il faudra décider un bombardement aérien. La première solution me paraît de beaucoup supérieure, car le bombardement comporte de gros risques pour la  population.“[10]

Den Einheiten der FTP werden auch Waffen und Sprengmaterial von den Alliierten zur Verfügung gestellt, die sie für diese Aktion benötigen: Eine sehr bemerkenswerte Kooperation zwischen dem kommunistischen Widerstand  und den Alliierten und eine ebenso bemerkenswerte, Menschleben schonende Alternative zu einem ansonsten angekündigten Bombardement der Stadt.[11]

Der französische Widerstand wurde –nicht nur in diesem Fall- von den Alliierten  mit Waffen versorgt.  Sie wurden –an Fallschirmen befestigt-  nachts aus großer Höhe abgeworfen,  landeten deshalb aber nicht immer an den vorgesehenen und der Résistance mitgeteilten Landeplätzen. Dann mussten sie auch über eine größere Entfernung dorthin transportiert werden, wo  sie einigermaßen sicher gelagert werden konnten, z.B. in der am Rand von Marcillac gelegenen Scheune der Familie Fieyre, in der große Stapel Holz gelagert waren, die sich als Versteck gut eigneten.

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 Es gibt dazu eine im Ort gerne erzählte Geschichte dazu:

Die  Résistance war wieder einmal informiert worden, dass von amerikanischen Flugzeugen Waffen abgeworfen würden. Die gingen in einiger Entfernung und in großen Mengen an Fallschirmen nieder, so dass die Männer des Widerstands ein Ochsengespann für den Transport organisierten,  ohne allerdings –verständlicher Weise- die Besitzer über den genauen Zweck der Aktion zu informieren. Die Waffen wurden dann auch gefunden und –einigermaßen getarnt- auf dem Gespann verstaut. Allerdings hatten inzwischen auch die deutschen Besatzungstruppen von dem Waffenabwurf erfahren und sich auf die Suche gemacht. Die Résistants brachten sich  also in Sicherheit und ließen ihr waffenbeladenes Ochsengespann im Wald zurück. Die guten Tiere kannten aber ihren Weg und fanden alleine zurück zu ihren  Besitzern. Die waren allerdings kaum stolz auf ihre Ochsen, sondern eher empört über die Männer des Widerstands, die sie in große Gefahr gebracht hatten: Denn hätten die deutschen Soldaten das Gespann entdeckt, wäre deren Besitzern ihre Ahnungslosigkeit kaum abgenommen worden…

 

Lucien Fieyre und die Gefangenenbefreiung von Tulle am 1./2. März 1944 

Eine Aktion der Résistants ist die Befreiung von Widerstandskämpfern, die im Winter 1943/1944 im Gefängnis von Tulle einsaßen. Lucien Fieyre -Deckname Séverin-, dessen Erinnerungstafel zu Beginn gezeigt wurde, bereitete diese Aktion genau vor. Zwei Wochen lang erkundete er das Gefängnis, seinen Grundriss und vor allem seine Zugänge, seine Besatzung   Ziel war es, eine Gruppe von Widerstandskämpfern, darunter drei wichtige F.T.P.- Verantwortliche, zu befreien, die vom Tod oder zumindest von der Deportation bedroht waren. Alles wird peinlichst genau vorbereitet. Zwei lange Leitern und Seile werden beschafft, ein alter ausgedienter Bus wird reaktiviert . „Comme il n’a pas roulé depuis trois ans, le mécanicien, Marcel Agnoux, le mettra en état et le conduira le jour ‚J‘“.  Dann gibt es aber noch „un point inquiétant: le chien-loup de la prison. S’il aboie, il faut le tuer pour ne pas  donner  l’alerte, mais comment? Maurice Chassagnard s’en occupera: d’une main un gros bifteck et de l’autre une hache bien aiguisée.“

Zunächst müssen die Angreifer über die hohe Gefängnismauer die zum Gefängnis führende Telefonleitung kappen und in den Innenhof gelangen:

„Par malheur, en levant la première échelle pour couper les fils téléphoniques, la ligne électrique est touchée et pendant quelques secondes un magnifique feu d’artifice illumine la prison et aussi les assaillants.“

Aber die Gefängniswärter bekommen von all dem nichts mit, und auch der Gefängnishund erweist sich bald  als ungefährlich:

„Pendant qu’il descend, Chassagnard  laisse malencontreusement tomber sa hache qui tinte au  sol de la cour. Le chien-loup s’approche sans aboyer en  trottinant et remuant la queue. A-t-il flairé  l’odeur du bifteck? On le lui donne volontiers et il aura la vie  sauve pour sa gentillesse.“

Die französische Besatzung des Gefängnisses ist also völlig überrascht und  Lucien Fieyre ist kaltblütig genug zu bluffen: Das ganze Gebäude sei  umstellt und vermint, ruft er den Bewachern zu – Widerstand sei zwecklos. Als Beweis könne er ihnen auch gerne sein Gewehr überlassen, er brauche das nämlich gar nicht. Da ergibt sich die Besatzung lieber der scheinbaren Übermacht und lässt sich widerstandslos in Gewahrsam nehmen. Die gefangenen Widerstandskämpfer werden freigelassen, während die „détenus de droit commun“ wieder in ihre Zellen zurück müssen. Insgesamt werden 20 Résistants befreit und mit dem Bus nach Clergoux in Sicherheit gebracht.  Dort warten auch schon drei Delegierte von „France libre“ aus London, die am Vortag mit dem Fallschirm angekommen waren…  Man singt die Internationale und die Marseillaise. „Nous pleurons de joie“.[12]

Bemerkenswert ist, wie schonend hier mit den Gefängniswärtern und den Polizisten umgegangen wird:  „Les armes sont confisquées, les policiers et les gardiens sont rapidement enfermés“.[13]

Das Gefängnis gibt es heute nicht mehr. An seiner Stelle wurde -wie schön!-  eine Schule errichtet, die école Turgot. Dort wird im März 2014 eine plaque commemorative angebracht, die an die Gefangenenbefreiung vom März 1944 erinnert. Dabei wird die besondere Rolle Lucien  Fieyres und der unblutige Verlauf der Aktion  besonders hervorgehoben.

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Inspiriert wurde die  Aktion von dem Chant des Partisans. Eine Strophe  des Liedes:

« C’est nous 
qui briserons 
les barreaux 
des prisons »

(La Montagne, 5.3.2014 und http://l-echo.info/article/11551/un-hommage-solennel-rendu-d-audacieux-r-sistants-ftpf)

 

Die abenteuerliche Geschichte des Marcel Fieyre: Gefangenschaft, Flucht und Widerstand

Luciens Bruder, Marcel, kann sich erst im Januar 1943 dem Maquis Correzien anschließen, auch wenn er- wie auf der Gedenktafel zu lesen ist- ein Résistant der ersten Stunde war. Die Erklärung dieses Widerspruchs ist einfach – aber dahinter verbirgt sich eine abenteuerliche Geschichte, die leider nirgends so aufgezeichnet ist, wie sie es verdient hätte. Sie muss also aus Bruchstücken rekonstruiert werden:

Marcel war im Mai 1940 in Lille als französischer Soldat in deutsche  Kriegsgefangenschaft geraten und in ein Gefangenenlager in Schleswig-Holstein gebracht worden (PG- prisonnier de guerre No 66099).  Und  damit begann auch seine Tätigkeit als Résistant „der ersten Stunde.“

Aus seinen nach dem Krieg angefertigten Aufzeichnungen:

„J’insistais près de mes camarades sur les devoirs d’un prisonnier de guerre français qui, à l’exemple du Général de Gaulle, n’acceptait pas la défaite: Travailler le moins possible, saboter, s’évader…. Principes que je mis moi-même toujours en application.“

Die Selbstverpflichtung zur Sabotage setzt er auch gleich um:

„j’ai saboté successivement 3 botteleuses et fait disparaître une grande quantité d’outillage et d’instruments aratoires.“

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Portrait von Marcel Fieyre als Kriegsgefangener (Zeichnung eines Kameraden)

 

Offenbar gab es einen regelmäßigen Postverkehr zwischen dem französischen Kriegsgefangenen und den Angehörigen in der Corrèze. Jedenfalls gibt es in den Unterlagen Marcel Fieyres mehrere Postquittungen von französischer und deutscher Seite.

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Marcel  unternimmt im August 1941  –offenbar mit einem Kameraden- einen ersten Ausbruchsversuch, der aber nach 4 Tagen und 120 km in Hamburg Altona endet. Dabei wird er, wie er seiner Mutter zu deren Beruhigung schreibt, von der Polizei gut behandelt. Man bietet den flüchtigen Kriegsgefangenen sogar Kaffee und Zigaretten an und ein verständnisvoller Schupo erzählt, er habe im Ersten  Weltkrieg drei Ausbruchsversuche unternommen:

„La police a été très gentille à notre égard et nous a offert café, cigarettes.  Un schupo (policier) nous a dit  qu’il s’était évadé 3 fois pendant la  dernière guerre. En général, les évadés sont très bien traités. Ne crains rien, pas de risque de coup de feu: nous ne risquons que d’être repris et renvoyés au camp“.

Dies schreibt er allerdings nicht für die offizielle Gefangenenpost, sondern (nur schwer zu entziffern) auf einem kleinen engst und beidseitig beschriebenen Zettel aus dünnem Papier , und er kündigt  auch gleich seinen nächsten Fluchtversuch an.

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Dabei nennt er den Kameraden aus St. Etienne, mit dem er fliehen will, mit Name und Adresse und bittet seine Mutter, Kontakt mit dessen Frau aufzunehmen. Außerdem gibt er ihr genaue Instruktionen, was sie ihm schicken und auf welche Weise sie ihm heimlich zurück schreiben soll:

Er benötige eine Uhr mit Leuchtziffern und einen Kompass, außerdem wenn möglich Schokolade. Briefe solle sie in eine Aspirin-Tube stecken und die dann auf dem Boden eines Honig- oder Buttergefäßes befestigen.

„Mon copain vous tiendra au courant  pour m’écrire clandestinement. Mettre les lettres dans un tube d’aspirine et ceux-ci dans un pot de miel ou beurre. Prevenir Mme Arnaud …. que son mari est avec moi et que nous nous évaderons ensemble – pas avant mars. L’espoir d’être bientôt près de vous nous fait vivre.“

Es ist schon außerordentlich, wie dieser so sensible Brief an die Mutter aus dem Gefangenenlager in Norddeutschland in die tiefste Corrèze gelangen konnte. Marcel musste sich ja ganz sicher sein, dass der Brief nicht in unbefugte Hände fallen würde. Die Folgen  wären für ihn und seinen  Kameraden sicherlich verheerend gewesen.

Nach seiner Wiedereinlieferung in ein Gefangenenlager in Schleswig wird er allerdings durchaus bestraft- er spricht in seinen Aufzeichnungen von einer „cellule“ und einer „diète forcée“. „Considérablement affaibli“ wird er der Werkstatt des Lagers  (cordonnerie, Schuhmacherei) zugeteilt.

„Je rassemblai là une documentation sérieuse sur les possibilités d’évasions qui s’offraient à un prisonnier. Avec la complicité d’un interprète… je pus interroger tous les évadés malchanceux et obtenir d’eux une foule de renseignements. Ma baraque fut vite l’office de renseignements pour évasion et pour distribution de  chaussures aux évadés.“

Nach einer Denunziation und einem erneuten Ausbruchsversuch wird er dem Arbeitskommando 2015 auf einem abgelegenen Bauernhof in Schleswig-Holstein zugeteilt (Boel/Schleswig). Möglicherweise will man so einen potentiellen Rädelsführer und Unruhestifter isolieren und einen erneuten Fluchtversuch unmöglich machen. Die Bauern  waren offenbar umgängliche Leute: Dass Marcel sich heimlich im Hühnerstall an den Eiern gütlich tut, bemerken sie und weisen ihn aber lediglich darauf hin, möglichst –auch im eigenen Interesse-  das Porzellanei auszusparen.

Auch in dieser Zeit gibt es regelmäßigen, offiziellen Postverkehr zwischen dem  Kriegsgefangenen und den Angehörigen, der jetzt offenbar über die Adresse des Bauern abgewickelt wird, dem er zugewiesen ist.

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In dieser Zeit nun lernt Marcel, wie auch immer,  den Schneider Peter Schmidt kennen. Der ist überzeugter Hitler-Gegner und stellt dem Kriegsgefangen sein Radio und sein Haus zur Verfügung:

„Ayant  appris l’allemand, je fis la  connaissance d’un démocrate allemand qui farouchement anti-nazi mis sont poste de radio et sa maison à ma disposition.“

Von der ersten Begegnung mit Peter Schmidt hat Marcel später oft erzählt: Wie erschrocken er  gewesen sei, als er beim ersten Besuch im Flur eine SS-Uniform  gesehen habe. Die habe dem Sohn der zweiten Frau von Peter Schmidt gehört, der gerade zu Besuch gewesen sei. Aber die Frau habe ihn beruhigt: Der Sohn würde bald wieder gehen, und  es bestehe keine Gefahr für ihn.

Peter Schmidt und seine Frau – und nun wird die Geschichte völlig abenteuerlich, ja geradezu  märchenhaft-  unterstützen den französischen Kriegsgefangenen bei einem erneuten  Fluchtversuch: Er wird –es ist tiefer Winter- mit einem Mantel  ausgestattet, der ihn eher als Gestapo-Mitglied denn als flüchtigen Kriegsgefangenen erscheinen lässt.  Er erhält Geld, und zwar offenbar so viel, dass er sich die notwendigen Fahrkarten und Verpflegung kaufen kann. Marcel hat inzwischen so viel Deutsch gelernt, dass er sein jeweiliges Reiseziel nennen und auf die Frage  „hin und zurück?“ –aus Tarnungsgründen- grundsätzlich mit einem überzeugenden „Ja!“ antworten kann. Frau Schmidt beobachtet aus der Ferne, wie Marcel in den Zug einsteigt und der Freiheit entgegenfährt. Und tatsächlich gelingt die abenteuerliche Flucht:

„Le 17/12/42 je m’évadai du petit village de Boel près de Suderbrarup (Schleswig) et le 15 Janvier 1943 j’entrai dans le Maquis Corrézien.“

Einen Monat lang war Marcel also auf der Flucht. Wie kann man sich das vorstellen? Wie war sein Fluchtweg? Der Familie hat er  erzählt, er sei über Mannheim gekommen. Aber wie kam er dorthin und wie ging es weiter? Wie viele Tage hat die Flucht in Deutschland gedauert? Hat er vielleicht gleich eine Fahrkarte  nach Saarbrücken oder Straßburg gekauft? Doch eher unwahrscheinlich.  Wo hat er übernachtet? In Hotels oder anderen „offiziellen“ Unterkünften kann das ja nicht gewesen sein. Draußen im Freien?  Mitten im Winter….  Wie hat er es geschafft, sich neue Fahrkarten zu kaufen ohne aufzufallen? – so perfekt war sein Deutsch ja ganz und gar nicht, auch wenn er sich in sein Gefangenenlager eine deutsche Grammatik hatte schicken lassen? Ist er nie bei Fahrkartenkontrollen aufgefallen oder bei möglichen Gesprächsangeboten von Mitreisenden? Oder beim Einkauf von Proviant? Wovon hat er während der Flucht gelebt? Supermärkte, in denen man gewissermaßen sprachlos sich hätte versorgen können, gab es noch nicht…  Viele Fragen, auf die man gerne eine Antwort hätte, aber dafür ist es jetzt zu spät. Marcel Fieyre ist 1988 gestorben. Die  „Medaille des évadés“ hat er sich jedenfalls reichlich verdient.

Über eine wichtige Information zur Flucht verfügen wir immerhin. Es gibt einen handschriftlichen Brief von Marcel Fieyre aus dem Jahr 1985 an einen ehemaligen Résistant, der sich bemüht, diejenigen Menschen zu würdigen, die Flüchtlingen geholfen haben, die deutsch-französische Grenze zu passieren. In diesem Brief nennt er die Namen seiner „passeurs“: z.B. den Friseur, Monsieur Jalabert aus Thionville, der ihn –ohne ihn zu kennen- weitervermittelt habe an Monsieur Fliss, der ihn zu einem Hotel gegenüber der deutschen Kommandantur gebracht habe, wo er ohne Personenkontrolle übernachten konnte- das  war am 23. 12. 1942. Am 24. 12. fuhr er mit dem Zug nach Ancy-sur-Moselle. Dort wurde er von einem weiteren „passeur“ abgeholt und  zur Grenze gebracht, die er am 24.12 überquerte. Mit Bedacht hatte er den Weihnachtsabend als Datum gewählt, weil da die Chancen für einen unerkannten Grenzübertritt am größten waren.

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Marcel Fieyre auf der Flucht (Foto nach glücklicher Ankunft in der Corrèze)

Als Marcel schließlich in seinem Heimatort angekommen war, war die Freude der Familie natürlich riesengroß. Als er den Bürgermeister trifft, fragt der ihn allerdings, warum er denn nicht beim S.T.O. sei. Wenn die Deutschen kämen, würde er ihn melden, also denunzieren. Die Antwort Marcels, die er gerne seiner Familie weitergab: „Tun Sie, was Sie meinen tun zu müssen. Aber wenn wir gesiegt haben, dann werde ich wieder zu Ihnen kommen….“ (Bemerkenswert übrigens, dass der Bürgermeister die drei in seiner Gemeinde aufgenommenen jüdischen  Kinder  nicht verrät!)

Marcel schließt sich also dem Maquis an, in dem schon sein Bruder aktiv ist. Als Deckname wählt er –eine hommage an Romain Rolland- den Namen „Jean Christophe“.  Allerdings ist Marcel eher selten  in der Corrèze: Er wird beauftragt, Kontakt mit Organisationen des Widerstands in Paris aufzunehmen und ein Netz zur Rekrutierung von Freiwilligen und von „réfractaires au S.T.O“ aufzubauen. Es werden auch Kontakte mit Kriegsgefangenen geknüpft, denen die Flucht  aus deutschen Gefangenenlagern geglückt war.[14] Einer davon ist der russische Offizier und Chirurg Yvan Boguinski, der von Marcel in die Corrèze gebracht wird. Dort  (in Gros Chastang) war im März 1944 in einer von Marcels Bruder Lucien „requirierten“ leer stehenden Villa ein „Untergrund-Krankenhaus“ mit 40 Betten  eingerichtet worden.

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Dort praktiziert Boguinski zusammen mit einem rumänischen  jüdischen  Arzt und einem Arzt aus Brive mit teilweise primitivsten Mittel, allerdings dann auch mit medizinischem Material, das von englischen Flugzeugen abgeworfen worden war. In der Klinik werden –auch mit Hilfe eines deutschen Arztes- verletzte Mitglieder des Widerstandes untergebracht, die sonst womöglich Repressalien der Division „Das Reich“ zum Opfer gefallen wären.

Im Frühjahr 2016 –also 72 Jahre später- wird an der Scheune des Hauses eine plaque commemorative angebracht.[15]

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Nach dem Krieg absolvierte Marcel Fieyre eine  Lehrerausbildung und wurde dann in St. Etienne Lehrer. Man kann sich gut vorstellen, dass er gerade in der Arbeit mit schwierigen Jugendlichen eine gute Figur machte. Mit seiner Lebenserfahrung, seinem Engagement und seiner Führungsstärke war er ganz offensichtlich ein gutes Vorbild für Jugendliche, die Schwierigkeiten hatten, ihren Weg zu finden.

Anfang der 1960-er Jahre hat Marcel Fieyre mit seiner 13-jährigen Tochter Marie-Christine den damals schon über 80-jährigen Peter Schmidt, inzwischen Witwer, in Schleswig-Holstein besucht. Danach ist aber die Verbindung zu dem Fluchthelfer abgerissen. Auch da bleiben viele Fragen offen: Wusste dessen Familie von seinem Engagement? Vielleicht auch Nachbarn?  Wie haben die Nazi-Behörden auf die Flucht reagiert? Haben sie Verdacht geschöpft? In der Familie Marcels kursierte jedenfalls die Nachricht, Frau Schmidt sei auf grauenhafte Weise von den Nazis umgebracht worden: Sie sei eingegraben worden und man habe Hunde auf sie gehetzt. Aber das ist offensichtlich falsch – immerhin fand sich in den Unterlagen Marcel Fieyres  –merkwürdiger Weise- ein 1952 ausgestellter Personalausweis von Anna Schmidt…

2001 wurde am Eingang des Hauses in Marcillac, in dem Lucien und Marcel Fieyre wohnten, die  Erinnerungstafel angebracht und feierlich eingeweiht, die zu Beginn dieses Textes gezeigt wurde.

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Bei dieser Gelegenheit hat unsere  Freundin Marie-Christine eine kleine Rede gehalten, aus der ich einige Sätze zitieren  möchte:

Une pensée pour mon père, Marcel, Jean-Christophe dans la Résistance. Nous sommes fiers qu’il ait combattu le camp de la collaboration et que la victoire sur le fascisme ait été pour lui une question  de vie ou de mort. Nous sommes fiers que les souffrances qu’il avait endurées lui-même et vu endurer par tant d’autres, en captivité et dans le maquis, ne l’aient pas conduit à  enseigner la haine à  ses enfants.  

Je n’ai pas oublié le jour où nous sommes partis pour le nord de l’Allemagne, dans le Schleswig-Holstein, rendre visite à un vieux monsieur. Un vieux monsieur qui en 1942 avait risqué sa vie pour l’aider à  s’évader. Tailleur de profession, il lui avait confectionné un costume, lui avait appris les mots nécessaires pour acheter un billet de train et l’avait conduit à la gare. Cette rencontre émouvante n’est pas étrangère à l’envie que j’ai eue par la  suite  d’apprendre la  langue  allemande, et de l’enseigner avec passion.“

So haben wir übrigens auch Marie-Christine  kennenglernt: Sie machte einen Austausch mit einem deutschen Kollegen und unterrichtete ein Jahr lang an dem Frankfurter Gymnasium, an dem ich damals Lehrer war. Das war zu Beginn der 1980-er Jahre, politisch bewegte  Zeiten: Gemeinsam nahmen  wir an  einer der größten Demonstrationen teil, die es jemals in Deutschland gab – gegen die sogenannte  Nachrüstung, die Aufstellung von amerikanischen Mittelstreckenraketen in der Bundesrepublik. Eine Gruppe von Kollegen meiner Schule hatte einen Bus gechartert, um gemeinsam nach Bonn zu fahren….

Seitdem kennen wir uns. Und ohne Marie-Christines Unterstützung wäre wohl nichts aus unseren Paris-Plänen geworden: Sie  stellte uns für einen Monat ihre Wohnung in Paris zur Verfügung,  so dass wir über Telefon und Internetanschluss verfügten und uns in Ruhe auf die Suche machen konnten. Am vorletzten Tag hat es dann geklappt…..

 

[1] Siehe dazu die Beiträge auf diesem Blog über Verdun und Normandie, Teil 1:  die allgegenwärtige Vergangenheit auf diesem Blog (jeweils unter den Rubriken Geschichte und Frankreich)

[2] „Marciillac ravive la mémoire“, „L’hommage de trois enfants au village qui les a protégés pendant la guerre. Un acte  de transmission. In: La Montagne, Tulle, 15.7.2005, S. 1 und 2

[3] Aus einer von der Mairie de Clergoux herausgegebenen Broschüre

[4] Maquis de Corrèze, S. 242. In der Unterlagen von Marcel Fieyre findet sich auch eine Denunziation mehrerer Personen der Ortschaft Eyrein vom 7. Oktober 1943:

„Une bande de terroristes est en formation dans les bois de la Gadie….. (des voyous, des bandits et même on peut dire des assassins), où ceux-ci dans la nuit du 4  au 5 octobre ont avec barbarie et sauvagerie attaqué plusieurs maisons dont particulièrement une où il n’y a que trois femmes où celles-ci ont subits les plus mauvais traitements de sauvagerie et de vol. Nous demandons messieurs de vouloir faire votre effort pour que  cette bande qui fait tant de mal…. soit punie sévèrement.“  Dann werden einzelne Personen namentlich genannt und das, was ihnen zugeschrieben wird: „poseur de tractes“, „aide ravitaillement“, „chercheur de munitions“, „voleur d’essence“, „tout à fait contre Messieurs les Allemands“….  Abschließend wird noch einmal die Bestrafung der „Bande“ gefordert: „Nous demandons que cette bande soit punie et traitée de la façon dont ils ont traité de bons français et des françaises qui font leur devoir honnête. Ces êtres bandits ont  promis la mort à ceux qui les dénoncent.“

[5] Jean-Loup Lemaitre und Michelle et Stéphane Vallière: Corrèze, 100 lieux pour les curieux. Paris 2010, S. 38/39

[6]  150 combattants de temoins: Maquis de Corrèze.  Paris: Éditions sociales 1975, S. 160/161 und 206

[7] Maquis de Corrèze, S. 342 Die AS hatte bei der Aktion die Aufgabe, Tulle nach außen hin abzusichern.

[8] Ville de Tulle: Tulle, Resistante et Martyre. Chemin de Mémoire. Es gibt unterschiedliche Darstellungen, was genau und im Einzelnen den schrecklichen Taten der Division „Das Reich“ vorausging.   Darauf einzugehen, würde allerdings den Rahmen dieses Textes sprengen – und ein intensiveres Literatur- und Quellenstudium voraussetzen.

[9] http://peupleetculture.fr/Site/niveau1/juin44.htm

Entsprechend auch Fabrice Grenard in seinem Buch: Tulle, Enquête sur un massacre. 9 juin 1944. Paris 1944: http://historicoblog3.blogspot.fr/2015/02/fabrice-grenard-tulle-enquete-sur-un.html

[11]  Umso fraglicher ist deshalb für mich, warum z.B. St Lô in der Normandie durch alliierte Bombardements völlig zerstört wurde:  War da die Einschaltung der Résistance nicht erwünscht oder möglich? Siehe dazu den Beitrag: Normandie, Teil 2: Schattenseiten der Vergangenheit  auf diesem  Blog

[12]  L’attaque de  la prison de Tulle. In: 150 combattants de temoins: Maquis de Corrèze.  Paris: Éditions sociales 1975, S. 198-204

[13] Macquis de Corrèze, S.203

[14] In einem nach dem Krieg erhobenen Personalfragebogen (Fiche individuelle de officier) finden sich im Abschnitt „Action das la clandestinité“ u.a. folgende Angaben: „organisation et ravitaillement des  premier groupes clandestins du plateau corrèziens. Liaisons avec Paris: organisation du recrutement à Paris, aide aux évadés et aux emprisonnés. Transport des prisonniers évadés….“

[15] „L’hôpital des FTP recconnu 72 ans après“.  Zeitungsbericht Le Montagne 2016

Die Stare vor unserem Fenster: deutsch-französische Sichtweisen

Der nachfolgende Eintrag fällt etwas aus dem Rahmen der sonstigen Blog-Beiträge: Es geht um die Stare, die sich  in großen Schwärmen im Frühjahr 2016 in unserem Viertel präsentierten und teilweise ganz grandiose Formationsflüge vorführten. Das allein wäre ja schon Anlassenug für einen Blog-Beitrag unter der Rubrik „Wir in Paris“ gewesen. Aber wenn wir darüber mit französischen Freunden sprachen, wurde auch schnell die ganz unterschiedliche Wahrnehmung  der Stare deutlich. Dabei handelt es sich ganz offensichtlich nicht um eine Zufallsergebnis, sondern es gibt, wie ein Blick in französische und deutsche Texte zum Thema „Stare“ zeigte, auf beiden Seiten des Rheins offenbar verschiedene Einschätzungen, wie die Stare und ihre fliegenden Schwärme   gesehen  werden. Ist das vielleicht Ausdruck einer eher rational-funktionalen  Naturwahrnehmung auf der einen Seite und einer eher emotional-romantischen Sicht der Natur auf der anderen Seite?

Der Beitrag ist identisch mit dem 38. Bericht aus Paris vom Februar 2016. Das darin verwendete Präsens wurde also nicht verändert- obwohl die Stare sich nach einigen Wochen wieder davon gemacht haben – diese Attraktion gibt es also seitdem nicht mehr –vielleicht ja wieder im nächsten Jahr. Wir würden  uns jedenfalls sehr auf ein  Wiedersehen freuen.    

 

Seit wir im neuen Jahr wieder in Paris sind, gibt es bei uns eine besondere Attraktion: die Stare. Die gab es ja schon immer: manchmal saßen welche –wie auch Krähen, Tauben, Elstern und manchmal auch Amseln-  gegenüber auf den beiden hässlichen Antennenmasten, die –leider- zu dem Paris-Panorama gehören, das wir von unserer Wohnung aus haben.

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Gegen Abend –kurz vor Sonnenuntergang- versammeln sich nun aber seit einigen Tagen immer mehr Stare auf den Masten. Da wird es teilweise so eng, dass sie auch die Befestigungsdrähte nutzen – unfreiwillige Rutschbahnen. Für uns aber schön zu beobachten.

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Und wenn auf den beiden Masten überhaupt kein Platz mehr ist, finden die Stare auch reichlich Platz auf dem Ausleger eines Krans, der gerade auf der anderen Seite unseres Immeuble installiert ist und manchmal bis über unser Dach ragt.

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Dort sitzen sie dann auch dicht an dicht und warten darauf, dass „es“ endlich losgeht.

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„Es“- das ist der Flug der Stare, ein Schauspiel, das wir derzeit –fast- allabendlich- von unserer kleinen Terrasse aus beobachten und bewundern können. Manchmal sind es schätzungsweise „nur“ einige Hundert, manchmal riesige Schwärme mit womöglich Tausenden von Exemplaren. Manchmal verdichten sie sich zu schwarzen Wolken, manchmal bilden sie lockere Formationen, die in Wellenbewegungen über den Abendhimmel gleiten,  die sich dann auch wieder plötzlich auflösen und neu formieren.

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Manchmal tauchen sie in die Straßenschluchten und sind dann einige Augenblicke für uns unsichtbar, ab und zu fliegen sie auch direkt über unser Haus, so dass man fast die Luftbewegung zu spüren meint. Ich habe versucht, etwas von dem grandiosen Schauspiel mit meinem kleinen Foto festzuhalten – nicht einfach, aber einen ungefähren Eindruck können die Fotos vielleicht doch vermitteln.

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Bei diesem Schauspiel denke ich oft an die riesigen Fischschwärme, die ich beim Tauchen beobachten konnte: Die kleinen Fische schließen sich oft zu engen Formationen zusammen, um Raubfischen, die es auf sie abgesehen haben, keinen Angriffspunkt zu bieten. Manchmal schießt dann ein Raubfisch in eine solche Formation hinein, um sie zu zersplittern, sodass einzelne in der Panik isolierte Fischchen ihre Beute werden.

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Und damit beginnen auch die Fragen, die sich mir stellen, wenn ich die Stare beobachte: Ist denn  ein solcher Schutzmechanismus auch für sie relevant- jedenfalls in einer Stadt, in der es zwar einige Turmfalken gibt, aber doch nicht so viele Fressfeinde wie für die Schwarmfische am Riff. Und warum versammeln sie sich gerade abends vor Sonnenuntergang und vollführen ihren „Himmelstanz“. Was machen die Stare überhaupt im Winter in Paris? Und wo finden sie in einer so eng bebauten Großstadt genügend Futter und ruhige Schlafplätze?

Ich habe also ein bisschen Star-Recherche im Internet betrieben, um vielleicht einige Antworten auf meine Fragen zu erhalten. Denn was ich bisher über Stare weiß, ist reichlich wenig: Öfters haben wir welche in unserem Garten in Oberursel beobachtet, wie sie auf dem „Rasen“ (er besteht überwiegend aus Moos und sogenannten Unkräutern) herumstolzieren und ab und zu mit ihren spitzen Schnäbeln einen Wurm oder irgend ein anderes Futtertier aufpicken. Deshalb sind, wie ich in einem im Internet zugänglichen Naturlexikon gelesen habe, Stare auch „gern gesehene Gäste, wenn sie Schnecken  oder Raupen  erbeuten. Für diesen Dienst sollte man ihnen dann  auch ein paar Beeren oder Kirschen überlassen.“[1] Wir überlassen ihnen –und den Amseln- sogar einen ganzen  Kirschbaum,  weil wir zur Erntezeit gar nicht im Lande sind oder, selbst wenn wir da sind, an die meisten Kirschen ohne gefährliche Kletteraktionen nicht herankommen.

Natürlich haben wir auch schon oft und gerne ihren Gesang gehört.  Und auf diesem Gebiet sind die Stare ganz besonders talentiert: Otto Kleinschmidt charakterisiert ihren Gesang in seinem Buch über die „Singvögel der Heimat“ (Quelle und Meyer 1955, S. 50) so: „Ein Pfeifen, Schnurren, Schnattern und Schmalzen, untermischt mit Flötenlauten und Pfiffen, oft Nachahmungen, dabei ekstatisch zwischendurch mit den Flügeln schlagend.“ Die Stare  können nicht nur andere Vogelstimmen nachahmen, sondern auch alle möglichen sonstigen Geräusche wie Rasenmäher und –nach Wikipedia- neuerdings sogar das Klingeln von Mobiltelefone. Insofern ist verständlich, dass Kleinschmidt die Stare als „Konzertmusikanten“ rühmt und ihnen damit gewissermaßen einen Rang gleich hinter der „Gesangeskönigin“ Nachtigall verleiht.  Als begeisterter Chorsänger hat mir natürlich besonders gut gefallen, dass Starendamen diejenigen Männchen am attraktivsten finden, deren Gesang die meisten Motive enthält und die beim Singen die größte Ausdauer an den Tag legen…

Offenbar ist es nichts Besonderes, dass es auch im Winter in Paris Stare gibt: Sie sind, wie ich jetzt gelernt habe, teilweise sogenannte Standvögel, teilweise Mittelstreckenzieher bzw. Teilzieher, d.h. Teile der jeweiligen Population bleiben auch im Winter in ihrer vertrauten Umgebung, wenn es dort nicht gar zu kalt wird, manche ziehen in wärmere Gefilde. Und wenn dank Klimaveränderung die Winter milde sind wie derzeit immer häufiger, wird sich die Notwendigkeit für die Vögel verringern, die Reise in den unter Umständen gefährlichen Süden anzutreten bzw. -zufliegen. Anscheinend gelten ja Stare in Italien als Leckerbissen- fein gegrillt auf Polenta serviert.[2] Ganz klar ist mir allerdings nicht, wo die Stare in Paris ihre Nächte verbringen und wovon sie im Winter leben. Sie sind ja keine Allesfresser wie Tauben, Krähen und Elstern. Nach einem schon einige Jahre alten Vogel-Atlas von Paris bevorzugen die Stare als Ruheplätze Parks mit altem Baumbestand, den Parc de Montsouris, den Parc der Bercy, den Jardin des Tuileries und vor allem den Garten/Wald im Carée der Bibliothek Nationale (was mich sehr wundert).[3] Aber diese Orte sind relativ weit von uns entfernt und machen es wenig einsichtig, warum die Stare abends gerade hier ihre Flug-Shows präsentieren. Als Erklärung bietet sich da eigentlich nur der nahe gelegene Père Lachaise an, der ja nicht nur ein weiträumiger Friedhof ist, sondern auch ein Naturpark mit altem Baumbestand. Außerdem haben die Vögel da nachts ihre Ruhe und es müsste auch –was ich aber aus Pietät hier nicht näher erläutern  möchte- jahreszeitunabhängig ein reichliches Nahrungsangebot geben. Dass der Père Lachaise in den Bestandsverzeichnissen, die ich im Internet gefunden habe, nicht als Starenquartier genannt ist, könnte übrigens auch eine Erklärung dafür sein, dass wir die Stare bisher noch nicht wahrgenommen haben. Immerhin leben wir jetzt ein gutes Jahr in der neuen Wohnung „mit Aussicht“ und zumindest in den wärmeren Monaten, in denen wir viel Zeit auf unserer kleinen Terrasse verbringen, wären uns die Stare bestimmt aufgefallen, wenn sie da schon dagewesen wären. Vielleicht haben „Standvogel-Stare“ jetzt auch den Friedhof als Quartier gewählt. Und hoffentlich bleiben sie da  auch noch etwas, damit wir noch etwas länger Freude an dem  Schauspiel des „Starenballetts“ haben, wie die abendlichen Flug-Vorführungen gerne genannt werden.

In Norddeutschland und Dänemark ist dieses Phänomen offenbar ziemlich verbreitet, weil die Stare dort weiträumige Ruheplätze und ein unerschöpfliches Nahrungsangebot haben.  Da sind es  teilweise hunderttausende Stare, die abends sogar die untergehende Sonne verdecken. Dieses einzigartige Naturschauspiel der Sort Sol („Schwarze Sonne“) sollte nach der dänischen Touristenwerbung „jeder wenigstens einmal im Leben erlebt haben“. An der deutsch-dänischen  Grenze, wo sich jedes Jahr bis zu einer Million Stare an ihren Schlafplätzen versammeln, findet schon ein regelrechter „Star-Massentourismus“ statt. „Am Abend kommen zahlreiche Busse mit Schaulustigen, die das Spektakel am Schlafplatz der Stare selber miterleben möchten.“[4]

Ein schönes Video dazu:

http://www.ardmediathek.de/tv/Mittagsmagazin/Starenballett-am-Himmel/Das-Erste/Video?documentId=27013580&bcastId=314636

Bei uns sind es keine hunderttausende Stare, aber dafür haben wir hier in Paris das Naturschauspiel light gewissermaßen frei Haus.

Als Erklärung für das Starenballett werden immer wieder die Raubvögel genannt. Bei Wikipedia zum Beispiel wird angegeben, die Manöver dienten „wohl im Wesentlichen“ dazu „dem angreifenden Greifvogel die Auswahl eines einzelnen Vogels unmöglich zu machen“, also in der Tat eine Analogie zu den Schwarmfischen am Riff.[5]  Dann handelt es sich offenbar um eine angeborene Verhaltensweise, die auch dann und dort noch gilt, wenn Raubvögel eher eine Seltenheit sind. Und auf jeden Fall sind Stare sehr gesellig, gerade was ihre Schlafgewohnheiten angeht. Da sammeln sie sich abends vorm Schlafengehen also schon mal, toben sich nochmals richtig aus, freuen sich ihres Lebens und erfreuen gleichzeitig Zuschauer und Bewunderer wie uns.

Die Freude an den Staren ist aber offenbar nicht ungeteilt. Mehrere Pariser Freunde, denen wir von „unseren“ Staren erzählt haben, sind geradezu erschrocken und haben von der Umweltverschmutzung geredet, die die Stare verursachten. Ihr Vogeldreck würde Autos und Straßen verschmutzen – was mir bisher in Paris aber noch nicht aufgefallen ist. In unserem Viertel jedenfalls sind es eher Hunde und Tauben, die ein unbefangenes Benutzen von Bürgersteigen und Parkbänken unmöglich machen. Diese spontan-negative Beurteilung der Stare hat uns ziemlich überrascht. In den von mir eingesehenen deutschen Internet-Quellen ist der Star eher ein gesanglich hochtalentierter Vogel mit ausgeprägtem Sozialverhalten, ein „Multitalent“, dazu ein Nützling, dem man in seinem  Garten durchaus ein Nistkästchen bauen sollte. In Frankreich erfreut sich der Star aber – auch von ganz offizieller und kompetenter Seite-  offensichtlich nicht einer solchen Wertschätzung: Auf der homepage des altehrwürdigen Jardin des Plantes von Paris wird er so vorgestellt:

BRUYANT, VORACE, VOLANT ET VIVANT EN BANDES NOMBREUSES… IL VAUT DÉCIDÉMENT MIEUX NE PAS AVOIR L’ÉTOURNEAU SANSONNET (STURNUS VULGARIS LINNÉ) POUR VOISIN.

Ihr Kot würde Autokarosserien, die Fassaden von Bauwerken und das städtische Mobiliar beschädigen; der Lärm, den sie (die Kleinschmidt’schen Konzertmusiker) verursachten, könne den Anwohnern schnell auf die Nerven gehen; dazu kämen noch erhebliche Schäden für die Landwirtschaft und sogar  die Luftfahrt: 1996 habe schon einmal ein Starenschwarm in Eindhoven ein Flugzeug zum Absturz gebracht![6]

Ähnlich schlecht kommt der Star (l’etourneau sansonnet) auch im offiziellen Inventaire National du Patrimoine Naturel, also dem Verzeichnis des französischen Naturerbes weg. Die in Frankreich überwinternden Stare seien teilweise Standvögel, teilweise kämen sie zum Überwintern aus den Staaten der ehemaligen UdSSR, vor allem der Ukraine. (Aha!! W.J.) Ihr massenhaftes Auftreten würde zu Boden- und Wasserverschmutzungen führen und den Baumbestand schädigen. Er könne in der Landwirtschaft erhebliche Schäden bei der Aussaat und den Kulturen verursachen. Dazu kämen die Geräuschbelästigungen. Für uns ist das ein etwas erstaunlicher Punkt: Jedenfalls können hier in Paris Menschen ganze Nächte lang bei offenen Fenstern, voll dröhnenden Lautsprechern und wildem Geschrei feiern, ohne dass offenbar Nachbarn sich beschweren, geschweige denn die Polizei gerufen wird.  Bei den Staren  hört aber die sonst übliche Toleranz auf.  Schließlich ist nach dem nationalen französischen  Naturinventar  nicht auszuschließen, dass die Stare auch ein gesundheitliches Risiko für Mensch und Tier bedeuteten. Insofern ist es nur konsequent, dass auf Initiative des Fond National des Calamités Agricoles des Französischen Landwirtschaftsministeriums eine spezielle Arbeitsgruppe zum Thema „Star“ gegründet wurde. Sie habe veranlasst, dass die ländlichen Schlafplätze der Stare Gegenstand von „opérations de destruction“ geworden seien. (Genaueres zu diesen Vernichtungsaktionen wird hier nicht mitgeteilt- laut Wikipedia wurden/werden Gifte und Dynamit verwendet. W.J.) Deshalb seien die Bestände an Staren schon (glücklicherweise! W.J.) deutlich zurückgegangen. Außerdem sei der Star auch auf der Liste der zur Jagd freigegebenen Tiere enthalten.[7]

Da wird also gewissermaßen kein gutes Haar/keine gute Feder am Star gelassen! Inwieweit es sich hier wirklich um eine verallgemeinerbare Unterschiedlichkeit der deutschen und französischen Wahrnehmung handelt, kann ich nicht beurteilen. Immerhin scheint ein Vergleich der deutschen und der französischen Staren-Darstellung bei Wikipedia de und fr das zu bestätigen: In der deutschen Version finden sich insgesamt 9 Zeilen zum Thema „Schäden und Bekämpfung“. In der französischen Version ebenfalls 9 Zeilen zum Thema „Les nuisances provoquées par l’étourneau sansonnet“, also zu den von den Staren verursachten Belästigungen/Schäden. Danach folgt aber noch ein kleiner Abschnitt über die die Bekämpfung des Stars  betreffende Gesetzgebung in verschiedenen Ländern. Schließlich eine ausführliche Darstellung (14 Zeilen) mit einer genauen fünfphasigen „Gebrauchsanweisung“ für die akustische Vertreibung von Staren. Daran  könne sich auch die geplagte Bevölkerung mit casserolles und Musikinstrumenten beteiligen. Und zum typisch französischen Abschluss folgt dann noch ein  Abschnitt über die „Utilisation“ des Stars, zum Beispiel in Form einer „pâté“. Hier wird von einer Jagd mit Schrot abgeraten, sondern die traditionelle Fangart mit Netzen  favorisiert, die in Frankreich noch erlaubt sei.  Das ermögliche „d’en prendre plus d’une centaine à la fois“.[8] So kann man gewissermaßen einen Schädling noch zu einem kulinarischen Nützling verwandeln und die Vogeljagd in den Rang einer in jeder Hinsicht segensreichen Einrichtung erheben. Die Staren-Pastete wird übrigens offenbar im Handel unter dem Namen Pâté de Sansonnets verkauft, die aux myrtes offenbar gerade in Korsika sehr verbreitet ist.

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Und auf der Internetseite von chasse Passion“ werden Rezepte auch für andere Zubereitungen ausgetauscht:  Heureusement qu’il y a la chasse pour se faire plaisir !![9]

Das geringe Verständnis französischer Freunde für unseren Staren-Enthusiasmus erinnerte uns an eine ähnliche Erfahrung vor einigen Jahren. Da hatten wir bei einem Fahrrad-Ausflug entlang des Canal de l’Ourcq im Nordosten von Paris mitten im Kanal ein putziges Tier gesehen, das –wie ein Zeitungsleser auf dem Toten Meer- im träge fließenden Wasser entspannt auf dem Rücken lag und mit seinen kleinen Pfoten irgendein Stück Stängel oder Ast hielt, an dem es nagte. Wir beobachteten es einen Moment, wollten dann gerne ein Foto machen, aber dann tauchte  das Tierchen ab und war verschwunden. Wir wussten nicht, worum es sich handelte; für einen Biber war es etwas zu klein, außerdem passte die Umgebung – der kanalisierte Ourcq- ganz und gar nicht zu einem Biberrevier.

Als wir dann französischen Freunden von unserer Entdeckung erzählten, war schnell klar, dass es sich um einen ragondin gehandelt hatte, einen Nutria, dem wir seitdem öfters begegnet sind: In der Yerres beim Landgut des Malers Caillebotte, in der Yvette im Süden von Paris und in der Marne in der Nähe unseres Badeplatzes.

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Die Reaktionen von Franzosen waren dabei immer ähnlich: Mon dieu! Un ragondin! Die zerstören doch die Uferbefestigungen und richten nur Schäden an!

Ganz anders in Deutschland: Als da vor zwei Jahren ein Nutria an unserem Oberurseler Maasgrundweiher auftauchte, war er schnell zu einer Attraktion geworden und wurde mit Karotten und Apfelstückchen verwöhnt- was ihn aber nicht davon abhielt, dann doch woandershin zu wandern. Vielleicht an die Nidda, einen kleinen Nebenfluss des Mains. Dort gibt es inzwischen kleine Nutria-Kolonien, die sich ebenfalls großer Beliebtheit erfreuen. Zu den diesjährigen Weihnachtsgeschenke für unsere erwachsenen Kinder gehörte auch ein Besuch bei den Nidda-Nutrias, die sich glücklicherweise dann auch in beträchtlicher Anzahl zeigten und bewundern und füttern ließen.

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Von einer deutschen  Freundin, die einen  Schüleraustausch mit Niort organisiert, wurde ich übrigens darauf aufmerksam gemacht,  dass die Nutrias im nahe gelegenen Marais poitevin nicht nur gejagt, sondern  -wie die Stare- auch zu Pastete verarbeitet werden. Und kürzlich fanden  wir dann auch auf der Ile d’Oléron ein großes Schild, das ausdrücklich für diese „Delikatesse“ warb. Auf einen  Versuch habe ich es allerdings nicht ankommen lassen….

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Die unterschiedlichen französischen und deutschen Reaktionen auf Star und Nutria könnten auch damit zusammenhängen, welche Rolle die Natur in der deutschen und französischen Kultur und Wahrnehmung spielt: In Frankreich eine eher rationalere, von Kosten und Nutzen geprägte Sicht, in Deutschland eine eher emotionale, besonders ausgeprägt und historisch gewachsen am Mythos vom „deutschen Wald“ abzulesen- geistesgeschichtlich übrigens ein Gegenbild zur französischen Urbanität….

Seit einigen Tagen machen sich die Stare übrigens rar. Als wir kürzlich Besuch aus Deutschland erwarteten und den Freunden schon stolz das „Starenbalett“ angekündigt hatten, war nur eine kleine Gruppe kurz zu sehen, dann waren sie sogar tagelang ganz verschwunden. Heute segelten (wenigstens) mehrere laut kreischende Möven über das Haus und ein paar Stare ließen sich gegen Abend auf dem Antennenmast gegenüber nieder, aber für eine Flugvorführung waren das zu wenige. Wie schade! Wir vermissen sie richtig. Aber vielleicht gehört es ja gerade zu dem Reiz eines solchen Naturschauspiels, dass es nicht alltäglich und nicht berechenbar ist….

Au revoir!!!

 

Und zum Schluss noch eine kleine Aufgabe zum Raten/Schätzen: Ungefähr wie viele Stare sieht man auf dem nachfolgenden Bild – das nur den kleinen Teil eines großen Starenschwarms- abbildet?

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Anmerkungen:

[1] http://www.natur-lexikon.com/Texte/thk/001/00004/THK00004.html

[2] http://www.n-tv.de/archiv/Jagdsaison-in-Italien-article82816.html

http://diepresse.com/home/panorama/welt/406486/Jagd-auf-Singvogel_Zart-gegrillt-und-auf-Polenta?_vl_backlink=/home/panorama/welt/index.do

[3]  Oiseaux nicheurs de Paris : un atlas urbain : Auteur Collectif, Editeur : Delachaux et Niestlé,  Paru en 04/2010.   ca 750

http://www.lesoiseauxdeparis.com/etourneau-sansonnet-starling-paris.php

[4] http://www.visitdenmark.de/de/daenemark/suedjuetland/naturwunder-schwarze-sonne-erleben

http://www.kommandoergaarden.dk/de/erlebnisse-auf-romobr/und-umgebung/romo/zugvoegel

http://www.brodowski-fotografie.de/beobachtungen/star.html

[5]  https://de.wikipedia.org/wiki/Star_(Art)

s.a. http://www.vogelwarte.ch/de/voegel/voegel-der-schweiz/star.html

[6] http://www.jardindesplantes.net/fr/jardin/hotes-jardin/oiseaux/etourneau-sansonnet:

[7] https://inpn.mnhn.fr/espece/cd_nom/4516/tab/fiche

[8] https://fr.wikipedia.org/wiki/%C3%89tourneau_sansonnet

[9]  http://www.paniercorse.com/produit/pate-de-sansonnet-au-myrte-402

http://www.chassepassion.net/le-forum/26/5568

Verdun 1916 – 2016: die neue Gedenkstätte/le nouveau mémorial

Im Februar dieses Jahres wurde – zum 100. Jahrestag der Schlacht von Verdun das neu gestaltete  Museum eröffnet. Die offizielle Eröffnung findet am 29. Mai In Anwesenheit von Präsident Hollande und Bundeskanzlerin Merkel statt. Wir haben  es uns angesehen. Es gibt Bilder und  Eindrücke von unserem Besuch und dazu  einen Beitrag über das neue Mémorial aus dem Deutschland-Radio.

Aus Anlass des 100. Jahrestages der Schlacht von Verdun veröffentlichte die Zeitung  Libération  einen Leitartikel ihres Chefredakteurs Laurent Joffrin:  „Verdun, le crime nationaliste“ – „Verdun, das  nationalistische Verbrechen“. Ich finde diesen Text ganz hervorragend, unter anderem,  weil er die einzig richtigen Konsequenzen aus dem damaligen Gemetzel zieht: nämlich die unbedingte Notwendigkeit eines vereinigten Europas. Leider muss und kann man diese  Wahrheit ja derzeit gar nicht oft und intensiv genug verbreiten

Ich habe schließlich noch ein  kleines Referat angefügt, das ich im Mai 2014 auf einer Veranstaltung in Paris gehalten  habe, auf der es um die unterschiedlichen Wahrnehmungen des Ersten  Weltkriegs in Deutschland und Frankreich ging.

Die regards croisés sur la première guerre mondiale, aber nicht nur über ihn, sind ein Thema, das mir sehr wichtig ist und das auch 100 Jahre nach Verdun wieder besondere Aktualität hat. Ein sehr gutes Beispiel dafür sind die gleichzeitig in Deutschland und Frankreich publizierten Bücher eines bewährten deutsch-französischen Autorentandems zum 100. Jahrestag von Verdun:

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Die Texte dieses Beitrags sind zum Teil in deutscher, zum Teil in französischer Sprache geschrieben. Das passt meines Erachtens gut zu einem solchen lieu de mémoire franco-allemande.

(21. Mai 2016)

 

1.Das neue Mémorial von Verdun                                                                                                     Am 29. Mai 2016 wird anlässlich des 100. Jahrestags der Schlacht von Verdun das neu gestaltete Mémorial von Staatspräsident Hollande und Bundeskanzlerin Merkel  offiziell eröffnet. Die Schlacht von Verdun war keinen Falls die blutigste des Ersten  Weltkrieges- An der Somme im Norden Frankreichs starben allein auf alliierter Seite 620 000 Soldaten (vor allem Briten) – in Verdun starben weniger Menschen: etwa 160 000 Franzosen und 143 000 Deutsche, und sie starben –auch nach Maßstäben des militärischen Kalküls- einen sinnlosen Tod: Der Frontverlauf vor und nach der Schlacht war fast unverändert.  Aber Verdun ist für die Franzosen ein Mythos: des heldenhaften Soldaten, des poilu,  der sein Vaterland verteidigt, und seien die Opfer auch noch so groß. Und nirgends sonst war der Schrecken der Materialschlachten, der „Stahlgewitter“, so ungeheuerlich wie in Verdun: Das kleine Bauerndorf Fleury im Festungsgürtel von Verdun wurde mit Bomben einer Sprengkraft beschossen, die der von zehn Atombomben entsprechen. Und es wurde 16 Mal –von der einen oder anderen Seite- hin und her- erobert![1]

Verdun ist aber auch ein markanter Ort der deutsch-französischen Freundschaft, der Versöhnung der sogenannten „Erbfeinde“. In Verdun reichten sich 1984 François Mitterand und Helmut Kohl die Hand – eine wunderbare symbolische Geste, ähnlich der des Kniefalls von Willy Brandt in Warschau. Und kein Ort wäre dazu besser geeignet gewesen als Verdun: In dem Ossuaire von Douaumont liegen die Gebeine von 130 000 französischen und deutschen Soldaten. Eine Trennung der Nationalitäten wie auf den Soldatenfriedhöfen der Normandie aus dem zweiten Weltkrieg war hier vielfach nicht mehr möglich. Auch wenn das eindrucksvolle Beinhaus von Douaumont dem Andenken und der Erhöhung der französischen Gefallenen gewidmet war: Der Blick durch die verstaubten Fensterchen ins Innere, in das Gewirr der zusammengeworfenen Knochen, zeigt: Im Tod sind die poilus und die Feldgrauen gleich und vereint.

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Blick auf das Beinhaus von Douaumont von der Dachterrasse des Mémorial

Die neue Konzeption des Mémorial macht das deutlich. Es ist nicht mehr –wie bisher- ein patriotischer“ lieu franco-français“, sondern er versteht sich als „lieu de mémoire franco-allemand“ (Lorrain). Dass Merkel und Hollande gemeinsam dieses neue Mémorial eröffnen, ist also nur konsequent. Ebenso, dass an dieser Einweihungsfeier auch 4000 deutsche und französische Jugendliche aus allen Départements und Bundesländern teilnehmen werden. Und es wird auch Daniel Barenboim mit dem West-Eastern Divan Orchestra  dabei sein, in dem junge Musiker aus der nahöstlichen Konfliktregion gemeinsam musizieren. Ein starkes Symbol – und Ausdruck der Hoffnung, dass so, wie die Versöhnung der „Erbfeinde“ Frankreich und Deutschland möglich war, in Zukunft auch einmal Israel und Palästina, Juden und Moslems, friedlich neben- und miteinander werden leben können- auch wenn das derzeit kaum noch vorstellbar ist.   

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Der neue Eingang des Mémorial- neben dem Geschütz im Kellergeschoss

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Der frühere monumentale Eingang des Mémorial

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Gedenken in neuem Kleid: Wiedereröffnung des Mémorial von Verdun

Von Jürgen König, Deutschlandradio-Korrespondent Paris[2]

Am 21. Februar 1916 begann die Schlacht um Verdun, die zum Symbol des Massentötens im ersten Weltkrieg wurde. 1969 wurde die Gedenkstätte, das „mémorial“, auf Initiative der Veteranen gegründet. Nun ist das Museum restauriert, erweitert und umgebaut worden.

In modernem Gewand kommt das neue „Mémorial de Verdun“ daher – sein monumentaler, auf Wunsch der Veteranen 1967 errichteter  Vorgängerbau  war vor allem Gedenkstätte gewesen – nicht zum Andenken an „die Gefallenen“, sondern zum Andenken an die gefallenen Franzosen, von einer „nationalen Weihestätte“ zu sprechen, ist nicht übertrieben. Thierry Hubscher, der Direktor des „Mémorial de Verdun“:

„In Verdun haben ungefähr drei Viertel der französischen Truppen gekämpft… Diese Schlacht hat sich bei allen Familien eingeschrieben, jeder hat irgendwie in Verdun gekämpft. Und: Verdun war im 1. Weltkrieg die erste… industrielle Schlacht.“

Materialschlacht, Stellungskrieg, von exzessiver Gewalt, unglaublicher Brutalität und dabei militärisch, schaut man auf das Ergebnis: sinnlos. 310.000 Tote  – schätzt man –  167.000 auf der französischen, 143.000 auf der deutschen Seite, etwa 400.000 Verwundete, insgesamt wurden fast vier Millionen Soldaten in die Schlacht geschickt.

Vieles erhalten, Entscheidendes verändert

 Verdun – ein mythischer Ort für Frankreich – umso mutiger die Entscheidung, den alten Bau zugunsten eines neuen fast völlig verschwinden zu lassen. Im Inneren blieben nur die Betonkonstruktion und der Haupteingang stehen, letzteren ließ das Architektenbüro Brochet-Lajus-Pueyo in einem Erdwall verschwinden: man betritt das Mémorial von unten, wie durch einen Schützengraben, darüber, den Umriss des Vorgängerbaus aufgreifend, ein gläserner Neubau. Man habe, so Thierry Hubscher, den Geist des Mémorial von 1967  unbedingt erhalten wollen – wenn auch etwas Entscheidendes sich geändert habe:

„Das Mémorial war und bleibt ein Ort, dafür bestimmt, der Kämpfer von Verdun zu gedenken. Aber wir sprechen heute von den Kriegsteilnehmern, den Kämpfern von Verdun, es ist egal, welcher Nationalität sie waren. Das ist der rote Faden: „die“ Kämpfenden von Verdun. Und insofern ist das Mémorial von heute auch ein Instrument, um die Schlacht von Verdun darzustellen. Es gibt keine Zeitzeugen mehr, Verdun ist Geschichte geworden  – und also ist es wichtig, der jungen Generation die Schlacht von Verdun zu erklären und zwar mit Mitteln, die sie auch verstehen.“

Die Ausstellungsräume der Szenographen Christian Le Conte und Geneviève Noirot sind schwarz gehalten:

„Man muss die Einzelheiten herausstellen, um ein Nachdenken zu ermöglichen, ein gutes, ruhiges Lesen; man muss mit den Objekte Gruppen bilden, da ist alles französisch, hier ist alles deutsch – um so einen Blick zu ermöglichen auf die eine, wie auf die andere Seite – und so eben auch: einen Parcours durch das Ganze zu schaffen.“

Man folgt den Schritten der Kämpfenden – Granatsplitter, Menschenknochen,  Briefe, Tagebücher, Zeichnungen, Alltagsgegenstände. Erst Uniformen und Gewehre, dann Geschütze, deutsche wie französische, ebenso: Maschinengewehre, Flugzeuge, Panzer – die Schlacht wird „industrieller“:  im Zentrum des Gebäudes: eine von Schaukästen eingefasste 3D-Karte des Schlachtfeldes, Fotos kämpfender  Soldaten mosaikartig auf Bildschirmen, Filme. Im ersten Stock wird das Hinterland der Schlacht erfahrbar gemacht. Fotos, Dokumente, Schautafeln: Der Alltag des Führungsstabes, Grundzüge der Gefechtsführung, die Arbeit der Ärzte in den Lazaretten, das Leben der Zivilisten, die schwierige Kommunikation, die mühsame Nachschubbeschaffung. Leihgaben kommen auch aus deutschen Museen; wahrlich beeindruckend dieses Mémorial de Verdun: eine deutsch-französische Erinnerungsstätte. Im zweiten Stock dann steht man ganz oben und sieht rundherum: das Schlachtfeld – einhundert Jahre danach, hügelig, bewaldet, unendlich groß.

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Nicht nur im Tod sind die poilus und die Feldgrauen gleich:  Auch „im Feld“. Das wird in der Ausstellung vielfach veranschaulicht. Etwa am Beispiel der Verpflegung durch die  Feldküchen, von denen eine französische und eine deutsche (im Bild) ausgestellt sind.

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Und dazu gibt es einen typischen Wochenspeiseplan für beide Seiten:

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Montags:

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Mittwochs:

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Freitags:

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In dem Mémorial wird auch versucht, akustisch und visuell die Schrecken des Krieges erfahrbar zu machen. Man sieht auf dem virtuellen Schlachtfeld Soldaten beim Sturmangriff, man hört die Explosionen der Granaten und die Schreie der Verwundeten.

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Ich weiß allerdings nicht, ob das heutige Jugendliche mit virtuellen Kriegsspiel-Erfahrungen noch beeindrucken kann. Vielleicht hätte man ihnen –und uns- Bilder der verstümmelten Gesichter von Soldaten nicht ersparen  sollen, die die Hölle von Verdun als Krüppel  überlebt haben. Damit haben Pazifisten in der Weimarer Republik ja schon einmal versucht, ihrem Ruf „Nie wieder Krieg!“ mehr Resonanz zu verleihen– damals allerdings vergeblich.[3]

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Sehr eindrucksvoll sind allerdings die ausliegenden Blätter mit Zeugnissen französischer und deutscher Soldaten: Ausschnitte aus Briefen, Tagebüchern und Erinnerungen, die in Französisch, Deutsch und Englisch wiedergegeben sind.

Einige Beispiele:

Lieutenant J.-P. (France 1916): „Le bombardement dans les journées du 25 et du 26 février, a atteint une violence qui a dépasée peut-1etre celle des plus mauvais jours. Le front d’attaque s’était, en effet, rétréci; toute la force de l’artillerie ennemie pouvais se porter sur l’obstacle restreint dont elle voulait triompher: le fort de  Douaumont d’abord, puis le village de Douaumont. Les obus tombent, tombent, les tranchées s’effondrent, les cadavres s’entassent, le tumulte des éclatements martèle les cerveaux, le sol bout, le ciel se disloque. Qui pourra jamais fixer sur la plaque photographique le tourbillon des pensées, des craintes, des espoirs fous, des terreurs, des regrets, des projets, des détresses dans le cerveau du dondamné coduit à l’échafaud? Ce martyre de quelques minutes, multipliez-le par des heures, multipliez-le  par des jours, et vous aurez une idée de ce que fut la vie  des défenseurs de Douaumont sous cette artillerie saisie de delirium tremens.“

 

8. April 1916 (Unbekannter Oberleutnant aus Deutschland. Getötet am nächsten Tag):„Meine liebe Schwester, mein lieber Schwager, ich bin bei guter Gesundheit, auch wenn ich vor Müdigkeit und Schrecken halb tot bin. Ich kann Euch nicht alles beschreiben, was ich hier erlebt habe, es überstieg bei weitem alles, was bisher passiert war. In drei Tagen hat die Kompanie mehr als hundert Mann verloren. Und viele Male habe ich nicht gewusst, ob ich noch am Leben oder bereits tot bin. Und wir sind noch nicht beim Feind angekommen, doch wir gehen morgen hin, und dies ist keine einfache Sache. Ich habe jede Hoffnung aufgegeben, Euch wiederzusehen…. Ich habe Euer Paket erhalte, wie ich Euch bereits per Postkarte geschrieben habe, und ich habe den Inhalt sofort verzehrt, denn ich wusste nicht, ob ich es später noch tun könnte. Ich habe meinen Sold nach Hause geschickt, denn hier findet man nichts mehr zu kaufen.“

 

Karl Fritz 16. August 1916: Liebe Eltern, liebe Schwester, am 2. haben wir in Saint-Laurent das Alarmsignal gehört. Man hat uns mir Fahrzeugen abgeholt und uns zu einem Ort gebracht, der nur einige Kilometer von der Front von Verdun entfernt war. Ihr könnte Euch nicht vorstellen, was wir dort gesehen  haben. Wir befanden uns am  Ortsausgang von Fleury…. Wir haben 3 Tage in Granattrichtern liegend verbracht, dem Tod ins Auge gesehen, ihn in jedem Augenblick erwartet. Und dies ohne einen einzigen  Tropfen Wasser zum Trinken und in einem furchtbaren  Leichengestank Eine Granate bedeckt die Leichen mit Erde, eine andere gräbt sie wieder aus. Wenn man sich einen Unterstand graben will, stößt man sofort auf die Toten. …

 

Henri Tourbier (France) Extraits de ses souvenirs. Novembre 1916: „La boue, ah! Cette boue liquide! Dans les boyaux, on en avait parfoir jusqu’aux mollets. Pour s’en protéger, si l’on peut dire, on avait des espèces de bottes, en toile bitumée et semelles de bois qu’on mettait en plus des souliers. Un matin, au sortir du boyau dans lequel on évitait de glisser en jouant des coudes sur les parois, sur le plat sans appui, je mes suis étalé à plat ventre et transformé en homme de boue.

J’allais oublier les rats. Gros comme des lapins, ils couraient entre les lignes. Lors d’un cantonnement, dans un baraquement, nous couchions sur des treillages en fil de fer qui nous séparaient du sol. Les rats pullulaient. Ils vous passaient sur le corps la nuit, on se cachait la figure sous sa couverture pour s’en  protéger. On suspendait les boules de pain par des ficelles attachées aux poutres supérieures. Les rats essayaient d’atteindre les pains en desendant le long des ficelles, mais presque  toujours, ils tombaient sur le  ventre des dormeurs et s’enfuyaient…

(PS: Weitere sehr eindrucksvolle kurze Erfahrungsberichte von deutschen und französischen Verdun-Kämpfern: http://www.sueddeutsche.de/politik/jahre-schlacht-um-verdun-erster-weltkrieg-so-furchtbar-kann-nicht-einmal-die-hoelle-sein-1.2839558-7)

 Welche Diskrepanz zu der auf beiden Seiten weit verbreiteten anfänglichen Kriegsbegeisterung, wie sie von Bildern ausrückender Truppen veranschaulicht wird:

waggon Mir juckt die  säbelspitze

2939890435_1_19 A Berlin

Aber die Hoffnung auf einen kurzen erfolgreichen Krieg hat sich nicht nur im Ersten Weltkrieg als Illusion erwiesen. Beispiele dafür liefert die Geschichte in Fülle – bis auf unsere heutige Zeit….

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  1. Leitartikel von Libération vom 21.2.2016

Laurent Joffrin:  Verdun, le crime nationaliste

Témoigner aux combattants de Verdun le respect qui leur est dû, c’est rappeler les dangers du souverainisme et la nécessité de continuer à construire une Europe unie.

ÉDITO  Verdun ? Le symbole même de l’absurdité de la guerre ! Trois cents jours de bataille, quelque 300 000 morts, des souffrances sans nom et une débauche d’héroïsme pour revenir, un an plus tard, aux mêmes positions, dans une boue de terre, de sang et d’ossements. En Allemagne et en France, on célèbre le centenaire d’un carnage aberrant, né de la sanglante folie des hommes, décuplée par la puissance meurtrière de l’industrie. Pourtant, cette lecture édifiante ne suffit pas. A beaucoup d’égards, elle est même trompeuse et peut endormir une vigilance politique dont nous avons plus que jamais besoin.

D’abord parce que l’invocation de la simple folie n’épuise en rien les explications du massacre. Les soldats qui sont morts à Verdun n’étaient pas des fous, pas plus que les généraux qui les ont conduits à l’abattoir dans le fracas des canons et le crépitement des mitrailleuses. Les historiens ont longuement analysé la motivation des combattants. Ils ont écarté les interprétations bien-pensantes, de droite ou de gauche. Les poilus de Verdun, pas plus que les «Feldgrau» allemands, ne sont pas allés se faire tuer dans l’enthousiasme patriotique qu’on a décrit. Mais leur courage sous le feu n’est pas seulement né de la contrainte imposée par des ganaches ivres de gloire et de revanche. Le sacrifice a été largement consenti, comme un devoir civique qu’on estimait légitime et inévitable, sans joie mais sans colère. Ni fanatiques ni simples marionnettes… Les «mutins» eux-mêmes, justement réhabilités par Lionel Jospin, Jacques Chirac et François Hollande, n’étaient ni des lâches, ni des déserteurs, ni des objecteurs de conscience. Ils refusaient de monter à l’assaut pour rien. Mais ils ne fuyaient pas le champ de bataille.

Et surtout, tous ces soldats sacrifiés pensaient se battre pour un idéal. Les Français se croyaient engagés dans une «guerre du droit» que les exactions allemandes du début de la guerre semblaient justifier ; les Allemands étaient mus par la peur de l’encerclement que l’alliance franco-russe avait matérialisée. Des deux côtés, la cause semblait juste. Pour ces raisons, les combattants de Verdun méritent le respect dû au sacrifice, et non la commisération désinvolte accordée aux victimes ou aux simples d’esprit.

Un seul remède à cette maladie mortelle : la construction d’une Europe unie

L’affaire, en fait, est bien plus politique. Verdun, comme la Somme ou le Chemin des Dames, n’est pas né de la folie mais de l’idéologie. Verdun, c’est le paroxysme infernal du nationalisme. La montée en puissance des Etats-nations, qu’aucune sagesse internationale n’a réussi à dompter au XIXsiècle, a créé le nationalisme, le militarisme, la volonté de conquérir, la domination de la raison d’Etat sur les droits universels, la paranoïa des gouvernants qui pensent que l’ennemi veut les détruire à la première occasion, parce qu’ils remuent envers lui des pensées analogues. La peur de Poincaré et des généraux russes face à la puissance allemande a pour pendant la panique de Guillaume II ou des généraux autrichiens devant l’impérialisme russe ou l’esprit de revanche des Français. Ces logiques sont irrésistibles, comme le montre le formidable livre de Christopher Clark (1). Volontaires ou non, conscients ou irresponsables, les leaders européens ont conduit comme des somnambules le continent à l’abîme, ruinant des nations entières, tuant des millions d’hommes et de femmes, brutalisant les sociétés modernes, annonçant d’autres carnages de masse, faisant naître dans la convulsion les deux totalitarismes, nazi et stalinien, qui ont ensanglanté le XXe siècle.

Or, on n’a trouvé qu’un seul remède à cette maladie mortelle : la construction d’une Europe unie, qui écarte pour des générations le spectre de la guerre. Cette Europe même qui se défait aujourd’hui sous la poussée des souverainistes, impuissante devant la crise migratoire, incapable de rassurer les peuples et de contenir l’effrayante renaissance des fanatismes identitaires. On dira que nous sommes loin d’un conflit armé, que les populismes européens ne sont pas militarisés, qu’aucune volonté de conquête n’anime les sociétés européennes. On dira en un mot que nul ne songe à se battre. C’est faire preuve d’un aveuglement stupide. L’Histoire, dont la cruauté éclate à Verdun comme dans tant de lieux, montre qu’une fois le diable nationaliste sorti de sa boîte, il n’y rentre pas sans de grands massacres. On croit la paix établie, on vit dans l’oubli de la guerre. Pourtant, sous nos yeux, à quelques centaines de kilomètres de Paris, le nationalisme soudain ressuscité par la chute du communisme a ravagé les Balkans il y a vingt ans et il a déclenché une guerre en Ukraine qui est toujours en cours. La guerre impossible ? Dangereuse naïveté à l’échelle de l’Histoire ! C’est donc une irresponsabilité insigne que de laisser dépérir l’idéal européen sous prétexte de difficultés transitoires à l’échelle du temps long, comme les migrations ou la crise de l’euro. Le souverainisme est criminel. Il faut le rappeler inlassablement : l’union du continent est notre seule parade contre la violence constitutive des sociétés et des nations. C’est la seule manière de témoigner aux combattants de Verdun le respect qui leur est dû.

  • Christopher Clark, «Les Somnambules, comment l’Europe a marché vers la guerre», Flammarion

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  1. Der Erste Weltkrieg im kollektiven Gedächtnis in Deutschland und in Frankreich

Contribution de Wolf Jöckel  à la réunion de la GIAA du 24.5.14

La première guerre mondiale ne joue pas –contrairement à la France- un grand rôle dans notre mémoire. Pour moi c’est frappant et touchant, de voir avec quelle intensité on se souvient de cette guerre-là en France. Il n’y a  rien de comparable en Allemagne.

L’historien Nicolas Offenstedt, un des spécialistes   français de la première guerre mondiale, a établi une typologie des différentes formes de mémoire de la première guerre mondiale.  D’après lui il s’agit en France d’une  mémoire sociale, c’est à dire une mémoire bien ancrée dans la société. En Allemagne par contre c’est une mémoire occultée.

La différence est déjà visible dans la terminologie. En France on parle de la Grande Guerre, en Allemagne on utilise uniquement l’expression  la première guerre mondiale.

Cette  différence  devient évidente si l’on compare les lieux de mémoire: En France les monuments aux morts sont  implantés au milieu de toutes les villes et tous les villages, en Allemagne ils se trouvent  plutôt installés dans les cimetières ou dans les églises, en tout cas ils sont moins visibles. (Lors de ma visite récente dans la ville allemande, où j’habite/j’ai habité 30 ans -Oberursel, près de Francfort-, j’ai découvert qu’il y a aussi un monument pour les morts de la première guerre mondiale : Une grande colonne avec un Jésus grandeur nature près de l’église protestante- donc pas un lieu très centrale,  parce que la ville était jusqu’à la deuxième guerre mondiale une ville presque exclusivement catholique. Jusqu’à maintenant je n’ai pas remarqué la destination de cette colonne ni l’inscription : Pour honorer la mémoire des morts, pour que les vivants se souviennent et que la jeunesse comprenne/apprenne.  1914- 1918. (Den Toten zur Ehre, den Lebenden zur Mahnung, der Jugend zur Lehre.)

Il y a plusieurs explications pour cette différence:

  • L’Allemagne a perdu la guerre- donc aucune vénération de l’héroîsme victorieux des combattants était
  • La guerre ne se déroulait pas sur le sol allemand – à quelques exceptions- contrairement en France où la guerre s’est creusée dans le paysage et où elle a laissée d’ innombrables lieux de mémoire– comme à Verdun, dans la Marne ou dans la Somme.
  • Mais surtout et c’est décisif : pour nous, Allemands, la seconde guerre mondiale  c’est la grande guerre –même si on n’emploie pas cette expression. Parce qu’elle a eu des conséquences atroces et énormes: les provinces à l’est de l’ Oder furent  annexées par la Pologne et l’Union soviétique (la Silésie, la Poméranie, la Prusse orientale, dont la population fut expulsée), il y a eu un nettoyage ethnique en Europe centrale et en Europe de l’Est –au total plus de 12 millions d’Allemands ont dû fuir ou furent expulsés; toutes les grandes villes allemandes furent détruites par les bombardements, le pays fut occupé et divisé, des familles déchirées, l’Allemagne était devenue  le théâtre d’une éventuelle troisième guerre mondiale et les Allemands ont dû vivre avec la culpabilité pour cette guerre terrible et pour l’extermination des juifs.

 

Mais qu’est-ce qui reste quand même de la première guerre mondiale dans la mémoire collective allemande, qu’est-ce qui est encore présent de cette guerre dans le débat public allemand?

A mon avis ce sont trois aspects:

  1. La réserve de l’Allemagne quant aux engagements militaires
  2. Le traumatisme de l’inflation
  3. La question de savoir où sont les responsabilités  pour le déclenchement de cette guerre

Ad 1:  L’anti-interventionnisme militaire allemand  est certainement surtout un produit de la seconde guerre mondiale. Mais la première guerre mondiale a aussi   contribué à cette réticence allemande. Les deux guerres sont souvent mises en relation  sous le titre d’une autre  guerre de trente ans,  à l’origine de laquelle il y aurait  l’impérialisme allemand et le  militarisme prussien. Le changement radical de cette tradition allemande était un but primordial des alliés et on peut dire qu‘il fut internalisé par les Allemands et surtout par les jeunes Allemands d’après-guerre grâce à une éducation antifasciste et démocratique.

Donc  il est bien compréhensible que l’Allemagne soit  très réservée au sujet des actions militaires par ex. en Irak, en  Libye,  au Mali ou en Centrafrique.  Contrairement à la France où le  président  Sarkozy s’enorgueillit d’envoyer  des avions Mirage à la Libye et où le président  Hollande parle d’une „belle mission” en Centrafrique. Un discours pareil serait totalement impossible en Allemagne. Pour nous la mission de la Bundeswehr était longtemps limitée à la stricte défense  des frontières allemandes où de l’OTAN.  Pour justifier le premier  engagement extérieur de la Bundeswehr,  dans les Balkans,  le ministre des affaires étrangères de cette époque, Joschka Fischer, a parlé de la nécessité d’empêcher un nouvel  Auschwitz! Donc  un „plus jamais ça“  allemand –celui de plus jamais Auschwitz- était appliqué pour contourner  le principe de la stricte réticence militaire allemande.  (En France la situation est bien différente  à cause de la tradition coloniale de la « grande nation », de la conception française de l’intervention humanitaire et, bien-sûr, du traumatisme de « Munich »)

Ad 2:  Deuxième aspect: Le traumatisme allemand de l’inflation: L’inflation a déjà commencée pendant la guerre, mais elle était surtout une conséquence; conséquence du financement de la guerre (le slogan allemand : J’ai donné de l’or pour le fer) les réparations énormes dictées par les vainqueurs et l’occupation de la Ruhr par les troupes françaises 1923.  Mon grand -père n’a jamais parlé de la première guerre mondiale. Mais il a souvent parlé de l’inflation de 1923, et cela m’a beaucoup impressionné: Au début de l’année,  il  touchait son salaire chaque mois comme d’habitude. En novembre il était payé chaque jour et c’étaient tellement de billets  que mon grand-père  devait prendre un caddie pour les transporter.  Et, après avoir reçu l’argent,  il s’est précipité dans le magasin le plus proche, pour acheter hâtivement quelque chose, avant que l’argent reçu n’ ait déjà perdu sa valeur.  Quand j’étais enfant  je collectionnais des timbres et je pouvais très bien voir combien le coût d’une lettre a évolué: Au début de l’année c’était un Reichsmark, puis cent, puis mille, puis dix mille, et en novembre enfin un milliard!  Il faut s’imaginer ça!

La conséquence de ce processus était l’expropriation et la paupérisation des couches moyennes surtout, qui ont perdu toutes leurs économies, ce qui a favorisé l’essor de Hitler. Et cette inflation joue un rôle majeur dans la mémoire allemande.  Parmi les angoisses des Allemands  – d’après des sondages d’opinions actuels-  la première place est tenue par la peur de l’inflation, après c’est la peur de l’endettement de l’Etat même si  le budget de l’Etat allemand est équilibré et  si l’endettement de l’Etat  diminue. Et c’est encore plus étonnant  parce qu’on parle actuellement en Europe beaucoup d’un danger de déflation. Mais les Allemands ont depuis 1923 peur d’une nouvelle inflation… tellement cet événement et ses conséquences sont ancrées dans la mémoire.  (En France  par contre- la peur primordiale est la peur de chômage et au deuxième rang  la peur d’une dégradation de la situation économique). La traumatique peur allemande de l’inflation explique aussi  le statut spécifique de la BCE: La France  avait demandé l’introduction de l’Euro en échange de son consentement à la réunification. Pour l’Allemagne une condition sine qua non pour renoncer au Deutsche Mark  était que la BCE soit construite d’après le modèle de la Bundesbank – et au lieu de la Bundesbank, à Francfort-  avec la tache primordiale de garantir la stabilité des prix. (Et par conséquence  le financement des états membres était exclue – parce que potentiellement source d’inflation).

Ad 3: Troisième aspect: La question de la responsabilité pour la première guerre mondiale. S’ il y a quelque chose, qui joue un rôle dans cette année de commémoration en Allemagne, c’est cette question. Elle était déjà posée pendant la guerre elle-même et surtout après la guerre, à cause de l’article 231 du Traité de Versailles, qui a attribué à l’Allemagne et l’Autriche la seule culpabilité pour cette guerre.  Les Allemands ont dans leur grande majorité vécu cette article comme une des injustices du „diktat de Versailles“. Pour la plupart des Allemands,  cette guerre était une guerre défensive, d’où  l’approbation des crédits de guerre par la majorité des socialistes dans le Reichstag. Et l’historiographie allemande a vu dans les années vingt son devoir –plutôt politique- de prouver, que l’Allemagne n’était pas le seul responsable de la guerre. Mais c’était similaire dans d’autres pays, que l’historiographie était au service de la politique. On sait par ex., qu’ en France même des documents furent retouchés pour soutenir le rôle strictement défensif du pays  et que le grand historien français de la Grande Guerre dans les années vingt, Pierre Renouvin,  a reçu des moyens du gouvernement français pour prouver la justesse de l’article 231.

Au début des années 60,  il y eut en Allemagne une polémique très vive sur les thèses du professeur Fritz Fischer, qui a voulu prouver la seule responsabilité de l’Allemagne pour la première guerre mondiale. D’après lui l’Allemagne a déclenché la guerre pour devenir une puissance mondiale comme la Grande Bretagne ou même en la dépassant.  Cette thèse était pour nous jeunes étudiants très appropriée pour nos discussions avec la génération de nos pères. Mais Fischer s’était  totalement concentré sur l’Allemagne et s’est appuyé seulement sur des documents allemands. Aujourd’hui on sait, qu’aussi l’Autriche-Hongrie,  la Russie, la Serbie, même la Grande Bretagne  et bien-sûr la France ont joué un rôle important dans le déclenchement de la première guerre mondiale. Maintenant il y a des monographies sur ces sujets. Et il y a „Les Somnambules“, le grand exposé de l’historien australien Clark sur les responsabilités partagées. Le livre de Clark, publié l’année dernière, était et reste un succès énorme en Allemagne.

L’intérêt actuel pour les origines de la Grande Guerre en Allemagne n’est pas seulement une conséquence du centenaire de 1914. Et non plus seulement de la volonté, de libérer l’Allemagne d’un complexe de culpabilité pour toutes les catastrophes du siècle dernier. Mais ce succès a ses origins aussi dans  la crise ukrainienne, où on parle déjà d’une troisième guerre mondiale. On sait que John F. Kennedy a lu pendant la crise des missiles à Cuba le livre de Barbara Tuchman “August 1914”. Et maintenant en lisant le livre de Christopher Clark on peut se demander s’ il n’y pas parmi les acteurs de la crise pas mal de somnambules, qui n’ont pas assez de conscience de ce qu’ils font.  Et je crois, que le très fort engagement allemand d’encourager une solution pacifique de cette crise, vient aussi de la volonté de n’être pas en 2014 un somnambule comme cent ans avant.

25.5.14 – jour des élections  européennes et des élections ukrainiennes

 

[1] François-Guillaume Lorrain:  Un mythe français. Pourquoi et comment cette bataille a si vite marqué nos mémoires? In: Le Point 1916. Mémorial de Verdun, 100 ans après. Édition spéciale

[2] http://www.deutschlandradiokultur.de/gedenken-in-neuem-kleid-wiedereroeffnung-des-memorial-von.2165.de.html?dram:article_id=34606

[3] Aus: Weimarer Republik. Herausgegeben vom Kunstamt Kreuzberg und dem Institut für Theaterwissenschaft der Universität Köln. Berlin 1977