Pariser Erinnerungsorte an den Holocaust: Der Friedhof Père Lachaise

In der nordöstlichen Ecke des Friedhofs Père Lachaise, in der 76. und 97. Division, gibt es eine ganze Reihe von Denkmälern, die an nationalsozialistische Konzentrations- und Vernichtungslager erinnern. Diese Denkmäler sind eindrucksvolle Erinnerungsorte, zumal sie auch mit hohem künstlerischen Anspruch gestaltet sind. ln ihrer Fülle und Vielfalt werden der Schrecken und das Leid ein wenig erfahrbar, an die hier erinnert wird. Und es sind gleichzeitig Orte, die zum Engagement für eine bessere Welt auffordern.

Die nachfolgenden Bilder sollen nur knapp erläutert werden – sie sprechen, so denke ich, für sich.

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Die beiden benachbarten Denkmale sind den Opfern der Konzentrationslager Flossenbürg und Mauthausen gewidmet: Die dorthin Deportierten waren zur „Vernchtung durch Arbeit“ bestimmt- Arbeit in den Steinbrüchen. Die aus dem Fels gebrochenen Steine mussten über endlose Treppenstufen nach oben geschleppt werden.

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Die 186 Stufen der Treppe des Steinbruchs waren der Leidensweg derer, die sie,  mit schweren Steinen beladen,  unter den Schlägen der SS  hochsteigen mussten.

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Damit ihr Opfer dazu beiträgt, für immer den Weg in die Unterdrückung zu blockieren und der Menschheit den Weg in eine bessere Zukunft der Freundschaft und des Friedens                                                                 zwischen den Völkern zu öffnen.                                                   Erinnert Euch

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Unter diesem Stein ruht Asche von 7000 Franzosen, die von den Nazis im Konzentrationslager Neuengamme ermordet wurden. 

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Mit diesem Stein wird an eine der größten Schiffskatastrophen der Geschichte erinnert, bei der in den letzten Kriegstagen etwa 7000 KZ-Häftlinge vor allem aus dem KZ Neuengamme,  umkamen. Deshalb befindet sich der  Gedenkstein  am Fuß des Denkmals für die Opfer dieses Lagers. Die Nazis wollten Neuengamme vor den anrückenden Briten räumen und verfrachteten die Insassen  auf zwei manövrierunfähig in der Lübecker Bucht liegende Schiffe.  Die wurden damit gewissermaßen zu schwimmenden KZs und zu einem leichten Ziel der Royal Airforce.  Eines der Schiffe war die „Cap Arcona“,  eines der elegantesten Passagierschiffe der Vorkriegszeit. Die britischen Truppen waren zwar vom Schweizer Roten Kreuz informiert, aber diese Information gelangte nicht zu den Bomberpiloten. Die Schiffe mit den KZ-Häftlingen wurden also  für Truppentransporter gehalten und fünf Tage vor Kriegsende versenkt.   Nur wenige Schiffbrüchige, darunter der Komponist des Moorsoldaten-Liedes, Rudi Goguel,  überlebten. [1]

Auf der anderen Seite des Weges, in der 97. Division, befindet sich dieser Grabstein:

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Es ist ein Grabstein für zwei Überlebende und gleichzeitig ein Stein zur Erinnerung an Familienmitglieder, die in Auschwitz und Majdanek ermordet wurden und für die es nur „ein Grab in den Lüften“ gibt (Paul Celan, Todesfuge).

Im Hintergrund sieht man die Erinnerungstafel an die Opfer der Pariser Commune von 1871: Die letzten Kämpfer der Commune wurden an dieser Mauer erschossen.[2]

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1941 – 1945 Auschwitz-Birkenau    nationalsozialistisches Vernichtungslager

Als Opfer der antisemitischen Verfolgung der deutschen Besatzer und der Collaborations-Regierung von Vichy

wurden 76000 Juden, Männer, Frauen und Kinder, aus Frankreich nach Auschwitz deportiert, wo die meisten in Gaskammern umkamen.

Als Opfer der polizeilichen Repression erlitten 3000 Widerstandskämpfer und Patrioten in Auschwitz Qual und Tod

Etwas Erde und Asche von Auschwitz ruhen hier zur Erinnerung an ihr Opfer

 

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Von 1941 bis 1945 umfasste das Lager Auschwitz III 39 nationalsozialistische Lager, die alle von dem deutschen Chemie-Konzern IG-Farbenindustrie genutzt wurden. 30000 Deportierte, darunter 3500 in Frankreich verhaftete,  Juden vor allem, starben hier an Hunger, Kälte, Erschöpfung, unter Schlägen oder sie wurden von der SS selektiert. Sie wurden in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau vernichtet. Vergessen wir niemals! 

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 1942 Zur Erinnerung an die jüdischen Kinder, die von den Nazis ermordet wurden 1945

Der du vorbeigehst: Deine Erinnerungs ist ihr einziges Grab

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Der Begriff „Nacht und Nebel/nuit et brouillard“ bezieht sich auf das Vorgehen der Nazis bei den Deportationen und auf den Film von Alain Resnais‘ (1955), den ersten Dokumentarfilm über das KZ-System.  In Auftrag gegeben wurde der Film von zwei Organisationen früherer französischer Widerstandskämpfer und Deportierter,  getextet von dem KZ-Überlebenden und Dichter Jean Cayrol. Die  Musik schrieb der während der Nazi-Zeit emigrierte Komponist Hanns Eisler. Es gibt auch ein wunderbares Lied von Jean Ferrat zu „Nuit et brouillard“ [3]

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Replik eines Grabmals aus dem Konzentrationslager Natzweiler-Struthof im Elsass

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Dass bei den KZ-Denkmälern auf dem Père Lachaise immer wieder ein Dreieck erscheint, hat seinen Grund darin, dass die Kennzeichnung der Häftlinge mit Hilfe von farbigen Stoffdreiecken erfolgte, die auf die gestreifte Häftlingskleidung genäht waren.

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Wir haben die Abgründe in uns und bei den anderen ergründet

Es muss ein außerordentlicher Mensch gewesen sein, der diesen provozierend-nachdenklichen Satz formulieren konnte:  Edmond Michelet war engagierter Christ und  französischer Widerstandskämpfer aus der Corrèze. 1943 wurde er von der Gestapo verhaftet und nach Dachau deportiert, wo er 1945 von amerikanischen Truppen befreit wurde. Nach dem Krieg war er Mitbegründer des Comité International de Dachau und er trat für die europäische Einigung und die deutsch-französische Aussöhnung ein.

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Père Lachaise Nov 10 011

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Mahnmal für die Opfer des Konzentrationslagers Sachsenhausen – Oranienburg

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Wir sind 900 Franzosen

Inschrift eingraviert im Fort IX von Kaunas von Deportierten des Convois 73

 

Der nachfolgend abgebildete Gedenkstein -zwischen den Gedenksteinen für die Konzentrationslager in der 97. Division gelegen- scheint etwas aus dem Rahmen zu fallen. Denn er ist den Opfern des 8. Februar 1962 gewidmet.  An diesem Tag, in der Endphase der von de Gaulle eingeleiteten Verhandlungen über die Unabhängigkeit Algeriens, fand in Paris eine Großdemonstration statt, zu der linke Parteien und Gewerkschaften aufgerufen hatten. Es war eine Reaktion auf die „schwarze Nacht“ vom  17. auf den 18. Oktober 1961, als die Polizei mit äußerster Härte eine Kundgebung von Algeriern für die Unabhängigkeit ihrer Heimat niedergeschlagen hatte. Zahlreiche Demonstranten wurden einfach in die Seine geworfen, um die offiziellen Opferzahlen niedrig zu halten. [4]

Ici on noie les Algeriens

Am 24. Oktober 1961 erschien in Le Monde ein Aufruf von Intellektuellen, u.a. Simone de Beauvoir, André Breton, Nathalie Sarraute und Aimé Césaire, in dem es heißt:

Mit bewundernswertem Mut und Würde haben algerische Arbeiter gegen die immer unerbittlichere Repression demonstriert, deren Opfer sie sind… Die Polizei reagierte auf die friedliche Demonstration mit ungezügelter Gewalt: Erneut wurden Algerier getötet, weil sie in Freiheit leben wollten. Die Franzosen  würden sich zu Komplizen rassistischer Gewalt machen, deren Schauplatz Paris ist, wenn sie dazu schwiegen…. Wir weigern uns, einen Unterschied zu machen zwischen den vor ihrer Ausweisung im Palais des Congress  eingepferchten Algeriern und den vor ihrer Deportation zusammengetriebenen Juden…“

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Auch am 8. Februar agierte die Polizei mit äußerster Härte: 9 Gewerkschafter kamen an der „Demo-Meile“ zwischen der Place de la République und der Place de la Nation gelegenen Metro-Station Charonne im 11. Arrondisement ums Leben. Verantwortlicher Polizeichef damals:  Maurice Papon.  Der war  im Zweiten Weltkrieg als Generalsekretär der Präfektur von Bordeaux verantwortlich für die Verhaftung von etwa 1600 Juden, die zwischen 1942 und 1944  zunächst nach Drancy und von dort weiter nach Auschwitz transportiert wurden. Er gehört aber –wie der oberste Polizeichef von Vichy- René Bousquet- zu den sogenannten „vichisto-résistants“ (Jean-Pierre Azema), die sich zunächst in den Dienst der sogenannten Révolution nationale Pétains stellten, dann aber auch Verbindungen zur  Résistance knüpften. So konnte Papon nach 1945 mit ausdrücklicher Billigung von de Gaulle weiter Karriere machen, u.a. als Polizeipräfekt in Algerien, wo er einschlägige Erfahrungen im Umgang mit der algerischen Widerstandsbewegung sammeln konnte, dann als Pariser Polizeichef und zwischen 1978 und 1981 sogar noch in zwei Regierungen als Minister.[5]

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Das erklärt, warum sich der Gedenkstein für die Opfer des 8. Februar 1962 an dieser Stelle befindet und warum es die „Vaillants et Vaillantes de Drancy“ sind, die hier einen Gedenkstein aufgestellt haben.

Wenn man mit offenen Augen über den Père Lachaise geht, findet man  auch noch weitere Grabsteine, die an Opfer der nationalsozialistischen Barbarei erinnern. So diesen in der 52. Division, der an den deutschen Antifaschisten Arthur Kühnreich erinnert. Er wurde 1942 in Auschwitz ermordet.

DSC04066 Pere Lachaise Nazi Opfer 52. Div.

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Eingestellt am 27.1. 2020, dem 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers  Auschwitz.  Fotos von Frauke Jöckel, aufgenommen auf dem Père Lachaise am 26. 1. 2020

 

Anmerkungen:

[1] Imke Andersen,  Britta Probol, Der Untergang der „Cap Arcona“ . Schleswig-Holstein Magazin, 04.05.2019 https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Tragoedie-am-Kriegsende-Der-Untergang-der-Cap-Arcona,caparcona100.html

Das Moorsoldatenlied wurde zum ersten Mal 1933 von Gefangenen das Lagers Börgermoor gesungen. Eine Version mit Hannes Wader: https://www.youtube.com/watch?v=wH9I2Lyf6dY

[2] Siehe dazu den Blog-Bericht: https://paris-blog.org/2016/08/13/der-buergerkrieg-in-frankreich-1871-ein-rundgang-auf-dem-friedhof-pere-lachaise-in-paris-auf-den-spuren-der-commune/

[3] https://www.youtube.com/watch?v=M19PP181rfc

.[4] Bild aus: Yves  Faucoup, 17 octobre 1961, le massacre ignoré.  https://blogs.mediapart.fr/yves-faucoup/blog/171015/17-octobre-1961-le-massacre-ignore

[5]  Papons Karriere endete am 6. Mai 1981, als die satirische Wochenzeitschrift Canard enchaîné seine Rolle bei der Deportation von Juden bekannt machte. 1983 wurde Anklage erhoben und nach dem längsten Prozess der französischen Justizgeschichte wurde Papon 1998 wegen seiner Beteiligung an Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 10 Jahren Haft verurteilt- von denen er allerdings nur knapp 3 Jahre absitzen musste.

 

 

Weitere Blogbeiträge mit Bezug zum Père Lachaise:

 

 

 

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Pariser Erinnerungsorte des Holocaust (Fortsetzung) 
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux

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