Die Ausstellung „Notre – Dame de Paris“ im Collège des Bernardins, einem zisterziensischen Kleinod in Paris

Die Ausstellung Notre – Dame de Paris ist aus drei Gründen interessant:

  • Wegen ihres Themas: Notre-Dame de Paris ist ja seit dem schlimmen Brand vom April 2019 eine Baustelle. Es gibt immer wieder Berichte über den Stand der Restaurierung. Hier wird nun systematisch über die Geschichte und Bedeutung des Bauwerks, den Brand und den Fortgang der Bauarbeiten berichtet.
  • Interessant ist die Ausstellung auch wegen ihres -für mich neuen- virtuellen Charakters.
  • Und schließlich findet die Ausstellung an einem ganz außerordentlichen, aber wenig bekanntem Ort statt, nämlich in dem Refektorium und der Sakristei des ehemaligen Zisterzienser- Kollegs in Paris.
Werbeplakat in einer Metrostation. Foto: Wolf Jöckel

Eine virtuelle, interaktive Präsentation

Angekündigt werden in der Werbung „850 Jahre Geschichte in Ihren Händen“. Was das bedeutet, wurde mir erst klar, als ich dort war. Man erhält nämlich beim Eintritt ein Tablet und darin ist sozusagen die Ausstellung enthalten.

Foto: Wolf Jöckel

Es gibt also nur ganz wenige Ausstellungobjekte, die man betrachten kann. So zum Beispiel eine Nachbildung der Stygra, der berühmtesten der im 19. Jahrhundert von Eugène-Emmanuel Viollet-le-Duc entworfenen und auf den Türmen der Kathedrale postierten Chimären.

Foto: Wolf Jöckel

Ausgestellt ist auch die Kopie eines Wasserspeiers (gargouille), die von Schülern des Lycée des Métiers du Bâtiment de Felletin (Creuse) angefertigt wurde.

Fotos: Wolf Jöckel

Davon abgesehen findet die Ausstellung aber virtuell statt. Die Besucher sind also alle damit beschäftigt, auf ihr Tablet (histopad) zu sehen bzw. damit herumzuhantieren.

Fotos: Wolf Jöckel

Gerade für Kinder und Jugendliche offensichtlich ein animierendes Angebot.

Es gibt aber durchaus einen Rundgang, dem man folgen kann. Orientierung bieten große Plakate, die auf die einzelnen Themenbereiche hinweisen. Hier zum Beispiel der Ausschnitt eines Plakats zum Thema Baugeschichte:

Fotos: Wolf Jöckel

Vor den Plakaten gibt es dann ein kleines Podest mit einem Bild, das man mit seinem Tablet scannen kann.

Und dann öffnet sich auf dem Tablet das entsprechende Ausstellungsangebot und man kann sehr lebendig und anschaulich durch die Baugeschichte der Kathedrale navigieren.

Hier der Abschnitt zum Thema Steinbruch: Gezeigt werden die Arbeiten im Steinbruch und der Abtransport der gehauenen Steine mit Schiffen. Die bewegen sich natürlich auch und bei den Pferden am Rand bewegt sich sogar der Schweif…

Insgesamt gibt es 21 solcher Stationen. Natürlich ist eine davon auch dem Brand von Notre-Dame gewidmet.  

Fotos: Wolf Jöckel

Da kann man mithilfe einer 3 D- Animation  ganz genau den zeitlichen Verlauf des Brandes verfolgen.[1] Aber auch Fotos und Videos der Katastrophe kann man aufrufen oder etwa, wie die Feuerwehrleute bei ihrem Einsatz ausgerüstet waren.

Etwas ruhiger geht es in der alten Sakristei des ehemaligen Collège zu: Thema dort sind die Kirchenfenster von Notre-Dame und ihre Restaurierung.

Fotos: Wolf Jöckel
Foto: Wolf Jöckel

Hier wird deutlich, welche immense Arbeit erforderlich ist, Notre-Dame wieder im alten/neuen Glanz erstrahlen zu lassen. Und man erhält detaillierte Informationen über den Stand der Arbeiten an der noch sicherlich für zwei weitere Jahre  nicht zugänglichen Kathedrale.

Man kann sich damit begnügen, einen groben Überblick über das reichhaltige Angebot der Ausstellung zu bekommen, man kann sich aber auch auf bestimmte Aspekte konzentrieren. Ziel der Ausstellungsmacher vom französischen Start-up Histovery ist es ja  gerade, jeden Besucher in einem „environnement interactif“  zum „acteur de sa visite“ zu machen, der dabei auf unterhaltsame Weise informiert wird.[2] Das ist ganz offensichtlich gelungen. Und hinzugefügt sei auch noch, dass  diese Informationen, gestützt auf eine fachkundige Beratung, auf gesicherter wissenschaftlicher Grundlage beruhen.

Das Collège des Bernardins, ein zisterziensisches Kleinod

Foto: Wolf Jöckel

Das Collège des Bernardins gehört zu den eher weniger bekannten Sehenswürdigkeiten von Paris. In einer Zusammenstellung der „Monuments méconnus“ in Paris und der Region Île-de-France steht es sogar an erster Stelle. Es sei außergewöhnlich, heißt es da, dass ein so schönes und seltenes Bauwerk selbst vielen Parisern fast unbekannt sei.[3] Das ist 1975 geschrieben und es mag heute, auch wenn sich seitdem viel verändert hat, immer noch gelten. Sicherlich gilt aber nach wie vor, ja umso mehr, dass es ein außerordentlich schönes und seltenes Bauwerk ist.

Foto: Wolf Jöckel

Selten ist es insofern, als es sich um eines der wenigen -wenigstens noch teilweise- erhaltenen mittelalterlichen Collèges im Quartier Latin handelt. Es gab dort einmal etwa etwa 60 solcher Kollegs, die der Ausbildung von Geistlichen dienten. Manche waren Gründungen von frommen Einzelpersonen. So das Collège des Robert de Sorbon, Beichtvater des Königs Ludwig IX/Saint Louis. Der Name der Pariser Universität geht auf dieses Collège zurück.  Andere waren bestimmten Nationalitäten zugeordnet wie das auf Initiative eines schottischen Königs gegründete Collegium Scotium oder das -allerdings erst zu Beginn der Neuzeit entstandene- wunderbare Collège  des Irlandais. Die meisten waren aber Gründungen von Religionsgemeinschaften. So das Collège des Cordeliers der Franziskaner oder eben das Collège der Zisterzienser, das Collège der Bernardins, benannt nach dem Reformator des Zisterzienserordens Bernhard von  Clairvaux.  Gegründet wurde es 1245, gewissermaßen als Nachzügler. Denn um Gott nahe zu sein und um optimale Voraussetzungen für ein einfaches Leben mit Beten und Arbeiten (ora et labora) zu schaffen, wurden die Klöster der Zisterzienser an weltabgewandten und noch unerschlossenen Orten errichtet. Allerdings zeigte es sich, dass der Orden Anstrengungen unternehmen musste,  um die Ausbildung der Novicen zu verbessern – auch um gewissermaßen attraktiv zu bleiben und konkurrenzfähig etwa mit den  Bettelorden (wie den Franziskanern), die sich in den Städten installiert hatten. Das Collège des Bernardins diente der Ausbildung von jungen Zisterzienser- Mönchen. Im 14. Jahrhundert wurden alle Klöster des Ordens verpflichtet, Studenten in das Collège nach Paris zu schicken, womit die Unterhaltung und Erweiterung der Anlage gesichert war:  Bei den Restaurierungsarbeiten wurde in der Sakristei der Grabstein des Mönches Günter aus Thüringen gefunden.[4]

Auch die Lehrer kamen nicht nur aus französischen Klöstern, sondern auch aus England, Flandern, Spanien und dem Kloster Eberbach im Rheingau. Es war also ein Ort des Studiums, der allerdings gleichzeitig klösterlichen Charakter hatte. Der diente auch dazu, die Novicen von den drei berüchtigten Versuchungen der Stadt, den Frauen, dem Spiel und dem Alkohol,  abzuschotten. Das gelang allerdings nicht immer: Die Novicen waren ja nicht nur Geistliche, sondern auch Studenten, die am turbulenten Leben  des Quartier Latin teilnahmen. In den Chroniken wird berichtet, dass 1339 einige junge Zisterzienser nachts in Zivil und bewaffnet das Studentenviertel unsicher machten, so dass sie verhaftet und ins Gefängnis Châtelet verbracht wurden.

Entsprechend der Funktion des Collège wurde zuerst ein Gebäude für die Mönchsstudenten errichtet. Es ist der einzige Bau, der von der ursprünglichen weitläufigen Anlage noch erhalten ist: 75 Meter lang und 15 Meter breit.[5] Er verfügte über einen Gewölbekeller und zwei Etagen. Im Kellergeschoss lagerten Vorräte, es diente aber auch als Schreibstube (Scriptorium).[6]

Foto: Wilmotte & Associés

Das Erdgeschoss wurde vielfältig genutzt: als Küche, Speisesaal, Kapitelsaal und Unterrichtstrakt. Heute wird es meist insgesamt als Refectorium bezeichnet.

Blick in das Refectorium. Da dort derzeit die Notre-Dame-Ausstellung stattfindet, handelt es sich hier um ein schon älteres Foto aus dem Jahr 2011. © Wolf Jöckel

Im Obergeschoss lagen die Schlafsäle (dormitorium) und die Räume für die Oberen. Es wird heute für Veranstaltungen wie Vorträge und Konzerte genutzt.

Foto: Wolf Jöckel

Die Konstruktion entspricht der zisterziensischen Tradition: von großer Klarheit, Bescheidenheit, aber durchaus auch Eleganz geprägt, aufs Wesentliche konzentriert. Es ist eine große, innere Ruhe ausströmende Architektur.

Hier einige weitere Eindrücke:

Fotos: Wolf Jöckel

                                                             Foto: Annie Didier 2019[7] 

Foto: Wolf Jöckel

Zwischen Verfall und neuem Glanz

Dass das Collège des Bernardins sich heute so wunderbar präsentiert, wäre noch vor einem Viertel Jahrhundert kaum vorstellbar gewesen. Denn die Französische Revolution hatte in sehr brutaler Weise die 500-jährige Geschichte des Collège beendet. 1791 war es verstaatlicht worden. Damals gab es nur noch 6 Mönche. Es wurde nun ein Gefängnis und 1792 ein Schauplatz der sogenannten Septembermorde: Eine aufgehetzte Masse ermordete die im Gefängnis einsitzenden Galeerensträflinge, weil sie angeblich versteckte Mönche seien.  1797 wurde die zum Collège gehörende gotische Kirche zerstört: Ein Akt des Vandalismus im Sinne des antireligiösen revolutionären Furors, aber auch der damals verbreiteten Geringschätzung der Gotik. Ihr fielen in dieser Zeit -auch in Paris-  einzigartige mittelalterliche Kunstschätze zum Opfer. Das Refektorium entging diesem Schicksal, weil es seit seiner Verstaatlichung von der öffentlichen Hand vielfältig genutzt wurde. Seit 1845 und bis in die 1990-er Jahre war der Bau eine Kaserne der Pariser Feuerwehr.. Das sogenannte Refektorium war -wie schon zu Zeiten des Collèges- in verschiedene Parzellen unterteilt und diente als Garage, als Erholungs- und Tischtennisraum für die Feuerwehrleute, als Büro und Depot. 

„Les Bernardins“ als Feuerwehrkaserne. Ausschnitt aus einem historischen Foto[8]

Das Ende der Leidenszeit und die Renaissance des Collège begann 2001, als das Erzbistum Paris mit öffentlicher Unterstützung den Bau erwarb, um darin ein katholisches Kulturzentrum zu errichten und so an seine ursprüngliche Funktion anzuknüpfen.

Die Restaurierung bedeutete allerdings eine große Herausforderung, weil das Gebäude durch die vielfältigen Nutzungen, aber auch schon durch seine Lage auf einem morastigen Untergrund in der Nähe der Seine sehr gelitten hatte: Als das Collège gegründet wurde, waren in der dichtbevölkerten Stadt kaum noch Bauplätze vorhanden. Der Gründer des Collège, der Abt von Clairvaux Étienne de Lexington, musste also mit einem hochwassergefährdeten Gelände in der Nähe der Seine vorlieb nehmen. Das Gebäude wurde denn auch von wiederholten heftigen Hochwassern heimgesucht, so dass man das sowieso nicht sinnvoll nutzbare Untergeschoss bis zum Gewölbe mit Erde auffüllte, um die Standfestigkeit des Baus zu sichern. Im Zuge der Restaurierung wurde der Keller freigelegt und die Zwischenwände im Refektorium wurden beseitigt. Erst dadurch entstand der großartige Raumeindruck, den wir heute bewundern können.[9]

Eine ganz besondere Gelegenheit dafür war die nuit blanche 2017, als im Refektorium des Collège  eine grandiose Lichtinstallation stattfand, die auch viele junge Menschen anzog.[10]

Fotos: Wolf Jöckel

Die gotische Architektur wurde da verfremdet, aber doch auch im wahrsten Sinne des Wortes ins rechte Licht gerückt: Ein offener und weltoffener Raum.

Foto: Wolf Jöckel

Victor Hugo schrieb in seinem Roman „Notre-Dame de Paris“, in Deutsch erschienen unter dem Titel „Der Glöckner von Notre Dame“, über den Umgang mit der Gotik:

Zuerst hat die Zeit unmerklich an ihren Bauten genagt und hat ihre Oberfläche mit Spuren der Verwitterung überzogen. Dann haben die religiösen und politischen Aufstände die Menschen blind und rasend gemacht, und die also Verblendeten haben sich über die Bauten gestürzt….

Ein Beispiel dafür ist auch das Collège des Bernardins. Victor Hugo weiter:

Zuletzt haben sich ihrer die Moden bemächtigt …. Sie haben größeres Unheil angerichtet als die Revolutionen; denn sie haben der Kunst ins lebendige Fleisch geschnitten, …. Haben gepfuscht und geändert und haben Form und Bedeutung der Bauten, ihren inneren Zusammenhang und ihre Schönheit zerstört.“ [11]

Für das Refektorium aber, das die Verblendeten in der Französischen Revolution verschont hatten, gilt das nicht: Sein innerer Zusammenhang und seine Schönheit kommen gerade erst durch seine Rehabilitierung wunderbar zur Geltung.

Praktische Informationen:

Adresse: 20 Rue de Poissy, 75005 Paris

Der Besuch des Collège des Bernardins ist derzeit nur im Rahmen der Ausstellung und ihres Begleitprogramms möglich. Die allgemeine Neueröffnung ist für 2024 geplant.

Dauer der Ausstellung: 7. April bis 17. Juli 2022

Öffnungszeiten:

  • Montag, Mittwoch, Freitag und Samstag 10-18 Uhr
  • Donnerstag und Sonntag 14-18 Uhr 
  • Dienstag 10-21.30 Uhr

Der Besuch der Ausstellung ist kostenlos und erfolgt selbstständig. Auf den histopads kann man unter 12 verschiedenen Sprachen wählen, natürlich auch Deutsch. Sie werden am Beginn der Ausstellung verteilt.

Da nur eine begrenzte Zahl von histopads verfügbar ist, empfiehlt sich die Anmeldung für ein bestimmtes Zeitfenster: https://billetterie1.collegedesbernardins.fr/spectacle?id_spectacle=742&lng=1

Dies ist ein Beitrag von Wolf Jöckel aus https://paris-blog.org/ . Sollte er unter dem Autorennamen Paul Lucas auf der Seite  https://www.voyages-en-patrimoine.com/ veröffentlicht werden, handelt es sich um einen Akt der Piraterie und um einen eklatanten Verstoß gegen das Urheberrecht.

Weitere Blog-Texte zu Notre-Dame de Paris:

Notre- Dame de Paris wie es war und hoffentlich bald wieder sein wird:  https://paris-blog.org/2019/04/16/notre-dame-wie-es-war-und-hoffentlich-bald-wieder-sein-wird/

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre-Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/

Dessine-moi Notre-Dame/male mir Notre-Dame: Kinderzeichnungen am Bauzaun. https://paris-blog.org/2020/10/15/dessine-moi-notre-dame-male-mir-notre-dame-kinderzeichnungen-am-bauzaun/


Anmerkungen

1] Bild aus: https://www.sortiraparis.com/arts-culture/exposition/articles/250210-notre-dame-de-paris-la-grande-exposition-immersive-en-realite-augmentee-au-college-des-bernardins

[2] https://www.la-croix.com/Culture/Exposition-College-Bernardins-Notre-Dame-renait-ecrans-2022-04-07-1201209114

[3] Henri-Paul Eydoux, Les monuments méconnus. Paris et Ile-de-France. Paris: Librairie Académique 1975, S. 13

[4] Nachfolgendes Bild aus: Le Collège des Bernardins. Hors-Serie de Connaissance des Arts, Paris 2008, S. 12

[5] Angabe aus http://www.bancon.fr/bernardins/berstruct.pdf S. 7  

[6] Bild aus: Collège des BernardinsProject — Wilmotte & Associés

[7] https://www.tripadvisor.de/Attraction_Review-g187147-d5607109-Reviews-College_des_Bernardins-Paris_Ile_de_France

[8] Bild aus: Ministère de la Culture, la plateforme ouverte du patrimoine  Ensemble sur la rue (culture.gouv.fr)

[9] Zur Restaurierung siehe: http://www.bancon.fr/bernardins/berstruct.pdf und Collège des BernardinsProject — Wilmotte & Associés. Das Architekturbüro  Wilmotte aus dem Faubourg Saint Antoine hat in Paris auch schon andere historische Bauten sehr erfolgreich restauriert, so das Hotel Lutetia und die Mutualité. Siehe: https://paris-blog.org/2019/01/01/das-hotel-lutetia-1-ein-bauwerk-zwischen-art-nouveau-und-art-deco-im-neuen-glanz/ und https://paris-blog.org/2018/09/01/das-haus-der-mutualite-in-paris-und-der-internationale-schriftstellerkongress-zur-verteidigung-der-kultur-1935/

[10] Siehe: https://paris-blog.org/2019/12/02/die-nuit-blanche-das-lichter-und-kunstfest-von-paris/

[11] Victor Hugo: Der Glöckner von Notre-Dame. Insel-Taschenbuch, Berlin 2010, S. 152/3  Siehe dazu auch: https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/

Zum Tod von Miss.Tic, der Pariser „princesse du graffiti“

Am 22. Mai 2022 ist Miss.Tic, die Pariser „Graffiti-Prinzessin“, im Alter von 66 Jahren einem Krebsleiden erlegen.[1] „Tant de tristesse“, schrieb ihr Street-Art-Kollege Jef Aérosol dazu, und diese Traurigkeit teilt er sicherlich mit vielen anderen, auch mit mir. Denn seit wir (2009) Paris als unseren (zweiten) Wohnsitz gewählt haben, sind wir Miss.Tic immer wieder begegnet: Zunächst stießen wir ganz zufällig auf ihre Schablonenbilder mit den meist sehr attraktiven Frauen und den dazu gehörenden witzigen, zum Nachdenken anregenden, poetischen und wortspielerischen kleinen Texten. Das hat uns neugierig gemacht, zumal der charakteristische Dreiklang von Bild, Text und Signatur in der Graffiti-Szene wohl einzigartig ist. Wir haben uns dann immer sehr gefreut, wenn wir ein (für uns) neues Werk von ihr entdeckt haben.   

Und das war gar nicht so schwer. Denn in dem 11. Arrondissement von Paris, wo wir wohnen, hat Miss.Tic viele Spuren hinterlassen. Hier einige Beispiele:

Madame träumt,  Monsieur schnarcht  Foto: Wolf Jöckel, Oktober 2014
Liebe, Ruhm und Botox (Place Voltaire, 11. Arrondissement)  Foto: Wolf Jöckel, Mai 2017
Es rächt sich, die Zeit totzuschlagen. Ecke rue Faidherbe/rue J.Macé. 11. Arrondissement  Foto: Wolf Jöckel, 2021
Frau der Feder / Ihre Flügel tauchen in das Tintenfass der Welt.  Frauenbuchhandlung Violette et Co,  rue de Charonne,  Foto: Wolf Jöckel, 2021

An der Gestaltung der Signatur kann man die Schablonentechnik Miss.Tics gut erkennen: Sie verwendete immer die gleiche Schablonen-Vorlage, in der ihre Signatur ausgeschnitten war.  Mit einer Farbpistole wurde der Name dann -und wurden auch die Texte und Figuren- auf die vorgesehene Stelle gesprüht. Dabei sind farbliche Nuancen und Variationen durchaus möglich.

Miss.Tic: „Die Schablonentechnik bot mir die Chance, alleine und schnell zu arbeiten. Außerdem ließen sich die Bilder reproduzieren. Leicht, praktisch und speedy, das passende Medium für die Straße eben ….“

Und dazu kamen dann noch die Texte. Dazu noch einmal Miss.Tic:

„Als ich auf der Straße arbeitete, wurde mir rasch klar: Ein Text hat umso größere Chancen, in den Köpfen der Betrachter hängen zu bleiben, je kürzer er ist. Diese Erkenntnis radikalisiert meine Sprache. Und das radikalisierte Wort findet einen kongenialen Partner in der Schablonenform, die zu einfachen und klaren Linien zwingt.“[2]

Der Name, mit dem diese Werke signiert sind, ist ein Künstlername.

Er ist abgleitet aus einem älteren Comic. Dort gibt es Miss Tick, „eine kleine durchgeknallte Hexe, die um jeden Preis versucht, ihrem Onkel Dagobert seine Geldgier auszutreiben und ihm etwas zu stibitzen, jedoch ohne Erfolg.“  Für Miss. Tic, von der dieses Zitat  stammt, war es „aber auch wichtig, der Öffentlichkeit zu signalisieren, dass es eine Frau ist, die sich da in dieser vollkommen maskulinen Welt der Street Art zu Wort meldet, eine Frau, die der Autor all dieser Graffitis ist, die man da auf den Mauern von Paris aufblitzen sah.“[3] Allerdings  hat Miss. Tic  auf das k verzichtet, und das passt, wie die Zeitung Le Monde in ihrem Nachruf schreibt,  gut: Miss. Tic sorge mit ihren Schablonenbildern für kurze, überraschende Momente, denen man auf den Straßen begegne.[4]

Ihren wirklichen Namen hat Miss. Tic nie verwendet. Wenige sehr mit ihr vertraute Menschen wussten ihren Vornamen (Radhia) und durften sie damit ansprechen.  Nur die Steuerbehörde und die Polizei würden ihre wahre Identität kennen, sagte sie einmal.[5] Auch dazu passt der Künstlername Miss Tic, der im Französischen das Adjektiv mystisch/geheimnisvoll ergibt.

Miss.Tic in der Galerie Lelia Mordoch in Paris (Juli 2012)[6]

Gewissermaßen geboren wurde Miss.Tic 1985. Da entstand dieser Name, der ein erstes auf eine Wand gesprühtes Autoportrait signierte: Ein junges Mädchen, die Hände auf den Knien, in schwarz und weiß, mit dem beigefügten Text:

„J’enfile l’art mur pour bombarder des mots coeurs“  (Ich wappne mich mit Mauerkunst, um mit Herzensworten zu bombardieren) [7]

Aller Anfang war aber auch bei ihr schwer. Street Art war noch nicht -wie heute- integraler, anerkannter, ja geförderter Bestandteil der (Pariser) Stadtlandschaft. Die Street-Artisten waren nachts unterwegs und wiederholt hatte Miss.Tic dabei Probleme mit Hausbesitzern und der Polizei. 1999 wurde sie nach einem längeren Verfahren wegen „Sachbeschädigung öffentlichen und privaten Eigentums“ zu 22.000 Franc Geldstrafe verurteilt – ein Schicksal, das sie mit anderen -heute prominenten- Streetart-Künstlern wie zum Beispiel dem Invader teilte.[8] Wenige Jahre später hätte sie solche Summen sicherlich aus der Portokasse bezahlen können. Da arbeitete sie für Zeitschriften, für prominente Auftraggeber wie Louis Vuitton, machte Werbung, wurde in vielen Ausstellungen präsentiert -beispielsweise 2011 im Institut Français in Berlin. Arbeiten von ihr wurden sogar -was jetzt gerne hervorgehoben wird- vom renommierten Victoria and Albert Museum in London gekauft.[9]

2007 erhielt sie den Auftrag von Claude Chabrol, das Plakat für den Film La fille coupée en deux zu entwerfen.[10] Die Mietwagen von Ucar haben bzw. hatten mehrere Jahre lang ihren Slogan von Miss.Tic erhalten: Louer c’est rester libre/Mieten heißt frei bleiben.

Foto: Wolf Jöckel, Dezember 2012

Auch wenn da das Signum Miss.Tic fehlte, wird jedem mit der Pariser Stadtlandschaft und Street-Art-Szene einigermaßen vertrautem Menschen klar gewesen sein, wer hier am Werk gewesen ist. Und der Slogan passte hervorragend zu Miss.Tic: Denn frei zu bleiben war für sie ein zentrales Element ihres Lebensentwurfs.

Sogar die französische Post würdigte Miss.Tic: Auf einem Brief, den uns unsere Freundin Marie-Pierre im September 2013 schickte, klebte eine Miss.Tic-Briefmarke mit –natürlich- einem für sie typischen Motiv und ihrer unverkennbaren Schrift und Signatur.

Foto: Wolf Jöckel, September 2013

Es ist ein Hundewetter (Sauwetter) – bei Miss. Tic allerdings nicht in der üblichen männlichen Form (temps de chien), sondern der weiblichen. Die Briefmarke gehörte zu einer ganzen Miss. Tic-Serie, die 2011 zum internationalen Tag der Frau von der französischen Post herausgegeben wurde.

Und 2013 gewann Miss. Tic einen Wettbewerb zur Gestaltung der Wagen einer neuen Straßenbahnlinie in Montpellier, die 2025 in Betrieb gehen soll. Inzwischen wurde Miss.Tic allerdings von dem langjährigen Bürgermeister von Montpellier, Philippe Saurel, „ausgebremst“  und es soll  einen erneuten Wettbewerb für die Gestaltung der Wagen geben… [11]

Copyright : yellow window – Miss. Tic[12]

Der Wandel von einer nächtlichen Street-Art-Aktivistin am Rande der Illegalität zu einer anerkannten und gefragten Künstlerin beruhte wesentlich auf der Erfahrung mit der Anklage und Verurteilung wegen ihrer nächtlichen Sprayaktionen an privaten und öffentlichen Wänden. Bei einer Fortsetzung dieser Aktionen musste sie von nun an als Wiederholungstäterin mit einer Gefängnisstrafe rechnen, und zwar mit großer Wahrscheinlichkeit ohne Bewährung: Die französische Justiz ist in diesem Bereich alles andere als zurückhaltend…  Dazu Miss.Tic: „Ich habe deshalb die Strategie gewechselt. … Seit 2000 sind alle meine Aktionen legal und von den Besitzern der Mauern, auf die ich male, autorisiert. Wenn ich allerdings eine Erlaubnis erhalte, verlange ich, dass ich freie Hand (carte blanche) habe bei der Gestaltung.“[13]

Ein Markstein der neuen Strategie war das Projekt Muses et Hommes (2000). Miss.Tic erhielt nach Verhandlungen mit dem Rathaus des 20. Arrondissements von Paris, mit Gewerbetreibenden und Hausbesitzern die Erlaubnis, 20 Schablonenbilder (pochoirs) als Auftragsprojekt anbringen zu dürfen. Als Vorlagen dienten Werke aus dem Louvre und dem Musée d’Orsay, denen sie Texte in ihrer typischen graphischen und inhaltlichen Handschrift beifügte.

Hier die Mona Lisa mit der Aufschrift: Um zu lächeln/muss man viel geweint haben.[14]

 In der rue de la Forge Royale (einer kleine Seitenstraße der rue de la Faubourg Saint-Antoine) im 11. Arrondissement gibt es das Atelier Elio,  das maßgeschneiderte Bilderrahmen herstellt. Dort hängt ein Bild von Miss.Tic an der Eingangstür. Es ist verglast und eingerahmt.

Ich habe aufgegeben/das Handtuch geworfen   Fotos: Wolf Jöckel, Dezember 2017

Die freundliche Besitzerin des Ladens erklärte mir, wie sie zu der Arbeit von Miss.Tic gekommen ist: Die habe nämlich eines Tages angefragt, ob sie dort ein Bild anbringen dürfe. Es handelte sich also nicht um eine bezahlte Auftragsarbeit, sondern um ein Angebot der Street-Art-Künstlerin, das gerne angenommen wurde und auch entsprechend geehrt wird.

Dieses Bild ist, wie ich meine, aus zwei Gründen besonders bemerkenswert: Einmal wegen der Katze, die hier abgebildet ist. Denn Miss.Tic liebte Katzen sehr, was gerade in dieser kleinen Straße anschaulich wird, wo noch zwei weitere Katzenbilder von Miss.Tic zu sehen sind.

Je ne brise pas que les coeurs (Ich breche nicht nur Herzen) gehört zu Miss.Tics Lieblingssprüchen.[15] Er passt ja auch gut zu dieser nonkonformistischen Künstlerin: Miss.Tic „ne brise pas que les cœurs, les codes aussi.“[16]  Foto: Wolf Jöckel, Oktober 2011

Es gibt in der Straße sogar das Bild einer Katze als einziges Motiv, ohne weibliche Begleitung! Das ist völlig außergewöhnlich, aber es unterstreicht die Bedeutung der Katzen für Miss.Tic. Und die Katze, die eingelassen werden möchte, weist auch darauf hin, warum: Die Katzen brauchen ihre UnOn abhängigkeit, aber auch Wärme, Nähe und Zuwendung….

Wir sind keine Hunde/Ihr sollt uns nicht wie Hunde behandeln. Foto: Wolf Jöckel, November 2012

Bei diesem Vergleich denke ich an den schönen Satz von Jacques Prévert, mit dem Miss.Tic ja übrigens auch schon verglichen wurde: „Wenn ich die Katzen den Hunden vorziehe, dann deshalb, weil es keine Polizeikatzen gibt.“[17] Das hätte auch von Miss.Tic sein können…. 

Dass das Bild von Miss.Tic in der rue de la Forge Royale verglast ist, dient sicherlich nicht nur Werbezwecken des Ateliers Elio, sondern auch seinem Schutz. Denn die provokativen Schablonenbilder von Miss.Tic sind oft Ziel von Schmierereien.

So wie hier, an der Ecke rue Chanzy/ rue Faidherbe im 11. Arrondissement. (Foto: Wolf Jöckel 2021). Da wurden Frauen aufgefordert, ihren Mann zu „delokalisieren“, was sich vermutlich auf die in Frankreich sehr intensive Thematisierung von häuslicher Gewalt gegen Frauen bezieht. Dass diese Botschaft über einem Briefkasten hängt, ist wohl auch kein Zufall: In den kann gewissermaßen gleich das „Kündigungsschreiben“ eingeworfen werden.[18]

Ein Ziel von Vandalismus war auch dieses Bild von Miss.Tic in der rue Faidherbe im 11. Arrondissement.

Ein Übermaß an Vergnügen ist ausgezeichnet für die Gesundheit (In Abänderung des Anti-Raucher Slogans: l’abus d’alcool est dangereux pour la santé. (Ein Übermaß an Alkohol ist gefährlich für die Gesundheit)  Foto: Wolf Jöckel, 18.8.2014

Im April 2019 war das Bild allerdings verschwunden.  Es war, wie mir ein Angestellter des marokkanischen Traiteurs erklärte, beschmiert worden. Miss Tic werde es aber „demnächst“ erneuern.

Und tatsächlich: Seit Oktober 2019 gibt es dort wieder „eine neue Miss.Tic“ – diesmal vorsichtshalber geschützt mit einer Folie.

Ich fliehe nicht, ich entferne mich

Und gleich daneben kann man noch eine alte nordafrikanische Holztür bewundern.

Die Frauen von Miss.Tic sind, das ist wohl schon aus den bisherigen Abbildungen deutlich geworden, selbstbewusst, sie sind es, die über ihr Leben bestimmen. Nicht nachvollziehen kann ich die Charakterisierung der Schablonenabbildungen von Miss.Tic, wie sie in einem Bericht über Pariser Stadtrundgänge mit feministischen Blickwinkeln in der Frankfurter Rundschau vom 1. Juli 2020 zu lesen war. Da ist nämlich von Frauen „als Sexobjekte(n) mit großen Brüsten und in aufreizenden Posen“ die Rede. (FR 1. Juli 2020).

Das passt zu einer Richtung feministischer Kritik an Miss.Tic, die auch von Fadela Amara, einer Mitgründerin der französischen  feministischen Gruppe Ni Putes Ni Soumises vertreten wird, aber nicht unwidersprochen geblieben ist.[19]

Foto: Wolf Jöckel, Passage L’Homme,  Faubourg Saint-Antoine, Juni 2012

Dass die Frauen in den pochoirs von Miss.Tic meist höchst attraktiv sind, beruht auch darauf, dass die Vorlagen aus Frauenzeitschriften stammen, die aber von ihr verfremdet werden.

Miss.Tic dazu: „Ich entwerfe aus ihnen ein bestimmtes Image der Frau, nicht um es zu bewerben, sondern um es zu befragen. Ich unterziehe weibliche Positionen einer Art Inventur. Welche Haltung wählen wir, um zu existieren.“[20]

Allerdings sind die schönen Frauen von Miss.Tic alles andere als Sexobjekte, sondern sie sind es, die über ihr  Leben und damit auch über ihre Sexualität bestimmen. „Verboten“ steht auf dem Bild der (nur noch teilweise sichtbaren) Frau, die mit einer Hand ihr Geschlecht bedeckt. Da denke ich an Boticellis „Geburt der Venus“ und an den Slogan „Nein bedeutet Nein“ der aktuellen feministischen Kampagnen. Ein Lieblingssatz von Miss.Tic, den man auf vielen ihrer Bilder findet, heißt: „Fais de moi, ce que je veux“Mach mit mir, was ich will. Bei ihr sind eindeutig die Frauen das „starke Geschlecht“.

rue Buffon, September 2022 Der Mann ist ein Wolf für den Mann und nervig für die Frau

Männer spielen bei Miss Tic eine marginale Rolle bzw. sie fungieren als Mittel zum Zweck weiblicher Lust. Da hätten wohl eher Männer Anlass zu Kritik an den ihnen zugeschriebenen Rollen….

Stärker als die Leidenschaft ist die Illusion (Butte aux Cailles)  Foto: Wolf Jöckel, Juni 2012

Hier hat der Mann das Nachsehen und rauft sich die Haare. Dem Nächsten wird es wohl kaum besser ergehen….

Foto: Wolf Jöckel  2020

Und hier fordert Miss.Tic zum Ungehorsam auf, zum Widerstand gegen die Unterwerfung (soumission). „Ein erniedrigendes Bild der Frau“, das man ihr unterstellt hat[21], sieht doch wohl anders aus.

Das Männliche bringt es voran- aber wohin?   Foto: Wolf Jöckel, Juni 2012

An einem Restaurant auf der Butte aux Cailles (13. Arrondissement) findet sich diese ironische Botschaft von Miss.Tic.  Sie hatte ja am Beginn ihrer Graffitti-Karriere angekündigt, die Mauern mit mots cœurs bomardieren/besprayen zu wollen. In den mots cœurs klingt aber auch das moquer der Spottdrossel (merle moqueur) an. Die ist auf der Butte aux Cailles, dem Ort dieses Bildes, ja besonders präsent: Die merle moqueur gehört zu les temps des cerises, der Hymne der Pariser Commune, die auf der Butte aux Cailles besonders populär war und ist. Es gibt dort auch eine merle moqueur-Kneipe.[22] Und ich denke, dass dieses pochoir ein schönes Beispiel für den Spott, den Humor und die Ironie ist, die auch viele Arbeiten von Miss.Tic kennzeichnen.

Auf der Butte aux Cailles hatte Miss.Tic  auch ihr Atelier, wo eines ihrer wohl letzten Fotos entstand[23]:

Und wer auf einem begrenzten Raum eine große Zahl von pochoirs von Miss.Tic sehen möchte, dem kann ich nur einen Spaziergang über dieses sympathische kleinstädtische Viertel von Paris empfehlen.

Hier einigee (weitere) Beispiele:

Ich suche die Wahrheit und eine Wohnung. An einem Restaurant auf dem Butte aux Cailles. Foto: Wolf Jöckel, Juni 2012
Mit der Liebe geht die Zeit schnell vorbei. Mit der Zeit kommt die Liebe seltener vorbei.  Butte aux Cailles, Dezember 2012. Foto: Wolf Jöckel
Rue des cinq diamants, Butte aux Cailles. Foto: Wolf Jöckel, Dezember 2018
LP/Stéphane Duprat Le Parisien 28.5.2022 Butte aux Cailles, rue Jonas: statt port du voile interdit (Ganzkörperverschleierung verboten): Tragen des Verstandes ist verpflichend

Foto: Wolf Jöckel, Dezember 2018

Dieses Pochoir an der Place Verlaine (Butte aux Cailles) ist sicherlich eine Antwort von Miss.Tic auf die Anschläge vom 13. November 2015.  Denn Ziel der Anschläge waren damals  auch mehrere Terrassen von Bars mit ihren Freiheit und Lebensfreude verkörpernden Besuchern: den islamistischen Terroristen verhasst, so dass sie die „terrasses de la vie“ zu Terrassen des Todes machten. Aber -so die Botschaft von Miss.Tic: diese Freiheit, an der wir umso wütender und trotziger hängen, lassen wir uns nicht nehmen! Das für Miss.Tic eher ungewöhnliche intensive Rot darf wohl als besonderer Akzent verstanden werden, der deutlich macht, wie wichtig ihr diese Botschaft war.

Und  zum Schluss noch ein Bild, dessen Aussage mit einem ungewöhnlichen Grün unterstrichen wird:

Die Poesie ist ein unbedingt notwendiger Luxus (rue du moulin des prés, Butte aux Cailles) Foto: Wolf Jöckel, Mai  2017

Miss.Tic verstand sich als „Poetin der städtischen Kunst“. Für sie war die Poesie mehr als ein Luxus, sie war ihr Lebenselexir. Und sie hat auf den Wänden von Paris die Poesie straßentauglich gemacht.[24] Das ist ihr großes Verdienst und das wird uns von nun an sehr fehlen. 

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Eingestellt in https://paris-blog.org/ am 1. Juni 2022, dem Tag der Beerdigung von Miss.Tic auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris.

Zum Weiterlesen:

Miss.Tic in Paris. Paris Musées 2005

Bomb it, Miss.Tic! Mit der Graffiti-Künstlerin in Paris. Hrsg. Jorinthe Reznikoff und KP Flügel. Hamburg: Edition Nautilus 2010

Christophe Genin, Miss.Tic, femme de l’être (édition revue et augmentée)  Bruxelles:  Les Impressions Nouvelles  2014

Collectif, Miss Tic: Histoires de rencontres.  Mit einem Vorwort von Miss.Tic. 2019


Dies ist ein Beitrag von Wolf Jöckel aus https://paris-blog.org/ . Sollte er unter dem Autorennamen Paul Lucas auf der Seite  https://www.voyages-en-patrimoine.com/ veröffentlicht werden, handelt es sich um einen Akt der Piraterie und um einen eklatanten Verstoß gegen das Urheberrecht.

Anmerkungen:

[1] Der Ausdruck princesse du graffiti stammt aus Le Monde vom 17. September 2002: Dominique le Guilledoux,  Miss-Tic, princesse du graffiti. In ihrem Nachruf auf Miss.Tic hat Le Monde diesen Ausdruck wieder aufgenommen. (22. Mai 2022).

Miss.Tic, princesse du graffiti, est morte à l’âge de 66 ans (lemonde.fr)

Im Februar 2019 hatte ich schon einmal im Rahmen einer kleinen Serie über Street-Art in Paris einen Beitrag über Miss.Tic (zusammen mit Monsieur Chat und Fred le Chevalier) in diesen Blog eingestellt: https://paris-blog.org/2019/02/01/street-art-in-paris-4-monsieur-chat-miss-tic-und-fred-le-chevalier/  Bei dem jetzigen Beitrag handelt es sich um eine wesentliche Erweiterung des damaligen Beitrags.

[2] Bomb it, Miss.Tic!, S. 44

[3] https://picsou.fandom.com/fr/wiki/Miss_Tick_De_Sortil%C3%A8ge Zitat von Miss Tic aus: https://www.aviva-berlin.de/aviva/content_Interviews.php?id=1430011236

[4] https://www.lemonde.fr/disparitions/article/2022/05/22/miss-tic-princesse-du-graffiti-est-morte-a-l-age-de-66-ans_6127219_3382.html

[5] Il n’y a plus que le fisc et les flics qui connaissent ma véritable identité.

https://www.dicocitations.com/reference_citation/118527/_Miss_Tic_tatoueuse_de_villes_Veronique_Cauhape_Le_Monde_16_avril_2009.php  „Von Anfang an habe ich mich Miss.Tic genannt. Niemand nennt mich mehr mit meinem richtigen Namen. Nur die Bullen und der Fiskus kennen ihn.“  In: Jorinde Reznikoff, KP Flügel: Bomb it, Miss.Tic! Mit der Graffiti-Künstlerin in Paris. Hamburg 2011, Edition Nautilus, S. 72

[6] Bild aus: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f1/Miss.Tic_2012.jpg

[7] Die Übersetzung ist schwierig, weil in dem Text ein doppeltes Wortspiel enthalten ist: art mur ist die Mauer-Kunst, es klingt darin aber -gerade im Zusammenhang mit enfiler/überziehen auch armour/Rüstung an. Und das passt insofern, als es sich bei dem, was sie nun tut, um eine durchaus gefahrvolle Aktion handelt. Denn bombarder ist eine Übernahme des englischen to bomb, also bombardieren, womit in der Graffiti-Sprache auch das (i.a. illegale) Sprayen bezeichnet wird. Die Farbdose, mit der gesprüht wird, ist die bomb. Bei den mots coeurs/den Herz-Wörtern klingen die moqueurs/die Spötter an.

In dem Buch von Jorinde Reznikoff/KP Flügel wird der Satz wie folgt übersetzt:  Ich ziehe die Rüstung/Mauer-Kunst über, um mit Herz-Wörtern die Spötter zu bombardieren.‘  (Bezogen auf Christophe Genin in: Jorinde Reznikoff, KP Flügel: Bomb it, Miss.Tic! Mit der Graffiti-Künstlerin in Paris. Hamburg 2011, Edition Nautilus, S. 39.) Diese -sicherlich nicht von Genin stammende- deutsche Version wird auch von Wikipedia übernommen. Dass da Spötter bombardiert werden,  finde ich allerdings wenig überzeugend. (Allerdings ist der Bezug zu dem moqueur sicherlich nicht zufällig. Mehr dazu weiter unten in dem Beitrag). Ich versuchte es zunächst so:

Ich wappne mich mit Mauerkunst, um Herzensworte auf die Wände zu sprayen.  Pierre Sommet, den ich dazu konsultierte, überzeugte mich aber, es bei dem bombardieren zu belassen: „Ich würde ungern auf das Verb bombardieren verzichten. Meiner Meinung nach zieht die engagierte Künstlerin in die Schlacht und hofft, dass die Botschaft ihrer Graffiti-Kunst wie eine Bombe einschlägt, also eine nachhaltige Wirkung erzielt, wobei diese „Bombe“ eigentlich als humanitäre Waffe eingesetzt wird, denn sie besteht aus warmherzigen Worten.“ Merci, Monsieur Sommet!

Bild aus: http://missticinparis.com/archives/pochoirs-des-rues/

[8] Siehe: https://paris-blog.org/2018/10/01/street-art-in-paris-3-der-invader/

[9] Siehe den Blog-Beitrag von Gabriele Kalmbach: https://gabrielekalmbach.de/street-art-in-paris-miss-tic/

[10] https://www.cineimage.ch/film/fillecoupeeendeux/lbox_ver_artw_1.html

[11] Siehe: https://www.francebleu.fr/infos/transports/connait-le-trace-definitif-de-la-ligne-5-du-tramway-a-montpellier-1550232989

[12] https://tramwaydemontpellier.net/2013/10/18/18-octobre-2013-design-de-la-ligne-5-la-gagnante-est-miss-tic/#jp-carousel-2852 https://www.midilibre.fr/2013/10/18/montpellier-un-design-tout-en-rupture-pour-la-ligne-5-du-tramway,771549.php

[13] https://www.instant-city.com/misstic-habille-les-murs-et-deshabille-son-ame/

[14] Bild aus: https://www.artshebdomedias.com/agenda/miss-tic-muses-hommes/

[15] https://www.aviva-berlin.de/aviva/content_Interviews.php?id=1430011236  (In einem Interview aus dem Jahr 2011)

[16] https://www.beauxarts.com/videos/miss-tic-le-desir-de-desirer-toujours-et-encore/

[17] Si je préfère les chats aux chiens, – C‘est qu’il n’y a pas de chats policiers

Zu Miss.Tic und Prévert siehe Jacques Dubois in seinem Mediapart-Artikel von 2015 über die „femme capitale“: „Miss.Tic au total nous apparaît en grande artiste mi-populaire et mi-intellectuelle, quelque part entre Jacques Prévert et Ferré.“  https://blogs.mediapart.fr/edition/bookclub/article/220115/misstic-femme-capitale

[18] Siehe dazu den Blog-Beitrag über die féminicides: https://paris-blog.org/2019/11/17/stop-feminicide-schluss-mit-den-frauenmorden-aktuelle-aktionen-in-frankreich/

[19] Siehe z.B. Maxi Leinkauf, Bombig. In: der Freitag, 6.5.2011   https://www.freitag.de/autoren/maxi-leinkauf/bombig

[20] Bomb it, Miss.Tic!, S. 9

[21] Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Miss.Tic  Abschnitt Abschnitt Miss.Tic und der Feminismus

[22] Zum Viertel Butte aux Cailles siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2019/07/01/la-butte-aux-cailles-ein-kleinstaedtisches-idyll-in-paris/ Zu Les temps des cerises und der Spottdrossel siehe: https://paris-blog.org/2016/08/13/der-buergerkrieg-in-frankreich-1871-ein-rundgang-auf-dem-friedhof-pere-lachaise-in-paris-auf-den-spuren-der-commune/

[23] Bild aus: https://www.facebook.com/photo/?fbid=563751535116620&set=a.213809903444120

[24] https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.street-art-kuenstlerin-tot-miss-tic-machte-poesie-strassentauglich.77b5de73-fb2f-4e0f-b917-26677946ed3a.html

Weitere Blog-Texte zur Street-Art in Paris:

https://paris-blog.org/2017/12/01/open-your-eyes-street-art-in-paris-1/
https://paris-blog.org/2018/06/01/street-art-in-paris-2-mosko-jef-aerosol-und-jerome-mesnager/
https://paris-blog.org/2018/10/01/street-art-in-paris-3-der-invader/
https://paris-blog.org/2019/02/01/street-art-in-paris-4-monsieur-chat-miss-tic-und-fred-le-chevalier/
https://paris-blog.org/2020/04/08/street-art-in-paris-5-gare-du-nord-quai-36/
https://paris-blog.org/2020/04/20/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-1-grosse-maenner/
https://paris-blog.org/2020/05/10/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-2-grosse-frauen/