„Nous la Commune“: Eine Ausstellung zum 150. Jahrestag der Pariser Commune. Place de la Bastille

2021 werden/wurden in Frankreich zwei Jahrestage begangen, die beide Anlass zu teils heftigen Kontroversen waren: Der 200. Todestag Napoleons und der 150. Jahrestag der Pariser Commune. In Paris gab es eine Fülle von Aktionen und Aktivitäten, die an die Pariser Commune erinnerten.

Dazu gehört/e auch die Ausstellung „Nous la Commune“ an der Place de la Bastille.

Der Bastille – Platz bietet sich für eine solche Ausstellung natürlich besonders an, denn damit wird die Commune in die revolutionäre Tradition Frankreichs gestellt: In den vorausgegangenen Revolutionen von 1789, 1830 und 1848 spielte die place de la Bastille ja eine zentrale Rolle. Und auch in der Zeit der Commune war der Bastille-Platz ein „épicentre de la mobilisation populaire“. [1]

Dazu zeigt sich der Platz nach mehreren Jahren der Umgestaltung in neuem Glanz: Etwas verkehrsberuhigt wird er nicht mehr allein von dem Autoverkehr beherrscht und völlig zerschnitten. Dazu hat er durch einen direkten Zugang vom und zum Arsenal-Hafen zusätzliche Attraktion gewonnen.

Die neue Treppe zwischen  der place de  la Bastille und dem Arsenal-Hafen. Im Hintergrund die Säule zur Erinnerung an die Opfer der Juli-Revolution von 1830

Insgesamt sind an dem Zaun zur Metro-Station und zum Arsenal-Hafen 50 „Pappkameraden“ mit den Portraits von Kommunarden befestigt: Es sind Männer und Frauen unterschiedlichen Alters, sozialer Zugehörigkeit, nationaler bzw. geographischer Herkunft, unterschiedlicher politischer Tendenzen und mit ganz verschiedenem beruflichem Hintergrund.  Teils findet man hier prominente Gestalten der Commune wie Louise Michel, Jules Vallès oder Gustave Courbet, teils kaum bekannte Männer und Frauen, die sich auf unterschiedliche Weise in der Commune engagiert haben. Sie hier aufzunehmen war den Machern der Ausstellung besonders wichtig: „Nous la Commune“ soll gerade die breite Anhängerschaft der Commune in der Pariser Bevölkerung aufzeigen. Eine Beschränkung auf die „Prominenz“ wäre diesem Anspruch kaum gerecht geworden.  Vielen der Abgebildeten wurde deshalb, weil entsprechende zeitgenössische Darstellungen fehlen, hier vielleicht zum ersten Mal visuelle Gestalt gegeben.  Unterschiedlich ist auch das Schicksal der in die Ausstellung aufgenommenen Personen: Manche sind im Kampf getötet worden, andere wurden in oder nach der „Blutwoche“, der  semaine sanglante,  erschossen oder deportiert, wieder andere gingen ins Exil. Einige wenige konnten aber auch ihr voriges Leben fortsetzen. Den Figuren der Ausstellung sind jeweils entsprechende Informationen beigegeben: zum Beispiel ein Rednerpult für gewählte Mitglieder der Commune, eine phrygische Mütze für Anhänger des Jacobinismus, ein Schiff für die Deportierten, ein Totenkopf für die im Kampf Gefallenen….  Dazu gibt es jeweils einen kleinen biographischen Text. Insgesamt eine anschauliche und anregende Präsentation am passenden Ort: Nicht nur wegen der revolutionären Tradition des Bastille-Platzes, sondern auch wegen seiner Belebt- und neuerdings auch gesteigerten Beliebtheit. So müssen die Menschen nicht Barrieren überwinden, um zur Ausstellung zu kommen, sondern diese kommt zu ihnen.

Die nachfolgende Zusammenstellung ist keine Dokumentation der Ausstellung, Es wird nur eine Auswahl von 18 Personen vorgestellt, dabei aber versucht, entsprechend dem Anspruch der Ausstellung einen Eindruck von der großen Vielfalt zu vermitteln, die für die Pariser Commune charakteristisch ist. Diese Vielfalt ist ein wesentlicher Grund für die Dynamik und die Ausstrahlung dieser 72 Tage. Die ausgewählten Personen sind in alphabetischer Reihenfolge angeordnet. Die beigefügten Texte orientieren sich weitgehend an den Informationen, die den Figuren der Ausstellung beigegeben sind.

Mohamed Ben Ali

Mohamed Ben Ali war tirailleur algérien, also einer von 9000 aus Algerien stammenden Soldaten, die am deutsch-französischen Krieg teilnahmen. Sie wurden auch wegen ihrer Aufmachung „turcos“ genannt.

Die meisten wurden im März 1871 nach dem Vorfrieden zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich repatriiert. Einige wenige wie Mohamed Ben Ali schlossen sich der Commune an. Er wurde Ordonanz bei Maxime Lisbonne (s.u.) und kam bei den Kämpfen in der semaine sanglante ums Leben.[2]

Henry Champy

Während der Belagerung von Paris herrschte ein großer Mangel an Lebensmitteln, von deren Zufuhr die Stadt abgeschnitten war. Die Elefanten Castor und Pollux im Jardin d’acclimatation wurden getötet, und in den feinen Restaurants wurden Kamelschnitzel und Antilopenragout angeboten. Für die armen Leute blieben Katzen, Hunde und Ratten. Henry Champy wurde von der Commune beauftragt, die Versorgung der Bevölkerung zu organisieren und zu verbessern. Städtische Kantinen wurden eingerichtet, der Zwischenhandel unterdrückt und die Preise reglementiert.

Die Abbildung Champys in der Ausstellung lehnt sich an ein Bild Narcisse Chaillous an[3]:

Es zeigt einen Verkäufer von Ratten während der Belagerung von Paris 1870: Der Metzger krempelt seine Ärmel hoch, als ginge es darum, ein großes Stück Fleisch zu zerlegen… Beim Champy-Bild der Ausstellung ist die Ratte mit einer preußischen Pickelhaube ausgestattet: Die  Niederschlagung der Commune erfolgte zwar durch die offiziellen Truppen der Französischen Republik, den sogenannten Versaillais, allerdings „mit freundlicher Unterstützung“ von deutscher Seite. 

Jean-Baptiste Clément

Der Sänger und Liedermacher Jean-Baptiste Clément aus Montmartre  war wegen seines politischen  Engagements unter dem Kaiserreich Napoleons III. verurteilt worden. Mit dem Sturz des Kaisers erhielt er seine Freiheit zurück und engagierte sich in der Nationalgarde. Während der Commune wurde l’artiste, wie er auch genannt wurde, zum Vertreter Montmartres gewählt und Bürgermeister des Stadtviertels. Nach der Niederschlagung der Commune wurde er zur Deportation verurteilt.

Seine Prominenz verdankt Clément vor allem seinem schon 1866 geschriebenen Liebeslied Le temps des cérises, das zur Hymne der Commune wurde. Clément widmete es 1885  «à la vaillante citoyenne Louise»,  der wachsamen Bürgerin Louise Michel (s.u.).[4]

In dem Lied singt auch die merle moqueur, die Spottdrossel, die hier auf seinem Arm sitzt. Eine schöne deutsche Version des Liedes, gesungen während der Zeit der deutschen Wende, stammt von Wolf Biermann:                                                                                                                                                                     http://www.youtube.com/watch?v=Rv420VhwUWc

Gustave Courbet

In einer solchen Ausstellung darf natürlich der Maler Gustave Courbet nicht fehlen. Noch während der Belagerung von Paris wurde er von der republikanischen Regierung beauftragt, den Schutz der Museen zu organisieren, während der Commune wurde er gewissermaßen  zum Kultusminister gewählt. Als Anhänger von Proudhon setzte er sich besonders für das Prinzip der Selbstverwaltung und für die Unabhängigkeit der Kunst von staatlicher Bevormundung ein.

Verhängnisvolle Konsequenzen hatte für  Courbet die Zerstörung der von der Statue Napoleons gekrönten Säule auf der place Vendôme, die den Sieg der Grande Armée in der sogenannten 3-Kaiser-Schlacht bei Austerlitz gegen Österreicher und Russen feierte. Courbet hatte zwar gefordert, die Säule als Ausdruck der Kriegsverherrlichung zu entfernen und in den Hof des Hôtel des Invalides zu verlegen; als aber die Commune am 12. April 1871 ihre Zerstörung beschloss, war Courbet noch nicht deren Mitglied, also auch nicht beteiligt.  Trotzdem wurde er nach Niederschlagung der Commune  dazu verurteilt, die Kosten für den Wiederaufbau der Säule zu tragen. Da er dazu nicht in der Lage war, blieb ihm nur das Exil in der Schweiz, wo er auch starb.[5]

Gaston Crémieux

Die Aufnahme von Gaston Crémieux in die Ausstellung weist darauf hin, dass es neben der Commune von Paris auch entsprechende Bewegungen in anderen Städten Frankreichs gab, so u.a. in Lyon, Marseille, Toulouse und Saint-Étienne.  Der Rechtsanwalt und Dichter Gaston Crémieux war  Repräsentant der Commune von Marseille, deren Ziel die Unterstützung der Pariser Commune und  eine regionale Eigenständigkeit gegenüber der Zentralmacht war.

Allerdings wurde die Bewegung schon nach 14 Tagen niedergeschlagen. Crémieux wurde gefangen genommen, konnte aber vor seiner Hinrichtung noch ein von Victor Hugo gelobtes Theaterstück über Robbespierre schreiben – darauf verweisen die rote Jacobinermütze an seinem Revers und wohl auch die Blume im Gewehrlauf, die auch in dem Gewehrlauf von Rimbaud  in dieser Ausstellung steckt. (s.u.) Am 30 November 1871 wurde Crémieux mit dem Ruf „Vive la République“ auf den Lippen erschossen.

Elisabeth Dimitrieff

Elisabeth Dimitrieff war 19 Jahre alt, als sie im Auftrag von Karl Marx, den sie 1870 in London traf,  nach Paris kam. Sie stammte aus einer russischen Adelsfamilie, verließ aber wegen ihres revolutionären Engagements das Land und  wurde 1868 in der Schweiz Mitherausgeberin der Zeitschrift La Cause du peuple.  1870 reiste sie nach London, wo sie Karl Marx traf. Der interessierte sich sehr für die Zustände in Frankreich und veröffentlichte ja auch 1871 einen Bericht über den „Bürgerkrieg in Frankreich“. Er beauftragte Dimitrieff, die Entwicklung vor Ort zu beobachten. Damit begnügte sie sich aber nicht. Sie setzte sich während der Commune, die sie als eine Etappe auf dem Weg zur Weltrevolution sah, für eine Verbesserung der Arbeitsverhältnisse ein: Recht auf Arbeit, Begrenzung der Arbeitszeit, gleiche Entlohnung von Männern und Frauen. Gemeinsam mit Nathalie Lemel gründet sie die Union des femes für die Verteidigung der Stadt Paris und für die Versorgung von Verwundeten – deshalb auch die Armbinde mit dem roten Kreuz. Im Faubourg Saint-Antoine kämpfte sie auf den letzten Barrikaden der Commune[6], kehrte dann zunächst in die Schweiz und anschließend nach Russland zurück, wo sich ihre Spuren verlieren.

Elisabeth Dimitrieff wird als eine äußerst attraktive, elegant gekleidete Person beschrieben- umgeben von einer roten Schärpe, an der sie ihre Pistolen befestigte: offenbar ein passendes Motiv für ein Erinnerungsfoto. Erkennbar sind am unteren Bildrand die Barrikaden-Steine und ein rotes Exemplar von „Das Kapital“- ein Hinweis auf die Beziehung zu Marx.

Jaroslaw Dombrowski/Dabrowski

Jaroslaw Dombrowski ist Ausländer, stammt aus einem polnischen Adelsgeschlecht und engagiert sich in der Pariser Commune -insofern eine Parallele zu Elisabeth Dimitrieff.   Dombrowski (ursprünglicher Name: Dabrowski), Offizier in der russischen Armee, hatte 1863 an dem sogenannten Januaraufstand gegen die russische Teilungsmacht teilgenommen, der blutig niedergeschlagen wurde. Verurteilt zu Zwangsarbeit, konnte er entkommen und gelangte nach Frankreich, wo er sich in der Arbeiterbewegung engagierte.

In Anbetracht der wenigen professionellen Militärs und ihres internationalistischen Ansatzes machte die Commune Dombrowski zum Oberbefehlshaber ihrer Kämpfer. Wenige Tage danach gelang es den Versaillais-Truppen in Paris einzudringen. Dombrowski wurde von einigen seiner Mitstreiter verdächtigt, gegen eine Bestechungssumme Verrat begangen zu haben. Spätestens bei seinem Tod auf einer Barrikade verstummten aber diese Vorwürfe.[7] Dombrowski wurde in seiner Uniform und in eine rote Fahne gehüllt auf dem Père Lachaise bestattet, wo sich sein Grab allerdings nicht mehr befindet. 

Léo  Frankel

Wie Dimitrieff und Dombrowski gehörte auch Léo Frankel zur „internationalen Fraktion“ der Commune. Er stammt aus Ungarn, kam über Deutschland nach Frankreich. Als führendes Mitglied der Ersten Internationale engagierte er sich in der Commune vor allem in der Commission de Travail. Als „Arbeitsminister der Commune“ hatte er wesentlichen Anteil an der Abschaffung der Nachtarbeit für Bäcker und an dem Verbot von Lohneinbehalten der Arbeitgeber. Während der semaine sanglante wurde er beim Barrikadenkampf verwundet.  Seine Geliebte, Elisabeth Dimitrieff rettete ihn und er konnte in die Schweiz entkommen. Nach der Amnestie kehrte er nach Paris zurück, wo er 1896 starb. Sein Leichnam, zunächst auf dem Friedhof Père Lachaise bestattet, ruht inzwischen auf einem Budapester Friedhof.

Nathalie Lemel

Nathalie Lemel war gelernte Buchbinderin. 1861 siedelte die Bretonin nach Paris über und beteiligte sich aktiv an Arbeitskämpfen ihres Berufszweiges, wobei die gleiche Bezahlung von Frauen und Männern erreicht werden konnte.

Während der Commune gründete sie zusammen mit Elisabeth Dimitrieff die Union des femmes pour la défense de Paris. Sie setzte sich ein für die Gleichstellung von ehelichen und unehelichen Kindern, für eine anerkannte Berufsausbildung von Frauen, für die allgemeine gleiche Bezahlung von Männer und Frauen  und für die Organisation von kooperativen Werkstätten. Am 21. Juni 1871 wurde sie verhaftet und zur Deportation verurteilt. Mit der Fregatte La Virginie wurde sie nach Neu-Kaledonien deportiert – zusammen mit Louise Michel.  

Maxime Lisbonne

Maxime Lisbonne, Sohn eines aus Portugal stammenden jüdischen Malers, war in seiner Jugend Schiffsjunge, Soldat und Schauspieler, bevor er sich in der Commune engagierte.

Als Oberst der Nationalgarde erhielt er den Beinamen  D’Artagnan de la Commune. Während der semaine sanglante wurde er verwundet und anschließend zur Verbannung verurteilt. Nach der Amnestie wurde Lisbonne Direkter des Theaters Bouffes du Nord in Paris, wo er Theaterstücke von Louise Michel und Victor Hugo in das Programm aufnahm. Ordonanz von Lisbonne war Mohamed Ben Ali – ein spektakuläres Duo….

Anne-Marie Ménand

Wie viele alleinstehende Frauen ihrer Zeit schlug sich Anne-Marie Ménand mit mehreren kleinen Beschäftigungen durchs Leben. Sie arbeitete unter anderem als Köchin und Zeitungsverkäuferin, aber auch als Prostituierte. Nach der Niederschlagung der Commune wurde sie als „pétroleuse“ zum Tode verurteilt. Die siegreichen Versaillais beschuldigten sie,  an den Bränden in der rue Royale teilgenommen zu haben, obwohl es dafür keine Zeugen gab. Schließlich wurde die Strafe in lebenslange Zwangsarbeit umgewandelt. Zur Verbüßung dieser Strafe wurde Ménand nach Guyana deportiert. Dort verliert sich ihre Spur.

Louise Michel

Unübersehbar ist mit ihrer roten Fahne und der blauen Uniform der Nationalgardisten Louise Michel, die wohl bekannteste Kommunardin, in der Ausstellung platziert. Ihr Portrait ist ja auch auf dem als Beitragsbild gewählten Plakat zum 150. Jahrestag der Commune abgebildet. Vorgestellt wird sie in der Ausstellung auf dem Bastille-Platz als Lehrerin, Anarchistin, Kämpferin für die Frauenrechte und als Sanitäterin (ambulancière) der Nationalgarde.

Am 18. März 1871 war Louise Michel dabei, als der Versuch der Versailler scheiterte, die auf dem Hügel von Montmartre postierten Kanonen zu erbeuten. Als unerschrockene Kämpferin wurde ihr nach der Niederschlagung der Commune der Prozess gemacht, wo sie sich voll und ganz zu ihren Positionen bekannte. Dies beeindruckte auch Victor Hugo, mit dem sie einen ausführlichen Briefwechsel unterhielt und der ihr, die auch schriftstellerisch hervortrat, das Gedicht Viro Major widmete. Louise Michel wurde nach Neu-Kaledonien verbannt und engagierte sich dort -damals völlig außergewöhnlich- für die Rechte der Ureinwohner.

Le portrait de Louise Michel réalisé par le street-artiste trône sous la basilique du Sacré-Cœur (XVIIIe) ce mercredi, le temps d'une journée. LP/Christine Henry

Am 11. August hing übrigens ein großes Portrait von Louise Michel, gemalt von Henri Marquet, am Aufgang zur Kirche Sacré Coeur (7a) – an einem beziehungsreichen Ort also, weil diese Kirche ja als Sühne für die (angeblichen) Verbrechen der Commune errichtet worden war.

Nadar/Félix Tournachon

Das Bild von Félix Tournachon, bekannter unter seinem Künstlernamen Nadar, ist mit zwei Attributen versehen: Einem Fotoapparat und einem Fesselballon mit der Aufschrift: Vive la Commune!

Nadar war nämlich -neben seiner Tätigkeit als Karikaturist- ein bedeutender Fotograf, der ab 1854 eine Vielzahl von zeitgenössischen Persönlichkeiten portraitierte: Baudelaire, Berlioz, Courbet, Dumas, Victor Hugo, Émile Zola, Franz Liszt, Rossini, Jules Verne, Richard Wagner – um nur einige zu nennen. Seine besondere Leidenschaft aber galt der Ballonfahrt, die er auch für seine Arbeit als Fotograf nutzte:  Die ersten jemals gemachten Luftaufnahmen stammen von ihm.

 Lithographie von Honoré Daumier 1863[8]

Während der Belagerung von Paris war Nadar Mitbegründer eines Unternehmens der Ballonfahrt: Seine Ballons dienten vor allem der militärischen Aufklärung und dem Transport von Post aus der belagerten Stadt. An Bord eines seiner Ballons verließ der Innenminister Léon Gambetta in einer spektakulären Aktion am 7. Oktober 1870 die Stadt, um den Widerstand gegen die deutschen Truppen zu organisieren.

Nadar stellte dann auch der Commune seine Ballons zur Verfügung, etwa um Flugblätter über den feindlichen Linien abzuwerfen und die Versorgung der von den Versailler Truppen eingeschlossenen Stadt zu verbessern- ein Engagement, das den wirtschaftlichen Ruin Nadars zur Folge hatte.

Élisée Reclus

Elisée Reclus war ein bedeutender Geograph, gleichzeitig aber auch lebenslang engagierter Anarchist. Anarchie war für ihn Ausdruck von Menschlichkeit und universeller Solidarität; sie sollte das Ende von Krieg, Elend und der Herrschaft von Menschen über Menschen bedeuten.  Während der Belagerung von Paris wandte sich Reclus an Nadar, der ihn in sein Ballonfahrer-Bataillon aufnahm und dessen enger Freund er wurde.  Seine geographischen Kenntnisse stellte Reclus in den Dienst der Verteidigung von Paris und der Commune. Im April 1871 geriet er in die Gefangenschaft der Versaillais, die ihn zur Deportation nach Neu-Kaledonien verurteilten. Nach einer internationalen Solidaritätskampagne von Wissenschaftlern, der sich u.a. auch Charles Darwin anschloss, wurde die Strafe in eine zehnjährige Verbannung umgewandelt. Ab 1876 veröffentlichte Reclus seine 20-bändige Nouvelle Géographie universelle, die zu einem internationalen Standardwerk wurde.

Arthur Rimbaud

Es ist umstritten, ob der junge Rimbaud zur Zeit der Commune in Paris war. Klar ist aber, dass „der junge Vagabund“ Ende Februar bis Anfang März sich dort aufhielt. Im Begleittext der Ausstellung heißt es dazu: „Der Legende nach ist Rimbaud nach Paris zurückgekehrt und hat sich bei den Tirailleurs de la Révolution engagiert.  Mythos? Wahrheit? Jedenfalls weiß man, dass ihn das aufständische Paris, das er in seinen Versen gefeiert hat, begeisterte.“  Und man weiß auch, wie sehr er den Horror der Semaine sanglante und den Sieg der Gegenrevolution verabscheute.[9]

Das Bild in der Ausstellung lässt offen, ob hier reale Präsenz oder geistige Nähe bezeichnet werden:  Rimbaud in der Uniform der Nationalgarde, das Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett in den Händen. Die Blume im Gewehrlauf und die Schreibfedern in der umgehängten Tasche weisen ihn -und dies ganz unzweifelhaft- als Schriftsteller aus.

Louis Rossel

Louis Rossel war der einzige hochrangige Offizier der französischen Armee, der sich 1871 der Pariser Commune anschloss. Wendepunkt war für ihn die Kapitulation der in Metz eingeschlossenen Rheinarmee unter Marschall Bazaine. Daraufhin schloss sich Rossel denen an, die den Kampf fortsetzen wollten, also zunächst der neuen 3. Republik, dann der Commune. Wenn er nach den Gründen gefragt wurde, antwortete er:

„Aus Hass gegen diejenigen, die mein Vaterland ausgeliefert haben, aus Hass gegen die alte soziale Ordnung habe ich meinen Platz unter der Fahne der Arbeiter von Paris gefunden“.

Rossel wird aufgrund seiner großen militärischen Fähigkeiten Anfang April Generalstabschef der Commune und Ende April délégué à la Guerre, also gewissermaßen Kriegsminister. Allerdings tritt er weniger Tage später wieder zurück, weil er keine Aussicht sieht, die wenig disziplinierten und ausgebildeten Truppen der Commune in die angesichts der Bedrohung durch die Versaillais unabdingbare Kampfbereitschaft zu versetzen. Er wird daraufhin von der Commune verhaftet, kann aber mit der Hilfe von Freunden entkommen und sich in Paris verstecken. Anfang Juni wird er dann von den Versaillais gefangen genommen. Ministerpräsident Thiers bietet ihm das Exil an, was Rossel ablehnt. So wird er am 28. November erschossen.

Jules Vallès

Jules Vallès war seit seiner Jugend begeisterter Anhänger des Sozialismus, vor allem der Ideen Proudhons. Im Januar 1871 gehörte er zu den vier Verfassern des berühmten roten  Plakats „Affiche rouge“, das mit den Aufruf endete: „Place au peuple, Place  à la Commune!“.[10]

In der Ausstellung ist Vallès abgebildet mit dem roten Flugblatt unter dem linken Arm und der von ihm gegründeten Zeitung „Le Cri du Peuple“ in der rechten Hand. Sie erschien zwischen dem 22. Februar und dem 23. Mai 1871 in 83 Ausgaben und war mit einer Auflage von 100 000 Exemplaren zusammen mit dem Père Duchêne das am weitesten verbreitete Presseorgan der Commune-Zeit. Daneben engagierte sich Vallès auch direkt in der Commune, in der er als Abgeordneter das 15. Arrondissement vertrat. Er gehörte dabei -ebenso wie Courbet- zu der Minderheit, die diktatorische Vollmachten für das comité de Salut public ablehnten.

In der Semaine sanglante konnte sich Vallès verstecken und dann nach London in Exil gehen. Nach der Amnestie kehrte er nach Paris zurück und ließ den Cri du Peuple wieder aufleben.

Charles Delescluze

Abweichend von der alphabetischen Reihenfolge steht Charles Delescluze am Ende dieses Überblicks: Immerhin ist er auch die letzte in der Ausstellung vorgestellte Person  – vielleicht weil sein Tod auf einer Barrikade am Ende der Commune steht und ihren Anspruch verkörpert, heroisch unterzugehen.[11]  

Delescluze war Journalist und sozialistischer Aktivist, der schon in den Revolutionen von 1830 und 1848 eine wichtige Rolle spielte. Vielfach verhaftet und zu Geld- und Haftstrafen (u.a. in Cayenne) verurteilt, engagierte er sich auch wieder in der Commune.  Als Vertreter des 11. Arrondissement – dort gibt es seit 1924 eine nach ihm benannte Straße-   war er ein einflussreiches Mitglied des Conseil de la Commune und ab 9. Mai auch des Comité de Salut public, das von den föderal orientierten Kommunarden um Vallès und Courbet als diktatorisch abgelehnt wurde. Angesichts der zunehmenden Bedrohung durch die Versaillais wurden damit die ideologischen Spannungen innerhalb der Commune offenkundig.

Am 21. Mai -beim Einmarsch der gegenrevolutionären Truppen- ließ Delescluze einen Aufruf plakatieren, der mit den Worten endete:

„Place au Peuple, aux combattants, aux bras nus! L’heure de la guerre révolutionnaire a sonné!“ – ein Aufruf, der allerdings durchaus kritisch gesehen werden kann bzw. muss. Denn er beförderte die Opposition einer wenig strukturierten Truppe gegen ihre Offiziere und eine Aufsplitterung der Verteidigung. Eine einheitliche Strategie wurde damit verhindert. [12]

Aber dieser revolutionäre Krieg fand nicht statt: In der semaine sanglante wurde die Commune blutig niedergeschlagen. Delescluze, der nicht in die Hände der Versaillais fallen wollte, suchte und fand den Tod auf einer Barrikade. Die wird auf dem Bild der Ausstellung durch die Steine zu seinen Füßen veranschaulicht. Aufrecht steht Delescluze da und erwartet und begrüßt  seinen Tod…. Mit dieser heroischen Geste endet die Ausstellung.

(Zum Grabmal Delescluzes auf dem Père Lachaise siehe den Blog-Beitrag: Der Bürgerkrieg in Frankreich. Ein Rundgang auf dem Friedhof Père Lachaise auf den Spuren der Pariser Commune).

Hier die letzten Portraits der Ausstellung –  Delescluze ganz rechts. Darunter haben sich Obdachlose ein Lager errichtet….

In dem Begleittext zu dem Bild Delescluzes wird allerdings nicht seine problematische Rolle als „Kriegsminister“ in den letzten Tagen der Commune angesprochen. Da beantragte er nämlich, alle in der Hand der Commune befindlichen Geiseln zu erschießen und vor dem Rückzug symbolisch aufgeladene öffentliche Gebäude (Tuilerien-Schloss, Rathaus von Paris, Gebäude des Rechnungshofs, der Légion d’honneur im Hôtel de Salm u.a. ) in Brand zu setzen.  Dass dies in der Ausstellung nicht berücksichtigt wurde, entspricht einer generellen Tendenz, mögliche kontroverse Themen und Aspekte zu übergehen bzw. „weichzuzeichnen“.[13] Im Fall von Delescluze steht die Ausstellung damit nicht allein: Seine Rolle bei der in der Commune durchaus umstrittenen  Geiselerschießung und der ebenfalls umstrittenen –zumal militärisch sinnlosen- Inbrandsetzung öffentlicher Gebäude wird zwar in der deutschen und englischen, nicht aber in der französischen Version des Delescluze-Artikels von Wikipedia erwähnt. [14] Vielleicht ein Hinweis darauf, wie ideologisch aufgeladen auch heute noch der Umgang mit der Commune in Frankreich ist.[15]


Zum Thema der Pariser Commune gibt es einen weiteren Blog-Beitrag:

Der Bürgerkrieg in Frankreich 1871. Ein Rundgang auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris auf den Spuren der Commune.

https://paris-blog.org/2016/08/13/der-buergerkrieg-in-frankreich-1871-ein-rundgang-auf-dem-friedhof-pere-lachaise-in-paris-auf-den-spuren-der-commune/

Anmerkungen

[1] Siehe: La Commune, à l’assaut du ciel. I’insurrection du peuple de Paris pour une République sociale. Histoire, lieux de mémoire et figures des la Commune de Paris dans le 11e arrondissement. Herausgegeben von der Mairie du 11e. Paris. Im Titel dieser offiziellen Broschüre wird eine gewisse Überhöhung und Idealisierung der Commune deutlich,: Immerhin hat nicht das „Volk von Paris“ in seiner Gesamtheit die Commune mitgetragen. Und bei aller unbestreitbaren Fortschrittlichkeit und revolutionären Weitsicht der Commune-„Himmelsstürmer“ gibt es auch dunkle Seiten, die in dieser Broschüre und auch in der Ausstellung nicht berücksichtigt sind.

[2] Dass Ben Alis linke Hand verbunden ist, verweist auf ein Gemälde von Jules Monge, das den Turco Ben-Kadour zeigt, der im deutsch-französischen Krieg noch trotz seiner Armverletzung weiterkämpft. https://fr.m.wikipedia.org/wiki/Fichier:Le_turco_Ben-Kadour_%C3%A0_Lorcy.jpg

[3] iBild aus: https://artuk.org/discover/artworks/a-rat-seller-during-the-siege-of-paris-71634

[4] Mehr zu Clément siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2016/08/13/der-buergerkrieg-in-frankreich-1871-ein-rundgang-auf-dem-friedhof-pere-lachaise-in-paris-auf-den-spuren-der-commune/

[5] Zur Geschichte der Vendôme-Säule und zur Rolle Courbets in der Commune siehe die beiden Blog-Beiträge:

https://paris-blog.org/2021/06/02/150-jahre-abriss-der-vendome-saule-durch-die-commune-teil-1-ein-blick-auf-ihre-bewegte-geschichte-vive-lempereur-a-bas-lempereur-auch-ein-beitrag-zum-napoleonjahr-annee-napoleon-20/ und

https://paris-blog.org/2021/06/14/150-jahre-abriss-der-vendome-saule-durch-die-commune-teil-2-der-fall-der-saule-und-der-fall-courbets/

[6] Zum revolutionären Faubourg Saint Antoine siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2016/04/06/der-faubourg-saint-antoine-teil-2-das-viertel-der-revolutionaere/

[7] Dass Dombrowski als Verräter verdächtigt wurde, wird in dem Text der Ausstellung nicht mitgeteilt. Das entspricht einer gewissen Tendenz, Schattenseiten der Commune eher zu übergehen.

[7] Bild von LP/Christine Henry aus Le Parisien vom 11. August 2021

[8] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/Nadar#/media/Fichier:Brooklyn_Museum_-_Nadar_%C3%89levant_la_Photographie_%C3%A0_la_Hauteur_de_l’Art_-_Honor%C3%A9_Daumier.jpg

[9] Siehe dazu: Frédéric Thomas, Rimbaud à l’heure de la Commune de Paris. In: Libération 12. April 2021 https://www.liberation.fr/idees-et-debats/tribunes/rimbaud-a-lheure-de-la-commune-de-paris-20210412_4R7DGS5YQVHDRA77DI7JANC2WA/ ; ; Steve Murphy, Rimbaud et la Commune. Garnier 2010;       Daniel A. de Graaf, Rimbaud et la Commune. Revue belge de Philologie et d’Histoire. (1952)  https://www.persee.fr/doc/rbph_0035-0818_1952_num_30_1_2132

[10] Siehe dazu:   https://ahavparis.com/laffiche-rouge-du-7-janvier-1871/

[11] Siehe François Jourde,  La Mort de Delescluze:  „La Révolution voulait mourir héroïque et tomber ensevelie dans les plis de son drapeau.“

https://fr.wikisource.org/wiki/Souvenirs_d%E2%80%99un_membre_de_la_Commune/La_Mort_de_Delescluze

[12]  „c’est entraîner une opposition contre les officiers et un morcellement de la défense. Cela ne fait que renforcer l’esprit de quartier et les formes locales de combat, empêchant ainsi toute vue d’ensemble.“ https://www.commune1871.org/la-commune-de-paris/histoire-de-la-commune/illustres-communards/535-charles-delescluze

[13]   Siehe auch Anmerkung 1. In der dort genannten Broschüre des 11. Arrondissement wird Delescluze ausführlich gewürdigt, seine Rolle im Comité de salut public alllerdings ebenfalls nicht angesprochen.

Im Begleittext der Ausstellung zu der (angeblichen) pétroleuse Anne-Marie Menard wird zu den Bränden offizieller Gebäude in der semaine sanglante vermerkt, man wisse heute, dass Bomben der Versaillais die Mehrheit der Feuer verursacht hätten  oder sie das Ergebnis einer „strategischen Wahl“ der Nationalgarde gewesen seien….

[14] Auch in der Präsentation der „figures emblématiques“ des 11. Arrondissements durch die Mairie dieses für die Zeit der Commune besonders bedeutsamen Arrondissements wird die Rolle Delescluzes im Comité de Salut publique nicht erwähnt.

https://mairie11.paris.fr/pages/les-150-ans-de-la-commune-les-figures-emblematiques-du-11e-17344

[15] Das wurde auch wieder deutlich angesichts einer Prozession von Katholiken zu Ehren von Geiseln, die während der Commune erschossen wurden:

Siehe: https://www.leparisien.fr/paris-75/a-mort-les-fachos-a-paris-une-procession-catholique-attaquee-30-05-2021-O5VRLYJHABG6ND2KTOETUBOFVY.php «A mort les fachos» : à Paris, une procession catholique attaquée Des pèlerins qui défilaient ce samedi en hommage aux ecclésiastiques tués voici 150 ans rue Haxo (20e arrondissement) durant la Commune ont été agressés et certains blessés, selon le service d’ordre, par des groupes d’extrême gauche. Le diocèse va porter plainte.

Besonders von Seiten der politischen Rechten wurde dieser Vorfall natürlich entsprechend herausgestellt. Siehe:  https://www.lefigaro.fr/paris-une-procession-en-memoire-des-martyrs-catholiques-de-la-commune-attaquee-par-des-antifas-20210530

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