open your eyes! Street-Art in Paris (1):

Une ville sans graffitis serait comme une rivière sans poissons”.  (Nemo)

Eine Stadt ohne Graffitis wäre wie ein Fluss ohne Fische

 

Paris hat ja viele Superlative. Zu ihnen gehört sicherlich auch der, dass es wohl eine der Städte der Welt ist, die am meisten von der Street-Art geprägt ist.[1] Vergleiche ich jedenfalls Paris mit Frankfurt, ist der Unterschied ganz deutlich. Natürlich gab und gibt es auch in Frankfurt viele Street art- Werke man denke nur an die Bemalung der Mauer um den Neubau der EZB. Aber in Paris begegnet man ihr auf Schritt und Tritt. Ich möchte deshalb im ersten Teil dieses Beitrags einige Eindrücke von der Street- Art in Paris vermitteln. Das will und kann kein systematischer Überblick sein, sondern lediglich andeuten, wie vielfältig die Street- Art-Szene ist Paris ist.  In nachfolgenden Beiträgen möchte ich dann mehrere Street-Art-Künstler etwas intensiver vorstellen, die mit ihren Arbeiten wichtige und, wie ich finde,  schöne Beiträge zur Ausgestaltung des öffentlichen  Raums der Stadt leisten.

Fangen wir mit dem kleinen Überblick an:

Da gibt es die Tintenfische mit menschlichen Gesichtern von GZUP, die aus sicherer Höhe auf die Passanten herabblicken[2]  wie die Mona Lisa in der rue des archives im Marais.

DSC01136 Street art rue des archives (1)

Durch diese Positionierung erhöht sich natürlich ihre Lebensdauer: Sie sind vor Beschädigungen und Übermalungen sicherer, zumal ab 4 m Höhe die jeweiligen Hauseigentümer zuständig sind und nicht die Stadt Paris.

 

….  Manchmal befinden sich in der Nähe von Straßenschildern gleich mehrere kleine Werke verschiedener Street-Art-Künstler. Sie scheinen  sich in Gemeinschaft wohl zu fühlen …

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In sicherer Höhe sind auch die Sprüche von Pö im texto-Französisch zu sehen, hier im Impasse de Mont-Louis im 11. Arrondissement…

IMG_9298 ce dur quan on est seul

Es ist hart, wenn man allein ist

… und am Boulevard Soult:

Boulevard Soult IMG_9384 (2)

Gibt es niemanden, der sich in mich verlieben will?

Der codex urbanus belebt Hauswände mit allerlei phantastischen Lebewesen – hier in der Rue de Candie, ebenfalls im 11. Arrondissement. Die Exemplare des Codex haben zwar lateinische Namen, aber sie sind reine Produkte der Phantasie und der Träume. Insofern passt es, dass Codex urbanus im Mai 2016 durch eine Ausstellung im Musée Gustave Moreau geehrt wurde, denn mit dessen Namensgeber teilt er „le goût pour le songe, le fantastique et le Symbolisme“. [3]  Weniger hintergründig sind die bunt bemalten Pfosten eines Straßenkünstlers, der sich cyklop  nennt.[4] Auf die Enden von Pfosten malt er einziges großes buntes Auge- insofern passt sein Künstler-Pseudonym. Bei dem Pfosten in der Cité de l’Ameublement am jardin Titon im 11. Arrondissement  ist es allerdings ein lachende Gesicht: Ergebnis eines Projekts mit einem benachbarten Kindergarten. Da kann man sich gut vorstellen, wie begeistert die Kleinen bei der Sache waren!

LéZarts de la Bièvre schmücken triste Hauswände entlang des heute in Paris überbauten Flüsschens Bièvre – hier im 5. Arrondissement mit einem Gemälde von Caillebotte, den „raboteurs du parquet“, den  Parkettschleifern.

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Öfters begegnet man auch in Paris den von Clet Abraham verfremdeten Verkehrsschildern.[5] Besonders hat er es  offenbar auf  Verbotsschilder abgesehen wie hier an der Kreuzung zwischen der Rue Saint Maur und der Rue du Chemin Vert im 11. Arrondissement oder in der Rue de Quatre Fils im Marais.

 

Dass das Durchfahrt-verboten-Zeichen weggetragen oder zusammengequetscht wird, ist auch ganz im meinem Sinn, weil hier –im Gegensatz zu vielen anderen Pariser Einbahnstraßen- keine Ausnahmeregelung für Fahrradfahrer vorgesehen ist.

Eine feste und prominente  Adresse für die Pariser Street art ist seit nunmehr 10 Jahren die Wand (le MUR) in der Rue Oberkampf/Ecke Rue Saint-Maur im 11. Arrondissement.  MUR bedeutet dabei nicht nur „Mauer“ sondern ist auch eine Abkürzung für „Modulable, Urbain, Réactif). Alle zwei Wochen wird da ein neues Werk produziert und ausgestellt und auf dem kleinen Platz davor gibt es ein nettes Café, von dem aus man bei einer Tasse Kaffee die „Mauer“ betrachten  kann. Le MUR hat gerade ihr zehnjähriges Jubiläum gefeiert und gehört zu den Projekten der Street-Art, die von der ville de Paris gefördert werden. [6]

Caselemurweb©HeleneLaxenaire

(Nr. 241 von Case Maclain)

le mur rue Oberkampf le Maur_9994 (1)

(Nr. 234 von Jason Botkin)

Da die entsprechenden Daten auf der mur und im Internet bekannt gegeben werden, kann man sogar mit etwas Glück und Planung die Entstehung eines neuen Werkes beobachten – so wie wir am 18. November 2017 die Arbeit der brasilianischen Street Art-Künstlerin Fefe Talavera – das 246. Werk der MUR Oberkampf.

DSC01586 le mur Oberkampf (2)

DSC01594 mur oberkampf T. 2 (12)

Auch an anderen Stellen der Stadt gibt es solche für die Street-Art reservierten und von der Stadt geförderten Plätze. So zum Beispiel im 12. Arrondissement  le M.U.R 12 in der rue du Sahel, da wo die promenade plantée/la coulée verte  die Avenue du général Michel Bizot kreuzt. Hier kommen wir immer mit dem Fahrrad auf dem Weg ins Schwimmbad vorbei. Kürzlich präsentierte da Monsieur Qui/Eric Lacan eine Arbeit. (6a) In der Ankündigung dazu heißt es:

“ Il propose ses visages de femmes mysterieuses, combinées à des motifs végétaux, masquant une douce satire des diktats féminins imposés par la société. Son jeu trouble et ambigue du noir et planc explore l’héritage des graveurs du XIXe siècle et notamment de Gustave Doré.“

Und hier die ganz aktuelle (Nov/Dezember 2017) und  außergewöhnliche Gestaltung der Mauer:

DSC01752 Street Art 12ième

Eine weitere, allerdings auf Dauer angelegte und zur Touristenattraktion von Paris gewordene Mauer ist die je t’aime-Mauer an der Place des Abesses im 18. Arrondissement.

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Sie  ist aus 511 Kacheln zusammengesetzt , auf denen  in über 300 Varianten und 200 Sprachen die Worte „ich liebe dich“ stehen. Da liegt es nahe, die Version in der eigenen Sprache zu suchen und den Liebsten oder die Liebste davor zu fotografieren. Aber natürlich gibt es in der Stadt der Liebe auch (mehr oder weniger professionelle) Straßenkünstler, die auf ein solches vorgefertigtes Angebot nicht angewiesen sind.

Zu sehen sind diese beiden Versionen in der rue d’Alexandre im 2 Arrondissement und -ganz unübersehbar- am Boulveard Voltaire gegenüber der Kirche St. Ambroise im 11. Arrondissement.

Es gibt sicherlich  unzählige weitere, völlig anonyme und wirklich nur ephemere Beispiele für Street- Art in Paris; wie etwa die kleine Spinne bei dem vor unserem Haus abgestellten Fahrrad, die leider nach einigen Tagen wieder verschwunden war.

IMG_8276rue Maillard

Reiseführer mit vorgeschlagenen Street art-Rundgängen und Führungen durch Arrondissements, in denen die Street- Art besonders lebendig ist – z.B. durch das Gebiet nördlich des Bassin de la Villette oder  durch Belleville- gibt es inzwischen auch schon. [7] Derzeit sehr „angesagt“ ist vor allem das 13. Arrondissement, das zahlreiche anonyme Hochhausbauten der Nachkriegszeit aufweist, deren triste Fassaden inzwischen immer mehr –mit Unterstützung des zuständigen Bezirksbürgermeisters- mit großformatigen Wandbildern bemalt werden.[8]

Street Art 13eme IMG_9961 (4)

Große Wandgemälde gibt es aber auch an anderen Stellen der Stadt, zum Beispiel  im Marais (an der Ecke der Rue des Rosiers und der Rue Vieille du Temple (4. Arr.) zum Tag der Frauen….

DSC01583 Street Art Marais

oder im 20. Arrondissement zur Gruppe Manouchian, einer Widerstandsgruppe gegen die deutsche Besatzer von Paris. Aufgrund eines Propagandaplakats des Vichy-Regimes und der deutschen Besatzungsbehörden, das nach der Verhaftung und Hinrichtung der Gruppe verbreitet wurde, ist sie auch  unter dem Namen „affiche rouge“ bekannt geworden – gewissermaßen als Kontrapunkt sind auf dem Wandbild die Mitglieder der Gruppe mit einem roten „Heiligenschein“ versehen…

Übrigens ist es hier nicht die mairie, die die für diese Arbeit die Hauswand zurVerfügung gestellt hat, sondern die copropriété, also die Eigentümergemeinschaft – so etwas ist wohl nur im traditionell linken Osten der Stadt möglich.

Dieser Überblick ließ sich nun fast nach Belieben ausweiten. Das würde aber den Rahmen dieses einführenden Berichts und auch dieses Blogs sprengen. Auffällig ist aber im Blick auf die Pariser  Street -Art- Literatur, die professionell angebotenen Street-Art-Spaziergänge und die eigenen Beobachtungen,  dass die Street-Art vor allem im Pariser Osten (einschließlich dem Nord- und dem Südosten) heimisch ist. Die charakteristische Trennung zwischen dem eher proletarisch-volkstümlichen Osten und dem bürgerlich-bourgeoisen Westen von Paris schlägt sich also auch in diesem Bereich nieder.

Auf zwei (natürlich auch im Pariser Osten tätig gewordene) Street-Art- Künstler soll abschließend noch einmal hingewiesen, von denen schon im Bericht über Belleville die Rede war, nämlich Ben und Nemo. (9)

Bens großes Wandbild  an der Place Fréhel gehört zu den bekanntesten Street-Art-Werken in Paris.

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Man muss sich vor Worten in Acht nehmen

Ben ist einer der international prominentesten  Street Art-Künstler von Paris. Er war in den 1960-er Jahren Mitglied der Fluxus-Kunstrichtung, zu der auch u.a. Bazon Brock, John Cage, Yoko Ono und Joseph Beuys gehörten, auf der Dokumenta in Kassel war er auch schon vertreten.  Besondere Berühmtheit erlangte sein kleiner Plattenladen, den er von 1958 bis 1973 in Nizza betrieb. Seine Mutter hatte ihm dafür die erforderlichen Mittel zur Verfügung gestellt, um ihm eine gesicherte Lebensgrundlage zu ermöglichen. Die Aufsehen-erregende Fassade des kleinen Lädchens war aus allen möglichen gebrauchten Gegenständen zusammengesetzt: Motto über der Eingangstür: Tout est art, tout est marchandise/ Alles ist Kunst, alles ist zu verkaufen. Und „tout est art“ -allerdings mit einem sehr berechtigten Fragezeichen versehen-  war auch der Titel einer Ben-Ausstellung im Musée Maillol 2016/2017.

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Wenn ich mich recht erinnere, wurde vor einigen Jahren Bens Lädchen- auch „Bizard Bazar“ oder Loboratoire 32 genannt-  in der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt ausgestellt; die  letzte Version kaufte das Centre Pompidou auf, wo sie heute zu sehen ist.

Ein fester Bestandteil der Street-art-Szene von Belleville sind auch die Wandbilder von Nemo, vor allem die Bemalung der Hauswand an der Ecke des Boulevard Belleville und der Rue de Ménilmontant. Ursprünglich sollen, so die „Legende“, die poetischen Wandmalereien Momos mit dem schwarzen Mann –oft mit Regenschirm-  mit fliegendem Drachen, Vögeln,  Katzen  und dem roten  Luftballon dem kleinen schulunwilligen Sohn Nemos den Weg zur Schule schmackhaft gemacht haben.

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Der rote Luftballon bezieht sich auf den Kurzfilm „Le Ballon rouge“ von Albert Lamorisse aus dem Jahr 1956, der mit der Goldenen Palme von Cannes und sogar mit einem Oskar für das beste Originaldrehbuch ausgezeichnet wurde: Er spielt im Ménilmontant der 50-er Jahre und es geht um einen magischen Ballon, der den kleinen Jungen Pascal auf Schritt und Tritt begleitet. Eine zauberhafte Geschichte, an deren Ende aber die Zerstörung des Luftballons durch eifersüchtige Altersgenossen –und damit das Ende der Kindheit- steht. Für viele französische Kinder der 50-er Jahre war der „rote Ballon“ geradezu ein Kultfilm, wie die hymnischen Kommentare zu dem Film zeigen, die man im Internet findet. („Ein wahres Wunder“; „meine Kindheit“; „unbestreitbar einer der besten Kurzfilme aller Zeiten“). Auch wenn Nemo den kleinen Pascal durch den bonhomme noir ersetzt hat, so knüpft er  mit seinen poetischen Bildern  an diesen Film –und seinen Erfolg- an.

Ausblick:

In nachfolgenden Beiträgen einer kleinen Pariser Street-Art-Reihe möchte ich  einige Street- Art- Künstler  vorstellen, die im Stadtbild von Paris besonders viele und prominente Spuren  hinterlassen haben und die ich ganz besonders schätze:

… Mosko… 

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… Jef Aérosol…

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…Jerôme Mesnager…

Mesnager Bassin de la Vilette 017 - Kopie

… den  Invader ….  

IMG_9882 Am Pont neuf (2)

…und  Miss Tic…

IMG_2293 Miss Tic 11ieme

… M Chat und Fred le Chevalier

Alle sind in Paris deutlich präsent und sie sind (inzwischen) auch so prominent, dass ihre Werke meist nicht mehr „ephemère“ sind, wie das ja eigentlich typisch für die Street- Art ist. Sie haben eigene websites,  vermarkten ihre Arbeiten, sind in Ausstellungen vertreten und werden für Werbezwecke oder die Ausgestaltung des öffentlichen Raums engagiert. Sie sind aus Paris also nicht mehr wegzudenken. Wenn man durch die Stadt geht oder fährt, wird man immer wieder auf ihre Werke stoßen und sich  über zufällige  Begegnungen mit ihnen freuen. So geht es jedenfalls mir und vielleicht ja auch einigen Leser/innen dieses Blog-Beitrags der, wie die drei nachfolgenden,  zu dieser Entdeckerfreude beitragen möchte.

Street-Art gibt es überall, also Augen auf!

Angesichts der großen Vielfalt der Street-Art in Paris lohnt es sich also,  mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen und zu fahren und sich über das zu freuen, was man meist (fast) auf Augenhöhe entdecken kann, also:

Rue Charles Delescluze 11eme 036

Ein Puzzle-Teil von Béa Pyl in der  Rue Charles Delezcluse (11e)

 

Anmerkungen

[1] Es gibt ganz unterschiedliche Schreibweisen des Begriffs. Ich habe mich für die vom Duden empfohlene entschieden, also Street-Art.  Den Begriff Urban Art verwende ich nicht, weil er offenbar eher ein Oberbegriff ist, der auch andere Kunstformen umfasst. Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Urban_Art

[2] http://www.streetlove.fr/interview/la-pieuvre-de-gzup-streetart-interview.html

[3] http://www.codexurbanus.com/codex-sinvite-chez-gustave-bestiaires-croises-musee-gustave-moreau

[4] http://lecyklop.blogspot.de/

[5] https://fr.wikipedia.org/wiki/Clet_Abraham

[6] http://www.lemur.fr/realisations/

https://fr.wikipedia.org/wiki/Le_MUR_(art_urbain)6a

Auf der Wand rechts unten  ist immer angegeben, wann der Wechsel stattfindet.

Die Stadt Paris benutzt  ausdrücklich die Street-Art als Mittel ihres Stadt-Marketings. Siehe: Street Art. Paroles des Murs. In: À Paris. Le magazine de la ville de Paris, no 64, Hiver 2017/2018, S. 28

(6a) https://www.facebook.com/Eric.Lacan/

[7] siehe dazu den Blog-Beitrag  über „Das multikulturelle, aufsässige und kreative Belleville“, Abschnitt Street -Art

Stadtführungen zu Street -Art in Belleville bietet an: http://www.ca-se-visite.fr/demandez-le-programme-2   (12 € pro Person)

Ein neuer Street-Art-Führer mit 8 vorgeschlagenen Rundgängen durch verschiedene Stadtviertel: Stéphanie Lombard,  Guide Street Art/Paris. Paris: Gallimard 2017

Eine Karte von Paris mit Street-Art-Orten und kurzen Erläuterungen: http://web.archive.org/web/20130427062928/http:/www.paris-streetart.com:80/pdf/carte-pochoir-paris

[8] http://www.mairie13.paris.fr/mairie13/jsp/site/Portal.jsp?page_id=94  siehe auch : Le street art poursuit sa conquête des quartiers parisiens. L’art envahit  la rue. In: cnewes  19.5.2017

siehe dazu auch: Georges Feterman: Paris, 24 nouvelles balades à thèmes. Paris 2017. Darin: Balade no 21: mur peints et trompe-l’oeil, S. 155f

(9) weitgehend übernommen aus dem Blog-Beitrag  über „Das multikulturelle, aufsässige und kreative Belleville“, Abschnitt Street -Art

 

Geplante Beiträge:

  • Little India, das indische Viertel in Paris
  • Street-Art in Paris (2)  Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • Hector Guimard: Jugendstil in Paris/art nouveau à Paris
  • Street-Art in Paris (3)  Der Invader
  • Auf dem Weg nach Paris: Die Mühle von Valmy, ein Fanal der Französischen Revolution

 

 

 

 

Die Erinnerung an Sklavenhandel und Sklaverei: Der schwierige Umgang mit einem düsteren Kapitel der französischen Vergangenheit

 Un seul esclave sur la terre suffit pour déshonorer la  liberté de tous les hommes.        Victor Hugo in einem Brief vom 17. Januar 1862

 

Die von der Stadtverwaltung in Charlottesville im amerikanischen  Bundesstaat Virginia beschlossene Entfernung des Denkmals für den Südstaatengeneral Robert D. Lee war Anlass zu heftigen Auseinandersetzungen, einem Aufmarsch weißer Suprematisten, einem Todesopfer unter den Gegendemonstranten und einer höchst umstrittenen, ja skandalösen Rede des amerikanischen Präsidenten: In ihr setzte er nicht nur „die mit Hakenkreuzen und Waffen marschierenden Neonazis mit den linken Gegendemonstranten gleich“, sondern auch die Gründerväter des Landes mit den Sezessionisten, „indem er fragte, wann man anfangen wolle, Monumente von George Washington oder Thomas Jefferson zu entfernen. Damit gab er jenen Auftrieb, die gegen die demokratisch legitimierte Entscheidung der Stadt demonstrierten, eine Statue zu entfernen, die für viele vor allem den Widerstand gegen die Befreiung der Sklaven nach dem amerikanischen Sezessionskrieg symbolisiert. Viele solcher Monumente im Süden wurden aufgestellt, weil das weiße Establishment die Abschaffung der Sklaverei nicht tolerieren wollte – und sie stehen für dessen erfolgreichen Kampf gegen die Zentralregierung in Washington, der dazu führte, dass mit den „Jim Crow“-Gesetzen den Schwarzen viele der zunächst erlangten Rechte für ein weiteres knappes Jahrhundert wieder aberkannt werden konnten.“[1]

Am 23. August 2017 erschien die Zeitung Libération mit einem Aufmacher zum Thema Sklaverei. Auf vier ganzen  Seiten wird darin dargestellt,  wie in Frankreich an seine Geschichte des Sklavenhandels und der Sklaverei erinnert.

DSC01169 Liberation Sklaverei (2)

Auch in Frankreich habe der Sklavenhandel seine Spuren und Narben hinterlassen: Straßennamen, Reklameschilder, Statuen…. So wie in den USA entsprechende Symbole beseitigt würden, müsse sich auch Frankreich mit dieser Vergangenheit auseinandersetzen- nach Einschätzung von Libération offenbar eine teilweise noch „unbewältigte Vergangenheit“.

An die Rolle Frankreichs im Dreieckshandel zwischen Europa, Afrika und Amerika und damit an seinen Anteil an dem Transport von Afrikanern in die karibischen Kolonien und das dortige System der Sklaverei wird in Frankreich durchaus erinnert.

So etwa in dem eindrucksvollen Mémorial de l’abolition de l’esclavage“ in Nantes. Es erinnert an die Rolle der Stadt als wichtigstem Hafen des französischen Sklavenhandels und möchte diejenigen ehren, die gegen die Sklaverei gekämpft haben und dies auch heute noch tun, da wo es immer noch Sklaverei gibt.[2]

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In die Wege zum Mémorial sind kleine beleuchtete Platten  eingelassen, in die die Namen von Sklavenschiffen eingraviert sind und die Jahreszahlen ihres Auslaufens aus dem Hafen von Nantes. Lange Reihen von „Stolpersteinen“ sozusagen, die erfahrbar machen, welche immense Bedeutung der Sklavenhandelt für die Stadt hatte: Insgesamt gingen von Nantes zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert 1714 „expéditions négrières“ aus, mehr als von allen anderen französischen Häfen zusammen.[3]

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Zu dem Mémorial steigt man einige Treppenstufen hinunter: Es befindet sich damit auf der Höhe des Wassers der Loire, die man sehen und hören kann.  Die Assoziation, sich in einem Schiffsrumpf zu befinden stellt sich so fast unwillkürlich ein. Man läuft den langgestreckten Bau entlang und enthält eine Vielzahl von Informationen über die Geschichte des Sklavenhandels und den Widerstand dagegen. Hier setzt sich eine Stadt ganz offen und eindrucksvoll mit einem schwierigen Kapitel ihrer Vergangenheit auseinander.

 

Bordeaux spielte, wenn auch in deutlichem Abstand zu Nantes, ebenfalls  eine wichtige Rolle im französischen Sklavenhandel. Allerdings war die wirtschaftliche Bedeutung der Sklaverei für Bordeaux außerordentlich hoch, weil Bordeaux sich auf den Handel mit Kolonialprodukten konzentrierte: Es lieferte Wein in die Kolonien und importierte dafür von Sklaven  hergestellten Zucker, Rhum und Kaffee. So hat Bordeaux mehr von der Sklaverei profitiert als jede andere französische Stadt.[4] Im musée d’Aquitaine gibt es auch eine 2009 neu gestaltete Abteilung zum Thema Sklaverei.  Sie ist auch information, kann aber  in ihrer Präsentation im Rahmen eines traditionellen Museums natürlich nicht mit dem Mémorial von Nantes mithalten.

Ärgerlich fand ich allerdings bei unserem Besuch des Museums im Sommer 2015, dass die Rolle von Bordeaux in der Präsentation eher heruntergespielt wird. In einer Informationstafel wird ausdrücklich festgestellt, dass Bordeaux zwischen 1672 und 1837 –ähnlich wie Le Havre und La Rochelle- einen Anteil von 12% am französischen Sklavenhandel hatte, „weit hinter Nantes“. Da liest man fast unwillkürlich ein „allerdings nur“ vor den „12%“ mit.

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 Und gleich am Anfang der Informationstafel wird festgestellt, Bordeaux habe „wie alle europäischen Häfen“ den Sklavenhandel betrieben- und auf einer beigefügten  Karten waren –beispielsweise- auch die Häfen Bremen, Hamburg und Lübeck eingezeichnet…  Einen jungen Mann, der gerade eine Gruppe durch die Abteilung führte, sprach ich darauf an, ob das denn eine historisch zutreffende Feststellung sei. Er zögerte einen Moment und meinte dann, das sei wohl in der Tat eine nicht ganz richtige Verallgemeinerung, die geändert werden müsse…

Seit dem loi Taubira vom 10. Mai 2001 gelten  Sklavenhandel und  Sklaverei in Frankreich ausdrücklich  als  „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“,  eine bis dato wohl einzigartige Maßnahme.[5]  2006, während der Präsidentschaft Jaques Chiracs, wurde dann  der 10. Mai ein „nationaler Tag der Erinnerung an den Sklavenhandel, die Sklaverei und ihrer Abschaffung.“  Für Chirac gehörte es zur  „grandeur“ eines Landes, seine ganze Geschichte anzunehmen, „avec ses pages glorieuses mais aussi avec ses zones d’ombre“.  In diesem Sinne erkannte Chirac ja auch endlich die Beteiligung Frankreichs an der nationalsozialistischen Judenverfolgung und –vernichtung an.[6]  Am 10. Mai findet  jedes Jahr im jardin du Luxembourg eine Zeremonie mit Beteiligung des jeweiligen Präsidenten statt.

Dort gibt es seit 2007 eine Skulptur aus Bronze, die  an die Abschaffung der Sklaverei erinnern soll. Sie besteht aus drei ineinander verschränkten Ringen, also Teilen einer Kette: Der untere in den Boden versenkte Ring soll die Wurzeln der Sklaverei symbolisieren, der mittlere ihre  fortdauernde Existenz  in vielen Teilen der Welt und der obere, geöffnete das Ende der Sklaverei. (6a)

Auf einer beigefügten Informationstafel wird nicht nur über die Entstehung und die Bedeutung der Skulptur informiert, sondern es wird auch der Befreiungskampf der Sklaven in den franzöischen Kolonien gewürdigt: Damit hätten sie zur Universalität der Menschenrechte und der Ideale der Französischen Revolution von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit beigetragen.

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2017 haben sogar gewissermaßen zwei Präsidenten an der Zeremonie teilgenommen: der scheidende François Holland und der damals schon gewählte, aber noch nicht amtierende, Emanuel Macron.

Außerdem gibt es seit 2017 am 23. Mai die „Journée nationale de commémoration en hommage aux victimes de l’esclavage colonial“, also einen Erinnerungstag an die Opfer der kolonialen Sklaverei.[7]  Dieses Datum bezieht sich auf einen großen Schweigemarsch, der am 23. Mai 1989 in Paris stattfand.

 

Die aktuelle  Diskussion: Wie wird an die Sklaverei erinnert und wie sollte an sie erinnert werden?

Vor diesem Hintergrund mag es erstaunen, dass die Ereignisse in den USA  eine Debatte auch in Frankreich ausgelöst haben, welche Rolle Sklavenhandel und Sklaverei in der nationalen Erinnerungskultur spielen. Die Erinnerung an dieses dunkle Kapitel der eigenen Geschichte scheint doch ausgesprochen intensiv und  in der Zielrichtung eindeutig am Gleichheits-Anspruch der französischen Revolution orientiert zu sein. Aber es gibt, wie Libération in der anfangs schon angesprochenen Ausgabe aufzeigt, in mehreren französischen Städten und vor allem den am Sklavenhandel beteiligten  Häfen  noch eine sichtbare Erinnerung an Persönlichkeiten, die diesen Handel betrieben haben. Und es gibt in Frankreich noch Straßen, die den Namen des Generals Richepanse tragen, der nach der Wiedereinführung der Sklaverei in den französischen Kolonien 1802 durch Napoleon in die Karibik geschickt wurde, um den Widerstand der wieder zu Sklaven gewordenen farbigen citoyens zu brechen, was er auf blutigste Weise dann auch tat. Dass Straßen nach diesem General benannt sind, der schlimmste Massaker in Guadeloupe verübt habe, schockiere zu Recht „la mémoire républicaine“, wie Laurent Joffrin in seinem Kommentar in Libération schreibt,   und dies nicht nur in den “communautés antillaise ou africaine.“[8]

Im Zuge  der von den Ereignissen in Charlotteville ausgelösten Diskussion in Frankreich sind auch darüber weit hinausgehende Forderungen laut geworden. Am 28. August  veröffentlichte Libération einen Gastbeitrag von Louis-Georges Tin, des  Präsidenten des CRAN, des Conseil représentatif des associations noire en France einen Gastbeitrag in Libération mit dem Titel „Eure Helden sind manchmal unsere Henker“. [9] Zu diesen Henkern bzw. Helden zählte er vor allem Colbert, den Minister Ludwigs XIV. Der habe nicht nur den Code noir geschaffen, ein  juristisches Monster („monstre juridique“), das die rechtlichen Grundlagen der Sklaverei darstellte und dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit legalisierte. Darüber hinaus habe er die „Compagnie des Indes occidentales“ gegründet, eine „compagnie négrière de sinistre mémoire. En d’autres termes, en matière d’esclavage, Colbert symbolise la théorie  et la pratique au plus haut niveau.“   Nach Tins Überzeugung müsse man sich fragen, welches der beiden Länder problematischer sei. Das Land, in dem es einen Konflikt um die Statue eines die Sklaverei verteidigenden Generals gäbe, oder das andere Land, wo  es vor dem Parlament eine Statue von Colbert gäbe und innen einen Saal Colbert, einen Seitenflügel Colbert im Wirtschaftsministerium, nach Colbert benannte Gymnasien, in denen  doch die republikanischen Werte unterrichtet werden sollten, dazu dutzende von nach Colbert benannten Straßen, ohne dass es auch nur den geringsten Konflikt,  das  geringste schlechte Gewissen oder auch nur die geringste Unsicherheit bezüglich einer solchen Namensgebung gäbe.

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In einer in Le Monde veröffentlichten Petition forderten Tin und zahlreiche weitere Persönlichkeiten dazu auf,  die  Schulen umzubenennen, die den Namen Colberts trügen.  Immerhin sollten öffentliche Gebäude und Straßen nicht dazu dienen, die Erinnerung an Verbrecher wachzuhalten, sondern  die an Helden. Deshalb gäbe es in Frankreich ja auch weder eine  rue Pierre-Laval noch eine rue Pétain, dafür aber zahlreiche nach Jean Moulin benannte Straßen.[10] Natürlich blieben solche Positionen nicht unwidersprochen, denn Colbert mit  Laval und Pétain auf eine Stufe zu stellen, ist doch wohl historisch kaum haltbar.[11] Und wenn die Sklaverei 2001 im loi Taubira zu Recht als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnet wurde, so wäre es völlig unhistorisch, es auf eine Zeit anzuwenden, in der die Versklavung von Afrikanern in Europa allgemein  als völlig legitim angesehen wurde und der von Tin und anderen gebrandmarkte „code noire“ von 1685 einen dem damaligen Rechtsverständnis entsprechenden Rahmen für die Behandlung von Sklaven festlegte. Auf einem anderen Blatt steht, dass den  großen französischen Aufklärern wie Voltaire, Diderot, Rousseau oder Condorcet die Abschaffung der Sklaverei kein besonderes Anliegen war und dass der „code noir“ – abgesehen von dem kurzen Zeitraum zwischen 1793 und 1802- erst 1848 seine Gültigkeit verlor.[12] Die von der Französischen Revolution proklamierte Gleichheit galt eben nicht für alle Menschen, nicht für Sklaven und auch nicht für Frauen, die ja in Frankreich erst nach dem 2. Weltkrieg das Wahlrecht erhielten.

Soweit ich sehe, kann man als Fazit der durch Charlottesville in Frankreich ausgelösten Diskussion festhalten, dass es,  von Extremfällen wie Richepanse abgesehen,  nicht darum gehen könne,  kompromittierende  Namen aus dem Straßenbild zu entfernen, sondern sie zum Anlass zu nehmen, über ihre Taten und Schattenseiten zu informieren. Der französisch-senegalesische Essayist Karfa Diallo, der wesentlich dazu beigetragen hat, in Bordeaux das Bewusstsein für die koloniale Vergangenheit zu wecken, formuliert das so: „Si on débaptise, on efface la mémoire. Il faut que les noms des esclavagistes restent pour que nul n’oublie les crimes commis“.[13]  Ein weiterer gemeinsamer Punkt der Diskussion ist die Aufforderung, diejenigen stärker im öffentlichen Bewusstsein zu verankern, die sich  gegen die Sklaverei und für ihre Abschaffung eingesetzt haben.

 

Erinnerungsorte an Sklaverei und Sklavenbefreiung in Paris

Diese Diskussion war für mich Anlass, einmal unter diesem Gesichtspunkt Paris näher zu betrachten. Immerhin ist, wie der Historiker Marcel Dorigny in der esclavage-Ausgabe von Libération schreibt, Paris übersät mit Namen und Orten, die an die Sklaverei und den Kolonialismus erinnerten.

Der wohl bedeutendste  entsprechende Ort ist sicherlich das Palais de la Porte Dorée, das für die Kolonialausstellung von 1931 gebaut wurde. [14]

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Wandmalerie in Palais de la Porte Dorée

Hier wird auch das im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorherrschende französische  Selbstverständnis  propagiert, dass der (eigene) Kolonialismus eine zivilisatorische Mission erfülle. [15] Dazu gehörte  auch  die Sklavenbefreiung-  womit natürlich nicht die von Frankreich selbst betriebene Sklaverei gemeint war, sondern die in Afrika von Arabern betriebene.

So  wurde auch das Reklameschild für das Geschäft in der rue des Petits-Carreaux Nummer 12 im 2. Arrondissement als unproblematisch empfunden. Es machte seit 1890, also lange nach Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien) auf die exotischen Produkte und vor allem den Kaffee aufmerksam, die hier verkauft wurden. Diesen Laden gibt es heute nicht mehr, das Reklameschild steht aber unter Denkmalschutz.[16]

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Ein weiteres  ähnliches Reklameschild  befindet sich an der Place de la Contrescarpe im 5. Arrondissement.  Dort befand sich seit 1748 eine chocolaterie., später eine épicerie und zuletzt ein Kaffeegeschäft. Abgebildet sind ein Farbiger mit einer Karaffe und eine weiße Frau mit einem Tablett.  Nach einer verbreiteten Sichtweise handelt es sich hier um die  Abbildung eines Sklaven, der eine „dame de qualité“, angeblich  Madame du Barry, die Mätresse Ludwigs XV. , bedient.;  oder auch um zwei Bedienstete der chocolaterie.  [17]

Das Bild wurde und wird also vielfach als rassistisch qualifiziert und es wurde wiederholt vandalisiert.  Derzeit ist es Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen.[18]

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Kürzlich hat der Stadtrat von Paris auf Antrag der kommunistischen Fraktion entschieden, das Bild zu entfernen und es  dem Stadtmuseum von Paris, dem musée Carnavalet, zu übergeben- vielleicht auch einmal einem zukünftigen der Sklaverei gewidmeten neuen Museum.  Der Bürgermeister des betroffenen 5. Arrondissements hat dagegen aus meines Erachtens guten Gründen protestiert. Er hat darauf hingewiesen, dass eine Bürgerinitiative des Viertels sich für die Erhaltung des Bildes an seinem angestammten Platz ausgesprochen habe. Es sei aber angeregt worden, eine erklärende Plakette anzufügen, auf der der historische Hintergrund des Bildes erläutert und die Sklaverei ausdrücklich verurteilt werden sollte. Und es sollte außerdem dazu auffordert werden,  alle Formen des Rassismus zu bekämpfen. Dieser Text sei zusammen mit dem Vorsitzenden des CRAN erarbeitet worden, also Herrn Tin, der hier –anders als bei  Colbert- offenbar  einen pädagogisch- aufklärerischen Umgang mit der kolonialistischen Vergangenheit befürwortete.

Die Interpretation des Bildes als Produkt des Rassismus ist allerdings sehr fragwürdig, worauf kürzlich Didier Rykner in einem Aufsatz in der Tribune de l’Art hingewiesen hat. (19a) Das Reklamebild gehöre keineswegs zu der chocolaterie von 1748, sondern zu dem seit 1897 dort ansässigen Geschäft „au nègre joyeux“, in dem Kaffee verkauft wurde. Es stamme also aus einer Zeit, in der der die Sklaverei in den französischen Kolonien längst abgeschafft worden sei. Und das Wort „nègre“ sei eine damals übliche Bezeichnung und keinenfalls pejorativ gewesen. Vor allem aber zeige das Bild ganz und gar nicht eine Szene, wo ein „négre“ eine vornehme Frau bediene, sondern, wie das genaue Gegenteil: Es sei gerade die Frau, die auf einem Tablett Kaffeekanne, Zuckerschale und Gebäck dem „schwarzen Mann“ bringe.  Er habe um seinen Hals eine Serviette gelegt und trage in einer Hand eine Karaffe, „“sans doute du rhum avec lequel il va arroser son café“. Die Frau sei wie eine Bedienstete gekleidet. Auch deshalb könne es sich auf gar keinen Fall um Madame du Barry handeln. Der „nègre“, habe also allen Grund, fröhlich zu sein, weil man ihm einen wunderbaren Kaffee mit Rum und Gebäck serviere.

Auch Claude Ribbe, immerhin ein engagierter Streiter für eine „farbige Erinnerungskultur und Initiator des Denkmals für den farbigen General Dumas (s.u.), sieht in dem „nègre“ einen freien und wohlhabenden Gast des Hauses, so dass es sich für ihn  um eine emanzipatorische Darstellung handelt.

Trotzdem hat im  Stadtrat von Paris eine Mehrheit  für die  Entfernung des Bildes gestimmt. Der erste Beigeordnete der Bürgermeisterin, der Sozialist Bruno Julliard, hat diesen Beschluss ausdrücklich als schlecht bezeichnet. Es sei  besser, der  Intelligenz der Bürger zu vertrauen und die Spuren der Vergangenheit zu erklären. „Ich glaube nicht, dass es die beste Pädagogik ist, diese Spuren zu beseitigen“.  In der Tat: Die Sklaverei hat ja existiert, und die Erinnerung an sie aus dem öffentlichen Raum zu verbannen, ist das beste Mittel, sie auszulöschen. Trotzdem forderte aber Juillard die sozialistische Fraktion des Stadtrates auf, dem kommunistischen Antrag zuzustimmen –  aus Angst,  wie er es ausdrückte, vor einer  eventuellen Instrumentalisierung einer Ablehnung.[19] Es ist schon bemerkenswert, welche bizarren Formen die Anpassung an eine vermeintliche „political correctness“ annehmen kann….

In der esclavage-Ausgabe von Libération wird allerdings der schwerwiegende Vorwurf erhoben, Paris beteilige sich auch an der Feier der Sklaverei. „Paris n’echappe pas à la célébration de l’esclavage.“[20] Als Beispiel werden ein Platz und eine Statue im 16. Arrondissement angeführt „à la mémoire du maréchal Jean-Baptiste Donatien de Vimeur de Rochambeau (1725-1807), qui mata dans le sang la révolte des esclaves à Haiti. L’émissaire de Napoléon utilisait des bouldogues por traquer les mutin, comme il l’indiquait dans un courrier en 1803: ‚Vous devez leur donner des nègres à manger.‘“  Weitere Statuen Rochambeaus gäbe es in seiner Heimatstadt Vendôme und in Washington D.C., weil er an der Seite Lafayettes am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg teilgenommen habe.

Allerdings ist Libération hier Opfer ihres investigativen Übereifers geworden: Jean Baptiste Donatien de Rochambeau war tatsächlich der gefeierte Kämpfer für die amerikanische Unabhängigkeit und Sieger von Yorktown gegen die Engländer,  allerdings nicht der Sklavenschlächter: Das war sein Sohn Donatien-Marie-Joseph de Rochambeau, der 1813 in der Völkerschlacht von Leipzig tödlich verwundet wurde. [21] Ein, wie ich finde, ziemlich peinlicher Lapsus, der sich durch eine einfache Internetrecherche hätte verhindern lassen. Aber nach den Ereignissen von Charlottesville wurde das Sklaven-Thema von Libération offenbar etwas  überhastet auf die Tagesordnung gebracht.

 

Das Grabmal des Generals Gobert auf dem Friedhof  Père Lachaise

Ein Denkmal für einen Sklavenschlächter gibt es Paris allerdings in der Tat. und zwar die Reiterstatue des Generals Gobert auf dem Friedhof Père Lachaise, die in einer Zusammenstellung der zehn schönsten Grabmale des  Friedhofs sogar besonders herausgestellt wird.[22]

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In der Tat handelt es sich um ein sehr eindrucksvolles, wenn auch deutlich renovierungsbedürftiges Werk. Es zeigt, auf einem Sockel postiert,  den tödlich verwundeten General. Sein Pferd bäumt sich vor einem ziemlich wild aussehenden Angreifer auf. Das Grabmal ist ein Werk  David d’Angers‘, eines der bedeutendsten französischen Bildhauer in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.  Zu seinen Werken gehören unter anderem die Giebelfiguren des Pantheons und –aus deutscher Sicht bemerkenswert- eine große Goethebüste, die er 1828 auf einer Studienreise nach Weimar schuf. Es gibt zwei Exemplare der Büste:  Eine, die David d’Angers Goethe schenkte, steht  heute in der Weimarer Anna-Amalia- Bibliothek, die andere  im musée d’Orsay.[23] Für David d’Angers war es ein Anliegen, durch seine Arbeiten  große Männer für die Nachwelt lebendig zu erhalten. Zu ihnen gehörte für ihn offenbar auch General Gobert. Der wird von Napoleon nach Guadeloupe geschickt, um nach der Wiedereinführung der Sklaverei die Revolte der  wieder zu Sklaven gewordenen Bevölkerung niederzuschlagen. Oberkommandierender war damals der berüchtigte General Richepanse,[24]  dessen Nachfolger Gobert wurde, bevor er von Napoleon wieder nach Europa beordert wurde, wo er im Kampf gegen die -auf der Statue als unzivilisierte Barbaren dargestellten-  aufständischen Spanier ums Leben kam.[25]

Eines der seitlichen Reliefs des Grabmals bezieht sich –entsprechend der Überschrift- auf Goberts Einsatz in Guadeloupe.

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Er zeigt –nach der Legende auf dem Grabmal- wie der Generals „während eines Kampfes gegen die Schwarzen“  die von ihnen eingeschlossenen Gefangenen im letzten Moment rettete.[26] Hier ist er zu sehen, wie er mit seiner Pistole einen Gefängniswächter erschießt, der gerade im Begriff ist, das Gefängnis in Brand zu setzen. Noch eindrucksvoller, aber nicht ganz zutreffend gibt Marcel Dorigny in Libération die Szene auf dem Relief wieder. Dort werde gezeigt, wie Gobert mit einem einzigen Säbelhieb den Kopf eines Schwarzen abgeschlagen habe….

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Allerdings lässt die Darstellung des Kampfes gegen die wieder zu Sklaven gemachten Schwarzen nichts an Drastik zu wünschen übrig.

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Das Denkmal  Goberts ist allerdings unantastbar. Nicht nur aufgrund seines Schöpfers, sondern auch, weil es in prominentem Privatbesitz ist: nämlich dem  der Académie française.  Wie das kam, kann man dem linken Relief entnehmen: Hier ist nämlich der Sohn Goberts zu sehen, der in jungen Jahren nach einem Bad im Nil starb. Und der sehr verwitterte und kaum noch lesbare Text auf der Vorderseite des Denkmals enthält, wie ich der Literatur entnehme,  das Testament des jungen Gobert: Seinen  Landbesitz in der Bretagne vermachte er seinen Bauern – unter der Bedingung, dass sie ihren Kindern das Lesen und Schreiben beibringen. Und seinen sonstigen Besitz vermachte er der Académie française, was aber ebenfalls an eine Bedingung geknüpft war: Dass nämlich seinem Vater ein angemessenes Grabmal errichtet werde (26a).  Das haben  also die reich Beschenkten offenbar sehr ernst genommen und den berühmten David d’Angers mit der Aufgabe betraut. Aber vielleicht könnte das verbliebene  Erbe  auch noch für eine Erläuterung zum historischen Hintergrund genutzt werden. Die wäre hier wirklich angebracht – auch wenn sicherlich kaum einmal einer, der an dem Grabmal vorbeigeht,  das  nur etwas mühsam zugängliche Guadeloupe-Relief bemerken, geschweige denn genauer in Augenschein nehmen wird.

 

Ehrung von Menschen, die sich für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt haben

In der aktuellen französischen Diskussion über den Umgang mit Sklavenhandel und Sklaverei gibt es einen Aspekt, der immer wieder und übereinstimmend betont wird, und zwar die Notwendigkeit einer deutlicheren Würdigung der Menschen, die sich für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt haben. Dabei werden immer wieder zwei Namen genannt, an die erinnert werden sollte, nämlich Toussaint Louverture und Louis Delgrès.

Der schwarze Napoleon“  Toussaint Louverture  wurde 1794  einer der ersten farbigen Generäle  der französischen Armee und Oberkommandierender der französischen Kolonie Sainte-Domingue, dann aber  Führer der haitischen Befreiungsbewegung. 1801 schickte Napoleon ein Heer nach Santo Domingo, um die alte Ordnung wiederherzustellen. Toussaint Louverture musste kapitulieren, wurde nach Frankreich deportiert, wo er offenbar aufgrund entsprechender Haftbedingungen im Gefängnis starb. [27]

Der „Chevalier de la Liberté“ Louis Delgrès war Führer des Widerstands gegen die Wiedereinführung der Sklaverei durch Napoleon und die Truppen des Generals Richepanse.[28]

Ich habe mich also dafür interessiert, ob bzw. wie in Paris an diese beiden Männer erinnert wird:

Im 11. Arrondissement gibt es seit 2013 die rue Toussaint-Louverture, ein kleines Straßenstück zwischen dem boulevard Jules Ferry und der rue de la Folie-Méricourt. Damit sollte, wie es in dem offiziellen Beschluss heißt,  „un homme politique et figure emblématique de la Révolution haïtienne“ geehrt werden.  Ende Oktober 2017 habe ich mir die Straße angesehen, die  in neuen Stadtplänen dem Beschluss von 2013 entsprechend bezeichnet ist. Dabei stellte ich zu meinem großen Erstaunen fest, dass es dort noch immer die alten Straßenschilder (rue Rampon) gibt.  Offenbar ist da  keine Eile geboten, weil es sowieso in diesem kleinen Straßenstück keine Eingänge von Wohnungen oder Geschäften gibt-  keinen Falls ein sehr  angemessener Ort für die Würdigung einer doch angeblich so bedeutenden Persönlichkeit.  Und  in vier Jahren hätte man  doch wenigstens die Straßenschilder austauschen können!  Also ein schöner Beschluss fürs gute politische Gewissen und  für die Galerie, aber offenbar ohne Konsequenzen.[29]

Also weiter zu der schon seit 1996  nach Louis Delgrès benannten Straße  im 20. Arrondissement.[30]

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Im Mai 2015 wurde dort sogar, wie man  dem Internet entnehmen kann,  durch Mme George Pau-Langevin, der damaligen Ministerin für die überseeischen Gebiete Frankreichs, eine Bank (banc mémorial)  zur Erinnerung an  Delgrès aufgestellt.[31]

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In ihrer Rede bezeichnete die Ministerin Delgrès als „une des figures les plus illustres de notre République“  und sie zitierte seine  von den Idealen der Aufklärung und der Französischen  Revolution geprägte Proklamation  „à l’univers entier“.  Der Aufruf wurde am 10. Mai 1802 in Guadeloupe verbreitet, als die Truppen des Generals Richepanse anrückten.  Angesichts der feindlichen  Übermacht und der Aussichtslosigkeit eines weiteren Widerstands sprengten sich Delgrès und seine 300 Gefährten entsprechend der revolutionären Devise „Freiheit oder Tod“  (vivre libre ou mourir)  am 28. Mai 1802 in die Luft.

Als ich nach dem  Besuch der entsprechenden Internetseite mit der ministeriellen Rede und dem Foto der Bank Ende Oktober 2017 die Rue Delgrès besuchte, war ich allerdings entsetzt: Die Straße ist völlig heruntergekommen und wird eher als  Mullkippe verwendet, die Wände der anliegenden Gebäude sind  verschmiert, die Grünanlage hinter der Bank ist verschwunden, die ebenfalls verschmierte Bank lädt kaum noch zum Hinsetzen ein: Auch hier  ein trauriger Widerspruch zwischen  offiziellen Proklamationen und der Realität.

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Immerhin gibt es im Pantheon eine Plakette zur Erinnerung an Louis Delgrès: [32]

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Zur Erinnerung an Louis Delgrès, Held des Widerstands gegen die Wiedereinführung der Sklaverei in Guadeloupe, gestorben ohne zu kapitulieren mit 300 Kämpfern in Matouba 1802, damit die Freiheit lebt

Nach den beiden ernüchternden Erfahrungen mit den Louis Delgrès und  Toussaint-Louverture gewidmeten Pariser Straßen  ist man geneigt, sich zu fragen, ob es denn nicht auch angemessene Erinnerungsorte für die Sklaverei  und ihre Abschaffung gibt. Und die gibt es in der Tat: So das  eindrucksvolle Denkmal für General Dumas, den Vater und Großvater der Schriftsteller Alexander Dumas senior und junior.

 

Das Denkmal für General Dumas

Das 2009 eingeweihte Denkmal für den General Dumas befindet sich auf der Place du Général Catroux im 17. Arrondissement (Métro Malhesherbes). Es  besteht aus zwei bis zu fünf Meter hohen eisernen Fußfesseln, wie sie Sklaven angelegt wurden.

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Aber die Eisenfesseln sind aufgebrochen, sollen sie doch an die Befreiung der Sklaven erinnern, konkret an den General Dumas, der als Sohn eines normannischen Adligen  und dessen Sklavin  in Haiti geboren wurde. Er wurde zunächst von seinem Vater als Sklave verkauft, dann aber wieder zurückgekauft und frei gelassen.  In Paris erhält er zur Zeit des ancien régime die Ausbildung eines Adligen, er schlägt eine militärische Karriere ein und zeichnet sich in den Revolutionskriegen vielfach aus.  1793 wird er der erste farbige Divisionsgeneral der französischen Armee. 1802 allerdings verfügt Napoleon seine Entlassung aus der Armee. Farbigen Soldaten und Offizieren wird sogar untersagt, sich in Paris und Umgebung aufzuhalten. [33]

Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde ein erstes Standbild des Generals errichtet, wofür sich besonders der Schriftsteller Anatol France stark gemacht hatte. Denn:

« Le plus grand des Dumas, c’est le fils de la négresse. Il a risqué soixante fois sa vie pour la France et est mort pauvre. Une pareille existence est un chef-d’œuvre auprès duquel rien n’est à comparer ». 

Dieses Standbild wurde allerdings 1942/43 von dem französischen Kollaborationsregime eingeschmolzen, um den Anforderungen der deutschen Besatzungsmacht zu entsprechen. Um das geforderte Metall zu liefern, suchten sich die Vichy-Leute natürlich bevorzugt solche Denkmäler aus, die ihnen sowieso nicht in ihre Ideologie passten- also das Denkmal eines Farbigen wie Dumas oder eines Demokraten wie Baudin  im Faubourg-Saint-Antoine.[34]

Der Ort,  wo das Denkmal steht, hatte übrigens lange den Beinamen „Platz der drei Dumas“, weil dort auch Denkmale für den Sohn und den Enkel des  Generals stehen: die Schriftsteller Alexandre Dumas (Vater), den Autor von „Die drei Musketiere“  und  „Der Graf von Montechristo“  und Alexandre Dumas (Sohn), der Autor der „Kameliendame“. (34a)

An jedem 10. Main, dem nationalen „Tag der Erinnerung an den Sklavenhandel, die Sklaverei und ihrer Abschaffung“, findet nachmittags am Denkmal für den General Dumas eine Veranstaltung der „Freunde des Generals Dumas“ und der Stadt Paris  statt – gewissermaßen das -öffentliche- Gegenstück zu der präsidialen Feier am Vormittag im Jardin du Luxembourg, zu der nur eingeladene Gäste Zutritt haben.

 

Victor Schoelcher auf dem Père Lachaise und im Pantheon

Wenn es um die Erinnerung an diejenigen geht, die sich für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt haben, darf natürlich der aus Fessenheim im Elsass stammende Victor Schoelcher nicht fehlen. Immerhin war er der Initiator des „décret d’abolition de l’esclavage du 27 avril 1848“, also des Dekrets zur (endgültigen) Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien.

Im Mémorial de l’abolition de l’esclavage von Nantes werden die berühmten Worte Schoelchers aus seinem 1842 erschienenen Buch über die französischen Kolonien zitiert:

„Si comme le disent les colons on ne peut cultiver les Antilles qu’avec des esclaves, il faut renoncer aux Antilles. – La raison d’utilité de la servitude pour la conservation des colonies est de la politique de brigands. – Une chose criminelle ne doit pas être nécessaire. – Périssent les colonies plutôt qu’un principe.“ [35]

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Wenn es wirklich zutreffe, dass man die Antillen nur mit Hilfe von Sklaven bewirtschaften könne, wie die Plantagenbesitzer behaupteten, dann müsse man eben auf die Antillen verzichten. Nützlichkeit oder Notwendigkeit rechtfertigten nicht ein kriminelles Verhalten. Eher sollten die Kolonien untergehen als ein Prinzip. Und konkret angesprochen waren damit die Ideale von Freiheit und Gleichheit der Französischen Revolution, die Schoelcher beim Wort nahm….  

Victor Schoelcher wurde an der Seite seines Vaters auf dem Friedhof Père Lachaise bestattet. (50. Division)[36]

Eine etwas zwiespältige Ehre wurde Victor Schoelcher zuteil, indem sein Name in die Westfassade des zur Kolonialausstellung 1931 errichteten Palais de la Porte Dorée eingraviert wurde.  Hier hat das „dankbare Frankreich“ die Namen derer versammelt, die das Kolonialreich ausgeweitet und dazu beigetragen haben, dass der Name Frankreichs in Übersee geliebt werde….  Schoelcher befindet sich da in der zweifelhaften Gesellschaft von Eroberern und kolonialen Profiteuren.  Diese Ehrentafel ist denn auch gewissermaßen ein Gegenentwurf zum republikanischen Pantheon, in dem „die großen Männer“  geehrt werden, die sich um die Werte der Französischen Revolution verdient gemacht haben. (36a)
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1948, 100 Jahre nach Abschaffung der Sklaverei, wurde immerhin beschlossen, Victor Schoelcher zu „pantheonisieren“, also seine sterblichen Überreste zu den großen, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit repräsentierrenden  Männern (und Frauen)  Frankreichs zu überführen. Dies geschah am 20. Mai 1949, zusammen mit seinem Vater, von dem er nie getrennt sein wollte, und zusammen mit dem  schwarzen Kolonialpolitiker Félix Éboué. Dies war der erste Schwarze, der, sicherlich ganz im Sinne Schoelchers, auf diese  Weise geehrt wurde.

 

Das  hôtel de la marine: ein zukünftiges Museum der Sklaverei?

Der  Beschluss des Pariser Stadtrats, das umstrittene Firmenschild an der place de la contescarpe mit dem „nègre joyeux“ zu entfernen, beinhaltete auch die Aufforderung, in Paris ein Museum der Sklaverei, des Sklavenhandels und deren Abschaffung zu errichten. Warum in Paris? Die Cran, die Vereinigung der „associations noires“, weist darauf hin, dass Paris das Zentrum des französischen Geschäfts mit der Sklaverei  gewesen sei. Die Lobby der karibischen Farmer habe ihren Sitz in Paris gehabt, drei Viertel der Gründer der Banque de France hätten mit der Sklaverei Geld verdient. Und selbstverständlich war Paris der Ort, wo der code noir entstand und wo die Verwaltung der Kolonien angesiedelt war.[37]

Als möglicher Platz für ein solches Museum ist das repräsentative  hôtel de la marine (bzw. ein Teil davon) an der place de la Concorde im Gespräch. Und das nicht von ungefähr: Das hôtel de la marine war nämlich Sitz der Kolonialverwaltung, die für die Sklaverei, den Sklavenhandel und die entsprechenden Häfen zuständig war. Dort wurde auch die Auszahlung der Kopfprämien organisiert, die der Staat für die Deportation von Afrikanern in die französischen Antillen festgesetzt hatte. Und nicht zuletzt: Dort wurde  1848 das Dekret zur Abschaffung der Sklaverei unterzeichnet. [38]

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Rechts ein Teil des noch verhüllten hôtel de la marine, das gerade renoviert wird.        Leider gibt es nicht -wie bei anderen Baustellen- eine Informationstafel,  der man entnehmen kann, wie das Gebäude einmal genutzt werden soll.

Für das hôtel de la marine spricht auch, dass derzeit seine neue Verwendung intensiv verhandelt wird, nachdem die dort ansässigen militärischen Nutzer in das neugebaute „französische Pentagon“ umgezogen sind.  Zunächst (2010)  hatte der damalige Präsident Sarkozy geplant, das Gebäude  privaten Investoren zu überlassen, dann aber aufgrund massiver öffentlicher Proteste einen  Rückzieher gemacht. Schon damals hatte übrigens eine Gruppe von Historikern und anderen Wissenschaftler in einem öffentlichen Aufruf in Le Monde gefordert, das hôtel de la marine als nationales Erbe zu bewahren und dort ein „musée de l’esclavage, de la colonisation et de l’outre-mer (MECOM) zu installieren und auf diese Weise  „faire entrer le passé colonial dans l’esprit de nos contemporains“.[39]

Jetzt ist das Centre des monuments nationaux mit der Konzeption einer zukünftigen Nutzung betraut, und ein großer Teil des Gebäudes soll auf jeden Fall für die Öffentlichkeit zugänglich sein. [40]  Die Keimzelle einer 2016 von Francois Hollande angeregten  Fondation pour la mémoire de l’esclavage  hat dort übrigens schon ihren Sitz.[41]  Weiter gehenden Museumsplänen muss allerdings auch die Regierung bzw. das zuständige Kulturministerium seinen Segen (und Geld) geben, aber dort hält man  sich offenbar noch vornehm zurück – es gibt ja wohl auch schon genug andere und noch größere „Baustellen“ für die neue Administration. Auch wenn „Volkes Stimme“ massiv Stimmung gegen das Museumsprojekt macht, wie man den sozialen Medien entnehmen kann: Ich würde mich freuen, wenn ein MECOM im hôtel de la marine entstünde. Und dann gäbe es sicherlich auch einen entsprechenden neuen Beitrag auf diesem  Blog.

 

Den Abschluss dieses Textes soll aber ein kurzer Bericht über eine Veranstaltung sein, die zeigt, wie sehr die Sklaverei und ihre Abschaffung noch im Bewusstsein von Menschen mit „Mitgrationshintergrund“- und vielleicht ja auch mit einer von der Sklaverei geprägten Familiengeschichte präsent sind.

 

Ein Umzug zur Erinnerung an die Abschaffung der Sklaverei

Im Mai 2016 stieß ich zufällig im 12. Arrondissement auf einen laustarken Umzug von auffällig weiß und schwarz kostümierten Schwarzen. Ich war zunächst etwas überrascht und ratlos. Eine Demonstration von Schwarzen? Und die Polizei ist kaum vertreten? Auch nicht in dem sonst demonstrations-üblichen martialischen Outfit?  Und sie macht den Demonstranten sogar den Weg frei?  Ich erfuhr dann von einem freundlichen Gendarmen, dass  es sich um einen harmlosen und friedlichen Umzug handele, mit dem an die Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1848 erinnert werden sollte.

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Dies wird ja auch durch die z.T. mit Ketten und der Jahreszahl 1848 bemalten Gewändern zum Ausdruck gebracht. Auf dem schwarzen Gewand eines Umzugsteilnehmers kann man übrigens den Namen „Solitude“ erkennen. Solitude war die Tochter einer afrikanischen Sklavin, die während der Deportation auf die Antillen von einem weißen Matrosen vergewaltigt wurde. An der Seite von Louis Delgrès kämpfte Solitude gegen die Wiedereinführung der Sklaverei. Im Mai 1802 wurde sie, schwanger, von den napoleonischen Truppen gefangen genommen und 6 Monate später, einen Tag nach ihrer Entbindung, gehängt. Den Willen und/oder Mut, neben  Schoelcher und Éboué auch sie ins Pantheon aufzunehmen, hat allerdings bisher noch kein französischer Präsident gehabt.

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Anmerkungen:

[1] http://www.faz.net/aktuell/politik/trumps-praesidentschaft/donald-trumps-tiefpunkt-nach-gewalt-in-charlottesville-15153396.html

[2] http//memorial.nantes.fr/

[3] Libération, 23. August 2017

[4] http://la1ere.francetvinfo.fr/2015/04/17/bordeaux-beaucoup-plus-vecu-de-l-esclavage-que-tous-les-autres-ports-selon-le-directeur-du-musee-d-aquitaine-248443.html 

[5]https://www.google.de/search?q=Francce+jour+de+l%27abolition+de+l%27esclavage&oq=Francce+jour+de+l%27abolition+de+l%27esclavage&aqs=chrome..69i57.13110j0j8&sourceid=chrome&ie=UTF-

[6] http://www.lemonde.fr/societe/article/2006/01/30/jacques-chirac-fixe-au-10-mai-le-jour-souvenir-de-l-esclavage_735825_3224.html#iDm3PbKTR0xV8i7V.99

(6a) http://www.esclavage-memoire.com/lieux-de-memoire/le-cri-l-ecrit-sculpture-33.html

http://titeparisienne.over-blog.net/article-jardin-du-luxembourg-108698647.html

Böse Zungen lesen aus der Skulptur -von oben nach unten-  übrigens das wenig schmeichelhafte Wort „con“….

[7] http://www.lefigaro.fr/flash-actu/2017/05/23/97001-20170523FILWWW00250-premiere-commemoration-des-victimes-de-l-esclavage.php

[8] Éditorial mit dem Titel „Mémoire“ von Laurent Joffrin in Libération vom 23. August 2017

[9] http://www.liberation.fr/debats/2017/08/28/vos-heros-sont-parfois-nos-bourreaux_1592510

Diesem Artikel ist auch das Bild der Statue  Colberts vor dem Gebäude der Assemblée Nationale entnommen.  Teilweise identisch dann auch die Petition, die Le Monde am 19. September 2017 veröffentlichte: Louis-Georges Tin und Louis Sala-Molins u.a., Enlevons le nom de Colbert aux écoles.

[10] Le Monde 19.9. 2017. Am gleichen Tag  gab es in den 20-Uhr-Nachrichten des öffentlichen Fernsehsenders TV 2 eine kleine Sequenz zum Thema: Faut-il bannir Colbert? Dort kam Louis-Georges Tin zu Wort, aber auch der Philosoph Pascal Bruckner, der eine Gegenposition vertrat.

[11] Zur Diskussion siehe z.B. https://www.marianne.net/politique/de-charlottesville-colbert-faut-il-deboulonner-tous-les-personnages-historiques-qui

Sehr empfehlswert die Debattenbeiträge in Humanité vom 3. Oktober 2017  https://www.humanite.fr/travail-de-memoire-et-histoire-faut-il-debaptiser-les-lieux-publics-colbert-642923

[12] https://de.wikipedia.org/wiki/Code_Noir et  https://fr.wikipedia.org/wiki/Code_noir

[13] Zitiert von Libération, 23. August 2017, S. 4

http://www.rfi.fr/afrique/20130410-karfa-diallo-senegalais-vin-bureaux-esclavage-traite-esclaves-france-afrique-commerce-triangulaire

[14] siehe den entsprechenden Blog-Beitrag: Das Palais de la Porte Doree und die Kolonialausstellung von 1931

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/6242

[15] Immerhin hatten nach den Worten von Jules Ferry die  „races supérieures“  die Aufgabe, „de civiliser les races inférieures“. http://tempsreel.nouvelobs.com/histoire/20170918.OBS4786/colbert-mitterrand-saint-louis-qui-faut-il-deboulonner-a-vous-de-juger.html

[16] http://breves-histoire.fr/au-planteur-rue-petits-carreaux/

[17]    Marcel Dorigny in Libération vom 23. August 2017, S. 5

[18]  http://www.lefigaro.fr/flash-actu/2017/09/25/97001-20170925FILWWW00348-l-enseigne-le-negre-joyeux-rappel-de-l-esclavage-va-quitter-le-ve-a-paris.phphttp://www.liberation.fr/debats/2017/10/09/cachez-cette-enseigne-que-je-ne-saurais-voir_1601887https://fr.wikipedia.org/wiki/Au_N%C3%A8gre_joyeux

http://www.actupolitique.info/paris-lenseigne-au-negre-joyeux-va-etre-retiree/

[19] http://www.lefigaro.fr/flash-actu/2017/09/25/97001-20170925FILWWW00348-l-enseigne-le-negre-joyeux-rappel-de-l-esclavage-va-quitter-le-ve-a-paris.php 

http://www.liberation.fr/debats/2017/10/09/cachez-cette-enseigne-que-je-ne-saurais-voir_1601887

(19 a) „Au négre joyeux“ n’est pas une enseigne raciste.  21. November 2017

http://www.latribunedelart.com/au-negre-joyeux-n-est-pas-une-enseigne-raciste

[20] Libération, 23. August, S. 4

[21] https://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Baptiste-Donatien_de_Vimeur,_comte_de_Rochambeau  und

https://fr.wikipedia.org/wiki/Donatien-Marie-Joseph_de_Rochambeau

[22] https://voyages.michelin.fr/europe/france/ile-de-france/ville-de-paris/paris/reportage/balade-entre-les-tombes-les-10-plus

[23] https://de.wikipedia.org/wiki/Pierre_Jean_David_d%E2%80%99Angers

Bild der Goethe-Büste aus der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar bei Wikimedia.org

http://www.musee-orsay.fr/fr/collections/oeuvres-commentees/recherche/commentaire_id/johann-wolfgang-von-goethe-162.html?no_cache=1

[24] Bis 2002 gab es in Paris noch eine nach Richepanse benannte Straße, die dann allerdings auf Initiative des damaligen Pariser Bürgermeisters Delanoë umbenannt wurde und seitdem den Namen des Chevaliers de Saint-Georges trägt: Saint-Georges war der illegitime Sohn eines französischen Adligen und einer Sklavin aus Guadeloupe. In Paris sorgte er für Aufsehen als Geigenvirtuose, Komponist, Dirigent, Fechter und während der Revolution als Kommandeur der Légion Saint-George, einem aus Schwarzen bestehenden Regiment – also eine echte Alternative zu dem früheren Namensgeber der Straße.

https://fr.wikipedia.org/wiki/Rue_du_Chevalier-de-Saint-George

https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Bologne,_Chevalier_de_Saint-Georges

[25] https://fr.wikipedia.org/wiki/Jacques_Nicolas_Gobert

Zum Grabmal Goberts  gibt es ein Kapitel in dem  neu erschienenen Büchlein  von Jean Tardy und Charles Dolbakian mit dem  bemerkenswerten  Titel:   Proménades napoléoniennes au Père Lachaise. Paris 2017

[26] „Pendant un combat contre les noirs le général Gobert apprenant qu’ils avaient enfermé leurs prisonniers dans une maison minée y courut et tua le gardien qui en approchait déjà une mèche enflammée.“

(26a) Eine Erläuterung zu diesem Relief gibt es im Buch von Tardy und Dolbakian.  (siehe Anmerkung 25)

[27] https://de.wikipedia.org/wiki/Toussaint_Louverture.

Toussaint Louverture spielt auch eine wichtige Rolle in den „Karibischen Geschichten“ von Anna Seghers. Berlin und Weimar 1965

[28] https://fr.wikipedia.org/wiki/Louis_Delgr%C3%A8s

[29] http://www.parisrues.com/rues11/paris-11-rue-toussaint-louverture.html .             (Hier gibt es zwar die Information zur Umbenennung des Straßenstücks, auf der beigefügten Karte ist aber ebenfalls noch der alte Straßenname –rue Rampon- eingezeichnet). Eingesehen am 24.10.2017

http://a06.apps.paris.fr/a06/jsp/site/plugins/odjcp/DoDownload.jsp?id_entite=27282&id_type_entite=6

[30] http://www.parisrues.com/rues20/paris-20-rue-louis-delgres.html

[31] http://www.esclavage-memoire.com/evenements/hommage-aux-esclaves-banc-memorial-a-louis-delgres-a-paris-118.html  

[32] Info über Louis Delgrès und Bild aus: http://la1ere.francetvinfo.fr/guadeloupe/jour-delgres-ses-camarades-ont-choisi-mort-au-retablissement-esclavage-477997.html

[33]   https://fr.wikipedia.org/wiki/Place_du_G%C3%A9n%C3%A9ral-Catroux#Acc.C3.A8s            Dieser Website ist auch das Bild entnommen.

https://fr.wikipedia.org/wiki/Thomas_Alexandre_Dumas

http://www.esclavage-memoire.com/lieux-de-memoire/monument-a-la-memoire-du-general-dumasparis-93.html

und grundlegend: Claude Ribbe, Le Diable noir: Biographie du général Alexandre Dumas, père de l’écrivain. 2008

[34] siehe den Blog-Beitrag über den Faubourg-Saint- Antoine, das Viertel der Revolutionäre. (April 2016)

(34a) Das Denkmal wird übrigens ganz offensichtlich gerne als Picknick-Platz genutzt. Entsprechend sah der Boden darum herum aus. Ich musste mich erst einmal als Müllsammler betätigen, um nach dem Foto von der Delgrès-Bank ein weiteres peinliches Foto zu vermeiden.

[35] http://lvhpog.e-monsite.com/medias/files/schoelcher-1842.pdf

[36] https://www.tombes-sepultures.com/crbst_1810.html

(36a) siehe den Blog-Text: Das Palais de la Porte Dorée und die Kolonialausstellung von 1931

https://de.wikipedia.org/wiki/Victor_Sch%C5%93lcher

Bei den beiden im oberen Teil des Denkmals abgebildeten Personen handelt es sich um Marc Schoelcher,  den Vater Victors, und einen Gesellen, also nicht um Vater und Sohn.

[37] http://www.liberation.fr/france/2017/09/29/esclavage-a-paris-le-retrait-d-une-enseigne-relance-le-projet-de-musee_1599770  

[38] http://www.une-autre-histoire.org/lhotel-de-la-marine

[39]  http://www.lemonde.fr/idees/article/2011/01/18/faire-de-l-hotel-de-la-marine-un-musee-de-l-esclavage_1467179_3232.html#Bosbm4tUHX8MyoXp.99

[40] https://fr.wikipedia.org/wiki/H%C3%B4tel_de_la_Marine

[41] http://outremers360.com/societe/commemoration-abolition-esclavage-2017-jean-marc-ayrault-conduira-la-mission-chargee-de-creer-la-fondation-sur-la-memoire-de-lesclavage/ 

 

Weitere geplante Beiträge:

  • open your eyes! Street-Art in Paris (1) 
  • Street-Art in Paris (2): Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • Street-Art in Paris (3): Der Invader
  • Auf dem Weg nach Paris: Die Mühle von Valmy, ein Fanal der Französischen Revolution
  • Little India: das indische Viertel in Paris

 

La Maison Heinrich Heine, das deutsche Haus in der Cité Internationale Universitaire de Paris

Im Januar 2017 habe ich auf diesem Blog einen Text über die Cité internationale universitaire de Paris  (CIUP) eingestellt und dabei auch eine Reihe von Häusern  verschiedener Nationen vorgestellt.[1] Das deutsche Haus, La Maison Heinrich Heine (MHH), habe ich dabei ausgespart, aber einen eigenständigen Bericht darüber angekündigt. Le voilà! Da ist er nun endlich – passend auch zum Blog-Text über Heinrich Heine in Paris (Oktober 2017).

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Dass ich das Heinrich Heine- Haus zunächst ausgespart habe, ist kein Ausdruck von Missachtung oder Geringschätzung. Ganz im Gegenteil! Es hat nämlich aus mehrfachen Gründen einen gesonderten Bericht verdient:

  • Aufgrund seiner ganz spezifischen Geschichte, die ein Spiegelbild der wechselhaften deutsch-französischen Beziehungen seit den 1920-er Jahren ist.
  • Aufgrund des außerordentlichen Beitrags, den das Heinrich Heine-Haus für den deutsch-französischen kulturellen und politischen Dialog leistete und leistet
  • Und schließlich: aufgrund der wichtigen und wunderbaren Rolle, die das Heinrich Heine- Haus für uns ganz persönlich hatte und hat: Wenn Paris inzwischen gewissermaßen unsere zweite Heimat geworden ist, so hat la Maison Heinrich Heine daran einen wesentlichen Anteil.

Wir sind, um gleich mit dem letzten Aspekt zu beginnen, dort regelmäßige Besucher. Es gibt da nämlich, wie sonst nirgends in Paris, ein außerordentlich reiches kulturelles und politisches Angebot mit deutsch-französischer und europäischer Perspektive: Filmvorführungen, Konzerte und für uns am interessantesten: Veranstaltungen zu aktuellen politischen und wirtschaftlichen Themen und  unter deutsch- französischem Blickwinkel.  Man kann sicher sein, dass es sich bei den Teilnehmern von Podiumsdiskussionen immer um sehr kompetente und manchmal auch sehr prominente „intervenants“ handelt. Öfters haben wir es sogar bedauert, dass  das Format der Diskussion es einzelnen Experten nicht erlaubte, ausführlicher zu Wort zu kommen.  Für uns besonders schön war und ist bei solchen Veranstaltungen, dass es im Anschluss an eine table ronde nicht nur eine Diskussion mit dem Publikum gibt, sondern auch noch die Möglichkeit, sich im Foyer zwanglos bei einem Glas Wein (dem vin d’amitié) und meistens auch leckeren Schnittchen mit den intervenants und anderen Besuchern zu unterhalten. Wir haben bei solchen Gelegenheiten schöne Kontakte geknüpft, ja Freundschaften geschlossen- zum Beispiel mit der Familie Radvanyi (siehe Bericht: Exil in Frankreich. Sanary, Les Milles und Marseille ) oder (auf kuriose Weise: über den Frankfurter Apfelwein/Äbbelwoi und Friedrich Stoltze)  mit Herrn Dr. Adler und seiner Frau (siehe Bericht Von Frankfurt nach Paris und zurück: Die Stolpersteine in der Westendstraße). Auf eine ebenfalls kuriose Weise haben wir im Heinrich Heine-Haus auch eine weitere Bekanntschaft gemacht: Anlässlich einer vorweihnachtlichen Veranstaltung war dort am ersten  Adventssonntag ein Adventskranz aufgestellt mit vier brennenden Kerzen! Also ein eindeutiger Verstoß gegen das vorweihnachtliche Brauchtum! Also hin und die drei voreilig angezündeten Kerzen ausgepustet! Eine französische Besucherin, die das beobachtete, sprach uns darauf an, es entwickelte sich daraus ein schönes Gespräch und schließlich eine intensive langjährige Freundschaft.

Die meisten Menschen, die wir dort kennengelernt haben, sind –wie an diesem Ort nicht anders zu erwarten- besonders an Deutschland interessiert und haben oft auch einen ganz persönlichen Bezug zu dem Land: Bei Herrn Dr. Radvanyi, dem Sohn Anna Seghers, und bei Dr. Adler war es die Flucht aus Nazi-Deutschland. Bei unserer Freundin Françoise Tillard ist es die Musik: Sie ist Dozentin an einer Musikakademie mit dem deutschen Lied als Schwerpunkt, sie hat die erste Biographie über Fanny Hensel, die Schwester Felix Mendelssohns, geschrieben und das von ihr gegründete Klaviertrio trägt auch den Namen Fanny Hensel. Und ihr Vater war politischer Häftling im Konzentrationslager Mauthausen.[2] Bei einer weiteren Freundin, die wir im Heinrich Heine-Haus kennengelernt haben, gibt es auch einen spezifischen deutsch-französischen Bezug: Die Familie stammt aus dem Elsass, der Vater hat als Bomberpilot der Royal Air Force Bomben auf deutsche Städte abgeworfen und die Mutter hat nach dem Krieg eine der ersten deutsch-französischen Freundschaftsgruppen in der französischen  Zone gegründet. Welche  Schicksale und welche wunderbaren Kontakte, die uns das Heinrich Heine- Haus ermöglicht hat!

Es würde zu weit führen und den Rahmen eines solchen Blog-Textes sprengen, wenn ich nun auf einzelne für uns besonders wichtige Veranstaltungen eingehen würde. Wo da anfangen und wo aufhören? Hervorheben möchte ich aber doch wenigstens das Gespräch zwischen Alfred Grosser und Stephane Hessel, das am 17. Oktober 2012 im Heinrich Heine-Haus stattfand. Das war sicherlich eine der beeindruckendsten Veranstaltungen, an der wir dort teilgenommen haben. Thema waren die deutsch- französischen Beziehungen und die Vorstellungen beider Länder von der Zukunft Europas.

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Kaum jemand könnte ja geeigneter sein als diese beiden, auf der Grundlage intensiver lebensgeschichtlicher Erfahrungen fundiert –und dazu auch noch anregend, ja unterhaltsam-  über die deutsch-französischen Beziehungen und ihre Perspektiven in einem vereinten Europa zu diskutieren.

Alfred Grosser wurde 1925 in Frankfurt am Main geboren, wo sein Vater, Sozialdemokrat und Jude,  Direktor einer Kinderklinik war. Die Familie emigrierte 1933 nach Frankreich und erhielt 1937 die französische Staatsbürgerschaft. Grosser studierte Germanistik und Politikwissenschaften  und war von 1956 bis 1992 Professor an der Kaderschmiede Science Po in Paris, wo er Generationen französischer Deutschland-Spezialisten ausbildete. Sein Leben lang hat er sich für die deutsch-französische Verständigung engagiert. Dem Heinrich Heine-Haus ist er seit dessen Gründung eng verbunden. Grosser ist dort regelmäßiger Teilnehmer von Diskussionen und Ehrenpräsident des Verwaltungsrats.[3]

Stéphane Hessel teilt mit Alfred Grosser die (jedenfalls väterlicherseits) deutsch-jüdische Abstammung und das Jahr der Zuerkennung der französischen Staatsbürgerschaft, nämlich 1937.[4] Hessel hatte –als in Berlin Geborener-  an der École Normale Supérieure studiert, er gehörte also gewissermaßen zum französischen Geistesadel, er war an der Seite de Gaulles Mitglied der Résistance, Gefangener im KZ Buchenwald, UNO- Diplomat und „Ambassadeur de France“. Zum Zeitpunkt des Gesprächs war Hessel 95 Jahre alt, wenige Monate danach, im Februar 2013 starb er.

Beeindruckt hat uns bei diesem Gespräch vor allem der unerschütterliche Optimismus von Stéphane Hessel.  Mit einem klaren Blick auf die Gegenwart und ihre Probleme kam er aufgrund seiner humanistischen Grundüberzeugung und der ihm eigenen Einbettung aktueller Phänomene in eine historische Perspektive zu einer ermutigenden Einschätzung der weltpolitischen Entwicklung (ausgenommen, auch darin mit Grosser übereinstimmend, der Situation im Nahen Osten), vor allem aber der europäischen Perspektiven. Vorausgesetzt allerdings, es gibt genug Menschen, die sich engagieren: Engagement war für Hessel ja eine unabdingbare Notwendigkeit, wie seine zum Bestseller gewordene Streitschrift „Empört-Euch!“ zeigt.

Während Grosser in dem Gespräch eher die Rolle des Skeptikers übernahm, beeindruckte Hessel als welthistorisch und philosophisch versierter Optimist und Visionär. Besonders schön war, wie sich Grosser und Hessel –mit sichtbarem Vergnügen- die Bälle zuspielten. So wurde das Publikum auf höchst unterhaltsame Art und Weise zum Nachdenken angeregt.  Interessant war auch das Verhalten der beiden in der anschließenden Diskussion mit dem Publikum. Da konnte Grosser schon einmal lehrerhaft-unwirsch reagieren, wenn jemand eine Frage stellte, die sich aufgrund des bisher Gesagten eigentlich erübrigte. Und Hessel brachte es fertig, jede noch so abseitige Frage freundlich aufzugreifen, in einen relevanten Zusammenhang zu stellen und zum Anlass für einen hochinteressanten druckreifen Vortrag zu machen. So am Beispiel einer –damals etwas irritierenden, aus heutiger Sicht aber hochaktuellen-  Frage zu einer möglichen Unabhängigkeit der Katalanen. Es folgte eine geraffte Darstellung Hessels über die Rolle der Nationalstaaten in der europäischen Geschichte und über die zukünftigen Perspektiven von Staaten und Regionen in einem europäischen Bundesstaat. Gerade jetzt von allerhöchster Aktualität! Und das mit über 90 Jahren!

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Stephane Hessel mit Dr. Christiane Deussen, die seit 2002 das Haus leitet

Diese Veranstaltung  war auch deshalb für uns ein besonderer Höhepunkt, weil wir danach zu einem Empfang in den Räumen von Frau Dr. Deussen eingeladen waren. Dabei ließ sich Stéphane Hessel nicht lange bitten und trug –selbstverständlich par cœur- zwei seiner liebsten Gedichte vor: Hyperions Schicksalslied von Hölderlin und  Le Pont Mirabeau von Apollinaire.

 

Doch uns ist gegeben,

Auf keiner Stätte zu ruhn,

Es schwinden, es fallen

Die leidenden Menschen

Blindlings von einer

Stunde zur andern,

Wie Wasser von Klippe

Zu Klippe geworfen,

Jahr lang ins Ungewisse hinab

Aber das dem Schicksal unterworfene Los der leidenden und ohnmächtigen Menschen war- auch an diesem Abend- nicht Hessels letztes Wort, sondern das hatten Apollinaire und Goethe:

Sous le pont Mirabeau coule la Seine
Et nos amours
Faut-il qu’il m’en souvienne
La joie venait toujours après la peine

Und Goethe durfte natürlich bei Hessel auch nicht fehlen, weil da die Quintessenz seines Lebens wunderbar formuliert ist:

Alles geben Götter, die unendlichen,

Ihren Lieblingen ganz,

Alle Freuden, die unendlichen,

Alle Schmerzen, die unendlichen, ganz.

 


Das Heinrich Heine-Haus: Studentenwohnheim und Kulturinstitut

Die „vordringliche Aufgabe“ des deutschen Hauses ist, wie seine langjährige Leiterin, Frau Dr. Deussen, betont, die eines Studentenwohnheims, und das entspricht auch der seiner Lage und  Rolle in der Cité internationale universitaire. Und dem entspricht auch, dass es ein besonderes Privileg ist, dort einen der etwa 100 begehrten Plätze zu erhalten. Die Cité internationale sollte ja von Anfang an nicht ein einfaches Studentendorf sein, sondern eine Begegnungsstätte von zukünftigen Eliten aus verschiedenen Ländern.[5] In einem Artikel der ZEIT aus dem Jahr2006 wurde denn auch unverhohlen festgestellt, in dem Heinrich Heine-Haus wohnten „ausschließlich Elitestudenten“.[6] Das mag zunächst deutschen  Lesern provokant erscheinen, ist man in Deutschland doch aufgrund entsprechender historischer Erfahrungen oft etwas allergisch gegenüber dem Begriff der „Elite“ – ganz anders als  in Frankreich, wo  ein wesentlich unbefangenerer Umgang damit üblich ist. Deutschland hätte allerdings inzwischen durchaus etwas mehr Berechtigung zu entsprechender Unbefangenheit: Immerhin ist die Elitenreproduktion in Deutschland nicht ganz so ausgeprägt wie in Frankreich. Und in Deutschland wurde –von Frankreich bewundert- nach dem heilsamen Pisa-Schock von 2000 deutlich mehr für die Förderung  von benachteiligten Kindern und Jugendlichen getan[7], so dass man kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn auch für die besonders Leistungsstarken etwas getan wird. Zumal wenn als Auswahlkriterium nicht nur fachliche Leistungen zählen, sondern auch –wie beim Heinrich Heine-Haus- darüber hinausgehende Kompetenzen und Einstellungen. Wenn wir bei Veranstaltungen im MHH mit Bewohnern des Hauses ins Gespräch kamen, waren das immer sehr ambitionierte junge Menschen mit weitgespannten kulturellen und politischen Interessen, sehr oft Studenten/innen internationaler Studiengänge, die nach ihrer Ausbildung gerne in entsprechenden Strukturen arbeiten möchten und für die das weitere Zusammenwachsen Europas ein selbstverständliches Anliegen ist, für das sie sich engagieren. Gut, dass  es für sie das MHH gibt!

Bemerkenswert ist es übrigens, dass es in den ersten Jahren  des deutschen Hauses verständlicher Weise eher Studenten der Romanistik waren, die dort wohnten: Ein prominentes Beispiel dafür ist der Schriftsteller  Uwe Timm, der in Paris studierte bzw. dort seine Doktorarbeit über Camus und den französischen Existentialismus schrieb (bzw. schreiben wollte). (7a)  Heute sind es vielfach Politologen, Juristen und Ökonomen, die das Wohnheim bevölkern : Eingeschrieben in deutsch-französischen Studiengängen und/oder angezogen von der besonderen Attraktivität französischer Eliteschulen (écoles) im Bereich von Politik und Wirtschaft.

Das Heinrich Heine-Haus ist aber nicht nur ein Studentenwohnheim, sondern es versteht sich gleichzeitig „auch als ein Kulturinstitut“.[8]  Immerhin war es ja die erste deutsche Repräsentanz in Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg.[9] Und wenn man ältere Programme durchsieht, dann ist es beeindruckend zu sehen, wie intensiv die Aufgabe der Präsentation deutscher Kultur schon von Anfang an wahrgenommen wurde. Autoren wie Uwe Johnson, Max von der Grün, Reiner Kunze oder Sarah Kirsch stellten dort ihre Werke vor, die crème de la crème der deutscher Germanisten war zu Vorträgen eingeladen: Eberhard Lämmert, Hans Robert Jauß, Fritz Martini, Benno von Wiese, Heinz Ludwig Arnold, Walter Hinck,  Marcel Reich-Ranicki …  Und nicht zu kurz kamen auch  Informationen über die deutsche Politik und Gesellschaft durch Wissenschaftler wie Thomas Ellwein, Kurt Sontheimer, Georg Picht, Wolfgang Abendroth….

Es ist beeindruckend, dass das deutsche Haus der Cité internationale über Jahrzehnte und bis heute ein derartig hochkarätiges Programm anbieten konnte und kann. Möglich ist das wohl auch nur deshalb, weil es an der Spitze des Hauses  eine personelle Kontinuität über Jahre hinaus herrscht mit der Folge eines offenbar reich gefüllten „carnet d’adresses“.  Auch wenn es heute in Paris ein Goethe- Institut gibt, nimmt das Heinrich Heine-Haus auch weiter seine Rolle als Kulturinstitut wahr, wobei gerade die europäische und vor allem die deutsch-französische Dimension besondere Schwerpunkte bilden:

Dazu nur drei Beispiele aus dem Programm des Jahres 2017:

  1. April 2017: Vorstellung des Buches Lettre à un ami français. (Brief eines Deutschen an einen französischen Freund, der für den Front National votiert)
  2. Mai 2017: Klaus Mann, défenseur visionnaire d’une Europe de l’esprit
  3. Mai 2017: Heinrich Heine et ses contemporains (Literarischer Spaziergang in Paris: Der Heine-Spaziergang mit jeweils wechselnden Schwerpunkten ist ein regelmäßiges Angebot des Heinrich Heine-Hauses)[10]
  4. September 2017: Leibniz et l’histoire. Colloque franco-allemand

Das Heinrich Heine-Haus ist außerdem  ein Ort politischer Debatten, wobei auch hier, wie ja schon das Beispiel des Gesprächs zwischen Alfred Grosser und Stéphane Hessel zeigte, der europäische und deutsch-französische Blickwinkel bestimmend sind.  Das sind dann die „regards croisés entre France et Allemagne“, die manchmal ganz direkt im Titel einer Veranstaltung erscheinen, aber  oft  auch ohne direkte Nennung eine wichtige Rolle spielen.

Auch dafür einige aktuelle Beispiele:

  1. April 2017: Les médias face à une crise de confiance- regards croisés entre France et Allemagne
  2. Mai 2017: Année électorale en France et en Allemagne: Quel rôle du couple franco-allemand dans l’avenir de l’Europe
  3. Juni 2017: Le centre est-il l’avenir de la politique?
  4. Oktober 2017: cent ans parès, La première guerre mondiale des deux côtés du front
  5. Dezember 2017: réfugiés en Allemagne et en France

Und auch bei Themen, die keinen direkten deutsch-französischen Bezug aufweisen, wird der im Allgemeinen dann durch eine internationale  Zusammensetzung des Podiums, also die Auswahl der „intervenants“ hergestellt.

Das Heinrich-Heine-Haus ist damit -wie kaum ein anderes – eine außerordentliche Bereicherung der Cité internationale: ihrem Anspruch,  der internationalen Verständigung und dem  Frieden zu dienen, verpflichtet, grundsätzliche Probleme, aber auch ganz  aktuelle Entwicklungen aufgreifend. Und dies meist auf äußerst hohem Niveau. Schade, dass manche Debatten, an die man sich noch lange erinnert -wie die zwischen  Grosser und Hessel- nicht festgehalten wurden. Verdient hätten sie es auf jeden Fall.

 

2016: 60 Jahre Maison Heinrich Heine

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Im November 2016 feierte das Heinrich Heine- Haus seinen 60. Geburtstag unter dem Motto Brücken  bauen- Jeter des ponts, das die Arbeit des Hauses in seiner 60-jährigen Geschichte immer geleitet hat.[11]

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Es war eine mehrtägige Veranstaltung mit einem reichen kulturellen und politischen Programm und viel Prominenz aus Wissenschaft und Politik. Auch der damalige französische Außenminister, der germanophile und –phone Jean-Marc Ayrault, gab dem Haus die Ehre.

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Beeindruckend war aber auch die Teilnahme von über 200 ehemaligen Bewohnern des Hauses, die gewissermaßen aus der ganzen Welt angereist waren. Und einige von ihnen kamen nicht nur als Besucher und Gratulanten, sondern bereicherten auch  wesentlich das Programm: Das Eröffnungskonzert beispielsweise wurde ausschließlich von ehemaligen Residenten des Hauses gestaltet.

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Dass unter den Geburtstagsgästen so viele ausländische ehemalige Residenten des Hauses waren, beruht auf der „brassage culturel“, die in der gesamten Cité internationale universitaire und besonders intensiv im Heinrich Heine-Haus praktiziert wird. Von seinen 104 Wohnheimplätzen  werden etwa die Hälfte von nicht-deutschen Studenten bewohnt – in den anderen Stiftungshäusern ist das ähnlich: Eine bewusste Maßnahme, um durch das Zusammenleben von Studenten verschiedener Nationalitäten unter einem Dach das gegenseitige Kennenlernen und die Verständigung zu fördern. Das 60-jährige Jubiläum des Heinrich Heine- Hauses zeigte sehr eindrucksvoll, dass das dort in hervorragender Weise gelungen ist und gelingt.

 

Zur Geschichte des deutschen Hauses in der Cité Internationale Universitaire

Dass es „erst“ der 60. Geburtstag war, den das deutsche Haus 2016 feiern konnte, ist bemerkenswert, denn immerhin ist es Teil der Cité internationale universitaire de Paris (CIUP), die schon seit den 1920-er Jahren besteht. Die „Verspätung“ des deutschen Hauses erklärt sich aus den von zwei Weltkriegen geprägten deutsch-französischen Beziehungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit der Gründung der Cité interrnatonale sollte nach dem Ersten Weltkrieg ein Beitrag zum Frieden und zur Völkerverständigung geleistet werden. Allerdings waren die Wunden des Krieges zunächst noch so frisch, dass dieser Anspruch nur sehr partiell erfüllt wurde. Nach dem Zeugnis von Paul Appell, einem der Gründungsväter der Cité,  war zunächst nur daran  gedacht, Häuser für Studenten befreundeter Nationen zu bauen, also  alliierter oder neutraler Staaten des „Großen Krieges.“[12]  F. Sereni stellt in seinem Aufsatz über die Cité internationale sogar fest, sie sei in ihren Anfängen eine Einrichtung im Dienste der „Kleinen Entente“ gewesen, also des Bündnissystems zwischen Jugoslawien, Rumänien und der Tschechoslowakei, das von Frankreich gefördert wurde, um deutschen Forderungen nach einer Revision des Versailler Vertrags entgegenzuwirken. (12a)  Der Vertrag von Locarno, der etwa zeitgleich mit der Eröffnung der Cité internationale im Jahr 1925 abgeschlossen wurde, stellte die deutsch-französischen Beziehungen allerdings auf eine neue Grundlage. Er markierte die Aussöhnung der ehemaligen „Erzfeinde“; seine Protagonisten, die Außenminister Briand und Stresemann,  wurden mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Der „Geist von Locarno“ inspirierte, wie Manfred Bock in seinem Aufsatz über den langen Weg zum Deutschland-Haus in der Cité Internationale Universitaire schreibt, „nahezu alle Initiativen und Projekte, die auf eine Verbesserung der deutsch-französischen Beziehungen gerade im sozio-kulturellen Bereich zielten. Er war auch die Grundlage für die Überlegungen, die vor 1933 über die Möglichkeit eines deutschen Stiftungshauses in der Cité Universitaire angestellt wurden.“[13]

Allerdings waren es in dieser Zeit vor allem die Verantwortlichen der Cité internationale, die sich hier äußerst vorsichtig und bremsend verhielten. 1927 erklärte der Sekretär der sie tragenden  Stiftung, die Schaffung eines deutschen Hauses sei zwar „wünschenswert“ und im Einklang mit der deutsch-französischen Annäherung, aber sie könne/müsse als verfrüht („prématurée“) betrachtet werden. Bevor man damit an die Öffentlichkeit gehe, sollten die nächsten Parlamentswahlen abgewartet werden. In dieser delikaten Angelegenheit müsse man mit großer Vorsicht und Diskretion vorgehen. Aber auch das Quai d’Orsay wollte nichts übereilen oder forcieren. In einer Stellungnahme von Außenminister Briand an den Président de Conseil der CIUP vom 30. März 1931 betonte er zwar das große politische Interesse an der Einrichtung neuer Häuser für Studenten Zentral- und Osteuropas. Aber er bezog sich dabei ausdrücklich zuerst auf Polen, Jugoslawien,  Rumänien „und eventuell Österreich und Deutschland“, das hier also an letzter Stelle steht.[14]

Der Gründer und Präsident der CIUP, André Honorat, wurde allerdings um 1930 zu einem „nachdrücklichen Befürworter des Bau eines deutschen Hauses in der Cité Universitaire.“ (Bock). Allerdings setzte sein aktives Engagement gerade in einem Moment ein, als in Deutschland die Weltwirtschaftskrise mit ihren desaströsen wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen das Ende der „goldenen zwanziger Jahre“ und der Weimarer Republik insgesamt einläutete. Nun war es die deutsche Seite, die das Projekt ablehnte: Es diene „nicht zum wenigsten der französischen Kulturpropaganda“ und es liege „vom sozialen Gesichtspunkt aus kein dringender Bedarf“ vor. „Denn es besteht wohl kein Zweifel, dass die deutschen Studierenden, die sich in Paris aufhalten, in der Regel Kreisen  entstammen, die wirtschaftlich leistungsfähiger sind als der große Durchschnitt der deutschen Studenten.[15]

Scheiterte also das Projekt in den 1920-er Jahren vor allem an politischen Opportunitätszweifeln in Frankreich, so stieß es nach 1930, als es von französischer Seite begrüßt wurde, auf die Bedenken der deutschen Verantwortlichen, die den Plan eines deutschen Hauses in Paris angesichts der Wirtschaftskrise nicht für politisch durchsetzbar hielten, wie Bock in seinem Aufsatz über den langen Weg zum Deutschland-Haus in der Cité internationale universitaire in Paris scheibt.

Neue Bewegung kam in die Bemühungen zur Errichtung eines deutschen Hauses in der Zeit des Dritten Reichs. Hitlers Architekt Albert Speer, der den Pavillon des nationalsozialistischen Deutschland auf der Pariser Weltausstellung von 1937 entworfen hatte, besuchte in diesem Jahr mit dem Handelsattaché der französischen Botschaft in Berlin auch die CIUP und war sehr beeindruckt. Gegenüber seinem französischen Gesprächspartner zeigte er sich überzeugt, Hitler für das Projekt gewinnen zu können. Es wurden bereits konkrete Überlegungen zum Ort des Hauses und  über seine Finanzierung durch die Reichsregierung angestellt. Nun war es  wieder die französische Seite, die sich – in nur allzu verständlicher Weise- ablehnend verhielt, stehe doch die nationalsozialistische Ideologie im fundamentalen Gegensatz zu den die CIUP bestimmenden Grundsätzen des Friedens und der Völkerverständigung- was sich dann ja auch auf grauenhafte Weise durch die Entfesselung des zweiten Weltkriegs und den Holocaust bestätigte.

Nach der Niederlage des faschistischen Deutschlands und dem Aufbau eines demokratischen Systems in den westlichen Besatzungszonen erhielt das Konzept eines deutschen Hauses in der CIUP eine neue Chance: Aus politischen Gründen, weil Frankreich im Sinne einer Deutschland-Politik der „Kontrolle durch Integration“ an einer Förderung der politischen und gesellschaftlichen Kräfte interessiert war, „die den geistigen Dialog und die praktischen Zusammenarbeit zwischen Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland herbeiführen wollten.“ Außerdem war es ein Glücksfall, dass André François- Poncet 1949 französischer Hochkommissar für Deutschland wurde und 1952 zusätzlich auch noch Präsident der Cité internationale universitaire. François-Poncet, von 1931 bis 1938 Botschafter Frankreichs in Berlin, war ein hervorragender Kenner und Freund Deutschlands, und für ihn war die Präsenz Westdeutschlands in der CIUP ein besonderes Anliegen. Es passte auch zu den Bemühungen um eine politische und militärische Integration Westeuropas, wie sie im Schumann-Plan vom  Mai 1950 und dem Projekt einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft zum Ausdruck kamen. Und es passte gut zur Entwicklung der Cité internationale, die in dieser Zeit gerade mit zahlreichen neuen Bauvorhaben (Norwegen, Ägypten, Marokko, Mexiko) eine zweite Expansionsphase erlebte. Für die junge Bundesrepublik auf der anderen Seite war das Projekt eines deutschen Hauses  ein „Angebot, im sozio-kulturellen Bereich wieder in die internationale Gemeinschaft aufgenommen zu werden.“[16]

Am 10. September 1952 wurde in Frankfurt die „Stiftung Deutsches Haus in der Cité Universitaire in Paris“  gegründet, deren Kern die Rektoren der Universitäten Tübingen, Mainz und Frankfurt bildeten. Dazu kamen Repräsentanten von Industrie und Handel sowie der öffentlichen Verwaltung. Noch im gleichen Monat wurde  einArchitekten-Wettbewerbs für den Bau des Hauses vorbereitet. Damit begann die Gründungsphase des seit den 1920-er Jahren immer wieder diskutierten und umstrittenen Projekts.

Die Gründungs-, Planungs- und Bauphase zog sich allerdings aus finanziellen, politischen und organisatorischen Gründen über mehrere Jahre hin. Erst am 23. November 1956 konnte das Gebäude als „Maison de l’Allemagne de l’Ouest“ und neunundzwanzigstes Wohnheim der Cité universitaire in Anwesenheit des französischen Präsidenten Coty und des deutschen Außenministers von Brentano seiner Bestimmung übergeben werden.[17] Damit war endlich das Ziel des langen und schwierigen 30-jährigen Wegs zum Deutschland-Haus in der Cité internationale universitaire erreicht: in der Tat ein Spiegel der deutsch-französischen Beziehungen zwischen den 1920-er und 1950-er Jahren.

 

 

Die Architektur des Hauses: Ausdruck des demokratischen Deutschlands

Das deutsche Haus in der Cité universitaire war Ausdruck der kulturellen und politischen Integration der Bundesrepublik Deutschland in die Gemeinschaft der demokratischen Staaten des Westens. Das sollte auch in der Architektur des Hauses deutlich werden. Immerhin handelte es sich bei diesem Vorhaben sicherlich um eines der ersten Bauprojekte der Nachkriegszeit, durch die sich die junge Bundesrepublik im Ausland darstellte- wenn nicht sogar das erste.

Es wurde also ein Bauwettbewerb ausgeschrieben, an dem teilzunehmen sieben Architekten eingeladen wurden, zu denen immerhin so prominente Vertreter der deutschen Nachkriegsarchitektur wie Egon Eiermann und Sep Ruf gehörten. Als einstimmig ausgewählter Sieger ging aus diesem Wettbewerb Johannes Krahn hervor. Krahn war ausgewiesener Gegner des Nationalsozialismus, hatte 1933 deshalb auch seinen Posten an der Kunstschule Aachen verloren. Während des Dritten Reichs war er von allen öffentlichen Aufträgen ausgeschlossen und lebte von Arbeiten für Privatleute. Nach dem Krieg ließ  er sich in Frankfurt nieder, wo er  später auch Professor an der Städelschule und von 1965 bis 1970 deren Direktor wurde. Krahn hatte vor dem Pariser Projekt u.a. schon –zusammen mit Rudolf Schwarz- die Rekonstruktion der Frankfurter Paulskirche geplant. In dem Gebäude tagte 1848/1849 das erste demokratische deutsche Parlament. Im zweiten Weltkrieg wurde es wie die gesamte Frankfurter Innenstadt von alliierten Bombern zerstört, konnte aber 1948 zum 100-jährigen Jubiläum des Paulskirchenparlaments wiedereröffnet werden. Krahn war außerdem Architekt der französischen Botschaft in dem neben der provisorischen Bundeshauptstadt Bonn gelegenen Bad Godesberg (1950-1952). Zu seinen Werken gehörten damit zwei Referenzbauten, die sicherlich dazu beigetragen haben, dass er zum erlauchten Kreis der sieben zum Wettbewerb eingeladenen Architekten gehörte.[18]

Dass er ihn gewann, beruht auf der überzeugenden Konzeption, die er für  das deutsche Haus vorlegte. Und die Aufgabe war höchst anspruchsvoll:  Die zur Verfügung stehenden Mittel waren  -trotz französischer Beteiligung-  sehr begrenzt, weshalb auch ein von der Cité angebotenes repräsentatives Grundstück am Boulevard Jordan nicht genutzt werden konnte. Denn das  hätte einen größeren Umfang des deutschen Hauses vorausgesetzt, der  von deutscher Seite als nicht finanzierbar betrachtet wurde. Also wurde ein kleineres, schmales Grundstück am Südrand der Cité ausgewählt (an dem damals allerdings noch nicht der vielspurige laute boulevard périphérique vorbeiführte). Ausgehend von diesen beiden einengenden Voraussetzungen entwarf Johannes Krahn einen Bauplan des deutschen Hauses, der zu dem passte, was der SPD-Politiker Adolf Arndt 1960 in einer vielbeachteten Rede meinte, als er von der „Demokratie als Bauherr“ sprach: Ein besonderes Merkmal dieser „demokratischen“  öffentlichen Architektur der  Nachkriegszeit war die Transparenz, die Ikonen der Nachkriegsarchitektur prägte- von dem Kanzlerbungalow Sep Rufs über den Bonner Plenarsaal Günter Behnischs bis zur Reichstags-Kuppel Norman Forsters. An den Anfängen dieser Reihe hat das Deutsche Haus in der Cité universitaire seinen Platz. Es ist unter den vielen Häusern der Cité Universitaire sicherlich das transparenteste[19]: Die beiden vorspringenden seitlichen Flügel, Festsaal und Bibliothek, sind fast vollständig verglast, die Glasfronten, die entsprechend einer Bauhaus-Tradition auch an den Ecken nicht unterbrochen sind, ruhen lediglich auf niedrigen Natursteinsockeln. Besucher und Passanten können also die Studenten sehen, die in der Bibliothek arbeiten, und umgekehrt, und im Festsaal werden die Gardinen nur dann zugezogen, wenn es, wie bei Filmvorführungen,  erforderlich ist. Die beiden seitlichen Gebäude sind also, wie auch die Zimmer der Studenten, nach außen geöffnet.

Und offen ist auch der Zugang zum Haus. Der Besucher wird geradezu eingeladen einzutreten. Es gibt keine einzige Treppenstufe zwischen dem Zugang zum Haus, dem Eingangsfoyer, der Bibliothek und dem Festsaal.

Logo MHH 2017 (1) - Kopie

Das Logo des Heinrich Heine-Hauses mit der Stilisierung der Eingangsseite und den beiden Seitenflügeln

Und –typisch für die Nachkriegsarchitektur- Krahn hat bei dem Entwurf des Hauses auf jegliche Monumentalität verzichtet und aus der Not des schwierigen Grundrisses eine Tugend gemacht: Der Eingang befindet sich nicht wie bei vielen öffentlichen Gebäuden üblich auf der beeindruckenden Längsseite,  sondern auf der dem Park der Cité zugewandten Schmalseite. Das ist funktionsgerecht und Ausdruck von Bescheidenheit. Es gibt also auch keinen monumentalen Eingang, der die Menschen immer kleiner macht, je mehr sie sich dem Gebäude nähern, wie das bei  repräsentativen Bauten ja oft der Fall ist. Der Unterschied ist eklatant, wenn man das deutsche Haus mit dem Hauptgebäude der Cité internationale universitaire, der schlossähnlichen Maison Internationale vergleicht: Dort führen mehrere Stufen zum Eingang, und um zu dem Festsaal zu gelangen, muss man noch eine weitere Treppe emporsteigen: Der repräsentative Saal befindet sich im „piano nobile“ im , also im ersten Stock – der Spiegelsaal von Versailles lässt grüßen.

Der Effekt einer “bel étage“ wird im deutschen Haus gewissermaßen ersetzt durch die Brücke, die zum Haus führt. Sie hat die praktische Funktion, die Cafeteria im Untergeschoss mit Licht zu versorgen und ihr einen kleinen Vorraum im Freien zu verschaffen, aber es hat vor allem auch eine symbolische Funktion, indem sie das Programm des Hauses abbildet: Brücken zu bauen zwischen draußen und drinnen, zwischen Franzosen und Deutschen, zwischen den beiden Kulturen, zwischen den sogenannten „Erbfeinden“ Frankreich und Deutschland.  Insofern konnte es kein besseres Motto für die  60-Jahrfeier des Hauses geben als dieses: Brücken bauen.

La Maison Heinrich Heine ist also in der Tat „un bâtiment symbole pour la politique allemande de l’après –guerre.“[20] Als die Bundesbaudirektion 1992 ein Gutachten zur notwendigen Renovierung des Gebäudes erstellte, stellte sie also mit Recht fest, es handele sich um ein typisches Zeugnis der deutschen Architektur der Nachkriegszeit. Und sie fügte dann noch enthusiastisch hinzu, es handele sich aufgrund seiner außerordentlichen kreativen Qualitäten um eines der bedeutendsten Gebäude der 50-er Jahre in der Gegend von Paris. Mit den beiden Bauten von Le Corbusier (Schweiz und Brasiien) gehöre  es zu den schönsten der Cité internationale.[21] Es ist aber eine nicht ostentativ zur Schau gestellte Schönheit, sondern eine eher zurückhaltende, die sich erst bei näherem Hinsehen und Hineingehen erschließt.

Vor dem Eingang steht auf der rechten Seite ein Denkmal, dessen Bedeutung auch erst bei näherem Hinsehen erkennbar wird: Es ist der Erinnerung an Guillaume Fichet gewidmet, der 1470, also zwanzig Jahre nach Gutenberg, zum ersten Mal in Frankreich, an der Sorbonne, ein Buch mit beweglichen Lettern druckte.  Das gleiche Denkmal befindet sich auch auf dem Gelände der Universität Mainz – auch dies eine schöne symbolische Brücke zwischen Deutschland und Frankreich.

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Heinrich Heine: Der Name als Programm

Seit 1973 trägt das deutsche Haus in der Cité universitaire den Namen Heinrich Heine. Einen geeigneteren Namenspatron  für das deutsche Haus könnte es ja auch nicht geben als Heinrich Heine,  den Vermittler zwischen den Kulturen Frankreichs und Deutschlands.[22]  Heine hat es in seinem Testament vom 13. November 1851 als die große Aufgabe seines Lebens („la grande affaire de ma vie“) bezeichnet, für das herzliche Einvernehmen zwischen Deutschland und Frankreich zu wirken (‚de travailler à l’entente cordiale entre l’Allemagne et la France‘).[23]

Heinrich Heine liebte Frankreich, seine Freiheit, seine Sprache, seine Kultur, seine Frauen, seinen Champagner, seine Kochkunst, aber er liebte auch seine Heimat, den  Rhein, den Wald, die alten Mythen und vor allem die deutsche Sprache, die er so virtuos beherrschte wie die von ihm bewunderten Chopin und Liszt das Klavier.

Heinrich Heine war, auch wenn er in Deutschland steckbrieflich gesucht wurde,  in beiden Ländern zu Hause, und er träumte davon, dass Frankreich und Deutschland einmal versöhnt und vereinigt sein würden:

 „Laßt uns die Franzosen preisen! sie sorgten für die zwey größten Bedürfnisse der menschlichen Gesellschaft, für gutes Essen und bürgerliche Gleichheit, in der Kochkunst und in der Freyheit haben sie die größten Fortschritte gemacht, und wenn wir einst alle, als gleiche Gäste, das große Versöhnungsmahl halten, und guter Dinge sind, […] dann wollen wir den Franzosen den ersten Toast darbringen. […] sie wird doch endlich kommen, diese Zeit, wir werden, versöhnt und allgleich, um denselben Tisch sitzen; wir sind dann vereinigt, und kämpfen vereinigt gegen andere Weltübel, vielleicht am Ende gar gegen den Tod“  (Aus: Reisebilder, Reise von München nach Genua[24]

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Die Büste Heinrich Heines begrüßt die Besucher des Hauses im Foyer und sein Name wird auch ausdrücklich als Programm verstanden. In den Wünschen für das Jahr 2017 an die Freude des Hauses und seine Bewohner hat das die Leiterin des Heinrich Heine- Hauses  ausdrücklich  hervorgehoben: In der Tradition Heinrich Heines werde das Haus auch künftig daran arbeiten, Brücken zu bauen, vor allem zwischen Deutschland und Frankreich, aber auch zwischen verschiedenen Kulturen, Disziplinen, Wahrnehmungen und Visionen.[25] 

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Ein solches Programm hat sicherlich auch für das Jahr 2018 nichts an Attraktivität und Aktualität eingebüßt. In diesem  Sinne: Weiter alles Gute, liebes Heinrich Heine-  Haus in der Cité internationale universitaire de Paris!

 

Anmerkungen

[1] Die Cité Internationale Universitaire in Paris: Ein Ort des Friedens und der Völkerverständigung.  (Januar 2017)

[2] Deutsche Ausgabe:  Françoise Tillard, Die verkannte Schwester: die späte Entdeckung der Komponistin Fanny Mendelssohn Bartholdy. München: Kindler 1994
http://www.paroleetmusique.net/musique-de-chambre/trio-fanny-hensel/

Paul Tillard, Le pain des temps maudits; suivi de Mauthausen. Paris 2007

[3] https://maison-heinrich-heine.org/intervenant/alfred-grosser

[4] Zu seinen Eltern siehe den Blog-Beitrag: Exil in Frankreich

[5] Siehe dazu den Blog-Beitrag: Die Cité Internationale Universitaire de Paris, ein Ort des Friedens und der Völkerverständigung (Januar 2017)

[6] http://www.zeit.de/2006/25/Frankreich_xml/komplettansicht

[7] Siehe Blog-Bericht: Frankreich: Spitzenreiter bei der schulischen Ungleichheit

(7a) siehe Uwe Timm, Der Freund und der Fremde. Köln 2005, S. 72f

[8] http://www.parisberlinmag.com/kultur/die-maison-heinrich-heine-das-interkulturelle-studentenwohnheim_a-140-3241.html

[9] http://www.ciup.fr/maison-heinrich-heine/histoire-de-la-maison/

[10] Siehe dazu den Blog-Beitrag: Mit Heinrich Heine in Paris (Oktober 2017)

[11] Eine Würdigung der Arbeit des Hauses: http://www.parisberlinmag.com/kultur/die-maison-heinrich-heine-das-interkulturelle-studentenwohnheim_a-140-3241.html

[12] Zit. Babel, S. 68: „Reste que le projekt n’envisage pour l’heure que de construire des maisons d’étudiants avec d’anciens alliés ou neutres de la Grande Guerre, des „nations amies“ écrit Paul Appell.“

(12 a) F. Sereni, La Cité internationale universitaire de Paris: ambitions mondiales et réalités européennes (1925-1956). In: R. Girault et G. Bossuat (dir), Europe brisée, Europe retrouveé. Paris 1994, S. 91

[13] Bock, in MHH, S. 67. In diesem Abschnitt stütze ich mich wesentlich auf diesen grundlegenden Aufsatz.

[14]Après avoir accueilli les ressortissants de tant de  nations et de tant de cultures, cette institution doit maintenant se compléter par la fondation de nouveaux pavillions destinés aux étudiants de l’Europe  centrale et orientale. Il y a  là, pour notre pays, un intérêt politique de premier ordre et j’attache le plus grand prix à la réalisations des projets qui ont été formés à cet égard et qui nous permettront de faire place à la  jeunesse intellectuelle de ces pays, en particulier de la Tchécoslovaquie, de la Pologne, de la Yougoslavie, de la Roumanie et éventuellement de l’Autriche et de l’Allemagne.“ (cit Babel  p. 75)

[15] Stellungnahme der deutschen Botschaft aus dem Jahr 1930, zit. bei Bock, S.71/72

[16]  Bock in MHH, S. 93

[17] Lappenküper in MHH, S.148

[18] Johannes Krahn entwarf übrigens auch den beeindruckenden deutschen Soldatenfriedhof Mont-de-Huisnes gegenüber dem Mont-Saint-Michel. (siehe den Blog-Beitrag „Normandie (2): Schattenseiten der Vergangenheit“).   In diesem Abschnitt beziehe ich mich vor allem auf den Aufsatz von Martin Raether, „L’architecture de la Maison Heinrich Heine“ und die Diskussion zwischen Ulrich Lappenküper, Hans-Joachim Lorenz, Martin Raether und Daniel Wentzlaff in MHH, S. 322ff

[19] Daniel Wentzlaff in: MHH, S. 348

[20] Ulrich Lappenküper in MHH, S. 351

[21] Zit. von Martin Raether in MHH, S. 330

[22]  Siehe dazu den Blog-Beitrag: Heinrich Heine in Paris (Oktober 2017)

[23] Zit. bei Bernd Kortländer, Mit Heine durch Paris. Reclam Taschenbuch Nr. 20384, Stuttgart 2015, S. 12

[24] Düsseldorfer Heine-Ausgabe, DHA Band VII, S. 70

Siehe auch: Gerhard Höhn: Heinrich Heine, une figure européenne. In MHH, S. 312ff

[25] https://maison-heinrich-heine.org/a-propos/qui-sommes-nous 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung der MHH.

 

Praktische Hinweise

Kontakt und Informationen (z.B. Veranstaltungen, Öffnungszeiten) über: https://maison-heinrich-heine.org/de

https://maison-heinrich-heine.org/a-propos/programme-manifestations-culturelles  : Hier kann man das Veranstaltungsprogramm direkt einsehen und herunterladen.

Man kann dort auch den newsletter abonnieren, so dass man regelmäßig über die Veranstaltungen des Hauses informiert wird.

Bewerbungsmodalitäten für Wohnheimplätze: https://maison-heinrich-heine.org/hebergement/devenir-resident

Diskussionen (conférences-débats) finden i.a.  in französischer Sprache statt, aber es gibt oft auch  Simultanübersetzungen, vor allem wenn deutsche Diskussionsteilnehmern/innen beteiligt sind, die ihre Beiträge in deutscher Sprache vortragen möchten.

 

En savoir plus:

Martin Raether (Hrsg): Maison Heinrich Heine Paris 1956-1996. Quarante  ans de présence culturelle. Bonn, Paris 1998 (abgekürzt: MHH)

Dzovinar Kévonian et Guillaume Tronchet: La Babel étudiante. La cité universitaire de Paris (1920-1950) Rennes: Presses universitaire 2013

Ulrich Lappenküper, Ein „Mittelpunkt deutscher Kulturarbeit“: Das Deutsche Haus in der Cité universitaire in Paris (1950 – 1956). In: Pariser historische Studien no 81,2007, S. 257-279

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Der schwierige Umgang mit einem düsteren Kapitel der französischen Vergangenheit: Die Erinnerung an Sklavenhandel und Sklaverei
  • Street-Art in Paris (1): Einführung und Überblick 
  • Street-Art in Paris (2): Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • Street-Art in Paris (3): Der Invader
  • Auf dem Weg nach Paris: Die Mühle von Valmy, ein Fanal der Französischen Revolution

Mit Heinrich Heine in Paris

 

Heinrich Heine,  einer der prominentesten Paris-Verehrer, verbrachte die Hälfte seines Lebens  in der Stadt seiner Träume.  Paris war für ihn  eine „Zauberstadt“, „die geistige Hauptstadt Europas“, „Hort der Revolution“ bzw. „die Hauptstadt der Revolution“, „ein Pantheon der Lebenden“, ja die „Spitze der Welt“, „das neue Jerusalem“.   „Paris ist nicht bloß die Hauptstadt von Frankreich, sondern der ganzen zivilisierten Welt. … Versammelt ist hier alles, was groß ist durch Liebe und Hass, durch Fühlen und Denken, durch Wissen oder Können, durch Glück oder Unglück, durch Zukunft oder Vergangenheit.“ [1]

Für Heines Übersiedlung nach Paris gab es mehrere Gründe:

  • Die Aussichtslosigkeit, als geborener Jude und aufmüpfiger Geist  eine sicher besoldete Stelle in Deutschland  zu erhalten, woran die Konversion  zum Christentum nichts änderte
  • Seine Begeisterung für die Revolution von 1830 in Frankreich und für Paris
  • Die Gefahr, in der Unterdrückungsphase des „Vormärz“ zwischen 1830 und 1848 in Deutschland Opfer der herrschenden Repression zu werden

Ökonomische und politische Gründe veranlassten auch viele andere Deutsche, ihr Glück oder wenigstens ihr Auskommen in Paris zu suchen.  „Ende der 1840er Jahre kam auf zwanzig Bewohner der Stadt ein Deutscher. Ihre Zahl betrug knapp sechzigtausend: Künstler, Schriftsteller, Publizisten, aber noch mehr Handwerker…. Viele Arbeitslose aus entlegenen Winkeln Deutschlands suchten und fanden Arbeit in Paris, so zahlreiche Nordhessen, die die Straßen und Plätze der Stadt kehrten. Die Säuberung der Hauptstadt Europas war fest in der Hand von hessischen Gastarbeitern. An den Sonntagen trafen sie sich in den Gastwirtschaften (also den Guinguettes W.J.)  am Rande der Stadt und zogen abends mehr oder weniger angetrunken und deutsche Lieder singend nach Hause.“ [2] Für die Deutschen in Paris gab es übrigens sogar eine eigene Kirche, und zwar in „unserem“ 11. Arrondissement, dem Handwerkerviertel, am Jardin Titon. Inzwischen ist das die Kirche der Koreaner. So ändern sich die Zeiten….

Aber zurück zu Heine: Dass er sein halbes Leben in Paris verbrachte, hatte also zwei Seiten: eine negative, auf Deutschland bezogen, und eine positive- bezogen auf Frankreich:  In Deutschland  erwarteten ihn Perspektivlosigkeit und drohte ihm eine Verhaftung wegen „demagogischer Umtriebe“. Ein alter Justizrat, der mehrere Jahre in der Festung  Spandau bei/in Berlin eingekerkert war, hatte ihm erzählt, wie unangenehm es sei, wenn  man im Winter Eisenringe um die Füße tragen müsse.  Heine dazu in seinem wunderbar locker-ironischen Stil:

» Ich fand es in der Tat sehr unchristlich, dass man den Menschen die Eisen nicht ein bisschen wärme. Wenn man uns die Ketten  ein wenig wärmte, würden sie keinen so unangenehmen Eindruck machen…. Ich frug meinen Justizrath, ob er zu Spandau oft Austern zu essen bekommen. Er sagte Nein, Spandau sei zu weit vom Meere entfernt. … Da ich nun wirklich einer Aufheiterung bedurfte, und Spandau zu weit vom Meere entfernt ist, um dort Austern zu essen, und mich die Spandauer Geflügelsuppen nicht sehr lockten, und auch obendrein die preußischen Ketten im Winter sehr kalt sind und meiner Gesundheit nicht zuträglich seyn konnten, so entschloß ich mich, nach Paris zu reisen und im Vaterland des Champagners und der Marseillaise jenen zu trinken und diese letztere, nebst En avant marchons und Lafayette aux cheveux blancs, singen zu hören.« [3]

Und hier ist ja auch die andere Seite wunderschön bezeichnet: Heine reist ins „Vaterland des Champagners und der Marseillaise“:  Er sah in Frankreich die ideale Verbindung von Genuss und politischem Fortschritt, besonders nachdem dort der sogenannte Bürgerkönig Louis Philippe herrschte, der nicht mehr wie seine Vorgänger roi de France, sondern roi des Français war- ein für Heine entscheidender Unterschied! Während eines Besuchs auf Helgoland erfährt Heine von der Juli- Revolution in Frankreich und ist außer sich vor Begeisterung:  „Lafayette, die dreifarbige Fahne, die Marseillaise… Ich bin wie berauscht….Lafayette, die dreifarbige Fahne, die Marseillaise… Fort ist meine Sehnsucht nach Ruhe. Ich weiß jetzt wieder, was ich will, was ich soll, was ich muss. Ich bin der Sohn der Revolution und greife wieder zu den gefeiten Waffen.“ [4]

Am 1. Mai 1831 reist Heine, 33 Jahre alt,  nach Paris,  wo er als einmal in einem früheren französischen Hoheitsgebiet Geborener Bleiberecht hat und als bereits bekannter und von deutschen Behörden verfolgter deutscher Dichter freundlich aufgenommen wird. Dort bleibt er  – abgesehen von zwei kurzen illegalen Besuchen seiner Mutter in Hamburg- bis zu seinem Tod am 17. Februar 1856. (4a)

Von einer dieser Reisen nach Paris zurückgekehrt, schreibt Heinrich Heine:

„Nach einer vierwöchentlichen Reise bin ich seit gestern wieder hier, und ich gestehe, das Herz jauchzte mir in der Brust, als der Postwagen über das geliebte Pflaster der Boulevards dahinrollte, als ich den ersten Putzladen mit lächelnden Grisettengesichtern vorüberfuhr, als ich das Glockengeläute der Cocoverkäufer vernahm, als die holdselige zivilisierte Luft von Paris mich wieder umwehte. (…) Warum aber war die Freude bei  meiner Rückkehr nach Paris diesmal so überschwenglich, dass es mich fast bedünkte als beträte ich den süßen Boden der Heimat, als hörte ich wieder die Laute des Vaterlandes? Warum übt Paris einen solchen Zauber auf Fremde, die in seinem Weichbild einige Jahre verlebt? Viele wackere Landsleute, die hier sesshaft, behaupten, an keinem Orte der Welt könne der Deutsche sich heimischer fühlen als eben in Paris, und Frankreich selbst sei am Ende unserem Herzn nicht anderes als ein französisches Deutschland.“[5]

Im Folgenden werde ich einige Stationen Heinrich Heines in Paris aufsuchen. Es sind wichtige und interessante Orientierungspunkte, von denen aus ich einen Blick auf Heines Leben und Werk werfen möchte. Und zum Abschluss soll ein kleiner Rundgang auf den Pariser Spuren Heinrich Heines vorgestellt werden.

Bevor es losgeht, aber noch zwei Vorbemerkungen:

  1. Ich möchte den Rundgang auch dazu nutzen, Heines Werk seiner Pariser Jahre ein wenig vorzustellen. Da wird dann für manche manches/vieles Bekannte dabei sein, wofür ich um Verständnis bitte.
  2. Der deutsch-amerikanische Historiker Fritz Stern, in Deutschland auch bekannt durch seine Gespräche mit Helmut Schmidt, sagte am 20.6.2011 in einem Vortrag über den Europäer Heinrich Heine in der Maison Heinrich Heine in der Cité Universitaire: „ Er schreibt so genial, dass es verführerisch ist, ihn zu zitieren“.  Ich werde das hemmungslos tun, denn warum sollte man sich nicht von Heine verführen lassen?
  3. Bei den hier vorgeschlagenen Stationen handelt es sich um eine Auswahl, die sich, mit drei Ausnahmen  (Porte Saint- Denis, Rue Laffitte und Rue Matignon) in einem Rundgang verbinden lassen. Manches muss da unberücksichtigt bleiben. Bernd Kortländer schlägt in seinem Buch „Mit Heine durch Paris“ nicht weniger als 14 literarische Spaziergänge vor, wobei er sich allerdings auf  das Zitieren passender Heine-Texte beschränkt.  Der nachfolgende Blog-Beitrag ist insofern begrenzter und umfassender zugleich.

 

  1. Der Triumphbogen am Boulevard Saint-Denis: Einzug in Paris

Die Porte Saint-Denis war zu Zeiten Heines das Stadttor, durch das Reisende aus Deutschland Paris betraten. Auch Heine kam im Mai 1831 hier vorbei und schildert seinen Einzug durch den von Ludwig XIV. errichtete Triumphbogen:

»In zwanzig Minuten war ich in Paris, und zog ein durch die Triumphpforte des Boulevards Saint-Denis, die ursprünglich zu Ehren Ludwigs XIV. errichtet worden, jetzt aber zur Verherrlichung meines Einzugs in Paris diente. Wahrhaft überraschte mich die Menge von geputzten Leuten, die sehr geschmackvoll gekleidet waren wie Bilder eines Modejournals. Dann imponirte mir, daß sie alle französisch sprachen, was bey uns ein Kennzeichen der vornehmen Welt; hier ist also das ganze Volk so vornehm wie bey uns der Adel. Die Männer waren alle so höflich, und die schönen Frauen so lächelnd. Gab mir jemand unversehens einen Stoß, ohne gleich um Verzeihung zu bitten, so konnte ich darauf wetten, daß es ein Landsmann war; und wenn irgend eine Schöne etwas allzu säuerlich aussah, so hatte sie entweder Sauerkraut gegessen, oder sie konnte Klopstock im Original lesen. Ich fand alles so amüsant, und der Himmel war so blau und die Luft so liebenswürdig, so generös, und dabey flimmerten noch hie und da die Lichter der Julisonne; die Wangen der schönen Lutezia waren noch roth von den Flammenküssen dieser Sonne, und an ihrer Brust war noch nicht ganz verwelkt der bräutliche Blumenstrauß. An den Straßenecken waren freylich hie und da die liberté, égalité, fraternité schon wieder abgewischt.« [6]

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Noch angemessener wäre natürlich gewesen, wenn der Triumphbogen schon für den Vater Ludwigs XIV., Henri Quatre, errichtet worden wäre, dann hätte auf dem Triumphbogen passend zur Begrüßung Heines  HENRICO MAGNO  gestanden. Und Henri Quatre war auf dem Weg von der Basilika  Saint-Denis hier auch nach Paris eingezogen  und  er war etwas weniger prunk- und eroberungssüchtig  als sein Enkel- von seinem Faible für Frauen einmal abgesehen. Das hätte dann wohl noch besser zu Heinrich Heine gepasst, der sich gerade anschickte, „die Hauptstadt der zivilisierten Welt“ – und ihre Frauen- zu erobern.

(Porte St. Denis, Metro Strasbourg Saint – Denis; Linien 4,8 und 9)

  1. Die Passage des Panoramas: Die Frauen von Paris

Heine quartiert sich zunächst –wie damals auch über längere Zeit durchaus üblich- in Pariser Hotels ein und er ist entzückt von dem Pariser Leben.

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Heine –Portrait von Moritz Oppenheim  (1831) Hamburger Kunsthalle

 

Er ist ein attraktiver junger Mann mit fein geschnittenen Gesichtszügen, der allabendlich in der Passage des Panoramas am Boulevard Montmartre auf und ab schlendert.  1799 gebaut, ist es die älteste der Pariser Passagen, die es –angeregt durch die orientalischen Souks-  den Parisern ermöglichte, trockenen und sauberen (!) Fußes spazieren zu gehen  und einzukaufen: Damals ein riesiger Fortschritt, denn Trottoirs und Gullys fürs Regenwasser (oder sonstige Abwässer) gab es  noch nicht auf den Straßen. Der Name der Galerie ist abgeleitet von zwei großen Türmen am Eingang, in denen  -zum ersten Mal in Frankreich- Panorama-Bilder gezeigt wurden – ein großer Erfolg, der noch zunahm, als 1816 in der Galerie die erste Gasbeleuchtung von Paris installiert wurde. Als Heine 1831 nach Paris kam, waren die beiden Türme gerade abgerissen worden, aber die Passage des Panoramas war immer noch ein Anziehungspunkt für die Bewohner und Besucher der Stadt.

Die Passage des Panoramas früher und heute

 

Hier kann Heine erste Kontakte knüpfen und sein Französisch etwas aufpolieren:

Mit dem Französischen haperte es etwas bei meiner Ankunft; aber nach einer halbstündigen Unterredung mit einer kleinen Blumenhändlerin in der Passage des Panoramas ward mein Französisch, das seit der Schlacht bei Waterloo eingerostet war, wieder flüssig, ich stotterte mich hinein in die galantesten Konjugationen und erklärte der Kleinen sehr verständlich das Linnéische System, wo man die Blumen nach ihren Staubfäden einteilt; die Kleine folgte einer anderen Methode und teilte die Blumen ein in solche die gut röchen und solche welche stänken. Ich glaube, auch bei den Männern beobachtete sie dieselbe Klassifikation. Sie war erstaunt, dass  ich trotz meiner Jugend so gelehrt sei, und posaunte meinen gelehrten Rufe im ganzen Passage des Panoramas.“[7]

Zwar war die Passage ein Ort, „wo man abends gern vermeidet hindurchzugehen, wenn man eine Dame am Arm führt“,  wie ein zeitgenössischer Beobachter bemerkte.[8] Tagsüber konnte man dort aber die Auslagen der Juwelierläden betrachten oder bei Herrn Félix Pasteten kaufen und abends konnte Heine „jene  Zoen, Aglaen, Désiréen, Clarissen und Amalien“ treffen, die dort auf und ab flanierten. „Manche gebratene Taube“ sei ihm da  „ins offene, gaffende Maul“ geflogen“.[9] Diese „gebratenen Täubchen“ machte er dann unter dem vielsagenden Titel  Verschiedene  zum Gegenstand  ziemlich eindeutiger Verse.  Beispielsweise „Diana“:

                                   Welcher Busen, Hals und Kehle

                                  (Höher seh ich nicht genau)

                                  Eh‘  ich mich ihr anvertrau

                                 Gott empfehl ich meine  Seele.

 

In einem Brief vom Juli 1833 lässt Heine vermuten, wo er wohl manche solcher Verse niederschrieb:

„Ich schreibe diese Zeilen im Bett meiner schönhüftigen Freundin, die mich diese Nacht nicht fortließ“   – wer auch immer das damals gewesen sein mag. Einen entscheidenden Makel haben die Pariserinnen für Heine aber doch: Sie sind zu klein. Wenn man „die langen deutschen Glieder gewohnt ist“, sei es schwer, „sich hier einzurichten“. [10] Aber offensichtlich hat sich Heine doch gut einrichten gelernt.  Ein knappes Jahr später, im Oktober 1834, lernt er in der Passage des Panoramas Augustine Crescence  Mirat kennen, eine Schuhverkäuferin im Geschäft ihrer Tante.  Sie kann weder lesen noch schreiben, aber dafür „plappern und plaudern“ [11] und bezaubert mit ihrem Temperament und ihren Tanzkünsten die Menschen, vor allem Heine. Heine nennt sie Mathilde, er wird bis zu seinem Tod mit ihr zusammenleben, sie lieben, neben und unter ihr leiden und –trotz alledem- bei ihr bleiben- und sie bei ihm.

 

  1. Cité Bergère No 3: Mathilde und das Duell

Heine lebt hier von Januar 1836 bis Januar 1838, also immerhin volle zwei Jahre.  Das ist für ihn schon ziemlich lange, denn seitdem er im Mai 1831 nach Paris übersiedelte, ist das schon seine 6. Unterkunft.  Dies vor allem wegen seiner Lärmempfindlichkeit-  Heine erträgt  keine tickende Uhr in seinem Zimmer, geschweige denn alle möglichen heftigeren Geräusche, die es in einer Stadt wie Paris fast zwangsläufig gibt. In einem Brief vom 24. Okt. 1833 schreibt Heine: „Eine Familie mit entsetzlichem Spektakel und Kindergeschrei ist grad unter mir eingezogen.“ [12] Mit der Wohnung in der Cité Bergère war Heine dagegen (zunächst) sehr zufrieden. Sein neues Appartement, so teilte er seinem Verleger Campe mit, sei „prächtig und wollüstig angenehm, so dass  ich jetzt warm und wohlig sitze. Es ist Cité Bergère No 3.“ , gelegen „in einer dorfähnlichen Oase parallel zu den Boulevards, die heute noch eine kleine Stadt in der Stadt bildet.“[13]

 

Grillparzer hat ihn dort besucht. Er schreibt dazu in seinem Tagebuch (Paris, 27. April 1836):  „Hatte endlich die Wohnung Heines erfragt, gieng heute zwölf Uhr zu ihm, cité Bergère N° 3. Als ich schellte, öffnete mir ein hübscher, runder junger Mann im Schlafrock, der mir wie einem alten Bekannten die Hand reichte. Es war Heine selbst, der mich für den Markis de Cüstine hielt. Er zeigte große Freude als ich mich nannte und führte mich in seine tolle Wirthschaft hinein. Tolle Wirthschaft. Denn er wohnt da in ein paar der kleinstmöglichen Stuben mit einer oder zwei Grisetten, denn zwei waren eben da, die in den Betten herumstörten, und von denen er mir eine, eben nicht zu hübsche, als seine petite bezeichnete. Er selbst aber sieht wie die Lebenslust und, mit seinem breiten Nacken, wie die Lebenskraft aus. Machte mir einen sehr angenehmen Eindruck, denn mir ist der Leichtsinn nur da zuwider, wo er die Ausübung dessen was man soll, hindert.  Wir kamen gleich in die Literatur, fanden uns in unsern Neigungen und Abneigungen ziemlich auf demselben Wege und ich erfreute mich des seltenen Vergnügens bei einem deutschen Literator gesunden Menschenverstand zu finden.“[14]

Dies Gespräch über  Literatur findet  in Heines Arbeitszimmer statt. Hier ist Grillparzer besonders von der Bibliothek beeindruckt, weil die nur aus einem einzigen Buch besteht. In der Tat ein bemerkenswertes Verhältnis, wie Grillparzer findet: zwei muntere junge Frauen im Bett, ein Buch im Arbeitszimmer! Um welches Buch es sich handelt, habe ich  leider bei meiner Beschäftigung mit Heine in Paris nicht herausfinden können. Heines eigentliches Arbeitszimmer war übrigens die Bibliothèque Royale, wo er sich regelmäßig aufhielt, um an seinen Abhandlungen über deutsche Literatur und Philosophie zu arbeiten.

Die Grisette, die Heine Grillparzer gegenüber seine „petite“ nannte, ist vermutlich Mathilde, die zweite wohl ihre Freundin Pauline.  Was eine „Grisette“ ist, erfahren wir  bei Wikipedia: „Der Begriff Grisette bezeichnete in der französischen Literatur des 19. Jahrhunderts eine junge, unverheiratete Frau niederen Standes, meist aus dem oberen Bereich der Unterschicht, die sich selbstständig als Putzmacherin, aber auch als Näherin (Midinette), Wäscherin oder Fabrikarbeiterin ihren Lebensunterhalt verdiente. Sie wohnte alleine, ohne Aufsicht ihrer Eltern, was in dieser Epoche als unkonventionell galt. Der Name leitet sich ab von einem grauen, günstigen und strapazierfähigen Wollstoff namens Grisette, den sie häufig als Kleid trugen und den sie sich auch von ihrem geringen Verdienst leisten konnten. Mit dem Ausdruck wurde in Paris ein nicht ganz ehrbarer Lebenswandel verbunden, namentlich wurden manche Frauen als Grisettes du quartier latin bezeichnet, die Geliebten der Studenten, Künstler usw. im Quartier Latin, die mit ihren Liebhabern einige Zeit unverheiratet zusammen lebten. Sie bildet literarisch das Gegenstück zum männlichen „Bohémien“, steht aber im Gegensatz zur „Kokotte“, der berufsmäßigen Prostituierten.“

Und dass noch eine weitere „Grisette“ im Bett „herumstörte“:  Das ist Heine, wie er leibt und lebt: Kein Wunder, dass er in dieser Zeit begeistert seinem Verleger mitteilte: „Ich befinde mich gesünder und heiterer als jemals und genieße mit vollsaugender Seele alle Süßigkeiten dieser Lustsaison. Dank den ewigen Göttern!“.[15]

Die sog. bessere Gesellschaft war allerdings nicht so verständnisvoll wie Grillparzer, sondern eher  verwundert oder gar befremdet über eine solche „mésalliance“:  hier ging es Heine wohl ähnlich wie Goethe mit seiner Christiane Vulpius.

 

In die Zeit der Cité Bergère fällt auch das Duell Heines- eine schöne von Kerstin Decker berichtete Geschichte, die deshalb auch hier berücksichtigt werden soll. Worum geht es? Heine diniert –nachdem er endlich einen Vertrag mit seinem Verleger Campe über die Herausgabe einer Gesamtausgabe abgeschlossen hat- mit Mathilde und einem Freund im Restaurant „Bœuf à la mode“. Am Nebentisch sitzen sechs französische Studenten, die offenbar mit Mathilde anzubändeln versuchen, die von dem Gespräch Heines mit seinem deutschen Freund ausgeschlossen ist. Plötzlich springt der  -notorisch eifersüchtige- Heine auf und verpasst dem nächstsitzenden Studenten eine schallende Ohrfeige.  Eine  Schlägerei bahnt sich an- gerade noch  vom Wirt und beherzten Gästen abgewendet, die sich zwischen die Kampfhähne stellen. Dafür werden dann Visitenkarten ausgetauscht – und da der Hauptbeleidigte  altem Adel entstammt, erhält Heine eine Aufforderung zum Duell.  Heine, sonst ja eher wenig dem Adel zugeneigt, engagiert u.a. einen polnischen Grafen als Sekundant, der mit  der anderen Seite die Bedingungen aushandelt und am 1. Mai mit einem Vollblutvierergespann in der Cité Bergère vorfährt, um Heine zum Duell abzuholen. Heine ist selten so wohlgelaunt und geistreich wie auf dem Weg zum Duellplatz. Dort kommt es noch  einmal zwischen den Sekundanten beider Seiten zu einer Unterredung, die einen bemerkenswerten Ausgang hat: Der Beleidigte hat nun selbst keine Lust mehr, auf einen, wie er soeben erfahren hat, berühmten Dichter zu schießen. Heine lässt übermitteln, dass die Ohrfeige vielleicht etwas unangemessen war, und damit ist die Sache erledigt. Oder doch nicht ganz: Denn am nächsten Morgen steht in einem Pariser Journal, Heine habe, getroffen von der Kugel des Gegners, großmütig in die Luft geschossen. Ein anderes meldet, aufgrund beleidigender Äußerungen des Franzosen über deutsche Manieren habe der Dichter ein Duell gefordert und sei dabei von einem  Pistolenschuss getroffen worden. In   der „Allgemeinen Zeitung“, der bedeutendsten deutschen Zeitung dieser Zeit, deren  Pariser Korrespondent Heine ist, wird das umgehend nachgedruckt.  Heine merkt, dass man nicht nur durch Gedichte, sondern auch mit Duellen berühmt werden kann – so dass er –allerdings vergeblich-  mit einem breitschultrigen, großmäuligen  deutschen Major  in Paris ein weiteres –fiktives- Duell auszumachen versucht, um seinen Ruhm noch weiter zu steigern….  [16]

(Cité Bergère zwischen Bd Poissonière und Rue Bergère. Metro Grands Boulevards oder Bonne Nouvelle; Linien 8 oder 9)

 

  1. Palais Rothschild, Rue de Laffitte 19: Heines spitze Zunge

Grillparzer traf Heine übrigens nicht nur in seiner Wohnung, sondern einige Tage später auch bei einem Empfang von Baron James de Rothschild, dem damals reichsten Mann Frankreichs  (oder wie Decker meint, sogar dem reichsten Mann der Welt). Heine ist zur Eröffnung von dessen im Stil der französischen Renaissance errichteten protzigen Stadtpalast in der Rue de Laffitte eingeladen, der allerdings 1969 abgerissen wurde. In einem  Beitrag für die „Allgemeine Zeitung“ bezeichnete er das neue Stadtpalais der Rothschilds als „das Versailles der absoluten Geldherrschaft“.[17] Hier sei alles vereinigt, was nur der Geist des 16. Jahrhunderts habe ersinnen und nur der Geist des 19. Jahrhunderts habe  bezahlen können:

 

Für die schöne Welt von Paris war gestern ein merkwürdiger Tag: die erste Vorstellung von Meyerbeers langersehnten Hugenotten gab man in der Oper, und Rothschild gab seinen ersten großen Ball in seinem neuen Hotel. … da ich ihn erst um vier Uhr diesen Morgen verlassen und noch nicht geschlafen habe, bin ich zu sehr ermüdet, als dass ich Ihnen von dem Schauplatze dieses Festes, dem neuen, ganz im Geschmack der Renaissance erbauten  Palaste, und von dem Publikum, das mit Erstaunen  darin umherwandelte, einen Bericht abstatten könnte. Dieses Publikum bestand, wie bei allen Rothschild-Soireen, in einer strengen Auswahl aristokratischer Illustrationen, die durch große Namen  oder hohen Rang, die Frauen  aber mehr durch Schönheit und Putz, imponieren könnten. Was jenen Palast mit seinen Dekorationen betrifft, so ist hier alles vereinigt, was nur der Geist des 16. Jahrhunderts ersinnen und das Geld des 19. Jahrhunderts bezahlen  konnte; hier wetteiferte der Genius der bildenden Kunst mit dem  Genius von Rothschild. Seit zwei Jahren ward an diesem Palast und seiner Dekoration beständig gearbeitet, und die Summen, die daran verwendet worden, sollen ungeheuer sein. Hr. von Rothschild lächelt, wenn man in darüber befragt. Es ist das Versailles der absoluten Geldherrschaft. Indessen muss man den  Geschmack, womit alles ausgeführt ist, ebenso sehr wie  die Kostbarkeit der Ausführung bewundern. Die Leitung der Verzierungen hatte Hr. Duponchel übernommen, und alles zeugt von seinem guten Geschmack. Im Ganzen, so wie in den Einzelheiten, erkannt man auch den feinen Kunstsinn der Dame  des Hauses, die nicht bloß eine der hübschesten Frauen  von Paris ist, sondern, ausgezeichnet durch Geist und Kenntnisse, sich auch praktisch mit bildender Kunst, nämlich Malerei, beschäftigt.“[18]

Heine verstand sich, wie hier deutlich wird,  gut mit der Hausherrin, der er seine Bücher schickte. Anders sein Verhältnis zum Baron. Über dessen  Privatkabinett schreibt Heine:

Jenes Privatkabinett ist in der Tat ein merkwürdiger Ort, welcher erhabene Gedanken und Gefühle erregt, wie der Anblick des Weltmeeres oder des gestirnten Himmels: wir sehen hier, wie klein der Mensch und wie groß Gott ist! Denn das Geld ist der Gott unserer Zeit und Rothschild ist sein Prophet.

Vor mehreren Jahren, als ich mich einmal zu Herrn von Rothschild begeben wollte, trug eben ein galonierter Bedienter das Nachtgeschirr desselben über den Korridor, und ein Börsenspekulant, der in demselben  Augenblick vorbeiging, zog ehrfurchtsvoll seinen Hut ab vor dem  nächtlichen Topfe. So weit geht, mit Respekt zu sagen, der Respekt gewisser Leute.“[19]

 

Heines Respekt ging nicht so  weit, wie  folgende schöne Geschichte zeigt:

„Als  ihn der Baron bei der Einweihung seines Palasts fragt, warum der Wein, den sie gerade trinken, wohl „Lacrima Christi“ heiße, schlug Heine zu:  „Übersetzen Sie nur! Christus weint, wenn reiche Juden solchen Wein trinken, während so viel arme Menschen Hunger und Durst leiden.“  Aber das ist noch nicht genug.  Heine beteiligt sich anschließend auch an der allgemeinen Erörterung, warum die Seine in Paris so schmutzig ist. „Am wenigsten Verständnis  dafür hat der Hausherr selbst. Er habe den Fluss einmal an der Quelle gesehen: Ein Wasser, klar wie Kristall. Heine nickt langsam und spricht zum Baron: Ihr Vater soll doch auch ein rechtschaffener Mann gewesen sein, Herr Baron!“ [20]

Heine konnte sich solche Frechheiten –die Grillparzer dann doch zu weit gingen-  aber offenbar erlauben- jedenfalls bei Rothschild, im Gegensatz zu vielen anderen Menschen, die es weniger goutierten, dass Heine „selbst seine besten Freunde mit seiner grausamen Spöttelei“ verfolgte –  so  eine wohlwollende Freundin in ihren Erinnerungen.[21] Im Hause des Barons Rothschild  hatte er dagegen  Narrenfreiheit.  Die Börsenspekulationen, die er mit großem Engagement bis zu seinem Tode betrieb, wären ohne Rothschild nicht möglich gewesen. Während die Spekulation mit der Prager Gasbeleuchtung ein arger Reinfall war, hatte Heine mit den vom Baron empfohlenen  Eisenbahnaktien mehr Glück:  Heine vermachte sie seiner Frau als Altersversorgung- aber Mathilde, die kein Verhältnis zum Geld hatte, verschenkte sie einfach….

Leider ist von dem Palais der Rothschilds heute nichts mehr zu sehen – und es gibt noch nicht einmal eine Erinnerungstafel. Trotzdem lohnt  sich ein Besuch in der Rue Laffitte durchaus. Wenn man nämlich vom Boulevard Haussmann oder vom Boulevard des Italiens kommt und die Straße hochgeht, hat man den grandiosen Blick auf Sacré Coeur und die klassizistische Kapelle Notre Dame de Lorette, von dem Henry Miller  in Quiet Days in Clichy schwärmte: “Looking towards the Sacré Coeur from any point along the rue Laffitte on a day like this, an hour like this, would be sufficient to put me in ecstasy“. The view is indeed a spectacular one, perhaps because of the narrowness of the street which is “just wide enough to frame the little temple at the end…and above it the Sacré Cœur,” noted Miller again, this time in Tropic of Cancer.[22]

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Stattdessen findet man hier einen modernen Zweckbau, der auf manchen Internetseiten gelobt wird für seine Offenheit und Modernität- gebaut u.a. von  Max Abramovitz, einem in der Tradition des Bauhauses stehenden bedeutenden amerikanischen Architekten der Nachkriegszeit, der u.a. auch am Bau des UNO-Hauptquartiers mitarbeitete. Dass aber der von Henry Miller gerühmte „Rahmen“ der Rue Laffitte aufgerissen und der Neubau rechtwinklig zur Straßenflucht in die offene Flanke gesetzt wurde, ist für mich ein  ästhetischer und städtebaulicher Vandalismus  – Bauhaus hin oder her.

 

  1. Boulevard Poissonière, Conservatoire, Cour d’Orléans:  Liszt, Chopin, George Sand und Berlioz

Heinrich Heine ist, als er 1831 nach Paris kommt, für die Pariser kulturelle Szene kein Unbekannter, er ist in den sogenannten besten Jahren, sieht blendend aus und ist ein kenntnisreicher und witziger Gesprächspartner, auch wenn er im Französischen bei weitem nicht an seine sprachliche Brillanz in der Muttersprache heranreicht. Heine wird also gerne in die einschlägigen Salons eingeladen und macht schnell eine Fülle von interessanten Bekanntschaften. Franz Liszt beispielsweise lernt er bei den frühsozialistischen Saint-Simonisten kennen, deren Zirkel beide zu Beginn der 1830-er Jahre besuchen.  Liszt führt Heine auch in den noblen Salon der Comtesse Marie d’Agoult ein, „einer großen blonden Dame von Welt. Heine war umgehend von ihr begeistert. Sie stammte aus Deutschland, aus der Frankfurter Bankiersfamilie Bethmann, war dann in einem französischen Konvent erzogen worden und hatte 1827 den Comte d’Agoult geheiratet, ihn aber bald wieder verlassen und sich in eine Liaison mit Liszt gestürzt, aus der zwei Töchter hervorgingen. Eine von ihnen Cosima, sollte später Richard Wagner heiraten.“ [23] Liszt stellt ihn als „unseren berühmten Landsmann Heine … , einen der ausgezeichnetsten Geister Deutschlands“ vor. Und Heine sprach umgekehrt von dem Komponisten als dem „genialsten Menschen“, den er „je kennengelernt.“[24] Und da Liszt damals mit George Sand befreundet  war, lernt er auch sie kennen und schickt ihr –sogar auf französisch- huldigende Zeilen: „Soyez persuadé qu’il est impossible d’exprimer combien vous êtes aimable, adorable, divine.[25] Er könne -jedenfalls  auf Französisch- nicht ausdrücken, wie liebenswert, anbetungswürdig und göttlich George Sand sei. (Solche französischen Briefe unterschreibt Heine übrigens gerne mit Henri Heiné – um zu verhindern, dass Franzosen seinen Namen wie „haine“- Hass- aussprechen.)  Aber dann versucht er es auf Deutsch, und George Sand, die „Cousine“,  bekommt von ihrem „Cousin“ einen seiner schönsten Briefe[26]

„Meine schöne und sehr gute Cousine! Ich kann (also selbst auf Deutsch, das Heinrich Heine  souverän beherrschte wie kaum ein anderer! W.J.) nicht in Worte fassen, wie bekümmert ich bin, dass ich Sie in Paris nicht mehr gesehen habe. Am Vorabend meiner Abfahrt habe ich durch Chopin Ihr liebenswürdiges Billet erhalten…. Tausend Dank! Ich hätte Sie so gern gesehen. Die Strahlen Ihrer Augen hätten mir wohlgetan. … Ich liebe Sie sehr, von ganzem Herzen, mit allen Fasern meines Herzens. Wenn Sie frei sind, erfreuen Sie sich Ihrer Freiheit! Ich bin noch in den schrecklichen Ketten, und weil man mich abends mit besonderer Sorgfalt ankettet, gelang es mir nicht, Sie in Paris zu sehen. Aber wenn ich alles hinter mir habe, werde ich Sie wiedertreffen, und sei es am Ende der Welt…  Leben Sie wohl. Erfreuen Sie sich Ihrer Freiheit. Weinen Sie nie, denn Tränen schwächen den Blick. Welch schöne Augen Sie haben. Quälen Sie sich nicht wegen der Zukunft; das macht grau. Und Ihr Haar ist das schönste, das ich gesehen habe. Henri Heine.“ [27]

Als Heine dies schrieb, wollte er sich von Mathilde – und ihren „schrecklichen Ketten“- losreißen, konnte es aber nicht. Und George Sand hatte Liszt mit Chopin vertauscht. Heine verehrte beide, Liszt,   den „genialen Pianisten“, und  Chopin, den „Raphael des Fortepiano“ [28]:

„Chopin ist von französischen Eltern in Polen geboren und hat einen Teil seiner Erziehung in Deutschland genossen. Diese Einflüsse dreier Nationalitäten machen seine Persönlichkeit zu einer höchst merkwürdigen Erscheinung; er hat sich nämlich das Beste angeeignet, wodurch sich die drei Völker auszeichnen: Polen gab ihm seinen chevaleresken Sinn und seinen geschichtlichen Schmerz, Frankreich gab ihm seine leichte Anmut, seine Grazie, Deutschland gab ihm den romantischen Tiefsinn … Die Natur aber gab ihm eine zierliche, schlanke, etwas schmächtige Gestalt, das edelste Herz und das Genie. Ja, dem Chopin muß man Genie zusprechen, in der vollen Bedeutung des Worts; er ist nicht bloß Virtuose, er ist auch Poet, er kann uns die Poesie, die in seiner Seele lebt, zur Anschauung bringen, er ist Tondichter, und nichts gleicht dem Genuß, den er uns verschafft, wenn er am Klavier sitzt und improvisiert. Er ist alsdann weder Pole noch Franzose noch Deutscher, er verrät dann einen weit höheren Ursprung, man merkt alsdann, er stammt aus dem Lande Mozarts, Raffaels, Goethes, sein wahres Vaterland ist das Traumreich der Poesie. Wenn er am Klavier sitzt und improvisiert, ist es mir, als besuche mich ein Landsmann aus der geliebten Heimat.“[29]

Links der Informationstext am Square d’Orléans: Die vier Seiten des Platzes wurden 1829 nach englischem Vorbild errichtet. Die Ruhe des Ortes zog viele romantische Künstler an. George Sand quartierte sich 1842 in der Nr. 5 ein. Ihr folgte bald danach Chopin, der die Erdgeschoss-Wohnung in Nr. 9 bezog. Beide verließen den Platz nach ihrem Bruch 1847.

Eine enge Beziehung entwickelte Heinrich Heine auch zu Hector Berlioz, dessen Trauzeuge er sogar wurde und über dessen Musik er  in seinen Briefen über die französische Bühne nach Deutschland berichtete:

„ …  Von Berlioz werden wir bald eine Oper erhalten. Das Süjet   ist eine Episode aus dem Leben Benvenuto Cellinis …    Man erwartet Außerordentliches, da dieser Componist schon Außerordentliches geleistet. Seine Geistesrichtung ist das Phantastische, nicht  verbunden mit Gemüth, sondern mit Sentimentalität… Schon seine äußere  Erscheinung deutet darauf hin. Es ist Schade, daß er seine ungeheure,  antediluvianische Frisur, diese aufsträubenden Haare, die über seine Stirne, wie ein Wald über eine schroffe Felswand, sich erhoben,  abschneiden lassen; so sah ich ihn zum erstenmale vor sechs Jahren, und  so wird er immer in meinem Gedächtnisse stehen. Es war im  Conservatoire de Musique, und man gab eine große Symphonie von ihm,  ein bizarres Nachtstück, das nur zuweilen erhellt wird von einer  sentimentalweißen Weiberrobe, die darin hin- und herflattert, oder von  einem schwefelgelben Blitz der Ironie. Das Beste darin ist ein Hexensabbath, wo der Teufel Messe liest und die katholische Kirchenmusik mit  der schauerlichsten, blutigsten Possenhaftigkeit parodirt wird. Es ist eine  Farce, wobey alle geheimen Schlangen, die wir im Herzen tragen, freudig  emporzischen. Mein Logennachbar, ein redseliger junger Mann, zeigte  mir den Componisten, welcher sich, am äußersten Ende des Saales, in einem Winkel des Orchesters befand, und die Pauke schlug. Denn die  Pauke ist sein Instrument. „Sehen Sie in der Avant-scene“ – sagte mein  Nachbar, „jene dicke Engländerinn? Das ist Miß Smithson; in diese Dame  ist Herr Berlioz seit drey Jahren sterbens verliebt, und dieser Leidenschaft  verdanken wir die wilde Symphonie, die Sie heute hören“. In der That, in der Avant-scene-Loge saß die berühmte Schauspielerinn von Covent- garden; Berlioz sah immer unverwandt nach ihr hin, und jedesmal, wenn  sein Blick dem ihrigen begegnete, schlug er los auf seine Pauke, wie  wüthend. Miß Smithson ist seitdem Madame Berlioz geworden, und ihr  Gatte hat sich seitdem auch die Haare abschneiden lassen. Als ich diesen  Winter im Conservatoire wieder seine Symphonie hörte, saß er wieder als  Paukenschläger im Hintergrunde des Orchesters, die dicke Engländerinn  saß wieder in der Avant-scene, ihre Blicke begegneten sich  wieder … aber er schlug nicht mehr so wüthend auf die Pauke).[30]

 

Erinnerungstafel für Berlioz (und Beethoven) am Conservatoire, wo 1830 seine Symphonie fantastique aufgeführt wurde.

Heinrich Heine Rundgang Juni 11 014

Dass der Paris- Korrespondent Heine auch über das musikalische Leben der Stadt  berichtete, fand Ludwig Börne, der mit seinen “Briefen aus Paris“ ebenfalls dieses Feld beackerte,  reichlich unpassend. Heine verstünde, so meinte er, nichts von Musik- er habe nach dem ersten Satz einer Symphonie sogar lautstark geklatscht- in der Meinung, das Stück sei schon zu Ende. Aus dem Bericht Heines über Berlioz wird allerdings deutlich, dass es sich bei Heines Berichtserstattung eher um unterhaltsame Stimmungsbilder und weniger um professionelle musikalische Kritik handelte.  Und was die Information vom unpassenden Klatschen Heines angeht: Die Verbreitung eines solchen Details ist wohl auch vor dem Hintergrund des erbitterten Konkurrenzkampfes zwischen Heine und Börne zu sehen- deshalb  klatscht also Börne.  Und was Heines (angebliches) Klatschen angeht: Ihm ist durchaus zuzutrauen, dass er damit demonstrativ seinen Wunsch nach Beendigung einer misslungenen musikalischen Darbietung zum Ausdruck bringen wollte- oder dass er wirklich seiner Begeisterung über einen besonders gelungenen Satz Ausdruck verleihen wollte, so wie das sachkundige Leipziger Publikum, das es sich bei der Uraufführung von Schuberts langer C-dur-Sinfonie durch das Gewandhausorchester und unter der Leitung von Felix Mendelssohn-Bartholdy nicht nehmen ließ, gegen alle Konvention nach jedem Satz zu klatschen.

(Conservatoire Nat.Sup. d’Art Dramatique. Rue du Conservatoire – Seitenstraße der Rue Bergère)

 

  1. Rue du Faubourg Poissonière  72

Hier hat Heinrich Heine von 1841 bis 1846 in der 4. Etage gewohnt – eine für Heine’sche Verhältnisse sehr lange und in seinem Leben und literarischen Schaffen wichtige Zeit.

Heinrich Heine Rundgang Juni 11 016 

An diesem Haus ist  eine der beiden Heine-Erinnerungstafeln befestigt, die in es Paris gibt: Neben den einschlägigen Daten wird dort auch –auf französisch-  der berühmte Satz zitiert, den Heine einem Bekannten über sein Leben in Paris schrieb:

Fragt Sie jemand, wie ich mich hier befinde, so sagen Sie: Wie ein Fisch im Wasser, oder vielmehr sagen Sie den Leuten, dass, wenn im Meere ein Fisch den anderen nach seinem Befinden fragt, so antworte dieser: Ich befinde mich wie Heine in Paris.“ [31]

 

Heine schrieb dies allerdings schon am 24.Okt. 1832, da wohnte er –noch lange nicht- hier- und wie ein Fisch im Wasser konnte sich Heine im Faubourg  de la Poissonière nicht mehr so recht fühlen. Zwar war er durch Zuwendungen seines reichen Hamburger Onkels  und eine Rente des französischen Staates finanziell einigermaßen abgesichert, aber mit seiner Gesundheit stand es schlecht und dann wurde er auch noch steckbrieflich in Preußen gesucht-  nach Hamburg zu seiner Mutter und seinem  Verleger reiste er also 1843 und 1844 sicherheitshalber auf dem Seeweg über Le Havre. Und immer mehr empfand er sein Leben in Frankreich auch als Zwangsaufenthalt, als Exil:

„Wer das Exil nicht kennt, begreift nicht, wie grell es unsere Schmerzen färbt, und wie es Nacht und Gift in unsere Gedanken gießt. Dante schrieb seine ‚Hölle‘ im Exil. Nur wer im Exil gelebt hat, weiß auch was Vaterlandsliebe ist, Vaterlandsliebe mit all ihren süßen Schrecken und sehnsüchtigen Kümmernissen.“ [32]

Um die „sehnsüchtigen Kümmernisse“  geht es auch in den „Nachtgedanken“ von 1843, die ein knappes Jahrhundert später von den deutschen Emigranten in Paris und anderswo immer wieder zitiert werden, zum Beispiel mit Illustration in der Pariser Exilzeitschrift „Deutsche Freiheit“ vom 24. Dezember 1937:

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 Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Tränen fließen.

Es gibt aber auch die letzte Strophe der „Nachtgedanken“:

 Gottlob! durch meine Fenster bricht
Französisch heitres Tageslicht;
Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen,
Und lächelt fort die deutschen Sorgen.

 

Zeit seines Lebens sehnte sich Heine sich nach Deutschland, wie sein Gedicht In der Fremde zeigt:

Ich hatte einst ein schönes Vaterland.   

Das küßte mich auf deutsch und sprach auf deutsch das Wort: „Ich liebe dich!“

 Der Eichenbaum     (Man glaubt es kaum Wie gut es klang)

Wuchs dort so hoch, die Veilchen nickten sanft.                            

 Es war ein Traum.                                                                                       

 Es war ein Traum.

 

Für die vor dem Nationalsozialismus Geflohenen war Heine eine Identifikationsfigur, er wurde „zur Leitfigur des literarischen Exils nach 1933“[33], weil er, als Vaterlandsverräter und Nestbeschmutzer diffamiert, sich als Vertreter eines wahren, an den Idealen der Französischen Revolution orientierten Patriotismus verstand. Und  die Exilierten identifizierten sich mit Heine, weil sie ihre Situation und die ihres Heimatlandes in Heines Werken gespiegelt sahen – bis hin zum Prophetischen: Originalton Heine (Almansor, 1821!):

Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher/

Verbrennt, verbrennt man am Ende Menschen“.

 

Heines Reise nach Hamburg 1843 war auch der Ausgangspunkt für sein Buch „Deutschland, ein Wintermärchen“ mit dem wunderschönen Anfang:

Ein neues Lied, ein besseres Lied,                                

O Freunde, will ich euch dichten!                                

Wir wollen hier auf Erden schon                       

Das Himmelreich errichten.                                      

 

Wir wollen auf Erden glücklich sein,                              

Und wollen nicht mehr darben;                                        

Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,                      

Was fleißige Hände erwarben.                                        

 

Es wächst hienieden Brot genug

  Für alle Menschenkinder,

  Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,

    Und Zuckererbsen nicht minder.

 

 Ja, Zuckererbsen für jedermann,

Sobald die Schoten platzen!

Den Himmel überlassen wir

 Den Engeln und den Spatzen.

 

Die Wirklichkeit sah aber anders aus. Als 1844 „Deutschland, ein Wintermärchen“ bei Hoffmann und Campe im liberalen Hamburg erschien, wurden Demokraten in Deutschland verfolgt, gab es Berufsverbote und Zensur.  Heinrich Heine machte zwar stellenweise Zugeständnisse, um seinen Arbeiten eine Chance auf Verbreitung in Deutschland zu geben, aber er verschonte auch die Zensur nicht[34]:

Die deutschen Zensoren — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — Dummköpfe — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —

Im gleichen Jahr 1844 wurde in Schlesien der Aufstand  der verzweifelten Weber niedergeschlagen, die wegen der englischen industriellen Konkurrenz nur noch Hungerlöhne für ihr Tuch erhielten.  Gerhard Hauptmann machte –viel später-  daraus ein Drama, Heinrich Heine sein berühmtes  Weberlied.

 Im düstern Auge keine Thräne                                          

Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:

 „Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,               

 Wir weben hinein den dreifachen Fluch!  

 Wir weben! Wir weben!

 

„Ein Fluch dem Gotte, dem blinden, dem tauben,                             

Zu dem wir gebetet mit kindlichem Glauben;                                    

Wir haben vergebens gehofft und geharrt,                                    

Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt.                         

 Wir weben! Wir weben!         

                                                   

„Ein Fluch dem König’, dem König’ der Reichen,

Den unser Elend nicht konnte erweichen,

Der uns den letzten Groschen erpreßt,

Und uns wie Hunde erschießen läßt!

Wir weben! Wir weben!          

 

„Ein Fluch dem falschen Vaterlande,

Wo nur gedeihen Lüg’ und Schande,

Wo nur Verwesung und Todtengeruch

Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch!

Wir weben! Wir weben!

 Erstmals veröffentlicht  wurde das Weberlied, das hier in der ursprünglichen Fassung wiedergegeben ist,  unter dem Titel „Die armen Weber“ am 10. Juli 1844 in Karl Marx‘ Vorwärts! (34a) Und als Flugblatt wurde es  in einer Auflage von 50.000 Stück in den Aufstandsgebieten verteilt. Heine hatte damals engen- auch familiären- Kontakt mit Karl Marx, der wie er im Pariser Exil lebte.  Ein einziger Brief von Heine an Marx ist erhalten, der mit den Worten endet: „… wir brauchen ja wenige Zeichen, um uns zu verstehen! Herzinnigst H. Heine.“  Einen solchen Gruß hatte Heine noch nie verschickt!  Das enge Verhältnis endete aber, weil die Mitarbeiter des Vorwärts! auf Betreiben der preußischen Regierung ausgewiesen wurden – außer Heinrich Heine, dem  zu Gute  kam, dass alle Düsseldorfer, die –wie er-  zwischen 1791 und 1801 –also während der französischen Annexion der Stadt- geboren worden waren,  das Recht hatten, in Frankreich zu leben. Dazu kam, dass Heine –als Pensionär der französischen Regierung- einen ganz besonderen Status hatte.

Ein Marxist war Heine allerdings ganz und gar nicht- dafür hatte er viel zu viel Misstrauen gegenüber einer möglichen Herrschaft des Volkes.  Eher war er  republikanischer Royalist- König Louis Philippe, in der Revolution von 1830 an die Regierung gekommen,  war sein Idol- so lange jedenfalls, wie er noch als „Bürgerkönig“ durchging. Das Misstrauen gegenüber dem unberechenbaren Volk war auch etwas, was  viele deutsche Emigranten der Nazizeit mit Heine verband – siehe Heinrich Manns „guter König“ Henri Quatre. Und so hatte die im Exil geläufige Verbindungslinie „von Heinrich Heine zu Heinrich Mann“  durchaus ihre Berechtigung.  Heinrich Mann selbst fasste die Haltung des antifaschistischen deutschen Exils gegenüber dem Vorbild so zusammen:  „Er hat uns im Voraus gerächt, da er das meiste, was über das Land in seinem jetzigen Zustand zu sagen ist, schon damals gesagt hat- in einer Sprache, wir hätten keine zeitgemäßere.“ [35]

 

  1. Rue d’Amsterdam 54 und Rue Matignon 3: Die Matratzengruft

1848 war das „Unglücksjahr in  Heinrich Heines Leben.“[36] Im Februar wurde in Paris die konstitutionelle bürgerliche Monarchie, für Heine die beste aller möglichen Staatsformen, von der  Revolution, die für Heine eine „Universalanarchie“ war, hinweggefegt. Er gerät selbst einmal in die heftigen Auseinandersetzungen: Seine Kutsche, mit der er unterwegs ist, wird von Revolutionären umgestürzt und zum Barrikadenbau verwendet! Die neue republikanische Regierung, in der sein Dichterkollege Alphonse de Lamartine sitzt, streicht ihm dann auch noch seine Pension, die ein wichtiger Teil seines Lebensunterhalts war.

Am schlimmsten aber:  seine Krankheit:

„Es war im Mai 1848, an dem Tage, wo ich zum letzten Male ausging, als ich Abschied nahm von den holden Idolen, die ich angebetet in den Zeiten meines Glücks. Nur mit Mühe schleppte ich mich bis zum Louvre. Und ich brach fast zusammen, als ich in den erhabenen Saal trat, wo die hochgebenedeite Göttin der Schönheit, unsere liebe Frau von Milo, auf ihrem Postamente steht. Zu ihren Füßen lag ich lange und ich weinte so heftig, dass sich dessen ein Stein erbarmen musste. Auch schaute die Göttin mitleidig auf mich herab, doch zugleich so trostlos, als wollte sie sagen: Siehst du denn nicht, dass ich keine Arme habe und also nicht helfen kann.” (Nachwort zum Romanzero).

Hier hätte Heinrich Heine, wie er einer Freundin schreibt, gerne sterben wollen- aber er lebt noch acht  Jahre weiter,  acht lange Jahre in seiner „Matratzengruft“-  weitgehend gelähmt und erblindet, die Schmerzen können nur noch mit Morphium gelindert werden.  Er führt ein „Unleben“, seine „Krankheit wird täglich unerträglicher…“.  Gleichzeitig ist er „dabey aber geistig stark,  geweckt, ja geweckt, wie ich es nie vorher gewesen.“ [37]

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Heine und seine Frau Mathilde: Ölbild von Benedikt Kietz (1851) (37a)

 

Mathilde liest ihm manchmal vor –das hat sie inzwischen gelernt- man trägt ihn –da er nicht mehr gehen kann-  „auf Händen“,  wie er seinen Zustand ironisiert, er hat –junge, hübsche- Krankenpflegerinnen, dazu  einen Sekretär, dem er diktiert, er arbeitet wie besessen. Raddatz bezeichnet die Rue d’Amsterdam, in der Heine jetzt wohnt, als „die Kommandozentrale einer kranken Weltmacht, keine 60 Kilo an Gewicht, doch  ihres Gewichtes sich ganz sicher.“ (S. 309).

Da nimmt es Heine auch mit der Bibel auf und dichtet seine wunderbare Version des alttestamentarischen Hohen Liedes des Königs Salomon:

 

                                  Das Hohelied  (Aus: Nachgelesene Gedichte 1845-56)

 

                             Des Weibes Leib ist ein Gedicht,                                            

Das Gott der Herr geschrieben          Ins große Stammbuch der Natur,                                 

                                   Als ihn der Geist getrieben.                                                  

                                                                                                      

             Ja, günstig war die Stunde ihm,                                        

Der Gott war hochbegeistert;            Er hat den spröden, rebellischen Stoff                             

                 Ganz künstlerisch bemeistert.                                             

                                                                        

Fürwahr, der Leib des Weibes ist                                         

         Das Hohelied der Lieder          Gar wunderbare Strophen sind                                            

Die schlanken, weißen Glieder.                                         

 

                                       O welche göttliche Idee                                                         

          Ist dieser Hals, der blanke,           Worauf sich wiegt der kleine Kopf,     

   Der lockige Hauptgedanke!       

                                                  

                                Der Brüstchen Rosenknospen sind                                        

                    Epigrammatisch gefeilet;        Unsäglich entzückend ist die Zäsur,                 

Die streng den Busen teilet.     

                                               

 

Den plastischen Schöpfer offenbart

Der Hüften Parallele;      Der Zwischensatz mit dem Feigenblatt

 Ist auch eine schöne Stelle.

 

Das ist kein abstraktes Begriffspoem!

 Das Lied hat Fleisch und Rippen      Hat Hand und Fuß; es lacht und küßt

Mit schöngereimten Lippen.

 

   Hier atmet wahre Poesie!      

   Anmut in jeder Wendung!   Und auf der Stirne trägt das Lied

      Den Stempel der Vollendung.

 

   Lobsingen will ich dir, O Herr,

   Und dich im Staub anbeten!     Wir sind nur Stümper gegen dich,

den himmlischen Poeten.

 

 Versenken will ich mich, o Herr,

   In deines Liedes Prächten;     Ich widme seinem Studium

   Den Tag mitsamt den Nächten.

 

                            Ja, Tag und Nacht studier ich dran,

                                    Will keine Zeit verlieren;       Die Beine werden mir so dünn –

                      Das kommt vom vielen Studieren. 

                                                                                      

Die Klage über seine Beine gehören zu Heines letzten Krankheitsjahren. Er habe „Beine wie Baumwolle“ – er sei eine „Holzpuppe mit abgezehrten Beinen“. Heine nennt sein Leiden die „Krankheit der glücklichen Männer“.   Und Ferdinand Lassalle schreibt im Juli 1855 nach einem Besuch von Heine an Karl Marx, Heine, dessen Geist „so hell und scharf wie je“ sei,  habe nach der ersten Begrüßung  gleich  „auf seinen Schwanz weisend“ (Decker umschreibt das dezent mit „Unterleib“) ausgerufen: „Sehen Sie, welcher Undank! Diese Partie, für die ich so viel getan habe, hat mich so weit gebracht.“[38]

Ob Heines Selbstdiagnose zutrifft und er wirklich an einer Geschlechtskrankheit litt, ist wohl nicht erwiesen. Bisweilen jedenfalls hatte Heine bei seinen Damenbesuchen „Condome aus veilchenblauer Seide“  bei sich,[39] deren Wirksamkeit allerdings dahingestellt sein mag. Gegen die Syphilis-Diagnose spricht vor allem Heines bis ans Ende hellwacher Geist. Wenn er also tatsächlich Syphilitiker war, dann immerhin „Ausnahmesyphilitiker“. [40]

 

Im Juni 1854 bricht im Nachbarhaus von Heines Wohnung in der Rue d’Amsterdam ein Brand aus. Heine hört, wie Kerstin Decker berichtet, „schon durch die Wand seines Zimmer das Feuer prasseln, er fühlt die Hitze. Er braucht es wirklich sehr warm, aber das hier ist eine eindeutige Übertreibung. Keiner weiß, ob sich das Feuer mit einem einzigen Haus begnügen wird. Schließlich lässt ihn Mathilde evakuieren; man trägt ihn nach unten zum Portier. Von hier aus kann man ihn im Notfall schnell über die Straße schaffen. Die Hausbewohner der Rue d’Amsterdam 50 schauen nacheinander beim Portier vorbei. Sie haben  viel gehört von dem berühmten, kranken deutschen Dichter, der schon sechs Jahre in ihrem Haus wohnen soll. Es ist mit ihm wie mit den Gespenstern: Alle reden davon und keiner hat sie gesehen. Jetzt besichtigen sie den Mitmieter. Er sieht wirklich aus wie ein Gespenst. Alle sind sehr höflich zu ihm. Als das Nachbarhaus abgebrannt ist und die Rue d’Amsterdam 50 immer noch steht, wird das Gespenst wieder nach oben getragen.“ [41]

Bleiben wollte Heine in dieser Wohnung aber schon lange nicht mehr. Seinem Bruder Maximilian gegenüber bezeichnete er sie als „ein stinkendes Loch, sehr lärmig, was meinem Nervenzustand wenig zuträglich ist, und das ich leider aus übertriebener Ökonomie gewählt habe.“ [42] Nach dem Feuer ist nun auch Mathilde bereit umzuziehen. Nach einem kurzen Zwischenspiel  ziehen sie in die rue Matignon 3 in der Nähe der Champs-Elysées (heute avenue Matignon 3).  Es ist die letzte Wohnung  Heines – über dem Eingang versehen mit einer, allerdings ziemlich vergilbten und unscheinbaren Plakette, die darauf hinweist, dass „le poète Henri Heine“ hier am 17. Februar 1856 gestorben ist.

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Die Wohnung  „hat einen kleinen Balkon vor jedem seiner französischen Fenster. So komfortabel hat er noch nie gewohnt.“ (Decker,399). Vom Balkon aus kann Heine –wenn auch mit großen Anstrengungen- etwas am bunten Treiben auf der Straße teilhaben, gleichzeitig wohnt er gewissermaßen  „im Grünen“ mit Blick in den Park um das Marigny-Theater.   Hier verliebt sich Heine–schon seit sieben Jahren gelähmt- noch einmal in eine junge Verehrerin, Elise Krinitz, die er  seine „liebliche mouche“ (Fliege)  nennt . Er schreibt ihr Gedichte und leidet darunter „nur noch ein Geist“ zu sein, „ein Toter, lechzend nach den lebendigsten Lebensgenüssen“:    

„Worte, Worte, keine Taten!   …..   Immer Geist und keine Braten…“

 Heines Schmerzen werden immer unerträglicher. Er hat nicht mehr lange zu leben. Als man ihm nahe legt, sein Verhältnis zu Gott zu klären, soll er –wie von den Brüdern Goncourt kolportiert-  geantwortet haben: Sei  unbesorgt, „dieu me pardonnera, c’est  son metier“ – Gott werde ihm verzeihen, das sei sein Beruf.

 

(Avenue Matignon 3: Metro Franklin D. Roosevelt; Metro Linie 1)

 

  1. Der Friedhof Montmartre: Das Grab

Wie er es immer gewünscht hatte, wurde Heinrich Heine auf dem Friedhof Montmartre begraben. In seinem Testament hatte er ausdrücklich verfügt: „ Wenn ich mich zur Zeit meines Ablebens in Paris befinde und nicht zu weit von Montmartre entfernt wohne, so wünsche ich auf dem Kirchhofe dieses Namens beerdigt zu werden, da ich eine Vorliebe für dieses Quartier hege, wo ich lange Jahre hindurch gewohnt habe.“  Hier habe er sein „liebstes Leben“ gelebt. Weiter hatte Heine verfügt: „ Ich verlange, daß mein Leichenbegängnis so einfach wie möglich sei und daß die Kosten meiner Beerdigung nicht den gewöhnlichen Betrag derjenigen des geringsten Bürgers übersteigen. Obschon ich durch den Taufakt der lutherischen Konfession angehöre, wünsche ich nicht, daß die Geistlichkeit dieser Kirche zu meinem Begräbnisse eingeladen werde; ebenso verzichte ich auf die Amtshandlung jeder andern Priesterschaft, um mein Leichenbegängnis zu feiern….. Ich verbiete, daß irgendeine Rede, deutsch oder französisch, an meinem Grabe gehalten werde. Gleichzeitig spreche ich den Wunsch aus, daß meine Landsleute, wie glücklich sich auch die Geschicke unsrer Heimat gestalten mögen, es vermeiden, meine Asche nach Deutschland überzuführen; ich habe es nie geliebt, meine Person zu politischen Possenspielen herzugeben. Es war die große Aufgabe meines Lebens, an dem herzlichen Einverständnisse zwischen Deutschland und Frankreich zu arbeiten und die Ränke der Feinde der Demokratie zu vereiteln, welche die internationalen Vorurteile und Animositäten zu ihrem Nutzen ausbeuten. Ich glaube mich sowohl um meine Landsleute wie um die Franzosen wohlverdient gemacht zu haben, und die Ansprüche, welche ich auf ihren Dank besitze, sind ohne Zweifel das wertvollste Vermächtnis, das ich meiner Universalerbin zuwenden kann“.

 

Aber auch an seine Feinde denkt Heine am Ende seines Lebens:

 

Vermächtnis

Nun mein Leben geht zu Ende,                                    

Mach ich auch mein Testament;                             

Christlich will ich drin bedenken                                 

Meine Feinde mit Geschenken.                                   

 

Diese würdgen, tugendfesten                                     

Widersacher sollen erben                                              

All mein Siechtum und Verderben,                             

Meine sämtlichen Gebresten.                                      

 

 Ich vermach Euch die Koliken,

 Die den Bauch wie Zangen zwicken,

Harnbeschwerden, die perfiden

Preußischen Hämorrhoiden.

 

Meine Krämpfe sollt Ihr haben,

Speichelfluss und Gliederzucken,

Knochendarre in dem Rucken,

 Lauter schöne Gottesgaben.

 

 Kodizill zu dem Vermächtnis:

 In Vergessenheit versenhen

 Soll der Herr eur Angedenken

 Er vertilge eur Gedächtnis.

 

Seinen einstigen bösen Sarkasmus hatte Heinrich Heine also auch am Ende seines Lebens nicht verloren.

Heinrich Heine Rundgang Juni 11 031

Das Grabmal Heines, verziert mit Lyra und Schmetterling, ehrt den Dichter.  Auf den Sockel eingraviert Heines Gedicht  „Wo?“

Wo wird einst des Wandermüden                                          

Letzte Ruhestätte sein?                                                           

Unter Palmen in dem Süden?                                        

Unter Linden an dem Rhein?                                    

 

 Werd ich wo in einer Wüste

 Eingescharrt von fremder Hand?

 Oder ruh ich an der Küste

 Eines Meeres in dem Sand?

 

 Immerhin! Mich wird umgeben

 Gotteshimmel, dort wie hier,

 Und als Totenlampen schweben

 Nachts die Sterne über mir.

 

Heine hatte sich –vergeblich- auch eine Erinnerung an sein politisches Engagement gewünscht:

„…ein Schwert sollt ihr mir auf den Sarg legen, denn ich war ein braver Soldat im Befreiungskriege der Menschheit.“  1829 (Reisebilder, Italien)

 

Sie erlischt 

 Der Vorhang fällt, das Stück ist aus,                          

Und Herrn und Damen gehn nach Haus                       

Ob ihnen auch das Stück gefallen?                               

Ich glaub, ich hörte Beifall schallen.                             

Ein hochverehrtes Publikum                                          

Beklatschte dankbar seinen Dichter.                           

Jetzt aber ist das Haus so stumm,                                

Und sind verschwunden Lust und Lichter.                   

Doch horch! ein schollernd schnöder Klang               

Ertönt unfern der öden Bühne; –

Vielleicht, daß eine Saite sprang

An einer alten Violine.

Verdrießlich rascheln im Parterr‘

Etwelche Ratten hin und her,

Und alles riecht nach ranz’gem Öle.

Die letzte Lampe ächzt und zischt

Verzweiflungsvoll, und sie erlischt.

Das arme Licht war meine Seele.

 

 

 

 

Der Rundgang

Wichtige Anregungen zu diesem Bericht und zu diesem Rundgang erhielt ich von Karin und Bernd Füllner vom Heinrich- Heine-Institut in Düsseldorf.  Ihre wunderbaren jährlichen Führungen zu Heinrich Heine in  Paris  werden von der Maison Heinrich Heine organisiert.  Wenn man die Gelegenheit hat, anlässlich eines Paris-Besuchs an einer ihrer Führungen -jeweils mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten- teilzunehmen, sollte man die unbedingt nutzten. An einer ihrer Führungen durch Montmartre zum Thema  „Heinrich Heine und die Musik“ haben  wir teilgenommen. Daran orientiert sich der nachfolgende Rundgang, der wichtige  Stationen des Pariser  Lebens Heinrich Heines berücksichtigt.

 

 

  1. Passage des Panoramas am Boulevard Montmartre (s. oben Nr. 2)
  2. Cité Bergère 3 (siehe oben Nr. 3
  3. Conservatoire National, Rue du Conservatoire (Berlioz-Tafel- Nr. 5)
  4. Faubourg Poissonière 72 (Nr. 6)
  5. Rue Taitbout/Square d’Orléans (Chopin, George Sand- Nr. 5)
  6. Musée de la Vie Romantique, 16 rue Chaptal (Erinnerungsstücke an George Sand) und vor allem: ein entzückender Ort mit kleinem Garten für eine Erholungspause, bevor es zum Grab Heinrich Heines geht.
  7. Über den Square Berlioz zum Friedhof Montmartre, Grab Heinrich Heines (Nr. 8)

 

Verwendete Literatur und zum Weiterlesen:

Jörg Aufenanger,  Heinrich Heine in Paris. München 2005

Kerstin Decker, Heinrich Heine, Narr des Glücks. Berlin 2005

Bernd Kortländer, Mit Heine durch Paris.  Literarische Spaziergänge. Reclam Taschenbuch 20384, Stuttgart 2015

Ludwig Marcuse,  Heinrich Heine in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rde 1966

Fritz J. Raddatz, Taubenherz und Geierschnabel. Heinrich Heine, Eine Biographie. Weinheim/Berlin 1997

Wolfgang Schopf, Mit Heine, im Exil. Heinrich Heine in der deutschsprachigen Exilpresse 1933 bis 1945. FFM 1997

Robert Steegers, Der Tod und der Dichter.  Heinrich Heines Matratzengruft  1848-1856  Erscheinungsjahr

Zu Heinrich Heines 150. Todestag am 17. Februar 2006. http://www.heinrich-heine-denkmal.de/rezeption/steegers.shtml

 

 

Anmerkungen

[1] zit. Aufenanger, 23

[2] Aufenanger, S. 65/66

[3] Heinrich Heine, Geständnisse . DHA, Bd. XV, S. 23f

[4] Brief an Magnus von Moltke, zit. Decker, S. 210

(4a) http://www.literarischegesellschaft.de/Heinrich_Heine_in_GoettingenIII.html

[5] DHA, Band XIV, S. 28f. Zitiert bei Kortländer, Mit Heine durch Paris, S. 17/18

[6] Heinrich Heine, Geständnisse (DHA, Bd. 15, S. 24f)

[7] DHA, Band XV, S. 25

[8] Zit. bei Raddatz, S. 160

[9] zit. Aufenanger, S. 30

[10] zit. Decker, S. 229/230

[11] Raddatz, S. 199

[12] zit. Decker, S. 262

[13] Brief vom 12.1.1836, zit. Decker, S. 286 und Aufenanger, S. 55

[14] Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Historisch-kritische Gesamtausgabe. Hg. von August Sauer u. Reinhold Backmann. Wien 1909ff., II. Abteilung, Bd. IV, S. 44f.

[15] zit. Decker, S. 287

[16] Decker, S. 301/303

[17] zit. Decker, S. 291

[18] DHA, Band XII, S. 295-297

[19] DHA, Band XIII, S. 123f

[20] Spiegel,  Ausgabe  35/1962; Marcuse, S. 98 und Decker, S. 291

[21] zit. Aufenanger, S. 59

[22]  http://www.bonjourparis.com/story/paris-street-stories-rue-laffitte/

[23]Aufenanger, S.  43/43

[24] zit. Raddatz, S. 156

[25]  zit. Raddatz, S. 189

[26] Decker, S. 312

[27] Brief vom 17. August 1838. zit. Decker, S. 313

[28] DHA, Bd XIII, S. 125. Zit bei Kortländer, S. 55

[29] http://www.heinrich-heine-denkmal.de/heine-texte/fr-buehne10.shtml

[30] Über die französische Bühne, 10. Brief (http://www.heinrich-heine-denkmal.de/heine-texte/fr-buehne10.shtml

Das nachfolgende Bild aus: http://www.hberlioz.com/Paris/BPConservatoireF.html. Dort wird auch darauf hingewiesen, dass der Druck von 1888 einen deutlich überbriebenen Eindruck von den Dimensionen des Saales vermittelt.

[31] Zit. Decker, S. 220

[32] aus:  Ludwig Börne. Eine Denkschrift, 1840

[33] Schopf, S. 7

[34] Ideen. Das Buch Le Grand. Kapitel XII

(34a) https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/EAEZ56P4H2AIBXD5HY4N4UXYFO5NL27P

[35] zit. Schopf, S. 8

[36] Aufenanger, S. 102

[37] zit. Raddatz, S. 295

[37] Aufenanger, 102

[37] zit. Raddatz,295).

(37a) Bild:  Heinrich Heine Institut Düsseldorf  abgebildet in:  http://www.literarischegesellschaft.de/Heinrich_Heine_in_GoettingenIII.html

[38] zit. bei Raddatz, S.297

[39] zit. Raddatz, S. 297

[40] Decker, S.391

[41] Decker,  S. 394/5

[42] zit. Aufenanger, S. 115

[43] DHA VII, 70

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Street-Art in Paris (1): Einführung und Überblick 
  • Street-Art in Paris (2): Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • Street-Art in Paris (3): Der Invader
  • Das deutsche Haus, „la maison Heinrich Heine“, in der Cité internationale universitaire in Paris
  • Auf dem Weg nach Paris: Die Mühle von Valmy, ein Fanal der Französischen Revolution

Sommer in Paris: Schwimmen im Bassin de la Villette, in der Marne und auf/in der Seine

Paris im Sommer ist nicht jedermanns Sache: Es ist oft  heiß, manchmal auch drückend heiß und stickig, mit entsprechenden ungesunden Begleiterscheinungen: hohen Ozon- und Feinstaub-Werten; das wirtschaftliche und kulturelle Leben verläuft auf Sparflamme. Oper und Theater machen Sommerpause.  Bei vielen Geschäften sind die Rollgitter heruntergezogen und ein Schild informiert über die –meist mehrwöchige- Dauer des „congé annuelle“.  Wer es sich leisten kann, fährt in Urlaub, viele Pariser  in das  Sommerhaus auf dem Land oder am Meer.

Für die zu Hause Gebliebenen und die Touristen gibt es immerhin ein spezielles Sommerprogramm mit vielen kulturellen Angeboten zum; Beispiel musikalischen Festivals wie dem Jazz-Festival im Parc Floral in Vincennes, gefolgt von dem Festival Classique Au Vert am gleichen Ort, dem Jazz-Festival auf der Esplanade de La Défense, dem Festival Rock  en Seine in der Domaine National du Parc de Saint-Cloud, dem Festival Chopin im Park La Bagatelle und, und, und…. Besonders schön ist, dass hochkarätige Gruppen, die zu sehen bzw. zu hören im Allgemeinen einiges Geld kostet,  teilweise auch kostenlos in Pariser Parks auftreten; beispielsweise im Jardin du Luxembourg  oder im Parc de Belleville im 20. Arrondissement, den wir besonders lieben, weil man von dort aus einen wunderbaren Blick über Paris hat. Man kann sich eigentlich jeden Tag aussuchen, worauf man Lust hat.  Und dann gibt es ja auch noch Paris-Plages!  Zentrum dieser schon traditionellen Einrichtung waren die beiden für die Zeit dieser Veranstaltung für den Autoverkehr gesperrten Stadtautobahnen nördlich und südlich der Seine:  Mit Hilfe von 3000 Tonnen Sand erhielten sie ein entsprechendes Strand-Ambiente mit Liegen, Sonnenschirmen, Bars und Freizeitangeboten. Inzwischen sind die beiden Autobahnen dauerhaft geschlossen, was die Außergewöhnlichkeit von Paris-Plages an diesen Stellen etwas mindert.  Und, „grand choc!“, den Sand gibt es nicht mehr[1]:  Er  ist  in Verruf geraten, weil er von der Firma Lafargue  geliefert wurde, von der man inzwischen weiß, dass sie dem IS Schutzgelder bezahlte, um ihr in dessen Aktionsradius liegendes syrisches Zementwerke ungestört weiterbetreiben zu können. Die Pariser Stadtverwaltung hat daraufhin die Zusammenarbeit mit  LafargueHolzim, dem „leader mondial du matériel de construction“, abgebrochen. Das Fass zum Überlaufen brachte, dass  dieser weltgrößte Zementproduzent auch noch mit einer Beteiligung an dem Mauerbauprojekt Trumps liebäugelte.[2]

Dafür hat aber ein dritter Standort von Paris-Plages in diesem Jahr an Attraktivität gewonnen, nämlich das Bassin de la Villette.

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Schwimmen im Bassin de la Villette

Dort wurde nämlich als absolute Neuheit für Paris-Plages 2017 ein Schwimmbad installiert, das La Baignade,  das vom 15. Juli bis zum 15. September täglich von 11 bis 21 Uhr geöffnet ist.  (2a)

DSC00627 Baignade Bassin de la Villette (3)

Jedenfalls soll das so sein, wenn nicht….  Zwar wurden nämlich, wie der Pariser Sportbürgermeister Jean-Francois Martins beteuerte, die Grenzwerte für die bakterielle Belastung des Bassins seit zwei Jahren eingehalten, aber dann musste es doch nach einigen Tagen schon wieder  für den Badebetrieb geschlossen werden…. (Le Parisien, 25.7.) Aber das war immerhin nur vorübergehend und soll, falls es nicht erneut starke Regenfälle gibt, auch so bleiben. Und es soll wohl auch eine Dauereinrichtung für die Sommerzeit der nächsten Jahre werden.

DSC00105 Baignade La Villette August 2017 (6)

Insgesamt hat das Schwimmbecken eine Länge von 100 Metern und ist dreigeteilt je nach Tiefe: Ein Planschbecken von 40 cm Tiefe (siehe Foto), ein weiteres von 1,20 Metern Tiefe und für die Schwimmer gibt es ein 50-Meter-Becken, das  2 Meter tief ist und das  selbst bei schönstem Wetter eher mäßig frequentiert ist.

DSC00105 Baignade La Villette August 2017 (11)

Bei schönem Wetter ist allerdings der Andrang der Schwimmbadgäste groß, da muss man eventuell am Eingang etwas warten, weil eine Gesamtzahl von jeweils 500 Besuchern nicht überschritten werden soll.

DSC00627 Baignade Bassin de la Villette (1)

Dafür wird es abends ruhig, allerdings kann es dann passieren, dass man nicht mehr eingelassen  wird, wenn die Gesamtzahl der Besucher an diesem Tag schon die 2000 erreicht hat. Wenn man aber schon drinnen ist, kann es sein, dass man das große Schwimmbecken ganz  für sich alleine hat….

Es gibt am Rand Duschen, Umkleidekabinen und Toiletten. Und wenn man Glück hat, findet man auch noch einen freien Liegestuhl.

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Insgesamt eine echte Bereicherung des Bade-Angebots der Stadt Paris – und das auch noch kostenlos.

Zum Abschluss von Paris Plages am 3. September 2017 gibt es übrigens noch einmal eine größere Schwimmveranstaltung im Bassin de la Villlette: La fluctuat – eine Anspielung an den Wappenspruch von Paris: Fluctuat nec mergitur. Leider sind wir an diesem Tag nicht in Paris, sonst hätte ich an dem für jedermann offenen Rundkurs über 1,25 km sicherlich teilgenommen.

DSC00468 Bassin de la Villette La Fluctuat (2)

An diesem Ort zu baden bzw. zu schwimmen, hat für mich einen besonderen Reiz, denn man befindet sich hier an einem historisch ganz herausragenden Ort: Das Bassin de la Villette geht immerhin zurück auf Napoleon Bonaparte, der am 28. Mai 1802 folgendes Gesetz proklamierte:

«Il sera ouvert un canal de dérivation de la rivière d’Ourcq ; elle sera amenée à Paris, à un bassin près de la Villette.[…]»  (Es wird ein Kanal eröffnet, der Wasser vom Fluss Ourcq abzweigt und Paris zuführt, in ein Bassin bei La Villette.)[3]  Im Invalidendom, der Grabstätte Napoleons, wird der Kanal ausdrücklich unter den Infrastrukturmaßnahmen aufgeführt, die initiiert zu haben sich Napoleon gerühmt hat.[4] Für den Bau des Kanals benötigte man natürlich eine große Zahl von Arbeitskräften – und das ausgerechnet in Kriegszeiten.  Aber nach den Siegen von Austerlitz und Jena/Auerstedt über Österreicher und Preußen gab es ja genug Kriegsgefangene.[5]  Insofern  ist das Bassin de la Villette gewissermaßen ein deutsch-französisches Gemeinschaftswerk der besonderen Art….

Ziel des Kanalbaus war eine Verbesserung der (Trink-)Wasserversorgung der Stadt. Das 700 mal 70 Meter große und zwei Meter tiefe Bassin diente also als Frischwasserreservoir für die Bevölkerung von Paris. Am 2. Dezember 1808 wurde das Bassin eingeweiht „und galt bald  als kleines Venedig von Paris.“[5] Seine mit Alleen  geschmückten  Ufer wurden zu einem bevorzugten Ort der Pariser zum Spazierengehen und zum Ausgehen: In der Umgebung eröffneten einige Guinguettes, also Landgasthöfe, in denen man preiswerten Wein trinken konnte. Denn das Bassin lag bis 1860 außerhalb der Zollmauern von Paris, an denen für die nach Paris eingeführten Grundnahrungsmittel wie Salz und – wir sind in Frankreich- natürlich auch Wein Zoll erhoben wurde.

Ein Rest dieser Paris umgebenden Zollmauer, der mur des fermiers généraux, ist die klassizistische Rotonde  de la Villette, an deren Achse das Bassin ausgerichtet wurde, wie der historische Stich zeigt. Von dieser bei den Parisern verhassten Zollmauer ist nur wenig erhalten. Ein Glück, dass immerhin die Rotonde de la Villette nicht dem Zorn der Bevölkerung und der Spitzhacke zum Opfer gefallen ist. Ihr Aussehen entspricht ja immerhin auch ganz und gar nicht dem, was man von einer Zollstation erwartet, sie bildet mit dem Bassin eine harmonische Einheit und ihr Schöpfer ist der Architekt Claude-Nicolas Ledoux, einer der herausragenden  und einflussreichsten Architekten seiner Zeit.[6]

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Im Zuge der Industriellen Revolution  entwickelte sich das über den Canal St. Martin und den Canal St. Denis an die Seine angeschlossene  Bassin de la Villette zu einem der größten Häfen Frankreichs.[7]

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Der Hafen von La Villette, aufgenommen zwischen 1905 und 1910. Aus einer Informationstafel am Zaun von La Baignade

Ein zweites großes Hafenbecken wurde gebaut, Lagerhallen entstanden, der große Schlachthof von La Villette versorgte die ständig zunehmende Pariser Bevölkerung mit Fleisch. An diese Vergangenheit erinnert heute nur noch wenig: Stattdessen ist das Bassin de la Villette wieder ein Ausflugsziel wie früher einmal: Die Rotonde ist nicht mehr Zollstation, sondern ein Bistro, eine der alten Lagerhallen ist ein Haus für Pop-Konzerte, unter den Baumreihen kann man Boule spielen, am Rand des Kanals picknicken, es gibt rechts und links des Bassins große Kinos, am oberen Rand –am Wasser gelegen- Restaurants…  Und jetzt kann man im Sommer sogar im Bassin schwimmen!

Praktische Informationen:

Métro Stationen Jaurès oder Stalingrad auf den Linien 2, 5 oder 7.

Das Schwimmbecken befindet sich Quai  de la Loire, auf der östlichen Seite des Bassin de la Villette.

 

Schwimmen in der Marne  

Eine –zumal zeitlich nicht auf einen Monat begrenzte- Alternative zum Bad im Bassin de la Villette ist die Marne. Die Marne war ja für bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ein beliebter Badeort für Anwohner und Pariser Ausflügler. Auf den letzten 25 Kilometern der Marne bis zu ihrer Mündung in die Seine, also im Einzugsbereich von Paris, gab es bis 1970, als das Baden im Fluss verboten wurde, nicht weniger als 24 offizielle Badegelegenheiten. Das Strandbad in Gournay hieß sogar wegen seiner berühmten blau-weißen Badekabinen „Le Petit Deauville“ oder „Deauville parisien“- immerhin ist es Luftlinie nur 18 Kilometer von Notre Dame entfernt. (7a) Joinville mit seinem Bad war ein besonders beliebtes und sogar in einem populären Lied besungenes Ausflugsziel für die Pariser.  Eine Zeile des Liedes bezieht sich ausdrücklich auf die Schwimmer in der Marne:

„Et dans la Marn‘ y’a des baigneurs“[8]

Joinville Marne Okt 09 004

Auch das Plakat einer Ausstellung im Museum von Nogent-sur-Marne zeigt, wie populär das Baden in der Marne einmal gewesen war:

_tous_a_la_plage Musee Nogent-sur-Marne exp.2002 - Kopie

Offiziell ist das Baden in der Marne zwar immer noch verboten, es wird aber inzwischen geduldet. Das hängt damit zusammen, dass die Qualität des Wassers  sich seit 1970 deutlich verbessert hat und meistens gesundheitlich unbedenklich ist. Lediglich nach starken Regenfällen, wenn die Kanalisation überfordert ist,  sollte man für einige Tage  auf ein Bad im Fluss verzichten.[9]

Die Marne als Bademöglichkeit haben  wir gleich in unserem ersten Pariser Sommer eher durch Zufall entdeckt: Es war ein heißer Tag, wir lagen in einem Café bei der Bibliothèque  Nationale in einem Liegestuhl an der Seine und betrachteten die Schiffe, die vorüber fuhren. Darunter auch kleine Elektro-betriebene Boote  namens Voguéo, die in regelmäßigen Abständen anhielten und Passagiere mitnahmen. (Leider gibt es sie heute nicht mehr,  aber ihre Wiedereinführung wird wohl erwogen). Wohin sie fuhren, wussten wir nicht, aber wir waren neugierig und hatten Zeit. Also ins nächste Boot eingestiegen! Es fuhr die Seine aufwärts- vorbei an Kaianlagen, Betonmischern, Lagerhallen- dann kam die Mündung der Marne mit dem –auch wenig animierend aussehenden- chinesischen Handelszentrum Chinagora- viel Beton mit ein paar aufgesetzten und angeklebten Chinoiserien. Unser Boot fuhr nun in die Marne ein und hielt kurz vor einer Schleuse an: Maisons-Alfort, Endstation.

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Von dort aus gab –und gibt es noch- einen schönen Fußweg entlang der Marne, zum Teil auf Bohlen über dem Wasser angelegt. Und dort sahen wir am gegenüber liegenden Ufer auf ein paar betonierten Stufen, die ins Wasser führten, mehrere Leute in der Abendsonne liegen. Und ein Mann plantschte sogar im Wasser herum! Die Aufregung war groß, die Lust, es ihm nachzutun, riesig. Aber ohne Badezeug konnten wir nur neidisch zusehen und enttäuscht zurückfahren, allerdings mit dem festen Vorsatz, am nächsten Tag mit entsprechender Ausrüstung wiederzukommen. Was dann auch geschah. Auf den Betonstufen hatte es sich eine kleine Truppe von Rentnern gemütlich gemacht, die sich offenbar gut kannten. Einige unterhielten sich –möglicherweise wegen Schwerhörigkeit- ziemlich lautstark, einer las Zeitung, eine alte Dame –oben ohne- strickte, andere dösten in der Sonne. Wir wurden interessiert begutachtet und unsere Begrüßung wurde freundlich entgegengenommen. Nun gab es für uns kein Halten mehr: Ab ins Wasser!  Es dauerte nicht lange, bis einer der Männer aufstand, sich kerzengerade und demonstrativ auf einem ins Wasser ragenden Holzbrett aufbaute und mit dem Ruf „Et maintenant la France!“ kopfüber ins Wasser sprang.

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Damit waren wir in die Gemeinde der Marne-Rentner aufgenommen. Fast jeden Tag kamen wir nun zum Sonnen und Baden dorthin zurück gewöhnten uns auch an den allerdings durch eine hohe Lärmschutzmauer abgemilderten Verkehrslärm der parallel verlaufenden Autobahn nach Reims, Metz und Saarbrücken und gehörten nun, ohne dass viel geredet wurde, dazu- spätestens, als die immer strickende alte Dame es nicht mehr für nötig hielt, schnell ein Hemdchen überzuziehen, wenn wir kamen.

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Wir erfuhren allmählich auch, dass die Stufen zu dem ehemaligen Strandbad der Gemeinde Maisons-Alfort gehörten. Der Platz sei ideal, aufgrund der benachbarten Schleuse sei die Strömung gering, man könne hier nach Herzenslust baden und schwimmen. Inzwischen sei das Schwimmen in der Marne  wegen des Schiffsverkehrs und des (angeblich!) dreckigen Wassers verboten- ein entsprechendes großes Verbotsschild am Ufer hatten wir zunächst gar nicht bemerkt- aber sie würden hier seit ihrer Jugend baden und würden es auch weiter tun, selbst wenn ab und zu mal die „Flics“ kämen. Diese Erfahrung machten wir dann auch selbst nach einem Ausflug auf die andere Seite des Flusses: Heftige Ermahnungen: Schild! Gefahr! Nie wieder! Und dann der Trost unserer Schwimmfreunde: Wir sollten das nicht so ernst nehmen! Die tun ja nur ihre Pflicht! Ist uns auch schon passiert …

Inzwischen ist das Verbotsschild übrigens beseitigt worden, die Betonstufen wurden erneuert und mit einem Plastikbelag überzogen.  Die Marne wird ganz offensichtlich darauf vorbereitet, wieder offiziell autorisiertes Badegewässer zu werden. Risiken gibt es allerdings dennoch und weiter: Im letzten Jahr wurde ich einmal –mit Schwimmbrille stromaufwärts kraulend- von einem größeren, von hinten kommenden Frachtschiff fast „überfahren“. Im letzten Moment hörte ich dann doch die lauten Schreie von allen Seiten und kam mit dem Schrecken davon….

Zu erreichen ist das Strandbad an der Marne übrigens ganz einfach mit der Metro-Linie 8, Station École Vétérinaire de Maisons-Alfort. (Sortie Carrefour de la Résistance). Man passiert die Art-Déco- Kolonaden der früheren Destillerie Suze und ist dann in wenigen Schritten an der Marne, der Schleuse und der Fußgängerbrücke.

DSC00069 Maison Alfort Marne (21)

Die überquert man und geht den Uferweg entlang bis zum (früheren) Strandbad.  Auf beiden Seiten des Flusses gibt es übrigens  Pontons zum Anlegen von kleinen Schiffen: Wenn die nicht schon belegt sind, kann man sie auch  nutzen: Zum Baden –zumal es hier einen bequemen Einstieg ins Wassser gibt…

Paris September 2009 028

… und natürlich auch zum Picknick

Picknick an der Marne

Schade ist allerdings, dass die Autobahn A 4 direkt an der Marne und dem „Strandbad“ von Maison Alfort entlangführt. Aber dazwischen gibt es immerhin eine hohe Schallschutzmauer, so dass man den Verkehrslärm nur gedämpft wahrnimmt. Und außerdem dürfen wir uns schon gar nicht darüber beklagen. Immerhin ist das die Autobahn nach Deutschland, auf der wir ab und zu auch unterwegs sind.

 

Schwimmen auf/ in der Seine

Das Baden in der Seine ist seit 1923 verboten und wird, wenn man es trotzdem macht, mit einer Geldstrafe geahndet.  Allerdings hat es nach 1923 noch einige Zeit gedauert, bis das Verbot auch wirklich durchgesetzt wurde: Während des heißen Sommers 1928 wurde das Bad in der Seine massenhaft praktiziert, ohne dass die Polizei einschritt, und 1929 fanden sogar noch offizielle Schwimmwettkämpfe in der Seine statt – ein nettes Beispiel für einen großzügigen Umgang mit Regeln, selbst wenn man sie selbst aufgestellt hat.(9a)

DSC01301 Baden in der Seine 1928 29 (2)

Dass ein solches Verbot aber nur eine gesundheitlich erforderliche Notmaßnahme und nicht das letzte Wort sein kann, war auch allgemein klar.  Schon 1988 hatte Jacques Chirac, damals Bürgermeister von Paris, angekündigt, man werde in fünf Jahren in der Seine baden können: «Dans cinq ans, on pourra à nouveau se baigner dans la Seine. Et je serai le premier à le faire». Aber daraus wurde nichts, die Wasserqualität war nicht danach.[10] Im Juli 2012 durften im Rahmen des Pariser Triathlons 4500 Teilnehmer am Eiffelturm in die Seine springen, aber das blieb eine Ausnahme: Neben der nicht dauerhaft akzeptablen Wasserqualität war es vor allem die Beeinträchtigung des Schiffsverkehrs, die die zuständigen Behörden veranlassten, weitere Events dieser Art zu verbieten. (10a)

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Die Bemühungen der Association Swim Paris, die mythische „traversée de Paris à la nage“ wiederzubeleben, sind also bisher gescheitert: Geplant waren zwei Parcours zwischen dem Schwimmbad Joséphine Baker im 13. Arrondissements und dem Parc André-Citroën im 15. Arrondissement, wobei gegen eine Teilnehmergebühr jedermann zugelassen wäre.[11] Jetzt hat die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo versprochen, die 1,5 km Schwimmen des  Triatholon-Wettbewerbs  und das 10 km Freiwasserschwimmen der Olympischen Spiele 2024 würden in der Seine stattfinden, wenn den Paris, was ja inzwischen sicher ist, den Zuschlag erhalte, und danach werde auch die Öffentlichkeit in der Seine baden können: „On pourra se baigner dans la Seine après 2024 […] Ce n’est pas une promesse, c’est vraiment un engagement“. Sie werde dann –wenn es ihr Gesundheitszustand erlaube- auch dabei sein; und wir –hoffentlich!- auch….[12]

Allerdings muss Paris bis zur Eröffnung  eines offiziellen und öffentlichen Schwimmbads in der Seine noch einiges tun. Die  Kanalisation muss modernisiert werden, die bei heftigem Regen immer noch überläuft und Schmutz in die Seine spült, ebenso die Kläranlagen stromaufwärts. Die zwischen 2010 und 2015 vorgenommenen Untersuchungen des Seine-Wassers ergaben, dass 92% aller Proben nicht den gesundheitlichen Normen entsprachen. Und es gibt eine europäische Direktive, nach der erst dann ein Gewässer zum Baden freigegeben werden darf, wenn in vier aufeinander folgenden Jahren die Wasserqualität unbedenklich war. (12a)  Das heißt, dass schon ab 2020 das Seine-Wasser Badequalität erreicht haben müsste. On verra…

(Was mir übrigens, aber das nur in Klammern, nicht klar ist: Wie lassen sich diese olympischen Schwimmwettbewerbe in der Seine mit der starken Strömung vereinbaren? Gegen die werden selbst die Sport-Profis nur schwer ankommen und mit ihr würden wohl die olympischen Rekorde nur so  purzeln. Aber vielleicht ist das ja ein durchaus einkalkulierter Effekt….)

Allerdings muss Paris bis zur Eröffnung  eines offiziellen und öffentlichen Schwimmbads in der Seine noch einiges tun. Die  Kanalisation muss modernisiert werden, die bei heftigem Regen immer noch überläuft und Schmutz in die Seine spült, ebenso die Kläranlagen stromaufwärts.

Bis dahin wird man sich also weiter mit (provisorischen) Alternativen begnügen müssen. Die gab es (z.B. 2010) schon im Rahmen von Paris-Plages, und zwar in Gestalt  einer zünftig ausgestatteten  blau-weißen Badeanstalt auf dem Gelände der Voie Pompidou, die allerdings aufgrund ihrer bescheidenen Ausmaße und des großen Andrangs kaum zum Schwimmen geeignet war.

Paris Plage Pantheon Juli 2010 044

Aber  es gibt ja seit 2006 das dauerhaft installierte Badeschiff Joséphine Baker.

Wolf Juli 2010 017

Das ist festgemacht am Fuß der Bibliothèque François Mitterand im 13. Arrondissement, gegenüber dem Parc Bercy und im Blick auf das wuchtige Finanzministerium

Wolf Juli 2010 023

… und die elegante Passerelle Simone de Beauvoir.

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Ein Besuch ist besonders im Sommer angeraten, wenn die Überdachung geöffnet ist und man von der erhöhten Terrasse aus den Blick auf die Seine genießen kann.   Allerdings ist dann auch hier der Andrang erheblich, so dass das Schwimmbecken (10 mal 25 m) eher zum Plantschen geeignet ist und weniger zum sportlichen Schwimmen.

In einem vom Figaro publizierten Ranking der Pariser Schwimmbäder, auf dem das Joséphine Baker immerhin auf dem zweiten Platz rangiert, ist das schön und treffend so formuliert:

„Plouf! Fabuleuse verrière et nage  en musique. La taille du bassin, elle, n’empêche malheureusement pas la proximité.  Mais la vue sur la Seine, magique, rattrape tout.“[13]

Im Vergleich mit dem berühmten Berliner Badeschiff auf der Spree in Treptow ist die „Joséphine Baker“ eine eher familienfreundliche Einrichtung.

Also: Für schwimmfreudige Besucher/innen von Paris – alt und jung- als wenigstens einmalige Erfahrung durchaus zu empfehlen!

 

Praktische Informationen (Stand August 2017): 

http://equipement.paris.fr/piscine-josephine-bakerStand -2930

Quai François-Mauriac (XIIIe). Tél.: 01 56 61 96 50

Nächste Métro-Stationen: Quai de la Gare und Bibliothèque François Mitterand

 

Eintrittspreise  (http://www.piscine-baker.fr/fr/tarifs ):

Einzelkarten 3.60 Euro, reduziert 2 Euro

Im Sommer: 6,20 Euro, reduziert 3,10 Euro.

Die Aufenthaltsdauer ist im Sommer (Juli/August und alle Wochenenden zwischen Ende Mai und Ende September auf zwei Stunden beschränkt.

 

Öffnungszeiten:

Montag von  07h00 bis  09h00 und von 10h00 bis 23h00

Dienstag von  07h00 bis 09h00 und von 10h00 bis 23h00

Mittwoch von  07h00 bis 09h00 und von  10h00 bis  23h00

Donnerstag von 07h00 bis 09h00 und von 10h00 bis 23h00

Freitag von 07h00 bis 09h00 und von  10h00 bis 23h00

Samstag von  10h00 bis 20h00

Sonntag von 10h00 bis 20h00

 

 

Anmerkungen

[1] https://www.sortiraparis.com/arts-culture/balades/articles/53926-paris-plages-2017-baignade-et-animations-sur-les-berges-sans-sable

[2] http://www.lemonde.fr/proche-orient/article/2016/06/21/comment-le-cimentier-lafarge-a-travaille-avec-l-etat-islamique-en-syrie_4955039_3218.html

http://www.lefigaro.fr/societes/2017/03/29/20005-20170329ARTFIG00152-paris-plages-la-mairie-ne-veut-plus-du-sable-de-lafarge.php

(2a) Weitere Informationen: https://www.sortiraparis.com/images/400/1462/274505–bassin-de-baignade-a-la-villette.jpg  und   https://www.paris.fr/baignadevillette

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Bassin_de_la_Villette

[4] Siehe den Blog-Beitrag: Napoleon in den Invalides. Es lebe der Kaiser (3)

[5] http://www.pbase.com/cpaaulnay/canal_de_lourcq_themes

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Bassin_de_la_Villette

Bild aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Bassin_de_la_Villette

In geplanten weiteren Blogbeiträgen möchte ich hier angeschnittene Themen weiter vertiefen: Die Geschichte und Bedeutung der Guinguettes, die Zollmauer von Paris und ihr Architekt Ledoux, der Canal de l’Ourcq – eine stadtgeographische Fahrradtour…

[7] http://www.histoires-de-paris.fr/bassin-de-villette/

http://www.cargos-paquebots.net/Navigation_fluviale/Canal-Saint_Martin_09-2012/Canal_Saint-Martin-01.htm

Antoine Léger, Le bassin de la Vilette, deux siècles de transformation urbaiane.  http://de.calameo.com/read/004245471850d9b01b0cc

(7a) Jean-Paul Kauffmann, Remonter la Marne. Paris  2013, S. 38

[8] http://www.paroles.net/pierre-roger/paroles-a-joinville-le-pont

[9] http://www.marne-vive.com/se-baigner-en-marne

Jean-Paul Kauffmann berichtete in seinem 2013 erschienenen Buch „Remonter la Marne“, nach Regenfällen würden von der Brücke von Joinville „toutes sortes d’infections“  in die  Marne gespült. „Après l’orage apparaissent à la surface des nappes huileuses sur lesquelles flottent des centaines de poissons morts.“ (S. 28).  Dergleichen haben wir noch nicht beobachten müssen, aber wir meiden auch vorsichtshalber die Marne nach starken Regenfällen.

(9a) Bild aus: Années folles. 100 photos de légende. Paris: Parigramme 2014

[10] http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2016/05/08/01016-20160508ARTFIG00092-nager-dans-la-seine-un-vieux-reve-qui-perdure.php  Dort auch das nachfolgend wiedergegebene Bild des Paris-Triathlons von 2012.  

(10a) http://proregisseur.com/la-seine-et-le-triathlon-de-paris/

[11] http://www.leparisien.fr/hauts-de-seine-92/la-traversee-de-paris-a-la-nage-tombe-a-l-eau-08-08-2012-2117624.php

[12] http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2016/05/08/01016-20160508ARTFIG00092-nager-dans-la-seine-un-vieux-reve-qui-perdure.php

Das Engagement Hidalgos für das Schwimmen in der Seine 2024 hat natürlich auch die Funktion, die Pariser Bevölkerung vom Nutzen der Olympischen Spiele zu überzeugen. Allerdings  gibt es auch kritische Stimmen, die fragen, ob das Seine-Wasser tatsächlich bis 2024 Badequalität erhalten soll, wenn es der Stadt Paris noch nicht einmal gelinge der schlimmen Ratten-Plage Herr zu werden. (http://www.liberation.fr/debats/2017/05/10/il-faut-retirer-paris-de-la-course-folle-aux-jeux-olympiques_1568563)

(12a) Nager dans la Seine en 2024, un pari osé. In: Le Monde 15./16. August 2017. Sonderbeilage zu Paris 2024: Jeux olympique, le plus dur commence.

[13] http://www.lefigaro.fr/sortir-paris/2015/05/20/30004-20150520ARTFIG00048-les-meilleures-piscines-de-paris.php

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Street-Art in Paris (1): Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • Street-Art in Paris (2): Der Invader
  • Das deutsche Haus, „la maison Heinrich Heine“, in der Cité internationale universitaire in Paris
  • Die Fontänen von Versailles (1):  Die Feier des Sonnenkönigs

 

 

Die Kirche Saint- Sulpice in Paris, Teil 2 (Der Gnomon, der Kampf mit dem Engel von Delacroix und das café de la mairie)

Im ersten Teil des Berichts über die Kirche Saint -Sulpice ging es vor allem um die Musik, die Krypta und die chapelle de la vierge mit der Marienstatue Pigalles und den Säulen der römischen Stadt Leptis Magna. In diesem zweiten und letzten Teil stehen zwei besondere Sehenswürdigkeiten der Kirche im Mittelpunkt, nämlich der Gnomon mit der sogenannten Mittagslinie und die Kapelle mit den kürzlich restaurierten Malereien von Eugène Delacroix. Und zum Abschluss gibt es eine Pause in dem Café de la Mairie an der Place de Saint-Sulpice bzw. an der  Plac  G org s P r c….

 

Die Mittagslinie

Die sogenannte Mittagslinie (lt. Meridianus) in Saint- Sulpice ist durch den Bestseller „Sakrileg“ von Dan Brown zu besonderer Berühmtheit gelangt. Es handelt sich, wie Brown richtig beschreibt, um einen schmalen goldenen Messingstreifen, der „quer über den Boden des Gotteshauses“ verläuft, und zwar „in präziser Nord-Süd-Ausrichtung“.

Die Messinglinie führt an der Nordwand des Querschiffs zu einem Obelisken, an dem sie hinaufführt, bis sie –so noch einmal Brown- „in knapp elf Meter Höhe“ endet.

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Im Fenster des südlichen  Querschiffs gibt es –auf dem Foto rechts unten zu sehen-  eine kleine kreisrunde Öffnung, den sogenannten Okulus.

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Das durch ihn am Mittag –also beim höchsten Sonnenstand-   einfallende Sonnenlicht wirft Schatten auf den Boden und bezeichnet so die Mittagslinie. Der Schatten „wanderte von Tag zu Tag weiter den Stab entlang und markierte den Verlauf der Zeit zwischen den Sonnenwenden.“  Das südliche Ende der Mittagslinie ist im Boden der Kirche ausdrücklich markiert. Eine entsprechende Markierung der Wintersonnenwende gibt es nicht und kann es nicht geben: Die läge nämlich 20 Meter außerhalb der Kirche. Die Mittagslinie von Saint -Sulpice knickt deshalb an der Wand des nördlichen  Seitenschiffs senkrecht ab, so dass kurz vor und nach der Wintersonnenwende der Schatten der mittäglichen Sonne auf den Obelisken geworfen wird.

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Die Markierung der Sommersonnenwende (Solstitium estivum)

Soweit kann man der Beschreibung Browns in „Sakrileg“ folgen.  Dass sich allerdings Brown erhebliche künstlerische Freiheiten genommen hat und mit den Fakten sehr großzügig umgegangen ist, wurde schon wiederholt dargestellt – lange Zeit auch von und in der Kirche selbst. Ein Beispiel ist ja schon im ersten Teil dieses Beitrags aufgeführt: Die Behauptung,  Saint -Sulpice entspreche „in den Abmessungen  bis auf wenige Zentimeter der Kathedrale von Notre-Dame“ ist jedenfalls völlig falsch.  Auch dass der Gnomon ein heidnisches Instrument ägyptischen Ursprungs sei, trifft nicht zu. Der Obelisk stammt auch nicht, anders als der auf der Place de la  Concorde, aus dem alten Ägypten, und er wird nicht, wie Brown behauptet, von einer Pyramide gekrönt, sondern von einer  -alles andere als heidnischen- die Erde symbolisierenden Kugel mit einem Kreuz. Falsch ist schließlich Browns Feststellung, bei der Mittagslinie von Saint Sulpice handele es sich um den Pariser Nullmeridian: Diese „imaginäre  Nullinie“ sei, „lange bevor man übereinkam, den Nullmeridian durch Greenwich zu legen“ durch Paris und „mitten durch die Kirche Saint -Sulpice“ verlaufen, „wo die in den Boden eingelassene Messinglinie zur Erinnerung an den ursprünglichen Nullmeridian bis zum heutigen Tage sichtbar ist.“[1]

Tatsächlich verläuft der Pariser Meridian einige hundert Meter entfernt an Saint-Sulpice vorbei. Sein Verlauf in Paris ist anhand von 135 in den Boden eingelassenen  Bronze-Plaketten zu erkennen und  zu verfolgen.[2]  Installiert wurden sie 1994 aus Anlass des 200. Geburtstages des Astronomen, Physikers und republikanischen Politikers François Arago.[3]

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Historische Spuren des Pariser Meridians gibt es übrigens auch: Vor  allem seine Markierung im Observatoire von Paris und die „Mess-Stele  des Südens“ (point de mire) im Park Montsouris – in der Nähe der Cité Universitaire.  Dieser Messpunkt wurde 1808 eingerichtet – zur Zeit der Herrschaft Napoleons, dessen Name dann allerdings nach seinem Sturz auf der Säule getilgt wurde.

Den  Meridien de Paris, auch le méridien origine genannt, nutzten  französische Geographen und Reisende bis 1884. Damals wurde auf einer internationalen Konferenz der Meridian von Greenwich als der international gültige 0-Meridian festgelegt. Für Frankreich war das ein herber Gesichtsverlust –es war noch nicht die Zeit der entente cordiale, sondern der kolonialen Rivalität zwischen Frankreich und Großbritannien. Also wurde in einem der Gesichtswahrung dienenden Gesetz festgelegt, dass in Frankreich nicht die GMT (die Greenwich Mean Time) verwendet wird, sondern „le temps moyen de Paris diminué de 9 minutes 21 secondes“, eine bis 1979 gültige Bestimmung… [4]

Im Jardin du Luxembourg sind am westlichen Abgang zum zentralen Parterre mit dem großen Wasserbecken drei Arago-Plaketten installiert. An ihrem Verlauf, den Nord-Süd-Markierungen und den links neben dem Palais du Luxembourg gelegenen und etwas hinter Bäumen versteckten Türmen von Saint-Sulpice kann man gut erkennen, dass der Pariser Meridian östlich der Kirche verläuft.

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Dass sich eine –vom Meridian also völlig unabhängige- Mittagslinie in Saint-Sulpice  befindet, ist durchaus nicht außergewöhnlich. In Italien gibt es schon entsprechende Vorbilder aus dem  15. und 16. Jahrhundert: zum Beispiel in der Basilika San Petronio in Bologna, wo der Dominikanermönche Egnatio Danti ein Loch von zweieinhalb Zentimeter Durchmesser in das Kirchendach gebohrt hatte, und zwar so, dass der hindurchtretende Sonnenstrahl zur Mittagszeit auf eine 67 lange hervorgehobene Linie am Boden des Kirchenschiffs fiel.

Die Kirche Saint-Sulpice war für die Einrichtung einer Mittagslinie wegen ihrer Ausmaße besonders geeignet: vor allem wegen ihrer Höhe- sie übertraf die Höhe des gerade im Bau befindlichen Observatoire um mehr als das Doppelte! Und die Kirche war an einer solchen Messung sehr interessiert. Das wird schon daran deutlich, dass ihre Einrichtung einen erheblichen Aufwand mit sich brachte: Die Decke der Krypta wurde vorher extra verstärkt, um auch nur minimale Absenkungen und Verschiebungen des Bodens auszuschließen. Und zur Festlegung der Mittagslinie wurde das südliche Querschifffenster mit Metallplatten völlig abgedeckt, sodass das Licht- wie bei einer Camera obscura- nur durch den Okulus einfallen konnte.  Für die Kirche hatte die Mittagslinie eine doppelte Funktion:  Einmal diente sie zur genauen Bestimmung der lokalen Uhrzeit – und die Uhrzeit hatte für das kirchliche Leben  ja immer eine zentrale Bedeutung; dann und vor allem aber war die Mittaglinie ein Instrument zur exakten und über Jahre hinausreichenden Festlegung des Ostertermins. Das Konzil von Nicea hatte im Jahr 325 das Osterdatum auf den ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond nach Frühlingsbeginn festgelegt – was allerdings die Probleme der Osterberechnung nicht nachhaltig beseitigte, wie die nachfolgende gregorianische Kalenderreform von 1582, die „Osterformel“ von Carl Friedrich Gauß von 1800 und die unterschiedlichen Osterdaten der christlichen Kirchen zeigen.  Ein für Ostern entscheidendes Datum ist und bleibt aber der Frühlingsbeginn, der  auf der Nordhalbkugel durch das Primär-Äquinoktium, also die erste Tag- und- Nacht-Gleiche des Kalenderjahres, festgelegt ist.

Deshalb ist auch das Äquinoktium auf der Mittagslinie von Saint-Sulpice  besonders hervorgehoben- kurz vor den zum Hauptaltar hinaufführenden Stufen.

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Markierung des Äquinoktiums, der Tag- und Nacht-Gleiche

Erkennbar ist hier am Verlauf der Mittagslinie, dass die Ost-West- Ausrichtung der Kirche nicht ganz exakt ist.

 

Auf einer Marmortafel am Fuß des Obelisken wird diese Funktion der Mittagslinie ausdrücklich –unter Verweis auf das Konzil von Nicea- hervorgehoben.

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Eingerichtet wurde die Mittagslinie von Saint- Sulpice 1727 von dem englischen Uhrmacher Henry Sully  im Auftrag der Kirche. Auf einer weiteren Marmortafel wurden die hohen weltlichen und geistlichen Herren aufgeführt, die die Einrichtung der Mittagslinie gefördert hatten, u.a. Ludwig XV. und Mitglieder der königlichen Akademie. Während der Französischen Revolution wurden diese Verweise ziemlich säuberlich getilgt – der Name des Königs und der geistlichen Herren vollständig, während der Verweis auf die Akademie erhalten blieb- allerdings ohne das Attribut „königlich“ . Die revolutionären Saubermänner verstanden offenbar nicht nur den Umgang mit Hammer und Meißel, sondern auch Latein….

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Die chapelle des anges mit den Malereien von Eugène Delacroix

Die chapelle des anges befindet sich gleich hinter dem Eingang der Kirche auf der rechten Seite. Nachdem sie lange wegen Restaurierungsarbeiten gesperrt war, kann man sie seit Ende des Jahres 2016 wieder betreten und die in frischen  Farben erstrahlenden Wandgemälde von Delacroix bewundern.

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Auf dem nächsten Bild, das kürzlich auf einer Konferenz im Auditorium des Louvre über die Restaurierung der Wandgemälde von Delacroix gezeigt wurde, kann man sehr deutlich den Unterschied zwischen „vorher“ und „nachher“ erkennen. Übrigens sieht man auch, dass die bisherige sehr aufdringliche- Beleuchtung verändert wurde, und zwar zugunsten einer schonenderen Ausleuchtung der Kapelle, die die Gemälde von Delacroix wesentlich besser zur Geltung bringen

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Delacroix war überzeugter Atheist, aber er war bereit, den Auftrag zur Ausmalung der Kapelle zu übernehmen. Von 1849 bis 1861 arbeite er an diesem Mammutprojekt und wählte dafür auch selbst die Themen. Es sind der Kampf Jacobs mit dem Engel, die Vertreibung Heliodors, der die Schätze des Jerusalemer Tempels beschlagnahmen wollte,  und –an der Decke-   der Sieg des  Erzengels Michael über den Teufel. Verbindendes Element der drei Gemälde sind also Kämpfe, die mit großer Heftigkeit ausgetragen werden.

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Und es ist das orientalische Ambiente der großen Wandgemälde – beides wesentliche Elemente im Werk von Delacroix.

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Es lohnt sich auch, auf scheinbar nebensächliche Details der Gemälde zu achten, beispielsweise auf den Haufen von Kleidern und Ausrüstungsstücken, den Jacob vor seinem Kampf mit dem Engel hingeworfen hat. Es ist gerade dieses Detail, das bei einem –sonst eher Delacroix-kritischen- Kenner von Saint-Sulpice  Gnade findet[5]:

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Ces touches entrecroisées, ces hachures en mouvement: la modernité est là!“

Der „Kampf Jacobs mit dem Engel“ ist sicherlich das bedeutendste der drei Gemälde in der Kapelle. Das Thema hat Delacroix dem Alten  Testament entnommen, einer Bibelstelle, die immer wieder zu vielfältigen Interpretationen Anlass gegeben hat.[6] Und es ist auch dieser rätselhafte Zweikampf, auf den, hat man die Kirche betreten, als erstes der Blick fällt.

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Mario Vargas Llosa hat einen sehr schönen Text über dieses Bild geschrieben, aus dem ich nachfolgend einige Passagen wiedergebe:

 „Delacroix benötigte rund sieben Jahre, um es zu malen. Der Schaffensprozess, elegant und minutiös von Jean-Paul Kauffmann beschrieben, ist eine beispielhafte Demonstration des unsichtbaren, aber leidenschaftlichen Kampfes gegen Unsicherheit, Ermüdung und unvorhersehbare Hindernisse, die ein Künstler laut der romantischen Vorstellung überwinden muss, um ein Meisterwerk zu schaffen. Von diesem Zeitpunkt an war dies eine der häufigsten metaphorischen Lesarten dieser Episode des Alten Testaments (Genesis 23), in der Jakob eine ganze Nacht hindurch mit einem unbekannten Gegner ringt, der ihm auf seiner Reise an die Ufer des Jabbok den Weg verstellt. Im Morgengrauen ergibt sich der Gegner und gibt Jakob zu verstehen, dass er die Probe bestanden habe. Mit wem hat Jakob gerungen? Mit Gott selbst? Mit einem Engel? Mit sich selbst?

Um das zu erkennen, muss man nur einige Zeit vor dem majestätischen Wandgemälde in Saint-Sulpice verweilen und diesen merkwürdigen, verstörenden Ringkampf betrachten, der etwas von einer amourösen Begegnung hat – in der Jakob voller Zorn angreift, während ihn der Engel regungslos festhält, ohne sichtbare Mühe, gelassen und sogar zärtlich, ihn mit seiner linken Hand aufhält und mit der rechten seinen Oberschenkel in einer Art und Weise hält, die mehr Liebkosung erscheint als Schlag. In Jakob erkennt man Verzweiflung, ungebändigte Kraft, Zorn und Furcht. In dem Engel die absolute Seelenruhe desjenigen, der weiß, dass das Geschehen nur die Erfüllung einer Schrift ist, deren Schluss er auswendig kennt. Die drei großen Bäume, zu deren Füßen der Kampf stattfindet, erscheinen durch die sich krümmenden Zweige und Blätter lebendig: Zuschauer, die Partei für den einen oder anderen der Ringkämpfer genommen haben.

Unter den vielen Deutungen dieser Bilder ist keine, die diesen Kampf als rein physisch begreift oder ihn nicht als eine oder gar mehr Metaphern verstand – stellvertretend für die condition humaine , für die Beziehung des Menschen zu Gott, für das Verlangen des Künstlers, seine Grenzen zu überwinden und ein Werk zu hinterlassen, das die Schranken überwindet, stellvertretend für den Kampf von Leben und Tod.“[7]

Ein Jahr nach Beendigung der Arbeit an der Kapelle und ein Jahr vor seinem Tod schrieb Delacroix in sein Tagebuch: „ Dieu est en nous : c’est cette présence intérieure qui nous fait admirer le beau, qui nous réjouit quand nous avons bien fait et nous console de ne pas partager le bonheur du méchant“.[8]

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Bevor wir aber die Kirche verlassen, soll Rainer Maria Rilke zu Wort kommen mit dem Gedicht „Saint Sulpice“,  das er 1925 während eines Aufenthalts in Paris in französischer Sprache geschrieben hat: Ein Lobpreis auf die Harmonie zwischen dem Kirchenraum drinnen und dem Blumenhändler, dem Konditor und dem Devotionalienhändler Percepied draußen…

Tout s’accorde parfaitement                                                                                                        avec cette ombre dévalant                                                                                                                 de l’église haute; 

ce fleuriste effacé                                                                                                                                  et l’étalage à côte                                                                                                                                 de la pâtisserie dévote.

Cet étalage pacifié,

plein d’innombrables objets pieux                                                                                               entre Madeleine et Pacôme,                                                                                                                et le patron de ce  même lieu                                                                                                           qui s’appelle Percepied                                                                                                                     pour ne pas s’appeller Percepaume (Perce-pomme… L’église haute).

 

La Place Saint-Sulpice/plac  G org  P r c

Zum Abschluss der Kirchenbesichtigung bietet sich ein Besuch des Café de la mairie  an der Place Saint-Sulpice an. Von dort aus hat man einen schönen Blick auf die Kirche und auf den Platz. „Aucune esplanade ne met autant en valeur à Paris la théâtralité d’une église“, schreibt Kauffmann (S.82), auch wenn Servandonis Plan, den Platz mit einem harmonischen architektonischen Ensemble einzufassen, nicht ausgeführt wurde. Aber trotzdem: Der weitgehend verkehrsberuhigte Platz mit der theatralischen Kirchenfassade Servandonis und Chalgrins,  dem Gebäude der Finanzverwaltung, das auf dem Boden des bedeutenden Priesterseminars von Saint-Sulpice errichtet wurde, der mairie des 6. Arrondissements und dem repräsentativen Brunnen in der Mitte ist ein einzigartiges Ensemble. Bei schönem Wetter, draußen vor dem Café sitzend, kann man sich in der Tat fühlen wie in Rom.  Die Fontaine Saint-Sulpice aus der Mitte des 19. Jahrhunderts ehrt vier berühmte Redner und Bischöfe aus der Zeit Ludwigs XIV. Sie wird deshalb auch fontaine des quatre évéques genannt oder fontaine des orateurs sacrés.

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Im Volksmund –jedenfalls in den Mündern des gebildeten Volkes des 6. Arrondissements- wurde der Brunnen aber auch fontaine des quatre point(s) cardinaux genannt; ein hübsches Wortspiel, das darauf verweist, dass die vier Seiten des Brunnens (in etwa) den vier Himmelsrichtungen entsprechen, aber auch darauf, dass diese vier Bischöfe niemals (point) Kardinäle geworden sind…

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Der französische Schriftsteller Georges Perec hat ein kleines außergewöhnliches Büchlein über diesen Platz geschrieben: tentative d’épuisement d’un lieu parisien.  An drei aufeinander folgenden Tagen hatte Perec sich für einige Stunden auf oder am Platz Saint-Sulpice niedergelassen und alles aufgeschrieben, was er beobachtete: gewöhnliche, eigentliche unbedeutende Dinge des täglichen Lebens. Der volle Bus Nr 96, der vorbei fährt, zwei kleine Hunde „genre Milou“,  ein Mann, der die Kirche verlässt, das Geräusch der vom Wind bewegten Blätter, die Tauben auf dem Platz – und so weiter- auf 41 Seiten: „Die tausend unbeachteten kleinen Details, die das Leben in einer großen Stadt ausmachen“ –  wie es auf dem Klappentext des Buches heißt- auf dem sogar eine Parallele zu den Beobachtungen Monets an der Kathedrale von Rouen hergestellt wird: „un regard, une perception humaine, unique, vibrante, impressioniste, variable, comme celle de Monet devant la cathédrale de Rouen.“

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Einer der Beobachtungsposten Perecs war das Café de la Mairie, das Perec zu seinem 30. Todestag durch ein entsprechendes Schild geehrt hat: Place Georges Perec. Merkwürdiger Weise  ist auf  diesem Schild durchgängig der Vokal e ausgelassen:  eine besondere „hommage“ an den Autor Perec. In dessen wohl bekanntestem Roman, Disparition, einem sogenannten Lipogramm, fehlt nämlich das „e“ – es ist sozusagen auch verschwunden…

Mit den beiden Damen auf dem Foto kam ich übrigens anlässlich meines Fotos ins Gespräch. Sie hatten das Schild gar nicht bemerkt, kannten aber sehr genau seine Bewandtnis. Sie wussten auch, dass es für Perecs Roman ohne „e“ schon ein englisches Vorbild gibt. Und sie zogen eine Parallele zu den Inschriften in der Krypta oder auf dem Gnomon von Saint-Sulpice, bei denen in der Französischen Revolution einzelne Worte, Adelsprädikate oder ganze Passagen getilgt wurden. Einen geeigneteren Ort für eine Erholungspause als das  café de la mairie wird man also kaum finden.

  

Praktische Informationen

Kirche Saint-Sulpice, Métro Saint-Sulpice, Place Saint-Sulpice – Paris 75006
Führungen (auf französisch):

  • Allgemeine Kirchenführung: jeden Sonntag um 14h30
  • Der Gnomon: jeden 3. Sonntag eines Monats um 13h
  • Die Krypta: jeden 2. und 4. Sonntag eines Monats um 15.30 h. Nur auf Anmeldung. Tel. 01 42 34 59 98
  • Die Fassade (außer den Türmen): Jeden 4. Samstag eines Monats um 14 h. Ebenfalls nur auf Anmeldung (s.o.)

In Saint-Sulpice bietet der Organist Daniel Roth nach der Messe ein  halbstündiges  Orgelvorspiel an (Auditions du Dimanche), in der Regel gegen 12 Uhr.

Zwischen März  und November werden außerdem jeden Monat Orgelkonzerte organisiert.

 

en savoir plus:

De pierre et de coeur, l’église Saint-Sulpice, 350 ans d’histoire. Éditions du Cerf, 1996

Philip Feriks, Le Meridien de Paris. Une randonnée à travers l’histoire. EDP Sciences 2009

Jean-Paul Kauffmann, La Lutte avec l’Ange. Collection folio 2001

Dominique Lesbos, Secrets et curiosités des monuments de Paris. Paris 2014/2016) Kapitel Saint-Sulpice, S. 167ff

Michel Rougé, Le gnomon de l’église Saint-Sulpice. Paroisse  Saint-Sulpice 2006

Maurice Serullaz, Les Peintures Murales d’Eugène Delacroix. Paris 1963

 

 

Anmerkungen

[1] Dan Brown, Sakrileg. Bergisch Gladbach 2006, S. 125 und 148/150

Dass es sich bei der Mittagslinie von Saint-Sulpice um den Meridian von Paris handelt, ist aber ein weit verbreitetes Vorurteil. In einem neuen Paris-Führer  (in engl. Sprache) habe ich auch eine entsprechende Fehliformation gefunden: Da gibt es ein Bild der Mittagslinie in Saint-Sulpice mit der Unterschrift: „Representation in the floor of the meridian of Paris“.  (Pascal Varejka, 10 walks to discover Paris. Parigramme 2016, p.92)

[2] http://www.evous.fr/Traversee-de-Paris-a-la-recherche,1141903.html

http://pietondeparis.canalblog.com/archives/2011/06/30/21515302.html

[3]  https://de.wikipedia.org/wiki/Fran%C3%A7ois_Arago

[4] Rougé, Le gnomon de l’eglise Saint-Sulpice, S. 8

[5] Jean-Paul Kauffmann, La Lutte avec l’Ange, S. 111  Es handelt sich um ein sehr intensives und persönliches Buch des Journalisten und Schriftstellers Kauffmann  über Saint-Sulpice. Kauffmann ist in Frankreich auch deshalb sehr bekannt, weil er in seiner Funktion als Reporter drei Jahre lang im Libanon als Geisel gefangen gehalten wurde.

[6] „Als nur noch er allein zurückgeblieben war, rang mit ihm ein Mann, bis die Morgenröte aufstieg. Als der Mann sah, dass er ihm nicht beikommen konnte, schlug er ihn aufs Hüftgelenk. Jakobs Hüftgelenk renkte sich aus, als er mit ihm rang. Der Mann sagte: Lass mich los; denn die Morgenröte ist aufgestiegen. Jakob aber entgegnete: Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest. Jener fragte: Wie heißt du? Jakob, antwortete er. Da sprach der Mann: Nicht mehr Jakob wird man dich nennen, sondern Israel [Gottesstreiter]; denn mit Gott und Menschen hast du gestritten und hast gewonnen. Nun fragte Jakob: Nenne mir doch deinen Namen! Jener entgegnete: Was fragst du mich nach meinem Namen? Dann segnete er ihn dort.“ (1. Mose, Kap. 32, Vers22)  Siehe auch: http://www.deutschlandradiokultur.de/ich-lasse-dich-nicht-los.1124.de.html?dram:article_id=238232

[7] https://www.welt.de/print-welt/article184706/Der-Kampf-mit-der-Fiktion.html

[8] https://www.fondation-patrimoine.org/fr/ile-de-france-12/tous-les-projets-593/detail-chapelle-des-saints-anges-par-delacroix-a-l-eglise-saint-sulpice-13816

 

Die letzten Beiträge:

  • Die Kirche Saint -Sulpice in Paris , Teil 1 (Die Musik, die Krypta, Pigalle und die Säulen von Leptis Magna)
  • Zu Fuß zum Mont-Saint-Michel/La traversée de la baie (Juni 2017)
  • Die Kolonialausstellung von 1931 (Teil 2): Der ‚menschliche Zoo‘ im Jardin d’acclimatation und der Tausch von „teutonischen Krokodilen“ und „Menschenfressern“ zwischen Paris und Frankfurt.  (Juni 2017)
  • Das Palais de la Porte Dorée und die Kolonialausstellung von 1931 (Mai 2017)
  • Neues Leben auf alten Steinbrüchen: Der Park Buttes-Chaumont und das quartier de la Mouzaïa (Mai 2017)

 

eingestellt Juli 2017

Weitere geplante Beiträge:

  • Street-Art in Paris (1): Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • Street-Art in Paris (2): Der Invader
  • Sommer in Paris: Baden im Bassin de la Villette, in der Marne und auf/in der Seine
  • Musik und Tanz an der Marne: Au pays des guinguettes
  • Das deutsche Haus, „la maison Heinrich Heine“, in der Cité internationale universitaire in Paris

 

 

 

 

Die Kirche Saint -Sulpice in Paris , Teil 1 (Die Musik, die Krypta, Pigalle und die Säulen von Leptis Magna)

Dass ich einen Beitrag zur Kirche Saint- Sulpice schreibe, hat verschiedene Gründe: Sie ist in vielfacher Weise eine der interessantesten Kirchen  von Paris: Man braucht zur Veranschaulichung ja  nur einige Namen und Begriffe zu nennen: Heinrich Heine, Königin Isabella von Spanien, Charles Widor, Jean-Baptiste Pigalle, Delacroix,  Dan Brown, die Mittagslinie, die römischen Säulen von Leptis Magna….

Außerdem ist sie eine der schönsten und größten Kirchen von Paris –bezogen auf die Grundfläche ist sie sogar größer noch als  Notre Dame. Und die Finanzierung eines solchen Mammut-Projekts war auch außergewöhnlich: Man  veranstaltete für sie nämlich –im 18. Jahrhundert- eine Lotterie![1]

In der Kirche wurden der Marquis de Sade und  Charles Baudelaire getauft, ebenso Amalie Zephyrine von Hohenzollern-Sigmaringen, der die Gründung des Cimetière de Picpus zu verdanken ist, über den ich im Juli 2016 berichtet habe. (Der cimetière de Picpus, ein deutsch-französischer Erinnerungsort). Im Todesjahr Amalies, 1841, heiratete Heinrich Heine in Saint Sulpice seine Mathilde. 1822 hatten sich dort schon Victor Hugo und Adèle Foucher ewige Treue versprochen, die sie aber –anders als Heine und Mathilde-  nicht  hielten; ganz im Gegenteil…. Viel Prominenz also in Saint- Sulpice…[2]

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Prominent war übrigens auch der Architekt, der 1777 den Auftrag erhielt, die von einem Blitz beschädigte Fassade der Kirche zu restaurieren: Es war Jean- François Chalgrin, der Architekt also, der 1806 von Napoleon den Auftrag erhielt, den Triumphbogen der Place de l’Étoile zu entwerfen, über den ich Ende 2016 einen Bericht geschrieben hatte. (Der Arc de triomphe, Die Verherrlichung Napoleons).  Diese Gemeinsamkeit von Saint Sulpice und Arc de Triomphe war eine der vielen schönen und  überraschenden Entdeckungen, die ich bei meiner Beschäftigung mit Saint- Sulpice machte.

Motiviert zu diesem Bericht hat mich aber auch, dass  wir ganz persönliche Bezüge zu der Kirche haben: Von der kleinen Terrasse unserer Wohnung aus sehen wir nämlich –wenn auch klein und in der Ferne- zwischen den beiden Türmen und dem spitzen Dachreiter von Notre Dame- einen Turm von Saint- Sulpice.

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Aber vor allem: Ich habe öfters das Glück, in Saint -Sulpice singen zu können –  als Gast eines Chores, der dort öfters seine Konzerte veranstaltet. Als Mann und Deutscher war ich da in doppelter Weise willkommen: Als Mann, weil dort wie in den meisten Chören Frauen deutlich in der Überzahl sind; als Deutscher, weil man als solcher schon gewissermaßen mit musikalischen Vorschusslorbeeren ausgestattet ist. Musik ist jedenfalls -wie die Philosophie- ein Bereich der deutschen Kultur, der in Frankreich eine hohe Reputation genießt. Das ist mir wohl auch ein wenig zugute gekommen. (2a)

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Es gab dort schon viele schöne Konzerte, an denen ich teilnehmen konnte, zum Beispiel mit dem grandiosen  Requiem von Verdi: Hier ist die Partitur mit dem Beginn des „Sanctus“ und der obligatorischen schwarzen Fliege aufgeschlagen.

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Eine Tradition sind die jährlichen Silvesterkonzerte: Da werden das Requiem von Mozart –gewissermaßen als Abgesang auf das alte Jahr- und Dvoraks Sinfonie aus der neuen Welt als Einstimmung auf das neue Jahr aufgeführt.

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Besonders beeindruckend, ja geradezu spektakulär, waren die Konzerte 2015 und 2016 aus Anlass der  beiden Pariser terroristischen Anschläge vom 7.1.2015 auf die Redaktion von „Charly Hebdo“ und vom 13. November 2015 u.a. auf das Konzerthaus „Bataclan“.

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Dazu wurden Mitglieder zahlreicher anderer Chöre eingeladen, der Eintritt war frei und die Kirche übervoll: Eine wunderbare Möglichkeit, sein Mitgefühl mit den Opfern und seinen Abscheu vor dem islamistischen Terrorismus zum Ausdruck zu bringen und an einem einzigartigen sozialen und musikalischen Erlebnis teilzuhaben.[3]

Die Krypta

Bei der Darstellung der Besonderheiten der Kirche beginne ich mit der Krypta. Sie ist ja nicht nur das Fundament, sondern es hat mit ihr auch eine ganz besondere Bewandtnis.

Da wo heute Saint- Sulpice steht, gab es im Mittelalter zunächst eine kleine hölzerne Kirche, dann im hohen Mittelalter eine gotische Kirche, die zu dem Kloster Saint -Germain –des- Prés gehörte.

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Im 17. Jahrhundert entsprach diese Kirche nicht mehr den veränderten räumlichen und stilistischen Anforderungen, so dass man mit dem Bau einer neuen  Kirche begann.

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Der erste Bauabschnitt des Neubaus war, wie wohl immer bei solchen Erweiterungen, der Chor, der noch außerhalb der alten Kirche lag, so dass man im Verlauf des 17. Jahrhunderts sowohl die fertiggestellten neuen Bauteile als auch die alte Kirche nutzen konnte. Im 18. Jahrhundert wurde dann die alte Kirche abgerissen und überbaut. Allerdings auf einem  4-5 Meter höheren Niveau, so dass man den unteren Teil der mittelalterlichen Kirche als Krypta verwenden konnte.

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Die Krypta diente in dieser Zeit vor allem als Begräbnisstätte. Allerdings konnten sich nur sehr wohlhabende Familien dort ein Grab leisten: Die Kirche verlangte zwischen 50 und 150 Francs dafür, damals eine enorme Summe, die auch für den Neubau der Kirche verwendet wurde. (3a) Die  Grabdenkmäler  waren zum Teil sehr schön ausgestattet,  wurden aber in der Französischen Revolution geplündert- wobei es vor allem um das verwendete Blei ging, das für Waffen und Munition benötigt wurde.

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Die Begräbnisdaten –zum Teil entsprechend dem neuen Revolutionskalender- sind aber noch an vielen Stellen erhalten.

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Die Revolutionäre hatten es aber nicht nur auf das Blei abgesehen, sondern –selbst hier unten in der Krypta- auf alles, was an das verhasste feudale System erinnerte. Da wurden dann auf den Grabplatten die Adelstitel getilgt und  aus der Anne de Montmorency wurde eine Anne . . Montmorency…

Es gibt auch ein merkwürdiges Grabmal von 1742 mit der bruchstückhaften Aufschrift „d’Espagne“.

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Hier handelt es sich um das Grab einer leibhaftigen spanischen Königin – deren königliche Attribute auf der Wandinschrift von den Revolutionären natürlich ebenfalls getilgt wurden. Begraben ist hier Louise Elisabeth d’Orléans, Mademoiselle de Montpensier, eine Enkelin Ludwigs XIV.  1722 wurde sie mit Louis, dem spanischen Thronfolger verheiratet. 1724 wird Louis König, Isabella Königin.  Er war damals 15 Jahre alt, sie 13. Allerdings starb Louis noch im gleichen Jahr an Pocken. Die junge Witwe lebte danach völlig zurückgezogen und streng bewacht in Madrid, konnte aber schließlich in ihre Heimat zurückkehren. 1742 starb sie im Palais du Luxembourg. Da die kurze Ehe mit dem spanischen König kinderlos geblieben war, hatte sie nicht das Recht, an der Seite ihres Mannes bestattet zu werden. Die Alternative war Saint- Sulpice…

Die  letzten Bestattungen fanden 1802 statt, danach wurden ja die Toten in den außerhalb der Stadt neu angelegten Friedhöfen (Père Lachaise, Cimetière de Montmartre, Cimetière de Montparnasse etc) bestattet. Ganz wenige Ausnahmen gab es allerdings: zuletzt die Bestattung von Charles  Widor 1937, doch dazu später mehr.

Die gotische  Fassade der alten  Kirche wurde übrigens zunächst an  ein Kloster verkauft und diente, nach dessen Auflösung in der Französischen Revolution als Eingang für ein nobles Hôtel pariculier. Als dieses dann wiederum einem neu angelegten Boulevard zum Opfer fiel, verkauften die Besitzerinnen des Hôtels die Fassade an die Kirche Saint Saturnin in Nogent –sur- Marne, wo sie sich heute noch befindet.[4]

 

Die Chapelle de la Vierge,  Jea-Baptiste Pigalle und die Säulen von Leptis Magna

Der erste Bauteil der neuen Kirche war die Chapelle  de la Vierge, die  Marienkapelle, die den Abschluss des Chors bildet. Es ist ein eigenständiger grandioser Raum mit einer geradezu theatralischen Inszenierung – ein Werk des Florentiner Architekten Servandoni, nach Diderot „le grand machiniste, le grand architecte, le bon peintre et le sublime décorateur.“[5]

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Die Kapelle  ist raffiniert durch Öffnungen in der Decke beleuchtet. Im Mittelpunkt steht eine Mariendarstellung  von Jean-Baptiste Pigalle aus dem  Jahr  1754. Sie erstrahlt  –nach dem Vorbild Berninis-  gewissermaßen in himmlischem Licht. Maria  steht ruhig und sicher auf einer Weltkugel, das Kind auf dem Arm. Unter ihrem Fuß sieht man eine riesige Schlange, die aber offenkundig schon besiegt  ist: Es wird aber kein Kampf dargestellt,  Maria und das Jesuskind werden auch nicht in Siegespose präsentiert. Aber die Botschaft ist eindeutig: Die Macht des Bösen/der Finsternis ist durch Maria und ihr Kind gebrochen.

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Die Maria von Pigalle hat übrigens eine frühere Maria ersetzt, die dort stand. Diese sollte nach dem Willen des damaligen curé, Languet de Cergy, unbedingt aus Silber sein. Da es der Gemeinde aber –deshalb ja auch wie oben erwähnt die Lotterie- an Mitteln für das Kirchenprojekt fehlte, soll der Geistliche keine Skrupel gehabt haben, etwas von dem Tafelgeschirr mitzunehmen, wenn er zum Diner eingeladen war, und es dann zu Geld zu machen.  Die silberne Madonna wurde deshalb im Volksmund auch „Notre-Dame de la vieille  vaisselle“ genannt….

Von Pigalle stammen auch zwei schöne Weihwasserbecken am Eingang der Kirche und in der Sakristei, beide  in Form einer Muschel gestaltet und mit zahlreichen Meeres-Ornamenten verziert – zum Beispiel mit einem wunderbaren Seestern…

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oder diesem Krebs[6].

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Jean-Baptiste Pigalle war ein bedeutender Bildhauer des 18. Jahrhunderts, der auch die Gunst des Königs besaß. Ludwig XV. schenkte zwei Plastiken von Pigalle dem alten Fritz für den  Schlosspark von Sanssouci, einen Merkur und eine Venus, eine beziehungsreiche Kombination. Und ein wahrhaft königliches Geschenk: Immerhin war der Merkur der Anlass für die Aufnahme des gerade 30-jährigen  Pigalle in die „Académie Royale de Peinture et de Sculpture“. 

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Am Fuß der Terrassenanlage rechts und links des Aufgangs zum Schloss erhielten die beiden „Superstars von Sanssouci“  Ehrenplätze.[7]

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Nach Pigalle ist übrigens auch die berühmt-berüchtigte Place Pigalle in Paris benannt. Der Schöpfer der himmlischen Maria von Saint Sulpice und der zwar nackten, aber doch keineswegs herausfordernden Venus von Sanssouci hätte sich wohl kaum träumen lassen, dass er einmal diesem Platz -nach einem schönen alten Schlager von Bill Ramsey die „Mausefalle von Paris“- seinen Namen geben würde.

Die Marienstatue von Pigalle ist eingerahmt von sechs wunderbaren Marmorsäulen, mit denen es eine besondere Bewandtnis hat: Es sind nämlich Säulen von der römischen Stadt Leptis Magna in Nordafrika! Es ist wert erzählt zu werden, wie diese Säulen von der Wüstenstadt Leptis Magna in die Marienkapelle von Saint- Sulpice gelangen.[8] Leptis Magna, an der libyschen Küste gelegen,  war die Heimatstadt des spätrömischen Kaisers Septimius Severus. Die Stadt wurde von ihm ausgebaut und mit prächtigen und repräsentativen Bauwerken versehen, versank dann allerdings nach dem Ende des römischen Reichs im Wüstensand. Heute ist Leptis Magna laut Wikipedia „die größte erhaltene antike Stadt der Welt“ und gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Allerdings begann man sich schon im 16. Jahrhundert für die Ruinen von Leptis Magna zu interessieren – allerdings nicht aus archäologischem Interesse. Man nutzte vielmehr die römischen Bauten als Steinbruch für Marmorblöcke, aber auch um mit römischen Skulpturen und Säulen neue Bauten an anderer Stelle zu schmücken. So gelangten Säulen von Leptis Magna nach Konstantinopel, nach Malta oder in eine nordafrikanische Moschee… und eine ganze Reihe auch nach Frankreich. Dort war zur Zeit des Sonnenkönigs der Bedarf an antiken Säulen immens. Die Akademie Frankreichs in Rom erhielt von Colbert ausdrücklich den Auftrag, römische Antiquitäten zu kaufen.  Da traf es sich gut, dass es Ende des 17. Jahrhunderts eine Auseinandersetzung zwischen Frankreich und  Tripolis gab. Die Stadt wurde von der königlichen Flotte beschossen und die Bevölkerung zu hohen Strafzahlungen verurteilt. Geld hatten die Tripolitaner nicht, aber dafür römische Ruinen  in der Nähe. 1688 schickte Frankreich einen Konsul nach Tripolis, Claude Lemaire,  der ein großer Freund von Antiquitäten war und der es als seine vornehmste Aufgabe ansah, die besten Säulen  nach Frankreich zu holen. In einem Bericht nach Paris schrieb er, Leptis magna sei die schönste Stadt Afrikas gewesen und die reichste an Marmor. Aus einem einzigen Tempel habe er 200 Säulen und Stücke geborgen.

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Insgesamt soll Claude Lemaire etwa 300 Säulen aus Leptis Magna nach Frankreich „exportiert“ haben. Erstaunlicherweise wurde keine davon für den Bau von Versailles verwendet – dafür einige in der Kathedrale von Rouen,  andere in einer Kirche in Brest und acht schmücken seit der Französischen Revolution –nach einer Zwischenstation als Träger eines Baldachins in Saint-Germain-des- Prés-  die Große Gemäldegalerie des Louvre.  Die 6  Leptis-Magna-Säulen in der chapelle de la vierge, die der findige curé Languet für Saint-Sulpice organisiert hatte, überstanden alle  Stürme der Zeit: Einen Brand des Marktes von Saint-Germain, durch den die Kapelle beschädigt wurde, einen Blitzeinschlag an der Westfassade der Kirche und die Französische Revolution, die der Kirche ansonsten arg zusetzte: So bleibt die chapelle de la vierge ein wunderbares Ensemble, das man vielleicht mit noch mehr Aufmerksamkeit betrachten und bewundern wird, wenn man auch etwas seine außerordentliche Entstehungsgeschichte im Blick hat.

 

Die große  Orgel  und Charles Widor

Mit der Musik hat dieser erste Teil des Berichts über Saint- Sulpice begonnen und mit Musik endet er auch. Saint Sulpice besitzt nämlich eine außergewöhnliche Orgel, und es gibt sogar Bestrebungen, sie in das Weltkulturerbe der UNESCO aufzunehmen. Sie geht zurück auf ein Instrument, das 1781 von dem Orgelbauer François- Henri Clicquot gebaut wurde, und das –wie auch die Orgel von Notre Dame –  den Vandalismus von Revolutionären gut überstand. Bei der Orgel von Notre Dame war es ein pfiffiger Organist, der durch die Intonation und Improvisation der Marseillaise und anderer  Revolutionslieder sein Instrument rettete. Bei Saint -Sulpice soll der Retter ein blinder „souffleur“ gewesen sein, also einer der fünf Gehilfen, die die Orgel beim Spiel mit der erforderlichen Luft versorgten, bevor ein elektrisches Gebläse eingebaut wurde.

Dieser Souffleur habe nämlich vorgeschlagen, durch die Anbringung von Siegeln an der zur Orgel führenden Tür die zerstörungswütigen Revolutionäre zu täuschen, was offensichtlich auch gelang. So konnte sie ab 1800 wieder als Instrument genutzt werden. 1862 baute  Aristide Callaillé-Coll eine neue Orgel Die alte klang inzwischen „wie ein Chor alter Frauen“ – so jedenfalls das Urteil eines zeitgenössischen Beobachters: Der Geschmack und die liturgischen Anforderungen hatten sich inzwischen geändert. Calvailé-Coll verwendete aber große Teile der alten Orgel. Sein Bestreben war es, wie er sagte, in Saint Sulpice eine Verbindung zwischen der alten und der neuen Kunst herzustellen. Mit ihren 100 Registern war sie eine der größten Europas oder –wie man auch lesen kann- sogar die größte der Welt. Bis heute ist sie kaum verändert und gilt als „eines der Hauptwerke des spätromantisch-sinfonischen Orgelbaus.“[9]

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International berühmte Komponisten wie Felix Mendelssohn-Bartholdy, Franz Liszt und Anton Bruckner haben auf diesem Instrument gespielt.

Und vor allem hat auf diesem Instrument Charles-Marie Widor gepielt. Widor wurde 1870 zum Titular-Organisten von Saint Sulpice ernennt, eine Stellung, die er 64 Jahre lang innehatte! Der Schöpfer der Orgel von Saint-Sulpice, Aristide Cavaillé-Coll war mit der Familie Widor befreundet, hatte die Begabung des kleinen Charles-Marie erkannt und ihn nach Kräften gefördert. Und als Widor dann Organist von Saint- Sulpice wurde, inspirierte die Orgel mit ihrem Klangreichtum ihn zu seinen Orgelsinfonien.

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Diese enge Verbundenheit von Widor mit Saint-Sulpice und seiner Orgel erklärt, warum dem Organisten und Komponisten die Ehre zu Teil wurde, in der Krypta von Saint-Sulpice bestattet zu werden, lange nachdem als Begräbnisstätte ausgedient hatte.

Widors berühmtestes Stück ist die Toccata aus der 5. Orgelsinfonie, in der Widor die technischen Möglichkeiten der Cavillé-Coll-Orgel  voll ausspielte.  Von ihr existiert eine Aufnahme aus dem Jahr 1932 – von ihm selbst gespielt im Alter von 88 Jahren- natürlich auf der Orgel von Saint -Sulpice.[10]

 

Demnächst gibt es dann den zweiten Teii des Textes über Saint Sulpice.  Darin werde ich auf die beiden wohl bekanntesten Sehenswürdigkeiten von Saint Sulpice eingehen: den Gnomon und die von Delacroix ausgemalte Kapelle.

 

 Anmerkungen

[1] https://www.patrimoine-histoire.fr/Patrimoine/Paris/Paris-Saint-Sulpice.htm  Die Größe der Kirche erklärt sich durch die hohe Einwohnerzahl  der Gemeinde im 17. Jahrhundert, als der Bau der neuen Kirche begann, nämlich etwa 100 000. Im deutschsprachigen Flyer der Kirche („Willkommen in Saint-Sulpice“) wird die Kirche sogar als „die grösste in Paris“ bezeichnet

Dan Brown schreibt in „Sakrileg. The Da Vinci Code“, die Kirche entspreche „in den  Abmessungen ihres Grundrisses bis auf wenige Zentimeter der Kathedrale von Notre Dame.“  Das trifft nicht zu: Länge Saint Sulpice 118 m; Länge Notre Dame 130 m; mit ihrer Breite von 57 m übertrifft Saint Sulpice aber Notre Dame deutlich). Dan Brown, Sakrileg. Lübbe-Taschenbuch 2006, S. 125

Was die Finanzierung durch eine Lotterie angeht: Es gab schon 1701 eine „loterie royale“ zur Finanzierung des Neubaus von Laint-Louis-en l’île. Vielleicht diente die als Vorbild für Saint-Sulpice. (siehe Faltblatt zur Geschichte von Saint-Louis-en-l’île, das dort ausliegt)

[2] http://www.lexpress.fr/culture/livre/les-secrets-de-saint-sulpice_812679.html

(2)  Die, die mich kennen, können mich vielleicht sogar auf dem Bild finden. (Tipp: bei den Bässen auf der rechten Seite, in der ersten Reihe)

[3] http://www.avantchoeur.com/choeurs/actualites/241-le-choeur-hugues-reiner-rend-hommage-aux-victimes-des-attentats-du-13-novembre

(3a) Patrick Saletta, A la découverte des souterrains de Paris. Anthony 1993, S. 157

[4]  https://fr.wikipedia.org/wiki/%C3%89glise_Saint-Saturnin_de_Nogent-sur-Marne

[5] Zit. in: „Les colonnes antiques de Saint-Sulpice“. In: Henri-Paul Eydoux: Monuments méconnus. Paris et Ile-de-France. Paris 1975, S. 79

[6] https://www.patrimoine-histoire.fr/Patrimoine/Paris/Paris-Saint-Sulpice.htm

[7] Günter Schwenke, Die Superstars von Sanssouci sind wieder da. In: Tagesspiegel/Potsdamer Neueste Nachrichten vom 3. 7. 2010.   http://www.pnn.de/potsdam/306766/

Die Pigalle-Plastiken in Sanssouci sind neue Kopien, die Originale befinden sich im Bode-Museum

[8] Ich beziehe mich dabei auf: „Les colonnes antiques de Saint-Sulpice“. In: Henri-Paul Eydoux: Monuments méconnus. Paris et Ile-de-France. Paris 1975, Seite 71-80

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/St-Sulpice_(Paris) Dort auch die Abbildung des Spieltischs der Orgel mit der Herstellerplakette.

(a href=httpcreativecommons.orglicensesby-sa2.5 title=Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5CC BY-SA 2.5a, a href=httpscommons.wikimedia.orgwindex.phpcurid=1011149Linka)

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/5._Orgelsinfonie_(Widor)

https://www.youtube.com/watch?v=J8vz1D_L_OE

https://de.wikipedia.org/wiki/Charles-Marie_Widor

 

 Praktische Informationen

Kirche Saint-Sulpice, Métro Saint-Sulpice, Place Saint-Sulpice – Paris 75006
Führungen (auf französisch):

  • Allgemeine Kirchenführung: jeden Sonntag um 14h30
  • Der Gnomon: jeden 3. Sonntag eines Monats um 13h
  • Die Krypta: jeden 2. und 4. Sonntag eines Monats um 15.30 h. Nur auf Anmeldung. Tel. 01 42 34 59 98
  • Die Fassade (außer den Türmen): Jeden 4. Samstag eines Monats um 14 h. Ebenfalls nur auf Anmeldung (s.o.)

In Saint-Sulpice bietet der Organist Daniel Roth nach der Messe ein  halbstündiges  Orgelvorspiel an (Auditions du Dimanche), in der Regel gegen 12 Uhr.

Zwischen März  und November werden außerdem jeden Monat Orgelkonzerte organisiert.

 Pour en savoir plus:

De pierre et de cœur, l’église Saint-Sulpice, 350 ans d’histoire aux Éditions du Cerf, 1996

Dominique Lesbos, Secrets et curiosités des monuments de Paris. Paris 2014-2016 (Kapitel Saint-Sulpice, S. 167ff

Michel Rougé, Le gnomon de l’église Saint-Sulpice. Paroisse Saint-Sulpice 2006

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Die Kolonialausstellung von 1931 (Teil 2): Der „menschliche Zoo“ im Jardin d’acclimatation und der Tausch von „teutonischen Krokodilen“ und „Menschenfressern“ zwischen Paris und Frankfurt

Im ersten Teil des Beitrags über die Pariser Kolonialausstellung (Das Palais de la porte dorée und die Kolonialausstellung von 1931, Mai 2017) ging es vor allem um das zentrale Ausstellungsgebäude, das Palais de la porte dorée, ein architektonisch bemerkenswertes Art déco-Gebäude. Seine mit Reliefs geschmückte Fassade und die Ausgestaltung seiner repräsentativen Innenräume waren Ausdruck einer damals verbreiteten Ideologie, die die zivilisatorische Mission des französischen Kolonialismus überhöhte und gleichzeitig mit der Herausstellung des exotischen Flairs und des ökonomischen Nutzens Werbung  für die kolonialen Ambitionen des Landes betrieb.

Im  nachfolgenden zweiten Teil des Beitrags geht es auch in ganz besonderer  Weise um exotisches Flair und ökonomischen Nutzen: Nämlich um die auf das Interesse an Exotismus,  die Sensationslust und das Portemonnaie von Zuschauern zielende  Präsentation von Kanak, Eingeborenen der Kolonie Neukaledonien, in einem „menschlichen Zoo“. Ausgestellt wurden die angeblichen „Menschenfresser“ in Frankreich und Deutchland – eine ganz besondere Form deutsch-französischer Kooperation Anfang der 1930-er Jahre.  (1)

Die Kanak im Jardin d’acclimatation

Im „Rahmenprogramm“ der Kolonialausstellung fand auch eine „Völkerschau“ statt. Solche Veranstaltungen hatten in Europa eine lange Tradition und der übliche Ort der Ausstellung „exotischer“ Menschen in Paris war der jardin d’acclimatation  im Westen der Stadt.[1a]

 

Der jardin d’acclimatation war zur Zeit Napoleons III.  am Rand des Landschaftsparks Bois de Boulogne geschaffen worden. Er war –nach den Worten seines Planers- zunächst dazu bestimmt, Tiere auszustellen, die zum menschlichen Vorteil „ihre Kraft, ihr Fleisch, ihre Wolle und andere Produkte aller Art der Landwirtschaft, der Industrie oder dem Handel zur Verfügung stellen“ oder die auf alle mögliche Weise „zu unserer Erholung und unserem  Vergnügen“  dienen.[2]

Es wurden aber nicht nur Tiere ausgestellt, sondern auch Menschen. Dies hat in Europa eine lange Tradition. Zunächst waren es vor allem Menschen mit anatomischen Besonderheiten wie Saartje Baartman,  die „schwarze“ oder „Hottentten- Venus“ aus Südafrika mit besonders ausladendem Hinterteil, breiten Hüften und außergewöhnlich großen Genitalien. Sie wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts zunächst in London, dann im Paris Napoleons in einem Käfig ausgestellt und in Bordellen missbraucht und diente selbst nach ihrem Tod noch als Stoff für Unterhaltung und Amüsement.

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Aber Saartjie Baartman war auch Gegenstand zweifelhafter wissenschaftlicher Studien, die in ihr die Repräsentantin einer minderwertigen affenähnlichen Rasse sahen.[3]  Mit der Ausbreitung des Kolonialismus und der imperialistischen Aufteilung der Welt wurde die Ausstellung ganzer exotischer Menschengruppen populär. Der Hamburger Zoodirektor Carl Hagenbeck  präsentierte 1874 eine Gruppe von Lappen zusammen mit ihren Rentieren, die erste „Völkerschau“.  Es war sozusagen das Markenzeichen Hagenbecks, Menschen  aus fernen Ländern zusammen mit den für ihre Heimat charakteristischen Tieren auszustellen. Die Menschen wurden dabei allerdings, wie Sánchez-Gómez in seiner Arbeit über „Human Zoos or Ethnic Shows?“ schreibt,  nicht auf die Stufe von Tieren gestellt. „Die Eingeborenen waren angestellt und wurden anständig behandelt.“ Bei ihrer Präsentation sei vor allem die Exotik  ausschlaggebend gewesen. Und der Erfolg solcher Völkerschauen war garantiert. Karl Kerr berichtet nach einem Besuch der Berliner Gewerbeausstellung von 1896:

„Hier ist der leibhaftige Orient. Beduinen, Derwische, Kairenser, Türken, Griechen und die dazugehörigen Weiberchen und Mägdlein sind in unbestreitbarem Originalzustande vorhanden.“[4]

In Frankreich war der jardin d’acclimatation in diesem Bereich führend. In einem französischen Reiseführer von 1903 wird unterstrichen, dass die dortigen ethnographischen Ausstellungen das doppelte Verdienst hätten, die Neugier der Besucher zu wecken und sie zu belehren, indem ihnen menschliche Rassen vor Augen geführt würden.

Auch die im Entstehen begriffene Anthropologie interessierte sich für diese Präsentationen. Ihr kam es darauf an, anhand morphologischer Parameter menschliche Rassen zu identifizieren und zu bewerten, wobei der „weißen Rasse“ natürlich unumstritten der erste  Platz zukam. Dieser rassistische Ansatz war dann auch eine ideologische Grundlage für den Kolonialismus und später für den nationalsozialistischen Exterminismus.

Es gab aber auch Gegenstimmen: Der Anthropologe  Paul Topinard (1830-1911) zum Beispiel verurteilte  den Umgang mit 26 im Jardin d’acclimatisation ausgestellten Somaliern. „Man hat diese Unglücklichen in einem Gehege untergebracht, das genau dem der Känguruhs gleicht. … Unter den Augen einer mitleidlosen Menge lässt man sie springen, tanzen und heulen. … Wann wird man (leider unter dem Vorwand der Wissenschaft!) aufhören, die noble menschliche Kreatur so zu behandeln?“

Sein Appell verhallte aber ungehört, auch nachdem 1892 drei Indianer aus Guyana dem Pariser Klima zum Opfer gefallen waren. Erst 1931 hörten die von der Parkverwaltung geförderten, die Sensationslust der Besucher anstachelnden ethnologischen Ausstellungen im jardin d’acclimatisation auf. Allerdings mit dem abscheulichen Höhepunkt einer Ausstellung von 111 Kanak, den Einwohnern der französischen Südsee-Kolonie Neukaledonien, 91 Männern, 14 Frauen und 6 Kindern. Eine der Frauen  war schwanger und sollte in Paris ihr Kind bekommen.  Die Kanak, wie sie sich selbst nennen –es ist ihre Bezeichnung für „Mensch“-  wurden unter Vorspiegelung falscher Tatsachen nach Paris gelockt.[5]  Es sollte eine angenehme Reise werden in das „mère-patrie d’adoption“, mit der Präsentation heimischer Tänze und Gesänge. Sie sollten Paris und Frankreich gewissermaßen als Touristen kennenlernen, in dem einige schon im Krieg als Soldaten unter der Tricolore  gekämpft hatten.  In Didier Daeninckx‘ Erzählung mit dem ironischen  Titel „Reise eines Menschenfressers nach Paris“, in dem es um die Ausstellung der angeblichen Menschenfresser auf der Kolonialausstellung von Paris geht, liest sich das  – in den Worten des stellvertretenden Gouverneurs von Neukaledonien- so:

„Diese Reise ist die Chance eures Lebens. Dank der Féderation Française des Anciens Coloniaux, die sich beim Herrn Gouverneur dafür einsetzte, wird Neukaledonien im Herzen der nächsten Kolonialausstellung den ihm gebührenden Platz einnehmen. Neben euren Brüdern aus Afrika, Asien, Amerika, die auf dem Weg zur Zivilisation sind wie ihr, werdet ihr die von euren Vorfahren überkommene Kultur Ozeaniens repräsentieren. Mit euren Gesängen und Tänzen werdet ihr zeigen, dass kolonisieren nicht nur bedeutet, den Dschungel zu roden, Uferbefestigungen und Fabriken zu errichten, Straßen zu bauen, sondern auch die wilden Seelen der Wüste, des Waldes und des Buschs für die menschliche Sanftmut zu erobern.“[6]

In Paris angekommen, gab es allerdings ein böses Erwachen. Die Kanaks wurden, bezeichnender Weise neben den Krokodilen, in primitive Hütten gesperrt und dem gutgläubigen Publikum als „polygame menschenfressende Wilde“ präsentiert.[7]

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Dass es gerade Menschen aus Neukaledonien, waren, die so präsentiert wurden, ist sicherlich kein Zufall. In der Tat gab es vor der Kolonisierung durch die Europäer im Rahmen kriegerischer Rituale Praktiken des Kannibalismus.[8] Aber das lag schon lange zurück. Verrufen war die Kolonie aber vor allem, weil sie zwischen 1864 und 1897  als Ort der Deportation und  Zwangsarbeit für Straftäter diente, 1871 dann auch für zur Deportation verurteilte Communarden wie Louise Michel. Dass die sich für die Sprache und Kultur der Kanak interessierte, war damals völlig außergewöhnlich: Vorherrschend war das Bild der unzivilisierten Wilden, zu dem auch die im 19. Jahrhundert verbreitete und sensationell aufgemachte  Vorstellung der Südsee-Kannibalen gut passte. Das Bild der mordlüsternen Wilden prägte auch der amerikanische Schriftsteller Hermann Melville,  der die Eindrücke einer Reise auf die Marquesas-Inseln in seinem Roman „Typee“ (1846) verarbeitete. Dort berichtet er “ von einem hölzernen Kochgefäß (??? W.J.), das auf dem Dorfplatz steht. Melville hebt den Deckel und erblickt Teile eines menschlichen Skeletts, die Knochen noch frisch und feucht.“  Noch 2011, als auf den Inseln ein deutscher Tourist ermordet wurde, spekulierte BILD, es könne sich um einen Akt des Kannibalismus gehandelt haben…  (8a)

Marschall Lyautey, der Verantwortliche der Kolonialausstellung, lehnte allerdings eine sensationslüsterne Ausstellung von Menschen ab. Er untersagte rassistische Darstellungen und wollte stattdessen einen „kolonialen Humanismus“ präsentieren. In seiner Eröffnungsrede sagte er, die Ausstellung sei ein Lehrstück der Verbindung zwischen den Rassen, die unterschiedlich seien, bei denen man aber nicht höhere und niedere unterscheiden dürfe.[9] Im offiziellen Programm der Kolonialausstellung wurden die Besucher ausdrücklich gebeten, über Fremde, die  ihre Kultur präsentieren, nicht zu lachen. Ein solches verspottendes Lachen habe den Franzosen mehr Feinde gemacht als grausame Niederlagen oder kostspielige Verträge.[10]

Im jardin d’acclimatation, auf der anderen Seite  der Stadt, war man da weniger zimperlich. Dort mussten die „Wilden“ sich so aufführen, wie es der Vorstellung von angeblichen „Menschenfressern“ entsprach, also entsprechend wilde Schreie ausstoßen (obwohl sie perfekt Französisch sprachen) und rohes Fleisch essen. Die Männer mussten Baumstämme aushöhlen, um Pirogen zu bauen, und bei ihrem Kriegstanz pilou-pilou bedrohlich ihre Speere schwingen, die Frauen ihre von den Kolonisatoren eingeführten „Missionshemden“ wieder ausziehen und sich dem Publikum mit nackten Brüsten zeigen. Die Zuschauer bedankten sich dafür, indem sie die „Wilden“ mit Bonbons, Erdnüssen und Bananen,  manchmal aber auch mit Steinen bewarfen.[11] Von den Franzosen sollten die Eingeborenen auf Wunsch des Gouverneurs von Neukaledonien ausdrücklich fern gehalten werden, um einen Kontakt mit den „mauvais éléments“ der großen Städte, also wohl antikolonialistischen Aktivisten, zu verhindern.[12]   Die nach Paris gelockten Kanak wurden  also veranlasst, die Rollen von „Wilden“ zu spielen, die sie ganz  und gar nicht waren: ein anschauliches Beispiel für die „invention du sauvage“ , der das musée Branly und der jardin d’acclimatation 2011/12 und 2013 Ausstellungen widmeten. Die Völkerschauen haben zu dieser „Erfindung des Wilden“ und damit auch zur vorurteilsbeladenen Stigmatisierung von Menschen anderer Hautfarbe und Kultur einen wesentlichen Beitrag geleistet.

 

In einer zeitgenössischen Werbung für die Ausstellung der Kanak sah das dann so aus:

Machen Sie einen Rundgang im jardin d’acclimatation. Sie werden dort Schilder mit folgenden mit Pfeilen versehenen Hinweisen finden:

←Krokodile   canaques →

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Wenn Sie es vorziehen,  die canaques anzusehen, werden Sie feststellen, dass diese Tiere weniger lustig sind als die anderen großen Affen…“ [13]

Die Nachbarschaft von angeblich menschenfressenden Kanaken und potentiell menschenfressenden Krokodilen war sicherlich nicht zufällig. Umso dramatischer, dass kurz vor Eröffnung der Kolonialausstellung plötzlich die Krokodile verendeten.

Der Tausch von „teutonischen Krokodilen“ und Kanak

Was nun folgte, erzählt  Didier Daeninckx‘ in der „Reise eines Menschenfressers nach Paris“. Der Verwaltungsdirektor der Ausstellung. Albert Pontevigne, hat  seinen Assistenten einbestellt:

  • Ach da sind Sie ja endlich, Grimaut! Es ist über zwei Stunden her, dass  ich Sie haben rufen lassen…. Was ist mit den Krokodilen? Ich bin heute Morgen durch den Park gegangen, bevor ich ins Büro kam, und ich habe kein einziges im Teich gesehen….

Grimaut fängt an zu schwitzen. Er senkt die Augen.

  • Heute nacht hatten wir große Probleme, Herr Direktor…. Keiner kann sich erklären, wie das geschehen konnte…
  • Hören Sie auf, in Rätseln zu sprechen! Wo sind unsere Krokodile?
  • Sie sind alle auf einen Schlag gestorben… Man nimmt an, dass sie nicht die richtige Nahrung bekommen haben… Wenn sie nicht jemand  vergiften wollte…

Dem Verwaltungsbeamten bleibt einen Moment die Stimme weg, dann fängt er an zu brüllen. Grimaut  schluckt schwer.

  • Tot! Alle tot! Das soll wohl ein Witz sein… Was hat man ihnen zu essen gegeben? Sauerkraut, Bohnen mit Speck? Ist Ihnen klar, was das heißt, Grimaud? Wir haben drei Monate gebraucht, um sie aus der Karibik kommen zu lassen…. Drei Monate! Was soll ich dem Präsidenten und dem Marschall morgen vor dem leeren Teich erzählen? Dass wir Seerosen züchten? Sie werden ihre Krokodile suchen, und wir müssen eine Lösung finden… Ich hoffe, Sie haben schon angefangen, darüber nachzudenken…

Der Adjunkt holt ein Taschentuch hervor. Er  betupft sich die Stirn.

  • In den nächsten Stunden müsste wieder alles in Ordnung kommen, Herr Direktor… Ich werde hundert Tiere als Ersatz bekommen, zur Eröffnungszeremonie. Krokodile, Kaimane, Alligatoren… Sie kommen mit dem Nachtzug an der Gare de l’Est an….
  • An der Gare de l’Est? Und sie kommen woher?

Grimaud deutet ein Lächeln an.

  • Aus Deutschland.
  • Teutonische Echsen! Nicht zu fassen… Und wo haben Sie Ihre Krokodile gefangen, wenn die Frage nicht indiskret  ist?

Der Untergebene tritt von einem Fuß auf den  anderen.

  • Ganz einfach, am Telefon. Sie stammen aus der Menagerie des Zirkus Höffner aus Frankfurt am Main. Zwei Jahre lang waren sie die Hauptattraktion, aber die Leute haben sie satt. Der Zirkus sucht nach einem Ersatz, um das Publikumsinteresse aufzufrischen, und mein Vorschlag kam gerade richtig.

Albert Pontevigne runzelt die Brauen.

  • Ein Vorschlag? Habe ich richtig verstanden? Ich hoffe, dass Sie nicht zu weit gegangen sind, Grimaut.
  • Ich glaube nicht… Ich habe versprochen, ihnen im Austausch ungefähr 30 Kanaken zu leihen. Sie werden sie uns im September zurückgeben, wenn ihre Tournee zu Ende gegangen ist.“ (S. 21-23)

 

Eine solche  Szene könnte sich tatsächlich abgespielt haben. Allerdings war es wohl nicht  der Zirkus Höffner, der die Krokodile lieferte, sondern der Frankfurter Zoo, der sie dann aber an den Tierpark Hagenbeck in Hamburg weitergab. Der stellte sie dort aus, wo  sich heute das Gehege der  Elefanten  befindet, wie der Urenkel von Claus Hageneck, Dr. Carl Claus Hagenbeck, dem Filmemacher Alexandre Rosada erläuterte.[14]

Ein Teil der Kanak blieb dort, ein anderer wurde auf Tournee geschickt und  in den Zoos von Leipzig, Köln, Frankfurt und Hannover sowie auf dem Oktoberfest in München gezeigt.[15]

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Auf der homepage  des Frankfurter Zoos findet sich unter der Rubrik Sonderveranstaltungen/Völkerschauen folgende Information:

Auch im Zoologischen Garten Frankfurt gastierten zwischen 1878 und 1931 immer wieder Völkerschauen. Je nach Volk und Anbieter variierte die „Schau“, doch gewöhnlich sollte den Besuchern das jeweilige Leben nähergebracht werden. Dazu führten die Akteure Volkstänze auf und zeigten ihre Fertigkeiten vor allem in handwerklichen Tätigkeiten, deren Produkte auch zum Kauf angeboten wurden. Die Zoobesucher durften die Dörfer nur zu festgelegten Zeiten gegen Zahlung eines Sondereintritts betreten. Die meisten Völkerschauen, die in Frankfurt gastierten, wurden von Tierhändlern zusammengestellt, mit denen der Zoologische Garten Frankfurt sowieso zusammenarbeitete, und standen im Zusammenhang mit Tiertransporten.[16]

Hier wird das Jahr 1931 als letztes Jahr einer Völkerschau im Frankfurter Zoo genannt wird, allerdings (schamhaft?) verschwiegen, dass es die gegen die Krokodile eingetauschten Kanak waren, die dort „gastierten“. Zu hoffen ist jedenfalls, dass sie in Frankfurt menschenwürdiger behandelt wurden als im jardin d’acclimatisation in Paris. In Hamburg scheint das jedenfalls nicht so gewesen zu sein, wie aus einem Brief des Schreibers der Gruppe vom 3. Juni 1931 hervorgeht, den er an einen Pariser Bekannten richtete. In dem Brief wird berichtet, dass die Kanak im HamburgerZoo von morgens bis abends „Spiele“ vorführen müssten wie Tanz, Wettlauf, Speerwurf, das Klettern auf hohe Masten etc.  Außerdem müssten sie riesige Bäume aushöhlen, um Einbäume herzustellen, auf denen die Besucher des Zoos dann herumfahren würden. Beim Tanz dürften sie nur einen Lendenschutz tragen, keine Hose, kein Hemd und keine Schuhe. Anders als in Paris müssten sie auch bei Regen –den es schon öfters gegeben habe- auftreten. Am schlimmsten sei, dass sie im kalten Wasser schwimmen müssten, denn in Hamburg sei es noch kälter als in Paris. In ihrer Hütte gäbe es weder Matten  noch Stroh, um die Zuschauer glauben zu machen, sie seien Wilde, wie der Direktor ihnen erklärt habe. In einem anderen Brief schrieb der Chef der Gruppe, sie wollten dringend „la chère France“ wiedersehen. In Hamburg würden sie wie Sklaven behandelt. Allerdings wurde bei den Kanak auch vermutet, dass die Briefe in ihrem Namen von französischen Philanthropen geschrieben worden seien, die auf diese Weise erreichen wollten, dass die Gruppe, die nach übereinstimmenden Berichten tatsächlich unter der Hamburger Kälte und der über ihre Köpfe hinweg vereinbarten Länge  ihrer „Abordnung“ litt, möglichst schnell wieder nach Paris und dann in ihre Heimat zurückkehren könnten.[17]

Und es gab immerhin auch positive Erfahrungen: Zum Beispiel die Beziehungen, ja Freundschaften, die sich in Hamburg zwischen den Hagenbecks und Kanak entwickelten. Ein Neukaledonier, dessen Eltern zur Hagenbeck-Gruppe gehörten, erinnert sich:

„Unsere Eltern haben immer gesagt, dass die Leute, vor allem die Deutschen, sehr freundlich ihnen gegenüber waren. Wissen Sie, Papa hat noch das System der Zwangsarbeit hier erlebt, die Schaufel und die Hacke, die Vorarbeiter, die Fußtritte… Er konnte vergleichen. (…) Wenn sie von ihren Erlebnissen dort gesprochen haben, haben sie …. vor allem von den deutschen Freunden gesprochen, mit denen es einen Briefwechsel gab bis zum Krieg zwischen Deutschland und Frankreich. Das hat ihnen sogar Ärger und den Besuch von Polizisten eingebracht, als sie 1939 immer noch Briefe aus Deutschland erhielten mit Hakenkreuz- Stempeln darauf. Aber für die konnten sie doch nichts. Wissen Sie, es war eine echte Freundschaft, sonst hätte unser Vater nicht seinen beiden  ältesten Töchtern deutsche Namen gegeben“.

Und ein Enkel ergänzt:

„Mein Großvater traf zum ersten Mal in seinem Leben, Menschen, die ihn von gleich zu gleich, von Mann zu Mann, wie er sagte, und nicht als minderwertig behandelten. Dieses Gefühl der Gleichheit war vor allem in Deutschland lebendig. Großvater hat öfters erzählt, wie er bei den Hagenbecks, seinen Freunden in Hamburg, eingeladen war. Er hat ja auch seinen beiden Töchtern die Namen der Töchter des deutschen Freundes, Emy und Loti, gegeben. Und  meine Großmutter erzählte, dass zur gleichen Zeit in Neukaledonien Weiße und Kanaken jedem Kontakt miteinander vermieden haben.“ [18]

Der Fußballer Christian Karambeu und sein Urgroßvater, eine Familiengeschichte

Die Reise der Kanak nach Europa wurde in der kollektiven Erinnerung nicht nur Frankreichs, sondern auch Neukaledoniens eher verdrängt. Selbst in einem sehr gelobten Geschichtsbuch neukaledonischer Historiker und Pädagogen über die Geschichte ihrer Heimat (Hachette 1993) ist davon nicht die Rede.[19] Die Rückkehrer schwiegen sich über die wahren Hintergründe ihrer „großen Reise“ aus und hoben stattdessen ihre Abenteuer und weltmännischen Erfahrungen hervor. Sie sahen sich als Repräsentanten ihrer Heimat auf der Kolonialausstellung von 1931, obwohl Neukaledonien ja gar nicht für wert erachtet worden war, so wie andere  „höher entwickelte“  Kolonien auf dem Ausstellungsgelände am Bois de Vincennes mit einem eigenen Pavillon vertreten zu sein. Aber diese demütigende Abschiebung und Präsentation als  Kannibalen wurde eher nicht kommuniziert:  Die Nachfahren der angeblichen „Kannibalen“ verspürten denn auch weniger Scham als Stolz: Dass Familienmitglieder nämlich die Ehre hatten, ausgewählt worden zu sein, um ihr Volk im fernen Mutterland zu repräsentieren.

Zwei Äußerungen von Betroffenen: „Wir sind stolz, dass unsere Eltern zur Delegation von 1931 gehörten. Diese Reise ist im Rahmen unserer historischen Bindungen mit Frankreich zu sehen, in der gleichen Weise, wie sich Kanaken freiwillig gemeldet haben (im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Anm. W.J.), als das Mutterland in Gefahr war….

Wir sind stolz, dass Leute von uns bei der Kolonialausstellung von 1931 dabei waren. Sie sind nicht auf Befehl von irgendwem hingegangen. Es war unser grand chef, der diejenigen ausgewählt hat, die ihn begleitet haben.“ [20]

Es war der neukaledonische Fußballspieler Christian Karembeu, der zu einer differenzierten Wahrnehmung der Rolle der Kanak bei der Kolonialausstellung von 1931 beigetragen hat. Karambeu  gehörte zu der legendären multikulturellen „Black-Blancs-Beurs“- Nationalmannschaft Frankreichs, die 1998 die Fußballweltmeisterschaft gewann. Karembeu wuchs auf einer kleinen Insel Neukaledoniens in traditionellen sozialen Strukturen und sehr bescheidenen Verhältnissen auf. Einen Fußballplatz gab es da nicht, auch keinen Fußball. Aber mit seinen Spielkameraden stellte er sich selbst Bälle aus Blättern  und Spinnweben her. Nachdem in der Schule sein sportliches  Talent erkannt worden war, verließ er 1988 seine Heimat und machte in der „métropole“ Karriere: zunächst als Spieler des  FC Nantes, dann bei Sampdoria Genua und bei Real Madrid.[21]

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Christian Karembeu am 11. Oktober 1988 auf dem Flughafen von Nouméa mit seinen Eltern

Karembeu wurde vor allem als Mitglied der Weltmeistermannschaft gefeiert, war aber auch umstritten: Er weigerte sich nämlich, vor Länderspielen die Nationalhymne mitzusingen. Es gab zwar auch andere prominente Spieler, die nicht mitsangen, aber bei Karembeu hatte das politische Gründe. Es war ein Protest gegen  die Missachtung und Geringschätzung seiner Heimat durch das Mutterland. In der Einleitung zu seinem Buch  „Kanak“ schreibt er:

Zwischen 1973 und 1995 hat die französische Regierung das Atoll von Mururoa durch Atomversuche verwüstet, ohne die Folgen der Radioaktivität für die Flora  und Fauna und die Fischer der benachbarten  Inseln, darunter auch Neukaledonien, zu beachten. Was haben umgekehrt die Menschen  der Region für  diesen unfreiwilligen Beitrag zur Entwicklung der französischen Militärmacht … erhalten? Nichts, außer Krankheit und Tod, was mit der Zeit immer deutlicher wird.“

Und weiter:

Ich habe mich immer geweigert, die Marseillaise bei Länderspielen mitzusingen. Man hat mir das massiv vorgeworfen und mich beschuldigt, ein Feind Frankreichs zu sein. Diese Weigerung war aber nichts anderes als eine logische Reaktion: Warum sollte ich die Symbole der französischen Nation übernehmen, wenn diese Nation das Volk der Kanak und seine Kultur überhaupt nicht kennt und achtet ? 1931 sind anlässlich der Kolonialausstellung im Jardin d’Acclimatisation Franzosen bis nach Neukaledonien gekommen, um Kanak-„Exemplare“ zu finden, zu denen auch mein Urgroßvater gehörte. Während mehrerer Wochen wurde er vor den Parisern ausgestellt, die ihn wie ein Tier ansahen und bewunderten. Wie viele Franzosen kennen diese Geschichte, die ein  Tabu in den Kanak-Familien geblieben ist? Wenn sie sie kennen würden, würden sie dann immer noch erwarten, dass ich die Marseillaise singe. Ich glaube nicht.“ [22]

Vielleicht wäre es unter diesen Voraussetzungen konsequenter gewesen, wenn Karembeu darauf verzichtet hätte, Mitglied der französischen Nationalmannschaft zu werden. Aber andererseits war er kein militanter Anhänger der neukaledonischen Unabhängigkeitsbewegung, und seine Prominenz ermöglichte es ihm, Werbung für Neukaledonien und die Kenntnis und Anerkennung der kulturellen Identität seiner Heimat zu machen.

Und da hat es zwischen 1988, als Karambeu sich nach Frankreich aufmachte, und 1998, als er Fußballweltmeister wurde, erhebliche Fortschritte gegeben: Durch das Matignon-Abkommen von 1988 und das Nouméa-Abkommen von 1998 hat Neukaledonien ein höheres Maß an Autonomie erhalten. Damals wurde auch vereinbart, dass in Neukaledonien 2018 ein Referendum über die  Unabhängigkeit bzw. den zukünftigen Status des Territoriums abgehalten soll. (22a)  In Nouméa wurde 1998 ein vom französischen Staat bezahltes und von dem Stararchitekten Renzo Piano entworfenes Kulturzentrum eröffnet, in dem kulturelle Veranstaltungen der Kanak angeboten werden: ein „Akt der Wiedergutmachung“ für das „Trauma der Zwangskolonisation“, für die der französische Staat im Abkommen von Nouméa die Verantwortung übernommen hat.[23]. Und im musée Branly in Paris fand 2013/14 die Ausstellung „Kanak“ statt, die größte jemals gezeigte Ausstellung der indigenen Kultur Neukaledoniens.

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Und Christian Karembeu, der nach dem Ende seiner fußballerischen Laufbahn gewissermaßen zum Botschafter seiner Heimat avanciert war,  fungierte dabei als Führer. Es gibt dazu auch einen kleinen Film, in dem Karembeu die Ausstellung präsentiert:

http://actu.orange.fr/societe/videos/visite-guidee-l-exposition-kanak-avec-christian-karembeu-au-musee-du-quai-branly-VID0000001LPEh.html

Dass mit dieser Ausstellung die Kultur der Kanak endlich gewissermaßen offiziell anerkannt wurde, war für Chistian Karembeu  eine große Genugtuung, und sie als Führer zu präsentieren war sicherlich auch eine hommage an seinen Urgroßvater Willy Karembeu, der 1931 in Paris noch als Menschenfresser ausgestellt worden war.

 

Literatur

Didier Daeninckx, Reise eines Menschenfressers nach Paris. Berlin: Wagenbach 2001

(französische Erstausgabe 2000 bei Gallimard: Cannibale)

Joël Dauphiné, Canaques de la Nouvelle-Calédonie à Paris en 1931.  De la case au zoo. Paris 1998. Rezension in: http://www.persee.fr/doc/jso_0300-953x_1998_num_107_2_2063_t1_0237_0000_1

Anne Dreesbach, Kolonialausstellungen, Völkerschauen und die Zurschaustellung des  „Fremden“ (22012): http://ieg-ego.eu/de/threads/modelle-und-stereotypen/wilde-und-zivilisierte/anne-dreesbach-kolonialausstellungen-voelkerschauen-und-die-zurschaustellung-des-fremden

Anne Dreesbach, Gezähmte Wilde. Die Zurschaustellung ‚exotischer‘ Menschen in Deutschland 1870 – 1940. FFM: Campus-Verlag 2005

Luis A. Sánchez- Gómez, Human Zoos or Ethnic Shows? In. Culture & History. Digital Journal, 2013  In: http://cultureandhistory.revistas.csic.es/index.php/cultureandhistory/article/viewArticle/31/122

https://www.rosada.net/expositioncolonialekanak.htm (Film)

L’exposition coloniale Paris – 1931 Schwerpunktthema von:   Mwa Véé Juli 1998  (Eine Publikation der  Agence de développement de la culture kanak).  http://mediatheque.adck.nc/mediath/pdf_player/viewer.cfm?pdfUrl=http://srv-opac/mediatheque/Mwavee/Mwa_Vee_13_Adck_Numerise_Web.pdf

Anmerkungen:

(1) In den 1998 unterzeichneten Vereinbarungen von Nouméa  zwischen „Mutterland“ und Neukaledonien wurde das Wort  „kanak“ (= Mensch) für offiziell gültig und als unveränderlich  erklärt anstelle des bis dahin üblichen Wortes „canaque“ mit seiner kolonialistischen Dimension. In der deutschen  Übersetzung der Erzählung von Didier Daenincks wird deshalb zwischen der unflektierten Form „Kanak“ und der flektierten Form „Kanake(n) unterschieden. (Anmerkung des Übersetzers, S. 6) Ich werde in diesem Text ausschließlich die  unflektierte Form verwenden und nicht die -gerade in Deutschland- nicht nur paternalistische, sondern ausdrücklich diffamierende Form „Kanake(n)“.

[1a] Bilder bei: http://entreetoblackparis.blogspot.de/2012/01/paris-human-zoos-exposed-at-musee-du.html und: http://cultureandhistory.revistas.csic.es/index.php/cultureandhistory/article/viewArticle/31/122

[2] http://jardindacclimatation.fr/150-ans-dhistoire/

[3] In dieser Hinsicht hat gerade Cuvier eine traurige Rolle gespielt. Abdellatif Kechiche hat über das tragische Schicksal von Saartjie Baartman einen eindrucksvollen Film gemacht. Siehe: http://www.lexpress.fr/actualite/societe/la-veritable-histoire-de-la-venus-noire_930758.html

[4] https://www.welt.de/print-welt/article3393983/Hereinspaziert-Kanaken-frisch-eingetroffen.html

[5]  Bild aus: http://www.dinosoria.com/cannibalisme.html

[6] Didier Daeninckx, Reise eines Menschenfressers, S. 16

[7] http://jardindacclimatation.fr/150-ans-dhistoire/

http://www.lexpress.fr/actualite/societe/l-exposition-coloniale-de-1931-le-meilleur-de-l-empire_1748163.html

Bild aus dem Film über die Exposition Coloniale Kanak 1931 von Alexandre Rosada: https://www.rosada.net/expositioncolonialekanak.htm

[8] https://fr.wikipedia.org/wiki/Histoire_de_la_Nouvelle-Cal%C3%A9donie#Premiers_Europ.C3.A9ens_install.C3.A9s_.281841-1853.29

(8a) http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-81136869.html.

[9] http://mediatheque.adck.nc/mediath/pdf_player/viewer.cfm?pdfUrl=http://srv-opac/mediatheque/Mwavee/Mwa_Vee_13_Adck_Numerise_Web.pdf, S. 7

[10] http://www.lexpress.fr/actualite/societe/l-exposition-coloniale-de-1931-le-meilleur-de-l-empire_1748163.html

http://achac.com/zoos-humains/die-ausstellungen-der-zwischenkriegszeit-1920-1940/

http://www.bondyblog.fr/201105290001/80eme-anniversaire-de-l%E2%80%99exposition-coloniale-de-1931-l%E2%80%99expo-de-la-honte/#.WPKg0_nyjIU

Nach Daeninckx werden die Kanaken in Vincennes ausgestellt, was aber nicht zutrifft.

[11] http://www.bondyblog.fr/201105290001/80eme-anniversaire-de-l%E2%80%99exposition-coloniale-de-1931-l%E2%80%99expo-de-la-honte/#.WPKg0_nyjIU

http://www.liberation.fr/tribune/1998/11/06/en-1931-111-kanaks-furent-exhibes-a-l-exposition-coloniale-une-honte-refoulee-kanaks-au-zoo_252783

http://www.berliner-zeitung.de/die-familiengeschichte-des-fussballstars-erregt-in-frankreich-aufsehen-karembeus-urgrossvaeter-wurden-im-zoo-ausgestellt-16551292

[12] http://www.persee.fr/doc/jso_0300-953x_1998_num_107_2_2063_t1_0237_0000_1

[13]„Allez faire un tour au jardin d’acclimatisation. Vous y trouverez (…) des écriteaux portant ces inscriptions avec flèches indicatrices – crocodiles   – canaques

Que si vous préférez aller voir les Canaques, vous constatez que ces animaux sont beaucoup moins rigolos que les autres grands singes….“ Hinweistafel aus einem Dokumentationsfilm zur Kolonialausstellung und dieAusstellung der Kanaken in:

https://www.rosada.net/expositioncolonialekanak.htm und https://www.youtube.com/watch?v=4DJRcSEkftI

[14] http://www.forschung-und-wissen.de/magazin/geschichte-gesellschaft/die-vergessene-geschichte-der-menschenzoos-13372299

Foto aus dem Film von Alexandre Rosada und auch bei: http://www.flickriver.com/photos/jumborois/sets/72157606871939062/

[15] http://www.berliner-zeitung.de/die-familiengeschichte-des-fussballstars-erregt-in-frankreich-aufsehen-karembeus-urgrossvaeter-wurden-im-zoo-ausgestellt-16551292 (Berliner Zeitung vom 15.12.1998)

Sylvia Krauss-Meyl, Das Oktoberfest Zwei Jahrhunderte Spiegel des Zeitgeists. München 2015

Siehe auch: http://hartbrunner.de/fakten/d_fakten.php?id=2455

[16] https://www.zoo-frankfurt.de/unser-zoo/geschichte/sonderveranstaltungen/voelkerschauen/

Eine Nachfrage an den Frankfurter Zoo mit der Bitte um nähere Informationen zu der „Ausstellung“ von 1931 blieb leider ohne Antwort.

[17] http://mediatheque.adck.nc/mediath/pdf_player/viewer.cfm?pdfUrl=http://srv-opac/mediatheque/Mwavee/Mwa_Vee_13_Adck_Numerise_Web.pdf S. 8/9

[18] http://mediatheque.adck.nc/mediath/pdf_player/viewer.cfm?pdfUrl=http://srv-opac/mediatheque/Mwavee/Mwa_Vee_13_Adck_Numerise_Web.pdf S. 19/20

[19] http://www.liberation.fr/tribune/1998/11/06/en-1931-111-kanaks-furent-exhibes-a-l-exposition-coloniale-une-honte-refoulee-kanaks-au-zoo_252783

[20] http://mediatheque.adck.nc/mediath/pdf_player/viewer.cfm?pdfUrl=http://srv-opac/mediatheque/Mwavee/Mwa_Vee_13_Adck_Numerise_Web.pdf S. 16

http://www.liberation.fr/tribune/1998/11/06/en-1931-111-kanaks-furent-exhibes-a-l-exposition-coloniale-une-honte-refoulee-kanaks-au-zoo_252783

http://www.berliner-zeitung.de/die-familiengeschichte-des-fussballstars-erregt-in-frankreich-aufsehen-karembeus-urgrossvaeter-wurden-im-zoo-ausgestellt-16551292

[21] Bild bei: Anne Pitoiset & Claudine Wéry avec Christian Karembeu: Kanak. 2011 und : http://www.parismatch.com/People/Sport/J-ai-quitte-ma-tribu-kanak-Par-Christian-Karembeu-146564

[22]  S.12 und 16. Siehe auch:   http://www.berliner-zeitung.de/die-familiengeschichte-des-fussballstars-erregt-in-frankreich-aufsehen-karembeus-urgrossvaeter-wurden-im-zoo-ausgestellt-16551292   Übrigens gab es auch andere prominente Fußballspieler, die sich weigerten, die Marseillaise zu singen, z.B. Michel Platini, für den es sich dabei um « un hymne guerrier qui n’a rien à voir avec le jeu ».handelte. (Wikipedia-Artikel zu Christian Karmebeu; s.a. Platini: Je ne chantais pas la Marseillaise. In: http://www.football.fr/equipe-de-france/articles/cm2022-platini-met-la-pression-sur-le-qatar-397906/)

(22a) siehe Le monde vom 30.5.2017: Prélude législatif en Nouvelle-Calédonie. Prévu en novembre 2018, le référendum d’autodétermination sur l’avenir de l’archipel est au coeur de la campagne électorale. Allerdings ist  die vom Nouméa-Abkommen proklamierte „communauté de destin“ ziemlich brüchig angesichts einer europäisch-stämmigen Bevölkerung, die bei den Präsidentschaftswahlen 2017 mit deutlicher Mehrheit für den Front National gestimmt hat. (insgesamt erreichte der FN mit 47,43% der Stimmen sein bestes Ergebnis „outre-mer“.

Einen sehr informativen Überblick über die Geschichte der Unabhängigkeitsbewegung bis hin zum Abkommen von Nouméa gibt es in Le Monde vom 31. Oktober 2017: http://www.lemonde.fr/politique/article/2017/10/30/quand-la-nouvelle-caledonie-s-embrasait_5207835_823448.html

(23) http://www.berliner-zeitung.de/die-familiengeschichte-des-fussballstars-erregt-in-frankreich-aufsehen-karembeus-urgrossvaeter-wurden-im-zoo-ausgestellt-16551292

https://de.wikipedia.org/wiki/Tjibaou-Kulturzentrum

 

Weitere geplante Berichte:

  • Zu Fuß zum Mont-Saint-Michel: La traversée de la baie
  • Die Kirche Saint -Sulpice in Paris , Teil 1 (Die Musik, die Krypta, Pigalle und die Säulen von Leptis Magna)
  • Die Kirche Saint- Sulpice in Paris, Teil 2 (Der Gnomon, der Kampf mit dem Engel von Delacroix und das café de la mairie)

Das Palais de la Porte Dorée und die Kolonialausstellung von 1931

1931 fand in Paris eine große Kolonialausstellung  statt, mit der sich Frankreich als weltumspannende Kolonialmacht präsentierte. Sie war dazu bestimmt, den imperialen Anspruch des Landes zu popularisieren. Es war die größte  und – mit geschätzten 6-8 Millionen Besuchern- die populärste Veranstaltung dieser Art im 20. Jahrhundert.

19a2 Plan der Exposition

Für die verschiedenen Kolonien wurden rund um den Lac de Daumesnil am östlichen Rand der Stadt Pavillons errichtet, die sich an der jeweiligen lokalen Tradition orientierten: Der spektakuläre Pavillon des französischen Indochinas beispielsweise an dem Tempel von Angkor Vat.[1]

angk8 Kolonialausstellung

Anders als diese Pavillons war das Palais de la Porte Dorée auf Dauer angelegt. Es war zunächst gewissermaßen das Verwaltungszentrum der Ausstellung mit repräsentativen Büros für den damaligen Kolonialminister, Paul Reynaud, und den Kommissar der Ausstellung, Marschall Lyautey,  und mit einem ebenso repräsentativen Fest- und Versammlungssaal.

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Nach der Kolonialausstellung sollte das Gebäude als Kolonialmuseum dienen, seit 2007 ist es Museum für die Geschichte der Einwanderung.

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Auf den Reliefs der Fassade wird der Beitrag der Kolonien für das Mutterland dargestellt: Auf der linken Seite des Eingangs -hier im Bild- (2) der der afrikanischen und amerikanischen Kolonien, auf der rechten Seite der der asiatischen und ozeanischen Kolonien.

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Abgebildet sind nachfolgend Baumwolle, und Seide.

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Geführend werden Reichtum und die Vielfalt der Natur  gewürdigt.

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Die Darstellungen der „Eingeborenen“ betonen -wie damals üblich- in teilweise geradezu grotesker Weise ihr „exotisches“ Aussehen- Ergebnis einer anthropologischen Sichtweise, die aufgrund morphologischer Charakteristika die Existenz und die Rangfolge verschiedener Rassen nachweisen wollte.  Kolonialistischer und nationalsozialistischer Rassismus haben hier ihre Wurzeln. (3)

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Über der Eingangtür thront –im Gegensatz zu den „Eingeborenen“ nicht im Profil, sondern frontal dargestellt- eine Frankreich symbolisierende Frauenfigur.  Der Stier hinter ihr steht wohl nicht nur für (göttliche) Kraft und Macht, sondern auch für Europa, dessen Zivilisation Frankreich in der Welt verbreitet:   Frieden (La Paix zu ihrer Rechten),  Freiheit  (La Liberté zu ihrer Linken) und Wohlstand ( verkörpert durch Ceres und Pomone, römische Fruchtbarkeitsgöttinnen).[4]  Damit ist der ideologische Hintergrund der Kolonialausstellung unzweideutig bezeichnet.

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Betritt man das Gebäude, so befinden sich rechts und links der Eingangshalle repräsentative Salons. Einer war bestimmt für Paul Reynaud, den damaligen Kolonialminister, der andere für Marschall Lyautey, den verantwortlichen Kommissar der Kolonialausstellung. Der Salon Reynauds war Afrika gewidmet und mit entsprechend kostbaren Materialien des Kontinents wie Elfenbein und Edelhölzern gestaltet.

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Auf den Fresquen wird das schwarze Afrika entsprechend der damaligen verbreiteten Sichtweise dargestellt. Kennzeichen sind Nacktheit, Tanz, Spiel – das Stadium von Kindern, die –das ist die dahinterliegende Botschaft- von Frankreich erzogen und an die Zivilisation herangeführt werden müssen. Der Empfangsraum Lyauteys ist Asien gewidmet – auch er ist  mit entsprechenden Materialien gestaltet. Hier wird  der künstlerische, religiöse und ökonomische Reichtum des Kontinents herausgestellt.[5]

Im zentralen Festsaal präsentiert sich Frankreich als große über fünf Kontinente ausstrahlende zivilisatorische Macht.[6]  Hier fällt der Blick zunächst auf das zentrale Wandgemälde von 8 Metern Höhe und 10 Metern  Breite.

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Die Frau in der Mitte –als einzige Frauengestalt des Gemäldes übrigens vollständig und nobel bekleidet- repräsentiert Frankreich, die in der einen Hand eine weiße Taube trägt, Symbol des Friedens, an der anderen Hand hält sie Europa. Um diese beiden Figuren herum sind vier ebenfalls von Frauengestalten symbolisierte Kontinente gruppiert: Links Asien in Gestalt der auf einem weißen Elefanten reitenden indischen Göttin Vischnu, rechts Afrika auf einem grauen  Elefanten, unten –jeweils auf Wasserpferden reitend- Ozeanien und Amerika, dessen Verkörperung erstaunlicher Weise neben einem Wolkenkratzer gelagert ist.

Auch auf den weiteren Wandgemälden des Festsaals werden die Segnungen des französischen Kolonialismus in Szene gesetzt, zum Beispiel anhand der Figuren  des Ingenieurs, des Arztes und der Krankenschwester, des Archäologen, dem der einheimische Ausgräber freudig seinen  kostbaren Fund überreicht, oder des Missionars, der den Eingeborenen die Ketten löst und ihnen die Freiheit schenkt.

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 Ziel war es, ein idealisiertes Bild der französischen  Kolonialpolitik zu entwerfen und sie dadurch zu verbreitern und zu rechtfertigen.Dagegen ist, nach den Worten des Immigrations-Museums, nie die Rede „von Gewalt, von begangenen Exzessen oder Zwangsarbeit“.  Die Zwangsarbeit wurde immerhin erst 1946 abgeschafft, fast 100 Jahre später als die Sklaverei.  Noch kurz vor Eröffnung der Kolonialausstellung kamen beim Bau einer Eisenbahnlinie im französischen Kongo, die als zivilisatorische Großtat gerühmt wurde, 17 000 zwangsrekrutierte eingeborene Arbeitskräfte ums Leben, eine Todesrate von 57%.  (6a) Aber für solche unangenehmen Wahrheiten war auf der Kolonialausstellung kein Platz.

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Ein Kontrapunkt ist immerhin die Plastik des Schwimmers vor dem Palais- die vor dem Hiintergrund der Flüchtlingsdramen im Mittelmeer besondere und traurige Aktualität hat.

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Demonstration von Flüchtingen in Paris (die zeitweise zu Tausenden unter der Hochbahn von La Chapelle hausten). Aufschrift auf dem hochgehaltenen Karton: We can’t swim….

 

Die Statue der Athena

Schräg gegenüber dem Palais steht unübersehbar, in der Verlängerung der Avenue Daumesnil, eine goldene Statue. Gekleidet in griechischer Tracht, mit Helm, Schild und Speer, kann sie als Verkörperung der Athena durchgehen, als die sie jetzt firmiert.

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 Bei genauerem Hinsehen kann man allerdings feststellen, dass es sich bei dem Helm der Athena nicht um den typischen hohen griechischen Helm der Athena handelt, wie man ihn beispielsweise von der wunderbaren Athena-Statue im Libieg-Museum in Frankfurt kennt,  sondern um einen völlig anderen Helmtypus, nämlich einen gallischen. Und in der Tat war die Statue ursprünglich als Verkörperung von „La France colonisatrice“ konzipiert und stand während der Kolonialausstellung unmittelbar vor dem Eingang des Palais de la Porte Dorée.  In ihrer linken Hand trägt sie eine Weltkugel;  darauf steht ein Engel mit Füllhorn, die Segnungen des französischen Kolonialismus symbolisierend. Ein Gegenbild also zur republikanischen Marianne, die  für Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit steht.

 

Das Denkmal für die Mission Marchand

Gegenüber dem Palais befindet sich auf einer Grünanlage das Denkmal für die sogenannte Mission Marchand. Es handelt sich um eine kleine Truppe von französischen Offizieren und sogenannten „tiralleurs sénégalais“, also schwarzafrikanischen Hilfstruppen, deren Auftrag es war, am Ende des 19. Jahrhunderts die Quellen des Nils zu entdecken und eine durchgehende Verbindung des französischen Kolonialreichs zwischen West- und Ostafrika herzustellen. Allerdings stieß Frankreich damit auf britischen Widerstand und musste sich angesichts der militärischen Überlegenheit des damaligen imperialistischen Rivalen bei Fachoda, im Sudan,  zurückziehen.

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Damit ebnete Frankreich aber den Weg für einen kolonialen Interessenausgleich zwischen beiden Ländern und für die spätere „entente cordiale“. Auf einer großen Plakette des Denkmals sind die Namen der französischen Offiziere verzeichnet, aber nur die Zahl der afrikanischen Hilfstruppen. Auch auf den Reliefs ist der Unterschied deutlich auszumachen…

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 Die Westfassade des Palais: Ein Pantheon des französischen Kolonialismus

Auf der Westfassade des Palais sind 159 Namen von Franzosen eingraviert: „À ses fils qui ont étendu l’empire de son génie et fait aimer son nom au-delà  des mers, la France reconnaissante“. Versammelt sind hier die Namen von Kreuzrittern, Entdeckern und Eroberern, überwiegend aus der Zeit vor der Französischen Revolution. Die Namensliste ist zeitlich geordnet und es ist noch genug freier Platz gelassen, sie in die Zukunft zu verlängern… Mit der Inschrift und der Namensliste ist die Westfassade des Palais gewissermaßen ein Gegenentwurf zur republikanischen Konzeption des Pantheons, in dem „la patrie reconnaissante“ die großen Männer (und Frauen) ehrt, die sich um die Werte von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ verdient gemacht haben.

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Hier werden zwei unterschiedliche Konzeptionen der Republik deutlich, eine koloniale, die sich in der Tradition von Monarchie und Kaiserreich sah, und eine andere, die den Kolonialismus eher als problematisch in Bezug auf die republikanischen Werte betrachtete.[7] Dieser Widerspruch ist ja auch heute noch im französischen Geschichtsverständnis virulent. Gerade kürzlich ist das wieder deutlich geworden, als Emmanuel Macron die Kolonialzeit in Algerien als „Verbrechen gegen  die Menschlichkeit“ bezeichnete und damit heftigste Reaktionen provozierte. Die Präsidentin der Region Ile-de-France, Valérie Pecresse (LR), warf daraufhin Macron vor, Jules Ferry mit Hitler verglichen zu haben.[8] Dass sie aus der langen Namensliste des „kolonialen Pantheons“ gerade Jules Ferry herausgriff, hängt sicherlich damit zusammen, dass Ferry nicht nur „der Initiator der Kolonialpolitik der Dritten Republik“ war (siehe Foto), sondern auch Erziehungsminister, dem die Einführung einer Schulpflicht für Kinder zwischen 6 und 13 Jahren und ihre Kostenfreiheit zu verdanken war (loi Ferry von 1882). Es gibt also auch Personen, die die koloniale und die republikanische Konzeption Frankreichs in sich vereinigen.

 

Die  Kolonialausstellung von 1931: Eine Verherrlichung des französischen Kolonialismus

Kolonialausstellungen haben in Frankreich eine lange Tradition. Schon 1854 gab es im Rahmen einer allgemeinen Ausstellung einen eigenen Teil, der den Kolonien gewidmet war und von dem sich sogar noch ein Bauwerk erhalten hat: Die meteorologische Station im Park Montsouris im Süden von Paris. Die in der Zeit der Dritten Republik veranstalteten Weltausstellungen hatten –bezeichnend in dieser Zeit des Imperialismus-  koloniale Abteilungen, es gab aber auch eigenständige Präsentationen, die der Popularisierung des Kolonialismus dienten.[9] Auch nach dem Ersten  Weltkrieg wurde die Tradition der Kolonialausstellungen fortgesetzt. 1922 gab es eine nationale Kolonialausstellung in Marseille, gleichzeitig wurde aber eine große internationale Ausstellung für 1925 geplant. Deren Funktion definierte der damalige Kolonialminister Albert Sarraut so:

„L’exposition doit constituer la vivante apothéose de l’expansion extérieure de la France sous la IIIe République et de l’effort colonial des nations civilisées, éprise d’un même idéal de progrès et d’humanité. Si la guerre a largement contribué à réléver les ressources, considerables que peuvent fournir les colonies au pays, l’Exposition de 1925 sera l’occasion de compléter l’éducation coloniale de la nation par une vivante et rationelle leçon des choses. A l’industrie et au commerce de la Métropole, elle montrera les produits qu’offre notre domaine colonial ainsi que les débouchés infinis qu’il ouvre à leurs entreprises.“

Das Projekt einer internationalen Kolonialausstellung konnte dann allerdings erst 1931 verwirklicht werden. Der verantwortliche Kommissar für diese Ausstellung, der pensionierte Marschall Lyautey, setzte für sie eigene Akzente: Er betonte unter anderem, wie das ja auch an Westfassade des Palais de la Porte Dorée erkennbar ist, die umfassende zeitliche Dimension des französischen Kolonialismus, der in eine mit den Kreuzzügen beginnende Traditionslinie gestellt wurde. Darüber hinaus sah er, gerade nach dem Ersten  Weltkrieg, im  Kolonialismus eine Europa verbindende Mission. Er wollte zeigen, „qu’il y a pour notre civilisation d’autres champs d’action que les champs de bataille.“  In diesem Punkt war Lyautey allerdings nicht erfolgreich, wozu sicherlich auch das schwierige wirtschaftliche Umfeld –die Weltwirtschaftskrise- beitrug. Nur fünf Länder beteiligten sich an der Ausstellung, wichtige Länder wie Großbritannien und Spanien fehlten- wie auch das ebenfalls eingeladene Deutschland. Aber das war nach dem Versailler Vertrag wohl auch zu erwarten. Die Konsequenz war, dass es sich, wie ursprünglich geplant,  im Kern eher um eine vor allem den französischen Kolonialismus präsentierende und ihn propagierende, ja verherrlichende Veranstaltung handelte- ganz im Sinne der Kolonial-Propagandisten: Bei aller zur Schau gestellten Exotik ging es im Kern darum, den wirtschaftlichen und militärischen Nutzen der Kolonien für Frankreich zu demonstrieren und das Kolonialreich als Ausweg aus der Wirtschaftskrise herauszustellen.

Für die zahlreichen Besucher war die Kolonialausstellung aber vor allem ein Freizeitpark mit vielen Attraktionen: Kamelritte um den Lac Daumesnil, Fahrten mit afrikanischen Einbäumen auf dem See, folkloristische Tanz- und Ballettvorführungen, die Präsentation religiöser Riten aus Afrika und Ostasien, Musik aus aller Welt, koloniales Kunsthandwerk, dessen Herstellung durch heimische Handwerker man beobachten konnte und das dann z.B. im großen marokkanischen Souk verkauft wurde,  ein breites kulinarisches Angebot u.v.m. In Anlehnung an Jules Verne versprach man eine Reise um die Welt in vier Tagen, ja sogar an einem Tag.

Völlig ausgeblendet wurden in der Ausstellung die Schattenseiten des Kolonialismus, die angewendete Gewalt und der Widerstand  gegen den Kolonialismus, der sich in dieser Zeit schon vor allem in den südostasiatischen französischen Kolonien regte. Es war vor allem die kommunistische Partei Frankreichs, die in der Veranstaltung ein Werk des internationalen Imperialismus sah und dagegen agitierte. Eine Gruppe von Künstlern, unter anderem Louis Aragon, Paul Eluard und André Breton,  veranstaltete eine Gegenausstellung mit dem Titel „Die Wahrheit über die Kolonien“, die aber wenig Zuspruch fand.[10] Auch Aufrufe zum Boykott der Ausstellung liefen ins Leere. Dafür war die Anziehungskraft der Veranstaltung offensichtlich doch zu groß, auch wenn andererseits die Veranstalter beklagten, dass sie nicht so intensiv und nachhaltig wie erhofft das imperiale Bewusstsein der Franzosen  gefördert habe.

 

 

Der Pavillon von Togo der Kolonialausstellung: heute ein bouddhistisches Zentrum

Von den zahlreichen Gebäuden der Kolonialausstellung, die im Bois de Vincennes errichtet worden waren, haben nur zwei überdauert: Die Pavillons von Togo und Kamerun, zwei ehemaligen deutschen Kolonien, die im Friedensvertrag von Versailles Frankreich übertragen wurden.[11]

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Der Pavillon von Kamerun ist sich selbst überlassen und verfällt langsam. Es ist eine überdimensionierte landestypische Hütte, die besonders wegen ihrer geometrischen Ornamente Anklang fand.

Der ehemalige Pavillon Togos, den –natürlich wesentlich bescheidener dimensionierten-  Häusern von Stammeshäuptlingen  der Kolonie nachempfunden, ist dagegen erhalten, renoviert und dient seit 1977 als internationales buddhistisches Zentrum.

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Das Zentrum beherbergt, wie immer wieder stolz vermerkt wird, den größten Buddha Europas.

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Ein Besuch ist aber nur entweder nach Anmeldung mit Gruppen oder –besser- anlässlich von bouddhistischen Feiertagen möglich, wie beispielsweise dem Neujahrsfest der Khmer.[12]  An diesem Feiertag mit Volksfestcharakter wurden die nachfolgenden Fotos aufgenommen.

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Ob die im Pavillon aufgestellten Elefanten noch aus der Zeit der Kolonialausstellung stammen, weiß ich nicht. Möglich wäre es aber schon.

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Der Salon des Outre Mers im Rathaus des 12. Arrondissements

In der Mairie des 12. Arrondissement, zu dem auch das Gelände der Kolonialausstellung gehörte, wurde anlässlich dieser Ausstellung auch ein „Salon des Outre Mers“ eingerichtet, der repräsentative Vorraum des „salle des fêtes“.

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Ziel war es ganz offensichtlich, im Sinne der Kolonialausstellung den Reiz  und die Exotik des überseeischen Imperiums zu veranschaulichen und damit den Kolonialismus zu popularisieren.

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Jeder Besucher von öffentlichen Veranstaltungen im Rathaus oder von Hochzeiten, die im Rathaus offiziell vollzogen werden, geht durch diesen Saal und erhält einen anschaulichen Eindruck des kolonialen Erbes Frankreichs, das bis heute noch lebendig und umstritten ist.

 

 

Ausblick: 

Zu der Kolonialausstellung gehörte nicht nur ein folkloristisches Angebot von Bewohnern der französischen Kolonien, sondern –wenn auch im gebührenden Abstand, im jardin d’acclimatisation auf der anderen Seite von Paris- eine „Völkerschau“ mit Kanaks, Eingeborenen der Kolonie Neukaledonien, die als Menschenfresser präsentiert wurden. Einige davon wurden nach Deutschland transferiert, wobei auch der Zoo Frankfurt eine wichtige Rolle spielte. Eine ziemlich abenteuerliche Geschichte. Darüber mehr in einem späteren zweiten Teil.

 

Praktische Hinweise:

Musée national de l’histoire de immigration

Die in dem Bericht vorgestellten Räume des Palais sind unabhängig vom Besuch des Museums frei und kostenlos zugänglich.

Adresse des Palais de la Porte Dorée:

293, avenue Daumesnil  75012 Paris

Mit Metro 8 oder Straßenbahn 3a erreichbar.

Öffnungszeiten:

Dienstag bis Freitag 10h bis 17.30h

Samstag und Sonntag 10h bis 19h

 

Es gibt ein sehr schönes Café du Palais im Innern bzw. bei  schönem Wetter unter den Arkaden:

Di und Mi 11-17h

Sa und So 11-18.30

Es gibt  außerdem ein Aquarium und die schöne, auf Themen  der Migration spezialisierte  Médiathèque Abdelmalek Sayad.

 

Anmerkungen

[1] Plan der Kolonialausstellung bei: https://de.pinterest.com/explore/zoo-humain/        Bild des südostasiatischen Pavillons auf der Kolonialausstellung: https://nyuflaneur.wordpress.com/2010/11/01/exposition-coloniale-1931/

(2) Bild von commons.wikimedia

(3) http://jardindacclimatation.fr/150-ans-dhistoire/  Abschnitt: Le temps des colonies

(4) Bild aus dem Beitrag von Wikipedia über das Palais de la Porte Dorée

[5] http://www.palais-portedoree.fr/fr/les-salons-historiques

und Broschüre des musée de l’histoire de l’immigration: Images des Colonies au palais de la porte dorée.

[6] http://www.palais-portedoree.fr/fr/les-fresques-du-forum

(6a) Info aus einem Mediapart-blog wiedergegeben in:  http://www.liberation.fr/france/2017/05/09/cecile-duflot-depose-deux-propositions-de-loi-sur-le-passe-colonial-de-la-france_1568337

[7] Siehe Broschüre: Traces de l’histoire coloniale dans le 12e Arrondissement de Paris. Hrsg. vom Musée de l’immigration. S. 7

Im Internet zugänglich: http://www.histoire-immigration.fr/sites/default/files/musee-numerique/documents/bat-68724-cnhi-brochure-traces-histoire-coloniale.pdf

Immerhin ist auf der Westfassade des Palais auch der Name von Victor Schoelcher enthalten, der 1848 die endgültige Befreiung der Sklaven in den französischen Kolonien durchsetzte. Die Konfrontation des kolonialistischen  und des republikanischen Pantheons ist also nicht absolut zu setzen, wie auch das nachfolgend genannte Beispiel von Jules Ferry zeigt.

[8] http://lelab.europe1.fr/colonisation-valerie-pecresse-accuse-emmanuel-macron-davoir-compare-jules-ferry-a-hitler-2982944

[9] Im Folgenden stütze ich mich auf den Beitrag von Charles-Robert Ageron  über die Kolonialausstellung von 1931 in: Les lieux de mémoire. La République. Paris 1997, S. 493-515. Auch im Internet zugänglich: http://etudescoloniales.canalblog.com/archives/2006/08/25/2840733.html

[10] http://www.palais-portedoree.fr/fr/decouvrir-le-palais/lhistoire-du-palais/lexposition-coloniale-de-1931

http://archives.valdemarne.fr/content/la-contre-exposition-des-surr%C3%A9alistes-ou-la-remise-en-cause-du-colonialisme-2

siehe dazu auch den Abschnitt „la propagande anticolonialiste“ in dem Aufsatz von Ageron.

[11] Postkarte aus: http://www.cparama.com/forum/paris-exposition-coloniale-internationale-1931-t5660-20.html

[12) Einen Kalender mit den entsprechenden Veranstaltungen findet man unter: http://www.bouddhisme-france.org/activites/activites-a-la-pagode/article/grande-pagode-calendrier-2017.html

 

Weitere  geplante Beiträge:

  • Die Kolonialausstellung von 1931 (Teil 2): Der „menschliche Zoo“ im Jardin d’acclimatisation und der  Tausch von Krokodilen und „Menschenfressern“   zwischen Paris und Frankfurt
  • Zu Fuß zum Mont-Saint-Michel: La traversée de la baie
  • Die  Kirche Saint-Sulpice in Paris

Neues Leben auf alten Steinbrüchen: Der Park Buttes – Chaumont und das quartier de la Mouzaïa

Im Blogbeitrag über die Bergwerke und Steinbrüche von Paris (April 2017) wurde gezeigt, dass erhebliche Flächen der Stadt und ihrer Umgebung als Steinbrüche und Bergwerke genutzt wurden und z.T. noch bis heute genutzt werden. In diesem Beitrag werden zwei bemerkenswerte und unterschiedliche Beispiele vorgestellt, die zeigen, was aus ehemaligen Steinbrüchen werden kann: der Landschaftspark Buttes Chaumont und das  Mouzaïa- „Villenviertel“, beide im Norden von Paris, im 19. Arrondissement.

 

Le parc des Buttes-Chaumont

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Im Gebiet der Buttes Chaumont wurden bis ins 19. Jahrhundert Gips- und meulière-Steine über Tage abgebaut.[1] So war allmählich eine Mondlandschaft mit teilweise wilden Klüften, Schründen und Höhlen entstanden – eine eher anrüchige Gegend, in der nach Auflassung der Steinbrüche  wilde (und illegale)  Tierkämpfe veranstaltet wurden und die als Mülldeponie und Abdeckerei diente. Es waren  Napoleon III. und sein Stadtplaner Haussmann, die 1863 beschlossen, diese Wüstenei in einen Landschaftspark umzuwandeln und so gewissermaßen aus der topografischen Not eine Tugend zu machen. So entstand nämlich der Pariser Park mit dem größten Höhenunterschied (mehr als 40 Meter), mit einer Insel, einer Grotte (mit künstlichen Stalaktiten), einer von Gustave Eiffel konstruierten Hängebrücke, einem kleinen Tempel im römischen Stil auf der Aussichtsplattform: ein sehr origineller Park also  mit einer großen landschaftlichen Vielfalt.

Man hat den Park auch als einen paradoxen Ort bezeichnet: Auf der einen Seite erscheine er wie kaum ein anderer Park ist Paris als „natürlich“, auf der anderen Seite sei er aber –wie sicherlich kein anderer Pariser Park- ein Produkt der Ingenieurskunst des 19. Jahrhunderts, die mit Hilfe von viel Eisen und Beton einen ehemaligen Steinbruch zu einem „Technopark“ des Baron Haussmann umgestaltet habe.[2]

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Die Eiffel’sche Hängebrücke, die ganz schön schwanken kann, wenn so viele Menschen darüber laufen wie hier auf dem Bild…

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Die Felsnadel und der Felsdurchbruch sind wohl ein Zitat des berühmten Panoramas von Etretat

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Das „römische“ Tempelchen…

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ist auch eine Aussichtsplattform

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Blick in die Weite auf Sacre Coeur und in die Tiefe auf ein Hochzeitspaar

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Eine besondere Rolle spielte bei der Einrichtung des Parks das Wasser. Es gibt kleine (künstliche) Wasserläufe – ideale Spielplätze für Kinder….

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…. es gibt auch einen kleinen Wasserfall, der zum Klettern einlädt…

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… einen See, z.B. zum Angeln…

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… und eine große Höhle – hier der Eingang –ein  Relikt aus der Zeit der Gipssteinbrüche…

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Die Attraktion dieser Höhle ist ein grandioser Wasserfall.  5300 m³ Wasser stürzen da täglich, nachdem sie einen Höhenunterschied von 32 Metern und  mehrere Katarakte überwunden haben, unter ohrenbetäubendem Lärm in die Tiefe. Mit den Worten der Parkverwaltung: „Der künstliche Wasserfall ist wahrscheinlich einer der schönsten, der jemals  in einem städtischen Park verwirklicht wurde.“

Derzeit wird das hydraulische System des Wasserfalls  gerade renoviert, deshalb gibt es kein aktuelles, sondern ein historisches Bild davon:

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Insgesamt –noch einmal in den Worten der Parkverwaltung- eine Landschaft, die „der schönsten Beschreibungen von Jules Verne würdig“  sei: „Le parc est conçu pour faire voyager et rêver ses promeneurs.“ (2a)

Zu einem Zeitpunkt, als Paris endgültig zu einer Weltstadt umgestaltet wurde, sollten damit seine Bewohner ein Stück Natur erhalten. Immerhin war Paris eine Stadt mit einer sehr großen Bevölkerungsdichte, die durch den Haussmann‘schen Stadtumbau noch intensiviert wurde: Heute ist Paris „la ville la plus dense d’Europe“ und gehört  zu den top 5 der am dichtesten bevölkerten Städte weltweit.[3] Da war und ist  ein Stück Natur, auch wenn sie künstlich und inszeniert ist- natürlich ein  Segen. Und dabei spielt -wie immer bei Haussmann-  auch der politische Aspekt eine wichtige Rolle: Denn Aufgabe der Natur sollte es auch sein, die „classes dangereuses“ des Pariser Ostens moralisieren und pazifizieren.[4]

 

 Le quartier de la Mouzaïa

Eine andere Möglichkeit, mit der „unterirdischen“ Vergangenheit  umzugehen, war die Bebauung des Geländes aufgelassener Steinbrüche. Ein schönes Beispiel dafür ist das quartier de la Mouzaïa im 19. Arrondissement. Entstanden ist dieses Viertel, nachdem man an dieser Stelle 1872 den Abbau von Gips- und meulière-Steinen eingestellt hatte.[5] Für ehemalige Arbeiter der Steinbrüche, kleine Angestellte und Händler wurden dort 250 schmale Reihenhäuser gebaut –  durchweg zweistöckig mit einer sehr begrenzten Wohnfläche und mit einem kleinen Vorgärtchen. Getrennt sind die Häuserreihen von kleinen gepflasterten Wegen, den villas. Die niedrige Bebauung des quartiers, die in besonderem Kontrast zu den Hochhausblöcken der place des fêtes steht, ist nicht nur den begrenzten finanziellen Mitteln der Bauherren geschuldet, sondern zuerst und vor allem dem unsicheren Untergrund: Das Risiko, auf dem Gelände der ehemaligen Steinbrüche zu bauen, sollte möglichst vermindert werden. So hat man aber auch hier aus der topografischen Not eine Tugend gemacht: Es ist inmitten der Großstadt und vor dem Hochhaus-Hintergrund der Umgebung ein verstecktes kleinstädtisches Idyll entstanden, ohne Autos, aber mit viel Natur in den Vorgärten: Camelien, Jasmin, Wein, Glyzinen…

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Eine typische Mouzaïa- Villa

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Auf dem Foto sieht man, dass die hier im Untergrund geförderten meulière-Steine zum Teil auch gleich für den Bau einiger Häuschen verwendet wurden.

Die Namen der Straßen und Villen des Viertels zeigen übrigens, dass es sich hier um ein typisches Produkt der 3. Republik handelt: Es gibt die Straße der Liberté, die der Égalite und die der Fraternité, außerdem die Straße des Fortschritts und die nach Präsidenten der 3. Republik benannten „Villen“.

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Die Soziologen Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot haben ein Spaziergang durch das Quartier vorgeschlagen, der an  der 1911 eröffneten Métro-Station Danube beginnt. Sie liegt an der Linie 7b,  die durch das ehemalige Terrain der carrières d’Amérique  und zum Teil unter dem Park der Buttes-Chaumont verläuft.

Dieser Streckenabschnitt musste deshalb besonders gesichert werden: Nicht weniger als 220 Brunnengründungen, die eine kumulierte Gesamthöhe von 5,5 Kilometern erreichen, wurden in dem Streckenabschnitt  der  Station und des Streckentunnels in Richtung Buttes-Chaumont errichtet. Besonders kompliziert war der Bau der Station Danube, weil das Niveau der Station 33,49  m über dem festen Boden lag. Also wurde  ein unterirdisches Viadukt errichtet, gewissermaßen ein Korsett, in das die Metro-Station eingepasst wurde und das ihr festen Halt verleiht.[6]

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Auf einer Informations-Tafel in der Metro-Station wird dies erläutert und veranschaulicht, wobei auch nochmal die Legende von den Steinen fürs Weiße Haus in Washington als Tatsache „verkauft“ wird. (siehe dazu den Blog-Beitrag über „die Bergwerke und Steinbrüche von Paris“.)

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Dessen ungeachtet ist aber die Metro-Station Danube ein Beispiel dafür, wie weit- oder in diesem Fall: wie tiefgehende Konsequenzen die Vergangenheit von Paris als Bergwerksstadt hatte und zum Teil bis heute noch hat.

Für Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot ist das Mouzaïa- Viertel auch ein Beispiel der in Paris offenbar unaufhaltsamen „Gentrifizierung“: Auch wenn es sich um ein Viertel handelt, das für Menschen mit geringem Einkommen gebaut wurde und auch wenn die beengten Wohn- und Nachbarschaftsverhältnisse durchaus ihre Nachteile haben, so übt ein solches „Paradies“ doch eine erhebliche Anziehungskraft auf eine aufstrebende Mittelschicht, vor allem auf die sogenannten „Bobos“ aus.

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Deren Anwesenheit ist bei einem Rundgang durch das Viertel durchaus zu bemerken. Aber es gibt auch Häuser, die ganz und gar nicht herausgeputzt sind, bei denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint.  Deren Besitzer haben also offenbar nicht die Mittel –oder den Willen- , aus den alten  bescheidenen Arbeiterhäuschen ein Schmuckstück zu machen. Und es gibt völlig verwilderte Grundstücke und Häuser, die möglicherweise als Spekulationsobjekte dienen.

Am besten eignen sich Frühjahr oder Sommer für einen Mouzaïa-Spaziergang, wenn es in den Vorgärtchen grünt und blüht. Und man sollte sich dafür etwas Zeit lassen. Man kann dann –möglichst unaufdringlich- viele kleine Entdeckungen machen und  sogar Kontakte mit Bewohnern des Viertels knüpfen.[7]

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En savoir plus:

Antoine Picon: Nature et ingénieurie: Le parc des Buttes-Chaumont. In: romantisme. Revue du dixième siècle, 2010/4: https://www.cairn.info/revue-romantisme-2010-4-page-35.htm

Michel Pinçon/Monique Pinçon-Charlot: Villages dans la ville: Les villas de Paris.  In: Paris. Quinze promenades sociologiques. Paris 2013, S. 223f (und vor allem:  S. 237f: Les villas du 19e arrondissement)

https://henryetraymond.wordpress.com/2015/09/23/les-buttes-chaumont-chef-doeuvre-de-lart-paysager-a-paris/

 

Anmerkungen

[1] Das Foto  ist in der Dauerausstellung  zur Stadtentwicklung des Pavillon de l’Arsenal in Paris zu sehen.

[2] https://www.cairn.info/revue-romantisme-2010-4-page-35.htm

https://www.franceculture.fr/emissions/lsd-la-serie-documentaire/quatre-paysages-14-les-buttes-chaumont

(2a) Text und Bild auf den Schautafeln, die am Eingang des Parks gegenüber der Mairie des 19. Arrondissement während der Bauarbeiten im Park aufgestellt sind/waren. Und unter: www.paris.fr/viewmultimediadocument?multimediadocument-id..

[3] Pavillon de l’Arsenal: Catalogue de l’exposition Paris/Haussmann, Modèle de Ville. Paris 2017, S. 11.  Dagegen betrug die Bevölkerungsdichte von Berlin  im Jahr  3.947 Einwohner pro Quadratkilometer: https://de.wikipedia.org/wiki/Einwohnerentwicklung_von_Berlin

[4] https://www.franceculture.fr/emissions/lsd-la-serie-documentaire/quatre-paysages-14-les-buttes-chaumont

[5] http://pietondeparis.canalblog.com/archives/2013/01/25/26246587.html

http://www.pariszigzag.fr/sortir-paris/balade-paris/quartier-mouzaia-paris

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Danube_(M%C3%A9tro_Paris)

http://pietondeparis.canalblog.com/archives/2013/01/25/26246587.html

[7] Ein weiteres eher kleinstädtisches Ensemble ist „la campagne à Paris“ im 20. Arrondissement (Rue du Père Prosper Enfantin – Rue Irénée Blanc – Rue Mondonville – Rue Jules Siegfried, Rue Paul Strauss), das ebenfalls auf einem ehemaligen Gips-Steinbruchgelände errichtet wurde.  Die Cavernen wurden mit  Aushub aufgefüllt, der bei dem von Haussmann initiierten Bau der avenues de la République  und Gambetta entstand. Auf dieser Grundlage war aber auch dort  nur eine begrenzte Bebauung möglich.

 

Weitere  geplante Beiträge:

  • Die Kirche Saint-Sulpice in Paris

  • Die Kolonialausstellung von 1931 in Paris: Das Palais de la Porte Dorée, die Ausstellung von neukaledonischen Eingeborenen (Kanaken) im jardin d’acclimatisation und der Tausch von Kanaken und teutonischen Krokodilen

  • Zu Fuß zum Mont-Saint-Michel: La traversée de la baie