Die Nuit Blanche, das Lichter- und Kunstfest von Paris

Seit der Weltausstellung von 1900 nennt sich Paris ganz offiziell „ville lumière“, Stadt des Lichts. Immerhin war dort ja auch schon zur Zeit Ludwigs XIV. die öffentliche Straßenbeleuchtung eingeführt worden, ab 1816 hatte der Siegeszug der Gasbeleuchtung in der Passage des Panoramas und den Galerien des Palais Royal begonnen und 1881 fand in Paris die erste internationale Elektrizitätsausstellung statt.

Zum Selbstverständnis von Paris  als „ville lumière“ passt ganz besonders natürlich die seit 2002 jährlich stattfindende „Nuit Blanche“, ein Lichter- und Kunstfest. Sie beginnt jeweils am Abend des ersten Oktobersamstags und  endet am Sonntag früh.[1]

Paris Nuit Blanche 2.10.2010 001

Seit 2010 haben wir mehrfach während der nuit blanche Paris durchstreift. Das Angebot dabei so überwältigend, dass man nur eine kleine Auswahl aus dem angebotenen Programm bewältigen kann. Einige deshalb auch völlig unsystematische Eindrücke sollen im Folgenden wiedergegeben werden und Lust, auf Entdeckungstour durch die nuits blanches von Paris zu gehen.

Ein „Markenzeichen“ der nuit blanche ist natürlich die Illumination öffentlicher Gebäude. Und hier denken wir natürlich zuerst –und 2019 natürlich mit einiger Wehmut- daran, wie wunderbar sich die Kirche Notre Dame in der nuit blanche 2010 präsentierte.

Paris Nuit Blanche Notre Dame 2.10.2010 006

Bunter und lauter ging und geht es immer am Hôtel de Ville zu. Auf dessen Vorplatz werden aus Anlass der nuit blanche auch besondere Veranstaltungen organisiert. 2019 zum Beispiel gab es ein großes Arreal zum Tanzen. Allerdings zu einer nach meinem Geschmack sehr eintönigen elektronischen Musik. Also eher etwas für junge Leute. Die Schlange vor dem Eingang war auch entsprechend groß. Und wenn man drinnen war, lagen weiße Gewänder mit Kapuzen bereit, die die Tanzenden übergezogen haben – ein passendes Event zu einer „weißen Nacht“. Auf die Fassade des Rathauses wurden dazu historische Filmsequenzen von Tänzern projiziert…

DSC06140 nuit blance 2019 (48)

Aber natürlich gab und gibt es auch ruhigere, beschaulichere Projektionen: Zum Beispiel 2016  die der gotischen Salle des gens d’armes aus der Conciergerie auf die Fassade des Baus.[2]

1280px-Salle_des_gens_darmes_conciergerie

Nuit Blanche 2016 IMG_5581 (3)

Auf der Außenwand standen die Säulen allerdings auf dem Kopf, aber im auf der Seine gespiegelten Bild standen die Säulen wieder fest auf ihren Sockeln.

Originell war auch 2017 die „animation lumineuse“ des von Jean Nouvel geplanten Institut du Monde Arabe.[3] Auf der südlichen Fassade, bei der das Sonnenlicht durch eine Serie von Irisblenden reguliert wird, erschienen in abwechslungsreicher Folge  Bilder mit unterschiedlichen Formen und Farben.

DSC01073 nuit blanche Paris 2017 Inst monde arabe (1)

DSC01073 nuit blanche Paris 2017 Inst monde arabe (2)

Dann gibt es aber auch besondere Installationen, wie zum Beispiel diese „Schlangen“ am Brunnen Saint Michel.

DSC01073 nuit blanche Paris 2017 Brunnen St Martin (1)

Oder 2010 eine Installation auf dem Pont Saint Louis zwischen der Île de la Cité und der °Ile Saint-Louis: Gerüste aus Stahlrohren, durch die man auch hindurchgehen konnte und die unterschiedliche beleuchtet wurden.

Paris Nuit Blanche 2.10.2010 008

Paris Nuit Blanche 2.10.2010 009

Nuit blanche 2013 013

 

 

 

 

Auch für das Jahr 2913 hatten sich der verantwortliche Planer der Nuit Blanche –für jedes Jahr designiert die Stadt Paris eine spezielle Leitung- etwas Besonderes ausgedacht:

 

 

 

 

Auf der gerade umgestalteten und für Fußgänger zugänglicheren Place de la République hatte die japanische Künstlerin Fujiko Nakaya ein Feld aufgebaut, in dem leichter feuchter Nebel versprüht wurde.

Nuit blanche 2013 003

Die Statue der Republik auf dem Sockel war in diesem Sprühnebel ganz verschwunden, aber auch die Personen unten auf dem Platz waren nur noch als Schemen sichtbar – Das waren dann die „fog scuptures“, das Markenzeichen der Künstlerin.

Nuit blanche 2013 001

Nuit blanche 2013 010

Etwas bizarr war  eine vorab vielgerühmte und angepriesene Installation im Carreau du Temple. In diesem Bau, der gerade renoviert wurde, hatte Huang Young Ping ein riesiges Plexiglasrohr montiert, ähnlich einer Achterbahn, in der Reptilien und Insekten eingeschlossen waren, die sich langsam bewegten. Sicherlich gab es dazu einen philosophischen Überbau, der sich mir allerdings nicht erschlossen hat.[4]

Nuit blanche 2013 023

Dass allerdings die Schlange der Wartenden vor dem Carreau so lange war, lag sicherlich auch daran, dass an diesem Tag die Pariser Bevölkerung zum ersten Mal wieder die Gelegenheit hatte, diesen schönen Bau aus der Zeit um 1900 zu betreten, der in den 1970-er Jahren schon einem Parkplatz zum Opfer fallen sollte…

is

Dieses Beispiel zeigt aber auch eine besondere Seite der nuit blanche: Dass an diesem Tag  bzw. in dieser Nacht nämlich Orte geöffnet sind, die sonst kaum zugänglich sind.

Ein schönes Beispiel dafür war 2014 die Freyssinet-Halle im 13. Arrondissement von Paris. Es handelt sich dabei um ein in den 1920-er Jahren errichtetes Betriebsgebäude der SNCF, das aber seit 2006 nicht mehr genutzt wurde.

Nuit Blanche 2014 IMG_2438 (11)

2017 wurde dort ein Inkubator für etwa 1000  Internet- Start-ups eingeweiht, nach Selbstdarstellung der Station F, wie sie jetzt heißt, der größte weltweit[5] – in Frankreich liebt man, wenn es sich um das eigene Land handelt, ähnlich wie in den USA die Superlative…. Architekt des Umbaus war übrigens Jean-Michel Wilmotte, ein Spezialist für die Rehabilitierung und behutsame Modernisierung historischer Bauten. Zwei von ihnen, nämlich das Haus der Mutualité und das Hotel Lutetia, wurden schon auf diesem Blog vorgestellt.[6]

Eingeladen zur Präsentation der Halle während der nuit blanche von 2014 waren auch Vertreter der Street-Art, die die äußeren Wände der Halle gestaltet hatten: Eine gute Idee, die Wartezeit vor dem Einlass kurzweiliger zu machen.

Nuit Blanche 2014 IMG_2438 (3)

Nuit Blanche 2014 IMG_2438 (35)

Nuit Blanche 2014 IMG_2438 (26)

Höhepunkt der nuit blanche 2017 war für uns die Lichtinstallation im Collège des Bernardins im 5. Arrondissement von Paris. Das Collège war im 13. Jahrhundert von Zisterziensern zur Unterbringung von Studenten gegründet worden. Seit der Französischen Revolution wurden wesentliche Teile des Collegs abgerissen, andere als Mehldepot, Gefängnis für Galeerensträflinge oder Feuerwehrkaserne genutzt. Erhalten ist aber immerhin noch das ehemalige Refektorium, ein wunderbarer gotischer Raum, auch er von Jean- Michel Wilmotte rehabilitiert.[7]

Auch hier waren die Warteschlangen vor dem Einlass sehr lange.

DSC01073 nuit blanche Paris 2017 (7)

Aber das Warten lohnte sich. Denn in dem alten Refektorium mit seinem wunderbaren gotischen Gewölbe wurde eine grandiose son-et-lumière Präsentation geboten.

DSC01073 nuit blanche Paris 2017 (9)

DSC01073 nuit blanche Paris 2017 (14)

DSC01073 nuit blanche Paris 2017 (17)

DSC01073 nuit blanche Paris 2017 (St severin

 

 

 

Weniger laut war es danach in der nahe gelegenen Kirche Saint Severin (5. Arrondissement) mit der gedrehten Säule in dem wunderbaren Chormumgang. Aus Anlass der nuit blanche war die Kirche geöffnet und sehr stimmungsvoll beleuchtet  – ein ruhiger und schöner Ausklang der nuit blanche 2017.

 

 

 

DSC06251 nuit blanche 2019 (3)

Für die Nuit blanche 2019 hatten sich die Veranstalter wieder ganz neue Attraktionen ausgedacht, zum Beispiel einen Zug von dekorierten Wagen von der Place de la Concorde zur Bastille. Also „une Nuit blache aux airs de carnaval“.[8]

Bei diesem Karnevalszug gab es Element des chinesischen Neujahrsfests[9]:

DSC06140 nuit blance 2019 (9)

DSC06140 nuit blance 2019 (12)

Aber es gab auch Anklänge an den Karneval von Rio:

DSC06140 nuit blance 2019 (16)

DSC06140 nuit blance 2019 (17)

Und in gewisser Weise auch an die Faschingsumzüge des rheinischen Karnevals. Nur dass da keine Bonbons/Kamellen in die Menge geworfen wurden, sondern es wurden Schlangen von Zuckerwatte in den Himmel und ins Publikum gepustet – weiß natürlich, wie es sich für eine nuit blanche gehört….

DSC06140 nuit blance 2019 (24)

DSC06140 nuit blance 2019 (21)

Zum Abschluss des Umzugs gab es dann noch ein grandioses Feuerwerk rund um die Bastille.

DSC06140 nuit blance 2019 (42)

DSC06140 nuit blance 2019 (45)

Eine weitere besondere Attraktion der Nuit blanche 2019 war die Sperrung eines Teils des Périphérique, der die Stadt umgebenden Autobahn. Die Zukunft dieser Autobahn, oft geprägt von Staus, spielt in den  Visionen, die für Paris und sein Umland (le grand Paris) entwickelt werden, eine große Rolle und dass der Peripherique in seiner derzeitigen Form keine Zukunft hat, ist unumstritten.[10] Insofern war es eine naheliegende Idee der Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo, aus Anlass der Nuit blanche einen Abschnitt des Peripheriques für den Autoverkehr zu sperren und für Fußgänger, Fahrrad- und Rollerfahrer zu öffnen. Dabei konnte sie darauf verweisen, dass der Peripherique ja auch schon einmal in Teilen für die Entschärfung einer Weltkriegsbombe gesperrt werden musste. Warum dann nicht auch für die Nuit blanche… (11)

EELW9xNXsAEqTAZ

Blick von oben auf das gesperrte und beleuchtete Teilstück des Peripherique

DSC06140 nuit blance 2019 (53)

 

 

 

Wir waren da nicht, sondern machten zunächst einem Abstecher zum  Palais Royal, wo in durchsichtigen aufgeblasenen und von innen beleuchteten PVC-Kugeln junge Damen mit roten Perücken und Röcken durch den Garten rollten. Dem Programm zufolge handelte es sich dabei um eine sogenannte „art cinétique“.

DSC06140 nuit blance 2019 (56)

Also zum Abschluss unserer Nuit blanche dann doch lieber zur „art classique“ in die Orangerie an der Place de la Concorde, wo seit 2015 im wunderbaren Seerosen-Saal Monets in der Nuit Blanche eine „Nuit du Quatuor“ stattfindet.

DSC06205

Während der ganzen Nacht präsentieren dort zu jeder Stunde verschiedene europäische Ensembles Kammermusik, wobei auch immer eine Erstaufführung dabei ist. Als wir um halb ein Uhr dort waren, hätten wir allerdings bis zum 4-Uhr Konzert warten müssen, so groß war der Andrang…  Und dann fing es auch noch an zu regnen…

Vielleicht haben wir ja im nächsten Jahr mehr Glück. Und  es locken dann sicherlich auch  wieder neue, attraktive Angebote….

 

Anmerkungen

[1] https://de.parisinfo.com/kultur-paris/135251/nuit-blanche-in-paris

[2] Bild aus Wikipedia.

[3] https://www.imarabe.org/fr/evenement-exceptionnel/nuit-blanche-2017-a-l-ima

[4] https://www.dailymotion.com/video/x1553d6

[5] https://www.lesechos.fr/2017/06/avec-station-f-xavier-niel-simpose-comme-figure-incontournable-du-monde-des-start-up-174839

[6] Siehe die Blog-Beiträge über die Maison de la Mutualité und über das Hotel Lutetia.

[7] http://www.wilmotte.com/fr/projet/1/College-des-Bernardins

[8] Le Monde  6./. 10. 2019, S. 23

[9] Zum chinesischen Neujahrsfest siehe den Blog-Beitrag

[10] https://www.lefigaro.fr/actualite-france/paris-se-dirige-vers-la-fin-du-peripherique-20190611

(11) La Nuit blanche s’invite sur le périphérique. Le Monde, 22. Januar 2019, S. 18

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Camille Claudel, Schicksal einer Bildhauerin: 5 Erinnerungsorte
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • Die Mauer der Generalpächter, Lavoisier und  die Torhäuser von Ledoux

 

Stop féminicides/Schluss mit den Frauenmorden: Aktuelle Aktionen in Frankreich (November 2019)

Fährt oder bummelt man in diesen Herbsttagen des Jahres 2019 durch die Straßen von Paris, dann sind die auf Hauswände geklebten weißen Plakate nicht zu übersehen, auf denen  mit großen schwarzen Buchstaben die Morde an Frauen angeprangert werden. So bei uns in der Nähe in der rue Saint Sébastien.

DSC06559 Feminicides (3)

Das Wort féminicide  bezeichnet nach dem Wörterbuch „Le Petit Robert“ den Mord an einer Frau oder einem Mädchen aufgrund ihres Geschlechts.  Aufgenommen wurde es in dieses Wörterbuch im Jahr 2015, während die Akademie française sich noch ziert – was allerdings bei dieser sehr männerlastigen und konservativen Institution  nicht anders zu erwarten ist. [1]  Allerdings tun sich auch deutsch-französische Wörterbücher schwer mit dem Wort: Leo musste passen:

Leider konnten wir zu Ihrem Suchbegriff féminicides keine Übersetzung finden“,

und  linguee teilte kurz und bündig mit: „Keine Ergebnisse für féminicides.  Bei Pons wurde ich dann aber fündig: féminicide = Frauenmord.“.[2] 

In Frankreich ist das Wort in den Medien allpräsent und es wird in der aktuellen Plakatierungsaktion ganz selbstverständlich immer wieder verwendet. Dabei werden teilweise auch die Namen der Opfer genannt, wie sie umgebracht wurden und um den wievielten Frauenmord des Jahres es sich handelt.

DSC06623 Feminicides (2)

Monique, mit Schlägen des Gewehrs getötet von ihrem Mann, 104. Mord an Frauen  Boulevard Ménilmontant, 11. Arrondissement

Und  bei uns in der Ecke in der Rue de la folie Regnault (ebenfalls 11. Arrondissement):

DSC06551 Feminicides (1)

25.10.2019  Shaïna, 15 Jahre, wurde von ihrem Typ erschlagen und verbrannt. Der 125. Mord an Frauen

20191209_142228

2.11.2019 Eine Frau von 88 Jahren, von ihrem Mann durch eine Kugel in den Kopf getötet, Der 128. Frauenmord. Rue Léon Frot, 11. Arrondissement

DSC06559 Feminicides (7)

Audrey (getötet) von ihrem …. 14 Schläge    107. féminicide     Rue Henri Chevreau,           20. Arrondissement

Auch das Ausmaß der Frauenmorde wird plakatiert wie in der Passage de Ménilmontant  im  11. Arrondissement:

DSC06593 Feminicides (1)

Der Männlichkeitswahn tötet alle 48 Stunden

 

20190921_144924

In Frankreich ein Frauenmord alle zwei Tage (Foto von Sonia Branca, aufgenommen Nähe Bastille)

Dieses Plakat gibt es auch auf englisch – hier allerdings in etwas ramponierter Form:

DSC06603 Feminicides (14)

Rue Bouvier, 11. Arrondissement

Ein Plakat  mit italienischer Parole ist in der Rue du chemin vert an die Mauer geklebt (11. Arrondissement). Die französische Version „pas une de plus“ gibt es natürlich auch.

DSC06551 Feminicides (3)

 Gegenüber dem Deutschen Historischen Institut im Marais  gab es ein Plakat mit deutscher Aufschrift, das allerdings schon ganz heruntergerissen war, als ich es aufnehmen wollte.

DSC06559 Feminicides (5)

Sie verlässt ihn, er tötet sie      Rue Étienne Dolet, 20. Arrondissement

Mit dieser Collage wird ein sehr häufiges Motiv von Frauenmorden angesprochen. Oft können es Männer nicht ertragen, wenn ihre Frau sich von ihnen trennt. Le Monde berichtet in ihrer Ausgabe vom 17./18. November 2019 vom Leidensweg einer Frau, deren Mann, mit dem sie 20 Jahre lang verheiratet war, die Trennung nicht ertragen konnte. Ihr Partner drohte ihr mehrfach an, ihr das Gesicht zu verätzen, damit sie nicht mehr für andere Männer attraktiv sei. Er werde das tun, auch wenn er dann 15 Jahre ins Gefängnis müsse. Die Bedrohungen nahmen an Brutalität zu, der Mann kommt einmal für kurze Zeit in Haft und ihm wird der Kontakt mit seiner früheren Frau untersagt. Aber die Bedrohungen gehen weiter,  auch die Kinder, die bei der Mutter leben, werden bedroht. Er werde den 4-jährigen Jungen vom Balkon werfen. Mehrfache Anzeigen, mehrfache dringende  Eingaben des Rechtsanwalts bei der Justiz bleiben ergebnislos, bis dann der Mann seine Drohung wahr macht und das Gesicht der Frau mit Salzsäure entstellt….

DSC06559 Feminicides (14)

Papa hat Mama getötet       Rue des Partants, 20. Arrondissement

Seit September 2019 gibt es diese Anschläge in Paris. Bei den hier abgebildeten  handelt es  sich um eine völlig zufällige Zusammenstellung, meist in unserer näheren Umgebung fotografiert. Dabei wird aber deutlich, dass es sich um eine ganz spektakuläre Aktion handelt – denn sie ist ja nicht auf unser Viertel beschränkt, sondern in ganz Paris verbreitet. Gewidmet  sind  sie „den ermordeten Frauen“.

Rue de la Roquette, 11. Arrondissement

DSC06559 Feminicides (18)

DSC06559 Feminicides (12)

Unseren ermordeten Schwestern        Rue de la Bidassoa im 20. Arrondissement

 Hier hat die Gruppe nous toutes neben dem Straßenschild und über der Collage ein Plakat mit einem alternativen Straßenschild angeklebt, das einer der ermordeten Frauen gewidmet ist:

DSC06559 Feminicides (11)

Rue Chloé, 33 Jahre, am 27. April 2019 von ihrem Ex getötet

Auf der Basis der Juli-Säule in der Mitte der place de la Bastille befindet sich folgende Aufschrift:

DSC06626

Aux femmes assassinées, la patrie indifférente  (den ermordeten Frauen, das gleichgültige Vatgerland) eine Anspielung auf die Widmung des Pantheons: aux grands hommes- la patrie reconnaissante  (den großen Männern, das dankbare Vaterland).[3]

Diese Collage passt  gut zu der Juli-Säule- denn es geht ja um ermordete Frauen- und die Juli-Säule ist den Opfern der „trois glorieuses“ der Juli-Revolution von 1930 gewidmet, die hier sogar bestattet sind.

Initiatorin der Plakataktion ist Marguerite Stern, eine junge Künstlerin, die dafür engagierte Frauen gewann.[4]

080_hl_jsebadelha_875624

Begonnen hatte sie damit in Marseille, wo sie wohnt, dann aber auch in Paris Mitstreiterinnen gefunden.

Réunion de préparation de la soirée : les militantes font le point sur les lieux de collage et les messages qui y seront affichés. ©camillegharbi

Vorbereitungstreffen von Pariser Aktivistinnen im September 2019

Dort startete die Aktion am 30. August und eine Woche später waren schon 250 Collagen geklebt.[5]  Heute sind es sicherlich tausende…

Die Aktivistinnen, die diese Plakate bzw. Collagen an die Wände klebten, hatten allerdings ein Problem, das Vertretern der Street-Art nur allzu bekannt ist: Das „wilde“ Plakatieren stört nicht nur die öffentliche Ordnung, sondern ist auch ein Eingriff in das Privateigentum. Es handelt sich  also um  eine Ordnungswidrigkeit, die entsprechend geahndet werden kann – und wie beim Invader oder Monsieur Chat auch geahndet wurde.

Dazu veröffentlichte die Zeitung Le Parisien  am 7. September 2019 einen Artikel:

Paris : 400 euros pour avoir collé des affiches contre les féminicides

6 militante Feministinnen seien in flagranti beim Plakatieren von städtischen Angestellten beobachtet worden. Man habe ihre Personalien erhoben und ein Bußgeld von insgesamt 400 Euro verhängt.[6]

Die Frauen hatten ein  Plakat angeklebt mit der Aufschrift Morde an Frauen: Das große Thema der Legislaturperiode.

S5DBQJI7SRJ4JQD7KSVNQWNWY4

Die Pariser Stadtverwaltung rechtfertigte das Vorgehen ihrer Beschäftigten: Man könne von ihnen nicht erwarten, dass sie eine Entscheidung träfen zwischen verschiedenen Arten wilder Plakatierung. Allerdings hatte die Pariser Bürgermeisterin am 28. August noch höchstpersönlich eine Veranstaltung auf dem Platz vor dem Pariser Rathaus organisiert, in der sie die Morde an Frauen verurteilt und die Regierung zum höchst überfälligen Handeln aufgefordert hatte.[7]

5003087-des-femens-interpellent-le-pouvoir-ann-950x0-2

      Anne Hidalgo, die Bürgermeisterin von Paris, am Rednerpult vor dem Rathaus

5003060-ceremonie-de-recueillement-en-souvenir-d-950x0-2

 

 

Dazu waren die Namen der Opfer an der Fassade des Rathauses befestigt worden.

 

94 Frauen sind seit Beginn des Jahres 2019 unter den Schlägen ihres Partners oder Ex-Partners gestorben

 

 

 

 

 

Die Verhängung von Bußgeldern für das Ankleben von Collagen passte dazu natürlich überhaupt nicht.  Aber inzwischen scheint sich die Stadtverwaltung  dieses eher peinlichen Widerspruchs bewusst geworden zu sein.  Dazu haben sicherlich auch Anstöße aus den eigenen Reihen beigetragen, wie etwa ein Beschluss des Stadtrats des 20. Arrondissements: Die Plakatierungs-Aktion liege, so heißt es da, im allgemeinen Interesse und solle deshalb von der Pariser Stadtverwaltung nicht nur geduldet werden.[8]  Das scheint inzwischen auch so gehandhabt zu werden. Jedenfalls habe ich von weiteren städtischen oder polizeilichen Interventionen in dieser Sache nichts mehr gehört oder gelesen

 

Weitere Aktionen

Neben diesen Collagen gab und gibt es in diesem Jahr aber noch weitere Aktionen  gegen Frauenmorde. Besonders spektakulär die der militanten Frauengruppe Femen, bekannt durch ihre barbusigen Auftritte hier eine im Innenhof des Palais Royal in Paris im Mai 2019…[9]

une-action-femen

….  und eine weitere am 5. Oktober 2019  auf dem Friedhof von Monparnasse[10]:

MHD6FM7M7TTVHKO4RP3A62CR5M

Ich habe ihn verlassen, er hat mich getötet;   ich wollte nicht sterben;   nicht noch eine mehr

Am 19. Oktober 2019 veranstalteten Frauengruppen fünf sogenannte die-ins auf Pariser Plätzen:

B9721311599Z.1_20191019212938_000+G9VENQ0PK.2-0

Frauen legten sich auf den Boden, um den Tod von Frauen zu veranschaulichen, die Opfer häuslicher Gewalt geworden sind. (Courrier Picard, 19.10.2019)

rue Charrière 11e. MArie Lepelletier. 07.12.2019_63441

Wir sind alle Heldinnen (Foto Sonia Branca)

Auch der Invader, bekannt durch seine an Hauswänden befestigten Mosaike[11], engagierte sich: Er verbreitete einen Aufruf:

DSC06557 Invader (1)

 

„Ob Prinzession, Kriegerin oder Tänzerin, alle zwei Tage stirbt in Frankreich eine Frau unter den Schlägen ihres Partners oder ex-Partners. Heute, am 3. September 2019 -3/9/2019- verbreiten wir die Telefonnummer, die Menschenleben retten kann. Ob Opfer oder Zeuge, die 3919 hört Sie und hilft Ihnen, auf häusliche Gewalt zu reagieren“.[12]

Illustriert war der Aufruf mit einer Zusammenstellung von 9 Frauenmosaiken des Invaders, darunter  diesem in der rue du roi doré im Marais.

 

 

Frauenmorde in Frankreich:  Ein Versagen der Behörden und der Justiz?

Das Thema der Frauenmorde/féminicides ist in den französischen Medien sehr präsent. Ein wesentlicher Grund dafür ist die hohe Zahl der entsprechenden Gewalttaten. 2017 haben 219 000 französische Frauen angegeben, Opfer physischer und/oder sexueller Gewalt gewesen zu sein. Mehr als 12 000 Fälle von Todesdrohungen seien von der Polizei registriert worden. 2018 seien, wie die Zeitung Le Temps berichtete, 121 Frauen in Frankreich unter den Schlägen ihres Partners oder Ex-Partners umgekommen. Der Figaro  gibt für 2018 die Zahl von 107 an.[13] Wie auch immer: Ganz deutlich ist, dass die Zahl der ermordeten Frauen in diesem Jahr deutlich ansteigt: Die Ende Oktober 2019 umgebrachte 15-jährige Shaïna war ja, wie auf einem einer anfänglich gezeigten Collage zu lesen war, schon der 124. Frauenmord dieses Jahres.

Gemäß der europäischen Statistikbehörde Eurostat liegt Frankreich, was die absolute Zahl der Frauenmorde angeht, damit auf einem Spitzenplatz, weit vor Rumänien, Großbritannien und Italien. Den traurigen europäischen Rekord halte aber, wie tv 5 berichtete, Deutschland! Bezogen auf die Bevölkerungszahl sieht das Bild allerdings etwas anders aus: Da liegt Rumänien weit an der Spitze und Deutschland im „Mittelfeld“, allerdings noch vor Frankreich.[14]

Bei der Frage nach den Ursachen des hohen Ausmaßes häuslicher Gewalt wird in Frankreich immer wieder das Verhalten der zuständigen öffentlichen Instanzen infrage gestellt. Im Figaro wird beispielsweise eine in diesem Bereich tätige Soziologin zitiert, die von einer von ihr betreuten Frau berichtet: „Sie hat fünfmal Anzeige erhoben, aber die Todesdrohungen sind alltäglich. Ihr ehemaliger Partner ist gefährlich. Ich ermutige sie, eine sechstes Mal Anzeige zu erheben, aber sie hat nicht das Gefühl dadurch besser geschützt zu werden.“[15]

DSC06603 Feminicides (13)

Häusliche Gewalt. Trägheit der Polizei. Widerstand der Justiz. Daran sind sie gestorben.  Rue Bouvier, 11. Arrondissement

Dazu eine aktuelle Meldung aus Le Monde vom 14.11. 2019. Unter der Überschrift FEMINICIDE wird von einer Frau im Département Bas-Rhin berichtet, die von ihrem Partner erstochen wurde. Die Tochter des Opfers, die Augenzeugin des Verbrechens gewesen sei, habe den Vorwurf erhoben, die Polizei habe viel zu lange gebraucht, um am Tatort einzutreffen. „Niemand“, so wird die Frau zitiert, „hat uns helfen wollen.“ Ihre Mutter habe schon die zuständigen Stellen informiert (main courante) und Anzeige wegen häuslicher Gewalt erstattet – offensichtlich vergeblich…. Jetzt sei die für die Polizei zuständige Aufsichtsbehörde mit dem Fall befasst.

20191209_115445

Und dazu ein aktuelles Plakat in der Rue Chaligny im 11. Arrondissement: Jean-Pierre schlug Valérie mit der Faust. Sie wurde mit dem Tode bedroht, beschimpft, an den Haaren gezogen. Beschwerden wurden von der Polizei zurückgewiesen, die Justiz hat nie Strafen verhängt. Aber ich werde es auch 15 Jahre danach nie vergessen. Papa leugnet seine Gewalttaten. Aber ich schreie sie heraus auf den Mauern, weil Mutter sterben musste. 

Heftig diskutiert wird in Frankreich die Frage, inwieweit die Justiz und das Strafrecht dem Problem gewachsen sind. Da stehen sich zwei Positionen gegenüber: Einmal die Auffassung, dass das juristische Arsenal ausreichend sei, es allerdings Probleme bei seiner konsequenten Anwendung gäbe[16]. Anderseits gibt es auch die Forderung,  den féminicide als eigenständigen Tatbestand in das Strafrecht aufzunehmen, um der Besonderheit der Gewalt gegen Frauen besser gerecht werden zu können, so wie das schon in mehrern Staaten  Mittel- und Südamerikas (beginnend mit Costa Rica 2007) der Fall sei. [17]

Es  ist allerdings in Frankreich wohl allgemein anerkannt, dass  die Polizei  sich oft schwer tut,  Frauen zu schützen, die Opfer häuslicher Gewalt geworden sind (18);  und  ebemso,  dass die Justiz oft –zu oft- unfähig ist, potentielle Mörder daran zu hindern, zur Tat zu schreiten.  In ihrer Ausgabe vom 17./18. November 2019 veröffentlichte Le Monde eine zweiseitige Recherche zum Thema:

Féminicides: une justice trop souvent en échec face aux aggresseurs

Frauenmorde: eine Justiz, die allzu oft angesichts von Tätern versagt

DSC06639

Frauenorde: Die Justiz als Komplize  Rue de la Roquette, 11. Arrondissement

 Sicherlich ist es sehr zugespitzt und polemisch, die Justiz als Komplizen der Frauenmorde zu qualifizieren. Aber die von einem 12-köpfigen (!) Journalist/inn/enteam in Le Monde veröffentlichten  Fälle sind schon erschreckend: Da hat man den Eindruck, dass manchmal alle Anzeigen, alle auch rechtsanwaltlichen Interventionen, nichts nützen, und die Justiz erst dann nachhaltig tätig wird, wenn das lange angekündigte Verbrechen schließlich geschehen ist.

Fémicicide JaurèsDSC06308

Ehren wir die Toten und schützen die Lebenden. Ausgang Métro-Station Jaurès (Foto Sonia Branca)

Die Justizministerin Nicole Belloubet hat am 15. November anlässlich eines Kolloquiums über die Herausforderungen der Justiz anlässlich häuslicher Gewalt selbst eingeräumt, dass die Justiz bei manchen der 1500 Gewalttaten an Frauen in den  letzten zehn Jahren versagt habe. Anlass war ein Bericht der „inspection générale de la justice“, die 88 Fälle von Opfern häuslicher Gewalt in den Jahren 2015 und 2016 genau untersuchte. Dabei wurde festgestellt, dass in 65% der Fällen die Opfer sich vorher an die Polizei gewandt  hatten. Aber nur in 18% dieser Anzeigen seien an die Justiz weitergereicht worden.  Fälle, die dann aber 80% niedergeschlagen habe.  Der Generalstaatsanwalt beim obersten französischen Berufungsgericht, François Molins, stellte denn auch selbstkritisch fest, es gebe Anlass über „tout dysfonctinnement“ nachzudenken und sich zu fragen, inwieweit bestimmte gängige  juristische Praktiken (wie z.B. Mediation) im Bereich häuslicher Gewalt angemessen seien.[19]

Die Rolle des Staates

Feminicides Mont St Louis (1)

Morde an Frauen: Reformen bevor man tot ist    Impasse de Mont Louis, 11. Arrondisssement[20]

Angesichts der großen Resonanz, die die häusliche Gewalt in der französischen Öffentlichkeit hat, nahm der Staat dieses Thema auf.  Anfang September 2019 initiierte die Regierung ein Grenelle des violences conjugales“  (Grenelle der häuslichen Gewalt). Der Begriff Grenelle bezieht sich auf die Rue Grenelle in Paris, Sitz des französischen Arbeitsministeriums. Dort trafen sich 1968 Vertreter der Regierung und der Gewerkschaften und schlossen die Grenelle-Vereinbarungen, die wesentliche soziale Verbesserungen beinhalteten und  die  sozialen Auseinandersetzungen des französischen Mai 68  beendeten. Seitdem wird der Begriff „Grenelle“ für Beratungen und Vereinbarungen grundlegender Bedeutung zwischen staatlichen und gesellschaftlichen Gruppen verwendet. So gab es 2007 ein „Grenelle de l’environnement“, bei dem es um die französischen Antworten auf die Herausforderungen des Klimawandels ging. Wenn jetzt von der Regierung ein „Grenelle der häuslichen Gewalt“ ausgerufen wurde, einen bis zum 25. November 2019, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen,  geplanten Beratungs- und Entscheidungsprozess, dann zeigt das, wie hoch dieses Thema gehandelt wird.

Die Idee eines solchen Grenelles wurde vor allem von Marlène Schiappa entwickelt, der für die Gleichheit zwischen Männern und Frauen zuständigen Staatssekretärin. Der Begriff Grenelle stehe für oberste nationale Dringlichkeit und für einen Epochenwandel. Das Thema der häuslichen Gewalt solle zu einer großen nationalen Angelegenheit und zu einem „marqueur“, einem prägenden Merkmal  der Präsidentschaft Macrons gemacht werden.[21]

Gleich zu Beginn des Grenelle, an dem verschiedene staatliche und gesellschaftliche Institutionen und auch Betroffene teilnahmen, kündigte Premierminister Edouard Philippe höchstpersönlich eine Reihe von  Maßnahmen an. Dazu gehörten:

  • 1000 neue Wohnplätze für gefährdete Frauen sollen ab 1.1.2020 zur Verfügung gestellt werden
  • Ein System der Geolocalisation solle geschaffen werden, das sofort alarmiert, wenn ein vom Gericht verhängtes Annäherungsverbot nicht befolgt wird
  • Die Polizei solle besser geschult werden, das Ausmaß der von häuslicher Gewalt bedrohten Frauen zu beurteilen
  • Es sollen bei allen französischen Gerichten auf häusliche Gewalt spezialisierte Staatsanwaltschaften eingerichet und die entsprechenden Verfahren beschleunigt werden
  • Die Möglichkeit für Opfer häuslicher Gewalt, schon im Krankenhaus Anzeige zu erstatten, solle verbreitert werden
  • Ebenso so es auch leichter möglich sein, einem häusliche Gewalt ausübenden Elternteil das Erziehungsrecht zu entziehen.[22]

Die Regierung spricht da natürlich von „starken Maßnahmen“. Dass die Aktivistinnen der Frauenbewegung da eher skeptisch sind, zumal es sich eher um schon längst angekündigte oder überfällige Maßnahmen handele, (23)  zeigt die nachfolgende Collage.

DSC06603 Feminicides (9)

Macron redet, die Frauenmorde gehen weiter

Es wird also weiter öffentlicher Druck ausgeübt. Die nächste Demonstration ist schon für den 23. November angekündigt:

Samedi 23 novembre, #NousToutes vous donne RDV à Paris pour dire Stop aux violences sexistes et sexuelles.

Am 23.11. gehört die Straße uns allen           Ras le viol (Vergewaltigung)!- ein Wortspiel                                                                                    mit  ras de bol!    (Die Schnauze voll)

Im November 2018 gab es schon einmal eine solche Demonstration gegen häusliche Gewalt, zu der auch die Gewerkschaft CGT aufgerufen hatte.

V7E6MVPQK7W6HPOMPHQBOJITKM

Wir (Männer) alle mit Ihnen (den Frauen) allen     Ich kämpfe für meine zukünftige Tochter        

Allerdings war diese Demonstration damals kaum wahrgenommen worden, weil gleichzeitig die Gelbwesten sich  auf den Champs Elysées Straßenschlachten mit der Polizei lieferten und damit die Bilder und  Schlagzeilen beherrschten.[24]

Ob es diesmal anders sein wird, ist (leider) nicht garantiert.

 

„Nachwort“ aus der rue Bouvier im 11. Arrondissement:

DSC06603 Feminicides (12)

Anmerkungen:

[1] : « meurtre d’une femme, d’une fille, en raison de son sexe »  https://www.franceculture.fr/societe/le-terme-feminicide-interroge-le-droit (3.9.2019)

[2] https://dict.leo.org/franz%C3%B6sisch-deutsch/feminicides

https://www.linguee.de/deutsch-franzoesisch/search?source=auto&query=feminicides

https://de.pons.com/%C3%BCbersetzung?q=f%C3%A9minicide&l=defr&in=ac_fr&lf=de&qnac=feminicide

[3] Zur marginalen  Rolle der Frauen im Pantheon siehe den Blog-Beitrag „Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen. https://paris-blog.org/2018/04/01/das-pantheon-der-grossen-und-der-weniger-grossen-maenner-und-der-wenigen-grossen-frauen-1-das-pantheon-der-frauen/

[4] Bild aus: https://www.courrierinternational.com/article/vu-dallemagne-avec-ses-collages-marguerite-stern-rend-visibles-les-feminicides  Im Courrier International ist ein Artikel der TAZ über die Aktion abgedruckt. Dem ist auch das nachfolgende Bild entnommen.

Siehe Le Monde vom 26. Oktober 2019: Marguerite Stern, feministe de combat  https://www.lemonde.fr/m-le-mag/article/2019/10/26/marguerite-stern-feministe-de-combats_6016971_4500055.html

[5] http://madame.lefigaro.fr/societe/marguerite-stern-la-militante-derriere-la-campagne-de-collage-qui-denonce-les-feminicides-070919-166715 

Vorhergehendes Bild der Aktivistinnen aus: Le Monde vom 14. September 2019:  ‚Aux femmes assassinées, la patrie indifférante‘: Les ‚colleuses‘ d’affiches veulent rendre visibles les victimes de féminicides

[6] http://www.leparisien.fr/paris-75/paris-400-euros-pour-avoir-colle-des-affiches-contre-les-feminicides-07-09-2019-8147532.php

[7] https://www.lemonde.fr/societe/article/2019/08/28/feminicide-la-mairie-de-paris-rend-hommage-aux-victimes-et-interpelle-le-gouvernement_5503918_3224.html

Die beiden nachfolgenden Bilder aus: https://www.purepeople.com/media/des-femens-interpellent-le-pouvoir-ann_m5003087

[8] https://www.api-site.paris.fr/mairies/public/assets/2019%2F8%2F14.%20Voeu%20f%C3%A9minicides%20%28adopt%C3%A9%29.pdf

[9] http://madame.lefigaro.fr/societe/stop-feminicide-la-nouvelle-action-coup-de-poing-des-militantes-femen-a-paris-feminisme-violences-faites-aux-femmes-300519-165372

(30. Mai 2019)

[10] https://www.ouest-france.fr/faits-divers/feminicide/stop-feminicide-la-manifestation-choc-des-femen-au-cimetiere-du-montparnasse-paris-6551831

[11] Zum Invader siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2018/10/01/street-art-in-paris-3-der-invader/

[12] https://www.lefigaro.fr/arts-expositions/violences-conjugales-l-artiste-invader-appelle-a-composer-le-3919-20190907

Zum Invader siehe auch den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2018/10/01/street-art-in-paris-3-der-invader/

[13] https://www.letemps.ch/monde/france-guerre-contre-feminicides   Le Temps vom 4. September 2019   https://www.lefigaro.fr/actualite-france/pourquoi-les-feminicides-augmentent-encore-en-france-20190704: En 2018, elles étaient 107 à mourir sous les coups de leurs compagnons ou ex-conjoints.

[14] https://information.tv5monde.com/info/les-feminicides-sont-ils-plus-nombreux-en-france-vrai-dire-319469  und  https://www.franceinter.fr/espagne-italie-allemagne-belgique-comment-on-y-parle-des-feminicides-et-comment-on-agit Es wäre natürlich interessant, den Gründen für die hohe Zahl von Frauenmorden in Deutschland und die –nach meiner Beobachtung-  doch recht unterschiedliche Präsenz des Themas in Deutschland und Frankreich nachzugehen, aber das würde diesen Blog-Beitrag sprengen – und dafür fehlt mir auch die entsprechende Kompetenz.

[15] Figaro, 4. Juli 2019   https://www.lefigaro.fr/actualite-france/pourquoi-les-feminicides-augmentent-encore-en-france-20190704

[16] z.B. https://www.dalloz-actualite.fr/node/non-feminicide-ne-doit-pas-etre-penalement-qualifie#.XchXOFdKhPY und https://www.lefigaro.fr/actualite-france/pourquoi-les-feminicides-augmentent-encore-en-france-20190704

[17]   So der Rechtsanwalt Pierre Farge in einem Diskussionsbeitrag in Le Monde vom 12. September: „Le droit pénal doit définir clairement le féminicide“ und entsprechend: https://www.lepoint.fr/justice/pourquoi-il-faut-creer-l-infraction-de-feminicide-28-08-2019-2332031_2386.php

(18) Dans les affaire de fémicides, les alertes négligées par les forces de l’ordre. In: Le  Monde vom 21. Oktober 2019

Am 17.11. wurde in den Abendnachrichten von TV 2 ein ausführlicher Beitrag ausgestrahlt zum Thema „femmes battues. Une épreuve pour se faire entendre“.  Es kam dort ausführlich eine von häuslicher Gewalt betroffene Frau zu Wort.  Sie berichtete von ihren Schwierigkeiten, von der Polizei und der Justiz ernst genommen zu werden. Erst nach 3-jährigen Bemühungen sei sie wirklich geschützt worden. Fazit, auch von interviewten Polizisten und Juristen, war die Notwendigkeit eines besseren und schnelleren Schutzes der betroffenen Frauen.

(19) Le Monde 17./18. November 2019:  Nicole Belloubet, la garde des sceaux, regrette les ‚défaillances‘ https://www.lemonde.fr/societe/article/2019/11/17/le-constat-d-echec-de-la-justice-dans-la-prevention-des-homicides-conjugaux_6019496_3224.html

siehe auch Le Monde vom 25. Oktober 2019: Féminicides: une étude inédite détaille les carences judiciaires dans la prévention 

und:  Le Monde, 17.11.2019: Le constat d’échec de la justice dans la prévention des homicides conjugaux.  Le rapport de l’inspection générale de la justice sur les homicides conjugaux sur 88 cas définitivement jugés pointe de graves dysfonctionnements dans la chaîne pénale.  https://www.lemonde.fr/societe/article/2019/11/17/le-constat-d-echec-de-la-justice-dans-la-prevention-des-homicides-conjugaux_6019496_3224.html

Entsprechend Le Figaro vom 18.11.: Violence conjugales: la justice admet ses échecs

[20] Auch hier gibt es ein alternatives, feministisches Straßenschild – Überbleibsel einer anderen spektakulären  Aktion der Gruppe nous toutes aus dem Frühjahr 2019: Da wurde die einseitige geschlechtsspezifische Verteilung von Straßennamen kritisiert und es wurden andere nach prominenten Frauen benannte Straßennamen vorgeschlagen- Hier rue Berthe Morisot, 1841 – 1895, Malerin, Gründungsmitglied der impressionistischen Bewegung.  Eine schöne Alternative zu dem nach Ludwig XIV. benannten Impasse Mont-Louis, einer Sackgasse….

[21] https://www.letemps.ch/monde/france-guerre-contre-feminicides

[22] https://www.gouvernement.fr/un-grenelle-et-des-mesures-fortes-pour-lutter-contre-les-violences-conjugales und https://www.nouvelobs.com/droits-des-femmes/20190903.OBS17914/ce-que-edouard-philippe-a-annonce-lors-du-grenelle-contre-les-feminicides.html

(23) Das System der Geolocalisation wird beispielsweise schon seit Jahren in Spanien verwendet, das immer wieder als Musterbeispiel für einen erfolgreichen Kampf gegen den Frauenmord angeführt wird. In Frankreich ist das System seit 2017 bekannt, seine Einführung wurde schon im Juli 2019 von der Justizministerin angekündigt. Siehe: Pourquoi la France échoue à faire baisser le nombre des féminicides. In: L’express vom 6.7.2019

[24] Bild aus:   http://www.leparisien.fr/societe/les-feministes-descendent-dans-la-rue-contre-les-violences-sexistes-24-11-2018-7952169.php

Beitrag eingestellt am 17.11.2019

 

Einen Artikel in französischer Sprache über die Plakataktion in Paris gibt es im sehr empfehlenswerten Blog „passage du temps“ von Sonia Bianca-Rosoff:  https://passagedutemps.wordpress.com/2019/12/04/le-feminisme-saffiche-dans-la-ville/

 

 

Weitere geplante Beiträge:

  • La Nuit blanche, das Lichter- und Kunstfest von Paris
  • Erinnerungsorte von Camille Claudel: Villeneuve-sur-Fère, Nogent-sur-Seine,  Paris, Château de l’Islette, Montdevergues bei Avignon
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse

 

Aux Belles Poules, ein ehemaliges Pariser Bordell im Quartier St. Denis

Ganz Paris träumt von der Liebe, denn dort ist sie ja zu Haus“, sang einmal Catharina Valente:  Paris galt schon immer als Stadt der Liebe, ja als „capitale de l’amour“, was  einen wesentlichen Teil ihrer Anziehungskraft ausmacht. Das ist nicht nur heute so, wo reiche Chinesen gerne in Paris den Bund fürs Leben schließen, sondern seit Heloise und Abelard, „den ersten Liebenden von Paris.“[1]  Es war aber nicht nur das Ambiente der „ville lumière“, das den erotischen Ruf der Stadt begründete. Paris war ja nicht nur die Stadt der romantischen, sondern auch die Stadt der käuflichen Liebe, und sie galt auch in dieser Hinsicht als Hauptstadt.  Im 19. Jahrhundert war Paris ein beliebtes Reiseziel von Sextouristen. Berühmt waren zu Beginn des Jahrhunderts vor allem die Arkaden des Palais Royal, die an den Abenden gewissermaßen als Kontakthof für ganze „Bataillone von Mädchen“ dienten.[2] Später waren es die großen Boulevards de la Madelaine, des Capucines und  des Italiens, wo sich die „asphalteuses“ ihre Kunden suchten.[3]  Auch die Bordelle  (maisons closes oder maisons de tolérance)  hatten einen nicht zu unterschätzenden Anteil an der erotischen Attraktivität der Stadt. Dazu trug wohl auch bei, dass die Prostitution seit Napoleon staatlich geregelt wurde, um die Ansteckungsgefahren ungeregelter Prostitution zu verhindern. Die hätten nämlich die Kampfkraft seiner Truppen beeinträchtigen können….. Antragsteller für die Eröffnung eines Bordells durften nur Frauen von mindestens 30 Jahren sein. Verbunden mit der staatlichen Zulassung war die Verpflichtung regelmäßiger medizinischer Kontrollen.

DSC04074 Aux belles poules (22)

 

 

 

Es gab spezielle Reiseführer, die den interessierten Touristen entsprechende Informationen – natürlich auch zu den Belles Poules– vermittelten.

Ein breites Angebot reichte von billigen Absteigen (abattoirs) bis zu luxuriösen Etablissements.

 

 

 

Das wohl  berühmteste und exquisiteste Bordell war das Chabanel, das zu frequentieren zu Zeiten der Belle Epoque für den damaligen internationalen „Jet-set“ geradezu fester Bestandteil eines Paris-Besuchs war. Anlässlich der Eröffnung der Weltausstellung, am 6. Mai 1889, wurde sogar ein Besuch von Botschaftern und Ministern aus aller Welt im Chabanel organisiert, offiziell deklariert als Besuch beim Präsidenten des Senats, was vielleicht sogar der Wirklichkeit entsprach. Zu den Stammkunden gehörte der künftige englische König Edward VII., für den dort ein eigenes Appartement reserviert war mit zwei besonderen Ausstattungsstücken: einer kupfernen Badewanne in Form eines Schwans, die vor Gebrauch mit Champagner gefüllt wurde, und ein –im Faubourg Saint-Antoine hergestelltes-  einem Geburtsstuhl ähnelndes Möbelstück, auf dem sich der beleibte Kronprinz niederlassen und von den Damen des Hauses verwöhnen lassen konnte. Das japanische Themenzimmer des Hauses erhielt auf der Pariser Weltausstellung von 1900 sogar einen Preis![4] Die „Hauptstadt der Prostitution“ (France culture) wusste sich zu vermarkten und ihren Ruhm zu mehren.

DSC04074 Aux belles poules (61)

 

Mit Nobelbordellen wie dem Chabanel, dem One Two Two oder dem Sphinx konnten die Belles Poules nicht mithalten. Dieses Bordell lag gewissermaßen im Mittelfeld des Angebotsspektrums. Und es lag räumlich im Zentrum der Prostitution, nämlich dem Quartier Saint Denis. Neben den Belles Poules gab es in der rue Blondel, einer kleinen Seitenstraße der rue Saint Denis, noch drei weitere Bordelle- für Eingeweihte erkennbar an den extra großen Hausnummern…

 

numero-vestige-maisons-closes-300x112

Heute gibt es neben der 32 rue Blondel nur noch eine weitere solche Hausnummer in Paris, nämlich die 36  in der rue Saint Sulpice.  Dort befand sich das Bordell „l’Abbaye“, ein mit Bedacht gewählter Name, handelte es sich doch um ein vorwiegend von  Kirchenmännern  („hommes d’Église“)  frequentiertes Etablissement ….  Immerhin lagen die Kirche Saint Sulpice und das dazu gehörende Priesterseminar gleich nebenan. Und das geistliche Personal schätzte es wohl besonders, auf Wunsch von  jungen Damen in der Gestalt von Nonnen oder Teufeln  bedient zu werden – natürlich in entsprechend thematisch gestalteten Räumen.  Neben dem Kloster gab es also auch die  Hölle ,  natürlich mit einschlägigen Folterwerkzeugen.  Und eine sogenannte „Sakristei“, die  mit einem „Beichtstuhl“ ausgestattet war.  So konnten die Kirchenmänner anschließend wieder unbeschwert  ihren geistlichen Ämtern nachgehen. (5)

Aber zurück zu den „Belles Poules“: Der „Empfangsraum“ (salle de réception) des 1921 gegründeten Bordells wurde  mit Spiegeln, bunten Keramiken und bemalten Kacheln ausgestattet, die –inzwischen restauriert- heute die Attraktivität des Ortes ausmachen.

DSC04074 Aux belles poules (56)

DSC04074 Aux belles poules (45)

Natürlich sind da vor allem leicht oder gar nicht bekleidete Damen zu sehen.

DSC04074 Aux belles poules (3)

DSC04074 Aux belles poules (5)

 

DSC04074 Aux belles poules (4)Interessant ist dabei der Kontext dieser Abbildungen:

DSC04074 Aux belles poules (7)

Es ist die griechische Mythologie…

DSC04074 Aux belles poules (6)

… wobei natürlich in diesem Raum das Urteil des Paris nicht fehlen darf, der die Qual der Wahl zwischen drei schönen Frauen hat.

DSC04074 Aux belles poules (14)

Hier sind es allerdings nur zwei, was, wie ich vermute, weniger  mit fehlendem mythologischem Wissen, sondern eher mit dem doch begrenzten künstlerischen Potential des Malers zu erklären ist.

Ein zweiter historischer Bezugspunkt der Kachelmalereien ist das exotische Ideal des Harems, das ja schon im 19. Jahrhundert  romantische Phantasien  beflügelte.

DSC04074 Aux belles poules (8)

Das Bordell ordnet sich damit in einen dem einigermaßen gebildeten Bordell-Besucher bekannten und respektablen kulturellen Zusammenhang ein: Hier befindet man/Mann sich in allerbester Gesellschaft.

Der Besucher ist aber nicht nur der wählerische Paris oder der Haremsherr, sondern auch der stolze Hahn, der die Auswahl unter den „schönen Hühnern“ des Etablissements hat.

DSC04074 Aux belles poules (13)

Auch das wird auf den Kacheln des Empfangsraums veranschaulicht.

DSC04074 Aux belles poules (30)

Auf diesem Foto aus den zwanziger Jahren bemühen sich gleich mehrere Damen um die Gunst eines Gastes. Insgesamt gab es 31 Frauen in dem Haus, deren Arbeitszeit von 16 Uhr bis 4 Uhr morgens dauerte. Geld war bei den Belles Poules übrigens verpönt- dafür gab es hauseigene Jetons, die man am Eingang erwerben konnte.

DSC04074 Aux belles poules (25)

Im Erdgeschoss des Bordells gab es  auch eine Bar und eine Toilette. Der zu ihr führende Gang war  mit einem Mosaik geschmückt – einer schönen Dame mit Fächer- …

DSC04074 Aux belles poules (52)

… und der Boden der Toilette mit einer weiteren schönen Dame, einer „belle poule“…

DSC04074 Aux belles poules (53)

DSC04074 Aux belles poules (46)

 

 

 

 

Eine Treppe führte dann, wenn man zusammengefunden hatte und handelseinig geworden war, zu den oben gelegenen Zimmern.

 

 

 

 

 

Heute ist das Vergangenheit. Denn 1946 wurden die maisons closes in Frankreich verboten- unter anderem auch deshalb, weil viele von ihnen- auch Aux belles poules – während der occupation von den Besatzern requiriert und für deutsche Offiziere reserviert waren. Und die Etablissements konnten dabei wohl nicht unbedingt einen „malgré-nous- Status“ für sich reklamieren. (6) Das Haus in der rue  Blondel Nummer 32  fand nach dem Krieg eine alternative Verwendung, unter anderem als Studentenwohnheim. Die Ausstattung des Empfangsraums passte zu dieser neuen Verwendung eher nicht. Also verschwand sie hinter einer neutralen Verkleidung. Als das Haus vor einigen Jahren den Besitzer wechselte und renoviert wurde, entdeckte man die versteckte Bemalung. Sie wurde aufwändig restauriert und das Haus unter Denkmalschutz gestellt. Jetzt kann man die Räume für private Veranstaltungen mieten und Caroline, die engagierte Besitzerin, zeigt auch gelegentlich mit berechtigtem Stolz, was mit viel Liebe und Geld aus diesem Ort der bezahlten Liebe gemacht wurde.

 

Praktische Informationen

31, rue de Blondel  75002 Paris

http://www.auxbellespoules.fr/fr/presse/

Führungen durch:

https://exploreparis.com/fr/2253-aux-belles-poules-histoire-d-une-ancienne-maison-close.html

Dabei wird im Sinne der political correctness ausdrücklich darauf hingewiesen, dass bei der Besichtigung des ehemaligen Bordells weder die Prostitution entschuldigt werde noch die durch sie verursachten Leiden verniedlicht würden. Das ist ja wohl auch selbstverständlich und entspricht voll unseren Erfahrungen.

 

Anmerkungen:

[1] https://www.deslettres.fr/lettre-dheloise-abelard-ces-plaisirs-lamour-avons-goutes-mont-trop-doucement-fascinee/

[2] Berthier de Sauvigny, Nouvelle histoire de Paris, La Restauration, Paris: Hachette 1977, S. 380

[3] https://www.franceculture.fr/emissions/la-fabrique-de-lhistoire/prostitutions-au-xixe-siecle-24-paris-capitale-de-la-prostitution Dort auch die Bezeichnungen „capitale de l’amour“ und „capitale de la prostitution“

[4] http://www.lefigaro.fr/arts-expositions/2014/02/13/03015-20140213ARTFIG00007-edouard-vii-bien-remis-en-selle.php

Eine Übersicht über die Pariser Bordelle in Paristoric: Les maisons closes.  https://www.paristoric.com/index.php/paris/inclassables/358-les-maisons-closes

(5) Philippe Poisson, 36 rue Saint-Sulpice, 75006 Paris. In: Crimino Corpus, 26. Juni 2017.    https://criminocorpus.hypotheses.org/29850

Merci, Inès, pour ce tuyau!

(6) siehe dazu den Abschnitt ‚Détente‘ et frivolité   in

https://www.paris.fr/pages/paris-de-la-liberation-7084

 

Weitere geplante Beiträge:

  • La Nuit blanche, das Lichter- und Kunstfest von Paris
  • Erinnerungsorte von Camille Claudel: Villeneuve-sur-Fère, Nogent-sur-Seine,  Paris, Château de l’Islette, Montdevergues bei Avignon
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse

 

 

Erinnerungstafeln zu der Zeit von 1939 bis 1945 in Paris/Enfants de Paris 1939-1945

In diesem Beitrag wird ein außergewöhnliches und wunderbares Buch vorgestellt, in dem alle Pariser Erinnerungstafeln zu der Zeit von 1939 bis 1945 fotografisch festgehalten sind. Seit wir vor zehn Jahren eine Wohnung in Paris bezogen haben, interessiere ich mich für diese Erinnerungstafeln. Sie gehören gewissermaßen zu unserem Pariser Alltag. Ich möchte deshalb zunächst einige plaques commémoratives vorstellen, denen wir fast täglich begegnen. Im zweiten Teil geht es dann um Philippe Apeloigs 2018 erschienenes Buch über „Die Kinder von Paris 1939-1945“

Alltägliche Begegnungen

Wer als Flaneur durch Paris geht, wird immer wieder Erinnerungstafeln (plaques commémoratives) bemerken, die an Hauswänden befestigt sind. In manchen Gegenden –zum Beispiel auf der Ile St Louis- sind fast an allen Häusern solche Tafeln befestigt: Sie erinnern an prominente Personen, die in diesem Haus geboren wurden, gelebt haben oder gestorben sind.

Besonders häufig sind aber solche Tafeln, die sich auf die Zeit von 1939 bis 1945 beziehen.  Sie erinnern an die Besatzung von Paris durch deutsche Truppen, an die vielen Menschen, die ihr Leben im Kampf gegen die Nazis und für die Befreiung der Stadt und Frankreichs verloren haben und vor allem an die vielen Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns.

Allein in der unmittelbaren Umgebung unserer Wohnung im 11. Arrondissement gibt es eine Fülle solcher Erinnerungstafeln, von denen hier  einige vorgestellt werden sollen.

DSC04542 pl. comm Umgebung 11ieme (8)

Zum Beispiel in der Rue de la Folie Regnault diese Tafel für ein Paar, das gegen die nationalsozialistischen Besatzer gekämpft hat. Hier gehen oder fahren wir auf dem Weg in den Supermarkt oder ins Schwimmbad fast täglich vorbei.  Die beiden Personen, denen diese Tafel gewidmet ist,  waren Mitglieder der F.T.P.F., der Francs-tireurs et partisans, einer kommunistischen Widerstandsorganisation. Marcel André Berthelot wurde am 26. Februar 1943 „von den Nazis“ erschossen. Mit der Formel „mort pour la France“ werden traditionell die in den Kriegen gefallenen französischen Soldaten geehrt, hier also auch ein Mitglied der „Freischärler und Partisanen“. Berthelots Partnerin Yvette Semard konnte „aus den Lagern von Vichy“, dem Kollaborations-Regime, entkommen, in denen sie interniert war.

DSC04542 pl. comm Umgebung 11ieme (4)

Regelmäßig gehen wir auch zum Bäcker in der rue Léon-Frot oder fahren mit unseren Fahrrädern durch die Straße. An der Hauswand der Nummer  55 erinnert eine Tafel an den  kommunistischen Lokalpolitiker Léon Frot, der in diesem Haus gewohnt hat und nach dem auch die Straße benannt ist.

DSC04542 pl. comm Umgebung 11ieme (14)

Er wurde am 15. November 1939 verhaftet, also nach Kriegsbeginn, aber vor der Niederlage, als das Land noch eine Demokratie war. Die Frage, die sich hier stellt, nämlich warum er  verhaftet wurde, beantwortet die Tafel nicht, aber man findet die Antwort bei Wikipedia:  Léon Frot wurde „wegen kommunistischer Propaganda“ verhaftet und  zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.[1] Wikipedia erklärt auch, wie es zu der Erschießung durch „die Deutschen“ am 13. Januar 1942 in Clairvaux kam: Dort war das Gefängnis, in dem Léon Frot gefangen war; und erschossen wurde er als Geisel. Geiselerschießungen waren ein von den deutschen Truppen vielfach angewandtes, im totalen Widerspruch zum Kriegsvölkerrecht stehendes Mittel, auf Aktionen der Résistance zu reagieren.

An den Widerstand gegen die nationalsozialistischen Besatzer erinnert auch die nachfolgend abgebildete Gedenktafel am Eingang zur „Square de la Roquette“, einer kleinen Grün- und Freizeitanlage in der Rue de la Roquette. Befestigt ist diese Tafel an einem der beiden Torhäuser des ehemaligen Gefängnisses „Petite Roquette“, das bis 1974 hier stand. Die Torhäuser können wir übrigens von der kleinen Terrasse unserer Pariser Wohnung sehen… [2] Die Petite Roquette war eine im 19. Jahrhundert errichtete monumentale Gefängnisanlage, die nach dem Panopticon-Prinzip konstruiert war.[3] In diesem Gefängnis wurden, wie die Tafel mitteilt, vom Appell des Generals de Gaulle vom 18. Juni 1940, also dem Aufruf zum Widerstand, und der Befreiung von Paris am 25. August 1944 4000 résistantes eingekerkert, „weil sie gegen den Besatzer gekämpft hatten“. Vielleicht gehörte zu ihnen auch Yvette Senard, von der oben schon die Rede war…

DSC04542 pl. comm Umgebung 11ieme (2)

Hier fällt auf, dass zwar die Opfer,  nicht aber die Täter und ihre Helfer benannt werden. Auf der homepage der ajpn, der Vereinigung der „Anonymes, Justes et Persécutés  durant la periode Nazie“ ist das anders: Dort findet sich folgende präzisere Angabe: „Während des Zweiten Weltkriegs wurden in der Roquette 4000 Frauen wegen Widerstandshandlungen von der französischen Polizei gefangen gehalten“.[4] Das Gefängnis unterstand jedenfalls  -wie auch die Polizei-  der Regierung von Vichy, d.h. die Gefängnisverwaltung lag in französischer Hand. Die Repression der résistance entsprach ja nicht nur dem gemeinsamen Willen der Besatzer und der Collaboration, sondern auch dem Interesse des besiegten Frankreichs, des sogenannten État français,  ein Höchstmaß an (scheinbarer) Souveränität zu erhalten.

In der Nähe unserer Wohnung liegt das Lycée Voltaire, in dem donnerstags die Proben des Chors Tempestuoso stattfinden, an dessen Konzerten ich öfters als Gast teilnehmen darf. Und davor nehme ich natürlich an der einen oder anderen Probe im Lycée Voltaire teil. Einer der Höfe des weitläufigen Gymnasiums erinnert an den Lehrer Raymond Travers. Er war Leutnant der F.F.I., der Forces françaises de l’intérieur, eines im Februar 1944 vollzogenen Zusammenschlusses verschiedener Gruppen des Widerstands. Am 23. August 1944 wurde Raymond Travers  im Kampf „auf dem Feld der Ehre“ getötet.

DSC05439

Raymond Travers war Deutschlehrer, also ein Freund Deutschlands und ein Liebhaber der deutschen Sprache. Wie schlimm muss es für ihn gewesen sein, wie die Nazis „la langue de Goethe“, wie es in Frankreich gerne heißt, durch ihre „Lingua Tertii Imperii“ (Victor Klemperer) verunstalteten, wie sie die kulturelle Elite des Landes verfolgten und vertrieben, wie sie Europa mit Krieg überzogen und ganze Bevölkerungsgruppen auslöschten. Und wenn er sich den Untergrundkämpfern, dem Maquis, anschloss, dann wohl nicht nur, um sein Land und seine Freiheit zu verteidigen, sondern auch, um das andere Deutschland, das er  seinen Schülerinnen und Schülern nahe gebracht hatte, vor der völligen Vernichtung zu bewahren.

In der schon erwähnten rue Léon – Frot  befindet sich auch der Eingang  zum collège Alain Fournier, neben dem eine Erinnerungstafel aus schwarzem Marmor angebracht ist.

DSC04542 pl. comm Umgebung 11ieme (11)

Sie erinnert an „die Schüler dieser Schule, die von 1942 bis 1944 deportiert wurden, weil sie Juden waren, unschuldige Opfer der Nazi-Barbarei und der Regierung von Vichy. Mehr als 1200 Kinder des 11. Arrondissements wurden in den Todeslagern umgebracht. Vergessen wir sie niemals.“[5]  Betroffen macht die Zahl von über 1200 Kindern des Arrondissements, die deportiert und getötet wurden. Sie weist darauf hin, dass das 11. Arrondissement eine starke jüdische Präsenz aufwies (und zum Teil auch noch heute aufweist). Und bemerkenswert ist, dass die Regierung von Vichy auf der gleichen Stufe wie die „Nazi-Barbarei“  als  Täter genannt wird. In der Tat war ja die Regierung des État français ein willfähriger Helfer bei der Shoah, teilweise –gerade im Falle der Kinder- sogar ein Antreiber.

DSC04542 pl. comm Umgebung 11ieme (10)

Allerdings hat erst 1995  der damalige Präsident Jacques Chirac die Beteiligung Frankreichs an der Deportation der Juden anerkannt, und zwar in einer außerordentlichen –und wie man sagen muss: mutigen-  Rede, fast vergleichbar mit dem historischen Kniefall Willy Brandts in Warschau. Chirac hielt diese Rede anlässlich des  53. Jahrestags der Razzia des Wintervelodroms, der rafle du Vel d’hiv. Damals wurden in Paris über 10 000 Juden verhaftet, von denen die meisten tagelang unter unsäglichen Bedingungen im Wintervelodrom in der Nähe des Eiffelturms eingepfercht wurden, der ersten Station auf dem Weg in die Vernichtungslager.[6]

DSC04559 Japy (7)

An die Razzia des Wintervelodroms erinnert auch eine Gedenktafel am Gymnase Japy, an dem wir immer auf dem Weg zum marché d’Aligre vorbeikommen, wo wir Obst und Gemüse einkaufen.

DSC04559 Japy (5)

 

 

Auf dieser Erinnerungstafel wird nicht nur der 16. Juli 1942, das Datum der rafle du Vel d’Hiv, genannt, sondern auch der 20. August 1941: Damals fand eine weniger bekannte Razzia speziell im 11. Arrondissement statt. Beide Male diente das Gymnase Japy als einer der ersten Sammelpunkte. [7]

 

 

 

 

Besonders anrührend ist die Erinnerungstafel an die 1200 Kinder des Arrondissements, die „von der Polizei der Regierung von Vichy, Komplize des Besatzers“ verhaftet und dann deportiert und umgebracht wurden.[8] Die Tafel befindet sich im jardin de la Folie –  Titon, einer kleinen vielbesuchten Grünanlage direkt gegenüber dem Haus, in dem wir während der ersten Jahre unseres Paris-Aufenthalts wohnten. Man steht fassungslos da, wenn man, wie die Tafel den Passanten auffordert, das Alter und die Namen der Kinder liest.

DSC04600 Jardin titon (1)

Als ich im Juni 2019 dieses Foto machte, kam ich mit einem älteren Herrn ins Gespräch, der auf einer Bank neben der Erinnerungstafel saß. Eines der dort genannten Kinder sei sein Bruder. Die Familie stamme aus Polen, sei aber wegen des dortigen Antisemitismus nach Ungarn geflüchtet. „Das war keine gute Entscheidung“, dann nach Frankreich:  „Das war auch keine gute Entscheidung“. Immerhin habe die Familie vorsichtshalber ihren Namen –Cohen-  geändert. Das habe einem Teil der Familie das Leben gerettet. Allerdings sei der Großvater weiter als Rabbiner tätig gewesen. Deshalb sei ein anderer Teil der Familie deportiert und umgebracht worden…

DSC04600 Jardin titon (2)

Solche Begegnungen werden, je weiter die Zeit fortschreitet, immer seltener. Zeitzeugenberichte wie die Dr. Adlers, von dem an anderer Stelle auf diesem Blog berichtet wird [9], werden bald nicht mehr möglich sein. Umso dringlicher stellt sich da die Frage, wie die Erinnerung wachgehalten werden kann. Und daran, dass sie wachgehalten werden muss, kann es keinen Zweifel geben, wenn man das „Nie wieder!“ Ernst nimmt. Stolpersteine, wie sie in Deutschland und anderswo installiert werden, oder die in Frankreich üblichen plaques commémoratives sind da ein wichtiges Medium.

 

„Enfants de Paris 1939-1945“- Eine Buchempfehlung

Genau zur richtigen Zeit also ist da ein wunderbares Buch erschienen, das die Pariser Erinnerungstafeln zu der Zeit von 1939 bis 1945  präsentiert. (Gallimard, 2018,  ISBN 978-2-07-278285-5 45 Euro)

Alle Personen, um die es bei ihnen geht, waren in irgendeiner Weise mit Paris verbunden, sie sind dort geboren, haben dort eine Zeit lang gelebt, sind dort gestorben oder umgebracht worden. Insofern sind sie „Kinder von Paris“ – entsprechend den „enfants de la patrie“ der Marseillaise. Und oft sind es ja tatsächlich Kinder, denen Erinnerungstafeln gewidmet sind. (8a)

DSC05462

Das Buch liegt schwer und grau in der Hand – es wiegt fast 3 Kilogramm! Also gewissermaßen ein Buch in der Form eines Stolpersteins. Und wenn man dieses Buch öffnet, findet man auf über 1100 Seiten eine Bild- Enzyklopädie aller Pariser Erinnerungstafeln zu der Zeit von 1939 bis 1945, geordnet nach Arrondissements vom 1. bis zum 20.  und da jeweils nach Stadtvierteln.  Auf jeder Seite ist eine Erinnerungstafel abgebildet, darunter ist in kleiner Schrift angegeben, wo sie sich befindet; manchmal sind es auch zwei oder mehr Fotos auf einer Seite, in wenigen Fällen reicht ein Foto über zwei Seiten- immer jedenfalls werden die Abschnitte der einzelnen Arrondissement mit einem doppelseitigen Foto einer Schule und der dazugehörigen Erinnerungsplakette abgeschlossen. Ich verstehe das als Ausdruck des Wunsches, die Erinnerung bei den nachfolgenden Generationen wachzuhalten.

Deutlich wird schon beim ersten Durchblättern: Es handelt sich nicht um eine schlichte Dokumentation, sondern eher um einen  Kunstband[10]: Nicht nur wegen der Qualität des Papiers und der Drucke, sondern vor allem wegen der Fotografien: Sie zeigen die unglaubliche Vielfalt der Erinnerungstafeln, ihrer künstlerischen Gestaltung, ihrer Texte und der Orte, an denen sie angebracht sind. Die Fotos lassen meist ein Stück weit ihr Umfeld, ihren architektonischen Kontext, erkennen oder auch nur erahnen. Aus der Beschaffenheit der Mauern ist es fast schon möglich, auf die Arrondissements zu schließen, in denen sie angebracht sind, worauf Apeloig in seinem Vorwort aufmerksam macht (53): Behauene Steine (pierres de taille) und Sauberkeit verweisen eher auf den noblen Pariser Westen, abgeblätterte, altersschwache Fassaden und Graffitis eher auf den ärmeren Pariser Osten. Und natürlich ist bei den Erinnerungsplaketten auch die traditionelle politische Ost-West-Spaltung von Paris abzulesen. Plaketten für kommunistische Widerstandskämpfer wird man -wie schon die obigen Beispiele andeuten- eher in den östlichen Arrondissements finden als in den westlichen.  Die Ost-West-Spaltung der Pariser Stadtgeografie lässt sich also auch an den plaques commémoratives ablesen.

Bei den neueren, von offiziellen Institutionen angebrachten Plaketten gibt es allerdings keine Unterschiede: Da glänzt der schwarze Marmor und die goldenen Buchstaben leuchten im 16. wie im 20. Arrondissement.

Angebracht sind die Plaketten an ganz verschiedenen Orten: in Bahnhöfen, Schulen, Rathäusern, Polizeirevieren, Ministerien, Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden, manchmal auch im Innern; vor allem aber findet man sie an Hausfassaden, meist im oberen Abschnitt des Erdgeschosses angebracht, so dass sie für den aufmerksamen Passanten sichtbar sind, andererseits aber auch vor Beschädigungen und Schmierereien etwas geschützt sind. Allerdings gibt es die, wie die Abbildungen zeigen, gleichwohl…

Die meisten Tafeln erinnern an Opfer der Kämpfe um die Befreiung von Paris, den „glorreichen“ – aber auch sehr blutigen- „ journées de la Libération“ (607).  Das ist an den vielen Todesdaten zwischen dem 19. und dem 25. August, dem Tag der  Kapitulation des deutschen Kommandanten von „Groß-Paris“, von Choltitz, zu erkennen:

  • Tombé pour la libération de Paris August 1944 (193)  Anm: Die Zahlen in Klammer sind Seitenangaben)
  • Fusillé par les Allemands 20. August 1944 (975)
  • Tombé le 21 août 1944 au cours de la Libération de Paris (914)
  • A été tué à la Barricade August 1944 (273)
  • Blessé mortellement pendant les Combats de la Libération August 1944 (968)
  •  Tombé glorieusement le 25 août 1944 – und die zahlreichen anderen Erinnerungstafeln an die Opfer dieses Tages in der rue de Rivoli, an der Ecke zur Place de la Concorde (102, 103, 104)

Die Namen der Toten, Jem Harrix, Fernand Mazuoyer, René Vinchon, Georges Lafont  und die vieler anderer  sind wohl in keinem Lexikon verzeichnet, manchmal fehlen sie auch ganz:

  • Trois Français (409)
  • Plusieurs soldats français (415)
  • Des patriotes (525)
  • Un unconnu (574)

Aber auch für diese anonymen Opfer der Befreiung gibt es so einen Ort der Erinnerung.

An ein besonderes Ereignis des 25. August 1944 erinnert übrigens eine in 300 Metern Höhe angebrachte Plakette: Damals hissten im noch besetzten Paris Feuerwehrleute auf dem Eiffelturm die Trikolore (47, 402).  Einen Tag später wurde die Kapitulation von Paris vom französischen General Leclerc de Hauteclocque im Billardsaal der Polizeipräfektur im 4. Arrondissement entgegengenommen. Die entsprechende Erinnerungstafel ist natürlich in dem Buch abgebildet (228). Vermittelt hatte diese Kapitulation der schwedische Generalkonsul Raoul Nordling. „Er arbeitete unermüdlich daran, Paris vor der Zerstörung zu retten, von der die Stadt bedroht war“, wie es auf einer Tafel an dem Haus heißt, in dem Nordling tätig war (451). „Paris schuldet ihm ewige Dankbarkeit“ steht auf einer Tafel, die die Bedeutung Nordlings würdigt,  an dem Platz Raoul-Nordling im 11. Arrondissement.

An die Befreiung von Paris erinnert auch die „voie de la Libération“ die von der porte d’Italie bis zum Pariser Rathaus reicht und mit 11  Medaillons aus Bronze markiert ist. Sie erinnern an die nach ihrem Kommandeur  Colonne Dronne benannte Einheit der Division Leclerc, die als erste in Paris einrückte und hauptsächlich aus  spanischen Republikanern zusammengesetzt war. (190, 216, 662,663,664,665 666)

Aber natürlich war der Kampf gegen die Besatzer, zu dem General de Gaulle in seinem berühmten „Appell“ schon am 18. Juni 1940 aufgerufen hatte,  nicht nur auf den August 1944 beschränkt. Das erste zivile Opfer dieses Kampfes war der Ingenieur Jacques Bonsergent, an den eine Pariser Métro-Station  und dort entsprechende Tafeln auf beiden Seiten der Bahnsteige erinnern. (495).

Und danach- und bis zum Ende des Krieges- gab es eine Vielzahl von Opfern der Nazi-Herrschaft, an die erinnert wird:

Prominente wie der Dichter Robert Desnos (582), Marc Bloch (344), Pierre Brossolette (380, 825, 829, 867) oder Geneviève de Gaulle Anthonioz (333) und Jean Zay (369), die 2015  ins Pantheon aufgenommen wurden[11], vor allem aber die vielen Unbekannten wie

  • André Chassagne, mort pour que vive la France, fusillé par les Allemands le 6 octobre 1943 au Mont Valérien (1053)
  • Serge Grivillers, torturé de pendu par les Nazis le 21 juillet 1944 (970)
  • René Chollet, patriote et résistant, fusillé par les Hitlériens en 1943 (469)
  • Angèle Mercier, déportée à Auschwitz (991)
  • Jean Verrier, mort en déportation à Buchenwald (587)
  • Raoul Naudet, déporté et exterminé au camp de Mauthausen (149)
  • Marcel, Lucien et André Engros, fusillés par les occupants hitlériens (206)

und viele andere….

Interessant ist dabei auch, wie sich das Vokabular für die Täter ändert.  Kann man auf einer  –wohl noch frühen- Plakette  lesen: „fusillés par les boches“ (988), so sind es dann die kollektiv-schuldigen Deutschen, also „les Allemands“ (z.B. auf einer am 2.2.1947 angebrachten Plakette, 989),  und schließlich eingegrenzter und präziser Les Nazis, les Hitlériens, la Barbarie Nazi.

Dass so oft „les Allemands“ als Täter genannt werden, weist darauf hin dass in Frankreich lange kaum zur Kenntnis genommen wurde, dass es auch in Deutschland –und nicht erst 1944 sozusagen in letzter Minute- Widerstand gegen das NS-Regime gab. Dabei war gerade Frankreich das Land, das vielen geflüchteten und vertriebenen Nazi-Gegnern Zuflucht bot, und Paris war die Stadt, wo die verschiedenen Strömungen des Widerstands versuchten, eine gemeinsame Front gegen das Nazi-Regime aufzubauen.[12]

Neben „den Deutschen“ und den Nazis oder Besatzern erscheinen auch Vichy und seine berüchtigten Milizen als Täter:

  • Assassiné par la Gestapo française (1052)
  • A été assssiné par la Milice (271)
  • Assassinée par les agents de Vichy (996)
  • Tombé sous les balles des policiers français de la brigade speciale (sic) au service de l’ennemi (445)

Gründe für diese Taten waren für die Nazis und ihre Helfer nicht nur der bewaffnete Kampf, wie die nachfolgenden Beispiele zeigen:

  • Déportée comme otage, assassinée au camp de Bergen-Belsen (1060)
  • Ont hébergé et protegé des aviateurs alliés (99)
  • Arrêtés en 1943 par la Gestapo pour l’aide apportée aux juifs et morts en déportation (800)

Es gab aber auch Opfer des Krieges, die nicht mit dem Widerstand und seiner Repression zu tun haben:

  • Malheureuses victimes du bombardement de La Plaine 21. Avril 1944 (956 und ähnlich 649): Das waren unglückliche Opfer der alliierten Bombenangriffe, mit denen die Landung vom 6. Juni vorbereitet wurden
  • À la mémoire des victimes du bombardement allemand du 26 août 1944 (918)

 

Die Nationalität der Opfer wird nur in den seltensten Fällen genannt, und wenn, dann natürlich bei ausländischen Kämpfern gegen die Nazi-Besatzer. Die kamen, wie die Erinnerungstafeln andeuten,  aus vielen verschiedenen Ländern wie  Polen (88, 291, 384),  Großbritannien (89),  Armenien (153, 924),  Spanien (190, 361, 662, 663, 664, 665, 666, 986), Ungarn (243),  Bessarabien (267), Jugoslawien (323),  USA  (443, 842, 954),  Nord-Afrika (621),  Luxemburg (494). (Zusammenstellung ohne Anspruch auf Vollständigkeit). Auch ein (ehemaliger) Deutscher ist dabei, der nach der Flucht aus Deutschland französischer Staatsbürger geworden war und 1939 französischer Soldat wurde:

Es ist Wolfgang Döblin, Sohn des Schriftstellers Alfred Döblin: „mathématicien, précurseur du calcul des probabilités, est mort pour la France à Housseras (Vosges) le 21 juni 1940 à l’âge de 25 ans. Titulaire de la Médaille Militaire et de la Croix de Guerre“. (713)

2007 wurde die Erinnerungstafel für Alfred Döblin, Autor des von den Nazis verbrannten Romans „Berlin Alexanderplatz“,  und seinen Sohn am square Henri-Delormel im 14. Arrondissement enthüllt, da also, wo Döblin und seine Familie von 1934 bis 1939 gewohnt hatten. „Fuyant le nazisme l’écrivain allemand Alfred Döblin 1878 – 1957  s’installa avec sa famille dans cet immeuble“ …“ [13]

Mich berührt es, wenn ich auf den Erinnerungstafeln für Menschen, die unter dem Nationalsozialismus gelitten und gegen ihn gekämpft haben, auch die verschiedenen Herkunftsländer angegeben sind; und wenn –spätestens seit der Vel d’Hiv- Rede Chiracs- der französische „nationale Roman“ und damit auch die plaques commémoratives differenzierter geworden sind: Damit tragen die Pariser Erinnerungstafeln auch zu dem bei, was Aleida Assmann eine „europäische Gedächtniskultur“ nennt.[14]

Manchmal wird auch die religiöse Zugehörigkeit auf den Tafeln angegeben: Das waren dann  katholische Christen wie der Abbé Jean Courcel (95), evangelische Christen wie Paul Vergara, pasteur à l’Oratoire du Louvre und Marcelle Guillemot, médailles des Justes des Nations (125), Moslems., d.h.  muslimische Soldaten, die für die Befreiung Frankreichs gekämpft haben und gefallen sind (264/5) – und das waren außerordentlich viele, deren Bedeutung aber lange eher minimiert oder gar verschwiegen wurde. Dabei stellten sie bei der Landung in der Provence am 15. August 1944 mehr als die Hälfte der Truppen! [15] Und es waren natürlich Juden, denn die waren ja insgesamt durch den Faschismus existentiell bedroht, wobei man da allerdings die Religionszugehörigkeit auf den Tafeln manchmal nur anhand der Namen vermuten kann:

  • David Liberman, fusillé par les Allemands le 16 septembre 1941. Mort pour la France (151)
  • Renée Lévy, membre de la Résistance, décapité à Cologne le 31 août 1943 (172 und 173)
  • Samuel Tyszelman, fusillé par les Allemands le 19 août 1941 (169)

… oder man weiß es, wie bei den Mitgliedern der Gruppe „Affiche Rouge“, aufgrund der denunziatorischen und rassistischen nationalsozialistischen Propaganda (153) oder –wie im Falle des zu dieser Gruppen gehörenden Marcel Rajman- aufgrund des stolzen Hinweises auf einen „héros juif de la résistance“ (554)

Juden sind es auch, unter denen die meisten Opfer zu beklagen sind, worauf neben den Tafeln an den Schulen und den Stelen für die umgebrachten Kinder in allen Arrondissements viele andere Erinnerungstafeln hinweisen.

  • 122 Bewohner, darunter 40 kleine Kinder, des Hauses 10-12, rue des deux-ponts im 4. Arrondissement (219 und 220)
  • À la mémoire de tous les habitants de cet immeuble (67, rue de la Roquette) disparus durant la tragédie de 1939 à 1945. (586)
  • En mémoire des hommes, femmes et enfants du 12ème Arrondissement qui parce que nés juifs, ont été arrétés et regroupés ici (…) par des policiers français lors des rafles de 1942 à 1944 (602)
  • Eliaz Zajdner, Ancien Résistant, déporté à Auschwitz par les nazis en Mai 1944 avec ses trois Fils. Albert âgé de 21 ans, Salomon et Bernard âgés de 15 ans. Morts dans dans le bloc des expériences (211) Diese Kinder fielen also offensichtlich den schrecklichen Menschenversuchen des KZ- Arztes Mengele zum Opfer.[16]

Aus dieser sehr selektiven Übersicht wird wohl schon die unglaubliche Vielfalt der plaque commémoratives zur Zeit 1939- 1945 deutlich. Dazu kommt aber noch ihre unterschiedliche Gestaltung- abgesehen von den genormten Erinnerungstafeln an den Schulen. Manchmal sind die Tafeln mit zusätzlichen Zeichen versehen wie dem Davidstern, oder dem christlichen oder öfters: dem lothringischen Kreuz als dem Symbol der Londoner Exil-Regierung de Gaulles und ihrer Streitkräfte. Dazu kommen oft die Farben der Tricolore oder das Logo des Betriebs oder der Einrichtung, in dem/der die jeweilige Person tätig war. Geschmückt sind die Plaketten manchmal auch mit Lorbeerzweigen, Portraits oder Orden. Und für zusätzliche Farbe sorgen bisweilen die –wenn auch oft verwelkten- Blumen, die zu besonderen Jahrestagen wie dem 27. Januar, dem  8. Mai, dem 25. August oder dem 11. November  von der Stadtverwaltung in die dafür vorgesehenen Ringe gesteckt werden, die sich meistens unterhalb der Plaketten befinden. (s. z.B. 511, 584, 737)

Und dann gibt es ja noch die verschiedenen Materialien und Formen der Tafeln und die Typografie- die vielfältige Gestaltung der Schrift. Philippe Apeloig weist in seinem Vorwort ausdrücklich auf die ästhetische Qualität der Erinnerungstafeln hin und auf den außerordentlichen Reichtum ihres „graphischen Vokabulars.“ Insgesamt bildeten sie einen eigentümlichen Katalog typografischer Kreationen dar, „un véritable hommage aux dessinateurs de lettres.“ (49/50) Das besondere Interesse des Autors an der Typografie wird schon beim Aufschlagen des Buches deutlich: Die ersten und die letzen inneren Umschlagseiten –es sind immerhin insgesamt 24!-  zeigen Ausschnitte von Plaketten und veranschaulichen deren typografischen Reichtum, den Philippe Apeloig, selbst Grafiker und Typograf, besonders herausstellt und zu würdigen weiß.

Aber natürlich geht es Apeloig um mehr als die ästhetische Qualität und Vielfalt der Tafeln. Denn die sind ja Mittel zum Zweck, sie dienen der Erinnerung. Und auch zu ihr hat Philippe Apeloig einen sehr persönlichen Bezug: Sein Großvater Szmul Icek Rozenberg, geboren in Kazimierz in Polen, war 1930 – wie zwei Jahre zuvor sein Bruder Joseph-  nach Frankreich ins „Land der Menschenrechte“ ausgewandert. Das Leben dort schien, wenn auch nicht völlig glücklich, doch wenigstens –anders als in Polen- schlicht und einfach möglich zu sein. Beide Brüder fanden Arbeit und Wohnung im Faubourg-Saint-Antoine, dem damaligen Zentrum der französischen Möbelproduktion.[17] Szmul machte sich schließlich selbstständig und spezialisierte sich auf die Kopie alter Stilmöbel.  Nach Ausbruch des Krieges engagierte er sich als „volontaire juif“ in der Fremdenlegion, kam allerdings nicht zum Einsatz. Nach dem Waffenstillstand und der Besetzung eines großen Teils Frankreichs durch deutsche Truppen siedelte die Familie nach Châteaumeillant in der von Vichy kontrollierten sogenannten freien Zone über. Die Einwohner von Châteaumeillant hatten etwa 40 jüdische Familien aufgenommen, um sie vor Verfolgung zu schützen. Angesichts des Vichy’schen Antisemitismus waren Juden aber auch dort nicht in absoluter Sicherheit. Der Ortspolizist allerdings warnte sie vor bevorstehenden Verhaftungen, so dass die Miliz meist unverrichteter Dinge wieder abziehen musste. Trotz aller Gefahren überlebten der Großvater, seine Frau Golda und seine drei Kinder und konnten 1945 wieder nach Paris zurückkehren, wo der Großvater 1947 die französische Staatsbürgerschaft erhielt.  Sein Bruder Joseph allerdings und seine Frau, die in Paris geblieben waren, wurden deportiert und in Auschwitz ermordet.

Im November 2004 wurde auf Initiative von Philippes Mutter Ida eine Erinnerungsplakette an der alten Markthalle von Châteaumeillant installiert- ein Dank an die Einwohner des Ortes, die –trotz aller damit verbundener Risiken-  Juden aufnahmen und sie vor Verhaftung und Deportation retteten. Es ist dies die erste in dem Buch abgebildete plaque commémorative (39). Bei der Enthüllung hatte die Mutter in einer Rede ihre Kinder aufgefordert, die Arbeit der Erinnerung fortzusetzen. Philippe Apeloig hat dies in einzigartiger Weise befolgt.  Entstanden ist ein Werk über einen ganz besonderen Erinnerungsort, einen „lieux de mémoire“, der allerdings in dem großen Kompendium Pierre Noras nicht berücksichtigt ist.[18]

Diese Lücke schließt das Buch.

Den Abbildungen der Plaketten ist ein Essay von Danièle Cohn vorangestellt, die wie Philippe Apeloig  einen eigenen familiären Bezug zu den plaques commémoratives hat: Die Geschichte  ihres Großvater Wilhelm Friedmann, eines österreichischen Intellektuellen. Bevor er das erhoffte Visum in die USA erhielt, wurde er von den Nazis verhaftet  und nahm sich „als freier Mann“ selbst das Leben (62/63).  Die Tafel in einem kleinen Ort der Pyrenäen, die an ihn erinnert ist in dem sensiblen Text Danièle Cohns abgebildet. Die Überschrift des Essays:  „Voir et écouter les murs„, was als Einladung zum Umgang mit den Erinnerungstafeln verstanden werden kann.  Der Text schließt mit den Worten, die ich zum Abschluss dieses Textes zitieren möchte:

Les hommes et les femmes abattus, déportés n’ont pas laissé de trace dans un ‚ici‘. La chute des corps atteints par une balle ennemie n’a pas laissé d’empreinte, c’est l’inquiétude de ceux qui ont survécu, puis la force du souvenir des vivants qui en ont inventé la trace, et ceci vaudrait plus encore pour les corps brûlés dans les camps: pas d’image, pas de marque matérielle, et la tâche des plaques devient alors de tracer au sens littéral du trait, de l’incision, de l’inscription pour que nous soyons marqués, et à la fin heureux d’avoir eu la chance de l’être.“ (70)

 

Dieser Text wurde am 25. August 2019, dem 75. Jahrestag der Befreiung von Paris, in den Blog eingestellt.

 

Anmerkungen:

[1] https://fr.wikipedia.org/wiki/L%C3%A9on_Frot

[2] Siehe den Blog-Beitrag: Über den Dächern von Paris: Blicke von unserer Terrasse.             https://paris-blog.org/2016/03/31/sonnenuntergang-in-paris/

[3] Siehe den Blog-Beitrag: Wohnen, wo einmal die Guillotine stand. https://paris-blog.org/2016/06/14/wohnen-auf-historischem-boden-la-grande-et-la-petite-roquette/

[4] http://www.ajpn.org/internement-Prison-de-la-Roquette-470.html

[5] Solche Tafeln gibt es an allen Pariser Schulen. Sie wurden mit Unterstützung der Stadt Paris von der Association pour la Mémoire des Enfants Juifs déportés  (AMEJD) angebracht. Eine Aufstellung findet sich bei Apeloig, Enfants de Paris, S. 1101-1103

[6]https://fr.wikisource.org/wiki/Discours_prononc%C3%A9_lors_des_comm%C3%A9morations_de_la_Rafle_du_Vel%E2%80%99_d%E2%80%99Hiv%E2%80%99

Inzwischen gibt es eine Fülle von Literatur zur rafle du Vel d’Hiv. Hervorheben möchte ich hier nur die folgende Veröffentlichung, nicht nur weil Paul Tillard der Vater einer guten Pariser Freundin ist, sondern weil es sich auch um eine ganz frühe Veröffentlichung zum Thema handelt: Claude Lévy et Paul Tillard (préf. Joseph Kessel), La Grande rafle du Vel d’Hiv : 16 juillet 1942, Paris, Éditions Robert Laffont, 1967 ; rééd. Tallandier, coll. « Texto », 2010

Kurzinformation unter: https://www.deutschlandfunk.de/vor-75-jahren-in-paris-die-razzia-im-wintervelodrom.871.de.html?dram:article_id=391170

https://de.wikipedia.org/wiki/Rafle_du_V%C3%A9lodrome_d%E2%80%99Hiver

siehe auch die Erinnerungsplakette am ehemaligen Velodrom d’Hiver bei Apeloig, 815

[7] http://www.genami.org/culture/rafle-paris-20-aout-1941.php

https://blogs.mediapart.fr/albert-herszkowicz/blog/230811/memoire-la-rafle-meconnue-du-20-aout-1941-paris

[8] Ähnliche Tafeln  (stèles) gibt es in jedem Arrondissement. Initiator ist auch hier die AMEJD. Eine Zusammenstellung findet sich bei Apeloig, Les Enfants de Paris, S. 1092 f.

(8a) Philippe Apeloig hat den Titel des Buches ausdrücklich auch deshalb gewählt, „weil die meisten aufgeführten Personen unglaublich jung waren“.  siehe: Xavier de Jarcy,  Le Paris de 1939-1945 raconté par ses plaques commémoratives. Télérama vom 9.1.2019. Jarcy berichtet in dem Text über einen Rundgang mit Philippe Apeloig vom Faubourg- Saint-Antoine zum Marais.

[9] siehe den Blog-Beitrag: Von Frankfurt nach Paris und zurück: Die Stolpersteine in der Westendstraße. https://paris-blog.org/2016/06/02/von-frankfurt-nach-paris-und-zurueck-die-stolpersteine-in-der-westendstrasse/

[10] Dies jedenfalls ist die erklärte Absicht Apeloigs. Siehe sein Interview mit Norbert Czarny, Plaques sensibles. https://www.en-attendant-nadeau.fr/2019/01/01/plaques-sensibles-apeloig/

[11] Siehe den Blog-Beitrag: Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen: https://paris-blog.org/?s=Pantheon

[12] Die Deutsche Botschaft Paris hat deshalb 2015 die Herausgabe eines Buches über den deutschen Widerstand gefördert (Vorwort der damaligen Botschafterin Frau Wasum-Rainer), mit der ausdrücklichen Begründung, dass der deutsche Widerstand gegen das Hitlerregime in Frankreich wenig bekannt sei: Philippe Meyer, Ils étaient des Allemands contre Hitler. Editions L’Âge d’Homme.

Über deutsche Antifaschisten, die auf Seiten der französischen résistance gekämpft haben: https://www.reseau-canope.fr/cndpfileadmin/pour-memoire/le-50e-anniversaire-du-traite-de-lelysee-et-les-relations-franco-allemandes/le-temps-des-ennemis-hereditaires/les-resistants-allemands-en-france/

[13] Die schöne Rede, die der Professor für vergleichende Literatur Lionel Richard bei der Enthüllung der Tafel hielt, ist abgedruckt unter:  http://www.alfred-doblin.com/hommages-et-critiques/ecrivain-xx-siecle-pantheon/ Zu Wolfgang Döblin siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_D%C3%B6blin Dort wird als Datum der Enthüllung 2006 angegeben.

[14] Aleida Assmann, Auf dem Weg zu einer europäischen Gedächtniskultur? Wiener Vorlesungen im Rathaus, Bd 161. 2012

[15] https://www.lepoint.fr/afrique/debarquement-de-provence-les-soldats-venus-d-afrique-en-premiere-ligne-14-08-2019-2329922_3826.php

[16] Siehe dazu das preisgekrönte Buch von Olivier Guez, Das Verschwinden des Josef Mengele. Aufbau-Verlag 2018

[17] Siehe den Blog-Beitrag über den Faubourg-Saint-Antoine, das Viertel des Holzhandwerks. https://paris-blog.org/2016/04/04/der-faubourg-saint-antoine/

[18] Eine Aufstellung aller Erinnerungsorte, die in den 7 von Nora herausgegebenen Bänden behandelt werden, findet sich bei: https://fr.wikipedia.org/wiki/Lieu_de_m%C3%A9moire

 

 

Weitere geplante Beiträge:

  • 10 Jahre Singen in Paris
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • Aux Belles Poules. Ein ehemaliges Bordell im Quartier Saint Denis
  • Von Montreuil nach Sansscouci: Die murs à pêches von Montreuil und die Lepère’schen Mauern im königlichen Weinberg von Sanssouci

La Butte aux Cailles, ein kleinstädtisches Idyll in Paris

Buttes aux Cailles: Das sind vor allem enge, mit Kopfsteinen gepflasterte Gassen, kleine Kneipen und nette Geschäfte, die Erinnerung an die Pariser Commune und wohin man auch blickt: Street-Art…  Es ist ein kleinstädtisches Idyll, etwas abseits gelegen in der Nähe der Place d’Italie und der Hochhäuser des chinesischen Viertels – da wo man Dererlei also am wenigsten erwartet.

Als Ausgangspunkt für einen kleinen Rundgang bietet sich die Place d’Italie ein, von der aus man in die rue Bobilot einbiegt. Nach einigen hundert Metern geht rechts die Passage du Moulin des Prés ab. Der Name dieses Weges erinnert an eine der Mühlen, die einmal auf diesem Hügel standen.

DSC03895´Steet Art April 2019 (13)

Die Passage ist inzwischen eine Art open-air- Galerie für Straßenkünstler. Unter anderem Jeff Aerosol und die Gruppe Lezarts de la Bièvre  haben hier „ausgestellt“.[1] Der Name Lezarts ist ein hübsches Wortspiel: Lézard ist das französische Wort für Eidechse, und Eidechsen gab es auf diesem Hügel früher sicherlich viele. Indem die Künstlergruppe das d am Ende des Wortes durch ein t ersetzt, wird deutlich gemacht, dass es hier um Kunst geht, aber das z der Eidechsen bleibt und die Eidechse im Schriftzug ebenfalls. Die Lezarts de la Bièvre sind  hier gewissermaßen zu Hause, denn der Butte aux Cailles gehört  zur  Umgebung des Flüsschens Bièvre, das einmal am Fuß des Hügels vorbei floss und die Gegend prägte. Heute ist die Bièvre allerdings auf Pariser Stadtgebiet kanalisiert und zugedeckelt, also  nicht mehr zugänglich und sichtbar.

DSC03895´Steet Art April 2019 (14)

Die oben abgebildete  schöne Gemeinschaftsarbeit von Jeff Aérosol und den Lezards de la Bièvre gehört zu einem Kunstprojekt, das an verschiedenen Stationen den früheren Verlauf der Bièvre markiert. Und es gehört auch zu einem Rundgang zu den Ateliers und Street-Art-Produktionen der Künstlergruppe Lézarts de la Biévre.

Hier die Lezarts mit einem Künstlerportrait und Jeff Aérosol (vielleicht mit einem Selbstportrait?)

DSC03895´Steet Art April 2019 (15)

Auf der anderen Straßenseite haben zwei weitere Straßenkünstler Ihre Spuren/Werke hinterlassen- unten Lady Bug und  links oben Louyz mit der bunten Eidechse, ihrem „Markenzeichen“ 

 

Weiter geht es  links hinein in die Rue du Moulin des Prés.

Dort sieht man (oder sah man noch im Mai 2019) unter den üblichen Straßenschildern lila Aufkleber mit alternativen weiblichen Namen. Dabei handelte es sich um eine feministische Aktion, die die geringe Berücksichtigung von Frauen bei der Benennung von Straßenamen kritisiert. (Bei Métro-Stationen und im Pantheon gibt es ja auch eine entsprechende Verteilung zwischen den Geschlechtern  (1a). Also wurden im April 2019 in Paris –auch im 11. Arrondissement, in dem wir wohnen- alternative Vorschläge für Straßennahmen gemacht. Die rue Simonet beispielsweise, benannt nach dem Besitzer des Grund und Bodens, auf dem diese Straße gebaut wurde, sollte nach einer Chemikerin und Pharmazeutin umbenannt werden, die 1988 den Nobelpreis erhielt. Warum auch nicht? An vielen anderen Stellen der Stadt, leider auch in unserer Umgebung,  waren nach meiner Beobachtung die lila Alternativschilder bald abgerissen. Nicht so hier. Vive la Butte aux Cailles!

 

In der Rue du Moulin des Prés kommt man auch an diesem schönen Pochoir von Miss Tic vorbei:

Miss Tic Butte rue du moulin des prés

Miss Tic verbindet immer junge anziehende Frauen mit einem Spruch, der oft zum Nachdenken anregt. Die von ihr verwendeten Farben sind im Allgemeinen schwarz, weiß und rot. Das grün hier ist eine Ausnahme: Vielleicht weil es in dem Text um einen lebensnotwendigen Luxus geht, nämlich die Poesie. Wir werden Miss Tic auf unserem Rundgang noch öfters begegnen. Auch sie ist hier gewissermaßen zu Hause.

Aussehen und Atmosphäre der place Paul Verlaine, zu der wir nun kommen,  entsprechen einem kleinen Dorfplatz, wozu auch eine Boule-Bahn in seiner Mitte beiträgt.[2] Außerdem befindet sich auf dem Platz ein artesischer Brunnen, dessen Wasser aus 582 Meter Tiefe emporsteigt: Es ist ein sehr sauberes Wasser, das die Bevölkerung des Viertels nutzt, um sich mit Trinkwasser zu versorgen.

DSC04159 Butte aux Cailles 6. Mai 2019 (49)

Und Obdachlose (sans abri) nutzen das Wasser auch….

Das markante Bauwerk am Platz ist das Schwimmbad. Es geht zurück auf 1908 errichtete Duschbäder, die aus dem artesischen Brunnen mit 28 Grad warmen Wasser gespeist wurden. 1924 wurde dann das neue Schwimmbad eingeweiht.

DSC04360 Butte aux Cailles 24.5 (5)

 

 

„Sein Art-Nouveau-Stil steht im perfekten Einklang mit dem malerischen Butte-aux-Cailles-Viertel und macht es zu einem der beiden denkmalgeschützten Schwimmbäder von Paris“ – und wie man hinzufügen muss, zu dem einzigen, das für den normalen Publikumsverkehr geöffnet ist. [3]

Auch das Innere des Hallenbades ist mit seinem von leichten Bögen getragenen Betongewölbe architektonisch interessant. Als das Schwimmbad eröffnet wurde, war es auf der Höhe der Zeit mit obligatorischen Duschen für Badegäste und einem Fußbecken am Eingang zur Schwimmhalle. Allerdings waren die Duschen nicht nach Geschlechtern getrennt, was allerdings auch der Praxis neuerer Pariser Schwimmbäder entspricht – die angestrebte Körperreinigung wird dadurch allerdings zu einer bisweilen etwas verschämten Angelegenheit. Und die ehrwürdige Schwimmhalle ist oft so voll und durch Wassergymnastik in ihrem Gebrauch eingeschränkt, dass sie für Menschen, die gerne einigermaßen unbehindert ihre Bahnen schwimmen wollen, eher nicht der geeignete Ort  ist.

Piscine-Butte-aux-Cailles

Auf der Place Paul Verlaine gibt es auch einen Gedenkstein, der an die erste bemannte Fahrt im Heißluftballon erinnert:

DSC04360 Butte aux Cailles 24.5 (4)

 

 

„Am 21. November 1783 flogen Pilâtre de Rozier und der Marquis d’Arlandes an Bord eines aus Papier (Tapete) gefertigten und mit einem Strohfeuer angetriebenen Montgolfière von Muette los. Sie landeten hier auf der Butte aux Cailles, die damals nur ein ländlicher mit Windmühlen bestandener Hügel war. In weniger als einer halben Stunden hatten sie neun Kilometer zurückgelegt.“

 

 

Es hatte die beiden Piloten einige Überzeugungskraft gekostet, den Hof  Ludwigs XVI . davon zu überzeugen, dass die Ehre, die Türme von Notre Dame zu überfliegen, nicht zum Tode Verurteilten zukommen dürfe, sondern freien Männern.[5]

Zwei Tage vorher, am 19. November 1783 hatte es übrigens schon eine Generalprobe für den Flug gegeben: Da war ein Montgolfière im Garten der manufacture des papiers peints  im heutigen 11. Arrondissement aufgestiegen. Der Ballon war mit Stoff bespannt, wie sicherlich auch der vom 21. November. Darauf hatte man Tapete aus der Manufaktur geklebt, die mit goldenen Sonnen bedruckt war. Eine grandiose Marketing-Aktion des Besitzers, Reveillon, der es sich nicht nehmen ließ, sich auch selbst in die Lüfte zu erheben. (5a)

Natürlich fehlt es auch an der Place Verlaine nicht an Werken der Street-Art. Besonders schön finde ich ein Pochoir von Miss Tic, die uns bei unserem Rundgang über den Butte-aux-Cailles begleitet.

DSC04360 Place Verlaine)

Dieses Pochoir ist sicherlich eine Antwort auf die  Anschläge vom 13. November 2015.  Denn  Ziel der Anschläge waren damals  auch mehrere Terrassen von Bars mit ihren Freiheit und Lebensfreude verkörpernden Besuchern;   den islamistischen Terroristen verhasst, so dass sie die „terrasses de la vie“ zu Terrassen des Todes machten. Aber -so die Botschaft von Miss-Tic: diese Freiheit, an der wir umso wütender und trotziger hängen, lassen wir uns nicht nehmen![6]

Auf der anderen Seite des Platzes, an der Auberge de la Butte,  gibt es zwei weitere schöne Pochoirs von Miss Tic:

Auberge de la Butte Place verlaine

Ich suche die Wahrheit und eine Wohnung 

Miss Tic Auberge de la Butte DSC04159 Butte aux Cailles 6. Mai 2019 (41)

 

Das Männliche trägt den Sieg davon. Aber wohin?

 

Unser Spaziergang führt nun über die Rue de le Butte aux Cailles zur Place de la Commune.

In der Rue de la Butte aux Cailles gibt es ein Restaurant und eine Bar, die an die Zeiten der Commune von Paris erinnern: Das Restaurant Le temps des Cerises  und die Bar „Merle Moqueur“.

Ourq Butte aux Cailles Nov 10 016

Der Name „Le temps des Cerises“ bezieht sich auf ein altes, populäres Liebeslied, in dem  die Liebe in der Zeit der Kirschen besungen wird:

                   Quand nous chanterons le temps des cerises

                   Et gai rossignol, et merle moqueur

                   Seront tous en fête.

                   Les belles auront la folie en tête

                   Et les amoureux du soleil au coeur

                   Quand nous chanterons le temps de cerises

                   Sifflera bien mieux le merle moqueur.

Das Lied endet traurig: Die Zeit der Kirschen, der Liebe und Träume,  ist kurz, danach kommen Schmerz und Trauer. Aber trotzdem:

                   J’aimerai toujours le temps des cerises

                   Et le souvenir que je garde au coeur.[7]

 

temps-des-cerises21871 wird  in dem von preußischen Truppen  belagerten Paris zwischen dem 18. März und dem 21. Mai, au temps des cerises also, ein kurzer revolutionärer Traum gelebt.  Damals wird das Lied zur Hymne der Pariser Commune und ihrer Anhänger. Sie bleibt es auch nach der „semaine sanglante“ vom 21. bis zum 28. Mai, während der die Commune von der Versaillais blutig niedergeschlagen wurde und  die Erinnerung an die Commune  -außer sie  war hasserfüllt und abschreckend-  tabuiert war. Der Autor des Liedes,  Clément, während der Commune Bürgermeister des revolutionären Montmartre,  unterstützte ausdrücklich die poltitische Botschaft des Liedes, indem er es  1885 der  „vaillante citoyenne Louise» widmete, der wachsamen Bürgerin Louise Michel, einer Ikone der Commune.

Von Wolf Biermann gibt es übrigens eine wunderschöne deutsch-französische Version des Liedes, gesungen nach der Wende vor einem jungen Leipziger Publikum – mit einer einleitenden Erläuterung, in der er eine Verbindung zwischen dem Paris von 1871 und dem Leipzig von 1989 herstellt.  Auf youtube zu sehen und zu hören! Es lohnt sich!  (8]

Le Temps des Cerises ist genossenschaftlich organisiert, und die Betreiber beziehen sich nicht nur im Namen der Gaststätte auf die Commune.

DSC04159 Butte aux Cailles 6. Mai 2019 (39)

Aux Temps des Cerises

Dieser schönen Aufforderung -und Alternative  zur martialischen Parole der Marseillaise Aux armes, citoyens – kann man getrost folgen.

DSC04360 Aux tem0s des cerises)

Auf der anderen Straßenseite befindet sich die Bar Le Merle Moqueur.

Ourq Butte aux Cailles Nov 10 017

Auch der Name „ Le Merle Moquer“ geht auf das Gedicht von Clément zurück, in dem die Spottdrossel mehrfach besungen wird. Es ist eine beliebte, abends von jungen Leuten gerne besuchte Bar. Die Preise sind, wie es in parisinfo heißt, „sehr demokratisch“. Wäre bei diesem Namen ja auch noch schöner![9]

Neben der „Merle Moqueur“ gibt es übrigens eine als sehr authentisch gerühmte Crêperie mit dem schönen Namen „Des crêpes et des cailles“. Dass auf der Butte aux Cailles auch Crêpes, also eine bretonische Spezialität,  angeboten werden, liegt insofern nahe, als im 19. Jahrhundert zahlreiche Bretonen sich auf dem Hügel niederließen und einen erheblichen Teil der Arbeiterschaft der dort ansässigen kleinen Handwerks- und Industriebetriebe stellten.

In der Straße gibt es auch – wie überhaupt auf der Butte aux Cailles- nette kleine Geschäfte wie den Honigladen Les Abeilles.

DSC04360 Butte aux Cailles 24.5 (12)

DSC04360 Butte aux Cailles 24.5 (10)

Dort wird unter anderem selbst produzierter Honig aus Paris angeboten!  Hier zum Beispiel mit genauer Herkunftsbezeichnung, nämlich dem Kellermann-Park im 13. Arrondissement.  Allerdings gibt es den Pariser Honig nur in kleinen Mengen, so dass auf der Website des Ladens empfohlen wird, vorher anzurufen, wenn man sich dafür interessiert.[10]

Übrigens ist Pariser Honig ein weniger exotisches Produkt, als es vielleicht erscheinen mag. Auch wenn Paris die am dichtesten bevölkerte Stadt Europas ist,  gibt es dort schon seit langem Bienenstöcke, auch an prominenten Orten wie auf dem Dach des Palais du Luxembourg, dem Sitz des französischen Senats, oder der Oper. Sogar auf Notre-Dame gibt es drei Bienenstöcke, die jährlich jeweils 25 Kilogramm Honig liefern, der aber den Beschäftigten der Kathedrale vorbehalten ist. Und diese drei Bienenstöcke und ihre Bewohner haben den Brand von Notre-Dame unbeschadet überstanden![11]

Die Qualität des Honigs soll –trotz der Luftbelastung durch Schadstoffe- übrigens dank des geringeren Einsatzes der chemischen Keule in der Großstadt gut sein. Und dank des derzeit angesagten urban gardening  wird es den Pariser Bienen wohl auch in Zukunft kaum an Nahrungsquellen mangeln.

 

Auf dem weiteren Weg zur Place de la Commune de Paris lohnt es sich auch, in die Seitenstraßen bzw. –gassen zu sehen, zum Beispiel in die malerische Passage Boiton mit dem für den Butte aux Cailles typischen Kopfsteinpflaster.[12]

rue-butte-aux-cailles

Hier sieht man, wie  insgesamt in dem Viertel, noch die alten Laternen.

Ourq Butte aux Cailles Nov 10 022

 

 

 

Früher waren das Gaslaternen, die abends und morgens per Hand angezündet und wieder ausgemacht wurden. (Ich kenne das noch von meiner Jugend in Darmstadt, dass abends der Gasanzünder die Straße entlang kam, in der wir wohnten). Heute sind da elektrische Glühbirnen installiert, aber die alte Form ist erhalten worden: ein Aspekt des sympathischen, kleinstädtischen Charakters des Viertels.

 

Dazu passte dann auch, dass bei einem meiner Rundgänge durch das Viertel im Mai 2019 auf der Place de la Commune de Paris ein kleines Gehege mit Hühnern installiert war.

DSC04159 Butte aux Cailles 6. Mai 2019 (29)

Wo sonst mitten in Paris wird man wohl morgens vom Krähen eines Hahnes geweckt werden? Und ich kann mir nicht vorstellen, dass ein alteingesessener Bewohner des Butte dagegen Einspruch erheben könnte.

Auf dem Platz steht auch eine der städtischen Informationstafeln, die über die Geschichte des Viertels informieren.

DSC04159 Butte aux Cailles 6. Mai 2019 (34)

Man erfährt dort, dass es ein Pierre Caille war, der 1543 den mit Weinstöcken bepflanzten Hügel über der Bièvre kaufte und dem  Viertel seinen Namen gab. Da caille aber das französische Wort für Wachtel ist, passte der Name auch insofern sehr gut zu diesem Viertel. Das Mosaik am Straßenschild veranschaulicht das ja auch entsprechend.

DSC04360 Place de la Commune

Als 1662 die Manufacture des Gobelins geschaffen wurde, siedelten sich  Weber und Färber in der Umgebung, also auch auf dem Butte aux Cailles an. Dazu kamen Mühlen, mehrere Steinbrüche  und im 19. Jahrhundert kleine Industriebetriebe.[13]

Ourq Butte aux Cailles Nov 10 015

Der Platz ist wenig anziehend, immerhin gibt es in seiner Mitte einen der schönen gußeisernen Brunnen mit den vier Cariathiden. Diese Brunnen findet man an vielen Stellen in Paris. Sie sind nach dem Mäzen Sir Richard Wallace benannt, der sie selbst entwarf und nach den Leiden der Pariser Bevölkerung durch die Belagerung und die Schrecken der semaine sanglante  aufstellen ließ, um die Pariser mit kostenlosem Trinkwasser zu versorgen.

DSC04360 Butte aux Cailles 24.5 (14)

Vor allem aber  haben sich  verschiedene Straßenkünstler wie Seth um die  Verschönerung des Platzes  verdient gemacht. Seth ist ein international tätiger Straßenkünstler, der gerne sehr schöne und phantasievoll an den jeweiligen Ort angepasste Bilder spielender Kinder an die Wände malt.[14] Hier ist es nicht nur der Junge, der rücklings durch die Luft fliegt, sondern auch das ihn begleitende Rotkehlchen und links oben das Signum des Künstlers.

DSC04159 Seth

DSC04159 Rue de la Butte aux Cailles

 

 

 

 

Originell und passend zum Pariser Kongress über das Artensterben (2019) ist das Suchplakat für den ausgestorbenen Dodo, das an einer Hauswand des Platzes angebracht ist….

 

 

 

 

Zu diesem Thema passt – ein Stück weiter in der rue Jonas- auch der bunte Papagei von Louyz vor dem Hintergrund einer Silhouette von Paris und  von rauchenden Schloten. Da fliegen Kanonenkugeln aus Dreck durch die Luft und prallen auf den Eiffelturm…

DSC04159 Butte aux Cailles 6. Mai 2019 (11)

Originell der Schmuck eines Straßenschildes ….

DSC04159 Butte aux Cailles 6. Mai 2019 (9)

…und  der an einer Hauswand befestigte Spiegel mit der Aufforderung hineinzusehen und der Aufschrift „Du bist schön“ (t’es belle). Das gilt aber nur für Frauen, die in den Spiegel schauen…

DSC04159 Butte aux Cailles 6. Mai 2019 (28)

Aber erstaunlich, was hier engagierte und phantasiereiche Menschen  aus einem an sich wenig ansehnlichen Platz gemacht haben.

Bevor es wieder zurück geht zur Place d’Italie bzw. zur Métro-Station Corvisart  bietet sich noch zwei kleine Abstecher an: In die rue Biot, von der aus man einen schönen Blick auf die Türme der Kirche Sainte-Anne de la Butte aux Cailles hat.

DSC04360 Rue Biot

Man hat die Kirche als „kleine Schwester von Sacré-Cœur“ bezeichnet.[15] Diese Bezeichnung bietet sich an wegen des romanisch- byzantischen Stils beider Kirchen. Aber es gibt noch mehr Gemeinsamkeiten: Beide  stehen auf einem höchst brüchigen Untergrund, so dass sie auf Pfeilern errichtet sind, die auf tiefen festen Felsschichten ruhen. Bei Sainte-Anne sind es 71 Pfeiler, die bis in eine Tiefe von 16-22 Meter hinabreichen. Und beide Kirchen wurden in der Zeit der Dritten Republik gebaut, als  der Bau von Kirchen eher eine Ausnahme war. Sacré- Cœur war ja gebaut als Sühne-Kirche für die (angeblichen) Verbrechen der gottlosen Commune; und zwar demonstrativ auf dem Hügel von Montmartre,  dem aufständischen Zentrum der Revolte. Und man darf annehmen, dass Sainte-Anne mit ihrer auftrumpfenden Architektur aus ähnlichen Gründen in dem Viertel errichtet wurde, das am längsten den konterrevolutionären Angriffen der Versaillais standhalten konnte.

DSC04360 Butte aux Cailles 24.5 (27)

Die Wappen vieler bretonischer Städte am links im Bild zu sehenden Altar erinnert übrigens noch daran, dass viele  damalige Bewohner des Viertels ihre Wurzeln in der Bretagne hatten.

DSC03895´Seth

 

 

Die rue Biot ist übrigens wie die Passage du Moulin des Prés geradezu eine Freiluft-Galerie der Street-Art. Es gibt fast kein Stück Wand/Fassade, das nicht als Ausstellungsfläche dienen würde. Vertreten ist hier unter anderem wieder Seth mit einem Mädchen mit Hüpfseil und eine der  ganz neuen und jetzt öfters in dem Viertel anzutreffenden Musikkarten…

 

DSC04360 Rue Biot

Für Street-Art-Freundinnen und -Freunde empfiehlt sich auch noch ein kleiner Abstecher in die  rue Alphant. Dort hat die Künstlergruppe Louyz am 24. Mai 2019 ein farbenfrohes großes Wandgemälde mit der obligatorischen bunten Eidechse angebracht.  An diesem Tag ist auch dieses Foto entstanden.

DSC04360 Rue Alphand

Übrigens konnte man den beiden Künstlerinnen gut bei der Arbeit zusehen: Sie hatten oben auf ihrem Gerüst eine kleinformatige Vorlage, an der sie sich orientierten,  und unten eine kleine Gruppe von Helfern mit einem größeren Farbsortiment und kulinarischem Nachschub…  Alles also genau geplant – und sogar im Internet angekündigt….

 

Weiter/zurück geht es dann durch die  von Parisinfo etwas überschwänglich als „wunderschön“ bezeichnete rue des cinq Diamants. Allerdings hat die Straße vor allem für historisch interessierte Menschen einen besonderen Anziehungspunkt, nämlich das Büro der Amies et Amis de la Commne de Paris, deren Ziel es ist, die Erinnerung an die 72 Tage der Commune wachzuhalten und die fortdauernde Aktualität des kurzen revolutionären Frühlings von Paris aufzuzeigen.[16]

DSC03196 Street Art La Butte aux Cailles (7)

Prunkstück des Büros ist die große Erinnerungstafel für die Toten der Commune: Es handelt sich um das Original einer plaque commémorative, die 1908 an der Friedhofsmauer auf dem Père Lachaise angebracht wurde, an der die letzten Kämpfer der Commune im Mai 1871 erschossen wurden. Die Association der Freundinnen und Freunde der Commune organisiert jährlich am letzten Maiwochenende die sogenannte Montée au Mur des Fédérées, zu derMenschen aufgerufen sind, die sich mit den Idealen der Commune verbunden fühlen.[17]

montee des murs des fédérés 2011

Neben der Eingangstür des Büros gibt es  ein kleines Mosaiktäfelchen mit einem Portrait und dem Namen  Wróblewski.

DSC04159 Am Eingang Amis de la Commune

Walery Antoni Wróblewski gehörte zu den Anführern des polnischen Aufstandes gegen das zaristische Russland 1863/64. Nach dessen Niederschlagung emigrierte er nach Frankreich, wo er als Pianist und Musiklehrer seinen Lebensunterhalt verdiente. Während der Commune war er ein Kommandeur der Föderierten und verantwortlich für die Verteidigung des strategisch wichtigen Butte aux Cailles gegen den Vormarsch der Versaillais. Dabei zeichnete er sich besonders aus. Prosper Lissagaray schrieb in seiner auf eigener Anschauung beruhenden „Geschichte der Commune von 1871“ über Wroblewski:

„Er ist der einzige General der Commune, der die Eigenschaften eines Corpsführers gezeigt hat. Er verlangte immer, man solle ihm diejenigen Bataillone schicken, die kein Anderer wollte, und er verstand es auch, sie zu verwenden.“[18]

Commune Spaziergang EDF 031

Nach der Niederschlagung der Commune emigrierte er nach England, wo er sich weiter für die internationale Arbeiterbewegung engagierte. Auch er konnte 1880 nach der allgemeinen Amnestie nach Paris zurückkehren, wo er 1908 starb. Wróblewski gehörte zu den vielen internationalen Aktivisten, die sich in der Pariser Commune engagierten und damit die internationale Solidarität der Arbeiter vorlebten.

Commune Spaziergang EDF 030

Das Grab von Wróblewski befindet sich auf dem Friedhof Père Lachaise, in unmittelbarer Nähe der Mur des Fédérées und  ist –wie auch das von Chopin- oft mit roten und weißen Blumen geschmückt. Sie verweisen auf die polnische Herkunft von Wróblewski und sind ein Zeichen polnisch-französischer Verbundenheit.

DSC06284 Butte aux Cailles (3)

 

 

 

Ein weiterer Anziehungspunkt in der rue des cinq Diamants sind die vielen von Street-Artisten verzierten Wände.

Hier zum Beispiel ein Mosaik von 1918 aus Anlass des 50. Jahrestags des Mai 68.

Und auch hier hat Miss Tic ihre Spuren/Werke  hinterlassen.

cinq diamants 39

rue des cinq diamant Nummer 39

 

DSC04360 Butte aux Cailles 24.5 (39)

In der rue des cinq diamants gibt es auch ein kleines thailändisches Restaurant mit diesem schönen Wirtshausschild.

DSC04360 cinq diamants

Ich sehe das als Zeichen für die identitätsstiftende und integrative Kraft der Butte aux Cailles. Insofern ist das, wie ich meine,  ein schöner Abschluss des Beitrags über dieses sympathische Viertel.

 

Anmerkungen

[1] https://www.lezarts-bievre.com/la-bievre/

Zur Pariser Street-Art im Allgemeinen und Jeff Aérosol im Besonderen siehe die Blog-Beiträge: Street-Art in Paris (1) und (2) https://paris-blog.org/2017/12/01/open-your-eyes-street-art-in-paris-1/ und https://paris-blog.org/2018/06/01/street-art-in-paris-2-mosko-jef-aerosol-und-jerome-mesnager/

(1a) Siehe dazu den Blog-Beitrag: Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen: https://paris-blog.org/2018/04/01/das-pantheon-der-grossen-und-der-weniger-grossen-maenner-und-der-wenigen-grossen-frauen-1-das-pantheon-der-frauen/

[2] https://www.unjourdeplusaparis.com/paris-balades/promenade-butte-aux-cailles

[3] https://de.parisinfo.com/museen-sehenswurdigkeiten-paris/72885/Piscine-de-la-Butte-aux-Cailles

Das andere denkmalgeschützte Pariser Schwimmbad ist das mondäne Molitor im 16. Arrondissement, das allerdings inzwischen zu einem Hotel gehört und für Normalsterbliche nicht mehr zugänglich ist.

[4] Bild aus: https://www.lecoindelodie.fr/piscine-buttes-aux-cailles/

[5] https://www.pilatre-de-rozier.com/a-propos/jean-francois-pilatre-rozier/

(5a) Siehe dazu den Blog-Beitrag: Der Faubourg-Saint-Antoine (2): Das Viertel der Revolutionäre. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/102

[6] Zu Miss Tic siehe auch den Blog-Beitrag Street-Art in Paris (4): https://paris-blog.org/2019/02/01/street-art-in-paris-4-monsieur-chat-miss-tic-und-fred-le-chevalier/

[7] Vollständiger Liedtext in: https://fr.wikisource.org/wiki/Le_Temps_des_cerises

Bild aus: https://passagedutemps.wordpress.com/2017/01/13/2237/. Passage du temps ist ein ausgesprochen schöner Blog mit einem Schwerpunkt zu Paris, der aus den meisten eher oberflächlichen Paris-Blogs herausragt.

[8] http://www.youtube.com/watch?v=Rv420VhwUWc (Dauert 6 Minuten)

[9]  https://de.parisinfo.com/restaurant-paris-de/100464/Le-Merle-Moqueur

[10] https://www.lesabeilles.biz/fr/index.html

[11] https://www.youtube.com/watch?v=5FCX42ZyLVw

[12] https://www.unjourdeplusaparis.com/paris-balades/promenade-butte-aux-cailles

[13] Zur Manufacture des Gobelins siehe den Blog-Beitrag: Die Manufacture des Gobelins, Politik und Kunst. https://paris-blog.org/2018/08/01/die-manufacture-des-gobelins-politik-und-kunst/

Zu den Steinbrüchen unter Paris siehe:  https://paris-blog.org/2017/04/20/die-bergwerke-und-steinbrueche-von-paris/

[14] https://www.lezarts-bievre.com/2018/04/30/julen: Die Bergwerke und Steinbrüche von Paris. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/5497ien-malland-dit-seth-globepainter/

[15] https://meinfrankreich.com/butte-aux-cailles-paris/ 

[16] http://commune1871.org/

[17]Zur Commune siehe den Blog-Beitrag: Der Bürgerkrieg in Frankreich 1871. Ein Rundgang auf dem Friedhof Père Lachaise auf den Spuren der Commune. https://paris-blog.org/2016/08/13/der-buergerkrieg-in-frankreich-1871-ein-rundgang-auf-dem-friedhof-pere-lachaise-in-paris-auf-den-spuren-der-commune/

[18] Prosper Lissagaray, Geschichte der Commune von 1871. Edition suhrkamp 177, FFM 1971, S. 340. (Lissagaray schrieb das Buch 1877 im Londoner Exil). Weitere Wertschätzungen der militärischen Leistung Wroblewskis: http://maitron-en-ligne.univ-paris1.fr/spip.php?article150222

 

Weitere Beiträge zur Street-Art:

Zur Street-Art siehe auch die Beiträge zu folgenden weiteren Stadtvierteln:

Außerdem folgende spezielle Beiträge:

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Der Hartmannswillerkopf, das französische Nationaldenkmal und das deutsch-französische Historial zum Ersten Welkrieg
  • „Les enfants de Paris“: Pariser Erinnerungstafeln/plaques commémoratives zur Zeit 1939-1945
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • Aux Belles Poules. Ein ehemaliges Bordell im Quartier Saint Denis

 

 

.

 

Le chocolat Menier (2): Die Villen der Familie im 8. Arrondissement von Paris und das Grabmal auf dem Père Lachaise

Im ersten Teil des Beitrags über die Schokoladenfabrik Menier standen die außerordentlich formschöne, moderne und repräsentative Architektur der Fabrik und die Anlage der Arbeitersiedlung in Noisiel an der Marne im Mittelpunkt.

https://paris-blog.org/2019/05/23/le-chocolat-menier-1-die-schokoladenfabrik-in-noisiel-an-der-marne-repraesentative-fabrikarchitektur-und-patriarchalischer-kapitalismus-im-19-jahrhundert/

Im nachfolgenden Beitrag geht es um die Bauten der Familiendynastie in Paris:  Die Stadtvilla (hôtel particulier) des Émile Justin Menier und die seiner Söhne Henri und Gaston Menier im 8. Arrondissement von Paris sowie die Grabkapelle der Familie  auf dem Père Lachaise. Die Villen der Meniers befanden sich nicht zufällig alle im Umkreis des Park Monceau: Gerade zu der Zeit, als die Schokoladenfabrik von Noisiel ihre grandiose Expansion vollzog, erhielt der Park seine heutige Form und Noblesse. Als nämlich 1860 das alte Dorf Monceau nach Paris eingemeindet wurde, wurde der weitläufige, am Ende des 18. Jahrhunderts angelegte Park des Philippe Égalité, die folie des duc de Chartres, aufgeteilt: Einen Teil gestaltete der Gartenarchitekt Adolphe Alphand um, der im Zuge der Haussmannschen Stadterneuerung unter Napoleon III.  auch andere Parks in Paris neu anlegte.[1] Unter seiner Leitung entstand ein Park, der mit vielen alten und neuen Attraktionen versehen war wie die korinthische Säulenreihe aus einer Anfang des 18. Jahrhunderts zerstörten Kirche von St. Denis, die sogenannte Naumachie…

Frauke Etretat u.a 203

… oder die von Claude Nicolas Ledoux erbaute Rotonde am nördlichen Parkeingang, die sogenannte Barrière de Chartres, Teil der alten die Stadt umgebenden Zollmauer, der mur des Fermiers généraux.[2]

375px-Parc_Monceau_-_La_Rotonde_02-03-06

So entstand  « la promenade la plus luxueuse et en mêmetemps la plus élégante de Paris“ wie der Baron Haussmann in seinen Memoiren rühmte; [3]  eine promenade, die Claude Monet 1876 zu drei Bildern anregte…[4]

1200px-Parc_Monceau_Monet

… und eine Parkidylle, in der sich ein halbes Jahrhundert später Kurt Tucholsky von seinem krisengeschüttelten Vaterland ausruhte.[5]:

Kurt Tucholsky: Park Monceau

Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen.
Hier bin ich Mensch – und nicht nur Zivilist.
Hier darf ich links gehn. Unter grünen Bäumen
sagt keine Tafel, was verboten ist.

Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen.
Hier bin ich Mensch – und nicht nur Zivilist.
Hier darf ich links gehn. Unter grünen Bäumen
sagt keine Tafel, was verboten ist.

Ein dicker Kullerball liegt auf dem Rasen.
Ein Vogel zupft an einem hellen Blatt.
Ein kleiner Junge gräbt sich in der Nasen
und freut sich, wenn er was gefunden hat.

Es prüfen vier Amerikanerinnen,
ob Cook auch recht hat und hier Bäume stehn.
Paris von außen und Paris von innen:
sie sehen nichts und müssen alles sehn.

Die Kinder lärmen auf den bunten Steinen.
Die Sonne scheint und glitzert auf ein Haus.
Ich sitze still und lasse mich bescheinen
und ruh von meinem Vaterlande aus.

 

Die andere Hälfte des früheren Parks wurde an die Brüder Pereire verkauft, reiche Bankiers, die damit ein groß angelegtes, spekulatives Immobilienprojekt aufzogen: Nach Malern benannte Straßen wurden angelegt und  monumentale vergoldete Zugänge, die selbst einem Schloss des Sonnenkönigs Ehre machen würden.

DSC03591 Menier Palais parc Monceau (4)

Die großen  Baugrundstücke kaufte vor allem die jüdische  Großbourgeoisie des zweiten Kaiserreichs, um dort luxuriöse Stadtpalais zu errichten: Die Rothschilds, Cerrnuschis, Camondos, Ephrussis, aber auch die  Meniers.

 

Das Hôtel Menier

Hat man im Süden des Parks in der avenue Van-Dyck eines der goldenen Tore durchschritten, sieht man auf der linken Seite das hôtel particulier des  Émile Justin Menier. Es handelt sich, wie man lesen kann, „zweifellos“ um die außerordentlichste Villa des Parks, „véritable anthologie d’art décoratif“.[6]  Bemerkenswert ist zunächst der Zeitpunkt des Baus. Es sind nämlich erst die Jahre 1872 bis 1874, während die Umgestaltung des Parks und die Bebauung seiner Umgebung und vermutlich wohl auch der Kauf eines „Filetstücks“ durch die Meniers  schon auf die 1860-er Jahre zurückgeht. Inzwischen war Napoleon III. gestürzt und ins Exil „ab nach Kassel“ expediert worden; Frankreich war zur Republik geworden; die Erschießungskommandos der siegreichen Versailler waren wieder abgezogen, die in dem Park die massenhaften Todesurteile gegen die aufständischen Kommunarden exekutiert hatten; Frankreich war im Vertrag von Frankfurt zu hohen Kriegsentschädigungen verpflichtet worden, die gerne mit den Reparationen des Vertrags von Versailles verglichen werden…  Und in dieser Zeit der Umbrüche lassen die Meniers ihr grandioses Palais errichten: Architektur als politisches und ökonomisches Manifest: Auch unter der neuen Republik geht das Leben weiter und rollt auch –gewissermaßen- der Rubel, business as usual…

Bemerkenswert ist auch die Wahl des Architekten: Es ist Henri Parent, der Pariser Hausarchitekt der Meniers.  Parent hatte sich im zweiten Kaiserreich Napoleons III. einen Namen gemacht durch die Erneuerung von Adelspalästen der französischen Aristokratie. Er hatte zwar knapp den Wettbewerb um den Neubau der Pariser Oper –zugunsten seines Kollegen Garnier- verloren, dafür aber andere prestigeträchtige Aufträge erhalten wie den Bau eines Palais für die Kunstsammlung Jacquemart-André. Wie dort orientierte sich Parent auch beim hôtel Menier an traditionellen Vorbildern, vor allem dem flämischen Barock.[7]

DSC03591 Menier Palais parc Monceau (5)

DSC03591 Menier Palais parc Monceau (6)

 

 

Das Palais ist inzwischen in Eigentumswohnungen aufgeteilt und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Von der Straße aus kann man immerhin einen Blick in einen Teil des Hofs und auf die dem Hof zugewandte Fassade mit der ausladenden Rotunde werfen. Die repräsentative Freitreppe allerdings kann man von außen nicht sehen.[8]

Auffällig ist schon hier der reiche Fassadenschmuck, den auch die dem Park zugewandte Schauseite aufweist.

 

K1.01.0401MENVan-Dyck(5av.)02

Denn anders als in vielen klassischen Pariser Stadtvillen, deren Reichtum sich erst erschließt, wenn man den an einer Straße gelegenen und im Allgemeinen verschlossenen  Eingang durchquert hat, ist die Schauseite hier vom Park aus und damit für die Besucher des Parks sichtbar. Der Reichtum der Besitzer wird nicht versteckt, sondern stolz präsentiert. Und der öffentliche Park verleiht dem privaten Besitz zusätzliche Weite und Großzügigkeit,  wie ja auch umgekehrt der Park und seine Besucher von der Noblesse der umgebenden Architektur profitieren.  Gehörte zu den klassischen hôtels particuliers der eigene, abgeschlossene Garten, so war hier gewissermaßen der öffentliche Park der Garten des hôtel Menier und der anderen an den Park grenzenden Villen.

Der reiche Fassadenschmuck mit mascarons, Tierköpfen und Vasen  ist das Werk des Bildhauers Jules Dalou. Dalou, ein Freund Rodins, war in den letzten Jahren des zweiten Kaiserreichs eJulin von der Aristokratie äußerst geschätzter Bildhauer. Unter anderem war er beteiligt an der Ausstattung des von dem schlesischen Kohlenbaron Guido Henckel von Donnersmarck für seine Geliebte und Frau, die Gräfin Païva,  auf den Champs-Elysées errichteten Märchenschlosses.[9] 1871 allerdings wurde er wegen „participation à l’insurrection“ zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt. Er war nämlich Kommandeur einer Einheit der Nationalgarde gewesen und dann, auf Bitten von Courbet, die Aufgabe übernommen, als stellvertretender Direktor des Louvre für die Sicherheit und Unversehrtheit der Bestände des Museums zu sorgen. Dalou konnte aber rechtzeitig nach England fliehen, wo er weiter als Bildhauer arbeiten konnte, bevor er 1879 mit der damals beschlossenen Amnestie für die verurteilten Kommunarden wieder nach Paris zurückkehrte und zum großen Bildhauer der Republik wurde.[10]

Dass der geächtete Dalou von Paris aus beauftragt wurde, den Fassadenschmuck zu entwerfen, ist kaum vorstellbar. Ich vermute also, dass seine Zeichnungen (wie der Entwurf des Baus insgesamt) schon vor der Zeitenwende von 1870/71 entstanden sind.  Es erscheint mir aber trotzdem bemerkenswert, dass ein repräsentatives Gebäude wie das der Meniers mit dem Fassadenschmuck eines Geächteten ausgestattet wurde. Ökonomische Gründe können dafür kaum eine Rolle gespielt haben. Ich denke, dass es sich eher um ein politisches Signal handelt: Dass die vom Bürgerkrieg geschlagenen Wunden geheilt werden sollen und die republikanische Familie wieder geeint werde. Aber später  mehr zum politischen Engagement des Émile Justin Menier.

 

 

Hôtel Henri Menier

 

Auch zwei der Söhne von Émile Justin Menier, Henri und Gaston, ließen sich repräsentative Stadtpalais in der Umgebung des Park Monceau bauen und engagierten dafür auch Henri Parent, den Architekten ihres Vaters. Für das 1880 errichtete  Hôtel Henri Menier orientiere er sich am Stil der französischen Renaissance.

Hotel Henri Menier Palais parc Monceau (7)

hotel-henri-menier1-h400-bb632

 

 

Das Gebäude ist um einen zentralen Hof gruppiert, dessen Fassaden zum Teil ebenfalls im Stil der Neo-Renaissance gestaltet sind, sich zum Teil aber auch an mittelalterlichen Vorbildern orientieren.

 

Innen gab es eine große repräsentative Treppe und einen Ballsaal mit 12 Metern Deckenhöhe. In einem Teil des Anwesens richtete Henri Menier ein Laboratorium für seine chemischen Versuche ein, was die Anwohner etwas beunruhigte.

 

Wie beim Hôtel particulier seines Vaters ist die rückwärtige, auch im Stil der Neo-Renaissance gehaltene Fassade des Baus dem Park Monceau zugewandt. Die oberste Etage ist eine spätere Zutat.

hotel-henri-menier-h500-e50db

Heute ist In dem Gebäude  das Conservatoire internationale de musique de Paris untergebracht.[11] 

Hôtel Henri Menier

8, rue Alfred de Vigny

75008 Paris

 

Hôtel Gaston Menier

1878 kaufte Gaston Menier das Stadtpalais des aus dem Elsass stammenden Textilindustriellen Georges Michel Koechlin. Es handelte sich um ein Gebäude mit Fassade aus Backsteinen und Kalksteinquadern, wie das für die französische Renaissance zur Zeit Heinrichs IV. üblich war (siehe die place des Vosges oder die Place Dauphine in Paris).

Hotel Gaston Menier DSC03591

Passend zum Gebäude der Fassadenschmuck mit dem durchlaufenden Fries….

Hotel Gaston MenierMenier (2)

… und den Greifen über dem Portal.

Hotel Gaston MenierMenier (1)

DSC_0031

 

Das Innere und die den Hof umgebenden Gebäude entsprachen allerdings nicht dem Geschmack und dem Repräsentationsbedürfnis des neuen Besitzers. Also ließt er von Henri Parent erhebliche Veränderungen vornehmen. So wurden die übernommenen Wirtschaftsgebäude abgerissen und durch Neubauten in einer normannisch-maurischen Stilmischung ersetzt.[12]

Dort war Platz für 5 Kutschen, 12 Pferde und darüber für einen  großen Theater- und Ballsaal, „le théâtre des folies Ruysdaël“, in dem Komödien und Operetten aufgeführt wurden.

Seit 1953 ist das Gebäude Sitz des „Ordre National des Pharmaciens“.

Hôtel Gaston Menier

4 avenue Ruysdaël

75008 Paris

 

Das Grab des Émile Justin Menier auf dem Père Lachaise

Das Repräsentationsbedürfnis der Meniers wird nicht nur in den Fabrikbauten von Noisiel und den Stadtpalais rund um den Parc Monceau deutlich, sondern auch auf dem Grab der Familie. Da gibt es zunächst ein bescheidenes, unauffälliges für den Gründer der Firma, Brutus Menier in der 36. Division. Als aber 1881 sein Sohn  Émile Justin Menier, starb, erschien der Familie dieses Grab nicht mehr der Bedeutung der Familie und ihres Unternehmens angemessen. Also wurde nach dem Tod Émile Justins ein großes, unübersehbares Mausoleum in der 67. Division des Friedhofs Père Lachaise errichtet- eines der repräsentativsten des Friedhofs.  Nach Fertigstellung des Mausoleums wurde 1887  der Leichnam  des Émile Justin aus dem Grabmal des Vaters  dorthin überführt.[13] 

DSC04055 Pere Lachaise Grabmal Menier (1)

Mit dem Bau des Mausoleums beauftragt wurde der Hausarchitekt der Meniers, Henri Parent, der sich -wie damals in Frankreich üblich- auch dort verewigen ließ.

DSC04055 Pere Lachaise Grabmal Menier (4)

IMG_8540

Über der mit Kakaoblüten verzierten Tür aus Bronze befindet sich eine Marmor-Büste des verstorbenen Fabrikherrn, daneben in von Putten gehaltenen bekränzten Wappenschilden die obligatorischen  Ms.

IMG_8537

Der Eingang wird eingerahmt von der Allegorie des Handels, die in der linken Hand ein Buch mit der Aufschrift „travail“ /Arbeit hält.

IMG_8542

Die Frauengestalt auf der rechten Seite des Eingangs verkörpert die Industrie. In der einen Hand trägt sie eine Palme und einen Efeukranz, in der anderen Hand eine Pergamentrolle mit der (verwitterten)  Aufschrift „bienfaisance, instruction“/Wohltätigkeit, Unterrichtung.  Damit war der Kern der paternalistischen Ideologie der Meniers auf den Punkt gebracht.

DSC04055 Pere Lachaise Grabmal Menier (3)

Das sozialreformerische Engagement Meniers

In de Nachrufen der  zeitgenössischen Presse waren alle Topoi dieses Paternalismus versammelt: Neben der leidgeprüften Familie betrauere in Noisiel auch noch eine andere große Familie den Verstorbenen. Der sei mitten aus seinem arbeitsreichen Leben und seinen grandiosen Schöpfungen gerissen worden,  ein genialer Erfinder, der den Namen Menier zu einem der berühmten Namen Frankreichs gemacht habe. Die Aufbarung des Leichnams in Nosiel sei ein tief beeindruckendes Schauspiel gewesen: Alle Arbeiter, denen er so viel Gutes getan habe, hätten den Sarg begleitet und nicht von ihm ablassen wollen. Die Frauen hätten viele Tränen vergossen. „Monsier Menier war ein wahrer Menschenfreund; er liebte es, auf alle nur mögliche Weise Gutes zu tun.“[14]

Dass  Émile Justin Menier hier  gerühmt wird – zumal aus Anlass seines Todes-  hat durchaus seine Berechtigung.  Man muss ja nicht, wie Bernard Marrey in einer Veröffentlichung aus dem Jahr 1984 von einem „idealen Kapitalismus“ sprechen, aber die Arbeiter, die bei den Meniers beschäftigt waren, hatten erhebliche Vergünstigungen: Die kostenlose Schulbildung für die Kinder –noch vor Einführung der Schulpflicht in Frankreich- , die günstigen Siedlungshäuser, die Kantinen für allein stehende Arbeiter,  die kostenlose medizinische  und  auch die materielle Versorgung in Krankheitsfällen sowie die Altersvorsorge in einer Zeit, in der es noch (lange) keine allgemeine Kranken- und  Rentenversicherung in Frankreich gab. Auf der Pariser Weltausstellung von 1867 wurde ausdrücklich die soziale Situation der Arbeiter von Noisiel begrüßt. Das soziale Engagement Meniers war beeinflusst von den Ideen des im Kaiserreich Napoleons III. einflussreichen Sozialreformers Le Play. Der propagierte in der von ihm gegründeten Société internationale des études pratiques d’économie sociale  eine „politique patronale“, deren Ziel die soziale Harmonie zwischen Unternehmer und Arbeitern war. Der Fabrikherr sollte wie ein Vater für seine Arbeiter sorgen, das Unternehmen eine große Familie sein. Émile Menier war Mitglied dieser Gesellschaft und man hat sein Wirken als „parfait exemple de l’économie sociale leplaysienne“ bezeichnet. [15]

dsc0863 Le Play

Standbild Le Plays im Jardin du Luxembourg in Paris

Menier hat sich als „patron philanthrope[16] ganz gezielt in Szene gesetzt. So wie er seine Produkte mit großer Systematik vermarktete, so auch sein Bild in der öffentlichen Wahrnehmung. In Noisiel wurden in den 1870- er Jahren zahlreiche Feste mit den Arbeitern, ihren Frauen und Kindern veranstaltet. Sie sollten ihnen die Gelegenheit geben, ihre Dankbarkeit für das soziale Wirken des Fabrikherrn öffentlich kund zu tun. 1876 fand ein großes Fest mit 650 Mitgliedern der „Menier-Familie“ statt. Dort trat ein 13-jähriges Mädchen auf, das mit lauter Stimm den Dank der Schüler/innen der von Menier gegründeten Schule vortrug:

« Madame et Monsieur Menier, chers bienfaiteurs, Laissez-nous vous remercier pour cette instruction que nous vous devrons et qui rendra plus faciles nos pas dans la vie. Pour les pauvres gens, l’instruction est difficile à acquérir parce qu’elle coûte cher. Eh bien vous avez pris soin de dispenser nos parents de toutes dépenses à ce sujet, vous nous avez tout donné jusqu’au papier, aux plumes, aux crayons. Aussi croyez à notre reconnaissance et soyez sûrs que chaque année nous nous efforcerons de nous rendre dignes de tous les sacrifices que, sans compter, vous avez voulu faire pour nous“[17]

Zu dem Fest von 1876 waren aber nicht nur die Betriebsangehörigen und ihre Familien eingeladen, sondern auch  Abgeordnete der Nationalversammlung, Senatoren, Gemeinderäte und Journalisten – einem davon verdankt man ja auch die Wiedergabe der gerade zitierten Dankesrede. Meniers Selbstinszenierung diente also, das wird daran deutlich, nicht nur  dazu, seine Arbeiter an die Firma und ihren Patron zu binden,  sondern dahinter stand auch ein politischer Zweck. Die „Opfer“, die  der als „Wohltäter“ gerühmte Menier nach den Worten der Schülerin, „ohne Berechnung“ für die Schüler/innen (und insgesamt für die Fabrikangehörigen) brachte, waren doch nicht ganz selbstlos.  Menier strebte  nämlich  in diesen Jahren gezielt eine politische Karriere an, wofür ihm Noisiel gewissermaßen als Basis und Aushängeschild diente. Tatsächlich wurde er auch bei den Wahlen vom 20. Februar 1876 zum Abgeordneten der Nationalversammlung für seinen Wahlkreis Seine-et-Marne gewählt.

Dass ein erfolgreicher Unternehmer sich  ganz direkt politisch engagierte, entsprach nicht der verbreiteten Erwartungshaltung, für die die Rolle als Hinterzimmer- oder Salon-Lobbyist angemessen gewesen wäre. Noch erstaunlicher war allerdings, dass sich Menier nicht, wie es von seinem Status und seinem Vermögen zu erwarten gewesen wäre, auf Seiten der politischen Rechten engagierte, sondern ganz im Gegenteil auf Seiten der  republikanischen Linken.

Ein besonderes  Anliegen war für ihn eine umfassende Reform des noch aus dem ersten Kaiserreich Napoleons stammenden Steuersystems, das er für ungerecht und wirtschaftlich verfehlt hielt. Die arbeitende Bevölkerung –und damit natürlich auch oder vor allem die Unternehmer- sollte  entlastet, dafür aber sollten der Kapitalbesitz und damit die  von den Romanen Balzacs so  bekannte  Spezies der Spekulanten und der von ihren Kapitalerträgen lebenden Rentiers  besteuert werden.  Als engagierter Republikaner vertrat Menier auch das Prinzip der Laizität, das ja, wie im ersten Teil des Beitrags gezeigt wurde, auch in der Konzeption der cité ouvrière von Noisiel deutlich wird, wo die Kirche nicht im Zentrum steht, sondern an den Rand der Siedlung  platziert war. Bemerkenswert ist auch seine pazifistische Devise: Si vis pacem, para pacem (18) – also die Umkehr der klassischen römischen Devise:  Si vis pacem, para bellum bzw.  des Si vis bellum, para bellum, also der insgeheimen Devise all derer, die die –wie anders als kriegerische?- Rückgewinnung des 1871 verlorenen Elsass-Lothringens erstrebten und ideologisch, politisch und materiell vorbereiteten. Und bemerkenswert ist auch das Engagement Meniers für eine Amnestie für die verurteilten und für die ins Ausland geflüchteten Mitglieder und Sympathisanten der Commune, womit er sich ja immerhin in bester Gesellschaft -beispielsweise der Victor Hugos- befand. Immerhin konnte er ein Jahr vor seinem Tod die nach mehreren vergeblichen Anläufen am  11. Juli 1880 von der Nationalversammlung verabschiedete Amnestie für die Kommunarden noch miterleben. Insofern seien ihm sein Denkmal auf dem zentralen Platz der Arbeitersiedlung von Noisiel und sein Mausoleum auf dem Père Lachaise gegönnt….

 

 

Anmerkungen

[1] So auch den Park Buttes-Chaumont.  Siehe dazu den Blogbeitrag über „Neues Leben auf alten Steinbrüchen“   https://paris-blog.org/2017/05/01/neues-leben-auf-alten-steinbruechen-der-park-buttes-chaumont-und-das-quartier-de-la-mouzaia/

[2] Zu dieser Zollmauer und dem Architekten Ledoux ist ein weiterer Blog-Beitrag geplant.

[3] https://www.napoleon.org/magazine/lieux/parc-monceau-paris/

[4] Bild aus: https://commons.wikimedia.org

[5] Unter dem Pseudonym Theobald Tiger in der Weltbühne vom 15.5. 1924

[6] http://artetpatrimoinepharmaceutique.fr/Qui-sommes-nous/p69/La-Famille-Menier-au-Parc-Monceau

[7] Siehe: Guide du promeneur 8e arrondissement, Philippe Sorel, Parigramme, 1995.

[8] Rechtes Bild aus: http://www.paris-promeneurs.com/Patrimoine-ancien/L-hotel-Menier

[9]Siehe den Blog-Beitrag: Das Hôtel Païva, ein deutsch-französisches Märchenschloss auf den Champs-Elysées. https://paris-blog.org/2016/04/16/das-hotel-paiva-ein-deutsch-franzoesisches-maerchenschloss-auf-den-champs-elysees/

[10] Siehe den Blog-Beitrag: Bürgerkrieg in Frankreich. Ein Rundgang auf dem Friedhof Père Lachaise auf den Spuren der Commune. https://paris-blog.org/2016/08/13/der-buergerkrieg-in-frankreich-1871-ein-rundgang-auf-dem-friedhof-pere-lachaise-in-paris-auf-den-spuren-der-commune/

[11] http://www.paristoric.com/index.php/paris-d-hier/hotels-particuliers/hotels-particuliers-tous/2846-l-hotel-d-henri-menier

Bild aus: http://www.paris-promeneurs.com/Patrimoine-ancien/L-hotel-Henri-Menier-Conservatoire

[12] Bild aus:: http://paris-promeneurs.com/Patrimoine-ancien/L-hotel-Gaston-Menier-Ordre

[13] https://www.tombes-sepultures.com/crbst_1543.html

und entsprechend: http://pone.lateb.pagesperso-orange.fr/pere-lachaise.htm

[14]  Zitiert in:  https://www.cairn.info/revue-politix-2008-4-page-9.htm  (M. Menier fut un vrai philanthrope ; il aimait à faire le bien sous toutes ses formes)

[15] https://www.cairn.info/revue-politix-2008-4-page-9.htm

Das nachfolgende Bild aus:  https://travelswithmaryellen.wordpress.com/2014/10/08/paris-lovely-luxembourg-garden/statue-of-pierre-guillaume-frederic-le-play-in-jardin-du-luxembourg-in-paris-france/

[16] http://www.agglo-pvm.fr/cite-ouvriere-menier/

[17] Zitiert von Delalande, Émile-Justin Menier, un chocolatier en République. https://www.cairn.info/revue-politix-2008-4-page-9.htm#

(18) zitiert bei Marrey, S. 38

 

Zum Weiterlesen:

Usine Menier, l’empire du chocolat. Aus:   Détours en France,  40 lieux à visiter pour redécouvrir le patrimoine, 2012   https://www.detoursenfrance.fr/patrimoine/patrimoine-industriel/usine-menier-lempire-du-chocolat-3794

Nicolas Delalande, Émile-Justin Menier, un chocolatier en République.  Les controverses sur la légitimité de la compétence politique d’un industriel dans la France des années 1870  In:  Politix 2008/4 (n° 84), Seiten  9 bis  33   https://www.cairn.info/revue-politix-2008-4-page-9.htm#

Saga Menier  http://www.prodimarques.com/sagas_marques/menier/menier.php

Bernard Marrey, Un capitalisme idéal. Paris 1984. https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k33218888/f30.image.texteImage

 

Weitere Blogbeiträge mit Bezug zum Père Lachaise:

 

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Aux Belles Poules. Ein früheres Bordell im Quartier Saint Denis
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • „Les enfants de Paris“: Pariser Erinnerungstafeln/plaques commémoratives zur Zeit 1939-1945
  • La Butte aux Cailles, ein kleinstädtisches Idyll in Paris

 

 

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre-Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs

In der Nacht, als Notre – Dame brannte, habe ich in diesen Blog eine Reihe von Bildern eingestellt, die wir in den letzten Jahren von dieser wunderbaren Kirche aufgenommen hatten:

Notre-Dame wie es war und hoffentlich bald wieder sein wird.  https://paris-blog.org/2019/04/16/notre-dame-wie-es-war-und-hoffentlich-bald-wieder-sein-wird/

Inzwischen ist das Ausmaß der Schäden deutlicher, die ersten Sicherungsmaßnahmen sind schon unternommen worden.

DSC04033 ND nach dem Brand 1.5 (2)

Aufnahme vom Quai de Montebello aus  (1.5.2019)

Sicherlich wird es aber noch viele Debatten über das Konzept für den Wiederaufbau geben. Soll die Kirche genau so wieder entstehen, wie sie vor dem Brand aussah,  nur –wie Präsident Macron es versprach- noch viel schöner als vorher, oder sollen die Wunden sichtbar bleiben und auch Neues an die Stelle des unwiederbringlich Zerstörten treten?  Auch über die zeitlichen Perspektiven eines Wiederaufbaus gibt es sehr unterschiedliche Einschätzungen. Macron hat da etwas vollmundig einen Zeitrahmen von 5 Jahren vorgegeben, was aber vielfach als völlig unrealistisch bezeichnet wird. Geld für den Wiederaufbau steht immerhin aufgrund der phänomenalen  Spendenbereitschaft hinreichend zur Verfügung. Über die gibt es inzwischen übrigens heftige Diskussionen in Frankreich.

DSC04072 Finanzierung ND Mai 2019

Plakat einer Aids-Hilfsorganisation in der rue de la Roquette mit Anspielung auf den Brand von Notre-Dame („Wir brennen schon seit 30 Jahren“).

Innerhalb von zehn Tagen gab es mehr als 1 Milliarde Euro an Zusagen, mehr als für den Wiederaufbau erforderlich. (Le Monde, 30.4.). Da ist sicherlich bei manchen Großspendern auch Prestige im Spiel, die hohen steuerlichen Abschreibungsmöglichkeiten solcher Spenden in Frankreich werden auch ihren Anteil haben; aber vor allem sind es doch sicherlich die große Bestürzung über den Brand und die schrecklichen Bilder des brennenden Dachstuhls, des berühmten „Waldes“ von Notre-Dame aus Jahrhunderte-alten Eichenbalken,  des einstürzenden Dachreiters und des verwüsteten Innenraums, die Menschen dazu veranlasst haben mögen,  einen Beitrag zum Wiederaufbau zu leisten. Die Reaktion auf den Brand entsprach ja genau dem, was der französische Anthropologe Daniel Fabre eine „émotion patrimoniale“ genannt hatte, eine kollektive Ergriffenheit und Betroffenheit angesichts des Verlusts eines als unersetzbar geltenden, emotional hochbesetzten kulturellen Erbes.[1] Und dass es sich bei Notre-Dame um einen kollektiven Verlust (une perte collective) handelt, darüber gibt  es  einen allgemeinen Konsens zwischen Politikern unterschiedlichster Couleur, zwischen Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen oder Journalisten aller Medien und allen internationalen Kommentatoren des Brandes. Einhellig betont wird die  herausragenden Bedeutung der Kathedrale Notre-Dame: Für die Christen, für die Menschheit insgesamt, vor allem aber für Frankreich.

In seiner Fernsehansprache vom 16. April bezeichnete Präsident Macron Notre-Dame als „le lieu où nous avons vécu tous nos grands moments“, Notre-Dame sei „notre histoire…. notre imaginaire“; die Präsidentin der Region Île de France, Valérie Précresse (Les Républicains) nannte Notre-Dame „die Seele Frankreichs [2], der Leitartikler der Zeitung Sud-Ouest „le cœur brûlé de la France[3]. Für den Chef von La France Insoumise, Jean- Luc Melenchon,  ist Notre-Dame seit mehr als 1000 Jahren (!) „le métronome des Français[4],  die Zeitung  Libération  nennt Notre-Dame „die Kirche der Nation“ und bezeichnet sie in ihrer Sonderausgabe vom 17. 4. als „Notre –  Dame du peuple“[5]. In einer Sendung von France Culture wurde Notre-Dame sogar in den Rang einer „Gottheit“ erhoben.[6] Sehr eindrucksvoll in dieser Hinsicht war die Titelseite der  Sonderausgabe von Le Monde vom 17. April: Neben dem halbseitigen Bild der brennenden Kathedrale die überschrift  „Notre-Dame, notre histoire“….

Le Monde 17.4.DSC03968

… und Plantu, der Karikaturist der Zeitung, steuerte darunter eine Zeichnung bei. Auf der ist die weinende Marianne zu sehen, die eine Tricolore mit dem Bild der brennenden Kirche trägt.. Die Identifikation der Kirche mit der Nation ist so zum Ausdruck gebracht.  Und die  die Fensterrose ersetzende Weltkugel auf der Fassade bezeichnet die weltweite Ausstrahlung des Bauwerks.

Le Monde 17.4. DSC03969

Ich wüsste nicht, welches Bauwerk in Deutschland einen ähnlichen Status für sich in Anspruch nehmen könnte. Vielleicht am ehesten noch die Dresdener Frauenkirche als Symbol der Verwüstungen durch die alliierten Bombardements im Zweiten Weltkrieg  oder die 2004 ausgebrannte Anna-Amalia-Bibliothek als Symbol des kulturellen Erbes der Weimarer Klassik. Aber eine mit Notre-Dame vergleichbare „emotion patrimoniale“ hat es da doch wohl nicht gegeben. Sicherlich hat das etwas zu tun mit der spezifischen deutschen Geschichte und ihren Brüchen und dem historisch gewachsenen Föderalismus, während der traditionelle französische Zentralismus auf dem Platz vor der Kirche „seine materielle Ausprägung“ gefunden hat.

006

Da ist nämlich eine Rosette in den Boden eingelassen, von deren Mittelpunkt aus in alle Himmelsrichtungen die Distanzen der Städte und Dörfer bis an die Ränder des Landes gemessen werden.

Point Zero des Routes de France

Notre-Dame ist also in der Tat Zentrum  von Paris, der „Hauptstadt der Welt“, dazu mit etwa 13 Millionen Besuchern im Jahr der meistbesuchte kulturelle Ort von Paris, ja von Frankreich, sie ist „das Herzstück ganz Frankreichs“[7], ein „lieu symbolique“ der Geschichte des Landes.

 

Der Sender France Culture hat nach dem Brand unter der Überschrift „11 große Daten einer Geschichte Frankreichs“ eine Reihe von Ereignissen aus der Geschichte von Notre-Dame zusammengestellt, die  die Bedeutung der Kirche für Frankreich belegen sollen:

  • 1163: Beginn des Baus durch Maurice de Sully
  • 1239: Saint Louis deponiert in Notre-Dame die Dornenkrone, die nach christlicher Überlieferung Jesus bei seiner Kreuzigung getragen haben soll.
  • 1302: König Philippe le Bel beruft die ersten Generalstände des Königreichs nach Notre-Dame ein: Das Kirchenschiff ist damals der größte überdachte Raum, der zur Verfügung steht.
  • 1594: Endgültiger Übertritt Heinrichs IV. zum Katholizismus (seine Heirat mit Marguerite von Valois 1572, am Vorabend der Bartholomäusnacht, hatte ebenfalls in Notre-Dame stattgefunden.
  • 1792: Schließung der Kathedrale
  • 1804: Die Krönung Napoleons (le sacre de Napoléon)
  • 1844: Beginn der Renovierungsarbeiten durch die Architekten Jean-Baptiste-Antoine Lassus und Eugène Viollet-Le-Duc
  • 1918: Ende des „Großen Kriegs“ mit einer Feier in Notre-Dame am 17. November
  • 1944: Befreiung von Paris mit einer Feier in Notre-Dame am 26. August
  • 1970ff : Beisetzungen des Generals de Gaulle, von François Mauriac und danach weiterer  Persönlichkeiten, so der ehemaligen Präsidenten Georges Pompidou 1974 und François Mitterrand 1996. Dessen Beisetzungsfeierlichkeit in Notre-Dame sei übrigens, wie die Zeitung Les Echos damals schreib, bestimmt gewesen von den Emotionen des deutschen Kanzlers Helmut Kohl, eines der engsten Freunde Mitterands, der seine Tränen nicht habe zurückhalten können.[8] Insofern ist Notre-Dame in gewisser Weise auch ein Ort deutsch-französischer Freundschaft.
  • Und (vorläufig) letztes Datum natürlich: Der Brand vom 14./15. April 2019[9]

Allerdings war die große Bedeutung und Wertschätzung von Notre-Dame nicht immer so eindeutig. Das soll an einigen nachfolgend skizzierten und zum Teil auch in der gerade vorgestellten high-light- Liste enthaltenen Ereignissen verdeutlicht werden:

  • So wird in dieser Liste die Übergabe der Dornenkrone an die Kirche genannt. In der Tat hatte Ludwig IX. (der Heilige) die Krone dem byzantinischen Kaiser abgekauft, um seinen Status als christlicher König gegenüber dem Kaiser des Heiligen Römischen Reichs zu untermauern. Allerdings war für die Aufnahme der Dornenkrone (und anderer Reliquien) die Sainte-Chapelle bestimmt, die aber erst zehn Jahre später fertig gestellt war und der sie dann auch übergeben wurde.  Und in der Sainte-Chapelle  blieb sie dann auch bis zur Französischen Revolution. Notre-Dame diente also zunächst nur als provisorischer Lagerort und  die Dornenkrone wurde erst von Kaiser Napoleon wieder Notre-Dame übergeben – und 2019 gerettet. Allerdings war die von Ludwig dem Heiligen erworbene Reliquie  1793 verschwunden, als der Schatz der Sainte-Chapelle eingeschmolzen wurde, um den Koalitionskrieg zu finanzieren. Sie wurde aber, mit den Worten des Historikers Yann Potin, „neu geschaffen“, bzw. nach kirchlicher Lesart wie durch ein Wunder  von einem Geistlichen der Kathedrale aufgefunden und konnte so schließlich wieder in den Besitz von Notre Dame gelangen.

 

  • Erst 1622 wurde Paris Bischofssitz. Notre-Dame erhielt also erst 459 Jahre nach ihrer Gründung, nach mehr als  der Hälfte ihrer bisherigen Geschichte, den Rang einer Kathedrale. Bis dahin unterstand das Bistum Paris dem Erzbischof von Sens. Und die Erzbischöfe von Sens ließen sich in Paris in der Nähe der Seine ein wunderbares Palais errichten, das Hôtel de Sens, das im 15. Jahrhundert „als eines der schönsten Häuser von Paris“ galt[10] und den geistlichen Herrschaftsanspruch der Erzbischöfe von Sens über Paris unübersehbar machte.

 

  • Zu Beginn  der Französischen Revolution stellte sich der Klerus auf die Seite der Revolution:  Am 13. Juli 1790 wurde z.B. der Jahrestag des Sturms auf die Bastille mit einem feierlichen Te Deum gefeiert, am 25. September 1792 feierte ein weiteres Te Deum die vier Tage vorher ausgerufene Republik. Dennoch wurde im November 1792  Notre-Dame  geschlossen, „der Beginn ihrer Leidenszeit“.[11] Die mussten zwar auch andere Kirchen damals durchmachen, aber Notre-Dame traf es, ebenso wie  St. Denis, wo die Königsgräber geschändet wurden, besonders hart, was man  vielleicht  als  Beleg für die inzwischen erlangte Bedeutung der Kathedrale verstehen kann. Schlimm war vor allem das Jahr 1793, in dem ja auch die Schreckensherrschaft Robbespierres begann.  Nach einem Zwischenspiel als „Tempel der Vernunft“ diente das Gebäude als Lagerhalle (immerhin!) für Wein, bis es 1802 wieder in den Schoß der Kirche zurückkehrte. 1793 wurde die Kathedrale  geplündert, und während die Guillotine die massenhaften Todesurteile des Revolutionstribunals exekutierte, wurden auch die  Statuen der  Portalgewände geköpft und  die 28 Statuen der Königsgalerie  gleich ganz herabgestürzt,  galten sie doch als Verkörperung von Religion und Feudalismus zugleich: Sie stellten nämlich die biblische Ahnenreihe von Jesus dar, die Könige von Israel und Juda also. Aber gleichzeitig wurde mit der Königsgalerie der nach dem Sieg Philipp Augustes über den englischen König 1214 bestätigte Anspruch der französischen Könige auf Heiligkeit untermauert.   Sie führten sich also auf die biblische Ahnenreihe zurück und allmählich vermischten sich diese Zuschreibungen der Königsstatuen. Da sie ziemlich mächtig waren – immerhin 3,50 m hoch- wurden sie bzw. ihre Trümmer von den Revolutionären als Baumaterial verkauft und verschwanden im wahrsten Sinne des Wortes in der Versenkung. Noch 1974 beklagte der französische Kunsthistoriker und Notre-Dame-Spezialist Erlande-Brandenbourg den unschätzbaren Verlust der Statuen. Aber  1977  kamen 21 Königsköpfe  bei Ausschachtungsarbeiten für einen Bankneubau in der Chaussée d’Antin zufällig ans Tageslicht- eine der wichtigsten archäologischen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte. Nicht nur weil die Königsgalerie die älteste ihrer Art ist und als Vorbild für die Kathedralen von Chartres, Reims und Amiens diente, sondern auch wegen der äußerst kunstreichen Gestaltung von Details wie den Kronen oder den Locken und  wegen der vielfältigen erhaltenen farblichen Reste: Rot für die Lippen, rosa für die Backen,  blau-grau für die Haare und den Bart, schwarz oder grün für die Pupillen… Die Königsköpfe aus dem 13. Jahrhundert kann man  inzwischen im Musée Cluny bewundern- in einem stimmungsvollen Raum der alten römischen Thermen, die Teil des Museums sind.

003

 

  • 1804 krönte sich Napoleon in Notre-Dame selbst zum „empereur“/Kaiser und danach seine Frau Josephine zur Kaiserin, was natürlich in keiner Zusammenstellung der Geschichte Notre-Dames fehlen darf.  Man mag auch das als Beweis für die Bedeutung der Kirche ansehen, allerdings gab es keine Alternative: Saint Denis war die Grabkirche der Bourbonen, also als Krönungsort ungeeignet, die ehemalige Kirche Sainte- Geneviève schied auch aus, weil sie inzwischen als nationale Ruhmeshalle, als Pantheon,  fungierte, während die Wahl von Reims, der Krönungskirche der französischen Könige, ein antirevolutionärer Affront gewesen wäre. Um die Abkehr vom ancien régime (und seinen Weltherrschaftsanspruch) zu dokumentieren, wählte Napoleon ja auch den an Karl den Großen anknüpfenden Titel eines Kaisers und deshalb auch die Wahl der historisch unbelasteten  Kirche Notre-Dame. Nach den Verwüstungen der Revolutionsjahre war die Kirche allerdings in einem derart maroden Zustand und die Gotik derart verpönt, dass mit Hilfe von Tüchern und falschem Marmor eine Theaterkulisse geschaffen wurde, die die gotischen Strukturen (bis hin ins 33 Meter hohe Gewölbe) und das herunter gekommene Ambiente verhüllte und die Kirche dem Zeitgeschmack und dem Repräsentationsbedürfnis Napoleons anpasste.

1920px-Jacques-Louis_David,_The_Coronation_of_Napoleon_edit

             Das berühmte monumentale Gemälde(6 mal 10 m),  das Napoleon bei seinem                      Hofmaler David  in  Auftrag  gegeben hatte[12], zeigt also den für das Ereignis                      hergestellten  Theaterdekor, nichts aber von der gotischen Kathedrale, in der die                Zeremonie  stattfand. Das Bild ist im Louvre zu sehen.

  • In der Liste der großen historischen Ereignisse von Notre-Dame ist natürlich der November 1918 enthalten. Da fand in Notre-  Dame ein großes Te Deum statt: Mit einer Messe sollte Gott für den Sieg im Ersten Weltkrieg gedankt und dessen Ende gefeiert werden.[13]

1211711-rv_74130-28jpg Liberation 15.4.

                     Die Feier des Te Deums in Notre-Dame vom 16. November 1918

Da war Notre-Dame also tatsächlich „die Kirche der Nation“. Allerdings nicht ganz: Der gefeierte „Tiger“  Clemenceau, damals Ministerpräsident (président du Conseil), weigerte sich, in Anbetracht der in Frankreich strikten Trennung von Kirche und Staat („par respect de la séparation des pouvoirs“) an der Zeremonie teilzunehmen. Staatspräsident Poincaré verzichtete deshalb ebenfalls auf seine Teilnahme. Immerhin kamen die beiden dann überein, dass ihre Frauen bei dem Te deum anwesend sein sollten/durften.

Am 26. August 1944  wurde anlässlich der Befreiung von Paris erneut ein Dankgottesdienst in Notre- Dame zelebriert. Nach einer Militärparade auf den Champs – Elysées zog  de Gaulles  in die Kirche ein. Dabei gab es noch vereinzelt Schüsse von faschistischen Kollaborateuren, die sich verzweifelt gegen den Lauf der Geschichte stemmten. De Gaulle aber, Teil seines Heldenepos, soll einer der wenigen gewesen sein, die nicht Deckung suchten, sondern aufrecht und langsamen Schrittes die Kirche betrat. Begleitet wurde de Gaulle beim Einzug in Notre-Dame von Führern der Résistance,  Vertretern des „Freien Frankreichs“ und dem Chef der 2. Französischen Panzerdivision Leclerc.  Eine zu  dessen Truppe gehörende, aus spanischen Freiwilligen bestehende Panzereinheit war als erste in Paris eingerückt. An der Feier, die mangels Strom und Orgel nur 15 Minuten dauerte, nahm allerdings  kein einziger geistlicher Würdenträger  teil.  Man hat sie deshalb etwas kühn mit der Selbstkrönung Napoleons 1804 verglichen. Zuzustimmen ist aber sicherlich dem Chefredakteur von Libération  Joffrin, der sie als Apotheose der Befreiung von Paris bezeichnete.[14]

Le-26-aout-1944-generaux-Gaulle-Leclerc-appretent-rejoindre-cathedrale-Notre-Dame-apres-avoir-defile-Champs-Elysees-pour-celebr

 Waren es also beim Te Deum von 1918 die staatlichen Repräsentanten, die in Notre- Dame fehlten, so waren es hier – in ihrem eigenen Hause! –  die Vertreter der kirchlichen Hierarchie: Die Feier in Notre-Dame vom 26. August 1944  und ihre Begleitumstände  waren Ausdruck der Spaltung und Zerrissenheit Frankreichs in der Stunde der Befreiung.

Das Fernbleiben einer Seite war diesmal allerdings, anders als 1918, keine freiwillige Entscheidung.  Während in Notre-Dame nämlich das Te Deum gefeiert wurde, stand der Kardinal und Erzbischof von Paris Suhard in seinem Bischofspalais unter Hausarrest. Der hatte nämlich genau vier Monate vorher, am 26. April 1944, den Marschall Pétain in seiner Kathedrale empfangen. Damals fand  ein Gottesdienst zu Ehren von Franzosen statt, die bei den die Landung in der Normandie vorbereitenden alliierten Bombenangriffen getötet worden waren.[15]

Petain-Suhard-Notre-Dame

Und davor war Pétain auf dem Platz vor dem Hôtel de Ville von einer begeisterten Menschenmenge gefeiert worden.

marechal-paris-avril44

Kardial Suhard, der dem Chef des Kollaborations-Regimes von Vichy mit dem Empfang in Notre-Dame die kirchliche Weihe verlieh, hatte darüber hinaus im Februar 1944 eine Erklärung der französischen Bischofskonferenz unterstützt, in der Aufrufe zur Gewalt und „Akte des Terrorismus“ verurteilt worden waren. De Gaulle in London und die bewaffnete Résistance im Innern waren damit als terroristisch qualifiziert worden. Und noch am 2. Juli, also vier Wochen nach der Landung der Alliierten in der Normandie, nahm Suhard  an dem Staatsbegräbnis für Philippe Henriot, den „Goebbels von Vichy“, in Notre-Dame teil. Französische Milizionäre trugen den Sarg mit den sterblichen Überresten Henriots, der von der anwesenden Menge mit dem Nazigruß empfangen wurde,  in die Kathedrale. Anwesend waren auch Laval,  der Regierungschef Vichys, und der deutsche Botschafter in Paris Abetz.  Henriot war von Mitgliedern der Résistance erschossen worden.[16]

Dass unter diesen Umständen de Gaulle auf die Anwesenheit Suhards bei dem Te deum vom 25. August 1944 verzichtete, ist nur allzu verständlich- die Zeremonie war insofern „le parfait effacement“ des petainistischen Te Deums vom 26. April.  In seinen Memoiren beteuerte de Gaulle allerdings, er von seiner Seite habe nichts mit der „Verbannung“ Suhards zu tun gehabt.[17] Aber als er die Memoiren schrieb, war Frankreich in seinem Selbstverständnis schon lange ein einiges Volk von Widerstandskämpfern geworden und an die dunkle Zeit der Kollaboration  wurde möglichst nicht mehr erinnert.

So war denn auch Kardinal Suhard bei dem Sieges- und Dankesgottesdienst vom 9.Mai 1945 wieder auf freiem Fuß und konnte  als Hausherr von Notre Dame auftreten, als wäre nichts gewesen. Und der Domorganist Léonce de Saint-Martin, ebenfalls der Nähe zum Petain-Regime verdächtig und beim Einzug de Gaulles in Notre-Dame vom  26. August 1944 noch abwesend, konnte jetzt sein bombastisches Te Deum de la victoire durch das Kirchenschiff von Notre-Dame brausen lassen und danach natürlich noch die Marseillaise. Die war auch schon während der Revolutionszeit in Notre-Dame erklungen,  wie ja überhaupt die Orgel wohl nur aufgrund „der Interpretation patriotischer Musik“ von den Revolutions-Vandalen verschont worden war. Die selbstverständliche Intonation der Nationalhymne  mag bemerkenswert erscheinen in einem Land, in dem die strikte Trennung von  Kirche und Staat zu den Grundlagen des Gemeinwesens gehört. In Notre-Dame, der „Kirche der Nation“, ist das aber anders.  Der Schriftsteller François Mauriac, geriet jedenfalls  bei dieser Marseilleise „für die Engel und die Heiligen“   ins Schwärmen:  “ Lorsque, aux grandes orgues, la Marseillaise éclata, une Marseillaise pour les anges et pour les saints, transposée sur le plan de l’éternel, j’eus le sentiment profond que, de cette expérience universelle, une part concernait la France… “ [18]

Victor Hugo, der Retter von Notre-Dame

Notre- Dame war hier also tatsächlich das politische und spirituelle Zentrum Frankreichs und all die anfangs zitierten Zuschreibungen hatten in  diesem Moment ihre Berechtigung. Dass Notre-Dame tatsächlich das Zentrum, das Herz Frankreichs geworden ist, ist nicht zuletzt das Verdienst von Victor Hugo, und das Jahr 1831 darf eigentlich in keiner Zusammenstellung der wesentlichen Daten von Notre-Dame fehlen. Denn in diesem Jahr erschien sein historischer Roman „Notre-Dame de Paris-1492“. Die Bedeutung dieses Buches für die Kathedrale ist kaum zu überschätzen. Denn damals war sie so heruntergekommen, dass schon erörtert wurde, sie abzureißen, so wie ja auch schon andere wunderbare gotische Kirchen abgerissen worden waren: 1797 das Kloster Saint-Antoine-des-Champs, das dem Faubourg Saint-Antoine seinen Namen gegeben hatte[19];  und im gleichen Jahr die Kirche Saint-Jacques-de-la-Boucherie, von der nur der Turm Saint-Jacques im 4. Arrondissement übrig geblieben ist. Dabei handelte es sich gar nicht so sehr um Taten eines revolutionären Vandalismus –andere Kirchen wurden ja wie Notre-Dame zu „Tempeln der Vernunft“ umfunktioniert, sondern die Gotik galt damals –wie der Name schon ausdrückt- als ein barbarischer Baustil und Ausdruck des „finsteren Mittelalters“, und dementsprechend ging man auch mit ihren Bauten um. Victor Hugo hat das in seinem Buch angeprangert:

Zuerst hat die Zeit unmerklich an ihren Bauten genagt und hat ihre Oberfläche mit Spuren der Verwitterung überzogen. Dann haben die religiösen und politischen Aufstände die Menschen blind und rasend gemacht, und die also Verblendeten haben sich über die Bauten gestürzt…. Zuletzt haben sich ihrer  die Moden bemächtigt …. Sie haben größeres Unheil angerichtet als die Revolutionen; denn sie haben der Kunst ins lebendige Fleisch geschnitten, …. Haben gepfuscht und geändert und haben Form und Bedeutung der Bauten, ihren inneren Zusammenhang und ihre Schönheit zerstört.“ (S. 152/3).

Das sei, wie Hugo in Anspielung auf eine Fabel de La Fontaines schreibt, der Fußtritt des Esels gegen den sterbenden Löwen gewesen. Mitbeteiligt war bei Notre-Dame übrigens auch der große Soufflot, der Erbauer des Pantheons, der 1711 im Auftrag des Domkapitels den Mittelpfosten und den Türsturz des Hauptportals beseitigte, um bei Prozessionen Platz für den Baldachin zu schaffen!

Aus Ausstellung imPantheon 2013 012 (2)

Das Mittelportal von Notre-Dame vor der Restaurierung. Daguerreotypie von 1841[20]

Auch die  Zerstörung der riesigen Christophorus-Statue auf der rechten Seite des Mittelschiffs prangert Hugo an- dort, wo in seinem Roman an einem schönen Sonntag nach der Messe der kleine Quasimodo und spätere Glöckner von Notre-Dame –benannt nach dem Tag seiner Aussetzung- niedergelegt wurde:  gewissermaßen die „Babyklappe“ des Mittelalters. Und natürlich beklagt Victor Hugo die Zerstörung der leuchtenden gotischen Glasfenster in Mittelschiff und Chor, die im Zeitalter des Barock durch „weiße kalte Fenster“ ersetzt wurden, was man heute kaum noch nachvollziehen kann. Dazu kamen dann die Zerstörungen während der Französischen Revolution: neben den Statuen der Fassade auch noch der Dachreiter aus dem 13. Jahrhundert auf der Vierung, der Kreuzung von Mittel- und Querschiff,  der dann im 19. Jahrhundert durch den neuen hohen Dachreiter ersetzt wurde, der bei dem Brand umgestürzt ist.

Höchste Zeit also, dass Victor Hugo  den  Verächtern der Gotik mit ihren Abrissbirnen den Krieg erklärte: So 1832 in einem in der Revue des deux mondes veröffentlichten Pamphlet mit dem Titel Guerre aux démolisseurs“. Und schon 1825 hatte der junge Victor Hugo einen Text „sur la destruction des monuments en France“ verfasst, in dem er den Anspruch der Öffentlichkeit auf die Bewahrung des kulturellen Erbes formulierte: „Il faut arrêter le marteau qui mutile la face du pays.“  Und weiter: „Il y a deux choses dans un édifice, son usage et sa beauté: son usage appartient au propriétaire, sa beauté à tout le monde, à vous, à moi, à nous“.[21]

Notre-Dame de Paris war zwar damals für Victor Hugo  immer noch „ein majestätisches und erhabenes Bauwerk“, das sich „im Altern schön erhalten“ habe (S.149).  Aber die Kathedrale war auf dem besten Wege, zu einem „schweren Gerippe“ bzw. einer „düsteren Ruine“ zu  verkommen, wie der Dichter Gérard de Nerval in seinem Gedicht  Notre-Dame de Paris von 1835 schrieb.

Victor Hugo trug vor allem mit seinem einzigartigen historischen Roman, in dem er ein Gebäude gewissermaßen zur Romanfigur machte, entscheidend dazu bei, nicht nur der todwunden Notre-Dame „den Fußtritt des Esels“ zu ersparen, sondern insgesamt der Gotik auch in Frankreich wieder Wert und Würde zuzuerkennen.  In Deutschland hatte schon 1773 der junge Goethe als Student in Straßburg das Genie des Straßburger Dombaumeisters Erwin von Steinbach gepriesen,  und 1823 war in Köln eine Dombauhütte zur Erhaltung und Vollendung des Doms eingerichtet worden. Der Weiterbau des im Mittelalter unvollendeten Kölner Doms wurde als Symbol für den zu schaffenden deutschen Nationalstaat gesehen, erfolgte aber auch im vergleichenden Blick auf Frankreich. Und umgekehrt hätten Hugo und andere französische Schriftsteller „vielleicht nicht so für ihre Gotik gekämpft, hätte nicht der junge Goethe als Student in Straßburg die Gotik als deutschen Stil gefeiert.“[22] Während Goethe in der Tat und  fälschlicherweise davon ausgegangen war, bei der Gotik handele es sich um eine „deutsche Baukunst“, so konnte man in Frankreich schon mit einigem Recht die Entstehung der Gotik als  Ausdruck des „génie français“ oder der „âme française“ verstehen.  Die Wiege der Gotik ist eindeutig die Ile de France, die königliche Krondomäne, wo der neue Stil den königlichen Herrschaftsanspruch und den sich allmählich herausbildenden Status von Paris als Hauptstadt Frankreichs untermauern sollte (Sohn, S. 185).  Und immerhin übertraf, wie Statistiker errechnet haben, das Volumen der für die gotischen Kathedralen Frankreichs verwendeten Steine das der ägyptischen Pyramiden! So wurde die Gotik im 19. Jahrhundert zur nationalen französischen Architektur par excellence erhoben, die sich wie die Ideen der Französischen Revolution über ganz Europa hinweg verbreitet hätten. Und nun war auch die Zeit gekommen, dass  die Architekten Viollet-le-Duc und Lassus  die heruntergekommene Kathedrale im Sinne ihres idealisierten Gotik-Bildes restaurierten und ihr neuen Glanz verliehen.

 

 

Victor Hugos Loblied der Westfassade von Notre-Dame

Diese Restaurierung betraf nicht nur, aber vor allem die Fassade, die unter den Zerstörungen durch Soufflot und die revolutionären Bilderstürmer besonders gelitten hatte und deren Schönheit bis ins 19. Jahrhundert kaum zur Geltung kommen konnte: Da war der Blick auf die Fassade der Kathedrale nämlich nur sehr eingeschränkt möglich, weil der Vorplatz der Kirche eng bebaut war. Der französische Name für diesen Platz ist übrigens Parvis, eine Ableitung von „Paradies“ – in der mittelalterlichen Architektur der Vorhof einer Kirche, der bereits zu deren Friedensbereich gehörte und damit Flüchtlingen Asyl gewährte. In Paris,  im Mittelalter die bevölkerungsreichste Stadt Europas, war der Baugrund schon damals eine Kostbarkeit. Also wurde das „Paradies“, wie die Cité insgesamt, eng bebaut. Im 19. Jahrhundert wurde dann der Vorplatz geräumt, der Blick auf die Fassade erweitert. Heute erinnern noch die auf dem Pflaster nachgezeichneten Umrisse an die frühere Bebauung, deren Fundamente man in der „Crypte archéologique du Parvis Notre-Dame“ besichtigen kann.

Die Fassade von Notre-Dame ist nirgends so wunderbar beschrieben  wie von Victor Hugo:

„Eine der herrlichsten Ruhmestaten der Baukunst ist doch gewiss diese Fassade mit den drei Spitzbogenportalen, mit dem reichgezackten Gesims der achtundzwanzig Königsnischen, mit der ungeheuren Rosette, der die beiden Fenster zur Seite stehen wie die Dechanten dem Priester, mit dem hohen Bogengang, der auf seinen schlanken Säulen eine schwere Plattform trägt, und den beiden schwarzen massigen Türmen mit ihrem Fenstersturz aus Schiefer. Alle Teile verschmelzen harmonisch zum prächtigen Ganzen, dessen fünf gigantische Stockwerke sich dem Auge auf einmal darbieten und sich doch stufenweise vor ihm entfalten, überwältigend durch ihre zahllosen Einzelheiten an Bildhauer- und Steinmetzarbeit und doch nicht verwirrend, weil alles durch die ruhige Größe des Ganzen mächtig zusammengefasst wird. Eine ungeheure steinerne Symphonie ist diese Fassade, das Riesenwerk eines Mannes und eines Volkes, einheitlich und doch zusammengesetzt, wie die Iliade und Romanzen, deren Schwester sie ist, ein wunderbares Erzeugnis der gesammelten Kräfte einer Zeit, da sich die Einbildungskraft des Handwerkers, vom Genius des Künstlers gebändigt, jedem Steine in hundertfältiger Form einprägte: kurz, eine menschliche Schöpfung, die reich und machtvoll ist wie die göttliche Schöpfung selbst, von der sie das Doppelantlitz ‚Vielheit und Einheit‘ entlehnt zu haben scheint. …

Notre-Dame ist ein Bauwerk der Übergangszeit. Der sächsische Baumeister hatte gerade die ersten Pfeiler des Schiffes aufgerichtet, als mit den heimkehrenden Kreuzfahrern der Spitzbogen kam und sich siegreich auf die schweren romanischen Kapitelle setzte, die bestimmt waren, nur den einfachen Rundbogen zu tragen. Der Spitzbogen, der fortan alles beherrschte, hat der übrigen Kirche das Gepräge gegeben. Aber er war noch schüchtern und unerfahren; er dehnte sich noch nicht in die Breite, hielt sich zurück und wagte es noch nicht, in Kreuzblumen und Filialen aufwärts zu streben, wie er es später bei so vielen herrlichen Domen getan hat. Er scheint die Nähe der schweren romanischen Pfeiler empfunden zu haben. …

Diese Übergangsbauten sind für den Künstler, den Altertumsforscher und den Historiker gleich anziehend. Gleich den zyklopischen Mauern, den ägyptischen Pyramiden und den riesigen indischen Tempeln zeigen sie, wie ursprünglich die Baukunst ist; sie beweisen, dass ihre großen Werke weniger individuelle als soziale Schöpfungen sind, von arbeitenden Völkern geboren, nicht von genialen Männern erdacht, ein Niederschlag von Nationen, eine von Jahrhunderten angehäufte Masse…  Die großen Gebäude sind gleich den großen Gebirgen ein Werk der Jahrhunderte. Oft wandelt sich die Kunst, während sie noch im Entstehen sind; die Arbeit wird im Sinn der neuen Zeit friedlich weitergeführt. Die verwandelte Kunst übernimmt das Werk, wie sie es findet, überkleidet es, passt sich ihm an, führt es nach ihren Empfindungen weiter und bemüht sich, es zu vollenden. Das vollzieht sich ohne Störung, ohne Anstrengung, ohne Rückfall, nach stillen, natürlichen Gesetzen. Der einzelne Mensch und der Künstler verschwinden vor diesen Riesenwerken, die keines Schöpfers Namen tragen; der menschliche Geist in seiner Gesamtheit prägt sich in ihnen aus. Die Zeit ist der Baumeister, das Volk ist der Maurer.“ (Hugo, Der Glöckner, S. 149f)

Dass Victor Hugo „die ruhige Größe des Ganzen“ rühmt, kommt nicht von ungefähr: Denn der Kubus der Fassade ist exakt im Seitenverhältnis von 2: 3 proportioniert. Und diese Proportion findet sich auch in der Musik. Nach der Harmonielehre des  Kirchenvaters Augustinus  erklingen schwingende Saiten in musikalischen Intervallen, wenn ihre Länge zueinander einfachen Zahlenverhältnissen entspricht- und das Verhältnis 2: 3 entspricht der musikalischen Quint. Indem die Architektur solche auf musikalischen Konsonanzen beruhende Proportionen aufgreift, spiegelt sie –nach dem Ideal des Augustinus- die von Gott geschaffene Harmonie des Universums wider. Dass die beiden Türme keine Spitzen haben, entspricht damit diesem Streben nach harmonischer Proportionierung. Es ging also sowohl in der Architektur wie auch in der Musik um himmlische Maßstäbe. Im Musterbuch des Architekten Villard de Honnecourt aus dem 13. Jahrhundert findet man denn auch nicht nur Grundrisse und Gewölbeformen, sondern auch Regeln musikalischer Proportionen. Wenn die Romantiker von der Architektur als Stein gewordene Musik sprachen: An der Fassade von Notre Dame ist das zu beobachten und zu bewundern.[23]

                                    Aufriss Fasssade 029

Auch im Einzelnen ist die  Fassade in ihrer Ausgewogenheit von horizontaler und vertikaler Gliederung  ein Inbegriff von Harmonie und –wie alles in der mittelalterlichen Baukunst-  voller Symbolik: Vertikal gibt es drei Teile – entsprechend dem Mittelschiff und den beiden Seitenschiffen – mit den dazugehörigen Portalen, womit  die Dreieinigkeit von Gottvater, Sohn und Heiligem Geist symbolisiert, gleichzeitig aber auch an die Tradition römischer Triumphbögen angeknüpft wird. Horizontal ist die Fassade vierfach gegliedert. Victor Hugo spricht zwar in seiner Fassadenbeschreibung von fünf Geschossen,  aber die mittelalterlichen Baumeister zählten –da sind sich die Kunsthistoriker einig- vier Geschosse, rechneten also die Türme nicht mit: Ganz unten die Portalzone, dann die Königsgalerie, danach der Abschnitt mit der  großen  Fensterrose und schließlich die luftig-elegante Arkadengalerie. Die vierfache horizontale Gliederung hat natürlich auch ihre symbolische Bedeutung: Die Zahl 4 steht im Mittelalter für die weltliche Materie, die Schöpfung. Und bezogen darauf hat die Zahl eine vielfache Bedeutung: Es gibt die vier Jahreszeiten, die vier Elemente, die vier Himmelsrichtungen, die vier Lebensalter des Menschen und schließlich  auch Pest, Krieg, Not und Tod als die vier Vorboten der Apokalypse.  Wir befinden uns ja im Westen, der  dem Leben,  dem weltlichen Bereich zugewandten Seite der Kathedrale, wo sich auch der königliche Palast befand. Im Zentrum der Fassade mit der dreifachen –geistlichen- und der vierfachen –weltlichen- Gliederung thront gewissermaßen die große Fensterrose: Ihr Rund  steht für die Zahl 1, also für Gott, und sie symbolisiert die Harmonie der Schöpfung, den Kosmos: Im Mittelalter wird Gott ja auch oft  als Baumeister und Weltenschöpfer mit einem Zirkel dargestellt. Und wo bleibt Maria, der die Kathedrale geweiht ist? Ihre Statue  mit dem Jesuskind auf dem Arm steht auf der Königsgalerie, eingerahmt von zwei kerzentragenden Engeln, inmitten einer –dreifachen- Figurengruppe also. Und  die Köpfe von Maria und dem Jesuskind reichen –blickt man, sich der Fassade nähernd, nach oben-  genau ins Zentrum der Fensterrose

Die Statuen der jetzigen Königsgalerie sind dagegen Neuschöpfungen des 19. Jahrhunderts und entstanden während der Restaurierung der Kathedrale. Angeblich nutzte einer der beiden Restaurations-Architekten, Lassus,  die Gelegenheit, sich selbst ein Denkmal zu setzen und sich in  der 8. Statue der Königsgalerie von links portraitieren zu lassen. Sein bekannterer und bedeutenderer Partner, Viollet-le-Duc, ließ sich jedenfalls in der Figurengruppe um den von ihm konzipierten neuen spitzen Dachreiter als Heiliger Thomas, den Patron der Architekten, portraitieren. Diese Figur hat übrigens den Brand überstanden, weil sie kurz davor im Zuge der Renovierungsarbeiten schon demontiert worden war.

Ich  weiß nicht,  wie Victor Hugo die Restaurierungen Viollet-le-Ducs beurteilte. Ich vermute aber, dass er sie begrüßte, weil sie eine teilweise Wiedergutmachung dessen waren, was der Kathedrale im Lauf ihrer Geschichte zugefügt worden war. Ob er allerdings mit der Malraux’schen Fassadensäuberung einverstanden gewesen wäre, bezweifle ich eher, denn für Victor Hugo hatte die Patina, die sich in Jahrhunderten über die Fassade gelegt hatte, durchaus ihren Reiz. Sie entschädigte ihn sogar für den Verlust der 11 Stufen, die die Kathedrale „einst über den Erdboden erhoben…. Die elf Stufen hat die Zeit getilgt, die das Niveau der Stadt allmählich, aber unaufhaltsam erhöht. Aber wenn sie auch der steigenden Flut des Pariser Pflasters erlaubte, diese Stufen zu verschlingen, so hat sie doch der Kirche vielleicht mehr gegeben als genommen; denn die Zeit hat die Fassade mit der dunklen Färbung der Jahrhunderte überzogen, die den Bauwerken im Alter die höchste Schönheit verleiht.“ (Der Glöckner, S. 150/151)

DSC03087 Ausstellung Hugo Nov 18 (25)

Karikatur von Henri Meyer: Le Géant. 1868

Victor Hugo hat der Kathedrale Notre- Dame ihre Würde zurückgegeben. Vor allem aber hat er durch die Handlung und die Figuren seines Romans dem Bau aus Stein Leben verliehen:  Durch den bösartigen, lüsternen Kleriker Frollo, die schöne Esmeralda, den unglücklichen Liebhaber und Dichter Gringoire, den verwachsenen Glöckner von Notre-Dame, der der deutschen Übersetzung des Buches den Namen gegeben hat, und durch das bunte Pariser Volk des 15. Jahrhunderts. Dadurch erst wurde Notre-Dame zu dem nationalen Symbol, als das es anlässlich des Brandes wieder gefeiert wurde. Victor Hugo hat Notre-Dame erhöht und Notre-Dame  hat auch seinen Poeten erhöht.  In vielen Karikaturen des 19. Jahrhunderts wurde diese Verbindung herausgestellt, die umso näher lag, als die Fassade auch –wie auf der Karikatur Henri Meyers zu sehen, als ein großes H lesbar ist.

Glücklicherweise wurden die Fassade und die beiden Glockentürme nicht durch den Brand beschädigt. Und hoffentlich werden sie auch während und trotz der Renovierungsarbeiten wieder beleuchtet. Die nachts angestrahlten Türme der „alten Dame“ gehörten zu unserem Pariser Leben. Wenn  nach Mitternacht die Lichter ausgingen, sagten wir: Jetzt ist Notre-Dame schlafen gegangen,  und wir wussten, dass es allmählich auch für uns Zeit wird….

 

Anmerkungen:

[1] Notre-Dame, une émotion patrimoniale. Gespräch mit Nathalie Heinrich, In: La vie des idées vom 19. April 2019   https://laviedesidees.fr/spip.php?page=article&id_article=4394ion

[2] https://www.lemonde.fr/societe/video/2019/04/16/incendie-de-notre-dame-de-paris-les-reactions-des-personnalites-politiques_5450991_3224.html

[3]  SUD-OUEST Mardi 16 avril 2019 Editorial de Yves Harté

[4] https://www.lemonde.fr/societe/video/2019/04/16/incendie-de-notre-dame-de-paris-les-reactions-des-personnalites-politiques_5450991_3224.html

[5] Entsprechend auch Bruno Frappat in La Croix vom 18.4.: Notre-Dame de tous

https://www.la-croix.com/Debats/Chroniques/Notre-Dame-tous-2019-04-18-1201016601

und Joseph Haniman in der SZ vom 16.4.2019: ein „Bauwerk des Volks für das Volk

[6]   „une divinité“  https://www.franceculture.fr/emissions/la-nuit-revee-de/lieux-de-memoire-notre-dame-de-paris

[7] Joseph Haniman in der Süddeutschen Zeitung vom 16.4.2019  https://www.sueddeutsche.de/kultur/notre-dame-brandkatastrophe-kulturelle-bedeutung-1.4412258

[8] https://www.lesechos.fr/1996/01/obseques-de-mitterrand-ceremonie-privee-hommage-public-emotion-populaire-827719

[9] https://www.francetvinfo.fr/culture/patrimoine/incendie-de-notre-dame-de-paris/notre-dame-de-paris-onze-grandes-dates-d-une-histoire-de-france_3401071.html

Eine andere –und natürlich ähnliche- Liste bei: https://ca.france.fr/fr/paris/liste/notre-dame-de-paris-en-10-dates-marquantes

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B4tel_de_Sens

[11] Siehe dazu:  Jean Leflon, Notre-Dame de Paris pendant la Révolution. In: Revue d’histoire de l’Église de France, 174/ 1964, S. 109-124   https://www.persee.fr/doc/rhef_0300-9505_1964_num_50_147_1732

[12] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/

[13] http://lhistoireenrafale.lunion.fr/2018/11/15/16-novembre-1918-le-gouvernement-absent-du-te-deum-a-notre-dame/  Foto: Photo parue dans le journal Excelsior pour la célébration du Te Deum, le 17 novembre 1918.  (Photo Roger-Viollet)  Aus Libération vom 15.4.2019

[14] Laurent Joffrin in Libération vom 15.4.2019: https://www.liberation.fr/france/2019/04/15/de-la-reine-margot-a-la-liberation-notre-dame-ou-l-eglise-de-la-nation_1721585 https://www.larep.fr/paris-75000/faits-divers/couronne-d-epines-tunique-de-saint-louis-les-tresors-de-notre-dame-de-paris_13541387/

Bild aus: https://www.la-croix.com/Religion/Actualite/70-ans-apres-Notre-Dame-commemore-la-liberation-de-Paris-2014-08-24-1196122. Siehe auch: https://www.ina.fr/video/AFE86002786

[15] https://jeune-nation.com/culture/emmanuel-suhard-5-avril-1874-30-mai-1949.html Ein zeitgenössischer Wochenschaubericht zu dem Besuch Petains in Paris:  https://www.youtube.com/watch?v=508EWo

In der Erklärung der französischen Bischofskonferenz vom 17. Februar 1944 werden  « les appels à la violence et les actes de terrorisme, qui déchirent aujourd’hui le pays, provoquent l’assassinat des personnes et le pillage des demeures » verurteilt. https://fr.wikipedia.org/wiki/Emmanuel_Suhard

Zu den alliierten Bombenangriffen auf französische Ziele siehe auch den Blog-Artikel: Normandie (2): Schattenseiten der Vergangenheit. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/890

[16]il mena la guerre des ondes et la propagande pétainiste de telle façon qu’on le comparait à Goebbels“. https://www.tombes-sepultures.com/crbst_1897.html s. auch: https://www.ina.fr/video/AFE86002764

[17]  Frédéric Le Moigne, 1944-1951 : Les deux corps de Notre-Dame de Paris. https://www.cairn.info/revue-vingtieme-siecle-revue-d-histoire-2003-2-page-75.htm#

Ich finde es übrigens bemerkenswert, dass in zwei einschlägigen Veröffentlichungen zu Vichy von Suhard nicht die Rede ist: Robert O. Paxton, La France de Vichy 1940-1944. Édition du Seuil 1972 und Henry Rousso Le syndrom de Vichy de 1944 à nos jours. Éditions du Seuil 1990

[18] In: Le Figaro, 10. Mai 1945. Zit. In: http://www.musimem.com/st-martin.htm

[19]  Siehe dazu den Blog-Text über den Faubourg Saint-Antoine: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/32

[20] Aus einer Ausstellung im Pantheon 2013

[21] Zitiert in Le Monde vom 17.4. 2019, S. 12: Une cathédrale dans l’histoire.

[22]  Gustav Seibt in: Süddeutsche Zeitung vom 18./19.4.2019, S. 15

[23] Siehe dazu das Buch von Fernand Schwarz und den Artikel von Helmut Mauró, Himmlische Maßstäbe. Die Proportionen des Gebäudes prägten die Musik einer ganzen Epoche. In: Süddeutsche Zeitung, 18./19. April, S. 14

 

 

Verwendete Literatur:

Mgr Joseph Doré, Mgr André Vingt-Trois et Collectif: Notre-Dame de Paris. Paris 2012

Alain Erlande-Brandenbourg, Notre Dame de Paris. In: Pierre Nora (Hrsg), Lieux de mémoire, Bd. III

Éternelle Notre-Dame. Le Parisien. Hors-Série. April 2019

Le Figaro hors série: 1163-2013. Notre-Dame. Une histoire de France. 2013

Victor Hugo: Notre Dame de Paris 1482. Neuausgabe Paris: Éditions Gallimard 2009  Deutsche Ausgabe: Der Glöckner von Notre-Dame. Insel-Taschenbuch,  Berlin 2010

Notre-Dame, notre histoire. Édition spéciale von Le Monde, 17.4. 2019

Potin, Yann, Comment Notre-Dame est devenue un monument national. Interview mit Julia Bellot und Olivier Thomas. In: L’Histoire vom 19. April 2019  https://www.lhistoire.fr/entretien/comment-notre-dame-est-devenue-un-monument-national

Schwarz, Fernand: Symbolique des Cathedrales. Les Éditions du Palais 2012

Sohn,  Andreas: Von der Residenz zur Hauptstadt. Paris im hohen Mittelalter. Ostfildern 2012

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“
  • Die Schokoladenfabrik Menier in Noisiel an der Marne: repräsentative Fabrikarchitektur und patriarchalischer Kapitalismus im 19. Jahrhundert
  • Die Villen der Meniers in Paris und das Familiengrab auf dem Père Lachaise 
  • „Les enfants de Paris“: Pariser Erinnerungstafeln/plaques commémoratives zur Zeit 1939-1945

Notre – Dame, wie es war und hoffentlich bald wieder sein wird (April 2019)

Die schrecklichen Bilder der brennenden Kathedrale Notre- Dame haben wir nur im Fernsehen gesehen, aber sie gehen uns sehr nahe – so wie 9/11 die Bilder der brennenden Türme in New York.  Von unserer kleinen Terrasse im 11. Arrondissement aus kann man die Glockentürme der Kirche und  konnten wir auch den spitzen Dachreiter sehen, der jetzt eingestürzt ist.  Seit ich  als Schüler (per Anhalter) zum ersten Mal in Paris war und bis heute ist Notre Dame für mich immer ein magischer Ort gewesen.

DSC02761 Notre Dame Sonnenuntergang

Ein Blick -wie es war-  von unserer Terrasse: rechts die Türme von Notre -Dame, in der Mitte der jetzt umgestürzte Dachreiter Viollet-le-Ducs aus dem 19. Jahrhundert, dazwischen und dahinter ein Turm von Saint Sulpice. Links die Kuppel von Saint Paul. 

Nachfolgend sind einige Bilder zusammengestellt, in wir in den letzten Jahren aufgenommen haben: Bilder als Ausdruck der Trauer und der Hoffnung, dass Notre Dame -trotz aller unwiederbringlicher Verluste-  sich möglichst bald wieder im alten Glanz zeigen wird.

(Eingestellt in der Nacht vom 15./16. April)
006 (2)

Die Fassade von Notre- Dame im Glanz der Abendsonne

004 (2)

Weihnachtsbäume vor Notre- Dame

DSC03183 Notre Dame 2018 (2)

DSC02657 ND Son et lumiere (2)

Son et Lumière

029

005

Während der Französischen Revolution abgeschlagene Köpfe der Königsgalerie.  Die dortigen Statuen wurden irrtümlich für französische Könige gehalten und deshalb geköpft und als Baumaterial verkauft. 1977 wurden bei Bauarbeiten 21 Königsköpfe entdeckt. Sie sind heute im Musée Cluny ausgestellt.

Die Darstellung des jüngsten Gerichts vom Mittelportal der Kathedrale

045

Die apokalyptischen Reiter kündigen sehr drastisch das nahende Weltende an.  Hier der Krieg mit Schwert und verbundenen Augen, der einen Toten mit heraushängenden Därmen mit sich schleppt.

011

Die Seelen werden gewogen

017

Das Jüngste Gericht verschont weder Adel noch das geldgierige Bürgertum. Und auch nicht die sündigen Kleriker.

Notre Dame 002

Eva (vom linken Hauptportal)  bemerkt nicht die Kralle und den Schlangen-Unterleib der Verführerin

024

Dieses Teufelchen lieben wir besonders. Wenn wir im Abendlicht mit den Fahrrädern an Notre Dame vorbei fahren, betrachten wir es immer mit großer Freude.

DSC01312 peruan. Prozession Okt 2017 notre dame (4)

Prozession der peruanischen Gemeinde am Hauptportal

IMG_2270

002

Fensterrose des südlichen Querschiffs

parisfebruar2009_26

Haben die hier weitgehend noch original erhaltenen wunderbaren Glasfenster den Brand überlebt?

002 Nordportal

Reliefs vom Nordportal

003 Nordportal

2013 wurde das 850-jährige Jubiläum der Kirche gefeiert. Das Motto war ein Satz des Augustinus: Via viatores quaerit.  Ich bin der Weg, der Menschen sucht, die ihn beschreiten.

013 Weihwasserbecken

Blick ins Mittelschiff und den Chor. Wenn man genau hinsieht, kann man erkennen, dass der Chor leicht nach links abknickt. Von dem rechten oberen Chorfenster ist deshalb, steht man genau in der Mitte der Kirche, mehr zu sehen als vom linken Chorfenster.  Notre- Dame ist also gewissermaßen eine „cathédrale tordue“.  Vielleicht sollte  damit der geneigte Kopf des sterbenden Christus am Kreuz symbolisiert werden. Aus der Luft gegriffen ist diese Erklärung jedenfalls  nicht. Immerhin gibt es ein  Traktat von Pierre de Roissy aus dem Jahr 1200 über die Form von Kirchen, in dem betont wird, Christus habe „seine Seele ausgehaucht, indem er seinen Kopf geneigt habe“.

011 (3)

Das Blau ist die Farbe Marias, der die Kirche geweiht ist.

005 (2)

Marienfigur in der Vierung, in der Querhaus und Mittelschiff sich kreuzen. Sie gab den Anstoß für die Hinwendung Paul Claudels zum Katholizismus.

004

Konzert der Maîtrise Notre- Dame de Paris mit gregorianischer Musik

008

Ausstellung der neuen Glocken im Mittelschiff von Notre -Dame  (2013)

2013 Glocken im Hauptschiff 015

Und jetzt wieder am angestammten Platz im Nordturm

DSC01319 Tüme von Notre Dame bei Nacht August 2018 (22)

Neues 7.12. 002

Szenen der biblischen Geschichte im Chorumgang

Neues 7.12. 006

008 (2)

015 (2)

DSC01319 Tüme von Notre Dame bei Nacht August 2018 (13)

DSC01319 Tüme von Notre Dame bei Nacht August 2018 (15)

Alle diese wilden Kerle, „die katholischen Samurai“ (Peter Handtke),   die dem Bösen wehren sollen, konnten den Brand nicht verhindern.

DSC01319 Tüme von Notre Dame bei Nacht August 2018 (19)

DSC01319 Tüme von Notre Dame bei Nacht August 2018 (17)

056

Blick vom Pont de Sully bei Sonnenuntergang

Wolf 710

                            Samstags gab es immer kostenlose Orgelkonzerte in Notre -Dame.                            Wann wird es sie wieder geben?

Orgel Notre Dame 001

Die 2012/2014 restaurierte Cavaillé-Coll- Hauptorgel auf der Westempore. Ob sie beschädigt wurde, ist noch unklar.

Und zum Schluss ein etwas wehmütiges, aber auch als Ausdruck der Hoffnung zu verstehendes Bild, aufgenommen bei der nuit blanche  2010:

Paris Nuit Blanche Notre Dame 2.10.2010 006

 

Nachfolgender Beitrag:

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre- Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs    https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/

 

 

La Maison de la Mutualité à Paris / Das Haus der Mutualité in Paris (2): Der Erste Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur von 1935

Im September 2018 erschien auf diesem Blog ein Beitrag über das Haus der Mutualité in Paris mit dem Untertitel „die Geschichte  eines Mythos“   https://paris-blog.org/?s=Das+Haus+der+Mutualit%C3%A9%2C+die+Geschichte+eines+Mythos

Einige Aspekte des mythischen Charakters der Mutualité wurden dort angesprochen, noch nicht allerdings der  Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur von 1935, der ebenfalls zu den großen Stunden der Mutualité gehört. Auf ihn soll im Folgenden etwas näher eingegangen  werden.

Vom 21. bis zum 25. Juni 1935 versammelten  sich im Haus der Mutualité mehr als 230 Schriftsteller aus 38 Ländern, die dem Aufruf zu dem Treffen gefolgt waren:

„Angesichts der Gefahren, die in einer Anzahl von Ländern die Kultur bedrohen, haben einige Schriftsteller die Initiative zur Einberufung eines Kongresses ergriffen, um die Mittel zu ihrer Verteidigung zu prüfen und zu diskutieren.“[1]

Heinrich Mann, der damals als politischer Flüchtling in Nizza wohnte, erhielt den Aufruf von dem Schriftsteller Johannes R. Becher, einem der Organisatoren des  Kongresses, und leitete ihn an seinen Neffen Klaus Mann weiter mit den Worten:

„Unterschrieben haben z.B. (…)  Aragon, Barbusse, Bloch. ´(…) Gide, Giono, Guéhenno, Malraux, Margueritte, Rolland (…) eigentlich alle“. (Brief vom 13. April 1935)

 Unter den ausländischen Teilnehmern des Kongresses  (u.a. Aldous Huxley,  Boris Pasternak, , Waldo Frank,  E.M. Forster) waren  russische Autoren besonders zahlreich  vertreten. An  der Spitze der  vom Zentralkomitee der KPdSU handverlesenen russischen Delegation stand Ilja Ehrenburg.  Der Delegation gehörten allerdings auf Initiative der Organisatoren des Kongresses auch Boris  Pasternak und Isaac Babel an, deren Beiträge besonders gefeiert wurden.

Henri_Barbusse_Alexej_Tolstoi_Boris_Pasternak_Paris_1935

Henri Barbusse, Alexej Tolstoi und Boris Pasternak

Zu den Ländern, in denen damals die Kultur bedroht war, gehörte natürlich vor allem das nationalsozialistische Deutschland, dessen literarische Elite zum größten Teil nach der „Machtergreifung“ Hitlers das Land verlassen und im Ausland Zuflucht gesucht hatte.[2]  Mit den Bücherverbrennungen hatten die Nazis ja ihren Kampf gegen die Kultur spektakulär in Szene gesetzt. Insofern ist es nur allzu verständlich, dass unter den teilnehmenden Schriftstellern auch zahlreiche prominente deutsche/deutschsprachige  Exilanten waren wie Anna Seghers, Heinrich und Klaus Mann, Robert Musil, Bertolt Brecht, Ernst Bloch, Max Brod,  Ernst Toller, Alfred Kerr und Lion Feuchtwanger, die mit ihren Beiträgen die Konferenz wesentlich mitprägten. Mit ihrer Teilnahme demonstrierten diese Schriftsteller, dass das humanistische Erbe Deutschland mit dem Nationalsozialismus nicht gänzlich untergegangen war.  Und die Berufung auf dieses Erbe diente auch der Legitimation des Widerstands in einer Zeit, in der die Hoffnungen auf einen schnellen Zusammenbruch des „Dritten Reichs“ verflogen waren und in der es im gleichgeschalteten Gestapo-Deutschland keine antinazistische Volksbewegung gab (und geben konnte), auf die man sich hätte beziehen können.[3] Ein besonderes Anliegen der deutschsprachigen Autoren war es selbstverständlich, das Forum des Kongresses zu nutzen, um die europäische Öffentlichkeit auf den Charakter und die Gefahren des Faschismus aufmerksam zu machen. Das Bedürfnis, gegen das Dritte Reich Stellung zu beziehen, bewog auch Robert Musil zur Teilnahme, auch wenn er sich selbst –und seine Rede auf dem Kongress- als unpolitisch bezeichnete.

Getagt wurde zweimal täglich, jeweils nachmittags und abends. Bei der Eröffnungsveranstaltung war der große Saal der Maison de la Mutualité trotz hoher Eintrittspreise voll besetzt. 3000 Zuschauer hatten im Saal und auf den Tribünen Platz gefunden. Für diejenigen, die keine Karten erhalten hatten, wurden vor dem Gebäude Lautsprecher aufgestellt, die die Reden nach draußen übertrugen.

International_Congress_for_the_Defense_of_Culture_Hall_of_the_Mutualite_Paris_1935

Die Fotografie vom Eröffnungsabend stammt von der Berliner Fotografin Gisèle Freund, die 1933 nach Frankreich emigriert war. Auf Einladung des Schriftstellers und Mitveranstalters André Malraux  dokumentierte sie den fünftägigen Kongress und fertigte dabei auch zahlreiche Porträts  prominenter Teilnehmer an.[4]

Das politische Umfeld, in dem der Kongress stattfand und möglich wurde, war die in den  1930-er Jahren  vollzogene Veränderung der politischen Linie der Komintern (Kommunistische Internationale). Hatte die bisher in den Sozialisten (und nicht in den Nazis) den Hauptfeind gesehen (Sozialfaschismus-Theorie), so ging es nun angesichts des immer bedrohlicheren Faschismus darum, eine antifaschistische Einheitsfront gegen den potentiellen Hauptfeind Nazideutschland herzustellen. Frankreich kam in diesem Zusammenhang eine Schlüsselfunktion zu, denn die blutigen Unruhen in Paris vom 9. Februar 1934 wurden von vielen Seiten als faschistischer Umsturzversuch wahrgenommen.  So kam es zu einer allmählichen Veränderung des Verhältnisses von Sozialisten und Kommunisten, die dann 1936 zur Regierung des front populaire unter Léon Blum führte.  Auch außenpolitisch vollzog sich ein Wandel: Am 2. Mai 1935 schlossen die UdSSR und Frankreich einen „Vertrag über den gegenseitigen Beistand“. Beide vertragsschießenden Seiten gingen davon aus, dass ihr politisches Bündnis ein Gegengewicht zum nationalsozialistischen Deutschland und seinen Expansionsplänen in Europa schaffen würde. Der Vertrag sah gegenseitigen Beistand für den Fall vor, dass eine von ihnen zum Objekt der Aggression seitens eines dritten Staates werden würde.[5]

Die Tagesordnung des Kongresses ist Ausdruck der Bemühung, ein breites Bündnis gegen die Gefahren des Faschismus zu formen. Sieben Themenkreise waren von den Veranstaltern vorgesehen: das kulturelle Erbe, die Rolle des Schriftstellers in der Gesellschaft, das Individuum, der Humanismus, Nation und Kultur, die Würde des Denkens und natürlich das umfassende Thema der Verteidigung der Kultur.[6]

seymour_david_1036_2002a_444196_displaysize

Demonstration am Rand des Kongresses zum „Kulturerbe“

Golo Mann, der damals als Lektor an der École normale supérieure in Saint-Cloud bei Paris arbeitete und den Kongress beobachtete, stellte bissig fest,  während des Kongresses sei nicht  mehr von Klassenkampf die Rede gewesen, sondern „nur noch vom Kampf aller frei, fortschrittlich und humanistisch Gesinnten  gegen die Barbarei des Faschismus“.[7]

Die kommunistisch orientierten Autoren waren vor allem bestrebt,  die Sowjetunion als Sachwalterin der Kultur und  Bollwerk gegen den Faschismus herauszustellen. Dabei wurden  sie unterstützt von bürgerlichen Autoren, die im Rahmen der Volksfront-Politik das Bündnis mit der Sowjetunion als unverzichtbaren Bestandteil des Kampfs gegen den Faschismus betrachteten. So Romain Rolland, der sich damals gerade auf dem Weg in die Sowjetunion, „das Land, in dem die neue Welt geschaffen  wird“,  befand und von dort aus brüderliche Grüße an den Kongress richtete.[8]

Besonders gefeiert wurde auf dem  Kongress Heinrich Mann, der seit seinem Roman „Der Untertan“ als Repräsentant des „anderen Deutschland“ galt. In den letzten Jahren der Weimarer Republik war er  Präsident der Abteilung Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste, ein Amt, aus das ihn die Nazis nach der „Machtübernahme“ umgehend entfernten.  Und natürlich gehörte er auch zu den Autoren, deren Bücher am 10. Mai 1933  verbrannt wurden und denen die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt wurde. Ein Bündnis der Arbeiterparteien gegen den  Faschismus hatte Heinrich Mann schon früh gefordert, als dies noch im völligen Widerspruch zur Linie von KPD und KPdSU stand. Und Heinrich Mann, der die Welt mit den  Augen eines Literaten und Idealisten sah, war auch durchaus geneigt, die Oktoberrevolution als konsequente Fortsetzung der Französischen Revolution zu sehen und die Entwicklung der Sowjetunion entsprechend wahrzunehmen und zu beurteilen.

Insofern war es nur konsequent, dass ihm auf dem Kongress eine besondere  Rolle zukam: Er hatte die Ehre, eine der Sitzungen zu leiten, und als er für seinen  Redebeitrag das Podium betrat, erhoben sich die Anwesenden von ihren Plätzen und applaudierten. In einem „Geist gegen Macht“ überschriebenen Artikel über den Kongress schrieben E.E. Kisch und Bodo Uhse 1936:

„Mit einer deutschen Verbeugung nimmt Heinrich Mann eine Demonstration der Solidarität entgegen, die nicht nur ihm, nicht nur den in der Emigration kämpfenden deutschen Schriftstellern gilt, sondern dem wahren Deutschland.“ [9]

In seiner Rede stellte Heinrich Mann den aktuellen Kampf um die „Verteidigung der Kultur“ in die Tradition der abendländischen Geistesgeschichte von Humanismus und Aufklärung. Er forderte –typisch für sein Denken- das politische Engagement von Intellektuellen, die Dummköpfen nicht die Macht über die Völker überlassen dürften. Und er machte den Versammelten Mut: „Unbesiegbar war noch keine Barbarei“:  Eine Rede also, die den an den Kongress gestellten Ansprüchen in vollem Maße entsprach – auch wenn die drei genannten Vorbilder –Clemenceau, Lenin (und nicht Stalin! W.J.) und Masaryk wohl nicht ganz nach dem Geschmack stalinistischer Hardliner waren.[10]

Einige Auszüge aus dieser Rede:

Es ist recht merkwürdig, dass im Jahre 1935 eine Schriftsteller-Versammlung nach der Freiheit des Denkens verlangt: denn schließlich, das geht hier vor. Im Jahre 1535 wäre es neu gewesen. Die Eroberung des individuellen Denkens, damit fängt die moderne Welt an, – die jetzt der Auflösung nahe scheint. Dadurch wird alles wieder in Frage gestellt, sogar was ganze Jahrhunderte lang erledigt gewesen war. Die Gewissensfreiheit, so viele Geschlechter haben um sie gekämpft, und jetzt ist sie nicht mehr sicher. Das Denken selbst ist gefährdet, und doch ist der Gedanke der Schöpfer der Welt, in der wir noch leben. (…)

Wir dürfen nicht warten, bis dies Unglück vollständig wird und sich ausdehnt über noch mehr Länder der westlichen Gesittung. Zu verteidigen haben wir eine ruhmreiche Vergangenheit und was sie uns vererbt hat, die Freiheit zu denken und nach Erkenntnissen zu handeln. Wir haben strahlenden Beispielen zu folgen. Wir sind die Fortsetzer und Verteidiger einer großen Überlieferung. (…)

Die Pflicht aber verlangt von den Intellektuellen, dass sie sich widersetzen mit allen Kräften, wenn Dummköpfe sich aufwerfen zu Weltbeherrschern und zu Zensoren. Dumme geht das Denken nichts an, das Handeln übrigens ebenso wenig. Gehandelt soll werden, nicht von Kommissbrüdern, denen Fabrikanten die Macht verleihen, sondern von Männern der allerhöchsten Erkenntnis und einer unvergleichlichen Geistesmacht. Nur der Geist sichert die nötige Autorität, um Menschen zu führen: gemeint ist ein Geist der Erkenntnis und Festigkeit. Unter anderen Umständen als den heutigen müsste das nicht erst gesagt werden: Intellektuelle haben oft genug öffentlich gehandelt. Intellektuelle haben die Geschicke eines Landes gelenkt, und die Geschicke aller Länder mit beeinflusst. Es genügt, Namen zu denken wie Georges Clemenceau, Lenin, Thomas Masaryk.(…)

Man lasse sich nicht beirren: unbesiegbar war noch keine Barbarei. Die Dummheit erhebt den Anspruch, die Welt zu beherrschen? Darauf gibt es die Antwort, die Flaubert erteilt hat: das Beste wäre, eine Akademie von Wissenden regierte den ganzen Planeten. Mit Höchstforderungen muss die Intelligenz auftreten gegen Feinde, die von ihr, nur von ihr das Schlimmste zu fürchten haben.[11]

006-heinrich-mann-und-andre-gide

Heinrich Mann und André Gide, deren  Verhältnis allerdings von deutlicher Distanz geprägt war 

Eine bemerkenswerte Rede hielt auf dem Kongress auch Anna Seghers. Sie hatte wie Heinrich Mann schon 1933 Deutschland verlassen und gehörte zu den von den Nazis verfemten Schriftstellern, deren Bücher verbrannt und „ausgemerzt“ wurden. Anna Seghers versuchte, in ihrem französischen Exil mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern ein einigermaßen „normales“ Familienleben zu führen. Aber als engagierter Kommunistin war es für sie selbstverständlich, nicht „in ein nur privates Dasein“ zu fliehen und damit „dem Gegner das Feld“ zu räumen.[12] Die Zeit des französischen Exils war denn auch nicht nur ihre künstlerisch produktivste Zeit, vor allem mit den bedeutenden Romanen „Das siebte Kreuz“ und „Transit“, sondern auch eine Zeit intensiver politischer Aktivität: Wie sie selbst einmal schrieb, gab es keine antifaschistische Aktion, an der sie nicht teilgenommen hätte.[13]

Anna_Seghers_and_Gustav_Regler_Paris_1935

Anna Seghers und Gustav Regler 1935

Thema ihrer Rede auf dem Schriftstellerkongress war die „Vaterlandsliebe“ – für im Exil lebende Menschen immer ein zentrales Thema, wie das ja schon bei Heinrich Heine zu beobachten ist. Für deutsche Antifaschisten, die vor den Nazis geflohen war, hatte das Thema eine besondere Bedeutung. Sie lebten gezwungenermaßen fern ihrer Heimat und wurden sich deshalb umso mehr bewusst, was diese für sie bedeutete und was sie mit ihr verloren hatten.  Und der Begriff des „Vaterlands“ wurde im Dritten Reich ja in chauvinistischer Weise missbraucht und propagiert wurde, was nicht unwidersprochen bleiben sollte.  Für Kommunisten hatte das Thema eine ganz spezifische Brisanz, weil für sie erst mit dem Schwenk zur Volksfront-Politik eine Rehabilitierung von Begriffen wie Heimat und Vaterland möglich wurde. Klaus Mann veranlasste das damals zu der bissigen Bemerkung, auf Treffen der französischen Kommunisten würde  nicht mehr nur voller Inbrunst die Internationale gesungen, sondern jetzt auch die Marseillaise. Insofern entsprach Anna Seghers‘ Redethema der neuen Parteilinie, wobei  man ihr allerdings zu Gute halten muss, dass sie sich schon seit 1933 für eine Einigung aller antifaschistischen Kräfte engagierte und dass es nicht des Segens der Komintern bedurfte, damit sie die Liebe zu ihrer Heimat entdeckte.

Seghers betont am Beginn ihrer Rede, dass im Namen des „Vaterlandes“ viel Blut vergossen und Leid verursacht worden sei. Einige Schriftsteller bezeichneten den Begriff als „den gültigsten aller immanenten Werte, den gültigsten aller Stoffe.“ Andere, und damit sind doch wohl ihre Parteifreunde aus der Zeit vor der Volksfront-Wende gemeint,  entlarvten ihn „als Betrug oder als eine Fiktion.“ Aber „auf jeden Irrtum in der Einschätzung der nationalen Frage reagieren die Massen unerbittlich“  Denn auch wenn der Vaterlandsbegriff „im Bewusstsein der heutigen Menschen“ längst entlarvt schien: Er regenerierte sich trotzdem täglich und minütlich aus dem Sein heraus. Jeder Zuruf in der Muttersprache, jeder Erdkrümel zwischen den Fingern, jeder Handgriff an der Maschine, jeder Waldgeruch bestätigte ihnen von neuem die Realität ihrer Gemeinschaft.“ Und da denkt man unwillkürlich daran,  wie Anna Seghers in einer Tagebucheintragung vom Juni 1933 beschreibt, wie sie ihre Kinder an der Grenze abholt: „Das mehrfarbige, karierte Kleid der Kleinen, der Geruch ihrer Haare machen mich verrückt vor Heimweh“ Und als sie die Taschen des kleinen Pierre leeren entdecken sie: „ein paar trockene Grashalme, ein Pfennig, eine Fahrkarte, ein Tannenzapfen: ein  halbes Deutschland.“[14]

Anna Seghers setzt dem dumpfen nationalsozialistischen Begriff des Vaterlands ein emanzipatorisches Verständnis von Vaterland entgegen. Sie erläutert anhand des Blicks eines durch Deutschland reisenden Schriftstellers  auf  „die grandiose, höllische, schwefelgelbe Leuna-Fabriklandschaft, die Herzpumpe seines Vaterlandes.“  Da könne man stolz sein auf das, was die Arbeiter dort aufgebaut hätten,  auf ihre sozialen Kämpfe und Errungenschaften, „auf die Zukunft von Leuna“  (Wie tragisch diese Zukunft dann sein würde, konnte Seghers ja nicht ahnen).  „Wer in unseren Fabriken gearbeitet, auf unseren Straßen demonstriert, in unserer Sprache gekämpft hat, der wäre kein Mensch, wenn er sein Land nicht liebte.“

Es passt zu einem Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur, dass Anna Seghers sich bei ihrer Suche nach einem emanzipatorischen Vaterlandsbegriff auch auf das deutsche kulturelle Erbe  bezieht und auf Schriftsteller wie Hölderlin, Büchner, Günderrode, Kleist, Lenz und Bürger verweist: „Diese deutschen Dichter schrieben Hymnen auf ihr Land, an dessen gesellschaftlicher Mauer sie ihre Stirnen wund rieben. Sie liebten gleichwohl ihr Land.“  Und so leiden, kann man ergänzen, auch die aus dem Dritten Reich geflohenen Schriftsteller an den  Zuständen in ihrer Heimat, so sind auch sie, wie 100 Jahre zuvor Heinrich Heine, aus dem Schlaf gebracht, wenn sie an Deutschland denken. Aber wie er lieben auch sie ihre Heimat, ihr verlorenes Vaterland,  und es ist Anna Seghers, die „Das siebte Kreuz“ mit einem wunderbaren Hymnus auf ihre Heimat beginnt. (15) Die Heimat, das Vaterland,  soll nicht den Nazis überlassen werden. So lautet denn auch der Schlussappell Anna Seghers: „Entziehen wir die wirklichen nationalen Kulturgüter  ihren vorgeblichen Sachwaltern. Helfen wir Schriftsteller am Aufbau  neuer Vaterländer!“  Und für die exilierten deutschen Schriftsteller bedeutete das, dem „anderen Deutschland“ Konturen zu verleihen, das zu repräsentieren sie mit Recht beanspruchten.

Für uns heute, das soll doch noch angefügt werden, haben Anna Seghers Überlegungen  zu Vaterland und Heimat angesichts von Globalisierung und weltweiten Migrationsbewegungen wieder besondere Aktualität gewonnen. Die Fragen, ob es (noch) eine spezifische deutsche Kultur gibt, was „Heimat“ für die Menschen heute bedeutet und welche Konsequenzen das für die Politik hat bzw. (nicht) haben sollte,   ob es  einen Patriotismus geben kann/darf,  der über einen ( m.E. eher kopflastigen und kaum Identität- stiftenden) „Verfassungspatriotismus“ hinausgeht, ob man nicht nur Scham empfinden muss über die unermesslichen Verbrechen, die im deutschen Namen begangen wurden, sondern auch stolz sein darf auf das große kulturelle Erbe unseres Landes: alle diese  Fragen sind mehr  denn ja aktuell- und dies gilt  damit auch für Anna Seghers Rede zur „Vaterlandsliebe“. Und aktuell ist ja sicherlich auch Anna Seghers Einsicht, dass man Begriffe wie „Vaterland“ und „Heimat“ nicht den Rechtsradikalen überlassen  darf.

Während die beiden Reden Heinrich Manns und Anna Seghers sich in das von den Veranstaltern des Schriftstellerkongresses vertretene Konzept einer übergreifenden antifaschistischen Einheitsfront einordneten, gab es auf dem Kongress aber durchaus auch kritische Töne, und zwar von rechts wie von links. So verteidigte Julien Benda im Blick auf die Sowjetunion die Unabhängigkeit des Schriftstellers, der italienische Historiker Gaetano Salvemini kritisierte die Angriffe auf die Freiheitsrechte im stalinistischen Russland und Madeleine Paz brachte den Fall des Schriftstellers Victor Serge zur Sprache, der wegen seiner trotzkistischen Ideen nach Sibirien verbannt wurde.[16] Auf der anderen Seite kritisierte Andé Breton den russisch-französischen Beistandspakt als eine Konzession an die bürgerliche Ordnung und Bertolt Brecht stellte der humanistischen Konzeption des Kongresses die marxistische Klassenfrage entgegen:

„Viele von uns Schriftstellern haben die Wurzel der Rohheit, die sie entsetzt, noch nicht entdeckt. Es besteht immerfort bei ihnen die Gefahr, dass sie die Grausamkeiten des Faschismus als unnötige Grausamkeiten betrachten. Sie halten an den Eigentumsverhältnissen fest, weil sie glauben, dass zu ihrer Verteidigung die Grausamkeiten des Faschismus nicht nötig sind. Aber zur Aufrechterhaltung der herrschenden Eigentumsverhältnisse sind diese Grausamkeiten nötig.“[17]

Bei allen politischen und literarischen Unterschieden, bei allen Diskrepanzen zwischen so vielen eigenwilligen Individuen wurde der Kongress aber doch „von einer großen Gemeinsamkeit“ getragen, wie Fritz J. Raddatz in der ZEIT schrieb.  „Es war ein Aufgebot des Protestes, aber auch der Hoffnung – heute schon Legende, damals geisteshistorisches Ereignis.“[18]

Congrès de 1935 Andre Gide

Auf der Rednertribüne André Malraux, rechts von Ihm André Gide. An der Wand das Portrait von Maxim Gorki

Herrmann Kesten, ein in den 1920-er Jahren und im französischen Exil der 1930-er Jahren äußerst einflussreicher Literat und Lektor, schrieb im Rückblick, er habe nicht an dem Kongress teilgenommen, der von Kommunisten „inszeniert, finanziert, dirigiert“ worden sei. Er sei nicht blind genug gewesen, „um gegen die Diktatur von Hitler, Mussolini, Salazar aufzutreten, die Greuel im Dritten Reich anzuklagen, und gleichzeitig die Augen vor den Greueln der Diktatur in Sowjetrussland zu schließen.“ Aber er sei doch zu den öffentlichen Sitzungen des Kongresses gegangen und habe nicht mit seinen vielen Freunden gerechtet, weder öffentlich noch privat, die sich dort engagiert hätten, „nicht einmal in meinem Herzen“.[19]

Aldous Huxley, einer der Kongressteilnehmer,  beklagte sich, zurück in England,  über fünf Tage „endloser kommunistischer Demagogie“: the thing simply turned out to be a series of public meetings organised by the French communist writers for their own glorification and the Russians as a piece of Soviet propaganda. Amusing to observe, as a rather discreditable episode in the Comedie Humaine‘.[20]

Hier wird deutlich, woran der Versuch, eine gemeinsame antifaschistische Bewegung herzustellen, schließlich scheiterte und warum der Kongress, wie Karola Bloch, die Ehefrau von Ernst Bloch,  bedauerte, „so wenige politische Auswirkungen“ hatte.  Es war die Haltung zur Sowjetunion angesichts der stalinistischen Schauprozesse. Der Bruch, der dadurch zwischen den antifaschistischen Intellektuellen entstand,[21]  wurde bald nach dem Kongress besonders deutlich an den Büchern von André Gide und Lion Feuchtwanger über ihre Reisen in die Sowjetunion: André Gide, Retour de l’URSS (1936) und Lion Feuchtwanger, Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde (1937).

André Gide hatte als Hauptredner und Ehrenvorsitzender des Kongresses zur Verteidigung der Kultur festgestellt, nichts sei „unwahrer als die Behauptung, dass die Sowjetunion uniformiere“ und ein Jahr später erklärte er bei der Totenfeier für Maxim Gorkij an der Seite Stalins auf dem Roten Platz in Moskau:  „Das Schicksal der Kultur ist in unseren Sinnen geknüpft an das Schicksal der UdSSR selbst. Wir werden sie verteidigen“. Gide kam nach seinen eigenen Worten „als überzeugter und begeisterter Anhänger nach Russland, willens und bereit, eine neue Weltordnung zu bewundern.“[22] Gerade deshalb erregte seine Kritik an den Zuständen im stalinistischen Russland großes Aufsehen und kostete nach der Schätzung Lion Feuchtwangers die Sowjetunion zwei Drittel ihrer Anhänger im Westen.[33] Feuchtwanger sah aber in Stalin einen unverzichtbaren Verbündeten im Kampf gegen Hitler. So ging es ihm in seinem Bericht über die Reise in die Sowjetunion auch darum, „das von Desillusionierung gezeichnete Bild, mit dem André Gide aus der Sowjetunion zurückgekehrt war, zu widerlegen.“ So wurde Feuchtwanger zum Propagandisten Stalins und -wie auch Heinrich Mann- zum Verteidiger der Moskauer Prozesse.[24]

Der Pariser Kongress zur Verteidigung der Kultur von 1935 ist eine wichtige Etappe auf dem Weg zur französischen Volksfront, der Frankreich  grundlegende Reformen zu verdanken hat. Auch der Versuch des Zusammenschlusses der deutschen Opposition gegen Hitler in einer deutschen Volksfront (der Lutetia-Kreis) baut auf den Erfahrungen des Kongresses von 1935 auf. Allerdings markieren der Kongress zur Verteidigung der Kultur und die Volksfront-Bündnisse  auch den kurzfristigen Höhepunkt einer großen Illusion, die schon bald danach zerbrach: Der Illusion einer möglichen dauerhaften Allianz zwischen den der Freiheit verpflichteten  linken Intellektuellen der westlichen Demokratien und der stalinistischen Sowjetunion und ihren Gefolgsleuten. Aus historischer Perspektive  bleibt dennoch auch  festzuhalten, dass der Schriftstellerkongress von 1935  „ein historischer Vorläufer des großen militärischen Bündnisses gegen den Krieg der Nazis“ war- auch wenn Stalin 1939 erst einmal gemeinsame Sache mit Hitler machte und das  Bündnis mit den westlichen Demokratien erst von dem Eroberungs- und Vernichtungskrieg Hitlers gegen die Sowjetunion erzwungen wurde. Und anders als 1935 und 1936 konnte es, als dieses Bündnis eingegangen wurde, nicht mehr den geringsten Zweifel an dem verbrecherischen und imperialistischen Charakter der stalinistischen Sowjetunion geben….  [25]

 

 

Anmerkungen

[1] https://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Themen/schriftstellerkongress.html

[2] Siehe dazu den Blog-Beitrag über das Exil deutscher Schriftsteller in Frankreich: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/592

[3] Siehe: Paris 1935. Erster Internationaler Schriftstellerkongreß zur Verteidigung der Kultur. Reden und Dokumente. Mit Materialien der Londoner Schriftstellerkonferenz 1936. Einleitung und Anhang von Wolfgang Klein, Berlin (Ost): Akademie-Verlag 1982

und –mit informativen Einführungen: Sandra Teroni, Wolfgang Klein (Hrsg): Pour la défense de la culture: Les textes du Congrès international des écrivains Paris juin 1935. Dijon 2005

Wie bedeutsam die Beziehung auf das kulturelle Erbe für den deutschen Widerstand war, zeigen besonders anschaulich die Flugblätter der Weißen Rose.  (Berufung auf Goethe und Schiller, auf Lao-tse, Cicero, Aristoteles, Novalis und das Alte Testament).

[4] http://www.gisele-freund.com/international-congress-for-the-defense-of-culture-hall-of-the-mutualite-paris-21th-of-june-1935/  Neben Gisèle Freund war es nur noch David Seymour, genannt Chim, der Aufnahmen von dem Kongress und seinen Teilnehmer/innen machte.

[5] https://www.1000dokumente.de/pdf/dok_0020_fra_de.pdf

[6] © David Seymour/Magnum Photos. Siehe  auch: https://www.icp.org/browse/archive/objects/demonstration-at-the-international-congress-for-the-defense-of-culture-paris

[7] Golo Mann, Erinnerungen und Gedanken. Lehrjahre in Frankreich. FFM 1999, S. 93

[8] http://www.albin-michel.fr/ouvrages/voyage-a-moscou-juin-juillet-1935-cahier-ndeg-29-9782226058607

[9] Zitiert in  Paris 1935, S. 462

[10] Golo Mann, Erinnerungen und Gedanken. Lehrjahre in Frankreich. FFM 1999, S. 91/92

[11] Abdruck der Rede bei Klein, Paris 1935 und in: https://das-blaettchen.de/2015/07/reden-auf-dem-schriftstellerkongress-zur-verteidigung-der-kultur-in-paris-1935-33406.html

[12] Zum französischen Exil von Anna Seghers siehe den Blog-Beitrag „Dadurch,  dass ich zum Glück die Kinder habe, ist alles doppelt schwer“   https://wordpress.com/post/paris-blog.org/11274 

Abdruck der Rede bei Klein, Paris 1935

Die Zitate stammen aus dem Vorwort zum ersten Heft der 1933  unter Mitwirkung von Anna Seghers in Prag erschienenen Exilzeitschrift „Neue Deutsche Blätter“.

[13] Siehe Christiane Zehl Romero, Anna Seghers, Eine Biographie 1900-1947.. Berlin 2000, S. 271

Bildquelle: http://www.gisele-freund.com/international-congress-for-the-defense-of-culture-hall-of-the-mutualite-paris-21th-of-june-1935/

[14] Anna Seghers, sechs Tage, sechs Jahre. Tagebuchseiten. In ndl vom 9. September 1984

(15) Siehe dazu. Birgit ohsen, „Heimat“ im Exilwerk von Anna Seghers. Berlin 2017

[16] Siehe: https://journals.openedition.org/monderusse/6620

[17] http://www.deutschlandfunk.de/fuer-die-freiheit.871.de.html?dram:article_id=127007

[18] Fritz J. Raddatz,  Fast vergessene Dokumente: Der Schriftstellerkongreß zur Verteidigung der Kultur in Paris 1935. In: DIE ZEIT 17/1985 vom 19. April 1985

Das nachfolgende Bild aus: http://e-gide.blogspot.com/2008/10/au-congrs-de-1935.html

©David Seymour/Magnum Photos

[19] Herrmann Kesten, Dichter im Café. Ullstein Taschenbuch 1983, S. 72

[20] https://www.theguardian.com/observer/comment/story/0,6903,1361235,00.html

[21] Michel Aucouturier in seiner Rezension von Teroni/Klein, Pour la défense  de la culture. https://journals.openedition.org/monderusse/6620

[22] Hans Christoph Buch, Wer betrügt, betrügt sich selbst. Die Zeit, 3.4.1992.

https://www.zeit.de/1992/15/wer-betruegt-betruegt-sich-selbst/seite-2

[23]https://www.tagesspiegel.de/kultur/lion-feuchtwanger-in-moskau-stalin-mon-amour/21014434.html

[24] Siehe dazu: Anne Hartmann, Ich kam, ich sah, ich werde schreiben. Lion Feuchtwanger in Moskau 1937. Eine Dokumentation. Göttingen 2017,  Rezension: https://www.deutschlandfunk.de/buch-ueber-feuchtwangers-russland-reise-ueberfordert-in.700.de.html?dram:article_id=417615

[25] Eberhard Spreng im Deutschlandradio Kultur vom 21.6.2010 https://www.deutschlandfunkkultur.de/fuer-die-freiheit.932.de.html?dram:article_id=130845

 

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu deutschsprachigen Schriftstellern in Paris/im französischen Exil:

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“
  • Die Schokoladenfabrik Menier in Noisiel an der Marne: repräsentative Fabrikarchitektur und patriarchalischer Kapitalismus im 19. Jahrhundert
  • Die Villen der Meniers in Paris und das Familiengrab auf dem Père Lachaise 
  • „Les enfants de Paris“: Pariser Erinnerungstafeln/plaques commémoratives zur Zeit 1939-1945

 

 

Das Hotel Lutetia (2): Geschichten und Geschichte

 

Im Januar 2019 wurde auf diesen Blog ein Text über das  nun gut 100 Jahre alte 2018 neu eröffnete Pariser Hotel  Lutetia eingestellt:  Ein Bauwerk zwischen Art Nouveau und Art Déco in neuem Glanz.[1]  Am Anfang wird dort aus einem  anlässlich der Neueröffnung erschienenen Artikel der „Süddeutschen Zeitung“ zitiert:

Könnte man alle Gäste des vergangenen Jahrhunderts hier versammeln, dann stünden nicht nur Charles de Gaulle, Pablo Picasso und Heinrich Mann gemeinsam an der Bar, dann träfen die Überlebenden deutscher Vernichtungslager in der Lobby auf Wehrmachtsoffiziere, die von hier aus Frankreich ausspionierten. Von 1940 bis 1944 besetzte der als Abwehr bezeichnete militärische Geheimdienst der Nazis das Hotel. Zwischen April und August 1945 wurden am selben Ort alle deportieren Juden und Widerstandskämpfer versammelt, die nach Frankreich zurückkehrten. Und als wäre all das nie passiert, sitzen entlang der Fassade damals wie heute kleine, dicke Putten zwischen übervollen Weinreben. Anfang des 20. Jahrhundert in Stein gehauen von Paul Belmondo, dem Vater des Schauspielers Jean-Paul Belmondo.“[2]

Das Hotel Lutetia ist, das wurde ja auch schon im ersten Teil des  Blog-Beitrags  deutlich,  ein ganz außerordentliches Hotel voller Geschichte und Geschichten- jetzt sogar mit literarischem Ruhm gekrönt. Denn es ist gerade dieses Hotel, in dem  sich Édouard Péricaut,  die  zentrale Figur in  dem wunderbaren Roman  „Wir sehen uns da oben“ von Pierre Lemaitre, in den letzten Tagen vor seinem selbstgewählten Tod  einquartiert.  Im Ersten Weltkrieg  wurde sein Gesicht von einer Granate entstellt  und er wurde für tot erklärt. Nach dem Krieg bietet er unter falschem Namen  Kriegerdenkmäler an und  kommt durch die Anzahlungen  rasch zu Geld. So kann er sich, als Monsieur Eugène,  eine noble Suite im Lutetia leisten  und  erregt mit seiner Freigiebigkeit und den phantasievollen  Masken, mit denen er seine „geule cassée“ verdeckt,  Aufsehen.

„Niemand wusste, womit er sich eigentlich beschäftigte, immer trug er übergroße Masken und niemals dieselbe, und er hatte alle möglichen phantastischen Einfälle: ein Kriegstanz auf dem Korridor, sodass die Zimmermädchen losprusteten, oder dekadent großzügige Blumenlieferungen…. Er schickte die Laufburschen in das gegenüberliegende Kaufhaus Bon Marché, damit sie dort die unmöglichsten Sachen für ihn kauften, von Talmi über Federn, Papier mit Goldschnitt, bis hin zu Filz und Farben, und alles fand man dann auf seinen Masken wieder. Und das war längst nicht alles! In der letzten Woche hatte er ein Kammermusikorchester mit acht Musikern ins Hotel bestellt. Kaum hatte man ihn über deren Ankunft informiert, war er die Treppe heruntergekommen und hatte sich auf die erste Stufe gegenüber dem Empfang gestellt, um den Takt anzugeben. Das Orchester führte den ‚Türkischen Marsch‘ von Lully auf, wonach er wieder nach oben verschwand. Monsieur Eugène hatte an das gesamte Personal Fünfzig-Francs-Scheine verteilt, wegen der Umstände.“[3]

Welches andere Pariser Hotel wäre passender gewesen für die letzten Tage des Monsieur Eugène?   Und welches andere Hotel  hätten Georgette und Bernard, ein literarisch und philosophisch hochgebildetes Paar von über 80 Jahren, wählen können, um dort im November 2013 vor ihrem Freitod  gemeinsam eine letzte Nacht zu verbringen?  Die Wahl der „Liebenden des Lutetia“,  fiel auch –aber wohl kaum alleine deshalb-  auf  dieses Hotel, weil Georgette 1945  dort ihren Vater nach 5-jähriger Deportation wiedergefunden hatte…   [4]

 

Midnight in the Lutetia

Aber natürlich ist das Lutetia vor allem ein Ort prallen Lebens, besonders in den zwanziger Jahren, die auch für das Lutetia die „goldenen“ waren. Aufgrund seiner Lage und Architektur war das Hotel  Anziehungs- und Treffpunkt  einer anspruchsvollen  und i.A. auch wohlhabenden  Kundschaft. Würde man, wie die Süddeutsche Zeitung ansatzweise in ihrem anfangs zitierten Artikel die ganze Prominenz vereinen, die zu den Kunden des Lutetia gehörte, dann käme ein höchst eindrucksvolles Panorama  zusammen. Hier nur eine kleine Auswahl:

Da ist beispielsweise André Malraux,  der 1921 der Bitte der Übersetzerin   Clara Goldschmidt (seiner späteren Frau)  nachkam, sie endlich von ihrer Jungfernschaft zu befreien. [4a] Und das geschah genau am 14. Juli, dem Nationalfeiertag, und eben im Hotel Lutetia, wo der junge Schriftsteller André Malraux  (und spätere Kulturminister de Gaulles) damals – wenn auch nur in einem  kleinen Zimmer (chambre de bonne)- wohnte.  Im gleichen Jahr machte  der junge Offizier Charles de Gaulle  während seiner Hochzeitsreise  im Lutetia Station  und hatte offenbar  so gute Erinnerungen daran, dass er das Hotel auch danach noch mehrfach frequentierte –ebenso wie seine Frau, die eine treue Kundin des Bon Marché war. Als im Juni 1940 der gerade zum General avancierte de Gaulle als  Unterstaatssekretär ins Kriegsministerium nach Paris versetzt wurde, logierte er wieder im Lutetia,  bevor er es –vor der anrückenden Wehrmacht- wieder verlassen musste, um der schon in den Süden ausgewichenen Regierung zu folgen. Und dieser Aufbruch war offenbar so überstürzt, dass er einen Teil seiner Ausrüstung dort zurückließ, u.a. sogar seinen Offizierssäbel von der Militärschule St. Cyr. Alles wurde im Keller wohlverwahrt bis zur Libération, und  sicherlich  –zumindest zum Schluss-  im Rang einer Reliquie.

Und dann findet sich im Lutetia der Zwischenkriegszeit fast alles ein, was im literarischen und intellektuellen Leben Frankreichs Rang und Namen hat. So André Gide, der öfters für einige Tage im Lutetia wohnt, um dort in Ruhe zu schreiben, sich mit befreundeten Schriftstellern zum Tee zu treffen und mit manchen Freunden auch noch danach. So auch Roger Martin du Gard, der französische Literatur-Nobelpreisträger von 1937, der sich im Lutetia einquartiert, um seinen zahlreichen gesellschaftlichen und literarischen Verpflichtungen nachkommen zu können, die diese Auszeichnung mit sich brachte. Das Lutetia betrachtete ihn gewissermaßen als seinen Nobelpreisträger. Auch Antoine de Saint-Exupéry war  öfters mit seiner Frau Gast  im Lutetia, wenn er mal wieder –über beide Ohren verschuldet-  finanzielle Auseinandersetzungen mit seinen Vermietern hatte. Das hinderte das Paar allerdings nicht,  jeder ein extra  Zimmer und sogar auf verschiedenen Stockwerken zu beziehen. Saint-Exupéry wird sich beim Auszug sicherlich nicht, wie de Gaulle 1940, mit der „parole historique: ‚Ma note, je vous prie‘“  verabschiedet haben.[5]  Aber ich nehme  an, dass das Lutetia da großzügig war. Immerhin hatte man einen „VIP“ mehr unter den Kunden, mit denen man den Ruf des Hotels weiter mehren konnte. Und an diesem Ruf arbeitete das Lutetia auch ganz bewusst und raffiniert. Ab und zu wurde etwa ein Hotel-boy durch die Lobby oder die verschiedenen Salons geschickt, um – beispielsweise- Mr. Charlie Chaplin auszurufen, als würde der gerade im Lutetia wohnen und am Telefon verlangt- und das konnten dann ein anderes Mal Jean Gabin,  Picasso oder Matisse sein.  Der Möglichkeiten waren viele und die Anwesenden fühlten sich in jedem Fall sicherlich erhoben und in ihrer Überzeugung gestärkt, mit dem Lutetia eine exzellente Wahl getroffen zu haben.

Denn dann gab es ja auch noch die Ausländer im Lutetia. Russische Emigranten beispielsweise, die Amerikaner, vor allem natürlich  Joséphine Baker,  „qui y séjourna souvent avec sa tribu d’enfants“ (Hoteltext), der Kreis  um Hemingway und –nicht zu vergessen: Samuel Becket und James Joyce, der –wie Assouline berichtet, einem Angestellten des Hauses auf die Frage, was er denn wirklich mache, antwortete: „Moi? Je m’emploie à donner du travail aux universitaires pour les trois siècles à venir, au moins. J’y ai mis tellement de devinettes et d’énigmes que cela va bien les occuper. Il n’y a de meilleur moyen de gagner l’immortalité que de susciter la discussion des érudits sur ce qu’on a voulu dire.“ (S.149). Er sei also dabei, die Professoren der nächsten drei Jahrhunderte –mindestens- zu beschäftigen, so viele Andeutungen und Rätsel habe er in seine Werke eingebaut. Es gäbe kein besseres Mittel zur Unsterblichkeit als eine Diskussion zu provozieren, was man denn habe sagen wollen – ein Rezept, das ja auch von anderen Autoren – auch deutscher Sprache- befolgt wurde.

tunesien 005

Portrait von James Joyce, Paris 1937

aufgenommen von Josef Breitenbach, einem 1933 aus Deutschland  nach Paris emigrierten jüdischen Fotografen. Er portraitierte dort zahlreiche Künstler (Brecht, H. Weigel,  J. Roth, Wassily Kandinsky, Max Ernst…)  und dokumentierte fotografisch das kulturelle Leben des deutschen Exils  in Paris.

 

Auch nach dem zweiten Weltkrieg fehlte es im Lutetia nicht an Prominenz. Sartre wohnte zwar nicht in diesem Hotel, war aber öfters dort zu Gast ebenso wie Michel Foucault und Catherine Deneuve, die dort gewissermaßen eine Dependance hatte.  Ein prominenter Gast  des Hotels  war auch der gockelige Philosoph Bernard-Henri Levy,  der den damaligen französischen Präsidenten  Sarkozy und die französische Öffentlichkeit wortreich von der Notwendigkeit eines militärischen Eingreifens in Libyen überzeugte und der das dort angerichtete Chaos mit dem Verweis auf die Legitimität „progressiver Gewalt“ und die Französische Revolution  verteidigte.  (Die ist ja in Frankreich –wie auch derzeit wieder  im Zusammenhang mit den sogenannten Gelbwesten- gerade für manche linken Intellektuellen dazu gut, der Gewalt und dem Chaos positive Seiten abzugewinnen).  Dann zum Schluss  dieses ersten Blicks auf die Lutetia-Prominenz lieber noch eine nette Anekdote, den Komiker und Gründer der restos du cœur Coluche betreffend. Der quartierte sich in den 1980-er Jahren nach seiner Scheidung mehrere Wochen im Lutetia ein, ärgerte sich dabei aber über die Politessen, die an seinem vor dem Hotel aufgestellten Wagen  Strafzettel befestigten (kennen wir gut), worauf er sie aus seinem Hotelfenster  mit Joghurtbechern bewarf. ( Das erinnert mich an eigene Jugendstreiche, wobei wir in den kargen Nachkriegsjahren die unten vorbeilaufenden Passanten natürlich nicht mit wertvollem Joghurt bewarfen, sondern –im Sommer- lediglich mit etwas Wasser erfrischten). Die empörten Pariser Politessen wollten dann natürlich den Übeltäter ausfindig machen, was aber die Hotelleitung –devoir de réserve oblige- selbstverständlich verhinderte.

 

 

Die deutsche Volksfront, der Lutetia-Kreis und Heinrich Mann

Viel Prominenz also, so dass Woody Allan auch gut sein „Midnight in Paris“  im Lutetia – und allein  im Lutetia- hätte drehen können. Eine wichtige Episode des „Midnight in the Lutetia“  hätte dann  unbedingt  den  deutschen Emigranten im Lutetia der 30-er Jahre gewidmet sein müssen. Immerhin heißt „von 1933 bis zur Okkupation durch die Wehrmacht 1940 … die europäische Hauptstadt der deutschen Kultur Paris“.[6]  Viele Flüchtlinge von 1933 sahen sich in einer Traditionslinie , die von den deutschen Ehrenbürgern der ersten französischen Republik wie Schiller und Klopstock  über Heine und Börne bis zu ihnen reichte. „Insofern ist Paris anfangs nicht nur Flucht-, sondern auch Wunschort des künstlerischen Exils.“[7] Frankreich war denn auch  das Land mit der größten Zahl deutscher Flüchtlinge zwischen 1933 und 1939  – etwa 55.000 waren es ( mit allerdings stark abweichenden  Zahlenangaben in der Literatur),  von denen etwa 8000 in  Paris lebten bzw. zum Teil auch eher hausten. Denn mit Ausnahme der Volksfront-Regierung Léon Blums betrieben die französischen Regierungen eine äußerst restriktive Asylpolitik, eine Arbeitserlaubnis wurde nur in den seltensten Fällen gewährt. Für Intellektuelle und Schriftsteller, die die französische Sprache nicht oder nur unzureichend beherrschten und die von ihrem heimischen Publikum und ihren herkömmlichen finanziellen Ressourcen abgeschnitten waren, war die Situation natürlich besonders kritisch. Ein Mittel zum geistigen und materiellen Überleben war der Versuch, Paris zum intellektuellen und politischen Zentrum des deutschen Exils zu machen- mit deutschen Zeitungen, Exil-Verlagen, Cabarets, Literaten-Cafés, Solidaritäts-Gruppen wie dem SDS (das war damals der Schutzverband deutscher Schriftsteller)  und zum Treffpunkt und Tagungsort der deutschen Emigration.  Das Lutetia war dabei  allerdings eher der Prominenz vorbehalten: Zu ihnen gehörten u.a. auch Max Horkheimer, der Direktor des (Frankfurter) Instituts für Sozialforschung, der 1934 Stammgast im Lutetia war, der kommunistische „Pressezar“ Willi Münzenberg, Klaus Mann, der in der „Bar Lutèce“ mit André Gide über die ernüchternden Moskau-Erfahrungen diskutierte, und –natürlich- Heinrich Mann, der am 20. November 1935 seinen Bruder Thomas informierte: „Du erreichst mich brieflich oder telegraphisch bis 25. in Paris (7.) Hotel Lutetia, Bd. Raspail“. [8]

In Paris und im Lutetia hielt sich Heinrich Mann allerdings zur zeitweise auf. Während der ersten Jahre seines Exils lebte er nämlich an der Côte d’Azur,  so wie zeitweise viele andere deutsche Exilierte: Thomas und Golo Mann, Lion Feuchtwanger, Egon-Erwin Kisch, Joseph Roth, Franz Werfel, Arnold und Stefan Zweig, Franz und Helen Hessel, die Eltern von Stéphane Hessel, Bertolt Brecht und viele andere. [9]  Hier war -damals jedenfalls noch- das Leben wesentlich billiger als in Paris, und zunächst gingen viele davon aus, nach dem erhofften schnellen Zusammenbruch des NS-Regimes bald wieder vom sommerlichen Intermezzo am Meer nach Deutschland zurückkehren zu können. Die terroristische feste Etablierung der Nationalsozialisten bedeutete dann aber für die politisch engagierten Exilierten, sich im Exil als Repräsentanten eines „besseren“, „anderen“ Deutschlands einrichten zu müssen, einen Beitrag zum Kampf gegen den Faschismus zu leisten und gleichzeitig eine Zukunftsperspektive für ein Deutschland nach Hitler zu entwickeln. Und dazu sollte das Projekt einer deutschen Volksfront im Exil dienen. Voraussetzung eines solchen Zusammenschlusses von Kommunisten, Sozialdemokraten, Christen und bürgerlichen Intellektuellen war die Abkehr der Kommunisten von ihrer seit 1928 vertretenen ultralinken „Sozialfaschismus“-Theorie, nach der ihr Hauptfeind nicht der Nationalsozialismus, sondern die Sozialdemokratie sei. Diese Position wurde 1935 auf dem VII. Weltkongress der Komintern in Moskau selbstkritisch als „sektiererisch“ verurteilt, womit –zumindest formal- eine unabdingbare Voraussetzung für ein Volksfront-Bündnis geschaffen war. Und nun waren es gerade die Kommunisten, die hier die Initiative ergriffen:  Willi Münzenberg, der in Paris die kommunistische Öffentlichkeitsarbeit koordinierte, lud für den 26. September 1935 zu einer ersten Tagung ins Hotel Lutetia ein, die der Schaffung einer deutschen Volksfront dienen sollte. Eine weitere Konferenz folgte am 2. Februar 1936 wiederum  im Lutetia.  Das Umfeld dafür war günstig: Im Juni 1935 tagte in Paris im Haus der Mutualité der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur, Ausdruck eines notwendigen gemeinsamen Kampfes gegen den Faschismus.[10]  Am 14. Juli 1935, also dem französischen Nationalfeiertag,  verabschiedeten die französischen Kommunisten, Sozialisten und die –eher bürgerlich-linksliberalen- Radikalsozialisten einen Freundschaftsvertrag und Aktionsplan,  und an der Spitze des traditionellen Demonstrationszuges von der Bastille zur Place de la Nation marschierten die Führer der drei  die französische Volksfront tragenden Parteien. Am 16. Februar 1936 feierte die spanische Volksfront ihren Wahlsieg, am 3. Mai gewann bei den Parlamentswahlen  das französische Volksfrontbündnis unter Léon Blum.  Dazu kam die zunehmend deutlicher werdende Bedrohung durch die deutsche Aufrüstung:  Am 7. März 1936 marschierten deutsche Truppen ins entmilitarisierte Rheinland ein, von der NS-Propaganda als „Sprengung der Ketten von Versailles“ gefeiert.[11] Dass unter diesen Umständen die im Exil lebenden deutschen Antifaschisten sich zusammenschließen müssten, war also ein Gebot der Stunde.  Auf den organisatorischen Rahmen dafür einigte man sich bei dem Treffen im Lutetia vom 2. Februar. Es  wurde ein Leitungsgremium (Lutetia-Comité)  von Kommunisten, Sozialisten, Vertretern der SAP, des „Freiheitlichen Bürgertums“ und von Katholiken gebildet, das weitere Tagungen der Plenarversammlung  (Lutetia-Kreis)  und die Schaffung einer Deutschen Volksfront vorbereiten sollte. Zum  überparteilichen Vorsitzenden des  Lutetia-Comités wurde Heinrich Mann gewählt.[12]

mann1

Heinrich Mann im französischen Exil (Foto Buddenbrook-Haus Lübeck)

Dass die Wahl gerade auf ihn fiel, war kein Zufall. Denn Heinrich Mann war schon in der Weimarer Republik eine repräsentative Gestalt der deutschen Demokratie und Literatur gewesen- 1932 hatte ihn der Kreis um die „Weltbühne“ sogar als  Präsidentschaftskandidaten –gegen Hindenburg, Hitler und Thälmann ins Spiel gebracht-   er war in Frankreich genauso heimisch wie in Deutschland und vor  allem hatte er schon 1932, also vor der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten und  lange vor dem Kurswechsel der Kommunisten, für eine Einheitsfront der Arbeiterparteien geworben und die Kommunisten aufgefordert, ihre rein platonischen Forderungen nach einem Umsturz der Gesellschaft aufzugeben, „wodurch nur ihre alleräußersten Feinde die Macht bekämen, ihnen alles zu nehmen“ [13],  was sich dann ja auch auf tragische Weise bestätigte.

Jetzt war also Heinrich Mann zum „Wortführer der antifaschistischen Bewegung“  (Kantorowicz) geworden, die im Hotel Lutetia versuchte, sich organisatorische Strukturen zu geben und sich auf gemeinsame Grundsätze für ein postfaschistisches Deutschland zu einigen. Heinrich Mann reiste nun also öfters  von Nizza, wo er damals wohnte,  nach Paris und nahm dafür die Strapazen ganztägiger Bahnreisen auf sich: „Ich war eine Woche abwesend und in Paris durch unsere neueren Bemühungen bis zur Erschöpfung beansprucht“, schrieb er am 6. Februar 1936 seinem Bruder. (Briefwechsel, S. 225).  Immerhin wohnte er dann im Lutetia, das er von Besuchen in den 20-er Jahren gut kannte und das ganz sicherlich auch seinem Bedürfnis nach Repräsentation entsprach: Die Treffen des Lutetia-Kreises mit zum Teil über 100 Teilnehmern fanden sogar im nobelsten Salon des Hauses, dem damaligen  „Président“ (heute Salon Cristal) statt.

363

(Das Bild wurde 2011 bei einem Kammerkonzert noch vor der Renovierung des Hotels ausgenommen)

dsc01637 hotel lutetia wolf (22)

361

     Details des unter Denkmalschutz stehenden Salon Cristal mit seinen Lalique-Leuchten

 

Zu den Teilnehmern der Treffen im Lutetia  gehörte auch als Vertreter  der SAP, einer linken Abspaltung der SPD, Willy Brandt, der dazu aus seinem norwegischen Exil nach Paris kam. In seinen Erinnerungen schreibt er:

„Ich hatte 1934,1935, auch im Frühjahr 1936 noch meine Erfahrungen gemacht mit den Exiloberen und dem Pariser Emigrantenmilieu, aber auch Hoffnungen gezogen aus der breiten sozialistisch-kommunistischen Einheitswelle, die zuerst und vor allem eine antifaschistische Welle zu sein schien. Sie erfasste Frankreich und rollte durch das Paris der vertriebenen Deutschen. Ich sprach auf großen Versammlungen, Zusammenkünften deutscher Schicksalsgefährten und ließ mich (…) von der neuen Aufbruchstimmung mitreißen…“[14] 

Das Projekt einer Deutschen Volksfront hatte drei Adressaten:  zunächst natürlich die Exilierten selbst, deren Zersplitterung überwunden und deren Status und  materielle Grundlagen verbessert werden sollen. In diesem Bereich kam es im Lauf des Jahres 1936 während der Regierungszeit des Front Populaire in Frankreich auch durchaus zu Fortschritten.[15] Adressaten waren natürlich auch  die Deutschen in der Heimat, die man der Solidarität  versichern und  zum Widerstand aufrufen wollte. Das geschah zum Beispiel mithilfe einer „Kundgebung an das deutsche Volk“, die bei dem Treffen vom 6. Februar 1936 im Lutetia verabschiedet und massenhaft in Deutschland verbreitet wurde.  Welche Resonanz sie dort fand, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Und schließlich wandte man sich auch an  die Bevölkerung/die Regierungen der Länder, die die aus Deutschland geflohenen bzw. vertriebenen Menschen aufgenommen hatten. Dabei ging es vor allem um eine Aufklärung über die Zustände in Deutschland und um die Warnung  vor einem drohenden Krieg.  Im Dezember 1936 wurde von dem Volksfrontausschuss  ein gemeinsamer Aufruf  „Bildet die deutsche Volksfront! Für Frieden, Freiheit und Brot!“ verabschiedet und in den Publikationsorganen des Exils, aber auch in ausländischen Zeitungen wie „L’Humanité“ veröffentlicht.[16]

dsc03351 aufruf dt volksfront

(Pariser Tageszeitung vom 8.1.1937)

Darin steht an erster Stelle die Gefährdung des Friedens durch Nazi-Deutschland:

Die Volksinteressen werden rücksichtslos der Vorbereitung eines neuen Krieges geopfert, der furchtbarer sein wird als alle bisherigen Kriege. Auf dem letzten Nürnberger Parteitag hat Adolf Hitler die Steigerung dieser Politik angekündigt. Sie droht nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt in eine entsetzliche Katastrophe zu stürzen.“

Angesichts der Appeasement-Politik Frankreichs und Großbritanniens  stießen  solche Warnungen allerdings eher auf taube Ohren.  Die Vertreter des deutschen Exils waren da gewissermaßen einsame Rufer in der Wüste… 

Besonders schwierig waren die programmatischen  Diskussionen und Auseinandersetzungen  im Lutetia-Kreis, an denen sich auch Heinrich Mann intensiv beteiligte.  Selbstverständlich war für ihn, der 1932 ein leidenschaftliches „Bekenntnis zum Übernationalen“ veröffentlicht hatte, dass ein vom Faschismus befreites Deutschland  seinen Platz in einem geeinten Europa haben müsse. Und besonders wichtig war für ihn die Rolle der Erziehung in einem künftigen deutschen „Volksstaat“, also  die Herausbildung von vernünftigen, verantwortungsbewussten, „sittlichen“ Menschen, wie er in einem  Beitrag  über ein „Minimalprogramm der Deutschen Volksfront“ betonte.  Dass  er damit die ethische Dimension über die rein sozial-ökonomische stellte, stieß allerdings auf den Widerstand von Kommunisten und Sozialisten.[17] In diesen Programmdiskussionen wurden schon von Anfang an die  erheblichen ideologischen Gegensätze innerhalb und  zwischen den verschiedenen Gruppierungen und Vertretern des deutschen Exils deutlich, die  wesentlicher Grund für das Scheitern des Projekts einer Deutschen Volksfront waren.  Dazu kamen Zweifel des Vorstandes der Exil- SPD in Prag am Kurswechsel der KPD, so dass die SPD-Mitglieder im Lutetia-Kreis und –Komitee keine offiziellen Vertreter des SOPADE-Vorstandes in Prag (also der Exil-SPD) waren, sondern gewissermaßen  auf eigene Initiative agierten. Es gab ja auch durchaus kommunistische Hardliner, die der Auffassung waren,  Willi Münzenberg  komme den Bürgerlichen im Volksfront-Kreis zu sehr entgegen. Als Scharfmacher tat sich da besonders der im Moskauer Exil lebende Walter Ulbricht, der spätere Statthalter Stalins in der SBZ/DDR,  hervor, den Heinrich Mann als „vertracktes Polizeigehirn“ bezeichnete, das man loswerden müsse. [18]  Entscheidend waren aber  vor allem die Moskauer Prozesse: Im August 1936 wurden im ersten Schauprozess Sinowjew, Kamenew und weitere  Mitstreiter Lenins wegen angeblicher Beteiligung an einem trotzkistischen Mordkomplott zum Tode verurteilt. Und André Gide, ein Jahr zuvor noch von den Kommunisten auf dem internationalen Pariser Schriftstellerkongress gefeiert, wurde nach der Veröffentlichung seines kritischen Reiseberichts „Retour de l’U.R.S.S.“ ebenfalls als Trotzkist abgestempelt und zum Opfer eines kommunistischen Kesseltreibens.[19]  Damit war im Grunde allen weiteren Volksfront-Bemühungen der Boden unter den Füßen weggezogen.

An Heinrich Mann jedenfalls lag dieses Scheitern nicht. Er war bei dem Projekt der Schaffung einer deutschen Volksfront durchaus mehr als nur ein als ein Aushängeschild.  Willy Brandt geht in seinen Erinnerungen sogar so weit, von der „Deutschen Volksfront des Heinrich Mann“ zu sprechen.[20]  Der war „die integrierende Figur“ in dem „zum Teil etwas wirren und kontroversen“ Lutetia-Kreis  (Walter Fabian), und er bemühte sich selbst noch nach den Moskauer Prozessen, zu kitten, was nicht mehr zu kitten war. Das wurde und wird ihm dann auch immer wieder massiv und zum Teil hämisch vorgeworfen. Heinrich Mann hat sich in der Tat „oft geirrt, verrannt“.[21]  Vor allem, was seine unkritische Haltung  gegenüber der stalinistischen  Sowjetunion angeht, die für ihn –wie Frankreich- ein Traumland  war, imaginierter Ort einer „verwirklichten Idee“.[22] Nur allzu richtig war aber seine Einsicht, dass nur zusammen mit der Sowjetunion der Kampf gegen den Faschismus zu gewinnen sei. Es war dann ja in der Tat die russische Bevölkerung, die die größten Opfer im Kampf gegen das Dritte Reich gebracht hat, und es waren die westlichen Alliierten, die sich mit Stalin verbündeten und ihm schließlich  weite Teile Europas auslieferten.

Neben seinen zeitraubenden und teilweise illusionären  politischen Aktivitäten hat Heinrich Mann aber auch  „an seinem herrlichen Toleranz- und Menschlichkeitsroman ‚Henri Quatre‘ geschrieben“,  der –und deshalb gehört er zu diesem Abschnitt- auch ein Volksfront-Roman ist.[23] Dieser historische  Roman war gedacht als Huldigung an den größten König, den Europa je hatte, wie Heinrich Mann in einem Brief an seinen Freund, den französischen Germanisten Félix Bertaux, 1937 schrieb. Darüber hinaus sei es ihm aber auch darum gegangen „à me consoler des malheurs du temps présent et à en concevoir la réparation“. In dem  monumentalen Roman entwirft  er ein Gegenbild zum nationalsozialistischen Deutschland:  Henri Quatre gewährt im Edikt von Nantes seinen Untertanen die Religionsfreiheit, das sonntägliche Huhn im Topf bezeichnet sprichwörtlich das  Bemühen des „guten Königs“, das Wohlergehen seines Volkes zu mehren, und Henri verzichtet im Roman auf jede kriegerische Expansion, um Frankreich nach langen Jahren äußerer und innerer Kriege endlich den Frieden zu sichern. Denen, die den Roman im Angesicht des Faschismus lasen, wird die Botschaft übermittelt, „dass das Böse und Furchtbare überwunden werden kann durch Kämpfer, die das Unglück zum Denken erzog, wie auch durch Denkende, die gelernt haben, zu reiten und zuzuschlagen“. (HM 1939). Dieser militante Humanismus war ein einigendes Band der deutschen Volksfront, und sie und die dort geführten ermüdenden ideologischen Debatten hat Heinrich Mann wohl auch im Kopf, als er seinen Helden nach einer langen Debatte mit Prälaten über seinen geplanten Übertritt zum Katholizismus denken lässt: „Gott hat nicht hingehört, ihn langweilen die Dinge des Glaubens, und ob ein Bekenntnis oder das andere, ihn rührt es nicht. Er nennt unseren Eifer kindisch, unsere Reinheit aber verwirft er als baren Hochmut“. (Bd II, S. 130).

mann,_heinrich_henri_quatre

Erstausgabe des „Henri Quatre“ 1935 und 1938

Die Lektüre des „Henri Quatre“ lohnt auch heute noch, was jedenfalls so unterschiedliche Menschen wie Elke Heidenreich, Ulrich Wickert oder Peer Steinbrück bestätigen. Besonders bewegend finde ich aber das, was  Denise Bardet in ihrem Tagebuch schreibt. Sie war  die Grundschullehrerin von Oradour-sur-Glane und wurde  am 10. Juni 1944 zusammen mit ihren Schülern von deutschen Soldaten ermordet.  Für sie stehen Heinrich Mann und sein „Henri Quatre“ für den „humanisme allemand“ und sie entnimmt dem Buch die Botschaft, all unseren Mut zu bewahren „au milieu de l’affreuse mêlée où tant de formidables ennemis mous menacent“. Und sie schreibt weiter: „Nous sommes, nous Français, en état de guerre avec l’Allemagne, et il est nécessaire aux Français de se durcir et de savoir même être injuste, et de haïr pour être aptes à résister… Et pourtant il nous est facile de continuer à aimer l’Allemagne qui n’est pas notre ennemie: l’Allemagne humaine et mélodieuse. Car dans cette guerre, les Allemands ont tourné leurs premières armes contre leurs poètes, leurs musiciens, leurs philosophes, leurs peintres, leurs acteurs…” (S. 51/52). Was für eine wunderbare Würdigung des “anderen, besseren” Deutschlands, als deren Repräsentanten sich die Emigranten und die im Lutetia tagendenden Vertreter der deutschen Volksfront verstanden.

 

 

Die deutsche Abwehr im Lutetia

Als die deutschen Truppen Frankreich besetzten und sich in Paris niederließen, kam es im Hotel Lutetia zu einem makabren Wechsel der deutschen „Gäste“:  Während die Mitglieder des Volksfrontausschusses entweder in Internierungslagern ums Überleben kämpften oder versuchten, über die Pyrenäen oder das Meer Frankreich zu verlassen, richtete Admiral Wilhelm Canaris im Hotel Lutetia die Pariser Zweigstelle seiner Abwehr ein – er selbst residierte in Berlin, im Lutetia war aber immer ein Zimmer für ihn reserviert.  Die feinen Herren von der Abwehr ließen es sich im Lutetia gut gehen. Allerdings mussten sie auf die besten Tropfen des Hauses verzichten, da das Personal diese vorher in einem fest zugemauerten Stollen unter dem Hotel sicher gelagert hatte. Gefangenenmisshandlungen, Folter oder dergleichen gab es im Lutetia  nicht. Das wussten die gefangenen Agenten und Widerständler. Aber sie wussten auch, dass sie- wenn sie sich nicht auf das angebotene „offene Gespräch von Mann zu Mann“ einließen, damit rechnen mussten, an die Gestapo übergeben zu werden- das Gefängnis Cherche-Midi lag gleich gegenüber im Boulevard Raspail.  1944  gehörte dann der Chef der Abwehr selbst zu den Opfern. Nach dem Attentat vom 20. Juli wird der „Meisterspion Hitlers“  von der Gestapo verhaftet. Er hatte sich zwar nicht an dem Anschlag auf Hitler beteiligt, hatte aber Männer des Widerstands in seinem Umkreis gedeckt,  und er hatte schon früh die Erschießung polnischer Intellektueller und die  nachfolgenden Judenmassaker –auch Hitler gegenüber- kritisiert. Am 9. April 1945 wurde er  –gemeinsam mit Dietrich Bonhoeffer-  im KZ Flossenbürg umgebracht, weil er  – mit seinen eigenen letzten Worten- versucht hatte, dem „verbrecherischen Wahnsinn Hitlers, der Deutschland zur Vernichtung führte“, entgegenzutreten.[24]

 

Das Lutetia als Treffpunkt der rescapés

Und als wäre das alles noch nicht genug: Noch einmal wurde das Lutetia nach der Befreiung zu einem außergewöhnlichen und mit der deutschen Geschichte eng verbundenen dramatischen Schauplatz: Hier versammelten sich „die den Lagern Entronnenen in gestreiften Pyjamas unter den Lüstern des Hotels“ (Patrick Modiano[25]) und hofften, hier Familienangehörige zu treffen. Und in der Eingangshalle und der Grande Galerie des Hotels, wo heute Gucci, Armani und Co ihre Preziosen ausstellen, waren die Wände bedeckt mit Suchmeldungen. Die Kinder von Irène Némirovsky haben hier mehrere Wochen lang –vergeblich- auf ihre Mutter gewartet. Die Rescapés sollten 3-5 Tage im Lutetia bleiben, um die erforderlichen Formalitäten zu erledigen und sich zu erholen- alles war schon von der provisorischen Regierung in Algier genauestens geplant, aber mit einem solchen Ausmaß von Elend hatte offenbar niemand gerechnet.

Dieses Elend wird sehr bewegend von Marguerite Duras in „La Douleur“ beschrieben: Das Warten auf ihren Mann Robert Antelme (im Buch Robert L.), seine mühsame Neuentdeckung von Normalität und  –natürlich- die erste Begegnung mit ihm nach seiner Befreiung aus dem Lager Buchenwald:

„Dans mon souvenir, à un moment donné, les bruits s’éteignent et je le vois. Immense. Devant moi. Je ne le reconnais pas. Il me regarde. Il sourit. Il se laisse regarder. Une fatigue surnaturelle se montre dans son sourire, celle d’être arrivé à vivre jusqu’à ce moment-ci. C’est à ce sourire que tout à coup je le reconnais, mais de très loin, comme si je le voyais au fond d’un tunnel. C’est un sourire de confusion. Il s’excuse d’en être là, réduit à ce déchet. Et puis le sourire s’évanouit. Et il redevient un inconnu. Mais la connaissance est là, que cet inconnu c’est lui, Robert L., dans sa totalité.”

Heute erinnert eine “in etwas verschämter Distanz zum Hoteleingang an der Außenfassade angebrachte Tafel“  (Jasper) an diese Zeit:

dsc01637 hotel lutetia wolf (5)

„Von April bis August 1945 wurden in diesem Hotel, das damals als Empfangszentrale diente, ein großer Teil der Überlebenden aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern aufgenommen. Diese Menschen waren glücklich, die Freiheit wiedergefunden zu haben und ihre Angehörigen, von denen sie gewaltsam getrennt waren. Ihre Freude kann aber nicht die Angst und den Schmerz vergessen machen, den die Familien jener Tausenden von Deportierten zu erleiden hatten, die hier vergeblich auf ihre Rückkehr warteten.“ (Übersetzung bei Jasper, S. 339)

 

Das Hotel Lutetia ist also nicht  nur in ein architektonisches Juwel aus Art Nouveau und Art Déco, sondern es ist auch ein außergewöhnlicher Ort der Erinnerung – gerade auch  an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte, an die damals begangenen Verbrechen, aber auch an den –in Frankreich viel zu wenig bekannten[26]–  deutschen Widerstand, an die Vertreter eines anderen, besseren Deutschland, die sich hier zusammenfanden. Auch eine darauf hinweisende Erinnerungstafel würde dem neu renovierten Hotel gut anstehen und wäre ein schöner Beitrag zur deutsch-französischen Freundschaft.  Sie könnte vielleicht diese Aufschrift haben:

In diesem Hotel trafen sich zwischen September 1935 und April 1937  Vertreter des deutschen  Widerstands unter dem Vorsitz des Schriftstellers Heinrich Mann,  um eine  Volksfront gegen die Hitlerdiktatur aufzubauen. 

Dieser „cercle Lutetia“ repräsentierte das aus dem Dritten Reich vertriebene  andere  Deutschland des Friedens und der Freiheit.

 

Dans cet hôtel se réunirent , entre septembre 1935 et avril 1937, sous la présidence de l’écrivain Heinrich Mann,  des antifascistes allemands qui voulaient fonder un Front populaire allemand contre la dictature hitlérienne.
Ce „cercle Lutetia“ représentait une Allemagne de paix et de liberté : celle que le IIIe Reich avait bannie. 

 

 

Literatur zum Weiterlesen:

Assouline, Pierre: Lutetia. Roman. Paris: Gallimard 2005. Deutsche Ausgabe: Lutetias Geheimnisse. München: Karl Blessing 2006

Cahier de jeunesse de Denise Bardet, Institutrice à Oradour-sur-Glane, Le 10 juin 1944 Ed. Lucien Souny 2002

Holz, Keith u. Schopf, Wolfgang: Im Auge des Exils. Josef Breitenbach und die Freie Deutsche Kultur in Paris 1933 bis 1941. Berlin: Aufbau-Verlag 2001. Édition française: Allemands en exil. Paris 1933-1941. Paris: Éditions Autrement 2003

Hôtel Lutetia. L’esprit de la Rive Gauche. Paris: Éditions Lattès 2009

Jasper, Willi: Hotel Lutetia. Ein deutsches Exil in Paris. München/Wien: Carl Hanser 1994 Französische Ausgabe: Hôtel Lutétia – Un exil allemand à Paris. Paris: Éditions Michalon 1995

Willi Jasper, Der Bruder Heinrich Mann. Eine Biographie. FFM 1994 (vor allem Kapitel IX: Exil)

Langkau-Alex, Ursula: Deutsche Volksfront 1932-1939. Zwischen Berlin, Paris, Prag und Moskau. 3 Bde  Akademie-Verlag 2004/2005

Langkau-Alex, Ursula:  L’année 1936 et le mouvement du front populaire allemand en exil.  In:  Matériaux pour l’histoire de notre temps, n°7-8, 1986. L’année 1936 dans le monde, sous la direction de Stéphane Courtois. pp. 6-8.    https://www.persee.fr/doc/mat_0769-3206_1986_num_7_1_401426

Simonin, Chantal: Heinrich Mann et la France. Une biographie intellectuelle. Villeneuf d’Ascq 2005

 

 

Anmerkungen:

[1]  https://paris-blog.org/2019/01/01/das-hotel-lutetia-1-ein-bauwerk-zwischen-art-nouveau-und-art-deco-im-neuen-glanz/

[2] https://www.sueddeutsche.de/reise/frankreich-pariser-chic-1.4058103

[3] Pierre Lemaitre, Wir sehen uns da oben. Stuttgart 2014, S. 420

[4] http://www.europe1.fr/faits-divers/main-dans-la-main-les-amants-du-lutetia-voulaient-mourir-ensemble-1719805

[4a] http://www.lepoint.fr/c-est-arrive-aujourd-hui/14-juillet-1921-andre-malraux-aide-clara-goldschmidt-a-perdre-sa-virginite-dans-une-chambre-de-bonne-13-07-2012-1485434_494.php  (Dass in diesem Artikel auch Michel Houellebecq eine Rolle spielt, passt historisch nicht ganz- gehört aber zur Konzeption dieser Artikelserie, in der historische Tatsachen und Fiktion munter vermischt werden).

[5] Assouline, S. 171

[6] Holz/Schopf, Klappentext

[7] Allemands en exil,  S. 13

[8] Thomas Mann-Heinrich Mann, Briefwechsel 1900-1949 FFM 1984, S. 225

[9] Siehe dazu den Blog-Text:  Exil in Frankreich: Sanary, Les Milles und Marseille.   https://paris-blog.org/2016/04/18/exil-in-frankreich-sanary-les-milles-und-marseille/

[10] Siehe dazu den entsprechenden Blog-Beitrag

[11] Jasper, Lutetia, S. 99

[12]  Siehe dazu im Einzelnen:

Jasper, Der Bruder Heinrich Mann, S. 288f;  Langkau-Alex, Deutsche Volksfront Band 1. Es gibt auch einen  Fernsehfilm von Hans Rüdiger Minow  aus dem Jahr  1982 zum Thema:  Per Adresse: Hotel Lutetia .   Bezug des Films über : https://wdr-mediagroup.com/geschaeftsfelder/i-o/mitschnittservice/#privatpersonen  Ein kleiner Ausschnitt ist zu sehen unter:  https://www.google.de/search?q=Per+Adresse%3A+Hotel+Lutetia&oq=Per+Adresse%3A+Hotel+Lutetia&aqs=chrome..69i57.6717j0j8&sourceid=chrome&ie=UTF-8

[13] Arbeiterzeitung, Wien 3.4.1932

[14] Willy Brandt, Erinnerungen. Berlin 1997, S. 97

[15] Siehe dazu: Frédéric Monier, Léon Blum, les socialistes français et les réfugiés dans les années 1930. Fondation Jean Jaurès, 13.7.2016 https://jean-jaures.org/nos-productions/leon-blum-les-socialistes-francais-et-les-refugies-dans-les-annees-1930

[16] Bild und Text aus: Langkau-Alex, L’année 1936  https://www.persee.fr/doc/mat_0769-3206_1986_num_7_1_401426

siehe dazu auch: WDR, Stichtag vom 22.12. 2016:  21. Dezember 1936:  Emigranten rufen zu „Volksfront“ gegen Hitler auf.  https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag-emigranten-volksfront-hitler-paris-100.html

[17]  Siehe Langkau-Alex, Band 1, S. 342/343

[18] Siehe dazu: Stéphane Courtois,  La seconde  mort de Willi Münzenberg. In:  Communisme 38/39 (1994), S. 25 ff  Zitat aus: Willi Jasper, Der Bruder Heinrich Mann, S. 297f. In einem Brief an Lion Feuchtwanger  schrieb Heinrich Mann Ende Oktober 1937: „Das Dringlichste ist, den Ulbricht loszuwerden. (…) Er ist ein vertracktes Polizeigehirn, sieht über seine persönlichen Intrigen nicht hinaus, und das demokratische Verantwortngsgefühl, das jetzt erlernt werden muss, ist ihm fremd.“ (zit. bei Jasper a.a.O., S. 299)  Und Alfred Kantorowicz berichtete über ein Gespräch mit Heinrich Mann, in dem der über Ulbricht geäußert habe: „Sehen Sie, ich kann mich nicht mit einem Mann an einen Tisch setzen, der plötzlich behauptet, der Tisch, an dem wir sitzen, sei kein Tisch, sondern ein Ententeich, und der mich zwingen will, dem zuzustimmen.“. zit. a.a.O., S. 298/299

[19] Siehe dazu den Blog-Beitrag: Der Erste Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur im Haus der Mutualité in Paris 1935

[20] A.a.O., S. 108. Entsprechend auch in Willy Brandts Erinnerungsbuch „Links und frei. Mein Weg 1930-1950“.  Hamburg 1982. Da ist ein ganzes Kapitel „Heinrich Manns Volksfront“ gewidmet. (S. 140f)

[21] Volker Weidermann FAZ 4.8.2010

[22] Siehe Manfred Flügge, Traumland und Zuflucht. Heinrich Mann und Frankreich. Berlin 2013, S. 130f  Besonders deutlich wird die idealisierende Sicht Heinrich Manns auf die Sowjetunion in seinem Erinnerungsbuch „Ein Zeitalter wird besichtigt“.

[23] Zitate aus: Volker Weidermann FAZ 4.8.2010. Zum „Henri Quatre“ siehe auch: Wolf Jöckel, Heinrich Manns ‚Henri Quatre‘ als Gegenbild zum nationalsozialistischen Deutschland.  Worms 1977

[24] Richard Bessett, Hitlers Meisterspion. 2007, S. 277

[25] zit. von Jasper, S. 338

[26] Um nur einige Beispiele zu nennen: Das von dem französischen Historiker Gilbert Merlio immerhin 2001/2003  herausgegebene Standardwerk  über „Les résistances allemandes à Hitler“ kann noch für sich in Anspruch nehmen, „eine wenig bekannte Seite“ der deutschen Geschichte darzustellen und zu analysieren.  Das 2004 erschienene Buch Terry Parssinens über die durch das Münchner Abkommen vereitelten Staatsstreichpläne von 1938 trägt den Titel La Conspiration oubliée. Georg  Elser wird in dem ihm gewidmeten Text von Wikipedia fr vorgestellt als  „une figure majeure mais longtemps méconnue de la résistance contre le nazisme (https://fr.wikipedia.org/wiki/Georg_Elser ).  2015 war es schließlich die deutsche Botschaft in Paris, die das Erscheinen eines Buches über den deutschen Widerstand förderte, denn:  La résistance allemande au régime hitlérien demeure peu connue en France. Philippe Meyer, Ils étaient Allemand contre Hitler.   Das Vorwort zu dem Buch schrieb die damalige deutsche Botschafterin in Paris, Susanne Wasum-Rainer.  Auch meine eigenen Erfahrungen bestätigen, dass der deutsche Widerstand in Frankreich –auch unter Intellektuellen- wenig bekannt ist. Résistance gilt gewissermaßen als französisches Alleinstellungsmerkmal.

 

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu deutschsprachigen Schriftstellern in Paris/im französischen Exil:

 

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Das Haus der Mutualité in Paris (2): Der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen
  • Die Fontänen im Park von Versailles (2): Ausdruck absolutistischen Größenwahns
  • „Les enfants de Paris“: Pariser Erinnerungstafeln/plaques commémoratives zur Zeit 1939-1945