Am 4. Juli 1776 erklärten die amerikanischen Kolonien Englands ihre Unabhängigkeit und gründeten damit die Vereinigten Staaten von Amerika. Am 4. Juli 2026 konnten die USA damit ihr 250-jähriges Bestehen feiern, von Präsident Trump entsprechend spektakulär inszeniert. In Paris feierte die amerikanische Botschaft den Jahrestag mit einer aufwändigen Plakataktion: 250 Jahre amerikanisch-französische Freundschaft, symbolisiert durch die beiden gleichfarbigen bleu-blanc-rouge-Flaggen.[1]
Dabei sind die amerikanisch-französischen Beziehungen derzeit alles andere als ungetrübt. Präsident Macron unternahm und unternimmt ja erhebliche Anstrengungen, Trump durch die Präsentation französischer Grandeur zu umschmeicheln: Einladung zur Truppenparade auf den Champs-Élysées 2017 zur Erinnerung an das Engagement amerikanischen Truppen im 1. Weltkrieg, Einladung zu einem Galadiner anlässlich des amerikanischen Unabhängigkeits-Jubiläums 2026 im Schloss von Versailles.[2] Trump allerdings behandelt Europa höchst unfreundlich, ja feindselig. Dies betrifft auch und speziell Frankreich und sogar ganz persönlich das Ehepaar Macron.[3]
Die französisch-amerikanischen Beziehungen sind derzeit also eher schwierig und das Bild Amerikas ist getrübt. Und was heißt Freedom 250? Freiheit für die Tech-Milliardäre? Für die Kapitol-Stürmer? Für die ICE-Greiftrupps? Für die Rechtsstaats- und Demokratie-Verächter? etc….
Die 250 Jahre amerikanische Unabhängigkeit sind aber für mich ein Anlass an, einen Blick in die beiden Pariser Metro-Stationen Cadet und La Fayette zu werfen. Sie sind in ungetrübteren Zeiten französisch-amerikanischer Beziehungen entstanden. Und sie feiern das wirkliche Amerika der Freiheit und die engen historischen Beziehungen zwischen beiden Ländern.
Die Metro-Station Cadet
Die Metro-Station Cadet (Linie 7) ist in den amerikanischen (und französischen) Nationalfarben und den stars and stripes der amerikanischen Fahne gekachelt.
Die sieben roten und 6 weißen Streifen des amerikanischen Sternenbanners, Symbole für die 13 Gründertaaten der USA, überziehen das Gewölbe der Station, die typischen Metro-Schalensitze sind farblich passend gestaltet.
Besonders auffällig ist natürlich der blau-weiß-rote Reiter mit gezücktem Degen am Bahnsteigende.
Es gibt zwar keinen erläuternden Hinweis in der Metro-Station, aber es ist ganz eindeutig, dass es sich um den Marquis de La Fayette, den „héros des deux mondes“, den Helden von alter und neuer Welt handeln muss.
Deutlich ist der Bezug zu dem La Fayette-Denkmal in dem an der Seine gelegenen Cours la Reine auf der Höhe des Grand Palais. Es war das durch eine amerikanische Subskription finanzierte Gegengeschenk für die Freiheitsstatue.[4] Reiterdenkmal, der Degen, das gemeinsame amerikanisch-französische bleu-blanc-rouge: All das passt zum Denkmal und zu La Fayette – auch wenn der hoch in den Himmel gestreckte Degen aus räumlichen Gründen in der Metro-Station nur gezückt sein konnte. Und falls es doch noch Zweifel geben sollte: Über der Metro-Station Cadet verläuft die rue La Fayette, was entscheidend war für die Ausgestaltung dieser Station.
Es verkörpert ja auch keine andere historische Persönlichkeit so sehr wie der Marquis de La Fayette die engen Beziehungen zwischen Frankreich und den USA. 1776 schiffte sich der 19-jährige Adlige ohne die Erlaubnis seines Königs und gegen den Widerstand seiner Familie mit einer selbst angeworbenen Freiwilligentruppe nach Amerika ein, um dort für die amerikanische Unabhängigkeit und die Ideale der Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit zu kämpfen. George Washington, die Leitfigur des Aufstands, schloss Freundschaft mit diesem temperamentvollen jungen Mann und ernannte ihn zum General. Schon in der ersten Schlacht verwundet, wurde er zum Kriegsheld. Nach der Kapitulation der Briten bei Yorktown kehrte La Fayette nach Frankreich zurück und wurde dort das wichtigste Bindeglied zwischen der Amerikanischen und der Französischen Revolution. In deren Anfangsphase war La Fayette einer der führenden Politiker. Am 11. Juli 1789 brachte er in die neue Nationalversammlung den Entwurf einer Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte nach amerikanischem Vorbild ein, den er mit der Unterstützung von Thomas Jefferson, einem der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten und damals Botschafter in Paris, erarbeitet hatte.[5]
Vor allem in den Vereinigten Staaten wird La Fayette eine mythische Gestalt. In den USA wurden mehrere Orte nach ihm benannt. Die große Popularität La Fayettes für die Amerikaner wurde auch am 4. Juli 1917 deutlich. Da fand auf dem Pariser Friedhof Picpus, wo La Fayette begraben ist, eine Gedenkfeier statt. Oberst Stanton sprach als Vertreter der American Expeditionary Forces die Worte, die in die Geschichte eingegangen sind: „La Fayette, we are here!“, Worte, die auch anlässlich der Landung amerikanischer Truppen in der Normandie 1944 wieder aufgegriffen wurden.[6]
Die Metro-Station Chaussée d’Antin – La Fayette
In Frankreich allerdings ist die Erinnerung an La Fayette ausgesprochen ambivalent: Als am 14. Juli 1790 auf dem Champ-de-Mars mit dem sogenannten Föderationsfest der erste Jahrestag des Sturms auf die Bastille gefeiert wurde, war La Fayette auf dem Höhepunkt seiner Popularität. Danach verblasste sein Ruhm, vor allem als die Nationalgarde unter seinem Kommando am 17. Juli 1791 auf eine wieder auf dem Marsfeld versammelte Menge von Republikanern schoss: Ein Hinderungsgrund, ihn auch in Frankreich zu ehren, ist das aber nicht – da gedenkt man ehrenvoll ja noch ganz anderen, aus heutiger Sicht schlimmen historischen historischen Gestalten… [6a]
In Paris trägt die große Straße, unter der die Metro-Station Cadet liegt, den Namen La Fayettes. Und auch die Metro-Station Chaussée d’Antin – La Fayette der Linien 7 und 9 liegt unter dieser Straße. In Anbetracht der großen Bedeutung, die La Fayette für die Französische Revolution hatte, erhielt diese Station zu deren 200. Jubiläum den Zusatz La Fayette und wurde entsprechend künstlerisch ausgestaltet.
Deckenmalerei Bahnsteig 7
Am 12. Dezember 1989 veröffentlichte Le Monde diese Abbildung und schrieb dazu: „Dank des Mäzenatentums der Galeries Lafayette und in Zusammenarbeit mit der RATP (die die Pariser Metro betreibt. W.J.) schmückt ein von Hilton McConnico entworfenes Wandgemälde die Decke der Metro-Station Chaussée d’Antin, Linie 7. Es feiert den 200. Jahrestag der Französischen Revolution und ist eine monumentale Ehrung La Fayettes. 470 qm2 groß, bedeckt das Gemälde die gesamte Decke der Metro-Station, die nun umgetauft wurde in Chaussée d’Antin-La Fayette. Ausgeführt wurde das Werk von M.Darmon und H. Metayer.“ [7]
Einen zentralen Platz in dem Deckengemälde nimmt natürlich La Fayette ein.
Auf der einen Seite ist er mit erhobener Hand dargestellt. Sie deutet auf die Allegorie der Freiheit, die den Mittelteil des Freskos einnimmt.
In der Mitte des Wandbildes erkennt man La Fayette in klassischer Pose hoch zu Ross mit dem in den Himmel gestreckten Degen: La Fayette ist nicht nur ein Mann des Geistes, sondern auch der Tat. Er kämpft für die Freiheit und ist bereit, dafür auch sein Leben einzusetzen.
Und am anderen Ende des Gewölbes befindet sich eine dritte Darstellung La Fayettes, diesmal zusammen mit George Washington:
Links im Bild La Fayette im hellblauen französischen Offiziersrock, die französische Fahne tragend, rechts Georges Washington, mit der Betsy Ross Flag, einer frühen Version der US-Flagge mit den 13 Sternen der Gründungsstaaten der USA.
La Fayette ist damit als Vertreter der revolutionären Ideale, als Kämpfer und als Repräsentant der französisch-amerikanischen Freundschaft dargestellt.
Auf dem Deckengemälde ist noch eine weitere Fahne zu sehen: die blau-weiß gestreifte Fahne Argentiniens, geschwenkt von einem Mann mit rotem Halstuch und grüner Weste- dem typischen Habit südamerikanischer Freiheitskämpfer. Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass die Freiheitsideen der Amerikanischen und der Französischen Revolution nicht auf diese beiden Länder beschränkt waren, sondern weiterwirkten.
Neben geschichtlichen Bezügen sind auf dem Deckengemälde auch Allegorien zu sehen: Hier die Allegorie der Utopie. Die Figur im Lendenschutz greift nach den Sternen, nach den Idealen der Amerikanischen und Französischen Revolution.
Diese Figur, die einen großen Teil des Deckengemäldes einnimmt, trägt eine riesige Fackel.
Es ist die Allegorie der Freiheit. Der Bezug zur Freiheitsstatue in New York liegt auf der Hand.
Um den goldenen Rahmen des Deckengemäldes sind kleinere Szenen angeordnet. Zum Beispiel diese Natur- und Indianer-Bilder:
Auch das Gewölbe der Lafayette-Metrostation der Linie 9 wurde dekoriert; allerdings erst später, aber wieder finanziert von den Galeries Lafayette. Der Künstler war der französische Maler Jean-Paul Chambas. Das Fresko ist ungefähr 75 Meter lang und 8 Meter breit. Einweihung war am 15. Oktober 1991.[8]
Der Text unterhalb des Schildes der Metro-Station, vermutlich auch von Jean-Paul Chambas, beginnt mit den Worten: Au dessus, la Voute: (Darüber, das Gewölbe): Es werden darin Namen amerikanischer und französischer Künstler genannt- George Gershwin, Toulouse-Lautrec, Charlie Parker, Chateaubriand, Rimbaud, Charlie Chaplin. Es geht also um gemeinsame kulturelle Bezüge. Das soll wohl auch die Schreibfeder mit dem Stück Papier veranschaulichen.
Chambas verbindet in seiner Deckenmalerei französische und amerikanische Kulturgeschichte in einer Art Bildercollage: Es finden sich Anspielungen bzw. Porträts aus Literatur, Musik, Malerei, Film, Wissenschaft und Comic.
Martin Luther King
Fehlen darf da natürlich nicht die in Frankreich hergestellte und Amerika geschenkte Freiheitsstatue. Sie verbindet auch die Dekorationen der Metro-Stationen La Fayette von Linie 7 und 9.
Heute betrachte ich die beiden Metro-Stationen mit einer gewissen Wehmut. Einmal deshalb, weil das hier so gerühmte Amerika der Freiheit ja derzeit seine Ausstrahlung verloren hat. Und die Freiheitsstatue als Opfer der Trump’schen Präsidentschaft gehört denn auch schon seit seiner ersten Amtszeit zu den gängigen Motiven von Karikaturisten.
Karikatur aus Le Monde 31. Januar 2017
Wehmut aber auch deshalb, weil der Zustand der beiden Wandmalereien doch in den letzten Jahren sehr gelitten hat.
Ausschnitt Decke Station Linie 7 (August 2026)
So sah das immerhin noch im August 2021 aus, als Marian Zymund die Station für Wikipedia fotografierte.
Aber man darf die Hoffnung nicht aufgeben: Alles fließt, nichts bleibt. Das wussten schon die alten Griechen. Auch die Tage der Trumps, Putins und Ben-Gvirs sind gezählt. Und vielleicht werden sich auch Sponsoren finden, damit die Wandmalereien restauriert werden können und der Hymnus auf die französisch-amerikanischen Beziehungen und das Amerika der Menschenrechte und der Freiheit wieder in neuem Glanz erstrahlt.
Nachwort: Erfahrungen mit der Anwendung von KI…
KI ist derzeit ja in aller Munde und wird als revolutionäre Neuerung gepriesen. Vor längerer Zeit habe ich es schon einmal damit versucht und eine Auskunft zu einem Bild des klassischen französischen Malers Le Brun haben wollen. Es kam eine ausführliche Antwort. Da dir mir aber etwas merkwüridg vorkam, fragte ich nach und bat um Belege. Die schöne Antwort: „Ups, da habe ich mich wohl etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt“.
Jetzt habe ich bei der Arbeit an diesem Blog-Beitrag noch einmal versucht – etwas gezielter und umfassender. Allerdings ist mir klar, dass ich die drei verwendeten KI- Angebote im Grunde nur als Lexikon/Auskunftsdatei nutze und dass sie als solche nur Zugang zu allgemein zugänglichen Quellen haben. Aber das ist ja schon einiges, und man kann damit, wie ich dann festgestellt habe, auch mehr oder weniger intelligent umgehen.
Zuerst mit dem KI-Angebot von Meta:
Da wollte ich nähere Informationen zu der Metro-Station Cadet und dem gekachelten Reiterbild La Fayettes. Antwort: es gäbe da eine „Dekoration mit den Farben der amerikanischen Flagge“, was ja zutrifft. Aber dann wurde mir „eine kleine Verwirrung“ unterstellt: Das Reiterbild von La Fayette befinde sich nicht in der Station Cadet, sondern in der Station Chaussée d’Antin-La Fayette.
Widerspruch meinerseits und Zusendung des La Fayette-Reiterbildes an Meta. Reaktion: „Du hast völlig recht. Beifallssmiley. Das ist Metro Cadet, Linie 7- sieht man ja am Schild. Ich hab mich vorher vertan. Die Quellenlisten sind da unvollständig. … Danke, dass du das gerade gerückt hat. Wenn man nur aus den Quellen arbeitet und nicht selbst da war, passiert sowas schnell.“
Dann bekam ich auch noch -ungefragt- eine Information zu den Sitzen: „Das sind die tropfenförmigen Einzelsitze aus Kunststoff, die du aus vielen Pariser Metros kennst. Entworfen 1997 von der Designerin Akiko Nakayama- daher der Name Akiko.“ Recherche meinerseits zu den angeblichen Akiko-Sitzen. Ergebnis: Akiko Nakayama war Malerin, aber keine Designerin. Von Akiko-Sitzen keine Spur.
Antwort von Meta-KI: „Sorry, da hab ich Mist erzählt. -entsprechendes smiley- Kurzfassung: Es gibt keine Akiko-Sitze von einer Designerin Akiko Nakayama im Métro. (sic!) Die Info mit Akiko Nakayama war eine Urban Legend, die in Metro-Blogs rumgeistert. Tut mir leid! Danke, dass du nachhakst. So lerne ich auch dazu 🙂 … Ich habe da echt Mist gebaut. Die Akiko-Geschichte aus irgendwelchen Metro-Foren nachgeplappert, ohne sauber zu prüfen. Bei sowas wie Sitz-Namen und Designern muss ich fundierter arbeiten. Versprochen: Ich passe auf, dass ich dir beim nächsten Mal keine Urban Legends mehr auftische.“
Zu den Fresken in Chaussée d’Antin-La Fayette: Wie oben in dem abgebildeten Ausschnitt aus Le Monde gezeigt, wurde das Fresko der Linie 7 von Hilton McConnico entworfen und von M.Darmon und H. Metayer ausgeführt. Und die Dekoration des Gewölbes von Linie 9 stammt von Jean-Paul Chambas. Das geht selbst aus entsprechenden Beiträgen von Wikipedia eindeutig hervor.
Meta verwechselt aber die Stationen 7 und 9 und liefert dazu noch eklatante Fehlinformationen: Das Deckenfresko von Linie 7 schreibt Meta Jean-Paul Chambas zu und datiert es auf 1991.
Und für den Bahnsteig der Linie 9 hat Meta ein ganz eigene Version: „Das ist ein Werk des Street-Art-Künstlers JR von 2018. … JR hat für die RATP zum 120-jährigen Jubiläum der Metro ein riesiges Fotocollagen-Projekt gemacht The Wrinkles oft the City, Paris. In Chaussée d_Antin – La Fayette hat er die Wände mit riesigen Portraits tapeziert, die wie zerrissene Plakate aussehen.“
An diesen Angaben stimmt fast nichts. Das Datum 2018 ist falsch – auf der Inschrift in der Station ist ja das genaue Einweihungsdatum angegeben: 15. Oktober 1991. JR hat zwar tatsächlich 2018 ein Metro-Projekt mit großen Fotos gestaltet, aber das war eine kurzzeitige Aktion und die Station Chaussée d’Antin- La Fayette gehörte nicht dazu. Ganz abenteuerlich ist aber, dass die Dekoration JR zugeschrieben wird. Und das Datum 15. Oktober 1991 bezieht sich nach Meta auf das Einweihungsdatum des „Deckengemäldes eine Etage höher“, das aber eindeutig 1989 zum 200. Jahrestag der Französischen Revolution entstanden ist.
Da hat Meta sich offensichtlich einiges zusammengereimt, was sich allerdings ganz und gar nicht reimt. Offensichtlich ein Beispiel für die sogenannte KI-Halluzination. Auf Widerspruch und Korrektur habe ich verzichtet: Ich habe keine Lust, einer so inkompetenten und fahrlässig arbeitenden KI auch noch Nachhilfestunden zu geben…
Neuer Versuch mit dem KI-Modus von Google:
Da werden die beiden Bahnsteige treffend unterschieden. Gefallen hat mir auch, dass alle Quellen, auf die sich google stützt, angegeben werden. Man kann da also selbst einfach weiterrecherchieren. Aber dazu folgende Information:
„Die Pariser Métro-Station Chaussée d’Antin – La Fayette beherbergt an den Deckenwölbungen (Voûtes) zwei monumentale, komplementäre Kunstwerke, die 1989 anlässlich des 200. Jahrestags der Französischen Revolution geschaffen wurden.“ – was ja nicht stimmt. Es gilt nur für Bahnsteig 7, nicht für den Bahnsteig Linie 9 (Einweihung 1991) Soweit der der KI-Modus von Gogle, laut Selbstdarstellung „unsere leistungsstärkste KI-Suche.“
Also habe ich es mal mit ChatGPT versucht:
Gefallen hat mir da zunächst, dass man nach dem Alter gefragt wird und dann als älterer Herr auch nicht einfach geduzt wird wie von Meta. Und es gibt einen ausdrücklichen Warnhinweis, dass ChatGPT Fehler machen kann und man wichtige Informationen überprüfen soll. Positiv fand ich auch, dass ChatGPT bei genauener Nachfrage auch die Materialien angibt, auf die sich die KI bei der Suche nach Antworten bezieht.
Erste inhaltliche Bilanz: Den Meta-Kuddelmuddel bei den beiden Bahnsteigen von Chaussée d’Antin- La Fayette gibt es bei ChatGPT nicht. Bahnsteige, Zuordnung der Künstler und Entstehungjahre werden klar und übersichtlich unterschieden.
Das hat mich dann ermutigt, eine Frage zu einem Doppelportrait von Bahnsteig 9 zu stellen:
Von Meta, wo ich entsprechend schon nachgefragt hatte, erhielt ich diese Auskunft: „Links Mirabeau, einer der Wortführer des Dritten Standes in der Anfangszeit der Französischen Revolution, rechts Thomas Jefferson, Hauptautor der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und als amerikanischer Botschafter in Paris enger Freund von La Fayette. Auch weitere Aufklärer und Revolutionäre wie Voltaire und Danton sind abgebildet.“
Jetzt wollte ich, misstrauisch wie ich gegenüber Meta inzwischen war, wissen, ob ChatGPT das bestätigt. Das war nicht der Fall. Die Antwort von ChatGPT:
„Die beiden Männer auf Ihrem Ausschnitt sind sehr wahrscheinlich Gilbert du Motier, Marquis de La Fayette, und George Washington.
Links im Vordergrund: La Fayette (1757–1834). Er ist der jüngere der beiden historischen Figuren und wird in der Freske als zentrale französische Figur der amerikanischen Revolution dargestellt.
Rechts dahinter: George Washington (1732–1799), der amerikanische General und spätere erste Präsident der USA. La Fayette trat 1777 in die amerikanische Armee ein und entwickelte zu Washington eine enge persönliche und militärische Beziehung.
Das passt auch sehr gut zur ursprünglichen Beschreibung der Komposition: Die Freske zeigt La Fayette, das „Neue Welt“ genannte Kind, die Soldaten sowie die Freiheit mit ihrer Flamme; diese blickt auf den symbolisierten Kooperationsvertrag zwischen La Fayette und Washington.“
Soweit ChatGPT. Immerhin sind die Angaben mit einem gewissen Vorbehalt versehen und als „sehr wahrscheinlich“ eingestuft. Allerdings erschienen sie mir wenig wahrscheinlich bzw. eher völlig unwahrscheinlich, ja unsinnig: Die beiden Portraits passen doch in keiner Weise zu La Fayette und Washington! Die sind groß auf dem Deckengemälde abgebildet, aber da sehen sie völlig anders (und passend) aus. Und warum sollen die beiden dann nochmal am Rand des Gemäldes abgebildet sein? Das ist also eine klar unzutreffende und wenig intelligente Auskunft.
Also neuer Versuch, diesmal mit Bezug auf das große Doppelportrait der beiden und die Angaben der Konkurrenz, von Meta. De Antwort von ChatGPT:
„Ja – Meta liegt hier sehr wahrscheinlich richtig, und meine vorige Antwort war zu voreilig. Ich habe die beiden Gesichter auf Ihrem Foto noch einmal genauer mit den historischen Porträts abgeglichen. Vor allem die Kombination aus Frisur, Gesichtsform und Nase spricht deutlich eher für Mirabeau links und Thomas Jefferson rechts als für La Fayette und Washington.“ In der Tat!
Meine (vorläufige) Bilanz: Die Kommunikation mit KI kann interessant und weiterführend sein, auch bisweilen unterhaltsam. ChatGPT erscheint mir wesentlich fundierter zu sein als Meta. Aber auch ChatGPT kann sich irren… Also: Vorsicht beim Umgang mit KI! Nicht blind vertrauen!
Anmerkungen
[1] Alle Bilder, wenn nicht anders angegeben, von Wolf Jöckel, aufgenommen August 2026
[8] Im Internet kursieren viele Darstellungen, in denen die Ausmalung der beiden Stationen durcheinander gebracht wird: Diese Verwirrung bezieht sich auf Entstehungsdatum, Zuordnung der jeweiligen Motive und die Künstler. Hier wird z.B. die Ausmalung der Station Linie 9 ebenfalls auf den 200. Jahrestag der Französischen Revolution datiert: Les stations atypiques du métro parisien | Le Lutèce du Parisien Und ganz oft wird die Freske der Linie 7 fälschlicher Weise Jean-Paul Chambas zugeschrieben. Dass die Meta IA die Autorenschaft der Ausmalung Linie 9 dem französischen Fotografen JR, dem Schöpfer der Caverne auf dem Pont Neuf, zuschreibt, ist unverständlich. Wikipedia en. schreibt sogar beide Fresken Chambas zu: „Each of the vaults is decorated with a painted sheet metal fresco, created by the French painter Jean-Paul Chambas in 1989, on the bicentenary of the French Revolution.“ https://en.wikipedia.org/wiki/Chauss%C3%A9e_d%27Antin%E2%80%93La_Fayette_station Entsprechend auch in der französischen Version. https://fr.wikipedia.org/wiki/Chauss%C3%A9e_d%27Antin_-_La_Fayette_(m%C3%A9tro_de_Paris)
In der hall d’Alsace des Pariser Gare de l’Est ist über dem Durchgang zu den Bahngleisen eines riesiges, 12 Meter langes und 5 Meter hohes Gemälde angebracht: ‚Le Départ des poilus, août 1914‘. Dargestellt ist der Aufbruch französischer Soldaten, der poilus, an die Front im August 1914. (Alle Fotos des Beitrags von Wolf Jöckel)
Am 3. August 1914 hatte das Deutsche Reich Frankreich den Krieg erklärt. Nach dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajewo war aus einem regionalen Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien ein großer europäischer Krieg geworden: gegenseitige Beistandsverpflichtungen und auch eine fatale Planung des deutschen Militärs für den Fall eines Zweifrontenkriegs (Schlieffen-Plan) trugen wesentlich zu dieser Entwicklung bei.
Insgesamt etwa 3 Millionen Soldaten wurden im Sommer 1914 in Frankreich mobilisiert. Für die meisten von ihnen war der Gare de l’Est die Ausgangstation für den Fahrt an die Front Während des gesamten Krieges war der Bahnhof dann eine zentrale Drehscheibe.
Wesentliches Thema des Bildes ist der Abschied, die Trennung der Soldaten von ihren Lieben.
Deutlich wird hier der Schmerz des Abschieds dargestellt – es sind keine Szenen der Kriegsbegeisterung. Und es ist ja auch ein längst korrigierter Mythos, dass in ganz Europa die Männer freudig die Möglichkeit begrüßt hätten, endlich einen verhassten Feind zu besiegen. (Christopher Clark). Für Frankreich hat Jean-Jacques Becker schon 1977 in seinem Buch über die französische öffentliche Meinung im Jahr des Kriegsbeginns (1914 : comment les Français sont entrés dans la guerre) den Mythos allgemeiner französischer Kriegsbegeisterung entlarvt.
Im Zentrum des Gemäldes ist allerdings ein Soldat dargestellt, die Arme begeistert erhoben: in der einen Hand den Helm, in der anderen ein Gewehr, in dessen Lauf ein Blumenstrauß steckt. Dieser Soldat ist allerdings kein Franzose, sondern ein Amerikaner: der Sergent Everit Herter, der auch erst mit dem amerikanischen Expeditionskorps 1917 nach Europa kam. Im Juni 1918 wurde er bei der Abwehr der deutschen Frühjahrsoffensive bei Château-Thierry getötet und ist auf dem amerikanischen Militärfriedhof von Seringes et Nesles bestattet.
Albert Herter, Everits Vater, malte das Bild zur Erinnerung an seinen Sohn und an die (französischen) Opfer des Ersten Weltkriegs. Frankreich hat prozentual zur Gesamtbevölkerung im Ersten Weltkrieg die höchsten Verluste aller Großmächte gehabt. Fast 1,4 Millionen französische Soldaten sind im Krieg gefallen, der Krieg im Westen fand auf französischem Boden statt. An der zum Boulevard de Ménilmontant gelegenen Mauer des Pariser Friedhofs Père Lachaise sind in einer kaum enden wollenden Reihe die Namen von 94 415 Soldaten allein aus Paris aufgeführt, die im Ersten Weltkrieg ihr Leben verloren haben. Er ist deshalb auch für die Franzosen „la Grande Guerre“.
Albert Herter hat sich in dem Gemälde auch selbst dargestellt. Es ist der alte Herr ganz rechts im Bild. Während bei seinem Sohn die Blumen mit dem Gewehrlauf nach oben gerichtet sind, ist der Blumenstrauß des Vaters nach unten gesenkt: Zeichen der Trauer und des Gedenkens an den toten Sohn.
Albert Herter schenkte das 1925/26 im Schloss von Versailles gemalte Bild dem französischen Volk. Am 8. Juni 1926 wurde es im Gare de L’Est offiziell eingeweiht.
Seit 9, Juli ist in der Kirche Saint-Eustache für 3 Monate eine monumentale Fächerkoralle installiert: 7 Meter hoch, 6 Meter breit und 450 kg schwer, scheint sie doch leicht und luftig im mächtigen Mittelschiff der Kirche zu schweben. Lydie Arickx hat ihrem Werk den Namen „Le souffle“ gegeben: Hauch, Luftzug, Atem.
Es ist ein aus Aluminium gefertigtes Kunstwerk in Form einer Fächerkoralle (Gorgonie), ein wunderbares, steile Riffkanten bewohnendes und höchst verletzliches Lebewesen. Taucher nähern sich ihnen nur höchst vorsichtig, denn ein unbedachter Flossenschlag kann die filigrane Struktur leicht verletzen oder gar zerstören.
Diese Verletzlichkeit hat Lydie Arickx auch in ihrer Installation veranschaulicht.
Die Form von Le souffle ist die eines Baumes mit seinen sich verzweigenden Ästen. Aber man denkt auch, zumal angesichts der roten Farbe, an eine Lunge oder ein Herz: Symbole des Lebens und -wir sind in einer Kirche- der Schöpfung, ihrer Schönheit und Zerbrechlichkeit. Und für die Gefährdung dieser Schöpfung sind gerade die unter dem Klimawandel und dem Temperaturanstieg der Weltmeere massiv leidenden Korallen ein trauriger Gradmesser.
In der „Wurzel“ des Korallenfächers/des Lebensbaums erkennt man ineinander verschlungene menschliche Körper. Die symbolische Bedeutung dieser anthropomorphen Gestaltung ist unverkennbar.
Saint Eustache ist aus drei Gründen ein idealer Ort für Le souffle:
Die Installation fügt sich hervorragend ein in die großartige Architektur der Kirche aus Gotik und Renaissance. Mit den Tageszeiten und dem durch die bunten Kirchenfenster einfallenden Licht verändert sich le souffle. Man sollte also Zeit und Ruhe mitbringen.
Die Kirche engagiert sich als „église verte“ besonders für die Bewahrung der Natur/der Schöpfung. Sie steht damit in der Tradition der vor allem Klima- und Umweltfragen gewidmeten Enzyklika Laudato si‘ – Über die Sorge für das gemeinsame Haus von Papst Franziskus aus dem Jahr 2015.
Saint- Eustache ist eine Kirche, die sich seit langem durch ihre Offenheit gegenüber moderner Kunst auszeichnet. Siehe dazu den -Blog-Beitrag über die Himmelsleiter:
ÉGLISE SAINT-EUSTACHE Le Souffle Vom 10 Juli bis zum 29 September 2026 146 rue Rambuteau, 75001 Täglich geöffnet von 10h-19h – freier Eintritt
Sonntags 17 h finden in Saint-Eustache einstündige Orgelkonzerte statt: Eine wunderbare Gelegenheit, die Kirche zu besuchen und Le souffle in Ruhe zu betrachten. https://www.saint-eustache.org/musique-a-st-eustache/
Die Installation soll auch die Arbeit der NRO Coral Guardian unterstützen, die sich seit 2012 für den Schutz der Korallenriffe engagiert. https://www.coralguardian.org/en/news/
Es dauert nur noch einige Tage, bis man die Caverne du Pont Neuf betreten und über die bisher noch abgesperrte Brücke und durch eine 120 Meter lange gewaltige Höhle die Seine überqueren kann. [1]
Denn nach einer über einjährigen Vorbereitungszeit konnte man am 21. Mai zum ersten Mal einen Eindruck von dem Projekt gewinnen, das vom 6. bis zum 28. Juni geöffnet und Tag und Nacht begehbar sein wird.
In der Nacht vom 20. auf den 21. Mai wurde die19 000 qm2 große doppelte Leinwandhaut der Kaverne mit 20 000 m3 Luft gefüllt. Der erste Eindruck: ein felsiges, schneebedecktes, in der Sonne glänzendes Gebirgsmassiv, das bis 18 Meter hoch in den Himmel ragt.
Darüber hinaus wurde es inspiriert von den riesigen Steinbrüchen des Pariser Beckens, mit deren Kalksteinen, den „pierres de Paris“, die Stadt und auch der Pont Neuf errichtet wurden.[3]
So verweist das neue Projekt auf die geologischen Ursprünge der Stadt und verbindet das historische Bauwerk, die 1607 zur Zeit des Königs Henri Quatre vollendete älteste Brücke der Stadt, mit einer monumentalen modernen Installation, nach den Worten ihres Schöpfers „das größte begehbare Kunstwerk der Welt“, das zu einer „Reise ins Unbekannte“ einladen wolle.
Natürlich provoziert das Projekt unterschiedliche Reaktionen: spektakulär (Der Spiegel), unglaublich (eine deutsche Freundin), ein etwas zu aufgeblasener Traum? (Le Figaro), moche/scheußlich (eine Passantin), „die arme Brücke“ (eine französiche Freundin)… Mein Pariser Friseur, für mich so etwas wie die „Stimme des Volkes“, hat Bilder im Fernsehen gesehen. Das reiche ihm, aber er habe auch nichts dagegen, vor allem weil die Aktion nicht mit Steuergeldern finanziert werde.
Der Schöpfer des Projekts ist ein nur unter dem Pseudonym JR bekannter französische Fotograf – hier an der Seite von Christo im Jahr 2019.[4] Vor zwei Jahren hat ihn der Neffe der Christos angesprochen und ihm mit Unterstützung der Fondation Christo et Jeanne Claude und der Amicale des ponts de Paris das Projekt anvertraut. JR, auch als „französischer Bansky“ tituliert[5], hat sich mit verschiedenen Installationen weltweit einen Namen gemacht.[6] So hat er -unter anderem- 2007 große Fotos von Juden und Palästinensern an der Mauer befestigt, mit der Israel die (noch) palästinensischen Gebiete des Westjordanlandes von der Außenwelt abgeschnitten hat.[7]
JR hatte die Hoffnung, das Projekt könne das gegenseitige Verständnis der Menschen auf beiden Seiten der Mauer verbessern…
Auch in Paris ist JR kein Unbekannter. So wurde er beispielsweise 2014 eingeladen, während der Bauarbeiten an der Kuppel das Pantheon mit den Portraits tausender anonymer Menschen auszugestalten.
Fotos Wolf Jöckel 2014
Die Distanz zwischen den „großen Männern“ drinnen in dem „republikanischen Tempel“ und den Menschen draußen sollte so überwunden werden.[8]
Jetzt also der Pont Neuf! Wir freuen uns jedenfalls schon sehr darauf, im Juni durch die Caverne JRs zu gehen, begleitet von einer „texture sonore“ des Musikers und Musikproduzenten Thomas Bangalter. Auch „experiences interactives“ sind angekündigt. Jeder Besucher soll –wie auch immer- gleichberechtigter Gestalter des Werks werden.[9] Man darf also gespannt sein.
Hinweisschild auf dem Tiefkai der Seine. Der Eingang zur Caverne befindet sich auf der place du Pont-Neuf – Christo et Jeanne-Claude. Dort steht auch die Reiterstatue Heinrichs IV. , während dessen Herrschaft der Pont Neuf fertiggestellt wurde.
Und vielleicht folgen wir beim Durchgang durch die Caverne auch der Empfehlung JRs, dabei an das Höhlengleichnis Platons aus seiner Politeia zu denken: Dort waren Menschen lebenslänglich in einer Höhle gefangen und hielten die auf eine Wand projizierten Schatten für die Wahrheit. Heute sind es oft die Algorithmen und Medien von Musk, Zuckerberg, Bolloré und Co, die Bilder einer scheinbaren Realität produzieren, die ihren Ideologien und Interessen entspricht…
Anmerkungen
[1] Alle Bilder des Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Wolf Jöckel
Halle aux blés von Victor-Jean Nicolle; Musée national du Château de Malmaison
Es gibt in Paris eine Fülle von außergewöhnlichen, wunderbaren Bauwerken. Zu ihnen gehört ganz gewiss auch die Bourse de Commerce im Quartier des Halles: Der Bau ist architektonisch einzigartig und er war dazu wegweisend: Vorbild der Architektur des ausgehenden 18. Jahrhunderts mit dem sich auf römische Vorbilder beziehenden Rundbau, und, mit seiner monumentalen Kuppel, Pionier der Eisenarchitektur des 19. Jahrhunderts. Dazu hat das Bauwerk mehrere Leben gehabt: Es war zunächst Halle für die Lagerung von Getreide, dann eine Handelsbörse und seit 2021 ist es Ausstellungsort der Collection Pinault, einer der weltweit größten und bedeutendsten Sammlungen moderner Kunst.
Ulrich Schläger zeichnet in seinem Beitrag mit großer Sachkenntnis die Geschichte des Baus nach: Er zeigt, welche Veränderungen die unterschiedlichen Verwendungen des Baus mit sich brachten, wie Architekten, Ingenieure und Künstler dazu beigetragen haben, dieses einzigartige Bauwerk zu schaffen, das bei allen Verwandlungen im Laufe seiner 250-jährigen Geschichte sich doch immer treu geblieben ist. Die Lektüre dieser außerordentlich fundierten Darstellung ist für architekturgeschichtlich interessierte Leserinnen und Leser ein großer Gewinn. Aber auch aus sozialgeschichtlichen Gründen ist die Darstellung höchst aufschlussreich, bettet Ulrich Schläger doch den Bau in seinen historischen Kontext ein. Nach der Lektüre des Beitrags wird man die Bourse de Commerce mit offeneren Augen sehen und mit einem vertieften Verständnis dafür, was diesem Bau seine Einzigartigkeit und Schönheit verleiht und wie er zu dem geworden ist, was er heute ist: ein altehrwürdiger und doch auch höchst moderner Kunsttempel mitten in Paris.
Der Beitrag umfasst zwei Teile: Im ersten (Kapitel I – 5) wird die Entwicklung bis zum Bau der großen Kuppel nachgezeichnet, die bis heute den grandiosen Innenraum überspannt; im zweiten Teil (Kapitel 6 und 7) geht es um die Umwandlung zur Getreidebörse und den Einzug der Moderne durch den japanischen Architekten Tadao Ando. Er greift das prägende Kreismotiv des Baus mit einem Beton-Zylinder auf, interpretiert es modern und schafft mit der reizvollen Verbindung und Kontrastierung von Altem und Neuem einen wunderbaren Ort für die Präsentation moderner Kunst. (Lesezeit 42 Minuten)
Wolf Jöckel
Von einem Bauwerk wird die Rede sein, das schon zu Beginn mehr verkörperte als der Zweck, für den es eigentlich errichtet wurde. Mit seinen geometrischen Grundformen, dem Kreis und der [Halb-]kugel, Abbild von Ordnung und Vollkommenheit, wurde es zum Modell für die Architektur des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Mit seiner Bauweise gewährleistete es Schutz und ideale Kontrolle zugleich. Seine Fassade erinnerte an die Arkaden eines antiken Zirkus und Theaters, und seine Kuppel rief die Vorstellung an das Pantheon zu Rom wach und verband sich so auch mit dem wiederkehrenden Anspruch von Paris als „neues Rom“. Seine Kuppeln, zunächst die hölzerne, dann seine eiserne, waren richtungsgebende technische Meisterwerke. Im radikalen Umbau am Ende des 19. Jahrhunderts und der Art, wie er erfolgte, spiegelte sich die wirtschaftliche Macht von Kapital, Handel und Industrie. Und der letzte Eingriff in den Bau nahm die geometrische Grundidee nochmals auf und setzte sie mit dem Baustoff der Moderne um.
Ich werde die Entwicklung dieses außergewöhnlichen Bauwerks in seiner ca. 250-jährigen Geschichte nachzeichnen. Auf diesem Weg, auf dem der Bau mehrere Umwandlungen erfuhr, lassen sich drei Abschnitte abgrenzen, in denen sich der Hauptnutzen des Gebäudes änderte. Aus der Getreidehalle (erbaut 1763-1767) wurde eine Handelsbörse (seit 1889) und aus dieser ein Ort für die Kunst der Moderne (seit 2021). Ich werde die baulichen Charakteristika der drei Nutzungsphasen beschreiben.
Doch bevor ich mich der Architektur des Gebäudes zuwende, soll in der hier leider gebotenen Kürze dargelegt werden, warum dieser Bau überhaupt entstand.
Kapitel I – Vorgeschichte: Die verzweifelte Nation
If Nature had been comfortable, mankind would never have invented architecture. Oscar Wilde: The Decay Of Lying – A DIALOGUE.
Hungersnöte hatte Frankreich schon in den vorausgegangenen Jahrhunderten erlebt. Aber der grausame Winter von 1709, le grand hiver mit der nachfolgenden Hungersnot, die grande famine, die der bereits seit neun Jahren tobende Spanische Erbfolgekrieg noch verschlimmerte, „endete“, wie Voltaire in Le Siècle de Louis XIV schreibt, „mit der Verzweiflung der Nation“. In ganz Frankreich kursierten Berichte von Menschen, die wie Tiere Gras fraßen, über Erfrorene, über den völligen Stillstand von Handel, Industrie und öffentlichem Leben. Das Vieh in den Ställen, die wilden Tiere in den Wäldern und die Fische in den Flüssen und Seen starben. Obst-, Olivenbäume und Weinstöcke gingen zugrunde.
Henri François d’Aguesseau (1668-1751) rettet Frankreich während der Hungersnot 1709. Gravur von 1792
Gravierend waren die Verluste bei der Getreideernte. Der Mangel an Kornspeichern mit Vorräten verschärfte die Lage. Die Getreidepreise schossen in die Höhe. Zu langsam erkannte die Regierung das Ausmaß der Krise. Erst spät wurde Getreide importiert, von Zöllen und Wegegeldern befreit, vorhandene Vorräte erfasst und freigegeben, um Spekulationen zu verhindern, Märkte überwacht und der Verkauf von Brot streng nach Person und Zeit beschränkt. Die Gemeinden wurden gezwungen, Lebensmittelverteilungen an Bedürftige zu organisieren.
Distribution du pain du roy au Louvre, estampe, Paris, 1693. Gallica. Bnf.fr/Bibliothèque nationale de France
Gleichwohl kam es in Paris und ganz Frankreich zu Hunger- bzw. Teuerungsrevolten, den émeutes de grain. Banden überfielen Schlösser und Klöster, die im Verdacht standen, über Getreidereserven zu verfügen. In Paris und anderswo wurden Bäckereien gestürmt, auf Plünderer wurde geschossen.
Bei der Hungersnot von 1709 starben etwa 600.000 Menschen. Insgesamt hatte Frankreich ein Jahr später ca. 850000 Einwohner weniger. Gründe dafür waren neben Unterernährung und Krankheiten auch ein Rückgang der Eheschließungen und der Geburten. Durch die massiven Verluste in der Agrarproduktion, verschärft durch Kriegsaufwendungen, geriet Frankreich als Agrarstaat, dessen Bruttosozialprodukt maßgeblich von der Landwirtschaft abhing, darüber hinaus in eine Finanzkrise.
Biopolitik als Antwort auf die Versorgungskrise
„Der Lebensunterhalt des Volkes ist der wichtigste Gegenstand, mit dem sich die Verwaltung beschäftigen muss“. Jacques Necker, Finanzminister unter Ludwig XVI. am 14. Februar 1778 an Antoine de Sartine, Lieutenant général de police.
Angesichts des katastrophalen Ausmaßes der grande famine für die Bevölkerung und die Stabilität des Staates, waren Vorkehrungen für eine stabile Lebensmitteversorgung zu treffen, allem voran für Brot, das Hauptnahrungsmittel des Volkes. Brot sollte zu stets erschwinglichen Preisen zur Verfügung stehen, denn Brot war weit mehr als nur ein einfaches Nahrungsmittel. Es bildete den Kern des sozialen Pakts zwischen König und Volk unter dem ancien régime. Der König war wie ein Vater, der den Lebensunterhalt seiner Kinder sichern soll.
Die Versorgung mit Getreide hing nicht allein von meteorologischen Zufällen ab. Der Weg von den Feldern auf den Tisch der Verbraucher, d.h. der Vertrieb, war noch heikler und komplexer. Er hing ab von Transportwegen und -mitteln, der Organisation des Getreide- und Mehlhandels, dem Wettbewerb zwischen Stadt und Land um das Getreide, der Getreidekonservierung, den Mühlen und Bäckereien und nicht zuletzt von der Situation auf den Märkten selbst. Eine paternalistischen Marktgesetzgebung, gesteuert und überwacht durch die Polizei, die oft ein Teil der Probleme wurde, sollte diese Versorgung gewährleisten.
Die „Polizei“ war im ancien régime für ein außerordentlich breites Spektrum öffentlicher Aufgaben zuständig, das von der Überwachung der Prostituierten, der Gefängnisse, der Kontrolle der Zünfte, der Straßenreinigung und -beleuchtung bis hin zur Durchsetzung von Vorschriften bezüglich der Produktion und des Verkaufs von Waren und Dienstleistungen reichte. Sie kümmerte sich um alle Aspekte des täglichen Lebens, nicht nur um Straftaten.In dieser Universalität ihrer Aufgaben erfüllte die Polizei eine bedeutende Funktion in der Biopolitik. Deren Ziel war die Gewährleistung der physischen und psychischen Gesundheit und damit die Gesamtproduktivität der Bevölkerung und nicht zuletzt die Stabilität des ancien régime. Doch diese administrativen Maßnahmen allein reichten nicht.
Aufgrund der gravierenden Mängel der Getreide-Märkte in Paris, die alle unter freiem Himmel abgehalten wurden, kam der Architektur und der Stadtplanung eine wichtige biopolitische Rolle zu. Auf die disziplinären Fähigkeiten der Architektur bei der Versorgungssicherheit wird noch zurückzukommen sein.
Getreide und Mehl, die zum Verkauf nach Paris geschickt wurden, waren nicht auf einen einzigen Markt konzentriert. Die im Quartier Les Halles, nahe der St.-Eustache-Kirche gelegene Halle au bled (s. Turgot-Plan), empfing das meiste auf dem Landweg nach Paris gelangte Getreide und den Großteil des Mehls.
Die Häfen vermarkteten fast das gesamte über den Fluss ankommende Getreide. Der Port au bled am Port et Quay de la Grève unweit des Hôtel de Ville war der wichtigste und größte der Häfen.
Les Halles und Halle au bled – Ausschnitt aus Turgot-Plan 1739
Hafen an der Place de Greve Bild-Ausschnitt : Port et Quay de la Grève (Nr.2), 3 Port au bled (Nr.3)
Die Dringlichkeit der Neugestaltung der Getreidemärkte in Paris hat Steven Laurence Kaplan in seinen Arbeiten zur französischen und besonders Pariser Getreideversorgung im 18. Jahrhundert eindrucksvoll dargestellt. Er schildert die katastrophalen, unfallträchtigen, engen, verwinkelten Zufahrtsstraßen zu den Märkten und die chaotische Situation auf den Märkten selbst:
„Händler stritten sich weiterhin um Platz zum Entladen, Makler weigerten sich aus Platzmangel, versandte Waren anzunehmen, Kontrolleure der Maße und Träger konnten ihre Aufgaben nicht effizient erfüllen und Käufer hatten Schwierigkeiten, sich zu bewegen und zu inspizieren. … die Träger und die einfachen Arbeiter (stapelten) …die Säcke mit Getreide und Mehl durcheinander, was Verwirrung stiftete, Streitigkeiten über Priorität und sogar Eigentum provozierte, zu Diebstählen einlud und die Waren der Gefahr von Beschädigungen aussetzte.(…)Mercier, Dussausoy und andere Beobachter der Zentralmärkte beschrieben sie als „ekelhaft“, „dreckig“ und „infiziert“.
Zwischen den Säcken lagen Schlamm, Misthaufen, verrottetes Stroh, das zum Abdecken der Säcke verwendet wurde, und anderer Unrat. Die Menschen waren kaum wählerischer als die Pferde – die Mieter in den Wohnungen rund um den Getreidemarkt, so ein Mehlmädchen, warfen häufig „Töpfe mit Urin und Fäkalien“ auf die Waren und manchmal auch auf die Händler. Die Luft war verdorben und der Lärm unerträglich. An schlechten Tagen wehte der üble Gestank des nahe gelegenen Friedhofs St.-Jean mit dem Geruch von verfaultem Fisch vom benachbarten Marktplatz über den Getreidemarkt.“[1]
Als sich Berichte über verdorbenes Mehl, Überfüllung, Diebstahl und Unordnung häuften, erkannte vor allem ein Polizeiinspektor namens Poussot, dass sowohl räumliche als auch organisatorische Veränderungen der Getreidevermarkung notwendig waren. Er organisierte eine Kampagne für den Bau eines dauerhaften Gebäudes für den Getreideverkauf. 1762 stimmte die Regierung zu und gab der Stadtverwaltung die entsprechende Anweisung. Es ging nicht nur um den Bau der Getreidehalle; auch das umliegende Gebiet musste neu organisiert und die sanitären Anlagen verbessert werden.
Kapitel II – Die neue Halle au Blé
Die Halle au Blé wurde auf dem weitläufigen Gelände errichtet, auf dem zuletzt das Hôtel de Soissons unweit der Kirche St.-Eustache, stand.
Das Hôtel de Soissons im 17. Jahrhundert, Kupferstich von Israël Silvestre, um 1650. Die Colonne de l’Horoscope ist im Hintergrund rechts zu sehen.
Benannt war es nach Charles de Bourbon, Comte de Soissons, der das ehemalige, von Jean Bullant zwischen 1574 und 1584 für Catharina de Medici, der Witwe Heinrichs II. von Frankreich, erbaute Hôtel de la Reine, erworben und umgebaut hatte. Der letzte Besitzer, Viktor Amadeus I. Fürst von Savoyen-Carignan, gründete 1720 im Garten des Palais die Pariser Börse. 1740 war er gezwungen, das Hôtel zu verkaufen, um seine Schulden zu bezahlen. Im Jahr 1748 wurde es abgerissen.
Nur ein Turm in Form einer dorischen Säule, die sogen. Colonne Médicis, mit Verzierungen aus Lilien und dem Emblem von Catharina und Heinrich, ein ineinander verschlungenes H und C, blieb erhalten.
Foto: Wolf Jöckel
Die begehbare Säule nutzte vielleicht Cosimo Ruggeri, der Astrologe der Königin für seine Beobachtungen.
Colonne Médicis. Gallica.bnf.fr./ Bibliothèque nationale de France
Lange Jahre aber war die Nutzung des Geländes des ehemaligen Hôtel de Soissons unklar. Gedacht wurde u.a. an einen neuen Königsplatz. Der bedeutsamste Entwurf hierzu stammt von Germain Boffrand mit einem quadratischen Königsplatz für Louis XV und mit zwei Plätzen an beiden Seiten für einen Getreide- bzw. Gemüsemarkt, gesäumt von Arkadengebäuden. Auch der Bau eines Opernhauses wurde ernsthaft erwogen.
Letztlich fiel aber die Entscheidung für die Getreidehalle, auch weil ihre Finanzierung durch die Vermarktung einer Wohnsiedlung rund um das neue Gebäude die Stadt überzeugte. Die neue Halle war somit ein öffentliches und privates Spekulationsprojekt. Mit dem Entwurf der Getreidehalle wurde Nicolas Le Camus de Mézières (1721-1793) beauftragt, der sich allerdings auch an den Grundstückspekulationen beteiligte und sich dabei finanziell ruinierte.
Drei Anforderungen sollte die Halle erfüllen. Sie musste hell, luftig und brandgeschützt sein. Ebenso wichtig waren bequeme und sichere Zugangsstraßen.
Plan des Halles couvertes et Incombustibles en l’Emplacement de l’hôtel de Soissons, Musée Carnavalet
Bereits 1761 begann Le Camus mit der Planung. Der Grundstein wurde am 13. April 1763 gelegt, die Einweihung fand am 12. Januar 1767 statt, aber erst im Januar 1769 wurde der Markt eröffnet. Die noch im Bau befindlichen umliegenden Gebäude hatten den Zugang blockiert. Die hohen Häuser und die dichte Bebauung wurden als Folge der Gier der Spekulanten scharf kritisiert. In den relativ engen Straßen staute sich nicht nur der Verkehr. Die Luft war stickig und ein freier Luftaustausch wurde behindert, was wiederum das Getreide zu schädigen drohte.
Dessen ungeachtet lobten schon während der Bauzeit der Halle au Blé berühmte Architektur-theoretiker wie Marc-Antoine Laugier [2] und Jacques-François Blondel [3] die innovative Form, die Harmonie ihrer Komposition und die Angemessenheit ihres Ausdrucks. Und für Georges-Louis Le Rouge [4] war es „ein wahrhaft patriotisches Denkmal“, das „den Römern würdig“ sei. Le Camus‘ Halle au Blé brach mit den üblichen rechteckigen Grundrissen. Seine ringförmige Getreidehalle hatte den Charakter eines Amphitheaters. Der Bau reihte sich ein in das Bestreben, Paris mehr Glanz zu verleihen.
Nicolas Le Camus de Mézières. Plan de halle couverte et incombustible en l’emplacement de l’hôtel de Soissons ca. 1763
Die zweistöckige Halle mit einem Gesamtdurchmesser von 68 m umschloss einen offenen Platz mit einem Durchmesser von fast 40 m. Eine 12,5 m breite Straße umfasste das Gebäude, auf das sechs Straßen mit 7,7 m Breite sternförmig zuführten.
DieHalle öffnete sich im Erdgeschoss nach außen und innen durch 25 identischen Arkaden. Sechs von ihnen korrespondierten mit den sechs zuführenden Straßen und waren Fuhrwerken vorbehalten, während die restlichen 19 den Fußgängern vorbehalten waren.
Der offene Innenhof diente dem schnellen Warenumsatz, er war wie das Arkadengewölbe im Erdgeschoss für den täglichen Handel von Getreide, Mehl und Hülsenfrüchten bestimmt. Empfindliche Ware konnte kurzfristig im Arkadengeschoss gelagert werden. Das Dachgeschoss war als längerer Speicherplatz für Mehl und Getreide vorgesehen. Im Ringbau residierte auch die Marktpolizei, die den Handel überwachte. Hier konnte Antoine de Sartine, Generalleutnant der Polizei, eine gesicherte Versorgung in Szene setzen, indem er Vorräte vor den Fenstern aufhäufen ließ, um Gerüchten über eine Ernährungskrise vorzubeugen.
Schnitt durch die ringförmige Halle.Abb. aus Laura Cantero Esquerdo: La Halle au Blé de Paris – “Sección transversal de la Halle au Blé”. Nicolas Le Camus de Mézières Musée Carnavalet.Extraída del libro de Mark K. Deming. p.91
Zwei diametral gegenüberliegende, Treppen führten in die Lagerräume des Obergeschosses. Dieses wurde erhellt und belüftet durch 24 rechteckige Fenster, jeweils in einer Achse mit den Innen- und Außenarkaden gelegen, darüber hinaus über ebenso viele kleinere Rundfenster oberhalb der Fensterpfeiler des Obergeschosses. Um Brand, holzfressenden Insekten und Fäulnis vorzubeugen, wurde das Gebäude ohne jegliche Holzteile erbaut. Ein zweireihiges Kreuzrippengewölbe, in der Mitte auf Rundpfeilern ruhend, bildete die Decke des Erdgeschosses. Das Obergeschoss überspannte ein einreihiges Stützliniengewölbe, das auf Robert Hooke zurückgeht, der es 1675 als ideale Gewölbeform präsentierte: „Wie die biegeschlaffe Linie hängt, so wird umgekehrt das stabile Gewölbe stehen.“[5] Ein einfaches Satteldach schützte dieses Gewölbe.
Das gemischte System des Gewölbes aus Steinen und Ziegel unterstrich durch die farblichen Unterschiede die Struktur und übte zugleich, wegen der geringeren Last im Vergleich zu einem reinen Steingewölbe, eine verminderte Schubkraft aus und ermöglichte weniger massige Stützteile.
Kreuzgewölbe im Erdgeschoss. Vue intérieure de l’ancienne Halle au blé, en 1886, Maurice Emmanuel Lansyer. Musée Carnavalet
Stützlinien-Gewölbe in Obergeschoss. Halle aux Bleds – Paris – Corn Market. llustration from Versailles, Paris and Saint-Denis, von John Claude Nattes, pub. 1805. British Museum
Eine Besonderheit waren die beiden Treppen zum Dachgeschoss. Die erste, zur Rue du Four hin gelegen, war hauptsächlich für das Verwaltungspersonal bestimmt, hatte vier, wechselnd doppelte und einfache Absätze und fünf Läufe. Raffinierter war die zweite, zur Rue Grenelle hin. Sie war für die Sackträger bestimmt und konnte gleichzeitig zum Be- und Entladen benutzt werden, ohne dass man sich in Quere kam. Sie hat eine Struktur einer doppelten Wendeltreppe, die sich aus zwei unabhängigen Rampen zusammensetzt wie die berühmte Treppe von Chambord. Nur diese blieb erhalten.
La Halle aux blé. Escalier
Die Medici-Säule, das einzige Überbleibsel des Hôtel de Soissons, wurde in die Außenwand integriert. Der Plan, die Säule in die Mitte des ringförmigen Platzes zu versetzen, wurde aufgegeben. Die Versetzung war zu schwierig, außerdem hätte sie die Markttätigkeit behindert. Um von Nutzen zu sein, installierte man 1764 eine Sonnenuhr. 1812 baute man in den Sockel einen jetzt schon wieder verschwundenen Brunnen ein. Verfolgt man das Schicksal der Säule, wird man den Gedanken nicht los, dass keiner der am Bau beteiligten Architekten mit ihr etwas azufangen wusste und sie nur aus Respekt vor dem kulturellen Erbe erhalten blieb.
Kapitel III – DIE KREISFORM DER HALLE AU BLÉ
I. Schutz und Kontrolle
Der kreisförmige Grundriss der Halle au Blé entsprach nützlichen Erwägungen. Die offenen Arkaden und Fenster brachten Luft in das Gebäude, wichtig für die hygienische Lagerung der Lebensmittel. Die vielen Eingänge erleichterten den Warenverkehr, schützten durch verschließbare Tore an der Außenwand vor Diebstahl und gewährleisteten die Überwachung durch die Marktpolizei. In der Kreisform, die an Jeremy Benthams Panopticon[6] erinnert, zeigte sich das perfekte Modell für Kontrollen. Die architektonische Gestaltung wurde mit der Lebensmittelversorgung und somit der Gesundheit und Produktivkraft der Stadt verknüpft. Architektur übernahm eine biopolitische Rolle.
Mit ihrer innovativen Form wurde die Halle au Blé zu einem bedeutsamen architektonischen Manifest und beeinflusste die Architektur des späten 18. Jahrhunderts, besonders die Generation der „revolutionären Architekten“. DerKreis und die Kugel feierten ein fulminantes Revival. Man denke nur an die Projekte wie den Cénotaphe de Newton und den Temple de Raison von Etienne-Louis Boullée oder an Claude-Nicolas Ledoux’s Saline royale d’Arc-et-Senans, die architektonische Vorwegnahme der Idee eines moralisch egalitären Gesellschaftssystems, die sich im 19. Jahrhundert entwickelte (Saint-Simonismus, Fourierismus).[7] Wie viele dieser „sozialen Utopien“ trug aber auch Ledoux’s Projekt den Keim der Kontrolle des Wohlverhaltens in sich.
Saline royale d’Arc-et-Senans, Projektskizze. Bibliothèque nationale de France, 2014
II. Schauspiel und Fest
Seit Urzeiten sind Orte von Feiern und Schauspielen in Kreisform gestaltet; man denke nur an Stonehenge, die orchestra des griechischen Theaters oder den römischen circus. Jacques-François Blondel bezeichnete die Halle au Blé wegen der formalen Ähnlichkeit als „Zirkus“. Die Doppelfunktion, die der Getreidespeicher als Zentrum des Pariser Handelslebens und als Ort öffentlicher Feste annehmen sollte, war daher kein Zufall, sondern bereits in der Grundform des Gebäudes angelegt. Mit seinem kreisförmigen Arkadenbau schuf Le Camus wie Louise Pelletier schreibt „eines der theatralischsten Bauwerke im damaligen Paris“. Es „erfüllte sowohl die Anforderungen einer neuen öffentlichen Einrichtung für den Getreidehandel als auch die repräsentative Rolle eines Ortes für öffentliche Versammlungen.“[8]
Anlässlich der Geburt des Dauphins fand am 21. Januar 1782 ein großes Fest statt, bei der der große offene Innenraum durch ein großes Zeltdach (Velum) geschützt wurde. Es soll Legrand und Molinos zum Bau ihrer Kuppel (1782-1783) inspiriert haben. Die eindrucksvollste Feier in der Halle au blé war die am 14. Dezember 1783 zu Ehren des Friedens von Versailles.[9] Die Zuschauer konnten je nach Rang von den unteren Arkaden, den Fenstern des Speichergeschosses und von einer Galerie, die Legrand und Molinos direkt unterhalb der Kuppel eingebaut hatte, die Feierlichkeiten verfolgen.
Celebration in honor of the Peace of Versailles in the Halle au blé (1783): anonymous engraving. COU. Hennin, Bibliothèque nationale, Cabinet des estampes, Paris. Deming].
Louis Petit de Bachaumont beschreibt das Ereignis in seinen Mémoires secrets de Bachaumont, de 1762 à 1787 und hebt die ‚theatralische‘ Inszenierung hervor: „Das Publikum war in zwei verschiedene Gruppen aufgeteilt: Im Erdgeschoss tanzte das allgemeine Publikum, das von einem Orchester in der Mitte des kreisförmigen Raums unterhalten wurde. Dieses jubelnde ‚Publikum‘ wurde zum ‚acteur malgré lui [Schauspieler ohne besseres Wissen] für ein Publikum, das sich auf der Ebene des Dachgeschosses und des Balkons befand…“[10] Und in einem anonymen Brief heißt es: „Dieser Tempel, dessen Kuppel heute mit dem Pantheon in Rom konkurriert, ist auch ein Kolosseum: Heute Abend wird dort ein Volksball zu Ehren des Friedens von Versailles für die Hofgesellschaft aufgeführt. Und die Medici-Säule, die glücklicherweise vor dem Abriss gerettet wurde, ist die Trajanssäule von Paris, das zu einem neuen Rom geworden ist.“[11]
Während der Revolution wurde die Halle au Blé zum Schauplatz zahlreicher öffentlicher Manifestationen und Demonstrationen: Am 23. Juli 1789 zog eine johlende Menge mit den abgeschlagenen Köpfen von Joseph François Foullon und seines Schwieger-sohns Berthier Sauvigny, aufgespießt auf langen Piken, in die Halle au Blé ein. Beide, Foullon als Finanzminister und Berthier als Intendant von Paris, waren beim Volk verhasst und wurden für die Lebensmittelknappheit in Paris verantwortlich gemacht.
Corps decapite et tetes exhibees au bout de piques devant la Halle au Blé. Musée Carnavalet – Histoire de Paris
Ein Jahr später, am 21. Juli 1790, wurde hier Benjamin Franklins gedacht. Die Wände wurden mit schwarzem Vorhängen verhüllt, eine Kanzel errichtet und in der Mitte der Halle ein Sarkophag aufgestellt, auf dem die Büste Franklins thronte – eine Inszenierung „Wie ein Echo auf Boullées Kenotaph für Newton“[12]
Oraison funebre de M. Franklin par l’Abbé Fauchet, Paris 1792 – Le Panthéon des philantropes, ou, L’école de la revolution, Yale University
Dass die Halle au Blé nicht nur an ein Theater erinnerte, dass sie Elemente eines Theaters hatte, sondern tatsächlich Ort theatralischer Ereignisse wurde, hing auch zusammen mit Le Camus Leidenschaft für alles, was mit dem Theater zu tun hat. Er beschäftigte sich intensiv mit der sinnlichen Einwirkung eines Bauwerkes auf seinen Betrachter und zog dabei immer wieder Analogien zum Theater, vor allem in seiner Abhandlung Le génie de l’architecture, ou l’analogie de cet art avec nos sensations [Der Geist der Architektur oder die Analogie dieser Kunst mit unseren Empfindungen], Paris, 1780. Er selbst hatte ein Theater geleitet und war als Dramaturg tätig. Auch das Opernhaus-Projekt an diesem Ort dürfte ihm bekannt gewesen sein.
Kapitel IV BAU DER KUPPEL – DIE PANTHEONISIERUNG
Die hölzerne Kuppel –Wiederbelebung einer alten Idee.
Schon bald nach der Eröffnung der Markthalle stellte sich heraus, dass sie ihren Aufgaben nicht genügte. Der Zuwachs der Pariser Bevölkerung erforderte eine größere Speicherfläche für das Getreide als mit den oberen Gewölbespeichern zur Verfügung stand. Die Säcke mussten im unteren Arkadenring gelagert werden, was die Arbeit der Händler behinderte. Der offene Innenhof konnte nicht bei jeder Wetterlage genutzt werden. Es wurden deshalb immer wieder provisorische Unterstände errichtet. Die Debatten, wie der Innenhof ohne Unter-brechung der Markttätigkeit dauerhaft, schnell, kostengünstig und ästhetisch ansprechend, bei begrenzter Tragfähigkeit der bestehenden Struktur, überdacht werden sollte, erstreckten sich über 12 Jahre. Die Projekte zur Überdachung hat Dora Wiebenson [13] detailliert darlegt. Hier können nur wenige Projekte vorgestellt werden.
Bereits 1769 veröffentlichte Le Camus de Mézières selber einen Entwurf einer Steinkuppel. Da ihre Last für die bestehende Struktur zu groß war, sollte sie auf Bögenzwickel ruhen, die von den zwölf Säulen innerhalb des bestehenden offenen Rings getragen werden.
Le Camus de Mézières, Projekt für eine Steinkuppel für Halle au Blé (aus Le Camus : Recueil des différens plans et dessins, concernant la nouvelle Halle aux grains, située au lieu et place de l’ancien Hôtel de Soissons)
Auch Jean-Baptiste Rondelet, Nachfolger von Soufflot beim Bau des Panthéons, legte 1775 ein Projekt mit einer Steinkuppel vor, die sich auf die bestehende innere Arkadenwand stützte. François-Joseph Bélanger schlug 1782, in Zusammenarbeit mit Pierre Deumier, serrurier de la ville et des bâttiments du Roi, eine Kuppel aus Schmiedeeisen mit Verkleidung aus Kupferblech vor. 1782 war die Zeit noch nicht reif für eine derartige innovative Lösung. Später wird er Architekt der noch heute bestehenden Metallkuppel werden.All diese Entwürfe wurden wegen so hoher Kosten, zu langer Bauzeit, zu langer Unterbrechung der Markttätigkeit oder aus all diesen Gründen zusammen, abgelehnt. Bei anderen standen einer Realisierung statische und ästhetische Erwägungen im Wege.
Ausgewählt wurde schließlich das Projekt einer hölzernen Kuppel von Jacques-Guillaume Legrand und Jacques Molinos. Die Konstruktion basierte auf den Studien des Renaissance-Architekten Philibert de l’Orme (auch Philibert Delorme genannt; 1510-1570), die er erstmals 1561 unter dem Titel Nouvelles inventions pour bien bastir et a petits fraiz, trouvées n’agueres par Philibert de L’orme, Lyonnois, Architecte, Conseiller & Aulmonier ordinaire du feu Roy Henry, & Abbé de St Èloy les Noyon frais veröffentlichte.
Abbildung aus: Nouvelles inventions pour bien bastir et a petits fraiz, trouvées n’agueres par Philibert de L’orme Paris 1561 [13a]
„De l’Ormes Konstruktionen zeichnen sich durch kurze gekrümmte Bohlenstücke aus, die versetzt zueinander angeordnet sind. Die binderlosen Bögen sind in kurzen Abständen hintereinander angebracht und werden in Längsrichtung durch kurze Riegel ausgesteift. Diese sind durch die Bögen hindurchgesteckt und mit seitlichen Keilen gesichert.“ [14]
Abbildung aus: Nouvelles inventions pour bien bastir et a petits fraiz, trouvées n’agueres par Philibert de L’orme Paris 1561.
Dieses Kuppel-System war leicht genug, um es auf die bestehende Struktur ohne zusätzliche Abstützung zu errichten. Es war wirtschaftlich und schnell zu bauen, vorausgesetzt, man fand jemanden, der die exakte Bearbeitung der Tausenden Holzteile und ihr genaues Zusammenfügen kontrollierte. Die Wahl für die Zimmermannsarbeiten fiel auf den Tischlermeister André-Jacob Roubo, schon bekannt durch sein sechsbändiges Werk L’Art du menuisier, das zwischen 1769 und 1775 erschienen war. „Seiner Ausbildung und seinem Status nach war er sicherlich ein Handwerker. Gleichzeitig kann man ihn aber auch als eine Art Mitglied der Republik der Wissenschaften betrachten, dessen Ruhm auf seinen Fachkenntnissen in der Holzbearbeitung und Tischlerei beruhte. Sein Fall veranschaulicht, dass die Kluft zwischen den gens de métiers und den gens de lettres im achtzehnten Jahrhundert weniger groß war, als gemeinhin behauptet wird.“[15]
Brian Anderson schildert die dramatischen Momente des 31. Januars 1783. Der Rohbau der Kuppel mit einer Spannweite von 39,5 m und einer Höhe von 38 m war ohne jegliche innere Abstützung vollendet. André-Jacob Roubo stand allein hoch oben auf einer Plattform. Tief unter ihm und in sicherer Entfernung hatte sich eine große Menschenmenge versammelt. „Es hatten sich keine Freiwilligen gefunden, die Roubo auf den Gipfel begleiten wollten. Würde alles zusammenstürzen? An jenem Januartag wurde also das letzte Gerüst abgebaut. Die Menge hielt den Atem an. Und nichts geschah. Roubos Plan war aufgegangen. Die wartende Menge strömte auf den Getreidemarkt und trug Roubo im Triumph auf den Schultern davon.“[16]
André Roubo in Les artisans célèbres, par François Valentin, 1843, Gallica/bnf
Das Ergebnis von Roubos Arbeit an der Kuppel der Halle au Blé wurde von den Zeitgenossen als „premier chef-d’oevre de la menuiserie“ bezeichnet. Insgesamt dauerten die Arbeiten an der Kuppel von September 1782 (nach anderer Quelle Juli 1782) bis zum September des folgenden Jahres. Die Kuppel war mit Blei und Kupfer gedeckt und mit 24 großen vertikalen Glasstreifen versehen, um den Innenraum zu beleuchten. Die später zerstörte Kuppel ist durch Jean-Charles Krafft gut dokumentiert.
Jean-Charles Krafft: Plans, coupes, élévations des plus belles maisons et des hotels construits à Paris et dans les environs , Paris 1801. gallica/bnf.fr. (Ausschnitt)
„Das Gebäude avancierte …in der öffentlichen Wahrnehmung zum Pantheon des modernen Roms.“[17] Und nicht nur das. Wie Benjamin Hays, Professor für Architektur und Architekturgeschichte an der Universität von Virginia, zeigt[18], beeindruckte die Kuppel aus dünnen Holzbohlen den damaligen Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in Frankreich, Thomas Jefferson, der im August 1786 die Halle au blé besuchte, derart, dass es zu einem regelrechten Transfer von de l’Ormes Technik nach Amerika kam.
Die USA suchte „nach architektonischen Ausdrucksformen, die ihren Status als junge Nation und ihre erhoffte Beständigkeit zum Ausdruck bringen konnten. Gleichzeitig waren die öffentlichen Mittel für große Bauwerke begrenzt…Um dieses Problem zu lösen, förderte der Gentleman-Architekt und späterer Präsident Thomas Jefferson eine Bautechnologie, die zugleich kostengünstig und repräsentativ war: Philibert De l‘Ormes französische Fachwerktechnik aus dem 16. Jahrhundert. Jefferson förderte diese Methode, so erfolgreich, dass der Architekturhistoriker Doug Harnsberger Jefferson als „Delormes leidenschaftlichen Botschafter in Amerika“ bezeichnete.“[19]
Jefferson überzeugte viele der ersten amerikanischen Architekten, De l‘Ormes Methode – er nannte sie salopp a parcel of sticks and chips put together in pens – bei vielen der großartigsten Gebäude der jungen Nation anzuwenden. Die ersten Beispiele für diese Bauweise in Amerika existieren nur auf dem Papier, so Jeffersons Vorschlag für das Präsidentenhaus sowie einen Plan für das US-Kapitol und eines Kuppeldachs für das Präsidentenhaus 1792. Angeregt von Jefferson errichtete 1805 der britische Emigrant Benjamin Henry Latrobe eine Kuppel nach De L’Orme-System über der Repräsentantenhalle des US-Kapitols. Sie brannte 1814 nieder.
Benjamin Henry Latrobes Kuppel über der Repräsentantenhalle des US-Kapitols
Latrobe wandte die De L’Orme-Methode nach dem Bau des US-Kapitols noch mehrfach an: so an Kuppel der University of Pennsylvania, der St. John’s Church in Washington (1817), der Baltimore Exchange und an der hybriden Kuppel aus Ziegelstein und De L’Orme–Bauweise der Baltimore Cathedral. In Deutschland sorgte der Architekt, preußische Baubeamter, Baureformer und Publizist David Gilly (1748-1808) für die Verbreitung des Bohlendachs. Er wurde direkt durch die französischen Beispiele von de l’Orme sowie die Pariser „Halle aux blés“ beeinflusst, wie sein Werk Ueber Erfindung, Construction und Vortheile der Bohlen-Dächer, mit besonderer Rücksicht auf die Urschrift ihres Erfinders, Berlin 1797 und seine Kupfer-Sammlung zu Handbuch der Land-Bau-Kunst, Braunschweig 1820 belegen.
Die eiserne Kuppel – Rationalität versus Tradition
HALLE AUX GRAINS ET FARINES de Paris. Pl., études pour la construction d'une coupole et dessins d'une charpente en fer. Sign. Bélanger. 1809-1812. Archives nationales, Paris
Die Kuppel der Halle au Blé erforderte immer wieder Reparaturarbeiten. Bei einer dieser Arbeiten kam es am 16. Oktober 1802 durch eine Nachlässigkeit zu einem Brand, der die Kuppel innerhalb weniger Stunden zerstörte. Fünf Jahre debattierte man über die neue Überdachung für den Hof der Halle au Blé. Fest stand nur: die Kuppel musste feuerfest sein. Ansonsten galt auch hier: Wie konnte man ohne Unterbrechung der Marktes auf der bestehenden Struktur schnell, wirtschaftlich bauen.
Zwischen 1802 und 1806 reichten mehrere Architekten[20], darunter Legrand, Rondelet und Bélanger, bei dem Conseil des travaux publics, ihre Vorschläge ein. Legrand wollte jetzt eine gusseiserne Kuppel bauen. Rondelet stellte 1803[21] vier Methoden zur Gewölbekonstruktion vor, die jeweils auf einem anderen Material (Ziegel, Stein, Holz und Eisen) basierten. Er selbst favorisierte wiederum ein Steingewölbe. Und François-Joseph Bélanger hatte sein Metallkuppel-Projekt von 1781 durch die gewonnenen Erkenntnisse zu Konstruktion, Produktion und Materialeigenschaft von Eisen auf seinen Reisen nach England weiter entwickelt und perfektioniert.
Die Kommission lehnte alle Projekte als technisch unausführbar ab. Eine neue Kommission aus dem Conseildes travaux publics und dem Conseildes bâtiments civil, sprach sich 1807 für eine Steinkuppel aus. Der neue Innenminister Emanuel Crétet, in seinem früheren Amt mit Bau der Eisenbrücken (Pont des Arts und Pont d’Austerlitz) befasst, hatte eine Neigung zu neuerer Bautechnik. Er forderte von Joseph Marie Stanislas Becquey de Beaupré, ingénieur directeur des ponts et chaussées und Konstrukteur der pont d’Austerlitz ein Gutachten zu Bélangers Eisenkuppel-Projekt an.
Eingehend wurde alles geprüft, was mit einer Metallkonstruktion dieser Größenordnung verbunden war, wie z.B.: thermische Einflüsse auf Guss- und Schmiedeeisen, die Druck- und Dehnungsfestigkeit, die Größe der Dachträger, ihre Probleme bei Herstellung und Montage, die Materialdicke/-stärke der Träger für eine ausreichenden Stärke, die Verbindung der Dachelemente und ihre Auswirkung auf Stabilität und Haltbarkeit, die Lastabtragung der Metallkonstruktion auf die bestehende Bausubstanz und die Auswirkung der positiven oder negativen thermischen Ausdehnung der Metallstruktur auf die Pfeiler und die unteren Wände.
Becquey de Beaupré sprach sich für den Bau einer Metallkonstruktion aus, die „aus vertikalen Bögen aus geschmolzenem Eisen (Gußeisen) besteht, die durch schmiedeeiserne Streben verbunden sind“ (Becquey de Beaupré-Bericht 1807).[22] Auf dieser Grundlage basierte im Prinzip Bélangers Kuppel.
Darstellung eines Fachwerkbinders aus 5 Voissoirs, die sich von das Basis (rechts) zur Spitze (links) zunehmend verjüngen. Abbildung aus: HALLE AUX GRAINS ET FARINES de Paris. Pl., études pour la construction d’une coupole et dessins d’une charpente en fer. Sign. Bélanger. 1809-1812. Archives nationales, Paris
Sie ruht auf einem Sockel auf der Innenwand der Halle und besteht aus „51 großen, gebogenen Fachwerkbindern (Meridianen), die durch Streben zusammengehalten werden, die 15 kreisförmige Gürtel (Parallelen) bilden.“[23] Jeder der 51 Fachwerkbinder besteht aus jeweils 5 mit einander verschraubter Voussoirs (gebogene Träger-Segmente). 4 Voissoirs sind aus Gusseisen, 1 Voissoir oben nahe der Laterne ist, wie diese selbst, – abweichend von Becquey de Beaupré – aus Schmiedeeisen.
Bélanger präsentiert sich hier auch als Spezialist für bautechnische Probleme – eine Rolle, die er vehement verteidigte. Er betonte wiederholt, der alleiniger Designer der Kuppel gewesen zu sein und nicht François Brunet, dem die Berechnungen anvertraut worden waren. [24] Brunet war kein Ingenieur, eine Bezeichnung, die auf Sigfried Giedion zurückgeht: 1928 schreibt er in seinem enorm einflussreichen Buch „Bauen in Frankreich. Bauen in Eisen. Bauen in Eisenbeton“ „Es ist unseres Wissens das erste Mal, dass Architekt und Ingenieur nicht mehr in einer Person vereinigt sind.“ Brunet ist ein Bauunternehmer, der im Auftrag Bélangers als Bauleiter auf der Baustelle fungierte.
Sowohl Jean-Roch Dumont Saint-Priest[25] als auch Laura Cantero Esquerdo[26] schreiben ihm aber eine wesentliche Rolle beim Bau der Kuppel zu: Er erstellte die Berechnungen für die Abmessungen der Bauteile, beriet Bélanger bei deren Erstellung und dem Einsatz von Baumaschienen, arbeitete mit den Herstellern (den Creusot-Schmieden) zusammen und überwachte die verschiedenen Gewerke auf der Baustelle. Neben Brunet waren noch andere Fachleute dort tätig wie z.B. die Schlosser Jacquemard und Roussel und der Mechaniker Leschner. Auch wenn sich Bélanger selbst „als Heeresführer auf der Baustelle sah“ [27] – darin wird ihm sein Schüler Jakob Ignaz Hittorff gleichen, war ihm bewusst, dass er durch seine Mitarbeiter neue, ihm zuvor fehlende Fähigkeiten erwerben musste.
Valérie Nègre[28] hat am Beispiel des Baus der ersten Kuppel der Halle au Blé ( 1782-1783) die Produktion und Zirkulation von technischem Wissen auf Baustellen am Ende des achtzehnten Jahrhunderts untersucht. Die Baustellen waren nicht nur Austausch von technischem Wissen zwischen Architekten, Ingenieuren, Handwerksmeistern, Bauunternehmer und Sach-verständigen, sondern auch Orte des Kampfes um Macht und Wissen.
Die Situation hatte sich beim Bau der zweiten Kuppel nicht grundlegend geändert. Auch Verwendung von Metall in der Architektur agierte Bélanger nicht als Einzelkämpfer. „Im Gegenteil: Seine Fähigkeit, kompetente Fachleute zusammenzubringen, war eine der größten Stärken seines Projekts…,[Es ist ] treffender, die Metallkuppel der Halle au Blé von 1813 als Gemeinschaftswerk von François-Joseph Bélanger und François Brunet zu bezeichnen.“ [29]
Sicherlich geht der eigentliche Plan der Kuppel auf Bélanger zurück. Aber das Umsetzen des Plans in einen realen Bau ist ein dynamischer Prozess mit vielen Interaktionen und Akteuren. Mit Recht fordert Valérie Nègre von den Architekturhistorikern, dass sie sich „mehr mit der Kreativität und dem Geschick befassen [sollten], die nötig sind, um „Dinge zum Laufen zu bringen“.[30]
Die Arbeiten an der Kuppel wurden 1809 in Gang gesetzt, nachdem Cretet mit Napoleon Bélangers Entwurf beraten hatte und dieser das Projekt mit einem Dekret vom 4. September 1807 billigte. Napoleon war, wie Frances H. Steiner in seiner Arbeit zu Napoleons Akzeptanz der Metallarchitektur schreibt, „an dem Projekt so sehr interessiert gewesen“, „dass er die Baustelle während der Bauarbeiten besucht und die Kuppel persönlich einweiht“ habe.[31] Die Baustelle wurde sogar anlässlich der Hochzeit Napoleons und Marie-Louise von Österreich in der Nacht vom 1. auf den 2. April 1810 festlich beleuchtet. Da war Bélanger, früher Leiter der Menus Plaisirs du Roi und verantwortlich für die Ausrichtung und Dekoration der Feste am Hof Ludwig XVI., ganz in seinem Element. Bélanger berichtet, der Kaiser habe beim Anblick der 1813 fertiggestellten Kuppel ausgerufen: „Mein Gott, sie ist prachtvoll!“
Ob Napoleon auf der Baustelle vielleicht einen jungen Mann aus Köln, Jakob-Ignaz Hittorff , gesehen hat? Belege dafür finden sich nicht. Hittorff war 1810 zum Architekturstudium nach Paris gekommen und von Bélanger mit der Dokumentation der Arbeiten am Kuppelbau beauftragt worden.
Arbeiter beim Bau der neuen Kuppel“. Die neue Kuppel“. Zeichnung von I.J. Hittorf, dem Assistenten von Bélanger. Wallraf-Richartz-Museum, Köln
Dazu gehörte auch die Aufstellung der Baugerüste, die den Handel im Innenhof nicht ernstlich behinderten durften. Diese hölzernen Hilfskonstruktionen mussten immer wieder an den Fortgang der Arbeiten an der Kuppel angepasst werden. Hittorff nahm sich den Aufgaben mit großer Sorgfalt an, wie seine Zeichnungen über den Bau der Kuppel, größtenteils aufbewahrt im Kölner Wallraf-Richartz-Museum, belegen.
Hittdorff konnte später bei seinen Bauten, wie der Dachkonstruktionen des Theatre Ambique-Comique, des Panoramas und des Cirque d’Été, besonders aber beim Gare du Nord auf seine Erfahrungen mit der Eisenkuppel der Halle au blé aufbauen.
Eine Schwachstelle von Bélangers Kuppel war ihr Mangel an Belüftung und Lichteinfall. Luft und Licht drangen nur durch die einzigen seitlichen Öffnungen in der Laterne ein. Um dieses Problem zu lösen, beschloss man, das Dach mit einer Reihe von Öffnungen zu versehen, ohne dass jedoch dabei die Helligkeit der Kuppel von Legrand und Molinos erreicht wurde.
The Halle aux blés. drawn by A. Pugin, published by Jennings & Chaplin, London, 1831 [31a]
Bélangers Konstruktion der monumentalen Eisenkuppel nahm ein Jahrhundert der Metallarchitektur in Europa vorweg. Erst am Ende dieses 19. Jahrhunderts wird gelingen, Bauten wie die für die Weltausstellung von 1889 errichtete Galerie des Machines mit einem überspannten Raum von 110 Meter Breite und einen Turm von 300 m Höhe zu errichten, was mit den traditionellen Baustoffen nicht möglich war. Das Paradoxe war dabei, dass Frankreich in der Eisenarchitektur die Führung übernahm, obwohl es im Vergleich zu Großbritannien in seiner Eisenindustrie einen geringeren technologischen Entwicklungszustand hatte.
Monuments anciens et modernes : collection formant une histoire de l’architecture des différents peuples à toutes les époques. Tome 4 / publiée par Jules Gailhabaud. Gallica.bnf.fr
Frances H. Steiner[32] sieht den Grund in rationalistischen Prägung Frankreichs. Französische Architekten und Ingenieure stützten ihre Arbeiten tendenziell stärker auf aktuelle theoretische Studien als ihre englischen Kollegen. Sie planten logisch und pragmatisch und bezogen sowohl die Fertigungs- als auch die Montageprozesse mit ein. Die Ablösung von vorgegebenen Normen, traditionellen Formen und eines akademischen Gestaltungsstil bei den Eisenkonstruktionen erfolgte nicht sofort. In den ersten Stadien der Eisenkonstruktionen waren die Gußformen noch der Steinarchitektur und ihrer klassischen Formensprache entlehnt. Wir können dies an Henri Labroustes Bibliothèque Geneviève und Jakob Ignaz Hittorffs Gare du Nord sehen. Erst später wird die Eisenarchitektur ihre eigene Stilsprache entwickeln und in spezifisch eigenartigen Formen ihren künstlerischen Ausdruck finden.
Umso bemerkenswerter ist, dass Bélanger schon früh, ohne Rückgriff auf traditionelle Formen, einen eigenständigen Stil entwickelt hat. Jetzt, in großen Teilen sichtbar herausgestellt, entfaltet seine Eisenkonstruktion ihre Ästhetik.
Die freigelegte Kuppel Bélangers – Foto Wolf Jöckel
Durch neue Konstruktionsmöglichkeiten mit Eisen wurden offene, lichtdurchflutete Räume möglich, die von einer leichten Konstruktion und Glas umschlossen wurden. Durch die Standardisierung und Vorfertigung bildeten die einzelnen Elemente „zusammengesetzt zu einer Gebäudeeinheit oder einem Raumfachwerk […] die Basis für die Serienproduktion.“[33]
Die monumentalen Eisenkonstruktionen brachen nicht nur mit den Formen und ästhetischen Traditionen und Normen, sie veränderten auch die Rolle der Architekten: „Der Einsatz einer experimentellen Bautechnik zwingt ihn zur Zusammenarbeit mit einem Ingenieur oder Techniker. Er sieht sich der Gesamtgestaltung eines Denkmals beraubt, das dadurch gewissermaßen zu einem Gemeinschaftswerk wird.“ (Marc Lauro, ebd.)
Kapitel V Der Niedergang der Halle au Blé
1854 wurde die Halle au Blé erneut durch ein Feuer schwer beschädigt, zunächst aber wieder repariert. Die Unhygiene rund um die Halle und die sechs Straßen zu ihr, bebaut mit vier- bis fünfgeschossigen Häusern, genügten schon längst nicht mehr dem reibungslosen Waren-transport, denn auf ihnen konkurrierte das Leben der Bevölkerung des Viertels mit den Fuhrwerken und dem Treiben der Verkäufer und Käufer auf dem Markt.
Überdies machten die von Victor Baltrat erbauten Pavillons die Halle au Blé zu einem Anachronismus. Die ersten sechs östlichen wurden zwischen 1857 und 1858 errichtet. Zwischen 1860 und 1866 folgten vier westliche Pavillons. Weitere folgten später.
Der Rückgang des Weizenhandels an dieser Stelle führte dazu, dass die Halle au Blé nur noch als Lager genutzt wurde. 1873 wurde sie ganz geschlossen.
Aufgrund der Expansion der Wertpapierbörse, die den gesamten Palais Brongniart einnahm, trennten sich die Institutionen des Handels. Die Handelskammer zog 1853 in ihre eigenen Mauern – blieb aber auf dem Place de la Bourse -, das Handelsgericht schloss sich 1865 der Judikative auf der Île de la Cité an und die Halle au Blé sollte zur neuen Handelsbörse, zur Bourse de Commerce, umgebaut werden. Sie war Umschlagplatz nicht nur für den Kauf und Verkauf von Getreide, sondern auch von Zucker, Alkohol, Öl und Gummi.
Anmerkungen
[1] Steven Laurence Kaplan: Provisioning Paris: Merchants and Millers in the Grain and Flour Trade during the Eighteenth Century. Cornell University Press, 1984; hier S.114-115.
[2] Marc-Antoine Laugier, Observations sur l’architecture, The Hague: Desaint, 1765, p. 196.
[3] J.-F. Blondel, Cours d’architecture, 6 vols., ed. Pierre Patte, Paris, 1771–7, Vol. 1, p.108.
[4] Georges-Louis Le Rouge, Curiosités de Paris, de Versailles et de Marly, Paris, 1771. Tome 1, p. 223-227
[6] Das Panopticon (von griechisch παν pān, ‚alles‘, und οπτικό optikó, ‚zum Sehen gehörend‘), ist ein von dem britischen Juristen, Philosophen und Begründer des klassischen Utilitarismus Jeremy Bentham (1748-1832) stammendes Konzept zum Bau von Gefängnissen und ähnlichen Anstalten, aber auch von Fabriken, das die gleichzeitige Überwachung vieler Menschen durch wenige ermöglicht. Michel Foucault bezeichnete dieses Ordnungsprinzip als Modell moderner Überwachungsgesellschaften und als wesentlich für westlich-liberale Gesellschaften, die er auch Disziplinargesellschaften nennt. Das im 19. Jahrhundert errichtete (nicht mehr existierende) Gefängnis La Petite Roquette im 11. Arrondissement von Paris war nach diesen Prinzipien gebaut.
[10]Louise Pelletier, Nicolas Le Camus de Mézières’s Architecture of Expression, and the Theatre of Desire at the end of the Ancien Régime ; School of Architecture, McGill University Montreal, May 2000
[11] Anonymer Brief zur Halle au Blé vom 14. Dezember 1783. Zitiert nach Louise Pelletier, ebd.
[17] The Genius of Architecture; or, The Analogy of That Art with Our Sensations. Werner Szambien, Editorial Consultant, Lynne Kostman, Manuscript Editor. Introduction by ROBIN MIDDLETON. Published by The Getty Center for the History of Art and the Humanities, Santa Monica, published 1992
[20] Details sind bei Dora Wiebenson, ebd. und Laura Cantero Esquerdo: LA HALLE AU BLÉ DE PARIS – La primera gran cúpula de hierro fundido; Trabajo de fin de Grado, Curso 2020/2021. Madrid, 8 de junio de 2022. Escuela Técnica Superior de Arquitectura de Madrid, Universidad Politécnica de Madrid, nachzulesen.
[21] Mémoire sur la reconstruction de la coupole de la halle au bled de Paris, par Jean Rondelet 1803
[22] Matteo Porrino. Designing a ground-breaking structure. Notes on the cast-iron/wrought-iron dome of the former Halle au Blé, 1809–1813. https://hal.science/hal-03653098. Submitted on 27 Apr 2022
[24] Marc Lauro. Charles-François Viel (1745-1819): architecte et théoricien. Art et histoire de l’art. Université Panthéon-Sorbonne – Paris I, 2019. Français.
[25] Jean-Roch Dumont Saint-Priest: La cupola metallica dell’«halle au blé» di Parigi (1806-1813), un’architettura meccanica. ArcHistoR anno VI (2019) n. 12
[26] Laura Cantero Esquerdo: LA HALLE AU BLÉ DE PARIS – La primera gran cúpula de hierro fundido; Trabajo de fin de Grado, Curso 2020/2021. Madrid, 8 de junio de 2022. Escuela Técnica Superior de Arquitectura de Madrid, Universidad Politécnica de Madrid, nachzulesen.
[28] Valérie Nègre: Production and Circulation of Technical Knowledge on Building Sites at the End of the Eighteenth Century. Université Paris 1 Panthéon Sorbonne, France. HoST – Journal of History of Science and Technology, Vol. 15, no. 2, Dec 2021, pp. 17-33. 10.2478/host-2021-0011
[31a] Paris and its environs : displayed in a series of two hundred picturesque views, from original drawings By A.Pugin & Ch. Heath, Charles, published 1831 by Jennings and Chaplin. London
[33] Helene Marie Conway: Visible Structures. Submitted to the department of Architecture in partial fulfillment of the requirement for the degree of Master of Science in Architecture Studies at the Massachusetts Institute of Technology, June, 1991. http://dspace.mit.edu/handle/1721.1/7582
Laura Cantero Esquerdo: LA HALLE AU BLÉ DE PARIS – La primera gran cúpula de hierro fundido; Trabajo de fin de Grado, Curso 2020/2021. Madrid, 8 de junio de 2022. Escuela Técnica Superior de Arquitectura de Madrid, Universidad Politécnica de Madrid
La Collection Pinault à la Bourse de Commerce. Ouverture. Édition Beaux Arts, Paris 2021
Helene Marie Conway: Visible Structures. Submitted to the department of Architecture in partial fulfillment of the requirement for the degree of Master of Science in Architecture Studies at the Massachusetts Institute of Technology, June, 1991. http://dspace.mit.edu/handle/1721.1/7582
Jean-Roch Dumont Saint-Priest: La cupola metallica dell’«halle au blé» di Parigi (1806-1813), un’architettura meccanica. ArcHistoR anno VI (2019) n. 12
The Genius of Architecture; or The Analogy of That Art with Our Sensations. Werner Szambien, Editorial Consultant, Lynne Kostman, Manuscript Editor. Introduction by ROBIN MIDDLETON. Published by The Getty Center for the History of Art and the Humanities, Santa Monica, published 1992
Le Genie Civil. Tome XIV, Nr. 7, 15. Dez. 1888, p.97-101 Le Génie civil Tome XIII, Nr. 16, 18. Aug. 1888, p.242ff
Elsa Jamet: An Agency at the Service of Haussmannian Paris: the Agency of Henri Blondel (1821-1897). Online since 28 December 2020, URL: http://journals.openedition.org/craup/5747
Steven Laurence Kaplan: Provisioning Paris: Merchants and Millers in the Grain and Flour Trade during the Eighteenth Century. Cornell University Press, 1984; hier S.114-115
Marc-Antoine Laugier, Observations sur l’architecture, The Hague: Desaint, 1765, p. 196.
Marc Lauro. Charles-François Viel (1745-1819): architecte et théoricien. Art et histoire de l’art. Université Panthéon-Sorbonne – Paris I, 2019. Français.
Claire Lemercier : Die Börsen in Frankreich im 19. Jahrhundert: Symbole der Handelsmacht? Dans Histoire, économie & société 2006/1 (25e année), pages 51 à 66. https://doi.org/10.3917/hes.061.0051
Valérie Nègre: Production and Circulation of Technical Knowledge on Building Sites at the End of the Eighteenth Century. Université Paris 1 Panthéon Sorbonne, France. HoST – Journal of History of Science and Technology, Vol. 15, no. 2, Dec 2021, pp. 17-33. 10.2478/host-2021-0011
Georges-Louis Le Rouge, Curiosités de Paris, de Versailles et de Marly, Paris, 1771. Tome 1, p. 223-227
Louise Pelletier, Nicolas Le Camus de Mézières’s Architecture of Expression, and the Theatre of Desire at the end of the Ancien Régime ; School of Architecture, McGill University Montreal, May 2000
Matteo Porrino. Designing a ground-breaking structure. Notes on the cast-iron/wrought-iron dome of the former Halle au Blé, 1809–1813. https://hal.science/hal-03653098. Submitted on 27 Apr 2022
Jean Rondelet, Mémoire sur la reconstruction de la coupole de la halle au bled de Paris 1803
Meredith TenHoor: Architecture and Biopolitics at Les Halles. French Politics, Culture & Society, Vol. 25, No. 2 (Summer 2007), pp. 73-92 (20 pages) https://www.jstor.org/stable/42843502
Der Dank für die Pommes Frites gilt Antoine-Augustin Parmentier (1737 – 1813), einem französischen Pharmazeuten und Agronom, der auf dem Friedhof Père Lachaise bestattet ist. Sein Grab wird gerne von Kartoffel-Freunden und -Freundinnen geschmückt.
Denn Parmentier hatte wesentlichen Anteil daran, die Kartoffel in Frankreich, dem klassischen Land des Getreideanbaus, zu verbreiten. Ein wesentlicher Anstoß dazu waren sicherlich die im 17. und 18. Jahrhundert häufigen Hungersnöte, vor allem die „grande famine“ von 1709, der ca 600 000 Menschen zum Opfer fielen. Sicherung und Verbreiterung der Nahrungsmittelversorgung waren eine existentielle Notwendigkeit. Dass dabei die Kartoffel eine wichtige Rolle spielen kann, erfuhr Parmentier in Theorie und dann sogar am eigenen Leibe in Deutschland. Während des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) war er, damals als Apotheker im Dienst der französischen Armee, nämlich längere Zeit in Deutschland. In Frankfurt am Main hatte er Kontakt zu dem Naturforscher Christian Friedrich Meyer, der ihm sogar seine Tochter zur Frau geben wollte, sofern er sich hier niederlassen würde. Parmentier kehrte jedoch nach Frankreich zurück. Erneut in Deutschland, lernte er dann als Kriegsgefangener in Westfalen den Kartoffelanbau auch in der Praxis kennen. Den hatte Friedrich der Große mit Hilfe seiner „Kartoffelbefehle“ schon seit 1746 in Preußen durchgesetzt. Über seine entsprechenden Erfahrungen als Kriegsgefangener schrieb Parmentier: „Während mehr als 14 Tagen waren Kartoffeln meine einzige Ernährung, aber ich fühlte mich dabei nicht ermüdet und nicht unwohl“.
Parmentier überzeugte sich von dem Potential der Kartoffel und gewann 1771 mit ihr den Preis der Akademie zu Besançon zur Untersuchung von Nahrungspflanzen, die in Zeiten einer Hungersnot genutzt werden könnten. Zur allgemeinen Akzeptanz der Kartoffel war es aber noch ein beschwerlicher Weg, den Parmentier aber mit großer Energie beschritt. Es gelang ihm sogar, Marie Antoinette und König Ludwig XVI. für die Kartoffel zu begeistern: Am Saint Louis-Feiertag 1786 überreichte er dem König in Versailles einen Strauß Kartoffelblüten. Eine steckte der König in sein Knopfloch, eine andere Marie-Antoinette in ihr hochgetürmtes Haar: Eine neue Mode war kreiert. Dazu überließ Ludwig XVI. Parmentier auf einem sandigen Militärgelände im Westen von Paris einen Acker als Versuchsfeld für den Kartoffelanbau: Die Metrostation „Les Sablons“ der Linie 1 erinnert noch daran.
Übrigens soll Ludwig XVI. Soldaten abgestellt haben, um die Kartoffelfelder von „Les Sablons“ zu „bewachen“. Er habe damit erreichen wollen, dass die Bauern die offensichtlich wertvollen Kartoffeln von den Feldern stehlen. So soll es ja vor ihm schon Friedrich der Große gemacht haben, um die Vorbehalte seiner zögerlichen Bauern zu überwinden.
Heute ist Frankreich nach Deutschland und Polen das drittgrößte „Kartoffel-Land“ der EU, und der Name Parmentier ist bekannt und populär. Ein verbreiteter Kartoffelauflauf – im Allgemeinen mit Rindfleisch – siehe Foto) ist nach ihm benannt. Manchmal, wenn bei uns „schnelle Küche“ angesagt ist, gibts auch den Kartoffelauflauf mit Ente (Parmentier de canard)….
Und wenn auf der Speisekarte potage parmentier steht, wie bei dem Petit Bouillon Pharamond in Paris, dann weiß zumindest jeder französische Gast, dass es sich um eine Kartoffelsuppe handelt.
Selbst in deutschen Supermarktregalen findet man Produkte, die an Parmentier erinnern:
Aber Parmentiers Verdienste und Tätigkeiten beschränkten sich nicht auf die Kartoffel. Er beschäftigte sich auch mit Zucker und stellte Weinsirup her, den er im ganzen Land bekannt zu machen suchte. Daran erinnert ein Relief auf seinem Grabdenkmal.
Ursprünglich war es von einem mit Kartoffeln bepflanzten Beet umgeben. Das gibt es jetzt nicht mehr. Aber dafür gibt es ja die Kartoffeln auf dem Denkmal…
Ludwig XVI. beglückwünschte übrigens Parmentier zur erfolgreichen Einführung der Kartoffel in Frankreich. Das Land werde ihm einmal dankbar dafür sein „das Brot der Armen“ erfunden zu haben. Die pommes frites wurden erst später „erfunden“, aber ohne Parmentier gäbe es sie nicht…
Das Grab Parmentiers befindet sich in division 39, allée P. Reste.
Kaum war der schreckliche Brand von Notre-Dame im April 2019 gelöscht, entbrannte eine kurze heftige Debatte zwischen den Vertretern eines getreuen Wiederaufbaus, den Anciens, und den Modernes, die für einen Wiederaufbau im Geiste unserer Zeit plädierten. Präsident Macron als Repräsentant des für das Bauwerk zuständigen Staates hätte sich durchaus eine moderne „geste architecturale“ vorstellen können. Beschlossen wurde dann aber eine Rekonstruktion „à l’identique“. Die wiederaufgebaute Kathedrale entspricht damit wieder dem grundlegenden Werk Viollet-le-Ducs, der Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem damals arg heruntergekommenen Bau eine idealtypische gotische Kathedrale formte. Erst er habe, so hymnische Stimmen nach dem Brand, aus Notre-Dame ein „chef-d’oeuvre“, ein Meisterwerk, gemacht.[1]
Bei der Rekonstruktion wurde also auf jedwede zeitgenössische Veränderung und Neuerung des Baus verzichtet. Symbol der getreuen „résurrection“ der Kathedrale ist der mächtige Dachreiter, der 2019 bei dem Brand einknickte und das Dach der Kirche durchschlug. Auch dieser Dachreiter aus dem 19. Jahrhundert mit dem Abbild Viollet-le-Ducs wurde exakt wiederhergestellt. Und dies gilt auch für die Fenster, einschließlich der 12 von Viollet-le-Duc entworfenen.
Eines der von Viollet-le-Duc entworfenen Fenster im südlichen Seitenschiff (Foto: Wolf Jöckel, Januar 2026)[2]
Das Domkapitel von Notre-Dame mit dem Pariser Erzbischof Ulrich sah aber im Brand und dem Wiederaufbau die Chance, die Kirche auch für moderne Kunst zu öffnen.
Schöne Beispiele dafür sind in den nördlichen Seitenkappellen der Kathedrale die modernen Wandteppiche, die die historischen Mays-Gemälde ergänzen. Hier zwei Teppiche mit Motiven von Matisse.
Dazu gab es aber auch von kirchlicher Seite den Wunsch, die Kathedrale mit einigen modernen Glasfenstern auszustatten. Viele Epochen, so der Pariser Erzbischof, hätten in der Kathedrale ihre Spuren hinterlassen: „Es gibt in Notre-Dame Glasfenster aus dem 13. Jahrhundert, dem 17., dem 19. und dem 20, warum nicht auch aus dem 21.“, der Epoche also, die „die verwundete Kathedrale“ restauriert habe. Als Ort wurden sechs Seitenkapellen im südlichen Querschiff ausersehen, deren vom Brand nicht beschädigte Fenster Viollet-le-Duc entworfen hatte.
Die Idee der sechs modernen Fenster wurde von Präsident Macron begeistert aufgenommen. Nach der Wiedereröffnung solle -wenigstens mit den sechs Fenstern von insgesamt 120- das 21. Jahrhundert (la marque du XXIe siècle) in die Kathedrale einziehen. Viollet-le-Duc sei 29 Jahre alt gewesen, als er den Dachreiter von Notre-Dame entworfen habe, Renzo Piano, der Architekt des Centre Pompidou, 33. Man müsse auch Vertrauen in die (jungen) Künstler unserer Zeit haben.
Am 8 Dezember 2023, ein Jahr vor der Wiedereröffnung von Notre-Dame, kündigte Präsident Macron an, es werde ein Wettbewerb für den Entwurf der 6 zeitgenössischen Fenster ausgeschrieben. Natürlich sollten die Fenster von französischen Ateliers hergestellt werden, made in France oblige. Und es sollte sich, das war der Wunsch der Kirche, um figurative Darstellungen zum Pfingstwunder handeln.
Gegen dieses Vorhaben gab es erheblichen Widerstand. Eine französische Petition zur Bewahrung der Kirchenfenster sammelte fast 300 000 Unterschriften. Man habe, so heißt es darin, keine grundsätzlichen Einwände gegen Elemente moderner Kunst in historischen Bauwerken. Bei Notre-Dame sollten aber Fenster ersetzt werden, die genauso unter Denkmalschutz stünden wie der gesamte Bau. Die Fenster hätten immerhin den Brand überstanden, seien danach aber, wie die gesamte Kathedrale, mit Spendengeldern restauriert worden. Außerdem, so die Petition und weitere Kritiker in ihrem Gefolge, würden moderne Fenster „vor allem das von Viollet-le-Duc fein austarierte Lichtspiel in der Kirche brachial stören.“[3]
Ein weiteres Glasfenster Viollet-le-Ducs im südlichen Seitenschiff, das durch ein modernes Fenster ersetzt werden soll.
Präsident Macron versuchte die Wogen zu glätten, indem er ankündigte, die Fenster Viollet-le-Ducs, die durch neue Kreationen ersetzt würden, in das geplante Notre-Dame-Museum (musée de l’œuvre de Notre-Dame de Paris) im Hôtel Dieu neben der Kathedrale zu überführen. Das sei aber, so die Petition, nur ein schwacher Trost und auch kaum vollständig umsetzbar. Didier Rykner, der Initiator der Petition, hat jedenfalls weiteren entschiedenen Widerstand angekündigt. Gegebenenfalls werde man auch mit juristischen Mitteln gegen „das Projekt Macrons“ vorgehen: Da wird die Verantwortung für das umstrittene Projekt nicht der Kirche, sondern dem in Frankreich ungeliebten Präsidenten zugeschrieben: Vielleicht sind manche Unterschriften diesem geschickten Schachzug zu verdanken…
Trotz alledem: Im Dezember 2024 verkündete die für den Wiederaufbau Notre-Dames und für die Auswahl der neuen Fenster verantwortliche Institution Rebâtir Notre-Dame de Paris das Ergebnis des ausgeschriebenen Wettbewerbs. Die Jury unter der Leitung von Bernard Blistène, dem ehemaligen Leiter des Centre Pompidou, wählte aus 110 Teilnehmerinnen und Teilnehmern Claire Tabouret aus. Sie hatte ihr Konzept in Zusammenarbeit mit dem renommierten Glasatelier Simon-Marq aus Reims entwickelt. Die 1981 in Südfrankreich geborene und seit 2015 in Los Angeles lebende Künstlerin ist in Deutschland eher unbekannt.[4] Vor allem in den USA und in Frankreich, wo sie u.a. von der Fondation Pinault gefördert wird, hat sie aber durch zahlreiche Ausstellungen und Werke in renommierten Museen und Galerien einen festen Platz im künstlerischen Leben.
Eindrucksvoll ist ihre Serie L’île, mit der sie das Schicksal der Bootsflüchtlinge im Mittelmeer thematisiert.[5]
Vor allem ist sie bekannt für ihre teilweise verstörenden Bilder von Kindern und Jugendlichen in meist leuchtenden Farben.
Seit Dezember 2025 und bis zum 15. März 2026 sind Tabourets Entwürfe für die neuen Glasfenster von Notre-Dame nun im Grand Palais zu sehen. Tabouret reizte diese Aufgabe besonderes angesichts der polemischen Begleitmusik des von ihr grundsätzlich begrüßten Projekts. Frankreich habe ein besonderes Verhältnis zur Geschichte, das manchmal zu einer Gefahr des Immobilismus führe. Sie wolle dazu beitragen, das Erbe lebendig zu erhalten. Außerdem habe sie die vom Pariser Erzbischof Ulrich vorgegebene Pfingstthematik besonders angesprochen. Pfingsten stehe für die Idee des harmonischen Zusammenlebens von Menschen, trotz aller Unterschiede. „Eine wesentliche Botschaft der Toleranz in einer von Kriegen und Trennungen geprägten Epoche.“ [7] Ein figuratives Kunstwerk könne „von Menschen aus verschiedenen Kulturen ohne Erklärung oder Bezeichnung verstanden werden.“[8]
Claire Tabouret in ihrem Atelier mit Entwürfen für die neuen Glasfenster von Notre-Dame[9]
Die sechs Entwürfe entsprechen in der Größe (7 Meter Höhe) und Form (jeweils 4 Lanzettfenster, ein 6-er Pass und zwei 4-er Pässe) den originalen Fenstern. Sie sind in der Galerie des Grand Palais nebeneinander ausgestellt.
Vor den Fenster-Entwürfen ist jeweils eine Bank aufgestellt, beschriftet mit einem dazu passenden Bibelzitat aus der Pfingstgeschichte und dahinter Vitrinen und an der Wand befestigte Materialen und Vorarbeiten zu den jeweiligen Fenstern.
Ornamentales Detail eines Vorentwurfs
Das erste für die Kapelle Saint-Joseph bestimmte Fenster zeigt die versammelten Apostel. Auf der Bank davor ein Satz aus der biblischen Apostelgeschichte: Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort.
Das zweite und das dritte Fenster veranschaulichen den Sturm, von dem die Apostelgeschichte berichtet: Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.
Das dritte, für die Kapelle Saint-Vincent-de-Paul bestimmte Fenster
Das zentrale Fenster ist der Schilderung des Pfingstwunders gewidmet. Dies wird in der Apostelgeschichte so beschrieben: „Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder.“ Dies stellt Tabouret in ihrem vierten Fenster dar.
Zwei der zwölf Feuerzungen
Dieses Fenster ist besonders hervorgehoben durch seinen Ort, nämlich die der Pariser Schutzheiligen Sainte-Geneviève gewidmete Kapelle. Und es ist zusätzlich und vor allem von Tabouret hervorgehoben durch die zentrale Gestalt der Maria, der Namensgeberin der Kathedrale, die Tabouret in die Pfingstgeschichte einfügt.
„Maria erscheint körperlich und ekstatisch, das Haar offen, das Gewand blau. Ein zeitgenössischer Blick auf eine uralte Geschichte.“[10] Maria, so Tabouret, sei üblicherweise schamhaft und in sich gekehrt dargestellt. Bei ihr dagegen steht sie aufrecht, den Betrachtern zugewandt, in einer sehr expressiven Haltung, die Arme zum Himmel gestreckt, die Augen gerötet durch den Tod ihres Sohns, die Haare kämpferisch gelöst (les cheveux en bataille).[11]
Diese Mariendarstellung wird denn auch als Motiv für das Ausstellungsplakat verwendet.
Den Titel der Ausstellung „D’un seul souffle“ (Mit einem Atemzug) hat Tabouret, wie sie sagt, mit einem das Projekt begleitenden Mitglied der Pariser Diözese gefunden: „Ich suchte nach einem Titel, der eine kollektive Handlung suggeriert, und dieser war genau richtig: Über den Atem des Glases und den Atem des Windes hinaus, der in einem der Verse erwähnt wird“ beziehe sich der Titel der Ausstellung auch auf den „Atem des Lebens, der uns alle vereint, unabhängig von unserer Kultur oder unserem Glauben.“[12]
Darum geht es dann auch besonders in den letzten beiden Fenstern entsprechend den Worten der Apostelgeschichte: Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.[13]
Detail aus dem 5. Fenster für die Kapelle Saint-Denys
Sie zeige hier, so Tabouret, Menschen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund, die im Gebet vereint sind, um Pfingsten zu feiern. In Zeiten wie unseren, die von Krieg, extremer Spaltung und Spannung geprägt sind, sei es „eine wunderbare Geste der Hoffnung“, durch die Kunst die Einheit der Menschen durch das Thema Pfingsten zu fördern.[14]
Ausschnitt aus dem abschließenden sechsten Fenster in der Kapelle Saint-Paul-Chen
Die Beurteilung der Entwürfe Tabourets könnte, was zu erwarten war, unterschiedlicher nicht sein. Da gibt es, etwa im Katalog der Ausstellung, hymnische Darstellungen von kirchlicher Seite und von Seiten der für den Wettbewerb und die Auswahl Tabourets Verantwortlichen. Und es gibt andererseits -beispielsweise- einen Verriss, wie er radikaler und heftiger kaum sein könnte, nämlich von Stefan Trinks in der FAZ vom 10.12.2025 unter dem Titel: Oh Herr, lass Kunst regnen! Nicht nur sei generell der Ersatz der Fenster Viollet-le-Ducs „eine bedauerliche, ja groteske Fehlentscheidung“, sondern vor allem auch die Auswahl der stillosen Entwürfe Tabourets. Künstlerisch funktioniere auf ihren Fenstern „gar nichts“. Die Flammen des Heiligen Geistes ergössen sich „in einem absurd scheußlichen Hustensaftrosa“ auf die „unausgeschlafen“ aussehenden und „geradezu bedröhnt“ wirkenden Jünger.
Der Boden sei „wie mit buntem Konfetti beim Kölner Karneval“ bestreut und könne „genauso gut aus einem geschmacklosen Hotel der Neunzigerjahre stammen“…. Da kann der Autor dieser vernichtenden Kritik nicht nachvollziehen, dass die sonst so peniblen Denkmalpfleger der UNESCO hier keinen Einspruch erhoben haben…
Mein Blick auf die Fenster ist anders: Auch als ein der Kirche fernstehender Mensch kann ich der in den Fenstern zum Ausdruck gebrachten Utopie menschlicher Einheit einiges abgewinnen, so wie ich auch Schillers/Beethovens „Alle Menschen werden Brüder“ immer mit großer Anteilnahme singe oder höre. Und künstlerisch überzeugen mich die beiden Fenster, die den vom Himmel kommenden Sturm darstellen.
Ausschnitt aus dem zweiten Fenster, das den vom Himmel kommenden Sturm illustriert.
Man hat da auf Monet verwiesen, und Tabouret hat selbst berichtet, wie sehr seine Bilder sie schon als kleines Kind beindruckten.
Ausschnitt aus dem dritten Fenster
Bei dem im Sturm gebeugten Baum des dritten Fensters hat man auch auf van Gogh verwiesen, was kritisch aber auch anerkennend gemeint sein kann. Ich sehe das eher als Verweis auf die künstlerische Tradition, auf die sich jedes moderne Kunstwerk bezieht, als Qualitätsnachweis.
Trinks allerdings nennt den „dräuenden Gewitterhimmel“ in einem Atemzug mit dem „Apostel-Ringelreihen“ davor. Immerhin gesteht er am Ende dann doch zu, dass jeder ja sich selbst „vor Ort seine Meinung bilden“ könne. In diesem Punkt kann ich ihm zustimmen. Und dazu ist noch bis zum 15. März im Grand Palais Gelegenheit und ab Ende des Jahres dann auch in Notre-Dame selbst. Dann wird man vielleicht auch sehen, ob die Fenster Tabourets wirklich brachial das „fein austarierte Lichtspiel“ der Kirche zer-stören oder sich nicht vielmehr „harmonisch in die gotische Ästhetik der Kirche“ einfügen, sie durch ihr neues Licht bereichern und zu einem Dialog zwischen Tradition und Innovation anregen.[15]
[4] Nach der Homepage von Claire Tabouret gab es bisher noch keine Ausstellung ihrer Werke in Deutschland und noch keine Arbeiten von ihr wurden von renommierten deutschen Museen gekauft. https://www.clairetabouret.com/
Wo auf der Île Saint-Louis die Rue Le Regrattier auf den Quai Boubon trifft, steht auf einem Sockel des Eckhauses der Torso einer Statue, von der nur noch die Beine mit Resten eines Gewandes vorhanden sind.
Unterhalb des Sockels ist in den Eckstein der ehemalige Straßenname eingemeißelt: „Rue de la Femme sans Teste“, „Straße der Frau ohne Kopf“. („Teste“ ist das altfranzösische Wort für „Tête“.)
Die meisten von uns würden den naheliegen Schluss ziehen, dass sich der alte Straßenname auf die kopflose Skulptur bezieht. Tatsächlich verhält es sich ganz anders.
Auf dem Sockel hatte Nicolas de Jassaud, Besitzer eines Nachbargebäudes am Quai, 1666 keine Frauenfigur, sondern Saint Nicolas stellen lassen. Es war sein Namenspatron und Schutzheiliger der Bruderschaft der Seeleute und Schiffer, der er angehörte.
Die Heiligenfigur wurde 1793 von Pierre-André Coffinhal-Dubail (1762-1794), bekannt als Jean-Baptist Coffinhal, zerstört. Ein neuer kleinerer Nikolaus füllt allerdings inzwischen die Lücke mehr schlecht als recht etwas aus.
Coffinhal wohnte in der Rue Le Regrattier Nummer 6. An seinem Haus erinnert noch eine Plakette an ihn.
Fotos: Wolf Jöckel
Der Jurist Coffinhal, ein besonders radikaler Anhänger Robespierres, war Wahlmann für die Section de l’Île-Saint-Louis bei den französischen Parlamentswahlen und für den Konvent. Die Section wurde 1792 in Section de la Fraternité umbenannt, um alle Hinweise auf eine religiöse Herkunft auszulöschen. Dieser Ikonoklasmus machte in der radikalen Phase der Französischen Revolution, d.h. vom Sturm auf die Tuilerien im August 1792 bis zum Sturz von Robespierre am 9. Thermidor (27. Juli 1794) nicht Halt bei religiösen Bezeichnungen und Bildwerken, sondern betraf auch alle Symbole und Zeichen des Königtums. An Gebäuden und Straßen wurde – wie man noch heute sehen kann – das „Saint“ oder „St.“ herausgemeißelt, Statuen und Denkmäler von Heiligen und alle Königsdenkmäler wurden zerstört. Selbst die Grabstätten der französischen Könige in der Basilika Saint-Denis wurden geschändet.
Straßenschild der rue Saint-Séverin im Quartier Latin (5. Arrondissement) Foto: Wolf Jöckel
1793 wurde Coffinhal zum Richter des Revolutionstribunals ernannt. Der Freund des berüchtigten Chefanklägers Fouquier-Tinville zeichnete sich durch seinen Eifer und seine Unnachgiebigkeit aus. Er führte auch den Vorsitz beim Prozess gegen den berühmten Chemiker Antoine de Lavoisier. In seinen Prozessen legte er einen fanatischen Eifer an den Tag. Er war berüchtigt dafür, den Angeklagten das Wort abzuschneiden, er fälschte Protokolle und auch Beweismittel, soweit er sie nicht ganz unterschlug. Im Prozess gegen Lavoisier soll er, als jemand dessen wissenschaftliche Verdienste anführte, geäußert haben: La république n’a pas besoin de savants et de chimistes, le cours de la justice ne peut être suspendu. („Die Republik braucht weder Wissenschaftler noch Chemiker. Der Lauf der Justiz darf nicht aufgehalten werden.“), doch ist das umstritten. Das französische ’n’a pas besoin de savants‘ könnte auch mit ‚hat keinen Mangel an Wissenschaftlern‘ übersetzt werden, was die Bedeutung ändern würde, wenn er dies tatsächlich gesagt hätte. Nach dem Sturz von Robespierre wurde Coffinhal auf der Flucht gefasst, am 18. Thermidor (6. August 1794) zum Tode verurteilt und am selben Tag auf der Place de Grève guillotiniert. Als er das Schafott bestieg, soll ihm die höhnische Menge den Satz zugerufen haben, den er so oft benutzt hatte, als er den Vorsitz im Revolutionstribunal führte – „Coffinhal, tu n’as pas la parole!“. (Coffinhal, du hast nicht das Wort). Dieser üble Zeitgenosse war nun un l’homme sans Tête, das angemessene Schicksal für diesen Mann an diesem Ort.
Es bleibt die Frage: Wenn also die kopflose Skulptur und eingravierte Inschrift „rue de la femme sans teste“ nichts miteinander zu tun haben, wie erklärt sich dann dieser Straßenname?
Foto: Wolf Jöckel
Benannt wurde der Straßenabschnitt zwischen der Rue Saint-Louis und dem Quai de Bourbon zwischen 1660 und 1665 nach einer Taverne in dieser Straße oder nach einem Schild an diesem Wirtshaus, das eine kopflose Frau mit einem Glas in der Hand zeigte, begleitet von dem Motto tout en est bon (alles ist gut), ein damals häufiger Brauch in Paris.
Edmond Beaurepaire, Journalist, später Bibliothekar an der Bibliothèque historique de la Ville de Paris und Autor von Werken über die Hauptstadt, der sich eingehend mit der Geschichte der Straße beschäftigt hat (“A propos de la rue de la Femme-sans-Tête.” La Cité 1911) zeigt, dass der Name mit der Geschichte von Lustucru verbunden ist. Unklar ist lediglich, ob die Taverne zum Gedenken an Lustucru benannt wurde oder ob ihr Ladenschild die Ikonographie der Figur inspirierte.
Ein Bild von Lustucru findet sich in der Histoire de l’imagerie populaire, von Jules Champfleury, Paris 1886. Sie zeigt die Reproduktion eines Holzschnittes aus dem 17.Jahrhundert und war vermutlich für einen Almanach bestimmt.
Maitre Lustucru“ – hier als Schmied dargestellt, schlägt in Begleitung eines Arbeiters auf den Kopf einer Frau, den er mit einer Zange in seinen Armen auf einem Amboss hält, und ruft aus: Je te rendrai bon (Ich werde es dir gut machen), worauf der Mitarbeiter hinzufügt: Maris, réjouissez-vous (Ehemänner, freut euch). Man beachte, dass ein weiterer Kopf einer üblen Frau auf dem Herd der Schmiede liegt und darauf wartet, dass der Schmied ihn der gleichen Operation unterzieht, um ihn ebenfalls gut zu machen. Oben links sehen wir ein Schild mit einer kopflosen Frau und darunter die Inschrift „A la bonne femme“ (Auf die gute Frau).
Eine frühere Quelle ist Jacques Lagniets Sammlung der berühmtesten Sprichwörter (Recueil des plus illustres proverbes, divisés en trois livres), die zwischen 1657 und 1663 in Paris gedruckt wurde. Sie ist illustriert mit 119 satirischen Drucken , die das Leben, die Sitten und die Sprichwörter des französischen Volkes unter den Regentschaften von Ludwig XIII. und Ludwig XIV. zum Inhalt haben. Dazu gehören auch Bilder zu dem Motto „femme sens teste tout en est bon) und von Lustucru., erst als Scharfrichter, dann als Schmied und „Kopfchirurg“.
Auch wenn in der besonders drastischen Henkerszene der Scharfrichter nicht als Lustucru gekennzeichnet ist, kann der nachfolgende Stich aus Lignaits Sammlung wegen seines hervorgehobenen Titels femme sans tête tout en est bon (Frau ohne Kopf, alles ist gut) dem Listucru-Zyklus zugeordnet werden.
Anonymous engraving (printed and sold by Jacques Lagniet) [1]
Der Kupferstich zeigt eine enthauptete Frau, aus deren Hals Blut spritzt, die aber noch immer mit gefalteten Händen kniet ; neben ihr der Henker mit dem Schwert in der Hand, ihr Kopf auf dem Boden, umgeben von einer schaulustigen Menge. Dazu sind eine Reihe „Sprichwörter“ eingraviert: il n’y a pas à rire (da gibt es nichts zu lachen), il est brave comme un bourreau qui fait ses Pâques (er ist so mutig wie ein Henker, der Ostern feiert), c’est un bon médecin, il guérit de tous maux (er ist ein guter Arzt, er heilt alle Krankheiten), couper le passage des vivres (schneidet der Nahrung den Durchgang ab), couper net comme navet (sauber geschnitten wie eine Rübe), grosse tête peu de sens (großer Kopf, wenig Sinn) neben dem abgetrennten Kopf!), morte la bête morte le venin, il ne se faut jamais étonner qu’on ne voie sa tête à ses pieds (tot das Biest, tot das Gift, man sollte sich nie wundern, dass man seinen Kopf zu seinen Füßen sieht).
In verschiedenen Medien, mit denen Informationen schnell einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden konnten, Zeitungen, Kalender, Münzen, wurde im 17. Jahrhundert das Lustucru-Motiv thematisiert. Sein gleichzeitiges Auftauchen zeigt, dass Lustucru weit mehr als nur eine Kuriosität war: Er war ein wahres gesellschaftliches Phänomen.
Auf der einen Seite der Münze arbeiten unter dem Slogan „unicus est specie“, er ist der Einzige seiner Art, zwei Schmiede an einem Frauenkopf. Auf der anderen Seite ist ein mit Frauenköpfen beladener Esel abgebildet. Auf der Umschrift steht: „omne ferens malum“, er trägt alles Böse hinweg, und zeigt an, dass Frauenköpfe in großen Mengen transportiert werden müssen, damit Lustucru sie bearbeiten kann.
Lustucru, der als Schmied brutal den Kopf „verrückter“ und widerspenstiger Frauen bearbeitet, ist auch Thema des ersten einer Reihe von Stichen, die eine wahre Orgie der Gewalt gegen Frauen zeigen. Hier erhält Lustucru seinen Titel als „opérateur céphalique“, als „Kopfchirurg“.[3]
Links im Hintergrund des Stiches ist das Ladenschild des Kopfchirurgen zu sehen: eine kopflose Frau und das Motto „tout en est bon“ (Alles ist in Ordnung), ein Motto, das schon auf dem Bild des Henkers zu lesen ist und die Verbindung von Lustucru und der Rue de le Femme sans Teste deutlich macht.
Dem New Yorker Essayisten Jé Wilson zufolge erscheint Lustucru als Schmied mit seiner „Kopfbearbeitung“ erstmals in einem heute verlorenen Almanach um 1659 und findet sich dann 1663 in Jacques Ligniets Recueil des plus illustres proverbes (Sammlung illustrer Sprichwörter). Auf dem mit Campion signierten Druck ist Meister Lustucru unter Schmieden zu sehen. Er erhebt seinen Hammer über den abgetrennten Kopf einer Frau, den er wie ein Stück zu schmiedendes Metall mit einer Zange festhält. Überall in seiner Werkstatt hängen die Köpfe anderer Frauen an Haken. Sie warten darauf, an die Reihe zu kommen oder kühlen nach der Bearbeitung ab. Links im Vordergrund schleifen zwei Männer eine noch unberührte Frau zur Schmiede. Neben ihrem Mund stehen die Worte „Ich werde nicht gehen“.
Rechts im Vordergrund ist ein gesattelter Esel zu sehen, der von einem Affen geführt wird und zwei Körbe voller Frauenköpfe trägt. Vor ihm geht mühsam ein gebeugter Mann, der einen ebenfalls mit Köpfen gefüllten Korb trägt.
Um die Botschaft „tout en est bon“ unmissverständlich zu machen, fordern die Textblöcke oben und unten auf dem Druck Männer auf, ihre schwierigen Frauen zu diesem „Chefarzt“ zu bringen, wo ihre Köpfe neu geschmiedet und von allen „Unannehmlichkeiten“ gereinigt werden. So lautet der Text am unteren Rand des Drucks:
Hier hat Meister Lustucru ein bewundernswertes Geheimnis, das er aus Madagaskar mitgebracht hat, um […] (ohne Schaden oder Schmerzen zu verursachen) die Köpfe von streitsüchtigen, […] schrillen, teuflischen, wütenden, launischen, herrlichen, boshaften, unerträglichen, launischen, bösen, lauten, […] listigen, dummen, sturen, eigensinnigen Frauen und jenen, die andere Unannehmlichkeiten haben, neu zu schmieden. Alles zu einem vernünftigen Preis, für die Reichen gegen Geld und für die Armen kostenlos.“
Nicht weniger ironisch ist der Text oben auf dem Druck, der die Worte „Opérateur céphalique“ umrahmt:
„Ihr armen Unglücklichen, die ihr euch immer über die Launenhaftigkeit der Frauen von heute aufregt und die ihr nicht glaubt, dass sie sich jemals ändern werden, bringt sie hierher in unseren Laden. Welche Qualität ihr Kopf auch haben mag, wir werden ihn mit Feile und Hammer so gut bearbeiten, dass Sie, selbst wenn der Mond in ihrem Gehirn voll wäre, ihr Herr sein werdet, wenn Sie unser Haus verlassen. Unser Geschäft arbeitet ohne Unterlass, man sieht Menschen aus allen Nationen, aus den unterschiedlichsten Staaten und Verhältnissen und es ist rund um die Uhr geöffnet. Sie bringen uns auf Schiffen, zu Pferd, in Schubkarren, ohne Unterbrechung müssen wir arbeiten: Wir haben nicht einmal Zeit zum Schlafen, denn je länger wir leben [?], desto schlechter werden ihre Köpfe.„
Dieser Stich wurde für andere Almanache variert, so z.B. in Pierre Bourdans Opérateur céphalique. [4]
Der Name Lustucru geht zurück auf „L’eusses-tu-cru?“, eine gängige Phrase der Theaternarren jener Zeit, die so viel bedeutete wie: „Hätten Sie es geglaubt?“ oder in diesem Fall: „Hätten Sie gedacht, dass man den Kopf einer Frau reparieren könnte?“ Laut dem französischen Schriftsteller Gédéon Tallemant des Réaux aus dem 17. Jahrhundert entstand Lustucru aus dem Wunsch eines Mannes nach Rache. In seinen Historiettes, einer Sammlung biografischer Skizzen aus dem Jahr 1659, schreibt er, der im Almanach jenes Jahres erscheinende „médecin céphalique“ sei von einem anonymen „Witzbold“ eigens als Reaktion auf die Langey-Affäre gezeichnet worden, einen Scheidungsfall zwischen zwei Aristokraten, der sich zwei Jahre lang durch die französischen Gerichte gequält hatte. Der Marquis de Langey, zu diesem Zeitpunkt einunddreißig Jahre alt, wurde von seiner zwanzigjährigen Frau (sie war vierzehn gewesen, als er sie geheiratet hatte) der Impotenz beschuldigt: ein Scheidungsgrund. Beide Parteien wurden gezwungen, sich demütigenden körperlichen Untersuchungen zu unterziehen. Vor einer Jury aus zehn Ärzten und fünf Matronen konnte der Marquis nach stundenlangen Versuchen keine Erektion bekommen. Seiner Frau wurde die Scheidung gewährt.
Der anonyme Künstler des Kupferstichs war entsetzt über die Dreistigkeit dieser jungen, unzufriedenen Ehefrau und stellte sich einen „Gehirnchirurgen“ vor, der die öffentlichen Demütigungen des Marquis de Langey im Namen aller Männer chirurgisch wiedergutmachen könnte. Nach einer Operation würde die Ehefrau wieder in ihren alten Zustand versetzt werden – als gedankenloses, willenloses Wesen, das weder den Willen noch die Frechheit hätte, die Männlichkeit ihres Mannes in Frage zu stellen oder sich ein besseres Leben zu wünschen.
„Die Angst der Männer vor dem wachsenden Einfluss und der Macht der Frauen nahm in Frankreich in den 1650er Jahren allgemein zu. Frauen hatten begonnen, in der Literatur an Ansehen zu gewinnen, und waren so etabliert, dass sie als „les précieuses“ satirisch dargestellt wurden, ein Typ kluger Frauen, die Pariser Salons besuchten, Bücher schrieben und einen elegant-kultivierten (oder, für andere, affektierten und prätentiösen) Sprech- und Schreibstil bevorzugten. 1659 inszenierte Molière in Paris sein Debüt mit Les précieuses ridicules, einem kurzen satirischen Stück, das sich über zwei junge, eingebildete Frauen lustig macht, die sich für zu schlau und kultiviert für ihre Verehrer halten. Sie bekommen ihre gerechte Strafe und werden zum Narren gehalten. Einige der hastig geschriebenen Stücke im Jahr des ersten Erscheinens von Lustucru behandelten sowohl Lustucru als auch die Précieuses und machten sich die Popularität beider Themen zunutze.“ [5]
„Wie die Wissenschaftlerin Joan DeJean in einem Essay über „starke Frauen“ im frühneuzeitlichen Frankreich feststellte, wurde der spekulative Roman Épigone, histoire du siècle futur (Epigone, Geschichte des zukünftigen Jahrhunderts) im selben Jahr, in dem der Almanach erschien, anonym veröffentlicht. Dieser Roman war eine Parodie auf Geschichten über heldenhafte Frauen und imaginierte eine Zukunft, die von einem Geschlecht von Amazonen beherrscht würde – furchteinflößenden Frauen, die „das geistige Leben bevorzugen und dadurch das Leben für alle ‚unglücklich und prüde‘ machen“. Nach ihrer Niederlage wird die Anführerin der Amazonen zunächst lobotomiert („enthirnt“) und dann enthauptet. Diese futuristischen Amazonen waren eine weitere Satire auf die Précieuses. (…)
Die extreme Gewalt sowohl der Lustucru-Bilder als auch einiger dieser literarischen Satiren drückt eindringlich „die Spannungen aus, die den Debatten des 17. Jahrhunderts über neue Rollen für Frauen zugrunde lagen“, wie es eine andere Wissenschaftlerin dieser Zeit, Katherine Dauge-Roth, formuliert hat. In einem Klima, das bereits von Spott und Feindseligkeit gegenüber gebildeten Frauen geprägt war, wurde die Figur der Lustucru zur perfekten Galionsfigur für diejenigen, die glaubten, dass die Intelligenz von Frauen eine Bedrohung für die Gesellschaft darstellte.“ [5]
Auch wenn in Stein gemeißelt immer noch Rue de la femme sans teste da steht, offiziell wurde der schreckliche Straßename getilgt.
Die beiden Abschnitte der Nord-Süd-Querstraße, die den Übergang vom Quai de Bourbon zum Quai d’Orléans ermöglicht, wurden 1868 unter ihrem alten Namen Rue Le Regrattier zusammengefasst, ein Name, den ihr südlicher Teil immer schon getragen hatte.
Der nördliche Abschnitt, der am Quai de Bourbon beginnt und bis zur Rue Saint-Louis-en-l’Île reicht, der nacheinander Rue Angélique und dann Rue de la Femme sans Teste hieß, wurde wieder zur Rue Le Regrattier.
Île Saint-Louis heute. Der rote Punkt markiert die „geköpfte“ Statue
Schon 1627 hieß diese Nord-Süd-Verbindung Rue le Regrattière, benannt nach François Le Regrattier, einem Unternehmer, der Schatzmeister der Hundertschweizer war und zusammen mit den Parzellierern (Projektentwicklern) Christophe Marie und Lugles Poulletier im 17. Jahrhundert für die Stadtentwicklung der Île-Notre-Dame zuständig war.[6]
Ursprünglich bestand die Île Saint-Louis aus zwei durch die Seine getrennten kleinen Inseln, die man „Île aux Vaches“ und „Île Notre Dame“ nannte. Beide wurden als Viehweiden genutzt und gehörten dem Domkapitel von Notre Dame. Auf alten Paris-Plänen sind die beiden kleinen Seine-Inseln noch zu sehen.
Plan de Vassalieu (1609) : détail montrant l’île Notre-Dame et l’île aux Vaches.
Der Raum auf der Île de la Cité war immer enger geworden. Dicht an dicht standen die Häuser. Enge, verwinkelte Straßen und Gassen bestimmten das Bild der Île de la Cité. Lange widersetzte sich die Kirche der Bebauung der beiden Nachbarinseln. Zum anderen fehlten für die zunehmende Zahl der Einwohner und des dadurch anwachsenden Verkehrs Brücken zwischen den Seine-Ufern.
Erst unter König Ludwig XIII. wurde 1614 der Bauunternehmer Christophe Marie, zusammen mit François Le Regrattier und Lugles Poulletier, mit der Erschließung der kleinen Inseln beauftragt. Der sie trennende Seine-Arm wurde zugeschüttet, die vereinigten Inseln wurden mit einer Kaimauer umfasst und Brücken zu den Flussufern errichtet. Die Brücke, die die Insel mit dem Marais auf der rechten Seine-Seite verbindet, trägt bis heute den Namen ihres Bauherrn: Pont Marie. Das neu gewonnene Stadtgebiet auf der Île Saint-Louis wurde ab etwa 1618 zunächst mit Häusern für Handwerker und Kaufleute bebaut.
Die Île Saint-Louis und (rechts im Bild) die frühere Île Louviers (die später in das rechte Seine-Ufer einbezogen wurde)
Erst ab 1638, als sich ein Ende des Rechtsstreits mit dem Klerus abzeichnete, begannen auch die Adligen, luxuriöse Stadtpaläste errichten zu lassen. Die Bebauung erfolgte nach einem festen Grundplan mit geraden Straßen, der noch heute erkennbar ist. Die Erschließung der Île Saint-Louis war eine der erfolgreichsten, aber auch finanziell interessantesten städtebaulichen Maßnahmen im Paris dieser Zeit.
Île Saint-Louis und Île Louviers – Auschnitt aus dem Turgot-Plan 1739 mit dem Pont Marie (links) und dem Pont de la Tournelle (rechts)
Ein passender Nachtrag zur Rue de la Femme-sans-Teste: Baudelaire et Jeanne Duval
In der Rue de la Femme-sans-Teste wohnte nicht nur der berüchtigte Coffinhal, sondern ein halbes Jahrhundert später auch Jeanne Duval, Baudelaires Geliebte, die er Vénus Noire nannte. Baudelaire lernte die Schauspielerin und Tänzerin Jeanne 1842 kennen. Sie hatte von 1838 bis 1839 kleine Rollen am Théâtre de la Porte‐Saint‐Antoine und schlug sich als eine Art Escortdame der dekadent-selbstverliebten Pariser Dichterszene durch. Sie wird im Laufe zahlreicher Wohngemeinschaften, die von Brüchen und Versöhnungen unterbrochen werden, Baudelaires Muse sein. Eine Anzahl von Gedichten wurden durch sie inspiriert und sind Teil der 1857 erschienenen Veröffentlichung Les Fleurs du mal.
„Jeanne, die Haitianerin, von Baudelaire geliebt und verflucht, gehört zu den vergessenen und ausgebeuteten Frauen des 19. Jahrhunderts. Weil in der Gesellschaft arrivierte dunkelhäutige Frauen zur Zeit Baudelaires nicht existierten, konnte auch Jeanne nicht existieren, höchstens als Prostituierte. «Hottentottenfrau» wurde sie auch genannt und spürte den Schmerz, ein Leben zu leben, das geprägt war von den Erniedrigungen und Benachteiligungen einer rassistischen, frauenfeindlichen Zeit.“ (Sarah Pines, s.u.)
Wir kennen nicht einmal ihren richtigen Familiennamen – infrage kommen Lemaire, Lemer, Duval und Prosper – und auch nicht ihr Sterbedatum (wahrscheinlich in den späten 1860er Jahren). Bekannt ist nur, dass sie 1820 in Haiti geboren wurde, dass Baudelaire sie mit Syphilis ansteckte, an der sie starb, wahrscheinlich ein paar Jahre nach dem Dichter.
Jeanne Duval: Zeichung von Charles Baudelaire
Kein von ihr unterzeichneter Brief ist uns überliefert. Was bleibt, sind einige Zeugnisse, von Baudelaire selbst gezeichnete Porträts, ein Foto von Nadar (nicht gesichert), Baudelaires Gedichte, die sie inspiriert hat, und ein herrliche Gemälde «La Maîtresse de Baudelaire», das Édouard Manet von Jeanne Duval malte.
Édouard Manet, «La Maîtresse de Baudelaire», 1862. Musée des Beaux-Arts, Budapest.
„Obwohl Baudelaire nichts ferner lag als Natur und Natürlichkeit, liebte er das «Tierische» an Jeanne. Kamen Freunde auf Besuch, saß sie am Rand, wie eine Zofe. Nahm er sie mit ins Restaurant, bediente man sie schnöde. Für Baudelaire spielte sie die Rolle der tanzenden Kreolin. Weil er es so wollte. Weil sie ihn brauchte und er sie. Jeanne las ihm seine angefangenen Gedichte vor, er schrieb sie, inspiriert von ihrer Stimme, zu Ende. ….Nachdem er Jeanne mit Syphilis angesteckt hatte, ließ er sie fallen, für eine andere Prostituierte, Madame Sabatier. …
Bis heute erinnert in der Rue de la Femme-sans-Teste nichts daran, dass hier eine große Muse lebte. Keine Tafel, kein Hinweisschild. Jeanne ist die Unsichtbare einer Epoche. Gegen Ende ihres Lebens konnte sie kaum mehr gehen. Die Zähne waren ihr ausgefallen. Zu Baudelaires Beerdigung wurde sie nicht eingeladen.“ [7]
Da war der Name der Straße Femme-sans-Teste – im Sinne des herrschen Frauenbilds -dann doch wieder passend.
Anmerkungen:
[1]Il est brave comme un boureaux qui faict ses pasques (1660?). Photo: Bibliothèque Nationale de France. Dok. 27, II, 3
[3] “Operateur Cephalique” — undated engraving by Images by François Campion, approximately 1615-1681 Photo: Bibliothèque Nationale de France. in: Recueil des plus illustres proverbes de Jacques Lagniet, Paris,[s.n.], 1663, t. II, p. 68.
[4] Pierre Boudan, Opérateur céphalique, in Almanach de Pierre Janvier, fin 1659, gravure au burin, Paris, Bibliothèque nationale de France, département des Estampes et de la photographie.
[6] Die Hundertschweizer (französisch Cent-suisses) war eine aus Schweizer Söldnern gebildete Einheit, die von 1497 bis 1792 bestand und zur Garde (Maison militaire du roi) des Königs von Frankreich gehörte.
[7] (Sarah Pines: Die Muse des verruchten Dichters: Eine Fotografie, ein paar Gedichte, das ist alles, was an Jeanne Duval erinnert, Charles Baudelaires «schwarze Venus», NZZ, 29.10.2021)
Légende du « véritable » Lustucru raccommodant au XVIIe siècle les têtes des mauvaises femmes(D’après « Revue de folklore français », paru en 1940 et « Histoire de l’imagerie populaire », paru en 1869). Publié / Mis à jour le dimanche 30 mai 2021 https://www.france-pittoresque.com/spip.php?article13623
Katherine Dauge-Roth: Femmes lunatiques: Women and the Moon in Early Modern France Author(s) Source: Dalhousie French Studies, Vol. 71 (Summer 2005), pp. 3-29 Published by: Dalhousie University Stable URL: http://www.jstor.org/stable/40837599 Accessed: 20-11-2015 21:36 UTC
Emma Renaud: La représentation du corps féminin à travers des gravures anglaises et françaises du xviie siècle. Féminin/masculin – Littératures et cultures anglo-saxonnes, p. 197-204 https://books.openedition.org/pur/36019
Antje Eske: Madeleine de Scudéry und die Carte de Tendre. [2010] http://konversationskunst.org/index.php/presse Konversationskunst – Kurd Alsleben, Antje Eske und Freunde. 16. Oktober 2010 – 9. Januar 2011 ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe| Medienmuseum
Paris nennt sich -seit der Weltausstellung von 1900- gerne Ville lumière, Stadt des Lichts. Verglichen mit New York war das damals etwas schmeichelhaft: Noch nicht einmal in dem für die Weltausstellung errichteten Grand Palais gab es damals elektrisches Licht. Heute, in der Vorweihnachtszeit, hat der Ausdruck aber seine volle Berechtigung. Da strahlt und leuchtet die ganze Stadt.
Bekannt sind ja die jährlich neuen vorweihnachtlichen Illuminationen der Champs-Élysées, der -so das französische Selbstverständnis- „schönsten Avenue der Welt“.
Aber auch andere, weniger prominente Pariser Straßen zeigen sich in festlicher Beleuchtung:
Auch die meisten Einzelhändler knausern nicht mit der Beleuchtung.
Markthalle des marché d’Aligre im 12. Arrondissement
„Unser“ Metzger in der rue de la Roquette (11. Arrondissement)
Sehr verbreitet ist es auch, die Schaufensterscheiben mit gemalten oder aufgeklebten weihnachtlichen Motiven zu schmücken.
Auch öffentliche Gebäude werden aufwändig illuminiert wie hier das Rathaus des 11. Arrondissements:
Am benachbarten Place Léon- Blum hat man sogar einen kleinen weihnachtlichen „forêt urbaine“ geschaffen:
Wirtschaftliche oder ökologische Bedenken gibt es da nicht – der Strom ist in Frankreich vergleichsweise günstig und -nachdem einige wegen Reparaturarbeiten abgeschaltete AKWs wieder am Netz sind- so reichlich, dass man ihn sogar mit stolzem Gewinn ins Ausland -zum Beispiel nach Deutschland- liefern kann…
Es blinkt und glitzert also überall in Paris:
Mit farbigem Licht angestrahlte Fassade der Philharmonie de Paris
Blick von der Fondation Louis Vuitton auf den von tausenden japanischen Lampions beleuchteten jardin d’acclimatation.
Einen besonderen Aufwand bei der vorweihnachtlichen Beleuchtung betreiben die großen Pariser Kaufhäuser. Hier einige Eindrücke von dem Bon Marché, dem Samaritaine, dem Au Printemps und dem Lafayette.
Le Bon Marché
Zuerst geht es zum Le Bon Marché. Immerhin ist es das älteste Kaufhaus von Paris, ja der Welt!
Dass dieses Kaufhaus zu einem Vorbild für spätere Nachfolger und Nachahmer wurde, ist den vielen Neuerungen zu verdanken, die der Gründer des Bon Marché, Aristide Boucicaut, einführte, um Kundschaft anzuziehen.
Dazu gehörten auch die besonderen Schaufensterdekorationen in der Weihnachtszeit. Sie waren auch und vor allem für Kinder gedacht, für die kleine Podeste aufgebaut wurden.
Das damals völlig Neue und Sensationelle dabei war, dass die Schaufensterfiguren beweglich waren. So auch die Hasen, die in diesem Jahr Leitmotiv der Dekoration im Bon Marché sind. Hier sind sie gerade am Stricken.
Und hier reiten sie auf fliegenden Karotten durch die Luft.
Und es wird dann auch gleich für passende Produkte geworben: Karottensuppe, Karottenkonfitüre, Karottensaft. Das passt immerhin.
Aber auch andere Produkte des Hauses werden von Hasen präsentiert: Vielleicht ein kostensparendes Recycling von Osterhasen einer früheren Präsentation?
Le Bon Marché 24, rue de Sèvres, 75007
La Samaritaine
Das Kaufhaus La Samaritaine an der Seine, ein architektonisches Art déco-Juwel, schmückt sich zu Weihnachten eher zurückhaltend.
Ich finde das aber sehr passend, weil so die Schönheit des Gebäudes nicht hinter einer aufwändigen Dekoration verschwindet.
Und ganz oben unter dem gläsernes Dach gibt es ein schönes und im Allgemeinen auch ruhiges Café, in dem man sich etwas von dem Pariser Weihnachtstrubel erholen kann.
La Samaritaine 9 rue de la Monnaie, 75001 Paris.
La Fayette
Die Schaufensterdekorationen des La Fayette fanden wir wenig attraktiv.
Hier wird das Büro des Weihnachtsmanns präsentiert, der die Bestellungen für Geschenke entgegennimmt und registriert.
Aber natürlich lohnt es sich, hoch unter die Kuppel zu fahren, die wie jedes Jahr besonders aufwändig dekoriert ist.
Galeries Lafayette Paris Haussmann 40, Boulevard Haussmann 75009 Paris
Au Printemps
Das benachbarte Kaufhaus Au Printemps hat seine diesjährige Weihnachtsdekoration unter das Motto „Weihnachten in New York“ gestellt.
Das ist recht originell: Hier können Kinder beispielsweise im Foyer des Hauses in ein Auto steigen und sozusagen durch New York fahren.
Auch in den Schaufenstern ist New York Hintergrund der Dekorationen und beweglichen Präsentationen.
Dazu gibt es auch die passende Musik.
Natürlich geht es in erster Linie nicht um Unterhaltung, sondern um Werbung für die Produkte des Hauses: Kinder als zukünftige Kunden…
Hier präsentiert die fesche kleine Maus eine schicke Tasche.
Innen kann man dann diese Tasche von Hermès bewundern: „Constance“ aus Krokodilleder (Varanus Niloticus) für 20. 000 Euro….
Die Kinder freuen sich aber über die lustigen Schaufenstertiere.
Und dann gibt es ja auch hier noch die festliche Kuppel mit Weihnachtsbaum -geschmückt mit New York-Motiven…
… und natürlich die Terrasse mit einer kleinen Eislaufbahn für Kinder und einem wunderbaren Blick über die Stadt.
Printemps Haussmann 64 Boulevard Haussmann, 75009 Paris
Allen Leserinnen und Lesern des Blogs wünschen wir eine gute Vorweihnachtszeit mit vielen hellen Lichtern.
Im Rahmen der Veranstaltungen zur Erinnerung an den 13. November 2015 werden bis zum 30. November 2025 24 große Foto- und Texttafeln am Gitter des Pariser Rathauses (rue de Rivoli) gezeigt. Im Mittelpunkt stehen dabei Gegenstände, die in besonderer Weise an die Attentate des 13. November 2015, aber auch an andere terroristische Aktionen der letzten Jahre erinnern.
Ausgerichtet wird die Ausstellung von dem Musée-mémorial du terrorisme (MMT), ein im Aufbau befindliches Museum und eine Gedenkstätte. Es gibt inzwischen eine Vorbereitungsgruppe mit dem ausgewiesenen Historiker Henri Rousso als Vorsitzendem, es gibt ein ausgearbeitetes Konzept, und es gibt schon einen Fundus von 2500 Ausstellungsstücken. Einige davon sind in dieser Ausstellung abgebildet.[1]
Sie werden unter drei thematischen Komplexen zusammengefasst: Die von Terroristen ausgeübte und von den Opfern erlittene Gewalt (la violence), der Widerstand von Gesellschaften gegen diese Gewalt (résistance) und die Art und Weise des Umgangs und der Bewältigung des zugefügten Leids durch die Opfer (résilience).
Ziele des islamistischen Terrors am 13. November waren Terrassen von Cafes und Restaurants im 10. und 11. Arrondissement von Paris, ein Fußballspiel im Stade de France in Saint-Dennis und ein Rockkonzert im Konzertsaal Bataclan. Mit offiziell 132 Todesopfern und vielen zum Teil schwer Verletzten und für ihr Leben Gezeichneten war der 13. November nach dem Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo der zweite des Jahres in Frankreich und nach dem Madrider Zuganschlag vom 11. März 2004 der zweitschwerste Terrorangriff in Europa seit 1945.[2]
Diese Umhängetasche trug ein Konzertbesucher, der das mörderische Attentat überlebte. Auf der Unterseite der Tasche gibt es noch Brandspuren, die an den 13. November 2015 erinnern.
Diese unvollendete Gitarre ist das Werk von Romain Naufle, der im 20. Arrondissement von Paris eine Werkstatt betrieb, in der er Gitarren baute und reparierte.[3] Naufle gehört zu den Opfern des Bataclan-Attentats. Die Gitarre, an der er gerade arbeitete, ist „Zeuge eines plötzlich zerbrochenen Lebens.“
Am 13. November 2015 feierte die aus Tunesien stammende Houda Saadi in dem Café/Restaurant La Belle Époque ihren 35. Geburtstag. Sie arbeitete als Serviererin in dem in der Nähe gelegenen Café des Anges. Die meisten der 21 Opfer des Anschlags waren ihre Geburtstagsgäste, darunter ihre zwei Jahre ältere Schwester Halima, Mutter zweier Kinder, während ihre beiden Brüder Khaled und Bashir verschont blieben. Vergeblich versuchten sie, ihre am Boden liegenden Schwestern am Leben zu erhalten. Diese Schiefertafel stand am 13.11.2015 an dem Café. Die „heures heureuses“ (glücklichen Stunden) kontrastieren auf bedrückende Weise mit dem, was dann geschah. Auf der Schiefertafel sind Kalaschnikow-Einschüsse der Attentäter zu sehen.
Der französische Journalist Nicolas Hénin erhielt diese Zahnbürste von Gefolgsleuten des sogenannten État islamique, die ihn 2013/2014 als Geisel gefangen hielten. Ein Stück des Griffs hatten die Terroristen abgebrochen, um eine Verwendung der Zahnbürste als Waffe zu verhindern.
Dies ist der Sicherheitsgurt des 1989 infolge eines Bombenanschlags in Afrika (Niger) abgestürzten DC-10-Flugzeugs der französischen Fluggesellschaft UTA. Ein Pariser Schwurgericht befand 1999 sechs Libyer für schuldig, das Attentat begangen zu haben. Einer davon war der stellvertretende Geheimdienstchef Libyens, ein Schwager Gaddafis. Die Angeklagten wurden in Abwesenheit verurteilt, weil Libyen sie nicht an Frankreich auslieferte. „Der ehemalige französische Präsident Nicolas Sarkozy sitzt seit Kurzem hinter Gittern, weil er von 2005 an mit den Verantwortlichen dieses Anschlags einen Verbrecherpakt geschlossen hatte“[4] – ein in der Geschichte der französischen Republik einzigartiger Vorgang. Wegen illegaler Wahlkampffinanzierung mit Geld des damaligen libyschen Machthabers Gaddafi war Sarkozy zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Vor seiner Fahrt ins Gefängnis hatte Präsident Macron seinen Vorgänger im Élysée-Palast un-gebührend verabschiedet. Am 10. 11. hat ein Berufungsgericht entschieden, dass Sarkozy bis zu der von ihm angestrengten Revision das Gefängnis verlassen darf, allerdings nicht als freier Mann, sondern mit gerichtlichen Auflagen. [4a]
Zwei Radio France -Journalisten, die am 2. November 2013 in Mali verschleppt und dann ermordet wurden, waren mit einem solchen Aufnahmegerät ausgestattet. „Es würdigt all diejenigen, die ihr Leben für die Berichterstattung einsetzen.“
Am 16. Oktober 2020 wurde der Lehrer Samuel Paty vor seiner Schule in einem Pariser Vorort auf bestialische Weise ermordet. Paty hatte in seinem Unterricht das vom Lehrplan vorgeschriebene Thema Meinungsfreiheit behandelt und dabei, auf sehr behutsame Weise, die umstrittenen Mohammed-Karikaturen der Satirezeitschrift Charlie-Hebdo verwendet: Die Veröffentlichung dieser Karikaturen war Anlass für zwei islamistische Terroristen, am 7. Januar 2015 in die Redaktionsräume der Zeitschrift einzudringen und elf Menschen zu erschießen. Dass Paty diese Karikaturen fünf Jahre danach als Unterrichtsmaterial verwendete, führte zu einer islamistisch gesteuerten Hetzkampagne und schließlich seiner Ermordung.
Die Abbildung zeigt ein von Schülern entworfenes Gesellschaftsspiel zum Thema Demokratie. Es gewann 2023 einen Preis bei dem von Kollegen Patys zu seiner Erinnerung geschaffenen Wettbewerbs: Die Schule als Ziel islamistischer Einflussnahme und Terrors, aber auch als Ort der Demokratie, der Meinungsfreiheit und des Widerstands gegen blinden, gewalttätigen Fanatismus.
Am 11. Dezember 2018 verübten islamistische Terroristen ein Attentat auf den Weihnachtsmarkt von Straßburg. Ein im Auftrag des État islamique handelnder Terrorist tötete fünf Besucher, 11 wurden verletzt. Das hier abgebildete Gemälde ist das Werk eines Überlebenden. Es veranschaulicht die Bedeutung der Kunst bei der Bewältigung traumatischer Folgen von Attentaten.
Die vielen Augen der Karnevalsmaske symbolisieren Wachsamkeit eines Mädchens, das am 14. Juli 2016, dem französischen Nationalfeiertag, in der Menschenmenge der Promenade des Anglais in Nizza einen 19 Tonnen schweren Lastwagen auf sich und die Mutter hatte zurasen sah – „die ‚Superkraft‘ des aufmerksamen Blicks für die Umgebung hatte beide gerettet.“[5] 86 Menschen wurden aber von dem Lastwagen überrollt und getötet, mehrere hundert zum Teil schwer verletzt.
Diesen Bildteppich haben zwei Künstler geschaffen, die das Attentat in Nizza überlebten. Einer der Künstler stammt aus Chile. Abgebildet ist eine südfranzösische Landschaft, inspiriert von den arpilleras, chilenischen Stickereien, mit denen der Widerstand gegen die Diktatur Pinochets ausgedrückt wurde. . Mit ihrem gemeinsamen Werk ehren die beiden Überlebenden des Attentats die Opfer der chilenischen Militärdiktatur und des islamistischen Terrors. Und sie stellen dieser Gewalt in lebhaften Farben den in den Menschen tief verwurzelten Lebenswillen entgegen.
Dieses Graffiti in den Farben der Tricolore erinnert an den Polizisten Ahmet Merabet, der bei dem Anschlag auf Charlie Hebdo getötet wurde. Die Attentäter töteten ihn, einen praktizierenden Muslim, der bereits verletzt auf dem Gehweg lag, kaltblütig bei ihrer Flucht. Unter dem Hashtag „Je suis Ahmed“- analog zu „Je suis Charlie“- drückten viele Menschen in sozialen Netzwerken ihre Anteilnahme aus. Auch der Street-art-Künstler C 215, bekannt durch zahlreiche Portraits in den Straßen der Stadt, sehr oft auf Kabelverteilerkästen am Straßenrand,[6] hat den Polizisten gewürdigt und Passanten auf sein Schicksal aufmerksam gemacht.
Aufnahme Boulevard Richard-Lenoir, 11ième Arrondissement Juni 2025
Ahmet Merabet soll auch in dem geplanten Museum gewürdigt werden. Dessen Schicksal ist allerdings derzeit höchst ungewiss. Es wurde zwar schon viel Geld für die Vorbereitungen investiert, auch ein Standort in der Nähe des Mont Valérien war ausgewählt, ein unter Denkmalschutz stehender Schulkomplex aus den 1930-er Jahren, der auch von den Opferverbänden als ideal angesehen wurde.[7] Dann aber hat die Regierung Barnier aus Budgetgründen das Projekt getoppt. Allerdings hat es auch Bedenken gegen den Standort gegeben, werden auf dem Mont Valérien doch die Opfer der Résistance geehrt; und es gibt auch Bedenken, unter einer „Inflation der Erinnerungsorte“ könnten andere Einrichtungen leiden.
Gerade noch rechtzeitig vor den großen Gedenkveranstaltungen des 13. November wurde aber ein neuer Standort für das Museum bekannt gegeben: Der nicht genutzte Teil einer ehemaligen Kaserne im 13. Arrondissement von Paris. Es ist zwar ein Platz mit deutlich weniger Ausstrahlung als der ursprünglich vorgesehene Standort, aber auf diese Weise soll die Hälfte des geplanten Budgets eingespart werden- und immerhin können sich die Verantwortlichen damit trösten, dass das von Präsident Macron sehr unterstützte Projekt nicht beerdigt wird.
Das ist sehr zu begrüßen, weil sonst, um Gothes Faust zu zitieren, ein großer Aufwand schmählich vertan worden wäre, sondern vor allem auch, weil es sich um ein höchst bedeutsames und innovatives Vorhaben handelt. „Das MMT stellt ein intellektuell aufregendes Modell dar, das zum Teil Neuland betritt. Es wird Gerichtszeichnungen, Bekennerschreiben, Kunstobjekte, Abhörmittel und Mordwaffen sammeln, wissenschaftliche wie konservatorische, pädagogische und therapeutische Funktionen erfüllen, die Vergangenheit, aber auch die Gegenwart beleuchten.“ [8]
Spätestens 2030 soll das neue Museum eröffnet werden.[9]
Zitate ohne Beleg sind der Legende der ausgestellten Fotos übernommen.
[2] Marc Zitzmann, Weiter Blick auf den Terrorismus. Frankreichj gedenkt der Opfer der islamistischen Attentate von 2015. Ein Museum soll der Erinnerung Dauer verleihen, sein Ansatz ist international und innovativ. Doch noch ringt die Politik um Finanzierung und Standort des neuen Ausstellungshauses. In: FAZ vom 6. November 2025