Das Palais Royal (2): Ein Einkaufs- und Unterhaltungszentrum in den „wilden Jahren“ zwischen 1780-1830 

Am 27. März 1790 berichtete der junge russische Reisende Nikolai Michailowitsch Karamansin in einem Brief über seine ersten Eindrücke von Paris:

„Als wir uns Paris näherten, fragte ich unaufhörlich: ‚Werden wir es bald sehen können?‘  Endlich erblickten wir es in seiner ganzen Größe auf einer weiten Ebene. Unsere gierigen Blicke starrten auf diese Häusermasse und verloren sich darinnen wie in dem unermesslichen Ozean. Mein Herz schlug hoch. Das ist sie, die Königin der Städte, dachte ich, die so viele Jahrhunderte hindurch Europa zum Muster diente und die Quelle des Geschmacks und der Moden für so viele Nationen war (…) Paris, von dem ich so vieles gelesen und gehört, über das ich so manchmal geschwärmt und gedacht habe- da liegt es vor mir. (…) Keiner Stadt habe ich mich noch mit solchen regen Gefühlen, mit solcher Neugierde, mit solcher Ungeduld genähert! (…)

Die Sonne ging unter, es ward Nacht, und man zündete die Laternen an. Wir kamen in das Palais Royal, ein ungeheures Gebäude, das man mit Recht die Hauptstadt von Paris nennt. Stellt Euch einen prächtigen Palast im Quadrat vor, um welchen ringsher Arkaden laufen, darunter den erstaunten Blicken in unzählbaren Läden alle Reichtümer der Welt entgegenstrahlen. Alle Schätze Indiens und Amerikas, Brillanten, Perlen, Gold und Silber – alle Produkte der Natur und Kunst, alles, womit nur immer die königliche Pracht sich brüstet, alle Erfindungen des Luxus zur Verschönerung des Lebens: alles das ist auf die geschmackvollste Weise hier ausgelegt und mit verschieden-farbigen Lampen erleuchtet. Ein Anblick, dessen Glanz die Augen blendet! Dabei die ungeheure Volksmenge, die in diesen Arkaden auf und nieder wallt, um zu sehen und gesehen zu werden! Hier sind die  besten Kaffeehäuser von ganz Paris, die gleichfalls immer mit Menschen vollgestopft sind und in denen man Zeitungen und Journale laut vorliest, darüber streitet und lärmt, Reden hält usw.

Mir ging der Kopf in die Runde. Wir verließen die Bogengänge und gingen in die Kastanienallee des Jardin du Palais Royal, um auszuruhen. Hier herrschen Stille und Dunkel: die Arkaden ergossen zwar ihr Licht über die grünen Zweige, aber es verlor sich in ihren Schatten. Aus einer anderen Allee schallten sanfte leise Töne einiger Instrumente zu uns herüber, und ein kühler Wind rauschte in den Blättern der Bäume. Freudenmädchen besuchten uns in Menge, bewarfen uns mit Blumen, seufzten, lachten, luden uns in ihre Grotten ein und versprachen uns unendliches Vergnügen- verschwanden aber endlich wie die Erscheinungen einer Mondnacht.“ [1]

Karamansin nennt das Palais Royal „die Hauptstadt von Paris“ und er bezieht sich dabei –ohne den Namen zu nennen- auf  Louis-Sébastien Merciers «Tableau de Paris», dessen Lektüre offenbar zu seinen Reisevorbereitungen gehörte. Nur konsequent also, dass schon sein erster Paris-Abend ihn dorthin führte. Für Mercier war das Palais Royal ein „Zauberort“, „eine luxuriöse kleine Stadt, die in einer grossen eingeschlossen ist“[2]  und entsprechend empfindet es auch Karamasin:  Mir kam alles wie Zauberei vor.  

Verzaubert vom Palais Royal ist auch Ludwig Börne, der in seinem fünften Brief aus Paris vom 17. September 1830 begeistert berichtet:

Die Pracht und Herrlichkeit der neuen Galerie d’Orléans im Palais Royal kann ich Ihnen nicht beschreiben. Ich sah sie gestern abend zum ersten Male in sonnenheller Gasbeleuchtung und war überrascht wie selten von etwas. Sie ist breit und von einem Glashimmel bedeckt. Die Glasgassen, die wir in früheren Jahren gesehen, so sehr sie uns damals gefielen, sind düstere Keller oder schlechte Dachkammern dagegen. Es ist ein großer Zaubersaal, ganz dieses Volkes von Zauberern würdig.“ (3)

Und noch 1835  ist das Palais Royal für den Paris-Reisenden Carl Gustav Carus ein „Zaubergarten“: „Wer … so ganz unbefangen, bei einem recht schönen Abende, von der Seite der Seine in den Garten des Palais Royal und seine glänzend erleuchteten Galerien tritt, mag immer in einen märchenhaft luxuriösen Zauberkreis sich versetzt fühlen.“ (4)

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Ein weiterer Zeitzeuge ist Restif de la Bretonne,  um 1800 einer der meistgelesenen französischen Autoren in Deutschland. Er nannte das Palais Royal „das Zentrum des Chaos einer großen Stadt“ und  „le centre de tous les amusements.“  Restif musste es wissen: Hatte er doch wie kein anderer das Palais Royal zum Gegenstand seiner Literatur gemacht und damit zur Popularität des Ortes beigetragen.[5]

 

 

Die Attraktivität des Palais Royal ist wesentlich  dem Besitzer des Anwesens,  Louis-Philippe d’Orléans (1747-1793), duc de Chartres, später duc d’Orléans und ab 1792 Philippe Égalité  zu verdanken.  Der beschloss nämlich 1781 ein großes Umbauprogramm des Palais Royal, um die Anlage aufzuwerten und seiner Geldnot abzuhelfen. Er beauftragte damit Victor Louis, einen der großen Architekten des 18. Jahrhunderts.

Der umgab den Ehrenhof  (damals der cour royale) mit Kolonaden, zu denen er sich vom Petersplatz in Rom inspirieren ließ. (Heute befinden sich in dem betonierten Hof  Les Deux Plateaux  des französischen Künstlers Daniel Buren, UXH, auch les colonnes de Buren genannt: Eine Kunstinstallation mit  „Parkplatzflair“ (Marc Zitzmann), die ich gerne rechts liegen lasse, wenn ich vom Louvre aus zu dem  Jardin  durchgehe).  Die Parzellen am Rand des Palais-Gartens ließ Louis-Philippe d’Orléans  –ähnlich der Konzeption der Place Royal/Place des Vosges- mit noblen,  gleichmäßig gestalteten  „Reihenhäusern“ und  Arkadengängen bebauen, um sie dann zu vermieten oder zu verkaufen.  Sie boten Platz für Wohnungen, kleine Läden, Cafés und Restaurants am westlichen, nördlichen und östlichen Flügel des Gartens.

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Plan von Victor Louis der Umbauten des Palais Royal mit den Kolonaden rund um die beiden Innenhöfe und der Randbebauung des Gartens.[6]

Dazu kam später am  südlichen Rand des Gartens, am Übergang zum Ehrenhof des Palais,  eine hölzerne Galerie, die ebenfalls eine Fülle von Läden umfasste und im Volksmund camp des Tartares  (Tartarenlager) genannt wurde: Es war dies gewissermaßen die Ahnherrin der später (nicht nur) in Paris so beliebten überdachten Galerien bzw. Passagen.[7]

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Und schließlich gab es den auf diesem Entwurf auch noch nicht vorgesehenen cirque, den „Zirkus“: ein in der Mitte des Gartens platziertes 112 Meter langes und 32 Meter breites Gebäude, das teilweise in den Boden versenkt war, um den Blick auf die Arkaden nicht zu behindern.

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Es verfügte über einen großen glasgedeckten Raum für große Veranstaltungen und über 40 halb in den Boden versenkte Boutiquen — gewissermaßen ein Vorläufer heutiger Einkaufszentren. Im Dezember 1798 brannte das Gebäude ab und wurde dann nicht mehr wieder aufgebaut.

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Zeichnung des Inneren von Meunier, um 1788 (Musée Carnavalet[8])

Dazu kamen dann noch das 1783 errichtete Théâtre Beaujolais in der Rue de Montpensier (heute Théâtre du Palais-Royal) und das  ebenfalls von Victor Louis entworfene Theatergebäude der heutigen Comédie Française (gebaut 1786-1790).

Das Projekt Louis- Philippes kombinierte also Wohnungen, Kommerz und Unterhaltung.  Ein solches Konzept war geeignet, ein großes Publikum anzuziehen. Dazu trug auch bei, dass der Hausherr dem Garten und den umgebenden Galerien einen Sonderstatus verlieh, ihn nämlich der polizeilichen Aufsicht entzog. Das entsprach dem wirtschaftlichen Interesse des Herzogs, aber auch seiner Neigung zu Reformideen noch zur Zeit des Ancien Régime. 1792 gab er sich den neuen Titel „Philippe Égalité“ und benannte seinen Garten in „Jardin de la Révolution“ um. Er stimmte  sogar für die Todesstrafe Ludwigs XVI., was ihn aber nicht davor bewahrte, 1793 selbst unter der Guillotine zu enden.[8] Die Erfolgsgeschichte des Palais Royal ging aber weiter und überdauerte die Wirren der Revolution, die Herrschaft Napoleons und die Restaurationsphase der Bourbonen. Es war ausgerechnet die Julirevolution von 1830,  die den Sohn Louis Philippes von Orléans zum König der Franzosen machte, die dem im Palais Royal herrschenden bunten Treiben ein Ende bereitete.

Der Charme des Ortes ging damit aber nicht verloren, wie Carl Gustav Carus 1836 bestätigte. Im  Tagebuch seiner Reise „Paris und die Rheingegenden“ rühmte er das Palais Royal – wie schon so viele Besucher vor ihm- als einen Zaubergarten:

„Und gewiß! Wer unvorbereitet und ohne weiter zu wissen, was alles in diesen Hallen sich bewegt, so ganz unbefangen, bei einem recht schönen Abende, von der Seite der Seine in den Garten des Palais Royal und seine glänzend erleuchteten Galerien tritt, mag immer in einen märchenhaft luxuriösen Zauberkreis sich versetzt glauben.“[9]

Was die Attraktivität, ja den Ruhm des Palais Royal vor allem in seinen „wilden Jahren“ ausmachte, wird in diesem und dem folgenden Beitrag näher entfaltet. So soll ein anschauliches Panorama dieses kommerziellen, gesellschaftlichen, erotischen und  politischen „hotspots“ von Paris in den Jahren zwischen 1780 und 1830 entstehen.

 

Das Paradies (nicht nur) der Damen: Die Boutiquen im Palais Royal

Insgesamt gab es in den Jahren um 1800 fast 400 Geschäfte im Palais Royal. Die Vielfalt war beeindruckend, die Konkurrenz groß. Besonders reichlich vertreten waren Luxuswaren.

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Auf diesem Gemälde  von Philibert- Louis Debucourt von 1789 (nach einem Gemälde von François Bosio) sieht man feine Damen und Herren –jung und alt-  bei der Promenade durch die  „Galerie du Palais Royal“- so der Titel. Die beiden jungen Damen sind nach der neuesten Mode gekleidet – es sind die sogenannten élégantes.  Da man bei den eng anliegenden Gewändern  die notwendigen Utensilien jetzt nicht mehr unter dem Kleid verbergen konnte – wie bei der alten noch im Stil des ancien régime gekleideten Dame links im Bild-  kamen jetzt Handtaschen aus Seide oder Leder in Mode: Das Kind rechts im Bild darf die Tasche seiner Mutter tragen.[10]

Modische Accessoires wurden im Palais Royal in Fülle angeboten; zum Beispiel Kaschmir-Schals. Hatte man unter den Arkaden die Boutique mit den chinesischen Schattenspielen passiert, war man da am richtigen Platz.

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Kaschmir-Schals waren nach 1800 in Frankreich „der letzte Schrei“.[12] Joséphine de Beauharnais, die Frau Napoleons, liebte sie und schuf damit eine entsprechende Mode. Die Nachfrage war so groß, das Angebot echter „châles des Indes“ aber, vor allem in Zeiten der Kontinentalsperre,  so gering, dass man begann französische Kaschmir-Schals zu produzieren.  Von der Kaiserin wurde das auch entsprechend unterstützt: 1812 kaufte sie 12 Kaschmir-Schals „made in France“ für 24 000 Francs![13]  Die publikumswirksame Unterstützung französischer Produktion durch die höchsten staatlichen Autoritäten hat in Frankreich eine lange Tradition…

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Dies ist der Eingang zu dem früheren Laden des Uhrmachers Charles Oudin in der Galerie Montpensier Nummer 51 und 52.[14] Oudin (1768-1840) hatte bei dem berühmten Uhrmacher Bréguet sein Handwerk gelernt und zu dessen Erfolgen mit eigenen Erfindungen beigetragen. 1801 machte er sich selbstständig und eröffnete eine eigene Werkstatt im Palais Royal.  Mit seinen handsignierten Uhren belieferte er die russische Zarenfamilie, die Königshäuser von Spanien, Portugal, Italien und Griechenland und die Kaiserin Josephine.[15]   Alte Oudin-Uhren sind heute gesuchte Sammlerstücke. Aber es gibt auch neue Oudin-Uhren, die allerdings nicht mehr im Palais Royal, sondern an der Place Vendôme verkauft werden.

Hier und an manchen anderen Stellen des Palais Royal sind noch alte Firmenschilder und Mosaike zu sehen:

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Hier sieht man noch die alten Nummern der Boutiquen, die die Orientierung erleichterten.

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Ein schöner alter Mosaikfußboden ist auch noch in dem luxuriösen belgischen  Modegeschäft Delvaux in der Galerie de Valois erhalten. Delvaux hat sich 1828 im Palais Royal niedergelassen und verweist  stolz auf diese Tradition und auf seine exklusiven Magritte-Vermarktungsrechte. [11]

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Zu der Palais Royal-Tradition gehören auch die zahlreichen Formen von Siegeln, die in dem Geschäft ausgestellt sind und aus einer nicht weniger noblen Vorgängerboutique stammen.

Der frühere Besitzer  belieferte den ganzen europäischen Adel mit Siegeln. Gerne werden interessierten Besuchern auch die beiden gezeigt, die für Napoleon angefertigt worden waren…

Die eiserne Wendeltreppe in der Boutique stammt übrigens vom Eiffelturm.

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Zum Schluss dieses kleinen Rundgangs durch die Galerien des Palais Royal noch ein Blick auf das Tabak- und Pfeifengeschäft À L’ORIENTAL.

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Es verweist stolz auf seine Gründung im Jahr 1818, und auch für Nichtraucher lohnt es sich, einen Blick in dieses Kuriositätenkabinett zu werfen. [16]

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Es erinnert an einen früheren Tabakladen, den es im Palais Royal gab, von dem Casanova in seinen Memoiren Geschichte meines Lebens  berichtet: Ein einmaliger Besuch der Herzogin von Chartres in dem Tabakladen habe bewirkt, dass die Kunden nur so hereinströmten und die Verkäuferin ihr Glück gemacht habe.

 

Restaurants und Cafés im Palais Royal der „années folles“

Das Palais Royal gilt mit Recht als „Wiege der französischen Gastronomie“.[17]  Hier zum ersten Mal gab es Restaurants, in denen die Gäste an individuellen Tischen jederzeit aus einer Speisekarte mit fest angegebenen Preisen  eine Auswahl  treffen konnten. Außerdem wurden die Speisen dort nicht auf einmal serviert, sondern entsprechend dem „service à la russe“  die verschiedenen Gänge nacheinander. Die ersten,  bedeutendsten und in ganz Europa berühmten Restaurants der Stadt lagen in den Galerien des Palais Royal: „Les Frères provençaux“ (Nr. 96-98), das Very (Nr. 83-85) und das Véfour (Nr. 79-82). (Das im Sinne eines Speiselokals   zu verstehende Wort Restaurant wurde übrigens erst 1835 in den Dictionnaire de l’Académie française aufgenommen).

Les Trois Freres Provencaux, H. Roger-Viollet, 1842

Les Frères provençaux wurde 1786 von drei Brüdern aus der Provence im Palais Royal eröffnet. Der große Speisesaal unterschied sich kaum von dem heutiger nobler Restaurants. [18]

Für viele Ausländer, vor allem Amerikaner, war das Restaurant im 19. Jahrhundert der erste Pariser Anlaufpunkt  auf ihrer „grand tour“ durch Europa. Kein Wunder bei der Eleganz der Einrichtung und der Gäste und vor allem natürlich auch wegen des außerordentlichen Angebots: Es gab allein 16 Gerichte mit Rind,  30 mit Geflügel, 20 mit Kalb, 13 mit Lamm und 29 mit Fisch- wobei das Restaurant besonders für seine Brandade, ein mit Fisch und Gemüse zubereitetes Pürree,  berühmt war.[19]

Auch das Restaurant Very genoss internationales Renommee.  Das zeigt die nachfolgende Farblithografie des Engländers  George Cruikshank (1792–1878). Der hatte 1822 in London eine Sammlung von karikaturistischen Lithografien mit dem Titel  Life in Paris, comprising the rambles, sprees and amours of Dick Wildfire veröffentlicht.

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Hier sieht man ihn mit zwei Freunden beim Dinner im Restaurant Very.[20]  Aber natürlich zog das Very auch Franzosen an, wie man aus Balzacs Illusions perdues erfahren kann: Da entdeckt nämlich der aus der Provinz stammende  Lucien Chardon/Lucien de Rubempré das Palais Royal und besucht das Very „pour s’initier aux plaisirs de Paris“.[21] 

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Das einzige der drei ursprünglichen Nobel-Restaurants im Palais Royal, das es heute noch gibt, ist Le Grand Véfour. Es wurde 1784 in den gerade errichteten Arkaden als Café de Chartres eröffnet und 1820 von Jean Véfour übernommen.  

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Die Innenausstattung des Véfour war (und ist)  ausgesprochen nobel, was sicherlich dazu beitrug, dass das Restaurant ein bevorzugter Treffpunkt von Schriftstellern wurde.[22]

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Zum kulinarischen Angebot  in den Galerien des Palais Royal trugen auch die commerces de bouche bei, also feine Geschäfte rund ums Essen: Feinkostläden, Konditoreien, Traiteure  (Produzenten und Lieferanten von Fertiggerichten) ….   Hier das Ladenschild  des Delikatessenladens Corcellet in der Galerie de Valois Nummer 104, entstanden um 1801 und heute ausgestellt im Musée Carnavalet. [23]

 

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Das Palais Royal war aber nicht nur berühmt wegen seiner Restaurants, sondern auch wegen der Cafés, die sich in den Galerien niederließen. In einem englischen Paris-Führer aus dem Jahr 1839 findet sich im Anhang eine Auflistung von besonders empfehlenswerten Pariser Restaurants und Cafés. Von den dort aufgeführten 24 Etablissements befinden sich allein 9 im Palais Royal, obwohl dessen beste Zeit damals schon vorbei war und ihm die großen Boulevards den Rang abgelaufen hatten. [24]  Die Konkurrenz unter den Cafés war also  sehr groß, und die Besitzer hatten  zum Teil schon  besondere Einfälle, um das Publikum anzuziehen.  Das konnte eine besondere Ausstattung sein wie in der Nummer 55: Dort gab es in der ersten Etage eine Darstellung des Übergangs der napoleonischen Armee über die Alpen. Und entsprechend war dann auch das Café du Mont-St-Bernard  benannt und ausgestattet:  Mit Grotten, Mineralien, landestypischen Trachten…  Unübertroffen war aber in dieser Hinsicht das „Café Méchanique“ in der Nummer 121: Dort gab man seine Bestellung auf, indem man einen entsprechend ausgefüllten Zettel in ein Loch im Tisch warf. Bald danach erschien dann das gewünschte Getränk wie durch ein Wunder auf dem Tisch: Seine Beine waren nämlich Zylinder mit einer darin verborgenen Aufzugsvorrichtung, die mit der darunter befindlichen Küche verbunden war. Eine andere Form, das Publikum anzuziehen, waren außergewöhnliche Darbietungen wie in dem Café Lyrique, wo ein Blindenchor und  blinde Musikanten auftraten, was dem Café dann auch den Namen „Café des Aveugles“, der Blinden, gab.[25]

 

Unterhaltung  ohne Grenzen im Palais Royal

Solche – und andere- Angebote machten das Palais-Royal  in seinen „wilden Jahren“  zum unbestrittenen  Zentrum der Unterhaltung und des Amusements von Paris. Eine große Rolle dabei spielte das (Glücks-)Spiel.  Insgesamt gab es in den Galerien eine große Zahl von Boutiquen mit unterschiedlichen Spielangeboten, und auch im Cirque gab es noch Spieltische. In ihrer Histoire de la société francaise pendant la  Révolution schreiben Edmond und Jules de Goncourt, in Paris, der Hauptstadt der Welt, sei das Palais Royal die Hauptstadt des Spiels geworden;  „dans ce Paris, capitale du monde, le Palais-Royal devient la capitale du jeu.“ (25a) :

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Auf diesem 1808 entstandenen Bild von Louis Léopold Boilly wird eine Partie Dame im Café Lamblin im Palais Royal gezeigt- natürlich ohne Damen, die aber auch beim Glücksspiel eine Rolle spielten. [26]

So etwa in der Nummer 113, einer  besonders  bekannten Adresse für Spieler.  Im  Erdgeschoss gab es ein kleines Restaurant und  im ersten Stock Spielsäle, wo von nachmittags bis zum frühen Morgen an sechs Tischen Roulette gespielt wurde.

Georg Emanuel Opitz - Galeries du Palais-Royal from Tableau de Paris 1815-30 - (MeisterDrucke-93704)

Die große Ziffer am Eingang deutet aber darauf hin, dass das Etablissement auch noch eine andere Bestimmung hatte[27]: In allen Zimmern saßen um die Spieltische und Spieler herum Damen, die sich anboten, die Gewinner zu verwöhnen und die Verlierer zu trösten. Dafür gab es im zweiten Stock des Hauses die entsprechenden Räume. Und wie man auf dem Aquarell von Georg Emmanuel Opitz (1775- 1841) sieht, boten auch schon am Eingang Damen ihre Dienste an.[28]

1814 wurde sogar in Paris ein Roman  von J.-P.-R. Cuisin publiziert, der am Beispiel der „Spielhölle“ in Nummer 113 die Gefahren des Glücksspiels thematisierte: Le Numéro 113 ou la Catastrophe du jeu. Histoire véritable.[29] Eine abschreckende Wirkung hat das Buch aber offensichtlich nicht gehabt…

Ein Jahr nach dem Erscheinen des Buchs verlor jedenfalls der siegreiche preußische Marschall Blücher an einem einzigen Abend ein Vermögen beim Spiel im Palais Royal.[30] Und wenn man dann unbedingt noch mehr Geld benötigte oder seine ausländische Währung umtauschen wollte, gab es auch zum Umtausch oder Eintausch von Wertsachen/Pfändern  die entsprechenden Einrichtungen in den Galerien des Palais Royal.[31]

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Stellenweise glich das  Unterhaltungsangebot im Palais Royal  dem eines Jahrmarkts. Dazu gehörte auch die Präsentation besonders ausgefallener menschlicher „Exponate“.

Hier zwei Werbezettel für die Zurschaustellung des schwergewichtigen Engländers Paul Butterbrodt (238 Kilogramm)  und der „jungen preußischen Riesin“ Mlle La Pierre (2.20 m groß). [32]

Bewundern konnte man auch einen kleinwüchsigen Menschen aus dem Schwarzwald. Der war nur 75 cm groß, sprach aber verschiedene Sprachen, in denen er alle möglichen Fragen zur Geografie, seinem Spezialgebiet, beantworten konnte:  Sein Geist hatte das in Fülle, was seinem Körper fehlte, wie es in der Werbung für ihn hieß.  Zu sehen war er -natürlich auch gegen ein entsprechendes Eintrittsgeld- von 10 Uhr morgens bis 2 Uhr nachts. Man konnte aber auch private Reservierungen vornehmen  -vielleicht als Attraktion für eine häusliche Einladung. (33)

Eine Attraktion war auch das Wachsfigurenkabinett des Philippe Curtz/Curtius in der Galerie de Montpensier Nummer 17. Dort waren die Büsten bedeutender historischer Persönlichkeiten und aktueller politischer Prominenz ausgestellt. (Die künftige Mme Tussaud erlernte übrigens dort ihr Handwerk). Der deutsche Reisende August von Kotzebue schreibt in seinem Reisebericht von 1790:

„Ein anderer Schreier machte uns aufmerksam auf den Saal von Wachsfiguren in Lebensgröße, der wirklich sehenswert ist. Der König, die Königin, der Dauphin mit seiner Schwester, la Fayette, Bailly, Voltaire, Rousseau, Franklin, die berühmten beiden Gefangenen, die in ihrer Gefangenschaft so interessant, und außer derselben so langweilig sind, ich meine Trenk und la Trude, die indianischen Gesandten, die einst hier waren, Madame du Barry schlafend und halb nackend, Maria Theresia, Clermont Tonnerre und Gott weiß wer sonst noch.  Alle stehen hier in außerordentlicher Ähnlichkeit, in ihrer gewöhnlichen Kleidung.- Was gäbe ich nicht darum, eine solche Abbildung meiner Friederike zu besitzen!“ (34)

Im „Muséum de démonstrations de physiologie et de pathologie“ des M. Bertrand in der Nummer 23 konnten Besucher außerdem  alle  aus bemaltem Wachs nachgeformte  Partien des menschlichen Körpers  in Augenschein nehmen, die entsprechend der damaligen Werbung mit solcher Kunstfertigkeit hergestellt waren, dass sie wie echt erschienen. (35)

Und natürlich durften da auch sogenannte „sauvages“ nicht fehlen.  Kotzebue berichtet zum Beispiel von einem angeblichen homme sauvage, „der Gott weiß auf welcher Insel gefangen worden sein sollte (…) Seine ganze Wildheit bestand darin, dass er Steine fraß. … Er zermalmte die Kiesel mit den Zähnen, sperrte das Maul weit auf, um uns die klein gekauten Steine sehen zu lassen, und ließ uns dann auf seinem Unterleibe trommeln, wo wir ein ansehnliches Depot von Steinen konnten klappern hören. Betrug schien es mir nicht zu sein. (36)  Wie Mercier berichtet,  konnten Voyeure  –gegen eine entsprechende Gebühr- sogar einen anderen jungen „Wilden“ beobachten, „qui s’accouplait publiquement avec une femme de son espèce“.[37]

Zu den Attraktionen des Palais Royal gehörte auch die kleine Kanone, die 1786 von dem Uhrmacher Rousseau, „ingénieur en instruments de mathématiques, particulièrement en montres et cadrans solaires portatifs, méridiennes et canons“ installiert wurde.

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Die Kanone ersetzte die auf Veranlassung des duc de Chartres angebrachte Markierung des Pariser Meridians. Auf einem der benachbarten Gebäude des Gartens war eine Mittagslinie eingezeichnet. Casanova notierte 1750, dass viele Menschen um die Mittagszeit im Garten aufmerksam herumständen und die „Nase in die Luft“ streckten. Jeder habe seine Uhr in der Hand, um sie genau um 12 Uhr exakt einzustellen. Es gäbe zwar viele solcher Mittagslinien, „aber die des Palais Royal ist die genaueste“.[36] Als dann die den Garten umgebenden Galerien und Häuser gebaut wurden, verdeckten sie den Blick auf die benachbarten Fassaden mit dem Meridian. Die kleine Kanone bot nun eine attraktive Alternative: Genau um 12 Uhr entzündeten die Sonnenstrahlen das unter einem Brennglas deponierte Schwarzpulver und lösten damit eine kleine Explosion aus. Mit einigen Unterbrechungen funktionierte diese Kanone bis 1997. Da wurde sie gestohlen und durch eine „stumme“ Nachbildung ersetzt….

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Das –hier erst teilweise behandelte- überwältigende und vielfältige Angebot im Palais Royal zog, wie schon der anfangs zitierte russische Reisende Karamansin feststellte, eine große Zahl von Besuchern an, die aus Paris, Frankreich und dem Ausland herbeiströmten. Es gibt zahlreiche zeitgenössische Darstellungen, die das veranschaulichen. Eine davon ist die Farblithografie „La promenade publique“ von Dubucourt aus dem Jahr 1792.

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Dargestellt ist „die bessere Gesellschaft“, die sich auch in Zeiten der Revolution das Vergnügen im Palais Royal nicht nehmen lässt.[39] Man kann es zwar als  Ankündigung eines sozialen Umbruchs verstehen, dass der Stuhl unter dem  jungen Aristokraten im Vordergrund links zusammenbricht. Dass aber der Umbruch nicht allzu tiefgreifend werden wird, zeigt ein weiterer junger Aristokrat recht im Bild hinter dem Kind, das ein Tablett mit zwei Flaschen trägt. Dieser eine Kusshand werfende junge Mann ist der Duc de Chartres, der junge Herr des Anwesens. Und der fiel nicht der Revolution zum Opfer wie sein Vater, sondern er wurde 1830 französischer König, der „Bürgerkönig“ Louis Philippe…

 

In dem nachfolgenden Beitrag wird es um „Sex und Politik“ in den wilden Jahren des Palais Royal gehen.

Zum Palais Royal heute siehe:   https://paris-blog.org/2020/07/17/das-palais-royal-1-ein-garten-der-literatur-und-eine-oase-der-ruhe-mitten-in-paris/

 

Anmerkungen

[1] N.M.Karamansin, Brief eines russischen Reisenden. Aus: Europa erlesen: Paris. Herausgegeben von Joachim Dennhardt. Klagenfurt 2015, S.34/37

[2]  Zit. von Marc Zitzmann, Kristalltöne aus der Spieluhr. NZZ  6.1.2006

(3) zitiert bei: Willi Jasper, Keinem Vaterland geboren. Ludwig Börne. Eine Biographie. Hamburg 1989, S. 156. Zu Ludwig Börne in Paris siehe auch den Blog-Beitrag https://paris-blog.org/2018/07/10/das-grabmal-ludwig-boernes-auf-dem-pere-lachaise-in-paris-eine-hommage-an-den-vorkaempfer-der-deutsch-franzoesischen-verstaendigung/

(4) zit. bei: Karsten Witte (Hrsg), Paris. Deutsche Republikaner reisen. Insel-Taschenbuch 389. Ffm 1980, S. 129

[5] Die Zitate aus: Susanne Gretter, Paris liegt an der Seine. Bilder einer Stadt. Suhrkamp taschenbuch 2994, FFM S. 295  und  Le Palais Royal. Deuxième Partie. Les Sunamites. Paris 1790  https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k6439744c/f23.image   Die Abbildung zeigt das Cover einer späteren Auflage:  https://fr.wikisource.org/w/index.php?title=Fichier:Restif_de_la_Bretonne_-_Le_Palais-Royal,  Zu Rétif in Paris  (es gibt die beiden Schreibweisen) siehe auch: Waltraut Dennhardt-Herzog,  Auf den Spuren von Rétif de la Bretonne. In: Europa erlesen. A.a.O., S. 132 f  Zu seiner Rezeption in Deutschland: Yong-Mi Quester, Frivoler Import: Die Rezeption freizügiger französischer Romane in Deutschland (1730-1800). Tübingen 2006

[6] Bild aus: https://commons.wikimedia.org/wiki/

[7] Bild aus: https://www.meisterdrucke.at/kunstdrucke/French-School/526075/Holzgalerien,-ehemaliges-Tartarenlager,-Palais-Royal,-1825.html

[8] http://passerelles.bnf.fr/dossier/palais_royal_01.php

[9] Carl Gustav Carus, Paris und die Rheingegenden. Tagebuch einer Reise im Jahre 1835. Leipzig 1836.  Zit in: Karsten Witte (Hrsg), Paris. Deutsche Republikaner reisen. FFM 1980  (Insel Taschenbuch 389), S. 129

[10] rhttps://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons  (Die Titelangabe ist allerdings falsch. Bei der „Promenade de la galerie du Palais-Royal“  handelt es sich um eine Farblithografie, die später noch gezeigt wird. Das Bild befindet sich im Musée Marmottan Monet in Paris. Siehe dazu: :   French Art of  the Eighteenth Century.  Yale University Press, New Haven and London,   S. 154

[11] Es handelt sich um eine Dépendence der Brüsseler Firma, die sich als Pionier luxuriöser Ledertaschen bezeichnet.

[12] La mode du châle cachemire en France. Ausstellungskatalog 1982.   Musée de la mode et du costume. Herausgegeben von der Stadt Paris.

[13] siehe M. Rousseau, Au Musée Galiéna: Le châle cachemire,  chef -d‘ œuvre et curiosité zootechnique  Bull. Acad. Vét. de France, 1983, 56, 3947 http://documents.irevues.inist.fr/bitstream/handle/2042/65265/AVF_1983_1_39.pdf?sequence=1

[14]https://commons.wikimedia.org/wiki/

[15] https://www.kollenburgantiquairs.com/de/Uhren/Franzoesischer-Reisewecker.-Charles-Oudin

[16] Bilder:  https://vivreparis.fr/10-des-plus-anciens-commerces-de-paris/ und  http://www.fumeursdepipe.net/oriental.htm

Info zu Casanova siehe: Uwe Schultz, Paris. Literarische Spaziergänge. Insel-Taschenbuch 2884, FFM und Leipzig 2003, S.198

[17] http://www.grand-vefour.com/legrandvefour/lhistoire.html le berceau de la gastronomie française

[18] Siehe: Food. The history of taste. University of California Press. Berkely 2005

Bild aus: http://4.bp.blogspot.com/

[19] http://www.theamericanmenu.com/2012/05/general-lewis-cass.html Abbildung der Speisekarte aus: https://happy-apicius.dijon.fr/une-carte-de-restaurant-ancienne-nos-belles-acquisitions-2016-n1/

[20]  “Dick, the Captain, and Squire Jenkin dining at Very’s in the Palais Royal”. Abbildung aus: https://www.akg-images.com/archive/

[21] zit. bei: Patrick Rambourg, Histoire de la cuisine et de la gastronomie françaises.  Éditions Plon 2010

[22]  Siehe dazu den Blog Beitrag über den Garten des Palais Royal: Ein Garten der Literatur und eine Oase der Stille mitten in Paris.

[23]  Siehe: https://chartes.hypotheses.org/5640  und  http://www.domaine-palais-royal.fr/Actualites/Histoire-gourmande-du-Palais-Royal

[24] Calignani‘s  New Paris Guide. Paris 1839, Seiten 547/548

[25] https://chartes.hypotheses.org/5640

(25a) Edmond und Jules de Goncourt,  Histoire de la société  française pendant la  Révolution“. Paris: Éditions du Boucher 2002. Nachdruck der Ausgabe von 1889

[26] Bild aus der Ausstellung Les Nuits de Paris mit entsprechenden Erläuterungen

[27] Zur Bedeutung der großen Straßennummern siehe den Blog-Beitrag  Aux Belles Poules, ein ehemaliges Pariser Bordell im Quartier St. Denis.  https://paris-blog.org/2019/11/01/aux-belles-poules-ein-ehemaliges-pariser-bordell-im-quartier-st-denis/

[28] Georg Emmanuel Opitz, Palais Royal Nummer 113 (Aquarell). Aus: Tableau de Paris 1815-1830) https://www.meisterdrucke.de/kunstdrucke/Georg-Emanuel-Opitz/93704/Galeries-du-Palais-Royal,-von-Tableau-de-Paris,-1815-1830.html

[29] http://www.pileface.com/sollers/pdf/cataloguelivre052019WEB.pdf

[30] http://www.grand-vefour.com/legrandvefour/lhistoire.html  : Danach waren es 15. 000 Francs, die Blücher verspielte. Nach dem immerhin sehr seriösen und fundierten  Artikel  „Gambling in revolutionary Paris — The Palais Royal: 1789–1838“ von Russel T. Barnhart (Journal of Gambling Studies 8, 1992, S. 151-166) waren es sogar 15 Millionen Francs! https://link.springer.com/article/10.1007/BF01014633

[31]  Foto aus der Ausstellung Les Nuits de Paris 2017 im Hôtel de Ville von Paris

[32] Abbildungen bei: https://chartes.hypotheses.org/5640

(33) Trouilleux, Le Palais-Royal, S. 49

(34) August von Kotzebue, Meine Flucht nach Paris im Winter 1790. Berlin 1883, S. 61  https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k35315n/f3.image

(35)  Robert Calasso, Der Untergang von Kasch. FFM 1997.  Zitiert in: Susanne Gretter, Paris liegt an der Seine. Bilder einer Stadt. Suhrkamp taschenbuch 2994, FFM S. 301

(36) August von Kotzebue, a.a.O., S. 60/61

[37] L.-S. Mercier, Le Nouveau Paris. Zit. bei:  https://chartes.hypotheses.org/5640

[38] Zur Kanone im Palais Royal siehe Trouilleux, Le Palais-Royal, S. 107f

[39] Bild und Erläuterungen dazu bei: https://www.artgallery.nsw.gov.au/collection/works/276.2011/

 

Literaturangaben

Le Palais Royal. Katalog der Ausstellung im Musée Carnavalet 1988

Le ‚Palais des Fées‘: Le Palais-Royal, centre des amusements de la capitale de 1780 à 1815. Interview mit Florence Köll,  Autorin einer Doktorarbeit über  « Le résumé de Paris »?  Le Palais-Royal de 1780 à 1815 : commerces, logements, divertissements .  https://chartes.hypotheses.org/5640 2019

Olivier Dautresme, La promenade, un loisir urbain universel? L’exemple du Palais-Royal à Paris à la fin du XVIIIe siècle. In: Histoire urbaine 2001/1, S. 83-102. https://www.cairn.info/revue-histoire-urbaine-2001-1-page-83.htm#no7

Guy Lambert/Dominique Massounie, Le Palais-Royal. Ed. du Patrimoine 2010

Clyde Plumauzille, Le ‘marché aux putains’ : économies sexuelles et dynamique spatiales du Palais-Royal dans le Paris révolutionnaire. https://journals.openedition.org/gss/2943

Rodolphe Trouilleux, Le Palais-Royal. Un demi-siècle de folies 1780-1830. Bernard Giovanangeli Éditeur 2010

René Héron de Villefosse: L’anti-Versailles ou le Palais-Royal de Philippe Egalité. Paris: Dullis 1974

 

Weitere geplante Beiträge:

Das Palais Royal (3): revolutionärer Freiraum und Sündenbabel in den „wilden Jahren“ zwischen 1780 und 1830

Erinnerungsorte an den Holocaust in Paris und Umgebung (1): Einführung

Der Parc Jean-Jacques Rousseau in Ermenonville:  der erste Landschaftspark auf dem europäischen Kontinent und die erste Begräbnisstätte Rousseaus

„L’homme qui marche“ (der schreitende Mann) von Alberto Giacometti: Eine exquisite Ausstellung in einem exquisiten Pariser Ambiente

 

 

Das Palais Royal (1): Ein Garten der Literatur und eine Oase der Ruhe mitten in Paris

Unter den Gärten und Parks  von Paris spielt der Garten des Palais Royal eher eine stiefmütterliche Rolle- und das trotz seiner Lage mitten in der Stadt und in der Nähe des Louvre.  In zahlreichen Zusammenstellungen der schönsten Parks und Gärten von Paris wird er überhaupt nicht aufgeführt.[1] Das liegt wohl daran, dass der Garten etwas verborgen und geschützt im Innern des Palais  Royal liegt.

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So befindet man sich –wenn man vom Süden oder Norden den Park betritt, in einer Oase der Ruhe mitten im pulsierenden Leben der Stadt und man spürt noch etwas von dem aristokratischen Flair dieses Ortes.

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Der Garten des Palais Royal ist auf drei Seiten umgeben von Arkadengängen, die zum Bummeln einladen. Benannt sind sie nach seinen  drei Söhnen: Im Westen ist das die Galerie de Montpensier, benannt nach Antoine Philippe, Herzog von Montpensier;  im Norden die Galerie de Beaujolais, benannt nach Louis Charles, Graf von Beaujolais,  und im Osten die Galerie de Valois, benannt nach seinem ältesten Sohn Louis-Philippe, zunächst Herzog von Valois, später Herzog von Chartres und von 1830-1848 „König der Franzosen“.

Kleine, edle Boutiquen reihen sich aneinander, bei denen man sich manchmal fragt, wie sie (über-) leben können. Aber offenbar gibt es in Paris genug Touristen und  wohlhabende Menschen, die es sich leisten wollen und können, bei einer solchen Adresse einzukaufen. Für Normalsterbliche  genügt es ja auch,  einen Blick durch die Fensterscheiben zu werfen.

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Das gilt auch für das berühmte Restaurant Vefour. Es wurde 1784 in der gerade neu errichteten Galerie de Beaujolais eröffnet, dem nördlichen Arkadengang, der hier rechts im Bild zu sehen ist.

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Damals war es noch ein Café, das Café de Chartres – benannt nach dem duc de Chartres, dem Bauherrn der Arkadengänge. Später wurde das Lokal von Herrn Véfour übernommen,  preziös ausgestattet und nach ihm benannt: Als Le Grand Véfour wurde es  eine der ersten gastronomischen Adressen der Stadt.[2]

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Flaubert, Turgenew und Edmond de Goncourt speisten regelmäßig in dem Restaurant, wozu sie dann auch die beiden jüngeren Schriftsteller Zola und Daudet einluden: das waren die sogenannten „Dîners des Cinq“. Und später gehörten Victor Hugo, Balzac, George Sand, Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und natürlich die Nachbarn Colette und Jean Cocteau  zu den prominenten Gästen.[3]

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In seinem Roman Verlorene Illusionen  beschreibt Honoré de Balzac das turbulente Treiben in den Galerien des Palais Royal:

Alles wurde hier gemacht, die öffentliche Meinung, der Ruf, politische und finanzielle Geschäfte. Man gab sich vor und nach der Börse Stelldichein in den Galerien. Das Paris der Bankiers und Kaufleute füllte oft den Hof des Palais Royal und flutete, wenn es regnete, in die Galerien hinein, deren Akustik bewirkte, dass jedes Gelächter widerhallte und dass man an dem einen Ende sofort wusste, worüber am anderen gestritten wurde. Es gab hier Buchhändler, Dichtung, Politik und Prosa, Modemagazine und schließlich Freudenmädchen, die nur am Abend kamen.

Aber nun zum Garten:  Er ist mit seinen Alleen und den in quadratische Formen gezwungenen Bäumen streng französisch angelegt.  Aber es ist kein Schaugarten, der vor allem beeindrucken will, sondern er lädt ein zum Verweilen: Es gibt einen zentralen Springbrunnen mit –allerdings etwas unbequemen- eisernen Sesseln und Stühlen darum herum, wie man sie auch vom Jardin du Luxembourg oder dem Tuilerien-Garten kennt.

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Die Dame mit ihrer vollgefüllten Einkaufstasche und dem elegant herausgeputzten, rotbeschuhten Pudel gönnt sich hier eine Pause. Vielleicht kommt sie gerade aus einer der noblen Boutiquen unter den Arkaden.

Es gibt auch viele Bänke, die zum Sitzen einladen.

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Die Spatzen fressen sogar aus der Hand!

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Anziehend ist das Ensemble von harmonischer, edler Architektur und dem Garten in allen Jahreszeiten: Wenn erst die Tulpen und die Magnolien und danach den ganzen Sommer über die Rosen blühen, wenn die Blätter der Bäume sich färben und selbst im Winter, wenn die kahlen Alleen einen besonderen strengen Reiz entfalten.

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Manchmal lohnt es sich auch, einen Blick nach oben zu werfen, wo wir einmal diese beiden Dachwandler entdeckt haben, die offenbar gerne einmal den Garten von oben betrachten wollten.

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Der Garten des Palais Royal ist aber nicht nur ein Eldorado für Tauben, Spatzen und ältere Damen. Er war auch ein Anziehungspunkt für Literaten und er wird deshalb auch der jardin des belles lettres genannt.  Das ist sicherlich in seiner zentralen Lage begründet, auch der Nähe zur Bibliothèque Nationale und den beiden Theatern, der Comédie Française und dem Théâtre du Palais-Royal.  Es beruht aber auch darauf, dass das Palais Royal  berühmt war für seine vielen Cafés. Eines davon war das Café de la Régence, das es heute leider nicht mehr gibt.  Hermann Kesten hat es in seinem Büchlein „Dichter im Café“ besonders gewürdigt.[4] Es gibt darin ein schönes Zitat, das in kaum einer einschlägigen Veröffentlichung über das Palais Royal fehlt:

Im posthum publizierten Dialog Rameaus Neffe, den Goethe auf Schillers Empfehlung aus dem Manuskript übersetzt hatte, lange vor der Publikation des Originals, schildert Diderot das Café de la Régence, den Neffen des Rameau, den Rameau und sich. „Es mag schön oder hässlich Wetter sein“, so beginnt er, „meine Gewohnheit bleibt auf jeden Fall, um fünf Uhr abends im Palais Royal spazieren zu gehen. Mich sieht man immer allein, nachdenklich auf der Bank d’Argenson. Ich unterhalte mich mit mir selbst von Politik, von Liebe, von Geschmack oder Philosophie und überlasse meinen Geist seiner ganzen Leichtfertigkeit. Mag er doch die erste Idee verfolgen, die sich zeigt, sei sie weise oder töricht. So sieht man in der Allée de Foi unsere jungen Liederlichen einer Courtisane auf den Fersen folgen, die mit unverschämtem Wesen, lachendem Gesicht, lebhaften Augen, stumpfer Nase dahingeht; aber gleich verlassen sie diese um eine andere, necken sie sämtlich und binden sich an keine. Meine Gedanken sind meine Dirnen.“

„Wenn es gar zu kalt oder regnerisch ist, flüchte ich mich in das Café de la Régence und sehe zu meiner Unterhaltung den Schachspielern zu. Paris ist der Ort in der Welt, und das Café de la Régence der Ort in Paris, wo man das Spiel am besten spielt… Da sieht man die bedeutendsten Züge, da hört man die gemeinsten Reden…“

Hermann Kesten war Autor und Lektor, floh 1933 aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach Frankreich und leitete die deutsche Abteilung des niederländischen Exilverlags Allert de Lange.  Er wohnte zeitweise in Sanary, der „Hauptstadt der deutschen Literatur der 1930-er Jahre“[5], zeitweise in Nizza in Hausgemeinschaft mit Joseph Roth und Heinrich Mann und zeitweise auch in Paris. Dann hielt er sich gerne im Café de la Régence auf und traf dort seine zahlreichen literarischen Freunde. Dazu gehörte natürlich auch Stefan Zweig, für den es damals nur ein paar Schritte dorthin waren.

Stefan Zweig hatte 1912 das Hotel Beaujolais in der gleichnamigen Straße entdeckt- auch das gibt es heute nicht mehr. Es lag neben dem Restaurant Vefour, und die Zimmer hatten einen Ausblick in den Garten des Palais Royal. In den 1930-er Jahren, auf der Flucht vor den Nazis,  ließ sich Zweig wieder dort nieder. In seinen Erinnerungen Die Welt von gestern  beschreibt er, wie er diesen Platz entdeckte und was ihn dorthin zog:

Die Stadt war zur Zeit, da ich sie kennenlernte, noch nicht so völlig zu einer Einheit zusammengeschmolzen wie heute dank der Untergrundbahnen und Automobile; noch regierten hauptsächlich die mächtigen, von schweren, dampfenden Pferden gezogenen Omnibusse den Verkehr. Allerdings, bequemer war Paris kaum zu entdecken als vom ›Imperial‹, vom ersten Stock dieser breiten Karossen oder aus den offenen Droschken, die ebenfalls nicht allzu hitzig fuhren. Aber von Montmartre nach Montparnasse war es damals immerhin noch eine kleine Reise, und ich hielt im Hinblick auf die Sparsamkeit der Pariser Kleinbürger die Legende durchaus für glaubhaft, daß es noch Pariser der rive droite gebe, die nie auf der rive gauche gewesen seien, und Kinder, die einzig im Luxembourg-Garten gespielt und nie den Tuileriengarten oder Parc Monceau gesehen. Der richtige Bürger oder Concierge blieb gerne chez soi, in seinem Quartier; er schuf sich innerhalb von Großparis sein kleines Paris, und jedes dieser Arrondissements trug darum noch seinen deutlichen und sogar provinzartigen Charakter. So bedeutete es für einen Fremden einen gewissen Entschluß, zu wählen, wo er seine Zelte aufschlagen sollte. Das Quartier Latin lockte mich nicht mehr. Dorthin war ich bei einem früheren kurzen Besuch als Zwanzigjähriger gleich von der Bahn aus gestürzt; am ersten Abend schon hatte ich im Café Vachette gesessen und mir ehrfürchtig den Platz Verlaines zeigen lassen und den Marmortisch, auf den er in der Trunkenheit immer mit seinem schweren Stock zornig hieb, um sich Respekt zu verschaffen. Ihm zu Ehren hatte ich unalkoholischer Akoluth ein Glas Absinth getrunken, obwohl dies grünliche Gebräu mir gar nicht mundete, aber ich glaubte als junger, ehrfürchtiger Mensch mich verpflichtet, im Quartier Latin mich an das Ritual der lyrischen Dichter Frankreichs halten zu müssen; am liebsten hätte ich damals aus Stilgefühl im fünften Stock in einer Mansarde bei der Sorbonne gewohnt, um die ›richtige‹ Quartier-Latin-Stimmung, wie ich sie aus den Büchern kannte, getreulicher mitleben zu können. Mit fünfundzwanzig Jahren dagegen empfand ich nicht mehr so naiv romantisch, das Studentenviertel schien mir zu international, zu unpariserisch. Und vor allem wollte ich mir mein dauerndes Quartier schon nicht mehr nach literarischen Reminiszenzen wählen, sondern um möglichst gut meine eigene Arbeit zu tun. Ich blickte mich sogleich um. Das elegante Paris, die Champs Élysées, boten in diesem Sinne nicht die geringste Eignung, noch weniger das Quartier um das Café de la Paix, wo alle reichen Fremden des Balkans sich Rendezvous gaben und außer den Kellnern niemand französisch sprach. Eher hatte die stille, von Kirchen und Klöstern umschattete Sphäre von Saint Sulpice, wo auch Rilke und Suarez gerne wohnten, für mich Reiz; am liebsten hätte ich auf der Isle St. Louis Hausung genommen, um gleicherweise beiden Seiten von Paris, der rive droite und rive gauche, verbunden zu sein. Aber im Spazierengehen gelang es mir, gleich in der ersten Woche etwas noch Schöneres zu finden. Durch die Galerien des Palais schlendernd, entdeckte ich, daß unter den im achtzehnten Jahrhundert von Prince Egalité ebenmäßig gebauten Häusern dieses riesigen Carrés ein einziges einstmals vornehmes Palais zu einem kleinen, etwas primitiven Hotel herabgekommen war. Ich ließ mir eines der Zimmer zeigen und merkte entzückt, daß der Blick vom Fenster in den Garten des Palais Royal hinausging, der mit Einbruch der Dunkelheit geschlossen wurde. Nur das leise Brausen der Stadt hörte man dann undeutlich und rhythmisch wie einen ruhelosen Wogenschlag an eine ferne Küste, im Mondlicht leuchteten die Statuen, und in den ersten Morgenstunden trug manchmal der Wind von den nahen ›Halles‹ einen würzigen Duft von Gemüse her. In diesem historischen Geviert des Palais Royal hatten die Dichter, die Staatsmänner des achtzehnten, des neunzehnten Jahrhunderts gewohnt, quer gegenüber war das Haus, wo Balzac und Victor Hugo so oft die hundert engen Stufen bis zur Mansarde der von mir so geliebten Dichterin Marceline Desbordes-Valmore emporgestiegen waren, dort leuchtete marmorn die Stelle, wo Camille Desmoulins das Volk zum Sturm auf die Bastille aufgerufen, dort war der gedeckte Gang, wo der arme kleine Leutnant Bonaparte sich unter den promenierenden, nicht sehr tugendhaften Damen eine Gönnerin gesucht. Die Geschichte Frankreichs sprach hier aus jedem Stein; außerdem lag nur eine Straße weit die Nationalbibliothek, wo ich meine Vormittage verbrachte, und nahe auch das Louvremuseum mit seinen Bildern, die Boulevards mit ihrem menschlichen Geström; ich war endlich dort, wohin ich mich gewünscht, dort, wo seit Jahrhunderten heiß und rhythmisch der Herzschlag Frankreichs ging, im innersten Paris. Ich erinnere mich, wie André Gide mich einmal besuchte und, über diese Stille mitten im Herzen von Paris staunend, sagte: »Von den Ausländern müssen wir die schönsten Stellen unserer eigenen Stadt uns zeigen lassen.« Und wirklich, ich hätte nichts Pariserischeres und zugleich Abgeschiedeneres finden können als dieses romantische Studierzimmer im innersten Bannkreis der lebendigsten Stadt der Welt.[6]

 

Das Palais Royal verdankt seinen literarischen Ruhm aber vor allem zwei Autoren: Colette und Jean Cocteau.

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An  beide wird im Palais Royal intensiv erinnert, wie dieses Foto vom Februar 2020  zeigt. Das dort abgebildete Doppelportrait von Colette und Cocteau stammt aus dem Jahr 1947. 2019 wurden die beiden baumbestandenen Alleen des Gartens auf die Namen Colette und Cocteau getauft.

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Colette

 Colette wohnte von 1927 bis 1929 im Zwischengeschoss rue de Beaujolais Nummer 9 und dann wieder ab 1938 im gleichen Haus ein Stockwerk darüber bis zu ihrem Tod 1954.  Fünf Monate nach ihrem Einzug, 1938, besuchte Walter Benjamin sie dort:

„Die Zeit eines Interviews ist längst überschritten. Mit den Blicken messe ich im Hinausgehen die niedrigen Stuben von schmalem, altmodischem Ausmaß. ‚Wie lange wohnen Sie schon hier, gnädige Frau?‘ ‚Fünf Monate. Das hier –nicht wahr?- ist altes Palais Royal. Die Zimmer sind so winzig, dass ich, um mir ein Arbeitszimmer zu verschaffen, eine Zwischenwand habe fortnehmen lassen. Sie waren früher für die Damen des Palais Royal belegt. On y a rien fait que l’amour.‘  Ich aber könnte diese sehr kluge, sehr gerade, sehr französische Künstlerin mir nirgends richtiger untergebracht denken, als in diesem zentralsten, verstecktesten Winkel der Altstadt, der im Regenwetter verwittert und einsam schweigt.“[7]

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Von ihrem Fenster im ersten Stock des Hauses aus beobachtete Colette gerne das Treiben im Garten des Palais Royal – zumal in den von ihrer Arthrose überschatteten Lebensjahren:

„In unserem königlichen Wohnbezirk haben wir kaum bequemere und hygienischere Verhältnisse, als sie zur Zeit des Sonnenkönigs in Versailles herrschten. (…) Aber was schert das die Kinder, die unumschränkten Herren des Parks? Wenn die Not am größten ist, fällt das Höschen, schürzt sich das Röckchen und …. Es geht noch einfacher. In seinem Wagen stößt das Baby einen Alarmschrei aus: ohne sich von ihrem Eisenstuhl zu erheben – einem unverwüstlichen Überbleibsel der uralten Zeit- schnappt sich die Mutter oder die Kinderfrau das Kleinchen und hält es wie ein Sieb zum Durchseihen von Flüssigem und Festem in die Luft. Gestern bestätigten neun feuchte Spuren auf dem Bürgersteig genau unter meinem Fenster, dass am Nachmittag neun Kinder zwischen den Stühlen gespielt. Ah, was für ein unerfreulicher Geruch in die Abendluft aufsteigt. (…)

Aber ich habe nicht das Herz, sie zu verurteilen, sie, meine lebhaften Schreihälse, meine kleinen pfeifenden Kobras, meine trompetenschmetternden und mit Rasseln lärmenden Zündblättchen-Schützen, obwohl ich die Erinnerung an die Wohltaten einer Erziehung, die vor allem die Stille lehrte, nicht vergessen habe. Weil ich sie beobachte, und sie durch das Beobachten zu meinen eigenen mache, kann ich sie nicht immerzu tadeln.“ [8]

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Heute ist dieses Fenster besonders markiert durch ein C und einen Stern. Der verweist, so vermute ich, auf das letzte und nach vielfacher Überzeugung beste Buch Colettes „L’étoile Vesper“ – das ist der Venusstern, „der in den Abendstunden am Himmel steht. Und wie ein Stern leuchtet dieser Name über dem stillen Werk von Colette.“[9] Als sie starb, wurde ihr Sarg im Ehrenhof des Palais Royal aufgebahrt und tausende Menschen erwiesen ihr die letzte Ehre.

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Heute erinnert nicht nur die Plakette in der rue de Beaujolais an die Schriftstellerin, sondern es gibt auch noch eine weitere Erinnerungstafel mit ihrem Portrait an der engen Passage du Perron, dem nördlichen Zugang  in den Garten, „an dessen Rand sie ihre letzten Jahre verbrachte“.

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Und nicht zuletzt gibt es noch die südlich des Jardin du Palais-Royal gelegene place Colette zwischen der Comédie Française und dem Restaurant/dem Café Nemours. Dort befindet sich auch der „Haupteingang“ zum Garten.[10]

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Der unkonventionelle, verspielte Metro-Eingang „Kiosque des Noctambules“  auf dem Platz hätte Colette wohl gefallen…

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Jean Cocteau

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Jean Cocteau  lebte von 1940 bis 1947 mit seinem Partner Jean Marais  in der rue de Montpensier Nummer 36, wo es auch eine Erinnerungsplakette gibt.

Bis zu seinem Tod hielt er sich dann nur noch zeitweise in Paris auf, überwiegend aber in Milly-la-Forêt, wo er auch die Kapelle ausmalte, in der er begraben ist. (10a)

 

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1947 – aus diesem Jahr stammt auch dieses Bild- schrieb Jean Cocteau in „La difficulté d’être“ über diese Wohnung:

Ich mietete diesen winzigen Keller 1940, als die deutsche Armee auf Paris marschierte. […] Ich  bleibe jetzt hier, weil es unmöglich ist, eine geeignete Unterkunft zu finden, auch wegen der Ausstrahlung, die das Palais-Royal für manche Seelen hat. “ [11]

Ein Keller war die Wohnung allerdings nicht: Sie lag im Zwischengeschoss zwischen dem Parterre und der étage noble, so dass Jean Cocteau wie Colette  auch einen Blick in den Garten und auf die spielenden Kinder hatte.[12]

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Ganz so winzig war die Wohnung übrigens nicht: immerhin war sie 50 qm2  groß.  (2016 wurde sie –inzwischen deutlich vergrößert- für einen Quadratmeterpreis von 20. 000 Euro als ideale Junggesellenwohnung oder pied-à-terre zum Verkauf angeboten.)

Wie sehr Cocteau  dem Palais Royal verbunden  und seinem Charme  verfallen war, wird aus einem kleinen Text für das comité du Palais-Royal deutlich, dessen Ehrenpräsident er war. Er bezeichnet darin das Palais Royal als eine kleine Stadt in einer großen Stadt; eine kleine Stadt mit eigenen Gewohnheiten und Sitten. Ihre Bewohner, indigènes, vergleicht er mit manchen alten Gondolieren von Venedig, die nie ein Pferd oder ein Auto gesehen hätten.

Les nôtres semblent ne connaître que les voûtes, les colonnes, les lampadaires, les esplanades et les grilles à pointe d’or dans le labyrinthe desquels les échoppes vendent les livres libertins, les timbres-poste et les légions d’honneur. Petite ville émouvante à force d’être en proie aux fantômes illustres de l’Histoire de France et des personnages de Balzac. Éternellement parcourue par une troupe de sans-culottes, la bouche ouverte en forme de cri, brandissant une tête coupée… (13)

Dazu passt eine Tuschezeichnung von Cocteau aus dem Jahr 1962  mit dem Titel „Scène révolutionnaire au Palais Royal“, die im März 2020 für 1300 Euro versteigert wurde. [14]

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Weniger blutrünstig und deutlich billiger geht es  im Restaurant und Teesalon  Muscade zu. Der befindet sich im Erdgeschoss der rue Montpensier 36, da also, wo Cocteau wohnte. Es gibt eine große Kuchenauswahl und es soll sogar einen „Salade Cocteau“ geben, bestehend aus Salatblättern, im Ofen gebackenem Ziegenkäse und Schneckenbutter….  Und vor allem: Bei schönem Wetter lädt die Terrasse im Jardin du Palais- Royal  zum Draußensitzen ein.

 

Die literarischen Bänke

Wenn der Garten des Palais Royal mit Fug und  Recht als  ein jardin des belles lettres bezeichnet werden kann, so beruht das auch auf den dort aufgestellten „literarischen Bänken“.  Da gibt es die zehn von dem Künstlerduo Michel Goulet und François Massut entworfenen  „chaises-poèmes“, die 2016 aufgestellt wurden.

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Es handelt sich um Stuhlpaare, die so miteinander verbunden sind, dass ein Dialog möglich ist, ohne den Kopf verdrehen zu müssen. Auf den Rückenlehnen ist das Zitat eines Dichters/einer Dichterin eingraviert. Hier ist es die an Erich Fromms „Haben oder Sein“ erinnernde Devise von Marina Tsvetaïeva:  zwei Hilfsverben: Sein ist mehr wert als haben. Eigentlich sollte  man einen mitgebrachten Kopfhörer an eine an jedem Stuhlpaar befestigte Box anschließen und dann Gedichte zeitgenössischer Autoren hören können. Bei unseren Besuchen im Garten des Palais-Royal war dies allerdings nicht möglich.

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Seit 2019 gibt es zusätzlich auch noch die „banc-poèmes“: Das sind die traditionellen Bänke in den beiden  Alleen des Gartens. Die beiden Künstler, die schon die chaises-poèmes entworfen hatten, nutzten die Renovierung der Bänke, auf ihren Rückenlehnen Zitate von Autoren anzubringen, wobei Colette in der ihren Namen tragenden Allee besonders berücksichtigt ist und Jean Cocteau entsprechend in „seiner“ Allee.

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Hier zum Abschuss dieses Berichts eine Bank mit einem Zitat von Colette aus ihrem Buch „La Naissance du Jour“ von 1928: Die Schwierigkeit besteht nicht darin zu geben, sondern nicht alles zu geben.[15]

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In zwei weiteren Berichten wird es um Kommerz, Unterhaltung, Sex und Politik in den wilden Jahren des Palais Royal zwischen 1780 und 1830 gehen.

 

Anmerkungen:

[1] Siehe z.B. https://www.parismalanders.com/die-schoensten-parks-in-paris/ oder: Paris im Frühling: Die schönsten Parks und Gärten. https://www.pariscityvision.com/de/paris/pariser-parks-und-garten-fruhling  Auch in Marco Polos Zusammenstellung der schönsten Parks und Gärten von Paris ist der Garten des Palais-Royal nicht berücksichtigt. https://www.marcopolo.de/reisefuehrer-tipps/paris/die-schoensten-parks-gaerten-in-paris.html

[2] http://www.grand-vefour.com/legrandvefour/lhistoire.html

https://www.nzz.ch/gaumenfreude_und_augenschmaus-1.9178318

[3] David Burke, Writers in Paris: Literary Lives in the City of Light, Berkely 2008,  S. 174   entsprechend: http://www.writersinparis.com/formwritersinparis2.php

(3a) Uwe Schultz, Paris. Literarische Spaziergänge. insel taschenbuch 2884. Frankfurt und Leipzig 2003, S. 200

[4] Hermann Kesten, Dichter im Café. Cadolzburg: Ars vivendi 2015 auch bei:

https://books.google.de/books?id=xhd3DwAAQBAJ&pg=PT47&lpg=PT47&dq=Hermann+Kesten+Cafe+de+Regence+Paris&source=bl&ots=lDVrHbJWBu&sig=ACfU3U0Vfpye3-gSC8J280CJdGL9gnDrRQ&hl=de&sa=X&ved=2ahUKEwjF2dDeiK3pAhXHGuwKHQGZDl0Q6AEwAHoECAkQAQ#v=onepage&q=Hermann%20Kesten%20Cafe%20de%20Regence%20Paris&f=false

[5] Siehe den Blog-Beitrag:  //paris-blog.org/2016/04/18/exil-in-frankreich-sanary-les-milles-und-marseille/

[6] https://gutenberg.spiegel.de/buch/die-welt-von-gestern-6858/7

[7] Aus: Walter Benjamin, Gesammelte Schriften IV,1    Zitiert in: Susanne Gretter (Hrsg), Paris liegt an der Seine. Bilder einer Stadt. st 2994, Frankfurt 1999, S. 167

[8] Zit in: Hans von Zigesar (Hrsg), Reise Textbuch Paris. Ein literarischer Begleiter auf den Wegen durch die Stadt. Dtv 3902, München 1990, S. 114/115. Bild von 1949 aus: http://paris-bise-art.blogspot.com/2014/11/la-fenetre-de-colette-au-palais-royal.html

[9] https://www.spiegel.de/geschichte/pariser-skandal-schriftstellerin-colette-geliebt-gehasst-bewundert-a-1244361.html

[10] Bild des Nemours aus: http://www.lenemours.paris/ Bild des Metro-Eingangs: https://www.parisladouce.com/2013/03/paris-le-kiosque-des-noctambules-de.html

(10a) Siehe dazu den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2016/04/11/milly-la-foret-jean-cocteau-niki-de-saint-phalle-und-jean-tinguely/

[11] Zitat und Bild  (Pierre Jahan / Roger-Viollet)  aus: http://www.leparisien.fr/paris-75/a-vendre-au-palais-royal-a-paris-appartement-de-cocteau-1-950-000-eur-18-03-2016-5639481.php 

« J’ai loué cette cave minuscule en 1940, lorsque l’armée allemande marchait sur Paris […] Je m’y soigne à présent par fatigue, à cause de l’impossibilité de trouver un logement convenable, à cause aussi d’un charme que le Palais-Royal exerce sur certaines âmes ».

[12] Bild aus: https://www.ebay.de/itm/Cocteau-Le-Palais-Royal-raconte-par-Jean-Cocteau-vu-par-Veronique-Filozof

(13) Jean Cocteau, Le Palais-Royal. In: Jean Cocteau, Paris suivi de notes sur l’amour. Paris: Bernard Grasset 2013, S. 35/36

[14] Signé et daté en bas à droite „1962 / Jean Cocteau“
https://www.artcurial.com/fr/lot-jean-cocteau-1889-1963-scene-revolutionnaire-au-palais-royal-1962-encre-sur-papier-3961-109?utm_source=barnebys&utm_medium=referral&utm_campaign=barnebys&utm_content=2020-03-10   1300 Euro März 2020

[15] https://www.lefigaro.fr/sortir-paris/2019/03/01/30004-20190301ARTFIG00028-que-savez-vous-sur-colette-et-cocteau-au-palais-royal.php

 

Literatur

Le Palais Royal. Katalog der Ausstellung im Musée Carnavalet 1988

Le ‚Palais des Fées‘: Le Palais-Royal, centre des amusements de la capitale de 1780 à 1815. Interview mit Florence Köll,  Autorin einer Doktorarbeit über  « Le résumé de Paris »?  Le Palais-Royal de 1780 à 1815 : commerces, logements, divertissements .  https://chartes.hypotheses.org/5640 2019

Olivier Dautresme, La promenade, un loisir urbain universel? L’exemple du Palais-Royal à Paris à la fin du XVIIIe siècle. In: Histoire urbaine 2001/1, S. 83-102. https://www.cairn.info/revue-histoire-urbaine-2001-1-page-83.htm#no7

Guy Lambert/Dominique Massounie, Le Palais-Royal. Ed. du Patrimoine 2010

Clyde Plumauzille, Le ‘marché aux putains’ : économies sexuelles et dynamique spatiales du Palais-Royal dans le Paris révolutionnaire. https://journals.openedition.org/gss/2943

Rousseau, Murielle, Die Gärten von Paris.  Mit farbigen Fotografien von Marie Preaud
insel taschenbuch 4776  FFM/Leipzig 2020    Beitrag über den Garten des Palais Royal: https://www.suhrkamp.de/download/Blickinsbuch/9783458364764.pdf

Rodolphe Trouilleux, Le Palais-Royal. Un demi-siècle de folies 1780-1830. Bernard Giovanangeli Éditeur 2010

René Héron de Villefosse: L’anti-Versailles ou le Palais-Royal de Philippe Egalité. Paris: Dullis 1974

 

Weitere geplante Beiträge:

Das Palais Royal (2): Ein Einkaufs- und Unterhaltungszentrum in den „wilden Jahren“ zwischen 1780-1830 

Das Palais Royal (3): revolutionärer Freiraum und Sündenbabel in den „wilden Jahren“ zwischen 1780 und 1830

Erinnerungsorte an den Holocaust in Paris und Umgebung (1): Einführung

Der Parc Jean-Jacques Rousseau in Ermenonville

 

 

 

 

 

 

Wie man eine Revolution feiert: der 14. Juli in Paris

Frankreich feiert am 14. Juli die Erstürmung der Bastille  am 14. Juli 1789,  für Victor Hugo die Geburtsstunde der Freiheit,  „l’éveil de la liberté.“  Seit 1880 ist der 14. Juli der französische Nationalfeiertag. Damals allerdings bezog man sich nicht allein auf den 14. Juli 1789, sondern auch bzw.  eher auf den 14. Juli des darauf folgenden Jahres: An diesem Tag  wurde zur Erinnerung an den Sturm auf die Bastille das sogenannte Föderationsfest gefeiert, bei dem der König  Ludwig XVI. vor Vertretern aller Provinzen und Stände einen feierlichen Eid auf die Nation ablegte: Eine große Kundgebung nationaler Einheit, während der Sturm auf die Bastille  für viele konservative/monarchistische  Abgeordnete  der Nationalversammlung als Bezugspunkt eines  Nationalfeiertags nicht infrage kam.   Der 14. Juli 1790 ist inzwischen allerdings weitgehend aus dem kollektiven Gedächtnis der Franzosen verschwunden, und so war es auch nur konsequent, dass die großen Feiern zum 200-jährigen Jubiläum der Französischen Revolution 1989 stattfanden und nicht ein Jahr später. Im angelsächsischen Bereich ist die Sache sowieso klar: Da ist der 14. Juli der „Bastille-day“.[1]

Seit 1880 hat sich ein Ritual der Feiern zum 14. Juli herausgebildet.  In seinem Paris-Roman schreibt  Edward Rutherford dazu:

„Was für ein Glück für die nachfolgenden Generationen, dass die Sansculottes, als sie die Französische Revolution im Jahr 1789 mit der Erstürmung der Festung einläuteten, sich dafür ausgerechnet einen Sommertag ausgesucht hatten. Die perfekte Wahl für einen Feiertag mit Festlichkeiten, Paraden und Feuerwerk“.[2]

Rutherford hat hier den Dreiklang der Feiern des 14. Juli in ganz Frankreich und natürlich auch und vor allem in Paris bezeichnet:

  • Die Festlichkeiten, das  sind Konzerte und Tanz, in Paris vor allem der Tanz in den Kasernen der Feuerwehr
  • Die Paraden, in Paris natürlich die große Parade auf den Champs – Élysées
  • Das große Feuerwerk am Eiffelturm, das die Feierlichkeiten zum 14. Juli abschließt.

 

In diesem Jahr ist allerdings (fast) alles (ganz) anders. Die nach wie vor geltenden Beschränkungen aufgrund der CV-Pandemie verbieten, dass die Feierlichkeiten so wie üblich ablaufen:

  • Der Tanz in den Kasernen der Feuerwehr wird ausfallen, weil da das geforderte Abstandsgebot nicht durchsetzbar ist.
  • Die große Parade auf den Champs-Élysées wird ebenfalls ausfallen: Eng nebeneinander marschierende Soldaten und ein dicht gedrängtes Publikum stehen natürlich auch im Widerspruch zu den nach wie vor geltenden Verhaltensregeln. Statt dessen wird es eine  Zeremonie mit begrenzter Teilnehmerzwahl auf der place de la Concorde geben. Da sollen die Soldaten und vor allem das medizinische Personal geehrt werden, die am „Krieg“ gegen den Virus beteiligt waren, möglicherweise auch- wie von vielen Seiten gefordert- Vertreter der „Alltagshelden“, der „héros du quotidien“, die in den Zeiten des confinements/shutdowns dafür gesorgt haben, „systemrelevante“ Bereiche des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens aufrecht zu erhalten. Die Luftwaffe wird sich allerdings wie gewohnt präsentieren, und damit werden auch die Farben der Tricolore in den Himmel über der place de la Concorde gezeichnet werden.
  • Das Feuerwerk am Eiffelturm findet auch unter Corona-Bedingungen statt. Da es allerdings nicht mehrere hunderttausend  Schaulustige auf dem Champ de Mars und anderen bevorzugten Schauplätzen geben darf, wird das Gebiet um den Eiffelturm weiträumig abgesperrt.

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Karikatur von Plantu in Le Monde vom 14. Juli 2020

Der diesmal völlig andere 14. Juli ist für mich Anlass, darzustellen, wie der Nationalfeiertag sonst in Paris begangen wird und wie er -hoffentlich-  im nächsten Jahr wieder gefeiert werden kann, vielleicht dann sogar in einer Form, die die Erfahrungen dieses besonderen Jahres berücksichtigt….

 

  1. Musik und Tanz

Als zentraler Ort von Festlichkeiten bietet sich natürlich aus historischen Gründen der Bastille-Platz an. Allerdings erinnert dort  nur noch wenig an den 14. Juli 1789. Die Bastille wurde ja bald nach ihrer Erstürmung bis auf die Grundmauern abgetragen.  Kleine, fast versteckte Erinnerungen gibt es noch: So die Plakette mit dem Plan der Bastille an einem der angrenzenden Häuser (Place de la Bastille Nummer 5), die anlässlich der Proklamation des 14. Juli zum Nationalfeiertag dort angebracht wurde.

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Plan der Bastille – begonnen 1370, erobert vom Volk am 14. Juli 1789 und abgerissen im gleichen Jahr. Der Umriss der Festung ist auf dem Boden dieses Platzes markiert. 14. Juli 1880.

Diese Umrisse waren bis vor kurzem sehr klar erkennbar und eindrucksvoll im Kopfsteinpflaster des Platzes und einiger auf ihn hinführender Straßen markiert.

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Nach dem  Umbau des Platzes 2019/2020 gibt es kein Kopfsteinpflaster mehr, sondern Asphalt und eine neue Form der Markierung. Dieser Umbau ist städtebaulich sehr überzeugend und ein Segen für Fußgänger und Radfahrer. Aber dem alten Kopfsteinpflaster mit seinen schön abgesetzten Bastille-Markierungen trauere ich dennoch etwas nach….

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Die Säule in der Mitte des Platzes mit dem glänzenden Génie de la liberté erinnert übrigens nicht an die Revolution von 1789, sondern an die Revolution von 1830.

Errichtet ist sie über den Gräbern der während der drei  Aufstandstage, den „Trois Glorieuses“, getöteten Revolutionären.

Hier ist die Säule im Fahnenschmuck für den 14. Juli 2020 zu sehen.

 

 

 

Und auch das berühmte Revolutionsbild von Delacroix bezieht sich auf die Julirevolution von 1830, nicht aber auf die Erstürmung der Bastille.

 

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Wurfbude an der place de la Bastille

Aber am 14. Juli wurden schon an der place de la Bastille  Freiluftbühnen für Pop-Konzerte aufgebaut, die sich allergrößter Beliebtheit erfreuten.

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Glücklich, wer da noch einen Platz auf den Stufen der Bastille-Oper ergattern konnte!

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In diesem Jahr geht das natürlich nicht – nicht nur wegen der Corona-Pandemie (da betrachtet  man solche Bilder mit einiger Wehmut), aber es wäre wegen der aktuellen Umgestaltung des  Platzes sowieso kaum möglich gewesen.

Ball 14. Juli

Zur Feier des 14. Juli gehört vor allem der Tanz.  Das hat  Joseph Roth  in einem  Manuskript mit dem Titel „Wie man eine Revolution feiert“ (den ich für diesen Blog-Beitrag übernommen habe) hervorgehoben. „Man tanzt auf den Straßen von Paris“ beginnt dieser im Juli 1925 in Paris geschriebene Text. „Seit drei Tagen tanzte man. In der Mitte der Straßen und Plätze spielten Musikkapellen. Großväter tanzten mit Enkeln, Mütter mit Töchtern, Väter mit Söhnen. Eine ungeheure Weltstadt wollte keine Weltstadt sein, sondern eine Weltfreude.(…) Auch der Bürgersteig gehörte den Tänzern und nicht den Passanten. Wer wäre da nicht Tänzer geworden?““[3]

Getanzt wird am 14. Juli seit 1790, wie uns Heinrich Heine ganz wunderbar berichtet:  „…. als am 14 Julius 1789 das Wetter sehr günstig war, begann das Volk das Werk seiner Befreiung, und wer am 14. Julius 1790 den Platz besuchte, wo die alte, dumpfe, mürrisch unangenehme Bastille gestanden hatte, fand dort, statt dieser, ein luftig lustiges Gebäude, mit der lachenden Aufschrift: Ici on danse.“ [4] (Hier wird getanzt).

unnamed Steinlen 14. Juli Bal

„Der Ball des 14. Juli“, den uns der seit 1781 in Montmartre lebende Schweizer Théophile Steinlein auf diesem Gemälde schildert, ist ein echtes Volksfest: Die Straßen sind mit Lampions und Fahnen geschmückt, alle Schichten der Bevölkerung, jung und alt, sind dabei, und es wird nach Herzenslust getanzt.[5]

 Heutzutage wird allerdings nicht mehr auf der place de la Bastille oder auf den Straßen und Bürgersteigen getanzt, sondern vor allem in den Feuerwehrkasernen der Stadt. Es ist nicht ganz klar, seit wann dies so ist. Es gibt dafür aber eine von der Pariser Feuerwehr verbreitete sympathische Version: Am 14. Juli 1937 habe der Sergent Cournet spontan die Tore seiner Feuerwehrkaserne in Montmartre  geöffnet. Seine Kollegen hätten Knallfrösche und bengalische Feuer gezündet und sogar einen Notfalleinsatz simuliert. Es sei dann auch etwas Musik gemacht und ein Ball improvisiert worden- und zwar mit so großem Erfolg, dass dies  die Tradition der Feuerwehrbälle begründet habe.[6]  Heute gibt es diese Bälle in allen Arrondissements,  sie sind kostenlos (es wird nur um eine freiwillige Kollekte gebeten), sie dauern von abends bis in den frühen Morgen (4 Uhr) und die eingeladenen Bands spielen fetzige Musik zum Tanzen.

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Hier der Eingang zur Feuerwehrkaserne des 12. Arrondissements, wo gerade der Ball vorbereitet wurde.

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Als wir das letzte Mal  dort waren, war allerdings das Gedränge so groß, dass man nur stehen und zuhören konnte. An Tanzen war da überhaupt nicht zu denken. Die Stimmung war aber trotzdem bestens.

  1. Die Parade auf den Champs-Élysées

Die Militärparade auf den Champs-Élysées wird gerne als der Höhepunkt der Feierlichkeiten des Nationalfeiertags bezeichnet.[7]  Selbst für die linke Tageszeitung „Libération“ gehört die Militärparade auf den Champs-Élysées neben der Marseillaise, der blau-weiß-roten Flagge und der Büste der Marianne zu den republikanischen Symbolen Frankreichs.[8]  Dies entspricht einer Lesart, nach der die Militärparade ein Ritual ist, das die Kontrolle der Nation über die Armee symbolisiert. Die Armee zeige sich auf den Champs-Élysées als republikanische  Institution. [9]

Joseph Roth hat allerdings in seinem begeisterten Text „Wie man eine Revolution feiert“  gerade diesen Schwerpunkt der Revolutionsfeierlichkeiten übergangen. Denn diese  Militärparade entsprach wohl doch nicht seinem verklärten Bild des 14. Juli.

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Am Vorabend des 14. Juli  proben die Formationen der armée de l’air  ihren großen Auftritt. Den Abflug  konnten  wir öfters von unserer Pariser Wohnung beobachten.

Immerhin ist Frankreich eines der wenigen demokratischen Länder, die am Nationalfeiertag  „un giganteste défilé militaire“ veranstalten[10], die größte Militärparade Europas!  (Überboten wird das wohl nur noch von Ländern wie Russland und China). 2019 nahmen daran 4299 Soldaten, 169 Fahrzeuge, 67 Flugzeuge, 40 Hubschrauber und 237 Pferde der republikanischen Garde teil.[11]

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Die Zurschaustellung militärischer Macht hat ihre  Wurzeln  in der Situation Frankreichs nach der Niederlage von 1871: Françoise Marcard schreibt in ihrem Buch über Frankreich zwischen 1870 und 1918, dass das Trauma der Niederlage ganz eindeutig zur Herausbildung eines revanchistischen Nationalismus vor allem im Erziehungsbereich und auf der linken Seite des politischen Spektrums geführt habe. Der „Kult der Armee“, einer „armée de revanche“ (Quétel),  habe die gesamte öffentliche Meinung  bestimmt. [12] Mit der Militärparade sollte vor allem dem Deutschen Reich gezeigt werden, dass mit Frankreich militärisch wieder zu rechnen sei und dass man –entsprechend den Mahnungen Gambettas und Clemenceaus- den Verlust von Elsass-Lothringen nicht vergessen werde.[13] Natürlich ist diese Zeit überwunden und inzwischen haben  schon mehrfach deutsche Soldaten (im Rahmen übernationaler Einheiten und zuletzt wieder 2019) an der Militärparade auf den Champs-Élysées teilgenommen.

Bis zum Ersten Weltkrieg fand die Truppenparade in Longchamp statt. Grund dafür war das  große Hippodrom, das beste Voraussetzungen für die Präsentation der Kavallerie bot. 1919 wurde die Militärparade dann auf die Champs-Élysées verlegt, wo wesentlich mehr Zuschauer die siegreichen Truppen feiern und –  nach dem Vorbild  römischer Triumphzüge- erbeutete Kanonen bewundern  konnten:  etwa  zwei  Millionen Menschen sollen das damals  gewesen sein![14]

Heutzutage werden es sicherlich nicht mehr ganz so viele sein, aber die Truppenparade ist für viele Menschen immer noch eine große Attraktion.

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Für die Champs-Élysées als Ort der Parade sprach auch  der symbolische Beginn am Arc de triomphe, dem Monument der militärischen Siege (des napoleonischen) Frankreichs.

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Und die Champs Élysées eignen sich natürlich auch besonders gut für motorisierte Einheiten  und  die armée de l‘air, die sich auf bzw. über  der Pariser West-Ost-Achse optimal präsentieren können.

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Der Ablauf der Truppenparade ist immer minutiös geplant. Es beginnt damit, dass von der Plattform des Arc de Triomphe mit Trompetenschall die Ankunft des Präsidenten der Republik verkündet wird. Dann folgt das défilé der einzelnen Einheiten – ein Schauspiel, das über zwei Stunden dauert!

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Ein von allen erwarteter und mit vielen Ahs und Ohs und  Beifall bedachter spektakulärer  Höhepunkt der Parade sind natürlich die Alphajets  der patrouille de France, die die Farben der Tricolore in den Himmel über den Champs-Élysées zeichnen.

 

 

 

Das beeindruckte  offenbar den amerikanischen Präsidenten Trump, der 2017 aus Anlass des 100. Jahrestags des Kriegseintritts der USA als Ehrengast Macrons an der Militärparade des 14. Juli teilnahm – das gehörte zu der allerdings völlig fehlgeschlagenen Charmeoffensive Macrons. Danach wollte auch Trump „seinen 14. Juli“ haben. Allerdings gab es erhebliche  Widerstände, selbst von seinen Parteifreunden. Der republikanische Senator von Louisiana, John N. Kennedy, meinte, Amerika sei das mächtigste Land der gesamten Menschheitsgeschichte, das wisse jeder und das müsse man nicht zur Schau stellen.[15]  Wer über ein solches –sicherlich arg überhebliches- nationales Selbstbewusstsein verfügt, braucht in der Tat keine spektakuläre Militärparade – aber vielleicht liegt hier auch eine Erklärung dafür, warum es nicht einfach nur die Fortführung einer Tradition ist, wenn die „grande nation“  am 14. Juli ihre Truppen auf den Champs-Élysées aufmarschieren lässt.

2011 hatte die damalige grüne Präsidentschaftskandidatin Eva Joly den Vorschlag gemacht, die Militärparade durch ein  défilé citoyen zu ersetzen, an dem die Zivilgesellschaft die gemeinsamen Werte der Republik feiern solle.  Dieser Vorschlag hat damals einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Diesmal wird es aufgrund der Corona-Pandemie  ein solches défilé citoyen geben. Und vielleicht ist das Notprogramm dieses Jahres doch so überzeugend, dass es ein Modell für die Zukunft wird. Das wäre sicherlich auch im Sinne Joseph Roths…   (15a)

 

 

  1. Das Feuerwerk am Eiffelturm

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Das Feuerwerk am Eiffelturm gibt es seit 1887 – damals war die „dame de fer“  noch im Bau. Und wie man auf der zeitgenössischen Darstellung sieht, war das schon damals ein spektakuläres Ereignis.[16]

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Immerhin war es auch die „société de pyrotechnie Ruggieri“, die das Feuerwerk veranstaltete. Die Gebrüder Ruggieri, die aus Italien stammen, organisierten seit der Mitte des 18. Jahrhunderts große Feuerwerke in Frankreich: Zum ersten Mal eines in Paris 1739 in Paris, um die Hochzeit der ältesten Tochter Ludwigs XV. zu feiern. Und nach dem 14. Juli 1897 feierten sie zwei Jahre später am 14. Juli 1889 die rechtzeitige  Fertigstellung des Eiffelturms zur Weltausstellung  und zum 100. Jubiläum des Beginns der Französischen Revolution. Insofern ist der Eiffelturm auch aus historischen Gründen der ideale Ort für das Feuerwerk zum Nationalfeiertag. Die Firma Ruggieri, inzwischen mit einer französischen Feuerwerksfirma fusioniert, ist übrigens immer noch für die Feuerwerke des 14. Juli zuständig.

Der gewissermaßen klassische Ort für die Betrachtung des Feuerwerks ist natürlich der Champ de Mars. Denn dort wurde am 14. Juli 1790 das Föderiertenfest gefeiert, das ja gewissermaßen der zweite Bezugspunkt des französischen Nationalfeiertags ist.  Am besten ist es, sich schon rechtzeitig einen Platz  zu sichern, denn der Andrang ist groß, auch wenn das riesige Champ de Mars selbst dem  üblichen Massenansturm von mehr als 500 000 Schaulustigen gewachsen ist. Man kann es sich dann –den Sansculotten sei Dank für den günstigen Zeitpunkt des Nationalfeiertags- auf dem Boden gemütlich machen bei einem zünftigen Picknick mit Baguette, Rotwein und Käse. Um 21.15 gibt es dann ein großes Konzert: 2019 mit Beethovens Ode an die Freude und natürlich der Marseillaise am Schluss, bevor schließlich das Feuerwerk beginnt, auf das man von hier aus eine hervorragende Aussicht hat. Etwas schwierig ist dann allerdings der Weg zurück in die Unterkunft, weil alle Metro- und RER-Stationen in der Nähe gesperrt sind. Aber das nimmt man danach gerne in Kauf.

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Natürlich gibt es noch andere –auf den entsprechenden Internet-Seiten empfohlene-  Aussichtspunkte für das Feuerwerk. Wir hatten einmal das Glück, am 14. Juli auf eine Dachterrasse in der Nähe des auf einem Hügel gelegenen Pariser Observatoriums eingeladen worden zu sein. Dort befindet man sich gewissermaßen auf nobler Augenhöhe mit dem Eiffelturm und dem Feuerwerk.

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Lassen wir zum Schluss noch einmal Joseph Roth zu Wort kommen:

„Am Abend des vierzehnten Juli ereignete sich das Feuerwerk. (…) Bunte, knallende Raketen gebar der Horizont. Auf den Schultern der Väter jubelten die Kinder. Diese Kinder, die niemals aufhören werden, Republikaner zu sein, auch wenn sie einmal Opfer der Politik werden müssten. Denn sie haben in einem Alter, in dem ein Feuerwerk erhaben erscheint, den fernen, aber verwandten Glanz einer Flamme gesehn, die Revolution heißt!…“  

Damit schließt Roths Text „Wie man eine Revolution feiert“ und damit soll auch dieser Blog-Beitrag enden.

 

Anmerkungen:

[1]  Zur Geschichte des 14. Juli siehe u.a. Olivier Ihl, La Fête républicaine. Paris: Gallimard 1996; Claude Quétel, Le mythe du 14 juillet ou la méprise de la Bastille Paris: JC Lattès;  Christian Amalvi,  Le 14 Juillet. Du dies irae à Jour de fête. In:  Les Lieux de mémoire (sous direction de P. Nora), Paris: Gallimard  1997, S. 383-422 und:  Le 14 juillet,  naissance  d’une fête nationale (http://www.cndp.fr/fileadmin/user_upload/POUR_MEMOIRE/14_juillet/PM_14juillet.pdf)

Zu diesem Thema  ist auch ein weiterer Blog-Beitrag geplant.

[2] Paris, Roman einer Stadt.  Heyne 2016, S. 213

[3] Aus: Joseph Roth, Im Bistro nach Mitternacht. Ein Frankreich-Lesebuch herausgegeben von Katharina Ochse. Köln 1999, S. 24

[4] Düsseldorfer Heine-Ausgabe  Band XII, S. 144.

[5] Théophile Steinlen (1859-1923), Le bal du 14 juillet, Paris, musées de la Ville de Paris, © RMN / Agence Bulloz

http://www.cndp.fr/entrepot/index.php?id=1278

[6] https://www.liberation.fr/societe/2014/07/13/pourquoi-les-pompiers-font-ils-la-fete-le-14-juillet_1063232

[7] http://www.parisinfo.com/decouvrir-paris/les-grands-rendez-vous/paris-fete-le-14-juillet

[8] http://www.liberation.fr/france/2017/07/14/pourquoi-les-militaires-defilent-ils-le-14-juillet_1583675

[9]  So Olivier Ihl in:  La Fête républicaine.  Paris: Gallimard 1996

[10]  Das Zitat stammt von Eva Joly, Kandidatin der Grünen bei den französischen Präsidentschaftswahlen von 2011. Zit. in http://www.liberation.fr/france/2017/07/14/pourquoi-les-militaires-defilent-ils-le-14-juillet_1583675

[11] http://www.lefigaro.fr/conjoncture/parades-feux-d-artifice-ce-que-coute-le-14-juillet-aux-francais-20190714

[12] Françoise Marcard,  La France de 1870 à 1918: L’ancrage de la République

Siehe auch: Francis Démier, La France du XIXe siècle. 1814-1914. Paris: Éditions du Seuil 2000, S. 348f

https://www.paris-normandie.fr/actualites/societe/changements-de-dates-controverses-et-delocalisation–un-historien-normand-raconte-le-14-juillet-DF15326665

und: https://www.caminteresse.fr/histoire/pourquoi-defile-militaire-14-juillet-armee-fete-nationale-champs-elysees-soldats-1146254/

[13] Allerdings war dieser Revanchismus auch direkt nach 1871 nicht unumstritten –er wurde z.B. nicht von den Monarchisten geteilt. Und es gab im Verlauf der Dritten Republik deutliche Veränderungen. Siehe dazu:  Jean-Jacques Becker und Gerd Krumeich, Les opinions françaises et allemandes, fin XIXe siecle- début XXe siècle. In: Becker/Krumeich, La Grande Guerre, une histoire fanco-allemande. Paris: Tallandier 2012, S. 17ff

[14] Le 14 juillet,  naissance  d’une fête nationale, S. 55  ,(http://www.cndp.fr/fileadmin/user_upload/POUR_MEMOIRE/14_juillet/PM_14juillet.pdf

[15] Le Monde 11./12.Februar 2018: „La parade militaire de Donald Trump piétine“

(15a)  https://www.leparisien.fr/elections/presidentielle/suppression-du-defile-du-14-juillet-eva-joly-provoque-un-tolle-15-07-2011-1533808.php  https://www.liberation.fr/france/2020/06/05/defile-du-14-juillet-emmanuel-macron-dans-les-pas-d-eva-joly_1790405

[16] Bild aus: https://www.toureiffel.paris/fr/actualites/evenements/le-feu-dartifice-du-14-juillet

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Pariser Erinnerungsorte an den Holocaust (Einleitung) 
  • Der Garten des Palais-Royal (1): ein Garten der Literatur und eine Oase der Stille mitten in Paris
  • Der Garten des Palais-Royal (2): Die „wilden Jahre“ (1780-1830)

 

Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Barrieren von Ledoux

Im vorausgehenden ersten Beitrag über die Mauer der Generalpächter,  „le mur des Fermiers généraux“ ging es um die Geschichte der Mauer und um ihre Protagonisten, den Generalpächter und Chemiker Lavoisier, und ihren Architekten, Claude-Nicolas Ledoux.

https://paris-blog.org/2020/06/01/ledoux-lavoisier-und-die-mauer-der-generalpaechter/

Lavoisier, der „Erfinder der Mauer“, endete auf dem Schafott.  Ledoux, ein früher Vertreter des Neoklassizismus und Theoretiker und Praktiker einer utopischen „Revolutionsarchitektur“,  blieb ein solches Ende nur knapp erspart.  Ihr Werk, die Mauer mit ihren Durchgängen, den Barrieren und Torhäusern, wurde 1860 abgerissen. Nur vier dieser Durchgänge sind erhalten geblieben.  Sie wurden, wie es in einer Information der Pariser Arsenal-Bibliothek über „Die Propyläen von Paris“  heißt, „gerettet, um schließlich Teil des Pantheons der französischen Architektur“ zu werden.[1]  Gehörten sie zwar zu einem  Vorhaben, das vielfach als Symbol der Unterdrückung, der demonstrativen Verschwendung und Bereicherung wahrgenommen wurde[2], so wurden andererseits die „Propyläen“ auch als Ausdruck einer längst überfälligen städtebaulichen Anstrengung gesehen, Paris  mit repräsentativen Zugängen auszustatten, die der Bedeutung der Stadt entsprechen sollten.[3] Davon zeugen die vier noch erhaltenen Bauten:

26 (1)

Auf diesem Plan der „Propyläen von Paris“ [4] sind die vier erhaltenen Barrieren des Ledoux hervorgehoben, indem der jeweilige Name und eine Skizee des Bauwerks in eine Kartusche eingezeichnet sind.

Es sind (im Uhrzeigersinn angeordnet) dies

  • die Rotonde de Monceau/ die Rotonde de Chartres im westlichen Abschnitt der ehemaligen Mauer
  • die Rotonde de la Villette im Norden
  • die Barrière de Vincennes/Barrière du Trône im Osten der Mauer
  • die Barrière d’Enfer im Süden

 

Die Rotonde des parc Monceau/rotonde de Chartres

Dieser schöne Rundbau hat einen doppelten Namen: Das beruht darauf, dass er auf einem früher weitläufigen Gelände liegt, das dem duc de Chartres, einem Cousin Ludwigs XVI.,  gehörte. (Der duc de Chartres war auch Hausherr des Palais Royal, das Gegenstand nachfolgender Beiträge sein wird.)  Als die Mauer der Generalpächter errichtet wurde, fiel ein Teil des Grundstücks an die Stadt Paris. Immerhin wurde der duc ein wenig durch die von Ledoux entworfene Rotunde entschädigt: Denn der Bau, dessen untere Stockwerke für die Angestellten der ferme vorgesehen waren, erhielt einen auf 16 Säulen ruhenden Aufbau mit einer umlaufenden Terrasse, von der aus der Herzog den Rundblick auf die Stadt und über die Ebene im Norden genießen konnte: ein harmonischer, klassizistischer Bau.[5]

1bar_monc Monceau alt

Allerdings gehörte die Rotonde nicht im engeren Sinne zu einer Barrière, denn es gab hier gar keinen Durchgang durch die Zollmauer. Die Rotonde war -anders als die später angesprochene Rotonde de la Villette-  ein Solitär. Eine Funktion für die Mauer der Generalpächter hatte sie aber durchaus:  als Unterkunft für die Angestellten der ferme und als Aussichts- und Wachturm.

Mit dem Abriss der Zollmauer hat sich auch die Funktion der  Rotonde geändert: Genutzt wird sie jetzt nicht mehr von den Zolleintreibern, sondern von den Wächtern des schönen Parks Monceau, an dessen nördlichem Rand sich die Rotonde jetzt befindet.[6]

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Praktische Informationen:

 Rotonde du Parc Monceau, Boulevard de Courcelles, 8. Arrondissement, Métro Linie 2, Station Monceau.

Zum Parc Monceau siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2019/06/01/le-chocolat-menier-2-die-villen-der-familie-im-8-arrondissement-von-paris-und-das-grabmal-auf-dem-pere-lachaise/

Sehr sehenswert auch das im März 2020 nach längerer Renovierung wieder eröffnete musée Cernuschi  (asiatische Kunst)  in einem schönen hôtel particulier am Rand des Parks Monceau. http://www.cernuschi.paris.fr/

 

Die Rotonde de la Villette

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Diese beeindruckende Rotunde wurde in wesentlichen Teilen von Juni 1786 bis März 1788  als Zollstation (barrière d’octroi) errichtet. Ledoux hatte sie als Zentrum eines Ensembles mit vier größeren Wärterhäusern (guérites) geplant, die streng symmetrisch rechts und links davon vorgesehen waren. Auf diese Weise wäre die zentrale Rotunde noch besser zur Geltung gekommen.

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Hier eine Zeichnung der gesamten Anlage, wie sie von Ledoux geplant worden war. Stich von Antoine Joseph Gaitte ca 1785[7]

Finanzielle Fehlplanungen sowie die Französische Revolution verzögerten allerdings den Bau. Die Rotunde immerhin wurde fertig gestellt und hat als eine von vier Barrieren das Ende und den Abriss der Zollmauer überlebt. Glücklicherweise, denn es handelt sich um einen ganz außerordentlichen, gewissermaßen aus zwei unterschiedlichen Teilen zusammengesetzten Bau: Einen quadratischen Sockel mit mächtigen,  von jeweils  8 dorischen Säulen getragenen Portiken und darüber die Rotunde mit einer umlaufenden Galerie und eleganten Doppelsäulen: Eine klassizistische Architektur vom Feinsten, wobei der Einfluss der Villen des Palladio unverkennbar ist: In seinem im Gefängnis geschriebenen Architektur-Traktat bezieht sich Ledoux auch ausdrücklich auf ihn und seine englischen Nachfolger.[8] Anfang des 19. Jahrhunderts –also zu der Zeit Napoleons- wurde dann das 70 mal 700 Meter große Bassin de la Villette unter anderem von österreichischen Kriegsgefangenen gegraben und an der Rotonde ausgerichtet.[9]

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Die Rotonde und das Bassin de la Villette im Jahr 1820

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Gespeist von dem Flüsschen Ourq diente es der Versorgung der Stadt Paris mit frischem Trinkwasser. So entwickelte sich die Gegend um die Rotonde zu einem beliebten Naherholungsgebiet der Pariser. Und damals gab es  noch kalte Winter, so dass das Bassin von der besseren Gesellschaft der Stadt zum  Eis- und Schaulaufen genutzt werden konnte. Die auf diesem Bild etwas gelängte Rotonde diente dabei als passendes Bühnenbild.

 

 

 

Wie attraktiv die Rotonde und ihre Umgebung damals waren, zeigt sich auch daran, dass der letzte Bourbonenkönig, Karl X., nach seiner Krönung in Reims hier in die Stadt einzog.[10]

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Mit der Industrialisierung veränderte sich dieses idyllische Bild völlig. Es entstand hier einer der größten Häfen Frankreichs, Lagerhallen wurden errichtet, das große Schlachthaus wurde gebaut.  Die Rotonde de la Villette wurde nun zu einer Kaserne der garde municipale, was sie vor dem Schicksal der meisten anderen Barrieren bewahrte. Dann war sie Salzspeicher und Bürogebäude. Seit 2011 ist sie eine „angesagte Location“ – ein attraktiver  Ort für die unterschiedlichsten Veranstaltungen, auch Kunstausstellungen: Beispielsweise 2014 die wunderbare Installation der im Raum schwebenden Papierschnitte von Sarah Barthélémy-Sibi  Continents dans levant“ mit den Grafiken unseres Freundes Juan de Nubes[11]:

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Es gibt –natürlich- auch eine Bar bzw. ein Café…

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… und eine große Terrasse, auf der man im Sommer gut sitzen und den Blick auf den Springbrunnen und das Bassin de la Villette genießen kann.

Gerade in den Sommermonaten lohnt es sich, einen Spaziergang um das Bassin zu machen, den Boule-Spielern zuzusehen und –ganz offiziell- ins natürliche, unbehandelte Wasser des Bassins zu springen- wenn die Stadt Paris dort wieder das inzwischen schon traditionelle Schwimmbad eingerichtet hat.[12] Und nebenan (Richtung Métro-Station Jaurès)  kann man zusehen, wenn ein Schiff, das auf dem Kanal Saint Martin zur Bastille fährt oder von dort ankommt, die enge Schleuse passiert.

Praktische Informationen:

Place de la Bataille-de-Stalingrad,  19. Arrondissement

Metro Linie 2, Station Jaurès oder Stalingrad.

 

Barrière de Vincennes oder Barrière du Trône

Barriere du Trone (2)

Dass es sich bei der Barrière de Vincennes um ein ganz besonderes Bauwerk handelt, erkennt man schon von weitem; etwa wenn man –von der autoroute de l’Est kommend- über den Boulevard périphérique und den weitläufigen Cours de Vincennes in die Stadt hineinfährt. Da wird man von den beiden Säulen mit ihren „Säulenheiligen“, den Königen Philippe Auguste und dem heiligen Ludwig, huldvoll begrüßt.

Die Anlage wurde 1787 nach den Plänen von Claude Nicolas Ledoux errichtet. Sie besteht aus den beiden Säulen, die auf einem als Wachhäuschen dienenden Fundament errichtet sind.

Barriere du Trone (1)

Und dazu gehören zwei  repräsentative, im typisch klassizistischen Stil entworfene Bauten  für die Angestellten der ferme, die dort ihre Wohnungen und Büros hatten.  Die besonders aufwändige Ausgestaltung dieser Barriere hängt mit ihrem Ort, seiner Bedeutung und seiner Geschichte zusammen. Sie liegt nämlich –wie die dem Triumphbogen Napoleons zum Opfer gefallene  barrière de l’Étoile- an der königlichen Ost-West-Achse, die Paris durchzieht: Vom Schloss Versailles, über die Champs-Elysées zu dem Louvre und den Tuilerien und von dort über die rue de Rivoli bis zum Schloss von Vincennes.

Im Jahr 1660 zog hier Maria Teresa von Spanien mit ihrem frisch vermählten Gatten Ludwig XIV. in die Stadt ein. Auf dem Platz wurde ein großer Thron errichtet, wo die junge Königin die Huldigungen der Stadt Paris, des Hochadels, kirchlicher Würdenträger und der Professoren der Sorbonne entgegennahm.

fjt_264580 Maria Theresia

Wie damals üblich, wurde auch gleich eine Gedenkmünze zu diesem Anlass geprägt.[13] Die dort abgebildete Säule ist natürlich nicht die von Ledoux. Aber,  worauf ja auch das Bild vom Einzug Karls X. nach Paris an der barrière de la Villette hindeutet: Zu einem königlichen Einzug gehörte offensichtlich ein solches Monument, und selbst wenn es nur die Dekoration für einen Tag war.

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Diesem königlichen Empfang verdankte diese Barriere des Ledoux ihren Namen. Und der kleine Straßenabschnitt zwischen der Place de la Nation und dem Cours de Vincennes, die Avenue du Trône,  erinnert auch noch an dieses Ereignis.

 

 

 

Bei Ledoux allerdings gab es noch keine Königsstatuen auf den Säulen.[14]

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Zeichnung von J. Palaiseau 1819

Die wurden erst 1845 aufgesetzt – Philippe August auf der südlichen Säule (12. Arrondissement) und  Ludwig IX., der Heilige,  auf der nördlichen Säule (11. Arrondissement), beide stattliche 3,8 Meter hoch.

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Ludwig der Heilige mit dem königlichen Schwert in der Hand

Der sogenannte Bürgerkönig Louis Philippe reihte sich ja gerne in einen illustren historischen Zusammenhang ein: Die Bourbonen durften das natürlich nicht sein, weil er die ja mit der Julirevolution von 1830 abgelöst hatte: Aber Napoleon und die beiden bedeutendsten vorbourbonischen Könige durften/mussten es schon sein. Auch wenn es nicht einer gewissen historischen Pikanterie entbehrt, dass gerade diese beiden Könige, nämlich Philippe Auguste mit seiner  Mauer und der heilige Ludwig mit den Sonderabgaben für seine Kreuzzüge gewissermaßen die Ahnherren der verhassten Zollmauer von Paris waren.[15]

Auf dem kleinen Platz hinter dem südlichen Zollhaus wurde zwischen dem 14. Juni und dem 28. Juli 1794, also am Ende der Schreckensherrschaft, die Guillotine aufgestellt.

DSC06485 1794 Guillotine (1)

Die  Toten wurden in den Garten eines in der Nähe gelegenen aufgehobenen Klosters gekarrt und dort in improvisierten  Massengräbern verscharrt: Heute ist das der Friedhof von Picpus, ein privater Friedhof, dessen Besuch unbedingt zu empfehlen ist.[16]

Die inzwischen renovierten historischen Pavillons dienten nach dem Ende der Zollmauer unterschiedlichen  Zwecken: Zum Beispiel als Gewerkschaftssitz für die im nahe gelegenen Faubourg Saint Antoine beschäftigten Arbeiter der Möbelherstellung.

Barriere du Trone (3)

Inzwischen sind dort Sozialwohnungen eingerichtet: ein nobler, allerdings aufgrund der kleinen Fenster wohl etwas düsterer Ort…

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Empfehlenswert sind natürlich auch die wenigen Schritte zur Place de la Nation mit der monumentalen Figurengruppe, dem „Triumph der Republik“ des Bildhauers Dalou. Der Platz ist 2018/2019 umgestaltet worden: weniger vergeudeter Platz für die Autos und damit auch weniger Beton, dafür mehr Grün und Raum für Flaneure und Freunde/Freundinnen sanfterer Fortbewegungsmittel.  [17]

Metro Station Place de la Nation (Linien 1, 2, 6 und 9;  RER A

 

Die barrière d’Enfer

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Die barrière d’Enfer lag an einer der Haupteinfahrtstraßen von Paris. An dem Gedränge auf der place de l’Enfer in  der zeitgenössischen Darstellung wird das sehr anschaulich.[18]  Die Zollstation bestand aus zwei Wächterhäuschen und zwei Pavillons für die Angestellten der ferme. Als Gestaltungselemente wählte Ledoux für die beiden Pavillons jeweils drei Arkaden, wobei  die Assoziation an römische Triumphbögen nahe liegt. Und wie dort ist auch die mittlere Arkade -wenn auch mit anderen stilistischen Mitteln-  besonders hervorgehoben.

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Und wenn eine solche Assoziation zu hoch gegriffen erscheinen mag: Dann sollte man in die Höhe sehen zum Fries der Tänzerinnen von Jean-Guillaume Moitte. Der  ließ sich dabei vom Zug der Panathenäen auf der Akropolis von Athen inspirieren.[19] Also Bezüge der nobelsten Art bei den „Propyläen von Paris“!

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Am 1. Mai 1791 wurde die Erhebung des Zolls an der mur des fermiers  (jedenfalls für einige Jahre) eingestellt und die Weinfässer und das Vieh für die Fleischversorgung der Stadt konnten nun ungehindert auch die Barrière d’Enfer passieren.[20]

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Nach der endgültigen Aufhebung der Zollmauer wurden die beiden Pavillons unterschiedlich genutzt. Inzwischen dient der östliche als Zugang zu den Katakomben, in die im 19. Jahrhundert die noch erhaltenen sterblichen Überreste der Menschen überführt wurden, die bei der Aufhebung der innerstädtischen Friedhöfe von Paris gesammelt wurden.[21]

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Der Street-Art-Künstler Invader hat das Gebäude mit einem dazu passenden Mosaik versehen. Dazu wird wohl selbst die Denkmalschutz-Behörde ihren Segen gegeben haben! (21 a)

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In den westlichen  Pavillon sind  2019 das  musée de la Libération de Paris, das musée du général Leclerc und das musée Jean Moulin  eingezogen. Das passt insofern gut, weil sich unterhalb des westlichen Pavillons im August 1944 das Hauptquartier des Kommandanten der FFI Rol-Tanguy befand. Der nutzte eine in den 1930-er Jahren dort angelegte Kommandozentrale, die dazu bestimmt war, im Falle von Bombardements die Kontinuität der örtlichen Verwaltung  der Stadt Paris zu sichern.

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Dass die Katakomben und die Kommandozentrale gerade hier angelegt wurden, hat seinen Grund darin, dass das Gebiet von unterirdischen Steinbrüchen durchzogen war, die man problemlos für diese Zwecke nutzen konnte. Immerhin liegt der Bunker 20 Meter unter der früheren Zollstation!

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Eine Besichtigung ist im Rahmen eines Museumsbesuchs möglich, allerdings nur in Gruppen mit begrenzter Teilnehmerzahl und mit etwas Kondition: es geht etwa 100 Stufen in die Tiefe.  Bei den Katakomben sind es sogar genau 131 Stufen in die Tiefe und 112 zurück an die frische Luft!  [22]

 

 

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Anlage zur Stromerzeugung per pedes

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Namensgeberin der Barriere war übrigens die rue d’Enfer und die place d‘Enfer. Dieser Platz und die Straße  wurden 1879 – eine Namensverwandtschaft nutzend –  umgetauft und nach dem Gouverneur von Belfort, Denfert-Rochereau,  benannt, der im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 104 Tage lang der Belagerung der Festung Belfort durch die Preußen widerstanden hatte.

 

 

Dazu passt das Monument im Zentrum des Platzes: Ein zum Kampf entschlossener Löwe des Bildhauers Auguste Bartholdi, des Schöpfers nicht nur der Freiheitsstatue von New York, sondern auch des „Löwen von Belfort“, eines riesigen in den Fels von Belfort gemeißelten Löwen, des Wahrzeichens der Stadt.[23]

 

Praktische Informationen:

Die beiden Pavillons von Ledoux befinden sich in Nummer 1 und Nummer 4 der Avenue du Colonel Henri Rol-Tanguy.

14. Arrondissement

Métro 2 und 4.  RER B

 

http://www.museeliberation-leclerc-moulin.paris.fr/venir-au-musee/visite-du-pc-du-colonel-rol-tanguy

http://catacombes.paris.fr/visiter  und

http://catacombes.paris.fr/en

 

 

Anmerkungen:

[1]„rescapés ayant fini par rejoindre, in fine, le panthéon de l’architecture française“  https://www.culture.leclerc/livre-u/arts-culture–societe-u/art-u/architecture-urbanisme-u/les-propylees-de-paris-1785-1788–claude-nicolas-ledoux–une-promenade-savante-au-clair-de-lune

[2] Siehe dazu den ersten Teil des Beitrags über die Mauer der Generalpächter. Weitere Belege der Mauerkritik bei Potier, La Rotonde de la Vilette, S.22f

[3] Potier, La Rotonde de la Vilette, S. 20:  En effet, à la vocation financière de la nouvelle enceinte s‟ajoute une portée plus noble, celle d‟embellir Paris. Comme en témoigne la littérature, au milieu du XVIIIe siècle, qu‟il s‘agisse de Candide ou de Babouc, les visiteurs « sont vivement déçus. L‘entrée dans la capitale n‘a rien de magnifique, rien d‘enchanteur. Bien au contraire, le nouveau débarqué rencontre un peuple sale, des rue étroites et malodorantes » . L‘abbé Laugier, dont l‘influence se ressent clairement dans l‘architecture et l‟urbanisme de cette fin de siècle, s‘indigne « des petites rues étroites, tortueuses, qui ne respirent que la mal-propreté et l‘ordure » . Selon lui, « il faut que les entrées d‘une Ville soient 1° libres & dégagées ; 2° multipliées à proportion de la grandeur de l‘enceinte ; 3° suffisamment ornées». La nouvelle enceinte répondra à ses attentes.

[4] https://fr.wikipedia.org/w/index.php?title=Liste_des_barrières_de_Paris&oldid=163693851 ».

[5] Bild aus: http://paris1900.lartnouveau.com/paris08/parc_monceau/la_rotonde_monceau.htm Siehe auch: La rotonde du Parc Monceau. In: Histoires de Paris, 21. Juni 2019  https://www.histoires-de-paris.fr/rotonde-parc-monceau/ und https://fra.archinform.net/projekte/13090.htm

[6] Bilder aus: https://www.pariszigzag.fr/secret/histoire-insolite-paris/les-vestiges-du-mur-des-fermiers-generaux und https://tate-mono.blogspot.com/2018/03/rotonde-de-chartres.html

[7]https://de.wikipedia.org/wiki/Rotonde_de_la_Villette

[8] Zur Rotonde de la Villette siehe den schönen Blog-Beitrag von Sonia Rosoff: https://passagedutemps.wordpress.com/2019/11/18/la-rotonde-de-la-villette/

[9] Bild aus: Potier, Baptiste – La Rotonde de la Villette, histoire d’un catalyseur urbain. Paris, 2011. Vol II. Annexes p.67.

[10] Bild aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Rotonde_de_la_Villette

[11]   http://s-b-s.fr/continents-dans-levant#/i/3.

Zu Juan de Nubes siehe http://ateliers-artistes-belleville.fr/artiste/juan-de-nubes/ und den Blog-Beitrag zu Belleville: https://paris-blog.org/2016/07/18/das-multikulturelle-aufsaessige-und-kreative-belleville-modell-oder-mythos/

[12] Siehe dazu den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2017/08/07/sommer-in-paris-schwimmen-im-bassin-de-la-villette-in-der-marne-und-aufin-der-seine/

[13] Bild aus: https://www.cgb.fr/marie-therese-dautriche-arrivee-de-la-reine-a-paris-ttb,fjt_264580,a.html

[14] Bild aus: https://www.histoires-de-paris.fr/les-batiments-des-barrieres/

[15] https://lexpansion.lexpress.fr/actualite-economique/l-octroi-de-paris_1362021.html

[16] Zum Friedhof von Picpus siehe: https://paris-blog.org/2016/07/01/der-cimetiere-de-picpus-ein-deutsch-franzoesischer-erinnerungsort/

[17] Zu Dalou siehe den Blog-Beitrag über den Friedhof Père Lachaise: https://paris-blog.org/2016/08/13/der-buergerkrieg-in-frankreich-1871-ein-rundgang-auf-dem-friedhof-pere-lachaise-in-paris-auf-den-spuren-der-commune/

[18] Bild aus: http://catacombes.paris.fr/lhistoire/larchitecture

[19] Bild aus: http://www.visites-guidees.net

Siehe https://passagedutemps.wordpress.com/2019/11/14/suivre-le-mur-des-fermiers-generaux-de-la-place-de-lile-de-la-reunion-aux-pavillons-de-bercy/

[20] http://parismuseescollections.paris.fr/fr/musee-carnavalet/oeuvres/la-liberte-des-entre-par-la-barriere-d-enfer-le-ier-may-1791

[21] Zu den Katakomben von Paris siehe: https://paris-blog.org/2017/04/20/die-bergwerke-und-steinbrueche-von-paris/

(21a) Zum Invader siehe den entsprechenden Blog-Beitrag:

https://paris-blog.org/2018/10/01/street-art-in-paris-3-der-invader/

[22] http://www.museeliberation-leclerc-moulin.paris.fr/venir-au-musee/visite-du-pc-du-colonel-rol-tanguy

http://catacombes.paris.fr/visiter

[23] Zu Bartholdi: siehe den Blog-Beitrag über die „Väter von Miss Liberty“, Gustave Eiffel und Auguste Bartholdi:  https://paris-blog.org/2017/02/23/die-freiheitsstatue-von-new-york-und-ihre-schwestern-in-paris-teil-2-die-vaeter-von-miss-liberty/

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Wie man eine Revolution feiert: Der 14. Juli in Paris
  • Pariser Erinnerungsorte an den Holocaust (Einleitung) 
  • Der Garten des Palais-Royal (1): ein Garten der Literatur und eine Oase der Stille mitten in Paris

Ledoux, Lavoisier und die Mauer der Generalpächter

Am Ende des 18. Jahrhunderts wurde Paris mit einer Zollmauer umgeben. Diese Mauer –ungefähr 24 Kilometer lang und markiert durch die späteren Metro-Linien 2 und 6- existiert heute nicht mehr. Aber es gibt noch vier der früheren Durchgänge (barrières):  architektonische Kostbarkeiten, gebaut von Claude-Nicolas Ledoux, einem der sogenannten Revolutionsarchitekten, dessen Saline von Arc et Senans ja schon Gegenstand eines Beitrags auf diesem Blog war.[1]

Die Zollmauer oder „Mauer der Generalpächter“, wie sie offiziell hieß,  war in gewisser Weise – allerdings völlig unfreiwillig-  auch revolutionär- sie trug nämlich erheblich dazu bei, die revolutionäre Stimmung der Pariser Bevölkerung zu befördern, die dann am 14. Juli 1789 in der  Erstürmung der Bastille kulminierte. Den Zollpächtern bescherte die Mauer erhebliche Einnahmen, aber viele mussten dafür dann auch in der Zeit des jakobinischen Terrors mit ihrem Leben bezahlen – so der berühmte Chemiker Lavoisier.

Die Zollmauer oder „Mauer der Generalpächter“ ist also aus architektonischen und historischen Gründen höchst interessant und deshalb ist ihr der nachfolgende Beitrag gewidmet.

Inhaltsübersicht:

  • Die Errichtung und Organisation der Zollmauer
  • Die „Propyläen“ von Ledoux
  • Le mur murant Paris… : Von der Kritik an der Mauer bis zur ihrer Erstürmung am Vorabend des 14. Juli 1789
  • Lavoisier: Chemiker, Zollpächter und Opfer der Mauer
  • Das Ende der Mauer

Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux, Bestandteile des „Pantheons der französischen Architektur“ werden Gegenstand des  nachfolgenden Beitrags sein.

 

1. Die Errichtung und Organisation der Zollmauer

Der Bau der Zollmauer ist begründet in der  Finanzkrise des ancien régime, also des königlichen Frankreichs vor der Französischen Revolution.  Die kostspieligen Kriege Ludwigs XIV. hatten die Finanzen ruiniert, wovon sie sich bis zum Ausbruch der Revolution  nicht erholten.  In den 1780-er Jahren musste die Hälfte der Staatsausgaben für den Schuldendienst verwendet werden, ein weiteres Viertel für das Militär. Alle Versuche, auch den Adel zur Finanzierung der Staatsausgaben heranzuziehen, scheiterten an dessen erbittertem Widerstand.[2]

Ein wichtiges Mittel zur Finanzierung des Staates waren deshalb Zölle, die von einer sogenannten ferme eingetrieben und (telweise) an den Staat abgeführt wurden. Nach dem dictionnaire des finances von 1727 ist die ferme ein Zusammenschluss von mehreren Personen, die sich zusammengeschlossenen haben, um eigentlich in der Zuständigkeit des Königs liegende Aufgaben zu übernehmen: Dies konnten Binnenzölle sein, die innerhalb des Königreichs erhoben wurden, oder auch indirekte Steuern, zum Beispiel auf Salz (die sog. gabelles) und Tabak. Dazu kam das Monopol des Sklavenhandels, die traites. [3] Die Mitglieder einer ferme, die fermiers, waren  direkt dem König unterstellt und besaßen vom König übertragene Privilegien- so das Recht zur Bewaffnung ihrer Angestellten oder das Recht zur Durchsuchung – übrigens von Angehörigen aller Stände, also auch von Adligen und Geistlichen. Angriffe auf die fermiers und ihre Beschäftigten galten als „actes de rébellion“ und wurden entsprechend geahndet.[4] Modern ausgedrückt handelte es sich bei der Beziehung zwischen der ferme und dem König um eine Public Private Partnership (PPP), die nach dem damaligen Verständnis der Beteiligten im Interesse beider Seiten lag: Der König sollte von der Übertragung des Rechts auf Zoll- bzw. Steuererhebung an Privatleute profitieren, indem er einen jeweils für sechs Jahre vereinbarten Garantiebetrag für das staatliche Budget erhielt, was der Überschaubarkeit der Finanzplanung zu Gute kam, die ferme profitierte –und zwar, zurückhaltend ausgedrückt:  nicht unerheblich- von den erzielten Überschüssen, die allerdings prozentual begrenzt waren: Jeweils am Ende eines sechsjährigen Zyklus erfolgte eine Abrechnung und die über den Garantiezins hinausgehenden Gewinne der ferme wurden an den trésor royal abgeführt.

Schon vor Errichtung der Zollmauer unterlagen die nach Paris eingeführten Waren einem Zoll.  Aber die entsprechende Zollgrenze war durch die  Entwicklung der Stadt obsolet geworden: Sie trennte teilweise Straßen,  Grundstücke und Häuser, war kaum noch wahrnehmbar und entsprechend auch kaum noch kontrollierbar. Die Angestellten der ferme  waren hauptsächlich damit beschäftigt, die Grenze zu überwachen, so weit das überhaupt möglich war. Da die Steuern innerhalb der Stadt etwa dreimal so hoch waren wie die außerhalb, blühte der Schmuggel. Die Einnahmen der ferme – und des Fiskus- waren dadurch erheblich geschmälert.

Die Zollpächter entwickelten deshalb das Projekt, eine massive und effiziente Zollmauer zu bauen. Es wurde am 23.1.1785 vom König gebilligt und mit dem Bau konnte begonnen werden. Die Mauer war  3,30 Meter hoch,  ca. 24  Kilometer lang und wurde von breiten Boulevards begleitet, die nicht zuletzt der besseren Überwachung dienten.  An den 54 Durchgängen, den sogenannten „barrières“, kontrollierten die Zöllner  Personen und Güter und erhoben Zölle. Die Angestellten der ferme, vornehm in einen Gehrock gekleidet, fragten alle Personen, die eine barrière Richtung Paris passieren wollten, ob sie etwas zu verzollen hätten. Die obligatorische Antwort lautete: „voyez!“- sehen Sie nach. Und wenn dann nicht deklarierte zollpflichtige Waren entdeckt wurden, gab es eine Anzeige. Der Zoll wurde auf  Waren des täglichen Bedarfs wie Fleisch und Geflügel, Holz und Kohle erhoben, auf Baumaterialien wie Gips,  dazu auf Wein und Spirituosen, deren Besteuerung besonders hohe Erträge abwarf.

Die ferme nutzte die Gelegenheit des Baus einer Zollmauer, die Pariser Zollgrenze wesentlich zu erweitern – und damit natürlich auch ihre Einnahmen erheblich zu vergrößern.  Es wurden nun auch stark bevölkerte Vororte in den Pariser Zollbezirk einbezogen, während noch eher landwirtschaftlich genutzte und weniger besiedelte Randbezirke, die für die Ferme weniger Bedeutung hatten, außen vor gelassen wurden.[5]

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Die Mauer der Generalpächter ist  –von außen gesehen- die dritte auf dieser Übersicht. Ganz außern die heutige Grenze von Paris, danach , kurz dahinter, die Mauer von Thiers aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Es wird deutlich, wie weit die Mauer der Generalpächter über die vorherige aus der Zeit Ludwigs XIII. hinausreichte.

Das bedeutete, dass wesentlich mehr Menschen nun von den Zöllen betroffen waren und unter entsprechenden Preissteigerungen zu leiden hatten.

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Auf dieser Karte ist blau die mur der fermiers généraux eingezeichnet, rot die Festungsmauer von Thiers aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Ebenso die Eisenbahnlinien mit den entsprechenden Kopfbahnhöfen, allerdings noch ohne den südlichen Abschnitt der die Stadt umgebenden Petite Ceinture.[6]

 

2. Die „Propyläen“ von Ledoux

An den Durchgängen durch die Zollmauer wurden Pavillons errichtet, die für die Büros und Wohnungen der Angestellten der ferme bestimmt waren. Mit ihrem Bau wurde der Architekt Claude-Nicolas Ledoux (1736 – 1806) beauftragt, ein in der Zeit des ausgehenden ancien régime  angesehener Architekt.

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Portait von Ledoux mit seiner Tochter  Adélaïde. Gemälde von Antoine-François Callet. Ausgestellt im Pariser Stadtmuseum Carnavalet in Paris in dem Raum, in dem die von Ledoux entworfenen Holzvertäfelungen des  Café militaire ausgestellt sind – einem dem Militär vorbehaltenen noblen Café in der rue Saint-Honoré, die Ledoux entworfen hatte.

 

 

Ledoux hatte städtische Palais (hôtels particuliers) und Schlösser  für die Aristokratie gebaut- berühmt und richtungsweisend war der für Madame du Barry, die Favoritin Ludwigs XV.,  errichtete neoklassizistische Musikpavillon in Louveciennes. (6a)

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Und dann  hatte sich Ledoux  beim  Bau der Saline von Arc et Senans –ebenfalls eine Einrichtung der ferme- ausgezeichnet.

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Portal der Saline von Arc et Senans

Natürlich sollten die Eingänge in die Stadt an Kreativität und Monumentalität nicht hinter der ländlichen Saline zurückstehen. Insgesamt entwarf Ledoux 55 Eingänge, jeder unterschiedlich. Und der mit ihnen verbundene Anspruch wird aus dem Namen dieser Pavillons deutlich: Sie hießen Propyläen, sollten also einen Bezug herstellen zum Eingang der Akropolis von Athen! Und dazu passte auch die neoklassizistische Architektur der Torhäuser.[7]

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Alle Torhäuser waren von Ledoux unterschiedlich und sehr aufwändig konzipiert.

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Eines der symmetrisch angelegten Torhäuser der barrière de l’étoile- an der Stelle der heutigen place de l’Étoile- An ihnen vorbei promenierten die reichen Pariser und die Aristokraten zum Bois de Boulogne.   [8]

 

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Die Barrière de Belleville.

Dies war im 19. Jahrhundert eine der bekanntesten Barrieren von Paris, weil es auf der anderen Seite eine Vielzahl von Tanzsälen und Weinkneipen gab – sehr populäre und nahe gelegene Ausflugsziele der weniger betuchten Pariser. Kein Wunder:  Der Preis des Weins dort betrug nur etwa ein Drittel des Weins intra muros. An Wochenenden waren dann die guinguettes an der Marne sehr beliebt und frequentiert- auch dort war der Wein nicht dem Pariser Zoll unterworfen, also entsprechend billiger.[9]

 

3. Le mur murant Paris…. Von der Kritik an der Mauer bis zur ihrer Erstürmung am Vorabend des 14. Juli 1789

Was die Pariser von der Zollmauer gehalten haben, wird in einem berühmten Alexandriner deutlich, den Beaumarchais zitiert oder erfunden hat: « Le mur murant Paris rend Paris murmurant. »  („Die Mauer, die Paris einmauert, lässt Paris murren“). Das Murren der Pariser hatte vielfältige Gründe. Natürlich bedeutete die Mauer für manche Bewohner der Stadt und vor allem der neu dem Einfuhrzoll unterworfenen Bewohner des Umlandes eine z.T.  deutliche finanzielle Belastung. Nach Überzeugung von Sébastien Mercier, einem zeitgenössischen Beobachter des ancien régime,  gab es dafür aber keinerlei Legitimation.  In seinen Songes et visions philosophiques von 1788  schrieb er, das Volk zahle schon genug an Steuern und Abgaben. Die Mauer sei ein Angriff auf Ruhe und Wohlstand der Nation und er verlange von den für sie verantwortlichen Männern der Finanz, sie wieder abzureißen.

Aber auch die durch die Mauer hervorgerufenen (angeblichen) gesundheitlichen Gefahren wurden kritisiert. Die Zeitung Courrier de l’Europe vom 4. Juli 1785 gab die Auffassung eines Monsieur de Buffon wieder, der das Mauerprojekt als schädlich für die Luftqualität der Stadt bezeichnet hatte: Durch die Mauer könne die schlechte Luft der Großstadt nicht durch die frische Luft von draußen ersetzt werden. Alle Ärzte hätten bestätigt, dass das sehr gefährlich für die Hauptstadt sein könne. Deshalb sähe es die Öffentlichkeit mit der allergrößten Befriedigung, wenn die Arbeiten an der Mauer beendet würden.[10]

Auf ein weit verbreitetes Unverständnis stieß auch die Architektur der Barrieren, die –bezogen auf ihren eigentlichen Zweck- viel zu aufwändig und damit auch zu kostspielig sei. Ihr repräsentativer, ja zum Teil monumentaler Charakter sei dysfunktional, provokativ und vor allem Geldverschwendung. Mercier greift in seinem berühmten Tableau de Paris Ledoux direkt an[11]:  Die Räuberhöhlen der Steuereintreiber habe er in säulenbestandene Palais verwandelt. „Ah, Monsieur Ledoux, Sie sind ein furchtbarer Architekt!“ Diese Kritik war angesichts der klammen Staatsfinanzen in allen Schichten der Bevölkerung verbreitet und führte dazu, dass  Ledoux 1787 vorläufig und 1789 definitiv seinen Posten als „Chefarchitekt“ der Mauer verlor.[12]

Darüber hinaus und vor allem aber wurde die Mauer als Symbol der Unterdrückung, der Unfreiheit verstanden. Bachaumont bezeichnet in seinen Mémoires secrets pour servir à l’histoire de la republique des lettres en France von 1786 die Pavillons als  „monuments d’esclavage et de despotisme.“[13] Und um noch einmal Sébastien Mercier zu zitieren: Für ihn war die Mauer erniedrigender Ausdruck der Sklaverei. Durch sie würden die Bürger wie Schafe gehalten. Sie werde von dem „bon peuple“ als „un malheur“ und „un outrage“ angesehen.[14]

Dieses von der Mauer erzeugte Gefühl von Knechtschaft, Unglück und Beleidigung kam auch in diesem weit verbreiteten Vierzeiler zum Ausdruck:

Pour augmenter son numéraire

Et racourcir notre horizon

La ferme a jugé nécessaire

De nous mettre tous en prison.[15]

 

Um ihre Einnahmen zu erhöhen  und unseren Horizont zu beschneiden,

 hat es die ferme für nötig gehalten,  uns alle ins Gefängnis zu sperren.

  

Insofern ist es nur allzu verständlich, dass es in der revolutionär aufgeladenen Situation des Juli 1789 zum Sturm auf die Mauer kam. Und der kam  keineswegs aus heiterem Himmel: Schon seit Beginn des Jahres gab es mehrere Zwischenfälle an der Mauer: Da wurden Angestellte der ferme bei dem Besuch eines Cabarets in Belleville angegriffen; da versuchten gewerbsmäßige Schmuggler –in den Polizeiakten als „fraudeurs de profession“,  von der ferme als „brigands“ tituliert –   mit Gewalt Waren ohne Einfuhrzoll nach Paris zu bringen; da weigerten sich Bürger, an den barrières den geforderten Zoll zu bezahlen…

7-5248e355ee Angriff auf die Zollhäuser

 

Am 12. und 13. Juli waren es dann nicht mehr nur einzelne Vorfälle, sondern die Barrieren wurden systematisch angegriffen: Meist wurden die Angestellten der ferme vorgewarnt, dann wurden Barrieren geplündert und in Brand gesteckt. Die Urheber dieser Aktionen waren vor allem Schmuggler, die ihre Lebensgrundlage durch die Zollmauer bedroht sahen, dazu kamen dann aber auch Weinhändler und schließlich in prekären Verhältnissen lebende Gruppen der Bevölkerung wie Tagelöhner, Hilfsarbeiter, Lehrlinge …  [16]

 

Dieser Sturm auf die Mauer der Generalpächter ist „le premier grand fait de la révolte parisienne“[17],   Vorspiel des Sturms auf die Bastille. Michelet hat in seiner großen Geschichte der Französischen Revolution diese Verbindung ausdrücklich hergestellt: Er bezeichnet die Barrieren als „diese schweren kleinen Bastilles der Generalpächter“. Sie seien vom Volk angegriffen worden und hätten die Nacht über gebrannt.[18] Natürlich ist der 14. Juli mit dem Sturm auf die Bastille der symbolische Beginn der Französischen Revolution, aber der Sturm auf die Mauer der Generalpächter war ihr Auftakt. Und der Erfolg des spontanen Angriffs auf die „kleinen Bastilles“ war sicherlich eine Ermutigung, sich auch an die „große Bastille“ heranzuwagen.

Allerdings: Diejenigen, die am 14. Juli  die Bastille erstürmten, waren vom ersten Tag an Helden der Revolution, der Freiheit. Diejenigen aber, die die „kleinen Bastilles“ der Zollmauer angegriffen hatten, mussten, wenn sie denn identifiziert wurden, mit juristischen Konsequenzen rechnen: Denn die Zollgrenze wurde erst 1791 –für wenige Jahre- abgeschafft, was in der nachfolgenden Abbildung gefeiert wird: Da wird den „weisen Gesetzgebern“ gedankt, dass sie den „droit d’entrée“ abgeschafft und die Raffgier der Zolleinnehmer niedergeschlagen hätten.  Die Abondance, Verkörperung von Reichtum und Überfluss,  Bacchus, der Gott des Weins, und Ceres, die Göttin des Getreides, ziehen ungehindert in die Stadt ein: Die Freiheit hat die Grenzen durchbrochen. [19]

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1791 wird die ferme – rückwirkend datiert auf den 14. Juli 1789-  aufgelöst und den fermiers  der Prozess gemacht. Mit welchen Ergebnissen lässt sich eindrucksvoll auf dem Friedhof von Picpus erkennen. Da gibt es in der Kapelle große  Tafeln mit den Namen, Berufen und dem Alter derjenigen, die dort in Massengräbern verscharrt wurden.

 DSC01061 Cimetiere de Picpus Okt 2017 (11)

 

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Das waren die Opfer des Revolutionstribunals und der Guillotine, die in den letzten Wochen des terreur auf dem nahe gelegenen Platz bei der barrière de Vincennes/barrièrre du thrône hingerichtet wurden,  und auch hier waren Zollpächter unter den Opfern.[20]

DSC06485 1794 Guillotine (1)

Ledoux entging nur knapp der Guillotine. Allerdings wurde er Ende 1793 verhaftet: Als „Stararchitekt“ des ancien régime und als Baumeister der Zollmauer war er abgestempelt und verfemt.  Im Gefängnis begann er, ausgehend von der Saline von Arc et Senans, eine ideale Stadt zu entwerfen, die er als Prototyp demokratischen Zusammenlebens verstand. Das rettete ihn vor dem Revolutionstribunal und der Guillotine. Dass er allerdings immer damit rechnete, auf dem  Schafott zu enden, zeigt eine Passage aus seinem Traktat: 

Ich werde unterbrochen…  man ruft Ledoux, aber ich bin nicht gemeint; mein Gewissen und mein guter Stern sagen es mir. Es ist ein Doktor der Sorbonne mit dem gleichen Namen. Armes Opfer!… Ich mache weiter.[21]

Anfang 1795 wurde er aus dem Gefängnis entlassen. Aufträge für neue Bauten erhielt er nicht mehr. Sein theoretisches Werk aber gilt als visionäres Produkt einer Revolutionsarchitektur mit großer und breiter Nachwirkung und Ledoux als einer der Ahnherren der modernen Architektur.[22]

Als Beispiel hier nur eine kleine Zeichnung: Sie zeigt das Innere des von ihm entworfenen Theaters von  Besançon, das sich im Auge des Betrachters spiegelt: Ein Raum organisiert wie ein Amphitheater. Es gibt also nicht mehr eine strikte Trennung zwischen den Logenplätzen für den Adel des Geldes oder Geblüts zum Sehen und Gesehen-Werden und den Stehplätzen im Parkett: Durch die Architektur wird der aufklärerische Anspruch der Gleichheit konkretisiert.

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Dieses Auge des Betrachters hat die Surrealisten fasziniert und Magritte hat es in seinem wichtigsten Gemälde, „Le Faux Miroir“ von 1928, einem Schlüssel zu seiner Philosophie und seinem Werk,  aufgegriffen. (22a)

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4. Lavoisier: Chemiker, Zollpächter und Opfer der Mauer

Anders als Ledoux blieb dem  wohl bekanntesten fermier général, nämlich Antoine Laurent de Lavoisier, die Guillotine nicht erspart. Lavoisier war ein genialer Chemiker, Pasteur nannte ihn den „législateur de la chimie“. Aber Lavoisier war weit mehr als das:  unter anderem auch noch Doktor der Rechte,  Bankier, Direktor von Tabakmanufakturen und Schießpulver- Fabriken, Reformator von Maßeinheiten, Bildungspolitiker, Direktor der Akademie der Wissenschaften  – und nicht zuletzt Zollpächter, und auch dies mit großen Engagement.

Lavoisier wurde 1768 Mitglied der Akademie der Wissenschaften und er trat als Teilhaber in die ferme ein. Er hatte ein entsprechendes Angebot erhalten. Zwar musste er sich dafür in erheblichem Maße verschulden, aber es handelte sich dabei um eine sichere Kapitalanlage, weil für das eingesetzte Kapital eine Verzinsung von 10 bzw. 6% garantiert war.  Allerdings beschränkte sich  Lavoisier keineswegs auf eine eher passive Teilhaberschaft. Zu seinem Engagement trug sicherlich auch bei, dass er 1771  Anne Marie Paulze,  die Tochter des für die Tabak-Regie verantwortlichen fermiers heiratete. Die Tabak-Regie hatte das Monopol für die Einfuhr, Weiterverarbeitung und Steuererhebung für Tabak. Lavoisier kümmerte sich hier besonders um die Verarbeitung des eingeführten Tabaks und die Festlegung von Qualitätsstandards, wobei er seine chemischen Kompetenzen sehr sinnvoll anwenden konnte. Das gilt auch für einen weiteren Tätigkeitsbereich bei der Régie des Poudres et Salpêtres, die das Monopol auf die Herstellung von Schießpulver hatte.  Im Siebenjährigen  Krieg war der Mangel an Schießpulver für die französische Armee deutlich geworden. Frankreich sollte jetzt unabhängig von Importen von Salpeter werden. Als Mitglied der Akademie erhielt Lavoisier Mittel, um die wissenschaftlichen Grundlagen für die Produktion von Salpeter in Frankreich zu verbessern. Er entwickelte Ausbildungsprogramme für Arbeiter und schuf neue Produktionsstätten. Die Qualitätssteigerung in der Pulverherstellung durch Lavoisier war ein wichtiger Faktor für die Erfolge der französischen Armeen während der Revolutionskriege.[23] 1776 bezog Lavoisier Räume im Arsenal von Paris mit Bibliothek und Labor, um die Arbeiten besser organisieren zu können. Von 6-9 Uhr morgens und von 19-22 Uhr abends arbeitete er an seinen wissenschaftlichen Projekten und in der Zeit dazwischen für die Akademie und die ferme.

1780 wurde ein neuer Vertrag zwischen der ferme und dem trésor royal abgeschlossen. Die Zahl der fermiers wurde auf 40 reduziert, zu denen auch weiterhin Lavoisier gehörte. Er war jetzt auch zuständig für die Erhebung der Einfuhrzölle an der Pariser Stadtgrenze. Lavoisier berechnete, dass die nach Paris offiziell eingeführten Waren nur vier Fünftel des Bedarfs deckten, dass also ein Fünftel geschmuggelt wurde: Begünstigt wurde das nicht nur durch die Unmöglichkeit einer effizienten Kontrolle aufgrund zahlreicher nicht kontrollierbarer Zugänge, sondern auch dadurch, dass bestimmte Gruppen von den Zöllen ausgenommen waren (z.B. die religiösen Gemeinschaften), die dieses Privileg auch zum Schmuggel nutzten. Um den Schmuggel besonders von Alkohol und Tabak zu unterbinden oder wenigstens zu erschweren, betrieb Lavoisier den Bau der Zollmauer, was Ludwig XVI.  1785 genehmigte. Dass Ledoux die  Aufgabe übertragen wurde, die Barrieren zu bauen, wird sicherlich im Sinne Lavoisiers gewesen sein: Da er auch für die Salinen in der Franche-Comté zuständig war, kannte er ja und schätzte offenbar auch die Saline von Arc et Senans. Und er ermutigte Ledoux auch dazu,  beim Bau  der Pavillons eher auf die Ästhetik und weniger auf das Geld zu achten.[24]

Die Kritik an der Zollmauer fokussierte sich denn auch ganz massiv auf Lavoisier als ihren „geistigen Vater“.  In einem der zahlreichen damals kursierenden Pamphlete heißt es:  „Dieses scheußliche Bauwerk ist das Werk von Herrn Lavoisier, dem einzigen der vierzig Säulen des Staates, (gemeint sind damit die 40 Generalpächter. W.J.) der auch Mitglied der Akademie der Wissenschaften ist. Er ist Chemiker und die Lästerer sagen, dass er Paris in einen Destillierkolben stecken wollte, dessen Auffangbehälter die Kasse der ferme sei.“[25]

In einem anderen Flugblatt wurde ebenfalls Lavoisier massiv angegriffen: Die Mauer sei  „un projet tyrannique… Du bist verantwortlich für die neue Unterdrückung deiner Mitbürger durch die Zolleintreiber.… Alle Welt versichert, dass Herr Lavoisier von der Akademie der Wissenschaften der wohltätige Patriot sei, dem man die segensreiche Erfindung verdanke, die Hauptstadt in ein Gefängnis zu verwandeln. … Man berichtet, dass ein Marschall Frankreichs, den man nach seiner Meinung zu der Mauer fragte, geantwortet habe: ‚Meiner Meinung nach sollte der Urheber dieses Projekts gehenkt werden.‘ Herr Lavoisier hat Glück, dass dies noch nicht erfolgt ist.“[26]

Das Ende des ancien régime und der Beginn einer neuen Ära wurde von Lavoisier durchaus begrüßt. In den lettres de doléances des Adels von Blois, die er redigierte, forderte er die allgemeine Gleichheit: „De la liberté personelle dérive celle d’écrire, de penser, le droit de faire imprimer et publier…. Le but de toute institution sociale est de rendre le plus heureux qu’il est possible ceux qui vivent sous ses lois. Le bonheur ne doit pas être réservé à un petit nombre d’hommes, il appartient à tous.“ (cit. bei Poirier, S. 241)

Er engagierte sich auch in der „Gesellschaft von 1789“, in der sich Anhänger einer konstitutionellen Monarchie wie Condorcet, La Fayette, Sieyès und andere zusammengeschlossen hatten, zusätzlich zu seiner Tätigkeit als fermier noch ein weiterer Grund, die Feindschaft der Jacobiner auf sich zu ziehen. Im L’Ami du peuple bezeichnete Marat  Lavoisier als „coryphée des charlatans“ und den größten Intriganten des Jahrhunderts- „le plus grand intrigant du siècle“.  Es war aber nun nicht speziell Lavoisier, der von den Jacobinern gehasst und verfolgt wurde, sondern es waren die Zollpächter insgesamt. Ihnen wurde vorgeworfen, sich maßlos und in ungesetzlicher Weise bereichert zu haben. In der Tat hatten die fermiers ja erhebliche Reichtümer angesammelt, auch Lavoisier, der sie immerhin auch für seine naturwissenschaftlichen Versuche nutzte. Seine Einkommenserklärung für das Jahr 1791 weist einen Betrag von 37 500 livres aus, wobei eine ganze Reihe von zusätzlichen Einkommen gar nicht berücksichtigt sind. Zum Vergleich: ein mittlerer Beamter hatte ein Jahreseinkommen von 1000 livres. Am 15. Oktober 1793 legte Lavoisier, der dazu aufgefordert wurde, eine Aufstellung der Güter seines alltäglichen Bedarfs vor: Darunter befanden sich immerhin 160 Pfund Kaffee, 39 Flaschen eau de vie (Schnaps), 268 Flaschen Likör und 8000 (sic!) Flaschen Wein…

Am 5. Mai 1974, auf dem Höhepunkt des jaconinischen Terrors, beschloss der Konvent, den Fall der Zollpächter an das Revolutionstribunal zu übergeben. Die Anklageschrift erhielten Lavoisier und die mitangeklagten fermiers  erst am Vorabend des Prozesses spät nachts und sie konnten sich am Prozesstag nur je 15 Minuten mit den insgesamt vier Verteidigern beraten. Der öffentliche Prozess war eine Farce und ein Schauprozess. Der vorsitzende Richter, Jean-Baptiste Coffinhal,  war berüchtigt dafür, den Anklagten mit den Worten „tu n’as pas la parole“ das Wort abzuschneiden und sich über sie lustig zu machen.  Auf die wissenschaftlichen Verdienste Lavoisiers aufmerksam gemacht, soll er lakonisch geantwortet haben:  „La République n’a pas besoin de savants et de chimistes, le cours de la justice ne peut être suspendu.» („Die Republik braucht weder Wissenschaftler noch Chemiker. Der Lauf der Justiz darf nicht aufgehalten werden.“) – ein gut zu ihm passender, allerdings nicht verbürgerter Ausspruch. Am 8. Mai 1794 wurden Lavoisier und die mitangeklagten fermiers zum Tode verurteilt.  Allerdings hatte Lavoisier vorher  noch die Gelegenheit,  einen Abschiedsbrief zu schreiben. Darin findet sich der Satz: „Es ist anzunehmen, dass die Ereignisse, in die ich verstrickt bin, mir die Unannehmlichkeiten des Alterns ersparen.“ Er werde sein Leben als kerngesunder Mann beenden. Das besorgte die auf der Place de la Révolution, heute Place de la Concorde, aufgestellte Guillotine am 8. Mai 1794. Wie die anderen an diesem Tag Guillotinierten wurde Lavoisier in einem Massengrab auf dem Cimetière de Errancis  bestattet, bevor  bei dessen Auflösung die Gebeine in die Katakomben überführt wurden. Ironie des Schicksals: Dazu gehörten dann auch die sterblichen Überreste Robespierres, der im Juli 1794 unter dem Schafott endete- wie im August des Monats Coffinhal übrigens auch.

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Erinnerungstafel 97 rue de Monceau.

Ort des früheren Friedhofs des Errancis, wo zwischen dem 24. März 1794 und dem  Monat Mai 1795 1119 Personen bestattet wurden, die auf der Place de la Révolution guillotiniert worden waren.

Am Tag nach der Hinrichtung Lavoisiers notierte der bedeutende Mathematiker und Astronom Lagrange: „Es hat den Henkern nur einen Augenblick gekostet, einen solchen Kopf abzuschlagen, und  hundert Jahre reichen vielleicht nicht hin,  einen ähnlichen wieder hervorzubringen“. (26a)

5. Das Ende der Zollmauer

Mit der Erstürmung der Mauer  in den Tagen vor dem 14. Juli war allerdings noch nicht das Ende der Zollmauer gekommen. Immerhin beschloss die konstituierende Nationalversammlung am 20. Januar 1791, dass der octroi, die Zollerhebung an der Zollmauer,  mit Wirkung vom 1. Mai des Jahres beendet werden sollte. Das Musikkorps und Abteilungen der Nationalgarde verkündeten entlang der Mauern diesen Beschluss. Die Folgen für die städtischen Finanzen waren allerdings katastrophal, sodass der octroi 1798 vom Direktorium wieder eingeführt wurde. Er firmierte nun als „städtische Wohfahrtssteuer“ (octroi municipal de bienfaisance)  und diente offiziell der Verbesserung der medizinischen Versorgung der Pariser Bevölkerung. In Wirklichkeit waren 85% der Einkünfte der Stadt dem octroi zu verdanken, so dass er zu einem grundlegenden Bestandteil der städtischen Finanzen wurde. Und dies nicht nur für Paris, sondern auch für andere Städte und Kommunen: In den 1840-er Jahren mussten die von Paris nach Versailles  beförderten Waren insgesamt sechs Zollgrenzen passieren! Die Forderung von Liberalen, im Namen des Freihandels den octroi abzuschaffen, hatte allerdings selbst unter der  Herrschaft des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe die Liberalen wenig Erfolg. Immerhin beseitigte die junge II. Republik 1848 die Zölle für Fleisch und ersetzte sie durch eine Steuer auf Luxuswaren.

Erst mit der Erweiterung von Paris im Jahr 1860 und der Integration von elf Gemeinden, die zwischen der Zollmauer und der Festungsmauer von 1840 lagen, wurde die Mauer obsolet und auf Befehl von Baron Haussmann beseitigt. (27)

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Abgerissen wurden auch die meisten der Ledoux’schen Torhäuser- hier zum Beispiel die an der Place de l’Étoile, weil sie der von Haussmann gewünschten monumentalen Umgestaltung des Platzes im Wege standen. Und natürlich hätten die Torhäuser Ledoux‘ auch etwas die Apotheose des Triumphbogens und Napoleons relativiert. (28)

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Die Steuer allerdings wurde damit  nicht beseitigt: Die wurde nun an den neuen Außengrenzen der Stadt erhoben. Erst 1943, also unter der deutschen Besatzung, wurde der Pariser octroi abgeschafft und durch lokale Steuern ersetzt, was 1948 dann für ganz Frankreich gesetzlich festgelegt wurde. Einmal erhobene Abgaben haben manchmal ein langes Leben….

Vier der ehemaligen Barrieren wurden aber verschont, sind also noch erhalten. Sie gehören zum „Pantheon der französischen Architektur“ und ihnen ist der nachfolgende Blog-Beitrag gewidmet.

 

Anmerkungen

[1]https://paris-blog.org/2019/07/14/die-grosse-saline-von-salins-les-bains-und-die-koenigliche-saline-von-arc-et-senans-unesco-weltkulturerbe-im-jura/

[2] Vincent Milliot/Philippe Minard, La France d’Ancien Régime. Armand Colin 2018, S. 170f (Abschnitt: L’impossible réforme de la monarchie)

[3]une union de plusieurs personnes qui s’associent pour entrer dans les affaires du Roi.“ Cit. bei Durand,  Les Fermiers généraux au XVIIIe siècle, S. 45

[4] Durand, a.a.O.  S. 50

[5] Renaud Gagneux, Denis Prouvost: Sur les traces des enceintes de Paris, S. 138/140

[6] https://www.pariszigzag.fr

(6a) Bild von: By Jean-Marie Hullot – Own work – http://www.fotopedia.com/items/jmhullot-N3qptM-Vrsk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8538329

[7] Abbildung aus: https://paris-atlas-historique.fr/55.html

Zu Ledoux siehe auch den Blog-Beitrag über die Saline von Arc et Senans: https://paris-blog.org/2019/07/14/die-grosse-saline-von-salins-les-bains-und-die-koenigliche-saline-von-arc-et-senans-unesco-weltkulturerbe-im-jura/

[8] Bild aus  http://www.francegenweb.org/wiki/  Artikel über die Barrières du mur des Fermiers généraux. Dort auch eine Liste aller Barrières-    Siehe auch:

https://www.histoires-de-paris.fr/lettre-25-mars-2019-le-mur-des-fermiers-generaux/

[9] Siehe: Les guinguettes des Barrières. In: Histoires de Paris vom 22. April 2017. https://www.histoires-de-paris.fr/guinguettes-barrieres/

Siehe auch die Blog-Beiträge über Belleville: https://paris-blog.org/2016/07/18/das-multikulturelle-aufsaessige-und-kreative-belleville-modell-oder-mythos/

und über die Guinguettes an der Marne: https://paris-blog.org/2017/08/06/musik-und-tanz-an-der-marne-au-pays-des-guinguettes/

[10] Zitiert  bei:  http://www.ecrivaines17et18.com/pages/18e-siecle/bon-a-savoir/le-paris-de-louis-sebastien-mercier.html#fgCGR3jf0kWHa2w8.99  Das Argument der verhinderten Frischluftzufuhr wird auch von Mercier in seinen Songes et visions philosophiques von 1788 verwendet:

[11] https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k8320w/f263.image

[12] https://journals.openedition.org/ahrf/12765 und

https://www.historia.fr/le-mur-murant-paris-rend-paris-murmurant

[13] https://fr.anecdotrip.com/anecdote/6-anecdotes-sur-le-trone-et-sa-barriere-des-fermiers-generaux-par-vinaigrette

[14] Sébastien Mercier, Songes et visions philosophiques, 1788,  Zit. in: http://www.ecrivaines17et18.com/pages/18e-siecle/bon-a-savoir/le-paris-de-louis-sebastien-mercier.html#fgCGR3jf0kWHa2w8.99

[15] Mercier: Le nouveau Paris. Cit. von Poirier, Lavoisier, S. 186. Insofern kann ich auch die nachfolgende Feststellung von  Markovic nicht ganz nachvollziehen: Ce qui est critiqué par la presse et les pamphlets demeure l’opulence de ces édifices (der Barrieren von Ledoux W.J.) et non l’enfermement de Paris. https://journals.openedition.org/ahrf/12765

[16] Markovic, La révolution aux barrières. https://journals.openedition.org/ahrf/12765 Nachfolgendes Bild vom Sturm auf die Zollhäuser aus: https://www.academia.edu/10699921/Entstehung_der_Autonomen_Architektur_Analyse_Emil_Kaufmanns

[17] Durand, Les fermiers généraux, S. 621

[18] Michelet, Histoire de la Révolution Française. Éditions Robert Laffont. Paris 1979, S. 137/138  Das bezieht sich auf den Sonntag, den 12. Juli 1789

[19] Quelle der nachfolgenden Abbildung: https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b6947726s/f1.item.r

[20] siehe den Blog-Beitrag über den Cimetière de Picpus: https://paris-blog.org/2016/07/01/der-cimetiere-de-picpus-ein-deutsch-franzoesischer-erinnerungsort/

[21] Siehe zu Ledoux den Blog-Beitrag über die Saline von Arc et Senans

Zum Leben kurz auch: http://www.whoswho.de/bio/claude-nicolas-ledoux.html

Zur Architektur: https://www.uni-heidelberg.de/md/zaw/akh/akh_texte/05schlembach150705.pdf

Zitat aus dem Traktat s. Anm. 22  „Je suis interrompu… La hache nationale étoit levée, on appelle Ledoux, ce n’est pas moi ; ma conscience, mon heureuse étoile me le dictoient : c’étoit un docteur de Sorbonne du même nom. Malheureuse victime !… Je continue.“

siehe  den schönen Blog-Beitrag von Sonia Branca- Rosoff: https://passagedutemps.wordpress.com/2019/11/18/la-rotonde-de-la-villette/

[22] Ledoux, Claude-Nicolas, (1736-1806), . considérée sous le rapport de l’art, des meurs et de la législation, Paris, Herman. (Originale Ausgabe frei zugänglich bei Gallica:  https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k857284.image

Siehe dazu Emil Kaufmann, Von Ledoux bis Le Corbusier. Entstehung und Entwicklung der Autonomen Architektur. Wien und Leipzig 1933 https://www.academia.edu/10699921/Entstehung_der_Autonomen_Architektur_Analyse_Emil_Kaufmanns

(22a) siehe dazu Petra Kipphoff in ihrer Rezension der großen Brüsseler Magritte- Ausstellung von 1978: https://www.zeit.de/1978/46/die-entfuehrung-des-gesunden-menschenverstandes. Zu dem Zusammenhang zwischen Ledoux und Magritte siehe auch den Blog-Beitrag von Sonia Branca- Rosoff: https://passagedutemps.wordpress.com/2019/11/18/la-rotonde-de-la-villette/

[23] https://de.wikipedia.org/wiki/Antoine_Laurent_de_Lavoisier

[24]  Poirier, S. 185. Auf das Buch von Poirier stütze ich mich auch in den nachfolgenden Passagen über Lavoisier.

[25]Cet odieux monument fiscal est l’ouvrage de M. Lavoisier, le seul des quarantes colonnes de l’Etat (die fermier généraux) qui soit membre de l’Académie des Sciences. Il est chimiste, et les mauvais plaisants disent qu’il a voulu mettre Paris dans un cucurbite dont la caisse des fermes sera le récipient.“ (Cit. Poirier S. 185)

[26] Cit. bei Poirier, S. 186. Entsprechend auch der Tenor einer Darstellung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts: „Sous Louis XVI, le savant Lavoisier, qui était en même temps un des 40 fermiers généraux, eut la pensée fort peu philantropique de quintuplers les revenus du fisc en portant les limites de la capitale à une très grande distance de son centre. C’est lui qui lui assigna une nouvelle frontière dans laquelle furent enclavés tous ses faubourgs soumis dès lors à payer des droits d’entrée sur les principaux objets de consommation.“  Le Nouveau conducteur dans Paris et dans les environs, indiquant tout ce qui peut intéresser l’étranger au sein de cette capitale du monde civilisé. Paris 1851, S. 6 https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k6393839z/f238.item

(26a) Zit. in: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände (Conversations-Lexikon). 8. Auflage, 6. Band, Leipzig: Brockhaus 1835, S. 536

(27) https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/

(28) Bild aus: http://paris1900.lartnouveau.com/paris00/mur_des_fermiers_generaux.htm

 

Literatur:

Sonia Branca-Rosoff, https://passagedutemps.wordpress.com/2019/11/14/suivre-le-mur-des-fermiers-generaux-de-la-place-de-lile-de-la-reunion-aux-pavillons-de-bercy/

Yves Durand,  Les Fermiers généraux au XVIIIe siècle. Paris: PUF 1971

Momcilo Markovic,  La Révolution aux barrières : l’incendie des barrières de l’octroi à Paris en juillet 1789   https://journals.openedition.org/ahrf/12765

Les  propylées de Paris. 1785-1788. Claude Nicolas Ledoux. Une promenade savante au clair de lune. Editions Honoré Clair.  (Bibl. Arsenal)

Le mur des fermiers généraux, In: La lettre d’Histoires-de-Paris.fr Nummer 25. März 2019. https://www.histoires-de-paris.fr/lettre-25-mars-2019-le-mur-des-fermiers-generaux/

Gallet, Michel. Claude-Nicolas Ledoux, 1736-1806. Paris, 1980

Renaud Gagneux, Denis Prouvost: Sur les traces des enceintes de Paris. Promenades au long des murs disparus.   Parigramme, 2004

Jean-Pierre Poirier, Lavoisier. 17423 – 1794. Paris: Pygmalion 1993

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux
  • Wie man eine Revolution feiert: Der 14. Juli in Paris
  • Pariser Erinnerungsorte an den Holocaust (Einleitung) 
  • Der Garten des Palais-Royal: ein Garten der Literatur und eine Oase der Stille mitten in Paris

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Große Männer und Frauen des Marais: Eine Ortsbesichtigung anhand der Portraits des Street-Art- Künstlers C 215 (Teil 2: große Frauen)

Im ersten Teil dieses Beitrags wurden einige Männer vorgestellt, die das „große Jahrhundert“ des Marais und Frankreichs geprägt haben: Der König Henri Quatre, sein Minister Sully  und Ludwig XIII., die den Plan dieses neuen Viertels entworfen und umgesetzt haben; dazu mehrere Künstler,  Architekten, Maler, Musiker, die dem Viertel Leben und Glanz verliehen haben.[1]

Zu dem Glanz des Marais im „großen Jahrhundert“ Frankreichs haben  ganz wesentlich auch Frauen beigetragen. Das Marais war damals ein Zentrum der französischen Kultur literarischer Salons, die vor allem von Frauen betrieben wurden. So der Salon der  Madeleine de Scudéry, die E.T.A. Hofmann zur Potagonistin seiner Kriminalgeschichte  Das Fräulein von Scuderi machte. Madeleine de Scudéry, auch Sapho genannt nach der Dichterin des klassischen Griechenland, schrieb sehr erfolgreiche heroisch-galante Romane im Stil der Zeit und eröffnete 1652 in der rue de Beauce ihren eigenen preziösen und hocharistokratischen Salon, in dem die Teilnehmer/innen die Kunst einer geistreichen Konversation pflegten. Madeleine de Scudery wurde sogar als Anwärterin für einen Sitz in der Académie Française gehandelt, die es aber dann doch vorzog, für weitere 300 Jahre (bis 1980) eine den Männern vorbehaltene Domäne zu bleiben.

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Portrait der Madeleine de Scudéry (1607 – 1701) : rue du Temple Nummer 4

 DSC07010 Ninon de l'EnclosEinen weiteren bedeutenden Salon betrieb Ninon de  L’Enclos (1620-1705), deren Portrait sich in der rue du Pas de la Mule, auf der Rückseite des Portraits von Ludwig XIII.  befindet.  Wie Madeleine de Scudery war auch sie Schriftstellerin, blieb ihr Leben lang  ledig, hatte aber eine Fülle von Liebhabern und war eine heißbegehrte Kurtisane. Das hinderte aber „tout Paris“ nicht daran, ihren Salon zu frequentieren, wenn man denn das entsprechende  Privileg hatte. Im Vorwort zur deutschen Ausgabe der Briefe von Ninon d’Enclos an den Marquis von Sévigné aus dem Jahr 1751 heißt es:

„Das Haus der Fräulein Lenclos … war der Sammelplatz aller gesitteten und durch ihren Witz berühmten Leute, die Hof und Stadt nur aufweisen konnten. Die tugendhaftesten Mütter bewarben sich aufs eifrigste,  ihren Söhnen, die auf den Schauplatz der Welt getreten waren, den Vortheil zu verschaffen, daß ihnen zu dieser liebenswürdigen Gesellschaft der Zutritt verstattet würde, die man für den Mittelpunkt eines guten Umgangs ansah.“[2]

Erotisch anziehende, kultivierte adelige Damen waren geradezu ein Markenzeichen des Marais im „Grand Siècle“. Es ist deshalb auch kein reiner Zufall,  dass alle drei nachfolgend etwas ausführlicher vorgestellten Frauen Mätressen Ludwigs XIV. waren. Ein Auswahlkriterium war das allerdings nicht: Es sind drei Frauen, die ich wegen ihrer Persönlichkeit und Lebensumstände besonders interessant finde und mit deren Namen auch sehenswerte Orte verbunden sind. Ein Spaziergang zu den Portraits  großer Männer und Frauen des  Marais kann so vielleicht ein Panorama des Lebens der high society des großen Jahrhunderts entfalten und einen genaueren Blick auf einige der architektonischen Schätze des Marais  ermöglichen.

Die drei nachfolgend vorgestellten Frauen und Orte sind:

Die Princesse de Soubise, petite maitresse  Ludwigs XIV.,  und das hôtel de Soubise

Mme de Montespan, Maitresse de titre Ludwigs XIV.,  und das hôtel d’Albret

Françoise d’Aubigné, die spätere  Madame de Maintenon und zweite Gemahlin Ludwigs XIV.,  und der literarische Salon, den sie zusammen mit ihrem ersten Mann Paul Scarron  in der rue de Turenne 56 betrieb. Einbezogen wird hier auch ein Ort außerhalb von Paris, nämlich  das Schloss von Maintenon.

In einem später folgenden dritten Teil soll Madame de Sévigné mit ihrem  Geburtshaus an der place des Vosges und ihrem langjährigen Wohnsitz, dem hôtel de Carnavalet vorgestellt werden. Das ist jetzt der Ort des Pariser Stadtmuseums, das aber wegen Renovierungsarbeiten geschlossen ist. Und in einen solchen Beitrag könnte/sollten auch das château de Rochers bei Vitré und  das Schloss von Grignan bei Montélimar einbezogen werden. Dort lebte die Tochter der Madame de Sévigné. Zwischen Mutter und Tochter gab es ja einen berühmten Briefwechsel. Und in Grignan ist Madame de Sévigné auch bestattet. Grignan liegt auf dem Weg ans Mittelmeer, wo wir im Juni sein wollten. Und in Grignan wollten wir bei dieser Gelegenheit gerne  einen Zwischenaufenthalt einlegen.  Daraus wird nun nichts. Also hoffentlich ein anderes Mal….

 

 

  1. Die Princesse de Soubise und das hôtel Soubise

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Anne de Rohan-Chabot (1648-1709)

Kurzinformation auf dem Faltblatt des Projekts: Bekannte Maitresse von Ludwig XIV. Ihr Portrait befindet sich in der Nähe des hôtel de Soubise, das ihr Mann auf ihre Veranlassung hin 1700 kaufte.

Anne de Rohan-Chabot war eine Tochter aus bestem adeligem Hause (ihre Mutter war Marguerite, die duchesse de Rohan), erhielt eine sehr gute Bildung und wurde schon im Alter von 15 Jahren mit François, prince de Soubise verheiratet. Das hinderte Ludwig XIV. allerdings nicht daran, ein Auge auf die junge Frau zu werfen, zumal damals der Stern seiner Mätresse Françoise-Louise de la Vallière gerade verblasste. Die Mutter Annes war allerdings auf den Ruf ihrer Tochter bedacht und entfernte sie vom Hof des Sonnenkönigs, was auch dessen neuer Mätresse, der Madame de Montespan,  sehr gelegen kam. Einige Jahre später, Anne war inzwischen 25 Jahre alt,  kam es zu einer erneuten  Begegnung mit Ludwig XIV..  Der verlieh ihr den sehr ehrenvollen Titel einer dame du palais der Königin, so dass sie ganz offiziell in seiner Nähe war.  Anne hatte damals schon sechs Kinder,  war aber dank einer speziellen Diät aus Obst, Gemüse und gekochtem Fleisch immer noch sehr attraktiv. Ein zeitgenössischer Beobachter bemerkte: „Ihre ständigen Schwangerschaften„-  zu den sechs Kindern kamen noch fünf hinzu- „unterbrachen die Gelüste des Königs, denn sie ist nur in der Zeit schön, wenn sie nicht schwanger ist.“  Vielleicht wurde auch deshalb Anne de Soubise  von der Eifersucht der Madame de Montespan verschont: Die konnte ja damit rechnen, dass die nächste Schwangerschaft nicht weit ist.  Eines der 11 Kinder Annes, Armand-Gaston, der spätere Kardinal de Rohan, entstammt möglicherweise der Beziehung mit Ludwig XIV..  Die sah Annes Ehemann durchaus mit Wohlwollen.  Von Zeit zu Zeit verließ er ostentativ Versailles und seine Frau legte ebenso ostentativ Smaragd-Ohrringe an: Dann wusste der Hof, dass ein Rendezvous mit dem König anstand. Monsieur de Soubise konnte von dieser Liaison erhebliche Vorteile erwarten, die er „für seine guten Dienste“ (en considération de ses services) auch erhielt.[3]  So konnte er 1700 auf Wunsch seiner Frau das noch aus dem 14. Jahrhundert stammende hôtel de Clisson erwerben, das einem weitläufigen Neubau  mit einem grandiosen, von Kolonaden gesäumten Ehrenhof Platz machte. Nur noch das alte Torhaus des hôtel de Clisson ist  erhalten.[4]

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In der Französischen Revolution wurde der Besitz enteignet und von Napoleon zum Sitz des Staatsarchivs bestimmt. Heute gibt es in dem Gebäude noch ein kleines Museum des Nationalarchivs.

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Treppenhaus mit dem Aufgang zur Salle des Documents

Besonders sehenswert und schön sind die aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts stammenden Rokokoräume: das Appartement de la Princesse im ersten Stock und das Appartement du Prince im Erdgeschoss.

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Dort finden öfters auch Konzerte statt- womit eine Tradition aus der für die Rohans glanzvollen  Zeit des ancien régime fortgesetzt wird: Eine Gelegenheit, die im  Louis Quinze-Stil reich ausgestatteten Räume zu bewundern.

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Hier ein Konzert am Tag des offenen Denkmals 2018

Besonders kunstvoll sind die Stuckarbeiten von Lambert Sigisbert Adam:

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Hier die  geflügelten Allegorien der Geschichte, der Zeit und des Ruhms: Der Ruhm ist auf dem Weg in die Zukunft, hat den Kopf aber zurückgewandt und feiert zum Schall der Trompete die Taten der großen Männer. Auf dem Buch der Geschichte ist schon  verzeichnet: Listoir de la meson de Roan, Die Geschichte des Hauses Rohan.

 

  1. Mme des Montespan und das hôtel d’Albret

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Kurzinformation aus dem Faltblatt des Projekts:  Madame de Montespan (Françoise de Rochechouart de Mortemart, 1640-1707). Ihr Portrait befindet sich nicht weit von dem hôtel d’Albret, Ort eines literarischen Salons, den Mme de Montespan oft besuchte und wo sie Françoise d’Aubigné kennen lernte, die später die Marquise de Maintenon wurde.

 Während man die princesse de Soubise wohl mit einiger Berechtigung als „petite maitresse“ Ludwigs XIV. bezeichnen kann[5], trifft das bei  Madame de Montespan ganz und gar nicht zu. Immerhin war sie mehrere Jahre lang  „maitresse en titre“, das heißt,  sie hatte den offiziellen Rang einer königlichen Mätresse inne!  Und sie hatte sieben Kinder mit dem Sonnenkönig, von denen sechs von ihm legitimiert wurden. Mme de Montespan war eine schöne, charmante und kultivierte Unterhalterin, eine herausragende Vertreterin der damals gerade im Marais blühenden Kultur der literarischen Salons. Mme de Sévigné, von der später noch die Rede sein wird, und andere rühmten ihren „esprit Mortemart“, eine besondere Form geistreicher Kommunikation, die dem Geschlecht der Mortemart, dem sie angehörte, zugeschrieben wurde.  Dazu war sie eine sehr ehrgeizige und berechnende Frau. Madame de Sévigné nennt sie deshalb in ihren Briefen die „Quanto“ oder „Quantova“.(italienisch: „Wieviel?“ oder „Wieviel kostet’s ?“)  Ganz offensichtlich hatte es die schon verheiratete Madame de Montespan darauf angelegt, Mätresse des Königs zu werden. Charmant und trickreich bahnte sie sich den Weg zu Ludwig XIV., indem sie sich mit Louise de La Vallière anfreundete, ihrer Vorgängerin als „maîtresse royale„. Die La Vallière schwärmte gegenüber dem König von ihrem Witz und ihrem klugen Kopf – und bald war nicht mehr sie die offizielle Geliebte, sondern die Marquise de Montespan. (6) Lieselotte von der Pfalz beschreibt, auf welch demütigende Weise Ludwig XIV. Mademoiselle La Vallière abservierte: 

„Der König war hart zu ihr und ironisch bis zur Beleidigung. Als er durch das Zimmer der La Vallière ging, um sich zu Madame de Montespan zu begeben, nahm der König, von dieser aufgestachelt, seinen kleinen Hund, einen hübschen Spaniel, der Malice hieß, und warf  ihn der Herzogin mit den Worten zu: ‚Madame, das ist Ihre Gesellschaft, das muss Ihnen genügen.'“ 

Der Marquis de Montespan, ihr Gatte, sah allerdings –anders als etwa der prince de Soubise und andere adlige Ehemänner-  das Interesse des Königs an seiner Frau mit Missfallen. Er trug sogar Trauerkleidung für seine Frau und ließ ein Paar Hörner an seiner Kutsche anbringen – als öffentliches Zeichen dafür, dass sie ihn betrogen hatte.  Montespan wurde verhaftet, aber nach einigen Tagen wieder freigelassen. Offenbar hatte man sich bei Hofe darauf verständigt, ihn  „für einen ungehobelten Menschen und für einen Narren“ anzusehen  und die  Montespan selber beklagte sich, dass ihr Papagei und ihr Mann der Hofgesellschaft zum Amüsement dienten. Schließlich entschied man sich aber, den Marquis nach Spanien zu verbannen und  seine Ehe mit der Mätresse des Königs per Gerichtsbeschluss zu beenden.[7] So blieben ihm die königlichen Gunsterweisungen verwehrt, die dem prince de Soubise den Erwerb seines hôtel particulier ermöglicht hatten. Ein hôtel de Montespan gibt es also nicht im Marais, nur das heute sehr streng wirkende hôtel d’Albret, in dem Madame de Montespan, die sich in Anspielung an die Göttin Athene auch Athénaïs de Montespan nannte, mit ihren geistreichen Wortspielen und bissigen Bemerkungen glänzte.

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                           Innenhof des hôtel d’Albret, 31 rue des Francs-Bourgeois

Um 1750 wurde der frühere Bau von François Mansart im Stil seiner Zeit umgestaltet, während der Französischen Revolution dann enteignet und in eine Lampenfabrik umgewandelt.[8] Heute befindet sich in dem Bau die Direction des Affaires culturelles de la Ville. Immerhin. Und es gibt noch das Eine oder Andere, das an den früheren Glanz erinnert.[9]

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Zum Bruch zwischen dem König und seiner Geliebten kommt es, als de Montespans Name im Prozess gegen die bekannte Giftmischerin und angebliche Magierin Cathérine La Voisin fällt. Ludwig XIV. möchte aber einen Skandal vermeiden und verhindert, dass den Beschuldigungen nachgegangen wird.

Ironischerweise ist es gerade eine enge Vertraute der Marquise de Montespan,  die ihr als „maîtresse royale“ nachfolgt, nämlich Madame Scarron, die Erzieherin der unehelichen Kinder des Königs und die spätere Marquise de Maintenon.

 

  1. Madame de Maintenon

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Kurzinformation auf dem Faltblatt des Projekts: Madame de Maintenon (Françoise d’Aubigné  (1635-1719)  und  Paul Scarron (1610-1660)

Der berühmte Salon von Paul Scarron befand sich in der rue de Turenne 56, wo er mit seiner Frau  Françoise d’Aubigné wohnte. Sie führte mit ihm diesen Salon und wurde später Mme de Maintenon, die Favoritin Ludwigs XIV.

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Die unscheinbare  Plaque commémorative für Paul Scarron über der Tür von Nr. 56

 

Die Geschichte der Madame de Maintenon ist sicherlich –auch im Vergleich zu den beiden bisher vorgestellten großen Frauen des Marais- am faszinierendsten und wäre ein idealer Stoff für einen  Groschenroman oder einen Bollywood-Film.  War die Princesse de Soubise „nur“ eine petite maitresse des Sonnenkönigs, die Madame de Montespan immerhin maitresse en titre, so wurde Madame de Maintenon nicht nur die letzte Mätresse Ludwigs XIV., sondern  nach dem Tode der Königen Marie Thérèse auch im Rahmen einer sogenannten morganatischen, von der Kirche gesegneten Ehe „linker Hand“,  seine ihm bis zu seinem Tod verbundene zweite Ehefrau. Diesem glanzvollen Status steht eine völlig entgegengesetzte Jugend der Françoise d’Aubigné gegenüber: Zwar  war ihr Großvater Agrippa d’Aubigné ein Freund und Kampfgefährte Heinrichs IV., aber ihr Vater war ein wenig erfolgreicher Abenteurer, dazu Hugenotte, weswegen er zeitweise im Gefängnis von Niort einsaß, wo auch seine Tochter geboren wurde. Er versuchte dann, sein Glück in den Antillen/Westindien zu finden, wohin die Familie ihm folgte – Françoise brachte das den Beinamen „La Belle Indienne“ ein.[10] Allerdings scheiterte auch dieser Versuch. Nach dem Tod des Vaters kehrte die Familie nach Frankreich zurück.

1652 nahm ihr Leben eine entscheidende Wendung, und hier kommt nun auch das auf der anderen Seite des Kastens gemalte Portrait ins Spiel:

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Das 16 Jahre alte Mädchen lernte nämlich den 42-jährigen  Komödien-Autor Paul Scarron kennen.

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Scarron war damals einer der meistgelesenen Autoren Frankreichs, „figure incontournable de l’esprit du temps“. Racine, dessen eigenhändig signiertes Exemplar der Werke Scarrons hier abgebildet ist, schätzte ihn zwar nicht allzu sehr, aber die Lektüre von Werken Scarrons brachte ihn dann doch des Öfteren zum Lachen.[11]

 

 

 

 

 

Scarron  litt unter einer fortschreitenden Muskellähmung, saß im Rollstuhl und sah nach eigenen Worten aus  „wie ein Z“.[12]  Die junge Françoise soll bei seinem Anblick vor Mitleid in Tränen ausgebrochen sein.  Scarron fiel nicht nur die Schönheit, sondern auch die ungewöhnliche Intelligenz des schüchternen und zurückhaltenden Mädchens auf, und er machte ihr einen Heiratsantrag, den die Sechzehnjährige annahm.  Durch den Witz Scarrons und den Esprit seiner jungen Frau wurde ihr Salon zu einem Treffpunkt von Literaten und geistig interessierten Aristokraten, der auch von finanzkräftigen Gönnern wie dem Kardinal de Retz und  dem surintendent Fouquet, dem Finanzminister Ludwigs XIV.,  gefördert wurde. Allerdings lebte Scarron in eher bescheidenen Verhältnissen und hinterließ bei seinem Tod 1660 eine Witwe, die nun ihr Leben in die eigenen Hände nehmen musste, indem sie zunächst alleine  die Tradition des Salons fortsetzte. Dabei gewann sie einflussreiche Freundinnen wie  die Marquise de Sévigné und  Madame de Montespan,  auf deren Bitten hin sie die Erziehung der Kinder übernahm, die diese mit ihrem Mann und mit Ludwig XIV. hatte.

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Françoise Scarron und die beiden ersten Kinder von Ludwig XIV. und Madame de Montespan. Zugeschrieben dem Maler Pierre Mignard und ausgestellt im Schloss von Maintenon

1673 erkannte  Ludwig seine Kinder an und holte sie nach Versailles, wohin  nun auch  Françoise übersiedelte. Ludwig XIV. schätzte sie, die so ganz anders war als die üblichen kapriziösen Hofdamen, sehr: Durch Schenkungen verschaffte er ihr  wirtschaftliche Unabhängigkeit. So konnte sie schon 1674 Besitzung und  Schloss von Maintenon westlich von Paris erwerben und den heruntergekommenen Bau mit seinen runden Wehrtürmen zu einem ansehnlichen und eleganten  Landsitz umgestalten.

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Sie wurde nun, vor allem, nachdem Madame de Montespan in Ungnade gefallen war, zur engsten Vertrauten des Königs. Er empfing seine Minister in ihren Gemächern und pflegte sich stundenlang mir ihr zu unterhalten.  Der Hofgesellschaft war das ein Rätsel. In einer zeitgenössischen Quelle heißt es über Madame de Maintenon:

„Es ist erstaunlich, dass sie, die weder Schönheit noch Jugend besitzt, imstande ist, eine so starke Leidenschaft und soviel Vertrauen zu wecken“. 

Viele konnten sich auch nur vorstellen, dass Ludwig XIV. sich bald wieder einer der jungen Damen des Hofes  zuwenden würde, die sich danach drängten, seine Mätresse zu werden. Und so wurde Madame de Maintenon auch von spitzen Zungen „Madame de Maintenant“ genannt: Ein Wortspiel mit dem französischen maintenant, also jetzt, nunmehr. Da war dann Madame de Maintenon „die Derzeitige“, der sicherlich bald -wie gewohnt bei dem Sonnenkönig- eine andere folgen würde.  (12a)  Aber es kam anders.

Als 1683 die Königin starb, entschloss sich Ludwig XIV. – er war damals 45 Jahre alt- die Beziehung auf eine neue Grundlage zu stellen. Sein Kriegsminister Louvois war entsetzt:

Oh Sire! Der größte, ruhmreichste König der Welt heiratet die Witwe Scarron! Wollt Ihr Euch entehren?“[13]

Der Sonnenkönig ließ sich zwar nicht von seinem Vorhaben abbringen, auf Vorschlag des Erzbischofs von Paris wurde aber mit dem Segen der Kirche eine heimliche  Ehe „zur linken Hand“ geschlossen, die ohne rechtliche und dynastische Konsequenzen war.  Bis zu seinem Tod 1715 lebte Ludwig XIV. nun mit ihr zusammen. Das nach außen unklare Verhältnis der beiden, ihr Alter (sie war drei Jahre älter als der König) ihr Witwenstand und ihre niedrige Herkunft führten natürlich  zu Gerede am Hofe und in Europa, auch wenn Ludwig XIV. die Witwe Scarron 1688 zur Marquise de Maintenon erhob und auch wenn er nur allzu deutlich machte, wie hoch er sie schätzte.  So durch den Bau eines  unmittelbar durch den Schlosspark von Maintenon führendes  Aquädukts. Es war Teil eines gigantischen und gescheiterten Projekts zur Wasserversorgung von Versailles-  des einzigen zivilen Projekts, das der Festungsbaumeister Vauban auf Veranlassung Ludwigs XIV. übernahm. Und dem war es wichtig, dass Madame de Maintenon von ihrem Schloss aus dieses gewissermaßen ihr gewidmete Bauwerk direkt vor Augen haben sollte- ein krönender Abschluss des von keinem Geringerem als dem großen Le Nôtre entworfenen Parks.[14]

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Bei dem gehässigen Gerede über Madame de Maintenon tat sich besonders die Schwägerin Ludwigs XIV., Liselotte von der Pfalz, hervor. Sie bezichtigte ihre Intimfeindin wohl zu Unrecht (15), den König zu der Hugenottenverfolgung bewogen zu haben, belegte sie mit Ausdrücken  wie „altes Weib“, „alte Hexe“ und „alte Vettel“, „die Scarron“, besonders gerne aber „die alte Zott“.  Nach dem Tod Ludwigs XIV. 1715 schrieb sie über seine Frau: „Der Teufel in der Hölle kann nicht schlimmer sein als sie gewesen ist“,[39] und nach dem Tode der Maintenon: „In dießem morgen erfahre ich, daß die alte Maintenon verreckt ist, gestern zwischen 4 und 5 Uhr abendt. Es were ein groß glück geweßen, wen es vor etlich und 30 Jahren geschehen wäre“.[16]

Dabei hätte gerade Liselotte von der Pfalz Anlass gehabt, etwas nachsichtiger gegenüber der Madame de Maintenon zu sein, und zwar 1689,  anlässlich der Strategie der verbrannten Erde, die von Louvois, dem „schrecklichen Minister“  Ludwigs XIV.[17] im sogenannten pfälzischen Erbfolgekrieg angeordnet und dem „Sonnenkönig“ als militärisch geboten dargestellt worden war. Louvois hatte seine Offiziere ausdrücklich zur Zerstörung der Pfalz und zur Niedermetzelung seiner Bewohner aufgefordert. Da war es nun Madame de Maintenon, die nach dem Zeugnis des ihr nun wahrlich nicht sehr gewogenen Herzogs von Saint Simon beim König intervenierte – trotz ihrer herausragenden Stellung reichlich kühn:

Sie versäumte es nicht, dem König die ganze Grausamkeit vor Augen zu führen. … Und sie machte ihm deutlich, dass der Hass auf den Herrn zurückfallen werde (also den König) und nicht auf den Nachgeordneten (Louvois).

Languet de Gergy, ein anderer zeitgenössischer Beobachter,  schreibt:

„Madame de Maintenon (…) konnte das Geschrei der Völker und die Empörung aller Nationen nicht ertragen. Sie glaubte sich verpflichtet, dem König die schlechten Dienste aufzudecken, die ihm sein bedeutendster Minister, unter dem Vorwand, ihm von Nutzen zu sein, erwiesen hatte. Es überrascht nicht, dass sie ihren Charakter in dieser Angelegenheit überwand, die für den Staat und die Ehre des Königs und das Glück der Völker von so großer Bedeutung war.“

Sie wies damit den König darauf hin, dass hier der für ihn besonders wichtige Ruhm beeinträchtigt werde,  und sie hat damit nach dem Urteil ihres Biografen Jean-Paul Desprat Trier davor bewahrt, das gleiche Schicksal zu erleiden wie Heidelberg, Worms, Speyer, Oppenheim und Bingen. Ganz so „devot“,- so charakterisiert sie Gilbert Ziebura- war Madame de Maintenon dann offenbar doch nicht.  [18]

Nach dem Tod Ludwigs XIV. zog sich Madame de Maintenon nach Saint-Cyr zurück, wo sie eine Mädchenschule gegründet hatte, die bald durch Theateraufführungen unter der Leitung von Racine berühmt wurde. Es war die erste und damit zukunftsweisende Gründung einer staatlichen Bildungsstätte für Mädchen. In Saint-Cyr starb sie am 15. April 1719.

 

 

Anmerkungen:

[1] Siehe:   https://paris-blog.org/2020/04/20/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-1-grosse-maenner/

[2] Briefe des Fräuleins Ninon de Lenclos an den Marquis de Sevigne. Leipzig in der Weidmannischen Handlung 1751 S. XXI/XXII  Der Marquis de Sévigné war der Sohn der Madame de Sévigné. Auf deren Wunsch sollte Ninon de Lenclos den jungen Marquis gewissermaßen als Mentorin auf seinem Weg ins Leben und in Angelegenheiten der Liebe begleiten und beraten.

Siehe auch: Claudia Simone Dorchain, Die Moral des Salons: https://www.youtube.com/watch?v=ApTLo25ugh0

[3] Zitat zu den ständigen Schwangerschaften der Madame de Soubise und den Gelüsten des Königs: Der Hof Ludwigs XIV. in Augenzeugenberichten, S. 131

„Le prince de Soubise trouvait donc dans les richesses et les honneurs dont on l’accablait une heureuse compensation aux petits désagréments que d’autres partagaient avec lui, sans en retirer les mêmes avantages.“ Savernon, S. 20

[4] https://wikimonde.com/article/H%C3%B4tel_de_Soubise

http://enviedhistoire.canalblog.com/arc hives/2006/08/13/2459029.html

Eine Führung durch das Hôte de Soubise in französischer Sprache:   https://www.youtube.com/watch?v=3ypqrWO9ehY

[5] http://enviedhistoire.canalblog.com/archives/2006/08/13/2459029.html

[6] Gilette Ziegler: Der Hof Ludwigs XIV. in Augenzeugenberichten, S. 127 (Brief vom 28. Juni 1675), S. 131 (Briefe vom 2. September und 30. September 1676                                und: https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag-geburtstag-der-marquise-de-montespan-100.html

Das nachfolgende Zitat der Lieselotte von der Pfalz aus Ziegler, a.a.O., S. 93

[7]  Siehe Gilette Ziegler a.a.O, S. 61 (aus den Memoiren der Mademoiselle de Montpensier) und  https://de.wikipedia.org/wiki/Madame_de_Montespan

[8] Bild aus:  http://www.paristoric.com/index.php/paris-d-hier/hotels-particuliers/hotels-particuliers-tous/1197-l-hotel-d-albret  Zu Mansart siehe den ersten Teil dieses Beitrags über Männer und Frauen des Großen Jahrhunderts des Marais

[9]  Bilder aus: https://de.wikipedia.org/wiki

[10] Desprat, S. 42

Zu Mme de Maintenant siehe auch: https://www.proantic.com/magazine/madame-de-maintenon-dans-les-allees-du-pouvoir/

[11] Lévêque, S. 50 und 40. Dort auch die Abbildung der Werke Scarrons.

[12]  Der Ausruf Louvois‘ wird wiedergegeben in den Erinnerungen des Abbé de Choisy. Zit. von Ziegler in: Der Hof Ludwigs XIV. in Augenzeugenberichten, S. 210.

siehe auch: Helga Thoma: ‘Madame, meine teure Geliebte‘ – die Mätressen der französischen Könige, Ueberreuter, Wien 1996, S. 114 f.

(12a) Zitat aus den zeitgenössischen „Lettres historiques et galantes“. Zit. bei Ziegler, a.a.O., S. 213. Zur „Madame de Maintenant“ a.a.O., S. 202

[13] zit. bei: https://www.deutschlandfunk.de/vor-300-jahren-starb-madame-de-maintenon-die-heimliche.871.de.html?dram:article_id=446309

[14] Über das Aquädukt und das Projekt des Canal Louis XIV (Umleitung der Eure)  in einem späteren Blog-Beitrag mehr.

(15) Desprat weist darauf hin, dass es in dem umfangreichen Briefwechsel der Madame de Maintenon keinen einzigen Beleg für die Billigung des Edikts von Fontainebleau gibt. Allerdings sei sie ungern an ihr hugenottisches Erbe und ihre hugenottische Erziehung erinnert worden, und sie habe alles getan, um Vorwürfen vorzubeugen, sie würde die Hugenotten protegieren.  (S. 302ff)

[16] Dirk van der Cruisse: Madame sein ist ein ellendes Handwerck…, S. 300 f und 606

[17] Desprat, S. 458:  „ce terrible ministre“

[18] Desprat, S. 459    Zitat von Languet de Gergy aus Ziegler, a.a.O., S. 254

Gilbert Ziebura im Vorwort zu „Der Hof Ludwigs XIV. in Augenzeugenberichten“, S. 17

 

Literatur

Françoise  Chandernagor, L’allée du Roi: Souvenirs de Françoise d’Aubigné, marquise de Maintenon, épouse du Roi de France. Paris: Julliard 1982

Dirk van der Cruisse: „Madame sein ist ein ellendes Handwerck…“: Liselotte von der Pfalz – eine deutsche Prinzessin am Hof des Sonnenkönigs, Piper, München 1990

Jean-Paul Desprat, Madame de Maintenon (1635-1719) ou le prix de la réputation. Paris: Perrin 2015

Paul Savernon, Les Maîtresses de Louis XIV  Paris 1904  https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k9323247/f6.image

Briefe des Fräuleins Ninon de Lenclos an den Marquis de Sevigne. Leipzig in der Weidmannischen Handlung 1751 https://books.google.de/books?id=8ZZRAAAAcAAJ&printsec=frontcover&dq=Der+Ninon+von+Lenclos+Leben+und+Briefe+nebst+der+Briefe+der+Babet&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjl18u-8bHJAhVmJHIKHd1ACBAQ6AEIIzAB#v=onepage&q&f=false

Der Hof Ludwigs XIV. in Augenzeugenberichten. Herausgegeben von Gilette Ziegler. Mit einem Vorwort von Gilbert Ziebura. München: dtv 1981

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux
  • Pariser Erinnerungsorte an den Holocaust (Einleitung) 
  • Der Kanal Louis XIV und das Aquädukt von Maintenon

 

Zwei besondere Jahrestage: Der 8.und 9. Mai 2020 und das auf 2021 verschobene Pantheon-Projekt

Im August 2019 habe ich in diesen Blog eine Besprechung des Buches von Philippe Apeloig „Enfants de Paris 1939-1945“ (éditions Gallimard) eingestellt. In diesem Buch sind die Fotografien aller Pariser Erinnerungstafeln versammelt, die sich auf die Zeit von 1939-1945 beziehen. Ein beeindruckendes Werk, das von der  Académie française zum besten historischen Buch des Jahres 2019 gewählt wurde.

https://paris-blog.org/2019/08/25/erinnerungstafeln-zu-der-zeit-von-1939-bis-1945-in-paris-enfants-de-paris-1939-1945/

Es war geplant, am Freitag, dem 8. Mai, und am Samstag, dem 9. Mai 2020, die von Apeloig in seinem Buch versammelten Erinnerungstafeln noch einmal auf ganz spektakuläre Weise zu präsentieren: nämlich auf den Außenmauern des Pantheons. Diese Aktion wurde aufgrund der Corona-Virus-Krise  zunächst auf  den 18. und den 19. September, die Tage des offenen Denkmals, verschoben, inzwischen aber, da auch dieses Datum zu unsicher ist, auf das Frühjahr 2021. [1]

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Der 8. und der 9. Mai 2020: Zwei außerordentliche Erinnerungstage

Die beiden ursprünglich für die Projektion gewählten Daten haben eine hohe symbolische Bedeutung: Der 8. Mai 2020 markiert den 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges (jedenfalls auf dem europäischen Kriegsschauplatz), auf den sich die plaques commémoratives für die enfants de Paris ja auch beziehen. Die Erinnerung an diesen Tag  hat in Frankreich eine sehr wechselhafte Geschichte, von der hier nur die wesentlichsten Etappen skizziert werden sollen:  Zunächst wurde am 8. Mai an den Sieg erinnert: Frankreich gehörte ja offiziell zu den Siegermächten, und in unserem französischen Wandkalender für das Jahr 2020 findet sich an diesem Tag die lapidare Angabe: Victoire. Erinnert wurde an dieses Ereignis direkt am 8. Mai zunächst nur dann, wenn der Tag auf einen Sonntag fiel, ansonsten war der darauf folgende Sonntag der Gedenktag.  1953  wurde der 8. Mai –unabhängig vom Wochentag- zum Feiertag erklärt. 1975 allerdings schaffte der damalige Präsident Valéry Giscard d’Estaing diesen Gedenktag im Blick auf die deutsch- französische Verständigung und die europäische Einigung wieder ab. Seit der Präsidentschaft François Mitterands ist der 8. Mai aber wieder offizieller Feiertag zur Erinnerung an das Ende des  Weltkriegs. Und es gibt ein traditionelles Ritual: Der jeweilige Präsident legt einen Kranz an der Statue des Generals de Gaulle an der place Clemenceau nieder, danach Truppenparade auf den Champs Elysées, Nationalhymne und Kranzniederlegung am Grab des unbekannten Soldaten unter dem Arc de Triomphe und Ehrung der Veteranen.[2]

Für uns Deutsche hat dieser Tag seine eigene Bedeutung. Und die hat auf eindrucksvolle Weise der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner Rede zum 8. Mai 1985 zum Ausdruck gebracht. Ich zitiere daraus:

„Viele Völker gedenken heute des Tages, an dem der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende ging. Seinem Schicksal gemäß hat jedes Volk dabei seine eigenen Gefühle. Sieg oder Niederlage, Befreiung von Unrecht und Fremdherrschaft oder Übergang zu neuer Abhängigkeit, Teilung, neue Bündnisse, gewaltige Machtverschiebungen – der 8. Mai 1945 ist ein Datum von entscheidender historischer Bedeutung in Europa. (…)

Der 8. Mai ist für uns vor allem ein Tag der Erinnerung an das, was Menschen erleiden mussten. Er ist zugleich ein Tag des Nachdenkens über den Gang unserer Geschichte. Je ehrlicher wir ihn begehen, desto freier sind wir, uns seinen Folgen verantwortlich zu stellen.

Der 8. Mai ist für uns Deutsche kein Tag zum Feiern. Die Menschen, die ihn bewusst erlebt haben, denken an ganz persönliche und damit ganz unterschiedliche Erfahrungen zurück. Der eine kehrte heim, der andere wurde heimatlos. Dieser wurde befreit, für jenen begann die Gefangenschaft. Viele waren einfach nur dafür dankbar, dass Bombennächte und Angst vorüber und sie mit dem Leben davongekommen waren. Andere empfanden Schmerz über die vollständige Niederlage des eigenen Vaterlandes. Verbittert standen Deutsche vor zerrissenen Illusionen, dankbar andere Deutsche vor dem geschenkten neuen Anfang. (…)

Der Blick ging zurück in einen dunklen Abgrund der Vergangenheit und nach vorn in eine ungewisse dunkle Zukunft. Und dennoch wurde von Tag zu Tag klarer, was es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. (…)

Wir haben wahrlich keinen Grund, uns am heutigen Tag an Siegesfesten zu beteiligen. Aber wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte zu erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft barg.[3]

Richard von Weizsäcker hat mit dieser wegweisenden Rede die deutsche Kultur der Erinnerung wesentlich geprägt. Die Rede war, wie der damalige israelische Botschafter feststellte, „eine Sternstunde der deutschen Nachkriegsgeschichte.“ [4] Und den 8. Mai als „Tag der Befreiung“ auch für uns Deutsche zu bezeichnen, war ein wichtiger Beitrag zu einer gemeinsamen europäischen Erinnerung. Denn natürlich ist der 8. Mai in den von Nazideutschland besetzten Ländern ein Tag der Befreiung- so auch in Frankreich.  Und auch in Frankreich ist dies ein durchaus ambivalenter Gedenktag- denn immerhin fand an diesem Tag auch das grauenhafte Massaker französischer Truppen unter den ihr Selbstbestimmungsrecht, ihre Befreiung,  einfordernden Algeriern von Setif statt. Das wird in offiziellen Darstellungen aber gerne unter den Teppich gekehrt…. [5]

Am 9. Mai 2020 jährt sich zum 70. Mal die  déclaration Schumann, der Schumann-Plan vom 9. Mai 1950.  Damit der Friede wirklich eine Chance habe, müsse es zu allererst ein gemeinsames Europa geben, erklärte der französische Außenminister damals. Fünf Jahre, fast auf den Tag genau, nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschland, vollziehe Frankreich den ersten entscheidenden Akt einer Konstruktion Europas und beziehe Deutschland darin ein. Konkret schlug er vor, die (west)europäische, und vor allem die deutsche und französische Kohle- und Stahlindustrie einer gemeinsamen europäischen Behörde zu unterstellen. Indem die Grundlagen jeder Rüstungsproduktion nationalem Einfluss entzogen würden, werde ein Krieg in Europa unmöglich gemacht und der säkulare deutsch-französische Gegensatz beendet. Ermöglicht würden durch die Verwirklichung des Plans aber weitere bisher unmöglich erscheinende Schritte. Aus all dem werde ein dauerhaft geeintes und starkes Europa erwachsen.[6] Und so ist es dann ja auch (trotz aller Irrungen und Wirrungen) gekommen: Dieser Vorschlag führte 1951 zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS), der ersten supranationalen Organisation in Europa. Er gilt deshalb als Beginn der europäischen Integration überhaupt.

Allerdings waren für den französischen Vorschlag nicht nur so hehre Motive wie die Einigung Europas und die Sicherung des Friedens ausschlaggebend. Denn abgesehen von dem traditionellen Bestreben Frankreichs, Einfluss auf (oder am besten: Kontrolle über) das damals noch als strategisch wichtig  betrachtete Ruhrgebiet und seine Ressourcen zu gewinnen, hatte Frankreich nach dem Krieg ein wirtschaftliches Problem, das mit Hilfe der Montanunion gelöst werden sollte: In Frankreich war nämlich unter der Federführung des Planungskommissars Jean Monnet mit Steuermitteln und Geldern des Marshall-Plans die Stahlproduktion ganz erheblich und weit über den eigenen Bedarf hinaus ausgeweitet worden. Allerdings benötigte man für die Produktion erhebliche Mengen an Koks, über die Frankreich nicht verfügte, dafür aber das Ruhrgebiet. Und man benötigte ausländische Absatzmärkte, wofür sich das Westdeutschland des Wiederaufbaus und des „Wirtschaftswunders“ anbot.[7] Der „geistige Vater“ des Schumannplans war denn auch gar nicht Schumann selbst, sondern Jean Monnet, damals französischer Planungskommissar.  Er war es auch, der die französische Delegation bei den Verhandlungen zur Bildung der Montanunion  leitete. Auf der anderen Seite eröffnete der Plan der  damals noch nicht souveränen Bundesrepublik Deutschland und ihrem Kanzler Konrad Adenauer die Chance,  als gleichberechtigtes Mitglied unter den sechs Mitgliedern der Montanunion anerkannt zu werden, durch die wirtschaftliche Zusammenarbeit die Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg zu fördern und durch die Integration in den Westen die Sicherheit Westdeutschlands  im Kalten Krieg zu erhöhen.

Ungeachtet der verschiedenen nationalen Interessenlagen, die hinter dem Schumann-Plan standen: Er  gilt  als „Grundstein der heutigen Europäischen Union“  und so  wird in der Europäischen Union mit Fug und Recht am 9. Mai der Europatag, la Journée de l’Europe, begangen.[8]

 

Die Aktion vom 8. und 9. Mai 2020 bzw. 2021

Es gibt in Paris über 1000 Erinnerungstafeln zu der  Zeit von 1939 bis 1945: Ein in der Welt einzigartiger Fall. Philippe Apeloig hat sie fotografiert und  in seinem Buch „Enfants de Paris, 1939-1945“ versammelt. Sie sollten am 8. und 9. Mai 2020  zwischen 21.30 und 0.30 Uhr fortlaufend  auf die Außenwände des Pantheons projiziert werden.

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  • Es handelt sich dabei um eine „installation artistique“: Philippe Apeloig ist ja Designer und  ein Meister der Typographie, und die überdimensionale Projektion der Erinnerungstafeln ermöglicht es den Betrachtern, die Vielfalt und Schönheit der Tafeln wie unter einer Lupe zu erkennen und zu würdigen.
  • Und natürlich geht es bei der Aktion um die Erinnerung: Diese Tafeln erzählen ja  die Geschichte der „Enfants de Paris“, der Opfer des Krieges und des Widerstands, der Kämpfer für die Befreiung und der deportierten und ermordeten Juden. Die Projektion der Plaketten soll dazu beitragen, die Erinnerung an diese vielen Opfer wachzuhalten. Aber gleichzeitig soll sie auch –und damit wird die Brücke zum 9. Mai geschlagen- das vereinte Europa feiern, das aus den Ruinen und dem Leid des Weltkrieges entstanden ist und das seinen Mitgliedern eine einzigartige Periode des Friedens eröffnet hat.[9]

Die Verbindung der beiden beziehungsreichen Daten verleiht der Projektion der Erinnerungstafeln damit eine besondere Dimension, indem geschichtliche Erinnerung in einen aktuellen Kontext gestellt wird. Sie gilt der Vergangenheit, aber sie hat auch eine eminente Bedeutung für die Gegenwart und die Zukunft.

Dieser doppelte Bezug der Aktion wird  auf besondere Weise herausgestellt: Am 8. Mai 2020 sollte  der Portikus des Pantheons in den Farben der Trikolore erstrahlen,  am 9. Mai  im Blau Europas. Das wird sicherlich auch bei der im nächsten Jahr nachgeholten Aktion so sein.

 

Die Wände des Pantheons als Projektionsfläche

Ursprünglich war das Pantheon in Paris  eine der heiligen Genoveva (Sainte Geneviève), der Schutzheiligen von Paris,  geweihte Kirche. Entworfen von dem  Architekten Soufflot sollte sie mit dem Petersdom in Rom und Sankt Paul in London wetteifern. Der Kuppelbau und der monumentale Eingang bezogen ihr Vorbild aus dem antiken Pantheon in Rom. In der Französischen Revolution wurde der Bau umgewidmet in eine Begräbnisstätte „großer Männer ab der Zeit der französischen Freiheit“, das heißt ab 1789.  Ausnahmen für vorher gestorbene große Männer wie Voltaire und Rousseau waren allerdings auch möglich. Napoleon missbrauchte dann das Pantheon, um die Krypta hemmungslos mit den Gräbern seiner Generäle und Granden zu füllen. Danach wechselte der Bau mehrfach zwischen einer Bestimmung als Kirche und laizistischem Denkmal, bis mit dem Tod und der grandiosen „Pantheonisierung“ Victor Hugos 1885 das Pantheon endgültig der Ort der letzten Ruhe und der Verehrung der „großen Männer“ Frankreichs wurde:  inzwischen sind es insgesamt 78 Männer und 5 Frauen.[10] Die letzten ins Pantheon aufgenommen Persönlichkeiten waren 2015 während der Präsidentschaft François Hollandes zwei Männer und zwei Frauen des Widerstands: Jean Zay und Pierre Brossolette, Germaine Tillon und Geneviève de Gaulle-Anthonioz.[11] 2018 kam dann –schon zur Zeit der Präsidentschaft Macrons- Simone Veil hinzu. Und in diesem Jahr wird der Schriftsteller  Maurice Genevois, Kriegsteilnehmer des 1. Weltkrieges, als Repräsentant der damaligen Kriegsgeneration („Ceux de 1914“) folgen. Seine sterblichen Überreste werden am 11.11.2020 , dem Gedenktag an das Ende des 1. Weltkriegs, ins Pantheon überführt werden.[12]

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Dieses Foto habe ich aufgenommen am 27.5. 2015 während der feierlichen Überführung der sterblichen Überreste von Jean Zay, Geneviève de Gaulle-Anthonioz, Pierre Brossolette und Germaine Tillon ins Pantheon, das gerade einer gründlichen Renovierung/Sanierung unterzogen wurde. Der Tambour, auf dem die mächtige Kuppel ruht, war damals –statt der sonst inzwischen leider üblichen Werbebanner-  mit einer die Portraits anonymer Menschen zeigenden Hülle umgeben- Teil einer den universalistisch- humanitären Geist des Pantheons popularisierenden Aktion des Foto-Künstlers JR. [13]

Die durch die Aktion vom 8. und 9. Mai   hergestellte Verbindung zwischen der Erinnerung an die Schrecken der Vergangenheit und einer europäischen Zukunftsperspektive wird im Leben und der Persönlichkeit der  derzeit letzten ins Pantheon aufgenommenen Persönlichkeit, der schon genannten Simone Veil, anschaulich. Als Jüdin wurde sie im Alter von 16 Jahren nach Auschwitz deportiert, überlebte aber selbst den „Todesmarsch“ nach Bergen-Belsen und gehörte zu denen, die nach der Befreiung des Lagers im Pariser Hotel Lutetia aufgenommen wurden.[14] Sie studierte, wurde Richterin, Politikerin. Als Gesundheitsministerin während der Präsidentschaft Giscard d’Estaings setzte sie nach harten Kämpfen  das Recht auf Schwangerschaftsabbruch durch: das entsprechende Gesetz, das loi Veil,  trägt ihren Namen,  Bei der ersten Europawahl 1979 war sie Spitzenkandidatin der liberalen Partei UDF, und als erste Frau wurde sie im gleichen Jahr zur Präsidentin des Europäischen Parlaments gewählt.

Am 27. Januar 2004, dem –wie sie hervorhob- zuerst in Deutschland offiziell begangenen Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus, hielt sie im Bundestag eine sehr persönliche Rede, in der sie ihre eigene Geschichte und ihr Engagement für die deutsch- französische Aussöhnung und die Einigung Europas verknüpfte. Ich zitiere daraus:

Die Ereignisse, derer wir heute gemeinsam gedenken, hat die Person des öffentlichen Lebens, die Politikerin, die ehemalige Präsidentin des Europäischen Parlaments, die Sie in mir vor sich sehen, jedoch zunächst am eigenen Leib erfahren; ich war eine namenlose abgezehrte Gestalt, als das Lager von Bergen-Belsen befreit wurde, wohin mich die Willkürherrschaft der Nazis nach Auschwitz verbannt hatte.
Die Sprache, die hier an diesem Ort gesprochen wird, diese deutsche Sprache, die ich im Laufe der Jahre von meinen Freunden und Partnern zu hören gelernt habe, war die Sprache, die wir damals hastig und in der ständigen Angst, die Befehle, die unser Überleben bedrohten, nicht schnell genug verstehen zu können, zu entschlüsseln versuchten. Es ist die gleiche Sprache, die nun ihren Geist und ihre Menschlichkeit wiedergefunden hat und die heute in diesem schönen Plenarsaal erklingt, in dem das Herz einer der lebendigsten Demokratien der Europäischen Union schlägt. (…)

Es ist nicht leicht, sich auf Leid und Tod, auf Trauer und Tränen zu berufen, um an der Versöhnung zu arbeiten und neue Bande zwischen verfeindeten Völkern zu knüpfen, die sich so oft bekämpft haben. Aber mit dem Zweiten Weltkrieg, mit den Verbrechen der Nationalsozialisten, mit der Shoah und ihren Millionen Toten ohne Gräber, mit dem Versuch, das jüdische Volk auszulöschen, einem Plan, dessen Vollendung nur durch das Ende des Krieges knapp verhindert werden konnte, haben wir eine Schwelle überschritten. Die lange Geschichte des Hasses und der mörderischen Bruderkriege hatte einen Punkt erreicht, an dem es kein Zurück mehr gab. Ohne die gezielte Bemühung um Aussöhnung, so hart sie für uns Überlebende, die wir zudem vielfach unsere Familien großenteils verloren hatten, auch sein mochte, würden sich die Völker Europas nicht von dieser Katastrophe erholen. Dessen war ich mir bewusst: auch wenn es den Anschein haben mochte, als vergäßen wir so unsere Toten. Aus dieser leidvollen Erfahrung rührt mein Engagement für die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland und die europäische Einigung, die beiden Ziele, die für mich in einem offenkundigen, inneren Zusammenhang stehen.

Mit dem Nationalsozialismus hatte ganz Europa am Boden gelegen. Nur gemeinsam, indem man sich gegenseitig stützte, würde man wiedererstehen können. Dabei gab man sich weder einer beschwichtigenden Naivität hin, noch sollte Deutschland von seiner Verantwortung freigesprochen werden. Es ging hier nicht um Verzeihen, sondern um eine hellsichtige und mutige Versöhnung, die ebenso utopisch wie realistisch und um so notwendiger war, als sie aus der tiefsten Verzweiflung erwachsen musste. Der Teufelskreis musste durchbrochen werden: die deutsch-französische Aussöhnung würde der Eckstein beim Aufbau eines befriedeten Europa sein.[15]

Der Geist des produktiven, zukunftsorientierten Erinnerns, der aus diesen Worten spricht, bestimmt auch die Aktion vom 8. und 9. Mai 2020 bzw. dem Frühjahr 2021.   Philippe Apeloig, dessen Familie selbst Opfer der Shoah ist,  hat sich deshalb ganz bewusst bemüht, auch deutsch-französische Sponsoren für das Pantheon-Projekt zu gewinnen. Und er hat sie im Deutsch-Französischen Jugendwerk/dem Office franco-allemand de la jeunesse (OFAJ/DFJW) und der deutschen Vertretung bei der in Paris ansässigen UNESCO (Délégation Permanente de la République fédérale d’Allemagne auprès de l’UNESCO) auch gefunden. Das gibt, wie ich meine, diesem Ereignis eine ganz besondere Bedeutung.

 

Anmerkungen:

[1] Die beiden Bilder mit den auf die Wände des Pantheons projizierten Plaketten sind während einer „Generalprobe“ der Aktion Ende Februar 2020 aufgenommen worden. Sie wurden mir von Philippe Apeloig freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.

[2] Siehe: https://www.gouvernement.fr/que-celebre-t-on-le-8-mai

http://www.politique.net/2007050804-8-mai-histoire-d-une-commemoration-tres-politique.htm Dort wird allerdings -wie auch in anderen französischen Veröffentlichungen- der 8. Mai als Tag des armistice bezeichnet. Das ist natürlich Unsinn, denn anders als am 11. November 1918 handelte es sich da nicht um einen Waffenstillstand, sondern um eine bedingungslose Kapitulation.

s.a. Cérémonies 2020 du 8 mai à Paris  https://www.evous.fr/Ceremonies-du-8-mai-a-Paris-la-place-Clemenceau-puis-l-Arc-de-Triomphe-1182634.html

[3] https://www.tagesschau.de/inland/rede-vonweizsaecker-wortlaut-101.html

[4] https://www.bz-berlin.de/deutschland/der-8-mai-war-ein-tag-der-befreiung

[5] https://www.gouvernement.fr/que-celebre-t-on-le-8-mai In diesem offiziellen französischen Regierungstext wird der 8. Mai auch als Erinnerungstag der Libération bezeichnet.

https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_S%C3%A9tif

https://www.gouvernement.fr/que-celebre-t-on-le-8-mai: Da ist von Setif natürlich nicht die Rede, aber das ist ja nun auch wirklich kein Grund zum Feiern…

Präsident Macron hat allerdings die „Vergangenheitsbewältigung“ der französischen Algerienpolitik zu einem wesentlichen Anliegen gemacht und auf die gleiche Stufe gestellt wie die Erinnerungspolitik von Präsident Chirac in Bezug auf die französische Beteiligung an der Ausgrenzung und Deportation von Juden während des Zweiten Weltkrieges.

[6]„Pour que la Paix puisse vraiment courir sa chance il faut d’abord, qu’il y ait une Europe. Cinq ans, presque jour pour jour, après la capitulation sans conditions de l’Allemagne, la France accomplit le premier acte décisif de la construction européenne et y associe l’Allemagne. Les conditions européennes doivent s’en trouver entièrement transformées. Cette transformation rendra possible d’autres actions communes impossibles jusqu’à ce jour. L’Europe naîtra de tout cela, une Europe solidement unie et fortement charpentée. Une Europe où le niveau de vie s’élèvera grâce au groupement des productions et à l’extension des marchés qui provoqueront l’abaissement des prix. Une Europe où la Ruhr, la Sarre et les bassins français travailleront de concert et feront profiter de leur travail pacifique, suivi par des observateurs des Nations-Unies, tous les Européens.“  Zitiert in:   Gérard Bossuat, L’EUROPE DES FRANÇAIS, 1943-1959.  Éditions de la Sorbonne, 1997  https://books.openedition.org/psorbonne/722  Die deutsche Version der Rede findet sich unter: https://www.europa.clio-online.de/quelle/id/q63-28465

Zum Schumann-Plan: Wilkens, Andreas (dir.), Le Plan Schuman dans l’histoire. Intérêts nationaux et projet européen, Coll. Organisation internationale et relations internationales, Bruxelles, Bruylant, 2004, 467 p.  Eine Zusammenfassung bei:  Dumoulin, A. (2005). Compte rendu de Wilkens, Andreas (dir.), Le Plan Schuman dans l’histoire. In: Études internationales, 36 (2), 276–278. https://doi.org/10.7202/011432ar

[7] Siehe dazu und zum Folgenden: Gérard Bossuat, L’EUROPE DES FRANÇAIS, 1943-1959.  Éditions de la Sorbonne, 1997  https://books.openedition.org/psorbonne/722  s.a. als zeitgenössische Stimme: Der Schumannplan: Die neue Ruhrbehörde. Der Spiegel vom 12.12.1951. https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-20833254.html

[8] https://europa.eu/european-union/about-eu/symbols/europe-day_de

[9] Ich beziehe mich hier auf das Pressedossier des Studio Apeloig zu dem „Diaporama sur les mur extérieurs du Pantheon, les 8 et 9 mai 2020“.

[10]https://fr.wikipedia.org/wiki/Liste_des_personnes_transf%C3%A9r%C3%A9es_au_Panth%C3%A9on_de_Paris

[11] Siehe dazu: https://paris-blog.org/2018/04/01/das-pantheon-der-grossen-und-der-weniger-grossen-maenner-und-der-wenigen-grossen-frauen-1-das-pantheon-der-frauen/

[12] https://www.huffingtonpost.fr/2018/11/06/maurice-genevoix-au-pantheon-un-hommage-a-ceux-de-14_a_23581263/

Zur Bedeutung des 11.11. in Frankreich siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2016/10/01/der-11-november-ein-franzoesischer-feiertag-im-wandel/

[13] http://www.au-pantheon.fr/fr/ und  http://www.jr-art.net/fr/projects/inside-out-au-pantheon

[14] Siehe dazu den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2019/03/01/das-hotel-lutetia-2-geschichten-und-geschichte/

[15] https://www.bundestag.de/parlament/geschichte/gastredner/veil/rede_veil-245118

 

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux
  • Pariser Erinnerungsorte an den Holocaust (Einleitung) 
  • Große Männer und Frauen des Marais: Eine Ortsbesichtigung anhand der Portraits des Street-Art-Künstlers C215  (Teil 2: große Frauen)
  • Der Kanal Louis XIV und das Aquädukt von Maintenon

Große Männer und Frauen des Marais: Eine Ortsbesichtigung anhand der Portraits des Street-Art- Künstlers C 215 (Teil 1: große Männer)

Am 31.  August 2019 wurde im Marais eine Serie von Portraits von Männern und Frauen eingeweiht, die das  „Grand Siècle“ des Marais geprägt haben.

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Mit dem Begriff des großen Jahrhunderts  des Marais ist die Periode zwischen dem Beginn der Herrschaft Heinrichs IV.  und dem Tod seines Enkels Ludwig XIV. bezeichnet.

In dieser Phase war das Marais ein intellektuelles und künstlerisches Zentrum Frankreichs und auch ein Ort der Macht. Die Entwicklung des Marais unter Henri Quatre und Ludwig XIII. war ein ungeheures städtebauliches Entwicklungsprojekt. Auf dem eher sumpfigen Gelände -deshalb ja der Name Marais- entstand um die Place Royale/Place des Vosges ein neues Viertel mit noblen Stadtpalais – hôtels particuliers-  wie es sie in dieser Fülle sonst nirgends in Paris gibt und die in ihrer raffinierten Architektur und Ausstattung vorbildlich wurden.  In diesem Viertel ließ sich besonders gerne eine meist  durch  Handel neu zu Reichtum gekommene Schicht von Adligen nieder. Und diese schufen sich auch ein kulturelles und geselliges Leben unabhängig vom Hof:  Es war im Marais, wo die Theatertruppe Molières zu Beginn seiner Karriere ihren Sitz hatte;  im Garten des hôtel Salé, des heutigen Musée Picasso, wurde der Cid  Corneilles uraufgeführt und im Marais entwickelte er sich zum gefeierten Dramenautor; es gab eine Fülle von literarischen Salons und berühmte Kurtisanen, die dort ihre noblen, libertären Gäste empfingen.

Der Bürgermeister des 4. Arrondissements, zu dem das Marais gehört, hatte die Idee, den Street-Art Künstler Christian Guémy alias C215 einzuladen, in dem Viertel Portraits von Männern und Frauen des  „großen Jahrhunderts“ auszustellen. Vorbild war der ebenfalls von C215 entworfene „Circuit des Illustres“,  ein Rundgang rund um das Pantheon anhand der Portraits  berühmter im Pantheon bestatteter Persönlichkeiten.[1]

C215 hat für beide Aktionen sehr ungewöhnliche Ausstellungsorte gewählt: Nämlich die überall   herumstehenden Schaltkästen  für die Stromversorgung;  und zwar  jeweils solche Kästen, die in der Nähe von Orten stehen, die mit den Portraitierten in besonderer Weise verbunden sind. Insgesamt handelt es sich um 21 Portraits. Eine Übersicht mit Plan liegt im Rathaus des 4. Arrondissements aus, aber es gibt den Flyer auch im Internet.[2]

Ich möchte im Folgenden einige Portraits von C 215 vorstellen und dabei auch etwas über ihre Bedeutung und die mit ihnen verbundenen Orte des Marais informieren. Das fehlt bei den Portraits von C215 und kommt in dem Flyer verständlicher Weise viel zu kurz. Und vielleicht regt der Beitrag damit auch dazu an, sich auf den Spuren von C215 etwas genauer im Marais umzusehen und vielleicht auch das eine oder andere bisher Neue zu entdecken.

In einem ersten Teil sollen folgende  Persönlichkeiten und Orte berücksichtigt werden:

  1. Die Könige Heinrich IV. (Henri Quatre) und Ludwig XIII. und die place des Vosges
  2. Maximilien de Béthune, Duc de Sully, und das hôtel de Sully
  3. François Mansart, der Architekt Ludwigs XIV., sein Wohnhaus in der rue Payenne 5 und der temple du Marais
  4. Le Vau, le Brun, Eustache le Sueur und das hôtel Lambert auf der Île Saint-Louis
  5. Der Komponist Couperin, der Maler Philipp de Champaigne und die Kirche Saint  Gervais

 

Zwei nachfolgende Beiträge sollen dann mehreren starken Frauen gewidmet werden, die das Marais geprägt haben und deren Potraits auch von C215 ausgestellt sind, vor allem:

Françoise d’Aubigné, die künftige Madame de Maintenon und zweite Gemahlin Ludwigs XIV.,  und der literarische Salon, den sie zusammen mit ihrem ersten Mann Paul Scarron  in der rue de Turenne 56 betrieb

Die Prinzesse de Soubise, Mätresse Ludwigs XIV.,  und das hôtel de Soubise

Mme de Montespan, Maitresse de titre Ludwigs XIV.,  und das hôtel d’Albret

und abschließend:

Madame de Sévigné mit ihrem  Geburtshaus an der place ds Vosges, dem hôtel de Carnavalet und ihrem literarischen Salon 23, rue de Sévigné

Natürlich handelt es sich dabei um eine persönliche Auswahl: Weil ich die vorgestellten Personen besonders interessant  und meistens auch die mit ihnen verbundenen Orte besonders sehenswert finde. Die entsprechenden Orte  liegen auch im Allgemeinen nahe beieinander, lassen sich also gut in einem Rundgang verbinden. (Die Fotos wurden selbstverständlich noch vor dem Beginn des aufgrund der CV-19 – Pandemie verhängten confinements gemacht).

 

  1. Henri Quatre, Ludwig XIII. und die place royal/place des Vosges

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Heinrich IV. (1553-1610) Boulevard Henri IV Nummer 15

Henri Quatre muss am Anfang dieses Überblicks stehen. Denn immerhin markiert seine Regentschaft (von 1589 bis zu seiner Ermordung durch einen religiösen Fanatiker 1610) den Beginn dessen, was als das „Grand Siècle“ bezeichnet wird.  Die Bedeutung dieses Königs liegt vor allem darin, dass er mit dem Edikt von Nantes die Phase der grauenhaften Religionskriege beendete und den Hugenotten –in gewissen Grenzen- die Freiheit ihrer Religionsausübung  gestattete. Und was Paris angeht, so hat er die Stadt durch eine ganze Reihe großer Projekte umgestaltet und modernisiert: So durch den Bau des hôpital Saint Louis, des pont neuf und die Planung großzügiger Plätze, von denen zu seiner Zeit die place Dauphine vollständig und die place royal teilweise fertiggestellt wurden, während die place de France nie realisiert wurde.

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Wie der pont neuf orientiert sich die place royale/des Vosges an italienischen Vorbildern: Der Platz war streng symmetrisch geplant. Die Fassadengestaltung mit der für diese Zeit typischen Kombination von roten Ziegeln und weißen Kalksteinquadern war streng vorgeschrieben, ebenso wie die für Paris damals revolutionären Arkaden.  Gedacht war der Platz als Wohnort und Treffpunkt einer reichen Schicht von Bürgern und Adligen, von Manufaktur-Besitzern und Vertretern der Finanzindustrie, die hier abseits der mittelalterlich-engen Stadt einen großzügigen Lebensstil pflegen konnten.

Die place royal/des Vosges wird gemeinhin als der erste der sogenannten königlichen Plätze von Paris bezeichnet. Einerseits hat das seine Berechtigung, denn immerhin ist dieser Platz einer königlichen Initiative zu verdanken und sein ursprünglicher Name: place royal ist ja auch eindeutig.  Aber ein königlicher Platz im engeren Sinne, wie später zum Beispiel die place des victoires oder die place Vendôme war dieser Platz nicht[3]: Denn seine Funktion war ja nicht die Feier eines Königs, symbolisiert durch eine entsprechende Statue in der Mitte. Eine solche Statue  gehörte nicht zur ursprünglichen Konzeption, sondern kam erst später hinzu.

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Ludwig XIII. 1601-1643, rue du pas de la mule, in der Nähe der place des Vosges

Fertig gestellt wurde der Platz erst unter Henri Quatres Sohn Ludwig XIII. Und eingeweiht wurde er am 15., 16. und 17. April 1612 mit einem großen „carrousel“, einem festlichen Umzug, der aus Anlass der Verlobung des jungen Ludwigs XIII. mit Anna, der Tochter Philipps III. von Spanien, veranstaltet wurde. (3a)

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1639 wurde dann in der Mitte des Platzes eine Reiterstatue Ludwigs XIII. aufgestellt. Die, die wir heute sehen, stammt allerdings aus dem Jahr 1825, weil die ursprüngliche wie alle königlichen Statuen auf den königlichen Plätzen der Revolution zum Opfer fiel. Und natürlich änderten die Revolutionäre auch den Namen des Platzes: Er erhielt den Namen des ersten Departements, des département des Vosges,  das brav seine Steuern bezahlte.

 

 

 

Henri Quatre selbst ist  auf der place des Vosges immerhin  auch präsent, und zwar mit einer gekrönten Büste über dem zentralen Durchgang  des Platzes in Richtung der rue de Birague.

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Erstaunen mag vielleicht, dass das Bild Heinrichs IV. von C215 nicht an der place des Vosges ausgestellt ist. Aber der Ort am Boulevard Henri IV hat nicht nur wegen des Straßennamens seine Berechtigung: Denn er liegt zwischen der place des Vosges und dem Arsenal, in dem Henris wichtigster Minister und Freund, der duc de Sully, seinen Arbeitsplatz hatte. Und der König verbrachte viel Zeit mit seinem Freund im Arsenal, ja er soll sich dort sogar eigene Zimmer habe einrichten lassen. Mehr zu Sully und dem Arsenal  im nächsten Abschnitt.

 

 

  1. Maximilien de Béthune (Duc de Sully) und das hôtel de Sully

Das Portrait von Sully findet sich in der  rue Saint-Antoine Nummer 47  gegenüber dem hôtel de Sully.

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Sully  (1559-1641) war Minister und enger Vertrauter Heinrichs IV. Er war surintendant des finances, also Finanzminister und damit auch für große  öffentliche Bauvorhaben zuständig wie das neue Marais-Viertel  mit der place royale. Außerdem war er Grand maître de l‘artillerie, so dass sein Arbeitsplatz als Minister vor allem das Arsenal war., wo ihn Henri Quatre oft besuchte.

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Die Büsten von Heinrich dem Vierten und des duc de Sully im ersten Stock des Arsenals. Heute  ist dort die exquisite  bibliothèque de l’Arsenal untergebracht.

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Nach der Ermordung Henri Quatres zog sich Sully auf sein Altenteil zurück.  Aber er kaufte das dann nach ihm benannte Stadtpalais in unmittelbarer Nachbarschaft zur place royal,  ein typisches  hôtel particulier  im Geschmack der Zeit, dazu mit dem Privileg eines direkten Zugangs zu diesem Platz.

Nach außen- zur rue Saint Antoine zu- ist das Anwesen durch ein großes, aber repräsentatives Tor abgeschlossen. Tritt man durch das Tor, erreicht man den Innenhof mit dem Blick auf das Hauptgebäude, dessen Eingang von Sphingen eingerahmt ist.

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Darüber befinden sich Jahreszeitenreliefs: Der Herbst und der Winter auf der Hofseite, Frühling und Sommer auf der Rückseite des Gebäudes.

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Auf den Seitenflügeln gibt es Statuen der vier Elemente, Feuer und Wind auf der linken, Erde und Wasser auf der rechten Seite. Hier die Allegorie des Wassers, die man in ähnlicher Form auch am Brunnen des Innocents findet.

Geht man durch das Hauptgebäude, erreicht man den kleinen Garten mit der Orangerie. Und in der rechten hinteren Ecke befindet sich der Durchgang zur place des Vosges.

Heute beherbergt das hôtel Sully das Centre des Monuments Nationaux, das auch eine sehr schöne Bücherei unterhält, deren Besuch sich unbedingt lohnt. Dabei sollte man auch einen Blick auf die Decke werfen- einer schönen bemalten Eichenholzdecke, wie sie in den hôtel particuliers des Marais üblich war.

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Nach dem Tod Henri Quatres zog sich Sully mehr und mehr aus der Politik zurück.  Da er als Protestant nicht in Paris bestattet werden konnte, wählte er als  seine letzte Ruhestätte Nogent-le-Rotrou, dessen Seigneur er war. Dessen ungeachtet  durfte er als Protestant aber  nicht in der Kirche selbst bestattet werden, sondern zusammen mit seiner Frau nur in einem gesonderten Anbau außerhalb des Kirchenraums.

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  1. François Mansart, sein Wohnhaus in der rue Payenne und der temple du Marais

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François Mansart (1598-1666) rue Payenne

 Dieses Portrait befindet sich in der rue Payenne gegenüber dem Haus Nummer 5, dem Geburts- und Wohnhaus Mansarts, das heute die Chapelle de l’Humanite beherbergt.

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Aber natürlich gibt es an dem Haus auch eine Plakette, die an Mansart erinnert.

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Denn in der Tat war Mansart ein „berühmter Architekt“.[4] 1625 wurde er zum „Architekten des Königs“ ernannt und somit oberster Baumeister für sämtliche offiziellen Bauvorhaben im zentral verwalten Frankreich Ludwigs XIII.  Dieses Amt hatte er auch nach dem Tod Ludwigs XIII. 1643 unter seiner Witwe, der Regentin Anna von Österreich, und später unter dem jungen Ludwig XIV. inne. Der hielt große Stücke auf ihn, was aus dieser Anekdote deutlich wird:  Als der junge König Ludwig XIV. einmal an einem heißen Sommertag mit dem nicht mehr ganz so jungen Architekten François Mansart im Park von Schloss Versailles spazieren ging, um neue Bauvorhaben zu besprechen, brannte die Sonne heiß auf den Kopf des barhäuptigen Architekten. Ganz gegen die strenge Hofetikette reichte der Sonnenkönig ihm daraufhin seinen Hut. Als seine Höflinge ihn verwundert fragten, warum er das getan habe, antwortete Ludwig:

„Wenn ich will, kann ich an einem einzigen Tag eintausend neue Herzöge  machen; aber in eintausend Jahren nicht einen einzigen neuen Mansart.[5]

 

Temple du Marais

Von den zahlreichen Bauten, die Mansart auch in Paris entwarf, ist der Temple du Marais in der Rue Saint-Antoine Nr. 17, eines der ersten Bauwerke François Mansarts. Vorbild des Baus war das Pantheon in Rom. (5a)

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Ursprünglich hieß die Kirche  Sainte-Marie-des-Anges de la Visitation. Es war die Kirche eines  Ordens, der von der Großmutter der Madame de Sévigné gegründet worden war.  Madame de Sévigné gehört auch zu den großen Persönlichkeiten des Marais. Von ihr wird im dritten Teil dieses Beitrags noch die Rede sein. Die Mitglieder der Familie Sévigné wurden hier beerdigt, ebenso Fouquet, der in Ungnade gefallene Finanzminister Ludwigs XIV.   Heute ist der  Temple du Marais eine protestantische Kirche.

Ebenfalls ein Werk Mansarts ist das Hôtel Guénégaud, das heutige Jagd- und Naturkundemuseum in der rue des Archives. Es ist das einzige hôtel particulier Mansarts, das noch weitgehend im ursprünglichen Zustand erhalten ist und schon deshalb einen Besuch lohnt.

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  1. Le Vau, Eustache le Sueur und das hôtel Lambert auf der Île Saint-Louis

Das Portrait  Le Vaus  (1612-1670)  soll  auf der Île de la Cité  am Boulevard Henri IV am Zaun des squarre Barrye ausgestellt sein.  Allerdings  konnte ich es dort nicht ausfindig machen.  Der Ort ist aber insofern gut gewählt, weil man da einen schönen Blick auf das hôtel Lambert hat, ein von Le Vau geplantes und von 1640-1644 gebautes hôtel particulier.

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Blick von der Seinebrücke auf das hôtel Lambert und seine Rotunde

Le Vau gehörte zu dem spektakulären Dreigestirn Le Brun, Le Nôtre und Le Vau, das in den Diensten von Nicolas Fouquet stand, dem Finanzminister Ludwigs XIV. Die drei hatten für Fouquet dessen Schloss Vaux -le- Vicomte errichtet: Le Vau war für die Architektur zuständig, Le Brun für die innere Ausstattung und Le Nôtre für die Gartenanlagen. Als Fouquet nach seinem legendären, den Sonnenkönig in den Schatten stellenden Fest in Ungnade fiel, wurden die drei von Ludwig XIV. für den Ausbau und die Ausgestaltung  von Versailles und seiner Gartenanlagen engagiert.  Das hôtel Lambert war eines der ersten Arbeiten Le Vaus und  gewissermaßen sein Meisterstück.

Bauherr war zunächst Jean-Baptiste Lambert und nach dessen Tod sein Bruder Nicolas Lambert de Thorigny, Präsident der königlichen Rechnungskammer (Chambre des comptes) und einer der reichsten Männer Frankreichs, der dann allerdings auch im Zuge des Prozesses gegen Fouquet von Ludwig XIV. zurechtgestutzt wurde.

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Den berühmten Innenhof des hôtel Lambert mit der noblen Fassade von Le Vau konnte ich leider nicht selbst fotografieren. Das Stadtpalais gehört jetzt dem Emir von Quatar und der ist an Öffentlichkeit  offensichtlich nicht interessiert. Als ich Anfang des Jahres einmal mit dem Fahrrad an dem hôtel Lambert vorbeifuhr, stand gerade das Hofportal offen, weil Wäsche angeliefert wurde. Ich wollte die Gelegenheit nutzen und schnell ein Foto machen, aber da stürzte schon ein bulliger Wachmann auf mich zu und drängte mich ab. Da half auch freundliches Bitten nichts. Also ein Bild aus dem Internet.[6]

An der prachtvollen Ausgestaltung des hôtel Lambert waren zwei außerordentliche Künstler beteiligt, nämlich Eustache le Sueur und Charles Le Brun, die auch in der Bildergalerie von C215 ihren Platz haben.  Sie trugen wesentlich dazu bei, das hôtel Lambert zu einem der der „prunkvollsten städtischen Repräsentationsbauten des 17. Jahrhunderts“  (Wikipedia) zu machen.

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Eustache Le Sueur (1616-1655) Kreuzung des  quai des Célestins und des  boulevard Henri IV

Le Sueur war ein bedeutender  Maler und Zeichner des französischen Barock;  er wird auch gerne als der französische Raphaël bezeichnet.  Fünf Jahre lang arbeitete er an der Ausstattung des hôtel Lambert. Unter anderem malte er 1652 bis 1655  für dessen  Cabinet des Muses  fünf Bilder der neun Musen.  Ludwig XVI. war von diesen Bildern so entzückt, dass er sie 1777 in seine Kunstgalerie im Louvre aufnahm, wo sie sich noch heute befinden. [7]

 

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Hier das Bild mit den Musen Clio (Trompete), Euterpe (Flöte) und Thalia (Maske).

Das letzte Werk Le Sueurs im hôtel Lambert war das cabinet des Bains, ein grandios ausgestatteter Raum, dessen ausgemaltes Gewölbe Ludwig XVI. auch gerne ins Louvre transportiert hätte. Aber das erwies sich als technisch nicht machbar. Wie bedauerlich, denn 2013 wurde dieser Raum –wie das gesamte hôtel de Lambert-  ein Opfer der Flammen: Der Emir von Quatar wollte das neu erworbene hôtel modernisieren, wozu auch -Petrodollar-„noblesse“ oblige- ein Aufzug zu einem unterirdischen Parkhaus für seine Nobelkarossen gehören sollte, was dann immerhin von der Pariser Stadtverwaltung verhindert wurde. Immerhin gehört das hôtel Lambert zum UNESCO-Weltkulturerbe Seineufer. Bei den  Arbeiten kam es zu einem verheerenden Brand.  Inzwischen ist das hôtel Lambert zwar wieder in Stand gesetzt, aber das cabinet des Bains ist endgültig verloren.

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Charles Le Brun (1619-1690):  quai aux Fleurs  Nummer 1

Auch Charles le Brun, seit 1647  « Peintre et Valet de chambre du Roi »,  war am Ausbau des hôtel Lambert beteiligt. Sein Werk war die Ausmalung der Herkulesgalerie, ein auf den Spiegelsaal von Versailles vorausweisender Bau – aber leider auch er ein Opfer der Flammen. (7a)

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In gewisser Weise ebenfalls ein Opfer der Flammen sind derzeit zwei andere Werke Le Bruns, auf die in dem Flyer der C215-Aktion hingewiesen wird: Nämlich die beiden Mays der Kathedrale von Notre Dame, die zu malen Le Brun die Ehre hatte. Die Mays waren Bilder, die jedes Jahr von der Corporation der Goldschmiede in Auftrag gegeben und der Kathedrale geschenkt wurden.[8]  

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Hier das Mays des Jahres 1647, die Kreuzigung des heiligen Andreas.  Dieses Bild hatte, wie auch das zweite Mays Le Bruns,  seinen Platz in einer Kapelle von Notre Dame. Sie entgingen  dem Brand der Kathedrale und sind jetzt in einem Depot aufbewahrt. Das wird wohl  auch noch einige Jahre andauern…. [9]

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Blick auf Notre Dame von der Seinebrücke aus. (Februar 2020)

 

 

5.François Couperin, Philippe de Champaigne und die Kirche Saint Gervais et Protais

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François Couperin,  „Le Grand“ (1668-1733)   25 rue du Pont Louis-Philippe

François  Couperin  war seit 1685 Organist der Kirche Saint Gervais, damals eine der bedeutendsten Kirchen von Paris. Daneben war er auch Komponist. Dazu wurde er 1693 zu einem der vier Organisten der chapelle royale in Versailles ernannt und war als Pianist am Hof Ludwigs XIV. tätig – Gründe genug, ihn „der Große“ zu nennen. Auf diese Weise ist er auch leicht identifizierbar: Denn zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert waren insgesamt acht Mitglieder der Familie Couperin Organisten in Saint Gervais!

Um ihren erheblichen Verpflichtungen als Organisten der Kirche nachzukommen, hatten sie auch gleich nebenan (heute rue François Miron) eine „Dienstwohnung“.

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Dort befindet sich heute ein plaque commémorative: Hier lebten die Couperins, französische Musiker.

Die Orgel, auf der Couperin spielte, ist im Wesentlichen noch erhalten, auch wenn sie immer wieder erneuert wurde.

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Während der Französischen Revolution entging sie nur knapp der Zerstörung und auch 1918 blieb sie verschont, als die Kirche von einem Geschoss der „Dicken Berta“ getroffen wurde, wobei es 156 Opfer gab.

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Ausgabe der Zeitung Excelsior vom 29. März 1919:  Vor einem Jahr bombardierte die „Bertha“ Paris. 

Einmal im Monat findet am ersten oder zweiten Samstag um  16 Uhr ein Orgelkonzert statt: „L’Heure d’Orgue de Saint-Gervais“ (freier Eintritt): Nachdem die Orgelkonzerte in Notre Dame auf absehbare Zeit nicht mehr möglich sind, ist das eine schöne, exquisite Alternative.

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Direkt gegenüber der Kirche gibt es zwei weitere Portraits von C 215:

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Salomon de Brosse (1571-1626) –rechts im Bild-   war Architekt und hat die eindrucksvolle Fassade der Kirche entworfen. Ein wesentliches Gestaltungselement sind da übrigens die Doppelsäulen, die später ein Markenzeichen seines Schülers François Mansart wurden.

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Philippe de Champaigne  (1602-1674) –links im Bild- war Hofmaler von Maria de Medici, der Witwe Henri Quatres, und unter anderem an der Ausmalung des Palais du Luxembourg beteiligt. Für die Kirche Saint-Gervais-Saint-Protais  malte er drei Bilder, darunter das berühmte Bild L’invention des reliques de Saint Gervais et Protais, das heute im Musée des Beaux Arts in Lyon ausgestellt ist. (10)

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Zwei weitere für Saint Gervais bestimmte Bilder , Saints Gervais et saint Protais apparaissant à saint Ambroise  und  La Translation des corps des saints Gervais et Protais sind im Louvre ausgestellt.  Sie gehörten zu einer Serie von ingesamt sechs Bildern/Tapisserie-Vorlagen, die dazu bestimmt waren,  zwischen den Pfeilern der Kirche aufgehangen zu werden.

Philippe de Champaigne  wurde in Saint Gervais bestattet.

 

Anmerkungen:

[1] https://www.par-ci-par-la.com/portraits-du-grand-siecle-du-marais-par-c215/

[2] Das Rathaus des 4. Arrondissements steht am Place Baudoyer 2, 75004 Paris https://lavoixdelarturbain.com/2019/08/29/c215-grand-siecle-marais-streetart-paris-2019/

[3] Zur place des victoire siehe den entsprechenden Blog-Beitrag:

(3a) Das Karussell war ein Schauspiel, das das ritterliche Turnier ersetzte, das seit dem tödlichen Unfall Heinrichs II. bei einem Turnier im Marais im Jahre 1559 verboten war.  Siehe dazu: Jacques Revel, Der Hof. In: Pierre Nora (Hrsg), Erinnerungsorte Frankreichs. München 2005, S. 326

[4] Zum Teil wird auch die Schreibweise Mansard verwendet. François Mansart ist nicht zu verwechseln mit seinem Großneffen  Jules Hardouin-Mansart, der sein Nachfolger als erster Baumeister Ludwigs XIV. wurde. Nach ihnen ist übrigens das Mansarddach benannt, das sie gerne verwendeten, aber das nicht von ihnen erfunden wurde.

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Fran%C3%A7ois_Mansart

(5a) Bilder aus: http://uemhm2perolaimperfeita.blogspot.com/2011/06/imagens.html

und  https://it.wikipedia.org/wiki/Temple

[6] http://nobleyreal.blogspot.com/2010/04/el-baron-de-rede.html

[7] https://voir-et-savoir.com/les-muses/

(7a) Bild Herkulesgalerie: https://de.wikipedia.org/wiki/

[8] https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/les-mays-de-notre-dame/

[9] https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/le-crucifiement-de-saint-andre/

https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/la-lapidation-de-saint-etienne/

(10) Bild aus: https://www.mba-lyon.fr/en/node/179

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux
  • Pariser Erinnerungsorte an den Holocaust (1):  Einleitung
  • Zwei besondere Jahrestage: Der 8./ 9. Mai 2020  und die Aktion am Pantheon vom 18./19. September 2020 
  • Große Männer und Frauen des Marais: Eine Ortsbesichtigung anhand der Portraits des Street-Art-Künstlers C215  (Teil 2: große Frauen)

 

Street Art in Paris ( 5 ): Gare du Nord, Quai 36

Im letzten Beitrag (1. Mai 2020) habe ich einen virtuellen Spaziergang durch die Ausstellung des Malers und Bildhauers Otto Freundlich im Museum Montmartre angeboten, die derzeit aufgrund der virusbedingten Sicherheitsmaßnahmen  nicht zugänglich ist:

https://paris-blog.org/2020/04/01/der-maler-und-bildhauer-otto-freundlich-ein-deutsch-franzoesisches-kuenstlerschicksal-eine-ausstellung-im-museum-montmartre/

Im nachfolgenden Beitrag wird eine Ausstellung vorgestellt, die ebenfalls derzeit nicht oder nur in Ausnahmefällen zugänglich ist: nämlich die Street-Art-Galerie am Bahnsteig 36 des Pariser Nordbahnhofs. 22 internationale Street-Art-Künstler haben dort 2015 eine triste Bahnhofswand mit ihren Werken geschmückt: Eine Ausstellung der besonderen Art, die anzusehen sich lohnt. Übrigens auch deshalb, weil es dort  erstaunlicher Weise  einen Bezug zur aktuellen Corona-Virus-Krise gibt….

Der Pariser Gare du Nord ist einer der sechs noch betriebenen Kopfbahnhöfe von Paris  (neben Est, Montparnasse, St. Lazare, Austerlitz und Lyon), dazu der meistfrequentierte Bahnhof Europas und –jedenfalls in seinen historischen Elementen- ein außerordentlich schönes Gebäude aus den 1860-er Jahren. Der Entwurf stammt  immerhin von dem in Köln geborenen Architekten Jacques Ignace Hittorff (Jakob Ignaz Hittorf), der in Paris so bedeutende Aufträge erhielt wie die Neugestaltung der Place de la Concorde oder die einheitliche Randbebauung der Place de l’Étoile.

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In den letzten Jahren stand der Pariser Nordbahnhof aus mehreren Gründen im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit.

  1. Da gab es den Film „Der Klavierspieler vom Gare du Nord“, ein modernes Märchen über den Aufstieg eines Jungen aus der banlieue zum gefeierten Pianisten. Entdeckt wird er, als er auf einem im Bahnhof zur allgemeinen Nutzung aufgestellten Klavier Bach spielt. Allerdings sind, wie ich meine, die Bahnhofsszenen des Films gar nicht im Gare du Nord gedreht. Denn so modern, wie der Bahnhof des Films aussieht, ist der Gare du Nord in Wirklichkeit nicht. Aber dieser Bahnhof passte natürlich gut zum Film: Er ist ja die Drehscheibe für die Menschen aus den banlieues, aus denen der junge Klavierspieler kommt. Und dann hat der Bahnhof auch noch eine cineastische Reputation: nämlich durch den Film „L’homme blessé“ (dt. Version: Der verführte Mann) von Patrice Chéreau, in dem das Gewusel an der Gare du Nord zur Bühne eines existenzialistischen Spiels um Begehren und Betrügen, Selbstgenuss und Selbstaufgabe überhöht wird. [1]

 

  1. Der 150 Jahre alte Gare du Nord ist der meistfrequentierte Bahnhof Europas und er platzt aus allen Nähten. Dass da Handlungsbedarf ist, steht außer Zweifel, zumal die olympischen Spiele in Paris 2024  bevorstehen und der Gare du Nord eine zentrale Bedeutung für den öffentlichen Nahverkehr  zu den Sportstätten und das olympischen Dorf im nördlichen Umland von Paris haben wird.  Bis  2024 soll also nicht nur Notre Dame wieder aus Ruinen auferstanden sein, sondern der Gare du Nord den Anforderungen der neuen Zeit entsprechen.  Das „wie“  der Umgestaltung ist allerdings völlig umstritten. Die SNCF hat einen Plan vorgelegt, der eine massive Erweiterung der Verkaufsflächen vorsieht, so dass die hochverschuldete Bahn keinen Cent für den Umbau bezahlen müsste. Namhafte Städteplaner und die Stadt Paris sehen das allerdings sehr kritisch und befürchten eine Verschlechterung  für die Reisenden. Das sei dann nicht mehr in erster Linie ein Bahnhof, sondern ein Einkaufszentrum mit Bahn-Anhang.[2] Ausgang offen…

 

  1. Im Wahlkampf  für die Kommunalwahlen/die Wahl einer neuen Bürgermeisterin von Paris (Es sind drei Frauen, die die meisten Chancen haben)  hat zu Beginn des Jahres 2020  der Gare du Nord auch eine große Rolle gespielt: Einer der Kandidaten schlug nämlich vor, den internationalen Verkehr aus dem Gare du Nord ins Umland zu verlegen und so den Bahnhof zu entlasten. Das war ein Schachzug im „Krieg der Bahnhöfe“ zwischen zwei rivalisierenden Kandidaten, die beide Macrons Partei La République en Marche (LREM) angehören: Dem „Dissidenten“  Cédric Villani und dem „offiziellen“ Kandidaten  Benjamin Griveau, der dann allerdings auf unrühmliche Weise aus dem Rennen ausgeschieden ist.[3] Griveau schlug  nämlich die Verlegung des gesamten Gare de l’Est vor, um Platz für einen Central Park nach New Yorker Vorbild zu schaffen; ein Plan, der dann allerdings von seiner kurzfristig eingesprungenen Nachfolgerin umgehend eingezogen wurde…

Wie genau der Gare du Nord in Zukunft aussehen wird, ist also ungewiss. Und ungewiss ist damit auch die Zukunft des Quai 36.  Dieser Bahnsteig ist sicherlich etwas ganz Außergewöhnliches, das erhalten zu werden verdient. Er gehört zu einem Projekt aus dem Jahr 2015, als 22 internationale Street-Art-Künstler eingeladen wurden, den mehr als 750 000 Reisenden, die den Bahnhof täglich nutzen, eine poetische und unerwartete Sicht auf diesen Ort anzubieten.[4] 55 Tage lang arbeiteten die Künstler im und am Bahnhof und brachten dort ihre Fresken, Collagen und Pochoirs an.

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Es gibt im Bahnhof noch einige wenige Reste der damaligen Aktion- zum Beispiel am Beginn des Ganges, der vom Bahnhof zur Metro Nummer 2 führt:

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Aber vor allem ist es der  Bahnsteig 36, der  von der damaligen Aktion geblieben ist. Da es sich um einen Endbahnsteig handelt, wurde die ganze anliegende Wand als Galerie der Street Art genutzt.[5]

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Natürlich war das auch eine publicity-Aktion der SNCF, die damit ihre Modernität demonstrieren wollte und sich großspurig als „revelateur de cultures“ anpries. Aber damit muss öffentlich geförderte Kunst leben – auch wenn eine solche Funktionalisierung  gerade bei Street-Art-Künstlern  problematisch erscheinen mag. Aber diejenigen, die da eingeladen waren, sind  international bekannt und werden auch entsprechend vermarktet.   Ein schaler Beigeschmack bleibt aber aus einem anderen Grund: Ein Jahr nach der Q-36 Aktion wurde nämlich der Pariser Street-Art-Künstler Thomas Vuille, immerhin auch ein renommierter Vertreter seiner Zunft, zu einer Geldstrafe von 500 Euro wegen Sachbeschädigung verurteilt, „pour délit de dégradation d’un bien appartenant à autrui“.  Grund: er hatte eine Rohbau- Mauer (!) des Gare du Nord, die eine Metallverblendung erhalten sollte, zwischenzeitlich mit seinem  munteren gelben Kater verziert.  Für die staatliche SNCF war das der  Anlass für eine Anzeige und für den Staatsanwalt schwerwiegend genug, für Thomas Vuille, der  ja immerhin Wiederholungstäter sei, 3 Monate Gefängnis ohne Bewährung zu fordern, was erhebliches Aufsehen erregte. Letztendlich kam Thomas Vuille dann mit der Geldstrafe davon. Aber der Vorwurf der Beschädigung blieb an ihm hängen.[6]

Da wird also auf der einen Seite mit großem Aufwand und politischer Prominenz die Öffnung des Bahnhofs für die Street-Art zelebriert, und fast gleichzeitig wird ein Street-Artist für seinen grinsenden Kater an einer Rohbau-Mauer des Bahnhofs vor den Kadi gezerrt…  Peinlich. Aber die Street-Art-Gallery am Quai 36 kann man sich- wenn denn mal das aktuelle confinement zu Ende ist-  noch ansehen- es kostet nur ein Métro-Ticket oder,  wenn man den Bahnhof zum Umsteigen nutzt, noch nicht einmal das.

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Dies war das Plakat vor dem Nebeneingang zum Gare du Nord, das vom Juni bis zum Oktober 2015 auf die Aktion aufmerksam machte. Entworfen wurde es von Sylvain Perier („Künstlername SP 38), einem 1960 in der Normandie geborenen Künstler der Street-Art, der seit 1995 in Berlin lebt und arbeitet.[7]

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SP 38 hat auch an der Galerie des  Quai 36  mitgearbeitet.

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Im Folgenden werden einige Arbeiten der Galerie Q 36 vorgestellt:

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Hier am Bahnsteigende eine Übersicht über alle Beteiligten und ihre Arbeiten

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Jerôme Mesnager

Jerôme Mesnager ist mit seinen weißen Männern einer der in Paris sehr präsenten Street-Art-Künstler.[8] Und er hat auch seinen Beitrag zu der Galerie Quai 36 geleistet: Nach seinen eigenen Worten eine Hommage an Fritz Lang für Metropolis und an Charlie Chaplin für moderne Zeiten.[9]

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Solenn Larnicol

Solenn Larnicol (Solylaisse) hat gerade auch in „unserem“ 11. Arrondissement ihre phantasievollen Spuren hinterlassen.[10] Am Quai 36 kann man ihre Paradiesvögel bewundern.

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Jana und Js

Auch Jana und Js sind Pariser Freunden der Street-Art gut bekannt- vor allem wegen ihrer großen Wandbilder im 13. Arrondissement der Stadt.[11]

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Typisch für Jana und Js sind die bienenwabenartigen Häuserfassaden –

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… da kann man an Wohnblocks im Pariser banlieue denken und an die Fotografien von Andreas Gursky.

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Pioc ppc

Der Wolfskopf ist ein besonders beliebtes Motiv von Pioc ppc . Schön, dass er auch in Q 36 vertreten ist.[12]

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Fafi

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Fafis  blonde Modepüppchen mit den roten Herzchen auf den Bäckchen, die Fafinettes, finde ich nicht sehr attraktiv. Aber als Teil der großen Q 36-Galerie kann man sie ertragen.[13]

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Gregos/Gregory

Gregos stammt aus einer nördlichen Vorstadt von Paris. Nach verschiedenen Auslandsaufenthalten lebt er seit 2006 in Montmartre. Sein Markenzeichen sind die Selbstportraits, von denen es inzwischen mehr als 1000, vor allem in Paris gibt. [14] Zunächst waren das Masken mit ausgestreckter Zunge – so wie er als kleiner Junge immer seine Zunge herausstreckte, wenn er fotografiert werden sollte. Inzwischen gibt es zahlreiche Varianten, die verschiedene Gemütszustände aufweisen. Am Quai 36 des Gare du Nord kann man eine ganze Serie der Selbstportraits betrachten.

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Phil Ramuz (Philippe Ramuz)

Phil Ramuz hat die Galerie mit  zwei der für ihn typischen schrägen Portraits bereichert.[15]

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Louis Masai

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Louis Masai ist ein englischer Street-Art- Künstler und ein Öko-Aktivist. Eines seiner bevorzugten Motive ist die vom Klimawandel bedrohte Unterwasserwelt mit ihren formenreichen und bunten Korallen.[16]   Dazu passt auch die bedrohte Biene am Quai 36.

 

BTOY

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Hinter dem Kürzel BTOY verbirgt sich eine Street-Art-Künstlerin aus Barcelona. Sie ist bekannt für ihre Frauenportraits – eines davon findet sich hier.[17]

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Der international anerkannte Streetartist Artiste Ouvrier gilt als einer der talentiertesten Schablonenkünstler seiner Generation. Der Stil des 1972 als Pierre-Benoit Dumont in Paris geborenen Malers zeichnet sich durch ein hohes Maß an Details und lebendigen Farben aus. Artiste Ouvrier unterrichtete eine Reihe junger Künstler in seiner Technik. Einige von ihnen sind inzwischen weltweit anerkannt, wie JANA & JS, mit denen zusammen er auch am Quai 36 gearbeitet hat.[18]

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Weitere Bilder vom Quai 36:

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Und hier und abschließend nun der anfangs angekündigte Bezug zur aktuellen Krise:

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Was ist das denn anderes als ein  Coronavirus?  Den gab es ja immerhin schon 2015, als diese Ausstellung entstand. Jetzt treibt er in einer neuen Variante sein weltweites Unwesen. Hier ist er wie eine bedrohliche Waffe dargestellt. Eine grausame Aktualität, die sich der Street-Art-Künstler manPvJ sicherlich kaum vorgestellt hat, als er dieses Bild auf die Wand von Bahnstein 36 malte bzw. sprühte…

Anmerkungen:

[1] https://www.welt.de/kultur/article195659693/Der-Klavierspieler-vom-Gare-du-Nord-Wer-Klassik-hoert-gehoert-einfach-dazu.html

[2] Siehe die Stellungnahmen eines Kollektivs von Städteplanern und Architekten (u.a. Jean Nouvel): Le projet de transformation de la gare du Nord ist inacceptable. Le Monde 3.9.2019. https://www.lemonde.fr/idees/article/2019/09/03/le-projet-de-transformation-de-la-gare-du-nord-est-inacceptable_5505639_3232.html  und La gare du Nord mérite le meilleur. Le Monde 17..10.2019 https://www.lemonde.fr/idees/article/2019/10/17/la-gare-du-nord-merite-le-meilleur-mais-ou-est-le-meilleur_6015833_3232.html

[3] Siehe: https://www.nouvelobs.com/elections-municipales-2020/20200126.OBS23957/griveaux-veut-deplacer-la-gare-de-l-est-pour-creer-un-central-park-parisien.html und https://www.nouvelobs.com/elections-municipales-2020/20200126.OBS23963/villani-veut-transferer-les-trafics-eurostar-et-thalys-a-saint-denis.html

[4] https://quai36.com/creation/art-residence-gare-du-nord/

[5]https://www.theguardian.com/travel/gallery/2015/jun/12/paris-street-art-gare-du-nord-goes-graffiti-with-quai-36-project

[6] https://paris-blog.org/2019/02/01/street-art-in-paris-4-monsieur-chat-miss-tic-und-fred-le-chevalier/

[7] https://www.theguardian.com/travel/gallery/2015/jun/12/paris-street-art-gare-du-nord-goes-graffiti-with-quai-36-project

[8] Siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2018/06/01/street-art-in-paris-2-mosko-jef-aerosol-und-jerome-mesnager/

[9]  „il faut savoir s’arrêter, donc hommage à Fritz Lang pour metropolis, et chaplin pour les temps modernes à voir quai 36, gare du nord.“ https://jeromemesnager.com/quai-36-gare-du-nord/

[10] https://www.solennlarnicol.fr/

[11] http://janaundjs.com/deutsch/outdoor.html Dort auch die nachfolgende Gesamtansicht.

[12] Siehe: https://www.pinterest.de/artjingle/exposition-pioc-ppc-mars-2014/

[13] https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/art-urbain-die-kessen-fafinetten-von-paris-a-428393.html

[14] http://gregosart.com/

[15]  https://www.instagram.com/philramuz/

[16] http://streetartparis.fr/interview-london-street-artist-eco-activist-louis-masai/

[17] https://streetartmankind.org/artists/btoy/

[18] https://fr.wikipedia.org/wiki/Artiste-Ouvrier

 

Dies ist der fünfte Beitrag zur Street- Art in Paris auf diesem Blog.

Die bisherigen Beiträge:

 

Zur Street-Art siehe auch die Beiträge zu folgenden Stadtvierteln:

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux
  • Pariser Erinnerunsorte an den Holocaust (Einleitung/Fortsetzung) 
  • Zwei besondere Jahrestage:  8./ 9. Mai 2020  und die Aktion am Pantheon vom 18./19. September 2020 
  • Große Männer und Frauen des Marais: Eine Ortsbesichtigung anhand der Portraits des Street-Art-Künstlers C215 (Teil 1 und Teil 2)

 

Eingestellt am 8. April 2020 im TGV nach Straßburg – es ist der Ersatzzug des ausgefallenen Ersatzzuges für die eigentlich gebuchte Direktverbindung über Saarbrücken, die es nicht mehr gibt.   Danach  soll es mit dem Regionalzug der SWE nach Offenburg weitergehen und von dort mit dem ICE nach Frankfurt….  Aber das nimmt man gerne in Kauf, wenn man die Möglichkeit dazu hat. (Vorm Betreten des Bahnsteigs wurden meine Fahrkarte, mein Passierschein – Attestation de déplacement dérogatoire- und mein Ausweis penibel kontrolliert). Ab heute darf man sich in Paris noch nicht einmal mehr zwischen 10 und 19 Uhr sportlich betätigen (joggen, Nutzung der in unserem Viertel aufgestellten Fitness-Geräte… Fahrrad-Fahren ist sowieso untersagt, wenn es nicht nachweisbaren beruflichen Zwecken dient, alle Parks, die coulée verte, der bois de Vincennes und der bois de Boulogne sind gesperrt – aber der wäre sowie nicht für uns erreichbar, da man sich ja nur maximal eine Stunde draußen aufhalten darf…. Also dann doch besser zurück in die alte Heimat…  à nouvel ordre/bis auf Weiteres….

La place des victoires/Der Platz der Siege Ludwigs XIV. in Paris: Das Modell eines „königlichen Platzes“

Paris ist reich an großen, repräsentativen Plätzen, und das sind vor allem die königlichen und die republikanischen Plätze:  Von diesen gibt es drei:  die place de la Bastille, die place de la Nation und die place de la République. Und es gibt die fünf sogenannten königlichen Plätze: die place des Vosges, bis zur Französischen Revolution place royal genannt,  und die place Dauphine, beide zur Zeit Henri Quatres geplant; dazu die Plätze Ludwigs XIV: die place Vendôme, die place de la Concorde, urspünglich place Louis XV,  und die place des Victoires.

Unter all diesen Plätzen nimmt die place des Victoires eine Sonderstellung ein: Es ist nämlich der erste königliche Platz im eigentlichen Sinne. Errichtet in den 1680-er Jahren zu Ehren Ludwigs XIV., wurde er zum Vorbild für eine Fülle weiterer königlicher Plätze in Paris und ganz Frankreich. Was einen „königlicher Platz“ ausmacht, definierte –die place des Victoires vor Augen- zum ersten Mal  der Generalpächter François Lemée in seinem Traité des statues publics von 1688: Es ist ein regelmäßig gestalteter Platz, der speziell dafür bestimmt ist, in seiner Mitte eine monumentale Statue des Königs aufzunehmen und ihr einen würdigen Rahmen zu bieten. Die place des Victoires war für Lemée ein Musterbeispiel eines solchen Konzepts, das er umso mehr begrüßte, als es für ihn keinen geeigneteren Ort für solche Plätze gab als Paris, „le centre des beaux-arts et la merveille du monde.“ [1]

  1. La place des Victoires, das verwegene Projekt eines Privatmanns

Anlass für den Bau dieses Platzes war der Friede von Nimwegen 1678/1679, der den Holländischen Krieg, auch Niederländisch-Französischer Krieg genannt, beendete und die französische Herrschaft über Kontinentaleuropa festigte.

Ausgelöst wurde der Krieg durch einen Angriff Ludwigs XIV. auf die Vereinigten Niederlande. Grund war die holländische Konkurrenz für französische Waren und den französischen Handel, auch wenn Frankreich eine protektionistische Politik mit hohen Zöllen betrieb. Louvois, seit 1670 Kriegsminister und ein notorischer Kriegstreiber, drängte also zum Krieg, um die holländische Konkurrenz auszuschalten und – nicht zuletzt- seine Stellung beim König zu festigen.

Unterstützt wurde Ludwig XIV.  vor allem von Schweden und England, deren Könige durch hohe jährliche Pensionen bestochen worden waren. Um eine Hegemonie Frankreichs auf dem europäischen Kontinent zu verhindern, verbündeten sich Spanien, das Heilige Römische Reich und der Kurfürst Friedrich Wilhelm I. von Brandenburg mit den Niederlanden. Die konnten nur durch die Öffnung ihrer Schleusen eine Eroberung ihres Landes verhindern und mussten froh sein, dass der Krieg nicht mit einer völligen Niederlage endete.

Am Ende wurde eine Reihe von Friedensverträgen abgeschlossen, die im Allgemeinen zusammenfassend als „Friede von Nimwegen“ bezeichnet werden. Frankreich erhielt große Gebiete in Flandern, dazu  die Franche Comté. Sogar Freiburg im Breisgau wurde französisch. Der Sonnenkönig befand sich auf dem Zenit seiner Macht.

Das war die Stunde von Graf  François d’Aubusson de La Feuillade, der den Anstoß gab, mit einem Standbild und einem noblen Platz die Siege des Sonnenkönigs im Französisch-Niederländischen Krieg zu feiern. La Feuillade, einer alten Adelsfamilie entstammend,  hatte als Offizier erfolgreich an diesem Krieg teilgenommen, er hatte einen Sturm auf die Festung Besançon kommandiert und sich auch auf anderen Kriegsschauplätzen ausgezeichnet. Zum Dank war er vom König zum Marschall befördert und zum Gouverneur der frisch eroberten Franche-Comté ernannt worden.

Wie sehr Feuillade den König verehrte, wird aus einem Brief der Madame de Sévigné  an ihre Tochter deutlich. Er datiert vom 16. August 1675, also zur  Zeit des Holländischen Kriegs: 

Herr von La Feuillade ist mit Postpferden direkt nach Versailles gekommen, wo er den König mit seinem Erscheinen überraschte. ‚Sire‘, sagte er, ‚die einen lassen ihre Gattinnen zu sich kommen, die anderen suchen sie zu Hause auf. Ich bin auf die Stunde einzig dazu hier, Eure Majestät zu sehen, denn ihr verdanke ich alles.‘ Sie redeten ziemlich lange, dann verabschiedete er sich mit den Worten: ‚Sire, ich kehre zur Truppe zurück und bitte Sie untertänig, der Königin, dem Dauphin, meiner Frau und meinen Kindern meine Empfehlung zu bestellen‘, stieg zu Pferd und ritt von dannen, wirklich ohne eine andere lebende Seele zu sehen. Dieses Husarenstück hat dem König sehr gefallen, und er erzählte lachen, er sei nun damit betraut, diese vielen Grüße auszurichten.“  (1a)

Man musste aber auch ein bedingungloser Verehrer des Königs sein, um für ihn das Projekt eines Standbildes und Platzes zu entwickeln und durchzusetzen.  Natürlich war es nicht einfach, einen geeigneten Platz zu finden. Denn es musste selbstverständlich ein zentraler Ort in der Nähe des Louvre, des königlichen Schlosses, sein. Allerdings gab es da natürlich keine unbebauten Freiflächen. Aber das schreckte La Feuillade nicht ab: Er fand ein Terrain nahe des Palais Royal, das seinen Ambitionen entsprach. Zwar standen dort schon mehrere Stadtpalais (hôtel particulier), aber er kaufte zwei davon auf, um sie dann abreißen zu lassen, weil sie der Konzeption eines großzügigen Platzes im Wege standen. Andere Häuser wurden von der Stadt Paris, die sich dem Unternehmen anschloss, schlicht enteignet und ebenfalls abgerissen.

Jetzt war der Raum für die Anlage des ersten wirklichen „königlichen Platzes“ von Paris und ganz Frankreich geschaffen. Die verwegene Idee eines Privatmannes konnte nun Wirklichkeit werden.

Als Name bot sich ganz selbstverständlich place des victoires an. Denn es sollten ja die Siege Ludwigs XIV. im gerade glanzvoll beendeten Krieg gefeiert werden. Dazu lag der künftige Platz in der Nähe der Kirche Notre Dame- des-  Victoires.

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Notre Dame- des- Victoires  wurde zur Zeit Ludwigs XIII., dem Vater des Sonnenkönigs, errichtet. Ludwig hatte gelobt, der Muttergottes im Falle eines Sieges gegen die Hugenotten von La Rochelle eine Kirche zu errichten. Im Giebel kann man denn auch  die königliche Krone, die Lilien der Bourbonen und die allegorisch auf den Sieg hinweisenden Flügel erkennen.

Und  dazu hat Notre Dame-des-Victoires auch einen Bezug zu Ludwig XIV. Einer der Geistlichen der Kirche, der frère Fiacre, hatte nämlich Maria jahrelang um einen dauphin  für Frankreich gebeten: Die Ehe zwischen Ludwig XIII. und seiner Gemahlin Anna von Österreich war über 20 Jahre lang kinderlos geblieben. Nach der Legende erschien aber  eines Nachts die Mutter Gottes  dem frommen Mann. Der sah in dem Kind, das Maria in ihren Armen trug,  natürlich den kleinen Jesus, aber Maria sprach zu ihm: „Das ist nicht mein Sohn, sondern das Kind, das Gott Frankreich schenken möchte.“  Und tatsächlich wurde 9 Monate später der kleine Ludwig geboren und er erhielt denn auch den Beinamen „Dieudonné“,  der Gottgegebene.[2]

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Ein Fenster im linken Querschiff von Notre Dame-des-Victoires zeigt den Frère Fiacre und die Erscheinung von Maria mit dem künftigen König. Die fehlende Aura um den Kopf des Kindes weist darauf hin, dass es sich nicht um den göttlichen Jesus handeln kann. [3]

Es hätte also kaum einen geeigneteren Ort für die  place des Victoires geben können als in der Nachbarschaft der Kirche Notre Dame-des-Victoires.

 

  1. Das Standbild Ludwigs XIV.

Mit der Herstellung der Statue des Sonnenkönigs beauftragte La Feuillade den  Bildhauer Martin Desjardins. Dass ausgerechnet er dazu ausersehen wurde, die Siege Ludwigs XIV. im Franuzösisch-Niederländischen Krieg zu verherrlichen, entbehrt nicht einer gewissen Delikatesse. Denn Desjardins  war ein 1637 in Breda als  Martin van den Bogaert  geborener Holländer, der sich aber schon in frühen Jahren in  Paris niedergelassen hatte.  Und La Feuillade hätte ihm nicht den prestigeträchtigen Auftrag erteilt, wenn sich Desjardins nicht schon einen bedeutenden Namen in Frankreich gemacht hätte: So hatte er für den Park von Versailles  eine sehr bewunderte und oft kopierte Diana geschaffen und  in Paris den Figurenschmuck für das Hôtel Salé, das heutige Picasso-Museum.

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Desjardins Statue stellte Ludwig XIV. stehend im Krönungsornat mit seinem königlichen Umhang  dar. Den hatte  der König extra dem Bildhauer ausgeliehen, um der Statue ein Höchtmaß an Authentizität zu sichern. In seiner Rechten hält Ludwig La Joyeuse, das –angeblich auf Karl den Großen zurückgehende-  Schwert der französischen Könige, auf seiner Brust hängt das Kreuz des ordre de Saint-Esprit, der höchsten damaligen  Auszeichnung Frankreichs.  Damit nimmt Desjardins eine Pose vorweg, wie sie auch  in dem späteren, weit verbreiteten Gemälde von Hyacinthe Rigaud zur Apotheose des  Sonnenkönigs verwendet wurde.

Auf dreifache Weise verdeutlicht Desjardins, dass Ludwig als Sieger gefeiert wird: Er hat den auf dem Boden liegenden  dreiköpfigen Höllenhund Cerberus zertreten.[4]Der steht für die besiegte Triple-Allianz von Spanien, den Niederlanden und dem Heiligen Römischen Reich. Darunter sieht man das Emblem mit den Bourbonen-Lilien, der Krone und den Flügeln des Sieges, das man schon von Notre Dame –des- Victoires kennt. Und  die geflügelte Allegorie des Sieges höchstpersönlich krönt Ludwig XIV. mit einem Lorbeerkranz.

Die Statue wurde zunächst in Marmor ausgeführt. La Feuillade präsentierte sie Ludwig XIV., der dem Werk seinen sonnenköniglichen Segen gab. Allerdings wünschte er sich für den ihm gewidmeten Platz eine Version aus vergoldeter Bronze, die La Feuillade denn auch umgehend 1682 bei Desjardins in Auftrag gab.[5]

 

  1. Die vier Gefangenen des Sockels

An den vier Ecken des Sockels  postierte Martin Desjardins überlebensgroße Figuren ebenfalls aus vergoldeter Bronze: Es sind  vier angekettete Gefangenen, die die vier von Ludwig XIV. besiegten Länder repräsentieren, deren Niederlage im Frieden von Nimwegen (1679) besiegelt wurde: Die Vereinigten Niederlanden, Spanien und das Heilige Römische Reich, wozu dann auch noch Brandenburg kam, dessen Kriegsgegener vor allem das mit Ludwig verbündete Schweden war. Das Thema der Besiegten und Gefangenen ist in der antiken Kunst sehr vertraut und es gibt auch ein französisches Vorbild: Nämlich die vier Gefangenen von Pierre Franqueville, die den Sockel der Reiterstatue Henri Quatres auf dem Pont Neuf flankierten. Während aber die Reiterstatue Henri Quatres und die Statue Ludwigs XIV. von der place des Victoires dem Bildersturm der Französischen Revolution zum Opfer fielen, wurden die vier Gefangenen vom Pont Neuf und ihre Nachfolger von der place des Victoires als Opfer absolutistischer Willkür verschont. Sie sind heute – von ihren Ketten befreit-  im Louvre zu besichtigen. [6]

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Die vier Gefangenen der place des Victoires sind sehr unterschiedlich gestaltet: Sie sind unterschiedlich alt, verschieden gekleidet,  und  sie drücken in ihren Haltungen und Gesichtszügen verschiedene Gemütszustände aus.

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 Spanien wird von einem jungen Mann mit langen lockigen Haaren verkörpert. Er ist nackt, der Oberkörper aufgerichtet, und er blickt voller Hoffnung in den Himmel.

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Das Heilige Römische Reich ist ein bärtiger alter Mann, gekleidet mit einer antiken Tunika. Sein Kopf ist gesenkt und sein Körper drückt Resignation und Niedergeschlagenheit aus.

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Die antike Tunika passt zu der am Boden liegenden Standarte des Heiligen Römischen Reichs mit  dem Doppeladler und den römischen Insignien. Die zwischen den vier Gefangenen liegenden Helme, Hellebarden, Abzeichen und Schilde sind wohl als Bezug  zu römischen Triumphzügen zu verstehen.

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Brandenburg wird von einem Mann im reifen Alter verkörpert, der wie ein Barbar in antiken Darstellungen gekleidet ist. Sein Gesicht ist Ausdruck seines Leids.

 

 

 

 

 

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Ganz anders die allegorisches Darstellung Hollands: Es ist ein junger Mann mit kurzem Bart. Der nackte Körper scheint zum Sprung bereit, der Blick drückt wilde Entschlossenheit. Dieser Besiegte findet sich ganz offensichtlich nicht mit seinem Schicksal ab, sondern ist bereit zur Rebellion. Hier scheint dann doch die holländische Herkunft des Bildhauers zum Ausdruck zu kommen.

Alle Gefangenen haben ihre Köpfe nach rechts geneigt, was dazu anregt, im Uhrzeigersinn um den Sockel des Standbilds herumzugehen.

 

Zwischen den Gefangenen waren auf dem Sockel der Statue Ludwigs XIV.  vier Bronzereliefs angebracht, die den Ruhm des Sonnenkönigs veranschaulichen sollten:

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Hier die Überquerung des Rheins durch die französische Armee am 12. Juni 1672, mit der der Einfall in die Niederland beginnt. Allerdings war gerade dabei die Rolle Ludwigs  durchaus umstritten. Dem König wurde jedenfalls von Offizieren vorgeworfen, er weiche der Gefahr aus und „habe sich noch nicht einem Musketenschuss“ ausgesetzt.  Ein König, der die Soldaten in den Kampf  führe, dürfe ihm nicht so auffallend ausweiche, „besonders aber nicht, wenn er im Ruf eines Kriegers und Helden zu stehen wünscht.“ (6a) Immerhin: Auf dem Relief ist Ludwig XIV. zwar dynamisch auf einem galoppierenden Pferd dargestellt,  aber eher beobachtend und kommandierend auf einem „Feldherrnhügel“ weit hinter seiner den Rhein überquerenden Armee und damit völlig außer Reichweite möglicher feindlicher Musketenschüsse…

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Die Eroberung von Besançon durfte natürlich nicht fehlen, weil  La Feuillade ja dabei eine wesentliche Rolle gespielt hatte. An der Spitze des Trupps sieht man einen Reiter. Er ist noch vor Ludwig XIV. postiert, aber selbstverständlich ihm zugewandt, um die Anweisungen des Königs entgenzunehmen. Es ist vermutlich einer der Feldherrn der französischen Armee, Turenne oder Condé. Aber ich könnte mir vorstellen, dass mancher zeitgenössische Besucher in diesem Reiter ein Abbild  La Feuillades sah – den immerhin auch auf seinen eigenen Ruhm bedachten Stifter des Platzes. Und ich vermute, dass dem das durchaus Recht gewesen ist. Auch hier übrigens ist Ludwig XIV. in sicherer Reichweite fernab des Kampfgeschehens postiert… 

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Hier erkennte der spanische Botschafter demütig die Vormachtstellung Frankreichs an. Dies bezieht sich auf einen protokollarischen Zwischenfall in London, als der spanische Botschafter sich weigerte, dem französischen Botschafter den ersten Rang einzuräumen. Das konnte Ludwig XIV. selbstverständlich nicht hinnehmen, und der Vertreter Spaniens wurde gezwungen, sich am Hofe Ludwigs demütig zu entschuldigen.

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Dieses Relief  veranschaulicht den Frieden von Nimwegen: Der König hält an seiner rechten Hand die Allegorie des Friedens, die an einer Leine –einträchtig nebeneinander- einen Löwen und ein Schaf führt. Mit der anderen Hand hilft er der am Boden liegenden Allegorie Europas, sich zu erheben und den Frieden zu begrüßen. Das Ereignis wird in das Buch der Geschichte eingeschrieben und dazu erschallt die Trompete des Ruhms.

Allerdings war die Neigung, die Trompete des Ruhms für Ludwig XIV. erschallen zu lassen nicht allgemein verbreitet. Schon im Vorfeld  der Einweihung und kurz darauf wurden zahlreiche und vielschichtige Einwände erhoben: Kritisiert wurde  der überzogene Charakter des Monuments im Allgemeinen (mit einer Höhe von immerhin insgesamt etwa 12 Metern!)  und seine in außenpolitischer Hinsicht aggressive, beleidigende Form, die auf eine explizite Herabsetzung der Nachbarnationen Frankreichs abzielte.[7] Dazu kam dann noch, dass die französischen Truppen im Krieg gegen die Vereinigten Niederlande mit großer Brutalität vorgegangen waren – ein Vorspiel dessen, was dann im Pfälzischen Erbfolgekrieg geschah. Aus dieser Sicht erschien Ludwig XIV. als kriegslüsterner, machtgieriger Herrscher und alles andere als der Friedensbringer Europas.[8]

Und als provokative Krönung  gab es noch auf dem Sockel die berühmt gewordene  Inschrift: VIRO IMMORTALI- dem unsterblichen Mann.[9]

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Am 26. März 1686 wurde die Statue in einem aufwändigen Festakt eingeweiht. Aus einem zeitgenössischen Bericht des Abbé de Choisy:

 „Man sah zu Paris, im Angesichte Gottes und der Menschen, eine ganz außergewöhnliche Zeremonie: Der Marschall de La Feuillade nahm die Einweihung einer Statue vor, die er auf dem sogenannten Platz der Siege hat errichten lassen. La Feuillade umkreiste die Statue dreimal zu Pferde an der Spitze des Regimentes der Garden, dessen Hauptmann er war,, und erwies ihr alle Huldigungen, die die Heiden früher von den Statuen ihrer Kaiser erwiesen.“

Einne silberne Gedenkmünze war schon vorher  zur Erinnerung an dieses Ereignis geprägt  worden und wurde dann an die anwesenden Honoratioren, darunter den Thronfolger,  verteilt.[10]

 

4. Die Architektur und die Beleuchtung des Platzes

Der Platz war damals allerdings noch lange nicht fertig. Aber das Entscheidende war bei diesem Ensemble ja  die Statue, während der Platz darum gewissermaßen die Fassung war, die –wie bei einem Schmuckstück- die Statue einrahmen und besonders zur Geltung bringen sollte. Mit dieser Aufgabe betraute La Feuillade niemanden Geringeren als Jules Hardouin-Mansart. Mansart (manchmal auch Mansard geschrieben) war seit 1675 Hofarchitekt Ludwigs XIV., 1678 wurde er Bauleiter des Schlosses von Versailles. Die Übernahme des Auftrages für die place des Victoires konnte sicherlich nur mit königlicher Billigung erfolgen. Es war seine erste Arbeit in Paris. Danach folgten dort noch die Entwürfe für die place Vendôme, die Kirche St. Roch und den Invalidendom.[11]

Nach dem Entwurf von Mansart waren die die Statue umgebenden Gebäude in einem Kreis um die Statue gruppiert. Der Durchmesser des Platzes und die Höhe der Bebauung waren so festgelegt, dass sie harmonisch zur Größe der Statue passten. Der Kreis bestand aus noblen Stadtpalais, deren durchgängige Fassaden nur an einigen Stellen unterbrochen waren für Straßen, die auf den Platz führten und von denen aus man möglichst einen direkten Blick auf die Statue vor dem Hintergrund der dahinter liegenden schmückenden Fassade haben sollte.

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Die Fassaden der den Platz umgebenden Stadtpalais waren alle einheitlich gestaltet: Das Erdgeschoss bildeten Arkaden, die allerdings –anders als bei der place Royal/place des Voges Henri Quatres- geschlossen waren: Sonst wäre ja beim Herumgehen der Blick auf die Statue ständig unterbrochen worden. (Bei der place des Vosges war eine zentrale königliche Statue ursprünglich gar nicht vorgesehen). Über den Arkaden mit den individuell gestalteten Maskarons verläuft ein durchgehender, alle Stadtpalais verbindender Sims, und darüber befinden sich zwei Geschosse mit der  extra hohen bel étage oder étage noble. Eingefasst werden diese Stockwerke durch Pilaster mit ionischen Kapitellen: in der Tat sehr nobel. Darüber –wie sollte es anders sein bei diesem Architekten- ein Mansarddach mit abwechselnd gestalteten Gauben – auch dies ein Bezug zur place des Vosges. Unter dem Dach lagen –wie auch später bei den Bauten an den Haussmann’schen Boulevards- die Zimmer des Dienstpersonals.

Heute wird die ursprüngliche Harmonie des Platzes  beeinträchtigt durch spätere Veränderungen: der Anlage der breiten rue Etienne Marcel und den beiden die anderen Gebäude überragenden protzigen Bauten rechts und links davon  – der Baron Haussmann lässt grüßen. Seiner Abrissbirne fiel auch das hôtel particulier zum Opfer, das sich La Feuillade für sich selbst vorbehalten hatte. Immerhin erinnert noch die rue La Feuillade an den Spiritus Rector des Platzes.

Aber einiges von dem ursprünglichen Glanz ist immer noch sichtbar- übrigens auch dann, wenn man, da wo es möglich ist, durch ein offenes Tor geht und einen Blick ins Innere wirft.

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Da hat selbst die enge Treppe für das Dienstpersonal ihren ästhetischen Reiz.

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Die Beleuchtung des Platzes

Neben der monumentalen Statue und der umgebenden noblen Bebauung hatte sich La Feuillade für „seinen“ Platz noch ein besonderes highlight –im wahrsten Sinne des Wortes- ausgedacht: nämlich eine Beleuchtung, die auch nachts das Standbild des Sonnenkönigs in helles Licht tauchen sollte. Es waren Schiffslaternen, die auf einem von jeweils  drei Säulen getragenen Sockel aus rotem Marmor befestigt waren. Auf dem nachfolgend abgebildeten Aquarell von Adam Perelle aus dem 1695 kann man im Vordergrund rechts und links zwei der Lampen-Aufbauten gut erkennen.[12]

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Wäre das Bild einige Jahre später entstanden, wäre das nicht mehr der Fall gewesen, denn seit 1699 wurden die Lampen ausgelöscht: Ihr Betrieb war viel zu aufwändig und kostspielig – und die place des Victoires hatte die Finanzen selbst des höchst vermögenden La Feuillade ruiniert. 1719 wurde dann die gesamte Beleuchtungsanlage demontiert. Vier der Säulen sind allerdings noch erhalten: Sie tragen den Baldachin des Hauptaltars der Kathedrale von Sens.[13] Und erhalten sich auch einige der jeweils 6 Medaillons, die zwischen den die Schiffslaternen tragenden Säulen hingen. Auf ihnen waren – um noch einmal das Wort aufzugreifen: highlights der Regierungszeit Ludwigs XIV. zu sehen.

Die noch erhaltenen Medaillons sind heute im Louvre ausgestellt.

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Hier ein ebenfalls von Martin van den Bogaert/Desjardins entworfenes Medaillon, das die Unterwerfung des  Dogen von Genua zeigt. Ludwig XIV. hatte Genua 1684 bombardieren lassen, weil die Republik Galeeren an Spanien geliefert hatte.  Der Doge, der aufgrund eines Gesetzes die Stadt eigentlich nicht verlassen durfte, wurden nun gezwungen, nach Versailles zu kommen und sich dort persönlich zu unterwerfen. Es war dies ein Ereignis, das „damals alle Gemüter beschäftigte“, wie ein zeitgenössischer Beobachter schrieb.  Am Tag der Audienz sei „der Zustrom von Leuten jeglichen Standes in Versailles so ungeheuer“ gewesen, „dass vom Hofe des Schlosses bis zur Großen Galerie, woe der König den Dogen empfing, das schrecklichste Durcheinander herrschte“. Dieses Ereignis musste also auch auf der place des victoires veranschaulicht werden, und die Flaneure benötigten kaum eine Erläuterung zu dem Medaillon. (13a)

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Dies ist der Ausschnitt eines weiteren Medaillons (entworfen von Jean Regnaud), das eine Wassernymphe von Versailles zeigt. Mit ihrer linken Hand deutet sie auf das Schloss des Sonnenkönigs,  Das sich über die ganze  Bildbreite hinziehende Aquädukt repräsentiert die Zufuhr des Seine-Wassers von der grandiosen, aber nur bedingt effizienten „Maschine von Marly“ nach Versailles und das Aquädukt von Maintenon, Teil des gescheiterten Projekts einer Umleitung des Flusses Eure: Ausdruck der absolutistischen Hybris des Sonnenkönigs.[14]

Das Ensemble der place des Victoires  beeindruckte die Zeitgenossen in hohem Maße. Und aller kritischer Stimmen zum Trotz wurde der Platz zum Vorbild für viele weitere Plätze dieser Art. Direkte Nachfolgerin sozusagen war die place Vendôme in Paris, deren Planung auf den damaligen Kriegsminister und Verantwortlichen für das Bauwesen (Surintendant des Bâtiments), den Marquis de Louvois zurückgeht. Und da musste der Platz natürlich noch weitläufiger sein und die Statue in der Mitte noch eindrucksvoller: Sie stellte den König nicht zu Fuß dar, sondern hoch zu Ross – 7 Meter hoch, auf einem Sockel von 10 Metern, so dass die schon beeindruckende Gesamthöhe der Statue auf der place des Victoires noch einmal um 5 Meter übertroffen wurde. Und dazu passten auch die ursprünglichen Bezeichnungen des Platzes:  place Louis-le-Grand oder place de Nos Conquêtes (Platz Unserer Eroberungen). Und danach gab es eine Fülle weiterer Projekte für die Errichtung königlicher Plätze in ganz Frankreich, ja Europa (z.B. Kassel, Friedrichsplatz), die sich auf diese Vorbilder bezogen.[15]

 

5. La Place des Victoires von der Französischen Revolution bis heute

Während der Französischen Revolution ereilte die Statue Ludwigs XIV. auf der place des Victoire das gleiche Schicksal wie alle anderen Statuen auf den fünf königlichen Plätzen von Paris: Sie wurde abgerissen und eingeschmolzen.[16]

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Abriss der Statue am 13. August 1792. Die vier Gefangenen waren schon vorher befreit und in Sicherheit gebracht worden.

Aber der Platz blieb nicht lange leer. Denn dann kam Napoleon. Der ließ zwar nicht alle verwaisten königlichen Plätze der Stadt mit neuen ihn feiernden Statuen schmücken. Aber die place de Nos Conquêtes war der geeignete Ort für die der Trajanssäule nachempfundene Siegessäule mit der Statue Napoleons. Die wurde 1810 errichtet und im gleichen Jahr erhielt auch die place des Victoires ein neues Standbild: Am 15. August 1810, also seinem Geburtstag, enthüllte Bonaparte das von Claude Dejoux geschaffene Standbild des Generals Louis Charles Antoine Desaix.[17] In der Schlacht von Marengo (Piemont) war Desaix tödlich verwundet worden. Napoleon schätzte ihn außerordentlich, wie aus seinen auf Sankt Helena geschriebenen Memoiren deutlich wird.[18]

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Die Statue war aus Bronze, allerdings stand neben dem General ein kleiner steinener Obelisk – ebenso wie die Papyrus-Blätter auf dem Sockel ein Bezug zur Teilnahme des Generals an dem ägyptischen Feldzug Napoleons. Der Obelisk gehörte zur Antikensammlung des Kardinals Albani, die zum Teil im Zuge des systematischen Kunstraubs Napoleons nach Paris  verbracht wurde, um dort das Musée Napoleon zu schmücken. Der Obelisk allerdings fand auf der place des Victoires Verwendung, um den General Desaix zu ehren und seine Siege in Ägypten zu feiern.

Allerdings war die Statue höchst umstritten, natürlich nicht wegen der dazu gehörenden Raubkunst, sondern wegen des in griechischer Manier unbekleidet dargestellten Helden. So wurde sie 1814 wieder demontiert. Das Metall der Statue fand nach der Niederlage Napoleons und der Rückkehr der Bourbonen dann eine neue Verwendung: Zusammen mit dem Metall des Napoleons von der Vendôme-Säule und dem Napoleon von der Säule der Grande Armee in Boulogne wurde es für die Herstellung der neuen Reiterstatue Henri Quatres auf dem Pont-Neuf verwendet, die die in der Revolution zerstörte ursprüngliche Statue ersetzte.[19] Der Obelisk sollte –wie auch der geraubte Laokoon oder der Apoll von Belvedere- wieder an seine ursprünglichen Besitzer zurückgegeben werden. Allerdings  konnten sich die Erben des Kardinals Albani  nicht den Rücktransport nach Italien leisten. So verkauften sie den Obelisken an den bayerischen König Ludwig I. Der ließ den Obelisken vor dem Eingang zum Ägyptischen Museum im Hofgarten aufstellen, inzwischen steht er im Museum.[20]

Mit der Restauration und der Rückkehr der Bourbonen kehrten auch die Statuen der königlichen Plätze von Paris zurück – bzw. die alten, eingeschmolzenen wurden durch neue ersetzt – mit Ausnahme der place de  la concorde,  wo die zerstörte Reiterstatue Ludwigs XV. zunächst durch eine statue de la liberté und dann durch den Obelisken von Luxor ersetzt wurde. Auf der Place des Victoires wurde 1822 ein neues bronzenes Standbild Ludwigs XIV. eingeweiht, aufgestellt auf einem Sockel aus 5 Blöcken Carrara-Marmor.

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Ludwig XIV.  ist in der Tracht eines römischen Kaisers auf einem sich aufbäumenden Pferd dargestellt, das von ihm im Zaum gehalten wird. Vorbild war der „bronzene Reiter“, die von dem Franzosen Étienne Falconet geschaffene Reiterstatue Peters des Großen in Sankt Petersburg.

Auf den beiden Längsseiten des Sockels sind große Bronzereliefs angebracht, wovon das eine –wie schon bei der ursprünglichen Statue- den Übergang über den Rhein zeigt. Da ist Ludwig XIV. übrigens  in Reichweite der feindlichen Musketenkugeln dargestellt. Aber die Verherrlichung des Sonnenkönigs, der sich mutig in den Kampf stürzt, war damit auf die Sptze getrieben.

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Das Relief auf der anderen Seite zeigt die Stiftung des ordre royal et militaire de Saint-Louis durch Ludwig XIV. im Jahr 1693.  Dieser Orden wurde 1791 aufgehoben und 1814 durch Ludwig XVIII., der das neue Denkmal in Auftrag gegeben hatte, wieder eingeführt. Insofern stellt sich der dank der Restauration an die Macht gekommene 18. Ludwig in eine Reihe mit Ludwig dem Heiligen und „Ludwig dem Großen“.  Allerdings währte das ja nur bis zur Julirevolution von 1830, durch die nicht nur Ludwig XVIII. gestürzt, sondern auch der von ihm wiederbelebte Orden endgültig abgeschafft wurde.

Ein Besuch des Platzes lohnt sich auf jeden Fall, auch wenn man kein Fan der haute-couture ist, die sich dort niedergelassen hat. Zu entdecken gibt es genug.

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Sogar der Invader hat dem Platz seine Referenz erwiesen.[21]

 

 

 

 

 

Und nicht versäumen sollte man dann auch den kleinen Abstecher zur benachbarten Place des Petits-Pères mit der Wallfahrtskirche Kirche Notre Dame- des- Victoires (mit ihren 37 000  Votivtafeln und dem Kenotaph des Komponisten Lully), den gegenüberliegenden Fassaden mit den Marienstatuen (früher gab es dort Devotionalienhandlungen)  und dem Gebäude der ehemaligen Bank Léopold Louis-Dreyfus, das unter dem Regime von Vichy Sitz des Generalkommissariats für die Judenfragen (Commissariat général aux questions juives) war, dem willigen französischen Handlanger bei der Ausgrenzung und Deportation von Juden… Aber das ist eine andere Geschichte.

 

 

Anmerkungen:

[1] Ziegler, L’invention des places,  S. 33

Das Beitragsbild ist ein kolorierter Ausschnitt aus dem Plan Turgot von 1739

(1a) Madame de Sévigné, Brief. Herausgegeben und übersetzt von Theodora Von der Mühll. Insel Taschenbuch 395. 1979, S. 129

[2] https://www.notrehistoireavecmarie.com/fr/esc/la-naissance-de-louis-xiv-dieudonne-neuf-mois-apres-la-priere-du-frere-fiacre/

[3] Der père Fiacre wurde dann auch zum Patron der Droschken, der Fiaker.

[4] Bild aus:  http://paris1900.lartnouveau.com/paris02/place_des_victoires.htm

[5] Die ursprüngliche Marmorversion soll sich nach übereinstimmenden Informationen in der Orangerie von Versailles befinden, aber dort nicht für die Öffentlichkeit zugänglich sein.

[6] https://www.louvre.fr/oeuvre-notices/quatre-captifs-dits-aussi-quatre-nations-vaincues-lespagne-lempire-le-brandebourg-et-

(6a) Zeitgenössische Zitate aus: Der Hof Ludwigs XIV. in Augenzeugenberichten. Herausgegeben von Gilette Ziegler. München: dtv 1981, S.99

[7] Ziegler: https://core.ac.uk/download/pdf/79193225.pdf

[8]  Die Brutalität des französischen Vorgehens, vor allem die Plünderung und Einäscherung der Orte Swammerdam und Bodegraven mit seinen Bewohnern durch die Truppen des Marschalls de Luxembourg, wurde von den Holländern in ganz Europa verbreitet.

[9] Die Inschrift befand sich auf dem Sockel der Statue unterhalb des königlichen Emblems. Zur Kritik siehe das Buch von Ziegler über den „Sonnenkönig und seine Feinde.“. Siehe auch: https://www.arthistoricum.net/kunstform/rezension/ausgabe/2011/5/18821/

[10] Abbildung aus:  https://www.inumis.com/shop/louis-xiv-inauguration-de-la-statue-de-la-place-des-victoires-a-paris-d1686-paris-1901956/

Zitat des Abbé de Choisy aus: Der Hof Ludwigs XIV. in Augenzeugenberichten, S. 235

[11 Zum Invalidendom siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2017/03/12/napoleon-in-den-invalides-es-lebe-der-kaiser-vive-lempereur-3/

[12] Aquarell von Adam Perelle 1695 Bild aus:  https://de.wikipedia.org/wiki/Place_des_Victoires#/media/Datei:Paris

[13] Siehe- nicht ganz zutreffend- die Darstellung im Wikipedia- Artikel über die Kathedrale von Sens: „Le maître-autel, œuvre de Servandoni,  date de 1742. Il est surmonté d’un baldaquin supporté par quatre colonnes de marbre rouge provenant du monument dédié à Louis XIV  place de la Victoire à Paris“ – Die Säulen stammen ja nicht von dem Monument Ludwigs XIV. und auch nicht von der „place de la Victoire“….  Richtig und Interessant ist aber die Bezug zwischen Paris und Sens. Immerhin  gehörte Paris, als der Hauptaltar der Kathedrale von Sens  errichtet wurde, zur Diozöse Sens. Und der Architekt Servandoni war ja vor allem in Paris tätig und wesentlich beteiligt am Bau von Saint Sulpice.

(13a) zeitgenössischer Bericht des Marquis de Sourches. Zitiert in: Gilette Ziegler, Der Hof Ludwigs XIV. in Augenzeugenberichten. München: dtv 1981, S. 214/215

[14] https://www.louvre.fr/oeuvre-notices/les-magnifiques-batiments-de-versailles 

Siehe auch die Blogbeiträge zur Wasserversorgung von Versailles, vor allem: https://paris-blog.org/2019/04/01/die-fontaenen-von-versailles-2-ausdruck-absolutistischen-groessenwahns/

und: Der Kanal Louis XIV. und das Aquädukt von Maintenon.

[15] Ziegler, L’invention des places royales. http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/4543/1/Ziegler_L_invention_des_places_2002.pdf

[16]https://www.unjourdeplusaparis.com/paris-reportage/anciennes-statues-places-royales

[17] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/Place_des_Victoires

[18] Le talent de Desaix était de tous les instans ; il ne vivait, ne respirait que l’ambition noble et la véritable gloire. C’était un caractère antique. Il aimait la gloire pour elle-même et la France au-dessus de tout. (…) L’esprit et le talent furent en équilibre avec le caractère et le courage, équilibre précieux qu’il possédait à un degré supérieur https://www.napoleon-empire.net/personnages/desaix.php

[19] siehe: Dominique Lesbros, Paris mystérieux et insolite. Paris 2005, S. 77ff

[20] Siehe: Agnes Allroggen-Bedel,  Winckelmann, die Villa Albani und das Musee Napoleon: Winckelmanns Einfluß auf die napoleonische Museumspolitik. http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/propylaeumdok/3085/1/Allroggen-Bedel_Winckelmann_Die_Villa_Albani_2007.pdf

[21] Zum Invader siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2018/10/01/street-art-in-paris-3-der-invader/

 

Literatur:

Bresc,  Geneviève, „Le décor de la place des Victoires“, in Feuillets du Louvre, 1989, n 5.01

Bresc, Geneviève, „Louis XIV, place des Victoires“, Art ou politique ? Arcs, statues et colonnes de Paris, DAAVP, Paris, 1999, pp.64-68

Isabelle Dubois, Alexandre Gady, Hendrik Ziegler (Hrsg.): La Place des Victoires. Editions de la Maison des Sciences de l’Homme, Paris 2003,

Potvin,  Manon et Bresc-Bautier Geneviève, La Sculpture sous tous ses angles. À propos de la sculpture monumentale de plein air en France au XVIIe siècle, Éditions du musée du Louvre, Service culturel, Paris, 1995, pp.20-21

Seelig, Lorenz: Studien zu Martin van den Bogaert, gen. Desjardins (1637-1694), Altendorf 1980

Ziegler, Gilette: Der Hof Ludwigs XIV. in Augenzeugenberichten. Mit einem Vorwort von Gilbert Ziebura.  München: dtv 1981

Ziegler, Hendrik, L’invention des places royales. In: Sarmant, Thierry und Gaume, Luce (Hrsg), La place Vendôme. Art, pouvoir et fortune. Paris 2002, S. 32-41. Auch unter: http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/4543/1/Ziegler_L_invention_des_places_2002.pdf

Ziegler, Hendrik, Der Sonnenkönig und seine Feinde. Die Bildpropaganda Ludwigs XIV. in der Kritik. Petersberg: 2010

Ziegler, Hendrik, DER ANLASS FÜR DIE ABFASSUNG DES TRAKTATS ÜBER DIE STATUEN: DIE IN- UND AUSLÄNDISCHEN EINSPRÜCHE GEGEN DAS DENKMAL DER PARISER PLACE DES VICTOIRES. In: Originalveröffentlichung in: Bodart, Diane H. ; Ziegler, Hendrik (Hrsgg.): Lemée, François: Traité des Statuës. Commentaires / Kritischer Apparat, Bd. 2. Weimar 2012, S. 85-101 https://core.ac.uk/download/pdf/79193225.pdf

 

Weitere Blog-Beiträge zu Ludwig XIV.:

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux
  • Pariser Erinnerunsorte an den Holocaust (Einleitung/Fortsetzung) 
  • Das Pantheon: 8. und 9. Mai 2020