50 Jahre Mai 1968: Plakate der Revolte: Eine Ausstellung in der École des beaux- arts in Paris

 

Der 50. Jahrestag des „Mai 1968“ ist in Frankreich ein kaum zu übersehendes mediales Ereignis. In den Zeitungskiosken sieht man die entsprechenden Titelseiten von Zeitschriften, in den Buchhandlungen sind ganze Büchertische für die zahlreichen Neuerscheinungen reserviert.[1]

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                    DSC02953 Medien Titel 1968 (1)   DSC02765 50 Jahre 1968

Präsident Macron hatte Ende 2017 sogar eine offizielle „commemoration“ erwogen, denn ganz unbestritten ist der Mai 1968 ein zentrales Ereignis der französischen Nachkriegsgeschichte. Anders  aber als etwa der 11. November 1918, dessen 100. Jahrestag ebenfalls in diesem  Jahr begangen wird, eignet sich der Mai 1968 wenig für einen offiziellen Akt der Erinnerung, wenn man ihn gewissermaßen als eine „zivile Liturgie“ versteht, durch die sich eine nationale Gemeinschaft des sie prägenden Erbes versichert.[2] Zwar hat das Elysée  umgehend erklärt, die Erinnerung an den Mai 68 nicht instrumentalisieren zu wollen; man wolle Daniel Cohn-Bendit, der inzwischen zu einem medienwirksamen Anhänger Macrons geworden ist,  keinen goldenen Pflasterstein überreichen.[3] Aber auch wenn nach einer neueren Umfrage des Nouveau Magazine littéraire vom März 2018 79% der Franzosen das Erbe des Mai 68 positiv beurteilen, wird er vom rechten Spektrum als “ verfluchte Erbschaft“ (Titel der oben abgebildeten Zeitschrift Valeurs actuelles) gesehen,  die entsprechend einer Forderung Sarkozys aus dem Jahre 2007 „ein für alle Mal liquidiert“ werden müsse.[4] Der Mai 68 ist also  im kollektiven Gedächtnis der Franzosen derart gegensätzlich repräsentiert, dass der Präsident mit einem offiziellen Akt der Erinnerung wohl  nur zwischen die Fronten geraten wäre, die zu überwinden er angetreten war. Und Daniel Cohn-Bendid, ohne den eine offizielle Erinnerungsveranstaltung kaum denkbar wäre, hatte ausdrücklich und frühzeitig angekündigt, nicht als nostalgischer „ancien combattant“ des Mai 68 fungieren zu wollen.[5]

So bleibt die Erinnerung daran also den Medien und zahlreichen Institutionen überlassen: In Paris sind es allein neun Einrichtungen, die unter der Federführung des Centre Pompidou  an den Mai 68 erinnern.[6] Und das ist ja nur –gewissermaßen- die Spitze des Eisbergs. Beispielsweise –und selbstverständlich- ist auch la Maison Heinrich Heine, das deutsche Haus in der Cité universitaire, beteiligt: Dort gibt es am 24. Mai eine Filmvorführung und eine  Debatte mit Zeitzeugen, u.a. Alain Geismar, einem der Repräsentanten der Studentenbewegung, und am 13. Juni eine Debatte über die internationale Dimension der Revolte.[7]

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Haupteingang der École des Beaux-Arts in der rue Bonaparte (6. Arrondissement) In der Mitte das Portal des ehemaligen Klosters der „petits-Augustins“ vom Anfang des 17. Jahrhunderts

Die École des Beaux-Arts im Pariser Quartier Latin, ein Zentrum der französischen Studentenbewegung, präsentiert(e) vom 21. Februar bis zum 20. Mai 2018 die Ausstellung „Images en lutte“ (Bilder im Kampf“), die im Mittelpunkt dieses Blog-Beitrags steht. Es ist gewissermaßen das Gegenstück zu einer weiteren Ausstellung in den Archives nationales im Pariser Marais, die den Mai 68 aus der Sicht der „Macht“darstellt, des Präsidenten, der Regierung, der Polizei: „68- Les archives du pouvoir“ (3. Mai bis 17. September).

Die École des Beaux -Arts  ist ein ganz wunderbarer Ort, dessen Besuch sich auch abseits und jenseits des 50. Jahrestags von 1968 lohnt.

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Im Mai 68 spielte sie eine ganz wichtige Rolle. Die dort entworfenen und vervielfältigten Plakate sind ein Spiegel der sozialen Auseinandersetzungen der damaligen Zeit; manche sind geradezu zu „Ikonen“ geworden, die die Erinnerung an die Ereignisse von 1968 bis heute bestimmen und ihre Wahrnehmung prägen.

Es ist deshalb auch kein Zufall, dass die Aktivisten von „Nuit debout“ 2016 – im Mai-  die Kunsthochschule besetzten. Sie sei, wie ein Sprecher der Bewegung damals erklärte, „ein höchst symbolischer Ort, der im Mai 68 besetzt wurde.“ Man werde wie damals das Material der Hochschule nutzen, um Plakate herzustellen. An die große Vergangenheit von 1968 konnte man da allerdings nicht anknüpfen…[8]

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Das Atelier populaire in der École des beaux-arts

Am 8. Mai 1968 schloss sich die École des Beaux-Arts, die renommierte Kunsthochschule von Paris, der studentischen Streikbewegung an. In der nunmehr als Ex-École des Beaux-Arts bezeichneten Hochschule wurde ein Atelier populaire eingerichtet.

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Die Umbenennung der Hochschule und das Atelier populaire stehen für ein neues Verständnis von Kunst. Bisher sei sie nur der Luxus von wenigen und auf einen geschlossenen Kreis traditioneller Institutionen (Kunsthochschule, Künstlerateliers, Salons, Galerien, Museen) beschränkt. Die Kunst sei aber in Wirklichkeit ein vitales Bedürfnis aller und es müssten Möglichkeiten eröffnet werden, dieses Bedürfnis auch auszudrücken.

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Als Mittel, das Korsett der traditionellen Kunst zu sprengen, bot sich das Plakat an. Es kann und soll vervielfältigt und in die Öffentlichkeit gebracht werden. Es ist reaktiv, kann sich also unmittelbar auf das aktuelle Geschehen beziehen. Das Atelier populaire wollte Teil der Protestbewegung sein. Es verstand sich gewissermaßen als deren public-relations- Agentur: Gruppen, die ihre Anliegen gestalten und verbreiten wollten, fanden hier Ansprechpartner. Entwürfe wurden diskutiert und einer Vollversammlung zur Entscheidung vorgelegt. Prinzip war dabei, dass die Künstler sich dieser Entscheidung zu fügen hatten, selbst wenn sie –vielleicht sogar zu Recht- der Meinung waren, ihr nicht berücksichtigter Entwurf sei der bessere gewesen. Nur so könne man, so war damals die Überzeugung, aus dem engen Rahmen der bürgerlichen Kunstauffassung ausbrechen. Dabei wurde und wird bis heute die Anonymität gewahrt: Auf keinem einzigen der in der École des Beaux-Arts ausgestellten Plakate ist angeben, wer es entworfen hat.  Die ausgewählten Arbeiten wurden dann über Nacht hergestellt und vervielfältigt. Die Auflage erreichte zunächst bis zu 2000 Exemplare, im Juni 1968 konnte sie bis auf 1 Million gesteigert werden.[9]

In einem Bericht über den Mai 68 im Quartier Latin beschreibt Simone de Beauvoir das Leben in der von Studenten besetzten Sorbonne und erwähnt dabei auch die Omnipräsenz der Plakate:

„Jamais , ni dans ma studieuse jeunesse ni même au début de cette année 68 je n’aurais pu imaginer pareille fête. Le drapeau rouge flottait sur la chapelle et sur les statues des grands hommes. Sur les murs fleurissaient les merveilleux slogans inventés quelques semaines plus tôt à Nanterre. Chaque jour apparaissaient dans les couloirs de nouvelles inscriptions, des tracts, des affiches, debout au mileu de la cour des groupes discutaient avec acharnement.“[10]

Wie wirkungsvoll das Atelier populaire in der Pariser Kunsthochschule war, zeigt sich auch daran, dass es Vorbild wurde für andere entsprechende Einrichtungen, wie das atelier populaire de Marseille oder das Atelier de l’École des Beaux-Arts de Lyon.[11] Und vor allem war es die Polizei, die den Erfolg des Pariser atelier populaire bestätigte: Im Juni 1968 –um 4 Uhr morgens- drang sie in die Kunsthochschule ein, um das  „atelier populaire“ zu schließen, weil es  zur Gewalt aufrufe.[12] Eine dauerhafte Schließung des Ateliers erreichte die Polizei aber nicht. Und das Atelier kommentierte auf seine Weise  die Polizeiaktion:  Wenn sich die Polizei in den Beaux-Arts verbreite, dann verbreite beaux-arts seine Plakate an den Wänden der ganzen Stadt.

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Einige der Plakate, die dort entstanden sind, gehören inzwischen zu den Ikonen der 68-er Bewegung, in den Worten von Le Monde: „Les affiches de l’atelier populaire des Beaux-Arts demeurent les éléments les plus identifiables de l’iconographie insurrectionelle.“[13] Im konservativen Figaro wird allerdings bemängelt, von der revolutionären künstlerischen Avantgarde hätte man  mehr Kreativität erwarten können, sie habe eine „mine de plomb“.[14] Das kann man  so sehen, denn in der Tat gibt es teilweise ja  in der Tat sehr schematisierte Darstellungen:  so die in die Höhe gereckte Faust, den Schlot der Fabrik und ihr gezacktes Sägezahndach. Aber diese Reduktion auf einige feststehende Elemente ist sicherlich nicht fehlender Kreativität geschuldet –für die es in der Ausstellung genügend Belege gibt- sondern dem Medium des Plakats, zu dem eben gerade auch das Plakative gehört.

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Ein schönes, gleich am Anfang ausgestelltes Plakat zeigt fünf Portraits kommunistischer Größen, dazu eine Aufschrift, die Worte der Internationale zitiert:  „Il n’est pas de sauveur suprême“,  in der deutschen Übersetzung: „Es rettet uns kein höh‘res  Wesen“. Worauf  in der deutschen Version folgt: „kein Gott, kein Kaiser noch Tribun“ – auf dem Plakat entsprechend „ni Dieu, ni Castro, ni Mao“.  Abgebildet sind dazu in der klassischen Aneinanderreihung die Portraits von Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao. In der Ausstellungsbesprechung von Le Monde wird pikanterweise das Portrait von Marx als das Gottes bezeichnet[15]– was aber dann doch wieder einen höheren Sinn ergibt- wurde doch Marx damals von vielen gewissermaßen wie ein Gott verehrt….

Ein Portrait, das man in Frankreich kaum verwechseln kann, ist das von Daniel Cohn-Bendid. Das von Gilles Caron aufgenommene Bild, auf dem er in der Sorbonne einen behelmten und Schlagstock-bewaffneten Polizisten herausfordernd und entwaffnend anlacht, zierte damals und ziert heute wieder anlässlich des 68-er Jubiläums die Titelseiten von Zeitungen und Magazinen. Es veranschaulichte die Konfrontation des „ci jolie mois“, einer beschwingten antiautoritären Revolte, die Daniel Cohn-Bendit verkörperte, und einer unbeweglichen, ihre Macht demonstrierenden und exekutierenden Staatsgewalt.[16]    

Cohn Bendit wurde als Repräsentant der sogenannten Bewegung des 22. März in Frankreich bekannt. Dies war zunächst ein lockerer Zusammenschluss von Studenten unterschiedlicher politischer Tendenzen, der sich an der neu gegründeten Reform-Universität von Nanterre gebildet hatte. Der Auslöser war ein Jahr vorher die Forderung nach uneingeschränkter Bewegungsfreiheit von Studentinnen und Studenten in den nach Geschlechtern getrennten Wohnheimen der Universität. Der Konflikt eskalierte. Es kam zu einem bis dahin undenkbaren Einsatz von Polizei auf dem Universitätsgelände, Studenten wurden der Universität verwiesen, eine Maßnahme, von der auch Daniel Cohn-Bendit bedroht war. (Inzwischen hat die Universität ihren Frieden mit ihm geschlossen und ihn 2014 sogar zum Ehrendoktor gemacht….[17])

Im Januar 1968 kam es an der Universität zu einem Zwischenfall, der gewissermaßen zum Grundstein der Medienprominenz von Daniel Cohn-Bendit wurde. Der Minister für Jugend und Sport, François Missoffe, kam nach Nanterre, um im Sportzentrum der Universität ein Schwimmbad zu eröffnen. Dabei wurde er von Daniel Cohn-Bendit, damals Student der Soziologie, auf das kurz davor erschienene, vom Ministerium herausgegebene Weißbuch über die Jugend angesprochen: Er habe das Weißbuch gelesen und auf den 300 Seiten kein einziges Wort über die sexuellen Probleme der Jugend gefunden. Der Minister ging zunächst nicht darauf ein, als aber Cohn-Bendit insistierte, empfahl der Minister dem frechen Studenten, er solle doch, wenn er solche Probleme habe, einfach ins Wasser springen. Darauf Cohn-Bendit:  „Voilà une réponse digne des Jeunesses hitlériennes.“  Das  sei eine Antwort im Stil der Hitlerjugend.[18]

Am 22. März besetzten Studenten den Turm der Universität von Nanterre, Sitz der Verwaltung, von der die Studenten ausgeschlossen waren. Grund dieser spontaneistischen Aktion war unter anderem die Forderung nach Freilassung von  Demonstranten, die zwei Tage vorher bei einer militanten Aktion anlässlich des Vietnam-Kriegs  festgenommen worden waren. Der 22. März gilt in Frankreich als Geburtsstunde der mouvement du 22 mars genannten Studentenbewegung[19]  und Daniel Cohn-Bendit als deren Repräsentant, der am 20. Mai bei einem Treffen mit Jean-Paul Sartre gewissermaßen seinen Ritterschlag erhielt. Die Studentenbewegung bringe, so Sartre, die „imagination au pouvoir“ und erweitere das Feld dessen, was möglich sei („l’extension du champ des possibles“).[20]

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Auf einem der berühmtesten im atelier populaire entstandenen Plakate ist denn auch das Caron’sche Portrait Cohn-Bendits verarbeitet und   mit der Aufschrift: „Nous sommes tous indésirables“ versehen.

Dieser Satz –wir sind alle unerwünscht– bezieht sich auf das Aufenthaltsverbot, das die französische Regierung während der Mai-Unruhen gegen Cohn-Bendit als Störenfried der öffentlichen Ordnung verhängte („trouble à l’ordre public“). Nach einem Deutschland-Aufenthalt durfte er als unerwünschte Person nicht mehr nach Frankreich einreisen  – ein Verbot, das erst  10 Jahre später aufgehoben wurde. In dieser Zeit war dann Dany Cohn-Bendit auch in Deutschland zu dem Mann geworden, „der 1968 verkörpert.“[21]

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Es gab auch Plakate mit der Aufschrift „Nous sommes tous des juifs et des allemands“ („Wir sind alle Juden und Deutsche“) oder „Nous sommes tous des juifs allemands“ („Wir sind alle deutsche Juden“).    Damit reagierte das atelier populaire  auf die Denunzierung Cohn-Bendits als Jude und Deutscher seitens der politischen Rechten und der KPF. Der KPF-Chef Georges Marchais sprach zum Beispiel Anfang Mai von Splittergruppen, die von dem deutschen Anarchisten Cohn-Bendit angeführt würden.[22]

Die rechtsextreme Wochenzeitung Minute schrieb in ihrer Ausgabe vom 2.-8. Mai 1968, „dieser Cohn-Bendit“ halte sich für einen neuen Karl Marx, „weil er Jude und Deutscher ist.“ Und auf ihrer Titelseite fragte  sie, warum der  „Deutsche Cohn-Bendid, der Chef der Vandalen-Commandos“, immer noch nicht ausgewiesen sei. („Qu’attend-on pour expulser l’Allemand Cohn-Bendit, chef des commandos de vandales?“[23]

Die Plakate mit den Aufschriften Nous sommes tous des Juifs et des Allemands“ und nous sommes tous de juifs allemands“ wurden allerdings von der Vollversammlung der Beaux-arts abgelehnt, weil die Verwendung des Wortes „Jude“ eine rassistische Komponente habe.[24] Dafür entschied man sich für die Version mit der Aufschrift „Wir sind alle unerwünscht.“ Nach dem Einreiseverbot für Cohn-Bendit wurden  dann  aber auch die zunächst abgelehnten Versionen verbreitet.

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Auf diesem Plakat  fungiert Staatspräsidenten de Gaulle als Zöllner, der -allerdings vergeblich- Daniel Cohn—Bendit die Einreise nach Frankreich verwehren will.  Die Aufschrift auf diesem Plakat  ist natürlich eine Anspielung auf das „no pasaran“ aus dem Spanischen Bürgerkrieg – 1968  wurden immer wieder gerne historische Bezüge hergestellt und die eigene Bewegung in die Tradition früherer Kämpfe gestellt: Für entsprechende Assoziationen gab es in Frankreich genügend Stoff – von der Französischen Revolution über die Revolutionen von 1830 und 1848 bis hin zu der Pariser Commune von 1871.[25]

Das links abgebildete Plakat  verkündet in diesem Sinne, dass die Commune nicht gestorben sei. Und die Frau mit der roten Fahne in der Mitte der Communarden kann wohl als Anspielung auf Louise Michel, die Ikone der Commune, und als Bildzitat von Delacroix‘ berühmtem Bild der Freiheit verstanden werden, die das Volk führt.

Das ebenfalls in der École des beaux-arts ausgestellte Titelbild  von Charlie Hebdo bezieht sich auf die semaine sanglante, die Niederschlagung der Pariser Commune im Mai 1871. Die hier  genannte Zahl von 90 000 Erschossenen ist weit übertrieben, auch wenn die „blutige Woche“  ihren Namen zu Recht trägt.  Die Zeichnung des Karikaturisten Jean-Marc Reiser zeigt den damaligen Ministerpräsidenten Georges Pompidou mit den Worten: Faut ce qu’il faut, was vielleicht am besten dem norddeutschen wat mutt dat mutt entspricht. Der Staat, so die Botschaft, geht auch über Leichen, um den Aufruhr niederzuschlagen und die staatliche und wirtschaftliche Ordnung wiederherzustellen.

Die dafür zuständigen Institutionen sind aus damaliger Sicht, wie die Exponate zeigen und wie Le Monde in ihrer Ausstellungskritik schreibt, die Polizei und die Medien:

„Der Held der Ausstellung ist in gewisser Weise die Polizei… Die CRS (SS) natürlich, mit Helm, den Schild erhoben und den Schlagstock geschwungen, aber auch die Gedankenpolizei: das mundtot gemachte Fernsehen (es durfte keine Filmaufnahmen von Demonstrationen machen, um die Zuschauer nicht auf ‚dumme Gedanken‘ zu bringen), und die Presse, die als Befehlsempfänger des Staates wahrgenommen wurde.“[26] Deshalb die Aufschrift auf der mit Tinte gefüllten Presse-Flasche: nicht schlucken und der durch Radio und Fernsehen zum folgsamen Schaf transformierte Bürger, der die Welt aus der (durch das lothringische Kreuz bezeichneten) gaullistischen Perspektive wahrnimmt.   Und deshalb auch die Forderung nach einem regierungsunabhängigen Fernsehen.

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Bei der CRS (Compagnies Républicaines de Sécurité) handelt es sich um eine kasernierte Bereitschaftspolizei, die damals an vorderster Front stand, wenn es um Einsätze gegen Demonstranten und Streikende ging. Durch ihr teilweise rücksichtsloses Vorgehen gegen die Studenten im Quartier Latin trug die CRS wesentlich zur Verbreiterung der Protestbewegung bei.[27]

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Allerdings war der damalige Polizeipräfekt von Paris, Maurice Grimaud, kein einschlägig ausgewiesener faschistoider Scharfmacher wie einer seiner Nachfolger, Maurice Papon, sondern  „un grand résistant républicain“, der  versucht habe, die Polizei auch bei den Demonstrationen in Paris im republikanischen Geist zu führen. So jedenfalls die Einschätzung Cohn- Bendits,  der deshalb auch den Slogan „CRS=SS“ für völlig verrückt („complètement débile“) hält.[28]  Die SS steht in Frankreich ja  immerhin für das Massaker von Oradour…

Der Slogan  CRS=SS  scheint in Frankreich aber immer noch seine Befürworter zu haben, wie die Aufschrift auf einem Plakat zeigt, das für eine Ausstellung über den Mai 68 aus Sicht derjenigen wirbt, die „hinter den Schilden“ standen – manchmal allerdings auch Schlagstock – schwingend und -schlagend  durch das Quartier Latin stürmten.

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Allerdings waren die Einsätze der CRS gegen streikende Arbeiter, die ihre Fabriken besetzt hatten, besonders hart,  und dabei kamen  –anders als bei den Studenten-Demonstrationen in Paris-  sogar mehrere Menschen ums Leben.

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Bei diesem Plakatentwurf aus dem Atelier populaire der Pariser Kunsthochschule erhält man übrigens einen kleinen Einblick in die Arbeitsweise:

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Hier wurde zunächst eine Blleistifskizze angefertigt, die dann mit schwarzer Tusche ausgeführt wurde – allerdings offenbar nicht das Plenum überzeugen konnte.

Ein bevorzugtes Objekt der Plakate war natürlich Staatspräsident de Gaulle, zumal dieser in der 5. Republik eine erhebliche Machtfülle auf sich vereinigte. Hier  wird er, wohl um dies zu veranschaulichen, mit der erhobenen Hand des Hitlergrußes dargestellt- wobei man allerdings de Gaulle als einem Résistant der ersten Stunde keinenfalls eine Nähe zum  Faschismus oder eine Willfährigkeit  gegenüber den deutschen Besatzern unterstellen kann.

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Es gab aber auch  Plakate, die sich auf ganz andere Weise mit der Staatsmacht auseinandersetzten. So das de Gaulle-Plakat „La chienlit c’est lui!“

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Dieses Plakat, das zu den bekanntesten aus der Produktion des atelier populaire gehört, bezieht sich auf einen Ausspruch von Staatspräsident de Gaulle am 19. Mai: „La réforme, oui, la chienlit, non!“ Le chienlit war eine Person des Karnevals von Paris, später wurde es (eher selten)  auch in der weiblichen Form verwendet als Ausdruck  für Unordnung, Aufregung- so von de Gaulle auf den Champs-Elysées im August 1944 anlässlich der Befreiung von Paris – und dann eben wieder 1968.[29]  Dass de Gaulle auf diesem Plakat, das seinen Ausspruch aufgreift und umformt,  wie eine Marionettenfigur dargestellt wird, kann als Ausdruck einer politischen Theorie gesehen werden, für die der Staat lediglich die Marionette des Großkapitals ist.  Es passt aber auch zu dem karnevalistischen Ursprung des Wortes und zu dem Anspruch der Volkstümlichkeit, der auch in den beiden nachfolgenden Plakaten/Entwürfen des atelier populaire zum Ausdruck kommt. DSC02774 Beaux Art 50 Jahre 1968 (101)

Die klassische Marionetten-Figur des Räubers ist hier, wie die gereckte Faust zeigt, der Arbeiter, der anscheinend auch zum bewaffneten Kampf bereit ist….

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Viele der ausgestellten Plakate beziehen sich auf soziale Bewegungen und Streiks. Und das ist kein Zufall: Immerhin gab es 1968 die größte Streikbewegung, die Frankreich jemals erlebt hat. Die Zahlen der Streikenden, die in den Medien angegeben werden, schwanken, oft wird die Zahl von 7 Millionen genannt, die Angaben reichen aber bis 10 Millionen. Es dürfte also zwischen einem Drittel und der Hälfte aller französischen Arbeitnehmer gewesen sein, die damals die Arbeit einstellten und für höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen, aber zum Teil auch für die Beseitigung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung eintraten. Und immerhin ist der französische Mai 68 von allen studentischen Protestbewegungen, die es damals in vielen Ländern der Welt gab, die einzige, die auch Schüler, einen großen Teil der Künstler und Intellektuellen und auch „les masses ouvrières“ mobilisiert hat.[30] Es ist ja in diesem Zusammenhang bemerkenswert, dass der Generalstreik vom 13. Mai von allen Gewerkschaften auch ausgerufen wurde, um  gegen das harte Vorgehen der Polizei während der „Nacht der Barrikaden“ im Quartier Latin[31] zu protestieren.

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Das Besondere dieser Streikbewegung war, dass sie nicht auf die traditionell streikerprobten Großbetriebe der Automobil- und Flugzeugindustrie (Renault, Citroën, Sud-Aviation) beschränkt war und auch nicht auf die traditionellen industriellen Regionen des Pas de Calais und des Großraums Paris. Auch in keinen Unternehmen und in bis dahin eher wenig arbeitskämpferischen Regionen wurde nun gestreikt, was in diesem Plakentsprechend gefeiert wird.

 

 

Die Einheit von Arbeitern, Studenten und Bevölkerung wird in dem nachfolgend links wiedergegebenen Plakat proklamiert.

Die beiden Plakate beziehen sich auf die Renault-Fabrik von Flins, wo im Anschluss an den Generalstreik vom 13. Mai seit dem 14. Mai gestreikt wurde. Am 16. Mai besetzen Arbeiter die Fabrik. Das Mittel der Fabrikbesetzungen spielte 1968 eine große Rolle: Sie hatten die Funktion, den Forderungen Nachdruck zu verleihen sowie Aussperrungen und die Fortsetzung der Arbeit mit Streikbrechern zu verhindern. Darüber hinaus wird auf einem Plakat des Atelier populaire auch für die Einheit von Arbeitern und Bauern geworben – und in der Tat war ja auch die französische Landwirtschaft Teil von der Mobilisation des Mai 68 betroffen, auch wenn sie weniger im Rampenlicht stand.

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Die in dem obigen Plakat proklamierte Einheit von „Arbeitern, Studenten, Bevölkerung“ gab es stellenweise im Mai 68 – aber insgesamt handelte es sich doch, nach dem Urteil des französischen Soziologen Pierre Bourdieu, um eine „Synchronisierung“ verschiedener Kämpfe, nicht aber um ihren Zusammenschluss. Als am 17. Mai ein Zug von Studenten den Arbeitern  von Renault-Billancourt, die ihre Fabrik besetzt hatten, ihre Solidarität bekunden wollte, wurden auf Anweisung der Gewerkschaft CGT die Werkstore geschlossen…..[32]

Die Streikbewegung legte einen großen Teil des öffentlichen Lebens lahm, Benzin wurde zu einem kostbaren Gut, der Eisenbahnverkehr kam durch den Streik der cheminots zum Erliegen. Der Aufruf zur Unterstützung der Bahnbediensteten hat 50 Jahre später wieder eine besondere Aktualität angesichts der Streikwelle bei  der Staatsbahn, durch die vor allem die für Neueinstellungen geplante Abschaffung des äußerst komfortablen Statuts der cheminots verhindert werden soll.   Gleichzeitig gibt es in Frankreich derzeit auch eine Protestbewegung bei Air France und in den Hochschulen. Den Anlass dort liefern Pläne der Regierung, den Zugang zu den Universitäten neu zu gestalten. Während die prestige- und karriereträchtigen Grands Écoles ein äußerst selektives Aufnahmeverfahren praktizieren, ist der Zugang zu den Universitäten weitgehend unbeschränkt, was allerdings dazu führt, dass etwa 60% der Studenten schon im ersten Universitätsjahr scheitern und nur 28,7% nach den dafür vorgesehen drei Studienjahren den Bachelor (licence) erreichen.[33] Gegen das von der Regierung geplante Bewerbungs- und damit natürlich auch Selektionsverfahren  gibt es –bisher allerdings nicht von den eigentlich betroffenen Schüler/innen-  Widerstand, was Hoffnungen auf eine „convergence des luttes„, also eine breite Aktionsfront von Studenten, Schülern und Arbeitern wie im Mai 68 aufkeimen lässt.  Vergleiche mit dem Mai 68 haben da Konjunktur. In einem Interview mit Le Monde wurde beispielsweise der Generalsekretär der CGT, Philippe Martinez, gefragt, ob er „einen neuen Mai 68“ anstrebe. Martinez wollte zwar keine direkte Parallele ziehen, aber der Mai 68 bleibe ein Bezugspunkt für die aktuellen Arbeitskämpfe, vor allem auch, was die gewerkschaftliche Einheit angehe. „La demarche est similaire“. Allerdings  ist es den Gewerkschaften noch nicht einmal gelungen, 2018 eine gemeinsame Maikundgebung zu organisieren. Von einem Generalstreik aller Gewerkschaften wie 1968 ist man da weit entfernt.  [34]  Und ein ganz wesentlicher Unterschied zwischen 1968 und 2018 ist doch wohl, dass der Mai 68 im Verständnis seiner Akteure ein Aufbruch zu einer besseren Zukunft war, während es bei den aktuellen Auseinandersetzungen in Frankreich eher um die Konservierung von Zuständen geht, die kaum überlebensfähig sind.[35]

Insofern ist auch nicht zu erwarten, dass es 2018 zu einer ähnlichen politischen Krise kommen wird wie die, die 1968 von der Studenten- Schüler- und Streikbewegung nangestoßen, aber nicht verursacht wurde. Am 30. Mai 1968 löste Staatspräsident de Gaulle die Nationalversammlung auf und kündigte Neuwahlen für den 23. Juni an, mit denen sich mehrere Plakate des Atelier populaire kritisch auseinander setzte.Während die Eltern im Sinne des durch das Lothringerkreuz symbolisierten Staatspräsidenten wählten, würden die Kinder von der Polizei zusammengeschlagen.

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Gleichzeitig versuchte aber die Regierung Pompidou, der Streikbewegung, die am 24. Mai mit 9-10 Millionen Beteiligten ihren Höhepunkt erreichte[36], Wind aus den Segeln zu nehmen. Am 27. Mai wurde von Regierung, Arbeitgebern und Gewerkschaften das sogenannte Protokoll von Grenelle unterzeichnet. Es sah u.a. eine Erhöhung des Mindestlohns um 35 %, allgemeine Lohnerhöhungen von 7% -was allerdings im Rahmen des davor  Üblichen blieb- das Ziel einer Reduzierung der Arbeitszeit auf 40 Stunden und das Recht gewerkschaftlicher Betätigung in den Betrieben (allerdings keine Mitbestimmung) vor.  Von vielen, die sich  in der Streikbewegung engagiert hatten,  wurden diese Vereinbarungen als unzureichend angesehen.

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Das hier abgebildete Plakat aus dem atelier populaire fordert zu einer Fortsetzung der Arbeitskämpfe auf. Die politische Wahl ändere nichts. In der Tat: Die Parlamentswahlen vom 30. Juni, die auch als  „Angstwahlen“ bezeichnet wurden, führten zu einem überwältigenden Wahlsieg der gaullistischen UDR, die 293 von 378 Sitzen gewann.[37]

Die Streikbewegung ebbte nun –auch unter dem Druck der Gewerkschaftsführungen- allmählich ab, auch wenn noch im Juni 68 auf Plakaten des atelier populaire der Anfang eines fortdauernden Kampfes verkündet wurde.

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Der fand dann zwar nicht statt, aber  die sozialen Auseinandersetzungen des  Mai 68  haben doch die Arbeiterbewegung der nachfolgenden Jahre stark beeinflusst. Das gilt vor allem für das „symbolische Thema der Selbstverwaltung“, das von der damals zweitgrößten (und heute größten) französischen Gewerkschaft, der CFDT, propagiert wurde.[38]

Das wohl bekannteste Modell eines selbstverwalteten Betriebs war die traditionsreiche Uhrenfabrik LIP in Besançon. 1973 ging die Fabrik in Konkurs  und stellte die Produktion ein. In einem Akt der Selbstverteidigung („autodéfense“) , führten die Arbeiter die Produktion fort und vermarkteten selbst die von ihnen hergestellten Uhren.[39]

Das Beispiel von LIP fand ein großes mediales Echo weit über Frankreich hinaus. In der Ausstellung sind auch Plakate zu sehen, die dazu beigetragen haben, das Modell der Selbstverwaltung bekannt, ja populär zu machen. Eine LIP-Uhr zu tragen gehörte damals auch in Deutschland zum guten links-alternativen Ton. Und im Raum Frankfurt zum Beispiel entstanden in den 1970-er Jahren, angeregt von LIP. eine ganze Reihe von alternativen selbstverwalteten Projekten, die teilweise noch bis heute erfolgreich arbeiten. Das selbstverwaltete LIP-Projekt war zwar 1976 gescheitert –u.a. auch am Ausbleiben von Aufträgen des Staates, der verhindern wollte,  dass das Projekt Schule machte, aber immerhin „trugen die Auseinandersetzungen der LIP-Arbeiterinnen und -Arbeiter zur vorerst letzten Ausbauphase des französischen Wohlfahrtsstaats bei.“[40]

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Ein besonderes Kennzeichen des französischen Mai 68 war die große Beteiligung von Schüler/innen an den Protestaktionen. Das wird für manche  Beobachter, auch professionelle, eine Überraschung gewesen sein. Wurde doch in dem schon erwähnten Jugendweißbuch, über das sich Daniel Cohn-Bendit empörte, ein geradezu idyllisch-antiquiertes Bild der Jugend gezeichnet: Der junge Franzose, so heißt es da, wolle zwar früh heiraten, aber erst dann Kinder auf die Welt setzen, wenn er über genügend Mittel verfüge, sie auch korrekt aufzuziehen. Bis dahin sparten die jungen Männer für ein Auto und die jungen Mädchen für ihre Aussteuer.[41]

Allerdings gab es schon vor dem Mai 68 in den Schulen Anzeichen einer Politisierung und Mobilisierung, die sich unter anderem in der Kritik an einer autoritären Schulorganisation und einer vorherrschenden autoritären Gestaltung des Unterrichts äußerte. Es bildeten sich an verschiedenen Schulen sogenannte Comités d’action lycéen (CAL), um gegen  « les lycées-casernes » bzw. Gefängnisschulen zu protestieren. Im Mai/Juni 1968 waren etwa 400 Schulen besetzt.

Die  beiden Plakate aus dem Pariser atelier populaire sind Ausdruck eines damals verbreiteten Lebensgefühls bei Jugendlichen, nämlich nicht ernst genommen und nicht gehört zu werden. Im gaullistischen Frankreich gab es weder an Schulen noch an Hochschulen institutionelle Räume, die Jugendlichen die Möglichkeit zur Artikulation ihrer Positionen,  geschweige denn zur Mitbestimmung gegeben hätten. Und im Bereich der Politik war es ähnlich: Das Wahlrecht gab es erst ab 21 Jahren.

 

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Überblickt man die in der École des beaux-arts ausgestellten  Plakate fällt auf, dass die Frauenbewegung  fast nicht repräsentiert ist. Die  Bewegung von 1968 wurde ja in der Tat auch in erster Linie von Männern getragen, sie war –wie Le Monde schreibt, eher „eine Revolution von Männern und für Männer.“[42]  Gerne wird in diesem Zusammenhang in der Literatur über den Mai 68 darauf hingewiesen, dass in der Delegation der Gewerkschaften, die die Protokolle von Grenelle verhandelten, keine einzige Frau vertreten war – geschweige denn bei den Vertretern von Arbeitgebern  und Regierung. Ganz abwesend sind die Frauen auf den Plakaten der Ausstellung aber nicht:  Auf diesem Plakat der „Femmes en Lutte“ des 13. Arrondissements von Paris geht es um die Forderung nach kostenloser Scheidung-  die Heirat sei  ja auch kostenlos. Und das Thema Scheidung war in den 1950-er und 1960-er Jahren auch deshalb für Frauen besonders virulent, weil in Scheidungsprozessen das Verhalten von Mann und Frau üblicherweise mit völlig unterschiedlichen Maßstäben gemessen wurde. Erfolgreich war dieses Anliegen allerdings nicht.  Immerhin durften Frauen in der Folge des Mai 68 aber erstmals ohne Zustimmung des Mannes ein Konto eröffnen…. Und es entwickelten sich doch  trotz –oder aufgrund- der männlichen Dominanz im Mai 68 Strukturen einer feministischen Bewegung, die  dann in den Auseinandersetzungen zum Beispiel um die Straffreiheit von Abtreibungen die zentrale Rolle spielte.[43]

Noch weniger oder überhaupt nicht präsent ist –auch nach dem Befund der in der École des Beaux-arts ausgestellten Plakate- im Mai 1968 die politische Ökologie. „Le mot ‚écologie‘ est absent de Mai 68“.  Klimaveränderung, Umweltzerstörung, Bevölkerungswachstum, Ressourcenrückgang spielen hier noch keine Rolle.[44] Erst die 1972 vorgestellte Studie des Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“ wurde zur „Chiffre einer Zeitenwende“,  was die Entwicklung ökologischen Bewusstseins angeht.

Eine wesentliche Rolle bei der Politisierung und Mobilisierung von Schülern und Studenten spielte in Frankreich –wie ja auch in Deutschland-  der Protest gegen den Vietnam-Krieg der USA. In diesem Protest hat sich gewissermaßen „die Generation 68“ geformt.[45] Auch zu diesem internationalen Aspekt des Mai 68 gibt es in der Ausstellung der École des Beaux-Arts Anschauungsmaterial, wie beispielsweise das Dart-Spiel mit dem  Yankee als Volltreffer. Aber dieser Bericht wäre völlig überfrachtet, wenn ich auch darauf  noch genauer einginge…

Aber etwas darf dann doch nicht fehlen in diesem Bericht: Geht man –wie wir- durch die rue Bonaparte zur École des Beaux-Arts,  kommt man an dem Haus vorbei, in dem der Zeichner und Cartoonist Georges Wolinski von 1976 bis 2015 gelebt hat –also bis zu seinem gewaltsamen Tod  in den Redaktionsräumen von Charly Hebdo.

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Und dann  berührt es schon ganz besonders, wenn man ein paar Schritte weiter in der Ausstellung auf dem dort aufgebauten 68-er Zeitschriftenwühltisch eine Ausgabe von Chrarly Hebdo mit einem Titelbild von Wolinski findet, das die militante Fabrik- und Streik-Ikonographe des atelier poplulaire  aufgreift, aber in sehr freundlich-humorvoller Weise. Und dann ist auch noch das  Plakat  von Wolinskis Theaterstück  „Je ne veux pas mourir, idiot“ zu sehen. Mit diesem Stück brachte Wolinski die  „Ideen von 68“ auf die Bühne – und auch damit –und als Jude-  hatten ihn die islamistischen Terroristen, die ihn am 7.Januar 2015 ermordeten, ganz  besonders im Visier.

Abschließen möchte ich diesen Beitrag aber mit zwei berühmten Plakaten aus dem atelier populaire, die für sich sprechen: „Rückkehr zur Normalität“ und „Die Ordnung regiert“.

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Diese Plakate laden natürlich dazu ein, über den Mai 68 und seine Folgen nachzudenken. Darüber wird in Frankreich seit 50 Jahren sehr intensiv und heftig diskutiert. Eines allerdings scheint alle Kontrahenten zu einigen: Die Überzeugung nämlich, dass der Mai 68 unbestreitbar zum nationalen Erbe gehört, wie es in der Ankündigung der Ausstellung in den Archives nationales heißt: „Le ‚moment 68‘  (…) appartient incontestablement au patrimoine national.“[46]

Eine besondere  Pointe/Fußnote lieferte dazu  übrigens ein Werbeplakat, das, blickte man aus den Ausstellungsräumen auf die andere Seite der Seine im Pariser Smog zu erkennen war:

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Augmenter la réalité. Révolutionner les idées. La 5 G arrive….

Abgeschlossen am 28.4.2018

 

Anmerkungen

[1] Einen kleinen Überblick über die entsprechenden Neuerscheinungen bietet Le Monde des Livres: „Mai 68 hors les murs“ vom 9. März 2018

[2] Louis Manaranche, Commémorer Mai 1968? In: Figaro 25.10.2017

http://www.lefigaro.fr/vox/societe/2017/10/25/31003-20171025ARTFIG00128-commemorer-mai-1968.php

[3] http://www.liberation.fr/politiques/2017/11/08/commemorer-mai-68-il-n-est-pas-prevu-de-remettre-le-pave-d-or-a-dany-cohn-bendit-pour-l-elysee_1608574

[4] https://www.lexpress.fr/actualite/politique/a-bercy-sarkozy-attaque-les-heritiers-de-mai-68_464258.html

https://www.nouvelobs.com/politique/elections-2007/20070430.OBS4781/nicolas-sarkozy-veut-liquider-l-heritage-de-mai-68.html

[5] Interview mit Raphaël Glucksmann „Pourquoi j’en ai marre de 68“ in:Le  Nouveau Magazine Littéraire, Mars 2018, p. 28f

[6] http://www.lefigaro.fr/arts-expositions/2018/01/18/03015-20180118ARTFIG00167-le-centre-pompidou-lance-les-commemorations-de-mai-68.php

[7] https://maison-heinrich-heine.org/

[8] Bild aus: http://www.leparisien.fr/paris-75/paris-75006/nuit-debout-l-ecole-des-beaux-arts-de-paris-occupee-13-05-2016-5793175.php

Zur Nuit-debout-Bewegung siehe den entsprechenden Blog-Bericht: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/361

[9] Vincent Brocvielle, soixante-huit’arts. In: 88, le grand tournant, S. 60f

[10] Aus: Simone de Beauvoir, Tout compte fait.  (1972). Zitiert in: Le Quartier latin des écrivains. Éditions pimientos 2003, S. 111/112

[11] Siehe: Marseille Années 68, sous la direction d’Olivier Filiieule et Isabelle Sommer. Les Presse de Science-Po. 2018 und Lyon en lutte dans les années 68. Collectif de la Grand Côte. 2018

[12] Einen erneuten  Polizeieinsatz gibt es  übrigens im Februar 1974. Damals ging es der Polizei darum, regelmäßige Versammlungen und Feministinnen und Homosexuellen zu unterbinden, die dort seit 1971 stattfanden. http://www.lemonde.fr/arts/article/2018/02/28/l-iconographie-de-mai-68-s-affiche-aux-beaux-arts_5263427_1655012.html#bPxwpFwPPPfQ0bEZ.99

[13] Le Monde des livres, 13.4.2018, S. 9:  Dessiner sans entrave.

Am 16. Mai wurden im Hôtel Druot (9. Arrondissement) mehrere hundert Plakate des Mai 68 versteigert, „pour la plupart issues de l’Atelier polpulaire (ex-Ècole des Beaux-Arts)“. Aus: A Nous Paris, 30.April- 6. Mai 2018, S. 9

[14] Bertrand de Saint Vincent, Ça l’affiche mal. ‚Images en lutte- La culture visuelle de l’extrême gauche en France‘ au Palais des beaux-arts. In: Le Figaro, 27.3.2918, cahier No 3

[15] http://www.lemonde.fr/arts/article/2018/02/28/l-iconographie-de-mai-68-s-affiche-aux-beaux-arts_5263427_1655012.html#bPxwpFwPPPfQ0bEZ.99

[16] https://artblart.com/tag/daniel-cohn-bendit-facing-a-crs-in-front-of-the-sorbonne/  Das untere Bild  rechts ist ein Ausschnitt aus der Titelseite von Le Nouveau Magazine Littéraire, März 2018. In einer Sendung von France Culture wird Daniel Cohn-Bendid als derjenige bezeichnet, „qui incarne à lui seul Mai 68“:

https://www.franceculture.fr/emissions/le-choix-de-la-redaction/le-choix-de-la-redaction-1-er-janvier-2018

In der Bibliothèque nationale de France findet vom 17. April bis zum 26. August 1968 eine Ausstellung statt mit dem Titel:  „Icônes de Mai 68, Les images ont une histoire“. Neben der „Marianne de Mai 68“ , dem Foto einer inmitten einer Demonstration auf den Schultern ihres Freundes sitzenden und fahnenschwingenden jungen Frau, die Le Monde zum Titelbild ihrer Mai 68-Sonderausgabe gemacht hat, steht dort Gilles Carons Cohn-Bendid-Foto im Mittelpunkt. Von April bis Juli präsentiert das Hôtel de Ville de Paris die erste Retrospektive von Gilles Caron, dem photojournaliste mythique des années 1960. https://presse.paris.fr/wp-content/uploads/2017/11/Premi%C3%A8re-r%C3%A9trospective-du-photographe-Gilles-Caron-%C3%A0-l%E2%80%99H%C3%B4tel-de-Ville.pdf

Der „ci jolie mois“ Mai 68 ist ein Zitat aus der Ankündigung  des Sonderhefts von  Le Monde („68. Les jours qui ebranlèrent la France“) in Le Monde  vom 24.4.2018,  S. 21

[17] https: www.parisnanterre.fr/honoris-causa-daniel-cohn-bendit-572853.kjsp

[18] https://blogs.mediapart.fr/patrice-louis/blog/220308/22-mars-1968-l-enregistrement

[19] Siehe im Einzelnen: https://blogs.mediapart.fr/patrice-louis/blog/220308/22-mars-1968-l-enregistrement

Zur Bewegung 22. März siehe auch das Interview mit Daniel Cohn-Bendid: In: Matériaux pour l’histoire de notre temps. Jahrgang 1988, S. 124ff

https://www.persee.fr/doc/mat_0769-3206_1988_num_11_1_403840

[20] https://bibliobs.nouvelobs.com/idees/20180315.OBS3685/quand-sartre-interviewait-cohn-bendit-dans-l-obs-du-20-mai-1968-un-dialogue-historique.html

[21]  http://www.fr.de/politik/zeitgeschichte/die68er/daniel-cohn-bendit-der-mann-der-1968-verkoerpert-a-1344389

http://www.deutschlandfunk.de/daniel-cohn-bendit-in-deutschland-bin-ich-bekannt-in.1295.de.html?dram:article_id=379579

[22] https://fr.wikipedia.org/wiki/Nous_sommes_tous_%C2%AB_ind%C3%A9sirables_%C2%BB

[23]Am 4. Mai 2008 widmete der Fernsehsender Arte „der Geschichte des in Frankreich sehr  berühmten Plakats“ eine Ausgabe der Sendereihe Carambolag: https://sites.arte.tv/karambolage/fr/le-slogan-nous-sommes-tous-des-juifs-allemands-karambolage

[24] http://www.integrersciencespo.fr/index.php?article535/resume-de-mai-68-pourquoi-mai-68-et-chronologie

[25] Siehe zum Beispiel den Bericht eines Augenzeugen und Teilnehmers der Demonstrationen im Quartier latin:

„J‘ai surtout conservé la mémoire de manifestations d’étudiants prenant le tournant d’une rue avec ses maisons anciennes, un souvenir qui s’impose à moi dans une association intime aux Révolutions françaises, et 1848 tout particulièrement.“ https://www.cairn.info/revue-le-mouvement-social-2010-4-page-165.htm

Zur Pariser Commune siehe den Blog-Beitrag: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2912

[26] http://www.lemonde.fr/arts/article/2018/02/28/l-iconographie-de-mai-68-s-affiche-aux-beaux-arts_5263427_1655012.html#bPxwpFwPPPfQ0bEZ.99

[27] Über den „Mai 68, printemps des violences policières“ wurde 1969 in Cannes ein eindrucksvoller Dokumentarfilm präsentiert (Mai 68, La belle ouvrage von Jean-Luc Magneron), der zum 50. Jahrestag wieder in Pariser Kinos gezeigt wird. (siehe Le Monde 25. April 2018)

[28] Daniel Cohn-Bendit (avec Patrick Lemoine): Sous les crampons… la plage. Paris 2018, S. 10/11

[29] http://www.lefigaro.fr/histoire/archives/2015/10/06/26010-20151006ARTFIG00283-de-gaulle-en-mai-68-la-reforme-oui-la-chienlit-non.php

https://fr.wikipedia.org/wiki/Chienlit

[30] Entretien avec Edgar Morin. In: 68, le grand tournant, S. 8: „C’est la seule qui ait débordé l’université pour investir tous les champs de la société et provoquer une crise politique majeure.“  Entsprechend Le Monde, 24.4.2018, S. 3:  „Mais il n’y a qu’en France qu’elle (une effervescence généralisée W.J.) dépassa la seule jeunesse révoltée pour atteindre profondément toutes les strates de la société.“

Allgemein dazu: Xavier Vigna, l’insubordination ouvrière dans les année 68. Essai d’histoire politique des usines. Presses Universitaires Rennes 2007

[31] http://www.liberation.fr/cahier-special/1998/05/11/special-mai-68-cette-nuit-la-10-au-11-mai-de-gaulle-dort-des-21-heures-le-quartier-latin-occupe-se-h_238427

[32] Siehe Geoffroy de Lagasnerie, Il faut renvoyer mai 68 aus passé. In: Politis, No 67, Febr/März 2018, S.5 und Ludivine Bantigny, a.a.O., S. 10

[33] Angaben des ehemaligen Rektors der Sorbonne, Jean—Robert Pitte, in: Le Figaro, 6.4.2018, S.14 und aus einem Debattenbeitrag von 63 Universitätspräsidenten in Le Monde vom 20.4.2018: La loi orientation favorise la réussite de tous les étudiants.

Da, wo die Nachfrage nach Studienplätzen und das vorhandene Angebot besonders weit auseinanderklaffen, gibt es allerdings bisher schon (notwendiger Weise) ein „Auswahlverfahren“, nämlich das Los, ein eklatanter Widerspruch zu der sog. „meritokratie“,  die in Frankreich zu den republikanischen Grundpfeilern gehört. Da erscheint es mir jedenfalls schon sinnvoller, fachbezogene Auswahlkriterien zu verwenden. In dem mir aus familiären Gründen vertrauten Fach Sport zum Beispiel- wie es die Regierung vorsieht-  u.a.  Mindestanforderungen für sportliche Leistungen und der Nachweis über Erfahrungen im assoziativen sportlichen Bereich.

[34] Interview mit Philippe Martinez in Le Monde, 12. April 2018,, S. 7

[35] Es ist in diesem Zusammenhang ja bezeichnend, dass keine französische Gewerkschaft fordert, den cheminot-Status mit seinen vielfachen Vorzügen auf alle Arbeitnehmer zu übertragen.

[36] http://www.bpb.de/internationales/europa/frankreich/152656/der-franzoesische-mai-68

[37] http://www.lemonde.fr/societe/article/2006/03/30/en-mai-68-les-accords-de-grenelle_756462_3224.html#MEkZPIOZe8LeL6Du.99

[38]https://www.ladepeche.fr/article/2008/04/18/449592-mai-1968-mouvement-social-plus-massif-ait-connu-france.html

[39] http://www.lemonde.fr/economie/article/2013/06/18/cooperatives-et-syndicats-un-mariage-de-raison-pour-lutter-contre-les-restructurations_3432214_3234.html

[40] https://zzf-potsdam.de/de/news/jens-beckmann-schliesst-promotion-thema-selbstverwaltung-im-industriebetrieb-ab

[41] Zit. in: Youenn Michel, Mai 68 et l’enseignement: mise en place historique. In: Les Sciences de l’éducation 2008,3 (Vol 41)

« Le jeune Français songe à se marier de bonne heure, mais a le souci de ne pas mettre d’enfants au monde avant d’avoir les moyens de les élever correctement. Aussi son objectif n° 1 est-il la réussite professionnelle. En attendant, sur ses gains modiques, il fait des économies, le jeune homme pour s’acheter une voiture, la jeune fille pour constituer son trousseau (…)“

https://www.cairn.info/revue-les-sciences-de-l-education-pour-l-ere-nouvelle-2008-3-page-13.htm

[42] Anne Both, Le printemps contrarié des femmes. In: Le Monde des livres, 9. März 2018, S.3

[43] „Le mouvement des femes toujours à contretemps“. In: 68, Le grand tournant. Les hors-série de l’Obs No 98, S. 74ff

Christine Delphy, La deuxième ‚vague féministe‘ est née en 1968. In: Politis, hors-série No 67, Febr/März 2018, S.25/27

Unsere Freundin Monique Bauer hat ein schönes Buch über die „filles de mai“ herausgegeben. (Filles de Mái,, 68 mon mai à moi. mémoires des femmes:  Le bord de l’eau 2018). Dabei geht es gerade darum, bezogen auf den Mai 68 die „silence des femmes dans l’histoire“ aufzubrechen.

[44] Claude Marie Vadrot, In: Politis, hors-série 67, Febr/März 2018, S. 68

Siehe: Vorwort von Daniel Cohn-Bendid zu Mai 68. Paris: Denoël 2008, S. 8

[45] Laurent Jalabert, Aux origines de la génération 1968 : les étudiants français et la guerre du Vietnam.  In: Revue d’histoire No 55,  1997, S.  69-81  https://www.persee.fr/doc/xxs_0294-1759_1997_num_55_1_3664

[46] Mémoire d’avenir. Le journal des archives nationales 30, April/Juni 2018, S.8

 

Literatur

Volkhard Brandes, Paris, Mai ’68: Plakate, Karikaturen und Fotos der Revolte. Taschenbuch – 2008

Michel Wlassikoff, Mai 68. L’affiche en héritage, Gallimard

Vincent Chambarlhac et al, Le Trait68. Insubordination graphique et contestations politiques (1966-1977)

Ausstellungskatalog „Images en lutte. La culture visuelle de l’extrême gauche en France (1967-1974) Editions ENSA

Xavier de Jaarcy, Les affiches de Mai 68 sont sorties d’une espèce d’usine heureuse. In: Télérama, 26.4.2018

Die Seineufer in Paris: Der schwere Abschied vom (Alp-) Traum einer autogerechten Stadt.

Am 21. Februar 2018 hat ein Pariser Verwaltungsgericht geurteilt, dass die Sperrung der voie Pompidou, der Autoschnellstraße auf dem rechten Seineufer, unrechtmäßig sei.  Die Umwandlung dieser Autostraße in eine Fußgängerzone gehörte zu den wesentlichen Projekten der 2014 gewählten Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo. Schon im Sommer 2016 war die Schnellstraße für Paris plages und eine Ausstellung über die Pariser Klimakonferenz provisorisch stillgelegt worden. Am 26. September 2016 beschloss dann  die  Pariser Stadtverordnetenversammlung  (Conseil de Paris) mit den Stimmen der linken Parteien und der Grünen und gegen den erbitterten Widerstand der rechten Parteien die dauerhafte Umwandlung eines zentralen 3,3 km langen Teilstücks der voie Pompidou zwischen dem tunnel des Tuileries (1er) bis zum bassin de l’Arsenal“ (4e) in eine Fußgängerzone (piétonnisation).  Am 2. April 2017 fand die von den Befürwortern als Meilenstein der Stadtentwicklung gefeierte offizielle Einweihung statt. Die Fußgängerzonen auf beiden Seiten der Seine wurden jetzt offiziell in „Parc rives de Seine“ umgetauft und die Stadtverwaltung rührte dafür kräftig die Werbetrommel. [1]

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Allerdings ging der Beschluss der Stadtverordneten, wie das Verwaltungsgericht feststellte, von unzureichenden und ungenauen Prämissen aus und war nicht hinreichend fundiert, so dass die Schließung nicht rechtens sei.  Die Straße müsse deshalb wieder für den Autoverkehr geöffnet werden.[2]  Für einen deutschen Beobachter ist es schon bemerkenswert, dass in einer Zeit, in der  in Deutschland die Sperrung von Straßen jedenfalls für besonders umweltbelastende Autos auf der Tagesordnung steht und Gerichte entsprechenden Druck machen, es hier in Paris genau umgekehrt ist. Jetzt haben die Gegner des Projekts wieder Oberwasser, aber die Befürworter, allen voran die Pariser Bürgermeisterin Hidalgo, wollen keinen Falls aufgeben.

Das Bündnis „Sauvons les berges“ sammelte in kurzer Zeit 32 500 Unterschriften für die Beibehaltung der Fußgängerzone und rief für den 10. März 2018 zu einer Demonstration auf dem noch gesperrten Seineufer auf.

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Anne Hidalgo, hier am Mikrophon, versprach, nicht locker zu lassen und das Projekt der piétonnisation, der Umwandlung der Autostraße in eine Fußgängerzone, auch nach diesem Gerichtsbeschluss dauerhaft zu etablieren. Die Gesundheit der Menschen lasse sich nicht verhandeln, rief sie im Blick auf die hohe Umweltbelastung der Stadt, an der der Autoverkehr einen erheblichen Anteil hat, aus.

Am Rand der Demonstration kamen wir mit einer Passantin ins Gespräch, die von den Auslagen der Bouquinistes an der oberen Kaimauer das Geschehen beobachtete und geradezu hasserfüllt kommentierte. Man sehe doch, was für ein kümmerliches Häuflein von Demonstranten da zusammengekommen sei – nach Angaben der Organisatoren waren es 2000, was aber auch nach unserer Schätzung wohl deutlich übertrieben war. Und die, die da demonstrierten, seien doch nur Pariser BoBos[3] , die sich das Leben in der Stadt leisten könnten.  Die Sperrung der voie Pompidou sei vielleicht gut für die Touristen, aber eine Katastrophe für Pendler; ein Argument, das ich auch schon von meinem im Umland wohnenden Pariser Friseur gehört hatte.  Der Verkehr würde nur nach oben  verlagert, was zu mehr Staus und einer höheren Umweltbelastung führe. Und es waren ja auch Anwohner der am oberen Seineufer gelegenen „Ausweichstraßen“, die gegen die Schließung der voie Pompidou geklagt hatten.

Für mich war diese Demonstration der Anlass, mich etwas näher mit der Geschichte der Pariser Stadtautobahnen entlang der Seine und ihrer Umwandlung in Fußgängerzonen zu beschäftigen. Ich bin allerdings weder Stadtplaner noch Umweltfachmann noch Jurist, sondern ein interessierter Beobachter, dessen Informationen Ergebnis  eines regelmäßigen, wenn auch nicht umfassenden Medienkonsums sind. Und ich bin auch, das soll nicht verschwiegen werden, ein durchaus betroffener, also nicht ganz unparteiischer Beobachter: Ich wohne in Paris, habe als Rentner Zeit und bewege mich in der Stadt vor allem mit dem Fahrrad. Gerade von der Sperrung der nördlich der Seine verlaufenden voie Pompidou  haben wir aufgrund unseres Wohnorts im Nordosten von Paris sehr profitiert. Ich gehöre also zu denen, die hoffen, dass diese Fußgängerzone dauerhaft beibehalten werden kann.

 

  1. Die Voie Pompidou und das Konzept der autogerechten Stadt

Die voie Pompidou ist wesentlicher Bestandteil eines Konzepts, Paris zu einer autogerechten Stadt zu machen. Dieses Konzept hat eine lange Tradition. Der berühmte Architekt Le Corbusier stellte 1925 auf der Exposition internationale des Exposition internationale des Arts Décoratifs seinen „Plan Voisin“ vor, benannt nach und finanziert von dem französischen  Luftfahrtpionier und Autobauer Voisin und entwickelt in engem Kontakt mit den Größen der französischen Automobilindustrie Peugeot und Renault. Dieser Plan sah nicht nur den flächendeckenden Abriss des Marais-Viertels vor, das durch 18 gleichförmige sechzigstöckige Hochhaus-Blöcke „saniert“ werden sollte. Dazu gehörten auch breite Paris zerschneidende und mit der Peripherie verbindende Autoschnellstraßen in nord-südlicher und west-östlicher Richtung und zunächst sogar die Errichtung eines Flughafens mitten in Paris. Das Auto habe die Stadt zerstört, erklärte Le Corbusier, jetzt sei es an der Zeit, dass das Auto die Stadt auch wieder retten müsse. Die verstopften Arterien der Stadt müssten gewissermaßen geöffnet werden. Natürlich sei sein Vorschlag brutal, aber der Städtebau sei eben eine brutale Angelegenheit, weil auch das Leben brutal sei. Albert Speer und dessen aus den Ruinen von Berlin aufzubauendes Germania lassen grüßen.[4]

Le Corbusiers Plan Voisin wurde glücklicherweise nie umgesetzt. Die  Idee,  Paris autogerecht umzugestalten, war  damit aber nicht aufgegeben. Nach dem Krieg wurden (erneut) Pläne entwickelt, Autoschnellstraßen quer und längs durch Paris zu bauen. „Nous voulons faciliter la circulation“, stellte der damalige Präfekt Raymond Haas-Picard im Juli 1964 fest. Das war die Zeit der sogenannten Trente Glorieuses, des französischen Pendants des deutschen „Wirtschaftswunders“. Paris sollte den Anforderungen einer modernen Metropole gerecht werden. Dazu gehörten die Verlängerung von Metro-Linien ins Umland, der Bau von Schnellbahnstrecken (RER), die Paris mit der Peripherie verbinden sollten und der Bau eines neuen Flughafens im nördlichen Umland von Paris. Und dazu gehörten auch neue Autostraßen. Immerhin hatte sich in den Nachkriegsjahren des wirtschaftlichen Wachstums der Autoverkehr in Paris verdoppelt. Also wurde auf dem Gelände der früheren Festungsanlagen die Ringautobahn um Paris gebaut (der sog. Péripherique)[5] und es wurden Pläne zum Bau von Schnellstraßen durch Paris  entwickelt: Dazu gehörte die Idee einer Nord-Süd-Schnellstraße längs durch Paris von der porte d’Aubervilliers zur porte d’Italie. Der Kanal Saint Martin hätte zu diesem Zweck durchgängig zubetoniert werden müssen – der südliche Teil des Kanals war ja schon zu Zeiten des Barons Haussmann zugedeckelt worden, um den in Versailles stationierten Truppen einen ungehinderten Vormarsch zu den potentiell aufrührerischen Stadtteilen im Osten der Stadt zu ermöglichen… [6] Zur Idee, die Stadt autogerecht zu erschließen, gehörten vor allem Schnellstraßen entlang der Seine, um Paris  in wenigen Minuten mit dem Auto  ungehindert durchqueren zu können. Ein erstes 2,3 km langes Teilstück der südlichen Autoschnellstraße wurde in den 1960-er Jahren zwischen dem Institut de France und dem port de Grenelle verwirklicht. Die 1971 eigentlich geplante Weiterführung bis zum pont d’Austerlitz, also vorbei an Notre Dame, scheiterte am erbitterten Widerstand von Anwohnern und wurde 1974 vom damaligen Präsidenten Valérie Giscard d’Estaing (VGE) aufgegeben, ebenso wie das ebenso abenteuerliche Nord-Süd-Projekt.

Aber immerhin: Die 13 Kilometer lange Schnellstraße („voie express“) auf der rechten Seine-Seite zwischen der porte de Saint-Cloud und dem Pont National, wurde am 22. Dezember 1967 von Georges Pompidou, dem damaligen Premierminister, eingeweiht. Pompidou war ein begeisterter Autofahrer und brachte am Steuer seines Porsche 356 manchmal seine Leibwächter zur Verzweiflung, die Mühe hatten, ihm zu folgen. Jetzt hatte er die Genugtuung, diese Schnellstraße entlang der Seine einzuweihen, die denn auch folgerichtig 1975 zu seinen Ehren nach ihm benannt wurde.

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Auf der Höhe des Hôtel de Ville“ angebrachte Tafel zur Erinnerung an die Umbenennung der „voie expresse rive droite“ in „Voie Georges Pompidou“

Die  Presse überschlug sich geradezu in der Begeisterung über die neue „autoberge“. Ein Reporter des „Parisien libéré“ schrieb einen Tag nach der Einweihung: „Für die Pariser, Opfer der ständigen Verkehrsstaus, ist das zweifellos das schönste Weihnachtsgeschenk.“ Und  der Kollege vom „Figaro“ sprach korrekt laizistisch von einem „cadeau de fin d’année“ der Stadt Paris an die Einwohner der Hauptstadt.  Die neue Ost-West-Achse erlaube, das Zentrum der Hauptstadt mit Hilfe von 7 Unterführungen „ohne eine einzige rote Ampel“ in 6 Minuten zu erreichen.[7] Für uns heute klingt das eher befremdlich:  Das Konzept der autogerechten Stadt, „l’idéal du tout-auto“  der 1960-er Jahre, ist, wie der Figaro 2016 anerkannte, schlicht und einfach überholt.[8]  In Paris geht es jetzt nicht mehr um den Bau von Autoschnellstraßen,  sondern um ein Netz von durchgängigen Fahrradwegen (Réseau express vélo – REVe), auf dem Fahrradfahrer ungehindert und sicher die Stadt von Nord nach Süd und von Ost nach West durchqueren können.[9] Damals aber gehörten die städtischen Autoschnellstraßen zu dem von Pompidou repräsentierten Aufbruch Frankreichs in die Zukunft, so wie  andererseits auch –da hat die Geschichte Pompidou Recht gegeben-  das nach ihm benannte Kunstzentrum, dessen Architekt Renzo Piano damals verhöhnt und verlacht wurde, das heute aber ein fester architektonischer Bestandteil der Stadt ist.

 

  1. Die Verbindung zum Fluss: ein erster Schritt rive gauche

Es war der Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoë, der die stadtplanerische Umkehr einläutete und im Wahlprogramm für seine zweite Amtszeit (ab 2008) versprach, die Flussufer “zurückzuerobern” (“requonquerir les voies sur berge”). Es sei eine Verirrung, dass “einer der schönsten Orte der Welt” als städtische Autobahn fungiere. Man werde also das Seineufer den Parisern und den “amoureux de Paris” zurückgeben. Damit werde die Umweltbelastung verringert und die Lebensqualität in der Stadt erhöht.[10] Konkret vorgesehen war die Verbannung des Autoverkehrs aus einem 2,3 km langen Teilstück des Seineufers zwischen dem pont de l’Alma und dem pont Royal – vorbei am grandiosen pont Alexandre III, der Assemblée nationale, dem hôtel Salm[11] und dem  musée d’Orsay.

Allerdings stießen diese Pläne auf den erbitterten Widerstand der damaligen Regierung François Fillons, gegen deren  Willen das Projekt nicht durchgesetzt werden konnte: Die Tiefkais der Seine sind im Besitz des Staates. Delanoë sprach deshalb Anfang 2012 von einem “Diktat der Regierung”, die die für dieses Jahr geplante Öffnung des Tiefkais für Fußgänger verhindere.[12] Allerdings gab es dann doch noch 2012 grünes Licht für das Projekt: Im Mai 2012 wurde Präsident Sarkozy abgewählt und François Hollande wurde Präsident, einen Monat später gewannen die Sozialisten auch die Wahlen zur Assemblée nationale und der Sozialist Jean-Marc Ayrault wurde Ministerpräsident.

Jetzt stand der Umsetzung des Projekts nichts mehr im Wege, auch wenn die Opposition dagegen weiter heftig war. Es handele sich, wie die Stadtverordneten der UMP (der bisherigen rechten Mehrheitsgruppierung) kritisierten, um ein Projekt, das im Gegensatz zu den aktuellen ökonomischen und sozialen Realitäten stehe. “Gewaltige Staus, Lärm und Umweltverschmutzung warden bald das Vergnügen einiger Fußgänger verderben und noch etwas mehr die Attraktivität der Hauptstadt beeinträchtigen.” Die Bürgermeisterin des von der Straßensperrung besonders betroffenen 7. Arrondissements, Rachida Dati, beklagte –wohl nicht ganz zu Unrecht- dass keine effektiven alternativen Verkehrmittel vorgesehen seien.  Die Stadtverwaltung wies demgegenüber darauf hin, dass der städtische Autoverkehr zwischen 2001 und 2010 um 25% zurückgegangen sei und dass immerhin ein Raum von 4,5 Hektar für Sport, Kultur und Natur geschaffen werde.[13]

Ein Spaziergang oder eine Fahrradfahrt durch diese aufofreie Zone an einem sonnigen Frühlings-, Sommer- oder Herbsttag zeigt, wie intensiv dieser Raum genutzt wird. Unter anderem, wie man hier sieht, von Kindern, für die viele Spielmöglichkeiten geschaffen wurden.

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…. auch für Erwachsene, die sich hier sportlich betätigen oder erholen können…

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…etwa  auf den neu angelegten Pontons, den „ jardins flottants“ , auf denen man allerdings nur mit viel Glück einen der begehrten Plätze auf den hölzernen Liegestühlen ergattern kann.

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Auch Flora und Fauna kehren wieder an das Seine-Ufer zurück.

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Vor allem ist diese neue autofreie Zone aber bei schönem Wetter und  an Wochenenden eine einzige Feiermeile. Am pont d’Alexandre ist da kaum ein Durchkommen und selbst ein kleines freies Plätzchen am Rand des Flusses zu finden, ist da schwierig. Glücklich kann sich schätzen, wer einen der begehrten Liegestühle am südlichen Brückenkopf ergattern kann. Die „Rückeroberung“ des Flussufers ist also ganz offensichtlich ein großer Erfolg.

 

  1. Die voie Pompidou wird „boulevard urbain

Ein weiteres Projekt des früheren Bürgermeisters Delanoë war die Umwandlung eines 3 Kilometerlangen, auf der Karte gelb markierten  Teilstücks der voie Pompidou auf der rechten Seine-Seite in einen „boulevard urbain“.

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Hier sollte der Autoverkehr also nicht, wie auf der anderen Seite, völlig verbannt werden. Der Verkehr hier sei hier wesentlich größer mit der Folge möglicher Engpässe und Staus auf den Ausweichstrecken, was nach Einschätzung Delanoës den Erfolg der Bemühungen um Verkehrsberuhigung insgesamt beeinträchtigen könnte.

Paris Plages August 2012 und Baustelle Voie Pompidou 004

Ziel Delanoës war es  also, auf den Tiefkais der rechten Seine-Seite einen Kompromiss zwischen Autoverkehr und nichtmotorisierten Straßennutzern zu schaffen. Dazu dienten die Reduzierung der Straßenbreite zugunsten der Gehwege entlang des Flusses und die Einrichtung von Fußgängerüberwegen und Ampeln zur Geschwindigkeitsreduzierung.[14] Die Messgeräte, die man auf diesem 2012 während der Bauarbeiten gemachten Foto noch sieht, wurden dadurch überflüssig.

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Auf dieser Simulation ist die « Koexistenz » von Autos und Passanten veranschaulicht, wie sie seit 2012 auf diesem Teilstück der voie Pompidou herrschte.  Gezeigt ist die zu einer Kneipe umgestaltete Maison des Célestins, wo der Tiefkai besonders breit ist : also eine aus Sicht der Fußgänger besonders schmeichelhafte Perspektive.[15]

 

  1. Die Umwandlung der voie Pompidou in eine Fußgängerzone: eine politische, stadtplanerische, ökologische und juristische Auseinandersetzung

Die Umwandlung des zentralen Abschnitts der voie Pompidou in eine reine Fußgängerzone war von Bertrand Delanoë als zu riskant und problematisch erachtet worden, so dass er sich mit einem „boulevard urbain“ begnügt hatte. Der Hauptgrund für diese Zurückhaltung war wohl das unterschiedliche Verkehrsaufkommen auf beiden Seiten der Seine: Während die Autoschnellstraße rive gauche von etwa 2000 Autos täglich befahren wurde, waren es auf der gegenüberliegenden Seite über 40 000. Damit war die voie Pompidou „eine der meistbefahrenen Strecken der Stadt“.[16] Für Anne Hidalgo, Delanoës vormalige Stellvertreterin und Nachfolgerin, war aber gerade diese Verkehrsdichte eine Aufforderung zum Handeln. Nach dem großen Erfolg der Fußgängerzone auf der südlichen Seine-Seite machte sie die völlige Schließung des bisherigen boulevard urbain zu einem Hauptpunkt ihres Wahlprogramms.[17] Immerhin hatte man ja auch schon positive Erfahrungen mit zeitlich begrenzten Schließungen gemacht: In den Sommermonaten bei Paris plages, an Sonntagen und –unfreiwillig- bei Hochwasser.[18]  Durch die dauerhafte Verbannung der Autos aus der voie Pompidou könnten die Fußgänger von der place de la Bastille bis zum  Eiffelturm entlang der Seine promenieren.[19] Die Lebensqualität in der Stadt erhöhe sich damit beträchtlich, es werde ein wichtiger Beitrag zum Klima- und Umweltschutz geleistet –ein gerade für Paris als  Gastgeberin der Weltklimakonferenz besonders wichtiger Punkt. Und die Bürgermeisterin verwies auch auf die gesundheitlichen Folgen der Pariser  Umweltbelastung:

Rund 2500 Menschen sterben jährlich in Paris an den Folgen derLuftverschmutzung. Der Verkehr generiert 56% der Belastungen durch Feinstaub. Warum also warten?“ (19a)

Allerdings gab es schon im August 2016, also kurz vor dem Umwandlungsbeschluss des Conseil de Paris, ein offizielles Gutachten, in dem die umweltpolitischen Folgen des Vorhabens skeptisch beurteilt wurden. Die Stadtverordneten  konnten sich zwar über dieses Gutachten  hinweg setzen, allerdings war damit klar, dass der Rechtsweg beschritten würde, was dann ja auch geschah. Und deshalb wurde die voie Pompidou zwar für den Autoverkehr geschlossen, die Straße aber nicht –wie auf der anderen Seite- völlig beseitigt. Ein Widerruf der pietonnisation blieb also rechtlich und faktisch eine Option.[20].

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Auch auf der nördlichen Seine-Seite war und ist die Umwandlung der Stadtautobahn in eine Fußgängerzone ein großer Publikumserfolg. Seit ihrer Einführung wurde sie nach Erhebungen der Stadt von über 1,5 Millionen Menschen bevölkert[21],  und ähnlich wie am pont Alexandre findet man bei schönem Wetter auch an der maison des Célestins nur schwer ein freies Plätzchen.  Trotzdem war die Sperrung dieses Teilabschnitts der voie Pompidou von Anfang an heftig umstritten und ist es bis zum heutigen Tage. Die Auseinandersetzung darüber hat mehrere Dimensionen, stadtplanerische, ökologische, politische und juristische. Ich möchte das im Folgenden kurz erläutern. (Dazwischen sind einige Bilder vom parc berges de Seine rive droite eingestreut)

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Der Kern der Auseinandersetzung betrifft, wenn ich das richtig sehe und soweit ich das beurteilen kann, die Stadt- und Regionalplanung. Und dazu gehört auch die Beziehung zwischen der extrem verdichteten Stadt Paris und ihrem weit ausladenden Umland.  Wie also soll die Stadt Paris den aktuellen und zukünftigen Herausforderungen gewachsen sein, wie soll sie im Blick auf die Zukunft gestaltet werden, gerade auch im Zusammenhang mit der Region, der Métropole?  Welchen Stellenwert haben die in der Stadt arbeitenden Menschen und hat die Arbeit –und zwar welche Arbeit?-  in der Stadt. Wenn unsere oben zitierte Gesprächspartnerin am Rande der Demonstration von 10. März die Sperrung der voie Pompidou als eine Maßnahme bezeichnete, die nur den einheimischen BoBos und den Touristen nütze, aber den in Paris arbeitenden Pendlern aus dem Umland massiv schade, dann ist diese Dimension angesprochen. Paris wird ja manchmal als eine „ville-musée“ bezeichnet[22], in der aufgrund der horrenden Immobilienpreise „Normalverdiener“ keine Wohnperspektive haben: Der durchschnittliche Preis für einen Quadratmeter Wohnraum in Paris nähert sich derzeit den 10 000 Euro an. Das ist auch ein wesentlicher Grund dafür, dass der Anteil von (kleinen) Angestellten und Arbeitern an der Pariser Bevölkerung zwischen 1982 und 2013 von 18,2% auf 6,9% zurückgegangen ist, während der von Akademikern und Führungskräften (cadres) sich in der gleichen Zeit von 24,7% auf 46,4% erhöht hat[23] – eine Fortsetzung des Prozesses der Gentrifizierung, der mit dem großen Stadtumbau des Barons Haussmann im 19. Jahrhundert begonnen hat. Eine Konsequenz ist, dass die Bevölkerung von Paris in den letzten Jahren eher zurückgeht, während die Bedeutung der Stadt als politisches, administratives, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum Frankreichs ungebrochen ist. Soll gleichzeitig aber die Rolle des Autos im Stadtverkehr eingeschränkt werden, gewinnt der öffentliche Nahverkehr in der Region Paris immer mehr an Bedeutung. Dass da einiges im Argen  liegt, wird jedem Paris-Besucher schnell bewusst; erst recht erfährt es jeder, der in der Stadt wohnt, am eigenen Leib,  und am meisten diejenigen,  die im Umland wohnen, aber in Paris arbeiten. Le Monde hat sogar einmal von der „tiers-mondisation“ des Pariser öffentlichen Nahverkehrs gesprochen. (9.12.2016, S.23). Das ist ein Aspekt, der bei der aktuellen  Auseinandersetzung ja auch eine zentrale Rolle spielt. Wer den Autoverkehr in der Stadt reduzieren will, muss natürlich auch für umweltverträgliche Alternativen sorgen. Da gibt es derzeit –im Rahmen des Gemeindeverbundes „Grand Paris“ und auch im Blick auf die Olympischen Spiele 2024-  ehrgeizige Pläne und Projekte, wobei der Ehrgeiz  teilweise größer ist als die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel. Als ich jeden Falls meinen Friseur gefragt habe, ob er nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt gelangen könne, lächelte er mich nur nachsichtig an. Immerhin soll es ja Orte im Umland geben, von denen aus man mit öffentlichen Verkehrsmitteln wesentlich längere Zeit in die Innenstadt braucht als von dort mit dem TGV nach Lyon oder Straßburg.

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Insofern ist es nachvollziehbar, dass die politische Auseinandersetzung um die piétonnisation nicht nur zwischen den klassischen Fronten  rechts und links verläuft, die in Frankreich ja sowieso sehr ins Wanken geraten sind, sondern vor allem zwischen Stadt und Umland. Die Gruppe der Liberalen (UDI-Modem) im Pariser Stadtparlament zum Beispiel kritisierte die Schließung der voie Pompidou für den Autoverkehr als eine der üblichen „initiatives unilatérales“ der Pariser Stadtverwaltung und Ausdruck einer Missachtung des Umlands (mépris sur nos concitoyens de la banlieue).[24] Hauptwidersacherin von Anne Hidalgo ist nicht von ungefähr die Präsidentin der Region Ile de France, Valérie Pécresse.   Auch sie beklagt einen Pariser „Egoismus“ und die Rücksichtslosigkeit gegenüber den Bewohnern der Region[25]. In einer Rundfunksendung kritisierte sie, die Schließung der Autostraßen an den Seine-Ufern habe wesentlich weitgehendere Auswirkungen als das von der Marie de Paris behauptet werde. „Vor allem sind von dieser Schließung die Vororte betroffen und Bevölkerungsgruppen, an die niemand gedacht hat.“[26]

Damit spricht Pécresse eine in Frankreich weit verbreitete Stimmungslage an, nämlich das Ressentiment gegen den Moloch Paris, dessen Politiker keine Ahnung von dem hätten, was „draußen im Lande“, in „la France profonde“ passiert bzw. die sich dafür noch nicht einmal interessierten.

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Die hauptsächliche Argumentationslinie der Pariser Stadtverwaltung bei der Schaffung der autofreien Zonen an beiden Seine-Ufern war die Betonung des ökologischen  Nutzens, der Verringerung der Umweltbelastung und damit der Beitrag  für die Lebensqualität und die Gesundheit der Bevölkerung. Da diese Folgen aber nicht unumstritten sind, entwickelte sich daraus eine mit großem Aufwand geführte ökologische Auseinandersetzung, die immer noch im Gange ist.

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Auf dem am pont Marie festgemachten Hausboot le Marquonnet gibt es auf Deck ein Café und unten eine Bar, in der öfters auch Musikgruppen auftreten, hier eine mit unserer Freundin Blandine

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Die große Bedeutung der Ökologie in dieser Auseinandersetzung hat ihren Grund in der massiven    Umweltverschmutzung, unter der Paris leidet.  Dazu nur einige Fundstücke aus der entsprechenden Berichterstattung: 2014 hatte die Wirtschaftszeitung Les Echos Alarm geschlagen:  Unter der Überschrift „Pollution: l’urgence“ wies sie auf die Gefahren der Umweltverschmutzung für die Gesundheit der Menschen hin und warf der Regierung Untätigkeit vor.[27] 2015 berichtete die Zeitung, Paris sei  an einem Tag im März die Stadt mit der größten Luftverschmutzung der Welt gewesen.[28] Le Monde widmete am 8.12.2016 der „pollution à Paris“  seinen Leitartikel und bezeichnete die Stadt als „Pékin-sur-Seine.“ Einer der Hauptverursacher sei das Auto, dessen Gebrauch drastisch reduziert werden müsse.[29]

Die besondere Rolle des Autoverkehrs bei der Pariser Umweltbelastung ist auch darauf   zurückzuführen,  dass in Frankreich der Anteil der Diesel-Autos besonders hoch ist und französische Diesel-_Modelle zum Teil ganz oben in der Verschmutzungs-Skala angesiedelt sind. Frankreich ist deshalb, wie Le Monde im September 2016 schrieb,  « das Paradies der  dreckigen  Autos ».[30]

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Spalierobst an den Kaimauern

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Der Autoverkehr spielt dabei eine wesentliche Rolle, zumal in Frankreich der Anteil der Diesel-Autos besonders hoch ist und französische Diesel-Modelle zum Teil ganz oben in der Verschmutzungs-Skala angesiedelt sind. Frankreich ist deshalb, wie Le Monde schrieb,  « das Paradies der dreckigen  Autos ».

Dass unter solchen Umständen eine Stadt, die 2015 auch noch Gastgeberin der UN-Klimakonferenz war, nicht untätig bleiben kann, liegt auf der Hand.

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Zur Reduzierung der Umweltbelastung durch den Autoverkehr hat die Stadt Paris in den letzten Jahren ein ganzes Bündel von Maßnahmen und Programmen beschlossen.

  •   An Tagen mit besonderer Schadstoffbelastung kann eine sogenannte „circulation alternée“   angeordnet werden, das heißt, es dürfen jeweils nur Autos mit entweder gerader oder unge  rader Endnummer auf ihrem  Nummernschild in Paris fahren.[31]
  • An solchen Tagen sind dann auch die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel und das Parken von Autos auf sonst kostenpflichtigen städtischen Parkplätzen kostenlos.
  • Die städtischen Busse sollen rasch umweltfreundlich umgerüstet bzw. durch Busse mit Elektroantrieb ersetzt werden. [32]
  • Das Fahrradfahren in Paris soll durch die verstärkte Einrichtung eigener Fahrradspuren auf Kosten des Autoverkehrs gefördert werden- wie derzeit z.B. in der rue de Rivoli oder -für uns besonders interessant- auf den Boulevard Voltaire.  Paris soll –eine etwas großmäulige Ankündigung- sogar  „capitale mondiale de la bicyclette“ werden. [33]
  • Die den Autos vorbehaltenen Verkehrsflächen sollen an zentralen Orten der Stadt reduziert werden, z.B. durch den Umbau öffentlicher Plätze. So wird derzeit gerade auf der place de la Nation die Verkehrsinsel mit Dalous Statue  Der Triumph der Repubblik  deutlich vergrößert und dafür werden die Fahrspuren für den Autoverkehr entsprechend reduziert. Auf der place de la Bastille soll der Platz für den Autoverkehr sogar um 40% verringert werden. [34]

Schon ab 2024 sollen in Paris keine Diesel-Autos, ab 2030  dann überhaupt keine Autos mit Verbrennungsmotoren in Paris fahren dürfen, auch dies vielleicht –gerade in Anbetracht der oben angesprochenen Dominanz der Diesel-Fahrzeuge in Frankreich- eine etwas vollmundige Ankündigung, aber ein deutliches Signal. (35)

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In diesen Zusammenhang ist auch die von Anne Hidalge vorangetriebene Umwandlung eines Teils der voie Pompidou in eine Fußgängerzone zu sehen. Allerdings sind deren Auswirkungen auf die Umwelt sehr umstritten. Le Monde spricht in diesem Zusammenhang sogar von einem „Krieg der Zahlen.“[36]

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Eine Australierin, die  eiserne Ringe an den Kaimauern umhäkelt- ein privater Beitrag zur Stadtverschönerung, hier -worauf sie ausdrücklich hinwies-in den französischen Nationalfarben.

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Es gibt nämlich mehrere Gutachten, die die Auswirkungen der pietonnisation untersuchen und beurteilen: Gutachten, die von der Stadt in Auftrag gegeben wurden, andere von der Region Ile-de-France, Und diese Gutachten kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen, die jeweils eher im Sinne der Auftraggeber ausfallen. Zu erklären ist das damit, dass die erhobenen Daten sich auf unterschiedliche Zeiten, Wochentage und Bereiche beziehen und bei unterschiedlichen meteorologischen Bedingungen erhoben wurden. Mit den bisher vorliegenden Studien über die Auswirkungen der Schließung lässt sich nach Darstellung von Le Monde „fast alles bzw. sein Gegenteil beweisen (37). Da kann nun jede Seite sich auf das stützen, was den eigenen Interessen/Intentionen am besten entspricht. Unbestritten, wenn auch wenig überraschend ist immerhin, dass auf dem für den Autoverkehr gesperrten Abschnitt der früheren Autoschnellstraße die Schadstoffbelastung zurückgegangen ist, und das ist ja immerhin ein deutlicher Erfolg. Airparif, die offizielle Instanz zur Messung der Luftqualität in Paris, hat jedenfalls „eine Verbesserung der -Qualität der Luft auf den für den Autoverkehr gesperrten Tiefkais“ festgestellt und dazu auch ein entsprechendes Schaubild veröffentlicht.

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Folgt man einer Arbeitsgruppe von Studenten der Eliteschule Mines-Paritech, die die Auseinandersetzung als Musterbeispiel eines vielschichtigen städteplanerischen Konflikts untersucht haben, dann ergaben die ersten Untersuchungen, dass der Verkehr durch die Sperrung der voie Pompidou nur verlagert wurde. Durch die dadurch verursachten  Staus sei die Umweltbelastung (einschließlich des Verkehrslärms) sogar noch gestiegen, anders als von der Stadt Paris beabsichtigt.[38] Neuere Untersuchungen deuteten allerdings auf eine kontinuierliche Senkung der Schadstoffbelastung hin (une baisse progressive du niveau  de pollution“). Es gäbe also Anlass zur Hoffnung, dass mit der Anpassung der Autofahrer an die neuen Gegebenheiten die Schadstoffbelastung nachhaltig sinke.[39]

Wie geht es nun nach dem Öffnungsbeschluss des Verwaltungsgerichts weiter? Wie man der Presse entnehmen konnte, ist ein solcher Gerichtsbeschluss unmittelbar wirksam und muss innerhalb von zwei Monaten exekutiert werden. Daran ändert  auch ein  Revisionsantrag  bei der nächsthöheren Instanz nichts, den die  Stadt Paris  angekündigt hat.[40]  Ein solcher Revisionsantrag ist aber durchaus aussichtsreich. Immerhin hat das Verwaltungsgericht nicht grundsätzlich eine pietonnisation für rechtswidrig erklärt. Es hat lediglich festgestellt, dass die gesetzliche Grundlage, auf die sich die Stadt bei ihrem Umwandlungsbeschluss gestützt hat, nicht hinreichend sei. Sie ermögliche zwar eine Schließung zu bestimmten Zeiten, aber keine dauerhafte. Das kann aber nach Auffassung von Verwaltungsjuristen durchaus korrigiert werden. Le Monde zitiert dazu einen entsprechenden Fachmann:

„Diese Angelegenheit ist juristisch einfach. Sie schiebt die Verwirklichung des Projekts auf, aber wenn der politische Wille vorhanden ist, wird die pietonnisation umgesetzt werden können.“[41]

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Blick auf die Conciergerie auf der Île de la Cité

Voraussetzung dafür könnte eine neue umfassende Studie über die Auswirkungen des Projekts sein, was aber sicherlich mehrere Monate  dauern  würde.

Allerdings gibt es noch eine einfachere Möglichkeit, die Sperrung beizubehálten, von der die Stadt Gebrauch gemacht hat: Anfang März hat sie erneut in Abstimmung mit dem Staat und dem für Verkehr zuständigen Polizeipräfekten und mit einer „nachgebesserten“ Begründung die Schließung  verfügt. Darin ist von einer Verringerung der Umweltbelastung und der Gesundheitsbeeinträchtigung nicht mehr die Rede.

Stattdessen wird die Bedeutung der Maßnahme für die Attraktivität der Stadt, vor allem auch für Touristen, herausgestellt. Das Seineufer werde durch die pietonnisation geschützt und ästhetisch und touristisch aufgewertet.[42]

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Blick vom Seine-Ufer auf die Westspitze der Île Saint – Louis, auf die Kuppel des Seniantheons und auf den Kirchturm von Saint Etienne du Mont

Schließlich gehören die Ufer der Seine seit 1991 zur UNESCO-Liste des Weltkulturerbes und in der aktuellen offiziellen UNESCO-Bewertung wird die endgültige Verbannung des Autoverkehrs aus dem zum Welterbe gehörenden Uferbereich ausdrücklich positiv herausgestellt. Die endgültige Schließung der unter dem UNESCO-Schutz stehenden Ufer auf beiden Seiten des Flusses trage dazu bei, deren Authentizität und Integrität zu bewahren- was in der neuen Begründung der Stadt für die Schließung zwar nicht zitiert, aber wörtlich übernommen wird.[43]

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Von den  berges aus kann man am besten die phantastischen Köpfe  (mascarons[44])  des Pont neuf, der ältesten Brücke von Paris,  bewundern.

Allerdings gibt es auch gegen diese neue Verordnung wieder zahlreiche Einsprüche von Anwohnern und Assoziationen. (44a)  Der Rechtsstreit geht also in eine neue Runde, und auch die politisches Auseinandersetzung ist noch im vollen Gange: Ende März hat eine Mehrheit der Pariser Stadtverordneten einen Antrag abgelehnt, mit dem die Pariser Stadtverwaltung aufgefordert werden sollte, alles zu tun, um eine Rückkehr das Autoverkehrs auf dem parc de Seine rive droite zu verhindern. Es gibt zwar eine deutliche Mehrheit für die Schließung, die inzwischen auch von Abgeordneten der Rechten befürwortet wird, aber auch erhebliche Kritik am Vorgehen der Bürgermeisterin, der unzureichende Abstimmung mit den Bürgern der Stadt und des Umlands vorgeworfen wird.[45]

Für die Dauer des Rechtsstreits wird die unwiderrufliche Umwandlung des rechten Seine-Ufers in eine Fußgängerzone entsprechend dem Vorbild auf der gegenüberliegenden Seite sicherlich nicht weiter vorangetrieben werden können, aber eine Rückkehr zum früheren  Zustand  ist, soweit ich das den Medien entnehmen kann, nicht vorstellbar. Hier gilt also offenbar das Sprichwort: „Aufgeschoben ist nicht Aufgehoben“. Wenn also auch die Straße immer noch vorhanden und theoretisch von Autos befahrbar ist, wird sie wohl  auch in Zukunft nur Fahrradfahrern, Joggern  und Skatern zur Verfügung stehen. „Und das ist auch gut so“, um ein geflügeltes Wort von Klaus Wowereit zu zitieren, dem ehemaligen Bürgermeister von Berlin, der Partnerstadt von Paris…

Abgeschlossen am 24.3.2018    W.J.

 

Anmerkungen:

[1] https://www.latribune.fr/entreprises-finance/services/transport-logistique/le-conseil-de-paris-valide-la-pietonisation-des-voies-sur-berges-hidalgo-jubile-602152.html

https://www.evous.fr/berges-de-seine-Paris-pietons-acces-activites-pratique-1177710.html#ab067GGzhRfcHR4M.99

https://www.paris.fr/rivesdeseine/arnaud-seite

[2] https://www.lesechos.fr/politique-societe/regions/0301330628952-paris-la-justice-annule-la-fermeture-des-voies-sur-berge-rive-droite

http://www.leparisien.fr/paris-75/pietonnisation-des-berges-a-paris-le-tribunal-annule-l-arrete-21-02-2018-7571961.php

[3] Das sind die sogenannten Bourgeois-Bohémiens, zu denen z.B. wohlhabende Kreative und die junge Elite des Informationszeitalters gehören. Von ihnen war  in diesem Blog schon mehrfach die Rede war, weil sie sich gerne in pittoresken Nischen alter populärer Viertel wie Belleville (https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2092), dem Goutte d’Or (https://wordpress.com/post/paris-blog.org/1077 )oder dem Faubourg Saint-Antoine (https://wordpress.com/post/paris-blog.org/32 )niederlassen.

[4] http://immobilier.lefigaro.fr/article/quand-le-corbusier-voulait-detruire-paris_2ebe1af0-215f-11e5-ab3a-648d85cc7f54/  und  Ces projets fous auxquels Paris a  échappé In: Le Parisien 11.3.2018, S. 28

https://fr.wikipedia.org/wiki/Plan_Voisin

Zu den Affinitäten le Corbusiers zum Faschismus siehe: https://www.welt.de/kultur/kunst-und-architektur/article141096303/Le-Corbusier-war-der-Faschist-des-rechten-Winkels.html

https://www.franceculture.fr/emissions/les-idees-claires/le-corbusier-et-l-architecture-totalitaire

[5]  Siehe den Blog-Beitrag zur Cité Universitaire https://wordpress.com/post/paris-blog.org/3848

[6] Siehe den Blog-Beitrag über den Faubourg Saint-Antoine, das Viertel der Revolutionäre: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/102

[7] La traversée de Paris en treize minutes.  In: Le Parisien 11.3.2018, S. 28

Wiederabdruck des Figaro-Artikels vom 22.12. 1967: http://www.lefigaro.fr/histoire/archives/2016/09/23/26010-20160923ARTFIG00337-voies-sur-berges-le-22-decembre-1967-pompidou-traverse-paris-en-13-minutes.php

[8] Le Figaro vom 23.9. 2016 a.a.O.

[9] Ein erstes Teilstück auf der rue de Rivoli wurde im März 2018 eingeweiht.

[10]  „Permettre à Paris de retrouver sa relation au fleuve“.  „Il ne s’agit pas de punir mais de diminuer la circulation et de donner une occasion de bonheur“. Zitate aus: http://www.paris.fr/politiques/berges-de-la-seine/l-amenagement-de-la-rive-droite-vote-au-conseil-de-paris/rub_9766_actu_115250_port_24314

https://www.lexpress.fr/actualite/societe/paris-delanoe-ferme-a-la-circulation-les-quais-rive-gauche_1214090.html

[11] Zum hôtel de Salm siehe den Blog-Beitrag über den cimetière de Picpus: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/1828

[12]http://www.evous.fr/spip.php?page=article&id_article=1176640?utm_source=MailHebdo&utm_medium=Arrd  vom 30. Mai 2012

[13] https://www.lexpress.fr/actualite/societe/paris-delanoe-ferme-a-la-circulation-les-quais-rive-gauche_1214090.html  vom 28. Januar 2013

[14] https://www.evous.fr/Voies-sur-berges-pietonnes-a-Paris-la-mairie-de-Paris-vous-repond,1176640.html#xl2oDIxST0JuADRu.99

https://www.lexpress.fr/actualite/societe/paris-delanoe-ferme-a-la-circulation-les-quais-rive-gauche_1214090.html  vom 28. Januar 2013

[15] https://www.evous.fr/berges-de-seine-Paris-pietons-acces-activites-pratique-1177710.html#Dy0D6GaYuZmfPMVS.99 (dieser Quelle ist auch die oben abgebildete Karte entnommen)

[16] https://www.lexpress.fr/region/ile-de-france/pietonnisation-a-paris-des-voies-sur-berges-de-seine-rive-droite_1834895.html

Zitat aus Der Spiegel,  Nr. 10 vin 3.3.2018, S.16

[17] http://www.lemonde.fr/municipales/article/2013/12/08/municipales-a-paris-les-grands-axes-du-programme-d-anne-hidalgo_3527502_1828682.html

[18] Siehe den Blog-Beitrag: Hochwasser in Paris.  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/1481

[19] https://www.parisinfo.com/decouvrir-paris/tourisme-durable-a-paris/le-nouveau-parc-rives-de-seine

(19a) Zitiert in Der Spiegel, a.a.O. (s. Anm. 16)

[20] http://www.lemonde.fr/planete/article/2018/02/22/fermeture-des-voies-sur-berge-a-paris-trois-questions-pour-comprendre-la-decision-de-justice_5261075_3244.html#Lwmij0moXt3klWFO.99

[21] C News 23. März 2018, L’info en plus, S. 6

[22] https://www.lexpress.fr/actualite/societe/paris-ville-musee_483410.html

[23] La ‚sécession‘ des citoyens les plus aisés. L’érosion de la mixité sociale menace le modèle républicain, selon und étude de la Fondation Jean-Jaures. In: Le Monde 22.2.2018, S. 7

Dazu kommt, dass  erhebliche Anteile des innerstädtischen Wohnraums dem Wohnungsmarkt überhaupt nicht zur Verfügung stehen: Durch kurzfristige Vermietung an Touristen kann man noch höhere Gewinne erzielen und manche Wohnungseigentümer erlauben sich einen völligen Leerstand, weil sie auf noch höhere Preise spekulieren.

[24] Tribune der Gruppe UDI-Modem  im Conseil de Paris. In: À Paris. Le magazine de la ville de Paris. Printemps 2018, S. 32

[25] https://www.ouest-france.fr/ile-de-france/paris-75000/pietonnisation-des-voies-sur-berges-paris-valerie-pecresse-en-appelle-l-etat-5612202

[26]http://www.lemonde.fr/planete/article/2016/11/18/circulation-a-paris-la-guerre-des-chiffres_5033430_3244.html

[27] http://www.lesechos.fr/economie-france/dossiers/0203377439395-pollution-lurgence-1043714.php

[28] https://www.lesechos.fr/19/03/2015/lesechos.fr/0204237490595_paris–ville-la-plus-polluee-au-monde-mercredi.htm

[29] http://www.lemonde.fr/idees/article/2016/12/08/pollution-a-paris-des-faux-airs-de-pekin-sur-seine_5045612_3232.html

[30]http://www.lemonde.fr/economie/article/2016/09/19/quelles-sont-les-marques-diesel-les-plus-polluantes-en-europe_5000171_3234.html

https://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2017/09/23/ausstieg-nicht-moeglich-frankreich-wird-fuer-den-diesel-kaempfen/ :

„In Deutschland, einem Land mit niedrigen Dieselanteil bei den PKW, beträgt der Dieselanteil an der gesamten Jahresfahrleistung des Straßenverkehrs rund 54 Prozent, in Frankreich, dem Land mit dem wohl höchsten Anteil von 81 Prozent.“

[31] http://www.lefigaro.fr/automobile/2014/03/16/30002-20140316ARTFIG00191-la-circulation-alternee-une-mesure-a-l-efficacite-controversee.php Allerdings kann diese Maßnahme nur mit Zustimmug der Regierung und des Polizeitpräfekten angeordnet werden, was durchaus konfliktträchtig ist. Siehe : http://www.lepoint.fr/politique/circulation-alternee-royal-ne-veut-pas-confondre-vitesse-et-precipitation-21-03-2015-1914744_20.php

[32]http://www.leparisien.fr/economie/les-bus-electriques-s-imposent-en-ville-12-03-2018-7603257.php 

[33] http://www.france24.com/fr/20170904-reportage-paris-revolution-velo-reseau-express-pollution-hidalgo-cycliste-piste-cyclable

[34] https://www.paris.fr/actualites/reinventons-la-nation-4701

s.a. Bientôt une presqu’île pietonne à la Bastille. In: À Paris. Le magazine de la ville de Paris. Printemps 2018, S. 8

https://www.paris.fr/services-et-infos-pratiques/urbanisme-et-architecture/projets-urbains-et-architecturaux/reinventons-nos-places-2540

[35]https://www.lexpress.fr/actualite/societe/environnement/fin-des-voitures-essence-a-paris-en-2030-un-objectif-realiste_1951663.html

Siehe auch: Paris vise la neutralité carbone en 2050. In: Le Monde, 23.3.2018, S. 6

[36] http://www.lemonde.fr/planete/article/2016/11/18/circulation-a-paris-la-guerre-des-chiffres_5033430_3244.html

[37] http://www.lemonde.fr/planete/article/2018/02/22/fermeture-des-voies-sur-berge-a-paris-trois-questions-pour-comprendre-la-decision-de-justice_5261075_3244.html#Lwmij0moXt3klWFO.99

[38] Siehe: http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2016/11/16/01016-20161116ARTFIG00382-voies-sur-berge-le-rapport-qui-denonce-l-explosion-des-embouteillages-a-paris.php

https://www.lexpress.fr/region/voies-sur-berges-a-paris-un-an-apres-les-embouteillages-se-sont-aggraves_1962465.html  (21.11.2017)

[39] http://controverses.minesparistech.fr/public/promo16/promo16_G26/www.controverses-minesparistech-6.fr/_groupe26/indexec34.html?page_id=165  Zusammenfassende Beurteilung:

„Les premiers impacts de la piétonnisation des berges rive droite allaient donc à l’opposé des souhaits de la ville. Les derniers résultats montrent toutefois que les comportements commencent à changer

Nach Angaben der Stadt hat der Automobilverkehr in Paris 2017 gegenüber dem Vorjahr um 4,8% abgenommen. (À Paris. Magazine de la ville de Paris. Printemps 2018, S. 4)

[40] https://www.lexpress.fr/actualite/societe/les-voies-sur-berges-vont-elles-rouvrir-malgre-l-annulation-de-la-pietonnisation_1987084.html

[41] Zit. http://www.lemonde.fr/planete/article/2018/02/22/fermeture-des-voies-sur-berge-a-paris-trois-questions-pour-comprendre-la-decision-de justice_5261075_3244.html#Lwmij0moXt3klWFO.99

[42) Pour la mairie, „l’accès des véhicules à moteur compromet la protection du site“, ainsi que „la valorisation du site à des fins esthétiques et touristiques“, alors que „la tranquillité de l’espace public et le caractère apaisé de la circulation“ sont désormais des „facteurs déterminants dans le choix d’une destination par les touristes“. https://www.francetvinfo.fr/meteo/particules-fines/pietonnisation-des-voies-sur-berges-a-paris-anne-hidalgo-a-signe-un-nouvel-arrete_2646238.html

Siehe auch: Voies sur berge: Hidalgo persiste et signe un nouvel arrêté. In: Le Figaro, 9.3.2018

[43]  „ La suppression définitive de la circulation automobile sur les quais bas dans la quasi-totalité des limites du bien, depuis 2014 sur la rive gauche et 2016 sur la rive droite, dans le cadre de l’aménagement des berges de la Seine, contribue à préserver son authenticité et son intégrité.“     http://whc.unesco.org/fr/list/600/

[44] http://www.carnavalet.paris.fr/fr/collections/mascaron-du-pont-neuf

(44a) http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2018/05/06/01016-20180506ARTFIG00161-voies-sur-berge-a-paris-pluie-de-recours-contre-anne-hidalgo.php

[45] Les berges de Seine enflamment le Débat. In: C News. 23.3.2018, S.6

 

Geplante Beiträge:

  • Street-Art in Paris (2):  Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • 50 Jahre 1968: Plakate der Revolte. Eine Ausstellung in der École  des Beaux- Arts in Paris
  • Auf dem Weg nach Paris: Die Mühle von Valmy, ein Fanal der Französischen Revolution
  • Street-Art in Paris (3):  Der Invader
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen (1): Das Pantheon der Frauen

Der Blog-Beitrag über das Pantheon besteht aus zwei Teilen: in dem einem geht es um die wechselhafte Geschichte des Baus und die großen und weniger großen Männer, die dort von dem dankbaren Vaterland geehrt werden; in dem anderen um die wenigen Frauen, denen die Ehre zu Teil wurde, ins Pantheon aufgenommen zu werden,, und um die möglichen weiteren, die für eine solche Ehrung infrage kommen könnten. Was die Reihenfolge betrifft: Wenn man es schon beklagt, dass Frauen im Pantheon sträflich zu kurz kommen, dann sollen sie auf diesem Blog wenigstens den Vortritt haben. Beginnen wir also mit den Frauen im Pantheon!

Dass das Pantheon ein Frauenproblem hat, zeigt schon ein flüchtiger Blick auf die Statistik: In der aktuellen Liste (Stand Anfang 2018) der im Pantheon von Paris bestatteten Personen findet sich folgende Angabe:

 Il y a à ce jour 76 Grands Hommes (72 hommes et 4 femmes) panthéonisés.[1]

Diese Angabe ist nicht nur in geschlechtsspezifischer Hinsicht bezeichnend, sondern auch sprachlich bemerkenswert. Mit den „Grands Hommes“ sind hier nicht nur Männer gemeint, sondern geschlechtsneutral Personen, wie die anschließende Differenzierung zeigt. Das ist politisch korrekt, historisch weniger. Denn als die Nationalversammlung 1791 beschloss, die der heiligen Genovefa geweihte Kirche zu einer Ehrenhalle für die „grands hommes“ umzuwandeln, hatte man dabei an Frauen  keineswegs gedacht.[2]

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Dass einmal Frauen ins Pantheon einziehen könnten, lag auch noch außerhalb der damals vorherrschenden Vorstellungen, als David d’Angers von 1830 – 1837 das Relief im Giebeldreieck des Pantheons schuf. Es gibt dort zwar drei Frauengestalten: In der Mitte stehend die Allegorie Frankreichs, die Lorbeerkränze verteilt, und rechts und links von ihr die Personifizierungen der Freiheit (la Liberté) und der Geschichte, die auf ihrer Tafel die Namen der „grands hommes“  einschreibt, von denen einige auf dem Relief  zu sehen sind– eine Frau ist allerdings nicht dabei.[3]

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Gipsmodell aus dem Museum Angers

Immerhin hat es nach dem Gründungsbeschluss von 1891 noch 116 Jahre, also bis 1907,  gedauert, bis die sterblichen Überreste einer Frau ins Pantheon überführt wurden. Die erste Frau, der diese Ehre zu Teil wurde, war Sophie Berthelot. Als ich vor einigen Jahren das Pantheon besuchte, wurde sie noch auf einer neben dem Grabmal beigefügten Informationstafel als Scientifique bezeichnet. Allerdings war sie keineswegs Wissenschaftlerin, sondern sie hat die  Pantheonisierung ihrem Mann, dem Chemiker Marcellin Berthelot, zu verdanken, der nun in der Tat ein bedeutender Wissenschaftler war. Die beiden Ehegatten hatten aber darum gebeten, nicht im Tode voneinander getrennt zu werden und diesem Wunsch wurde stattgegeben[4]. Verständlich ist das, wenn man bedenkt,  dass Marcellin Berthelot verstorben ist, kurz nachdem er vom Tod seiner Frau  erfuhr.

DSC02483 Pantheon Marie Curie Februar 2018 (19)

Inzwischen wurden die Tafeln an den Grabmälern durch Bildschirme ersetzt und da wird der wahre Grund für die Pantheonisierung von Sophie Berthelot genannt. (Auf der Wikipedia-Liste der im Pantheon bestatteten Menschen wird sie allerdings weiterhin als „scientifique“ geführt.[5])

 

Marie Curie im Pantheon

Dass allerdings Sophie Berthelot nicht wirklich „zählte“, wurde aus dem ebenfalls inzwischen geänderten Begleittext zum Grabmal von Marie Curie deutlich. Dort stand noch Anfang der 1990-er Jahre,  sie sei auf Antrag des Präsidenten François Mitterrand am 20. April 1995 als erste Frau unter die „grands hommes du Panthéon“ aufgenommen worden.[6] Das stimmte und stimmt so natürlich nicht, so dass das auf dem modernen Bildschirm nicht mehr zu lesen ist. Aber es  stimmt, dass es sage und schreibe 204 Jahre gedauert hat,  bis eine Frau aufgrund ihrer eigenen Verdienste ins Pantheon aufgenommen wurde: Und dafür musste man dann offenbar schon doppelte Nobelpreisträgerin sein![7]

Marie Curie braucht man hier nicht vorzustellen. Sie ist bekannt und wird –wie auch Chopin- von Frankreich und auch von Polen geehrt, wie das Blumengesteck auf ihrem Sarkophag im Pantheon zeigt.

Pantheon Curie Juli 2010 034

Durch eine von November 2017 bis März 2018 im Pantheon gezeigte Ausstellung über Marie Curie –Anlass war ihr 150. Geburtstag- habe ich allerdings Interessantes und für mich Neues über ihre Persönlichkeit, ihre Arbeit und ihr Engagement erfahren.

DSC01804 Marie Curie Ausst. pantheon (1)

So meldete sie trotz vieler wegweisender Entdeckungen kein einziges Patent an. Sie war nämlich davon überzeugt, dass die Fortschritte der Wissenschaft ungehindert der ganzen Menschheit zu Gute kommen sollten. Und in den 1920-er Jahren engagierte sie sich im Rahmen des Völkerbunds für den internationalen wissenschaftlichen Austausch.  Auch ihr Engagement für die Menschen bestimmte zeitlebens ihre Arbeit: Die Möglichkeiten einer medizinischen Nutzung ihrer Forschungen interessierten und motivierten sie sehr. Im Ersten Weltkrieg entwickelte sie  einen Röntgenwagen und erwarb den Führerschein, um ihn zu den Verwundeten hinter die Front zu bringen. Und in ihrem Radium-Institut förderte sie in den 1920-er Jahren ganz bewusst Frauen und ausländische Studierende und Forscher. Die Widerstände, die sie zu überwinden hatte, waren  aber auch beträchtlich: Sie kam ja nur deshalb nach Frankreich, weil  sie als Frau nicht zum Studium an der Warschauer Universität zugelassen wurde.

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Zwar durfte sie als „Madame Pierre Curie“  am 12. Februar 1910 das Titelblatt der Zeitschrift „Les Hommes du Jour“ (No 180) zieren, aber ein Jahr später wurde ihr nach einer heftigen „bataille académique“ die Aufnahme in die französische Akademie der Wissenschaften verweigert, weil dort –nach Auffassung der Mehrheit der Akademiker- eine Frau keinen Platz  hatte, wie in der Ausstellung dokumentiert wird.[8] Insofern konnte es kaum eine geeignetere Wahl für eine große Frau unter den großen Männern geben als sie.

Das Musée Curie

Wenn die Ausstellung m Pantheon auch schon beendet ist: Ein Besuch im dem kleinen Musée Curie lohnt auf jeden Fall. Es ist im ehemaligen Laboratorium der Curies untergebracht und liegt nur wenige Gehminuten vom Pantheon entfernt in der rue Pierre et Marie Curie.[9]  Man kann dort  das (einem Außenstehenden wie mir äußerst bescheiden erscheinende) Labor und den Schreibtisch sehen, an dem Marie Curie von 1914- 1934 arbeitete.

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Es gibt auch eine Reihe von interessanten  Ausstellungsstücken. Zum  Beispiel den Behälter aus Blei und Akazienholz und die 10 Glasröhrchen (en verre de Thuringe de 0,27 mm d’épaisseur), die das 1 Gramm Radium enthielten, das Marie Curie 1921 von dem amerikanischen Präsidenten Warren G. Harding  überreicht wurde.

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Ziemlich bizarr sind einige Ausstellungsstücke aus den „années folles du radium“ (aus dem Begleittext), als das  Radium in zahlreichen Gebrauchsgegenständen verwendet wurde, zum Beispiel von der Uhrenindustrie als Leuchtmittel für Uhrzeiger (bis in die 1950-er Jahre) oder von der pharmazeutischen Industrie für Salben gegen Sonnenbrand und als Schönheitsmittel. Besonders verbreitet war offenbar die Kosmetik-Marke „Tho-Radia“, deren Salben und Seifen „auf der Basis von Thorium und Radium“ (Eigenwerbung) hergestellt wurden, und zwar „nach den Rezepten des Dr. Alfred Curie“. Dieser Name war sicherlich ein höchst wirksames, gleichzeitig aber auch unverschämtes Marketing-Instrument:  Dieser Arzt hatte nämlich mit Marie und Pierre Curie nicht das Geringste zu tun, es gab also keinerlei verwandtschaftliche, geschweige denn professionelle Beziehungen. Das wurde in der Werbung natürlich verschwiegen.

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Zu dem Museum gehört auch der kleine Garten, den Marie Curie  selbst als  Ort der Erholung und des Austauschs hinter ihrem Institut eingerichtet hat. Der Garten wurde aus Anlass des 150. Geburtstages  im November 2017 als „Jardin Marie Curie“ der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dazu gehört auch ein Denkmal mit den Büsten von Marie und Pierre Curie.

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Des femmes au Panthéon!/Frauen ins Pantheon!

Dass es bei Marie Curie als einziger ihrer Verdienste wegen pantheonisierten Frau nicht bleiben kann, war allerdings schon 1995 klar. Und es bedurfte ja auch nicht erst der Frauenbewegung, um die einseitig männliche Ausrichtung des Pantheons zu kritisieren.  Karl Gutzkow, ein prominenter Vertreter der vorrevolutionären jungdeutschen Bewegung, veröffentlichte 1842 seine Briefe aus Paris. Darin bezieht er sich auch auf das Pantheon. Er schreibt:

 „Ich wollte … heute das Pantheon sehen, das die Franzosen der Unsterblichkeit gewidmet haben. Aux grandes hommes la patrie reconnaissante. Man muss bergaufsteigen, um in die Nähe der Unsterblichkeit zu kommen. … Auch aux grandes femmes hätte man es der Genoveva zu Liebe widmen sollen. Die heilige Dulderin würde Charlotte Corday mit ihrem Geisterkuss begrüßt haben.[10]

Gutzkow macht also  gleich einen Vorschlag, welche Frau er des Pantheons würdig erachtet, nämlich Charlotte Corday, die mit der Ermordung Marats der jacobinischen Schreckensherrschaft ein Ende zu machen versuchte, die aber unter der Guillotine endete.

Es dauerte allerdings noch sehr lange, bis eine breite und lautstarke Bewegung für eine Aufnahme von Frauen ins Pantheon entstand. Eine wichtige Stimme in diesem Sinne war die von Simone Veil, einer Frau des Widerstands und der ersten Präsidentin den Europarlaments. 1992 – damals war sie französische Ministerin- sagte sie in einer Rundfunksendung:

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Dass es keine Frau im Pantheon gibt, heißt zu leugnen, was Frauen in der Vergangenheit zum Vaterland beigetragen haben.

Die drei Jahre später erfolgte  und längst überfällige Pantheonisierung  einer Frau (aufgrund eigener Verdienste), nämlich von Marie Curie, durch Präsident Mitterand war dann gewissermaßen ein Meilenstein, weil sie  zeigte, dass tatsächlich zu den „grands hommes“ auch Frauen gehören könnten. Und es entwickelte sich nun auch eine Debatte, welche weiteren Frauen ins Pantheon aufgenommen werden sollten.

Es waren vor allem feministische Gruppen, die entsprechende Vorschläge unterbreiteten.  Unter der Überschrift Aux grandes femmes la patrie reconnaissante schlug zum Beispiel  das  Collectif femmes au Panthéon insgesamt 16 Frauen für eine Pantheonisierung vor.[11] Darunter waren die Schriftstellerinnen Simone de Beauvoir, Colette und George Sand, die Bildhauerin Camille Claudel, die Pilotin Hélène Boucher, die 1934 zur „schnellsten Frau der Welt“ wurde, und mehrere Widerstandskämpferinnen gegen den Faschismus, u.a.  die Ethnologin Germaine Tillon.  Bemerkenswert waren in dieser Liste auch –und vor allem-  drei Namen von Frauen, deren politisches Engagement besonders umstritten war und die dafür einen hohen Preis bezahlen mussten:

  • Louise Michel, die Heldin der Pariser Commune, die nach deren Niederschlagung nach Neu-Caledonien verbannt wurde.

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  • die Mulattin Solitude, eine Streiterin gegen die Sklaverei in Guadeloupe. Sie wurde 1802 zum Tode verurteilt und hingerichtet. Ihr Vergehen: Sie hatte sich gegen die von Napoleon verfügte Wiedereinführung der Sklaverei in den karibischen Kolonien Frankreichs zur Wehr gesetzt.[12]

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  • Olympe de Gouges, die es gewagt hatte, 1791 eine „Déclaration des droits de la femme et de la citoyenne“, also eine Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin, zu verfassen und – auch deswegen- 1793, im Jahr des jacobinischen Terrors,  guillotiniert wurde.[13]

crqps6qumaa2_vw Olympe de Gouges

Die Frau hat das Recht,  das Schafott zu besteigen; sie muss ebenso das Recht erhalten,

auf die Rednertribüne steigen.

Ein entscheidender Schritt zu einer weiteren Öffnung des Pantheons erfolgte unter der Präsidentschaft François Hollandes. Hollande beauftragte nämlich 2013 das Centre des monuments nationaux (CMN), zu dessen Zuständigkeiten auch das Pantheon gehört, Vorschläge zur Pantheonisierung zu machen und  den Franzosen die Möglichkeit zu geben, sich an entsprechenden Überlegungen zu beteiligen.[14] Im Oktober 2013 legte der Präsident des CMN, Belaval,  dem Staatspräsidenten den angeforderten Bericht mit dem anspruchsvollen Titel „Pour faire entrer le peuple au Panthéon“ vor.

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Das Volk im Pantheon. Installation während der Bauarbeiten an der Kuppel

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Es sollte, wie der Titel anzeigt, darum gehen, das Pantheon zu einem Ort zu machen,  mit  dem „das Volk“ sich identifizieren kann, den es also –trotz aller Sterilität und Monumentalität des Baus- auch gerne betritt. Und natürlich sollten die anstehenden Pantheonisierungen solche Identifikationen ermöglichen und fördern. Allerdings verzichtete Bélaval darauf, eine „top-10-Liste“ oder dergleichen zu erstellen.  Aber er gab doch eine deutliche Richtung vor: Als nächstes sollten „Frauen des 20. Jahrhunderts“ ins Pantheon aufgenommen werden, die sich durch ihren Mut und ihr republikanisches Engagement ausgezeichnet hätten. Bélaval schlug also  ausdrücklich vor, dass Hollande aufgrund des starken Ungleichgewichts von Männern und Frauen während seiner Amtszeit nur Frauen pantheonisieren sollte. Und es sollte sich um Frauen des 20. Jahrhunderts handeln: Man brauche für das Pantheon Frauen, die sich vorbildlich verhalten hätten in schwierigen, nicht zu weit zurückliegenden Zeiten wie dem Krieg 1914-1918 und dem Zweiten Weltkrieg mit der Résistance und der Deportation der Juden. Und schließlich solle es sich nicht um Opfer handeln. Er fände es gut,  wenn es bei den Ausgewählten auch ein Leben nach diesen Prüfungen gegeben habe. Diese Frauen sollten daraus gestärkt in ihren republikanischen Überzeugungen herausgekommen sein, „um danach die Welt mit ihrer politischen, sozialen, erzieherischen und humanitären Arbeit zu verändern.”[15]

Außerdem schlug Bélaval vor, im Innenraum des Pantheons ein gemeinschaftliches Monument für alle Heldinnen der Frauenemanzipation („un monument collectif à toutes les héroïnes de l’émancipation féminine„) zu errichten. Dort könne dann auch die  „Déclaration des Droits de la Femme et de la Citoyenne“ von Olympe de Gouges gewürdigt werden.

Es war nun interessant zu sehen, wie François Hollande sich gegenüber all diesen Forderungen und Vorschlägen positionieren würde. Ein wichtiges Auswahlkriterium war für ihn sicherlich das Bestreben, dabei möglichst wenig Angriffsflächen zu bieten, so wie es in einer Karikatur von Le Monde zum Ausdruck kam.

Karikatur Le Monde DSC02380

Le Monde 20.4.2013:  Diderot, Pierre Brossolette, Marc Bloch, Stephane Hessel, Olympe de Gouges….    Pfff, die Aufgabe ist knifflig…. Es geht darum, niemanden zu verärgern

 

Der Einzug von zwei Widerstandskämpferinnen ins Pantheon 2015

Hollandes Wahl fiel schließlich auf vier Persönlichkeiten des Widerstands, und zwar geschlechtsparitätisch auf zwei Männer,  Pierre Brossolette und Jean Zay, und zwei Frauen, Geneviève de Gaulle-Anthonioz und Germaine Tillon.

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Die Entscheidung für Widerstandskämpfer/innen zielte auf einen möglichst breiten Konsens, denn der Widerstand gegen die deutsche Besatzung ist ja gewissermaßen der kleinste gemeinsame Nenner des französischen historischen Selbstverständnisses. Da konnte man einer breiten Zustimmung sicher sein, auch wenn es dann doch ein paar kritische Stimmen gab, die meinten, durch die Wahl von Brossolette würde das Licht von Jean Moulin in den Schatten gestellt, oder die unter Hinweis  auf ein pazifistisches und angeblich unpatriotisches Gedicht des jungen Jean Zay aus dem Jahr 1924 ihn für Pantheon-inkompatibel hielten.[16] Dass zwei Frauen dabei waren, entsprach zwar nicht dem weitergehenden Vorschlag des CMN- Präsidenten und den Forderungen der Frauenbewegung, aber immerhin erhöhte Hollande damit die Zahl der im Pantheon vertretenen Frauen um glatte 100%.

Am 27. Mai 2015 wurden die vier Auserwählten in einem Festakt ins Pantheon überführt. Hier der Sarg mit den sterblichen Überresten von Germaine Tillon.

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Für den eher umstrittenen und wenig populären Präsidenten[17] eine gute Gelegenheit, die Einheit der Nation zu beschwören und sich ein „Bad in der (handverlesenen) Menge“ zu gönnen.[18]  Ist doch eine Pantheonisierung, wie le Monde damals schrieb, „l’une des rares gloires que peut encore s’offrir un président de la République.“[19] 

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Ich war zunächst von der Entscheidung François Hollandes etwas enttäuscht. Dass der Präsident weder Olympe de Gouges noch Louise Michel und (natürlich) schon gar nicht Solitude berücksichtigt hatte, fand ich wenig mutig.  Nachdem ich mich aber etwas mit Germaine Tillon und Geneviève de Gaulle Anthonioz beschäftigt habe, denke ich, dass es sich um eine gute Entscheidung gehandelt hat. Der CMN- Präsident Bélaval hatte ja in seiner Eingabe angeregt, es sollten Frauen ins Pantheon aufgenommen werden, die sich in schwierigen Zeiten wie der Résistance oder der Déportation bewährt hätten, danach aber, gestärkt in ihren republikanischen Überzeugungen, bestrebt gewesen seien, die Welt mit ihrer politischen, sozialen, erzieherischen und humanitären Arbeit zu verändern. Germaine Tillon und Geneviève de Gaulle- Anthonioz entsprechen, wie in der parallel zur Pantheonisierung gezeigten Ausstellung belegt wurde[20], dem genau und machen damit dem  Pantheon alle Ehre. Das soll im Folgenden etwas erläutert werden.

 

Germaine Tillon (1907-2008) und Geneviève de Gaulle Anthonioz (1920-2002)

Als junge Ethnologin beschäftigte sich Germaine Tillon vornehmlich mit Berberstämmen im Süden Algeriens: Sie lernte deren Sprache und erforschte ihre Sitten, ihre familiären und sozialen Beziehungen, ihre religiösen Vorstellungen. Der „Bezugspunkt“ Tillons in Frankreich war das Musée de l’Homme in Paris, das während der deutschen Besatzung zu einem Zentrum des Widerstands wurde. Germaine Tiillon schloss sich diesem Kreis von résistants an. Ihre Aufgabe bestand vor allem darin, Beziehungen zwischen verschiedenen Gruppen des Widerstands und mit der Leitung von France libre in London herzustellen. 1942 wurde sie denunziert und 1943 ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert.

Die Zustände im Konzentrationslager beobachtete Germaine Tillon mit den Augen einer Ethnologin: Konfrontiert mit der erbärmlichen Lage ihrer Mithäftlinge und der Unerbittlichkeit der Aufseherinnen, sammelte sie alle ihr zugänglichen Informationen, versuchte ihre Beobachtungen zu ordnen und  das Geschehen im Lager zu verstehen.[21]

Um ihre Informationen festzuhalten, wendete sie raffinierte Mittel an: Dass Häftlinge angesichts ihrer Entbehrungen sich in Traumwelten -beispielsweise der haute cuisine-  flüchten, werden wohl auch die Aufseherinnen verstanden und akzeptiert haben. Dass das Rezept Tillons für die Zubereitung von escrevisses basquaises allerdings ein Akrostichon aufweist, die Anfangsbuchstaben jeder Zeile also eine Botschaft vermitteln, nämlich den Namen des SS-Arztes Dr. Helinger, werden sie kaum durchschaut haben.  Tillon wird ihre  Erfahrungen und Beobachtungen später in einem Buch über Ravensbrück zusammenfassen.

Ganz außergewöhnlich und auf den ersten Blick vielleicht befremdlich ist, dass Germaine Tillon im KZ das Libretto einer Operette über das Lager schrieb: „Le Verfügbar aux Enfers“, (Der ‚Verfügbar‘ in der Unterwelt). Der Begriff „Verfügbar“ im Titel bezieht sich auf die Häftlingskategorie derjenigen Gefangenen, die von der SS keinem bestimmten Arbeitskommando zugeordnet waren und in den Augen der SS als frei disponibel, eben verfügbar,  galten. In dem Stück geht es um einen Wissenschaftler, der sich für die neue Spezies der „Verfügbaren“ interessiert und dem diese in Liedern, deren Melodien u.a. aus bekannten Operetten übernommen waren, ihre Situation schildern: Ein Versuch, etwas Abwechslung, ja Lachen in das Lagerdasein der Häftlinge zu bringen, aber auch wichtige Informationen zu vermitteln.  Tillon übte das Stück 1944/1945 mit ihren Mitgefangenen ein – eine Aufführung fand 2007 zum 100. Geburtstag von Tillon im Théâtre du Châtelet in Paris statt. [22]

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Choeur des jeunes.

On m’a d’abord pris mes bijoux,
Ma valise et mon sac en cuir roux,
Mes petites provisions,
mon bout de saucisson,
Ma chemise et mon pantalon…
Je croyais qu’on m’avait tout pris,
Et j’espérais que c’était fini…
Comme un bébé naissant j’étais nue
Et c’est alors qu’ils m’ont tondue!

 

Choeur des vieux.

On t’a pris tes cheveux,
Pour serrer des moyeux,
Mais ça ne suffit pas!
Tu travailleras,
Tu ne mangeras pas…
Quand tu succomberas,
On t’achèvera,
On te brûlera,
Et ta graisse encore servira…

 

 

Auch Geneviève de Gaulle-Anthonioz war ein Jahr lang, vom Februar 1944 bis Februar 1945,  Häftling  im Konzentrationslager Ravensbrück. Aus Empörung über das Waffenstillstandsgesuch des Marschalls Pétain und ermutigt von dem Appell ihres Onkels, des Generals und späteren Staatspräsidenten de Gaulle, zur Fortführung des Kampfes schloss sie sich schon im Juni 1940 dem Widerstand an.  Zunächst waren es nur isolierte Widerstandshandlungen in Rennes, wo sie studierte, wie beispielsweise das Abreißen von Propagandaplakaten der Vichy-Regierung, die sie durch das lothringische Kreuz, das Zeichen des gaullistischen Widerstands, ersetzte.  Die Arbeit im Widerstand intensivierte sie seit ihrer Übersiedlung nach Paris im Herbst 1941. Am 14. Juli 1943 verteilte sie auf offener Straße das Widerstandsblatt Défense de la France, dessen Redaktionssekretärin sie war und in dem sie auch, als einzige Frau, Artikel veröffentlicht hatte. Von einem in die Zeitung eingeschleusten Agenten Vichys verraten, wurde sie wenige Tage später von französischen Milizionären verhaftet und an die Gestapo ausgeliefert. In Ravensbrück lernte sie Germaine Tillon kennen und schloss Freundschaft mit ihr. Die letzten Monate in Ravensbrück verbrachte sie, die auch „le petit de Gaulle“ genannt wurde, auf Befehl Himmlers in Einzelhaft, um sie  ggf. als „Zahlungsmittel“ für einen Gefangenenaustausch verwenden zu können.

 

Die Kontinuität des Widerstands von Tillon und de  Gaulle-Anthonioz nach dem Krieg

Nach der Befreiung sah es  Germaine Tillon als ihre erste Aufgabe an, die in Ravensbrrück begonnene analytische Arbeit fortzusetzen und Grundlagen für eine Geschichte des Widerstands und des KZ-Systems zu schaffen. Zusammen mit de Gaulle-Anthonioz wurde sie beauftragt, als Beobachterin und Zeugin an einem Prozess gegen Mitglieder des KZ-Personals von Ravensbrück teilzunehmen. Als dort eine Aufseherin fälschlich beschuldigt wurde, entschieden sich die beiden –trotz allem, was  sie im KZ erlitten hatten-  für die Wahrheit: Bei ihr müsse man auch dann bleiben,  wenn es etwas koste. So protestierte Tillon auch –anders als viele Stalin-treue ehemalige Widerstandskämpfer- gegen die Weiterverwendung nationalsozialistischer Konzentrationslager durch die Sowjets und gegen das Gulag-System.[23]

Eine entscheidende neue Wende erfuhr ihr Leben durch die „Ereignisse in Algerien“, wie der Algerien-Krieg in der offiziellen französischen Sprachregelung genannt wurde. Dort hatte sie ja  als junge Ethnologin gearbeitet und so verfolgte sie die Zuspitzung des Konflikts zwischen den algerischen Aktivisten und Kämpfern  der Unabhängigkeitsbewegung und der französischen Verwaltung, Polizei und Armee mit großer Aufmerksamkeit. 1957, auf dem Höhepunkt der „Schlacht um Algier“ reiste sie nach Algerien. Sie verurteilte die Angriffe der Unabhängigkeitskämpfer auf Zivilisten, gleichzeitig aber auch die von der Armee völlig außerhalb jeden gesetzlichen Rahmens angewandten Foltermethoden und willkürlichen summarischen Erschießungen.  Dabei wurde sie an  ihre  eigenen Erfahrungen im Widerstand  erinnert:

Aus einer Tafel  der Pantheon-Ausstellung:

„Sie hat die Taschen voll von kleinen Zetteln mit  Hilferufen von Gefangenen. Sie schreibt Brief auf Brief an diejenigen, die die Macht haben, gegen die Hinrichtung von Unschuldigen vorzugehen. Erschrocken denkt sie: ‚Man tötet sie, wie die Nazis meine Kameraden getötet haben.‘ Jedes Mal wenn ein algerischer Widerstandskämpfer hingerichtet wird,  kommt wieder das Leid in ihr hoch, das sie verspürte, wenn einer ihrer Freunde auf dem Mont Valérien erschossen  wurde.“[24]

Heimlich und verkleidet trifft sie sich mit dem in der Kasbah untergetauchten für Algier zuständigen Chef des Widerstands, Yacef Saâdi. Sie kann ihn davon überzeugen, Angriffe auf Zivilpersonen zu unterlassen. Im Gegenzug verspricht Germaine Tillon, im Bewusstsein ihrer Aura als Widerstandskämpferin und ihrer engen Kontakte zur französischen Administration, auf ein Ende der Exekutionen durch die Armee hinzuwirken. Während  Saâdi Wort hält und die Angriffe auf französische Zivilisten aufhören, wird von der Armee weiter guillotiniert. Saâdi  wird verhaftet und in drei Prozessen, in denen Germaine Tillon für ihn aussagt, mehrfach zum Tode verurteilt. Als kurz danach de Gaulle an die Regierung kommt und dem Algerienkrieg ein Ende macht, wird Saâdi wie alle anderen zum Tode verurteilten Algerier begnadigt. Und bei der Beerdigung von Germaine Tillon und ihrer Pantheonisierung erweist Yacef Saâdi, der algerische Widerstandskämpfer, Germaine Tillon, der französischen Kämpferin gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit, die letzte Ehre. Was für eine Geschichte! Quelle histoire![25]

Auch im Leben der  Geneviève de Gaulle-Anthonioz gibt es nach Widerstand und Gefangenschaft ein neues Engagement. Wendepunkt ist bei ihr 1958 die Begegnung mit dem Priester Joseph Wresinski. Dieser hatte 1957 für und mit Familien, die in dem Barackenlager Noisy-le-Grand in der Pariser banlieue lebten, die Bewegung ATD Quart Monde gegründet. Das Lager aus Wellblech-Iglus war 1954 von Abbé Pierre eingerichtet worden, um Obdachlosen wenigstens ein Dach über dem Kopf zu geben.

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Über ihren ersten Besuch in dem Lager schreibt  Geneviève de Gaulle Anthonioz:

„Kein Zweifel. Was ich auf den Gesichtern dieser Männer und Frauen las, entsprach dem, was ich vor langer Zeit auf den Gesichtern meiner deportierten Kameraden im Lager von Ravensbrück gelesen hatte: Die Erniedrigung und die Verzweiflung eines menschlichen Wesens, das um die Erhaltung seiner Würde kämpft. (…) Ich war erschüttert von dem, was ich entdeckte, weil ich es selbst erlitten hatte. (…) Ich wusste was Erniedrigung heißt … Ich wusste was es heißt, keine Hoffnung mehr zu haben. In den Lagern war es ähnlich.[26]

Und weiter:

„Ich hatte nicht gewusst, dass es eine solche Marginalisierung eines Teils der Bevölkerung gab. (…) Diese Marginalisierung und die Zurückweisung, die die Familien erlitten, erschienen mir sehr ungerecht. Das war genau das Gegenteil dessen, wofür ich in der Résistance und während der Deportation gekämpft hatte. Wir hatten für die Würde jedes einzelnen Menschen gekämpft, damit sein Wert und seine Rechte anerkannt würden. Ich entdeckte nun eine Welt im Abseits, die nichts mit meinem täglichen Leben zu tun hatte.[27]

Geneviève de Gaulle- Anthonioz zog daraus die Konsequenz, sich in ATD Vierte Welt zu engagieren.  Von 1964 bis 2001 war sie Präsidentin dieser Organisation.

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Hier sieht man sie bei einer Rede 17. Oktober 1989 auf dem Trodadéro-Platz gegenüber dem Eiffel-Turm.  Dort waren zwei Jahre vorher über 100 000 Menschen einem Aufruf von Joseph Wresinski gefolgt, um für die Einhaltung der Menschenrechte auch gegenüber den Ärmsten der Gesellschaft einzutreten. Der Ort war bewusst gewählt worden, weil im Palais de Chaillot, zwischen dessen Flügeln er liegt,  die Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948  die Allgemeine Erklärung  der Menschenrechte verabschiedet hatte.  1985 hatte der Platz auf Initiative François Mitterands  den Namen parvis des droits de l’homme  erhalten. Seit 1987 ist dort das Emblem von ATD Quart Monde eingraviert und an  jedem 17. Oktober wird dort der Internationale Tag für die Beseitigung der Armut begangen.

DSC01874 Trocadéro 10. Dez 2017 (29)

Dazu der Aufruf Wresinskis:

« Là où des hommes sont condamnés à vivre dans la misère, les droits de l’homme sont violés. S’unir pour les faire respecter est un devoir sacré ».[28]

Tillon wie de Gaulle-Anthonioz engagieren sich also nach dem Krieg erneut, leisten weiter Widerstand, weil sie erschrocken und entsetzt Parallelen zwischen erlebter Vegangenheit und neu entdeckter Gegenwart erkennen:   Bei Tillon war es der Algerien-Krieg und das Erschrecken über Untaten der französischen Armee,  bei de Gaulle-Anthonioz die Entdeckung der Vierten Welt im eigenen Land.[29] Eine beeindruckende Kontinuität des Widerstands im Leben dieser des Pantheons würdigen Frauen!

Aus Anlass der Pantheonisierung von de Gaulle-Anthoniaz und Tillon wurden die Rollgitter der Buchhandlung in der rue de Taillandier in Belleville mit den Portraits der beiden Frauen geschmückt.

 

Ausblick

Am 1. Juli 2018 wird eine weitere Frau ins Pantheon aufgenommen werden, und zwar Simone Veil. Sie war Auschwitz-Überlebende, als zweite Frau Ministerin in einem französischen Kabinett und als erste Frau Präsidentin des Europäischen Parlaments.  Simone Veil starb am 30. Juni 2017 in Paris. Zu ihrer Ehre wurde in den Invalides ein Staatsakt veranstaltet, bei dem Staatspräsident Emmanuel Macron ihren Einzug und den ihres Mannes, Antoine Veil, ins Pantheon ankündigte.  Termin der feierlichen Pantheonisierung ist der 1. Juli 2018.[30]

Macron wird sich wohl kaum mit dieser Pantheonisierung begnügen, und dabei  wird er sicherlich auch auf die  „Frauenquote“ bedacht sein. Man darf also gespannt sein.

 

Zum Weiterlesen:

Geneviève de Gaulle Anthonioz, La Traversée de la Nuit. Paris: Seuil 1998

Germaine Tillon, Ravensbrück. Paris: Seuil 1988

Germaine Tillon, La Traversée du Mal. Paris 2000

http://www.resistances-morbihan.fr/temoignage-de-germaine-tillion-sur-ravensbruck/

Caroline Glorion, Geneviève de Gaulle Anthonioz, une résistante au Panthéon.  Paris: Plon 2015

Armelle Mabon (ed), L’engagement à travers la vie de Germaine Tillon. 2013

Germaine Tillon, Geneviève de Gaulle Anthonioz. Play Film  (DVD mit Gesprächen zwischen beiden Frauen aus dem Jahr 2000)  http://www.film-documentaire.fr/4DACTION/w_fiche_film/10507_1

Jeanne-Marie Martin, Portraits de Résistants. 10 vies de courage. Paris 2015

Claire Lemonnier, Elles, ces Parisiennes. Promenades à la rencontre des femmes d’exeption. Paris: Parigramme

 

Anmerkungen:

[1] https://fr.wikipedia.org/wiki/Liste_des_personnes_inhum%C3%A9es_au_Panth%C3%A9on_de_Paris

[2] Entsprechend war es ja auch mit den Menschenrechten, den „droits de l’homme“, die zunächst ja eher Männerrechte waren. Immerhin hat es –beispielsweise- bis nach dem 2. Weltkrieg gedauert, bis Frauen in Frankreich das Wahlrecht erhielten.

[3] http://musees.angers.fr/collections/uvres-choisies/galerie-david-d-angers/david-d-angers-fronton-du-pantheon-detail/index.html

[4] Jacqueline Lalouette,   Amour et chimie au Panthéon. In: mensuel 326, Dezember 2007

http://www.lhistoire.fr/amour-et-chimie-au-panth%C3%A9on

[5] siehe Anmerkung 1. Zugriff 20. Januar 2018

[6] zit. in: http://www.lhistoire.fr/amour-et-chimie-au-panth%C3%A9on

[7]  In der offiziellen Ankündigung der nachfolgend kurz  angesprochenen Ausstellung zu Marie Curie im Pantheon heißt es richtig:  „Marie Curie devient la première femme à entrer au Panthéon pour ses propres mérites.http://www.paris-pantheon.fr/Actualites/Marie-Curie-une-femme-au-Pantheon

[8] http://www.lhistoire.fr/exposition/marie-curie-la-passionn%C3%A9e

[9] http://musee.curie.fr/

[10] Karl Gutzkow, Im Pantheon. Aus: Briefe aus Paris, Leipzig 1842. Zit. In: Karsten Witte (Hrsg.): Paris. Deutsche Republikaner reisen. FFM 1980, S.138f.  Das Pantheon war ursprünglich eine nach  der heiligen  Geneviève (Genofeva) benannte Kirche.

[11] https://collectiffemmespantheon.wordpress.com/galerie-de-femmes-a-pantheoniser/

[12] Siehe dazu den Blog-Bericht: Die Erinnerung an Sklavenhandel und Sklaverei (1. November 2017)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/9077

[13] Bild aus:  https://sanscompromisfeministeprogressiste.wordpress.com/2016/11/04/le-3-novembre-1793-olympe-de-gouges-1748-1793-etait-guillotinee/

[14]le chef d’état m’a demandé d’associer les Françaises et les Français à la réflexion qui pourrait conduire à de nouveaux hommages.“

[15] „Il faut des femmes qui ont eu un comportement exemplaire dans des périodes d’épreuves encore proches comme la Guerre de 1914-1918, la Deuxième guerre mondiale avec la Résistance et la déportation„. „J’aime l’idée qu’il y a eu une vie après cette épreuve. Ces femmes ont été renforcées par l’épreuve dans leurs convictions républicaines pour transformer le monde via l’action politique, sociale, éducative, humanitaire

http://www.huffingtonpost.fr/2013/10/10/pantheon-femmes-xx-siecle-rapport-hollande_n_4076249.html

(10/10/2013 | Actualisé 05/10/2016- Zugriff Februar 2018)

[16]  http://www.telerama.fr/television/pierre-brosselette-un-resistant-au-pantheon-et-sur-les-ecrans,126765.php In dem Artikel ist von einer absurden „concurrence mémorielle“ zwischen Jean Moulin und Jean Zay die Rede.

http://www.bfmtv.com/politique/l-entree-de-jean-zay-au-pantheon-fait-grincer-des-dents-a-droite-889261.html

[17] Siehe Blog-Beitrag: François Hollande, Abgesang auf einen allzu normalen Präsidenten (Dezember 2016)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/4220

[18] Über eine Pariser Freundin erhielt ich auch eine Einladung und damit die Erlaubnis, als Zaungast an der Ze2remonie teilzunehmen.

[19] Le Monde, 20.4.2013

[20] http://www.quatreviesenresistance.fr/

[21] Tzvetan Todorov, Les valeurs de la Résistance. In: Le Monde 21.2.2014. http://www.lemonde.fr/idees/article/2014/02/21/les-valeurs-de-la-resistance_4371071_3232.html?xtmc=pantheon&xtcr=2

[22] https://de.wikipedia.org/wiki/Le_Verf%C3%BCgbar_aux_Enfers

http://www.resistances-morbihan.fr/temoignage-de-germaine-tillion-sur-ravensbruck/

und Tzvetan Todorov a.a.O.

[23] Tzvetan Todorov, Les valeurs de la Résistance. In: Le Monde 21.2.2014.

[24]  Der Mont  Valérien im Westen von Paris war eine Hinrichtungsstätte der deutschen Besatzungsmacht im  Zweiten Weltkrieg. Über 1000 Menschen wurden dort zwischen 1941 und 1944 erschossen.

[25] https://www.franceculture.fr/histoire/germaine-tillion-mediatrice-de-la-guerre-dalgerie Dort wird auch aus einem offenen Brief von Germaine Tillon an Simone de Beauvoir aus dem Jahr 1964 zitiert:

« Il se trouve » que j’ai connu le peuple algérien et que je l’aime ; « il se trouve » que ses souffrances, je les ai vues, avec mes propres yeux, et « il se trouve » qu’elles correspondaient en moi à des blessures ; « il se trouve », enfin, que mon attachement à notre pays a été, lui aussi, renforcé par des années de passion. C’est parce que toutes ces cordes tiraient en même temps, et qu’aucune n’a cassé, que je n’ai ni rompu avec la justice pour l’amour de la France, ni rompu avec la France pour l’amour de la justice.“

[26] Zit. in: Caroline Glorion, Geneviève de Gaulle Anthonioz. Paris: Plon 2015, S. 78 und 80 (Übersetzung von W.J.)

[27] Zit. in: Caroline Glorion, S. 79

[28] http://www.atd-quartmonde.org/pere-joseph-wresinski-1917-1988/

[29]  Tillon engagierte sich übrigens auch in diesem Bereich: Zum Beispiel unterstützte sie die  sans-papiers, die sich 1986 in der Kirche Saint-Bernard in Belleville versammelt hatten, um auf ihre Lage aufmerksam zu machen und die von der Polizei gewaltsam vertrieben wurden. (Siehe Blog-Bericht über das Goutte d’Or)

In dem Buch von Martin (siehe Lit.Angabe) wird übrigens das Engagement von de Gaulle-Anthonioz nach dem Krieg kurz angesprochen, das von Tillon überhaupt nicht. Über die Gründe kann man nur spekulieren.

[30]  http://www.lemonde.fr/mort-de-simone-veil/article/2018/02/19/simone-veil-entrera-au-pantheon-le-1er-juillet_5259379_5153643.html#2ZUhrlg4ex4puiy0.99

 

Geplante Beiträge:

  • Die Seineufer in Paris: Der schwere Abschied vom (Alp-)traum einer autogerechten Stadt
  • Street-Art in Paris (2):  Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • 50 Jahre Mai 1968: Plakate der Revolte. Eine Ausstellung in der École  des Beaux- Arts in Paris
  • Street-Art in Paris (3):  Der Invader
  • Auf dem Weg nach Paris: Die Mühle von Valmy, ein Fanal der Französischen Revolution
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier

Hector Guimard in Paris (2):  Die  Synagoge in der rue Pavée (4. Arrondissement) und das Grabmal  auf dem Père Lachaise (20. Arrondissement)

Es gibt auf diesem Blog schon einen  Beitrag über die Bauten Hector Guimards im 16. Arrondissement von Paris (Hector Guimard: Jugendstil in Paris. Eingestellt Februar 2018).  In dem nachfolgenden Beitrag wird nun eine außergewöhnliche und einzigartige Arbeit des Architekten vorgestellt, die etwas aus dem Rahmen der sonstigen von ihm entworfenen Bauten fällt, nämlich die Synagoge in der rue Pavée im Marais, immerhin  die weltweit bekannteste Pariser Synagoge.[1] Dazu  wird ein Blick auf  ein von ihm entworfenes Grabmal auf dem Friedhof Père Lachaise geworfen, einen Höhepunkt des Art nouveau. Damit soll das Bild der Jugendstil-Arbeiten Guimards in Paris abgerundet werden.

 

Die Synagoge in der rue Pavée

Das Marais (3. und 4. Arrondissement)  gilt gemeinhin als DAS jüdische Viertel von Paris und die berühmte  Rue des Rosiers  in seiner Mitte steht –laut Wikipedia- „sinnbildlich für die jüdische Gemeinde von Paris“.[2] In der Tat gibt es dort auf engem Raum eine ganze Reihe jüdischer Geschäfte, Lebensmittelläden, Bäckereien, in denen man z.B. Mohnstriezel, Apfelstrudel oder Käsekuchen kaufen kann, Buchhandlungen, Restaurants, die lautstark ihre Falafel anpreisen, das wunderbare  Café des Psaumes und Vieles mehr, was die jüdische Präsenz sichtbar macht. Und  in der Nähe  befindet sich das jüdische Museum von Paris (musée d’art et d’histoire du Judaïsme), das Mémorial de la Shoah und –nicht zuletzt- die wunderbare Synagoge Hector Guimards.

Die verbreitete Vorstellung vom Marais als DEM jüdischen Viertel von Paris hat also seine guten Gründe, beruht aber auch auf einem Mythos, der sich allmählich entwickelt hat. Es gab im Marais zwar schon im Mittelalter eine Ansiedlung von Juden, die aber mit ihrer  Vertreibung aus Frankreich im Jahr 1394 gewaltsam beendet wurde. Im 18. Jahrhundert waren es dann vor allem Juden aus dem Elsass und aus Lothringen, die sich im Marais niederließen, das damals schon seine besten –aristokratischen- Zeiten hinter sich hatte und zu einem dicht bevölkerten, handwerklich geprägten Viertel geworden war. Nach einer zur Zeit Napoleons erstmals erstellten Statistik lebten 1808 immerhin 82% der Pariser Juden im Marais. Dabei handelte es sich nicht um ein Ghetto, sondern die Juden suchten aus verständlichen sozialen, religiösen und landsmannschaftlichen Gründen Nähe und Gemeinschaft- so wie ja auch viele andere Gruppen von Einwanderern nach ihnen. Ganz anders dann das Bild Mitte des 20. Jahrhunderts am Vorabend der Shoah. Ein von der association L’enfant et la Shoah (Yad Layeled France) erstelltes Schaubild zeigt, dass vor dem  Beginn der großes Vertreibungs- und Vernichtungsaktionen der mit Abstand größte Anteil der in Paris lebenden Juden im 11. Arrondissement wohnte, während das Marais mit dem  3. und 4. Arrondissement in dieser Hinsicht eine eher bescheidene Rolle spielte.[3] Inzwischen hatten sich viele Juden auch in anderen Stadtvierteln niedergelassen, eine nicht unbeträchtliche Anzahl auch im noblen 16. Arrondissement- so wie es ja auch in Deutschland nach Aufhebung der Ghettos entsprechende Wanderungsbewegungen gab: In Frankfurt am Main zum Beispiel die Ansiedlung von Juden im noblen Westend, während im früheren Ghetto im Ostend eher arme und orthodoxe Juden verblieben.

DSC02356 Shoah jüd. Kinder 11. Arrondissement (13)

Auch im Marais waren es vor allem arme und orthodoxe Juden, die sich dort niederließen und seinen Ruf als jüdisches Viertel erneuerten und festigten: Um 1850 kamen polnische Juden, gefolgt von einer großen Einwanderungswelle um 1900:  Über 100 000 Juden aus Ost- und Mitteleuropa – Russen, Polen, Rumänen- flohen damals vor Pogromen, zum Beispiel dem Pogrom von Chisinau in Bessarabien im Jahr 1903. Viele fanden im  Marais Zuflucht, wo es schon eine jüdische Tradition gab. Außerdem war das Viertel damals ziemlich heruntergekommen,  die Mieten waren also  günstig und erschwinglich für die meist armen Zuwanderer. Dies war dann die Blütezeit des „Pletzl“, wie es auf yiddisch, der Sprache der zugewanderten Juden, hieß. [4]

Die Juden im Marais benötigten natürlich auch Räume für ihren Gottesdienst. Das  waren im 18. Jahrhundert  heimliche, von außen nicht erkennbare Gebetshäuser (oratoires). Eines davon, das nach der Überlieferung auf das Jahr 1780 zurückgehen soll, existiert noch in der rue des Rosiers Nummer 17. Von der Straße aus ist nicht erkennbar, dass es sich um ein Gebetshaus handelt. Durch das bei Wohnhäusern des Viertels übliche Portal und einen Hof gelangt man über eine alte, enge Treppe in den einfach ausgestatteten Gebetsraum, der heute von den Anhängern des Rabbi Loubavitch genutzt wird, die im jüdischen Viertel sehr präsent sind.[5]  Mit der 1791 in Frankreich erfolgten Judenemanzipation und der Anerkennung  der jüdischen Religion im Jahr 1808  wurde eine  erste staatlich anerkannte Vertretung des Judentums, das Consistoire de Paris, geschaffen. Jetzt war auch der Bau  von großen Synagogen möglich. Die erste entstand 1822 im Marais in der rue Notre-Dame- de-Nazareth, die zweite 1876  in der rue de Tournelles, in der Nähe der place des Vosges. Gleichzeitig war das Consistorium bestrebt, die kleinen, seiner Verwaltung und Kontrolle nicht unterworfenen Gebetshäuser zu schließen. Allerdings fühlten sich die orthodoxen Juden und die jüdischen Neuankömmlinge aus Mittel- und Osteuropa in den „Kathedralen“ des Consistoriums nicht aufgehoben und gründeten neue orthodoxe Gebetshäuser. Angesichts der Einwanderungswelle um 1900 forderten sie, dass ihr (orthodoxer) Rabbiner an die große Synagoge in der rue de Tournelles berufen würde. Das Consistorium lehnte das jedoch ab, „pour conserver la suprématie aux Français“, um also nicht die Vormachtstellung der alteingesessenen französischen Juden, vor allem aus dem Elsass und Lothringen, nicht zu gefährden.[6]

Dies ist der historische Hintergrund für die Entstehung der Synagoge in der rue Pavée. 1911 schlossen sich neun  Organisationen von Juden aus Russland, Polen und Rumänien, die bisher eigene Gebetsräume unterhalten hatten, in der Union Agoudath Hakehilot zusammen, um eine gemeinsame Synagoge zu bauen. Gekauft wurde zu diesem Zweck das Grundstück in der rue Pavée Nummer 10, das zwar sehr ungünstig geschnitten war, dafür aber den entscheidenden Vorteil hatte, mitten im jüdischen Viertel zu liegen. Es gibt mehrere Gründe, die die orthodoxen Juden des Pletzl bewogen haben mochten, die bisherigen kleinen Gebetsräume gegen eine große neue Synagoge zu tauschen. Einmal sollte es sicherlich Ausdruck des wirtschaftlichen Erfolgs sein, den manche Mitglieder der Vereinigung seit ihrer Installierung in Paris z.B. als Diamantenhändler zu verzeichnen hatten. Dieser Zweck wurde mit der Synagoge auch in hohem Maße erreicht. Jedenfalls schrieb 1915, kurz nach der Fertigstellung des Baus etwas spitz ein Kunstkritiker, die Juden im Marais  könnten doch nicht so arm sein, wie man es manchmal denke oder es den Anschein habe.  Immerhin hätten sie in der rue Pavée eine Synagoge gebaut, die für dieses talmudistische Dörfchen  (“petit village talmudiste“)  gewissermaßen wie Notre Dame oder Sacré Cœur sei.[7]

Die Synagoge in der rue Pavée war damit auch ein Ausdruck von Selbstbewusstsein. Immerhin war sie die erste überhaupt, die für Einwanderer aus Osteuropa gebaut wurde.  Ein weiteres Motiv wird aus der in französischer und hebräischer Sprache gehaltenen Einladung deutlich, die der Präsident von Agoudath Hakehilot, Joseph Landau,  zur Grundsteinlegung der Synagoge am 6. April 1913 verschickte:

„Wir werden es nicht mehr nötig haben, in privaten und provisorischen Räumlichkeiten unterzukommen, wohin uns unsere Kinder nicht begleiten wollen, was sie von unserer heiligen Religion entfremdet. Wir werden eine große Synagoge haben, die mit allem modernen Komfort ausgestattet ist.“[8]

Waren die oratoires eher Orte der Rückwärtsgewandtheit und der Abschottung, so sollte die neue Synagoge Ausdruck des Wunsches sein, sich gegenüber der Gegenwart zu öffnen und damit auch für die nachfolgende, stärker in die französische Gesellschaft integrierte Generation attraktiv zu sein.  Die Wahl von Hector Guimard als Architekt des Baus ist sicherlich in diesem Kontext zu sehen und zu verstehen. Bis dahin wurden Synagogen ja im romanisch-byzantinischen Stil gebaut. Die Eigenständigkeit von Agoudath Hakehilot und ihre Unabhängigkeit von dem architektonisch traditionellen Consistorium ermöglichten aber einen Bruch mit der bisherigen Bautradition.  So entbehrt es  nicht einer gewissen Delikatesse, dass die bis dahin einzige in Paris im „modernen  Stil“  errichtete Synagoge ausgerechnet von denen in Auftrag gegeben wurde, die als rückwärtsgewandt galten …  Insofern passt auf die Synagoge in der rue Pavée das, was der Rabbiner Jacob Kaplan etwa 50 Jahre später sagte, als er die zeitgemäß konzipierte Synagoge in der rue Roquette (11. Arrondissement) einweihte:

„Cette synagogue d’une conception architecturale des plus modernes est élevée par une Communauté profondément attachée à nos plus anciennes traditions religieuses.“[9]

Die Synagoge in der rue Pavée vereinigt und veranschaulicht damit gewissermaßen die beiden gegensätzlichen Elemente, die für die europäischen Juden im 19. und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts charakteristisch waren (Dan Diner): Nämlich einerseits -in vielen Bereichen-  „Pioniere der Modernisierung“  zu gewesen zu sein, andererseits aber auch „Residuen der Vormoderne.“ (9a)

In Darstellungen der Synagoge werden, wenn es um die Auftragsvergabe an Hector Guimard geht,  auch gerne die verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen Joseph Landau und Adeline Oppenheim angesprochen. Adeline war die Nichte Landaus und die Ehefrau Hector Guimards.  Allerdings: Adeline Oppenheim, in New York geboren und Malerin, war zwar Jüdin, stand allerdings den orthodoxen russisch-polnischen  Kreisen, die den Bau  der Synagoge betrieben, kaum nahe. Sonst hätte sie wohl nicht eine christliche Trauung mit Guimard in der Kirche Notre-Dame-d’Auteuil akzeptiert.[10] Eine Rolle spielte aber sicherlich ihr Vater, der von seinem Vermögen Geld zum Bau der Synagoge beisteuerte, ebenso wie Joseph Landau und auch  Hector Guimard selbst, womit ja wohl  die Bedeutung unterstrichen wird, die er diesem Auftrag beimaß. Jedenfalls konnten die „Archives israélites“ anlässlich der Eröffnung des Bauwerks vermelden, es habe die jüdische Bevölkerung von Paris keinen Sou gekostet.[11]

Der Bau der Synagoge war für Guimard eine große Herausforderung angesichts der Enge und Länge des Grundstücks: weniger als 12 Meter Breite und 30 Meter Tiefe. Schon ein Blick auf die Fassade zeigt aber, wie brillant er mit dieser Herausforderung umgegangen ist. Durch die Verbindung konvexer und konkaver Elemente erzeugt Guimard eine Wellenbewegung und Dynamik.  Zwischen zwei konvexen Wölbungen an den Rändern gibt es in der Mitte der Fassade eine breite und relativ ausgeprägte konkave Einbuchtung. Bei diesem rhythmischen  Spiel von konvexen und konkaven Formen auf engstem Raum drängt sich der Gedanke an den barocken Baumeister Borromini auf, der das in der Kirche San Carlo alle Quatro Fontane in Rom meisterlich inszeniert hat.[12] Dort allerdings ist der Mittelteil konvex, was sich aber angesichts der engen rue Pavée für Guimard nicht angeboten hat. Und weil die Synagoge –im Gegensatz zu Borrominis Bau- eingezwängt ist zwischen den Nachbargrundstücken, verbot sich für Guimard eine zusätzliche horizontale Strukturierung. Insofern ist die Fassade der Synagoge eher barock in ihrer Schwingung und, betont durch die durchgängigen Pilaster, gotisch in ihrer Vertikalität – und beides geht eine sehr harmonische Verbindung ein.[13]

DSC02378 Fassade rue Pavée

Bemerkenswert ist die Zurückhaltung,  mit der Guimard den religiösen Charakter des Gebäudes zum Ausdruck bringt. Die beiden Gesetzestafeln sind oben in die Fassade integriert, ihre Doppelstruktur bestimmt aber auch durchgängig die Gliederung der Fenster.

Bemerkenswert ist auch die ornamentale Zurückhaltung bei der Gestaltung der Fassade. Bei genauerem Hinsehen kann man allerdings durchaus „die Handschrift“ Guimards erkennen.

DSC02667 Marais Synagoge (1)

Was die Nutzung des Gebäudes im Innern angeht, ging es nicht nur darum, wie es bei den consistorialen Synagogen einen Gebetsraum zu schaffen, sondern auch  Räume für Unterricht und Verwaltung, wie es im orthodoxen Judentum üblich war. Guimard ordnete diese Räume der Straßenseite zu, so dass man durch sie hindurch bzw. an ihnen vorbei in den festlichen Gebetsraum der Synagoge gelangt.[14]

Wie bei der Fassade ist auch hier die Vertikalität dominierend, zumal der Innenraum durch die kultbedingt erforderliche Einfügung von für die Frauen bestimmten Doppelemporen auf beiden Seiten noch zusätzlich  eingeengt wurde. (Wobei die Emporen auch gleichzeitig die Funktion haben, die deutlichen Verwerfungen des Grundrisses auszugleichen und dem Innenraum damit eine Ebenmäßigkeit zu verleihen, die das Guimard zur Verfügung stehende Grundstück eben nicht hatte.)

Marais etc Nov 10 055

Eine besondere Herausforderung für die Gestaltung des Innenraums war das Problem  der Beleuchtung. Auf den Seiten waren durch die anschließende Bebauung keine Fenster möglich.

Marais etc Nov 10 058

Guimard löste das Problem durch den Einbau großer Glasflächen in die Decke und durch ein  großes Fenster in der den Raum abschließenden Wand über dem achtarmigen Leuchter.

Marais etc Nov 10 056

Der Menora- Leuchter ist übrigens das einzige Ausstattungsstück, das nicht von Guimard entworfen wurde. Die Lampen, die Stuckverzierungen, die Geländer der Emporen und das Mobiliar tragen mit ihren geschwungenen Linien und ihrer Pflanzenornamentik durchweg seine Handschrift.

Marais etc Nov 10 057

Modern war übrigens auch die von Guimard verwendete Bautechnik. Das Gerüst, das den Baukörper trägt, ist nämlich aus Stahlbeton, einem damals ausgesprochen innovativem Material, das es Guimard ermöglichte, den Zwängen und Einschränkungen des ihm zur Verfügung stehenden Raumes zu trotzen. Und es ermöglichte – zusammen mit der für Guimard schon typischen Verwendung standardisierter Bauteile- eine ausgesprochen kurze Dauer der Bauzeit: Die Grundsteinlegung erfolgte am 6. April 1913, die offizielle Einweihung am 7. Juni 1914. An dieser feierlichen Einweihung, für die auch ein berühmter Kantor aus Warschau gewonnen wurde, nahm kein Repräsentant des französischen Judentums teil, das es vorzog, wie es in einer Darstellung heißt, eine Initiative von eingewanderten Juden zu ignorieren, die sie nicht hatten verhindern können.[15]

 

Der Anschlag von 1941 auf die Synagoge

In der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1941, am Vorabend von Yom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, wurde ein Anschlag auf die Synagoge in der rue Pavée verübt. Bei meinen (allerdings nicht umfassenden) Recherchen dazu bin ich auf verschiedene Versionen der Darstellung dieses Ereignisses gestoßen. Zunächst  auf die Darstellung auf einer Internet-Seite über das Marais (parismarais.com), die sich ihrer über 16 Millionen Besucher rühmt.[16] Der dortige  Beitrag über das jüdische Viertel stammt aus der Feder von Tomi L. Kamins, die immerhin einen „complete jewish guide to France“ veröffentlicht hat.  In diesem Beitrag wird mitgeteilt, dass „die Deutschen“ die Synagoge in die Luft gesprengt hätten („les Allemands  firent exploser cette synagogue mais elle fut depuis restaurée“). Natürlich erscheint diese Darstellung durchaus plausibel, gerade da sie sich auf das jüdische Viertel im Marais bezieht, in dem viele plaques commemoratives an  Opfer des nationalsozialistischen Rassewahns erinnern. Dass bei dem Anschlag auf die Synagoge „die Deutschen“ die Akteure waren, entspricht allerdings nicht der historischen Wahrheit. Tatsächlich war es die französische faschistische und antisemitische Kollaborationsgruppierung MSR (Mouvement social révolutionaire) Eugène Deloncles, die –sicherlich mit wohlwollender Billigung und vielleicht auch logistischer Unterstützung der Besatzungsbehörden-  an diesem Tag gleichzeitig Anschläge auf sechs der damaligen sieben Pariser Synagogen  verübte, die damit also  gewissermaßen eine französische Version der „Reichskristallnacht“ inszenierte.[17] Ich weiß nicht, wann die fehlerhafte Version von parismarais verfasst bzw. ins Netz gestellt  wurde. Wohl kaum  in einer glücklicherweise lange zurückliegenden Zeit, in der es in Frankreich noch geboten war, über den französischen Anteil an der Judenvernichtung schamhaft hinwegzusehen und in der deshalb noch die cépis der französischen Gendarmen in Alain Resnais Film „Nacht und Nebel“ wegretuschiert werden mussten[18]; und wir sind auch nicht im Polen Kaczynskis, wo man mit einer Gefängnisstrafe rechnen muss, wenn man wahrheitsgemäß feststellt, dass es auch Polen gab, die die Nazi-Besatzung ausgenutzt haben, um Juden zu erpressen, zu berauben oder zu ermorden.[19]

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Jedenfalls wurde die Synagoge  1941 nicht völlig zerstört; beschädigt wurde aber der Eingangsbereich, der nach dem Krieg restauriert und mit dem großen Davidstern versehen wurde- vielleicht ein trotziger und demonstrativer Ausdruck jüdischer Selbstbehauptung nach dem  Holocaust.

Dass es übrigens auch im Frankreich der Nachkriegszeit einen militanten Antisemitismus gab und noch gibt, wird ganz in der Nähe der Synagoge an der Ecke der rue des Rosiers und der rue Ferdinand-Duval deutlich, wo sich  früher das Restaurant von Jo Goldenberg befand, auf das 1982 ein Anschlag verübt wurde.

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Antisemitisches Attentat vom  9. August  1982

Durch eine Schießerei und die Explosion  einer Granate sind hier,

im Restaurant Goldenberg,

6 Menschen getötet und 22 verletzt  worden.

Zur Erinnerung an

Mohamed Benemmon                  André Hezkia Niego                      Grace Cuter                                      Anne van Zanien                          Denise Guerche Rossignol        Georges Demeter

Opfer des Terrorismus

 

 

 

Inzwischen gibt es das Restaurant, das einmal zu den Schmuckstücken und Anziehungspunkten des „Pletzl“ gehörte, nicht mehr. Nachdem zwischenzeitlich dort ein edles Modegeschäft eine Filiale eingerichtet hatte, sind die Räume derzeit (Februar 2018) wieder zur Vermietung ausgeschrieben… Ein trauriger Anblick.

DSC02667 Marais Goldenberg (1)

Das Goldenberg- Attentat von 1982 [20] und der Überfall auf den jüdischen Supermarkt Hyper Cacher vom Januar 2015 markieren Tiefpunkte eines inzwischen überwiegend islamistischen antisemitischen Terrorismus in Frankreich. Daneben gibt es aber auch eine erschreckende Vielzahl von antisemitischen Gewalttaten wie Anfang 2018 gegen ein 15 Jahre altes jüdisches Mädchen und einen 8 Jahre alten Jungen in Sarcelles bei Paris, dem sogenannten „Klein-Jerusalem“, das sich traditionell eher durch ein friedliches Nebeneinander von Juden, Christen und Muslimen auszeichnete. [21]

Wenn man, am besten im Rahmen eines Spaziergangs durch das alte „Pletzl“,  die Synagoge in der rue Pavée besucht und bewundert, wird man von diesem historischen und aktuellen Hintergrund nicht absehen können. Ihn aber genauer zu beleuchten, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Vielleicht ein anderes Mal mehr dazu….

  

Praktische Informationen zur Synagoge in der rue Pavée:

Métro Linie 1, Station Saint Paul

Eine Besichtigung ist nur bei besonderen Gelegenheiten wie den Tagen des offenen Denkmals (jourées du patrimoine) möglich.  Man kann aber auch einmal  Glück haben und darf zum Beispiel anlässlich eines Gottesdienstes einen Blick in die Synagoge werfen.

 

Das Grabmal auf dem Père Lachaise

Guimard hat mehrere Grabmäler entworfen. Solche Entwürfe gehörten zu den üblichen Aufgaben, die den Schülern der École des Beaux-Arts, die der junge Guimard besuchte, gestellt wurden. Bei seinem Besuch in Belgien (1895) konnte er neben Victor Hortas hôtel Tassel, das ihn tief beeindruckte, auch einige von Horta entworfene Grabmäler kennenlernen. Unter den verschiedenen von Guimard entworfenen  Grabmälern ist das auf dem Père Lachaise sicherlich dasjenige,  das mit seinen geschwungenen Linien am eindrucksvollsten den Stil des Art Nouveau repräsentiert. „L’Art Nouveau trouve son accomplissement dans l’admirable tombe de la famille Ernest Caillat“, wie es in dem Katalog der Guimard-Ausstellung heißt.[22]

DSC02557 Guimard Pere Lachaise (5)

DSC02557 Guimard Pere Lachaise (2)

DSC02557 Guimard Pere Lachaise (1)

Das Grab wird  noch genutzt, es ist sehr gepflegt und –dem verwendeten Granit sei Dank- gut erhalten. Man findet es in der zweiten Division des Friedhofs, nicht weit vom Haupteingang  entfernt auf der rechten  Seite an der Friedhofsmauer.

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Ist man eher auf der nord-östlichen Seite des Friedhofs unterwegs –z.B. bei einem Spaziergang auf den Spuren der Commune (siehe den Blog-Bericht über den „Bürgerkrieg in Frankreich“), dann kann man das Grab auf dem  Weg zum Ausgang kaum verfehlen.

 DSC01758 Pere lachaise Guimard Dez 2017 (1)

Literatur:

Philippe Thiébaut (Hrsg.): Guimard. (Ausstellungskatalog musée d’Orsay und musée des Arts décoratifs et des Tissus de Lyon)  Paris 1992. Darin Beitrag über die Synagoge in der rue Pavée S. 414 – 419

Dominique Jarrassé, Guide du Patrimoine Juif Parisien. Paris: Parigramme 2003, S, 121-126

 

Anmerkungen:

[1] Jarrassé, S. 121

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Rue_des_Rosiers

[3] Das Schaubild war Teil einer Ausstellung über „Enfants juifs à Paris 1939-1945“, die Ende Januar 2018 in der mairie des 11. Arrondissements gezeigt wurde.

[4] Siehe dazu: Le Pletzl ou le quartier juif du Marais. In: Anna Radwan, Mémoire des Rues. Paris 4e Arrondissement 1900-1940. Paris 2004, S. 91ff Das Pletzl bezeichnete zunächst einen kleinen Platz in der rue des Hospitaliers-Saint-Gervais, dann bezog er sich allmählich auf das ganze Viertel, „une enclave orientale“. (S.91)

[5] Jarrassé, S. 112/113

[6] Jarrassé, S. 44

(7) zit. von Isabelle Backouche, Rénover un quartier  parisien sous Vichy. In: Genèse 2008 4 (78)

https://www.cairn.info/revue-geneses-2008-4-page-115.htm

[8] Zit. von Jarrassé S. 121. Übersetzung aus dem Französischen von mir.

[9] Zit. von Jarrassé, S. 138

(9a) Ich beziehe mich hier auf einen Vortrag von Dan Diner in der Maison Heinrich Heine in Paris vom 15.3.2018 bei der Vorstellung der von ihm herausgegebenen Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur

[10] Jarrassé 122 und Thiébaut, S. 416

[11] https://fr.wikipedia.org/wiki/Joseph_Landau unter Bezugnahme auf: Nancy L Green,.The Pletzl  of Paris. Jewish Immigrant Workers in the Belle Epoque. Holmes & Meier: New York & London, 1986

[12] https://de.wikipedia.org/wiki/San_Carlo_alle_Quattro_Fontane

Den Hinweis auf Borromini gibt es auch in der kurzen Beschreibung der Synagoge in: Nicolas Jacquet, Le Marais, secret et insolite. Paris: Parigramme 2012, S. 152; siehe auch Thiebaut, der die aus einer englischen Darstellung die Charakterisierung „borrominiesque“ zitiert. (S. 427)

[13]  Bild aus: Thiébaut, S. 414

[14] https://fr.wikipedia.org/wiki/Synagogue_de_la_rue_Pav%C3%A9e  unter Verweis auf:

Magalie Flores-Lonjou et Francis Messner, Les lieux de culte en France et en Europe : Statuts, pratiques, fonctions.  Louvain & Paris & Dudley 2007, S. 237.

[15] http://www.le-top-des-meilleurs.fr/histoire-juive-du-marais/

[16] http://www.parismarais.com/fr/decouvrez-le-marais/histoire-du-marais/le-quartier-juif-du-marais.html Unzutreffend ist übrigens auch die Feststellung in diesem Text, die Frau von Guimard habe Frankreich verlassen und in die USA flüchten müssen wegen des Nationalsozialismus. Die Guimards siedelten aber schon 1938 in die USA über, also vor Krieg und occupation.

[17] Zu den Anschlägen siehe:  Cécile Desprairies. Paris dans la Collaboration. Préface de Serge Klarsfeld. Éditions du Seuil: Paris, 2009

https://fr.wikipedia.org/wiki/Synagogue_de_la_rue_Pav%C3%A9e

https://fr.wikipedia.org/wiki/Grande_synagogue_de_Paris                                                                     siehe auch: https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn1004121

[18]  siehe Henry Rousso, Le syndrome de Vichy. Paris:  Edition du Seuil 1987, S.244/245.  Trotzdem wurde der Film aber 1956 nicht in das offizielle Programm der Filmfestspiele von Cannes aufgenommen. Die Originalversion des Films konnte erst in den  1990-er Jahren  gezeigt werden.

[19] http://www.sueddeutsche.de/politik/ns-zeit-polens-regierung-will-eine-heldenhafte-opfernation-darstellen-1.3849672

siehe auch: Serge Klarsfeld, Les Polonais doivent trouver un terrain d’entente et réviser la loi. Und: Anna Zielinska, En Pologne, plusieurs démons du passé se sont réveillés. Beide Beiträge in: Le Monde,21.2.2018, S. 23

[20] https://fr.wikipedia.org/wiki/Attentat_de_la_rue_des_Rosiers

[21] Siehe http://www.actuj.com/2018-02/france-politique/6348-juifs-de-sarcelles-entre-attachement-et-inquietude#

[22] Thiébaut, S. 270. Dort weiter: „La synthèse entre les éléments verticaux et horizontaux est ici réalisée dans une ondulation continue de lignes courbes, d’une abstraction presque totale, où la petite croix de fonte semble faire corps avec la mouvante masse de granit de la stèle.“

 

Geplante Beiträge:

  • Das Pantheon der großen (und weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen (1): Die Frauen des Pantheons
  • Street-Art in Paris (2):  Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • 50 Jahre Mai 1968: Plakate der Revolte. Eine Ausstellung in der École  des Beaux- Arts in Paris
  • Die Seineufer in Paris: Der schwere Abschied vom (Alp-)traum einer autogerechten Stadt
  • Auf dem Weg nach Paris: Die Mühle von Valmy, ein Fanal der Französischen Revolution
  • Street-Art in Paris (3):  Der Invader
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier

 

Hector Guimard: Jugendstil in Paris/Art Nouveau à Paris (1)

Jeder auch nur flüchtige Besucher von Paris hat schon einmal Bekanntschaft mit den Werken des Architekten Hector Guimard gemacht: Er war es nämlich, der die berühmten Pariser Metroeingänge mit den elegant- geschwungenen Linien und Formen entworfen hat.

Die Metroeingänge Guimards

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Station St Michel mit der Fontaine Saint – Michel im Hintergrund

DSC01860 Metro Eingang Guimard

Das für Guimard charakteristische Seepferdchenmotiv:

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Guimard erhielt 1899 von der Compagnie du chemin de fer métropolitain de Paris (CMP) den Auftrag, Entwürfe für die Eingänge der Pariser Metro zu gestalten, die einladend und eher verspielt sein sollten. Die Eingänge sollten einerseits standardisiert sein, um den Kunden die Orientierung zu erleichtern und um die Produktion zu vereinfachen, andererseits sollte es aber auch keine völlige Einförmigkeit geben. Guimard entwarf deshalb zwei Eingangstypen mit unterschiedlicher Überdachung und mit jeweils einer seitlich offenen und geschlossenen Variante.

 

Am schönsten erhalten ist der überdachte Eingang an der Station Porte Dauphine. Es handelt sich um den einzigen noch existierenden überdachten Eingang  vom Typus B mit geschlossenen Seiten. Diese überdachten Eingänge erinnerten einen zeitgenössischen Kritiker an eine Libelle, die gerade ihre leichten Flügel ausbreitet, aber auch an Monster, deren Augen die Kandelaber seien. [1]

Bis ins kleinste technische Detail hat Guimard alle Teile entworfen und zu einem freundlichen Ganzen zusammengefügt.

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Ein Exemplar des etwas kleineren überdachten Typs A ist noch an der Metro-Station Abesses erhalten. Dieser Eingang befand sich ursprünglich an der Metro-Station Hôtel de Ville, wurde aber später verlegt. Auch hier handelt es sich um das letzte Exemplar seiner Art.

Ab 1901 wurden die Zugänge zur Metro nicht mehr überdacht. Insgesamt sind von ursprünglich 380 von Guimard entworfenen Metro-Stationen nur  noch 88 erhalten.

DSC01863 Metro guimard (1)

Solche Informationstafeln wurden 2000 zum 100-jährigen Jubiläum der Metroeingänge Guimards angebracht.

Allerdings gab es von Anfang an auch erhebliche Kritik an Guimards Metro-Eingängen: Beispielsweise wurde die von Guimard entwickelte Schrift gerügt: Es handele sich um „ein bizarres und phantastisches Alphabet von unförmigen Buchstaben“, die vor allem für Fremde die Lektüre massiv erschwerte. An offiziellen Bauwerken sollten aber klare und für jedermann lesbare Inschriften verwendet werden. Schon ab 1902 wurden auch andere Architekten  mit dem Entwurf von Metro-Eingängen betraut, und 1912 wurde der letzte Eingang im Guimard-Stil gebaut.

Spätestens mit dem Beginn des ersten Weltkriegs, als Frankreich, wie Georg Stefan Troller schreibt, „in eine Phase patriotischer Hysterie eintrat… war es dann mit dem Art Nouveau schlagartig zu Ende.“ Die Typographie der Métrostationen galt als „unfranzösisch“, ihr Grün als „typisch deutsch“.[2]  Und die Abwertung des Art nouveau hielt noch lange an. Sogar das große Eingangsbauwerk zum Bahnhof Bastille, das Guimard entworfen hatte, wurde 1962 abgerissen.[3]

1metbast2 Metro Bastille Guimard

Der damalige  Kultusminister Malraux, der entscheidend dazu beigetragen hat, die historische Substanz von Paris zu erhalten und in Szene zu setzen, hat zwar, wie ein Guimard-Freund bitter konstatierte, viel für die  Arbeiten Le Corbusiers getan, aber nichts für die von Guimard… Erst 1987 wurden seine noch erhaltenen Metro-Eingänge unter Denkmalschutz gestellt.[4]

Insofern hat  Georg Stefan Troller nicht ganz recht, wenn er über Hector Guimard schreibt, er hätte zehn Jahre, nachdem er 1942 vergessen in New York gestorben sei, „eine triumphale Auferstehung erlebt“.[5]

Seit 1967 gibt es übrigens auch in Montreal einen Metro -Eingang von Hector Guimard.  Es handelt sich um ein Geschenk der französischen Metro-Betreibergesellschaft RATP, um an die Beteiligung französischer Ingenieure am Bau der Untergrundbahn von Montreal zu erinnern.[6]

Metro Montreal Gerd Turk IMG_3148

 

Das hôtel Mezzara (60, rue Jean-de-La-Fontaine, 75016 Paris. Métro: Michel Ange/Auteil)

Obwohl Paris dank Guimard als Zentrum des Jugendstils gelten kann, gibt es dort kein Guimard-Museum und die Stadt tut sich immer noch schwer, ihn angemessen zu würdigen. Es gibt aber jetzt eine Gelegenheit, diesem Mangel abzuhelfen, und es gibt den Cercle Guimard,  eine entsprechende engagierte Initiative von Hektorologen/„hectorologues“. Seit einiger Zeit  ist  nämlich eines der bedeutendsten noch erhaltenen Bauwerke Guimards, das hôtel Mezzara verfügbar. Es gehört dem französischen Staat und diente lange als Dependance eines benachbarten privaten Gymnasiums. Jetzt könnte es zu einem Guimard-Museum werden. Immerhin war es im November/Dezember wenigstens möglich, die Räume zu sehen: In der Tat ein eindrucksvoller Bau des art nouveau und ein würdiger Ort für ein künftiges Museum…

 

Guimard verstand sich nicht nur als Architekt, sondern auch und  zu zuallererst als Künstler.  Sein Ziel war es, gewissermaßen Gesamtkunstwerke zu gestalten. Also entwarf er auch die Fenster, die Gitter des Zauns und die Treppengeländer, die Tapeten, die Türgriffe und Wasserhähne, die Lampen, das Schild mit der Hausnummer, für deren Zahlen er –wie ja auch schon für die Buchstaben- ein eigenes charakteristisches Design schuf.

 

 

Und natürlich entwarf er auch die Möbel und andere Einrichtungs- und Gebrauchsgegenstände, wie z.B. die Bestecke.

 

Insofern war Guimard tatsächlich ein Vorläufer des modernen Designs, als der er in der Ausstellung im hôtel Mezzara präsentiert wurde. Und er war ein „architecte de l’art total“, wie auch aus seinem „Glaubensbekenntnis“ deutlich wird, das am Eingang der Ausstellung den Besuchern präsentiert wurde:

Hotel Mezzara Hector guimard (59)

Ich liebe die Architektur, und wenn ich sie liebe, dann deshalb, weil sie in ihrem Wesen, ihrer Methode, ihrer Funktion und allen ihren Erscheinungsformen „alle anderen Künste“ ohne Ausnahme umfasst.

 

Guimard und der Darmstädter Jugendstil

Guimard stand mit einem solchen Kunstverständnis damals keineswegs allein. Auf einer Reise nach Brüssel hatte Guimard 1895 den belgischen Jugendstil-Architekten Victor Horta kennengelernt und war von dessen Bauten, besonders dem hôtel Tassel tief beeindruckt. Er erkannte sofort, dass es eine enge Beziehung zwischen seinen künstlerischen Intentionen und denen Hortas gab und der Einfluss Hortas auf die Bauten Guimards ist unverkennbar.[7] Guimards ganzheitliches Kunstverständnis entsprach auch dem der Künstlergruppe, die sich um 1900 in Darmstadt zusammenfand und auf der Mathildenhöhe in Darmstadt mehrere Villen mitsamt aller Einrichtungsgegenstände entwarf.[8] Die stilistische Nähe von Guimard und der Darmstädter Künstlerkolonie ist dabei offenkundig: Der Jugendstil, der art nouveau, war ja kein nationaler Stil, sondern eine Stilrichtung mit internationalen Dimensionen.

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Guimard und die Künstler der Darmstädter Mathildenhöhe verbindet auch das Interesse, ihre Kreationen über den  begrenzten Kreis der jeweiligen Auftraggeber bekannt zu machen. Hector Guimard gehörte´1901 zu den Gründungsmitgliedern der Société des artistes décorateurs, die in dem in einem Seitenflügel des Louvre beheimateten musée des arts décoratifs ihre Werke ausstellten. Ein von Guimard entworfenes Plakat für einen entsprechenden Salon war jetzt in der Ausstellung im hôtel Mezzara zu sehen. 1901 fand auch die erste große Werkschau auf der Darmstädter Künstlerkolonie statt- in dem dafür extra errichteten Ernst-Ludwig-Bau.[9] Das Plakat für diese Ausstellung war übrigens 2016/2017 in einer Ausstellung des musée des arts décoratifs über das Bauhaus zu sehen, in der auch eine Verbindungslinie vom Jugendstil zum Bauhaus gezogen wurde.

 

Während die Darmstädter Künstlerkolonie  also  bedeutende Nachwirkungen hatte, im Selbstverständnis der Stadt eine wichtige Rolle spielt und für das Jahr 2019 zur Liste der deutschen Kandidaten  für das UNESCO-Kulturerbe gehört, müssen die „Hectorologen“ immer noch für einem Nischenplatz  Guimards in der Pariser Kunstszene kämpfen. Angebot und Konkurrenz sind allerdings auch in Paris etwas größer als in Darmstadt…

 

Das Castel Béranger

Das erste und bedeutendste Bauwerk Guimards ist das 1897/98 errichtete  Castel Béranger im Pariser 16. Arrondissement (14, rue Jean-de-la- Fontaine; métro Michel Ange/Auteil).

Castel Beranger Hector guimard (78)

Guimard erhielt als junger Architekt von gerade einmal 28 Jahren den Auftrag, diesen großen Wohnblock mit Sozialwohnungen zu entwerfen.

Hotel Mezzara Hector guimard (65)

Aus dem Skizzenbuch von Hector Guimard

Deshalb verwendete Guimard –anders als es bei den repräsentativen Gebäuden der Haussman’schen Boulevards üblich war- nur sehr sparsam die noblen und teuren behauenen Steinblöcke  (pierres de taille), sondern überwiegend Backsteine und, zum Beispiel für die Balkone,  serienmäßig hergestellte eiserne Gussteile.

Castel Beranger Hector guimard (69)

Castel Beranger Hector guimard (75)

Gimard nutzte den Freiraum, den er als Architekt erhalten hatte, um das „œuvre fondatrice de l’Art Nouveau“ zu bauen.[10] Es ist das erste Mal, wie Gilles Plum in seinem Buch über die Architektur der „Belle Epoque“ schreibt, dass ein Architekt ein großes Wohnhaus als ein wichtiges und künstlerisch anspruchsvolles Bauwerk gestaltet. Es handele sich damit um eine für die Moderne charakteristische und revolutionäre Umkehr der bisherigen Hierarchien: Ein schlichtes Mehrfamilienhaus könne jetzt bedeutender werden als ein repräsentatives öffentliches Gebäude.[11]

Die Einschätzungen des Baus waren extrem unterschiedlich, „von der Parteien Gunst und Hass verzerrt“, wie man mit Schiller sagen könnte. Die floralen und tierischen Schmuckelemente und die grüne Farbe der eisernen Teile erregten, wie Troller schreibt, heftigen Widerspruch.  „Kein  Wunder,  dass die Zeitgenossen für das unnatürlich-naturhafte Bauwerk den Spottnamen ‚Castel dérangé‘ fanden, also etwa Beklopptenburg.“ Ein zeitgenössischer Kritiker nannte das Bauwerk „la Maison des Diables“, weil es von oben bis von Dämonen übersät sei. Ältere Damen des Arrondissements würden sich bekreuzigen, wenn sie sich auf zwanzig Schritte dem Bauwerk näherten. Und der Kritiker fügte ironisch an, wenn auch Frankreich einmal nicht mehr von Gott beschützt werde, dann werde Auteuil, der Stadtteil in dem das Castel Béranger gebaut wurde, immerhin vom Teufel beschützt. „Parisiens, dormez en paix!“.[12]

Aber es war gerade die unkonventionelle künstlerische Gestaltung des Baus, die den Ruhm Guimards begründete. Er erhielt dafür den ersten Preis eines Fassadenwettbewerbs der Stadt Paris, eine Auszeichnung, die er nutzte, um für seine neue Kunstauffassung zu werben.

Castel Beranger Hector guimard (77)

Immerhin war das Castel Béranger auch ein wirtschaftlicher Erfolg: Die Investorin des Gebäudes hatte Guimard freie Hand („carte blanche“) bei dem Entwurf gelassen, allerdings im Gegenzug eine Garantie über die zu erzielenden Einnahmen verlangt. Guimard war offenbar so von seinem Werk überzeugt, dass er sich auf diesen Handel einließ. Und in der Tat: Schon vor Fertigstellung des Gebäudes waren 25 von 36 Wohnungen  vermietet, u.a. an den Maler Paul Signac, der im sechsten Stock eine Wohnung bezog und sein Atelier einrichtete und sich über die die vorbeikommenden Gaffer amüsierte: „Die Passanten bleiben mit offenen Mündern stehen…, die Fahrradfahrer steigen  aus ihrem Sattel, die Autofahrer halten an, und wenn das Regiment vorbeimarschiert, dreht sich der Oberst abrupt um und läuft rot an.“[13]

Aber der größte und nachhaltigste Erfolg des Bauwerks:  Es war das Castel Béranger, das die Pariser Metro-Gesellschaft veranlasste, Guimard mit der Gestaltung der Metro-Eingänge zu beauftragen.

17-19-21, Rue Jean-de-La-Fontaine

In unmittelbarer Nähe des Castel Béranger, an der Ecke zu der nach einer Schauspielerin benannten rue Agar, gibt gibt es einen ebenfalls von Guimard entworfenen und 1911 errichteten größeren Gebäudekomplex.

 

Rue Delafontaine Hector guimard (58)

Er  umfasst insgesamt 6 Gebäude von jeweils sechs Etagen  (7, 19 et 21 rue Jean de La Fontaine, 8, 10 rue Agar, 43 rue Gros), das größte von Guimard entworfene Bauvorhaben, das zeigt, wie erfolgreich Guimard inzwischen war. Auch die durchgängige Verwendung von teuren und prestigeträchtigen Kalksteinquadern (pierre de taille) als Baumaterial zeigt, dass Guimard nun sehr finanzkräftige Auftraggeber hatte.   Der Entwurf ist zwar nicht mehr so kühn und verspielt wie der des Castel  Béranger, es fehlt die von Signac am Castel Béranger gerühmte Farbigkeit, aber die Gebäude haben doch ihren eigenen Charme, vor allem durch die vielen ornamentalen Details an den Fassaden und den eisernen Balkon- und Fenster- Gittern.

rue Delafontaine Hector guimard (68)

 

 

Hôtel Guimard, 122 avenue Mozart 75016 Paris

 Im Februar 1909 heiratete Hector Guimard Adeline Oppenheim, eine Malerin und Tochter eines reichen amerikanischen Bankiers. Gleichzeitig beschloss er, ein großes Wohnhaus zu bauen, ein „hôtel particulier“, um dort mit seiner Frau zu wohnen und zu arbeiten.

 

Im Erdgeschoss befanden sich ein Empfangsraum und das Architekturbüro, in den mittleren Geschossen die Wohnräume und in der obersten Etage das Atelier von Frau Guimard. Das Paar lebte dort von 1913 bis 1930.

DSC01692hotel Hector guimard (12)

Da Guimard sein eigener Auftraggeber war und er sich der finanziellen Unterstützung durch seine Frau sicher sein konnte, gestaltete er hier ein einzigartiges und einheitliches Ensemble seiner künstlerischen Ambitionen, des sogenannten „style Guimard“, wie er damals auch genannt und von dem Architekten selbst gewissermaßen als Marketing-Label benutzt wurde. Zu dem Bau als stilistisch  einheitliches Gesamtkunstwerk im Sinne des Art Nouveau gehörte, dass Guimard auch die gesamte Inneneinrichtung bis ins kleinste Detail konzipierte: Stuckelemente, Fenster, Möbel, Wandverkleidungen, Lampen und andere Einrichtungsgegenstände, Metallteile wie Türgriffe oder Wasserhähne,  Stoffe…

 

1848, sechs Jahre nach dem Tod ihres Mannes, beschloss Frau Guimard, das Haus in der avenue Mozart, mitsamt seinem Mobiliar und den Archiven ihres Mannes dem französischen Staat zu schenken, damit dort ein Museum eingerichtet werden sollte. Das Angebot wurde abgelehnt. Drei französische Museen waren immerhin bereit, einen Teil des Mobiliars zu akzeptieren und auszustellen. Der Rest wurde versteigert und vor allem von amerikanischen Sammlern erworben. Das Haus  wurde in Wohnungen aufgeteilt und an Privatleute verkauft- eine einzigartige Chance damit verpasst.[14]

 

Das  Esszimmer des Hôtel Guimard im Petit Palais

Während nach der Zerschneidung und Zerfledderung des hôtel Guimard und seiner Einrichtung das musée des Beaux-Art in Lyon das Mobiliar des Schlafzimmers  übernahm und das musée de l’Ecole de Nancy das Arbeitszimmer, gehört das Esszimmer der Stadt Paris.

DSC01808 Hector Guimard Petit Palais (12)

Es  ist im Petit Palais, immerhin einem passenden Rahmen,  ausgestellt. Die Möbel  und Wandverkleidungen sind aus Birnbaumholz gefertigt, das mit seiner feinen Maserung sehr gut zu den weichen und eleganten Linien des „style Guimard“ passt.

 

 

 

Es gibt übrigens  noch einen „anderen Guimard“ jenseits des von ihm entwickelten typischen Stils: Guimard erkannte offenbar selbst die Zeichen der Zeit, dass also spätestens mit dem Ersten Weltkrieg die Zeit des art nouveau vorbei war. Und er war flexibel und offen genug, sich neuen Herausforderungen zu stellen. Das kann man an dem von ihm entworfenen Wohngebäude in der rue de Bretagne Nummer 10 im 3. Arrondissement sehen. Es ist von außen nicht mehr als ein Werk des „roi de l’art nouveau“ erkennbar. Die Fassade ist zwar durchaus rhythmisiert, verzichtet allerdings auf jede Ornamentik. Sie ist klar  gegliedert und nimmt damit den Geschmck des die 1920-er Jahre prägenden Art déco vorweg. Avantgardistisch ist auch die Bautechnik, die auf dem Prinzip vorgefertigter Teile und eines tragenden Gerüsts beruht, wie es dann auch bei den Wolkenkratzern jenseits des Atlantiks üblich wurde.  Guimard war also in doppelter Hinsicht Vorreiter eines neuen Bauens. Aber er verlor damit zugleich „sa marque de  fabrique“, die ihn in seinen früheren Bauten ausgezeichnet und einzigartig gemacht hatte.  Fast völlig vergessen starb er 1942  in den USA, in die er mit seiner Frau vor den Nazis geflohen war. (15)

 

Ausblick:

In einem nachfolgenden Blog-Beitrag sollen zwei Pariser Arbeiten  Guimards vorgestellt werden, die nicht im 16. Arrondissement angesiedelt sind: Die Synagoge in der Rue Pavé im Marais (4. Arrondissement) und ein von Guimard entworfenes Grab auf dem Friedhof Père Lachaise.

Darüber hinaus gibt es natürlich viele weitere typische Bauten des Art Nouveau in Paris wie etwa die Brasserie Julien in der rue du Faubourg Saint-Denis, der erste Bauabschnitt des Kaufhauses Samaritaine oder das Wohnhaus  in der avenue  Rapp Nr. 29, um nur drei Beispiele zu nennen. Vielleicht auch dazu ein anderes Mal mehr….

 

Literatur:

Fréderic Descouturelle und André Mignard, L’Art nouveau du métro. 2012

Philippe Thiébaut, Guimard, l’Art nouveau. 1992

Philippe Thiébaut (Hrsg.): Guimard. Paris 1992

Georges Vignes, Hector Guimard – Le geste magnifique de l‘art nouveau. 2016

Jannine Casevecchie und Gilles Targat, Paris Art nouveau. 2015

Le Cercle Guimard, Hector Guimard, précurseur du design. September 2017

Der Cercle  Guimard bietet an Wochenenden auch Spaziergänge im 16. Arrondissement rund um Guimard an:  www.cercleguimard.fr

 

Anmerkungen:

[1] Zitiert bei Thiébaut, S. 58

[2] Georg Stefan Troller,  Paris geheim. Düsseldorf 2008, S. 263

[3] http://lartnouveau.com/artistes/guimard/documents/cpa_paris/bastille.HTM  Dieser Seite ist auch das nachfolgende Bild entnommen.

[4] „André Malraux a „sauvé Le Corbusier mais pas Guimard“. Ein Zitat von Bruno Dupont, einem führenden Mitglied des Cercle Guimard. In: Le monde 23.11.2017, S. 18. Artikel: „Hector Guimard attend son musée. Les ‚hectorologues‘ on obtenu l’ouverture temporaire au public de l’hôtel Mezzara, chef, d’œvre de l’architecte représentant de l’Art nouveau“

Zu den Metro-Eingängen: https://de.wikipedia.org/wiki/Hector_Guimard

[5] Georg Stefan Troller,  Paris geheim. Düsseldorf 2008, S. 263

[6] http://www.stm.info/en/about/discover_the_stm_its_history/art-metro/list-artworks/square-victoria-oaci-hector-guimard  Das Bild stammt von unserem Freund Gerd Turk

[7] Thiébaud, S. 34f

[8]Da ich in Darmstadt aufgewachsen bin, darf der Verweis auf die dortige Künstlerkolonie natürlich nicht fehlen. Darmstadt gehört natürlich auch zu der route européenne de l’art nouveau. Siehe:  http://www.artnouveau.eu/fr/city.php?id=17

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Darmst%C3%A4dter_K%C3%BCnstlerkolonie

[10] http://www.unjourdeplusaparis.com/paris-insolite/le-castel-beranger-art-nouveau-paris

[11] Gilles Plum, Paris. Architectures de la Belle Epoque. Paris: Éditions Parigramme 2014, S. 38

[12]  Troller, S. 262; Thiébaut, S. 114

[13] Zit. bei Thiébaut, S. 31 (Übersetzung von mir)

[14] https://fr.wikipedia.org/wiki/H%C3%B4tel_Guimard

(15) Nicolas Jacquet, „Sic transit….“ Immeuble d’Hector Guimard  10, rue de Bretagne. In: Le Marais secret et insolite. Paris: Parigramme 2012, S. 101

 

 

Geplante Beiträge:

  • Hector Guimard in Paris (2): Die Synagoge in der rue Pavée (4. Arrondissement) und das Grabmal auf dem Père Lachaise (20. Arrondissement)
  • Street-Art in Paris (2):  Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • Auf dem Weg nach Paris: Die Mühle von Valmy, ein Fanal der Französischen Revolution
  • Street-Art in Paris (3):  Der Invader
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier
  • Das Pantheon der großen (und weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen

Little India, das indische Viertel von Paris

In Paris gibt es mehrere Viertel, die sehr sichtbar von Menschen mit außereuropäischen Wurzeln geprägt sind: La Goutte  d’Or, das afrikanische Viertel im 18. Arrondissement (siehe Blog-Beitrag: La Goutte d’or oder Klein-Afrika in Paris),  das chinesische Viertel im 13. Arrondissement  (siehe Blog-Beitrag: Chinatown in Paris) oder das  multikulturelle Belleville im 20. Arrondissement (siehe Blog-Beitrag: Das multikulturelle, aufsässige und kreative Belleville). Gegenstand dieses Beitrags ist Little India, also das Viertel von Paris, das geprägt ist von der Einwanderung aus dem indischen Subkontinent,  „un des quartiers ethniques les plus visibles de Paris.“ (Jones)

Es gibt für dieses Viertel verschiedene Bezeichnungen, was zwei Gründe hat:

  • Seine genaue Lage, Ausdehnung und Grenzen sind nicht so (einigermaßen) klar umrissen wie bei dem afrikanischen oder dem chinesischen  Viertel. Es gibt das stark tamilisch geprägte Viertel rund um die Métro-Station  La Chapelle und rund um den nördlichen Teil der rue du Faubourg Saint-Denis zwischen dem gare de l’Est und gare  du Nord,  es gibt aber auch die etwas südlich gelegene und eher pakistanisch geprägte Passage Brady (10. Arrondissement) und –wenn auch extra muros- das indische Viertel von Courneuve in der nördlichen banlieue von Paris.
  • Die verschiedenen Bezeichnungen für das „quartier indien“ haben ihren Grund aber auch darin, dass es dabei um Menschen mit vielfältigen ethnischen, religiösen und geographischen Wurzeln geht: Um Menschen aus Indien, aus  Pakistan, aus Bangla-desh und vor allem aus Sri Lanka,  und da wiederum vor allem aus dem tamilischen Norden der Insel rund um die Stadt Jaffna.  Also findet man eher allgemeinere Bezeichnungen für das Viertel wie Little India oder La Petite Asie, aber auch konkretere wie Little Islamabad, Little Sri Lanka oder Little Jaffna. Ich verwende hier den Ausdruck Little India, womit der indische Subkontinent insgesamt angesprochen ist.[1]

Little India ist aufgrund seiner Vielfalt, Buntheit und Exotik unübersehbar. Aber auch darüber hinaus ist die Einwanderung aus dem indischen Subkontinent präsent: In vielen Supermärkten sitzen Frauen aus Sri Lanka an den Kassen, in den Gängen oder an den Eingängen großer Metro-Stationen verkaufen Männer aus Indien oder Pakistan Obst, Musikkassetten oder geröstete Maronen oder sie bieten abends im Quartier Latin oder anderen touristischen Vierteln in den Restaurants Rosen zum Verkauf an.

Am  buntesten und lautesten stellt sich Little India am alljährlich im September veranstalteten Ganesha-Fest dar, insofern gewissermaßen dem Pendant zu dem ebenso populären chinesischen Neujahrsfest.

 

Der Ganesha-Tempel in der rue Pajol und das  Ganesha- Fest

Das Ganesha-Fest wird an einem Sonntag im Spätsommer jeden Jahres (meist im September) zu Ehren des Gottes Ganesha gefeiert. Ganesha, der Gott mit dem Elefantenkopf, ist eine der beliebtesten Formen des Göttlichen im Hinduismus und von allen hinduistischen Göttern der mit der größten Präsenz und Popularität außerhalb Indiens. Immerhin schützt er alle  neuen Unternehmungen: Heiraten, Reisen oder Geschäfte. Jeder hinduistische Gottesdienst (Puja)  beginnt mit einem Gebet an Ganesha.  Im indischen Viertel von Paris, (rue Pajol, 18. Arrondissement, métro La  Chapelle) gibt es seit 1984 einen dem Ganesha geweihten Tempel, den ältesten Hindu-Tempel in Frankreich.

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Man ist dort, nachdem man seine Schuhe ausgezogen und abgestellt hat, jederzeit willkommen. Man darf sogar – wie i.a. überall in litte India- Fotos machen, auch wenn man das natürlich mit der gebotenen Zurückhaltung tun sollte.

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Selbstverständlich hat der Gott Ganesha einen Ehrenplatz in dem Tempel.

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Der Tempel ist ziemlich klein – beim Ganesha-Fest gibt es sogar lange Schlangen vor der Tür und innen viel Gedränge. Aber an einem „normalen“ Tag  kann man sich ganz in Ruhe auf den Boden setzen, den Raum und die Menschen darin beobachten  und, zum Beispiel  nach einem Besuch von „little India“,  zur Ruhe kommen.

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Der Tempel organisiert seit 1996 das Ganesha-Fest in Paris.  Es ist ein Volksfest, das Hindus aus Paris und der näheren und weiteren Umgebung anzieht.[2]

Als ich mit der Metro zum Ganesha- Fest 2017 fuhr, stand neben mir dichtgedrängt eine ganze Reihe von Menschen, die ganz offensichtlich ebenfalls dieses Ziel hatten. Es waren vor allem Familien mit festlich gekleideten Frauen und Mädchen. Mit einer Familie aus einem östlichen Vorort von Paris kam ich –soweit das unter diesen Umständen möglich war- ins Gespräch und das kleine Mädchen durfte ich, als wir in der Station La Chapelle ausgestiegen waren, mit Zustimmung der stolzen Eltern fotografieren.

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In der Nähe der Métro-Station La Chapelle, in der rue Pajol,  liegt der Ganesha Tempel  bzw.  le temple de Sri Manicka Vinayakar Alayam –so seine offizielle Bezeichnung. Dort beginnt  die große bunte Prozession mit zahlreichen Motivwagen und  vielen Teilnehmer/innen in traditionellen Gewändern, die sich nur schwer einen Weg durch die Masse der Besucher bahnen können.

Von einem Wagen herab werden große Mengen von Opfergaben verkauft, mit denen die Gläubigen  den Schutz Ganeshas  erbitten.

Eine besondere Rolle spielen offenbar auch die am Rand des Zuges gestapelten Kokosnüsse.  Man konnte beobachten, dass mit der gelben Farbe Mädchen ein Punkt zwischen die Augenbrauen getupft wurde.

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Es gibt nicht nur viel zu sehen, sondern auch zu hören: In dem Zug wird  kräftig Musik gemacht, vor allem mit Trommeln und dem traditionellen  Blasinstrument nagaswaram.[3]

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Und natürlich darf bei dem Umzug für den elefantenköpfigen Gott  ein bunt  geschmückter    lebensgroßer  Plastik- Elefant  nicht fehlen.

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Auch wenn man als  Beobachter, der mit den Ritualen und der Symbolik des Hinduismus nicht vertraut ist, Vieles nicht versteht:  Beeindruckend sind  die Buntheit und Vielfalt der Prozession. Und unübersehbar ist auch, welche außerordentliche Bedeutung sie für die vielen Teilnehmer und Besucher hat.  Es ist auch eine Demonstration der kulturellen Selbstbehauptung der  Hindus in  der neuen Heimat.

Zur  Geschichte der indischen Einwanderung

1674 gründete die Compagnie royale des Indes orientales einen Handelsstützpuunkt (comptoir) in Pondichéry (heute offiziell Puducherry).  Aus einem kleinen Fischerdorf wurde allmählich eine blühende Kolonie und der wichtigste französische Stützpunkt in Indien.

Die ersten Menschen aus dem indischen Subkontinent, die sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Frankreich niederließen, waren denn auch Händler und Verwaltungsbeamte aus Pondichéry. Allerdings fielen sie kaum auf  und integrierten sich –begünstigt durch ihre französischen Sprachkenntnisse- schnell in das neue Heimatland.

Weitere Zuwanderer aus Pondichéry waren Studenten, Kriegsfreiwillige, die dem Aufruf de Gaullles zum Widerstand gegen Nazideutschland folgten, und Auswanderer, die nach der sehr geräuschlosen und einvernehmlichen Übergabe der französischen Stützpunkte an Indien für eine Übersiedlung nach Frankreich optierten.  Die Übersiedlung verlief problemlos, weil die Einwohner von Pondichéry seit der Februarrevolution von 1848 die französische Staatsbürgerschaft besaßen. Es waren oft Verwaltungsbeamte oder Militärs, die ihre Karriere in Frankreich fortsetzten. Anderen Ankömmlingen aus Pondichéry erleichterte der französische Staat die Integration, indem er ihnen beispielsweise Posten als Aufsicht in staatlichen Museen oder Schlössern anbot. Es handelte sich hier um die erste bedeutende Präsenz von (südindischen) Tamilen[4], die allerdings in Paris wenig sichtbar waren. Sie wohnten eher extra muros und unterschieden sich ja auch weder durch Sprache noch durch Religion (die meisten waren Katholiken) von den eingesessenen Franzosen.

Zahlenmäßig bedeutender und deutlich sichtbarer wurde die Einwanderung aus dem indischen Subkontinent vor allem ab den 1970-er Jahren. Das waren zunächst Pakistaner,  junge wenig qualifizierte  Männer aus armen ländlichen Regionen, die im Ausland Geld verdienen wollten, um ihre Familien in der Heimat zu unterstützen. Viele von ihnen fanden Arbeit in den Konfektions-Betrieben des multikulturell geprägten „Sentier“-Viertels im 2. Arrondissement rund um  die Place du Caire, einem beliebten Treffpunkt der Pakistani.  Traditionelles Ziel dieser Menschen war ja eigentlich Großbritannien, aber die Verschärfung der britischen Einwanderungsgesetzgebung zwischen 1968 und 1971 machte Frankreich zu einer Alternative – vielleicht ja auch –wie in der Gegenwart bei den Flüchtlingen von Calais- in der Hoffnung, von dort aus doch noch einmal  zu ihrem eigentlichen Ziel zu gelangen. Die Einreise nach Frankreich war für Pakistani damals ohne Visum möglich, 1982 erhielten sie einen offiziellen Aufenthaltsstatus und konnten ihre Familien nachkommen lassen. Die fest installierten und arrivierten Pakistani findet man im südlichen Bereich des 10. Arrondissement rund um die rue du Faubourg St. Denis, besonders in der Passage Brady, deren Restaurants und Boutiquen überwiegend im Besitz  von Pakistani sind. Im Sentier-Viertel arbeiten auch viele Menschen indischer Abstammung aus Mauritius, die auch einen Teil der indischen Einwanderung in der Stadt ausmachen.

In den 1980-er Jahren wurde aber gleichzeitig die weitere Zuwanderung eingeschränkt. Deshalb versuchten  viele Pakistani, unter Berufung auf das in ihrem Heimatland herrschende Kriegsrecht, über das Asylrecht in Frankreich Fuß zu fassen. Da allerdings die meisten Asylanträge abgelehnt wurden, gibt es unter den in Frankreich lebenden Pakistani einen hohen Anteil an Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis und Arbeitsgenehmigung. Das sind die in Frankreich ganz unbefangen als „Illegale“, bezeichnete Menschen,  die sich mit prekären Beschäftigungsverhältnissen durchs Leben schlagen:  zum Beispiel als Kassetten-, Spielzeug-,  Maronen-  und  Obstverkäufer, die man auch als Tourist an und in Métro-Stationen sieht, oder es sind die Rosenverkäufer, die abends in den touristischen Restaurants ihre Kunden suchen. Aber es kann sich dabei auch um Inder handeln, die als  Touristen eingereist sind und sich dann meist illegal in Frankreich aufhalten. Ihre  Zahl wird von der indischen Botschaft in Paris auf etwa 100 000 geschätzt.[5] Offenbar geht die Polizei mit den illegalen fliegenden Händlern ziemlich nachsichtig um:  Oft sieht sie  einfach über sie  hinweg oder sie fordert sie nur dazu auf, die Sachen einzupacken. Selbst wenn sie einmal  von der Polizei aufgegriffen und festgenommen  werden, können aber die illegal in Frankreich lebenden Menschen aus dem indischen Subkontinent nur selten abgeschoben werden: Da sie meistens keine Papiere haben, ist schwer nachweisbar, aus welchem Land sie nun kommen: aus  Indien, Pakistan, Sri Lanka oder Bangla-Desh.

Den größten Anteil an der Einwanderung aus dem indischen Subkontinent haben aber Tamilen aus Sri Lanka, die seit den 1980-Jahren vor dem Bürgerkrieg zwischen Singalesen und Tamilen flohen.[6]   Dieser Bürgerkrieg wurde mit größter Brutalität geführt: von Seiten der tamilischen Unabhängigkeitsbewegung (LTTE), den sogenannten „Tigern“, die auch mit terroristischen Mitteln die Unabhängigkeit des tamilischen Nordens von Sri Lanka erzwingen wollten.  Umgekehrt ging aber auch die singalesische Armee mit großer Brutalität nicht nur gegen die „Befreiungstiger“, sondern auch gegen die tamilische Bevölkerung im Norden vor. Außerdem kam  es in dem  mehrheitlich von Singalesen bewohnten Teil des Landes  zu anti-tamilischen Pogromen mit mehreren tausend Opfern.[7]

Es gibt Schätzungen, nach denen etwa 100 000 tamilische Flüchtlinge nach Frankreich gekommen sind und sich vor allem in Paris und den anliegenden Départements niedergelassen haben.[8] Deren Präsenz ist –nicht nur anlässlich des Ganesha-Festes- unübersehbar, weil das Viertel, das von den Tamilen bevorzugt bewohnt wird,  relativ klar umrissen  ist und weil dort selbst für einen  flüchtigen Passanten  ganz klar erkennbar ist, dass er sich hier in „Little India“ bzw. „Little Jaffna“ befindet.[9]

Wenn man allgemein von „Little India“ und damit von der Einwanderung aus dem  indischen Subkontinent spricht, so verbirgt sich dahinter eine große ethnische,  nationale und kulturelle Vielfalt: Eingeschlossen sind darin (muslimische) Einwanderer aus Pakistan, christliche Tamilen aus Pondichéry/Südindien, hinduistische Tamilen aus Sri Lanka, Einwanderer aus Bangla-Desh, aber auch indisch- stämmige Einwanderer aus Mauritius und Madagaskar. Übereinstimmend wird in der von mir konsultierten  Literatur festgestellt, dass die verschiedenen ethnischen  Gruppen relativ getrennt sind und es wenig Verbindungen zwischen ihnen gibt.

Gemeinsam scheint aber allen Gruppen der Wunsch zu sein, ihre kulturelle Identität in der neuen Heimat nicht ganz aufzugeben und selbst an  solchen Traditionen festzuhalten, die konträr sind zu den französisch-republikanischen Gepflogenheiten. Das betrifft zum Beispiel –so Thiney Duvoy-  die von Eltern arrangierten Heiraten innerhalb des eigenen sozialen Kontextes oder den Umgang mit Verstorbenen: Deren Asche werde von den Hindus üblicherweise nach Indien gebracht – und das gelte sogar auch für die christlichen Inder aus Pondichéry.[10]

 

Little Jaffna, das tamilische Viertel von La Chapelle

Die Konzentration der tamilischen Einwanderung auf das Gebiet von La Chapelle kommt nicht von ungefähr:  Als in den 1980-er Jahren die Bürgerkriegsflüchtlinge aus Sri Lanka in Paris ankamen, gab es dort –in der Nähe des Gare de l’Est und des gare du Nord-  billige Hotels, wo sie eine Weile unterkommen konnten.  Es gab auch billigen und freien Wohnraum in diesem früheren Arbeiterviertel aufgrund des fortschreitenden Verlusts  städtischer  Arbeitsplätze in Industrie und Handwerk. Außerdem grenzte das Gebiet an die  traditionellen Einwanderungsviertel Barbès und la Goutte d’Or, die so  gewissermaßen  nur nach Süden ausgeweitet wurden.

Und es hat außerdem selbst eine lange Tradition , was die Aufnahme von Einwanderern angeht: Im 19. Jahrhundert waren das vor allem Menschen aus dem armen Nordhessen (dem Gebiet um Kassel), die in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Paris kamen und dort überwiegend als Straßenkehrer arbeiteten. Ihre Zahl wurde von einem zeitgenössischen Beobachter auf mindestens 3000 geschätzt. Sie lebten auf engstem Raum zusammengedrängt in sogenannten deutschen Höfen. (10a)

Die gibt es heute nicht mehr, dafür aber das tamilische Viertel der Stadt, auch little Jaffna genannt.  Da die Neuankömmlinge aus  Sri Lanka  – anders als die tamilischen Zuwanderer  aus Pondichéry- nicht  Französisch sprachen und sich in eine für sie völlig neue und  fremde Umgebung versetzt sahen, suchten  sie- wie 100 Jahre zuvor die Nordhessen-  die gegenseitige Nähe und Vertrautheit.  Little Jaffna ist  das Zentrum einer weitgespannten solidarischen Organisationsstruktur, es  hat wirtschaftliche, soziale und kulturelle Funktionen: Hier kann man  Arbeit und Unterkunft finden, sich informieren; es gibt Zeitungen in tamilischer Sprache, einschließlich lokaler Ausgaben mit nützlichen Anzeigen, und man findet hier Geschäfte mit den vertrauten Produkten, also einen sogenannten „commerce ethnique.“   Diese Geschäfte dienten also dazu, sich eine neue Lebensgrundlage zu schaffen und waren zuerst und vor allem für die eigenen Landsleute bestimmt.[11]

Das waren natürlich vor allem épiceries, also Lebensmittelgeschäfte, in denen sie die vertrauten Produkte kaufen konnten und dabei  auch solche, die sonst eher nicht zu finden waren.

Bemerkenswert sind bei manchen Beschilderungen  übrigens die sprachlichen Mixturen wie bei „Flower de Banana“. Und befremdend ist –jedenfalls für mich als Freund der Unterwasserwelt- dass manchmal   die Exotik doch etwas zu weit geht: Etwa wenn im Fischgeschäft nicht nur Krebse aus Sri Lanka angeboten werden, sondern dazu auch noch die farbenfrohen Papageien-Fische, deren Fang zur Verarmung der Riffe beiträgt.

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Aber der freundliche Fischhändler war ganz stolz, dass er Papageienfische (natürlich auch aus  Sri Lanka)  im Angebot hatte und ließ es sich nicht nehmen, sie für ein Foto auch noch wirkungsvoll in Szene zu setzen….

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Unbedingt erforderlich waren -und sind offenbar immer noch- Übersetzungsbüros.

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Und nicht fehlen dürfen natürlich – „La Chapelle ist auch das Paradies von Bollywood“[12] – entsprechende Videotheken und Kassettenläden, Handy- und Internet-Boutiquen und alles rund ums Geld.

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Und dann gibt es auch noch viele Geschäfte, in denen man Dinge kaufen kann, um sich und sein neues Zuhause heimatlich auszustatten;  etwas respektlos könnte man sagen:  mit  „Nippes“.  Dazu gehört natürlich der sympathische Gott Ganesha,  der hier ähnlich präsent ist wie in den entsprechenden Geschäften im chinesischen Viertel die Winkekatze.

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Für festliche Anlässe wie Heiraten ist selbstverständlich auch gesorgt:

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Und dazu gehört auch der glänzende Goldschmuck, der in großen Mengen und großer Vielfalt angeboten wird: Armreifen, Ohrringe und vor allem Colliers. Gold spielt ja  in der indischen Kultur eine ganz wichtige Rolle. „No gold, no wedding“  lautet ein  indisches Sprichwort.  Der hier angebotene goldene Schmuck soll übrigens aus Singapur stammen, wo es eine große indische Gemeinde und eine entsprechende Produktion von Schmuck gibt.[13]

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Der commerce ethnique  ist für die  Tamilen  ein Stück Heimat und für die alteingesessenen Pariser und  Touristen vermittelt er ein in dieser Form einzigartiges exotisches Flair inmitten der vertrauten Stadt.  „Little Jaffna“ schließt sich nicht ab gegenüber der Außenwelt und  diese zeigt sich auch ihrerseits offen. Diese Offenheit gegenüber alteingesessenen Einheimischen und Touristen, die nicht nur anlässlich des Ganesha- Fests überall  und immer in „little Jaffna“ erfahrbar ist, macht den Charme dieses Viertels aus: Es bewahrt sein  Eigenleben, aber es ist auch integriert in das Stadtgefüge und bereichert es.[14]

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Dringend gesucht wird eine Verkäuferin, die französisch und tamilisch spricht:                Zeichen für die Offenheit des Viertels nach außen

Eine Institution in Little Jaffna ist die épicerie VT Cash & Carry  in der rue du Faubourg St. Denis Nr. 157.  Der Laden ist sehr eng,  so vollgeräumt wie nur möglich, dazu offensichtlich ein bevorzugter Ort der Tamilen nicht nur  für ihre Einkäufe, sondern auch ein Treffpunkt. Auch als „Auswärtiger“ wird man freundlich behandelt und findet immer einen aufmerksamen Verkäufer, der einem mit einem scharfen kleinen Messer einige der leckeren kleinen asiatischen Bananen abschneidet oder einem weiterhilft, wenn man etwas Bestimmtes sucht.

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Ebenfalls eine Institution  ist die pakistanische „Konditorei“ Bhai-Bhai-Sweets in der  Rue des Deux Gares, einer wenig einladenden Seitenstraße der rue du Faubourg St.-Denis. Auch dieser Laden ist sehr klein, er wird nach meiner Erfahrung meist von Männern bevölkert, die dort teilweise große Mengen von Süßigkeiten einkaufen. An den Wänden gibt es auch einige  sehr rustikale Sitzmöglichkeiten, wo man direkt etwas probieren kann, zum Beispiel das typisch indische Dessert Rasmalai. Das Ambiente ist wenig einladend, aber man wird sehr freundlich aufgenommen und immerhin gilt der Laden als   „best asian sweet shop I ever seen in Paris“.[15]

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Es ist aber allein schon lohnend, durch „little Jaffna“ mit offenen Augen zu streifen. Und beispielsweise zu beobachten und zu bewundern, wie das indische Fladenbrot paratha hergestellt wird:

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Die Nachwehen des Bürgerkriegs

Als ich Ende des Jahres 2017 in Vorbereitung dieses Beitrags öfters durch das tamilische Viertel  von Paris gegangen bin, fielen mir die vielen an  Schaufenstern befestigten Plakate auf, mit denen zu einer „journée des héros“ , einem „Tag der Helden“ aufgerufen wurde.  Ähnliche Plakate hatte ich schon bei  Besuchen des Viertels  in früheren Jahren gesehen.

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Abgebildet ist Velipullai  Prabhakaran, der Führer der tamilischen Befreiungsbewegung LTTE  (Liberation Tigers of Tamil Eelam), der gerade eine Flamme entzündet.   Die LTTE versuchte in einem blutigen Bürgerkrieg, die Unabhängigkeit der von Tamilen bewohnten  Gebiete im Norden Sri Lankas zu erzwingen.  Die Umrisse des beanspruchten tamilischen Staates  sieht man auf dem Plakat über der Flamme. Über Prabhakaran weht die Fahne der LTTE, ein Tigerkopf mit gekreuzten Gewehren und umgeben von einem Kranz von 32  Patronen.[16]

Der Bürgerkrieg endete im Mai 2009 in einem Blutbad und mit der militärischen Niederlage der LTTE. Prabhakaran und seine Familie kamen im gleichen Monat ums Leben, möglicherweise durch Selbstmord, um nicht in die Hände der Regierungstruppen zu fallen. Die vielen Plakate, die zur Feier der „Helden“ aufrufen, bestätigen wohl die Einschätzung von Kennern der Lage, dass es zwar eine Waffenruhe, aber keinen Prozess der Versöhnung gibt. Und gerade in der Diaspora scheint der Traum von einem unabhängigen tamilischen Staat noch nicht ausgeträumt zu sein und wohl auch als  Bestandteil der Gruppenidentität zu fungieren.[17]

In einem kleinen Lebensmittelgeschäft in der rue du faubourg St. Denis war sogar nicht nur das aktuelle „Helden-Plakat“ befestigt, sondern  offenbar dauerhaft  auch noch ein Portrait des ehemaligen LTTE-Chefs.

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Ich versuchte, mit einem dort beschäftigten Tamilen ins Gespräch zu kommen, was aber an sprachlichen Problemen scheiterte: Der junge Mann sprach kaum Französisch und ebenso wenig Englisch. Offensichtlich war aber sein Stolz auf den lächelnden Helden- trotz allen Leids des Bürgerkriegs, für das auch er Verantwortung trägt:  eine selbst gegenüber der eigenen Bevölkerung rücksichtslose Kriegsführung, die Verwendung von Kindersoldaten und menschlichen Schutzschilden, dazu Terroranschläge gegen die singalesische Zivilbevölkerung….

In dem 2015 mit der goldenen Palme von Cannes ausgezeichneten Film Dheepan  (deutscher Titel: Dämonen und Wunder- Dheepan) wird gezeigt, wie die tamilischen Tiger auch noch viele Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs in der Diaspora aktiv sind: Ein junger Mann, der in führender Position auf Seiten der Tiger im Bürgerkrieg gekämpft hat, jetzt aber in Paris ein neues Leben in Frieden anfangen will, wird massiv unter Druck gesetzt, den Kampf weiterzuführen, und als Feigling und Verräter beschimpft, weil er das ablehnt. (Dass der Krieg ihn dann doch einholt – im Banden- und Rauschgiftmilieu des banlieue, wo er als Hausmeister mit Frau und Kind in Frieden leben will, aber nicht kann, ist eine andere –französische- Geschichte).

Beim bunten und fröhlichen  Ganesha-Fest 2017 in Little Jaffna wurden neben vielen anderen aufgeblasenen luftigen Figuren auch Tiger und Panzer angeboten. Ein kleiner Junge begleitete mit einem solchen unmissverständlich beschrifteten Panzer (Tiger 01) den friedlichen Zug des Gottes Ganesha. Ich kann mir nicht vorstellen, dass zu den neuen Unternehmungen, die der Gott unter seine Fittiche nimmt, auch ein neuer Bürgerkrieg gehören könnte….

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Passage Brady, the little Islamabad

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Die Passage Brady zwischen dem boulevard de Strasbourg und der rue du Faubourg Saint Denis im 10. Arrondissement wird gerne „little Islamabad“ genannt. Die meisten Besitzer und Angestellte der dort ansässigen Restaurants und Geschäfte stammen nämlich aus Pakistan.  So auch Antoine Ponnoussamy, der 1972 ein Lebensmittelgeschäft mit exotischen Produkten in der Passage eröffnete und danach das erste indische Restaurant der Passage, womit er  deren allmähliche Transformation in ein weiteres indisches Viertel von Paris einleitete.

Das Restaurant heißt Passage de Pondichéry, womit die Beziehung zu dem alten französischen Handelsstützpunkt ausgedrückt wird. Es liegt in dem  überdachten Teil der Passage,  wo man meistens draußen sitzen kann –der andere, offene, ist ziemlich heruntergekommen. Sicherlich wird in der Passage  keine Spitzenküche angeboten, aber man ist mitten in „little India“ oder „little Islamabad“ und besonders mittags kann man dort sehr preiswert essen.

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Antoine Ponnoussamy, der Besitzer des Pondichéry, kam Ende der 1960-er Jahre  als Koch des französischen Botschafters nach Paris.  Er erzählt:

„In Pondichéry arbeitete ich als Koch bei französischen Familien. Ich war 17 Jahre alt, als eine dieser Familien mich nach Paris mitnehmen wollte. Mein Vater war aber dagegen, weil ich noch zu jung war. Danach arbeitete ich 10 Jahre lang in Bombay und heiratete. Danach ging ich nach Neu-Dehli, wo ich Koch der französischen Botschaft wurde. Eines Tages rief der Botschafter mich zu sich und kündigte mir an, dass ich nach Frankreich wechseln würde. Das war eine Chance für mich. Ich hatte kein Geld um eine solche Reise zu machen. Er bezahlte mir alles, sogar den Anzug. Ich hätte niemals geglaubt, dass ich eines Tages einmal ein „patron“ werden würde. 1974 eröffnete ich das erste indische Restaurant, ‚Le Pondichéry‘. Ich bot Speisen aus Pondichéry an… Das lief sehr gut. Man sagt, man würde hier ein Stück Indien finden. In einer Zeitschrift war einmal zu lesen: ‚Mit einem Metro-Fahrschein kann man nach Indien fahren – in die Passage Brady‘“.[18]

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In der Tat: In der Passage Brady sind – wie sonst nirgendwo in Paris- alle Ingredienzien versammelt, die nach gängigem Verständnis ein  exotisch- indisches Ambiente ausmachen:  Bunte Auslagen mit exotischen Früchten und Blütenketten, die duftenden Speisen auf den draußen aufgestellten Tischen, die Gewürze, die Frisöre und Schönheitssalons, die Rufe der Kellner, die versuchen, Kunden anzulocken, die Musik, das Tohuwabohu…  Little Islamabad auf den 200 Metern der überdachten Passage.

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Ende Oktober 2017 ist Antoine Ponnoussamy gestorben. Die Todesanzeigen waren überall in der Passage Brady ausgehängt. Er war ganz offensichtlich „die Seele“ der Passage. Aber er hat 16 Enkelkinder hinterlassen, von denen einige sicherlich sein Erbe fortführen werden.

 

Praktische Information

Eingang in die Passage am besten  rue du Faubourg Saint-Denis. 75010 Paris  métro Château d’eau (Linie 4) oder Strasbourg-Saint Denis (Linien 4, 8 und 9)

 

Tamilen in der banlieue: Courneuve und sein Shiva-Tempel

Beim kurzen Abriss der Geschichte der indischen Einwanderung  wurde schon angesprochen, dass es jenseits von  „Little India“ auch eine deutliche indische Präsenz extra muros gibt, vor allem in den nord-östlichen  Vorstädten von Paris. Während das Gebiet von La Chapelle als erste Anlaufstation für Neuankömmlinge fungierte, war es weniger geeignet für die Aufnahme ganzer Familien, die sich allmählich auch im Zuge der Familienzusammenführung in Paris einfanden. Die Pariser nordöstlichen  Vorstädte boten sich da als Alternative an. Ein Beispiel dafür ist Courneuve, das mit der métro gut zu erreichen ist. Dort hat sich allmählich auch ein indisches Viertel herausgebildet. Es handelt sich um ein Viertel, in dem aus Sri Lanka stammende hinduistische Tamilen und aus Pakistan stammende Muslime offenbar friedlich nebeneinander leben. Es gibt hier viele Geschäfte für den alltäglichen Bedarf, auch einen großen  indischen Supermarkt, – aber  Paris bleibt  dann doch für alle der soziale Bezugspunkt, wo man die Wochenendeinkäufe erledigt und sich trifft; ähnlich wie La Goutte d’Or für die afrikanisch-stämmigen Menschen).  [19]

Immerhin  besitzt aber Courneuve einen der größten hinduistischen Tempel Frankreichs, der durchaus einen Besuch lohnt. Er ist Shiva geweiht, einer der drei großen Götter des Hinduismus.[20]  Die Umgebung ist ziemlich vorstädtisch-trist, woran auch die gemeinsamen  längst verblassten Bemühungen der Street-Artisten Nemo und Jerôme Mesnager nichts ändern konnten.

Umso auffälliger ist dann der bunte Eingang zum Tempel.

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Hier ist das Pantheon der hinduistischen Gottheiten farbenfroh abgebildet.

In der Mitte sieht man Shiva,  erkennbar an der Mondsichel, dem dritten Auge auf der Stirn, der Kobra, die sich um seinen Hals windet,  und den vier Armen. Neben Shiva sitzt seine göttliche Gemahlin Parvathi, die Mutter Ganeshas.

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Bei der Figur des Ganesha kann man übrigens erkennen, dass einer seiner Stoßzähne abgebrochen ist. Das ist kein renovierungsbedürftiger Mangel, sondern Bestandteil der hinduistischen Mythologie: In einem wichtigen Moment seines Lebens benötigte er dringend ein Schreibgerät. Also brach er ein Stück eines Stoßzahns ab…

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Im Innern des Tempels kann man –wie ja auch im Ganesha-Tempel in der rue Pajol- sich hinsetzen und in Ruhe das Geschehen beobachten.  Ein Erlebnis nicht nur für die Augen, sondern für alle Sinne.

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In der Tat: Für die Reise nach Indien benötigt man nur ein métro-ticket!

 

Praktische Information:

Temple in der  Avenue Paul Vaillant Couturier Nummer 159 in  93120 La Courneuve

Métro- Linie 7  Station La Courneuve –  8  Mai 1945

Poojas:  10 Uhr, 12 Uhr  und 18,30 Uhr.

 

Spaziergänge durch little India von der passage Brady bis zum quartier de la Chapelle und durch  das indische Viertel von Courneuve (etwa einmal im Monat und in französischer Sprache) werden  angeboten von:

https://www.tourisme93.com/balade-indienne-a-paris-et-la-courneuve.html

 

 En savoir plus:

Graham Jones, Le trésor caché du Quartier indien: esquisse ethnographique d’une centralité minoritaire parisienne. In: Revue Européenne des migrations internationales. 19/2003, S. 233-243

http://remi.revues.org/3005?lang=en  

Raphaël lo Duca, mondes urbains indiens/la diaspora tamoule: de la migration internationale à l’ancrage commercial en île de France. (April 2015)  http://www.revue-urbanites.fr/chroniques-la-diaspora-tamoule-de-la-migration-internationale-a-lancrage-commercial-en-ile-de-france

Aude Mary, En territoire tamoul à Paris: un quartier ethnique au métro La Chapelle. Paris 2008

Christine Moliner,  Invisible et modèle ? Première approche de l’immigration sud-asiatique en France, 2009. Disponible sur le site du ministère de l’immigration. https://www.immigration.interieur.gouv.fr/content/

Sophie Royer, Les Indes à Paris: histoire, culture, arts, gastronomie, sorties

2002 Parigramme

Solange Thiney-Duvoy, L’inde en France. Paris 2007

Immigration clandestine : « des marrons chauds ? » Publié dans INDES magazine janvier-février 2015 https://actuinde.com/2015/02/05/immigration-clandestine-des-marrons-chauds/

Anthony Goreau-Ponceaud,  L’immigration sri lankaise en France. Trajectoires, contours et perspectives. In: hommes &migrations 2011, S. 26-39  https://hommesmigrations.revues.org/671?lang=en

Musée de l’histoire de l’immigration,  Le sous-continent indien et ses diasporas à Paris. (kommentierte Literaturliste der Médiathek Abdelmalek Sayad) Oktober 2014

 

Anmerkungen:

[1] So z.B. auch Thiney-Duvoy in „L’inde en France“

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Ganesha  und   https://www.templeganesh.fr/fetegan.htm

[3] https://fr.wikipedia.org/wiki/Ganesh_Chaturthi

[4] Royer gibt ihre Zahl mit etwa 30 000 an. (S.26)

[5] https://actuinde.com/2015/02/05/immigration-clandestine-des-marrons-chauds/

[6] Thiney-Duvoy, S. 45,  46 und 50

[7] Als wir in den frühen 1980-er Jahren als Rucksacktouristen in Sri Lanka unterwegs waren und im Herrenhauseiner Teeplantage übernachteten, wurden wir Ohrenzeugen  eines solchen Pogroms: Heftige Schreie, Hilferufe- offensichtlich von tamilischen Familien, die, in eher Schweineställen ähnelnden Behausungen untergebracht, auf der Plantage arbeiteten. Unsere Interventionen und Nachfragen bei unseren singalesischen Ansprechpartnern in der Plantage stießen aber auf eine Mauer des Schweigens.

[8] https://www.tripsavvy.com/la-chapelle-little-sri-lanka-1618685 Royer spricht noch von 30-40000, aber das sind sicherlich längst überholte Zahlen aus dem Jahr 2002.

[9]  Von einer  „immigration invisible“ zu sprechen, wie Vassoodeven Vuddamalay  in einem 1989 veröffentlichten Aufsatz, ist heute also kaum mehr möglich.  (V.V., Pésence indienne en France. Les facettes multiformes d’une immigration invisible. In:  Revue européenne des migrations internationales. 5, 1998, No 3, S. 65-77

[10] Siehe zum Beispiel:  Thiney-Duvoy, S. 60 und Royer, S. 31

(10a) Ludwig Bamberger, Hessische Straßenkehrer (1867). Aus: Karsten Witte (Hrsg), Paris. Deutsche Republikaner reisen. insel taschenbuch 389, FFM 1980, S. 183-188

[11] Siehe dazu:  Graham Jones  http://remi.revues.org/3005?lang=en und http://www.revue-urbanites.fr/chroniques-la-diaspora-tamoule-de-la-migration-internationale-a-lancrage-commercial-en-ile-de-france

[12] https://www.azurever.com/paris/le-quartier-indien

[13]  http://remi.revues.org/3005?lang=en

[14] Bien qu’il apparaisse à première vue un espace d’exclusion, il s’agit plutôt d’un espace liminal où s’effectue une transition adaptatrice. Les immigrés peuvent y participer à la vie « profane » de la ville tout en exprimant le « sacré » de leur particularité culturelle. http://remi.revues.org/3005?lang=en

Siehe auch: http://www.revue-urbanites.fr/chroniques-la-diaspora-tamoule-de-la-migration-internationale-a-lancrage-commercial-en-ile-de-france

[15] https://www.facebook.com/Bhai-Bhai-Sweets-642016652604098/ 

[16] Bemerkenswert finde ich übrigens, dass im Vergleich zu ähnlichen früheren Plakaten zur „journée des héros“, die ich gesehen habe, diesmal die Tiger-Fahne der LTTE ganz offensiv präsentiert wird. Und während der Kampf um Unabhängigkeit auf dem  Plakat von 2015 –in französischer Sprache-  in die Tradition der Französischen Revolution eingeordnet wurde, bleibt man jetzt gewissermaßen unter sich: Hier also statt Öffnung eher ein nostalgischer Rückzug.

[17] In einem 2011 veröffentlichten Interview äußerte sich der damalige Botschafter Sri  Lankas in Paris zum Verhältnis der Pariser Tamilen zur LTTE:  „it seems to me that the politically active and preponderant element of the Tamil diaspora – the more mobilised and active element – seems comfortable demonstrating under the flag of the LTTE. But I am not sure if they represent the bulk of the Tamil community in Parir only an active minority. What’s missing is an opposition movement from within Paris’s Tamil community. “Something that says, ‘No we don’t feel comfortable with the flag of the LTTE with its 32 bullets and its crossed rifles’“.  Vielleicht könnte diese Einschätzung ja noch nicht ganz veraltet sein. http://en.rfi.fr/visiting-france/20110203-sdgvsdg  

[18] Zitiert bei Thiney-Duvoy, S. 63 und 65. Übersetzung von mir

[19] http://remi.revues.org/3005?lang=en

[20] http://www.leparisien.fr/espace-premium/seine-et-marne-77/un-temple-hindou-a-la-courneuve-20-07-2015-4956667.php

 

Geplante Beiträge:

  • Street-Art in Paris (2):  Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • Hector Guimard: Jugendstil in Paris/Art Nouveau à Paris
  • Street-Art in Paris (3):  Der Invader
  • Auf dem Weg nach Paris: Die Mühle von Valmy, ein Fanal der Französischen Revolution
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier

open your eyes! Street-Art in Paris (1):

Une ville sans graffitis serait comme une rivière sans poissons”.  (Nemo)

Eine Stadt ohne Graffitis wäre wie ein Fluss ohne Fische

 

Paris hat ja viele Superlative. Zu ihnen gehört sicherlich auch der, dass es wohl eine der Städte der Welt ist, die am meisten von der Street-Art geprägt ist.[1] Vergleiche ich jedenfalls Paris mit Frankfurt, ist der Unterschied ganz deutlich. Natürlich gab und gibt es auch in Frankfurt viele Street art- Werke man denke nur an die Bemalung der Mauer um den Neubau der EZB. Aber in Paris begegnet man ihr auf Schritt und Tritt. Ich möchte deshalb im ersten Teil dieses Beitrags einige Eindrücke von der Street- Art in Paris vermitteln. Das will und kann kein systematischer Überblick sein, sondern lediglich andeuten, wie vielfältig die Street- Art-Szene ist Paris ist.  In nachfolgenden Beiträgen möchte ich dann mehrere Street-Art-Künstler etwas intensiver vorstellen, die mit ihren Arbeiten wichtige und, wie ich finde,  schöne Beiträge zur Ausgestaltung des öffentlichen  Raums der Stadt leisten.

Fangen wir mit dem kleinen Überblick an:

Da gibt es die Tintenfische mit menschlichen Gesichtern von GZUP, die aus sicherer Höhe auf die Passanten herabblicken[2]  wie die Mona Lisa in der rue des archives im Marais.

DSC01136 Street art rue des archives (1)

Durch diese Positionierung erhöht sich natürlich ihre Lebensdauer: Sie sind vor Beschädigungen und Übermalungen sicherer, zumal ab 4 m Höhe die jeweiligen Hauseigentümer zuständig sind und nicht die Stadt Paris.

Sehr präsent in Paris ist auch der Straßenkünstler A2, also zweimal A, was für amour und Anarchie steht. (Hier fotographiert im Goutte d’Or im Februar 2018)

DSC02484 Street Art febr. 2018 (28)

….  Manchmal befinden sich in der Nähe von Straßenschildern gleich mehrere kleine Werke verschiedener Street-Art-Künstler. Sie scheinen  sich in Gemeinschaft wohl zu fühlen …

 IMG_8909

In sicherer Höhe sind auch die Sprüche von Pö im texto-Französisch zu sehen, hier im Impasse de Mont-Louis im 11. Arrondissement…

IMG_9298 ce dur quan on est seul

Es ist hart, wenn man allein ist

… und am Boulevard Soult:

Boulevard Soult IMG_9384 (2)

Gibt es niemanden, der sich in mich verlieben will?

 

Der codex urbanus belebt Hauswände mit allerlei phantastischen Lebewesen – hier in der Rue de Candie, ebenfalls im 11. Arrondissement und in der rue des Francs Bourgeois im 4. Arrondissement.  Die Exemplare des Codex haben zwar lateinische Namen, aber sie sind reine Produkte der Phantasie und der Träume. Insofern passt es, dass Codex urbanus im Mai 2016 durch eine Ausstellung im Musée Gustave Moreau geehrt wurde, denn mit dessen Namensgeber teilt er „le goût pour le songe, le fantastique et le Symbolisme“. [3]

Weniger hintergründig sind die bunt bemalten Pfosten eines Straßenkünstlers, der sich cyklop  nennt.[4] Auf die Enden von Pfosten malt er einziges großes buntes Auge- insofern passt sein Künstler-Pseudonym. Bei dem Pfosten in der Cité de l’Ameublement am jardin Titon im 11. Arrondissement  ist es allerdings ein lachende Gesicht: Ergebnis eines Projekts mit einem benachbarten Kindergarten. Da kann man sich gut vorstellen, wie begeistert die Kleinen bei der Sache waren!

cyklop Alt 080 11ieme

LéZarts de la Bièvre schmücken triste Hauswände entlang des heute in Paris überbauten Flüsschens Bièvre – hier im 5. Arrondissement mit einem Gemälde von Caillebotte, den „raboteurs du parquet“, den  Parkettschleifern.

019

Öfters begegnet man auch in Paris den von Clet Abraham verfremdeten Verkehrsschildern.[5] Besonders hat er es  offenbar auf  Verbotsschilder abgesehen wie hier an der Kreuzung zwischen der Rue Saint Maur und der Rue du Chemin Vert im 11. Arrondissement oder in der Rue de Quatre Fils im Marais.

 

Dass das Durchfahrt-verboten-Zeichen weggetragen oder zusammengequetscht wird, ist auch ganz im meinem Sinn, weil hier –im Gegensatz zu vielen anderen Pariser Einbahnstraßen- keine Ausnahmeregelung für Fahrradfahrer vorgesehen ist.

Öfters sieht man inzwischen auch Figuren mit den großen runden und schwarzen Augen von Kam Laurene (5a), hier zum Beispiel passend zum Namen der Straße im 11. Arrondissement oder -ebenfalls im 11. Arrondissement- den Kapuzenmann, der aus dem (zugemauerten) Fenster in der Passage de la Folie Regnault  blickt: Aus der Tristesse dieses Ortes wird damit ein „Hingucker“.

 

Eine feste und prominente  Adresse für die Pariser Street art ist seit nunmehr 10 Jahren die Wand (le MUR) in der Rue Oberkampf/Ecke Rue Saint-Maur im 11. Arrondissement.  MUR bedeutet dabei nicht nur „Mauer“ sondern ist auch eine Abkürzung für „Modulable, Urbain, Réactif). Alle zwei Wochen wird da ein neues Werk produziert und ausgestellt und auf dem kleinen Platz davor gibt es ein nettes Café, von dem aus man bei einer Tasse Kaffee die „Mauer“ betrachten  kann. Le MUR hat gerade ihr zehnjähriges Jubiläum gefeiert und gehört zu den Projekten der Street-Art, die von der ville de Paris gefördert werden. [6]

Caselemurweb©HeleneLaxenaire

(Nr. 241 von Case Maclain)

le mur rue Oberkampf le Maur_9994 (1)

(Nr. 234 von Jason Botkin)

DSC00213 le mur April 2018

( Nr. 256  von Doudou’style April 2018)

Da die entsprechenden Daten auf der mur und im Internet bekannt gegeben werden, kann man sogar mit etwas Glück und Planung die Entstehung eines neuen Werkes beobachten – so wie wir am 18. November 2017 die Arbeit der brasilianischen Street Art-Künstlerin Fefe Talavera – das 246. Werk der MUR Oberkampf.

DSC01586 le mur Oberkampf (2)

DSC01594 mur oberkampf T. 2 (12)

Auch an anderen Stellen der Stadt gibt es solche für die Street-Art reservierten und von der Stadt geförderten Plätze. So zum Beispiel im 12. Arrondissement  le M.U.R 12 in der rue du Sahel, da wo die promenade plantée/la coulée verte  die Avenue du général Michel Bizot kreuzt. Hier kommen wir immer mit dem Fahrrad auf dem Weg ins Schwimmbad vorbei. Kürzlich präsentierte da Monsieur Qui/Eric Lacan eine Arbeit. (6a) In der Ankündigung dazu heißt es:

“ Il propose ses visages de femmes mysterieuses, combinées à des motifs végétaux, masquant une douce satire des diktats féminins imposés par la société. Son jeu trouble et ambigue du noir et planc explore l’héritage des graveurs du XIXe siècle et notamment de Gustave Doré.“

Und hier die ganz aktuelle (Nov/Dezember 2017) und  außergewöhnliche Gestaltung der Mauer:

DSC01752 Street Art 12ième

Eine weitere, allerdings auf Dauer angelegte und zur Touristenattraktion von Paris gewordene Mauer ist die je t’aime-Mauer an der Place des Abesses im 18. Arrondissement.

Mur_des_Je_t'Aime_@_Square_Jehan-Rictus_@_Montmartre_@_Paris_18_(32949174486)

Sie  ist aus 511 Kacheln zusammengesetzt , auf denen  in über 300 Varianten und 200 Sprachen die Worte „ich liebe dich“ stehen. Da liegt es nahe, die Version in der eigenen Sprache zu suchen und den Liebsten oder die Liebste davor zu fotografieren. Aber natürlich gibt es in der Stadt der Liebe auch (mehr oder weniger professionelle) Straßenkünstler, die auf ein solches vorgefertigtes Angebot nicht angewiesen sind.

Diese beiden Versionen sind (waren?) in der rue d’Alexandre im 2 Arrondissement und -ganz unübersehbar- am Boulveard Voltaire gegenüber der Kirche St. Ambroise im 11. Arrondissement zu sehen.

Es gibt sicherlich  unzählige weitere, anonyme oder weniger prominente  Beispiele für Street- Art in Paris; wie etwa die TAube, die ich ab und zu mal im Pariser Norden gesehen habe…

DSC02484 Street Art febr. 2018 (24)

… oder die kleine Spinne bei dem vor unserem Haus abgestellten Fahrrad, die leider nach einigen Tagen wieder verschwunden war. (6b)

IMG_8276rue Maillard

Offensichtlich hatte sie sich ein paar Häuser weiter in der Rue de Croix Faubin ein ruhigeres Plätzchen gesucht….

DSC02762

Reiseführer mit vorgeschlagenen Street art-Rundgängen und Führungen durch Arrondissements, in denen die Street- Art besonders lebendig ist – z.B. durch das Gebiet nördlich des Bassin de la Villette oder  durch Belleville- gibt es inzwischen auch schon. [7]

In Belleville -wie überhaupt im traditionell eher „roten“ Ost von Paris transportiert die Street-Art übrigens oft und gerne auch politische Botschaften. So zur (in Frankreich extrem restriktiven und abschreckenden) Flüchtlingspoltik..

Rue des Couronnes IMG_4774

… oder zur Obdachlosigkeit und zur Arbeitslosigkeit. Jèrémy, an den hier erinnert wird, wohnte im 21. Arrondissement, das es in Paris nicht gibt. Er hatte also  keinen Wohnsitz. Und die Freiheitsgöttin des berühmten Gemäldes von Delacroix schwenkt nicht die Tricolore, sondern ein Schild von pôle emploie, dem französischen Arbeitsamt.

Derzeit sehr „angesagt“ ist vor allem das 13. Arrondissement, das zahlreiche anonyme Hochhausbauten der Nachkriegszeit aufweist, deren triste Fassaden inzwischen immer mehr –mit Unterstützung des zuständigen Bezirksbürgermeisters- mit großformatigen Wandbildern bemalt werden.[8]

Street Art 13eme IMG_9961 (4)

Große Wandgemälde gibt es aber auch an anderen Stellen der Stadt, zum Beispiel  im Marais (an der Ecke der Rue des Rosiers und der Rue Vieille du Temple (4. Arr.) zum Tag der Frauen….

DSC01583 Street Art Marais

oder im 20. Arrondissement zur Gruppe Manouchian, einer Widerstandsgruppe gegen die deutsche Besatzer von Paris. Aufgrund eines Propagandaplakats des Vichy-Regimes und der deutschen Besatzungsbehörden, das nach der Verhaftung und Hinrichtung der Gruppe verbreitet wurde, ist sie auch  unter dem Namen „affiche rouge“ bekannt geworden – gewissermaßen als Kontrapunkt sind auf dem Wandbild die Mitglieder der Gruppe mit einem roten „Heiligenschein“ versehen…

Übrigens ist es hier nicht die mairie, die die für diese Arbeit die Hauswand zurVerfügung gestellt hat, sondern die copropriété, also die Eigentümergemeinschaft – so etwas ist wohl nur im traditionell linken Osten der Stadt möglich.

Dieser Überblick ließ sich nun fast nach Belieben ausweiten. Das würde aber den Rahmen dieses einführenden Berichts und auch dieses Blogs sprengen. Auffällig ist aber im Blick auf die Pariser  Street -Art- Literatur, die professionell angebotenen Street-Art-Spaziergänge und die eigenen Beobachtungen,  dass die Street-Art vor allem im Pariser Osten (einschließlich dem Nord- und dem Südosten) heimisch ist. Die charakteristische Trennung zwischen dem eher proletarisch-volkstümlichen Osten und dem bürgerlich-bourgeoisen Westen von Paris schlägt sich also auch in diesem Bereich nieder.

Auf zwei (natürlich auch im Pariser Osten tätig gewordene) Street-Art- Künstler soll abschließend noch einmal hingewiesen, von denen schon im Bericht über Belleville die Rede war, nämlich Ben und Nemo. (9)

Bens großes Wandbild  an der Place Fréhel gehört zu den bekanntesten Street-Art-Werken in Paris.

029

Man muss sich vor Worten in Acht nehmen

Ben ist einer der international prominentesten  Street Art-Künstler von Paris. Er war in den 1960-er Jahren Mitglied der Fluxus-Kunstrichtung, zu der auch u.a. Bazon Brock, John Cage, Yoko Ono und Joseph Beuys gehörten, auf der Dokumenta in Kassel war er auch schon vertreten.  Besondere Berühmtheit erlangte sein kleiner Plattenladen, den er von 1958 bis 1973 in Nizza betrieb. Seine Mutter hatte ihm dafür die erforderlichen Mittel zur Verfügung gestellt, um ihm eine gesicherte Lebensgrundlage zu ermöglichen. Die Aufsehen-erregende Fassade des kleinen Lädchens war aus allen möglichen gebrauchten Gegenständen zusammengesetzt: Motto über der Eingangstür: Tout est art, tout est marchandise/ Alles ist Kunst, alles ist zu verkaufen. Und „tout est art“ -allerdings mit einem sehr berechtigten Fragezeichen versehen-  war auch der Titel einer Ben-Ausstellung im Musée Maillol 2016/2017.

IMG_8277 - Kopie

Wenn ich mich recht erinnere, wurde vor einigen Jahren Bens Lädchen- auch „Bizard Bazar“ oder Loboratoire 32 genannt-  in der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt ausgestellt; die  letzte Version kaufte das Centre Pompidou auf, wo sie heute zu sehen ist.

Ein fester Bestandteil der Street-art-Szene von Belleville sind auch die Wandbilder von Nemo, vor allem die Bemalung der Hauswand an der Ecke des Boulevard Belleville und der Rue de Ménilmontant. Ursprünglich sollen, so die „Legende“, die poetischen Wandmalereien Momos mit dem schwarzen Mann –oft mit Regenschirm-  mit fliegendem Drachen, Vögeln,  Katzen  und dem roten  Luftballon dem kleinen schulunwilligen Sohn Nemos den Weg zur Schule schmackhaft gemacht haben.

006 (2)

Der rote Luftballon bezieht sich auf den Kurzfilm „Le Ballon rouge“ von Albert Lamorisse aus dem Jahr 1956, der mit der Goldenen Palme von Cannes und sogar mit einem Oskar für das beste Originaldrehbuch ausgezeichnet wurde: Er spielt im Ménilmontant der 50-er Jahre und es geht um einen magischen Ballon, der den kleinen Jungen Pascal auf Schritt und Tritt begleitet. Eine zauberhafte Geschichte, an deren Ende aber die Zerstörung des Luftballons durch eifersüchtige Altersgenossen –und damit das Ende der Kindheit- steht. Für viele französische Kinder der 50-er Jahre war der „rote Ballon“ geradezu ein Kultfilm, wie die hymnischen Kommentare zu dem Film zeigen, die man im Internet findet. („Ein wahres Wunder“; „meine Kindheit“; „unbestreitbar einer der besten Kurzfilme aller Zeiten“). Auch wenn Nemo den kleinen Pascal durch den bonhomme noir ersetzt hat, so knüpft er  mit seinen poetischen Bildern  an diesen Film –und seinen Erfolg- an.

Ausblick:

In nachfolgenden Beiträgen einer kleinen Pariser Street-Art-Reihe möchte ich  einige Street- Art- Künstler  vorstellen, die im Stadtbild von Paris besonders viele und prominente Spuren  hinterlassen haben und die ich ganz besonders schätze:

… Mosko… 

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… Jef Aérosol…

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…Jerôme Mesnager…

Mesnager Bassin de la Vilette 017 - Kopie

… den  Invader ….  

IMG_9882 Am Pont neuf (2)

…und  Miss Tic…

IMG_2293 Miss Tic 11ieme

… M Chat und Fred le Chevalier

Alle sind in Paris deutlich präsent und sie sind (inzwischen) auch so prominent, dass ihre Werke meist nicht mehr „ephemère“ sind, wie das ja eigentlich typisch für die Street- Art ist. Sie haben eigene websites,  vermarkten ihre Arbeiten, sind in Ausstellungen vertreten und werden für Werbezwecke oder die Ausgestaltung des öffentlichen Raums engagiert. Sie sind aus Paris also nicht mehr wegzudenken. Wenn man durch die Stadt geht oder fährt, wird man immer wieder auf ihre Werke stoßen und sich  über zufällige  Begegnungen mit ihnen freuen. So geht es jedenfalls mir und vielleicht ja auch einigen Leser/innen dieses Blog-Beitrags der, wie die drei nachfolgenden,  zu dieser Entdeckerfreude beitragen möchte.

Street-Art gibt es überall, also Augen auf!

Angesichts der großen Vielfalt der Street-Art in Paris lohnt es sich also,  mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen und zu fahren und sich über das zu freuen, was man meist (fast) auf Augenhöhe entdecken kann, also:

Rue Charles Delescluze 11eme 036

Ein Puzzle-Teil von Béa Pyl in der  Rue Charles Delezcluse (11e)

 

Anmerkungen

[1] Es gibt ganz unterschiedliche Schreibweisen des Begriffs. Ich habe mich für die vom Duden empfohlene entschieden, also Street-Art.  Den Begriff Urban Art verwende ich nicht, weil er offenbar eher ein Oberbegriff ist, der auch andere Kunstformen umfasst. Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Urban_Art

Der Pariser Street-Art-Künstler Fred le Chevalier, der in einem der nachfolgenden Street-Art-Beiträge dieses blogs auch noch gewürdigt wird, siehe  übrigens Berlin als Hauptstadt der Street-Art-Szene. In einem Interview sagte er:
I travel a bit, but Berlin seems to have a pretty portion of excessiveness, a variety, it is a city that impressed me because you can’t find any virgin door, there are things everywhere. This is the world upside down, suddenly you find a white wall, and you wonder “why is it still white?” (Laughs)

http://www.isupportstreetart.com/interview/13933/

[2] http://www.streetlove.fr/interview/la-pieuvre-de-gzup-streetart-interview.html

[3] http://www.codexurbanus.com/codex-sinvite-chez-gustave-bestiaires-croises-musee-gustave-moreau

[4] http://lecyklop.blogspot.de/

[5] https://fr.wikipedia.org/wiki/Clet_Abraham

(5a) Bild aufgenommen im Februar 2018

https://www.urbacolors.com/fr/artist/kam-laurene

[6] http://www.lemur.fr/realisations/

https://fr.wikipedia.org/wiki/Le_MUR_(art_urbain)6a

Auf der Wand rechts unten  ist immer angegeben, wann der Wechsel stattfindet.

Die Stadt Paris benutzt  ausdrücklich die Street-Art als Mittel ihres Stadt-Marketings. Siehe: Street Art. Paroles des Murs. In: À Paris. Le magazine de la ville de Paris, no 64, Hiver 2017/2018, S. 28

(6a) https://www.facebook.com/Eric.Lacan/

(6b)  Solche Spinnen waren schon 2012 einer amerikanischen Touristin im 11. Arrondissement aufgefallen. Auch wenn sie wohl nur eine kurze „Lebenszeit“ haben, sie sind doch ganz offenbar nicht vom Aussterben bedroht.

[7] siehe dazu den Blog-Beitrag  über „Das multikulturelle, aufsässige und kreative Belleville“, Abschnitt Street -Art

Stadtführungen zu Street -Art in Belleville bietet an: http://www.ca-se-visite.fr/demandez-le-programme-2   (12 € pro Person)

Ein neuer Street-Art-Führer mit 8 vorgeschlagenen Rundgängen durch verschiedene Stadtviertel: Stéphanie Lombard,  Guide Street Art/Paris. Paris: Gallimard 2017

Eine Karte von Paris mit Street-Art-Orten und kurzen Erläuterungen: http://web.archive.org/web/20130427062928/http:/www.paris-streetart.com:80/pdf/carte-pochoir-paris

[8] http://www.mairie13.paris.fr/mairie13/jsp/site/Portal.jsp?page_id=94  siehe auch : Le street art poursuit sa conquête des quartiers parisiens. L’art envahit  la rue. In: cnewes  19.5.2017

siehe dazu auch: Georges Feterman: Paris, 24 nouvelles balades à thèmes. Paris 2017. Darin: Balade no 21: mur peints et trompe-l’oeil, S. 155f

(9) weitgehend übernommen aus dem Blog-Beitrag  über „Das multikulturelle, aufsässige und kreative Belleville“, Abschnitt Street -Art

 

Geplante Beiträge:

  • Little India, das indische Viertel in Paris
  • Street-Art in Paris (2)  Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • Hector Guimard: Jugendstil in Paris/art nouveau à Paris
  • Street-Art in Paris (3)  Der Invader
  • Auf dem Weg nach Paris: Die Mühle von Valmy, ein Fanal der Französischen Revolution

 

 

 

 

Die Erinnerung an Sklavenhandel und Sklaverei: Der schwierige Umgang mit einem düsteren Kapitel der französischen Vergangenheit

 Un seul esclave sur la terre suffit pour déshonorer la  liberté de tous les hommes.        Victor Hugo in einem Brief vom 17. Januar 1862

 

Die von der Stadtverwaltung in Charlottesville im amerikanischen  Bundesstaat Virginia beschlossene Entfernung des Denkmals für den Südstaatengeneral Robert D. Lee war Anlass zu heftigen Auseinandersetzungen, einem Aufmarsch weißer Suprematisten, einem Todesopfer unter den Gegendemonstranten und einer höchst umstrittenen, ja skandalösen Rede des amerikanischen Präsidenten: In ihr setzte er nicht nur „die mit Hakenkreuzen und Waffen marschierenden Neonazis mit den linken Gegendemonstranten gleich“, sondern auch die Gründerväter des Landes mit den Sezessionisten, „indem er fragte, wann man anfangen wolle, Monumente von George Washington oder Thomas Jefferson zu entfernen. Damit gab er jenen Auftrieb, die gegen die demokratisch legitimierte Entscheidung der Stadt demonstrierten, eine Statue zu entfernen, die für viele vor allem den Widerstand gegen die Befreiung der Sklaven nach dem amerikanischen Sezessionskrieg symbolisiert. Viele solcher Monumente im Süden wurden aufgestellt, weil das weiße Establishment die Abschaffung der Sklaverei nicht tolerieren wollte – und sie stehen für dessen erfolgreichen Kampf gegen die Zentralregierung in Washington, der dazu führte, dass mit den „Jim Crow“-Gesetzen den Schwarzen viele der zunächst erlangten Rechte für ein weiteres knappes Jahrhundert wieder aberkannt werden konnten.“[1]

Am 23. August 2017 erschien die Zeitung Libération mit einem Aufmacher zum Thema Sklaverei. Auf vier ganzen  Seiten wird darin dargestellt,  wie in Frankreich an seine Geschichte des Sklavenhandels und der Sklaverei erinnert.

DSC01169 Liberation Sklaverei (2)

Auch in Frankreich habe der Sklavenhandel seine Spuren und Narben hinterlassen: Straßennamen, Reklameschilder, Statuen…. So wie in den USA entsprechende Symbole beseitigt würden, müsse sich auch Frankreich mit dieser Vergangenheit auseinandersetzen- nach Einschätzung von Libération offenbar eine teilweise noch „unbewältigte Vergangenheit“.

An die Rolle Frankreichs im Dreieckshandel zwischen Europa, Afrika und Amerika und damit an seinen Anteil an dem Transport von Afrikanern in die karibischen Kolonien und das dortige System der Sklaverei wird in Frankreich durchaus erinnert.

So etwa in dem eindrucksvollen Mémorial de l’abolition de l’esclavage“ in Nantes. Es erinnert an die Rolle der Stadt als wichtigstem Hafen des französischen Sklavenhandels und möchte diejenigen ehren, die gegen die Sklaverei gekämpft haben und dies auch heute noch tun, da wo es immer noch Sklaverei gibt.[2]

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In die Wege zum Mémorial sind kleine beleuchtete Platten  eingelassen, in die die Namen von Sklavenschiffen eingraviert sind und die Jahreszahlen ihres Auslaufens aus dem Hafen von Nantes. Lange Reihen von „Stolpersteinen“ sozusagen, die erfahrbar machen, welche immense Bedeutung der Sklavenhandelt für die Stadt hatte: Insgesamt gingen von Nantes zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert 1714 „expéditions négrières“ aus, mehr als von allen anderen französischen Häfen zusammen.[3]

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Zu dem Mémorial steigt man einige Treppenstufen hinunter: Es befindet sich damit auf der Höhe des Wassers der Loire, die man sehen und hören kann.  Die Assoziation, sich in einem Schiffsrumpf zu befinden stellt sich so fast unwillkürlich ein. Man läuft den langgestreckten Bau entlang und enthält eine Vielzahl von Informationen über die Geschichte des Sklavenhandels und den Widerstand dagegen. Hier setzt sich eine Stadt ganz offen und eindrucksvoll mit einem schwierigen Kapitel ihrer Vergangenheit auseinander.

 

Bordeaux spielte, wenn auch in deutlichem Abstand zu Nantes, ebenfalls  eine wichtige Rolle im französischen Sklavenhandel. Allerdings war die wirtschaftliche Bedeutung der Sklaverei für Bordeaux außerordentlich hoch, weil Bordeaux sich auf den Handel mit Kolonialprodukten konzentrierte: Es lieferte Wein in die Kolonien und importierte dafür von Sklaven  hergestellten Zucker, Rhum und Kaffee. So hat Bordeaux mehr von der Sklaverei profitiert als jede andere französische Stadt.[4] Im musée d’Aquitaine gibt es auch eine 2009 neu gestaltete Abteilung zum Thema Sklaverei.  Sie ist auch information, kann aber  in ihrer Präsentation im Rahmen eines traditionellen Museums natürlich nicht mit dem Mémorial von Nantes mithalten.

Ärgerlich fand ich allerdings bei unserem Besuch des Museums im Sommer 2015, dass die Rolle von Bordeaux in der Präsentation eher heruntergespielt wird. In einer Informationstafel wird ausdrücklich festgestellt, dass Bordeaux zwischen 1672 und 1837 –ähnlich wie Le Havre und La Rochelle- einen Anteil von 12% am französischen Sklavenhandel hatte, „weit hinter Nantes“. Da liest man fast unwillkürlich ein „allerdings nur“ vor den „12%“ mit.

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 Und gleich am Anfang der Informationstafel wird festgestellt, Bordeaux habe „wie alle europäischen Häfen“ den Sklavenhandel betrieben- und auf einer beigefügten  Karten waren –beispielsweise- auch die Häfen Bremen, Hamburg und Lübeck eingezeichnet…  Einen jungen Mann, der gerade eine Gruppe durch die Abteilung führte, sprach ich darauf an, ob das denn eine historisch zutreffende Feststellung sei. Er zögerte einen Moment und meinte dann, das sei wohl in der Tat eine nicht ganz richtige Verallgemeinerung, die geändert werden müsse…

Seit dem loi Taubira vom 10. Mai 2001 gelten  Sklavenhandel und  Sklaverei in Frankreich ausdrücklich  als  „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“,  eine bis dato wohl einzigartige Maßnahme.[5]  2006, während der Präsidentschaft Jaques Chiracs, wurde dann  der 10. Mai ein „nationaler Tag der Erinnerung an den Sklavenhandel, die Sklaverei und ihrer Abschaffung.“  Für Chirac gehörte es zur  „grandeur“ eines Landes, seine ganze Geschichte anzunehmen, „avec ses pages glorieuses mais aussi avec ses zones d’ombre“.  In diesem Sinne erkannte Chirac ja auch endlich die Beteiligung Frankreichs an der nationalsozialistischen Judenverfolgung und –vernichtung an.[6]  Am 10. Mai findet  jedes Jahr im jardin du Luxembourg eine Zeremonie mit Beteiligung des jeweiligen Präsidenten statt.

Dort gibt es seit 2007 eine Skulptur aus Bronze, die  an die Abschaffung der Sklaverei erinnern soll. Sie besteht aus drei ineinander verschränkten Ringen, also Teilen einer Kette: Der untere in den Boden versenkte Ring soll die Wurzeln der Sklaverei symbolisieren, der mittlere ihre  fortdauernde Existenz  in vielen Teilen der Welt und der obere, geöffnete das Ende der Sklaverei. (6a)

Auf einer beigefügten Informationstafel wird nicht nur über die Entstehung und die Bedeutung der Skulptur informiert, sondern es wird auch der Befreiungskampf der Sklaven in den franzöischen Kolonien gewürdigt: Damit hätten sie zur Universalität der Menschenrechte und der Ideale der Französischen Revolution von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit beigetragen.

DSC01414 jardin du Lux monument esclavage (7)

2017 haben sogar gewissermaßen zwei Präsidenten an der Zeremonie teilgenommen: der scheidende François Holland und der damals schon gewählte, aber noch nicht amtierende, Emanuel Macron.

Außerdem gibt es seit 2017 am 23. Mai die „Journée nationale de commémoration en hommage aux victimes de l’esclavage colonial“, also einen Erinnerungstag an die Opfer der kolonialen Sklaverei.[7]  Dieses Datum bezieht sich auf einen großen Schweigemarsch, der am 23. Mai 1989 in Paris stattfand.

 

Die aktuelle  Diskussion: Wie wird an die Sklaverei erinnert und wie sollte an sie erinnert werden?

Vor diesem Hintergrund mag es erstaunen, dass die Ereignisse in den USA  eine Debatte auch in Frankreich ausgelöst haben, welche Rolle Sklavenhandel und Sklaverei in der nationalen Erinnerungskultur spielen. Die Erinnerung an dieses dunkle Kapitel der eigenen Geschichte scheint doch ausgesprochen intensiv und  in der Zielrichtung eindeutig am Gleichheits-Anspruch der französischen Revolution orientiert zu sein. Aber es gibt, wie Libération in der anfangs schon angesprochenen Ausgabe aufzeigt, in mehreren französischen Städten und vor allem den am Sklavenhandel beteiligten  Häfen noch eine sichtbare Erinnerung an Persönlichkeiten, die diesen Handel betrieben haben. Und es gibt in Frankreich noch Straßen, die den Namen des Generals Richepanse tragen, der nach der Wiedereinführung der Sklaverei in den französischen Kolonien 1802 durch Napoleon in die Karibik geschickt wurde, um den Widerstand der wieder zu Sklaven gewordenen farbigen citoyens zu brechen, was er auf blutigste Weise dann auch tat. Dass Straßen nach diesem General benannt sind, der schlimmste Massaker in Guadeloupe verübt habe, schockiere zu Recht „la mémoire républicaine“, wie Laurent Joffrin in seinem Kommentar in Libération schreibt,   und dies nicht nur in den “communautés antillaise ou africaine.“[8]

Im Zuge  der von den Ereignissen in Charlotteville ausgelösten Diskussion in Frankreich sind auch darüber weit hinausgehende Forderungen laut geworden. Am 28. August  veröffentlichte Libération einen Gastbeitrag von Louis-Georges Tin, dem Präsidenten des CRAN, des Conseil représentatif des associations noire en France,  in Libération mit dem Titel „Eure Helden sind manchmal unsere Henker“. [9] Zu diesen Henkern bzw. Helden zählte er vor allem Colbert, den Minister Ludwigs XIV. Der habe nicht nur den Code noir geschaffen, ein  juristisches Monster („monstre juridique“), das die rechtlichen Grundlagen der Sklaverei darstellte und dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit legalisierte. Darüber hinaus habe er die „Compagnie des Indes occidentales“ gegründet, eine „compagnie négrière de sinistre mémoire. En d’autres termes, en matière d’esclavage, Colbert symbolise la théorie  et la pratique au plus haut niveau.“   Nach Tins Überzeugung müsse man sich fragen, welches der beiden Länder problematischer sei. Das Land, in dem es einen Konflikt um die Statue eines die Sklaverei verteidigenden Generals gäbe, oder das andere Land, wo  es vor dem Parlament eine Statue von Colbert gäbe und innen einen Saal Colbert, einen Seitenflügel Colbert im Wirtschaftsministerium, nach Colbert benannte Gymnasien, in denen  doch die republikanischen Werte unterrichtet werden sollten, dazu dutzende von nach Colbert benannten Straßen, ohne dass es auch nur den geringsten Konflikt,  das  geringste schlechte Gewissen oder auch nur die geringste Unsicherheit bezüglich einer solchen Namensgebung gäbe.

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In einer in Le Monde veröffentlichten Petition forderten Tin und zahlreiche weitere Persönlichkeiten dazu auf,  die  Schulen umzubenennen, die den Namen Colberts trügen. Immerhin sollten öffentliche Gebäude und Straßen nicht dazu dienen, die Erinnerung an Verbrecher wachzuhalten, sondern  die an Helden. Deshalb gäbe es in Frankreich ja auch weder eine  rue Pierre-Laval noch eine rue Pétain, dafür aber zahlreiche nach Jean Moulin benannte Straßen.[10] Natürlich blieben solche Positionen nicht unwidersprochen, denn Colbert mit  Laval und Pétain auf eine Stufe zu stellen, ist doch wohl historisch kaum haltbar.[11] Und wenn die Sklaverei 2001 im loi Taubira zu Recht als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnet wurde, so wäre es ziemlich unhistorisch, es auf eine Zeit anzuwenden, in der in Europa die Versklavung von Afrikanern  allgemein  als völlig legitim angesehen wurde und der von Tin und anderen gebrandmarkte „code noire“ von 1685 einen dem damaligen Rechtsverständnis entsprechenden Rahmen für die Behandlung von Sklaven festlegte. Allerdings diente  dieser Rahmen kaum dazu, den Sklavenhaltern und Sklaven feste Regeln und Verpflichtungen aufzuerlegen und damit gleichzeitig Exzesse der Sklaverei zu verhindern. Der Code noir war also nicht, wie auch behauptet wurde, ein Werk der Menschlichkeit: Die Schwarzen waren danach ein „bien meuble“, über das die Sklavenhalter verfügen konnten, und der Code noir erlaubte die schlimmsten  Misshandlungen. Und immerhin war die Sklaverei auf französischem Boden schon seit einem Dekret Ludwigs X. von 1315 verboten. Die Verurteilung von Sklaverei war also nicht erst eine Erfindung von Aufklärern und Revolutionären. (11a)

Allerdings war den  großen französischen Aufklärern wie Voltaire, Diderot, Rousseau oder Condorcet die Abschaffung der Sklaverei kein besonderes Anliegen. Während Dänemark 1803 als erstes Land den Sklavenhandel verbot und Großbritannien 1807, wurde er in Frankreich erst 1831 verboten.  Und während  Großbritannien 1833 die Sklaverei verbot, geschah dies in Frankreich erst 1848. Da wurde der -abgesehen von dem kurzen Zeitraum zwischen 1793 und 1802- bis dahin gültige „Code noir“  beseitigt.[12] Die von der Französischen Revolution proklamierte Gleichheit galt eben nicht für alle Menschen, nicht für Sklaven und auch nicht für Frauen, die  in Frankreich erst nach dem 2. Weltkrieg das Wahlrecht erhielten.

Soweit ich sehe, kann man als Fazit der durch Charlottesville in Frankreich ausgelösten Diskussion festhalten, dass es,  von Extremfällen wie Richepanse abgesehen,  nicht darum gehen könne,  kompromittierende  Namen aus dem Straßenbild zu entfernen, sondern sie zum Anlass zu nehmen, über ihre Taten und Schattenseiten zu informieren. Der französisch-senegalesische Essayist Karfa Diallo, der wesentlich dazu beigetragen hat, in Bordeaux das Bewusstsein für die koloniale Vergangenheit zu wecken, formuliert das so: „Si on débaptise, on efface la mémoire. Il faut que les noms des esclavagistes restent pour que nul n’oublie les crimes commis“.[13]  Ähnlich formuliert es auch Benoît Hopquin in einer Stellungnahme in Le Monde vom 24./25. September 2017. Wenn man die Geschichte „en noir et blanc“ zeichne, könne man  auch nicht bei Colbert stehen bleiben. Dann seien  auch Victor Hugo, Jules Ferry, Léon Blum und andere an der Reihe, die den Kolonialismus mit teilweise rassistischem Zungenschlag verteidigt hätten. (11a)

Ein weiteres gemeinsames Fazit der Diskussion  ist die Aufforderung, diejenigen stärker im öffentlichen Bewusstsein zu verankern, die sich  gegen die Sklaverei und für ihre Abschaffung eingesetzt haben, und ganz allgemein diejenigen „Noirs de France“ ins öffentliche  Bewusstsein zu rücken, die -oft in Vergessenheit geraten- Frankreich zu dem gemacht hätten, was es heute ist. (13a)

 

Erinnerungsorte an Sklaverei und Sklavenbefreiung in Parisa

Diese Diskussion war für mich Anlass, einmal unter diesem Gesichtspunkt Paris näher zu betrachten. Immerhin ist, wie der Historiker Marcel Dorigny in der esclavage-Ausgabe von Libération schreibt, Paris übersät mit Namen und Orten, die an die Sklaverei und den Kolonialismus erinnerten.

Der wohl bedeutendste  entsprechende Ort ist sicherlich das Palais de la Porte Dorée, das für die Kolonialausstellung von 1931 gebaut wurde. [14]

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Wandmalerie in Palais de la Porte Dorée

Hier wird auch das im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorherrschende französische  Selbstverständnis  propagiert, dass der (eigene) Kolonialismus eine zivilisatorische Mission erfülle. [15] Dazu gehörte  auch  die Sklavenbefreiung-  womit natürlich nicht die von Frankreich selbst betriebene Sklaverei gemeint war, sondern die in Afrika von Arabern betriebene.

So  wurde auch das Reklameschild für das Geschäft in der rue des Petits-Carreaux Nummer 12 im 2. Arrondissement als unproblematisch empfunden. Es machte seit 1890, also lange nach Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien) auf die exotischen Produkte und vor allem den Kaffee aufmerksam, die hier verkauft wurden. Diesen Laden gibt es heute nicht mehr, das Reklameschild steht aber unter Denkmalschutz.[16]

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Ein weiteres  ähnliches Reklameschild  befindet sich an der Place de la Contrescarpe im 5. Arrondissement.  Dort befand sich seit 1748 eine chocolaterie., später eine épicerie und zuletzt ein Kaffeegeschäft. Abgebildet sind ein Farbiger mit einer Karaffe und eine weiße Frau mit einem Tablett.  Nach einer verbreiteten Sichtweise handelt es sich hier um die  Abbildung eines Sklaven, der eine „dame de qualité“, angeblich  Madame du Barry, die Mätresse Ludwigs XV. , bedient.;  oder auch um zwei Bedienstete der chocolaterie.  [17]

Das Bild wurde und wird also vielfach als rassistisch qualifiziert und es wurde wiederholt vandalisiert.  Derzeit ist es Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen.[18]

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Kürzlich hat der Stadtrat von Paris auf Antrag der kommunistischen Fraktion entschieden, das Bild zu entfernen und es  dem Stadtmuseum von Paris, dem musée Carnavalet, zu übergeben- vielleicht auch einmal einem zukünftigen der Sklaverei gewidmeten neuen Museum.  Der Bürgermeister des betroffenen 5. Arrondissements hat dagegen aus meines Erachtens guten Gründen protestiert. Er hat darauf hingewiesen, dass eine Bürgerinitiative des Viertels sich für die Erhaltung des Bildes an seinem angestammten Platz ausgesprochen habe. Es sei aber angeregt worden, eine erklärende Plakette anzufügen, auf der der historische Hintergrund des Bildes erläutert und die Sklaverei ausdrücklich verurteilt werden sollte. Und es sollte außerdem dazu auffordert werden,  alle Formen des Rassismus zu bekämpfen. Dieser Text sei zusammen mit dem Vorsitzenden des CRAN erarbeitet worden, also Herrn Tin, der hier –anders als bei  Colbert- offenbar  einen pädagogisch- aufklärerischen Umgang mit der kolonialistischen Vergangenheit befürwortete.

Die Interpretation des Bildes als Produkt des Rassismus ist allerdings sehr fragwürdig, worauf kürzlich Didier Rykner in einem Aufsatz in der Tribune de l’Art hingewiesen hat. (18a) Das Reklamebild gehöre keineswegs zu der chocolaterie von 1748, sondern zu dem seit 1897 dort ansässigen Geschäft „au nègre joyeux“, in dem Kaffee verkauft wurde. Es stamme also aus einer Zeit, in der der die Sklaverei in den französischen Kolonien längst abgeschafft worden sei. Und das Wort „nègre“ sei eine damals übliche Bezeichnung und keinenfalls pejorativ gewesen. Vor allem aber zeige das Bild ganz und gar nicht eine Szene, wo ein „négre“ eine vornehme Frau bediene, sondern, wie das genaue Gegenteil: Es sei gerade die Frau, die auf einem Tablett Kaffeekanne, Zuckerschale und Gebäck dem „schwarzen Mann“ bringe.  Er habe um seinen Hals eine Serviette gelegt und trage in einer Hand eine Karaffe, „“sans doute du rhum avec lequel il va arroser son café“. Die Frau sei wie eine Bedienstete gekleidet. Auch deshalb könne es sich auf gar keinen Fall um Madame du Barry handeln. Der „nègre“, habe also allen Grund, fröhlich zu sein, weil man ihm einen wunderbaren Kaffee mit Rum und Gebäck serviere.

Auch Claude Ribbe, immerhin ein engagierter Streiter für eine „farbige Erinnerungskultur und Initiator des Denkmals für den farbigen General Dumas (s.u.), sieht in dem „nègre“ einen freien und wohlhabenden Gast des Hauses, so dass es sich für ihn  um eine emanzipatorische Darstellung handelt.

Trotzdem hat im  Stadtrat von Paris eine Mehrheit  für die  Entfernung des Bildes gestimmt. Der erste Beigeordnete der Bürgermeisterin, der Sozialist Bruno Julliard, hat diesen Beschluss ausdrücklich als schlecht bezeichnet. Es sei  besser, der  Intelligenz der Bürger zu vertrauen und die Spuren der Vergangenheit zu erklären. „Ich glaube nicht, dass es die beste Pädagogik ist, diese Spuren zu beseitigen“.  In der Tat: Die Sklaverei hat ja existiert, und die Erinnerung an sie aus dem öffentlichen Raum zu verbannen, ist das beste Mittel, sie auszulöschen. Trotzdem forderte aber Juillard die sozialistische Fraktion des Stadtrates auf, dem kommunistischen Antrag zuzustimmen –  aus Angst,  wie er es ausdrückte, vor einer  eventuellen Instrumentalisierung einer Ablehnung.[19] Es ist schon bemerkenswert, welche bizarren Formen die Anpassung an eine vermeintliche „political correctness“ annehmen kann….  (19a)

In der esclavage-Ausgabe von Libération wird allerdings der schwerwiegende Vorwurf erhoben, Paris beteilige sich auch an der Feier der Sklaverei. „Paris n’echappe pas à la célébration de l’esclavage.“[20] Als Beispiel werden ein Platz und eine Statue im 16. Arrondissement angeführt „à la mémoire du maréchal Jean-Baptiste Donatien de Vimeur de Rochambeau (1725-1807), qui mata dans le sang la révolte des esclaves à Haiti. L’émissaire de Napoléon utilisait des bouldogues por traquer les mutin, comme il l’indiquait dans un courrier en 1803: ‚Vous devez leur donner des nègres à manger.‘“  Weitere Statuen Rochambeaus gäbe es in seiner Heimatstadt Vendôme und in Washington D.C., weil er an der Seite Lafayettes am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg teilgenommen habe.

Allerdings ist Libération hier Opfer ihres investigativen Übereifers geworden: Jean Baptiste Donatien de Rochambeau war tatsächlich der gefeierte Kämpfer für die amerikanische Unabhängigkeit und Sieger von Yorktown gegen die Engländer,  allerdings nicht der Sklavenschlächter: Das war sein Sohn Donatien-Marie-Joseph de Rochambeau, der 1813 in der Völkerschlacht von Leipzig tödlich verwundet wurde. [21] Ein, wie ich finde, ziemlich peinlicher Lapsus, der sich durch eine einfache Internetrecherche hätte verhindern lassen. Aber nach den Ereignissen von Charlottesville wurde das Sklaven-Thema von Libération offenbar etwas  überhastet auf die Tagesordnung gebracht.

 

Das Grabmal des Generals Gobert auf dem Friedhof  Père Lachaise

Ein Denkmal für einen Sklavenschlächter gibt es Paris allerdings in der Tat. und zwar die Reiterstatue des Generals Gobert auf dem Friedhof Père Lachaise, die in einer Zusammenstellung der zehn schönsten Grabmale des  Friedhofs sogar besonders herausgestellt wird.[22]

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In der Tat handelt es sich um ein sehr eindrucksvolles, wenn auch deutlich renovierungsbedürftiges Werk. Es zeigt, auf einem Sockel postiert,  den tödlich verwundeten General. Sein Pferd bäumt sich vor einem ziemlich wild aussehenden Angreifer auf. Das Grabmal ist ein Werk  David d’Angers‘, eines der bedeutendsten französischen Bildhauer in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.  Zu seinen Werken gehören unter anderem die Giebelfiguren des Pantheons und –aus deutscher Sicht bemerkenswert- eine große Goethebüste, die er 1828 auf einer Studienreise nach Weimar schuf. Es gibt zwei Exemplare der Büste:  Eine, die David d’Angers Goethe schenkte, steht  heute in der Weimarer Anna-Amalia- Bibliothek, die andere  im musée d’Orsay.[23] Für David d’Angers war es ein Anliegen, durch seine Arbeiten  große Männer für die Nachwelt lebendig zu erhalten. Zu ihnen gehörte für ihn offenbar auch General Gobert. Der wird von Napoleon nach Guadeloupe geschickt, um nach der Wiedereinführung der Sklaverei die Revolte der  wieder zu Sklaven gewordenen Bevölkerung niederzuschlagen. Oberkommandierender war damals der berüchtigte General Richepanse,[24]  dessen Nachfolger Gobert wurde, bevor er von Napoleon wieder nach Europa beordert wurde, wo er im Kampf gegen die -auf der Statue als unzivilisierte Barbaren dargestellten-  aufständischen Spanier ums Leben kam.[25]

Eines der seitlichen Reliefs des Grabmals bezieht sich –entsprechend der Überschrift- auf Goberts Einsatz in Guadeloupe.

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Er zeigt –nach der Legende auf dem Grabmal- wie der Generals „während eines Kampfes gegen die Schwarzen“  die von ihnen eingeschlossenen Gefangenen im letzten Moment rettete.[26] Hier ist er zu sehen, wie er mit seiner Pistole einen Gefängniswächter erschießt, der gerade im Begriff ist, das Gefängnis in Brand zu setzen. Noch eindrucksvoller, aber nicht ganz zutreffend gibt Marcel Dorigny in Libération die Szene auf dem Relief wieder. Dort werde gezeigt, wie Gobert mit einem einzigen Säbelhieb den Kopf eines Schwarzen abgeschlagen habe….

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Allerdings lässt die Darstellung des Kampfes gegen die wieder zu Sklaven gemachten Schwarzen nichts an Drastik zu wünschen übrig.

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Das Denkmal  Goberts ist allerdings unantastbar. Nicht nur aufgrund seines Schöpfers, sondern auch, weil es in prominentem Privatbesitz ist: nämlich dem  der Académie française.  Wie das kam, kann man dem linken Relief entnehmen: Hier ist nämlich der Sohn Goberts zu sehen, der in jungen Jahren nach einem Bad im Nil starb. Und der sehr verwitterte und kaum noch lesbare Text auf der Vorderseite des Denkmals enthält, wie ich der Literatur entnehme,  das Testament des jungen Gobert: Seinen  Landbesitz in der Bretagne vermachte er seinen Bauern – unter der Bedingung, dass sie ihren Kindern das Lesen und Schreiben beibringen. Und seinen sonstigen Besitz vermachte er der Académie française, was aber ebenfalls an eine Bedingung geknüpft war: Dass nämlich seinem Vater ein angemessenes Grabmal errichtet werde (26a).  Das haben  also die reich Beschenkten offenbar sehr ernst genommen und den berühmten David d’Angers mit der Aufgabe betraut. Aber vielleicht könnte das verbliebene  Erbe  auch noch für eine Erläuterung zum historischen Hintergrund genutzt werden. Die wäre hier wirklich angebracht – auch wenn sicherlich kaum einmal einer, der an dem Grabmal vorbeigeht,  das  nur etwas mühsam zugängliche Guadeloupe-Relief bemerken, geschweige denn genauer in Augenschein nehmen wird.

 

Ehrung von Menschen, die sich für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt haben

In der aktuellen französischen Diskussion über den Umgang mit Sklavenhandel und Sklaverei gibt es einen Aspekt, der immer wieder und übereinstimmend betont wird, und zwar die Notwendigkeit einer deutlicheren Würdigung der Menschen, die sich für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt haben. Dabei werden immer wieder zwei Namen genannt, an die erinnert werden sollte, nämlich Toussaint Louverture und Louis Delgrès.

Der schwarze Napoleon“  Toussaint Louverture  wurde 1794  einer der ersten farbigen Generäle  der französischen Armee und Oberkommandierender der französischen Kolonie Sainte-Domingue, dann aber  Führer der haitischen Befreiungsbewegung. 1801 schickte Napoleon ein Heer nach Santo Domingo, um die alte Ordnung wiederherzustellen. Toussaint Louverture musste kapitulieren, wurde nach Frankreich deportiert, wo er offenbar aufgrund entsprechender Haftbedingungen im Gefängnis starb. [27]

Der „Chevalier de la Liberté“ Louis Delgrès war Führer des Widerstands gegen die Wiedereinführung der Sklaverei durch Napoleon und die Truppen des Generals Richepanse.[28]

Ich habe mich also dafür interessiert, ob bzw. wie in Paris an diese beiden Männer erinnert wird:

Im 11. Arrondissement gibt es seit 2013 die rue Toussaint-Louverture, ein kleines Straßenstück zwischen dem boulevard Jules Ferry und der rue de la Folie-Méricourt. Damit sollte, wie es in dem offiziellen Beschluss heißt,  „un homme politique et figure emblématique de la Révolution haïtienne“ geehrt werden.  Ende Oktober 2017 habe ich mir die Straße angesehen, die  in neuen Stadtplänen dem Beschluss von 2013 entsprechend bezeichnet ist. Dabei stellte ich zu meinem großen Erstaunen fest, dass es dort noch immer die alten Straßenschilder (rue Rampon) gibt.  Offenbar ist da  keine Eile geboten, weil es sowieso in diesem kleinen Straßenstück keine Eingänge von Wohnungen oder Geschäften gibt-  keinen Falls ein sehr  angemessener Ort für die Würdigung einer doch angeblich so bedeutenden Persönlichkeit.  Und  in vier Jahren hätte man  doch wenigstens die Straßenschilder austauschen können!  Also ein schöner Beschluss fürs gute politische Gewissen und  für die Galerie, aber offenbar ohne Konsequenzen.[29]

Also weiter zu der schon seit 1996  nach Louis Delgrès benannten Straße  im 20. Arrondissement.[30]

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Im Mai 2015 wurde dort sogar, wie man  dem Internet entnehmen kann,  durch Mme George Pau-Langevin, der damaligen Ministerin für die überseeischen Gebiete Frankreichs, eine Bank (banc mémorial)  zur Erinnerung an  Delgrès aufgestellt.[31]

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In ihrer Rede bezeichnete die Ministerin Delgrès als „une des figures les plus illustres de notre République“  und sie zitierte seine  von den Idealen der Aufklärung und der Französischen  Revolution geprägte Proklamation  „à l’univers entier“.  Der Aufruf wurde am 10. Mai 1802 in Guadeloupe verbreitet, als die Truppen des Generals Richepanse anrückten.  Angesichts der feindlichen  Übermacht und der Aussichtslosigkeit eines weiteren Widerstands sprengten sich Delgrès und seine 300 Gefährten entsprechend der revolutionären Devise „Freiheit oder Tod“  (vivre libre ou mourir)  am 28. Mai 1802 in die Luft.

Als ich nach dem  Besuch der entsprechenden Internetseite mit der ministeriellen Rede und dem Foto der Bank Ende Oktober 2017 die Rue Delgrès besuchte, war ich allerdings entsetzt: Die Straße ist völlig heruntergekommen und wird eher als  Mullkippe verwendet, die Wände der anliegenden Gebäude sind  verschmiert, die Grünanlage hinter der Bank ist verschwunden, die ebenfalls verschmierte Bank lädt kaum noch zum Hinsetzen ein: Auch hier  ein trauriger Widerspruch zwischen  offiziellen Proklamationen und der Realität.

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Immerhin gibt es im Pantheon eine Plakette zur Erinnerung an Louis Delgrès: [32]

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Zur Erinnerung an Louis Delgrès, Held des Widerstands gegen die Wiedereinführung der Sklaverei in Guadeloupe, gestorben ohne zu kapitulieren mit 300 Kämpfern in Matouba 1802, damit die Freiheit lebt

Nach den beiden ernüchternden Erfahrungen mit den Louis Delgrès und  Toussaint-Louverture gewidmeten Pariser Straßen  ist man geneigt, sich zu fragen, ob es denn nicht auch angemessene Erinnerungsorte für die Sklaverei  und ihre Abschaffung gibt. Und die gibt es in der Tat: So das  eindrucksvolle Denkmal für General Dumas, den Vater und Großvater der Schriftsteller Alexander Dumas senior und junior.

 

Das Denkmal für General Dumas

Das 2009 eingeweihte Denkmal für den General Dumas befindet sich auf der Place du Général Catroux im 17. Arrondissement (Métro Malhesherbes). Es  besteht aus zwei bis zu fünf Meter hohen eisernen Fußfesseln, wie sie Sklaven angelegt wurden.

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Aber die Eisenfesseln sind aufgebrochen, sollen sie doch an die Befreiung der Sklaven erinnern, konkret an den General Dumas, der als Sohn eines normannischen Adligen  und dessen Sklavin  in Haiti geboren wurde. Er wurde zunächst von seinem Vater als Sklave verkauft, dann aber wieder zurückgekauft und frei gelassen.  In Paris erhält er zur Zeit des ancien régime die Ausbildung eines Adligen, er schlägt eine militärische Karriere ein und zeichnet sich in den Revolutionskriegen vielfach aus.  1793 wird er der erste farbige Divisionsgeneral der französischen Armee. 1802 allerdings verfügt Napoleon seine Entlassung aus der Armee. Farbigen Soldaten und Offizieren wird sogar untersagt, sich in Paris und Umgebung aufzuhalten. [33]

Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde ein erstes Standbild des Generals errichtet, wofür sich besonders der Schriftsteller Anatol France stark gemacht hatte. Denn:

« Le plus grand des Dumas, c’est le fils de la négresse. Il a risqué soixante fois sa vie pour la France et est mort pauvre. Une pareille existence est un chef-d’œuvre auprès duquel rien n’est à comparer ». 

Dieses Standbild wurde allerdings 1942/43 von dem französischen Kollaborationsregime eingeschmolzen, um den Anforderungen der deutschen Besatzungsmacht zu entsprechen. Um das geforderte Metall zu liefern, suchten sich die Vichy-Leute natürlich bevorzugt solche Denkmäler aus, die ihnen sowieso nicht in ihre Ideologie passten- also das Denkmal eines Farbigen wie Dumas oder eines Demokraten wie Baudin  im Faubourg-Saint-Antoine.[34]

Der Ort,  wo das Denkmal steht, hatte übrigens lange den Beinamen „Platz der drei Dumas“, weil dort auch Denkmale für den Sohn und den Enkel des  Generals stehen: die Schriftsteller Alexandre Dumas (Vater), den Autor von „Die drei Musketiere“  und  „Der Graf von Montechristo“  und Alexandre Dumas (Sohn), der Autor der „Kameliendame“. (34a)

An jedem 10. Main, dem nationalen „Tag der Erinnerung an den Sklavenhandel, die Sklaverei und ihrer Abschaffung“, findet nachmittags am Denkmal für den General Dumas eine Veranstaltung der „Freunde des Generals Dumas“ und der Stadt Paris  statt – gewissermaßen das -öffentliche- Gegenstück zu der präsidialen Feier am Vormittag im Jardin du Luxembourg, zu der nur eingeladene Gäste Zutritt haben.

 

Victor Schoelcher auf dem Père Lachaise und im Pantheon

Wenn es um die Erinnerung an diejenigen geht, die sich für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt haben, darf natürlich der aus Fessenheim im Elsass stammende Victor Schoelcher nicht fehlen. Immerhin war er der Initiator des „décret d’abolition de l’esclavage du 27 avril 1848“, also des Dekrets zur (endgültigen) Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien.

Im Mémorial de l’abolition de l’esclavage von Nantes werden die berühmten Worte Schoelchers aus seinem 1842 erschienenen Buch über die französischen Kolonien zitiert:

„Si comme le disent les colons on ne peut cultiver les Antilles qu’avec des esclaves, il faut renoncer aux Antilles. – La raison d’utilité de la servitude pour la conservation des colonies est de la politique de brigands. – Une chose criminelle ne doit pas être nécessaire. – Périssent les colonies plutôt qu’un principe.“ [35]

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Wenn es wirklich zutreffe, dass man die Antillen nur mit Hilfe von Sklaven bewirtschaften könne, wie die Plantagenbesitzer behaupteten, dann müsse man eben auf die Antillen verzichten. Nützlichkeit oder Notwendigkeit rechtfertigten nicht ein kriminelles Verhalten. Eher sollten die Kolonien untergehen als ein Prinzip. Und konkret angesprochen waren damit die Ideale von Freiheit und Gleichheit der Französischen Revolution, die Schoelcher beim Wort nahm….  

Victor Schoelcher wurde an der Seite seines Vaters auf dem Friedhof Père Lachaise bestattet. (50. Division)[36]

Eine etwas zwiespältige Ehre wurde Victor Schoelcher zuteil, indem sein Name in die Westfassade des zur Kolonialausstellung 1931 errichteten Palais de la Porte Dorée eingraviert wurde.  Hier hat das „dankbare Frankreich“ die Namen derer versammelt, die das Kolonialreich ausgeweitet und dazu beigetragen haben, dass der Name Frankreichs in Übersee geliebt werde….  Schoelcher befindet sich da in der zweifelhaften Gesellschaft von Eroberern und kolonialen Profiteuren.  Diese Ehrentafel ist denn auch gewissermaßen ein Gegenentwurf zum republikanischen Pantheon, in dem „die großen Männer“  geehrt werden, die sich um die Werte der Französischen Revolution verdient gemacht haben. (36a)
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1948, 100 Jahre nach Abschaffung der Sklaverei, wurde immerhin beschlossen, Victor Schoelcher zu „pantheonisieren“, also seine sterblichen Überreste zu den großen, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit repräsentierrenden  Männern (und Frauen)  Frankreichs zu überführen. Dies geschah am 20. Mai 1949, zusammen mit seinem Vater, von dem er nie getrennt sein wollte, und zusammen mit dem  schwarzen Kolonialpolitiker Félix Éboué. Dies war der erste Schwarze, der, sicherlich ganz im Sinne Schoelchers, auf diese  Weise geehrt wurde.

 

Das  hôtel de la marine: ein zukünftiges Museum der Sklaverei?

Der  Beschluss des Pariser Stadtrats, das umstrittene Firmenschild an der place de la contescarpe mit dem „nègre joyeux“ zu entfernen, beinhaltete auch die Aufforderung, in Paris ein Museum der Sklaverei, des Sklavenhandels und deren Abschaffung zu errichten. Warum in Paris? Die Cran, die Vereinigung der „associations noires“, weist darauf hin, dass Paris das Zentrum des französischen Geschäfts mit der Sklaverei  gewesen sei. Die Lobby der karibischen Farmer habe ihren Sitz in Paris gehabt, drei Viertel der Gründer der Banque de France hätten mit der Sklaverei Geld verdient. Und selbstverständlich war Paris der Ort, wo der code noir entstand und wo die Verwaltung der Kolonien angesiedelt war.[37]

Als möglicher Platz für ein solches Museum ist das repräsentative  hôtel de la marine (bzw. ein Teil davon) an der place de la Concorde im Gespräch. Und das nicht von ungefähr: Das hôtel de la marine war nämlich Sitz der Kolonialverwaltung, die für die Sklaverei, den Sklavenhandel und die entsprechenden Häfen zuständig war. Dort wurde auch die Auszahlung der Kopfprämien organisiert, die der Staat für die Deportation von Afrikanern in die französischen Antillen festgesetzt hatte. Und nicht zuletzt: Dort wurde  1848 das Dekret zur Abschaffung der Sklaverei unterzeichnet. [38]

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Rechts ein Teil des noch verhüllten hôtel de la marine, das gerade renoviert wird.        Leider gibt es nicht -wie bei anderen Baustellen- eine Informationstafel,  der man entnehmen kann, wie das Gebäude einmal genutzt werden soll.

Für das hôtel de la marine spricht auch, dass derzeit seine neue Verwendung intensiv verhandelt wird, nachdem die dort ansässigen militärischen Nutzer in das neugebaute „französische Pentagon“ umgezogen sind.  Zunächst (2010)  hatte der damalige Präsident Sarkozy geplant, das Gebäude  privaten Investoren zu überlassen, dann aber aufgrund massiver öffentlicher Proteste einen  Rückzieher gemacht. Schon damals hatte übrigens eine Gruppe von Historikern und anderen Wissenschaftler in einem öffentlichen Aufruf in Le Monde gefordert, das hôtel de la marine als nationales Erbe zu bewahren und dort ein „musée de l’esclavage, de la colonisation et de l’outre-mer (MECOM) zu installieren und auf diese Weise  „faire entrer le passé colonial dans l’esprit de nos contemporains“.[39]

Jetzt ist das Centre des monuments nationaux mit der Konzeption einer zukünftigen Nutzung betraut, und ein großer Teil des Gebäudes soll auf jeden Fall für die Öffentlichkeit zugänglich sein. [40]  Die Keimzelle einer 2016 von Francois Hollande angeregten  Fondation pour la mémoire de l’esclavage  hat dort übrigens schon ihren Sitz.[41]  Weiter gehenden Museumsplänen muss allerdings auch die Regierung bzw. das zuständige Kulturministerium seinen Segen (und Geld) geben, aber dort hält man  sich offenbar noch vornehm zurück – es gibt ja wohl auch schon genug andere und noch größere „Baustellen“ für die neue Administration. Auch wenn „Volkes Stimme“ massiv Stimmung gegen das Museumsprojekt macht, wie man den sozialen Medien entnehmen kann: Ich würde mich freuen, wenn ein MECOM im hôtel de la marine entstünde. Und dann gäbe es sicherlich auch einen entsprechenden neuen Beitrag auf diesem  Blog.

 

Den Abschluss dieses Textes soll aber ein kurzer Bericht über eine Veranstaltung sein, die zeigt, wie sehr die Sklaverei und ihre Abschaffung noch im Bewusstsein von Menschen mit „Mitgrationshintergrund“- und vielleicht ja auch mit einer von der Sklaverei geprägten Familiengeschichte präsent sind.

 

Ein Umzug zur Erinnerung an die Abschaffung der Sklaverei

Im Mai 2016 stieß ich zufällig im 12. Arrondissement auf einen laustarken Umzug von auffällig weiß und schwarz kostümierten Schwarzen. Ich war zunächst etwas überrascht und ratlos. Eine Demonstration von Schwarzen? Und die Polizei ist kaum vertreten? Auch nicht in dem sonst demonstrations-üblichen martialischen Outfit?  Und sie macht den Demonstranten sogar den Weg frei?  Ich erfuhr dann von einem freundlichen Gendarmen, dass  es sich um einen harmlosen und friedlichen Umzug handele, mit dem an die Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1848 erinnert werden sollte.

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Dies wird ja auch durch die z.T. mit Ketten und der Jahreszahl 1848 bemalten Gewändern zum Ausdruck gebracht. Auf dem schwarzen Gewand eines Umzugsteilnehmers kann man übrigens den Namen „Solitude“ erkennen. Solitude war die Tochter einer afrikanischen Sklavin, die während der Deportation auf die Antillen von einem weißen Matrosen vergewaltigt wurde. An der Seite von Louis Delgrès kämpfte Solitude gegen die Wiedereinführung der Sklaverei. Im Mai 1802 wurde sie, schwanger, von den napoleonischen Truppen gefangen genommen und 6 Monate später, einen Tag nach ihrer Entbindung, gehängt. Den Willen und/oder Mut, neben  Schoelcher und Éboué auch sie ins Pantheon aufzunehmen, hat allerdings bisher noch kein französischer Präsident gehabt.

 

Nachtrag zum 27. April 2018, dem 170. Jahrestag der Abschaffung der Sklaverei

Am 27. April 2018 wurde in Frankreich vielfach an den  170. Jahrestag der Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien erinnert. Präsident Macron legte im Pantheon Blumen am Grab Victor Schoelchers nieder.

Und Arte produzierte aus diesem Anlass einen vierteiligen Film: „Les Routes de l’esclavage. Histoire des traites africaines, VIe-XXe siècle“. (Albin Michel/Arte Editions, 19,50€ und als Film: Arte, 2 DVD)

Im „Figaro“ wurden am 27. April in der Rubrik „entre guillemets“ („in Anführungsstrichen“)  diese Worte  Victor Schoelchers zitiert:

Disons-nous et disons à nos enfants que tant qu’il restera un esclave sur la surface de la Terre, l’asservissement de cet homme est une injure permanente faite à la race humaine tout entiere“ (Le Figaro, 27.4.2018, S. 19)

Catherine Coquery-Vidrovitch wies am 5. Mai 2018 in einem Beitrag für Le Monde darauf hin, dass es auch nach dem Verbot der Sklaverei von 1848 in Frankreich auch danach noch Formen der Sklaverei in der verschleierten Form  der Zwangsarbeit gab. Noch Ende des 19. Jahrhunderts hätten Briten und Franzosen mit leseunkundigen Schwarafrikanern Verträge geschlossen, die sie verpflichteten, drei Jahre lang in ehemaligen „colonies esclavagistes“ zu arbeiten und ihre Rückfahrt nach Afrika selbst zu bezahlen. Da das praktisch unmöglich gewesen sei, hätten die meisten nicht in ihre Heimat zurückkehren können.

Am 27. April 2018 sendete France 2 in seinen 8-Uhr-Nachrichten einen Beitrag über Sklaverei im Frankreich unserer Tage aus und dabei nicht nur erschreckende Zahlen/Schätzungen genannt, sondern auch zwei Beispiele: Eine Frau, die -systematisch entrechtet und gedemütigt- jahrelang ohne Kontakt zur Außenwelt als Haushaltssklavin gehalten wurde,  und ein junger Mann aus Ägypten, der einem „passeur“ 5000 Euro bezahlt hatte, um nach Frankreich zu kommen. Dort wurden ihm die Papiere weggenommen und er musste mehrere Monate unter unsäglichen Bedingungen sieben Tage die Woche als Illegaler auf einem Bau arbeiten, bis eine Hilfsorganisation auf ihn aufmerksam wurde.

Einen Überblick über aktuelle Formen der Sklaverei und des Menschenhandels mit zahlreichen Literaturhinweisen bietet das Buch von Lothar Franz: Sklaverei und moderner Menschenhandel- Schrei nach Freiheit und Gerechtigkeit. Stuttgart 2017, auf das mich Leser dieses Blogs aufmerksam gemacht haben.

Die von Schoelcher gebrandmarkte „Beleidigung der menschlichen Rasse“ durch auch nur einen einzigen Sklaven auf dieser Erde gibt es also nach wie vor, und zwar gewissermaßen vor unserer Haustüre…

 

Anmerkungen:

[1] http://www.faz.net/aktuell/politik/trumps-praesidentschaft/donald-trumps-tiefpunkt-nach-gewalt-in-charlottesville-15153396.html

[2] http//memorial.nantes.fr/

[3] Libération, 23. August 2017

[4] http://la1ere.francetvinfo.fr/2015/04/17/bordeaux-beaucoup-plus-vecu-de-l-esclavage-que-tous-les-autres-ports-selon-le-directeur-du-musee-d-aquitaine-248443.html 

[5]https://www.google.de/search?q=Francce+jour+de+l%27abolition+de+l%27esclavage&oq=Francce+jour+de+l%27abolition+de+l%27esclavage&aqs=chrome..69i57.13110j0j8&sourceid=chrome&ie=UTF-

[6] http://www.lemonde.fr/societe/article/2006/01/30/jacques-chirac-fixe-au-10-mai-le-jour-souvenir-de-l-esclavage_735825_3224.html#iDm3PbKTR0xV8i7V.99

(6a) http://www.esclavage-memoire.com/lieux-de-memoire/le-cri-l-ecrit-sculpture-33.html

http://titeparisienne.over-blog.net/article-jardin-du-luxembourg-108698647.html

Böse Zungen lesen aus der Skulptur -von oben nach unten-  übrigens das wenig schmeichelhafte Wort „con“….

[7] http://www.lefigaro.fr/flash-actu/2017/05/23/97001-20170523FILWWW00250-premiere-commemoration-des-victimes-de-l-esclavage.php

[8] Éditorial mit dem Titel „Mémoire“ von Laurent Joffrin in Libération vom 23. August 2017

[9] http://www.liberation.fr/debats/2017/08/28/vos-heros-sont-parfois-nos-bourreaux_1592510

Diesem Artikel ist auch das Bild der Statue  Colberts vor dem Gebäude der Assemblée Nationale entnommen.  Teilweise identisch dann auch die Petition, die Le Monde am 19. September 2017 veröffentlichte: Louis-Georges Tin und Louis Sala-Molins u.a., Enlevons le nom de Colbert aux écoles.

[10] Le Monde 19.9. 2017. Am gleichen Tag  gab es in den 20-Uhr-Nachrichten des öffentlichen Fernsehsenders TV 2 eine kleine Sequenz zum Thema: Faut-il bannir Colbert? Dort kam Louis-Georges Tin zu Wort, aber auch der Philosoph Pascal Bruckner, der eine Gegenposition vertrat.

[11] Zur Diskussion siehe z.B. https://www.marianne.net/politique/de-charlottesville-colbert-faut-il-deboulonner-tous-les-personnages-historiques-qui

Sehr empfehlswert die Debattenbeiträge in Humanité vom 3. Oktober 2017  https://www.humanite.fr/travail-de-memoire-et-histoire-faut-il-debaptiser-les-lieux-publics-colbert-642923

(11a) siehe Benoît Hopquin, L’histoire en noir et blanc. Le Monde 24./25. September 2017, S. 31

[12]  Zu den verschiedenen Phasen der Abschaffung von Sklavenhandel und Sklaverei siehe: Catherine Coquery-Vidrovitch in: Le Monde 5. Mai 2018  und dieselbe: Les Routes de l’esclavage.. Histoire des traites africaines, VIe-XXe siècle. Paris 2018

https://de.wikipedia.org/wiki/Code_Noir et  https://fr.wikipedia.org/wiki/Code_noir

[13] Zitiert von Libération, 23. August 2017, S. 4

http://www.rfi.fr/afrique/20130410-karfa-diallo-senegalais-vin-bureaux-esclavage-traite-esclaves-france-afrique-commerce-triangulaire

(13a) Hopquin a.a.O. siehe Anm. 11a. Hopquin verweist in seiner Stellungnahme übrigens auch auf sein 2009 erschienenes Buch „Les Noirs qui on fait la France“, in dem er die Portraits von solchen schwarzen „héros“ gezeichnet hat, die „pourraient utilement nourrir nos panthéons universels“.

[14] siehe den entsprechenden Blog-Beitrag: Das Palais de la Porte Doree und die Kolonialausstellung von 1931

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/6242

[15] Immerhin hatten nach den Worten von Jules Ferry die  „races supérieures“  die Aufgabe, „de civiliser les races inférieures“. http://tempsreel.nouvelobs.com/histoire/20170918.OBS4786/colbert-mitterrand-saint-louis-qui-faut-il-deboulonner-a-vous-de-juger.html

[16] http://breves-histoire.fr/au-planteur-rue-petits-carreaux/

[17]    Marcel Dorigny in Libération vom 23. August 2017, S. 5

[18]  http://www.lefigaro.fr/flash-actu/2017/09/25/97001-20170925FILWWW00348-l-enseigne-le-negre-joyeux-rappel-de-l-esclavage-va-quitter-le-ve-a-paris.phphttp://www.liberation.fr/debats/2017/10/09/cachez-cette-enseigne-que-je-ne-saurais-voir_1601887https://fr.wikipedia.org/wiki/Au_N%C3%A8gre_joyeux

http://www.actupolitique.info/paris-lenseigne-au-negre-joyeux-va-etre-retiree/

(18a)  „Au négre joyeux“ n’est pas une enseigne raciste.  21. November 2017

http://www.latribunedelart.com/, au-negre-joyeux-n-est-pas-une-enseigne-raciste

[19] http://www.lefigaro.fr/flash-actu/2017/09/25/97001-20170925FILWWW00348-l-enseigne-le-negre-joyeux-rappel-de-l-esclavage-va-quitter-le-ve-a-paris.php 

http://www.liberation.fr/debats/2017/10/09/cachez-cette-enseigne-que-je-ne-saurais-voir_1601887

(19 a) In Frankfurt am Main gibt es derzeit (März 2018) eine ähnliche Auseinandersetzung. Da gibt es  eine Mohrenapotheke und in der Großen Friedberger Straße 8 ein Haus mit der traditionellen Bezeichnung „zum Mohren“, Sitz der „Zeil-Apotheke zum Mohren“. Nach Auffassung der Kommunalen Ausländervertretung der Stadt sollen  aber diese von ihr als rassistisch empfundenen Bezeichnungen „aus dem Stadtbild verschwinden.“ Das würde bedeuten, dass der in die Fassade eingemeißelte Name des unter Denkmalschutz stehenden Hauses beseitigt werden müsste. Ein CDU-Abgeordneter des Stadtparlaments hatte  allerdings gewagt darauf  hinzuweisen, dass der Name „Mohr“ abgeleitet sei von dem Wort „Maure“. Und der „sei in traditionellen Apothekennamen häufig zu finden, weil das pharmazeutische Wissen des Morgenlandes dem des Abendlandes jahrhundertelang überlegen gewesen 8:::). Die Apotheker hätten mit der Bezeichnung und entsprechenden Darstellungen für die Fortschrittlichkeit und Hochwertigkeit ihrer Produkte geworben. ‚Mohr‘ sei deshalb nicht abwertend, sondern anerkennend zu verstehen.“ Für die Hüter der political correctness sind solche Feststellungen aber eher Ausdruck mangelnder Sensibilität, wenn nicht gar eines (mehr oder weniger ausgeprägten) Rassismus. Also soll, wie die FAZ einen Beitrag über diese Auseinandersetzung überschrieb, der Mohr gehen.  (FAZ, 1.3.2018 Seite 35)  Das Frankfurter Stadtparlament hat über dieses Thema heftig debattiert, aber immerhin darauf verzichtet, Namensänderungen vorzuschreiben.  Unter der Überschrift „Die Mohren-Apotheke gehört zu Frankfurt“ kommentierte in der FAZ Werner d’Inka, immerhin ein Herausgeber der Zeitung,  am 4.3.2018:  „Darf eine Pharmazie „Mohren-Apotheke“ heißen? Darüber wird in Frankfurt gestritten. Der sprachhygienische Furor ist lehrreich. Denn er zeigt, wie man Zeitgenossen, denen Rassismus fern ist, in die Arme der AfD treibt.“  Wo er Recht hat, hat er Recht.

[20] Libération, 23. August, S. 4

[21] https://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Baptiste-Donatien_de_Vimeur,_comte_de_Rochambeau  und

https://fr.wikipedia.org/wiki/Donatien-Marie-Joseph_de_Rochambeau

[22] https://voyages.michelin.fr/europe/france/ile-de-france/ville-de-paris/paris/reportage/balade-entre-les-tombes-les-10-plus

[23] https://de.wikipedia.org/wiki/Pierre_Jean_David_d%E2%80%99Angers

Bild der Goethe-Büste aus der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar bei Wikimedia.org

http://www.musee-orsay.fr/fr/collections/oeuvres-commentees/recherche/commentaire_id/johann-wolfgang-von-goethe-162.html?no_cache=1

[24] Bis 2002 gab es in Paris noch eine nach Richepanse benannte Straße, die dann allerdings auf Initiative des damaligen Pariser Bürgermeisters Delanoë umbenannt wurde und seitdem den Namen des Chevaliers de Saint-Georges trägt: Saint-Georges war der illegitime Sohn eines französischen Adligen und einer Sklavin aus Guadeloupe. In Paris sorgte er für Aufsehen als Geigenvirtuose, Komponist, Dirigent, Fechter und während der Revolution als Kommandeur der Légion Saint-George, einem aus Schwarzen bestehenden Regiment – also eine echte Alternative zu dem früheren Namensgeber der Straße.

https://fr.wikipedia.org/wiki/Rue_du_Chevalier-de-Saint-George

https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Bologne,_Chevalier_de_Saint-Georges

[25] https://fr.wikipedia.org/wiki/Jacques_Nicolas_Gobert

Zum Grabmal Goberts  gibt es ein Kapitel in dem  neu erschienenen Büchlein  von Jean Tardy und Charles Dolbakian mit dem  bemerkenswerten  Titel:   Proménades napoléoniennes au Père Lachaise. Paris 2017

[26] „Pendant un combat contre les noirs le général Gobert apprenant qu’ils avaient enfermé leurs prisonniers dans une maison minée y courut et tua le gardien qui en approchait déjà une mèche enflammée.“

(26a) Eine Erläuterung zu diesem Relief gibt es im Buch von Tardy und Dolbakian.  (siehe Anmerkung 25)

[27] https://de.wikipedia.org/wiki/Toussaint_Louverture.

Toussaint Louverture spielt auch eine wichtige Rolle in den „Karibischen Geschichten“ von Anna Seghers. Berlin und Weimar 1965

[28] https://fr.wikipedia.org/wiki/Louis_Delgr%C3%A8s

[29] http://www.parisrues.com/rues11/paris-11-rue-toussaint-louverture.html .             (Hier gibt es zwar die Information zur Umbenennung des Straßenstücks, auf der beigefügten Karte ist aber ebenfalls noch der alte Straßenname –rue Rampon- eingezeichnet). Eingesehen am 24.10.2017

http://a06.apps.paris.fr/a06/jsp/site/plugins/odjcp/DoDownload.jsp?id_entite=27282&id_type_entite=6

[30] http://www.parisrues.com/rues20/paris-20-rue-louis-delgres.html

[31] http://www.esclavage-memoire.com/evenements/hommage-aux-esclaves-banc-memorial-a-louis-delgres-a-paris-118.html  

[32] Info über Louis Delgrès und Bild aus: http://la1ere.francetvinfo.fr/guadeloupe/jour-delgres-ses-camarades-ont-choisi-mort-au-retablissement-esclavage-477997.html

[33]   https://fr.wikipedia.org/wiki/Place_du_G%C3%A9n%C3%A9ral-Catroux#Acc.C3.A8s            Dieser Website ist auch das Bild entnommen.

https://fr.wikipedia.org/wiki/Thomas_Alexandre_Dumas

http://www.esclavage-memoire.com/lieux-de-memoire/monument-a-la-memoire-du-general-dumasparis-93.html

und grundlegend: Claude Ribbe, Le Diable noir: Biographie du général Alexandre Dumas, père de l’écrivain. 2008

[34] siehe den Blog-Beitrag über den Faubourg-Saint- Antoine, das Viertel der Revolutionäre. (April 2016)

(34a) Das Denkmal wird übrigens ganz offensichtlich gerne als Picknick-Platz genutzt. Entsprechend sah der Boden darum herum aus. Ich musste mich erst einmal als Müllsammler betätigen, um nach dem Foto von der Delgrès-Bank ein weiteres peinliches Foto zu vermeiden.

[35] http://lvhpog.e-monsite.com/medias/files/schoelcher-1842.pdf

[36] https://www.tombes-sepultures.com/crbst_1810.html

(36a) siehe den Blog-Text: Das Palais de la Porte Dorée und die Kolonialausstellung von 1931

https://de.wikipedia.org/wiki/Victor_Sch%C5%93lcher

Bei den beiden im oberen Teil des Denkmals abgebildeten Personen handelt es sich um Marc Schoelcher,  den Vater Victors, und einen Gesellen, also nicht um Vater und Sohn.

[37] http://www.liberation.fr/france/2017/09/29/esclavage-a-paris-le-retrait-d-une-enseigne-relance-le-projet-de-musee_1599770  

[38] http://www.une-autre-histoire.org/lhotel-de-la-marine

[39]  http://www.lemonde.fr/idees/article/2011/01/18/faire-de-l-hotel-de-la-marine-un-musee-de-l-esclavage_1467179_3232.html#Bosbm4tUHX8MyoXp.99

[40] https://fr.wikipedia.org/wiki/H%C3%B4tel_de_la_Marine

[41] http://outremers360.com/societe/commemoration-abolition-esclavage-2017-jean-marc-ayrault-conduira-la-mission-chargee-de-creer-la-fondation-sur-la-memoire-de-lesclavage/ 

 

Weitere geplante Beiträge:

  • open your eyes! Street-Art in Paris (1) 
  • Street-Art in Paris (2): Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • Street-Art in Paris (3): Der Invader
  • Auf dem Weg nach Paris: Die Mühle von Valmy, ein Fanal der Französischen Revolution
  • Little India: das indische Viertel in Paris

 

La Maison Heinrich Heine, das deutsche Haus in der Cité Internationale Universitaire de Paris

Im Januar 2017 habe ich auf diesem Blog einen Text über die Cité internationale universitaire de Paris  (CIUP) eingestellt und dabei auch eine Reihe von Häusern  verschiedener Nationen vorgestellt.[1] Das deutsche Haus, La Maison Heinrich Heine (MHH), habe ich dabei ausgespart, aber einen eigenständigen Bericht darüber angekündigt. Le voilà! Da ist er nun endlich – passend auch zum Blog-Text über Heinrich Heine in Paris (Oktober 2017).

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Dass ich das Heinrich Heine- Haus zunächst ausgespart habe, ist kein Ausdruck von Missachtung oder Geringschätzung. Ganz im Gegenteil! Es hat nämlich aus mehrfachen Gründen einen gesonderten Bericht verdient:

  • Aufgrund seiner ganz spezifischen Geschichte, die ein Spiegelbild der wechselhaften deutsch-französischen Beziehungen seit den 1920-er Jahren ist.
  • Aufgrund des außerordentlichen Beitrags, den das Heinrich Heine-Haus für den deutsch-französischen kulturellen und politischen Dialog leistete und leistet
  • Und schließlich: aufgrund der wichtigen und wunderbaren Rolle, die das Heinrich Heine- Haus für uns ganz persönlich hatte und hat: Wenn Paris inzwischen gewissermaßen unsere zweite Heimat geworden ist, so hat la Maison Heinrich Heine daran einen wesentlichen Anteil.

Wir sind, um gleich mit dem letzten Aspekt zu beginnen, dort regelmäßige Besucher. Es gibt da nämlich, wie sonst nirgends in Paris, ein außerordentlich reiches kulturelles und politisches Angebot mit deutsch-französischer und europäischer Perspektive: Filmvorführungen, Konzerte und für uns am interessantesten: Veranstaltungen zu aktuellen politischen und wirtschaftlichen Themen und  unter deutsch- französischem Blickwinkel.  Man kann sicher sein, dass es sich bei den Teilnehmern von Podiumsdiskussionen immer um sehr kompetente und manchmal auch sehr prominente „intervenants“ handelt. Öfters haben wir es sogar bedauert, dass  das Format der Diskussion es einzelnen Experten nicht erlaubte, ausführlicher zu Wort zu kommen.  Für uns besonders schön war und ist bei solchen Veranstaltungen, dass es im Anschluss an eine table ronde nicht nur eine Diskussion mit dem Publikum gibt, sondern auch noch die Möglichkeit, sich im Foyer zwanglos bei einem Glas Wein (dem vin d’amitié) und meistens auch leckeren Schnittchen mit den intervenants und anderen Besuchern zu unterhalten. Wir haben bei solchen Gelegenheiten schöne Kontakte geknüpft, ja Freundschaften geschlossen- zum Beispiel mit der Familie Radvanyi (siehe Bericht: Exil in Frankreich. Sanary, Les Milles und Marseille ) oder (auf kuriose Weise: über den Frankfurter Apfelwein/Äbbelwoi und Friedrich Stoltze)  mit Herrn Dr. Adler und seiner Frau (siehe Bericht Von Frankfurt nach Paris und zurück: Die Stolpersteine in der Westendstraße). Auf eine ebenfalls kuriose Weise haben wir im Heinrich Heine-Haus auch eine weitere Bekanntschaft gemacht: Anlässlich einer vorweihnachtlichen Veranstaltung war dort am ersten  Adventssonntag ein Adventskranz aufgestellt mit vier brennenden Kerzen! Also ein eindeutiger Verstoß gegen das vorweihnachtliche Brauchtum! Also hin und die drei voreilig angezündeten Kerzen ausgepustet! Eine französische Besucherin, die das beobachtete, sprach uns darauf an, es entwickelte sich daraus ein schönes Gespräch und schließlich eine intensive langjährige Freundschaft.

Die meisten Menschen, die wir dort kennengelernt haben, sind –wie an diesem Ort nicht anders zu erwarten- besonders an Deutschland interessiert und haben oft auch einen ganz persönlichen Bezug zu dem Land: Bei Herrn Dr. Radvanyi, dem Sohn Anna Seghers, und bei Dr. Adler war es die Flucht aus Nazi-Deutschland. Bei unserer Freundin Françoise Tillard ist es die Musik: Sie ist Dozentin an einer Musikakademie mit dem deutschen Lied als Schwerpunkt, sie hat die erste Biographie über Fanny Hensel, die Schwester Felix Mendelssohns, geschrieben und das von ihr gegründete Klaviertrio trägt auch den Namen Fanny Hensel. Und ihr Vater war politischer Häftling im Konzentrationslager Mauthausen.[2] Bei einer weiteren Freundin, die wir im Heinrich Heine-Haus kennengelernt haben, gibt es auch einen spezifischen deutsch-französischen Bezug: Die Familie stammt aus dem Elsass, der Vater hat als Bomberpilot der Royal Air Force Bomben auf deutsche Städte abgeworfen und die Mutter hat nach dem Krieg eine der ersten deutsch-französischen Freundschaftsgruppen in der französischen  Zone gegründet. Welche  Schicksale und welche wunderbaren Kontakte, die uns das Heinrich Heine- Haus ermöglicht hat!

Es würde zu weit führen und den Rahmen eines solchen Blog-Textes sprengen, wenn ich nun auf einzelne für uns besonders wichtige Veranstaltungen eingehen würde. Wo da anfangen und wo aufhören? Hervorheben möchte ich aber doch wenigstens das Gespräch zwischen Alfred Grosser und Stephane Hessel, das am 17. Oktober 2012 im Heinrich Heine-Haus stattfand. Das war sicherlich eine der beeindruckendsten Veranstaltungen, an der wir dort teilgenommen haben. Thema waren die deutsch- französischen Beziehungen und die Vorstellungen beider Länder von der Zukunft Europas.

DSC00619 Grosser

Kaum jemand könnte ja geeigneter sein als diese beiden, auf der Grundlage intensiver lebensgeschichtlicher Erfahrungen fundiert –und dazu auch noch anregend, ja unterhaltsam-  über die deutsch-französischen Beziehungen und ihre Perspektiven in einem vereinten Europa zu diskutieren.

Alfred Grosser wurde 1925 in Frankfurt am Main geboren, wo sein Vater, Sozialdemokrat und Jude,  Direktor einer Kinderklinik war. Die Familie emigrierte 1933 nach Frankreich und erhielt 1937 die französische Staatsbürgerschaft. Grosser studierte Germanistik und Politikwissenschaften  und war von 1956 bis 1992 Professor an der Kaderschmiede Science Po in Paris, wo er Generationen französischer Deutschland-Spezialisten ausbildete. Sein Leben lang hat er sich für die deutsch-französische Verständigung engagiert. Dem Heinrich Heine-Haus ist er seit dessen Gründung eng verbunden. Grosser ist dort regelmäßiger Teilnehmer von Diskussionen und Ehrenpräsident des Verwaltungsrats.[3]

Stéphane Hessel teilt mit Alfred Grosser die (jedenfalls väterlicherseits) deutsch-jüdische Abstammung und das Jahr der Zuerkennung der französischen Staatsbürgerschaft, nämlich 1937.[4] Hessel hatte –als in Berlin Geborener-  an der École Normale Supérieure studiert, er gehörte also gewissermaßen zum französischen Geistesadel, er war an der Seite de Gaulles Mitglied der Résistance, Gefangener im KZ Buchenwald, UNO- Diplomat und „Ambassadeur de France“. Zum Zeitpunkt des Gesprächs war Hessel 95 Jahre alt, wenige Monate danach, im Februar 2013 starb er.

Beeindruckt hat uns bei diesem Gespräch vor allem der unerschütterliche Optimismus von Stéphane Hessel.  Mit einem klaren Blick auf die Gegenwart und ihre Probleme kam er aufgrund seiner humanistischen Grundüberzeugung und der ihm eigenen Einbettung aktueller Phänomene in eine historische Perspektive zu einer ermutigenden Einschätzung der weltpolitischen Entwicklung (ausgenommen, auch darin mit Grosser übereinstimmend, der Situation im Nahen Osten), vor allem aber der europäischen Perspektiven. Vorausgesetzt allerdings, es gibt genug Menschen, die sich engagieren: Engagement war für Hessel ja eine unabdingbare Notwendigkeit, wie seine zum Bestseller gewordene Streitschrift „Empört-Euch!“ zeigt.

Während Grosser in dem Gespräch eher die Rolle des Skeptikers übernahm, beeindruckte Hessel als welthistorisch und philosophisch versierter Optimist und Visionär. Besonders schön war, wie sich Grosser und Hessel –mit sichtbarem Vergnügen- die Bälle zuspielten. So wurde das Publikum auf höchst unterhaltsame Art und Weise zum Nachdenken angeregt.  Interessant war auch das Verhalten der beiden in der anschließenden Diskussion mit dem Publikum. Da konnte Grosser schon einmal lehrerhaft-unwirsch reagieren, wenn jemand eine Frage stellte, die sich aufgrund des bisher Gesagten eigentlich erübrigte. Und Hessel brachte es fertig, jede noch so abseitige Frage freundlich aufzugreifen, in einen relevanten Zusammenhang zu stellen und zum Anlass für einen hochinteressanten druckreifen Vortrag zu machen. So am Beispiel einer –damals etwas irritierenden, aus heutiger Sicht aber hochaktuellen-  Frage zu einer möglichen Unabhängigkeit der Katalanen. Es folgte eine geraffte Darstellung Hessels über die Rolle der Nationalstaaten in der europäischen Geschichte und über die zukünftigen Perspektiven von Staaten und Regionen in einem europäischen Bundesstaat. Gerade jetzt von allerhöchster Aktualität! Und das mit über 90 Jahren!

Hessel Grosser MHH 18.10.12 013

Stephane Hessel mit Dr. Christiane Deussen, die seit 2002 das Haus leitet

Diese Veranstaltung  war auch deshalb für uns ein besonderer Höhepunkt, weil wir danach zu einem Empfang in den Räumen von Frau Dr. Deussen eingeladen waren. Dabei ließ sich Stéphane Hessel nicht lange bitten und trug –selbstverständlich par cœur- zwei seiner liebsten Gedichte vor: Hyperions Schicksalslied von Hölderlin und  Le Pont Mirabeau von Apollinaire.

 

Doch uns ist gegeben,

Auf keiner Stätte zu ruhn,

Es schwinden, es fallen

Die leidenden Menschen

Blindlings von einer

Stunde zur andern,

Wie Wasser von Klippe

Zu Klippe geworfen,

Jahr lang ins Ungewisse hinab

Aber das dem Schicksal unterworfene Los der leidenden und ohnmächtigen Menschen war- auch an diesem Abend- nicht Hessels letztes Wort, sondern das hatten Apollinaire und Goethe:

Sous le pont Mirabeau coule la Seine
Et nos amours
Faut-il qu’il m’en souvienne
La joie venait toujours après la peine

Und Goethe durfte natürlich bei Hessel auch nicht fehlen, weil da die Quintessenz seines Lebens wunderbar formuliert ist:

Alles geben Götter, die unendlichen,

Ihren Lieblingen ganz,

Alle Freuden, die unendlichen,

Alle Schmerzen, die unendlichen, ganz.

 


Das Heinrich Heine-Haus: Studentenwohnheim und Kulturinstitut

Die „vordringliche Aufgabe“ des deutschen Hauses ist, wie seine langjährige Leiterin, Frau Dr. Deussen, betont, die eines Studentenwohnheims, und das entspricht auch der seiner Lage und  Rolle in der Cité internationale universitaire. Und dem entspricht auch, dass es ein besonderes Privileg ist, dort einen der etwa 100 begehrten Plätze zu erhalten. Die Cité internationale sollte ja von Anfang an nicht ein einfaches Studentendorf sein, sondern eine Begegnungsstätte von zukünftigen Eliten aus verschiedenen Ländern.[5] In einem Artikel der ZEIT aus dem Jahr2006 wurde denn auch unverhohlen festgestellt, in dem Heinrich Heine-Haus wohnten „ausschließlich Elitestudenten“.[6] Das mag zunächst deutschen  Lesern provokant erscheinen, ist man in Deutschland doch aufgrund entsprechender historischer Erfahrungen oft etwas allergisch gegenüber dem Begriff der „Elite“ – ganz anders als  in Frankreich, wo  ein wesentlich unbefangenerer Umgang damit üblich ist. Deutschland hätte allerdings inzwischen durchaus etwas mehr Berechtigung zu entsprechender Unbefangenheit: Immerhin ist die Elitenreproduktion in Deutschland nicht ganz so ausgeprägt wie in Frankreich. Und in Deutschland wurde –von Frankreich bewundert- nach dem heilsamen Pisa-Schock von 2000 deutlich mehr für die Förderung  von benachteiligten Kindern und Jugendlichen getan[7], so dass man kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn auch für die besonders Leistungsstarken etwas getan wird. Zumal wenn als Auswahlkriterium nicht nur fachliche Leistungen zählen, sondern auch –wie beim Heinrich Heine-Haus- darüber hinausgehende Kompetenzen und Einstellungen. Wenn wir bei Veranstaltungen im MHH mit Bewohnern des Hauses ins Gespräch kamen, waren das immer sehr ambitionierte junge Menschen mit weitgespannten kulturellen und politischen Interessen, sehr oft Studenten/innen internationaler Studiengänge, die nach ihrer Ausbildung gerne in entsprechenden Strukturen arbeiten möchten und für die das weitere Zusammenwachsen Europas ein selbstverständliches Anliegen ist, für das sie sich engagieren. Gut, dass  es für sie das MHH gibt!

Bemerkenswert ist es übrigens, dass es in den ersten Jahren  des deutschen Hauses verständlicher Weise eher Studenten der Romanistik waren, die dort wohnten: Ein prominentes Beispiel dafür ist der Schriftsteller  Uwe Timm, der in Paris studierte bzw. dort seine Doktorarbeit über Camus und den französischen Existentialismus schrieb (bzw. schreiben wollte). (7a)  Heute sind es vielfach Politologen, Juristen und Ökonomen, die das Wohnheim bevölkern : Eingeschrieben in deutsch-französischen Studiengängen und/oder angezogen von der besonderen Attraktivität französischer Eliteschulen (écoles) im Bereich von Politik und Wirtschaft.

Das Heinrich Heine-Haus ist aber nicht nur ein Studentenwohnheim, sondern es versteht sich gleichzeitig „auch als ein Kulturinstitut“.[8]  Immerhin war es ja die erste deutsche Repräsentanz in Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg.[9] Und wenn man ältere Programme durchsieht, dann ist es beeindruckend zu sehen, wie intensiv die Aufgabe der Präsentation deutscher Kultur schon von Anfang an wahrgenommen wurde. Autoren wie Uwe Johnson, Max von der Grün, Reiner Kunze oder Sarah Kirsch stellten dort ihre Werke vor, die crème de la crème der deutscher Germanisten war zu Vorträgen eingeladen: Eberhard Lämmert, Hans Robert Jauß, Fritz Martini, Benno von Wiese, Heinz Ludwig Arnold, Walter Hinck,  Marcel Reich-Ranicki …  Und nicht zu kurz kamen auch  Informationen über die deutsche Politik und Gesellschaft durch Wissenschaftler wie Thomas Ellwein, Kurt Sontheimer, Georg Picht, Wolfgang Abendroth….

Es ist beeindruckend, dass das deutsche Haus der Cité internationale über Jahrzehnte und bis heute ein derartig hochkarätiges Programm anbieten konnte und kann. Möglich ist das wohl auch nur deshalb, weil es an der Spitze des Hauses  eine personelle Kontinuität über Jahre hinaus herrscht mit der Folge eines offenbar reich gefüllten „carnet d’adresses“.  Auch wenn es heute in Paris ein Goethe- Institut gibt, nimmt das Heinrich Heine-Haus auch weiter seine Rolle als Kulturinstitut wahr, wobei gerade die europäische und vor allem die deutsch-französische Dimension besondere Schwerpunkte bilden:

Dazu nur drei Beispiele aus dem Programm des Jahres 2017:

  1. April 2017: Vorstellung des Buches Lettre à un ami français. (Brief eines Deutschen an einen französischen Freund, der für den Front National votiert)
  2. Mai 2017: Klaus Mann, défenseur visionnaire d’une Europe de l’esprit
  3. Mai 2017: Heinrich Heine et ses contemporains (Literarischer Spaziergang in Paris: Der Heine-Spaziergang mit jeweils wechselnden Schwerpunkten ist ein regelmäßiges Angebot des Heinrich Heine-Hauses)[10]
  4. September 2017: Leibniz et l’histoire. Colloque franco-allemand

Das Heinrich Heine-Haus ist außerdem  ein Ort politischer Debatten, wobei auch hier, wie ja schon das Beispiel des Gesprächs zwischen Alfred Grosser und Stéphane Hessel zeigte, der europäische und deutsch-französische Blickwinkel bestimmend sind.  Das sind dann die „regards croisés entre France et Allemagne“, die manchmal ganz direkt im Titel einer Veranstaltung erscheinen, aber  oft  auch ohne direkte Nennung eine wichtige Rolle spielen.

Auch dafür einige aktuelle Beispiele:

  1. April 2017: Les médias face à une crise de confiance- regards croisés entre France et Allemagne
  2. Mai 2017: Année électorale en France et en Allemagne: Quel rôle du couple franco-allemand dans l’avenir de l’Europe
  3. Juni 2017: Le centre est-il l’avenir de la politique?
  4. Oktober 2017: cent ans parès, La première guerre mondiale des deux côtés du front
  5. Dezember 2017: réfugiés en Allemagne et en France

Und auch bei Themen, die keinen direkten deutsch-französischen Bezug aufweisen, wird der im Allgemeinen dann durch eine internationale  Zusammensetzung des Podiums, also die Auswahl der „intervenants“ hergestellt.

Das Heinrich-Heine-Haus ist damit -wie kaum ein anderes – eine außerordentliche Bereicherung der Cité internationale: ihrem Anspruch,  der internationalen Verständigung und dem  Frieden zu dienen, verpflichtet, grundsätzliche Probleme, aber auch ganz  aktuelle Entwicklungen aufgreifend. Und dies meist auf äußerst hohem Niveau. Schade, dass manche Debatten, an die man sich noch lange erinnert -wie die zwischen  Grosser und Hessel- nicht festgehalten wurden. Verdient hätten sie es auf jeden Fall.

 

2016: 60 Jahre Maison Heinrich Heine

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Im November 2016 feierte das Heinrich Heine- Haus seinen 60. Geburtstag unter dem Motto Brücken  bauen- Jeter des ponts, das die Arbeit des Hauses in seiner 60-jährigen Geschichte immer geleitet hat.[11]

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Es war eine mehrtägige Veranstaltung mit einem reichen kulturellen und politischen Programm und viel Prominenz aus Wissenschaft und Politik. Auch der damalige französische Außenminister, der germanophile und –phone Jean-Marc Ayrault, gab dem Haus die Ehre.

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Beeindruckend war aber auch die Teilnahme von über 200 ehemaligen Bewohnern des Hauses, die gewissermaßen aus der ganzen Welt angereist waren. Und einige von ihnen kamen nicht nur als Besucher und Gratulanten, sondern bereicherten auch  wesentlich das Programm: Das Eröffnungskonzert beispielsweise wurde ausschließlich von ehemaligen Residenten des Hauses gestaltet.

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Dass unter den Geburtstagsgästen so viele ausländische ehemalige Residenten des Hauses waren, beruht auf der „brassage culturel“, die in der gesamten Cité internationale universitaire und besonders intensiv im Heinrich Heine-Haus praktiziert wird. Von seinen 104 Wohnheimplätzen  werden etwa die Hälfte von nicht-deutschen Studenten bewohnt – in den anderen Stiftungshäusern ist das ähnlich: Eine bewusste Maßnahme, um durch das Zusammenleben von Studenten verschiedener Nationalitäten unter einem Dach das gegenseitige Kennenlernen und die Verständigung zu fördern. Das 60-jährige Jubiläum des Heinrich Heine- Hauses zeigte sehr eindrucksvoll, dass das dort in hervorragender Weise gelungen ist und gelingt.

 

Zur Geschichte des deutschen Hauses in der Cité Internationale Universitaire

Dass es „erst“ der 60. Geburtstag war, den das deutsche Haus 2016 feiern konnte, ist bemerkenswert, denn immerhin ist es Teil der Cité internationale universitaire de Paris (CIUP), die schon seit den 1920-er Jahren besteht. Die „Verspätung“ des deutschen Hauses erklärt sich aus den von zwei Weltkriegen geprägten deutsch-französischen Beziehungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit der Gründung der Cité interrnatonale sollte nach dem Ersten Weltkrieg ein Beitrag zum Frieden und zur Völkerverständigung geleistet werden. Allerdings waren die Wunden des Krieges zunächst noch so frisch, dass dieser Anspruch nur sehr partiell erfüllt wurde. Nach dem Zeugnis von Paul Appell, einem der Gründungsväter der Cité,  war zunächst nur daran  gedacht, Häuser für Studenten befreundeter Nationen zu bauen, also  alliierter oder neutraler Staaten des „Großen Krieges.“[12]  F. Sereni stellt in seinem Aufsatz über die Cité internationale sogar fest, sie sei in ihren Anfängen eine Einrichtung im Dienste der „Kleinen Entente“ gewesen, also des Bündnissystems zwischen Jugoslawien, Rumänien und der Tschechoslowakei, das von Frankreich gefördert wurde, um deutschen Forderungen nach einer Revision des Versailler Vertrags entgegenzuwirken. (12a)  Der Vertrag von Locarno, der etwa zeitgleich mit der Eröffnung der Cité internationale im Jahr 1925 abgeschlossen wurde, stellte die deutsch-französischen Beziehungen allerdings auf eine neue Grundlage. Er markierte die Aussöhnung der ehemaligen „Erzfeinde“; seine Protagonisten, die Außenminister Briand und Stresemann,  wurden mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Der „Geist von Locarno“ inspirierte, wie Manfred Bock in seinem Aufsatz über den langen Weg zum Deutschland-Haus in der Cité Internationale Universitaire schreibt, „nahezu alle Initiativen und Projekte, die auf eine Verbesserung der deutsch-französischen Beziehungen gerade im sozio-kulturellen Bereich zielten. Er war auch die Grundlage für die Überlegungen, die vor 1933 über die Möglichkeit eines deutschen Stiftungshauses in der Cité Universitaire angestellt wurden.“[13]

Allerdings waren es in dieser Zeit vor allem die Verantwortlichen der Cité internationale, die sich hier äußerst vorsichtig und bremsend verhielten. 1927 erklärte der Sekretär der sie tragenden  Stiftung, die Schaffung eines deutschen Hauses sei zwar „wünschenswert“ und im Einklang mit der deutsch-französischen Annäherung, aber sie könne/müsse als verfrüht („prématurée“) betrachtet werden. Bevor man damit an die Öffentlichkeit gehe, sollten die nächsten Parlamentswahlen abgewartet werden. In dieser delikaten Angelegenheit müsse man mit großer Vorsicht und Diskretion vorgehen. Aber auch das Quai d’Orsay wollte nichts übereilen oder forcieren. In einer Stellungnahme von Außenminister Briand an den Président de Conseil der CIUP vom 30. März 1931 betonte er zwar das große politische Interesse an der Einrichtung neuer Häuser für Studenten Zentral- und Osteuropas. Aber er bezog sich dabei ausdrücklich zuerst auf Polen, Jugoslawien,  Rumänien „und eventuell Österreich und Deutschland“, das hier also an letzter Stelle steht.[14]

Der Gründer und Präsident der CIUP, André Honorat, wurde allerdings um 1930 zu einem „nachdrücklichen Befürworter des Bau eines deutschen Hauses in der Cité Universitaire.“ (Bock). Allerdings setzte sein aktives Engagement gerade in einem Moment ein, als in Deutschland die Weltwirtschaftskrise mit ihren desaströsen wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen das Ende der „goldenen zwanziger Jahre“ und der Weimarer Republik insgesamt einläutete. Nun war es die deutsche Seite, die das Projekt ablehnte: Es diene „nicht zum wenigsten der französischen Kulturpropaganda“ und es liege „vom sozialen Gesichtspunkt aus kein dringender Bedarf“ vor. „Denn es besteht wohl kein Zweifel, dass die deutschen Studierenden, die sich in Paris aufhalten, in der Regel Kreisen  entstammen, die wirtschaftlich leistungsfähiger sind als der große Durchschnitt der deutschen Studenten.[15]

Scheiterte also das Projekt in den 1920-er Jahren vor allem an politischen Opportunitätszweifeln in Frankreich, so stieß es nach 1930, als es von französischer Seite begrüßt wurde, auf die Bedenken der deutschen Verantwortlichen, die den Plan eines deutschen Hauses in Paris angesichts der Wirtschaftskrise nicht für politisch durchsetzbar hielten, wie Bock in seinem Aufsatz über den langen Weg zum Deutschland-Haus in der Cité internationale universitaire in Paris scheibt.

Neue Bewegung kam in die Bemühungen zur Errichtung eines deutschen Hauses in der Zeit des Dritten Reichs. Hitlers Architekt Albert Speer, der den Pavillon des nationalsozialistischen Deutschland auf der Pariser Weltausstellung von 1937 entworfen hatte, besuchte in diesem Jahr mit dem Handelsattaché der französischen Botschaft in Berlin auch die CIUP und war sehr beeindruckt. Gegenüber seinem französischen Gesprächspartner zeigte er sich überzeugt, Hitler für das Projekt gewinnen zu können. Es wurden bereits konkrete Überlegungen zum Ort des Hauses und  über seine Finanzierung durch die Reichsregierung angestellt. Nun war es  wieder die französische Seite, die sich – in nur allzu verständlicher Weise- ablehnend verhielt, stehe doch die nationalsozialistische Ideologie im fundamentalen Gegensatz zu den die CIUP bestimmenden Grundsätzen des Friedens und der Völkerverständigung- was sich dann ja auch auf grauenhafte Weise durch die Entfesselung des zweiten Weltkriegs und den Holocaust bestätigte.

Nach der Niederlage des faschistischen Deutschlands und dem Aufbau eines demokratischen Systems in den westlichen Besatzungszonen erhielt das Konzept eines deutschen Hauses in der CIUP eine neue Chance: Aus politischen Gründen, weil Frankreich im Sinne einer Deutschland-Politik der „Kontrolle durch Integration“ an einer Förderung der politischen und gesellschaftlichen Kräfte interessiert war, „die den geistigen Dialog und die praktischen Zusammenarbeit zwischen Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland herbeiführen wollten.“ Außerdem war es ein Glücksfall, dass André François- Poncet 1949 französischer Hochkommissar für Deutschland wurde und 1952 zusätzlich auch noch Präsident der Cité internationale universitaire. François-Poncet, von 1931 bis 1938 Botschafter Frankreichs in Berlin, war ein hervorragender Kenner und Freund Deutschlands, und für ihn war die Präsenz Westdeutschlands in der CIUP ein besonderes Anliegen. Es passte auch zu den Bemühungen um eine politische und militärische Integration Westeuropas, wie sie im Schumann-Plan vom  Mai 1950 und dem Projekt einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft zum Ausdruck kamen. Und es passte gut zur Entwicklung der Cité internationale, die in dieser Zeit gerade mit zahlreichen neuen Bauvorhaben (Norwegen, Ägypten, Marokko, Mexiko) eine zweite Expansionsphase erlebte. Für die junge Bundesrepublik auf der anderen Seite war das Projekt eines deutschen Hauses  ein „Angebot, im sozio-kulturellen Bereich wieder in die internationale Gemeinschaft aufgenommen zu werden.“[16]

Am 10. September 1952 wurde in Frankfurt die „Stiftung Deutsches Haus in der Cité Universitaire in Paris“  gegründet, deren Kern die Rektoren der Universitäten Tübingen, Mainz und Frankfurt bildeten. Dazu kamen Repräsentanten von Industrie und Handel sowie der öffentlichen Verwaltung. Noch im gleichen Monat wurde  einArchitekten-Wettbewerbs für den Bau des Hauses vorbereitet. Damit begann die Gründungsphase des seit den 1920-er Jahren immer wieder diskutierten und umstrittenen Projekts.

Die Gründungs-, Planungs- und Bauphase zog sich allerdings aus finanziellen, politischen und organisatorischen Gründen über mehrere Jahre hin. Erst am 23. November 1956 konnte das Gebäude als „Maison de l’Allemagne de l’Ouest“ und neunundzwanzigstes Wohnheim der Cité universitaire in Anwesenheit des französischen Präsidenten Coty und des deutschen Außenministers von Brentano seiner Bestimmung übergeben werden.[17] Damit war endlich das Ziel des langen und schwierigen 30-jährigen Wegs zum Deutschland-Haus in der Cité internationale universitaire erreicht: in der Tat ein Spiegel der deutsch-französischen Beziehungen zwischen den 1920-er und 1950-er Jahren.

 

 

Die Architektur des Hauses: Ausdruck des demokratischen Deutschlands

Das deutsche Haus in der Cité universitaire war Ausdruck der kulturellen und politischen Integration der Bundesrepublik Deutschland in die Gemeinschaft der demokratischen Staaten des Westens. Das sollte auch in der Architektur des Hauses deutlich werden. Immerhin handelte es sich bei diesem Vorhaben sicherlich um eines der ersten Bauprojekte der Nachkriegszeit, durch die sich die junge Bundesrepublik im Ausland darstellte- wenn nicht sogar das erste.

Es wurde also ein Bauwettbewerb ausgeschrieben, an dem teilzunehmen sieben Architekten eingeladen wurden, zu denen immerhin so prominente Vertreter der deutschen Nachkriegsarchitektur wie Egon Eiermann und Sep Ruf gehörten. Als einstimmig ausgewählter Sieger ging aus diesem Wettbewerb Johannes Krahn hervor. Krahn war ausgewiesener Gegner des Nationalsozialismus, hatte 1933 deshalb auch seinen Posten an der Kunstschule Aachen verloren. Während des Dritten Reichs war er von allen öffentlichen Aufträgen ausgeschlossen und lebte von Arbeiten für Privatleute. Nach dem Krieg ließ  er sich in Frankfurt nieder, wo er  später auch Professor an der Städelschule und von 1965 bis 1970 deren Direktor wurde. Krahn hatte vor dem Pariser Projekt u.a. schon –zusammen mit Rudolf Schwarz- die Rekonstruktion der Frankfurter Paulskirche geplant. In dem Gebäude tagte 1848/1849 das erste demokratische deutsche Parlament. Im zweiten Weltkrieg wurde es wie die gesamte Frankfurter Innenstadt von alliierten Bombern zerstört, konnte aber 1948 zum 100-jährigen Jubiläum des Paulskirchenparlaments wiedereröffnet werden. Krahn war außerdem Architekt der französischen Botschaft in dem neben der provisorischen Bundeshauptstadt Bonn gelegenen Bad Godesberg (1950-1952). Zu seinen Werken gehörten damit zwei Referenzbauten, die sicherlich dazu beigetragen haben, dass er zum erlauchten Kreis der sieben zum Wettbewerb eingeladenen Architekten gehörte.[18]

Dass er ihn gewann, beruht auf der überzeugenden Konzeption, die er für  das deutsche Haus vorlegte. Und die Aufgabe war höchst anspruchsvoll:  Die zur Verfügung stehenden Mittel waren  -trotz französischer Beteiligung-  sehr begrenzt, weshalb auch ein von der Cité angebotenes repräsentatives Grundstück am Boulevard Jordan nicht genutzt werden konnte. Denn das  hätte einen größeren Umfang des deutschen Hauses vorausgesetzt, der  von deutscher Seite als nicht finanzierbar betrachtet wurde. Also wurde ein kleineres, schmales Grundstück am Südrand der Cité ausgewählt (an dem damals allerdings noch nicht der vielspurige laute boulevard périphérique vorbeiführte). Ausgehend von diesen beiden einengenden Voraussetzungen entwarf Johannes Krahn einen Bauplan des deutschen Hauses, der zu dem passte, was der SPD-Politiker Adolf Arndt 1960 in einer vielbeachteten Rede meinte, als er von der „Demokratie als Bauherr“ sprach: Ein besonderes Merkmal dieser „demokratischen“  öffentlichen Architektur der  Nachkriegszeit war die Transparenz, die Ikonen der Nachkriegsarchitektur prägte- von dem Kanzlerbungalow Sep Rufs über den Bonner Plenarsaal Günter Behnischs bis zur Reichstags-Kuppel Norman Forsters. An den Anfängen dieser Reihe hat das Deutsche Haus in der Cité universitaire seinen Platz. Es ist unter den vielen Häusern der Cité Universitaire sicherlich das transparenteste[19]: Die beiden vorspringenden seitlichen Flügel, Festsaal und Bibliothek, sind fast vollständig verglast, die Glasfronten, die entsprechend einer Bauhaus-Tradition auch an den Ecken nicht unterbrochen sind, ruhen lediglich auf niedrigen Natursteinsockeln. Besucher und Passanten können also die Studenten sehen, die in der Bibliothek arbeiten, und umgekehrt, und im Festsaal werden die Gardinen nur dann zugezogen, wenn es, wie bei Filmvorführungen,  erforderlich ist. Die beiden seitlichen Gebäude sind also, wie auch die Zimmer der Studenten, nach außen geöffnet.

Und offen ist auch der Zugang zum Haus. Der Besucher wird geradezu eingeladen einzutreten. Es gibt keine einzige Treppenstufe zwischen dem Zugang zum Haus, dem Eingangsfoyer, der Bibliothek und dem Festsaal.