Le chocolat Menier (2): Die Villen der Familie im 8. Arrondissement von Paris und das Grabmal auf dem Père Lachaise

Nachdem im ersten Teil des Beitrags über die Schokoladenfabrik Menier die außerordentlich formschöne, moderne und repräsentative Architektur der Fabrik und die Anlage der Arbeitersiedlung in Noisiel an der Marne im Mittelpunkt standen, geht es im nachfolgenden Beitrag um die Bauten der Familiendynastie in Paris:  Die Stadtvilla (hôtel particulier) des Émile Justin Menier und die seiner Söhne Henri und Gaston Menier im 8. Arrondissement von Paris sowie die Grabkapelle der Familie  auf dem Père Lachaise. Die Villen der Meniers befanden sich nicht zufällig alle im Umkreis des Park Monceau: Gerade zu der Zeit, als die Schokoladenfabrik von Noisiel ihre grandiose Expansion vollzog, erhielt der Park seine heutige Form und Noblesse. Als nämlich 1860 das alte Dorf Monceau nach Paris eingemeindet wurde, wurde der weitläufige, am Ende des 18. Jahrhunderts angelegte Park des Philippe Égalité, die folie des duc de Chartres, aufgeteilt: Einen Teil gestaltete der Gartenarchitekt Adolphe Alphand um, der im Zuge der Haussmannschen Stadterneuerung unter Napoleon III.  auch andere Parks in Paris neu anlegte.[1] Unter seiner Leitung entstand ein Park, der mit vielen alten und neuen Attraktionen versehen war wie die korinthische Säulenreihe aus einer Anfang des 18. Jahrhunderts zerstörten Kirche von St. Denis, die sogenannte Naumachie…

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… oder die von Claude Nicolas Ledoux erbaute Rotonde am nördlichen Parkeingang, die sogenannte Barrière de Chartres, Teil der alten die Stadt umgebenden Zollmauer, der mur des Fermiers généraux.[2]

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So entstand  « la promenade la plus luxueuse et en mêmetemps la plus élégante de Paris“ wie der Baron Haussmann in seinen Memoiren rühmte; [3]  eine promenade, die Claude Monet 1876 zu drei Bildern anregte…[4]

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… und eine Parkidylle, in der sich ein halbes Jahrhundert später Kurt Tucholsky von seinem krisengeschüttelten Vaterland ausruhte.[5]:

Kurt Tucholsky: Park Monceau

Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen.
Hier bin ich Mensch – und nicht nur Zivilist.
Hier darf ich links gehn. Unter grünen Bäumen
sagt keine Tafel, was verboten ist.

Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen.
Hier bin ich Mensch – und nicht nur Zivilist.
Hier darf ich links gehn. Unter grünen Bäumen
sagt keine Tafel, was verboten ist.

Ein dicker Kullerball liegt auf dem Rasen.
Ein Vogel zupft an einem hellen Blatt.
Ein kleiner Junge gräbt sich in der Nasen
und freut sich, wenn er was gefunden hat.

Es prüfen vier Amerikanerinnen,
ob Cook auch recht hat und hier Bäume stehn.
Paris von außen und Paris von innen:
sie sehen nichts und müssen alles sehn.

Die Kinder lärmen auf den bunten Steinen.
Die Sonne scheint und glitzert auf ein Haus.
Ich sitze still und lasse mich bescheinen
und ruh von meinem Vaterlande aus.

 

Die andere Hälfte des früheren Parks wurde an die Brüder Pereire verkauft, reiche Bankiers, die damit ein groß angelegtes, spekulatives Immobilienprojekt aufzogen: Nach Malern benannte Straßen wurden angelegt und  monumentale vergoldete Zugänge, die selbst einem Schloss des Sonnenkönigs Ehre machen würden.

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Die großen  Baugrundstücke kaufte vor allem die jüdische  Großbourgeoisie des zweiten Kaiserreichs, um dort luxuriöse Stadtpalais zu errichten: Die Rothschilds, Cerrnuschis, Camondos, Ephrussis, aber auch die  Meniers.

 

Das Hôtel Menier

Hat man im Süden des Parks in der avenue Van-Dyck eines der goldenen Tore durchschritten, sieht man auf der linken Seite das hôtel particulier des  Émile Justin Menier. Es handelt sich, wie man lesen kann, „zweifellos“ um die außerordentlichste Villa des Parks, „véritable anthologie d’art décoratif“.[6]  Bemerkenswert ist zunächst der Zeitpunkt des Baus. Es sind nämlich erst die Jahre 1872 bis 1874, während die Umgestaltung des Parks und die Bebauung seiner Umgebung und vermutlich wohl auch der Kauf eines „Filetstücks“ durch die Meniers  schon auf die 1860-er Jahre zurückgeht. Inzwischen war Napoleon III. gestürzt und ins Exil „ab nach Kassel“ expediert worden; Frankreich war zur Republik geworden; die Erschießungskommandos der siegreichen Versailler waren wieder abgezogen, die in dem Park die massenhaften Todesurteile gegen die aufständischen Kommunarden exekutiert hatten; Frankreich war im Vertrag von Frankfurt zu hohen Kriegsentschädigungen verpflichtet worden, die gerne mit den Reparationen des Vertrags von Versailles verglichen werden…  Und in dieser Zeit der Umbrüche lassen die Meniers ihr grandioses Palais errichten: Architektur als politisches und ökonomisches Manifest: Auch unter der neuen Republik geht das Leben weiter und rollt auch –gewissermaßen- der Rubel, business as usual…

Bemerkenswert ist auch die Wahl des Architekten: Es ist Henri Parent, der Pariser Hausarchitekt der Meniers.  Parent hatte sich im zweiten Kaiserreich Napoleons III. einen Namen gemacht durch die Erneuerung von Adelspalästen der französischen Aristokratie. Er hatte zwar knapp den Wettbewerb um den Neubau der Pariser Oper –zugunsten seines Kollegen Garnier- verloren, dafür aber andere prestigeträchtige Aufträge erhalten wie den Bau eines Palais für die Kunstsammlung Jacquemart-André. Wie dort orientierte sich Parent auch beim hôtel Menier an traditionellen Vorbildern, vor allem dem flämischen Barock.[7]

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DSC03591 Menier Palais parc Monceau (6)

 

 

Das Palais ist inzwischen in Eigentumswohnungen aufgeteilt und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Von der Straße aus kann man immerhin einen Blick in einen Teil des Hofs und auf die dem Hof zugewandte Fassade mit der ausladenden Rotunde werfen. Die repräsentative Freitreppe allerdings kann man von außen nicht sehen.[8]

Auffällig ist schon hier der reiche Fassadenschmuck, den auch die dem Park zugewandte Schauseite aufweist.

 

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Denn anders als in vielen klassischen Pariser Stadtvillen, deren Reichtum sich erst erschließt, wenn man den an einer Straße gelegenen und im Allgemeinen verschlossenen  Eingang durchquert hat, ist die Schauseite hier vom Park aus und damit für die Besucher des Parks sichtbar. Der Reichtum der Besitzer wird nicht versteckt, sondern stolz präsentiert. Und der öffentliche Park verleiht dem privaten Besitz zusätzliche Weite und Großzügigkeit,  wie ja auch umgekehrt der Park und seine Besucher von der Noblesse der umgebenden Architektur profitieren.  Gehörte zu den klassischen hôtels particuliers der eigene, abgeschlossene Garten, so war hier gewissermaßen der öffentliche Park der Garten des hôtel Menier und der anderen an den Park grenzenden Villen.

Der reiche Fassadenschmuck mit mascarons, Tierköpfen und Vasen  ist das Werk des Bildhauers Jules Dalou. Dalou, ein Freund Rodins, war in den letzten Jahren des zweiten Kaiserreichs eJulin von der Aristokratie äußerst geschätzter Bildhauer. Unter anderem war er beteiligt an der Ausstattung des von dem schlesischen Kohlenbaron Guido Henckel von Donnersmarck für seine Geliebte und Frau, die Gräfin Païva,  auf den Champs-Elysées errichteten Märchenschlosses.[9] 1871 allerdings wurde er wegen „participation à l’insurrection“ zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt. Er war nämlich Kommandeur einer Einheit der Nationalgarde gewesen und dann, auf Bitten von Courbet, die Aufgabe übernommen, als stellvertretender Direktor des Louvre für die Sicherheit und Unversehrtheit der Bestände des Museums zu sorgen. Dalou konnte aber rechtzeitig nach England fliehen, wo er weiter als Bildhauer arbeiten konnte, bevor er 1879 mit der damals beschlossenen Amnestie für die verurteilten Kommunarden wieder nach Paris zurückkehrte und zum großen Bildhauer der Republik wurde.[10]

Dass der geächtete Dalou von Paris aus beauftragt wurde, den Fassadenschmuck zu entwerfen, ist kaum vorstellbar. Ich vermute also, dass seine Zeichnungen (wie der Entwurf des Baus insgesamt) schon vor der Zeitenwende von 1870/71 entstanden sind.  Es erscheint mir aber trotzdem bemerkenswert, dass ein repräsentatives Gebäude wie das der Meniers mit dem Fassadenschmuck eines Geächteten ausgestattet wurde. Ökonomische Gründe können dafür kaum eine Rolle gespielt haben. Ich denke, dass es sich eher um ein politisches Signal handelt: Dass die vom Bürgerkrieg geschlagenen Wunden geheilt werden sollen und die republikanische Familie wieder geeint werde. Aber später  mehr zum politischen Engagement des Émile Justin Menier.

 

 

Hôtel Henri Menier

 

Auch zwei der Söhne von Émile Justin Menier, Henri und Gaston, ließen sich repräsentative Stadtpalais in der Umgebung des Park Monceau bauen und engagierten dafür auch Henri Parent, den Architekten ihres Vaters. Für das 1880 errichtete  Hôtel Henri Menier orientiere er sich am Stil der französischen Renaissance.

Hotel Henri Menier Palais parc Monceau (7)

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Das Gebäude ist um einen zentralen Hof gruppiert, dessen Fassaden zum Teil ebenfalls im Stil der Neo-Renaissance gestaltet sind, sich zum Teil aber auch an mittelalterlichen Vorbildern orientieren.

 

Innen gab es eine große repräsentative Treppe und einen Ballsaal mit 12 Metern Deckenhöhe. In einem Teil des Anwesens richtete Henri Menier ein Laboratorium für seine chemischen Versuche ein, was die Anwohner etwas beunruhigte.

 

Wie beim Hôtel particulier seines Vaters ist die rückwärtige, auch im Stil der Neo-Renaissance gehaltene Fassade des Baus dem Park Monceau zugewandt. Die oberste Etage ist eine spätere Zutat.

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Heute ist In dem Gebäude  das Conservatoire internationale de musique de Paris untergebracht.[11] 

Hôtel Henri Menier

8, rue Alfred de Vigny

75008 Paris

 

Hôtel Gaston Menier

1878 kaufte Gaston Menier das Stadtpalais des aus dem Elsass stammenden Textilindustriellen Georges Michel Koechlin. Es handelte sich um ein Gebäude mit Fassade aus Backsteinen und Kalksteinquadern, wie das für die französische Renaissance zur Zeit Heinrichs IV. üblich war (siehe die place des Vosges oder die Place Dauphine in Paris).

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Passend zum Gebäude der Fassadenschmuck mit dem durchlaufenden Fries….

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… und den Greifen über dem Portal.

Hotel Gaston MenierMenier (1)

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Das Innere und die den Hof umgebenden Gebäude entsprachen allerdings nicht dem Geschmack und dem Repräsentationsbedürfnis des neuen Besitzers. Also ließt er von Henri Parent erhebliche Veränderungen vornehmen. So wurden die übernommenen Wirtschaftsgebäude abgerissen und durch Neubauten in einer normannisch-maurischen Stilmischung ersetzt.[12]

Dort war Platz für 5 Kutschen, 12 Pferde und darüber für einen  großen Theater- und Ballsaal, „le théâtre des folies Ruysdaël“, in dem Komödien und Operetten aufgeführt wurden.

Seit 1953 ist das Gebäude Sitz des „Ordre National des Pharmaciens“.

Hôtel Gaston Menier

4 avenue Ruysdaël

75008 Paris

 

Das Grab des Émile Justin Menier auf dem Père Lachaise

Das Repräsentationsbedürfnis der Meniers wird nicht nur in den Fabrikbauten von Noisiel und den Stadtpalais rund um den Parc Monceau deutlich, sondern auch auf dem Grab der Familie. Da gibt es zunächst ein bescheidenes, unauffälliges für den Gründer der Firma, Brutus Menier in der 36. Division. Als aber 1881 sein Sohn  Émile Justin Menier, starb, erschien der Familie dieses Grab nicht mehr der Bedeutung der Familie und ihres Unternehmens angemessen. Also wurde nach dem Tod Émile Justins ein großes, unübersehbares Mausoleum in der 67. Division des Friedhofs Père Lachaise errichtet- eines der repräsentativsten des Friedhofs.  Nach Fertigstellung des Mausoleums wurde 1887  der Leichnam  des Émile Justin aus dem Grabmal des Vaters  dorthin überführt.[13] 

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Mit dem Bau des Mausoleums beauftragt wurde der Hausarchitekt der Meniers, Henri Parent, der sich -wie damals in Frankreich üblich- auch dort verewigen ließ.

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Über der mit Kakaoblüten verzierten Tür aus Bronze befindet sich eine Marmor-Büste des verstorbenen Fabrikherrn, daneben in von Putten gehaltenen bekränzten Wappenschilden die obligatorischen  Ms.

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Der Eingang wird eingerahmt von der Allegorie des Handels, die in der linken Hand ein Buch mit der Aufschrift „travail“ /Arbeit hält.

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Die Frauengestalt auf der rechten Seite des Eingangs verkörpert die Industrie. In der einen Hand trägt sie eine Palme und einen Efeukranz, in der anderen Hand eine Pergamentrolle mit der (verwitterten)  Aufschrift „bienfaisance, instruction“/Wohltätigkeit, Unterrichtung.  Damit war der Kern der paternalistischen Ideologie der Meniers auf den Punkt gebracht.

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Das sozialreformerische Engagement Meniers

In de Nachrufen der  zeitgenössischen Presse waren alle Topoi dieses Paternalismus versammelt: Neben der leidgeprüften Familie betrauere in Noisiel auch noch eine andere große Familie den Verstorbenen. Der sei mitten aus seinem arbeitsreichen Leben und seinen grandiosen Schöpfungen gerissen worden,  ein genialer Erfinder, der den Namen Menier zu einem der berühmten Namen Frankreichs gemacht habe. Die Aufbarung des Leichnams in Nosiel sei ein tief beeindruckendes Schauspiel gewesen: Alle Arbeiter, denen er so viel Gutes getan habe, hätten den Sarg begleitet und nicht von ihm ablassen wollen. Die Frauen hätten viele Tränen vergossen. „Monsier Menier war ein wahrer Menschenfreund; er liebte es, auf alle nur mögliche Weise Gutes zu tun.“[14]

Dass  Émile Justin Menier hier  gerühmt wird – zumal aus Anlass seines Todes-  hat durchaus seine Berechtigung.  Man muss ja nicht, wie Bernard Marrey in einer Veröffentlichung aus dem Jahr 1984 von einem „idealen Kapitalismus“ sprechen, aber die Arbeiter, die bei den Meniers beschäftigt waren, hatten erhebliche Vergünstigungen: Die kostenlose Schulbildung für die Kinder –noch vor Einführung der Schulpflicht in Frankreich- , die günstigen Siedlungshäuser, die Kantinen für allein stehende Arbeiter,  die kostenlose medizinische  und  auch die materielle Versorgung in Krankheitsfällen sowie die Altersvorsorge in einer Zeit, in der es noch (lange) keine allgemeine Kranken- und  Rentenversicherung in Frankreich gab. Auf der Pariser Weltausstellung von 1867 wurde ausdrücklich die soziale Situation der Arbeiter von Noisiel begrüßt. Das soziale Engagement Meniers war beeinflusst von den Ideen des im Kaiserreich Napoleons III. einflussreichen Sozialreformers Le Play. Der propagierte in der von ihm gegründeten Société internationale des études pratiques d’économie sociale  eine „politique patronale“, deren Ziel die soziale Harmonie zwischen Unternehmer und Arbeitern war. Der Fabrikherr sollte wie ein Vater für seine Arbeiter sorgen, das Unternehmen eine große Familie sein. Émile Menier war Mitglied dieser Gesellschaft und man hat sein Wirken als „parfait exemple de l’économie sociale leplaysienne“ bezeichnet. [15]

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Standbild Le Plays im Jardin du Luxembourg in Paris

Menier hat sich als „patron philanthrope[16] ganz gezielt in Szene gesetzt. So wie er seine Produkte mit großer Systematik vermarktete, so auch sein Bild in der öffentlichen Wahrnehmung. In Noisiel wurden in den 1870- er Jahren zahlreiche Feste mit den Arbeitern, ihren Frauen und Kindern veranstaltet. Sie sollten ihnen die Gelegenheit geben, ihre Dankbarkeit für das soziale Wirken des Fabrikherrn öffentlich kund zu tun. 1876 fand ein großes Fest mit 650 Mitgliedern der „Menier-Familie“ statt. Dort trat ein 13-jähriges Mädchen auf, das mit lauter Stimm den Dank der Schüler/innen der von Menier gegründeten Schule vortrug:

« Madame et Monsieur Menier, chers bienfaiteurs, Laissez-nous vous remercier pour cette instruction que nous vous devrons et qui rendra plus faciles nos pas dans la vie. Pour les pauvres gens, l’instruction est difficile à acquérir parce qu’elle coûte cher. Eh bien vous avez pris soin de dispenser nos parents de toutes dépenses à ce sujet, vous nous avez tout donné jusqu’au papier, aux plumes, aux crayons. Aussi croyez à notre reconnaissance et soyez sûrs que chaque année nous nous efforcerons de nous rendre dignes de tous les sacrifices que, sans compter, vous avez voulu faire pour nous“[17]

Zu dem Fest von 1876 waren aber nicht nur die Betriebsangehörigen und ihre Familien eingeladen, sondern auch  Abgeordnete der Nationalversammlung, Senatoren, Gemeinderäte und Journalisten – einem davon verdankt man ja auch die Wiedergabe der gerade zitierten Dankesrede. Meniers Selbstinszenierung diente also, das wird daran deutlich, nicht nur  dazu, seine Arbeiter an die Firma und ihren Patron zu binden,  sondern dahinter stand auch ein politischer Zweck. Die „Opfer“, die  der als „Wohltäter“ gerühmte Menier nach den Worten der Schülerin, „ohne Berechnung“ für die Schüler/innen (und insgesamt für die Fabrikangehörigen) brachte, waren doch nicht ganz selbstlos.  Menier strebte  nämlich  in diesen Jahren gezielt eine politische Karriere an, wofür ihm Noisiel gewissermaßen als Basis und Aushängeschild diente. Tatsächlich wurde er auch bei den Wahlen vom 20. Februar 1876 zum Abgeordneten der Nationalversammlung für seinen Wahlkreis Seine-et-Marne gewählt.

Dass ein erfolgreicher Unternehmer sich  ganz direkt politisch engagierte, entsprach nicht der verbreiteten Erwartungshaltung, für die die Rolle als Hinterzimmer- oder Salon-Lobbyist angemessen gewesen wäre. Noch erstaunlicher war allerdings, dass sich Menier nicht, wie es von seinem Status und seinem Vermögen zu erwarten gewesen wäre, auf Seiten der politischen Rechten engagierte, sondern ganz im Gegenteil auf Seiten der  republikanischen Linken.

Ein besonderes  Anliegen war für ihn eine umfassende Reform des noch aus dem ersten Kaiserreich Napoleons stammenden Steuersystems, das er für ungerecht und wirtschaftlich verfehlt hielt. Die arbeitende Bevölkerung –und damit natürlich auch oder vor allem die Unternehmer- sollte  entlastet, dafür aber sollten der Kapitalbesitz und damit die  von den Romanen Balzacs so  bekannte  Spezies der Spekulanten und der von ihren Kapitalerträgen lebenden Rentiers  besteuert werden.  Als engagierter Republikaner vertrat Menier auch das Prinzip der Laizität, das ja, wie im ersten Teil des Beitrags gezeigt wurde, auch in der Konzeption der cité ouvrière von Noisiel deutlich wird, wo die Kirche nicht im Zentrum steht, sondern an den Rand der Siedlung  platziert war. Bemerkenswert ist auch seine pazifistische Devise: Si vis pacem, para pacem (18) – also die Umkehr der klassischen römischen Devise:  Si vis pacem, para bellum bzw.  des Si vis bellum, para bellum, also der insgeheimen Devise all derer, die die –wie anders als kriegerische?- Rückgewinnung des 1871 verlorenen Elsass-Lothringens erstrebten und ideologisch, politisch und materiell vorbereiteten. Und bemerkenswert ist auch das Engagement Meniers für eine Amnestie für die verurteilten und für die ins Ausland geflüchteten Mitglieder und Sympathisanten der Commune, womit er sich ja immerhin in bester Gesellschaft -beispielsweise der Victor Hugos- befand. Immerhin konnte er ein Jahr vor seinem Tod die nach mehreren vergeblichen Anläufen am  11. Juli 1880 von der Nationalversammlung verabschiedete Amnestie für die Kommunarden noch miterleben. Insofern seien ihm sein Denkmal auf dem zentralen Platz der Arbeitersiedlung von Noisiel und sein Mausoleum auf dem Père Lachaise gegönnt….

 

 

Anmerkungen

[1] So auch den Park Buttes-Chaumont.  Siehe dazu den Blogbeitrag über „Neues Leben auf alten Steinbrüchen“ https://wordpress.com/post/paris-blog.org/5697

[2] Zu dieser Zollmauer und dem Architekten Ledoux ist ein weiterer Blog-Beitrag geplant.

[3] https://www.napoleon.org/magazine/lieux/parc-monceau-paris/

[4] Bild aus: https://commons.wikimedia.org

[5] Unter dem Pseudonym Theobald Tiger in der Weltbühne vom 15.5. 1924

[6] http://artetpatrimoinepharmaceutique.fr/Qui-sommes-nous/p69/La-Famille-Menier-au-Parc-Monceau

[7] Siehe: Guide du promeneur 8e arrondissement, Philippe Sorel, Parigramme, 1995.

[8] Rechtes Bild aus: http://www.paris-promeneurs.com/Patrimoine-ancien/L-hotel-Menier

[9] Siehe den Blog-Beitrag: Das Hôtel Païva, ein deutsch-französisches Märchenschloss auf den Champs-Elysées. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/501

[10]  Siehe den Blog-Beitrag: Bürgerkrieg in Frankreich. Ein Rundgang auf dem Friedhof Père Lachaise auf den Spuren der Commune. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2912

[11] http://www.paristoric.com/index.php/paris-d-hier/hotels-particuliers/hotels-particuliers-tous/2846-l-hotel-d-henri-menier

Bild aus: http://www.paris-promeneurs.com/Patrimoine-ancien/L-hotel-Henri-Menier-Conservatoire

[12] Bild aus:: http://paris-promeneurs.com/Patrimoine-ancien/L-hotel-Gaston-Menier-Ordre

[13] https://www.tombes-sepultures.com/crbst_1543.html

und entsprechend: http://pone.lateb.pagesperso-orange.fr/pere-lachaise.htm

[14]  Zitiert in:  https://www.cairn.info/revue-politix-2008-4-page-9.htm  (M. Menier fut un vrai philanthrope ; il aimait à faire le bien sous toutes ses formes)

[15] https://www.cairn.info/revue-politix-2008-4-page-9.htm

Das nachfolgende Bild aus:  https://travelswithmaryellen.wordpress.com/2014/10/08/paris-lovely-luxembourg-garden/statue-of-pierre-guillaume-frederic-le-play-in-jardin-du-luxembourg-in-paris-france/

[16] http://www.agglo-pvm.fr/cite-ouvriere-menier/

[17] Zitiert von Delalande, Émile-Justin Menier, un chocolatier en République. https://www.cairn.info/revue-politix-2008-4-page-9.htm#

(18) zitiert bei Marrey, S. 38

 

Zum Weiterlesen:

Usine Menier, l’empire du chocolat. Aus:   Détours en France,  40 lieux à visiter pour redécouvrir le patrimoine, 2012   https://www.detoursenfrance.fr/patrimoine/patrimoine-industriel/usine-menier-lempire-du-chocolat-3794

Nicolas Delalande, Émile-Justin Menier, un chocolatier en République.  Les controverses sur la légitimité de la compétence politique d’un industriel dans la France des années 1870  In:  Politix 2008/4 (n° 84), Seiten  9 bis  33   https://www.cairn.info/revue-politix-2008-4-page-9.htm#

Saga Menier  http://www.prodimarques.com/sagas_marques/menier/menier.php

Bernard Marrey, Un capitalisme idéal. Paris 1984. https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k33218888/f30.image.texteImage

 

Weitere Blogbeiträge mit Bezug zum Père Lachaise:

  • Paris begeht den 100. Jahrestag des Waffenstillstands vom 11. November 1918    (Das Monument aux Morts an der Friedhofsmauer des Père Lachaise)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/11411

  • Das Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise in Paris: Eine hommage an den Vorkämpfer der deutsch-französischen Verständigung

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10585

  • Hector Guimard in Paris (2): Die Synagoge in der rue Pavée und das Grabmal auf dem Père Lachaise

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10036

  • Die Erinnerung an Sklavenhandel und Sklaverei: Der schwierige Umgang mit einem düsteren Kapitel der französischen Vergangenheit  (Das Grabmal des Generals Gobert von David d’Angers)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/9077

  • Der Bürgerkrieg in Frankreich 1871: Ein Rundgang auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris auf den Spuren der Pariser Commune

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2912

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Aux Belles Poules. Ein früheres Bordell im Quartier Saint Denis
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • „Les enfants de Paris“: Pariser Erinnerungstafeln/plaques commémoratives zur Zeit 1939-1945
  • La Butte aux Cailles, ein kleinstädtisches Idyll in Paris

 

 

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre-Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs

In der Nacht, als Notre – Dame brannte, habe ich in diesen Blog eine Reihe von Bildern eingestellt, die wir in den letzten Jahren von dieser wunderbaren Kirche aufgenommen hatten: : Notre-Dame wie es war und hoffentlich bald wieder sein wird.  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/12078

Inzwischen ist das Ausmaß der Schäden deutlicher, die ersten Sicherungsmaßnahmen sind schon unternommen worden.

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Aufnahme vom Quai de Montebello aus  (1.5.2019)

Sicherlich wird es aber noch viele Debatten über das Konzept für den Wiederaufbau geben. Soll die Kirche genau so wieder entstehen, wie sie vor dem Brand aussah,  nur –wie Präsident Macron es versprach- noch viel schöner als vorher, oder sollen die Wunden sichtbar bleiben und auch Neues an die Stelle des unwiederbringlich Zerstörten treten?  Auch über die zeitlichen Perspektiven eines Wiederaufbaus gibt es sehr unterschiedliche Einschätzungen. Macron hat da etwas vollmundig einen Zeitrahmen von 5 Jahren vorgegeben, was aber vielfach als völlig unrealistisch bezeichnet wird. Geld für den Wiederaufbau steht immerhin aufgrund der phänomenalen  Spendenbereitschaft hinreichend zur Verfügung. Über die gibt es inzwischen übrigens heftige Diskussionen in Frankreich.

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Plakat einer Aids-Hilfsorganisation in der rue de la Roquette mit Anspielung auf den Brand von Notre-Dame („Wir brennen schon seit 30 Jahren“).

Innerhalb von zehn Tagen gab es mehr als 1 Milliarde Euro an Zusagen, mehr als für den Wiederaufbau erforderlich. (Le Monde, 30.4.). Da ist sicherlich bei manchen Großspendern auch Prestige im Spiel, die hohen steuerlichen Abschreibungsmöglichkeiten solcher Spenden in Frankreich werden auch ihren Anteil haben; aber vor allem sind es doch sicherlich die große Bestürzung über den Brand und die schrecklichen Bilder des brennenden Dachstuhls, des berühmten „Waldes“ von Notre-Dame aus Jahrhunderte-alten Eichenbalken,  des einstürzenden Dachreiters und des verwüsteten Innenraums, die Menschen dazu veranlasst haben mögen,  einen Beitrag zum Wiederaufbau zu leisten. Die Reaktion auf den Brand entsprach ja genau dem, was der französische Anthropologe Daniel Fabre eine „émotion patrimoniale“ genannt hatte, eine kollektive Ergriffenheit und Betroffenheit angesichts des Verlusts eines als unersetzbar geltenden, emotional hochbesetzten kulturellen Erbes.[1] Und dass es sich bei Notre-Dame um einen kollektiven Verlust (une perte collective) handelt, darüber gibt  es  einen allgemeinen Konsens zwischen Politikern unterschiedlichster Couleur, zwischen Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen oder Journalisten aller Medien und allen internationalen Kommentatoren des Brandes. Einhellig betont wird die  herausragenden Bedeutung der Kathedrale Notre-Dame: Für die Christen, für die Menschheit insgesamt, vor allem aber für Frankreich.

In seiner Fernsehansprache vom 16. April bezeichnete Präsident Macron Notre-Dame als „le lieu où nous avons vécu tous nos grands moments“, Notre-Dame sei „notre histoire…. notre imaginaire“; die Präsidentin der Region Île de France, Valérie Précresse (Les Républicains) nannte Notre-Dame „die Seele Frankreichs [2], der Leitartikler der Zeitung Sud-Ouest „le cœur brûlé de la France[3]. Für den Chef von La France Insoumise, Jean- Luc Melenchon,  ist Notre-Dame seit mehr als 1000 Jahren (!) „le métronome des Français[4],  die Zeitung  Libération  nennt Notre-Dame „die Kirche der Nation“ und bezeichnet sie in ihrer Sonderausgabe vom 17. 4. als „Notre –  Dame du peuple“[5]. In einer Sendung von France Culture wurde Notre-Dame sogar in den Rang einer „Gottheit“ erhoben.[6] Sehr eindrucksvoll in dieser Hinsicht war die Titelseite der  Sonderausgabe von Le Monde vom 17. April: Neben dem halbseitigen Bild der brennenden Kathedrale die überschrift  „Notre-Dame, notre histoire“….

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… und Plantu, der Karikaturist der Zeitung, steuerte darunter eine Zeichnung bei. Auf der ist die weinende Marianne zu sehen, die eine Tricolore mit dem Bild der brennenden Kirche trägt.. Die Identifikation der Kirche mit der Nation ist so zum Ausdruck gebracht.  Und die  die Fensterrose ersetzende Weltkugel auf der Fassade bezeichnet die weltweite Ausstrahlung des Bauwerks.

Le Monde 17.4. DSC03969

Ich wüsste nicht, welches Bauwerk in Deutschland einen ähnlichen Status für sich in Anspruch nehmen könnte. Vielleicht am ehesten noch die Dresdener Frauenkirche als Symbol der Verwüstungen durch die alliierten Bombardements im Zweiten Weltkrieg  oder die 2004 ausgebrannte Anna-Amalia-Bibliothek als Symbol des kulturellen Erbes der Weimarer Klassik. Aber eine mit Notre-Dame vergleichbare „emotion patrimoniale“ hat es da doch wohl nicht gegeben. Sicherlich hat das etwas zu tun mit der spezifischen deutschen Geschichte und ihren Brüchen und dem historisch gewachsenen Föderalismus, während der traditionelle französische Zentralismus auf dem Platz vor der Kirche „seine materielle Ausprägung“ gefunden hat.

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Da ist nämlich eine Rosette in den Boden eingelassen, von deren Mittelpunkt aus in alle Himmelsrichtungen die Distanzen der Städte und Dörfer bis an die Ränder des Landes gemessen werden.

Point Zero des Routes de France

Notre-Dame ist also in der Tat Zentrum  von Paris, der „Hauptstadt der Welt“, dazu mit etwa 13 Millionen Besuchern im Jahr der meistbesuchte kulturelle Ort von Paris, ja von Frankreich, sie ist „das Herzstück ganz Frankreichs“[7], ein „lieu symbolique“ der Geschichte des Landes.

 

Der Sender France Culture hat nach dem Brand unter der Überschrift „11 große Daten einer Geschichte Frankreichs“ eine Reihe von Ereignissen aus der Geschichte von Notre-Dame zusammengestellt, die  die Bedeutung der Kirche für Frankreich belegen sollen:

  • 1163: Beginn des Baus durch Maurice de Sully
  • 1239: Saint Louis deponiert in Notre-Dame die Dornenkrone, die nach christlicher Überlieferung Jesus bei seiner Kreuzigung getragen haben soll.
  • 1302: König Philippe le Bel beruft die ersten Generalstände des Königreichs nach Notre-Dame ein: Das Kirchenschiff ist damals der größte überdachte Raum, der zur Verfügung steht.
  • 1594: Endgültiger Übertritt Heinrichs IV. zum Katholizismus (seine Heirat mit Marguerite von Valois 1572, am Vorabend der Bartholomäusnacht, hatte ebenfalls in Notre-Dame stattgefunden.
  • 1792: Schließung der Kathedrale
  • 1804: Die Krönung Napoleons (le sacre de Napoléon)
  • 1844: Beginn der Renovierungsarbeiten durch die Architekten Jean-Baptiste-Antoine Lassus und Eugène Viollet-Le-Duc
  • 1918: Ende des „Großen Kriegs“ mit einer Feier in Notre-Dame am 17. November
  • 1944: Befreiung von Paris mit einer Feier in Notre-Dame am 26. August
  • 1970ff : Beisetzungen des Generals de Gaulle, von François Mauriac und danach weiterer  Persönlichkeiten, so der ehemaligen Präsidenten Georges Pompidou 1974 und François Mitterrand 1996. Dessen Beisetzungsfeierlichkeit in Notre-Dame sei übrigens, wie die Zeitung Les Echos damals schreib, bestimmt gewesen von den Emotionen des deutschen Kanzlers Helmut Kohl, eines der engsten Freunde Mitterands, der seine Tränen nicht habe zurückhalten können.[8] Insofern ist Notre-Dame in gewisser Weise auch ein Ort deutsch-französischer Freundschaft.
  • Und (vorläufig) letztes Datum natürlich: Der Brand vom 14./15. April 2019[9]

Allerdings war die große Bedeutung und Wertschätzung von Notre-Dame nicht immer so eindeutig. Das soll an einigen nachfolgend skizzierten und zum Teil auch in der gerade vorgestellten high-light- Liste enthaltenen Ereignissen verdeutlicht werden:

  • So wird in dieser Liste die Übergabe der Dornenkrone an die Kirche genannt. In der Tat hatte Ludwig IX. (der Heilige) die Krone dem byzantinischen Kaiser abgekauft, um seinen Status als christlicher König gegenüber dem Kaiser des Heiligen Römischen Reichs zu untermauern. Allerdings war für die Aufnahme der Dornenkrone (und anderer Reliquien) die Sainte-Chapelle bestimmt, die aber erst zehn Jahre später fertig gestellt war und der sie dann auch übergeben wurde.  Und in der Sainte-Chapelle  blieb sie dann auch bis zur Französischen Revolution. Notre-Dame diente also zunächst nur als provisorischer Lagerort und  die Dornenkrone wurde erst von Kaiser Napoleon wieder Notre-Dame übergeben – und 2019 gerettet. Allerdings war die von Ludwig dem Heiligen erworbene Reliquie  1793 verschwunden, als der Schatz der Sainte-Chapelle eingeschmolzen wurde, um den Koalitionskrieg zu finanzieren. Sie wurde aber, mit den Worten des Historikers Yann Potin, „neu geschaffen“, bzw. nach kirchlicher Lesart wie durch ein Wunder  von einem Geistlichen der Kathedrale aufgefunden und konnte so schließlich wieder in den Besitz von Notre Dame gelangen.

 

  • Erst 1622 wurde Paris Bischofssitz. Notre-Dame erhielt also erst 459 Jahre nach ihrer Gründung, nach mehr als  der Hälfte ihrer bisherigen Geschichte, den Rang einer Kathedrale. Bis dahin unterstand das Bistum Paris dem Erzbischof von Sens. Und die Erzbischöfe von Sens ließen sich in Paris in der Nähe der Seine ein wunderbares Palais errichten, das Hôtel de Sens, das im 15. Jahrhundert „als eines der schönsten Häuser von Paris“ galt[10] und den geistlichen Herrschaftsanspruch der Erzbischöfe von Sens über Paris unübersehbar machte.

 

  • Zu Beginn  der Französischen Revolution stellte sich der Klerus auf die Seite der Revolution:  Am 13. Juli 1790 wurde z.B. der Jahrestag des Sturms auf die Bastille mit einem feierlichen Te Deum gefeiert, am 25. September 1792 feierte ein weiteres Te Deum die vier Tage vorher ausgerufene Republik. Dennoch wurde im November 1792  Notre-Dame  geschlossen, „der Beginn ihrer Leidenszeit“.[11] Die mussten zwar auch andere Kirchen damals durchmachen, aber Notre-Dame traf es, ebenso wie  St. Denis, wo die Königsgräber geschändet wurden, besonders hart, was man  vielleicht  als  Beleg für die inzwischen erlangte Bedeutung der Kathedrale verstehen kann. Schlimm war vor allem das Jahr 1793, in dem ja auch die Schreckensherrschaft Robbespierres begann.  Nach einem Zwischenspiel als „Tempel der Vernunft“ diente das Gebäude als Lagerhalle (immerhin!) für Wein, bis es 1802 wieder in den Schoß der Kirche zurückkehrte. 1793 wurde die Kathedrale  geplündert, und während die Guillotine die massenhaften Todesurteile des Revolutionstribunals exekutierte, wurden auch die  Statuen der  Portalgewände geköpft und  die 28 Statuen der Königsgalerie  gleich ganz herabgestürzt,  galten sie doch als Verkörperung von Religion und Feudalismus zugleich: Sie stellten nämlich die biblische Ahnenreihe von Jesus dar, die Könige von Israel und Juda also. Aber gleichzeitig wurde mit der Königsgalerie der nach dem Sieg Philipp Augustes über den englischen König 1214 bestätigte Anspruch der französischen Könige auf Heiligkeit untermauert.   Sie führten sich also auf die biblische Ahnenreihe zurück und allmählich vermischten sich diese Zuschreibungen der Königsstatuen. Da sie ziemlich mächtig waren – immerhin 3,50 m hoch- wurden sie bzw. ihre Trümmer von den Revolutionären als Baumaterial verkauft und verschwanden im wahrsten Sinne des Wortes in der Versenkung. Noch 1974 beklagte der französische Kunsthistoriker und Notre-Dame-Spezialist Erlande-Brandenbourg den unschätzbaren Verlust der Statuen. Aber  1977  kamen 21 Königsköpfe  bei Ausschachtungsarbeiten für einen Bankneubau in der Chaussée d’Antin zufällig ans Tageslicht- eine der wichtigsten archäologischen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte. Nicht nur weil die Königsgalerie die älteste ihrer Art ist und als Vorbild für die Kathedralen von Chartres, Reims und Amiens diente, sondern auch wegen der äußerst kunstreichen Gestaltung von Details wie den Kronen oder den Locken und  wegen der vielfältigen erhaltenen farblichen Reste: Rot für die Lippen, rosa für die Backen,  blau-grau für die Haare und den Bart, schwarz oder grün für die Pupillen… Die Königsköpfe aus dem 13. Jahrhundert kann man  inzwischen im Musée Cluny bewundern- in einem stimmungsvollen Raum der alten römischen Thermen, die Teil des Museums sind.

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  • 1804 krönte sich Napoleon in Notre-Dame selbst zum „empereur“/Kaiser und danach seine Frau Josephine zur Kaiserin, was natürlich in keiner Zusammenstellung der Geschichte Notre-Dames fehlen darf.  Man mag auch das als Beweis für die Bedeutung der Kirche ansehen, allerdings gab es keine Alternative: Saint Denis war die Grabkirche der Bourbonen, also als Krönungsort ungeeignet, die ehemalige Kirche Sainte- Geneviève schied auch aus, weil sie inzwischen als nationale Ruhmeshalle, als Pantheon,  fungierte, während die Wahl von Reims, der Krönungskirche der französischen Könige, ein antirevolutionärer Affront gewesen wäre. Um die Abkehr vom ancien régime (und seinen Weltherrschaftsanspruch) zu dokumentieren, wählte Napoleon ja auch den an Karl den Großen anknüpfenden Titel eines Kaisers und deshalb auch die Wahl der historisch unbelasteten  Kirche Notre-Dame. Nach den Verwüstungen der Revolutionsjahre war die Kirche allerdings in einem derart maroden Zustand und die Gotik derart verpönt, dass mit Hilfe von Tüchern und falschem Marmor eine Theaterkulisse geschaffen wurde, die die gotischen Strukturen (bis hin ins 33 Meter hohe Gewölbe) und das herunter gekommene Ambiente verhüllte und die Kirche dem Zeitgeschmack und dem Repräsentationsbedürfnis Napoleons anpasste.

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             Das berühmte monumentale Gemälde(6 mal 10 m),  das Napoleon bei seinem                      Hofmaler David  in  Auftrag  gegeben hatte[12], zeigt also den für das Ereignis                      hergestellten  Theaterdekor, nichts aber von der gotischen Kathedrale, in der die                Zeremonie  stattfand. Das Bild ist im Louvre zu sehen.

  • In der Liste der großen historischen Ereignisse von Notre-Dame ist natürlich der November 1918 enthalten. Da fand in Notre-  Dame ein großes Te Deum statt: Mit einer Messe sollte Gott für den Sieg im Ersten Weltkrieg gedankt und dessen Ende gefeiert werden.[13]

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                     Die Feier des Te Deums in Notre-Dame vom 16. November 1918

Da war Notre-Dame also tatsächlich „die Kirche der Nation“. Allerdings nicht ganz: Der gefeierte „Tiger“  Clemenceau, damals Ministerpräsident (président du Conseil), weigerte sich, in Anbetracht der in Frankreich strikten Trennung von Kirche und Staat („par respect de la séparation des pouvoirs“) an der Zeremonie teilzunehmen. Staatspräsident Poincaré verzichtete deshalb ebenfalls auf seine Teilnahme. Immerhin kamen die beiden dann überein, dass ihre Frauen bei dem Te deum anwesend sein sollten/durften.

Am 26. August 1944  wurde anlässlich der Befreiung von Paris erneut ein Dankgottesdienst in Notre- Dame zelebriert. Nach einer Militärparade auf den Champs – Elysées zog  de Gaulles  in die Kirche ein. Dabei gab es noch vereinzelt Schüsse von faschistischen Kollaborateuren, die sich verzweifelt gegen den Lauf der Geschichte stemmten. De Gaulle aber, Teil seines Heldenepos, soll einer der wenigen gewesen sein, die nicht Deckung suchten, sondern aufrecht und langsamen Schrittes die Kirche betrat. Begleitet wurde de Gaulle beim Einzug in Notre-Dame von Führern der Résistance,  Vertretern des „Freien Frankreichs“ und dem Chef der 2. Französischen Panzerdivision Leclerc.  Eine zu  dessen Truppe gehörende, aus spanischen Freiwilligen bestehende Panzereinheit war als erste in Paris eingerückt. An der Feier, die mangels Strom und Orgel nur 15 Minuten dauerte, nahm allerdings  kein einziger geistlicher Würdenträger  teil.  Man hat sie deshalb etwas kühn mit der Selbstkrönung Napoleons 1804 verglichen. Zuzustimmen ist aber sicherlich dem Chefredakteur von Libération  Joffrin, der sie als Apotheose der Befreiung von Paris bezeichnete.[14]

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 Waren es also beim Te Deum von 1918 die staatlichen Repräsentanten, die in Notre- Dame fehlten, so waren es hier – in ihrem eigenen Hause! –  die Vertreter der kirchlichen Hierarchie: Die Feier in Notre-Dame vom 26. August 1944  und ihre Begleitumstände  waren Ausdruck der Spaltung und Zerrissenheit Frankreichs in der Stunde der Befreiung.

Das Fernbleiben einer Seite war diesmal allerdings, anders als 1918, keine freiwillige Entscheidung.  Während in Notre-Dame nämlich das Te Deum gefeiert wurde, stand der Kardinal und Erzbischof von Paris Suhard in seinem Bischofspalais unter Hausarrest. Der hatte nämlich genau vier Monate vorher, am 26. April 1944, den Marschall Pétain in seiner Kathedrale empfangen. Damals fand  ein Gottesdienst zu Ehren von Franzosen statt, die bei den die Landung in der Normandie vorbereitenden alliierten Bombenangriffen getötet worden waren.[15]

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Und davor war Pétain auf dem Platz vor dem Hôtel de Ville von einer begeisterten Menschenmenge gefeiert worden.

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Kardial Suhard, der dem Chef des Kollaborations-Regimes von Vichy mit dem Empfang in Notre-Dame die kirchliche Weihe verlieh, hatte darüber hinaus im Februar 1944 eine Erklärung der französischen Bischofskonferenz unterstützt, in der Aufrufe zur Gewalt und „Akte des Terrorismus“ verurteilt worden waren. De Gaulle in London und die bewaffnete Résistance im Innern waren damit als terroristisch qualifiziert worden. Und noch am 2. Juli, also vier Wochen nach der Landung der Alliierten in der Normandie, nahm Suhard  an dem Staatsbegräbnis für Philippe Henriot, den „Goebbels von Vichy“, in Notre-Dame teil. Französische Milizionäre trugen den Sarg mit den sterblichen Überresten Henriots, der von der anwesenden Menge mit dem Nazigruß empfangen wurde,  in die Kathedrale. Anwesend waren auch Laval,  der Regierungschef Vichys, und der deutsche Botschafter in Paris Abetz.  Henriot war von Mitgliedern der Résistance erschossen worden.[16]

Dass unter diesen Umständen de Gaulle auf die Anwesenheit Suhards bei dem Te deum vom 25. August 1944 verzichtete, ist nur allzu verständlich- die Zeremonie war insofern „le parfait effacement“ des petainistischen Te Deums vom 26. April.  In seinen Memoiren beteuerte de Gaulle allerdings, er von seiner Seite habe nichts mit der „Verbannung“ Suhards zu tun gehabt.[17] Aber als er die Memoiren schrieb, war Frankreich in seinem Selbstverständnis schon lange ein einiges Volk von Widerstandskämpfern geworden und an die dunkle Zeit der Kollaboration  wurde möglichst nicht mehr erinnert.

So war denn auch Kardinal Suhard bei dem Sieges- und Dankesgottesdienst vom 9.Mai 1945 wieder auf freiem Fuß und konnte  als Hausherr von Notre Dame auftreten, als wäre nichts gewesen. Und der Domorganist Léonce de Saint-Martin, ebenfalls der Nähe zum Petain-Regime verdächtig und beim Einzug de Gaulles in Notre-Dame vom  26. August 1944 noch abwesend, konnte jetzt sein bombastisches Te Deum de la victoire durch das Kirchenschiff von Notre-Dame brausen lassen und danach natürlich noch die Marseillaise. Die war auch schon während der Revolutionszeit in Notre-Dame erklungen,  wie ja überhaupt die Orgel wohl nur aufgrund „der Interpretation patriotischer Musik“ von den Revolutions-Vandalen verschont worden war. Die selbstverständliche Intonation der Nationalhymne  mag bemerkenswert erscheinen in einem Land, in dem die strikte Trennung von  Kirche und Staat zu den Grundlagen des Gemeinwesens gehört. In Notre-Dame, der „Kirche der Nation“, ist das aber anders.  Der Schriftsteller François Mauriac, geriet jedenfalls  bei dieser Marseilleise „für die Engel und die Heiligen“   ins Schwärmen:  “ Lorsque, aux grandes orgues, la Marseillaise éclata, une Marseillaise pour les anges et pour les saints, transposée sur le plan de l’éternel, j’eus le sentiment profond que, de cette expérience universelle, une part concernait la France… “ [18]

Victor Hugo, der Retter von Notre-Dame

Notre- Dame war hier also tatsächlich das politische und spirituelle Zentrum Frankreichs und all die anfangs zitierten Zuschreibungen hatten in  diesem Moment ihre Berechtigung. Dass Notre-Dame tatsächlich das Zentrum, das Herz Frankreichs geworden ist, ist nicht zuletzt das Verdienst von Victor Hugo, und das Jahr 1831 darf eigentlich in keiner Zusammenstellung der wesentlichen Daten von Notre-Dame fehlen. Denn in diesem Jahr erschien sein historischer Roman „Notre-Dame de Paris-1492“. Die Bedeutung dieses Buches für die Kathedrale ist kaum zu überschätzen. Denn damals war sie so heruntergekommen, dass schon erörtert wurde, sie abzureißen, so wie ja auch schon andere wunderbare gotische Kirchen abgerissen worden waren: 1797 das Kloster Saint-Antoine-des-Champs, das dem Faubourg Saint-Antoine seinen Namen gegeben hatte[19];  und im gleichen Jahr die Kirche Saint-Jacques-de-la-Boucherie, von der nur der Turm Saint-Jacques im 4. Arrondissement übrig geblieben ist. Dabei handelte es sich gar nicht so sehr um Taten eines revolutionären Vandalismus –andere Kirchen wurden ja wie Notre-Dame zu „Tempeln der Vernunft“ umfunktioniert, sondern die Gotik galt damals –wie der Name schon ausdrückt- als ein barbarischer Baustil und Ausdruck des „finsteren Mittelalters“, und dementsprechend ging man auch mit ihren Bauten um. Victor Hugo hat das in seinem Buch angeprangert:

Zuerst hat die Zeit unmerklich an ihren Bauten genagt und hat ihre Oberfläche mit Spuren der Verwitterung überzogen. Dann haben die religiösen und politischen Aufstände die Menschen blind und rasend gemacht, und die also Verblendeten haben sich über die Bauten gestürzt…. Zuletzt haben sich ihrer  die Moden bemächtigt …. Sie haben größeres Unheil angerichtet als die Revolutionen; denn sie haben der Kunst ins lebendige Fleisch geschnitten, …. Haben gepfuscht und geändert und haben Form und Bedeutung der Bauten, ihren inneren Zusammenhang und ihre Schönheit zerstört.“ (S. 152/3).

Das sei, wie Hugo in Anspielung auf eine Fabel de La Fontaines schreibt, der Fußtritt des Esels gegen den sterbenden Löwen gewesen. Mitbeteiligt war bei Notre-Dame übrigens auch der große Soufflot, der Erbauer des Pantheons, der 1711 im Auftrag des Domkapitels den Mittelpfosten und den Türsturz des Hauptportals beseitigte, um bei Prozessionen Platz für den Baldachin zu schaffen!

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Das Mittelportal von Notre-Dame vor der Restaurierung. Daguerreotypie von 1841[20]

Auch die  Zerstörung der riesigen Christophorus-Statue auf der rechten Seite des Mittelschiffs prangert Hugo an- dort, wo in seinem Roman an einem schönen Sonntag nach der Messe der kleine Quasimodo und spätere Glöckner von Notre-Dame –benannt nach dem Tag seiner Aussetzung- niedergelegt wurde:  gewissermaßen die „Babyklappe“ des Mittelalters. Und natürlich beklagt Victor Hugo die Zerstörung der leuchtenden gotischen Glasfenster in Mittelschiff und Chor, die im Zeitalter des Barock durch „weiße kalte Fenster“ ersetzt wurden, was man heute kaum noch nachvollziehen kann. Dazu kamen dann die Zerstörungen während der Französischen Revolution: neben den Statuen der Fassade auch noch der Dachreiter aus dem 13. Jahrhundert auf der Vierung, der Kreuzung von Mittel- und Querschiff,  der dann im 19. Jahrhundert durch den neuen hohen Dachreiter ersetzt wurde, der bei dem Brand umgestürzt ist.

Höchste Zeit also, dass Victor Hugo  den  Verächtern der Gotik mit ihren Abrissbirnen den Krieg erklärte: So 1832 in einem in der Revue des deux mondes veröffentlichten Pamphlet mit dem Titel Guerre aux démolisseurs“. Und schon 1825 hatte der junge Victor Hugo einen Text „sur la destruction des monuments en France“ verfasst, in dem er den Anspruch der Öffentlichkeit auf die Bewahrung des kulturellen Erbes formulierte: „Il faut arrêter le marteau qui mutile la face du pays.“  Und weiter: „Il y a deux choses dans un édifice, son usage et sa beauté: son usage appartient au propriétaire, sa beauté à tout le monde, à vous, à moi, à nous“.[21]

Notre-Dame de Paris war zwar damals für Victor Hugo  immer noch „ein majestätisches und erhabenes Bauwerk“, das sich „im Altern schön erhalten“ habe (S.149).  Aber die Kathedrale war auf dem besten Wege, zu einem „schweren Gerippe“ bzw. einer „düsteren Ruine“ zu  verkommen, wie der Dichter Gérard de Nerval in seinem Gedicht  Notre-Dame de Paris von 1835 schrieb.

Victor Hugo trug vor allem mit seinem einzigartigen historischen Roman, in dem er ein Gebäude gewissermaßen zur Romanfigur machte, entscheidend dazu bei, nicht nur der todwunden Notre-Dame „den Fußtritt des Esels“ zu ersparen, sondern insgesamt der Gotik auch in Frankreich wieder Wert und Würde zuzuerkennen.  In Deutschland hatte schon 1773 der junge Goethe als Student in Straßburg das Genie des Straßburger Dombaumeisters Erwin von Steinbach gepriesen,  und 1823 war in Köln eine Dombauhütte zur Erhaltung und Vollendung des Doms eingerichtet worden. Der Weiterbau des im Mittelalter unvollendeten Kölner Doms wurde als Symbol für den zu schaffenden deutschen Nationalstaat gesehen, erfolgte aber auch im vergleichenden Blick auf Frankreich. Und umgekehrt hätten Hugo und andere französische Schriftsteller „vielleicht nicht so für ihre Gotik gekämpft, hätte nicht der junge Goethe als Student in Straßburg die Gotik als deutschen Stil gefeiert.“[22] Während Goethe in der Tat und  fälschlicherweise davon ausgegangen war, bei der Gotik handele es sich um eine „deutsche Baukunst“, so konnte man in Frankreich schon mit einigem Recht die Entstehung der Gotik als  Ausdruck des „génie français“ oder der „âme française“ verstehen.  Die Wiege der Gotik ist eindeutig die Ile de France, die königliche Krondomäne, wo der neue Stil den königlichen Herrschaftsanspruch und den sich allmählich herausbildenden Status von Paris als Hauptstadt Frankreichs untermauern sollte (Sohn, S. 185).  Und immerhin übertraf, wie Statistiker errechnet haben, das Volumen der für die gotischen Kathedralen Frankreichs verwendeten Steine das der ägyptischen Pyramiden! So wurde die Gotik im 19. Jahrhundert zur nationalen französischen Architektur par excellence erhoben, die sich wie die Ideen der Französischen Revolution über ganz Europa hinweg verbreitet hätten. Und nun war auch die Zeit gekommen, dass  die Architekten Viollet-le-Duc und Lassus  die heruntergekommene Kathedrale im Sinne ihres idealisierten Gotik-Bildes restaurierten und ihr neuen Glanz verliehen.

 

 

Victor Hugos Loblied der Westfassade von Notre-Dame

Diese Restaurierung betraf nicht nur, aber vor allem die Fassade, die unter den Zerstörungen durch Soufflot und die revolutionären Bilderstürmer besonders gelitten hatte und deren Schönheit bis ins 19. Jahrhundert kaum zur Geltung kommen konnte: Da war der Blick auf die Fassade der Kathedrale nämlich nur sehr eingeschränkt möglich, weil der Vorplatz der Kirche eng bebaut war. Der französische Name für diesen Platz ist übrigens Parvis, eine Ableitung von „Paradies“ – in der mittelalterlichen Architektur der Vorhof einer Kirche, der bereits zu deren Friedensbereich gehörte und damit Flüchtlingen Asyl gewährte. In Paris,  im Mittelalter die bevölkerungsreichste Stadt Europas, war der Baugrund schon damals eine Kostbarkeit. Also wurde das „Paradies“, wie die Cité insgesamt, eng bebaut. Im 19. Jahrhundert wurde dann der Vorplatz geräumt, der Blick auf die Fassade erweitert. Heute erinnern noch die auf dem Pflaster nachgezeichneten Umrisse an die frühere Bebauung, deren Fundamente man in der „Crypte archéologique du Parvis Notre-Dame“ besichtigen kann.

Die Fassade von Notre-Dame ist nirgends so wunderbar beschrieben  wie von Victor Hugo:

„Eine der herrlichsten Ruhmestaten der Baukunst ist doch gewiss diese Fassade mit den drei Spitzbogenportalen, mit dem reichgezackten Gesims der achtundzwanzig Königsnischen, mit der ungeheuren Rosette, der die beiden Fenster zur Seite stehen wie die Dechanten dem Priester, mit dem hohen Bogengang, der auf seinen schlanken Säulen eine schwere Plattform trägt, und den beiden schwarzen massigen Türmen mit ihrem Fenstersturz aus Schiefer. Alle Teile verschmelzen harmonisch zum prächtigen Ganzen, dessen fünf gigantische Stockwerke sich dem Auge auf einmal darbieten und sich doch stufenweise vor ihm entfalten, überwältigend durch ihre zahllosen Einzelheiten an Bildhauer- und Steinmetzarbeit und doch nicht verwirrend, weil alles durch die ruhige Größe des Ganzen mächtig zusammengefasst wird. Eine ungeheure steinerne Symphonie ist diese Fassade, das Riesenwerk eines Mannes und eines Volkes, einheitlich und doch zusammengesetzt, wie die Iliade und Romanzen, deren Schwester sie ist, ein wunderbares Erzeugnis der gesammelten Kräfte einer Zeit, da sich die Einbildungskraft des Handwerkers, vom Genius des Künstlers gebändigt, jedem Steine in hundertfältiger Form einprägte: kurz, eine menschliche Schöpfung, die reich und machtvoll ist wie die göttliche Schöpfung selbst, von der sie das Doppelantlitz ‚Vielheit und Einheit‘ entlehnt zu haben scheint. …

Notre-Dame ist ein Bauwerk der Übergangszeit. Der sächsische Baumeister hatte gerade die ersten Pfeiler des Schiffes aufgerichtet, als mit den heimkehrenden Kreuzfahrern der Spitzbogen kam und sich siegreich auf die schweren romanischen Kapitelle setzte, die bestimmt waren, nur den einfachen Rundbogen zu tragen. Der Spitzbogen, der fortan alles beherrschte, hat der übrigen Kirche das Gepräge gegeben. Aber er war noch schüchtern und unerfahren; er dehnte sich noch nicht in die Breite, hielt sich zurück und wagte es noch nicht, in Kreuzblumen und Filialen aufwärts zu streben, wie er es später bei so vielen herrlichen Domen getan hat. Er scheint die Nähe der schweren romanischen Pfeiler empfunden zu haben. …

Diese Übergangsbauten sind für den Künstler, den Altertumsforscher und den Historiker gleich anziehend. Gleich den zyklopischen Mauern, den ägyptischen Pyramiden und den riesigen indischen Tempeln zeigen sie, wie ursprünglich die Baukunst ist; sie beweisen, dass ihre großen Werke weniger individuelle als soziale Schöpfungen sind, von arbeitenden Völkern geboren, nicht von genialen Männern erdacht, ein Niederschlag von Nationen, eine von Jahrhunderten angehäufte Masse…  Die großen Gebäude sind gleich den großen Gebirgen ein Werk der Jahrhunderte. Oft wandelt sich die Kunst, während sie noch im Entstehen sind; die Arbeit wird im Sinn der neuen Zeit friedlich weitergeführt. Die verwandelte Kunst übernimmt das Werk, wie sie es findet, überkleidet es, passt sich ihm an, führt es nach ihren Empfindungen weiter und bemüht sich, es zu vollenden. Das vollzieht sich ohne Störung, ohne Anstrengung, ohne Rückfall, nach stillen, natürlichen Gesetzen. Der einzelne Mensch und der Künstler verschwinden vor diesen Riesenwerken, die keines Schöpfers Namen tragen; der menschliche Geist in seiner Gesamtheit prägt sich in ihnen aus. Die Zeit ist der Baumeister, das Volk ist der Maurer.“ (Hugo, Der Glöckner, S. 149f)

Dass Victor Hugo „die ruhige Größe des Ganzen“ rühmt, kommt nicht von ungefähr: Denn der Kubus der Fassade ist exakt im Seitenverhältnis von 2: 3 proportioniert. Und diese Proportion findet sich auch in der Musik. Nach der Harmonielehre des  Kirchenvaters Augustinus  erklingen schwingende Saiten in musikalischen Intervallen, wenn ihre Länge zueinander einfachen Zahlenverhältnissen entspricht- und das Verhältnis 2: 3 entspricht der musikalischen Quint. Indem die Architektur solche auf musikalischen Konsonanzen beruhende Proportionen aufgreift, spiegelt sie –nach dem Ideal des Augustinus- die von Gott geschaffene Harmonie des Universums wider. Dass die beiden Türme keine Spitzen haben, entspricht damit diesem Streben nach harmonischer Proportionierung. Es ging also sowohl in der Architektur wie auch in der Musik um himmlische Maßstäbe. Im Musterbuch des Architekten Villard de Honnecourt aus dem 13. Jahrhundert findet man denn auch nicht nur Grundrisse und Gewölbeformen, sondern auch Regeln musikalischer Proportionen. Wenn die Romantiker von der Architektur als Stein gewordene Musik sprachen: An der Fassade von Notre Dame ist das zu beobachten und zu bewundern.[23]

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Auch im Einzelnen ist die  Fassade in ihrer Ausgewogenheit von horizontaler und vertikaler Gliederung  ein Inbegriff von Harmonie und –wie alles in der mittelalterlichen Baukunst-  voller Symbolik: Vertikal gibt es drei Teile – entsprechend dem Mittelschiff und den beiden Seitenschiffen – mit den dazugehörigen Portalen, womit  die Dreieinigkeit von Gottvater, Sohn und Heiligem Geist symbolisiert, gleichzeitig aber auch an die Tradition römischer Triumphbögen angeknüpft wird. Horizontal ist die Fassade vierfach gegliedert. Victor Hugo spricht zwar in seiner Fassadenbeschreibung von fünf Geschossen,  aber die mittelalterlichen Baumeister zählten –da sind sich die Kunsthistoriker einig- vier Geschosse, rechneten also die Türme nicht mit: Ganz unten die Portalzone, dann die Königsgalerie, danach der Abschnitt mit der  großen  Fensterrose und schließlich die luftig-elegante Arkadengalerie. Die vierfache horizontale Gliederung hat natürlich auch ihre symbolische Bedeutung: Die Zahl 4 steht im Mittelalter für die weltliche Materie, die Schöpfung. Und bezogen darauf hat die Zahl eine vielfache Bedeutung: Es gibt die vier Jahreszeiten, die vier Elemente, die vier Himmelsrichtungen, die vier Lebensalter des Menschen und schließlich  auch Pest, Krieg, Not und Tod als die vier Vorboten der Apokalypse.  Wir befinden uns ja im Westen, der  dem Leben,  dem weltlichen Bereich zugewandten Seite der Kathedrale, wo sich auch der königliche Palast befand. Im Zentrum der Fassade mit der dreifachen –geistlichen- und der vierfachen –weltlichen- Gliederung thront gewissermaßen die große Fensterrose: Ihr Rund  steht für die Zahl 1, also für Gott, und sie symbolisiert die Harmonie der Schöpfung, den Kosmos: Im Mittelalter wird Gott ja auch oft  als Baumeister und Weltenschöpfer mit einem Zirkel dargestellt. Und wo bleibt Maria, der die Kathedrale geweiht ist? Ihre Statue  mit dem Jesuskind auf dem Arm steht auf der Königsgalerie, eingerahmt von zwei kerzentragenden Engeln, inmitten einer –dreifachen- Figurengruppe also. Und  die Köpfe von Maria und dem Jesuskind reichen –blickt man, sich der Fassade nähernd, nach oben-  genau ins Zentrum der Fensterrose

Die Statuen der jetzigen Königsgalerie sind dagegen Neuschöpfungen des 19. Jahrhunderts und entstanden während der Restaurierung der Kathedrale. Angeblich nutzte einer der beiden Restaurations-Architekten, Lassus,  die Gelegenheit, sich selbst ein Denkmal zu setzen und sich in  der 8. Statue der Königsgalerie von links portraitieren zu lassen. Sein bekannterer und bedeutenderer Partner, Viollet-le-Duc, ließ sich jedenfalls in der Figurengruppe um den von ihm konzipierten neuen spitzen Dachreiter als Heiliger Thomas, den Patron der Architekten, portraitieren. Diese Figur hat übrigens den Brand überstanden, weil sie kurz davor im Zuge der Renovierungsarbeiten schon demontiert worden war.

Ich  weiß nicht,  wie Victor Hugo die Restaurierungen Viollet-le-Ducs beurteilte. Ich vermute aber, dass er sie begrüßte, weil sie eine teilweise Wiedergutmachung dessen waren, was der Kathedrale im Lauf ihrer Geschichte zugefügt worden war. Ob er allerdings mit der Malraux’schen Fassadensäuberung einverstanden gewesen wäre, bezweifle ich eher, denn für Victor Hugo hatte die Patina, die sich in Jahrhunderten über die Fassade gelegt hatte, durchaus ihren Reiz. Sie entschädigte ihn sogar für den Verlust der 11 Stufen, die die Kathedrale „einst über den Erdboden erhoben…. Die elf Stufen hat die Zeit getilgt, die das Niveau der Stadt allmählich, aber unaufhaltsam erhöht. Aber wenn sie auch der steigenden Flut des Pariser Pflasters erlaubte, diese Stufen zu verschlingen, so hat sie doch der Kirche vielleicht mehr gegeben als genommen; denn die Zeit hat die Fassade mit der dunklen Färbung der Jahrhunderte überzogen, die den Bauwerken im Alter die höchste Schönheit verleiht.“ (Der Glöckner, S. 150/151)

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Karikatur von Henri Meyer: Le Géant. 1868

Victor Hugo hat der Kathedrale Notre- Dame ihre Würde zurückgegeben. Vor allem aber hat er durch die Handlung und die Figuren seines Romans dem Bau aus Stein Leben verliehen:  Durch den bösartigen, lüsternen Kleriker Frollo, die schöne Esmeralda, den unglücklichen Liebhaber und Dichter Gringoire, den verwachsenen Glöckner von Notre-Dame, der der deutschen Übersetzung des Buches den Namen gegeben hat, und durch das bunte Pariser Volk des 15. Jahrhunderts. Dadurch erst wurde Notre-Dame zu dem nationalen Symbol, als das es anlässlich des Brandes wieder gefeiert wurde. Victor Hugo hat Notre-Dame erhöht und Notre-Dame  hat auch seinen Poeten erhöht.  In vielen Karikaturen des 19. Jahrhunderts wurde diese Verbindung herausgestellt, die umso näher lag, als die Fassade auch –wie auf der Karikatur Henri Meyers zu sehen, als ein großes H lesbar ist.

Glücklicherweise wurden die Fassade und die beiden Glockentürme nicht durch den Brand beschädigt. Und hoffentlich werden sie auch während und trotz der Renovierungsarbeiten wieder beleuchtet. Die nachts angestrahlten Türme der „alten Dame“ gehörten zu unserem Pariser Leben. Wenn  nach Mitternacht die Lichter ausgingen, sagten wir: Jetzt ist Notre-Dame schlafen gegangen,  und wir wussten, dass es allmählich auch für uns Zeit wird….

 

Anmerkungen:

[1] Notre-Dame, une émotion patrimoniale. Gespräch mit Nathalie Heinrich, In: La vie des idées vom 19. April 2019   https://laviedesidees.fr/spip.php?page=article&id_article=4394ion

[2] https://www.lemonde.fr/societe/video/2019/04/16/incendie-de-notre-dame-de-paris-les-reactions-des-personnalites-politiques_5450991_3224.html

[3]  SUD-OUEST Mardi 16 avril 2019 Editorial de Yves Harté

[4] https://www.lemonde.fr/societe/video/2019/04/16/incendie-de-notre-dame-de-paris-les-reactions-des-personnalites-politiques_5450991_3224.html

[5] Entsprechend auch Bruno Frappat in La Croix vom 18.4.: Notre-Dame de tous

https://www.la-croix.com/Debats/Chroniques/Notre-Dame-tous-2019-04-18-1201016601

und Joseph Haniman in der SZ vom 16.4.2019: ein „Bauwerk des Volks für das Volk

[6]   „une divinité“  https://www.franceculture.fr/emissions/la-nuit-revee-de/lieux-de-memoire-notre-dame-de-paris

[7] Joseph Haniman in der Süddeutschen Zeitung vom 16.4.2019  https://www.sueddeutsche.de/kultur/notre-dame-brandkatastrophe-kulturelle-bedeutung-1.4412258

[8] https://www.lesechos.fr/1996/01/obseques-de-mitterrand-ceremonie-privee-hommage-public-emotion-populaire-827719

[9] https://www.francetvinfo.fr/culture/patrimoine/incendie-de-notre-dame-de-paris/notre-dame-de-paris-onze-grandes-dates-d-une-histoire-de-france_3401071.html

Eine andere –und natürlich ähnliche- Liste bei: https://ca.france.fr/fr/paris/liste/notre-dame-de-paris-en-10-dates-marquantes

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B4tel_de_Sens

[11] Siehe dazu:  Jean Leflon, Notre-Dame de Paris pendant la Révolution. In: Revue d’histoire de l’Église de France, 174/ 1964, S. 109-124   https://www.persee.fr/doc/rhef_0300-9505_1964_num_50_147_1732

[12] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/

[13] http://lhistoireenrafale.lunion.fr/2018/11/15/16-novembre-1918-le-gouvernement-absent-du-te-deum-a-notre-dame/  Foto: Photo parue dans le journal Excelsior pour la célébration du Te Deum, le 17 novembre 1918.  (Photo Roger-Viollet)  Aus Libération vom 15.4.2019

[14] Laurent Joffrin in Libération vom 15.4.2019: https://www.liberation.fr/france/2019/04/15/de-la-reine-margot-a-la-liberation-notre-dame-ou-l-eglise-de-la-nation_1721585 https://www.larep.fr/paris-75000/faits-divers/couronne-d-epines-tunique-de-saint-louis-les-tresors-de-notre-dame-de-paris_13541387/

Bild aus: https://www.la-croix.com/Religion/Actualite/70-ans-apres-Notre-Dame-commemore-la-liberation-de-Paris-2014-08-24-1196122. Siehe auch: https://www.ina.fr/video/AFE86002786

[15] https://jeune-nation.com/culture/emmanuel-suhard-5-avril-1874-30-mai-1949.html Ein zeitgenössischer Wochenschaubericht zu dem Besuch Petains in Paris:  https://www.youtube.com/watch?v=508EWo

In der Erklärung der französischen Bischofskonferenz vom 17. Februar 1944 werden  « les appels à la violence et les actes de terrorisme, qui déchirent aujourd’hui le pays, provoquent l’assassinat des personnes et le pillage des demeures » verurteilt. https://fr.wikipedia.org/wiki/Emmanuel_Suhard

Zu den alliierten Bombenangriffen auf französische Ziele siehe auch den Blog-Artikel: Normandie (2): Schattenseiten der Vergangenheit. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/890

[16]il mena la guerre des ondes et la propagande pétainiste de telle façon qu’on le comparait à Goebbels“. https://www.tombes-sepultures.com/crbst_1897.html s. auch: https://www.ina.fr/video/AFE86002764

[17]  Frédéric Le Moigne, 1944-1951 : Les deux corps de Notre-Dame de Paris. https://www.cairn.info/revue-vingtieme-siecle-revue-d-histoire-2003-2-page-75.htm#

Ich finde es übrigens bemerkenswert, dass in zwei einschlägigen Veröffentlichungen zu Vichy von Suhard nicht die Rede ist: Robert O. Paxton, La France de Vichy 1940-1944. Édition du Seuil 1972 und Henry Rousso Le syndrom de Vichy de 1944 à nos jours. Éditions du Seuil 1990

[18] In: Le Figaro, 10. Mai 1945. Zit. In: http://www.musimem.com/st-martin.htm

[19]  Siehe dazu den Blog-Text über den Faubourg Saint-Antoine: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/32

[20] Aus einer Ausstellung im Pantheon 2013

[21] Zitiert in Le Monde vom 17.4. 2019, S. 12: Une cathédrale dans l’histoire.

[22]  Gustav Seibt in: Süddeutsche Zeitung vom 18./19.4.2019, S. 15

[23] Siehe dazu das Buch von Fernand Schwarz und den Artikel von Helmut Mauró, Himmlische Maßstäbe. Die Proportionen des Gebäudes prägten die Musik einer ganzen Epoche. In: Süddeutsche Zeitung, 18./19. April, S. 14

 

 

Verwendete Literatur:

Mgr Joseph Doré, Mgr André Vingt-Trois et Collectif: Notre-Dame de Paris. Paris 2012

Alain Erlande-Brandenbourg, Notre Dame de Paris. In: Pierre Nora (Hrsg), Lieux de mémoire, Bd. III

Éternelle Notre-Dame. Le Parisien. Hors-Série. April 2019

Le Figaro hors série: 1163-2013. Notre-Dame. Une histoire de France. 2013

Victor Hugo: Notre Dame de Paris 1482. Neuausgabe Paris: Éditions Gallimard 2009  Deutsche Ausgabe: Der Glöckner von Notre-Dame. Insel-Taschenbuch,  Berlin 2010

Notre-Dame, notre histoire. Édition spéciale von Le Monde, 17.4. 2019

Potin, Yann, Comment Notre-Dame est devenue un monument national. Interview mit Julia Bellot und Olivier Thomas. In: L’Histoire vom 19. April 2019  https://www.lhistoire.fr/entretien/comment-notre-dame-est-devenue-un-monument-national

Schwarz, Fernand: Symbolique des Cathedrales. Les Éditions du Palais 2012

Sohn,  Andreas: Von der Residenz zur Hauptstadt. Paris im hohen Mittelalter. Ostfildern 2012

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“
  • Die Schokoladenfabrik Menier in Noisiel an der Marne: repräsentative Fabrikarchitektur und patriarchalischer Kapitalismus im 19. Jahrhundert
  • Die Villen der Meniers in Paris und das Familiengrab auf dem Père Lachaise 
  • „Les enfants de Paris“: Pariser Erinnerungstafeln/plaques commémoratives zur Zeit 1939-1945

Notre – Dame, wie es war und hoffentlich bald wieder sein wird

Die schrecklichen Bilder der brennenden Kathedrale Notre- Dame haben wir nur im Fernsehen gesehen, aber sie gehen uns sehr nahe – so wie 9/11 die Bilder der brennenden Türme in New York.  Von unserer kleinen Terrasse im 11. Arrondissement aus kann man die Glockentürme der Kirche und  konnten wir auch den spitzen Dachreiter sehen, der jetzt eingestürzt ist.  Seit ich  als Schüler (per Anhalter) zum ersten Mal in Paris war und bis heute ist Notre Dame für mich immer ein magischer Ort gewesen.

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Ein Blick -wie es war-  von unserer Terrasse: rechts die Türme von Notre -Dame, in der Mitte der jetzt umgestürzte Dachreiter Viollet-le-Ducs aus dem 19. Jahrhundert, dazwischen und dahinter ein Turm von Saint Sulpice. Links die Kuppel von Saint Paul. 

Nachfolgend sind einige Bilder zusammengestellt, in wir in den letzten Jahren aufgenommen haben: Bilder als Ausdruck der Trauer und der Hoffnung, dass Notre Dame -trotz aller unwiederbringlicher Verluste-  sich möglichst bald wieder im alten Glanz zeigen wird.

(Eingestellt in der Nacht vom 15./16. April)
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Die Fassade von Notre- Dame im Glanz der Abendsonne

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Weihnachtsbäume vor Notre- Dame

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Son et Lumière

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Während der Französischen Revolution abgeschlagene Köpfe der Königsgalerie.  Die dortigen Statuen wurden irrtümlich für französische Könige gehalten und deshalb geköpft und als Baumaterial verkauft. 1977 wurden bei Bauarbeiten 21 Königsköpfe entdeckt. Sie sind heute im Musée Cluny ausgestellt.

Die Darstellung des jüngsten Gerichts vom Mittelportal der Kathedrale

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Die apokalyptischen Reiter kündigen sehr drastisch das nahende Weltende an.  Hier der Krieg mit Schwert und verbundenen Augen, der einen Toten mit heraushängenden Därmen mit sich schleppt.

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Die Seelen werden gewogen

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Das Jüngste Gericht verschont weder Adel noch das geldgierige Bürgertum. Und auch nicht die sündigen Kleriker.

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Eva (vom linken Hauptportal)  bemerkt nicht die Kralle und den Schlangen-Unterleib der Verführerin

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Dieses Teufelchen lieben wir besonders. Wenn wir im Abendlicht mit den Fahrrädern an Notre Dame vorbei fahren, betrachten wir es immer mit großer Freude.

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Prozession der peruanischen Gemeinde am Hauptportal

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Fensterrose des südlichen Querschiffs

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Haben die hier weitgehend noch original erhaltenen wunderbaren Glasfenster den Brand überlebt?

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Reliefs vom Nordportal

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2013 wurde das 850-jährige Jubiläum der Kirche gefeiert. Das Motto war ein Satz des Augustinus: Via viatores quaerit.  Ich bin der Weg, der Menschen sucht, die ihn beschreiten.

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Blick ins Mittelschiff und den Chor. Wenn man genau hinsieht, kann man erkennen, dass der Chor leicht nach links abknickt. Von dem rechten oberen Chorfenster ist deshalb, steht man genau in der Mitte der Kirche, mehr zu sehen als vom linken Chorfenster.  Notre- Dame ist also gewissermaßen eine „cathédrale tordue“.  Vielleicht sollte  damit der geneigte Kopf des sterbenden Christus am Kreuz symbolisiert werden. Aus der Luft gegriffen ist diese Erklärung jedenfalls  nicht. Immerhin gibt es ein  Traktat von Pierre de Roissy aus dem Jahr 1200 über die Form von Kirchen, in dem betont wird, Christus habe „seine Seele ausgehaucht, indem er seinen Kopf geneigt habe“.

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Das Blau ist die Farbe Marias, der die Kirche geweiht ist.

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Marienfigur in der Vierung, in der Querhaus und Mittelschiff sich kreuzen. Sie gab den Anstoß für die Hinwendung Paul Claudels zum Katholizismus.

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Konzert der Maîtrise Notre- Dame de Paris mit gregorianischer Musik

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Ausstellung der neuen Glocken im Mittelschiff von Notre -Dame  (2013)

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Und jetzt wieder am angestammten Platz im Nordturm

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Szenen der biblischen Geschichte im Chorumgang

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Alle diese wilden Kerle, „die katholischen Samurai“ (Peter Handtke),   die dem Bösen wehren sollen, konnten den Brand nicht verhindern.

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Blick vom Pont de Sully bei Sonnenuntergang

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                            Samstags gab es immer kostenlose Orgelkonzerte in Notre -Dame.                            Wann wird es sie wieder geben?

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Die 2012/2014 restaurierte Cavaillé-Coll- Hauptorgel auf der Westempore. Ob sie beschädigt wurde, ist noch unklar.

 

Nachfolgender Beitrag:

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre- Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs    https://wordpress.com/post/paris-blog.org/12149

 

 

La Maison de la Mutualité à Paris / Das Haus der Mutualité in Paris (2): Der Erste Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur von 1935

Im September 2018 erschien auf diesem Blog ein Beitrag über das Haus der Mutualité in Paris mit dem Untertitel „das Ende eines Mythos“  (https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10658 ). Einige Aspekte des mythischen Charakters der Mutualité wurden dort angesprochen, noch nicht allerdings der  Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur von 1935, der ebenfalls zu den großen Stunden der Mutualité gehört. Auf ihn soll im Folgenden etwas näher eingegangen  werden.

Vom 21. bis zum 25. Juni 1935 versammelten  sich im Haus der Mutualité mehr als 230 Schriftsteller aus 38 Ländern, die dem Aufruf zu dem Treffen gefolgt waren:

„Angesichts der Gefahren, die in einer Anzahl von Ländern die Kultur bedrohen, haben einige Schriftsteller die Initiative zur Einberufung eines Kongresses ergriffen, um die Mittel zu ihrer Verteidigung zu prüfen und zu diskutieren.“[1]

Heinrich Mann, der damals als politischer Flüchtling in Nizza wohnte, erhielt den Aufruf von dem Schriftsteller Johannes R. Becher, einem der Organisatoren des  Kongresses, und leitete ihn an seinen Neffen Klaus Mann weiter mit den Worten:

„Unterschrieben haben z.B. (…)  Aragon, Barbusse, Bloch. ´(…) Gide, Giono, Guéhenno, Malraux, Margueritte, Rolland (…) eigentlich alle“. (Brief vom 13. April 1935)

 Unter den ausländischen Teilnehmern des Kongresses  (u.a. Aldous Huxley,  Boris Pasternak, , Waldo Frank,  E.M. Forster) waren  russische Autoren besonders zahlreich  vertreten. An  der Spitze der  vom Zentralkomitee der KPdSU handverlesenen russischen Delegation stand Ilja Ehrenburg.  Der Delegation gehörten allerdings auf Initiative der Organisatoren des Kongresses auch Boris  Pasternak und Isaac Babel an, deren Beiträge besonders gefeiert wurden.

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Henri Barbusse, Alexej Tolstoi und Boris Pasternak

Zu den Ländern, in denen damals die Kultur bedroht war, gehörte natürlich vor allem das nationalsozialistische Deutschland, dessen literarische Elite zum größten Teil nach der „Machtergreifung“ Hitlers das Land verlassen und im Ausland Zuflucht gesucht hatte.[2]  Mit den Bücherverbrennungen hatten die Nazis ja ihren Kampf gegen die Kultur spektakulär in Szene gesetzt. Insofern ist es nur allzu verständlich, dass unter den teilnehmenden Schriftstellern auch zahlreiche prominente deutsche/deutschsprachige  Exilanten waren wie Anna Seghers, Heinrich und Klaus Mann, Robert Musil, Bertolt Brecht, Ernst Bloch, Max Brod,  Ernst Toller, Alfred Kerr und Lion Feuchtwanger, die mit ihren Beiträgen die Konferenz wesentlich mitprägten. Mit ihrer Teilnahme demonstrierten diese Schriftsteller, dass das humanistische Erbe Deutschland mit dem Nationalsozialismus nicht gänzlich untergegangen war.  Und die Berufung auf dieses Erbe diente auch der Legitimation des Widerstands in einer Zeit, in der die Hoffnungen auf einen schnellen Zusammenbruch des „Dritten Reichs“ verflogen waren und in der es im gleichgeschalteten Gestapo-Deutschland keine antinazistische Volksbewegung gab (und geben konnte), auf die man sich hätte beziehen können.[3] Ein besonderes Anliegen der deutschsprachigen Autoren war es selbstverständlich, das Forum des Kongresses zu nutzen, um die europäische Öffentlichkeit auf den Charakter und die Gefahren des Faschismus aufmerksam zu machen. Das Bedürfnis, gegen das Dritte Reich Stellung zu beziehen, bewog auch Robert Musil zur Teilnahme, auch wenn er sich selbst –und seine Rede auf dem Kongress- als unpolitisch bezeichnete.

Getagt wurde zweimal täglich, jeweils nachmittags und abends. Bei der Eröffnungsveranstaltung war der große Saal der Maison de la Mutualité trotz hoher Eintrittspreise voll besetzt. 3000 Zuschauer hatten im Saal und auf den Tribünen Platz gefunden. Für diejenigen, die keine Karten erhalten hatten, wurden vor dem Gebäude Lautsprecher aufgestellt, die die Reden nach draußen übertrugen.

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Die Fotografie vom Eröffnungsabend stammt von der Berliner Fotografin Gisèle Freund, die 1933 nach Frankreich emigriert war. Auf Einladung des Schriftstellers und Mitveranstalters André Malraux  dokumentierte sie den fünftägigen Kongress und fertigte dabei auch zahlreiche Porträts  prominenter Teilnehmer an.[4]

Das politische Umfeld, in dem der Kongress stattfand und möglich wurde, war die in den  1930-er Jahren  vollzogene Veränderung der politischen Linie der Komintern (Kommunistische Internationale). Hatte die bisher in den Sozialisten (und nicht in den Nazis) den Hauptfeind gesehen (Sozialfaschismus-Theorie), so ging es nun angesichts des immer bedrohlicheren Faschismus darum, eine antifaschistische Einheitsfront gegen den potentiellen Hauptfeind Nazideutschland herzustellen. Frankreich kam in diesem Zusammenhang eine Schlüsselfunktion zu, denn die blutigen Unruhen in Paris vom 9. Februar 1934 wurden von vielen Seiten als faschistischer Umsturzversuch wahrgenommen.  So kam es zu einer allmählichen Veränderung des Verhältnisses von Sozialisten und Kommunisten, die dann 1936 zur Regierung des front populaire unter Léon Blum führte.  Auch außenpolitisch vollzog sich ein Wandel: Am 2. Mai 1935 schlossen die UdSSR und Frankreich einen „Vertrag über den gegenseitigen Beistand“. Beide vertragsschießenden Seiten gingen davon aus, dass ihr politisches Bündnis ein Gegengewicht zum nationalsozialistischen Deutschland und seinen Expansionsplänen in Europa schaffen würde. Der Vertrag sah gegenseitigen Beistand für den Fall vor, dass eine von ihnen zum Objekt der Aggression seitens eines dritten Staates werden würde.[5]

Die Tagesordnung des Kongresses ist Ausdruck der Bemühung, ein breites Bündnis gegen die Gefahren des Faschismus zu formen. Sieben Themenkreise waren von den Veranstaltern vorgesehen: das kulturelle Erbe, die Rolle des Schriftstellers in der Gesellschaft, das Individuum, der Humanismus, Nation und Kultur, die Würde des Denkens und natürlich das umfassende Thema der Verteidigung der Kultur.[6]

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Demonstration am Rand des Kongresses zum „Kulturerbe“

Golo Mann, der damals als Lektor an der École normale supérieure in Saint-Cloud bei Paris arbeitete und den Kongress beobachtete, stellte bissig fest,  während des Kongresses sei nicht  mehr von Klassenkampf die Rede gewesen, sondern „nur noch vom Kampf aller frei, fortschrittlich und humanistisch Gesinnten  gegen die Barbarei des Faschismus“.[7]

Die kommunistisch orientierten Autoren waren vor allem bestrebt,  die Sowjetunion als Sachwalterin der Kultur und  Bollwerk gegen den Faschismus herauszustellen. Dabei wurden  sie unterstützt von bürgerlichen Autoren, die im Rahmen der Volksfront-Politik das Bündnis mit der Sowjetunion als unverzichtbaren Bestandteil des Kampfs gegen den Faschismus betrachteten. So Romain Rolland, der sich damals gerade auf dem Weg in die Sowjetunion, „das Land, in dem die neue Welt geschaffen  wird“,  befand und von dort aus brüderliche Grüße an den Kongress richtete.[8]

Besonders gefeiert wurde auf dem  Kongress Heinrich Mann, der seit seinem Roman „Der Untertan“ als Repräsentant des „anderen Deutschland“ galt. In den letzten Jahren der Weimarer Republik war er  Präsident der Abteilung Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste, ein Amt, aus das ihn die Nazis nach der „Machtübernahme“ umgehend entfernten.  Und natürlich gehörte er auch zu den Autoren, deren Bücher am 10. Mai 1933  verbrannt wurden und denen die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt wurde. Ein Bündnis der Arbeiterparteien gegen den  Faschismus hatte Heinrich Mann schon früh gefordert, als dies noch im völligen Widerspruch zur Linie von KPD und KPdSU stand. Und Heinrich Mann, der die Welt mit den  Augen eines Literaten und Idealisten sah, war auch durchaus geneigt, die Oktoberrevolution als konsequente Fortsetzung der Französischen Revolution zu sehen und die Entwicklung der Sowjetunion entsprechend wahrzunehmen und zu beurteilen.

Insofern war es nur konsequent, dass ihm auf dem Kongress eine besondere  Rolle zukam: Er hatte die Ehre, eine der Sitzungen zu leiten, und als er für seinen  Redebeitrag das Podium betrat, erhoben sich die Anwesenden von ihren Plätzen und applaudierten. In einem „Geist gegen Macht“ überschriebenen Artikel über den Kongress schrieben E.E. Kisch und Bodo Uhse 1936:

„Mit einer deutschen Verbeugung nimmt Heinrich Mann eine Demonstration der Solidarität entgegen, die nicht nur ihm, nicht nur den in der Emigration kämpfenden deutschen Schriftstellern gilt, sondern dem wahren Deutschland.“ [9]

In seiner Rede stellte Heinrich Mann den aktuellen Kampf um die „Verteidigung der Kultur“ in die Tradition der abendländischen Geistesgeschichte von Humanismus und Aufklärung. Er forderte –typisch für sein Denken- das politische Engagement von Intellektuellen, die Dummköpfen nicht die Macht über die Völker überlassen dürften. Und er machte den Versammelten Mut: „Unbesiegbar war noch keine Barbarei“:  Eine Rede also, die den an den Kongress gestellten Ansprüchen in vollem Maße entsprach – auch wenn die drei genannten Vorbilder –Clemenceau, Lenin (und nicht Stalin! W.J.) und Masaryk wohl nicht ganz nach dem Geschmack stalinistischer Hardliner waren.[10]

Einige Auszüge aus dieser Rede:

Es ist recht merkwürdig, dass im Jahre 1935 eine Schriftsteller-Versammlung nach der Freiheit des Denkens verlangt: denn schließlich, das geht hier vor. Im Jahre 1535 wäre es neu gewesen. Die Eroberung des individuellen Denkens, damit fängt die moderne Welt an, – die jetzt der Auflösung nahe scheint. Dadurch wird alles wieder in Frage gestellt, sogar was ganze Jahrhunderte lang erledigt gewesen war. Die Gewissensfreiheit, so viele Geschlechter haben um sie gekämpft, und jetzt ist sie nicht mehr sicher. Das Denken selbst ist gefährdet, und doch ist der Gedanke der Schöpfer der Welt, in der wir noch leben. (…)

Wir dürfen nicht warten, bis dies Unglück vollständig wird und sich ausdehnt über noch mehr Länder der westlichen Gesittung. Zu verteidigen haben wir eine ruhmreiche Vergangenheit und was sie uns vererbt hat, die Freiheit zu denken und nach Erkenntnissen zu handeln. Wir haben strahlenden Beispielen zu folgen. Wir sind die Fortsetzer und Verteidiger einer großen Überlieferung. (…)

Die Pflicht aber verlangt von den Intellektuellen, dass sie sich widersetzen mit allen Kräften, wenn Dummköpfe sich aufwerfen zu Weltbeherrschern und zu Zensoren. Dumme geht das Denken nichts an, das Handeln übrigens ebenso wenig. Gehandelt soll werden, nicht von Kommissbrüdern, denen Fabrikanten die Macht verleihen, sondern von Männern der allerhöchsten Erkenntnis und einer unvergleichlichen Geistesmacht. Nur der Geist sichert die nötige Autorität, um Menschen zu führen: gemeint ist ein Geist der Erkenntnis und Festigkeit. Unter anderen Umständen als den heutigen müsste das nicht erst gesagt werden: Intellektuelle haben oft genug öffentlich gehandelt. Intellektuelle haben die Geschicke eines Landes gelenkt, und die Geschicke aller Länder mit beeinflusst. Es genügt, Namen zu denken wie Georges Clemenceau, Lenin, Thomas Masaryk.(…)

Man lasse sich nicht beirren: unbesiegbar war noch keine Barbarei. Die Dummheit erhebt den Anspruch, die Welt zu beherrschen? Darauf gibt es die Antwort, die Flaubert erteilt hat: das Beste wäre, eine Akademie von Wissenden regierte den ganzen Planeten. Mit Höchstforderungen muss die Intelligenz auftreten gegen Feinde, die von ihr, nur von ihr das Schlimmste zu fürchten haben.[11]

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Heinrich Mann und André Gide, deren  Verhältnis allerdings von deutlicher Distanz geprägt war 

Eine bemerkenswerte Rede hielt auf dem Kongress auch Anna Seghers. Sie hatte wie Heinrich Mann schon 1933 Deutschland verlassen und gehörte zu den von den Nazis verfemten Schriftstellern, deren Bücher verbrannt und „ausgemerzt“ wurden. Anna Seghers versuchte, in ihrem französischen Exil mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern ein einigermaßen „normales“ Familienleben zu führen. Aber als engagierter Kommunistin war es für sie selbstverständlich, nicht „in ein nur privates Dasein“ zu fliehen und damit „dem Gegner das Feld“ zu räumen.[12] Die Zeit des französischen Exils war denn auch nicht nur ihre künstlerisch produktivste Zeit, vor allem mit den bedeutenden Romanen „Das siebte Kreuz“ und „Transit“, sondern auch eine Zeit intensiver politischer Aktivität: Wie sie selbst einmal schrieb, gab es keine antifaschistische Aktion, an der sie nicht teilgenommen hätte.[13]

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Anna Seghers und Gustav Regler 1935

Thema ihrer Rede auf dem Schriftstellerkongress war die „Vaterlandsliebe“ – für im Exil lebende Menschen immer ein zentrales Thema, wie das ja schon bei Heinrich Heine zu beobachten ist. Für deutsche Antifaschisten, die vor den Nazis geflohen war, hatte das Thema eine besondere Bedeutung. Sie lebten gezwungenermaßen fern ihrer Heimat und wurden sich deshalb umso mehr bewusst, was diese für sie bedeutete und was sie mit ihr verloren hatten.  Und der Begriff des „Vaterlands“ wurde im Dritten Reich ja in chauvinistischer Weise missbraucht und propagiert wurde, was nicht unwidersprochen bleiben sollte.  Für Kommunisten hatte das Thema eine ganz spezifische Brisanz, weil für sie erst mit dem Schwenk zur Volksfront-Politik eine Rehabilitierung von Begriffen wie Heimat und Vaterland möglich wurde. Klaus Mann veranlasste das damals zu der bissigen Bemerkung, auf Treffen der französischen Kommunisten würde  nicht mehr nur voller Inbrunst die Internationale gesungen, sondern jetzt auch die Marseillaise. Insofern entsprach Anna Seghers‘ Redethema der neuen Parteilinie, wobei  man ihr allerdings zu Gute halten muss, dass sie sich schon seit 1933 für eine Einigung aller antifaschistischen Kräfte engagierte und dass es nicht des Segens der Komintern bedurfte, damit sie die Liebe zu ihrer Heimat entdeckte.

Seghers betont am Beginn ihrer Rede, dass im Namen des „Vaterlandes“ viel Blut vergossen und Leid verursacht worden sei. Einige Schriftsteller bezeichneten den Begriff als „den gültigsten aller immanenten Werte, den gültigsten aller Stoffe.“ Andere, und damit sind doch wohl ihre Parteifreunde aus der Zeit vor der Volksfront-Wende gemeint,  entlarvten ihn „als Betrug oder als eine Fiktion.“ Aber „auf jeden Irrtum in der Einschätzung der nationalen Frage reagieren die Massen unerbittlich“  Denn auch wenn der Vaterlandsbegriff „im Bewusstsein der heutigen Menschen“ längst entlarvt schien: Er regenerierte sich trotzdem täglich und minütlich aus dem Sein heraus. Jeder Zuruf in der Muttersprache, jeder Erdkrümel zwischen den Fingern, jeder Handgriff an der Maschine, jeder Waldgeruch bestätigte ihnen von neuem die Realität ihrer Gemeinschaft.“ Und da denkt man unwillkürlich daran,  wie Anna Seghers in einer Tagebucheintragung vom Juni 1933 beschreibt, wie sie ihre Kinder an der Grenze abholt: „Das mehrfarbige, karierte Kleid der Kleinen, der Geruch ihrer Haare machen mich verrückt vor Heimweh“ Und als sie die Taschen des kleinen Pierre leeren entdecken sie: „ein paar trockene Grashalme, ein Pfennig, eine Fahrkarte, ein Tannenzapfen: ein  halbes Deutschland.“[14]

Anna Seghers setzt dem dumpfen nationalsozialistischen Begriff des Vaterlands ein emanzipatorisches Verständnis von Vaterland entgegen. Sie erläutert anhand des Blicks eines durch Deutschland reisenden Schriftstellers  auf  „die grandiose, höllische, schwefelgelbe Leuna-Fabriklandschaft, die Herzpumpe seines Vaterlandes.“  Da könne man stolz sein auf das, was die Arbeiter dort aufgebaut hätten,  auf ihre sozialen Kämpfe und Errungenschaften, „auf die Zukunft von Leuna“  (Wie tragisch diese Zukunft dann sein würde, konnte Seghers ja nicht ahnen).  „Wer in unseren Fabriken gearbeitet, auf unseren Straßen demonstriert, in unserer Sprache gekämpft hat, der wäre kein Mensch, wenn er sein Land nicht liebte.“

Es passt zu einem Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur, dass Anna Seghers sich bei ihrer Suche nach einem emanzipatorischen Vaterlandsbegriff auch auf das deutsche kulturelle Erbe  bezieht und auf Schriftsteller wie Hölderlin, Büchner, Günderrode, Kleist, Lenz und Bürger verweist: „Diese deutschen Dichter schrieben Hymnen auf ihr Land, an dessen gesellschaftlicher Mauer sie ihre Stirnen wund rieben. Sie liebten gleichwohl ihr Land.“  Und so leiden, kann man ergänzen, auch die aus dem Dritten Reich geflohenen Schriftsteller an den  Zuständen in ihrer Heimat, so sind auch sie, wie 100 Jahre zuvor Heinrich Heine, aus dem Schlaf gebracht, wenn sie an Deutschland denken. Aber wie er lieben auch sie ihre Heimat, ihr verlorenes Vaterland,  und es ist Anna Seghers, die „Das siebte Kreuz“ mit einem wunderbaren Hymnus auf ihre Heimat beginnt. (15) Die Heimat, das Vaterland,  soll nicht den Nazis überlassen werden. So lautet denn auch der Schlussappell Anna Seghers: „Entziehen wir die wirklichen nationalen Kulturgüter  ihren vorgeblichen Sachwaltern. Helfen wir Schriftsteller am Aufbau  neuer Vaterländer!“  Und für die exilierten deutschen Schriftsteller bedeutete das, dem „anderen Deutschland“ Konturen zu verleihen, das zu repräsentieren sie mit Recht beanspruchten.

Für uns heute, das soll doch noch angefügt werden, haben Anna Seghers Überlegungen  zu Vaterland und Heimat angesichts von Globalisierung und weltweiten Migrationsbewegungen wieder besondere Aktualität gewonnen. Die Fragen, ob es (noch) eine spezifische deutsche Kultur gibt, was „Heimat“ für die Menschen heute bedeutet und welche Konsequenzen das für die Politik hat bzw. (nicht) haben sollte,   ob es  einen Patriotismus geben kann/darf,  der über einen ( m.E. eher kopflastigen und kaum Identität- stiftenden) „Verfassungspatriotismus“ hinausgeht, ob man nicht nur Scham empfinden muss über die unermesslichen Verbrechen, die im deutschen Namen begangen wurden, sondern auch stolz sein darf auf das große kulturelle Erbe unseres Landes: alle diese  Fragen sind mehr  denn ja aktuell- und dies gilt  damit auch für Anna Seghers Rede zur „Vaterlandsliebe“. Und aktuell ist ja sicherlich auch Anna Seghers Einsicht, dass man Begriffe wie „Vaterland“ und „Heimat“ nicht den Rechtsradikalen überlassen  darf.

Während die beiden Reden Heinrich Manns und Anna Seghers sich in das von den Veranstaltern des Schriftstellerkongresses vertretene Konzept einer übergreifenden antifaschistischen Einheitsfront einordneten, gab es auf dem Kongress aber durchaus auch kritische Töne, und zwar von rechts wie von links. So verteidigte Julien Benda im Blick auf die Sowjetunion die Unabhängigkeit des Schriftstellers, der italienische Historiker Gaetano Salvemini kritisierte die Angriffe auf die Freiheitsrechte im stalinistischen Russland und Madeleine Paz brachte den Fall des Schriftstellers Victor Serge zur Sprache, der wegen seiner trotzkistischen Ideen nach Sibirien verbannt wurde.[16] Auf der anderen Seite kritisierte Andé Breton den russisch-französischen Beistandspakt als eine Konzession an die bürgerliche Ordnung und Bertolt Brecht stellte der humanistischen Konzeption des Kongresses die marxistische Klassenfrage entgegen:

„Viele von uns Schriftstellern haben die Wurzel der Rohheit, die sie entsetzt, noch nicht entdeckt. Es besteht immerfort bei ihnen die Gefahr, dass sie die Grausamkeiten des Faschismus als unnötige Grausamkeiten betrachten. Sie halten an den Eigentumsverhältnissen fest, weil sie glauben, dass zu ihrer Verteidigung die Grausamkeiten des Faschismus nicht nötig sind. Aber zur Aufrechterhaltung der herrschenden Eigentumsverhältnisse sind diese Grausamkeiten nötig.“[17]

Bei allen politischen und literarischen Unterschieden, bei allen Diskrepanzen zwischen so vielen eigenwilligen Individuen wurde der Kongress aber doch „von einer großen Gemeinsamkeit“ getragen, wie Fritz J. Raddatz in der ZEIT schrieb.  „Es war ein Aufgebot des Protestes, aber auch der Hoffnung – heute schon Legende, damals geisteshistorisches Ereignis.“[18]

Congrès de 1935 Andre Gide

Auf der Rednertribüne André Malraux, rechts von Ihm André Gide. An der Wand das Portrait von Maxim Gorki

Herrmann Kesten, ein in den 1920-er Jahren und im französischen Exil der 1930-er Jahren äußerst einflussreicher Literat und Lektor, schrieb im Rückblick, er habe nicht an dem Kongress teilgenommen, der von Kommunisten „inszeniert, finanziert, dirigiert“ worden sei. Er sei nicht blind genug gewesen, „um gegen die Diktatur von Hitler, Mussolini, Salazar aufzutreten, die Greuel im Dritten Reich anzuklagen, und gleichzeitig die Augen vor den Greueln der Diktatur in Sowjetrussland zu schließen.“ Aber er sei doch zu den öffentlichen Sitzungen des Kongresses gegangen und habe nicht mit seinen vielen Freunden gerechtet, weder öffentlich noch privat, die sich dort engagiert hätten, „nicht einmal in meinem Herzen“.[19]

Aldous Huxley, einer der Kongressteilnehmer,  beklagte sich, zurück in England,  über fünf Tage „endloser kommunistischer Demagogie“: the thing simply turned out to be a series of public meetings organised by the French communist writers for their own glorification and the Russians as a piece of Soviet propaganda. Amusing to observe, as a rather discreditable episode in the Comedie Humaine‘.[20]

Hier wird deutlich, woran der Versuch, eine gemeinsame antifaschistische Bewegung herzustellen, schließlich scheiterte und warum der Kongress, wie Karola Bloch, die Ehefrau von Ernst Bloch,  bedauerte, „so wenige politische Auswirkungen“ hatte.  Es war die Haltung zur Sowjetunion angesichts der stalinistischen Schauprozesse. Der Bruch, der dadurch zwischen den antifaschistischen Intellektuellen entstand,[21]  wurde bald nach dem Kongress besonders deutlich an den Büchern von André Gide und Lion Feuchtwanger über ihre Reisen in die Sowjetunion: André Gide, Retour de l’URSS (1936) und Lion Feuchtwanger, Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde (1937).

André Gide hatte als Hauptredner und Ehrenvorsitzender des Kongresses zur Verteidigung der Kultur festgestellt, nichts sei „unwahrer als die Behauptung, dass die Sowjetunion uniformiere“ und ein Jahr später erklärte er bei der Totenfeier für Maxim Gorkij an der Seite Stalins auf dem Roten Platz in Moskau:  „Das Schicksal der Kultur ist in unseren Sinnen geknüpft an das Schicksal der UdSSR selbst. Wir werden sie verteidigen“. Gide kam nach seinen eigenen Worten „als überzeugter und begeisterter Anhänger nach Russland, willens und bereit, eine neue Weltordnung zu bewundern.“[22] Gerade deshalb erregte seine Kritik an den Zuständen im stalinistischen Russland großes Aufsehen und kostete nach der Schätzung Lion Feuchtwangers die Sowjetunion zwei Drittel ihrer Anhänger im Westen.[33] Feuchtwanger sah aber in Stalin einen unverzichtbaren Verbündeten im Kampf gegen Hitler. So ging es ihm in seinem Bericht über die Reise in die Sowjetunion auch darum, „das von Desillusionierung gezeichnete Bild, mit dem André Gide aus der Sowjetunion zurückgekehrt war, zu widerlegen.“ So wurde Feuchtwanger zum Propagandisten Stalins und -wie auch Heinrich Mann- zum Verteidiger der Moskauer Prozesse.[24]

Der Pariser Kongress zur Verteidigung der Kultur von 1935 ist eine wichtige Etappe auf dem Weg zur französischen Volksfront, der Frankreich  grundlegende Reformen zu verdanken hat. Auch der Versuch des Zusammenschlusses der deutschen Opposition gegen Hitler in einer deutschen Volksfront (der Lutetia-Kreis) baut auf den Erfahrungen des Kongresses von 1935 auf. Allerdings markieren der Kongress zur Verteidigung der Kultur und die Volksfront-Bündnisse  auch den kurzfristigen Höhepunkt einer großen Illusion, die schon bald danach zerbrach: Der Illusion einer möglichen dauerhaften Allianz zwischen den der Freiheit verpflichteten  linken Intellektuellen der westlichen Demokratien und der stalinistischen Sowjetunion und ihren Gefolgsleuten. Aus historischer Perspektive  bleibt dennoch auch  festzuhalten, dass der Schriftstellerkongress von 1935  „ein historischer Vorläufer des großen militärischen Bündnisses gegen den Krieg der Nazis“ war- auch wenn Stalin 1939 erst einmal gemeinsame Sache mit Hitler machte und das  Bündnis mit den westlichen Demokratien erst von dem Eroberungs- und Vernichtungskrieg Hitlers gegen die Sowjetunion erzwungen wurde. Und anders als 1935 und 1936 konnte es, als dieses Bündnis eingegangen wurde, nicht mehr den geringsten Zweifel an dem verbrecherischen und imperialistischen Charakter der stalinistischen Sowjetunion geben….  [25]

 

 

Anmerkungen

[1] https://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Themen/schriftstellerkongress.html

[2] Siehe dazu den Blog-Beitrag über das Exil deutscher Schriftsteller in Frankreich: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/592

[3] Siehe: Paris 1935. Erster Internationaler Schriftstellerkongreß zur Verteidigung der Kultur. Reden und Dokumente. Mit Materialien der Londoner Schriftstellerkonferenz 1936. Einleitung und Anhang von Wolfgang Klein, Berlin (Ost): Akademie-Verlag 1982

und –mit informativen Einführungen: Sandra Teroni, Wolfgang Klein (Hrsg): Pour la défense de la culture: Les textes du Congrès international des écrivains Paris juin 1935. Dijon 2005

Wie bedeutsam die Beziehung auf das kulturelle Erbe für den deutschen Widerstand war, zeigen besonders anschaulich die Flugblätter der Weißen Rose.  (Berufung auf Goethe und Schiller, auf Lao-tse, Cicero, Aristoteles, Novalis und das Alte Testament).

[4] http://www.gisele-freund.com/international-congress-for-the-defense-of-culture-hall-of-the-mutualite-paris-21th-of-june-1935/  Neben Gisèle Freund war es nur noch David Seymour, genannt Chim, der Aufnahmen von dem Kongress und seinen Teilnehmer/innen machte.

[5] https://www.1000dokumente.de/pdf/dok_0020_fra_de.pdf

[6] © David Seymour/Magnum Photos. Siehe  auch: https://www.icp.org/browse/archive/objects/demonstration-at-the-international-congress-for-the-defense-of-culture-paris

[7] Golo Mann, Erinnerungen und Gedanken. Lehrjahre in Frankreich. FFM 1999, S. 93

[8] http://www.albin-michel.fr/ouvrages/voyage-a-moscou-juin-juillet-1935-cahier-ndeg-29-9782226058607

[9] Zitiert in  Paris 1935, S. 462

[10] Golo Mann, Erinnerungen und Gedanken. Lehrjahre in Frankreich. FFM 1999, S. 91/92

[11] Abdruck der Rede bei Klein, Paris 1935 und in: https://das-blaettchen.de/2015/07/reden-auf-dem-schriftstellerkongress-zur-verteidigung-der-kultur-in-paris-1935-33406.html

[12] Zum französischen Exil von Anna Seghers siehe den Blog-Beitrag „Dadurch,  dass ich zum Glück die Kinder habe, ist alles doppelt schwer“   https://wordpress.com/post/paris-blog.org/11274 

Abdruck der Rede bei Klein, Paris 1935

Die Zitate stammen aus dem Vorwort zum ersten Heft der 1933  unter Mitwirkung von Anna Seghers in Prag erschienenen Exilzeitschrift „Neue Deutsche Blätter“.

[13] Siehe Christiane Zehl Romero, Anna Seghers, Eine Biographie 1900-1947.. Berlin 2000, S. 271

Bildquelle: http://www.gisele-freund.com/international-congress-for-the-defense-of-culture-hall-of-the-mutualite-paris-21th-of-june-1935/

[14] Anna Seghers, sechs Tage, sechs Jahre. Tagebuchseiten. In ndl vom 9. September 1984

(15) Siehe dazu. Birgit ohsen, „Heimat“ im Exilwerk von Anna Seghers. Berlin 2017

[16] Siehe: https://journals.openedition.org/monderusse/6620

[17] http://www.deutschlandfunk.de/fuer-die-freiheit.871.de.html?dram:article_id=127007

[18] Fritz J. Raddatz,  Fast vergessene Dokumente: Der Schriftstellerkongreß zur Verteidigung der Kultur in Paris 1935. In: DIE ZEIT 17/1985 vom 19. April 1985

Das nachfolgende Bild aus: http://e-gide.blogspot.com/2008/10/au-congrs-de-1935.html

©David Seymour/Magnum Photos

[19] Herrmann Kesten, Dichter im Café. Ullstein Taschenbuch 1983, S. 72

[20] https://www.theguardian.com/observer/comment/story/0,6903,1361235,00.html

[21] Michel Aucouturier in seiner Rezension von Teroni/Klein, Pour la défense  de la culture. https://journals.openedition.org/monderusse/6620

[22] Hans Christoph Buch, Wer betrügt, betrügt sich selbst. Die Zeit, 3.4.1992.

https://www.zeit.de/1992/15/wer-betruegt-betruegt-sich-selbst/seite-2

[23]https://www.tagesspiegel.de/kultur/lion-feuchtwanger-in-moskau-stalin-mon-amour/21014434.html

[24] Siehe dazu: Anne Hartmann, Ich kam, ich sah, ich werde schreiben. Lion Feuchtwanger in Moskau 1937. Eine Dokumentation. Göttingen 2017,  Rezension: https://www.deutschlandfunk.de/buch-ueber-feuchtwangers-russland-reise-ueberfordert-in.700.de.html?dram:article_id=417615

[25] Eberhard Spreng im Deutschlandradio Kultur vom 21.6.2010 https://www.deutschlandfunkkultur.de/fuer-die-freiheit.932.de.html?dram:article_id=130845

 

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu deutschsprachigen Schriftstellern in Paris/im französischen Exil:

  • „Dadurch,  dass ich zum Glück die Kinder habe, ist alles doppelt schwer.“ Anna Seghers im Pariser Exil 1933-1940

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/11274

  • Das Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise in Paris: Eine Hommage an den Vorkämpfer der deutsch- französischen Verständigung

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10585

  • Mit Heinrich Heine in Paris

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8231

  • Exil in Frankreich: Sanary, Les Milles und Marseille

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/592

  • Der Cimetière de Picpus: Ein deutsch-französischer und amerikanischer Erinnerungsort  (Stefan Zweig, Rainer Maria Rilke)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/1828

  • Das Hotel Lutetia (2): Geschichten und Geschichte

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/11540

 

 

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“
  • Die Schokoladenfabrik Menier in Noisiel an der Marne: repräsentative Fabrikarchitektur und patriarchalischer Kapitalismus im 19. Jahrhundert
  • Die Villen der Meniers in Paris und das Familiengrab auf dem Père Lachaise 
  • „Les enfants de Paris“: Pariser Erinnerungstafeln/plaques commémoratives zur Zeit 1939-1945

 

 

Das Hotel Lutetia (2): Geschichten und Geschichte

 

Im Januar 2019 wurde auf diesen Blog ein Text über das  nun gut 100 Jahre alte 2018 neu eröffnete Pariser Hotel  Lutetia eingestellt:  Ein Bauwerk zwischen Art Nouveau und Art Déco in neuem Glanz.[1]  Am Anfang wird dort aus einem  anlässlich der Neueröffnung erschienenen Artikel der „Süddeutschen Zeitung“ zitiert:

Könnte man alle Gäste des vergangenen Jahrhunderts hier versammeln, dann stünden nicht nur Charles de Gaulle, Pablo Picasso und Heinrich Mann gemeinsam an der Bar, dann träfen die Überlebenden deutscher Vernichtungslager in der Lobby auf Wehrmachtsoffiziere, die von hier aus Frankreich ausspionierten. Von 1940 bis 1944 besetzte der als Abwehr bezeichnete militärische Geheimdienst der Nazis das Hotel. Zwischen April und August 1945 wurden am selben Ort alle deportieren Juden und Widerstandskämpfer versammelt, die nach Frankreich zurückkehrten. Und als wäre all das nie passiert, sitzen entlang der Fassade damals wie heute kleine, dicke Putten zwischen übervollen Weinreben. Anfang des 20. Jahrhundert in Stein gehauen von Paul Belmondo, dem Vater des Schauspielers Jean-Paul Belmondo.“[2]

Das Hotel Lutetia ist, das wurde ja auch schon im ersten Teil des  Blog-Beitrags  deutlich,  ein ganz außerordentliches Hotel voller Geschichte und Geschichten- jetzt sogar mit literarischem Ruhm gekrönt. Denn es ist gerade dieses Hotel, in dem  sich Édouard Péricaut,  die  zentrale Figur in  dem wunderbaren Roman  „Wir sehen uns da oben“ von Pierre Lemaitre, in den letzten Tagen vor seinem selbstgewählten Tod  einquartiert.  Im Ersten Weltkrieg  wurde sein Gesicht von einer Granate entstellt  und er wurde für tot erklärt. Nach dem Krieg bietet er unter falschem Namen  Kriegerdenkmäler an und  kommt durch die Anzahlungen  rasch zu Geld. So kann er sich, als Monsieur Eugène,  eine noble Suite im Lutetia leisten  und  erregt mit seiner Freigiebigkeit und den phantasievollen  Masken, mit denen er seine „geule cassée“ verdeckt,  Aufsehen.

„Niemand wusste, womit er sich eigentlich beschäftigte, immer trug er übergroße Masken und niemals dieselbe, und er hatte alle möglichen phantastischen Einfälle: ein Kriegstanz auf dem Korridor, sodass die Zimmermädchen losprusteten, oder dekadent großzügige Blumenlieferungen…. Er schickte die Laufburschen in das gegenüberliegende Kaufhaus Bon Marché, damit sie dort die unmöglichsten Sachen für ihn kauften, von Talmi über Federn, Papier mit Goldschnitt, bis hin zu Filz und Farben, und alles fand man dann auf seinen Masken wieder. Und das war längst nicht alles! In der letzten Woche hatte er ein Kammermusikorchester mit acht Musikern ins Hotel bestellt. Kaum hatte man ihn über deren Ankunft informiert, war er die Treppe heruntergekommen und hatte sich auf die erste Stufe gegenüber dem Empfang gestellt, um den Takt anzugeben. Das Orchester führte den ‚Türkischen Marsch‘ von Lully auf, wonach er wieder nach oben verschwand. Monsieur Eugène hatte an das gesamte Personal Fünfzig-Francs-Scheine verteilt, wegen der Umstände.“[3]

Welches andere Pariser Hotel wäre passender gewesen für die letzten Tage des Monsieur Eugène?   Und welches andere Hotel  hätten Georgette und Bernard, ein literarisch und philosophisch hochgebildetes Paar von über 80 Jahren, wählen können, um dort im November 2013 vor ihrem Freitod  gemeinsam eine letzte Nacht zu verbringen?  Die Wahl der „Liebenden des Lutetia“,  fiel auch –aber wohl kaum alleine deshalb-  auf  dieses Hotel, weil Georgette 1945  dort ihren Vater nach 5-jähriger Deportation wiedergefunden hatte…   [4]

 

Midnight in the Lutetia

Aber natürlich ist das Lutetia vor allem ein Ort prallen Lebens, besonders in den zwanziger Jahren, die auch für das Lutetia die „goldenen“ waren. Aufgrund seiner Lage und Architektur war das Hotel  Anziehungs- und Treffpunkt  einer anspruchsvollen  und i.A. auch wohlhabenden  Kundschaft. Würde man, wie die Süddeutsche Zeitung ansatzweise in ihrem anfangs zitierten Artikel die ganze Prominenz vereinen, die zu den Kunden des Lutetia gehörte, dann käme ein höchst eindrucksvolles Panorama  zusammen. Hier nur eine kleine Auswahl:

Da ist beispielsweise André Malraux,  der 1921 der Bitte der Übersetzerin   Clara Goldschmidt (seiner späteren Frau)  nachkam, sie endlich von ihrer Jungfernschaft zu befreien. [4a] Und das geschah genau am 14. Juli, dem Nationalfeiertag, und eben im Hotel Lutetia, wo der junge Schriftsteller André Malraux  (und spätere Kulturminister de Gaulles) damals – wenn auch nur in einem  kleinen Zimmer (chambre de bonne)- wohnte.  Im gleichen Jahr machte  der junge Offizier Charles de Gaulle  während seiner Hochzeitsreise  im Lutetia Station  und hatte offenbar  so gute Erinnerungen daran, dass er das Hotel auch danach noch mehrfach frequentierte –ebenso wie seine Frau, die eine treue Kundin des Bon Marché war. Als im Juni 1940 der gerade zum General avancierte de Gaulle als  Unterstaatssekretär ins Kriegsministerium nach Paris versetzt wurde, logierte er wieder im Lutetia,  bevor er es –vor der anrückenden Wehrmacht- wieder verlassen musste, um der schon in den Süden ausgewichenen Regierung zu folgen. Und dieser Aufbruch war offenbar so überstürzt, dass er einen Teil seiner Ausrüstung dort zurückließ, u.a. sogar seinen Offizierssäbel von der Militärschule St. Cyr. Alles wurde im Keller wohlverwahrt bis zur Libération, und  sicherlich  –zumindest zum Schluss-  im Rang einer Reliquie.

Und dann findet sich im Lutetia der Zwischenkriegszeit fast alles ein, was im literarischen und intellektuellen Leben Frankreichs Rang und Namen hat. So André Gide, der öfters für einige Tage im Lutetia wohnt, um dort in Ruhe zu schreiben, sich mit befreundeten Schriftstellern zum Tee zu treffen und mit manchen Freunden auch noch danach. So auch Roger Martin du Gard, der französische Literatur-Nobelpreisträger von 1937, der sich im Lutetia einquartiert, um seinen zahlreichen gesellschaftlichen und literarischen Verpflichtungen nachkommen zu können, die diese Auszeichnung mit sich brachte. Das Lutetia betrachtete ihn gewissermaßen als seinen Nobelpreisträger. Auch Antoine de Saint-Exupéry war  öfters mit seiner Frau Gast  im Lutetia, wenn er mal wieder –über beide Ohren verschuldet-  finanzielle Auseinandersetzungen mit seinen Vermietern hatte. Das hinderte das Paar allerdings nicht,  jeder ein extra  Zimmer und sogar auf verschiedenen Stockwerken zu beziehen. Saint-Exupéry wird sich beim Auszug sicherlich nicht, wie de Gaulle 1940, mit der „parole historique: ‚Ma note, je vous prie‘“  verabschiedet haben.[5]  Aber ich nehme  an, dass das Lutetia da großzügig war. Immerhin hatte man einen „VIP“ mehr unter den Kunden, mit denen man den Ruf des Hotels weiter mehren konnte. Und an diesem Ruf arbeitete das Lutetia auch ganz bewusst und raffiniert. Ab und zu wurde etwa ein Hotel-boy durch die Lobby oder die verschiedenen Salons geschickt, um – beispielsweise- Mr. Charlie Chaplin auszurufen, als würde der gerade im Lutetia wohnen und am Telefon verlangt- und das konnten dann ein anderes Mal Jean Gabin,  Picasso oder Matisse sein.  Der Möglichkeiten waren viele und die Anwesenden fühlten sich in jedem Fall sicherlich erhoben und in ihrer Überzeugung gestärkt, mit dem Lutetia eine exzellente Wahl getroffen zu haben.

Denn dann gab es ja auch noch die Ausländer im Lutetia. Russische Emigranten beispielsweise, die Amerikaner, vor allem natürlich  Joséphine Baker,  „qui y séjourna souvent avec sa tribu d’enfants“ (Hoteltext), der Kreis  um Hemingway und –nicht zu vergessen: Samuel Becket und James Joyce, der –wie Assouline berichtet, einem Angestellten des Hauses auf die Frage, was er denn wirklich mache, antwortete: „Moi? Je m’emploie à donner du travail aux universitaires pour les trois siècles à venir, au moins. J’y ai mis tellement de devinettes et d’énigmes que cela va bien les occuper. Il n’y a de meilleur moyen de gagner l’immortalité que de susciter la discussion des érudits sur ce qu’on a voulu dire.“ (S.149). Er sei also dabei, die Professoren der nächsten drei Jahrhunderte –mindestens- zu beschäftigen, so viele Andeutungen und Rätsel habe er in seine Werke eingebaut. Es gäbe kein besseres Mittel zur Unsterblichkeit als eine Diskussion zu provozieren, was man denn habe sagen wollen – ein Rezept, das ja auch von anderen Autoren – auch deutscher Sprache- befolgt wurde.

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Portrait von James Joyce, Paris 1937

aufgenommen von Josef Breitenbach, einem 1933 aus Deutschland  nach Paris emigrierten jüdischen Fotografen. Er portraitierte dort zahlreiche Künstler (Brecht, H. Weigel,  J. Roth, Wassily Kandinsky, Max Ernst…)  und dokumentierte fotografisch das kulturelle Leben des deutschen Exils  in Paris.

 

Auch nach dem zweiten Weltkrieg fehlte es im Lutetia nicht an Prominenz. Sartre wohnte zwar nicht in diesem Hotel, war aber öfters dort zu Gast ebenso wie Michel Foucault und Catherine Deneuve, die dort gewissermaßen eine Dependance hatte.  Ein prominenter Gast  des Hotels  war auch der gockelige Philosoph Bernard-Henri Levy,  der den damaligen französischen Präsidenten  Sarkozy und die französische Öffentlichkeit wortreich von der Notwendigkeit eines militärischen Eingreifens in Libyen überzeugte und der das dort angerichtete Chaos mit dem Verweis auf die Legitimität „progressiver Gewalt“ und die Französische Revolution  verteidigte.  (Die ist ja in Frankreich –wie auch derzeit wieder  im Zusammenhang mit den sogenannten Gelbwesten- gerade für manche linken Intellektuellen dazu gut, der Gewalt und dem Chaos positive Seiten abzugewinnen).  Dann zum Schluss  dieses ersten Blicks auf die Lutetia-Prominenz lieber noch eine nette Anekdote, den Komiker und Gründer der restos du cœur Coluche betreffend. Der quartierte sich in den 1980-er Jahren nach seiner Scheidung mehrere Wochen im Lutetia ein, ärgerte sich dabei aber über die Politessen, die an seinem vor dem Hotel aufgestellten Wagen  Strafzettel befestigten (kennen wir gut), worauf er sie aus seinem Hotelfenster  mit Joghurtbechern bewarf. ( Das erinnert mich an eigene Jugendstreiche, wobei wir in den kargen Nachkriegsjahren die unten vorbeilaufenden Passanten natürlich nicht mit wertvollem Joghurt bewarfen, sondern –im Sommer- lediglich mit etwas Wasser erfrischten). Die empörten Pariser Politessen wollten dann natürlich den Übeltäter ausfindig machen, was aber die Hotelleitung –devoir de réserve oblige- selbstverständlich verhinderte.

 

 

Die deutsche Volksfront, der Lutetia-Kreis und Heinrich Mann

Viel Prominenz also, so dass Woody Allan auch gut sein „Midnight in Paris“  im Lutetia – und allein  im Lutetia- hätte drehen können. Eine wichtige Episode des „Midnight in the Lutetia“  hätte dann  unbedingt  den  deutschen Emigranten im Lutetia der 30-er Jahre gewidmet sein müssen. Immerhin heißt „von 1933 bis zur Okkupation durch die Wehrmacht 1940 … die europäische Hauptstadt der deutschen Kultur Paris“.[6]  Viele Flüchtlinge von 1933 sahen sich in einer Traditionslinie , die von den deutschen Ehrenbürgern der ersten französischen Republik wie Schiller und Klopstock  über Heine und Börne bis zu ihnen reichte. „Insofern ist Paris anfangs nicht nur Flucht-, sondern auch Wunschort des künstlerischen Exils.“[7] Frankreich war denn auch  das Land mit der größten Zahl deutscher Flüchtlinge zwischen 1933 und 1939  – etwa 55.000 waren es ( mit allerdings stark abweichenden  Zahlenangaben in der Literatur),  von denen etwa 8000 in  Paris lebten bzw. zum Teil auch eher hausten. Denn mit Ausnahme der Volksfront-Regierung Léon Blums betrieben die französischen Regierungen eine äußerst restriktive Asylpolitik, eine Arbeitserlaubnis wurde nur in den seltensten Fällen gewährt. Für Intellektuelle und Schriftsteller, die die französische Sprache nicht oder nur unzureichend beherrschten und die von ihrem heimischen Publikum und ihren herkömmlichen finanziellen Ressourcen abgeschnitten waren, war die Situation natürlich besonders kritisch. Ein Mittel zum geistigen und materiellen Überleben war der Versuch, Paris zum intellektuellen und politischen Zentrum des deutschen Exils zu machen- mit deutschen Zeitungen, Exil-Verlagen, Cabarets, Literaten-Cafés, Solidaritäts-Gruppen wie dem SDS (das war damals der Schutzverband deutscher Schriftsteller)  und zum Treffpunkt und Tagungsort der deutschen Emigration.  Das Lutetia war dabei  allerdings eher der Prominenz vorbehalten: Zu ihnen gehörten u.a. auch Max Horkheimer, der Direktor des (Frankfurter) Instituts für Sozialforschung, der 1934 Stammgast im Lutetia war, der kommunistische „Pressezar“ Willi Münzenberg, Klaus Mann, der in der „Bar Lutèce“ mit André Gide über die ernüchternden Moskau-Erfahrungen diskutierte, und –natürlich- Heinrich Mann, der am 20. November 1935 seinen Bruder Thomas informierte: „Du erreichst mich brieflich oder telegraphisch bis 25. in Paris (7.) Hotel Lutetia, Bd. Raspail“. [8]

In Paris und im Lutetia hielt sich Heinrich Mann allerdings zur zeitweise auf. Während der ersten Jahre seines Exils lebte er nämlich an der Côte d’Azur,  so wie zeitweise viele andere deutsche Exilierte: Thomas und Golo Mann, Lion Feuchtwanger, Egon-Erwin Kisch, Joseph Roth, Franz Werfel, Arnold und Stefan Zweig, Franz und Helen Hessel, die Eltern von Stéphane Hessel, Bertolt Brecht und viele andere. [9]  Hier war -damals jedenfalls noch- das Leben wesentlich billiger als in Paris, und zunächst gingen viele davon aus, nach dem erhofften schnellen Zusammenbruch des NS-Regimes bald wieder vom sommerlichen Intermezzo am Meer nach Deutschland zurückkehren zu können. Die terroristische feste Etablierung der Nationalsozialisten bedeutete dann aber für die politisch engagierten Exilierten, sich im Exil als Repräsentanten eines „besseren“, „anderen“ Deutschlands einrichten zu müssen, einen Beitrag zum Kampf gegen den Faschismus zu leisten und gleichzeitig eine Zukunftsperspektive für ein Deutschland nach Hitler zu entwickeln. Und dazu sollte das Projekt einer deutschen Volksfront im Exil dienen. Voraussetzung eines solchen Zusammenschlusses von Kommunisten, Sozialdemokraten, Christen und bürgerlichen Intellektuellen war die Abkehr der Kommunisten von ihrer seit 1928 vertretenen ultralinken „Sozialfaschismus“-Theorie, nach der ihr Hauptfeind nicht der Nationalsozialismus, sondern die Sozialdemokratie sei. Diese Position wurde 1935 auf dem VII. Weltkongress der Komintern in Moskau selbstkritisch als „sektiererisch“ verurteilt, womit –zumindest formal- eine unabdingbare Voraussetzung für ein Volksfront-Bündnis geschaffen war. Und nun waren es gerade die Kommunisten, die hier die Initiative ergriffen:  Willi Münzenberg, der in Paris die kommunistische Öffentlichkeitsarbeit koordinierte, lud für den 26. September 1935 zu einer ersten Tagung ins Hotel Lutetia ein, die der Schaffung einer deutschen Volksfront dienen sollte. Eine weitere Konferenz folgte am 2. Februar 1936 wiederum  im Lutetia.  Das Umfeld dafür war günstig: Im Juni 1935 tagte in Paris im Haus der Mutualité der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur, Ausdruck eines notwendigen gemeinsamen Kampfes gegen den Faschismus.[10]  Am 14. Juli 1935, also dem französischen Nationalfeiertag,  verabschiedeten die französischen Kommunisten, Sozialisten und die –eher bürgerlich-linksliberalen- Radikalsozialisten einen Freundschaftsvertrag und Aktionsplan,  und an der Spitze des traditionellen Demonstrationszuges von der Bastille zur Place de la Nation marschierten die Führer der drei  die französische Volksfront tragenden Parteien. Am 16. Februar 1936 feierte die spanische Volksfront ihren Wahlsieg, am 3. Mai gewann bei den Parlamentswahlen  das französische Volksfrontbündnis unter Léon Blum.  Dazu kam die zunehmend deutlicher werdende Bedrohung durch die deutsche Aufrüstung:  Am 7. März 1936 marschierten deutsche Truppen ins entmilitarisierte Rheinland ein, von der NS-Propaganda als „Sprengung der Ketten von Versailles“ gefeiert.[11] Dass unter diesen Umständen die im Exil lebenden deutschen Antifaschisten sich zusammenschließen müssten, war also ein Gebot der Stunde.  Auf den organisatorischen Rahmen dafür einigte man sich bei dem Treffen im Lutetia vom 2. Februar. Es  wurde ein Leitungsgremium (Lutetia-Comité)  von Kommunisten, Sozialisten, Vertretern der SAP, des „Freiheitlichen Bürgertums“ und von Katholiken gebildet, das weitere Tagungen der Plenarversammlung  (Lutetia-Kreis)  und die Schaffung einer Deutschen Volksfront vorbereiten sollte. Zum  überparteilichen Vorsitzenden des  Lutetia-Comités wurde Heinrich Mann gewählt.[12]

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Heinrich Mann im französischen Exil (Foto Buddenbrook-Haus Lübeck)

Dass die Wahl gerade auf ihn fiel, war kein Zufall. Denn Heinrich Mann war schon in der Weimarer Republik eine repräsentative Gestalt der deutschen Demokratie und Literatur gewesen- 1932 hatte ihn der Kreis um die „Weltbühne“ sogar als  Präsidentschaftskandidaten –gegen Hindenburg, Hitler und Thälmann ins Spiel gebracht-   er war in Frankreich genauso heimisch wie in Deutschland und vor  allem hatte er schon 1932, also vor der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten und  lange vor dem Kurswechsel der Kommunisten, für eine Einheitsfront der Arbeiterparteien geworben und die Kommunisten aufgefordert, ihre rein platonischen Forderungen nach einem Umsturz der Gesellschaft aufzugeben, „wodurch nur ihre alleräußersten Feinde die Macht bekämen, ihnen alles zu nehmen“ [13],  was sich dann ja auch auf tragische Weise bestätigte.

Jetzt war also Heinrich Mann zum „Wortführer der antifaschistischen Bewegung“  (Kantorowicz) geworden, die im Hotel Lutetia versuchte, sich organisatorische Strukturen zu geben und sich auf gemeinsame Grundsätze für ein postfaschistisches Deutschland zu einigen. Heinrich Mann reiste nun also öfters  von Nizza, wo er damals wohnte,  nach Paris und nahm dafür die Strapazen ganztägiger Bahnreisen auf sich: „Ich war eine Woche abwesend und in Paris durch unsere neueren Bemühungen bis zur Erschöpfung beansprucht“, schrieb er am 6. Februar 1936 seinem Bruder. (Briefwechsel, S. 225).  Immerhin wohnte er dann im Lutetia, das er von Besuchen in den 20-er Jahren gut kannte und das ganz sicherlich auch seinem Bedürfnis nach Repräsentation entsprach: Die Treffen des Lutetia-Kreises mit zum Teil über 100 Teilnehmern fanden sogar im nobelsten Salon des Hauses, dem damaligen  „Président“ (heute Salon Cristal) statt.

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(Das Bild wurde 2011 bei einem Kammerkonzert noch vor der Renovierung des Hotels ausgenommen)

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     Details des unter Denkmalschutz stehenden Salon Crystal mit seinen Lalique-Leuchten

 

Zu den Teilnehmern der Treffen im Lutetia  gehörte auch als Vertreter  der SAP, einer linken Abspaltung der SPD, Willy Brandt, der dazu aus seinem norwegischen Exil nach Paris kam. In seinen Erinnerungen schreibt er:

„Ich hatte 1934,1935, auch im Frühjahr 1936 noch meine Erfahrungen gemacht mit den Exiloberen und dem Pariser Emigrantenmilieu, aber auch Hoffnungen gezogen aus der breiten sozialistisch-kommunistischen Einheitswelle, die zuerst und vor allem eine antifaschistische Welle zu sein schien. Sie erfasste Frankreich und rollte durch das Paris der vertriebenen Deutschen. Ich sprach auf großen Versammlungen, Zusammenkünften deutscher Schicksalsgefährten und ließ mich (…) von der neuen Aufbruchstimmung mitreißen…“[14] 

Das Projekt einer Deutschen Volksfront hatte drei Adressaten:  zunächst natürlich die Exilierten selbst, deren Zersplitterung überwunden und deren Status und  materielle Grundlagen verbessert werden sollen. In diesem Bereich kam es im Lauf des Jahres 1936 während der Regierungszeit des Front Populaire in Frankreich auch durchaus zu Fortschritten.[15] Adressaten waren natürlich auch  die Deutschen in der Heimat, die man der Solidarität  versichern und  zum Widerstand aufrufen wollte. Das geschah zum Beispiel mithilfe einer „Kundgebung an das deutsche Volk“, die bei dem Treffen vom 6. Februar 1936 im Lutetia verabschiedet und massenhaft in Deutschland verbreitet wurde.  Welche Resonanz sie dort fand, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Und schließlich wandte man sich auch an  die Bevölkerung/die Regierungen der Länder, die die aus Deutschland geflohenen bzw. vertriebenen Menschen aufgenommen hatten. Dabei ging es vor allem um eine Aufklärung über die Zustände in Deutschland und um die Warnung  vor einem drohenden Krieg.  Im Dezember 1936 wurde von dem Volksfrontausschuss  ein gemeinsamer Aufruf  „Bildet die deutsche Volksfront! Für Frieden, Freiheit und Brot!“ verabschiedet und in den Publikationsorganen des Exils, aber auch in ausländischen Zeitungen wie „L’Humanité“ veröffentlicht.[16]

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(Pariser Tageszeitung vom 8.1.1937)

Darin steht an erster Stelle die Gefährdung des Friedens durch Nazi-Deutschland:

Die Volksinteressen werden rücksichtslos der Vorbereitung eines neuen Krieges geopfert, der furchtbarer sein wird als alle bisherigen Kriege. Auf dem letzten Nürnberger Parteitag hat Adolf Hitler die Steigerung dieser Politik angekündigt. Sie droht nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt in eine entsetzliche Katastrophe zu stürzen.“

Angesichts der Appeasement-Politik Frankreichs und Großbritanniens  stießen  solche Warnungen allerdings eher auf taube Ohren.  Die Vertreter des deutschen Exils waren da gewissermaßen einsame Rufer in der Wüste… 

Besonders schwierig waren die programmatischen  Diskussionen und Auseinandersetzungen  im Lutetia-Kreis, an denen sich auch Heinrich Mann intensiv beteiligte.  Selbstverständlich war für ihn, der 1932 ein leidenschaftliches „Bekenntnis zum Übernationalen“ veröffentlicht hatte, dass ein vom Faschismus befreites Deutschland  seinen Platz in einem geeinten Europa haben müsse. Und besonders wichtig war für ihn die Rolle der Erziehung in einem künftigen deutschen „Volksstaat“, also  die Herausbildung von vernünftigen, verantwortungsbewussten, „sittlichen“ Menschen, wie er in einem  Beitrag  über ein „Minimalprogramm der Deutschen Volksfront“ betonte.  Dass  er damit die ethische Dimension über die rein sozial-ökonomische stellte, stieß allerdings auf den Widerstand von Kommunisten und Sozialisten.[17] In diesen Programmdiskussionen wurden schon von Anfang an die  erheblichen ideologischen Gegensätze innerhalb und  zwischen den verschiedenen Gruppierungen und Vertretern des deutschen Exils deutlich, die  wesentlicher Grund für das Scheitern des Projekts einer Deutschen Volksfront waren.  Dazu kamen Zweifel des Vorstandes der Exil- SPD in Prag am Kurswechsel der KPD, so dass die SPD-Mitglieder im Lutetia-Kreis und –Komitee keine offiziellen Vertreter des SOPADE-Vorstandes in Prag (also der Exil-SPD) waren, sondern gewissermaßen  auf eigene Initiative agierten. Es gab ja auch durchaus kommunistische Hardliner, die der Auffassung waren,  Willi Münzenberg  komme den Bürgerlichen im Volksfront-Kreis zu sehr entgegen. Als Scharfmacher tat sich da besonders der im Moskauer Exil lebende Walter Ulbricht, der spätere Statthalter Stalins in der SBZ/DDR,  hervor, den Heinrich Mann als „vertracktes Polizeigehirn“ bezeichnete, das man loswerden müsse. [18]  Entscheidend waren aber  vor allem die Moskauer Prozesse: Im August 1936 wurden im ersten Schauprozess Sinowjew, Kamenew und weitere  Mitstreiter Lenins wegen angeblicher Beteiligung an einem trotzkistischen Mordkomplott zum Tode verurteilt. Und André Gide, ein Jahr zuvor noch von den Kommunisten auf dem internationalen Pariser Schriftstellerkongress gefeiert, wurde nach der Veröffentlichung seines kritischen Reiseberichts „Retour de l’U.R.S.S.“ ebenfalls als Trotzkist abgestempelt und zum Opfer eines kommunistischen Kesseltreibens.[19]  Damit war im Grunde allen weiteren Volksfront-Bemühungen der Boden unter den Füßen weggezogen.

An Heinrich Mann jedenfalls lag dieses Scheitern nicht. Er war bei dem Projekt der Schaffung einer deutschen Volksfront durchaus mehr als nur ein als ein Aushängeschild.  Willy Brandt geht in seinen Erinnerungen sogar so weit, von der „Deutschen Volksfront des Heinrich Mann“ zu sprechen.[20]  Der war „die integrierende Figur“ in dem „zum Teil etwas wirren und kontroversen“ Lutetia-Kreis  (Walter Fabian), und er bemühte sich selbst noch nach den Moskauer Prozessen, zu kitten, was nicht mehr zu kitten war. Das wurde und wird ihm dann auch immer wieder massiv und zum Teil hämisch vorgeworfen. Heinrich Mann hat sich in der Tat „oft geirrt, verrannt“.[21]  Vor allem, was seine unkritische Haltung  gegenüber der stalinistischen  Sowjetunion angeht, die für ihn –wie Frankreich- ein Traumland  war, imaginierter Ort einer „verwirklichten Idee“.[22] Nur allzu richtig war aber seine Einsicht, dass nur zusammen mit der Sowjetunion der Kampf gegen den Faschismus zu gewinnen sei. Es war dann ja in der Tat die russische Bevölkerung, die die größten Opfer im Kampf gegen das Dritte Reich gebracht hat, und es waren die westlichen Alliierten, die sich mit Stalin verbündeten und ihm schließlich  weite Teile Europas auslieferten.

Neben seinen zeitraubenden und teilweise illusionären  politischen Aktivitäten hat Heinrich Mann aber auch  „an seinem herrlichen Toleranz- und Menschlichkeitsroman ‚Henri Quatre‘ geschrieben“,  der –und deshalb gehört er zu diesem Abschnitt- auch ein Volksfront-Roman ist.[23] Dieser historische  Roman war gedacht als Huldigung an den größten König, den Europa je hatte, wie Heinrich Mann in einem Brief an seinen Freund, den französischen Germanisten Félix Bertaux, 1937 schrieb. Darüber hinaus sei es ihm aber auch darum gegangen „à me consoler des malheurs du temps présent et à en concevoir la réparation“. In dem  monumentalen Roman entwirft  er ein Gegenbild zum nationalsozialistischen Deutschland:  Henri Quatre gewährt im Edikt von Nantes seinen Untertanen die Religionsfreiheit, das sonntägliche Huhn im Topf bezeichnet sprichwörtlich das  Bemühen des „guten Königs“, das Wohlergehen seines Volkes zu mehren, und Henri verzichtet im Roman auf jede kriegerische Expansion, um Frankreich nach langen Jahren äußerer und innerer Kriege endlich den Frieden zu sichern. Denen, die den Roman im Angesicht des Faschismus lasen, wird die Botschaft übermittelt, „dass das Böse und Furchtbare überwunden werden kann durch Kämpfer, die das Unglück zum Denken erzog, wie auch durch Denkende, die gelernt haben, zu reiten und zuzuschlagen“. (HM 1939). Dieser militante Humanismus war ein einigendes Band der deutschen Volksfront, und sie und die dort geführten ermüdenden ideologischen Debatten hat Heinrich Mann wohl auch im Kopf, als er seinen Helden nach einer langen Debatte mit Prälaten über seinen geplanten Übertritt zum Katholizismus denken lässt: „Gott hat nicht hingehört, ihn langweilen die Dinge des Glaubens, und ob ein Bekenntnis oder das andere, ihn rührt es nicht. Er nennt unseren Eifer kindisch, unsere Reinheit aber verwirft er als baren Hochmut“. (Bd II, S. 130).

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Erstausgabe des „Henri Quatre“ 1935 und 1938

Die Lektüre des „Henri Quatre“ lohnt auch heute noch, was jedenfalls so unterschiedliche Menschen wie Elke Heidenreich, Ulrich Wickert oder Peer Steinbrück bestätigen. Besonders bewegend finde ich aber das, was  Denise Bardet in ihrem Tagebuch schreibt. Sie war  die Grundschullehrerin von Oradour-sur-Glane und wurde  am 10. Juni 1944 zusammen mit ihren Schülern von deutschen Soldaten ermordet.  Für sie stehen Heinrich Mann und sein „Henri Quatre“ für den „humanisme allemand“ und sie entnimmt dem Buch die Botschaft, all unseren Mut zu bewahren „au milieu de l’affreuse mêlée où tant de formidables ennemis mous menacent“. Und sie schreibt weiter: „Nous sommes, nous Français, en état de guerre avec l’Allemagne, et il est nécessaire aux Français de se durcir et de savoir même être injuste, et de haïr pour être aptes à résister… Et pourtant il nous est facile de continuer à aimer l’Allemagne qui n’est pas notre ennemie: l’Allemagne humaine et mélodieuse. Car dans cette guerre, les Allemands ont tourné leurs premières armes contre leurs poètes, leurs musiciens, leurs philosophes, leurs peintres, leurs acteurs…” (S. 51/52). Was für eine wunderbare Würdigung des “anderen, besseren” Deutschlands, als deren Repräsentanten sich die Emigranten und die im Lutetia tagendenden Vertreter der deutschen Volksfront verstanden.

 

 

Die deutsche Abwehr im Lutetia

Als die deutschen Truppen Frankreich besetzten und sich in Paris niederließen, kam es im Hotel Lutetia zu einem makabren Wechsel der deutschen „Gäste“:  Während die Mitglieder des Volksfrontausschusses entweder in Internierungslagern ums Überleben kämpften oder versuchten, über die Pyrenäen oder das Meer Frankreich zu verlassen, richtete Admiral Wilhelm Canaris im Hotel Lutetia die Pariser Zweigstelle seiner Abwehr ein – er selbst residierte in Berlin, im Lutetia war aber immer ein Zimmer für ihn reserviert.  Die feinen Herren von der Abwehr ließen es sich im Lutetia gut gehen. Allerdings mussten sie auf die besten Tropfen des Hauses verzichten, da das Personal diese vorher in einem fest zugemauerten Stollen unter dem Hotel sicher gelagert hatte. Gefangenenmisshandlungen, Folter oder dergleichen gab es im Lutetia  nicht. Das wussten die gefangenen Agenten und Widerständler. Aber sie wussten auch, dass sie- wenn sie sich nicht auf das angebotene „offene Gespräch von Mann zu Mann“ einließen, damit rechnen mussten, an die Gestapo übergeben zu werden- das Gefängnis Cherche-Midi lag gleich gegenüber im Boulevard Raspail.  1944  gehörte dann der Chef der Abwehr selbst zu den Opfern. Nach dem Attentat vom 20. Juli wird der „Meisterspion Hitlers“  von der Gestapo verhaftet. Er hatte sich zwar nicht an dem Anschlag auf Hitler beteiligt, hatte aber Männer des Widerstands in seinem Umkreis gedeckt,  und er hatte schon früh die Erschießung polnischer Intellektueller und die  nachfolgenden Judenmassaker –auch Hitler gegenüber- kritisiert. Am 9. April 1945 wurde er  –gemeinsam mit Dietrich Bonhoeffer-  im KZ Flossenbürg umgebracht, weil er  – mit seinen eigenen letzten Worten- versucht hatte, dem „verbrecherischen Wahnsinn Hitlers, der Deutschland zur Vernichtung führte“, entgegenzutreten.[24]

 

Das Lutetia als Treffpunkt der rescapés

Und als wäre das alles noch nicht genug: Noch einmal wurde das Lutetia nach der Befreiung zu einem außergewöhnlichen und mit der deutschen Geschichte eng verbundenen dramatischen Schauplatz: Hier versammelten sich „die den Lagern Entronnenen in gestreiften Pyjamas unter den Lüstern des Hotels“ (Patrick Modiano[25]) und hofften, hier Familienangehörige zu treffen. Und in der Eingangshalle und der Grande Galerie des Hotels, wo heute Gucci, Armani und Co ihre Preziosen ausstellen, waren die Wände bedeckt mit Suchmeldungen. Die Kinder von Irène Némirovsky haben hier mehrere Wochen lang –vergeblich- auf ihre Mutter gewartet. Die Rescapés sollten 3-5 Tage im Lutetia bleiben, um die erforderlichen Formalitäten zu erledigen und sich zu erholen- alles war schon von der provisorischen Regierung in Algier genauestens geplant, aber mit einem solchen Ausmaß von Elend hatte offenbar niemand gerechnet.

Dieses Elend wird sehr bewegend von Marguerite Duras in „La Douleur“ beschrieben: Das Warten auf ihren Mann Robert Antelme (im Buch Robert L.), seine mühsame Neuentdeckung von Normalität und  –natürlich- die erste Begegnung mit ihm nach seiner Befreiung aus dem Lager Buchenwald:

„Dans mon souvenir, à un moment donné, les bruits s’éteignent et je le vois. Immense. Devant moi. Je ne le reconnais pas. Il me regarde. Il sourit. Il se laisse regarder. Une fatigue surnaturelle se montre dans son sourire, celle d’être arrivé à vivre jusqu’à ce moment-ci. C’est à ce sourire que tout à coup je le reconnais, mais de très loin, comme si je le voyais au fond d’un tunnel. C’est un sourire de confusion. Il s’excuse d’en être là, réduit à ce déchet. Et puis le sourire s’évanouit. Et il redevient un inconnu. Mais la connaissance est là, que cet inconnu c’est lui, Robert L., dans sa totalité.”

Heute erinnert eine “in etwas verschämter Distanz zum Hoteleingang an der Außenfassade angebrachte Tafel“  (Jasper) an diese Zeit:

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„Von April bis August 1945 wurden in diesem Hotel, das damals als Empfangszentrale diente, ein großer Teil der Überlebenden aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern aufgenommen. Diese Menschen waren glücklich, die Freiheit wiedergefunden zu haben und ihre Angehörigen, von denen sie gewaltsam getrennt waren. Ihre Freude kann aber nicht die Angst und den Schmerz vergessen machen, den die Familien jener Tausenden von Deportierten zu erleiden hatten, die hier vergeblich auf ihre Rückkehr warteten.“ (Übersetzung bei Jasper, S. 339)

 

Das Hotel Lutetia ist also nicht  nur in ein architektonisches Juwel aus Art Nouveau und Art Déco, sondern es ist auch ein außergewöhnlicher Ort der Erinnerung – gerade auch  an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte, an die damals begangenen Verbrechen, aber auch an den –in Frankreich viel zu wenig bekannten[26]–  deutschen Widerstand, an die Vertreter eines anderen, besseren Deutschland, die sich hier zusammenfanden. Auch eine darauf hinweisende Erinnerungstafel würde dem neu renovierten Hotel gut anstehen und wäre ein schöner Beitrag zur deutsch-französischen Freundschaft.  Sie könnte vielleicht diese Aufschrift haben:

In diesem Hotel trafen sich zwischen September 1935 und April 1937  Vertreter des deutschen  Widerstands unter dem Vorsitz des Schriftstellers Heinrich Mann,  um eine  Volksfront gegen die Hitlerdiktatur aufzubauen. 

Dieser „cercle Lutetia“ repräsentierte das aus dem Dritten Reich vertriebene  andere  Deutschland des Friedens und der Freiheit.

 

Dans cet hôtel se réunirent , entre septembre 1935 et avril 1937, sous la présidence de l’écrivain Heinrich Mann,  des antifascistes allemands qui voulaient fonder un Front populaire allemand contre la dictature hitlérienne.
Ce „cercle Lutetia“ représentait une Allemagne de paix et de liberté : celle que le IIIe Reich avait bannie. 

 

 

Literatur zum Weiterlesen:

Assouline, Pierre: Lutetia. Roman. Paris: Gallimard 2005. Deutsche Ausgabe: Lutetias Geheimnisse. München: Karl Blessing 2006

Cahier de jeunesse de Denise Bardet, Institutrice à Oradour-sur-Glane, Le 10 juin 1944 Ed. Lucien Souny 2002

Holz, Keith u. Schopf, Wolfgang: Im Auge des Exils. Josef Breitenbach und die Freie Deutsche Kultur in Paris 1933 bis 1941. Berlin: Aufbau-Verlag 2001. Édition française: Allemands en exil. Paris 1933-1941. Paris: Éditions Autrement 2003

Hôtel Lutetia. L’esprit de la Rive Gauche. Paris: Éditions Lattès 2009

Jasper, Willi: Hotel Lutetia. Ein deutsches Exil in Paris. München/Wien: Carl Hanser 1994 Französische Ausgabe: Hôtel Lutétia – Un exil allemand à Paris. Paris: Éditions Michalon 1995

Willi Jasper, Der Bruder Heinrich Mann. Eine Biographie. FFM 1994 (vor allem Kapitel IX: Exil)

Langkau-Alex, Ursula: Deutsche Volksfront 1932-1939. Zwischen Berlin, Paris, Prag und Moskau. 3 Bde  Akademie-Verlag 2004/2005

Langkau-Alex, Ursula:  L’année 1936 et le mouvement du front populaire allemand en exil.  In:  Matériaux pour l’histoire de notre temps, n°7-8, 1986. L’année 1936 dans le monde, sous la direction de Stéphane Courtois. pp. 6-8.    https://www.persee.fr/doc/mat_0769-3206_1986_num_7_1_401426

Simonin, Chantal: Heinrich Mann et la France. Une biographie intellectuelle. Villeneuf d’Ascq 2005

 

 

Anmerkungen:

[1] https://wordpress.com/post/paris-blog.org/11052

[2] https://www.sueddeutsche.de/reise/frankreich-pariser-chic-1.4058103

[3] Pierre Lemaitre, Wir sehen uns da oben. Stuttgart 2014, S. 420

[4] http://www.europe1.fr/faits-divers/main-dans-la-main-les-amants-du-lutetia-voulaient-mourir-ensemble-1719805

[4a] http://www.lepoint.fr/c-est-arrive-aujourd-hui/14-juillet-1921-andre-malraux-aide-clara-goldschmidt-a-perdre-sa-virginite-dans-une-chambre-de-bonne-13-07-2012-1485434_494.php  (Dass in diesem Artikel auch Michel Houellebecq eine Rolle spielt, passt historisch nicht ganz- gehört aber zur Konzeption dieser Artikelserie, in der historische Tatsachen und Fiktion munter vermischt werden).

[5] Assouline, S. 171

[6] Holz/Schopf, Klappentext

[7] Allemands en exil,  S. 13

[8] Thomas Mann-Heinrich Mann, Briefwechsel 1900-1949 FFM 1984, S. 225

[9] Siehe dazu den Blog-Text:  Exil in Frankreich: Sanary, Les Milles und Marseille. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/592

[10] Siehe dazu den entsprechenden Blog-Beitrag

[11] Jasper, Lutetia, S. 99

[12]  Siehe dazu im Einzelnen:

Jasper, Der Bruder Heinrich Mann, S. 288f;  Langkau-Alex, Deutsche Volksfront Band 1. Es gibt auch einen  Fernsehfilm von Hans Rüdiger Minow  aus dem Jahr  1982 zum Thema:  Per Adresse: Hotel Lutetia .   Bezug des Films über : https://wdr-mediagroup.com/geschaeftsfelder/i-o/mitschnittservice/#privatpersonen  Ein kleiner Ausschnitt ist zu sehen unter:  https://www.google.de/search?q=Per+Adresse%3A+Hotel+Lutetia&oq=Per+Adresse%3A+Hotel+Lutetia&aqs=chrome..69i57.6717j0j8&sourceid=chrome&ie=UTF-8

[13] Arbeiterzeitung, Wien 3.4.1932

[14] Willy Brandt, Erinnerungen. Berlin 1997, S. 97

[15] Siehe dazu: Frédéric Monier, Léon Blum, les socialistes français et les réfugiés dans les années 1930. Fondation Jean Jaurès, 13.7.2016 https://jean-jaures.org/nos-productions/leon-blum-les-socialistes-francais-et-les-refugies-dans-les-annees-1930

[16] Bild und Text aus: Langkau-Alex, L’année 1936  https://www.persee.fr/doc/mat_0769-3206_1986_num_7_1_401426

siehe dazu auch: WDR, Stichtag vom 22.12. 2016:  21. Dezember 1936:  Emigranten rufen zu „Volksfront“ gegen Hitler auf.  https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag-emigranten-volksfront-hitler-paris-100.html

[17]  Siehe Langkau-Alex, Band 1, S. 342/343

[18] Siehe dazu: Stéphane Courtois,  La seconde  mort de Willi Münzenberg. In:  Communisme 38/39 (1994), S. 25 ff  Zitat aus: Willi Jasper, Der Bruder Heinrich Mann, S. 297f. In einem Brief an Lion Feuchtwanger  schrieb Heinrich Mann Ende Oktober 1937: „Das Dringlichste ist, den Ulbricht loszuwerden. (…) Er ist ein vertracktes Polizeigehirn, sieht über seine persönlichen Intrigen nicht hinaus, und das demokratische Verantwortngsgefühl, das jetzt erlernt werden muss, ist ihm fremd.“ (zit. bei Jasper a.a.O., S. 299)  Und Alfred Kantorowicz berichtete über ein Gespräch mit Heinrich Mann, in dem der über Ulbricht geäußert habe: „Sehen Sie, ich kann mich nicht mit einem Mann an einen Tisch setzen, der plötzlich behauptet, der Tisch, an dem wir sitzen, sei kein Tisch, sondern ein Ententeich, und der mich zwingen will, dem zuzustimmen.“. zit. a.a.O., S. 298/299

[19] Siehe dazu den Blog-Beitrag: Der Erste Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur im Haus der Mutualité in Paris 1935

[20] A.a.O., S. 108. Entsprechend auch in Willy Brandts Erinnerungsbuch „Links und frei. Mein Weg 1930-1950“.  Hamburg 1982. Da ist ein ganzes Kapitel „Heinrich Manns Volksfront“ gewidmet. (S. 140f)

[21] Volker Weidermann FAZ 4.8.2010

[22] Siehe Manfred Flügge, Traumland und Zuflucht. Heinrich Mann und Frankreich. Berlin 2013, S. 130f  Besonders deutlich wird die idealisierende Sicht Heinrich Manns auf die Sowjetunion in seinem Erinnerungsbuch „Ein Zeitalter wird besichtigt“.

[23] Zitate aus: Volker Weidermann FAZ 4.8.2010. Zum „Henri Quatre“ siehe auch: Wolf Jöckel, Heinrich Manns ‚Henri Quatre‘ als Gegenbild zum nationalsozialistischen Deutschland.  Worms 1977

[24] Richard Bessett, Hitlers Meisterspion. 2007, S. 277

[25] zit. von Jasper, S. 338

[26] Um nur einige Beispiele zu nennen: Das von dem französischen Historiker Gilbert Merlio immerhin 2001/2003  herausgegebene Standardwerk  über „Les résistances allemandes à Hitler“ kann noch für sich in Anspruch nehmen, „eine wenig bekannte Seite“ der deutschen Geschichte darzustellen und zu analysieren.  Das 2004 erschienene Buch Terry Parssinens über die durch das Münchner Abkommen vereitelten Staatsstreichpläne von 1938 trägt den Titel La Conspiration oubliée. Georg  Elser wird in dem ihm gewidmeten Text von Wikipedia fr vorgestellt als  „une figure majeure mais longtemps méconnue de la résistance contre le nazisme (https://fr.wikipedia.org/wiki/Georg_Elser ).  2015 war es schließlich die deutsche Botschaft in Paris, die das Erscheinen eines Buches über den deutschen Widerstand förderte, denn:  La résistance allemande au régime hitlérien demeure peu connue en France. Philippe Meyer, Ils étaient Allemand contre Hitler.   Das Vorwort zu dem Buch schrieb die damalige deutsche Botschafterin in Paris, Susanne Wasum-Rainer.  Auch meine eigenen Erfahrungen bestätigen, dass der deutsche Widerstand in Frankreich –auch unter Intellektuellen- wenig bekannt ist. Résistance gilt gewissermaßen als französisches Alleinstellungsmerkmal.

 

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu deutschsprachigen Schriftstellern in Paris/im französischen Exil:

  • Das Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise in Paris: Eine Hommage an den Vorkämpfer der deutsch- französischen Verständigung

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10585

  • Mit Heinrich Heine in Paris

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8231

  • Exil in Frankreich: Sanary, Les Milles und Marseille

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/592

  • Der Cimetière de Picpus: Ein deutsch-französischer und amerikanischer Erinnerungsort (Rilke, Stefan Zweig)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/1828

  • „Dadurch, dass ich zum Glück die Kinder habe, ist alles doppelt schwer.“ Anna Seghers im Pariser Exil 1933 – 1945

 https://wordpress.com/post/paris-blog.org/11274

 

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Das Haus der Mutualité in Paris (2): Der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen
  • Die Fontänen im Park von Versailles (2): Ausdruck absolutistischen Größenwahns
  • „Les enfants de Paris“: Pariser Erinnerungstafeln/plaques commémoratives zur Zeit 1939-1945

Street-Art in Paris (4): Monsieur Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier

Dies ist nun der vierte und (zumindest vorläufig) letzte Beitrag  zur Street-Art in Paris.

Die bisherigen Beiträge:

  • Open your eyes, Street-Art in Paris 1, Einführung und Überblick (Dezember 2017)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8875

  • Jeff Aerosol, Jerôme Mesnager und Mosko (Street-Art in Paris 2)

https://wordpress.com/pos t/paris-blog.org/7096

  • Der Invader (Street-Art in Paris 3)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/7397

(Außerdem gibt es in dem Beitrag über das Stadtviertel Belleville auch einen Abschnitt zur dort weit verbreiteten Street-Art:

  • Das multikulturelle, aufsässige und kreative Belleville: Modell oder Mythos?

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2092 )

 

Nachfolgend werden drei weitere,  ganz unterschiedliche, auch mit unterschiedlichen Techniken arbeitende,  originelle und aus Paris nicht wegzudenkende Street-Art-Künstler vorgestellt:  Thomas Vuille, das „Herrchen“ von Monsieur Chat, Miss Tic mit  der charakteristischen Kombination von Frauenfiguren und nachdenklichen oder provozierenden Sprüchen, und Fred le Chevalier und seine poetischen Figuren. Für diesen wie für die vorhergehenden Beiträge gilt der Hinweis, dass es sich bei  der Street-Art um eine ephemere Kunst handelt: Es ist also nicht garantiert, dass es  die nachfolgend abgebildeten Werke heute noch gibt- zumal die Fotos über einen längeren Zeitraum hinweg gemacht wurden. Aber wie auch bisher schon: Sie sollen dazu anregen, mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen. Und wenn man dann manches vermissen wird: Es gibt immer genug Neues zu entdecken!

 

Monsieur Chat

Der fette und meist gelbe Kater, der den Flaneur ab und zu von den Pariser Hauswänden –angrinst, heißt Monsieur Chat.

Künstlerhaus Goutte d'Or Jan 14 018

Hier zum Beispiel ziert er das  geschlossene Rollgitter des Künstlerhauses im Goutte d’Or. Ein paar Schritte weiter –passender Weise in der rue Mann-Chat-  freuen sich gleich mehrere Kater, dass die mit der republikanischen Kokarde geschmückte Marianne Menschen aus aller Welt an ihre Brust nimmt.[1]

Rue Mann-Chat 036

Oft hat er sich Plätze ausgesucht, die ziemlich weit oben und scheinbar unzugänglich sind, wie hier in der rue Drevet im 18. Arrondissemet.

Rue Drevet 18. Arr. Fetter Kater

M Chat ist auf den ersten Blick wiederzuerkennen. Es handelt sich aber immer um originale Figuren, während Miss Tic und Fred le Chevalier Techniken verwenden, die identische Reproduktionen und entsprechend auch vielfache Variationen ermöglichen.

Manchmal lässt er sich sogar auf ziemlich waghalsige Klettertouren ein, zum Beispiel auf ein  Dach neben der Kirche Saint- Merry. Sehen kann man ihn da aber nur von der oberen Aussichtsplattform des Centre Pompidou – bzw. von dem dortigen Café/Restaurant aus und auch nur dann, wenn man das wunderbare Panorama eingehender betrachtet.

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Sein „maître“ heißt Thoma Vuille, der inzwischen auch internationale Karriere gemacht hat.[2]  In Paris bekommt er Aufträge renommierter Adressen: z.B. die Ausmalung der Rollgitter des ehemaligen Kaufhauses BHV Homme in der rue de la Verrerie im Marais.

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Diesen Teil des Kaufhauses gibt es nicht mehr; die grinsenden matous trösten etwas über die  Tristesse der geschlossenen Läden hinweg.

Ziemlich trist ist auch ein kleiner Platz im 11. Arrondissement, an dem ich fast täglich auf meinem Weg zum marché d’Aligre vorbeikomme. Da brachte M Chat 2012 etwas Freude und Farbe hinein, was eine amerikanischen Touristin zu der Bemerkung veranlasste, Frankreich im Allgemeinen und Paris im Besonderen hätten wohl ein anderes Verhältnis zur Street-Art, als sie es von den Vereinigten Staaten her kenne, wo Street-Art im Allgemeinen als Vandalismus behandelt werde.

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Allerdings kann, wie wir noch sehen werden, auch M Chat davon ein trauriges Lied singen, und seine Werke leider oft auch, gerade wenn der grinsende Kater einmal nicht auf den Dächern von Paris herumspringt, sondern die Passanten auf Augenhöhe ansieht wie hier. [3]

2013 habe ich an dem kleinen Platz ein Foto gemacht, da  war die Wand  ziemlich beschmiert, und inzwischen  sind Kater und Blumen ganz verschwunden, wie auch sein Kollege, den es damals ganz in der Nähe gab.

Das kann man bedauern, muss es aber als Begleiterscheinung des ephemeren Charakters der Street-Art wohl akzeptieren.

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In einem Tunnel der promenade plantée (12. Arrondissement)  hat sich der Kater unter andere -zum Teil prähistorische Tiere- gemischt und scheint sich da offensichtlich wohl zu fühlen.  Aber wie lange noch? (aufgenommen im März 2019)

Der grinsende Kater bringt also –zumindest zeitweise- etwas Freude und Farbe in die Stadt, was allerdings nicht alle so sehen:  Im Oktober 2016 wurde Thomas Vuille zu einer Geldstrafe von 500 Euro wegen Sachbeschädigung verurteilt, „pour délit de dégradation d’un bien appartenant à autrui“.  Grund: er hatte eine Rohbau- Mauer (!) des Gard du Nord, die eine Metallverblendung erhalten sollte, zwischenzeitlich mit seinem Kater verziert.  Für die staatliche SNCF war das  Anlass für eine Anzeige und für den Staatsanwalt schwerwiegend genug, für Thomas Vuille, der  ja immerhin Wiederholungstäter sei, 3 Monate Gefängnis ohne Bewährung zu fordern, was erhebliches Aufsehen erregte. (Angesichts solcher staatsanwaltlicher Usancen  wundert es einen übrigens nicht, dass viele französische Strafanstalten hoffnungslos und z.T. sogar in menschenrechtswidriger Weise überbelegt sind.[4])   Die Richter des „Tribunal de Grande Instance de Paris“ (!) haben aber immerhin davon abgesehen, M Chat ins Gefängnis zu stecken. Allerdings bleibt an M Chat der Vorwurf der „dégradation“, der Beschädigung, hängen, was für ihn  allerdings nicht nachzuvollziehen ist. Er habe sich gerade an diesem Begriff gestört, stellte er in einem Interview mit dem Figaro fest. „Ich betrachte mich nicht als jemand, der Sachen beschädigt.“ Angesichts der tristen Verhältnisse um ihn herum sei es doch  ein dringendes  Bedürfnis sich zu entspannen. Mit seinem Kater versuche er, ein positives Symbol zu schaffen, das die Menschen daran erinnere, dass  es Hoffnung gibt.  Aber das habe, wie das Urteil zeige, eben seinen Preis.[5]

Die SNCF kann also offenbar keinen Unterschied machen zwischen Schmierern einerseits, die  ganze Züge mit  ihren tags verunstalten, sie manchmal sogar in die Scheiben einritzen, und andererseits einem echten und prominenten Street-Art- Künstler, dessen Kater  an einer Baustelle  des Nordbahnhofs  strafbar ist,  an anderen Stellen aber hochwillkommen: So offensichtlich am Eingang der renommierten École nationale supérieure des beaux-art im Pariser Quartier latin…

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Inzwischen ist M Chat auch in Kunstgalerien und Ausstellungen  vertreten. So  in der Galerie de la Sablière in der vornehmen rue de Grenelle in Paris, wo er zu den unverkäuflichen Ausstellungsstücken gehört oder in der Urban Art-Ausstellung 2017 in der Völklinger Hütte (Weltkulturerbe), wo er zu den Ehrengästen gehörte.

Und vor einigen Jahren wurde er sogar eingeladen, den Vorplatz des Centre Pompidou mit seinem Besuch zu beehren.[6]

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Ende 2017/Anfang 2018 gab es in Paris eine Ausstellung mit dem schönen Titel „M Chat aime Paris“  in dem Hotel mit dem schönen Titel „Jules & Jim“, in der Nähe der Métro – Station Arts et Métiers gelegen, worauf das nachfolgende Plakat hinweist. Die Ausstellung markiert  und feiert den 20. Geburtstag von M Chat.[7]

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Dass M Chat Paris liebt, ist hoffentlich auch in dieser kurzen Präsentation deutlich geworden,  auch wenn der Eiffelturm auf dem nachfolgenden Bild sicherlich nicht so sympathisch dargestellt ist wie der lachende, geflügelte Kater.

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Und dass M Chat in der gerade im Umbau begriffenen Metro-Station Place de Clichy die leere unansehnliche Plakatfläche mit seinem Kater verziert, macht ihn zusätzlich sympathisch. Die RATP wird hoffentlich nicht so verbohrt sein wie die SNCF und das als Sachbeschädigung verfolgen…. (Aufgenommen am 27. Januar 2019)

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Miss Tic

Bei einer Übersicht über die Pariser Street-Art-Künstler darf natürlich Miss Tic nicht fehlen, die seit 1985 in Paris vertreten ist. Hinter dem Pseudonym Miss Tic verbirgt sich Radhia de Ruiter, die sich als „Poetin der städtischen Kunst“ versteht. Sie wurde 1956 in Paris geboren – der Vater war ein aus Tunesien stammender Arbeiter, die Mutter Französin. Viele ihrer Bilder finden sich in dem Viertel Butte aux Cailles im 13. Arrondissement, wo sie aufgewachsen ist.

An einem Restaurant auf dem Butte aux Cailles

Das Männliche bringt es voran- aber wohin?  Ich suche die Wahrheit und eine Wohnung

 

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Stärker als die Leidenschaft ist die Illusion  (Butte aux Cailles)

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Die Poesie ist ein unbedingt notwendiger Luxus

(rue du moulin des prés, Butte aux Cailles)

DSC03196 Street Art La Butte aux Cailles (2)

Rue des cinq diamants, Butte aux Cailles

Miss Tic Buttes aux Cailles (16)

Dieses Pochoir an der Place Verlaine (Butte aux Cailles) ist sicherlich eine Antwort von Miss-Tic auf die  Anschläge vom 13. November 2015.  Denn  Ziel der Anschläge waren damals  auch mehrere Terrassen von Bars mit ihren Freiheit und Lebensfreude verkörpernden Besuchern;   den islamistischen Terroristen verhasst, so dass sie die „terrasses de la vie“ zu Terrassen des Todes machten. Aber -so die Botschaft von Miss-Tic: diese Freiheit, an der wir umso wütender und trotziger hängen, lassen wir uns nicht nehmen!

Auch in dem  11. Arrondissement, in dem wir wohnen, finden sich viele  Arbeiten von ihr, in der rue de la Forge Royale, einer kleinen Seitenstraße der rue de la Faubourg Saint-Antoine, gleich dreimal und gleich dreimal spielen dabei Katzen eine wichtige Rolle:

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Ich zerbreche nicht nur die Herzen

 

 

 

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Wir sind keine Hunde/Ihr sollt uns nicht wie Hunde behandeln

Das Atelier Elio, das maßgeschneiderte Bilderrahmen herstellt, hat das Bild von Miss Tic sogar verglast und eingerahmt, sodass es vor möglichen Beschädigungen geschützt ist.

DSC01788 Miss Tic forge royal 11eme (1)

Ich habe aufgegeben/das Handtuch geworfen

 DSC01788 Miss Tic forge royal 11eme (2)

Die freundliche Besitzerin des Ladens hat mir erklärt, wie sie zu der Arbeit von Miss Tic gekommen ist: Die habe nämlich eines Tages  angefragt, ob sie dort ein Bild anbringen dürfe. Es handelte sich also nicht um eine bezahlte Auftragsarbeit, sondern um ein Angebot der Street-Art-Künstlerin, das gerne angenommen wurde und auch entsprechend geehrt wird.

Das  Markenzeichen von Miss Tic  ist die Kombination von Bildern –meist jungen langhaarigen Frauen, manchmal auch femmes fatales- und kurzen Sprüchen, die oft zum Nachdenken anregen wollen. Auf der Website von Miss Tic ist das so formuliert:

Avec des dessins de femmes caractéristiques et des phrases incisives, ses créations expriment la liberté. Tout son art repose sur un subtil mélange de légèreté et de gravité, d’insouciance et de provocation. [8]

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Die Leidenschaft verschlingt die Zeit, die Liebe genießt sie (11. Arrondissement)

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Madame träumt,  Monsieur schnarcht

Miss Tic Place Voltaire IMG_9940 (1)

Liebe, Ruhm und Botox (Place Voltaire, 11. Arrondissement)

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Ein Übermaß an Vergnügen ist ausgezeichnet für die Gesundheit (In Abänderung des Anti-Raucher Slogans: l’abus d’alcool est dangereux pour la santé)   (rue Faidherbe, 11. Arr., ebenfalls Butte aux Cailles)

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In der rue Faidherbe ist jetzt allerdings ein marokkanischer Traiteur eingezogen und seitdem gibt es dort kein „Übermaß an Vergnügen“ mehr….  (Aufnahme April 2019)

 1997 wurde auch Miss Tic wegen Beschädigung einer Wand angezeigt und 2000 in letzter Instanz zu 4.500 Euro Geldbuße verurteilt. Inzwischen kann sie solche Summen sicherlich aus der Portokasse bezahlen: Sie arbeitet für Zeitschriften, ist in Ausstellungen vertreten und macht Werbung: Die Mietwagen von Ucar haben bzw. hatten mehrere Jahre lang  ihren Slogan von Miss Tic erhalten: Louer c’est rester libre/Mieten heißt frei bleiben.[9]

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Und auf einem Brief, den uns unsere Freundin Marie-Pierre im September 2013 schickte, klebte eine Miss Tic-Briefmarke mit –natürlich- einem für sie typischen Motiv…

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Es ist ein Hundewetter (Sauwetter) – bei Miss Tic allerdings nicht in der üblichen männlichen Form (temps de chien), sondern der weiblichen.

Zum Schluss dieses Abschnitts noch eine kleine Suchaufgabe:

Auf der Website von Miss Tic[10] sind zwei im Sommer 2017 von ihr gestaltete Wände in Paris abgebildet –jeweils wieder mit charakteristischen Wortspielen:

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Eine Frau, die man diffamiert (femme/diffame)

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Die Liebe verleiht Flügel, damit man dann umso besser gerupft/entblättert werden kann.

Leider wird aber nicht mitgeteilt, wo diese beiden Arbeiten zu finden sind. Über „sachdienliche Hinweise“ würde ich mich freuen. (10a)

 

Fred le Chevalier

Fred le Chevalier verwendet nicht wie Miss Tic die Schablonentechnik (Pochoir), sondern er bedruckt Papier, das er dann an die Wände klebt. Es sind also Collagen aus bedrucktem Papier,  eine Technik, die zwar auch zahlreiche Reproduktionen und Variationen ermöglicht, aber sehr anfällig ist gegenüber den Unbilden der Witterung und dem Vandalismus, zumal seine Arbeiten –anders als viele von M Chat- leicht zugänglich sind.  Diese junge Frau neben den Mülltonnen in der Impasse de  Mont-Louis im 11. Arrondissement hatte jedenfalls nur ein kurzes Leben.

Fred Impasse de Mont-Louis IMG_8917

Und die Königin (oder Zauberin?) in der rue de Charonne (11. Arrondissement schmückte auch nur für kurze Zeit die triste Hauswand, die Fred le Chevalier für sie ausgesucht hatte.

Fred Rue de Charonne

In der rue de Ramponeau, wo wir öfters vorbeikommen, gibt es (April 2019) nur noch einen viel versprechenden  Text. („Es wird eine Zukunft für die Ewigkeit geben.„) Das dazugehörige Bild ist leider verschwunden.

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Ihm war offensichtlich nur eine kurze Zukunft beschieden, geschweige denn Ewigkeit. Hoffentlich ist der Frau an der ehemaligen Bäckerei in der rue Léon Frot Nr. 64 (11. Arrondissement- aufgenommen Dezember 2018) ein etwas längeres Dasein vergönnt, auch wenn Fred le Chevalier in der Legende dieses Bildes -passend zum Ort- auf die  Vergänglichkeit des Lebens hinweist („Les années nous ont pixelisé).

DSC03222 Fred le Chevalier (4) - Kopie

Die Vergänglichkeit  ist  für Fred le Chevalier in der Tat  ein wesentliches Element der Street-Art.

„I think that one of the most beautiful aspects of street art is that you put up something and you don’t know whether it will be there for five minutes, or one year. It’s part of the game to know that they might disappear, and it’s part of the beauty to know that they will disappear, it is a paradox.“[11]

Allerdings ist das Verschwinden seiner Collagen für mich besonders bedauerlich.  Man findet seine Figuren in kleinen Passagen, vergessenen Ecken und versteckten Plätzen: Er schmückt mit ihnen gerne besonders triste Ecken der Stadt schmückt – sie verdienten also durchaus ein etwas längeres Leben.

Fred le Chevalier kommt aus Angoulême, was für seine Entwicklung eine große Rolle spielt,  wie er in einem anderen  Interview bekannte:

I do not have a fine art degree, my background is not coming from the street or the graffiti world. I’m from Angoulême where there is a comics festival, so “image” was therefore ultra-present in my life , plus a dad who was painting and a mother who reads a lot . So if I mix it all; it gives a natural focus to drawing, and an approach to the street which is quite logical, because there a sense of gratuitousness, freedom and do things spontaneously.[12]

Seinen Künstlernamen hat  sich Fred le Chevalier wegen seiner Liebe zur ritterlichen Welt und der entsprechenden Literatur (Dumas, Cervantes) gewählt und seine Motive sind auch oft aus diesem Bereich gewählt. Die Papierschnitte sind meistens schwarz/weiß, aber ein rotes Herz gibt es fast immer – und manchmal ist es auch –wie man sehen kann- rot/grün. Seine Arbeiten sind außerordentlich poetisch und phantasievoll, und es ist immer eine Freude etwas (Neues) von ihm zu entdecken.

Ein Schwerpunkt seiner Arbeiten ist  Ménilmontant im 20. Arrondissement und da vor allem die Place de Ménilmontant:

Place de Menilmontant 003

 

Die Arbeiten Freds sind manchmal auch mit einer Botschaft versehen, so die Arbeiten zur Legitimität  gleichgeschlechtlichen Partnerschaften – oft  mit der unmissverständlichen Unterschrift „L’amour n’est jamais sale“ (Die Liebe ist nie schmutzig)

Fred le Chevalier Place de Ménilmontant 045

9899829115_74910c0fd8_b Fred le Chevalier L'amour n'est jamais sale

Eine für Fred le  Chevalier eher untypische schriftliche und ausführliche Botschaft enthält die nachfolgende Arbeit: Passend zum multikulturellen  und politisch aktiven Stadtteil Belleville (siehe Blog-Beitrag über Belleville), wo ich sie gefunden habe, ist es ein Aufruf zum friedlichen Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Glaubens und (in ironischer Variante)  zum politischen Engagement: Die protestantischen Staaten wie Schweden, Finnland, Deutschland, USA, Neu Seeland etc seien alle reich. Also: „soyons protestants“.

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Wie die anderen in dieser Street-Art-Reihe vorgestellten Pariser Straßenkünstler hat Fred le Chevalier inzwischen ein „Gesicht“ und einen Namen, und damit auch eine ganz offizielle und wohl auch ruecharlesdelescluze11eme036 existenzsichernde Präsenz im öffentlichen Raum.

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Hier zum Beispiel sein Logo für die u.a. von der Stadt Paris organisierte Veranstaltungsserie „Paris, face cachée“ 2019 (https://www.parisfacecachee.fr/)

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Ein Buch mit Zeichnungen hat Fred auch veröffentlicht, worauf es in  „Le Bouquin qui bulle“ in der Rue de l’Orillon (11. Arrondissement, November 2018)  einen schönen Hinweis gibt.  (13):

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Wir sind alle Könige in einem Land, das nicht existiert

Und auf seiner Website findet man Hinweise auf seine Ausstellungen.[14]

Es gilt also auch hier:

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(Puzzle-Teil von Bea Pyl in der rue Charles Delescluze im 11. Arrondissement)

Anmerkungen:

[1] Siehe den Blog-Beitrag: La Goutte d’or oder Klein-Afrika in Paris (Mai 2016)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/1077

[2] http://www.monsieurchat.fr/

http://www.lefigaro.fr/arts-expositions/2016/10/14/03015-20161014ARTFIG00222-pas-de-prison-pour-monsieur-chat.php

[3]  https://maratinage.wordpress.com/2012/11/08/street-art-in-paris-lart-de-la-rue-a-paris/

[4] Surpopulation: Les prisons françaises sont des cocottes-minute‘. Le Monde, 8.8.2016: http://www.lemonde.fr/police-justice/article/2016/08/08/surpopulation-carcerale-le-numerus-clausus-une-question-de-courage-politique-adeline-hazan-controleure-generale-des-lieux-de-privation-de-liberte-surpopulation-les-p_4980010_1653578.html

[5]http://france3-regions.francetvinfo.fr/centre-val-de-loire/loiret/pas-prison-thomas-vuille-auteur-monsieur-chat-1107727.html

[6] http://archeologue.over-blog.com/article-m-chat-observe-l-affrontement-de-jean-luc-melanchon-et-de-marine-le-pen-a-henin-beaumont-106547196.html

[7] https://www.sortiraparis.com/arts-culture/exposition/articles/154590-m-chat-aime-paris-l-exposition-a-l-hotel-jules-jim

http://www.leparisien.fr/paris-75/paris-monsieur-chat-fete-ses-20-ans-24-11-2017-7413261.php

[8] http://missticinparis.com/biopresse/biographie/

[9] http://archeologue.over-blog.com/article-miss-tic-a-la-une-les-uns-et-les-unes-en-couverture-detournee-120568914.html

Über aktuelle Aktionen und  Ausstellungen informiert die home-page von Miss Tic: http://missticinparis.com/actualites/

[10] http://missticinparis.com/  (Zugriff Januar 2018)

(10a) Eine Pariser Bekannte, die Miss Tic kennt, hat bei ihr wegen der beiden Arbeiten angefragt. Miss Tic hat zwei Hinweise gegeben:  Die „femme qu’on diffame“ hat etwas mit Amélie Poulain zu tun und beide Arbeiten befinden sich im 18. Arrondissement. Das könnte doch das „jeu de piste“ erleichtern…..

[11] http://fredlechevalier.blogspot.fr/p/biographie.html

[12] http://www.isupportstreetart.com/interview/13933/

(13)   https://www.lapionniere.com/boutique/hors-collections/fred-le-chevalier

[14] http://fredlechevalier.blogspot.de/p/accueil.html

 

Weitere geplante Beiträge:

  • fake news, nostalgischer Nationalismus und antideutsche Ressentiments: Der deutsch-französische Freundschaftsvertrag von Aachen schlägt in Frankreich Wellen
  • Das Haus der Mutualité in Paris (2): Der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935 
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Das Hotel Lutetia (2): Geschichten und Geschichte
  • Die Fontänen im Park von Versailles (2): Ausdruck absolutistischen Größenwahns

Das Hotel Lutetia (1): Ein Bauwerk zwischen Art Nouveau und Art Déco im neuen Glanz

In einem Bericht über das nach vierjähriger Renovierung 2018 wieder eröffnete Hotel Lutetia in Paris schreibt die Süddeutsche Zeitung:

„Könnte man alle Gäste des vergangenen Jahrhunderts hier versammeln, dann stünden nicht nur Charles de Gaulle, Pablo Picasso und Heinrich Mann gemeinsam an der Bar,“ dann träfen in der Lobby auch deutsche Offiziere des militärischen Geheimdienstes, der von 1940-1944 das Hotel requirierte, auf Überlebende deutscher Vernichtungslager, die dort 1945 aufgenommen wurden.[1]

Das Hotel Lutetia, das einzige Grand Hotel  auf der linken Seine-Seite, ist, das wird schon hier deutlich, nicht nur ein „Hotel der großen Namen“[2] – die drei von der Süddeutschen Zeitung Genannten sind nur eine sehr kleine Auswahl- sondern auch ein Hotel voller Geschichte – und Geschichten.

Und es ist ein herausragendes Bauwerk  zwischen  Art-Nouveau (Jugendstil) und Art Déco, das nach längerer Renovierung und Umgestaltung jetzt wieder in neuem/alten Glanz erstrahlt.[3]

Dementsprechend  gibt es auch zwei Beiträge zum Hotel Lutetia. Den nachfolgenden über das Bauwerk und einen weiteren über seine hundertjährige wechselhafte Geschichte, in dessen Zentrum der cercle Lutetia stehen wird. Damit ist der Versuch deutscher Hitler-Gegner  bezeichnet,  in den 1930-er Jahren eine deutsche Volksfront nach französischem Vorbild zu schaffen. Schauplatz dieses von Heinrich Mann präsidierten Versuchs  war das Hotel Lutetia – eines der vielen faszinierenden Kapitel der Geschichte dieses Hotels.

Zunächst also zum Bau:

Einen schönen Blick auf das Lutetia hat man von dem  Denkmal der Madame Boucicaut  aus, das sich in der kleinen gegenüber liegenden Grünanlage, dem Square Boucicaut,  befindet.

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Diese ist benannt nach Aristide Boucicaut, der im 19. Jahrhundert zusammen mit seiner Frau Marguerite das auf der anderen  Seite der Anlage gelegene Kaufhaus  Bon Marché zum ersten großen und damals weltweit führenden Warenhaus entwickelte.[4] Mit dem Bon Marché wollten sie ihre damals revolutionären Verkaufsideen in großem Stil verwirklichen: Auf 7 Etagen gab es, bei offenen Türen und fest ausgezeichneten Preisen,  rund um Einrichtung und Kleidung alles zu kaufen, was damals neu und modisch war. Es gab Rabattaktionen, Sammelbildchen und Bon-Marché-Luftballons für Kinder, die damit zu Werbeträgern wurden….  Und ein großer Fuhrpark mit Pferdegespannen stand bereit, die erworbenen Waren den Käufern nach Hause zu liefern: Eine „cathédrale de commerce pour un peuple de clients“, wie es Emile Zola in seinem Roman „Au bonheur des dames“ nannte. Zu diesem quasi sakralen Charakter des Kauf-Tempels trug natürlich auch seine Architektur bei, und die hatten die Boucicauts Louis-Charles Boileau, einem Schüler des großen Viollet-le-Duc anvertraut, und für die Metallkonstruktionen war niemand Geringeres als Gustav Eiffel verantwortlich!  Marguerite Boucicaut  setzte nach dem Tod  ihres Mannes dessen Arbeit  fort und  unterstützte eine Vielzahl karitativer Einrichtungen, vor allem aber  ihre Angestellten, deren soziale Fürsorge ihr in bestem paternalistischen Sinne sehr am Herzen lag, Dieses Engagement  wird durch das Denkmal gewürdigt.

Zwischen dem Kaufhaus Bon Marché und dem Hotel Lutetia gibt es aber nicht nur die räumliche Nähe und die Verbindung durch den Square Boucicaut:  Das  1910 eingeweihte Hotel verdankt nämlich seine Entstehung dem Kaufhaus: Es war vor allem für wichtige auswärtige Kunden und Lieferanten bestimmt, die in der Nähe des Kaufhauses  ihrem Lebensstil entsprechend logieren konnten: „Le MAXIMUM du confort et du bien-être pour le MINIMUM de dépense“, wie es 1919 in einer Werbung für das Hotel hieß. Es war deshalb auch nicht ganz so protzig ausgestaltet wie das Ritz, das Carlton, das Majestic oder das George V auf der anderen Seite der Seine.[5]

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Ducken oder gar verstecken brauchte und sollte sich das Lutetia aber durchaus nicht. Betrachtet man vom Square Boucicaut  aus die Fassade des Hotels,  bekommt man einen Eindruck von der Bedeutung und dem Selbstbewusstsein der Bauherren.  Außergewöhnlich ist allein schon die stark rhythmisierte Fassade, vor allem  aber die einem Schiffsbug nachempfundene Rundung an der Ecke von Boulevard Raspail und Rue de Sèvres. Von daher wurde der Bau ja auch gerne „célèbre paquebot parisien“ genannt.[6]

Mit dieser Architektur grenzt sich das Hotel  demonstrativ ab von der Gradlinigkeit und teilweisen Uniformität der Haussmann‘schen Fassaden.  Und die Assoziation mit dem Schiffsbug ist sicherlich gewollt: Das Hotel trägt immerhin den Namen Lutetia, der  in großen Lettern und unübersehbar auf die Fassade gemeißelt ist. Es ist der Name der römischen Siedlung auf der linken Seine-Seite, bevor die Stadt dann den Namen des keltischen Stamms der Parisii übernahm. Das Hotel hat dann auch gleich ziemlich auftrumpfend  das Wappen der Stadt als ihr Logo übernommen: Ein unsinkbares Schiff auf hoher See mit dem Leitspruch: Fluctuat nec mergitur. (Sie wird von den Wellen hin und her geworfen, aber sie sinkt nicht). Das gilt für Paris, aber es soll auch für das Hotel gelten.

017 Lutetia Schild mit Schiff

Dem Schiff auf hoher See begegnet man gleich  im Eingangsbereich des Hotels hinter dem Portal: Ein großes Mosaik, das noch aus der Entstehungszeit des Hotels stammt, aber dann lange verdeckt war.

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Dass das Hotel –wie schon das benachbarte Kaufhaus-  architektonisch auf der Höhe der Zeit war, dafür bürgten der Architekt Louis-Hippolyte Boileau, der Sohn des Architekten des Bon Marché, und der Bildhauer Paul Belmondo, der Vater des Schauspielers Jean-Paul Belmondo, der für die reichen Verzierungen der Fassade verantwortlich zeichnete.

Eine besondere Rolle spielen bei der Ausschmückung der Fassade Weinlaub und -trauben, Blumen und Vögel. Das erinnert an die Geschichte, als an den Hängen des Montparnasse noch Wein angebaut wurde und an die Gärten, die es einmal dort gab, wo jetzt das Hotel steht. Die Ornamente sind aber auch ein wichtiges Element des in Paris  ja sehr lebendigen Baustils des Art Nouveau, der hier gewissermaßen seinen Abschluss findet.[7]

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Seit 2018 erstrahlt die Fassade wieder in altem Glanz. In den Jahren davor war sie teilweise mit Netzen verhangen, um Passanten vor möglicherweise herabstürzenden Fassadenteilen zu schützen. Dann war sie vier Jahre lang mit einer Attrappe und einem Werbeplakat verdeckt.

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Foto der Fassade aus dem Jahr 2016

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Der Haupteingang des Hotels  Boulevard Raspail und sein mit Jugendstilelementen verziertes Vordach

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Vor allem aber wurde das Hotel innen grundlegend renoviert, saniert und –zum Beispiel durch den Einbau  eines Marmor-Schwimmbads- auf das Niveau eine 5-Sterne-Hotels gehievt. Allerdings betonen die Verantwortlichen des Hotels  seine Sonderstellung unter den Luxushotels der Stadt:  Immerhin ist es das einzige rive gauche, also des Universitäts- und Künstlerviertels. Und es ist –nach Einschätzung von Le Monde-  „l’hôtel le plus ‚intello‘ de Paris“.  Angesprochen werden sollen nicht Geschäftsreisende und russische oder nahöstliche Milliardäre,  sondern –sicherlich wohlhabende- Besucher aus aller Welt, die von dem Flair der Kulturmetropole Paris und der rive gauche angezogen werden.  Das Hotel soll nach den Worten seines Direktors ein Hotel bleiben, in dem nicht Unternehmen die Rechnung bezahlen, sondern die Kunden selbst, und das sollen Menschen sein, die nicht nur Luxus wollten, sondern Authentizität.[8]

Die Bewahrung der besonderen Authentizität des Lutetia war –wie auch schon bei der Renovierung des Hauses der Mutalité[9]– ein besonderes Anliegen des verantwortlichen Architekten, Jean- Michel   Wilmotte.[10] Allerdings war die Aufgabe beim Lutetia besonders delikat: Denn zunächst einmal wurde vor der Renovierung gewissermaßen tabula rasa gemacht: Das Hotel wurde leer geräumt, über 3000 Objekte wurden versteigert, darunter die noch erhaltenen Möbel der Erstausstattung – natürlich damals geliefert vom Bon Marché-  dazu Kunstgegenstände, die im Verlauf der 100-jährigen Geschichte zusammengekommen waren, oft von Künstlern wie César (César Baldaccini) oder Arman (Armand Pierre Fernandez) gestaltet, die dem Lutetia in besonderer Weise verbunden waren.  So beherbergte das Lutetia gewissermaßen eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Damit war es mit der vorläufigen Schließung des Hotels 2014 vorbei – ebenso mit der  der etwas verstaubt- altertümlichen,  aber anheimelnden Salon-Atmosphäre aus Plüsch und noblem Nippes.

Zwei Objekte aus der früheren Einrichtung des Lutetia

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Hier der Salon vor der Renovierung  mit der Skulptur „Clarté“  von Max le Verrier.[11] Für diese  Frauenfigur mit dem Licht in den ausgestreckten Händen standen gleich drei Frauen Modell: eine für den Kopf, eine für die Brust und eine dritte für die Beine.

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Sie wurde 1985 in der Ausstellung „Lumières“ im Centre Pompidou gezeigt. Der  Wikipedia-Artikel über Max le Verrier gibt noch an, zwei Exemplare der Skulptur seien im Hotel Lutetia zu sehen. Aber das war einmal….[12]

Authentizität hat das Hotel mit seiner neuen Sachlichkeit sicherlich verloren. Es hat aber Authentizität hinzugewonnen, indem bei der Neugestaltung durch Wilmotte ursprüngliche Elemente von Jugendstil und Art Déco besonders  zur Geltung gebracht wurden.

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so die originale Drehtür und Lampen im Foyer mit seinen schon von der Fassade bekannten Stuck aus Wein und Vögeln.

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… oder die zentrale Halle mit ihren Jugendstilornamenten und dem –noblesse oblige- Lutetia-Wappen ….

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und dem weiß verputzten Tonnengewölbe mit seinen Stuck- Olivenzweigen nachempfundenen Stuckelementen.

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Von der zentralen Halle aus erreicht man unter anderem die Bar. Sie ist nach Josephine Baker benannt, die früher zu den Stammgästen des Hauses gehörte. Vielleicht hat sie dort auch –nur mit Bananen bekleidet- einen ihrer legendären Tänze aufgeführt.[13]

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Es  steht auch schon –wie früher- das Klavier bereit – auch wenn es wohl nicht mehr das aus dem von Jacques Dutronc geschriebenen Song des französischen Sängers Eddy Mitchell Au bar du Lutetia ist.[14] Das  Lied erinnert an Serge Gainsbourg,  „der auf seinen nächtlichen Eskapaden durch Saint-Germain-des-Près immer irgendwann in der Bar des Hotel Lutetia landete.“ [15]

Er setzte sich dann, so singt es Mitchell, einfach ans Klavier, das seine Stimme schon kannte, sang  As time goes by oder spielte vierhändig mit den Musikern. Der Kellner brachte ihm, je nachdem, ob  er gut oder schlecht gelaunt aussah, einen „102“ (doppelter Pastis) oder einen Bloody Mary.

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Um ihn herum leicht bekleidete Top- Model- Frauen, die darauf warten, dass sich der Mann mit dem Wuschelkopf in einen Wolf verwandelt. Und  die schicken Gäste finden all das amüsant. Jetzt –das Lied ist 2003 nach dem Tod Gainsbourgs geschrieben-  spiele der Pianist des Lutetia  alleine, während der Freund mit den Engeln trinke.

Maintenant, ça n’est plus ça 
Au bar du Lutetia.

Donnerstags, freitags und samstags  gibt  es  im neuen Lutetia zwischen 19.30 und 22.30 kleine Jazzkonzerte in der Bar Joséphine (15a) – ein idealer Ort für einen Apéro…

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Das Ambiente ist nämlich einzigartig:  Bei der Renovierung wurden  Jugendstil-Fresken von Adrien Karbowsky aus der Entstehungszeit des Hotels entdeckt, freigelegt und sehr aufwändig restauriert.

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Sie sind inspiriert von den Klostergärten, auf deren  Boden das Hotel  1910 erbaut wurde.[16]

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Die großen Fenster zur Straße lassen viel Licht in den Raum und stellen nach dem Selbstverständnis des Hotels gewissermaßen ein demokratisches Element dar:  Sie ermöglichen den Blick der Gäste nach draußen und der Passanten nach innen- anders übrigens als in anderen Pariser Hotels dieser Kategorie.

Einziger Schönheitsflecken nach Ansicht der Zeitung Le Parisien, der ich mich nur anschließen kann: Der nicht gerade einladende Preis für ein Tässchen Kaffee:, nämlich 7 Euro[17], der dann vielleicht doch die Pariser des Viertels abschrecke …

Einen Blick zumindest sollte man auch in das Restaurant „Saint Germain“ werfen. Die ursprüngliche Glasdecke des Raums wurde übernommen, allerdings von dem Maler Patrice Hyber bunt bemalt, so dass  sich bei Sonne die Farben an den Wänden spiegeln.

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Und die Motive passen zu dem ursprünglichen Konzept des Hotels- es  könnten ja gewissermaßen die Puppen und Spielzeuge sein, die die Gäste 100 Jahre zuvor im Kaufhaus Bon Marché gekauft haben. Anders als in der Brasserie des Hotels, die im Januar 2019 in Betrieb geht und von dem 3-Sterne Koch Gérald Passédat geleitet wird, soll das Essen in dem Restaurant einigermaßen erschwinglich sein: Von Montag bis Freitag wird ein déjeuner für 28 Euro angeboten (Fleisch, Fisch und vegetarisch zur Auswahl). Und man hat, wie der Parisien in seiner Ausgabe vom 2. November 2018 mitteilt, dabei gute Aussichten, als Zugabe „têtes connues“  wie Isabelle Huppert, Claude Lelouche oder den früheren Ministerpräsidenten Lionel Jospin zu sehen….

Ein Gewinn für das neue Lutetia ist sicherlich auch der Innenhof.  Bei den Renovierungsarbeiten wurde die bisherige Decke entfernt, so dass jetzt gewissermaßen eine offene innere Terrasse entstanden ist.

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Und die schönen Verzierungen der Wände –und natürlich auch das Lutetia- Wappen- sind jetzt sichtbar.

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Und dann gibt es natürlich noch den wunderbaren Salon Cristal – früher Salon Président-  in dem sich in den 1930-Jahren deutsche Antifaschisten versammelten, um eine deutsche Volksfront zu bilden. Aber dazu mehr im zweiten Teil dieses Beitrags.

 

Versuch einer Bilanz

Das Hotel hat durch die Renovierung zwar einiges an sympathisch-verstaubtem  Charme eingebüßt, aber es hat auch einiges dazugewonnen. Die Absicht Wilmottes war es, diesem  „außergewöhnlichen und legendären Ort“ seinen alten Glanz zurückzugeben und es den Anforderungen des 21. Jahrhunderts anzupassen. Dazu seien die Architekturelemente von Art Nouveau und Art Déco eine Verbindung mit modernem Design eingegangen.[18]  Pierre Assouline, immerhin Autor eines schönen Romans über das Hotel Lutetia und Jury-Mitglied des Prix Goncourt, findet jedenfalls die Renovierung „wirklich gelungen. Es war höchste Zeit, dass man das Lutetia ein bisschen auffrischt. Natürlich gibt es immer die Nostalgiker, nur hatte das Hotel ja so, wie es zuletzt war, sowieso nichts mehr mit dem  Ursprung zu tun. Es war wahnsinnig dunkel, Fresken waren übermalt, Glasüberdachungen zugemauert. … Es wirkte langsam wirklich heruntergekommen.“[19]

Nach einem Rundgang durch die „Gemeinschaftsräume“ des Hotels im Erdgeschoss kann man sich diesem Urteil anschließen. Aber dann gibt es natürlich –wir befinden uns ja in einem Hotel- auf 7 Etagen  137 luxuriöse Zimmer und 47 Suiten, von denen einige über eine private Panorama-Terrasse verfügen und für die die Nacht bis zu 25 000 Euro kostet. Ein „normales“ Zimmer ist laut booking.com  „schon“ ab 750 Euro zu haben. Dazu neuerdings auch ein marmornes Schwimmbad mit Spa-Abteilung, was wohl notwendig ist, wenn man ein 5-Sterne-Hotel sein und sogar in die exquisite und exklusive Gruppe der „palace“-Hotels aufsteigen will.[20]  Die Zimmer verbreiten nach unserem Eindruck allerdings eher den  Eindruck eines etwas beliebigen aseptischen Luxus, aber wahrscheinlich gab es da –anders als im Erdgeschoss- keine verborgenen architektonischen Schätze aus Jugendstil und Art Déco zu heben. (Die Suiten mit grandiosem Blick auf Eiffelturm und Invalidendom konnten wir leider nicht sehen, da waren noch die Renovierungsarbeiten in vollem Gang).

Es wird sich zeigen, ob Assouline recht behält oder die Nostalgiker, ob Catherine Deneuve und Milan Kundera, die ein Gang von nur fünf Minuten vom „Lutetia“ trennt,  bereit sein werden,  sich mit dem  neuen Lutetia „in alter Treue zu verbinden“[21] und ob es noch einmal eine  solche Liebeserklärung an das neue  Lutetia geben wird wie die von Juliette Gréco[22]:

Je vais au Lutetia!

D’accord retrouvons-nous là.

Nous y sommes tous allés

Nous y retournons tous

Toujours avec au cœur

Ou au corps des raisons diverses

La plus importante étant la ‚Rencontre‘

Il y a toujours un visage, une voix, une musique

qui fait que nous sommes plus heureux, plus

riches, plus fous qu’ailleurs.

J’y ai retrouvé ma mère, ma sœur, survivantes.

J’y retrouve ceux que j’aime aujourd’hui

Autour d’un verre, d’un plat, d’un gâteau…

C’est bon et c’est vivant, chaleureux et élégant.

Merci

À tout de suite 

Juliette Gréco

 

 

Literatur:

Willy Jasper, Hotel Lutetia. Ein deutschen Exil in Paris. München/Wien 1994

Pierre Assouline, Lutetia. Roman. Paris: Gallimard 2005. Deutsche Ausgabe: Lutetias Geheimnisse. München 2006

Pascaline Balland d’Almeida, Hôtel Lutetia. L’esprit de la Rive Gauche. Paris 2009

 

 Anmerkungen

[1] https://www.sueddeutsche.de/reise/frankreich-pariser-chic-1.4058103

[2] http://www.faz.net/aktuell/stil/drinnen-draussen/lutetia-das-hotel-der-grossen-namen-feiert-wiedereroeffnung-15687572.html (FAZ vom 12.7.2018)

[3] Ein Dank an Mme Servat-Moscovici, die sich die Zeit genommen hat, uns das neue Lutetia zu zeigen. Merci!

[4] https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/geschichte-der-warenhaeuser-kathedralen-des-handels/1797958.html

[5] http://www.leparisien.fr/paris-75/l-hotel-lutetia-ressuscite-les-traces-de-son-glorieux-passe-20-09-2016-6134055.php

Bild aus: http://foodandsens.com/made-by-f-and-s/chefs-on-parle-de-vous/le-nouvel-hotel-lutetia-paris-a-ouvert-ses-portes-cette-semaine/

[6] http://lartnouveau.com/belle_epoque/architectes_paris/lutecia.htm

[7] Siehe die beiden Beiträge über Hector Guimard auf diesem Blog: Hector Guimard, Jugendstil in Paris. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/9873 und Hector Guimard in Paris (2): Die Synagoge in der rue Pavée und das Grabmal auf dem Père Lachaise. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10036

[8] https://www.lemonde.fr/economie/article/2014/04/12/lifting-cinq-etoiles-pour-le-lutetia_4400212_3234.html

[9] Siehe den entsprechenden Blog-Beitrag über das Haus der Mutualité: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10658

[10] http://www.wilmotte.com/fr/projet/388/Le-Lutetia-hotel-5

[11] Bild aus: Pascaline Balland d’Almeida, Hôtel Lutetia. L’esprit de la Rive Gauche. Paris 2009

[12] https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Le_Verrier

[13] https://www.welt.de/kultur/article127401146/Hier-wohnten-Hitlers-Gegner-dann-seine-Spione.html

[14] https://www.paroles.net/eddy-mitchell/paroles-au-bar-du-lutetia

[15] Zitiert und nachfolgend zum Teil übernommen von: https://www.zeit.de/entdecken/2018-07/hotel-lutetia-saint-germain-des-pres-wiedereroeffnung

(15a) Das jeweils aktuelle Programm auf der homepage des Hotels unter der Rubrik „le Jazz auf Lutetia“:   https://www.hotellutetia.com/fr/bar-josephine

[16] http://www.leparisien.fr/paris-75/paris-au-bar-josephine-on-redecouvre-le-lutetia-27-08-2018-7866162.php

[17] http://www.leparisien.fr/paris-75/paris-au-bar-josephine-on-redecouvre-le-lutetia-27-08-2018-7866162.php

[18] https://inthemoodforhotelsdeluxe.com/2018/01/11/ouverture-de-lhotel-lutetia-au-printemps-2018-premieres-informations/

[19] Zitiert in: https://www.zeit.de/entdecken/2018-07/hotel-lutetia-saint-germain-des-pres-wiedereroeffnung

[20] https://www.france.fr/fr/paris/article/dans-les-coulisses-de-la-renovation-de-lhotel-lutetia-a-paris

[21] https://www.welt.de/kultur/article127401146/Hier-wohnten-Hitlers-Gegner-dann-seine-Spione.html

[22] Hôtel Lutetia Paris, S. 7

 

Geplante weitere Beiträge

  • Der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935 im Haus der Mutualité in Paris
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier
  • Das Hotel Lutetia (2): Geschichte und Geschichten
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris: Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen

„Dadurch, dass ich zum Glück die Kinder habe, ist alles doppelt schwer.“ Anna Seghers im Pariser Exil 1933-1940

 

Anna Seghers, geboren am 19.11.1900  als  Netty Reiling, ist Einzelkind und stammt aus einer reichen jüdischen Familie in Mainz. Der Vater ist Kunsthändler und Netty promoviert 1924 über das Thema „Juden und Judentum im Werk Rembrandts“ in Heidelberg. Dort lernt sie Laszlo Radvanyi, ebenfalls Jahrgang 1900, einen ungarischen Soziologen und engagierten Kommunisten kennen. 1925 heiraten die beiden und ziehen nach Berlin. 1926 wird ihr Sohn Peter geboren. Erste Veröffentlichungen unter dem Pseudonym Anna Seghers – Hommage an den niederländischen Maler und Grafiker Hercules Seghers –  erscheinen. 1928 kommt Tochter Ruth zur Welt und Anna Seghers tritt der KPD bei. 1933 zwingt der Reichstagsbrand das Ehepaar Radvanyi zur Flucht. Sie gehen in die Schweiz, die Kinder bleiben vorerst bei den Großeltern in Mainz. Schließlich siedeln sie nach Paris über und holen die Kinder nach. Es folgen sieben relativ ruhige Jahre des Exils im Pariser Vorort Bellevue-Meudon. Die Kinder besuchen die Schule, Anna Seghers nimmt sich die notwendige Zeit zum Schreiben, indem sie in Pariser Cafés geht und dort arbeitet. „Das Siebte Kreuz“ entsteht. Eine Kinderfrau ist immer da und kümmert sich um den Haushalt und die Kinder. In dem schwierigen Leben des Exils so weit wie möglich Normalität zu etablieren, ist eines der Hauptziele von Anna Seghers. Schwer wird es erst, als ihr Mann 1940 mit Kriegseintritt als „feindlicher Deutscher“ interniert wird, sie mit den Kindern auf sich allein gestellt ist und die Wohnung verlassen muss, um Recherchen der Gestapo zu entgehen. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch mit den Kindern in die unbesetzte Zone nach Südfrankreich gelingt es ihr beim zweiten Versuch,  in die Nähe des Internierungslagers Vernet zu gelangen, um Kontakt zu Ehemann und Vater aufzunehmen und die Kinder wieder in der Schule anzumelden. Nach aufreibenden Verhandlungen – der begonnene Roman „Transit“ legt davon Zeugnis ab – gelingt es schließlich der vereinten Familie Radvanyi von Marseille aus Europa zu verlassen in Richtung Mexiko, das zweite Exil, ein zweiter völliger Neuanfang. Aber immer gehen die beiden Kinder zur Schule, so dass sie bei ihrer Rückkehr in Frankreich problemlos studieren können. Und nie hört Anna Seghers auf zu schreiben, was ihr das Durchhalten ermöglicht. Sie ist – darauf hat Christa Wolf verwiesen – Deutsche, Frau, Jüdin, Kommunistin, Schriftstellerin und Mutter  –  die größte denkbare Herausforderung in ihrer Zeit des Exils.

Im Folgenden sollen die Stationen von Anna Seghers im Pariser Exil aufgezeigt werden. Es sind Orte, die auch heute noch gut zugänglich sind : Bahnhof, Hotel, Wohnhaus, Café. Dazu werden entsprechende Bezüge aus ihrem Werk oder anderen  Quellen herangezogen und kommentiert. (1)

 

 I.   GARE DE L‘EST (Ostbahnhof)                                                    Ankunftsort deutscher Flüchtlinge in Paris

Auch heute noch kommen die meisten Besucher aus Deutschland mit dem ICE oder TGV im Pariser Ostbahnhof, Gare de L’Est,  an  – einem modern renovierten hochgeschwungenen Bahnhof aus dem 19.Jahrhundert –  ein architektonisch beeindruckender großzügiger Empfang.  All die Menschen,  die in den 30 er Jahren Nazi-Deutschland schweren Herzens und voller Zukunftssorgen verlassen mussten, um im freien Frankreich Asyl zu suchen, werden das sicherlich kaum bemerkt haben.

DSC02367 Gare de l'Est (2)

Als Anna Seghers mit ihrer Familie hier ankam, hatte sie die beiden Kinder Pierre und Ruth in Straßburg abgeholt, dort waren sie von der Großmutter übergeben worden. In der ersten Zeit des Exils in der Schweiz und die ersten Wochen in Paris hatte das Ehepaar die Kinder bei den Großeltern in Mainz gelassen. Und sie dann nachgeholt.

Anna Seghers schreibt zu dieser denkwürdigen Ankunft

„Die Frau, die die Grenze passiert hat, die eines Abends am Gare de l’Est ankommt, die ist hellwach, nicht bloß aus Gespanntheit, aus Erschöpfung – hellwach in ihr ist die Kraft, die vielleicht ihr Leben lang, vielleicht Jahrhunderte verschüttet war, weil niemand ihrer bedurfte. Jetzt ist sie wieder die Frau von Kriegszügen, von Verbannungen, von Völkerwanderungen. Sie wird vor den ungewöhnlichsten Augenblick gestellt, auf dass sie ihn zwinge, die Züge gewöhnlichen Lebens anzunehmen, damit man ihn ertragen kann. Auf dem fremden, wilden Bahnhof, im Geknatter der fremden Sprache, hält sie Gepäck und Kinder zusammen. Misstrauisch mustert sie das Zimmer, von dem der Mann behauptet, es sei provisorisch. Sie reißt das Fenster auf. Sie hat Nähzeug zur Hand und näht rasch einen Knopf fest. Sie beschnuppert das Bettzeug. Der Mann schimpft wohl über all das Gehabe, doch ist er plötzlich erleichtert. Der furchtbarste Augenblick des gemeinsamen Lebens wird dadurch gezähmt und gebändigt. Geht diese Kraft der Frau ab, dann ist es schwerer für die Familie…“(A.S. 1986 130/31)

Der französische Bahnhof wird als „fremd“ und “wild“ wahrgenommen, vom „Geknatter der fremden Sprache“ ist die Rede. Später von „misstrauisch“ und dem Zweifel, ob die Unterkunft wirklich „provisorisch“ bleibe. Beschreibung eines sehr schwieriger Transit-Moments vom Bekannten ins Ungewisse, von der Heimat in die Fremde. Aber die Familie ist ab jetzt vereint.

In die konkrete  Darstellung der  beklemmenden Situation im Hotelzimmer mischen sich geradezu philosophische Überlegungen der Autorin zur Rolle der Frau/Mutter im Exil. Seghers beschwört in diesem Zusammenhang die sehr einfache, aber im Kontext fast magische Fähigkeit von Frauen, durch kleine notwendige Alltagsgesten den schweren Bann des Schicksals zu relativieren und so erträglich  gestalten zu können. In der Tat : In einem völlig neuen Umfeld ist es eben sehr beruhigend zu erleben, wie vertraute Tätigkeiten selbstverständlich weiter verrichtet werden (z.B. Knopfannähen). Diese Kontinuität schafft Vertrauen und Zuversicht. Diese Aufgabe – damals als rein frauenspezifisch angesehen – wird hier von Anna Seghers als entscheidend für das Gelingen von Exil-Leben, für Paare und vor allem für Familien, angesehen. Eine solche Heraushebung der Alltagsleistung von Ehefrauen und Müttern für die Lebensqualität im Exil erstaunt und sticht hervor in einer Zeit, in der die Haus- und Erziehungsarbeit der Frauen deutlich weniger beachtet und geschätzt wird als die bezahlte Erwerbsarbeit von Männern. In ihrem Aufsatz „Frauen und Kinder in der Emigration“ (1986) betont die Autorin immer wieder die Herausforderung aus dem „ungewöhnlichen Leben“ im Exil ein möglichst weitgehend „normales“ zu gestalten. Dieser Anforderung hat sie sich selbst als Mutter in Frankreich und später in Mexiko immer wieder gestellt, indem sie konsequent ihre Kinder in die Schule schickte und diese somit eine lückenlose französische Schulausbildung erhielten, die ihnen nach dem Krieg ein Studium in Frankreich ermöglichte. Über die Kinder in der Schule blieb sie auch immer mit einer sehr wichtigen Einrichtung des Gastlandes in Kontakt, also eine Art wichtiger Integration. Die Doppelbelastung von Familie und schriftstellerische Tätigkeit war zu meistern, da „Rodi“, ihr Mann, sich wenig um die Kindererziehung kümmerte. Dafür gab es die Hilfe von Hausmädchen, die wichtige Bezugspersonen für die Kinder wurden. „Dadurch, dass ich zum Glück Kinder habe, wird alles doppelt schwer“ (A.S. 1986,30) fasst sie ihre Situation in einem wunderbaren Satz zusammen, der die ganze Ambivalenz ausdrückt. Die Kinder sind zwar eine zusätzliche Last, aber auch ein lebenswichtige positive Verbindung zur Realität im Exil. Ist nicht der verzweifelte Schriftsteller Weigel in „Transit“, der sich das Leben nimmt, als in Paris die deutschen Truppen einmarschieren, das Gegenbeispiel zu ihrer Auffassung, wie wichtig die Normalität, Alltäglichkeit  ist um nicht den Mut zu verlieren? Anna Seghers hat immer wieder betont, dass Exil nicht nur Verlust sei, sondern auch große Chancen berge. „Viele zur Emigration gezwungene Menschen glauben am ersten Tag, alles verloren zu haben. Später haben sie dann gelernt, dass sie vieles gefunden und vieles gewonnen haben, wovon sie früher nicht einmal wussten, dass es das gab.“(A.S. 1986, 129) Dies gilt in gewisser Weise besonders für Frauen, die leichter als ihre Männer in einem fremden Land etwas Geld verdienen können, da sich diese meist an ihren Beruf gebunden fühlen. Diese neue Rolle, entscheidend zum Lebensunterhalt beitragen zu können oder  zu müssen,  verändert den Status der Frau in der Beziehung zu ihrem Partner und im Sozialgefüge der Exilierten insgesamt. Das Gleiche galt unter anderen Vorzeichen auch für die meisten Frauen und Mütter nach Kriegsende. Gewiss bedeutete das mehr Selbstbewusstsein, aber noch keine Emanzipation. Frauen bleiben allein für die Kinder zuständig, ein Prinzip, das nicht in Frage gestellt wird, auch wenn die Mutter eine bekannte Schriftstellerin ist, deren Tätigkeit das Überleben der Familie sichert wie im Fall von Anna Seghers. Sie sei überstrapaziert, so erklärt sie einmal in einem Brief an Bredel. Nicht nur wegen der Fertigstellung ihres Buches und kurzer Krankheit, sondern auch durch Aufgaben für Haushalt und Familie. Daher bat sie ihn einmal <inoffiziell und freundschaftlich< zu bedenken : Du bekommst, weil du ein berühmter Mann bist, auch deine Knöpfe von weiblichen Personen angenäht… Solche Äußerungen, in denen Anna Seghers ihr Frau-Sein thematisiert, sind selten. Es war ihr unangenehm sich schwach zu zeigen oder sich über ihre Rolle als Frau zu beklagen. (A.S. Briefwechsel 1933-45, S. 283)

Aber genau deshalb betont sie immer wieder den wichtigen Beitrag der Frau zum Gelingen eines Lebens im Exil . „Für Mann und Frau kann das Fortgehen die Neuaufrichtung der Ehe bedeuten oder ihre Auflösung. Mag die Frau in den meisten Fällen< dem Mann folgen< – hinter dem Einfachen verbirgt sich wie immer eine stille, beträchtliche Leistung.“ (A.S. 1986, S.129) und ganz konkret: „Wenn es nun wirklich fortgeht, dann überwiegt in diesem Umzug aus höchster Verantwortung  und Entscheidung auf eigentümliche Weise das technische, das Umzugsmäßige. Ob ein Möbelwagen gepackt werden soll oder ein Rucksack, ob ein paar Banknoten eingenäht werden müssen oder Butterbrote geschmiert…“ (A.S. 1986,S-130) Damit ist die wichtige Transformationsleistung der Frauen und Mütter gemeint,  gefährliches angespanntes Leben in gewöhnliches, alltägliches zu verwandeln, hin zu einem Leben ohne Angst. Das ist schon eine Art Philosophie des Pragmatismus.

 

 II.   51, rue Gay Lussac <Hôtel de l’Avenir>                                  Anlaufstelle von Exilanten im Quartier Latin

Bekannt wurde die Straße Gay Lussac 1968 durch die Studentenunruhen und Polizeieinsätze. 1933 war das Hotel in der Nr. 51 oft eine erste Unterkunft für die Schutzsuchenden. Heute gibt es dort immer noch ein Hotel, jedoch mit dem Eingang bei der Nummer 53 und dem neuen Namen Hotel André Latin.

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Der damalige Hoteleingang

Pierre Radvanyi, der Sohn von Anna Seghers erinnert sich: „Mit meiner Mutter fuhren wir im Zug nach Paris zu unserem Vater in ein kleines Hotel in der Rue Gay Lussac, nahe beim Jardin du Luxembourg. Man konnte von dort aus die Spitze des Eiffelturms sehen.“ (P.R. 2005, S.19)

III.   26, avenue du 11 novembre 1918   –                                          eine schöne Bleibe in Bellevue-Meudon

Nach einem gemeinsamen Sommerurlaub in Equihen an der Nordseeküste im Departement Pas de Calais kehrte die Familie Radvanyi nicht mehr ins Hotel zurück,  sondern bezog die erste Etage eines Hauses in dem gut bürgerlichen Vorort Bellevue Meudon – leider bisher ohne Erinnerungsplakette.

DSC03074 Meudon April 2018 (2)

Anna Seghers hatte etwas Ähnliches wie in Berlin-Zehlendorf gesucht und gefunden, „in der frischen Luft, außerhalb der Großstadt“. Mit Hilfe ihrer Mainzer Eltern gelang es sogar,  Möbel und Bücher aus Zehlendorf nach Meudon zu expedieren. 7 Jahre eines (fast) normalen Familienlebens im Exil Paris beginnen. Das Kindermädchen Gaja- aus Deutschland nachgekommen- sorgt lange Jahre zuverlässig für Haushalt und Kinder und für leckere Kuchen am Sonntagnachmittag, wenn Gäste zu Besuch kommen.  Nach anfänglichen Problemen in der staatlichen Schule für Pierre, dem es als Ausländer schwer gemacht wird, löst ein Schulwechsel in eine private „Freie Schule“ das Problem. Im Rückblick schreibt  Sohn Pierre :  „Mit dem Vorortzug  hatten wir es gar nicht weit bis zum Bahnhof Paris-Montparnasse, zudem lag die Avenue du 11 novembre 1918 nahe am Wald von Meudon und lief am unteren Ende  auf eine kleine Terrasse zu, die einst zum Grundbesitz von Madame de Pompadour gehört hatte und von der man einen schönen Blick auf Paris werfen konnte. Von den ersten Monaten abgesehen, habe ich dort Jahre einer glücklichen Kindheit verlebt.“ (P.R.2005,S.20; das nachfolgende Foto aus Zehl Romero, Foto 26))

DSC02317 Anna Seghers Meudon

Die Familie vor dem Haus in Bellevue

Pierre berichtet auch über viele Spaziergänge mit der Mutter, die diese häufig nutzte ihre dichterischen Eingebungen voranzutreiben. „Oft spazierten wir zur Terrasse unterhalb des Observatoriums von Meudon, von wo man einen herrlichen Blick auf Paris hatte…“(P.R., 2005,S. 26)

Sowohl die kleine Terrasse in Meudon-Bellevue, als auch die große in Meudon Val Fleury erlauben auch heute noch einen schönen Blick auf Paris und lohnende Spaziergänge – insbesondere die hoch gelegene grande terrasse  (mit Zugang zur Orangerie) beim Observatorium.

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  IV.    Cafés  –  Orte des Austauschs und des Arbeitens

„Wenn meine Mutter Ruhe zum Schreiben brauchte, flüchtete sie in ein Café. Zuweilen ging sie in ein Café in der Nähe unserer Post, aber lieber suchte sie die Cafés in Paris auf, vor allem am Boulevard St. Germain. Mit einem einzigen Milchkaffee hielt sie einen ganzen Vor-oder Nachmittag durch. Dass sie sich in allgemeinem Lärm und inmitten von vielen Leuten befand, störte sie gar nicht, im Gegenteil, das stellte für sie eine Art Schutzwand dar.“(P.R. 2005, S. 33)

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Das Café als öffentlicher Ort und Treffpunkt spielte für die Emigranten in Paris eine große Rolle. Hier konnte man sich zwanglos treffen, diskutieren und bei einer Tasse Kaffee stundenlang sitzen bleiben. Der Meinungs-und Informationsaustausch untereinander sowie mit französischen Kollegen stand im Vordergrund. Hermann Kesten beschreibt das so: „Im Exil wird das Café zu Haus und Heimat, Kirche und Parlament…zur Wiege der Illusion und zum Friedhof…zum einzigen kontinuierlichen Ort.“ (H.K.. 1959, S.12)

Hier ein Bild mit Anna Seghers vor einem Pariser Café. (http://www.anna-seghers.de/biographie_paris.php)

 

Bei Seghers war das Café allerdings weniger ein Ort des Gedankenaustauschs und hitziger politischer Debatten, sondern des Rückzugs auf konzentrierte schriftstellerische Arbeit. „Oftmals sah ich sie im Café de la Paix oder in einem kleinen Café am Montparnasse unter einer murmelnden Menschenmenge sitzen…Der Bleistift flog über das Papier, und das Manuskript wuchs“ erinnert sich Lore Wolf, die Frankfurter Freundin, die als verfolgte Kommunistin mit ihrer Tochter in Paris lebte und Anna Seghers das Manuskript von „Das 7. Kreuz“ abtippte (zit. bei Sternburg Anm. 151).  Interessant übrigens, dass die meisten der von den Emigranten damals frequentierten Lokalen im Montparnasse wie  „La Coupole“ oder „ Dôme“ heute zu den teuersten Konsum-Tempeln der Stadt gehören.

Das Café, ein Ort, wo man immer einfach hingehen, sich hinsetzen und schreiben kann: Eine geniale Lösung nicht nur für Anna Seghers, sondern auch heute noch für viele Menschen in Paris, die dort stundenlang über ihrem laptop  sitzen – internet inclusive. Cafés/Restaurants spielen auch in Seghers Roman „Transit“ eine wichtige Rolle. Immer wieder kehrt die Hauptfigur in dasselbe Lokal in Marseille zurück – eine Pizzeria mit wärmendem Feuer. Warum? Zum Warten, zum Essen, zum Weintrinken, zum Beobachten, um Leute zu treffen, vor allem aber um zu warten. Ein bekannter und gewohnter Ort, also ein wenig Zuflucht für die Heimatlosen, ein Stück Innehalten auf der drängenden Suche nach Rettung.

Anna Seghers war im Pariser Exil aber nicht nur als Mutter und Schriftstellerin  engagiert, sondern auch politisch: Wer wäre denn auch besser geeignet gewesen als die aus Deutschland geflohenen Schriftsteller, vor den Gefahren des Nationalsozialismus zu warnen und für eine breite Front des Widerstands  zu werben. Das  politische Engagement Anna Seghers`in der Zeit ihres Pariser Exils  soll aber an anderer Stelle  beispielhaft an ihrer Rede über die Vaterlandsliebe beim „Ersten Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur“ im Haus der  Mutualité  1935 verdeutlicht werden.   

 

 V.  „Six jours – six années“  –  „6 Tage –  6 Jahre“      

Diese Tagebuchblätter von Anna Seghers aus der Pariser Zeit wurden ursprünglich 1938  in französischer  Sprache in der Monatszeitschrift „Europe“ veröffentlicht und sind nur in deutscher Fassung zugänglich (ndl, 9.Sept. 1984). Die Idee : pro Jahr ihres Aufenthaltes Ereignisse von einem Juni-Tag in der Sprache des Gastlandes zu präsentieren. Im Vordergrund stehen dabei deutsch-französische Erfahrungen.

Im Tagebuchblatt aus dem  Juni 1933 erinnert sie sich : „Wir haben die Kinder von der Grenze abgeholt. Wie Verrückte haben sie sich in unsere Arme geworfen, dort verharrten sie dann unbeweglich. Völlige, unendliche Sicherheit bei diesen unsteten Wesen, ihren Eltern, die doch selbst zu den Obdachlosesten dieser Welt zählten, selbst von allen Stürmen hin- und hergeworfen wurden.“    Und sie fährt fort mit dieser rührende Beschreibung des Kontakts mit den Kindern, die  gerade aus dem geliebten unerreichbaren Deutschland gekommen waren: „Das mehrfarbige karierte Kleid der Kleinen, der Geruch ihres Haares machten mich verrückt vor Heimweh….als wir die Hosentaschen des Kleinen leeren : ein paar getrocknete Grashalme, ein Pfennig, eine Fahrkarte, ein Tannenzapfen: ein halbes Deutschland.“ (A.S., 1984 S.5)

Erst später wird Anna Seghers wissen, dass sie bei dieser Übergabe der Kinder in Straßburg ihre Mutter das letzte Mal gesehen hat. In Paris angekommen fährt die nun endlich vereinte Familie Radvanyi nach Equilieu (Pas de Calais) in  Sommerurlaub. „Unsere Wirtin, Witwe eines Schriftstellers, bereitet uns die Suppe. Sie nennt mich „meine Tochter“. Das ist wahrscheinlich nur so ein Ausdruck, aber es tut mir gut. In dieser Frau, und nicht durch irgendein Komitee, begrüßt uns Frankreich.“(A.S., 1984, S.7)  Bei ihr lernen die beiden Kinder erstes Französisch.                                                

Juni 1934 hält sie  fest :“Als ich abends nach Hause komme, höre ich, wie die Kinder sich in einem groben und doch schon geläufigen Französisch zanken….In unseren Augen spielen die Kinder “Franzosen“, wie sie Indianer spielen. Wie man sich als Indianer mit Federn putzt, zieht die Kleine weiße Strümpfe an, um die „französischen Kinder“ am Sonntag zu spielen.“  Und weiter als erzieherische politische Korrektur: „Wir zeigen ihnen Broschüren für Deutschland, die man mit der Lupe liest. Vor allem, die Einheit bewahren! Vor allem niemals die Vergangenheit verraten! Vor allem, niemals die Kontinuität einbüßen!“ (A.S.,1984, S.7)

Juni 1935 bemerkt sie im Kontext des internationalen Schriftstellerkongresses über die französischen Kollegen:“Was uns am meisten erregt, die wundervolle Tradition des revolutionären Denkens, seine kontinuierliche, logische, fast organische Entwicklung…“    (A.S., 1984, S.7)

Juni 1936 zitiert sie ihren Sohn. „Später im Bett, erklärt uns der Kleine, warum er die französischen Gedichte den deutschen vorzieht : die deutsche Dichtung drückt zu oft reines Denken aus, die französischen dagegen Gefühle.“ (A.S.,1984,S.8)  Dieses Urteil hätte sicher ein französisches Kind mit gleichem Recht umgekehrt fällen können. Welche subtile Wahrnehmung kultureller Unterschiede!

 Juni 1937 erwähnt Anna Seghers vor allem das Zusammentreffen mit einem deutschen Widerstandskämpfer, der nach KZ-Haft und Flucht sich nun nach Spanien zum Kampf bei den Internationalen Brigaden aufmacht. Ihre große Hochachtung ist unverkennbar.

Juni 1938 geht sie der Frage nach, „wohin wir mit den Kindern im Kriegsfalle gehen würden. Meine ersten Bombenangriffe habe ich am Ufer des Rheins erlebt, die zweiten in Spanien, und die dritten auch. Aber hier in diesem Land haben meine Kinder Freunde und Sicherheit kennengelernt; sollten sie nicht, wenn es sein muss, auch Schmerz und Gefahren hier begreifen?“ (A.S., 1984, S.9)  Ganz ähnlich wird später auch der Erzähler von Transit argumentieren, als er sich entschließt, bei den Menschen in Südfrankreich zu bleiben, die ihn freundlich aufnehmen und mit ihnen zu erwartendes Leid teilen statt aus Europa vor den Nazis  ins Ungewisse zu fliehen. Anna Seghers hat dann doch die Ausreise nach Mexiko betrieben und so sich und ihrer Familie das Leben gerettet, was ihr im Fall ihrer Mutter jedoch nicht mehr gelang.

 

 VI. Die Stadt Paris im Werk von Anna Seghers                                                     

Der Roman „TRANSIT“, an dem Anna Seghers bereits  1940  in Marseilles zu schreiben anfing, spielt vor allem in dieser Stadt, Ausfallstor in die Welt auf der Flucht vor der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Der Erzähler ist nur zu Anfang kurz in Paris und beschreibt die Stadt nach der Besetzung so :

„Ich ging eines  Sonntags früh nach Paris hinein. Die Hakenkreuzfahne wehte wirklich auf dem Hôtel de Ville. Sie spielten wirklich vor Notre Dame den Hohen Friedberger Marsch. Ich wunderte mich und wunderte mich. Ich lief quer durch Paris. Und überall deutsche Autoparks, überall Hakenkreuze, mir war ganz hohl, ich fühlte schon gar kein Gefühl mehr. Ich grämte mich, dass all der Unfug aus meinem Volk gekommen war, das Unglück über andere Völker. Denn dass sie sprachen wie ich, dass sie pfiffen wie ich, daran war kein Zweifel. Als ich nach Clichy hinaufging, wo Binnets wohnten, meine alten Freunde, da fragte ich mich, ob Binnets wohl vernünftig genug seien, um zu begreifen, dass ich zwar ein Mensch dieses Volkes sei, doch immer noch ich. Ich fragte mich, ob sie mich ohne Papiere aufnehmen würden.                                                                                                                         

Sie nahmen mich auf.“ (A.S., 2018, S.13/14)

Die bewegende Erzählung „OBDACH“ von 1941 (A.S., Erzählungen, Da., 1973, S.199-206) spielt dagegen ganz in Paris. Es geht um den Jungen eines von der Gestapo in Paris verhafteten deutschen Widerstandskämpfers. Das Kind ist verzweifelt, denn es soll nach Deutschland zurück und dann in ein NS-Heim gebracht werden. Doch eine französische Bekannte nimmt ihn in ihre Familie auf trotz Widerstand ihres Mannes. Eine starke Frau, die vorbildlich handelt im Sinne von Seghers, der das Engagement der Helfer für politische Flüchtlinge unumgängliche moralische Verpflichtung galt  – trotz aller Risiken. Naheliegend, dass Anna Seghers bei dem Schicksal des deutschen Jungen auch an das potentielle Los ihrer eigenen Kinder gedacht hat, wenn sie entdeckt und verhaftet würde.

Den Erfolgs-Roman „DAS SIEBTE KREUZ“, den Anna Seghers in der Pariser Zeit verfasste, ist neben der klaren politischen Aussage eine Hommage an ihre rheinische Heimat, die sie mit so viel Liebe beschreibt, wie es nur aus der erzwungenen Trennung heraus möglich ist. Sieben KZ-Flüchtlinge fliehen aus dem KZ Westhofen (Vorbild Osthofen/ Nähe Worms), aber nur einem gelingt die Flucht. Denn er hatte einen Helfer finden können, der es wagte ihn zu verstecken und dann weiter zu leiten – trotz Familie mit Kindern, die er damit in höchste Gefahr brachte. Wieder das Seghers-Anliegen der Bereitschaft zu unzögerlicher praktischer Solidarität, das hier aus Paulchen einen Helden werden lässt. Und die große Befriedigung, die  aus der konkreten Unterstützung eines Verfolgten erwächst, ist immer wieder ein Aspekt, den sie betont.

DSC01177 Exilausstellung DB August 2018 (11)

                    Amerikanische Ausgabe des Romans für in Europa eingesetzte GIs                  (Exilausstellung des Deutschen Nationalmuseums Frankfurt)  Das erhoffte Visum für die USA erhielt Anna Seghers allerdigs nicht.

Fazit: Die Bereitschaft schnell und entschlossen zu helfen, wenn es für Flüchtlinge notwendig ist, erwies sich als gelernte Lektion im Deutschland von 2015. Im kollektiven deutschen Gedächtnis gibt es die Erinnerung an das Leid der Heimatvertriebenen, vor allem aber an die Not der NS-Verfolgten, die Hitler-Deutschland verlassen mussten, wenn sie es noch konnten. Die literarische Verarbeitung gerade ihrer Schicksale hilft vor dem Vergessen zu bewahren und gelangt in neuem Kontext zu  überraschender Aktualität, wie die jüngste Verfilmung von Anna Seghers  „Transit“ (2018) zeigt.                                                                                                                                                  Frauke Jöckel

 

(1)  Das Portrait von Anna Seghers wurde 1935 aufgenommen von Gisèle Freund.

©  bpk/IMEC Fonds MCC/ Giaèle Freund

https://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/EN/Objects/freund-seghers-en.html?single=1

 

 

Quellenangaben und benutzte Literatur:

Anna Seghers/Wieland Herzfelde : Frauen und Kinder in der Emigration in „Gewöhnliches und gefährliches Leben“, Darmstadt 1986                                                  Anna Seghers : 6 Tage, sechs Jahre, Tagebuchblätter in neue deutsche Literatur 9/1984      Anna Seghers : Das Obdach (1941) in „Erzählungen“ Bd.1, Darmstadt 1973                            Anna Seghers : Das 7. Kreuz (1942) , Berlin 2018                                                                            Frankfurt liest ein Buch 16.-29.April 2018 : Anna Seghers, Das 7. Kreuz                                    Anna Seghers : Transit (1951), Berlin 2018                                                                                    Christian Petzold : Transit (Film), 2018                                                                                              Pierre Radvanyi : Jenseits des Stroms, Erinnerungen an meine Mutter, Berlin 2005              Christiane Zehl Romero : Anna Seghers, eine Biographie 1900-1947, Berlin 2000                  Wilhelm von Sternburg  : Anna Seghers, ein Porträt, Berlin 2012                                        Hermann Kesten : Dichter im Café, Wien 1959                                                                                Roland Hoja : „Wartesäle der Poesie“, Schriftstellerinnen im Pariser Exil 1933-41, Norderstedt 2015                                                                                                                      Monika Melchert : Wilde und zarte Träume, A. Seghers Jahre im Pariser Exil, Berlin 2018  Studienkreis dt. Widerstand (Hrsg) : „Nichts war vergeblich“  Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Katalog zur Ausstellung in der Gedenkstätte KZ Osthofen, 2016                                                                                                                                                          Lore Wolf : „Ein Leben ist viel zu wenig“, Berlin 1979                                                                    Doris Danzer : „Zwischen Vertrauen und Verrat“, deutschsprachige kommunistische Intellektuelle und ihre sozialen Beziehungen, Berlin 2012                                                  Doron Rabinovici : „Das Versagen der Heimat“, Eröffnungsrede zur  Dauerausstellung des Deutschen Exilarchivs in Frankfurt/Main, FAZ, 9.April 2018

 

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu deutschsprachigen Schriftstellern in Paris/im französischen Exil:

  • Das Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise in Paris: Eine Hommage an den Vorkämpfer der deutsch- französischen Verständigung

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10585

  • Mit Heinrich Heine in Paris

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8231

  • Exil in Frankreich: Sanary, Les Milles und Marseille

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/592

  • Der Cimetière de Picpus: Ein deutsch-französischer und amerikanischer Erinnerungsort (Stefan Zweig, R.M. Rilke)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/1828

  • La Maison de la Mutualité à Paris/Das Haus der Mutualité in Paris (2): Der Erste Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935 (Heinrich Mann, Anna Seghers)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/11479

 

Geplante weitere Beiträge

  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 1: Lyon, Luberon, Piemont
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 2: Die Waldenser in Hessen-Homburg
  • Der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935 im Haus der Mutualité in Paris
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier
  • Das Hotel Lutetia (1): Ein Bauwerk zwischen Art Nouveau und Art Déco in neuem Glanz

 

 

11. November 2018. Paris begeht den 100. Jahrestag des Waffenstillstands

Thema dieses Beitrags sind die Veranstaltungen zum 100. Jahrestag des Waffenstillstands (armistice) in Paris.  Er  schließt sich insofern an einen früheren  Beitrag zur Entwicklung und Veränderung des  11. November als Feiertag in Frankreich an:  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/3394

Diesmal und gerade in der Hauptstadt wird der 11. November in einer außerordentlichen Intensität und Vielfalt begangen. Immerhin ist der 11. November nach dem Urteil des französischen Historikers Pierre Nora „une date absolue“ der Geschichte des Landes. Das gelte sonst nur noch für den 14. Juli, den französischen Nationalfeiertag. (Le Figaro, 10./11.11.2018). Der 11. November 1918 wird allerdings in Frankreich auf unterschiedliche Weise verstanden.  Und obwohl es sich um ein für Frankreich wie Deutschland existentielles Datum handelt, spielt der Tag in beiden Ländern eine ganz verschiedene Rolle. Das soll im Folgenden exemplarisch dargestellt werden.  Gerade unter dem  Blickwinkel der deutsch-französischen Beziehungen ist das besonders interessant: Die jeweilige Ausgestaltung der Erinnerung an den Waffenstillstand kann auch als Gradmesser dieser Beziehungen dienen.

 

Der 11. November in der Topographie von Paris

Welche Bedeutung der  11. November in Paris hat, wird schon daran deutlich, dass es zwei ganz besondere Plätze gibt, die an den Waffenstillstand erinnern, der den „Großen Krieg“ Frankreichs beendete.  Da gibt es die Place du 11 Novembre  1918  vor dem Gare de l’Est: ein symbolischer Ort, weil von diesem Bahnhof aus die Züge in den Osten Frankreichs und nach Deutschland abfahren.

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Es handelt sich hier um den Bahnhofsvorplatz- begrenzt von dem Bahnhofsgebäude auf der einen und der rue du 8 mai auf der anderen Seite. Straße und Platz erinnern damit an das Ende der beiden Weltkriege – wichtige Daten im kollektiven Gedächtnis der Franzosen und immerhin ja auch beides Feiertage.

Und dann gibt es die repräsentative  Place du Trocadéro et du 11 novembre im 16. Arrondissement.

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In dessen Zentrum steht ein  Reiterstandbild  à la Henri Quatre oder Louis Quatorze  des Marschalls Foch, und zwar in perfekter Symmetrie mit der Statue des Marschalls Joffre vor der École militaire auf der anderen Seine-Seite.[1]

An der westlichen Seite des Platzes  befindet sich an der Mauer des  Friedhofs von Passy  das Monument à la gloire de l’armée francaise 1914-1918.

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Wegen seines Themas und seiner Komposition liegt der Vergleich mit der kämpferischen „Marseillaise“ an der Schauseite des Arc de Triomphe nahe.[2] Hier ist es aber weniger die überschäumende Begeisterung, sondern eher die Entschlossenheit der sich um die „Marianne“ in der Mitte scharenden  und letztlich siegreichen Soldaten, der poilus, die präsentiert wird; und dezent am  Rande auch der Tod. Immerhin handelt es sich ja um ein Denkmal „für die Helden und für die Toten“.

Eingeweiht wurde  das Denkmal  1956 von dem Schriftsteller Maurice Genevoix, [3] der auf der  Grundlage eigener Kriegserfahrungen mehrere Erinnerungsbücher über den Ersten  Weltkrieg geschrieben hat.  Sie wurden seit 1916 publiziert,  zusammengefasst 1949 in dem Band „Ceux de 14“. Es sind alles andere als kriegsverherrlichende Bücher. Wegen seiner ungeschminkten Darstellungen der Kämpfe hatte Genevoix  -oft verglichen mit Ernst Jünger- sogar Schwierigkeiten mit der Zensur.   Dass er aber dieses Denkmal „zum Ruhm der französischen Armee“, für ihre „Helden“ und Toten, an der Friedhofsmauer  und neben dem Reiterstandbild  Fochs einweihte,  zeigt, wie sehr die Erinnerung an den 11. November einerseits mit dem Gedenken an die auf dem „Feld der Ehre“[4] gefallenen Opfer des Krieges,  andererseits aber auch mit der Feier der Armee, ihrer „heldenhaften“ Soldaten und ihrer Führer verbunden ist. Der 11. November ist damit ein wesentlicher Bestandteil des sogenannten „roman national“ Frankreichs, der immer wieder neu und auf ganz unterschiedliche Weise erzählt wird, auch jetzt wieder anlässlich des 100. Jahrestags  des Waffenstillstands von 1918.[5]

Dazu gehört auch, dass Maurice Genevoix und „ceux de 14“ 2019 ins Pantheon aufgenommen werden. Maurice Genevoix sei –so Macron-  der „Fahnenträger“ all derer, die im Ersten  Weltkrieg für die Freiheit, das Recht und den Frieden gekämpft und gesiegt hätten und die jetzt auch „à titre collectif“ ins Pantheon aufgenommen würden – übrigens eine Neuheit in einer Einrichtung, die bisher Einzelpersonen vorbehalten war. Die sterblichen Überreste des Schriftstellers sollen allerdings nicht transferiert werden, sondern auf dem  Friedhof von Passy verbleiben.[6]

Dieser Pantheonisierungsbeschluss ist ein eindeutiger Hinweis darauf, wie intensiv der 100.  Jahrestag des Waffenstillstands in Frankreich  begangen wird. Die entsprechenden Veranstaltungen beendeten (und beenden noch) einen  vierjährigen Erinnerungsmarathon zum Ersten Weltkrieg.  Unzählige kulturelle, pädagogische und wissenschaftliche Erinnerungsprojekte wurden  gerade 2018 durchgeführt.[7] In den Medien war der 11. November ein Dauerthema  – es gab im Fernsehen eine „Flut von Programmen zum Jahrestag“ (Le Monde)  und die Printmedien standen dem nicht nach: In den Buchhandlungen quollen die Büchertische über von einschlägiger Literatur, auch vielen Neuerscheinungen[8], und in der Presse war in der Zeit vor dem 11. November die Erinnerung an den Jahrestag das  beherrschende Thema.  Der „Figaro“ beispielsweise veröffentlichte eine sechsteilige Serie „Il y a 100 ans“  mit  Berichten und Analysen (und natürlich auch Auszügen aus dem Buch von Genevoix) und auch in Le Monde gab es eine Sonderbeilage und die  tägliche Rubrik „Centenaire du 11 novembre“.

DSC02843 9.11. Ausstellungen Mairie (5)

Emblem der Erinnerungswoche im Figaro

Höhepunkt der Gedenkveranstaltungen war natürlich der 11. November– eingeleitet um 11 Uhr vormittags durch das Läuten aller Glocken im Land,  so wie es 100 Jahre davor auch war, als der Waffenstillstand eingeläutet und auf diese Weise bekannt gemacht wurde.[9]

Macron, Helden oder Opfer? und der Schatten von Pétain

Eine prominente Rolle bei den Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag des Waffenstillstands spielte natürlich der Staastpräsident. Emmanuel  Macron unternahm vom 4.-9. November eine Rundreise, eine „itinérance mémorielle“,  zu den bedeutendsten Schlachtfeldern des  Ersten Weltkriegs auf französischem Boden. Dabei ging es ihm um die Erinnerung an die Soldaten, die für die Republik gekämpft haben,  auch an Orten wie Morhange, wo tausende poilus für eine skrupellose Strategie der „offensive à outrange“ geopfert wurden.[10]  Und mit der Ehrung der tapferen, ja entsprechend einem breiten französischen Konsens: „heldenhaften“  Soldaten  ist natürlich auch eine Botschaft an die Gegenwart verbunden: nämlich Zuversicht zu verbreiten in Gegenden, die vor 100 Jahren  vom Krieg verwüstet wurden und die  jetzt vielfach Opfer von Globalisierung und Desindustrialisierung sind.  Macron wollte also auch dazu auffordern, sich gegen neue Bedrohungen wie Nationalismus und Populismus „in Marsch“ zu setzen – die anstehenden Europawahlen lassen grüßen.[11]

Beginn der Rundreise war –zusammen mit Bundespräsident Steinmeier- am 4. November ein deutsch-französisches  Konzert im Münster von  Straßburg  – natürlich ein höchst symbolischer Ort – jahrhundertelanger Streitapfel zwischen Frankreich und Deutschland, proklamiertes französisches Ziel einer „Revanche“ seit der Niederlage von 1871 und jetzt europäische Stadt par excellence.  Endpunkt dieses Wegs der Erinnerung war  am 10. 11. –diesmal zusammen mit der deutschen Bundeskanzlerin-  der Besuch die Lichtung  Rethondes  bei Compiègne, auch dies ein höchst symbolischer Ort.  Dort war  der Eisenbahnwagon aufgestellt, in dem  Mathias Erzberger als  Vertreter der am 9. November ausgerufenen Republik  den Waffenstillstand unterzeichnete und der am 22. Juni 1940 Ort eines erneuten  Waffenstillstands  zwischen Frankreich und Deutschland  war – diesmal aber nach dem sogenannten  „Blitzkrieg“ der Wehrmacht gewissermaßen mit umgekehrten Vorzeichen.

Bei dem heute auf der Lichtung von Rethondes aufgestellten Eisenbahnwagon handelt es sich um eine Nachbildung des 1940 nach Deutschland gebrachten und im Krieg zerstörten  Originals. Das Elsass-Lothringen-Denkmal mit dem Datum des 11. November 1918 und dem vom französischen Schwert durchbohrten deutschen Adler wurde auf Befehl Hitlers zerstört, nach dem Krieg aber wieder aufgebaut.

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Hier tragen  sich Macron und Merkel gemeinsam in das von Marschall Foch eröffnete Goldene Buch des Waffenstillstands- Wagens ein 

In dem zum Jahrestag auch inhaltlich entstaubten Museum wird jetzt auch  verdeutlicht, auf welche Weise der Waffenstillstand von 1918 nicht nur das Ende eines mörderischen Krieges, sondern auch das Vorspiel eines weiteren nicht weniger mörderischen Krieges war: Mit einem abgewandelten Zitat von Clausewitz hat ein französischer Historiker denn auch kritisch und treffend den Waffenstillstand von 1918 und die nachfolgenden Friedensverhandlungen überschrieben: Der Frieden ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln…. Gerade für die damalige französische Politik passt das nur allzu gut.[12]

Zum 100. Jahrestag wird in Compiègne auch die „dalle sacrée“ die monumentale Granitplatte restauriert, die 1922 mit folgender Inschrift im damaligen Geist in den Mittelpunkt der Lichtung platziert wurde: „Hier unterlag am 11.November 1918 der verbrecherische Hochmut des deutschen Reichs, besiegt von den freien Völkern, die zu unterjochen es beansprucht hatte.“[13]  Jetzt weihten direkt davor Macron und Merkel eine neue Erinnerungsplatte in französischer und deutscher Sprache ein, auf der die Versöhnung und die Freundschaft zwischen beiden Ländern gewürdigt werden (13a)

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Übrigens kann man sich derzeit in und  um Compiègne auch auf kulinarische Weise an den Waffenstillstand erinnern:  So werden in mehreren Restaurants spezielle „Menus 14-18“ angeboten. So in Les Accordailles in Compiègne mit einer Schützengrabensuppe (Vélouté des tranchés) als Vorspeise, einem „Geheimnis des Sieges“ als Hauptgericht und einer „Margerite im Gewehrlauf“ als Dessert. Der speziell dabei herangezogene Historiker hat sich aber offensichtlich auf die Namensgebung beschränkt. Der Gast muss also nicht damit rechnen, eine Kohlsuppe oder eine Dose mit Sardinen vorgesetzt zu bekommen.[14]

Die abschließende  zentrale Veranstaltung zum 11. November fand dann natürlich genau am Jahrestag des Waffenstillstands in Paris statt.  Dort  versammelten sich  zahlreiche  Repräsentanten der am Krieg beteiligten Staaten und internationaler Organisationen zu einer Gedenkveranstaltung am Grabmal des unbekannten Soldaten unter dem Arc de Triomphe  [15]  – Bundeskanzlerin Merkel dabei demonstrativ neben Staatspräsident Macron und seiner Frau  platziert und diese drei eingerahmt von Trump und Putin…

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Die für diesem Tag zunächst  noch angekündigte und von Präsident Trump sehnlichst erwartete große Militärparade gab es allerdings nicht, angeblich –wie  im Vorfeld immer wieder zu lesen war- um nicht Deutschland zu verletzten. Der Wunsch Macrons war es, am 11. November nicht in erster Linie den Sieg Frankreichs über Deutschland zu feiern, sondern vor allem der Opfer des mörderischen Krieges zu gedenken: Heute werde der 11. November in Frankreich nicht mehr als großer Sieg, sondern als Ende einer großen Schlächterei  („grande boucherie“, grande hécatombe“) gesehen. Allerdings gab es durchaus auch andere Stimmen- beispielsweise die des Vorsitzenden der „Republikaner“ Laurent Wauquiez.  Durch die Verwandlung der Soldaten des Großen Krieges in Opfer werde das von ihnen freiwillig gebrachte Opfer fürs Vaterland seines heroischen Inhalts entleert und eine Chance zur patriotischen Demonstration der Einheit Frankreichs verspielt.[16] Wenn aber einerseits die „victimisation“ (Pierre Nora) der „Helden“ des Großen Kriegs beklagt wird, so gibt es andererseits in Frankreich auch -immer noch- eine Tendenz, das Vaterland als unschuldiges  Opfer der deutschen Aggression zu sehen und dabei die -keineswegs marginale- Mitverantwortung Frankreichs an der Entfesselung des Kriegs zu übersehen. Aber das ist eine andere Geschichte….

Der Chefredakteur der Zeitung Libération, Laurent Joffrin,  hat zur Auseinandersetzung über den Charakter des 11. November einen sarkastischen Leitartikel veröffentlicht (9.11.) und dabei die –eher  männlichen- „Vestalinnen des kriegerischen Nationalismus“  heftig kritisiert. Der von den französischen Nationalisten, vor allem Clemenceau, nach dem Waffenstillstand den Deutschen auferlegte Frieden mit der alleinigen Kriegsschuld und den Reparationen habe wesentlich zu Aufstieg und Erfolg der Nationalsozialisten beigetragen. Und das sei nur ein Aspekt der „paix manquée“ nach dem 11.11.1918.  Statt den Sieg zu feiern solle man also besser über die Gründe für das Blutvergießen im 20. Jahrhundert nachdenken, um wenigstens im 21. Jahrhundert daraus zu lernen. (16a)

Wenn  Wauquiez und andere beklagen, am „11. November Macrons“  würden „nos gloires nationales“  verleugnet und den poilus ihr „sépulture spirituelle“ verweigert, geht natürlich ins Leere angesichts der Entscheidung des Präsidenten, „die von 1914“ kollektiv ins Pantheon aufzunehmen. Angesprochen ist in dieser Auseinandersetzung aber auch die Frage, wie der 11. November begangen  werden soll: Als Feier eines vaterländischen Sieges (Wauqiez: „victoire de la patrie“) oder als Gedenktag an einen mörderischen Krieg mit der Möglichkeit, daraus Energie zu gewinnen  für die Konstruktion einer gemeinsamen europäischen Zukunft.[17]

DSC02810 Karikatur Le Monde

Der Zeichner Serguei von Le Monde  (8.11.) gibt darauf eine eindeutige Antwort. Die Zeitung Le Figaro, die in ihrer Ausgabe vom 10. November „La gloire de nos pères“ feiert (Überschrift des Leitartikels)   ebenso.

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Und dazu passt auch die Beilage mit dem Reprint der Ausgabe vom 12.11.1918.

DSC02909 Le Figaro

Macrons  begrüßenswerte Entscheidung, den 11. November als übernationalen Gedenktag zu gestalten und auf eine große Militärparade zu verzichten,  bedeutet aber nicht, dass der Waffenstillstand als Besiegelung eines militärischen Siegs ausgeblendet würde. Immerhin wurde  auf Wunsch des Generalstabs wenigstens eine Zeremonie  der Armee im Hôtel des Invalides organisiert. Dabei sollten die acht französischen Marschälle des Ersten Weltkriegs geehrt werden, von denen  fünf unter dem Dôme des Invalides begraben  sind. Allerdings war einer von ihnen, nämlich Pétain,  der „Sieger von Verdun“,  im zweiten Weltkrieg Chef des  Kollaborations- Regimes von Vichy, das mit   den deutschen Besatzern willig zusammenarbeitete – einschließlich  der Beteiligung am Holocaust. Die französische Verteidigungsministerin korrigierte dann allerdings Ende Oktober diese Planung: Geehrt würden nur die fünf in den Invalides bestatteten Marschälle, also nicht Pétain. Darauf angesprochen, desavouierte Präsident Macron während seiner „itinérance mémorielle“ seine Ministerin: Es sei „vollkommen legitim“, die Marschälle zu ehren, die die Armee zum Sieg geführt hätten. Und diese Ehrung gelte selbstverständlich auch Pétain, der während des Ersten Weltkriegs „ein großer Soldat“ gewesen sei. Das sei eine Tatsache, auch wenn Pétain im zweiten Weltkrieg verhängnisvolle Entscheidungen getroffen habe.[18]  Dass diese Aufspaltung in einen zu würdigenden Pétain von Verdun und einen zu verurteilenden Pétain von Montoire –Ort seines Zusammentreffens mit Hitler-  nicht unwidersprochen bleiben würde, war zu erwarten.  Schon vorab hatte ein Militärsprecher vorausgesagt, es werde wohl Ärger mit der französischen Linken oder der jüdischen  Gemeinde geben, wenn man auch Pétain ehre.[19] Der Vorsitzende der französischen jüdischen Gemeinden (CRIF) und Vertreter der politischen Linken wiesen denn auch darauf hin, dass Pétain im Prozess vom Juli 1945 im Namen des französischen Volkes wegen Hochverrats zum Tode verurteilt wurde und ihm die  bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt wurden.  Man sei deshalb über die Äußerungen Macrons schockiert, was aus meiner Sicht nur allzu verständlich ist: In Deutschland wäre es immerhin außerhalb der Neonazi-Szene völlig ausgeschlossen, beispielsweise Göring als großen Jagdflieger des ersten Weltkriegs zu ehren, der er ja zweifelsohne war…  Für den Regierungssprecher Benjamin Griveaux handelte es  sich aber um eine „schlechte Polemik“. Und er berief sich auf General de Gaulle, der festgestellt habe, Pétains Ruhm von Verdun solle von dem Vaterland nicht in Frage gestellt werden- eine Äußerung  aus dem Jahr 1968, die allerdings  in ihrem  historischen Kontext gesehen werden muss. Auch dass Präsident Mitterand mehrere Jahre lang an jedem 11. November ein Blumengesteck am Grab Pétains auf der Île d’Yeu niederlegte, ist Teil einer spezifischen und lange Jahre –auch über 1968 hinaus- üblichen französischen Form der „Vergangenheitsbewältigung“. Und das Hin und Her um die Ehrung Pétains zeigt, dass die bei weitem noch nicht abgeschlossen ist. [20]

Ich kann nur – noch einmal- Laurent  Joffrin, dem Chefredakteur von Libération zustimmen, der am 7.11. in einem Leitartikel schrieb, man könne zwar als Historiker  die beiden Pétains voneinander trennen. Als Politiker und im „mémoire nationale“ gehe das aber nicht. Die Abschaffung der Republik, die Kollaboration mit den Besatzern, das Judenstatut, die Unterdrückung des Widerstands, die Hilfe bei den Deportationen, darunter die berüchtigte Razzia von 1942  (Rafle du Vél d’Hiv)  und die Verbrechen der Miliz seien  Schandflecken auf der französischen Vergangenheit. Seit der Präsidentschaft Chiracs werde die Verantwortung Pétains  dafür nicht mehr minimisiert und sein Ruhm als Sieger von Verdun nicht mehr gewissermaßen als Ausgleich für seine Verbrechen auf die historische Waagschale gelegt.  Mit dieser Tradition breche nun Macron.  Der Präsident hat jedenfalls meines Erachtens  mit diesem für ihn typischen „en même temps“  einen Schatten auf die Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag des Waffenstillstands geworfen.[21]

Immerhin sah sich das Präsidialamt dann doch veranlasst festzustellen, am 10. November werde nicht Pétain geehrt, sondern es würden nur Blumen an den fünf in den Invalides begrabenen Marschällen niedergelegt. Und Pétain werde nicht zu „ceux de 14“ gehören, die ins Pantheon aufgenommen würden. Da kann man sich dann allerdings fragen, ob und ggf welche weiteren Ausnahmen es gibt. Vielleicht die „morituri“ von 1917, die nicht ergeben ihren Generälen gehorchten und die deshalb zum Tode verurteilt wurden….?  Da  wird es dann sicherlich noch weitere Diskussionen geben…

 

Veranstaltungen in Paris

Aus Anlass des 100. Jahrestags des Waffenstillstands gab es in Paris eine unübersehbare Fülle an Veranstaltungen, von denen hier nur einige wenige vorgestellt werden können. Ziemlich spektakulär war im Vorfeld des 11. November  die Ton-Lichtschau „La dame du cœur“ vor der Kathedrale von Notre Dame.[22]

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Erzählt wird die Liebesgeschichte  einer französischen Krankenschwester und eines  tödlich verwundeten amerikanischen Soldaten, der kurz vor seinem Tod bedauert, nie die Kirche Notre Dame gesehen zu haben. Gemeinsam finden sie aber dann  Notre Dame, die „Dame ihres Herzens“.  Eine ziemlich kitschige Geschichte, auch was den Ton und die Lichtspiele angeht, mit denen die wunderbare Fassade von Notre Dame bestrahlt wurde, die das wirklich nicht nötig und verdient hat. Die Schau wurde schon vom 8.-11. November 2017  mit großem Erfolg präsentiert (80 000 Besucher) und in diesem Jahr noch einmal gezeigt – wir haben sie allerdings nur als Zaungäste verfolgt.

Es gab auch ein reiches musikalisches Programm anlässlich des Jahrestags. Hier nur eine kleine Auswahl: Die Philharmonie von Paris präsentierte vom 9.-11. November mehrere Veranstaltungen  zum Thema Krieg und Frieden.

Dazu gehörte auch die Erinnerung an den Cellisten Maurice Maréchal und sein legendäres Cello „Le Poilu“.  [23]

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Dieses Cello hatten Kameraden des Cellisten  aus Munitionskisten gebaut. Das Original ist im Musée de la musique aufbewahrt, mit einem Nachbau spielte Emmanuelle Bertrand  Stücke u.a. von Bach, Britten und Debussy, dazu wurden Passagen aus dem Tagebuch von Maurice Maréchal vorgelesen.

 

 

 

Im Schloss von Versailles gaben  am  11. November die Wiener Philharmoniker  ein in viele Länder ausgestrahltes Konzert mit einem speziell auf diesen Jahrestag zugeschnittenen  Programm (u.a. Beethovens missa solemnis)  und Solisten aus Frankreich, Deutschland, Russland und den USA. [24]

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Und last but not least, wenn auch nicht ganz so prominent:  Zum musikalischen Programm rund um den 11. November gehört/e  auch eine Aufführung des deutschen Requiems von Brahms in der Madeleine – ich erlaube mir das zu erwähnen, weil ich da als Gast eines „befreundeten Chors“ mitsingen werde. Dass allerdings auf dem Plakat der Titel des Werks unvollständig angegeben ist, ist gerade im Erinnerungsmonat November besonders bedauerlich.[25] Im Oktober 2015 hatte ich  schon einmal Gelegenheit, in der Kathedrale von Lisieux das deutsche Requiem (requiem allemand) mitzusingen. Diese Aufführung fand im Rahmen der Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs statt – mit Fahnen, Veteranen und Marseillaise. Und das deutsche Requiem von Brahms wurde ausdrücklich ausgewählt, um „zur Versöhnung der Völker und zur Hoffnung auf Frieden in der Welt“ beizutragen. Bei dem Konzert 2018 ist dieser Bezug leider nicht so explizit  gemacht.

 

Der Blumenteppich vor dem Hôtel de Ville  

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Am Samstag, dem 10. November wurde von Bürgermeisterin Hildalgo auf dem Platz vor dem fahnengeschmückten Hôtel de Ville ein Blumenteppich von 94 415 Primeln und Stiefmütterchen in den Farben der Tricolore eingeweiht – sie symbolisieren die Anzahl der im Krieg umgekommenen Soldaten der Stadt.

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 Auf einer elektronischen Tafel werden in der Reihenfolge der Kriegsjahre und des Alphabets durchlaufend die Namen aller Gefallenen angezeigt.

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Zwei Fotoausstellungen am Hôtel de Ville

Zum Jahrestag des Waffenstillstands präsentierte die Stadt Paris an den Außenmauern des Hôtel de Ville zwei Fotoausstellungen.  Die eine  bezog sich auf das „camp retranché de Paris“, eine Anlage von Verteidigungstellungen in den die Stadt umgebenden  Wäldern.

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Gezeigt wurden aber auch Bilder von Verteidigungs- und Schutzmaßnahmen in der Stadt.

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Eine Flugabwehrstellung auf dem Eiffelturm

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Sandsäcke an der Place de la Concorde zum Schutz gegen den Beschuss der Stadt mit den sogenannten Pariser Kanonen zwischen März und Juli 2018

In einer zweiten Ausstellung wurden  Fotos von Gegenständen aus den Schützengräben gezeigt.

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Zum Beispiel diese mit Hilfe einer Feldflasche gebaute Mandoline

oder dieses beeindruckende Kruzifix aus Patronen

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Dass auch das nachfolgende Foto ausgestellt war, fand ich sehr bemerkenswert und schön, weil es sich auf den informellen Waffenstillstand („Weihnachtsfrieden“) vor allem zwischen deutschen und britischen Truppen an Weihnachten 1914 bezieht:

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Die Aufschrift dazu: „An Weihnachten 1914 beenden die feindlichen Soldaten das Feuer und verbrüdern sich für die kurze Zeit der Festtage. Der Inhalt der Weihnachtspäckchen, die die deutschen Frontsoldaten erhielten, wurde manchmal geteilt. Die Waffen schwiegen und machten den Platz frei für die  Gefühle der Männer.“

 

Das neue Monument aux Morts an der Mauer des Friedhofs Père Lachaise

Am 11. November enthüllte die Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, das neue Denkmal für die im Krieg umgekommenen Soldaten der Stadt.[26] Es gab zwar in Paris schon bisher zahlreiche Erinnerungsorte an die Toten des Ersten Weltkriegs, aber noch kein zentrales Monument mit allen Namen, wie das bei den ca 30 000 zwischen 1918 und 1925 in Frankreich errichteten Gefallenendenkmälern üblich ist.  Ein Denkmal für  nicht weniger als 94 415 Namen erschien offenbar nicht realisierbar. Bisher war die Liste aller Kriegstoten nur im Internet einzusehen. [27] Jetzt wurde an der Friedhofsmauer des Père Lachaise zwischen dem Haupteingang am Boulevard de Ménilmontant und dem Seiteneingang an der Metrostation Père Lachaise (Linie 2) ein 280 Meter langes und 1,30 Meter breites Band aus 150 blauen Stahltafeln angebracht, auf denen Platz für alle Namen ist.

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Letzte Vorbereitungen: Der Weg entlang der Mauer wird neu asphaltiert und die Stahltafeln werden blank geputzt

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„Den Toten des Großen Krieges“

Das Blau  der Tafeln soll Frankreich symbolisieren und an die damalige Farbe der Uniformen erinnern. Aufschrift: „Aux morts de la Grande Guerre. Paris à ses enfants“. Dazu ein Zitat  von Guillaume Apollinaire, der am 9. November 1918 an  den Folgen seiner Kriegsverletzungen und der Spanischen Grippe starb.

Qui donc saura jamais que de fois j’ai pleuré

Ma génération sur ton trépas sacré“

In dem „Chant d’honneur“ aus dem Jahr 2015, dem diese Verse entnommen sind, ist der Krieg zwar in seinem Schrecken präsent, er wird aber gleichzeitig auch ästhetisiert und heroisiert. Diese Ambivalenz ist auch in den ausgewählten Versen zu spüren.

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Und damit erhält  der Tod -100 Jahre nach dem Ende des verhängnisvollen Krieges- immer noch eine transzendentale Weihe – die aber im Zusammenhang mit der Grande Guerre in Frankreich verbreitet ist. Man denke nur an die „dalle sacrée“ in Compiègne, an die „voie sacrée“, den Nachschubweg nach Verdun,  an die ewige Flamme unter dem Arc de Triomphe oder die vielzitierten Worte Clemenceaus in seiner Siegesansprache am 11. November 1918:

„honneur à nos grands morts, qui nous ont fait cette victoire. (…) Grâce à eux, la France, hier soldat de Dieu, aujourd’hui soldat de l’humanité, sera toujours le soldat de l’idéal.“ (27a)

Eine französische Freundin, die aus dem im Krieg  verwüsteten Nordosten Frankreichs stammt, wunderte sich jedenfalls, warum man gerade diese Verse Apollinaires für das Mahnmal am Père Lachaise ausgewählt hat. Vielleicht hätte man sich ja – so meine ich- auch an den -wenn auch spärlich gesäten- kriegskritischen Denkmälern orientieren können, die nach 1918 in Frankreich errichtet wurden- z.B. dem in Dardilly im Département  Rhône. Die Inschrift dort: „Contre la Guerre. À ses victimes. À la  fraternité des peuples“.[28] Aber das stand wohl selbst in einer (noch) von einer linken Mehrheit regierten Kommune nicht zur Debatte.

Bei der Auswahl der Namen haben sich die verantwortlichen Historiker vor allem auf die in den Rathäusern der Arrondissement geführten „livres d’or“ gestützt. (28a) Dort sind alle Toten mit  dem Prädikat „mort pour la France“ aufgeführt, was den Hinterbliebenen eine Pension sicherte. Auf der Tafel am Père Lachaise sind darüber hinaus aber auch die Namen von verwundeten  Fremdenlegionären und Kolonialsoldaten verzeichnet, die in Paris gestorben sind. Und die Namen von 200 Opfern der Militärjustiz. (siehe unten)

DSC02916 PereLachaise mur (6) - Kopie

An der Einweihung des Denkmals konnte ich nicht teilnehmen, aber es wurde auch noch einige Tage danach  festlich beleuchtet.

DSC02916 PereLachaise mur (5) - Kopie

Geht man an dieser langen Reihe mit den 94 415 Namen vorbei, wird diese abstrakte Zahl  in ihrer Grauenhaftigkeit etwas konkreter und anschaulich, gerade wenn man auch einmal innehält, auf die einzelnen Namen blickt und sich vorstellt, welche individuellen Schicksale damit bezeichnet sein könnten.  Dann kann man verstehen, warum in Frankreich von dem „Großen Krieg“ gesprochen wird – und ist gleichzeitig auch etwas betroffen, wenn man an Deutschland denkt, wo  dieser Krieg und seine nicht geringeren Opfer im nationalen Gedächtnis kaum eine Rolle spielt- so gute Gründe es dafür auch gibt.

In Deutschland ist der 11. November der Martinstag, an dem Martinsgans gegessen wird (Brust oder Keule?…) , und der Martinsumzug der Kinder mit den Laternen stattfindet….

… und es ist der  Beginn der Karnelvalszeit: Als morgens in Paris die Glocken läuteten, begann im Rheinland pünktlich um 11.11 Uhr die „närrische Jahreszeit“[29]

Faschingsbeginn, 11. November 11.11 Uhr, Tafel mit Schrift, Faschingsdekoration

 

Auch in den 16 Pariser Arrondissements gab es ein vielfältiges Programm rund um den Jahrestag des Waffenstillstands. Dazu  wenigstens einige wenige Beispiele:

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Das Rathaus des 15. Arrondissements feierte nach eigenen Aussagen den 100. Jahrestag des armistice in großem Stil. Eine ganze Woche vor der offiziellen Erinnerungsveranstaltung am 9. November gab es eine ganze Reihe von Konzerten, Konferenzen und Ausstellungen. Hier das Plakat dazu im kitschigen Stil einer Feldpostkarte.[30]:

 

 

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Ein wenig bekanntes und eher nicht zu der Feierstimmung des Jubiläums passendes Thema sprach die Mairie des 2. Arrondissements an: Die von der französischen Militärjustiz verhängten, teilweise auch zur Abschreckung gedachten Todesurteile gegen Soldaten, deren Verhalten als wehrzersetzend angesehen wurde.[31]

Dies ist ein Thema, das  auch im 2016  neu gestalteten Mémorial  von Verdun angesprochen wird und das besondere Brisanz dadurch erhält, dass die französische Militärjustiz im Ersten Weltkrieg einen traurigen Spitzenplatz in diesem Bereich innehat.[32] Besonders hart war das Vorgehen 1917, als  im Zuge der verlustreichen Nivelle-Offensive am Chemin des Dames eine große Meuterei in der französischen Armee ausbrach,  die mit aller Härte, aber auch Zugeständnissen an die Truppe  beendet wurde. Das Chanson de Craonne, die Hymne der Soldaten, die sich nicht weiter in sinnlosen Angriffen abschlachten lassen  wollten,  war bis 1974 verboten. Und ein Schulaufsichtsbeamter verbot kürzlich, 100 Jahre  nach dem Waffenstillstand,  Schülern, bei einer Veranstaltung zur Erinnerung an den 11. November 1918 das Lied vorzutragen….[33]

Mit einem ganz anderen, aber ebenfalls sehr interessanten Thema beschäftigt sich die Mairie des 4. Arrondissements anlässlich des armistice-Jahrestags. Am 9. November wurde im Ehrenhof des Rathauses im Beisein von Schüler/innen des Arrondissements eine Ausstellung mit  Zeichnungen Pariser Grundschüler aus dem Ersten Weltkrieg eröffnet. Präsentiert wurde die Ausstellung von Manon Pignot, die zu diesem Thema auch ein schönes Buch veröffentlicht hat. [34]  Einige Kinderzeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg wurden auch gegenüber der Mairie des 19. Arrondissements am Zaun des Parks Buttes Chaumont befestigt. Es geht dabei nicht nur um selbst erlebte Alltagserfahrungen  –zum Beispiel das Anstehen für  Brot- sondern es werden auch Szenen der Front dargestellt, wie die Kinder sie  sich aufgrund der Erzählungen von Verwandten und Lehrern vorgestellt haben.

                   DSC02787 Kinderzeichnungen (3)

Hier (Fotos oben und unten) erobern französische Truppen  im Jahr 1914, also auch noch nicht behelmt, eine Ortschaft im Norden Frankreichs zurück.

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Die Legende zur nachfolgenden Zeichnung vom 29. Februar 1916:  „In Verdun wehren unsere heroischen Soldaten die wilden Angriffe der Barbaren ab.“  In der Tat zeigt sich hier eine in der Schule verbreitete „unglaubliche antideutsche Propaganda“ ,  wie die Mairie in ihrer Ankündigung der Ausstellung schreibt.[35]

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Die „Société d’Histoire et d’Archéologie du Vieux Montmartre“, die die Ausstellung verantwortet, schlägt von da aus eine Brücke in die Gegenwart:

„Heute, wo die europäische Einigung wesentlich auf dem Fundament der deutsch-französischen Freundschaft beruht, erinnern die patriotischen Akzente der Zeichnungen daran, dass es nicht immer so war und dass es zweier schrecklicher, mörderischer Kriege bedurfte, dass sich zwei Völker auf ihre gemeinsamen Werte besinnen…“

 

Die Bedeutung der deutsch-französischen Freundschaft stand auch im Mittelpunkt einer Veranstaltung in der Maison Heinrich Heine, dem deutschen Haus in der Cité Internationale Universitaire.

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Dort wurde am 7.11. eine Ausstellungen mit Zeichnungen Marcel Santis eröffnet, der als französischer Soldat sein Leben und das seiner Kameraden in den Schützengräben festgehalten hat. Die Ansprache bei der Eröffnung hielt der  ehemaligen Premier- und Außenminister Jean-Marc Ayrault, ein besonderer Kenner und Freund Deutschlands.[36]  Ayrault, der den Waffenstillstand von 1918 in den Kontext der geschichtlichen Entwicklung des 20. Jahrhunderts und der deutsch-französischen Beziehungen einordnete, wies dabei auch auf eine Zeichnung hin, die ihn besonders beeindruckt habe:  Dargestellt sind drei Soldaten, links ein deutscher, rechts ein afrikanischer, vermutlich ein sogenannter tirailleur sénégalais, die einen verletzten französischen  Soldaten in der Mitte stützen.

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Es ist eine  in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerte Zeichnung: Einmal wegen des farbigen Soldaten; es gab ja 200 000 Soldaten aus den Kolonien, die in der französischen Armee gekämpft haben und von denen 30 000 dabei umkamen. Deren Rolle wurde lange nicht oder kaum gewürdigt. Die Namen der Kanak, also der Ureinwohner Neu-Kaledoniens, die im Ersten Weltkrieg auf französischer Seite gekämpft haben und starben, wurden erst 1998 auf dem „monument aux morts“ in der Hauptstadt Noumea verzeichnet![37]  Und gerade jetzt, am 6. November, hat Präsident Macron im Beisein des malischen Präsidenten in Reims das neue Denkmal für die „armée  noire“ in Reims eingeweiht- das alte war 1940 von den deutschen Truppen  zerstört worden.[38]  Für Marcel Santi war der Soldat der „armée noire“  ein Kamerad wie auch der deutsche Soldat. Die drei Männer, die hier vereint abgebildet sind, die aber durch den Krieg zu Feinden gemacht wurden, verbindet eine Humanität, die über den Krieg hinausweist.

Bemerkenswert ist auch die sarkastische Aufschrift im Stil der offiziellen Kriegsberichterstattung, mit der Santi die Zeichnung überschrieben  hat: „Secteur calme, rien  à signaler“ –  was man vielleicht am  besten mit dem Titel von Erich Maria  Remarques Antikriegsbuch übersetzen kann: Im Westen nichts Neues…

Etwa rätselhaft war mir zunächst die Aufschrift auf der nachfolgenden Zeichnung: „Un Fritz, deux jours de perme“, die mir freundliche Ausstellungsbesucher dann erklärt haben. Zu sehen sind im Gewirr einer französischen Stellung ein deutscher Soldat (hier aber nicht als „boche“ tituliert ),  der in Kriegsgefangenschaft geraten ist und nun in die rückwärtigen Stellungen gebracht wird. Der deutsche Soldat ist offenbar hochzufrieden, dass der Krieg für ihn vorbei ist. Aber auch die französischen Soldaten können, wie die  Aufschrift ausdrückt, zufrieden sein: Sie erhalten nämlich für jeden gefangen genommenen deutschen Soldaten zwei Tage Fronturlaub (permissions)…

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Für Santi wie Remarque wie für viele andere Kriegsteilnehmer auf beiden Seiten war klar, dass sich ein solcher Krieg nicht wiederholen  dürfe.

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 In der Zeichnung, die  auf der Ankündigung der Ausstellung abgebildet ist, hat Santi das auf sehr schöne und anrührende Weise zum Ausdruck gebracht.  Ein, wie ich meine, passender Abschluss dieses Blog-Beitrags zum 11. November 2018.

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PS: Ganz zum Schluss aber dann doch noch ein Wermutstropfen:  Wie traurig, dass zum 100, Jahrestag des Waffenstillstands die Renovierung der Mauer für den Frieden immer noch nicht abgeschlossen wurde.[39] Das wäre doch ein passender Anlass gewesen…. Aber vielleicht veranschaulicht das ja auch, wie es derzeit mit dem Frieden in der Welt steht….

Anmerkungen

[1]   siehe den Blog-Beitrag über die Mauer für den Frieden auf dem Marsfeld

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2035

[2] Siehe dazu den Blog-Beitrag über den Arc de Triomphe: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/3476

[3] http://memorial14-18.paris.fr/memorial/jsp/site/Portal.jsp?document_id=113&portlet_id=106

[4] Es ist –gerade aus deutscher Perspektive- auffällig, wie unbefangen der Begriff „champ d’honneur“ noch heute  in Frankreich verwendet wird. Siehe zum Beispiel: in einem Artikel über Maurice Genevoix im Figaro vom 6.11.2018, S. 7

[5] Siehe z.B. das Gespräch mit dem Historiker Nicolas Offenstadt in Le Monde vom 5.11.2018: https://www.lemonde.fr/centenaire-14-18/article/2018/11/05/nicolas-offenstadt-le-roman-national-est-une-croyance_5378890_3448834.html

Zum Beitrag der Schriftsteller Genevoix, Dorgelès und Barbusse zur Wahrnehmung des Ersten  Weltkriegs im „roman national“ Frankreichs:  Libération, 5.11.2018: Maurice Genevoix, Roland Dorgelès et Henri Barbusse: Trois styles pour raconter la Grande Guerre.

[6]http://www.lefigaro.fr/politique/le-scan/2018/11/06/25001-20181106ARTFIG00122-macron-annonce-l-entree-au-pantheon-de-maurice-genevoix-et-de-ceux-de-14.php

[7] Einen  bescheidenen Beitrag zum Erinnerungsmarathon  habe ich auch gleistet: Eine befreundete französische Historikerin und ich haben gemeinsam in einer öffentlichen Bibliothek von Paris deutsche und französische Bücher zum Ersten Weltkrieg vorgestellt, um damit Unterschiede und Gemeinsamkeiten der jeweiligen Perspektiven zu verdeutlichen.

[8] Siehe auch: 1914-1918. Le débat sans fin. Cent ans après,  la Grande Guerre inspire toujours, en témoignent les nombreuses parutions qui interrogent, le consentement et le patriotisme français en temps de guerre. In: Le Monde des livres,  9.11. 2018

[9] http://www.centenaire.org/fr  siehe auch:

https://www.la-croix.com/France/Commemoration-1918-temps-forts-venir-2018-09-21-1200970553

[10] siehe z.B. wenn auch unkritisch: François Cochet, Morhange, la fin de l’offensive à outrance. In: Le Figaro, 5.11.2018 Siehe dazu auch den Blog-Bericht über die mur pour la paix und das Reiterstandbild des Marschalls Joffre:  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2035

[11] siehe: https://www.lexpress.fr/actualite/politique/emmanuel-macron-en-marche-vers-l-histoire_2046539.html

https://www.lepoint.fr/politique/itinerance-memorielle-les-contradictions-d-emmanuel-macron-05-11-2018-2268528_20.php  Beeinträchtigt, ja massiv überlagert wird dieses Erinnerungsprogramm allerdings durch die heftigen französischen Diskussionen um die ab Januar 2019 geplanten höheren Benzinsteuern, die vor allem die in Frankreich besonders verbreiteten Autos mit Dieselantrieb betreffen.

[12] Siehe: Une mémoire centenaire. In: Télérama vom 5.9.2018, S. 17 und  Georges-Henri Soutou, 1918: La fin de la Première Guerre mondiale? In: Revue historique des armées, 2008, S. 4-17

[13] „Ici succomba l’orgueil de l’Empire allemand vaincu par les peuples libres qu’il prétandait asservir“. 

http://www.courrier-picard.fr/118680/article/2018-06-21/renovation-de-la-dalle-de-la-clairiere-de-larmistice-letat-met-le-hola

(13a) Bild aus: https://www.dw.com/de/macron-und-merkel-weihen-gedenktafel-bei-compi%C3%A8gne-ein/a-46241553

[14]  Compiègne, terre de mémoire. In: Le Monde vom 11. Oktober 2018

http://www.leparisien.fr/culture-loisirs/sortir-region-parisienne/compiegne-on-a-teste-le-menu-special-14-18-au-restaurant-les-accordailles-20-06-2018-7782834.php

[15]  Zum Grabmal des unbekannten Soldaten siehe den  Blogbeitrag über den Arc de Triomphe:  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/3476

[16] Laurent Wauquiez, „Macron tourne le dos à notre histoire“. Debattenbeitrag in Le Monde vom 8. November 2018, S. 24

http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2018/10/22/01016-20181022ARTFIG00001-11-novembre-l-elysee-ne-veut-pas-celebrer-la-victoire-militaire-de-1918.php

http://www.lefigaro.fr/vox/politique/2018/10/24/31001-20181024ARTFIG00278-commemoration-du-11-novembre-gloire-a-nos-peres.php

s.a. https://francais.rt.com/france/54800-11-novembre-pour-ne-pas-froisser-allemagne-macron-refuserait-parade-armee-francaise  Wenn da übrigens zu lesen ist, für Deutschland markiere der 11. November „un jour de défaite“ so wird damit eine französische Sicht des 11. November (Tag des Sieges) –mit umgekehrtem Vorzeichen- fälschlicherweise auf Deutschland übertragen (Tag der Niederlage). Tatsache ist doch wohl, dass der 11. November im kollektiven deutschen  Geschichtsbewusstsein keine Rolle spielt –  anders als  der geschichtsträchtige  9. November, der aber leider nicht zum deutschen nationalen Feier- und Gedenktag gemacht wurde.

(16a) Dass Joffrin es hier wagt,  Kritik an dem in Frankreich eigentlich sakrosankten und derzeit mit einer Ausstellung im Pantheon gefeierten Clemenceau, dem „Vater des Sieges“ zu äußern, ist äußerst bemerkenswert. Zur Präsenz des „Tigers“ in den französischen commémorations zum Ersten Weltkrieg siehe: http://www.clemenceau2018.fr/

[17] Siehe: Claire Demesmay und Barbara Kunz, Commémorer au lieu  de célébrer. Debattenbeitrag in Le Monde vom 8. November 2018, S. 24

[18] http://www.lefigaro.fr/politique/le-scan/2018/11/07/25001-20181107ARTFIG00121-macron-petain-a-ete-un-grand-soldat-pendant-la-premiere-guerre-mondiale.php

[19] https://francais.rt.com/france/54800-11-novembre-pour-ne-pas-froisser-allemagne-macron-refuserait-parade-armee-francaise

[20] http://www.lefigaro.fr/flash-actu/2018/11/07/97001-20181107FILWWW00177-le-crif-se-dit-choque-par-les-propos-de-macron-sur-petain.php

http://www.cndp.fr/crdp-reims/memoire/enseigner/memoire_vichy/08reconnaissance1.htm

Hommage à Pétain: deux mois d’atermoiments à  l’Elysée. In: Le Figaro, 9.11. 2018, S. 6

[21] In diesem Sinne kritisierte auch François Hollande seinen Nachfolger: „ L’histoire n’isole pas une étape, même glorieuse d’un parcours militaire. Elle juge l’immense et indigne responsabilité d’un maréchal qui a délibérément couvert de son nom et de son prestige , la trahison, la collaboration et la déportation de milliers de juifs de France.“ (zit. in Le Monde, 9.11. 2018, S. 10: L‘ „itinérance“ rattrapée par l’ombre de Pétain.

[22] https://www.damedecoeur.paris/   Das rechte Bild ist entnommen aus: https://www.paris.catholique.fr/spectacle-dame-de-coeur.html © Yannick Buschat(Diocèse de Paris

[23]  Bild aus. http://www.musicologie.org/Biographies

[24] https://www.chateauversailles-spectacles.fr/page/commemoration-du-centenaire-du-11-novembre-2018_a200/1

[25]   Das  deutsche Requiem von Brahms ist ja ein nicht nur musikalisch herausragendes, sondern  auch im Zusammenhang mit der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg sehr symbolträchtiges Werk.  Im Rahmen des centenaire 14-18 wurde es zum Beispiel Im Oktober 2015 auch in der Kathedrale von Lisieux aufgeführt, wobei ich auch teilnehmen konnte. Eine sehr anrührende Erfahrung.

[26] https://www.paris.fr/actualites/paris-celebre-le-centenaire-de-l-armistice-6084#les-principaux-evenements-de-cette-commemoration_2

[27] http://memorial14-18.paris.fr/memorial/jsp/site/Portal.jsp?page_id=4

(27a) https://www.ladocumentationfrancaise.fr/dossiers/premiere-guerre-mondiale/document-clemenceau.shtml

[28] https://fr.euronews.com/2015/11/11/14-18—maudite-soit-la-guerre-les-rares-monuments-aux-morts-pacifistes

(28a) Journal de Dimanche, 4.11.2018

[29] Bilder von https://www.vineria.de/martinsgansessen/  https://www.hochschwarzwald.de/Veranstaltungen/Martins-Umzug

https://www.neumeyer-abzeichen.de/blog/warum-beginnt-am-11-11-um-11-11-uhr-karneval/

[30] https://www.mairie15.paris.fr/actualites/centenaire-de-l-armistice-la-mairie-du-15e-se-souvient-1025

[31] https://www.mairie02.paris.fr/actualites/fusille-pour-l-exemple-517  Überschrift der Einladung zu der Eröffnung der Ausstellung: Devoir se battre pour son pays, être tué par sa patrie. Die Familien der betroffenen Soldaten warteten immer noch auf eine volle gesetzliche Rehabilitierung.

[32] Siehe den Blog-Beitrag über das Memorial von Verdun:  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/951  und:

https://fr.wikipedia.org/wiki/Soldat_fusill%C3%A9_pour_l%27exemple#Premi%C3%A8re_Guerre_mondiale

Lit: Nicolas Offenstedt, les fusillés de la Grande Guerre et la mémoire collective (1914-1999). Paris 1999

[33] https://de.wikipedia.org/wiki/Chanson_de_Craonne

http://centenaire.org/fr/espace-scientifique/les-caracteristiques-des-mutineries-francaises-de-1917  und

Florence Aubenas, pour mémoires. Le Monde, 9.11., S. 10

[34] https://www.mairie04.paris.fr/actualites/centenaire-de-l-armistice-du-11-novembre-1918-459

https://livre.fnac.com/a1558853/Manon-Pignot-La-guerre-des-crayons-Quand-les-petits-parisiens-dessinaient-la-grande-guerre

[35] https://www.mairie19.paris.fr/actualites/venez-feter-la-quinzaine-du-centenaire-de-l-armistice-368

[36] s. Jean-Pierre Hammer, Marcel Santi (1897-1986):  Carnet de balle et … de voyage. Éditition Karthala 2017.

https://www.maison-heinrich-heine.org/manifestations-culturelles/2018/novembre/marcel-santi-1897-1986-carnets-de-balles-et-de-voyage?lang=fr

Zum Heinrich Heine-Haus in der Cité universitaire in Paris siehe den Blog-Beitrag: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/9080

[37] Dazu der Film: Kalepo, un Kanak dans la Grande Guerre, ausgestrahlt am 8.11.2018. Siehe  Le Monde, 8.11.: Á la mémoire des tirailleurs kanak, S. 21

Zur Diskriminierung der Kanak siehe auch den  Blog Beitrag über die Kolonialausstellung von 1931 (2): Der „menschliche Zoo“ im jardin d’acclimatation und der Tausch von „teutonischen Krokodilen“ und „Menschenfressern“ zwischen Paris und Frankfurt. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/6678

[38] https://fr.wikipedia.org/wiki/Monument_aux_h%C3%A9ros_de_l%27Arm%C3%A9e_noire

https://france3-regions.francetvinfo.fr/grand-est/marne/reims/commemorations-premiere-guerre-mondiale-emmanuel-macron-reims-charleville-mezieres-1568048.html

[39] siehe den Blog-Beitrag über die Mauer für den Frieden auf dem Marsfeld

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2035

Geplante weitere Beiträge

  • „Dadurch, dass ich zum Glück die Kinder habe, ist alles doppelt schwer.“ Anna Seghers im Pariser Exil 1933-1945
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 1: Lyon, Luberon, Piemont
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 2: Die Waldenser in Hessen-Homburg
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier
  • Das Hotel Lutetia (1): Ein Bauwerk zwischen Art Nouveau und Art Déco in neuem Glanz

Die Malerei des französischen Kolonialismus. Eine Ausstellung im Musée Branly in Paris

„Zum ersten Mal seit seiner Eröffnung präsentiert das Musée du Quai Branly seine Gemälde-Kollektion: 200 bisher noch nie gezeigte Werke zeigen den Blick abendländischer Künstler auf exotische Gesellschaften und Völker. Matisse, Gauguin, Emile Bernard,… die Ausstellung stellt die Reisen und Begegnungen europäischer Künstler des 18. bis 20. Jahrhunderts in den Vordergrund.“[1]

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So eine offiziöse Präsentation der Ausstellung „Peintures des lointains“, die noch bis Januar 2019 im Musée du quai Branly Jacques Chirac in Paris zu sehen ist. Der Titel dieser Ausstellung hat einige Kritik provoziert: Es handele sich, so Le Monde, um eine schamhafte Umschreibung dessen, was eigentlich « Exotisme et colonialisme dans la peinture française » heißen müsse.[2]  Die Zeitung  La Croix spricht schlicht von der „kolonialen Malerei“, die hier ausgestellt werde, Paris Match von einer Eloge des Kolonialismus, was aber so nicht genannt werden dürfe.[3]

Bemerkenswert an der offiziellen Präsentation der Ausstellung ist in diesem Zusammenhang ja auch das für das Plakat ausgewählte Indianer-Motiv von George Catlin, das keinen Bezug zum französischen Kolonialismus hat.

Und bemerkenswert ist  die Betonung der Prominenz: Matisse, Gauguin, Bernard – wobei gerade Matisse und Gauguin eher marginal vertreten sind. Denn Schwerpunkt der Ausstellung sind Bilder, die die Gebäude der Kolonialausstellung von 1931 schmückten. Ziel war es damals, die Exotik und den Reichtum der Kolonien und ihren Nutzen für das Mutterland zu propagieren, und zwar mittels eines spezifischen „style  coloniale“, wie er ja  auch das Palais de la Porte Dorée prägt, das damalige zentrale Ausstellungsgebäude und heutige Museum für die Geschichte der Einwanderung.[4]

Wenn in der anfänglich wiedergegebenen Ausstellungsankündigung mitgeteilt wird, es handele sich um eine Präsentation noch nie  gezeigter Bilder, ist das also nicht ganz zutreffend. Sie wurden ja tatsächlich und sehr demonstrativ während der Kolonialausstellung von 1931 ausgestellt und auch danach teilweise gezeigt. Allerdings verschwanden sie  1960 im Zuge der Unabhängigkeitsbewegung der ehemaligen Kolonien in dem Depot des damaligen Kolonialmuseums, als das das Palais de la Porte Dorée damals fungierte.  Danach wurden einzelne Bilder nur noch in wenigen speziellen Ausstellungen präsentiert. Der Bestand  schmorte  also mehr als ein halbes Jahrhundert im „Fegefeuer“, wie La Croix schreibt.[5]

Dass jetzt die Zeit des „Fegefeuers“ beendet ist, hängt sicherlich mit dem geänderten politischen Kontext zusammen. Die Entkolonialisierung des französischen empire ist nach der Entscheidung der Bevölkerung von Neu-Kaledonien beim Mutterland zu bleiben,  abgeschlossen. [6] Und die Zeiten sind vorbei, in denen ein Innenminister und Präsident Sarkozy die Segnungen des französischen Kolonialismus rühmte und eine entsprechende Behandlung des Themas im Unterricht forderte. Präsident Macron hat dagegen ausdrücklich den Kolonialismus als „ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnet. Es habe –hier bezieht er sich auf Algerien-  schreckliche Grausamkeiten gegeben, Folter, Barbarei. Der Kolonialismus sei ein Akt der Herrschaft, der Nicht-Anerkennung der Autonomie eines Volkes. Aber –und jetzt folgt eine typischer Macron’sche Wendung:  gleichzeitig – „en même temps“ – habe es auch Aspekte der Zivilisation gegeben und deshalb dürfe man nicht in eine „culture  de la culpabilisation“ verfallen, die nicht zukunftsträchtig sei.[7]

Deshalb kann man also jetzt  im Musée du quai Branly die Ausstellung sehen, die für Paris Match die amüsanteste, bunteste und „la plus sexy“ des Jahres in der Stadt  ist. Und jeder kann –wie er will- sich an den Farben und  dem Licht ferner Länder oder an einer idealisierten Exotik ferner Kulturen erfreuen, die –soweit es sie je  gab- längst von Kolonialismus und Globalisierung überrollt wurde. Vielleicht werden einige wenige  auch noch nostalgischen Gefühlen nachhängen,  vergangener grandeur nachtrauern und  in den Bildern Belege finden für das bewundernswerte zivilisatorische Wirken  Frankreichs in der Welt. Und es wird sicherlich auch Betrachter geben –zu denen ich gehöre- für die  viele der ausgestellten Bilder nicht nur -zum Teil  sehr ansehnliche-  Werke der Kunst sind, sondern auch Ausdruck der ideologischen Verklärung einer teilweise völlig anderen Realität, die aber bewusst ausgeblendet wird.

Es ist den Verantwortlichen des Musée Branly zugute zu halten, dass zwar der Titel der Ausstellung eher unverbindlich ist. In  den schriftlichen und mündlichen Informationstexten zu den Bildern, dem Katalog und den pädagogischen Materialien allerdings, die das Museum zur Verfügung stellt, ist ein kritischer Ansatz  durchgängig und unübersehbar. Darauf werde ich mich denn auch in der nachfolgenden Darstellung teilweise stützen.[8]

 

Das französische Kolonialreich und sein Nutzen für das Mutterland

Die Kolonialausstellung von 1931 hatte zwar einen internationalen Anspruch und es beteiligten sich auch Belgien, Italien, Portugal und die Niederlande (aber nicht Großbritannien) mit Beiträgen aus ihrem Kolonialreich, aber im Zentrum stand das französische Empire: Mit 12 Millionen Quadratkilometern war seine Fläche zwanzigmal so groß wie die des Mutterlands.[9]  Stolz  wurde das weltumspannende Kolonialreich auf einem Ausstellungsplakat  mit dem Titel „La plus grande France“   präsentiert:

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Frankreich im Zentrum der Karte ist von einer Tricolore umgeben und ist gewissermaßen die Sonne, deren Licht (eine Anspielung auf die Aufklärung, die Zeit der lumières) die französischen Besitzungen erleuchtet: Wie der Begleittext stolz verkündet, bringt Frankreich ja den 60 Millionen Eingeborenen seines Kolonialreichs Frieden und die Segnungen der Zivilisation. Und das Alles mit einem nur geringen Aufwand, nämlich 76900 Männern.[10]

Die Ausstellung war sozusagen ein koloniales Disney-Land, das dazu dienen sollte, durch eine spektakuläre Präsentation von Exotik „eine Politik der kolonialen Expansion“ zu befördern.[11] Der Erfolg blieb auch nicht aus, was unter anderem an den Besucherzahlen (8 Millionen und 11 Millionen verkaufte Eintrittskarten) abzulesen ist. Der Historiker Michel Pierre bilanziert, die Kolonialausstellung habe eine Mehrheit der Franzosen nachdrücklich von der Bedeutung des Kolonialreichs für die Aufrechterhaltung der  grandeur de la France überzeugt.[12]

Dazu trugen auch die großformatigen Bilder von Georges Michel, genannt Géo Michel, bei.[13] Sie wurden von den Organisatoren der Kolonialausstellung bestellt und waren für das Palais de la Porte Dorée bestimmt, das danach als Kolonialmuseum diente – 1935 umbenannt in musée de la France d’Outre-mer und 1960 in musée des Arts Africains et Océaniens. Im Palais de la Porte Dorée wurde ausführlich der Beitrag der Kolonien zum Wohlstand des Mutterlands präsentiert. Die Bilder von Géo Michel veranschaulichten die vielfältigen Güter, die Frankreich aus seinen Kolonien bezog:

Diese sind jeweils zusätzlich mit goldenen Lettern in die bildlichen Darstellungen eingefügt: hier –neben vielen anderen- Ananas und Kakao, Nüsse und Zuckerrohr.

Auf einem anderen Bild wurden die mineralischen Rohstoffe der Kolonien und ihr Abbau gezeigt, hier die Kohle:

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Mit diesen repräsentativen Bildern wird im Innern des Palais de la Porte Dorée aufgegriffen und wiederholt, was schon  auf den großformatigen Reliefs der Fassade präsentiert wurde[14]:

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Die Kolonien, so die unübersehbare Botschaft, leisten einen außerordentlich vielfältigen und wichtigen Beitrag zum Wohlstand des Mutterlands.

 

Die „zivilisatorische Mission Frankreichs“  in seinen Kolonien ….

Die großen Gemälde Géo Michels sind Beispiele der kolonialen Propaganda: Sie stellen die Kolonien als einen  Garten Eden dar. Es gibt keine Spur von Mühe und Anstrengung – und schon gar nicht von Zwang.  Es reicht, die überquellenden Gaben der Natur zum Nutzen des Mutterlandes einzusammeln.[15]

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Michel Georges Dreyfus, genannt Géo Michel, Principales productions d’origine végétale                 

Eine Idealisierung des Kolonialismus findet sich auch in den ebenso monumentalen Bildern  von  André Herivaut, zum Beispiel  dem „Officier topographe“. Im Zentrum steht ein Offizier in blütendweißem Tropenanzug, der durch einen Theodolit sieht, neben ihm ein weiterer Offizier mit Fernrohr. Um die beiden herum sind dunkelhäutige Arbeiter beschäftigt,  ebenfalls in makellosem Weiß, in Posen von Gärtnern bei einer geruhsamen Gartenarbeit.

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Das Bild gehört zu einer Serie von drei Bildern, zu denen auch noch der „Officier constructeur“ und der „Officier administrateur“ gehören.

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„L’Officier administrateur“

Alle Bilder wurden für die Kolonialausstellung von 1931 in Auftrag gegeben. Herivaux  hatte davor schon im Auftrag des Kolonialministeriums Reisen nach Afrika und Indochina unternommen und  mehrere Preise für koloniale Malerei  erhalten. Man konnte also sicher sein, dass er eine beschönigende Vision der zivilisatorischen Mission des kolonialen Frankreichs präsentieren würde.[16]

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L’Officier constructeur“

Dieser Bilder ergänzen und variieren die Botschaft der Fresken auf den Wänden der großen Halle des Palais de la Porte Dorée. Auch dort wird das zivilisatorische Wirken Frankreichs in seinen Kolonien gerühmt – hier die medizinische Versorgung der Eingeborenen.

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Eine zusätzliche Facette der kolonialen Mission Frankreichs veranschaulicht Herivaut in seinem ebenfalls 1931 ausgestellten Bild „Le Moniteur d’éducation physique“.  Hier befinden wir uns in den indochinesischen Kolonialbesitzungen Frankreichs:   Ein Offizier erläutert gerade einem lokalen Würdenträger die segensreichen Wirkungen der Körperertüchtigung, die daneben dann auch militärisch korrekt unter der Fahne der Tricolore praktiziert wird.

Ein weiteres für die koloniale Malerei typisches Exponat der Ausstellung ist das Bild von Louis Jean Beaupuy „Der Generalgouverneur und Madame Renard in M’Pila (einem heutigen Vorort von Brazzaville. W.J.) in Französisch- Äquatorialafrika.“ Ursprünglicher Titel: „Die Verteilung von Stoffen an die Eingeborenen“ (1936). Der Gouverneur mit Tropenhelm ist umringt von der Dorfbevölkerung und blickt wohlwollend auf seine elegant gekleidete Frau, die freundlich lächelnd mit wohltätigen Werken beschäftigt ist. „Die Szene ist von einer kolonialen Perspektive geprägt:  Sie vermittelt eine reduzierte Vision der anonym dargestellten Kolonisierten, denen der Kolonialherr seine Wohltätigkeit erweist,“ wie es in dem beigefügten Begleittext heißt[17]  Dargestellt  ist in der Tat eine Beziehung zwischen Herrschenden und Beherrschten,  ähnlich übrigens der auf dem Bild Louis Hersents, das den König Ludwig XVI. zeigt, wie er im Winter 1788 Almosen an die Armen verteilt- also kurz vor der Revolution… Aber diese Assoziation wollte Beaupuy sicherlich nicht nahe legen…

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In den Bildern von Géo Michel, André Herivaux und Louis Jean Beaupuy präsentiert sich der französische Kolonialismus so, wie ihn nach dem Willen seiner Apologeten die französische Bevölkerung sehen sollte: Einerseits erweist sich Frankreich als hochherzig gegenüber den Eingeborenen, die es auf dem Weg zur Zivilisation anführt, und andererseits hat es dafür auch Anteil an den Schätzen der Kolonien, die ihm von deren Bewohnern freundlich übereignet werden.

 

… versus die zeitgenössische Kolonialismuskritik

Damit  entwirft die koloniale Malerei ein idealisiertes Gegenbild zur Kolonialismus-Kritik, die gerade Ende der 1920-er Jahre unübersehbar wurde.[18]

Zunächst und vor allem ist hier André Gides  Reisebericht Voyage au Congo zu nennen, der 1927 veröffentlicht wurde.[19]   Die Kongoreise ist Joseph Conrad gewidmet, spricht aber –im Gegensatz zu Conrad- auch Missstände an, die dem aufmerksamen Beobachter ins Auge fallen. Überall fehle es –anders als von der kolonialen Propaganda verbreitet-  an Medikamenten, was die Ausbreitung selbst solcher Krankheiten begünstige, derer man mit Leichtigkeit Herr werden könne. Gide schildert grausamste Massaker der Weißen an Eingeborenen, Kinderverschleppung und Ausbeutung, vor allem in den Kautschukplantagen.  Gide beobachtet, dass oft die Bevölkerung von Dörfern, die er besucht, die Flucht ergreift aus Angst, zur Zwangsarbeit verschleppt zu werden. Keineswegs kritisiert er prinzipiell den Kolonialismus, aber das profitgierige Verhalten großer Kapitalgesellschaften und das Wegsehen oder gar das Einverständnis  staatlicher Verwaltungen .

In Schutz nimmt er die Eingeborenen gegen  rassistische Vorurteile:

Die Schwarzen werden als indolent, faul, bedürfnis- und wunschlos geschildert. Aber ich will gerne glauben, daß sich dieser Zustand der Apathie nur zu leicht erklären läßt durch die Erniedrigung und das tiefe Elend, in dem diese Leute leben. Und wie kann jemand Wünsche haben, der nie etwas Wünschenswertes zu sehen bekommt.“ [20]

Der Text erregte einiges Aufsehen, erzielte aber wenig Wirkung, zumal die verantwortlichen Ministerien alles dazu taten, die Kritik Gides unter den Teppich zu kehren.

Ein Jahr später allerdings, also 1928, bestätigte  der Journalist Albert Londres  Gides Beobachtungen, als er im „Petit Parisien“ in einer Fortsetzungsserie einen Reisebericht mit dem  Titel „Vier  Monate unter unseren Schwarzen Afrikas“ veröffentlichte. Ein Jahr später erschien dieser Bericht unter dem Titel „Terre d’ébène“ in Buchform. Londres beschreibt darin die grauenhaften Bedingungen, unter denen eine Eisenbahnlinie in der französischen Kongo-Kolonie gebaut wurde. 17 000 Arbeiter, die in  ihren Dörfern zusammengetrieben und unter sklavenähnlichen Bedingungen gehalten wurden, kamen dabei ums Leben.[21]

Und 1930 erschien bei Gallimard, immerhin einem der renommiertesten Verlagshäuser Frankreichs, Paul Monets Buch  „Les Jauniers“ mit dem  Untertitel „histoire vraie“ , um deutlich zu machen, dass es sich nicht um einen Roman, sondern um einen Tatsachenbericht handelt. [22]

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Monet übte –ebenso wenig wie Gide und Londres- grundsätzliche Kritik am Kolonialismus. Indochina, um das es in seinem Buch geht, habe durch die französische Kolonialherrschaft einen wunderbaren  Veränderungsprozess vollzogen:  Habe es vorher aus überwiegend von Mücken und wilden Tieren besiedelten Wäldern bestanden, so jetzt aus fruchtbaren Reisfeldern und Plantagen. Die eindrucksvollen Villen einheimischer Plantagenbesitzer erstreckten sich über weite Landstriche, die vorher von der Malaria geprägt gewesen seien. [23] Umso härter kritisiert Monet allerdings die teilweise unmenschliche Behandlung von Eingeborenen durch die sogenannten „jauniers“ – dem Pendant der afrikanischen Sklavenhändler, den „négriers“.  Solche Menschenhändler, „marchands d’hommes“  hatten in den 1920-er Jahren  Konjunktur, als im Zuge der Kautschuk-Spekulation  große Kapitalgesellschaften in Indochina riesige Plantagen anlegten, deren einziger Zweck die Gewinnmaximierung war.  Für die Bewirtschaftung dieser Plantagen benötigte man zahlreiche Arbeitskräfte, die es vor Ort nicht gab.  Die unmenschliche  „Rekrutierung“ und Behandlung dieser Arbeitskräfte wird von Monet kritisiert, wobei er auch die staatlichen Instanzen nicht ausspart, die meist über die „esclavage temporaire“  hinwegsähen, die  im Allgemeinen  allerdings eine lebenslange Sklaverei  sei. [24]

 

Der exotische Reiz der Kolonien

Die Apologeten der Kolonialpolitik begegneten dieser Kritik auf dreifache Weise:

  • Indem sie den materiellen Nutzen der Kolonien für das Mutterland herausstellten. Bis auf den heutigen Tag ist das ja ein zentrales und meist ausschlaggebendes Argument, wenn es darum geht, zwischen wirtschaftlichen Vorteilen und der Verletzung von Menschenrechten abzuwägen.
  • Indem die zivilisatorische Mission, die „vocation civilisatrice“ Frankreichs betont wurde[25]: So konnte sich Frankreich in der Tradition von Aufklärung und Französischer Revolution als Agent weltweiten Fortschritts verstehen. Der Kolonialismus erhielt damit die höheren ideologischen Weihen.
  • Indem die Exotik und Vielfalt der Kolonien präsentiert wurde. Dies konnte dazu beitragen, eine emotionale Beziehung der Bevölkerung zu den Kolonien zu fördern. Aber die Exotik konnte noch mehr leisten: nämlich die zivilisatorische Distanz zum Mutterland zu veranschaulichen und so den Bestand des Kolonialreichs auf absehbare Zeit zu legitimieren.

Gemälde hatten einen bedeutenden Anteil daran, den exotischen Reiz der Kolonien zu befördern. Dies war ein wesentliches Element der Kolonialausstellung von 1931 und der Gemäldesammlung des Kolonialmuseums bzw. des Museums der überseeischen Territorien.  Zur Steigerung der Attraktion dienten  natürlich  schon damals die großen Namen:  Gauguin war 1931  mit insgesamt 13 Bildern vertreten, Emile Bernard ebenfalls mit mehreren Arbeiten: War in den Augen Gauguins Tahiti ein paradiesischer Ort, so für Bernard das arabische Viertel von Kairo. Und natürlich durfte auch Delacroix nicht fehlen: Alle wurden von  der kolonialen Propaganda benutzt, um den Reiz der Exotik zu befördern und das emotionale Band zwischen Mutterland und Kolonialreich zu festigen.

Kann man bei manchen Bildern und Malern sicherlich von einer  eher unfreiwilligen „Instrumentalisierung der Kunst durch das koloniale System“ sprechen[26], so  haben sich andere freiwillig instrumentalisieren lassen: Immerhin vergab der französische Staat großzügige Stipendien an Maler für Reisen in die Kolonien, es gab für die dort gemalten Bilder zahlreiche Wettbewerbe und Preise und für die Künstler Karrieremöglichkeiten an Kunsthochschulen im Mutterland oder im Kolonialreich (Indochina, Algier, Tunis, Madagaskar etc).

Im Folgenden werden einige Bilder aus der Ausstellung im Musée Branly vorgestellt, die einen Eindruck von der Spannweite und der Vielfalt der Malerei des französischen Kolonialismus vermitteln sollen und insbesondere von dem durch diese Malerei zur Schau gestellten exotischen Reiz des Kolonialreichs. Oft wird dabei auch das ethnographische Interesse deutlich, manchmal sind die Bilder  aber auch Ausdruck der damals üblichen Ideologie von der Ungleichheit der Rassen und d.h. auch der Überlegenheit der „weißen Rasse“.

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Guyane:  Gaston Vincke, Village Wayana (1932). Die Eingeborenen dieses Dorfes hatten sich mit einer roten Farbe überzogen, um sich vor den Fliegen zu schützen. Für einen Maler natürlich ein wunderbares Motiv. Ihm kam es beim Betreten des Ortes vor, schrieb er, „dans un pays de flammes“ zu kommen.

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Martinique: Jean Baldoui, Le Flamboyant  1930

 

 

 

 

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Indochina: Marie Antoinette Boullard-Devé,  Ausschnitte eines 40 Meter langen Frieses für den Indochina- Pavillon der Kolonialausstellung von 1931. Gezeigt werden sollten verschiedene Bevölkerungstypen der Kolonie.

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Vietnam:  Lucien Lièvre, die Halong-Bucht  (um 1930

 

 

 

 

 

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Südostasien:  Jean Dunand, Tigre à l’affût (1930). Hier handelt es sich um eine für den Art-déco-Stil typische Lackarbeit, die neben anderen zur Ausschmückung des Palais de la Porte Dorée bestimmt war.

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Insel La Reunion:  Marcel Mouillot, Le Circe de Cilaos. Um 1930.

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Madagaskar: Suzanne Frémont, Chez les Bara (1926)

 

 

 

 

 

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Äquatorialafrika:  Jeanne Thil, Französisch  Äquatorialafrika. (1935)

Jeanne Thil war eine „peintre-voyageuse“, eine Reise-Malerin, die mit staatlichen Stipendien mehrere Reisen in die französischen Kolonien unternehmen konnte. Sie erhielt zahlreiche Aufträge für Ausstellungen  und zur Ausschmückung von  Rathäusern und Schiffen (z.B. den Überseedampfer Île-de-France). Die beiden hier gezeigten Bilder wurden für die koloniale Weltausstellung in Brüssel 1935 angefertigt. [27]

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Westafrika:  Jeanne Thil, Französisch, Togo, Kamerun (1935)

 

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Neukaledonien: Paul Mascart, Case kanak. (Anfang der 1930-er Jahre)[28]

 

 

 

 

 

 

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Tahiti: Paul Gauguin, Mahna no varua ino (Der Teufel spricht), etwa 1891

Gauguin feiert in seinen Südsee-Bildern das Ideal einer ursprünglichen Kultur – die es ihm erlaubte, seine pädophilen Neigungen rücksichtslos auszuleben – insofern sind seine Bilder auch eine spezifische Variante kolonialer Malerei. Seine in der Ausstellung gezeigten Holzschnitte gehören -mehr als seine Bilder-  zur „Welt der Nacht“.  

  

 

Ein Schwerpunkt der kolonialen Malerei war  natürlich Nordafrika. Seit dem Ägypten-Feldzug Napoleons gab es ja eine regelrechte Ägyptomanie in Frankreich. Napoleon gelang zwar nicht die Eroberung Ägyptens, aber ab 1830 verleibte Frankreich Algerien, Tunesien und Marokko seinem Kolonialreich ein. Exotik, Licht und  Farben Nordafrikas hatten für viele Male eine hohe Anziehungskraft, was auch in der Ausstellung im Musée Branly deutlich wird.

So  etwa in dem Bild  Èmile Bernards mit dem Titel „Die Weinenden von Kairo“ oder auch „arabisches Fest“ (1894). Bernard lebte viele Jahre in Kairo, dessen afrikanisches Viertel  für ihn ein paradiesischer Ort war- ähnlich wie Tahiti für Gauguin.

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Auch André Sureda lebte mehrere Jahre in Nordafrika, wo er zwischen 1910 und 1920 das Bild eines arabischen Festes bei Tlemcen malte.  Gegenstand ist die festliche Prozession zum Grab eines Marabouts. [29]

20cab48_32623-tp6bng.paj5d Fete arabe

Jules Migonney war einer der ersten Stipendiaten der Villa Abd-el-Tif in Algier, wo von 1907 bis 1961 –also kurz vor der algerischen Unabhängigkeit- Maler und Bildhauer mindestens ein Jahr lang auf Staatskosten arbeiten  konnten. Ein von ihm vielfach variiertes Motiv war das der arabischen „Odaliske“ (1912-1914), das sich auch bei anderen Künstlern höchster Beliebtheit erfreute.

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1912 reiste der Maler Charles Camoin nach Marokko, wo er seinen Freund Henri Matissse traf. Er blieb dort drei Monate und  malte dieses Bild des Strands von Tanger. Die Assoziation an die Tunisreise von Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet liegt da wohl nahe.

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Sicherlich wird man solche Werke nicht pauschal einer propagandistischen Zwecken dienenden „kolonialen Malerei“ zuordnen dürfen. Aber sie wurden doch in einem entsprechenden musealen Zusammenhang präsentiert, wodurch sie gewissermaßen ihre künstlerische Unschuld verloren.

In der Kolonialausstellung von 1931 wurde jedenfalls in mehreren Sälen des Kolonialmuseums  die Eroberung der Kolonien und vor allem Nordafrikas mit Waffen und Bildern veranschaulicht und gerühmt. Dazu gehörte auch das speziell für die Kolonialausstellung gemalte  Bild Paul Dupuys, das die Unterwerfung des Rebellenführers Sidi M’Ha Ahansali vor dem französischen Oberst Naugès im Jahr 1923 zeigt.

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An die Anfänge der Eroberung Nordafrikas erinnert ein  Bild von Horace Vernet, der von König Louis Philippe nach Algerien geschickt wurde, um mit Stift und Pinsel das Eroberungswerk der Franzosen zu veranschaulichen und zu glorifizieren [30] – eine frühe Form des „embedded journalism“.  Vernet zeigt die Eroberung des Lagers des Aufstandsführers Abd-el-Kader im Jahr 1843, eine entscheidende Phase der Eroberung Algeriens. Im Musée Branly ist nur ein kleiner Teilentwurf zu sehen, das monumentale über 20 Meter lange Panorama in der aktuellen Ausstellung über Louis Philippe im Schloss von Versailles…. [31]  – ein weiteres interessantes Angebot für Liebhaber der Geschichte und der Kunst.

 

Praktische Informationen zur Ausstellung im Musée Branly

musée du quai Branly- Jacques Chirac

37, quai Branly

75007 Paris

Bis 3. Februar 2019

Öffnungszeiten:

Dienstag, Mittwoch und Sonntag 11 – 19 Uhr

Donnerstag, Freitag und Samstag  11- 21 Uhr

Broschüre zur Ausstellung:  connaissance des arts, hors- série:  Peintures des lointains. La collection du musée du quai Branly- Jacques Chirac. 9,50 €

 

 

 

Thematisch verwandte Blogbeiträge:

  • Die Kolonialausstellung von 1931 (Teil 2): Der „menschliche Zoo“ im Jardin d’acclimatation und der Tausch von „teutonischen Krokodilen“ und          „Menschenfressern“  zwischen Paris und Frankfurt   https://wordpress.com/post/paris-blog.org/6678

 

 

Anmerkungen:

[1] https://at.france.fr/de/news/artikel/die-wichtigsten-ausstellungen-paris-2018

[2] https://www.lemonde.fr/arts/article/2018/02/05/l-art-au-temps-des-colonies_5251799_1655012.html

[3] https://www.la-croix.com/Culture/Expositions/Au-Quai-Branly-peinture-coloniale-sort-lombre-2018-02-06-1200911572

https://www.parismatch.com/Culture/Art/Au-Musee-du-quai-Branly-Jacques-Chirac-les-colonies-vues-par-les-peintres-1480457

[4] Zum Palais de la porte dorée und zur Kolonialausstellung siehe die entsprechenden Blog-Beiträge: Das Palais de la Porte Dorée und die Kolonialausstellung von 1931: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/6242 und:

Die Kolonialausstellung von 1931 (2): Der „menschliche Zoo“ im Jardin d’acclimatation und der Tausch von „teutonischen Krokodilen“ und „Menschenfressern“ zwischen Paris und Frankfurt:  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/6678

[5] https://www.la-croix.com/Culture/Expositions/Au-Quai-Branly-peinture-coloniale-sort-lombre-2018-02-06-1200911572

[6] Im November 2018 fand das lange geplante Referendum statt, bei dem sich 56,4% der Wähler gegen die Unabhängigkeit ausgesprochen haben.

[7] http://www.lefigaro.fr/elections/presidentielles/2017/02/15/35003-20170215ARTFIG00260-en-algerie-macron-denonce-la-colonisation-c-est-un-crime-contre-l-humanite.php

[8] http://www.quaibranly.fr/fileadmin/user_upload/1-Edito/6-Footer/3-Si-vous-etes/2-Enseignant-animateurs/Dossier_Pedagogique_Peintures_des_lointains_SEPT18_VD.pdf

[9] https://www.parismatch.com/Culture/Art/Au-Musee-du-quai-Branly-Jacques-Chirac-les-colonies-vues-par-les-peintres-1480457

[10] Zu dem Plakat siehe: https://www.histoire-image.org/fr/etudes/propagande-coloniale-annees-1930  siehe auch: https://www.persee.fr/doc/homig_1142-852x_2008_num_1274_1_4767 und http://blog.ac-versailles.fr/terminus/public/HdA/Exposition_coloniale/empire-franc3a7ais-expo-coloniale.pdf (Das Plakat wird hier als Unterrichtsmaterial vorgestellt)

[11] Steve Ungar, « La France impériale exposée en 1931 : une apothéose », in Pascal Blanchard et Sandrine Lemaire (sous dir.), Culture coloniale. La France conquise par son empire, 1871-1931, Paris, éditions Autrement, 2003, pp. 201 – 202  (Aus: Dossier péd. S. 32/33)

[12] https://www.persee.fr/doc/homig_1142-852x_2008_num_1274_1_4767

[13] Fast alle nachfolgenden Fotos sind –soweit nicht anders angegeben- im Rahmen der Ausstellung aufgenommen. Es handelt sich dabei fast durchweg um Bildausschnitte.

[14] Siehe dazu den Blog-Beitrag über die Kolonialausstellung von 1931 und das  Palais de la Porte Dorée: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/6242

[15] Siehe pädagogisches Dossier zur Ausstellung und: https://www.connaissancedesarts.com/non-classe/exposition-peintures-des-lointains-%E2%80%89-les-avatars-dune-collection-1188122/

[16] https://www.histoire-image.org/etudes/representation-village-togolais-exposition-coloniale

http://lirelactu.fr/source/le-monde/4896c514-79e0-4988-b02b-b0bf008f3455

[17] s.a. http://www.lefigaro.fr/arts-expositions/2018/02/02/03015-20180202ARTFIG00023–le-plein-de-culture-le-musee-du-quai-branly-deterre-ses-peintures-du-lointain.php

[18] http://geopolis.francetvinfo.fr/peintures-des-lointains-peintures-de-l-afrique-coloniale-181899

[19] Text: http://www.bouquineux.com/index.php?telecharger=627&Gide-Voyage_au_Congo

[20] André Gide. Reisen und Politik. Gesammelte Werke, Bd.5. Stuttgart: DVA, 1992, S. 461

[21] https://www.lemonde.fr/arts/article/2018/02/05/l-art-au-temps-des-colonies_5251799_1655012.html

[22] Abdruck des Textes:  http://www.entreprises-coloniales.fr/inde-indochine/Paul_Monet-Jauniers.pdf

[23] Marianne Boucheret,  Le pouvoir colonial et la question de la main-d’œuvre en Indochine dans les années vingt.  Cahiers d’histoire 85, 2001.  https://journals.openedition.org/chrhc/1740?lang=en

[24] http://belleindochine.free.fr/LesJauniers.htm

[25] So noch 1944 von de Gaulle in seiner Rede in Brazzaville: http://mjp.univ-perp.fr/textes/degaulle30011944.htm

[26] (https://www.lejournaldesarts.fr/expositions/au-temps-des-colonies-136097

[27]  Siehe: connaissance des arts, S. 39

[28] Zu Mascart und seiner „odyssée kanak“ siehe connaissance des arts, S. 20/21

[29] André Sureda, La Fête arabe dans la campagne de Tlemcen (zwischen 1910 und 1920)

Foto: MUSÉE DU QUAI BRANLY-JACQUES CHIRAC/PHOTO : CLAUDE GERMAIN

[30] https://www.histoire-image.org/de/comment/reply/5171

https://www.histoire-image.org/de/etudes/prise-smalah-abd-el-kader

http://geopolis.francetvinfo.fr/peintures-des-lointains-peintures-de-l-afrique-coloniale-181899

[31]  http://collections.chateauversailles.fr/#483bf3ef-c0f2-4dd6-aa18-7e05da21fee3

http://www.chateauversailles.fr/actualites/expositions/louis-philippe-versailles#l%E2%80%99exposition

 

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