„Dadurch, dass ich zum Glück die Kinder habe, ist alles doppelt schwer.“ Anna Seghers im Pariser Exil 1933-1940

 

Anna Seghers, geboren am 19.11.1900  als  Netty Reiling, ist Einzelkind und stammt aus einer reichen jüdischen Familie in Mainz. Der Vater ist Kunsthändler und Netty promoviert 1924 über das Thema „Juden und Judentum im Werk Rembrandts“ in Heidelberg. Dort lernt sie Laszlo Radvanyi, ebenfalls Jahrgang 1900, einen ungarischen Soziologen und engagierten Kommunisten kennen. 1925 heiraten die beiden und ziehen nach Berlin. 1926 wird ihr Sohn Peter geboren. Erste Veröffentlichungen unter dem Pseudonym Anna Seghers – Hommage an den niederländischen Maler und Grafiker Hercules Seghers –  erscheinen. 1928 kommt Tochter Ruth zur Welt und Anna Seghers tritt der KPD bei. 1933 zwingt der Reichstagsbrand das Ehepaar Radvanyi zur Flucht. Sie gehen in die Schweiz, die Kinder bleiben vorerst bei den Großeltern in Mainz. Schließlich siedeln sie nach Paris über und holen die Kinder nach. Es folgen sieben relativ ruhige Jahre des Exils im Pariser Vorort Bellevue-Meudon. Die Kinder besuchen die Schule, Anna Seghers nimmt sich die notwendige Zeit zum Schreiben, indem sie in Pariser Cafés geht und dort arbeitet. „Das Siebte Kreuz“ entsteht. Eine Kinderfrau ist immer da und kümmert sich um den Haushalt und die Kinder. In dem schwierigen Leben des Exils so weit wie möglich Normalität zu etablieren, ist eines der Hauptziele von Anna Seghers. Schwer wird es erst, als ihr Mann 1940 mit Kriegseintritt als „feindlicher Deutscher“ interniert wird, sie mit den Kindern auf sich allein gestellt ist und die Wohnung verlassen muss, um Recherchen der Gestapo zu entgehen. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch mit den Kindern in die unbesetzte Zone nach Südfrankreich gelingt es ihr beim zweiten Versuch,  in die Nähe des Internierungslagers Vernet zu gelangen, um Kontakt zu Ehemann und Vater aufzunehmen und die Kinder wieder in der Schule anzumelden. Nach aufreibenden Verhandlungen – der begonnene Roman „Transit“ legt davon Zeugnis ab – gelingt es schließlich der vereinten Familie Radvanyi von Marseille aus Europa zu verlassen in Richtung Mexiko, das zweite Exil, ein zweiter völliger Neuanfang. Aber immer gehen die beiden Kinder zur Schule, so dass sie bei ihrer Rückkehr in Frankreich problemlos studieren können. Und nie hört Anna Seghers auf zu schreiben, was ihr das Durchhalten ermöglicht. Sie ist – darauf hat Christa Wolf verwiesen – Deutsche, Frau, Jüdin, Kommunistin, Schriftstellerin und Mutter  –  die größte denkbare Herausforderung in ihrer Zeit des Exils.

Im Folgenden sollen die Stationen von Anna Seghers im Pariser Exil aufgezeigt werden. Es sind Orte, die auch heute noch gut zugänglich sind : Bahnhof, Hotel, Wohnhaus, Café. Dazu werden entsprechende Bezüge aus ihrem Werk oder anderen  Quellen herangezogen und kommentiert. (1)

 

 I.   GARE DE L‘EST (Ostbahnhof)                                                    Ankunftsort deutscher Flüchtlinge in Paris

Auch heute noch kommen die meisten Besucher aus Deutschland mit dem ICE oder TGV im Pariser Ostbahnhof, Gare de L’Est,  an  – einem modern renovierten hochgeschwungenen Bahnhof aus dem 19.Jahrhundert –  ein architektonisch beeindruckender großzügiger Empfang.  All die Menschen,  die in den 30 er Jahren Nazi-Deutschland schweren Herzens und voller Zukunftssorgen verlassen mussten, um im freien Frankreich Asyl zu suchen, werden das sicherlich kaum bemerkt haben.

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Als Anna Seghers mit ihrer Familie hier ankam, hatte sie die beiden Kinder Pierre und Ruth in Straßburg abgeholt, dort waren sie von der Großmutter übergeben worden. In der ersten Zeit des Exils in der Schweiz und die ersten Wochen in Paris hatte das Ehepaar die Kinder bei den Großeltern in Mainz gelassen. Und sie dann nachgeholt.

Anna Seghers schreibt zu dieser denkwürdigen Ankunft

„Die Frau, die die Grenze passiert hat, die eines Abends am Gare de l’Est ankommt, die ist hellwach, nicht bloß aus Gespanntheit, aus Erschöpfung – hellwach in ihr ist die Kraft, die vielleicht ihr Leben lang, vielleicht Jahrhunderte verschüttet war, weil niemand ihrer bedurfte. Jetzt ist sie wieder die Frau von Kriegszügen, von Verbannungen, von Völkerwanderungen. Sie wird vor den ungewöhnlichsten Augenblick gestellt, auf dass sie ihn zwinge, die Züge gewöhnlichen Lebens anzunehmen, damit man ihn ertragen kann. Auf dem fremden, wilden Bahnhof, im Geknatter der fremden Sprache, hält sie Gepäck und Kinder zusammen. Misstrauisch mustert sie das Zimmer, von dem der Mann behauptet, es sei provisorisch. Sie reißt das Fenster auf. Sie hat Nähzeug zur Hand und näht rasch einen Knopf fest. Sie beschnuppert das Bettzeug. Der Mann schimpft wohl über all das Gehabe, doch ist er plötzlich erleichtert. Der furchtbarste Augenblick des gemeinsamen Lebens wird dadurch gezähmt und gebändigt. Geht diese Kraft der Frau ab, dann ist es schwerer für die Familie…“(A.S. 1986 130/31)

Der französische Bahnhof wird als „fremd“ und “wild“ wahrgenommen, vom „Geknatter der fremden Sprache“ ist die Rede. Später von „misstrauisch“ und dem Zweifel, ob die Unterkunft wirklich „provisorisch“ bleibe. Beschreibung eines sehr schwieriger Transit-Moments vom Bekannten ins Ungewisse, von der Heimat in die Fremde. Aber die Familie ist ab jetzt vereint.

In die konkrete  Darstellung der  beklemmenden Situation im Hotelzimmer mischen sich geradezu philosophische Überlegungen der Autorin zur Rolle der Frau/Mutter im Exil. Seghers beschwört in diesem Zusammenhang die sehr einfache, aber im Kontext fast magische Fähigkeit von Frauen, durch kleine notwendige Alltagsgesten den schweren Bann des Schicksals zu relativieren und so erträglich  gestalten zu können. In der Tat : In einem völlig neuen Umfeld ist es eben sehr beruhigend zu erleben, wie vertraute Tätigkeiten selbstverständlich weiter verrichtet werden (z.B. Knopfannähen). Diese Kontinuität schafft Vertrauen und Zuversicht. Diese Aufgabe – damals als rein frauenspezifisch angesehen – wird hier von Anna Seghers als entscheidend für das Gelingen von Exil-Leben, für Paare und vor allem für Familien, angesehen. Eine solche Heraushebung der Alltagsleistung von Ehefrauen und Müttern für die Lebensqualität im Exil erstaunt und sticht hervor in einer Zeit, in der die Haus- und Erziehungsarbeit der Frauen deutlich weniger beachtet und geschätzt wird als die bezahlte Erwerbsarbeit von Männern. In ihrem Aufsatz „Frauen und Kinder in der Emigration“ (1986) betont die Autorin immer wieder die Herausforderung aus dem „ungewöhnlichen Leben“ im Exil ein möglichst weitgehend „normales“ zu gestalten. Dieser Anforderung hat sie sich selbst als Mutter in Frankreich und später in Mexiko immer wieder gestellt, indem sie konsequent ihre Kinder in die Schule schickte und diese somit eine lückenlose französische Schulausbildung erhielten, die ihnen nach dem Krieg ein Studium in Frankreich ermöglichte. Über die Kinder in der Schule blieb sie auch immer mit einer sehr wichtigen Einrichtung des Gastlandes in Kontakt, also eine Art wichtiger Integration. Die Doppelbelastung von Familie und schriftstellerische Tätigkeit war zu meistern, da „Rodi“, ihr Mann, sich wenig um die Kindererziehung kümmerte. Dafür gab es die Hilfe von Hausmädchen, die wichtige Bezugspersonen für die Kinder wurden. „Dadurch, dass ich zum Glück Kinder habe, wird alles doppelt schwer“ (A.S. 1986,30) fasst sie ihre Situation in einem wunderbaren Satz zusammen, der die ganze Ambivalenz ausdrückt. Die Kinder sind zwar eine zusätzliche Last, aber auch ein lebenswichtige positive Verbindung zur Realität im Exil. Ist nicht der verzweifelte Schriftsteller Weigel in „Transit“, der sich das Leben nimmt, als in Paris die deutschen Truppen einmarschieren, das Gegenbeispiel zu ihrer Auffassung, wie wichtig die Normalität, Alltäglichkeit  ist um nicht den Mut zu verlieren? Anna Seghers hat immer wieder betont, dass Exil nicht nur Verlust sei, sondern auch große Chancen berge. „Viele zur Emigration gezwungene Menschen glauben am ersten Tag, alles verloren zu haben. Später haben sie dann gelernt, dass sie vieles gefunden und vieles gewonnen haben, wovon sie früher nicht einmal wussten, dass es das gab.“(A.S. 1986, 129) Dies gilt in gewisser Weise besonders für Frauen, die leichter als ihre Männer in einem fremden Land etwas Geld verdienen können, da sich diese meist an ihren Beruf gebunden fühlen. Diese neue Rolle, entscheidend zum Lebensunterhalt beitragen zu können oder  zu müssen,  verändert den Status der Frau in der Beziehung zu ihrem Partner und im Sozialgefüge der Exilierten insgesamt. Das Gleiche galt unter anderen Vorzeichen auch für die meisten Frauen und Mütter nach Kriegsende. Gewiss bedeutete das mehr Selbstbewusstsein, aber noch keine Emanzipation. Frauen bleiben allein für die Kinder zuständig, ein Prinzip, das nicht in Frage gestellt wird, auch wenn die Mutter eine bekannte Schriftstellerin ist, deren Tätigkeit das Überleben der Familie sichert wie im Fall von Anna Seghers. Sie sei überstrapaziert, so erklärt sie einmal in einem Brief an Bredel. Nicht nur wegen der Fertigstellung ihres Buches und kurzer Krankheit, sondern auch durch Aufgaben für Haushalt und Familie. Daher bat sie ihn einmal <inoffiziell und freundschaftlich< zu bedenken : Du bekommst, weil du ein berühmter Mann bist, auch deine Knöpfe von weiblichen Personen angenäht… Solche Äußerungen, in denen Anna Seghers ihr Frau-Sein thematisiert, sind selten. Es war ihr unangenehm sich schwach zu zeigen oder sich über ihre Rolle als Frau zu beklagen. (A.S. Briefwechsel 1933-45, S. 283)

Aber genau deshalb betont sie immer wieder den wichtigen Beitrag der Frau zum Gelingen eines Lebens im Exil . „Für Mann und Frau kann das Fortgehen die Neuaufrichtung der Ehe bedeuten oder ihre Auflösung. Mag die Frau in den meisten Fällen< dem Mann folgen< – hinter dem Einfachen verbirgt sich wie immer eine stille, beträchtliche Leistung.“ (A.S. 1986, S.129) und ganz konkret: „Wenn es nun wirklich fortgeht, dann überwiegt in diesem Umzug aus höchster Verantwortung  und Entscheidung auf eigentümliche Weise das technische, das Umzugsmäßige. Ob ein Möbelwagen gepackt werden soll oder ein Rucksack, ob ein paar Banknoten eingenäht werden müssen oder Butterbrote geschmiert…“ (A.S. 1986,S-130) Damit ist die wichtige Transformationsleistung der Frauen und Mütter gemeint,  gefährliches angespanntes Leben in gewöhnliches, alltägliches zu verwandeln, hin zu einem Leben ohne Angst. Das ist schon eine Art Philosophie des Pragmatismus.

 

 II.   51, rue Gay Lussac <Hôtel de l’Avenir>                                  Anlaufstelle von Exilanten im Quartier Latin

Bekannt wurde die Straße Gay Lussac 1968 durch die Studentenunruhen und Polizeieinsätze. 1933 war das Hotel in der Nr. 51 oft eine erste Unterkunft für die Schutzsuchenden. Heute gibt es dort immer noch ein Hotel, jedoch mit dem Eingang bei der Nummer 53 und dem neuen Namen Hotel André Latin.

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Der damalige Hoteleingang

Pierre Radvanyi, der Sohn von Anna Seghers erinnert sich: „Mit meiner Mutter fuhren wir im Zug nach Paris zu unserem Vater in ein kleines Hotel in der Rue Gay Lussac, nahe beim Jardin du Luxembourg. Man konnte von dort aus die Spitze des Eiffelturms sehen.“ (P.R. 2005, S.19)

III.   26, avenue du 11 novembre 1918   –                                          eine schöne Bleibe in Bellevue-Meudon

Nach einem gemeinsamen Sommerurlaub in Equihen an der Nordseeküste im Departement Pas de Calais kehrte die Familie Radvanyi nicht mehr ins Hotel zurück,  sondern bezog die erste Etage eines Hauses in dem gut bürgerlichen Vorort Bellevue Meudon – leider bisher ohne Erinnerungsplakette.

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Anna Seghers hatte etwas Ähnliches wie in Berlin-Zehlendorf gesucht und gefunden, „in der frischen Luft, außerhalb der Großstadt“. Mit Hilfe ihrer Mainzer Eltern gelang es sogar,  Möbel und Bücher aus Zehlendorf nach Meudon zu expedieren. 7 Jahre eines (fast) normalen Familienlebens im Exil Paris beginnen. Das Kindermädchen Gaja- aus Deutschland nachgekommen- sorgt lange Jahre zuverlässig für Haushalt und Kinder und für leckere Kuchen am Sonntagnachmittag, wenn Gäste zu Besuch kommen.  Nach anfänglichen Problemen in der staatlichen Schule für Pierre, dem es als Ausländer schwer gemacht wird, löst ein Schulwechsel in eine private „Freie Schule“ das Problem. Im Rückblick schreibt  Sohn Pierre :  „Mit dem Vorortzug  hatten wir es gar nicht weit bis zum Bahnhof Paris-Montparnasse, zudem lag die Avenue du 11 novembre 1918 nahe am Wald von Meudon und lief am unteren Ende  auf eine kleine Terrasse zu, die einst zum Grundbesitz von Madame de Pompadour gehört hatte und von der man einen schönen Blick auf Paris werfen konnte. Von den ersten Monaten abgesehen, habe ich dort Jahre einer glücklichen Kindheit verlebt.“ (P.R.2005,S.20; das nachfolgende Foto aus Zehl Romero, Foto 26))

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Die Familie vor dem Haus in Bellevue

Pierre berichtet auch über viele Spaziergänge mit der Mutter, die diese häufig nutzte ihre dichterischen Eingebungen voranzutreiben. „Oft spazierten wir zur Terrasse unterhalb des Observatoriums von Meudon, von wo man einen herrlichen Blick auf Paris hatte…“(P.R., 2005,S. 26)

Sowohl die kleine Terrasse in Meudon-Bellevue, als auch die große in Meudon Val Fleury erlauben auch heute noch einen schönen Blick auf Paris und lohnende Spaziergänge – insbesondere die hoch gelegene grande terrasse  (mit Zugang zur Orangerie) beim Observatorium.

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  IV.    Cafés  –  Orte des Austauschs und des Arbeitens

„Wenn meine Mutter Ruhe zum Schreiben brauchte, flüchtete sie in ein Café. Zuweilen ging sie in ein Café in der Nähe unserer Post, aber lieber suchte sie die Cafés in Paris auf, vor allem am Boulevard St. Germain. Mit einem einzigen Milchkaffee hielt sie einen ganzen Vor-oder Nachmittag durch. Dass sie sich in allgemeinem Lärm und inmitten von vielen Leuten befand, störte sie gar nicht, im Gegenteil, das stellte für sie eine Art Schutzwand dar.“(P.R. 2005, S. 33)

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Das Café als öffentlicher Ort und Treffpunkt spielte für die Emigranten in Paris eine große Rolle. Hier konnte man sich zwanglos treffen, diskutieren und bei einer Tasse Kaffee stundenlang sitzen bleiben. Der Meinungs-und Informationsaustausch untereinander sowie mit französischen Kollegen stand im Vordergrund. Hermann Kesten beschreibt das so: „Im Exil wird das Café zu Haus und Heimat, Kirche und Parlament…zur Wiege der Illusion und zum Friedhof…zum einzigen kontinuierlichen Ort.“ (H.K.. 1959, S.12)

Hier ein Bild mit Anna Seghers vor einem Pariser Café. (http://www.anna-seghers.de/biographie_paris.php)

 

Bei Seghers war das Café allerdings weniger ein Ort des Gedankenaustauschs und hitziger politischer Debatten, sondern des Rückzugs auf konzentrierte schriftstellerische Arbeit. „Oftmals sah ich sie im Café de la Paix oder in einem kleinen Café am Montparnasse unter einer murmelnden Menschenmenge sitzen…Der Bleistift flog über das Papier, und das Manuskript wuchs“ erinnert sich Lore Wolf, die Frankfurter Freundin, die als verfolgte Kommunistin mit ihrer Tochter in Paris lebte und Anna Seghers das Manuskript von „Das 7. Kreuz“ abtippte (zit. bei Sternburg Anm. 151).  Interessant übrigens, dass die meisten der von den Emigranten damals frequentierten Lokalen im Montparnasse wie  „La Coupole“ oder „ Dôme“ heute zu den teuersten Konsum-Tempeln der Stadt gehören.

Das Café, ein Ort, wo man immer einfach hingehen, sich hinsetzen und schreiben kann: Eine geniale Lösung nicht nur für Anna Seghers, sondern auch heute noch für viele Menschen in Paris, die dort stundenlang über ihrem laptop  sitzen – internet inclusive. Cafés/Restaurants spielen auch in Seghers Roman „Transit“ eine wichtige Rolle. Immer wieder kehrt die Hauptfigur in dasselbe Lokal in Marseille zurück – eine Pizzeria mit wärmendem Feuer. Warum? Zum Warten, zum Essen, zum Weintrinken, zum Beobachten, um Leute zu treffen, vor allem aber um zu warten. Ein bekannter und gewohnter Ort, also ein wenig Zuflucht für die Heimatlosen, ein Stück Innehalten auf der drängenden Suche nach Rettung.

Anna Seghers war im Pariser Exil aber nicht nur als Mutter und Schriftstellerin  engagiert, sondern auch politisch: Wer wäre denn auch besser geeignet gewesen als die aus Deutschland geflohenen Schriftsteller, vor den Gefahren des Nationalsozialismus zu warnen und für eine breite Front des Widerstands  zu werben. Das  politische Engagement Anna Seghers`in der Zeit ihres Pariser Exils  soll aber an anderer Stelle  beispielhaft an ihrer Rede über die Vaterlandsliebe beim „Ersten Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur“ im Haus der  Mutualité  1935 verdeutlicht werden.   

 

 V.  „Six jours – six années“  –  „6 Tage –  6 Jahre“      

Diese Tagebuchblätter von Anna Seghers aus der Pariser Zeit wurden ursprünglich 1938  in französischer  Sprache in der Monatszeitschrift „Europe“ veröffentlicht und sind nur in deutscher Fassung zugänglich (ndl, 9.Sept. 1984). Die Idee : pro Jahr ihres Aufenthaltes Ereignisse von einem Juni-Tag in der Sprache des Gastlandes zu präsentieren. Im Vordergrund stehen dabei deutsch-französische Erfahrungen.

Im Tagebuchblatt aus dem  Juni 1933 erinnert sie sich : „Wir haben die Kinder von der Grenze abgeholt. Wie Verrückte haben sie sich in unsere Arme geworfen, dort verharrten sie dann unbeweglich. Völlige, unendliche Sicherheit bei diesen unsteten Wesen, ihren Eltern, die doch selbst zu den Obdachlosesten dieser Welt zählten, selbst von allen Stürmen hin- und hergeworfen wurden.“    Und sie fährt fort mit dieser rührende Beschreibung des Kontakts mit den Kindern, die  gerade aus dem geliebten unerreichbaren Deutschland gekommen waren: „Das mehrfarbige karierte Kleid der Kleinen, der Geruch ihres Haares machten mich verrückt vor Heimweh….als wir die Hosentaschen des Kleinen leeren : ein paar getrocknete Grashalme, ein Pfennig, eine Fahrkarte, ein Tannenzapfen: ein halbes Deutschland.“ (A.S., 1984 S.5)

Erst später wird Anna Seghers wissen, dass sie bei dieser Übergabe der Kinder in Straßburg ihre Mutter das letzte Mal gesehen hat. In Paris angekommen fährt die nun endlich vereinte Familie Radvanyi nach Equilieu (Pas de Calais) in  Sommerurlaub. „Unsere Wirtin, Witwe eines Schriftstellers, bereitet uns die Suppe. Sie nennt mich „meine Tochter“. Das ist wahrscheinlich nur so ein Ausdruck, aber es tut mir gut. In dieser Frau, und nicht durch irgendein Komitee, begrüßt uns Frankreich.“(A.S., 1984, S.7)  Bei ihr lernen die beiden Kinder erstes Französisch.                                                

Juni 1934 hält sie  fest :“Als ich abends nach Hause komme, höre ich, wie die Kinder sich in einem groben und doch schon geläufigen Französisch zanken….In unseren Augen spielen die Kinder “Franzosen“, wie sie Indianer spielen. Wie man sich als Indianer mit Federn putzt, zieht die Kleine weiße Strümpfe an, um die „französischen Kinder“ am Sonntag zu spielen.“  Und weiter als erzieherische politische Korrektur: „Wir zeigen ihnen Broschüren für Deutschland, die man mit der Lupe liest. Vor allem, die Einheit bewahren! Vor allem niemals die Vergangenheit verraten! Vor allem, niemals die Kontinuität einbüßen!“ (A.S.,1984, S.7)

Juni 1935 bemerkt sie im Kontext des internationalen Schriftstellerkongresses über die französischen Kollegen:“Was uns am meisten erregt, die wundervolle Tradition des revolutionären Denkens, seine kontinuierliche, logische, fast organische Entwicklung…“    (A.S., 1984, S.7)

Juni 1936 zitiert sie ihren Sohn. „Später im Bett, erklärt uns der Kleine, warum er die französischen Gedichte den deutschen vorzieht : die deutsche Dichtung drückt zu oft reines Denken aus, die französischen dagegen Gefühle.“ (A.S.,1984,S.8)  Dieses Urteil hätte sicher ein französisches Kind mit gleichem Recht umgekehrt fällen können. Welche subtile Wahrnehmung kultureller Unterschiede!

 Juni 1937 erwähnt Anna Seghers vor allem das Zusammentreffen mit einem deutschen Widerstandskämpfer, der nach KZ-Haft und Flucht sich nun nach Spanien zum Kampf bei den Internationalen Brigaden aufmacht. Ihre große Hochachtung ist unverkennbar.

Juni 1938 geht sie der Frage nach, „wohin wir mit den Kindern im Kriegsfalle gehen würden. Meine ersten Bombenangriffe habe ich am Ufer des Rheins erlebt, die zweiten in Spanien, und die dritten auch. Aber hier in diesem Land haben meine Kinder Freunde und Sicherheit kennengelernt; sollten sie nicht, wenn es sein muss, auch Schmerz und Gefahren hier begreifen?“ (A.S., 1984, S.9)  Ganz ähnlich wird später auch der Erzähler von Transit argumentieren, als er sich entschließt, bei den Menschen in Südfrankreich zu bleiben, die ihn freundlich aufnehmen und mit ihnen zu erwartendes Leid teilen statt aus Europa vor den Nazis  ins Ungewisse zu fliehen. Anna Seghers hat dann doch die Ausreise nach Mexiko betrieben und so sich und ihrer Familie das Leben gerettet, was ihr im Fall ihrer Mutter jedoch nicht mehr gelang.

 

 VI. Die Stadt Paris im Werk von Anna Seghers                                                     

Der Roman „TRANSIT“, an dem Anna Seghers bereits  1940  in Marseilles zu schreiben anfing, spielt vor allem in dieser Stadt, Ausfallstor in die Welt auf der Flucht vor der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Der Erzähler ist nur zu Anfang kurz in Paris und beschreibt die Stadt nach der Besetzung so :

„Ich ging eines  Sonntags früh nach Paris hinein. Die Hakenkreuzfahne wehte wirklich auf dem Hôtel de Ville. Sie spielten wirklich vor Notre Dame den Hohen Friedberger Marsch. Ich wunderte mich und wunderte mich. Ich lief quer durch Paris. Und überall deutsche Autoparks, überall Hakenkreuze, mir war ganz hohl, ich fühlte schon gar kein Gefühl mehr. Ich grämte mich, dass all der Unfug aus meinem Volk gekommen war, das Unglück über andere Völker. Denn dass sie sprachen wie ich, dass sie pfiffen wie ich, daran war kein Zweifel. Als ich nach Clichy hinaufging, wo Binnets wohnten, meine alten Freunde, da fragte ich mich, ob Binnets wohl vernünftig genug seien, um zu begreifen, dass ich zwar ein Mensch dieses Volkes sei, doch immer noch ich. Ich fragte mich, ob sie mich ohne Papiere aufnehmen würden.                                                                                                                         

Sie nahmen mich auf.“ (A.S., 2018, S.13/14)

Die bewegende Erzählung „OBDACH“ von 1941 (A.S., Erzählungen, Da., 1973, S.199-206) spielt dagegen ganz in Paris. Es geht um den Jungen eines von der Gestapo in Paris verhafteten deutschen Widerstandskämpfers. Das Kind ist verzweifelt, denn es soll nach Deutschland zurück und dann in ein NS-Heim gebracht werden. Doch eine französische Bekannte nimmt ihn in ihre Familie auf trotz Widerstand ihres Mannes. Eine starke Frau, die vorbildlich handelt im Sinne von Seghers, der das Engagement der Helfer für politische Flüchtlinge unumgängliche moralische Verpflichtung galt  – trotz aller Risiken. Naheliegend, dass Anna Seghers bei dem Schicksal des deutschen Jungen auch an das potentielle Los ihrer eigenen Kinder gedacht hat, wenn sie entdeckt und verhaftet würde.

Den Erfolgs-Roman „DAS SIEBTE KREUZ“, den Anna Seghers in der Pariser Zeit verfasste, ist neben der klaren politischen Aussage eine Hommage an ihre rheinische Heimat, die sie mit so viel Liebe beschreibt, wie es nur aus der erzwungenen Trennung heraus möglich ist. Sieben KZ-Flüchtlinge fliehen aus dem KZ Westhofen (Vorbild Osthofen/ Nähe Worms), aber nur einem gelingt die Flucht. Denn er hatte einen Helfer finden können, der es wagte ihn zu verstecken und dann weiter zu leiten – trotz Familie mit Kindern, die er damit in höchste Gefahr brachte. Wieder das Seghers-Anliegen der Bereitschaft zu unzögerlicher praktischer Solidarität, das hier aus Paulchen einen Helden werden lässt. Und die große Befriedigung, die  aus der konkreten Unterstützung eines Verfolgten erwächst, ist immer wieder ein Aspekt, den sie betont.

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                    Amerikanische Ausgabe des Romans für in Europa eingesetzte GIs                  (Exilausstellung des Deutschen Nationalmuseums Frankfurt)  Das erhoffte Visum für die USA erhielt Anna Seghers allerdigs nicht.

Fazit: Die Bereitschaft schnell und entschlossen zu helfen, wenn es für Flüchtlinge notwendig ist, erwies sich als gelernte Lektion im Deutschland von 2015. Im kollektiven deutschen Gedächtnis gibt es die Erinnerung an das Leid der Heimatvertriebenen, vor allem aber an die Not der NS-Verfolgten, die Hitler-Deutschland verlassen mussten, wenn sie es noch konnten. Die literarische Verarbeitung gerade ihrer Schicksale hilft vor dem Vergessen zu bewahren und gelangt in neuem Kontext zu  überraschender Aktualität, wie die jüngste Verfilmung von Anna Seghers  „Transit“ (2018) zeigt.                                                                                                                                                  Frauke Jöckel

 

(1)  Das Portrait von Anna Seghers wurde 1935 aufgenommen von Gisèle Freund.

©  bpk/IMEC Fonds MCC/ Giaèle Freund

https://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/EN/Objects/freund-seghers-en.html?single=1

 

 

Quellenangaben und benutzte Literatur:

Anna Seghers/Wieland Herzfelde : Frauen und Kinder in der Emigration in „Gewöhnliches und gefährliches Leben“, Darmstadt 1986                                                  Anna Seghers : 6 Tage, sechs Jahre, Tagebuchblätter in neue deutsche Literatur 9/1984      Anna Seghers : Das Obdach (1941) in „Erzählungen“ Bd.1, Darmstadt 1973                            Anna Seghers : Das 7. Kreuz (1942) , Berlin 2018                                                                            Frankfurt liest ein Buch 16.-29.April 2018 : Anna Seghers, Das 7. Kreuz                                    Anna Seghers : Transit (1951), Berlin 2018                                                                                    Christian Petzold : Transit (Film), 2018                                                                                              Pierre Radvanyi : Jenseits des Stroms, Erinnerungen an meine Mutter, Berlin 2005              Christiane Zehl Romero : Anna Seghers, eine Biographie 1900-1947, Berlin 2000                  Wilhelm von Sternburg  : Anna Seghers, ein Porträt, Berlin 2012                                        Hermann Kesten : Dichter im Café, Wien 1959                                                                                Roland Hoja : „Wartesäle der Poesie“, Schriftstellerinnen im Pariser Exil 1933-41, Norderstedt 2015                                                                                                                      Monika Melchert : Wilde und zarte Träume, A. Seghers Jahre im Pariser Exil, Berlin 2018  Studienkreis dt. Widerstand (Hrsg) : „Nichts war vergeblich“  Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Katalog zur Ausstellung in der Gedenkstätte KZ Osthofen, 2016                                                                                                                                                          Lore Wolf : „Ein Leben ist viel zu wenig“, Berlin 1979                                                                    Doris Danzer : „Zwischen Vertrauen und Verrat“, deutschsprachige kommunistische Intellektuelle und ihre sozialen Beziehungen, Berlin 2012                                                  Doron Rabinovici : „Das Versagen der Heimat“, Eröffnungsrede zur  Dauerausstellung des Deutschen Exilarchivs in Frankfurt/Main, FAZ, 9.April 2018

 

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu deutschsprachigen Schriftstellern in Paris/im französischen Exil:

  • Das Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise in Paris: Eine Hommage an den Vorkämpfer der deutsch- französischen Verständigung

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10585

  • Mit Heinrich Heine in Paris

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8231

  • Exil in Frankreich: Sanary, Les Milles und Marseille

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/592

  • Der Cimetière de Picpus: Ein deutsch-französischer und amerikanischer Erinnerungsort

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/1828

 

Geplante weitere Beiträge

  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 1: Lyon, Luberon, Piemont
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 2: Die Waldenser in Hessen-Homburg
  • Der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935 im Haus der Mutualité in Paris
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier
  • Das Hotel Lutetia (1): Ein Bauwerk zwischen Art Nouveau und Art Déco in neuem Glanz

 

 

11. November 2018. Paris begeht den 100. Jahrestag des Waffenstillstands

Thema dieses Beitrags sind die Veranstaltungen zum 100. Jahrestag des Waffenstillstands (armistice) in Paris.  Er  schließt sich insofern an einen früheren  Beitrag zur Entwicklung und Veränderung des  11. November als Feiertag in Frankreich an:  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/3394

Diesmal und gerade in der Hauptstadt wird der 11. November in einer außerordentlichen Intensität und Vielfalt begangen. Immerhin ist der 11. November nach dem Urteil des französischen Historikers Pierre Nora „une date absolue“ der Geschichte des Landes. Das gelte sonst nur noch für den 14. Juli, den französischen Nationalfeiertag. (Le Figaro, 10./11.11.2018). Der 11. November 1918 wird allerdings in Frankreich auf unterschiedliche Weise verstanden.  Und obwohl es sich um ein für Frankreich wie Deutschland existentielles Datum handelt, spielt der Tag in beiden Ländern eine ganz verschiedene Rolle. Das soll im Folgenden exemplarisch dargestellt werden.  Gerade unter dem  Blickwinkel der deutsch-französischen Beziehungen ist das besonders interessant: Die jeweilige Ausgestaltung der Erinnerung an den Waffenstillstand kann auch als Gradmesser dieser Beziehungen dienen.

 

Der 11. November in der Topographie von Paris

Welche Bedeutung der  11. November in Paris hat, wird schon daran deutlich, dass es zwei ganz besondere Plätze gibt, die an den Waffenstillstand erinnern, der den „Großen Krieg“ Frankreichs beendete.  Da gibt es die Place du 11 Novembre  1918  vor dem Gare de l’Est: ein symbolischer Ort, weil von diesem Bahnhof aus die Züge in den Osten Frankreichs und nach Deutschland abfahren.

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Es handelt sich hier um den Bahnhofsvorplatz- begrenzt von dem Bahnhofsgebäude auf der einen und der rue du 8 mai auf der anderen Seite. Straße und Platz erinnern damit an das Ende der beiden Weltkriege – wichtige Daten im kollektiven Gedächtnis der Franzosen und immerhin ja auch beides Feiertage.

Und dann gibt es die repräsentative  Place du Trocadéro et du 11 novembre im 16. Arrondissement.

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In dessen Zentrum steht ein  Reiterstandbild  à la Henri Quatre oder Louis Quatorze  des Marschalls Foch, und zwar in perfekter Symmetrie mit der Statue des Marschalls Joffre vor der École militaire auf der anderen Seine-Seite.[1]

An der westlichen Seite des Platzes  befindet sich an der Mauer des  Friedhofs von Passy  das Monument à la gloire de l’armée francaise 1914-1918.

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Wegen seines Themas und seiner Komposition liegt der Vergleich mit der kämpferischen „Marseillaise“ an der Schauseite des Arc de Triomphe nahe.[2] Hier ist es aber weniger die überschäumende Begeisterung, sondern eher die Entschlossenheit der sich um die „Marianne“ in der Mitte scharenden  und letztlich siegreichen Soldaten, der poilus, die präsentiert wird; und dezent am  Rande auch der Tod. Immerhin handelt es sich ja um ein Denkmal „für die Helden und für die Toten“.

Eingeweiht wurde  das Denkmal  1956 von dem Schriftsteller Maurice Genevoix, [3] der auf der  Grundlage eigener Kriegserfahrungen mehrere Erinnerungsbücher über den Ersten  Weltkrieg geschrieben hat.  Sie wurden seit 1916 publiziert,  zusammengefasst 1949 in dem Band „Ceux de 14“. Es sind alles andere als kriegsverherrlichende Bücher. Wegen seiner ungeschminkten Darstellungen der Kämpfe hatte Genevoix  -oft verglichen mit Ernst Jünger- sogar Schwierigkeiten mit der Zensur.   Dass er aber dieses Denkmal „zum Ruhm der französischen Armee“, für ihre „Helden“ und Toten, an der Friedhofsmauer  und neben dem Reiterstandbild  Fochs einweihte,  zeigt, wie sehr die Erinnerung an den 11. November einerseits mit dem Gedenken an die auf dem „Feld der Ehre“[4] gefallenen Opfer des Krieges,  andererseits aber auch mit der Feier der Armee, ihrer „heldenhaften“ Soldaten und ihrer Führer verbunden ist. Der 11. November ist damit ein wesentlicher Bestandteil des sogenannten „roman national“ Frankreichs, der immer wieder neu und auf ganz unterschiedliche Weise erzählt wird, auch jetzt wieder anlässlich des 100. Jahrestags  des Waffenstillstands von 1918.[5]

Dazu gehört auch, dass Maurice Genevoix und „ceux de 14“ 2019 ins Pantheon aufgenommen werden. Maurice Genevoix sei –so Macron-  der „Fahnenträger“ all derer, die im Ersten  Weltkrieg für die Freiheit, das Recht und den Frieden gekämpft und gesiegt hätten und die jetzt auch „à titre collectif“ ins Pantheon aufgenommen würden – übrigens eine Neuheit in einer Einrichtung, die bisher Einzelpersonen vorbehalten war. Die sterblichen Überreste des Schriftstellers sollen allerdings nicht transferiert werden, sondern auf dem  Friedhof von Passy verbleiben.[6]

Dieser Pantheonisierungsbeschluss ist ein eindeutiger Hinweis darauf, wie intensiv der 100.  Jahrestag des Waffenstillstands in Frankreich  begangen wird. Die entsprechenden Veranstaltungen beendeten (und beenden noch) einen  vierjährigen Erinnerungsmarathon zum Ersten Weltkrieg.  Unzählige kulturelle, pädagogische und wissenschaftliche Erinnerungsprojekte wurden  gerade 2018 durchgeführt.[7] In den Medien war der 11. November ein Dauerthema  – es gab im Fernsehen eine „Flut von Programmen zum Jahrestag“ (Le Monde)  und die Printmedien standen dem nicht nach: In den Buchhandlungen quollen die Büchertische über von einschlägiger Literatur, auch vielen Neuerscheinungen[8], und in der Presse war in der Zeit vor dem 11. November die Erinnerung an den Jahrestag das  beherrschende Thema.  Der „Figaro“ beispielsweise veröffentlichte eine sechsteilige Serie „Il y a 100 ans“  mit  Berichten und Analysen (und natürlich auch Auszügen aus dem Buch von Genevoix) und auch in Le Monde gab es eine Sonderbeilage und die  tägliche Rubrik „Centenaire du 11 novembre“.

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Emblem der Erinnerungswoche im Figaro

Höhepunkt der Gedenkveranstaltungen war natürlich der 11. November– eingeleitet um 11 Uhr vormittags durch das Läuten aller Glocken im Land,  so wie es 100 Jahre davor auch war, als der Waffenstillstand eingeläutet und auf diese Weise bekannt gemacht wurde.[9]

Macron, Helden oder Opfer? und der Schatten von Pétain

Eine prominente Rolle bei den Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag des Waffenstillstands spielte natürlich der Staastpräsident. Emmanuel  Macron unternahm vom 4.-9. November eine Rundreise, eine „itinérance mémorielle“,  zu den bedeutendsten Schlachtfeldern des  Ersten Weltkriegs auf französischem Boden. Dabei ging es ihm um die Erinnerung an die Soldaten, die für die Republik gekämpft haben,  auch an Orten wie Morhange, wo tausende poilus für eine skrupellose Strategie der „offensive à outrange“ geopfert wurden.[10]  Und mit der Ehrung der tapferen, ja entsprechend einem breiten französischen Konsens: „heldenhaften“  Soldaten  ist natürlich auch eine Botschaft an die Gegenwart verbunden: nämlich Zuversicht zu verbreiten in Gegenden, die vor 100 Jahren  vom Krieg verwüstet wurden und die  jetzt vielfach Opfer von Globalisierung und Desindustrialisierung sind.  Macron wollte also auch dazu auffordern, sich gegen neue Bedrohungen wie Nationalismus und Populismus „in Marsch“ zu setzen – die anstehenden Europawahlen lassen grüßen.[11]

Beginn der Rundreise war –zusammen mit Bundespräsident Steinmeier- am 4. November ein deutsch-französisches  Konzert im Münster von  Straßburg  – natürlich ein höchst symbolischer Ort – jahrhundertelanger Streitapfel zwischen Frankreich und Deutschland, proklamiertes französisches Ziel einer „Revanche“ seit der Niederlage von 1871 und jetzt europäische Stadt par excellence.  Endpunkt dieses Wegs der Erinnerung war  am 10. 11. –diesmal zusammen mit der deutschen Bundeskanzlerin-  der Besuch die Lichtung  Rethondes  bei Compiègne, auch dies ein höchst symbolischer Ort.  Dort war  der Eisenbahnwagon aufgestellt, in dem  Mathias Erzberger als  Vertreter der am 9. November ausgerufenen Republik  den Waffenstillstand unterzeichnete und der am 22. Juni 1940 Ort eines erneuten  Waffenstillstands  zwischen Frankreich und Deutschland  war – diesmal aber nach dem sogenannten  „Blitzkrieg“ der Wehrmacht gewissermaßen mit umgekehrten Vorzeichen.

Bei dem heute auf der Lichtung von Rethondes aufgestellten Eisenbahnwagon handelt es sich um eine Nachbildung des 1940 nach Deutschland gebrachten und im Krieg zerstörten  Originals. Das Elsass-Lothringen-Denkmal mit dem Datum des 11. November 1918 und dem vom französischen Schwert durchbohrten deutschen Adler wurde auf Befehl Hitlers zerstört, nach dem Krieg aber wieder aufgebaut.

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Hier tragen  sich Macron und Merkel gemeinsam in das von Marschall Foch eröffnete Goldene Buch des Waffenstillstands- Wagens ein 

In dem zum Jahrestag auch inhaltlich entstaubten Museum wird jetzt auch  verdeutlicht, auf welche Weise der Waffenstillstand von 1918 nicht nur das Ende eines mörderischen Krieges, sondern auch das Vorspiel eines weiteren nicht weniger mörderischen Krieges war: Mit einem abgewandelten Zitat von Clausewitz hat ein französischer Historiker denn auch kritisch und treffend den Waffenstillstand von 1918 und die nachfolgenden Friedensverhandlungen überschrieben: Der Frieden ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln…. Gerade für die damalige französische Politik passt das nur allzu gut.[12]

Zum 100. Jahrestag wird in Compiègne auch die „dalle sacrée“ die monumentale Granitplatte restauriert, die 1922 mit folgender Inschrift im damaligen Geist in den Mittelpunkt der Lichtung platziert wurde: „Hier unterlag am 11.November 1918 der verbrecherische Hochmut des deutschen Reichs, besiegt von den freien Völkern, die zu unterjochen es beansprucht hatte.“[13]  Jetzt weihten direkt davor Macron und Merkel eine neue Erinnerungsplatte in französischer und deutscher Sprache ein, auf der die Versöhnung und die Freundschaft zwischen beiden Ländern gewürdigt werden (13a)

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Übrigens kann man sich derzeit in und  um Compiègne auch auf kulinarische Weise an den Waffenstillstand erinnern:  So werden in mehreren Restaurants spezielle „Menus 14-18“ angeboten. So in Les Accordailles in Compiègne mit einer Schützengrabensuppe (Vélouté des tranchés) als Vorspeise, einem „Geheimnis des Sieges“ als Hauptgericht und einer „Margerite im Gewehrlauf“ als Dessert. Der speziell dabei herangezogene Historiker hat sich aber offensichtlich auf die Namensgebung beschränkt. Der Gast muss also nicht damit rechnen, eine Kohlsuppe oder eine Dose mit Sardinen vorgesetzt zu bekommen.[14]

Die abschließende  zentrale Veranstaltung zum 11. November fand dann natürlich genau am Jahrestag des Waffenstillstands in Paris statt.  Dort  versammelten sich  zahlreiche  Repräsentanten der am Krieg beteiligten Staaten und internationaler Organisationen zu einer Gedenkveranstaltung am Grabmal des unbekannten Soldaten unter dem Arc de Triomphe  [15]  – Bundeskanzlerin Merkel dabei demonstrativ neben Staatspräsident Macron und seiner Frau  platziert und diese drei eingerahmt von Trump und Putin…

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Die für diesem Tag zunächst  noch angekündigte und von Präsident Trump sehnlichst erwartete große Militärparade gab es allerdings nicht, angeblich –wie  im Vorfeld immer wieder zu lesen war- um nicht Deutschland zu verletzten. Der Wunsch Macrons war es, am 11. November nicht in erster Linie den Sieg Frankreichs über Deutschland zu feiern, sondern vor allem der Opfer des mörderischen Krieges zu gedenken: Heute werde der 11. November in Frankreich nicht mehr als großer Sieg, sondern als Ende einer großen Schlächterei  („grande boucherie“, grande hécatombe“) gesehen. Allerdings gab es durchaus auch andere Stimmen- beispielsweise die des Vorsitzenden der „Republikaner“ Laurent Wauquiez.  Durch die Verwandlung der Soldaten des Großen Krieges in Opfer werde das von ihnen freiwillig gebrachte Opfer fürs Vaterland seines heroischen Inhalts entleert und eine Chance zur patriotischen Demonstration der Einheit Frankreichs verspielt.[16] Wenn aber einerseits die „victimisation“ (Pierre Nora) der „Helden“ des Großen Kriegs beklagt wird, so gibt es andererseits in Frankreich auch -immer noch- eine Tendenz, das Vaterland als unschuldiges  Opfer der deutschen Aggression zu sehen und dabei die -keineswegs marginale- Mitverantwortung Frankreichs an der Entfesselung des Kriegs zu übersehen. Aber das ist eine andere Geschichte….

Der Chefredakteur der Zeitung Libération, Laurent Joffrin,  hat zur Auseinandersetzung über den Charakter des 11. November einen sarkastischen Leitartikel veröffentlicht (9.11.) und dabei die –eher  männlichen- „Vestalinnen des kriegerischen Nationalismus“  heftig kritisiert. Der von den französischen Nationalisten, vor allem Clemenceau, nach dem Waffenstillstand den Deutschen auferlegte Frieden mit der alleinigen Kriegsschuld und den Reparationen habe wesentlich zu Aufstieg und Erfolg der Nationalsozialisten beigetragen. Und das sei nur ein Aspekt der „paix manquée“ nach dem 11.11.1918.  Statt den Sieg zu feiern solle man also besser über die Gründe für das Blutvergießen im 20. Jahrhundert nachdenken, um wenigstens im 21. Jahrhundert daraus zu lernen. (16a)

Wenn  Wauquiez und andere beklagen, am „11. November Macrons“  würden „nos gloires nationales“  verleugnet und den poilus ihr „sépulture spirituelle“ verweigert, geht natürlich ins Leere angesichts der Entscheidung des Präsidenten, „die von 1914“ kollektiv ins Pantheon aufzunehmen. Angesprochen ist in dieser Auseinandersetzung aber auch die Frage, wie der 11. November begangen  werden soll: Als Feier eines vaterländischen Sieges (Wauqiez: „victoire de la patrie“) oder als Gedenktag an einen mörderischen Krieg mit der Möglichkeit, daraus Energie zu gewinnen  für die Konstruktion einer gemeinsamen europäischen Zukunft.[17]

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Der Zeichner Serguei von Le Monde  (8.11.) gibt darauf eine eindeutige Antwort. Die Zeitung Le Figaro, die in ihrer Ausgabe vom 10. November „La gloire de nos pères“ feiert (Überschrift des Leitartikels)   ebenso.

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Und dazu passt auch die Beilage mit dem Reprint der Ausgabe vom 12.11.1918.

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Macrons  begrüßenswerte Entscheidung, den 11. November als übernationalen Gedenktag zu gestalten und auf eine große Militärparade zu verzichten,  bedeutet aber nicht, dass der Waffenstillstand als Besiegelung eines militärischen Siegs ausgeblendet würde. Immerhin wurde  auf Wunsch des Generalstabs wenigstens eine Zeremonie  der Armee im Hôtel des Invalides organisiert. Dabei sollten die acht französischen Marschälle des Ersten Weltkriegs geehrt werden, von denen  fünf unter dem Dôme des Invalides begraben  sind. Allerdings war einer von ihnen, nämlich Pétain,  der „Sieger von Verdun“,  im zweiten Weltkrieg Chef des  Kollaborations- Regimes von Vichy, das mit   den deutschen Besatzern willig zusammenarbeitete – einschließlich  der Beteiligung am Holocaust. Die französische Verteidigungsministerin korrigierte dann allerdings Ende Oktober diese Planung: Geehrt würden nur die fünf in den Invalides bestatteten Marschälle, also nicht Pétain. Darauf angesprochen, desavouierte Präsident Macron während seiner „itinérance mémorielle“ seine Ministerin: Es sei „vollkommen legitim“, die Marschälle zu ehren, die die Armee zum Sieg geführt hätten. Und diese Ehrung gelte selbstverständlich auch Pétain, der während des Ersten Weltkriegs „ein großer Soldat“ gewesen sei. Das sei eine Tatsache, auch wenn Pétain im zweiten Weltkrieg verhängnisvolle Entscheidungen getroffen habe.[18]  Dass diese Aufspaltung in einen zu würdigenden Pétain von Verdun und einen zu verurteilenden Pétain von Montoire –Ort seines Zusammentreffens mit Hitler-  nicht unwidersprochen bleiben würde, war zu erwarten.  Schon vorab hatte ein Militärsprecher vorausgesagt, es werde wohl Ärger mit der französischen Linken oder der jüdischen  Gemeinde geben, wenn man auch Pétain ehre.[19] Der Vorsitzende der französischen jüdischen Gemeinden (CRIF) und Vertreter der politischen Linken wiesen denn auch darauf hin, dass Pétain im Prozess vom Juli 1945 im Namen des französischen Volkes wegen Hochverrats zum Tode verurteilt wurde und ihm die  bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt wurden.  Man sei deshalb über die Äußerungen Macrons schockiert, was aus meiner Sicht nur allzu verständlich ist: In Deutschland wäre es immerhin außerhalb der Neonazi-Szene völlig ausgeschlossen, beispielsweise Göring als großen Jagdflieger des ersten Weltkriegs zu ehren, der er ja zweifelsohne war…  Für den Regierungssprecher Benjamin Griveaux handelte es  sich aber um eine „schlechte Polemik“. Und er berief sich auf General de Gaulle, der festgestellt habe, Pétains Ruhm von Verdun solle von dem Vaterland nicht in Frage gestellt werden- eine Äußerung  aus dem Jahr 1968, die allerdings  in ihrem  historischen Kontext gesehen werden muss. Auch dass Präsident Mitterand mehrere Jahre lang an jedem 11. November ein Blumengesteck am Grab Pétains auf der Île d’Yeu niederlegte, ist Teil einer spezifischen und lange Jahre –auch über 1968 hinaus- üblichen französischen Form der „Vergangenheitsbewältigung“. Und das Hin und Her um die Ehrung Pétains zeigt, dass die bei weitem noch nicht abgeschlossen ist. [20]

Ich kann nur – noch einmal- Laurent  Joffrin, dem Chefredakteur von Libération zustimmen, der am 7.11. in einem Leitartikel schrieb, man könne zwar als Historiker  die beiden Pétains voneinander trennen. Als Politiker und im „mémoire nationale“ gehe das aber nicht. Die Abschaffung der Republik, die Kollaboration mit den Besatzern, das Judenstatut, die Unterdrückung des Widerstands, die Hilfe bei den Deportationen, darunter die berüchtigte Razzia von 1942  (Rafle du Vél d’Hiv)  und die Verbrechen der Miliz seien  Schandflecken auf der französischen Vergangenheit. Seit der Präsidentschaft Chiracs werde die Verantwortung Pétains  dafür nicht mehr minimisiert und sein Ruhm als Sieger von Verdun nicht mehr gewissermaßen als Ausgleich für seine Verbrechen auf die historische Waagschale gelegt.  Mit dieser Tradition breche nun Macron.  Der Präsident hat jedenfalls meines Erachtens  mit diesem für ihn typischen „en même temps“  einen Schatten auf die Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag des Waffenstillstands geworfen.[21]

Immerhin sah sich das Präsidialamt dann doch veranlasst festzustellen, am 10. November werde nicht Pétain geehrt, sondern es würden nur Blumen an den fünf in den Invalides begrabenen Marschällen niedergelegt. Und Pétain werde nicht zu „ceux de 14“ gehören, die ins Pantheon aufgenommen würden. Da kann man sich dann allerdings fragen, ob und ggf welche weiteren Ausnahmen es gibt. Vielleicht die „morituri“ von 1917, die nicht ergeben ihren Generälen gehorchten und die deshalb zum Tode verurteilt wurden….?  Da  wird es dann sicherlich noch weitere Diskussionen geben…

 

Veranstaltungen in Paris

Aus Anlass des 100. Jahrestags des Waffenstillstands gab es in Paris eine unübersehbare Fülle an Veranstaltungen, von denen hier nur einige wenige vorgestellt werden können. Ziemlich spektakulär war im Vorfeld des 11. November  die Ton-Lichtschau „La dame du cœur“ vor der Kathedrale von Notre Dame.[22]

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Erzählt wird die Liebesgeschichte  einer französischen Krankenschwester und eines  tödlich verwundeten amerikanischen Soldaten, der kurz vor seinem Tod bedauert, nie die Kirche Notre Dame gesehen zu haben. Gemeinsam finden sie aber dann  Notre Dame, die „Dame ihres Herzens“.  Eine ziemlich kitschige Geschichte, auch was den Ton und die Lichtspiele angeht, mit denen die wunderbare Fassade von Notre Dame bestrahlt wurde, die das wirklich nicht nötig und verdient hat. Die Schau wurde schon vom 8.-11. November 2017  mit großem Erfolg präsentiert (80 000 Besucher) und in diesem Jahr noch einmal gezeigt – wir haben sie allerdings nur als Zaungäste verfolgt.

Es gab auch ein reiches musikalisches Programm anlässlich des Jahrestags. Hier nur eine kleine Auswahl: Die Philharmonie von Paris präsentierte vom 9.-11. November mehrere Veranstaltungen  zum Thema Krieg und Frieden.

Dazu gehörte auch die Erinnerung an den Cellisten Maurice Maréchal und sein legendäres Cello „Le Poilu“.  [23]

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Dieses Cello hatten Kameraden des Cellisten  aus Munitionskisten gebaut. Das Original ist im Musée de la musique aufbewahrt, mit einem Nachbau spielte Emmanuelle Bertrand  Stücke u.a. von Bach, Britten und Debussy, dazu wurden Passagen aus dem Tagebuch von Maurice Maréchal vorgelesen.

 

 

 

Im Schloss von Versailles gaben  am  11. November die Wiener Philharmoniker  ein in viele Länder ausgestrahltes Konzert mit einem speziell auf diesen Jahrestag zugeschnittenen  Programm (u.a. Beethovens missa solemnis)  und Solisten aus Frankreich, Deutschland, Russland und den USA. [24]

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Und last but not least, wenn auch nicht ganz so prominent:  Zum musikalischen Programm rund um den 11. November gehört/e  auch eine Aufführung des deutschen Requiems von Brahms in der Madeleine – ich erlaube mir das zu erwähnen, weil ich da als Gast eines „befreundeten Chors“ mitsingen werde. Dass allerdings auf dem Plakat der Titel des Werks unvollständig angegeben ist, ist gerade im Erinnerungsmonat November besonders bedauerlich.[25] Im Oktober 2015 hatte ich  schon einmal Gelegenheit, in der Kathedrale von Lisieux das deutsche Requiem (requiem allemand) mitzusingen. Diese Aufführung fand im Rahmen der Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs statt – mit Fahnen, Veteranen und Marseillaise. Und das deutsche Requiem von Brahms wurde ausdrücklich ausgewählt, um „zur Versöhnung der Völker und zur Hoffnung auf Frieden in der Welt“ beizutragen. Bei dem Konzert 2018 ist dieser Bezug leider nicht so explizit  gemacht.

 

Der Blumenteppich vor dem Hôtel de Ville  

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Am Samstag, dem 10. November wurde von Bürgermeisterin Hildalgo auf dem Platz vor dem fahnengeschmückten Hôtel de Ville ein Blumenteppich von 94 415 Primeln und Stiefmütterchen in den Farben der Tricolore eingeweiht – sie symbolisieren die Anzahl der im Krieg umgekommenen Soldaten der Stadt.

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 Auf einer elektronischen Tafel werden in der Reihenfolge der Kriegsjahre und des Alphabets durchlaufend die Namen aller Gefallenen angezeigt.

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Zwei Fotoausstellungen am Hôtel de Ville

Zum Jahrestag des Waffenstillstands präsentierte die Stadt Paris an den Außenmauern des Hôtel de Ville zwei Fotoausstellungen.  Die eine  bezog sich auf das „camp retranché de Paris“, eine Anlage von Verteidigungstellungen in den die Stadt umgebenden  Wäldern.

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Gezeigt wurden aber auch Bilder von Verteidigungs- und Schutzmaßnahmen in der Stadt.

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Eine Flugabwehrstellung auf dem Eiffelturm

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Sandsäcke an der Place de la Concorde zum Schutz gegen den Beschuss der Stadt mit den sogenannten Pariser Kanonen zwischen März und Juli 2018

In einer zweiten Ausstellung wurden  Fotos von Gegenständen aus den Schützengräben gezeigt.

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Zum Beispiel diese mit Hilfe einer Feldflasche gebaute Mandoline

oder dieses beeindruckende Kruzifix aus Patronen

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Dass auch das nachfolgende Foto ausgestellt war, fand ich sehr bemerkenswert und schön, weil es sich auf den informellen Waffenstillstand („Weihnachtsfrieden“) vor allem zwischen deutschen und britischen Truppen an Weihnachten 1914 bezieht:

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Die Aufschrift dazu: „An Weihnachten 1914 beenden die feindlichen Soldaten das Feuer und verbrüdern sich für die kurze Zeit der Festtage. Der Inhalt der Weihnachtspäckchen, die die deutschen Frontsoldaten erhielten, wurde manchmal geteilt. Die Waffen schwiegen und machten den Platz frei für die  Gefühle der Männer.“

 

Das neue Monument aux Morts an der Mauer des Friedhofs Père Lachaise

Am 11. November enthüllte die Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, das neue Denkmal für die im Krieg umgekommenen Soldaten der Stadt.[26] Es gab zwar in Paris schon bisher zahlreiche Erinnerungsorte an die Toten des Ersten Weltkriegs, aber noch kein zentrales Monument mit allen Namen, wie das bei den ca 30 000 zwischen 1918 und 1925 in Frankreich errichteten Gefallenendenkmälern üblich ist.  Ein Denkmal für  nicht weniger als 94 415 Namen erschien offenbar nicht realisierbar. Bisher war die Liste aller Kriegstoten nur im Internet einzusehen. [27] Jetzt wurde an der Friedhofsmauer des Père Lachaise zwischen dem Haupteingang am Boulevard de Ménilmontant und dem Seiteneingang an der Metrostation Père Lachaise (Linie 2) ein 280 Meter langes und 1,30 Meter breites Band aus 150 blauen Stahltafeln angebracht, auf denen Platz für alle Namen ist.

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Letzte Vorbereitungen: Der Weg entlang der Mauer wird neu asphaltiert und die Stahltafeln werden blank geputzt

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„Den Toten des Großen Krieges“

Das Blau  der Tafeln soll Frankreich symbolisieren und an die damalige Farbe der Uniformen erinnern. Aufschrift: „Aux morts de la Grande Guerre. Paris à ses enfants“. Dazu ein Zitat  von Guillaume Apollinaire, der am 9. November 1918 an  den Folgen seiner Kriegsverletzungen und der Spanischen Grippe starb.

Qui donc saura jamais que de fois j’ai pleuré

Ma génération sur ton trépas sacré“

In dem „Chant d’honneur“ aus dem Jahr 2015, dem diese Verse entnommen sind, ist der Krieg zwar in seinem Schrecken präsent, er wird aber gleichzeitig auch ästhetisiert und heroisiert. Diese Ambivalenz ist auch in den ausgewählten Versen zu spüren.

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Und damit erhält  der Tod -100 Jahre nach dem Ende des verhängnisvollen Krieges- immer noch eine transzendentale Weihe – die aber im Zusammenhang mit der Grande Guerre in Frankreich verbreitet ist. Man denke nur an die „dalle sacrée“ in Compiègne, an die „voie sacrée“, den Nachschubweg nach Verdun,  an die ewige Flamme unter dem Arc de Triomphe oder die vielzitierten Worte Clemenceaus in seiner Siegesansprache am 11. November 1918:

„honneur à nos grands morts, qui nous ont fait cette victoire. (…) Grâce à eux, la France, hier soldat de Dieu, aujourd’hui soldat de l’humanité, sera toujours le soldat de l’idéal.“ (27a)

Eine französische Freundin, die aus dem im Krieg  verwüsteten Nordosten Frankreichs stammt, wunderte sich jedenfalls, warum man gerade diese Verse Apollinaires für das Mahnmal am Père Lachaise ausgewählt hat. Vielleicht hätte man sich ja – so meine ich- auch an den -wenn auch spärlich gesäten- kriegskritischen Denkmälern orientieren können, die nach 1918 in Frankreich errichtet wurden- z.B. dem in Dardilly im Département  Rhône. Die Inschrift dort: „Contre la Guerre. À ses victimes. À la  fraternité des peuples“.[28] Aber das stand wohl selbst in einer (noch) von einer linken Mehrheit regierten Kommune nicht zur Debatte.

Bei der Auswahl der Namen haben sich die verantwortlichen Historiker vor allem auf die in den Rathäusern der Arrondissement geführten „livres d’or“ gestützt. (28a) Dort sind alle Toten mit  dem Prädikat „mort pour la France“ aufgeführt, was den Hinterbliebenen eine Pension sicherte. Auf der Tafel am Père Lachaise sind darüber hinaus aber auch die Namen von verwundeten  Fremdenlegionären und Kolonialsoldaten verzeichnet, die in Paris gestorben sind. Und die Namen von 200 Opfern der Militärjustiz. (siehe unten)

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An der Einweihung des Denkmals konnte ich nicht teilnehmen, aber es wurde auch noch einige Tage danach  festlich beleuchtet.

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Geht man an dieser langen Reihe mit den 94 415 Namen vorbei, wird diese abstrakte Zahl  in ihrer Grauenhaftigkeit etwas konkreter und anschaulich, gerade wenn man auch einmal innehält, auf die einzelnen Namen blickt und sich vorstellt, welche individuellen Schicksale damit bezeichnet sein könnten.  Dann kann man verstehen, warum in Frankreich von dem „Großen Krieg“ gesprochen wird – und ist gleichzeitig auch etwas betroffen, wenn man an Deutschland denkt, wo  dieser Krieg und seine nicht geringeren Opfer im nationalen Gedächtnis kaum eine Rolle spielt- so gute Gründe es dafür auch gibt.

In Deutschland ist der 11. November der Martinstag, an dem Martinsgans gegessen wird (Brust oder Keule?…) , und der Martinsumzug der Kinder mit den Laternen stattfindet….

… und es ist der  Beginn der Karnelvalszeit: Als morgens in Paris die Glocken läuteten, begann im Rheinland pünktlich um 11.11 Uhr die „närrische Jahreszeit“[29]

Faschingsbeginn, 11. November 11.11 Uhr, Tafel mit Schrift, Faschingsdekoration

 

Auch in den 16 Pariser Arrondissements gab es ein vielfältiges Programm rund um den Jahrestag des Waffenstillstands. Dazu  wenigstens einige wenige Beispiele:

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Das Rathaus des 15. Arrondissements feierte nach eigenen Aussagen den 100. Jahrestag des armistice in großem Stil. Eine ganze Woche vor der offiziellen Erinnerungsveranstaltung am 9. November gab es eine ganze Reihe von Konzerten, Konferenzen und Ausstellungen. Hier das Plakat dazu im kitschigen Stil einer Feldpostkarte.[30]:

 

 

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Ein wenig bekanntes und eher nicht zu der Feierstimmung des Jubiläums passendes Thema sprach die Mairie des 2. Arrondissements an: Die von der französischen Militärjustiz verhängten, teilweise auch zur Abschreckung gedachten Todesurteile gegen Soldaten, deren Verhalten als wehrzersetzend angesehen wurde.[31]

Dies ist ein Thema, das  auch im 2016  neu gestalteten Mémorial  von Verdun angesprochen wird und das besondere Brisanz dadurch erhält, dass die französische Militärjustiz im Ersten Weltkrieg einen traurigen Spitzenplatz in diesem Bereich innehat.[32] Besonders hart war das Vorgehen 1917, als  im Zuge der verlustreichen Nivelle-Offensive am Chemin des Dames eine große Meuterei in der französischen Armee ausbrach,  die mit aller Härte, aber auch Zugeständnissen an die Truppe  beendet wurde. Das Chanson de Craonne, die Hymne der Soldaten, die sich nicht weiter in sinnlosen Angriffen abschlachten lassen  wollten,  war bis 1974 verboten. Und ein Schulaufsichtsbeamter verbot kürzlich, 100 Jahre  nach dem Waffenstillstand,  Schülern, bei einer Veranstaltung zur Erinnerung an den 11. November 1918 das Lied vorzutragen….[33]

Mit einem ganz anderen, aber ebenfalls sehr interessanten Thema beschäftigt sich die Mairie des 4. Arrondissements anlässlich des armistice-Jahrestags. Am 9. November wurde im Ehrenhof des Rathauses im Beisein von Schüler/innen des Arrondissements eine Ausstellung mit  Zeichnungen Pariser Grundschüler aus dem Ersten Weltkrieg eröffnet. Präsentiert wurde die Ausstellung von Manon Pignot, die zu diesem Thema auch ein schönes Buch veröffentlicht hat. [34]  Einige Kinderzeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg wurden auch gegenüber der Mairie des 19. Arrondissements am Zaun des Parks Buttes Chaumont befestigt. Es geht dabei nicht nur um selbst erlebte Alltagserfahrungen  –zum Beispiel das Anstehen für  Brot- sondern es werden auch Szenen der Front dargestellt, wie die Kinder sie  sich aufgrund der Erzählungen von Verwandten und Lehrern vorgestellt haben.

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Hier (Fotos oben und unten) erobern französische Truppen  im Jahr 1914, also auch noch nicht behelmt, eine Ortschaft im Norden Frankreichs zurück.

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Die Legende zur nachfolgenden Zeichnung vom 29. Februar 1916:  „In Verdun wehren unsere heroischen Soldaten die wilden Angriffe der Barbaren ab.“  In der Tat zeigt sich hier eine in der Schule verbreitete „unglaubliche antideutsche Propaganda“ ,  wie die Mairie in ihrer Ankündigung der Ausstellung schreibt.[35]

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Die „Société d’Histoire et d’Archéologie du Vieux Montmartre“, die die Ausstellung verantwortet, schlägt von da aus eine Brücke in die Gegenwart:

„Heute, wo die europäische Einigung wesentlich auf dem Fundament der deutsch-französischen Freundschaft beruht, erinnern die patriotischen Akzente der Zeichnungen daran, dass es nicht immer so war und dass es zweier schrecklicher, mörderischer Kriege bedurfte, dass sich zwei Völker auf ihre gemeinsamen Werte besinnen…“

 

Die Bedeutung der deutsch-französischen Freundschaft stand auch im Mittelpunkt einer Veranstaltung in der Maison Heinrich Heine, dem deutschen Haus in der Cité Internationale Universitaire.

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Dort wurde am 7.11. eine Ausstellungen mit Zeichnungen Marcel Santis eröffnet, der als französischer Soldat sein Leben und das seiner Kameraden in den Schützengräben festgehalten hat. Die Ansprache bei der Eröffnung hielt der  ehemaligen Premier- und Außenminister Jean-Marc Ayrault, ein besonderer Kenner und Freund Deutschlands.[36]  Ayrault, der den Waffenstillstand von 1918 in den Kontext der geschichtlichen Entwicklung des 20. Jahrhunderts und der deutsch-französischen Beziehungen einordnete, wies dabei auch auf eine Zeichnung hin, die ihn besonders beeindruckt habe:  Dargestellt sind drei Soldaten, links ein deutscher, rechts ein afrikanischer, vermutlich ein sogenannter tirailleur sénégalais, die einen verletzten französischen  Soldaten in der Mitte stützen.

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Es ist eine  in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerte Zeichnung: Einmal wegen des farbigen Soldaten; es gab ja 200 000 Soldaten aus den Kolonien, die in der französischen Armee gekämpft haben und von denen 30 000 dabei umkamen. Deren Rolle wurde lange nicht oder kaum gewürdigt. Die Namen der Kanak, also der Ureinwohner Neu-Kaledoniens, die im Ersten Weltkrieg auf französischer Seite gekämpft haben und starben, wurden erst 1998 auf dem „monument aux morts“ in der Hauptstadt Noumea verzeichnet![37]  Und gerade jetzt, am 6. November, hat Präsident Macron im Beisein des malischen Präsidenten in Reims das neue Denkmal für die „armée  noire“ in Reims eingeweiht- das alte war 1940 von den deutschen Truppen  zerstört worden.[38]  Für Marcel Santi war der Soldat der „armée noire“  ein Kamerad wie auch der deutsche Soldat. Die drei Männer, die hier vereint abgebildet sind, die aber durch den Krieg zu Feinden gemacht wurden, verbindet eine Humanität, die über den Krieg hinausweist.

Bemerkenswert ist auch die sarkastische Aufschrift im Stil der offiziellen Kriegsberichterstattung, mit der Santi die Zeichnung überschrieben  hat: „Secteur calme, rien  à signaler“ –  was man vielleicht am  besten mit dem Titel von Erich Maria  Remarques Antikriegsbuch übersetzen kann: Im Westen nichts Neues…

Etwa rätselhaft war mir zunächst die Aufschrift auf der nachfolgenden Zeichnung: „Un Fritz, deux jours de perme“, die mir freundliche Ausstellungsbesucher dann erklärt haben. Zu sehen sind im Gewirr einer französischen Stellung ein deutscher Soldat (hier aber nicht als „boche“ tituliert ),  der in Kriegsgefangenschaft geraten ist und nun in die rückwärtigen Stellungen gebracht wird. Der deutsche Soldat ist offenbar hochzufrieden, dass der Krieg für ihn vorbei ist. Aber auch die französischen Soldaten können, wie die  Aufschrift ausdrückt, zufrieden sein: Sie erhalten nämlich für jeden gefangen genommenen deutschen Soldaten zwei Tage Fronturlaub (permissions)…

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Für Santi wie Remarque wie für viele andere Kriegsteilnehmer auf beiden Seiten war klar, dass sich ein solcher Krieg nicht wiederholen  dürfe.

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 In der Zeichnung, die  auf der Ankündigung der Ausstellung abgebildet ist, hat Santi das auf sehr schöne und anrührende Weise zum Ausdruck gebracht.  Ein, wie ich meine, passender Abschluss dieses Blog-Beitrags zum 11. November 2018.

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PS: Ganz zum Schluss aber dann doch noch ein Wermutstropfen:  Wie traurig, dass zum 100, Jahrestag des Waffenstillstands die Renovierung der Mauer für den Frieden immer noch nicht abgeschlossen wurde.[39] Das wäre doch ein passender Anlass gewesen…. Aber vielleicht veranschaulicht das ja auch, wie es derzeit mit dem Frieden in der Welt steht….

Anmerkungen

[1]   siehe den Blog-Beitrag über die Mauer für den Frieden auf dem Marsfeld

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2035

[2] Siehe dazu den Blog-Beitrag über den Arc de Triomphe: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/3476

[3] http://memorial14-18.paris.fr/memorial/jsp/site/Portal.jsp?document_id=113&portlet_id=106

[4] Es ist –gerade aus deutscher Perspektive- auffällig, wie unbefangen der Begriff „champ d’honneur“ noch heute  in Frankreich verwendet wird. Siehe zum Beispiel: in einem Artikel über Maurice Genevoix im Figaro vom 6.11.2018, S. 7

[5] Siehe z.B. das Gespräch mit dem Historiker Nicolas Offenstadt in Le Monde vom 5.11.2018: https://www.lemonde.fr/centenaire-14-18/article/2018/11/05/nicolas-offenstadt-le-roman-national-est-une-croyance_5378890_3448834.html

Zum Beitrag der Schriftsteller Genevoix, Dorgelès und Barbusse zur Wahrnehmung des Ersten  Weltkriegs im „roman national“ Frankreichs:  Libération, 5.11.2018: Maurice Genevoix, Roland Dorgelès et Henri Barbusse: Trois styles pour raconter la Grande Guerre.

[6]http://www.lefigaro.fr/politique/le-scan/2018/11/06/25001-20181106ARTFIG00122-macron-annonce-l-entree-au-pantheon-de-maurice-genevoix-et-de-ceux-de-14.php

[7] Einen  bescheidenen Beitrag zum Erinnerungsmarathon  habe ich auch gleistet: Eine befreundete französische Historikerin und ich haben gemeinsam in einer öffentlichen Bibliothek von Paris deutsche und französische Bücher zum Ersten Weltkrieg vorgestellt, um damit Unterschiede und Gemeinsamkeiten der jeweiligen Perspektiven zu verdeutlichen.

[8] Siehe auch: 1914-1918. Le débat sans fin. Cent ans après,  la Grande Guerre inspire toujours, en témoignent les nombreuses parutions qui interrogent, le consentement et le patriotisme français en temps de guerre. In: Le Monde des livres,  9.11. 2018

[9] http://www.centenaire.org/fr  siehe auch:

https://www.la-croix.com/France/Commemoration-1918-temps-forts-venir-2018-09-21-1200970553

[10] siehe z.B. wenn auch unkritisch: François Cochet, Morhange, la fin de l’offensive à outrance. In: Le Figaro, 5.11.2018 Siehe dazu auch den Blog-Bericht über die mur pour la paix und das Reiterstandbild des Marschalls Joffre:  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2035

[11] siehe: https://www.lexpress.fr/actualite/politique/emmanuel-macron-en-marche-vers-l-histoire_2046539.html

https://www.lepoint.fr/politique/itinerance-memorielle-les-contradictions-d-emmanuel-macron-05-11-2018-2268528_20.php  Beeinträchtigt, ja massiv überlagert wird dieses Erinnerungsprogramm allerdings durch die heftigen französischen Diskussionen um die ab Januar 2019 geplanten höheren Benzinsteuern, die vor allem die in Frankreich besonders verbreiteten Autos mit Dieselantrieb betreffen.

[12] Siehe: Une mémoire centenaire. In: Télérama vom 5.9.2018, S. 17 und  Georges-Henri Soutou, 1918: La fin de la Première Guerre mondiale? In: Revue historique des armées, 2008, S. 4-17

[13] „Ici succomba l’orgueil de l’Empire allemand vaincu par les peuples libres qu’il prétandait asservir“. 

http://www.courrier-picard.fr/118680/article/2018-06-21/renovation-de-la-dalle-de-la-clairiere-de-larmistice-letat-met-le-hola

(13a) Bild aus: https://www.dw.com/de/macron-und-merkel-weihen-gedenktafel-bei-compi%C3%A8gne-ein/a-46241553

[14]  Compiègne, terre de mémoire. In: Le Monde vom 11. Oktober 2018

http://www.leparisien.fr/culture-loisirs/sortir-region-parisienne/compiegne-on-a-teste-le-menu-special-14-18-au-restaurant-les-accordailles-20-06-2018-7782834.php

[15]  Zum Grabmal des unbekannten Soldaten siehe den  Blogbeitrag über den Arc de Triomphe:  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/3476

[16] Laurent Wauquiez, „Macron tourne le dos à notre histoire“. Debattenbeitrag in Le Monde vom 8. November 2018, S. 24

http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2018/10/22/01016-20181022ARTFIG00001-11-novembre-l-elysee-ne-veut-pas-celebrer-la-victoire-militaire-de-1918.php

http://www.lefigaro.fr/vox/politique/2018/10/24/31001-20181024ARTFIG00278-commemoration-du-11-novembre-gloire-a-nos-peres.php

s.a. https://francais.rt.com/france/54800-11-novembre-pour-ne-pas-froisser-allemagne-macron-refuserait-parade-armee-francaise  Wenn da übrigens zu lesen ist, für Deutschland markiere der 11. November „un jour de défaite“ so wird damit eine französische Sicht des 11. November (Tag des Sieges) –mit umgekehrtem Vorzeichen- fälschlicherweise auf Deutschland übertragen (Tag der Niederlage). Tatsache ist doch wohl, dass der 11. November im kollektiven deutschen  Geschichtsbewusstsein keine Rolle spielt –  anders als  der geschichtsträchtige  9. November, der aber leider nicht zum deutschen nationalen Feier- und Gedenktag gemacht wurde.

(16a) Dass Joffrin es hier wagt,  Kritik an dem in Frankreich eigentlich sakrosankten und derzeit mit einer Ausstellung im Pantheon gefeierten Clemenceau, dem „Vater des Sieges“ zu äußern, ist äußerst bemerkenswert. Zur Präsenz des „Tigers“ in den französischen commémorations zum Ersten Weltkrieg siehe: http://www.clemenceau2018.fr/

[17] Siehe: Claire Demesmay und Barbara Kunz, Commémorer au lieu  de célébrer. Debattenbeitrag in Le Monde vom 8. November 2018, S. 24

[18] http://www.lefigaro.fr/politique/le-scan/2018/11/07/25001-20181107ARTFIG00121-macron-petain-a-ete-un-grand-soldat-pendant-la-premiere-guerre-mondiale.php

[19] https://francais.rt.com/france/54800-11-novembre-pour-ne-pas-froisser-allemagne-macron-refuserait-parade-armee-francaise

[20] http://www.lefigaro.fr/flash-actu/2018/11/07/97001-20181107FILWWW00177-le-crif-se-dit-choque-par-les-propos-de-macron-sur-petain.php

http://www.cndp.fr/crdp-reims/memoire/enseigner/memoire_vichy/08reconnaissance1.htm

Hommage à Pétain: deux mois d’atermoiments à  l’Elysée. In: Le Figaro, 9.11. 2018, S. 6

[21] In diesem Sinne kritisierte auch François Hollande seinen Nachfolger: „ L’histoire n’isole pas une étape, même glorieuse d’un parcours militaire. Elle juge l’immense et indigne responsabilité d’un maréchal qui a délibérément couvert de son nom et de son prestige , la trahison, la collaboration et la déportation de milliers de juifs de France.“ (zit. in Le Monde, 9.11. 2018, S. 10: L‘ „itinérance“ rattrapée par l’ombre de Pétain.

[22] https://www.damedecoeur.paris/   Das rechte Bild ist entnommen aus: https://www.paris.catholique.fr/spectacle-dame-de-coeur.html © Yannick Buschat(Diocèse de Paris

[23]  Bild aus. http://www.musicologie.org/Biographies

[24] https://www.chateauversailles-spectacles.fr/page/commemoration-du-centenaire-du-11-novembre-2018_a200/1

[25]   Das  deutsche Requiem von Brahms ist ja ein nicht nur musikalisch herausragendes, sondern  auch im Zusammenhang mit der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg sehr symbolträchtiges Werk.  Im Rahmen des centenaire 14-18 wurde es zum Beispiel Im Oktober 2015 auch in der Kathedrale von Lisieux aufgeführt, wobei ich auch teilnehmen konnte. Eine sehr anrührende Erfahrung.

[26] https://www.paris.fr/actualites/paris-celebre-le-centenaire-de-l-armistice-6084#les-principaux-evenements-de-cette-commemoration_2

[27] http://memorial14-18.paris.fr/memorial/jsp/site/Portal.jsp?page_id=4

(27a) https://www.ladocumentationfrancaise.fr/dossiers/premiere-guerre-mondiale/document-clemenceau.shtml

[28] https://fr.euronews.com/2015/11/11/14-18—maudite-soit-la-guerre-les-rares-monuments-aux-morts-pacifistes

(28a) Journal de Dimanche, 4.11.2018

[29] Bilder von https://www.vineria.de/martinsgansessen/  https://www.hochschwarzwald.de/Veranstaltungen/Martins-Umzug

https://www.neumeyer-abzeichen.de/blog/warum-beginnt-am-11-11-um-11-11-uhr-karneval/

[30] https://www.mairie15.paris.fr/actualites/centenaire-de-l-armistice-la-mairie-du-15e-se-souvient-1025

[31] https://www.mairie02.paris.fr/actualites/fusille-pour-l-exemple-517  Überschrift der Einladung zu der Eröffnung der Ausstellung: Devoir se battre pour son pays, être tué par sa patrie. Die Familien der betroffenen Soldaten warteten immer noch auf eine volle gesetzliche Rehabilitierung.

[32] Siehe den Blog-Beitrag über das Memorial von Verdun:  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/951  und:

https://fr.wikipedia.org/wiki/Soldat_fusill%C3%A9_pour_l%27exemple#Premi%C3%A8re_Guerre_mondiale

Lit: Nicolas Offenstedt, les fusillés de la Grande Guerre et la mémoire collective (1914-1999). Paris 1999

[33] https://de.wikipedia.org/wiki/Chanson_de_Craonne

http://centenaire.org/fr/espace-scientifique/les-caracteristiques-des-mutineries-francaises-de-1917  und

Florence Aubenas, pour mémoires. Le Monde, 9.11., S. 10

[34] https://www.mairie04.paris.fr/actualites/centenaire-de-l-armistice-du-11-novembre-1918-459

https://livre.fnac.com/a1558853/Manon-Pignot-La-guerre-des-crayons-Quand-les-petits-parisiens-dessinaient-la-grande-guerre

[35] https://www.mairie19.paris.fr/actualites/venez-feter-la-quinzaine-du-centenaire-de-l-armistice-368

[36] s. Jean-Pierre Hammer, Marcel Santi (1897-1986):  Carnet de balle et … de voyage. Éditition Karthala 2017.

https://www.maison-heinrich-heine.org/manifestations-culturelles/2018/novembre/marcel-santi-1897-1986-carnets-de-balles-et-de-voyage?lang=fr

Zum Heinrich Heine-Haus in der Cité universitaire in Paris siehe den Blog-Beitrag: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/9080

[37] Dazu der Film: Kalepo, un Kanak dans la Grande Guerre, ausgestrahlt am 8.11.2018. Siehe  Le Monde, 8.11.: Á la mémoire des tirailleurs kanak, S. 21

Zur Diskriminierung der Kanak siehe auch den  Blog Beitrag über die Kolonialausstellung von 1931 (2): Der „menschliche Zoo“ im jardin d’acclimatation und der Tausch von „teutonischen Krokodilen“ und „Menschenfressern“ zwischen Paris und Frankfurt. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/6678

[38] https://fr.wikipedia.org/wiki/Monument_aux_h%C3%A9ros_de_l%27Arm%C3%A9e_noire

https://france3-regions.francetvinfo.fr/grand-est/marne/reims/commemorations-premiere-guerre-mondiale-emmanuel-macron-reims-charleville-mezieres-1568048.html

[39] siehe den Blog-Beitrag über die Mauer für den Frieden auf dem Marsfeld

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2035

Geplante weitere Beiträge

  • „Dadurch, dass ich zum Glück die Kinder habe, ist alles doppelt schwer.“ Anna Seghers im Pariser Exil 1933-1945
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 1: Lyon, Luberon, Piemont
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 2: Die Waldenser in Hessen-Homburg
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier
  • Das Hotel Lutetia (1): Ein Bauwerk zwischen Art Nouveau und Art Déco in neuem Glanz

Die Malerei des französischen Kolonialismus. Eine Ausstellung im Musée Branly in Paris

„Zum ersten Mal seit seiner Eröffnung präsentiert das Musée du Quai Branly seine Gemälde-Kollektion: 200 bisher noch nie gezeigte Werke zeigen den Blick abendländischer Künstler auf exotische Gesellschaften und Völker. Matisse, Gauguin, Emile Bernard,… die Ausstellung stellt die Reisen und Begegnungen europäischer Künstler des 18. bis 20. Jahrhunderts in den Vordergrund.“[1]

Peinture-des-lointains-Vertical-l-405x630-l-©-DR

So eine offiziöse Präsentation der Ausstellung „Peintures des lointains“, die noch bis Januar 2019 im Musée du quai Branly Jacques Chirac in Paris zu sehen ist. Der Titel dieser Ausstellung hat einige Kritik provoziert: Es handele sich, so Le Monde, um eine schamhafte Umschreibung dessen, was eigentlich « Exotisme et colonialisme dans la peinture française » heißen müsse.[2]  Die Zeitung  La Croix spricht schlicht von der „kolonialen Malerei“, die hier ausgestellt werde, Paris Match von einer Eloge des Kolonialismus, was aber so nicht genannt werden dürfe.[3]

Bemerkenswert an der offiziellen Präsentation der Ausstellung ist in diesem Zusammenhang ja auch das für das Plakat ausgewählte Indianer-Motiv von George Catlin, das keinen Bezug zum französischen Kolonialismus hat.

Und bemerkenswert ist  die Betonung der Prominenz: Matisse, Gauguin, Bernard – wobei gerade Matisse und Gauguin eher marginal vertreten sind. Denn Schwerpunkt der Ausstellung sind Bilder, die die Gebäude der Kolonialausstellung von 1931 schmückten. Ziel war es damals, die Exotik und den Reichtum der Kolonien und ihren Nutzen für das Mutterland zu propagieren, und zwar mittels eines spezifischen „style  coloniale“, wie er ja  auch das Palais de la Porte Dorée prägt, das damalige zentrale Ausstellungsgebäude und heutige Museum für die Geschichte der Einwanderung.[4]

Wenn in der anfänglich wiedergegebenen Ausstellungsankündigung mitgeteilt wird, es handele sich um eine Präsentation noch nie  gezeigter Bilder, ist das also nicht ganz zutreffend. Sie wurden ja tatsächlich und sehr demonstrativ während der Kolonialausstellung von 1931 ausgestellt und auch danach teilweise gezeigt. Allerdings verschwanden sie  1960 im Zuge der Unabhängigkeitsbewegung der ehemaligen Kolonien in dem Depot des damaligen Kolonialmuseums, als das das Palais de la Porte Dorée damals fungierte.  Danach wurden einzelne Bilder nur noch in wenigen speziellen Ausstellungen präsentiert. Der Bestand  schmorte  also mehr als ein halbes Jahrhundert im „Fegefeuer“, wie La Croix schreibt.[5]

Dass jetzt die Zeit des „Fegefeuers“ beendet ist, hängt sicherlich mit dem geänderten politischen Kontext zusammen. Die Entkolonialisierung des französischen empire ist nach der Entscheidung der Bevölkerung von Neu-Kaledonien beim Mutterland zu bleiben,  abgeschlossen. [6] Und die Zeiten sind vorbei, in denen ein Innenminister und Präsident Sarkozy die Segnungen des französischen Kolonialismus rühmte und eine entsprechende Behandlung des Themas im Unterricht forderte. Präsident Macron hat dagegen ausdrücklich den Kolonialismus als „ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnet. Es habe –hier bezieht er sich auf Algerien-  schreckliche Grausamkeiten gegeben, Folter, Barbarei. Der Kolonialismus sei ein Akt der Herrschaft, der Nicht-Anerkennung der Autonomie eines Volkes. Aber –und jetzt folgt eine typischer Macron’sche Wendung:  gleichzeitig – „en même temps“ – habe es auch Aspekte der Zivilisation gegeben und deshalb dürfe man nicht in eine „culture  de la culpabilisation“ verfallen, die nicht zukunftsträchtig sei.[7]

Deshalb kann man also jetzt  im Musée du quai Branly die Ausstellung sehen, die für Paris Match die amüsanteste, bunteste und „la plus sexy“ des Jahres in der Stadt  ist. Und jeder kann –wie er will- sich an den Farben und  dem Licht ferner Länder oder an einer idealisierten Exotik ferner Kulturen erfreuen, die –soweit es sie je  gab- längst von Kolonialismus und Globalisierung überrollt wurde. Vielleicht werden einige wenige  auch noch nostalgischen Gefühlen nachhängen,  vergangener grandeur nachtrauern und  in den Bildern Belege finden für das bewundernswerte zivilisatorische Wirken  Frankreichs in der Welt. Und es wird sicherlich auch Betrachter geben –zu denen ich gehöre- für die  viele der ausgestellten Bilder nicht nur -zum Teil  sehr ansehnliche-  Werke der Kunst sind, sondern auch Ausdruck der ideologischen Verklärung einer teilweise völlig anderen Realität, die aber bewusst ausgeblendet wird.

Es ist den Verantwortlichen des Musée Branly zugute zu halten, dass zwar der Titel der Ausstellung eher unverbindlich ist. In  den schriftlichen und mündlichen Informationstexten zu den Bildern, dem Katalog und den pädagogischen Materialien allerdings, die das Museum zur Verfügung stellt, ist ein kritischer Ansatz  durchgängig und unübersehbar. Darauf werde ich mich denn auch in der nachfolgenden Darstellung teilweise stützen.[8]

 

Das französische Kolonialreich und sein Nutzen für das Mutterland

Die Kolonialausstellung von 1931 hatte zwar einen internationalen Anspruch und es beteiligten sich auch Belgien, Italien, Portugal und die Niederlande (aber nicht Großbritannien) mit Beiträgen aus ihrem Kolonialreich, aber im Zentrum stand das französische Empire: Mit 12 Millionen Quadratkilometern war seine Fläche zwanzigmal so groß wie die des Mutterlands.[9]  Stolz  wurde das weltumspannende Kolonialreich auf einem Ausstellungsplakat  mit dem Titel „La plus grande France“   präsentiert:

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Frankreich im Zentrum der Karte ist von einer Tricolore umgeben und ist gewissermaßen die Sonne, deren Licht (eine Anspielung auf die Aufklärung, die Zeit der lumières) die französischen Besitzungen erleuchtet: Wie der Begleittext stolz verkündet, bringt Frankreich ja den 60 Millionen Eingeborenen seines Kolonialreichs Frieden und die Segnungen der Zivilisation. Und das Alles mit einem nur geringen Aufwand, nämlich 76900 Männern.[10]

Die Ausstellung war sozusagen ein koloniales Disney-Land, das dazu dienen sollte, durch eine spektakuläre Präsentation von Exotik „eine Politik der kolonialen Expansion“ zu befördern.[11] Der Erfolg blieb auch nicht aus, was unter anderem an den Besucherzahlen (8 Millionen und 11 Millionen verkaufte Eintrittskarten) abzulesen ist. Der Historiker Michel Pierre bilanziert, die Kolonialausstellung habe eine Mehrheit der Franzosen nachdrücklich von der Bedeutung des Kolonialreichs für die Aufrechterhaltung der  grandeur de la France überzeugt.[12]

Dazu trugen auch die großformatigen Bilder von Georges Michel, genannt Géo Michel, bei.[13] Sie wurden von den Organisatoren der Kolonialausstellung bestellt und waren für das Palais de la Porte Dorée bestimmt, das danach als Kolonialmuseum diente – 1935 umbenannt in musée de la France d’Outre-mer und 1960 in musée des Arts Africains et Océaniens. Im Palais de la Porte Dorée wurde ausführlich der Beitrag der Kolonien zum Wohlstand des Mutterlands präsentiert. Die Bilder von Géo Michel veranschaulichten die vielfältigen Güter, die Frankreich aus seinen Kolonien bezog:

Diese sind jeweils zusätzlich mit goldenen Lettern in die bildlichen Darstellungen eingefügt: hier –neben vielen anderen- Ananas und Kakao, Nüsse und Zuckerrohr.

Auf einem anderen Bild wurden die mineralischen Rohstoffe der Kolonien und ihr Abbau gezeigt, hier die Kohle:

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Mit diesen repräsentativen Bildern wird im Innern des Palais de la Porte Dorée aufgegriffen und wiederholt, was schon  auf den großformatigen Reliefs der Fassade präsentiert wurde[14]:

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Die Kolonien, so die unübersehbare Botschaft, leisten einen außerordentlich vielfältigen und wichtigen Beitrag zum Wohlstand des Mutterlands.

 

Die „zivilisatorische Mission Frankreichs“  in seinen Kolonien ….

Die großen Gemälde Géo Michels sind Beispiele der kolonialen Propaganda: Sie stellen die Kolonien als einen  Garten Eden dar. Es gibt keine Spur von Mühe und Anstrengung – und schon gar nicht von Zwang.  Es reicht, die überquellenden Gaben der Natur zum Nutzen des Mutterlandes einzusammeln.[15]

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Michel Georges Dreyfus, genannt Géo Michel, Principales productions d’origine végétale                 

Eine Idealisierung des Kolonialismus findet sich auch in den ebenso monumentalen Bildern  von  André Herivaut, zum Beispiel  dem „Officier topographe“. Im Zentrum steht ein Offizier in blütendweißem Tropenanzug, der durch einen Theodolit sieht, neben ihm ein weiterer Offizier mit Fernrohr. Um die beiden herum sind dunkelhäutige Arbeiter beschäftigt,  ebenfalls in makellosem Weiß, in Posen von Gärtnern bei einer geruhsamen Gartenarbeit.

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Das Bild gehört zu einer Serie von drei Bildern, zu denen auch noch der „Officier constructeur“ und der „Officier administrateur“ gehören.

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„L’Officier administrateur“

Alle Bilder wurden für die Kolonialausstellung von 1931 in Auftrag gegeben. Herivaux  hatte davor schon im Auftrag des Kolonialministeriums Reisen nach Afrika und Indochina unternommen und  mehrere Preise für koloniale Malerei  erhalten. Man konnte also sicher sein, dass er eine beschönigende Vision der zivilisatorischen Mission des kolonialen Frankreichs präsentieren würde.[16]

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L’Officier constructeur“

Dieser Bilder ergänzen und variieren die Botschaft der Fresken auf den Wänden der großen Halle des Palais de la Porte Dorée. Auch dort wird das zivilisatorische Wirken Frankreichs in seinen Kolonien gerühmt – hier die medizinische Versorgung der Eingeborenen.

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Eine zusätzliche Facette der kolonialen Mission Frankreichs veranschaulicht Herivaut in seinem ebenfalls 1931 ausgestellten Bild „Le Moniteur d’éducation physique“.  Hier befinden wir uns in den indochinesischen Kolonialbesitzungen Frankreichs:   Ein Offizier erläutert gerade einem lokalen Würdenträger die segensreichen Wirkungen der Körperertüchtigung, die daneben dann auch militärisch korrekt unter der Fahne der Tricolore praktiziert wird.

Ein weiteres für die koloniale Malerei typisches Exponat der Ausstellung ist das Bild von Louis Jean Beaupuy „Der Generalgouverneur und Madame Renard in M’Pila (einem heutigen Vorort von Brazzaville. W.J.) in Französisch- Äquatorialafrika.“ Ursprünglicher Titel: „Die Verteilung von Stoffen an die Eingeborenen“ (1936). Der Gouverneur mit Tropenhelm ist umringt von der Dorfbevölkerung und blickt wohlwollend auf seine elegant gekleidete Frau, die freundlich lächelnd mit wohltätigen Werken beschäftigt ist. „Die Szene ist von einer kolonialen Perspektive geprägt:  Sie vermittelt eine reduzierte Vision der anonym dargestellten Kolonisierten, denen der Kolonialherr seine Wohltätigkeit erweist,“ wie es in dem beigefügten Begleittext heißt[17]  Dargestellt  ist in der Tat eine Beziehung zwischen Herrschenden und Beherrschten,  ähnlich übrigens der auf dem Bild Louis Hersents, das den König Ludwig XVI. zeigt, wie er im Winter 1788 Almosen an die Armen verteilt- also kurz vor der Revolution… Aber diese Assoziation wollte Beaupuy sicherlich nicht nahe legen…

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In den Bildern von Géo Michel, André Herivaux und Louis Jean Beaupuy präsentiert sich der französische Kolonialismus so, wie ihn nach dem Willen seiner Apologeten die französische Bevölkerung sehen sollte: Einerseits erweist sich Frankreich als hochherzig gegenüber den Eingeborenen, die es auf dem Weg zur Zivilisation anführt, und andererseits hat es dafür auch Anteil an den Schätzen der Kolonien, die ihm von deren Bewohnern freundlich übereignet werden.

 

… versus die zeitgenössische Kolonialismuskritik

Damit  entwirft die koloniale Malerei ein idealisiertes Gegenbild zur Kolonialismus-Kritik, die gerade Ende der 1920-er Jahre unübersehbar wurde.[18]

Zunächst und vor allem ist hier André Gides  Reisebericht Voyage au Congo zu nennen, der 1927 veröffentlicht wurde.[19]   Die Kongoreise ist Joseph Conrad gewidmet, spricht aber –im Gegensatz zu Conrad- auch Missstände an, die dem aufmerksamen Beobachter ins Auge fallen. Überall fehle es –anders als von der kolonialen Propaganda verbreitet-  an Medikamenten, was die Ausbreitung selbst solcher Krankheiten begünstige, derer man mit Leichtigkeit Herr werden könne. Gide schildert grausamste Massaker der Weißen an Eingeborenen, Kinderverschleppung und Ausbeutung, vor allem in den Kautschukplantagen.  Gide beobachtet, dass oft die Bevölkerung von Dörfern, die er besucht, die Flucht ergreift aus Angst, zur Zwangsarbeit verschleppt zu werden. Keineswegs kritisiert er prinzipiell den Kolonialismus, aber das profitgierige Verhalten großer Kapitalgesellschaften und das Wegsehen oder gar das Einverständnis  staatlicher Verwaltungen .

In Schutz nimmt er die Eingeborenen gegen  rassistische Vorurteile:

Die Schwarzen werden als indolent, faul, bedürfnis- und wunschlos geschildert. Aber ich will gerne glauben, daß sich dieser Zustand der Apathie nur zu leicht erklären läßt durch die Erniedrigung und das tiefe Elend, in dem diese Leute leben. Und wie kann jemand Wünsche haben, der nie etwas Wünschenswertes zu sehen bekommt.“ [20]

Der Text erregte einiges Aufsehen, erzielte aber wenig Wirkung, zumal die verantwortlichen Ministerien alles dazu taten, die Kritik Gides unter den Teppich zu kehren.

Ein Jahr später allerdings, also 1928, bestätigte  der Journalist Albert Londres  Gides Beobachtungen, als er im „Petit Parisien“ in einer Fortsetzungsserie einen Reisebericht mit dem  Titel „Vier  Monate unter unseren Schwarzen Afrikas“ veröffentlichte. Ein Jahr später erschien dieser Bericht unter dem Titel „Terre d’ébène“ in Buchform. Londres beschreibt darin die grauenhaften Bedingungen, unter denen eine Eisenbahnlinie in der französischen Kongo-Kolonie gebaut wurde. 17 000 Arbeiter, die in  ihren Dörfern zusammengetrieben und unter sklavenähnlichen Bedingungen gehalten wurden, kamen dabei ums Leben.[21]

Und 1930 erschien bei Gallimard, immerhin einem der renommiertesten Verlagshäuser Frankreichs, Paul Monets Buch  „Les Jauniers“ mit dem  Untertitel „histoire vraie“ , um deutlich zu machen, dass es sich nicht um einen Roman, sondern um einen Tatsachenbericht handelt. [22]

LesJauniers_petit

Monet übte –ebenso wenig wie Gide und Londres- grundsätzliche Kritik am Kolonialismus. Indochina, um das es in seinem Buch geht, habe durch die französische Kolonialherrschaft einen wunderbaren  Veränderungsprozess vollzogen:  Habe es vorher aus überwiegend von Mücken und wilden Tieren besiedelten Wäldern bestanden, so jetzt aus fruchtbaren Reisfeldern und Plantagen. Die eindrucksvollen Villen einheimischer Plantagenbesitzer erstreckten sich über weite Landstriche, die vorher von der Malaria geprägt gewesen seien. [23] Umso härter kritisiert Monet allerdings die teilweise unmenschliche Behandlung von Eingeborenen durch die sogenannten „jauniers“ – dem Pendant der afrikanischen Sklavenhändler, den „négriers“.  Solche Menschenhändler, „marchands d’hommes“  hatten in den 1920-er Jahren  Konjunktur, als im Zuge der Kautschuk-Spekulation  große Kapitalgesellschaften in Indochina riesige Plantagen anlegten, deren einziger Zweck die Gewinnmaximierung war.  Für die Bewirtschaftung dieser Plantagen benötigte man zahlreiche Arbeitskräfte, die es vor Ort nicht gab.  Die unmenschliche  „Rekrutierung“ und Behandlung dieser Arbeitskräfte wird von Monet kritisiert, wobei er auch die staatlichen Instanzen nicht ausspart, die meist über die „esclavage temporaire“  hinwegsähen, die  im Allgemeinen  allerdings eine lebenslange Sklaverei  sei. [24]

 

Der exotische Reiz der Kolonien

Die Apologeten der Kolonialpolitik begegneten dieser Kritik auf dreifache Weise:

  • Indem sie den materiellen Nutzen der Kolonien für das Mutterland herausstellten. Bis auf den heutigen Tag ist das ja ein zentrales und meist ausschlaggebendes Argument, wenn es darum geht, zwischen wirtschaftlichen Vorteilen und der Verletzung von Menschenrechten abzuwägen.
  • Indem die zivilisatorische Mission, die „vocation civilisatrice“ Frankreichs betont wurde[25]: So konnte sich Frankreich in der Tradition von Aufklärung und Französischer Revolution als Agent weltweiten Fortschritts verstehen. Der Kolonialismus erhielt damit die höheren ideologischen Weihen.
  • Indem die Exotik und Vielfalt der Kolonien präsentiert wurde. Dies konnte dazu beitragen, eine emotionale Beziehung der Bevölkerung zu den Kolonien zu fördern. Aber die Exotik konnte noch mehr leisten: nämlich die zivilisatorische Distanz zum Mutterland zu veranschaulichen und so den Bestand des Kolonialreichs auf absehbare Zeit zu legitimieren.

Gemälde hatten einen bedeutenden Anteil daran, den exotischen Reiz der Kolonien zu befördern. Dies war ein wesentliches Element der Kolonialausstellung von 1931 und der Gemäldesammlung des Kolonialmuseums bzw. des Museums der überseeischen Territorien.  Zur Steigerung der Attraktion dienten  natürlich  schon damals die großen Namen:  Gauguin war 1931  mit insgesamt 13 Bildern vertreten, Emile Bernard ebenfalls mit mehreren Arbeiten: War in den Augen Gauguins Tahiti ein paradiesischer Ort, so für Bernard das arabische Viertel von Kairo. Und natürlich durfte auch Delacroix nicht fehlen: Alle wurden von  der kolonialen Propaganda benutzt, um den Reiz der Exotik zu befördern und das emotionale Band zwischen Mutterland und Kolonialreich zu festigen.

Kann man bei manchen Bildern und Malern sicherlich von einer  eher unfreiwilligen „Instrumentalisierung der Kunst durch das koloniale System“ sprechen[26], so  haben sich andere freiwillig instrumentalisieren lassen: Immerhin vergab der französische Staat großzügige Stipendien an Maler für Reisen in die Kolonien, es gab für die dort gemalten Bilder zahlreiche Wettbewerbe und Preise und für die Künstler Karrieremöglichkeiten an Kunsthochschulen im Mutterland oder im Kolonialreich (Indochina, Algier, Tunis, Madagaskar etc).

Im Folgenden werden einige Bilder aus der Ausstellung im Musée Branly vorgestellt, die einen Eindruck von der Spannweite und der Vielfalt der Malerei des französischen Kolonialismus vermitteln sollen und insbesondere von dem durch diese Malerei zur Schau gestellten exotischen Reiz des Kolonialreichs. Oft wird dabei auch das ethnographische Interesse deutlich, manchmal sind die Bilder  aber auch Ausdruck der damals üblichen Ideologie von der Ungleichheit der Rassen und d.h. auch der Überlegenheit der „weißen Rasse“.

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Guyane:  Gaston Vincke, Village Wayana (1932). Die Eingeborenen dieses Dorfes hatten sich mit einer roten Farbe überzogen, um sich vor den Fliegen zu schützen. Für einen Maler natürlich ein wunderbares Motiv. Ihm kam es beim Betreten des Ortes vor, schrieb er, „dans un pays de flammes“ zu kommen.

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Martinique: Jean Baldoui, Le Flamboyant  1930

 

 

 

 

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Indochina: Marie Antoinette Boullard-Devé,  Ausschnitte eines 40 Meter langen Frieses für den Indochina- Pavillon der Kolonialausstellung von 1931. Gezeigt werden sollten verschiedene Bevölkerungstypen der Kolonie.

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Vietnam:  Lucien Lièvre, die Halong-Bucht  (um 1930

 

 

 

 

 

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Südostasien:  Jean Dunand, Tigre à l’affût (1930). Hier handelt es sich um eine für den Art-déco-Stil typische Lackarbeit, die neben anderen zur Ausschmückung des Palais de la Porte Dorée bestimmt war.

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Insel La Reunion:  Marcel Mouillot, Le Circe de Cilaos. Um 1930.

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Madagaskar: Suzanne Frémont, Chez les Bara (1926)

 

 

 

 

 

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Äquatorialafrika:  Jeanne Thil, Französisch  Äquatorialafrika. (1935)

Jeanne Thil war eine „peintre-voyageuse“, eine Reise-Malerin, die mit staatlichen Stipendien mehrere Reisen in die französischen Kolonien unternehmen konnte. Sie erhielt zahlreiche Aufträge für Ausstellungen  und zur Ausschmückung von  Rathäusern und Schiffen (z.B. den Überseedampfer Île-de-France). Die beiden hier gezeigten Bilder wurden für die koloniale Weltausstellung in Brüssel 1935 angefertigt. [27]

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Westafrika:  Jeanne Thil, Französisch, Togo, Kamerun (1935)

 

 DSC02675 Village kanak (2)

 

 

 

Neukaledonien: Paul Mascart, Case kanak. (Anfang der 1930-er Jahre)[28]

 

 

 

 

 

 

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Tahiti: Paul Gauguin, Mahna no varua ino (Der Teufel spricht), etwa 1891

Gauguin feiert in seinen Südsee-Bildern das Ideal einer ursprünglichen Kultur – die es ihm erlaubte, seine pädophilen Neigungen rücksichtslos auszuleben – insofern sind seine Bilder auch eine spezifische Variante kolonialer Malerei. Seine in der Ausstellung gezeigten Holzschnitte gehören -mehr als seine Bilder-  zur „Welt der Nacht“.  

  

 

Ein Schwerpunkt der kolonialen Malerei war  natürlich Nordafrika. Seit dem Ägypten-Feldzug Napoleons gab es ja eine regelrechte Ägyptomanie in Frankreich. Napoleon gelang zwar nicht die Eroberung Ägyptens, aber ab 1830 verleibte Frankreich Algerien, Tunesien und Marokko seinem Kolonialreich ein. Exotik, Licht und  Farben Nordafrikas hatten für viele Male eine hohe Anziehungskraft, was auch in der Ausstellung im Musée Branly deutlich wird.

So  etwa in dem Bild  Èmile Bernards mit dem Titel „Die Weinenden von Kairo“ oder auch „arabisches Fest“ (1894). Bernard lebte viele Jahre in Kairo, dessen afrikanisches Viertel  für ihn ein paradiesischer Ort war- ähnlich wie Tahiti für Gauguin.

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Auch André Sureda lebte mehrere Jahre in Nordafrika, wo er zwischen 1910 und 1920 das Bild eines arabischen Festes bei Tlemcen malte.  Gegenstand ist die festliche Prozession zum Grab eines Marabouts. [29]

20cab48_32623-tp6bng.paj5d Fete arabe

Jules Migonney war einer der ersten Stipendiaten der Villa Abd-el-Tif in Algier, wo von 1907 bis 1961 –also kurz vor der algerischen Unabhängigkeit- Maler und Bildhauer mindestens ein Jahr lang auf Staatskosten arbeiten  konnten. Ein von ihm vielfach variiertes Motiv war das der arabischen „Odaliske“ (1912-1914), das sich auch bei anderen Künstlern höchster Beliebtheit erfreute.

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1912 reiste der Maler Charles Camoin nach Marokko, wo er seinen Freund Henri Matissse traf. Er blieb dort drei Monate und  malte dieses Bild des Strands von Tanger. Die Assoziation an die Tunisreise von Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet liegt da wohl nahe.

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Sicherlich wird man solche Werke nicht pauschal einer propagandistischen Zwecken dienenden „kolonialen Malerei“ zuordnen dürfen. Aber sie wurden doch in einem entsprechenden musealen Zusammenhang präsentiert, wodurch sie gewissermaßen ihre künstlerische Unschuld verloren.

In der Kolonialausstellung von 1931 wurde jedenfalls in mehreren Sälen des Kolonialmuseums  die Eroberung der Kolonien und vor allem Nordafrikas mit Waffen und Bildern veranschaulicht und gerühmt. Dazu gehörte auch das speziell für die Kolonialausstellung gemalte  Bild Paul Dupuys, das die Unterwerfung des Rebellenführers Sidi M’Ha Ahansali vor dem französischen Oberst Naugès im Jahr 1923 zeigt.

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An die Anfänge der Eroberung Nordafrikas erinnert ein  Bild von Horace Vernet, der von König Louis Philippe nach Algerien geschickt wurde, um mit Stift und Pinsel das Eroberungswerk der Franzosen zu veranschaulichen und zu glorifizieren [30] – eine frühe Form des „embedded journalism“.  Vernet zeigt die Eroberung des Lagers des Aufstandsführers Abd-el-Kader im Jahr 1843, eine entscheidende Phase der Eroberung Algeriens. Im Musée Branly ist nur ein kleiner Teilentwurf zu sehen, das monumentale über 20 Meter lange Panorama in der aktuellen Ausstellung über Louis Philippe im Schloss von Versailles…. [31]  – ein weiteres interessantes Angebot für Liebhaber der Geschichte und der Kunst.

 

Praktische Informationen zur Ausstellung im Musée Branly

musée du quai Branly- Jacques Chirac

37, quai Branly

75007 Paris

Bis 3. Februar 2019

Öffnungszeiten:

Dienstag, Mittwoch und Sonntag 11 – 19 Uhr

Donnerstag, Freitag und Samstag  11- 21 Uhr

Broschüre zur Ausstellung:  connaissance des arts, hors- série:  Peintures des lointains. La collection du musée du quai Branly- Jacques Chirac. 9,50 €

 

 

 

Thematisch verwandte Blogbeiträge:

  • Die Kolonialausstellung von 1931 (Teil 2): Der „menschliche Zoo“ im Jardin d’acclimatation und der Tausch von „teutonischen Krokodilen“ und          „Menschenfressern“  zwischen Paris und Frankfurt   https://wordpress.com/post/paris-blog.org/6678

 

 

Anmerkungen:

[1] https://at.france.fr/de/news/artikel/die-wichtigsten-ausstellungen-paris-2018

[2] https://www.lemonde.fr/arts/article/2018/02/05/l-art-au-temps-des-colonies_5251799_1655012.html

[3] https://www.la-croix.com/Culture/Expositions/Au-Quai-Branly-peinture-coloniale-sort-lombre-2018-02-06-1200911572

https://www.parismatch.com/Culture/Art/Au-Musee-du-quai-Branly-Jacques-Chirac-les-colonies-vues-par-les-peintres-1480457

[4] Zum Palais de la porte dorée und zur Kolonialausstellung siehe die entsprechenden Blog-Beiträge: Das Palais de la Porte Dorée und die Kolonialausstellung von 1931: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/6242 und:

Die Kolonialausstellung von 1931 (2): Der „menschliche Zoo“ im Jardin d’acclimatation und der Tausch von „teutonischen Krokodilen“ und „Menschenfressern“ zwischen Paris und Frankfurt:  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/6678

[5] https://www.la-croix.com/Culture/Expositions/Au-Quai-Branly-peinture-coloniale-sort-lombre-2018-02-06-1200911572

[6] Im November 2018 fand das lange geplante Referendum statt, bei dem sich 56,4% der Wähler gegen die Unabhängigkeit ausgesprochen haben.

[7] http://www.lefigaro.fr/elections/presidentielles/2017/02/15/35003-20170215ARTFIG00260-en-algerie-macron-denonce-la-colonisation-c-est-un-crime-contre-l-humanite.php

[8] http://www.quaibranly.fr/fileadmin/user_upload/1-Edito/6-Footer/3-Si-vous-etes/2-Enseignant-animateurs/Dossier_Pedagogique_Peintures_des_lointains_SEPT18_VD.pdf

[9] https://www.parismatch.com/Culture/Art/Au-Musee-du-quai-Branly-Jacques-Chirac-les-colonies-vues-par-les-peintres-1480457

[10] Zu dem Plakat siehe: https://www.histoire-image.org/fr/etudes/propagande-coloniale-annees-1930  siehe auch: https://www.persee.fr/doc/homig_1142-852x_2008_num_1274_1_4767 und http://blog.ac-versailles.fr/terminus/public/HdA/Exposition_coloniale/empire-franc3a7ais-expo-coloniale.pdf (Das Plakat wird hier als Unterrichtsmaterial vorgestellt)

[11] Steve Ungar, « La France impériale exposée en 1931 : une apothéose », in Pascal Blanchard et Sandrine Lemaire (sous dir.), Culture coloniale. La France conquise par son empire, 1871-1931, Paris, éditions Autrement, 2003, pp. 201 – 202  (Aus: Dossier péd. S. 32/33)

[12] https://www.persee.fr/doc/homig_1142-852x_2008_num_1274_1_4767

[13] Fast alle nachfolgenden Fotos sind –soweit nicht anders angegeben- im Rahmen der Ausstellung aufgenommen. Es handelt sich dabei fast durchweg um Bildausschnitte.

[14] Siehe dazu den Blog-Beitrag über die Kolonialausstellung von 1931 und das  Palais de la Porte Dorée: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/6242

[15] Siehe pädagogisches Dossier zur Ausstellung und: https://www.connaissancedesarts.com/non-classe/exposition-peintures-des-lointains-%E2%80%89-les-avatars-dune-collection-1188122/

[16] https://www.histoire-image.org/etudes/representation-village-togolais-exposition-coloniale

http://lirelactu.fr/source/le-monde/4896c514-79e0-4988-b02b-b0bf008f3455

[17] s.a. http://www.lefigaro.fr/arts-expositions/2018/02/02/03015-20180202ARTFIG00023–le-plein-de-culture-le-musee-du-quai-branly-deterre-ses-peintures-du-lointain.php

[18] http://geopolis.francetvinfo.fr/peintures-des-lointains-peintures-de-l-afrique-coloniale-181899

[19] Text: http://www.bouquineux.com/index.php?telecharger=627&Gide-Voyage_au_Congo

[20] André Gide. Reisen und Politik. Gesammelte Werke, Bd.5. Stuttgart: DVA, 1992, S. 461

[21] https://www.lemonde.fr/arts/article/2018/02/05/l-art-au-temps-des-colonies_5251799_1655012.html

[22] Abdruck des Textes:  http://www.entreprises-coloniales.fr/inde-indochine/Paul_Monet-Jauniers.pdf

[23] Marianne Boucheret,  Le pouvoir colonial et la question de la main-d’œuvre en Indochine dans les années vingt.  Cahiers d’histoire 85, 2001.  https://journals.openedition.org/chrhc/1740?lang=en

[24] http://belleindochine.free.fr/LesJauniers.htm

[25] So noch 1944 von de Gaulle in seiner Rede in Brazzaville: http://mjp.univ-perp.fr/textes/degaulle30011944.htm

[26] (https://www.lejournaldesarts.fr/expositions/au-temps-des-colonies-136097

[27]  Siehe: connaissance des arts, S. 39

[28] Zu Mascart und seiner „odyssée kanak“ siehe connaissance des arts, S. 20/21

[29] André Sureda, La Fête arabe dans la campagne de Tlemcen (zwischen 1910 und 1920)

Foto: MUSÉE DU QUAI BRANLY-JACQUES CHIRAC/PHOTO : CLAUDE GERMAIN

[30] https://www.histoire-image.org/de/comment/reply/5171

https://www.histoire-image.org/de/etudes/prise-smalah-abd-el-kader

http://geopolis.francetvinfo.fr/peintures-des-lointains-peintures-de-l-afrique-coloniale-181899

[31]  http://collections.chateauversailles.fr/#483bf3ef-c0f2-4dd6-aa18-7e05da21fee3

http://www.chateauversailles.fr/actualites/expositions/louis-philippe-versailles#l%E2%80%99exposition

 

Geplante weitere Beiträge

  • Anna Seghers im Pariser Exil
  • Paris, 11. November 2018: Paris begeht den 100. Jahrestag des Waffenstillstands 
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 1: Lyon, Luberon, Piemont
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 2: Die Waldenser in Hessen-Homburg
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier
  • Das Hotel Lutetia (1): Ein Bauwerk zwischen Art Nouveau und Art Déco in neuem Glanz

Street-Art in Paris (3): Der Invader

Im zweiten  Beitrag  über die Pariser Street-Art wurden  drei Künstler vorgestellt, die mit ihren Werken den öffentlichen Raum der Stadt in besonderer Weise prägen: Mosko, Jerôme Mesnager und  Jef Aérosol. In einem nachfolgenden sollen Miss Tic, Monsieur chat und  Fred le chevalier folgen.  Der Invader, den ich –gewissermaßen im Zentrum platziert- hier vorstellen möchte, ist sicherlich der  präsenteste  von ihnen und er war auch der erste, den ich, seit  wir uns in Paris niedergelassen haben, mit Bewusstsein wahrgenommen habe. (1)

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Bei Spaziergängen und Fahrten durch die Stadt waren mir kleine Mosaike aufgefallen – unübersehbar bei der Orientierung, weil sie vor allem an Straßenecken bei den Straßenschildern angebracht sind.

Allmählich wurde ich neugierig und fragte einige alteingesessene Pariser, was es denn mit diesen Mosaiken auf sich habe: Fehlanzeige! Selbst unser Zeitungshändler hatte sie noch nie bemerkt und konnte sich auch aus dem Bild, das ich ihm zeigte, keinen Reim machen. Für die Pariser scheint ihre Stadt jedenfalls nicht (mehr) ein Ort zum Flanieren zu sein.

Wenige Tage später  fiel mir am Zeitungskiosk die  Ausgabe der Libération vom 11./12. Juni 2011 auf.  Ein unübersehbares schwarz-weiß-rotes Mosaik zierte das Titelblatt:  Invader envahit Libé– Invader überfällt Libération; wobei auch noch die beiden a-s  in der Schlagzeilen  durch kleine Mosaiken ersetzt waren.

liberation Ausgabe zum 1000. 001

Die gesamte Zeitung fiel typografisch aus dem Rahmen: In den meisten Überschriften waren die a-s mosaikartig umgestaltet. Zunächst dachte ich an ein technisches Problem, bis ich verstand, worum es hier ging: Um eine Ausgabe zu Ehren eines Pariser Straßenkünstlers mit dem Pseudonym Invader.

libération Ausgabe zum 1000. invader 002 (2)

Dort erfuhr ich nun endlich etwas über das „Geheimnis“ der merkwürdigen Mosaike:  „Seit zwölf Jahren bringt Invader in den Städten der ganzen Welt seine Mosaikfiguren an, inspiriert von einem Videospiel der 70-er Jahre.“ 

In der Ausstellung  Être Moderne: Le MoMa à Paris, die 2017/18 in der Fondation Louis Vuitton gezeigt wurde, gehörten auch zwei klassische Videospiele zu den Ausstellungsobjekten, eines davon war der Space Invader von 1978, der damit in den Rang einer Ikone der modernen Kunst aufrückte.  Man konnte sie nicht nur betrachten, sondern auch benutzen, wovon jugendliche Ausstellungsbesucher mit großer Intensität Gebrauch machten.

Wie andere Straßenkünstler  hat der Invader eine gediegene künstlerische Ausbildung,  einen entsprechenden künstlerischen Anspruch und einen Horror vor banalen Nachahmern.  Der Grund, warum ihn  Libération 2011 mit einer besonderen Ausgabe ehrte:  Invader hatte gerade sein 1000. Mosaik in Paris angebracht.

Expo St Honoré 012

Und während Invader meistens nachts unterwegs ist und maskiert und im Schutz der Dunkelheit ans Werk geht, war das 1000. Mosaik Teil einer Vernissage: In einem ehemaligen Elektrizitätswerk der Stadt Paris in unserem 11. Arrondissement, einem repräsentativen Industriebau des 19. Jahrhunderts, wurde das 1000. Mosaik enthüllt und eine Invader-Ausstellung eröffnet.

Aus Anlass des 1000. Pariser Mosaiks wurde eine Karte herausgegeben, auf der alle Pariser „Space Invaders“ verzeichnet sind- buchhalterisch exakt mit Nummer, Arrondissement und Datum. Außerdem ist für jeden Space Invader auch noch eine Punktzahl angegeben.  Für jedes Mosaik gibt es zwischen 10 und 50 Punkten:  und zwar je nach der Schwierigkeit, es anzubringen und seinem „künstlerischen Wert.“  Punkte gab es auch schon bei dem Videospiel der 70-er Jahre, und der Spieler, der die meisten Punkte gesammelt hatte, war der Gewinner:  Im Gegensatz dazu ist der Pariser „Invader“  immer der Gewinner.

In der Ausstellung waren natürlich jede Menge der kleinen Mosaike ausgestellt, darüber hinaus eine Vitrine mit entsprechend gestalteten Turnschuhen, die der „Invader“ bei seinen nächtlichen Aktionen getragen hatte. Und verkauft wurden Waffeln mit natürlich dem unvermeidlichen Invader-Muster.

Gezeigt  wurde auch, dass der „Invader“ rund um den Erdball tätig ist. Auf allen Kontinenten und in 72 Städten war er schon aktiv, vor allem aber in Europa.[1a]

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Wie man sehen kann, ist der Invader auch in Frankfurt und Berlin schon aktiv geworden.[2]

Schwerpunkt seiner Tätigkeit ist aber eindeutig Paris.  Der Invader macht das auch sehr deutlich – zum Beispiel durch das „I (love) Paris“- Mosaik an der Place des Vosges und den entsprechenden Titel von Sammelbänden mit den Pariser Mosaiken des Invaders.

Die wurden im Februar 2017 mit großem Werbeaufwand in der großen Buchhandlung im Centre Pompidou präsentiert.  An der Eingangstür sieht man die Abbildung eines Pariser Mosaiks des Invaders  in „Arbeitskleidung“ und  mit Ausrüstung.

Buchhandlung Centre pompidou Febr 2017 (4)

Die Stadt dankt ihm seine Anhänglichkeit, indem sie ihm zum Beispiel einen Ehrenplatz am Pont Neuf für ein Paris-Mosaik einräumt.

IMG_9882 Am Pont neuf (2)

Und die französische Post ehrt ihn –wie auch andere (Pariser)  Straßenkünstler-  mit einer Briefmarke.

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Es sind vor allem die populären Stadtviertel im Osten – wo nach Ansicht des Künstlers offenbar eher Menschen wohnen, die die Space-Invasions nicht als Sachbeschädigung, sondern als Bereicherung des öffentlichen Raums ansehen.

In den Katalogen der „invasions de Paris“ sind die Mosaike kartografiert. Da ist die Vorliebe des Invaders für den Osten von Paris, also auch den  Faubourg- Saint- Antoine unübersehbar.

020

Als „Lokalpatriot“ des 11. Arrondissements bzw. des Faubourg Saint-Antoine, der ich inzwischen geworden bin, freue ich mich natürlich besonders über die Invader-Mosaike  in unserer Umgebung: Beispielsweise über das an der historischen Fontaine de Montreuil…

IMG_9315 La fontaine de Montreuil (3)

.. oder das am deutsch-französischen Café Titon  an der Ecke der Rue Chanzy und der Rue Titon, das auf die draußen sitzenden Gäste herabäugt.

Oder  über das Mosaik an der U-Bahn-Station Faidherbe-Chaligny, offensichtlich ein 900er Mosaik: genau die Nummer 944, wie der Invader-Plan verrät. Dass es die Form eines Tisches oder einer Kommode hat, ist wohl ein Bezug zur Tradition des Holzhandwerks in diesem Viertel.[3]

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… Interessant ist auch, dass bei der Renovierung der Fassade  des Café-Titon-Hauses  das Mosaik nicht beschädigt  oder gar entfernt wurde. Inzwischen ist der Invader so bekannt, dass Hausbesitzer sich eher glücklich schätzen, wenn ihr Haus durch ein solches Mosaik verziert und aufgewertet wird. Und auch wenn der Invader weiterhin nur nachts  und mit Gesichtsmaske unterwegs ist: Selbst die Pariser Polizei, die ihn zu Beginn seiner Interventionen noch mehrmals vorläufig festgenommen hatte, wie uns in der Ausstellung erklärt wurde, weiß, dass sie es mit einem inzwischen höchst erfolgreichen Künstler zu tun hat, dessen Tätigkeit sie nicht behindert. Der Invader kann jetzt im Allgemeinen auch ganz ungehindert seine Leiter anstellen und seine Mosaike ankleben, so wie er es sehr schön in der rue de Mobntreuil (11. Arrondissement, März 2018) zeigt.

DSC02890 Invader rue de Montreuil (3)

Eher sind es jetzt Souvenir-Jäger, die sich für die Mosaike des Invaders interessieren…

012

… und darauf Jagd machen.

impasse Cesselin IMG_9702

Immerhin kosten schon die kleinen Mosaike im Kunsthandel 5000- 7000 Euro – jedenfalls waren das die Preise, die 2011 auf einer Ausstellung von Mosaiken des Invaders im noblen Faubourg Saint-Honoré verlangt wurden. Als ich damals die Ausstellung besichtigte, waren alle kleinen Mosaike schon verkauft. Noch zu haben waren nur große Formate  mit Preisen von um die 50.000 Euro! 2016 wurde ein Werk des Invaders sogar für 251.000 Euro verkauft!

DSC01288 Invader Menilmontant

 

Dass der Inéevader wie andere arrivierten Straßenkünstler auch -sicherlich lukrative- Werbeaufträge annimmt, entdeckte ich übrigens an einem kleinen versteckten Siedlungshäuschen in Ménlmontant. Die Firma, für die der Invader offenbar ein Logo entworfen hatte, ist aber keine Wach- und Schließgesellschaft, wie ich zunächst vermutete, sondern ein  deutsches Hochtechnologie- Unternehmen der cyber-Sicherheit.  Aber potentielle Diebe wissen das wohl kaum und gehen dann vielleicht lieber woanders ans Werk.

 

Inzwischen benötigten allerdings die Werke des Invaders selbst Protektion: Anfang August 2017 berichteten Libération und Le Monde, dass street-Art-Werke des Invaders in Paris inzwischen systematisch geraubt würden. Und zwar immer nach dem gleichen Muster: Zwei Männer mit Leiter und in Monteuerskleidung gäben sich als Angestellte der Stadt aus und  machten  sich an die Arbeit, die Mosaike zu entfernen. Angeblich kämen sie mit einem Mercedes. Die mairie de Paris versicherte daraufhin in einer Presseerklärung, sie habe damit nichts zu tun:

«Sur les photos, on les voit habillés normalement, avec des gilets jaunes qu’on peut trouver n’importe où, alors que les employés municipaux portent un uniforme. Et non, la ville de Paris ne fournit pas encore de Mercedes à ses employés.»

Die Stadt hat inzwischen  auch Anzeige gegen Unbekannt gestellt „pour usurpation de fonction.“

Und es gibt inzwischen auch eine breite Kampagne in den sozialen Netzwerken, wachsam zu sein, und es gibt sogar Gruppen, die sich vorgenommen  haben, gestohlene oder zerstörte Mosaiken zu ersetzen.  Ein Auslöser dabei war die Entfernung eines besondes bekannten Mosaiks, nämlich das der Mona Lisa (Joconde)  in der Rue du Louvre (1. Arrondissement), was große Empörung auslöste.

La Joconde

Auch der Invader hat  reagiert: Er verwendet jetzt einen stärkeren Leim als früher und seine Kacheln/Mosaiksteine sind dünner, lassen sich also  nicht mehr so leicht unbeschädigt entfernen. Und er erwartet  juristische konsequenzen. Aber kann die Entfernung eines illegal angebrachten Mosaiks ein illegaler Akt sein? Auch wenn die betroffenen Hausbesitzer ich inzwischen mit ihnen angefreundet haben? Und auch wenn die Mosaike nicht aus finanziellen Motiven  entfernt wurden?  Darüber können sich jetzt die Juristen die Köpfe zerbrechen… (3a)

Offenbar ist aus dem nächtlichen Straßenkünstler längst ein höchst erfolgreicher Star der Kunstszene geworden, dem eine zahlungskräftige Kundschaft die Werke geradezu aus den Händen zu reißen scheint. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, als seien die Straßeninvaders inzwischen Teil einer ausgebufften Marketingstrategie und einer gekonnten Selbstinszenierung.

Inzwischen gibt es   –laut offizieller Website- 1367 Invader-Mosaike in Paris. (Stand September 2018).[4] Ein Problem ist angesichts einer so großen Zahl natürlich das Verhältnis von Wiederholung und Veränderung. Weit über 1000 Invader-Mosaike allein in Paris! Besteht da nicht die Gefahr, dass die Passanten genug davon haben, es ihnen allmählich reicht mit den Eindringlingen aus dem Weltraum, die sich ungefragt an den Häuserfassaden niedergelassen haben?

Dem Invader ist dieses Problem durchaus bewusst. So gehört es zu seinen Prinzipien, dass  jedes Mosaik ein Unikat sein soll:

„Répéter la même forme aurait été lassant j’ai donc décidé de ne jamais reproduire deux fois la même mosaïque et je m’y suis tenu.“[5]

Also hat er das „klassische“ Invader-Motiv vielfach variiert:

Zum Beispeil durch Verfielfachungen, wie hier am Louvre gegenüber dem Denkmal für den in der Bartholomäusnacht ermordeten Führer der Hugenotten, den Admiral von Coligny – wobei die Form dieses Mosaiks wohl als Anspielung auf diesen historischen Hintergrund verstanden werden kann…

IMG_9759 Am Louvre gegenüber Coligny Denkmal (2)

…durch oft dem entsprechenden Platz angepassten Erweiterungen….

— hier zum Beispiel  durch einen Invader in Form  einer Kapelle  oder  die  Flasche als Ersatz für ein zerstörtes Wirtshausschild auf der Ile Saint-Louis (Quai Bourbon)….

…. durch Angabe der Jahreszahl der Anbringung des Mosaiks…

DSC00620 Invader mit Jahreszahl

…. durch Vergrößerungen der Mosaiksteinchen, also die Verwendung von Kacheln…

IMG_9059

… oder durch die Verwendung anderer Materialien….

005

Der  etwas aus dem Rahmen fallende space invader wird übrigens von einer Oktopus-Dame des Straßenkünstlers GZUP bewundert, der schon im ersten Beitrag über die Street-Art in Paris  kurz vorgestellt wurde.

Darüber hinaus hat der Invader das Spektrum seiner Möglichkeiten über das klassische Invader-Motiv hinaus erheblich erweitert wie hier –passend zum Ort der Platzierung- an der streng quadratisch angelegten Place des Vosges. (Leider existiert das inzwischen nicht mehr).

006

Auch bei anderen Mosaik-Figuren ist auf den ersten Blick deutlich, dass sie speziell für den jeweiligen Platz ausgewählt und vielleicht auch erdacht wurden:

PA_1082-diapo-OD2QODMJ Website Invader

… so der Invader mit einer Serie von Früchten auf dem marché d’Aligre im 12. Arrondissement oder mit der  Rakete am Anfang der rue de la Roquette  in der Nähe der Bastille.  Eigentlich müsste  da ja ein Rukola-Blatt abgebildet sein, denn der Name der Straße bezieht sich auf diese Pflanze (französisch: roquette), die  dort einmal verbreitet war. (Siehe den  Blog-Beitrag: Wohnen, wo einmal die Guillotine stand). Aber für die vielen Touristen, die dort vorbeigehen, ist eine Rakete sicherlich einsichtiger: Man braucht ja auch nur den Akzent von der zweiten auf die erste Silbe zu verschieben, um von dem französischen Salatblatt auf die englisch/amerikanische Rakete zu kommen: also ein schönes Wortspiel des Invaders…

DSC01308 Invader Rakete rue de la Roquette

 

Eine öfters zu sehende Variation ist auch der Mann mit den blauen Hosen und der braunen Jacke, der in der rue Oberkampf Klimmzüge an einer Überwachungskamera unternimmt und  in der rue Saint-Maur die in Paris häufig anzutreffenden vorstehenden „pierres d’attente“ hochklettert. Diese sogenannten „Wartesteine“ waren beim Bau von Häusern oft extra an die seitlichen Hauswände eingebaut worden, um die Verzahnung mit einem geplanten, aber nicht ausgeführten Nachbargebäude  zu verbessern. Ganz in der Nähe steht das Männchen dann auf einem Sims in der Passage du chemin vert und hält sich die Ohren zu. Kein Wunder, denn er befindet sich hier mitten im geschäftigen Viertel des chinesischen Textilhandels, an einer engen, viel  befahrenen und oft zumindest teilweise von Lieferwagen blockierten  Straße, Der Lärm dort ist entsprechend. Alle diese kleinen Mosaike befinden sich übrigens im 11. Arrondissement.

IMG_0034 Invader (1)

Der kleine Pinguin steht an einer Hauswand im Quartier Latin gegenüber von Notre Dame und träumt wohl davon, ins Wasser der Seine zu springen- Allerdings tut er gut daran, das nicht zu tun: Nicht nur, weil es ihm kaum bekommen würde, sondern weil sich dann die Passanten, wenn sie ihn denn entdecken, nicht mehr über ihn freuen könnten.

Manche der vom Invader verwendeten Figuren können auch aus anderen Bereichen stammen, aus anderen Computerspielen, aus Comics, Filmen:

 „je m’amuse aussi parfois à changer de registre avec des figures venant d’autres horizons.“[6]

DSC00123 Invader Canal Saint Martin (4)

Hier handelt es sich wohl um Mickey-mouse und offensichtlich um Homer Simpson, an anderen Stellen ist mir die Herkunft der Figuren nicht bekannt. (Über Tipps und Hinweise würde ich mich freuen):

038

IMG_0032

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Bei den drei nachfolgend abgebildeten Mosaiken  sind übrigens  die klassischen Invader-Raumschiffe integriert, so dass kein Zweifel aufkommen  kann, von wem sie gemacht sind.

DSC01045 Invader 2017

 

Kein Zweifel kann auch bei einem der neuesten , im Juni 2016 geschaffenen  Invader-Mosaike in Paris aufkommen, der Figur des Dr. House, dem 1205. Invader-Werk in Paris.[7] Immerhin ist es – mit 10 Meter Höhe!- das bisher mit Abstand größte Werk des Invaders , und es befindet sich an einer Wand des berühmten Krankenhauses  Pitié-Salpêtrière an der Avenue Vincent-Auriol im Street-Art-freundlichen 13. Arrondissement und gut sichtbar von der vorbeiführenden Métro-Linie 6.

Invader Dr. House IMG_9951 (1)

Es handelt sich um die Figur des Dr. House,  der einer populären  Fernsehserie einen Namen  gegeben hat. Der etwas schräge, aber sehr kompetente Arzt ist mit all seinen Attributen ausgestattet: dem Dreitagebart, dem offenen Hemd und Jackett, den Turnschuhen und dem Stock. Und das für den Diagnostiker Dr.  House unentbehrliche Stetoskop wird von dem gerade anfliegenden space invader gebracht.

Der Invader hat sich selbst zu dieser sehr medienwirksamen Arbeit geäußert:

Pourquoi le Dr House ? « J’avais envie de faire un grand portrait, ce qui est difficile à faire de manière non officielle, car cela prend du temps. Ce personnage, que j’aime bien, est un symbole de la culture populaire de notre époque, et le contexte s’y prêtait », s’amuse Invader. Pour l’artiste, il s’agit aussi d’un « exercice de style » : « Aujourd’hui, le carreau de mosaïque et l’esthétique 8 bits, très pixelisée, sont devenus ma­ signature, plus que les personnages Space Invader eux-mêmes. » [8]
Der Invader betont also selbst, wie vielfältig sein Repertoire  inzwischen ist und weit über die traditionellen Space Invaders hinausgehen.  Vielleicht ist wohl auch der Grund dafür, dass ich mich immer noch freue, wenn ich ein für mich neues Mosak des Invaders sehe. Und wenn es ein besonders Schönes und zur Umgebung passendes  ist, freue ich mich besonders. Zumal alles auf Zufall beruht. Die  Invader- Karte oder aktueller: die application FlashInvaders für eine gezielte Suche zu benutzen ist tabu. Die Freude besteht ja gerade im überraschenden Finden!

Die wünsche ich  auch allen Paris- Besuchern/Besucherinnen, die diesen Bericht lesen und vielleicht angeregt werden, beim Flanieren in der Stadt auch etwas nach Mosaiken des Invader Ausschau zu halten!

 

Weitere Beiträge zur Pariser Street-Art:

  • Street- Art in Paris (2): Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/7096

  • open your eyes! Street-Art in Paris (1)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8875

  • Das multikulturelle, aufsässige und kreative Belleville: Modell oder Mythos? (Abschnitt Street-Art)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2092

 

Anmerkungen:

(1) Das Beitragsbild zeigt ein I love-Paris Mosaik des Invaders aus der rue de l’hôtel Colbert im 5. Arrondissement

Die Fotos dieses Beitrags sind alle im Lauf der letzten Jahre aufgenommen worden, seit wir uns in Paris niedergelassen haben.  Da Street-Art eine ephemere Kunst ist, kann es also gut sein, dass es manche der hier abgebildeten Arbeiten des Invaders nicht mehr gibt.

[1a] http://www.space-invaders.com/world/

[2] http://www.space-invaders.com/world/frankfurt/

http://www.space-invaders.com/world/berlin/

[3] siehe dazu den entsprechenden Beitrag über den Faubourg-Saint-Antoine auf diesem Blog.

(3a) http://www.liberation.fr/france/2017/08/04/mais-qui-decolle-les-oeuvres-d-invader-des-murs-de-paris_1588160

Und Le Monde vom 10. August 2017: Les internautes au secours de oeuvres d’Invader. S. 15

[4] http://www.space-invaders.com/world/paris/

[5] http://www.artistikrezo.com/art/street-art/invader-interview.html

[6] http://www.artistikrezo.com/art/street-art/invader-interview.html

[7] Siehe Stéphanie Lombard, Guide du Street-Art, Paris. Éditions Gallimard, Paris 2017, S. 73

http://itinerrance.fr/dr-house-in-da-house-dinvader-a-paris/  Die Galerie Itinerrance hat zusammen mit der Mairie des 13. Arrondissements die Entstehung des Mosaiks initiiert.

[8] http://www.lemonde.fr/arts/article/2016/06/24/le-dr-house-fait-le-mur-a-l-hopital-de-la-pitie-salpetriere_4957092_1655012.html

 

Geplante weitere Beiträge

  • Die Insel Porquerolles: Natur und Kunst 
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 1: Lyon, Luberon, Piemont
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 2: Die Waldenser in Hessen-Homburg
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier
  • Das Hotel Lutetia und der Lutetia-Kreis, der Versuch der Schaffung einer deutschen Volksfront gegen den Faschismus

Das Haus der Mutualité in Paris, die Geschichte eines Mythos

 

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Das Haus der Mutualité  im 5. Arrondissement von Paris ist aus architektonischen und historisch-politischen Gründen interessant.[1] 

DSC00641 La maison de la mutualité (54)

Aus architektonischen Gründen, weil es ein von den Architekten Lesage und Mitgen geplanter eindrucksvoller Bau des Art déco ist.     

DSC00641 La maison de la mutualité (2)

Das wird schon deutlich, wenn man den repräsentativen Treppenaufgang zum großen Saal hinaufgeht: Die Treppen sind aus weißem Marmor, die dekorativen Eisengeländer entsprechen denen in dem zur gleichen Zeit gebauten Überseedampfer „Normandie“, der „ein Symbol des Frankreichs der 30-er Jahre und des französischen Raffinements“ war.[2]

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Hier ein in der Fotogalerie der Mutualité ausgestelltes Bild von der Eröffnung des Hauses im Jahr 1930.   Bestimmt war es als Sitz der 1902 gegründeten  Fédération Mutualiste de la Seine (F.M.S.), einer regionalen Unterorganisation der  Fédération nationale de la mutualité française (FNMF). Die Mutuelles sind ein typisch französisches genossenschaftlich organisiertes System der sozialen Sicherheit – eine Alternative zu dem unter Bismarck entstandenen staatlich reglementierten Versicherungssystem in Deutschland, das aber –im Gegensatz zu dem auf Freiwilligkeit basierenden französischen System- allgemeine Gültigkeit hatte.  Während französische Vertreter der Mutuelles in  diesem obligatorischen  System einen Ausdruck des deutschen Despotismus sahen, musste sich allerdings der Staat spätestens im Ersten Weltkrieg aufgrund der zahlreichen Kriegsopfer verstärkt im Bereich der sozialen Sicherheit engagieren. Dazu kam, dass es nach der Rückgewinnung von Elsaß-Lothringen kaum möglich war,  den dortigen Bewohnern die  „sozialen Vorteile“ zu entziehen, die sie als  deutsche Bürger erhalten hatten und die anzuerkennen der französische Staat nicht umhinkam. Auch dies trug zu einer verstärkten Rolle des Staates im Bereich der sozialen Sicherung bei. Die Mutuelles hatten aber weiter –zumindest als ergänzende Risikoabsicherung- eine große Bedeutung: 1930, als das Haus der Mutualité in Paris eingeweiht wurde, gehörten ihnen 8, 2 Millionen Mitglieder an.[3] Die Größe und repräsentative Form des Baues ist vor diesem Hintergrund zu sehen.

DSC00641 La maison de la mutualité (13)

Das Emblem der Féderation mit ihrer Devise un pour tous, tous pour un  (Alle für einen, einer für alle)  befindet sich noch heute an der Stirnwand des  großen Versammlungsraums. Die mittlere Figur hält in ihren Händen die Charte de la Mutualité vom April 1898, in der die Grundlagen der Mutuelles festgelegt wurden.  Der Versammlungsraum war anfangs mit genau 1789 Sitzplätzen ausgestattet – eine Anspielung auf das Datum der Französischen Revolution und ein Hinweis auf die republikanische Tradition, in sich der Bauherr ostentativ einordnete.[4]

Das Haus der Mutualité entwickelte sich denn auch rasch zu einem wichtigen Versammlungsort der französischen Linken, einem „haut-lieu historique du militantisme des partis français de gauche.“[5]

Eine der ersten großen Veranstaltungen im Festsaal des Hauses war 1933 der 30. Kongress der SFIO, der Vorgängerin der Sozialistischen Partei Frankreichs.

Eine bedeutende Rolle spielte das Haus der Mutualité  in der Zeit der Volksfront. In diesem Zusammenhang steht der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935.  „Es handelte sich dabei um den Versuch antifaschistischer Intellektueller aus Frankreich, Europa , der Sowjetunion und den USA im Rückgriff auf die unausgeschöpften Ressourcen der Aufklärung, einer Verbindung liberaler und egalitärer Momente der Revolutionen von 1789 und 1917, eine Dynamik freizusetzen, von der man sich die ideologische Entzauberung und die politische Entmachtung des Faschismus erhoffte.“  An dem Kongress nahmen auch zahlreiche exilierte deutsche Schriftsteller teil, unter anderem Heinrich Mann und Anna Seghers mit wichtigen Redebeiträgen. Darauf wird in einem besonderen Blog-Beitrag eingegangen. [6]

Im Juli 1936 fand in dem mit 1789 Teilnehmern wieder vollbesetzten großen Saal der Mutualité eine Kundgebung des Rassemblement colonial statt, in dem die in Paris lebenden Vertreter der Völker des französischen Kolonialreichs organisiert waren. Hier war Habib Bourgiba, damals . der Vertreter der tunesischen Unabhängigkeitsbewegung und künftige erste  Präsident des nachkolonialen Tunesiens, einer der Redner.[8]

Auch nach dem Krieg war der vielbeschworene „Mythos der Mutualité“ noch lebendig. Wie die Sozialisten nutzte auch auch die Kommunistische Partei Frankreichs den Ort gerne für ihre Veranstaltungen.[7]

Am 17. März 1953 wurde dort der Jahrestag der Commune gefeiert, am 7. November 1961 wurde der  Oktoberrevolution gedacht. (9)

Und dann war es der Mai 1968, der zu einem Höhepunkt in der Geschichte der Mutualité wurde. Einige Schlaglichter:

Am  22. März 1968, der als die Geburtsstunde der französischen Studentenbewegung gilt[10], hielt der Dominikanermönch Jean Cardonnel im Saal der Mutualité eine Rede zum Thema „Evangelium und Revolution“.[11] Und im gleichen Jahr trat dort der Schriftsteller Aimé Césaire auf, um  nach der Ermordung Martin Luther Kings für die Sache der Black Panthers zu werben.

Und natürlich benutzten die Vertreter der studentischen Revolte im Mai 68 auch die Mutualité als Forum. Am 9. Mai, auf dem Höhepunkt der Revolte, als die Sorbonne von der Universitätsleitung für die Studenten gesperrt wurde,  fand im großen Saal eine schon längst geplante große Veranstaltung der kommunistischen Jugendorganisation JCR statt, die „alle Revolutionäre“ zum Kommen einlud – es wurde eine der größten Veranstaltungen des Mai 68. Natürlich mit dabei: Daniel Cohn-Bendit, der  hier, wie Le Parisien schreibt, „ses premières armes de tribun estudiantin“ erwarb. [12]

DSC03121 Mutualité Mai 68 (1)

Auf dem Podium im großen Saal der Mutualité Ernest Mandel, Daniel Cohn-Bendit,       Henri Weber,  Daniel Bensaid und Alain Krivine

Und nur einen Tag später, als im Quartier Latin die Barrikaden  errichtet wurden, fand in der Mutualité ein legendäres Konzert mit Léo Ferré statt, das –von einem Teilnehmer aufgenommen- jetzt auch wieder zu hören ist.[13]

Ferré mai 68

1973 versammelten sich in der Mutualité zum ersten Mal  „sans-papiers“,  Einwanderer ohne offizielle Aufenthaltsgenehmigung, um gegen die Verschärfung der Einwanderungsgesetze zu protestieren, für die feministische Bewegung der 1970-er Jahre war das Haus der Mutualité, zärtlich auch „Mutu“ genannt, ebenfalls ein wichtiger Treffpunkt. Sie war also in der Tat ein „mythischer Ort“ (Le Parisien) für die linke Politik und Kultur seit den 1930-er Jahren. Anlass für politischen Romantizismus gibt es allerdings nur bedingt, denn das Haus hat auch seine Schattenseiten:  So fand im März 1943 eine Versammlung des rechtsradikalen Parti populaire français statt, zu Ehren von dessen Gründer Jacques Doriot, der zu seinem Einsatz an der Ostfront – in deutscher Uniform!-  verabschiedet wurde.[14]

 

Das Ende eines Mythos[15]

2009 wurde das Haus der Mutualité  für 35 Jahre an einen privaten Investor, GL-events,  vermietet. Grund dafür waren finanzielle Schwierigkeiten der  Fédération mutualiste parisienne (FMP), die wohl mit der schwieriger werdenden Rolle der Mutuelles im Gesamtzusammenhang der sozialen Sicherungssysteme zusammenhängen: Für die notwendige Ergänzung zu den –tendenziell eher abnehmenden- Leistungen der sécurité sociale  machen inzwischen auch private Versicherungen Angebote. Die große und in Europa einzigartige Bedeutung der Mutuelles – ein Aspekt der sogenannten „exception française“-  geht damit tendenziell zurück. Insofern scheint das Haus der Mutualité ein Spiegel des Bedeutungswandels der  Mutuelles zu sein.[16]

Die neue Bestimmung des Hauses wird von seinem Direktor so definiert:    « un petit palais des congrès de la  Rive gauche, [pour] accueillir aussi bien des concerts de musique classique, […] des soirées évènementielles, des lancements de produits par exemple, [des] défilés de mode, des salons ou des meetings politiques »[17]. – jedenfalls für solche Gruppierungen, die sich das leisten können.

DSC00641 La maison de la mutualité (50)

Wesentlicher Bestandteil der Veränderung des Hauses war auch seine Renovierung, für die der Architekt Jean-Michel Wilmotte verantwortlich war. Wilmotte ist den Parisern unter anderem bekannt durch den Entwurf des russischen Kulturzentrums an der Seine, die Umwandlung einer alten Industriehalle in ein start-up-Zentrum (Station F) und die Mauer für den Frieden auf dem  champ de Mars, die ja schon auf diesem Blog vorgestellt wurde.[18]

Das Haus der Mutualité verfügt jetzt über ein sehr nobles und zeitgemäßes outfit, das seiner neuen Bestimmung und den aktuellen bautechnischen Normen entspricht.

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Der große Saal hat jetzt nicht mehr 1789 Sitzplätze, sondern nur noch bequeme 1732.

Außerdem gibt es mehrere Salons ….

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…. die mit allen zeitgemäßen technischen  Einrichtungen versehen sind.

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Bei der Restaurierung wurde aber auch Wert darauf gelegt,  das art-deco-Interieur nicht nur zu erhalten, sondern besonders zur Geltung zu bringen.

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Das betrifft nicht nur die dekorativen Geländer, sondern vor allem auch die wunderbaren  und typischen Ar-deco- Stuckornamente an Wänden und Decken.

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Insofern hat das Haus der Mutualité zwar an politischem Flair verloren- eine Konsequenz und ein Spiegel des Bedeutungsverlusts der mutuelles und der Krise der linken Bewegungen. Aber  es hat doch immerhin seinen einstigen Glanz als „Art-deco-Juwel“ zurückgewonnen. Dabei wurde die Erinnerung an seine historische Dimension wach gehalten: Eine eindrucksvolle Arbeit des Architekten Wilmotte.

DSC00641 La maison de la mutualité (30)

Ganz unverändert bleiben  natürlich die reizvollen Ausblicke auf die benachbarte Kirche Saint-Nicolas-du- Chardonnet, Sitz übrigens der Anhänger des Erzbischofs Lefebvre, des Anführers katholischer Traditionalisten….

Anmerkungen:

[1] Bild aus: https://www.lindigo-mag.com/La-Mutualite-ou-la-renaissance-d-un-lieu-historique_a531.html

[2] https://fr.wikipedia.org/wiki/Maison_de_la_Mutualit%C3%A9

https://fr.wikipedia.org/wiki/Normandie_(paquebot)

[3] Dreyfus, Liberté, égalité, mutualieté,  S. 127, 129 und 133)

[4] Zur Geschichte und zum Charakter der Mutualité-Bewegung: Michel Dreyfus, Liberté, Égalité, Mutualité. Mutualisme et syndicalisme 1852 – 1967. Paris 2001

Und: Michel Dreyfus, L’Histoire de la Mutualité: quatre grands défis.  https://www.cairn.info/revue-les-tribunes-de-la-sante-2011-2-page-49.htm

[5]  https://fr.wikipedia.org/wiki/Maison_de_la_Mutualit%C3%A9

[6] Zitat aus:  Lutz Winkler, Eine Chronik des Exils. Erinnerungsarbeit in Anna Seghers‘  Transit. In:  Thomas Klinkert, Günter Oesterle, Katastrophe und Gedächtnis,  Berlin/Boston 2014,  S. 148 f

[7] Siehe: B.D. Graham, Choice an Democratic Order. The French Socialist Party, 1937-1950, S. 158

Plakate bei: http://lesmaterialistes.com/parti-communiste-francais-ancrage-republique

https://picclick.fr/%E2%96%AC%E2%96%BAAffiche-Originale-Parti-Communiste-De-1951-Lhumanit%C3%A9-La-292502127477.html

[8] Siehe Michael Goebel, Paris, capitale du tiers monde:  Comment est née la révolution anticoloniale (1919-1939), Paris 2017

(9) siehe Klaus Schüle, Paris. Die kulturelle Konstruktion der französischen Metropole. Opladen 2003, S. 104/105. Der Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur wird hier übrigens auf das Jahr 1936 datiert, das Jahr der Volksfront. Wenn ich solche Fehler bemerke, tröstet mich das etwas. Mir unterlaufen die ja auch öfters -vielleicht sogar oft?- und dann bin ich immer sehr dankbar, wenn mich aufmerksame Leser/innen darauf aufmerksam machen. In einem Blog kann man die dann ja auch -anders als in einem Buch- leicht korrigieren.

[10] Siehe dazu den Blog-Beitrag über „die Plakate der Revolte“: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10345

[11] http://www.lavie.fr/debats/idees/1968-annee-heretique-25-04-2018-89698_679.php

[12]  Le Parisien, 18. September 2009

Bild aus: Mai 68. Paris: Denoël, Préface de Daniel Cohn-Bendit, S. 99

http://www.liberation.fr/cahier-special/1998/05/09/special-mai-68-ce-jour-la-jeudi-9-mai-aragon-vous-etes-vieux-place-de-la-sorbonne-le-fou-d-elsa-se-f_238374

https://www.anti-k.org/2016/02/22/ce-quil-y-a-de-commun-entre-la-periode-qui-a-precede-mai-1968-et-aujourdhui/

[13] https://www.youtube.com/watch?v=qGrovxMBvJA

https://www.lemonde.fr/musiques/article/2018/05/23/le-10-mai-1968-des-paves-et-un-concert-de-leo-ferre_5303117_1654986.html

[14] L’Espress/L’expansion vom 1.3.2009   https://lexpansion.lexpress.fr/actualite-economique/la-maison-de-la-mutualite_1390836.html

[15] http://www.leparisien.fr/paris-75/la-mutualite-la-fin-d-un-mythe-18-09-2009-642787.php

[16] Siehe Dreyfus, S. 335f

[17] http://www.gl-events.com/maison-de-la-mutualite-paris-reception-centre 

[18]  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2035

 

Geplante weitere Beiträge

  • Street-Art in Paris (3):  Der Invader
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 1: Lyon, Luberon, Piemont
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 2: Die Waldenser in Hessen-Homburg
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier
  • Das Hotel Lutetia und der Lutetia-Kreis, der Versuch der Schaffung einer deutschen Volksfront gegen den Faschismus

Die Manufacture des Gobelins: Politik und Kunst

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Marschall Pétain, hoch zu Ross, die blau-weiß-roten Blätter flattern im Wind: Ausschnitt aus einem Wandteppich, der 1942/43 in der Manufacture des Gobelins in Paris hergestellt wurde.

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Rechts im Bild sieht man Pétain noch als General  des ersten Weltkriegs, ruhig inmitten von Stacheldrahtverhauen und explodierender Granaten, die ihm nichts anhaben können; in der Hand den strategischen Plan der Schlacht von Verdun, als deren Sieger Pétain gefeiert wurde.

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Links – im Gegensatz dazu- ein Bild des Friedens, unübersehbar durch die Friedenstauben bezeichnet.

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Die Soldaten kommen aus dem Kampf zurück und machen sich an die Arbeit: Eine Idylle des Landlebens. „La France profonde, éternelle et glorieuse“, wie es leibt und lebt.

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Und in der Mitte Pétain, der Präsident des Collabortations-Regimes von Vichy, der, so die Botschaft des Wandteppichs, durch die Zusammenarbeit mit  Nazideutschland Frankreich den Frieden gebracht hat.  Paul Charlemagne hat diesen „À la Gloire du maréchal Pétain“ betitelten Wandteppich entworfen. 1942, als die Arbeit daran begonnen wurde, war Pétain  schon 86 Jahre alt. Und er legte großen Wert darauf, auf den damals weit verbreiteten Portraits als gerechter und strenger „Vater der Nation“, aber nicht als altersschwacher Großvater zu erscheinen. Allzu realistische Portraits fielen der Zensur zum Opfer. Mit dem Portrait auf Charlemagnes Gobelin wird er sicherlich zufrieden gewesen sein.

Dieser Wandteppich war Teil der damaligen Pétain-Verherrlichung und der Propaganda der von ihm proklamierten „révolution nationale“, in der die Arbeit, und dabei vor allem die Landarbeit, eine zentrale Rolle spielte. Der Gobelin sollte den Chef des État français in eine Reihe mit den großen heroischen Gestalten der französischen Geschichte stellen, wie es in dem Begleitfilm zu der Ausstellung heißt.[1] Der Wandteppich wurde bis zur Befreiung von Paris im Musée de l’Orangerie präsentiert, danach erst jetzt wieder in der Ausstellung „Au fil du siècle, 1918-2018, Chefs-d’œuvre de la tapisserie » (April bis September 2018) in der Manufacture des Gobelins in der avenue des Gobelins.[2]

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Gezeigt werden  in dieser Ausstellung  zwei weitere -ebenfalls bisher noch nie ausgestellte- Gobelins, die während der Zeit der occupation  im deutschen Auftrag von Werner Peiner entworfen  und von der Manufaktur hergestellt wurden.

Der Wandteppich mit dem von Stieren gezogenen Wagen und der Hakenkreuzstandarte der Fruchtbarkeitsgöttin Ceres wurde 1941-1944 angefertigt und war für das Außenministerium des Freiherrn von Ribbentrop bestimmt. Dazu gehörte auch ein weiterer Wandteppich mit dem Motiv der Quadriga-  als „männliches Gegenstück“ zu dem weiblichen Element der Fruchtbarkeit gedacht. Beide Wandteppiche wurden noch vor Kriegsende nach Deutschland gebracht, dort von den Alliierten  entdeckt, 1949 nach Frankreich zurückgebracht und in den Tiefen der Depots des Louvre und des Musée d’Art moderne versenkt…[3]

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Die Herstellung dieser Okkupations-Teppiche erforderte übrigens mehrere Kilogramm Gold- und Silberfäden, die aus Deuschland angeliefert wurden. Man kann sich in der Tat, wie ein  jüdischer Bekannter, den wir beim Besuch der Ausstellung trafen, fragen, woher die Nazis damals das Gold und Silber für diese Wandteppiche hatten…

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Ein weiterer, aber nicht vollendeter Gobelin wurde von „Reichsmarschall“ Göring für seinen Landsitz Carinhall in der Schorfheide bestellt: „Le Globe terrestre“. Materialien waren Wolle, Seide und –natürlich auch hier- Gold- und Silberfäden. Pracht und Ausmaße dieses Wandteppichs entsprachen dem Auftraggeber: Natürlich übertraf die vorgesehene Größe von 72,2 m² nicht nur deutlich die von Ribbentrop bestellten Wandteppiche, er sollte sogar noch 5m² größer werden als das größte im Louvre ausgestellte Bild, Veroneses Hochzeit zu Kana.[4]

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Bemerkenswert sind auf dieser Karte auch Details wie Grenzziehungen und die Hervorhebung von (Haupt-)Städten: Einige Grenzen, z.B. die von Verbündeten Nazi-Deutschlands wie die der Slowakei, Ungarns und Rumäniens, sind mit roter Farbe hervorgehoben, andere wie die belgische, holländische oder dänische Grenze nur leicht skizziert. Und wieder andere fehlen ganz: so  die Grenze zwischen Italien und Frankreich, wo es ja italienische Gebietsansprüche und eine italienische Besatzungszone gab; die Schweiz ist überhaupt nicht berücksichtigt. Und das sogenannte „Protektorat Böhmen und Mähren“ ist (natürlich) voll in das deutsche Staatsgebiet integriert. Elsass-Lothringen allerdings nicht: Vielleicht wollte man diese Provokation den französischen Webern der Manufaktur doch nicht zumuten. Während Hauptstädte im Allgemeinen durch ein Quadrat markiert sind, gilt das für Brüssel nicht, eine niederländische und luxemburgische Hauptstadt existieren überhaupt nicht. Bei Deutschland dagegen sind gleich drei Hauptstädte eingewoben: Berlin, Wien und interessanter Weise auch Prag. Und bemerkenswert ist auch die Bezeichnung „Deutschland“ statt der damals von den Nazis verwendeten Bezeichnung „Großdeutsches Reich“, die man auf einer solchen, propagandistischen Zwecken dienenden Karte vielleicht eher erwarten würde. Aber dieser unvollendete Karten-Gobelin knüpft in seiner Gestaltung eher an traditionelle Weltkarten an. Mit den drei deutschen Hauptstädten bezieht er sich auf den historischen Reichsgedanken und mit seiner selektiven Grenzziehung soll er wohl auch offen sein für die von den Nazis erhofften Veränderungen der europäischen Landkarte im Laufe eines siegreichen Krieges.

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Vollendete Tatsachen schafft der Gobelin aber schon in Afrika, wo die früheren deutschen Kolonien  „heim ins Reich“ geholt sind….

Die in der Ausstellung erstmalig gezeigten Wandteppiche aus der Zeit von collaboration und occupation belegen, wie sich die Gobelin-Manufaktur damals in den Dienst politischer Propaganda gestellt hat oder dazu hat benutzen lassen. Das war allerdings kein völlig aus dem Rahmen fallendes Phänomen.

Die ersten in der Ausstellung gezeigten Gobelins aus der Zeit nach dem ersten Weltkrieg  transportieren ebenfalls eindeutige politische Botschaften. So der von Louis Anquetin entworfene Wandteppich zum Thema „La Victoire“ – einer von insgesamt vier schon 1917 bestellten Gobelins zu diesem Thema.

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In der Mitte des großen Wandteppichs –hier ein Ausschnitt- sieht man eine Bäuerin, die angesichts des blutrot-drohenden Horizonts ängstlich ihr kleines Kind an sich presst. Und Grund zur Angst gibt es in der Tat: Da sieht man die unheilverkündenden Raben…

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… und vor allem einen auf einem feuerspeienden Drachen reitenden wilden Gesellen mit einem blutverschmiertem Dolch und einer Brandfackel in den Händen: An Schaftstiefeln, Pickelhaube und Bart unschwer als ein Bild des mordlustigen deutschen Kaisers zu identifizieren.

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Aber keine Angst: Da sind auf der anderen Seite die in Rubens’scher Manier dargestellten Schmiede des Vulkanus, die aus Pflugscharen Schwerten machen, mit denen der böse Feind besiegt wird.

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Und da ist ganz oben in der Mitte der kampfbereite gallische Hahn, der Garant des Sieges.

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Und als der dann tatsächlich errungen war, produzierte die Manufaktur Bezüge für Sofas und Sessel, auf denen die zum Sieg führenden Waffen abgebildet waren und der heldenhafte Einsatz der französischen Soldaten verherrlicht wurde.

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So gehen Tradition –die klassischen Blumenmuster-, Modernität –die modernen Waffen- und Nationalismus –die heldenhaften Soldaten und die Farben der Tricolore- eine für diese Zeit charakteristische Verbindung ein.

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Die 1921 von der Manufaktur in  Auftrag gegebenen Entwürfe von Adrien Karbowsky sind, wie der Begleittext kritisch vermerkt, Teil der damals gängigen „auto-célébration de la victoire française“. Es handele sich hier angesichts der vom Krieg erzeugten Traumata um „einen letzten Schwanengesang“ militärischer Themen und Motive.

 

Die königliche Manufaktur des Gobelins: Glorifizierung Ludwigs XIV. und Frankreichs

Dass die Manufaktur sich als Instrument politischer Propaganda betätigte, war ihr gewissermaßen in die Wiege gelegt.  Dort, wo Mitte des 15. Jahrhunderts an dem Flüsschen Bièvre der holländische Tuchfärber Jehan Gobelin sein Atelier errichtet hatte….

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Inschrift auf der seitlichen Fassade der Manufaktur des Gobelins, avenue des Gobelins[5]

… wo Anfang des 17. Jahrhunderts Henri Quatre flämische Weber angesiedelt hatte, damit sie Teppiche façon de Flandres, also in „flämischer Manier“ produzierten[6], dort –in dem inzwischen Quartier des Gobelins genannten Viertel- errichtete Colbert, der Wirtschaftsminister Ludwigs XIV., die Manufacture des Meubles de la Couronne, zu denen auch die Manufacture royale des Gobelins gehörte. Die dort produzierten Teppiche trugen also den Namen der holländischen Tuchfärber, die hier früher gearbeitet, aber nie auch nur einen einzigen Teppich hergestellt hatten.

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Inschrift auf der Seitenfassade der Manufaktur amCour d’Antin, über dem Eingang zum Ausstelluungsgebäude[7]

Erster Direktor der Manufaktur war der Hofmaler Ludwigs XIV., Charles Le Brun. Das zeigt die Bedeutung, die das Unternehmen für die Krone hatte. In der Manufaktur wurden neben Gobelins auch andere Ausstattungsstücke wie Möbel, Drucke und Gold- und Silberarbeiten hergestellt. Insgesamt arbeiteten damals etwa 250 Handwerker in der Manufaktur. Bei seinen Entwürfen für die Gobelins wurde Le Brun von einem ganzen Stab von Malern unterstützt, die ihm zuarbeiteten. Es gab Spezialisten für Landschaften, für Architektur, für Ornamente, für Stillleben, für die Darstellung von Personen. Le Brun selbst leitete und koordinierte die Arbeiten, behielt es aber sich vor, in allen Darstellungen, in denen der König erschien, dessen Züge selbst zu zeichnen. [8]

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Statue Le Bruns im Hof der Manufaktur

Nicht zimperlich war man übrigens bei der Ausschaltung unliebsamer Konkurrenz: Es gab nämlich eine bedeutende Produktion von Teppichen in Maincy,  einem Atelier in der Nähe von Vaux-le-Vicomte, dem Schloss Fouquets, des Finanzministers des jungen Ludwigs XIV.  Als der aber seinen Reichtuum allzu protzig zur Schau und damit sogar den  Sonnenkönig in den Schatten stellte, ließ ihn Ludwig XIV. 1661 verhaften und ins Gefängnis werfen, wo er den Rest seines Lebens zubrachte. Gleichzeitig  übernahm der König aber das Künstlerdreigestirn von Vaux-le-Vicomte, nämlich Le Vau (Architekt), Le Nôtre (Gartenarchitekt) und eben auch Le Brun, den Leiter der Fouquet‘schen Teppich-Manufaktur und dessen Personal.[9]

Bei der Anwerbung  zusätzlich benötigter erstklassiger Fachkräfte sah man sogar großzügig über deren Konfession hinweg. Während Protestanten ansonsten vertrieben und verfolgt wurden, standen sie im Bereich der Manufaktur unter dem Schutz der Krone, wenn sie nur  Meister ihres Faches waren – ähnlich also, wie die unter der Protektion der Stiftsdamen des Klosters Saint-Antoine stehenden protestantischen ébénistes. [10]

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Um den rechten Glauben der Beschäftigten zu befördern, wurde immerhin im Bereich der Manufaktur eine Kapelle errichtet – erkennbar an Uhr und Glockentürmchen;  davor auf dem Sockel eine Statue Colberts.

Bei der Gründung der königlichen Manufaktur ging es natürlich, der damals herrschenden merkantilistischen Lehre entsprechend, um –modern ausgedrückt- Importsubstitution. Wie schon zu Zeiten Henri Quatres verbot Colbert die Einfuhr ausländischer Teppiche. Die königlichen Schlösser sollten nur mit Produkten „made in France“ ausgestattet werden. Darüber hinaus waren die in der  Manufaktur hergestellten Gobelins als königliche Präsente und für den Export bestimmt.  In allen Fällen  ging es aber auch darum, die Teppiche als Mittel der Glorifizierung des Sonnenkönigs, seiner „hauts faits es vertus“ zu verwenden. Immerhin wurde die königliche Manufaktur in dem Jahrzehnt gegründet, in dem die absolute Herrschaft Ludwigs XIV. sich konsolidierte und in dem ein festes Repertoire ihm  zugeordneter Symbole und  Bezüge wie die Sonne oder Appollo entstand.  Beispiele solcher der königlichen Propaganda dienender Gobelins sind die Serien zur „Geschichte des Königs“ und zur „Geschichte  Alexanders“, mit dem Ludwig XIV. gerne verglichen wurde. Es ging also auch hier um die Verherrlichung der Monarchie und des Sonnenkönigs. Von diesen Gobelins wurden teilweise bis zu 15 Exemplare hergestellt, um den Ruhm des Königs möglichst weit zu verbreiten. Sie wurden  verwendet, um die Besucher des Hofes zu beeindrucken oder auch als Geschenke für ausländische Botschafter. Die Qualität der Entwürfe, der Reichtum der verwendeten Materialien –auch bei ihnen schon wurde an Gold- und Silberfäden  nicht gespart- und die lange Dauer ihrer Herstellung sollten den Reichtum und die Stabilität Frankreichs zum Ausdruck bringen. Insgesamt wurden während der 30-jährigen Blütezeit der Manufaktur unter der Herrschaft Ludwigs XIV. 775 Gobelins hergestellt – eine beeindruckende Zahl, wenn man bedenkt, dass an einem Gobelin mehrere Weber über ein Jahr lang gearbeitet haben.

Die Bedeutung, die die Manufaktur für Ludwig XIV. hatte, wird in einem  Gobelin anschaulich, der den Besuch des Königs am 15. Oktober 1667  thematisiert. Dieser Gobelin, hier eine Entwurfszeichnung Le Bruns, gehört zu der Serie der 14 Gobelins zur „Histoire du Roi“. [11]

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Die  im Schloss von Versailles ausgestellte Gobelin-Serie zur Geschichte des Königs wurde zwischen 1729 und 1734 hergestellt,  also in der Zeit Ludwigs XV., der sich damit in die Tradition des Sonnenkönigs stellte.[12]

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Die hier dargestellte Szene findet im Hof der Manufaktur statt. Verschiedene Handwerker führen dem König die von ihnen hergestellten Produkte vor: Möbel, Gold- und Silberarbeiten, Teppiche und natürlich Gobelins. Auf der linken Seite sieht man Ludwig XIV., hervorgehoben durch die rote Farbe und durch den freien Raum rund um seine Füße. Außerdem ist er größer als die neben ihm Stehenden, Zeichen seiner Majestät. Begleitet wird er von Colbert, dem er sich zuwendet.

Mit dem Besuch der gerade gegründeten Manufaktur bezeugt der König  seine Modernität, indem er  die Herstellung von Gobelins zu einem „Instrument der politischen Kommunikation“ macht.[13]

Die Blütezeit unter Ludwig XIV. endete allerdings schon frühzeitig: 1694, also 21 Jahre vor dem Tod des Sonnenkönigs, wurde die Manufaktur für fünf Jahre geschlossen, alle dort Beschäftigten entlassen und  ein Teil der dort hergestellten Gold- und Silberarbeiten eingeschmolzen. Grund dafür waren die Staatsfinanzen, die vor allem aufgrund der von Ludwig XIV. angezettelten Kriege, zuletzt durch den sich unerwartet lange hinziehenden Pfälzischen Erbfolgekrieg,  zerrüttet waren.[14]

 

Die Manufacture des Gobelins: Ihr Beitrag zur Verherrlichung Napoleons

Wie sehr die Manufaktur von den geschichtlichen Entwicklungen geprägt war, zeigte sich dann auch während der  Französischen Revolution und der Herrschaft Napoleons. Direktor der Manufaktur zur Zeit der Revolution war Auguste Belle. Der ließ im November 1793 auf dem Hof der Manufaktur einen Freiheitsbaum errichten, unter dem Gobelins verbrannt wurden, die aufgrund ihrer Wappen oder der königlichen Lilie als nicht mehr zeitgemäß galten. Alle Angestellten  der Manufaktur wurden aufgefordert, auf die neue Verfassung, die Convention nationale, zu schwören und an die Nachwelt nur noch Bilder der Helden und Märtyrer der Freiheit  sowie erinnerungswürdige Taten republikanischer Franzosen weiterzugeben. [15] Im Sommer 1794 besuchte eine Kommission die Manufaktur „pour entretenir la flamme républicaine“: Von 321 in den Beständen der Manufaktur vorhandenen Mustern für die Herstellung von Gobelins (cartons) wurden 120 als antirepublikanisch, fanatisch, d.h. zu offensichtlich christlich, und unmoralisch ausgesondert.[16]

Während des Konsulats und vor allem des napoleonischen Kaiserreichs erlebte die Gobelin-Manufaktur einen neuen Aufschwung. Sie arbeitete jetzt ausschließlich für die Zwecke Napoleons, der wünschte, dass die „maisons Impériales“, vor allem die Tuilerien,  mit den Werken der Manufaktur ausgestattet sein sollten. Das waren Gobelins, die die Heldentaten des Kaisers darstellten, wobei  Gemälde von David, Gros und anderen als Vorlage dienten.  Und es waren kaiserliche Portraits, die den Ruhm das Kaisers – und das Ansehen der Manufaktur- verbreiteten: Wie zu Zeiten des Sonnenkönigs erhielten die Herrscherhäuser Europas Gobelins mit dem Portrait des Kaisers, vor allem natürlich seine zahlreichen Familienmitglieder, die er auf europäischen Thronen  platziert hatte. [17] Das von Napoleon bevorzugte Portrait war nicht das Krönungsportrait seines Hofmalers Jacques-Louis David, sondern das 1805 entstandene Gemälde von François Gérard. Es zeigt Napoleon im Krönungsornat und mit goldenem Lorbeerkranz im Thronsaal der Tuilerien und entsprach in seiner Konzeption der traditionellen Darstellung französischer Könige seit Ludwig XIV. Napoleon ließ von diesem „offiziellen“ Kaiser-Portrait zahlreiche Kopien anfertigen. 1808  bestellte er bei der jetzt kaiserlichen Manufacture des Gobelins eine gewebte Version des Gemäldes, das heute im Museum of Modern Art in New York zu sehen ist.  Es war für den Erzkanzler des Reichs, Jean-Jacques Régis de Cambacérès, bestimmt: Eine besondere Auszeichnung. Eine gemalte Kopie wäre ja wesentlich billiger und schneller verfügbar gewesen, während an diesem Auftrag  elf Weber volle drei Jahre lang arbeiteten.[18]

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Auch wenn Napoleon in der Manufacture des Gobelins ein ideales Instrument für sein Prestigestreben sah, gab es doch –aufgrund der großen Abstände zwischen Konzeption und Fertigstellung eines Gobelins- eine erhebliche Diskrepanz zwischen Projekten und Resultaten. Der Wunsch Napoleons, die wichtigsten Ereingnisse seiner Herrschaft durch Gobelins zu verewigen, konnten deshalb nur bruchstückhaft umgesetzt werden.[19]

Aber es gibt doch auch eindrucksvolle Gobelins aus der Pariser Manufaktur, die der Verherrlichung des Kaisers dienten.

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So der nach einem Gemälde von Antoine-Jean Gros gefertigte Gobelin, auf dem der Erste Konsul Bonaparte hoch zu Ross zu sehen ist. Er  verteilt nach der Schlacht von Marengo am 14. Juni 1800 Ehrensäbel an die  Grenadiere seiner Garde. Das Werk wurde 1810 fertiggestellt und ein Jahr später Hortense, der  Stieftochter des Kaisers, Königin von Holland und Mutter des späteren Napoleons III., geschenkt.[20] En weiteres Beispiel ist der 1809 bis 1915 in der Manufaktur angefertigte Gobelin, in dessen Mittelpunkt natürlich auch Napoleon steht: Nach seiner Krönung zum Kaiser am 8. Dezember 1804 empfängt er im Louvre die Abordnungen des Militärs.[21]

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 Seine Macht wird durch sein Ornat und die Herrscchergeste,  die im Spalier aufgereihten stramm stehenden Soldaten und die demütige Haltung des ottomanischen Gesandten eindrucksvoll herausgestellt. Die Umgebung mit den Raumfluchten des Louvre und der römischen Statue in Siegespose trägt natürlich auch ihren Teil zur Verherrlichung des Kaisers bei.

Es gibt also eine lange, auch vom bourbonischen System der Restauration und dem Kaiserreich Napoleons III. weitergeführte Tradition der Manufacture des Gobelins, einen Beitrag zur Glorifizierung der jeweiligen Repräsentanten des Staates zu leisten. Insofern ist es wohl auch zu erklären, dass  Communarden 1871 kurz vor ihrer Niederschlagung in der semaine sanglante[22] den Vorgängerbau des heutigen Ausstellungsgebäudes in Brand setzten. Dies hatte nicht die geringste militärische, aber eine hohe symbolische Bedeutung: Die Manufaktur als repräsentative Instanz der bekämpften alten Ordnung.

 

Kunstgobelins aus der Nachkriegszeit

Nach der Instrumentalisierung der Manufaktur durch Pétain und die Nazis war nach 1945 ein Neuanfang unabdingbar. Eine besondere Rolle dabei spielte André Malraux, der von 1959 bis 1969  Kulturminsiter war und dem  die Förderung zeitgenössischer Kunst ein besonderes  Anliegen war.  In seiner Ära wurden Kontakte zu bedeutenden Künstlern geknüpft, die angeregt wurden, Entwürfe für Gobelins herzustellen. In der oben genannten Ausstellung waren zahlreiche solcher Gobelins ausgestellt.

Hier einige Beispiele:

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Fernand Léger, La Création du monde (1962)

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André Derain, L’Âge d’or (1965/66)

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Raoul Dufy, La Baie de Saint-Adresse (1966/68)

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Joan Miró,  hirondelle d’amour (1979/1980)

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Victor Vasarely, Composition foncée (1977/79)

 

Und aus unserer Sicht besonders eindrucksvoll:

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Hans Hartung, P 1967-109   (1971/1972)

 

Nach 1945 wurden also in der Manufaktur künstlerisch anspruchsvolle, moderne Gobelins hergestellt. Bei unserem Rundgang –leider abolutes Fotografierverbot- konnten wir einige sehr beeindruckende, von zeitgenössischen Künstlern entworfene Teppiche sehen, die gerade im Entstehen sind. Die einmal gängigen Portraits der jeweils Regierenden haben dagegen  ausgedient. Undenkbar,  dass es etwa Gobelins mit den Portraits von de Gaulle hätte geben können – oder jetzt von Macron: Der vertrat zwar schon vor seiner Wahl zum Staatspräsidenten die Auffassung, dass die Hinrichtung Ludwigs XVI. eine „emotionale Leere“ im kollektiven Bewusstsein der Franzosen geschaffen habe, die durch eine „Resakralisierung“ der präsidialen Funktion auszufüllen sich der junge, gerne als „jupiterien“ charakterisierte Präsident  nach Kräften bemüht.[23] Entsprechende Gobelins scheiden  aber als Instrumente aus.

Immerhin hat der jeweilige Präsident das Privileg, sich aus dem großen und ständig anwachsenden Reservoir des mobilier national für den Elysée-Palast – auch gerne château genannt- das auszuwählen, was seinem Geschmack und den präsidialen Repräsentationszwecken am meisten entspricht. So sollen, wie uns bei dem Besuch der Manufaktur unsere Führerin augenzwinkernd erläuterte, ausländische Besucher vom französischen savoir-faire so beeindruckt werden, dass sie dann angeregt werden, auch einen Airbus oder eine Mirage zu  bestellen….

 

Praktische Hinweise:

Adresse: 42, Avenue des Gobelins im 13. Arrondissement

Öffnungszeiten der Dauerausstellung: täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr

Besuche der Ateliers: Mittwochs 15 Uhr, z.T. auch 13 Uhr. Frühzeitige Reservierung erforderlich. Es werden jeweils zwei der drei unter dem Dach des mobilier national vereinigten, in der Avenue des Gobelins installierten und auf unterschiedliche Verfahren spezialisierten Ateliers gezeigt.  (Atelier des Gobelins, de Beauvais und Savonnerie).

https://www.cultival.fr/visites/ateliers-des-gobelins-dans-les-coulisses-dun-metier-dart

 

Weitere Blog-Beiträge zu Ludwig XIV.:

 

Weitere Blog-Beiträge zu Napoleon:

 

Anmerkungen

[1]  „Cette tapisserie vise à inscrire le chef de l’État français dans la lignée des grandes figures heroïque de l’histoire de France.“ Begleitfilm von Ophélie Juan zur Ausstellung und Begleittext zum Wandteppich

[2] Das repräsentative Ausstellungsgebäude an der avenue des Gobelins stammt aus der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg.

[3] http://www.culture.gouv.fr/Thematiques/Metiers-d-art/Actualites/Au-fil-du-siecle-chefs-d-oeuvre-de-la-tapisserie-1918-2018

[4] Übernommen vom  Begleittext der Ausstellung

[5] „Jean et Philibert Gobelin, Tuchhändler und –färber „en écarlate“  hatten hier am Ufer der Bièvre am Ende des 16. Jahrhunderts ihr Atelier. Nach ihnen wurden  dieses Viertel von Paris und die Teppichmanufaktur benannt.“ Die Färbemethode „en écarlate“ war damals  besonders  innovativ und gefragt, weil man mit ihr vor allem  ein Spektrum leuchtender Rottöne erzeugen konnte. Siehe: Hélène Hatte und Valérie Rialland-Addach, Promenades dans le quartier des Gobelins et la Butte-aux-Cailles. Paris 2008, S. 72

[6] Zur Förderung der heimischen Produktion von Teppichen verbot er sogar die Einfuhr der bis dahin den Markt beherrschenden flämischen Teppiche.

[7] „Im September 1667 gründete Colbert in den Gebäuden der Gobelins die Möbel-Manufaktur der Krone unter der Leitung von Charles Le Brun“.

[8] https://www.universalis.fr/encyclopedie/charles-le-brun/4-le-directeur-de-la-manufacture-royale-des-gobelins/  und Henri Gleizes, Dans les Coulisses du Mobilier National. Paris 1983, S. 161

[9] Henri Gleizes, Dans les Coulisses du Mobilier National. Paris 1983, S. 154/156

[10] Siehe den Blog-Beitrag über den Faubourg Saint-Antoine, das Viertel des Holzhandwerks: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/32

[11] Bild aus: https://commons.wikimedia.org/

[12] Eine Zusammenstellung der Serie in: http://collections.chateauversailles.fr/#f8a9f9ca-48d8-4089-b22f-41bc940ec7bd und https://fr.wikipedia.org/wiki/Tenture_de_l%27Histoire_du_Roy

[13] https://www.histoire-image.org/de/etudes/manufacture-gobelins Siehe auch: Jean-Christian Petitfils, Louis XIV.  Paris, Fayard, 1999.

[14] Gleizes, a.a.O., S. 161  https://www.universalis.fr/encyclopedie/charles-le-brun/4-le-directeur-de-la-manufacture-royale-des-gobelins/ und http://www.mobiliernational.culture.gouv.fr/fr/nous-connaitre/les-manufactures/manufacture-des-gobelins

[15]  Gegenstand des Schwurs:  „de n’employer désormais leurs talents qu’à transmettre à la postériorité les images des héros et martyrs de la liberté ainsi que les actions mémorables des Français … républicains“. Gleizes, S. 163/164

[16]  Gleizes, S.  164

[17] Caroline Girard, La manufacture des Gobelins du Premier Empire à la monarchie de Juil  http://theses.enc.sorbonne.fr/2003/girard

[18] https://www.metmuseum.org/toah/works-of-art/43.99/

[19] Girard a.a.O.

[20] https://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/objets/bonaparte-premier-consul-distribue-des-sabres-dhonneur-aux-grenadiers-de-sa-garde-apres-la-bataille-de-marengo-le-14-juin-1800/

[21] Bild aus: http://www.alaintruong.com/archives/2018/02/05/36115217.html

[22] Siehe  dazu den Beitrag über die Commune auf diesem Blog: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2912

[23] Interview Macrons vom 8. Juli 2015: http://www.atlantico.fr/pepites/emmanuel-macron-manque-roi-2228499.html  und Interview mit dem Verfassungsrechtler  Dominique Rousseau vom 2. Juli 2017: https://www.nouvelobs.com/politique/20170629.OBS1399/congres-de-versailles-macron-tente-de-resacraliser-la-fonction-presidentielle.html

 

 

Geplante weitere Beiträge

  • Street-Art in Paris (3):  Der Invader
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 1: Lyon, Luberon, Piemont
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 2: Die Waldenser in Hessen-Homburg
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier
  • Das Haus der Mutualité in Paris und der Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935

 

Das Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise in Paris: Eine Hommage an den Vorkämpfer der deutsch-französischen Verständigung

 

Der nachfolgende Beitrag ist Ludwig Börne gewidmet, dem Zeitgenossen Heinrich Heines, mit dem er viel gemeinsam hat, von dem ihn aber auch Wichtiges trennt. Obwohl Börne zu seinen Lebzeiten „die zentrale Figur“  war und Heine „überstrahlte“, und obwohl er heutzutage vielfach gerühmt wird z.B. als eine der „hervorragenden Figuren der deutschen Literaturgeschichte“,  als „Schöpfer des deutschen Feuilletons“ oder als „Apostel der Freiheit“[1], ist er „kaum bekannt“, „leider ein vergessener Autor“.[2]

Mein Interesse an Ludwig Börne beruht unter anderem auf seiner deutsch-französischen Biographie: Börnes Leben verläuft nämlich zwischen zwei Polen: Dem heruntergekommenen, überfüllten jüdischen Ghetto in Frankfurt am Main, wo er 1786 geboren wurde, und Paris, der glänzenden „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ (Walter Benjamin), in der er 1837 starb und beerdigt wurde.

Damit gehört er zu einer Reihe von deutschsprachigen Autoren, für die und die für Paris bedeutsam waren.  Einer der prominentesten ist  Heinrich Heine, über  den es schon einen Beitrag auf diesem Blog gibt. (Mit Heinrich Heine in Paris. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8231 ). Andere Autoren sollen folgen.

Zur Konzeption dieses Blog gehört, dass die Beiträge möglichst auf bestimmte  Orte bezogen sind, die  im Zentrum des jeweiligen Beitrags stehen oder für das jeweilige Thema interessant sind. Es gibt,  bezogen auf  deutschsprachige Autoren, zahlreiche solcher Orte in Paris : Für Heinrich Heine   –unter anderem- zwei Erinnerungstafeln an Häusern , die er bewohnte, sein Grab auf dem cimetière de Montmartre, dazu auch noch das deutsche Haus in der Cité Universitaire Internationale, das nach ihm benannt ist[3];  für Joseph Roth ein Portrait in dessen „Stammkneipe“, dem Café Tournon, für Stefan Zweig ein schönes Denkmal  im Jardin du Luxembourg, für Rainer Maria Rilke eine nach ihm benannte Bibliothek, für Heinrich Mann das Hotel Lutétia…

Und für Börne: Da gibt es lediglich ein wenig bekanntes, etwas abgelegenes  Grabmal mit bedrohlich wirkender Schlagseite auf dem Friedhof Père Lachaise, das allerdings aus künstlerischen und politischen Gründen besondere Aufmerksamkeit verdient – zumal es von einem der bedeutendsten französischen  Bildhauer des 19. Jahrhunderts  gestaltet wurde und weil es, worauf der Titel dieses Beitrags hinweist, nicht nur Ludwig Börne allein gewidmet ist, sondern der deutsch-französischen Verständigung insgesamt.

Im Anschluss an die Vorstellung dieses Grabmals  wird auf die Bedeutung von Paris im Leben und Wirken Börnes und auf seine auf dem Grabmal hervorgehobene Rolle als Vorkämpfer der deutsch-französischen Freundschaft eingegangen. Und es wird das ebenfalls auf dem Père Lachaise liegende Grab von Jeanette Wohl vorgestellt, der „Muse“ Börnes und Adressatin seiner Pariser Briefe.

 

Das Grabmal Börnes auf dem Père Lachaise

Das  Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise gehört nicht zu den „prominenten“ Gräbern des Friedhofs, die auf den Übersichtstafeln an den Eingängen verzeichnet sind. Es liegt ein wenig abseits in der 19. Abteilung, fällt –eher bescheiden in seinen Ausmaßen-  dem zufällig Vorbeigehenden nicht unmittelbar ins Auge, zumal die Grabstele, was Lage und Größe angeht,  nicht unübersehbar ist–anders als das am gleichen Friedhofsweg liegende Grabmal  von Samuel Hahnemann, dem Begründer der Homöopathie, oder das monumentale Mausoleum der russischen Baronin Stroganoff.

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Die Grabstele Börnes hat dagegen bescheidenere Ausmaße und liegt auch nicht direkt am Weg. Dazu erscheint der Erhaltungszustand etwas bedenklich:  „Der Grabstein neigt sich gefährlich zur Seite“, wie das Deutschlandradio  2012 berichtete. Die Schlagzeile damals:  „Das Grab des Schriftstellers Ludwig Börne verkommt“.[4]  Seitdem hat sich die deutsche Botschaft in Paris des Grabes angenommen und seine Restaurierung veranlasst. Allerdings konnte die Neigung des Grabmals dabei nicht beseitigt werden. Ihre Ursache liegt nämlich im „desolaten Zustand des Nachbargrabs … das nicht mitsaniert werden konnte“ – dazu hätte es nach französischem Recht der Zustimmung der Erben bedurft, die man aber offenbar nicht ermitteln konnte.[5]  Eine gefährlich anmutende Neigung hat  der Grabstein also trotz Restaurierung nach wie vor- und das ausgerechnet bei dem immer aufrechten Börne! Aber windschief sind viele Grabsteine auf dem Père Lachaise, auch das also wird  kaum die Aufmerksamkeit zufällig vorbeikommender Friedhofs-Flaneure erregen.

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Es sind hier auch nicht –wie an anderen Gräbern des Friedhofs- Blumen deponiert, und man wird kaum Besucher treffen, die das Grab aufgesucht haben, um dem Verstorbenen ihre Reverenz zu erweisen.

Aber vielleicht wird man doch aufmerksam auf die in eine Nische der Grabstele eingefügte bronzene Büste des Verstorbenen: Ein Portrait mit schönen, scharf geschnittenen Gesichtszügen und klarem Blick – Tatkraft und Energie ausstrahlend.

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Durch die Grabinschrift erfährt man, dass hier Ludwig Börne begraben ist, der am 22. Mai 1786 in Frankfurt am Main  (hier: sur le Mein) geboren wurde und am 12. Februar 1837 in Paris starb.  Börne war also ein etwas älterer Zeitgenosse Heinrich Heines: wie er wurde er in Deutschland (als Juda Löb Baruch im jüdischen Ghetto Frankfurts) geboren, wie er konvertierte er zum Protestantismus. Und  wie auch Heine  verbrachte er die letzten Jahre seines Lebens in Paris und starb dort- so wie er es sich schon in seiner Jugend erträumt hatte:

„Es ist nichts Angenehmeres auf der Welt, als in Paris zu sterben; denn kann man dort sterben, ohne auch dort gelebt zu haben?“[6]

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Unterhalb dieser Grabinschrift gibt es ein Bronzerelief von bescheidenem Ausmaß (40 mal 60 cm), das man, neugierig geworden, nun vielleicht doch etwas näher betrachtet.

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Abgebildet sind drei Frauen: In der Mitte eine Frau mit phrygischer Mütze, also ganz offensichtlich eine Allegorie der Freiheit. Ihr zur Seite zwei weitere Frauengestalten, die Frankreich und Deutschland verkörpern.

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Frankreich ist mit einem Lorbeerkranz dargestellt, das  schöne deutsche Fräulein (natürlich) mit einem Kranz aus Eichenlaub.

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Die beiden  Nationen reichen sich die Hände über dem Herzen der Freiheit, die ihrerseits die Hände Frankreichs und Deutschlands umschlingt. Rechts und links ist die Figurengruppe von Freiheitsbäumen flankiert.  Zu deren Füßen liegen Waffen und Trophäen, die auf eine kriegerische Vergangenheit zwischen beiden Nationen verweisen, jetzt aber, wo sie sich die Hände reichen, nicht mehr gebraucht werden. Auf den Sockeln liegen Stapel von Büchern und Schriften, deren Autoren  darunter eingraviert sind:

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Auf der linken  Seite, neben  Marianne, sind es Voltaire, Rousseau, Lamennais und Béranger, auf der rechten, neben  Germania, Lessing, Herder, Schiller und Jean Paul.

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Es sind also Schriftsteller, die –wie Börne-  zu einer Annäherung der beiden Kulturen beigetragen und/oder der Sache des Fortschritts gedient haben. Zu einigen dieser Autoren hatte Börne eine  besonders enge Beziehung: Zu Jean Paul, den er verehrte und auf den er 1825 in Frankfurt eine „Denkrede“ hielt:  „Er war der Dichter der Niedergeborenen, er war der Sänger der Armen, und wo Betrübte weinten, da vernahm man die süßen Töne seiner Harfe“[7] ; zu Lessing, mit dem er zu seinen Lebzeiten oft verglichen wurde[8]; zu Rousseau, dessen bronzene Büste über dem Arbeitspult in seiner Wohnung in der rue Laffitte Nr. 44 stand – deutlich zu erkennen auf Daniel Oppenheims weiter unten abgebildetem Börne-Portrait-[9], zu Voltaire, dessen Spuren in Fernay, Voltaires letztem Wohnort, Börne 1833 auf einer Reise in die Schweiz folgte[10]; zu Béranger, der um 1830 ein äußerst populärer sozialkritischer Lyriker war – er wurde damals auf eine Stufe mit Victor Hugo und Lamartine gestellt. Börne publizierte 1836 den in französischer Sprache verfassten Artikel Béranger et Uhland, ein konkretes Beispiel für sein Bemühen um deutsch-französischen Kulturaustausch. Friedrich Schiller darf unter diesen Autoren natürlich nicht fehlen. Immerhin wurden seine „Räuber“ während der Französischen Revolution in Paris mit großem Erfolg aufgeführt und 1792 wurde Schiller von der Nationalversammlung (mit der Unterschrift Dantons) zum „citoyen français“ ernannt. Auf diese Ehre wollte Schiller im Blick auf seine Nachkommen auch dann nicht verzichten, als er sich angesichts des jacobinischen Terrors  von der revolutionären Entwicklung in Frankreich distanzierte. Für Börne war Schiller der engagierte Schriftsteller, den er –ähnlich wie Jean Paul- gegen den von ihm als aristokratisch-abgehoben kritisierten Goethe auszuspielen versuchte.[11] Besonders wichtig war für Börne auch die Beziehung zu Lamennais,  von dem weiter unten noch die Rede sein wird.

« Bei dem Grabmal handelt es sich somit nicht nur um eine Ehrung Börnes, sondern um eine frühe Würdigung des deutsch-französischen Dialogs »[12]. Und dass auf dem Grabmal über der Verkörperung der Freiheit die Büste Börnes angebracht ist, darf als Hinweis darauf verstanden werden, dass Börne als deutscher Patriot und Wahlfranzose Zeit seines Lebens für die Vision gestritten hat, die David d’Angers auf dem Relief in Bronze gegossen hat.

Dass es nämlich der berühmte Pierre Jean David, genannt David d’Angers, war, der das Bronzerelief –und auch die Büste Börnes- geschaffen hat, ist der Signatur « J. David 1842 » zu entnehmen.

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David d’Angers war einer der prominentesten französischen Bildhauer der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Auf diesem Blog war schon von ihm die Rede als dem Schöpfer der Monumentalplastik im Giebelfeld des Pantheons (https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10112 ) und des Grabmals für den General Gobert auf dem Friedhof Père Lachaise (https://wordpress.com/post/paris-blog.org/9077 ), auf dem auch David d’Angers selbst bestattet ist.  Uns Deutschen ist David d’Angers vielleicht auch bekannt als der Schöpfer der großen Goethe-Büste in der Anna-Amalia- Bibliothek von Weimar, die David d’Angers nach seinem ersten Deutschland-Besuch Goethe als Geschenk übersandt hatte. Ein zweites Exemplar ist im musée d’Orsay ausgestellt. Die Goethe-Büste war Teil der Bemühungen David d’Angers, die großen Geister und Künstler seiner Zeit zu verewigen, also gewissermaßen ein eigenes übernationales bildhauerisches Pantheon zu schaffen- entweder in Form großer Büsten oder wenigstens von Medaillons, deren vollständige Sammlung –insgesamt 550- sich im Louvre befindet.

Dass zu den « großen Männern »  David d’Angers auch Ludwig Börne gehörte, ist kein Zufall, hatten doch beide ganz ähnliche, kosmopolitische Ziele und traten im Sinne ihrer freiheitlichen Ideen für einen Austausch zwischen den Nationen Europas ein. Während Börne diesen Austausch über die journalistische Etablierung einer deutsch-französischen Öffentlichkeit vorantrieb, verfolgte David d’Angers mit seiner „Galerie des contemporains“ auf der künstlerischen Ebene das Ziel einer Vernetzung der großen Geister Europas über alle Nationalgrenzen hinweg.[13]

So schickte David d’Angers 1836 Ludwig Börne, dessen « Genie und noblen Charakter » er bewundere, ein bronzenes Medaillon mit den Worten :   „À l’homme dont j’admire le génie et le noble charactère, j’offre cette esquisse en bronze faite d’après son profil, en le priant de recevoir favorablement l’assurance de mon profond respect.“[14]

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                         Das Medaillon Börnes aus dem Historischen Museum Frankfurt[15]

So lag es nahe, dass David d’Angers nach Börnes Tod von einer dafür eigens gebildeten Kommission beauftragt wurde, das Grabmal für den Verstorbenen zu gestalten. Das erforderliche Geld dafür brachte das Ehepaar Jeanette Wohl/Salomon Strauss auf, bei dem Börne die letzten Jahres seines Lebens in Wohngemeinschaft verbrachte. 1842 wurde das Grabmal auf dem Friedhof enthüllt: Die Stele mit der Bronzebüste und der Bronzeplastik mit dem Titel „La France et l’Allemagne unies par la Liberté“.

David d’Angers hat also wesentlich dazu beigetragen, das Bild Ludwigs Börne der Nachwelt  zu übermitteln- neben dem Maler Moritz Daniel Oppenheim, der von Börne ein Gemälde und einen Kupferstich anfertigte- ausgestellt im Freien Deutschen Hochstift in Frankfurt bzw., was die Graphik angeht, u.a. im Jüdischen Museum von Berlin und  im Museum Schloss Philippsruhe in Hanau.[16]

Die Beerdigung Börnes war ein gesellschaftliches Ereignis: Ein beeindruckender Trauerzug von Schriftstellern, Kaufleuten, aber auch Arbeitern, geleitete  Börnes Leichnam von seiner Wohnung in der Rue Laffitte zum Père Lachaise. „Die nächsten Freunde trugen den Sarg bis zum Grab. Der politische Flüchtling Venedey und ein Frankfurter Kaufmann sprachen am Sarge.“ Die große Grabesrede hielt François-Vincent  Raspail, ein bedeutender Chemiker und  Armenarzt, gleichzeitig aber auch ein engagierter Mann der Opposition gegen die  Herrschaft des Bürgerkönigs Louis-Philippes. Seine Zeitschrift  Réformateur, in der Börne „als französischer Schriftsteller geschrieben hatte, war ein Forum des Kampfs gegen die „Bankokratie“ und für die Sache  der Armen. Der Grabredner Raspail sah sich als Vertreter des republikanischen, freiheitlichen Frankreichs und rühmte Börne als den großen Mittler zwischen Deutschland und Frankreich.    

 „Il voyait le colosse du progrès enjamber les deux rives du fleuve qui coule entre la France et l’Allemagne, en leur tendant une main conciliatrice, qu’ils appartiennent à la même espèce et qu’ils sont soumis aux mêmes devoirs.“ [17]

Ist es bei David d’Angers die Verkörperung der Freiheit, die Deutschland und Frankreich zusammenführt, so ist es bei Raspail der „Koloss des Fortschritts“, der mit seinen beiden Beinen rechts und links des Rheins steht und den beiden Ländern die Hand zur Verständigung reicht.

Selbst Heinrich Heine, seit Anfang der 1830-er Jahre mit Börne in inniger Feindschaft verbunden, konnte sich den eindrucksvollen Bekundungen der Trauer über den Tod Börnes nicht entziehen, als er im ersten Entwurf seines bösartigen  Börne-Pamphlets schrieb :

 «Ludwig Börne hat glücklich vollendet, und die Freunde warens,  welche über seinem Sarge die männliche Thräne vergossen und das trauernde Wort gesprochen. Der Glückliche ! Er ruht auf dem  blühenden Gräberhügel, im Kreise seiner Liebesgenossen, auf dem Père-la-Chaise, und ihm zu Füßen liegt das Jerusalem seines Glaubens, das ewige Paris…  schöner kann man nicht sterben ! schöner nicht begraben seyn ! »[18]

Unmittelbar nach Börnes Tod setzte eine « Verehrungswelle » des Schriftstellers ein, wie sein Verleger Julius Campe dem –ebenfalls von ihm verlegten- Heinrich Heine schrieb :

« Börne ist zu guter Stunde gestorben. Alles achtet und ehrt ihn, sieht in ihm einen Apostel der Freiheit, der als Blutzeuge gestorben ist ; als Verbannter. »[19]

Dass der deutsche Patriot Ludwig Börne in « fremder Erde » bestattet wurde, war ein Thema zahlreicher Gedichte, die im reimfreudigen  deutschen Vormärz, der Zeit vor der Revolution von 1848, entstanden sind. Sie weisen auch auf die große Popularität hin, die Börne damals bei den liberalen Kräften in Deutschland hatte, die für « Einigkeit, Recht und Freiheit für das deutsche Valterland » stritten. Als Beispiel wird hier ein 1844 veröffentlichtes Gedicht von Otto Lünig wiedergegeben:[20]

Klagend greif ich in die Saiten,

Mitternächt’ge Schatten gleiten

Still im Mondlicht hin und her.

Heilig Grab, dich möcht ich schmücken,

Möcht an dich die Stirne drücken,

Ach das Herz ist mir so schwer.

 

Fern vom trauten Vaterlande

Siechte er auf fremder Erde,

Trauernd um sein Vaterland.

Der so  treu mit uns gelitten,

Der so kühn für uns gestritten

Deutsche haben ihn verbannt !

 

Frankreich reichte deinem Sohne,

Vaterland, die Lorbeerkrone,

Frankreich hat sein Grab geschützt !

Sahst du denn sein Herz nicht bluten,

Wenn des Edlen Zornes Gluten

Gegen dich so stolz geblitzt ?

 

Grollend greif ich in die Saiten,

Und die Schatten zürnend schreiten

Sie daher im Mondenlicht.

Ach, sein heilig Grab zu schmücken,

Ihm den Kranz auf’s Haupt zu drücken :-

Deutsche, ihr verdient es nicht.

 

Bleibe bei den Fremden liegen,

Bis der Freiheit Fahnen fliegen,

Bis zum Kampf die Freiheit ruft.

Wenn der Schlachtruf mächtig brauset,

Wenn das Schwert, die Lanze sauset,

Holen wir dich aus der Gruft.

Hörst Du’s in den Lüften  rauschen ?

Bald wirst du dein Grab vertauschen,

Ruhn im freien deutschen Land.

Wie so stolz die Augen glühen !

Sieh, an Deinem Grabe knien

Deutschland, Frankreich Hand in Hand.

 

Donnernd greif ich in die Saiten,

Und die Schatten lächelnd gleiten

Sie im Mondlicht hin und her.

Bald, ja bald wird es uns glücken,

Würdig ihm das Grab zu schmücken-

Herz, nun traure auch nicht mehr.         

 

Ludwig Börne in und über Paris

Es ist hier nicht der Ort für eine umfassende Würdigung Ludwig Börnes. Die findet man zum Beispiel in der abschließend „zum Weiterlesen“ angegebenen Literatur- ebenso wie nähere Informationen und Interpretationen zum „deutschen Zerwürfnis“ zwischen Heine und Börne. Aber die Betrachtung des Grabdenkmals  regt doch dazu an, wenigstens auf zwei Aspekte seines Lebens und Denkens noch etwas einzugehen: Die Bedeutung, die Paris für Börne hatte – von Heine immerhin als dessen Jerusalem bezeichnet- und sein auf der Grabstele hervorgehobenes Engagement für den deutsch-französischen Kulturaustausch und die Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland.

Börne hatte schon als junger Mann Paris besucht und war von der Stadt begeistert, obwohl Frankreich damals noch/wieder von den verhassten Bourbonen beherrscht wurde. Am 21. Oktober 1819,  während seines ersten Aufenthalts, schrieb er an Jeanette, seine Vertraute:

Paris ist der Telegraph der Vergangenheit, das Mikroskop der Gegenwart und das Fernrohr der Zukunft.“[21]

1830 wurden dann in drei glorreichen Julitagen, den „trois glorieuses“, die Bourbonen gestürzt.  Der revolutionäre Enthusiasmus der Franzosen strahlte weit über die Grenzen hinaus nach Belgien, Italien, Polen und auch Deutschland. „Die französische Juli-Revolution wirkte in Europa“, so Ludwig Marcuse, „wie ein Fanal des Jüngsten Gerichts.“ [22]

Heinrich Heine feierte  damals die „heiligen Julitage von Paris mit diesen Worten, die  auch von Börne hätten sein können:

„Heilige Julitage von Paris! Ihr werdet ewig Zeugnis geben von dem Uradel der Menschen, der nie ganz zerstört werden kann. Wer euch erlebt hat, der jammert nicht mehr auf den  alten Gräbern, sondern freudig glaubt er jetzt an die Auferstehung der Völker. Heilige Julitage, wie schön war die Sonne, und wie groß war das Volk von Paris.“[23]

Börne erhielt die Nachricht vom Sturz Karls X., des verhassten Bourbonenkönigs, während eines Kuraufenthalts in Bad Soden. „Von einem Tag zum anderen sind seine Schmerzen, die körperliche Schwäche und Resignation überwunden. Nur weniger Wochen später ist er mit der Postkutsche unterwegs nach Paris“,[24] wo er mit kurzen  Unterbrechungen bis zu seinem Tode blieb.[25]

In seinen „Briefen aus Paris“, gerichtet an seine Freundin und Vertraute Jeanette Wohl in Frankfurt und auf deren Anregung hin mit großem Erfolg publiziert,  schrieb er über seine Ankunft in Paris:

„Das moralische Klima von Paris tat mir immer wohl, ich atme freier, und meine deutsche Engbrüstigkeit verließ mich schon in Bondy.[26] Rasch zog ich alle meine Bedenklichkeiten aus und stürzte mich jubelnd in das frische Wellengewühl. Ich möchte wissen, ob es andern Deutschen auch so begegnet wie mir, ob ihnen, wenn sie nach Paris kommen, wie Knaben zumute ist, wenn an schönen Sommerabenden die Schule geendigt und sie springen und spielen dürfen!“ (5. Brief)

Und über sein Lebensgefühl in Paris schrieb er:

 „Manchmal, wenn ich um Mitternacht noch auf der Straße bin, traue ich meinen Sinnen nicht, und ich frage mich, ob es ein Traum ist. Ich hätte nicht gedacht, daß ich noch je eine solche Lebensart vertragen könnte. Aber nicht allein, daß mir das nichts schadet, ich fühle mich noch wohler dabei. Ich war seit Jahren nicht so heiter, so nervenfroh, als seit ich hier bin. Die Einsamkeit scheint nichts für mich zu taugen, Zerstreuung mir zuträglich zu sein …. hier erst bekam ich wieder Herz zu leben. Die geistige Atmosphäre, die freie Luft, in der man hier auch im Zimmer lebt, die Lebhaftigkeit der Unterhaltung und der ewig wechselnde Stoff wirken vorteilhaft auf mich. Ich esse zweimal soviel wie in Deutschland und kann es vertragen.“ (13. Brief)

In Paris wartete Börne voller Ungeduld auf die große Revolution. In seinen „Briefen aus Paris“ prophezeite er, „dass im Jahre 1831 ein Dutzend Eier teurer sein werden als ein Dutzend Fürsten„.

Börne hoffte,  dass der revolutionäre Funke auch nach Deutschland überspringen werde. Genährt wurde diese Hoffnung durch das  Hambacher Fest 1832, das  große Treffen der deutschen Liberalen auf dem Hambacher Schloss in der Pfalz, in der damals noch die staatsbürgerlichen Freiheiten aus der Napoleon-Ära fortbestanden. Das Fest, zu dem Börne als Ehrengast eingeladen war, wurde für ihn „ein rauschähnliches Erfolgserlebnis“.[27] Am  28. Mai schrieb er Jeanette Wohl:

„Auch wenn ich  Zeit hätte, könnte ich Ihnen nicht schildern, wie bedeutend das Fest war und in seinen Folgen werden wird. Ich habe mich nach meiner Art zurückgezogen und fast versteckt. Half aber alles nichts. Ich werde als ein Napoleon angesehen. Gestern abend brachten mir die Heidelberger Studenten unter Anführung des Herolds ein Vivat mit Fackelzug vor meine Wohnung. Schon früher zog mir auf den Straßen alles nach mit dem Geschrei: es lebe Börne, es lebe der deutsche Börne! Der Verfasser der Briefe aus Paris. (…)“[28]

Aber mit den sogenannten Juli-Ordonnanzen folgte die Repression in den Ländern des Deutschen Bundes auf dem Fuß. Der erhoffte „Mai der Völker“ blieb aus. Auch in Frankreich:  Börne musste erkennen, dass  in Paris nur ein Übel aufs andere gefolgt war: Der Bourbone Karl X. war zwar  gestürzt, aber unter dem „Bürgerkönig“ Louis Philippe hatte sich die „Geldaristokratie“ oder „Bankokratie“, wie Proudhon sie taufte, etabliert. [29]

Börne, der aufgrund dieser Erfahrungen vom Anhänger der konstitutionellen Monarchie zum Republikaner wurde, sah –besonders nach dem Aufstand der Weber von Lyon im November/Dezember 1831- einen Krieg der Armen gegen die Reichen voraus, und wendete sich in seinen journalistischen Arbeiten nun auch an die sehr umfangreiche „deutsche Kolonie“, damals die größte Gruppe von Ausländern in Paris: Als Börne 1830 in Paris eintraf, lebten dort etwa 7000 Deutsche, 1848 waren es  60000, die aus vielfältigen Gründen nach Paris gekommen waren.  Ein wichtiger Bestandteil waren die politischen Emigranten, die bei weitem größte Gruppe allerdings bildeten Arbeiter und  Handwerker, die zum Beispiel in den Werkstätten des Faubourg Saint-Antoine arbeiteten, oder Armutsflüchtlinge aus Nordhessen, die die Pariser Müllabfuhr betrieben.[30]   Einen großen Einfluss auf Börne hatte in dieser zeit der Priester Hugues Filicité Robert de Lamennais, dessen Name ja auch auf dem Grabmal Börnes eingraviert ist:  Lamennais war Vertreter eines christlichen, sozialrevolutionären Sozialismus. Obwohl der vom Vatikan 1832 in einer Enzyklika ausdrücklich verurteilt wurde, fanden  seine 1834 erschienenen  Paroles d’un croyant  (Worte des Glaubens) damals eine breite Leserschaft, zu der auch Börne gehörte.  Der war von der Schrift  tief beeindruckt,  bezeichnete sie sogar als „das dritte Testament“ und  übersetzte sie ins Deutsche.  Als Honorar für die schweizerische „Volksausgabe“  der deutschen Übersetzung erhielt er auf seinen Wunsch hin 500 Freiexemplare, die er  unter den deutschen Handwerkern und Arbeitern in Paris verteilen ließ.[31]

Für Börne war die religiöse Terminologie in dieser Zeit  ein Mittel, sich –nach dem Scheitern der direkten  politischen Agitation-  über den engen Kreis der Intellektuellen hinaus Gehör zu verschaffen. Der Gedanke an Georg Büchners Hessischen Landboten, der von dem Butzbacher Pfarrer Weidig entsprechend überarbeitet wurde, liegt dabei nahe. Börne sah im Bezug zum Christentum auch eine Chance, „vor allem bei den Unterschichten neues, auf ethisch gesichertem Boden stehendes politisches Bewusstsein“ heranzubilden[32], eine Antriebskraft für sozialen Fortschritt und einen gemeinsamen Nenner zwischen den verschiedenen kulturellen Traditionen Deutschlands und Frankreichs. Heinrich Heine hat in seinem Börne-Pamphlet  Börne vorgeworfen, „er fraternisier(t)e mit dem Pfaffen Lamennais“, aber für Börne war der Kampf für die Freiheit nicht ein Kampf gegen die Kirche, sondern gegen die Bourgeoisie, und wenn  Vertreter eines engagierten Christentums auch an diesem Kampf teilnehmen wollten:  tant mieux…. [33]

Börne war in dieser Zeit in Kreisen der in Paris lebenden, politisch engagierten Deutschen eine zentrale Figur. In einem Spitzelbericht aus dem  Jahr 1836 liest sich das so:

 „Die Bemühung, zu Paris das revolutionäre Zentrum der deutschen Refugierten und sogenannten Patrioten zu gründen und die Leitung einem Komitee zu übertragen, ist seit vergangener Woche vollkommen ausgeführt. Börne als der reichste, älteste und berühmteste Schriftsteller ist jetzt die revolutionäre Autorität und bei ihm werden jetzt Zusammenkünfte gehalten. (…) Börne besitzt ungefähr 50.000 Reichstaler Privatvermögen, lebt sehr angenehm in Paris und verdient durch die stets wiederholten Auflagen seiner Werke bedeutend. Die deutschen Republikaner gehen seit Wochen zu Börne.“[34]

Allerdings haben die Spitzel hier Börnes Rolle sicherlich etwas übertrieben, übrigens auch was seine finanziellen Verhältnisse angeht. Börne hatte zwar nach dem Tod seines Vaters einen Erbteil erhalten und dazu eine regelmäßige Rente, wozu auch noch eine von ihm erstrittene Pension für seine Dienstzeit als Polizeiaktuar in Frankfurt kam, aber er war, „um seinen großbürgerlichen Lebensstandard  erhalten zu können, auf regelmäßige Autorenhonorare angewiesen“[35]. Angesichts der damals  in weiten Teilen  Deutschlands herrschenden Zensur war das  durchaus nicht garantiert.

Adressat von Börnes publizistischer Aktivität war neben den Deutschen in der Heimat und in Paris auch das französische Publikum: 1835 wurde er Mitarbeiter des  von Raspail herausgegebenen „Réformateur“, in der er auch Artikel in französischer Sprache veröffentlichte. 1835 musste die Zeitschrift eingestellt werden, so dass Börne nun keine Plattform  mehr hatte für seine Bemühungen um die deutsch-französische Kulturvermittlung. So griff er seinen alten Plan wieder auf, eine eigene deutsch-französische Zeitschrift herauszugeben mit dem schönen Titel  „Balance. Revue allemande et française“ – der Titel der Zeitschrift schlägt damit eine Brücke zur „Waage“, der „Zeitschrift für Bürgerleben, Wissenschaft und Kunst“, die der junge Börne herausgegeben hatte, bis sie 1821 nach ständiger Auseinandersetzung mit der Zensur von Metternich verboten wurde. In der Balance  erschien auch Börnes letzte große Arbeit über den „Franzosenhasser Wolfgang Menzel“: „Gallophobie de M. Menzel“. Die an die Zeitschrift geknüpften Hoffnungen erfüllen sich aber nicht: Die Auflage kam nie über 250 Exemplare hinaus und musste schon in ihrem Gründungsjahr 1836 auch wieder ihr Erscheinen einstellen.[36]

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Der Tuberkulose – kranke Börne verbrachte seinen letzten Lebensabschnitt treu umsorgt im Haushalt des Ehepaares Jeanette Wohl und Salomon Strauss: Beide verehrten Börne, waren wegen ihm auch von Frankfurt nach Paris übergesiedelt und engagierten sich sehr  für die Publizierung von Börnes Arbeiten. Die Sommer verbrachten die drei  in Auteuil, die Winter in Paris in der rue Laffitte. Dort starb  er am 12. Februar 1837  und von dort aus wurde dann auch sein Leichnam zum Père Lachaise geleitet. Die Konzession des Grabes- „à perpétuité“, wie es damals üblich war- hatte Salomon Strauss erworben.[37]

 

Börnes Vision der deutsch-französischen Verständigung

Schon 1808 schrieb Börne in einer Abhandlung „Über die geometrische Gestalt des Staatsgebiets“, in Europa gäbe es einen Kern, „der nicht zerstückelt werden kann“, und der bestehe vor allem aus Deutschland und Frankreich: „die hängen so fest zusammen, dass sie sich schwerlich werden trennen können. Hier sieht man aber auch deutlich den Fingerzeig des Schicksals, das beide Länder nur einen Staat bilden sollen. Und welch ein glücklicher Staat müsste das nicht werden, wenn sich die deutsche Natur mit der französischen vermählte…“[38]

Im 6. Brief aus Paris aus dem Jahr 1830 scheibt Börne anlässlich einer Soiree im gleichen Sinne:  „Es war da ein Gemisch von Deutschen und Franzosen, wie es mir behagt. Da wird doch ein gehöriger Salat daraus. Die Franzosen allein sind Öl, die Deutschen allein Essig…“

Und dann nutzt er die Gelegenheit für einen großen historischen Rück-  und Ausblick:

„In wenigen Jahren wird es ein Jahrtausend, dass Frankreich und Deutschland, die früher nur ein Reich bildeten, getrennt wurden. Diese dumme Streich wurde, gleich allen dummen Streichen in der Politik, auf einem Kongresse beschlossen, zu Verdun im Jahre 843. (…) Ich hoffe, im Jahr 1843 endigt das tausendjährige Reich des Antichrists, nach dessen Vollendung die Herrschaft Gottes und der Vernunft wieder eintreten wird. Wir haben nämlich den Plan gemacht, Frankreich und Deutschland wieder zu einem großen fränkischen Reiche zu vereinigen. Zwar soll jedes Land seinen eigenen König behalten, aber beide Länder eine gemeinschaftliche Nationalversammlung haben. Der französische König soll wie früher in Paris thronen, der deutsche in unsrem Frankfurt und die Nationalversammlung jedes Jahr abwechselnd in Paris oder in Frankfurt gehalten werden.“ (6. Brief aus Paris)

Das „tausendjährige Reich des Antichrists“, von dem Börne hier spricht, war dann doch noch nicht 1843 zu Ende, wie er es erhofft hatte. Es mussten erst noch drei weitere Kriege und das „tausendjährige Reich“ der Nazis kommen, bis sich Franzosen und Deutsche auf den gemeinschaftlichen Gräbern umarmen konnten, so wie es Börne gewünscht hatte:

„Die altersreifen Männer beider Länder sollten sich bemühen, die junge Generation Frankreichs mit der jungen Generation Deutschlands durch eine wechselseitige Freundschaft und Achtung zu verbinden. Wie schön wird der Tag sein, wo die Franzosen und die Deutschen auf den Schlachtfeldern, wo einst ihre Väter sich untereinander gewürgt, vereinigt niederknien und, sich umarmend, auf den gemeinschaftlichen Gräbern ihre Gebete halten werden!“[39]

Hoffte Börne in der julirevolutionären Begeisterung von 1830, dass 1000 Jahre nach dem Teilungsvertrag von Verdun, also 1843, Deutschland und Frankreich endlich wieder vereint seien, so war er zwei Jahre später deutlich skeptischer:

Wir gewähren“, so schreibt er da, „noch ein Jahrhundert, bis die Völker Europens, bis besonders die Franzosen und Deutschen zur Einsicht gelangen, dass von ihrer Einigkeit ihr Glück und ihre Freiheit abhängen.“[40]  Sicher war er aber, dass Deutschlands und Frankreichs Schicksale nicht voneinander zu trennen seien. In seiner letzten Schrift, „Menzel, der Franzosenfresser“ von 1837, gewissermaßen seinem politischen Testament, schreibt er:

Die Geschichte Frankreichs und Deutschlands ist seit Jahrhunderten nur ein beständiges Bemühen, sich zu nähern, sich zu begreifen, sich zu vereinigen, sich ineinanderzuschmelzen, die Gleichgültigkeit war ihnen immer unmöglich, sie müssen sich hassen oder lieben, sich verbrüdern oder sich bekriegen. Das Schicksal weder Frankreichs noch Deutschlands wird nie einzeln festgesetzt und gesichert werden können.“

Der Wunsch nach einer Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich ist ein Leitmotiv des Börneschen Denkens und Handelns. Und dabei war er sich einig mit seinem Antipoden Heinrich Heine. Malte sich aber Börne, wie es seinem politischen Denken entsprach, die Zukunft beider Länder schon ganz konkret  in seiner politischen Konstruktion aus, so bezog der Ästhet Heine auch die Dimension des Genusses ein:

 „Laßt uns die Franzosen preisen! sie sorgten für die zwey größten Bedürfnisse der menschlichen Gesellschaft, für gutes Essen und bürgerliche Gleichheit, in der Kochkunst und in der Freyheit haben sie die größten Fortschritte gemacht, und wenn wir einst alle, als gleiche Gäste, das große Versöhnungsmahl halten, und guter Dinge sind, […] dann wollen wir den Franzosen den ersten Toast darbringen. […] sie wird doch endlich kommen, diese Zeit, wir werden, versöhnt und allgleich, um denselben Tisch sitzen; wir sind dann vereinigt, und kämpfen vereinigt gegen andere Weltübel, vielleicht am Ende gar gegen den Tod“ (DHA VII, 70)

Damit ergänzen sich, wie ich meine, Börne und Heine auf  wunderbare und ganz aktuelle Weise: Die deutsch-französische Verständigung ist –wie die europäische Einheit insgesamt- nicht nur eine politische Notwendigkeit nach vielen Kriegen und Katastrophen, sondern sie ist auch etwas – bzw. sollte auch etwas sein, das die Völker mit Leib und Seele, mit Freude und Lust verbindet, und vor allem: mit der animierenden Perspektive eines gemeinsamen Kampfes für eine bessere Zukunft.

 

Das Grab von Jeanette Wohl auf dem Père Lachaise

Nach dem Besuch von Ludwig Börnes Grabmal lohnt es sich, noch ein paar Schritte weiter zu gehen zu dem ebenfalls von David d’Angers gestalteten Grabmal des Generals Gobert.[41] Und bevor man von dort aus wieder zum Ausgang zurückgeht –am besten über den malerischen chemin des chèvres, bietet es sich an, am Grab von Jeanette Wohl vorbeizugehen, das sich auch auf diesem Friedhof befindet, und zwar neben dem Gebäude der Friedhofsverwaltung (Conservation)  am Seiteneingang der Rue du Repos  in der 7. Division. Hier befinden  sich überwiegend jüdische Gräber, darunter auch das Grab des französischen Zweiges der Rothschild-Dynastie- übrigens auch eine Frankfurt und Paris verbindende Geschichte… [42]

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Jeanette Wohl war für Börne  „Mutter, Schwester, Tochter, Freundin, Geliebte, Frau und Braut.“[43] In den 1820-er Jahren gab es bei Börne und Jeanette Wohl Heiratspläne, die aber scheiterten- unter anderem an der Konvertierung Börnes zum Protestantismus. Für das orthodox-jüdische Milieu, aus dem Jeanette Wohl stammte, war das kaum akzeptabel. Das Scheitern der Heiratspläne tat allerdings der Freundschaft zwischen den beiden keinen Abbruch. Der Schmerz, nicht mit Börne zusammenleben zu können, wurde nach den Worten Norbert Altenhofers „durch das Bewusstsein kompensiert, ihm als Briefpartnerin unersetzlich zu sein.“[44]  Das war sie in der Tat: 1932 lieferte Börne im Brief vom 6. November eine saloppe, „in ihrem  tiefen Wahrheitsgehalt aber nicht zu unterschätzende Begründung für das Scheitern der Heiratspläne: ‚Es fragte mich hier einer,  warum wir uns nicht verheiratet hätten.  Da erinnerte ich mich der Antwort, die einst auf die gleiche Frage ein Franzose gegeben: où passerois-je mes soirées?  und ich erwiderte: an  wen sollte ich dann Briefe schreiben?“ (zit. Walz, 72)

Und es war Jeanette Wohl Verdienst, dass auf der Grundlage von Börnes Korrespondenz mit ihr die „Pariser Briefe“ entstanden, Börnes bekannteste und bedeutendste Publikation.[45] In seiner Börne- Denkschrift schreibt Heine „an der einzigen Jeanette Wohl gewidmeten Stelle, die nicht denunziatorischen Charakter trägt:

‚Die Pariser Briefe waren nicht an eine erdichtete Luftgestalt, sondern an Madame Wohl gerichtet (..) Wenn sich in Briefen nicht bloß der Charakter des Schreibers,  sondern auch des Empfängers abspiegelt, so ist Madame Wohl eine höchst respektable Person, die für Freiheit und Menschenrechte glüht, ein Wesen voll Gemüt und Begeisterung…‘“[46]

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1832 heiratete Jeanette Wohl den zwölf Jahre jüngeren Kaufmann Salomon Strauss, ebenfalls ein Frankfurter Verehrer Börnes und wie Jeanette Wohl engagiert in der Aufarbeitung und Verbreitung der Werke Börnes.  Bedingung für die Ehe mit Strauss war für Jeanette Wohl aber die Fortdauer der engen Beziehung zu Börne. In einem Brief machte sie dies ihrem künftigen  Ehemann klar:

 „Der Doktor hat niemanden auf der Welt als mich, ich bin ihm Freundin, Schwester, alles was  sich mit diesem Namen  Freundliches, Theilnehmendes, Wohlwollendes im Leben  geben, bezeichnen  lässt.  …. Der Doktor muss bei uns sein können, wann, wo und so oft und für immer, wenn er es will. (…)  Solange ich lebe, bis zum letzten Athemzuge werde ich für Börne die Treue, die Liebe und Anhänglichkeit einer Tochter zu ihrem  Vater, einer Schwester zu ihrem Bruder, einer Freundin zu ihrem Freunde haben.“[47]

In der zweiten Novemberhälfte siedelte das Ehepaar Wohl/Strauss nach Paris über, wo es bis zu Börnes Tod mit diesem in ungetrübter Harmonie zusammenlebte.“ Durch die Ehe mit Strauss und den Umzug nach Paris schafft sie Börne,  „dem Freund ihres Lebens einen neuen Freund, eine neue Heimat, ein letztes Asyl.“[48] In Frankfurt wäre „die merkwürdige Ehe zu dritt“ angesichts des konservativen Umfelds Jeanettes vermutlich kaum möglich gewesen. Dass  Jeanette sich auf eine solche –von Heinrich Heine geschmähte- Beziehungsform eingelassen hat, ist vielleicht auch damit zu erklären, dass ihr Vater, ein durch Finanzgeschäfte äußerst wohlhabend gewordener Frankfurter Wechselmakler und Schutzjude, als angeblich „gottloser Freigeist“ von dem jüdischen  Gemeindevorstand  verstoßen worden war und er „wie ein Vieh“ fern vom Grab seiner Vorfahren verscharrt wurde, bis die Mutter in einem langjährigen, letztlich von Kaier Franz II. entschiedenen Rechtsstreit, doch noch eine Umbettung und eine Bestattung in der Nähe seiner Vorfahren  erreichte.[49]

Nach Börnes Tod  wurde Jeanette  von Börne zur „Erbin seiner sämtlichen literarischen Eigentumsrechte“ eingesetzt. Mit Unterstützung von Strauss gab sie zwischen 1844 und 1850 bei einem Mannheimer Verlag sechs Bände mit nachgelassenen Schriften Börnes heraus.  Die erste große Gesamtausgabe von Börnes Schriften erschien aber erst 1862, ein Jahr nach Jeanettes Tod: Grund dafür waren  Kompetenzstreitigkeiten mit dem Verleger Campe, zu dem Jeanette das Vertrauen verloren hatte, nachdem er 1840 Heines Pamphlet gegen Börne verlegt hatte.

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Das Grab von Jeanette Strauss-Wohl befindet sich leider in einem lamentablen Zustand. Immerhin hat jemand die den Grabstein überwuchernden und ihm schwer zusetzenden dicken Efeuranken teilweise entfernt, so dass wenigstens die Aufschrift (noch) lesbar ist.  Jeanette  Wohl hätte es angesichts ihrer Verdienste um das Werk  Börnes wohl verdient, dass ihr Grab nicht dem Verfall preisgegeben wird. Zuständig wären eigentlich Erben, falle es die noch gibt…  Oder vielleicht die Stadt Frankfurt? Aber das Kulturdezernat der Stadt, das ich in dieser Sache angeschrieben habe, hüllt sich in Schweigen.  Und die von mir ebenfalls kontaktierte prominente Frankfurter Börne-Stiftung, deren Aufgabe es ist, „an den großen Schriftsteller und Journalisten Ludwig Börne zu erinnern“, die den Prestige-trächtigen Börne-Preis vergibt und in der auch der Oberbürgermeister Frankfurts vertreten ist, hat dafür jedenfalls, wie sie mir mitteilte, „keine Mittel“… [50]

(Juli 2018)

 

Benutzte Literatur/Zum Weiterlesen

Ludwig Börne,  Das große Lesebuch. Herausgegeben von Inge Rippmann, FFM 2012

Ludwig Börne, Briefe aus Paris: http://gutenberg.spiegel.de/buch/briefe-aus-paris-1678/1

Ludwig Börne, Menzel der Franzosenfresser und andere Schriften. Herausgegeben und eingeleitet von Walter Hinderer. Sammlung insel 45 FFM 1969

Ludwig Börne und Heinrich Heine. Ein deutsches Zerwürfnis. Bearbeitet von Hans Magnus Enzensberger. FFM 1997, S.96

Über Ludwig Börne/Sekundärliteratur:

Rachid l’Aoufir, Ludwig Börne un parisien pas comme les autres. Paris: L’Harmattan  2004

Alfred Estermann (bearbeitet von), Ludwig Börne 1786-1837. Zum 200. Geburtstag des Frankfurter Schriftstellers. Freiheit, Recht und Menschenwürde. FFM: Buchhändler –Vereinigung 1986

Anne Hardy, Ein Frankfurter Publizist und seine Muse. Der Briefwechsel zwischen Ludwig Börne und Jeanette Wohl. In: Forschung Frankfurt 1/2008  http://www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/36050628/Frankfurter_Publizist.pdf

Heinrich Heine, Über Ludwig Börne   http://gutenberg.spiegel.de/buch/uber-ludwig-borne-373/1

Willi Jasper, Keinem Vaterland geboren. Ludwig Börne. Eine Biographie. Hamburg: Hoffmann und Campe 1989

Ludwig Marcuse, Ludwig Börne. Aus  der Frühzeit der deutschen Demokratie. Diogenes TB 21/VII 1977

Inge Rippmann, Jeanette Strauß-Wohl (1783-1861) »Die bekannte Freyheitsgöttinn“ Versuch eines Porträts der Freundin Ludwig Börnes. https://link.springer.com/chapter/10.1007%2F978-3-476-02790-0_4

Schnapper-Arndt, G., „Wohl, Jeanette“ in: Allgemeine Deutsche Biographie 43 (1898), S. 707-709  https://www.deutsche-biographie.de/sfz85997.html

Frank Stern/Maria Gierlinger (Hg), Ludwig Börne.  Deutscher, Jude, Demokrat. Berlin 2003

Christa Walz, Jeanette Wohl und Ludwig Börne: Dokumentation und Analyse des Briefwechsels. Frankfurt: Campus 2001  https://books.google.fr/books?id=qX-vAHx5_ZgC&printsec=frontcover&hl=de#v=onepage&q&f=false

 

 

Weitere Blog-Beiträge mit thematischem Bezug zum Père Lachaise:

 

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu deutschsprachigen Schriftstellern in Paris/im französischen Exil:

  • Mit Heinrich Heine in Paris

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8231

  • Exil in Frankreich: Sanary, Les Milles und Marseilles

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/592

  • Der Cimetière de Picpus: Ein deutsch-französischer und amerikanischer Erinnerungsort

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/1828

  • Das Haus der Mutualité in Paris und der Erste internationale Kongress zur Verteidigung der Kultur 1935

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10658

 

Anmerkungen:

[1]  Willi Jasper, S. 255, Marcel Reich-Ranicki In: Estermann, S, 169, Frank Stern , in: Stern /Gierlinger , S. 7 und entsprechend: https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_B%C3%B6rne;  Walter Hinderer im Vorwort zu:  Börne, Menzel der Franzosenfresser,  S. 7

[2] Alfred Grossser in: Estermann, S. 157 und  Marcel Reich-Ranicke .a.a.O.

[3] https://wordpress.com/post/paris-blog.org/9080

[4] http://www.deutschlandradio.de/das-grab-des-schriftstellers-ludwig-boerne-verkommt.331.de.html?dram:article_id=204997

[5] Auskunft der deutschen Botschaft vom 19.6.2018

[6] Gesammelte WerkeII, 88f. Zitiert in Stern/Gierlinger, S. 106

[7] Börne-  Lesebuch S. 115f; „Denkrede auf Jean Paul“: http://www.zeno.org/Literatur/M/B%C3%B6rne,+Ludwig/Schriften/Aufs%C3%A4tze+und+Erz%C3%A4hlungen/Denkrede+auf+Jean+Paul

[8] Siehe Heine: Soll ich in der Literatur einen verwandten Charakter aufsuchen, so böte sich zuerst Gotthold Ephraim Lessing, mit welchem Börne sehr oft verglichen worden. http://gutenberg.spiegel.de/buch/uber-ludwig-borne-373/4

[9] Michael Werner, Börne in Paris. In: Estermann, S. 262

[10] s. Jasper, S. 222

[11] Siehe Marcel Reich- Ranicki. In: Estermann, Ludwig  Börne, S. 171. S.a. Alfred Grosser a.a.O., S. 164

[12] marianne und germania 1789 – 1889. Frankreich und Deutschland. Zwei Welten-  Eine Revue. Katalog der Ausstellung im Martin-Gropius-Bau in Berlin vom 15. September 19996-5. Januar 1997, S.324/325

[13] Philip Molderings, Ludwig Börne und der bildgewordene Freiheitskampf. Blog des Historischen Museums Frankfurt 2016 https://blog.historisches-museum-frankfurt.de/ludwig-boerne-und-der-bildgewordene-freiheitskampf/

[14] Brief vom 9. Juni 1836. Zitiert in: M. de Cormenin, Fragments politiques et littéraires par Ludwig Boerne. Paris 1842 https://books.google.de/books?id=NHY6AAAAcAAJ&pg=PR25&lpg=PR25&dq

[15] Nicht korrekt ist übrigens – jedenfalls in einem Punkt- die Erläuterung zu dem Medaillon in der Dauerausstellung „Frankfurt Einst?“ des neuen Historischen Museums. Dort heißt es: „Nach Börnes Tod fertigte der französische Künstler David d’Angers für seinen Freund und Gesinnungsgenossen dessen Grabmal auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise sowie das Bronzemedaillon an.“ Allerdings wurde das Bronzemedaillon ja schon 1836 angefertigt, als Börne noch lebte und diesem übersandt. (Siehe oben das entsprechende Begleitschreiben David d’Angers an Börne).  Börne starb am 12.2.1837. (Identisch auch in: Jan Gerchow/Nina Gorgus (Hrsg), 100 mal Frankfurt. Geschichten aus (mehr als) 1000 Jahren. FFM 2017, S. 150/151

Korrekt dafür: https://blog.historisches-museum-frankfurt.de/ludwig-boerne-und-der-bildgewordene-freiheitskampf/ 

Im oben angegebenen Informationstext heißt es übrigens weiter zu Börnes Medaillon: „Es kam erst Jahrzehnte später in die Münzsammlung der Stadtbibliothek Frankfurt. Vorher wäre ein Erinnerungsstück an den ‚Aufrührer‘ durch die vom Frankfurter Rat verwaltete Bibliothek undenkbar gewesen.“ (a.a.O., S. 152). Leider wird hier kein Datum angegeben. Aber Salomon Strauss, in dessen Besitz  vermutlich nach Börnes und Jeanette Wohls Tod das Medaillon war, starb 1866, also genau in dem Jahr, in dem Frankfurt seinen Status als Freie Reichsstadt verlor. Damit waren wichtige Voraussetzungen für eine Ausstellung des Medaillons in Bernes Heimatstadt erfüllt.

[16] http://objekte.jmberlin.de/object/jmb-obj-91417;jsessionid=2D1924CEF1D706B3870D449A2F43F995

s.a. http://frankfurter-personenlexikon.de/node/1823

David d’Angers fertigte auch eine Marmorbüste Börnes an, die im Treppenhaus der alten Frankfurter  Stadtbibliothek am Obermaintor ausgestellt war. Sie wurde der Stadt 1866 von Salomon Strauss geschenkt, dem Mann von Jeanette Wohl, mit denen Börne in Paris in einer ménage à trois zusammenlebte. Die Büste ging im Krieg verloren,  „wohl kriegszerstört 1944“. http://frankfurter-personenlexikon.de/node/1823

[17] Discours prononcé par M. Raspail, sur la tombe de Ludwig Bœrne le 15 février 1837  https://www.persee.fr/doc/r1848_1155-8806_1916_num_12_69_1577 S. 195

[18] Heinrich Heine, Erster Entwurf zu Ludwig Börne. Eine Denkschrift. (1837). In: Ludwig Börne und Heinrich Heine. Ein deutsches Zerwürfnis. Bearbeitet von Hans Magnus Enzensberger. FFM 1997, S.96

[19] siehe Jasper, 262/3

[20]Otto Lünig, Börne’s Grab. Veröffentlicht in: Der Sprecher. Wesel. Nr. 30/1844. Wiedergegeben in: Alfred Estermann: Die Eiche Börne… Gedichte der Zeitgenossen. . In: Estermann, S. 348

[21]  II,16. Zitiert bei Stern/Gierlinger, S. 106

[22] Marcuse, S 175

[23] zit. Marcuse, S. 178

[24] Jasper, S. 145

[25] Zur Biographie Börnes siehe: http://www.zeno.org/Literatur/M/B%C3%B6rne,+Ludwig/Biographie

[26] Bondy ist eine Vorstadt im Norden von Paris – im heute verrufenen 93. Departement gelegen. Reisende aus Deutschland –wie danach auch Heine- kamen damals aus dem Norden in die Stadt.

[27] Jasper, S. 179

[28] Zit. bei Jasper 179/180

[29] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46169324.html und Marcuse, Ludwig Börne S. 181

[30] Siehe dazu: Jacques Grandjonc/Michael Werner, Deutsche Auswanderungsbewegungen im 19. Jahrhundert (1815-1914). In:  Deutsche Emigranten in Frankreich. Französische Emigranten in Deutschland 1685-1945. Ausstellungskatalog. Paris 1983, S. 82ff. Siehe auch die Texte über den Faubourg Saint-Antoine auf diesem Blog: Der Faubourg Saint-Antoine (1): Das Viertel des Holzhandwerks: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/32 und Der Faubourg Saint-Antoine (2): Das Viertel der Revolutionäre: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/102

[31] L’Aoufir, S. 177,  s.a. S. 74;  Michael Werner, Börne in Paris. A.a.O., S. 265/266

[32] Michael Werner, Börne in Paris 265

[33]  Alfred Grosser, In. Estermann, Ludwig Börne, S. 163/165

[34] zit. Enzensberger, 83 und  https://d-nb.info/1017360421/34,  S. 46

[35] Jasper, S. 92

[36] Jasper, S. 183/184.  Bild aus: l’Aoufir, S. 164

[37] Ein entsprechendes Dokument konnte ich in der Friedhofsverwaltung des Père Lachaise einsehen.

[38] Zit. in: Ludwig Börne. Das große Lesebuch, S. 249/250

[39] Zitiert in Ludwig Börne, Das große Lesebuch, S. 251/252

[40] III,919. Zit. l’Aoufir, S. 168

[41] Siehe dazu: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/9077

[42] Die Friedhofsverwaltung war übrigens weder auf mündliche noch auf schriftliche Nachfrage  in der Lage, mir Informationen zu dem Grabmal zu geben. Da dafür allerdings vor allem die 7. Division infrage kam, haben wir auf eigene Faust gesucht und es schließlich auch gefunden: Vom Verwaltungszentrum des Friedhofs aus (Conservation) geht man die Avenue Rachel entlang bis fast zur Friedhofsmauer. Kurz davor befindet sich das Grab auf der rechten Seite in der zweiten Reihe.

Zu dem Rothschild-Grab: z.B.: http://francerevisited.com/2013/12/the-rothschilds-in-france-a-19th-century-riches-to-riches-story/

[43] https://www.zeit.de/1990/02/man-muss-auch-mut-zeigen–/seite-3

[44] Norbert Altenhofer, Henriette Herz und Louis Baruch- Jeanette Wohl und Ludwig Börne. In: Ludwig Börne zum 200. Geburtstag, S. 220

[45] Siehe G. Schnapper-Arndt 1898,  https://www.deutsche-biographie.de/sfz85997.html   „Besonderen Dank sind ihr die Litteratur- wie die Freiheitsfreunde dafür schuldig, daß sie zu den Pariser Briefen die Anregung gegeben hat. Erst auf ihr Drängen nämlich benutzte Börne jene durchaus nicht im Hinblick auf eine Veröffentlichung begonnene Correspondenz, um unter der Eingebung des Moments die Gedanken und Empfindungen in ihr niederzulegen, welche ihn in jener bedeutungsvollen Zeit bewegten.“

[46] Norbert Altenhofer a.a.O., S. 221

[47] Zit. Walz, S. 78

[48] Rippmann, zit. bei Walz, S. 85)

[49] Siehe Jasper, S. 87

[50] http://boerne-stiftung.de/  und Mail vom 23.6.2018

 

Geplante Beiträge:

  • Street-Art in Paris (3):  Der Invader
  • Politik und Kunst: Die Manufacture des Gobelins
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier
  • Das Haus der Mutualité in Paris

 

 

 

 

 

 

Street- Art in Paris (2): Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager

Nach dem Pariser Street-Art – Überblick im ersten Beitrag der kleinen Street-Art-Reihe  (open your eyes! Dezember 2017) möchte ich in drei nachfolgenden Beiträgen einige für mich besonders interessante Street-Art-Künstler vorstellen, hier zunächst  Mosko, Jeff Aérosol und Jerôme Mesnager. Sie  sind in Paris deutlich präsent und sie sind (inzwischen) auch so prominent, dass ihre Werke meist nicht mehr „ephemère“ sind, wie das ja eigentlich typisch für die Street- Art ist. Sie haben eigene websites,  vermarkten ihre Arbeiten, sind in Ausstellungen vertreten und werden für Werbezwecke oder die Ausgestaltung des öffentlichen Raums engagiert. Sie sind aus Paris also nicht mehr wegzudenken. Wenn man durch die Stadt geht oder fährt, wird man immer wieder auf ihre Werke stoßen und sich  über zufällige  Begegnungen mit ihnen freuen. So geht es jedenfalls mir und vielleicht ja auch einigen Leser/innen dieser kleinen Street-Art-Serie,  die zu dieser Entdeckerfreude beitragen möchte.

 

Mosko et associés

Schon seit Jahren haben wir Freude an den exotischen Tieren Moskos, mit denen die Ecole maternelle  in  der der Rue du Jourdain in Belleville gleich  neben dem Haus unserer Freundin Marie-Christine verziert ist.

 

 

Rue du Jourdain (20e)

Den gleichen Tiger gibt es übrigens auch beim Kindergarten an der Square Henri-Cadiou im 13. Arrondissement- nur dass er diesmal in andere Richtung läuft und dazu noch auf einem Seil. Eine solche Reproduktion und Variation ist dank der  Schablonen-Technik (pochoir), zu deren französischen Pionieren Mosko gehört, einfach herzustellen.

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Vor allem sind es Tiger, Giraffe,  Zebra und Schmetterlinge, die Mosko et associés  mit ihren Schablonen und bunten Farben an die Wände von Schulen, Geschäften und Privathäusern auftragen, wobei das Logo Mosko et associés nie fehlt. Der Name Mosko ist abgeleitet von dem quartier de la Moskova (18. Arrondissement), aus dem die beiden Straßenkünstler Gérard Laux und  Michel Allemand  stammen.

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Im letzten Jahr habe ich während der französischen Sommerferien entdeckt, dass das in dieser Zeit geschlossene Rollgitter des deutsch-französischen Café Titon in der Nähe unserer damaligen Wohnung auch von Mosko gestaltet ist- natürlich mit Tiger. Solche  kleinen Entdeckungen freuen mich immer sehr. Street- Art- Künstler erhalten übrigens nach meinen Beobachtungen öfters den Auftrag, Rollgitter zu bemalen: ein kleiner Trost für Gäste oder Kunden, die enttäuscht vor einer geschlossenen Tür stehen.

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Oft –und vor allem in den Anfängen seit 1989/1990- brachten Mosko und associés ihre Wandbilder in heruntergekommenen Gegenden vor allem des 18., 19. und 20. Arrondissements an zugemauerten Türen und Fenstern und halb verfallenen Wänden an:  Sie verstehen sich als „embellisseurs du cadre de vie“. Schönheit, Freude und Leben sollten dahin gebracht werden, wo es Dreck, Dunkelheit und Ruinen gibt.[1]

Zwei schöne Beispiele dafür sind die Giraffen am foyer de jeunes travailleurs in der rue Daubenton (5. Arrondissement) und der eindrucksvolle Tiger in der rue du Retrait (20. Arrondissement). Mit dem Aufkleber auf der rechten  Seite wird übrigens gegen das (inzwischen beendete) Projekt des Baus eines Großflughafens bei Nantes (Notre- Dame-des- Landes) protestiert.

 

 

Schön ist auch die Bemalung des Eingangs des Restaurants HAΪ KAĬ am Canal Saint Martin (Quai de Jemmapes), einem Zentrum des „hippen Paris“. (2)   Danach würde man wohl eher eine exotische Küche erwarten. Angeboten wird hier  aber nach eigener Präsentation eine französische haute cuisine mit, so jedenfalls Michelin, „un véritable antre bobo-chic“ im Innern. Und dazu passen die Tiere Moskos wohl auch…

 

 

Jef Aérosol

Jean-François Perroy, alias Jef Aérosol (Aérosol= Sprühlack), ist sicherlich einer der bekanntesten Street-Art-Künstler in Paris und „ein Protagonist der urspünglichen französischen pochoir-Bewegung“. 1987 wurde er in der ersten Publikation über diese neue Kunstform berücksichtigt, und in der Urban-Art-Bienale in der Völklinger Hütte 2017 ist/war er gleich mit mehreren Arbeiten vertreten. (3]

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Er ist der Schöpfer des  Wandbilds an der Place Stravinsky zwischen dem Centre Pompidou und der gotischen Kirche Saint-Merri am Brunnen von Niki de Saint-Phalle und  Jean Tinguely: Quel honneur!

Jeff Aerosol Chut (2)

 Es handelt sich um ein  Selbstportrait des Künstlers mit dem Titel „chuuuttt!!!“, ein Auftragswerk des Centre Pompidou und  mit seinen 350 qm² eines der größten Wandbilder der Welt.[4]

Aber natürlich ist Jef Aérosol auch an anderen Stellen der Stadt präsent, so in dem Viertel la butte aux cailles, das in ganz besonderer Weise von der  street art geprägt ist. Hier kann man seinen Akkordeon spielenden Jungen sehen und in Rot den schönen Ttel: La musique adoucit les murs. Nicht fehlen darf bei Jef Aérosol der rote Pfeil, sein Markenzeichen. Während die Musik die Wand in der rue de la butte aux cailles schmückt, gehört der Boden darunter den Ratten. Die sehen zwar ganz possierlich aus, sind aber in Paris derzeit eine große Plage. Wir konnten sie schon nachts auf dem Vorplatz von Notre Dame beobachten, als sie sich ungeniert über die dort aufgestellten Abfallsäcke hermachten. Zwar hat jetzt die Stadt Paris  eine große  „dératification“- Kampagne gestartet, aber der Erfolg scheint keineswegs durchschlagend zu sein.

 

 

Den jungen Akkordeonisten sieht man übrigens auch auf einem der bekanntesten Werke Jef Aérosols, der Fassade eines  Hauses in Fâches-Thumesnil an der belgischen Grenze.[5)  Ein Foto dieser Fassade hat es sogar einmal geschafft, in den –leider inzwischen nicht mehr existierenden- Abreißkalender des Taschen-Verlags  aufgenommen zu werden:

TASCHEN kALENDER 002

Den links unten auf der Fassade zu sehenden  sitzenden traurigen Jungen gibt es auch an mehreren Stellen in Paris zu sehen, zum Beispiel in der Rue du Père Teilhard de Chardin (5. Arrondissement) oder in der Passage du Moulin des Prés. Und dann auf dem weiter unten zu sehenden Gemeinschaftsplakat von Mesnager, Jef Aérosol und Mosko in der Rue Biot.[6]  Und in der Rue Biot nahe an der Place de Clichy, von der noch weiter unten die Rede ist,  gibt es einen sitzenden Mann Jef Aérosols: Die Anbetung der Heiligen Dreifaltigkeit von Pfund, Dollar und Euro.

IMG_0014 Rue Biot Place de Clichy (11)

 

 

Jerôme Mesnager

DSC03049 Mesnager Nov 2018

Auch Jerôme Mesnager, der 2018 auf einer Kunstausstellung im Rathaus des 8. Arrondussements als „Pionier der französischen Street-Art“ vorgestellt wurde, hat eine ganz eigene unverkennbare „Handschrift“: Es sind seine weißen Männer, die man vor allem im Osten von Paris findet, am auffälligsten in Ménilmontant, im 19. und 20. Arrondissement.

Als Geburtsdatum des „homme blanc“  wird der 16. Januar 1983 genannt. Angeblich habe sich da der damalige Kunststudent Mesnager in angeheitertem Zustand mit seinen Kumpeln  nackt ausgezogen, mit weißer Farbe bestrichen und an eine Wand gestellt- das sei der Ursprung seiner Figuren.  Wie auch immer:  Inzwischen sind sie aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Und als ich einmal nach einem Fahrradunfall das Krankenhaus St. Antoine aufsuchen musste, stellte ich fest, dass die Flure von Mesnager ausgemalt waren und ich habe gehofft, dass ich auch bald wieder so würde herumspringen können wie seine weißen Männer: Immerhin werden sie von ihrem Schöpfer ja auch verstanden als  „un symbole de lumière, de force et de paix“.[7]  Und gleichzeitig habe ich dort die erste  Mesnager-Frau entdeckt –  eine, wie ich finde, schöne Variation der sonst doch immer arg stereotypen männlichen Gestalten.

Mesnager hat inzwischen –auch international- Karriere gemacht.Er wird mit eigenen Ausstellungen gewürdigt, beispielsweise 2014 mit einer Ausstellung in einer Galerie im Marais.  Die unten rechts abgebildete Druckplatte gefiel uns so gut, dass wir sie gerne gekauft hätten. Aber da waren uns andere schon zuvorgekommen.

Wie das Beispiel des St.Antoine-Krankenhauses schon gezeigt hat, bekommt Mesnager inzwischen offizielle und sicherlich lukrative Aufträge.

Mesnager 11eme 004

Baustelle in der rue Charonne neben dem Palais de la Femme im 11. Arrondissement . Auch am Neubau war Mesnager am Werk 

DSC02886 Mesnager (1)   

 

Werbescbild Anwaltskanzlei 003

Firmenschild in der noblen Avenue F.D. Roosevelt

Eine besondere Auszeichnung bedeutete es sicherlich auch, dass Mesnager an dem großen Projekt quai 36, der Ausgestaltung der Wand am Bahnsteig 36 des Pariser Gare du Nord teilnehmen konnte. Seinen Beitrag verstand er als hommage an Fritz Lang (Metropolis) und Charly Chaplin (Modern Times): Es geht um die Möglichkeit, die Zeit anzuhalten, in der -gerade auch für einen Bahnhof typischen Hektik- einmal innezuhalten – zum Beispiel auch, um sich die vielen interessanten Street-Art-Arbeiten an dem  Bahnsteig 36 anzusehen. (7a)

Quai 36 Jerome Mesnager febr. 2018 (42)

Eine besonders bekannte Auftragsarbeit von Jerôme Mesnager ist die Gestaltung der Wand eines Schulhofs in der Rue Bouret im 19. Arrondissement.

DSC02562 Mesnager rue Bouret 19ieme (5)

Die Motive sind passend zu einer Schule gewählt…

DSC02562 Mesnager rue Bouret 19ieme (10)

… dass auch Georg, der Drachentöter, dabei ist, beruht auf dem Namen der  privaten Schule, die nach diesem Heiligen benannt ist.

DSC02562 Mesnager rue Bouret 19ieme (4)

Aber es gibt auch nach wie vor weiße Männer als ephemere Produkte in der alten Tradition der Street-Art wie hier am Bassin de la Vilette.

Mesnager Bassin de la Vilette 017 - Kopie

Und man muss nicht in eine noble Gelerie im Marais gehen, um „einen Mesnager“ zu kaufen, sondern kann auch schon auf dem populären Marché d’Aligre im 12. Arrondissement fündig werden.

Mesnager Marché Aligre IMG_8705

400 Euro wollte der Händler für das weiße Liebespaar  haben….

 

Gemeinschaftsarbeiten

Besonders schön finde ich es, dass Jerôme Mesnager auch viel mit anderen Street-Art-Künstlern zusammenarbeitet:

Zum Beispiel an der Place de Contrescarpe mit Seth, den wir schon vom Belvedere von Belleville her kennen….

Mesnager Seth Place de Contrescarpe IMG_1494

… oder mit dem auch aus Belleville bekannten Nemo –unverkennbar mit dem roten Regenschirm und dem Koffer-  im 5. Arrondissement…

 

 

und mit Mosko und Jeff Aerosol, wie hier in der Rue Biot an der Placy Clichy- einmal an einer Hauswand und dann auf einem Transparent an der gegenüber liegenden music-hall L’Européen.[8]

IMG_0014 Rue Biot Place de Clichy (4)

Im nächsten Beitrag zur Pariser Street-Art wird  es dann um den Invader gehen, einen der ersten und bekannteten Vertreter der Szene, hat er doch in den Straßen von Paris schon über 1000 seiner Produktionen angebracht…

 

Weitere  Beiträge zur Pariser Street-Art:

  • open your eyes! Street-Art in Paris (1)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8875

  • Street-Art in Paris (3): Der Invader

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/7397

  • Das multikulturelle, aufsässige und kreative Belleville: Modell oder Mythos? (Abschnitt Street-Art)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2092

 

Anmerkungen: 

[1] https://www.urbacolors.com/fr/artist/mosko-et-associes

(2) https://de.parisinfo.com/paris-entdecken/themenfuhrer/stadtereise-in-paris/vom-marais-zum-canal-saint-martin/vom-marais-zum-canal-saint-martin-die-hippsten

[3] https://fr.wikipedia.org/wiki/Jef_A%C3%A9rosol  Der deutsche Wikipedia-Artikel über Jef Aérosol ist ausgesprochen dürftig.

Website von Jef Aérosol: https://www.jefaerosol.com/  Dort auch Link zu einem Interview, das france inter mit ihm geführt hat.

Nicolas Devil, Marie-Pierre Massé, Josiane Pinet,  vite fait bien fait. Éditions alternatives  1987

[4] http://www.artistikrezo.com/201105246779/actualites/street-art/chuuutttt-by-jef-aerosol-place-stravinski.html

[5] https://www.flickr.com/photos/jefaerosol/albums/72157615765606580

[6] https://murmuresdemurs.wordpress.com/category/artistes/i-j/jef-aerosol-i-j-artistes/page/2/

[7] https://fr.wikipedia.org/wiki/J%C3%A9r%C3%B4me_Mesnager

siehe auch: http://www.parisladouce.com/2013/11/street-art-promenade-sur-les-pas-de.html

(7a) http://jeromemesnager.com/quai-36-gare-du-nord/

https://www.google.fr/search?q=gare+du+nord+quai+36&oq=Gare+du+nord+Paris+Quai&aqs=chrome.1.69i57j0l5.8601j0j8&sourceid=chrome&ie=UTF-8

[8] https://www.flickr.com/photos/jefaerosol/albums/72157600611794569 https://lapartmanquante.wordpress.com/2013/03/18/street-art-du-cote-de-la-place-de-clichy/

 

Geplante Beiträge:

  • Politik, Kommerz und Kunst: Die Manufacture des Gobelins
  • Auf dem Weg nach Paris: Die Mühle von Valmy, ein Fanal der Französischen Revolution
  • Street-Art in Paris (3):  Der Invader
  • Das Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise: Eine hommage an den Vorkämpfer der deutsch-französischen Verständigung
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier

50 Jahre Mai 1968: Plakate der Revolte: Eine Ausstellung in der École des beaux- arts in Paris

 

Der 50. Jahrestag des „Mai 1968“ ist in Frankreich ein kaum zu übersehendes mediales Ereignis. In den Zeitungskiosken sieht man die entsprechenden Titelseiten von Zeitschriften, in den Buchhandlungen sind ganze Büchertische für die zahlreichen Neuerscheinungen reserviert.[1]

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                    DSC02953 Medien Titel 1968 (1)   DSC02765 50 Jahre 1968

Präsident Macron hatte Ende 2017 sogar eine offizielle „commemoration“ erwogen, denn ganz unbestritten ist der Mai 1968 ein zentrales Ereignis der französischen Nachkriegsgeschichte. Anders  aber als etwa der 11. November 1918, dessen 100. Jahrestag ebenfalls in diesem  Jahr begangen wird, eignet sich der Mai 1968 wenig für einen offiziellen Akt der Erinnerung, wenn man ihn gewissermaßen als eine „zivile Liturgie“ versteht, durch die sich eine nationale Gemeinschaft des sie prägenden Erbes versichert.[2] Zwar hat das Elysée  umgehend erklärt, die Erinnerung an den Mai 68 nicht instrumentalisieren zu wollen; man wolle Daniel Cohn-Bendit, der inzwischen zu einem medienwirksamen Anhänger Macrons geworden ist,  keinen goldenen Pflasterstein überreichen.[3] Aber auch wenn nach einer neueren Umfrage des Nouveau Magazine littéraire vom März 2018 79% der Franzosen das Erbe des Mai 68 positiv beurteilen, wird er vom rechten Spektrum als “ verfluchte Erbschaft“ (Titel der oben abgebildeten Zeitschrift Valeurs actuelles) gesehen,  die entsprechend einer Forderung Sarkozys aus dem Jahre 2007 „ein für alle Mal liquidiert“ werden müsse.[4] Der Mai 68 ist also  im kollektiven Gedächtnis der Franzosen derart gegensätzlich repräsentiert, dass der Präsident mit einem offiziellen Akt der Erinnerung wohl  nur zwischen die Fronten geraten wäre, die zu überwinden er angetreten war. Und Daniel Cohn-Bendid, ohne den eine offizielle Erinnerungsveranstaltung kaum denkbar wäre, hatte ausdrücklich und frühzeitig angekündigt, nicht als nostalgischer „ancien combattant“ des Mai 68 fungieren zu wollen.[5]

So bleibt die Erinnerung daran also den Medien und zahlreichen Institutionen überlassen: In Paris sind es allein neun Einrichtungen, die unter der Federführung des Centre Pompidou  an den Mai 68 erinnern.[6] Und das ist ja nur –gewissermaßen- die Spitze des Eisbergs. Beispielsweise –und selbstverständlich- ist auch la Maison Heinrich Heine, das deutsche Haus in der Cité universitaire, beteiligt: Dort gibt es am 24. Mai eine Filmvorführung und eine  Debatte mit Zeitzeugen, u.a. Alain Geismar, einem der Repräsentanten der Studentenbewegung, und am 13. Juni eine Debatte über die internationale Dimension der Revolte.[7]

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Haupteingang der École des Beaux-Arts in der rue Bonaparte (6. Arrondissement) In der Mitte das Portal des ehemaligen Klosters der „petits-Augustins“ vom Anfang des 17. Jahrhunderts

Die École des Beaux-Arts im Pariser Quartier Latin, ein Zentrum der französischen Studentenbewegung, präsentiert(e) vom 21. Februar bis zum 20. Mai 2018 die Ausstellung „Images en lutte“ (Bilder im Kampf“), die im Mittelpunkt dieses Blog-Beitrags steht. Es ist gewissermaßen das Gegenstück zu einer weiteren Ausstellung in den Archives nationales im Pariser Marais, die den Mai 68 aus der Sicht der „Macht“darstellt, des Präsidenten, der Regierung, der Polizei: „68- Les archives du pouvoir“ (3. Mai bis 17. September).

Die École des Beaux -Arts  ist ein ganz wunderbarer Ort, dessen Besuch sich auch abseits und jenseits des 50. Jahrestags von 1968 lohnt.

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Im Mai 68 spielte sie eine ganz wichtige Rolle. Die dort entworfenen und vervielfältigten Plakate sind ein Spiegel der sozialen Auseinandersetzungen der damaligen Zeit; manche sind geradezu zu „Ikonen“ geworden, die die Erinnerung an die Ereignisse von 1968 bis heute bestimmen und ihre Wahrnehmung prägen.

Es ist deshalb auch kein Zufall, dass die Aktivisten von „Nuit debout“ 2016 – im Mai-  die Kunsthochschule besetzten. Sie sei, wie ein Sprecher der Bewegung damals erklärte, „ein höchst symbolischer Ort, der im Mai 68 besetzt wurde.“ Man werde wie damals das Material der Hochschule nutzen, um Plakate herzustellen. An die große Vergangenheit von 1968 konnte man da allerdings nicht anknüpfen…[8]

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Das Atelier populaire in der École des beaux-arts

Am 8. Mai 1968 schloss sich die École des Beaux-Arts, die renommierte Kunsthochschule von Paris, der studentischen Streikbewegung an. In der nunmehr als Ex-École des Beaux-Arts bezeichneten Hochschule wurde ein Atelier populaire eingerichtet.

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Die Umbenennung der Hochschule und das Atelier populaire stehen für ein neues Verständnis von Kunst. Bisher sei sie nur der Luxus von wenigen und auf einen geschlossenen Kreis traditioneller Institutionen (Kunsthochschule, Künstlerateliers, Salons, Galerien, Museen) beschränkt. Die Kunst sei aber in Wirklichkeit ein vitales Bedürfnis aller und es müssten Möglichkeiten eröffnet werden, dieses Bedürfnis auch auszudrücken.

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Als Mittel, das Korsett der traditionellen Kunst zu sprengen, bot sich das Plakat an. Es kann und soll vervielfältigt und in die Öffentlichkeit gebracht werden. Es ist reaktiv, kann sich also unmittelbar auf das aktuelle Geschehen beziehen. Das Atelier populaire wollte Teil der Protestbewegung sein. Es verstand sich gewissermaßen als deren public-relations- Agentur: Gruppen, die ihre Anliegen gestalten und verbreiten wollten, fanden hier Ansprechpartner. Entwürfe wurden diskutiert und einer Vollversammlung zur Entscheidung vorgelegt. Prinzip war dabei, dass die Künstler sich dieser Entscheidung zu fügen hatten, selbst wenn sie –vielleicht sogar zu Recht- der Meinung waren, ihr nicht berücksichtigter Entwurf sei der bessere gewesen. Nur so könne man, so war damals die Überzeugung, aus dem engen Rahmen der bürgerlichen Kunstauffassung ausbrechen. Dabei wurde und wird bis heute die Anonymität gewahrt: Auf keinem einzigen der in der École des Beaux-Arts ausgestellten Plakate ist angeben, wer es entworfen hat.  Die ausgewählten Arbeiten wurden dann über Nacht hergestellt und vervielfältigt. Die Auflage erreichte zunächst bis zu 2000 Exemplare, im Juni 1968 konnte sie bis auf 1 Million gesteigert werden.[9]

In einem Bericht über den Mai 68 im Quartier Latin beschreibt Simone de Beauvoir das Leben in der von Studenten besetzten Sorbonne und erwähnt dabei auch die Omnipräsenz der Plakate:

„Jamais , ni dans ma studieuse jeunesse ni même au début de cette année 68 je n’aurais pu imaginer pareille fête. Le drapeau rouge flottait sur la chapelle et sur les statues des grands hommes. Sur les murs fleurissaient les merveilleux slogans inventés quelques semaines plus tôt à Nanterre. Chaque jour apparaissaient dans les couloirs de nouvelles inscriptions, des tracts, des affiches, debout au mileu de la cour des groupes discutaient avec acharnement.“[10]

Wie wirkungsvoll das Atelier populaire in der Pariser Kunsthochschule war, zeigt sich auch daran, dass es Vorbild wurde für andere entsprechende Einrichtungen, wie das atelier populaire de Marseille oder das Atelier de l’École des Beaux-Arts de Lyon.[11] Und vor allem war es die Polizei, die den Erfolg des Pariser atelier populaire bestätigte: Im Juni 1968 –um 4 Uhr morgens- drang sie in die Kunsthochschule ein, um das  „atelier populaire“ zu schließen, weil es  zur Gewalt aufrufe.[12] Eine dauerhafte Schließung des Ateliers erreichte die Polizei aber nicht. Und das Atelier kommentierte auf seine Weise  die Polizeiaktion:  Wenn sich die Polizei in den Beaux-Arts verbreite, dann verbreite beaux-arts seine Plakate an den Wänden der ganzen Stadt.

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Einige der Plakate, die dort entstanden sind, gehören inzwischen zu den Ikonen der 68-er Bewegung, in den Worten von Le Monde: „Les affiches de l’atelier populaire des Beaux-Arts demeurent les éléments les plus identifiables de l’iconographie insurrectionelle.“[13] Im konservativen Figaro wird allerdings bemängelt, von der revolutionären künstlerischen Avantgarde hätte man  mehr Kreativität erwarten können, sie habe eine „mine de plomb“.[14] Das kann man  so sehen, denn in der Tat gibt es teilweise ja  in der Tat sehr schematisierte Darstellungen:  so die in die Höhe gereckte Faust, den Schlot der Fabrik und ihr gezacktes Sägezahndach. Aber diese Reduktion auf einige feststehende Elemente ist sicherlich nicht fehlender Kreativität geschuldet –für die es in der Ausstellung genügend Belege gibt- sondern dem Medium des Plakats, zu dem eben gerade auch das Plakative gehört.

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Ein schönes, gleich am Anfang ausgestelltes Plakat zeigt fünf Portraits kommunistischer Größen, dazu eine Aufschrift, die Worte der Internationale zitiert:  „Il n’est pas de sauveur suprême“,  in der deutschen Übersetzung: „Es rettet uns kein höh‘res  Wesen“. Worauf  in der deutschen Version folgt: „kein Gott, kein Kaiser noch Tribun“ – auf dem Plakat entsprechend „ni Dieu, ni Castro, ni Mao“.  Abgebildet sind dazu in der klassischen Aneinanderreihung die Portraits von Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao. In der Ausstellungsbesprechung von Le Monde wird pikanterweise das Portrait von Marx als das Gottes bezeichnet[15]– was aber dann doch wieder einen höheren Sinn ergibt- wurde doch Marx damals von vielen gewissermaßen wie ein Gott verehrt….

Ein Portrait, das man in Frankreich kaum verwechseln kann, ist das von Daniel Cohn-Bendid. Das von Gilles Caron aufgenommene Bild, auf dem er in der Sorbonne einen behelmten und Schlagstock-bewaffneten Polizisten herausfordernd und entwaffnend anlacht, zierte damals und ziert heute wieder anlässlich des 68-er Jubiläums die Titelseiten von Zeitungen und Magazinen. Es veranschaulichte die Konfrontation des „si jolie mois“, einer beschwingten antiautoritären Revolte, die Daniel Cohn-Bendit verkörperte, und einer unbeweglichen, ihre Macht demonstrierenden und exekutierenden Staatsgewalt.[16]    

Cohn Bendit wurde als Repräsentant der sogenannten Bewegung des 22. März in Frankreich bekannt. Dies war zunächst ein lockerer Zusammenschluss von Studenten unterschiedlicher politischer Tendenzen, der sich an der neu gegründeten Reform-Universität von Nanterre gebildet hatte. Der Auslöser war ein Jahr vorher die Forderung nach uneingeschränkter Bewegungsfreiheit von Studentinnen und Studenten in den nach Geschlechtern getrennten Wohnheimen der Universität.

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Der Konflikt eskalierte. Es kam zu einem bis dahin undenkbaren Einsatz von Polizei auf dem Universitätsgelände, Studenten wurden der Universität verwiesen, eine Maßnahme, von der auch Daniel Cohn-Bendit bedroht war. (Inzwischen hat die Universität ihren Frieden mit ihm geschlossen und ihn 2014 sogar zum Ehrendoktor gemacht….[17])

Und im Quartier Latin hat man ihm  einen Lorbeerkranz aufgesetzt.

(Foto November 2018)

 

Im Januar 1968 kam es an der Universität zu einem Zwischenfall, der gewissermaßen zum Grundstein der Medienprominenz von Daniel Cohn-Bendit wurde. Der Minister für Jugend und Sport, François Missoffe, kam nach Nanterre, um im Sportzentrum der Universität ein Schwimmbad zu eröffnen. Dabei wurde er von Daniel Cohn-Bendit, damals Student der Soziologie, auf das kurz davor erschienene, vom Ministerium herausgegebene Weißbuch über die Jugend angesprochen: Er habe das Weißbuch gelesen und auf den 300 Seiten kein einziges Wort über die sexuellen Probleme der Jugend gefunden. Der Minister ging zunächst nicht darauf ein, als aber Cohn-Bendit insistierte, empfahl der Minister dem frechen Studenten, er solle doch, wenn er solche Probleme habe, einfach ins Wasser springen. Darauf Cohn-Bendit:  „Voilà une réponse digne des Jeunesses hitlériennes.“  Das  sei eine Antwort im Stil der Hitlerjugend.[18]

Am 22. März besetzten Studenten den Turm der Universität von Nanterre, Sitz der Verwaltung, von der die Studenten ausgeschlossen waren. Grund dieser spontaneistischen Aktion war unter anderem die Forderung nach Freilassung von  Demonstranten, die zwei Tage vorher bei einer militanten Aktion anlässlich des Vietnam-Kriegs  festgenommen worden waren. Der 22. März gilt in Frankreich als Geburtsstunde der mouvement du 22 mars genannten Studentenbewegung[19]  und Daniel Cohn-Bendit als deren Repräsentant, der am 20. Mai bei einem Treffen mit Jean-Paul Sartre gewissermaßen seinen Ritterschlag erhielt. Die Studentenbewegung bringe, so Sartre, die „imagination au pouvoir“ und erweitere das Feld dessen, was möglich sei („l’extension du champ des possibles“).[20]

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Auf einem der berühmtesten im atelier populaire entstandenen Plakate ist denn auch das Caron’sche Portrait Cohn-Bendits verarbeitet und   mit der Aufschrift: „Nous sommes tous indésirables“ versehen.

Dieser Satz –wir sind alle unerwünscht– bezieht sich auf das Aufenthaltsverbot, das die französische Regierung während der Mai-Unruhen gegen Cohn-Bendit als Störenfried der öffentlichen Ordnung verhängte („trouble à l’ordre public“). Nach einem Deutschland-Aufenthalt durfte er als unerwünschte Person nicht mehr nach Frankreich einreisen  – ein Verbot, das erst  10 Jahre später aufgehoben wurde. In dieser Zeit war dann Dany Cohn-Bendit auch in Deutschland zu dem Mann geworden, „der 1968 verkörpert.“[21]

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Es gab auch Plakate mit der Aufschrift „Nous sommes tous des juifs et des allemands“ („Wir sind alle Juden und Deutsche“) oder „Nous sommes tous des juifs allemands“ („Wir sind alle deutsche Juden“).    Damit reagierte das atelier populaire  auf die Denunzierung Cohn-Bendits als Jude und Deutscher seitens der politischen Rechten und der KPF. Der KPF-Chef Georges Marchais sprach zum Beispiel Anfang Mai von Splittergruppen, die von dem deutschen Anarchisten Cohn-Bendit angeführt würden.[22]

Die rechtsextreme Wochenzeitung Minute schrieb in ihrer Ausgabe vom 2.-8. Mai 1968, „dieser Cohn-Bendit“ halte sich für einen neuen Karl Marx, „weil er Jude und Deutscher ist.“ Und auf ihrer Titelseite fragte  sie, warum der  „Deutsche Cohn-Bendid, der Chef der Vandalen-Commandos“, immer noch nicht ausgewiesen sei. („Qu’attend-on pour expulser l’Allemand Cohn-Bendit, chef des commandos de vandales?“[23]

Die Plakate mit den Aufschriften Nous sommes tous des Juifs et des Allemands“ und nous sommes tous de juifs allemands“ wurden allerdings von der Vollversammlung der Beaux-arts abgelehnt, weil die Verwendung des Wortes „Jude“ eine rassistische Komponente habe.[24] Dafür entschied man sich für die Version mit der Aufschrift „Wir sind alle unerwünscht.“ Nach dem Einreiseverbot für Cohn-Bendit wurden  dann  aber auch die zunächst abgelehnten Versionen verbreitet.

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Auf diesem Plakat  fungiert Staatspräsidenten de Gaulle als Zöllner, der -allerdings vergeblich- Daniel Cohn—Bendit die Einreise nach Frankreich verwehren will.  Die Aufschrift auf diesem Plakat  ist natürlich eine Anspielung auf das „no pasaran“ aus dem Spanischen Bürgerkrieg – 1968  wurden immer wieder gerne historische Bezüge hergestellt und die eigene Bewegung in die Tradition früherer Kämpfe gestellt: Für entsprechende Assoziationen gab es in Frankreich genügend Stoff – von der Französischen Revolution über die Revolutionen von 1830 und 1848 bis hin zu der Pariser Commune von 1871.[25]

Das links abgebildete Plakat  verkündet in diesem Sinne, dass die Commune nicht gestorben sei. Und die Frau mit der roten Fahne in der Mitte der Communarden kann wohl als Anspielung auf Louise Michel, die Ikone der Commune, und als Bildzitat von Delacroix‘ berühmtem Bild der Freiheit verstanden werden, die das Volk führt.

Das ebenfalls in der École des beaux-arts ausgestellte Titelbild  von Charlie Hebdo bezieht sich auf die semaine sanglante, die Niederschlagung der Pariser Commune im Mai 1871. Die hier  genannte Zahl von 90 000 Erschossenen ist weit übertrieben, auch wenn die „blutige Woche“  ihren Namen zu Recht trägt.  Die Zeichnung des Karikaturisten Jean-Marc Reiser zeigt den damaligen Ministerpräsidenten Georges Pompidou mit den Worten: Faut ce qu’il faut, was vielleicht am besten dem norddeutschen wat mutt dat mutt entspricht. Der Staat, so die Botschaft, geht auch über Leichen, um den Aufruhr niederzuschlagen und die staatliche und wirtschaftliche Ordnung wiederherzustellen.

Die dafür zuständigen Institutionen sind aus damaliger Sicht, wie die Exponate zeigen und wie Le Monde in ihrer Ausstellungskritik schreibt, die Polizei und die Medien:

„Der Held der Ausstellung ist in gewisser Weise die Polizei… Die CRS (SS) natürlich, mit Helm, den Schild erhoben und den Schlagstock geschwungen, aber auch die Gedankenpolizei: das mundtot gemachte Fernsehen (es durfte keine Filmaufnahmen von Demonstrationen machen, um die Zuschauer nicht auf ‚dumme Gedanken‘ zu bringen), und die Presse, die als Befehlsempfänger des Staates wahrgenommen wurde.“[26] Deshalb die Aufschrift auf der mit Tinte gefüllten Presse-Flasche: nicht schlucken und der durch Radio und Fernsehen zum folgsamen Schaf transformierte Bürger, der die Welt aus der (durch das lothringische Kreuz bezeichneten) gaullistischen Perspektive wahrnimmt.   Und deshalb auch die Forderung nach einem regierungsunabhängigen Fernsehen.

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Bei der CRS (Compagnies Républicaines de Sécurité) handelt es sich um eine kasernierte Bereitschaftspolizei, die damals an vorderster Front stand, wenn es um Einsätze gegen Demonstranten und Streikende ging. Durch ihr teilweise rücksichtsloses Vorgehen gegen die Studenten im Quartier Latin trug die CRS wesentlich zur Verbreiterung der Protestbewegung bei.[27]

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Allerdings war der damalige Polizeipräfekt von Paris, Maurice Grimaud, kein einschlägig ausgewiesener faschistoider Scharfmacher wie einer seiner Nachfolger, Maurice Papon, sondern  „un grand résistant républicain“, der  versucht habe, die Polizei auch bei den Demonstrationen in Paris im republikanischen Geist zu führen. So jedenfalls die Einschätzung Cohn- Bendits,  der deshalb auch den Slogan „CRS=SS“ für völlig verrückt („complètement débile“) hält.[28]  Die SS steht in Frankreich ja  immerhin für das Massaker von Oradour…

Der Slogan  CRS=SS  scheint in Frankreich aber immer noch seine Befürworter zu haben, wie die Aufschrift auf einem Plakat zeigt, das für eine Ausstellung über den Mai 68 aus Sicht derjenigen wirbt, die „hinter den Schilden“ standen – manchmal allerdings auch Schlagstock – schwingend und -schlagend  durch das Quartier Latin stürmten.

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Allerdings waren die Einsätze der CRS gegen streikende Arbeiter, die ihre Fabriken besetzt hatten, besonders hart,  und dabei kamen  –anders als bei den Studenten-Demonstrationen in Paris-  sogar mehrere Menschen ums Leben.

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Bei diesem Plakatentwurf aus dem Atelier populaire der Pariser Kunsthochschule erhält man übrigens einen kleinen Einblick in die Arbeitsweise:

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Hier wurde zunächst eine Blleistifskizze angefertigt, die dann mit schwarzer Tusche ausgeführt wurde – allerdings offenbar nicht das Plenum überzeugen konnte.

Ein bevorzugtes Objekt der Plakate war natürlich Staatspräsident de Gaulle, zumal dieser in der 5. Republik eine erhebliche Machtfülle auf sich vereinigte. Hier  wird er, wohl um dies zu veranschaulichen, mit der erhobenen Hand des Hitlergrußes dargestellt- wobei man allerdings de Gaulle als einem Résistant der ersten Stunde keinenfalls eine Nähe zum  Faschismus oder eine Willfährigkeit  gegenüber den deutschen Besatzern unterstellen kann.

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Es gab aber auch  Plakate, die sich auf ganz andere Weise mit der Staatsmacht auseinandersetzten. So das de Gaulle-Plakat „La chienlit c’est lui!“

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Dieses Plakat, das zu den bekanntesten aus der Produktion des atelier populaire gehört, bezieht sich auf einen Ausspruch von Staatspräsident de Gaulle am 19. Mai: „La réforme, oui, la chienlit, non!“ Le chienlit war eine Person des Karnevals von Paris, später wurde es (eher selten)  auch in der weiblichen Form verwendet als Ausdruck  für Unordnung, Aufregung- so von de Gaulle auf den Champs-Elysées im August 1944 anlässlich der Befreiung von Paris – und dann eben wieder 1968.[29]

Wie populär übrigens dieser Ausspruch de Gaulles noch heute ist und ein wie allgemein gültiger Bezugspunkt der Mai 68 und die Plakate des atelier populaire noch heute sind, zeigt die nachfolgende Werbung eines Privatunternehmens auf der ersten Seite von Le Monde vom 30. Mai 2018.

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Da wird im Stil der Plakate von 68 die Steuerflucht von Unternehmen angeprangert – während der in Frankreich ansässige werbende Betrieb (den Namen am unteren Rand der Anzeige habe ich entfernt)  dort brav seine Steuern entrichte…

Dass auf dem originären Chienlit-Plakat von 1968, das den Ausspruch de Gaulles aufgreift und umformt,  der Präsident wie  eine Marionettenfigur dargestellt wird, kann als Ausdruck einer politischen Theorie gesehen werden, für die der Staat lediglich die Marionette des Großkapitals ist.  Es passt aber auch zu dem karnevalistischen Ursprung des Wortes und zu dem Anspruch der Volkstümlichkeit, der auch in den beiden nachfolgenden Plakaten/Entwürfen des atelier populaire zum Ausdruck kommt.

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Die klassische Marionetten-Figur des Räubers ist hier, wie die gereckte Faust zeigt, der Arbeiter, der anscheinend auch zum bewaffneten Kampf bereit ist….

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Viele der ausgestellten Plakate beziehen sich auf soziale Bewegungen und Streiks. Und das ist kein Zufall: Immerhin gab es 1968 die größte Streikbewegung, die Frankreich jemals erlebt hat. Die Zahlen der Streikenden, die in den Medien angegeben werden, schwanken, oft wird die Zahl von 7 Millionen genannt, die Angaben reichen aber bis 10 Millionen. Es dürfte also zwischen einem Drittel und der Hälfte aller französischen Arbeitnehmer gewesen sein, die damals die Arbeit einstellten und für höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen, aber zum Teil auch für die Beseitigung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung eintraten. Und immerhin ist der französische Mai 68 von allen studentischen Protestbewegungen, die es damals in vielen Ländern der Welt gab, die einzige, die auch Schüler, einen großen Teil der Künstler und Intellektuellen und auch „les masses ouvrières“ mobilisiert hat.[30] Es ist ja in diesem Zusammenhang bemerkenswert, dass der Generalstreik vom 13. Mai von allen Gewerkschaften auch ausgerufen wurde, um  gegen das harte Vorgehen der Polizei während der „Nacht der Barrikaden“ im Quartier Latin[31] zu protestieren.

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Das Besondere dieser Streikbewegung war, dass sie nicht auf die traditionell streikerprobten Großbetriebe der Automobil- und Flugzeugindustrie (Renault, Citroën, Sud-Aviation) beschränkt war und auch nicht auf die traditionellen industriellen Regionen des Pas de Calais und des Großraums Paris. Auch in keinen Unternehmen und in bis dahin eher wenig arbeitskämpferischen Regionen wurde nun gestreikt, was in diesem Plakentsprechend gefeiert wird.

 

 

Die Einheit von Arbeitern, Studenten und Bevölkerung wird in dem nachfolgend links wiedergegebenen Plakat proklamiert.

Die beiden Plakate beziehen sich auf die Renault-Fabrik von Flins, wo im Anschluss an den Generalstreik vom 13. Mai seit dem 14. Mai gestreikt wurde. Am 16. Mai besetzen Arbeiter die Fabrik. Das Mittel der Fabrikbesetzungen spielte 1968 eine große Rolle: Sie hatten die Funktion, den Forderungen Nachdruck zu verleihen sowie Aussperrungen und die Fortsetzung der Arbeit mit Streikbrechern zu verhindern. Darüber hinaus wird auf einem Plakat des Atelier populaire auch für die Einheit von Arbeitern und Bauern geworben – und in der Tat war ja auch die französische Landwirtschaft Teil von der Mobilisation des Mai 68 betroffen, auch wenn sie weniger im Rampenlicht stand.

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Die in dem obigen Plakat proklamierte Einheit von „Arbeitern, Studenten, Bevölkerung“ gab es stellenweise im Mai 68 – aber insgesamt handelte es sich doch, nach dem Urteil des französischen Soziologen Pierre Bourdieu, um eine „Synchronisierung“ verschiedener Kämpfe, nicht aber um ihren Zusammenschluss. Als am 17. Mai ein Zug von Studenten den Arbeitern  von Renault-Billancourt, die ihre Fabrik besetzt hatten, ihre Solidarität bekunden wollte, wurden auf Anweisung der Gewerkschaft CGT die Werkstore geschlossen…..[32]

Die Streikbewegung legte einen großen Teil des öffentlichen Lebens lahm, Benzin wurde zu einem kostbaren Gut, der Eisenbahnverkehr kam durch den Streik der cheminots zum Erliegen. Der Aufruf zur Unterstützung der Bahnbediensteten hat 50 Jahre später wieder eine besondere Aktualität angesichts der Streikwelle bei  der Staatsbahn, durch die vor allem die für Neueinstellungen geplante Abschaffung des äußerst komfortablen Statuts der cheminots verhindert werden soll.   Gleichzeitig gibt es in Frankreich derzeit auch eine Protestbewegung bei Air France und in den Hochschulen. Den Anlass dort liefern Pläne der Regierung, den Zugang zu den Universitäten neu zu gestalten. Während die prestige- und karriereträchtigen Grands Écoles ein äußerst selektives Aufnahmeverfahren praktizieren, ist der Zugang zu den Universitäten weitgehend unbeschränkt, was allerdings dazu führt, dass etwa 60% der Studenten schon im ersten Universitätsjahr scheitern und nur 28,7% nach den dafür vorgesehen drei Studienjahren den Bachelor (licence) erreichen.[33] Gegen das von der Regierung geplante Bewerbungs- und damit natürlich auch Selektionsverfahren  gibt es –bisher allerdings nicht von den eigentlich betroffenen Schüler/innen-  Widerstand, was Hoffnungen auf eine „convergence des luttes„, also eine breite Aktionsfront von Studenten, Schülern und Arbeitern wie im Mai 68 aufkeimen lässt.  Vergleiche mit dem Mai 68 haben da Konjunktur. In einem Interview mit Le Monde wurde beispielsweise der Generalsekretär der CGT, Philippe Martinez, gefragt, ob er „einen neuen Mai 68“ anstrebe. Martinez wollte zwar keine direkte Parallele ziehen, aber der Mai 68 bleibe ein Bezugspunkt für die aktuellen Arbeitskämpfe, vor allem auch, was die gewerkschaftliche Einheit angehe. „La demarche est similaire“. Allerdings  ist es den Gewerkschaften noch nicht einmal gelungen, 2018 eine gemeinsame Maikundgebung zu organisieren. Von einem Generalstreik aller Gewerkschaften wie 1968 ist man da weit entfernt.  [34]  Und ein ganz wesentlicher Unterschied zwischen 1968 und 2018 ist doch wohl, dass der Mai 68 im Verständnis seiner Akteure ein Aufbruch zu einer besseren Zukunft war, während es bei den aktuellen Auseinandersetzungen in Frankreich eher um die Konservierung von Zuständen geht, die kaum überlebensfähig sind.[35]

Insofern ist auch nicht zu erwarten, dass es 2018 zu einer ähnlichen politischen Krise kommen wird wie die, die 1968 von der Studenten- Schüler- und Streikbewegung nangestoßen, aber nicht verursacht wurde. Am 30. Mai 1968 löste Staatspräsident de Gaulle die Nationalversammlung auf und kündigte Neuwahlen für den 23. Juni an, mit denen sich mehrere Plakate des Atelier populaire kritisch auseinander setzte.Während die Eltern im Sinne des durch das Lothringerkreuz symbolisierten Staatspräsidenten wählten, würden die Kinder von der Polizei zusammengeschlagen.

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Gleichzeitig versuchte aber die Regierung Pompidou, der Streikbewegung, die am 24. Mai mit 9-10 Millionen Beteiligten ihren Höhepunkt erreichte[36], Wind aus den Segeln zu nehmen. Am 27. Mai wurde von Regierung, Arbeitgebern und Gewerkschaften das sogenannte Protokoll von Grenelle unterzeichnet. Es sah u.a. eine Erhöhung des Mindestlohns um 35 %, allgemeine Lohnerhöhungen von 7% -was allerdings im Rahmen des davor  Üblichen blieb- das Ziel einer Reduzierung der Arbeitszeit auf 40 Stunden und das Recht gewerkschaftlicher Betätigung in den Betrieben (allerdings keine Mitbestimmung) vor.  Von vielen, die sich  in der Streikbewegung engagiert hatten,  wurden diese Vereinbarungen als unzureichend angesehen.

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Das hier abgebildete Plakat aus dem atelier populaire fordert zu einer Fortsetzung der Arbeitskämpfe auf. Die politische Wahl ändere nichts. In der Tat: Die Parlamentswahlen vom 30. Juni, die auch als  „Angstwahlen“ bezeichnet wurden, führten zu einem überwältigenden Wahlsieg der gaullistischen UDR, die 293 von 378 Sitzen gewann.[37]

Die Streikbewegung ebbte nun –auch unter dem Druck der Gewerkschaftsführungen- allmählich ab, auch wenn noch im Juni 68 auf Plakaten des atelier populaire der Anfang eines fortdauernden Kampfes verkündet wurde.

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Der fand dann zwar nicht statt, aber  die sozialen Auseinandersetzungen des  Mai 68  haben doch die Arbeiterbewegung der nachfolgenden Jahre stark beeinflusst. Das gilt vor allem für das „symbolische Thema der Selbstverwaltung“, das von der damals zweitgrößten (und heute größten) französischen Gewerkschaft, der CFDT, propagiert wurde.[38]

Das wohl bekannteste Modell eines selbstverwalteten Betriebs war die traditionsreiche Uhrenfabrik LIP in Besançon. 1973 ging die Fabrik in Konkurs  und stellte die Produktion ein. In einem Akt der Selbstverteidigung („autodéfense“) , führten die Arbeiter die Produktion fort und vermarkteten selbst die von ihnen hergestellten Uhren.[39]

Das Beispiel von LIP fand ein großes mediales Echo weit über Frankreich hinaus. In der Ausstellung sind auch Plakate zu sehen, die dazu beigetragen haben, das Modell der Selbstverwaltung bekannt, ja populär zu machen. Eine LIP-Uhr zu tragen gehörte damals auch in Deutschland zum guten links-alternativen Ton. Und im Raum Frankfurt zum Beispiel entstanden in den 1970-er Jahren, angeregt von LIP. eine ganze Reihe von alternativen selbstverwalteten Projekten, die teilweise noch bis heute erfolgreich arbeiten. Das selbstverwaltete LIP-Projekt war zwar 1976 gescheitert –u.a. auch am Ausbleiben von Aufträgen des Staates, der verhindern wollte,  dass das Projekt Schule machte, aber immerhin „trugen die Auseinandersetzungen der LIP-Arbeiterinnen und -Arbeiter zur vorerst letzten Ausbauphase des französischen Wohlfahrtsstaats bei.“[40]

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Ein besonderes Kennzeichen des französischen Mai 68 war die große Beteiligung von Schüler/innen an den Protestaktionen. Das wird für manche  Beobachter, auch professionelle, eine Überraschung gewesen sein. Wurde doch in dem schon erwähnten Jugendweißbuch, über das sich Daniel Cohn-Bendit empörte, ein geradezu idyllisch-antiquiertes Bild der Jugend gezeichnet: Der junge Franzose, so heißt es da, wolle zwar früh heiraten, aber erst dann Kinder auf die Welt setzen, wenn er über genügend Mittel verfüge, sie auch korrekt aufzuziehen. Bis dahin sparten die jungen Männer für ein Auto und die jungen Mädchen für ihre Aussteuer.[41]

Allerdings gab es schon vor dem Mai 68 in den Schulen Anzeichen einer Politisierung und Mobilisierung, die sich unter anderem in der Kritik an einer autoritären Schulorganisation und einer vorherrschenden autoritären Gestaltung des Unterrichts äußerte. Es bildeten sich an verschiedenen Schulen sogenannte Comités d’action lycéen (CAL), um gegen  « les lycées-casernes » bzw. Gefängnisschulen zu protestieren. Im Mai/Juni 1968 waren etwa 400 Schulen besetzt.

Die  beiden Plakate aus dem Pariser atelier populaire sind Ausdruck eines damals verbreiteten Lebensgefühls bei Jugendlichen, nämlich nicht ernst genommen und nicht gehört zu werden. Im gaullistischen Frankreich gab es weder an Schulen noch an Hochschulen institutionelle Räume, die Jugendlichen die Möglichkeit zur Artikulation ihrer Positionen,  geschweige denn zur Mitbestimmung gegeben hätten. Und im Bereich der Politik war es ähnlich: Das Wahlrecht gab es erst ab 21 Jahren.

 

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Überblickt man die in der École des beaux-arts ausgestellten  Plakate fällt auf, dass die Frauenbewegung  fast nicht repräsentiert ist. Die  Bewegung von 1968 wurde ja in der Tat auch in erster Linie von Männern getragen, sie war –wie Le Monde schreibt, eher „eine Revolution von Männern und für Männer.“[42]  Gerne wird in diesem Zusammenhang in der Literatur über den Mai 68 darauf hingewiesen, dass in der Delegation der Gewerkschaften, die die Protokolle von Grenelle verhandelten, keine einzige Frau vertreten war – geschweige denn bei den Vertretern von Arbeitgebern  und Regierung. Ganz abwesend sind die Frauen auf den Plakaten der Ausstellung aber nicht:  Auf diesem Plakat der „Femmes en Lutte“ des 13. Arrondissements von Paris geht es um die Forderung nach kostenloser Scheidung-  die Heirat sei  ja auch kostenlos. Und das Thema Scheidung war in den 1950-er und 1960-er Jahren auch deshalb für Frauen besonders virulent, weil in Scheidungsprozessen das Verhalten von Mann und Frau üblicherweise mit völlig unterschiedlichen Maßstäben gemessen wurde. Erfolgreich war dieses Anliegen allerdings nicht.  Immerhin durften Frauen in der Folge des Mai 68 aber erstmals ohne Zustimmung des Mannes ein Konto eröffnen…. Und es entwickelten sich doch  trotz –oder aufgrund- der männlichen Dominanz im Mai 68 Strukturen einer feministischen Bewegung, die  dann in den Auseinandersetzungen zum Beispiel um die Straffreiheit von Abtreibungen die zentrale Rolle spielte.[43]

Noch weniger oder überhaupt nicht präsent ist –auch nach dem Befund der in der École des Beaux-arts ausgestellten Plakate- im Mai 1968 die politische Ökologie. „Le mot ‚écologie‘ est absent de Mai 68“.  Klimaveränderung, Umweltzerstörung, Bevölkerungswachstum, Ressourcenrückgang spielen hier noch keine Rolle.[44] Erst die 1972 vorgestellte Studie des Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“ wurde zur „Chiffre einer Zeitenwende“,  was die Entwicklung ökologischen Bewusstseins angeht.

Eine wesentliche Rolle bei der Politisierung und Mobilisierung von Schülern und Studenten spielte in Frankreich –wie ja auch in Deutschland-  der Protest gegen den Vietnam-Krieg der USA. In diesem Protest hat sich gewissermaßen „die Generation 68“ geformt.[45] Auch zu diesem internationalen Aspekt des Mai 68 gibt es in der Ausstellung der École des Beaux-Arts Anschauungsmaterial, wie beispielsweise das Dart-Spiel mit dem  Yankee als Volltreffer. Aber dieser Bericht wäre völlig überfrachtet, wenn ich auch darauf  noch genauer einginge…

Aber etwas darf dann doch nicht fehlen in diesem Bericht: Geht man –wie wir- durch die rue Bonaparte zur École des Beaux-Arts,  kommt man an dem Haus vorbei, in dem der Zeichner und Cartoonist Georges Wolinski von 1976 bis 2015 gelebt hat –also bis zu seinem gewaltsamen Tod  in den Redaktionsräumen von Charly Hebdo.

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Und dann  berührt es schon ganz besonders, wenn man ein paar Schritte weiter in der Ausstellung auf dem dort aufgebauten 68-er Zeitschriftenwühltisch eine Ausgabe von Chrarly Hebdo mit einem Titelbild von Wolinski findet, das die militante Fabrik- und Streik-Ikonographe des atelier poplulaire  aufgreift, aber in sehr freundlich-humorvoller Weise. Und dann ist auch noch das  Plakat  von Wolinskis Theaterstück  „Je ne veux pas mourir, idiot“ zu sehen. Mit diesem Stück brachte Wolinski die  „Ideen von 68“ auf die Bühne – und auch damit –und als Jude-  hatten ihn die islamistischen Terroristen, die ihn am 7.Januar 2015 ermordeten, ganz  besonders im Visier.

Abschließen möchte ich diesen Beitrag aber mit zwei berühmten Plakaten aus dem atelier populaire, die für sich sprechen: „Rückkehr zur Normalität“ und „Die Ordnung regiert“.

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Diese Plakate laden natürlich dazu ein, über den Mai 68 und seine Folgen nachzudenken. Darüber wird in Frankreich seit 50 Jahren sehr intensiv und heftig diskutiert. Eines allerdings scheint alle Kontrahenten zu einigen: Die Überzeugung nämlich, dass der Mai 68 unbestreitbar zum nationalen Erbe gehört, wie es in der Ankündigung der Ausstellung in den Archives nationales heißt: „Le ‚moment 68‘  (…) appartient incontestablement au patrimoine national.“[46]

Eine besondere  Pointe/Fußnote lieferte dazu  übrigens ein Werbeplakat, das, blickte man aus den Ausstellungsräumen auf die andere Seite der Seine im Pariser Smog zu erkennen war:

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Augmenter la réalité. Révolutionner les idées. La 5 G arrive….

Abgeschlossen am 28.4.2018

 

Anmerkungen

[1] Einen kleinen Überblick über die entsprechenden Neuerscheinungen bietet Le Monde des Livres: „Mai 68 hors les murs“ vom 9. März 2018

[2] Louis Manaranche, Commémorer Mai 1968? In: Figaro 25.10.2017

http://www.lefigaro.fr/vox/societe/2017/10/25/31003-20171025ARTFIG00128-commemorer-mai-1968.php

[3] http://www.liberation.fr/politiques/2017/11/08/commemorer-mai-68-il-n-est-pas-prevu-de-remettre-le-pave-d-or-a-dany-cohn-bendit-pour-l-elysee_1608574

[4] https://www.lexpress.fr/actualite/politique/a-bercy-sarkozy-attaque-les-heritiers-de-mai-68_464258.html

https://www.nouvelobs.com/politique/elections-2007/20070430.OBS4781/nicolas-sarkozy-veut-liquider-l-heritage-de-mai-68.html

[5] Interview mit Raphaël Glucksmann „Pourquoi j’en ai marre de 68“ in:Le  Nouveau Magazine Littéraire, Mars 2018, p. 28f

[6] http://www.lefigaro.fr/arts-expositions/2018/01/18/03015-20180118ARTFIG00167-le-centre-pompidou-lance-les-commemorations-de-mai-68.php

[7] https://maison-heinrich-heine.org/

[8] Bild aus: http://www.leparisien.fr/paris-75/paris-75006/nuit-debout-l-ecole-des-beaux-arts-de-paris-occupee-13-05-2016-5793175.php

Zur Nuit-debout-Bewegung siehe den entsprechenden Blog-Bericht: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/361

[9] Vincent Brocvielle, soixante-huit’arts. In: 88, le grand tournant, S. 60f

[10] Aus: Simone de Beauvoir, Tout compte fait.  (1972). Zitiert in: Le Quartier latin des écrivains. Éditions pimientos 2003, S. 111/112

[11] Siehe: Marseille Années 68, sous la direction d’Olivier Filiieule et Isabelle Sommer. Les Presse de Science-Po. 2018 und Lyon en lutte dans les années 68. Collectif de la Grand Côte. 2018

[12] Einen erneuten  Polizeieinsatz gibt es  übrigens im Februar 1974. Damals ging es der Polizei darum, regelmäßige Versammlungen und Feministinnen und Homosexuellen zu unterbinden, die dort seit 1971 stattfanden. http://www.lemonde.fr/arts/article/2018/02/28/l-iconographie-de-mai-68-s-affiche-aux-beaux-arts_5263427_1655012.html#bPxwpFwPPPfQ0bEZ.99

[13] Le Monde des livres, 13.4.2018, S. 9:  Dessiner sans entrave.

Am 16. Mai wurden im Hôtel Druot (9. Arrondissement) mehrere hundert Plakate des Mai 68 versteigert, „pour la plupart issues de l’Atelier polpulaire (ex-Ècole des Beaux-Arts)“. Aus: A Nous Paris, 30.April- 6. Mai 2018, S. 9

[14] Bertrand de Saint Vincent, Ça l’affiche mal. ‚Images en lutte- La culture visuelle de l’extrême gauche en France‘ au Palais des beaux-arts. In: Le Figaro, 27.3.2918, cahier No 3

[15] http://www.lemonde.fr/arts/article/2018/02/28/l-iconographie-de-mai-68-s-affiche-aux-beaux-arts_5263427_1655012.html#bPxwpFwPPPfQ0bEZ.99

[16] https://artblart.com/tag/daniel-cohn-bendit-facing-a-crs-in-front-of-the-sorbonne/  Das untere Bild  rechts ist ein Ausschnitt aus der Titelseite von Le Nouveau Magazine Littéraire, März 2018. In einer Sendung von France Culture wird Daniel Cohn-Bendid als derjenige bezeichnet, „qui incarne à lui seul Mai 68“:

https://www.franceculture.fr/emissions/le-choix-de-la-redaction/le-choix-de-la-redaction-1-er-janvier-2018

In der Bibliothèque nationale de France findet vom 17. April bis zum 26. August 1968 eine Ausstellung statt mit dem Titel:  „Icônes de Mai 68, Les images ont une histoire“. Neben der „Marianne de Mai 68“ , dem Foto einer inmitten einer Demonstration auf den Schultern ihres Freundes sitzenden und fahnenschwingenden jungen Frau, die Le Monde zum Titelbild ihrer Mai 68-Sonderausgabe gemacht hat, steht dort Gilles Carons Cohn-Bendid-Foto im Mittelpunkt. Von April bis Juli präsentiert das Hôtel de Ville de Paris die erste Retrospektive von Gilles Caron, dem photojournaliste mythique des années 1960. https://presse.paris.fr/wp-content/uploads/2017/11/Premi%C3%A8re-r%C3%A9trospective-du-photographe-Gilles-Caron-%C3%A0-l%E2%80%99H%C3%B4tel-de-Ville.pdf

Der „ci jolie mois“ Mai 68 ist ein Zitat aus der Ankündigung  des Sonderhefts von  Le Monde („68. Les jours qui ebranlèrent la France“) in Le Monde  vom 24.4.2018,  S. 21

[17] https: www.parisnanterre.fr/honoris-causa-daniel-cohn-bendit-572853.kjsp

[18] https://blogs.mediapart.fr/patrice-louis/blog/220308/22-mars-1968-l-enregistrement

[19] Siehe im Einzelnen: https://blogs.mediapart.fr/patrice-louis/blog/220308/22-mars-1968-l-enregistrement

Zur Bewegung 22. März siehe auch das Interview mit Daniel Cohn-Bendid: In: Matériaux pour l’histoire de notre temps. Jahrgang 1988, S. 124ff

https://www.persee.fr/doc/mat_0769-3206_1988_num_11_1_403840

[20] https://bibliobs.nouvelobs.com/idees/20180315.OBS3685/quand-sartre-interviewait-cohn-bendit-dans-l-obs-du-20-mai-1968-un-dialogue-historique.html

[21]  http://www.fr.de/politik/zeitgeschichte/die68er/daniel-cohn-bendit-der-mann-der-1968-verkoerpert-a-1344389

http://www.deutschlandfunk.de/daniel-cohn-bendit-in-deutschland-bin-ich-bekannt-in.1295.de.html?dram:article_id=379579

[22] https://fr.wikipedia.org/wiki/Nous_sommes_tous_%C2%AB_ind%C3%A9sirables_%C2%BB

[23]Am 4. Mai 2008 widmete der Fernsehsender Arte „der Geschichte des in Frankreich sehr  berühmten Plakats“ eine Ausgabe der Sendereihe Carambolag: https://sites.arte.tv/karambolage/fr/le-slogan-nous-sommes-tous-des-juifs-allemands-karambolage

[24] http://www.integrersciencespo.fr/index.php?article535/resume-de-mai-68-pourquoi-mai-68-et-chronologie

[25] Siehe zum Beispiel den Bericht eines Augenzeugen und Teilnehmers der Demonstrationen im Quartier latin:

„J‘ai surtout conservé la mémoire de manifestations d’étudiants prenant le tournant d’une rue avec ses maisons anciennes, un souvenir qui s’impose à moi dans une association intime aux Révolutions françaises, et 1848 tout particulièrement.“ https://www.cairn.info/revue-le-mouvement-social-2010-4-page-165.htm

Zur Pariser Commune siehe den Blog-Beitrag: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2912

[26] http://www.lemonde.fr/arts/article/2018/02/28/l-iconographie-de-mai-68-s-affiche-aux-beaux-arts_5263427_1655012.html#bPxwpFwPPPfQ0bEZ.99

[27] Über den „Mai 68, printemps des violences policières“ wurde 1969 in Cannes ein eindrucksvoller Dokumentarfilm präsentiert (Mai 68, La belle ouvrage von Jean-Luc Magneron), der zum 50. Jahrestag wieder in Pariser Kinos gezeigt wird. (siehe Le Monde 25. April 2018)

[28] Daniel Cohn-Bendit (avec Patrick Lemoine): Sous les crampons… la plage. Paris 2018, S. 10/11

[29] http://www.lefigaro.fr/histoire/archives/2015/10/06/26010-20151006ARTFIG00283-de-gaulle-en-mai-68-la-reforme-oui-la-chienlit-non.php

https://fr.wikipedia.org/wiki/Chienlit

[30] Entretien avec Edgar Morin. In: 68, le grand tournant, S. 8: „C’est la seule qui ait débordé l’université pour investir tous les champs de la société et provoquer une crise politique majeure.“  Entsprechend Le Monde, 24.4.2018, S. 3:  „Mais il n’y a qu’en France qu’elle (une effervescence généralisée W.J.) dépassa la seule jeunesse révoltée pour atteindre profondément toutes les strates de la société.“

Allgemein dazu: Xavier Vigna, l’insubordination ouvrière dans les année 68. Essai d’histoire politique des usines. Presses Universitaires Rennes 2007

[31] http://www.liberation.fr/cahier-special/1998/05/11/special-mai-68-cette-nuit-la-10-au-11-mai-de-gaulle-dort-des-21-heures-le-quartier-latin-occupe-se-h_238427

[32] Siehe Geoffroy de Lagasnerie, Il faut renvoyer mai 68 aus passé. In: Politis, No 67, Febr/März 2018, S.5 und Ludivine Bantigny, a.a.O., S. 10

[33] Angaben des ehemaligen Rektors der Sorbonne, Jean—Robert Pitte, in: Le Figaro, 6.4.2018, S.14 und aus einem Debattenbeitrag von 63 Universitätspräsidenten in Le Monde vom 20.4.2018: La loi orientation favorise la réussite de tous les étudiants.

Da, wo die Nachfrage nach Studienplätzen und das vorhandene Angebot besonders weit auseinanderklaffen, gibt es allerdings bisher schon (notwendiger Weise) ein „Auswahlverfahren“, nämlich das Los, ein eklatanter Widerspruch zu der sog. „meritokratie“,  die in Frankreich zu den republikanischen Grundpfeilern gehört. Da erscheint es mir jedenfalls schon sinnvoller, fachbezogene Auswahlkriterien zu verwenden. In dem mir aus familiären Gründen vertrauten Fach Sport zum Beispiel- wie es die Regierung vorsieht-  u.a.  Mindestanforderungen für sportliche Leistungen und der Nachweis über Erfahrungen im assoziativen sportlichen Bereich.

[34] Interview mit Philippe Martinez in Le Monde, 12. April 2018,, S. 7

[35] Es ist in diesem Zusammenhang ja bezeichnend, dass keine französische Gewerkschaft fordert, den cheminot-Status mit seinen vielfachen Vorzügen auf alle Arbeitnehmer zu übertragen.

[36] http://www.bpb.de/internationales/europa/frankreich/152656/der-franzoesische-mai-68

[37] http://www.lemonde.fr/societe/article/2006/03/30/en-mai-68-les-accords-de-grenelle_756462_3224.html#MEkZPIOZe8LeL6Du.99

[38]https://www.ladepeche.fr/article/2008/04/18/449592-mai-1968-mouvement-social-plus-massif-ait-connu-france.html

[39] http://www.lemonde.fr/economie/article/2013/06/18/cooperatives-et-syndicats-un-mariage-de-raison-pour-lutter-contre-les-restructurations_3432214_3234.html

[40] https://zzf-potsdam.de/de/news/jens-beckmann-schliesst-promotion-thema-selbstverwaltung-im-industriebetrieb-ab

[41] Zit. in: Youenn Michel, Mai 68 et l’enseignement: mise en place historique. In: Les Sciences de l’éducation 2008,3 (Vol 41)

« Le jeune Français songe à se marier de bonne heure, mais a le souci de ne pas mettre d’enfants au monde avant d’avoir les moyens de les élever correctement. Aussi son objectif n° 1 est-il la réussite professionnelle. En attendant, sur ses gains modiques, il fait des économies, le jeune homme pour s’acheter une voiture, la jeune fille pour constituer son trousseau (…)“

https://www.cairn.info/revue-les-sciences-de-l-education-pour-l-ere-nouvelle-2008-3-page-13.htm

[42] Anne Both, Le printemps contrarié des femmes. In: Le Monde des livres, 9. März 2018, S.3

[43] „Le mouvement des femes toujours à contretemps“. In: 68, Le grand tournant. Les hors-série de l’Obs No 98, S. 74ff

Christine Delphy, La deuxième ‚vague féministe‘ est née en 1968. In: Politis, hors-série No 67, Febr/März 2018, S.25/27

Unsere Freundin Monique Bauer hat ein schönes Buch über die „filles de mai“ herausgegeben. (Filles de Mái,, 68 mon mai à moi. mémoires des femmes:  Le bord de l’eau 2018). Dabei geht es gerade darum, bezogen auf den Mai 68 die „silence des femmes dans l’histoire“ aufzubrechen.

[44] Claude Marie Vadrot, In: Politis, hors-série 67, Febr/März 2018, S. 68

Siehe: Vorwort von Daniel Cohn-Bendid zu Mai 68. Paris: Denoël 2008, S. 8

[45] Laurent Jalabert, Aux origines de la génération 1968 : les étudiants français et la guerre du Vietnam.  In: Revue d’histoire No 55,  1997, S.  69-81  https://www.persee.fr/doc/xxs_0294-1759_1997_num_55_1_3664

[46] Mémoire d’avenir. Le journal des archives nationales 30, April/Juni 2018, S.8

 

Literatur

Volkhard Brandes, Paris, Mai ’68: Plakate, Karikaturen und Fotos der Revolte. Taschenbuch – 2008

Michel Wlassikoff, Mai 68. L’affiche en héritage, Gallimard

Vincent Chambarlhac et al, Le Trait68. Insubordination graphique et contestations politiques (1966-1977)

Ausstellungskatalog „Images en lutte. La culture visuelle de l’extrême gauche en France (1967-1974) Editions ENSA

Xavier de Jaarcy, Les affiches de Mai 68 sont sorties d’une espèce d’usine heureuse. In: Télérama, 26.4.2018

Die Seineufer in Paris: Der schwere Abschied vom (Alp-) Traum einer autogerechten Stadt

Am 21. Februar 2018 hat ein Pariser Verwaltungsgericht geurteilt, dass die Sperrung der voie Pompidou, der Autoschnellstraße auf dem rechten Seineufer, unrechtmäßig sei.  Die Umwandlung dieser Autostraße in eine Fußgängerzone gehörte zu den wesentlichen Projekten der 2014 gewählten Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo. Schon im Sommer 2016 war die Schnellstraße für Paris plages und eine Ausstellung über die Pariser Klimakonferenz provisorisch stillgelegt worden. Am 26. September 2016 beschloss dann  die  Pariser Stadtverordnetenversammlung  (Conseil de Paris) mit den Stimmen der linken Parteien und der Grünen und gegen den erbitterten Widerstand der rechten Parteien die dauerhafte Umwandlung eines zentralen 3,3 km langen Teilstücks der voie Pompidou zwischen dem tunnel des Tuileries (1er) bis zum bassin de l’Arsenal“ (4e) in eine Fußgängerzone (piétonnisation).  Am 2. April 2017 fand die von den Befürwortern als Meilenstein der Stadtentwicklung gefeierte offizielle Einweihung statt. Die Fußgängerzonen auf beiden Seiten der Seine wurden jetzt offiziell in „Parc rives de Seine“ umgetauft und die Stadtverwaltung rührte dafür kräftig die Werbetrommel. [1]

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Allerdings ging der Beschluss der Stadtverordneten, wie das Verwaltungsgericht feststellte, von unzureichenden und ungenauen Prämissen aus und war nicht hinreichend fundiert, so dass die Schließung nicht rechtens sei.  Die Straße müsse deshalb wieder für den Autoverkehr geöffnet werden.[2]  Für einen deutschen Beobachter ist es schon bemerkenswert, dass in einer Zeit, in der  in Deutschland die Sperrung von Straßen jedenfalls für besonders umweltbelastende Autos auf der Tagesordnung steht und Gerichte entsprechenden Druck machen, es hier in Paris genau umgekehrt ist. Jetzt haben die Gegner des Projekts wieder Oberwasser, aber die Befürworter, allen voran die Pariser Bürgermeisterin Hidalgo, wollen keinen Falls aufgeben.

Das Bündnis „Sauvons les berges“ sammelte in kurzer Zeit 32 500 Unterschriften für die Beibehaltung der Fußgängerzone und rief für den 10. März 2018 zu einer Demonstration auf dem noch gesperrten Seineufer auf.

DSC02735 Manif berges de Seine 10.3 (4)

Anne Hidalgo, hier am Mikrophon, versprach, nicht locker zu lassen und das Projekt der piétonnisation, der Umwandlung der Autostraße in eine Fußgängerzone, auch nach diesem Gerichtsbeschluss dauerhaft zu etablieren. Die Gesundheit der Menschen lasse sich nicht verhandeln, rief sie im Blick auf die hohe Umweltbelastung der Stadt, an der der Autoverkehr einen erheblichen Anteil hat, aus.

Am Rand der Demonstration kamen wir mit einer Passantin ins Gespräch, die von den Auslagen der Bouquinistes an der oberen Kaimauer das Geschehen beobachtete und geradezu hasserfüllt kommentierte. Man sehe doch, was für ein kümmerliches Häuflein von Demonstranten da zusammengekommen sei – nach Angaben der Organisatoren waren es 2000, was aber auch nach unserer Schätzung wohl deutlich übertrieben war. Und die, die da demonstrierten, seien doch nur Pariser BoBos[3] , die sich das Leben in der Stadt leisten könnten.  Die Sperrung der voie Pompidou sei vielleicht gut für die Touristen, aber eine Katastrophe für Pendler; ein Argument, das ich auch schon von meinem im Umland wohnenden Pariser Friseur gehört hatte.  Der Verkehr würde nur nach oben  verlagert, was zu mehr Staus und einer höheren Umweltbelastung führe. Und es waren ja auch Anwohner der am oberen Seineufer gelegenen „Ausweichstraßen“, die gegen die Schließung der voie Pompidou geklagt hatten.

Für mich war diese Demonstration der Anlass, mich etwas näher mit der Geschichte der Pariser Stadtautobahnen entlang der Seine und ihrer Umwandlung in Fußgängerzonen zu beschäftigen. Ich bin allerdings weder Stadtplaner noch Umweltfachmann noch Jurist, sondern ein interessierter Beobachter, dessen Informationen Ergebnis  eines regelmäßigen, wenn auch nicht umfassenden Medienkonsums sind. Und ich bin auch, das soll nicht verschwiegen werden, ein durchaus betroffener, also nicht ganz unparteiischer Beobachter: Ich wohne in Paris, habe als Rentner Zeit und bewege mich in der Stadt vor allem mit dem Fahrrad. Gerade von der Sperrung der nördlich der Seine verlaufenden voie Pompidou  haben wir aufgrund unseres Wohnorts im Nordosten von Paris sehr profitiert. Ich gehöre also zu denen, die hoffen, dass diese Fußgängerzone dauerhaft beibehalten werden kann.

 

  1. Die Voie Pompidou und das Konzept der autogerechten Stadt

Die voie Pompidou ist wesentlicher Bestandteil eines Konzepts, Paris zu einer autogerechten Stadt zu machen. Dieses Konzept hat eine lange Tradition. Der berühmte Architekt Le Corbusier stellte 1925 auf der Exposition internationale des Exposition internationale des Arts Décoratifs seinen „Plan Voisin“ vor, benannt nach und finanziert von dem französischen  Luftfahrtpionier und Autobauer Voisin und entwickelt in engem Kontakt mit den Größen der französischen Automobilindustrie Peugeot und Renault. Dieser Plan sah nicht nur den flächendeckenden Abriss des Marais-Viertels vor, das durch 18 gleichförmige sechzigstöckige Hochhaus-Blöcke „saniert“ werden sollte. Dazu gehörten auch breite Paris zerschneidende und mit der Peripherie verbindende Autoschnellstraßen in nord-südlicher und west-östlicher Richtung und zunächst sogar die Errichtung eines Flughafens mitten in Paris. Das Auto habe die Stadt zerstört, erklärte Le Corbusier, jetzt sei es an der Zeit, dass das Auto die Stadt auch wieder retten müsse. Die verstopften Arterien der Stadt müssten gewissermaßen geöffnet werden. Natürlich sei sein Vorschlag brutal, aber der Städtebau sei eben eine brutale Angelegenheit, weil auch das Leben brutal sei. Albert Speer und dessen aus den Ruinen von Berlin aufzubauendes Germania lassen grüßen.[4]

Le Corbusiers Plan Voisin wurde glücklicherweise nie umgesetzt. Die  Idee,  Paris autogerecht umzugestalten, war  damit aber nicht aufgegeben. Nach dem Krieg wurden (erneut) Pläne entwickelt, Autoschnellstraßen quer und längs durch Paris zu bauen. „Nous voulons faciliter la circulation“, stellte der damalige Präfekt Raymond Haas-Picard im Juli 1964 fest. Das war die Zeit der sogenannten Trente Glorieuses, des französischen Pendants des deutschen „Wirtschaftswunders“. Paris sollte den Anforderungen einer modernen Metropole gerecht werden. Dazu gehörten die Verlängerung von Metro-Linien ins Umland, der Bau von Schnellbahnstrecken (RER), die Paris mit der Peripherie verbinden sollten und der Bau eines neuen Flughafens im nördlichen Umland von Paris. Und dazu gehörten auch neue Autostraßen. Immerhin hatte sich in den Nachkriegsjahren des wirtschaftlichen Wachstums der Autoverkehr in Paris verdoppelt. Also wurde auf dem Gelände der früheren Festungsanlagen die Ringautobahn um Paris gebaut (der sog. Péripherique)[5] und es wurden Pläne zum Bau von Schnellstraßen durch Paris  entwickelt: Dazu gehörte die Idee einer Nord-Süd-Schnellstraße längs durch Paris von der porte d’Aubervilliers zur porte d’Italie. Der Kanal Saint Martin hätte zu diesem Zweck durchgängig zubetoniert werden müssen – der südliche Teil des Kanals war ja schon zu Zeiten des Barons Haussmann zugedeckelt worden, um den in Versailles stationierten Truppen einen ungehinderten Vormarsch zu den potentiell aufrührerischen Stadtteilen im Osten der Stadt zu ermöglichen… [6] Zur Idee, die Stadt autogerecht zu erschließen, gehörten vor allem Schnellstraßen entlang der Seine, um Paris  in wenigen Minuten mit dem Auto  ungehindert durchqueren zu können. Ein erstes 2,3 km langes Teilstück der südlichen Autoschnellstraße wurde in den 1960-er Jahren zwischen dem Institut de France und dem port de Grenelle verwirklicht. Die 1971 eigentlich geplante Weiterführung bis zum pont d’Austerlitz, also vorbei an Notre Dame, scheiterte am erbitterten Widerstand von Anwohnern und wurde 1974 vom damaligen Präsidenten Valérie Giscard d’Estaing (VGE) aufgegeben, ebenso wie das ebenso abenteuerliche Nord-Süd-Projekt.

Aber immerhin: Die 13 Kilometer lange Schnellstraße („voie express“) auf der rechten Seine-Seite zwischen der porte de Saint-Cloud und dem Pont National, wurde am 22. Dezember 1967 von Georges Pompidou, dem damaligen Premierminister, eingeweiht. Pompidou war ein begeisterter Autofahrer und brachte am Steuer seines Porsche 356 manchmal seine Leibwächter zur Verzweiflung, die Mühe hatten, ihm zu folgen. Jetzt hatte er die Genugtuung, diese Schnellstraße entlang der Seine einzuweihen, die denn auch folgerichtig 1975 zu seinen Ehren nach ihm benannt wurde. (Allerdings wohnte Pompidou sehr nobel und verkehrsberuhigt auf der Südseite der Île Saint-Louis, wurde also nicht vom Lärm seiner vielgeliebten voie  express belästigt.)

DSC02899 Parc rive de Seine März 2018 (2)

Auf der Höhe des Hôtel de Ville“ angebrachte Tafel zur Erinnerung an die Umbenennung der „voie expresse rive droite“ in „Voie Georges Pompidou“

Die  Presse überschlug sich geradezu in der Begeisterung über die neue „autoberge“. Ein Reporter des „Parisien libéré“ schrieb einen Tag nach der Einweihung: „Für die Pariser, Opfer der ständigen Verkehrsstaus, ist das zweifellos das schönste Weihnachtsgeschenk.“ Und  der Kollege vom „Figaro“ sprach korrekt laizistisch von einem „cadeau de fin d’année“ der Stadt Paris an die Einwohner der Hauptstadt.  Die neue Ost-West-Achse erlaube, das Zentrum der Hauptstadt mit Hilfe von 7 Unterführungen „ohne eine einzige rote Ampel“ in 6 Minuten zu erreichen.[7] Für uns heute klingt das eher befremdlich:  Das Konzept der autogerechten Stadt, „l’idéal du tout-auto“  der 1960-er Jahre, ist, wie der Figaro 2016 anerkannte, schlicht und einfach überholt.[8]  In Paris geht es jetzt nicht mehr um den Bau von Autoschnellstraßen,  sondern um ein Netz von durchgängigen Fahrradwegen (Réseau express vélo – REVe), auf dem Fahrradfahrer ungehindert und sicher die Stadt von Nord nach Süd und von Ost nach West durchqueren können.[9] Damals aber gehörten die städtischen Autoschnellstraßen zu dem von Pompidou repräsentierten Aufbruch Frankreichs in die Zukunft, so wie  andererseits auch –da hat die Geschichte Pompidou Recht gegeben-  das nach ihm benannte Kunstzentrum, dessen Architekt Renzo Piano damals verhöhnt und verlacht wurde, das heute aber ein fester architektonischer Bestandteil der Stadt ist.

 

  1. Die Verbindung zum Fluss: ein erster Schritt rive gauche

Es war der Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoë, der die stadtplanerische Umkehr einläutete und im Wahlprogramm für seine zweite Amtszeit (ab 2008) versprach, die Flussufer “zurückzuerobern” (“requonquerir les voies sur berge”). Es sei eine Verirrung, dass “einer der schönsten Orte der Welt” als städtische Autobahn fungiere. Man werde also das Seineufer den Parisern und den “amoureux de Paris” zurückgeben. Damit werde die Umweltbelastung verringert und die Lebensqualität in der Stadt erhöht.[10] Konkret vorgesehen war die Verbannung des Autoverkehrs aus einem 2,3 km langen Teilstück des Seineufers zwischen dem pont de l’Alma und dem pont Royal – vorbei am grandiosen pont Alexandre III, der Assemblée nationale, dem hôtel Salm[11] und dem  musée d’Orsay.

Allerdings stießen diese Pläne auf den erbitterten Widerstand der damaligen Regierung François Fillons, gegen deren  Willen das Projekt nicht durchgesetzt werden konnte: Die Tiefkais der Seine sind im Besitz des Staates. Delanoë sprach deshalb Anfang 2012 von einem “Diktat der Regierung”, die die für dieses Jahr geplante Öffnung des Tiefkais für Fußgänger verhindere.[12] Allerdings gab es dann doch noch 2012 grünes Licht für das Projekt: Im Mai 2012 wurde Präsident Sarkozy abgewählt und François Hollande wurde Präsident, einen Monat später gewannen die Sozialisten auch die Wahlen zur Assemblée nationale und der Sozialist Jean-Marc Ayrault wurde Ministerpräsident.

Jetzt stand der Umsetzung des Projekts nichts mehr im Wege, auch wenn die Opposition dagegen weiter heftig war. Es handele sich, wie die Stadtverordneten der UMP (der bisherigen rechten Mehrheitsgruppierung) kritisierten, um ein Projekt, das im Gegensatz zu den aktuellen ökonomischen und sozialen Realitäten stehe. “Gewaltige Staus, Lärm und Umweltverschmutzung warden bald das Vergnügen einiger Fußgänger verderben und noch etwas mehr die Attraktivität der Hauptstadt beeinträchtigen.” Die Bürgermeisterin des von der Straßensperrung besonders betroffenen 7. Arrondissements, Rachida Dati, beklagte –wohl nicht ganz zu Unrecht- dass keine effektiven alternativen Verkehrmittel vorgesehen seien.  Die Stadtverwaltung wies demgegenüber darauf hin, dass der städtische Autoverkehr zwischen 2001 und 2010 um 25% zurückgegangen sei und dass immerhin ein Raum von 4,5 Hektar für Sport, Kultur und Natur geschaffen werde.[13]

Ein Spaziergang oder eine Fahrradfahrt durch diese aufofreie Zone an einem sonnigen Frühlings-, Sommer- oder Herbsttag zeigt, wie intensiv dieser Raum genutzt wird. Unter anderem, wie man hier sieht, von Kindern, für die viele Spielmöglichkeiten geschaffen wurden.

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…. auch für Erwachsene, die sich hier sportlich betätigen oder erholen können…

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…etwa  auf den neu angelegten Pontons, den „ jardins flottants“ , auf denen man allerdings nur mit viel Glück einen der begehrten Plätze auf den hölzernen Liegestühlen ergattern kann.

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Auch Flora und Fauna kehren wieder an das Seine-Ufer zurück.