Street-Art in Paris (3): Der Invader

Im zweiten  Beitrag  über die Pariser Street-Art wurden  drei Künstler vorgestellt, die mit ihren Werken den öffentlichen Raum der Stadt in besonderer Weise prägen: Mosko, Jerôme Mesnager und  Jef Aérosol. In einem nachfolgenden sollen Miss Tic, Monsieur chat und  Fred le chevalier folgen.  Der Invader, den ich –gewissermaßen im Zentrum platziert- hier vorstellen möchte, ist sicherlich der  präsenteste  von ihnen und er war auch der erste, den ich, seit  wir uns in Paris niedergelassen haben, mit Bewusstsein wahrgenommen habe. (1)

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Bei Spaziergängen und Fahrten durch die Stadt waren mir kleine Mosaike aufgefallen – unübersehbar bei der Orientierung, weil sie vor allem an Straßenecken bei den Straßenschildern angebracht sind.

Allmählich wurde ich neugierig und fragte einige alteingesessene Pariser, was es denn mit diesen Mosaiken auf sich habe: Fehlanzeige! Selbst unser Zeitungshändler hatte sie noch nie bemerkt und konnte sich auch aus dem Bild, das ich ihm zeigte, keinen Reim machen. Für die Pariser scheint ihre Stadt jedenfalls nicht (mehr) ein Ort zum Flanieren zu sein.

Wenige Tage später  fiel mir am Zeitungskiosk die  Ausgabe der Libération vom 11./12. Juni 2011 auf.  Ein unübersehbares schwarz-weiß-rotes Mosaik zierte das Titelblatt:  Invader envahit Libé– Invader überfällt Libération; wobei auch noch die beiden a-s  in der Schlagzeilen  durch kleine Mosaiken ersetzt waren.

liberation Ausgabe zum 1000. 001

Die gesamte Zeitung fiel typografisch aus dem Rahmen: In den meisten Überschriften waren die a-s mosaikartig umgestaltet. Zunächst dachte ich an ein technisches Problem, bis ich verstand, worum es hier ging: Um eine Ausgabe zu Ehren eines Pariser Straßenkünstlers mit dem Pseudonym Invader.

libération Ausgabe zum 1000. invader 002 (2)

Dort erfuhr ich nun endlich etwas über das „Geheimnis“ der merkwürdigen Mosaike:  „Seit zwölf Jahren bringt Invader in den Städten der ganzen Welt seine Mosaikfiguren an, inspiriert von einem Videospiel der 70-er Jahre.“ 

In der Ausstellung  Être Moderne: Le MoMa à Paris, die 2017/18 in der Fondation Louis Vuitton gezeigt wurde, gehörten auch zwei klassische Videospiele zu den Ausstellungsobjekten, eines davon war der Space Invader von 1978, der damit in den Rang einer Ikone der modernen Kunst aufrückte.  Man konnte sie nicht nur betrachten, sondern auch benutzen, wovon jugendliche Ausstellungsbesucher mit großer Intensität Gebrauch machten.

Wie andere Straßenkünstler  hat der Invader eine gediegene künstlerische Ausbildung,  einen entsprechenden künstlerischen Anspruch und einen Horror vor banalen Nachahmern.  Der Grund, warum ihn  Libération 2011 mit einer besonderen Ausgabe ehrte:  Invader hatte gerade sein 1000. Mosaik in Paris angebracht.

Expo St Honoré 012

Und während Invader meistens nachts unterwegs ist und maskiert und im Schutz der Dunkelheit ans Werk geht, war das 1000. Mosaik Teil einer Vernissage: In einem ehemaligen Elektrizitätswerk der Stadt Paris in unserem 11. Arrondissement, einem repräsentativen Industriebau des 19. Jahrhunderts, wurde das 1000. Mosaik enthüllt und eine Invader-Ausstellung eröffnet.

Aus Anlass des 1000. Pariser Mosaiks wurde eine Karte herausgegeben, auf der alle Pariser „Space Invaders“ verzeichnet sind- buchhalterisch exakt mit Nummer, Arrondissement und Datum. Außerdem ist für jeden Space Invader auch noch eine Punktzahl angegeben.  Für jedes Mosaik gibt es zwischen 10 und 50 Punkten:  und zwar je nach der Schwierigkeit, es anzubringen und seinem „künstlerischen Wert.“  Punkte gab es auch schon bei dem Videospiel der 70-er Jahre, und der Spieler, der die meisten Punkte gesammelt hatte, war der Gewinner:  Im Gegensatz dazu ist der Pariser „Invader“  immer der Gewinner.

In der Ausstellung waren natürlich jede Menge der kleinen Mosaike ausgestellt, darüber hinaus eine Vitrine mit entsprechend gestalteten Turnschuhen, die der „Invader“ bei seinen nächtlichen Aktionen getragen hatte. Und verkauft wurden Waffeln mit natürlich dem unvermeidlichen Invader-Muster.

Gezeigt  wurde auch, dass der „Invader“ rund um den Erdball tätig ist. Auf allen Kontinenten und in 72 Städten war er schon aktiv, vor allem aber in Europa.[1a]

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Wie man sehen kann, ist der Invader auch in Frankfurt und Berlin schon aktiv geworden.[2]

Schwerpunkt seiner Tätigkeit ist aber eindeutig Paris.  Der Invader macht das auch sehr deutlich – zum Beispiel durch das „I (love) Paris“- Mosaik an der Place des Vosges und den entsprechenden Titel von Sammelbänden mit den Pariser Mosaiken des Invaders.

Die wurden im Februar 2017 mit großem Werbeaufwand in der großen Buchhandlung im Centre Pompidou präsentiert.  An der Eingangstür sieht man die Abbildung eines Pariser Mosaiks des Invaders  in „Arbeitskleidung“ und  mit Ausrüstung.

Buchhandlung Centre pompidou Febr 2017 (4)

Die Stadt dankt ihm seine Anhänglichkeit, indem sie ihm zum Beispiel einen Ehrenplatz am Pont Neuf für ein Paris-Mosaik einräumt.

IMG_9882 Am Pont neuf (2)

Und die französische Post ehrt ihn –wie auch andere (Pariser)  Straßenkünstler-  mit einer Briefmarke.

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Es sind vor allem die populären Stadtviertel im Osten – wo nach Ansicht des Künstlers offenbar eher Menschen wohnen, die die Space-Invasions nicht als Sachbeschädigung, sondern als Bereicherung des öffentlichen Raums ansehen.

In den Katalogen der „invasions de Paris“ sind die Mosaike kartografiert. Da ist die Vorliebe des Invaders für den Osten von Paris, also auch den  Faubourg- Saint- Antoine unübersehbar.

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Als „Lokalpatriot“ des 11. Arrondissements bzw. des Faubourg Saint-Antoine, der ich inzwischen geworden bin, freue ich mich natürlich besonders über die Invader-Mosaike  in unserer Umgebung: Beispielsweise über das an der historischen Fontaine de Montreuil…

IMG_9315 La fontaine de Montreuil (3)

.. oder das am deutsch-französischen Café Titon  an der Ecke der Rue Chanzy und der Rue Titon, das auf die draußen sitzenden Gäste herabäugt.

Oder  über das Mosaik an der U-Bahn-Station Faidherbe-Chaligny, offensichtlich ein 900er Mosaik: genau die Nummer 944, wie der Invader-Plan verrät. Dass es die Form eines Tisches oder einer Kommode hat, ist wohl ein Bezug zur Tradition des Holzhandwerks in diesem Viertel.[3]

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… Interessant ist auch, dass bei der Renovierung der Fassade  des Café-Titon-Hauses  das Mosaik nicht beschädigt  oder gar entfernt wurde. Inzwischen ist der Invader so bekannt, dass Hausbesitzer sich eher glücklich schätzen, wenn ihr Haus durch ein solches Mosaik verziert und aufgewertet wird. Und auch wenn der Invader weiterhin nur nachts  und mit Gesichtsmaske unterwegs ist: Selbst die Pariser Polizei, die ihn zu Beginn seiner Interventionen noch mehrmals vorläufig festgenommen hatte, wie uns in der Ausstellung erklärt wurde, weiß, dass sie es mit einem inzwischen höchst erfolgreichen Künstler zu tun hat, dessen Tätigkeit sie nicht behindert. Der Invader kann jetzt im Allgemeinen auch ganz ungehindert seine Leiter anstellen und seine Mosaike ankleben, so wie er es sehr schön in der rue de Mobntreuil (11. Arrondissement, März 2018) zeigt.

DSC02890 Invader rue de Montreuil (3)

Eher sind es jetzt Souvenir-Jäger, die sich für die Mosaike des Invaders interessieren…

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… und darauf Jagd machen.

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Immerhin kosten schon die kleinen Mosaike im Kunsthandel 5000- 7000 Euro – jedenfalls waren das die Preise, die 2011 auf einer Ausstellung von Mosaiken des Invaders im noblen Faubourg Saint-Honoré verlangt wurden. Als ich damals die Ausstellung besichtigte, waren alle kleinen Mosaike schon verkauft. Noch zu haben waren nur große Formate  mit Preisen von um die 50.000 Euro! 2016 wurde ein Werk des Invaders sogar für 251.000 Euro verkauft!

DSC01288 Invader Menilmontant

 

Dass der Inéevader wie andere arrivierten Straßenkünstler auch -sicherlich lukrative- Werbeaufträge annimmt, entdeckte ich übrigens an einem kleinen versteckten Siedlungshäuschen in Ménlmontant. Die Firma, für die der Invader offenbar ein Logo entworfen hatte, ist aber keine Wach- und Schließgesellschaft, wie ich zunächst vermutete, sondern ein  deutsches Hochtechnologie- Unternehmen der cyber-Sicherheit.  Aber potentielle Diebe wissen das wohl kaum und gehen dann vielleicht lieber woanders ans Werk.

 

Inzwischen benötigten allerdings die Werke des Invaders selbst Protektion: Anfang August 2017 berichteten Libération und Le Monde, dass street-Art-Werke des Invaders in Paris inzwischen systematisch geraubt würden. Und zwar immer nach dem gleichen Muster: Zwei Männer mit Leiter und in Monteuerskleidung gäben sich als Angestellte der Stadt aus und  machten  sich an die Arbeit, die Mosaike zu entfernen. Angeblich kämen sie mit einem Mercedes. Die mairie de Paris versicherte daraufhin in einer Presseerklärung, sie habe damit nichts zu tun:

«Sur les photos, on les voit habillés normalement, avec des gilets jaunes qu’on peut trouver n’importe où, alors que les employés municipaux portent un uniforme. Et non, la ville de Paris ne fournit pas encore de Mercedes à ses employés.»

Die Stadt hat inzwischen  auch Anzeige gegen Unbekannt gestellt „pour usurpation de fonction.“

Und es gibt inzwischen auch eine breite Kampagne in den sozialen Netzwerken, wachsam zu sein, und es gibt sogar Gruppen, die sich vorgenommen  haben, gestohlene oder zerstörte Mosaiken zu ersetzen.  Ein Auslöser dabei war die Entfernung eines besondes bekannten Mosaiks, nämlich das der Mona Lisa (Joconde)  in der Rue du Louvre (1. Arrondissement), was große Empörung auslöste.

La Joconde

Auch der Invader hat  reagiert: Er verwendet jetzt einen stärkeren Leim als früher und seine Kacheln/Mosaiksteine sind dünner, lassen sich also  nicht mehr so leicht unbeschädigt entfernen. Und er erwartet  juristische konsequenzen. Aber kann die Entfernung eines illegal angebrachten Mosaiks ein illegaler Akt sein? Auch wenn die betroffenen Hausbesitzer ich inzwischen mit ihnen angefreundet haben? Und auch wenn die Mosaike nicht aus finanziellen Motiven  entfernt wurden?  Darüber können sich jetzt die Juristen die Köpfe zerbrechen… (3a)

Offenbar ist aus dem nächtlichen Straßenkünstler längst ein höchst erfolgreicher Star der Kunstszene geworden, dem eine zahlungskräftige Kundschaft die Werke geradezu aus den Händen zu reißen scheint. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, als seien die Straßeninvaders inzwischen Teil einer ausgebufften Marketingstrategie und einer gekonnten Selbstinszenierung.

Inzwischen gibt es   –laut offizieller Website- 1367 Invader-Mosaike in Paris. (Stand September 2018).[4] Ein Problem ist angesichts einer so großen Zahl natürlich das Verhältnis von Wiederholung und Veränderung. Weit über 1000 Invader-Mosaike allein in Paris! Besteht da nicht die Gefahr, dass die Passanten genug davon haben, es ihnen allmählich reicht mit den Eindringlingen aus dem Weltraum, die sich ungefragt an den Häuserfassaden niedergelassen haben?

Dem Invader ist dieses Problem durchaus bewusst. So gehört es zu seinen Prinzipien, dass  jedes Mosaik ein Unikat sein soll:

„Répéter la même forme aurait été lassant j’ai donc décidé de ne jamais reproduire deux fois la même mosaïque et je m’y suis tenu.“[5]

Also hat er das „klassische“ Invader-Motiv vielfach variiert:

Zum Beispeil durch Verfielfachungen, wie hier am Louvre gegenüber dem Denkmal für den in der Bartholomäusnacht ermordeten Führer der Hugenotten, den Admiral von Coligny – wobei die Form dieses Mosaiks wohl als Anspielung auf diesen historischen Hintergrund verstanden werden kann…

IMG_9759 Am Louvre gegenüber Coligny Denkmal (2)

…durch oft dem entsprechenden Platz angepassten Erweiterungen….

— hier zum Beispiel  durch einen Invader in Form  einer Kapelle  oder  die  Flasche als Ersatz für ein zerstörtes Wirtshausschild auf der Ile Saint-Louis (Quai Bourbon)….

…. durch Angabe der Jahreszahl der Anbringung des Mosaiks…

DSC00620 Invader mit Jahreszahl

…. durch Vergrößerungen der Mosaiksteinchen, also die Verwendung von Kacheln…

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… oder durch die Verwendung anderer Materialien….

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Der  etwas aus dem Rahmen fallende space invader wird übrigens von einer Oktopus-Dame des Straßenkünstlers GZUP bewundert, der schon im ersten Beitrag über die Street-Art in Paris  kurz vorgestellt wurde.

Darüber hinaus hat der Invader das Spektrum seiner Möglichkeiten über das klassische Invader-Motiv hinaus erheblich erweitert wie hier –passend zum Ort der Platzierung- an der streng quadratisch angelegten Place des Vosges. (Leider existiert das inzwischen nicht mehr).

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Auch bei anderen Mosaik-Figuren ist auf den ersten Blick deutlich, dass sie speziell für den jeweiligen Platz ausgewählt und vielleicht auch erdacht wurden:

PA_1082-diapo-OD2QODMJ Website Invader

… so der Invader mit einer Serie von Früchten auf dem marché d’Aligre im 12. Arrondissement oder mit der  Rakete am Anfang der rue de la Roquette  in der Nähe der Bastille.  Eigentlich müsste  da ja ein Rukola-Blatt abgebildet sein, denn der Name der Straße bezieht sich auf diese Pflanze (französisch: roquette), die  dort einmal verbreitet war. (Siehe den  Blog-Beitrag: Wohnen, wo einmal die Guillotine stand). Aber für die vielen Touristen, die dort vorbeigehen, ist eine Rakete sicherlich einsichtiger: Man braucht ja auch nur den Akzent von der zweiten auf die erste Silbe zu verschieben, um von dem französischen Salatblatt auf die englisch/amerikanische Rakete zu kommen: also ein schönes Wortspiel des Invaders…

DSC01308 Invader Rakete rue de la Roquette

 

Eine öfters zu sehende Variation ist auch der Mann mit den blauen Hosen und der braunen Jacke, der in der rue Oberkampf Klimmzüge an einer Überwachungskamera unternimmt und  in der rue Saint-Maur die in Paris häufig anzutreffenden vorstehenden „pierres d’attente“ hochklettert. Diese sogenannten „Wartesteine“ waren beim Bau von Häusern oft extra an die seitlichen Hauswände eingebaut worden, um die Verzahnung mit einem geplanten, aber nicht ausgeführten Nachbargebäude  zu verbessern. Ganz in der Nähe steht das Männchen dann auf einem Sims in der Passage du chemin vert und hält sich die Ohren zu. Kein Wunder, denn er befindet sich hier mitten im geschäftigen Viertel des chinesischen Textilhandels, an einer engen, viel  befahrenen und oft zumindest teilweise von Lieferwagen blockierten  Straße, Der Lärm dort ist entsprechend. Alle diese kleinen Mosaike befinden sich übrigens im 11. Arrondissement.

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Der kleine Pinguin steht an einer Hauswand im Quartier Latin gegenüber von Notre Dame und träumt wohl davon, ins Wasser der Seine zu springen- Allerdings tut er gut daran, das nicht zu tun: Nicht nur, weil es ihm kaum bekommen würde, sondern weil sich dann die Passanten, wenn sie ihn denn entdecken, nicht mehr über ihn freuen könnten.

Manche der vom Invader verwendeten Figuren können auch aus anderen Bereichen stammen, aus anderen Computerspielen, aus Comics, Filmen:

 „je m’amuse aussi parfois à changer de registre avec des figures venant d’autres horizons.“[6]

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Hier handelt es sich wohl um Mickey-mouse und offensichtlich um Homer Simpson, an anderen Stellen ist mir die Herkunft der Figuren nicht bekannt. (Über Tipps und Hinweise würde ich mich freuen):

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Bei den drei nachfolgend abgebildeten Mosaiken  sind übrigens  die klassischen Invader-Raumschiffe integriert, so dass kein Zweifel aufkommen  kann, von wem sie gemacht sind.

DSC01045 Invader 2017

 

Kein Zweifel kann auch bei einem der neuesten , im Juni 2016 geschaffenen  Invader-Mosaike in Paris aufkommen, der Figur des Dr. House, dem 1205. Invader-Werk in Paris.[7] Immerhin ist es – mit 10 Meter Höhe!- das bisher mit Abstand größte Werk des Invaders , und es befindet sich an einer Wand des berühmten Krankenhauses  Pitié-Salpêtrière an der Avenue Vincent-Auriol im Street-Art-freundlichen 13. Arrondissement und gut sichtbar von der vorbeiführenden Métro-Linie 6.

Invader Dr. House IMG_9951 (1)

Es handelt sich um die Figur des Dr. House,  der einer populären  Fernsehserie einen Namen  gegeben hat. Der etwas schräge, aber sehr kompetente Arzt ist mit all seinen Attributen ausgestattet: dem Dreitagebart, dem offenen Hemd und Jackett, den Turnschuhen und dem Stock. Und das für den Diagnostiker Dr.  House unentbehrliche Stetoskop wird von dem gerade anfliegenden space invader gebracht.

Der Invader hat sich selbst zu dieser sehr medienwirksamen Arbeit geäußert:

Pourquoi le Dr House ? « J’avais envie de faire un grand portrait, ce qui est difficile à faire de manière non officielle, car cela prend du temps. Ce personnage, que j’aime bien, est un symbole de la culture populaire de notre époque, et le contexte s’y prêtait », s’amuse Invader. Pour l’artiste, il s’agit aussi d’un « exercice de style » : « Aujourd’hui, le carreau de mosaïque et l’esthétique 8 bits, très pixelisée, sont devenus ma­ signature, plus que les personnages Space Invader eux-mêmes. » [8]
Der Invader betont also selbst, wie vielfältig sein Repertoire  inzwischen ist und weit über die traditionellen Space Invaders hinausgehen.  Vielleicht ist wohl auch der Grund dafür, dass ich mich immer noch freue, wenn ich ein für mich neues Mosak des Invaders sehe. Und wenn es ein besonders Schönes und zur Umgebung passendes  ist, freue ich mich besonders. Zumal alles auf Zufall beruht. Die  Invader- Karte oder aktueller: die application FlashInvaders für eine gezielte Suche zu benutzen ist tabu. Die Freude besteht ja gerade im überraschenden Finden!

Die wünsche ich  auch allen Paris- Besuchern/Besucherinnen, die diesen Bericht lesen und vielleicht angeregt werden, beim Flanieren in der Stadt auch etwas nach Mosaiken des Invader Ausschau zu halten!

 

Weitere Beiträge zur Pariser Street-Art:

  • Street- Art in Paris (2): Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/7096

  • open your eyes! Street-Art in Paris (1)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8875

  • Das multikulturelle, aufsässige und kreative Belleville: Modell oder Mythos? (Abschnitt Street-Art)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2092

 

Anmerkungen:

(1) Das Beitragsbild zeigt ein I love-Paris Mosaik des Invaders aus der rue de l’hôtel Colbert im 5. Arrondissement

Die Fotos dieses Beitrags sind alle im Lauf der letzten Jahre aufgenommen worden, seit wir uns in Paris niedergelassen haben.  Da Street-Art eine ephemere Kunst ist, kann es also gut sein, dass es manche der hier abgebildeten Arbeiten des Invaders nicht mehr gibt.

[1a] http://www.space-invaders.com/world/

[2] http://www.space-invaders.com/world/frankfurt/

http://www.space-invaders.com/world/berlin/

[3] siehe dazu den entsprechenden Beitrag über den Faubourg-Saint-Antoine auf diesem Blog.

(3a) http://www.liberation.fr/france/2017/08/04/mais-qui-decolle-les-oeuvres-d-invader-des-murs-de-paris_1588160

Und Le Monde vom 10. August 2017: Les internautes au secours de oeuvres d’Invader. S. 15

[4] http://www.space-invaders.com/world/paris/

[5] http://www.artistikrezo.com/art/street-art/invader-interview.html

[6] http://www.artistikrezo.com/art/street-art/invader-interview.html

[7] Siehe Stéphanie Lombard, Guide du Street-Art, Paris. Éditions Gallimard, Paris 2017, S. 73

http://itinerrance.fr/dr-house-in-da-house-dinvader-a-paris/  Die Galerie Itinerrance hat zusammen mit der Mairie des 13. Arrondissements die Entstehung des Mosaiks initiiert.

[8] http://www.lemonde.fr/arts/article/2016/06/24/le-dr-house-fait-le-mur-a-l-hopital-de-la-pitie-salpetriere_4957092_1655012.html

 

Geplante weitere Beiträge

  • Die Insel Porquerolles: Natur und Kunst 
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 1: Lyon, Luberon, Piemont
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 2: Die Waldenser in Hessen-Homburg
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier
  • Das Hotel Lutetia und der Lutetia-Kreis, der Versuch der Schaffung einer deutschen Volksfront gegen den Faschismus

Das Haus der Mutualité in Paris und der Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935

 

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Das Haus der Mutualité  im 5. Arrondissement von Paris ist aus architektonischen und historisch-politischen Gründen interessant.[1] 

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Aus architektonischen Gründen, weil es ein von den Architekten Lesage und Mitgen geplanter eindrucksvoller Bau des Art déco ist.     

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Das wird schon deutlich, wenn man den repräsentativen Treppenaufgang zum großen Saal hinaufgeht: Die Treppen sind aus weißem Marmor, die dekorativen Eisengeländer entsprechen denen in dem zur gleichen Zeit gebauten Überseedampfer „Normandie“, der „ein Symbol des Frankreichs der 30-er Jahre und des französischen Raffinements“ war.[2]

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Hier ein in der Fotogalerie der Mutualité ausgestelltes Bild von der Eröffnung des Hauses im Jahr 1930.   Bestimmt war es als Sitz der 1902 gegründeten  Fédération Mutualiste de la Seine (F.M.S.), einer regionalen Unterorganisation der  Fédération nationale de la mutualité française (FNMF). Die Mutuelles sind ein typisch französisches genossenschaftlich organisiertes System der sozialen Sicherheit – eine Alternative zu dem unter Bismarck entstandenen staatlich reglementierten Versicherungssystem in Deutschland, das aber –im Gegensatz zu dem auf Freiwilligkeit basierenden französischen System- allgemeine Gültigkeit hatte.  Während französische Vertreter der Mutuelles in  diesem obligatorischen  System einen Ausdruck des deutschen Despotismus sahen, musste sich allerdings der Staat spätestens im Ersten Weltkrieg aufgrund der zahlreichen Kriegsopfer verstärkt im Bereich der sozialen Sicherheit engagieren. Dazu kam, dass es nach der Rückgewinnung von Elsaß-Lothringen kaum möglich war,  den dortigen Bewohnern die  „sozialen Vorteile“ zu entziehen, die sie als  deutsche Bürger erhalten hatten und die anzuerkennen der französische Staat nicht umhinkam. Auch dies trug zu einer verstärkten Rolle des Staates im Bereich der sozialen Sicherung bei. Die Mutuelles hatten aber weiter –zumindest als ergänzende Risikoabsicherung- eine große Bedeutung: 1930, als das Haus der Mutualité in Paris eingeweiht wurde, gehörten ihnen 8, 2 Millionen Mitglieder an.[3] Die Größe und repräsentative Form des Baues ist vor diesem Hintergrund zu sehen.

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Das Emblem der Féderation mit ihrer Devise un pour tous, tous pour un  (Alle für einen, einer für alle)  befindet sich noch heute an der Stirnwand des  großen Versammlungsraums. Die mittlere Figur hält in ihren Händen die Charte de la Mutualité vom April 1898, in der die Grundlagen der Mutuelles festgelegt wurden.  Der Versammlungsraum war anfangs mit genau 1789 Sitzplätzen ausgestattet – eine Anspielung auf das Datum der Französischen Revolution und ein Hinweis auf die republikanische Tradition, in sich der Bauherr ostentativ einordnete.[4]

Das Haus der Mutualité entwickelte sich denn auch rasch zu einem wichtigen Versammlungsort der französischen Linken, einem „haut-lieu historique du militantisme des partis français de gauche.“[5]

Eine der ersten großen Veranstaltungen im Festsaal des Hauses war 1933 der 30. Kongress der SFIO, der Vorgängerin der Sozialistischen Partei Frankreichs. Und auch danach diente das Haus der Mutualité der Partei als wichtiger Treffpunkt.[6]

Für die Kommunistische Partei Frankreichs galt dies natürlich auch.[7]

Eine bedeutende Rolle spielte das Haus der Mutualité  in der Zeit der Volksfront. In diesem Zusammenhang stehen natürlich der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur, auf den anschließend noch ausführlich eingegangen wird, und ebenfalls eine Versammlung des Rassemblement colonial, in dem die in Paris lebenden Vertreter der Völker des französischen Kolonialreichs organisiert waren. Im Juli 1936 fand in dem mit 1789 Teilnehmern vollbesetzten großen Saal der Mutualité eine Kundgebung statt, auf der u.a. der Vertreter der tunesischen Unabhängigkeitsbewegung und künftige erste  Präsident des nachkolonialen Tunesiens, Habib Bourgiba, eine Rede hielt.[8]

Auch nach dem Krieg war der vielbeschworene „Mythos der Mutualité“ noch lebendig: Am 17. März 1953 wurde dort der Jahrestag der Commune gefeiert, am 7. November 1961 wurde der  Oktoberrevolution gedacht. (8a)

Und dann war es der Mai 1968, der zu einem Höhepunkt in der Geschichte der Mutualité wurde. Einige Schlaglichter:

Am  22. März 1968, der als die Geburtsstunde der französischen Studentenbewegung gilt[9], hielt der Dominikanermönch Jean Cardonnel im Saal der Mutualité eine Rede zum Thema „Evangelium und Revolution“.[10] Und im gleichen Jahr trat dort der Schriftsteller Aimé Césaire auf, um  nach der Ermordung Martin Luther Kings für die Sache der Black Panthers zu werben.

Und natürlich benutzten die Vertreter der studentischen Revolte im Mai 68 auch die Mutualité als Forum. Am 9. Mai, auf dem Höhepunkt der Revolte, als die Sorbonne von der Universitätsleitung für die Studenten gesperrt wurde,  fand im großen Saal eine schon längst geplante große Veranstaltung der kommunistischen Jugendorganisation JCR statt, die „alle Revolutionäre“ zum Kommen einlud – es wurde eine der größten Veranstaltungen des Mai 68. Natürlich mit dabei: Daniel Cohn-Bendit, der  hier, wie Le Parisien schreibt, „ses premières armes de tribun estudiantin“ erwarb. [11]

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Auf dem Podium im großen Saal der Mutualité Ernest Mandel, Daniel Cohn-Bendit,       Henri Weber,  Daniel Bensaid und Alain Krivine

Und nur einen Tag später, als im Quartier Latin die Barrikaden  errichtet wurden, fand in der Mutualité ein legendäres Konzert mit Léo Ferré statt, das –von einem Teilnehmer aufgenommen- jetzt auch wieder zu hören ist.[12]

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1973 versammelten sich in der Mutualité zum ersten Mal  „sans-papiers“,  Einwanderer ohne offizielle Aufenthaltsgenehmigung, um gegen die Verschärfung der Einwanderungsgesetze zu protestieren, für die feministische Bewegung der 1970-er Jahre war das Haus der Mutualité, zärtlich auch „Mutu“ genannt, ebenfalls ein wichtiger Treffpunkt. Sie war also in der Tat ein „mythischer Ort“ (Le Parisien) für die linke Politik und Kultur seit den 1930-er Jahren. Anlass für politischen Romantizismus gibt es allerdings nur bedingt, denn das Haus hat auch seine Schattenseiten:  So fand im März 1943 eine Versammlung des rechtsradikalen Parti populaire français statt, zu Ehren von dessen Gründer Jacques Doriot, der zu seinem Einsatz an der Ostfront – in deutscher Uniform!-  verabschiedet wurde.[13]

 

Der Erste Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur von 1935

Zu den  großen Stunden der Mutualité gehört  der Schriftstellerkongress von 1935. Vom 21. bis zum 25. Juni versammelten  sich dort mehr als 230 Schriftsteller aus 38 Ländern, die dem Aufruf zu dem Treffen gefolgt waren:

„Angesichts der Gefahren, die in einer Anzahl von Ländern die Kultur bedrohen, haben einige Schriftsteller die Initiative zur Einberufung eines Kongresses ergriffen, um die Mittel zu ihrer Verteidigung zu prüfen und zu diskutieren.“[14]

Heinrich Mann, der damals als politischer Flüchtling in Nizza wohnte, erhielt den Aufruf von dem Schriftsteller Johannes R. Becher, einem der Organisatoren des  Kongresses, und leitete ihn an seinen Neffen Klaus Mann weiter mit den Worten:

„Unterschrieben haben z.B. (…)  Aragon, Barbusse, Bloch. ´(…) Gide, Giono, Guéhenno, Malraux, Margueritte, Rolland (…) eigentlich alle“. (Brief vom 13. April 1935)

 Unter den ausländischen Teilnehmern des Kongresses  (u.a. Aldous Huxley,  Boris Pasternak, , Waldo Frank,  E.M. Forster) waren  russische Autoren besonders zahlreich  vertreten. An  der Spitze der  vom Zentralkomitee der KPdSU handverlesenen russischen Delegation stand Ilja Ehrenburg.  Der Delegation gehörten allerdings auf Initiative der Organisatoren des Kongresses auch Boris  Pasternak und Isaac Babel an, deren Beiträge besonders gefeiert wurden.

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Henri Barbusse, Alexej Tolstoi und Boris Pasternak

Zu den Ländern, in denen damals die Kultur bedroht war, gehörte natürlich vor allem das nationalsozialistische Deutschland, dessen literarische Elite zum größten Teil nach der „Machtergreifung“ Hitlers das Land verlassen und im Ausland Zuflucht gesucht hatte.[15]  Mit den Bücherverbrennungen hatten die Nazis ja ihren Kampf gegen die Kultur spektakulär in Szene gesetzt. Insofern ist es nur allzu verständlich, dass unter den teilnehmenden Schriftstellern auch zahlreiche prominente deutsche/deutschsprachige  Exilanten waren wie Anna Seghers, Heinrich und Klaus Mann, Robert Musil, Bertolt Brecht, Ernst Bloch, Max Brod,  Ernst Toller, Alfred Kerr und Lion Feuchtwanger, die mit ihren Beiträgen die Konferenz wesentlich mitprägten.[16] Ein besonderes Anliegen der deutschsprachigen Autoren war es selbstverständlich, das Forum des Kongresses zu nutzen, um die europäische Öffentlichkeit auf den Charakter und die Gefahren des Faschismus aufmerksam zu machen. Das Bedürfnis, gegen das Dritte Reich Stellung zu beziehen, bewog auch Robert Musil zur Teilnahme, auch wenn er sich selbst –und seine Rede auf dem Kongress- als unpolitisch bezeichnete.

Getagt wurde zweimal täglich, jeweils nachmittags und abends. Bei der Eröffnungsveranstaltung war der große Saal der Maison de la Mutualité trotz hoher Eintrittspreise voll besetzt. 3000 Zuschauer hatten im Saal und auf den Tribünen Platz gefunden. Für diejenigen, die keine Karten erhalten hatten, wurden vor dem Gebäude Lautsprecher aufgestellt, die die Reden nach draußen übertrugen.

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Die Fotografie vom Eröffnungsabend stammt von der Berliner Fotografin Gisèle Freund, die 1933 nach Frankreich emigriert war. Auf Einladung des Schriftstellers und Mitveranstalters André Malraux  dokumentierte sie den fünftägigen Kongress und fertigte dabei auch zahlreiche Porträts  prominenter Teilnehmer an.[17]

Das politische Umfeld, in dem der Kongress stattfand und möglich wurde, war die in den  1930-er Jahren  vollzogene Veränderung der politischen Linie der Komintern (Kommunistische Internationale). Hatte die bisher in den Sozialisten (und nicht in den Nazis) den Hauptfeind gesehen (Sozialfaschismus-Theorie), so ging es nun angesichts des immer bedrohlicheren Faschismus darum, eine antifaschistische Einheitsfront gegen den potentiellen Hauptfeind Nazideutschland herzustellen. Frankreich kam in diesem Zusammenhang eine Schlüsselfunktion zu, denn die blutigen Unruhen in Paris vom 9. Februar 1934 wurden von vielen Seiten als faschistischer Umsturzversuch wahrgenommen.  So kam es zu einer allmählichen Veränderung des Verhältnisses von Sozialisten und Kommunisten, die dann 1936 zur Regierung des front populaire unter Léon Blum führte.  Auch außenpolitisch vollzog sich ein Wandel: Am 2. Mai 1935 schlossen die UdSSR und Frankreich einen „Vertrag über den gegenseitigen Beistand“. Beide vertragsschießenden Seiten gingen davon aus, dass ihr politisches Bündnis ein Gegengewicht zum nationalsozialistischen Deutschland und seinen Expansionsplänen in Europa schaffen würde. Der Vertrag sah gegenseitigen Beistand für den Fall vor, dass eine von ihnen zum Objekt der Aggression seitens eines dritten Staates werden würde.[18]

Die Tagesordnung des Kongresses ist Ausdruck der Bemühung, ein breites Bündnis gegen die Gefahren des Faschismus zu formen. Sieben Themenkreise waren von den Veranstaltern vorgesehen: das kulturelle Erbe, die Rolle des Schriftstellers in der Gesellschaft, das Individuum, der Humanismus, Nation und Kultur, die Würde des Denkens und natürlich das umfassende Thema der Verteidigung der Kultur.[19]

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Demonstration am Rand des Kongresses zum „Kulturerbe“

 

Golo Mann, der damals als Lektor an der École normale supérieure in Saint-Cloud bei Paris arbeitete und den Kongress beobachtete, stellte bissig fest,  während des Kongresses sei nicht  mehr von Klassenkampf die Rede gewesen, sondern „nur noch vom Kampf aller frei, fortschrittlich und humanistisch Gesinnten  gegen die Barbarei des Faschismus“.[20]

Die kommunistisch orientierten Autoren waren vor allem bestrebt,  die Sowjetunion als Sachwalterin der Kultur und  Bollwerk gegen den Faschismus herauszustellen. Dabei wurden  sie unterstützt von bürgerlichen Autoren, die im Rahmen der Volksfront-Politik das Bündnis mit der Sowjetunion als unverzichtbaren Bestandteil des Kampfs gegen den Faschismus betrachteten. So Romain Rolland, der sich damals gerade auf dem Weg in die Sowjetunion, „das Land, in dem die neue Welt geschaffen  wird“,  befand und von dort aus brüderliche Grüße an den Kongress richtete.[21]

Besonders gefeiert wurde auf dem  Kongress Heinrich Mann, der seit seinem Roman „Der Untertan“ als Repräsentant des „anderen Deutschland“ galt. In den letzten Jahren der Weimarer Republik war er  Präsident der Abteilung Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste, ein Amt, aus das ihn die Nazis nach der „Machtübernahme“ umgehend entfernten.  Und natürlich gehörte er auch zu den Autoren, deren Bücher am 10. Mai 1933  verbrannt wurden und denen die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt wurde. Ein Bündnis der Arbeiterparteien gegen den  Faschismus hatte Heinrich Mann schon früh gefordert, als dies noch im völligen Widerspruch zur Linie von KPD und KPdSU stand. Und Heinrich Mann, der die Welt mit den  Augen eines Literaten und Idealisten sah, war auch durchaus geneigt, die Oktoberrevolution als konsequente Fortsetzung der Französischen Revolution zu sehen und die Entwicklung der Sowjetunion entsprechend wahrzunehmen und zu beurteilen.

Insofern war es nur konsequent, dass ihm auf dem Kongress eine besondere  Rolle zukam: Er hatte die Ehre, eine der Sitzungen zu leiten, und als er für seinen  Redebeitrag das Podium betrat, erhoben sich die Anwesenden von ihren Plätzen und applaudierten. In einem „Geist gegen Macht“ überschriebenen Artikel über den Kongress schrieben E.E. Kisch und Bodo Uhse 1936:

„Mit einer deutschen Verbeugung nimmt Heinrich Mann eine Demonstration der Solidarität entgegen, die nicht nur ihm, nicht nur den in der Emigration kämpfenden deutschen Schriftstellern gilt, sondern dem wahren Deutschland.“ [22]

In seiner Rede stellte Heinrich Mann den aktuellen Kampf um die „Verteidigung der Kultur“ in die Tradition der abendländischen Geistesgeschichte von Humanismus und Aufklärung. Er forderte –typisch für sein Denken- das politische Engagement von Intellektuellen, die Dummköpfen nicht die Macht über die Völker überlassen dürften. Und er machte den Versammelten Mut: „Unbesiegbar war noch keine Barbarei“:  Eine Rede also, die den an den Kongress gestellten Ansprüchen in vollem Maße entsprach – auch wenn die drei genannten Vorbilder –Clemenceau, Lenin (und nicht Stalin! W.J.) und Masaryk wohl nicht ganz nach dem Geschmack stalinistischer Hardliner waren.[23]

Einige Auszüge aus dieser Rede:

Es ist recht merkwürdig, dass im Jahre 1935 eine Schriftsteller-Versammlung nach der Freiheit des Denkens verlangt: denn schließlich, das geht hier vor. Im Jahre 1535 wäre es neu gewesen. Die Eroberung des individuellen Denkens, damit fängt die moderne Welt an, – die jetzt der Auflösung nahe scheint. Dadurch wird alles wieder in Frage gestellt, sogar was ganze Jahrhunderte lang erledigt gewesen war. Die Gewissensfreiheit, so viele Geschlechter haben um sie gekämpft, und jetzt ist sie nicht mehr sicher. Das Denken selbst ist gefährdet, und doch ist der Gedanke der Schöpfer der Welt, in der wir noch leben. (…)

Wir dürfen nicht warten, bis dies Unglück vollständig wird und sich ausdehnt über noch mehr Länder der westlichen Gesittung. Zu verteidigen haben wir eine ruhmreiche Vergangenheit und was sie uns vererbt hat, die Freiheit zu denken und nach Erkenntnissen zu handeln. Wir haben strahlenden Beispielen zu folgen. Wir sind die Fortsetzer und Verteidiger einer großen Überlieferung. (…)

Die Pflicht aber verlangt von den Intellektuellen, dass sie sich widersetzen mit allen Kräften, wenn Dummköpfe sich aufwerfen zu Weltbeherrschern und zu Zensoren. Dumme geht das Denken nichts an, das Handeln übrigens ebenso wenig. Gehandelt soll werden, nicht von Kommissbrüdern, denen Fabrikanten die Macht verleihen, sondern von Männern der allerhöchsten Erkenntnis und einer unvergleichlichen Geistesmacht. Nur der Geist sichert die nötige Autorität, um Menschen zu führen: gemeint ist ein Geist der Erkenntnis und Festigkeit. Unter anderen Umständen als den heutigen müsste das nicht erst gesagt werden: Intellektuelle haben oft genug öffentlich gehandelt. Intellektuelle haben die Geschicke eines Landes gelenkt, und die Geschicke aller Länder mit beeinflusst. Es genügt, Namen zu denken wie Georges Clemenceau, Lenin, Thomas Masaryk.(…)

Man lasse sich nicht beirren: unbesiegbar war noch keine Barbarei. Die Dummheit erhebt den Anspruch, die Welt zu beherrschen? Darauf gibt es die Antwort, die Flaubert erteilt hat: das Beste wäre, eine Akademie von Wissenden regierte den ganzen Planeten. Mit Höchstforderungen muss die Intelligenz auftreten gegen Feinde, die von ihr, nur von ihr das Schlimmste zu fürchten haben.[24]

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Heinrich Mann und André Gide, deren  Verhältnis allerdings von deutlicher Distanz geprägt war.

Eine bemerkenswerte Rede hielt auf dem Kongress auch Anna Seghers zum Thema „Vaterland“. Das passte zu der neuen Linie der Kommunisten, die erkannten, dass man den Patriotismus nicht den Nazis überlassen darf. Aber darüber in einem geplanten späteren Beitrag über das Pariser Exil von Anna Seghers mehr. [25]

Kritische Töne gab es auf dem Kongress übrigens durchaus, und zwar von rechts wie von links. So verteidigte Julien Benda im Blick auf die Sowjetunion die Unabhängigkeit des Schriftstellers, der italienische Historiker Gaetano Salvemini kritisierte die Angriffe auf die Freiheitsrechte im stalinistischen Russland und Madeleine Paz brachte den Fall des Schriftstellers Victor Serge zur Sprache, der wegen seiner trotzkistischen Ideen nach Sibirien verbannt wurde.[26] Auf der anderen Seite kritisierte Andé Breton den russisch-französischen Beistandspakt als eine Konzession an die bürgerliche Ordnung und Bertolt Brecht stellte der humanistischen Konzeption des Kongresses die marxistische Klassenfrage entgegen:

„Viele von uns Schriftstellern haben die Wurzel der Rohheit, die sie entsetzt, noch nicht entdeckt. Es besteht immerfort bei ihnen die Gefahr, dass sie die Grausamkeiten des Faschismus als unnötige Grausamkeiten betrachten. Sie halten an den Eigentumsverhältnissen fest, weil sie glauben, dass zu ihrer Verteidigung die Grausamkeiten des Faschismus nicht nötig sind. Aber zur Aufrechterhaltung der herrschenden Eigentumsverhältnisse sind diese Grausamkeiten nötig.“[27]

Bei allen politischen und literarischen Unterschieden, bei allen Diskrepanzen zwischen so vielen eigenwilligen Individuen wurde der Kongress aber doch „von einer großen Gemeinsamkeit“ getragen, wie Fritz J. Raddatz in der ZEIT schrieb.  „Es war ein Aufgebot des Protestes, aber auch der Hoffnung – heute schon Legende, damals geisteshistorisches Ereignis.“[28]

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Auf der Rednertribüne André Malraux, rechts von Ihm André Gide. An der Wand das Portrait von Maxim Gorki

Herrmann Kesten, ein in den 1920-er Jahren und im französischen Exil der 1930-er Jahren äußerst einflussreicher Literat und Lektor, schrieb im Rückblick, er habe nicht an dem Kongress teilgenommen, der von Kommunisten „inszeniert, finanziert, dirigiert“ worden sei. Er sei nicht blind genug gewesen, „um gegen die Diktatur von Hitler, Mussolini, Salazar aufzutreten, die Greuel im Dritten Reich anzuklagen, und gleichzeitig die Augen vor den Greueln der Diktatur in Sowjetrussland zu schließen.“ Aber er sei doch zu den öffentlichen Sitzungen des Kongresses gegangen und habe nicht mit seinen vielen Freunden gerechtet, weder öffentlich noch privat“, die sich dort engagiert hätten, „nicht einmal in meinem Herzen“.[29]

Aldous Huxley, einer der Kongressteilnehmer,  beklagte sich, zurück in England,  über fünf Tage „endloser kommunistischer Demagogie“: the thing simply turned out to be a series of public meetings organised by the French communist writers for their own glorification and the Russians as a piece of Soviet propaganda. Amusing to observe, as a rather discreditable episode in the Comedie Humaine‘.[30]

Hier wird deutlich, woran der Versuch, eine gemeinsame antifaschistische Bewegung herzustellen, schließlich scheiterte und warum der Kongress, wie Karola Bloch, die Ehefrau von Ernst Bloch,  bedauerte, „so wenige politische Auswirkungen“ hatte.  Es war die Haltung zur Sowjetunion angesichts der stalinistischen Schauprozesse. Der Bruch, der dadurch zwischen den antifaschistischen Intellektuellen entstand,[31]  wurde bald nach dem Kongress besonders deutlich an den Büchern von André Gide und Lion Feuchtwanger über ihre Reisen in die Sowjetunion: André Gide, Retour de l’URSS (1936) und Lion Feuchtwanger, Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde (1937).

André Gide hatte als Hauptredner und Ehrenvorsitzender des Kongresses zur Verteidigung der Kultur festgestellt, nichts sei „unwahrer als die Behauptung, dass die Sowjetunion uniformiere“ und ein Jahr später erklärte er bei der Totenfeier für Maxim Gorkij an der Seite Stalins auf dem Roten Platz in Moskau:  „Das Schicksal der Kultur ist in unseren Sinnen geknüpft an das Schicksal der UdSSR selbst. Wir werden sie verteidigen“. Gide kam nach seinen eigenen Worten „als überzeugter und begeisterter Anhänger nach Russland, willens und bereit, eine neue Weltordnung zu bewundern.“[32] Gerade deshalb erregte seine Kritik an den Zuständen im stalinistischen Russland großes Aufsehen und kostete nach der Schätzung Lion Feuchtwangers die Sowjetunion zwei Drittel ihrer Anhänger im Westen.[33] Feuchtwanger sah aber in Stalin einen unverzichtbaren Verbündeten im Kampf gegen Hitler. So ging es ihm in seinem Bericht über die Reise in die Sowjetunion auch darum, „das von Desillusionierung gezeichnete Bild, mit dem André Gide aus der Sowjetunion zurückgekehrt war, zu widerlegen.“ So wurde Feuchtwanger zum Propagandisten Stalins und zum Verteidiger der Moskauer Prozesse.[34]

Der Pariser Kongress zur Verteidigung der Kultur von 1935 markiert damit den kurzfristigen Höhepunkt einer großen Illusion, die schon bald danach zerbrach: Der Illusion einer möglichen dauerhaften Allianz zwischen den der Freiheit verpflichteten  linken Intellektuellen der westlichen Demokratien und der stalinistischen Sowjetunion und ihren Gefolgsleuten. Aus historischer Perspektive  bleibt allerdings doch auch  festzuhalten, dass der Schriftstellerkongress von 1935  „ein historischer Vorläufer des großen militärischen Bündnisses gegen den Krieg der Nazis“ war- auch wenn Stalin 1939 erst einmal gemeinsame Sache mit Hitler machte und das  Bündnis mit den westlichen Demokratien erst von dem Eroberungs- und Vernichtungskrieg Hitlers gegen die Sowjetunion erzwungen wurde.[35]

 

Das Ende eines Mythos[36]

2009 wurde das Haus der Mutualité  für 35 Jahre an einen privaten Investor, GL-events,  vermietet. Grund dafür waren finanzielle Schwierigkeiten der  Fédération mutualiste parisienne (FMP), die wohl mit der schwieriger werdenden Rolle der Mutuelles im Gesamtzusammenhang der sozialen Sicherungssysteme zusammenhängen: Für die notwendige Ergänzung zu den –tendenziell eher abnehmenden- Leistungen der sécurité sociale  machen inzwischen auch private Versicherungen Angebote. Die große und in Europa einzigartige Bedeutung der Mutuelles – ein Aspekt der sogenannten „exception française“-  geht damit tendenziell zurück. Insofern scheint das Haus der Mutualité ein Spiegel des Bedeutungswandels der  Mutuelles zu sein.[37]

Die neue Bestimmung des Hauses wird von seinem Direktor so definiert:    « un petit palais des congrès de la  Rive gauche, [pour] accueillir aussi bien des concerts de musique classique, […] des soirées évènementielles, des lancements de produits par exemple, [des] défilés de mode, des salons ou des meetings politiques »[38]. – jedenfalls für solche Gruppierungen, die sich das leisten können.

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Wesentlicher Bestandteil der Veränderung des Hauses war auch seine Renovierung, für die der Architekt Jean-Michel Wilmotte verantwortlich war. Wilmotte ist den Parisern unter anderem bekannt durch den Entwurf des russischen Kulturzentrums an der Seine, die Umwandlung einer alten Industriehalle in ein start-up-Zentrum (Station F) und die Mauer für den Frieden auf dem  champ de Mars, die ja schon auf diesem Blog vorgestellt wurde.[39]

Das Haus der Mutualité verfügt jetzt über ein sehr nobles und zeitgemäßes outfit, das seiner neuen Bestimmung und den aktuellen bautechnischen Normen entspricht.

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Der große Saal hat jetzt nicht mehr 1789 Sitzplätze, sondern nur noch bequeme 1732.

Außerdem gibt es mehrere Salons ….

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…. die mit allen zeitgemäßen technischen  Einrichtungen versehen sind.

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Bei der Restaurierung wurde aber auch Wert darauf gelegt,  das art-deco-Interieur nicht nur zu erhalten, sondern besonders zur Geltung zu bringen.

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Das betrifft nicht nur die dekorativen Geländer, sondern vor allem auch die wunderbaren  und typischen Ar-deco- Stuckornamente an Wänden und Decken.

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Insofern hat das Haus der Mutualité zwar an politischem Flair verloren- eine Konsequenz und ein Spiegel des Bedeutungsverlusts der mutuelles und der Krise der linken Bewegungen. Aber  es hat doch immerhin seinen einstigen Glanz als „Art-deco-Juwel“ zurückgewonnen. Dabei wurde die Erinnerung an seine historische Dimension wach gehalten: Eine eindrucksvolle Arbeit des Architekten Wilmotte.

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Ganz unverändert bleiben  natürlich die reizvollen Ausblicke auf die benachbarte Kirche Saint-Nicolas-du- Chardonnet, Sitz übrigens der Anhänger des Erzbischofs Lefebvre, des Anführers katholischer Traditionalisten….

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu deutschsprachigen Schriftstellern in Paris/im französischen Exil:

  • Das Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise in Paris: Eine Hommage an den Vorkämpfer der deutsch- französischen Verständigung

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10585

  • Mit Heinrich Heine in Paris

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8231

  • Exil in Frankreich: Sanary, Les Milles und Marseille

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/592

  • Der Cimetière de Picpus: Ein deutsch-französischer und amerikanischer Erinnerungsort

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/1828

Anmerkungen:

[1] Bild aus: https://www.lindigo-mag.com/La-Mutualite-ou-la-renaissance-d-un-lieu-historique_a531.html

[2] https://fr.wikipedia.org/wiki/Maison_de_la_Mutualit%C3%A9

https://fr.wikipedia.org/wiki/Normandie_(paquebot)

[3] Dreyfus, Liberté, égalité, mutualieté,  S. 127, 129 und 133)

[4] Zur Geschichte und zum Charakter der Mutualité-Bewegung: Michel Dreyfus, Liberté, Égalité, Mutualité. Mutualisme et syndicalisme 1852 – 1967. Paris 2001

Und: Michel Dreyfus, L’Histoire de la Mutualité: quatre grands défis.  https://www.cairn.info/revue-les-tribunes-de-la-sante-2011-2-page-49.htm

[5]  https://fr.wikipedia.org/wiki/Maison_de_la_Mutualit%C3%A9

[6] Siehe: B.D. Graham, Choice an Democratic Order. The French Socialist Party, 1937-1950, S. 158

[7] Plakate bei: http://lesmaterialistes.com/parti-communiste-francais-ancrage-republique

https://picclick.fr/%E2%96%AC%E2%96%BAAffiche-Originale-Parti-Communiste-De-1951-Lhumanit%C3%A9-La-292502127477.html

[8] Siehe Michael Goebel, Paris, capitale du tiers monde:  Comment est née la révolution anticoloniale (1919-1939), Paris 2017

(8a) siehe Klaus Schüle, Paris. Die kulturelle Konstruktion der französischen Metropole. Opladen 2003, S. 104/105. Der Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur wird hier übrigens auf das Jahr 1936 datiert, das Jahr der Volksfront. Wenn ich solche Fehler bemerke, tröstet mich das etwas. Mir unterlaufen die ja auch öfters -vielleicht sogar oft?- und dann bin ich immer sehr dankbar, wenn mich aufmerksame Leser/innen darauf aufmerksam machen. In einem Blog kann man die dann ja auch -anders als in einem Buch- leicht korrigieren.

[9] Siehe dazu den Blog-Beitrag über „die Plakate der Revolte“: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10345

[10] http://www.lavie.fr/debats/idees/1968-annee-heretique-25-04-2018-89698_679.php

[11]  Le Parisien, 18. September 2009

Bild aus: Mai 68. Paris: Denoël, Préface de Daniel Cohn-Bendit, S. 99

http://www.liberation.fr/cahier-special/1998/05/09/special-mai-68-ce-jour-la-jeudi-9-mai-aragon-vous-etes-vieux-place-de-la-sorbonne-le-fou-d-elsa-se-f_238374

https://www.anti-k.org/2016/02/22/ce-quil-y-a-de-commun-entre-la-periode-qui-a-precede-mai-1968-et-aujourdhui/

[12] https://www.youtube.com/watch?v=qGrovxMBvJA

https://www.lemonde.fr/musiques/article/2018/05/23/le-10-mai-1968-des-paves-et-un-concert-de-leo-ferre_5303117_1654986.html

[13] L’Espress/L’expansion vom 1.3.2009   https://lexpansion.lexpress.fr/actualite-economique/la-maison-de-la-mutualite_1390836.html

[14] https://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Themen/schriftstellerkongress.html

[15] Siehe dazu den Blog-Beitrag über das Exil deutscher Schriftsteller in Frankreich: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/592

[16] Siehe: Paris 1935. Erster Internationaler Schriftstellerkongreß zur Verteidigung der Kultur. Reden und Dokumente. Mit Materialien der Londoner Schriftstellerkonferenz 1936. Einleitung und Anhang von Wolfgang Klein, Berlin (Ost): Akademie-Verlag 1982

und –mit informativen Einführungen: Sandra Teroni, Wolfgang Klein (Hrsg): Pour la défense de la culture: Les textes du Congrès international des écrivains Paris juin 1935. Dijon 2005

[17] http://www.gisele-freund.com/international-congress-for-the-defense-of-culture-hall-of-the-mutualite-paris-21th-of-june-1935/  Neben Gisèle Freund war es nur noch David Seymour, genannt Chim, der Aufnahmen von dem Kongress und seinen Teilnehmer/innen machte.

[18] https://www.1000dokumente.de/pdf/dok_0020_fra_de.pdf

[19] © David Seymour/Magnum Photos. Siehe  auch: https://www.icp.org/browse/archive/objects/demonstration-at-the-international-congress-for-the-defense-of-culture-paris

[20] Golo Mann, Erinnerungen und Gedanken. Lehrjahre in Frankreich. FFM 1999, S. 93

[21] http://www.albin-michel.fr/ouvrages/voyage-a-moscou-juin-juillet-1935-cahier-ndeg-29-9782226058607

[22] Zitiert in  Paris 1935, S. 462

[23] Golo Mann, Erinnerungen und Gedanken. Lehrjahre in Frankreich. FFM 1999, S. 91/92

[24] Abdruck der Rede bei Klein, Paris 1935 und in: https://das-blaettchen.de/2015/07/reden-auf-dem-schriftstellerkongress-zur-verteidigung-der-kultur-in-paris-1935-33406.html

[25] Bild: https://pro.magnumphotos.com/C.aspx?VP3=SearchResult&STID=2S5RYDIAD4AS

[26] Siehe: https://journals.openedition.org/monderusse/6620

[27] http://www.deutschlandfunk.de/fuer-die-freiheit.871.de.html?dram:article_id=127007

[28] Fritz J. Raddatz,  Fast vergessene Dokumente: Der Schriftstellerkongreß zur Verteidigung der Kultur in Paris 1935. In: DIE ZEIT 17/1985 vom 19. April 1985

Das nachfolgende Bild aus: http://e-gide.blogspot.com/2008/10/au-congrs-de-1935.html

©David Seymour/Magnum Photos

[29] Herrmann Kesten, Dichter im Café. Ullstein Taschenbuch 1983, S. 72

[30] https://www.theguardian.com/observer/comment/story/0,6903,1361235,00.html

[31] Michel Aucouturier in seiner Rezension von Teroni/Klein, Pour la défense  de la culture. https://journals.openedition.org/monderusse/6620

[32] Hans Christoph Buch, Wer betrügt, betrügt sich selbst. Die Zeit, 3.4.1992.

https://www.zeit.de/1992/15/wer-betruegt-betruegt-sich-selbst/seite-2

[33]https://www.tagesspiegel.de/kultur/lion-feuchtwanger-in-moskau-stalin-mon-amour/21014434.html

[34] Siehe dazu: Anne Hartmann, Ich kam, ich sah, ich werde schreiben. Lion Feuchtwanger in Moskau 1937. Eine Dokumentation. Göttingen 2017,  Rezension: https://www.deutschlandfunk.de/buch-ueber-feuchtwangers-russland-reise-ueberfordert-in.700.de.html?dram:article_id=417615

[35] Eberhard Spreng im Deutschlandradio Kultur vom 21.6.2010 https://www.deutschlandfunkkultur.de/fuer-die-freiheit.932.de.html?dram:article_id=130845

[36] http://www.leparisien.fr/paris-75/la-mutualite-la-fin-d-un-mythe-18-09-2009-642787.php

[37] Siehe Dreyfus, S. 335f

[38] http://www.gl-events.com/maison-de-la-mutualite-paris-reception-centre 

[39]  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2035

 

Geplante weitere Beiträge

  • Street-Art in Paris (3):  Der Invader
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 1: Lyon, Luberon, Piemont
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 2: Die Waldenser in Hessen-Homburg
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier
  • Das Hotel Lutetia und der Lutetia-Kreis, der Versuch der Schaffung einer deutschen Volksfront gegen den Faschismus

Die Manufacture des Gobelins: Politik und Kunst

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Marschall Pétain, hoch zu Ross, die blau-weiß-roten Blätter flattern im Wind: Ausschnitt aus einem Wandteppich, der 1942/43 in der Manufacture des Gobelins in Paris hergestellt wurde.

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Rechts im Bild sieht man Pétain noch als General  des ersten Weltkriegs, ruhig inmitten von Stacheldrahtverhauen und explodierender Granaten, die ihm nichts anhaben können; in der Hand den strategischen Plan der Schlacht von Verdun, als deren Sieger Pétain gefeiert wurde.

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Links – im Gegensatz dazu- ein Bild des Friedens, unübersehbar durch die Friedenstauben bezeichnet.

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Die Soldaten kommen aus dem Kampf zurück und machen sich an die Arbeit: Eine Idylle des Landlebens. „La France profonde, éternelle et glorieuse“, wie es leibt und lebt.

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Und in der Mitte Pétain, der Präsident des Collabortations-Regimes von Vichy, der, so die Botschaft des Wandteppichs, durch die Zusammenarbeit mit  Nazideutschland Frankreich den Frieden gebracht hat.  Paul Charlemagne hat diesen „À la Gloire du maréchal Pétain“ betitelten Wandteppich entworfen. 1942, als die Arbeit daran begonnen wurde, war Pétain  schon 86 Jahre alt. Und er legte großen Wert darauf, auf den damals weit verbreiteten Portraits als gerechter und strenger „Vater der Nation“, aber nicht als altersschwacher Großvater zu erscheinen. Allzu realistische Portraits fielen der Zensur zum Opfer. Mit dem Portrait auf Charlemagnes Gobelin wird er sicherlich zufrieden gewesen sein.

Dieser Wandteppich war Teil der damaligen Pétain-Verherrlichung und der Propaganda der von ihm proklamierten „révolution nationale“, in der die Arbeit, und dabei vor allem die Landarbeit, eine zentrale Rolle spielte. Der Gobelin sollte den Chef des État français in eine Reihe mit den großen heroischen Gestalten der französischen Geschichte stellen, wie es in dem Begleitfilm zu der Ausstellung heißt.[1] Der Wandteppich wurde bis zur Befreiung von Paris im Musée de l’Orangerie präsentiert, danach erst jetzt wieder in der Ausstellung „Au fil du siècle, 1918-2018, Chefs-d’œuvre de la tapisserie » (April bis September 2018) in der Manufacture des Gobelins in der avenue des Gobelins.[2]

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Gezeigt werden  in dieser Ausstellung  zwei weitere -ebenfalls bisher noch nie ausgestellte- Gobelins, die während der Zeit der occupation  im deutschen Auftrag von Werner Peiner entworfen  und von der Manufaktur hergestellt wurden.

Der Wandteppich mit dem von Stieren gezogenen Wagen und der Hakenkreuzstandarte der Fruchtbarkeitsgöttin Ceres wurde 1941-1944 angefertigt und war für das Außenministerium des Freiherrn von Ribbentrop bestimmt. Dazu gehörte auch ein weiterer Wandteppich mit dem Motiv der Quadriga-  als „männliches Gegenstück“ zu dem weiblichen Element der Fruchtbarkeit gedacht. Beide Wandteppiche wurden noch vor Kriegsende nach Deutschland gebracht, dort von den Alliierten  entdeckt, 1949 nach Frankreich zurückgebracht und in den Tiefen der Depots des Louvre und des Musée d’Art moderne versenkt…[3]

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Die Herstellung dieser Okkupations-Teppiche erforderte übrigens mehrere Kilogramm Gold- und Silberfäden, die aus Deuschland angeliefert wurden. Man kann sich in der Tat, wie ein  jüdischer Bekannter, den wir beim Besuch der Ausstellung trafen, fragen, woher die Nazis damals das Gold und Silber für diese Wandteppiche hatten…

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Ein weiterer, aber nicht vollendeter Gobelin wurde von „Reichsmarschall“ Göring für seinen Landsitz Carinhall in der Schorfheide bestellt: „Le Globe terrestre“. Materialien waren Wolle, Seide und –natürlich auch hier- Gold- und Silberfäden. Pracht und Ausmaße dieses Wandteppichs entsprachen dem Auftraggeber: Natürlich übertraf die vorgesehene Größe von 72,2 m² nicht nur deutlich die von Ribbentrop bestellten Wandteppiche, er sollte sogar noch 5m² größer werden als das größte im Louvre ausgestellte Bild, Veroneses Hochzeit zu Kana.[4]

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Bemerkenswert sind auf dieser Karte auch Details wie Grenzziehungen und die Hervorhebung von (Haupt-)Städten: Einige Grenzen, z.B. die von Verbündeten Nazi-Deutschlands wie die der Slowakei, Ungarns und Rumäniens, sind mit roter Farbe hervorgehoben, andere wie die belgische, holländische oder dänische Grenze nur leicht skizziert. Und wieder andere fehlen ganz: so  die Grenze zwischen Italien und Frankreich, wo es ja italienische Gebietsansprüche und eine italienische Besatzungszone gab; die Schweiz ist überhaupt nicht berücksichtigt. Und das sogenannte „Protektorat Böhmen und Mähren“ ist (natürlich) voll in das deutsche Staatsgebiet integriert. Elsass-Lothringen allerdings nicht: Vielleicht wollte man diese Provokation den französischen Webern der Manufaktur doch nicht zumuten. Während Hauptstädte im Allgemeinen durch ein Quadrat markiert sind, gilt das für Brüssel nicht, eine niederländische und luxemburgische Hauptstadt existieren überhaupt nicht. Bei Deutschland dagegen sind gleich drei Hauptstädte eingewoben: Berlin, Wien und interessanter Weise auch Prag. Und bemerkenswert ist auch die Bezeichnung „Deutschland“ statt der damals von den Nazis verwendeten Bezeichnung „Großdeutsches Reich“, die man auf einer solchen, propagandistischen Zwecken dienenden Karte vielleicht eher erwarten würde. Aber dieser unvollendete Karten-Gobelin knüpft in seiner Gestaltung eher an traditionelle Weltkarten an. Mit den drei deutschen Hauptstädten bezieht er sich auf den historischen Reichsgedanken und mit seiner selektiven Grenzziehung soll er wohl auch offen sein für die von den Nazis erhofften Veränderungen der europäischen Landkarte im Laufe eines siegreichen Krieges.

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Vollendete Tatsachen schafft der Gobelin aber schon in Afrika, wo die früheren deutschen Kolonien  „heim ins Reich“ geholt sind….

Die in der Ausstellung erstmalig gezeigten Wandteppiche aus der Zeit von collaboration und occupation belegen, wie sich die Gobelin-Manufaktur damals in den Dienst politischer Propaganda gestellt hat oder dazu hat benutzen lassen. Das war allerdings kein völlig aus dem Rahmen fallendes Phänomen.

Die ersten in der Ausstellung gezeigten Gobelins aus der Zeit nach dem ersten Weltkrieg  transportieren ebenfalls eindeutige politische Botschaften. So der von Louis Anquetin entworfene Wandteppich zum Thema „La Victoire“ – einer von insgesamt vier schon 1917 bestellten Gobelins zu diesem Thema.

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In der Mitte des großen Wandteppichs –hier ein Ausschnitt- sieht man eine Bäuerin, die angesichts des blutrot-drohenden Horizonts ängstlich ihr kleines Kind an sich presst. Und Grund zur Angst gibt es in der Tat: Da sieht man die unheilverkündenden Raben…

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… und vor allem einen auf einem feuerspeienden Drachen reitenden wilden Gesellen mit einem blutverschmiertem Dolch und einer Brandfackel in den Händen: An Schaftstiefeln, Pickelhaube und Bart unschwer als ein Bild des mordlustigen deutschen Kaisers zu identifizieren.

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Aber keine Angst: Da sind auf der anderen Seite die in Rubens’scher Manier dargestellten Schmiede des Vulkanus, die aus Pflugscharen Schwerten machen, mit denen der böse Feind besiegt wird.

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Und da ist ganz oben in der Mitte der kampfbereite gallische Hahn, der Garant des Sieges.

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Und als der dann tatsächlich errungen war, produzierte die Manufaktur Bezüge für Sofas und Sessel, auf denen die zum Sieg führenden Waffen abgebildet waren und der heldenhafte Einsatz der französischen Soldaten verherrlicht wurde.

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So gehen Tradition –die klassischen Blumenmuster-, Modernität –die modernen Waffen- und Nationalismus –die heldenhaften Soldaten und die Farben der Tricolore- eine für diese Zeit charakteristische Verbindung ein.

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Die 1921 von der Manufaktur in  Auftrag gegebenen Entwürfe von Adrien Karbowsky sind, wie der Begleittext kritisch vermerkt, Teil der damals gängigen „auto-célébration de la victoire française“. Es handele sich hier angesichts der vom Krieg erzeugten Traumata um „einen letzten Schwanengesang“ militärischer Themen und Motive.

 

Die königliche Manufaktur des Gobelins: Glorifizierung Ludwigs XIV. und Frankreichs

Dass die Manufaktur sich als Instrument politischer Propaganda betätigte, war ihr gewissermaßen in die Wiege gelegt.  Dort, wo Mitte des 15. Jahrhunderts an dem Flüsschen Bièvre der holländische Tuchfärber Jehan Gobelin sein Atelier errichtet hatte….

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Inschrift auf der seitlichen Fassade der Manufaktur des Gobelins, avenue des Gobelins[5]

… wo Anfang des 17. Jahrhunderts Henri Quatre flämische Weber angesiedelt hatte, damit sie Teppiche façon de Flandres, also in „flämischer Manier“ produzierten[6], dort –in dem inzwischen Quartier des Gobelins genannten Viertel- errichtete Colbert, der Wirtschaftsminister Ludwigs XIV., die Manufacture des Meubles de la Couronne, zu denen auch die Manufacture royale des Gobelins gehörte. Die dort produzierten Teppiche trugen also den Namen der holländischen Tuchfärber, die hier früher gearbeitet, aber nie auch nur einen einzigen Teppich hergestellt hatten.

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Inschrift auf der Seitenfassade der Manufaktur amCour d’Antin, über dem Eingang zum Ausstelluungsgebäude[7]

Erster Direktor der Manufaktur war der Hofmaler Ludwigs XIV., Charles Le Brun. Das zeigt die Bedeutung, die das Unternehmen für die Krone hatte. In der Manufaktur wurden neben Gobelins auch andere Ausstattungsstücke wie Möbel, Drucke und Gold- und Silberarbeiten hergestellt. Insgesamt arbeiteten damals etwa 250 Handwerker in der Manufaktur. Bei seinen Entwürfen für die Gobelins wurde Le Brun von einem ganzen Stab von Malern unterstützt, die ihm zuarbeiteten. Es gab Spezialisten für Landschaften, für Architektur, für Ornamente, für Stillleben, für die Darstellung von Personen. Le Brun selbst leitete und koordinierte die Arbeiten, behielt es aber sich vor, in allen Darstellungen, in denen der König erschien, dessen Züge selbst zu zeichnen. [8]

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Statue Le Bruns im Hof der Manufaktur

Nicht zimperlich war man übrigens bei der Ausschaltung unliebsamer Konkurrenz: Es gab nämlich eine bedeutende Produktion von Teppichen in Maincy,  einem Atelier in der Nähe von Vaux-le-Vicomte, dem Schloss Fouquets, des Finanzministers des jungen Ludwigs XIV.  Als der aber seinen Reichtuum allzu protzig zur Schau und damit sogar den  Sonnenkönig in den Schatten stellte, ließ ihn Ludwig XIV. 1661 verhaften und ins Gefängnis werfen, wo er den Rest seines Lebens zubrachte. Gleichzeitig  übernahm der König aber das Künstlerdreigestirn von Vaux-le-Vicomte, nämlich Le Vau (Architekt), Le Nôtre (Gartenarchitekt) und eben auch Le Brun, den Leiter der Fouquet‘schen Teppich-Manufaktur und dessen Personal.[9]

Bei der Anwerbung  zusätzlich benötigter erstklassiger Fachkräfte sah man sogar großzügig über deren Konfession hinweg. Während Protestanten ansonsten vertrieben und verfolgt wurden, standen sie im Bereich der Manufaktur unter dem Schutz der Krone, wenn sie nur  Meister ihres Faches waren – ähnlich also, wie die unter der Protektion der Stiftsdamen des Klosters Saint-Antoine stehenden protestantischen ébénistes. [10]

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Um den rechten Glauben der Beschäftigten zu befördern, wurde immerhin im Bereich der Manufaktur eine Kapelle errichtet – erkennbar an Uhr und Glockentürmchen;  davor auf dem Sockel eine Statue Colberts.

Bei der Gründung der königlichen Manufaktur ging es natürlich, der damals herrschenden merkantilistischen Lehre entsprechend, um –modern ausgedrückt- Importsubstitution. Wie schon zu Zeiten Henri Quatres verbot Colbert die Einfuhr ausländischer Teppiche. Die königlichen Schlösser sollten nur mit Produkten „made in France“ ausgestattet werden. Darüber hinaus waren die in der  Manufaktur hergestellten Gobelins als königliche Präsente und für den Export bestimmt.  In allen Fällen  ging es aber auch darum, die Teppiche als Mittel der Glorifizierung des Sonnenkönigs, seiner „hauts faits es vertus“ zu verwenden. Immerhin wurde die königliche Manufaktur in dem Jahrzehnt gegründet, in dem die absolute Herrschaft Ludwigs XIV. sich konsolidierte und in dem ein festes Repertoire ihm  zugeordneter Symbole und  Bezüge wie die Sonne oder Appollo entstand.  Beispiele solcher der königlichen Propaganda dienender Gobelins sind die Serien zur „Geschichte des Königs“ und zur „Geschichte  Alexanders“, mit dem Ludwig XIV. gerne verglichen wurde. Es ging also auch hier um die Verherrlichung der Monarchie und des Sonnenkönigs. Von diesen Gobelins wurden teilweise bis zu 15 Exemplare hergestellt, um den Ruhm des Königs möglichst weit zu verbreiten. Sie wurden  verwendet, um die Besucher des Hofes zu beeindrucken oder auch als Geschenke für ausländische Botschafter. Die Qualität der Entwürfe, der Reichtum der verwendeten Materialien –auch bei ihnen schon wurde an Gold- und Silberfäden  nicht gespart- und die lange Dauer ihrer Herstellung sollten den Reichtum und die Stabilität Frankreichs zum Ausdruck bringen. Insgesamt wurden während der 30-jährigen Blütezeit der Manufaktur unter der Herrschaft Ludwigs XIV. 775 Gobelins hergestellt – eine beeindruckende Zahl, wenn man bedenkt, dass an einem Gobelin mehrere Weber über ein Jahr lang gearbeitet haben.

Die Bedeutung, die die Manufaktur für Ludwig XIV. hatte, wird in einem  Gobelin anschaulich, der den Besuch des Königs am 15. Oktober 1667  thematisiert. Dieser Gobelin, hier eine Entwurfszeichnung Le Bruns, gehört zu der Serie der 14 Gobelins zur „Histoire du Roi“. [11]

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Die  im Schloss von Versailles ausgestellte Gobelin-Serie zur Geschichte des Königs wurde zwischen 1729 und 1734 hergestellt,  also in der Zeit Ludwigs XV., der sich damit in die Tradition des Sonnenkönigs stellte.[12]

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Die hier dargestellte Szene findet im Hof der Manufaktur statt. Verschiedene Handwerker führen dem König die von ihnen hergestellten Produkte vor: Möbel, Gold- und Silberarbeiten, Teppiche und natürlich Gobelins. Auf der linken Seite sieht man Ludwig XIV., hervorgehoben durch die rote Farbe und durch den freien Raum rund um seine Füße. Außerdem ist er größer als die neben ihm Stehenden, Zeichen seiner Majestät. Begleitet wird er von Colbert, dem er sich zuwendet.

Mit dem Besuch der gerade gegründeten Manufaktur bezeugt der König  seine Modernität, indem er  die Herstellung von Gobelins zu einem „Instrument der politischen Kommunikation“ macht.[13]

Die Blütezeit unter Ludwig XIV. endete allerdings schon frühzeitig: 1694, also 21 Jahre vor dem Tod des Sonnenkönigs, wurde die Manufaktur für fünf Jahre geschlossen, alle dort Beschäftigten entlassen und  ein Teil der dort hergestellten Gold- und Silberarbeiten eingeschmolzen. Grund dafür waren die Staatsfinanzen, die vor allem aufgrund der von Ludwig XIV. angezettelten Kriege, zuletzt durch den sich unerwartet lange hinziehenden Pfälzischen Erbfolgekrieg,  zerrüttet waren.[14]

 

Die Manufacture des Gobelins: Ihr Beitrag zur Verherrlichung Napoleons

Wie sehr die Manufaktur von den geschichtlichen Entwicklungen geprägt war, zeigte sich dann auch während der  Französischen Revolution und der Herrschaft Napoleons. Direktor der Manufaktur zur Zeit der Revolution war Auguste Belle. Der ließ im November 1793 auf dem Hof der Manufaktur einen Freiheitsbaum errichten, unter dem Gobelins verbrannt wurden, die aufgrund ihrer Wappen oder der königlichen Lilie als nicht mehr zeitgemäß galten. Alle Angestellten  der Manufaktur wurden aufgefordert, auf die neue Verfassung, die Convention nationale, zu schwören und an die Nachwelt nur noch Bilder der Helden und Märtyrer der Freiheit  sowie erinnerungswürdige Taten republikanischer Franzosen weiterzugeben. [15] Im Sommer 1794 besuchte eine Kommission die Manufaktur „pour entretenir la flamme républicaine“: Von 321 in den Beständen der Manufaktur vorhandenen Mustern für die Herstellung von Gobelins (cartons) wurden 120 als antirepublikanisch, fanatisch, d.h. zu offensichtlich christlich, und unmoralisch ausgesondert.[16]

Während des Konsulats und vor allem des napoleonischen Kaiserreichs erlebte die Gobelin-Manufaktur einen neuen Aufschwung. Sie arbeitete jetzt ausschließlich für die Zwecke Napoleons, der wünschte, dass die „maisons Impériales“, vor allem die Tuilerien,  mit den Werken der Manufaktur ausgestattet sein sollten. Das waren Gobelins, die die Heldentaten des Kaisers darstellten, wobei  Gemälde von David, Gros und anderen als Vorlage dienten.  Und es waren kaiserliche Portraits, die den Ruhm das Kaisers – und das Ansehen der Manufaktur- verbreiteten: Wie zu Zeiten des Sonnenkönigs erhielten die Herrscherhäuser Europas Gobelins mit dem Portrait des Kaisers, vor allem natürlich seine zahlreichen Familienmitglieder, die er auf europäischen Thronen  platziert hatte. [17] Das von Napoleon bevorzugte Portrait war nicht das Krönungsportrait seines Hofmalers Jacques-Louis David, sondern das 1805 entstandene Gemälde von François Gérard. Es zeigt Napoleon im Krönungsornat und mit goldenem Lorbeerkranz im Thronsaal der Tuilerien und entsprach in seiner Konzeption der traditionellen Darstellung französischer Könige seit Ludwig XIV. Napoleon ließ von diesem „offiziellen“ Kaiser-Portrait zahlreiche Kopien anfertigen. 1808  bestellte er bei der jetzt kaiserlichen Manufacture des Gobelins eine gewebte Version des Gemäldes, das heute im Museum of Modern Art in New York zu sehen ist.  Es war für den Erzkanzler des Reichs, Jean-Jacques Régis de Cambacérès, bestimmt: Eine besondere Auszeichnung. Eine gemalte Kopie wäre ja wesentlich billiger und schneller verfügbar gewesen, während an diesem Auftrag  elf Weber volle drei Jahre lang arbeiteten.[18]

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Auch wenn Napoleon in der Manufacture des Gobelins ein ideales Instrument für sein Prestigestreben sah, gab es doch –aufgrund der großen Abstände zwischen Konzeption und Fertigstellung eines Gobelins- eine erhebliche Diskrepanz zwischen Projekten und Resultaten. Der Wunsch Napoleons, die wichtigsten Ereingnisse seiner Herrschaft durch Gobelins zu verewigen, konnten deshalb nur bruchstückhaft umgesetzt werden.[19]

Aber es gibt doch auch eindrucksvolle Gobelins aus der Pariser Manufaktur, die der Verherrlichung des Kaisers dienten.

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So der nach einem Gemälde von Antoine-Jean Gros gefertigte Gobelin, auf dem der Erste Konsul Bonaparte hoch zu Ross zu sehen ist. Er  verteilt nach der Schlacht von Marengo am 14. Juni 1800 Ehrensäbel an die  Grenadiere seiner Garde. Das Werk wurde 1810 fertiggestellt und ein Jahr später Hortense, der  Stieftochter des Kaisers, Königin von Holland und Mutter des späteren Napoleons III., geschenkt.[20] En weiteres Beispiel ist der 1809 bis 1915 in der Manufaktur angefertigte Gobelin, in dessen Mittelpunkt natürlich auch Napoleon steht: Nach seiner Krönung zum Kaiser am 8. Dezember 1804 empfängt er im Louvre die Abordnungen des Militärs.[21]

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 Seine Macht wird durch sein Ornat und die Herrscchergeste,  die im Spalier aufgereihten stramm stehenden Soldaten und die demütige Haltung des ottomanischen Gesandten eindrucksvoll herausgestellt. Die Umgebung mit den Raumfluchten des Louvre und der römischen Statue in Siegespose trägt natürlich auch ihren Teil zur Verherrlichung des Kaisers bei.

Es gibt also eine lange, auch vom bourbonischen System der Restauration und dem Kaiserreich Napoleons III. weitergeführte Tradition der Manufacture des Gobelins, einen Beitrag zur Glorifizierung der jeweiligen Repräsentanten des Staates zu leisten. Insofern ist es wohl auch zu erklären, dass  Communarden 1871 kurz vor ihrer Niederschlagung in der semaine sanglante[22] den Vorgängerbau des heutigen Ausstellungsgebäudes in Brand setzten. Dies hatte nicht die geringste militärische, aber eine hohe symbolische Bedeutung: Die Manufaktur als repräsentative Instanz der bekämpften alten Ordnung.

 

Kunstgobelins aus der Nachkriegszeit

Nach der Instrumentalisierung der Manufaktur durch Pétain und die Nazis war nach 1945 ein Neuanfang unabdingbar. Eine besondere Rolle dabei spielte André Malraux, der von 1959 bis 1969  Kulturminsiter war und dem  die Förderung zeitgenössischer Kunst ein besonderes  Anliegen war.  In seiner Ära wurden Kontakte zu bedeutenden Künstlern geknüpft, die angeregt wurden, Entwürfe für Gobelins herzustellen. In der oben genannten Ausstellung waren zahlreiche solcher Gobelins ausgestellt.

Hier einige Beispiele:

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Fernand Léger, La Création du monde (1962)

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André Derain, L’Âge d’or (1965/66)

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Raoul Dufy, La Baie de Saint-Adresse (1966/68)

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Joan Miró,  hirondelle d’amour (1979/1980)

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Victor Vasarely, Composition foncée (1977/79)

 

Und aus unserer Sicht besonders eindrucksvoll:

Hartung

Hans Hartung, P 1967-109   (1971/1972)

 

Nach 1945 wurden also in der Manufaktur künstlerisch anspruchsvolle, moderne Gobelins hergestellt. Bei unserem Rundgang –leider abolutes Fotografierverbot- konnten wir einige sehr beeindruckende, von zeitgenössischen Künstlern entworfene Teppiche sehen, die gerade im Entstehen sind. Die einmal gängigen Portraits der jeweils Regierenden haben dagegen  ausgedient. Undenkbar,  dass es etwa Gobelins mit den Portraits von de Gaulle hätte geben können – oder jetzt von Macron: Der vertrat zwar schon vor seiner Wahl zum Staatspräsidenten die Auffassung, dass die Hinrichtung Ludwigs XVI. eine „emotionale Leere“ im kollektiven Bewusstsein der Franzosen geschaffen habe, die durch eine „Resakralisierung“ der präsidialen Funktion auszufüllen sich der junge, gerne als „jupiterien“ charakterisierte Präsident  nach Kräften bemüht.[23] Entsprechende Gobelins scheiden  aber als Instrumente aus.

Immerhin hat der jeweilige Präsident das Privileg, sich aus dem großen und ständig anwachsenden Reservoir des mobilier national für den Elysée-Palast – auch gerne château genannt- das auszuwählen, was seinem Geschmack und den präsidialen Repräsentationszwecken am meisten entspricht. So sollen, wie uns bei dem Besuch der Manufaktur unsere Führerin augenzwinkernd erläuterte, ausländische Besucher vom französischen savoir-faire so beeindruckt werden, dass sie dann angeregt werden, auch einen Airbus oder eine Mirage zu  bestellen….

 

Praktische Hinweise:

Adresse: 42, Avenue des Gobelins im 13. Arrondissement

Öffnungszeiten der Dauerausstellung: täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr

Besuche der Ateliers: Mittwochs 15 Uhr, z.T. auch 13 Uhr. Frühzeitige Reservierung erforderlich. Es werden jeweils zwei der drei unter dem Dach des mobilier national vereinigten, in der Avenue des Gobelins installierten und auf unterschiedliche Verfahren spezialisierten Ateliers gezeigt.  (Atelier des Gobelins, de Beauvais und Savonnerie).

https://www.cultival.fr/visites/ateliers-des-gobelins-dans-les-coulisses-dun-metier-dart

 

Weitere Blog-Beiträge zu Ludwig XIV.:

 

Weitere Blog-Beiträge zu Napoleon:

 

Anmerkungen

[1]  „Cette tapisserie vise à inscrire le chef de l’État français dans la lignée des grandes figures heroïque de l’histoire de France.“ Begleitfilm von Ophélie Juan zur Ausstellung und Begleittext zum Wandteppich

[2] Das repräsentative Ausstellungsgebäude an der avenue des Gobelins stammt aus der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg.

[3] http://www.culture.gouv.fr/Thematiques/Metiers-d-art/Actualites/Au-fil-du-siecle-chefs-d-oeuvre-de-la-tapisserie-1918-2018

[4] Übernommen vom  Begleittext der Ausstellung

[5] „Jean et Philibert Gobelin, Tuchhändler und –färber „en écarlate“  hatten hier am Ufer der Bièvre am Ende des 16. Jahrhunderts ihr Atelier. Nach ihnen wurden  dieses Viertel von Paris und die Teppichmanufaktur benannt.“ Die Färbemethode „en écarlate“ war damals  besonders  innovativ und gefragt, weil man mit ihr vor allem  ein Spektrum leuchtender Rottöne erzeugen konnte. Siehe: Hélène Hatte und Valérie Rialland-Addach, Promenades dans le quartier des Gobelins et la Butte-aux-Cailles. Paris 2008, S. 72

[6] Zur Förderung der heimischen Produktion von Teppichen verbot er sogar die Einfuhr der bis dahin den Markt beherrschenden flämischen Teppiche.

[7] „Im September 1667 gründete Colbert in den Gebäuden der Gobelins die Möbel-Manufaktur der Krone unter der Leitung von Charles Le Brun“.

[8] https://www.universalis.fr/encyclopedie/charles-le-brun/4-le-directeur-de-la-manufacture-royale-des-gobelins/  und Henri Gleizes, Dans les Coulisses du Mobilier National. Paris 1983, S. 161

[9] Henri Gleizes, Dans les Coulisses du Mobilier National. Paris 1983, S. 154/156

[10] Siehe den Blog-Beitrag über den Faubourg Saint-Antoine, das Viertel des Holzhandwerks: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/32

[11] Bild aus: https://commons.wikimedia.org/

[12] Eine Zusammenstellung der Serie in: http://collections.chateauversailles.fr/#f8a9f9ca-48d8-4089-b22f-41bc940ec7bd und https://fr.wikipedia.org/wiki/Tenture_de_l%27Histoire_du_Roy

[13] https://www.histoire-image.org/de/etudes/manufacture-gobelins Siehe auch: Jean-Christian Petitfils, Louis XIV.  Paris, Fayard, 1999.

[14] Gleizes, a.a.O., S. 161  https://www.universalis.fr/encyclopedie/charles-le-brun/4-le-directeur-de-la-manufacture-royale-des-gobelins/ und http://www.mobiliernational.culture.gouv.fr/fr/nous-connaitre/les-manufactures/manufacture-des-gobelins

[15]  Gegenstand des Schwurs:  „de n’employer désormais leurs talents qu’à transmettre à la postériorité les images des héros et martyrs de la liberté ainsi que les actions mémorables des Français … républicains“. Gleizes, S. 163/164

[16]  Gleizes, S.  164

[17] Caroline Girard, La manufacture des Gobelins du Premier Empire à la monarchie de Juil  http://theses.enc.sorbonne.fr/2003/girard

[18] https://www.metmuseum.org/toah/works-of-art/43.99/

[19] Girard a.a.O.

[20] https://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/objets/bonaparte-premier-consul-distribue-des-sabres-dhonneur-aux-grenadiers-de-sa-garde-apres-la-bataille-de-marengo-le-14-juin-1800/

[21] Bild aus: http://www.alaintruong.com/archives/2018/02/05/36115217.html

[22] Siehe  dazu den Beitrag über die Commune auf diesem Blog: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2912

[23] Interview Macrons vom 8. Juli 2015: http://www.atlantico.fr/pepites/emmanuel-macron-manque-roi-2228499.html  und Interview mit dem Verfassungsrechtler  Dominique Rousseau vom 2. Juli 2017: https://www.nouvelobs.com/politique/20170629.OBS1399/congres-de-versailles-macron-tente-de-resacraliser-la-fonction-presidentielle.html

 

 

Geplante weitere Beiträge

  • Street-Art in Paris (3):  Der Invader
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 1: Lyon, Luberon, Piemont
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte, Teil 2: Die Waldenser in Hessen-Homburg
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier
  • Das Haus der Mutualité in Paris und der Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935

 

Das Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise in Paris: Eine Hommage an den Vorkämpfer der deutsch-französischen Verständigung

Der nachfolgende Beitrag ist Ludwig Börne gewidmet, dem Zeitgenossen Heinrich Heines, mit dem er viel gemeinsam hat, von dem ihn aber auch Wichtiges trennt. Obwohl Börne zu seinen Lebzeiten „die zentrale Figur“  war und Heine „überstrahlte“, und obwohl er heutzutage vielfach gerühmt wird z.B. als eine der „hervorragenden Figuren der deutschen Literaturgeschichte“,  als „Schöpfer des deutschen Feuilletons“ oder als „Apostel der Freiheit“[1], ist er „kaum bekannt“, „leider ein vergessener Autor“.[2]

Mein Interesse an Ludwig Börne beruht unter anderem auf seiner deutsch-französischen Biographie: Börnes Leben verläuft nämlich zwischen zwei Polen: Dem heruntergekommenen, überfüllten jüdischen Ghetto in Frankfurt am Main, wo er 1786 geboren wurde, und Paris, der glänzenden „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ (Walter Benjamin), in der er 1837 starb und beerdigt wurde.

Damit gehört er zu einer Reihe von deutschsprachigen Autoren, für die und die für Paris bedeutsam waren.  Einer der prominentesten ist  Heinrich Heine, über  den es schon einen Beitrag auf diesem Blog gibt. (Mit Heinrich Heine in Paris. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8231 ). Andere Autoren sollen folgen.

Zur Konzeption dieses Blog gehört, dass die Beiträge möglichst auf bestimmte  Orte bezogen sind, die  im Zentrum des jeweiligen Beitrags stehen oder für das jeweilige Thema interessant sind. Es gibt,  bezogen auf  deutschsprachige Autoren, zahlreiche solcher Orte in Paris : Für Heinrich Heine   –unter anderem- zwei Erinnerungstafeln an Häusern , die er bewohnte, sein Grab auf dem cimetière de Montmartre, dazu auch noch das deutsche Haus in der Cité Universitaire Internationale, das nach ihm benannt ist[3];  für Joseph Roth ein Portrait in dessen „Stammkneipe“, dem Café Tournon, für Stefan Zweig ein schönes Denkmal  im Jardin du Luxembourg, für Rainer Maria Rilke eine nach ihm benannte Bibliothek, für Heinrich Mann das Hotel Lutétia…

Und für Börne: Da gibt es lediglich ein wenig bekanntes, etwas abgelegenes  Grabmal mit bedrohlich wirkender Schlagseite auf dem Friedhof Père Lachaise, das allerdings aus künstlerischen und politischen Gründen besondere Aufmerksamkeit verdient – zumal es von einem der bedeutendsten französischen  Bildhauer des 19. Jahrhunderts  gestaltet wurde und weil es, worauf der Titel dieses Beitrags hinweist, nicht nur Ludwig Börne allein gewidmet ist, sondern der deutsch-französischen Verständigung insgesamt.

Im Anschluss an die Vorstellung dieses Grabmals  wird auf die Bedeutung von Paris im Leben und Wirken Börnes und auf seine auf dem Grabmal hervorgehobene Rolle als Vorkämpfer der deutsch-französischen Freundschaft eingegangen. Und es wird das ebenfalls auf dem Père Lachaise liegende Grab von Jeanette Wohl vorgestellt, der „Muse“ Börnes und Adressatin seiner Pariser Briefe.

 

Das Grabmal Börnes auf dem Père Lachaise

Das  Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise gehört nicht zu den „prominenten“ Gräbern des Friedhofs, die auf den Übersichtstafeln an den Eingängen verzeichnet sind. Es liegt ein wenig abseits in der 19. Abteilung, fällt –eher bescheiden in seinen Ausmaßen-  dem zufällig Vorbeigehenden nicht unmittelbar ins Auge, zumal die Grabstele, was Lage und Größe angeht,  nicht unübersehbar ist–anders als das am gleichen Friedhofsweg liegende Grabmal  von Samuel Hahnemann, dem Begründer der Homöopathie, oder das monumentale Mausoleum der russischen Baronin Stroganoff.

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Die Grabstele Börnes hat dagegen bescheidenere Ausmaße und liegt auch nicht direkt am Weg. Dazu erscheint der Erhaltungszustand etwas bedenklich:  „Der Grabstein neigt sich gefährlich zur Seite“, wie das Deutschlandradio  2012 berichtete. Die Schlagzeile damals:  „Das Grab des Schriftstellers Ludwig Börne verkommt“.[4]  Seitdem hat sich die deutsche Botschaft in Paris des Grabes angenommen und seine Restaurierung veranlasst. Allerdings konnte die Neigung des Grabmals dabei nicht beseitigt werden. Ihre Ursache liegt nämlich im „desolaten Zustand des Nachbargrabs … das nicht mitsaniert werden konnte“ – dazu hätte es nach französischem Recht der Zustimmung der Erben bedurft, die man aber offenbar nicht ermitteln konnte.[5]  Eine gefährlich anmutende Neigung hat  der Grabstein also trotz Restaurierung nach wie vor- und das ausgerechnet bei dem immer aufrechten Börne! Aber windschief sind viele Grabsteine auf dem Père Lachaise, auch das also wird  kaum die Aufmerksamkeit zufällig vorbeikommender Friedhofs-Flaneure erregen.

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Es sind hier auch nicht –wie an anderen Gräbern des Friedhofs- Blumen deponiert, und man wird kaum Besucher treffen, die das Grab aufgesucht haben, um dem Verstorbenen ihre Reverenz zu erweisen.

Aber vielleicht wird man doch aufmerksam auf die in eine Nische der Grabstele eingefügte bronzene Büste des Verstorbenen: Ein Portrait mit schönen, scharf geschnittenen Gesichtszügen und klarem Blick – Tatkraft und Energie ausstrahlend.

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Durch die Grabinschrift erfährt man, dass hier Ludwig Börne begraben ist, der am 22. Mai 1786 in Frankfurt am Main  (hier: sur le Mein) geboren wurde und am 12. Februar 1837 in Paris starb.  Börne war also ein etwas älterer Zeitgenosse Heinrich Heines: wie er wurde er in Deutschland (als Juda Löb Baruch im jüdischen Ghetto Frankfurts) geboren, wie er konvertierte er zum Protestantismus. Und  wie auch Heine  verbrachte er die letzten Jahre seines Lebens in Paris und starb dort- so wie er es sich schon in seiner Jugend erträumt hatte:

„Es ist nichts Angenehmeres auf der Welt, als in Paris zu sterben; denn kann man dort sterben, ohne auch dort gelebt zu haben?“[6]

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Unterhalb dieser Grabinschrift gibt es ein Bronzerelief von bescheidenem Ausmaß (40 mal 60 cm), das man, neugierig geworden, nun vielleicht doch etwas näher betrachtet.

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Abgebildet sind drei Frauen: In der Mitte eine Frau mit phrygischer Mütze, also ganz offensichtlich eine Allegorie der Freiheit. Ihr zur Seite zwei weitere Frauengestalten, die Frankreich und Deutschland verkörpern.

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Frankreich ist mit einem Lorbeerkranz dargestellt, das  schöne deutsche Fräulein (natürlich) mit einem Kranz aus Eichenlaub.

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Die beiden  Nationen reichen sich die Hände über dem Herzen der Freiheit, die ihrerseits die Hände Frankreichs und Deutschlands umschlingt. Rechts und links ist die Figurengruppe von Freiheitsbäumen flankiert.  Zu deren Füßen liegen Waffen und Trophäen, die auf eine kriegerische Vergangenheit zwischen beiden Nationen verweisen, jetzt aber, wo sie sich die Hände reichen, nicht mehr gebraucht werden. Auf den Sockeln liegen Stapel von Büchern und Schriften, deren Autoren  darunter eingraviert sind:

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Auf der linken  Seite, neben  Marianne, sind es Voltaire, Rousseau, Lamennais und Béranger, auf der rechten, neben  Germania, Lessing, Herder, Schiller und Jean Paul.

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Es sind also Schriftsteller, die –wie Börne-  zu einer Annäherung der beiden Kulturen beigetragen und/oder der Sache des Fortschritts gedient haben. Zu einigen dieser Autoren hatte Börne eine  besonders enge Beziehung: Zu Jean Paul, den er verehrte und auf den er 1825 in Frankfurt eine „Denkrede“ hielt:  „Er war der Dichter der Niedergeborenen, er war der Sänger der Armen, und wo Betrübte weinten, da vernahm man die süßen Töne seiner Harfe“[7] ; zu Lessing, mit dem er zu seinen Lebzeiten oft verglichen wurde[8]; zu Rousseau, dessen bronzene Büste über dem Arbeitspult in seiner Wohnung in der rue Laffitte Nr. 44 stand – deutlich zu erkennen auf Daniel Oppenheims weiter unten abgebildetem Börne-Portrait-[9], zu Voltaire, dessen Spuren in Fernay, Voltaires letztem Wohnort, Börne 1833 auf einer Reise in die Schweiz folgte[10]; zu Béranger, der um 1830 ein äußerst populärer sozialkritischer Lyriker war – er wurde damals auf eine Stufe mit Victor Hugo und Lamartine gestellt. Börne publizierte 1836 den in französischer Sprache verfassten Artikel Béranger et Uhland, ein konkretes Beispiel für sein Bemühen um deutsch-französischen Kulturaustausch. Friedrich Schiller darf unter diesen Autoren natürlich nicht fehlen. Immerhin wurden seine „Räuber“ während der Französischen Revolution in Paris mit großem Erfolg aufgeführt und 1792 wurde Schiller von der Nationalversammlung (mit der Unterschrift Dantons) zum „citoyen français“ ernannt. Auf diese Ehre wollte Schiller im Blick auf seine Nachkommen auch dann nicht verzichten, als er sich angesichts des jacobinischen Terrors  von der revolutionären Entwicklung in Frankreich distanzierte. Für Börne war Schiller der engagierte Schriftsteller, den er –ähnlich wie Jean Paul- gegen den von ihm als aristokratisch-abgehoben kritisierten Goethe auszuspielen versuchte.[11] Besonders wichtig war für Börne auch die Beziehung zu Lamennais,  von dem weiter unten noch die Rede sein wird.

« Bei dem Grabmal handelt es sich somit nicht nur um eine Ehrung Börnes, sondern um eine frühe Würdigung des deutsch-französischen Dialogs »[12]. Und dass auf dem Grabmal über der Verkörperung der Freiheit die Büste Börnes angebracht ist, darf als Hinweis darauf verstanden werden, dass Börne als deutscher Patriot und Wahlfranzose Zeit seines Lebens für die Vision gestritten hat, die David d’Angers auf dem Relief in Bronze gegossen hat.

Dass es nämlich der berühmte Pierre Jean David, genannt David d’Angers, war, der das Bronzerelief –und auch die Büste Börnes- geschaffen hat, ist der Signatur « J. David 1842 » zu entnehmen.

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David d’Angers war einer der prominentesten französischen Bildhauer der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Auf diesem Blog war schon von ihm die Rede als dem Schöpfer der Monumentalplastik im Giebelfeld des Pantheons (https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10112 ) und des Grabmals für den General Gobert auf dem Friedhof Père Lachaise (https://wordpress.com/post/paris-blog.org/9077 ), auf dem auch David d’Angers selbst bestattet ist.  Uns Deutschen ist David d’Angers vielleicht auch bekannt als der Schöpfer der großen Goethe-Büste in der Anna-Amalia- Bibliothek von Weimar, die David d’Angers nach seinem ersten Deutschland-Besuch Goethe als Geschenk übersandt hatte. Ein zweites Exemplar ist im musée d’Orsay ausgestellt. Die Goethe-Büste war Teil der Bemühungen David d’Angers, die großen Geister und Künstler seiner Zeit zu verewigen, also gewissermaßen ein eigenes übernationales bildhauerisches Pantheon zu schaffen- entweder in Form großer Büsten oder wenigstens von Medaillons, deren vollständige Sammlung –insgesamt 550- sich im Louvre befindet.

Dass zu den « großen Männern »  David d’Angers auch Ludwig Börne gehörte, ist kein Zufall, hatten doch beide ganz ähnliche, kosmopolitische Ziele und traten im Sinne ihrer freiheitlichen Ideen für einen Austausch zwischen den Nationen Europas ein. Während Börne diesen Austausch über die journalistische Etablierung einer deutsch-französischen Öffentlichkeit vorantrieb, verfolgte David d’Angers mit seiner „Galerie des contemporains“ auf der künstlerischen Ebene das Ziel einer Vernetzung der großen Geister Europas über alle Nationalgrenzen hinweg.[13]

So schickte David d’Angers 1836 Ludwig Börne, dessen « Genie und noblen Charakter » er bewundere, ein bronzenes Medaillon mit den Worten :   „À l’homme dont j’admire le génie et le noble charactère, j’offre cette esquisse en bronze faite d’après son profil, en le priant de recevoir favorablement l’assurance de mon profond respect.“[14]

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                         Das Medaillon Börnes aus dem Historischen Museum Frankfurt[15]

So lag es nahe, dass David d’Angers nach Börnes Tod von einer dafür eigens gebildeten Kommission beauftragt wurde, das Grabmal für den Verstorbenen zu gestalten. Das erforderliche Geld dafür brachte das Ehepaar Jeanette Wohl/Salomon Strauss auf, bei dem Börne die letzten Jahres seines Lebens in Wohngemeinschaft verbrachte. 1842 wurde das Grabmal auf dem Friedhof enthüllt: Die Stele mit der Bronzebüste und der Bronzeplastik mit dem Titel „La France et l’Allemagne unies par la Liberté“.

David d’Angers hat also wesentlich dazu beigetragen, das Bild Ludwigs Börne der Nachwelt  zu übermitteln- neben dem Maler Moritz Daniel Oppenheim, der von Börne ein Gemälde und einen Kupferstich anfertigte- ausgestellt im Freien Deutschen Hochstift in Frankfurt bzw., was die Graphik angeht, u.a. im Jüdischen Museum von Berlin und  im Museum Schloss Philippsruhe in Hanau.[16]

Die Beerdigung Börnes war ein gesellschaftliches Ereignis: Ein beeindruckender Trauerzug von Schriftstellern, Kaufleuten, aber auch Arbeitern, geleitete  Börnes Leichnam von seiner Wohnung in der Rue Laffitte zum Père Lachaise. „Die nächsten Freunde trugen den Sarg bis zum Grab. Der politische Flüchtling Venedey und ein Frankfurter Kaufmann sprachen am Sarge.“ Die große Grabesrede hielt François-Vincent  Raspail, ein bedeutender Chemiker und  Armenarzt, gleichzeitig aber auch ein engagierter Mann der Opposition gegen die  Herrschaft des Bürgerkönigs Louis-Philippes. Seine Zeitschrift  Réformateur, in der Börne „als französischer Schriftsteller geschrieben hatte, war ein Forum des Kampfs gegen die „Bankokratie“ und für die Sache  der Armen. Der Grabredner Raspail sah sich als Vertreter des republikanischen, freiheitlichen Frankreichs und rühmte Börne als den großen Mittler zwischen Deutschland und Frankreich.    

 „Il voyait le colosse du progrès enjamber les deux rives du fleuve qui coule entre la France et l’Allemagne, en leur tendant une main conciliatrice, qu’ils appartiennent à la même espèce et qu’ils sont soumis aux mêmes devoirs.“ [17]

Ist es bei David d’Angers die Verkörperung der Freiheit, die Deutschland und Frankreich zusammenführt, so ist es bei Raspail der „Koloss des Fortschritts“, der mit seinen beiden Beinen rechts und links des Rheins steht und den beiden Ländern die Hand zur Verständigung reicht.

Selbst Heinrich Heine, seit Anfang der 1830-er Jahre mit Börne in inniger Feindschaft verbunden, konnte sich den eindrucksvollen Bekundungen der Trauer über den Tod Börnes nicht entziehen, als er im ersten Entwurf seines bösartigen  Börne-Pamphlets schrieb :

 «Ludwig Börne hat glücklich vollendet, und die Freunde warens,  welche über seinem Sarge die männliche Thräne vergossen und das trauernde Wort gesprochen. Der Glückliche ! Er ruht auf dem  blühenden Gräberhügel, im Kreise seiner Liebesgenossen, auf dem Père-la-Chaise, und ihm zu Füßen liegt das Jerusalem seines Glaubens, das ewige Paris…  schöner kann man nicht sterben ! schöner nicht begraben seyn ! »[18]

Unmittelbar nach Börnes Tod setzte eine « Verehrungswelle » des Schriftstellers ein, wie sein Verleger Julius Campe dem –ebenfalls von ihm verlegten- Heinrich Heine schrieb :

« Börne ist zu guter Stunde gestorben. Alles achtet und ehrt ihn, sieht in ihm einen Apostel der Freiheit, der als Blutzeuge gestorben ist ; als Verbannter. »[19]

Dass der deutsche Patriot Ludwig Börne in « fremder Erde » bestattet wurde, war ein Thema zahlreicher Gedichte, die im reimfreudigen  deutschen Vormärz, der Zeit vor der Revolution von 1848, entstanden sind. Sie weisen auch auf die große Popularität hin, die Börne damals bei den liberalen Kräften in Deutschland hatte, die für « Einigkeit, Recht und Freiheit für das deutsche Valterland » stritten. Als Beispiel wird hier ein 1844 veröffentlichtes Gedicht von Otto Lünig wiedergegeben:[20]

Klagend greif ich in die Saiten,

Mitternächt’ge Schatten gleiten

Still im Mondlicht hin und her.

Heilig Grab, dich möcht ich schmücken,

Möcht an dich die Stirne drücken,

Ach das Herz ist mir so schwer.

 

Fern vom trauten Vaterlande

Siechte er auf fremder Erde,

Trauernd um sein Vaterland.

Der so  treu mit uns gelitten,

Der so kühn für uns gestritten

Deutsche haben ihn verbannt !

 

Frankreich reichte deinem Sohne,

Vaterland, die Lorbeerkrone,

Frankreich hat sein Grab geschützt !

Sahst du denn sein Herz nicht bluten,

Wenn des Edlen Zornes Gluten

Gegen dich so stolz geblitzt ?

 

Grollend greif ich in die Saiten,

Und die Schatten zürnend schreiten

Sie daher im Mondenlicht.

Ach, sein heilig Grab zu schmücken,

Ihm den Kranz auf’s Haupt zu drücken :-

Deutsche, ihr verdient es nicht.

 

Bleibe bei den Fremden liegen,

Bis der Freiheit Fahnen fliegen,

Bis zum Kampf die Freiheit ruft.

Wenn der Schlachtruf mächtig brauset,

Wenn das Schwert, die Lanze sauset,

Holen wir dich aus der Gruft.

Hörst Du’s in den Lüften  rauschen ?

Bald wirst du dein Grab vertauschen,

Ruhn im freien deutschen Land.

Wie so stolz die Augen glühen !

Sieh, an Deinem Grabe knien

Deutschland, Frankreich Hand in Hand.

 

Donnernd greif ich in die Saiten,

Und die Schatten lächelnd gleiten

Sie im Mondlicht hin und her.

Bald, ja bald wird es uns glücken,

Würdig ihm das Grab zu schmücken-

Herz, nun traure auch nicht mehr.         

 

Ludwig Börne in und über Paris

Es ist hier nicht der Ort für eine umfassende Würdigung Ludwig Börnes. Die findet man zum Beispiel in der abschließend „zum Weiterlesen“ angegebenen Literatur- ebenso wie nähere Informationen und Interpretationen zum „deutschen Zerwürfnis“ zwischen Heine und Börne. Aber die Betrachtung des Grabdenkmals  regt doch dazu an, wenigstens auf zwei Aspekte seines Lebens und Denkens noch etwas einzugehen: Die Bedeutung, die Paris für Börne hatte – von Heine immerhin als dessen Jerusalem bezeichnet- und sein auf der Grabstele hervorgehobenes Engagement für den deutsch-französischen Kulturaustausch und die Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland.

Börne hatte schon als junger Mann Paris besucht und war von der Stadt begeistert, obwohl Frankreich damals noch/wieder von den verhassten Bourbonen beherrscht wurde. Am 21. Oktober 1819,  während seines ersten Aufenthalts, schrieb er an Jeanette, seine Vertraute:

Paris ist der Telegraph der Vergangenheit, das Mikroskop der Gegenwart und das Fernrohr der Zukunft.“[21]

1830 wurden dann in drei glorreichen Julitagen, den „trois glorieuses“, die Bourbonen gestürzt.  Der revolutionäre Enthusiasmus der Franzosen strahlte weit über die Grenzen hinaus nach Belgien, Italien, Polen und auch Deutschland. „Die französische Juli-Revolution wirkte in Europa“, so Ludwig Marcuse, „wie ein Fanal des Jüngsten Gerichts.“ [22]

Heinrich Heine feierte  damals die „heiligen Julitage von Paris mit diesen Worten, die  auch von Börne hätten sein können:

„Heilige Julitage von Paris! Ihr werdet ewig Zeugnis geben von dem Uradel der Menschen, der nie ganz zerstört werden kann. Wer euch erlebt hat, der jammert nicht mehr auf den  alten Gräbern, sondern freudig glaubt er jetzt an die Auferstehung der Völker. Heilige Julitage, wie schön war die Sonne, und wie groß war das Volk von Paris.“[23]

Börne erhielt die Nachricht vom Sturz Karls X., des verhassten Bourbonenkönigs, während eines Kuraufenthalts in Bad Soden. „Von einem Tag zum anderen sind seine Schmerzen, die körperliche Schwäche und Resignation überwunden. Nur weniger Wochen später ist er mit der Postkutsche unterwegs nach Paris“,[24] wo er mit kurzen  Unterbrechungen bis zu seinem Tode blieb.[25]

In seinen „Briefen aus Paris“, gerichtet an seine Freundin und Vertraute Jeanette Wohl in Frankfurt und auf deren Anregung hin mit großem Erfolg publiziert,  schrieb er über seine Ankunft in Paris:

„Das moralische Klima von Paris tat mir immer wohl, ich atme freier, und meine deutsche Engbrüstigkeit verließ mich schon in Bondy.[26] Rasch zog ich alle meine Bedenklichkeiten aus und stürzte mich jubelnd in das frische Wellengewühl. Ich möchte wissen, ob es andern Deutschen auch so begegnet wie mir, ob ihnen, wenn sie nach Paris kommen, wie Knaben zumute ist, wenn an schönen Sommerabenden die Schule geendigt und sie springen und spielen dürfen!“ (5. Brief)

Und über sein Lebensgefühl in Paris schrieb er:

 „Manchmal, wenn ich um Mitternacht noch auf der Straße bin, traue ich meinen Sinnen nicht, und ich frage mich, ob es ein Traum ist. Ich hätte nicht gedacht, daß ich noch je eine solche Lebensart vertragen könnte. Aber nicht allein, daß mir das nichts schadet, ich fühle mich noch wohler dabei. Ich war seit Jahren nicht so heiter, so nervenfroh, als seit ich hier bin. Die Einsamkeit scheint nichts für mich zu taugen, Zerstreuung mir zuträglich zu sein …. hier erst bekam ich wieder Herz zu leben. Die geistige Atmosphäre, die freie Luft, in der man hier auch im Zimmer lebt, die Lebhaftigkeit der Unterhaltung und der ewig wechselnde Stoff wirken vorteilhaft auf mich. Ich esse zweimal soviel wie in Deutschland und kann es vertragen.“ (13. Brief)

In Paris wartete Börne voller Ungeduld auf die große Revolution. In seinen „Briefen aus Paris“ prophezeite er, „dass im Jahre 1831 ein Dutzend Eier teurer sein werden als ein Dutzend Fürsten„.

Börne hoffte,  dass der revolutionäre Funke auch nach Deutschland überspringen werde. Genährt wurde diese Hoffnung durch das  Hambacher Fest 1832, das  große Treffen der deutschen Liberalen auf dem Hambacher Schloss in der Pfalz, in der damals noch die staatsbürgerlichen Freiheiten aus der Napoleon-Ära fortbestanden. Das Fest, zu dem Börne als Ehrengast eingeladen war, wurde für ihn „ein rauschähnliches Erfolgserlebnis“.[27] Am  28. Mai schrieb er Jeanette Wohl:

„Auch wenn ich  Zeit hätte, könnte ich Ihnen nicht schildern, wie bedeutend das Fest war und in seinen Folgen werden wird. Ich habe mich nach meiner Art zurückgezogen und fast versteckt. Half aber alles nichts. Ich werde als ein Napoleon angesehen. Gestern abend brachten mir die Heidelberger Studenten unter Anführung des Herolds ein Vivat mit Fackelzug vor meine Wohnung. Schon früher zog mir auf den Straßen alles nach mit dem Geschrei: es lebe Börne, es lebe der deutsche Börne! Der Verfasser der Briefe aus Paris. (…)“[28]

Aber mit den sogenannten Juli-Ordonnanzen folgte die Repression in den Ländern des Deutschen Bundes auf dem Fuß. Der erhoffte „Mai der Völker“ blieb aus. Auch in Frankreich:  Börne musste erkennen, dass  in Paris nur ein Übel aufs andere gefolgt war: Der Bourbone Karl X. war zwar  gestürzt, aber unter dem „Bürgerkönig“ Louis Philippe hatte sich die „Geldaristokratie“ oder „Bankokratie“, wie Proudhon sie taufte, etabliert. [29]

Börne, der aufgrund dieser Erfahrungen vom Anhänger der konstitutionellen Monarchie zum Republikaner wurde, sah –besonders nach dem Aufstand der Weber von Lyon im November/Dezember 1831- einen Krieg der Armen gegen die Reichen voraus, und wendete sich in seinen journalistischen Arbeiten nun auch an die sehr umfangreiche „deutsche Kolonie“, damals die größte Gruppe von Ausländern in Paris: Als Börne 1830 in Paris eintraf, lebten dort etwa 7000 Deutsche, 1848 waren es  60000, die aus vielfältigen Gründen nach Paris gekommen waren.  Ein wichtiger Bestandteil waren die politischen Emigranten, die bei weitem größte Gruppe allerdings bildeten Arbeiter und  Handwerker, die zum Beispiel in den Werkstätten des Faubourg Saint-Antoine arbeiteten, oder Armutsflüchtlinge aus Nordhessen, die die Pariser Müllabfuhr betrieben.[30]   Einen großen Einfluss auf Börne hatte in dieser zeit der Priester Hugues Filicité Robert de Lamennais, dessen Name ja auch auf dem Grabmal Börnes eingraviert ist:  Lamennais war Vertreter eines christlichen, sozialrevolutionären Sozialismus. Obwohl der vom Vatikan 1832 in einer Enzyklika ausdrücklich verurteilt wurde, fanden  seine 1834 erschienenen  Paroles d’un croyant  (Worte des Glaubens) damals eine breite Leserschaft, zu der auch Börne gehörte.  Der war von der Schrift  tief beeindruckt,  bezeichnete sie sogar als „das dritte Testament“ und  übersetzte sie ins Deutsche.  Als Honorar für die schweizerische „Volksausgabe“  der deutschen Übersetzung erhielt er auf seinen Wunsch hin 500 Freiexemplare, die er  unter den deutschen Handwerkern und Arbeitern in Paris verteilen ließ.[31]

Für Börne war die religiöse Terminologie in dieser Zeit  ein Mittel, sich –nach dem Scheitern der direkten  politischen Agitation-  über den engen Kreis der Intellektuellen hinaus Gehör zu verschaffen. Der Gedanke an Georg Büchners Hessischen Landboten, der von dem Butzbacher Pfarrer Weidig entsprechend überarbeitet wurde, liegt dabei nahe. Börne sah im Bezug zum Christentum auch eine Chance, „vor allem bei den Unterschichten neues, auf ethisch gesichertem Boden stehendes politisches Bewusstsein“ heranzubilden[32], eine Antriebskraft für sozialen Fortschritt und einen gemeinsamen Nenner zwischen den verschiedenen kulturellen Traditionen Deutschlands und Frankreichs. Heinrich Heine hat in seinem Börne-Pamphlet  Börne vorgeworfen, „er fraternisier(t)e mit dem Pfaffen Lamennais“, aber für Börne war der Kampf für die Freiheit nicht ein Kampf gegen die Kirche, sondern gegen die Bourgeoisie, und wenn  Vertreter eines engagierten Christentums auch an diesem Kampf teilnehmen wollten:  tant mieux…. [33]

Börne war in dieser Zeit in Kreisen der in Paris lebenden, politisch engagierten Deutschen eine zentrale Figur. In einem Spitzelbericht aus dem  Jahr 1836 liest sich das so:

 „Die Bemühung, zu Paris das revolutionäre Zentrum der deutschen Refugierten und sogenannten Patrioten zu gründen und die Leitung einem Komitee zu übertragen, ist seit vergangener Woche vollkommen ausgeführt. Börne als der reichste, älteste und berühmteste Schriftsteller ist jetzt die revolutionäre Autorität und bei ihm werden jetzt Zusammenkünfte gehalten. (…) Börne besitzt ungefähr 50.000 Reichstaler Privatvermögen, lebt sehr angenehm in Paris und verdient durch die stets wiederholten Auflagen seiner Werke bedeutend. Die deutschen Republikaner gehen seit Wochen zu Börne.“[34]

Allerdings haben die Spitzel hier Börnes Rolle sicherlich etwas übertrieben, übrigens auch was seine finanziellen Verhältnisse angeht. Börne hatte zwar nach dem Tod seines Vaters einen Erbteil erhalten und dazu eine regelmäßige Rente, wozu auch noch eine von ihm erstrittene Pension für seine Dienstzeit als Polizeiaktuar in Frankfurt kam, aber er war, „um seinen großbürgerlichen Lebensstandard  erhalten zu können, auf regelmäßige Autorenhonorare angewiesen“[35]. Angesichts der damals  in weiten Teilen  Deutschlands herrschenden Zensur war das  durchaus nicht garantiert.

Adressat von Börnes publizistischer Aktivität war neben den Deutschen in der Heimat und in Paris auch das französische Publikum: 1835 wurde er Mitarbeiter des  von Raspail herausgegebenen „Réformateur“, in der er auch Artikel in französischer Sprache veröffentlichte. 1835 musste die Zeitschrift eingestellt werden, so dass Börne nun keine Plattform  mehr hatte für seine Bemühungen um die deutsch-französische Kulturvermittlung. So griff er seinen alten Plan wieder auf, eine eigene deutsch-französische Zeitschrift herauszugeben mit dem schönen Titel  „Balance. Revue allemande et française“ – der Titel der Zeitschrift schlägt damit eine Brücke zur „Waage“, der „Zeitschrift für Bürgerleben, Wissenschaft und Kunst“, die der junge Börne herausgegeben hatte, bis sie 1821 nach ständiger Auseinandersetzung mit der Zensur von Metternich verboten wurde. In der Balance  erschien auch Börnes letzte große Arbeit über den „Franzosenhasser Wolfgang Menzel“: „Gallophobie de M. Menzel“. Die an die Zeitschrift geknüpften Hoffnungen erfüllen sich aber nicht: Die Auflage kam nie über 250 Exemplare hinaus und musste schon in ihrem Gründungsjahr 1836 auch wieder ihr Erscheinen einstellen.[36]

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Der Tuberkulose – kranke Börne verbrachte seinen letzten Lebensabschnitt treu umsorgt im Haushalt des Ehepaares Jeanette Wohl und Salomon Strauss: Beide verehrten Börne, waren wegen ihm auch von Frankfurt nach Paris übergesiedelt und engagierten sich sehr  für die Publizierung von Börnes Arbeiten. Die Sommer verbrachten die drei  in Auteuil, die Winter in Paris in der rue Laffitte. Dort starb  er am 12. Februar 1837  und von dort aus wurde dann auch sein Leichnam zum Père Lachaise geleitet. Die Konzession des Grabes- „à perpétuité“, wie es damals üblich war- hatte Salomon Strauss erworben.[37]

 

Börnes Vision der deutsch-französischen Verständigung

Schon 1808 schrieb Börne in einer Abhandlung „Über die geometrische Gestalt des Staatsgebiets“, in Europa gäbe es einen Kern, „der nicht zerstückelt werden kann“, und der bestehe vor allem aus Deutschland und Frankreich: „die hängen so fest zusammen, dass sie sich schwerlich werden trennen können. Hier sieht man aber auch deutlich den Fingerzeig des Schicksals, das beide Länder nur einen Staat bilden sollen. Und welch ein glücklicher Staat müsste das nicht werden, wenn sich die deutsche Natur mit der französischen vermählte…“[38]

Im 6. Brief aus Paris aus dem Jahr 1830 scheibt Börne anlässlich einer Soiree im gleichen Sinne:  „Es war da ein Gemisch von Deutschen und Franzosen, wie es mir behagt. Da wird doch ein gehöriger Salat daraus. Die Franzosen allein sind Öl, die Deutschen allein Essig…“

Und dann nutzt er die Gelegenheit für einen großen historischen Rück-  und Ausblick:

„In wenigen Jahren wird es ein Jahrtausend, dass Frankreich und Deutschland, die früher nur ein Reich bildeten, getrennt wurden. Diese dumme Streich wurde, gleich allen dummen Streichen in der Politik, auf einem Kongresse beschlossen, zu Verdun im Jahre 843. (…) Ich hoffe, im Jahr 1843 endigt das tausendjährige Reich des Antichrists, nach dessen Vollendung die Herrschaft Gottes und der Vernunft wieder eintreten wird. Wir haben nämlich den Plan gemacht, Frankreich und Deutschland wieder zu einem großen fränkischen Reiche zu vereinigen. Zwar soll jedes Land seinen eigenen König behalten, aber beide Länder eine gemeinschaftliche Nationalversammlung haben. Der französische König soll wie früher in Paris thronen, der deutsche in unsrem Frankfurt und die Nationalversammlung jedes Jahr abwechselnd in Paris oder in Frankfurt gehalten werden.“ (6. Brief aus Paris)

Das „tausendjährige Reich des Antichrists“, von dem Börne hier spricht, war dann doch noch nicht 1843 zu Ende, wie er es erhofft hatte. Es mussten erst noch drei weitere Kriege und das „tausendjährige Reich“ der Nazis kommen, bis sich Franzosen und Deutsche auf den gemeinschaftlichen Gräbern umarmen konnten, so wie es Börne gewünscht hatte:

„Die altersreifen Männer beider Länder sollten sich bemühen, die junge Generation Frankreichs mit der jungen Generation Deutschlands durch eine wechselseitige Freundschaft und Achtung zu verbinden. Wie schön wird der Tag sein, wo die Franzosen und die Deutschen auf den Schlachtfeldern, wo einst ihre Väter sich untereinander gewürgt, vereinigt niederknien und, sich umarmend, auf den gemeinschaftlichen Gräbern ihre Gebete halten werden!“[39]

Hoffte Börne in der julirevolutionären Begeisterung von 1830, dass 1000 Jahre nach dem Teilungsvertrag von Verdun, also 1843, Deutschland und Frankreich endlich wieder vereint seien, so war er zwei Jahre später deutlich skeptischer:

Wir gewähren“, so schreibt er da, „noch ein Jahrhundert, bis die Völker Europens, bis besonders die Franzosen und Deutschen zur Einsicht gelangen, dass von ihrer Einigkeit ihr Glück und ihre Freiheit abhängen.“[40]  Sicher war er aber, dass Deutschlands und Frankreichs Schicksale nicht voneinander zu trennen seien. In seiner letzten Schrift, „Menzel, der Franzosenfresser“ von 1837, gewissermaßen seinem politischen Testament, schreibt er:

Die Geschichte Frankreichs und Deutschlands ist seit Jahrhunderten nur ein beständiges Bemühen, sich zu nähern, sich zu begreifen, sich zu vereinigen, sich ineinanderzuschmelzen, die Gleichgültigkeit war ihnen immer unmöglich, sie müssen sich hassen oder lieben, sich verbrüdern oder sich bekriegen. Das Schicksal weder Frankreichs noch Deutschlands wird nie einzeln festgesetzt und gesichert werden können.“

Der Wunsch nach einer Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich ist ein Leitmotiv des Börneschen Denkens und Handelns. Und dabei war er sich einig mit seinem Antipoden Heinrich Heine. Malte sich aber Börne, wie es seinem politischen Denken entsprach, die Zukunft beider Länder schon ganz konkret  in seiner politischen Konstruktion aus, so bezog der Ästhet Heine auch die Dimension des Genusses ein:

 „Laßt uns die Franzosen preisen! sie sorgten für die zwey größten Bedürfnisse der menschlichen Gesellschaft, für gutes Essen und bürgerliche Gleichheit, in der Kochkunst und in der Freyheit haben sie die größten Fortschritte gemacht, und wenn wir einst alle, als gleiche Gäste, das große Versöhnungsmahl halten, und guter Dinge sind, […] dann wollen wir den Franzosen den ersten Toast darbringen. […] sie wird doch endlich kommen, diese Zeit, wir werden, versöhnt und allgleich, um denselben Tisch sitzen; wir sind dann vereinigt, und kämpfen vereinigt gegen andere Weltübel, vielleicht am Ende gar gegen den Tod“ (DHA VII, 70)

Damit ergänzen sich, wie ich meine, Börne und Heine auf  wunderbare und ganz aktuelle Weise: Die deutsch-französische Verständigung ist –wie die europäische Einheit insgesamt- nicht nur eine politische Notwendigkeit nach vielen Kriegen und Katastrophen, sondern sie ist auch etwas – bzw. sollte auch etwas sein, das die Völker mit Leib und Seele, mit Freude und Lust verbindet, und vor allem: mit der animierenden Perspektive eines gemeinsamen Kampfes für eine bessere Zukunft.

 

Das Grab von Jeanette Wohl auf dem Père Lachaise

Nach dem Besuch von Ludwig Börnes Grabmal lohnt es sich, noch ein paar Schritte weiter zu gehen zu dem ebenfalls von David d’Angers gestalteten Grabmal des Generals Gobert.[41] Und bevor man von dort aus wieder zum Ausgang zurückgeht –am besten über den malerischen chemin des chèvres, bietet es sich an, am Grab von Jeanette Wohl vorbeizugehen, das sich auch auf diesem Friedhof befindet, und zwar neben dem Gebäude der Friedhofsverwaltung (Conservation)  am Seiteneingang der Rue du Repos  in der 7. Division. Hier befinden  sich überwiegend jüdische Gräber, darunter auch das Grab des französischen Zweiges der Rothschild-Dynastie- übrigens auch eine Frankfurt und Paris verbindende Geschichte… [42]

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Jeanette Wohl war für Börne  „Mutter, Schwester, Tochter, Freundin, Geliebte, Frau und Braut.“[43] In den 1820-er Jahren gab es bei Börne und Jeanette Wohl Heiratspläne, die aber scheiterten- unter anderem an der Konvertierung Börnes zum Protestantismus. Für das orthodox-jüdische Milieu, aus dem Jeanette Wohl stammte, war das kaum akzeptabel. Das Scheitern der Heiratspläne tat allerdings der Freundschaft zwischen den beiden keinen Abbruch. Der Schmerz, nicht mit Börne zusammenleben zu können, wurde nach den Worten Norbert Altenhofers „durch das Bewusstsein kompensiert, ihm als Briefpartnerin unersetzlich zu sein.“[44]  Das war sie in der Tat: 1932 lieferte Börne im Brief vom 6. November eine saloppe, „in ihrem  tiefen Wahrheitsgehalt aber nicht zu unterschätzende Begründung für das Scheitern der Heiratspläne: ‚Es fragte mich hier einer,  warum wir uns nicht verheiratet hätten.  Da erinnerte ich mich der Antwort, die einst auf die gleiche Frage ein Franzose gegeben: où passerois-je mes soirées?  und ich erwiderte: an  wen sollte ich dann Briefe schreiben?“ (zit. Walz, 72)

Und es war Jeanette Wohl Verdienst, dass auf der Grundlage von Börnes Korrespondenz mit ihr die „Pariser Briefe“ entstanden, Börnes bekannteste und bedeutendste Publikation.[45] In seiner Börne- Denkschrift schreibt Heine „an der einzigen Jeanette Wohl gewidmeten Stelle, die nicht denunziatorischen Charakter trägt:

‚Die Pariser Briefe waren nicht an eine erdichtete Luftgestalt, sondern an Madame Wohl gerichtet (..) Wenn sich in Briefen nicht bloß der Charakter des Schreibers,  sondern auch des Empfängers abspiegelt, so ist Madame Wohl eine höchst respektable Person, die für Freiheit und Menschenrechte glüht, ein Wesen voll Gemüt und Begeisterung…‘“[46]

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1832 heiratete Jeanette Wohl den zwölf Jahre jüngeren Kaufmann Salomon Strauss, ebenfalls ein Frankfurter Verehrer Börnes und wie Jeanette Wohl engagiert in der Aufarbeitung und Verbreitung der Werke Börnes.  Bedingung für die Ehe mit Strauss war für Jeanette Wohl aber die Fortdauer der engen Beziehung zu Börne. In einem Brief machte sie dies ihrem künftigen  Ehemann klar:

 „Der Doktor hat niemanden auf der Welt als mich, ich bin ihm Freundin, Schwester, alles was  sich mit diesem Namen  Freundliches, Theilnehmendes, Wohlwollendes im Leben  geben, bezeichnen  lässt.  …. Der Doktor muss bei uns sein können, wann, wo und so oft und für immer, wenn er es will. (…)  Solange ich lebe, bis zum letzten Athemzuge werde ich für Börne die Treue, die Liebe und Anhänglichkeit einer Tochter zu ihrem  Vater, einer Schwester zu ihrem Bruder, einer Freundin zu ihrem Freunde haben.“[47]

In der zweiten Novemberhälfte siedelte das Ehepaar Wohl/Strauss nach Paris über, wo es bis zu Börnes Tod mit diesem in ungetrübter Harmonie zusammenlebte.“ Durch die Ehe mit Strauss und den Umzug nach Paris schafft sie Börne,  „dem Freund ihres Lebens einen neuen Freund, eine neue Heimat, ein letztes Asyl.“[48] In Frankfurt wäre „die merkwürdige Ehe zu dritt“ angesichts des konservativen Umfelds Jeanettes vermutlich kaum möglich gewesen. Dass  Jeanette sich auf eine solche –von Heinrich Heine geschmähte- Beziehungsform eingelassen hat, ist vielleicht auch damit zu erklären, dass ihr Vater, ein durch Finanzgeschäfte äußerst wohlhabend gewordener Frankfurter Wechselmakler und Schutzjude, als angeblich „gottloser Freigeist“ von dem jüdischen  Gemeindevorstand  verstoßen worden war und er „wie ein Vieh“ fern vom Grab seiner Vorfahren verscharrt wurde, bis die Mutter in einem langjährigen, letztlich von Kaier Franz II. entschiedenen Rechtsstreit, doch noch eine Umbettung und eine Bestattung in der Nähe seiner Vorfahren  erreichte.[49]

Nach Börnes Tod  wurde Jeanette  von Börne zur „Erbin seiner sämtlichen literarischen Eigentumsrechte“ eingesetzt. Mit Unterstützung von Strauss gab sie zwischen 1844 und 1850 bei einem Mannheimer Verlag sechs Bände mit nachgelassenen Schriften Börnes heraus.  Die erste große Gesamtausgabe von Börnes Schriften erschien aber erst 1862, ein Jahr nach Jeanettes Tod: Grund dafür waren  Kompetenzstreitigkeiten mit dem Verleger Campe, zu dem Jeanette das Vertrauen verloren hatte, nachdem er 1840 Heines Pamphlet gegen Börne verlegt hatte.

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Das Grab von Jeanette Strauss-Wohl befindet sich leider in einem lamentablen Zustand. Immerhin hat jemand die den Grabstein überwuchernden und ihm schwer zusetzenden dicken Efeuranken teilweise entfernt, so dass wenigstens die Aufschrift (noch) lesbar ist.  Jeanette  Wohl hätte es angesichts ihrer Verdienste um das Werk  Börnes wohl verdient, dass ihr Grab nicht dem Verfall preisgegeben wird. Zuständig wären eigentlich Erben, falle es die noch gibt…  Oder vielleicht die Stadt Frankfurt? Aber das Kulturdezernat der Stadt, das ich in dieser Sache angeschrieben habe, hüllt sich in Schweigen.  Und die von mir ebenfalls kontaktierte prominente Frankfurter Börne-Stiftung, deren Aufgabe es ist, „an den großen Schriftsteller und Journalisten Ludwig Börne zu erinnern“, die den Prestige-trächtigen Börne-Preis vergibt und in der auch der Oberbürgermeister Frankfurts vertreten ist, hat dafür jedenfalls, wie sie mir mitteilte, „keine Mittel“… [50]

(Juli 2018)

 

Benutzte Literatur/Zum Weiterlesen

Ludwig Börne,  Das große Lesebuch. Herausgegeben von Inge Rippmann, FFM 2012

Ludwig Börne, Briefe aus Paris: http://gutenberg.spiegel.de/buch/briefe-aus-paris-1678/1

Ludwig Börne, Menzel der Franzosenfresser und andere Schriften. Herausgegeben und eingeleitet von Walter Hinderer. Sammlung insel 45 FFM 1969

Ludwig Börne und Heinrich Heine. Ein deutsches Zerwürfnis. Bearbeitet von Hans Magnus Enzensberger. FFM 1997, S.96

Über Ludwig Börne/Sekundärliteratur:

Rachid l’Aoufir, Ludwig Börne un parisien pas comme les autres. Paris: L’Harmattan  2004

Alfred Estermann (bearbeitet von), Ludwig Börne 1786-1837. Zum 200. Geburtstag des Frankfurter Schriftstellers. Freiheit, Recht und Menschenwürde. FFM: Buchhändler –Vereinigung 1986

Anne Hardy, Ein Frankfurter Publizist und seine Muse. Der Briefwechsel zwischen Ludwig Börne und Jeanette Wohl. In: Forschung Frankfurt 1/2008  http://www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/36050628/Frankfurter_Publizist.pdf

Heinrich Heine, Über Ludwig Börne   http://gutenberg.spiegel.de/buch/uber-ludwig-borne-373/1

Willi Jasper, Keinem Vaterland geboren. Ludwig Börne. Eine Biographie. Hamburg: Hoffmann und Campe 1989

Ludwig Marcuse, Ludwig Börne. Aus  der Frühzeit der deutschen Demokratie. Diogenes TB 21/VII 1977

Inge Rippmann, Jeanette Strauß-Wohl (1783-1861) »Die bekannte Freyheitsgöttinn“ Versuch eines Porträts der Freundin Ludwig Börnes. https://link.springer.com/chapter/10.1007%2F978-3-476-02790-0_4

Schnapper-Arndt, G., „Wohl, Jeanette“ in: Allgemeine Deutsche Biographie 43 (1898), S. 707-709  https://www.deutsche-biographie.de/sfz85997.html

Frank Stern/Maria Gierlinger (Hg), Ludwig Börne.  Deutscher, Jude, Demokrat. Berlin 2003

Christa Walz, Jeanette Wohl und Ludwig Börne: Dokumentation und Analyse des Briefwechsels. Frankfurt: Campus 2001  https://books.google.fr/books?id=qX-vAHx5_ZgC&printsec=frontcover&hl=de#v=onepage&q&f=false

 

 

Weitere Blog-Beiträge mit thematischem Bezug zum Père Lachaise:

 

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu deutschsprachigen Schriftstellern in Paris/im französischen Exil:

  • Mit Heinrich Heine in Paris

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8231

  • Exil in Frankreich: Sanary, Les Milles und Marseilles

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/592

  • Der Cimetière de Picpus: Ein deutsch-französischer und amerikanischer Erinnerungsort

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/1828

  • Das Haus der Mutualité in Paris und der Erste internationale Kongress zur Verteidigung der Kultur 1935

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10658

 

Anmerkungen:

[1]  Willi Jasper, S. 255, Marcel Reich-Ranicki In: Estermann, S, 169, Frank Stern , in: Stern /Gierlinger , S. 7 und entsprechend: https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_B%C3%B6rne;  Walter Hinderer im Vorwort zu:  Börne, Menzel der Franzosenfresser,  S. 7

[2] Alfred Grossser in: Estermann, S. 157 und  Marcel Reich-Ranicke .a.a.O.

[3] https://wordpress.com/post/paris-blog.org/9080

[4] http://www.deutschlandradio.de/das-grab-des-schriftstellers-ludwig-boerne-verkommt.331.de.html?dram:article_id=204997

[5] Auskunft der deutschen Botschaft vom 19.6.2018

[6] Gesammelte WerkeII, 88f. Zitiert in Stern/Gierlinger, S. 106

[7] Börne-  Lesebuch S. 115f; „Denkrede auf Jean Paul“: http://www.zeno.org/Literatur/M/B%C3%B6rne,+Ludwig/Schriften/Aufs%C3%A4tze+und+Erz%C3%A4hlungen/Denkrede+auf+Jean+Paul

[8] Siehe Heine: Soll ich in der Literatur einen verwandten Charakter aufsuchen, so böte sich zuerst Gotthold Ephraim Lessing, mit welchem Börne sehr oft verglichen worden. http://gutenberg.spiegel.de/buch/uber-ludwig-borne-373/4

[9] Michael Werner, Börne in Paris. In: Estermann, S. 262

[10] s. Jasper, S. 222

[11] Siehe Marcel Reich- Ranicki. In: Estermann, Ludwig  Börne, S. 171. S.a. Alfred Grosser a.a.O., S. 164

[12] marianne und germania 1789 – 1889. Frankreich und Deutschland. Zwei Welten-  Eine Revue. Katalog der Ausstellung im Martin-Gropius-Bau in Berlin vom 15. September 19996-5. Januar 1997, S.324/325

[13] Philip Molderings, Ludwig Börne und der bildgewordene Freiheitskampf. Blog des Historischen Museums Frankfurt 2016 https://blog.historisches-museum-frankfurt.de/ludwig-boerne-und-der-bildgewordene-freiheitskampf/

[14] Brief vom 9. Juni 1836. Zitiert in: M. de Cormenin, Fragments politiques et littéraires par Ludwig Boerne. Paris 1842 https://books.google.de/books?id=NHY6AAAAcAAJ&pg=PR25&lpg=PR25&dq

[15] Nicht korrekt ist übrigens – jedenfalls in einem Punkt- die Erläuterung zu dem Medaillon in der Dauerausstellung „Frankfurt Einst?“ des neuen Historischen Museums. Dort heißt es: „Nach Börnes Tod fertigte der französische Künstler David d’Angers für seinen Freund und Gesinnungsgenossen dessen Grabmal auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise sowie das Bronzemedaillon an.“ Allerdings wurde das Bronzemedaillon ja schon 1836 angefertigt, als Börne noch lebte und diesem übersandt. (Siehe oben das entsprechende Begleitschreiben David d’Angers an Börne).  Börne starb am 12.2.1837. (Identisch auch in: Jan Gerchow/Nina Gorgus (Hrsg), 100 mal Frankfurt. Geschichten aus (mehr als) 1000 Jahren. FFM 2017, S. 150/151

Korrekt dafür: https://blog.historisches-museum-frankfurt.de/ludwig-boerne-und-der-bildgewordene-freiheitskampf/ 

Im oben angegebenen Informationstext heißt es übrigens weiter zu Börnes Medaillon: „Es kam erst Jahrzehnte später in die Münzsammlung der Stadtbibliothek Frankfurt. Vorher wäre ein Erinnerungsstück an den ‚Aufrührer‘ durch die vom Frankfurter Rat verwaltete Bibliothek undenkbar gewesen.“ (a.a.O., S. 152). Leider wird hier kein Datum angegeben. Aber Salomon Strauss, in dessen Besitz  vermutlich nach Börnes und Jeanette Wohls Tod das Medaillon war, starb 1866, also genau in dem Jahr, in dem Frankfurt seinen Status als Freie Reichsstadt verlor. Damit waren wichtige Voraussetzungen für eine Ausstellung des Medaillons in Bernes Heimatstadt erfüllt.

[16] http://objekte.jmberlin.de/object/jmb-obj-91417;jsessionid=2D1924CEF1D706B3870D449A2F43F995

s.a. http://frankfurter-personenlexikon.de/node/1823

David d’Angers fertigte auch eine Marmorbüste Börnes an, die im Treppenhaus der alten Frankfurter  Stadtbibliothek am Obermaintor ausgestellt war. Sie wurde der Stadt 1866 von Salomon Strauss geschenkt, dem Mann von Jeanette Wohl, mit denen Börne in Paris in einer ménage à trois zusammenlebte. Die Büste ging im Krieg verloren,  „wohl kriegszerstört 1944“. http://frankfurter-personenlexikon.de/node/1823

[17] Discours prononcé par M. Raspail, sur la tombe de Ludwig Bœrne le 15 février 1837  https://www.persee.fr/doc/r1848_1155-8806_1916_num_12_69_1577 S. 195

[18] Heinrich Heine, Erster Entwurf zu Ludwig Börne. Eine Denkschrift. (1837). In: Ludwig Börne und Heinrich Heine. Ein deutsches Zerwürfnis. Bearbeitet von Hans Magnus Enzensberger. FFM 1997, S.96

[19] siehe Jasper, 262/3

[20]Otto Lünig, Börne’s Grab. Veröffentlicht in: Der Sprecher. Wesel. Nr. 30/1844. Wiedergegeben in: Alfred Estermann: Die Eiche Börne… Gedichte der Zeitgenossen. . In: Estermann, S. 348

[21]  II,16. Zitiert bei Stern/Gierlinger, S. 106

[22] Marcuse, S 175

[23] zit. Marcuse, S. 178

[24] Jasper, S. 145

[25] Zur Biographie Börnes siehe: http://www.zeno.org/Literatur/M/B%C3%B6rne,+Ludwig/Biographie

[26] Bondy ist eine Vorstadt im Norden von Paris – im heute verrufenen 93. Departement gelegen. Reisende aus Deutschland –wie danach auch Heine- kamen damals aus dem Norden in die Stadt.

[27] Jasper, S. 179

[28] Zit. bei Jasper 179/180

[29] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46169324.html und Marcuse, Ludwig Börne S. 181

[30] Siehe dazu: Jacques Grandjonc/Michael Werner, Deutsche Auswanderungsbewegungen im 19. Jahrhundert (1815-1914). In:  Deutsche Emigranten in Frankreich. Französische Emigranten in Deutschland 1685-1945. Ausstellungskatalog. Paris 1983, S. 82ff. Siehe auch die Texte über den Faubourg Saint-Antoine auf diesem Blog: Der Faubourg Saint-Antoine (1): Das Viertel des Holzhandwerks: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/32 und Der Faubourg Saint-Antoine (2): Das Viertel der Revolutionäre: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/102

[31] L’Aoufir, S. 177,  s.a. S. 74;  Michael Werner, Börne in Paris. A.a.O., S. 265/266

[32] Michael Werner, Börne in Paris 265

[33]  Alfred Grosser, In. Estermann, Ludwig Börne, S. 163/165

[34] zit. Enzensberger, 83 und  https://d-nb.info/1017360421/34,  S. 46

[35] Jasper, S. 92

[36] Jasper, S. 183/184.  Bild aus: l’Aoufir, S. 164

[37] Ein entsprechendes Dokument konnte ich in der Friedhofsverwaltung des Père Lachaise einsehen.

[38] Zit. in: Ludwig Börne. Das große Lesebuch, S. 249/250

[39] Zitiert in Ludwig Börne, Das große Lesebuch, S. 251/252

[40] III,919. Zit. l’Aoufir, S. 168

[41] Siehe dazu: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/9077

[42] Die Friedhofsverwaltung war übrigens weder auf mündliche noch auf schriftliche Nachfrage  in der Lage, mir Informationen zu dem Grabmal zu geben. Da dafür allerdings vor allem die 7. Division infrage kam, haben wir auf eigene Faust gesucht und es schließlich auch gefunden: Vom Verwaltungszentrum des Friedhofs aus (Conservation) geht man die Avenue Rachel entlang bis fast zur Friedhofsmauer. Kurz davor befindet sich das Grab auf der rechten Seite in der zweiten Reihe.

Zu dem Rothschild-Grab: z.B.: http://francerevisited.com/2013/12/the-rothschilds-in-france-a-19th-century-riches-to-riches-story/

[43] https://www.zeit.de/1990/02/man-muss-auch-mut-zeigen–/seite-3

[44] Norbert Altenhofer, Henriette Herz und Louis Baruch- Jeanette Wohl und Ludwig Börne. In: Ludwig Börne zum 200. Geburtstag, S. 220

[45] Siehe G. Schnapper-Arndt 1898,  https://www.deutsche-biographie.de/sfz85997.html   „Besonderen Dank sind ihr die Litteratur- wie die Freiheitsfreunde dafür schuldig, daß sie zu den Pariser Briefen die Anregung gegeben hat. Erst auf ihr Drängen nämlich benutzte Börne jene durchaus nicht im Hinblick auf eine Veröffentlichung begonnene Correspondenz, um unter der Eingebung des Moments die Gedanken und Empfindungen in ihr niederzulegen, welche ihn in jener bedeutungsvollen Zeit bewegten.“

[46] Norbert Altenhofer a.a.O., S. 221

[47] Zit. Walz, S. 78

[48] Rippmann, zit. bei Walz, S. 85)

[49] Siehe Jasper, S. 87

[50] http://boerne-stiftung.de/  und Mail vom 23.6.2018

 

Geplante Beiträge:

  • Street-Art in Paris (3):  Der Invader
  • Politik und Kunst: Die Manufacture des Gobelins
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier
  • Das Haus der Mutualité in Paris

 

 

 

 

 

 

Street- Art in Paris (2): Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager

Nach dem Pariser Street-Art – Überblick im ersten Beitrag der kleinen Street-Art-Reihe  (open your eyes! Dezember 2017) möchte ich in drei nachfolgenden Beiträgen einige für mich besonders interessante Street-Art-Künstler vorstellen, hier zunächst  Mosko, Jeff Aérosol und Jerôme Mesnager. Sie  sind in Paris deutlich präsent und sie sind (inzwischen) auch so prominent, dass ihre Werke meist nicht mehr „ephemère“ sind, wie das ja eigentlich typisch für die Street- Art ist. Sie haben eigene websites,  vermarkten ihre Arbeiten, sind in Ausstellungen vertreten und werden für Werbezwecke oder die Ausgestaltung des öffentlichen Raums engagiert. Sie sind aus Paris also nicht mehr wegzudenken. Wenn man durch die Stadt geht oder fährt, wird man immer wieder auf ihre Werke stoßen und sich  über zufällige  Begegnungen mit ihnen freuen. So geht es jedenfalls mir und vielleicht ja auch einigen Leser/innen dieser kleinen Street-Art-Serie,  die zu dieser Entdeckerfreude beitragen möchte.

 

Mosko et associés

Schon seit Jahren haben wir Freude an den exotischen Tieren Moskos, mit denen die Ecole maternelle  in  der der Rue du Jourdain in Belleville gleich  neben dem Haus unserer Freundin Marie-Christine verziert ist.

 

 

Rue du Jourdain (20e)

Den gleichen Tiger gibt es übrigens auch beim Kindergarten an der Square Henri-Cadiou im 13. Arrondissement- nur dass er diesmal in andere Richtung läuft und dazu noch auf einem Seil. Eine solche Reproduktion und Variation ist dank der  Schablonen-Technik (pochoir), zu deren französischen Pionieren Mosko gehört, einfach herzustellen.

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Vor allem sind es Tiger, Giraffe,  Zebra und Schmetterlinge, die Mosko et associés  mit ihren Schablonen und bunten Farben an die Wände von Schulen, Geschäften und Privathäusern auftragen, wobei das Logo Mosko et associés nie fehlt. Der Name Mosko ist abgeleitet von dem quartier de la Moskova (18. Arrondissement), aus dem die beiden Straßenkünstler Gérard Laux und  Michel Allemand  stammen.

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Im letzten Jahr habe ich während der französischen Sommerferien entdeckt, dass das in dieser Zeit geschlossene Rollgitter des deutsch-französischen Café Titon in der Nähe unserer damaligen Wohnung auch von Mosko gestaltet ist- natürlich mit Tiger. Solche  kleinen Entdeckungen freuen mich immer sehr. Street- Art- Künstler erhalten übrigens nach meinen Beobachtungen öfters den Auftrag, Rollgitter zu bemalen: ein kleiner Trost für Gäste oder Kunden, die enttäuscht vor einer geschlossenen Tür stehen.

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Oft –und vor allem in den Anfängen seit 1989/1990- brachten Mosko und associés ihre Wandbilder in heruntergekommenen Gegenden vor allem des 18., 19. und 20. Arrondissements an zugemauerten Türen und Fenstern und halb verfallenen Wänden an:  Sie verstehen sich als „embellisseurs du cadre de vie“. Schönheit, Freude und Leben sollten dahin gebracht werden, wo es Dreck, Dunkelheit und Ruinen gibt.[1]

Zwei schöne Beispiele dafür sind die Giraffen am foyer de jeunes travailleurs in der rue Daubenton (5. Arrondissement) und der eindrucksvolle Tiger in der rue du Retrait (20. Arrondissement). Mit dem Aufkleber auf der rechten  Seite wird übrigens gegen das (inzwischen beendete) Projekt des Baus eines Großflughafens bei Nantes (Notre- Dame-des- Landes) protestiert.

 

 

Schön ist auch die Bemalung des Eingangs des Restaurants HAΪ KAĬ am Canal Saint Martin (Quai de Jemmapes), einem Zentrum des „hippen Paris“. (2)   Danach würde man wohl eher eine exotische Küche erwarten. Angeboten wird hier  aber nach eigener Präsentation eine französische haute cuisine mit, so jedenfalls Michelin, „un véritable antre bobo-chic“ im Innern. Und dazu passen die Tiere Moskos wohl auch…

 

 

Jef Aérosol

Jean-François Perroy, alias Jef Aérosol (Aérosol= Sprühlack), ist sicherlich einer der bekanntesten Street-Art-Künstler in Paris und „ein Protagonist der urspünglichen französischen pochoir-Bewegung“. 1987 wurde er in der ersten Publikation über diese neue Kunstform berücksichtigt, und in der Urban-Art-Bienale in der Völklinger Hütte 2017 ist/war er gleich mit mehreren Arbeiten vertreten. (3]

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Er ist der Schöpfer des  Wandbilds an der Place Stravinsky zwischen dem Centre Pompidou und der gotischen Kirche Saint-Merri am Brunnen von Niki de Saint-Phalle und  Jean Tinguely: Quel honneur!

Jeff Aerosol Chut (2)

 Es handelt sich um ein  Selbstportrait des Künstlers mit dem Titel „chuuuttt!!!“, ein Auftragswerk des Centre Pompidou und  mit seinen 350 qm² eines der größten Wandbilder der Welt.[4]

Aber natürlich ist Jef Aérosol auch an anderen Stellen der Stadt präsent, so in dem Viertel la butte aux cailles, das in ganz besonderer Weise von der  street art geprägt ist. Hier kann man seinen Akkordeon spielenden Jungen sehen und in Rot den schönen Ttel: La musique adoucit les murs. Nicht fehlen darf bei Jef Aérosol der rote Pfeil, sein Markenzeichen. Während die Musik die Wand in der rue de la butte aux cailles schmückt, gehört der Boden darunter den Ratten. Die sehen zwar ganz possierlich aus, sind aber in Paris derzeit eine große Plage. Wir konnten sie schon nachts auf dem Vorplatz von Notre Dame beobachten, als sie sich ungeniert über die dort aufgestellten Abfallsäcke hermachten. Zwar hat jetzt die Stadt Paris  eine große  „dératification“- Kampagne gestartet, aber der Erfolg scheint keineswegs durchschlagend zu sein.

 

 

Den jungen Akkordeonisten sieht man übrigens auch auf einem der bekanntesten Werke Jef Aérosols, der Fassade eines  Hauses in Fâches-Thumesnil an der belgischen Grenze.[5)  Ein Foto dieser Fassade hat es sogar einmal geschafft, in den –leider inzwischen nicht mehr existierenden- Abreißkalender des Taschen-Verlags  aufgenommen zu werden:

TASCHEN kALENDER 002

Den links unten auf der Fassade zu sehenden  sitzenden traurigen Jungen gibt es auch an mehreren Stellen in Paris zu sehen, zum Beispiel in der Rue du Père Teilhard de Chardin (5. Arrondissement) oder in der Passage du Moulin des Prés. Und dann auf dem weiter unten zu sehenden Gemeinschaftsplakat von Mesnager, Jef Aérosol und Mosko in der Rue Biot.[6]  Und in der Rue Biot nahe an der Place de Clichy, von der noch weiter unten die Rede ist,  gibt es einen sitzenden Mann Jef Aérosols: Die Anbetung der Heiligen Dreifaltigkeit von Pfund, Dollar und Euro.

IMG_0014 Rue Biot Place de Clichy (11)

 

 

Jerôme Mesnager

Eine ganz eigene unverkennbare „Handschrift“ hat auch Jerôme Mesnager: Es sind seine weißen Männer, die man vor allem im Osten von Paris findet, am auffälligsten in Ménilmontant, im 19. und 20. Arrondissement.

 

 

Als Geburtsdatum des „homme blanc“  wird der 16. Januar 1983 genannt. Angeblich habe sich da der damalige Kunststudent Mesnager in angeheitertem Zustand mit seinen Kumpeln  nackt ausgezogen, mit weißer Farbe bestrichen und an eine Wand gestellt- das sei der Ursprung seiner Figuren.  Wie auch immer:  Inzwischen sind sie aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Und als ich einmal nach einem Fahrradunfall das Krankenhaus St. Antoine aufsuchen musste, stellte ich fest, dass die Flure von Mesnager ausgemalt waren und ich habe gehofft, dass ich auch bald wieder so würde herumspringen können wie seine weißen Männer: Immerhin werden sie von ihrem Schöpfer ja auch verstanden als  „un symbole de lumière, de force et de paix“.[7]  Und gleichzeitig habe ich dort die erste  Mesnager-Frau entdeckt –  eine, wie ich finde, schöne Variation der sonst doch immer arg stereotypen männlichen Gestalten.

 

 

Mesnager hat inzwischen –auch international- Karriere gemacht.Er wird mit eigenen Ausstellungen gewürdigt, beispielsweise 2014 mit einer Ausstellung in einer Galerie im Marais.  Die unten rechts abgebildete Druckplatte gefiel uns so gut, dass wir sie gerne gekauft hätten. Aber da waren uns andere schon zuvorgekommen.

 

 

Wie das Beispiel des St.Antoine-Krankenhauses schon gezeigt hat, bekommt Mesnager inzwischen offizielle und sicherlich lukrative Aufträge.

Mesnager 11eme 004

Baustelle in der rue Charonne neben dem Palais de la Femme im 11. Arrondissement . Auch am Neubau war Mesnager am Werk 

DSC02886 Mesnager (1)   

 

Werbescbild Anwaltskanzlei 003

Firmenschild in der noblen Avenue F.D. Roosevelt

Eine besondere Auszeichnung bedeutete es sicherlich auch, dass Mesnager an dem großen Projekt quai 36, der Ausgestaltung der Wand am Bahnsteig 36 des Pariser Gare du Nord teilnehmen konnte. Seinen Beitrag verstand er als hommage an Fritz Lang (Metropolis) und Charly Chaplin (Modern Times): Es geht um die Möglichkeit, die Zeit anzuhalten, in der -gerade auch für einen Bahnhof typischen Hektik- einmal innezuhalten – zum Beispiel auch, um sich die vielen interessanten Street-Art-Arbeiten an dem  Bahnsteig 36 anzusehen. (7a)

Quai 36 Jerome Mesnager febr. 2018 (42)

Eine besonders bekannte Auftragsarbeit von Jerôme Mesnager ist die Gestaltung der Wand eines Schulhofs in der Rue Bouret im 19. Arrondissement.

DSC02562 Mesnager rue Bouret 19ieme (5)

Die Motive sind passend zu einer Schule gewählt…

DSC02562 Mesnager rue Bouret 19ieme (10)

… dass auch Georg, der Drachentöter, dabei ist, beruht auf dem Namen der  privaten Schule, die nach diesem Heiligen benannt ist.

DSC02562 Mesnager rue Bouret 19ieme (4)

Aber es gibt auch nach wie vor weiße Männer als ephemere Produkte in der alten Tradition der Street-Art wie hier am Bassin de la Vilette.

Mesnager Bassin de la Vilette 017 - Kopie

Und man muss nicht in eine noble Gelerie im Marais gehen, um „einen Mesnager“ zu kaufen, sondern kann auch schon auf dem populären Marché d’Aligre im 12. Arrondissement fündig werden.

Mesnager Marché Aligre IMG_8705

400 Euro wollte der Händler für das weiße Liebespaar  haben….

 

Gemeinschaftsarbeiten

Besonders schön finde ich es, dass Jerôme Mesnager auch viel mit anderen Street-Art-Künstlern zusammenarbeitet:

Zum Beispiel an der Place de Contrescarpe mit Seth, den wir schon vom Belvedere von Belleville her kennen….

Mesnager Seth Place de Contrescarpe IMG_1494

… oder mit dem auch aus Belleville bekannten Nemo –unverkennbar mit dem roten Regenschirm und dem Koffer-  im 5. Arrondissement…

 

 

und mit Mosko und Jeff Aerosol, wie hier in der Rue Biot an der Placy Clichy- einmal an einer Hauswand und dann auf einem Transparent an der gegenüber liegenden music-hall L’Européen.[8]

IMG_0014 Rue Biot Place de Clichy (4)

Im nächsten Beitrag zur Pariser Street-Art wird  es dann um den Invader gehen, einen der ersten und bekannteten Vertreter der Szene, hat er doch in den Straßen von Paris schon über 1000 seiner Produktionen angebracht…

 

Weitere  Beiträge zur Pariser Street-Art:

  • open your eyes! Street-Art in Paris (1)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8875

  • Street-Art in Paris (3): Der Invader

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/7397

  • Das multikulturelle, aufsässige und kreative Belleville: Modell oder Mythos? (Abschnitt Street-Art)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2092

 

Anmerkungen: 

[1] https://www.urbacolors.com/fr/artist/mosko-et-associes

(2) https://de.parisinfo.com/paris-entdecken/themenfuhrer/stadtereise-in-paris/vom-marais-zum-canal-saint-martin/vom-marais-zum-canal-saint-martin-die-hippsten

[3] https://fr.wikipedia.org/wiki/Jef_A%C3%A9rosol  Der deutsche Wikipedia-Artikel über Jef Aérosol ist ausgesprochen dürftig.

Website von Jef Aérosol: https://www.jefaerosol.com/  Dort auch Link zu einem Interview, das france inter mit ihm geführt hat.

Nicolas Devil, Marie-Pierre Massé, Josiane Pinet,  vite fait bien fait. Éditions alternatives  1987

[4] http://www.artistikrezo.com/201105246779/actualites/street-art/chuuutttt-by-jef-aerosol-place-stravinski.html

[5] https://www.flickr.com/photos/jefaerosol/albums/72157615765606580

[6] https://murmuresdemurs.wordpress.com/category/artistes/i-j/jef-aerosol-i-j-artistes/page/2/

[7] https://fr.wikipedia.org/wiki/J%C3%A9r%C3%B4me_Mesnager

siehe auch: http://www.parisladouce.com/2013/11/street-art-promenade-sur-les-pas-de.html

(7a) http://jeromemesnager.com/quai-36-gare-du-nord/

https://www.google.fr/search?q=gare+du+nord+quai+36&oq=Gare+du+nord+Paris+Quai&aqs=chrome.1.69i57j0l5.8601j0j8&sourceid=chrome&ie=UTF-8

[8] https://www.flickr.com/photos/jefaerosol/albums/72157600611794569 https://lapartmanquante.wordpress.com/2013/03/18/street-art-du-cote-de-la-place-de-clichy/

 

Geplante Beiträge:

  • Politik, Kommerz und Kunst: Die Manufacture des Gobelins
  • Auf dem Weg nach Paris: Die Mühle von Valmy, ein Fanal der Französischen Revolution
  • Street-Art in Paris (3):  Der Invader
  • Das Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise: Eine hommage an den Vorkämpfer der deutsch-französischen Verständigung
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier

50 Jahre Mai 1968: Plakate der Revolte: Eine Ausstellung in der École des beaux- arts in Paris

 

Der 50. Jahrestag des „Mai 1968“ ist in Frankreich ein kaum zu übersehendes mediales Ereignis. In den Zeitungskiosken sieht man die entsprechenden Titelseiten von Zeitschriften, in den Buchhandlungen sind ganze Büchertische für die zahlreichen Neuerscheinungen reserviert.[1]

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                    DSC02953 Medien Titel 1968 (1)   DSC02765 50 Jahre 1968

Präsident Macron hatte Ende 2017 sogar eine offizielle „commemoration“ erwogen, denn ganz unbestritten ist der Mai 1968 ein zentrales Ereignis der französischen Nachkriegsgeschichte. Anders  aber als etwa der 11. November 1918, dessen 100. Jahrestag ebenfalls in diesem  Jahr begangen wird, eignet sich der Mai 1968 wenig für einen offiziellen Akt der Erinnerung, wenn man ihn gewissermaßen als eine „zivile Liturgie“ versteht, durch die sich eine nationale Gemeinschaft des sie prägenden Erbes versichert.[2] Zwar hat das Elysée  umgehend erklärt, die Erinnerung an den Mai 68 nicht instrumentalisieren zu wollen; man wolle Daniel Cohn-Bendit, der inzwischen zu einem medienwirksamen Anhänger Macrons geworden ist,  keinen goldenen Pflasterstein überreichen.[3] Aber auch wenn nach einer neueren Umfrage des Nouveau Magazine littéraire vom März 2018 79% der Franzosen das Erbe des Mai 68 positiv beurteilen, wird er vom rechten Spektrum als “ verfluchte Erbschaft“ (Titel der oben abgebildeten Zeitschrift Valeurs actuelles) gesehen,  die entsprechend einer Forderung Sarkozys aus dem Jahre 2007 „ein für alle Mal liquidiert“ werden müsse.[4] Der Mai 68 ist also  im kollektiven Gedächtnis der Franzosen derart gegensätzlich repräsentiert, dass der Präsident mit einem offiziellen Akt der Erinnerung wohl  nur zwischen die Fronten geraten wäre, die zu überwinden er angetreten war. Und Daniel Cohn-Bendid, ohne den eine offizielle Erinnerungsveranstaltung kaum denkbar wäre, hatte ausdrücklich und frühzeitig angekündigt, nicht als nostalgischer „ancien combattant“ des Mai 68 fungieren zu wollen.[5]

So bleibt die Erinnerung daran also den Medien und zahlreichen Institutionen überlassen: In Paris sind es allein neun Einrichtungen, die unter der Federführung des Centre Pompidou  an den Mai 68 erinnern.[6] Und das ist ja nur –gewissermaßen- die Spitze des Eisbergs. Beispielsweise –und selbstverständlich- ist auch la Maison Heinrich Heine, das deutsche Haus in der Cité universitaire, beteiligt: Dort gibt es am 24. Mai eine Filmvorführung und eine  Debatte mit Zeitzeugen, u.a. Alain Geismar, einem der Repräsentanten der Studentenbewegung, und am 13. Juni eine Debatte über die internationale Dimension der Revolte.[7]

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Haupteingang der École des Beaux-Arts in der rue Bonaparte (6. Arrondissement) In der Mitte das Portal des ehemaligen Klosters der „petits-Augustins“ vom Anfang des 17. Jahrhunderts

Die École des Beaux-Arts im Pariser Quartier Latin, ein Zentrum der französischen Studentenbewegung, präsentiert(e) vom 21. Februar bis zum 20. Mai 2018 die Ausstellung „Images en lutte“ (Bilder im Kampf“), die im Mittelpunkt dieses Blog-Beitrags steht. Es ist gewissermaßen das Gegenstück zu einer weiteren Ausstellung in den Archives nationales im Pariser Marais, die den Mai 68 aus der Sicht der „Macht“darstellt, des Präsidenten, der Regierung, der Polizei: „68- Les archives du pouvoir“ (3. Mai bis 17. September).

Die École des Beaux -Arts  ist ein ganz wunderbarer Ort, dessen Besuch sich auch abseits und jenseits des 50. Jahrestags von 1968 lohnt.

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Im Mai 68 spielte sie eine ganz wichtige Rolle. Die dort entworfenen und vervielfältigten Plakate sind ein Spiegel der sozialen Auseinandersetzungen der damaligen Zeit; manche sind geradezu zu „Ikonen“ geworden, die die Erinnerung an die Ereignisse von 1968 bis heute bestimmen und ihre Wahrnehmung prägen.

Es ist deshalb auch kein Zufall, dass die Aktivisten von „Nuit debout“ 2016 – im Mai-  die Kunsthochschule besetzten. Sie sei, wie ein Sprecher der Bewegung damals erklärte, „ein höchst symbolischer Ort, der im Mai 68 besetzt wurde.“ Man werde wie damals das Material der Hochschule nutzen, um Plakate herzustellen. An die große Vergangenheit von 1968 konnte man da allerdings nicht anknüpfen…[8]

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Das Atelier populaire in der École des beaux-arts

Am 8. Mai 1968 schloss sich die École des Beaux-Arts, die renommierte Kunsthochschule von Paris, der studentischen Streikbewegung an. In der nunmehr als Ex-École des Beaux-Arts bezeichneten Hochschule wurde ein Atelier populaire eingerichtet.

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Die Umbenennung der Hochschule und das Atelier populaire stehen für ein neues Verständnis von Kunst. Bisher sei sie nur der Luxus von wenigen und auf einen geschlossenen Kreis traditioneller Institutionen (Kunsthochschule, Künstlerateliers, Salons, Galerien, Museen) beschränkt. Die Kunst sei aber in Wirklichkeit ein vitales Bedürfnis aller und es müssten Möglichkeiten eröffnet werden, dieses Bedürfnis auch auszudrücken.

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Als Mittel, das Korsett der traditionellen Kunst zu sprengen, bot sich das Plakat an. Es kann und soll vervielfältigt und in die Öffentlichkeit gebracht werden. Es ist reaktiv, kann sich also unmittelbar auf das aktuelle Geschehen beziehen. Das Atelier populaire wollte Teil der Protestbewegung sein. Es verstand sich gewissermaßen als deren public-relations- Agentur: Gruppen, die ihre Anliegen gestalten und verbreiten wollten, fanden hier Ansprechpartner. Entwürfe wurden diskutiert und einer Vollversammlung zur Entscheidung vorgelegt. Prinzip war dabei, dass die Künstler sich dieser Entscheidung zu fügen hatten, selbst wenn sie –vielleicht sogar zu Recht- der Meinung waren, ihr nicht berücksichtigter Entwurf sei der bessere gewesen. Nur so könne man, so war damals die Überzeugung, aus dem engen Rahmen der bürgerlichen Kunstauffassung ausbrechen. Dabei wurde und wird bis heute die Anonymität gewahrt: Auf keinem einzigen der in der École des Beaux-Arts ausgestellten Plakate ist angeben, wer es entworfen hat.  Die ausgewählten Arbeiten wurden dann über Nacht hergestellt und vervielfältigt. Die Auflage erreichte zunächst bis zu 2000 Exemplare, im Juni 1968 konnte sie bis auf 1 Million gesteigert werden.[9]

In einem Bericht über den Mai 68 im Quartier Latin beschreibt Simone de Beauvoir das Leben in der von Studenten besetzten Sorbonne und erwähnt dabei auch die Omnipräsenz der Plakate:

„Jamais , ni dans ma studieuse jeunesse ni même au début de cette année 68 je n’aurais pu imaginer pareille fête. Le drapeau rouge flottait sur la chapelle et sur les statues des grands hommes. Sur les murs fleurissaient les merveilleux slogans inventés quelques semaines plus tôt à Nanterre. Chaque jour apparaissaient dans les couloirs de nouvelles inscriptions, des tracts, des affiches, debout au mileu de la cour des groupes discutaient avec acharnement.“[10]

Wie wirkungsvoll das Atelier populaire in der Pariser Kunsthochschule war, zeigt sich auch daran, dass es Vorbild wurde für andere entsprechende Einrichtungen, wie das atelier populaire de Marseille oder das Atelier de l’École des Beaux-Arts de Lyon.[11] Und vor allem war es die Polizei, die den Erfolg des Pariser atelier populaire bestätigte: Im Juni 1968 –um 4 Uhr morgens- drang sie in die Kunsthochschule ein, um das  „atelier populaire“ zu schließen, weil es  zur Gewalt aufrufe.[12] Eine dauerhafte Schließung des Ateliers erreichte die Polizei aber nicht. Und das Atelier kommentierte auf seine Weise  die Polizeiaktion:  Wenn sich die Polizei in den Beaux-Arts verbreite, dann verbreite beaux-arts seine Plakate an den Wänden der ganzen Stadt.

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Einige der Plakate, die dort entstanden sind, gehören inzwischen zu den Ikonen der 68-er Bewegung, in den Worten von Le Monde: „Les affiches de l’atelier populaire des Beaux-Arts demeurent les éléments les plus identifiables de l’iconographie insurrectionelle.“[13] Im konservativen Figaro wird allerdings bemängelt, von der revolutionären künstlerischen Avantgarde hätte man  mehr Kreativität erwarten können, sie habe eine „mine de plomb“.[14] Das kann man  so sehen, denn in der Tat gibt es teilweise ja  in der Tat sehr schematisierte Darstellungen:  so die in die Höhe gereckte Faust, den Schlot der Fabrik und ihr gezacktes Sägezahndach. Aber diese Reduktion auf einige feststehende Elemente ist sicherlich nicht fehlender Kreativität geschuldet –für die es in der Ausstellung genügend Belege gibt- sondern dem Medium des Plakats, zu dem eben gerade auch das Plakative gehört.

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Ein schönes, gleich am Anfang ausgestelltes Plakat zeigt fünf Portraits kommunistischer Größen, dazu eine Aufschrift, die Worte der Internationale zitiert:  „Il n’est pas de sauveur suprême“,  in der deutschen Übersetzung: „Es rettet uns kein höh‘res  Wesen“. Worauf  in der deutschen Version folgt: „kein Gott, kein Kaiser noch Tribun“ – auf dem Plakat entsprechend „ni Dieu, ni Castro, ni Mao“.  Abgebildet sind dazu in der klassischen Aneinanderreihung die Portraits von Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao. In der Ausstellungsbesprechung von Le Monde wird pikanterweise das Portrait von Marx als das Gottes bezeichnet[15]– was aber dann doch wieder einen höheren Sinn ergibt- wurde doch Marx damals von vielen gewissermaßen wie ein Gott verehrt….

Ein Portrait, das man in Frankreich kaum verwechseln kann, ist das von Daniel Cohn-Bendid. Das von Gilles Caron aufgenommene Bild, auf dem er in der Sorbonne einen behelmten und Schlagstock-bewaffneten Polizisten herausfordernd und entwaffnend anlacht, zierte damals und ziert heute wieder anlässlich des 68-er Jubiläums die Titelseiten von Zeitungen und Magazinen. Es veranschaulichte die Konfrontation des „ci jolie mois“, einer beschwingten antiautoritären Revolte, die Daniel Cohn-Bendit verkörperte, und einer unbeweglichen, ihre Macht demonstrierenden und exekutierenden Staatsgewalt.[16]    

Cohn Bendit wurde als Repräsentant der sogenannten Bewegung des 22. März in Frankreich bekannt. Dies war zunächst ein lockerer Zusammenschluss von Studenten unterschiedlicher politischer Tendenzen, der sich an der neu gegründeten Reform-Universität von Nanterre gebildet hatte. Der Auslöser war ein Jahr vorher die Forderung nach uneingeschränkter Bewegungsfreiheit von Studentinnen und Studenten in den nach Geschlechtern getrennten Wohnheimen der Universität. Der Konflikt eskalierte. Es kam zu einem bis dahin undenkbaren Einsatz von Polizei auf dem Universitätsgelände, Studenten wurden der Universität verwiesen, eine Maßnahme, von der auch Daniel Cohn-Bendit bedroht war. (Inzwischen hat die Universität ihren Frieden mit ihm geschlossen und ihn 2014 sogar zum Ehrendoktor gemacht….[17])

Im Januar 1968 kam es an der Universität zu einem Zwischenfall, der gewissermaßen zum Grundstein der Medienprominenz von Daniel Cohn-Bendit wurde. Der Minister für Jugend und Sport, François Missoffe, kam nach Nanterre, um im Sportzentrum der Universität ein Schwimmbad zu eröffnen. Dabei wurde er von Daniel Cohn-Bendit, damals Student der Soziologie, auf das kurz davor erschienene, vom Ministerium herausgegebene Weißbuch über die Jugend angesprochen: Er habe das Weißbuch gelesen und auf den 300 Seiten kein einziges Wort über die sexuellen Probleme der Jugend gefunden. Der Minister ging zunächst nicht darauf ein, als aber Cohn-Bendit insistierte, empfahl der Minister dem frechen Studenten, er solle doch, wenn er solche Probleme habe, einfach ins Wasser springen. Darauf Cohn-Bendit:  „Voilà une réponse digne des Jeunesses hitlériennes.“  Das  sei eine Antwort im Stil der Hitlerjugend.[18]

Am 22. März besetzten Studenten den Turm der Universität von Nanterre, Sitz der Verwaltung, von der die Studenten ausgeschlossen waren. Grund dieser spontaneistischen Aktion war unter anderem die Forderung nach Freilassung von  Demonstranten, die zwei Tage vorher bei einer militanten Aktion anlässlich des Vietnam-Kriegs  festgenommen worden waren. Der 22. März gilt in Frankreich als Geburtsstunde der mouvement du 22 mars genannten Studentenbewegung[19]  und Daniel Cohn-Bendit als deren Repräsentant, der am 20. Mai bei einem Treffen mit Jean-Paul Sartre gewissermaßen seinen Ritterschlag erhielt. Die Studentenbewegung bringe, so Sartre, die „imagination au pouvoir“ und erweitere das Feld dessen, was möglich sei („l’extension du champ des possibles“).[20]

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Auf einem der berühmtesten im atelier populaire entstandenen Plakate ist denn auch das Caron’sche Portrait Cohn-Bendits verarbeitet und   mit der Aufschrift: „Nous sommes tous indésirables“ versehen.

Dieser Satz –wir sind alle unerwünscht– bezieht sich auf das Aufenthaltsverbot, das die französische Regierung während der Mai-Unruhen gegen Cohn-Bendit als Störenfried der öffentlichen Ordnung verhängte („trouble à l’ordre public“). Nach einem Deutschland-Aufenthalt durfte er als unerwünschte Person nicht mehr nach Frankreich einreisen  – ein Verbot, das erst  10 Jahre später aufgehoben wurde. In dieser Zeit war dann Dany Cohn-Bendit auch in Deutschland zu dem Mann geworden, „der 1968 verkörpert.“[21]

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Es gab auch Plakate mit der Aufschrift „Nous sommes tous des juifs et des allemands“ („Wir sind alle Juden und Deutsche“) oder „Nous sommes tous des juifs allemands“ („Wir sind alle deutsche Juden“).    Damit reagierte das atelier populaire  auf die Denunzierung Cohn-Bendits als Jude und Deutscher seitens der politischen Rechten und der KPF. Der KPF-Chef Georges Marchais sprach zum Beispiel Anfang Mai von Splittergruppen, die von dem deutschen Anarchisten Cohn-Bendit angeführt würden.[22]

Die rechtsextreme Wochenzeitung Minute schrieb in ihrer Ausgabe vom 2.-8. Mai 1968, „dieser Cohn-Bendit“ halte sich für einen neuen Karl Marx, „weil er Jude und Deutscher ist.“ Und auf ihrer Titelseite fragte  sie, warum der  „Deutsche Cohn-Bendid, der Chef der Vandalen-Commandos“, immer noch nicht ausgewiesen sei. („Qu’attend-on pour expulser l’Allemand Cohn-Bendit, chef des commandos de vandales?“[23]

Die Plakate mit den Aufschriften Nous sommes tous des Juifs et des Allemands“ und nous sommes tous de juifs allemands“ wurden allerdings von der Vollversammlung der Beaux-arts abgelehnt, weil die Verwendung des Wortes „Jude“ eine rassistische Komponente habe.[24] Dafür entschied man sich für die Version mit der Aufschrift „Wir sind alle unerwünscht.“ Nach dem Einreiseverbot für Cohn-Bendit wurden  dann  aber auch die zunächst abgelehnten Versionen verbreitet.

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Auf diesem Plakat  fungiert Staatspräsidenten de Gaulle als Zöllner, der -allerdings vergeblich- Daniel Cohn—Bendit die Einreise nach Frankreich verwehren will.  Die Aufschrift auf diesem Plakat  ist natürlich eine Anspielung auf das „no pasaran“ aus dem Spanischen Bürgerkrieg – 1968  wurden immer wieder gerne historische Bezüge hergestellt und die eigene Bewegung in die Tradition früherer Kämpfe gestellt: Für entsprechende Assoziationen gab es in Frankreich genügend Stoff – von der Französischen Revolution über die Revolutionen von 1830 und 1848 bis hin zu der Pariser Commune von 1871.[25]

Das links abgebildete Plakat  verkündet in diesem Sinne, dass die Commune nicht gestorben sei. Und die Frau mit der roten Fahne in der Mitte der Communarden kann wohl als Anspielung auf Louise Michel, die Ikone der Commune, und als Bildzitat von Delacroix‘ berühmtem Bild der Freiheit verstanden werden, die das Volk führt.

Das ebenfalls in der École des beaux-arts ausgestellte Titelbild  von Charlie Hebdo bezieht sich auf die semaine sanglante, die Niederschlagung der Pariser Commune im Mai 1871. Die hier  genannte Zahl von 90 000 Erschossenen ist weit übertrieben, auch wenn die „blutige Woche“  ihren Namen zu Recht trägt.  Die Zeichnung des Karikaturisten Jean-Marc Reiser zeigt den damaligen Ministerpräsidenten Georges Pompidou mit den Worten: Faut ce qu’il faut, was vielleicht am besten dem norddeutschen wat mutt dat mutt entspricht. Der Staat, so die Botschaft, geht auch über Leichen, um den Aufruhr niederzuschlagen und die staatliche und wirtschaftliche Ordnung wiederherzustellen.

Die dafür zuständigen Institutionen sind aus damaliger Sicht, wie die Exponate zeigen und wie Le Monde in ihrer Ausstellungskritik schreibt, die Polizei und die Medien:

„Der Held der Ausstellung ist in gewisser Weise die Polizei… Die CRS (SS) natürlich, mit Helm, den Schild erhoben und den Schlagstock geschwungen, aber auch die Gedankenpolizei: das mundtot gemachte Fernsehen (es durfte keine Filmaufnahmen von Demonstrationen machen, um die Zuschauer nicht auf ‚dumme Gedanken‘ zu bringen), und die Presse, die als Befehlsempfänger des Staates wahrgenommen wurde.“[26] Deshalb die Aufschrift auf der mit Tinte gefüllten Presse-Flasche: nicht schlucken und der durch Radio und Fernsehen zum folgsamen Schaf transformierte Bürger, der die Welt aus der (durch das lothringische Kreuz bezeichneten) gaullistischen Perspektive wahrnimmt.   Und deshalb auch die Forderung nach einem regierungsunabhängigen Fernsehen.

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Bei der CRS (Compagnies Républicaines de Sécurité) handelt es sich um eine kasernierte Bereitschaftspolizei, die damals an vorderster Front stand, wenn es um Einsätze gegen Demonstranten und Streikende ging. Durch ihr teilweise rücksichtsloses Vorgehen gegen die Studenten im Quartier Latin trug die CRS wesentlich zur Verbreiterung der Protestbewegung bei.[27]

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Allerdings war der damalige Polizeipräfekt von Paris, Maurice Grimaud, kein einschlägig ausgewiesener faschistoider Scharfmacher wie einer seiner Nachfolger, Maurice Papon, sondern  „un grand résistant républicain“, der  versucht habe, die Polizei auch bei den Demonstrationen in Paris im republikanischen Geist zu führen. So jedenfalls die Einschätzung Cohn- Bendits,  der deshalb auch den Slogan „CRS=SS“ für völlig verrückt („complètement débile“) hält.[28]  Die SS steht in Frankreich ja  immerhin für das Massaker von Oradour…

Der Slogan  CRS=SS  scheint in Frankreich aber immer noch seine Befürworter zu haben, wie die Aufschrift auf einem Plakat zeigt, das für eine Ausstellung über den Mai 68 aus Sicht derjenigen wirbt, die „hinter den Schilden“ standen – manchmal allerdings auch Schlagstock – schwingend und -schlagend  durch das Quartier Latin stürmten.

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Allerdings waren die Einsätze der CRS gegen streikende Arbeiter, die ihre Fabriken besetzt hatten, besonders hart,  und dabei kamen  –anders als bei den Studenten-Demonstrationen in Paris-  sogar mehrere Menschen ums Leben.

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Bei diesem Plakatentwurf aus dem Atelier populaire der Pariser Kunsthochschule erhält man übrigens einen kleinen Einblick in die Arbeitsweise:

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Hier wurde zunächst eine Blleistifskizze angefertigt, die dann mit schwarzer Tusche ausgeführt wurde – allerdings offenbar nicht das Plenum überzeugen konnte.

Ein bevorzugtes Objekt der Plakate war natürlich Staatspräsident de Gaulle, zumal dieser in der 5. Republik eine erhebliche Machtfülle auf sich vereinigte. Hier  wird er, wohl um dies zu veranschaulichen, mit der erhobenen Hand des Hitlergrußes dargestellt- wobei man allerdings de Gaulle als einem Résistant der ersten Stunde keinenfalls eine Nähe zum  Faschismus oder eine Willfährigkeit  gegenüber den deutschen Besatzern unterstellen kann.

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Es gab aber auch  Plakate, die sich auf ganz andere Weise mit der Staatsmacht auseinandersetzten. So das de Gaulle-Plakat „La chienlit c’est lui!“

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Dieses Plakat, das zu den bekanntesten aus der Produktion des atelier populaire gehört, bezieht sich auf einen Ausspruch von Staatspräsident de Gaulle am 19. Mai: „La réforme, oui, la chienlit, non!“ Le chienlit war eine Person des Karnevals von Paris, später wurde es (eher selten)  auch in der weiblichen Form verwendet als Ausdruck  für Unordnung, Aufregung- so von de Gaulle auf den Champs-Elysées im August 1944 anlässlich der Befreiung von Paris – und dann eben wieder 1968.[29]

Wie populär übrigens dieser Ausspruch de Gaulles noch heute ist und ein wie allgemein gültiger Bezugspunkt der Mai 68 und die Plakate des atelier populaire noch heute sind, zeigt die nachfolgende Werbung eines Privatunternehmens auf der ersten Seite von Le Monde vom 30. Mai 2018.

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Da wird im Stil der Plakate von 68 die Steuerflucht von Unternehmen angeprangert – während der in Frankreich ansässige werbende Betrieb (den Namen am unteren Rand der Anzeige habe ich entfernt)  dort brav seine Steuern entrichte…

Dass auf dem originären Chienlit-Plakat von 1968, das den Ausspruch de Gaulles aufgreift und umformt,  der Präsident wie  eine Marionettenfigur dargestellt wird, kann als Ausdruck einer politischen Theorie gesehen werden, für die der Staat lediglich die Marionette des Großkapitals ist.  Es passt aber auch zu dem karnevalistischen Ursprung des Wortes und zu dem Anspruch der Volkstümlichkeit, der auch in den beiden nachfolgenden Plakaten/Entwürfen des atelier populaire zum Ausdruck kommt.

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Die klassische Marionetten-Figur des Räubers ist hier, wie die gereckte Faust zeigt, der Arbeiter, der anscheinend auch zum bewaffneten Kampf bereit ist….

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Viele der ausgestellten Plakate beziehen sich auf soziale Bewegungen und Streiks. Und das ist kein Zufall: Immerhin gab es 1968 die größte Streikbewegung, die Frankreich jemals erlebt hat. Die Zahlen der Streikenden, die in den Medien angegeben werden, schwanken, oft wird die Zahl von 7 Millionen genannt, die Angaben reichen aber bis 10 Millionen. Es dürfte also zwischen einem Drittel und der Hälfte aller französischen Arbeitnehmer gewesen sein, die damals die Arbeit einstellten und für höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen, aber zum Teil auch für die Beseitigung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung eintraten. Und immerhin ist der französische Mai 68 von allen studentischen Protestbewegungen, die es damals in vielen Ländern der Welt gab, die einzige, die auch Schüler, einen großen Teil der Künstler und Intellektuellen und auch „les masses ouvrières“ mobilisiert hat.[30] Es ist ja in diesem Zusammenhang bemerkenswert, dass der Generalstreik vom 13. Mai von allen Gewerkschaften auch ausgerufen wurde, um  gegen das harte Vorgehen der Polizei während der „Nacht der Barrikaden“ im Quartier Latin[31] zu protestieren.

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Das Besondere dieser Streikbewegung war, dass sie nicht auf die traditionell streikerprobten Großbetriebe der Automobil- und Flugzeugindustrie (Renault, Citroën, Sud-Aviation) beschränkt war und auch nicht auf die traditionellen industriellen Regionen des Pas de Calais und des Großraums Paris. Auch in keinen Unternehmen und in bis dahin eher wenig arbeitskämpferischen Regionen wurde nun gestreikt, was in diesem Plakentsprechend gefeiert wird.

 

 

Die Einheit von Arbeitern, Studenten und Bevölkerung wird in dem nachfolgend links wiedergegebenen Plakat proklamiert.

Die beiden Plakate beziehen sich auf die Renault-Fabrik von Flins, wo im Anschluss an den Generalstreik vom 13. Mai seit dem 14. Mai gestreikt wurde. Am 16. Mai besetzen Arbeiter die Fabrik. Das Mittel der Fabrikbesetzungen spielte 1968 eine große Rolle: Sie hatten die Funktion, den Forderungen Nachdruck zu verleihen sowie Aussperrungen und die Fortsetzung der Arbeit mit Streikbrechern zu verhindern. Darüber hinaus wird auf einem Plakat des Atelier populaire auch für die Einheit von Arbeitern und Bauern geworben – und in der Tat war ja auch die französische Landwirtschaft Teil von der Mobilisation des Mai 68 betroffen, auch wenn sie weniger im Rampenlicht stand.

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Die in dem obigen Plakat proklamierte Einheit von „Arbeitern, Studenten, Bevölkerung“ gab es stellenweise im Mai 68 – aber insgesamt handelte es sich doch, nach dem Urteil des französischen Soziologen Pierre Bourdieu, um eine „Synchronisierung“ verschiedener Kämpfe, nicht aber um ihren Zusammenschluss. Als am 17. Mai ein Zug von Studenten den Arbeitern  von Renault-Billancourt, die ihre Fabrik besetzt hatten, ihre Solidarität bekunden wollte, wurden auf Anweisung der Gewerkschaft CGT die Werkstore geschlossen…..[32]

Die Streikbewegung legte einen großen Teil des öffentlichen Lebens lahm, Benzin wurde zu einem kostbaren Gut, der Eisenbahnverkehr kam durch den Streik der cheminots zum Erliegen. Der Aufruf zur Unterstützung der Bahnbediensteten hat 50 Jahre später wieder eine besondere Aktualität angesichts der Streikwelle bei  der Staatsbahn, durch die vor allem die für Neueinstellungen geplante Abschaffung des äußerst komfortablen Statuts der cheminots verhindert werden soll.   Gleichzeitig gibt es in Frankreich derzeit auch eine Protestbewegung bei Air France und in den Hochschulen. Den Anlass dort liefern Pläne der Regierung, den Zugang zu den Universitäten neu zu gestalten. Während die prestige- und karriereträchtigen Grands Écoles ein äußerst selektives Aufnahmeverfahren praktizieren, ist der Zugang zu den Universitäten weitgehend unbeschränkt, was allerdings dazu führt, dass etwa 60% der Studenten schon im ersten Universitätsjahr scheitern und nur 28,7% nach den dafür vorgesehen drei Studienjahren den Bachelor (licence) erreichen.[33] Gegen das von der Regierung geplante Bewerbungs- und damit natürlich auch Selektionsverfahren  gibt es –bisher allerdings nicht von den eigentlich betroffenen Schüler/innen-  Widerstand, was Hoffnungen auf eine „convergence des luttes„, also eine breite Aktionsfront von Studenten, Schülern und Arbeitern wie im Mai 68 aufkeimen lässt.  Vergleiche mit dem Mai 68 haben da Konjunktur. In einem Interview mit Le Monde wurde beispielsweise der Generalsekretär der CGT, Philippe Martinez, gefragt, ob er „einen neuen Mai 68“ anstrebe. Martinez wollte zwar keine direkte Parallele ziehen, aber der Mai 68 bleibe ein Bezugspunkt für die aktuellen Arbeitskämpfe, vor allem auch, was die gewerkschaftliche Einheit angehe. „La demarche est similaire“. Allerdings  ist es den Gewerkschaften noch nicht einmal gelungen, 2018 eine gemeinsame Maikundgebung zu organisieren. Von einem Generalstreik aller Gewerkschaften wie 1968 ist man da weit entfernt.  [34]  Und ein ganz wesentlicher Unterschied zwischen 1968 und 2018 ist doch wohl, dass der Mai 68 im Verständnis seiner Akteure ein Aufbruch zu einer besseren Zukunft war, während es bei den aktuellen Auseinandersetzungen in Frankreich eher um die Konservierung von Zuständen geht, die kaum überlebensfähig sind.[35]

Insofern ist auch nicht zu erwarten, dass es 2018 zu einer ähnlichen politischen Krise kommen wird wie die, die 1968 von der Studenten- Schüler- und Streikbewegung nangestoßen, aber nicht verursacht wurde. Am 30. Mai 1968 löste Staatspräsident de Gaulle die Nationalversammlung auf und kündigte Neuwahlen für den 23. Juni an, mit denen sich mehrere Plakate des Atelier populaire kritisch auseinander setzte.Während die Eltern im Sinne des durch das Lothringerkreuz symbolisierten Staatspräsidenten wählten, würden die Kinder von der Polizei zusammengeschlagen.

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Gleichzeitig versuchte aber die Regierung Pompidou, der Streikbewegung, die am 24. Mai mit 9-10 Millionen Beteiligten ihren Höhepunkt erreichte[36], Wind aus den Segeln zu nehmen. Am 27. Mai wurde von Regierung, Arbeitgebern und Gewerkschaften das sogenannte Protokoll von Grenelle unterzeichnet. Es sah u.a. eine Erhöhung des Mindestlohns um 35 %, allgemeine Lohnerhöhungen von 7% -was allerdings im Rahmen des davor  Üblichen blieb- das Ziel einer Reduzierung der Arbeitszeit auf 40 Stunden und das Recht gewerkschaftlicher Betätigung in den Betrieben (allerdings keine Mitbestimmung) vor.  Von vielen, die sich  in der Streikbewegung engagiert hatten,  wurden diese Vereinbarungen als unzureichend angesehen.

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Das hier abgebildete Plakat aus dem atelier populaire fordert zu einer Fortsetzung der Arbeitskämpfe auf. Die politische Wahl ändere nichts. In der Tat: Die Parlamentswahlen vom 30. Juni, die auch als  „Angstwahlen“ bezeichnet wurden, führten zu einem überwältigenden Wahlsieg der gaullistischen UDR, die 293 von 378 Sitzen gewann.[37]

Die Streikbewegung ebbte nun –auch unter dem Druck der Gewerkschaftsführungen- allmählich ab, auch wenn noch im Juni 68 auf Plakaten des atelier populaire der Anfang eines fortdauernden Kampfes verkündet wurde.

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Der fand dann zwar nicht statt, aber  die sozialen Auseinandersetzungen des  Mai 68  haben doch die Arbeiterbewegung der nachfolgenden Jahre stark beeinflusst. Das gilt vor allem für das „symbolische Thema der Selbstverwaltung“, das von der damals zweitgrößten (und heute größten) französischen Gewerkschaft, der CFDT, propagiert wurde.[38]

Das wohl bekannteste Modell eines selbstverwalteten Betriebs war die traditionsreiche Uhrenfabrik LIP in Besançon. 1973 ging die Fabrik in Konkurs  und stellte die Produktion ein. In einem Akt der Selbstverteidigung („autodéfense“) , führten die Arbeiter die Produktion fort und vermarkteten selbst die von ihnen hergestellten Uhren.[39]

Das Beispiel von LIP fand ein großes mediales Echo weit über Frankreich hinaus. In der Ausstellung sind auch Plakate zu sehen, die dazu beigetragen haben, das Modell der Selbstverwaltung bekannt, ja populär zu machen. Eine LIP-Uhr zu tragen gehörte damals auch in Deutschland zum guten links-alternativen Ton. Und im Raum Frankfurt zum Beispiel entstanden in den 1970-er Jahren, angeregt von LIP. eine ganze Reihe von alternativen selbstverwalteten Projekten, die teilweise noch bis heute erfolgreich arbeiten. Das selbstverwaltete LIP-Projekt war zwar 1976 gescheitert –u.a. auch am Ausbleiben von Aufträgen des Staates, der verhindern wollte,  dass das Projekt Schule machte, aber immerhin „trugen die Auseinandersetzungen der LIP-Arbeiterinnen und -Arbeiter zur vorerst letzten Ausbauphase des französischen Wohlfahrtsstaats bei.“[40]

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Ein besonderes Kennzeichen des französischen Mai 68 war die große Beteiligung von Schüler/innen an den Protestaktionen. Das wird für manche  Beobachter, auch professionelle, eine Überraschung gewesen sein. Wurde doch in dem schon erwähnten Jugendweißbuch, über das sich Daniel Cohn-Bendit empörte, ein geradezu idyllisch-antiquiertes Bild der Jugend gezeichnet: Der junge Franzose, so heißt es da, wolle zwar früh heiraten, aber erst dann Kinder auf die Welt setzen, wenn er über genügend Mittel verfüge, sie auch korrekt aufzuziehen. Bis dahin sparten die jungen Männer für ein Auto und die jungen Mädchen für ihre Aussteuer.[41]

Allerdings gab es schon vor dem Mai 68 in den Schulen Anzeichen einer Politisierung und Mobilisierung, die sich unter anderem in der Kritik an einer autoritären Schulorganisation und einer vorherrschenden autoritären Gestaltung des Unterrichts äußerte. Es bildeten sich an verschiedenen Schulen sogenannte Comités d’action lycéen (CAL), um gegen  « les lycées-casernes » bzw. Gefängnisschulen zu protestieren. Im Mai/Juni 1968 waren etwa 400 Schulen besetzt.

Die  beiden Plakate aus dem Pariser atelier populaire sind Ausdruck eines damals verbreiteten Lebensgefühls bei Jugendlichen, nämlich nicht ernst genommen und nicht gehört zu werden. Im gaullistischen Frankreich gab es weder an Schulen noch an Hochschulen institutionelle Räume, die Jugendlichen die Möglichkeit zur Artikulation ihrer Positionen,  geschweige denn zur Mitbestimmung gegeben hätten. Und im Bereich der Politik war es ähnlich: Das Wahlrecht gab es erst ab 21 Jahren.

 

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Überblickt man die in der École des beaux-arts ausgestellten  Plakate fällt auf, dass die Frauenbewegung  fast nicht repräsentiert ist. Die  Bewegung von 1968 wurde ja in der Tat auch in erster Linie von Männern getragen, sie war –wie Le Monde schreibt, eher „eine Revolution von Männern und für Männer.“[42]  Gerne wird in diesem Zusammenhang in der Literatur über den Mai 68 darauf hingewiesen, dass in der Delegation der Gewerkschaften, die die Protokolle von Grenelle verhandelten, keine einzige Frau vertreten war – geschweige denn bei den Vertretern von Arbeitgebern  und Regierung. Ganz abwesend sind die Frauen auf den Plakaten der Ausstellung aber nicht:  Auf diesem Plakat der „Femmes en Lutte“ des 13. Arrondissements von Paris geht es um die Forderung nach kostenloser Scheidung-  die Heirat sei  ja auch kostenlos. Und das Thema Scheidung war in den 1950-er und 1960-er Jahren auch deshalb für Frauen besonders virulent, weil in Scheidungsprozessen das Verhalten von Mann und Frau üblicherweise mit völlig unterschiedlichen Maßstäben gemessen wurde. Erfolgreich war dieses Anliegen allerdings nicht.  Immerhin durften Frauen in der Folge des Mai 68 aber erstmals ohne Zustimmung des Mannes ein Konto eröffnen…. Und es entwickelten sich doch  trotz –oder aufgrund- der männlichen Dominanz im Mai 68 Strukturen einer feministischen Bewegung, die  dann in den Auseinandersetzungen zum Beispiel um die Straffreiheit von Abtreibungen die zentrale Rolle spielte.[43]

Noch weniger oder überhaupt nicht präsent ist –auch nach dem Befund der in der École des Beaux-arts ausgestellten Plakate- im Mai 1968 die politische Ökologie. „Le mot ‚écologie‘ est absent de Mai 68“.  Klimaveränderung, Umweltzerstörung, Bevölkerungswachstum, Ressourcenrückgang spielen hier noch keine Rolle.[44] Erst die 1972 vorgestellte Studie des Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“ wurde zur „Chiffre einer Zeitenwende“,  was die Entwicklung ökologischen Bewusstseins angeht.

Eine wesentliche Rolle bei der Politisierung und Mobilisierung von Schülern und Studenten spielte in Frankreich –wie ja auch in Deutschland-  der Protest gegen den Vietnam-Krieg der USA. In diesem Protest hat sich gewissermaßen „die Generation 68“ geformt.[45] Auch zu diesem internationalen Aspekt des Mai 68 gibt es in der Ausstellung der École des Beaux-Arts Anschauungsmaterial, wie beispielsweise das Dart-Spiel mit dem  Yankee als Volltreffer. Aber dieser Bericht wäre völlig überfrachtet, wenn ich auch darauf  noch genauer einginge…

Aber etwas darf dann doch nicht fehlen in diesem Bericht: Geht man –wie wir- durch die rue Bonaparte zur École des Beaux-Arts,  kommt man an dem Haus vorbei, in dem der Zeichner und Cartoonist Georges Wolinski von 1976 bis 2015 gelebt hat –also bis zu seinem gewaltsamen Tod  in den Redaktionsräumen von Charly Hebdo.

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Und dann  berührt es schon ganz besonders, wenn man ein paar Schritte weiter in der Ausstellung auf dem dort aufgebauten 68-er Zeitschriftenwühltisch eine Ausgabe von Chrarly Hebdo mit einem Titelbild von Wolinski findet, das die militante Fabrik- und Streik-Ikonographe des atelier poplulaire  aufgreift, aber in sehr freundlich-humorvoller Weise. Und dann ist auch noch das  Plakat  von Wolinskis Theaterstück  „Je ne veux pas mourir, idiot“ zu sehen. Mit diesem Stück brachte Wolinski die  „Ideen von 68“ auf die Bühne – und auch damit –und als Jude-  hatten ihn die islamistischen Terroristen, die ihn am 7.Januar 2015 ermordeten, ganz  besonders im Visier.

Abschließen möchte ich diesen Beitrag aber mit zwei berühmten Plakaten aus dem atelier populaire, die für sich sprechen: „Rückkehr zur Normalität“ und „Die Ordnung regiert“.

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Diese Plakate laden natürlich dazu ein, über den Mai 68 und seine Folgen nachzudenken. Darüber wird in Frankreich seit 50 Jahren sehr intensiv und heftig diskutiert. Eines allerdings scheint alle Kontrahenten zu einigen: Die Überzeugung nämlich, dass der Mai 68 unbestreitbar zum nationalen Erbe gehört, wie es in der Ankündigung der Ausstellung in den Archives nationales heißt: „Le ‚moment 68‘  (…) appartient incontestablement au patrimoine national.“[46]

Eine besondere  Pointe/Fußnote lieferte dazu  übrigens ein Werbeplakat, das, blickte man aus den Ausstellungsräumen auf die andere Seite der Seine im Pariser Smog zu erkennen war:

DSC02774 Beaux Art 50 Jahre 1968 (68)

Augmenter la réalité. Révolutionner les idées. La 5 G arrive….

Abgeschlossen am 28.4.2018

 

Anmerkungen

[1] Einen kleinen Überblick über die entsprechenden Neuerscheinungen bietet Le Monde des Livres: „Mai 68 hors les murs“ vom 9. März 2018

[2] Louis Manaranche, Commémorer Mai 1968? In: Figaro 25.10.2017

http://www.lefigaro.fr/vox/societe/2017/10/25/31003-20171025ARTFIG00128-commemorer-mai-1968.php

[3] http://www.liberation.fr/politiques/2017/11/08/commemorer-mai-68-il-n-est-pas-prevu-de-remettre-le-pave-d-or-a-dany-cohn-bendit-pour-l-elysee_1608574

[4] https://www.lexpress.fr/actualite/politique/a-bercy-sarkozy-attaque-les-heritiers-de-mai-68_464258.html

https://www.nouvelobs.com/politique/elections-2007/20070430.OBS4781/nicolas-sarkozy-veut-liquider-l-heritage-de-mai-68.html

[5] Interview mit Raphaël Glucksmann „Pourquoi j’en ai marre de 68“ in:Le  Nouveau Magazine Littéraire, Mars 2018, p. 28f

[6] http://www.lefigaro.fr/arts-expositions/2018/01/18/03015-20180118ARTFIG00167-le-centre-pompidou-lance-les-commemorations-de-mai-68.php

[7] https://maison-heinrich-heine.org/

[8] Bild aus: http://www.leparisien.fr/paris-75/paris-75006/nuit-debout-l-ecole-des-beaux-arts-de-paris-occupee-13-05-2016-5793175.php

Zur Nuit-debout-Bewegung siehe den entsprechenden Blog-Bericht: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/361

[9] Vincent Brocvielle, soixante-huit’arts. In: 88, le grand tournant, S. 60f

[10] Aus: Simone de Beauvoir, Tout compte fait.  (1972). Zitiert in: Le Quartier latin des écrivains. Éditions pimientos 2003, S. 111/112

[11] Siehe: Marseille Années 68, sous la direction d’Olivier Filiieule et Isabelle Sommer. Les Presse de Science-Po. 2018 und Lyon en lutte dans les années 68. Collectif de la Grand Côte. 2018

[12] Einen erneuten  Polizeieinsatz gibt es  übrigens im Februar 1974. Damals ging es der Polizei darum, regelmäßige Versammlungen und Feministinnen und Homosexuellen zu unterbinden, die dort seit 1971 stattfanden. http://www.lemonde.fr/arts/article/2018/02/28/l-iconographie-de-mai-68-s-affiche-aux-beaux-arts_5263427_1655012.html#bPxwpFwPPPfQ0bEZ.99

[13] Le Monde des livres, 13.4.2018, S. 9:  Dessiner sans entrave.

Am 16. Mai wurden im Hôtel Druot (9. Arrondissement) mehrere hundert Plakate des Mai 68 versteigert, „pour la plupart issues de l’Atelier polpulaire (ex-Ècole des Beaux-Arts)“. Aus: A Nous Paris, 30.April- 6. Mai 2018, S. 9

[14] Bertrand de Saint Vincent, Ça l’affiche mal. ‚Images en lutte- La culture visuelle de l’extrême gauche en France‘ au Palais des beaux-arts. In: Le Figaro, 27.3.2918, cahier No 3

[15] http://www.lemonde.fr/arts/article/2018/02/28/l-iconographie-de-mai-68-s-affiche-aux-beaux-arts_5263427_1655012.html#bPxwpFwPPPfQ0bEZ.99

[16] https://artblart.com/tag/daniel-cohn-bendit-facing-a-crs-in-front-of-the-sorbonne/  Das untere Bild  rechts ist ein Ausschnitt aus der Titelseite von Le Nouveau Magazine Littéraire, März 2018. In einer Sendung von France Culture wird Daniel Cohn-Bendid als derjenige bezeichnet, „qui incarne à lui seul Mai 68“:

https://www.franceculture.fr/emissions/le-choix-de-la-redaction/le-choix-de-la-redaction-1-er-janvier-2018

In der Bibliothèque nationale de France findet vom 17. April bis zum 26. August 1968 eine Ausstellung statt mit dem Titel:  „Icônes de Mai 68, Les images ont une histoire“. Neben der „Marianne de Mai 68“ , dem Foto einer inmitten einer Demonstration auf den Schultern ihres Freundes sitzenden und fahnenschwingenden jungen Frau, die Le Monde zum Titelbild ihrer Mai 68-Sonderausgabe gemacht hat, steht dort Gilles Carons Cohn-Bendid-Foto im Mittelpunkt. Von April bis Juli präsentiert das Hôtel de Ville de Paris die erste Retrospektive von Gilles Caron, dem photojournaliste mythique des années 1960. https://presse.paris.fr/wp-content/uploads/2017/11/Premi%C3%A8re-r%C3%A9trospective-du-photographe-Gilles-Caron-%C3%A0-l%E2%80%99H%C3%B4tel-de-Ville.pdf

Der „ci jolie mois“ Mai 68 ist ein Zitat aus der Ankündigung  des Sonderhefts von  Le Monde („68. Les jours qui ebranlèrent la France“) in Le Monde  vom 24.4.2018,  S. 21

[17] https: www.parisnanterre.fr/honoris-causa-daniel-cohn-bendit-572853.kjsp

[18] https://blogs.mediapart.fr/patrice-louis/blog/220308/22-mars-1968-l-enregistrement

[19] Siehe im Einzelnen: https://blogs.mediapart.fr/patrice-louis/blog/220308/22-mars-1968-l-enregistrement

Zur Bewegung 22. März siehe auch das Interview mit Daniel Cohn-Bendid: In: Matériaux pour l’histoire de notre temps. Jahrgang 1988, S. 124ff

https://www.persee.fr/doc/mat_0769-3206_1988_num_11_1_403840

[20] https://bibliobs.nouvelobs.com/idees/20180315.OBS3685/quand-sartre-interviewait-cohn-bendit-dans-l-obs-du-20-mai-1968-un-dialogue-historique.html

[21]  http://www.fr.de/politik/zeitgeschichte/die68er/daniel-cohn-bendit-der-mann-der-1968-verkoerpert-a-1344389

http://www.deutschlandfunk.de/daniel-cohn-bendit-in-deutschland-bin-ich-bekannt-in.1295.de.html?dram:article_id=379579

[22] https://fr.wikipedia.org/wiki/Nous_sommes_tous_%C2%AB_ind%C3%A9sirables_%C2%BB

[23]Am 4. Mai 2008 widmete der Fernsehsender Arte „der Geschichte des in Frankreich sehr  berühmten Plakats“ eine Ausgabe der Sendereihe Carambolag: https://sites.arte.tv/karambolage/fr/le-slogan-nous-sommes-tous-des-juifs-allemands-karambolage

[24] http://www.integrersciencespo.fr/index.php?article535/resume-de-mai-68-pourquoi-mai-68-et-chronologie

[25] Siehe zum Beispiel den Bericht eines Augenzeugen und Teilnehmers der Demonstrationen im Quartier latin:

„J‘ai surtout conservé la mémoire de manifestations d’étudiants prenant le tournant d’une rue avec ses maisons anciennes, un souvenir qui s’impose à moi dans une association intime aux Révolutions françaises, et 1848 tout particulièrement.“ https://www.cairn.info/revue-le-mouvement-social-2010-4-page-165.htm

Zur Pariser Commune siehe den Blog-Beitrag: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2912

[26] http://www.lemonde.fr/arts/article/2018/02/28/l-iconographie-de-mai-68-s-affiche-aux-beaux-arts_5263427_1655012.html#bPxwpFwPPPfQ0bEZ.99

[27] Über den „Mai 68, printemps des violences policières“ wurde 1969 in Cannes ein eindrucksvoller Dokumentarfilm präsentiert (Mai 68, La belle ouvrage von Jean-Luc Magneron), der zum 50. Jahrestag wieder in Pariser Kinos gezeigt wird. (siehe Le Monde 25. April 2018)

[28] Daniel Cohn-Bendit (avec Patrick Lemoine): Sous les crampons… la plage. Paris 2018, S. 10/11

[29] http://www.lefigaro.fr/histoire/archives/2015/10/06/26010-20151006ARTFIG00283-de-gaulle-en-mai-68-la-reforme-oui-la-chienlit-non.php

https://fr.wikipedia.org/wiki/Chienlit

[30] Entretien avec Edgar Morin. In: 68, le grand tournant, S. 8: „C’est la seule qui ait débordé l’université pour investir tous les champs de la société et provoquer une crise politique majeure.“  Entsprechend Le Monde, 24.4.2018, S. 3:  „Mais il n’y a qu’en France qu’elle (une effervescence généralisée W.J.) dépassa la seule jeunesse révoltée pour atteindre profondément toutes les strates de la société.“

Allgemein dazu: Xavier Vigna, l’insubordination ouvrière dans les année 68. Essai d’histoire politique des usines. Presses Universitaires Rennes 2007

[31] http://www.liberation.fr/cahier-special/1998/05/11/special-mai-68-cette-nuit-la-10-au-11-mai-de-gaulle-dort-des-21-heures-le-quartier-latin-occupe-se-h_238427

[32] Siehe Geoffroy de Lagasnerie, Il faut renvoyer mai 68 aus passé. In: Politis, No 67, Febr/März 2018, S.5 und Ludivine Bantigny, a.a.O., S. 10

[33] Angaben des ehemaligen Rektors der Sorbonne, Jean—Robert Pitte, in: Le Figaro, 6.4.2018, S.14 und aus einem Debattenbeitrag von 63 Universitätspräsidenten in Le Monde vom 20.4.2018: La loi orientation favorise la réussite de tous les étudiants.

Da, wo die Nachfrage nach Studienplätzen und das vorhandene Angebot besonders weit auseinanderklaffen, gibt es allerdings bisher schon (notwendiger Weise) ein „Auswahlverfahren“, nämlich das Los, ein eklatanter Widerspruch zu der sog. „meritokratie“,  die in Frankreich zu den republikanischen Grundpfeilern gehört. Da erscheint es mir jedenfalls schon sinnvoller, fachbezogene Auswahlkriterien zu verwenden. In dem mir aus familiären Gründen vertrauten Fach Sport zum Beispiel- wie es die Regierung vorsieht-  u.a.  Mindestanforderungen für sportliche Leistungen und der Nachweis über Erfahrungen im assoziativen sportlichen Bereich.

[34] Interview mit Philippe Martinez in Le Monde, 12. April 2018,, S. 7

[35] Es ist in diesem Zusammenhang ja bezeichnend, dass keine französische Gewerkschaft fordert, den cheminot-Status mit seinen vielfachen Vorzügen auf alle Arbeitnehmer zu übertragen.

[36] http://www.bpb.de/internationales/europa/frankreich/152656/der-franzoesische-mai-68

[37] http://www.lemonde.fr/societe/article/2006/03/30/en-mai-68-les-accords-de-grenelle_756462_3224.html#MEkZPIOZe8LeL6Du.99

[38]https://www.ladepeche.fr/article/2008/04/18/449592-mai-1968-mouvement-social-plus-massif-ait-connu-france.html

[39] http://www.lemonde.fr/economie/article/2013/06/18/cooperatives-et-syndicats-un-mariage-de-raison-pour-lutter-contre-les-restructurations_3432214_3234.html

[40] https://zzf-potsdam.de/de/news/jens-beckmann-schliesst-promotion-thema-selbstverwaltung-im-industriebetrieb-ab

[41] Zit. in: Youenn Michel, Mai 68 et l’enseignement: mise en place historique. In: Les Sciences de l’éducation 2008,3 (Vol 41)

« Le jeune Français songe à se marier de bonne heure, mais a le souci de ne pas mettre d’enfants au monde avant d’avoir les moyens de les élever correctement. Aussi son objectif n° 1 est-il la réussite professionnelle. En attendant, sur ses gains modiques, il fait des économies, le jeune homme pour s’acheter une voiture, la jeune fille pour constituer son trousseau (…)“

https://www.cairn.info/revue-les-sciences-de-l-education-pour-l-ere-nouvelle-2008-3-page-13.htm

[42] Anne Both, Le printemps contrarié des femmes. In: Le Monde des livres, 9. März 2018, S.3

[43] „Le mouvement des femes toujours à contretemps“. In: 68, Le grand tournant. Les hors-série de l’Obs No 98, S. 74ff

Christine Delphy, La deuxième ‚vague féministe‘ est née en 1968. In: Politis, hors-série No 67, Febr/März 2018, S.25/27

Unsere Freundin Monique Bauer hat ein schönes Buch über die „filles de mai“ herausgegeben. (Filles de Mái,, 68 mon mai à moi. mémoires des femmes:  Le bord de l’eau 2018). Dabei geht es gerade darum, bezogen auf den Mai 68 die „silence des femmes dans l’histoire“ aufzubrechen.

[44] Claude Marie Vadrot, In: Politis, hors-série 67, Febr/März 2018, S. 68

Siehe: Vorwort von Daniel Cohn-Bendid zu Mai 68. Paris: Denoël 2008, S. 8

[45] Laurent Jalabert, Aux origines de la génération 1968 : les étudiants français et la guerre du Vietnam.  In: Revue d’histoire No 55,  1997, S.  69-81  https://www.persee.fr/doc/xxs_0294-1759_1997_num_55_1_3664

[46] Mémoire d’avenir. Le journal des archives nationales 30, April/Juni 2018, S.8

 

Literatur

Volkhard Brandes, Paris, Mai ’68: Plakate, Karikaturen und Fotos der Revolte. Taschenbuch – 2008

Michel Wlassikoff, Mai 68. L’affiche en héritage, Gallimard

Vincent Chambarlhac et al, Le Trait68. Insubordination graphique et contestations politiques (1966-1977)

Ausstellungskatalog „Images en lutte. La culture visuelle de l’extrême gauche en France (1967-1974) Editions ENSA

Xavier de Jaarcy, Les affiches de Mai 68 sont sorties d’une espèce d’usine heureuse. In: Télérama, 26.4.2018

Die Seineufer in Paris: Der schwere Abschied vom (Alp-) Traum einer autogerechten Stadt

Am 21. Februar 2018 hat ein Pariser Verwaltungsgericht geurteilt, dass die Sperrung der voie Pompidou, der Autoschnellstraße auf dem rechten Seineufer, unrechtmäßig sei.  Die Umwandlung dieser Autostraße in eine Fußgängerzone gehörte zu den wesentlichen Projekten der 2014 gewählten Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo. Schon im Sommer 2016 war die Schnellstraße für Paris plages und eine Ausstellung über die Pariser Klimakonferenz provisorisch stillgelegt worden. Am 26. September 2016 beschloss dann  die  Pariser Stadtverordnetenversammlung  (Conseil de Paris) mit den Stimmen der linken Parteien und der Grünen und gegen den erbitterten Widerstand der rechten Parteien die dauerhafte Umwandlung eines zentralen 3,3 km langen Teilstücks der voie Pompidou zwischen dem tunnel des Tuileries (1er) bis zum bassin de l’Arsenal“ (4e) in eine Fußgängerzone (piétonnisation).  Am 2. April 2017 fand die von den Befürwortern als Meilenstein der Stadtentwicklung gefeierte offizielle Einweihung statt. Die Fußgängerzonen auf beiden Seiten der Seine wurden jetzt offiziell in „Parc rives de Seine“ umgetauft und die Stadtverwaltung rührte dafür kräftig die Werbetrommel. [1]

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Allerdings ging der Beschluss der Stadtverordneten, wie das Verwaltungsgericht feststellte, von unzureichenden und ungenauen Prämissen aus und war nicht hinreichend fundiert, so dass die Schließung nicht rechtens sei.  Die Straße müsse deshalb wieder für den Autoverkehr geöffnet werden.[2]  Für einen deutschen Beobachter ist es schon bemerkenswert, dass in einer Zeit, in der  in Deutschland die Sperrung von Straßen jedenfalls für besonders umweltbelastende Autos auf der Tagesordnung steht und Gerichte entsprechenden Druck machen, es hier in Paris genau umgekehrt ist. Jetzt haben die Gegner des Projekts wieder Oberwasser, aber die Befürworter, allen voran die Pariser Bürgermeisterin Hidalgo, wollen keinen Falls aufgeben.

Das Bündnis „Sauvons les berges“ sammelte in kurzer Zeit 32 500 Unterschriften für die Beibehaltung der Fußgängerzone und rief für den 10. März 2018 zu einer Demonstration auf dem noch gesperrten Seineufer auf.

DSC02735 Manif berges de Seine 10.3 (4)

Anne Hidalgo, hier am Mikrophon, versprach, nicht locker zu lassen und das Projekt der piétonnisation, der Umwandlung der Autostraße in eine Fußgängerzone, auch nach diesem Gerichtsbeschluss dauerhaft zu etablieren. Die Gesundheit der Menschen lasse sich nicht verhandeln, rief sie im Blick auf die hohe Umweltbelastung der Stadt, an der der Autoverkehr einen erheblichen Anteil hat, aus.

Am Rand der Demonstration kamen wir mit einer Passantin ins Gespräch, die von den Auslagen der Bouquinistes an der oberen Kaimauer das Geschehen beobachtete und geradezu hasserfüllt kommentierte. Man sehe doch, was für ein kümmerliches Häuflein von Demonstranten da zusammengekommen sei – nach Angaben der Organisatoren waren es 2000, was aber auch nach unserer Schätzung wohl deutlich übertrieben war. Und die, die da demonstrierten, seien doch nur Pariser BoBos[3] , die sich das Leben in der Stadt leisten könnten.  Die Sperrung der voie Pompidou sei vielleicht gut für die Touristen, aber eine Katastrophe für Pendler; ein Argument, das ich auch schon von meinem im Umland wohnenden Pariser Friseur gehört hatte.  Der Verkehr würde nur nach oben  verlagert, was zu mehr Staus und einer höheren Umweltbelastung führe. Und es waren ja auch Anwohner der am oberen Seineufer gelegenen „Ausweichstraßen“, die gegen die Schließung der voie Pompidou geklagt hatten.

Für mich war diese Demonstration der Anlass, mich etwas näher mit der Geschichte der Pariser Stadtautobahnen entlang der Seine und ihrer Umwandlung in Fußgängerzonen zu beschäftigen. Ich bin allerdings weder Stadtplaner noch Umweltfachmann noch Jurist, sondern ein interessierter Beobachter, dessen Informationen Ergebnis  eines regelmäßigen, wenn auch nicht umfassenden Medienkonsums sind. Und ich bin auch, das soll nicht verschwiegen werden, ein durchaus betroffener, also nicht ganz unparteiischer Beobachter: Ich wohne in Paris, habe als Rentner Zeit und bewege mich in der Stadt vor allem mit dem Fahrrad. Gerade von der Sperrung der nördlich der Seine verlaufenden voie Pompidou  haben wir aufgrund unseres Wohnorts im Nordosten von Paris sehr profitiert. Ich gehöre also zu denen, die hoffen, dass diese Fußgängerzone dauerhaft beibehalten werden kann.

 

  1. Die Voie Pompidou und das Konzept der autogerechten Stadt

Die voie Pompidou ist wesentlicher Bestandteil eines Konzepts, Paris zu einer autogerechten Stadt zu machen. Dieses Konzept hat eine lange Tradition. Der berühmte Architekt Le Corbusier stellte 1925 auf der Exposition internationale des Exposition internationale des Arts Décoratifs seinen „Plan Voisin“ vor, benannt nach und finanziert von dem französischen  Luftfahrtpionier und Autobauer Voisin und entwickelt in engem Kontakt mit den Größen der französischen Automobilindustrie Peugeot und Renault. Dieser Plan sah nicht nur den flächendeckenden Abriss des Marais-Viertels vor, das durch 18 gleichförmige sechzigstöckige Hochhaus-Blöcke „saniert“ werden sollte. Dazu gehörten auch breite Paris zerschneidende und mit der Peripherie verbindende Autoschnellstraßen in nord-südlicher und west-östlicher Richtung und zunächst sogar die Errichtung eines Flughafens mitten in Paris. Das Auto habe die Stadt zerstört, erklärte Le Corbusier, jetzt sei es an der Zeit, dass das Auto die Stadt auch wieder retten müsse. Die verstopften Arterien der Stadt müssten gewissermaßen geöffnet werden. Natürlich sei sein Vorschlag brutal, aber der Städtebau sei eben eine brutale Angelegenheit, weil auch das Leben brutal sei. Albert Speer und dessen aus den Ruinen von Berlin aufzubauendes Germania lassen grüßen.[4]

Le Corbusiers Plan Voisin wurde glücklicherweise nie umgesetzt. Die  Idee,  Paris autogerecht umzugestalten, war  damit aber nicht aufgegeben. Nach dem Krieg wurden (erneut) Pläne entwickelt, Autoschnellstraßen quer und längs durch Paris zu bauen. „Nous voulons faciliter la circulation“, stellte der damalige Präfekt Raymond Haas-Picard im Juli 1964 fest. Das war die Zeit der sogenannten Trente Glorieuses, des französischen Pendants des deutschen „Wirtschaftswunders“. Paris sollte den Anforderungen einer modernen Metropole gerecht werden. Dazu gehörten die Verlängerung von Metro-Linien ins Umland, der Bau von Schnellbahnstrecken (RER), die Paris mit der Peripherie verbinden sollten und der Bau eines neuen Flughafens im nördlichen Umland von Paris. Und dazu gehörten auch neue Autostraßen. Immerhin hatte sich in den Nachkriegsjahren des wirtschaftlichen Wachstums der Autoverkehr in Paris verdoppelt. Also wurde auf dem Gelände der früheren Festungsanlagen die Ringautobahn um Paris gebaut (der sog. Péripherique)[5] und es wurden Pläne zum Bau von Schnellstraßen durch Paris  entwickelt: Dazu gehörte die Idee einer Nord-Süd-Schnellstraße längs durch Paris von der porte d’Aubervilliers zur porte d’Italie. Der Kanal Saint Martin hätte zu diesem Zweck durchgängig zubetoniert werden müssen – der südliche Teil des Kanals war ja schon zu Zeiten des Barons Haussmann zugedeckelt worden, um den in Versailles stationierten Truppen einen ungehinderten Vormarsch zu den potentiell aufrührerischen Stadtteilen im Osten der Stadt zu ermöglichen… [6] Zur Idee, die Stadt autogerecht zu erschließen, gehörten vor allem Schnellstraßen entlang der Seine, um Paris  in wenigen Minuten mit dem Auto  ungehindert durchqueren zu können. Ein erstes 2,3 km langes Teilstück der südlichen Autoschnellstraße wurde in den 1960-er Jahren zwischen dem Institut de France und dem port de Grenelle verwirklicht. Die 1971 eigentlich geplante Weiterführung bis zum pont d’Austerlitz, also vorbei an Notre Dame, scheiterte am erbitterten Widerstand von Anwohnern und wurde 1974 vom damaligen Präsidenten Valérie Giscard d’Estaing (VGE) aufgegeben, ebenso wie das ebenso abenteuerliche Nord-Süd-Projekt.

Aber immerhin: Die 13 Kilometer lange Schnellstraße („voie express“) auf der rechten Seine-Seite zwischen der porte de Saint-Cloud und dem Pont National, wurde am 22. Dezember 1967 von Georges Pompidou, dem damaligen Premierminister, eingeweiht. Pompidou war ein begeisterter Autofahrer und brachte am Steuer seines Porsche 356 manchmal seine Leibwächter zur Verzweiflung, die Mühe hatten, ihm zu folgen. Jetzt hatte er die Genugtuung, diese Schnellstraße entlang der Seine einzuweihen, die denn auch folgerichtig 1975 zu seinen Ehren nach ihm benannt wurde. (Allerdings wohnte Pompidou sehr nobel und verkehrsberuhigt auf der Südseite der Île Saint-Louis, wurde also nicht vom Lärm seiner vielgeliebten voie  express belästigt.)

DSC02899 Parc rive de Seine März 2018 (2)

Auf der Höhe des Hôtel de Ville“ angebrachte Tafel zur Erinnerung an die Umbenennung der „voie expresse rive droite“ in „Voie Georges Pompidou“

Die  Presse überschlug sich geradezu in der Begeisterung über die neue „autoberge“. Ein Reporter des „Parisien libéré“ schrieb einen Tag nach der Einweihung: „Für die Pariser, Opfer der ständigen Verkehrsstaus, ist das zweifellos das schönste Weihnachtsgeschenk.“ Und  der Kollege vom „Figaro“ sprach korrekt laizistisch von einem „cadeau de fin d’année“ der Stadt Paris an die Einwohner der Hauptstadt.  Die neue Ost-West-Achse erlaube, das Zentrum der Hauptstadt mit Hilfe von 7 Unterführungen „ohne eine einzige rote Ampel“ in 6 Minuten zu erreichen.[7] Für uns heute klingt das eher befremdlich:  Das Konzept der autogerechten Stadt, „l’idéal du tout-auto“  der 1960-er Jahre, ist, wie der Figaro 2016 anerkannte, schlicht und einfach überholt.[8]  In Paris geht es jetzt nicht mehr um den Bau von Autoschnellstraßen,  sondern um ein Netz von durchgängigen Fahrradwegen (Réseau express vélo – REVe), auf dem Fahrradfahrer ungehindert und sicher die Stadt von Nord nach Süd und von Ost nach West durchqueren können.[9] Damals aber gehörten die städtischen Autoschnellstraßen zu dem von Pompidou repräsentierten Aufbruch Frankreichs in die Zukunft, so wie  andererseits auch –da hat die Geschichte Pompidou Recht gegeben-  das nach ihm benannte Kunstzentrum, dessen Architekt Renzo Piano damals verhöhnt und verlacht wurde, das heute aber ein fester architektonischer Bestandteil der Stadt ist.

 

  1. Die Verbindung zum Fluss: ein erster Schritt rive gauche

Es war der Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoë, der die stadtplanerische Umkehr einläutete und im Wahlprogramm für seine zweite Amtszeit (ab 2008) versprach, die Flussufer “zurückzuerobern” (“requonquerir les voies sur berge”). Es sei eine Verirrung, dass “einer der schönsten Orte der Welt” als städtische Autobahn fungiere. Man werde also das Seineufer den Parisern und den “amoureux de Paris” zurückgeben. Damit werde die Umweltbelastung verringert und die Lebensqualität in der Stadt erhöht.[10] Konkret vorgesehen war die Verbannung des Autoverkehrs aus einem 2,3 km langen Teilstück des Seineufers zwischen dem pont de l’Alma und dem pont Royal – vorbei am grandiosen pont Alexandre III, der Assemblée nationale, dem hôtel Salm[11] und dem  musée d’Orsay.

Allerdings stießen diese Pläne auf den erbitterten Widerstand der damaligen Regierung François Fillons, gegen deren  Willen das Projekt nicht durchgesetzt werden konnte: Die Tiefkais der Seine sind im Besitz des Staates. Delanoë sprach deshalb Anfang 2012 von einem “Diktat der Regierung”, die die für dieses Jahr geplante Öffnung des Tiefkais für Fußgänger verhindere.[12] Allerdings gab es dann doch noch 2012 grünes Licht für das Projekt: Im Mai 2012 wurde Präsident Sarkozy abgewählt und François Hollande wurde Präsident, einen Monat später gewannen die Sozialisten auch die Wahlen zur Assemblée nationale und der Sozialist Jean-Marc Ayrault wurde Ministerpräsident.

Jetzt stand der Umsetzung des Projekts nichts mehr im Wege, auch wenn die Opposition dagegen weiter heftig war. Es handele sich, wie die Stadtverordneten der UMP (der bisherigen rechten Mehrheitsgruppierung) kritisierten, um ein Projekt, das im Gegensatz zu den aktuellen ökonomischen und sozialen Realitäten stehe. “Gewaltige Staus, Lärm und Umweltverschmutzung warden bald das Vergnügen einiger Fußgänger verderben und noch etwas mehr die Attraktivität der Hauptstadt beeinträchtigen.” Die Bürgermeisterin des von der Straßensperrung besonders betroffenen 7. Arrondissements, Rachida Dati, beklagte –wohl nicht ganz zu Unrecht- dass keine effektiven alternativen Verkehrmittel vorgesehen seien.  Die Stadtverwaltung wies demgegenüber darauf hin, dass der städtische Autoverkehr zwischen 2001 und 2010 um 25% zurückgegangen sei und dass immerhin ein Raum von 4,5 Hektar für Sport, Kultur und Natur geschaffen werde.[13]

Ein Spaziergang oder eine Fahrradfahrt durch diese aufofreie Zone an einem sonnigen Frühlings-, Sommer- oder Herbsttag zeigt, wie intensiv dieser Raum genutzt wird. Unter anderem, wie man hier sieht, von Kindern, für die viele Spielmöglichkeiten geschaffen wurden.

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…. auch für Erwachsene, die sich hier sportlich betätigen oder erholen können…

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…etwa  auf den neu angelegten Pontons, den „ jardins flottants“ , auf denen man allerdings nur mit viel Glück einen der begehrten Plätze auf den hölzernen Liegestühlen ergattern kann.

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Auch Flora und Fauna kehren wieder an das Seine-Ufer zurück.

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Vor allem ist diese neue autofreie Zone aber bei schönem Wetter und  an Wochenenden eine einzige Feiermeile. Am pont d’Alexandre ist da kaum ein Durchkommen und selbst ein kleines freies Plätzchen am Rand des Flusses zu finden, ist da schwierig. Glücklich kann sich schätzen, wer einen der begehrten Liegestühle am südlichen Brückenkopf ergattern kann. Die „Rückeroberung“ des Flussufers ist also ganz offensichtlich ein großer Erfolg.

 

  1. Die voie Pompidou wird „boulevard urbain

Ein weiteres Projekt des früheren Bürgermeisters Delanoë war die Umwandlung eines 3 Kilometerlangen, auf der Karte gelb markierten  Teilstücks der voie Pompidou auf der rechten Seine-Seite in einen „boulevard urbain“.

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Hier sollte der Autoverkehr also nicht, wie auf der anderen Seite, völlig verbannt werden. Der Verkehr hier sei hier wesentlich größer mit der Folge möglicher Engpässe und Staus auf den Ausweichstrecken, was nach Einschätzung Delanoës den Erfolg der Bemühungen um Verkehrsberuhigung insgesamt beeinträchtigen könnte.

Paris Plages August 2012 und Baustelle Voie Pompidou 004

Ziel Delanoës war es  also, auf den Tiefkais der rechten Seine-Seite einen Kompromiss zwischen Autoverkehr und nichtmotorisierten Straßennutzern zu schaffen. Dazu dienten die Reduzierung der Straßenbreite zugunsten der Gehwege entlang des Flusses und die Einrichtung von Fußgängerüberwegen und Ampeln zur Geschwindigkeitsreduzierung.[14] Die Messgeräte, die man auf diesem 2012 während der Bauarbeiten gemachten Foto noch sieht, wurden dadurch überflüssig.

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Auf dieser Simulation ist die « Koexistenz » von Autos und Passanten veranschaulicht, wie sie seit 2012 auf diesem Teilstück der voie Pompidou herrschte.  Gezeigt ist die zu einer Kneipe umgestaltete Maison des Célestins, wo der Tiefkai besonders breit ist : also eine aus Sicht der Fußgänger besonders schmeichelhafte Perspektive.[15]

 

  1. Die Umwandlung der voie Pompidou in eine Fußgängerzone: eine politische, stadtplanerische, ökologische und juristische Auseinandersetzung

Die Umwandlung des zentralen Abschnitts der voie Pompidou in eine reine Fußgängerzone war von Bertrand Delanoë als zu riskant und problematisch erachtet worden, so dass er sich mit einem „boulevard urbain“ begnügt hatte. Der Hauptgrund für diese Zurückhaltung war wohl das unterschiedliche Verkehrsaufkommen auf beiden Seiten der Seine: Während die Autoschnellstraße rive gauche von etwa 2000 Autos täglich befahren wurde, waren es auf der gegenüberliegenden Seite über 40 000. Damit war die voie Pompidou „eine der meistbefahrenen Strecken der Stadt“.[16] Für Anne Hidalgo, Delanoës vormalige Stellvertreterin und Nachfolgerin, war aber gerade diese Verkehrsdichte eine Aufforderung zum Handeln. Nach dem großen Erfolg der Fußgängerzone auf der südlichen Seine-Seite machte sie die völlige Schließung des bisherigen boulevard urbain zu einem Hauptpunkt ihres Wahlprogramms.[17] Immerhin hatte man ja auch schon positive Erfahrungen mit zeitlich begrenzten Schließungen gemacht: In den Sommermonaten bei Paris plages, an Sonntagen und –unfreiwillig- bei Hochwasser.[18]  Durch die dauerhafte Verbannung der Autos aus der voie Pompidou könnten die Fußgänger von der place de la Bastille bis zum  Eiffelturm entlang der Seine promenieren.[19] Die Lebensqualität in der Stadt erhöhe sich damit beträchtlich, es werde ein wichtiger Beitrag zum Klima- und Umweltschutz geleistet –ein gerade für Paris als  Gastgeberin der Weltklimakonferenz besonders wichtiger Punkt. Und die Bürgermeisterin verwies auch auf die gesundheitlichen Folgen der Pariser  Umweltbelastung:

Rund 2500 Menschen sterben jährlich in Paris an den Folgen derLuftverschmutzung. Der Verkehr generiert 56% der Belastungen durch Feinstaub. Warum also warten?“ (19a)

Allerdings gab es schon im August 2016, also kurz vor dem Umwandlungsbeschluss des Conseil de Paris, ein offizielles Gutachten, in dem die umweltpolitischen Folgen des Vorhabens skeptisch beurteilt wurden. Die Stadtverordneten  konnten sich zwar über dieses Gutachten  hinweg setzen, allerdings war damit klar, dass der Rechtsweg beschritten würde, was dann ja auch geschah. Und deshalb wurde die voie Pompidou zwar für den Autoverkehr geschlossen, die Straße aber nicht –wie auf der anderen Seite- völlig beseitigt. Ein Widerruf der pietonnisation blieb also rechtlich und faktisch eine Option.[20].

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Auch auf der nördlichen Seine-Seite war und ist die Umwandlung der Stadtautobahn in eine Fußgängerzone ein großer Publikumserfolg. Seit ihrer Einführung wurde sie nach Erhebungen der Stadt von über 1,5 Millionen Menschen bevölkert[21],  und ähnlich wie am pont Alexandre findet man bei schönem Wetter auch an der maison des Célestins nur schwer ein freies Plätzchen.  Trotzdem war die Sperrung dieses Teilabschnitts der voie Pompidou von Anfang an heftig umstritten und ist es bis zum heutigen Tage. Die Auseinandersetzung darüber hat mehrere Dimensionen, stadtplanerische, ökologische, politische und juristische. Ich möchte das im Folgenden kurz erläutern. (Dazwischen sind einige Bilder vom parc berges de Seine rive droite eingestreut)

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Der Kern der Auseinandersetzung betrifft, wenn ich das richtig sehe und soweit ich das beurteilen kann, die Stadt- und Regionalplanung. Und dazu gehört auch die Beziehung zwischen der extrem verdichteten Stadt Paris und ihrem weit ausladenden Umland.  Wie also soll die Stadt Paris den aktuellen und zukünftigen Herausforderungen gewachsen sein, wie soll sie im Blick auf die Zukunft gestaltet werden, gerade auch im Zusammenhang mit der Region, der Métropole?  Welchen Stellenwert haben die in der Stadt arbeitenden Menschen und hat die Arbeit –und zwar welche Arbeit?-  in der Stadt. Wenn unsere oben zitierte Gesprächspartnerin am Rande der Demonstration von 10. März die Sperrung der voie Pompidou als eine Maßnahme bezeichnete, die nur den einheimischen BoBos und den Touristen nütze, aber den in Paris arbeitenden Pendlern aus dem Umland massiv schade, dann ist diese Dimension angesprochen. Paris wird ja manchmal als eine „ville-musée“ bezeichnet[22], in der aufgrund der horrenden Immobilienpreise „Normalverdiener“ keine Wohnperspektive haben: Der durchschnittliche Preis für einen Quadratmeter Wohnraum in Paris nähert sich derzeit den 10 000 Euro an. Das ist auch ein wesentlicher Grund dafür, dass der Anteil von (kleinen) Angestellten und Arbeitern an der Pariser Bevölkerung zwischen 1982 und 2013 von 18,2% auf 6,9% zurückgegangen ist, während der von Akademikern und Führungskräften (cadres) sich in der gleichen Zeit von 24,7% auf 46,4% erhöht hat[23] – eine Fortsetzung des Prozesses der Gentrifizierung, der mit dem großen Stadtumbau des Barons Haussmann im 19. Jahrhundert begonnen hat. Eine Konsequenz ist, dass die Bevölkerung von Paris in den letzten Jahren eher zurückgeht, während die Bedeutung der Stadt als politisches, administratives, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum Frankreichs ungebrochen ist. Soll gleichzeitig aber die Rolle des Autos im Stadtverkehr eingeschränkt werden, gewinnt der öffentliche Nahverkehr in der Region Paris immer mehr an Bedeutung. Dass da einiges im Argen  liegt, wird jedem Paris-Besucher schnell bewusst; erst recht erfährt es jeder, der in der Stadt wohnt, am eigenen Leib,  und am meisten diejenigen,  die im Umland wohnen, aber in Paris arbeiten. Le Monde hat sogar einmal von der „tiers-mondisation“ des Pariser öffentlichen Nahverkehrs gesprochen. (9.12.2016, S.23). Das ist ein Aspekt, der bei der aktuellen  Auseinandersetzung ja auch eine zentrale Rolle spielt. Wer den Autoverkehr in der Stadt reduzieren will, muss natürlich auch für umweltverträgliche Alternativen sorgen. Da gibt es derzeit –im Rahmen des Gemeindeverbundes „Grand Paris“ und auch im Blick auf die Olympischen Spiele 2024-  ehrgeizige Pläne und Projekte, wobei der Ehrgeiz  teilweise größer ist als die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel. Als ich jeden Falls meinen Friseur gefragt habe, ob er nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt gelangen könne, lächelte er mich nur nachsichtig an. Immerhin soll es ja Orte im Umland geben, von denen aus man mit öffentlichen Verkehrsmitteln wesentlich längere Zeit in die Innenstadt braucht als von dort mit dem TGV nach Lyon oder Straßburg.

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Insofern ist es nachvollziehbar, dass die politische Auseinandersetzung um die piétonnisation nicht nur zwischen den klassischen Fronten  rechts und links verläuft, die in Frankreich ja sowieso sehr ins Wanken geraten sind, sondern vor allem zwischen Stadt und Umland. Die Gruppe der Liberalen (UDI-Modem) im Pariser Stadtparlament zum Beispiel kritisierte die Schließung der voie Pompidou für den Autoverkehr als eine der üblichen „initiatives unilatérales“ der Pariser Stadtverwaltung und Ausdruck einer Missachtung des Umlands (mépris sur nos concitoyens de la banlieue).[24] Hauptwidersacherin von Anne Hidalgo ist nicht von ungefähr die Präsidentin der Region Ile de France, Valérie Pécresse.   Auch sie beklagt einen Pariser „Egoismus“ und die Rücksichtslosigkeit gegenüber den Bewohnern der Region[25]. In einer Rundfunksendung kritisierte sie, die Schließung der Autostraßen an den Seine-Ufern habe wesentlich weitgehendere Auswirkungen als das von der Marie de Paris behauptet werde. „Vor allem sind von dieser Schließung die Vororte betroffen und Bevölkerungsgruppen, an die niemand gedacht hat.“[26]

Damit spricht Pécresse eine in Frankreich weit verbreitete Stimmungslage an, nämlich das Ressentiment gegen den Moloch Paris, dessen Politiker keine Ahnung von dem hätten, was „draußen im Lande“, in „la France profonde“ passiert bzw. die sich dafür noch nicht einmal interessierten.

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Die hauptsächliche Argumentationslinie der Pariser Stadtverwaltung bei der Schaffung der autofreien Zonen an beiden Seine-Ufern war die Betonung des ökologischen  Nutzens, der Verringerung der Umweltbelastung und damit der Beitrag  für die Lebensqualität und die Gesundheit der Bevölkerung. Da diese Folgen aber nicht unumstritten sind, entwickelte sich daraus eine mit großem Aufwand geführte ökologische Auseinandersetzung, die immer noch im Gange ist.

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Auf dem am pont Marie festgemachten Hausboot le Marquonnet gibt es auf Deck ein Café und unten eine Bar, in der öfters auch Musikgruppen auftreten, hier eine mit unserer Freundin Blandine

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Die große Bedeutung der Ökologie in dieser Auseinandersetzung hat ihren Grund in der massiven    Umweltverschmutzung, unter der Paris leidet.  Dazu nur einige Fundstücke aus der entsprechenden Berichterstattung: 2014 hatte die Wirtschaftszeitung Les Echos Alarm geschlagen:  Unter der Überschrift „Pollution: l’urgence“ wies sie auf die Gefahren der Umweltverschmutzung für die Gesundheit der Menschen hin und warf der Regierung Untätigkeit vor.[27] 2015 berichtete die Zeitung, Paris sei  an einem Tag im März die Stadt mit der größten Luftverschmutzung der Welt gewesen.[28] Le Monde widmete am 8.12.2016 der „pollution à Paris“  seinen Leitartikel und bezeichnete die Stadt als „Pékin-sur-Seine.“ Einer der Hauptverursacher sei das Auto, dessen Gebrauch drastisch reduziert werden müsse.[29]

Die besondere Rolle des Autoverkehrs bei der Pariser Umweltbelastung ist auch darauf   zurückzuführen,  dass in Frankreich der Anteil der Diesel-Autos besonders hoch ist und französische Diesel-_Modelle zum Teil ganz oben in der Verschmutzungs-Skala angesiedelt sind. Frankreich ist deshalb, wie Le Monde im September 2016 schrieb,  « das Paradies der  dreckigen  Autos ».[30]

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Spalierobst an den Kaimauern

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Der Autoverkehr spielt dabei eine wesentliche Rolle, zumal in Frankreich der Anteil der Diesel-Autos besonders hoch ist und französische Diesel-Modelle zum Teil ganz oben in der Verschmutzungs-Skala angesiedelt sind. Frankreich ist deshalb, wie Le Monde schrieb,  « das Paradies der dreckigen  Autos ».

Dass unter solchen Umständen eine Stadt, die 2015 auch noch Gastgeberin der UN-Klimakonferenz war, nicht untätig bleiben kann, liegt auf der Hand.

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Zur Reduzierung der Umweltbelastung durch den Autoverkehr hat die Stadt Paris in den letzten Jahren ein ganzes Bündel von Maßnahmen und Programmen beschlossen.

  •   An Tagen mit besonderer Schadstoffbelastung kann eine sogenannte „circulation alternée“   angeordnet werden, das heißt, es dürfen jeweils nur Autos mit entweder gerader oder unge  rader Endnummer auf ihrem  Nummernschild in Paris fahren.[31]
  • An solchen Tagen sind dann auch die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel und das Parken von Autos auf sonst kostenpflichtigen städtischen Parkplätzen kostenlos.
  • Die städtischen Busse sollen rasch umweltfreundlich umgerüstet bzw. durch Busse mit Elektroantrieb ersetzt werden. [32]
  • Das Fahrradfahren in Paris soll durch die verstärkte Einrichtung eigener Fahrradspuren auf Kosten des Autoverkehrs gefördert werden- wie derzeit z.B. in der rue de Rivoli oder -für uns besonders interessant- auf den Boulevard Voltaire.  Paris soll –eine etwas großmäulige Ankündigung- sogar  „capitale mondiale de la bicyclette“ werden. [33]
  • Die den Autos vorbehaltenen Verkehrsflächen sollen an zentralen Orten der Stadt reduziert werden, z.B. durch den Umbau öffentlicher Plätze. So wird derzeit gerade auf der place de la Nation die Verkehrsinsel mit Dalous Statue  Der Triumph der Repubblik  deutlich vergrößert und dafür werden die Fahrspuren für den Autoverkehr entsprechend reduziert. Auf der place de la Bastille soll der Platz für den Autoverkehr sogar um 40% verringert werden. [34]

Schon ab 2024 sollen in Paris keine Diesel-Autos, ab 2030  dann überhaupt keine Autos mit Verbrennungsmotoren in Paris fahren dürfen, auch dies vielleicht –gerade in Anbetracht der oben angesprochenen Dominanz der Diesel-Fahrzeuge in Frankreich- eine etwas vollmundige Ankündigung, aber ein deutliches Signal. (35)

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In diesen Zusammenhang ist auch die von Anne Hidalge vorangetriebene Umwandlung eines Teils der voie Pompidou in eine Fußgängerzone zu sehen. Allerdings sind deren Auswirkungen auf die Umwelt sehr umstritten. Le Monde spricht in diesem Zusammenhang sogar von einem „Krieg der Zahlen.“[36]

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Eine Australierin, die  eiserne Ringe an den Kaimauern umhäkelt- ein privater Beitrag zur Stadtverschönerung, hier -worauf sie ausdrücklich hinwies-in den französischen Nationalfarben.

DSC03130 Berges de Seine April 2018 (7) Reifen

Es gibt nämlich mehrere Gutachten, die die Auswirkungen der pietonnisation untersuchen und beurteilen: Gutachten, die von der Stadt in Auftrag gegeben wurden, andere von der Region Ile-de-France, Und diese Gutachten kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen, die jeweils eher im Sinne der Auftraggeber ausfallen. Zu erklären ist das damit, dass die erhobenen Daten sich auf unterschiedliche Zeiten, Wochentage und Bereiche beziehen und bei unterschiedlichen meteorologischen Bedingungen erhoben wurden. Mit den bisher vorliegenden Studien über die Auswirkungen der Schließung lässt sich nach Darstellung von Le Monde „fast alles bzw. sein Gegenteil beweisen (37). Da kann nun jede Seite sich auf das stützen, was den eigenen Interessen/Intentionen am besten entspricht. Unbestritten, wenn auch wenig überraschend ist immerhin, dass auf dem für den Autoverkehr gesperrten Abschnitt der früheren Autoschnellstraße die Schadstoffbelastung zurückgegangen ist, und das ist ja immerhin ein deutlicher Erfolg. Airparif, die offizielle Instanz zur Messung der Luftqualität in Paris, hat jedenfalls „eine Verbesserung der -Qualität der Luft auf den für den Autoverkehr gesperrten Tiefkais“ festgestellt und dazu auch ein entsprechendes Schaubild veröffentlicht.

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Folgt man einer Arbeitsgruppe von Studenten der Eliteschule Mines-Paritech, die die Auseinandersetzung als Musterbeispiel eines vielschichtigen städteplanerischen Konflikts untersucht haben, dann ergaben die ersten Untersuchungen, dass der Verkehr durch die Sperrung der voie Pompidou nur verlagert wurde. Durch die dadurch verursachten  Staus sei die Umweltbelastung (einschließlich des Verkehrslärms) sogar noch gestiegen, anders als von der Stadt Paris beabsichtigt.[38] Neuere Untersuchungen deuteten allerdings auf eine kontinuierliche Senkung der Schadstoffbelastung hin (une baisse progressive du niveau  de pollution“). Es gäbe also Anlass zur Hoffnung, dass mit der Anpassung der Autofahrer an die neuen Gegebenheiten die Schadstoffbelastung nachhaltig sinke.[39]

Wie geht es nun nach dem Öffnungsbeschluss des Verwaltungsgerichts weiter? Wie man der Presse entnehmen konnte, ist ein solcher Gerichtsbeschluss unmittelbar wirksam und muss innerhalb von zwei Monaten exekutiert werden. Daran ändert  auch ein  Revisionsantrag  bei der nächsthöheren Instanz nichts, den die  Stadt Paris  angekündigt hat.[40]  Ein solcher Revisionsantrag ist aber durchaus aussichtsreich. Immerhin hat das Verwaltungsgericht nicht grundsätzlich eine pietonnisation für rechtswidrig erklärt. Es hat lediglich festgestellt, dass die gesetzliche Grundlage, auf die sich die Stadt bei ihrem Umwandlungsbeschluss gestützt hat, nicht hinreichend sei. Sie ermögliche zwar eine Schließung zu bestimmten Zeiten, aber keine dauerhafte. Das kann aber nach Auffassung von Verwaltungsjuristen durchaus korrigiert werden. Le Monde zitiert dazu einen entsprechenden Fachmann:

„Diese Angelegenheit ist juristisch einfach. Sie schiebt die Verwirklichung des Projekts auf, aber wenn der politische Wille vorhanden ist, wird die pietonnisation umgesetzt werden können.“[41]

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Blick auf die Conciergerie auf der Île de la Cité

Voraussetzung dafür könnte eine neue umfassende Studie über die Auswirkungen des Projekts sein, was aber sicherlich mehrere Monate  dauern  würde.

Allerdings gibt es noch eine einfachere Möglichkeit, die Sperrung beizubehálten, von der die Stadt Gebrauch gemacht hat: Anfang März hat sie erneut in Abstimmung mit dem Staat und dem für Verkehr zuständigen Polizeipräfekten und mit einer „nachgebesserten“ Begründung die Schließung  verfügt. Darin ist von einer Verringerung der Umweltbelastung und der Gesundheitsbeeinträchtigung nicht mehr die Rede.

Stattdessen wird die Bedeutung der Maßnahme für die Attraktivität der Stadt, vor allem auch für Touristen, herausgestellt. Das Seineufer werde durch die pietonnisation geschützt und ästhetisch und touristisch aufgewertet.[42]

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Blick vom Seine-Ufer auf die Westspitze der Île Saint – Louis, auf die Kuppel des Seniantheons und auf den Kirchturm von Saint Etienne du Mont

Schließlich gehören die Ufer der Seine seit 1991 zur UNESCO-Liste des Weltkulturerbes und in der aktuellen offiziellen UNESCO-Bewertung wird die endgültige Verbannung des Autoverkehrs aus dem zum Welterbe gehörenden Uferbereich ausdrücklich positiv herausgestellt. Die endgültige Schließung der unter dem UNESCO-Schutz stehenden Ufer auf beiden Seiten des Flusses trage dazu bei, deren Authentizität und Integrität zu bewahren- was in der neuen Begründung der Stadt für die Schließung zwar nicht zitiert, aber wörtlich übernommen wird.[43]

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Von den  berges aus kann man am besten die phantastischen Köpfe  (mascarons[44])  des Pont neuf, der ältesten Brücke von Paris,  bewundern.

Allerdings gibt es auch gegen diese neue Verordnung wieder zahlreiche Einsprüche von Anwohnern und Assoziationen. (44a)  Der Rechtsstreit geht also in eine neue Runde, und auch die politisches Auseinandersetzung ist noch im vollen Gange: Ende März hat eine Mehrheit der Pariser Stadtverordneten einen Antrag abgelehnt, mit dem die Pariser Stadtverwaltung aufgefordert werden sollte, alles zu tun, um eine Rückkehr das Autoverkehrs auf dem parc de Seine rive droite zu verhindern. Es gibt zwar eine deutliche Mehrheit für die Schließung, die inzwischen auch von Abgeordneten der Rechten befürwortet wird, aber auch erhebliche Kritik am Vorgehen der Bürgermeisterin, der unzureichende Abstimmung mit den Bürgern der Stadt und des Umlands vorgeworfen wird.[45]

Für die Dauer des Rechtsstreits wird die unwiderrufliche Umwandlung des rechten Seine-Ufers in eine Fußgängerzone entsprechend dem Vorbild auf der gegenüberliegenden Seite sicherlich nicht weiter vorangetrieben werden können, aber eine Rückkehr zum früheren  Zustand  ist, soweit ich das den Medien entnehmen kann, nicht vorstellbar. Hier gilt also offenbar das Sprichwort: „Aufgeschoben ist nicht Aufgehoben“. Wenn also auch die Straße immer noch vorhanden und theoretisch von Autos befahrbar ist, wird sie wohl  auch in Zukunft nur Fahrradfahrern, Joggern  und Skatern zur Verfügung stehen. „Und das ist auch gut so“, um ein geflügeltes Wort von Klaus Wowereit zu zitieren, dem ehemaligen Bürgermeister von Berlin, der Partnerstadt von Paris…

Abgeschlossen am 24.3.2018    W.J.

 

Anmerkungen:

[1] https://www.latribune.fr/entreprises-finance/services/transport-logistique/le-conseil-de-paris-valide-la-pietonisation-des-voies-sur-berges-hidalgo-jubile-602152.html

https://www.evous.fr/berges-de-seine-Paris-pietons-acces-activites-pratique-1177710.html#ab067GGzhRfcHR4M.99

https://www.paris.fr/rivesdeseine/arnaud-seite

[2] https://www.lesechos.fr/politique-societe/regions/0301330628952-paris-la-justice-annule-la-fermeture-des-voies-sur-berge-rive-droite

http://www.leparisien.fr/paris-75/pietonnisation-des-berges-a-paris-le-tribunal-annule-l-arrete-21-02-2018-7571961.php

[3] Das sind die sogenannten Bourgeois-Bohémiens, zu denen z.B. wohlhabende Kreative und die junge Elite des Informationszeitalters gehören. Von ihnen war  in diesem Blog schon mehrfach die Rede war, weil sie sich gerne in pittoresken Nischen alter populärer Viertel wie Belleville (https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2092), dem Goutte d’Or (https://wordpress.com/post/paris-blog.org/1077 )oder dem Faubourg Saint-Antoine (https://wordpress.com/post/paris-blog.org/32 )niederlassen.

[4] http://immobilier.lefigaro.fr/article/quand-le-corbusier-voulait-detruire-paris_2ebe1af0-215f-11e5-ab3a-648d85cc7f54/  und  Ces projets fous auxquels Paris a  échappé In: Le Parisien 11.3.2018, S. 28

https://fr.wikipedia.org/wiki/Plan_Voisin

Zu den Affinitäten le Corbusiers zum Faschismus siehe: https://www.welt.de/kultur/kunst-und-architektur/article141096303/Le-Corbusier-war-der-Faschist-des-rechten-Winkels.html

https://www.franceculture.fr/emissions/les-idees-claires/le-corbusier-et-l-architecture-totalitaire

[5]  Siehe den Blog-Beitrag zur Cité Universitaire https://wordpress.com/post/paris-blog.org/3848

[6] Siehe den Blog-Beitrag über den Faubourg Saint-Antoine, das Viertel der Revolutionäre: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/102

[7] La traversée de Paris en treize minutes.  In: Le Parisien 11.3.2018, S. 28

Wiederabdruck des Figaro-Artikels vom 22.12. 1967: http://www.lefigaro.fr/histoire/archives/2016/09/23/26010-20160923ARTFIG00337-voies-sur-berges-le-22-decembre-1967-pompidou-traverse-paris-en-13-minutes.php

[8] Le Figaro vom 23.9. 2016 a.a.O.

[9] Ein erstes Teilstück auf der rue de Rivoli wurde im März 2018 eingeweiht.

[10]  „Permettre à Paris de retrouver sa relation au fleuve“.  „Il ne s’agit pas de punir mais de diminuer la circulation et de donner une occasion de bonheur“. Zitate aus: http://www.paris.fr/politiques/berges-de-la-seine/l-amenagement-de-la-rive-droite-vote-au-conseil-de-paris/rub_9766_actu_115250_port_24314

https://www.lexpress.fr/actualite/societe/paris-delanoe-ferme-a-la-circulation-les-quais-rive-gauche_1214090.html

[11] Zum hôtel de Salm siehe den Blog-Beitrag über den cimetière de Picpus: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/1828

[12]http://www.evous.fr/spip.php?page=article&id_article=1176640?utm_source=MailHebdo&utm_medium=Arrd  vom 30. Mai 2012

[13] https://www.lexpress.fr/actualite/societe/paris-delanoe-ferme-a-la-circulation-les-quais-rive-gauche_1214090.html  vom 28. Januar 2013

[14] https://www.evous.fr/Voies-sur-berges-pietonnes-a-Paris-la-mairie-de-Paris-vous-repond,1176640.html#xl2oDIxST0JuADRu.99

https://www.lexpress.fr/actualite/societe/paris-delanoe-ferme-a-la-circulation-les-quais-rive-gauche_1214090.html  vom 28. Januar 2013

[15] https://www.evous.fr/berges-de-seine-Paris-pietons-acces-activites-pratique-1177710.html#Dy0D6GaYuZmfPMVS.99 (dieser Quelle ist auch die oben abgebildete Karte entnommen)

[16] https://www.lexpress.fr/region/ile-de-france/pietonnisation-a-paris-des-voies-sur-berges-de-seine-rive-droite_1834895.html

Zitat aus Der Spiegel,  Nr. 10 vin 3.3.2018, S.16

[17] http://www.lemonde.fr/municipales/article/2013/12/08/municipales-a-paris-les-grands-axes-du-programme-d-anne-hidalgo_3527502_1828682.html

[18] Siehe den Blog-Beitrag: Hochwasser in Paris.  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/1481

[19] https://www.parisinfo.com/decouvrir-paris/tourisme-durable-a-paris/le-nouveau-parc-rives-de-seine

(19a) Zitiert in Der Spiegel, a.a.O. (s. Anm. 16)

[20] http://www.lemonde.fr/planete/article/2018/02/22/fermeture-des-voies-sur-berge-a-paris-trois-questions-pour-comprendre-la-decision-de-justice_5261075_3244.html#Lwmij0moXt3klWFO.99

[21] C News 23. März 2018, L’info en plus, S. 6

[22] https://www.lexpress.fr/actualite/societe/paris-ville-musee_483410.html

[23] La ‚sécession‘ des citoyens les plus aisés. L’érosion de la mixité sociale menace le modèle républicain, selon und étude de la Fondation Jean-Jaures. In: Le Monde 22.2.2018, S. 7

Dazu kommt, dass  erhebliche Anteile des innerstädtischen Wohnraums dem Wohnungsmarkt überhaupt nicht zur Verfügung stehen: Durch kurzfristige Vermietung an Touristen kann man noch höhere Gewinne erzielen und manche Wohnungseigentümer erlauben sich einen völligen Leerstand, weil sie auf noch höhere Preise spekulieren.

[24] Tribune der Gruppe UDI-Modem  im Conseil de Paris. In: À Paris. Le magazine de la ville de Paris. Printemps 2018, S. 32

[25] https://www.ouest-france.fr/ile-de-france/paris-75000/pietonnisation-des-voies-sur-berges-paris-valerie-pecresse-en-appelle-l-etat-5612202

[26]http://www.lemonde.fr/planete/article/2016/11/18/circulation-a-paris-la-guerre-des-chiffres_5033430_3244.html

[27] http://www.lesechos.fr/economie-france/dossiers/0203377439395-pollution-lurgence-1043714.php

[28] https://www.lesechos.fr/19/03/2015/lesechos.fr/0204237490595_paris–ville-la-plus-polluee-au-monde-mercredi.htm

[29] http://www.lemonde.fr/idees/article/2016/12/08/pollution-a-paris-des-faux-airs-de-pekin-sur-seine_5045612_3232.html

[30]http://www.lemonde.fr/economie/article/2016/09/19/quelles-sont-les-marques-diesel-les-plus-polluantes-en-europe_5000171_3234.html

https://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2017/09/23/ausstieg-nicht-moeglich-frankreich-wird-fuer-den-diesel-kaempfen/ :

„In Deutschland, einem Land mit niedrigen Dieselanteil bei den PKW, beträgt der Dieselanteil an der gesamten Jahresfahrleistung des Straßenverkehrs rund 54 Prozent, in Frankreich, dem Land mit dem wohl höchsten Anteil von 81 Prozent.“

[31] http://www.lefigaro.fr/automobile/2014/03/16/30002-20140316ARTFIG00191-la-circulation-alternee-une-mesure-a-l-efficacite-controversee.php Allerdings kann diese Maßnahme nur mit Zustimmug der Regierung und des Polizeitpräfekten angeordnet werden, was durchaus konfliktträchtig ist. Siehe : http://www.lepoint.fr/politique/circulation-alternee-royal-ne-veut-pas-confondre-vitesse-et-precipitation-21-03-2015-1914744_20.php

[32]http://www.leparisien.fr/economie/les-bus-electriques-s-imposent-en-ville-12-03-2018-7603257.php 

[33] http://www.france24.com/fr/20170904-reportage-paris-revolution-velo-reseau-express-pollution-hidalgo-cycliste-piste-cyclable

[34] https://www.paris.fr/actualites/reinventons-la-nation-4701

s.a. Bientôt une presqu’île pietonne à la Bastille. In: À Paris. Le magazine de la ville de Paris. Printemps 2018, S. 8

https://www.paris.fr/services-et-infos-pratiques/urbanisme-et-architecture/projets-urbains-et-architecturaux/reinventons-nos-places-2540

[35]https://www.lexpress.fr/actualite/societe/environnement/fin-des-voitures-essence-a-paris-en-2030-un-objectif-realiste_1951663.html

Siehe auch: Paris vise la neutralité carbone en 2050. In: Le Monde, 23.3.2018, S. 6

[36] http://www.lemonde.fr/planete/article/2016/11/18/circulation-a-paris-la-guerre-des-chiffres_5033430_3244.html

[37] http://www.lemonde.fr/planete/article/2018/02/22/fermeture-des-voies-sur-berge-a-paris-trois-questions-pour-comprendre-la-decision-de-justice_5261075_3244.html#Lwmij0moXt3klWFO.99

[38] Siehe: http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2016/11/16/01016-20161116ARTFIG00382-voies-sur-berge-le-rapport-qui-denonce-l-explosion-des-embouteillages-a-paris.php

https://www.lexpress.fr/region/voies-sur-berges-a-paris-un-an-apres-les-embouteillages-se-sont-aggraves_1962465.html  (21.11.2017)

[39] http://controverses.minesparistech.fr/public/promo16/promo16_G26/www.controverses-minesparistech-6.fr/_groupe26/indexec34.html?page_id=165  Zusammenfassende Beurteilung:

„Les premiers impacts de la piétonnisation des berges rive droite allaient donc à l’opposé des souhaits de la ville. Les derniers résultats montrent toutefois que les comportements commencent à changer

Nach Angaben der Stadt hat der Automobilverkehr in Paris 2017 gegenüber dem Vorjahr um 4,8% abgenommen. (À Paris. Magazine de la ville de Paris. Printemps 2018, S. 4)

[40] https://www.lexpress.fr/actualite/societe/les-voies-sur-berges-vont-elles-rouvrir-malgre-l-annulation-de-la-pietonnisation_1987084.html

[41] Zit. http://www.lemonde.fr/planete/article/2018/02/22/fermeture-des-voies-sur-berge-a-paris-trois-questions-pour-comprendre-la-decision-de justice_5261075_3244.html#Lwmij0moXt3klWFO.99

[42) Pour la mairie, „l’accès des véhicules à moteur compromet la protection du site“, ainsi que „la valorisation du site à des fins esthétiques et touristiques“, alors que „la tranquillité de l’espace public et le caractère apaisé de la circulation“ sont désormais des „facteurs déterminants dans le choix d’une destination par les touristes“. https://www.francetvinfo.fr/meteo/particules-fines/pietonnisation-des-voies-sur-berges-a-paris-anne-hidalgo-a-signe-un-nouvel-arrete_2646238.html

Siehe auch: Voies sur berge: Hidalgo persiste et signe un nouvel arrêté. In: Le Figaro, 9.3.2018

[43]  „ La suppression définitive de la circulation automobile sur les quais bas dans la quasi-totalité des limites du bien, depuis 2014 sur la rive gauche et 2016 sur la rive droite, dans le cadre de l’aménagement des berges de la Seine, contribue à préserver son authenticité et son intégrité.“     http://whc.unesco.org/fr/list/600/

[44] http://www.carnavalet.paris.fr/fr/collections/mascaron-du-pont-neuf

(44a) http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2018/05/06/01016-20180506ARTFIG00161-voies-sur-berge-a-paris-pluie-de-recours-contre-anne-hidalgo.php

[45] Les berges de Seine enflamment le Débat. In: C News. 23.3.2018, S.6

 

Geplante Beiträge:

  • Street-Art in Paris (2):  Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • 50 Jahre 1968: Plakate der Revolte. Eine Ausstellung in der École  des Beaux- Arts in Paris
  • Auf dem Weg nach Paris: Die Mühle von Valmy, ein Fanal der Französischen Revolution
  • Street-Art in Paris (3):  Der Invader
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen (1): Das Pantheon der Frauen

Der Blog-Beitrag über das Pantheon besteht aus zwei Teilen: in dem einem geht es um die wechselhafte Geschichte des Baus und die großen und weniger großen Männer, die dort von dem dankbaren Vaterland geehrt werden; in dem anderen um die wenigen Frauen, denen die Ehre zu Teil wurde, ins Pantheon aufgenommen zu werden,, und um die möglichen weiteren, die für eine solche Ehrung infrage kommen könnten. Was die Reihenfolge betrifft: Wenn man es schon beklagt, dass Frauen im Pantheon sträflich zu kurz kommen, dann sollen sie auf diesem Blog wenigstens den Vortritt haben. Beginnen wir also mit den Frauen im Pantheon!

Dass das Pantheon ein Frauenproblem hat, zeigt schon ein flüchtiger Blick auf die Statistik: In der aktuellen Liste (Stand Anfang 2018) der im Pantheon von Paris bestatteten Personen findet sich folgende Angabe:

 Il y a à ce jour 76 Grands Hommes (72 hommes et 4 femmes) panthéonisés.[1]

Diese Angabe ist nicht nur in geschlechtsspezifischer Hinsicht bezeichnend, sondern auch sprachlich bemerkenswert. Mit den „Grands Hommes“ sind hier nicht nur Männer gemeint, sondern geschlechtsneutral Personen, wie die anschließende Differenzierung zeigt. Das ist politisch korrekt, historisch weniger. Denn als die Nationalversammlung 1791 beschloss, die der heiligen Genovefa geweihte Kirche zu einer Ehrenhalle für die „grands hommes“ umzuwandeln, hatte man dabei an Frauen  keineswegs gedacht.[2]

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Dass einmal Frauen ins Pantheon einziehen könnten, lag auch noch außerhalb der damals vorherrschenden Vorstellungen, als David d’Angers von 1830 – 1837 das Relief im Giebeldreieck des Pantheons schuf. Es gibt dort zwar drei Frauengestalten: In der Mitte stehend die Allegorie Frankreichs, die Lorbeerkränze verteilt, und rechts und links von ihr die Personifizierungen der Freiheit (la Liberté) und der Geschichte, die auf ihrer Tafel die Namen der „grands hommes“  einschreibt, von denen einige auf dem Relief  zu sehen sind– eine Frau ist allerdings nicht dabei.[3]

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Gipsmodell aus dem Museum Angers

Immerhin hat es nach dem Gründungsbeschluss von 1891 noch 116 Jahre, also bis 1907,  gedauert, bis die sterblichen Überreste einer Frau ins Pantheon überführt wurden. Die erste Frau, der diese Ehre zu Teil wurde, war Sophie Berthelot. Als ich vor einigen Jahren das Pantheon besuchte, wurde sie noch auf einer neben dem Grabmal beigefügten Informationstafel als Scientifique bezeichnet. Allerdings war sie keineswegs Wissenschaftlerin, sondern sie hat die  Pantheonisierung ihrem Mann, dem Chemiker Marcellin Berthelot, zu verdanken, der nun in der Tat ein bedeutender Wissenschaftler war. Die beiden Ehegatten hatten aber darum gebeten, nicht im Tode voneinander getrennt zu werden und diesem Wunsch wurde stattgegeben[4]. Verständlich ist das, wenn man bedenkt,  dass Marcellin Berthelot verstorben ist, kurz nachdem er vom Tod seiner Frau  erfuhr.

DSC02483 Pantheon Marie Curie Februar 2018 (19)

Inzwischen wurden die Tafeln an den Grabmälern durch Bildschirme ersetzt und da wird der wahre Grund für die Pantheonisierung von Sophie Berthelot genannt. (Auf der Wikipedia-Liste der im Pantheon bestatteten Menschen wird sie allerdings weiterhin als „scientifique“ geführt.[5])

 

Marie Curie im Pantheon

Dass allerdings Sophie Berthelot nicht wirklich „zählte“, wurde aus dem ebenfalls inzwischen geänderten Begleittext zum Grabmal von Marie Curie deutlich. Dort stand noch Anfang der 1990-er Jahre,  sie sei auf Antrag des Präsidenten François Mitterrand am 20. April 1995 als erste Frau unter die „grands hommes du Panthéon“ aufgenommen worden.[6] Das stimmte und stimmt so natürlich nicht, so dass das auf dem modernen Bildschirm nicht mehr zu lesen ist. Aber es  stimmt, dass es sage und schreibe 204 Jahre gedauert hat,  bis eine Frau aufgrund ihrer eigenen Verdienste ins Pantheon aufgenommen wurde: Und dafür musste man dann offenbar schon doppelte Nobelpreisträgerin sein![7]

Marie Curie braucht man hier nicht vorzustellen. Sie ist bekannt und wird –wie auch Chopin- von Frankreich und auch von Polen geehrt, wie das Blumengesteck auf ihrem Sarkophag im Pantheon zeigt.

Pantheon Curie Juli 2010 034

Durch eine von November 2017 bis März 2018 im Pantheon gezeigte Ausstellung über Marie Curie –Anlass war ihr 150. Geburtstag- habe ich allerdings Interessantes und für mich Neues über ihre Persönlichkeit, ihre Arbeit und ihr Engagement erfahren.

DSC01804 Marie Curie Ausst. pantheon (1)

So meldete sie trotz vieler wegweisender Entdeckungen kein einziges Patent an. Sie war nämlich davon überzeugt, dass die Fortschritte der Wissenschaft ungehindert der ganzen Menschheit zu Gute kommen sollten. Und in den 1920-er Jahren engagierte sie sich im Rahmen des Völkerbunds für den internationalen wissenschaftlichen Austausch.  Auch ihr Engagement für die Menschen bestimmte zeitlebens ihre Arbeit: Die Möglichkeiten einer medizinischen Nutzung ihrer Forschungen interessierten und motivierten sie sehr. Im Ersten Weltkrieg entwickelte sie  einen Röntgenwagen und erwarb den Führerschein, um ihn zu den Verwundeten hinter die Front zu bringen. Und in ihrem Radium-Institut förderte sie in den 1920-er Jahren ganz bewusst Frauen und ausländische Studierende und Forscher. Die Widerstände, die sie zu überwinden hatte, waren  aber auch beträchtlich: Sie kam ja nur deshalb nach Frankreich, weil  sie als Frau nicht zum Studium an der Warschauer Universität zugelassen wurde.

DSC02483 Pantheon Marie Curie Februar 2018 (30)

Zwar durfte sie als „Madame Pierre Curie“  am 12. Februar 1910 das Titelblatt der Zeitschrift „Les Hommes du Jour“ (No 180) zieren, aber ein Jahr später wurde ihr nach einer heftigen „bataille académique“ die Aufnahme in die französische Akademie der Wissenschaften verweigert, weil dort –nach Auffassung der Mehrheit der Akademiker- eine Frau keinen Platz  hatte, wie in der Ausstellung dokumentiert wird.[8] Insofern konnte es kaum eine geeignetere Wahl für eine große Frau unter den großen Männern geben als sie.

Das Musée Curie

Wenn die Ausstellung m Pantheon auch schon beendet ist: Ein Besuch im dem kleinen Musée Curie lohnt auf jeden Fall. Es ist im ehemaligen Laboratorium der Curies untergebracht und liegt nur wenige Gehminuten vom Pantheon entfernt in der rue Pierre et Marie Curie.[9]  Man kann dort  das (einem Außenstehenden wie mir äußerst bescheiden erscheinende) Labor und den Schreibtisch sehen, an dem Marie Curie von 1914- 1934 arbeitete.

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Es gibt auch eine Reihe von interessanten  Ausstellungsstücken. Zum  Beispiel den Behälter aus Blei und Akazienholz und die 10 Glasröhrchen (en verre de Thuringe de 0,27 mm d’épaisseur), die das 1 Gramm Radium enthielten, das Marie Curie 1921 von dem amerikanischen Präsidenten Warren G. Harding  überreicht wurde.

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Ziemlich bizarr sind einige Ausstellungsstücke aus den „années folles du radium“ (aus dem Begleittext), als das  Radium in zahlreichen Gebrauchsgegenständen verwendet wurde, zum Beispiel von der Uhrenindustrie als Leuchtmittel für Uhrzeiger (bis in die 1950-er Jahre) oder von der pharmazeutischen Industrie für Salben gegen Sonnenbrand und als Schönheitsmittel. Besonders verbreitet war offenbar die Kosmetik-Marke „Tho-Radia“, deren Salben und Seifen „auf der Basis von Thorium und Radium“ (Eigenwerbung) hergestellt wurden, und zwar „nach den Rezepten des Dr. Alfred Curie“. Dieser Name war sicherlich ein höchst wirksames, gleichzeitig aber auch unverschämtes Marketing-Instrument:  Dieser Arzt hatte nämlich mit Marie und Pierre Curie nicht das Geringste zu tun, es gab also keinerlei verwandtschaftliche, geschweige denn professionelle Beziehungen. Das wurde in der Werbung natürlich verschwiegen.

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Zu dem Museum gehört auch der kleine Garten, den Marie Curie  selbst als  Ort der Erholung und des Austauschs hinter ihrem Institut eingerichtet hat. Der Garten wurde aus Anlass des 150. Geburtstages  im November 2017 als „Jardin Marie Curie“ der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dazu gehört auch ein Denkmal mit den Büsten von Marie und Pierre Curie.

DSC02612 Musee Curie (2)

Gewohnt hat übrigens Marie Curie auf der Südseite der Île  Saint Louis (Quai de Béthune 36) im Blick auf das Pantheon. Später hat dort auch der (Mit-)Initiator und (Mit-)Autor der UN-Menschenrechtserklärung von 1948 und Friedensnobelpreisträger René Cassin gewohnt, dessen sterbliche Überreste ebenfalls im Pantheon ruhen. Wie wunderbar das zusammenpasst!

DSC01230 Atelier Camille Claudel (6)

Des femmes au Panthéon!/Frauen ins Pantheon!

Dass es bei Marie Curie als einziger ihrer Verdienste wegen pantheonisierten Frau nicht bleiben kann, war allerdings schon 1995 klar. Und es bedurfte ja auch nicht erst der Frauenbewegung, um die einseitig männliche Ausrichtung des Pantheons zu kritisieren.  Karl Gutzkow, ein prominenter Vertreter der vorrevolutionären jungdeutschen Bewegung, veröffentlichte 1842 seine Briefe aus Paris. Darin bezieht er sich auch auf das Pantheon. Er schreibt:

 „Ich wollte … heute das Pantheon sehen, das die Franzosen der Unsterblichkeit gewidmet haben. Aux grandes hommes la patrie reconnaissante. Man muss bergaufsteigen, um in die Nähe der Unsterblichkeit zu kommen. … Auch aux grandes femmes hätte man es der Genoveva zu Liebe widmen sollen. Die heilige Dulderin würde Charlotte Corday mit ihrem Geisterkuss begrüßt haben.[10]

Gutzkow macht also  gleich einen Vorschlag, welche Frau er des Pantheons würdig erachtet, nämlich Charlotte Corday, die mit der Ermordung Marats der jacobinischen Schreckensherrschaft ein Ende zu machen versuchte, die aber unter der Guillotine endete.

Es dauerte allerdings noch sehr lange, bis eine breite und lautstarke Bewegung für eine Aufnahme von Frauen ins Pantheon entstand. Eine wichtige Stimme in diesem Sinne war die von Simone Veil, einer Frau des Widerstands und der ersten Präsidentin den Europarlaments. 1992 – damals war sie französische Ministerin- sagte sie in einer Rundfunksendung:

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Dass es keine Frau im Pantheon gibt, heißt zu leugnen, was Frauen in der Vergangenheit zum Vaterland beigetragen haben.

Die drei Jahre später erfolgte  und längst überfällige Pantheonisierung  einer Frau (aufgrund eigener Verdienste), nämlich von Marie Curie, durch Präsident Mitterand war dann gewissermaßen ein Meilenstein, weil sie  zeigte, dass tatsächlich zu den „grands hommes“ auch Frauen gehören könnten. Und es entwickelte sich nun auch eine Debatte, welche weiteren Frauen ins Pantheon aufgenommen werden sollten.

Es waren vor allem feministische Gruppen, die entsprechende Vorschläge unterbreiteten.  Unter der Überschrift Aux grandes femmes la patrie reconnaissante schlug zum Beispiel  das  Collectif femmes au Panthéon insgesamt 16 Frauen für eine Pantheonisierung vor.[11] Darunter waren die Schriftstellerinnen Simone de Beauvoir, Colette und George Sand, die Bildhauerin Camille Claudel, die Pilotin Hélène Boucher, die 1934 zur „schnellsten Frau der Welt“ wurde, und mehrere Widerstandskämpferinnen gegen den Faschismus, u.a.  die Ethnologin Germaine Tillon.  Bemerkenswert waren in dieser Liste auch –und vor allem-  drei Namen von Frauen, deren politisches Engagement besonders umstritten war und die dafür einen hohen Preis bezahlen mussten:

  • Louise Michel, die Heldin der Pariser Commune, die nach deren Niederschlagung nach Neu-Caledonien verbannt wurde.

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  • die Mulattin Solitude, eine Streiterin gegen die Sklaverei in Guadeloupe. Sie wurde 1802 zum Tode verurteilt und hingerichtet. Ihr Vergehen: Sie hatte sich gegen die von Napoleon verfügte Wiedereinführung der Sklaverei in den karibischen Kolonien Frankreichs zur Wehr gesetzt.[12]

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  • Olympe de Gouges, die es gewagt hatte, 1791 eine „Déclaration des droits de la femme et de la citoyenne“, also eine Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin, zu verfassen und – auch deswegen- 1793, im Jahr des jacobinischen Terrors,  guillotiniert wurde.[13]

crqps6qumaa2_vw Olympe de Gouges

Die Frau hat das Recht,  das Schafott zu besteigen; sie muss ebenso das Recht erhalten,

auf die Rednertribüne steigen.

Ein entscheidender Schritt zu einer weiteren Öffnung des Pantheons erfolgte unter der Präsidentschaft François Hollandes. Hollande beauftragte nämlich 2013 das Centre des monuments nationaux (CMN), zu dessen Zuständigkeiten auch das Pantheon gehört, Vorschläge zur Pantheonisierung zu machen und  den Franzosen die Möglichkeit zu geben, sich an entsprechenden Überlegungen zu beteiligen.[14] Im Oktober 2013 legte der Präsident des CMN, Belaval,  dem Staatspräsidenten den angeforderten Bericht mit dem anspruchsvollen Titel „Pour faire entrer le peuple au Panthéon“ vor.

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Das Volk im Pantheon. Installation während der Bauarbeiten an der Kuppel

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Es sollte, wie der Titel anzeigt, darum gehen, das Pantheon zu einem Ort zu machen,  mit  dem „das Volk“ sich identifizieren kann, den es also –trotz aller Sterilität und Monumentalität des Baus- auch gerne betritt. Und natürlich sollten die anstehenden Pantheonisierungen solche Identifikationen ermöglichen und fördern. Allerdings verzichtete Bélaval darauf, eine „top-10-Liste“ oder dergleichen zu erstellen.  Aber er gab doch eine deutliche Richtung vor: Als nächstes sollten „Frauen des 20. Jahrhunderts“ ins Pantheon aufgenommen werden, die sich durch ihren Mut und ihr republikanisches Engagement ausgezeichnet hätten. Bélaval schlug also  ausdrücklich vor, dass Hollande aufgrund des starken Ungleichgewichts von Männern und Frauen während seiner Amtszeit nur Frauen pantheonisieren sollte. Und es sollte sich um Frauen des 20. Jahrhunderts handeln: Man brauche für das Pantheon Frauen, die sich vorbildlich verhalten hätten in schwierigen, nicht zu weit zurückliegenden Zeiten wie dem Krieg 1914-1918 und dem Zweiten Weltkrieg mit der Résistance und der Deportation der Juden. Und schließlich solle es sich nicht um Opfer handeln. Er fände es gut,  wenn es bei den Ausgewählten auch ein Leben nach diesen Prüfungen gegeben habe. Diese Frauen sollten daraus gestärkt in ihren republikanischen Überzeugungen herausgekommen sein, „um danach die Welt mit ihrer politischen, sozialen, erzieherischen und humanitären Arbeit zu verändern.”[15]

Außerdem schlug Bélaval vor, im Innenraum des Pantheons ein gemeinschaftliches Monument für alle Heldinnen der Frauenemanzipation („un monument collectif à toutes les héroïnes de l’émancipation féminine„) zu errichten. Dort könne dann auch die  „Déclaration des Droits de la Femme et de la Citoyenne“ von Olympe de Gouges gewürdigt werden.

Es war nun interessant zu sehen, wie François Hollande sich gegenüber all diesen Forderungen und Vorschlägen positionieren würde. Ein wichtiges Auswahlkriterium war für ihn sicherlich das Bestreben, dabei möglichst wenig Angriffsflächen zu bieten, so wie es in einer Karikatur von Le Monde zum Ausdruck kam.

Karikatur Le Monde DSC02380

Le Monde 20.4.2013:  Diderot, Pierre Brossolette, Marc Bloch, Stephane Hessel, Olympe de Gouges….    Pfff, die Aufgabe ist knifflig…. Es geht darum, niemanden zu verärgern

 

Der Einzug von zwei Widerstandskämpferinnen ins Pantheon 2015

Hollandes Wahl fiel schließlich auf vier Persönlichkeiten des Widerstands, und zwar geschlechtsparitätisch auf zwei Männer,  Pierre Brossolette und Jean Zay, und zwei Frauen, Geneviève de Gaulle-Anthonioz und Germaine Tillon.

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Die Entscheidung für Widerstandskämpfer/innen zielte auf einen möglichst breiten Konsens, denn der Widerstand gegen die deutsche Besatzung ist ja gewissermaßen der kleinste gemeinsame Nenner des französischen historischen Selbstverständnisses. Da konnte man einer breiten Zustimmung sicher sein, auch wenn es dann doch ein paar kritische Stimmen gab, die meinten, durch die Wahl von Brossolette würde das Licht von Jean Moulin in den Schatten gestellt, oder die unter Hinweis  auf ein pazifistisches und angeblich unpatriotisches Gedicht des jungen Jean Zay aus dem Jahr 1924 ihn für Pantheon-inkompatibel hielten.[16] Dass zwei Frauen dabei waren, entsprach zwar nicht dem weitergehenden Vorschlag des CMN- Präsidenten und den Forderungen der Frauenbewegung, aber immerhin erhöhte Hollande damit die Zahl der im Pantheon vertretenen Frauen um glatte 100%.

Am 27. Mai 2015 wurden die vier Auserwählten in einem Festakt ins Pantheon überführt. Hier der Sarg mit den sterblichen Überresten von Germaine Tillon.

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Für den eher umstrittenen und wenig populären Präsidenten[17] eine gute Gelegenheit, die Einheit der Nation zu beschwören und sich ein „Bad in der (handverlesenen) Menge“ zu gönnen.[18]  Ist doch eine Pantheonisierung, wie le Monde damals schrieb, „l’une des rares gloires que peut encore s’offrir un président de la République.“[19] 

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Ich war zunächst von der Entscheidung François Hollandes etwas enttäuscht. Dass der Präsident weder Olympe de Gouges noch Louise Michel und (natürlich) schon gar nicht Solitude berücksichtigt hatte, fand ich wenig mutig.  Nachdem ich mich aber etwas mit Germaine Tillon und Geneviève de Gaulle Anthonioz beschäftigt habe, denke ich, dass es sich um eine gute Entscheidung gehandelt hat. Der CMN- Präsident Bélaval hatte ja in seiner Eingabe angeregt, es sollten Frauen ins Pantheon aufgenommen werden, die sich in schwierigen Zeiten wie der Résistance oder der Déportation bewährt hätten, danach aber, gestärkt in ihren republikanischen Überzeugungen, bestrebt gewesen seien, die Welt mit ihrer politischen, sozialen, erzieherischen und humanitären Arbeit zu verändern. Germaine Tillon und Geneviève de Gaulle- Anthonioz entsprechen, wie in der parallel zur Pantheonisierung gezeigten Ausstellung belegt wurde[20], dem genau und machen damit dem  Pantheon alle Ehre. Das soll im Folgenden etwas erläutert werden.

 

Germaine Tillon (1907-2008) und Geneviève de Gaulle Anthonioz (1920-2002)

Als junge Ethnologin beschäftigte sich Germaine Tillon vornehmlich mit Berberstämmen im Süden Algeriens: Sie lernte deren Sprache und erforschte ihre Sitten, ihre familiären und sozialen Beziehungen, ihre religiösen Vorstellungen. Der „Bezugspunkt“ Tillons in Frankreich war das Musée de l’Homme in Paris, das während der deutschen Besatzung zu einem Zentrum des Widerstands wurde. Germaine Tiillon schloss sich diesem Kreis von résistants an. Ihre Aufgabe bestand vor allem darin, Beziehungen zwischen verschiedenen Gruppen des Widerstands und mit der Leitung von France libre in London herzustellen. 1942 wurde sie denunziert und 1943 ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert.

Die Zustände im Konzentrationslager beobachtete Germaine Tillon mit den Augen einer Ethnologin: Konfrontiert mit der erbärmlichen Lage ihrer Mithäftlinge und der Unerbittlichkeit der Aufseherinnen, sammelte sie alle ihr zugänglichen Informationen, versuchte ihre Beobachtungen zu ordnen und  das Geschehen im Lager zu verstehen.[21]

Um ihre Informationen festzuhalten, wendete sie raffinierte Mittel an: Dass Häftlinge angesichts ihrer Entbehrungen sich in Traumwelten -beispielsweise der haute cuisine-  flüchten, werden wohl auch die Aufseherinnen verstanden und akzeptiert haben. Dass das Rezept Tillons für die Zubereitung von escrevisses basquaises allerdings ein Akrostichon aufweist, die Anfangsbuchstaben jeder Zeile also eine Botschaft vermitteln, nämlich den Namen des SS-Arztes Dr. Helinger, werden sie kaum durchschaut haben.  Tillon wird ihre  Erfahrungen und Beobachtungen später in einem Buch über Ravensbrück zusammenfassen.

Ganz außergewöhnlich und auf den ersten Blick vielleicht befremdlich ist, dass Germaine Tillon im KZ das Libretto einer Operette über das Lager schrieb: „Le Verfügbar aux Enfers“, (Der ‚Verfügbar‘ in der Unterwelt). Der Begriff „Verfügbar“ im Titel bezieht sich auf die Häftlingskategorie derjenigen Gefangenen, die von der SS keinem bestimmten Arbeitskommando zugeordnet waren und in den Augen der SS als frei disponibel, eben verfügbar,  galten. In dem Stück geht es um einen Wissenschaftler, der sich für die neue Spezies der „Verfügbaren“ interessiert und dem diese in Liedern, deren Melodien u.a. aus bekannten Operetten übernommen waren, ihre Situation schildern: Ein Versuch, etwas Abwechslung, ja Lachen in das Lagerdasein der Häftlinge zu bringen, aber auch wichtige Informationen zu vermitteln.  Tillon übte das Stück 1944/1945 mit ihren Mitgefangenen ein – eine Aufführung fand 2007 zum 100. Geburtstag von Tillon im Théâtre du Châtelet in Paris statt. [22]

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Choeur des jeunes.

On m’a d’abord pris mes bijoux,
Ma valise et mon sac en cuir roux,
Mes petites provisions,
mon bout de saucisson,
Ma chemise et mon pantalon…
Je croyais qu’on m’avait tout pris,
Et j’espérais que c’était fini…
Comme un bébé naissant j’étais nue
Et c’est alors qu’ils m’ont tondue!

 

Choeur des vieux.

On t’a pris tes cheveux,
Pour serrer des moyeux,
Mais ça ne suffit pas!
Tu travailleras,
Tu ne mangeras pas…
Quand tu succomberas,
On t’achèvera,
On te brûlera,
Et ta graisse encore servira…

 

 

Auch Geneviève de Gaulle-Anthonioz war ein Jahr lang, vom Februar 1944 bis Februar 1945,  Häftling  im Konzentrationslager Ravensbrück. Aus Empörung über das Waffenstillstandsgesuch des Marschalls Pétain und ermutigt von dem Appell ihres Onkels, des Generals und späteren Staatspräsidenten de Gaulle, zur Fortführung des Kampfes schloss sie sich schon im Juni 1940 dem Widerstand an.  Zunächst waren es nur isolierte Widerstandshandlungen in Rennes, wo sie studierte, wie beispielsweise das Abreißen von Propagandaplakaten der Vichy-Regierung, die sie durch das lothringische Kreuz, das Zeichen des gaullistischen Widerstands, ersetzte.  Die Arbeit im Widerstand intensivierte sie seit ihrer Übersiedlung nach Paris im Herbst 1941. Am 14. Juli 1943 verteilte sie auf offener Straße das Widerstandsblatt Défense de la France, dessen Redaktionssekretärin sie war und in dem sie auch, als einzige Frau, Artikel veröffentlicht hatte. Von einem in die Zeitung eingeschleusten Agenten Vichys verraten, wurde sie wenige Tage später von französischen Milizionären verhaftet und an die Gestapo ausgeliefert. In Ravensbrück lernte sie Germaine Tillon kennen und schloss Freundschaft mit ihr. Die letzten Monate in Ravensbrück verbrachte sie, die auch „le petit de Gaulle“ genannt wurde, auf Befehl Himmlers in Einzelhaft, um sie  ggf. als „Zahlungsmittel“ für einen Gefangenenaustausch verwenden zu können.

 

Die Kontinuität des Widerstands von Tillon und de  Gaulle-Anthonioz nach dem Krieg

Nach der Befreiung sah es  Germaine Tillon als ihre erste Aufgabe an, die in Ravensbrrück begonnene analytische Arbeit fortzusetzen und Grundlagen für eine Geschichte des Widerstands und des KZ-Systems zu schaffen. Zusammen mit de Gaulle-Anthonioz wurde sie beauftragt, als Beobachterin und Zeugin an einem Prozess gegen Mitglieder des KZ-Personals von Ravensbrück teilzunehmen. Als dort eine Aufseherin fälschlich beschuldigt wurde, entschieden sich die beiden –trotz allem, was  sie im KZ erlitten hatten-  für die Wahrheit: Bei ihr müsse man auch dann bleiben,  wenn es etwas koste. So protestierte Tillon auch –anders als viele Stalin-treue ehemalige Widerstandskämpfer- gegen die Weiterverwendung nationalsozialistischer Konzentrationslager durch die Sowjets und gegen das Gulag-System.[23]

Eine entscheidende neue Wende erfuhr ihr Leben durch die „Ereignisse in Algerien“, wie der Algerien-Krieg in der offiziellen französischen Sprachregelung genannt wurde. Dort hatte sie ja  als junge Ethnologin gearbeitet und so verfolgte sie die Zuspitzung des Konflikts zwischen den algerischen Aktivisten und Kämpfern  der Unabhängigkeitsbewegung und der französischen Verwaltung, Polizei und Armee mit großer Aufmerksamkeit. 1957, auf dem Höhepunkt der „Schlacht um Algier“ reiste sie nach Algerien. Sie verurteilte die Angriffe der Unabhängigkeitskämpfer auf Zivilisten, gleichzeitig aber auch die von der Armee völlig außerhalb jeden gesetzlichen Rahmens angewandten Foltermethoden und willkürlichen summarischen Erschießungen.  Dabei wurde sie an  ihre  eigenen Erfahrungen im Widerstand  erinnert:

Aus einer Tafel  der Pantheon-Ausstellung:

„Sie hat die Taschen voll von kleinen Zetteln mit  Hilferufen von Gefangenen. Sie schreibt Brief auf Brief an diejenigen, die die Macht haben, gegen die Hinrichtung von Unschuldigen vorzugehen. Erschrocken denkt sie: ‚Man tötet sie, wie die Nazis meine Kameraden getötet haben.‘ Jedes Mal wenn ein algerischer Widerstandskämpfer hingerichtet wird,  kommt wieder das Leid in ihr hoch, das sie verspürte, wenn einer ihrer Freunde auf dem Mont Valérien erschossen  wurde.“[24]

Heimlich und verkleidet trifft sie sich mit dem in der Kasbah untergetauchten für Algier zuständigen Chef des Widerstands, Yacef Saâdi. Sie kann ihn davon überzeugen, Angriffe auf Zivilpersonen zu unterlassen. Im Gegenzug verspricht Germaine Tillon, im Bewusstsein ihrer Aura als Widerstandskämpferin und ihrer engen Kontakte zur französischen Administration, auf ein Ende der Exekutionen durch die Armee hinzuwirken. Während  Saâdi Wort hält und die Angriffe auf französische Zivilisten aufhören, wird von der Armee weiter guillotiniert. Saâdi  wird verhaftet und in drei Prozessen, in denen Germaine Tillon für ihn aussagt, mehrfach zum Tode verurteilt. Als kurz danach de Gaulle an die Regierung kommt und dem Algerienkrieg ein Ende macht, wird Saâdi wie alle anderen zum Tode verurteilten Algerier begnadigt. Und bei der Beerdigung von Germaine Tillon und ihrer Pantheonisierung erweist Yacef Saâdi, der algerische Widerstandskämpfer, Germaine Tillon, der französischen Kämpferin gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit, die letzte Ehre. Was für eine Geschichte! Quelle histoire![25]

Auch im Leben der  Geneviève de Gaulle-Anthonioz gibt es nach Widerstand und Gefangenschaft ein neues Engagement. Wendepunkt ist bei ihr 1958 die Begegnung mit dem Priester Joseph Wresinski. Dieser hatte 1957 für und mit Familien, die in dem Barackenlager Noisy-le-Grand in der Pariser banlieue lebten, die Bewegung ATD Quart Monde gegründet. Das Lager aus Wellblech-Iglus war 1954 von Abbé Pierre eingerichtet worden, um Obdachlosen wenigstens ein Dach über dem Kopf zu geben.

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Über ihren ersten Besuch in dem Lager schreibt  Geneviève de Gaulle Anthonioz:

„Kein Zweifel. Was ich auf den Gesichtern dieser Männer und Frauen las, entsprach dem, was ich vor langer Zeit auf den Gesichtern meiner deportierten Kameraden im Lager von Ravensbrück gelesen hatte: Die Erniedrigung und die Verzweiflung eines menschlichen Wesens, das um die Erhaltung seiner Würde kämpft. (…) Ich war erschüttert von dem, was ich entdeckte, weil ich es selbst erlitten hatte. (…) Ich wusste was Erniedrigung heißt … Ich wusste was es heißt, keine Hoffnung mehr zu haben. In den Lagern war es ähnlich.[26]

Und weiter:

„Ich hatte nicht gewusst, dass es eine solche Marginalisierung eines Teils der Bevölkerung gab. (…) Diese Marginalisierung und die Zurückweisung, die die Familien erlitten, erschienen mir sehr ungerecht. Das war genau das Gegenteil dessen, wofür ich in der Résistance und während der Deportation gekämpft hatte. Wir hatten für die Würde jedes einzelnen Menschen gekämpft, damit sein Wert und seine Rechte anerkannt würden. Ich entdeckte nun eine Welt im Abseits, die nichts mit meinem täglichen Leben zu tun hatte.[27]

Geneviève de Gaulle- Anthonioz zog daraus die Konsequenz, sich in ATD Vierte Welt zu engagieren.  Von 1964 bis 2001 war sie Präsidentin dieser Organisation.

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Hier sieht man sie bei einer Rede 17. Oktober 1989 auf dem Trodadéro-Platz gegenüber dem Eiffel-Turm.  Dort waren zwei Jahre vorher über 100 000 Menschen einem Aufruf von Joseph Wresinski gefolgt, um für die Einhaltung der Menschenrechte auch gegenüber den Ärmsten der Gesellschaft einzutreten. Der Ort war bewusst gewählt worden, weil im Palais de Chaillot, zwischen dessen Flügeln er liegt,  die Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948  die Allgemeine Erklärung  der Menschenrechte verabschiedet hatte.  1985 hatte der Platz auf Initiative François Mitterands  den Namen parvis des droits de l’homme  erhalten. Seit 1987 ist dort das Emblem von ATD Quart Monde eingraviert und an  jedem 17. Oktober wird dort der Internationale Tag für die Beseitigung der Armut begangen.

DSC01874 Trocadéro 10. Dez 2017 (29)

Dazu der Aufruf Wresinskis:

« Là où des hommes sont condamnés à vivre dans la misère, les droits de l’homme sont violés. S’unir pour les faire respecter est un devoir sacré ».[28]

Tillon wie de Gaulle-Anthonioz engagieren sich also nach dem Krieg erneut, leisten weiter Widerstand, weil sie erschrocken und entsetzt Parallelen zwischen erlebter Vegangenheit und neu entdeckter Gegenwart erkennen:   Bei Tillon war es der Algerien-Krieg und das Erschrecken über Untaten der französischen Armee,  bei de Gaulle-Anthonioz die Entdeckung der Vierten Welt im eigenen Land.[29] Eine beeindruckende Kontinuität des Widerstands im Leben dieser des Pantheons würdigen Frauen!

Aus Anlass der Pantheonisierung von de Gaulle-Anthoniaz und Tillon wurden die Rollgitter der Buchhandlung in der rue de Taillandier in Belleville mit den Portraits der beiden Frauen geschmückt.

 

Ausblick

Am 1. Juli 2018 wird eine weitere Frau ins Pantheon aufgenommen werden, und zwar Simone Veil. Sie war Auschwitz-Überlebende, als zweite Frau Ministerin in einem französischen Kabinett und als erste Frau Präsidentin des Europäischen Parlaments.  Simone Veil starb am 30. Juni 2017 in Paris. Zu ihrer Ehre wurde in den Invalides ein Staatsakt veranstaltet, bei dem Staatspräsident Emmanuel Macron ihren Einzug und den ihres Mannes, Antoine Veil, ins Pantheon ankündigte.  Termin der feierlichen Pantheonisierung ist der 1. Juli 2018.[30]

Macron wird sich wohl kaum mit dieser Pantheonisierung begnügen, und dabei  wird er sicherlich auch auf die  „Frauenquote“ bedacht sein. Man darf also gespannt sein.

 

Zum Weiterlesen:

Geneviève de Gaulle Anthonioz, La Traversée de la Nuit. Paris: Seuil 1998

Germaine Tillon, Ravensbrück. Paris: Seuil 1988

Germaine Tillon, La Traversée du Mal. Paris 2000

http://www.resistances-morbihan.fr/temoignage-de-germaine-tillion-sur-ravensbruck/

Caroline Glorion, Geneviève de Gaulle Anthonioz, une résistante au Panthéon.  Paris: Plon 2015

Armelle Mabon (ed), L’engagement à travers la vie de Germaine Tillon. 2013

Germaine Tillon, Geneviève de Gaulle Anthonioz. Play Film  (DVD mit Gesprächen zwischen beiden Frauen aus dem Jahr 2000)  http://www.film-documentaire.fr/4DACTION/w_fiche_film/10507_1

Jeanne-Marie Martin, Portraits de Résistants. 10 vies de courage. Paris 2015

Claire Lemonnier, Elles, ces Parisiennes. Promenades à la rencontre des femmes d’exeption. Paris: Parigramme

 

Anmerkungen:

[1] https://fr.wikipedia.org/wiki/Liste_des_personnes_inhum%C3%A9es_au_Panth%C3%A9on_de_Paris

[2] Entsprechend war es ja auch mit den Menschenrechten, den „droits de l’homme“, die zunächst ja eher Männerrechte waren. Immerhin hat es –beispielsweise- bis nach dem 2. Weltkrieg gedauert, bis Frauen in Frankreich das Wahlrecht erhielten.

[3] http://musees.angers.fr/collections/uvres-choisies/galerie-david-d-angers/david-d-angers-fronton-du-pantheon-detail/index.html

[4] Jacqueline Lalouette,   Amour et chimie au Panthéon. In: mensuel 326, Dezember 2007

http://www.lhistoire.fr/amour-et-chimie-au-panth%C3%A9on

[5] siehe Anmerkung 1. Zugriff 20. Januar 2018

[6] zit. in: http://www.lhistoire.fr/amour-et-chimie-au-panth%C3%A9on

[7]  In der offiziellen Ankündigung der nachfolgend kurz  angesprochenen Ausstellung zu Marie Curie im Pantheon heißt es richtig:  „Marie Curie devient la première femme à entrer au Panthéon pour ses propres mérites.http://www.paris-pantheon.fr/Actualites/Marie-Curie-une-femme-au-Pantheon

[8] http://www.lhistoire.fr/exposition/marie-curie-la-passionn%C3%A9e

[9] http://musee.curie.fr/

[10] Karl Gutzkow, Im Pantheon. Aus: Briefe aus Paris, Leipzig 1842. Zit. In: Karsten Witte (Hrsg.): Paris. Deutsche Republikaner reisen. FFM 1980, S.138f.  Das Pantheon war ursprünglich eine nach  der heiligen  Geneviève (Genofeva) benannte Kirche.

[11] https://collectiffemmespantheon.wordpress.com/galerie-de-femmes-a-pantheoniser/

[12] Siehe dazu den Blog-Bericht: Die Erinnerung an Sklavenhandel und Sklaverei (1. November 2017)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/9077

[13] Bild aus:  https://sanscompromisfeministeprogressiste.wordpress.com/2016/11/04/le-3-novembre-1793-olympe-de-gouges-1748-1793-etait-guillotinee/

[14]le chef d’état m’a demandé d’associer les Françaises et les Français à la réflexion qui pourrait conduire à de nouveaux hommages.“

[15] „Il faut des femmes qui ont eu un comportement exemplaire dans des périodes d’épreuves encore proches comme la Guerre de 1914-1918, la Deuxième guerre mondiale avec la Résistance et la déportation„. „J’aime l’idée qu’il y a eu une vie après cette épreuve. Ces femmes ont été renforcées par l’épreuve dans leurs convictions républicaines pour transformer le monde via l’action politique, sociale, éducative, humanitaire

http://www.huffingtonpost.fr/2013/10/10/pantheon-femmes-xx-siecle-rapport-hollande_n_4076249.html

(10/10/2013 | Actualisé 05/10/2016- Zugriff Februar 2018)

[16]  http://www.telerama.fr/television/pierre-brosselette-un-resistant-au-pantheon-et-sur-les-ecrans,126765.php In dem Artikel ist von einer absurden „concurrence mémorielle“ zwischen Jean Moulin und Jean Zay die Rede.

http://www.bfmtv.com/politique/l-entree-de-jean-zay-au-pantheon-fait-grincer-des-dents-a-droite-889261.html

[17] Siehe Blog-Beitrag: François Hollande, Abgesang auf einen allzu normalen Präsidenten (Dezember 2016)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/4220

[18] Über eine Pariser Freundin erhielt ich auch eine Einladung und damit die Erlaubnis, als Zaungast an der Ze2remonie teilzunehmen.

[19] Le Monde, 20.4.2013

[20] http://www.quatreviesenresistance.fr/

[21] Tzvetan Todorov, Les valeurs de la Résistance. In: Le Monde 21.2.2014. http://www.lemonde.fr/idees/article/2014/02/21/les-valeurs-de-la-resistance_4371071_3232.html?xtmc=pantheon&xtcr=2

[22] https://de.wikipedia.org/wiki/Le_Verf%C3%BCgbar_aux_Enfers

http://www.resistances-morbihan.fr/temoignage-de-germaine-tillion-sur-ravensbruck/

und Tzvetan Todorov a.a.O.

[23] Tzvetan Todorov, Les valeurs de la Résistance. In: Le Monde 21.2.2014.

[24]  Der Mont  Valérien im Westen von Paris war eine Hinrichtungsstätte der deutschen Besatzungsmacht im  Zweiten Weltkrieg. Über 1000 Menschen wurden dort zwischen 1941 und 1944 erschossen.

[25] https://www.franceculture.fr/histoire/germaine-tillion-mediatrice-de-la-guerre-dalgerie Dort wird auch aus einem offenen Brief von Germaine Tillon an Simone de Beauvoir aus dem Jahr 1964 zitiert:

« Il se trouve » que j’ai connu le peuple algérien et que je l’aime ; « il se trouve » que ses souffrances, je les ai vues, avec mes propres yeux, et « il se trouve » qu’elles correspondaient en moi à des blessures ; « il se trouve », enfin, que mon attachement à notre pays a été, lui aussi, renforcé par des années de passion. C’est parce que toutes ces cordes tiraient en même temps, et qu’aucune n’a cassé, que je n’ai ni rompu avec la justice pour l’amour de la France, ni rompu avec la France pour l’amour de la justice.“

[26] Zit. in: Caroline Glorion, Geneviève de Gaulle Anthonioz. Paris: Plon 2015, S. 78 und 80 (Übersetzung von W.J.)

[27] Zit. in: Caroline Glorion, S. 79

[28] http://www.atd-quartmonde.org/pere-joseph-wresinski-1917-1988/

[29]  Tillon engagierte sich übrigens auch in diesem Bereich: Zum Beispiel unterstützte sie die  sans-papiers, die sich 1986 in der Kirche Saint-Bernard in Belleville versammelt hatten, um auf ihre Lage aufmerksam zu machen und die von der Polizei gewaltsam vertrieben wurden. (Siehe Blog-Bericht über das Goutte d’Or)

In dem Buch von Martin (siehe Lit.Angabe) wird übrigens das Engagement von de Gaulle-Anthonioz nach dem Krieg kurz angesprochen, das von Tillon überhaupt nicht. Über die Gründe kann man nur spekulieren.

[30]  http://www.lemonde.fr/mort-de-simone-veil/article/2018/02/19/simone-veil-entrera-au-pantheon-le-1er-juillet_5259379_5153643.html#2ZUhrlg4ex4puiy0.99

 

Geplante Beiträge:

  • Die Seineufer in Paris: Der schwere Abschied vom (Alp-)traum einer autogerechten Stadt
  • Street-Art in Paris (2):  Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • 50 Jahre Mai 1968: Plakate der Revolte. Eine Ausstellung in der École  des Beaux- Arts in Paris
  • Street-Art in Paris (3):  Der Invader
  • Auf dem Weg nach Paris: Die Mühle von Valmy, ein Fanal der Französischen Revolution
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier

Hector Guimard in Paris (2):  Die  Synagoge in der rue Pavée (4. Arrondissement) und das Grabmal  auf dem Père Lachaise (20. Arrondissement)

Es gibt auf diesem Blog schon einen  Beitrag über die Bauten Hector Guimards im 16. Arrondissement von Paris (Hector Guimard: Jugendstil in Paris. Eingestellt Februar 2018).  In dem nachfolgenden Beitrag wird nun eine außergewöhnliche und einzigartige Arbeit des Architekten vorgestellt, die etwas aus dem Rahmen der sonstigen von ihm entworfenen Bauten fällt, nämlich die Synagoge in der rue Pavée im Marais, immerhin  die weltweit bekannteste Pariser Synagoge.[1] Dazu  wird ein Blick auf  ein von ihm entworfenes Grabmal auf dem Friedhof Père Lachaise geworfen, einen Höhepunkt des Art nouveau. Damit soll das Bild der Jugendstil-Arbeiten Guimards in Paris abgerundet werden.

 

Die Synagoge in der rue Pavée

Das Marais (3. und 4. Arrondissement)  gilt gemeinhin als DAS jüdische Viertel von Paris und die berühmte  Rue des Rosiers  in seiner Mitte steht –laut Wikipedia- „sinnbildlich für die jüdische Gemeinde von Paris“.[2] In der Tat gibt es dort auf engem Raum eine ganze Reihe jüdischer Geschäfte, Lebensmittelläden, Bäckereien, in denen man z.B. Mohnstriezel, Apfelstrudel oder Käsekuchen kaufen kann, Buchhandlungen, Restaurants, die lautstark ihre Falafel anpreisen, das wunderbare  Café des Psaumes und Vieles mehr, was die jüdische Präsenz sichtbar macht. Und  in der Nähe  befindet sich das jüdische Museum von Paris (musée d’art et d’histoire du Judaïsme), das Mémorial de la Shoah und –nicht zuletzt- die wunderbare Synagoge Hector Guimards.

Die verbreitete Vorstellung vom Marais als DEM jüdischen Viertel von Paris hat also seine guten Gründe, beruht aber auch auf einem Mythos, der sich allmählich entwickelt hat. Es gab im Marais zwar schon im Mittelalter eine Ansiedlung von Juden, die aber mit ihrer  Vertreibung aus Frankreich im Jahr 1394 gewaltsam beendet wurde. Im 18. Jahrhundert waren es dann vor allem Juden aus dem Elsass und aus Lothringen, die sich im Marais niederließen, das damals schon seine besten –aristokratischen- Zeiten hinter sich hatte und zu einem dicht bevölkerten, handwerklich geprägten Viertel geworden war. Nach einer zur Zeit Napoleons erstmals erstellten Statistik lebten 1808 immerhin 82% der Pariser Juden im Marais. Dabei handelte es sich nicht um ein Ghetto, sondern die Juden suchten aus verständlichen sozialen, religiösen und landsmannschaftlichen Gründen Nähe und Gemeinschaft- so wie ja auch viele andere Gruppen von Einwanderern nach ihnen. Ganz anders dann das Bild Mitte des 20. Jahrhunderts am Vorabend der Shoah. Ein von der association L’enfant et la Shoah (Yad Layeled France) erstelltes Schaubild zeigt, dass vor dem  Beginn der großes Vertreibungs- und Vernichtungsaktionen der mit Abstand größte Anteil der in Paris lebenden Juden im 11. Arrondissement wohnte, während das Marais mit dem  3. und 4. Arrondissement in dieser Hinsicht eine eher bescheidene Rolle spielte.[3] Inzwischen hatten sich viele Juden auch in anderen Stadtvierteln niedergelassen, eine nicht unbeträchtliche Anzahl auch im noblen 16. Arrondissement- so wie es ja auch in Deutschland nach Aufhebung der Ghettos entsprechende Wanderungsbewegungen gab: In Frankfurt am Main zum Beispiel die Ansiedlung von Juden im noblen Westend, während im früheren Ghetto im Ostend eher arme und orthodoxe Juden verblieben.

DSC02356 Shoah jüd. Kinder 11. Arrondissement (13)

Auch im Marais waren es vor allem arme und orthodoxe Juden, die sich dort niederließen und seinen Ruf als jüdisches Viertel erneuerten und festigten: Um 1850 kamen polnische Juden, gefolgt von einer großen Einwanderungswelle um 1900:  Über 100 000 Juden aus Ost- und Mitteleuropa – Russen, Polen, Rumänen- flohen damals vor Pogromen, zum Beispiel dem Pogrom von Chisinau in Bessarabien im Jahr 1903. Viele fanden im  Marais Zuflucht, wo es schon eine jüdische Tradition gab. Außerdem war das Viertel damals ziemlich heruntergekommen,  die Mieten waren also  günstig und erschwinglich für die meist armen Zuwanderer. Dies war dann die Blütezeit des „Pletzl“, wie es auf yiddisch, der Sprache der zugewanderten Juden, hieß. [4]

Die Juden im Marais benötigten natürlich auch Räume für ihren Gottesdienst. Das  waren im 18. Jahrhundert  heimliche, von außen nicht erkennbare Gebetshäuser (oratoires). Eines davon, das nach der Überlieferung auf das Jahr 1780 zurückgehen soll, existiert noch in der rue des Rosiers Nummer 17. Von der Straße aus ist nicht erkennbar, dass es sich um ein Gebetshaus handelt. Durch das bei Wohnhäusern des Viertels übliche Portal und einen Hof gelangt man über eine alte, enge Treppe in den einfach ausgestatteten Gebetsraum, der heute von den Anhängern des Rabbi Loubavitch genutzt wird, die im jüdischen Viertel sehr präsent sind.[5]  Mit der 1791 in Frankreich erfolgten Judenemanzipation und der Anerkennung  der jüdischen Religion im Jahr 1808  wurde eine  erste staatlich anerkannte Vertretung des Judentums, das Consistoire de Paris, geschaffen. Jetzt war auch der Bau  von großen Synagogen möglich. Die erste entstand 1822 im Marais in der rue Notre-Dame- de-Nazareth, die zweite 1876  in der rue de Tournelles, in der Nähe der place des Vosges. Gleichzeitig war das Consistorium bestrebt, die kleinen, seiner Verwaltung und Kontrolle nicht unterworfenen Gebetshäuser zu schließen. Allerdings fühlten sich die orthodoxen Juden und die jüdischen Neuankömmlinge aus Mittel- und Osteuropa in den „Kathedralen“ des Consistoriums nicht aufgehoben und gründeten neue orthodoxe Gebetshäuser. Angesichts der Einwanderungswelle um 1900 forderten sie, dass ihr (orthodoxer) Rabbiner an die große Synagoge in der rue de Tournelles berufen würde. Das Consistorium lehnte das jedoch ab, „pour conserver la suprématie aux Français“, um also nicht die Vormachtstellung der alteingesessenen französischen Juden, vor allem aus dem Elsass und Lothringen, nicht zu gefährden.[6]

Dies ist der historische Hintergrund für die Entstehung der Synagoge in der rue Pavée. 1911 schlossen sich neun  Organisationen von Juden aus Russland, Polen und Rumänien, die bisher eigene Gebetsräume unterhalten hatten, in der Union Agoudath Hakehilot zusammen, um eine gemeinsame Synagoge zu bauen. Gekauft wurde zu diesem Zweck das Grundstück in der rue Pavée Nummer 10, das zwar sehr ungünstig geschnitten war, dafür aber den entscheidenden Vorteil hatte, mitten im jüdischen Viertel zu liegen. Es gibt mehrere Gründe, die die orthodoxen Juden des Pletzl bewogen haben mochten, die bisherigen kleinen Gebetsräume gegen eine große neue Synagoge zu tauschen. Einmal sollte es sicherlich Ausdruck des wirtschaftlichen Erfolgs sein, den manche Mitglieder der Vereinigung seit ihrer Installierung in Paris z.B. als Diamantenhändler zu verzeichnen hatten. Dieser Zweck wurde mit der Synagoge auch in hohem Maße erreicht. Jedenfalls schrieb 1915, kurz nach der Fertigstellung des Baus etwas spitz ein Kunstkritiker, die Juden im Marais  könnten doch nicht so arm sein, wie man es manchmal denke oder es den Anschein habe.  Immerhin hätten sie in der rue Pavée eine Synagoge gebaut, die für dieses talmudistische Dörfchen  (“petit village talmudiste“)  gewissermaßen wie Notre Dame oder Sacré Cœur sei.[7]

Die Synagoge in der rue Pavée war damit auch ein Ausdruck von Selbstbewusstsein. Immerhin war sie die erste überhaupt, die für Einwanderer aus Osteuropa gebaut wurde.  Ein weiteres Motiv wird aus der in französischer und hebräischer Sprache gehaltenen Einladung deutlich, die der Präsident von Agoudath Hakehilot, Joseph Landau,  zur Grundsteinlegung der Synagoge am 6. April 1913 verschickte:

„Wir werden es nicht mehr nötig haben, in privaten und provisorischen Räumlichkeiten unterzukommen, wohin uns unsere Kinder nicht begleiten wollen, was sie von unserer heiligen Religion entfremdet. Wir werden eine große Synagoge haben, die mit allem modernen Komfort ausgestattet ist.“[8]

Waren die oratoires eher Orte der Rückwärtsgewandtheit und der Abschottung, so sollte die neue Synagoge Ausdruck des Wunsches sein, sich gegenüber der Gegenwart zu öffnen und damit auch für die nachfolgende, stärker in die französische Gesellschaft integrierte Generation attraktiv zu sein.  Die Wahl von Hector Guimard als Architekt des Baus ist sicherlich in diesem Kontext zu sehen und zu verstehen. Bis dahin wurden Synagogen ja im romanisch-byzantinischen Stil gebaut. Die Eigenständigkeit von Agoudath Hakehilot und ihre Unabhängigkeit von dem architektonisch traditionellen Consistorium ermöglichten aber einen Bruch mit der bisherigen Bautradition.  So entbehrt es  nicht einer gewissen Delikatesse, dass die bis dahin einzige in Paris im „modernen  Stil“  errichtete Synagoge ausgerechnet von denen in Auftrag gegeben wurde, die als rückwärtsgewandt galten …  Insofern passt auf die Synagoge in der rue Pavée das, was der Rabbiner Jacob Kaplan etwa 50 Jahre später sagte, als er die zeitgemäß konzipierte Synagoge in der rue Roquette (11. Arrondissement) einweihte:

„Cette synagogue d’une conception architecturale des plus modernes est élevée par une Communauté profondément attachée à nos plus anciennes traditions religieuses.“[9]

Die Synagoge in der rue Pavée vereinigt und veranschaulicht damit gewissermaßen die beiden gegensätzlichen Elemente, die für die europäischen Juden im 19. und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts charakteristisch waren (Dan Diner): Nämlich einerseits -in vielen Bereichen-  „Pioniere der Modernisierung“  zu gewesen zu sein, andererseits aber auch „Residuen der Vormoderne.“ (9a)

In Darstellungen der Synagoge werden, wenn es um die Auftragsvergabe an Hector Guimard geht,  auch gerne die verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen Joseph Landau und Adeline Oppenheim angesprochen. Adeline war die Nichte Landaus und die Ehefrau Hector Guimards.  Allerdings: Adeline Oppenheim, in New York geboren und Malerin, war zwar Jüdin, stand allerdings den orthodoxen russisch-polnischen  Kreisen, die den Bau  der Synagoge betrieben, kaum nahe. Sonst hätte sie wohl nicht eine christliche Trauung mit Guimard in der Kirche Notre-Dame-d’Auteuil akzeptiert.[10] Eine Rolle spielte aber sicherlich ihr Vater, der von seinem Vermögen Geld zum Bau der Synagoge beisteuerte, ebenso wie Joseph Landau und auch  Hector Guimard selbst, womit ja wohl  die Bedeutung unterstrichen wird, die er diesem Auftrag beimaß. Jedenfalls konnten die „Archives israélites“ anlässlich der Eröffnung des Bauwerks vermelden, es habe die jüdische Bevölkerung von Paris keinen Sou gekostet.[11]

Der Bau der Synagoge war für Guimard eine große Herausforderung angesichts der Enge und Länge des Grundstücks: weniger als 12 Meter Breite und 30 Meter Tiefe. Schon ein Blick auf die Fassade zeigt aber, wie brillant er mit dieser Herausforderung umgegangen ist. Durch die Verbindung konvexer und konkaver Elemente erzeugt Guimard eine Wellenbewegung und Dynamik.  Zwischen zwei konvexen Wölbungen an den Rändern gibt es in der Mitte der Fassade eine breite und relativ ausgeprägte konkave Einbuchtung. Bei diesem rhythmischen  Spiel von konvexen und konkaven Formen auf engstem Raum drängt sich der Gedanke an den barocken Baumeister Borromini auf, der das in der Kirche San Carlo alle Quatro Fontane in Rom meisterlich inszeniert hat.[12] Dort allerdings ist der Mittelteil konvex, was sich aber angesichts der engen rue Pavée für Guimard nicht angeboten hat. Und weil die Synagoge –im Gegensatz zu Borrominis Bau- eingezwängt ist zwischen den Nachbargrundstücken, verbot sich für Guimard eine zusätzliche horizontale Strukturierung. Insofern ist die Fassade der Synagoge eher barock in ihrer Schwingung und, betont durch die durchgängigen Pilaster, gotisch in ihrer Vertikalität – und beides geht eine sehr harmonische Verbindung ein.[13]

DSC02378 Fassade rue Pavée

Bemerkenswert ist die Zurückhaltung,  mit der Guimard den religiösen Charakter des Gebäudes zum Ausdruck bringt. Die beiden Gesetzestafeln sind oben in die Fassade integriert, ihre Doppelstruktur bestimmt aber auch durchgängig die Gliederung der Fenster.

Bemerkenswert ist auch die ornamentale Zurückhaltung bei der Gestaltung der Fassade. Bei genauerem Hinsehen kann man allerdings durchaus „die Handschrift“ Guimards erkennen.

DSC02667 Marais Synagoge (1)

Was die Nutzung des Gebäudes im Innern angeht, ging es nicht nur darum, wie es bei den consistorialen Synagogen einen Gebetsraum zu schaffen, sondern auch  Räume für Unterricht und Verwaltung, wie es im orthodoxen Judentum üblich war. Guimard ordnete diese Räume der Straßenseite zu, so dass man durch sie hindurch bzw. an ihnen vorbei in den festlichen Gebetsraum der Synagoge gelangt.[14]

Wie bei der Fassade ist auch hier die Vertikalität dominierend, zumal der Innenraum durch die kultbedingt erforderliche Einfügung von für die Frauen bestimmten Doppelemporen auf beiden Seiten noch zusätzlich  eingeengt wurde. (Wobei die Emporen auch gleichzeitig die Funktion haben, die deutlichen Verwerfungen des Grundrisses auszugleichen und dem Innenraum damit eine Ebenmäßigkeit zu verleihen, die das Guimard zur Verfügung stehende Grundstück eben nicht hatte.)

Marais etc Nov 10 055

Eine besondere Herausforderung für die Gestaltung des Innenraums war das Problem  der Beleuchtung. Auf den Seiten waren durch die anschließende Bebauung keine Fenster möglich.

Marais etc Nov 10 058

Guimard löste das Problem durch den Einbau großer Glasflächen in die Decke und durch ein  großes Fenster in der den Raum abschließenden Wand über dem achtarmigen Leuchter.

Marais etc Nov 10 056

Der Menora- Leuchter ist übrigens das einzige Ausstattungsstück, das nicht von Guimard entworfen wurde. Die Lampen, die Stuckverzierungen, die Geländer der Emporen und das Mobiliar tragen mit ihren geschwungenen Linien und ihrer Pflanzenornamentik durchweg seine Handschrift.

Marais etc Nov 10 057

Modern war übrigens auch die von Guimard verwendete Bautechnik. Das Gerüst, das den Baukörper trägt, ist nämlich aus Stahlbeton, einem damals ausgesprochen innovativem Material, das es Guimard ermöglichte, den Zwängen und Einschränkungen des ihm zur Verfügung stehenden Raumes zu trotzen. Und es ermöglichte – zusammen mit der für Guimard schon typischen Verwendung standardisierter Bauteile- eine ausgesprochen kurze Dauer der Bauzeit: Die Grundsteinlegung erfolgte am 6. April 1913, die offizielle Einweihung am 7. Juni 1914. An dieser feierlichen Einweihung, für die auch ein berühmter Kantor aus Warschau gewonnen wurde, nahm kein Repräsentant des französischen Judentums teil, das es vorzog, wie es in einer Darstellung heißt, eine Initiative von eingewanderten Juden zu ignorieren, die sie nicht hatten verhindern können.[15]

 

Der Anschlag von 1941 auf die Synagoge

In der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1941, am Vorabend von Yom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, wurde ein Anschlag auf die Synagoge in der rue Pavée verübt. Bei meinen (allerdings nicht umfassenden) Recherchen dazu bin ich auf verschiedene Versionen der Darstellung dieses Ereignisses gestoßen. Zunächst  auf die Darstellung auf einer Internet-Seite über das Marais (parismarais.com), die sich ihrer über 16 Millionen Besucher rühmt.[16] Der dortige  Beitrag über das jüdische Viertel stammt aus der Feder von Tomi L. Kamins, die immerhin einen „complete jewish guide to France“ veröffentlicht hat.  In diesem Beitrag wird mitgeteilt, dass „die Deutschen“ die Synagoge in die Luft gesprengt hätten („les Allemands  firent exploser cette synagogue mais elle fut depuis restaurée“). Natürlich erscheint diese Darstellung durchaus plausibel, gerade da sie sich auf das jüdische Viertel im Marais bezieht, in dem viele plaques commemoratives an  Opfer des nationalsozialistischen Rassewahns erinnern. Dass bei dem Anschlag auf die Synagoge „die Deutschen“ die Akteure waren, entspricht allerdings nicht der historischen Wahrheit. Tatsächlich war es die französische faschistische und antisemitische Kollaborationsgruppierung MSR (Mouvement social révolutionaire) Eugène Deloncles, die –sicherlich mit wohlwollender Billigung und vielleicht auch logistischer Unterstützung der Besatzungsbehörden-  an diesem Tag gleichzeitig Anschläge auf sechs der damaligen sieben Pariser Synagogen  verübte, die damit also  gewissermaßen eine französische Version der „Reichskristallnacht“ inszenierte.[17] Ich weiß nicht, wann die fehlerhafte Version von parismarais verfasst bzw. ins Netz gestellt  wurde. Wohl kaum  in einer glücklicherweise lange zurückliegenden Zeit, in der es in Frankreich noch geboten war, über den französischen Anteil an der Judenvernichtung schamhaft hinwegzusehen und in der deshalb noch die cépis der französischen Gendarmen in Alain Resnais Film „Nacht und Nebel“ wegretuschiert werden mussten[18]; und wir sind auch nicht im Polen Kaczynskis, wo man mit einer Gefängnisstrafe rechnen muss, wenn man wahrheitsgemäß feststellt, dass es auch Polen gab, die die Nazi-Besatzung ausgenutzt haben, um Juden zu erpressen, zu berauben oder zu ermorden.[19]

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Jedenfalls wurde die Synagoge  1941 nicht völlig zerstört; beschädigt wurde aber der Eingangsbereich, der nach dem Krieg restauriert und mit dem großen Davidstern versehen wurde- vielleicht ein trotziger und demonstrativer Ausdruck jüdischer Selbstbehauptung nach dem  Holocaust.

Dass es übrigens auch im Frankreich der Nachkriegszeit einen militanten Antisemitismus gab und noch gibt, wird ganz in der Nähe der Synagoge an der Ecke der rue des Rosiers und der rue Ferdinand-Duval deutlich, wo sich  früher das Restaurant von Jo Goldenberg befand, auf das 1982 ein Anschlag verübt wurde.

006

Antisemitisches Attentat vom  9. August  1982

Durch eine Schießerei und die Explosion  einer Granate sind hier,

im Restaurant Goldenberg,

6 Menschen getötet und 22 verletzt  worden.

Zur Erinnerung an

Mohamed Benemmon                  André Hezkia Niego                      Grace Cuter                                      Anne van Zanien                          Denise Guerche Rossignol        Georges Demeter

Opfer des Terrorismus

 

 

 

Inzwischen gibt es das Restaurant, das einmal zu den Schmuckstücken und Anziehungspunkten des „Pletzl“ gehörte, nicht mehr. Nachdem zwischenzeitlich dort ein edles Modegeschäft eine Filiale eingerichtet hatte, sind die Räume derzeit (Februar 2018) wieder zur Vermietung ausgeschrieben… Ein trauriger Anblick.

DSC02667 Marais Goldenberg (1)

Das Goldenberg- Attentat von 1982 [20] und der Überfall auf den jüdischen Supermarkt Hyper Cacher vom Januar 2015 markieren Tiefpunkte eines inzwischen überwiegend islamistischen antisemitischen Terrorismus in Frankreich. Daneben gibt es aber auch eine erschreckende Vielzahl von antisemitischen Gewalttaten wie Anfang 2018 gegen ein 15 Jahre altes jüdisches Mädchen und einen 8 Jahre alten Jungen in Sarcelles bei Paris, dem sogenannten „Klein-Jerusalem“, das sich traditionell eher durch ein friedliches Nebeneinander von Juden, Christen und Muslimen auszeichnete. [21]

Wenn man, am besten im Rahmen eines Spaziergangs durch das alte „Pletzl“,  die Synagoge in der rue Pavée besucht und bewundert, wird man von diesem historischen und aktuellen Hintergrund nicht absehen können. Ihn aber genauer zu beleuchten, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Vielleicht ein anderes Mal mehr dazu….

  

Praktische Informationen zur Synagoge in der rue Pavée:

Métro Linie 1, Station Saint Paul

Eine Besichtigung ist nur bei besonderen Gelegenheiten wie den Tagen des offenen Denkmals (jourées du patrimoine) möglich.  Man kann aber auch einmal  Glück haben und darf zum Beispiel anlässlich eines Gottesdienstes einen Blick in die Synagoge werfen.

 

Das Grabmal auf dem Père Lachaise

Guimard hat mehrere Grabmäler entworfen. Solche Entwürfe gehörten zu den üblichen Aufgaben, die den Schülern der École des Beaux-Arts, die der junge Guimard besuchte, gestellt wurden. Bei seinem Besuch in Belgien (1895) konnte er neben Victor Hortas hôtel Tassel, das ihn tief beeindruckte, auch einige von Horta entworfene Grabmäler kennenlernen. Unter den verschiedenen von Guimard entworfenen  Grabmälern ist das auf dem Père Lachaise sicherlich dasjenige,  das mit seinen geschwungenen Linien am eindrucksvollsten den Stil des Art Nouveau repräsentiert. „L’Art Nouveau trouve son accomplissement dans l’admirable tombe de la famille Ernest Caillat“, wie es in dem Katalog der Guimard-Ausstellung heißt.[22]

DSC02557 Guimard Pere Lachaise (5)

DSC02557 Guimard Pere Lachaise (2)

DSC02557 Guimard Pere Lachaise (1)

Das Grab wird  noch genutzt, es ist sehr gepflegt und –dem verwendeten Granit sei Dank- gut erhalten. Man findet es in der zweiten Division des Friedhofs, nicht weit vom Haupteingang  entfernt auf der rechten  Seite an der Friedhofsmauer.

DSC01758 Pere lachaise Guimard Dez 2017 (9)

Ist man eher auf der nord-östlichen Seite des Friedhofs unterwegs –z.B. bei einem Spaziergang auf den Spuren der Commune (siehe den Blog-Bericht über den „Bürgerkrieg in Frankreich“), dann kann man das Grab auf dem  Weg zum Ausgang kaum verfehlen.

 DSC01758 Pere lachaise Guimard Dez 2017 (1)

Literatur:

Philippe Thiébaut (Hrsg.): Guimard. (Ausstellungskatalog musée d’Orsay und musée des Arts décoratifs et des Tissus de Lyon)  Paris 1992. Darin Beitrag über die Synagoge in der rue Pavée S. 414 – 419

Dominique Jarrassé, Guide du Patrimoine Juif Parisien. Paris: Parigramme 2003, S, 121-126

 

Anmerkungen:

[1] Jarrassé, S. 121

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Rue_des_Rosiers

[3] Das Schaubild war Teil einer Ausstellung über „Enfants juifs à Paris 1939-1945“, die Ende Januar 2018 in der mairie des 11. Arrondissements gezeigt wurde.

[4] Siehe dazu: Le Pletzl ou le quartier juif du Marais. In: Anna Radwan, Mémoire des Rues. Paris 4e Arrondissement 1900-1940. Paris 2004, S. 91ff Das Pletzl bezeichnete zunächst einen kleinen Platz in der rue des Hospitaliers-Saint-Gervais, dann bezog er sich allmählich auf das ganze Viertel, „une enclave orientale“. (S.91)

[5] Jarrassé, S. 112/113

[6] Jarrassé, S. 44

(7) zit. von Isabelle Backouche, Rénover un quartier  parisien sous Vichy. In: Genèse 2008 4 (78)

https://www.cairn.info/revue-geneses-2008-4-page-115.htm

[8] Zit. von Jarrassé S. 121. Übersetzung aus dem Französischen von mir.

[9] Zit. von Jarrassé, S. 138

(9a) Ich beziehe mich hier auf einen Vortrag von Dan Diner in der Maison Heinrich Heine in Paris vom 15.3.2018 bei der Vorstellung der von ihm herausgegebenen Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur

[10] Jarrassé 122 und Thiébaut, S. 416

[11] https://fr.wikipedia.org/wiki/Joseph_Landau unter Bezugnahme auf: Nancy L Green,.The Pletzl  of Paris. Jewish Immigrant Workers in the Belle Epoque. Holmes & Meier: New York & London, 1986

[12] https://de.wikipedia.org/wiki/San_Carlo_alle_Quattro_Fontane

Den Hinweis auf Borromini gibt es auch in der kurzen Beschreibung der Synagoge in: Nicolas Jacquet, Le Marais, secret et insolite. Paris: Parigramme 2012, S. 152; siehe auch Thiebaut, der die aus einer englischen Darstellung die Charakterisierung „borrominiesque“ zitiert. (S. 427)

[13]  Bild aus: Thiébaut, S. 414

[14] https://fr.wikipedia.org/wiki/Synagogue_de_la_rue_Pav%C3%A9e  unter Verweis auf:

Magalie Flores-Lonjou et Francis Messner, Les lieux de culte en France et en Europe : Statuts, pratiques, fonctions.  Louvain & Paris & Dudley 2007, S. 237.

[15] http://www.le-top-des-meilleurs.fr/histoire-juive-du-marais/

[16] http://www.parismarais.com/fr/decouvrez-le-marais/histoire-du-marais/le-quartier-juif-du-marais.html Unzutreffend ist übrigens auch die Feststellung in diesem Text, die Frau von Guimard habe Frankreich verlassen und in die USA flüchten müssen wegen des Nationalsozialismus. Die Guimards siedelten aber schon 1938 in die USA über, also vor Krieg und occupation.

[17] Zu den Anschlägen siehe:  Cécile Desprairies. Paris dans la Collaboration. Préface de Serge Klarsfeld. Éditions du Seuil: Paris, 2009

https://fr.wikipedia.org/wiki/Synagogue_de_la_rue_Pav%C3%A9e

https://fr.wikipedia.org/wiki/Grande_synagogue_de_Paris                                                                     siehe auch: https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn1004121

[18]  siehe Henry Rousso, Le syndrome de Vichy. Paris:  Edition du Seuil 1987, S.244/245.  Trotzdem wurde der Film aber 1956 nicht in das offizielle Programm der Filmfestspiele von Cannes aufgenommen. Die Originalversion des Films konnte erst in den  1990-er Jahren  gezeigt werden.

[19] http://www.sueddeutsche.de/politik/ns-zeit-polens-regierung-will-eine-heldenhafte-opfernation-darstellen-1.3849672

siehe auch: Serge Klarsfeld, Les Polonais doivent trouver un terrain d’entente et réviser la loi. Und: Anna Zielinska, En Pologne, plusieurs démons du passé se sont réveillés. Beide Beiträge in: Le Monde,21.2.2018, S. 23

[20] https://fr.wikipedia.org/wiki/Attentat_de_la_rue_des_Rosiers

[21] Siehe http://www.actuj.com/2018-02/france-politique/6348-juifs-de-sarcelles-entre-attachement-et-inquietude#

[22] Thiébaut, S. 270. Dort weiter: „La synthèse entre les éléments verticaux et horizontaux est ici réalisée dans une ondulation continue de lignes courbes, d’une abstraction presque totale, où la petite croix de fonte semble faire corps avec la mouvante masse de granit de la stèle.“

 

Geplante Beiträge:

  • Das Pantheon der großen (und weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen (1): Die Frauen des Pantheons
  • Street-Art in Paris (2):  Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • 50 Jahre Mai 1968: Plakate der Revolte. Eine Ausstellung in der École  des Beaux- Arts in Paris
  • Die Seineufer in Paris: Der schwere Abschied vom (Alp-)traum einer autogerechten Stadt
  • Auf dem Weg nach Paris: Die Mühle von Valmy, ein Fanal der Französischen Revolution
  • Street-Art in Paris (3):  Der Invader
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier

 

Hector Guimard: Jugendstil in Paris/Art Nouveau à Paris (1)

Jeder auch nur flüchtige Besucher von Paris hat schon einmal Bekanntschaft mit den Werken des Architekten Hector Guimard gemacht: Er war es nämlich, der die berühmten Pariser Metroeingänge mit den elegant- geschwungenen Linien und Formen entworfen hat.

Die Metroeingänge Guimards

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Station St Michel mit der Fontaine Saint – Michel im Hintergrund

DSC01860 Metro Eingang Guimard

Das für Guimard charakteristische Seepferdchenmotiv:

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Guimard erhielt 1899 von der Compagnie du chemin de fer métropolitain de Paris (CMP) den Auftrag, Entwürfe für die Eingänge der Pariser Metro zu gestalten, die einladend und eher verspielt sein sollten. Die Eingänge sollten einerseits standardisiert sein, um den Kunden die Orientierung zu erleichtern und um die Produktion zu vereinfachen, andererseits sollte es aber auch keine völlige Einförmigkeit geben. Guimard entwarf deshalb zwei Eingangstypen mit unterschiedlicher Überdachung und mit jeweils einer seitlich offenen und geschlossenen Variante.

 

Am schönsten erhalten ist der überdachte Eingang an der Station Porte Dauphine. Es handelt sich um den einzigen noch existierenden überdachten Eingang  vom Typus B mit geschlossenen Seiten. Diese überdachten Eingänge erinnerten einen zeitgenössischen Kritiker an eine Libelle, die gerade ihre leichten Flügel ausbreitet, aber auch an Monster, deren Augen die Kandelaber seien. [1]

Bis ins kleinste technische Detail hat Guimard alle Teile entworfen und zu einem freundlichen Ganzen zusammengefügt.

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Ein Exemplar des etwas kleineren überdachten Typs A ist noch an der Metro-Station Abesses erhalten. Dieser Eingang befand sich ursprünglich an der Metro-Station Hôtel de Ville, wurde aber später verlegt. Auch hier handelt es sich um das letzte Exemplar seiner Art.

Ab 1901 wurden die Zugänge zur Metro nicht mehr überdacht. Insgesamt sind von ursprünglich 380 von Guimard entworfenen Metro-Stationen nur  noch 88 erhalten.

DSC01863 Metro guimard (1)

Solche Informationstafeln wurden 2000 zum 100-jährigen Jubiläum der Metroeingänge Guimards angebracht.

Allerdings gab es von Anfang an auch erhebliche Kritik an Guimards Metro-Eingängen: Beispielsweise wurde die von Guimard entwickelte Schrift gerügt: Es handele sich um „ein bizarres und phantastisches Alphabet von unförmigen Buchstaben“, die vor allem für Fremde die Lektüre massiv erschwerte. An offiziellen Bauwerken sollten aber klare und für jedermann lesbare Inschriften verwendet werden. Schon ab 1902 wurden auch andere Architekten  mit dem Entwurf von Metro-Eingängen betraut, und 1912 wurde der letzte Eingang im Guimard-Stil gebaut.

Spätestens mit dem Beginn des ersten Weltkriegs, als Frankreich, wie Georg Stefan Troller schreibt, „in eine Phase patriotischer Hysterie eintrat… war es dann mit dem Art Nouveau schlagartig zu Ende.“ Die Typographie der Métrostationen galt als „unfranzösisch“, ihr Grün als „typisch deutsch“.[2]  Und die Abwertung des Art nouveau hielt noch lange an. Sogar das große Eingangsbauwerk zum Bahnhof Bastille, das Guimard entworfen hatte, wurde 1962 abgerissen.[3]

1metbast2 Metro Bastille Guimard

Der damalige  Kultusminister Malraux, der entscheidend dazu beigetragen hat, die historische Substanz von Paris zu erhalten und in Szene zu setzen, hat zwar, wie ein Guimard-Freund bitter konstatierte, viel für die  Arbeiten Le Corbusiers getan, aber nichts für die von Guimard… Erst 1987 wurden seine noch erhaltenen Metro-Eingänge unter Denkmalschutz gestellt.[4]

Insofern hat  Georg Stefan Troller nicht ganz recht, wenn er über Hector Guimard schreibt, er hätte zehn Jahre, nachdem er 1942 vergessen in New York gestorben sei, „eine triumphale Auferstehung erlebt“.[5]

Seit 1967 gibt es übrigens auch in Montreal einen Metro -Eingang von Hector Guimard.  Es handelt sich um ein Geschenk der französischen Metro-Betreibergesellschaft RATP, um an die Beteiligung französischer Ingenieure am Bau der Untergrundbahn von Montreal zu erinnern.[6]

Metro Montreal Gerd Turk IMG_3148

 

Das hôtel Mezzara (60, rue Jean-de-La-Fontaine, 75016 Paris. Métro: Michel Ange/Auteil)

Obwohl Paris dank Guimard als Zentrum des Jugendstils gelten kann, gibt es dort kein Guimard-Museum und die Stadt tut sich immer noch schwer, ihn angemessen zu würdigen. Es gibt aber jetzt eine Gelegenheit, diesem Mangel abzuhelfen, und es gibt den Cercle Guimard,  eine entsprechende engagierte Initiative von Hektorologen/„hectorologues“. Seit einiger Zeit  ist  nämlich eines der bedeutendsten noch erhaltenen Bauwerke Guimards, das hôtel Mezzara verfügbar. Es gehört dem französischen Staat und diente lange als Dependance eines benachbarten privaten Gymnasiums. Jetzt könnte es zu einem Guimard-Museum werden. Immerhin war es im November/Dezember wenigstens möglich, die Räume zu sehen: In der Tat ein eindrucksvoller Bau des art nouveau und ein würdiger Ort für ein künftiges Museum…