Keine Erinnerungsplakette für den Lutetia-Kreis: Eine verpasste Chance

Dans cet hôtel  se réunirent, dans les années 1935 à 1937, sous la présidence de l’écrivain Heinrich Mann,  des représentants de la résistance allemande en exil qui voulaient fonder un Front populaire allemand contre le nazisme.

Ce „Cercle Lutetia“ représentait une Allemagne de paix et de liberté, une Allemagne enracinée dans la tradition culturelle européenne: celle que le régime nazie  avait bannie. 

In diesem Hotel  trafen sich in den Jahren 1935 bis 1937  Vertreter des deutschen  Widerstands im Exil unter dem Vorsitz des Schriftstellers Heinrich Mann,  um eine  Volksfront gegen den Nationalsozialismus aufzubauen. 

Dieser „Lutetia-Kreis“ repräsentierte das aus Nazideutschland vertriebene, in der europäischen Kulturtradition verwurzelte  Deutschland des Friedens und der Freiheit.

Dies hätte der Text einer Erinnerungsplakette im Pariser Hotel Lutetia sein können/sollen, für deren Anbringung  sich im letzten Jahr eine Initiative stark gemacht hat. Trotz einer breiten und ganz wunderbaren Unterstützung ist das Projekt aber an der verweigerten Zustimmung des Besitzers des Hotels und der Nobelhotelkette „The Set“ gescheitert.

Dass es eine solche Plakette nicht geben wird, halte ich für eine verpasste Chance. Im Folgenden soll dies begründet und erläutert werden,  und es soll zumindest auszugsweise die Zustimmung dokumentiert werden, die das Projekt erhalten hat: Ausdruck des Dankes und Illustration dessen, was hätte sein können und nun leider nicht möglich ist.

 

Warum sollte es eine Plakette für den Lutetia-Kreis geben?

Am 12.7.2018 erschien in der deutschen Wirtschaftszeitung Handelsblatt ein Artikel zur Wiedereröffnung des renovierten Hotels Lutetia. Die Überschrift des Artikels: „Lutetia- vom Zentrum der Volksfront zum Palace-Hotel“.  Diese Schlagzeile ist geeignet, Leser neugierig zu machen und zur Lektüre des Beitrags zu motivieren. Immerhin wird damit auf eine Episode der langen  Geschichte des legendären Hotels hingewiesen, die weniger bekannt und für viele eher unerwartet sein dürfte.

Denn zuerst gilt das Lutetia natürlich als Treffpunkt einer internationalen intellektuellen und künstlerischen Elite: Man denkt da an Namen wie Samuel Becket, James Joyce, Ernest Hemingway, Pablo Picasso, André Gide, Antoine Saint-Exupéry, Jean-Paul Sartre, Jacques Prévert, Josephine Baker und viele andere. An die Glanzzeiten des Hotels während der „Annés Folles“ erinnert noch der Salon Josephine, besungen in dem Lied Eddy Mitchells Au bar du Lutetia: Es erinnert an Serge Gainsbourg, der auf seinen nächtlichen Eskapaden durch Saint-Germain-des-Près immer irgendwann in der Bar des Hotel Lutetia landete.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass der junge Charles de Gaulle gerade im Lutetia seine Hochzeitsnacht verbrachte, bzw. dass die Legende ihm dies zuschrieb.  Und für  Édouard Péricaut aus dem wunderbaren Roman  „Wir sehen uns da oben“ von Pierre Lemaitre  hätte es kaum ein geeigneteres Hotel geben können, um dort seine letzten Tage auszukosten.

In eben diesem Hotel haben sich in den 1930-er Jahren Vertreter des deutschen Widerstands im Exil  getroffen. Warum gerade dort?

Dass es in Frankreich sein musste, lag nahe: Frankreich als das Mutterland der Menschenrechte hatte die meisten Flüchtlinge aus Nazideutschland aufgenommen. Nicht zu Unrecht hat man das  Paris der Jahre 1933-1940 als „die europäische Hauptstadt der deutschen Kultur“ bezeichnet. Und in Paris war das Lutetia der ideale Treffpunkt: wegen seines Renommees als intellektuelles Zentrum und wegen seines stilvollen Ambientes – man wollte und brauchte sich ja nicht zu verstecken.  Auch der Name des Hotels und seine Symbolik passten zu dem Vorhaben: Das Lutetia trägt –wie die Stadt Paris-  im Wappen das Schiff, das auch in hoher See nicht untergeht: Fluctuat nec mergitur. Das entsprach dem Lebensgefühl derer, die sich zwischen 1935 und 1937 im Lutetia versammelten, um dort Widerstand gegen die Herrschaft der Nationalsozialisten zu leisten.  Sie konnten und wollten in dem Deutschland der Unfreiheit, des Rassismus und der Kriegsvorbereitung nicht mehr leben, glaubten aber an eine andere, bessere Zukunft für ihr Land und arbeiteten daran. Und hatte nicht  Heinrich Heine, der 100 Jahre vorher Paris als Ort seines Exils gewählt hatte, seine gesammelten Berichte aus  Frankreich „Lutetia“ überschrieben? Fluctuat nec mergitur: Dies gilt für Paris, für die im Lutetia versammelten Vertreter des deutschen Widerstands, aber auch insgesamt für Frankreich und Deutschland in diesen stürmischen und schlimmen 1930-er und 1940-er Jahren.

Wer waren die Vertreter des Widerstands, die sich zwischen 1935 und 1937 im Lutetia trafen? Es waren Kommunisten wie der gerne als „der rote Pressezar“ titulierte  Willi Münzenberg, die endlich erkannt hatten, dass der Nationalsozialismus eine tödliche Gefahr darstellte, die es gemeinsam zu bekämpfen galt. Es waren  Sozialdemokraten wie Rudolf Breitscheid, bis 1933 Vorsitzender der SPD-Reichstagsfraktion, und   Albert Grzesinski, ehemaliger preußischer Innenminister; es waren Sozialisten wie der junge Willy Brandt, der aus seinem norwegischen Exil nach Paris kam, um an den Bemühungen um eine Einigung der Antifaschisten teilzunehmen;  dazu kamen unabhängige Intellektuelle wie die Schriftsteller Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Arnold Zweig, Klaus Mann, Ernst Toller, Ernst Bloch, Ludwig Marcuse, der Statistikprofessor Emil Julius Gumbel, die Journalisten Leopold Schwarzschild und Georg Bernhard, ehemaliger Chefredakteur der linksliberalen Berliner Vossischen Zeitung und Mitbegründer des Pariser Tageblatts, der Tageszeitung des deutschen Exils, und ihrer Nachfolgerin, der Pariser Tageszeitung;  Persönlichkeiten also, die sich mit Recht als Repräsentanten eines anderen, des wahren Deutschlands verstanden.

Zum Präsidenten des Lutetia-Kreises wurde Heinrich Mann gewählt, in der Weimarer Republik Mitglied der linksliberalen DDP,  Präsident der preußischen Akademie der Künste, Sektion Dichtkunst, unermüdlicher Warner vor dem Nationalsozialismus und Mahner eines gemeinsamen Kampfs gegen die von ihm ausgehenden Gefahren; dazu  ein leidenschaftlicher Kenner und Freund Frankreichs und überzeugter Europäer. Sein Volksfront-Ideal glich einer Mischung aus Rennaissance-Humanismus und Fortschrittsideen des 20. Jahrhunderts. Während seines französischen Exils schrieb er einen großen Roman über den „guten König Henri Quatre“- ein Gegenbild zu dem in Deutschland herrschenden Nationalsozialismus, gewissermaßen der Roman der deutschen Volksfront. Für Denise Bardot, die mit ihren Schulkindern von der SS-Division Das Reich umgebrachte Volksschullehrerin von Oradour-sur-Glane, war dieser Roman Ausdruck des deutschen Humanismus.

Die Diskussionen, programmatischen Überlegungen und konkreten Maßnahmen des Lutetia-Kreises lassen sich in folgenden Punkten zusammenfassen:

– Programmatische Diskussionen und Entwürfe zu einem postfaschistischen Deutschland in einem geeinten Europa

–  Verbreitung von wahrheitsgemäßen Informationen unter der deutschen Bevölkerung als Gegenmittel zu Zensur und Propaganda

– Verbreitung von Informationen im Ausland über den wahren Charakter des Nationalsozialismus und die vom faschistischen Deutschland ausgehende Kriegsgefahr

– Maßnahmen zur Unterstützung von Flüchtlingen aus dem nationalsozialistischen Herrschaftsbereich.

 

De Bemühungen des Lutetia-Kreises zur Schaffung einer gemeinsamen Front gegen den Faschismus sind zwar letztendlich gescheitert, vor allem aufgrund von Auseinandersetzungen um die Moskauer Prozesse, die von den Vertretern der KPD verteidigt wurden; dennoch ist der Lutetia-Kreis ein bedeutender Beweis für die Existenz und Vielfalt eines anderen, demokratischen Deutschlands, das sich der nationalsozialistischen Diktatur widersetzte. Und wären die hellsichtigen Warnungen der im Hotel Lutetia versammelten Antifaschisten vor der vom „Dritten Reich“ ausgehenden Kriegsgefahr gehört worden,  wäre der Welt ungeheures Leid erspart geblieben.

Dass sich die deutsche Opposition gegen den Nationalsozialismus gerade im Lutetia traf und nach diesem Hotel auch benannt wird, ehrt das Lutetuía  besonderer Weise. Die vorgeschlagene Gedenktafel hätte damit, wie Serge und Beate Klarsfeld schreiben, zur weiteren Ausstrahlung dieses Ortes beigetragen. Sie hätte auch die schon vorhandene Erinnerungstafel an der Fassade des Hotels sinnvoll ergänzt:

022 Plaque historique

„Von April bis August 1945 wurden in diesem Hotel, das damals als Empfangszentrale diente, ein großer Teil der Überlebenden aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern aufgenommen. Diese Menschen waren glücklich, die Freiheit wiedergefunden zu haben und ihre Angehörigen, von denen sie gewaltsam getrennt waren. Ihre Freude kann aber nicht die Angst und den Schmerz vergessen machen, den die Familien jener Tausenden von Deportierten zu erleiden hatten, die hier vergeblich auf ihre Rückkehr warteten.“ (Übersetzung bei Jasper, S. 339)

Mit der von de Gaulle verfügten  Aufnahme der Überlebenden aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern im Hotel Lutetia, wurde, wie Pierre Assouline in seinem Roman Lutetia schreibt, der Makel (tache noir) von Besatzung und Collaboration vom Hotel abgewischt. Denn nach den Vertretern des deutschen Widerstandes waren es die Vertreter der deutschen Besatzungsmacht, die in das Hotel einzogen: Die Herren der von Admiral Canaris geleiteten militärischen Abwehr, einer Organisation zur Gegenspionage und zur Bekämpfung des französischen Widerstands.

Das Hotel Lutetia ist damit ein einzigartiger Ort,  der nacheinander ein Zentrum des Widerstands, ein Ort der Täter und schließlich ein Ort der Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherschaft  war. Ich wüsste nicht, welch anderer Ort dies von sich behaupten könnte.

Mit Recht wird an die im Hotel aufgenommenen Überlebenen der Konzentrationslager mit einer plaque commémorative erinnert.  Angebracht wurde diese Tafel an der Außenwand des Hotels, und zwar  gegen einigen Widerstand der damaligen Besitzer: Das war nämlich die Familie Taittinger, deren  früherer Chef,  Pierre Taittinger, im Krieg zu den überzeugten Pétainisten und Collaborateuren gehörte und sich von den Nazis noch 1943  zum Präsidenten des Stadtrates von Paris (conseil municipal de Paris) ernennen ließ. Unter diesen Umständen  hat die vom  Souvenir Français  initiierte Plakette noch eine zusätzliche Bedeutung. 

 Diese Plakette macht deutlich, dass die Opfer  nicht vergessen werden dürfen: Sie sind Mahnung und Verpflichtung für die Lebenden. Aber es dürfen auch diejenigen nicht vergessen werden und es müssen auch diejenigen geehrt werden,  die Widerstand leisteten: Sie können Vorbild für die Lebenden sein, gerade auch für die Jugend.   Insofern kann ich nicht nachvollziehen, wenn mir die Direktion lakonisch mitteilen lässt, sie wolle „diskret mit der Geschichte bleiben.“  Im bzw. am Mémorial de la Shoah in Paris gibt es lange Tafeln mit den Namen der von den Nazis umgebrachten Juden, es gibt aber auch eine Tafel mit den Namen derjenigen, die dem Unrecht widerstanden und Juden gerettet haben.  Die Opfer und diejenigen, die Widerstand geleistet haben, werden da gleichermaßen geehrt. Diese Chance hätte auch das Hotel Lutetia gehabt und damit einen wichtigen Beitrag zu einer europäischen Erinnerungskultur leisten können. Dass diese Chance nun nicht genutzt wird, ist umso bedauerlicher,  als ein Engagement gegen Unrecht und Gewalt aktuell ist und bleibt. Denn, wie Christiane Deussen, die Leiterin des Maison Heinrich Heine,  in ihrer Stellungnahme zu der Initiative schreibt: „Le monde est de nouveau confronté à la remise en cause des valeurs démocratiques dans un nombre croissant de pays“.  

 

Literatur zum Hotel Lutetia und zum Lutetia -Kreis:

Willi Jasper, Hotel Lutetia. Ein deutsches Exil in Paris. München/Wien: Carl Hanser 1994  französische Übersetzung: Hôtel Lutétia. Un exil allemand à Paris. Paris: Éditions Michalon 1995

Pierre Assouline, Lutetia. roman. Paris: Gallimard 2005

Hôtel Lutetia. L’esprit de la Rive Gauche. Paris: Éditions Lattès 2009 (Zum  Cercle Lutetia S. 75/76

Ursula Langkau-Alex, Deutsche Volksfront 1932-1939. 3 Bände. Berlin: Akademie-Verlag 2004 und 2005

  • Band 1: Vorgeschichte und Gründung des Ausschusses zur Vorbereitung einer deutschen Volksfront. Berlin 2004
  • Band 2: Geschichte des Ausschusses zur Vorbereitung einer deutschen Volksfront. 2004
  • Band 3: Dokumente, Chronik und Verzeichnisse. 2005

Gilbert Merlio, Les résistances allemandes à Hitler. Paris: Tallandier Éditions 2003 (Dort ein kleiner Abschnitt über La tentative du Front populaire allemand. S. 340-344

Wolfgang Benz/Walter H. Pehle (Hg.): Lexikon des deutschen Widerstandes. Frankfurt am Main 1994

 

 

Initiative für die Anbringung einer Tafel im Hotel Lutetia zur Erinnerung an den Lutetia-Kreis

Die Initiatoren:

Die Idee, eine Erinnerungstafel für den Lutetia-Kreis anzuregen, kam mir, als ich die beiden Beiträge über das Hotel Lutetia für diesen Blog geschrieben habe. Allerdings war mir klar, dass ich allein kaum Chancen und Ressourcen haben werde, ein solches Projekt anzugehen. Ich wandte mich deshalb an Willi Jasper. Dieser emeritierte Professort der Universität Potsdam  hatte immerhin ein schönes Buch über das Hotel Lutetia geschrieben, ein weiteres über Heinrich Mann, dem ich ja auch in besonderer Weise verbunden bin, und schließlich eines über Ludwig Börne, das ich bei meiner Arbeit über das Börne-Grab auf dem Père Lachaise mit Gewinn gelesen und genutzt hatte. Als 2013 Willi Jasper die französische Übersetzung seines Buches im Lutetia präsentierte, war ich anwesend und ließ mir ein Exemplar signieren. Im Sommer 2019 trafen wir uns in Berlin und besprachen das Projekt, das nun ein gemeinsames war. Und ich war froh, einen kompetenten und prominenten Mitstreiter an meiner Seite zu haben.

Willi Jasper, emeritierter Professor der Universität Potsdam (School of Jewish Studies), Zahlreiche Veröffentlichungen u.a. über das Hotel Lutetia: Das Hotel Lutetia, ein deutsches Exil in Paris, München/Wien: Hanser 1994  auch ins Französische übersetzt (Hôtel Lutétia, Un exil allemand à Paris. Paris: Michalon 1995),  Ludwig Börne (Ludwig Börne, Keinem Vaterland geboren. 1989) und Heinrich Mann (Der Bruder Heinrich Mann, 1992). Die französische Ausgabe des Buches wurde 2013 in Anwesenheit des Autors im Salon Président, dem Tagungsort des Lutetia- Kreises, vorgestellt.

Wolf Jöckel, Historiker (Promotion über Heinrich Manns ‚Henri Quatre‘)  und Blogger: Paris- und Frankreich-Blog https://paris-blog.org Dort auch zwei Beiträge über das Hotel Lutetia: Das Hotel Lutetia (1): Ein Bauwerk zwischen Art Nouveau und Art Déco in neuem Glanz: https://paris-blog.org/2019/01/01/das-hotel-lutetia-1-ein-bauwerk-zwischen-art-nouveau-und-art-deco-im-neuen-glanz/ und Das Hotel Lutetia (2): Geschichte und Geschichten: https://paris-blog.org/2019/03/01/das-hotel-lutetia-2-geschichten-und-geschichte/

Der Unterstützerkreis

Die entscheidende Instanz für die Genehmigung einer Erinnerungsplakette im Hotel Lutetia war der Besitzer des Hotels. Im Jahr 2010, dem Jahr des 100-jährigen Jubiläums des Hotels, hatte das Lutetia einen neuen Besitzer erhalten, nämlich das israelische Immobilien- Unternehmen Alrov, zu dem auch die Nobelhotel-Gruppe The Set mit zwei Hotels in Jerusalem, das Conservatorium in Amsterdam, das Café Royal in London und jetzt auch das Lutetia gehören. In einem Artikel der Zeitung Le Parisien wurde der Kauf des Lutetia durch eine israelische Gruppe als Symbol bezeichnet, da es während der Besatzungszeit von den Nazis requiriert worden sei und danach die Überlebenden aus den Konzentrationslagern aufgenommen habe.

Le rachat du Lutetia par un groupe israélien est tout un symbole : cet hôtel avait été réquisitionné durant l’Occupation par les nazis puis avait accueilli les rescapés des camps à leur libération. (Le Parisien, 7. August 2010)

Das mag auch der Grund dafür sein, dass mir von Anfang an von der Hotelleitung signalisiert wurde, dass die Initiative nur dann Aussicht auf Erfolg habe, wenn sie von maßgeblicher jüdischer Seite unterstützt würde. Genannt wurde in diesem Zusammenhang das Mémorial de la Shoah in Paris.  Der Direktor des Mémorials, den ich zu diesem Zweck angesprochen hatte, wollte zwar selbst kein Empfehlung für die Initiative abgeben, verwies mich aber auf das Ehepaar Klarsfeld und vermittelte auch einen entsprechenden Kontakt. Wie glücklich war ich, als ich einige Zeit danach das Empfehlungsschreiben von Serge und Beate Klarsfeld erhielt:

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Lieber Doktor Jöckel, Sie haben unsere volle Unterstützung für die Anbringung einer Erinnerungstafel an den ‚Lutetia-Kreis‘ und ich hoffe, dass die Direktion des Hotels Lutetia Ihren Vorschlag aktzeptieren wird, der die Reputation der Einrichtung noch weiter verbreiten wird.

Welche schönere Empfehlung von jüdischer – und gleichzeitig auch deutsch-französischer!-  Seite als die der Klarsfelds hätte es geben können?

Die zweite Adresse, die mir von der Hotelleitung als wesentliche Voraussetzung für eine Zustimmung zu dem Projekt genannt wurde, war die deutsche Botschaft in Paris. Botschafter dort ist Nikolaus Meyer-Landruth, früherer außenpolitischer Berater von Kanzlerin Merkel und einer der Top-Diplomaten Deutschlands. Ich wandte mich aber natürlich nicht direkt an ihn, sondern an die Kulturabteilung der Botschaft. Dort wurde ich sehr freundlich empfangen, konnte mein Anliegen vortragen und hatte auch den Eindruck, dabei auf einige Sympathie zu stoßen. Allerdings hörte ich dann längere Zeit nichts mehr: Kein Wunder! Die Angelegenheit müsse in der Zentrale in Berlin entschieden werden! Aber dann kam schließlich doch ein offizieller Brief der Botschaft mit einem vom Botschafter selbst unterschriebenen sehr schönen Empfehlungsschreiben. Dass dabei die Unterstützung der Klarsfelds und anderer Personen und Institutionen, die ich inzwischen vorweisen konnte, eine wichtige Rolle gespielt hat, ist dem Schreiben zu entnehmen (und auch durchaus verständlich).

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Ich danke Ihnen für die detaillierten Informationen zu Ihrem Projekt, das zum Ziel hat, eine Erinnerungsplakette zu Ehren des Lutetia-Kreises in dem kürzlich wiedereröffneten Hotel anzubringen. Als Treffpunkt deutscher Emigranten – von Repräsentanten verschiedener politischer Parteien, Intellektuellen und Schriftstellern von Rang- die unter der Präsidentschaft des deutschen Schriftstellers Heinrich Mann sich für ein antifaschistisches Deutschland einsetzten, war das Lutetia ein hervorragender Ort des deutschen Widerstands gegen den Faschismus, und diese Rolle in der Geschichte hat es verdient erinnert zu werden. 

Ich bin auch sehr glücklich, dass Ihr Projekt ein solches Echo erfahren hat und Sie in den letzten Monaten die Unterstützung so wichtiger Persönlichkeiten wie Serge und Beate Klarsfeld erhalten haben.

Seien Sie versichert, dass auch ich Ihre Initiative begrüße.

Ich wünsche Ihnen vollen Erfolg bei der Umsetzung des Projekts ….

 

Weitere Unterstützer:

In dem Schreiben des deutschen Botschafters ist von dem großen Echo die Rede, das die Initiative erfahren hat. Die nachfolgende Aufstellung kann das bestätigen und illustrieren:

  • Goethe-Institut Paris. Brief der Direktorin Dr. Barbara Honrath vom 6. März 2019. Frau Dr. Honrath war übrigens die erste, die auf unsere Informationsschreiben und Bitten um Unterstützung reagierte. Dafür einen ganz besonderen Dank!

 

  • Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung Berlin:  https://willy-brandt.de/die-stiftung/
     Die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung begrüßt und unterstützt die Anbringung einer Plakette, die an den ‚Lutetia-Kreis‘ erinnert – umso mehr, als der damals in Norwegen exilierte junge Willy Brandt zu den Anstrengungen beitrug, die verschiedenen Gruppen und Persönlichkeiten des deutschen Widerstands gegen den Faschismus zu einen.  (Mail des stv. Generalsekretärs Dr.Rother vom 16. Mai 2019

 

  • Le Souvenir Françaishttp://le-souvenir-francais.fr/  Association nationale reconnue d’utilité publique.  Président Général/ Director Serge Barcellini  Die positive Aufnahme des Projekts durch Herrn Barcellini war mir besonders wichtig. Immerhin ist Souvenir Français eine wichtige und offizielle Instanz der französischen Erinnerungspolitik, und es war ja auch der Souvenir Français, der die Erinnerungsplakette für die Überlebenden der Lager an der Fassade des Lutetia initiiert hatte.

 

  • Deutsch-Französisches Institut    https://www.dfi.de/Ludwigsburg dfi (Mail vom 5. November 2019)

 

  • Béatrice Fischer-Dieskau, Musikmanagerin, Organisatorin von Konzerten im Hotel Lutetia. Frau Fischer-Dieskau hatte auch die musikalische Umrahmung der Buchpräsentation von Willi Jaspers Lutetia-Buch organisiert. Sie hat einen guten Kontakt zur Direktion des Hotels und diente gewissermaßen als Kontaktperson.

 

 

  • Ursula Langkau-Alex, Vorsitzende der Gesellschaft für Exilforschung e.V. 2009-2013, Honorary Fellow International Institute of Social History Amsterdam,  https://iisg.amsterdam/en/about/staff/ursula-langkau-alex   Autorin des Standardwerks über die deutsche Volksfront (Deutsche Volksfront 1932-1938. 3 Bände, Berlin 2005)   Das ist eine sehr gute Idee, nicht nur, weil die exilierten Antifaschisten in internationales öffentliches Gedächtnis gerufen werden, sondern auch, weil die innere  und die äußere Gedenktafel  einander ergänzen insofern, als sie die (nicht gehörte) Gegenstimme zum, und die Konsequenz des Nationalsozialismus aufzeigen.  Hoffentlich stimmen Leitung und Besitzer des Lutetia zu. (Mail 23.5. 2019)  Frau Langkau – Alex hat vor, im nächsten Nachrichtenbrief der Gesellschaft für Exilforschung (Juni 2020) einen „Nachruf“ auf die plaque commémorative im Hotel Lutetia zu veröffentlichen. Online unter:  http://www.exilforschung.de)  

 

  • Maison Heinrich Heine,  Fondation de l’Allemagne,  in der Cité Internationale Universitaire von  Paris.  Siehe dazu den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2017/11/01/la-maison-heinrich-heine-das-deutsche-haus-in-der-cite-internationale-universitaire-de-paris/      Das Heinrich Heine-Haus ist ein wichtiges Zentrum des deutsch-französischen kulturellen und politischen Austauschs. In unseren Pariser Jahren  haben wir  dort viele interessante Menschen kennen gelernt.  Brief der Direktorin Dr. Christiane Deussen vom 15. August 2019: La Fondation de l’Allemagne- Maison Heinrich Heine salue chaleureusement l’initiative visant à installer à l’intérieur de cet établissement chargé d’histoire une plaque commémorant l’activité en son sein du ‚Cercle Lutetia‘. La Maison Heinrich Heine s’associe d’autant plus volontiers à cette action que Heinrich Heine lui-même s’exila à Paris pour échapper à la censure politique outre Rhin. À cette époque déjà, Paris représentait pour les réfugiés politiques un havre de liberté et il n’est pas étonnant qu’un siècle plus tard des écrivains et intellectuels allemands aient choisi la capitale francaise, l’ancienne Lutecia, pour lutter, sous l’égide de l’écrivain francophile Heinrich Mann, contre le régime nazi et faire émerger une autre Allemagne.                  L’activité déployée entre 1935 et 1937 au service de l’humanisme par les membres du ‚Cercle Lutetia‘ mérite aujourd’hui, plus que jamais, d’être rappelée au public et aux clients de cet hôtel prestigieux. Ce rappel est d’autant plus nécessaire que le monde est de nouveau confronté à la remise en cause des valeurs démocratiques dans un nombre croissant de pays. La Maison Heinrich Heine souhaite plein succès à cette initiative et tient à féliciter ses promoteurs.

 

  • heinrichmann gesellschaft Buddenbrookhaus Lübeck   http://heinrich-mann-gesellschaft.de/Schreiben der Vize-Präsidentin Britta Dittmann vom 19.8.2019Der Vorstand der Heinrich Mann-Gesellschaft schließt sich Ihrer Idee aus voller Überzeugung an. Der von 1935 bis 1937 unternommene Versuch, die Kräfte des zerstrittenen deutschen Exils zu einen, um einer menschenverachtenden, kriegstreibenden Politik entschieden entgegentreten zu können, ist nicht nur bedeutsam als ein Mosaikstein im deutsch-französischen kulturellen Gedächtnis.  Das Ansinnen ist auch aktuell relevant, nicht zuletzt, wenn man sich die Konsequenzen des damaligen Scheiterns vor Augen führt.  Indem die von Ihnen vorgeschlagene Plakette auf die Vorgeschichte der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges verweist, ergänzt sie die bereits vorhandene Gedenktafel an die Nutzung des Gebäudes als Aufnahmezentrum für KZ-Überlebende nach 1945 auf das Sinnvollste. Als Heinrich Mann-Gesellschaft freut es uns natürlich besonders, dass das Engagement Heinrich Manns in diesem Zusammenhang explizit Erwähnung findet.

 

  • Gesellschaft für Exilforschung e.V.    http://www.exilforschung.de/ Schreiben der Vorsitzenden, Prof. Dr. Inge Hansen-Schaberg, vom 28.8.2019

 

  • Dr. Wolfgang Klein, Mitherausgeber der Kritischen Gesamtausgabe der Essays und Publizistik Heinrich Manns und von „Für die Verteidigung der Kultur. Die Texte des Internationalen Schriftstellerkongresses zur Verteidigung der Kultur Paris 1935. Berlin 1982.  Französische Ausgabe herausgegeben mit Sandra Peroni  2005. „Ihre und Herrn Jaspers Initiative unterstütze ich sehr gerne. Sie erinnert an ein wichtiges und jeder Ehrung wertes Engagement deutscher Politiker und Intellektueller in der Vergangenheit, dessen Ideale und Ziele erst nach einem Weltkrieg und nicht überall Anerkennung erlangten und heute erneut in Frage gestellt werden. Es gilt zunehmend wieder, was Heinrich Mann im Juli 1937 in dem Artikel „Christenverfolgung“ schrieb: „Wir müssen heute laut von Dingen reden, die sonst jeder gewusst hat“. Umso wichtiger wäre die von Ihnen angestrebte jetzige Erinnerung an diese Vergangenheit.

 

  • Hélène Roussel Maître de conférences honoraire, Université Paris 8, Prof. Dr. Lutz Winckler, Université de Poitiers (Mail vom 27. August 2019) Die Unterstützung des Projekts durch Hélène Roussel und Lutz Winkler hat mich sehr gefreut, weil beide ganz intensive Kenner des deutschen Exils und der Exilliteratur sind. Lutz Winkler ist z.B. Mitherausgeber des Handbuchs der deutschsprachigen Emigration 1933-1945 und zusammen mit Hélène Roussel ist er Herausgeber der von einer deutsch-französischen Forschergruppe erarbeiteten Untersuchung der Exilzeitungen Pariser Tageblatt und Pariser Tageszeitung. Deren Chefredakteur war Georg Bernhard, ein Mitglied des Lutetia-Kreises. Hélène Roussel ist außerdem als Übersetzerin der Werke Anna Seghers‘ hervorgetreten. 

 

  •  Gerhard Bökel  https://de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_B%C3%B6kel    Früherer Rechtsanwalt und Notar und Innenminister des Landes Hessen. Er lebt in Saint Laurent des Arbres bei Avignon und forscht und publiziert über die Résistance in der Provence. Im Zusammenhang damit lernten wir uns kennen.   Thank you for your considerable commitment with regard to the plaque in memory of the ‘Lutetia Circle`. It’s a commendable project ! I hope that the management of the Hotel Lutetia will support your proposal.

 

  • Willi Semmler  https://www.newschool.edu/nssr/faculty/willi-semmler/ Henry Arnhold Professor of Economics, New School for Social Research, New York               I would like to strongly support the Lutetia Project. One important member of the German exile group who met at the Hotel Lutetia was  Emil Julius Gumbel, a mathematician, statistician, economist, and political writer against Nazi organizations in the 1920s. He was Professor in Heidelberg, until 1932, when he was fired by the Nazis, fled to France, and was active in the French Resistance movement and the Lutetia-circle. He taught as a Professor at the New School for Social Research  from 1940-1945, then became  Columbia University Professor from 1950 on. He wrote pathbreaking publications on Extreme value theory which was later applied to the study of financial and climate disasters. He is a very well known scholar among contemporary researchers for his outstanding work on extreme events. He very much deserves to be honored by the Lutetia-Project.

 

  • Yves Potel, Historiker, Schriftsteller, Publizist, Professor Universität Paris VIII

 

Es hat mich auch außerordentlich gefreut, dass mehrere unserer Pariser Freunde bzw. Freundinnen, deren persönliche oder familiäre Geschichte eng mit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, dem Rassismus und dem Widerstand verwoben ist, die Initiative unterstützt haben:

  • Sonia Branca-Rosoff, emeritierte Professorin der Universität Sorbonne Nouvelle- Paris 3. Tochter einer Widerstandskämpferin, die nach Ravensbrück deportiert wurde und zu den Überlebenden der Konzentrationslager gehörte, die nach der Befreiung im Hotel Lutetia aufgenommen wurden. „Votre initiative me paraît très bien venue car il ne faudrait pas qu’à après le déni de l’exterminiation des Juifs, on ocullte par une dénégation inverse la place des résistants dans l’histoire du nazisme et en particulier la place des résistants allemands.Je suis d’autant plus sensible à votre projet que ma mère (juive non pratiquante, Russe d’origine) était entrée dans la Résistance. Déportée à Ravensbrück, comm résistante (et non comme juive, ce qui lui a permis de survivre), elle nous a toujours dit qu’elle avait combattu le nazisme et non le peuple allemand et rappelé que les communistes allemands avaient été les premiers à s’opposer aux exactions des nazis et à connaître les arrestations et la prison. Je vous souhaite donc de réussir dans votre projet d’une plaque commémorative célébrant le clairvoyance du Cercle Lutétia.“ (Lettre du 2 juni)  Sonia Branca-Rosoff ist Mitglied „meines“ Pariser Chors Lacryma Voce und Autorin eines sehr lesenswerten Blogs     (https://passagedutemps.wordpress.com/author/soniabrancarosoff/), was uns beide verbindet.

 

  • Rémi Dreyfus, nahm als Angehöriger der SAS (Special Air Service der Royal Air Force) an der alliierten Landung in der Normandie am 6. Juni 1944 teil (Siehe dazu: https://paris-blog.org/2019/06/07/6-juni-1944-aus-feinden-werden-freunde/)         Ayant participé en France à la résistance à l’occupant nazi, je connais les difficultés et les dangers courus par ceux qui ont eu le courage de s’opposer. Si un de leurs rencontre était le lieux de Lutetia, on ne peut que souhaiter qu’hommage leur soit rendu en ce lieu. Rémi Dreyfus, inzwischen 100 Jahre alt, hat in den Jahren unseres Pariser Aufenthalts mehrere Schülergruppen bei sich empfangen, ihnen von seinen Erfahrungen im Krieg berichtet und mit ihnen diskutiert: Das waren bewegende Generationen-übergreifende deutsch-französische Begegnungen.

 

  • Francoise Tillard  (http://www.paroleetmusique.net/francoise-tillard-cv-anglais/) Tochter des Journalisten und Schriftstellers Paul Tillard (Bücher über le rafle du vel d’Hiv und Mauthausen). Sie ist  Dozentin für Musik, Spezialistin des deutschen Liedes des 19. Jahrhunderts, Gründerin des Klaviertrios Fanny Hensel, der Schwester von Felix Mendelssohn- Bartholdy, über die sie die erste große Biographie geschrieben hat. (Die verkannte Schwester. Kindler 1994)                       Fille de résistant et déporté à Mauthausen et son commando Ebensee, j’ai toujours su par mon père que la résistance intérieure du camp avait été soutenue et approvisionnée en armes par des soldats allemands qui ont ainsi sauvé l’honneur de leur pays et le camp d’Ebensee de la destruction totale par les SS. Une plaque au Lutetia rappellera que les premiers résistants dans les camps étaient allemands et les englobera ainsi que les dignes soldats d’Ebensee dans le souvenir et le respect qui leur sont dus.

 

  • Marie-Christine Schmitt, (professeure agrégée d’allemand), ehemalige Deutschlehrerin an einem Pariser Gymnasium und in einer classe préparatoire. Sie engagierte sich besonders in deutsch-französischen Austauschprogrammen für Schüler und Lehrer, wobei wir uns kennengelernt haben.  Ihr Vater geriet 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft und war in einem Lager (Stalag) an der deutsch-dänischen Grenze untergebracht. Im Winter 1942/1943 gelang ihm eine abenteuerliche Flucht aus dem Lager quer durch Deutschland und das besetzte Frankreich bis in seine Heimat, die Corrèze, wo er ein führendes Mitglied der Résistance wurde. Unterstützt wurde er bei der Flucht durch einen deutschen Hitlergegner, einen Schneider, der ihn mit Kleidung und Geldmitteln versorgte: Die wunderbare Geschichte eines gemeinsamen deutsch-französischen Widerstands. Dazu im Einzelnen: https://paris-blog.org/2016/09/09/die-correze-teil-1-besatzung-und-widerstand-occupation-et-resistance/

 

Auch diese so breite und intensive Unterstützung für die vorgeschlagene Erinnerungstafel, die dabei vorgetragenen vielfältigen Argumente  und die manchmal sehr bewegenden biographischen Bezüge konnten die Verantwortlichen des Hotels Lutetia nicht zu einer positiven Reaktion bewegen. Das bedauere ich sehr. Ich sehe aber in der Zusammenstellung der befürwortenden Stellungnahmen eine wunderbare Würdigung des Lutetia-Kreises und ein eindrückliches Dokument deutsch-französischer Freundschaft. 

 

 

Zum Hotel Lutetia siehe auch:

https://paris-blog.org/2019/01/01/das-hotel-lutetia-1-ein-bauwerk-zwischen-art-nouveau-und-art-deco-im-neuen-glanz/

https://paris-blog.org/2019/03/01/das-hotel-lutetia-2-geschichten-und-geschichte/

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux

 

 

Camille Claudel: Orte der Erinnerung an eine große Bildhauerin

Im Oktober 2018, zum 75. Jahrestag des Todes von Camille Claudel in einem Asyl für psychisch Kranke,  fand im Oktober 2018 eine von  Nachkommen ihres Bruders Paul Claudel organisierte Messe zu ihrem Gedenken statt.  Lacryma Voce, mein Pariser Chor, steuerte dazu den musikalischen Part bei.[1]

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Totenmesse für Camille Claudel in der Kirche Saint Roch in Paris

Neben dem Altar stand eine Staffelei mit dem Portrait Camilles. Reine-Marie Paris, Enkelin Paul Claudels, die aus Krankheitsgründen nicht an der Messe teilnehmen konnte, schreibt in ihrem wunderbaren Buch über Camille Claudel zu diesem Bild:

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 „1884 fixierte der Fotograph César mit einem meisterlichen Schnappschuss die gebieterische Camille Claudel im Alter von zwanzig Jahren, zu einem Zeitpunkt also, da ihre künstlerische Berufung bereits feststand. Sie war als junges Mädchen von verheißungsvoller Schönheit, doch keiner neutralen oder aufreizenden Schönheit. Wir haben das Portrait einer Siegesgewissheit vor uns, mit dem äußerst gespannten Blick voller Lebensgier und Schaffensdrang.“

Der Bruder Paul wird später vom „triumphalen Glanz der Schönheit und des Genies“ sprechen.“[2]

 

Diese junge Frau wurde eine begnadete Bildhauerin, Mitarbeiterin und Geliebte Auguste Rodins,  einem breiteren Publikum vor allem bekannt geworden durch den Camille Claudel-Film (1988) mit Isabelle Adjani (Camille Claudel) und Gérard Depardieu (Auguste Rodin).[3]

Aber die letzten Jahre ihres Lebens waren ein grausames Dahinvegetieren in einer psychiatrischen Anstalt bei Avignon, wo sie 1943 als ein Opfer der vom Pétin-Regime praktizierten extermination douce verstarb.

Angeregt von der Messe haben wir in den letzten Monaten einige Erinnerungsorte Camille Claudels besucht, vor allem das neue Camille Claudel-Museum in Nogent-sur-Seine und das neu eröffnete Claudel-Haus in Villeneuve, dessen Besuch uns François Claudel, der Enkel Paul Claudels, bei dem Empfang im Anschluss an die Totenmesse empfohlen hatte.

In dem nachfolgenden Beitrag sollen nun fünf Erinnerungsorte vorgestellt werden, die wichtige Stationen des Lebens von Camille Claudel markieren:

  • Villeneuve-sur-Fère in der Champagne, wo sie –vor allem zusammen mit ihrem Bruder Paul- eine schwierige, aber auch glückliche Jugendzeit verbrachte und wo seit 2018  im ehemaligen Wohnhaus der Familie ein kleines Claudel-Museum eingerichtet ist.
  • Nogent- sur- Seine, wo der Bildhauer Alfred Boucher ihr erster Lehrmeister wurde und wo es seit 2017 ein bedeutendes Camille-Claudel- Museum gibt.
  • Paris, wo Camille Schülerin, Mitarbeiterin und Geliebte Auguste Rodins wurde, wichtige Werke schuf und schließlich nach der Trennung von Rodin ein eigenes Atelier auf der Île Saint – Louis bezog.
  • Dazwischen das Schloss Islette in derTouraine, ein Traumort für die kleinen Fluchten des Liebespaares.
  • Und zum Schluss der Friedhof von Montfavet  bei Avignon, wo Camille Claudel nach 30-jähriger Internierung in einem Massengrab verscharrt wurde und wo heute eine Stele an sie erinnert.

 

  1. Villeneuve-sur-Fère: Camille und ihr Bruder Paul

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Von einer „glücklichen Jugend“ kann man bei Camille Claudel nur bedingt sprechen. Im elterlichen Haus gab es ständig Streit. „Bei Tisch wüten die Claudels. Ihr Gezänk, das schon am frühen Morgen beginnt und erst abends endet, erreicht am Esstisch seinen Höhepunkt. Eine abscheuliche Atmosphäre“. Es geht, wie Paul später sagte, zu „wie in einem Gemeinderat“. Und Camille trifft es besonders hart: Sie wird von ihrer Mutter von Geburt an abgelehnt. Es gibt „einen erbarmungslosen Mangel an Zärtlichkeit“. Noch einmal Paul: „Sie umarmte uns nie“.  Und die Mutter hatte auch keinerlei Verständnis für die künstlerischen Neigungen und Ambitionen ihrer Tochter. [4]

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Rückwärtige Ansicht des Hauses, des ehemaligen Presbyteriums der Kirche

Am Haus der Claudels ist eine Tafel angebracht, auf der verzeichnet ist, dass hier Paul Claudel geboren wurde und dass Villeneuve für ihn und seine Schwestern Camille und Louise immer „der bevorzugte Ort ihrer Kindheit“ bleiben wird.

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Darunter ein Zitat von Camille: „Dieses hübsche Villeneuve, das auf der Welt nicht seinesgleichen hat.“  Das ist ein Satz aus einem Brief, den sie am 3. März 1927  ihrem Bruder aus dem Asyl von Montdevergues geschrieben hat:

„Mein Traum wäre, sofort nach Villeneuve zurückzukehren und mich nicht mehr wegzurühren, eine Scheune in Villeneuve wäre mir lieber als ein Platz Patientin Erster Klasse hier. … Wenn ich doch plötzlich wieder in Villeneuve sein könnte, was für ein Glück!“ [5]

Die sehnsüchtigen Erinnerungen an Villeneuve sind sicherlich nicht nur Ausdruck einer ihrer Internierung geschuldeten Verklärung. Es gibt dort den wärmenden Kamin, von dem sie in Montdevergues träumt, und es gibt den Vater. Der hätte sich zwar –Provinz- Beamter des Katasterwesens- sicherlich solidere Beschäftigungen für seine Kinder gewünscht, aber er unterstützte rückhaltlos die künstlerische Berufung  Camilles und Pauls. Er akzeptierte es, „dass seine älteste Tochter ihre geballte Energie nicht der Kochkunst, sondern der bildenden Kunst widmete. Zu den ersten Werken seines Sohnes äußerte er sich in Briefen erstaunlich scharfsinnig.“  Paul emanzipierte sich schnell und schlug dann ja auch eine Prestige-trächtige Karriere im diplomatischen Dienst ein, aber Camille nahm unbegrenzt die väterliche Großzügigkeit in Anspruch. „Louis-Prosper Claudel kommt ihr zu Hilfe, so gut er kann, in allen Phasen ihres Lebens, sogar in ihrem Scheitern und ihrem schlimmsten Elend. Finanziell, aber auch emotional lässt er sie nie im Stich, denn er ist sich der Zerbrechlichkeit seiner ältesten Tochter und der äußersten Schwierigkeiten der Karriere, die sie gewählt hat, nur allzu bewusst. …. Er kommt für das Lebensnotwendige auf, ohne jeden Kommentar. Und erst sein Tod wird Camille in die Hölle schicken.“ Camille nannte ihren Vater „Die Eiche von Villeneuve“. Ohne ihn wäre, wie Dominique Bona schreibt, nichts möglich gewesen.[6]

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Und es gibt ihren Bruder Paul, zu dem sie ungeachtet des Altersunterschieds sehr schnell besondere Bande knüpft.[7]  Wie eng die Beziehung zu ihrem Bruder Paul war, zeigt sich auch daran, dass Camille ihren Bruder immer wieder zeichnerisch oder bildhauerisch portraitiert hat. Der detaillierte Werkkatalog von Reine-Marie Paris weist sechs  Zeichnungen und Büsten ihres Bruders zwischen seinem 13. und 42. Lebensjahr auf. Kein anderer Gegenstand hat sie so sehr beschäftigt- selbst nicht Rodin…[8]

Camille Claudel, Mon frère ou jeune Romain (um 1884)  Musée Camille Claudel

Wie intensiv die Beziehung auch dann noch war, als Paul durch seine Tätigkeit im diplomatischen Dienst oft im Ausland war, zeigen die Briefe Camilles an ihren Bruder, in denen sie von ihren künstlerischen Unternehmungen berichtet.

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Hier ein Auszug aus einem Brief vom Dezember 1893,  in dem sie das Projekt der vier Causeuses beschreibt, in dem Brief als „La Confidance“, die Vertraulichkeit, betitelt. (Reproduktion Maison Claudel). Mathias Morhardt, ein zeitgenössischer Bewunderer Camille Claudels, hat das kleine Werk  in einem Beitrag für die Zeitschrift Mercure deFrance  1898 ausführlich gewürdigt und als „prodigieux chef-d’œuvre“ bezeichnet.[9]

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Les Bavardes/Les Causeuses/La Confidence, Ausschnitt (1895) Musée Camille Claudel

Die  Hottée du Diable

La Hottée du Diable ist ein „Felsenmeer“ in der Nähe von Villeneuve und ein Lieblingsziel der beiden Kinder Camille und Paul: Ein die Phantasie anregendes „fabuleux chaos de monstres“, wo Camille die erstaunlichen Skulpturen einer schöpferischen Natur entdeckt.[10]

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Die Hottée du Diable ist in wenigen Autominiuten von Villeneuve aus zur erreichen. Sie liegt an der Straße nach Château – Thierry. Der Parkplatz ist deutlich ausgeschildert.

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  1. Das Musée Camille Claudel in Nogent-sur-Seine

In Nogent-sur-Seine, wohin der Vater versetzt wurde,  wohnte die Familie nur drei Jahre, von 1876 – 1879.  Aber es waren doch entscheidende Jahre. Denn in Nogent  wohnte auch Alfred Boucher, ein Bildhauer, der in Künstlerkreisen bekannt war als Förderer junger Leute. „Zu Beginn des Jahrhunderts versammelte er in einem Pariser Gemeinschaftsatelier namens ‚Arche‘, mit freiem Mittagstisch, etliche von jenen, die später die Pariser Schule bilden sollten: Chagall, Soutine, Modigliani Zadkine und Lipchitz.“ Camilles Vater hatte sich an den prominenten Künstler gewandt, um ihn um eine Beurteilung der künstlerischen Ambitionen seiner Tochter zu bitten. Boucher erkannte ihre außergewöhnliche Begabung. Camille Claudel war  eine seiner ersten Entdeckungen und Boucher wurde Camilles erster Lehrmeister.[11]

Im Museum, dem früheren Wohnhaus der Familie Claudel,  das ursprünglich Alfred Boucher und einem weiteren lokalen Bildhauer gewidmet war,  sind zahlreiche seiner Werke  augestellt.

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Alfred Boucher,  La rêve

2017 wurde dann das neue Museum eingeweiht: Es besteht aus dem Wohnhaus der Familie und einem modernen Anbau, einer insgesamt sehr gelungenen und gerühmten Kombination von alt und neu, entworfen von dem Architekten Adelfo Scaranello.[12]

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Seitdem trägt das Museum den Namen Camille Claudels, und dies sicherlich mit Fug und Recht, weil dort die umfangreichste Sammlung ihrer Werke ausgestellt ist.

Höhepunkt des Museums sind die in einem wunderbaren Ambiente exponierten vier Exemplare der Skulptur La Valse/Der Walzer, dessen erste Fassung 1892, nach dem Bruch Camilles mit Rodin, entstand.

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Ein nacktes, engumschlungenes Paar dreht sich. Der Mann hält die Frau an sich gepresst, sie lehnt an seiner Schulter und überlässt sich ihm in einer so zärtlichen Haltung, das sie ihren ganzen Körper ins Wanken bringt; ohne den Arm des Mannes würde sie fallen. Vom Inspektor des Beaux-Arts aufgefordert, ihre Figuren zu bekleiden oder wenigstens ihre ‚realistischsten Details‘ zu verbergen, hat sich Camille, die von einem schönen Auftrag und damit von einem Stück Marmor für ihre Figuren träumt, Draperien ausgedacht, die ihre Tanzenden umhüllen, ohne sie ganz zu bekleiden. Den Mann lässt sie völlig nackt; die Hüften der bis zur Taille nackten Frau sind unter einer Flut von Stoffen verborgen, die wie Algen aussehen und sie einer Meeresgöttin ähneln lassen. Es ist eine erstaunliche Gruppe voller Bewegung und Sinnlichkeit.“[13]

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Der Musikschriftsteller Robert Godet, ein Freund von Claude Debussy, schrieb über La valse: „Diese Sehnsucht und dieser Schwung, in einem einzigen Rhythmus verschmolzen, der nur schwächer wird, um umso unermüdlicher dahin zu fliegen…“[14] 

Auf dem Klavier Claude Debussys, der mit Camille in dieser Zeit eine kurze Affaire hatte,  stand bis zu seinem Tod ein Bronzeguss von La Valse.

 

 

Die in dem Museum ausgestellten Werke gehörten  überwiegend zur Sammlung von Reine-Marie Paris. Sie hatte die Werke zu einer Zeit erworben, als Camille Claudel nicht mehr bzw. noch nicht wieder eine bekannte Bildhauerin war.

Ein später dazu erworbenes einzigartiges Exponat des Museums ist Camille Claudels Skulptur Perseus und Medusa.  Es ist das  letzte große Werk der Bildhauerin. Die ursprüngliche Fassung aus Ton zerstörte Camille Claudel, aber es gab immerhin eine Kopie aus Marmor, die nun im Museum von Nogent-sur-Seine zu sehen ist.  Hier ein Ausschnitt.

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Das Haupt der Medusa wird gerne als Selbstportrait gesehen:  „Camille Claudel hat mit dieser Skulptur ihr eigenes Schicksal dargestellt: Sie ist Medusa in Form eines Selbstportraits, ein mächtiges Ungeheuer, die durch den Bruch mit Rodin von ihm Geköpfte.  Er lebt weiter, während sie verendet am Boden liegt.“ (14a) Paul Claudel sah in den verzerrten Zügen der Medusa schon die sich ankündigende geistige Verwirrung seiner Schwester…

 

  1. Paris: Camille als Mitarbeiterin und Geliebte Rodins 1883-1893: Das Musée Rodin

Rodin mietete sich 1908 in dem etwas heruntergekommenen Hôtel Biron ein, das bis 1904 Sitz eines katholischen Ordens war und danach – bis zu einer geplanten Nutzung durch den Staat-   zu einer Art Künstlerkolonie wurde. Henri Matisse, Jean Cocteau und die Tänzerin Isadora Duncan wohnten dort zeitweise, ebenso wie die Bildhauerin Clara Westhoff, die Frau Rainer Maria Rilkes. Durch ihn, seinen damaligen Privatsekretär, wurde Rodin auf das Anwesen aufmerksam, das seit 1919 Sitz des Musée Rodin ist.

Camille Claudel hat sicherlich nie das Hôtel Biron betreten: Als Rodin dort ein Atelier einrichtete, war die Beziehung zu Camille längst zerbrochen. Aber es gibt dort seit 1952 einen ihr gewidmeten Saal, in dem wesentliche Werke der Künstlerin versammelt sind. Die Idee, einen solchen Camille Claudel-Saal  einzurichten, wurde schon früh von Mathias Morhardt vorgeschlagen. Rodin war durchaus einverstanden, nicht aber die Familie Claudel. 1952 vermachte dann aber Paul Claudel dem Museum wichtige Werke seiner Schwester, die die Grundlage der Camille-Claudel-Sammlung bilden.

Die erste Begegnung zwischen Camille und Rodin wird gemeinhin auf das Jahr 1883 datiert. Rodin benötigte damals aufgrund seiner zahlreichen Aufträge Gehilfen und Schüler.  Nicht weniger als zwölf Skulpturen Rodins gibt es, für die das Gesicht Camilles als Modell diente, unter anderem die beiden nachfolgend abgebildeten Portraits aus dem Musée Rodin. [15]

      Camille Claudel mit kurzen Haaren (1883/4)  Camille Claudel mit Mütze (ca 1885)

Die beiden wohl berühmtesten Skulpturen Rodins, für die Camille Claudel das Modell war, sind „Der Gedanke“ und „Morgenröte„.

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La Pensée  („Der Gedanke“) von 1886  (seit 1986 im musée d’Orsay,  davor im musée Rodin)  ist eine der Figuren des Höllentors. Die Marmorversion wurde  von einem Mitarbeiter Rodins  aus einem unbehauenen Marmorblock herausgearbeitet- der Meister selbst schuf -anders als Camille Claudel- nur Tonmodelle, die dann in Bronze gegossen oder von Gehilfen in Marmor kopiert wurden.

 

L'Aurore

 

 

 

Auch in der Skulptur Morgenröte (L’Aurore, um 1885) ist das Gesicht Camilles aus dem Marmorblock modelliert und in ihn integriert. Die Skulptur hat Rainer Maria Rilke und Antoine Bourdelle, damals noch einer der Mitarbeiter Rodins, später selbst ein bedeutender Bildhauer,  tief beeindruckt.  „Vom Modell ebenso besessen wie von der Skulptur selbst, vergleicht Bourdelle Camille mit einer Sphinx.“[16]

 

Wie eng gerade auch die künstlerische Beziehung zwischen Rodin und Camille Claudel in dieser Zeit war, zeigen zwei komplementäre Skulpturen der Beiden aus dieser Zeit, nämlich Sakuntala oder Die Hingabe von Camille Claudel (zuerst 1895) und Rodins „Das ewige Idol“ von 1889.

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Rodin, Das ewige Idol 1889 (Musée Rodin)

In einem Liebesbrief, wahrscheinlich aus dem Jahr 1886, fasst Rodin die gegenseitige Hingabe in Worte. Sein Leben, so schreibt er seiner Geliebten, habe  mit ihr eine ganz neue Wendung erhalten:

„Ich küsse dir die Hände, meine Freundin, die du mir einen so erlesenen, feurigen Genuss bereitest;  wenn ich bei dir bin, existiert meine Seele mit aller Kraft, und trotz der heftigen Liebe hat der Respekt vor dir immer Vorrang. Der Respekt, den ich für dich und deinen Charakter habe, meine Camille, Drohe mir nicht und komm zu mir, damit deine so sanfte Hand deine Güte für mich zeigt und überlasse sie mir einige Male, dass ich sie in meiner Erregung küsse. (…) Ich musste dich kennenlernen, und ein ganz unbekanntes Leben begann, meine trübe Existenz loderte in einem Freudenfeuer auf. Danke, denn dir allein verdanke ich den himmlischen Teil, den ich vom Leben erhalten habe.  Lass deine lieben Hände auf meinem Gesicht verweilen, damit mein Fleisch glücklich ist und mein Herz wieder fühlt, wie sich deine göttliche Liebe erneut ausbreitet. (…) Ach! Göttliche Schönheit, Blume, die spricht und liebt, kluge Blume, mein Liebling. Meine Geliebte, ich knie vor dir und umklammere deinen schönen Körper.“ [18]

Und Camille Claudel?  Als Gehilfin Rodins  arbeitete sie mit an dem gewaltigen Höllentor (im Park des Rodin-Museums),  wobei ihr Rodin besonders die Ausführung von Händen übertrug. Da Hände für Rodin ja eine ganz besondere Bedeutung hatten, ist dies als Ausdruck besonderer Wertschätzung zu sehen.

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Auch beim Ausmodellieren von Händen und Füßen der „Bürger von Calais“ wirkte Camille Claudel wesentlich mit. (16a)

Aber Camille konnte neben den Arbeiten für Rodin auch an eigenen Werken arbeiten: So  fertigte  sie von ihrem Meister und Geliebten eine Büste an:

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Camille Claudel, Büste von Rodin (1888) Musée Rodin und Musée du Petit Palais Paris

Diese Büste stellt Rodin unverschönt dar: Mit einem Vollbart, der den unteren Teil des Gesichts überwuchert, eine ungeschlachte, wilde, Energie und Autorität ausstrahlende Erscheinung. Rodin mochte seine Büste; ein monumentales Werk, das alle anderen in dieser Zeit geschaffenen Büsten Camilles überrage, schrieb Bruder Paul. Hier drücke sich eine leidenschaftliche Seele aus, und abgebildet sei „ l’animal humain“.[17]

Sakuntara ist die erste große Skulptur Camille Claudel und gewissermaßen das frühere Gegenstück zu Rodins „Das ewige Idol“.  Die Figurengruppe und ihr Titel beziehen sich auf ein Werk der klassischen indischen Literatur: Ein König verliebt sich in Sakuntara, ein Mädchen aus einer Einsiedelei, und heiratet sie trotz dieser Hürde. Durch Schicksalsschläge werden sie voneinander getrennt, aber am Ende siegt dann doch die Liebe….

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Sakuntala, Die Hingabe. Musée Rodin (Marmorfassung aus dem Jahr 1905, Ausschnitt)   Es gibt Versionen in verschiedenen Materialien und Größen und mit verschiedenen Bezeichnungen. ( auch Vertumnus und Pomona und  L’Abandon) 

In der Beziehung zwischen Rodin und Camille Claudel allerdings siegte die Liebe nicht: Rodin sah sich außerstande, sein Heiratsversprechen einzuhalten- er konnte bzw. wollte sich dann doch nicht von seiner langjährigen Partnerin Rose Beuret trennen.

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Camille Claudel hat dieses Beziehungsdrama in ihrer Figurengruppe L’Âge mûr verarbeitet. Eine junge Frau versucht auf Knien, ihren vom Alter gezeichneten Geliebten zurückzuhalten. Die ausgestreckten Hände  der jungen Frau berühren nicht mehr den leicht nach hinten gerichteten linken Arm des Mannes, der in Begleitung einer alten Frau davon geht: Man kann in der jungen Frau Camille Claudel sehen, in dem älteren Mann Rodin und in der alten Frau an seiner Seite seine karikiert dargestellte Lebensgefährtin Rose Beuret. Der  Bruch der Liebes- und Arbeitsbeziehung zwischen Camille Claudel und Rodin ist vollzogen.

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August Rodin, L’Adieu  (Musée Rodin)

Es wäre falsch und einseitig, darin nur die Schuld Rodins zu sehen. Camille Claudel wollte eine eigenständige Künstlerin sein und nicht nur als Mitarbeiterin Rodins angesehen werden. Wie sehr auch Rodin unter der Trennung gelitten hat, wird aus der Collage deutlich, die er von dem Kopf der jungen Camille mit den kurzen Haaren und den beiden Händen herstellte- Hände, die vielleicht in glücklichen Tagen von Camille selbst modelliert worden waren…

  1. Das Château de l‘Islette in der Touraine

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In Künstlerkreisen war die Beziehung zwischen Rodin und Camille Claudel, die vom Alter her gut auch seine Tochter hätte sein können, kein Geheimnis. Gegenüber seiner langjährigen Lebensgefährtin Rose Beuret hielt Rodin sie aber geheim, ebenso wie Camille Claudel gegenüber ihrer Familie.  Deshalb war es für die beiden ein großes Glück, dass es als Ort ihrer „kleinen Fluchten“ das Schloss Islette gab, das Rodin bei einer Reise zu den Schlössern der Loire entdeckt –und gezeichnet- hatte.

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Kopie einer Zeichnung Rodins aus dem Musée Rodin im Château de l‘Islette

Das Schloss liegt in einem großen Park an dem Flüsschen Indre in der Nähe von Azay-le-Rideau, gewissermaßen eine bescheidenere, intimere Version des dortigen Schlosses.

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Die ehemalige Mühle des Schlosses, heute ein sehr sympathisches Café

Hier brauchten Rodin und Camille Claudel wenigstens den Sommer über ihre Liebe nicht zu verbergen. 1889, 1890 und 1892 halten sie sich gemeinsam dort auf, 1894 ist Camille alleine dort – wahrscheinlich um sich dort von den Folgen einer Abtreibung zu erholen.[19]

Das Schloss erinnert heute gerne an die Zeit, in der es Schauplatz der amours tumultueuses der  beiden großen Bildhauer Camille Claudel und Auguste Rodin war.

Salle des Gardes Parterre

Buffet aus dem Wachensaal (salle des gardes) im Erdgeschoss des Hotels.

Dieser Saal ist heute Camille Claudel und Rodin gewidmet. Gezeigt werden Fotos und vor allem Abdrucke von Briefen aus dem Musée Rodin, die einen Bezug zum Schloss und zur Liebesbeziehung der beiden Bildhauer haben.

Islette  bezeichnet sich als „Le château des amours de Camille Claudel et Rodin“  -gewissermaßen ein Alleinstellungsmerkmal unter den vielen Schlössern der Loire. [20]

Zimmer Camilles im westlichen Turm heute Schlafzimmer der besitzer (8)

Ehemaliges Schlafzimmer Camille Claudels, heute Schlafzimmer der Besitzer des Hotels

Auf der homepage des Schlosses findet sich dieses Zitat aus dem  einzig erhaltenen Liebesbrief Camilles an Rodin, der auch zum Abschluss der Schlossführungen vorgelesen wird:

„Sie können sich nicht vorstellen, wie angenehm es ist in Islette. Heute habe ich im mittleren Saal gegessen (der als Treibhaus dient, und wo man auf beiden Seiten in den Garten sieht.) (…) Ich bin im Park spazieren gegangen, alles ist abgemäht, Heu, Weizen, Hafer, man kann ringsherum gehen, sehr reizvoll. Sollten Sie Ihr Versprechen wirklich wahrmachen- es wäre das Paradies. Einen Arbeitsraum dürften Sie sich bestimmt aussuchen. Ich bin sicher, die Alte wird Sie vergöttern. Sie schlug mir vor, doch auch im Fluss zu baden, wie ihre Tochter und das Kindermädchen; es soll völlig gefahrlos sein. Wenn Sie gestatten- ich werde es tun. (…) Ich schlafe splitternackt; dann träume ich, Sie seien hier; doch wenn ich aufwache, ist alles ganz anders. Betrügen Sie mich ja nicht mehr.“[21]

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Islette ist für Camille Claudel und Rodin nicht nur ein Ort  des Glücks, sondern auch schöpferischer Arbeit.

Rodin hatte 1891 den Auftrag für eine Balzac-Statue erhalten  und  reiste unter dem Vorwand dorthin, eine Balzac ähnliche Physiognomie suchen zu müssen. Die fand er in Gestalt eines Chauffeurs aus Azay-le-Rideau namens Estager, dessen Ähnlichkeit mit Balzac verblüffend gewesen sein soll.

modell für Balzac- Statue

 

 

Da Rodin mit nackten Modellen arbeitete –und auch die Balzac-Statue sollte ja den Romancier in seiner Nacktheit zeigen-  musste er  einen Louis d’or pro Sitzung bezahlen, um den biederen Fuhrmann dazu zu bewegen, sich zu entblößen –  immerhin war der Ausgleich für ihn ein kleines Vermögen.

 

 

Als Atelier Rodins und Camille Claudels diente der große Salon im ersten Stock des Schlosses.

Salon im 1. Stock diente Rodin als Atelier

Auf dem Tisch vor dem Kamin steht heute eine Bronze- Version der Petite Châtelaine, (Das kleine Schlossfräulein), ein entzückendes Werk Camille Claudels,  für das die Enkelin der damaligen Besitzerin, Madame Courcelles,  als Modell diente.

Petite Chatelaine

 

 

Eine der verschiedenen Fassungen befindet sich im Musée Rodin, zwei weitere im Musée Camille Claudel. Eine weitere lange verschollene Version wurde Anfang der 1980-er Jahre „von einem Kunstliebhaber bei einer Versteigerung zum Preis von 100 Francs erworben, da es aufgeführt war als eine belanglose Marmorplastik ‚eines gewissen Claudel.‘“[22]

 

 

 

Mathias Morhardt wusste es 1898 schon besser:

« Il y a … dans la disproportion même de cette tête déjà trop puissante, déjà trop vivante, déjà trop ouverte sur les mystères éternels et les épaules délicatement puériles qu’elle découvre, quelque chose d’indéfinissable qui communique une angoisse profonde … Le buste prouve …  que Mlle Camille Claudel est désormais un maître … » [23]

 

  1. Paris: Das Atelier auf der Île Saint – Louis (1899-1913)

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Das Hôtel de Jassaud, 19 quai de Bourbon

In dem oben zitierten Brief Camilles ist von einem Versprechen Rodins die Rede: „Sollten Sie Ihr Versprechen wirklich wahrmachen- es wäre das Paradies“. Camille Claudel bezieht sich dabei auf das Heiratsversprechen, das Rodin ihr 1886 gegeben, aber dann nicht eingehalten hatte. Er konnte und wollte sich dann doch nicht von seiner langjährigen Lebensgefährtin Rose Beuret trennen, die er kurz vor seinem Tod noch heirate.[24] Allerdings ist es wohl zu einfach, in Rodin den allein Verantwortlichen für die Trennung und den Bruch zu sehen. Sicherlich war Rodin es gewohnt, bei seinen Modellen –so auch bei Camille- ein ius primae noctis in Anspruch zu nehmen, und sicherlich ließ er Gehilfen -wie damals durchaus üblich- für sich arbeiten. Aber dass die Beziehung zu Camille für ihn einen besonderen Rang hatte, ist wohl unbestreitbar und wird ja auch in dem berühmten Ausspruch deutlich, den Mathias Morhardt in seinem Aufsatz  von 1898 zitierte:

„Je lui ai montré où elle trouverait l’or; mais l’or quelle trouve est à elle“. (Ich habe ihr gezeigt, wo sie Gold finden kann. Aber das Gold, das sie findet, gehört ganz alleine ihr)

Für Camille Claudel hätte eine Ehe mit Rodin einen gesicherten gesellschaftlichen und ökonomischen Status bedeutet, andererseits aber wohl auch eine Einschränkung ihrer Selbstständigkeit. Sie empfand es als verletzend, immer nur als Schülerin Rodins angesehen zu werden, nicht aber als eigenständige Künstlerin.  Insofern bedeutete die Trennung von Rodin das Eingeständnis, dass mit ihm eine Beziehung „auf Augenhöhe“ nicht möglich war, es war ein potentieller Akt der Emanzipation, der allerdings in einer Sackgasse endete.  Und sicherlich lag hier ein auslösendes Moment für die Erkrankung Camille Claudels, ihre wahnhaften Ängste und für „die morbide Intensität“ ihres Hasses gegen Rodin.[25]

In dem eigenen Atelier, das sie 1899 auf der Île Saint-Louis bezog,  verbarrikadierte sie sich aus Angst vor Verfolgungen durch „Rodins Bande“,  Beziehungen zu Freunden brach sie ab. Seit 1905 zerstörte sie systematisch ihre Skulpturen. „Es ist nicht abwegig, daraus zu schließen, dass sie damit sich selbst vernichten und alles zerstören wollte, was Rodins Einfluss oder gar Gegenwart ahnen ließ, alles, was sie erinnern konnte an die Zeit gemeinsamen Arbeitens.“[26]

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Camille Claudel lebte und arbeitete im Erdgeschoss dieses Hauses von 1899 bis 1913. In diesem Jahr endete ihre kurze Laufbahn als Künstlerin und es begann die lange Nacht der Internierung.  „Es gibt immer etwas Fehlendes, was mich umtreibt“ (Brief an Rodin 1886)

Dies der Text der Erinnerungsplakette am Eingang des Hôtel de Jassaud am quai de Bourbon. Der Eingang zum Atelier war allerdings eher unscheinbar in der engen Seitenstraße. (26, rue Le Regrattier). Dass die Plakette am repräsentativen Haupteingang  befestigt ist, täuscht über die prekäre Lage Camille Claudels in dieser Zeit hinweg.

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Hier im Hof  befand sich das Atelier Camille Claudels

Sie hatte erhebliche finanzielle Sorgen, nur gemildert durch die (heimlichen) Zuwendungen ihres Vaters. Aus Angst vor den Leuten Rodins, die es angeblich auf sie und ihre Werke abgesehen hatte, verbarrikadierte sie sich in ihrem Atelier, hauste dort -angefeindet von ihren Nachbarn- inmitten von Gerümpel und Unrat, und als wäre das nicht genug, setzte dann auch noch die Jahrhundertflut von 1911 alles unter Wasser. Aber der Weg zurück zur Familie nach Villeneuve-sur-Fère war ihr verwehrt: Dort war sie, zurückgewiesen von Mutter und Schwester,  persona non grata. Und ihr Bruder Paul, der ihr vielleicht noch eine Stütze hätte sein können,  war meist als Diplomat auf fernen Missionen. Wie sehr er ihr fehlte, wird wohl auch daran deutlich, dass zu den wenigen Werken, die aus dieser Zeit erhalten sind, zwei Büsten Pauls im Alter von 37 und 42 Jahren gehören.

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Paul im Alter von 37 Jahren. Musée Camille Claudel Nogent

 

  1. Das Asyl von Montdevergues und das Grab auf dem Friedhof von Montfavet

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Am 3. März 1913 stirbt Louis-Prosper Claudel, der Vater Camilles und ihr familiärer Rückhalt. Eine Woche später wird Camille gewaltsam aus ihrer Wohnung geholt und in einem Heim für psychisch-Kranke in Ville-Évrard bei Paris interniert. Deren Insassen werden nach Ausbruch des Krieges im September 1914 nach Montdevergues bei Avignon evakuiert, vermutlich um das Heim als Lazarett nutzen zu können.  „Merkwürdig ist, dass Camille, die aufgrund der deutschen Invasion nach Montdevergues verlegt worden war, nicht nach Ville-Evrard zurückgeholt wurde, was normal gewesen wäre. Alle aus denselben Gründen evakuierten Personen waren in ihre frühere Anstalt zurückgekehrt. Dafür gibt es nur eine Erklärung: die Gleichgültigkeit der Mutter, was das Schicksal der Tochter anbetraf, oder gar das Drängen der Mutter die Tochter von Paris fernzuhalten.“[27]

Wie die Zustände in dem Asyl von Montdeverges waren und wie sehr Camille Claudel darunter gelitten hat, wir aus ihren Briefen deutlich, zum Beispiel einem an ihren Bruder aus dem Jahr 1927:

Hier müssen … alle Arten von gräßlichen, gewalttätigen, kreischenden, drohenden Kreaturen in Schach gehalten werden. … All das schreit, singt, grölt von morgens bis abends und abends bis morgens. Es sind Kreaturen, die ihre Verwandten nicht mehr ertragen können, weil sie so widerwärtig sind. Doch wie kommt es, dass ich gezwungen bin, sie zu ertragen. Ganz zu schweigen von den Unannehmlichkeiten, die aus einer solchen Promiskuität entstehen. Das lacht, das wimmert, das plappert Geschichten von früh bis spät, mit Einzelheiten, die sich alle ineinander verheddern! Und da mitten drin zu sein, ist so peinvoll, Ihr musst mich rausholen aus diesem Milieu, denn heute sind es vierzehn Jahre, dass ich eingesperrt bin! Ich fordere lautstark die Freiheit!“[28]

Dazu kam im Winter die Kälte: In ihrem Zimmer sei es so kalt, dass sie den Stift nicht halten könne. Sie sei „bis auf die Knochen“ gefroren. Eine ihrer Freundinnen, eine ehemaligen Gymnasiallehrerin, die in dem Asyl gestrandet sei, habe man in ihrem Bett tot aufgefunden. Man könne sich keine Vorstellung machen von der Kälte von Montedvergues. Und die dauere sieben Monate.[29]

Während des Krieges verschlimmerte sich die Lage in dem Asyl noch ganz erheblich. Zwischen 1940 und 1943 wandte sich die Direktion des Hauses mehrfach an die zuständigen Instanzen, wies auf die schlimme Lage hin und bat um Verbesserungen. Die Antwort war eindeutig: Es gäbe interessantere Kranke als die des Asyls. Im August 1943 stellte der Direktor von Montdevergues resignierend fest, seine Patienten verhungerten buchstäblich.[30] Camille Claudel war damit eine von mehreren Zehntausenden psychisch Kranken, die aufgrund einer auch in Frankreich verbreiteten Eugenik der vom Pétin-Regime praktizierten „extermination douce“ zum Opfer fielen.[31]

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Bestattet wurde Camille auf dem Teil des Friedhofsgeländes von Montfavet, der für die Toten von Montdevergues reserviert war. Über dem Grab gab es ein Kreuz mit der Aufschrift  „1943 – n° 392“.  Wie die Anstaltsleitung dem Bruder lakonisch mitteilte, gab es zum Zeitpunkt ihres Todes keinerlei persönliche Gegenstände, „même à titre de souvenir.“  Und als die Familie schließlich auf die Idee kam, dass Camille ein Grab erhalten sollte, „plus digne de la grande artiste quelle était“, erhielt sie die Auskunft, das Grab existiere nicht mehr, weil das Terrain „pour les besoins de service“ benötigt worden sei. Da waren die sterblichen Überreste Camilles also längst in einem Massengrab verscharrt.[32]

DSC05131 Camille Claudel Monfavet (23)

Inzwischen gibt es aber an dieser Stelle eine Stele, die an Camille Claudel und die 30 Jahre erinnert, die sie in Montdevergues „interniert“ war. Als wir im Sommer 2019 dort waren, fuhr ein älterer Herr mit dem Fahrrad  vorbei, der mehrmals, kaum uns zugewandt,  laut vor sich hinsagte: “30 ans d’internement! 30 ans d’internement!“ Das berührte ihn offenbar ganz persönlich.

Camille Claudel hat in den Jahren ihrer Internierung nichts mehr geschaffen. Aber sie denkt zurück an das Villeneuve ihrer Jugend, „das auf der Welt nicht seinesgleichen hat“ und sicherlich dabei auch an den wärmespendenden Kamin im Wohnzimmer des Hauses.  Eine ihrer letzten Skulpturen ist „Rêve au coin du feu“,  eine am Kamin sitzende Frau, die ins Feuer blickt.

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Traum am Kaminfeuer (1900/1902) Musée Camille Claudel

Paul Claudel schrieb dazu 1940: „Une femme assise et qui regarde le feu, c’est le sujet d’une des dernières sculptures de ma pauvre sœur, la conclusion de sa douloureuse existence. (…)  Une femme assise et étroitement enveloppée dans son châle, assise et qui regarde le feu. Elle est bienheureusement assise et toute seule, il n’y a personne, tout le monde est mort ou c’est la même chose. Il pleut violemment au dehors, une lamentation intarissable de toute la terre.“ [33]

DSC05479 Camille Claudel Villneuve sur Fere (29)

Vor dem Kamin in Villeneuve steht heute die Skulptur  „L’implorante“ (Die Flehende). Ursprünlich Teil von „L’Âge mûr“, wurde sie 1894 unter dem Titel „Le Dieu envolé“ (Der entflogene Gott) separat ausgestellt.   Paul Claudel beschrieb sein Entsetzen beim Anblick der Skulptur so:

Das nackte Mädchen ist meine Schwester! Meine Schwester Camille, flehend, gedemütigt und auf den Knien: diese wunderbare, stolze junge Frau stellt sich auf diese Weise dar.“[34]

 Und Reine Marie Paris, die Großnichte Camilles, schreibt dazu:

„Eine junge Frau sucht mit flehender Gebärde die fliehende Realität anzuhalten. Was wollen sie festhalten, diese übermäßig langen Arme? Nicht so sehr den Geliebten, der sich entfernt, sondern das eigene Leben, das sich entzieht“, die eigene Identität, „die ihr zu entgleiten drohte“ und die ihr schließlich ja auch entglitt…. [35]

 

Literatur:

Reine-Marie Paris/Philippe Crescent, Camille Claudel, Intégrale des œuvres/complete works. Paris: Ed. Economica 2014

Camille Claudel, Correspondance. Édition d’Anne Rivière et Bruno Gaudichon. Paris: Gallimard 2014

Über Camille Claudel in deutscher Sprache:

Dominique Bona, Camille und Paul Claudel. München:  Btb-Verlag 2010

Anne Delbée, Der Kuss. Kunst und Leben der Camille Claudel. Btb 20038 . (deutsche Ausgabe von: Anne Delbée, Une Femme. Paris: Fayard  1998 , Le Livre de Poche, 5959)

Reine-Marie Paris, Camille Claudel 1864 – 1943. Deutsch von Annette Lallemand. Frankfurt: S. Fischer 9. Auflage 2007

In französischer Sprache:

Hélène Pinet et Reine-Maris Paris, Camille Claudel. Le génie et comme un miroir. Paris: Gallimard 20

Michel Deveaux, Camille Claudel à Montdevergues. Histoire d’un internement. (7 septembre 1914 – 19 octobre 1943) Paris: L’Harmattan 2012

Antoinette Le Normand-Romain, Camille Claudel & Rodin. Herman Éditeurs/musée Rodin 2014

Véronique Mattiussi und Mireille Rosambert-Tissier, Camille Claudel, une femme insoumise. Idées reçues 2014

Reine-Marie Paris,  Chère Camille Claudel. Histoire d’une collection. Paris: Ed. Economica 2012

 

Anmerkungen:

[1]   Siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2019/09/06/10-jahre-singen-in-paris/

[2] Reine-Marie Paris, Camille Claudel, S. 9 und Paul Claudel, Ma sœur Camille. Zit. von Dominique Bona, S. 44

[3] Mitarbeiterin des Drehbuchs war Reine-Marie Paris, die Großnichte Camille Claudels, die wesentlich dazu beigetragen hat, dass das Werk Camille Claudels heute (wieder) bekannt und anerkannt ist.

Isabelle Adjani hat in einem Interview mit Le Monde (17. Dezember 2019, S. 26) übrigens darauf hingewiesen, dass Camille Claudel eine ganz wichtige Rolle für ihre eigene persönliche Entwicklung gespielt hat: „C’est son courage qui m’a donné du courage.“

[4] Bona, S. 20

[5] Cit. bei Reine-Marie Paris, S. 136f Original bei Delbée, S. 34:

„… mon rêve serait de regagner tout de suit Villeneuve et de ne plus bouger, j’aimerais mieux une grange à Villeneuve au’une place de première pensionnaire ici…  Quel bonheur si je pouvais me retrouver à Villeneuve. Ce joli Villeneuve qui n’a rien de pareil sur la terre! …“

[6] Reine-Marie Paris, S. 23 und Bona, S. 34/35

[7] Bona, S. 28

[8] Siehe auch: https://www.paul-claudel.net/oeuvre/sculpture

[9] Der Artikel ist in Auszügen abgedruckt bei Delbée, S. 473ff

[10] Flyer: Sur les pas de Camille et Paul Claudel.  La Hottée du Diable  ist wenige Autominuten von Villeneuve entfernt: Über die D 79 zur D 310 Richtung Château—Thierry.  Kurz nach der Einbiegung in die D 310  ist auf der rechten Seite der Parkplatz beschildert.

[11] Reine-Marie Paris, Camille Claudel, S. 208

[12] http://www.pavillon-arsenal.com/fr/paris-dactualites/10895-musee-camille-claudel.html

[13] Bona, Camille und Paul Claudel, S. 174/175

[14] Zitiert in: https://de.wikipedia.org/wiki/La_Valse_(Claudel)

(14a) Heike Fischer-Heine, „Da ist immer etwas Abwesendes, das mich quält…“  Verfolgt vom Bösen- Kreativität und Wahnsinn der Bildhauerin Camille Claudel (1864-1943). In: Pit Wahl/Ulrike Lehmkuhl (Hrsg), Die Magie des Bösen. Göttingen 2012, S. 90

[15] Bona, Camille und Paul Claudel, S. 110f

[16] Bona, S. 111

(16a)  https://www.art-directory.de/malerei/camille-claudel-1864/

[17] Paul Claudel, Ma sœur Camille, 1951 und Bona, Camille und Paul Claudel, S. 116

[18] Übersetzung aus dem im Château de l’Islette ausliegenden Heft mit den dort ausgestellten Briefen Rodins und Camille Claudels. Original zugänglich bei: https://www.vanityfair.fr/culture/people/diaporama/les-plus-belles-lettres-damour-de-tous-les-temps/24960?page=2

[19] Siehe Bona, Camille und Paul Claudel, S. 167

[20] https://www.chateaudelislette.fr/

[21] Brief vom 25. Juni 1892, Archiv des Musée Rodin. Zitiert bei Reine-Marie Paris, Camille Claudel, S. 39

Camille Claudel war damals allein in Islette, möglicherweise um sich von einer Fehlgeburt oder Abtreibung zu erholen.  Nach der Einschätzung von Reine-Marie Paris steckt der Brief allerdings voller Ambivalenzen- zum Beispiel, wenn  CC Rodin bittet, ihr für das Bad im Fluss ein Badekleid z.B. im Bon Marché in Paris zu besorgen: Einen schon älteren, wohlbeleibten Herren zu beauftragen, ein damals so intimes Kleidungsstück zu kaufen, sei schon eine Zumutung gewesen.

[22] Zit. aus Reine-Marie Paris, Camille Claudel, S. 360

[23] Zit. auf der Homepage des Schlosses

https://www.chateaudelislette.fr/

[24] Brief Rodins an Camille Claudel vom 12. Oktober 1886, der den Charakter einer rechtlich bindenden Selbstverpflichtung hat. Darin heißt es unter anderem: „Nach der Ausstellung im >Monat Mai fahren wir nach Italien und bleiben dort mindestens sechs Monate, der Beginn einer unverbrüchlichen Verbindung, nach der Fräulein Camille meine Frau wird.“

Siehe dazu auch Bona, Camille und Paul Claudel, S. 163f

[25] Siehe Reine-Marie Paris, Camille Claudel, S. 53  und S. 75

[26] François Lhermitte nd Jean-François Allilaire, Camille Claudels psychische Krankheit. In: Reine-Marie Paris, Camille Claudel, S. 161

[27] Lhermitte/Alliaire, Camille Claudels psychische Krankheit. A.a.O., S. 169

[28] Brief an Paul Claudel vom 3. März 1927. Zitiert bei Reine-Marie Paris, Camille Claudel, S. 137

[29] Zit. Bei  Delbée, S. 323

[30] https://www.midilibre.fr/2013/03/13/vichy-est-responsable-de-la-mort-de-camille-claudel,659049.php

[31] Siehe:  Der Begriff der Extermination douce geht zurück auf ein Buch von Paul Lafont aus dem Jahr 1987. Siehe: Extermination douce.  La Cause des fous.  40000 malades mentaux morts de faim dans les hôpitaux sous Vichy. https://www.cairn.info/revue-vie-sociale-et-traitements-2001-1-page-45.htm#  Siehe auch: https://fr.wikipedia.org/wiki/Extermination_douce

[32] Zitat wiedergegeben bei Delbée, Une femme, S. 465/466

[33] Siehe dazu Paul Claudel, Assise et qui regarde le feu  (1940) Schautafel im Musée Camille Claudel

[34] Rachel Corbett, Rilke und Rodin. Die Geschichte einer Freundschaft. Berlin: Aufbau-Verlag 2017, S. 73

[35] Reine-Marie Paris, Camille Claudel, 324/325. Reine-Marie Paris weist darauf hin, dass diese Skulptur meist in die Gruppe „Das reife Alter“ eingefügt ist, dass diese „allzu augenfällige Allegorie“ allerdings dadurch an Ausdruckskraft verliere, nämlich die sich darin ausdrückende „panische Angst“ Camille Claudels vor allem, was sich entziehe, vor allem ihrer eigenen Identität, „die ihr zu entgleiten drohte“.

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux

Die Nuit Blanche, das Lichter- und Kunstfest von Paris

Seit der Weltausstellung von 1900 nennt sich Paris ganz offiziell „ville lumière“, Stadt des Lichts. Immerhin war dort ja auch schon zur Zeit Ludwigs XIV. die öffentliche Straßenbeleuchtung eingeführt worden, ab 1816 hatte der Siegeszug der Gasbeleuchtung in der Passage des Panoramas und den Galerien des Palais Royal begonnen und 1881 fand in Paris die erste internationale Elektrizitätsausstellung statt.

Zum Selbstverständnis von Paris  als „ville lumière“ passt ganz besonders natürlich die seit 2002 jährlich stattfindende „Nuit Blanche“, ein Lichter- und Kunstfest. Sie beginnt jeweils am Abend des ersten Oktobersamstags und  endet am Sonntag früh.[1]

Paris Nuit Blanche 2.10.2010 001

Seit 2010 haben wir mehrfach während der nuit blanche Paris durchstreift. Das Angebot dabei so überwältigend, dass man nur eine kleine Auswahl aus dem angebotenen Programm bewältigen kann. Einige deshalb auch völlig unsystematische Eindrücke sollen im Folgenden wiedergegeben werden und Lust, auf Entdeckungstour durch die nuits blanches von Paris zu gehen.

Ein „Markenzeichen“ der nuit blanche ist natürlich die Illumination öffentlicher Gebäude. Und hier denken wir natürlich zuerst –und 2019 natürlich mit einiger Wehmut- daran, wie wunderbar sich die Kirche Notre Dame in der nuit blanche 2010 präsentierte.

Paris Nuit Blanche Notre Dame 2.10.2010 006

Bunter und lauter ging und geht es immer am Hôtel de Ville zu. Auf dessen Vorplatz werden aus Anlass der nuit blanche auch besondere Veranstaltungen organisiert. 2019 zum Beispiel gab es ein großes Arreal zum Tanzen. Allerdings zu einer nach meinem Geschmack sehr eintönigen elektronischen Musik. Also eher etwas für junge Leute. Die Schlange vor dem Eingang war auch entsprechend groß. Und wenn man drinnen war, lagen weiße Gewänder mit Kapuzen bereit, die die Tanzenden übergezogen haben – ein passendes Event zu einer „weißen Nacht“. Auf die Fassade des Rathauses wurden dazu historische Filmsequenzen von Tänzern projiziert…

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Aber natürlich gab und gibt es auch ruhigere, beschaulichere Projektionen: Zum Beispiel 2016  die der gotischen Salle des gens d’armes aus der Conciergerie auf die Fassade des Baus.[2]

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Auf der Außenwand standen die Säulen allerdings auf dem Kopf, aber im auf der Seine gespiegelten Bild standen die Säulen wieder fest auf ihren Sockeln.

Originell war auch 2017 die „animation lumineuse“ des von Jean Nouvel geplanten Institut du Monde Arabe.[3] Auf der südlichen Fassade, bei der das Sonnenlicht durch eine Serie von Irisblenden reguliert wird, erschienen in abwechslungsreicher Folge  Bilder mit unterschiedlichen Formen und Farben.

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Dann gibt es aber auch besondere Installationen, wie zum Beispiel diese „Schlangen“ am Brunnen Saint Michel.

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Oder 2010 eine Installation auf dem Pont Saint Louis zwischen der Île de la Cité und der °Ile Saint-Louis: Gerüste aus Stahlrohren, durch die man auch hindurchgehen konnte und die unterschiedliche beleuchtet wurden.

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Nuit blanche 2013 013

 

 

 

 

Auch für das Jahr 2913 hatten sich der verantwortliche Planer der Nuit Blanche –für jedes Jahr designiert die Stadt Paris eine spezielle Leitung- etwas Besonderes ausgedacht:

 

 

 

 

Auf der gerade umgestalteten und für Fußgänger zugänglicheren Place de la République hatte die japanische Künstlerin Fujiko Nakaya ein Feld aufgebaut, in dem leichter feuchter Nebel versprüht wurde.

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Die Statue der Republik auf dem Sockel war in diesem Sprühnebel ganz verschwunden, aber auch die Personen unten auf dem Platz waren nur noch als Schemen sichtbar – Das waren dann die „fog scuptures“, das Markenzeichen der Künstlerin.

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Nuit blanche 2013 010

Etwas bizarr war  eine vorab vielgerühmte und angepriesene Installation im Carreau du Temple. In diesem Bau, der gerade renoviert wurde, hatte Huang Young Ping ein riesiges Plexiglasrohr montiert, ähnlich einer Achterbahn, in der Reptilien und Insekten eingeschlossen waren, die sich langsam bewegten. Sicherlich gab es dazu einen philosophischen Überbau, der sich mir allerdings nicht erschlossen hat.[4]

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Dass allerdings die Schlange der Wartenden vor dem Carreau so lange war, lag sicherlich auch daran, dass an diesem Tag die Pariser Bevölkerung zum ersten Mal wieder die Gelegenheit hatte, diesen schönen Bau aus der Zeit um 1900 zu betreten, der in den 1970-er Jahren schon einem Parkplatz zum Opfer fallen sollte…

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Dieses Beispiel zeigt aber auch eine besondere Seite der nuit blanche: Dass an diesem Tag  bzw. in dieser Nacht nämlich Orte geöffnet sind, die sonst kaum zugänglich sind.

Ein schönes Beispiel dafür war 2014 die Freyssinet-Halle im 13. Arrondissement von Paris. Es handelt sich dabei um ein in den 1920-er Jahren errichtetes Betriebsgebäude der SNCF, das aber seit 2006 nicht mehr genutzt wurde.

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2017 wurde dort ein Inkubator für etwa 1000  Internet- Start-ups eingeweiht, nach Selbstdarstellung der Station F, wie sie jetzt heißt, der größte weltweit[5] – in Frankreich liebt man, wenn es sich um das eigene Land handelt, ähnlich wie in den USA die Superlative…. Architekt des Umbaus war übrigens Jean-Michel Wilmotte, ein Spezialist für die Rehabilitierung und behutsame Modernisierung historischer Bauten. Zwei von ihnen, nämlich das Haus der Mutualité und das Hotel Lutetia, wurden schon auf diesem Blog vorgestellt.[6]

Eingeladen zur Präsentation der Halle während der nuit blanche von 2014 waren auch Vertreter der Street-Art, die die äußeren Wände der Halle gestaltet hatten: Eine gute Idee, die Wartezeit vor dem Einlass kurzweiliger zu machen.

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Höhepunkt der nuit blanche 2017 war für uns die Lichtinstallation im Collège des Bernardins im 5. Arrondissement von Paris. Das Collège war im 13. Jahrhundert von Zisterziensern zur Unterbringung von Studenten gegründet worden. Seit der Französischen Revolution wurden wesentliche Teile des Collegs abgerissen, andere als Mehldepot, Gefängnis für Galeerensträflinge oder Feuerwehrkaserne genutzt. Erhalten ist aber immerhin noch das ehemalige Refektorium, ein wunderbarer gotischer Raum, auch er von Jean- Michel Wilmotte rehabilitiert.[7]

Auch hier waren die Warteschlangen vor dem Einlass sehr lange.

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Aber das Warten lohnte sich. Denn in dem alten Refektorium mit seinem wunderbaren gotischen Gewölbe wurde eine grandiose son-et-lumière Präsentation geboten.

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Weniger laut war es danach in der nahe gelegenen Kirche Saint Severin (5. Arrondissement) mit der gedrehten Säule in dem wunderbaren Chormumgang. Aus Anlass der nuit blanche war die Kirche geöffnet und sehr stimmungsvoll beleuchtet  – ein ruhiger und schöner Ausklang der nuit blanche 2017.

 

 

 

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Für die Nuit blanche 2019 hatten sich die Veranstalter wieder ganz neue Attraktionen ausgedacht, zum Beispiel einen Zug von dekorierten Wagen von der Place de la Concorde zur Bastille. Also „une Nuit blache aux airs de carnaval“.[8]

Bei diesem Karnevalszug gab es Element des chinesischen Neujahrsfests[9]:

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Aber es gab auch Anklänge an den Karneval von Rio:

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Und in gewisser Weise auch an die Faschingsumzüge des rheinischen Karnevals. Nur dass da keine Bonbons/Kamellen in die Menge geworfen wurden, sondern es wurden Schlangen von Zuckerwatte in den Himmel und ins Publikum gepustet – weiß natürlich, wie es sich für eine nuit blanche gehört….

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Zum Abschluss des Umzugs gab es dann noch ein grandioses Feuerwerk rund um die Bastille.

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Eine weitere besondere Attraktion der Nuit blanche 2019 war die Sperrung eines Teils des Périphérique, der die Stadt umgebenden Autobahn. Die Zukunft dieser Autobahn, oft geprägt von Staus, spielt in den  Visionen, die für Paris und sein Umland (le grand Paris) entwickelt werden, eine große Rolle und dass der Peripherique in seiner derzeitigen Form keine Zukunft hat, ist unumstritten.[10] Insofern war es eine naheliegende Idee der Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo, aus Anlass der Nuit blanche einen Abschnitt des Peripheriques für den Autoverkehr zu sperren und für Fußgänger, Fahrrad- und Rollerfahrer zu öffnen. Dabei konnte sie darauf verweisen, dass der Peripherique ja auch schon einmal in Teilen für die Entschärfung einer Weltkriegsbombe gesperrt werden musste. Warum dann nicht auch für die Nuit blanche… (11)

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Blick von oben auf das gesperrte und beleuchtete Teilstück des Peripherique

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Wir waren da nicht, sondern machten zunächst einem Abstecher zum  Palais Royal, wo in durchsichtigen aufgeblasenen und von innen beleuchteten PVC-Kugeln junge Damen mit roten Perücken und Röcken durch den Garten rollten. Dem Programm zufolge handelte es sich dabei um eine sogenannte „art cinétique“.

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Also zum Abschluss unserer Nuit blanche dann doch lieber zur „art classique“ in die Orangerie an der Place de la Concorde, wo seit 2015 im wunderbaren Seerosen-Saal Monets in der Nuit Blanche eine „Nuit du Quatuor“ stattfindet.

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Während der ganzen Nacht präsentieren dort zu jeder Stunde verschiedene europäische Ensembles Kammermusik, wobei auch immer eine Erstaufführung dabei ist. Als wir um halb ein Uhr dort waren, hätten wir allerdings bis zum 4-Uhr Konzert warten müssen, so groß war der Andrang…  Und dann fing es auch noch an zu regnen…

Vielleicht haben wir ja im nächsten Jahr mehr Glück. Und  es locken dann sicherlich auch  wieder neue, attraktive Angebote….

 

Anmerkungen

[1] https://de.parisinfo.com/kultur-paris/135251/nuit-blanche-in-paris

[2] Bild aus Wikipedia.

[3] https://www.imarabe.org/fr/evenement-exceptionnel/nuit-blanche-2017-a-l-ima

[4] https://www.dailymotion.com/video/x1553d6

[5] https://www.lesechos.fr/2017/06/avec-station-f-xavier-niel-simpose-comme-figure-incontournable-du-monde-des-start-up-174839

[6] Siehe die Blog-Beiträge über die Maison de la Mutualité und über das Hotel Lutetia.

[7] http://www.wilmotte.com/fr/projet/1/College-des-Bernardins

[8] Le Monde  6./. 10. 2019, S. 23

[9] Zum chinesischen Neujahrsfest siehe den Blog-Beitrag

[10] https://www.lefigaro.fr/actualite-france/paris-se-dirige-vers-la-fin-du-peripherique-20190611

(11) La Nuit blanche s’invite sur le périphérique. Le Monde, 22. Januar 2019, S. 18

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Camille Claudel, Schicksal einer Bildhauerin: 5 Erinnerungsorte
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • Die Mauer der Generalpächter, Lavoisier und  die Torhäuser von Ledoux

 

Stop féminicides/Schluss mit den Frauenmorden: Aktuelle Aktionen in Frankreich (November 2019)

Fährt oder bummelt man in diesen Herbsttagen des Jahres 2019 durch die Straßen von Paris, dann sind die auf Hauswände geklebten weißen Plakate nicht zu übersehen, auf denen  mit großen schwarzen Buchstaben die Morde an Frauen angeprangert werden. So bei uns in der Nähe in der rue Saint Sébastien.

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Das Wort féminicide  bezeichnet nach dem Wörterbuch „Le Petit Robert“ den Mord an einer Frau oder einem Mädchen aufgrund ihres Geschlechts.  Aufgenommen wurde es in dieses Wörterbuch im Jahr 2015, während die Akademie française sich noch ziert – was allerdings bei dieser sehr männerlastigen und konservativen Institution  nicht anders zu erwarten ist. [1]  Allerdings tun sich auch deutsch-französische Wörterbücher schwer mit dem Wort: Leo musste passen:

Leider konnten wir zu Ihrem Suchbegriff féminicides keine Übersetzung finden“,

und  linguee teilte kurz und bündig mit: „Keine Ergebnisse für féminicides.  Bei Pons wurde ich dann aber fündig: féminicide = Frauenmord.“.[2] 

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103. Mord an Frauen. Eine Unbekannte, 76 Jahre, mit der Axt erschlagen.                            Rue Picpus, 12. Arrondissement

In Frankreich ist das Wort in den Medien allpräsent und es wird in der aktuellen Plakatierungsaktion ganz selbstverständlich immer wieder verwendet. Dabei werden teilweise auch die Namen der Opfer genannt, wie sie umgebracht wurden und um den wievielten Frauenmord des Jahres es sich handelt.

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Monique, mit Schlägen des Gewehrs getötet von ihrem Mann, 104. Mord an Frauen  Boulevard Ménilmontant, 11. Arrondissement

Und  bei uns in der Ecke in der Rue de la folie Regnault (ebenfalls 11. Arrondissement):

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25.10.2019  Shaïna, 15 Jahre, wurde von ihrem Typ erschlagen und verbrannt. Der 125. Mord an Frauen

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2.11.2019 Eine Frau von 88 Jahren, von ihrem Mann durch eine Kugel in den Kopf getötet, Der 128. Frauenmord. Rue Léon Frot, 11. Arrondissement

Auch das Ausmaß der Frauenmorde wird plakatiert wie in der Passage de Ménilmontant  im  11. Arrondissement:

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Der Männlichkeitswahn tötet alle 48 Stunden

 

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In Frankreich ein Frauenmord alle zwei Tage (Foto von Sonia Branca, aufgenommen Nähe Bastille)

Dieses Plakat gibt es auch auf englisch – hier allerdings in etwas ramponierter Form:

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Rue Bouvier, 11. Arrondissement

Die traurige Bilanz des Jahres 2019:

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                                 2019: 149 Morde an Frauen. Den Zeiger nicht auf 0 stellen                                       Gymnase Japy, 11. Arrondissement. Aufgenommen im Januar 2020

und noch einmal Berges de la Seine, rive gauche

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Die hier angegebenen Zahlen stammen von dem Kollektiv „Feminicides“, das seit 2016 eine Zählung von Frauen vornimmt, die von ihrem (ehemaligen) Partner umgebracht worden sind. Allerdings sind diese Zahlen nicht unumstritten: Le Monde (17. Januar 2020)  spricht sogar von einer „bataille des chiffres“.  Das hängt damit zusammen, dass es manchmal nicht ganz einfach ist, eine entsprechende Zuordnung vorzunehmen: Beispielsweise, wenn der entsprechende Mann die Tat leugnet und es (noch)  keine Verurteilung gibt, so dass -juristisch exakt-  die Unschuldsvermutung gilt. Oder was ist -um ein von Le Monde angeführtes Beispiel zu nennen- mit einem alten Mann, der  zunächst seine kranke Frau umbringt. um ihr Leiden zu beenden, und dann sich? Ist das auch ein féminicide im Sinne einer „violonce conjugale“? 

Aber unabhängig von solchen Zuordnungsproblemen: Einigkeit besteht darin, dass die Zusammenstellung und Addition von féminicides hilfreich ist, das Bewusstsein für die Problematik häuslicher Gewalt zu schaffen und damit möglichst dazu beizutragen, dass die Zahlen in Zukunft abnehmen…

Und Einigkeit besteht natürlich auch darin, dass jeder Frauenmord einer zu viel ist:  pas une de plus“!  Ein Plakat  mit der entsprechenden italienischen Parole gibt es auch. Zum Beispiel in  der Rue du chemin vert (11. Arrondissement).

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Oft beziehen sich die Collagen auch auf die Motive von Frauenmorden.  Häufig können es Männer nicht ertragen, wenn ihre Frau sich von ihnen trennt.

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Sie verlässt ihn, er tötet sie      Rue Étienne Dolet, 20. Arrondissement

Le Monde berichtet in ihrer Ausgabe vom 17./18. November 2019 vom Leidensweg einer Frau, deren Mann, mit dem sie 20 Jahre lang verheiratet war, die Trennung nicht ertragen konnte. Ihr Partner drohte ihr mehrfach an, ihr das Gesicht zu verätzen, damit sie nicht mehr für andere Männer attraktiv sei. Er werde das tun, auch wenn er dann 15 Jahre ins Gefängnis müsse. Die Bedrohungen nahmen an Brutalität zu, der Mann kommt einmal für kurze Zeit in Haft und ihm wird der Kontakt mit seiner früheren Frau untersagt. Aber die Bedrohungen gehen weiter,  auch die Kinder, die bei der Mutter leben, werden bedroht. Er werde den 4-jährigen Jungen vom Balkon werfen. Mehrfache Anzeigen, mehrfache dringende  Eingaben des Rechtsanwalts bei der Justiz bleiben ergebnislos, bis dann der Mann seine Drohung wahr macht und das Gesicht der Frau mit Salzsäure entstellt….

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Papa hat Mama getötet       Rue des Partants, 20. Arrondissement

Seit September 2019 gibt es diese Anschläge in Paris. Bei den hier abgebildeten  handelt es  sich um eine völlig zufällige Zusammenstellung, meist in unserer näheren Umgebung fotografiert. Dabei wird aber deutlich, dass es sich um eine ganz spektakuläre Aktion handelt – denn sie ist ja nicht auf unser Viertel beschränkt, sondern in ganz Paris verbreitet. Gewidmet  sind  sie „den ermordeten Frauen“.

Rue de la Roquette, 11. Arrondissement

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Unseren ermordeten Schwestern        Rue de la Bidassoa im 20. Arrondissement

 Hier hat die Gruppe nous toutes neben dem Straßenschild und über der Collage ein Plakat mit einem alternativen Straßenschild angeklebt, das einer der ermordeten Frauen gewidmet ist:

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Rue Chloé, 33 Jahre, am 27. April 2019 von ihrem Ex getötet

Auf der Basis der Juli-Säule in der Mitte der place de la Bastille befindet sich folgende Aufschrift:

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Aux femmes assassinées, la patrie indifférente  (den ermordeten Frauen, das gleichgültige Vatgerland) eine Anspielung auf die Widmung des Pantheons: aux grands hommes- la patrie reconnaissante  (den großen Männern, das dankbare Vaterland).[3]

Diese Collage passt  gut zu der Juli-Säule- denn es geht ja um ermordete Frauen- und die Juli-Säule ist den Opfern der „trois glorieuses“ der Juli-Revolution von 1930 gewidmet, die hier sogar bestattet sind.

Initiatorin der Plakataktion ist Marguerite Stern, eine junge Künstlerin, die dafür engagierte Frauen gewann.[4]

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Begonnen hatte sie damit in Marseille, wo sie wohnt, dann aber auch in Paris Mitstreiterinnen gefunden.

Réunion de préparation de la soirée : les militantes font le point sur les lieux de collage et les messages qui y seront affichés. ©camillegharbi

Vorbereitungstreffen von Pariser Aktivistinnen im September 2019

Dort startete die Aktion am 30. August und eine Woche später waren schon 250 Collagen geklebt.[5]  Heute sind es sicherlich tausende…

Die Aktivistinnen, die diese Plakate bzw. Collagen an die Wände klebten, hatten allerdings ein Problem, das Vertretern der Street-Art nur allzu bekannt ist: Das „wilde“ Plakatieren stört nicht nur die öffentliche Ordnung, sondern ist auch ein Eingriff in das Privateigentum. Es handelt sich  also um  eine Ordnungswidrigkeit, die entsprechend geahndet werden kann – und wie beim Invader oder Monsieur Chat auch geahndet wurde.

Dazu veröffentlichte die Zeitung Le Parisien  am 7. September 2019 einen Artikel:

Paris : 400 euros pour avoir collé des affiches contre les féminicides

6 militante Feministinnen seien in flagranti beim Plakatieren von städtischen Angestellten beobachtet worden. Man habe ihre Personalien erhoben und ein Bußgeld von insgesamt 400 Euro verhängt.[6]

Die Frauen hatten ein  Plakat angeklebt mit der Aufschrift Morde an Frauen: Das große Thema der Legislaturperiode.

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Die Pariser Stadtverwaltung rechtfertigte das Vorgehen ihrer Beschäftigten: Man könne von ihnen nicht erwarten, dass sie eine Entscheidung träfen zwischen verschiedenen Arten wilder Plakatierung. Allerdings hatte die Pariser Bürgermeisterin am 28. August noch höchstpersönlich eine Veranstaltung auf dem Platz vor dem Pariser Rathaus organisiert, in der sie die Morde an Frauen verurteilt und die Regierung zum höchst überfälligen Handeln aufgefordert hatte.[7]

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      Anne Hidalgo, die Bürgermeisterin von Paris, am Rednerpult vor dem Rathaus

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Dazu waren die Namen der Opfer an der Fassade des Rathauses befestigt worden.

 

94 Frauen sind seit Beginn des Jahres 2019 unter den Schlägen ihres Partners oder Ex-Partners gestorben

 

 

 

 

 

Die Verhängung von Bußgeldern für das Ankleben von Collagen passte dazu natürlich überhaupt nicht.  Aber inzwischen scheint sich die Stadtverwaltung  dieses eher peinlichen Widerspruchs bewusst geworden zu sein.  Dazu haben sicherlich auch Anstöße aus den eigenen Reihen beigetragen, wie etwa ein Beschluss des Stadtrats des 20. Arrondissements: Die Plakatierungs-Aktion liege, so heißt es da, im allgemeinen Interesse und solle deshalb von der Pariser Stadtverwaltung nicht nur geduldet werden.[8]  Das scheint inzwischen auch so gehandhabt zu werden. Jedenfalls habe ich von weiteren städtischen oder polizeilichen Interventionen in dieser Sache nichts mehr gehört oder gelesen

 

Weitere Aktionen

Neben diesen Collagen gab und gibt es in diesem Jahr aber noch weitere Aktionen  gegen Frauenmorde. Besonders spektakulär die der militanten Frauengruppe Femen, bekannt durch ihre barbusigen Auftritte hier eine im Innenhof des Palais Royal in Paris im Mai 2019…[9]

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….  und eine weitere am 5. Oktober 2019  auf dem Friedhof von Monparnasse[10]:

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Ich habe ihn verlassen, er hat mich getötet;   ich wollte nicht sterben;   nicht noch eine mehr

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Wir alle sind Kämpferinnen. Rue Léon Frot, 11. Arrondissement

Am 19. Oktober 2019 veranstalteten Frauengruppen fünf sogenannte die-ins auf Pariser Plätzen:

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Frauen legten sich auf den Boden, um den Tod von Frauen zu veranschaulichen, die Opfer häuslicher Gewalt geworden sind. (Courrier Picard, 19.10.2019)

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Wir sind alle Heldinnen (Foto Sonia Branca)

Auch der Invader, bekannt durch seine an Hauswänden befestigten Mosaike[11], engagierte sich: Er verbreitete einen Aufruf:

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„Ob Prinzession, Kriegerin oder Tänzerin, alle zwei Tage stirbt in Frankreich eine Frau unter den Schlägen ihres Partners oder ex-Partners. Heute, am 3. September 2019 -3/9/2019- verbreiten wir die Telefonnummer, die Menschenleben retten kann. Ob Opfer oder Zeuge, die 3919 hört Sie und hilft Ihnen, auf häusliche Gewalt zu reagieren“.[12]

Illustriert war der Aufruf mit einer Zusammenstellung von 9 Frauenmosaiken des Invaders, darunter  diesem in der rue du roi doré im Marais.

 

 

Frauenmorde in Frankreich:  Ein Versagen der Behörden und der Justiz?

Das Thema der Frauenmorde/féminicides ist in den französischen Medien sehr präsent. Ein wesentlicher Grund dafür ist die hohe Zahl der entsprechenden Gewalttaten. 2017 haben 219 000 französische Frauen angegeben, Opfer physischer und/oder sexueller Gewalt gewesen zu sein. Mehr als 12 000 Fälle von Todesdrohungen seien von der Polizei registriert worden. 2018 seien, wie die Zeitung Le Temps berichtete, 121 Frauen in Frankreich unter den Schlägen ihres Partners oder Ex-Partners umgekommen. Der Figaro  gibt für 2018 die Zahl von 107 an.[13] Wie auch immer: Ganz deutlich ist, dass die Zahl der ermordeten Frauen in diesem Jahr deutlich ansteigt: Die Ende Oktober 2019 umgebrachte 15-jährige Shaïna war ja, wie auf einem einer anfänglich gezeigten Collage zu lesen war, schon der 124. Frauenmord dieses Jahres.

Gemäß der europäischen Statistikbehörde Eurostat liegt Frankreich, was die absolute Zahl der Frauenmorde angeht, damit auf einem Spitzenplatz, weit vor Rumänien, Großbritannien und Italien. Den traurigen europäischen Rekord halte aber, wie tv 5 berichtete, Deutschland! Bezogen auf die Bevölkerungszahl sieht das Bild allerdings etwas anders aus: Da liegt Rumänien weit an der Spitze und Deutschland im „Mittelfeld“, allerdings noch vor Frankreich.[14]

Bei der Frage nach den Ursachen des hohen Ausmaßes häuslicher Gewalt wird in Frankreich immer wieder das Verhalten der zuständigen öffentlichen Instanzen infrage gestellt. Im Figaro wird beispielsweise eine in diesem Bereich tätige Soziologin zitiert, die von einer von ihr betreuten Frau berichtet: „Sie hat fünfmal Anzeige erhoben, aber die Todesdrohungen sind alltäglich. Ihr ehemaliger Partner ist gefährlich. Ich ermutige sie, eine sechstes Mal Anzeige zu erheben, aber sie hat nicht das Gefühl dadurch besser geschützt zu werden.“[15]

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Häusliche Gewalt. Trägheit der Polizei. Widerstand der Justiz. Daran sind sie gestorben.  Rue Bouvier, 11. Arrondissement

Dazu eine aktuelle Meldung aus Le Monde vom 14.11. 2019. Unter der Überschrift FEMINICIDE wird von einer Frau im Département Bas-Rhin berichtet, die von ihrem Partner erstochen wurde. Die Tochter des Opfers, die Augenzeugin des Verbrechens gewesen sei, habe den Vorwurf erhoben, die Polizei habe viel zu lange gebraucht, um am Tatort einzutreffen. „Niemand“, so wird die Frau zitiert, „hat uns helfen wollen.“ Ihre Mutter habe schon die zuständigen Stellen informiert (main courante) und Anzeige wegen häuslicher Gewalt erstattet – offensichtlich vergeblich…. Jetzt sei die für die Polizei zuständige Aufsichtsbehörde mit dem Fall befasst.

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Und dazu ein aktuelles Plakat in der Rue Chaligny im 11. Arrondissement: Jean-Pierre schlug Valérie mit der Faust. Sie wurde mit dem Tode bedroht, beschimpft, an den Haaren gezogen. Beschwerden wurden von der Polizei zurückgewiesen, die Justiz hat nie Strafen verhängt. Aber ich werde es auch 15 Jahre danach nie vergessen. Papa leugnet seine Gewalttaten. Aber ich schreie sie heraus auf den Mauern, weil Mutter sterben musste. 

Insofern soll die nachfolgende Inschrift – er schlägt dich, man glaubt dir- (gefunden in der rue de Charonne im 11. Arrondissement) sicherlich bittere Ironie ausdrücken:

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Heftig diskutiert wird in Frankreich die Frage, inwieweit die Justiz und das Strafrecht dem Problem gewachsen sind. Da stehen sich zwei Positionen gegenüber: Einmal die Auffassung, dass das juristische Arsenal ausreichend sei, es allerdings Probleme bei seiner konsequenten Anwendung gäbe[16]. Anderseits gibt es auch die Forderung,  den féminicide als eigenständigen Tatbestand in das Strafrecht aufzunehmen, um der Besonderheit der Gewalt gegen Frauen besser gerecht werden zu können, so wie das schon in mehrern Staaten  Mittel- und Südamerikas (beginnend mit Costa Rica 2007) der Fall sei. [17]

Es  ist allerdings in Frankreich wohl allgemein anerkannt, dass  die Polizei  sich oft schwer tut,  Frauen zu schützen, die Opfer häuslicher Gewalt geworden sind (18);  und  ebemso,  dass die Justiz oft –zu oft- unfähig ist, potentielle Mörder daran zu hindern, zur Tat zu schreiten.  In ihrer Ausgabe vom 17./18. November 2019 veröffentlichte Le Monde eine zweiseitige Recherche zum Thema:

Féminicides: une justice trop souvent en échec face aux aggresseurs

Frauenmorde: eine Justiz, die allzu oft angesichts von Tätern versagt

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Frauenorde: Die Justiz als Komplize  Rue de la Roquette, 11. Arrondissement

 Sicherlich ist es sehr zugespitzt und polemisch, die Justiz als Komplizen der Frauenmorde zu qualifizieren. Aber die von einem 12-köpfigen (!) Journalist/inn/enteam in Le Monde veröffentlichten  Fälle sind schon erschreckend: Da hat man den Eindruck, dass manchmal alle Anzeigen, alle auch rechtsanwaltlichen Interventionen, nichts nützen, und die Justiz erst dann nachhaltig tätig wird, wenn das lange angekündigte Verbrechen schließlich geschehen ist.

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Ehren wir die Toten und schützen die Lebenden. Ausgang Métro-Station Jaurès (Foto Sonia Branca)

Die Justizministerin Nicole Belloubet hat am 15. November anlässlich eines Kolloquiums über die Herausforderungen der Justiz anlässlich häuslicher Gewalt selbst eingeräumt, dass die Justiz bei manchen der 1500 Gewalttaten an Frauen in den  letzten zehn Jahren versagt habe. Anlass war ein Bericht der „inspection générale de la justice“, die 88 Fälle von Opfern häuslicher Gewalt in den Jahren 2015 und 2016 genau untersuchte. Dabei wurde festgestellt, dass in 65% der Fällen die Opfer sich vorher an die Polizei gewandt  hatten. Aber nur in 18% dieser Anzeigen seien an die Justiz weitergereicht worden.  Fälle, die dann aber 80% niedergeschlagen habe.  Der Generalstaatsanwalt beim obersten französischen Berufungsgericht, François Molins, stellte denn auch selbstkritisch fest, es gebe Anlass über „tout dysfonctinnement“ nachzudenken und sich zu fragen, inwieweit bestimmte gängige  juristische Praktiken (wie z.B. Mediation) im Bereich häuslicher Gewalt angemessen seien.[19]

Die Rolle des Staates

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Morde an Frauen: Reformen bevor man tot ist    Impasse de Mont Louis, 11. Arrondisssement[20]

Angesichts der großen Resonanz, die die häusliche Gewalt in der französischen Öffentlichkeit hat, nahm der Staat dieses Thema auf.  Anfang September 2019 initiierte die Regierung ein Grenelle des violences conjugales“  (Grenelle der häuslichen Gewalt). Der Begriff Grenelle bezieht sich auf die Rue Grenelle in Paris, Sitz des französischen Arbeitsministeriums. Dort trafen sich 1968 Vertreter der Regierung und der Gewerkschaften und schlossen die Grenelle-Vereinbarungen, die wesentliche soziale Verbesserungen beinhalteten und  die  sozialen Auseinandersetzungen des französischen Mai 68  beendeten. Seitdem wird der Begriff „Grenelle“ für Beratungen und Vereinbarungen grundlegender Bedeutung zwischen staatlichen und gesellschaftlichen Gruppen verwendet. So gab es 2007 ein „Grenelle de l’environnement“, bei dem es um die französischen Antworten auf die Herausforderungen des Klimawandels ging. Wenn jetzt von der Regierung ein „Grenelle der häuslichen Gewalt“ ausgerufen wurde, einen bis zum 25. November 2019, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen,  geplanten Beratungs- und Entscheidungsprozess, dann zeigt das, wie hoch dieses Thema gehandelt wird.

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Avenue Diderot, 12. Arrondissement

Die Idee eines solchen Grenelles wurde vor allem von Marlène Schiappa entwickelt, der für die Gleichheit zwischen Männern und Frauen zuständigen Staatssekretärin. Der Begriff Grenelle stehe für oberste nationale Dringlichkeit und für einen Epochenwandel. Das Thema der häuslichen Gewalt solle zu einer großen nationalen Angelegenheit und zu einem „marqueur“, einem prägenden Merkmal  der Präsidentschaft Macrons gemacht werden.[21]

Gleich zu Beginn des Grenelle, an dem verschiedene staatliche und gesellschaftliche Institutionen und auch Betroffene teilnahmen, kündigte Premierminister Edouard Philippe höchstpersönlich eine Reihe von  Maßnahmen an. Dazu gehörten:

  • 1000 neue Wohnplätze für gefährdete Frauen sollen ab 1.1.2020 zur Verfügung gestellt werden
  • Ein System der Geolocalisation solle geschaffen werden, das sofort alarmiert, wenn ein vom Gericht verhängtes Annäherungsverbot nicht befolgt wird
  • Die Polizei solle besser geschult werden, das Ausmaß der von häuslicher Gewalt bedrohten Frauen zu beurteilen
  • Es sollen bei allen französischen Gerichten auf häusliche Gewalt spezialisierte Staatsanwaltschaften eingerichet und die entsprechenden Verfahren beschleunigt werden
  • Die Möglichkeit für Opfer häuslicher Gewalt, schon im Krankenhaus Anzeige zu erstatten, solle verbreitert werden
  • Ebenso so es auch leichter möglich sein, einem häusliche Gewalt ausübenden Elternteil das Erziehungsrecht zu entziehen.[22]

Die Regierung spricht da natürlich von „starken Maßnahmen“. Dass die Aktivistinnen der Frauenbewegung da eher skeptisch sind, zumal es sich eher um schon längst angekündigte oder überfällige Maßnahmen handele, (23)  zeigt die nachfolgende Collage.

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Macron redet, die Frauenmorde gehen weiter

Es wird also weiter öffentlicher Druck ausgeübt. Die nächste Demonstration ist schon für den 23. November angekündigt:

Samedi 23 novembre, #NousToutes vous donne RDV à Paris pour dire Stop aux violences sexistes et sexuelles.

Am 23.11. gehört die Straße uns allen           Ras le viol (Vergewaltigung)!- ein Wortspiel                                                                                    mit  ras de bol!    (Die Schnauze voll)

Im November 2018 gab es schon einmal eine solche Demonstration gegen häusliche Gewalt, zu der auch die Gewerkschaft CGT aufgerufen hatte.

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Wir (Männer) alle mit Ihnen (den Frauen) allen     Ich kämpfe für meine zukünftige Tochter        

Allerdings war diese Demonstration damals kaum wahrgenommen worden, weil gleichzeitig die Gelbwesten sich  auf den Champs Elysées Straßenschlachten mit der Polizei lieferten und damit die Bilder und  Schlagzeilen beherrschten.[24]

Ob es diesmal anders sein wird, ist (leider) nicht garantiert.

 

„Nachwort“ aus der rue Bouvier im 11. Arrondissement:

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Anmerkungen:

[1] : « meurtre d’une femme, d’une fille, en raison de son sexe »  https://www.franceculture.fr/societe/le-terme-feminicide-interroge-le-droit (3.9.2019)

[2] https://dict.leo.org/franz%C3%B6sisch-deutsch/feminicides

https://www.linguee.de/deutsch-franzoesisch/search?source=auto&query=feminicides

https://de.pons.com/%C3%BCbersetzung?q=f%C3%A9minicide&l=defr&in=ac_fr&lf=de&qnac=feminicide

[3] Zur marginalen  Rolle der Frauen im Pantheon siehe den Blog-Beitrag „Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen. https://paris-blog.org/2018/04/01/das-pantheon-der-grossen-und-der-weniger-grossen-maenner-und-der-wenigen-grossen-frauen-1-das-pantheon-der-frauen/

[4] Bild aus: https://www.courrierinternational.com/article/vu-dallemagne-avec-ses-collages-marguerite-stern-rend-visibles-les-feminicides  Im Courrier International ist ein Artikel der TAZ über die Aktion abgedruckt. Dem ist auch das nachfolgende Bild entnommen.

Siehe Le Monde vom 26. Oktober 2019: Marguerite Stern, feministe de combat  https://www.lemonde.fr/m-le-mag/article/2019/10/26/marguerite-stern-feministe-de-combats_6016971_4500055.html

[5] http://madame.lefigaro.fr/societe/marguerite-stern-la-militante-derriere-la-campagne-de-collage-qui-denonce-les-feminicides-070919-166715 

Vorhergehendes Bild der Aktivistinnen aus: Le Monde vom 14. September 2019:  ‚Aux femmes assassinées, la patrie indifférante‘: Les ‚colleuses‘ d’affiches veulent rendre visibles les victimes de féminicides

[6] http://www.leparisien.fr/paris-75/paris-400-euros-pour-avoir-colle-des-affiches-contre-les-feminicides-07-09-2019-8147532.php

[7] https://www.lemonde.fr/societe/article/2019/08/28/feminicide-la-mairie-de-paris-rend-hommage-aux-victimes-et-interpelle-le-gouvernement_5503918_3224.html

Die beiden nachfolgenden Bilder aus: https://www.purepeople.com/media/des-femens-interpellent-le-pouvoir-ann_m5003087

[8] https://www.api-site.paris.fr/mairies/public/assets/2019%2F8%2F14.%20Voeu%20f%C3%A9minicides%20%28adopt%C3%A9%29.pdf

[9] http://madame.lefigaro.fr/societe/stop-feminicide-la-nouvelle-action-coup-de-poing-des-militantes-femen-a-paris-feminisme-violences-faites-aux-femmes-300519-165372

(30. Mai 2019)

[10] https://www.ouest-france.fr/faits-divers/feminicide/stop-feminicide-la-manifestation-choc-des-femen-au-cimetiere-du-montparnasse-paris-6551831

[11] Zum Invader siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2018/10/01/street-art-in-paris-3-der-invader/

[12] https://www.lefigaro.fr/arts-expositions/violences-conjugales-l-artiste-invader-appelle-a-composer-le-3919-20190907

Zum Invader siehe auch den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2018/10/01/street-art-in-paris-3-der-invader/

[13] https://www.letemps.ch/monde/france-guerre-contre-feminicides   Le Temps vom 4. September 2019   https://www.lefigaro.fr/actualite-france/pourquoi-les-feminicides-augmentent-encore-en-france-20190704: En 2018, elles étaient 107 à mourir sous les coups de leurs compagnons ou ex-conjoints.

[14] https://information.tv5monde.com/info/les-feminicides-sont-ils-plus-nombreux-en-france-vrai-dire-319469  und  https://www.franceinter.fr/espagne-italie-allemagne-belgique-comment-on-y-parle-des-feminicides-et-comment-on-agit Es wäre natürlich interessant, den Gründen für die hohe Zahl von Frauenmorden in Deutschland und die –nach meiner Beobachtung-  doch recht unterschiedliche Präsenz des Themas in Deutschland und Frankreich nachzugehen, aber das würde diesen Blog-Beitrag sprengen – und dafür fehlt mir auch die entsprechende Kompetenz.

[15] Figaro, 4. Juli 2019   https://www.lefigaro.fr/actualite-france/pourquoi-les-feminicides-augmentent-encore-en-france-20190704

[16] z.B. https://www.dalloz-actualite.fr/node/non-feminicide-ne-doit-pas-etre-penalement-qualifie#.XchXOFdKhPY und https://www.lefigaro.fr/actualite-france/pourquoi-les-feminicides-augmentent-encore-en-france-20190704

[17]   So der Rechtsanwalt Pierre Farge in einem Diskussionsbeitrag in Le Monde vom 12. September: „Le droit pénal doit définir clairement le féminicide“ und entsprechend: https://www.lepoint.fr/justice/pourquoi-il-faut-creer-l-infraction-de-feminicide-28-08-2019-2332031_2386.php

(18) Dans les affaire de fémicides, les alertes négligées par les forces de l’ordre. In: Le  Monde vom 21. Oktober 2019

Am 17.11. wurde in den Abendnachrichten von TV 2 ein ausführlicher Beitrag ausgestrahlt zum Thema „femmes battues. Une épreuve pour se faire entendre“.  Es kam dort ausführlich eine von häuslicher Gewalt betroffene Frau zu Wort.  Sie berichtete von ihren Schwierigkeiten, von der Polizei und der Justiz ernst genommen zu werden. Erst nach 3-jährigen Bemühungen sei sie wirklich geschützt worden. Fazit, auch von interviewten Polizisten und Juristen, war die Notwendigkeit eines besseren und schnelleren Schutzes der betroffenen Frauen.

(19) Le Monde 17./18. November 2019:  Nicole Belloubet, la garde des sceaux, regrette les ‚défaillances‘ https://www.lemonde.fr/societe/article/2019/11/17/le-constat-d-echec-de-la-justice-dans-la-prevention-des-homicides-conjugaux_6019496_3224.html

siehe auch Le Monde vom 25. Oktober 2019: Féminicides: une étude inédite détaille les carences judiciaires dans la prévention 

und:  Le Monde, 17.11.2019: Le constat d’échec de la justice dans la prévention des homicides conjugaux.  Le rapport de l’inspection générale de la justice sur les homicides conjugaux sur 88 cas définitivement jugés pointe de graves dysfonctionnements dans la chaîne pénale.  https://www.lemonde.fr/societe/article/2019/11/17/le-constat-d-echec-de-la-justice-dans-la-prevention-des-homicides-conjugaux_6019496_3224.html

Entsprechend Le Figaro vom 18.11.: Violence conjugales: la justice admet ses échecs

[20] Auch hier gibt es ein alternatives, feministisches Straßenschild – Überbleibsel einer anderen spektakulären  Aktion der Gruppe nous toutes aus dem Frühjahr 2019: Da wurde die einseitige geschlechtsspezifische Verteilung von Straßennamen kritisiert und es wurden andere nach prominenten Frauen benannte Straßennamen vorgeschlagen- Hier rue Berthe Morisot, 1841 – 1895, Malerin, Gründungsmitglied der impressionistischen Bewegung.  Eine schöne Alternative zu dem nach Ludwig XIV. benannten Impasse Mont-Louis, einer Sackgasse….

[21] https://www.letemps.ch/monde/france-guerre-contre-feminicides

[22] https://www.gouvernement.fr/un-grenelle-et-des-mesures-fortes-pour-lutter-contre-les-violences-conjugales und https://www.nouvelobs.com/droits-des-femmes/20190903.OBS17914/ce-que-edouard-philippe-a-annonce-lors-du-grenelle-contre-les-feminicides.html

(23) Das System der Geolocalisation wird beispielsweise schon seit Jahren in Spanien verwendet, das immer wieder als Musterbeispiel für einen erfolgreichen Kampf gegen den Frauenmord angeführt wird. In Frankreich ist das System seit 2017 bekannt, seine Einführung wurde schon im Juli 2019 von der Justizministerin angekündigt. Siehe: Pourquoi la France échoue à faire baisser le nombre des féminicides. In: L’express vom 6.7.2019

[24] Bild aus:   http://www.leparisien.fr/societe/les-feministes-descendent-dans-la-rue-contre-les-violences-sexistes-24-11-2018-7952169.php

Beitrag eingestellt am 17.11.2019

 

Einen Artikel in französischer Sprache über die Plakataktion in Paris gibt es im sehr empfehlenswerten Blog „passage du temps“ von Sonia Bianca-Rosoff:  https://passagedutemps.wordpress.com/2019/12/04/le-feminisme-saffiche-dans-la-ville/

 

 

Weitere geplante Beiträge:

  • La Nuit blanche, das Lichter- und Kunstfest von Paris
  • Erinnerungsorte von Camille Claudel: Villeneuve-sur-Fère, Nogent-sur-Seine,  Paris, Château de l’Islette, Montdevergues bei Avignon
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse

 

Aux Belles Poules, ein ehemaliges Pariser Bordell im Quartier St. Denis

Ganz Paris träumt von der Liebe, denn dort ist sie ja zu Haus“, sang einmal Catharina Valente:  Paris galt schon immer als Stadt der Liebe, ja als „capitale de l’amour“, was  einen wesentlichen Teil ihrer Anziehungskraft ausmacht. Das ist nicht nur heute so, wo reiche Chinesen gerne in Paris den Bund fürs Leben schließen, sondern seit Heloise und Abelard, „den ersten Liebenden von Paris.“[1]  Es war aber nicht nur das Ambiente der „ville lumière“, das den erotischen Ruf der Stadt begründete. Paris war ja nicht nur die Stadt der romantischen, sondern auch die Stadt der käuflichen Liebe, und sie galt auch in dieser Hinsicht als Hauptstadt.  Im 19. Jahrhundert war Paris ein beliebtes Reiseziel von Sextouristen. Berühmt waren zu Beginn des Jahrhunderts vor allem die Arkaden des Palais Royal, die an den Abenden gewissermaßen als Kontakthof für ganze „Bataillone von Mädchen“ dienten.[2] Später waren es die großen Boulevards de la Madelaine, des Capucines und  des Italiens, wo sich die „asphalteuses“ ihre Kunden suchten.[3]  Auch die Bordelle  (maisons closes oder maisons de tolérance)  hatten einen nicht zu unterschätzenden Anteil an der erotischen Attraktivität der Stadt. Dazu trug wohl auch bei, dass die Prostitution seit Napoleon staatlich geregelt wurde, um die Ansteckungsgefahren ungeregelter Prostitution zu verhindern. Die hätten nämlich die Kampfkraft seiner Truppen beeinträchtigen können….. Antragsteller für die Eröffnung eines Bordells durften nur Frauen von mindestens 30 Jahren sein. Verbunden mit der staatlichen Zulassung war die Verpflichtung regelmäßiger medizinischer Kontrollen.

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Es gab spezielle Reiseführer, die den interessierten Touristen entsprechende Informationen – natürlich auch zu den Belles Poules– vermittelten.

Ein breites Angebot reichte von billigen Absteigen (abattoirs) bis zu luxuriösen Etablissements.

 

 

 

Das wohl  berühmteste und exquisiteste Bordell war das Chabanel, das zu frequentieren zu Zeiten der Belle Epoque für den damaligen internationalen „Jet-set“ geradezu fester Bestandteil eines Paris-Besuchs war. Anlässlich der Eröffnung der Weltausstellung, am 6. Mai 1889, wurde sogar ein Besuch von Botschaftern und Ministern aus aller Welt im Chabanel organisiert, offiziell deklariert als Besuch beim Präsidenten des Senats, was vielleicht sogar der Wirklichkeit entsprach. Zu den Stammkunden gehörte der künftige englische König Edward VII., für den dort ein eigenes Appartement reserviert war mit zwei besonderen Ausstattungsstücken: einer kupfernen Badewanne in Form eines Schwans, die vor Gebrauch mit Champagner gefüllt wurde, und ein –im Faubourg Saint-Antoine hergestelltes-  einem Geburtsstuhl ähnelndes Möbelstück, auf dem sich der beleibte Kronprinz niederlassen und von den Damen des Hauses verwöhnen lassen konnte. Das japanische Themenzimmer des Hauses erhielt auf der Pariser Weltausstellung von 1900 sogar einen Preis![4] Die „Hauptstadt der Prostitution“ (France culture) wusste sich zu vermarkten und ihren Ruhm zu mehren.

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Mit Nobelbordellen wie dem Chabanel, dem One Two Two oder dem Sphinx konnten die Belles Poules nicht mithalten. Dieses Bordell lag gewissermaßen im Mittelfeld des Angebotsspektrums. Und es lag räumlich im Zentrum der Prostitution, nämlich dem Quartier Saint Denis. Neben den Belles Poules gab es in der rue Blondel, einer kleinen Seitenstraße der rue Saint Denis, noch drei weitere Bordelle- für Eingeweihte erkennbar an den extra großen Hausnummern…

 

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Heute gibt es neben der 32 rue Blondel nur noch eine weitere solche Hausnummer in Paris, nämlich die 36  in der rue Saint Sulpice.  Dort befand sich das Bordell „l’Abbaye“, ein mit Bedacht gewählter Name, handelte es sich doch um ein vorwiegend von  Kirchenmännern  („hommes d’Église“)  frequentiertes Etablissement ….  Immerhin lagen die Kirche Saint Sulpice und das dazu gehörende Priesterseminar gleich nebenan. Und das geistliche Personal schätzte es wohl besonders, auf Wunsch von  jungen Damen in der Gestalt von Nonnen oder Teufeln  bedient zu werden – natürlich in entsprechend thematisch gestalteten Räumen.  Neben dem Kloster gab es also auch die  Hölle ,  natürlich mit einschlägigen Folterwerkzeugen.  Und eine sogenannte „Sakristei“, die  mit einem „Beichtstuhl“ ausgestattet war.  So konnten die Kirchenmänner anschließend wieder unbeschwert  ihren geistlichen Ämtern nachgehen. (5)

Aber zurück zu den „Belles Poules“: Der „Empfangsraum“ (salle de réception) des 1921 gegründeten Bordells wurde  mit Spiegeln, bunten Keramiken und bemalten Kacheln ausgestattet, die –inzwischen restauriert- heute die Attraktivität des Ortes ausmachen.

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Natürlich sind da vor allem leicht oder gar nicht bekleidete Damen zu sehen.

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DSC04074 Aux belles poules (4)Interessant ist dabei der Kontext dieser Abbildungen:

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Es ist die griechische Mythologie…

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… wobei natürlich in diesem Raum das Urteil des Paris nicht fehlen darf, der die Qual der Wahl zwischen drei schönen Frauen hat.

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Hier sind es allerdings nur zwei, was, wie ich vermute, weniger  mit fehlendem mythologischem Wissen, sondern eher mit dem doch begrenzten künstlerischen Potential des Malers zu erklären ist.

Ein zweiter historischer Bezugspunkt der Kachelmalereien ist das exotische Ideal des Harems, das ja schon im 19. Jahrhundert  romantische Phantasien  beflügelte.

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Das Bordell ordnet sich damit in einen dem einigermaßen gebildeten Bordell-Besucher bekannten und respektablen kulturellen Zusammenhang ein: Hier befindet man/Mann sich in allerbester Gesellschaft.

Der Besucher ist aber nicht nur der wählerische Paris oder der Haremsherr, sondern auch der stolze Hahn, der die Auswahl unter den „schönen Hühnern“ des Etablissements hat.

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Auch das wird auf den Kacheln des Empfangsraums veranschaulicht.

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Auf diesem Foto aus den zwanziger Jahren bemühen sich gleich mehrere Damen um die Gunst eines Gastes. Insgesamt gab es 31 Frauen in dem Haus, deren Arbeitszeit von 16 Uhr bis 4 Uhr morgens dauerte. Geld war bei den Belles Poules übrigens verpönt- dafür gab es hauseigene Jetons, die man am Eingang erwerben konnte.

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Im Erdgeschoss des Bordells gab es  auch eine Bar und eine Toilette. Der zu ihr führende Gang war  mit einem Mosaik geschmückt – einer schönen Dame mit Fächer- …

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… und der Boden der Toilette mit einer weiteren schönen Dame, einer „belle poule“…

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Eine Treppe führte dann, wenn man zusammengefunden hatte und handelseinig geworden war, zu den oben gelegenen Zimmern.

 

 

 

 

 

Heute ist das Vergangenheit. Denn 1946 wurden die maisons closes in Frankreich verboten- unter anderem auch deshalb, weil viele von ihnen- auch Aux belles poules – während der occupation von den Besatzern requiriert und für deutsche Offiziere reserviert waren. Und die Etablissements konnten dabei wohl nicht unbedingt einen „malgré-nous- Status“ für sich reklamieren. (6) Das Haus in der rue  Blondel Nummer 32  fand nach dem Krieg eine alternative Verwendung, unter anderem als Studentenwohnheim. Die Ausstattung des Empfangsraums passte zu dieser neuen Verwendung eher nicht. Also verschwand sie hinter einer neutralen Verkleidung. Als das Haus vor einigen Jahren den Besitzer wechselte und renoviert wurde, entdeckte man die versteckte Bemalung. Sie wurde aufwändig restauriert und das Haus unter Denkmalschutz gestellt. Jetzt kann man die Räume für private Veranstaltungen mieten und Caroline, die engagierte Besitzerin, zeigt auch gelegentlich mit berechtigtem Stolz, was mit viel Liebe und Geld aus diesem Ort der bezahlten Liebe gemacht wurde.

 

Praktische Informationen

31, rue de Blondel  75002 Paris

http://www.auxbellespoules.fr/fr/presse/

Führungen durch:

https://exploreparis.com/fr/2253-aux-belles-poules-histoire-d-une-ancienne-maison-close.html

Dabei wird im Sinne der political correctness ausdrücklich darauf hingewiesen, dass bei der Besichtigung des ehemaligen Bordells weder die Prostitution entschuldigt werde noch die durch sie verursachten Leiden verniedlicht würden. Das ist ja wohl auch selbstverständlich und entspricht voll unseren Erfahrungen.

 

Anmerkungen:

[1] https://www.deslettres.fr/lettre-dheloise-abelard-ces-plaisirs-lamour-avons-goutes-mont-trop-doucement-fascinee/

[2] Berthier de Sauvigny, Nouvelle histoire de Paris, La Restauration, Paris: Hachette 1977, S. 380

[3] https://www.franceculture.fr/emissions/la-fabrique-de-lhistoire/prostitutions-au-xixe-siecle-24-paris-capitale-de-la-prostitution Dort auch die Bezeichnungen „capitale de l’amour“ und „capitale de la prostitution“

[4] http://www.lefigaro.fr/arts-expositions/2014/02/13/03015-20140213ARTFIG00007-edouard-vii-bien-remis-en-selle.php

Eine Übersicht über die Pariser Bordelle in Paristoric: Les maisons closes.  https://www.paristoric.com/index.php/paris/inclassables/358-les-maisons-closes

(5) Philippe Poisson, 36 rue Saint-Sulpice, 75006 Paris. In: Crimino Corpus, 26. Juni 2017.    https://criminocorpus.hypotheses.org/29850

Merci, Inès, pour ce tuyau!

(6) siehe dazu den Abschnitt ‚Détente‘ et frivolité   in

https://www.paris.fr/pages/paris-de-la-liberation-7084

 

Weitere geplante Beiträge:

  • La Nuit blanche, das Lichter- und Kunstfest von Paris
  • Erinnerungsorte von Camille Claudel: Villeneuve-sur-Fère, Nogent-sur-Seine,  Paris, Château de l’Islette, Montdevergues bei Avignon
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse

 

 

Erinnerungstafeln zu der Zeit von 1939 bis 1945 in Paris/Enfants de Paris 1939-1945

In diesem Beitrag wird ein außergewöhnliches und wunderbares Buch vorgestellt, in dem alle Pariser Erinnerungstafeln zu der Zeit von 1939 bis 1945 fotografisch festgehalten sind. Seit wir vor zehn Jahren eine Wohnung in Paris bezogen haben, interessiere ich mich für diese Erinnerungstafeln. Sie gehören gewissermaßen zu unserem Pariser Alltag. Ich möchte deshalb zunächst einige plaques commémoratives vorstellen, denen wir fast täglich begegnen. Im zweiten Teil geht es dann um Philippe Apeloigs 2018 erschienenes Buch über „Die Kinder von Paris 1939-1945“

Alltägliche Begegnungen

Wer als Flaneur durch Paris geht, wird immer wieder Erinnerungstafeln (plaques commémoratives) bemerken, die an Hauswänden befestigt sind. In manchen Gegenden –zum Beispiel auf der Ile St Louis- sind fast an allen Häusern solche Tafeln befestigt: Sie erinnern an prominente Personen, die in diesem Haus geboren wurden, gelebt haben oder gestorben sind.

Besonders häufig sind aber solche Tafeln, die sich auf die Zeit von 1939 bis 1945 beziehen.  Sie erinnern an die Besatzung von Paris durch deutsche Truppen, an die vielen Menschen, die ihr Leben im Kampf gegen die Nazis und für die Befreiung der Stadt und Frankreichs verloren haben und vor allem an die vielen Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns.

Allein in der unmittelbaren Umgebung unserer Wohnung im 11. Arrondissement gibt es eine Fülle solcher Erinnerungstafeln, von denen hier  einige vorgestellt werden sollen.

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Zum Beispiel in der Rue de la Folie Regnault diese Tafel für ein Paar, das gegen die nationalsozialistischen Besatzer gekämpft hat. Hier gehen oder fahren wir auf dem Weg in den Supermarkt oder ins Schwimmbad fast täglich vorbei.  Die beiden Personen, denen diese Tafel gewidmet ist,  waren Mitglieder der F.T.P.F., der Francs-tireurs et partisans, einer kommunistischen Widerstandsorganisation. Marcel André Berthelot wurde am 26. Februar 1943 „von den Nazis“ erschossen. Mit der Formel „mort pour la France“ werden traditionell die in den Kriegen gefallenen französischen Soldaten geehrt, hier also auch ein Mitglied der „Freischärler und Partisanen“. Berthelots Partnerin Yvette Semard konnte „aus den Lagern von Vichy“, dem Kollaborations-Regime, entkommen, in denen sie interniert war.

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Regelmäßig gehen wir auch zum Bäcker in der rue Léon-Frot oder fahren mit unseren Fahrrädern durch die Straße. An der Hauswand der Nummer  55 erinnert eine Tafel an den  kommunistischen Lokalpolitiker Léon Frot, der in diesem Haus gewohnt hat und nach dem auch die Straße benannt ist.

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Er wurde am 15. November 1939 verhaftet, also nach Kriegsbeginn, aber vor der Niederlage, als das Land noch eine Demokratie war. Die Frage, die sich hier stellt, nämlich warum er  verhaftet wurde, beantwortet die Tafel nicht, aber man findet die Antwort bei Wikipedia:  Léon Frot wurde „wegen kommunistischer Propaganda“ verhaftet und  zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.[1] Wikipedia erklärt auch, wie es zu der Erschießung durch „die Deutschen“ am 13. Januar 1942 in Clairvaux kam: Dort war das Gefängnis, in dem Léon Frot gefangen war; und erschossen wurde er als Geisel. Geiselerschießungen waren ein von den deutschen Truppen vielfach angewandtes, im totalen Widerspruch zum Kriegsvölkerrecht stehendes Mittel, auf Aktionen der Résistance zu reagieren.

An den Widerstand gegen die nationalsozialistischen Besatzer erinnert auch die nachfolgend abgebildete Gedenktafel am Eingang zur „Square de la Roquette“, einer kleinen Grün- und Freizeitanlage in der Rue de la Roquette. Befestigt ist diese Tafel an einem der beiden Torhäuser des ehemaligen Gefängnisses „Petite Roquette“, das bis 1974 hier stand. Die Torhäuser können wir übrigens von der kleinen Terrasse unserer Pariser Wohnung sehen… [2] Die Petite Roquette war eine im 19. Jahrhundert errichtete monumentale Gefängnisanlage, die nach dem Panopticon-Prinzip konstruiert war.[3] In diesem Gefängnis wurden, wie die Tafel mitteilt, vom Appell des Generals de Gaulle vom 18. Juni 1940, also dem Aufruf zum Widerstand, und der Befreiung von Paris am 25. August 1944 4000 résistantes eingekerkert, „weil sie gegen den Besatzer gekämpft hatten“. Vielleicht gehörte zu ihnen auch Yvette Senard, von der oben schon die Rede war…

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Hier fällt auf, dass zwar die Opfer,  nicht aber die Täter und ihre Helfer benannt werden. Auf der homepage der ajpn, der Vereinigung der „Anonymes, Justes et Persécutés  durant la periode Nazie“ ist das anders: Dort findet sich folgende präzisere Angabe: „Während des Zweiten Weltkriegs wurden in der Roquette 4000 Frauen wegen Widerstandshandlungen von der französischen Polizei gefangen gehalten“.[4] Das Gefängnis unterstand jedenfalls  -wie auch die Polizei-  der Regierung von Vichy, d.h. die Gefängnisverwaltung lag in französischer Hand. Die Repression der résistance entsprach ja nicht nur dem gemeinsamen Willen der Besatzer und der Collaboration, sondern auch dem Interesse des besiegten Frankreichs, des sogenannten État français,  ein Höchstmaß an (scheinbarer) Souveränität zu erhalten.

In der Nähe unserer Wohnung liegt das Lycée Voltaire, in dem donnerstags die Proben des Chors Tempestuoso stattfinden, an dessen Konzerten ich öfters als Gast teilnehmen darf. Und davor nehme ich natürlich an der einen oder anderen Probe im Lycée Voltaire teil. Einer der Höfe des weitläufigen Gymnasiums erinnert an den Lehrer Raymond Travers. Er war Leutnant der F.F.I., der Forces françaises de l’intérieur, eines im Februar 1944 vollzogenen Zusammenschlusses verschiedener Gruppen des Widerstands. Am 23. August 1944 wurde Raymond Travers  im Kampf „auf dem Feld der Ehre“ getötet.

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Raymond Travers war Deutschlehrer, also ein Freund Deutschlands und ein Liebhaber der deutschen Sprache. Wie schlimm muss es für ihn gewesen sein, wie die Nazis „la langue de Goethe“, wie es in Frankreich gerne heißt, durch ihre „Lingua Tertii Imperii“ (Victor Klemperer) verunstalteten, wie sie die kulturelle Elite des Landes verfolgten und vertrieben, wie sie Europa mit Krieg überzogen und ganze Bevölkerungsgruppen auslöschten. Und wenn er sich den Untergrundkämpfern, dem Maquis, anschloss, dann wohl nicht nur, um sein Land und seine Freiheit zu verteidigen, sondern auch, um das andere Deutschland, das er  seinen Schülerinnen und Schülern nahe gebracht hatte, vor der völligen Vernichtung zu bewahren.

In der schon erwähnten rue Léon – Frot  befindet sich auch der Eingang  zum collège Alain Fournier, neben dem eine Erinnerungstafel aus schwarzem Marmor angebracht ist.

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Sie erinnert an „die Schüler dieser Schule, die von 1942 bis 1944 deportiert wurden, weil sie Juden waren, unschuldige Opfer der Nazi-Barbarei und der Regierung von Vichy. Mehr als 1200 Kinder des 11. Arrondissements wurden in den Todeslagern umgebracht. Vergessen wir sie niemals.“[5]  Betroffen macht die Zahl von über 1200 Kindern des Arrondissements, die deportiert und getötet wurden. Sie weist darauf hin, dass das 11. Arrondissement eine starke jüdische Präsenz aufwies (und zum Teil auch noch heute aufweist). Und bemerkenswert ist, dass die Regierung von Vichy auf der gleichen Stufe wie die „Nazi-Barbarei“  als  Täter genannt wird. In der Tat war ja die Regierung des État français ein willfähriger Helfer bei der Shoah, teilweise –gerade im Falle der Kinder- sogar ein Antreiber.

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Allerdings hat erst 1995  der damalige Präsident Jacques Chirac die Beteiligung Frankreichs an der Deportation der Juden anerkannt, und zwar in einer außerordentlichen –und wie man sagen muss: mutigen-  Rede, fast vergleichbar mit dem historischen Kniefall Willy Brandts in Warschau. Chirac hielt diese Rede anlässlich des  53. Jahrestags der Razzia des Wintervelodroms, der rafle du Vel d’hiv. Damals wurden in Paris über 10 000 Juden verhaftet, von denen die meisten tagelang unter unsäglichen Bedingungen im Wintervelodrom in der Nähe des Eiffelturms eingepfercht wurden, der ersten Station auf dem Weg in die Vernichtungslager.[6]

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An die Razzia des Wintervelodroms erinnert auch eine Gedenktafel am Gymnase Japy, an dem wir immer auf dem Weg zum marché d’Aligre vorbeikommen, wo wir Obst und Gemüse einkaufen.

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Auf dieser Erinnerungstafel wird nicht nur der 16. Juli 1942, das Datum der rafle du Vel d’Hiv, genannt, sondern auch der 20. August 1941: Damals fand eine weniger bekannte Razzia speziell im 11. Arrondissement statt. Beide Male diente das Gymnase Japy als einer der ersten Sammelpunkte. [7]

 

 

 

Besonders anrührend ist die Erinnerungstafel an die 1200 Kinder des Arrondissements, die „von der Polizei der Regierung von Vichy, Komplize des Besatzers“ verhaftet und dann deportiert und umgebracht wurden.[8] Die Tafel befindet sich im jardin de la Folie –  Titon, einer kleinen vielbesuchten Grünanlage direkt gegenüber dem Haus, in dem wir während der ersten Jahre unseres Paris-Aufenthalts wohnten. Man steht fassungslos da, wenn man, wie die Tafel den Passanten auffordert, das Alter und die Namen der Kinder liest.

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Als ich im Juni 2019 dieses Foto machte, kam ich mit einem älteren Herrn ins Gespräch, der auf einer Bank neben der Erinnerungstafel saß. Eines der dort genannten Kinder sei sein Bruder. Die Familie stamme aus Polen, sei aber wegen des dortigen Antisemitismus nach Ungarn geflüchtet. „Das war keine gute Entscheidung“, dann nach Frankreich:  „Das war auch keine gute Entscheidung“. Immerhin habe die Familie vorsichtshalber ihren Namen –Cohen-  geändert. Das habe einem Teil der Familie das Leben gerettet. Allerdings sei der Großvater weiter als Rabbiner tätig gewesen. Deshalb sei ein anderer Teil der Familie deportiert und umgebracht worden…

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Solche Begegnungen werden, je weiter die Zeit fortschreitet, immer seltener. Zeitzeugenberichte wie die Dr. Adlers, von dem an anderer Stelle auf diesem Blog berichtet wird [9], werden bald nicht mehr möglich sein. Umso dringlicher stellt sich da die Frage, wie die Erinnerung wachgehalten werden kann. Und daran, dass sie wachgehalten werden muss, kann es keinen Zweifel geben, wenn man das „Nie wieder!“ Ernst nimmt. Stolpersteine, wie sie in Deutschland und anderswo installiert werden, oder die in Frankreich üblichen plaques commémoratives sind da ein wichtiges Medium.

 

„Enfants de Paris 1939-1945“- Eine Buchempfehlung

Genau zur richtigen Zeit also ist da ein wunderbares Buch erschienen, das die Pariser Erinnerungstafeln zu der Zeit von 1939 bis 1945  präsentiert. (Gallimard, 2018,  ISBN 978-2-07-278285-5 45 Euro)

Alle Personen, um die es bei ihnen geht, waren in irgendeiner Weise mit Paris verbunden, sie sind dort geboren, haben dort eine Zeit lang gelebt, sind dort gestorben oder umgebracht worden. Insofern sind sie „Kinder von Paris“ – entsprechend den „enfants de la patrie“ der Marseillaise. Und oft sind es ja tatsächlich Kinder, denen Erinnerungstafeln gewidmet sind. (8a)

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Das Buch liegt schwer und grau in der Hand – es wiegt fast 3 Kilogramm! Also gewissermaßen ein Buch in der Form eines Stolpersteins. Und wenn man dieses Buch öffnet, findet man auf über 1100 Seiten eine Bild- Enzyklopädie aller Pariser Erinnerungstafeln zu der Zeit von 1939 bis 1945, geordnet nach Arrondissements vom 1. bis zum 20.  und da jeweils nach Stadtvierteln.  Auf jeder Seite ist eine Erinnerungstafel abgebildet, darunter ist in kleiner Schrift angegeben, wo sie sich befindet; manchmal sind es auch zwei oder mehr Fotos auf einer Seite, in wenigen Fällen reicht ein Foto über zwei Seiten- immer jedenfalls werden die Abschnitte der einzelnen Arrondissement mit einem doppelseitigen Foto einer Schule und der dazugehörigen Erinnerungsplakette abgeschlossen. Ich verstehe das als Ausdruck des Wunsches, die Erinnerung bei den nachfolgenden Generationen wachzuhalten.

Deutlich wird schon beim ersten Durchblättern: Es handelt sich nicht um eine schlichte Dokumentation, sondern eher um einen  Kunstband[10]: Nicht nur wegen der Qualität des Papiers und der Drucke, sondern vor allem wegen der Fotografien: Sie zeigen die unglaubliche Vielfalt der Erinnerungstafeln, ihrer künstlerischen Gestaltung, ihrer Texte und der Orte, an denen sie angebracht sind. Die Fotos lassen meist ein Stück weit ihr Umfeld, ihren architektonischen Kontext, erkennen oder auch nur erahnen. Aus der Beschaffenheit der Mauern ist es fast schon möglich, auf die Arrondissements zu schließen, in denen sie angebracht sind, worauf Apeloig in seinem Vorwort aufmerksam macht (53): Behauene Steine (pierres de taille) und Sauberkeit verweisen eher auf den noblen Pariser Westen, abgeblätterte, altersschwache Fassaden und Graffitis eher auf den ärmeren Pariser Osten. Und natürlich ist bei den Erinnerungsplaketten auch die traditionelle politische Ost-West-Spaltung von Paris abzulesen. Plaketten für kommunistische Widerstandskämpfer wird man -wie schon die obigen Beispiele andeuten- eher in den östlichen Arrondissements finden als in den westlichen.  Die Ost-West-Spaltung der Pariser Stadtgeografie lässt sich also auch an den plaques commémoratives ablesen.

Bei den neueren, von offiziellen Institutionen angebrachten Plaketten gibt es allerdings keine Unterschiede: Da glänzt der schwarze Marmor und die goldenen Buchstaben leuchten im 16. wie im 20. Arrondissement.

Angebracht sind die Plaketten an ganz verschiedenen Orten: in Bahnhöfen, Schulen, Rathäusern, Polizeirevieren, Ministerien, Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden, manchmal auch im Innern; vor allem aber findet man sie an Hausfassaden, meist im oberen Abschnitt des Erdgeschosses angebracht, so dass sie für den aufmerksamen Passanten sichtbar sind, andererseits aber auch vor Beschädigungen und Schmierereien etwas geschützt sind. Allerdings gibt es die, wie die Abbildungen zeigen, gleichwohl…

Die meisten Tafeln erinnern an Opfer der Kämpfe um die Befreiung von Paris, den „glorreichen“ – aber auch sehr blutigen- „ journées de la Libération“ (607).  Das ist an den vielen Todesdaten zwischen dem 19. und dem 25. August, dem Tag der  Kapitulation des deutschen Kommandanten von „Groß-Paris“, von Choltitz, zu erkennen:

  • Tombé pour la libération de Paris August 1944 (193)  Anm: Die Zahlen in Klammer sind Seitenangaben)
  • Fusillé par les Allemands 20. August 1944 (975)
  • Tombé le 21 août 1944 au cours de la Libération de Paris (914)
  • A été tué à la Barricade August 1944 (273)
  • Blessé mortellement pendant les Combats de la Libération August 1944 (968)
  •  Tombé glorieusement le 25 août 1944 – und die zahlreichen anderen Erinnerungstafeln an die Opfer dieses Tages in der rue de Rivoli, an der Ecke zur Place de la Concorde (102, 103, 104)

Die Namen der Toten, Jem Harrix, Fernand Mazuoyer, René Vinchon, Georges Lafont  und die vieler anderer  sind wohl in keinem Lexikon verzeichnet, manchmal fehlen sie auch ganz:

  • Trois Français (409)
  • Plusieurs soldats français (415)
  • Des patriotes (525)
  • Un unconnu (574)

Aber auch für diese anonymen Opfer der Befreiung gibt es so einen Ort der Erinnerung.

An ein besonderes Ereignis des 25. August 1944 erinnert übrigens eine in 300 Metern Höhe angebrachte Plakette: Damals hissten im noch besetzten Paris Feuerwehrleute auf dem Eiffelturm die Trikolore (47, 402).  Einen Tag später wurde die Kapitulation von Paris vom französischen General Leclerc de Hauteclocque im Billardsaal der Polizeipräfektur im 4. Arrondissement entgegengenommen. Die entsprechende Erinnerungstafel ist natürlich in dem Buch abgebildet (228). Vermittelt hatte diese Kapitulation der schwedische Generalkonsul Raoul Nordling. „Er arbeitete unermüdlich daran, Paris vor der Zerstörung zu retten, von der die Stadt bedroht war“, wie es auf einer Tafel an dem Haus heißt, in dem Nordling tätig war (451). „Paris schuldet ihm ewige Dankbarkeit“ steht auf einer Tafel, die die Bedeutung Nordlings würdigt,  an dem Platz Raoul-Nordling im 11. Arrondissement.

An die Befreiung von Paris erinnert auch die „voie de la Libération“ die von der porte d’Italie bis zum Pariser Rathaus reicht und mit 11  Medaillons aus Bronze markiert ist. Sie erinnern an die nach ihrem Kommandeur  Colonne Dronne benannte Einheit der Division Leclerc, die als erste in Paris einrückte und hauptsächlich aus  spanischen Republikanern zusammengesetzt war. (190, 216, 662,663,664,665 666)

Aber natürlich war der Kampf gegen die Besatzer, zu dem General de Gaulle in seinem berühmten „Appell“ schon am 18. Juni 1940 aufgerufen hatte,  nicht nur auf den August 1944 beschränkt. Das erste zivile Opfer dieses Kampfes war der Ingenieur Jacques Bonsergent, an den eine Pariser Métro-Station  und dort entsprechende Tafeln auf beiden Seiten der Bahnsteige erinnern. (495).

Und danach- und bis zum Ende des Krieges- gab es eine Vielzahl von Opfern der Nazi-Herrschaft, an die erinnert wird:

Prominente wie der Dichter Robert Desnos (582), Marc Bloch (344), Pierre Brossolette (380, 825, 829, 867) oder Geneviève de Gaulle Anthonioz (333) und Jean Zay (369), die 2015  ins Pantheon aufgenommen wurden[11], vor allem aber die vielen Unbekannten wie

  • André Chassagne, mort pour que vive la France, fusillé par les Allemands le 6 octobre 1943 au Mont Valérien (1053)
  • Serge Grivillers, torturé de pendu par les Nazis le 21 juillet 1944 (970)
  • René Chollet, patriote et résistant, fusillé par les Hitlériens en 1943 (469)
  • Angèle Mercier, déportée à Auschwitz (991)
  • Jean Verrier, mort en déportation à Buchenwald (587)
  • Raoul Naudet, déporté et exterminé au camp de Mauthausen (149)
  • Marcel, Lucien et André Engros, fusillés par les occupants hitlériens (206)

und viele andere….

Interessant ist dabei auch, wie sich das Vokabular für die Täter ändert.  Kann man auf einer  –wohl noch frühen- Plakette  lesen: „fusillés par les boches“ (988), so sind es dann die kollektiv-schuldigen Deutschen, also „les Allemands“ (z.B. auf einer am 2.2.1947 angebrachten Plakette, 989),  und schließlich eingegrenzter und präziser Les Nazis, les Hitlériens, la Barbarie Nazi.

Dass so oft „les Allemands“ als Täter genannt werden, weist darauf hin dass in Frankreich lange kaum zur Kenntnis genommen wurde, dass es auch in Deutschland –und nicht erst 1944 sozusagen in letzter Minute- Widerstand gegen das NS-Regime gab. Dabei war gerade Frankreich das Land, das vielen geflüchteten und vertriebenen Nazi-Gegnern Zuflucht bot, und Paris war die Stadt, wo die verschiedenen Strömungen des Widerstands versuchten, eine gemeinsame Front gegen das Nazi-Regime aufzubauen.[12]

Neben „den Deutschen“ und den Nazis oder Besatzern erscheinen auch Vichy und seine berüchtigten Milizen als Täter:

  • Assassiné par la Gestapo française (1052)
  • A été assssiné par la Milice (271)
  • Assassinée par les agents de Vichy (996)
  • Tombé sous les balles des policiers français de la brigade speciale (sic) au service de l’ennemi (445)

Gründe für diese Taten waren für die Nazis und ihre Helfer nicht nur der bewaffnete Kampf, wie die nachfolgenden Beispiele zeigen:

  • Déportée comme otage, assassinée au camp de Bergen-Belsen (1060)
  • Ont hébergé et protegé des aviateurs alliés (99)
  • Arrêtés en 1943 par la Gestapo pour l’aide apportée aux juifs et morts en déportation (800)

Es gab aber auch Opfer des Krieges, die nicht mit dem Widerstand und seiner Repression zu tun haben:

  • Malheureuses victimes du bombardement de La Plaine 21. Avril 1944 (956 und ähnlich 649): Das waren unglückliche Opfer der alliierten Bombenangriffe, mit denen die Landung vom 6. Juni vorbereitet wurden
  • À la mémoire des victimes du bombardement allemand du 26 août 1944 (918)

 

Die Nationalität der Opfer wird nur in den seltensten Fällen genannt, und wenn, dann natürlich bei ausländischen Kämpfern gegen die Nazi-Besatzer. Die kamen, wie die Erinnerungstafeln andeuten,  aus vielen verschiedenen Ländern wie  Polen (88, 291, 384),  Großbritannien (89),  Armenien (153, 924),  Spanien (190, 361, 662, 663, 664, 665, 666, 986), Ungarn (243),  Bessarabien (267), Jugoslawien (323),  USA  (443, 842, 954),  Nord-Afrika (621),  Luxemburg (494). (Zusammenstellung ohne Anspruch auf Vollständigkeit). Auch ein (ehemaliger) Deutscher ist dabei, der nach der Flucht aus Deutschland französischer Staatsbürger geworden war und 1939 französischer Soldat wurde:

Es ist Wolfgang Döblin, Sohn des Schriftstellers Alfred Döblin: „mathématicien, précurseur du calcul des probabilités, est mort pour la France à Housseras (Vosges) le 21 juni 1940 à l’âge de 25 ans. Titulaire de la Médaille Militaire et de la Croix de Guerre“. (713)

2007 wurde die Erinnerungstafel für Alfred Döblin, Autor des von den Nazis verbrannten Romans „Berlin Alexanderplatz“,  und seinen Sohn am square Henri-Delormel im 14. Arrondissement enthüllt, da also, wo Döblin und seine Familie von 1934 bis 1939 gewohnt hatten. „Fuyant le nazisme l’écrivain allemand Alfred Döblin 1878 – 1957  s’installa avec sa famille dans cet immeuble“ …“ [13]

Mich berührt es, wenn ich auf den Erinnerungstafeln für Menschen, die unter dem Nationalsozialismus gelitten und gegen ihn gekämpft haben, auch die verschiedenen Herkunftsländer angegeben sind; und wenn –spätestens seit der Vel d’Hiv- Rede Chiracs- der französische „nationale Roman“ und damit auch die plaques commémoratives differenzierter geworden sind: Damit tragen die Pariser Erinnerungstafeln auch zu dem bei, was Aleida Assmann eine „europäische Gedächtniskultur“ nennt.[14]

Manchmal wird auch die religiöse Zugehörigkeit auf den Tafeln angegeben: Das waren dann  katholische Christen wie der Abbé Jean Courcel (95), evangelische Christen wie Paul Vergara, pasteur à l’Oratoire du Louvre und Marcelle Guillemot, médailles des Justes des Nations (125), Moslems., d.h.  muslimische Soldaten, die für die Befreiung Frankreichs gekämpft haben und gefallen sind (264/5) – und das waren außerordentlich viele, deren Bedeutung aber lange eher minimiert oder gar verschwiegen wurde. Dabei stellten sie bei der Landung in der Provence am 15. August 1944 mehr als die Hälfte der Truppen! [15] Und es waren natürlich Juden, denn die waren ja insgesamt durch den Faschismus existentiell bedroht, wobei man da allerdings die Religionszugehörigkeit auf den Tafeln manchmal nur anhand der Namen vermuten kann:

  • David Liberman, fusillé par les Allemands le 16 septembre 1941. Mort pour la France (151)
  • Renée Lévy, membre de la Résistance, décapité à Cologne le 31 août 1943 (172 und 173)
  • Samuel Tyszelman, fusillé par les Allemands le 19 août 1941 (169)

… oder man weiß es, wie bei den Mitgliedern der Gruppe „Affiche Rouge“, aufgrund der denunziatorischen und rassistischen nationalsozialistischen Propaganda (153) oder –wie im Falle des zu dieser Gruppen gehörenden Marcel Rajman- aufgrund des stolzen Hinweises auf einen „héros juif de la résistance“ (554)

Juden sind es auch, unter denen die meisten Opfer zu beklagen sind, worauf neben den Tafeln an den Schulen und den Stelen für die umgebrachten Kinder in allen Arrondissements viele andere Erinnerungstafeln hinweisen.

  • 122 Bewohner, darunter 40 kleine Kinder, des Hauses 10-12, rue des deux-ponts im 4. Arrondissement (219 und 220)
  • À la mémoire de tous les habitants de cet immeuble (67, rue de la Roquette) disparus durant la tragédie de 1939 à 1945. (586)
  • En mémoire des hommes, femmes et enfants du 12ème Arrondissement qui parce que nés juifs, ont été arrétés et regroupés ici (…) par des policiers français lors des rafles de 1942 à 1944 (602)
  • Eliaz Zajdner, Ancien Résistant, déporté à Auschwitz par les nazis en Mai 1944 avec ses trois Fils. Albert âgé de 21 ans, Salomon et Bernard âgés de 15 ans. Morts dans dans le bloc des expériences (211) Diese Kinder fielen also offensichtlich den schrecklichen Menschenversuchen des KZ- Arztes Mengele zum Opfer.[16]

Aus dieser sehr selektiven Übersicht wird wohl schon die unglaubliche Vielfalt der plaque commémoratives zur Zeit 1939- 1945 deutlich. Dazu kommt aber noch ihre unterschiedliche Gestaltung- abgesehen von den genormten Erinnerungstafeln an den Schulen. Manchmal sind die Tafeln mit zusätzlichen Zeichen versehen wie dem Davidstern, oder dem christlichen oder öfters: dem lothringischen Kreuz als dem Symbol der Londoner Exil-Regierung de Gaulles und ihrer Streitkräfte. Dazu kommen oft die Farben der Tricolore oder das Logo des Betriebs oder der Einrichtung, in dem/der die jeweilige Person tätig war. Geschmückt sind die Plaketten manchmal auch mit Lorbeerzweigen, Portraits oder Orden. Und für zusätzliche Farbe sorgen bisweilen die –wenn auch oft verwelkten- Blumen, die zu besonderen Jahrestagen wie dem 27. Januar, dem  8. Mai, dem 25. August oder dem 11. November  von der Stadtverwaltung in die dafür vorgesehenen Ringe gesteckt werden, die sich meistens unterhalb der Plaketten befinden. (s. z.B. 511, 584, 737)

Und dann gibt es ja noch die verschiedenen Materialien und Formen der Tafeln und die Typografie- die vielfältige Gestaltung der Schrift. Philippe Apeloig weist in seinem Vorwort ausdrücklich auf die ästhetische Qualität der Erinnerungstafeln hin und auf den außerordentlichen Reichtum ihres „graphischen Vokabulars.“ Insgesamt bildeten sie einen eigentümlichen Katalog typografischer Kreationen dar, „un véritable hommage aux dessinateurs de lettres.“ (49/50) Das besondere Interesse des Autors an der Typografie wird schon beim Aufschlagen des Buches deutlich: Die ersten und die letzen inneren Umschlagseiten –es sind immerhin insgesamt 24!-  zeigen Ausschnitte von Plaketten und veranschaulichen deren typografischen Reichtum, den Philippe Apeloig, selbst Grafiker und Typograf, besonders herausstellt und zu würdigen weiß.

Aber natürlich geht es Apeloig um mehr als die ästhetische Qualität und Vielfalt der Tafeln. Denn die sind ja Mittel zum Zweck, sie dienen der Erinnerung. Und auch zu ihr hat Philippe Apeloig einen sehr persönlichen Bezug: Sein Großvater Szmul Icek Rozenberg, geboren in Kazimierz in Polen, war 1930 – wie zwei Jahre zuvor sein Bruder Joseph-  nach Frankreich ins „Land der Menschenrechte“ ausgewandert. Das Leben dort schien, wenn auch nicht völlig glücklich, doch wenigstens –anders als in Polen- schlicht und einfach möglich zu sein. Beide Brüder fanden Arbeit und Wohnung im Faubourg-Saint-Antoine, dem damaligen Zentrum der französischen Möbelproduktion.[17] Szmul machte sich schließlich selbstständig und spezialisierte sich auf die Kopie alter Stilmöbel.  Nach Ausbruch des Krieges engagierte er sich als „volontaire juif“ in der Fremdenlegion, kam allerdings nicht zum Einsatz. Nach dem Waffenstillstand und der Besetzung eines großen Teils Frankreichs durch deutsche Truppen siedelte die Familie nach Châteaumeillant in der von Vichy kontrollierten sogenannten freien Zone über. Die Einwohner von Châteaumeillant hatten etwa 40 jüdische Familien aufgenommen, um sie vor Verfolgung zu schützen. Angesichts des Vichy’schen Antisemitismus waren Juden aber auch dort nicht in absoluter Sicherheit. Der Ortspolizist allerdings warnte sie vor bevorstehenden Verhaftungen, so dass die Miliz meist unverrichteter Dinge wieder abziehen musste. Trotz aller Gefahren überlebten der Großvater, seine Frau Golda und seine drei Kinder und konnten 1945 wieder nach Paris zurückkehren, wo der Großvater 1947 die französische Staatsbürgerschaft erhielt.  Sein Bruder Joseph allerdings und seine Frau, die in Paris geblieben waren, wurden deportiert und in Auschwitz ermordet.

Im November 2004 wurde auf Initiative von Philippes Mutter Ida eine Erinnerungsplakette an der alten Markthalle von Châteaumeillant installiert- ein Dank an die Einwohner des Ortes, die –trotz aller damit verbundener Risiken-  Juden aufnahmen und sie vor Verhaftung und Deportation retteten. Es ist dies die erste in dem Buch abgebildete plaque commémorative (39). Bei der Enthüllung hatte die Mutter in einer Rede ihre Kinder aufgefordert, die Arbeit der Erinnerung fortzusetzen. Philippe Apeloig hat dies in einzigartiger Weise befolgt.  Entstanden ist ein Werk über einen ganz besonderen Erinnerungsort, einen „lieux de mémoire“, der allerdings in dem großen Kompendium Pierre Noras nicht berücksichtigt ist.[18]

Diese Lücke schließt das Buch.

Den Abbildungen der Plaketten ist ein Essay von Danièle Cohn vorangestellt, die wie Philippe Apeloig  einen eigenen familiären Bezug zu den plaques commémoratives hat: Die Geschichte  ihres Großvater Wilhelm Friedmann, eines österreichischen Intellektuellen. Bevor er das erhoffte Visum in die USA erhielt, wurde er von den Nazis verhaftet  und nahm sich „als freier Mann“ selbst das Leben (62/63).  Die Tafel in einem kleinen Ort der Pyrenäen, die an ihn erinnert ist in dem sensiblen Text Danièle Cohns abgebildet. Die Überschrift des Essays:  „Voir et écouter les murs„, was als Einladung zum Umgang mit den Erinnerungstafeln verstanden werden kann.  Der Text schließt mit den Worten, die ich zum Abschluss dieses Textes zitieren möchte:

Les hommes et les femmes abattus, déportés n’ont pas laissé de trace dans un ‚ici‘. La chute des corps atteints par une balle ennemie n’a pas laissé d’empreinte, c’est l’inquiétude de ceux qui ont survécu, puis la force du souvenir des vivants qui en ont inventé la trace, et ceci vaudrait plus encore pour les corps brûlés dans les camps: pas d’image, pas de marque matérielle, et la tâche des plaques devient alors de tracer au sens littéral du trait, de l’incision, de l’inscription pour que nous soyons marqués, et à la fin heureux d’avoir eu la chance de l’être.“ (70)

 

Dieser Text wurde am 25. August 2019, dem 75. Jahrestag der Befreiung von Paris, in den Blog eingestellt.

 

Anmerkungen:

[1] https://fr.wikipedia.org/wiki/L%C3%A9on_Frot

[2] Siehe den Blog-Beitrag: Über den Dächern von Paris: Blicke von unserer Terrasse.             https://paris-blog.org/2016/03/31/sonnenuntergang-in-paris/

[3] Siehe den Blog-Beitrag: Wohnen, wo einmal die Guillotine stand. https://paris-blog.org/2016/06/14/wohnen-auf-historischem-boden-la-grande-et-la-petite-roquette/

[4] http://www.ajpn.org/internement-Prison-de-la-Roquette-470.html

[5] Solche Tafeln gibt es an allen Pariser Schulen. Sie wurden mit Unterstützung der Stadt Paris von der Association pour la Mémoire des Enfants Juifs déportés  (AMEJD) angebracht. Eine Aufstellung findet sich bei Apeloig, Enfants de Paris, S. 1101-1103

[6]https://fr.wikisource.org/wiki/Discours_prononc%C3%A9_lors_des_comm%C3%A9morations_de_la_Rafle_du_Vel%E2%80%99_d%E2%80%99Hiv%E2%80%99

Inzwischen gibt es eine Fülle von Literatur zur rafle du Vel d’Hiv. Hervorheben möchte ich hier nur die folgende Veröffentlichung, nicht nur weil Paul Tillard der Vater einer guten Pariser Freundin ist, sondern weil es sich auch um eine ganz frühe Veröffentlichung zum Thema handelt: Claude Lévy et Paul Tillard (préf. Joseph Kessel), La Grande rafle du Vel d’Hiv : 16 juillet 1942, Paris, Éditions Robert Laffont, 1967 ; rééd. Tallandier, coll. « Texto », 2010

Kurzinformation unter: https://www.deutschlandfunk.de/vor-75-jahren-in-paris-die-razzia-im-wintervelodrom.871.de.html?dram:article_id=391170

https://de.wikipedia.org/wiki/Rafle_du_V%C3%A9lodrome_d%E2%80%99Hiver

siehe auch die Erinnerungsplakette am ehemaligen Velodrom d’Hiver bei Apeloig, 815

[7] http://www.genami.org/culture/rafle-paris-20-aout-1941.php

https://blogs.mediapart.fr/albert-herszkowicz/blog/230811/memoire-la-rafle-meconnue-du-20-aout-1941-paris

[8] Ähnliche Tafeln  (stèles) gibt es in jedem Arrondissement. Initiator ist auch hier die AMEJD. Eine Zusammenstellung findet sich bei Apeloig, Les Enfants de Paris, S. 1092 f.

(8a) Philippe Apeloig hat den Titel des Buches ausdrücklich auch deshalb gewählt, „weil die meisten aufgeführten Personen unglaublich jung waren“.  siehe: Xavier de Jarcy,  Le Paris de 1939-1945 raconté par ses plaques commémoratives. Télérama vom 9.1.2019. Jarcy berichtet in dem Text über einen Rundgang mit Philippe Apeloig vom Faubourg- Saint-Antoine zum Marais.

[9] siehe den Blog-Beitrag: Von Frankfurt nach Paris und zurück: Die Stolpersteine in der Westendstraße. https://paris-blog.org/2016/06/02/von-frankfurt-nach-paris-und-zurueck-die-stolpersteine-in-der-westendstrasse/

[10] Dies jedenfalls ist die erklärte Absicht Apeloigs. Siehe sein Interview mit Norbert Czarny, Plaques sensibles. https://www.en-attendant-nadeau.fr/2019/01/01/plaques-sensibles-apeloig/

[11] Siehe den Blog-Beitrag: Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen: https://paris-blog.org/?s=Pantheon

[12] Die Deutsche Botschaft Paris hat deshalb 2015 die Herausgabe eines Buches über den deutschen Widerstand gefördert (Vorwort der damaligen Botschafterin Frau Wasum-Rainer), mit der ausdrücklichen Begründung, dass der deutsche Widerstand gegen das Hitlerregime in Frankreich wenig bekannt sei: Philippe Meyer, Ils étaient des Allemands contre Hitler. Editions L’Âge d’Homme.

Über deutsche Antifaschisten, die auf Seiten der französischen résistance gekämpft haben: https://www.reseau-canope.fr/cndpfileadmin/pour-memoire/le-50e-anniversaire-du-traite-de-lelysee-et-les-relations-franco-allemandes/le-temps-des-ennemis-hereditaires/les-resistants-allemands-en-france/

[13] Die schöne Rede, die der Professor für vergleichende Literatur Lionel Richard bei der Enthüllung der Tafel hielt, ist abgedruckt unter:  http://www.alfred-doblin.com/hommages-et-critiques/ecrivain-xx-siecle-pantheon/ Zu Wolfgang Döblin siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_D%C3%B6blin Dort wird als Datum der Enthüllung 2006 angegeben.

[14] Aleida Assmann, Auf dem Weg zu einer europäischen Gedächtniskultur? Wiener Vorlesungen im Rathaus, Bd 161. 2012

[15] https://www.lepoint.fr/afrique/debarquement-de-provence-les-soldats-venus-d-afrique-en-premiere-ligne-14-08-2019-2329922_3826.php

[16] Siehe dazu das preisgekrönte Buch von Olivier Guez, Das Verschwinden des Josef Mengele. Aufbau-Verlag 2018

[17] Siehe den Blog-Beitrag über den Faubourg-Saint-Antoine, das Viertel des Holzhandwerks. https://paris-blog.org/2016/04/04/der-faubourg-saint-antoine/

[18] Eine Aufstellung aller Erinnerungsorte, die in den 7 von Nora herausgegebenen Bänden behandelt werden, findet sich bei: https://fr.wikipedia.org/wiki/Lieu_de_m%C3%A9moire

 

 

Weitere geplante Beiträge:

  • 10 Jahre Singen in Paris
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • Aux Belles Poules. Ein ehemaliges Bordell im Quartier Saint Denis
  • Von Montreuil nach Sansscouci: Die murs à pêches von Montreuil und die Lepère’schen Mauern im königlichen Weinberg von Sanssouci

La Butte aux Cailles, ein kleinstädtisches Idyll in Paris

Buttes aux Cailles: Das sind vor allem enge, mit Kopfsteinen gepflasterte Gassen, kleine Kneipen und nette Geschäfte, die Erinnerung an die Pariser Commune und wohin man auch blickt: Street-Art…  Es ist ein kleinstädtisches Idyll, etwas abseits gelegen in der Nähe der Place d’Italie und der Hochhäuser des chinesischen Viertels – da wo man Dererlei also am wenigsten erwartet.

Als Ausgangspunkt für einen kleinen Rundgang bietet sich die Place d’Italie ein, von der aus man in die rue Bobilot einbiegt. Nach einigen hundert Metern geht rechts die Passage du Moulin des Prés ab. Der Name dieses Weges erinnert an eine der Mühlen, die einmal auf diesem Hügel standen.

DSC03895´Steet Art April 2019 (13)

Die Passage ist inzwischen eine Art open-air- Galerie für Straßenkünstler. Unter anderem Jeff Aerosol und die Gruppe Lezarts de la Bièvre  haben hier „ausgestellt“.[1] Der Name Lezarts ist ein hübsches Wortspiel: Lézard ist das französische Wort für Eidechse, und Eidechsen gab es auf diesem Hügel früher sicherlich viele. Indem die Künstlergruppe das d am Ende des Wortes durch ein t ersetzt, wird deutlich gemacht, dass es hier um Kunst geht, aber das z der Eidechsen bleibt und die Eidechse im Schriftzug ebenfalls. Die Lezarts de la Bièvre sind  hier gewissermaßen zu Hause, denn der Butte aux Cailles gehört  zur  Umgebung des Flüsschens Bièvre, das einmal am Fuß des Hügels vorbei floss und die Gegend prägte. Heute ist die Bièvre allerdings auf Pariser Stadtgebiet kanalisiert und zugedeckelt, also  nicht mehr zugänglich und sichtbar.

DSC03895´Steet Art April 2019 (14)

Die oben abgebildete  schöne Gemeinschaftsarbeit von Jeff Aérosol und den Lezards de la Bièvre gehört zu einem Kunstprojekt, das an verschiedenen Stationen den früheren Verlauf der Bièvre markiert. Und es gehört auch zu einem Rundgang zu den Ateliers und Street-Art-Produktionen der Künstlergruppe Lézarts de la Biévre.

Hier die Lezarts mit einem Künstlerportrait und Jeff Aérosol (vielleicht mit einem Selbstportrait?)

DSC03895´Steet Art April 2019 (15)

Auf der anderen Straßenseite haben zwei weitere Straßenkünstler Ihre Spuren/Werke hinterlassen- unten Lady Bug und  links oben Louyz mit der bunten Eidechse, ihrem „Markenzeichen“ 

 

Weiter geht es  links hinein in die Rue du Moulin des Prés.

Dort sieht man (oder sah man noch im Mai 2019) unter den üblichen Straßenschildern lila Aufkleber mit alternativen weiblichen Namen. Dabei handelte es sich um eine feministische Aktion, die die geringe Berücksichtigung von Frauen bei der Benennung von Straßenamen kritisiert. (Bei Métro-Stationen und im Pantheon gibt es ja auch eine entsprechende Verteilung zwischen den Geschlechtern  (1a). Also wurden im April 2019 in Paris –auch im 11. Arrondissement, in dem wir wohnen- alternative Vorschläge für Straßennahmen gemacht. Die rue Simonet beispielsweise, benannt nach dem Besitzer des Grund und Bodens, auf dem diese Straße gebaut wurde, sollte nach einer Chemikerin und Pharmazeutin umbenannt werden, die 1988 den Nobelpreis erhielt. Warum auch nicht? An vielen anderen Stellen der Stadt, leider auch in unserer Umgebung,  waren nach meiner Beobachtung die lila Alternativschilder bald abgerissen. Nicht so hier. Vive la Butte aux Cailles!

 

In der Rue du Moulin des Prés kommt man auch an diesem schönen Pochoir von Miss Tic vorbei:

Miss Tic Butte rue du moulin des prés

Miss Tic verbindet immer junge anziehende Frauen mit einem Spruch, der oft zum Nachdenken anregt. Die von ihr verwendeten Farben sind im Allgemeinen schwarz, weiß und rot. Das grün hier ist eine Ausnahme: Vielleicht weil es in dem Text um einen lebensnotwendigen Luxus geht, nämlich die Poesie. Wir werden Miss Tic auf unserem Rundgang noch öfters begegnen. Auch sie ist hier gewissermaßen zu Hause.

Aussehen und Atmosphäre der place Paul Verlaine, zu der wir nun kommen,  entsprechen einem kleinen Dorfplatz, wozu auch eine Boule-Bahn in seiner Mitte beiträgt.[2] Außerdem befindet sich auf dem Platz ein artesischer Brunnen, dessen Wasser aus 582 Meter Tiefe emporsteigt: Es ist ein sehr sauberes Wasser, das die Bevölkerung des Viertels nutzt, um sich mit Trinkwasser zu versorgen.

DSC04159 Butte aux Cailles 6. Mai 2019 (49)

Und Obdachlose (sans abri) nutzen das Wasser auch….

Das markante Bauwerk am Platz ist das Schwimmbad. Es geht zurück auf 1908 errichtete Duschbäder, die aus dem artesischen Brunnen mit 28 Grad warmen Wasser gespeist wurden. 1924 wurde dann das neue Schwimmbad eingeweiht.

DSC04360 Butte aux Cailles 24.5 (5)

 

 

„Sein Art-Nouveau-Stil steht im perfekten Einklang mit dem malerischen Butte-aux-Cailles-Viertel und macht es zu einem der beiden denkmalgeschützten Schwimmbäder von Paris“ – und wie man hinzufügen muss, zu dem einzigen, das für den normalen Publikumsverkehr geöffnet ist. [3]

Auch das Innere des Hallenbades ist mit seinem von leichten Bögen getragenen Betongewölbe architektonisch interessant. Als das Schwimmbad eröffnet wurde, war es auf der Höhe der Zeit mit obligatorischen Duschen für Badegäste und einem Fußbecken am Eingang zur Schwimmhalle. Allerdings waren die Duschen nicht nach Geschlechtern getrennt, was allerdings auch der Praxis neuerer Pariser Schwimmbäder entspricht – die angestrebte Körperreinigung wird dadurch allerdings zu einer bisweilen etwas verschämten Angelegenheit. Und die ehrwürdige Schwimmhalle ist oft so voll und durch Wassergymnastik in ihrem Gebrauch eingeschränkt, dass sie für Menschen, die gerne einigermaßen unbehindert ihre Bahnen schwimmen wollen, eher nicht der geeignete Ort  ist.

Piscine-Butte-aux-Cailles

Auf der Place Paul Verlaine gibt es auch einen Gedenkstein, der an die erste bemannte Fahrt im Heißluftballon erinnert:

DSC04360 Butte aux Cailles 24.5 (4)

 

 

„Am 21. November 1783 flogen Pilâtre de Rozier und der Marquis d’Arlandes an Bord eines aus Papier (Tapete) gefertigten und mit einem Strohfeuer angetriebenen Montgolfière von Muette los. Sie landeten hier auf der Butte aux Cailles, die damals nur ein ländlicher mit Windmühlen bestandener Hügel war. In weniger als einer halben Stunden hatten sie neun Kilometer zurückgelegt.“

 

 

Es hatte die beiden Piloten einige Überzeugungskraft gekostet, den Hof  Ludwigs XVI . davon zu überzeugen, dass die Ehre, die Türme von Notre Dame zu überfliegen, nicht zum Tode Verurteilten zukommen dürfe, sondern freien Männern.[5]

Zwei Tage vorher, am 19. November 1783 hatte es übrigens schon eine Generalprobe für den Flug gegeben: Da war ein Montgolfière im Garten der manufacture des papiers peints  im heutigen 11. Arrondissement aufgestiegen. Der Ballon war mit Stoff bespannt, wie sicherlich auch der vom 21. November. Darauf hatte man Tapete aus der Manufaktur geklebt, die mit goldenen Sonnen bedruckt war. Eine grandiose Marketing-Aktion des Besitzers, Reveillon, der es sich nicht nehmen ließ, sich auch selbst in die Lüfte zu erheben. (5a)

Natürlich fehlt es auch an der Place Verlaine nicht an Werken der Street-Art. Besonders schön finde ich ein Pochoir von Miss Tic, die uns bei unserem Rundgang über den Butte-aux-Cailles begleitet.

DSC04360 Place Verlaine)

Dieses Pochoir ist sicherlich eine Antwort auf die  Anschläge vom 13. November 2015.  Denn  Ziel der Anschläge waren damals  auch mehrere Terrassen von Bars mit ihren Freiheit und Lebensfreude verkörpernden Besuchern;   den islamistischen Terroristen verhasst, so dass sie die „terrasses de la vie“ zu Terrassen des Todes machten. Aber -so die Botschaft von Miss-Tic: diese Freiheit, an der wir umso wütender und trotziger hängen, lassen wir uns nicht nehmen![6]

Auf der anderen Seite des Platzes, an der Auberge de la Butte,  gibt es zwei weitere schöne Pochoirs von Miss Tic:

Auberge de la Butte Place verlaine

Ich suche die Wahrheit und eine Wohnung 

Miss Tic Auberge de la Butte DSC04159 Butte aux Cailles 6. Mai 2019 (41)

 

Das Männliche trägt den Sieg davon. Aber wohin?

 

Unser Spaziergang führt nun über die Rue de le Butte aux Cailles zur Place de la Commune.

In der Rue de la Butte aux Cailles gibt es ein Restaurant und eine Bar, die an die Zeiten der Commune von Paris erinnern: Das Restaurant Le temps des Cerises  und die Bar „Merle Moqueur“.

Ourq Butte aux Cailles Nov 10 016

Der Name „Le temps des Cerises“ bezieht sich auf ein altes, populäres Liebeslied, in dem  die Liebe in der Zeit der Kirschen besungen wird:

                   Quand nous chanterons le temps des cerises

                   Et gai rossignol, et merle moqueur

                   Seront tous en fête.

                   Les belles auront la folie en tête

                   Et les amoureux du soleil au coeur

                   Quand nous chanterons le temps de cerises

                   Sifflera bien mieux le merle moqueur.

Das Lied endet traurig: Die Zeit der Kirschen, der Liebe und Träume,  ist kurz, danach kommen Schmerz und Trauer. Aber trotzdem:

                   J’aimerai toujours le temps des cerises

                   Et le souvenir que je garde au coeur.[7]

 

temps-des-cerises21871 wird  in dem von preußischen Truppen  belagerten Paris zwischen dem 18. März und dem 21. Mai, au temps des cerises also, ein kurzer revolutionärer Traum gelebt.  Damals wird das Lied zur Hymne der Pariser Commune und ihrer Anhänger. Sie bleibt es auch nach der „semaine sanglante“ vom 21. bis zum 28. Mai, während der die Commune von der Versaillais blutig niedergeschlagen wurde und  die Erinnerung an die Commune  -außer sie  war hasserfüllt und abschreckend-  tabuiert war. Der Autor des Liedes,  Clément, während der Commune Bürgermeister des revolutionären Montmartre,  unterstützte ausdrücklich die poltitische Botschaft des Liedes, indem er es  1885 der  „vaillante citoyenne Louise» widmete, der wachsamen Bürgerin Louise Michel, einer Ikone der Commune.

Von Wolf Biermann gibt es übrigens eine wunderschöne deutsch-französische Version des Liedes, gesungen nach der Wende vor einem jungen Leipziger Publikum – mit einer einleitenden Erläuterung, in der er eine Verbindung zwischen dem Paris von 1871 und dem Leipzig von 1989 herstellt.  Auf youtube zu sehen und zu hören! Es lohnt sich!  (8]

Le Temps des Cerises ist genossenschaftlich organisiert, und die Betreiber beziehen sich nicht nur im Namen der Gaststätte auf die Commune.

DSC04159 Butte aux Cailles 6. Mai 2019 (39)

Aux Temps des Cerises

Dieser schönen Aufforderung -und Alternative  zur martialischen Parole der Marseillaise Aux armes, citoyens – kann man getrost folgen.

DSC04360 Aux tem0s des cerises)

Auf der anderen Straßenseite befindet sich die Bar Le Merle Moqueur.

Ourq Butte aux Cailles Nov 10 017

Auch der Name „ Le Merle Moquer“ geht auf das Gedicht von Clément zurück, in dem die Spottdrossel mehrfach besungen wird. Es ist eine beliebte, abends von jungen Leuten gerne besuchte Bar. Die Preise sind, wie es in parisinfo heißt, „sehr demokratisch“. Wäre bei diesem Namen ja auch noch schöner![9]

Neben der „Merle Moqueur“ gibt es übrigens eine als sehr authentisch gerühmte Crêperie mit dem schönen Namen „Des crêpes et des cailles“. Dass auf der Butte aux Cailles auch Crêpes, also eine bretonische Spezialität,  angeboten werden, liegt insofern nahe, als im 19. Jahrhundert zahlreiche Bretonen sich auf dem Hügel niederließen und einen erheblichen Teil der Arbeiterschaft der dort ansässigen kleinen Handwerks- und Industriebetriebe stellten.

In der Straße gibt es auch – wie überhaupt auf der Butte aux Cailles- nette kleine Geschäfte wie den Honigladen Les Abeilles.

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Dort wird unter anderem selbst produzierter Honig aus Paris angeboten!  Hier zum Beispiel mit genauer Herkunftsbezeichnung, nämlich dem Kellermann-Park im 13. Arrondissement.  Allerdings gibt es den Pariser Honig nur in kleinen Mengen, so dass auf der Website des Ladens empfohlen wird, vorher anzurufen, wenn man sich dafür interessiert.[10]

Übrigens ist Pariser Honig ein weniger exotisches Produkt, als es vielleicht erscheinen mag. Auch wenn Paris die am dichtesten bevölkerte Stadt Europas ist,  gibt es dort schon seit langem Bienenstöcke, auch an prominenten Orten wie auf dem Dach des Palais du Luxembourg, dem Sitz des französischen Senats, oder der Oper. Sogar auf Notre-Dame gibt es drei Bienenstöcke, die jährlich jeweils 25 Kilogramm Honig liefern, der aber den Beschäftigten der Kathedrale vorbehalten ist. Und diese drei Bienenstöcke und ihre Bewohner haben den Brand von Notre-Dame unbeschadet überstanden![11]

Die Qualität des Honigs soll –trotz der Luftbelastung durch Schadstoffe- übrigens dank des geringeren Einsatzes der chemischen Keule in der Großstadt gut sein. Und dank des derzeit angesagten urban gardening  wird es den Pariser Bienen wohl auch in Zukunft kaum an Nahrungsquellen mangeln.

 

Auf dem weiteren Weg zur Place de la Commune de Paris lohnt es sich auch, in die Seitenstraßen bzw. –gassen zu sehen, zum Beispiel in die malerische Passage Boiton mit dem für den Butte aux Cailles typischen Kopfsteinpflaster.[12]

rue-butte-aux-cailles

Hier sieht man, wie  insgesamt in dem Viertel, noch die alten Laternen.

Ourq Butte aux Cailles Nov 10 022

 

 

 

Früher waren das Gaslaternen, die abends und morgens per Hand angezündet und wieder ausgemacht wurden. (Ich kenne das noch von meiner Jugend in Darmstadt, dass abends der Gasanzünder die Straße entlang kam, in der wir wohnten). Heute sind da elektrische Glühbirnen installiert, aber die alte Form ist erhalten worden: ein Aspekt des sympathischen, kleinstädtischen Charakters des Viertels.

 

Dazu passte dann auch, dass bei einem meiner Rundgänge durch das Viertel im Mai 2019 auf der Place de la Commune de Paris ein kleines Gehege mit Hühnern installiert war.

DSC04159 Butte aux Cailles 6. Mai 2019 (29)

Wo sonst mitten in Paris wird man wohl morgens vom Krähen eines Hahnes geweckt werden? Und ich kann mir nicht vorstellen, dass ein alteingesessener Bewohner des Butte dagegen Einspruch erheben könnte.

Auf dem Platz steht auch eine der städtischen Informationstafeln, die über die Geschichte des Viertels informieren.

DSC04159 Butte aux Cailles 6. Mai 2019 (34)

Man erfährt dort, dass es ein Pierre Caille war, der 1543 den mit Weinstöcken bepflanzten Hügel über der Bièvre kaufte und dem  Viertel seinen Namen gab. Da caille aber das französische Wort für Wachtel ist, passte der Name auch insofern sehr gut zu diesem Viertel. Das Mosaik am Straßenschild veranschaulicht das ja auch entsprechend.

DSC04360 Place de la Commune

Als 1662 die Manufacture des Gobelins geschaffen wurde, siedelten sich  Weber und Färber in der Umgebung, also auch auf dem Butte aux Cailles an. Dazu kamen Mühlen, mehrere Steinbrüche  und im 19. Jahrhundert kleine Industriebetriebe.[13]

Ourq Butte aux Cailles Nov 10 015

Der Platz ist wenig anziehend, immerhin gibt es in seiner Mitte einen der schönen gußeisernen Brunnen mit den vier Cariathiden. Diese Brunnen findet man an vielen Stellen in Paris. Sie sind nach dem Mäzen Sir Richard Wallace benannt, der sie selbst entwarf und nach den Leiden der Pariser Bevölkerung durch die Belagerung und die Schrecken der semaine sanglante  aufstellen ließ, um die Pariser mit kostenlosem Trinkwasser zu versorgen.

DSC04360 Butte aux Cailles 24.5 (14)

Vor allem aber  haben sich  verschiedene Straßenkünstler wie Seth um die  Verschönerung des Platzes  verdient gemacht. Seth ist ein international tätiger Straßenkünstler, der gerne sehr schöne und phantasievoll an den jeweiligen Ort angepasste Bilder spielender Kinder an die Wände malt.[14] Hier ist es nicht nur der Junge, der rücklings durch die Luft fliegt, sondern auch das ihn begleitende Rotkehlchen und links oben das Signum des Künstlers.

DSC04159 Seth

DSC04159 Rue de la Butte aux Cailles

 

 

 

 

Originell und passend zum Pariser Kongress über das Artensterben (2019) ist das Suchplakat für den ausgestorbenen Dodo, das an einer Hauswand des Platzes angebracht ist….

 

 

 

 

Zu diesem Thema passt – ein Stück weiter in der rue Jonas- auch der bunte Papagei von Louyz vor dem Hintergrund einer Silhouette von Paris und  von rauchenden Schloten. Da fliegen Kanonenkugeln aus Dreck durch die Luft und prallen auf den Eiffelturm…

DSC04159 Butte aux Cailles 6. Mai 2019 (11)

Originell der Schmuck eines Straßenschildes ….

DSC04159 Butte aux Cailles 6. Mai 2019 (9)

…und  der an einer Hauswand befestigte Spiegel mit der Aufforderung hineinzusehen und der Aufschrift „Du bist schön“ (t’es belle). Das gilt aber nur für Frauen, die in den Spiegel schauen…

DSC04159 Butte aux Cailles 6. Mai 2019 (28)

Aber erstaunlich, was hier engagierte und phantasiereiche Menschen  aus einem an sich wenig ansehnlichen Platz gemacht haben.

Bevor es wieder zurück geht zur Place d’Italie bzw. zur Métro-Station Corvisart  bietet sich noch zwei kleine Abstecher an: In die rue Biot, von der aus man einen schönen Blick auf die Türme der Kirche Sainte-Anne de la Butte aux Cailles hat.

DSC04360 Rue Biot

Man hat die Kirche als „kleine Schwester von Sacré-Cœur“ bezeichnet.[15] Diese Bezeichnung bietet sich an wegen des romanisch- byzantischen Stils beider Kirchen. Aber es gibt noch mehr Gemeinsamkeiten: Beide  stehen auf einem höchst brüchigen Untergrund, so dass sie auf Pfeilern errichtet sind, die auf tiefen festen Felsschichten ruhen. Bei Sainte-Anne sind es 71 Pfeiler, die bis in eine Tiefe von 16-22 Meter hinabreichen. Und beide Kirchen wurden in der Zeit der Dritten Republik gebaut, als  der Bau von Kirchen eher eine Ausnahme war. Sacré- Cœur war ja gebaut als Sühne-Kirche für die (angeblichen) Verbrechen der gottlosen Commune; und zwar demonstrativ auf dem Hügel von Montmartre,  dem aufständischen Zentrum der Revolte. Und man darf annehmen, dass Sainte-Anne mit ihrer auftrumpfenden Architektur aus ähnlichen Gründen in dem Viertel errichtet wurde, das am längsten den konterrevolutionären Angriffen der Versaillais standhalten konnte.

DSC04360 Butte aux Cailles 24.5 (27)

Die Wappen vieler bretonischer Städte am links im Bild zu sehenden Altar erinnert übrigens noch daran, dass viele  damalige Bewohner des Viertels ihre Wurzeln in der Bretagne hatten.

DSC03895´Seth

 

 

Die rue Biot ist übrigens wie die Passage du Moulin des Prés geradezu eine Freiluft-Galerie der Street-Art. Es gibt fast kein Stück Wand/Fassade, das nicht als Ausstellungsfläche dienen würde. Vertreten ist hier unter anderem wieder Seth mit einem Mädchen mit Hüpfseil und eine der  ganz neuen und jetzt öfters in dem Viertel anzutreffenden Musikkarten…

 

DSC04360 Rue Biot

Für Street-Art-Freundinnen und -Freunde empfiehlt sich auch noch ein kleiner Abstecher in die  rue Alphant. Dort hat die Künstlergruppe Louyz am 24. Mai 2019 ein farbenfrohes großes Wandgemälde mit der obligatorischen bunten Eidechse angebracht.  An diesem Tag ist auch dieses Foto entstanden.

DSC04360 Rue Alphand

Übrigens konnte man den beiden Künstlerinnen gut bei der Arbeit zusehen: Sie hatten oben auf ihrem Gerüst eine kleinformatige Vorlage, an der sie sich orientierten,  und unten eine kleine Gruppe von Helfern mit einem größeren Farbsortiment und kulinarischem Nachschub…  Alles also genau geplant – und sogar im Internet angekündigt….

 

Weiter/zurück geht es dann durch die  von Parisinfo etwas überschwänglich als „wunderschön“ bezeichnete rue des cinq Diamants. Allerdings hat die Straße vor allem für historisch interessierte Menschen einen besonderen Anziehungspunkt, nämlich das Büro der Amies et Amis de la Commne de Paris, deren Ziel es ist, die Erinnerung an die 72 Tage der Commune wachzuhalten und die fortdauernde Aktualität des kurzen revolutionären Frühlings von Paris aufzuzeigen.[16]

DSC03196 Street Art La Butte aux Cailles (7)

Prunkstück des Büros ist die große Erinnerungstafel für die Toten der Commune: Es handelt sich um das Original einer plaque commémorative, die 1908 an der Friedhofsmauer auf dem Père Lachaise angebracht wurde, an der die letzten Kämpfer der Commune im Mai 1871 erschossen wurden. Die Association der Freundinnen und Freunde der Commune organisiert jährlich am letzten Maiwochenende die sogenannte Montée au Mur des Fédérées, zu derMenschen aufgerufen sind, die sich mit den Idealen der Commune verbunden fühlen.[17]

montee des murs des fédérés 2011

Neben der Eingangstür des Büros gibt es  ein kleines Mosaiktäfelchen mit einem Portrait und dem Namen  Wróblewski.

DSC04159 Am Eingang Amis de la Commune

Walery Antoni Wróblewski gehörte zu den Anführern des polnischen Aufstandes gegen das zaristische Russland 1863/64. Nach dessen Niederschlagung emigrierte er nach Frankreich, wo er als Pianist und Musiklehrer seinen Lebensunterhalt verdiente. Während der Commune war er ein Kommandeur der Föderierten und verantwortlich für die Verteidigung des strategisch wichtigen Butte aux Cailles gegen den Vormarsch der Versaillais. Dabei zeichnete er sich besonders aus. Prosper Lissagaray schrieb in seiner auf eigener Anschauung beruhenden „Geschichte der Commune von 1871“ über Wroblewski:

„Er ist der einzige General der Commune, der die Eigenschaften eines Corpsführers gezeigt hat. Er verlangte immer, man solle ihm diejenigen Bataillone schicken, die kein Anderer wollte, und er verstand es auch, sie zu verwenden.“[18]

Commune Spaziergang EDF 031

Nach der Niederschlagung der Commune emigrierte er nach England, wo er sich weiter für die internationale Arbeiterbewegung engagierte. Auch er konnte 1880 nach der allgemeinen Amnestie nach Paris zurückkehren, wo er 1908 starb. Wróblewski gehörte zu den vielen internationalen Aktivisten, die sich in der Pariser Commune engagierten und damit die internationale Solidarität der Arbeiter vorlebten.

Commune Spaziergang EDF 030

Das Grab von Wróblewski befindet sich auf dem Friedhof Père Lachaise, in unmittelbarer Nähe der Mur des Fédérées und  ist –wie auch das von Chopin- oft mit roten und weißen Blumen geschmückt. Sie verweisen auf die polnische Herkunft von Wróblewski und sind ein Zeichen polnisch-französischer Verbundenheit.

DSC06284 Butte aux Cailles (3)

 

 

 

Ein weiterer Anziehungspunkt in der rue des cinq Diamants sind die vielen von Street-Artisten verzierten Wände.

Hier zum Beispiel ein Mosaik von 1918 aus Anlass des 50. Jahrestags des Mai 68.

Und auch hier hat Miss Tic ihre Spuren/Werke  hinterlassen.

cinq diamants 39

rue des cinq diamant Nummer 39

 

DSC04360 Butte aux Cailles 24.5 (39)

In der rue des cinq diamants gibt es auch ein kleines thailändisches Restaurant mit diesem schönen Wirtshausschild.

DSC04360 cinq diamants

Ich sehe das als Zeichen für die identitätsstiftende und integrative Kraft der Butte aux Cailles. Insofern ist das, wie ich meine,  ein schöner Abschluss des Beitrags über dieses sympathische Viertel.

 

Anmerkungen

[1] https://www.lezarts-bievre.com/la-bievre/

Zur Pariser Street-Art im Allgemeinen und Jeff Aérosol im Besonderen siehe die Blog-Beiträge: Street-Art in Paris (1) und (2) https://paris-blog.org/2017/12/01/open-your-eyes-street-art-in-paris-1/ und https://paris-blog.org/2018/06/01/street-art-in-paris-2-mosko-jef-aerosol-und-jerome-mesnager/

(1a) Siehe dazu den Blog-Beitrag: Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen: https://paris-blog.org/2018/04/01/das-pantheon-der-grossen-und-der-weniger-grossen-maenner-und-der-wenigen-grossen-frauen-1-das-pantheon-der-frauen/

[2] https://www.unjourdeplusaparis.com/paris-balades/promenade-butte-aux-cailles

[3] https://de.parisinfo.com/museen-sehenswurdigkeiten-paris/72885/Piscine-de-la-Butte-aux-Cailles

Das andere denkmalgeschützte Pariser Schwimmbad ist das mondäne Molitor im 16. Arrondissement, das allerdings inzwischen zu einem Hotel gehört und für Normalsterbliche nicht mehr zugänglich ist.

[4] Bild aus: https://www.lecoindelodie.fr/piscine-buttes-aux-cailles/

[5] https://www.pilatre-de-rozier.com/a-propos/jean-francois-pilatre-rozier/

(5a) Siehe dazu den Blog-Beitrag: Der Faubourg-Saint-Antoine (2): Das Viertel der Revolutionäre. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/102

[6] Zu Miss Tic siehe auch den Blog-Beitrag Street-Art in Paris (4): https://paris-blog.org/2019/02/01/street-art-in-paris-4-monsieur-chat-miss-tic-und-fred-le-chevalier/

[7] Vollständiger Liedtext in: https://fr.wikisource.org/wiki/Le_Temps_des_cerises

Bild aus: https://passagedutemps.wordpress.com/2017/01/13/2237/. Passage du temps ist ein ausgesprochen schöner Blog mit einem Schwerpunkt zu Paris, der aus den meisten eher oberflächlichen Paris-Blogs herausragt.

[8] http://www.youtube.com/watch?v=Rv420VhwUWc (Dauert 6 Minuten)

[9]  https://de.parisinfo.com/restaurant-paris-de/100464/Le-Merle-Moqueur

[10] https://www.lesabeilles.biz/fr/index.html

[11] https://www.youtube.com/watch?v=5FCX42ZyLVw

[12] https://www.unjourdeplusaparis.com/paris-balades/promenade-butte-aux-cailles

[13] Zur Manufacture des Gobelins siehe den Blog-Beitrag: Die Manufacture des Gobelins, Politik und Kunst. https://paris-blog.org/2018/08/01/die-manufacture-des-gobelins-politik-und-kunst/

Zu den Steinbrüchen unter Paris siehe:  https://paris-blog.org/2017/04/20/die-bergwerke-und-steinbrueche-von-paris/

[14] https://www.lezarts-bievre.com/2018/04/30/julen: Die Bergwerke und Steinbrüche von Paris. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/5497ien-malland-dit-seth-globepainter/

[15] https://meinfrankreich.com/butte-aux-cailles-paris/ 

[16] http://commune1871.org/

[17]Zur Commune siehe den Blog-Beitrag: Der Bürgerkrieg in Frankreich 1871. Ein Rundgang auf dem Friedhof Père Lachaise auf den Spuren der Commune. https://paris-blog.org/2016/08/13/der-buergerkrieg-in-frankreich-1871-ein-rundgang-auf-dem-friedhof-pere-lachaise-in-paris-auf-den-spuren-der-commune/

[18] Prosper Lissagaray, Geschichte der Commune von 1871. Edition suhrkamp 177, FFM 1971, S. 340. (Lissagaray schrieb das Buch 1877 im Londoner Exil). Weitere Wertschätzungen der militärischen Leistung Wroblewskis: http://maitron-en-ligne.univ-paris1.fr/spip.php?article150222

 

Weitere Beiträge zur Street-Art:

Zur Street-Art siehe auch die Beiträge zu folgenden weiteren Stadtvierteln:

Außerdem folgende spezielle Beiträge:

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Der Hartmannswillerkopf, das französische Nationaldenkmal und das deutsch-französische Historial zum Ersten Welkrieg
  • „Les enfants de Paris“: Pariser Erinnerungstafeln/plaques commémoratives zur Zeit 1939-1945
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • Aux Belles Poules. Ein ehemaliges Bordell im Quartier Saint Denis

 

 

.

 

Le chocolat Menier (2): Die Villen der Familie im 8. Arrondissement von Paris und das Grabmal auf dem Père Lachaise

Im ersten Teil des Beitrags über die Schokoladenfabrik Menier standen die außerordentlich formschöne, moderne und repräsentative Architektur der Fabrik und die Anlage der Arbeitersiedlung in Noisiel an der Marne im Mittelpunkt.

https://paris-blog.org/2019/05/23/le-chocolat-menier-1-die-schokoladenfabrik-in-noisiel-an-der-marne-repraesentative-fabrikarchitektur-und-patriarchalischer-kapitalismus-im-19-jahrhundert/

Im nachfolgenden Beitrag geht es um die Bauten der Familiendynastie in Paris:  Die Stadtvilla (hôtel particulier) des Émile Justin Menier und die seiner Söhne Henri und Gaston Menier im 8. Arrondissement von Paris sowie die Grabkapelle der Familie  auf dem Père Lachaise. Die Villen der Meniers befanden sich nicht zufällig alle im Umkreis des Park Monceau: Gerade zu der Zeit, als die Schokoladenfabrik von Noisiel ihre grandiose Expansion vollzog, erhielt der Park seine heutige Form und Noblesse. Als nämlich 1860 das alte Dorf Monceau nach Paris eingemeindet wurde, wurde der weitläufige, am Ende des 18. Jahrhunderts angelegte Park des Philippe Égalité, die folie des duc de Chartres, aufgeteilt: Einen Teil gestaltete der Gartenarchitekt Adolphe Alphand um, der im Zuge der Haussmannschen Stadterneuerung unter Napoleon III.  auch andere Parks in Paris neu anlegte.[1] Unter seiner Leitung entstand ein Park, der mit vielen alten und neuen Attraktionen versehen war wie die korinthische Säulenreihe aus einer Anfang des 18. Jahrhunderts zerstörten Kirche von St. Denis, die sogenannte Naumachie…

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… oder die von Claude Nicolas Ledoux erbaute Rotonde am nördlichen Parkeingang, die sogenannte Barrière de Chartres, Teil der alten die Stadt umgebenden Zollmauer, der mur des Fermiers généraux.[2]

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So entstand  « la promenade la plus luxueuse et en mêmetemps la plus élégante de Paris“ wie der Baron Haussmann in seinen Memoiren rühmte; [3]  eine promenade, die Claude Monet 1876 zu drei Bildern anregte…[4]

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… und eine Parkidylle, in der sich ein halbes Jahrhundert später Kurt Tucholsky von seinem krisengeschüttelten Vaterland ausruhte.[5]:

Kurt Tucholsky: Park Monceau

Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen.
Hier bin ich Mensch – und nicht nur Zivilist.
Hier darf ich links gehn. Unter grünen Bäumen
sagt keine Tafel, was verboten ist.

Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen.
Hier bin ich Mensch – und nicht nur Zivilist.
Hier darf ich links gehn. Unter grünen Bäumen
sagt keine Tafel, was verboten ist.

Ein dicker Kullerball liegt auf dem Rasen.
Ein Vogel zupft an einem hellen Blatt.
Ein kleiner Junge gräbt sich in der Nasen
und freut sich, wenn er was gefunden hat.

Es prüfen vier Amerikanerinnen,
ob Cook auch recht hat und hier Bäume stehn.
Paris von außen und Paris von innen:
sie sehen nichts und müssen alles sehn.

Die Kinder lärmen auf den bunten Steinen.
Die Sonne scheint und glitzert auf ein Haus.
Ich sitze still und lasse mich bescheinen
und ruh von meinem Vaterlande aus.

 

Die andere Hälfte des früheren Parks wurde an die Brüder Pereire verkauft, reiche Bankiers, die damit ein groß angelegtes, spekulatives Immobilienprojekt aufzogen: Nach Malern benannte Straßen wurden angelegt und  monumentale vergoldete Zugänge, die selbst einem Schloss des Sonnenkönigs Ehre machen würden.

DSC03591 Menier Palais parc Monceau (4)

Die großen  Baugrundstücke kaufte vor allem die jüdische  Großbourgeoisie des zweiten Kaiserreichs, um dort luxuriöse Stadtpalais zu errichten: Die Rothschilds, Cerrnuschis, Camondos, Ephrussis, aber auch die  Meniers.

 

Das Hôtel Menier

Hat man im Süden des Parks in der avenue Van-Dyck eines der goldenen Tore durchschritten, sieht man auf der linken Seite das hôtel particulier des  Émile Justin Menier. Es handelt sich, wie man lesen kann, „zweifellos“ um die außerordentlichste Villa des Parks, „véritable anthologie d’art décoratif“.[6]  Bemerkenswert ist zunächst der Zeitpunkt des Baus. Es sind nämlich erst die Jahre 1872 bis 1874, während die Umgestaltung des Parks und die Bebauung seiner Umgebung und vermutlich wohl auch der Kauf eines „Filetstücks“ durch die Meniers  schon auf die 1860-er Jahre zurückgeht. Inzwischen war Napoleon III. gestürzt und ins Exil „ab nach Kassel“ expediert worden; Frankreich war zur Republik geworden; die Erschießungskommandos der siegreichen Versailler waren wieder abgezogen, die in dem Park die massenhaften Todesurteile gegen die aufständischen Kommunarden exekutiert hatten; Frankreich war im Vertrag von Frankfurt zu hohen Kriegsentschädigungen verpflichtet worden, die gerne mit den Reparationen des Vertrags von Versailles verglichen werden…  Und in dieser Zeit der Umbrüche lassen die Meniers ihr grandioses Palais errichten: Architektur als politisches und ökonomisches Manifest: Auch unter der neuen Republik geht das Leben weiter und rollt auch –gewissermaßen- der Rubel, business as usual…

Bemerkenswert ist auch die Wahl des Architekten: Es ist Henri Parent, der Pariser Hausarchitekt der Meniers.  Parent hatte sich im zweiten Kaiserreich Napoleons III. einen Namen gemacht durch die Erneuerung von Adelspalästen der französischen Aristokratie. Er hatte zwar knapp den Wettbewerb um den Neubau der Pariser Oper –zugunsten seines Kollegen Garnier- verloren, dafür aber andere prestigeträchtige Aufträge erhalten wie den Bau eines Palais für die Kunstsammlung Jacquemart-André. Wie dort orientierte sich Parent auch beim hôtel Menier an traditionellen Vorbildern, vor allem dem flämischen Barock.[7]

DSC03591 Menier Palais parc Monceau (5)

DSC03591 Menier Palais parc Monceau (6)

 

 

Das Palais ist inzwischen in Eigentumswohnungen aufgeteilt und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Von der Straße aus kann man immerhin einen Blick in einen Teil des Hofs und auf die dem Hof zugewandte Fassade mit der ausladenden Rotunde werfen. Die repräsentative Freitreppe allerdings kann man von außen nicht sehen.[8]

Auffällig ist schon hier der reiche Fassadenschmuck, den auch die dem Park zugewandte Schauseite aufweist.

 

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Denn anders als in vielen klassischen Pariser Stadtvillen, deren Reichtum sich erst erschließt, wenn man den an einer Straße gelegenen und im Allgemeinen verschlossenen  Eingang durchquert hat, ist die Schauseite hier vom Park aus und damit für die Besucher des Parks sichtbar. Der Reichtum der Besitzer wird nicht versteckt, sondern stolz präsentiert. Und der öffentliche Park verleiht dem privaten Besitz zusätzliche Weite und Großzügigkeit,  wie ja auch umgekehrt der Park und seine Besucher von der Noblesse der umgebenden Architektur profitieren.  Gehörte zu den klassischen hôtels particuliers der eigene, abgeschlossene Garten, so war hier gewissermaßen der öffentliche Park der Garten des hôtel Menier und der anderen an den Park grenzenden Villen.

Der reiche Fassadenschmuck mit mascarons, Tierköpfen und Vasen  ist das Werk des Bildhauers Jules Dalou. Dalou, ein Freund Rodins, war in den letzten Jahren des zweiten Kaiserreichs eJulin von der Aristokratie äußerst geschätzter Bildhauer. Unter anderem war er beteiligt an der Ausstattung des von dem schlesischen Kohlenbaron Guido Henckel von Donnersmarck für seine Geliebte und Frau, die Gräfin Païva,  auf den Champs-Elysées errichteten Märchenschlosses.[9] 1871 allerdings wurde er wegen „participation à l’insurrection“ zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt. Er war nämlich Kommandeur einer Einheit der Nationalgarde gewesen und dann, auf Bitten von Courbet, die Aufgabe übernommen, als stellvertretender Direktor des Louvre für die Sicherheit und Unversehrtheit der Bestände des Museums zu sorgen. Dalou konnte aber rechtzeitig nach England fliehen, wo er weiter als Bildhauer arbeiten konnte, bevor er 1879 mit der damals beschlossenen Amnestie für die verurteilten Kommunarden wieder nach Paris zurückkehrte und zum großen Bildhauer der Republik wurde.[10]

Dass der geächtete Dalou von Paris aus beauftragt wurde, den Fassadenschmuck zu entwerfen, ist kaum vorstellbar. Ich vermute also, dass seine Zeichnungen (wie der Entwurf des Baus insgesamt) schon vor der Zeitenwende von 1870/71 entstanden sind.  Es erscheint mir aber trotzdem bemerkenswert, dass ein repräsentatives Gebäude wie das der Meniers mit dem Fassadenschmuck eines Geächteten ausgestattet wurde. Ökonomische Gründe können dafür kaum eine Rolle gespielt haben. Ich denke, dass es sich eher um ein politisches Signal handelt: Dass die vom Bürgerkrieg geschlagenen Wunden geheilt werden sollen und die republikanische Familie wieder geeint werde. Aber später  mehr zum politischen Engagement des Émile Justin Menier.

 

 

Hôtel Henri Menier

 

Auch zwei der Söhne von Émile Justin Menier, Henri und Gaston, ließen sich repräsentative Stadtpalais in der Umgebung des Park Monceau bauen und engagierten dafür auch Henri Parent, den Architekten ihres Vaters. Für das 1880 errichtete  Hôtel Henri Menier orientiere er sich am Stil der französischen Renaissance.

Hotel Henri Menier Palais parc Monceau (7)

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Das Gebäude ist um einen zentralen Hof gruppiert, dessen Fassaden zum Teil ebenfalls im Stil der Neo-Renaissance gestaltet sind, sich zum Teil aber auch an mittelalterlichen Vorbildern orientieren.

 

Innen gab es eine große repräsentative Treppe und einen Ballsaal mit 12 Metern Deckenhöhe. In einem Teil des Anwesens richtete Henri Menier ein Laboratorium für seine chemischen Versuche ein, was die Anwohner etwas beunruhigte.

 

Wie beim Hôtel particulier seines Vaters ist die rückwärtige, auch im Stil der Neo-Renaissance gehaltene Fassade des Baus dem Park Monceau zugewandt. Die oberste Etage ist eine spätere Zutat.

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Heute ist In dem Gebäude  das Conservatoire internationale de musique de Paris untergebracht.[11] 

Hôtel Henri Menier

8, rue Alfred de Vigny

75008 Paris

 

Hôtel Gaston Menier

1878 kaufte Gaston Menier das Stadtpalais des aus dem Elsass stammenden Textilindustriellen Georges Michel Koechlin. Es handelte sich um ein Gebäude mit Fassade aus Backsteinen und Kalksteinquadern, wie das für die französische Renaissance zur Zeit Heinrichs IV. üblich war (siehe die place des Vosges oder die Place Dauphine in Paris).

Hotel Gaston Menier DSC03591

Passend zum Gebäude der Fassadenschmuck mit dem durchlaufenden Fries….

Hotel Gaston MenierMenier (2)

… und den Greifen über dem Portal.

Hotel Gaston MenierMenier (1)

DSC_0031

 

Das Innere und die den Hof umgebenden Gebäude entsprachen allerdings nicht dem Geschmack und dem Repräsentationsbedürfnis des neuen Besitzers. Also ließt er von Henri Parent erhebliche Veränderungen vornehmen. So wurden die übernommenen Wirtschaftsgebäude abgerissen und durch Neubauten in einer normannisch-maurischen Stilmischung ersetzt.[12]

Dort war Platz für 5 Kutschen, 12 Pferde und darüber für einen  großen Theater- und Ballsaal, „le théâtre des folies Ruysdaël“, in dem Komödien und Operetten aufgeführt wurden.

Seit 1953 ist das Gebäude Sitz des „Ordre National des Pharmaciens“.

Hôtel Gaston Menier

4 avenue Ruysdaël

75008 Paris

 

Das Grab des Émile Justin Menier auf dem Père Lachaise

Das Repräsentationsbedürfnis der Meniers wird nicht nur in den Fabrikbauten von Noisiel und den Stadtpalais rund um den Parc Monceau deutlich, sondern auch auf dem Grab der Familie. Da gibt es zunächst ein bescheidenes, unauffälliges für den Gründer der Firma, Brutus Menier in der 36. Division. Als aber 1881 sein Sohn  Émile Justin Menier, starb, erschien der Familie dieses Grab nicht mehr der Bedeutung der Familie und ihres Unternehmens angemessen. Also wurde nach dem Tod Émile Justins ein großes, unübersehbares Mausoleum in der 67. Division des Friedhofs Père Lachaise errichtet- eines der repräsentativsten des Friedhofs.  Nach Fertigstellung des Mausoleums wurde 1887  der Leichnam  des Émile Justin aus dem Grabmal des Vaters  dorthin überführt.[13] 

DSC04055 Pere Lachaise Grabmal Menier (1)

Mit dem Bau des Mausoleums beauftragt wurde der Hausarchitekt der Meniers, Henri Parent, der sich -wie damals in Frankreich üblich- auch dort verewigen ließ.

DSC04055 Pere Lachaise Grabmal Menier (4)

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Über der mit Kakaoblüten verzierten Tür aus Bronze befindet sich eine Marmor-Büste des verstorbenen Fabrikherrn, daneben in von Putten gehaltenen bekränzten Wappenschilden die obligatorischen  Ms.

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Der Eingang wird eingerahmt von der Allegorie des Handels, die in der linken Hand ein Buch mit der Aufschrift „travail“ /Arbeit hält.

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Die Frauengestalt auf der rechten Seite des Eingangs verkörpert die Industrie. In der einen Hand trägt sie eine Palme und einen Efeukranz, in der anderen Hand eine Pergamentrolle mit der (verwitterten)  Aufschrift „bienfaisance, instruction“/Wohltätigkeit, Unterrichtung.  Damit war der Kern der paternalistischen Ideologie der Meniers auf den Punkt gebracht.

DSC04055 Pere Lachaise Grabmal Menier (3)

Das sozialreformerische Engagement Meniers

In de Nachrufen der  zeitgenössischen Presse waren alle Topoi dieses Paternalismus versammelt: Neben der leidgeprüften Familie betrauere in Noisiel auch noch eine andere große Familie den Verstorbenen. Der sei mitten aus seinem arbeitsreichen Leben und seinen grandiosen Schöpfungen gerissen worden,  ein genialer Erfinder, der den Namen Menier zu einem der berühmten Namen Frankreichs gemacht habe. Die Aufbarung des Leichnams in Nosiel sei ein tief beeindruckendes Schauspiel gewesen: Alle Arbeiter, denen er so viel Gutes getan habe, hätten den Sarg begleitet und nicht von ihm ablassen wollen. Die Frauen hätten viele Tränen vergossen. „Monsier Menier war ein wahrer Menschenfreund; er liebte es, auf alle nur mögliche Weise Gutes zu tun.“[14]

Dass  Émile Justin Menier hier  gerühmt wird – zumal aus Anlass seines Todes-  hat durchaus seine Berechtigung.  Man muss ja nicht, wie Bernard Marrey in einer Veröffentlichung aus dem Jahr 1984 von einem „idealen Kapitalismus“ sprechen, aber die Arbeiter, die bei den Meniers beschäftigt waren, hatten erhebliche Vergünstigungen: Die kostenlose Schulbildung für die Kinder –noch vor Einführung der Schulpflicht in Frankreich- , die günstigen Siedlungshäuser, die Kantinen für allein stehende Arbeiter,  die kostenlose medizinische  und  auch die materielle Versorgung in Krankheitsfällen sowie die Altersvorsorge in einer Zeit, in der es noch (lange) keine allgemeine Kranken- und  Rentenversicherung in Frankreich gab. Auf der Pariser Weltausstellung von 1867 wurde ausdrücklich die soziale Situation der Arbeiter von Noisiel begrüßt. Das soziale Engagement Meniers war beeinflusst von den Ideen des im Kaiserreich Napoleons III. einflussreichen Sozialreformers Le Play. Der propagierte in der von ihm gegründeten Société internationale des études pratiques d’économie sociale  eine „politique patronale“, deren Ziel die soziale Harmonie zwischen Unternehmer und Arbeitern war. Der Fabrikherr sollte wie ein Vater für seine Arbeiter sorgen, das Unternehmen eine große Familie sein. Émile Menier war Mitglied dieser Gesellschaft und man hat sein Wirken als „parfait exemple de l’économie sociale leplaysienne“ bezeichnet. [15]

dsc0863 Le Play

Standbild Le Plays im Jardin du Luxembourg in Paris

Menier hat sich als „patron philanthrope[16] ganz gezielt in Szene gesetzt. So wie er seine Produkte mit großer Systematik vermarktete, so auch sein Bild in der öffentlichen Wahrnehmung. In Noisiel wurden in den 1870- er Jahren zahlreiche Feste mit den Arbeitern, ihren Frauen und Kindern veranstaltet. Sie sollten ihnen die Gelegenheit geben, ihre Dankbarkeit für das soziale Wirken des Fabrikherrn öffentlich kund zu tun. 1876 fand ein großes Fest mit 650 Mitgliedern der „Menier-Familie“ statt. Dort trat ein 13-jähriges Mädchen auf, das mit lauter Stimm den Dank der Schüler/innen der von Menier gegründeten Schule vortrug:

« Madame et Monsieur Menier, chers bienfaiteurs, Laissez-nous vous remercier pour cette instruction que nous vous devrons et qui rendra plus faciles nos pas dans la vie. Pour les pauvres gens, l’instruction est difficile à acquérir parce qu’elle coûte cher. Eh bien vous avez pris soin de dispenser nos parents de toutes dépenses à ce sujet, vous nous avez tout donné jusqu’au papier, aux plumes, aux crayons. Aussi croyez à notre reconnaissance et soyez sûrs que chaque année nous nous efforcerons de nous rendre dignes de tous les sacrifices que, sans compter, vous avez voulu faire pour nous“[17]

Zu dem Fest von 1876 waren aber nicht nur die Betriebsangehörigen und ihre Familien eingeladen, sondern auch  Abgeordnete der Nationalversammlung, Senatoren, Gemeinderäte und Journalisten – einem davon verdankt man ja auch die Wiedergabe der gerade zitierten Dankesrede. Meniers Selbstinszenierung diente also, das wird daran deutlich, nicht nur  dazu, seine Arbeiter an die Firma und ihren Patron zu binden,  sondern dahinter stand auch ein politischer Zweck. Die „Opfer“, die  der als „Wohltäter“ gerühmte Menier nach den Worten der Schülerin, „ohne Berechnung“ für die Schüler/innen (und insgesamt für die Fabrikangehörigen) brachte, waren doch nicht ganz selbstlos.  Menier strebte  nämlich  in diesen Jahren gezielt eine politische Karriere an, wofür ihm Noisiel gewissermaßen als Basis und Aushängeschild diente. Tatsächlich wurde er auch bei den Wahlen vom 20. Februar 1876 zum Abgeordneten der Nationalversammlung für seinen Wahlkreis Seine-et-Marne gewählt.

Dass ein erfolgreicher Unternehmer sich  ganz direkt politisch engagierte, entsprach nicht der verbreiteten Erwartungshaltung, für die die Rolle als Hinterzimmer- oder Salon-Lobbyist angemessen gewesen wäre. Noch erstaunlicher war allerdings, dass sich Menier nicht, wie es von seinem Status und seinem Vermögen zu erwarten gewesen wäre, auf Seiten der politischen Rechten engagierte, sondern ganz im Gegenteil auf Seiten der  republikanischen Linken.

Ein besonderes  Anliegen war für ihn eine umfassende Reform des noch aus dem ersten Kaiserreich Napoleons stammenden Steuersystems, das er für ungerecht und wirtschaftlich verfehlt hielt. Die arbeitende Bevölkerung –und damit natürlich auch oder vor allem die Unternehmer- sollte  entlastet, dafür aber sollten der Kapitalbesitz und damit die  von den Romanen Balzacs so  bekannte  Spezies der Spekulanten und der von ihren Kapitalerträgen lebenden Rentiers  besteuert werden.  Als engagierter Republikaner vertrat Menier auch das Prinzip der Laizität, das ja, wie im ersten Teil des Beitrags gezeigt wurde, auch in der Konzeption der cité ouvrière von Noisiel deutlich wird, wo die Kirche nicht im Zentrum steht, sondern an den Rand der Siedlung  platziert war. Bemerkenswert ist auch seine pazifistische Devise: Si vis pacem, para pacem (18) – also die Umkehr der klassischen römischen Devise:  Si vis pacem, para bellum bzw.  des Si vis bellum, para bellum, also der insgeheimen Devise all derer, die die –wie anders als kriegerische?- Rückgewinnung des 1871 verlorenen Elsass-Lothringens erstrebten und ideologisch, politisch und materiell vorbereiteten. Und bemerkenswert ist auch das Engagement Meniers für eine Amnestie für die verurteilten und für die ins Ausland geflüchteten Mitglieder und Sympathisanten der Commune, womit er sich ja immerhin in bester Gesellschaft -beispielsweise der Victor Hugos- befand. Immerhin konnte er ein Jahr vor seinem Tod die nach mehreren vergeblichen Anläufen am  11. Juli 1880 von der Nationalversammlung verabschiedete Amnestie für die Kommunarden noch miterleben. Insofern seien ihm sein Denkmal auf dem zentralen Platz der Arbeitersiedlung von Noisiel und sein Mausoleum auf dem Père Lachaise gegönnt….

 

 

Anmerkungen

[1] So auch den Park Buttes-Chaumont.  Siehe dazu den Blogbeitrag über „Neues Leben auf alten Steinbrüchen“   https://paris-blog.org/2017/05/01/neues-leben-auf-alten-steinbruechen-der-park-buttes-chaumont-und-das-quartier-de-la-mouzaia/

[2] Zu dieser Zollmauer und dem Architekten Ledoux ist ein weiterer Blog-Beitrag geplant.

[3] https://www.napoleon.org/magazine/lieux/parc-monceau-paris/

[4] Bild aus: https://commons.wikimedia.org

[5] Unter dem Pseudonym Theobald Tiger in der Weltbühne vom 15.5. 1924

[6] http://artetpatrimoinepharmaceutique.fr/Qui-sommes-nous/p69/La-Famille-Menier-au-Parc-Monceau

[7] Siehe: Guide du promeneur 8e arrondissement, Philippe Sorel, Parigramme, 1995.

[8] Rechtes Bild aus: http://www.paris-promeneurs.com/Patrimoine-ancien/L-hotel-Menier

[9]Siehe den Blog-Beitrag: Das Hôtel Païva, ein deutsch-französisches Märchenschloss auf den Champs-Elysées. https://paris-blog.org/2016/04/16/das-hotel-paiva-ein-deutsch-franzoesisches-maerchenschloss-auf-den-champs-elysees/

[10] Siehe den Blog-Beitrag: Bürgerkrieg in Frankreich. Ein Rundgang auf dem Friedhof Père Lachaise auf den Spuren der Commune. https://paris-blog.org/2016/08/13/der-buergerkrieg-in-frankreich-1871-ein-rundgang-auf-dem-friedhof-pere-lachaise-in-paris-auf-den-spuren-der-commune/

[11] http://www.paristoric.com/index.php/paris-d-hier/hotels-particuliers/hotels-particuliers-tous/2846-l-hotel-d-henri-menier

Bild aus: http://www.paris-promeneurs.com/Patrimoine-ancien/L-hotel-Henri-Menier-Conservatoire

[12] Bild aus:: http://paris-promeneurs.com/Patrimoine-ancien/L-hotel-Gaston-Menier-Ordre

[13] https://www.tombes-sepultures.com/crbst_1543.html

und entsprechend: http://pone.lateb.pagesperso-orange.fr/pere-lachaise.htm

[14]  Zitiert in:  https://www.cairn.info/revue-politix-2008-4-page-9.htm  (M. Menier fut un vrai philanthrope ; il aimait à faire le bien sous toutes ses formes)

[15] https://www.cairn.info/revue-politix-2008-4-page-9.htm

Das nachfolgende Bild aus:  https://travelswithmaryellen.wordpress.com/2014/10/08/paris-lovely-luxembourg-garden/statue-of-pierre-guillaume-frederic-le-play-in-jardin-du-luxembourg-in-paris-france/

[16] http://www.agglo-pvm.fr/cite-ouvriere-menier/

[17] Zitiert von Delalande, Émile-Justin Menier, un chocolatier en République. https://www.cairn.info/revue-politix-2008-4-page-9.htm#

(18) zitiert bei Marrey, S. 38

 

Zum Weiterlesen:

Usine Menier, l’empire du chocolat. Aus:   Détours en France,  40 lieux à visiter pour redécouvrir le patrimoine, 2012   https://www.detoursenfrance.fr/patrimoine/patrimoine-industriel/usine-menier-lempire-du-chocolat-3794

Nicolas Delalande, Émile-Justin Menier, un chocolatier en République.  Les controverses sur la légitimité de la compétence politique d’un industriel dans la France des années 1870  In:  Politix 2008/4 (n° 84), Seiten  9 bis  33   https://www.cairn.info/revue-politix-2008-4-page-9.htm#

Saga Menier  http://www.prodimarques.com/sagas_marques/menier/menier.php

Bernard Marrey, Un capitalisme idéal. Paris 1984. https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k33218888/f30.image.texteImage

 

Weitere Blogbeiträge mit Bezug zum Père Lachaise:

 

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Aux Belles Poules. Ein früheres Bordell im Quartier Saint Denis
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • „Les enfants de Paris“: Pariser Erinnerungstafeln/plaques commémoratives zur Zeit 1939-1945
  • La Butte aux Cailles, ein kleinstädtisches Idyll in Paris

 

 

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre-Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs

In der Nacht, als Notre – Dame brannte, habe ich in diesen Blog eine Reihe von Bildern eingestellt, die wir in den letzten Jahren von dieser wunderbaren Kirche aufgenommen hatten:

Notre-Dame wie es war und hoffentlich bald wieder sein wird.  https://paris-blog.org/2019/04/16/notre-dame-wie-es-war-und-hoffentlich-bald-wieder-sein-wird/

Inzwischen ist das Ausmaß der Schäden deutlicher, die ersten Sicherungsmaßnahmen sind schon unternommen worden.

DSC04033 ND nach dem Brand 1.5 (2)

Aufnahme vom Quai de Montebello aus  (1.5.2019)

Sicherlich wird es aber noch viele Debatten über das Konzept für den Wiederaufbau geben. Soll die Kirche genau so wieder entstehen, wie sie vor dem Brand aussah,  nur –wie Präsident Macron es versprach- noch viel schöner als vorher, oder sollen die Wunden sichtbar bleiben und auch Neues an die Stelle des unwiederbringlich Zerstörten treten?  Auch über die zeitlichen Perspektiven eines Wiederaufbaus gibt es sehr unterschiedliche Einschätzungen. Macron hat da etwas vollmundig einen Zeitrahmen von 5 Jahren vorgegeben, was aber vielfach als völlig unrealistisch bezeichnet wird. Geld für den Wiederaufbau steht immerhin aufgrund der phänomenalen  Spendenbereitschaft hinreichend zur Verfügung. Über die gibt es inzwischen übrigens heftige Diskussionen in Frankreich.

DSC04072 Finanzierung ND Mai 2019

Plakat einer Aids-Hilfsorganisation in der rue de la Roquette mit Anspielung auf den Brand von Notre-Dame („Wir brennen schon seit 30 Jahren“).

Innerhalb von zehn Tagen gab es mehr als 1 Milliarde Euro an Zusagen, mehr als für den Wiederaufbau erforderlich. (Le Monde, 30.4.). Da ist sicherlich bei manchen Großspendern auch Prestige im Spiel, die hohen steuerlichen Abschreibungsmöglichkeiten solcher Spenden in Frankreich werden auch ihren Anteil haben; aber vor allem sind es doch sicherlich die große Bestürzung über den Brand und die schrecklichen Bilder des brennenden Dachstuhls, des berühmten „Waldes“ von Notre-Dame aus Jahrhunderte-alten Eichenbalken,  des einstürzenden Dachreiters und des verwüsteten Innenraums, die Menschen dazu veranlasst haben mögen,  einen Beitrag zum Wiederaufbau zu leisten. Die Reaktion auf den Brand entsprach ja genau dem, was der französische Anthropologe Daniel Fabre eine „émotion patrimoniale“ genannt hatte, eine kollektive Ergriffenheit und Betroffenheit angesichts des Verlusts eines als unersetzbar geltenden, emotional hochbesetzten kulturellen Erbes.[1] Und dass es sich bei Notre-Dame um einen kollektiven Verlust (une perte collective) handelt, darüber gibt  es  einen allgemeinen Konsens zwischen Politikern unterschiedlichster Couleur, zwischen Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen oder Journalisten aller Medien und allen internationalen Kommentatoren des Brandes. Einhellig betont wird die  herausragenden Bedeutung der Kathedrale Notre-Dame: Für die Christen, für die Menschheit insgesamt, vor allem aber für Frankreich.

In seiner Fernsehansprache vom 16. April bezeichnete Präsident Macron Notre-Dame als „le lieu où nous avons vécu tous nos grands moments“, Notre-Dame sei „notre histoire…. notre imaginaire“; die Präsidentin der Region Île de France, Valérie Précresse (Les Républicains) nannte Notre-Dame „die Seele Frankreichs [2], der Leitartikler der Zeitung Sud-Ouest „le cœur brûlé de la France[3]. Für den Chef von La France Insoumise, Jean- Luc Melenchon,  ist Notre-Dame seit mehr als 1000 Jahren (!) „le métronome des Français[4],  die Zeitung  Libération  nennt Notre-Dame „die Kirche der Nation“ und bezeichnet sie in ihrer Sonderausgabe vom 17. 4. als „Notre –  Dame du peuple“[5]. In einer Sendung von France Culture wurde Notre-Dame sogar in den Rang einer „Gottheit“ erhoben.[6] Sehr eindrucksvoll in dieser Hinsicht war die Titelseite der  Sonderausgabe von Le Monde vom 17. April: Neben dem halbseitigen Bild der brennenden Kathedrale die überschrift  „Notre-Dame, notre histoire“….

Le Monde 17.4.DSC03968

… und Plantu, der Karikaturist der Zeitung, steuerte darunter eine Zeichnung bei. Auf der ist die weinende Marianne zu sehen, die eine Tricolore mit dem Bild der brennenden Kirche trägt.. Die Identifikation der Kirche mit der Nation ist so zum Ausdruck gebracht.  Und die  die Fensterrose ersetzende Weltkugel auf der Fassade bezeichnet die weltweite Ausstrahlung des Bauwerks.

Le Monde 17.4. DSC03969

Ich wüsste nicht, welches Bauwerk in Deutschland einen ähnlichen Status für sich in Anspruch nehmen könnte. Vielleicht am ehesten noch die Dresdener Frauenkirche als Symbol der Verwüstungen durch die alliierten Bombardements im Zweiten Weltkrieg  oder die 2004 ausgebrannte Anna-Amalia-Bibliothek als Symbol des kulturellen Erbes der Weimarer Klassik. Aber eine mit Notre-Dame vergleichbare „emotion patrimoniale“ hat es da doch wohl nicht gegeben. Sicherlich hat das etwas zu tun mit der spezifischen deutschen Geschichte und ihren Brüchen und dem historisch gewachsenen Föderalismus, während der traditionelle französische Zentralismus auf dem Platz vor der Kirche „seine materielle Ausprägung“ gefunden hat.

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Da ist nämlich eine Rosette in den Boden eingelassen, von deren Mittelpunkt aus in alle Himmelsrichtungen die Distanzen der Städte und Dörfer bis an die Ränder des Landes gemessen werden.

Point Zero des Routes de France

Notre-Dame ist also in der Tat Zentrum  von Paris, der „Hauptstadt der Welt“, dazu mit etwa 13 Millionen Besuchern im Jahr der meistbesuchte kulturelle Ort von Paris, ja von Frankreich, sie ist „das Herzstück ganz Frankreichs“[7], ein „lieu symbolique“ der Geschichte des Landes.

 

Der Sender France Culture hat nach dem Brand unter der Überschrift „11 große Daten einer Geschichte Frankreichs“ eine Reihe von Ereignissen aus der Geschichte von Notre-Dame zusammengestellt, die  die Bedeutung der Kirche für Frankreich belegen sollen:

  • 1163: Beginn des Baus durch Maurice de Sully
  • 1239: Saint Louis deponiert in Notre-Dame die Dornenkrone, die nach christlicher Überlieferung Jesus bei seiner Kreuzigung getragen haben soll.
  • 1302: König Philippe le Bel beruft die ersten Generalstände des Königreichs nach Notre-Dame ein: Das Kirchenschiff ist damals der größte überdachte Raum, der zur Verfügung steht.
  • 1594: Endgültiger Übertritt Heinrichs IV. zum Katholizismus (seine Heirat mit Marguerite von Valois 1572, am Vorabend der Bartholomäusnacht, hatte ebenfalls in Notre-Dame stattgefunden.
  • 1792: Schließung der Kathedrale
  • 1804: Die Krönung Napoleons (le sacre de Napoléon)
  • 1844: Beginn der Renovierungsarbeiten durch die Architekten Jean-Baptiste-Antoine Lassus und Eugène Viollet-Le-Duc
  • 1918: Ende des „Großen Kriegs“ mit einer Feier in Notre-Dame am 17. November
  • 1944: Befreiung von Paris mit einer Feier in Notre-Dame am 26. August
  • 1970ff : Beisetzungen des Generals de Gaulle, von François Mauriac und danach weiterer  Persönlichkeiten, so der ehemaligen Präsidenten Georges Pompidou 1974 und François Mitterrand 1996. Dessen Beisetzungsfeierlichkeit in Notre-Dame sei übrigens, wie die Zeitung Les Echos damals schreib, bestimmt gewesen von den Emotionen des deutschen Kanzlers Helmut Kohl, eines der engsten Freunde Mitterands, der seine Tränen nicht habe zurückhalten können.[8] Insofern ist Notre-Dame in gewisser Weise auch ein Ort deutsch-französischer Freundschaft.
  • Und (vorläufig) letztes Datum natürlich: Der Brand vom 14./15. April 2019[9]

Allerdings war die große Bedeutung und Wertschätzung von Notre-Dame nicht immer so eindeutig. Das soll an einigen nachfolgend skizzierten und zum Teil auch in der gerade vorgestellten high-light- Liste enthaltenen Ereignissen verdeutlicht werden:

  • So wird in dieser Liste die Übergabe der Dornenkrone an die Kirche genannt. In der Tat hatte Ludwig IX. (der Heilige) die Krone dem byzantinischen Kaiser abgekauft, um seinen Status als christlicher König gegenüber dem Kaiser des Heiligen Römischen Reichs zu untermauern. Allerdings war für die Aufnahme der Dornenkrone (und anderer Reliquien) die Sainte-Chapelle bestimmt, die aber erst zehn Jahre später fertig gestellt war und der sie dann auch übergeben wurde.  Und in der Sainte-Chapelle  blieb sie dann auch bis zur Französischen Revolution. Notre-Dame diente also zunächst nur als provisorischer Lagerort und  die Dornenkrone wurde erst von Kaiser Napoleon wieder Notre-Dame übergeben – und 2019 gerettet. Allerdings war die von Ludwig dem Heiligen erworbene Reliquie  1793 verschwunden, als der Schatz der Sainte-Chapelle eingeschmolzen wurde, um den Koalitionskrieg zu finanzieren. Sie wurde aber, mit den Worten des Historikers Yann Potin, „neu geschaffen“, bzw. nach kirchlicher Lesart wie durch ein Wunder  von einem Geistlichen der Kathedrale aufgefunden und konnte so schließlich wieder in den Besitz von Notre Dame gelangen.

 

  • Erst 1622 wurde Paris Bischofssitz. Notre-Dame erhielt also erst 459 Jahre nach ihrer Gründung, nach mehr als  der Hälfte ihrer bisherigen Geschichte, den Rang einer Kathedrale. Bis dahin unterstand das Bistum Paris dem Erzbischof von Sens. Und die Erzbischöfe von Sens ließen sich in Paris in der Nähe der Seine ein wunderbares Palais errichten, das Hôtel de Sens, das im 15. Jahrhundert „als eines der schönsten Häuser von Paris“ galt[10] und den geistlichen Herrschaftsanspruch der Erzbischöfe von Sens über Paris unübersehbar machte.

 

  • Zu Beginn  der Französischen Revolution stellte sich der Klerus auf die Seite der Revolution:  Am 13. Juli 1790 wurde z.B. der Jahrestag des Sturms auf die Bastille mit einem feierlichen Te Deum gefeiert, am 25. September 1792 feierte ein weiteres Te Deum die vier Tage vorher ausgerufene Republik. Dennoch wurde im November 1792  Notre-Dame  geschlossen, „der Beginn ihrer Leidenszeit“.[11] Die mussten zwar auch andere Kirchen damals durchmachen, aber Notre-Dame traf es, ebenso wie  St. Denis, wo die Königsgräber geschändet wurden, besonders hart, was man  vielleicht  als  Beleg für die inzwischen erlangte Bedeutung der Kathedrale verstehen kann. Schlimm war vor allem das Jahr 1793, in dem ja auch die Schreckensherrschaft Robbespierres begann.  Nach einem Zwischenspiel als „Tempel der Vernunft“ diente das Gebäude als Lagerhalle (immerhin!) für Wein, bis es 1802 wieder in den Schoß der Kirche zurückkehrte. 1793 wurde die Kathedrale  geplündert, und während die Guillotine die massenhaften Todesurteile des Revolutionstribunals exekutierte, wurden auch die  Statuen der  Portalgewände geköpft und  die 28 Statuen der Königsgalerie  gleich ganz herabgestürzt,  galten sie doch als Verkörperung von Religion und Feudalismus zugleich: Sie stellten nämlich die biblische Ahnenreihe von Jesus dar, die Könige von Israel und Juda also. Aber gleichzeitig wurde mit der Königsgalerie der nach dem Sieg Philipp Augustes über den englischen König 1214 bestätigte Anspruch der französischen Könige auf Heiligkeit untermauert.   Sie führten sich also auf die biblische Ahnenreihe zurück und allmählich vermischten sich diese Zuschreibungen der Königsstatuen. Da sie ziemlich mächtig waren – immerhin 3,50 m hoch- wurden sie bzw. ihre Trümmer von den Revolutionären als Baumaterial verkauft und verschwanden im wahrsten Sinne des Wortes in der Versenkung. Noch 1974 beklagte der französische Kunsthistoriker und Notre-Dame-Spezialist Erlande-Brandenbourg den unschätzbaren Verlust der Statuen. Aber  1977  kamen 21 Königsköpfe  bei Ausschachtungsarbeiten für einen Bankneubau in der Chaussée d’Antin zufällig ans Tageslicht- eine der wichtigsten archäologischen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte. Nicht nur weil die Königsgalerie die älteste ihrer Art ist und als Vorbild für die Kathedralen von Chartres, Reims und Amiens diente, sondern auch wegen der äußerst kunstreichen Gestaltung von Details wie den Kronen oder den Locken und  wegen der vielfältigen erhaltenen farblichen Reste: Rot für die Lippen, rosa für die Backen,  blau-grau für die Haare und den Bart, schwarz oder grün für die Pupillen… Die Königsköpfe aus dem 13. Jahrhundert kann man  inzwischen im Musée Cluny bewundern- in einem stimmungsvollen Raum der alten römischen Thermen, die Teil des Museums sind.

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  • 1804 krönte sich Napoleon in Notre-Dame selbst zum „empereur“/Kaiser und danach seine Frau Josephine zur Kaiserin, was natürlich in keiner Zusammenstellung der Geschichte Notre-Dames fehlen darf.  Man mag auch das als Beweis für die Bedeutung der Kirche ansehen, allerdings gab es keine Alternative: Saint Denis war die Grabkirche der Bourbonen, also als Krönungsort ungeeignet, die ehemalige Kirche Sainte- Geneviève schied auch aus, weil sie inzwischen als nationale Ruhmeshalle, als Pantheon,  fungierte, während die Wahl von Reims, der Krönungskirche der französischen Könige, ein antirevolutionärer Affront gewesen wäre. Um die Abkehr vom ancien régime (und seinen Weltherrschaftsanspruch) zu dokumentieren, wählte Napoleon ja auch den an Karl den Großen anknüpfenden Titel eines Kaisers und deshalb auch die Wahl der historisch unbelasteten  Kirche Notre-Dame. Nach den Verwüstungen der Revolutionsjahre war die Kirche allerdings in einem derart maroden Zustand und die Gotik derart verpönt, dass mit Hilfe von Tüchern und falschem Marmor eine Theaterkulisse geschaffen wurde, die die gotischen Strukturen (bis hin ins 33 Meter hohe Gewölbe) und das herunter gekommene Ambiente verhüllte und die Kirche dem Zeitgeschmack und dem Repräsentationsbedürfnis Napoleons anpasste.

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             Das berühmte monumentale Gemälde(6 mal 10 m),  das Napoleon bei seinem                      Hofmaler David  in  Auftrag  gegeben hatte[12], zeigt also den für das Ereignis                      hergestellten  Theaterdekor, nichts aber von der gotischen Kathedrale, in der die                Zeremonie  stattfand. Das Bild ist im Louvre zu sehen.

  • In der Liste der großen historischen Ereignisse von Notre-Dame ist natürlich der November 1918 enthalten. Da fand in Notre-  Dame ein großes Te Deum statt: Mit einer Messe sollte Gott für den Sieg im Ersten Weltkrieg gedankt und dessen Ende gefeiert werden.[13]

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                     Die Feier des Te Deums in Notre-Dame vom 16. November 1918

Da war Notre-Dame also tatsächlich „die Kirche der Nation“. Allerdings nicht ganz: Der gefeierte „Tiger“  Clemenceau, damals Ministerpräsident (président du Conseil), weigerte sich, in Anbetracht der in Frankreich strikten Trennung von Kirche und Staat („par respect de la séparation des pouvoirs“) an der Zeremonie teilzunehmen. Staatspräsident Poincaré verzichtete deshalb ebenfalls auf seine Teilnahme. Immerhin kamen die beiden dann überein, dass ihre Frauen bei dem Te deum anwesend sein sollten/durften.

Am 26. August 1944  wurde anlässlich der Befreiung von Paris erneut ein Dankgottesdienst in Notre- Dame zelebriert. Nach einer Militärparade auf den Champs – Elysées zog  de Gaulles  in die Kirche ein. Dabei gab es noch vereinzelt Schüsse von faschistischen Kollaborateuren, die sich verzweifelt gegen den Lauf der Geschichte stemmten. De Gaulle aber, Teil seines Heldenepos, soll einer der wenigen gewesen sein, die nicht Deckung suchten, sondern aufrecht und langsamen Schrittes die Kirche betrat. Begleitet wurde de Gaulle beim Einzug in Notre-Dame von Führern der Résistance,  Vertretern des „Freien Frankreichs“ und dem Chef der 2. Französischen Panzerdivision Leclerc.  Eine zu  dessen Truppe gehörende, aus spanischen Freiwilligen bestehende Panzereinheit war als erste in Paris eingerückt. An der Feier, die mangels Strom und Orgel nur 15 Minuten dauerte, nahm allerdings  kein einziger geistlicher Würdenträger  teil.  Man hat sie deshalb etwas kühn mit der Selbstkrönung Napoleons 1804 verglichen. Zuzustimmen ist aber sicherlich dem Chefredakteur von Libération  Joffrin, der sie als Apotheose der Befreiung von Paris bezeichnete.[14]

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 Waren es also beim Te Deum von 1918 die staatlichen Repräsentanten, die in Notre- Dame fehlten, so waren es hier – in ihrem eigenen Hause! –  die Vertreter der kirchlichen Hierarchie: Die Feier in Notre-Dame vom 26. August 1944  und ihre Begleitumstände  waren Ausdruck der Spaltung und Zerrissenheit Frankreichs in der Stunde der Befreiung.

Das Fernbleiben einer Seite war diesmal allerdings, anders als 1918, keine freiwillige Entscheidung.  Während in Notre-Dame nämlich das Te Deum gefeiert wurde, stand der Kardinal und Erzbischof von Paris Suhard in seinem Bischofspalais unter Hausarrest. Der hatte nämlich genau vier Monate vorher, am 26. April 1944, den Marschall Pétain in seiner Kathedrale empfangen. Damals fand  ein Gottesdienst zu Ehren von Franzosen statt, die bei den die Landung in der Normandie vorbereitenden alliierten Bombenangriffen getötet worden waren.[15]

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Und davor war Pétain auf dem Platz vor dem Hôtel de Ville von einer begeisterten Menschenmenge gefeiert worden.

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Kardial Suhard, der dem Chef des Kollaborations-Regimes von Vichy mit dem Empfang in Notre-Dame die kirchliche Weihe verlieh, hatte darüber hinaus im Februar 1944 eine Erklärung der französischen Bischofskonferenz unterstützt, in der Aufrufe zur Gewalt und „Akte des Terrorismus“ verurteilt worden waren. De Gaulle in London und die bewaffnete Résistance im Innern waren damit als terroristisch qualifiziert worden. Und noch am 2. Juli, also vier Wochen nach der Landung der Alliierten in der Normandie, nahm Suhard  an dem Staatsbegräbnis für Philippe Henriot, den „Goebbels von Vichy“, in Notre-Dame teil. Französische Milizionäre trugen den Sarg mit den sterblichen Überresten Henriots, der von der anwesenden Menge mit dem Nazigruß empfangen wurde,  in die Kathedrale. Anwesend waren auch Laval,  der Regierungschef Vichys, und der deutsche Botschafter in Paris Abetz.  Henriot war von Mitgliedern der Résistance erschossen worden.[16]

Dass unter diesen Umständen de Gaulle auf die Anwesenheit Suhards bei dem Te deum vom 25. August 1944 verzichtete, ist nur allzu verständlich- die Zeremonie war insofern „le parfait effacement“ des petainistischen Te Deums vom 26. April.  In seinen Memoiren beteuerte de Gaulle allerdings, er von seiner Seite habe nichts mit der „Verbannung“ Suhards zu tun gehabt.[17] Aber als er die Memoiren schrieb, war Frankreich in seinem Selbstverständnis schon lange ein einiges Volk von Widerstandskämpfern geworden und an die dunkle Zeit der Kollaboration  wurde möglichst nicht mehr erinnert.

So war denn auch Kardinal Suhard bei dem Sieges- und Dankesgottesdienst vom 9.Mai 1945 wieder auf freiem Fuß und konnte  als Hausherr von Notre Dame auftreten, als wäre nichts gewesen. Und der Domorganist Léonce de Saint-Martin, ebenfalls der Nähe zum Petain-Regime verdächtig und beim Einzug de Gaulles in Notre-Dame vom  26. August 1944 noch abwesend, konnte jetzt sein bombastisches Te Deum de la victoire durch das Kirchenschiff von Notre-Dame brausen lassen und danach natürlich noch die Marseillaise. Die war auch schon während der Revolutionszeit in Notre-Dame erklungen,  wie ja überhaupt die Orgel wohl nur aufgrund „der Interpretation patriotischer Musik“ von den Revolutions-Vandalen verschont worden war. Die selbstverständliche Intonation der Nationalhymne  mag bemerkenswert erscheinen in einem Land, in dem die strikte Trennung von  Kirche und Staat zu den Grundlagen des Gemeinwesens gehört. In Notre-Dame, der „Kirche der Nation“, ist das aber anders.  Der Schriftsteller François Mauriac, geriet jedenfalls  bei dieser Marseilleise „für die Engel und die Heiligen“   ins Schwärmen:  “ Lorsque, aux grandes orgues, la Marseillaise éclata, une Marseillaise pour les anges et pour les saints, transposée sur le plan de l’éternel, j’eus le sentiment profond que, de cette expérience universelle, une part concernait la France… “ [18]

Victor Hugo, der Retter von Notre-Dame

Notre- Dame war hier also tatsächlich das politische und spirituelle Zentrum Frankreichs und all die anfangs zitierten Zuschreibungen hatten in  diesem Moment ihre Berechtigung. Dass Notre-Dame tatsächlich das Zentrum, das Herz Frankreichs geworden ist, ist nicht zuletzt das Verdienst von Victor Hugo, und das Jahr 1831 darf eigentlich in keiner Zusammenstellung der wesentlichen Daten von Notre-Dame fehlen. Denn in diesem Jahr erschien sein historischer Roman „Notre-Dame de Paris-1492“. Die Bedeutung dieses Buches für die Kathedrale ist kaum zu überschätzen. Denn damals war sie so heruntergekommen, dass schon erörtert wurde, sie abzureißen, so wie ja auch schon andere wunderbare gotische Kirchen abgerissen worden waren: 1797 das Kloster Saint-Antoine-des-Champs, das dem Faubourg Saint-Antoine seinen Namen gegeben hatte[19];  und im gleichen Jahr die Kirche Saint-Jacques-de-la-Boucherie, von der nur der Turm Saint-Jacques im 4. Arrondissement übrig geblieben ist. Dabei handelte es sich gar nicht so sehr um Taten eines revolutionären Vandalismus –andere Kirchen wurden ja wie Notre-Dame zu „Tempeln der Vernunft“ umfunktioniert, sondern die Gotik galt damals –wie der Name schon ausdrückt- als ein barbarischer Baustil und Ausdruck des „finsteren Mittelalters“, und dementsprechend ging man auch mit ihren Bauten um. Victor Hugo hat das in seinem Buch angeprangert:

Zuerst hat die Zeit unmerklich an ihren Bauten genagt und hat ihre Oberfläche mit Spuren der Verwitterung überzogen. Dann haben die religiösen und politischen Aufstände die Menschen blind und rasend gemacht, und die also Verblendeten haben sich über die Bauten gestürzt…. Zuletzt haben sich ihrer  die Moden bemächtigt …. Sie haben größeres Unheil angerichtet als die Revolutionen; denn sie haben der Kunst ins lebendige Fleisch geschnitten, …. Haben gepfuscht und geändert und haben Form und Bedeutung der Bauten, ihren inneren Zusammenhang und ihre Schönheit zerstört.“ (S. 152/3).

Das sei, wie Hugo in Anspielung auf eine Fabel de La Fontaines schreibt, der Fußtritt des Esels gegen den sterbenden Löwen gewesen. Mitbeteiligt war bei Notre-Dame übrigens auch der große Soufflot, der Erbauer des Pantheons, der 1711 im Auftrag des Domkapitels den Mittelpfosten und den Türsturz des Hauptportals beseitigte, um bei Prozessionen Platz für den Baldachin zu schaffen!

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Das Mittelportal von Notre-Dame vor der Restaurierung. Daguerreotypie von 1841[20]

Auch die  Zerstörung der riesigen Christophorus-Statue auf der rechten Seite des Mittelschiffs prangert Hugo an- dort, wo in seinem Roman an einem schönen Sonntag nach der Messe der kleine Quasimodo und spätere Glöckner von Notre-Dame –benannt nach dem Tag seiner Aussetzung- niedergelegt wurde:  gewissermaßen die „Babyklappe“ des Mittelalters. Und natürlich beklagt Victor Hugo die Zerstörung der leuchtenden gotischen Glasfenster in Mittelschiff und Chor, die im Zeitalter des Barock durch „weiße kalte Fenster“ ersetzt wurden, was man heute kaum noch nachvollziehen kann. Dazu kamen dann die Zerstörungen während der Französischen Revolution: neben den Statuen der Fassade auch noch der Dachreiter aus dem 13. Jahrhundert auf der Vierung, der Kreuzung von Mittel- und Querschiff,  der dann im 19. Jahrhundert durch den neuen hohen Dachreiter ersetzt wurde, der bei dem Brand umgestürzt ist.

Höchste Zeit also, dass Victor Hugo  den  Verächtern der Gotik mit ihren Abrissbirnen den Krieg erklärte: So 1832 in einem in der Revue des deux mondes veröffentlichten Pamphlet mit dem Titel Guerre aux démolisseurs“. Und schon 1825 hatte der junge Victor Hugo einen Text „sur la destruction des monuments en France“ verfasst, in dem er den Anspruch der Öffentlichkeit auf die Bewahrung des kulturellen Erbes formulierte: „Il faut arrêter le marteau qui mutile la face du pays.“  Und weiter: „Il y a deux choses dans un édifice, son usage et sa beauté: son usage appartient au propriétaire, sa beauté à tout le monde, à vous, à moi, à nous“.[21]

Notre-Dame de Paris war zwar damals für Victor Hugo  immer noch „ein majestätisches und erhabenes Bauwerk“, das sich „im Altern schön erhalten“ habe (S.149).  Aber die Kathedrale war auf dem besten Wege, zu einem „schweren Gerippe“ bzw. einer „düsteren Ruine“ zu  verkommen, wie der Dichter Gérard de Nerval in seinem Gedicht  Notre-Dame de Paris von 1835 schrieb.

Victor Hugo trug vor allem mit seinem einzigartigen historischen Roman, in dem er ein Gebäude gewissermaßen zur Romanfigur machte, entscheidend dazu bei, nicht nur der todwunden Notre-Dame „den Fußtritt des Esels“ zu ersparen, sondern insgesamt der Gotik auch in Frankreich wieder Wert und Würde zuzuerkennen.  In Deutschland hatte schon 1773 der junge Goethe als Student in Straßburg das Genie des Straßburger Dombaumeisters Erwin von Steinbach gepriesen,  und 1823 war in Köln eine Dombauhütte zur Erhaltung und Vollendung des Doms eingerichtet worden. Der Weiterbau des im Mittelalter unvollendeten Kölner Doms wurde als Symbol für den zu schaffenden deutschen Nationalstaat gesehen, erfolgte aber auch im vergleichenden Blick auf Frankreich. Und umgekehrt hätten Hugo und andere französische Schriftsteller „vielleicht nicht so für ihre Gotik gekämpft, hätte nicht der junge Goethe als Student in Straßburg die Gotik als deutschen Stil gefeiert.“[22] Während Goethe in der Tat und  fälschlicherweise davon ausgegangen war, bei der Gotik handele es sich um eine „deutsche Baukunst“, so konnte man in Frankreich schon mit einigem Recht die Entstehung der Gotik als  Ausdruck des „génie français“ oder der „âme française“ verstehen.  Die Wiege der Gotik ist eindeutig die Ile de France, die königliche Krondomäne, wo der neue Stil den königlichen Herrschaftsanspruch und den sich allmählich herausbildenden Status von Paris als Hauptstadt Frankreichs untermauern sollte (Sohn, S. 185).  Und immerhin übertraf, wie Statistiker errechnet haben, das Volumen der für die gotischen Kathedralen Frankreichs verwendeten Steine das der ägyptischen Pyramiden! So wurde die Gotik im 19. Jahrhundert zur nationalen französischen Architektur par excellence erhoben, die sich wie die Ideen der Französischen Revolution über ganz Europa hinweg verbreitet hätten. Und nun war auch die Zeit gekommen, dass  die Architekten Viollet-le-Duc und Lassus  die heruntergekommene Kathedrale im Sinne ihres idealisierten Gotik-Bildes restaurierten und ihr neuen Glanz verliehen.

 

 

Victor Hugos Loblied der Westfassade von Notre-Dame

Diese Restaurierung betraf nicht nur, aber vor allem die Fassade, die unter den Zerstörungen durch Soufflot und die revolutionären Bilderstürmer besonders gelitten hatte und deren Schönheit bis ins 19. Jahrhundert kaum zur Geltung kommen konnte: Da war der Blick auf die Fassade der Kathedrale nämlich nur sehr eingeschränkt möglich, weil der Vorplatz der Kirche eng bebaut war. Der französische Name für diesen Platz ist übrigens Parvis, eine Ableitung von „Paradies“ – in der mittelalterlichen Architektur der Vorhof einer Kirche, der bereits zu deren Friedensbereich gehörte und damit Flüchtlingen Asyl gewährte. In Paris,  im Mittelalter die bevölkerungsreichste Stadt Europas, war der Baugrund schon damals eine Kostbarkeit. Also wurde das „Paradies“, wie die Cité insgesamt, eng bebaut. Im 19. Jahrhundert wurde dann der Vorplatz geräumt, der Blick auf die Fassade erweitert. Heute erinnern noch die auf dem Pflaster nachgezeichneten Umrisse an die frühere Bebauung, deren Fundamente man in der „Crypte archéologique du Parvis Notre-Dame“ besichtigen kann.

Die Fassade von Notre-Dame ist nirgends so wunderbar beschrieben  wie von Victor Hugo:

„Eine der herrlichsten Ruhmestaten der Baukunst ist doch gewiss diese Fassade mit den drei Spitzbogenportalen, mit dem reichgezackten Gesims der achtundzwanzig Königsnischen, mit der ungeheuren Rosette, der die beiden Fenster zur Seite stehen wie die Dechanten dem Priester, mit dem hohen Bogengang, der auf seinen schlanken Säulen eine schwere Plattform trägt, und den beiden schwarzen massigen Türmen mit ihrem Fenstersturz aus Schiefer. Alle Teile verschmelzen harmonisch zum prächtigen Ganzen, dessen fünf gigantische Stockwerke sich dem Auge auf einmal darbieten und sich doch stufenweise vor ihm entfalten, überwältigend durch ihre zahllosen Einzelheiten an Bildhauer- und Steinmetzarbeit und doch nicht verwirrend, weil alles durch die ruhige Größe des Ganzen mächtig zusammengefasst wird. Eine ungeheure steinerne Symphonie ist diese Fassade, das Riesenwerk eines Mannes und eines Volkes, einheitlich und doch zusammengesetzt, wie die Iliade und Romanzen, deren Schwester sie ist, ein wunderbares Erzeugnis der gesammelten Kräfte einer Zeit, da sich die Einbildungskraft des Handwerkers, vom Genius des Künstlers gebändigt, jedem Steine in hundertfältiger Form einprägte: kurz, eine menschliche Schöpfung, die reich und machtvoll ist wie die göttliche Schöpfung selbst, von der sie das Doppelantlitz ‚Vielheit und Einheit‘ entlehnt zu haben scheint. …

Notre-Dame ist ein Bauwerk der Übergangszeit. Der sächsische Baumeister hatte gerade die ersten Pfeiler des Schiffes aufgerichtet, als mit den heimkehrenden Kreuzfahrern der Spitzbogen kam und sich siegreich auf die schweren romanischen Kapitelle setzte, die bestimmt waren, nur den einfachen Rundbogen zu tragen. Der Spitzbogen, der fortan alles beherrschte, hat der übrigen Kirche das Gepräge gegeben. Aber er war noch schüchtern und unerfahren; er dehnte sich noch nicht in die Breite, hielt sich zurück und wagte es noch nicht, in Kreuzblumen und Filialen aufwärts zu streben, wie er es später bei so vielen herrlichen Domen getan hat. Er scheint die Nähe der schweren romanischen Pfeiler empfunden zu haben. …

Diese Übergangsbauten sind für den Künstler, den Altertumsforscher und den Historiker gleich anziehend. Gleich den zyklopischen Mauern, den ägyptischen Pyramiden und den riesigen indischen Tempeln zeigen sie, wie ursprünglich die Baukunst ist; sie beweisen, dass ihre großen Werke weniger individuelle als soziale Schöpfungen sind, von arbeitenden Völkern geboren, nicht von genialen Männern erdacht, ein Niederschlag von Nationen, eine von Jahrhunderten angehäufte Masse…  Die großen Gebäude sind gleich den großen Gebirgen ein Werk der Jahrhunderte. Oft wandelt sich die Kunst, während sie noch im Entstehen sind; die Arbeit wird im Sinn der neuen Zeit friedlich weitergeführt. Die verwandelte Kunst übernimmt das Werk, wie sie es findet, überkleidet es, passt sich ihm an, führt es nach ihren Empfindungen weiter und bemüht sich, es zu vollenden. Das vollzieht sich ohne Störung, ohne Anstrengung, ohne Rückfall, nach stillen, natürlichen Gesetzen. Der einzelne Mensch und der Künstler verschwinden vor diesen Riesenwerken, die keines Schöpfers Namen tragen; der menschliche Geist in seiner Gesamtheit prägt sich in ihnen aus. Die Zeit ist der Baumeister, das Volk ist der Maurer.“ (Hugo, Der Glöckner, S. 149f)

Dass Victor Hugo „die ruhige Größe des Ganzen“ rühmt, kommt nicht von ungefähr: Denn der Kubus der Fassade ist exakt im Seitenverhältnis von 2: 3 proportioniert. Und diese Proportion findet sich auch in der Musik. Nach der Harmonielehre des  Kirchenvaters Augustinus  erklingen schwingende Saiten in musikalischen Intervallen, wenn ihre Länge zueinander einfachen Zahlenverhältnissen entspricht- und das Verhältnis 2: 3 entspricht der musikalischen Quint. Indem die Architektur solche auf musikalischen Konsonanzen beruhende Proportionen aufgreift, spiegelt sie –nach dem Ideal des Augustinus- die von Gott geschaffene Harmonie des Universums wider. Dass die beiden Türme keine Spitzen haben, entspricht damit diesem Streben nach harmonischer Proportionierung. Es ging also sowohl in der Architektur wie auch in der Musik um himmlische Maßstäbe. Im Musterbuch des Architekten Villard de Honnecourt aus dem 13. Jahrhundert findet man denn auch nicht nur Grundrisse und Gewölbeformen, sondern auch Regeln musikalischer Proportionen. Wenn die Romantiker von der Architektur als Stein gewordene Musik sprachen: An der Fassade von Notre Dame ist das zu beobachten und zu bewundern.[23]

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Auch im Einzelnen ist die  Fassade in ihrer Ausgewogenheit von horizontaler und vertikaler Gliederung  ein Inbegriff von Harmonie und –wie alles in der mittelalterlichen Baukunst-  voller Symbolik: Vertikal gibt es drei Teile – entsprechend dem Mittelschiff und den beiden Seitenschiffen – mit den dazugehörigen Portalen, womit  die Dreieinigkeit von Gottvater, Sohn und Heiligem Geist symbolisiert, gleichzeitig aber auch an die Tradition römischer Triumphbögen angeknüpft wird. Horizontal ist die Fassade vierfach gegliedert. Victor Hugo spricht zwar in seiner Fassadenbeschreibung von fünf Geschossen,  aber die mittelalterlichen Baumeister zählten –da sind sich die Kunsthistoriker einig- vier Geschosse, rechneten also die Türme nicht mit: Ganz unten die Portalzone, dann die Königsgalerie, danach der Abschnitt mit der  großen  Fensterrose und schließlich die luftig-elegante Arkadengalerie. Die vierfache horizontale Gliederung hat natürlich auch ihre symbolische Bedeutung: Die Zahl 4 steht im Mittelalter für die weltliche Materie, die Schöpfung. Und bezogen darauf hat die Zahl eine vielfache Bedeutung: Es gibt die vier Jahreszeiten, die vier Elemente, die vier Himmelsrichtungen, die vier Lebensalter des Menschen und schließlich  auch Pest, Krieg, Not und Tod als die vier Vorboten der Apokalypse.  Wir befinden uns ja im Westen, der  dem Leben,  dem weltlichen Bereich zugewandten Seite der Kathedrale, wo sich auch der königliche Palast befand. Im Zentrum der Fassade mit der dreifachen –geistlichen- und der vierfachen –weltlichen- Gliederung thront gewissermaßen die große Fensterrose: Ihr Rund  steht für die Zahl 1, also für Gott, und sie symbolisiert die Harmonie der Schöpfung, den Kosmos: Im Mittelalter wird Gott ja auch oft  als Baumeister und Weltenschöpfer mit einem Zirkel dargestellt. Und wo bleibt Maria, der die Kathedrale geweiht ist? Ihre Statue  mit dem Jesuskind auf dem Arm steht auf der Königsgalerie, eingerahmt von zwei kerzentragenden Engeln, inmitten einer –dreifachen- Figurengruppe also. Und  die Köpfe von Maria und dem Jesuskind reichen –blickt man, sich der Fassade nähernd, nach oben-  genau ins Zentrum der Fensterrose

Die Statuen der jetzigen Königsgalerie sind dagegen Neuschöpfungen des 19. Jahrhunderts und entstanden während der Restaurierung der Kathedrale. Angeblich nutzte einer der beiden Restaurations-Architekten, Lassus,  die Gelegenheit, sich selbst ein Denkmal zu setzen und sich in  der 8. Statue der Königsgalerie von links portraitieren zu lassen. Sein bekannterer und bedeutenderer Partner, Viollet-le-Duc, ließ sich jedenfalls in der Figurengruppe um den von ihm konzipierten neuen spitzen Dachreiter als Heiliger Thomas, den Patron der Architekten, portraitieren. Diese Figur hat übrigens den Brand überstanden, weil sie kurz davor im Zuge der Renovierungsarbeiten schon demontiert worden war.

Ich  weiß nicht,  wie Victor Hugo die Restaurierungen Viollet-le-Ducs beurteilte. Ich vermute aber, dass er sie begrüßte, weil sie eine teilweise Wiedergutmachung dessen waren, was der Kathedrale im Lauf ihrer Geschichte zugefügt worden war. Ob er allerdings mit der Malraux’schen Fassadensäuberung einverstanden gewesen wäre, bezweifle ich eher, denn für Victor Hugo hatte die Patina, die sich in Jahrhunderten über die Fassade gelegt hatte, durchaus ihren Reiz. Sie entschädigte ihn sogar für den Verlust der 11 Stufen, die die Kathedrale „einst über den Erdboden erhoben…. Die elf Stufen hat die Zeit getilgt, die das Niveau der Stadt allmählich, aber unaufhaltsam erhöht. Aber wenn sie auch der steigenden Flut des Pariser Pflasters erlaubte, diese Stufen zu verschlingen, so hat sie doch der Kirche vielleicht mehr gegeben als genommen; denn die Zeit hat die Fassade mit der dunklen Färbung der Jahrhunderte überzogen, die den Bauwerken im Alter die höchste Schönheit verleiht.“ (Der Glöckner, S. 150/151)

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Karikatur von Henri Meyer: Le Géant. 1868

Victor Hugo hat der Kathedrale Notre- Dame ihre Würde zurückgegeben. Vor allem aber hat er durch die Handlung und die Figuren seines Romans dem Bau aus Stein Leben verliehen:  Durch den bösartigen, lüsternen Kleriker Frollo, die schöne Esmeralda, den unglücklichen Liebhaber und Dichter Gringoire, den verwachsenen Glöckner von Notre-Dame, der der deutschen Übersetzung des Buches den Namen gegeben hat, und durch das bunte Pariser Volk des 15. Jahrhunderts. Dadurch erst wurde Notre-Dame zu dem nationalen Symbol, als das es anlässlich des Brandes wieder gefeiert wurde. Victor Hugo hat Notre-Dame erhöht und Notre-Dame  hat auch seinen Poeten erhöht.  In vielen Karikaturen des 19. Jahrhunderts wurde diese Verbindung herausgestellt, die umso näher lag, als die Fassade auch –wie auf der Karikatur Henri Meyers zu sehen, als ein großes H lesbar ist.

Glücklicherweise wurden die Fassade und die beiden Glockentürme nicht durch den Brand beschädigt. Und hoffentlich werden sie auch während und trotz der Renovierungsarbeiten wieder beleuchtet. Die nachts angestrahlten Türme der „alten Dame“ gehörten zu unserem Pariser Leben. Wenn  nach Mitternacht die Lichter ausgingen, sagten wir: Jetzt ist Notre-Dame schlafen gegangen,  und wir wussten, dass es allmählich auch für uns Zeit wird….

 

Anmerkungen:

[1] Notre-Dame, une émotion patrimoniale. Gespräch mit Nathalie Heinrich, In: La vie des idées vom 19. April 2019   https://laviedesidees.fr/spip.php?page=article&id_article=4394ion

[2] https://www.lemonde.fr/societe/video/2019/04/16/incendie-de-notre-dame-de-paris-les-reactions-des-personnalites-politiques_5450991_3224.html

[3]  SUD-OUEST Mardi 16 avril 2019 Editorial de Yves Harté

[4] https://www.lemonde.fr/societe/video/2019/04/16/incendie-de-notre-dame-de-paris-les-reactions-des-personnalites-politiques_5450991_3224.html

[5] Entsprechend auch Bruno Frappat in La Croix vom 18.4.: Notre-Dame de tous

https://www.la-croix.com/Debats/Chroniques/Notre-Dame-tous-2019-04-18-1201016601

und Joseph Haniman in der SZ vom 16.4.2019: ein „Bauwerk des Volks für das Volk

[6]   „une divinité“  https://www.franceculture.fr/emissions/la-nuit-revee-de/lieux-de-memoire-notre-dame-de-paris

[7] Joseph Haniman in der Süddeutschen Zeitung vom 16.4.2019  https://www.sueddeutsche.de/kultur/notre-dame-brandkatastrophe-kulturelle-bedeutung-1.4412258

[8] https://www.lesechos.fr/1996/01/obseques-de-mitterrand-ceremonie-privee-hommage-public-emotion-populaire-827719

[9] https://www.francetvinfo.fr/culture/patrimoine/incendie-de-notre-dame-de-paris/notre-dame-de-paris-onze-grandes-dates-d-une-histoire-de-france_3401071.html

Eine andere –und natürlich ähnliche- Liste bei: https://ca.france.fr/fr/paris/liste/notre-dame-de-paris-en-10-dates-marquantes

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B4tel_de_Sens

[11] Siehe dazu:  Jean Leflon, Notre-Dame de Paris pendant la Révolution. In: Revue d’histoire de l’Église de France, 174/ 1964, S. 109-124   https://www.persee.fr/doc/rhef_0300-9505_1964_num_50_147_1732

[12] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/

[13] http://lhistoireenrafale.lunion.fr/2018/11/15/16-novembre-1918-le-gouvernement-absent-du-te-deum-a-notre-dame/  Foto: Photo parue dans le journal Excelsior pour la célébration du Te Deum, le 17 novembre 1918.  (Photo Roger-Viollet)  Aus Libération vom 15.4.2019

[14] Laurent Joffrin in Libération vom 15.4.2019: https://www.liberation.fr/france/2019/04/15/de-la-reine-margot-a-la-liberation-notre-dame-ou-l-eglise-de-la-nation_1721585 https://www.larep.fr/paris-75000/faits-divers/couronne-d-epines-tunique-de-saint-louis-les-tresors-de-notre-dame-de-paris_13541387/

Bild aus: https://www.la-croix.com/Religion/Actualite/70-ans-apres-Notre-Dame-commemore-la-liberation-de-Paris-2014-08-24-1196122. Siehe auch: https://www.ina.fr/video/AFE86002786

[15] https://jeune-nation.com/culture/emmanuel-suhard-5-avril-1874-30-mai-1949.html Ein zeitgenössischer Wochenschaubericht zu dem Besuch Petains in Paris:  https://www.youtube.com/watch?v=508EWo

In der Erklärung der französischen Bischofskonferenz vom 17. Februar 1944 werden  « les appels à la violence et les actes de terrorisme, qui déchirent aujourd’hui le pays, provoquent l’assassinat des personnes et le pillage des demeures » verurteilt. https://fr.wikipedia.org/wiki/Emmanuel_Suhard

Zu den alliierten Bombenangriffen auf französische Ziele siehe auch den Blog-Artikel: Normandie (2): Schattenseiten der Vergangenheit. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/890

[16]il mena la guerre des ondes et la propagande pétainiste de telle façon qu’on le comparait à Goebbels“. https://www.tombes-sepultures.com/crbst_1897.html s. auch: https://www.ina.fr/video/AFE86002764

[17]  Frédéric Le Moigne, 1944-1951 : Les deux corps de Notre-Dame de Paris. https://www.cairn.info/revue-vingtieme-siecle-revue-d-histoire-2003-2-page-75.htm#

Ich finde es übrigens bemerkenswert, dass in zwei einschlägigen Veröffentlichungen zu Vichy von Suhard nicht die Rede ist: Robert O. Paxton, La France de Vichy 1940-1944. Édition du Seuil 1972 und Henry Rousso Le syndrom de Vichy de 1944 à nos jours. Éditions du Seuil 1990

[18] In: Le Figaro, 10. Mai 1945. Zit. In: http://www.musimem.com/st-martin.htm

[19]  Siehe dazu den Blog-Text über den Faubourg Saint-Antoine: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/32

[20] Aus einer Ausstellung im Pantheon 2013

[21] Zitiert in Le Monde vom 17.4. 2019, S. 12: Une cathédrale dans l’histoire.

[22]  Gustav Seibt in: Süddeutsche Zeitung vom 18./19.4.2019, S. 15

[23] Siehe dazu das Buch von Fernand Schwarz und den Artikel von Helmut Mauró, Himmlische Maßstäbe. Die Proportionen des Gebäudes prägten die Musik einer ganzen Epoche. In: Süddeutsche Zeitung, 18./19. April, S. 14

 

 

Verwendete Literatur:

Mgr Joseph Doré, Mgr André Vingt-Trois et Collectif: Notre-Dame de Paris. Paris 2012

Alain Erlande-Brandenbourg, Notre Dame de Paris. In: Pierre Nora (Hrsg), Lieux de mémoire, Bd. III

Éternelle Notre-Dame. Le Parisien. Hors-Série. April 2019

Le Figaro hors série: 1163-2013. Notre-Dame. Une histoire de France. 2013

Victor Hugo: Notre Dame de Paris 1482. Neuausgabe Paris: Éditions Gallimard 2009  Deutsche Ausgabe: Der Glöckner von Notre-Dame. Insel-Taschenbuch,  Berlin 2010

Notre-Dame, notre histoire. Édition spéciale von Le Monde, 17.4. 2019

Potin, Yann, Comment Notre-Dame est devenue un monument national. Interview mit Julia Bellot und Olivier Thomas. In: L’Histoire vom 19. April 2019  https://www.lhistoire.fr/entretien/comment-notre-dame-est-devenue-un-monument-national

Schwarz, Fernand: Symbolique des Cathedrales. Les Éditions du Palais 2012

Sohn,  Andreas: Von der Residenz zur Hauptstadt. Paris im hohen Mittelalter. Ostfildern 2012

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“
  • Die Schokoladenfabrik Menier in Noisiel an der Marne: repräsentative Fabrikarchitektur und patriarchalischer Kapitalismus im 19. Jahrhundert
  • Die Villen der Meniers in Paris und das Familiengrab auf dem Père Lachaise 
  • „Les enfants de Paris“: Pariser Erinnerungstafeln/plaques commémoratives zur Zeit 1939-1945

Notre – Dame, wie es war und hoffentlich bald wieder sein wird (April 2019)

Die schrecklichen Bilder der brennenden Kathedrale Notre- Dame haben wir nur im Fernsehen gesehen, aber sie gehen uns sehr nahe – so wie 9/11 die Bilder der brennenden Türme in New York.  Von unserer kleinen Terrasse im 11. Arrondissement aus kann man die Glockentürme der Kirche und  konnten wir auch den spitzen Dachreiter sehen, der jetzt eingestürzt ist.  Seit ich  als Schüler (per Anhalter) zum ersten Mal in Paris war und bis heute ist Notre Dame für mich immer ein magischer Ort gewesen.

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Ein Blick -wie es war-  von unserer Terrasse: rechts die Türme von Notre -Dame, in der Mitte der jetzt umgestürzte Dachreiter Viollet-le-Ducs aus dem 19. Jahrhundert, dazwischen und dahinter ein Turm von Saint Sulpice. Links die Kuppel von Saint Paul. 

Nachfolgend sind einige Bilder zusammengestellt, in wir in den letzten Jahren aufgenommen haben: Bilder als Ausdruck der Trauer und der Hoffnung, dass Notre Dame -trotz aller unwiederbringlicher Verluste-  sich möglichst bald wieder im alten Glanz zeigen wird.

(Eingestellt in der Nacht vom 15./16. April)
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Die Fassade von Notre- Dame im Glanz der Abendsonne

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Weihnachtsbäume vor Notre- Dame

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Son et Lumière

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Während der Französischen Revolution abgeschlagene Köpfe der Königsgalerie.  Die dortigen Statuen wurden irrtümlich für französische Könige gehalten und deshalb geköpft und als Baumaterial verkauft. 1977 wurden bei Bauarbeiten 21 Königsköpfe entdeckt. Sie sind heute im Musée Cluny ausgestellt.

Die Darstellung des jüngsten Gerichts vom Mittelportal der Kathedrale

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Die apokalyptischen Reiter kündigen sehr drastisch das nahende Weltende an.  Hier der Krieg mit Schwert und verbundenen Augen, der einen Toten mit heraushängenden Därmen mit sich schleppt.

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Die Seelen werden gewogen

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Das Jüngste Gericht verschont weder Adel noch das geldgierige Bürgertum. Und auch nicht die sündigen Kleriker.

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Eva (vom linken Hauptportal)  bemerkt nicht die Kralle und den Schlangen-Unterleib der Verführerin

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Dieses Teufelchen lieben wir besonders. Wenn wir im Abendlicht mit den Fahrrädern an Notre Dame vorbei fahren, betrachten wir es immer mit großer Freude.

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Prozession der peruanischen Gemeinde am Hauptportal

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Fensterrose des südlichen Querschiffs

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Haben die hier weitgehend noch original erhaltenen wunderbaren Glasfenster den Brand überlebt?

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Reliefs vom Nordportal

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2013 wurde das 850-jährige Jubiläum der Kirche gefeiert. Das Motto war ein Satz des Augustinus: Via viatores quaerit.  Ich bin der Weg, der Menschen sucht, die ihn beschreiten.

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Blick ins Mittelschiff und den Chor. Wenn man genau hinsieht, kann man erkennen, dass der Chor leicht nach links abknickt. Von dem rechten oberen Chorfenster ist deshalb, steht man genau in der Mitte der Kirche, mehr zu sehen als vom linken Chorfenster.  Notre- Dame ist also gewissermaßen eine „cathédrale tordue“.  Vielleicht sollte  damit der geneigte Kopf des sterbenden Christus am Kreuz symbolisiert werden. Aus der Luft gegriffen ist diese Erklärung jedenfalls  nicht. Immerhin gibt es ein  Traktat von Pierre de Roissy aus dem Jahr 1200 über die Form von Kirchen, in dem betont wird, Christus habe „seine Seele ausgehaucht, indem er seinen Kopf geneigt habe“.

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Das Blau ist die Farbe Marias, der die Kirche geweiht ist.

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Marienfigur in der Vierung, in der Querhaus und Mittelschiff sich kreuzen. Sie gab den Anstoß für die Hinwendung Paul Claudels zum Katholizismus.

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Konzert der Maîtrise Notre- Dame de Paris mit gregorianischer Musik

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Ausstellung der neuen Glocken im Mittelschiff von Notre -Dame  (2013)

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Und jetzt wieder am angestammten Platz im Nordturm

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Szenen der biblischen Geschichte im Chorumgang

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Alle diese wilden Kerle, „die katholischen Samurai“ (Peter Handtke),   die dem Bösen wehren sollen, konnten den Brand nicht verhindern.

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Blick vom Pont de Sully bei Sonnenuntergang

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                            Samstags gab es immer kostenlose Orgelkonzerte in Notre -Dame.                            Wann wird es sie wieder geben?

Orgel Notre Dame 001

Die 2012/2014 restaurierte Cavaillé-Coll- Hauptorgel auf der Westempore. Ob sie beschädigt wurde, ist noch unklar.

Und zum Schluss ein etwas wehmütiges, aber auch als Ausdruck der Hoffnung zu verstehendes Bild, aufgenommen bei der nuit blanche  2010:

Paris Nuit Blanche Notre Dame 2.10.2010 006

 

Nachfolgender Beitrag:

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre- Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs    https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/