Unsere Freunde, die Stare….

Der nachfolgende Eintrag fällt etwas aus dem Rahmen der sonstigen Blog-Beiträge: Es geht um die Stare, die sich  in großen Schwärmen im Frühjahr 2016 in unserem Viertel präsentierten und teilweise ganz grandiose Formationsflüge vorführten. Das allein wäre ja schon Anlass genug für einen Blog-Beitrag unter der Rubrik „Wir in Paris“ gewesen. Aber wenn wir darüber mit französischen Freunden sprachen, wurde auch schnell die ganz unterschiedliche Wahrnehmung  der Stare deutlich. Dabei handelt es sich ganz offensichtlich nicht um eine Zufallsergebnis, sondern es gibt, wie ein Blick in französische und deutsche Texte zum Thema „Stare“ zeigte, auf beiden Seiten des Rheins offenbar verschiedene Einschätzungen, wie die Stare und ihre fliegenden Schwärme   gesehen  werden. Ist das vielleicht Ausdruck einer eher rational-funktionalen  Naturwahrnehmung auf der einen Seite und einer eher emotional-romantischen Sicht der Natur auf der anderen Seite?

Der Beitrag ist identisch mit dem 38. Bericht aus Paris vom Februar 2016. Das darin verwendete Präsens wurde also nicht verändert- obwohl die Stare sich nach einigen Wochen wieder davon gemacht haben – diese Attraktion gibt es also seitdem nicht mehr –vielleicht ja wieder im nächsten Jahr. Wir würden  uns jedenfalls sehr auf ein  Wiedersehen freuen.    

 

Seit wir im neuen Jahr wieder in Paris sind, gibt es bei uns eine besondere Attraktion: die Stare. Die gab es ja schon immer: manchmal saßen welche –wie auch Krähen, Tauben, Elstern und manchmal auch Amseln-  gegenüber auf den beiden hässlichen Antennenmasten, die –leider- zu dem Paris-Panorama gehören, das wir von unserer Wohnung aus haben.

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Gegen Abend –kurz vor Sonnenuntergang- versammeln sich nun aber seit einigen Tagen immer mehr Stare auf den Masten. Da wird es teilweise so eng, dass sie auch die Befestigungsdrähte nutzen – unfreiwillige Rutschbahnen. Für uns aber schön zu beobachten.

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Und wenn auf den beiden Masten überhaupt kein Platz mehr ist, finden die Stare auch reichlich Platz auf dem Ausleger eines Krans, der gerade auf der anderen Seite unseres Immeuble installiert ist und manchmal bis über unser Dach ragt.

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Dort sitzen sie dann auch dicht an dicht und warten darauf, dass „es“ endlich losgeht.

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„Es“- das ist der Flug der Stare, ein Schauspiel, das wir derzeit –fast- allabendlich- von unserer kleinen Terrasse aus beobachten und bewundern können. Manchmal sind es schätzungsweise „nur“ einige Hundert, manchmal riesige Schwärme mit womöglich Tausenden von Exemplaren. Manchmal verdichten sie sich zu schwarzen Wolken, manchmal bilden sie lockere Formationen, die in Wellenbewegungen über den Abendhimmel gleiten,  die sich dann auch wieder plötzlich auflösen und neu formieren.

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Manchmal tauchen sie in die Straßenschluchten und sind dann einige Augenblicke für uns unsichtbar, ab und zu fliegen sie auch direkt über unser Haus, so dass man fast die Luftbewegung zu spüren meint. Ich habe versucht, etwas von dem grandiosen Schauspiel mit meinem kleinen Foto festzuhalten – nicht einfach, aber einen ungefähren Eindruck können die Fotos vielleicht doch vermitteln.

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Bei diesem Schauspiel denke ich oft an die riesigen Fischschwärme, die ich beim Tauchen beobachten konnte: Die kleinen Fische schließen sich oft zu engen Formationen zusammen, um Raubfischen, die es auf sie abgesehen haben, keinen Angriffspunkt zu bieten. Manchmal schießt dann ein Raubfisch in eine solche Formation hinein, um sie zu zersplittern, sodass einzelne in der Panik isolierte Fischchen ihre Beute werden.

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Und damit beginnen auch die Fragen, die sich mir stellen, wenn ich die Stare beobachte: Ist denn  ein solcher Schutzmechanismus auch für sie relevant- jedenfalls in einer Stadt, in der es zwar einige Turmfalken gibt, aber doch nicht so viele Fressfeinde wie für die Schwarmfische am Riff. Und warum versammeln sie sich gerade abends vor Sonnenuntergang und vollführen ihren „Himmelstanz“. Was machen die Stare überhaupt im Winter in Paris? Und wo finden sie in einer so eng bebauten Großstadt genügend Futter und ruhige Schlafplätze?

Ich habe also ein bisschen Star-Recherche im Internet betrieben, um vielleicht einige Antworten auf meine Fragen zu erhalten. Denn was ich bisher über Stare weiß, ist reichlich wenig: Öfters haben wir welche in unserem Garten in Oberursel beobachtet, wie sie auf dem „Rasen“ (er besteht überwiegend aus Moos und sogenannten Unkräutern) herumstolzieren und ab und zu mit ihren spitzen Schnäbeln einen Wurm oder irgend ein anderes Futtertier aufpicken. Deshalb sind, wie ich in einem im Internet zugänglichen Naturlexikon gelesen habe, Stare auch „gern gesehene Gäste, wenn sie Schnecken  oder Raupen  erbeuten. Für diesen Dienst sollte man ihnen dann  auch ein paar Beeren oder Kirschen überlassen.“[1] Wir überlassen ihnen –und den Amseln- sogar einen ganzen  Kirschbaum,  weil wir zur Erntezeit gar nicht im Lande sind oder, selbst wenn wir da sind, an die meisten Kirschen ohne gefährliche Kletteraktionen nicht herankommen.

Natürlich haben wir auch schon oft und gerne ihren Gesang gehört.  Und auf diesem Gebiet sind die Stare ganz besonders talentiert: Otto Kleinschmidt charakterisiert ihren Gesang in seinem Buch über die „Singvögel der Heimat“ (Quelle und Meyer 1955, S. 50) so: „Ein Pfeifen, Schnurren, Schnattern und Schmalzen, untermischt mit Flötenlauten und Pfiffen, oft Nachahmungen, dabei ekstatisch zwischendurch mit den Flügeln schlagend.“ Die Stare  können nicht nur andere Vogelstimmen nachahmen, sondern auch alle möglichen sonstigen Geräusche wie Rasenmäher und –nach Wikipedia- neuerdings sogar das Klingeln von Mobiltelefone. Insofern ist verständlich, dass Kleinschmidt die Stare als „Konzertmusikanten“ rühmt und ihnen damit gewissermaßen einen Rang gleich hinter der „Gesangeskönigin“ Nachtigall verleiht.  Als begeisterter Chorsänger hat mir natürlich besonders gut gefallen, dass Starendamen diejenigen Männchen am attraktivsten finden, deren Gesang die meisten Motive enthält und die beim Singen die größte Ausdauer an den Tag legen…

Offenbar ist es nichts Besonderes, dass es auch im Winter in Paris Stare gibt: Sie sind, wie ich jetzt gelernt habe, teilweise sogenannte Standvögel, teilweise Mittelstreckenzieher bzw. Teilzieher, d.h. Teile der jeweiligen Population bleiben auch im Winter in ihrer vertrauten Umgebung, wenn es dort nicht gar zu kalt wird, manche ziehen in wärmere Gefilde. Und wenn dank Klimaveränderung die Winter milde sind wie derzeit immer häufiger, wird sich die Notwendigkeit für die Vögel verringern, die Reise in den unter Umständen gefährlichen Süden anzutreten bzw. -zufliegen. Anscheinend gelten ja Stare in Italien als Leckerbissen- fein gegrillt auf Polenta serviert.[2] Ganz klar ist mir allerdings nicht, wo die Stare in Paris ihre Nächte verbringen und wovon sie im Winter leben. Sie sind ja keine Allesfresser wie Tauben, Krähen und Elstern. Nach einem schon einige Jahre alten Vogel-Atlas von Paris bevorzugen die Stare als Ruheplätze Parks mit altem Baumbestand, den Parc de Montsouris, den Parc der Bercy, den Jardin des Tuileries und vor allem den Garten/Wald im Carée der Bibliothek Nationale (was mich sehr wundert).[3] Aber diese Orte sind relativ weit von uns entfernt und machen es wenig einsichtig, warum die Stare abends gerade hier ihre Flug-Shows präsentieren. Als Erklärung bietet sich da eigentlich nur der nahe gelegene Père Lachaise an, der ja nicht nur ein weiträumiger Friedhof ist, sondern auch ein Naturpark mit altem Baumbestand. Außerdem haben die Vögel da nachts ihre Ruhe und es müsste auch –was ich aber aus Pietät hier nicht näher erläutern  möchte- jahreszeitunabhängig ein reichliches Nahrungsangebot geben. Dass der Père Lachaise in den Bestandsverzeichnissen, die ich im Internet gefunden habe, nicht als Starenquartier genannt ist, könnte übrigens auch eine Erklärung dafür sein, dass wir die Stare bisher noch nicht wahrgenommen haben. Immerhin leben wir jetzt ein gutes Jahr in der neuen Wohnung „mit Aussicht“ und zumindest in den wärmeren Monaten, in denen wir viel Zeit auf unserer kleinen Terrasse verbringen, wären uns die Stare bestimmt aufgefallen, wenn sie da schon dagewesen wären. Vielleicht haben „Standvogel-Stare“ jetzt auch den Friedhof als Quartier gewählt. Und hoffentlich bleiben sie da  auch noch etwas, damit wir noch etwas länger Freude an dem  Schauspiel des „Starenballetts“ haben, wie die abendlichen Flug-Vorführungen gerne genannt werden.

In Norddeutschland und Dänemark ist dieses Phänomen offenbar ziemlich verbreitet, weil die Stare dort weiträumige Ruheplätze und ein unerschöpfliches Nahrungsangebot haben.  Da sind es  teilweise hunderttausende Stare, die abends sogar die untergehende Sonne verdecken. Dieses einzigartige Naturschauspiel der Sort Sol („Schwarze Sonne“) sollte nach der dänischen Touristenwerbung „jeder wenigstens einmal im Leben erlebt haben“. An der deutsch-dänischen  Grenze, wo sich jedes Jahr bis zu einer Million Stare an ihren Schlafplätzen versammeln, findet schon ein regelrechter „Star-Massentourismus“ statt. „Am Abend kommen zahlreiche Busse mit Schaulustigen, die das Spektakel am Schlafplatz der Stare selber miterleben möchten.“[4]

Ein schönes Video dazu:

http://www.ardmediathek.de/tv/Mittagsmagazin/Starenballett-am-Himmel/Das-Erste/Video?documentId=27013580&bcastId=314636

Bei uns sind es keine hunderttausende Stare, aber dafür haben wir hier in Paris das Naturschauspiel light gewissermaßen frei Haus.

Als Erklärung für das Starenballett werden immer wieder die Raubvögel genannt. Bei Wikipedia zum Beispiel wird angegeben, die Manöver dienten „wohl im Wesentlichen“ dazu „dem angreifenden Greifvogel die Auswahl eines einzelnen Vogels unmöglich zu machen“, also in der Tat eine Analogie zu den Schwarmfischen am Riff.[5]  Dann handelt es sich offenbar um eine angeborene Verhaltensweise, die auch dann und dort noch gilt, wenn Raubvögel eher eine Seltenheit sind. Und auf jeden Fall sind Stare sehr gesellig, gerade was ihre Schlafgewohnheiten angeht. Da sammeln sie sich abends vorm Schlafengehen also schon mal, toben sich nochmals richtig aus, freuen sich ihres Lebens und erfreuen gleichzeitig Zuschauer und Bewunderer wie uns.

Die Freude an den Staren ist aber offenbar nicht ungeteilt. Mehrere Pariser Freunde, denen wir von „unseren“ Staren erzählt haben, sind geradezu erschrocken und haben von der Umweltverschmutzung geredet, die die Stare verursachten. Ihr Vogeldreck würde Autos und Straßen verschmutzen – was mir bisher in Paris aber noch nicht aufgefallen ist. In unserem Viertel jedenfalls sind es eher Hunde und Tauben, die ein unbefangenes Benutzen von Bürgersteigen und Parkbänken unmöglich machen. Diese spontan-negative Beurteilung der Stare hat uns ziemlich überrascht. In den von mir eingesehenen deutschen Internet-Quellen ist der Star eher ein gesanglich hochtalentierter Vogel mit ausgeprägtem Sozialverhalten, ein „Multitalent“, dazu ein Nützling, dem man in seinem  Garten durchaus ein Nistkästchen bauen sollte. In Frankreich erfreut sich der Star aber – auch von ganz offizieller und kompetenter Seite-  offensichtlich nicht einer solchen Wertschätzung: Auf der homepage des altehrwürdigen Jardin des Plantes von Paris wird er so vorgestellt:

BRUYANT, VORACE, VOLANT ET VIVANT EN BANDES NOMBREUSES… IL VAUT DÉCIDÉMENT MIEUX NE PAS AVOIR L’ÉTOURNEAU SANSONNET (STURNUS VULGARIS LINNÉ) POUR VOISIN.

Ihr Kot würde Autokarosserien, die Fassaden von Bauwerken und das städtische Mobiliar beschädigen; der Lärm, den sie (die Kleinschmidt’schen Konzertmusiker) verursachten, könne den Anwohnern schnell auf die Nerven gehen; dazu kämen noch erhebliche Schäden für die Landwirtschaft und sogar  die Luftfahrt: 1996 habe schon einmal ein Starenschwarm in Eindhoven ein Flugzeug zum Absturz gebracht![6]

Ähnlich schlecht kommt der Star (l’etourneau sansonnet) auch im offiziellen Inventaire National du Patrimoine Naturel, also dem Verzeichnis des französischen Naturerbes weg. Die in Frankreich überwinternden Stare seien teilweise Standvögel, teilweise kämen sie zum Überwintern aus den Staaten der ehemaligen UdSSR, vor allem der Ukraine. (Aha!! W.J.) Ihr massenhaftes Auftreten würde zu Boden- und Wasserverschmutzungen führen und den Baumbestand schädigen. Er könne in der Landwirtschaft erhebliche Schäden bei der Aussaat und den Kulturen verursachen. Dazu kämen die Geräuschbelästigungen. Für uns ist das ein etwas erstaunlicher Punkt: Jedenfalls können hier in Paris Menschen ganze Nächte lang bei offenen Fenstern, voll dröhnenden Lautsprechern und wildem Geschrei feiern, ohne dass offenbar Nachbarn sich beschweren, geschweige denn die Polizei gerufen wird.  Bei den Staren  hört aber die sonst übliche Toleranz auf.  Schließlich ist nach dem nationalen französischen  Naturinventar  nicht auszuschließen, dass die Stare auch ein gesundheitliches Risiko für Mensch und Tier bedeuteten. Insofern ist es nur konsequent, dass auf Initiative des Fond National des Calamités Agricoles des Französischen Landwirtschaftsministeriums eine spezielle Arbeitsgruppe zum Thema „Star“ gegründet wurde. Sie habe veranlasst, dass die ländlichen Schlafplätze der Stare Gegenstand von „opérations de destruction“ geworden seien. (Genaueres zu diesen Vernichtungsaktionen wird hier nicht mitgeteilt- laut Wikipedia wurden/werden Gifte und Dynamit verwendet. W.J.) Deshalb seien die Bestände an Staren schon (glücklicherweise! W.J.) deutlich zurückgegangen. Außerdem sei der Star auch auf der Liste der zur Jagd freigegebenen Tiere enthalten.[7]

Da wird also gewissermaßen kein gutes Haar/keine gute Feder am Star gelassen! Inwieweit es sich hier wirklich um eine verallgemeinerbare Unterschiedlichkeit der deutschen und französischen Wahrnehmung handelt, kann ich nicht beurteilen. Immerhin scheint ein Vergleich der deutschen und der französischen Staren-Darstellung bei Wikipedia de und fr das zu bestätigen: In der deutschen Version finden sich insgesamt 9 Zeilen zum Thema „Schäden und Bekämpfung“. In der französischen Version ebenfalls 9 Zeilen zum Thema „Les nuisances provoquées par l’étourneau sansonnet“, also zu den von den Staren verursachten Belästigungen/Schäden. Danach folgt aber noch ein kleiner Abschnitt über die die Bekämpfung des Stars  betreffende Gesetzgebung in verschiedenen Ländern. Schließlich eine ausführliche Darstellung (14 Zeilen) mit einer genauen fünfphasigen „Gebrauchsanweisung“ für die akustische Vertreibung von Staren. Daran  könne sich auch die geplagte Bevölkerung mit casserolles und Musikinstrumenten beteiligen. Und zum typisch französischen Abschluss folgt dann noch ein  Abschnitt über die „Utilisation“ des Stars, zum Beispiel in Form einer „pâté“. Hier wird von einer Jagd mit Schrot abgeraten, sondern die traditionelle Fangart mit Netzen  favorisiert, die in Frankreich noch erlaubt sei.  Das ermögliche „d’en prendre plus d’une centaine à la fois“.[8] So kann man gewissermaßen einen Schädling noch zu einem kulinarischen Nützling verwandeln und die Vogeljagd in den Rang einer in jeder Hinsicht segensreichen Einrichtung erheben. Die Staren-Pastete wird übrigens offenbar im Handel unter dem Namen Pâté de Sansonnets verkauft, die aux myrtes offenbar gerade in Korsika sehr verbreitet ist.

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Und auf der Internetseite von chasse Passion“ werden Rezepte auch für andere Zubereitungen ausgetauscht:  Heureusement qu’il y a la chasse pour se faire plaisir !![9]

Das geringe Verständnis französischer Freunde für unseren Staren-Enthusiasmus erinnerte uns an eine ähnliche Erfahrung vor einigen Jahren. Da hatten wir bei einem Fahrrad-Ausflug entlang des Canal de l’Ourcq im Nordosten von Paris mitten im Kanal ein putziges Tier gesehen, das –wie ein Zeitungsleser auf dem Toten Meer- im träge fließenden Wasser entspannt auf dem Rücken lag und mit seinen kleinen Pfoten irgendein Stück Stängel oder Ast hielt, an dem es nagte. Wir beobachteten es einen Moment, wollten dann gerne ein Foto machen, aber dann tauchte  das Tierchen ab und war verschwunden. Wir wussten nicht, worum es sich handelte; für einen Biber war es etwas zu klein, außerdem passte die Umgebung – der kanalisierte Ourcq- ganz und gar nicht zu einem Biberrevier.

Als wir dann französischen Freunden von unserer Entdeckung erzählten, war schnell klar, dass es sich um einen ragondin gehandelt hatte, einen Nutria, dem wir seitdem öfters begegnet sind: In der Yerres beim Landgut des Malers Caillebotte, in der Yvette im Süden von Paris und in der Marne in der Nähe unseres Badeplatzes.

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Die Reaktionen von Franzosen waren dabei immer ähnlich: Mon dieu! Un ragondin! Die zerstören doch die Uferbefestigungen und richten nur Schäden an!

Ganz anders in Deutschland: Als da vor zwei Jahren ein Nutria an unserem Oberurseler Maasgrundweiher auftauchte, war er schnell zu einer Attraktion geworden und wurde mit Karotten und Apfelstückchen verwöhnt- was ihn aber nicht davon abhielt, dann doch woandershin zu wandern. Vielleicht an die Nidda, einen kleinen Nebenfluss des Mains. Dort gibt es inzwischen kleine Nutria-Kolonien, die sich ebenfalls großer Beliebtheit erfreuen. Zu den diesjährigen Weihnachtsgeschenke für unsere erwachsenen Kinder gehörte auch ein Besuch bei den Nidda-Nutrias, die sich glücklicherweise dann auch in beträchtlicher Anzahl zeigten und bewundern und füttern ließen.

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Von einer deutschen  Freundin, die einen  Schüleraustausch mit Niort organisiert, wurde ich übrigens darauf aufmerksam gemacht,  dass die Nutrias im nahe gelegenen Marais poitevin nicht nur gejagt, sondern  -wie die Stare- auch zu Pastete verarbeitet werden. Und kürzlich fanden  wir dann auch auf der Ile d’Oléron ein großes Schild, das ausdrücklich für diese „Delikatesse“ warb. Auf einen  Versuch habe ich es allerdings nicht ankommen lassen….

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Die unterschiedlichen französischen und deutschen Reaktionen auf Star und Nutria könnten auch damit zusammenhängen, welche Rolle die Natur in der deutschen und französischen Kultur und Wahrnehmung spielt: In Frankreich eine eher rationalere, von Kosten und Nutzen geprägte Sicht, in Deutschland eine eher emotionale, besonders ausgeprägt und historisch gewachsen am Mythos vom „deutschen Wald“ abzulesen- geistesgeschichtlich übrigens ein Gegenbild zur französischen Urbanität….

Seit einigen Tagen machen sich die Stare übrigens rar. Als wir kürzlich Besuch aus Deutschland erwarteten und den Freunden schon stolz das „Starenbalett“ angekündigt hatten, war nur eine kleine Gruppe kurz zu sehen, dann waren sie sogar tagelang ganz verschwunden. Heute segelten (wenigstens) mehrere laut kreischende Möven über das Haus und ein paar Stare ließen sich gegen Abend auf dem Antennenmast gegenüber nieder, aber für eine Flugvorführung waren das zu wenige. Wie schade! Wir vermissen sie richtig. Aber vielleicht gehört es ja gerade zu dem Reiz eines solchen Naturschauspiels, dass es nicht alltäglich und nicht berechenbar ist….

Au revoir!!!

 

Und zum Schluss noch eine kleine Aufgabe zum Raten/Schätzen: Ungefähr wie viele Stare sieht man auf dem nachfolgenden Bild – das nur den kleinen Teil eines großen Starenschwarms- abbildet?

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Anmerkungen:

[1] http://www.natur-lexikon.com/Texte/thk/001/00004/THK00004.html

[2] http://www.n-tv.de/archiv/Jagdsaison-in-Italien-article82816.html

http://diepresse.com/home/panorama/welt/406486/Jagd-auf-Singvogel_Zart-gegrillt-und-auf-Polenta?_vl_backlink=/home/panorama/welt/index.do

[3]  Oiseaux nicheurs de Paris : un atlas urbain : Auteur Collectif, Editeur : Delachaux et Niestlé,  Paru en 04/2010.   ca 750

http://www.lesoiseauxdeparis.com/etourneau-sansonnet-starling-paris.php

[4] http://www.visitdenmark.de/de/daenemark/suedjuetland/naturwunder-schwarze-sonne-erleben

http://www.kommandoergaarden.dk/de/erlebnisse-auf-romobr/und-umgebung/romo/zugvoegel

http://www.brodowski-fotografie.de/beobachtungen/star.html

[5]  https://de.wikipedia.org/wiki/Star_(Art)

s.a. http://www.vogelwarte.ch/de/voegel/voegel-der-schweiz/star.html

[6] http://www.jardindesplantes.net/fr/jardin/hotes-jardin/oiseaux/etourneau-sansonnet:

[7] https://inpn.mnhn.fr/espece/cd_nom/4516/tab/fiche

[8] https://fr.wikipedia.org/wiki/%C3%89tourneau_sansonnet

[9]  http://www.paniercorse.com/produit/pate-de-sansonnet-au-myrte-402

http://www.chassepassion.net/le-forum/26/5568

Wohnen, wo einmal die Guillotine stand: La Grande et la Petite Roquette

In diesem Beitrag geht es um die Geschichte unseres Viertels, das nach der Straße benannt ist, die es durchquert, der Rue de la Roquette. Und diesen Namen trugen auch die großen Gefängnisse, die hier einmal standen. In ihnen spiegeln sich 100 Jahre französischer Geschichte, spektakuläre Hinrichtungen wurden hier vollzogen, an die heute noch die  Fundamente der Guillotine erinnern….  

Der Eingang unserer neuen Wohnung liegt in der Rue Maillard.  Namensgeber der Straße, in der unsere frühere Wohnung lag, war der französische General Chancy aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges von 1870/1871. Der Name Rue Maillard weckt dagegen angenehmere Assoziationen: Gleich nach Verbreitung unserer neuen Adresse wurden wir auf Louis Camille Maillard aufmerksam gemacht, den Entdecker der nach ihm benannten chemischen Reaktion, die u.a. dafür sorgt, dass ein Braten bei entsprechender Zubereitung eine leckere Bräunung und ein geschmackvolles Aroma erhält. Also Bratenduft statt Pulverdampf.

Allerdings kommen dann doch noch weniger angenehme Assoziationen hinzu, wenn man sich etwas  näher mit unserem  neuen Viertel beschäftigt: Nämlich der Knall des Fallbeils, der Guillotine, die hier einmal stand. Darauf wird man hingewiesen, wenn man von der Rue de la Roquette in die Rue du Croix Faubin einbiegt, an der unsere Wohnung liegt. Dort steht eine der Erinnerungstafeln „Histoire de Paris“, mit denen Passanten auf die historische Vergangenheit eines Ortes und –soweit vorhanden- entsprechende sichtbare Spuren hingewiesen werden, an denen sie sonst vielleicht eher achtlos vorübergegangen wären. So sicherlich an diesem Ort: Denn hingewiesen wird auf fünf eher  unscheinbare Steinplatten (aus Granit), die vom Asphalt der Straße ausgespart sind. Es sind, wie die Tafel erläutert, die Fundamente einer Guillotine, die hier –bei Bedarf- aufgebaut wurde, um den Aufprall des Fallbeils aufzuhalten.[1]

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Die Guillotine  gehörte zu dem Gefängnis La Grande Roquette, das -1836 errichtet- auf diesem Areal stand und in dem zu Zwangsarbeit Verteilte gefangen gehalten wurden, die auf ihren Abtransport in die Strafkolonien von Ĭle  de Ré, nach Neu-Kaledonien  oder nach Cayenne warteten- dahin also, wo der Pfeffer wächst… Und zum Tode Verurteilte warteten dort auf die Guillotine.  Im Volksmund hieß das Gefängnis  „Abbaye des Cinq-Pierres“ – eine Anspielung auf die fünf Steine des Fundaments der Guillotine und auf ein Kloster, das sich an gleicher Stelle befunden hatte, bis es zur Zeit der Französischen Revolution aufgelöst wurde.

Nach der Angabe im unteren Teil der städtischen Erinnerungstafel wurden über 200 Todesurteile mit der hier aufgestellten Guillotine öffentlich vollstreckt.[2]  Obwohl die Hinrichtungen im Allgemeinen in aller Frühe vollzogen wurden, kamen immer Schaulustige zu der am Eingang des Gefängnisses gelegenen Place de la Roquette, um dem „Schauspiel“ beizuwohnen. (1a)

guillotine Croix Faubin

Wie populär solche  Hinrichtungen waren, wird auch daran deutlich, dass der durch die Plakate von Henri de Toulouse-Lautrec bekannte Kabarettist Aristide Bruant hat die letzten Momente eines Gefangenen der Roquette auf seine Weise besungen hat. Sein Publikum muss das wohl lustig gefunden haben:

220px-Lautrec_ambassadeurs,_aristide_bruant_(poster)_1892 Tout ça, vois-tu, ça n’me fait rien

C’qui m’paralyse

C’est qu’i faut qu’on coupe, avant l’mien,

L’col de ma ch’mise;

En pensant au froid des ciseaux,

A la toilette,

J’ai peur d’avoir froid dans les os,

A la Roquette.

Aussi j’vas m’raidi pour marcher

Sans qu’ça m’émeuve,

C’est pas moi que j’voudrais flancher

Devant la veuve;

J’veux pas qu’on dis’que j’ai l’trac

De la lunette,

Avant d’éternuer dans l’sac,

A la Roquette.“

 

Die Grande Roquette war –wie bei einem Bauwerk dieser Art nicht anders zu erwarten-  Schauplatz spektakulärer und tragischer Ereignisse. Die Erinnerungstafel verweist ausdrücklich auf die Exekution der beiden Anarchisten Auguste Vaillant und Emile Henry. Auguste Vaillant hatte 1893 von der Zuschauertribune der Assemblée Nationale eine Bombe auf die dort versammelten Parlamentarier geworfen, wobei 50 Menschen verletzt wurden. Vaillant wurde am 5. Februar 1894 vor der Roquette guillotiniert- mit den letzten Worten: „Es lebe die Anarchie! Mein Tod wird gerächt“.[3]

220px-Le_Petit_Journal_-_Explosion_à_la_Chambre Auguste Vaillant  220px-Attentat_de_l'hôtel_Terminus

Die Rache ließ auch nicht lange auf sich warten. Am 12. Februar 1794 verübte der Anarchist Emile Henry einen Anschlag auf das Café Terminus im Gare St. Lazare, bei dem 20 Besucher verletzt wurden, einer davon tödlich. Der Prozess gegen Henry erregte erhebliches Aufsehen wegen des unerschrockenen Auftretens des jungen hochgebildeten Anarchisten und der sozialkritischen Rechtfertigung seiner Tat. Auf den Vorwurf des Richters, er habe einen Anschlag auf Unschuldige verübt, antwortete er: „Il n’y a pas de bourgeois innocents“. Die Erklärung, die er vor Gericht abgab, wurde berühmt.[4] Am 21. Mai 1894 wurde Henry vor der Roquette guillotiniert- im Beisein übrigens  von Georges Clemenceau und Maurice Barrès- beide alles andere als Sympathisanten des Anarchismus, die aber von dem Schicksal des jungen Manns angerührt waren.

Nicht hingewiesen wird auf der städtischen Hinweistafel auf zwei Ereignisse, die die Grande Roquette in ganz  besonderem  Maße in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit rückten und dazu –wenn auch in verschiedener Weise- zu ihrer  Bedeutsamkeit beitrugen, und zwar die Hinrichtung des Mörders Troppmann 1870 und die Geiselerschießung der Commune 1871.

Die Hinrichtung Troppmanns

Die Hinrichtung des Mörders Troppmann in der Roquette am 19. Januar 1870 war ein außerordentlich spektakuläres Ereignis.  Troppmann hatte aus Geldgier 8 Mitglieder einer Familie nach und nach auf sehr heimtückische Weise umgebracht.

Von der Entdeckung der Leichen über die Jagd nach dem Täter bis hin zum Prozess und der Hinrichtung verfolgten Moritatensänger und insbesondere die noch junge  Presse den Fall.  Besonders hervor tat sich das 1863 gegründete Le Petit Journal. Dieses konnte die Auflage von dem ersten Bericht über diesen Mord am 23. September von 357.000, drei Tage später auf 403.950, am Tag der Hinrichtung Troppmanns bis auf 594.000 Exemplare steigern. Das Blatt versorgte seine Leser hierbei mit Details; beispielsweise dass Troppmann angeblich seinen Bruder um Blausäure und Äther gebeten habe, um seine Wärter zu vergiften und dass er versucht habe seinen Henker zu beißen. Der mediale  Erfolg der Troppmann-Berichterstattung war Wasser auf die Mühlen der Sensationspresse und trug generell  zur bevorzugten Behandlung der „faits divers“ in den Massenmedien bei, die ja gerade in Frankreich besonders auffällig ist: Noch heute beginnen die Nachrichtensendungen in den großen französischen Fernsehprogrammen, selbst in dem öffentlich-rechtlichen TV 2, sehr oft mit einer ausführlichen Berichterstattung über solche „faits divers“, einen Mord in der Provinz, einen plötzlichen Wintereinbruch in den französischen Alpen oder einer Warnung vor einem Stauwochenende, bevor dann auch das politische Tagesgeschehen –mehr oder eher weniger- zu seinem Recht kommt.

Welches Aufsehen der Fall Troppmann in Frankreich erregte, beschreibt übrigens kein Geringerer als Iwan Turgenew in seinem ausführlichen, zeitnah verfassten Bericht L’exécution de Troppmann, der in der Forderung nach Abschaffung der Todesstrafe mündet- wie sie damals von vielen aufgeklärten Geistern –in Frankreich etwa von Victor Hugo und später dann im Zusammenhang mit der Hinrichtung Henrys auch von Clemenceau- erhoben wurde. Turgenew hielt sich 1870 in Paris auf und wurde eingeladen, als einer der wenigen „Ehrengäste“ der Hinrichtung des Mörders aus nächster Nähe beizuwohnen.  Schon Tage davor seien in allen Schaufenstern Fotos von Troppmann ausgestellt worden und Tausende von Schaulustigen seien jede Nacht zur Roquette gekommen, um nicht den Aufbau der Guillotine zu versäumen. Die damals äußerst spannungsreiche und bewegte politische Situation in Frankreich (kurz vor Ausbruch des deutsch-französischen Krieges) sei demgegenüber völlig in den Hintergrund des öffentlichen Interesses geraten.

70536893 Execution de Troppmann

Die Nacht vor der Hinrichtung mussten die privilegierten Zuschauer im Zimmer des Gefängnisdirektors verbringen, weil befürchtet wurde, dass am nächsten Morgen die erwarteten Massen der Schaulustigen den Zutritt zur Roquette unmöglich machen würden. So kann Turgenew aus nächster Nähe den Aufbau der Guillotine beobachten, dem Henker die Hand schütteln –nach Troppmann immerhin die wichtigste Figur des bevorstehenden Spektakels-  und die zahlreiche Post betrachten, die Troppmann von allen Seiten erhalten, aber nicht zur Kenntnis genommen hatte- auch nicht die Billets von Frauen, denen teilweise Blumen wie Margueriten und Immortellen beigegeben worden waren. Schon mitten in der Nacht versammelten sich, wie die Polizei dem Gefängnisdirektor berichtete,  über 25 000 Schaulustige vor dem mit der Überschrift „Dépot des Condamnés“ versehenen Eingang der Roquette.

grande roquette portail Turgenew beschreibt anschaulich, was von dieser erwartungsvollen Menschenmenge an das Ohr der Ehrengäste im Gefängnis dringt:

„Ce brouhaha m’étonnait par sa ressemblance avec les mugissements lointains du flux et du reflux de la mer, le même crescendo Wagnérien infini qui ne monte pas régulièrement, mais avec de grands chuchotements et des déversements gigantesques. Les notes aiguës des voix des femmes et des enfants jaillissaient comme des éclaboussures fines sur le bourdonnement colossal. La puissance brutale d’une force de la nature se montrait dans tout cela. Tantôt elle s’apaise pour un instant comme si elle était couchée et ramassée… et la voilà encore qui grandit, s’enfle et gronde comme toute prête à s’élancer et à tout déchirer, qui recule encore et peu à peu se calme, puis de nouveau grandit… et cela n’a pas de fin. Que veut dire ce bruit ? pensai-je. Impatience ? Joie ? Haine ?… Non, il ne sert d’écho à aucun sentiment individuel humain. Tout simplement le bruit et le brouhaha de la nature.“

„Tout d’un coup, lentement, comme une gueule, s’ouvrirent les deux battants des portes accompagnés en même temps d’un grand rugissement de la foule réjouie, satisfaite. Soudain, le monstre de la guillotine nous regarda avec ses deux poteaux noirs et le couperet suspendu.

Als Troppmann aufs Schaffott geführt wird:  Totenstille unter den  vielen Tausenden Zuschauern:

„J’eus le temps de remarquer qu’à l’apparition de Troppmann le bruit de la foule se tut comme un monstre qui s’endort. Un silence sans respiration.“

 

Dann die Vollstreckung des Urteils:

„Enfin retentit un bruit léger de bois qui se heurtent. C’était la chute de la lunette supérieure avec la découpure transversale pour laisser passer le tranchant, la lunette qui prend le cou du criminel et rend sa tête immobile ; puis quelque chose gronda sourdement, roula et éructa comme si un grand animal eût craché. Je ne puis trouver une comparaison plus exacte.

Tout se couvrit d’un brouillard.“

 

 

Und danach?

„Je me sentais très fatigué, et je n’étais pas le seul. Tous paraissaient épuisés, quoique tous, apparemment, se sentissent mieux, comme si leurs épaules fussent débarrassées d’un grand poids.

Mais personne de nous, absolument personne, n’avait l’air d’un homme qui a assisté à l’exécution d’un acte de justice sociale. Chacun tâchait de se détourner de cette idée et de rejeter la responsabilité de cet assassinat. … Nous parlions de la barbarie inepte et superflue de toute cette procédure du moyen-âge, grâce à laquelle l’agonie d’un criminel dure trente minutes, de six heures vingt-huit à sept heures….., du dégoût de tous ces travestissements, de cette coupe de cheveux, des voyages par les escaliers et les corridors…..

De quel droit fait-on tout cela ? Comment soutenir cette routine révoltante ? La peine de mort elle-même pouvait-elle être justifiée ?“

 Turgenew sieht keinerlei –wie auch immer gearteten- Nutzen, den eine solche „Nacht der Schlaflosigkeit, der Trunkenheit und der Perversion“ auf die Zuschauer haben  könnte. Und er zieht aus all dem den Schluss, dass die Todesstrafe unabweisbar auf der Tagesordnung der humanité contemporaine stehe. Er hoffe, dass er mit seinem Bericht einen Beitrag zu ihrer Abschaffung, mindestens jedoch zur Beendigung ihrer öffentlichen Zurschaustellung leisten würde.[5]

 Allerdings  hat es noch fast 70 Jahre gedauert, bis in Frankreich auf das Schauspiel öffentlicher Hinrichtungen verzichtet wurde: Am 17. Juni 1939 wurde der Deutsche Eugen Weidmann, der in Frankreich 6 Menschen ermordet hatte, vor 10000 Schaulustigen in Versailles hingerichtet. Dabei kam es zu volksfestartigen Szenen, Champagnerkorken knallten, Frauen tauchten ihre Taschentücher in das Blut des mit Clark Gable verglichenen Frauenhelden.[6] Danach verzichtete man in Frankreich auf weitere Spektakel dieser Art. Aber es dauerte dann noch einmal über 40 Jahre, bis  in Frankreich –mit der Lex Badinter von 1981- die Todesstrafe endlich abgeschafft wurde. In Russland –Turgenjew richtete sich mit seinem Text ja in erster Linie an eine russische Leserschaft- geschah das erst 2009- und in vielen anderen Ländern hat sich –nicht einmal in diesem Punkt- die „humanité contemporaine“ immer noch nicht durchgesetzt…

 

Die Geiselerschießung in der Roquette 1871

Ein besonders tragisches Ereignis war sicherlich die Erschießung von sechs Geiseln durch die Commune in der Grande Roquette. Sie fand statt am 24. Mai 1871, während der blutigen Niederschlagung der Commune in der semaine sanglante[7], durch die Versaillais, also die Truppen der nach Versailles geflüchteten Regierung unter Adolphe Thiers.

Grundlage der Geiselerschießung war ein Dekret der Commune vom 5. April 1871, dem gemäß alle mit der Regierung in Versailles zusammenarbeitenden Personen Geiseln des Volks von Paris seien. Jede Erschießung von Kriegsgefangenen oder Anhängern der sich als  rechtmäßige  Regierung betrachtenden Commune habe die Erschießung einer dreifachen Anzahl von Geiseln zur Folge- ein auch in den Reihen der Commune und ihrer Sympathisanten umstrittenes Dekret.[8] Allerdings handelte es sich bei der Geiselerschießung in der Roquette um keine automatische  Replik auf die unbeschreiblichen und massenhaften Gräueltaten der Versailler in der semaine sanglante. Die Commune hatte nämlich zunächst angeboten, den von ihr festgehaltenen Erzbischof von Paris, Mgr Darboy, gegen den von den Versaillern gefangenen gehaltenen Revolutionär Auguste Blanqui auszutauschen. Und als dieses Angebot unbeantwortet blieb, schlug die Commune sogar vor, im Gegenzug zur Befreiung Blanquis alle von ihr festgehaltenen 64 Geiseln freizulassen. Blanqui war seit der Revolution von 1830 eine Leitfigur der sozialistischen Bewegung in Frankreich. Mehrfach wurde er wegen  seiner revolutionären Aktivitäten und Überzeugungen verhaftet. So auch im März 1871 auf Befehl von Adolphe Thiers, der damit die Commune einer charismatischen Führungsfigur beraubte und der deshalb auch unter gar keinen Umständen auf das Angebot der Commune eingehen wollte. Sein Sekretär kommentiert das zynisch: « Les otages ! Les otages, tant pis pour eux ! »[9]

So werden am 24. Mai in der Grande Roquette 6 Geiseln der Commune, darunter der Pariser Erzbischof, erschossen.

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Dass Blanqui auch heute noch Verehrer hat, zeigt sein Grab mit der von Dalou geschaffenen eindrucksvollen Bronzefigur auf dem Père Lachaise. (91. Division)[10]

Die Geiselerschießung vom 24. Mai war ein wesentliches  Element in der 1871 einsetzenden groß angelegten Diffamierungskampagne der Commune und ihrer „Verbrechen“, bei der die junge Fotografie systematisch eingesetzt wurde. Fotos vom zerstörten Pariser Rathaus oder der umgestürzten Vendôme-Säule gehörten dazu.[11] Und die Erschießung der Geiseln in der Roquette wurde propagandistisch nachgestellt, fotografiert und verbreitet. Das hatte gleichzeitig auch die Funktion, von dem systematischen Terror der eigenen Seite –mit etwa 30 000 Opfern- abzulenken.

Crimes de la Commune             

 „Crimes de la Commune : Assassinat des otages dans la prison de la Roquette“

 Die Zelle, in der Erzbischof Darboy seine letzten Tage auf dieser Welt verbracht hatte, wurde übrigens beim Abriss der Grande Roquette Stein für Stein abgetragen und in der Krypta des Priesterseminars Saint Sulpice von Issy-les-Moulinaux wieder aufgebaut- zusammen  mit einem  Stück der Mauer, vor der die sechs Geiseln erschossen wurden.[12]

Allerdings haben die Sieger nach Niederschlagung der Commune in der sogenannten „semaine sanglante„, der blutigen  Woche, mit aller Brutalität zurückgeschlagen. Dabei hat wiederum die Grande Roquette eine Rolle gespielt, wie  Prosper Lissagaray in seiner „Geschichte der Commune von 1871“  (es 577, S. 362) berichtet:

Nach beendigtem Kamüfe verwandelte sich die Armee in ein ungeheures Executions-Peleton. Am Sonntag wurden mehr als 5000 Gefangene, die in der Umgegend des Père La Chaise aufgegriffen waren, in das Gefängniß la Roquette geführt. Ein BBataillonschef stand am Eingang und musterte die Gefangenen, ohne an einen  Einzigen  eine Frage  zu stellen, indem er nur „rechts“ oder „links“ sagte. Die zur Linken wurden sogleich erschossen. Man leerte ihnen die Taschen, lehnte  sie an eine Mauer und machte sie nieder. Der Mauer gegenüber hielten zwei oder drei Pfaffen  sich die Breviere vor die Nase und murmelten die Gebete der Sterbenden.“

Die Petite Roquette

Auf der anderen Seite der Rue de la Roquette gibt es den Square de  la Roquette, eine kleine hübsche Parkanlage mit einem Springbrunnen, Blumen, Bänken, Spiel- und (in Paris eher selten) Bolz- und Basketballplätzen  für Jugendliche. Davor sogar auch noch einen Boule-Platz, der allerdings von den zahlreichen Hunden des Viertels eher anderweitig genutzt wird.

Dass man sich auch hier auf geschichtsträchtigem Grund befindet, ist noch deutlicher als auf der anderen Seite der Straße: Da gibt es unübersehbar das übliche grüne Schild der Parkverwaltung, das am Eingang allen Pariser Grünanlagen über den Namen  und die Geschichte des Ortes informiert. So auch hier:

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Der Name der Anlage (und der Straße) sei abgeleitet von einer Pflanze, die zwischen den Steinen des Klosters wuchs,  das  sich hier befunden  habe : die roquette, lateinisch eruca, italienisch rucola, die im Mittelalter schon als Salatpflanze genutzt wurde, dann in Vergessenheit geriet und inzwischen wieder über Italien ihren Weg in die deutsche Küche gefunden hat.[13]  1836 habe ein Gefängnis für Frauen, Kinder und junge Straftäter das Kloster ersetzt, dessen Bau sich an der Festungsarchitektur orientiert habe. In der Tat erinnert das Gefängnis, wie der Plan seines Architekten Louis- Hippolyte Lebas zeigt, in seinen Ausmaßen und seinem Grundriss an eine Festungsanlage Vaubans.(13a)

Lebas war damals ein prominenter Architekt, der gerade die Pariser Kirche Notre-Dame de la Lorette im 9. Arrondissement fertiggestellt hatte. Bei seinem Gefängnisentwurf bezog er sich aber weniger auf Vauban, sondern auf das Modell  des britischen Philosophen Jeremy Bentham  und verwirklichte damit ein für Frankreich damals avantgardistisches Projekt.[14] Bentham, der Begründer des klassischen Utilitarismus, entwickelte zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein Konzept zum Bau von Fabriken und Gefängnissen, das eine möglichst effektive Überwachung und Kontrolle der Arbeiter bzw. Gefangenen ermöglichen sollte, das sogenannte Panopticon.  Von einem zentralen Ort sollten danach alle Fabrikarbeiter oder Gefängnisinsassen beaufsichtigt werden. Im Mittelpunkt eines nach dem Panopticon-Prinzip konzipierten Gefängnisses steht ein Beobachtungsturm, von welchem aus Zelltrakte abgehen (in der sogenannten Strahlenbauweise). So kann der Wärter in der Mitte die Zellen einsehen, ohne dass die Insassen wiederum den Wärter sehen können. Das liegt daran, dass die Gefangenen aus der Sicht des Wärters im Gegenlicht gut sichtbar sind, der Wärter selbst jedoch im Dunkel seines Standortes nicht ausgemacht werden kann. Mithin wissen die Gefangenen nicht, ob sie gerade überwacht werden.

Von diesem Konstruktionsprinzip erhoffte sich Bentham, dass sich alle Insassen zu jeder Zeit unter  Überwachungsdruck  regelkonform verhalten (also abweichendes  Verhalten vermeiden, da sie immer davon ausgehen müssten, beobachtet zu werden. Dies führe vor allem durch die Reduktion des Personals zu einer massiven Kostensenkung im Gefängnis- und Fabrikwesen, denn das Verhältnis zwischen effektiv geleisteter Überwachungsarbeit und erzeugter Angst, beobachtet zu werden, sei sehr günstig.

Michel Foucault hat in seinem Buch „Überwachen und Strafen“ die Wirkung des Panopticons als „Schaffung eines bewussten und permanenten Sichtbarkeitszustandes beim Gefangenen“ beschrieben, „der das automatische Funktionieren der Macht sicherstellt.“ (Frankfurt 1977, S. 258)  Er sieht hier das „kompakte Modell einer Disziplinierungsanlage“ (253), in der die  Machtausübung immer weniger auf die Ausübung körperlicher Gewalt angewiesen ist. Insofern stehe das Panopticon für das  Herrschaftsprinzip liberaler Gesellschaften, die er auch Disziplinargesellschaften nennt.

Nach dem Panopticon-Prinzip wurden im 19. und 20. Jahrhundert weltweit zahlreiche Gefängnisse errichtet- in Deutschland z.B. das ursprünglich als preußisches Mustergefängnis gebaute, aber besonders im Dritten Reich berüchtigte Gefängnis in Berlin-Moabit. Und in Frankreich eben das mächtige sechseckige La Roquette, das in Abgrenzung zu der für die Schwerverbrecher bestimmten Grande Roquette auf der anderen Straßenseite Petite Roquette genannt wurde, weil es für Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 20 Jahren und für Frauen  bestimmt war. Eine Zeit seines jungen Lebens verbrachte hier übrigens in den 1920-er Jahren ein aus schwierigsten Verhältnissen stammender  15- jähriger Jugendlicher- Beginn einer langen Gefängnis-Odyssee: Es war Jean Genet- der mit dem 1942 im Gefängnis geschriebenen eindrucksvollen Gedicht „Le Condamné à mort“ (Der zum Tode Verurteilte) seine literarische Karriere begann.[15]

Alle Gefangenen in der Petite Roquette wurden isoliert und voneinander fern gehalten- selbst bei dem überwachten einstündigen täglichen Aufenthalt im Freien, der in getrennten Pferchen stattfand, oder bei einem Besuch des Erzbischofs (s. Anm. 11). Die entsprechenden zeitgenössischen Bilder aus der Petite Roquette lassen für mich Assoziationen an schlimmste Massentierhaltung aufkommen.

La petite Roquette

Die von totaler Isolation und Überwachung geprägten Haftbedingungen waren schon damals nicht unumstritten: Kaiserin Eugénie, die durchaus  sozial engagierte Frau Napoleons III., war bei einem Besuch in der Petite Roquette offenbar ziemlich entsetzt und forderte einen alternativen Strafvollzug für Jugendliche. Es wurden dann zwar auch landwirtschaftliche Kolonien eingerichtet, in denen jugendliche Strafgefangene arbeiten und auf die Rückkehr in die Freiheit vorbereitet werden sollten, aber die Petite Roquette blieb doch auch weiterhin zumindest eine obligatorische Durchgangsstation.

Nachdem 1939 öffentliche Hinrichtungen in Frankreich verboten worden waren, wurde die  Petite Roquette als Ort künftiger Hinrichtungen von Frauen  in Paris bestimmt. Zweimal wurde dieses Gesetz dann angewendet: Am 6. Februar 1942 wurde Georgette Monnerot hingerichtet, weil sie ihr Kind getötet hatte, am 30. Juli 1943 Marie-Louise Giraud wegen der Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen– da sind wir in der Ära Vichys und Pétains.

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1974 wurde das Gefängnis abgerissen, um das weitläufige Gelände freundlicheren Verwendungen zuzuführen. Erhalten wurden aber die beiden Eingangstore des Gefängnisses, durch die man nun die neue Park- und Freizeitanlage betritt. An dem linken der beiden  Eingangstore weist eine Erinnerungstafel darauf hin, dass hier zwischen dem 18. Juni 1940, dem berühmten Londoner Aufruf de Gaulles zum Widerstand,  bis zum 28. August 1944, der Befreiung von Paris, 4000 Mitglieder der Résistance inhaftiert waren.

Während bei den an allen Schulen angebrachten Gedenktafeln zur Erinnerung an die jüdischen Opfer der Occupation immer auch auf die Rolle der französischen Polizei hingewiesen wird[16], werden hier zwar die Opfer, aber nicht die Täter und ihre Helfer benannt. Auf der homepage der ajpn, der Vereinigung der „Anonymes, Justes et Persécutés  durant la periode Nazie“[17] ist das anders: Dort findet sich folgende präzisere Angabe: „Durant la Seconde Guerre mondiale, 4000 femmes sont emprisonnées à la Roquette par la police française pour faits de résistance.“ Das Gefängnis unterstand jedenfalls  -wie ja auch die Polizei-  der Regierung von Vichy, d.h. die Gefängnisverwaltung lag in französischer Hand.[18] Die Repression der résistance entsprach ja nicht nur dem gemeinsamen Willen der Besatzer und der Collaboration, sondern auch dem Interesse des besiegten Frankreichs, dem sogenannten État français ein Höchstmaß an (scheinbarer) Souveränität zu erhalten.

Unter den inhaftierten Frauen waren übrigens auch Ausländerinnen, die wegen ihrer antifaschistischen Überzeugung verhaftet worden  waren. So auch die deutsch-tschechische Literatin Lenka Reinerová, in deren Biographie sich die Tragik des 20. Jahrhunderts eindrucksvoll niederschlägt: Zu ihren Freunden der Zwischenkriegszeit in Prag gehörten Franz Werfel, Egon Erwin Kisch und Max Brod, der Herausgeber der Werke von Franz Kafka. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Prag Flucht nach Frankreich, dort ein halbes Jahr Einzelhaft in der Petite Roquette, danach in einem Frauenlager der Vichy-Zone interniert, Flucht über Casablanca nach Mexiko, wo sie das Malerehepaar Frida Kahlo und Diego Rivera  und natürlich die ebenfalls nach Mexiko emigrierte Schriftstellerin Anna Seghers trifft. 1948 Rückkehr nach Prag, wo ihr im Rahmen der stalinistischen „Säuberungen“ der Prozess gemacht wird. Erst 1964 rehabilitiert, wird sie  nach der Niederschlagung des Prager Frühlings aus der KPC ausgeschlossen.  2008 starb sie – die letzte Vertreterin der Prager deutschsprachigen Literatur.[19]

Während die Petite Roquette erst 1974 abgerissen wurde, was das auf der anderen Seite mit der Grande Roquette schon 1900 geschehen. Da platzte Paris aus allen Nähten, die Grande Roquette wurde abgerissen, das Gelände zwischen der Rue de la Roquette, der Rue de la Folie Régnault und der Rue la Vacquerie wurde durch kleine verkehrsberuhigte Einbahnstraßen in sechs Rechtecke eingeteilt, die nach und nach mit 6- bis 7-stöckigen Häusern bebaut wurden. In einem davon wohnen wir jetzt..

[1] Die Angaben für das Gewicht des Fallbeils schwanken zwischen 7 und 200 kg (Turgenew). Übrigens werden auch heute noch Guillotines hergestellt- mit denen allerdings nicht mehr Köpfe abgeschnitten werden, sondern Baguette-Rohlinge aus der Teigmasse: http://rinaldin.it/fra/Cat_fra/34_Guillotines.pdf

(1a) Bild aus: https://www.pariszigzag.fr/histoire-insolite-paris/une-guillotine-a-paris

[2] Nach Wikipedia waren es 69: http://de.wikipedia.org/wiki/Gef%C3%A4ngnisse_von_La_Roquette

[3](http://de.wikipedia.org/wiki/Auguste_Vaillant)

[4] Zitiert in : http://fr.wikipedia.org/wiki/Émile_Henry_(anarchiste) 

[5] http://bibliotheque-russe-et-slave.com/Livres/Tourgueniev%20-%20L’Execution%20de%20Troppmann.htm

[6] http://www.welt.de/geschichte/article129139943/Letzte-oeffentliche-Hinrichtung-in-Frankreich.html

http://www.t-online.de/nachrichten/wissen/geschichte/id_69859512/frankreich-deutscher-serienmoerder-wurde-1939-enthauptet.html

[7] Siehe dazu Bericht 15: 140 Jahre Commune

[8] Z.B. auch von Victor Hugo in seinem Gedicht Pas  de représailles (In: L’Année terrible, 1871)

[9] http://www.histoire-image.org/pleincadre/index.php?i=71

[10] Zu Dalou s. den 33. Bericht über das Hotel Païva. Zum Père Lachaise vielleicht später einmal mehr.

[11] In der aktuellen großen  Monet-Ausstellung im Frankfurter Staedel-Museum werden entsprechende Fotos von Jules Andrieu und Franck gezeigt.

[12] http://www.sulpissy.info/spip.php?

[13] Ein freundlicher Leser des Berichts hat mich darauf hingewiesen, dass die Rauke sogar im Hessenpark im Taunus  angebaut und gezeigt wird. Siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Rucola

(13a) Die Federzeichnung aus den 1830-er Jahren ist auch zu sehen in der Dauerausstellung der Architekturgeschichte von Paris im Pavillon d’Arsénal in Paris

[14] Anaïs Guérin, La Petite Roquette, la  double vie d’une prison Parisienne,  1836 – 1974. 2013

[15] Vollständige französische Version und englische Übersetzung:  http://www.sptzr.net/Translations/prisoner.htm  Auf youtube gibt es eine eindrucksvolle (gekürzte) Chanson-Version von Marc Ogeret

Einen Bericht über die letzten Stunden eines zum Tode Verurteilten in der Grande Roquette gibt es übrigens auch von Jules  Valls in seinem Le Tableau de Paris, 1882/1883

[16] Siehe 10. Bericht (November 2010): Spuren der Erinnerung

[17] http://www.ajpn.org/internement-Prison-de-la-Roquette-470.html

[18] Die Gestapo hatte in Paris ein  eigenes Gefängnis, das Cherche-midi im Boulevard Raspail, das  allerdings nicht der Internierung diente, sondern dem Verhör und damit natürlich auch der Folter.

[19] Martin Doerry und Hans-Ulrich Stoldt haben 1982 im Spiegel (30.9.2002) ein sehr lesenswertes Interview mit Lenka Rainerowa  veröffentlicht.   http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-25327110.html

Hochwasser in Paris (2016 und 2018)

 

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Le  Monde, 4. Juni 2016

An vielen Orten in Frankreich, vor allem aber auch in Deutschland, hatte das Hochwasser katastrophale Ausmaße und Folgen. In Paris ist das- soweit man das bisher weiß- nicht so.

Natürlich führt das Hochwasser zu manchen Beeinträchtigungen:  Die Schiffsrundfahrten auf der Seine sind eingestellt, weil selbst die niedrigen bateaux mouches nicht mehr die Brücken passieren können.

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 Metro-Stationen und eine Linie der Vorort-Bahn RER sind gesperrt. Die  läuft in Paris parallel der Seine und das Gleisbett liegt mehrere Meter unter dem Hochwasser-Spiegel des Flusses. Zwar liegen zwischen Fluss  und Bahn mehrere Meter und eine dicke Wand, aber durch die rieselt und tröpfelt es überall. Auch wenn das Wasser ständig abgepumpt wird, ist das Risiko für einen Betrieb der Bahn offensichtlich zu groß. Das betrifft leider gerade die RER-Linie C nach Versailles. Da wurde also nichts aus den  grands eaux im Park von  Versailles, die Freunde aus Deutschland unbedingt sehen wollten. Dafür gab es eben die grands eaux in Paris.

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Und zusätzliche Beeinträchtigungen des öffentlichen Nahverkehrs gab es durch ein mouvement social, die Streikbewegung eines Teils der Gewerkschaften gegen die von der Regierung geplante Reform des loi de travail, des Arbeitsgesetzes.

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Natürlich stehen die Fußgängerzonen auf den Tiefkais der Seine  rive gauche unter Wasser, ebenso. die Voie Pompidou, die Autostraße auf der nördlichen Seine-Seite. Aber die ist am Wochenende sowieso  für den Autoverkehr gesperrt, und die Bürgermeisterin von Paris hat angekündigt,  dass  diese Sperrung generalisiert werden  soll.

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Dazu waren das Louvre und das Musée d’Orsay zeitweise geschlossen, weil dort die in den Kellern gelagerten  Bestände und zum Teil auch die Ausstellungsstücke im Erdgeschoss  in Sicherheit gebracht werden mussten. Und dann gibt es auch ganz unerwartete Probleme, selbst da, wo man sie am wenigsten  erwartet hätte: Die ja nun wirklich nicht vom Hochwasser bedrohten Türme von Notre Dame waren zeitweise nicht mehr zugänglich, weil die Sromversorgung nicht mehr funktionierte.

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Aber das alles ist zu verschmerzen. Zumal  das Hochwasser an der Seine  eine außerordentliche Touristen-Attraktion ist. So hoch wie jetzt stand das Wasser der Seine seit 1982 nicht mehr.

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Auf den Brücken an an den Rändern der Seine drängeln sich die Zuschauer und Fotografen. Interessante Motive gibt es ja mehr als genug.

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Ein geradezu obligatorisches Hochwasser-Fotomotiv ist die Statue des Soldaten am Pont de l’Alma, der jede Menge von Schaulustigen anzieht.

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Es handelt sich um ein „Überbleibsel“ der ersten Alma-Brücke, die Mitte  des 19. Jahrhunderts gebaut wurde. Diese Brücke hatte zwei Pfeiler, die mit insgesamt vier Statuen verziert waren. Sie repräsentierten vier Regimenter der französischen Armee, die 1854 am Krim-Krieg teilnahmen: Ein Artillerist, ein Zuave,  ein Jäger und ein Grenadier. Als die Brücke in den 1970-er Jahren durch eine neue ersetzt wurde,  blieb nur das Standbild des Zuaven am alten  Platz.

Zuaven  waren eingeborene Söldner,  die von den Franzosen ab 1830 angeworben wurden, um an der Eroberung Algeriens teilzunehmen. Im Krim-Krieg wurden auch Zuaven-Verbände eingesetzt, die sich in mehreren Kämpfen, so auch in der Schlacht an der Alma, auszeichneten. Insofern  ist zu erklären, dass die Zuaven-Statue ihren Platz an der Alma-Brücke behalten hat. Inzwischen ist sie nicht nur ein prominenter Hochwasserindikator, sondern ist sogar Teil der französischen Kultur: In Chansons, Romanen und in den Abenteuern von Tim und Struppi hat er der Zuave seinen Platz.  (1)

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Das Bild wurde am 5. Juni  2016  nachmittags aufgenommen- das war das Hochwasser schon deutlich zurückgegangen und dem Zuaven stand das Wasser nicht mehr „bis zum Hals“, aber immerhin noch bis über die Knie – und das heißt, dass die berges de la Seine, die Tiefkais, nicht mehr zugänglich sind. (Im Hintergrund kann man übrigens bei genauem Hinsehn die goldene Kuppel der gerade im Bau  befindlichen russisch-orthodoxen Kathedrale am Quai Branly erkennen.)

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Anfang Februar 2018 erhielt der Zuave anlässlich eines erneute Seine-Hochwassers eine Rettungsweste, um auf die Folgen und Gefahren des Klimawandels aufmerksam zu machen. Das Wasser stand da ähnlich hoch wie schon 2016. (2)

Zum Vergleich: Bei  normalem Wasserstand hat der Zuave trockene Füße….

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Und so  präsentiert er sich den Bootsfahrern:

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Bis über den Hals steht dem braven Zuaven Hollande allerdings das Wasser der Steikbewegung in Frankreich – und das auch noch eine Woche vor dem Beginn der Fußball-Europameisterschaften:

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Karikatur von Plantu in der Ausgabe von Le Monde vom 7.6.2016

Aber es gibt auch Möglichkeiten,  dem Hochwasser  positive Seiten abzugewinnen:

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Opfer gab es -soweit man bisher weiß- in Paris nicht. Aber es ist -nach Überzeugung der Umweltministerin Ségolène Royal- nicht ausgeschlossen, dass man noch Opfer entdecken wird. Immerhin gibt es sehr viele Obdachlose (SDF) und Flüchtlinge, die auf den  Seinekais ihre Zelte aufgeschlagen haben oder in Verschlägen hausen. Da ist es gut möglich, dass einige von der schnell ansteigenden Flut überrascht wurden – zumal das Ausmaß des Hochwassers und seine Dynamik von den Experten eher unterschätzt wurden.

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Aber größere Schäden  blieben bei dieser Flut (toi,toi,toi!) aus. Und bei 6,10 Metern Höchststand des Wassers kann man zwar ein außergewöhnliches Naturschauspiel erleben, ohne aber selbst nasse Füße zu bekommen. 1955 stand das Wasser der Seine noch einen Meter höher, 1910 bei dem „Jahrhunderthochwasser“ sogar zweieinhalb Meter höher. Da erreichte es genau 8,62 Meter, so dass große Teile von Paris unter Wasser standen und natürlich auch ein großer Teil der Metro-Schächte. An der  Markierung auf der Ile St. Louis kann man sich eine Vorstellung  vom Ausmaß der damaligen Katastrophe machen. Jetzt konnte ich an dieser Stelle aus sicherer Höhe den Strudel auf dem überschwemmten Kai fotografieren…

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Eine sehr anschauliche Übersicht über die Hochwasserstände der Seine findet sich übrigens am Porte de plaisance de l’Arsenal, kurz bevor es über die Schleuse zur Seine geht.

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Die Markierung ganz oben bezeichnet das Jahrhunderthochwasser von 1910. Für die Hochwasser von 2016 und 2018 gibt es noch keine Markierungen – sie würden sich ziemlich weit unten befinden- zwischen den beiden unteren Markierungen…  Also gerade im historischen Vergleich kein dramatisches Ereignis. Umso besser.

Außergewöhnlich war allerdings, wie lange es 2018 gedauert hat, bis nach dem Höhepunkt des Pegelstandes Ende Januar  wieder ein Normalzustand hergestellt war. Wochenlang waren die beiden Tiefkais der Seine gesperrt und an Seine-Rundfahrten war nicht zu denken. Also vielleicht tatsächlich ein bedenklicher Vorbote dessen, was Paris bei dem weiteren Klimawandel erwartet.

Die nachfolgenden Fotos wurden Ende Februar 2018 aufgenommen. Auf den berges de la Seine, wo  jetzt immer noch das Wasser steht, kann man sonst laufen, Rad fahren oder  sich in die Sonne legen….

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Die Möwen haben es allerdings gut bei dem Hochwasser und die Kormorane offsichtlich auch: Sonst haben wir die im Stadtgebiet von Paris noch nie gesehen. Aber in den seichten Überschwemmungszonen ist ihre Jagd besonders vielversprechend.

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Zufrieden  sind auch die Angler. Auch sie haben es auf die Fische in den Überschwemmungszogen abgesehen. Allerdings sind sie gegenüber den Kormoranen im Nachteil, denn bei dem kalten Wetter beißen die Fische eher selten an. Den  alten Herrn störte das allerdings nicht.  Er verbringe  hier einen schönen ruhigen Nachmittag und da sei er zufrieden, auch wenn er keinen Fisch zum Abendessen mitbringe…

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Anmerkungen

(1) Zur Bedeutung und Geschichte des Zuaven:

http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2016/06/03/01016-20160603ARTFIG00112-qui-est-vraiment-le-zouave-du-pont-de-l-alma.php

Dieser Artikel des Figaro wurde im Januar 2018 anlässlich des erneuten Seine-Hochwassers  noch einmal in aktualisierter Form ins Netz gestellt

(2)  http://www.lemonde.fr/climat/article/2018/01/25/inondations-pas-de-repit-la-seine-de-plus-en-plus-haute-a-paris_5246640_1652612.html

http://www.liberation.fr/depeches/2018/02/04/rechauffement-climatique-un-gilet-de-sauvetage-pour-le-zouave-de-la-seine_1627311

 

Von Frankfurt nach Paris und zurück: Die Stolpersteine in der Westendstraße

  1. Die Stolpersteine in der Westendstraße für Recha und Dr. Leo Koref

Am Freitag, dem 20. Mai 2016,  wurden vor dem Haus Westendstraße 98 in Frankfurt am Main zwei Stolpersteine installiert:  Einer für Dr. Leo Koref und einer für Frau Recha Koref.

Stolpersteine sind, wie wir bei  Wikipedia lesen können,  „ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, das im Jahr 1992 begann. Mit im Boden verlegten kleinen Gedenktafeln soll an das Schicksal der Menschen  erinnert werden, die in der Zeit des Nationalsozialismus (NS-Zeit) verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Diese quadratischen Messingtafeln mit abgerundeten Ecken und Kanten sind mit von Hand eingeschlagenen Lettern beschriftet und werden von einem angegossenem Betonwürfel mit einer Kantenlänge von 96 × 96 und einer Höhe von 100 Millimetern getragen. Sie werden meist vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der NS-Opfer niveaugleich in das Pflaster bzw. den Belag des jeweiligen Gehwegs eingelassen. Mittlerweile gibt es über 56.000 Steine (Stand: Dezember 2015) nicht nur in Deutschland, sondern auch in 19 weiteren europäischen Ländern. Die Stolpersteine sind das größte dezentrale Mahnmal der Welt.“ 

Die Stolpersteine ermöglichen es, „ein Empfinden für das Ausmaß des Schreckens zu bekommen (…). Man muss kein Konzentrationslager besuchen, um an die Ereignisse und ihre mörderischen Folgen erinnert zu werden, man ist mit ihnen jeden Tag konfrontiert, wenn man zum Bahnhof oder zur Arbeit geht.“ Für das Frankfurter Westend,  in dem die Stolpersteine für Dr. Leo und Recha Koref installiert wurden, gilt das in ganz  besonderer Weise: Das Westend war ein Frankfurter Viertel, das in ganz besonderer Weise von jüdischer Präsenz geprägt war, und das bezeugen heute die vielen Stolpersteine, auf die man dort gewissermaßen auf Schritt und Tritt trifft. (0)

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Wer waren Recha und Dr. Leo Koref? Warum wurden die Stolpersteine für sie gerade an dieser Stelle installiert?  Welche Rolle spielt dabei Paris? Und was haben wir damit zu tun?

Wenn ich versuche, diese Fragen zu beantworten, wird es um unvorstellbare Grausamkeit gehen, um das finsterste Kapitel deutscher Geschichte, aber auch um großes Glück, um Hilfsbereitschaft, um bewundernswerte Energie, sich nicht unterkriegen zu lassen, und  -ganz am Anfang:  um eine erstaunliche Begegnung in Paris, ohne die es die Stolpersteine in der Westendstraße nicht geben würde…

  1. Die Begegnung mit dem Ehepaar Dr. Adler in Paris

Vor etwa zwei Jahren fand im Maison Heinrich Heine, dem deutschen Haus der Cité Universitaire in Paris, eine Podiumsdiskussion zum Thema Europa statt. Unter anderem ging es um –schon damals verbreitete- Vorbehalte gegen den europäischen Einigungsprozess, vor allem gegen „die da oben in Brüssel“. In der anschließenden Diskussion meldete ich mich, „outete“ mich als Hesse und berichtete von einem früheren Versuch der Kommission, das Wort „Apfelwein“ zu verbieten, weil „Wein“ aus Trauben hergestellt sein müsse. Da habe es einen Sturm der Entrüstung gegeben und der Angriff auf eine regionale Institution sei erfolgreich abgewehrt worden.

Nach dem Ende der Veranstaltung lud –wie immer- das Maison Heinrich Heine zu einem „pot d’amitié“ ein,  also einem Glas –echtem- Wein und einem kleinen Buffet: Die Möglichkeit zu einem ungezwungenen Gespräch mit den „Intervenants“ auf dem Podium und zwischen  den Besuchern. Da kam  nun ein älterer Herr auf mich zu und sprach mich auf Französisch  an. Er habe meinen  Beitrag sehr gut gefunden, müsse mich aber in einem Punkt korrigieren: Es heiße doch nicht „Apfelwein“, sondern  „Äppelwoi“! Meine Überraschung und mein Erstaunen  kann man sich wohl vorstellen. Wir kamen natürlich ins Gespräch und ich erfuhr, dass der alte Herr in Frankfurt aufgewachsen war und  nach der Kristallnacht –als Jude- gerade noch rechtzeitig nach Paris emigrieren konnte, wo er heute lebt und – im Alter von 88 Jahren!- noch als Arzt praktiziert.

Er erzählte auch etwas von seiner Verbundenheit mit der Heimatstadt. Sein Vater habe ihm zum Beispiel abends, wenn er krank gewesen sei, Gedichte von Friedrich Stoltze vorgelesen. Kleine Erläuterung für Nicht-Frankfurter: Stoltze war Lokalpatriot im besten Sinne, stolzer Bürger der Freien  Reichsstadt Frankfurt, überzeugter Demokrat und 1848-er Revolutionär und nicht zuletzt der –nach Goethe- wohl bedeutendste Frankfurter Dichter. Im Gegensatz zu Goethe, bei dem der sprachliche Lokalkolorit höchstens einmal kaum merkbar durchschlägt, schrieb Stoltze durchweg in Frankfurter Mundart. Eines seiner bekanntesten Gedichte ist die  „Blutblas“: Die Geschichte eines ungezogenen Schülers, dem es auf sehr raffinierte und spektakuläre Weise gelingt, aus den Prügeln seines Lehrers noch besten Nutzen zu ziehen.

Friedrich Stoltze, Die Blutblas 

Farrnschwänz* odder Hasselstecke
Soll kaa weiser Lehrer fihrn!
Statts e Bess’rung zu bezwecke,
Kann em Schlimmes mit bassirn.
De Herr Diehl hat deß erfahr’n, ach,
An sich selwer wunnerbar,
Der vor so un so viel Jahrn, ach,
Hie in Franfort Lehrer war.
Dann der Diehl war aach so Aaner:
Gleich uff Prichel stann sei Sinn,
Un sei Farrnschwanz war kaa klaaner,
Un sei Stecke warn net dinn.
Schlechte Buwe gibbt des wea freier Mann,
wahre Deiwel sicher,
Dene wir können nicht heilig
in der Schule ist ein Farrnschwanz.
So e Schüler schlimmster Rass’ach,
Namens Mohr, e Mexterschsoh,
Unfug triew err in der Klass‘, ach,
Merr hat kaan Begriff derrvo.
Dem Herr Diehl sein neue Stecke
Hatt‘ err’m haamlich sehr beschmiert;
Der Herr Diehl dhat’s ehrscht entdecke,
Als err sich die Händ lackiert.
„Waart nor, Mohr’che! Kimmste de morje!
– Dann kaa Annrer hat’s gedhaa,-
Wern ich Ebbes derr besorje,
Lumpebub! Da denkstde draa!“
Mohr von Ahnunge belästigt,
Dann er war von feiner Nas,
Hatt‘ derr sich wohi befestigt,
Blutgefillt e Schweineblas.
  
So begaw err in die Schul sich,
Setzt sich sittsam uff sein Blatz.
Diehl erhub da von seim Stuhl sich!
„Komm doch emal her, mei Schatz;
So. Jetzt haw ich dich! Bereue
Sollst de jetz dein Frevel schnell!“-
Lehrer Diehl ließ sich en neue
Farrnschwanz hole bei’m Pedell.
Hat den Mohr dann flugs gezoge
Iwwern Stuhl. – „Wart Satanas!“
Hui! wie sin die Schmiß gefloge
Uff dem Mohr sei Schweineblas!
Bis se blatzt! – Un ausgestoße
Hat en dumpfe Ton der Mohr;
Aus de Baa von seine Hose
Quoll e Blutstrom, ach, evor.
Lehrer Diehl gewahrt’s mit Schrecke,
Ihm entfiel der Farrenschwanz.
Sterwend dhat der Mohr sich strecke.
„Mörder!“ krisch die Klass‘, die ganz.
Gar net war des Blut ze stille
In de bääde Hosebaa.
„Liewer Mohr! um Gotteswille“,
Rief der Diehl, „ach sterb net! Naa!
Da! Da hast de aach drei Batze,-
kaaf der driwwe bei dem Kitz
Aeppelranze odder Mazze,
Odder bei dem Steitz Lakritz!
Nemm se Mohrche! Guck mei Threne!
Haag dich aach gewiß net mehr!“
Da begann der Mohr zu stehne:
„No, so gewwe Se se her!“
 

* Farrnschwanz = Farre: landsch. für junger Stier (Duden), also ein Ochsenziemer

Mazze= Matze,  „ungesäuertes Brot“ genannt, ist ein dünner Brotfladen, der von religiösen und traditionsverbundenen Juden während des Pessach gegessen wird. Dass der Händler gegenüber neben getrockneten Apfelringen auch Matzen im Angebot hat, weist  auf die Bedeutung der jüdischen Gemeinde im Frankfurt des 19. Jahrhunderts hin.

Gerade wenn man selbst einmal  in Frankfurt Lehrer war, gehört die Blutblas natürlich auch zu den besonders geliebten Gedichten. Und da ich es im Kopf habe, sah ich jetzt die Möglichkeit, dem alten Frankfurter Juden und Stoltze-Freund damit eine Freude zu machen. Ich begann also, im Foyer des Maison Heinrich Heine „die Blutblas“ zu rezitieren.  Ganz offensichtlich mit dem erhofften Ergebnis, dem freudigen Gesichtsausdruck meines Gegenübers. Umso erstaunter, ja erschrockener war ich dann allerdings, dass ich nach einigen Versen ziemlich energisch unterbrochen wurde. Hatte ich etwa falsch zitiert? Erschien die Situation peinlich?  Nein, ganz anders: Der alte Herr hatte mich unterbrochen, um in bestem Frankforterisch das Gedicht weiter zu rezitieren, das ihm zuletzt wohl vor über 75 Jahren von seinem Vater vorgetragen worden war! Einfach unglaublich.

  1. Die Geschichte von Dr. Adler: Von Frankfurt nach Paris

Wir vereinbarten in Kontakt zu bleiben. Im Sommer war meine ehemalige Kollegin Doris Stein zu Besuch in Paris- wir hatten während unserer gemeinsamen Schulzeit eine ganze Reihe von fächerübergreifenden Projekten durchgeführt, auch zur jüdischen Geschichte Frankfurts. Doris schlug vor, ein Gespräch mit Dr. Adler  über seine Geschichte zu führen, es aufzunehmen, zu protokollieren und dem Projekt „Jüdisches Leben in Frankfurt“ zur Verfügung zu stellen. Auf der Website des Projekts werden die Biographien vertriebener Frankfurter Juden „mit ihrer Familiengeschichte und ihren  Leiden in der NS-Zeit vorgestellt“. Ziel ist es, mit der Dokumentation von „Biographien  aus der Nachbarschaft“ das Interesse von Schülern an der Geschichte ihrer Stadt und der bedeutenden Rolle von Juden „für das Wohl und das Gedeihen der Stadt“ zu wecken und damit einen Beitrag gegen das Vergessen zu leisten. [1]

Wir luden also Dr. Adler und seine Frau zu einem „Frankfurter Abend“ ein- natürlich mit importiertem Äppelwoi/Ebbelwoi zum Apéro, echten Frankfurter Würstchen, Gref-Völsings Rindswurst, Kartoffelsalat und einem Gespräch über seine Geschichte.

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Und die ist es wirklich wert, erzählt zu werden[2]:

Dr. Pierre Adler wurde als Peter Adler 1927 in Frankfurt geboren. Sein Vater war Vertreter einer großen Textilfirma, seine Mutter, die Literatur und Philosophie studiert hatte, Hausfrau. Man lebte in ruhigen, gesicherten Verhältnissen, zunächst in Niederrad, dann in der Taunusstraße. „Wir wohnten in einer sehr schönen 5-Zimmer-Wohnung. Ich weiß heute noch, wie groß das Herrenzimmer war: zehn auf acht, also 80 qm.“ Der Junge besuchte das Philanthropin und dann das eigentlich nur für Mädchen reservierte Heinemannsche Institut im Westend.

Den Antisemitismus der Nazis bekam Peter Adler nach der sogenannten „Machtergreifung“ am eigenen Leibe zu spüren. Er berichtet:

„Ich hatte ein Abonnement in einer Bibliothek, in der ich regelmäßig jede Woche einige Bücher auslieh. Eine Bibliothekarin beriet mich dabei immer sehr freundlich und hilfreich. Dann wurde aber, ich weiß nicht mehr genau ob es 36 oder 37 war, ein Gesetz herausgebracht, nach dem Juden nicht mehr das Recht hatten, städtische Büchereien  zu benutzen und dort Bücher auszuleihen. Ich bin also nach Hause gegangen, holte die ausgeliehenen Bücher, die ich dort noch hatte, und gab sie  zurück. Beim Verlassen der Bibliothek fragte mich der am Ausgang sitzende Sekretär;

„Kommst du nächste Woche wieder, um Bücher zu holen?“

Ich antwortete: „Nein, ich komme nicht mehr“.

„Und warum nicht?“

„Weil ich das nicht mehr darf“.

„Ja, ganz richtig, weil du nämlich ein dreckiger Jude bist!“.                                                                        Und das brüllte er durch die ganze Bücherei- für einen kleinen Jungen, der damals 8 oder 9 Jahre alt war, ziemlich eindrucksvoll.“

Über die sogenannte Kristallnacht und die Verhaftung seines Vaters berichtet Pierre Adler:

„Die Kristallnacht, die von Goebbels als „spontane Volkswut“ bezeichnet wurde, war für 18 Uhr angekündigt worden und sie begann dann auch pünktlich um 18 Uhr, ganz spontan also. Ich war an diesem Abend nicht draußen und habe nicht gesehen, was sich da abspielte. Erst am nächsten Vormittag. Aber ich muss sagen, dass meine Eindrücke da völlig überlagert wurden von einem Ereignis, das an diesem Vormittag des 10. November um 7 Uhr stattfand, der Verhaftung meines Vaters. Zwei Männer in Zivil kamen, haben meinen Vater verhaftet und abgeführt. Für mich war es völlig klar, dass ich keineswegs sicher sein konnte, ihn wiederzusehen. An diesem Tag hat der kleine Junge von 11 Jahren, der ich damals war, einen Sprung ins Erwachsenenalter gemacht. Als ich nach der Verhaftung meines Vaters auf der Straße war, habe ich zerbrochene Scheiben gesehen und eine in Brand gesetzte Synagoge, aus der es noch rauchte. Aber bezogen auf das persönliche Ereignis war  alles weniger bedeutsam für mich.

Als ich gegen 10 oder 11 Uhr nach Hause kam, erschienen zwei weitere Männer in Zivil, um unsere Wohnung zu inspizieren und nach Waffen und verbotenen Büchern zu suchen. Dabei kam es zu folgender Szene: Mein Großvater war auch gekommen, von meiner Mutter per Telefon gerufen. Sie hatte ihm ein verbotenes Buch eines –ich glaube- österreichischen Sozialisten gegeben mit dem  Titel „Der Hunger“, das das Leid der Arbeiterklasse beschrieb. Mein Großvater hatte dieses Buch in der Hand, als die beiden Männer in die  Wohnung kamen. Er behielt es ruhig in der Hand, wir haben vor Angst gezittert, die beiden Männer fanden nichts in unserer Bibliothek, merkwürdigerweise  auch keine Waffen. Sie haben dann die Wohnung wieder verlassen, ohne etwas zu zerschlagen, wie es in vielen anderen Wohnungen gemacht wurde.

Mein Vater war also in Buchenwald, ist aber nach 4 Wochen  wieder zurückgekommen dank der französischen  Visa, die wir erhalten hatten. Das hatten  wir meinem  Onkel zu verdanken, der schon 1933 nach Paris emigriert war. Er war aus seiner Universität geworfen worden und setzte sein Jura-Studium in Paris fort. Dort hatte er schon zahlreiche Kontakte zu seinen Professoren geknüpft und auch schon erfolgreich die notwendigen Prozeduren für unsere Visaerteilung in Gang gesetzt. Als mein Vater am Tag nach der Kristallnacht verhaftet wurde, schickte meine Mutter ihrem  Bruder ein Telegramm mit der dringenden Bitte die Visaerteilung zu beschleunigen. Und tatsächlich wurden die Visa auch innerhalb von vier Wochen ausgestellt. Das war der Grund für die Entlassung meines Vaters aus Buchenwald.“

 Die Familie machte sich damals übrigens einige Sorgen wegen der Entlassungsformalitäten. Dazu gehörte nämlich eine Verpflichtungserklärung, Deutschland innerhalb von vier Wochen zu verlassen. Und der Vater konnte ja nicht wissen, dass die französischen Visa schon auf dem  Weg waren. Würde der Vater also als „typisch deutscher Jude – „un juif typiquement allemand réglo- réglo à tout point de  vue“ eine Verpflichtung eingehen, deren Einhaltung er ja nach seinem  Wissensstand keinen Falls garantieren konnte?

Dazu Pierre Adler:

„Als mein Vater zu Hause ankam und wir ihm von unserer Sorge berichtete, sagte er: „Wisst Ihr, wenn man da rauskommt, wo ich rauskomme, unterschreibt man alles, egal was“.

Die Abschiedsrede des SS-Mannes von Buchenwald an die paar Männer, die an diesem Tag entlassen wurden, enthielt folgende Worte:

„Meine Herren, Sie  werden jetzt  entlassen und Sie werden emigrieren. Ich rate Ihnen, soweit weg wie möglich. Wir werden Sie immer aufspüren. Und ich rate Ihnen auch, nicht über das zu sprechen, was Sie hier gesehen  haben. Denn wenn wir das erfahren, werden wir Sie holen und Sie werden hierher zurückkommen. Aber dann werden Sie nicht mehr befreit, das wird dann lebenslänglich sein. Aber seien Sie sicher, das wird dann nicht für so lange sein.“

Als die Familie die französische Grenze erreicht hatte, war die Erleichterung groß, und auch der kleine Peter war sich der Veränderung bewusst: „Kann ich jetzt alles sagen?“, fragte er seinen Vater. In Deutschland, vor der Ausreise, hatte man bei sensiblen Gesprächen die Schnur des Telefons aus der Wand gezogen und die Steckdose mit einem Kissen abgedeckt…

Über die ersten  Jahre in Paris berichtet Pierre Adler:

„Der Anfang in Paris war für die Familie recht schwierig.“ Pro Person habe man nur 10 Mark mitnehmen dürfen, sonst nichts. „Obwohl die Großmutter mehrere Jahre in Belgien gelebt hatte, sprach sie kaum Französisch. „Die Großmutter war kein Sprach-genie. Sie hatte große Schwierigkeiten, sowohl mit der französischen Sprache als solcher, als auch mit der Aussprache. Man hat ihr die Ausländerin 10 Kilometer gegen den Wind ange-hört.  Zu Anfang sind wir bei einem Cousin meines Vaters untergekommen, bei dem wir eine Zeitlang gewohnt haben. Mein Vater hat mit diesem Cousin zusammen ein bisschen gearbei-tet. Dieser Cousin machte Schmuckstücke und handgemachte Knöpfe für die haute couture. Nach der Zeit bei dem Cousin haben wir gegenüber in einem winzig kleinen Hotel gewohnt, bis wir dann schließlich 1939 eine Wohnung gefunden haben im 20. Arrondissement, einem Viertel, in dem die Mieten nicht so hoch waren. Denn an Geld war nicht viel vorhanden. Aber über die finanziellen Verhältnisse aus dieser Zeit weiß ich eigentlich nichts. Da hab ich keine Ahnung. Ich weiß, dass mein Vater versucht hat, Arbeit zu finden. Er ist zu verschiedensten Pariser Grossisten für Kleiderstoffe, für Frauenkleider, gegangen und hat denen gesagt: ‚Ich bring euch eine Kundschaft aus dem Balkan, aus der Türkei, aus Griechenland, aus Italien, aus der Schweiz. Das sind alles Leute, die sehr gerne wieder mit mir arbeiten. Gebt mir eine Kollektion. Ich reise für euch‘. Und er erhielt als Antwort: ‚Ach, das ist nicht nötig. Die Firmen schicken alle ihre Repräsentanten hierher nach Paris. Die kommen zu uns. Wir brauchen niemanden, der zu denen reist‘.  Er kam mit seinem Beruf nirgends an. Nirgends. Also hat er zum Teil bei seinem Cousin gearbeitet“.

Die Verhältnisse änderten sich 1939 mit Ausbruch des Krieges. „Und dann kam die Kriegszeit. Das heißt, mein Vater wurde innerhalb kürzester Zeit interniert. Er war ja ein ‚feindlicher Aus-länder‘.  Vorläufig wurde nur der Vater interniert. Später auch die Mutter. Sie kam dann nach Gurs. Und er in die verschiedensten Lager.“

Pierre Adler wurde wegen der Furcht vor Bombardements  mit einer Gruppe der jüdischen Pfadfinder Frankreichs aus Paris  evakuiert. Und schließlich fand sich die ganze  Familie, Großmutter, Mutter, Vater und er, sich im sogenannten freien, vom Collaborations-Regime Vichys regierten Frankreich zusammen.

In  Sicherheit fühlte sich die Familie dort aber keineswegs:

Es war uns klar, dass irgendwann Frankreich ganz besetzt würde. Und dass dann wahrscheinlich Deportationen losgehen, war auch klar. … Der Glaube, dass wir Juden in den Osten umgesiedelt werden  und dass es da Arbeit für uns gibt und es uns besser geht, dieser Glaube war anfangs da. Aber es wurde sehr schnell bekannt, dass da Dinge vorgehen, die mit Arbeit nichts zu tun haben. Ich bin monatelang mit einer Rasierklinge in der Tasche herumgelaufen. Mit 14 oder 15 Jahren. Ich hab mir gesagt: ‚Lebendig kriegen sie mich nicht‘.“

Die Deportationen begannen sogar schon vor der Besetzung Südfrankreichs durch die Wehrmacht:  „Im August 1942 warnte ein Angestellter der Präfektur von Limoges meine  Eltern, sie müssten so schnell wie möglich den Ort verlassen, weil sie ganz obenan  auf einer Liste der zur Deportation bestimmten Personen stünden. Das war im August 1942, in der sogenannten freien  Zone!

Wir haben einen Freund alarmiert,  der in der Résistance organisiert war, und sind so schließlich in die Schweiz gekommen. Meine Erfahrungen in der Schweiz waren äußerst menschlich. Zum Beispiel schon gleich bei unserer Ankunft: Mein Vater, meine Großmutter,  meine Mutter und ich kamen mit Hilfe von Fischern über den Genfer See in die Schweiz. Die Fischer forderten uns auf, sich an dem Felsen, an dem wir angekommen waren, so lange ruhig zu verhalten, bis sie außer Sichtweite  seien. Denn wenn wir vorher entdeckt würden, müssten wir damit rechnen, wieder nach Frankreich zurückgebracht zu werden. Wir sind also ruhig in einer kleinen Bucht geblieben, bis wir die Fischer nicht mehr sahen und haben uns dann an den Aufstieg zur darüber liegenden Straße gemacht. Als wir einige Zeit die Straße zum nächsten Ort entlanggegangen waren, tauchte ein Fahrradfahrer in Uniform  hinter uns auf. Es war ein Polizist, er hielt an und  stieg von seinem Fahrrad. „Messieurs- dames, wo kommen Sie her?“ Mein Vater sagte ihm die Wahrheit. Wir haben  ihn also in seine Polizeidienststelle begleitet. Dort sagte er uns: „Warten Sie bitte einen Moment auf mich, ich werde Sie zum Polizeikommissariat des Kantons begleiten.“ Es handelte sich um den Kanton Vaux und das Kommissariat befand ich in Lausanne. 10 Minuten später kam er wieder, er hatte  sich Zivilkleidung angezogen, um deutlich zu machen, dass  wir keine Häftlinge sind. Das ist eine menschliche Geste, die ich nie  vergessen  werde. Wir wurden schließlich im Kommissariat von Lausanne empfangen, wo wir befragt und schließlich zu einem Haus der Heilsarmee gebracht wurden…. Wir  waren mehrere Wochen bei der Heilsarmee. Zuerst in Lausanne selbst. Und dann später in einem Ferienheim der Heilsarmee, oberhalb von Montreux. Da haben wir mehrere Wochen verbracht. Das war herrlich, absolut herrlich. Stellen Sie sich mal vor, für mich als Jungen! Ich war noch nicht 15 Jahre alt. …Mit furchtbaren Lebensmittelbedingungen in Frankreich. Schokolade, das gab es überhaupt nicht! Und als erstes, als wir zur Heilsarmee in Lausanne kamen, gab es ein petit déjeuner, mit frischen Brötchen, Butter, Konfiture, Honig, mit Kaffee, Kakao. Es war unglaublich. So was gab‘s doch nicht mehr!“

Insgesamt waren Pierre Adlers Erfahrungen in der Schweiz sehr positiv:

„Wir hatten sehr viel Glück. Denn die Schweiz ist ja auch teilweise sehr rabiat mit Flüchtlingen umgegangen, hat sie zurückgeschickt oder gar direkt an die Deutschen ausgeliefert. Uns ist nichts passiert. Wir haben Glück gehabt.“ – der menschliche Kommissär, die Heilsarmee,  dann eine Bauernfamilie im Berner Oberland, die ihn aus Menschlichkeit aufnimmt, nicht um seine Arbeitskraft auszunutzen und die dafür sorgt,  dass  er die Schule besuchen kann,  dann der Englischlehrer, der seine Begabung sieht und dafür sorgt, dass er das Gymnasium in Bern besuchen kann und eine Gastfamilie für ihn findet, dann diese Familie eines protestantischen Pfarrers, die den  kleinen Pierre gewissermaßen  als ihr siebtes Kind aufnimmt…[3]

Im September 1945 kehrt Pierre Adler nach Frankreich zurück – verbunden mit einem erneuten schwierigen Schulwechsel.  „Nachdem ich in der Schweiz die Sekunda besucht hatte, wurde ich in Frankreich gnadenvoll in einem Gymnasium in die Terzia aufgenommen. Der Direktor begründete diese Rückstufung:  ‚Schweizer Schulen sind nicht gut‘. Nationalismus gibt es überall. Selbst bei Schuldirektoren.“ Aber dann hat es Pierre Adler dem verbohrten Proviseur doch gezeigt…   Insgesamt war es der 12. – und letzte- Schulwechsel: „Ich habe meine 12 Schuljahre in 13 verschiedenen Schulen, in 3 verschiedenen Ländern und in 3 verschiedenen Sprachen gemacht.“

Und dann kann er auch endlich Medizin studieren! Den Berufswunsch, Mediziner zu werden, hat der kleine Peter Adler sehr früh gefasst. „Im Alter von 4 Jahren. Da hab ich meinen Teddybär seziert. Und hab ihm seinen Brummer  herausgeholt und meiner Mutter gezeigt und gesagt: ‚Das war seine Gallenblase‘. Zur gleichen Zeit ist nämlich meiner Großmutter, die an fürchterlichen Gallenkoliken litt, die Gallenblase entfernt worden. Das hat mich sehr beeindruckt. Denn nach der Operation hatte sie keine Koliken mehr. Und da hab ich meinen  Bär operiert. Meine Mutter kam gerade dazu, als ich ihn zugenäht habe. Also, mit 4 Jahren hab ich das beschlossen. Und dann war und blieb der Wunsch konstant. Kein Lokomotivführer, kein Baggerfahrer, kein Trambahn- oder Autobusfahrer zwischendurch. Nichts. Arzt.“

Auf den Arzt Dr. Pierre Adler warten bald neue Herausforderungen: Er wird 1958 Gutachter in sogenannten „Wiedergutmachungs“-Verfahren, in denen es darum ging, jüdischen Verfolgten des Nazi-Regimes wenigstens eine kleine finanzielle Entschädigung für die ihnen zugefügten  Leiden und auch materiellen Verluste zukommen zu lassen –  Das Wort „Wiedergutmachung“ ist dafür ein peinlicher Euphemismus- passend zum Geist der 1950-er Jahre. Dr. Adler führte mit den  Betroffenen ausführliche Gespräche, die protokolliert wurden, und schrieb dann entsprechende Gutachten. Dabei wurde er von deutschen Sekretärinnen unterstützt, die zu diesem Zweck nach Paris kamen. Sie waren von den Aussagen der Betroffenen sehr erschüttert – umso mehr, als sie dabei oft zum ersten  Mal mit den Verbrechen der Nazis konfrontiert waren- auch das übrigens typisch für die 1950-er und beginnenden 1960-er Jahre.

Jetzt ist Dr. Adler mit der Herausforderung des Alters konfrontiert, aber auch die meistert er mit Bravour:  Mit 88 Jahren praktiziert er immer noch als Arzt!  Was für ein Leben!

Nach dem Ende des Interviews und bevor wir uns verabschiedeten, baten  wir Herrn Dr. Adler und seine Frau, uns doch ein kleines Wort in das Buch zu schreiben, das sie uns mitgebracht hatten: Sur les épaules de Darwin  von Jean Claude Ameisen.

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In diesem Buch geht es, so der Waschzettel, um eine Reise. „Eine Reise selbst zu treffen. Entdecken Sie, wie wir die Welt träumen und zu entschlüsseln. Auf der Suche nach unserem Gedächtnis, das Beharren auf uns von dem, was weg ist. „   Mir Scheint, Dass das auch für diesem“ emotionalen Abend „mit Herrn und Frau Adler passt.

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  1. Von Paris nach Frankfurt mit dem Besuchsprogramm der Stadt und zur Verlegung der Stolpersteine

Die Niederschrift des Interviews übermittelte Doris Stein an das Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt. Gleichzeitig leitete sie die Aufnahme von Dr. Adler und seiner Frau in das Besuchsprogramm ein, das die Stadt Frankfurt jährlich für „jüdische sowie politisch oder religiös verfolgte ehemalige Frankfurter Bürgerinnen und Bürgern“ veranstaltet. Meine Kollegin hatte sich schon seit langem in diesem Programm engagiert und wir beide hatten früher auch schön öfters Teilnehmer/innen des Besuchsprogramms zum Gespräch mit Schüler/innen in unser Frankfurter Gymnasium eingeladen. Inzwischen hat sich der Adressatenkreis des Besuchsprogramms offenbar ausgeweitet bzw. auf die nachfolgenden Generationen verlagert: Das Anmeldungsformular bezieht sich jetzt ausschließlich auf Kinder und Enkel….  Umso schöner, dass  mit Dr. Adler und seiner Frau jetzt noch einmal ehemalige Frankfurter der ersten  Generation eingeladen sind und beide auch nach Frankfurt kommen wollten und konnten – schließlich auch noch in Begleitung der beiden Töchter.

Herr Dr. Adler hatte in dem Interview, das wir in Paris mit ihm führten,  auch auf Verwandte hingewiesen, die in Deutschland zurückgeblieben waren:  „Der Vater meines Vaters war noch in Deutschland. Er ist 1942 an einem Herzinfarkt gestorben. In seinem Bett. Und das war gut. Dann waren  da noch meine Urgroßmutter und ihr ältester Sohn. Die Urgroßmutter hatte 10 Kinder, davon sind mehrere schon im Kindesalter gestorben. Ihr ältester Sohn war Anwalt. Der hatte mit 3 Jahren Kinderlähmung, konnte sich also nur im Rollstuhl fortbewegen. Das hat ihn nicht daran gehindert, Anwalt zu werden. Die haben zum Schluss nicht mehr in Hanau, sondern in Frankfurt gewohnt.“

Damit bezieht er sich also auf Recha  und Dr. Leo Koref. Es war wieder Doris Stein, die die Installierung von Stolpersteinen für beide anregte, die die Verbindung zur Stolperstein-Initiative herstellte und uns vorschlug, zusammen mit ihr die Patenschaft für die beiden Stolpersteine zu übernehmen. Eine wunderbare Idee!

Am 20. Mai wurden vor dem Haus in der Frankfurter Westendstraße 98 die beiden Stolpersteine für Recha und Dr. Leo Koref installiert, zwei von insgesamt 80, die in diesen Tagen in Frankfurt verlegt wurden. Die meisten  erinnern an jüdische Opfer, vier Stolpersteine wurden für Zwangsarbeiter, sechs für Zeugen Jehovas und zwei für Personen des Widerstandes verlegt. Insgesamt gibt es schon über 1000 solcher Steine in Frankfurt, die man auch Erinnerungssteine nennen könnte – ein Zeichen dafür, wie bedeutend die jüdische Gemeinde in Frankfurt einmal wie und wie groß das Engagement der Initiative Stolpersteine in Frankfurt ist.[4]

IMG_6739Doris Stein, Benno Jöckel, Dr. Adler und der Rabbi der Westend-Synagoge, der abschließend ein Gebet für Recha und Dr. Leo Koref sprach und sang

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Sehr schön, dass auch Corinne Adler, eine Tochter der Adlers, an der sehr bewegenden Zeremonie teilnehmen konnte. Einige Personen, die auch dabei waren, sind auf dem abschließenden Foto nicht abgebildet: Unter anderem ein 12-jähriger Junge aus dem Haus: Die Bewohner werden bei solchen Verlegungen vorher informiert und dazu eingeladen. Dass gerade eine Junge kam, der etwa so alt war wie Peter Adler, als er Deutschland verlassen musste, war sehr bewegend.

IMG_6748Und zum Schluss das Gruppenfoto: Von links nach rechts: Ellen Holz von der Stolperstein-Initiative, Doris Stein, Herr Dr. Adler, Dr. Wolf Jöckel, Corinne Adler,  Frau Adler und Frauke Jöckel

 

  1. Das Schicksal von Dr.Leo und Recha Koref

Wer waren nun Recha und Dr. Leo Koref, für die die Stolpersteine in der Westendstraße verlegt wurden?[5]

Leo Koref wurde am 30. Januar 1876 in Rawitsch in der damaligen preußischen Provinz Posen als Sohn des Rabbiners Dr. Markus Koref und seiner Frau Recha  geboren. Mit 4 Jahren erkrankte er an Kinderlähmung, die eine bleibende Beinlähmung und Gehbehinderung zur Folge hatte. 1884 zog die Familie nach Hanau um, wo Leos Vater das Rabbinat übernahm. Leo besuchte die Hohe Landesschule, die er 1894 mit dem Reifezeugnis verließ.

Hinter dieser sachlichen Aufzählung der ersten Stationen seines Lebens verbirgt sich allerdings eine unglaubliche und wohl ziemlich einzigartige Energieleistung. Aus den Erinnerungen des tschechischen Arztes Dr. Edmund Hadra,  der Dr. Koref im Konzentrationslager Theresienstadt traf, erfahren wir Einzelheiten: Der junge Leo sei wegen seiner Kinderlähmung nicht nur im Wachstum zurückgeblieben, sondern zunächst auch nicht in der Lage gewesen, die Schule zu besuchen. Sein Vater habe ihn zu Hause unterrichtet – aufgrund der Begabung des Jungen auch in allen humanistischen Disziplinen. So habe er schließlich –auf einem Rollstuhl gefahren und dann getragen- das humanistische Gymnasium absolvieren können, sogar als einer der besten Schüler. „Wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, sogar als primus omnium.“  Während des anschließenden Studiums der Rechtswissenschaften  habe der Vater, der sich in beträchtlichen finanziellen Schwierigkeiten befand, seinen Sohn nicht unterstützen  können. Er habe ihm am Beginn des Studiums 200 Mark gegeben mit der Aufforderung: „Sieh zu, wie weit du damit reichst; du weißt ja, ich habe nicht viel. Aber wenn du etwas brauchst, so schreibe eben.“ Leo habe von diesem Angebot aber nie Gebrauch gemacht, im Gegenteil: Nach dem ersten Semester habe er dem Vater die 200 Mark zurückgegeben: Durch Nachhilfestunden verdiene er das für das Studium erforderliche Geld…

Nach dem „mit Glanz“ abgeschlossenen Studium und der Promotion wurde Dr. Koref 1903 als Rechtsanwalt beim Landgericht Hanau zugelassen und 1920  zum Notar ernannt.

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Dr. Koref an seinem 50. Geburtstag  © Hanauer Geschichtsverein[6]

Der ehemalige Hanauer Kulturstadtrat Oskar Schenck würdigte Dr. Koref als einen ausgesprochen angesehenen Juristen, der sich „durch seine Aufgeschlossenheit, sein  faires Verhalten sowie seine Menschenfreundlichkeit eine ansehnliche Praxis geschaffen“ habe. „Seine Klienten waren  gut bei ihm aufgehoben. Er widmete  sich ihnen auch dann mit aller Kraft, wenn sie nicht in der Lage waren, die ihm zustehenden Anwaltsgebühren zu zahlen…. Bei den Hanauer Richtern erfreute er sich wegen seiner ausgezeichneten Schriftsätze und seines taktvollen honorigen Verhaltens in Prozessen großer Achtung und Wertschätzung.“

Dr. Hadra berichtet auch von den Reisen, die Dr. Koref trotz seiner massiven Behinderung unternommen hatte: In die Schweiz, nach Italien, ja selbst in die USA! „Es  war der Triumph des Geistes, des Willens, dem gegenüber es keinerlei Schwierigkeiten gibt“ – eine Einschätzung, die sicherlich auch für Dr. Adler gelten kann.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten begann auch die Entrechtung und Verfolgung der Familie Koref: Am 7.  Juni 1933 wurde Dr. Koref aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ aus seinem Amt als Notar entlassen, am 30. November 1938 wurde ihm die Zulassung als Rechtsanwalt entzogen. In seiner Privatwohnung in der Corniceliusstraße 12 war er vom 1. November 1938 bis 31. März 1939 als Rechtskonsulent von Juden für die Landgerichtsbezirke Hanau und Marburg tätig. Am 13. November 1938 drangen mehrere maskierte Nationalsozialisten in den Abendstunden in die in der ersten Etage gelegene Wohnung ein. Sie bedrohten die Mutter mit einer Pistole und hielten  sie im Schlafzimmer fest.  Dr. Leo Koref traktierten sie mit Faustschlägen, zerschlugen eine Flasche auf seinem Kopf, zerbrachen seine Krücken, zerstörten und plünderten die Einrichtung, stahlen Schmuck, mehrere Tausend Reichsmark und eine Schreibmaschine, zerschnitten Teppiche und Polstermöbel. Trotz sofortiger Anzeige wurden die Täter nie ermittelt.

Dr. Koref wurde in das Jüdische Krankenhaus Frankfurt gebracht. Das Haus musste verkauft werden, die Mutter wurde zunächst in einem jüdischen Altersheim in der Gagernstraße in Frankfurt untergebracht. Am 1. April 1939 siedelte Dr. Leo Koref nach Frankfurt am Main in die Westendstraße 98 über. Dies war auch der letzte gemeinsame Wohnort von Dr. Leo Koref und seiner Mutter.  In Frankfurt wurde Dr.  Leo Koref zum  Abschluss  sogenannter „Heimeinkaufverträge“ gezwungen. Mit solchen Verträgen glaubten die Unterzeichneten, ihren Lebensabend in einem Altersheim zu finanzieren. Für die Eltern musste Dr. Leo Koref einen „Heimeinkauf“ in Höhe von 3.200 Reichsmark, entrichten, für sich selbst 22.831 Reichsmark! „Heimeinkauf“ entrichten. Am 18. August 1942 wurde Dr. Leo Koref im Alter von 66 Jahren bei der siebten großen Deportation aus Frankfurt zusammen mit seiner 88-jährigen Mutter in das Durchgangs- und Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt, wo sie getrennt wurden. „Er kam  gleich in die Krankenstube und die Mutter in ein Privatquartier. Ehe es ihm noch glücken konnte, die alte Frau aufzufinden, war sie schon den Strapazen der ersten  Tage in Theresienstadt erlegen. Vermutlich hatte sie es auch nicht ertragen können, auf dem nackten Fußboden, und ohne eine Decke zum Zudecken zu besitzen, die Nächte zu verbringen“.

Dabei weist Dr. Adler ausdrücklich darauf hin, dass seine Urgroßmutter, solange sie noch im Altersheim in der Gagernstraße wohnte und ihren Sohn in der Westendstraße besuchen wollte, die Distanz von genau 5 Kilometern  zu Fuß zurücklegte – zurücklegen musste, weil Juden öffentliche Verkehrsmittel nicht benutzen durften. Und dann musste sie auch noch die Treppen bis in den vierten Stock hinaufsteigen in die Wohnung ihres Sohnes: Da muss sie also trotz  ihrer 88 Jahre  noch ausgesprochen vital gewesen sein, als sie  nach Theresienstadt verschleppt wurde. Zwei Monate nach der Ankunft in Theresienstadt starb dann auch Dr. Leo Koref.[7]

  1. Gemeinsamer Besuch in Hanau

Während der Besuchswoche der Familie Adler durfte natürlich auch ein Besuch in Hanau nicht fehlen: Immerhin hatten dort Recha und Dr. Leo Koref bis zu ihrem Umzug nach Frankfurt gewohnt und auch Ruth Adler stammt aus Hanau – aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, der in Hanau das repräsentative Kaufhaus Berlizheimer  gehörte. Solche privaten Unternehmungen sind in dem allgemeinen Besuchsprogramm  natürlich nicht enthalten, sondern  müssen besonders organisiert  werden. Und da kam uns nun ein ganz besonderer Glücksfall zu Hilfe. Ich bin ja im Rahmen von „Parisien d’un jour“ – dem  Pariser Ableger der sogenannten „Greeters“, ehrenamtlicher Stadtführer in Paris. Und dabei hatte ich vor einiger Zeit ein deutsches Paar durch den  Faubourg St. Antoine geführt. Bei der Verabschiedung gab sich die Dame als Kollegin zu erkennen, nämlich auch als ehrenamtliche Stadtführerin, und zwar –ausgerechnet: in Hanau! Und sie lud mich ein, bei Gelegenheit doch einmal zu einer Stadtführung nach Hanau zu kommen. Als nun der Besuch der Familie  Adler in Frankfurt geplant wurde, erinnerte ich mich an diese Einladung, und Frau Schwabe und Herrn Kievel organisierten für die Adlers –inzwischen war auch die zweite  Tochter Marion aus Paris  angereist-  einen ganz intensiven Stadtausflug.

Engagiert hatten sie dafür auch noch den  Leiter des Fachbereichs Kultur, Herrn Martin Hoppe, und Herrn Dr. Eckhard Meise, den ausgewiesenen  Kenner des jüdischen Friedhofs[8], den  wir zunächst besuchten.

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Der jüdische Friedhof hat seine Ursprünge zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Er ist außerordentlich malerisch mit einer Fülle alter Grabsteine mit plastischen Hauszeichen.

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Nazi-Vandalen haben ihm zwar schwer zugesetzt, aber  ihn nicht in seiner Substanz zerstört.

An den Grabsteinen lässt sich auch die Assimilation der Hanauer Juden erkennen: Zunächst waren die Grabinschriften rein hebräisch gehalten, dann auf der Rückseite zusätzlich auch deutsch oder auf der Vorderseite hebräisch und deutsch, und schließlich nur noch auf Deutsch. Wie sehr sich die Juden integriert hatten, zeigen Gräber wie die von Frau Röschen, die als „Ehegattin des Justizraths Julius Hamburger“ präsentiert wird oder  das Grab der Familie Berberich: Für ihren kurz nach Kriegsausbruch 1914 gefallenen und  „in fremder Erde“ ruhenden Sohn Isidor lassen seine  Eltern eine Inschrift  anbringen, die mit den Worten beginnt: „Er starb den Heldentod…“. Wären Deutschland nationalsozialistische Herrschaft und Antisemitismus erspart geblieben, hätte eine Grabplatte Dr. Korefs auf dem Hanauer Friedhof sicherlich darauf hingewiesen, dass hier ein erfolgreicher und anerkannter Rechtsanwalt und Notar begraben ist- immerhin eine der angesehensten Positionen, die die bürgerliche Gesellschaft zu vergeben hat.

IMG_4950Corinne und Marion Adler, Frau und Herr Dr. Adler, Herr Dr. Meise                                            In der zweite Reihe unsere Hanauer Führer: Herr Kievel und halb verdeckt: Frau Schwabe

Besonders interessierten sich die Adlers natürlich für das Grabmal des Mordechai/Markus Koref, des Mannes von Recha Koref und Vaters von Dr.  Leo Koref.  Markus Koref war, erkennbar an den segnenden Priesterhänden auf dem Grabmal, Rabbiner zunächst in der damaligen preußischen Provinz Posen, dann in Hanau. 1833 als Sohn eines Rabbiners in Prag geboren, starb er im Februar 1900 in Hanau. Das Grabmal fällt auf durch seine exponierte Größe und Lage und unterstreicht damit die besondere Stellung der Korefs in Hanau.[9]

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Und mit Hilfe der dicken Monographie über den jüdischen Friedhof und von Herrn Hoppe fanden wir schließlich auch ein Grab der Familie Berlizheimer.

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Natürlich besuchten wir auch das Haus der Korefs in der Corniceliusstraße, das die Bombardierung Hanaus in den letzten Kriegstagen unbeschädigt überstanden hat.

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Frau Adler erzählte uns dabei auch, wie die alte Dame auf dem Balkon ihrer Wohnung im ersten Stock gestanden und die in der Nähe vorbeifahrende Straßenbahn abgepasst habe. Habe die sich genähert, habe Frau Koref mit einer Trillerpfeife signalisiert, dass sie in die Stadt fahren wolle und die Straßenbahn habe so lange gewartet, bis sie eingestiegen  sei.

IMG_6716                                               Portrait Recha Koref (Foto aus Familienbesitz)

Ein weiteres Ziel auf unserem  Stadtrundgang waren die Reste der früheren  Ghettomauer, die 1806,  in der „Franzosenzeit“, mit der Einführung des Code Civil geöffnet wurde.

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An der Mauer sind Erinnerungstafeln für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus angebracht, also auch für Recha und Dr. Leo Koref.[10]

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Und schließlich natürlich auch noch die Ecke Neustädter Markt/Hammerstraße, an der früher das Kaufhaus Berlizheimer stand, das der Familie von Frau Adler gehörte. In den letzten Kriegstagen wurde das repräsentative Gebäude aus dem 17. Jahrhundert völlig zerstört, der nichtssagende Neubau der Nachkriegszeit steht derzeit leer.

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Das Kaufhaus Berlizheimer am Marktplatz um 1900 (Foto aus Familienbesitz)

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Bericht aus der Hanau-Post vom 27.5.:  Auf den Spuren der Ahnen. . .
Besuch von Familie Adler aus Paris in Hanau

Mitglieder der Familien Adler und Koref aus Paris besuchten dieser Tage Hanau, um die Spur ihrer Ahnen aufzunehmen. Die Nachfahren von Rabbiner Markus Koref,   Rechtsanwalt Leo Koref und Familie Berlitzheimer, die bis zur Verfolgung im sogenannten Dritten Reich angesehene jüdische Bürger Hanaus waren und im Holocaust ermordet wurden, leben heute in Paris. In Hanau wurden sie von Dr. Eckhard Meise und Claudia Schwabe vom Hanauer Geschichtsverein zum Jüdischen Friedhof am Mühltorweg begleitet. Dort besuchten sie die Gräber ihrer Familien. Auch ein Besuch der Gedenkstätte Ehemalige Ghettomauer am Freiheitsplatz stand auf dem Programm.

Martin Hoppe, Fachbereichsleiter Kultur, erläuterte den Gästen das Denkmal für den jüdischen Künstler Moritz Daniel Oppenheim. „Moritz und das tanzende Bild“ fand besonderes Gefallen bei Ruth Adler, geborene Berlitzheimer, die selbst als Bildhauerin tätig ist. Eine Visite im Museum Großauheim mit den Tierplastiken von August Gaul war demnach ein besonderer Wunsch, der leicht erfüllt werden konnte. Ihr Mann Dr. med. Peter Adler, Neffe von Korefs, praktiziert mit beinahe 90 Jahren noch heute. Die Töchter Corinne und Marion sind als Hebamme und Ärztin ebenfalls in Paris tätig.

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Familie Adler am Oppenheim-Denkmal während der Stadtführung mit Claudia Schwabe und Martin Hoppe.
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Zum Abschluss dieses ereignisreichen Hanau-Tages besuchten wir dann auf Wunsch von Frau Adler die dem aus Großauheim stammenden Bildhauer August Gaul gewidmete Abteilung des Museums Hanau- Großauheim. Gaul war, wie ich bei dieser Gelegenheit erfuhr,  ein Tierbildhauer „im Übergang vom Historismus zur Moderne“. Mit Max Liebermann und Käthe Kollwitz war er auch Gründungsmitglied der Berliner Secession, die sich „gegen den vorherrschenden akademischen Kunstbetrieb“ wandte (Wikipedia). Mit seinen Tierplastiken wurde er so bekannt, dass er eine davon sogar auf der Pariser Weltausstellung von 1900 zeigen konnte.

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Frau Adler, die als Bildhauerin auch Tierplastiken herstellt, war jedenfalls eine sehr aufmerksame und begeisterte Betrachterin der ausgestellten  Werke Gauls. Und wir Anderen waren froh, ihn auf diese Weise kennenzulernen.

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Ruth Adler: Taureau (2007/2008) acier soudé

zu Frau Adler: http://www.commanderiedelavilledieu.agglo-sqy.fr/les-artistes/residant/ruth-adler/

 

Gespräch mit Schülerinnen und Schüler der Carl-Schurz-Schule in Frankfurt

Das Programm der Stadt Frankfurt für die Besuchswoche war außerordentlich vollgepackt – Stadtrundfahrt, Empfang der Stadt im Palmengarten, Vorstellung des Projekts „Jüdisches Leben in Frankfurt“, Besuch des Museums Judengasse , der Ausstellung im Ostend-Bunker, des alten jüdischen Friedhofs, der Westend-Synagoge, des Anne Frank- Zentrums, des Philanthropin….. abschließender Empfang mit Abendessen im Kaisersaal des Römers…

Umso schöner, dass Herr Dr. Adler und seine Frau trotzdem noch bereit waren zu einem Gespräch mit Schüler/innen und Schülern der Carl-Schurz-Schule in Frankfurt, der früheren Schule von Doris Stein und mir. Aber dass Dr. Adler bereit ist, seine Erfahrungen und Erlebnisse auch an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben, zeigt der Bericht von drei Schweizer Schülerinnen über ein Gespräch, das sie mit Pierre Adler führten. Unter dem  Titel „Am Kopf der Deportationsliste“  wurde er am 15. März 1999 auf der Seite „Jugend schreibt“ von der FAZ veröffentlicht.

An dem Gespräch nahmen etwa 30 Schülerinnen und Schüler von zwei Ethik-Kursen der Jahrgangsstufen 9 und 11 mit ihrer Lehrerin, Frau Catherine Janssen, teil. Die Gruppe hatte sich sehr intensiv auf das Gespräch vorbereitet. Die Schülerinnen und Schüler wussten schon einiges vom Lebensweg Dr. Adlers und konnten deshalb sehr gezielt Fragen stellen, so dass man viele interessante biographischen Details erfuhr. Die Schülerinnen waren außerordentlich konzentriert und interessiert und Dr. Adler beantwortete alle Fragen sehr offen, auch wenn es dabei um persönliche Einstellungen und Gefühle ging.

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Eine kleine Auswahl:

  • 1945 nach Kriegsende habe er die Schweiz verlassen müssen. Er sei nach Frankreich zurückgekehrt, vor allem, weil er in Deutschland keine Angehörigen mehr hatte. Allerdings habe er das Glück gehabt, dass keine nahen Verwandten von den Nazis umgebracht worden seien. Frankreich sei aber, aufgrund des Antisemitismus der Vichy-Regierung des Marschalls Pétain, kein idealer Ort für eine Emigration gewesen.
  • Er sei nach dem Krieg in seiner Funktion als Lufthansa-Arzt öfters in Deutschland gewesen. Außerdem habe er mit seiner Frau mehrfach Installationen des mit ihnen befreundeten israelischen Künstlers Dany Karavan in Deutschland besucht, z.B. in Berlin das Mahnmal für die von den Nazis ermordeten Sinti und Roma oder die Straße der Menschenrechte in Nürnberg. Es sei ihm jedenfalls wichtig gewesen, die Verbindung nach Deutschland lebendig zu halten.
  • Er habe sich schon im Krieg Gedanken über die Zukunft Deutschlands gemacht und dazu in der Schweiz eine Veranstaltung für eine zionistische Jugendgruppe organisiert. Er sei immer überzeugt gewesen, dass man nicht die ganze deutsche Bevölkerung verurteilen könne und schon gar nicht die nachfolgenden Generationen. Da gebe es keine Schuld.
  • Deutschland habe sich vorbildlich mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt und Schlüsse daraus gezogen- im Gegensatz zu Österreich, das diese Auseinandersetzung umgehe, indem es sich fälschlicherweise als Opfer des Nationalsozialismus verstehe.

Deutschland ist seiner Auffassung nach sogar „die solideste Demokratie in Europa“.

  • Er fühle sich „eigentlich nirgendwo zu Hause“, obwohl er ja seit langem Franzose sei. „Irgendwo gehöre ich doch nicht ganz dazu“. Es gebe „eine kleine Differenz“, eine „Entwurzelung, die nicht wiedergutzumachen ist“.

Die Frage, wo sich Dr. Adler denn nun zu Hause fühle, hatte für die Schülerinnen und Schüler wohl eine ganz besondere Bedeutung. Denn die meisten  von ihnen haben, wie eine Vorstellungsrunde am Schluss deutlich machte, ihre Wurzeln nicht in Deutschland: Sie selbst, ein Elternteil oder auch beide Eltern stammen aus vielen verschiedenen Ländern: Albanien, Frankreich, Italien, Kroatien, Lettland, Litauen, Marokko, Montenegro, Nepal, Russland, Ungarn, Ukraine, Türkei…. Auch einige jüdische  Schüler waren dabei. Sicherlich wird es vielfältige Gründe geben, warum die Eltern ihre Heimat verlassen haben: In vielen Fällen wird es kaum ganz freiwillig gewesen sein und die Frage, wie sehr sie sich in der neuen  Heimat zu Hause fühlen, wird sich auch für viele dieser Schülerinnen und Schüler stellen.

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Insofern war das  ein die Generationen verbindender Abschluss dieser Stolperstein-Woche, wie er besser nicht hätte sein können.

Nachtrag November 2017

Am 9. November 2017, dem Jahrestag der Pogromnacht von 1938, wurde im Justizzentrum Hanau von der Präsidentin des Landgerichts, Susanne Wetzel, und dem Oberbürgermeister der Stadt, Claus Kaminsky, eine Plakette feierlich enthüllt „in Erinnerung an die während der Herrschaft des Nationalsozialismus 1933 bis 1945 verfolgten, entrechteten, vertriebenen, ermordeten jüdischen Juristen in Hanau“. 

Aufgeführt sind insgesamt 11 jüdische Juristen, die meisten von ihnen geboren in Hanau bzw. der näheren Umgegung der Stadt, alles angesehen Persönlichkeiten. Einer von ihnen, Dr. Felix Lesser, wurde nach dem Krieg erster Präsident des Hessischen Staatsgerichtshofes. Die Daten und die Orte, wann und wo sie verstorben, umgebracht oder umgekommen sind, lassen ein wenig die Schicksale dieser Menschen und ihrer Familien erahnen: Frankfurt, Wiesbaden, London, New York, Guatemala, Tel Aviv, Ghetto Lodz, Ghetto Theresienstadt, Vernichtungslager Auschwitz.

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Zweiter von links der Hanauer Oberbürgermeister, in der Mitte  zwei aus London angereiste Enkelinnen des Rechtsanwalts Dr. Ernst Julius Nelkenstock. Er konnte nach England emigrieren, dort aber nicht weiter als Jurist arbeiten, so dass er seine Familie als Metzger ernährte. Rechts das Ehepaar Dr.  Adler mit Tochter Marion. 

Einer der auf der Tafel verzeichneten  Juristen ist Dr. Leo Koref, für den 2016 ein Stolperstein in der Frankfurter Westendstraße gesetzt wurde.

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Deshalb waren auch Herr Dr. Adler und seine Frau aus Paris eingeladen worden, an der feierlichen Enthüllung der Tafel und außerdem einer – unter anderem von Schülern gestalteten- abendlichen Veranstaltung zum Gedenken an die Pogromnacht teilzunehmen.

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In einem Presse-Bericht des Hanauer Anzeigers vom 10.11.2017 wurde „der 90-jährige vitale, in Paris noch immer praktizierende Arzt“ Dr. Adler mit den Worten zitiert:

Die Enthüllung der Gedenktafel zeigt mir, dass ich Recht habe. Man kann den Deutschen keine Volksschuld anlasten.“  Gedenkveranstaltungen wie die im Landgericht mit dem Wunsch, die Erinnerung an das geschehene Unrecht wachzuhalten, sprächen ein deutliche Sprache.

Die Erinnerung wachzuhalten gehört in der Tat, das betonte auch die Gerichtspräsidentin in ihrer Ansprache, zu der Verantwortung der nachfolgenden Generationen, gerade auch im Blick auf  Gegenwart und Zukunft. Die Enthüllung der Gedenktafel im Justizzentrum Hanau war ein sehr eindrucksvolles Zeichen dafür, dass diese Verantwortung nicht nur beschworen, sondern mit Leben erfüllt wird.

 

 

Anmerkungen

(0) Zitat aus: Galit Noga-Banai, Der Ort der Märtyer. Gunter Demnigs Stolpersteine stehen in einer Tradition, die nicht abreitßen darf. Anmerkungen zur Münchner Gedenkdebatte. In: FAZ, 25.1.2018, S. 12. Zu den Stolpersteinen im Frankfurter Westend siehe auch den Blog-Beitrag vom 18.12.2016 : Stolpersteine in Frankfurt am  Main- Eine Buchempfehlung,

In München gibt es einen 2015 auf Betreibung der dortigen jüdischen Gemeinde gefassten Beschluss des Stadtrats von 2004, die Installierung von Stolpersteinen zu verbieten. Sie seien keine würdige Form des Gedenkens. Die Jerusalemer Kunsthistorikern Noga-Banai sieht das in dem o.g. Beitrag auf der Grundlage von  -wie ich meine sehr überzeugenden Argumenten- ganz anders.

[1]   http://www.jue

disches-leben-frankurt.de/

Hans Riebsamen: Biographien aus der Nachbarschaft. In: Rhein-Main-Zeitung der FAZ vom 20.12.2014

[2] Grundlage sind vor allem das Transkript der Aufzeichnung des Gesprächs mit Dr. Adler und seiner Frau am 9.6.2015 sowie die Aufzeichnung eines Beitrags von Dr. Adler zu einer Konferenz im Memorial de la Shoah in Paris zum Thema: Erinnerungen an die Kristallnacht aus dem Jahr 2009.

[3] Über seine Zeit in der Schweiz berichtete Dr.Adler auch in einem Artikel in der Neuen  Züricher Zeitung vom 13.2.1997: „Ich vergesse Euch alle nicht“. Als Flüchtlingskind während der Kriegsjahre in der Schweiz.

[4] Zur Initiative: www.stolpersteine-frankfurt.de

Im Herbst 2016 wird es eine Publikation zum Thema geben: Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main (Hrsg): Stolperteine in Frankfurt am Main. Zehn Rundgänge.

[5] Ich beziehe mich im Folgenden vor allem auf: Martin Hoppe und Monika Rademacher, Eine bedeutende Fotoschenkung- Dr. Leo Koref im Bild. In: Neues Magazin für Hanauische Geschichte 2012, S. 251-262 (Dort sind auch die Erinnerungen von Dr. Hadra wiedergeben)

[6] http://www.hgv1844.de/aktuelles.html

[7] http://www.hgv1844.de/aktuelles.html

[8] Eckhard Meise: Geschichte des Jüdischen Friedhofs in Hanau. In: Der jüdische Friedhof in Hanau. Schriften der Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen XXI./Hanauer Geschichtsblätter Bd 42. Hanau/Wiesbaden 2005, S. 23 – 187

[9] Bild und Grabinschrift –mit deutscher Übersetzung- in: Der jüdische Friedhof in Hanau, S. 418/419. Siehe auch zu den Lebensdaten: S. 543

[10] Reden zur Einweihung der Gedenkstätte Ehemalige Ghettomauer  und Liste der aus Hanau Deportierten in: Neues Magazin für Hanauische Geschichte 2011, S. 181-212 und:

http://www.hanau.de/lih/portrait/geschichte/33/065585/index.html

http://www.hanau.de/mam/cms01/lih/portrait/geschichte/dokumente/opferliste-inet.pdf