Le potager du roi in Versailles, der Obst- und Gemüsegarten Ludwigs XIV.

Versailles: Das ist natürlich das Schloss Ludwigs XIV. mit seinem geschichtsträchtigen Spiegelsaal und natürlich der Park mit seinem grand canal und den grandes eaux, seinen wunderbaren Springbrunnen und Bosquets, dem großen und kleinen Trianon…. Ein grandioser Ort, der aber, wie ich finde, etwas unter seinen Superlativen leidet: zu groß, zu prächtig und vor allem auch: zu viele Besucher. Darüber darf man sich eigentlich nicht beklagen, weil man ja selbst dazu gehört. Aber es ist doch ein sehr begrenztes Vergnügen, sich eng gedrängt durch die Räume des Schlosses zu schieben. Einmal habe ich allerdings im Spiegelsaal gewartet bis zum Ende der Besuchszeit. Und bevor ich schließlich auch eindringlich  herauskomplimentiert wurde, konnte ich den grandiosen Raum ohne Touristen fotografieren! Aber das sind außergewöhnliche, eher  illusionäre Momente.

Spiegelsaal  (59)

Natürlich sollte man Versailles –trotz alledem-  wenigstens einmal auch von innen gesehen haben. Aber  in diesem Bericht kann ich es getrost auslassen. Denn Bücher und Reiseführer zu Versailles gibt es in Hülle und Fülle. Da braucht man keinen Jöckel‘schen Aufguss.  (Sehr empfehlen kann ich übrigens das Buch von William Ritchey Newton: Hinter den Fassaden von Versailles. Mätressen, Flöhe und Intrigen am Hof des Sonnenkönigs. Berlin 2010).

Lassen wir hier also das Schloss und den Park beiseite. Denn Versailles hat ja noch mehr zu bieten als das. Zum Beispiel den königlichen Obst- und Gemüsegarten, den  potager du roi. Und der ist immerhin –neben Schloss und Park- auch Teil des Weltkulturerbes Versailles- und in einem neueren Paris-Reiseführer, den Freunde kürzlich dabei hatten, war er sogar als „Geheimtipp“ vermerkt. Schert man allerdings –mit dem RER in Versailles angekommen- aus der Masse der zum Schloss strömenden Besucher aus, um  –in entgegengesetzter Richtung- zum  Potager du Roi zu gehen, muss man damit rechnen, von freundlich-besorgten Einheimischen angesprochen zu werden, die einem zu verstehen geben, dass man sich doch offensichtlich in der Richtung geirrt habe. Wenn man dann aber zu verstehen gibt, dass man doch wohl genau auf dem richtigen Weg sei, nämlich zum Potager du Roi, dann wird das mit freudigem Erstaunen zur Kenntnis genommen. So ist es uns jedenfalls einmal passiert.

Von Ludwig XIV. weiß man, etwa durch die Briefe der Lieselotte von der Pfalz, der Frau des jüngeren Bruders des Königs, dass dieser –vorsichtig ausgedrückt- ein guter Esser war. „J’ai vu souvent le roi manger quatre pleines assiettes de soupes diverses, un faisan entier, une perdrix, une grande assiette de salade, deux grandes tranches de jambon, du mouton au jus et à l’ail, une assiette des pâtisserie et puis encore du fruit et des oeufs durs.“ Besonders beliebt waren bei Ludwig XIV. Erbsen, Artischocken, Spargel und Salate und beim Obst Birnen, Erdbeeren, und schließlich vor allem Feigen.  Damit das alles immer frisch auf seinen Tisch kommt, beauftragte er den Direktor der königlichen Früchte- und Gemüsegärten, Jean-Baptiste La Quintinie, einen neuen Garten anzulegen. Das dafür vorgesehene Gebiet –außerhalb, aber in der Nähe des Schlossparks- war, wie ja auch das gesamte Parkgelände- für eine solche Verwendung eigentlich überhaupt nicht geeignet: Es war ein sumpfiges, übel riechendes und deshalb „étang puant“ genanntes Gelände. Gewaltige und kostspielige Arbeiten, die sich über fünf Jahre von 1678 bis 1683 hinzogen, waren deshalb notwendig: Das Gelände musste entwässert werden, wofür das große Wasserbecken „des Suisses“ im Süden der Orangerie angelegt wurde. Zuständig dafür war –ebenso wie für die Bauten des Gartens- der Schlossarchitekt Jules Hardouin-Mansart. Die künftige Gartenfläche  wurde  zunächst mit einem jeweils leicht geneigten Geflecht von Steindrainagen überzogen, um Staunässe zu verhindern. Darüber kam dann der Aushub des pièce d’eau des Suisses. Weil das aber kein geeigneter Boden für einen königlichen Obst- und Gemüsegarten war, wurde tonnenweise einigermaßen fruchtbare Erde von den  Hügeln von Satory herangeschafft: Dort wurde nämlich gleichzeitig ein großes Wasserreservoir gegraben –  ein kleiner Teil der gewaltigen hydraulischen Arbeiten („travaux pharaoniques“), um den notwendigen Wasserdruck und die notwendige Wassermenge für die Unterhaltung der Brunnen und Fontänen im Park von Versailles sicherzustellen (1871 wurden dort übrigens tausende von Communarden,  u.a. Louise Michel,  monatelang unter freiem Himmel interniert, von denen viele starben). Für die Bodenverbesserung sorgten schließlich auch die etwa 5000 Arbeitspferde, die für den gleichzeitigen Bau des Schlosses eingesetzt wurden, und danach lieferten die 2000 Pferde in den königlichen Ställen von Versailles immer  Dünger im Überfluss. Dass Ludwig XIV. ausgerechnet an dieser Stelle seinen Park und seinen Gemüsegarten anlegen ließ – und wie er bis in die Einzelheiten gestaltet war- ist Ausdruck der Souveränität des Sonnenkönigs, dessen größtes Vergnügen es war, wie Saint-Simon kritisch bemerkte, die Natur zu beherrschen. („de forcer la nature“). Und die Souveränität des Herrschers war nach damaliger Auffassung ebenso wenig teilbar „wie der Punkt in der Geometrie“ („La souveraineté n’est non plus divisible que le point en géométrie“, wie es Cardin Le Bret formulierte)- eine Auffassung, die ja auch heute noch in Frankreich sehr verbreitet ist, wie der breite Widerstand gegen jede Abgabe von Souveränität an europäische Instanzen zeigt.

Der Garten ist in barocker geometrischer Strenge um ein kreisrundes grand bassin  gruppiert, das mit seinem hohen Springbrunnen die Mitte des Gartens markiert und gleichzeitig auch als Reservoir für die Bewässerung fungierte.

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Um den inneren Garten herum waren 29 weitere, von hohen Mauern umschlossene Obstgärten angelegt, vor allem für Apfel- und Birnbäume.  12 dieser Gärten gibt es heute noch. Und darinnen 195 Apfelsorten und  135 Birnen- und Quittensorten!  Und wie im Schlosspark wurde auch hier die Macht des Königs über die Natur demonstriert:  Fast alle Bäume waren in höchst kunstvoller, aber auch höchst unnatürlicher Weise beschnitten, mussten sich also dem menschlichen/königlichen Willen fügen. Ziel war aber vor allem ein doppelter Genuss: Ein Genuss für die Augen beim Betrachten des Gartens und ein Genuss für den Geschmack beim Verzehr seiner Produkte. Die mögliche Quantität des Ertrags wurde also – trotz der erheblichen vom Hof erwarteten Mengen- durch das radikale Beschneiden der Bäume und die Entfernung von Fruchtständen  ganz  erheblich reduziert. (Und immerhin blieben auf diese Weise waghalsige Klettertouren auf Leitern und Bäumen den königlichen Gärtnern –anders als uns normalen Hobbygärtnern- erspart).  Großen Wert legte La Quintinie auch darauf, das in Reih und Glied angepflanzte Spalierobst so anzuordnen, dass die Bäume jeweils optimaler, aber doch auch unterschiedlicher Sonneneinstrahlung ausgesetzt waren. Auf diese Weise wurde die Erntephase erheblich ausgedehnt, wozu natürlich auch die Sortenvielfalt beitrug. Wichtig war dabei vor allem,  schon „vor der Zeit“  Obst und Gemüse ernten zu können. Dies galt besonders für die von Ludwig XIV. geliebten und in Massen vertilgten Feigen. Eigentlich waren ja Erdbeeren die Lieblingsfrüchte des Sonnenkönigs gewesen. Das waren allerdings nicht die heutigen Gartenerdbeeren., die  erst im 18.Jahrhundert u.a. auf der Grundlage der von französischen Siedlern in Kanada entdeckten Scharlach-Erdbeere gezüchtet wurden. Die Erdbeeren auf der Tafel des Sonnenkönigs waren dagegen Abkömmlinge der Walderdbeeren, die zwar sehr süß, aber ziemlich klein waren. Im Garten La Quintinies gab es davon 6 verschiedene  Sorten, die man auch heute noch im Potager du Roi finden kann. In der Corrèze werden sie übrigens, worauf mich unsere Freundin Marie-Christine hingewiesen hat, unter dem Namen „mara des bois“ verkauft.

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Allerdings entwickelte Ludwig  XIV. plötzlich eine heftige Allergie gegen Erdbeeren, so dass ihm sein Leibarzt Fagon 1709 deren Verzehr  untersagte.  Die Alternative auf der königlichen Tafel waren Feigen, an denen der König immer mehr Gefallen fand.  Also wurde nach dem Muster der „Orangerien“ auch eine „Figuerie“ im Potager du Roi eingerichtet, in der die in großen Kübeln gepflanzten Feigenbäume überwintern konnten.  Insgesamt waren es dann mehr als  700 Feigenbäume, die dem König und seiner Tafel pro Tag  4000 (!) Feigen mit so schönen Namen wie Grosse-Jaune, Grosse-Blanche, Gross-Violette, Verte oder Angélique lieferten. In seinem bis auf den heutigen Tag grundlegenden Gartenbuch, das La Quintinie hinterlassen hat, schreibt er über die Feige:

La bonne figue est donc celui de tous les fruits qui parmi nous mérite d’avoir la meilleure place en espalier (dans les pays chauds, elle en  pourrait être incommodée), mais pour juger de son extérieur et de son mérite, et par conséquent de l’estime qui lui est due, il n’y a qu’à voir le mouvement des épaules et des sourcils de ceux qui en mangent, et voir aussi la quantité qu’on en peut manger sans aucun péril à l’égard de la santé.“ (Instruction pour les jardins fruitiers et potagers, Arles 1999, S.432, zit. bei Baraton, S. 173)

Von den Feigen konnte der Sonnenkönig also so viele essen wie er wollte, ohne gesundheitliche Beschwerden fürchten zu müssen. Heute gibt es nur noch wenige Feigenbäume im Potager du Roi. Aber auf dem Gelände der ehemaligen Figuerie ist derzeit ein schönes künstlerisch gestaltetes Feld mit Getreide und Wildblumen angelegt.

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Gegessen wurde ja, wir hörten das schon von Liselotte von der Pfalz, reichlich an der königlichen Tafel. Ludwig XIV. verschlang die Feigen, und Obst spielte ganz allgemein eine bedeutende Rolle: Frankreich war damals noch nicht das Land der kunstvollen desserts, und jede Mahlzeit, auch jede noch so festliche, wurde mit einem Angebot an Früchten abgeschlossen. Deren Qualität hat La Quintinie ständig zu verbessern versucht- durch Veredelung natürlich, aber auch durch spezielle, den jeweiligen Obstsorten und ihrem Standort im Garten angepasste Spalier- und Schnitttechniken. Noch heute gibt es über 60 verschiedene Spalierformen im potager du roi, der  nicht nur Übungs- und Experimentierfeld für die angeschlossene angesehene Gartenbauschule ist (École nationale supérieure du paysage), sondern auch ein Ort, an dem die große Tradition französischer Nutzgartenkunst weiter gepflegt wird.

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Pfirsichspalier in der Form „cordon vertical ondulé double“

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Spalier in Fächerform (eventail)

Bevorzugtes Spalierobst waren übrigens bei Ludwig XIV. die Birnen. Die hatten nämlich gegenüber den Äpfeln den Vorteil, dass sie als edler galten und vor allem: dass sie weicher waren. Denn das Gebiss des Königs ließ mit zunehmendem Alter zu wünschen übrig, da waren reife, weiche Birnen gerade das Richtige für ihn.

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Das klassische Spalier für die Birnbäume war die „palmette horizontale Legendre à cinq branches“, also ein Birnbaum, von dem nach beiden Seiten jeweils fünf horizontale Äste abzweigen. Diese Spalierform fasst bis heute noch zahlreiche Gemüsebeete ein. Und fters gibt es auch die palmette  mit jeweils drei horizontalen Armen, und zwar vor allem bei Spalieräpfeln.

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Die Birnbäume stammen zwar nicht mehr aus der Zeit Ludwigs XIV., aber 100 Jahre alt sind sicherlich einige von ihnen.

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Das Gemüse wurde und wird in den um das „grand bassin“ gruppierten Gärten, dem Grand Carré, angebaut. Sie sind  z.T. mit Blumen- z.T. auch mit Sauerampfer-Rabatten und niedrig gehaltenem Spalierobst umrahmt. Die meisten Beete werden jährlich neu bepflanzt, u.a. mit den zu Zeiten des Sonnenkönigs  besonders modischen Erbsen.

Erbsen gibt es derzeit gleich unterhalb der Statue La Quintinies – und zwar eine  besonders schöne Sorte mit violetten Schoten. Ein verdienter Ehrenplatz!  1660 präsentierte nämlich der Mundschenk der comtesse de Soissons dem  gerade frisch vermählten Ludwig XIV.  grüne Erbsen, die er aus Italien mitgebracht hatte. Der König, seine junge Gemahlin und Kardinal Mazzarin probierten die Neuheit und Kostbarkeit, die  à la française, also mit weißer Soße, zubereitet war. Ludwig geruhte entzückt zu sein. Sobald danach die Saison der Erbsen begann, ließ sich der König einen ganzen Teller davon servieren, den er verschlang. Zwar war er die Nacht danach krank, aber das hielt ihn nicht davon ab, im nächsten Jahr sich wieder über die grünen Erbsen herzumachen.  Das war der Beginn der Erbsenmode, die am ganzen Versailler Hof Furore machte, und zwar ziemlich nachhaltig, wie aus einem Bericht der Madame de Sévigné von 1696 hervorgeht:

« Le chapitre des pois dure toujours: l’impatience d’en manger, le plaisir d’en avoir mangé, et la joie d’en manger encore, sont les trois points que nos princes traitent depuis quatre jours. Il y a des dames qui après avoir soupé avec le roi, et bien soupé, trouvent des pois chez elles pour manger avant de se coucher, au risque d’une indigestion : c’est une mode, une fureur, et l’une suit l’autre »

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Wer also etwas auf sich hielt am Hof des Sonnenkönigs, der verzehrte selbst nach einem ausgiebigen Mahl –gewissermaßen als „Betthupferl“-  noch einige Erbsen – drohenden Verdauungsstörungen zum Trotz…. Dass Erbsen etwas für feine Leute sind, hat sich übrigens anscheinend noch lange im kollektiven Bewusstsein erhalten. Denn noch 1841 geben Balzac und Arnould Frémy in ihrer „Physiologie du Rentier de Paris et de Province“ als eines der „Axiome“ des typischen Rentiers wieder, man müsse die Erbsen mit den Reichen und die Kirschen mit den Armen essen (“Il faut manger les petits pois avec les riches, et les cerises avec les pauvres“).

Neben Erbsen hatten es auch die damals ebenfalls exotischen Artischocken und dann vor allem der Spargel dem König angetan. Speziell für ihn  wurde der Potager du roi  nachträglich  noch erweitert: Ein zusätzlicher, spezieller Spargel-Garten wurde angelegt, ein „clos aux asperges“, der heutige Jardin Duhamel de Monceau.,  etwas versteckt im hinteren südlichen Teil des Potager du Roi neben dem Parc Balbi gelegen.  La Quintinie ließ die Spargelfelder – wie auch die Gemüsebeete- teilweise mit Frühbeetfenstern und Glasglocken abdecken, um die Sonne zu verstärken- so wie man das auf dem zwischen 1875 und 1890 entstandenen Gartenbild von Gustave Caillebotte sieht.

Caillebotte

Zum Schutz vor der Winterkälte wurden auf den Spargelfeldern Strohteppiche und warmer Pferdemist verwendet, der mehrmals am Tag erneuert wurde!  Und der Erfolg war überwältigend: Wie vom König gewünscht gab es pünktlich zu Weihnachten auf der königlichen Tafel Spargel, und  La Quintinie konnte in seinem Gartenbuch stolz feststellen, es sei ihm auf diese Weise als Erstem gelungen, „pour donner au plus grand roi du monde un plaisir qui lui était inconnu.“ Und damit nicht genug der Freuden: War doch der Spargel eine „Einladung zur Liebe“, wie Madame de Maintenon feststellte. Und die musste es ja wissen. Allerdings nur mittelbar. Denn Frauen war wegen der ihm zugeschriebenen aphrodisierenden Wirkung der Genuss des Spargels verwehrt!

Um den zentralen Garten herum wurde schließlich noch eine breite  Terrasse gebaut, damit der Sonnenkönig mit Wohlgefallen  seinen Garten und die Arbeit seiner emsigen Gärtner überblicken konnte; wenn  die Sonne einmal nicht schien,  sogar von der Kutsche aus. Den nicht standesgemäßen Gärtnern war der Zugang zur Terrasse allerdings verwehrt.  Heute steht dort auf einem Podest verdientermaßen La Quintinie mit den Attributen seines Metiers. Aber der war ja auch kein ordinärer Gärtner.

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La Quintinie war von Hause aus nämlich Rechtsanwalt. Wegen seiner umfassenden Bildung wurde er von dem Präsidenten des noblen „Cour des comptes“ mit der Erziehung seines Sohnes beauftragt, mit dem er eine Bildungsreise nach Italien unternahm. Dabei entdeckte La Quintinie die italienische Gartenkunst, die ihn so begeisterte, dass er hier seine eigentliche Berufung sah. Und da in dieser Zeit  in Paris Stadtpaläste (hôtel particulier) und im Umkreis der Stadt Schlösser für den Adel in Hülle und Fülle gebaut wurden, gab es Aufträge genug. Der „Finanzminister“ Ludwigs XIV., Nicolas Fouquet, holte La Quintinie zusammen mit den „drei großen Ls“,  Le Nôtre, Le Vau et Le Brun nach Vaux le Vicomte. Als Fouquet dann 1661 in Ungnade fiel, requirierte Ludwig XIV. das gesamte „team“ für sich. La Quintinie wurde zum Verwalter des königlichen Obst- und Gemüsegartens in Versailles und schließlich sogar zum   « directeur des jardins fruitiers et potagers de toutes les maisons royales » ernannt und geadelt: Zeichen für den hohen Stellenwert, den die Gartenkunst bei dem Sonnenkönig hatte. Als La Quintinie 1688 starb, bekannte Ludwig XIV. der Witwe:  « Madame, nous avons fait une grande perte que nous ne pourrons jamais réparer. »

Ludwig XIV. liebte es denn durchaus auch,  seinen Garten auf Augenhöhe zu betrachten oder ihn stolz exquisiten Gästen wie dem Dogen von Venedig oder dem Botschafter von Siam von der umgebenden Terrasse aus zu zeigen.

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Für den königlichen Besucher gab es einen ganz speziellen  Seiteneingang:  Ludwig XIV. konnte  von seinem Schloss über die  Treppen der 100 Stufen (Escaliers des 100 marches) zur Orangerie heruntergehen und von dort aus über die Allée de la Piece d’eau des Suisses direkt durch die vergoldete und mit den Insignien des Königs versehene „Grille du Roi“  den Garten betreten:  Es ist übrigens das einzige noch erhaltene ursprüngliche Tor des gesamten Schlosskomplexes von Versailles.

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Ein weiteres –im Moment ja gerade „aktuelles“-  Beispiel für das große hochherrschaftliche Wohlwollen, dessen sich Gemüse  und –besonders exotisches- Obst in diesen Zeiten erfreute, ist ja auch Friedrich der Große – dem es besonders die Melonen angetan hatten, so dass er eigens eine „Melonerie“ errichten ließ. Und eine Orangerie gehörte gewissermaßen zur Grundausstattung eines absolutistischen Hofes und manchmal sogar eines Klosters, wofür das auf die Zeit Karls des Großen zurückgehende Kloster Seligenstadt am Main ein schönes Beispiel ist: In der dortigen Orangerie wurden vor allem Ananas gezüchtet, mit denen die Äbte des 17. und 18. Jahrhunderts ihren Rang kulinarisch zum Ausdruck brachten und sich und  ihre Gäste verwöhnten.

Sehr lohnend ist in diesem Zusammenhang auch ein Besuch im Louvre: Dort hängen die vier wunderbaren Jahreszeiten-Portraits, die  Archimboldo 1573 für Kaiser Maximilian II. malte. Der besaß schon eine solche Serie und war so angetan davon, dass er als Geschenk für den sächsischen Kurfürsten eine weitere in Auftrag gab, die seit 1969 als einzige vollständig erhaltene Jahreszeiten-Serie Archimboldos im Louvre ausgestellt ist.

Hier wird auch sehr anschaulich, dass ein Obst- und Gemüsegarten in jeder Jahreszeit seine Reize hat. Den Potager du Roi kann man von April bis Oktober besuchen, und das lohnt sich immer. Natürlich im Frühjahr, wenn die Obstbäume blühen und man die Gärtner bei den Pflanzarbeiten auf den Gemüsebeeten beobachten kann; aber auch im Sommer, wenn die Wildblumen auf der ehemaligen Figuerie und die Blumen auf den Rabatten blühen.

Dann zeigen sich auch die Gemüsebeete in ihrer ganzen Pracht und Vielfalt. Da gibt es das Carrée für verschiedene alte und neue Erdbeer-Sorten, ein Carrée für alte aromatische Pflanzen, ein Carrée für Artischocken und Spargel usw.  Und  natürlich lohnt ein Besuch  im Herbst, wenn die Äpfel und Birnen an den Spalieren leuchten

In dem früheren Spargel-Garten werden heute keine Spargel mehr angebaut. Es gibt dort kleine Parzellen, die z.T. von Studenten der Gartenbauschule unterhalten werden, z.T. auch von Schulen und anderen pädagogischen und nachbarschaftlichen Einrichtungen. Das ist ein völlig anderes Gelände als der geometrisch strenge Barockgarten. La Quintinie würde wohl die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn er seinen „clos aux asperges“ in seinem heutigen Zustand sähe, entsprechend aber auch deutsche Schrebergarten-Funktionäre. Es ist aber ein wunderbarer ruhiger Ort.

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Man hat von dort aus einen schönen Blick auf die direkt vor dem Garten gelegene Cathédrale St-Louis, in der am Vorabend der Französischen Revolution (4.5.1789) die feierliche Eröffnung der Generalstände stattfand. Ab und zu blökt mal eines der Schafe, die im hinteren Teil des Geländes weiden, oder man hört einen Specht aus dem benachbarten –aber leider geschlossenen- Parc Balbi. Unter alten Aprikosen-Bäumen gibt es ein paar alte Plastik-Tische und Stühle. Sie sehen zwar wenig einladend aus –deshalb das vorsorglich mitgebrachte Tischtuch-  aber man kann sich  ungestört hinsetzen, in Ruhe sein mitgebrachtes Picknick verzehren und es sich gut gehen lassen. Das ist ein wunderbarer Abschluss eines Besuchs im Potager du Roi.

Bevor man den Garten verlässt, sollte man sich noch etwas in der kleinen Boutique am Eingang bzw. Ausgang des Gartens umsehen. Dort gibt es nämlich Kostproben von den jeweils 400 verschiedenen Obst- und Gemüsesorten, die noch heute im Potager du Roi angebaut werden.

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Praktische Hinweise:

10, rue du Maréchal-Joffre    Ab Paris RER C Richtung Versailles-Rive Gauche/Château; .Zugbezeichnung VICK

Die Fahrkarten kann man  an jeder Metro-Station in den Automaten kaufen und sie gelten für Metro und RER. Unbedingt empfehlenswert ist es, in Paris schon Rückfahrkarten zu kaufen- es gibt keine speziellen Hin- und Rückfahrkarten- denn nachmittags gibt es im Bahnhof von Versailles oft riesige Schlangen vor den  Fahrkartenautomaten oder Schaltern.

Vom Bahnhof ca 10 Minuten Fußweg zum Potager: Aus dem Bahnhof links die Avenue du Général -de-Gaulle bis zur Rue des Tournelles- rechts ab. Voilà!

Öffnungszeiten. April bis Oktober dienstags bis sonntags von 10 – 18 Uhr.  Eintrittspreis unter der Woche 4.50 €, an Wochenenden 7 €. Beim Kauf der Eintrittskarten sollte man sich den Flyer mit Informationen zum Garten und einem Plan geben lassen.  An Wochenenden und Feiertagen sind auch kommentierte Führungen um 11, 14.30 und 16.00 Uhr im Eintrittspreis eingeschlossen. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich, man findet sich einfach zum entsprechenden Zeitpunkt an der Statue La Quintinies ein.

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