Auf der A 4/Autoroute de l’Est von Saarbrücken nach Paris: Eine Fahrt durch die deutsch-französische Geschichte. Teil 2: Von der Voie Sacrée über Reims bis Meaux/Paris

Dies ist der zweite Teil eines Beitrags, in dem anhand der touristischen Hinweisschilder (panneaux marron) Orte an der autoroute de l’Est (A 4)  beschrieben werden, die im Zusammenhang mit der deutsch-französischen Geschichte stehen.  Meist beziehen sich diese Schilder auf die Kriege, die Deutsche und Franzosen miteinander geführt haben: Die Koalitionskriege zur Zeit der Französischen Revolution, den Krieg 1870/1871, den Ersten und den Zweiten Weltkrieg.

Im vorausgehenden ersten Teil des Beitrags ging es anhand der entsprechenden Schilder um  folgende Orte:

  1. Das Schlachtfeld von Spicheren  (1870, 1940, 1945)    
  2. Der amerikanische Soldatenfriedhof von St. Avold (1944/45)  
  3. Das Museum von Gravelotte (1870 und 1871 bis 1918)    
  4. Das Fort de Fermont an der Maginot-Linie  (1931-1940)   
  5. Das Schlachtfeld von Les Esparges (1914-1918)        
  6. Saint Mihiel  (1914-1918)                                         
  7. Verdun, Ville de Paix                                                    
  8. Die Voie Sacré (1916)                                                         

https://paris-blog.org/2021/07/09/auf-der-a-4-autoroute-de-lest-von-saarbrucken-nach-paris-eine-fahrt-durch-die-deutsch-franzosische-geschichte-teil-1-von-saarbrucken-uber-verdun-bis-zur-voie-sacree/ 

Gegenstand dieses Beitrags sind danach folgende Orte mit Bezug zur deutsch-französischen Geschichte, auf die entsprechende panneaux marron hinweisen. Wieder sind es meist Orte, die an Kriege erinnern, vor allem an den Ersten Weltkrieg, darunter drei amerikanische Soldatenfriedhöfe. Die habe ich einbezogen, weil Amerikaner eine wesentliche, ja kriegsentscheidende  Rolle als Alliierte Frankreichs gespielt haben. Aber es gibt auch positive Bezüge zur deutsch-französischen Geschichte. Dafür stehen die Etappen 11, wo es auch um die Rolle von Deutschen bei der Herstellung und der Vermarktung des Champagners geht, und die Etappe 12, deren Gegenstand die Kathedrale von Reims ist. Und die  ist ja nicht nur ein Symbol deutsch-französischer Feindschaft, sondern auch ein Ort deutsch-französischer Freundschaft und Versöhnung

9. Der amerikanische Soldatenfriedhof  Romagne –sous- Monfaucon (1917-1918)  und Varennes

10. Die Mühle und die Kanonade von Valmy (1792) 

11. Die Champagne: Der Champagner und der Erste Weltkrieg (1914-1918)         

12. Reims: die Kathedrale (1914, 1962)                                   

13. Der amerikanische Soldatenfriedhof Seringes et Nesle  (1918)   

14. Das französische Mémorial von Dormans (Marneschlachten)       

15. Der amerikanische Soldatenfriedhof  Belleau (1918)                   

16. Meaux und das Musée de la Grande Guerre (1914-1918) 

und dazu: Das Mausoleum von Champigny-sur-Marne  (1870)                

9.  km 235: Der amerikanische Soldatenfriedhof  Romagne –sous- Monfaucon (1917-1918) und Varennes  

Wie das touristische  Schild anzeigt, handelt es sich um einen amerikanischen Soldatenfriedhof.  Während der Friedhof von St Avold (Nummer 2) der größte amerikanische Soldatenfriedhof des Zweiten Weltkriegs ist, so ist der Friedhof von Romagne – sous – Monfaucon der größte des Ersten Weltkriegs. Insgesamt sind dort 14.246 amerikanische Soldaten bestattet. Auf dem Schild ist die Kapelle abgebildet mit den beiden seitlichen Kolonnaden.[1]

Die Kapelle ist im romanischen Stil gestaltet. Auf dem Tympanon über dem Eingangsportal befinden sich Allegorien des Leids und der Erinnerung. In den seitlichen Kolonnaden sind die Namen von 954 amerikanischen Soldaten verzeichnet, die verschollen sind oder nicht identifiziert werden konnten.[2]

Eingerichtet wurde der Friedhof auf dem Hügel von Montfaucon, der 1914 von der deutschen Armee besetzt und Ende 1918 von amerikanischen Soldaten im Zuge der Maas-Argonnen- Offensive wieder erobert worden war.

Einen kleinen deutschen Soldatenfriedhof gibt es in Romagne – sous – Monfaucon übrigens auch. Aber auf den touristischen Hinweisschildern sind –verständlicher Weise- die vielen deutschen Soldatenfriedhöfe entlang der A 4 nicht berücksichtigt.[3]

Praktische Informationen

Adresse:
Monument américain Meuse-Argonne
55110 Romagne-sous-Montfaucon

Der Friedhof ist zu erreichen ab der Abfahrt 29,1 (Clermont en Argonne) auf der D998 und der D946. (ca 30 km). 

Deutscher Soldatenfriedhof: 3, rue de l’Europa

Varennes

Auf dem Weg nach Romagne-sous- Montfaucon kommt man auch durch den Ort Varennes. Der wurde im Ersten Weltkrieg fast völlig zerstört- die feste Front im Stellungskrieg verlief vier Jahre lang ganz in der Nähe des Ortes. Daran erinnern noch Reste einer deutschen Bunkeranlage. Sie trägt den Namen „Abris du Kronprinz“. 

In der Bunkeranlage, die auch gegen Geschosse größten Kalibers geschützt war, hat zwar nie ein Kronprinz Quartier genommen, ihr Komfort muss allerdings wohl eines Kronprinzen würdig gewesen sein: Es gab elektrische Beleuchtung, Kühlschränke, feine Weine und Zigarren, Badewannen mit warmem und kaltem Wasser; draußen Blumenrabatte, Gemüsebeete, Boules-Anlagen… Die amerikanischen Soldaten, die dort 1918 einzogen, trauten kaum ihren Augen… Auch das gab es wenige Meter hinter der Front und den mörderischen Schützengräben…[4]

In dem Ort selbst gibt es auch ein amerikanisches Denkmal, das Pennsylvania Memorial, das an die Kriegsfreiwilligen aus Pennsylvania erinnert. Pennsylvania war das weitaus wichtigste Siedlungsgebiet deutscher Einwanderer in den USA. Und so sind auch die vielen deutschen Namen auf den Grabkreuzen des amerikanischen Soldatenfriedhofs von  Romagne-sous-Montfaucon zu erklären.

Bekannt ist Varennes allerdings vor allem durch „die Flucht nach Varennes“, auf die das entsprechende touristische Schild an der Autobahn verweist. Mit dem Begriff der Fuite à Varennes wird der Versuch Ludwigs XVI. bezeichnet, mit seiner Familie aus Paris, wo er in den Tuilerien festgehalten wurde, zu fliehen. Geplant war,  sich im grenznahen und königstreuen Gebiet um Montmédy in Sicherheit zu bringen, von wo aus  bei Gefahr das österreichische Exil in Luxemburg gut erreichbar gewesen wäre.

Die Flucht war zwar minutiös geplant, aber bei der Ausführung  gab es eine ganze Reihe von unvorhergesehenen Zwischenfällen und Pannen. So wurden der König und seine Familie in der Nacht vom 20. auf den 21. Juni 1791 in Varennes verhaftet und nach Paris zurückgebracht – eine entscheidende Etappe auf dem Weg Ludwigs XVI. und seiner Frau Marie Antoinette zum Schafott. [5]

Eine Marmortafel erinnert an dieses Ereignis. Sie ist an einem 1793 auf dem Ort der Verhaftung errichteten Glockenturm befestigt, „der am 14. September 1914 vom Feind in Brand gesetzt und nach dem Krieg restauriert wurde.“[6] Der Feind: Das ist natürlich Deutschland.  Die deutsch-französischen Kriege sind im Osten Frankreichs allgegenwärtig…

10. km 207: Die Mühle und die Kanonade von Valmy (1792)  

Dieses Schild illustriert die „Kanonade von Valmy“, auf die nicht nur die Jahreszahl, sondern auch die auf dem Hügel von Valmy stehende berühmte Mühle verweist. Hier siegten im September 1792 die französischen Revolutionstruppen über die verbündeten „alten Mächte“ Preußen und Österreich: Ein Wendepunkt der Geschichte der Französischen Revolution. Ein Tag später wurde in Paris die Republik ausgerufen.

Johann Wolfgang von Goethe, eher dem Evolutionären als dem Revolutionären zugeneigt, erkannte gleichwohl die Bedeutung des Gefechts bei Valmy, das er als Begleiter des in preußischen Diensten stehenden Weimarer Herzogs beobachtete.  In seinem autobiographischen Text „Campagne in Frankreich“ berichtet er, wie er am Abend danach die deprimierten Begleiter mit diesen Worten getröstet habe: „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen“[7]ein legendärer Satz, der in keiner Darstellung der Kanonade von Valmy fehlen darf.

Die Mühle von Valmy sieht man schon von der Autobahn aus.

Es lohnt sich aber, einen kleinen Abstecher zu machen und sich den Ort des Geschehens aus der Nähe anzusehen; zumal es seit 2014 dort auch ein  „centre historique“ gibt, also ein Ausstellungszentrum, in dem man am historischen Schauplatz sehr anschaulich über die Kanonade von Valmy informiert wird.  Es  ist völlig in den Hügel versenkt, so dass die Topographie des Schlachtfelds und seine Monumente nicht beeinträchtigt werden.

Es gibt eine Nachbildung des Schlachtfelds, auf dem die Positionen und Bewegungen der verschiedenen Truppenteile  veranschaulicht  werden- sogar mit Pulverdampf.

Ein Glanzstück (im wahrsten Sinne des Wortes) der Ausstellung ist eine französische Kanone –  effektvoll in Richtung Mühle postiert.

Es  handelt sich um das sehr effiziente Gribeauval- Modell, das schon im  Ancien Régime in den 1770-er Jahren eingeführt wurde.  Auch nach 1789  wurde es –versehen mit der Devise der Revolution- weiter produziert. Es war die Grundlage die für Überlegenheit der französischen Artillerie in der Kanonade von Valmy und den Kriegen Napoleons.[8] 

Teller zur Erinnerung an die Kanonade, ausgestellt im Centre Historique

Und natürlich darf in dem Centre Historique auch Goethe nicht fehlen.

Wenn man sein elektronisches Portrait berührt –ein Ausschnitt des Gamäldes von Joseph Karl Stieler aus der Münchner Neuen Pinakothek- spricht er über die Wirkung des Kanonendonners, die er gewissermaßen mit wissenschaftlicher Distanz an sich beobachtet. 

Zahlreiche Teilnehmer und Beobachter der Schlacht haben den von dem Artilleriefeuer verbreiteten Schrecken bestätigt. Auch in dieser Hinsicht ist Valmy der Beginn einer das Grauen noch vielfach potenzierenden neuen Epoche: eine distanzierte Beobachtung wie die Goethes kann man sich von einem Soldaten in den Schützengräben  vor Verdun kaum noch vorstellen. 

Neben der Mühle sieht man schon von der Autobahn aus ein hochaufragendes Denkmal. An seiner Spitze ein Soldat mit wehendem Rock, Säbel und hocherhobenem Arm. In seiner Hand hält er einen mit den Farben der Tricolore geschmückten Hut.  Die Statue zeigt den General  und späteren Marschall und Herzog von Valmy, François-Christophe Kellermann, wie er seine Truppen zum Gegenangriff führt. Die Statue erinnert damit an eine entscheidende Situation der Schlacht: Nicht nur wird damit der Angriff der preußischen Truppen abgewehrt, sondern es wird auch der revolutionäre Patriotismus deutlich,  der die französischen Truppen inspiriert. Auf Kellermanns Ruf „Vive la Nation!“ antworten die französischen Soldaten  mit dem Ruf „Vive la Nation! Vive la France! Vive notre général!“ und sie stimmen das Revolutionslied „ça ira“ an.[9]  Das erscheint allerdings insofern etwas merkwürdig, als darin gleich zweifach den  Aristokraten der Tod angekündigt wird. (Les aristocrates à la lanterne!… Les aristocrates on les pendra).  Für ihren Kommandeur,  der immerhin altem sächsisch-elsässischem Adel entstammt, galt das aber  offensichtlich nicht.

Vor dem Denkmal befindet sich ein Obelisk, unter dem –entsprechend dem Wunsch Kellermanns- sein Herz bestattet ist.  Der übrige Leichnam ruht im Familiengrab auf dem Friedhof  Père Lachaise in Paris.

Weitere Informationen zu Valmy im entsprechenden Blog-Beitrag:  https://paris-blog.org/2018/06/19/auf-dem-weg-nach-paris-die-muehle-von-valmy-das-fanal-einer-neuen-epoche/ 

 11. km 174:   Die Champagne: der Champagner und der Erste Weltkrieg  (1914-1918)         

Dieses touristische Hinweisschild zeigt unübersehbar –und ohne dass es dazu noch einer entsprechenden zusätzlichen Angabe bedürfte- dass wir uns jetzt in der Champagne und damit der Heimat des Champagners befinden. Und immerhin gibt es nach so vielen Stationen zu deutsch-französischen Kriegen endlich auch einmal einen positiven deutsch-französischen Bezug. Denn Deutsche haben bei der Entwicklung und Verbreitung des Champagners eine große Rolle gespielt. Pierre Sommet hat das am Beispiel des Hauses Veuve Cliquot eindrucksvoll belegt, dessen Aufstieg auch zwei Deutschen zu verdanken ist, Georg Christian Kessler aus Heilbronn und Eduard Werle aus Wetzlar.

Siehe den Gastbeitrag von Pierre Sommet auf diesem Blog: https://paris-blog.org/2021/02/13/reims-der-champagner-und-die-deutschen-die-ungekronte-konigin-von-reims-ein-gastbeitrag-von-pierre-sommet/ 

Kessler war zunächst Lehrling bei der Veuve Cliquot in Reims, arbeitete sich dann hoch und übernahm die Leitung des Büros und die Buchhaltung. Schließlich wurde er sogar aufgrund seiner Verdienste Teilhaber des Champagner- Hauses. 1826 trat er aus der Firma aus und brachte die Kunst der Champagner-Herstellung nach Esslingen am Neckar, wo er die älteste Sektkellerei Deutschlands gründete.

Sein Nachfolger als Teilhaber war ein weiterer Deutscher, Eduard Werle.  Werle begann seine Karriere als Kellermeister. Während der Wirtschaftskrise 1827 rettete er mit seinem eigenen Vermögen das Maison Clicquot vor dem Ruin. Vier Jahre später machte ihn die Witwe zum neuen Teilhaber. Schließlich bekleidete der eingebürgerte Édouard Werlé, durch die Protektion der Witwe, das Amt des Bürgermeisters von Reims und wurde sogar 1862 zum Abgeordneten der Nationalversammlung gewählt.[10]

Dass  in der Geschichte des Champagners die Deutschen generell eine wichtige Rolle gespielt haben, spiegelt sich bis heute in den Etiketten großer französischer Champagnerhäuser wie Heidsieck, Koch, Taittinger, Mumm, Bollinger, Deutz, Krug oder Piper wider.[11] Und dass diese Häuser bis heute einen teilweise exzellenten Ruf haben, illustriert eine kleine Notiz aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 21.1.2011:  Da wird davon berichtet, dass Diebe „mit Kennerblick“ aus dem Weinkeller eines Nobelrestaurants im Rheingau etwa 500 Flaschen Wein im Wert von rund 300 000 Euro (!) „entwendet“ hätten: Das waren französische Weine der berühmtesten Châteaux und von besonders gesuchten Jahrgängen, aber auch „einige Flaschen Champagner herausragender Erzeuger“[12],  darunter des Hauses Krug aus Reims, der laut Champagner-Welt „von vielen Kennern als bester aller Champagner bezeichnet wird.“[13] Gründer des Hauses war  1843  Johann-Joseph Krug aus Mainz….

Die Champagne war und ist aber nicht nur die Heimat des Champagners, zu dessen Erfolg viele Deutsche beigetragen haben, sondern sie ist auch –vor allem im Ersten Weltkrieg- ein Feld des Grauens gewesen. Schon am Anfang des Kriegs tobten hier im Zuge des deutschen Vormarsches heftige Kämpfe und am Ende des Krieges noch einmal, als die deutsche Armeeführung vergeblich versuchte, den Krieg doch siegreich zu Ende zu führen. Dazwischen liegen die Jahre des Stellungskrieges, die aber in der Champagne keineswegs ohne Kämpfe abliefen. 1915 gab es zwei massive französische Angriffe, mit dem Ziel, die deutsche Front zu durchbrechen, um den Feind aus dem besetzten Ostfrankreich zu werfen: Es waren dies die sogenannte Winterschlacht in der Champagne vom Januar bis März 1915 mit insgesamt 60.000 Toten und dann die Herbstschlacht in der Champagne vom September bis November 1915 mit insgesamt 400.000 Toten – überwiegend Franzosen, die die vergeblichen Angriffe mit ihrem Leben bezahlen mussten.[14]

Die Champagne ist denn auch übersät mit Soldatenfriedhöfen und Erinnerungsstätten. Ein eindrucksvolles Beispiel ist der Friedhof La Crouée in den im Krieg heftig umkämpften und weitgehend zerstörten Gemeinden Souain-Perthes-lès-Hurlus.

Die Heftigkeit der Kämpfe und der Verwüstungen veranschaulicht das Aquarell von Alexandre Miniac, der an den Kämpfen dort teilgenommen hat. Es zeigt das Schlachtfeld da, wo einmal das Dorf Hurlus stand, das nach dem Krieg nicht mehr wieder aufgebaut wurde.[15]

Das Gräberfeld La Crouée besteht aus zwei säuberlich voneinander getrennten Teilen- einem deutschen (im Vordergrund des Bildes) und einem französischen. 13 790 deutsche Soldaten sind dort bestattet, davon 11 324 in einem Sammelgrab. Von ihnen sind nur 1 907 namentlich bekannt.[16] Einer von ihnen ist der Maler August Macke.

In seiner Person wird die Tragik dieses Krieges besonders deutlich: Die französische Malerei des Impressionismus und der Fauves, die er auf drei Reisen nach Paris 1907, 1908  und 1909 (seiner Hochzeitsreise) kennenlernte, beeinflussten Macke stark. Besonders bewunderte er  Édouard Manet und Henri Matisse; Robert Delaunay lernte er persönlich kennen. Mit seinem Freund Franz Marc besuchte er am 2. Oktober 1912 Delaunay in dessen Atelier. „Die Begegnung mit dem französischen Maler gab entscheidende Impulse für Mackes künstlerische Eigenständigkeit.“ Seine Farbkomposition von 1913 zeigt deutlich den Einfluss Delaunays.[17]

Mackes Bilder wirken heiter und leicht, alles Tragische ist ihnen fremd. Sie „befriedigen die Sehnsucht nach positiven Bildern einer intakten Welt, dem Gleichklang des Menschen mit den Dingen, die ihn umgeben.“[18]  

Im April 1914 unternahm er mit Paul Klee und dem Schweizer Maler  Louis Moilliet eine Reise nach Tunesien- ein „Schlüsselereignis in der Kunst des 20. Jahrhunderts“.[19]  Der Ertrag waren Aquarelle von einer bewundernswerten Farbigkeit und Leichtigkeit.

Blick auf eine Moschee (1914) Kunstmuseum Bonn

Aber kurz danach kam die Katastrophe: Schon Anfang  August 1914 wurde Macke zum Kriegsdienst eingezogen und musste nun gegen das ihm so nahe Frankreich – das Land seiner Freunde Delauney, Apollinaire und  Matisse – kämpfen. Der verbreitete Hurra- Patriotismus jedenfalls war ihm fremd, und die Stimmung im Hause Macke war nach den Erinnerungen seiner Frau Elisabeth bei Kriegsausbruch bedrückt bis verzweifelt.

Auf der Staffelei in seinem Bonner Atelier hinterließ er ein Bild, auf das es das tunesische Licht nicht mehr geschafft hat. 

Elisabeth taufte es „Abschied“: [20] Etwas ist passiert, die Personen auf diesem Bild  unterbrechen ihren Spaziergang, stehen bewegungslos da, lauschen oder kommentieren. Vielleicht wird gerade der Krieg ausgerufen. Die Frau links im Bild hat einen weißen Zettel in der Hand, vielleicht den Marschbefehl für ihren Mann oder Sohn.  Die Personen auf diesem Bild sind bedrückt, hoffnungslos- anonym, die Farben kraftlos- ohne das berühmte Macke’sche Sonnengelb. Ein paar Monate früher hätte Macke die Personen in dem Bild bei Sonnenlicht flanieren oder einkaufen lassen.[21]

Am 9. September schrieb Macke seiner Frau von der Front in Frankreich:

„Seit drei Tagen liegen wir hier in einem Gefecht, das sich von Paris bis Verdun hinzieht. Von frühmorgens bis in die Nacht tobt der Kanonendonner. Es ist alles so grauenhaft, dass ich Dir nichts darüber schreiben mag. Unser aller Gedanke ist Friede.“

Und  zwei Tage später:

„Aus einer außergewöhnlich schweren Schlacht, die uns viele Verluste kostete, bin ich bis jetzt unversehrt  herausgekommen. Ich führe jetzt die 5. Komp.160. Es ist alles sehr grausig und ich mag Dir nichts über Einzelheiten schreiben. Ich denke viel an Dich und die Kleinen. Die Leute, die in Deutschland im Siegestaumel leben, ahnen nicht das Schreckliche dieses Krieges.“

Am 21. 9. schreibt er seinen vorletzten Brief an seine Frau:

„Seit 14 Tagen liegen wir nun immer in solchen Gefechten und Schützengräben und beobachten durch Gläser, wie sich französische Verwundete aufrichten, schreien und wieder hinlegen. Ab und zu hat sich einer von uns vorgewagt und solch einem armen Kerl Wasser gebracht.“

Und am 24.9.:

„Es geht mir noch immer gut. …. Die Schlacht tobt hier weiter.“[22]

Am 26. September 1914 fiel August Macke Im Alter von 27 Jahren bei Perthes-lès-Hurlus, wo er in dem Sammelgrab des deutschen Soldatenfriedhofs bestattet ist.

In einem ausliegenden Totenbuch sind alphabetisch geordnet die  Namen der Gefallenen mit ihrem Dienstgrad und dem Datum ihres Todes verzeichnet. Macke gehörte zu den ersten deutschen Soldaten, deren junges, hoffnungsvolles Leben in der Champagne jäh und sinnlos endete.

Franz Marc schrieb in seinem Nachruf:

„Er hat von uns allen der Farbe den hellsten und reinsten Klang gegeben, so klar und hell wie sein ganzes Wesen war.“

Auf der daneben liegenden Nécropole nationale de La Crouée sind 30 734 französische Soldaten bestattet.  Die sterblichen Überreste von  21 688 Gefallenen, die nicht identifiziert werden konnten, sind in 8 Beinhäusern zusammengetragen.[23]

Die hohe Zahl der Gefallenen auf beiden Seiten, die allein hier bestattet sind, vor allem aber die hohe Zahl der Toten, die nicht identifiziert werden konnten, weisen auf die Heftigkeit der Kämpfe hin. So begann die  Herbstoffensive der Franzosen 1915 mit einem dreitätigen Trommelfeuer aus 1650 Geschützen.  Man braucht nicht viel Phantasie, sich auszumalen, welche Folgen das hatte. Aber das Anrennen auf gut befestigte deutsche Stellungen forderte ebenfalls –und sogar noch deutlich höhere- Opfer; eine Bilanz, die von deutscher militärischer Seite zynisch kommentiert wurde: „Eine schöne und wohltuende Blutabfuhr“![24]

Ein Lichtblick in all dem Grauen: Die  Installation am Ortseingang von Souain  zur deutsch-französischen Versöhnung zwischen den ehemaligen Feinden, die sich hier die Hände reichen. (Foto von 2017)

Ein wichtiges Symbol deutsch-französischer Versöhnung und Zusammenarbeit war auch das gemeinsame Defilee deutscher und französischer Soldaten – das erste in der Geschichte beider Staaten- auf dem ganz in der Nähe von Souain/Perthes-lès-Hurlus gelegenen Truppenübungsplatz Mourmelon. Abgenommen wurde es von Staatspräsident de Gaulle –in Paradeuniform- und Bundeskanzler Adenauer am  8. Juli 1962.  Und es war de Gaulle, der darauf bestand, dass nicht nur die Trikolore, sondern auch die schwarz-rot-goldene Fahne zu diesem Anlass gehisst werden sollte.[25]

.Foto: AP/dapd

Nach dieser Truppenparade fuhren de Gaulle und Adenauer nach Reims, wo sie in der Kathedrale von Notre-Dame feierlich die deutsch-französische Versöhnung beschworen. Dazu mehr auf der nachfolgenden Etappe unserer Fahrt durch die deutsch-französische Geschichte auf der Autoroute de l’Est.  

     

 12. km 148: Notre Dame de Reims  (1914, 1962, 2011/2015)

Zur Kathedrale im Einzelnen siehe den Beitrag auf diesem Blog: https://paris-blog.org/2021/02/01/reims-die-konigin-der-kathedralen-als-ort-deutsch-franzosischer-feindschaft-versohnung-und-freundschaft/  Nachfolgend nur ein knapper Überblick.

Die Kathedrale von Reims gilt als Königin unter den Kathedralen Frankreichs. Dies beruht auf ihrer kunstgeschichtlichen Bedeutung als eines Höhepunktes der Gotik, zum anderen aber auf ihrem Status als Krönungskirche der französischen Könige: Bis 1825 sind nahezu alle französischen Herrscher  in der Reimser Kathedrale gekrönt worden. Es gab nur zwei Ausnahmen, nämlich Heinrich IV., der sich für Chartres entschied, und Napoleon, der sich in Notre-Dame de Paris zum Kaiser krönen ließ.

Dreimal in ihrer Geschichte war die Kathedrale von Reims ein Ort, an dem die Spannweite der deutsch-französischen Beziehungen zwischen „Erbfeindschaft“, Versöhnung  und Freundschaft in ganz besonderer Weise zum Ausdruck kam:

1914 wurde die Kathedrale von der deutschen Artillerie beschossen und in Brand gesetzt. Als Begründung dafür wurde die (angebliche) militärische Nutzung des Nordturms als Beobachtungsposten angeführt. Der Turm war damals wegen einer geplanten Renovierung mit einem Holzgerüst umgeben, das Feuer fing. Die Folgen waren verheerend: Der Fassadenschmuck wurde massiv in Mitleidenschaft gezogen, darunter der auf dem Autobahnschild abgebildete „lächelnde Engel“, der herunterstürzte,  zerbrach und zum Symbol der zerstörten Kathedrale und der verwüsteten Stadt wurde.

Für die Franzosen war die Bombardierung der Kathedrale ein barbarischer Akt  der deutschen „Hunnen“ und „Vandalen“, Ausdruck der tief verwurzelten Feindschaft zwischen beiden Völkern.

Ein Beispiel dafür ist diese Postkarte mit dem Titel „Die Wilden“.[26] Abgebildet ist ein vierschrötiger, halbnackter Riese, der in der rechten Hand eine Keule hält.  „Mit der Linken wirbelt er einen Soldaten in die Luft, der allerdings miniaturhaft klein, dem Ungeheuer völlig hilflos ausgeliefert ist.  Blutflecken überziehen den Körper des Wilden und Blutlachen bedecken den Boden. Im Hintergrund ist die brennende Kathedrale von Reims deutlich sichtbar. Der Wilde trägt eine Kette mit Zähnen erlegter Opfer um den Hals und sein Gesicht und Bart erinnern an den deutschen Kaiser Wilhelm II.“ [27]

Nachdem sie von der Militärparade in Mourmelon zurückgekommen waren, feierten Staatspräsident de Gaulle (der inzwischen seine Uniform abgelegt hatte) und Bundeskanzler Adenauer 1962  gemeinsam eine Messe in der Kathedrale, um damit die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland zu besiegeln.

In der Kathedrale wurden sie vom Erzbischof von Reims, Monseigneur Marty, empfangen.  Die Kathedrale sei glücklich, beide gemeinsam „mit dem Lächeln seines Engels“ (avec le sourire de son ange) zu empfangen. 

Hier das „offiziöse“ Bild des Fotografen Egon Steiner vom Versöhnungsgottesdienst in der Kathedrale von Reims. Der Dualismus Frankreich-Deutschland wird durch die solitären Säulen-Staatsmänner inszeniert, repliziert durch das Paar der kräftigen Pfeiler. Im rechten Pfeiler sind noch deutlich Einschüsse zu erkennen. Ein Foto auf der Höhe des bedeutsamen symbolischen Aktes, um den es sich damals handelte.

2011 wurden anlässlich der 800-Jahrfeier der Kathedrale  in deren Apsis  Glasfenster des deutschen Künstlers Imi Knoebel geweiht. Nach der feierlichen Versöhnungs-Messe von de Gaulle und Adenauer ist die Verständigung  und Freundschaft zwischen beiden Ländern nun auch in der Kathedrale sichtbar zum Ausdruck gebracht. 2015 kamen  noch drei weitere Fenster  dazu. Sie sind eine Schenkung des Künstlers, der Bundesrepublik Deutschland und der Kunststiftung NRW. „Sie stehen“, wie es in dem Begleittext heißt, „als ein Zeichen der Versöhnung und der Wiedergutmachung für die Zerstörung der Kathedrale im Ersten Weltkrieg, ein Zeichen des Friedens und einer gemeinsamen Zukunft für Europa, für Kunst und Kultur zwischen den beiden Völkern.“  Und diese Fenster schmücken nun einen hochsymbolischen Ort, nämlich die Kapelle der Jeanne d’Arc.

Knoebel entwickelte seine „kraftvolle, kaleidoskopische Komposition aus hunderten von Papierschnitten, einer Technik, die in der Kunstgeschichte untrennbar mit Henri Matisse verbunden ist. In einer der wenigen Aussagen, die Knoebel zu seinem Werk gegeben hat, verweist er zudem auf seine eigenen Erinnerungen an die Bombardierung Dresdens im Zweiten Weltkrieg, die er 1945, als Fünfjähriger, miterlebte und die sich ihm nachdrücklich ins Gedächtnis eingebrannt hat.[28]

Dass die Fenster Knoebels –zusammen mit denen Chagalls- jetzt die Apsis der Kathedrale von Reims schmücken und zum Leuchten bringen, ist ein wunderbarer Ausdruck der deutsch-französischen Freundschaft, deren Symbol die Kathedrale von Reims schließlich auch geworden ist.

13. km 115: Der amerikanische Soldatenfriedhof Seringes et Nesle  (1918)

Der eigentliche Name des amerikanischen  Soldatenfriedhofs Seringes et Nesle  ist Oise Aisne American Cemetery. Er liegt in der Nähe des Ortes Fère-en-Tardenois, 23 Kilometer nordöstlich von Château-Thierry- von Saarbrücken kommend erreichbar über die Abfahrt Dormans der Autoroute de l’Est. Der Friedhof liegt in einem Gebiet, das im Rahmen der großen deutschen Frühjahrsoffensive 1918 von deutschen Truppen erobert worden war. Die Oberste Heeresleitung unternahm hier –nach dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk und der entsprechenden Entlastung an der Ostfront- einen letzten Versuch, dem Krieg eine entscheidende Wendung zu geben.[29]

Es wurden auch erhebliche Geländegewinne entlang der Marne erzielt und man rückte bis auf 92 Kilometer an Paris heran. Während der Offensive kam auch das sogenannte Paris-Geschütz mit einer Reichweite von 130 Kilometern zum Einsatz, mit dem Paris beschossen wurde.  Insgesamt wurden 256 Zivilisten getötet und 620 verwundet, davon gab es allein 88 Tote und 68 Verwundete bei einem Treffer auf die Pfarrkirche Saint-Gervais-Saint-Protais im Marais während des Karfreitags-Gottesdienstes am 29. März 1918 nachmittags. Die deutsche Propaganda nutzte diese angeblichen Erfolge jedoch, um die Moral der Heimatfront  zu stärken.[30]

Die deutsche Offensive scheiterte letztendlich. Im Juli 1918 begann eine große alliierte Gegenoffensive, bei der zum ersten Mal 310 000 Mann des amerikanischen Expeditionskorps eingesetzt wurden. 67 000 amerikanische Soldaten kamen dabei ums Leben, von denen 6012 im Friedhof von Seringes et Nesles bestattet sind.

Der Friedhof hat auch einen ganz außergewöhnlichen, abseits gelegenen Abschnitt, den sogenannten Plot E – der als fünfter Teil des Friedhofs so benannt ist. Er liegt auf der anderen Straßenseite, ist von Hecken umgeben, also nicht einzusehen,  und nur über einen speziellen Zugang erreichbar. Hier sind 94 amerikanische Soldaten bestattet, die von amerikanischen Kriegsgerichten wegen Mord und/oder Vergewaltigung  hingerichtet wurden. Die Verbrechen und Exekutionen fanden in verschiedenen Ländern statt, England, Frankreich, Belgien, Deutschland, Italien und Algerien. 1949 wurden die sterblichen Überreste der Hingerichteten dann in dem Plot E zusammengefasst.[31]

Anders als auf dem beiliegenden Friedhof für die ehrenhaft Gefallenen gibt es hier nur kleine in den Boden eingelassene Steinplatten mit den Serial Numbers, den militärischen Identifikationsnummern, der Hingerichteten. Eine amerikanische Flagge ist hier untersagt.

Insgesamt wurden 98 amerikanische Soldaten des Zweiten Weltkriegs wegen Mordes und/oder  Vergewaltigung hingerichtet. Wegen Vergewaltigung wurden in 904 Fällen amerikanische Soldaten verurteilt, allerdings nur wenige hingerichtet. Über die Dunkelziffer der nicht gesühnten Verbrechen kann nur spekuliert werden. Schätzungen gehen von über 10 000 Vergewaltigungen allein in Deutschland aus.[32]

14. km 114: Das französische Mémorial von Dormans (Marneschlachten)      

Das Mémorial von Dormans ist eine der vier großen französischen nationalen Gedenkstätten des Ersten Weltkriegs, zu denen auch die Gedenkstätte auf dem Hartmannsweilerkopf im Elsass, Douaumont bei Verdun und Notre Dame de Lorette in Nordfrankreich (Pas-de-Calais) gehören.[33]

Das Mémorial von Dormans erinnert an die beiden kriegsentscheidenden Marneschlachten von 1914 und 1918: Die erste bedeutete das Scheitern der Kriegsplanung des deutschen Generalstabschefs Schlieffen, der einen schnellen Sieg an der Westfront vorsah; die zweite bedeutete das Scheitern der letzten Versuchs der Deutschen Heeresleitung, 1918 einen entscheidenden Durchbruch an der Westfront zu erzielen. Errichtet wurde es 1922 auf einer Anhöhe über der Marne  „aus Dankbarkeit an Gott und in Erinnerung an all die Opfer dieses Krieges“.[34]  

„Hier hat das Bewusstsein der Franzosen, einen heiligen Krieg zur Verteidigung des Vaterlands zu führen, seine eindrucksvollste Form gefunden. Wie eine zweite Sacré-Cœur ragt die doppelgeschossige Gedenkbasilika im neoromanischen Stil über dem Marnetal auf. In der unteren Kapelle lädt ein Marienaltar zum Gebet für die Toten der Schlachten von 1914 und 1918 ein. Im Obergeschoss stellen Reliefs an den Pfeilern des Querschiffs den Kampf gegen das Deutsche Reich in eine Reihe mit der Hunnenschlacht auf den Katalaunischen Feldern, dem Triumph Karl Martells über die Araber und den Zügen der Jungfrau von Orléans gegen die Engländer.“[35]

Es gibt auch ein kleines Museum mit üblichen Erinnerungsstücken.

Dazu gehört auch ein Plakat mit den 10 Geboten des Soldaten. Das beginnt mit der Aufforderung, den französischen Kommandeur Joffre anzubeten und endet mit dem Gebot, möglichst viele Boches (verächtlich: Deutsche) zu töten und so zu siegen.

Auf dem Vorplatz  befindet sich die Totenleuchte, wie sie auf manchen Friedhöfen im Mittelalter üblich waren. Dort sind die lateinischen Worte „Et lux in tenebris lucet“ eingraviert – ein Wort aus dem Johannesevangelium und auch der Wahlspruch der Waldenser….[36]

In einem Beinhaus werden in 130 Särgen die sterblichen Überreste von 1500 Soldaten aufbewahrt…, von denen nur 11 identifiziert werden konnten.

So wird in Dormans –wie auch in den anderen großen Erinnerungsstätten des Ersten Weltkriegs – nicht nur der Sieg gefeiert, sondern auch der Toten gedacht, die diese Sieg mit ihrem Leben bezahlt haben.

Praktische Informationen  (https://de.memorialdormans14-18.com/praktische-informationen/): 

Adresse: Parc du Château Avenue des victoires  51700 DORMANS

Ausfahrt A 4  Dormans

Öffnungszeiten  Täglich vom 1. April bis zum 31. Oktober:

  • von 14 bis 18 Uhr im April, Mai, September und Oktober
  • von 10.30 bis 18.30 Uhr im Juni, Juli und August
Blick vom „Kreuzgang“

15. km 90:  Der amerikanische Soldatenfriedhof Belleau/Aisne-Marne American Cemetery (1918)    

Auf dem amerikanische Soldatenfriedhof von Belleau sind Gefallene des Kampfes um den Wald von Belleau bestattet. Dieser dichte Wald war von den deutschen Truppen im Zuge der Frühjahrsoffensive und des Vormarschs auf Paris 1918 besetzt worden. Wegen seiner strategischen Bedeutung erhielten die U.S. Marines den Auftrag, den Wald zurückzuerobern, was in einem dreiwöchigen erbitterten Kampf auch gelang.[37]

Es war der erste Einsatz der Marines und die Verluste waren dramatisch hoch: Mehr als die Hälfte der eingesetzten Soldaten wurde getötet oder verwundet- so viele wie nie mehr später bei einem Einsatz. Für die Marines ist der Wald von Belleau deshalb ein ganz besonderer Erinnerungsort, weil dort the prestige and reputation for bravery of the Marine Corps overseas ihren Ursprung hatten. Natürlich wurde 2018, am 100. Jahrestag des Kampfes, der dort bestatteten Gefallenen in einer besonders aufwändigen Zeremonie gedacht.[38]

. (AP Photo/Virginia Mayo)

Eigentlich hätte auch der damalige amerikanische Präsident Donald Trump, der sich damals anlässlich der Feiern zum Ende des 1. Weltkriegs in Paris aufhielt, an dieser Zeremonie teilnehmen sollen – geradezu ein Pflichttermin.  Trump lehnte aber ab. Die 1800 Marineinfanteristen, die in der Schlacht im Wald von Belleau starben, waren für ihn „Trottel“ (suckers), weil sie getötet wurden. Er wolle, wie es damals aus seiner Umgebung hieß,  den Friedhof nicht besuchen, weil der „voller Verlierer“ (losers) sei.[39] Da ist es nur allzu verständlich, dass der in seiner Selbstwahrnehmung größte amerikanische Präsident aller Zeiten nicht anerkennen will und kann, selbst ein  loser zu sein….

Einen knappen Kilometer entfernt gibt es auch einen deutschen Soldatenfriedhof in der üblichen Schlichtheit.[40]  Auf diesem Friedhof liegen die sterblichen Überreste von  8630 Soldaten, von denen die große Mehrheit während der 2. Marneschlacht 1918 gefallen ist. 4308, die mit wenigen Ausnahmen identifiziert werden konnten, ruhen in Einzelgräbern, die anderen in zwei Sammelgräbern.

16. Km 44: Meaux und das Musée de la Grande Guerre (1914-1918) 

 

Kurz nachdem man auf der A 4 die Marne überquert hat, verweist ein Schild auf das Museum des „Großen Krieges“ in Meaux. Abgebildet sind vier Soldaten, ein deutscher, ein franösischer, ein englischer und ein amerikanischer: Die Internationalität des Kampfes an der Westfront wird damit veranschaulicht.

Das Museum befindet sich in unmittelbarer Nähe des 1932 errichteten monumentalen amerikanischen Kriegerdenkmals „The Tearful Liberty/La Liberté éplorée“.[41]

Es handelt es sich um das größte dem Ersten Weltkrieg gewidmete Museum. Seine Existenz verdankt es dem passionierten Historiker Jean-Pierre Verney, der fast 50 Jahre lang Gegenstände und Dokumente zur Geschichte des Ersten Weltkriegs gesammelt hat. 2005 erwarb Le Pays de Meaux die über 50 000 Stücke umfassende Sammlung und beschloss, ein eigenes Museum für sie zu erbauen.[42] Eine wesentliche Rolle spielte dabei auch der damalige Bürgermeister von Meaux, der gleichzeitig Abgeordneter der Nationalversammlung und Generalsekretär der konservativen UMP war, der sich damit gewissermaßen selbst ein Denkmal setzte. Eingeweiht wurde das Museum am 11.11.2011, dem an das Ende des Ersten Weltkrieg erinnernden nationalen Gedenk- und Feiertag.[43]

Es gibt in der Ausstellung viele interessante Exponate, wie zum Beispiel dieser patriotische Teller….

… oder dieser mit dem berühmten „wir kriegen sie“ des Generals Pétain, als er das Kommando der französischen Truppen bei Verdun übernahm.

Insgesamt kultiviert aber die Ausstellung, wie Le Monde in ihrem Beitrag zur Eröffnung des Museums schrieb, „le spectaculaire. Zwei Flugzeuge sind an der Decke aufgehangen, ein Renault-Panzer fährt einen Abhang hoch, die Rohre von Kanonen und Maschinengewehren sind überall hin ausgerichtet.“[44]

Natürlich darf auch ein Pariser Taxi nicht fehlen, hier das Ausstellungsstück vom Typ Renault Taxi AG.[45] Es ist „ein Symbol der Schlacht an der Marne, die zum Teil rund um Meaux stattfand. Am 6. und 7. September 1914 wurden auf Befehl von General Gallieni etwa 600 Pariser Taxis beschlagnahmt, um Verstärkung an die Front zu schicken. … Wenngleich nur ein kleiner Teil der Soldaten auf diese Weise befördert wurde, – die meisten kamen mit dem Zug an die Front- wurden die Taxis schnell zum Symbol des französischen Kampfgeistes und der landesweiten Mobilmachung für den Sieg.“?

Bei aller beeindruckenden Fülle und Größe der Ausstellungobjekte: Man kann, wie Le Monde schrieb, befürchten, dass viele Besucher die so glänzend restaurierten und lackierten Waffen bewundern, die makellosen Uniformen auf den Schaufensterpuppen, die nicht bluten und nicht schreien. Die Militaria-Freunde seien sicherlich begeistert, aus nächster Nähe und ganz in Ruhe die technischen Details der Waffen studieren zu können, aber sei das alles nötig, um bestätigt zu finden, dass dieser Krieg zu schnellen und mörderischen technischen Fortschritten geführt habe? Und bestehe nicht die Gefahr, die Realität des gegenseitigen Abschlachtens aus dem Blick zu verlieren? [46] Diesen rhetorischen Fragen -und damit dieser Einschätzung- kann ich mich nur anschließen.

Musée de la Grande Guerre, route de Varreddes, 77100, Meaux

Praktische Informationen (Anfahrt, Öffnungszeiten, Preise): https://www.museedelagrandeguerre.eu/de

Und zum Abschluss noch ein persönlicher und aktueller Hinweis:

Das Beinhaus von Champigny-sur-Marne

Von Meaux ist es nicht mehr weit auf der autoroute de l’Est nach Paris. Weitere Hinweisschilder mit deutsch-französischen historischen Bezügen gibt es nicht mehr. Bedauerlich ist allerdings aus meiner Sicht, dass es bei Champigny-sur-Marne, an dem die Autobahn vorbeiführt, nicht einen Hinweis auf das Beinhaus der Stadt gibt. In Champigny –das dann auch Champigny-la-Bataille genannt wurde-  fand nämlich eine der blutigsten Schlachten des deutsch-französischen Krieges von 1870/1871 statt.

Lithographie nach einer Zeichnung von Max Henze. Dresden/New York 1895

Bei dem verzweifelten Versuch, die Einkesselung von Paris zu durchbrechen, kämpften hier Ende November/Anfang Dezember 1870 auf beiden Seiten über 100 000 Soldaten. Viele der Gefallenen konnten nicht identifiziert werden. Und so sind im Beinhaus von Champigny –ohne Unterschied der Nationalität- die sterblichen Überreste von 1384 Soldaten Seite an Seite bestattet.[47] Sie kämpften gegeneinander und ruhen hier nun gemeinsam in Frieden.

Mit dem ossuaire von Champigny wird damit gewissermaßen ein Bogen geschlagen zu Spichern, dem ersten deutsch-französischen Erinnerungsort an der Autoroute de l’Est. Nachdem vor einigen Jahren das Beinhaus in Champigny –mit nicht unwesentlicher deutscher Beteiligung- renoviert und wieder zugänglich gemacht wurde, hätte es auch ein Hinweisschild/panneau marron verdient…. [48]


Vom 25, Mai bis zum 4. Juli und vom 7. September bis zum 22. Oktober fand/findet in Bry-sur-Marne im Hôtel de Malestroit eine Ausstellung zum 150. Jahrestag der Schlacht von Champigny statt.

Näheres siehe die Information des Deutschen Historischen Instituts Paris:  https://guerre1870.hypotheses.org/2867


Anmerkungen:

[1] Nachfolgendes Bild aus: https://www.klassenfahrt-verdun.de/tag/militaerfriedhof/

[2] Bild aus: http://dansmabonjotte.canalblog.com/archives/2015/11/10/32891877.html

[3] Bild aus: https://www.blumenspenden.de/dk/romagne/kriegsgraeberstaette.html Siehe auch:   https://www.dffv-verdun.de/de/aktivitaeten/verdun_romagne_sous_montfaucon.php 

[4] Infos und Bild: http://www.varennesenargonne.fr/pages/le-tourisme.html 

[5] Eine übersichtliche Darstellung der Flucht der königlichen Familie und ihrer Folgen siehe: https://www.wikiwand.com/de/Flucht_nach_Varennes

[6] Bild aus: Fichier:Varennes-en-Argonne La plaque commémorant l’arrestation de Louis XVI.JPG — Wikipédia (wikipedia.org)

[7] Campagne in Frankreich, S 235

[8] Bertaut, S. 44. Siehe auch . https://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Baptiste_Vaquette

[9] Bertaud, S. 36/37

[10] Siehe den Gastbeitrag von Pierre Sommet auf diesem Blog: https://paris-blog.org/2021/02/13/reims-der-champagner-und-die-deutschen-die-ungekronte-konigin-von-reims-ein-gastbeitrag-von-pierre-sommet/ 

[11] Siehe https://www.facebook.com/artekarambolage/videos/champagner-karambolage-arte/548244399062495/   

[12] FAZ vom 21. Januar 2021, S. 40  (Rhein-Main). Solche exquisite Flaschen werden offenbar nicht einfach gestohlen, sondern „entwendet“….

[13] http://www.champagnerwelt.com/krug/ 

[14] Siehe: https://de.france.fr/de/champagne/artikel/1-weltkrieg-wege-der-erinnerung-champagne-ardenne

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg/kriegsverlauf/champagne-1915.html

[15] MINIAC_Alexandre,_aquarelle_des_Hurlus_(Marne),_lors_de_la_première_guerre_mondiale..jpg (2138×1533) (wikimedia.org)

[16] https://kriegsgraeberstaetten.volksbund.de/friedhof/souain

[17] Bild aus: https://www.art-galerie-shop.de/august-macke-farbkomposition-thuner-see-1913.html?gclid=EAIaIQobChMIy5iMvIDi8AIVFYTICh1QhAzUEAQYASABEgJdbfD_BwE Das vorhergehende Zitat ist dem Begleittext zu dem in der Macke-Ausstellung des Museums Wiesbaden ausgestellten Bild entnommen. (Paradies! Paradies? Oktober 2020 bis Mai 2021)

[18] Mathias T. Engels, August Macke. Monographien zur rheinisch-westfälischen Kunst der Gegenwart 1. Recklinghausen: Bongers 1958. Zitiert bei: https://de.wikipedia.org/wiki/August_Macke

[19] https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Tunisreise Nachfolgendes Bild: https://www.kunstkopie.de/a/august-macke/blick-auf-eine-moschee.html

[20] Bild aus: https://de.wikipedia.org/wiki/August_Macke#/media/Datei:August_Macke_001.jpg

[21] Christa Blenk, Werkbetrachtung: Abschied von August Macke. https://www.kultura-extra.de/kunst/spezial/werkbetrachtung_Abschied_AugustMacke.php

[22] August Macke, Briefe an Elisabeth und die Freunde. Herausgegeben von Werner Frese und Ernst-Gerhard Güse. München: Bruckmann 1987

[23] Bild aus: https://www.wikiwand.com/fr/Liste_de_n%C3%A9cropoles_nationales_en_France

[24] Franz Sontag (Hrsg.): Ein Armeeführer erlebt den Weltkrieg – Persönliche Aufzeichnungen des Generalobersten v. Einem, Leipzig 1938, S. 163 zitiert in: https://de.wikipedia.org/wiki/Herbstschlacht_in_der_Champagne

[25] Bild aus: https://jhmcohen.com/2014/02/12/k-adenauer-c-de-gaulle-1962-a-reims-un-surprenant-message-de-paix/  Zu der Militärparade von Mourmelon siehe auch: Jean-François Boulanger, Hervé Chabaud, Jean-Pierre Husson, De la capitulation à la réconciliation. La rencontre de Gaulle –Adenauer à Reims en 1962.  http://www.cndp.fr/crdp-reims/memoire/enseigner/memoire_2gm/degaulle_adenauer.htm

[26] Bild aus Thomas W. Gaethgens, Die brennene Kathedrale. Eine Geschichte aus dem Ersten Weltkrieg. München 2018, Farbtafel 35  (wiedergegeben in der Amazon-Vorschau).

[27] Gaethgens, S. 106/107

[28]  Gaethgens, S. 281

[29] Karte aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Fr%C3%BChjahrsoffensive_1918#/media/Datei:Mai-Angriff_1918.jpg

[30] https://de.wikipedia.org/wiki/Paris-Gesch%C3%BCtz Zur Bombardierung von Saint-Gervais siehe auch den Blog-Beitrag über das Marais: https://paris-blog.org/2020/04/20/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-1-grosse-maenner/ 

[31] Bild aus: https://en.wikipedia.org/wiki/Oise-Aisne_American_Cemetery_Plot_E#/media/File:Plot_%22E%22,_Oise-Aisne_American_Cemetery.jpg       

[32]https://de.wikipedia.org/wiki/Sexuelle_Gewalt_im_Zweiten_Weltkrieg#:~:text=Soldaten%20der%20US%2DArmy%20vergewaltigten,1945%20sch%C3%A4tzungsweise%2011.040%20deutsche%20Frauen.

https://en.wikipedia.org/wiki/Rape_during_the_liberation_of_France#:~:text=U.S.%20soldiers%20were%20reported%20committing,the%20end%20of%20the%20war Siehe auch: Mary Louise   Roberts, What Soldiers Do: Sex and the American GI in World War II FranceThe University of Chicago Press 2013

[33]  Zur Gedenkstätte Hartmannswillerkopf siehe: https://paris-blog.org/2019/08/01/der-hartmannswillerkopf-das-franzoesische-nationaldenkmal-und-das-deutsch-franzoesische-historial-zum-ersten-weltkrieg/  Zur Gedenkstätte Douaumont siehe:  https://paris-blog.org/2016/05/21/verdun-1916-2016-und-die-neue-gedenkstaette/ 

[34] Aus dem Informationsblatt des Memorials.

[35] Andreas Kilb, Es ist vorbei, vorbei für immer. Hundert Jahres Erster Weltkrieg. FAZ vom 26.7.2014 https://www.faz.net/aktuell/politik/der-erste-weltkrieg/erster-weltkrieg-die-schlachtfelder-der-marne-13059447-p4.html 

[36] https://paris-blog.org/2018/12/02/von-lyon-nach-dornholzhausen-die-waldenser-eine-franzoesisch-italienisch-deutsche-fluechtlingsgeschichte-teil-1-lyon-luberon-piemont/ 

[37]   Saving Paris: U.S. Marines at Battle of Belleau Wood (warhistoryonline.com)

[38] https://www.gazettenet.com/US-Marines-bravery-celebrated-100-years-after-French-battle-17800182

[39] Süddeutsche Zeitung 4.9.2020  Blog zur US-Wahl  und Süddeutsche Zeitung 5. September 2020

[40] Bild aus: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Belleau_-_Soldatenfriedhof_-_entr%C3%A9e.jpg

[41] Bild aus: https://tourisme.seine-et-marne-attractivite.fr/4673215-monument-americain

[42] https://www.museedelagrandeguerre.eu/de/besuch-des-museums/das-groesste-europas-zum-zeitraum-14-18.html

[43] Zum 11. November siehe die Blog-Beiträge: https://paris-blog.org/2016/10/01/der-11-november-ein-franzoesischer-feiertag-im-wandel/ und https://paris-blog.org/2018/11/11/paris-11-november-2018-paris-begeht-den-100-jahrestag-des-waffenstillstands-november-2018/

[44]Philippe Dagen,  La Grande Guerre s’expose à Meaux, sans sang, sans cris, sans larmes. Le Monde vom 10.11.11

[45] Bild und nachfolgendes Textzitat aus:  https://www.museedelagrandeguerre.eu/de/besuch-des-museums/unbedingt-sehenswert/marne-1914.html

[46] Philippe Dagen,  La Grande Guerre s’expose à Meaux, sans sang, sans cris, sans larmes. Le Monde vom 10.11.11

[47] Bild aus: http://www.mehrow.de/Aktuelles/2016/Champigny-sur-Marne/DSC02237_Plakette_640.jpg

[48] Bild aus: Champigny : l’ossuaire rénové dévoile ses sépultures de soldats – Le Parisien

Weitere geplante Beiträge:

Die alte Eiche (Le Gros Chêne) von Allouville-Bellefosse in der Normandie. Ein Gastbeitrag von Zora del Buono

La mer imaginaire: Die Jahresausstellung 2021 in der Villa Carmignac auf Porquerolles

Nous la Commune: Eine Ausstellung zum 150. Jahrestag der Pariser Commune. Place de la Bastille

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Auf der A 4/Autoroute de l’Est von Saarbrücken nach Paris: Eine Fahrt durch die deutsch-französische Geschichte (Teil 1: Von Saarbrücken über Verdun bis zur Voie Sacrée)

Im Allgemeinen benutzen wir für unsere Fahrten nach Paris nicht das Auto: Mit dem Zug kann es –jedenfalls wenn man aus der Nähe von Frankfurt kommt wie wir- nicht konkurrieren. Was die Fahrzeit, den Komfort und –bei frühzeitiger Buchung- die Kosten angeht, ist die schnelle Zugverbindung über Saarbrücken oder Straßburg einfach unschlagbar. Außerdem ist das Auto in Paris wegen des Parkproblems eher eine Last.

Aber manchmal benutzen wir dann doch das Auto. Vor allem, wenn Paris eine Zwischenstation ist auf einer Fahrt in den Westen oder Südwesten Frankreichs. Dann geht es mit dem Auto über Saarbrücken auf der Autoroute de l’Est nach Paris. Am Rand dieser Strecke sind zahlreiche braune Hinweisschilder (panneaux marron) angebracht, die auf besondere Sehenswürdigkeiten hinweisen: eine Kirche, ein Schloss, einen malerischen Ort. Es sind die sogenannten Panneaux d’animation culturelle et touristique, deren Ziel es nach Auskunft des Autobahnbetreibers Sanef ist, „den Reichtum des kulturellen und touristischen Erbes“ zu veranschaulichen und die Autofahrer zu motivieren, den Charme der Regionen Frankreichs zu entdecken. Dabei sollten die angegebenen Orte nicht mehr als 30 km von der nächsten Abfahrt entfernt sein. [1] Ein ganz erheblicher Teil dieser Hinweisschilder bezieht sich auf Orte und Ereignisse, die einen historischen Bezug haben. Und das sind , wie auf dieser Strecke kaum anders zu erwarten, vor allem Bezüge zur deutsch-französischen Geschichte, ganz konkret zu den vielen Kriegen, die beide Länder miteinander geführt haben und in denen die Gegenden entlang der Autoroute de l’Est eine wesentliche und leidvolle Rolle gespielt haben. Das erste Hinweisschild nach Saarbrücken und letzte vor Paris sind denn auch die passende Einführung und der markante Schlusspunkt:

Schon kurz hinter der Grenze gibt es das erste historische Hinweisschild (Km 14 der A 320, die zur A 4 führt). Es bezieht sich auf  den Kampf um die Spicherer Höhen  im deutsch-französischen Krieg von 1870/1871.

Schlusspunkt ist kurz vor Paris  das Hinweisschild auf das „Museum des Großen Krieges“ in Meaux, nahe der großen und kriegsentscheidenden Marneschlachten am Beginn und Ende des Ersten Weltkriegs.

Insgesamt gibt es an der Autoroute de l’Est 16 solche  Hinweisschilder mit Bezug zur deutsch-französischen Geschichte: Und diese Schilder beziehen sich meist explizit auf Kriege: die Koalitionskriege während der Französischen Revolution, den deutsch-französischen Krieg 1870/1871, den Ersten Weltkrieg und den Zweiten Weltkrieg.

  1. Das Schlachtfeld von Spicheren  (1870, 1940, 1945)    
  2. Der amerikanische Soldatenfriedhof von St. Avold (1944/45)  km 364
  3. Das Museum von Gravelotte (1870)    km 303                           
  4. Das Fort de Fermont an der Maginot-Linie  (1931-1940)     km 293 
  5. Das Schlachtfeld von Les Esparges (1914-1918)  km 274
  6. Saint Mihiel  (1914-1918) km 258   
  7. Verdun, Ville de Paix km 256 
  8. Die Voie Sacré (1916) km 243  
  9. Der amerikanische Soldatenfriedhof Romagne –sous- Monfaucon (1917-1918)  km 235
  10. Die Mühle und die Kanonade von Valmy (1792)      km 207
  11. Die Champagne, der Champagner und der Erste Weltkrieg (1914-1918)  
  12. Reims: die Kathedrale (1914, 1962, 2011 und 2015)   km 148
  13. Der amerikanische Soldatenfriedhof Seringes et Nesle  (1918)    km 114
  14. Das französische Mémorial von Dormans (Marneschlachten)   km 113
  15. Der amerikanische Soldatenfriedhof  Belleau (1918)  km 90                 
  16. Meaux und das Musée de la Grande Guerre (1914-1918)     km 44

Diese Hinweisschilder markieren unübersehbar die Autofahrt nach Paris. Sie erinnern an Bekanntes,  wecken Assoziationen, machen vielleicht auch neugierig. Ich habe sie zum Anlass genommen, jeweils –mehr oder weniger ausführlich- etwas zu den Orten mitzuteilen, auf die da verwiesen wird. Das sprengt zwar das-sowieso schon beträchtliche  übliche Format der Beiträge dieses Blogs. Aber es entsteht so ein wie ich hoffe anschaulicher und  informativer Begleiter für die Fahrt auf der Autoroute de l’Est. Und vielleicht regt er ja auch dazu an, auf dieser faszinierenden Reise durch die Geschichte an dem einem oder anderen der bezeichneten Orte anzuhalten  und sich selbst ein Bild zu machen. Interessante und geeignete Alternativen zu einer Fahrtpause in einer Autobahnraststätte bieten sich -angefangen mit Spicheren- damit auch an.

Dieser deutsch-französische Autobahn-Reiseführer ist in zwei Abschnitte aufgeteilt. Nach diesem über Verdun bis zur Voie Sacrée führenden ersten Teil wird in dem nachfolgenden Blog-Beitrag die weitere Fahrt bis über Reims nach Paris behandelt.

  1. Das Schlachtfeld von Spicheren  (1870, 1940, 1945)

Die Spicherer Höhen bei Saarbrücken hatten im Krieg von 1870/71 und im Zweiten Weltkrieg eine strategische Bedeutung, weil von da aus das umliegende Gebiet von Saarbrücken bis Forbach kontrolliert werden konnte.  Die französische Armee, die am Anfang des Krieges von 1870/71  Saarbrücken besetzte, hatte sich auf dem festungsartigen „Roten Berg“ von Spicheren festgesetzt. Anfang August 1870 begannen deutsche Truppen den Angriff und eroberten mit hohen Verlusten die Spicherer Höhen.

Theodor Fontane, damals offizieller Kriegsberichterstatter der preußischen Armee, schreibt dazu: „Wichtiger als die strategische Bedeutung der Erstürmung der Spicherer Höhe war ihre moralische; wir hatten einen …. durch Zahl und Artillerie uns erheblich überlegenen Feind aus einer Stellung geworfen, die er selbst für uneinnehmbar angesehen hatte.“ [2]

Heute erinnern zahlreiche Ehrenmale an deutsche und französische Gefallene der damaligen Kämpfe.

Besonders herausgestellt wird dabei der –offensichtlich von französischen Hugenotten abstammende-  preußische Generalmajor Bruno von François, der bei der Erstürmung der Spicherer Höhen ums Leben kam. Am Fuße des Ehrenmals für das Hohenzollernsche Füsilier-Regiment Nr. 40 befindet sich ein Gedenkstein mit seinem –eingedeutschten- Namen.

Im Wald unterhalb der Anhöhe befindet sich sein umzäunter Sterbeort mit einem Gedenkstein. Dahinter das Ehrenmal für das von ihm kommandierte 1. Hannoversche Infanterie-Regiment Nr. 74.[3]

Heute sind die Spicherer Höhen ein beliebtes Ausflugsziel, das sich auch für eine historisch angereicherte  Rast auf dem Weg nach Paris anbietet.

Eine Tafel am Parkplatz erleichtert die Orientierung. Daneben liegt das traditionsreiche Restaurant Woll, von dessen großer Terrasse aus man einen schönen Blick auf die Erinnerungsstätte an die Schlacht vom 6. August 1870 und das Forbacher Becken hat.

Eine übersichtliche aber gute Karte. - Picture of Restaurant Woll, Spicheren  - Tripadvisor

Wenige Meter davon entfernt liegt ein kleiner deutscher Soldatenfriedhof mit Gefallenen aus den ersten Tagen des „Westfeldzugs“ und den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. Auch da wieder waren die Spicherer Höhen umkämpft.

Praktische Informationen: Autoabfahrt Saarbücken/Goldene Bremm. Von dort aus erreicht man über die B 41/N3 Richtung Forbach und die Straße Zum Zollstock (beschildert) in wenigen Minuten die Spicherer Höhen

Das Ehrental im Deutsch-Französischen Garten von Saarbrücken

Am Fuß der hart umkämpften Spicherer Höhen liegt das Mockental.  Dort wurde unmittelbar nach der Schlacht auf Beschluss der Saarbrückener Stadtverwaltung eine gemeinsame Ruhestätte für die Gefallenen beider Nationen geschaffen, die den Namen „Ehrental“ erhielt. Bereits einen Tag nach der Schlacht wurden die ersten Kriegstoten  beigesetzt, denen bis April 1871 457 weitere folgten.  Später kamen noch Gräber für weitere ehemalige Kriegsteilnehmer hinzu.

Dies waren allerdings nicht die ersten Soldaten, die man im Mockental beigesetzt hatte. Bereits 1813  hatten französische Soldaten, die auf  dem Rückzug aus Russland in Saarbrücken verstorben waren,  hier ihre letzte Ruhe gefunden.

In Artikel 16 des Frankfurter Friedensvertrages vom 10. Mai 1871 verpflichteten sich die Regierungen Frankreichs und Deutschlands gegenseitig, die Gräber der auf ihren Gebieten beerdigten Soldaten zu respektieren und unterhalten zu lassen. Mit der Anlage des Ehrentals nahm die Stadt Saarbrücken diese Regelung bereits vorweg.

Insgesamt bietet der Friedhof ein sehr heterogenes Bild, das weniger militärisch-kriegerisch bestimmt ist. Üblich sind ja bei Gefallenenfriedhöfen, von denen wir auf der Fahrt nach Paris noch mehreren begegnen werden, strikte Regelungen in der Anordnung und einheitlichen Gestaltung der Gräber.  Auch im Tod liegen da die Soldaten meist übersichtlich geordnet auf offenen Feldern in Reih und Glied. Das ist im Ehrental ganz anders. Alte Bäume wie Eichen, Buchen, Winterlinden, Zypressen und Tulpenbäume, dazu natürlich das Efeu, und die Topografie des Wäldchens mit seiner ovalen Form tragen zum parkähnlichen Charakter bei.  Und dadurch, dass Hinterbliebene ihren Angehörigen individuelle Grabmale setzen konnten, trat ihr persönliches Gedenken gegenüber dem offiziellen bzw. militärischen in den Vordergrund: Das Ehrental ist der erste Friedhof für Gefallene des deutsch-französischen Krieges, möglicherweise sogar der erste Soldatenfriedhof in Deutschland.  Verbindliche Konzeptionen für eine solche Anlage gab es damals noch nicht.   Natürlich erinnern einzelne Symbole daran, dass hier Soldaten ihre letzte Ruhe fanden, wie dieses verwitterte Eiserne Kreuz mit Eichenlaub.

Daneben wurden aber auch die in der zivilen Grabgestaltung gebräuchlichen Formen und Symbole verwendet., die dem damaligen Zeitgeschmack entsprechen, aber auch damals eher ungewöhnlich waren..[3a]

Bestattet sind adlige Offiziere wie Maximilian Reichsfreiherr Roth von Schreckenstein, der Kommandeur des Rheinischen Ulanenregiments No 7, dem seine Familie das aufwändigste Grabdenkmal des kleinen Friedofs bauen ließ.

Es gibt aber auch Gräber einfacherer Soldaten wie das des Lehrers (nicht Gymnasialprofessors!) August Engler, der bei der Erstürmung der Spicherer Höhen am 6. August schwer verwundet wurde.

Im Ehrentag endgültig bestattet ist auch der General von François, der beim Sturm auf die Spicherer Höhen gefallen war.  

Sein Grabmal hat die damals beliebte Form einer abgebrochenen Säule, die sich wenige Schritte weiter auch bei einem französischen Grab: findet.

Bestattet ist hier der Lieutenant Achille St. Victor Fourcade, der am 6. August in Spicheren von einer Kugel in die Brust getroffen wurde, wie die Grabinschrift ausweist („a reçu une balle dans la poitrine“)

Dies ist ja auch eine Besonderheit dieses kleinen Friedhofs, dass deutsche und französische Soldaten, die auf den Spicherer Höhen gegeneinander gekämpft haben, hier gemeinsam bestattet sind.

Dieses große französische Grabkreuz in prominenter Lage erinnert insgesamt an die 1970/1871 gefallenen französischen Soldaten. Errichtet wurde es „parleurs Compatriotes“- aber offenbar war da ein deutscher Steinmetz am Werk, worauf die etwas eigenwillige französische Schreibweise hindeutet….

Auch eine Frau fand hier ihre letzte Ruhe: Katharine Weißgerber, genannt nach der „Herrschaft“, bei der sie als Dienstmagd beschäftigt war, ‚Schultze Kathrin‘. 

Zu Beginn des Deutsch-Französischen Krieges half sie,  verwundete Soldaten aus der Gefechtslinie zu bergen und zu versorgen. Das waren zunächst Opfer des französischen Angriffs auf Saarbrücken unmittelbar nach der Kriegserklärung Napoleons III.  vom 19. Juli 1870, dann Opfer des preußischen Gegenangriffs und des Kampfes um die Spicherer Höhen.[3b]

Briefmarke der Saar-Post von 1956. (Erst am 1.1.1957 wurde das Saarland Bundesland der BRD)

Für ihr humanitäres Engagement wurde Katharine Weißgerber mit einem „Verdienstkreuz für Frauen und Jungfrauen“ ausgezeichnet, starb aber am 6. August 1886, dem Jahrestag der Schlacht,  arm und weitgehend vergessen. Immerhin erhielt sie einen Grabstein – den einzigen einer Frau im Ehrental- finanziert durch den Spendenaufruf einer Zeitung.

In der Nähe des kleinen Friedhofs für die Gefallenen des deutsch-französischen Krieges von 1870/1871 gibt es noch eine weitere Erinnerung an die unselige militärische Vergangenheit beider Länder: Einen Bunker des sogenannten Westwalls. Seit 1936 zog sich auch eine Höckerlinie durch das Gelände, das der Abwehr von Panzerangriffen dienen sollte.

Die Höcker wurden in der Nachkriegszeit beseitigt. Bunker und Friedhof sind heute Teil des Deutsch-Französischen Gartens, der aus der Bundesgartenschau von 1960 hervorging. Diese Bundesgartenschau firmierte als binationale
Veranstaltung. Die neue Park- und Freizeitanlage entstand als bleibendes Symbol einer dauerhaften Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland.


2. Km 364: Der amerikanische Soldatenfriedhof von St. Avold (1944/45)      

Das Hinweisschild bei Kilometer 364 macht unübersehbar deutlich, dass es hier um einen amerikanischen Soldatenfriedhof geht: Die wohlgeordnete Menge der weißen Kreuze, die amerikanische Flagge und die Silhouette des amerikanischen Wappentiers.  Und in der Tat: Der Friedhof von Saint Avold (englisch: Lorraine American Cemetery and Memorial), um den es sich handelt, ist ein  amerikanische Soldatenfriedhof, und zwar sogar mit 10 489 Gräbern der größte US-amerikanische Soldatenfriedhof des Zweiten Weltkrieges in Europa.[4]

Von dem  Belvedere mit dem im Vergleich zum Autobahnschild nicht ganz so imposanten Adler hat man einen eindrucksvollen Blick über das Gräberfeld mit den für die amerikanischen Militärfriedhöfe typischen Kreuzen aus weißem Marmor- manchmal sind es auch Davidsterne, die es übrigens auf den amerikanischen Soldatenfriedhöfen für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges noch nicht gibt.

Wie auf allen von der American Battle Monuments Commission (ABMC), dem Pendant zum Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge,  gebauten und betreuten Anlagen gibt es auch eine überkonfessionelle Kapelle, die hier dem Kampf um die Freiheit gewidmet ist.

Praktische Informationen: American Cemetery Saint-Avold – Fayetteville Avenue – 57500 Saint-Avold. Öffnungszeiten täglich von 9-17 Uhr. Über die Autobahnabfahrt Saint Avold und die D 633 in wenigen Minuten zu erreichen.

Ein paar hundert Meter weiter gibt es auf dem ebenfalls auf der linken Seite gelegenen Gemeindefriedhof ein  bescheidenes „carrée militaire allemande“   mit den Gräbern deutscher Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg.[5]

3. km 303:  Gravelotte, der deutsch-französische Soldatenfriedhof, das Mausoleum  und das Museum (1870, 1905, 2014)   

Vom 14.- 18. August 1870 fand bei den westlich von Metz gelegenen Orten Gravelotte/Saint-Privat/Mars-la-Tour eine Schlacht zwischen französischen und deutschen Truppen statt. Der  deutsche Sieg, der zur Einkesselung der französischen Rheinarmee in der Festung Metz führte und deshalb eine erhebliche strategische Bedeutung hatte, war mit hohen Opfern erkauft. Theodor Fontane, der die preußischen Truppen als Kriegsberichterstatter begleitete, schrieb:

„Unser Gesamtverlust belief sich auf 904 Offiziere und 19,058 Mann, davon todt 310 Offiziere und 3905 Mann. Seit Leipzig war keine Schlacht geschlagen worden, die größere Opfer gekostet hätte.“[6]

 Am Tag darauf telegrafierte der preußische König Wilhelm –und spätere Kaiser Wilhelm I.-  an Königin Augusta: „Meine Garde fand vor Saint-Privat ihr Grab.“[7]  Wilhelm legte deshalb auch großen Wert darauf, dass im Friedensvertrag von Frankfurt das von Soldatengräbern übersäte Schlachtfeld dem Deutschen Reich einverleibt wurde.

1895 wurde dort ein Aussichtsturm errichtet, von dem aus man das Schlachtfeld überblicken konnte. 1905 wurde er abgerissen und ein Mausoleum im neoromanischen Stil errichtet, das Kaiser Wilhelm II. höchstpersönlich einweihte.

Umgeben ist das Mausoleum von einem deutsch-französischen Soldatenfriedhof. Es gibt dort zahlreiche Grabstätten deutscher Offiziere, aber auch Massengräber unbekannter deutscher und französischer Soldaten. Zahlreiche Denkmale von dem Schlachtfeld wurden nach und nach dort hin verlegt.

Das Museum des deutsch- französischen Krieges 1870/1871 und der Annexionszeit wurde von dem Pariser Architekten Bruno Mader entworfen und  2014 eröffnet.

Der Stahl als hauptsächliches Baumaterial ist bewusst gewählt:  Es ist das Metall, aus dem auch die in der Schlacht verwendeten Säbel, Geschosse, Gewehre und Kanonen hergestellt wurden. Und die Patina entspricht der Zeit, die seitdem vergangen ist.

Das Museum zeichnet sich aus durch eine  konsequente deutsch-französische Perspektive. Für die dementsprechende ausgewogene Darstellung  bürgt allein schon der hochkarätig besetzte internationale wissenschaftliche Beirat mit französischer, deutscher und englischer Beteiligung.

Bezeichnend ist in dieser Hinsicht auch die sprachliche Gestaltung der Informationstafeln:  Handelt es sich um den Krieg und seine Vorgeschichte, steht am Anfang der französische Text, gefolgt von der deutschen Version (und einer englischen Kurzfassung). Sobald es allerdings um die Zeit zwischen 1871 und 1918 geht, als das Elsass und das Département  Moselle als Reichsland Elsaß-Lothringen Teil des Deutschen Reiches waren, ist das umgekehrt: zunächst der deutsche, dann der französische Text. Und inhaltlich ausgewogen ist sowohl die Darstellung der Vorgeschichte, wo das Interesse beider Seiten an dem Krieg herausgestellt wird, als auch die der „Annexionszeit“: Da werden auch soziale Fortschritte wie die Einführung des Bismarckschen Versicherungssystems angesprochen, auf die die Bewohner des Reichslands nach 1918 nicht verzichten wollten; genauso wenig wie auf das im Reichskonkordat geregelte Verhältnis zum Vatikan, das bis heute noch eine im zentralisierten laizistischen Frankreich außergewöhnliche regionale Besonderheit darstellt.

Sehr eindrucksvoll sind die deutschen und französischen Gemälde, in denen die Schlacht dargestellt wird, wobei  auch die schrecklichen Opfer auf beiden Seiten nicht ausgeblendet werden.

Hier ein Ausschnittaus dem  1897 entstandenen Gemälde Carl Röchlings  Schlacht von Gravelotte. Tod des Majors von Hadeln am 18. August 1870:

Der schon verletzte Major führt mit der Fahne in der Hand einen Trupp Soldaten des Rheinischen Infanterieregiments Nr.  69 gegen verschanzte Franzosen an. Wenige Augenblicke später wird er durch einen Schuss ins Herz getötet. Die Darstellung entspricht einerseits dem damals üblichen Heldenkult, andererseits wird aber auch in aller Deutlichkeit der Schrecken des Krieges gezeigt.

Auch der französische Maler Georges Jeanniot stellt in seinem Gemälde „Ligne de feu, souvenir du 16 août 1870  die Schrecken de Krieges dar, die er auf dem Schlachtfeld von Gravelotte am eigenen Leib erfahren hatte.

Eindrucksvoll sind auch die in dem Museum gezeigten Fragmente des Schlachten- Panoramas von Rezonville (Gravelotte). Es wurde in den 1880-er Jahren mit großem Erfolg in Paris präsentiert und diente dazu, die Erinnerung an die Opfer des Krieges und die verlorenen Provinzen  wachzuhalten. Wie sehr die blutigen Kämpfe in den Kämpfen um Gravelotte die Menschen in Deutschland und Frankreich bewegt haben, veranschaulichen zwei Gedichte, die in dem Museum vorgestellt werden: Ferdinand Freiligraths  Die Trompete von Gravelotte und Arthur Rimbauds  Der Schläfer im Tal (Le dormeur du val).

Insgesamt ein außergewöhnlicher Erinnerungsort des deutsch-französischen Krieges. Mehr dazu in dem entsprechenden Blog-Beitrag:

https://paris-blog.org/2021/01/01/gravelotte-bei-metz-ein-einzigartiger-erinnerungsort-des-deutsch-franzosischen-kriegs-1870-1871/

Praktische Informationen: 

Musée départemental de la guerre de 1870 et de l’annexion   11, rue de Metz, 57130 Gravelotte

Gravelotte liegt westlich von Metz an der D 603

Öffnungszeiten des Museums 2020: Vom 8. Februar bis 13. Dezember
Dienstag bis Sonntag 10-13 Uhr und 14-18 Uhr. Montags und am 1. Mai  geschlossen.

4. km 293: Das Fort de Fermont an der Maginot-Linie  (1931-1940)      

Dass auf  das Fort de Fermont hingewiesen wird, ist etwas ungewöhnlich, weil es etwa 45 Kilometer von der nächstgelegenen Autobahnabfahrt entfernt liegt, also die eigentlich gesetzte Obergrenze deutlich überschreitet.  Zu erklären ist das wohl damit, dass es sich um ein ganz besonderes Bauwerk handelt: Es ist nämlich eines der sogenannten „gros ouvrages“, der großen Festungsbauwerke, der Maginot-Linie, die in den Jahren zwischen den Weltkriegen errichtet wurde. Das Fort Fermont rühmt sich zudem damit , „unbesiegt“ zu sein, also den Angriffen der Wehrmacht standgehalten zu haben[8], und schließlich ist das Fort zusammen mit einem neuen Museum  für Besucher zugänglich.

Eingang der Festung

Ein Besuch ist allerdings nicht nur wegen der Entfernung zur Autobahn etwas kompliziert, sondern er muss auch genau geplant werden, weil er nur im Rahmen einer  Führung möglich ist, für die eine vorherige Anmeldung sinnvoll ist. Was die Besucher erwartet, skizziert das zuständige Tourismus-Büro:  „Während der zweistündigen Besichtigung des Forts Fermont können die Besucher die sieben, durch unterirdische Gänge verbundenen Kampfblöcke, die Ausstattungen und Waffenausrüstungen entdecken. Nach dem Munitionslager steigen Sie an Bord einer kleinen elektrischen Feldbahn, um eine 30 Meter unter der Erdoberfläche liegende Artilleriekasematte zu entdecken.“

 „Anschließend erreichen Sie das Krankenrevier, die Kaserne oder auch die elektrische Fabrik mit den rekonstruierten Szenen. In den Oberbauten kann man die anderen Blöcke mit einem 75-mm-Geschützturm in Block 1 und auf einer Fläche von mehr als 1.000 m² ein Museum über das Armeematerial der Maginotlinie erkunden, sowie eine einzigartige Ausstellung mit versenkbaren Geschütztürmen und zahlreichen Artilleriestücken.“[9]

So eindrucksvoll diese Festungsanlage auch ist: Der militärische Nutzen der mit großem Aufwand errichteten Maginot-Linie war minimal.  Die meisten Festungsanlagen wurden 1940 beim Angriff der deutschen Wehrmacht auf Frankreich umgangen, so dass die dort stationierten Soldaten fest saßen und tatenlos zusehen mussten, wie ihre Armee überrannt wurde. Die Maginot-Linie war insofern ein Schlüssel der französischen Niederlage: Ein Großteil der französischen Divisionen verharrte an der Maginot-Linie und konnte nicht in die entscheidenden Kämpfe eingreifen. [10]

Praktische Informationen:

Das Fort liegt an der D 174 zwischen Beuveille und Fermont. Von der Autoroute de l’Est Abfahrt 34 St. Marie aux Chênes. Auf der D 643 bis Beuveille, von dort auf der D 174 Richtung Fermont.  Allerdings sind das knapp 45 Kilometer.  Statt dieselbe Strecke wieder zurückzufahren, bietet sich die Weiterfahrt über Etain, Verdun und die Voie sacrée bis zur Autobahnauffahrt 30 an.

Öffnungszeiten: siehe https://www.fort-de-fermont.fr/ 

Telefon: 0033 (0)3 82 39 35 34

5. km 274: Das Schlachtfeld von Les Éparges (1914-1918)   

Bei Kilometer 274 steht neben friedlich grasenden Kühen dieses Schild, das auf ein Schlachtfeld des Ersten Weltkrieges hinweist. Kurz danach ein weiteres Schild:

Les Éparges bezeichnet einen Höhenzug südöstlich von Verdun, der im September 1914 im Zuge des dann gescheiterten Angriffs auf die Festung Verdun von deutschen Truppen besetzt wurde. Der Höhenzug dominiert die Ebene von Woëvre die sich zur (damals deutschen) Festung hinzieht und damit strategische Bedeutung hat. Les Éparges ist Teil des Frontbogens (le saillant) von Saint Mihiel, um den es im nachfolgenden Abschnitt geht. [11]

Aufgrund dieser besonderen Lage des Höhenzuges  beschloss die französische Armeeführung seine Rückeroberung. Vom Angriffsbeginn am 17. Februar bis zum  April 1915 tobten heftigste Kämpfe:  Ständige Angriffe und Gegenangriffe, kleine Geländegewinne, die dann wieder verloren wurden, Hunger, Kälte, völlig verschlammte Schützengräben, pausenloser Artilleriebeschuss und Tausende und Abertausende Tote, Verwundete und Vermisste auf beiden Seiten.

Deutscher Schützengraben von Les Éparges[12]

Es war „schlimmer als die Hölle. All das ohne entscheidenden Sieg und mit keiner anderen Konsequenz als die Anhäufung von Leichen, von entstellten Gesichtern, von im Schlamm vergrabenen Köpfen, zerschossenen Bäumen, verwüsteten Landschaften.“[13]

Es gibt verschiedene Denkmäler, die im Andenken an die Kämpfe und Kämpfer errichtet wurden. Das Denkmal auf dem Point X, dem besonders umkämpften Punkt des Höhenzuges von Les Éparges, ist denen gewidmet, „die kein Grab haben“. Insgesamt wurden die Körper von 10 000 der in Les Éparges gefallenen 50 000 Männer nicht gefunden.[14]

Einer der Kämpfer auf französischer Seite war Maurice Genevoix, der  am 25. April 1915 verwundet wurde und seine Kriegserfahrungen in mehreren Büchern niederschrieb, die er unter dem Titel „Ceux de 14“ (Die von 14) zusammenfasste. Eines dieser Bücher trägt den Titel Les Éparges.

 Vor dem Rathaus von Les Èparges wurde dem Schriftsteller ein Denkmal errichtet.

Auf dem Sockel folgendes Zitat: „Ce que nous avons fait c’est plus qu’on ne pouvait demander à des hommes et nous l’avons fait.“   („Das, was wir gemacht haben, ist mehr als das,  was man von Menschen erwarten konnte, und wir haben es gemacht.“)

Am 11. November 2020 wurden die sterblichen Überreste von Genevoix in das Pariser Pantheon überführt und mit ihm –in einem symbolischen Akt- auch Ceux de 14.

Mehr zu Genevoix und seiner Pantheonisierung  in dem entsprechenden Blog-Beitrag:

https://paris-blog.org/2020/11/02/die-aufnahme-des-schriftstellers-maurice-genevoix-und-der-franzosischen-teilnehmer-des-1-weltkriegs-ceux-de-14-ins-pantheon/ 

 Am selben Tag wie Genevoix wurde auch –auf der anderen Seite der Front-  Ernst Jünger in Les Éparges verwundet, der seine Erfahrungen in dem Buch In Stahlgewittern. Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers verarbeitete.  Ein Abschnitt darin ist mit Les Eparges überschrieben. Obwohl Jünger den Kampf heroisierte  und er die Aura des todesmutigen und kaltblütigen Truppenführers pflegte, hat er angesichts der mörderischen Kämpfe von Les Èparges doch auch Schwäche gezeigt:

Ich will offen gestehen, daß mich meine Nerven restlos im Stiche ließen. Nur fort, weiter, weiter! Rücksichtslos rannte ich alles über den Haufen. Ich bin kein Freund des Euphemismus: Nervenzusammenbruch. Ich hatte ganz einfach Angst, blasse, sinnlose Angst.[15]

Der Höhenzug ist noch heute von den Spuren der Kämpfe gezeichnet, vor allem von den großen Kratern der Minen, die bis zum Kriegsende dort auf beiden Seiten eingesetzt wurden. [16]

Le saillant de Saint Mihiel, Les Eparges, Site de la crête de Les Eparges. Cratères de mines et terre labourée par les milliers d’obus tombés ici.

Am Fuß des Höhenzuges von Les Éparges liegt der Cimetière Militaire du Trottoir, wo französische Opfer der Kämpfe bestattet sind. Dazu gehört auch Robert Porchon, der Kampfgefährte von Maurice Genevoix, der ihm „Sous Verdun“, den ersten Teil von „Ceux de 14“,  gewidmet hat und durch den Robert Porchon zum „bekanntesten Soldaten des Großen Krieges“ geworden ist.[17] Der Name des Friedhofs stammt aus der Kriegszeit: Die Toten wurden, solange sie in dem Morast nicht bestattet werden konnten, zunächst auf Holzrosten abgelegt, die sonst als Gehsteige (trottoir) genutzt wurden.

Praktische Informationen:

Von der A 4 Abfahrt 32.  D 908. Ab Fresnes en Woevre  auf der D 203 nach Les Éparges (ca 10 km).  Von dort über die D 203 A und den Cimetière Militaire du Trottoir  zum Point X

6. km 258:   Saillant de Saint – Mihiel  (1914-1918)    

Saillant de Saint-Mihiel: Das ist ein nach Westen vorspringender Frontbogen, der 1914 entstanden war, als die deutsche Armee vergeblich versuchte, die Festung Verdun einzuschließen.  1915 versuchte  die französische Armee durch die Angriffe bei Les Éparges vergeblich, diesen Frontbogen zu begradigen.  So blieb der von bayerischen Truppen eroberte Brückenkopf von Saint – Mihiel auf der westlichen Seite der Marne noch bis September 1918  in deutscher Hand.                   

Hier eine Karte der Westfront nach dem Beginn des Stellungskrieges. In der Mitte ist der Frontbogen von Saint-Mihiel deutlich zu erkennen.[18]  Das Gebiet um Saint-Mihiel wird von deutschen und französischen Schützengräben und Stellungen durchzogen. Hier ein Bild der Tranchée du saillant de Saint-Mihiel  auf französischer Seite….



und Reste vom „Schützengraben des Hungers. Die dort eingesetzten französischen Soldaten mussten sich im Mai 1915 aus Wassermangel ergeben: Sie waren nahe daran zu verdursten.

…. und ein von bayerischen Pionieren errichteter befestigter Unterstand beim bayerischen Schützengraben.

1918 nahmen amerikanische Truppen den schon teilweise geräumten Frontbogen ein. Ihnen zu Ehren wurde 1937 auf einem Hügel in der Nähe des Lac de Madine das Montsec American Monument errichtet.[19]

7. km 256: Verdun, Ville de la Paix  

Auf diesem Schild wird Verdun als „Stadt des Friedens“ vorgestellt.  Unter dem Regenbogen und der Friedenstaube ist das Weltzentrum des Friedens, der Freiheit und der Menschenrechte (Centre Mondial de la Paix, des Libertés et des Droits de l’Homme) abgebildet, das sich im prächtigen Bischofspalast von Verdun befindet.[20]

Zu dem Programm des Zentrums gehören Ausstellungen zur kriegerischen Vergangenheit, aber auch Veranstaltungen wie die deutsch-französische und europäische Woche im Oktober 2020, die einen Beitrag zur europäischen Verständigung leisten.

Praktische Informationen:

Weltzentrum des Friedens:

Palais épiscopal,  Place Monseigneur Ginisty
55105 VERDUN   Tel.  +33 (0)3 29 86 55 00

Öffnungszeiten siehe  https://de.tourisme-verdun.com/decouverte/post/weltfriedenszentrum-centre-mondial-de-la-paix

Dass es gerade Verdun ist, das seine Rolle als  Stadt des Friedens sieht, hängt natürlich mit seiner ganz und gar nicht friedlichen Vergangenheit zusammen. Verdun steht ja, wie kaum ein anderer Ort, für die Grauenhaftigkeit des Ersten Weltkrieges, seine Materialschlachten und die unermesslichen Opfer, die dieser Krieg auf beiden Seiten verursacht hat.

Das wird auf dem Autobahnschild auf der anderen Seite der Autoroute de l’Est angesprochen,  wobei –wie auch auf dem schon abgebildeten Schild zum Frontbogen von Saint-Mihiel  (Nummer 6) auf der Südseite- Verdun zusammen mit dem Argonnen-Wald genannt wird.  Der Wald der Argonnen war nach dem Scheitern des Schlieffen-Plans und dem Rückzug der deutschen Truppen an der Marne ein während der gesamten Kriegszeit umkämpft bis hin zu der hauptsächlich von den amerikanischen Interventionstruppen vorgetragenen großen Maaß-Ardennen-Offensive vom September bis zum Waffenstillstand am 11. November 1918.  

Zu den Kriegsschauplätzen in diesem mittleren Abschnitt der Westfront gehörten auch die Kämpfe von Les Éparges, des Frontbogens von Saint-Mihiel und vor allem von Verdun.[21] Diese Festung wurde von der deutschen Heeresleitung als Angriffsziel ausgewählt, um die französischen Truppen entscheidend zu schwächen und damit ein Kriegsende unter Wahrung der deutschen Interessen zu erzwingen. Vom Februar bis Dezember 1916 wurde gekämpft- Inbegriff der industrialisierten Materialschlachten des Weltkriegs: Mit rund 1200 Kanonen, darunter den überschweren 42-cm-Geschützen vom Typ „Dicke Bertha“ verschossen die Deutschen weit über eine Million Tonnen Stahl auf die französischen Stellungen- und die Franzosen etwa die gleiche Menge gegen die deutschen Positionen. Eine solche Konzentration an Feuerkraft hatte es in der Kriegsgeschichte bis dahin nicht gegeben. Das vom deutschen Generalstabschef von Falkenhayn geplante „Ausbluten“ oder „Weißbluten“  der französischen Armee fand aber nicht statt: Die Verluste auf beiden Seiten waren immens.  So wurde die  „Hölle“ oder „Knochenmühle von Verdun“ zum Inbegriff eines letztlich sinnlosen Kampfes.[22] 

Für Frankreich wurde Verdun nach dem Krieg zum wichtigsten nationalen Erinnerungsort, zu einem Symbol für den erfolgreichen Widerstand gegen einen Aggressor. Verdun bot sich aus mehreren Gründen dafür an: Hier gibt es –anders als bei der Marneschlacht- einen geographisch begrenzten und durch eindrucksvolle Monumente wie die umkämpften Forts und anschauliche Spuren des Krieges gekennzeichneten Raum. Dazu kommt,  dass es sich bei der Verteidigung  Verduns um eine rein französische Angelegenheit handelte, an der keine Verbündete beteiligt waren. Und schließlich trug auch das  von General Pétain, dem Verteidiger und „Sieger Verduns“,  eingeführte System der Truppenrotation zur Ausnahmestellung Verduns bei:  Dieses  von ihm als Noria (Schöpfrad) bezeichnete System bedeutete, dass  jede große Einheit nur einmal für eine begrenzte Zeit in Verdun eingesetzt werden sollte, um die Belastung der Truppen zu reduzieren und ihre Moral aufrecht zu erhalten. So war die Mehrheit der französischen Armee an der Verteidigung Verduns beteiligt, und damit auch indirekt ein großer Teil der französischen Bevölkerung insgesamt.

Es gibt zahlreiche Erinnerungsorte an diese mörderischen Kämpfe um Verdun. Da ist vor allem das Beinhaus von Douaumont (Ossuaire de Douaumont).  Es liegt  etwa 5 km nordöstlich von Verdun auf dem Gelände der im Krieg völlig zerstörten gleichnamigen Ortschaft und in der Nähe der ebenfalls gleichnamigen Festung, die während der Kämpfe um Verdun heftig umkämpft war. Das Beinhaus besteht aus einem wuchtigen Sockel, einem sinnbildlichen Damm, den die Verteidiger gegen die Eindringlinge in ihr Land errichtet hatten, ähnelt aber tatsächlich eher einem Bunker. Der 46 Meter hohe Glockenturm, der das ganze Plateau dominiert, ist „eine riesige Grabstele: Das Beinhaus ist ein ungeheures Totenmal.“[23]

Auf dem Friedhof ruhen 16.142 französische Soldaten, die in den Kämpfen um Verdun umgekommen sind.  In dem Beinhaus sind die sterblichen Überreste von 130 000 nicht identifizierten französischen und deutschen Soldaten aufbewahrt. Dass so viele Tote nicht identifiziert und weder der eigenen oder der feindlichen Armee zugeordnet werden konnten, veranschaulicht eindringlich das Ausmaß der Kämpfe. So musste man notgedrungen die sterblichen Überreste von Franzosen und Deutschen hier zusammen aufbewahren.

In der Umgebung sind die Spuren der Kämpfe  – Bombentrichter, Schützengräben und Befestigungsanlagen- immer noch sichtbar; und die Reste der in der „zone rouge“ zerstörten und nicht wiederaufgebauten Dörfer wie Fleury-devant-Douaumont.

Im September 1984  trafen sich der damalige Staatspräsident François Mitterand und der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl in Douaumont, um an diesem symbolischen Ort  die deutsch-französische Versöhnung und Freundschaft zu bekräftigen.

Vor dem Beinhaus wurde eine Gedenkplatte mit folgender Inschrift (in französischer und deutscher Sprache)  installiert. Sie trägt folgende Inschrift[24]:

Auf diesem französischen Soldatenfriedhof trafen sich am 22. September 1984 zum ersten Mal in der Geschichte der beiden Völker der französische Staatspräsident und der deutsche Bundeskanzler. Sie legten im gemeinsamen Gedenken an die Toten beider Weltkriege Kränze nieder und erklärten:

„Wir haben uns versöhnt. Wir haben uns verständigt. Wir sind Freunde geworden.“

François Mitterrand und Helmut Kohl

Zu den Spuren der Kämpfe gehört auch der ebenfalls in der Nähe gelegene sogenannte Bajonettgraben (Tranchée des baïonettes) und die entsprechende Gedenkstätte, die  ein anschauliches Beispiel für den Erinnerungskult von Verdun ist.[25]

Zur Erinnerung an die französischen Soldaten, die aufrecht mit dem Gewehr in der Hand in diesem Schützengraben ruhen.

Am Ursprung dieser Gedenkstätte steht ein ganz konkretes Ereignis: Es handelt sich um einen Grabenabschnitt, der vom 10.-12. Juni 1916 unter heftigem Artilleriefeuer verteidigt wurde, wobei die meisten Männer fielen. „Zuerst wurde dieser Schützengraben unter dem Namen Tranchée des fusils bekannt, entweder weil einige am Grabenrand abgestellte Gewehre trotz der vom Artilleriebeschuss aufgewühlten Erde auch danach noch sichtbar blieben, oder weil einige Soldaten sie aufgestellt hatten, um in aller Eile ein Gemeinschaftsgrab zu kennzeichnen.“  Daraus entwickelte sich dann aber schnell die Legende, die Soldaten seien lebendig und aufrecht stehend begraben worden, während sie mit aufgepflanztem Bajonett auf einen Angriff des Feindes warteten.[26]

Dass es sich bei der Legende um den Bajonett-Graben um eine „fromme Lüge“ handelt, ist inzwischen unbestritten: Granaten können einen Schützengraben nicht zuschütten, und Bajonette kamen höchstens bei einem Angriff zum Einsatz. Aber die heroische Version der Geschichte passte zu dem Bild, das viele im Hinterland und die Kriegs-Touristen der Nachkriegszeit  sich von Verdun machten.  So vereinigten sich hier Legende und Geschichte.[27]

In der Nähe des Beinhauses von Douaumont liegt das Mémorial de Verdun.  Die Gedenkstätte wurde 1967 auf Initiative von Maurice Genevoix, des  2020 pantheonisierten Autors des Kriegsromans „Ceux de 14“ eingerichtet.[28]

2016  wurde es nach längerer Umbauphase zum 100. Jahrestag des Beginns der Schlacht um Verdun neu eröffnet. Es ist nicht mehr, wie vorher, eine „nationale Weihestätte“, sondern eine beeindruckende Präsentation der historischen Hintergründe und Ereignisse in deutsch-französischer Perspektive.

Mehr dazu im Blog-Beitrag über Verdun und die neue Gedenkstätte: 

https://paris-blog.org/2016/05/21/verdun-1916-2016-und-die-neue-gedenkstaette/ 

Praktische Informationen:

Adresse: 1, avenue du Corps européen. Fleury-devant-Douaumont

Anreise von Paris A 4, Ausfahrt 30: Voie sacrée Richtung Verdun. Ab: Beschilderung Richtung  Champ de Bataille/Vaux-Douaumont

Anreise von Metz: Ausfahrt 31, Richtung Verdun und dann s.o.

Öffnungszeiten und weitere Informationen:   http://memorial-verdun.fr/de/ 

8. km 243: Die Voie Sacrée (1916)   

Für die  Voie Sacrée (Der Heilige Weg) gibt es an der Autobahn kein touristisches Hinweisschild, sondern nur ein Schild an der Ausfahrt 30 mit der entsprechenden  Bezeichnung.  Das ist außergewöhnlich, weil hier ja nicht wie sonst üblich Orte angegeben sind, die man über die jeweilige Ausfahrt erreicht,  sondern eine mit einem religiös überhöhten Namen versehene Straße. Die allerdings ist wohl den meisten Franzosen bekannt, denn sie war während der Kämpfe um Verdun die einzige Verbindung zwischen der Festungsanlage und dem Hinterland. [29]

Die Straße, die Bar-le-Duc mit Verdun  (bzw. dem  kurz davor liegenden Moulin Brûlé) verband,  war somit eine überlebenswichtige Verkehrsader, über die während der sechsmonatigen Kämpfe Tag und Nacht wie am Fließband im 13-er Sekunden-Takt hunderttausende Soldaten und tausende Tonnen Munition und anderer Nachschub an die Front und die erschöpften Bataillone  und die Verwundeten wieder in die Etappe zurück transportiert wurden. Fast 9000 Lastwagen waren dazu im Einsatz.

Um die Straße auch im Frühjahr für diesen massiven Verkehr tauglich zu halten, waren tausende Arbeiter und Soldaten im Einsatz und mehrere Steinbrüche  wurden in ihrer Nähe angelegt.

Nach dem Krieg wurde die Straße  in das Netz der französischen Nationalstraßen aufgenommen- allerdings nicht wie üblich mit einer Nummer, sondern – in Anlehnung an die römische Via sacra- mit dem auf den nationalistischen Schriftsteller Maurice Barrès zurückgehenden  Namen Voie Sacrée,  und es wurden an jedem Kilometer Gedenksteine  errichtet.

Heute ist die Straße eine Route Départementale (RD), die nun eine Nummer hat, allerdings eine  auf die Geschichte der Straße verweisende, nämlich 1916.

8 Kilometer vor Verdun endete die Voie Sacrée auf der Anhöhe  des Moulin Brûlé, die noch außerhalb der Reichweite der deutschen Artillerie lag. Den Weg zur Front legten die Soldaten dann zu Fuß zurück.  An dieser Stelle wurde 1967 das  Mémorial de la Voie sacrée errichtet.  

Es erinnert an all die, die während der Schlacht um Verdun die Verbindung zwischen Front und Hinterland sichergestellt haben. [30]

Im nachfolgenden Blog-Beitrag werden die weiteren auf dem Weg nach Paris angezeigten Erinnerungsorte mit Bezug zur deutsch-französischen Geschichte vorgestellt:

9. Der amerikanische Soldatenfriedhof Romagne –sous- Monfaucon (1917-1918)  km 235

10. Die Mühle und die Kanonade von Valmy (1792)      km 207

11. Die Champagne, der Champagner und der Erste Weltkrieg (1914-1918)    km 174

12. Reims: die Kathedrale (1914, 1962, 2011 und 2015)   km 148

13. Der amerikanische Soldatenfriedhof Seringes et Nesle  (1918)    km 114

14. Das französische Mémorial von Dormans (Marneschlachten)   km 113

15. Der amerikanische Soldatenfriedhof  Belleau (1918)                   

16. Meaux und das Musée de la Grande Guerre (1914-1918)     km 44

Teil 2:   https://paris-blog.org/2021/07/21/auf-der-a-4-autoroute-de-lest-von-saarbrucken-nach-paris-eine-fahrt-durch-die-deutsch-franzosische-geschichte-teil-2-von-der-voie-sacree-uber-reims-bis-meaux-paris/


Anmerkungen:

[1] https://www.groupe.sanef.com/sites/default/files/2020-06/Communiqu%C3%A9%20de%20presse%20Sanef%20_%20panneaux%20culturels%20Bas%20Rhin_%20juin%202020.pdf

Quels sont les secrets des pannaux ‚marrons‘?  Quest-France, 28. Juli 2017  https://www.ouest-france.fr/leditiondusoir/data/5261/reader/reader.html#!preferred/1/package/5261/pub/7227/page/7

[2] Theodor Fontane, Der Krieg gegen Frankreich 1870/11871. Band 1 der Gesamtausgabe in drei Bänden: Der Krieg gegen das Kaiserreich. Bad Langensalza 2004. Nachdruck der Ausgabe von 1873. (Berlin: Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei). Gewidmet Seiner Majestät dem Kaiser Wilhelm. S. 219

[3] Sein Grab befindet sich auf dem Ehrenfriedhof des Deutsch-Französischen Gartens in Saarbrücken. Die Grabinschrift lautet: „Er fiel von fünf feindlichen Kugeln getroffen im siegreichen Vorgehen bei Erstürmung der Spichernberge am 6. August 1870. Rosse werden zum Streittage bereitet aber der Sieg kommt vom Herrn. Spr. Salm. 21,31“

[3a] Siehe dazu:  Bernd Loch, Der Deutsch-Französische Garten in Saarbrücken. Geschichte und Führer. Saarbrücken 2000 und Gerhild Krebs, Deutsch-Französischer Garten. In: http://www.memotransfront.uni-saarland.de/pdf/dtfrz_garten.pdf

[3b] Bild der Briefmarke aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Katharine_Wei%C3%9Fgerber#/media/Datei:Saar_1956_370_Historischer_Verbandsplatz_bei_Saarbr%C3%BCcken.jpg

[4] Nachfolgendes Bild aus: https://www.tourismus-lothringen.de/gedenken/1939-1945-und-die-maginotlinie/statten-und-denkmaler/892140128-cimetiere-militaire-americain-saint-avold

[5] Bild aus: https://www.verdunbilder.de/friedh%C3%B6fe-einzelgr%C3%A4ber/st-avold/

[6] Theodor Fontane, Der Krieg gegen Frankreich 1870/11871. Band 1 der Gesamtausgabe in drei Bänden: Der Krieg gegen das Kaiserreich. Bad Langensalza 2004. Nachdruck der Ausgabe von 1873. (Berlin: Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei). Gewidmet Seiner Majestät dem Kaiser Wilhelm. S.328

[7] https://histoire-image.org/de/etudes/der-friedhof-von-saint-privat

[8] Festungswerk fermont maginot-linie – Lorraine Tourisme (tourismus-lothringen.de)Fermont, das unbesiegte Festungswerk

[9] https://www.france-voyage.com/frankreich-tourismus/fort-fermont-522.htm   Siehe auch:  https://www.reisen-in-die-geschichte.de/archiv/archivtxt/fermont.htm  Fotos  zum  Fort bei: http://danoize-pics-n-arts.de/?gallery=gros-ouvrage-de-fermont und https://www.photos-alsace-lorraine.com/album/4616/Photos+du+Fort+de+Fermont  Vorausgehendes Bild von dem touristischen Zug  https://www.photos-alsace-lorraine.com/album/4616/Photos+du+Fort+de+Fermont  Nachfolgendes Bild aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Maginot-Linie#/media/Datei:Fort_de_Fermont_-_Ligne_Maginot_%C3%A1_Longuyon_(F).JPG

[10] Siehe: Kersten Knipp, Paris unterm Hakenkreuz. Darmstadt: wbg 2020, S. 129/130 und https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article141926739/Der-ruhmlose-Untergang-der-Maginot-Linie.html https://www.dhm.de/lemo/kapitel/der-zweite-weltkrieg/aussenpolitik/maginot-linie.html

[11] Karte aus: https://www.morthomme.com/st-mihiel.html

[12] http://memorial-verdun.fr/de/bildungsbereich/die-themenbesichtigungen-in-les-eparges

[13] Bruno Frappa, La Croix, 9. Okt 2013. Nachdruck: https://www.la-croix.com/Culture/Livres-et-idees/Maurice-Genevoix-temoin-saisissant-Grande-Guerre-2018-11-04-1200980706. Siehe die ausführliche Darstellung bei https://fr.wikipedia.org/wiki/Bataille_des_%C3%89parges und das dortige Résumée: „pour des résultats quasi nul“. Das Ziel, die Deutschen zurückzuschlagen und auf dem Höhenzug französische Artillerie zu stationieren, wurde jedenfalls nicht erreicht.

[14] Bilder aus:  https://www.maas-tourismus.com/de/100-jahre-erster-weltkrieg/der-erste-weltkrieg-im-departement-maas/die-schlachtfelder-von-saint-mihiel-les-eparges-und-der-woevre.html

[15] https://www.gutenberg.org/files/34099/34099-h/34099-h.htm

[16] https://www.maas-tourismus.com/de/entdecken/in-die-geschichte-eintauchen/der-erste-weltkrieg-im-departement-maas.html                                      

[17] Siehe: Robert Porchon, Carnet de Route . La Table Ronde 2008

[18] https://www.wikiwand.com/de/Westfront_(Erster_Weltkrieg)

[19] https://en.wikipedia.org/wiki/Montsec,_Meuse#/media/File:Montsec_monument.jpg

[20] Bild aus: https://de.tourisme-verdun.com/decouverte/post/weltfriedenszentrum-centre-mondial-de-la-paix

[21] Aus der unübersehbaren Literatur zu Verdun siehe Antoine Prost, Verdun. In: Pierre Nora (Hrsg), Erinnerungsorte Frankreichs . München 2005, S. 252- 278 und für den Gesamtzusammenhang: Herfried Münkler, Der Große Krieg. Die Welt 1914 bis 1918. Berlin: Rosohlt 2013, S. 413ff,  auf die vor allem ich mich im Folgenden beziehe.

[22] Über die Höhe der Verluste auf beiden Seiten variieren die Angaben  völlig.  Winkler nennt  320 000 französische  und  280 000 deutsche Opfer.  Nach Gebhardt, Handbuch der deutschen Geschichte  Bd 4 (Stuttgart 1965, S. 34) waren die Verluste auf beiden Seiten „ungeheuer und etwa gleich hoch“.

[23] Prost, S. 268

[24] Bild aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Beinhaus_von_Douaumont

[25] Bild aus:  http://douar-nevez.eklablog.com/verdun-la-tranchee-des-baionnettes-a79044393

[26] Prost, S. 263/264  Bild des Grabens: https://de.wikipedia.org/wiki/Tranch%C3%A9e_des_Ba%C3%AFonnettes

[27] Prost, S. 263

[28] Siehe dazu den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2020/11/02/die-aufnahme-des-schriftstellers-maurice-genevoix-und-der-franzosischen-teilnehmer-des-1-weltkriegs-ceux-de-14-ins-pantheon/ 

[29] https://www.wikiwand.com/fr/Voie_sacr%C3%A9e_(Verdun)     

[30] Bilder aus:  https://www.wikiwand.com/fr/Voie_sacr%C3%A9e_(Verdun)  und https://www.tourism-lorraine.com/remembrance/world-war-1-centenary/sites-and-monuments/750000492-la-voie-sacree-nixeville-blercourt

Weitere geplante Beiträge:

Auf der Autoroute de l’Est von Saarbrücken nach Paris: Eine Fahrt durch die deutsch-französische Geschichte, Teil 2: Von der Voie Sacrée über Reims nach Meaux/Paris

Die alte Eiche (Le Gros Chêne) von Allouville-Bellefosse in der Normandie. Ein Gastbeitrag von Zora del Buono

La mer imaginaire: Die Jahresausstellung 2021 in der Villa Carmignac auf Porquerolles

Nous la Commune: Eine Ausstellung zum 150. Jahrestag der Pariser Commune. Place de la Bastille

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer