Das Château de By von Rosa Bonheur: ihre Arche Noah im Wald von Fontainebleau

Die Tiermalerin Rosa Bonheur: Die erfolgreichste Malerin des 19. Jahrhunderts, um deren Bilder sich internationale Sammler rissen; die erste Frau, die zum Offizier der Légion d’honneur erhoben wurde-  „une artiste de génie“, eine geniale Künstlerin, die aber, gewissermaßen von der Avantgarde überholt,  bald in Vergessenheit geriet. [1] War sie künstlerisch an der klassischen Tier- und Landschaftsmalerei orientiert und damit eher traditionell, so war sie umso moderner als eine emanzipierte Frau mit einer unkonventionellen, alle rollenspezifischen Konventionen ihrer Zeit sprengenden Lebensweise. Damit ist sie heute eine Kultfigur des Feminismus. Und auch die Ökologiebewegung hat den Blick auf die engagierte Tiermalerin und Tierschützerin wieder verändert. [2] In diesem Jahr wird der 200. Geburtstag dieser außerordentlichen Malerin gebührend gefeiert: unter anderem mit einer großen Retrospektive, die bis zum 18. September im Musée des beaux-arts in Bordeaux, der Geburtsstadt Rosa Bonheurs, und vom 18. Oktober 2022 bis zum 15. Januar 2023  im Pariser Musée d’Orsay zu sehen ist.

Der 200. Geburtstag von Rosa Bonheur ist Anlass für einen Besuch des inzwischen auch nach ihr benannten  Château de By am Rand des Waldes von Fontainebleau. Dort hat die  Malerin 40 Jahre lang bis zu ihrem Tod 1899 gelebt und gearbeitet: ein  wunderbarer und von Paris problemlos zu erreichender Erinnerungsort. [2a]

1860 erwarb Rosa Bonheur das Anwesen in Thomery, ein eher bescheidenes Jagdschlösschen aus dem 16./17. Jahrhundert auf einem mehrere Hektar großen Grundstück mit englischem Park, Obst- und Gemüsegarten und Wald. Rosa Bonheur war damals schon eine äußerst bekannte und erfolgreiche Malerin: 1848 hatte sie einen Staatsauftrag für „Labourage nivernais“ erhalten: Ochsen ziehen einen Pflug über den schweren Ackerboden. Das Bild war ein großer Erfolg: Ursprünglich für das Museum in Lyon vorgesehen, beanspruchte es Paris für sich. Heute ist es im Musée d’Orsay ausgestellt. [3]

Ihr größtes und wohl berühmtestes Bild, Le Marché aux chevaux (der Pferdemarkt), war zunächst weniger erfolgreich.

244,5 × 506,7 cm, Metropolitan Museum of Art, New York.

1853 in Paris präsentiert, fand sich zunächst kein Käufer für das Bild, obwohl Delacroix und Vernet es als Meisterwerk erkannten.  Auch ihre Geburtsstadt Bordeaux, der sie es für 12 000 Franc anbot, griff nicht zu. Dafür Ernest Gambart, ein belgischer Sammler, der es ein Jahr später für 40 000 Franc erwarb und mit dem Vertrieb der Werke Bonheurs zum Millionär wurde. Er ließ mehrere kleinere Kopien und jede Menge Grafiken anfertigen und bediente damit eine immer größere Nachfrage. Besondere Resonanz fand  Rosa Bonheur im angelsächsischen Raum. Gambart organisierte für sie eine Tournee durch England und Schottland, wo sie gefeiert wurde.  Le Marché aux chevaux/The Horse Fair war das erste Bild einer noch lebenden Künstlerin/eines noch lebenden Künstlers, das in der National Gallery in London ausgestellt wurde.[4]  Sogar Queen Victoria gab ihr die Ehre und empfing sie. Die geschlechtsspezifische Rollenverteilung im victorianischen England war ihr allerdings zuwider: „Ich habe keine Geduld mit Frauen, die zum Denken um Erlaubnis bitten.“[5]

In Paris, wo sie bisher ihr Atelier hatte, wurde sie nun von Bewunderern, Neugierigen und Kaufinteressenten belagert und fand nicht mehr die nötige Ruhe für ihre Arbeit. Da sie inzwischen über die nötigen finanziellen Mitteln verfügte, konnte sie das Anwesen in Thomery erwerben. Sie war damit in Frankreich die erste Frau überhaupt, die mit ihrer Hände Arbeit eine Immobilie kaufte.[6]

Im Château de By richtete sich Rosa Bonheur mit ihrer Jugendfreundin und Lebensgefährtin Nathalie Micas und deren Mutter ein. Bei ihnen war sie nach dem frühen Tod der Mutter aufgenommen worden und  aufgewachsen.  Das zur Gemeinde Thomery gehörende kleine Schloss vermittelte ihr „das Gefühl, ein Leben auf dem Land ohne gesellschaftliche Zwänge führen zu können, in einer Umgebung, in der sie sich ungestört ihrer Arbeit widmen“ konnte. Gleichzeitig ermöglichte das kurz zuvor an das französische Eisenbahnnetz angeschlossene Thomery einen schnellen Kontakt mit der Hauptstadt, wo sie eine Malschule betrieb und ihr Atelier in der rue  d’Assas gewissermaßen als pied-à-terre weiterführte.[7]

Vor dem Einzug ließ Bonheur eine grundlegende Renovierung des vorhandenen Gebäudes vornehmen.

Foto: Wolf Jöckel

Dazu gehörte vor allem der Ausbau eines Seitengebäudes zu einem großen Atelier.

Rosa Bonheur: „Ich musste viele Reparaturen in dem Haus durchführen und vieles herrichten lassen. Es wird jetzt zu meinem Atelier.“[8]

Für diese Renovierung und Erweiterung engagierte sie niemanden geringeren als Jules Saulnier, der sie auch beim Kauf beraten hatte. Saulnier war „Chefarchitekt“ der Familie Menier, die damals die weltgrößte Schokoladenfabrik in Noisiel an der Marne betrieb. Für die Meniers baute Saulnier unter anderem eine hydraulische, einen Seitenarm der Marne überspannende Ölmühle. Sie ist – innen nach dem neuesten Stand der Technik ausgestattet und außen reich verziert-  eines der berühmtesten Bauwerke der französischen Industriearchitektur.[9]

Die verspielte Formensprache Saulniers ist am Chateau de By deutlich zu erkennen.

Fotos: Wolf Jöckel

Mittelpunkt des Hauses ist das Atelier der Künstlerin, das von den späteren und heutigen Besitzern des Hauses im ursprünglichen Zustand erhalten wurde und wird. Im Rahmen von Führungen kann man es besichtigen. Dort ist auch das Portrait eines Löwen ausgestellt,  Motiv für die Sonderbriefmarkte zum 200. Geburtstag von Rosa Bonheur.

Rosa Bonheur, Le Cid, 1879. musée du Prado, Madrid
Alle Fotos des Ateliers: Wolf Jöckel

Es sieht aus, als habe Rosa Bonheur es nur für kurze Zeit verlassen; alles ist bereit für sie…

… die Palette mit den Farben…

… der Schreibtisch mit Brille und geschäftlichen Unterlagen….

… vor dem Kamin die Utensilien für die Arbeit in der Natur….

Das Atelier ist „ein einziges Denkmal der Liebe zur Tierwelt.“[10] Tiere sind überall präsent:

An den Wänden….

… auf dem  Fußboden….

… in den Regalen…

Einen Ehrenplatz im Atelier nimmt dieses kapitale Hirschgeweih über dem Kamin ein.

Rosa Bonheur:

„Seit ich mich in By niedergelassen hatte, beschäftigte ich mich mit Leidenschaft für das graziöse Wild des Waldes; die Hirsche und Rehe interessierten mich jetzt unendlich viel mehr als bisher die Rinder“.[11]

Aber es ging dabei nicht nur um die Betrachtung:

„Mit den Sonnenaufgang ging ich los, meinen Farbkasten auf dem Rücken, gefolgt von meinen Hunden; mit dem Gewehr in der Hand war ich bereit, das Wild zu erlegen, das ich antraf. Nathalie war darauf vorbereitet, dass sie mit einem schönen Stück Fleisch rechnen konnte.“

So kann das Hirschgeweih über dem Kamin durchaus eine Jagdtrophäe Rosa Bonheurs sein. Bemerkenswert sind auch hier die in sich verschlungenen Initialien RB, die von aristokratischem Selbstbewusstsein zeugen. Sie sind überall im Schloss zu finden.

Foto: F. Jöckel

Der Stolz auf die eigene Leistung war nur allzu berechtigt. Denn Rosa Bonheur hatte eine sehr schwierige Jugend: Der Vater war ein Landschaftsmaler, der eher schlecht als recht seine Familie von dem Ertrag seiner Arbeit ernähren konnte. Er stand der frühsozialistischen Bewegung der Saint-Simonisten nahe, die die Emanzipation der Frauen förderten, was der jungen Rosa  durchaus zugute kam. Von ihm erlernte sie nicht nur die Technik des Malens, sondern auch die Ehrfurcht vor der Natur. „Ich bin Schülerin meines Vaters und der schönen und grandiosen Natur“.[12] Allerdings verließ der Vater die Familie, um sich einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten anzuschließen. So musste die Mutter alleine sich und ihre vier Kinder durchbringen. Rosa bewunderte und verehrte ihre Mutter sehr. Ihrer Biographin erzählte sie die Geschichte, wie die Mutter „eine erleuchtende Idee“ hatte, dem bockigen Kind das Alphabet beizubringen: Es solle doch neben dem A einen Esel (âne) zeichnen, neben dem B ein Rind (bœuf), neben dem C eine Katze (chat) und so fort bis zu dem Zebra (zèbre) für das Z.  Die Mutter verstarb noch jung -die kleine Rosa war damals 11 Jahre alt- und in so  großer Armut, dass die Familie nicht die Kosten für ein Grab aufbringen konnte: So wurde die Mutter in einem Massengrab (fosse  commune) verscharrt.

Die  große Verehrung Rosas für ihre Mutter wird auch im Atelier deutlich: Ihr Portrait nimmt neben dem repräsentativen Kamin einen Ehrenplatz  ein.

Als Hommage an die Mutter darf wohl auch der Flügel im Atelier verstanden werden, vielleicht das Instrument der Mutter, die Musiklehrerin gewesen war.

Es ist ein Flügel der Firma Erard, im 19. Jahrhundert eine der großen französischen Piano-Marken. Bei Musikliebhabern sind die alten Erard-Instrumente begehrte Sammlerstücke.

Rosa schwor sich, dank ihres künstlerischen Talents reich zu werden und gewissermaßen die Mutter zu rächen: Das Schloss von By ist Ausdruck dieses Erfolgs – ebenso wie das Selbstportrait auf der anderen Seite des Kamins.

Auch der Name Rosa Bonheur ist der Mutter zu verdanken: Als die am 16. März 1822 geborene Marie Rosalie Bonheur nämlich ihre ersten Bilder verkaufte, riet ihr der Vater, sie mit Raimond zu signieren. Der Name Bonheur sei doch angesichts des desolaten Zustands der Familie ein Hohn. Aber Rosa Bonheur bestand auf ihrem Namen. Sie wolle so erfolgreich werden, dass der Name seine Berechtigung habe und ihr Ruhm auch auf den Namen der Mutter ausstrahle. Und die habe sie in zärtlichen Momenten Rosa genannt: Also Rosa Bonheur.[13]

Ein besonderer Ausdruck der öffentlichen Anerkennung der Künstlerin war ihre Ernennung zum Chevalier der Légion d’honneur durch Kaiserin Eugénie, die Frau Napoleons III. Sie kam im Juni 1865 persönlich nach By, um ihr die Auszeichnung zu überreichen. Sie wolle damit, wie sie bei dieser Gelegenheit sagte, zeigen, „dass das Genie kein Geschlecht“ habe (que le génie n’a pas de sexe“). Und sie sei glücklich, diese Auszeichnung zum ersten Mal an eine Künstlerin verleihen zu können. Rosa Bonheur war damit erst die zweite Frau überhaupt, der diese immerhin schon 1802 geschaffene Auszeichnung zuerkannt wurde. [14]

„Ihre Majestät, die Kaiserin, besucht Mademoiselle Rosa Bonheur in ihrem Atelier in Thomery“

1894, also zur Zeit der Dritten Republik, wurde Rosa Bonheur dann sogar noch -als erste Frau überhaupt- zum Offizier der Ehrenlegion ernannt.[15] Und 1898 erwies ihr  Königin Isabella von Spanien die Ehre, sie im Château de By zu besuchen.

Tiere gab es in und um das Schloss aber nicht nur als Jagdtrophäen und konservierte Köpfe von Tieren, die Rosa Bonheur ganz besonders lieb waren.  Zu dem Besitz gehörte auch eine Menagerie mit allerlei, auch wilden Tieren Die lebten überall. Hühner, Bären, Enten, Pferde, Ponys, Gazellen bevölkerten Ställe und Gehege. Affen und gezähmte Löwen bewegten sich frei im Haus und in dessen Umgebung, für Rosa Bonheur eine kleine „Arche Noah“ inmitten des großen Anwesens mit Weideflächen und Wald. [16]

Im Park sind noch einige ältere „fabriques“ wie dieser „Pavillon des Muses“[17] erhalten, ebenso wie spätere Bauten aus der Zeit Rosa Bonheurs.

Und es gibt im Park noch ein zweites Atelier, das Rosa Bonheur 1898, kurz vor ihrem Tod bauen ließ, da sie das alte als zu eng und zu dunkel empfand.

Das neue Atelier besaß große Fenster und war auch für große Formate geeignet.

Es sollte als gemeinsames Atelier für sie und Anna Klumpke dienen. Ein Schmuckstein mit den Initialien der beiden Malerinnen ist in die Wand des Ateliers integriert.

Die 34 Jahre jüngere amerikanische Malerin Anna Elizabeth Klumpke war nach Frankreich gekommen, um die von ihr seit ihrer Studienzeit in Paris verehrte Tiermalerin zu portraitieren.

Anna Klumpke und Rosa Bonheur. 1898

Sie blieb bei Bonheur bis zu deren Tod: „le dernier bonheur de Rosa.“[18]  Hier posieren die beiden, und Rosa Bonheur präsentiert stolz die ihr verliehenen Auszeichnungen, darunter übrigens auch den Verdienstorden des Hauses Sachsen-Coburg-Gotha.[19]

Vorausschauend hatte Rosa Bonheur ihre Freundin, die sie um 43 Jahre überleben sollte, testamentarisch zur Erbin und Nachlassverwalterin bestimmt. Klumpke gründete eine Malschule für Frauen und schrieb die von Rosa Bonheur diktierten Lebenserinnerungen ihrer Gefährtin auf.[20]

Der heutigen Besitzerin des Château de By, Katherine Brault, ist es ein Anliegen, Schloss und Park zu einem lebendigen Erinnerungsort an Rosa Bonheur zu machen.  Dazu gehörte in den letzten Jahren die aufwändige Restaurierung des Schlosses und -rechtzeitig zum Jubiläum- die Eröffnung eines Ausstellungsraums im Dachgeschoss.[21]

Besonders eindrucksvoll sind dort die großformatigen Reproduktionen akribischer anatomischer Pferdestudien, die einem Atlas der Biologie oder Tiermedizin entnommen sein könnten.

Für diese Studien besuchte Rosa Bonheur Schlachthäuser und erhielt dafür sogar -wie vorher Georges Sand- eine offizielle polizeiliche Genehmigung, Männerkleidung tragen zu dürfen.

Eindrucksvoll sind auch die Erinnerungsstücke an die Reise in die USA, wo sie die Welt der Trapper, Indianer und Bisons kennen- und lieben lernte.

Am 25. Mai 1899 verstarb Rosa Bonheur im Château de By, ihrer „Arche Noah“ im Wald von Fontainebleau. Bestattet wurde sie auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris neben ihrer Lebensgefährtin Nathalie Micas und deren Mutter, mit denen Rosa die ersten Jahre im Schloss von By verbracht hatte..

74. Division
Grabbilder von Wolf Jöckel, aufgenommen am 12.8.2022

Später wurde dort auch Anna Klumpke bestattet. Passend dazu der Grabspruch:

À Rosa Bonheur. L’amitié est une affection divine / Die Freundschaft ist ein Geschenk der Götter

Praktische Informationen

Adresse :
12 Rue Rosa Bonheur, Thomery, 77810, France

Telefon:  +33 09 87 12 35 04

Ein Besuch des Schlosses ist nur im Rahmen von Führungen möglich.

Information über Öffnungszeiten und Reservierung:

https://www.chateau-rosa-bonheur.fr/informations-et-r%C3%A9servations

Die Führungen sind üblicherweise auf französisch, es werden aber auch Führungen in englischer Sprache angeboten: Nachfragen dazu:

contact@chateau-rosa-bonheur.fr

Es gibt auch einen kleinen, feinen Salon de Thé. Reservierungen dafür werden empfohlen.

Das Schloss erreicht man von Paris (gare de Lyon) mit dem Zug Linie R Richtung Montargis in 50 Minuten. Ausstieg Bahnhof Thomery. Dann gut 15 Minuten Fußweg durch den Wald.


Anmerkungen:

[1]  Fiona Magbaddam, Rosa Bonheur, une artiste de génie tombée dans l’oubli. France culture 16.3.2022

https://www.radiofrance.fr/franceculture/rosa-bonheur-une-artiste-de-genie-tombee-dans-l-oubli-6362270

[2] Patricia Bouchenot-Déchin stellt sie in ihrem Rosa Bonheur-Roman (J’ai l’énergie d‘une lionne dans un corps d’oiseau) als „égerie du féminisme“ vor. Le Monde verweist im Beitrag über die Retrospektive in Bordeaux auf die Vertreter/innen von gender studies und animal studies, die zum Umdenken in Sachen  Rosa Bonheur beigetragen hätten. Siehe:  Emmanuelle Lequeux, À Bordeaux, Rosa Bonheur et son arche de Noé. Au Musée des beaux-arts, une rétrospective témoigne du regain d’intérêt pour la peintre célébrée au XIXe siècle. Le Monde 11. August 2022

[2a] In einer Zusammenstellung der 12 „plus belles maisons d’artistes à visiter en France“, die am 10. August 2022 von Beaux Arts veröffentlicht wurde, ist das Château de By auch vertreten. https://www.beauxarts.com/lifestyle/tour-de-france-des-maisons-dartistes-a-visiter/

[3] Bild aus: https://www.musee-orsay.fr/fr/oeuvres/labourage-nivernais-68

[4] Alina Christin Meiwes, Die Tiermalerin Rosa Bonheur. Künstlerische Stragegien und kunsthistorische Einordnung im Kontext der Vermittlung. Baden-Baden 2020, S. 2

[5] Siehe: Joëlle Chevé, Rosa au Bonheur des dames  https://www.journalistes-patrimoine.org/wp-content/uploads/2020/07/HISTORIA-MAI-2020.pdf

[6] https://inventaire.iledefrance.fr/dossier/maison-atelier-de-rosa-bonheur/fbf55ec3-3529-43d3-b67d-ccd143115e72

[7] Gerard-Georges Lemaire (Texte) und Jean-Claude Amiel, Künstler und ihre Häuser. München: Knesebeck 2004, S. 86f

Florent Tesnier, Rosa Bonheur, Jules Saulnier et l’achat du domaine de By à Thomery (2017) https://amisderosabonheur.asso.fr/wp-content/uploads/2017/09/Article-2017-Achat-By-H04-1.pdf

[8] Lemaire/Amiel, S. 91

[9] Siehe dazu den Beitrag über die Schokoladenfabrik der Meniers in Noisiel- heute Sitz von Nestle France: https://paris-blog.org/2019/05/23/le-chocolat-menier-1-die-schokoladenfabrik-in-noisiel-an-der-marne-repraesentative-fabrikarchitektur-und-patriarchalischer-kapitalismus-im-19-jahrhundert/

[10] Künstler und ihre Häuser, S. 91

[11] Paroles d’artiste, S.30

[12] Zit. in Le Monde a.a.O. 11.8.22

[13] Rosa Bonheur. Paroles d’artiste. 2020, S. 6

[14] https://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/articles/la-famille-imperiale-et-rosa-bonheur/

[15]  https://www.legiondhonneur.fr/fr/decores/rosa-bonheur/133#:~:text=En%201894%2C%20sous%20la%20III,promue%20au%20grade%20d’officier

In Veröffentlichungen zu Rosa Bonheur gibt es zu diesen Auszeichnungen einige Ungereimtheiten.  In einer ansonsten schönen Würdigung Rosa Bonheurs durch die NZZ wird z.B. mitgeteilt, sie habe 1894 (!) von Kaiserin Eugénie das Kreuz der Ehrenlegion erhalten. Eine Kaiserin Eugénie gab es allerdings schon seit 1871 nicht mehr… https://www.nzz.ch/feuilleton/sie-ebnete-den-weg-fuer-das-dritte-geschlecht-rosa-bonheur-ld.1670891 An anderer Stelle wird Eugénie als Königin bezeichnet (Meiwes, Die Tiermalerin Rosa Bonheur, S. 2) oder es wird als Datum der Ernennung zum Offizier der Ehrenlegion das Jahr 1890 angegeben….  

[16] https://www.nzz.ch/feuilleton/sie-ebnete-den-weg-fuer-das-dritte-geschlecht-rosa-bonheur-ld.1670891

[17] Bild aus: https://www.chateau-rosa-bonheur.fr/fonds-de-dotation

[18] https://www.liberation.fr/arts/2020/07/24/anna-klumpke-le-dernier-bonheur-de-rosa_1795151/ Diesem Artikel ist auch das vorstehende Bild entnommen.

[19] https://www.legiondhonneur.fr/en/actualites/le-musee-celebre-rosa-bonheur/1912/2 

[20] https://www.nzz.ch/feuilleton/sie-ebnete-den-weg-fuer-das-dritte-geschlecht-rosa-bonheur-ld.1670891

[21] Bild aus: https://www.chateau-rosa-bonheur.fr/bicentenaire

Mit Odysseus im Labyrinth: Die Jahresausstellung 2022 der Stiftung Carmignac auf Porquerolles

Nach den beiden Ausstellungs – highlights 2019 und 2021, die schon Gegenstand dieses Blogs waren[1], präsentiert die Fondation Carmignac in diesem Jahr Le songe d’Ulysse  (Der Traum des Odysseus): Auch diesmal wieder eine grandiose Ausstellung, vielleicht sogar die eindrucksvollste dank der Einheit von Thema, Ort, Objekten und Form ihrer Präsentation .

Diesmal geht es um Odysseus, den Helden des Homer’schen Epos, der 10 Jahre vor Troja kämpfte und dann 10 Jahre auf dem Meer herumirrte, bis er schließlich wieder in seine Heimat Ithaka zu seiner Frau Penelope und seinem Sohn Menelaos zurückfand.

Porquerolles ist ein idealer Ort für eine solche Ausstellung: Das Licht, das Meer, die Bäume und die Grotten sind noch immer so wie zur Zeit des Homer. Und es geht die Sage, dass Odysseus auf seinen  Irrfahrten auch auf Porquerolles gewesen sei und die Insel  von dem Riesen Alycastre befreit habe. Der sei von Poseidon, dem Feind des Odysseus, geschickt worden.

Eine von Miquel Barceló geschaffene Skulptur des Ungeheuers empfängt den Besucher am Eingang der Villa  Carmignac.

Eintauchen in die Welt des Wassers

Wie schon bei der Jahresausstellung 2021 zum Thema La mer imaginaire ist das Wasser das vorherrschende Element der Ausstellung.  Denn auf dem Wasser irrte Odysseus umher und durchstreifte das Mittelmeer von Troia über die griechischen Inseln bis -vielleicht- Nordafrika, Italien und eben Porquerolles….  Wenn man wie üblich am Empfang der Villa seine Schuhe ausgezogen hat, geht man die Treppe hinunter und taucht auch schon ein in die faszinierende Welt des Wassers.[2]

Illustriert wird das Eintauchen durch eine Wandtapete, angefertigt nach dem Grabstein des Tauchers (480-470 v. Chr.) im Nationalmuseum von Paestum. Zur Unterwasserwelt der Ausstellung gehören auch zwei große Kunstwerke, die in der Villa  Carmignac  ihren festen Platz haben:

Da ist zunächst Bruce Naumanns One Hundred Fish Fountain (2005). Der Brunnen besteht aus 97 Bronze- Fischen. Es sind sieben verschiedene Arten vertreten, die Naumann in seiner Jugend selbst gefischt hat. Der Brunnen nimmt einen ganzen abgeschlossenen Raum ein: Ein wunderbares Erlebnis, wenn sich das Wasser aus den unzähligen kleinen Fischfontänen ins große Wasserbecken ergießt. Man kann sich auf eine der Bänke am Rand setzen oder einfach auf den Boden und zu- und in-sich hineinhören.

Das andere ist das große Unterwasser-Panorama von Miquel Barceló.

Der schrieb dazu:

Ich habe das große Bild so konzipiert, dass man sich wie in einem Aquarium voll mit diesen schrecklichen Tieren fühlt, diesen Riesen-Kraken und -Calamaren… Ich wollte das Gefühl vermitteln, von der Malerei umgeben zu sein – wie bei den Seerosenbildern von Monet, wie in einer Kapelle, aber mit einem bedrohlichen, ungeheuerlichen Aspekt.“[3]

Schiffbruch, Tod und Leben

Von dem Fische-Brunnen und den Riesen-Kraken und -Kalamaren ist es nicht weit zum zentralen Raum des Gebäudes mit einer -auch diesmal wieder-  spektakulären Installation, in der es -wie auch schon bei der Jahresausstellung von 2021- um Leben und Tod geht. Damals war es das riesige Skelett eines Wals, das aber Grundlage für neues Leben ist.

Diesmal ist es eine aus zerbrochenen Masten und heruntergerissenen Segeln zusammengesetzte Metapher eines Schiffbruchs – passend zu Odysseus, der „auf dem Meere so viel unnennbare Leiden erduldet“, wie es gleich am Anfang des Epos heißt.

Zu diese vielen Leiden gehörte auch der Schiffbruch: Nach dem Sieg über Troja gerät Odysseus in einen Sturm, und die Nymphe Kalypso nimmt den Schiffbrüchigen bei sich auf, verliebt sich in ihn und hält ihn sieben Jahre fest. Doch als sie ihn endlich auf Wunsch der Götter ziehen lässt, beginnt die Irrfahrt erst wirklich. Denn der Meeresgott Poseidon sinnt auf Rache für die Blendung seines Sohnes Polyphem, des einäugigen Riesen, der Odysseus und seine Gefährten in einer Höhle gefangen gehalten hatte und dabei war, alle zu verzehren…  Rache bedeutete für den Gott des Meeres, die Heimkehr des Odysseus nach Ithaka zu seiner Frau Penelope und seinem Sohn Menelaos  zu verhindern, also auch Schiffbruch…

Die Installation ist eine für diese Ausstellung konzipierte Koproduktion von Jorge Peris und der Fondation Carmignac:  heroes boca a bajo. Es ist ein Moment der Stille, das Schiff geht unter, die Segel fallen in sich zusammen, Rettung ist nicht mehr möglich. Das Gesicht der Helden blickt nach unten, in den Tod.  Aber der wird nicht siegen: Dafür sorgen die Sonne und die Wolken, die durch die Decke, ein Wasserbecken, ständig sich verändernde Spiegelungen auf den hellen Segeln bilden. Ein grandioses Schauspiel von flimmerndem Licht und Schatten. Sogar aus der Unterwelt, konfrontiert mit dem Tod, kehrt Odysseus unversehrt, ja gestärkt wieder ans Licht. Auch wenn er seine Gefährten auf seinen Irrfahrten verliert, er findet schließlich auch wieder den Weg zu Frau und Kind nach Ithaka.

Faszinierend ist es auch, wenn man -bei unserem Besuch stand gerade eine Tür offen- das Wasserschauspiel von oben beobachten kann.

Die Ausstellung als Labyrinth

Francesco Stocchi, der Kurator der Ausstellung, hatte die Idee, die Ausstellungsräume in ein Labyrinth zu verwandeln. Um den zentralen Raum herum ist eine Folge von engen Kabinetten mit Spiegelungen und Scheintreppen eingerichtet. Das ist äußerst raffiniert gemacht:  Nach dem Ausstellungsbesuch hatten wir uns am Ausgang mit Freunden verabredet und tauschten kurz unsere ersten Eindrücke aus. Und da stellten wir gemeinsam fest, dass allen das eine oder andere -für den einen oder die andere besonders Wichtige- entgangen war.  Also eine neue Runde im Labyrinth….

Durch die Wahl des Labyrinths als Leitidee der Ausstellungsarchitektur wird der Besucher ein wenig in die Situation des Odysseus versetzt. Es gibt keinen vorgezeichneten Weg, keinen Pfeil, der zum Ausgang weist. So muss jeder sich auf seine eigene Suche begeben, seinen eigenen Weg finden.

Das Labyrinth strukturiert aber nicht nur die Szenographie, sondern es ist auch direkt Gegenstand der Ausstellung.

Dieser geknüpfte Teppich von Marinus Boezem (Collection du Mobilier National, Paris), nimmt das Motiv des Labyrinths der Kathedrale von Chartres auf.[4] In ihm kann man sich nicht verlieren- es gibt nur einen Weg, den man nicht verfehlen kann, und der führt zu Gott.  Aber -wie es im Begleittext heißt: Es ist auch ein Weg der Meditation, der den Besucher „zu sich selbst führt“. Nur konsequent also, dass dieser Teppich im Eingangsbereich der Ausstellung angebracht ist, bevor der Besucher in das nachfolgende „Labyrinth“ eintritt… 

Aber daneben gibt es auch noch den Leinen-Stoff aus der peruanischen Nazca-Kultur, entstanden zwischen 80 vor Chr. und 50 nach Chr. Das Motiv erinnert auch an ein Labyrinth, aber in seiner Mitte lauert der Tod, eine Spinne.

Dies ist ein kleiner Ausschnitt einer Boje von Mark Bradford (The loop of deep waters 1, 2014). Die Oberfläche ist mit bemaltem Pappmaché und Reisverschlüssen neu gestaltet: Jahrhunderte-alte chinesische Wasserwege, die für Handel,  Austausch, Kolonisation und Eroberung genutzt wurden – so wie auch die Wasserstraßen im Mittelmeer, auf denen Odysseus bei seinen Irrfahrten unterwegs war.

Keith Haring (Untitled 1982) hat unter vielfältigen Einflüssen wie der steinzeitlichen Wandmalerei (la peinture rupestre) und den indianischen Kulturen Amerikas eine eigene „Iconographie sous forme de labyrinthe narratif“ entwickelt. Dazu gehören das christliche Kreuz als Ausdruck seiner Skepsis gegenüber den Religionen und die ägyptischen Hieroglyphen.

Penelope, die sehnsüchtig Wartende, Hoffende, Ärgerliche…

Gewissermaßen der Bezugsrahmen der 20 Jahre Krieg und Irrfahrten des Odysseus war seine Frau Penelope. Und mit zwei Arbeiten von Martial Raysse zu Penelope beginnt und endet auch die Ausstellung.

Martial Raysse, Faire et défaire Pénélope that’s the rule, 1966  (Fondation Carmignac)

Penelope wartet 20 Jahre lang treu auf ihren Gatten und glaubt fest an seine Rückkehr. Drei Jahre lang erwehrt sie sich ihrer aufdringlichen Freier. Sie gibt vor, erst ein  Totentuch für ihren Schwiegervater Laërtes weben zu müssen, bevor sei eine neue Ehe eingehen kann. Aber nachts trennt sie immer auf, was sie tagsüber gewebt hat. Die aus beweglichen Bruchstücken zusammengesetzte Arbeit von Martial Raysse bezieht sich auf diesen Prozess des Machens und des Rückgängig-Machens (faire et défaire).  

Man Ray, Objet indestructible (1965) 

Dieses Werk ist zusammengesetzt aus einem Metronom und dem darauf befestigten Bild eines Auges.  Man Ray setzte es ein, wenn er malte. Es war sein akustischer und rhythmische Begleiter und Beobachter. In seiner ursprünglichen Version hieß es Object à détruire. 1957 wurde das Objekt gestohlen und schließlich von Man Ray durch ein neues, reproduzierbares -und damit unzerstörbares- ersetzt. Das Metronom gibt zwar ein bestimmtes Tempo vor, aber das kann/muss man selbst wählen – und die Dauer ist unbegrenzt…

Man Rays unzerstörbares Objekt verweist auf die Dimension der Zeit: 10 Jahre kämpft Odysseus in Troja, 10 Jahre dauert seine Irrfahrt, bis er endlich zu sich und nach Hause gefunden hat: sehr lange also, gerade auch bezogen auf die damalige kürzere Lebenserwartung. Vielleicht darf man das als Botschaft an die Besucher verstehen, sich auf ihrem eigenen Weg Zeit zu nehmen und zu geben…

Tony Matelli, Weed  (2017) Dauerinstallation

Die äußersten Widrigkeiten zum Trotz sich behauptende Pflanze Tony Matellis und das nachfolgend abgebildete Bild von Roy Lichtenstein verstehe ich als Ausdruck von Hoffnung und Sehnsucht, die die Beziehung von Penelope zu ihrem verschollenen Mann geprägt hat.

Dieses Bild von Martial Raysse aus dem Jahr 1962 hat keinen Titel. Aber im Zusammenhang dieser Ausstellung bezieht es sich auf Penelope, es dient auch als Motiv für Katalog-Cover und Ausstellungspräsentation. Der nachdenkliche fragende Blick der jungen Frau passt gut zu Penelope. Oftmals wurde sie in ihren Hoffnungen enttäuscht, sie zieht sich zurück und träumt von ihrem abwesenden Gatten. Im Traum lebt sie die Sehnsucht nach Odysseus aus und hält sein Bild wach, wie es war, als er in den Troianischen Krieg aufbrach- und dabei wird sie selbst noch schöner und begehrenswerter.[5]

Den Abschluss der Ausstellung bildet ein weiteres Patchwork Bild von Martial Raysse, bei dem der Bezug zu Odysseus und Penelope ganz explizit ist:  Ulysses, why do you come so late poor fool? – eine immerhin doch etwas befremdliche Begrüßung des endlich zurückgekehrten und herbeigesehnten Gatten.

Aber sie passt doch auch zu dem kühl distanzierten, nahezu abweisenden Verhalten Penelopes im Epos: Immerhin kehrt Odysseus -von Athene perfekt als Bettler getarnt-  gealtert, mit Glatze und Runzeln zurück, und Penelope will und muss ganz sicher sein, dass sie es auch wirklich mit ihrem Mann zu tun hat. Und schließlich war Odysseus ja 20 Jahre verschollen und hatte sich/bzw. wurde 10 Jahre auf dem Meer herumgetrieben, und die eheliche Treue, die Penelope auszeichnete, galt dabei für ihn eher nicht ….  Da darf sie den armen Teufel durchaus fragen, warum er denn erst so spät kommt…

Wind und Wellen, die Sonne und die Sterne…

Winde und Wellen begleiten Odysseus auf seinen Irrfahrten, und heftige Stürme bringen ihn vom Weg in die Heimat ab und machen ihn zum Schiffbrüchigen.[6] In der Ausstellung wird auf sehr originelle Weise die Macht des Windes den Besuchern erfahrbar gemacht: Da ist ein Instrument in die Wand eingebaut, dem Anschein nach ein altes defektes Gebläse, das ab und zu und für einige Minuten einen starken Windstoß erzeugt, der die davor stehenden Besucher erfasst.

Micol Assaël, Senza Titolo (Dielettrico) 2002

Wie müssen da erst die Winde des zürnenden Meeresgottes Poseidon und die von Odysseus‘ Gefährten mutwillig freigelassenen fürchterlichen Stürme von Aiolos, dem Gott der Winde, gewesen sein. Das Werk soll uns aber auch die Gefahren unserer Umwelt bewusst machen, wie es in der  beigefügten Erläuterung heißt: Der historisch/literarische Bezug und die aktuelle Erfahrungsdimension sind in der Konzeption der Ausstellung immer präsent.

Eine außergewöhnliche Idee, die Macht der Winde anschaulich zu machen, ist hier zu sehen: Allessandro Piangiamore hat aus Erde, die er an verschiedenen Orten von Porquerolles gesammelt hat, kleine Formen hergestellt. Die hat er dann an exponierten Stellen der Insel wie dem Leuchtturm an der Spitze oder den Forts im Westen und Osten den winterlichen Winden der Insel ausgesetzt. So wurden sie von ihnen geformt, es sind Skulpturen der Winde. Und die  Farben -von ocker bis violett- stammen ebenfalls von verschiedenen Orten der Insel. (Alessandro Piangiamore, tutto il vento che c’é, 1021/22 und Il cacciatore  di polvere, 2022)  Eine Gemeinschaftsproduktion des Künstlers und der Stiftung Carmignac).

Hier ein spätes Werk von Roy Lichtenstein, eines Lieblingsmalers der Stiftung: Fishing Village, 1987. Eine farbige wilde, den geradezu explosiven Kräften der Natur ausgesetzte Landschaft.

Willem de Kooning, Untitled XLIII (1983)

Das Icarus-Thema, das in diesem Werk von Adger Covans thematisiert ist (Icarus 1970), verweist nicht nur auf die Macht der Elemente, sondern auch auf menschliche Grenzen. Die berücksichtigt Odysseus bei seinen Irrfahrten: So lässt er sich von seinen Gefährten am Mast seines Schiffes festbinden, um nicht dem Gesang der Sirenen zu erliegen…

Hier zwei Ausschnitte eines wunderbaren Sternenhimmels, den Miguel Rothschild aus kleinen Stecknadeln kreiert hat. Ich musste dabei unwillkürlich an den „bestirnten Himmel über uns“ denken, der Kants Gemüt „mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht“ erfüllte. Und für diese Bewunderung gibt es auch seit der Zeit Kants immer neuen Anlass. Es geht aber um mehr: Rothschild hat seine Arbeit mit einem berühmten Shakespeare-Zitat aus dem Drama „Julius Caesar“ überschrieben: The fault is not in our stars, but in ourselves that we are underlings.  Brutus möchte Cassius von der Notwendigkeit überzeugen, Caesar umzubringen, um die Republik zu retten. Da kommt dann Kants „moralische Gesetz in uns“ ins Spiel. Es geht hier also auch um die Grundlagen und Antriebe menschlichen Handelns und um Handlungsspielräume. Im Epos von Homer sind es wesentlich die Götter, die über das Schicksal des Odysseus entscheiden: Athena, Poseidon, letztendlich sogar das Götterkollegium auf dem Olymp mit Zeus als oberstem Richter. Aber selbst in diesem von der Götterwelt bestimmten Kosmos hat Odysseus Raum für eigenständiges Handeln…  

Verführerische, bedrohliche Frauen und andere Gefahren der Reise

Odysseus muss während seiner Reise äußerste Gefahren bestehen, wobei ihm die Götter helfen, aber auch seine Vorsicht, Tapferkeit und List. Da gibt es zunächst die beiden der Götterwelt zuzurechnenden Frauen, die sich in ihn verlieben und ihn bei sich behalten wollen.

Carol Rama, Dorina (1944)

7 Jahre lang wird er von der „schönlockigen Kalypso“ aufgehalten, die sich in ihn verliebt und nicht mehr gehen lassen will. Da muss erst Zeus ein Machtwort sprechen und der Meernymphe befehlen, ihren geliebten Gefangenen freizugeben.

Und dann ist es die Zauberin Circe, auf deren Insel es Odysseus und seine Männer verschlägt. Sie verwandelt die von Odysseus zur Erkundung vorausgeschickten Männer in Schweine. Der Götterbote Hermes versorgt den Helden aber mit einem Kraut, das das Gift der Circe unwirksam macht. Mit dem Schwert in der Hand erreicht Odysseus, dass Circe seine Gefährten wieder zurückverwandelt und  Circe verliebt sich in Odysseus: Zwei Frauen also mit großer Machtfülle, die eine sexuelle Beziehung zu dem Helden eingehen und sein Heimkommen gefährden… [7]   

John Baldessari, Raised Eyebrows/Furrowed Foreheads (Part three) Knife (with hands) 2009

Ein Jahr lang lässt es sich Odysseus bei Circe gut gehen, dann setzt er endlich auf Drängen seiner Gefährten seine Heimreise fort.

Und dann gibt es ja noch die verführerisch singenden und Tod bringenden Sirenen und das männermordende Monster Skylla mit dem Oberkörper einer jungen Frau….

Louise Bourgeois, femme couteau (Die Messerfrau), 2002[8]

In den für die Ausstellung ausgewählten Werken klingen diese Episoden an.  Da gibt es -anders als in der Ausstellung von 2019- keine makellose, jungfräuliche Botticelli’sche Venus, die der Muschel entsteigt … selbst Niki de Saint  Phalles Venus von Milo ist blutverschmiert:  Die „ambiguïté du désir“ ist, wie der Katalog bestätigt, ein zentrales Thema der Ausstellung…

Noch viele andere Gefahren bedrohen Odysseus. Am berühmtesten ist da wohl der einäugige Riese Polyphem, der Odysseus in seiner Höhle gefangen hält und viele seiner Gefährten verzehrt. Aber der listige Held ersinnt einen Ausweg, den Oliver Laric gestaltet hat.  (Ram With Human, 2021).

Die Gefahr und die Angst um sich und seine Gefährten sind ständige Begleiter des Odysseus auf seinen Irrfahrten. Mit dem Thema Angst beschäftigt sich auch das Bild von Rashid Johnson Anxious Red Painting August 19th.  Es ist entstanden 2020 während der ersten Coronavirus-Welle. Die Wiederholung und Intensität dieser roten Figuren verkörperten, so der Begleittext, „ein tiefes Gefühl physischer und psychischer Isolation“ und könnten so eine allgemeinere und zeitlosere Angst symbolisieren.

In diesem Bild klingt aber auch der Lebens- oder Schicksalsfaden an, der gerade in der antiken Mythologie und bei Homer eine zentrale Rolle spielt. In Friedrich Schillers Nachdichtung der „Turandot“ Carlo Gozzis ist das so formuliert:

Es führt das Schicksal an verborgnem Band
Den Menschen auf geheimnißvollen Pfaden,
Doch über ihm wacht eine Götterhand,
Und wunderbar entwirret sich der Faden.[9]

Das passt auch zu Odysseus. Bei Rashid Johnson allerdings mag man an eine wunderbare Entwirrung des Lebensfadens nicht so recht glauben.

 Und wie ist es bei den Bootsflüchtlingen?

Deren Schicksal und Odyseen hat William Kentridge 2017 eindrucksvoll thematisiert.

 Refugees (You Will find no Other Seas)

Vergangenheit und Gegenwart, das bestätigen diese Arbeiten noch einmal eindringlich, sind in der Jahresausstellung der Villa Carmignac immer präsent. Der Weg durch das Labyrinth des Odysseus  führt durch die antike Mythologie, aber er lädt auch dazu ein, sich auf eine ganz persönliche und ganz aktuelle Odyssee zu begeben.

Praktische Hinweise:

Dauer der Ausstellung bis 16. Oktober 2022

Die Ausstellung ist geöffnet von Dienstag bis Sonntag (montags geschlossen) von 10-18 Uhr. Letzer Kartenverkauf um 16 Uhr. Es werden auch Nocturnes angeboten, die aber nur für Besucher infrage kommen, die auf Porquerolles übernachten.

Es ist äußerst empfehlenswert, Eintrittskarten (Tag und Zeit) zu reservieren unter https://billetterie.villa-carmignac.com/

Zwischen der Presqu‘île de Giens/Tour Fondue und Porquerolles gibt es regelmäßige Fährverbindungen. Auch hier ist eine Reservierung von Tag und Uhrzeit der Hinfahrt dringend zu empfehlen unter https://www.resa-tlv.com/resinternet  Die Uhrzeit der mitgebuchten Rückfahrt ist nicht festgelegt.

Am Tour Fondue stehen hinreichend bezahlte Parkplätze zu Verfügung.  

Von der Anlegestelle zur Villa Carmignac sind es ca 30 Minuten Fußweg. Im Tourismus-Büro am Hafen liegt ein Plan des Ortes aus.

Literatur:

Le Songe d’Ulysse. Katalog der Ausstellung Villa Carmignac Porquerolles. Éditions Dilecta, Paris, 2022

Éditions Beaux Arts. La Fondation Carmignac. Île de Porquerolles.  Paris, 2019

Homer, Odysseus. In der Übersetzung von Wolfgang Schadewald. Rororo Taschenbuch 2008


Anmerkungen:

[1] https://paris-blog.org/2018/10/15/die-insel-porquerolles-natur-und-kunst/ und https://paris-blog.org/2021/08/01/la-mer-imaginaire-die-jahresausstellung-2021-in-der-villa-carmignac-auf-porquerolles/

[2] Die nachfolgend präsentierten Fotos wurden von Wolf und Frauke Jöckel während des Ausstellungsbesuchs aufgenommen. Es handelt sich dabei meist um Ausschnitte. Die vollständigen Exponate sind in dem hervorragenden Katalog zu sehen.

[3] Beaux Arts, La Fondation Carmignac

[4] Siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2016/04/08/das-labyrinth-von-chartres/

[5] Anton Bierl, Die Wiedererkennung von Odysseus und seiner treuen Gattin Penelope. Uni Basel 2018

[6] Es sind nicht nur die Winde des Poseidon, sondern auch die des Aiolos, des Gottes der Winde.  Der hatte Odysseus freundlich aufgenommen und ihm zum Abschied einen Schlauch geschenkt, in dem alle ungünstigen Winde  gefangen waren. Um sicher nach Hause zu kommen, durfte Odysseus diesen Schlauch auf keinen Fall öffnen. So segelten sie mit gutem Wind zehn Tage lang und konnten bereits die Küsten Ithakas, ihrer Heimat, in der Ferne erkennen. Doch da übermannte Odysseus, der bisher kein Auge geschlossen hatte, der Schlaf. Seine Gefährten hatten schon lange darüber gerätselt, was sich wohl in dem prall gefüllten Schlauch verbarg – vielleicht Schätze, die Odysseus aus Troia mitbrachte? Sie beschlossen, die Gelegenheit zu benutzen und den Schlauch zu öffnen. Kaum war dies geschehen, brachen alle Winde in fürchterlichem Sturm hervor und trieben das Schiff geradewegs von Ithaka weg.  http://www.latein.ch/goetter/odysseus/index.php?file=odysseus&item=3&sort=

[7] https://www.researchgate.net/publication/354650824_Der_Heros_und_die_starken_Frauen

[8] In der beigefügten Erläuterung wird allerdings der bedrohliche Eindruck des Werkes relativiert. Louise Bourgeois habe hier die familiäre Erfahrung der Restaurierung von Teppichen verarbeitet.

[9] https://www.friedrich-schiller-archiv.de/uebersetzungen/turandot-prinzessin-von-china-von-gozzi/vierter-aufzug-fuenfter-auftritt