Champigny-sur-Marne: Die letzte große Schlacht des deutsch-französischen Krieges 1870/1871 und ein deutsch-französischer Erinnerungsort

Dies ist der zweite Beitrag auf diesem Blog zum deutsch-französischen Krieg on 1870/1871. Im ersten Beitrag ging es um die Schlacht von Gravelotte, die erste dieses Krieges, die eine wesentliche Voraussetzung für den späteren deutschen Sieg war:

https://paris-blog.org/2021/01/01/gravelotte-bei-metz-ein-einzigartiger-erinnerungsort-des-deutsch-franzosischen-kriegs-1870-1871/

Die Schlacht von Champigny war die letzte große und vorentscheidende Schlacht dieses unseligen Krieges. Hier versuchte die französische Armee mit etwa 60.000 Mann, den Belagerungsring deutscher Truppen um das eingeschlossene Paris zu durchbrechen. Dieser Versuch misslang, was diese Schlacht zu einer entscheidenden Etappe auf dem Weg zum deutschen Sieg machte. Es folgte das Ende des Krieges und die Proklamation des Deutschen Reichs im Spiegelsaal von Versailles.

Allerdings war die Schlacht eine der seltenen Situationen, wo -nach dem Sturz Napoleons III.- die republikanische Armee sich mit Bravour schlug. Deshalb nahm Champigny in der Erinneerungskultur der 3. Republik eine besondere  Rolle ein. Das dort zur Erinnerung an die Schlacht errichtete Monument diente bis zu dem von ihnen ersehnten erneuten deutsch-französischen Krieg, also dem Ersten Weltkrieg,  als Wallfahrtsort französischer Revanchisten.

Und schließlich wurde unter dem Denkmal von Champigny ein Beinhaus (Ossarium) errichtet, in dem die sterblichen Überreste von deutschen und französischen Soldaten nebeneinander bestattet und so im Tod vereint sind. Es wird von Deutschland und Frankreich gemeinsam unterhalten.

Champigny ist damit ein Ort erbitterter deutsch-französischer Feindschaft, aber dann auch ein Ort der aus den unseligen Kriegen der Vergangenheit erwachsenen deutsch-französischen Freundschaft.

Der nachfolgende Text stützt sich wesentlich auf eine sehr beeindruckende Ausstellung über die Schlacht, die 2021 in dem bei Champigny gelegenen Bry-sur-Marne stattfand.[1]

Der Ablauf der Schlacht

Am 4. September 1870 dankte Napoleon III. nach seiner Niederlage bei Sedan ab. Die neu proklamierte Dritte Republik mit der Regierung der Nationalen Verteidigung setzte aber den  Krieg fort und beschwor den Erfolg der revolutionären Truppen gegen eine feindliche Koalition 1792. Allerdings konnte die durch die Niederlage bei Sedan geschwächte Armee der Republik den Vormarsch der deutschen Truppen nicht aufhalten. Ab dem 19. September wurde Paris belagert, in dem zwei Millionen Menschen, darunter 500 000 Soldaten, eingeschlossen waren. Es waren dies gut ausgebildete und ausgerüstete Linientruppen, also Berufssoldaten der ehemaligen kaiserlichen Armee, aber auch Mitglieder der nicht professionellen Garde Nationale.

Die Regierung, die nach Tour ausgewichen war, beauftragte den General Trochu, die Verteidigung von Paris zu organisieren. Der übertrug dem General Ducrot den Oberbefehl über die Linientruppen und beauftragte ihn, einen Plan zur Durchbrechung der Blockade der Stadt zu entwickeln („La Grande Sortie“). Die Absicht war, im Südosten von Paris den Belagerungsring zu sprengen und sich mit einer an der Loire neu aufgestellten Armee zu vereinigen.

Allerdings gelang der für den 28. November vorgesehene Übergang über die Marne nicht. Ein unerwartetes Hochwasser zerstörte die erste Pontonbrücke und Ducrot verschob den Angriffstermin auf den 30. November. Den württembergischen und sächsischen Truppen auf der anderen Seite der Marne waren die Angriffsvorbereitungen der Franzosen nicht entgangen, und sie konnten ihre Positionen auf den Marneanhöhen entsprechend verstärken.[2]

Das zweite französische Armeekorps überquert bei Joinville-le-Pont die Marne. Museum von Bry

Am 30. November überquerten 60.000 französische Soldaten mit 400 Kanonen auf mehreren Pontonbrücken die Marne und besetzten Bry-sur-Marne und Champigny-sur Marne, in denen sächsische und württembergische Vorposten stationiert waren.

Charles Brunei, À Bry-sur-Marne, le 30 novembre 1870. (Ausschnitt). Musée d’art moderne André Malraux (Le Havre)

Das Gemälde von Charles Brunei veranschaulicht die Heftigkeit der Kämpfe Haus um Haus. Es gelang den französischen Truppen aber nicht, die deutschen Truppen aus ihren Stellungen auf den strategisch wichtigen Marneanhöhen zu werfen.

Auf diese Karte sind die Positionen der französischen und deutschen Truppen am Abend des 30. November eingezeichnet.[3]  Die französischen Armee hat die Marne auf den markierten Pontonbrücken überschritten und  Brückenköpfe  in Champigny-sur Marne und Bry-sur-Marne eingerichtet. Die Württemberger und die Sachsen mit dem Schwerpunkt bei Villiers-sur-Marne konnten aber die heftigen Angriffe abwehren und ihre Stellungen halten. Die übliche deutsche Bezeichnung für die Schlacht ist deshalb auch Schlacht von Villiers oder Schlacht von Villiers-Champigny.

Da es auf beiden Seiten hohe Verluste gegeben hatte, vereinbarten Franzosen und Deutsche für den 1. Dezember eine Waffenruhe, um die Toten zu begraben und Verwundete zu bergen. Der kampffreie Tag wurde  auch genutzt, um die jeweiligen Stellungen zu befestigen und Verstärkungen heranzuführen- auf deutscher Seite waren das vor allem preußische Soldaten.  

Schlacht von Champigny (Ausschnitt). Aquarell von Karl Schott (Maler und Offizier in der württembergischen Armee). Landesmuseum Stuttgart

Am 2. Dezember begann im Morgengrauen ein deutscher Gegenangriff. Ziel war es, die Franzosen über die Marne zurückzudrängen und ihre Pontonbrücken zu zerstören. Es gab heftige Straßenkämpfe in Champigny und Bry, aber das Ziel der Angriffe wurde nicht erreicht: Der Status quo blieb erhalten.

Die beiden Abbildungen -es sind Bilder von deutscher und französischer Seite- veranschaulichen, wie erbittert diese Kämpfe waren. Auf zeitgenössischen Abbildungen ist im Schlachtgetümmel teilweise nur schwer zu erkennen, wer zu welcher Seite gehört. Klar ist nur: Die Soldaten mit den roten Hosen gehören zu den französischen Linientruppen….

François-Constant Mès, Bataille de Champigny (Ausschnitt). Musée Carnavalet (Paris)

Trotz ihres relativen Erfolgs in den Kämpfen vom 2. Dezember unternahm die französische Armee keinen weiteren Durchbruchsversuch. Die Truppe war völlig erschöpft, sie litt unter der außerordentlichen Kälte: Es waren 14 Grad unter 0, die Soldaten hatten mehrere Nächte im Freien oder in den Ruinen der eingenommene Dörfer verbracht und die Armeeführung hatte, um das Marschgepäck zu erleichtern, darauf verzichtet, die Soldaten auch mit Decken auszustatten…  General Ducrot befahl also den Rückzug, womit die Kapitulation von Paris unvermeidlich war. Am 28. Januar 1871 beendete ein Waffenstillstand den deutsch-französischen Krieg.

Die Opfer auf beiden Seiten waren erheblich. Die diesbezüglichen Angaben schwanken allerdings. Im Katalog der Ausstellung ist die Rede von ungefähr 9500 Toten, Verletzten und Vermissten bei den Franzosen und etwa 5500 bei den Deutschen.[4]

Paul-Émile Boutigny, Der Tag nach der Schlacht in Bry-sur-Marne (Musée Adrien Mentienne, Bry-sur-Marne

Seit dem Beginn der Kämpfe versorgten die Frères de la doctrine chrétienne und die Ambulances de la Presse im Kampf Verwundete und brachten besonders  schwer Verletzte in Krankenhäuser nach Paris. Nach Beendigung der Kämpfe waren die Frères de la doctrine chrétienne mehrere Tage lang damit beschäftigt, die Toten auf dem Schlachtfeld zu bergen und in großen Massengräbern (fosses communes)  zu bestatten.

Auguste Lançon, Champigny, 8. Dezember 1870. Musée de Nogent-sur-Marne

Zu erkennen ist auf beiden Bildern das Rote Kreuz, das seit der Ersten Genfer Konvention von 1864 Spitäler und Ambulanzen schützt und in diesem Krieg seine erste große Bewährungsprobe bestand.

Der Feigling und der Held

Der für die französischen Truppen insgesamt unglückliche Verlauf der Schlacht machte vor allem den für den Ausbruchsversuch verantwortlichen Kommandeur, General Ducrot, zur Zielscheibe von Kritik, wofür sich die Form der Satire besonders anbot.

Ducrot hatte nämlich  am Beginn der Operation, dem 28.November 1870, einen flammenden Aufruf an die Soldaten erlassen, denen die Ehre zuteil werde, den „eisernen Ring“ um Paris zu durchbrechen. Er wünsche den Soldaten den gleichen Rachedurst und die gleiche Wut, die ihn antreibe und die sie veranlassen sollten, allen Gefahren zu trotzen. Er jedenfalls lege vor ihnen und der ganzen Nation den Eid ab, nach Paris nur tot oder siegreich (mort ou victorieux) zurückzukehren. „Ihr könnt mich fallen sehen, aber ihr werdet nicht sehen, wie ich zurückweiche.“

Aber dann kam es ganz anders: Alle Welt konnte sehen, wie General Ducrot im Widerspruch zu seinem pathetischen Eid zurückwich. Hier ist er abgebildet, wie er sich in einem Paket versteckt, um dem Tod, der ihn sucht und dem er eine lange Nase macht, zu entgehen. Bei dem 8. Büro, der Aufschrift auf dem Paket, handelt es sich um eine Instanz der Nationalversammlung, vor der sich Ducrot am 28.Februar 1871 zu seinem Verhalten während der Belagerung von Paris äußerte. Immerhin war die Armeeführung, nach fachkundiger Einschätzung, wesentlich für das Scheitern des geplanten Durchbruchs verantwortlich.[5] Insofern geht die Karikatur eher milde mit Ducrot um.

Sie nennt nicht nur seinen Namen, sondern auch seinen Spitznamen, den er seit der Schlacht von Champigny erhielt: Trompe-la-Mort, also einer, der dem Tod ein Schnippchen schlägt. Das weckt hier aber, anders als in dem so betitelten Lied von Georges Brassens, keine Gefühle der  Sympathie…

Auf dieser Karikatur werden die Worte von Ducrot aus seinem Tagesbefehl vom 28.11. „mort ou victorieux“ zitiert. Ducrot sitzt träumend über der Karte mit dem  eingeschlossenen Paris und sinnt darüber nach, wie er die Commune, die dort herrscht (ces misérables insurgés),  zur Raison bringen kann. Jetzt geht es für ihn nicht mehr um den Ausbruch aus dem belagerten Paris, sondern um den Angriff aus dem gemeinsamen Belagerungsring von Truppen der Republik (den sogenannten Versaillais) und der deutschen Armee auf das Paris der Commune. Der Lorbeer hängt welk herunter.

Der Titel der Karikatur: Ducrot, genannt Trompe la mort, und seine Verlobte. Die Verlobte ist der Tod, dem er sich versprochen hat, wovon er aber nun nichts mehr wissen will. Der Tod/die Verlobte kommentiert das entsprechend: Und dein Versprechen, du treulose Tomate!

Die Schlacht von Champigny hatte aber auch – und hat bis heute noch- seinen Helden. Und das war der aus dem  Elsass stammende Sergent Hoff.

Béatrice und Gilles Bataille-Winterhalter, Un héros de 1870: Sergent Hoff.  Straßburg 2005

Ignace Hoff gehörte während der Belagerung von Paris zu den dort eingeschlossenen Truppen. Dabei zeichnete er sich durch tollkühne nächtliche Operationen gegen deutsche Vorposten aus, bei denen er -zusammen mit seiner Truppe von Freischärlern- zahlreiche preußische und sächsische Soldaten überraschte und tötete. Durch eine seiner Aktionen sollen sogar die deutschen Soldaten von der kleinen schönen Marneinsel Île des Loups vertrieben worden sein. Für die belagerte, demoralisierte und hungernde Bevölkerung wurde Hoff zum Helden, der die Ehre des gedemütigten Landes wahrte. Die Armee ehrte ihn durch die Auszeichnung mit dem Kreuz der Ehrenlegion, die Presse sorgte dafür, dass seine Taten gebührend und noch entsprechend ausgeschmückt verbreitet wurden.[6]

Während der Schlacht von Champigny geriet Hoff in deutsche Kriegsgefangenschaft, verbarg aber aus Angst vor Repressalien seine eigentliche Identität  -die Preußen hatten 2000 Taler auf seine Ergreifung ausgelobt. Nach seiner Entlassung wurde Hoff schließlich auf Veranlassung von Mac Mahon, dem Präsidenten der Republik, zum Chefaufseher des Arc de  Triomphe ernannt, ein ehrenvolles Amt, das er bis zu seinem Tod 1902 bekleidete.[7]

Beerdigt wurde Hoff auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris. Die Statue auf seinem Grab ist das letzte Werk seines elsässischen Landsmanns Frédéric-Auguste Bartholdi, dem Schöpfer der New Yorker Freiheitsstatue. [8] Die gemeinsame elsässische Herkunft erklärt auch die Mahnung, die das Mädchen auf den Sockel des Standbilds schreibt: Frankreich, erinnere dich! Es ist die Mahnung, das 1871 an Deutschland verlorene Elsass-Lothringen nicht zu vergessen.

Insofern war Hoff auch eine Verkörperung des damals in Frankreich gepflegten Revanche-Gedankens, der gerade auch in Champigny seinen „Wallfahrtsort“ hatte.

Die Schlacht von Champigny als Gegenstand französischer und deutscher Panoramen

Panoramen erfreuten sich in Frankreich und seit Beginn des 19. Jahrhunderts großer Beliebtheit. Es waren monumentale Gemälde, die in extra dafür gebauten runden Ausstellungsräumen präsentiert wurden. Ein erstes Beispiel waren die Landschaftspanoramen in Montmartre, die der passage des Panoramas ihren Namen gegeben haben. Sehr geschätzt bei einer gut betuchten Kundschaft waren damals auch die Panoramatapeten wie die Chasse de Compiègne, die Gegenstand eines früheren Beitrags auf diesem Blog war.[9]

Mehrtägige Schlachten waren natürlich auch geeignete Gegenstände für das Panorama-Medium. So entstanden Anfang der 1880-er Jahre zwei Panoramen über die Schlacht bei Gravelotte/Rezonville zu Beginn des deutsch – französischen Krieges[10] und eine weitere über die Schlacht von Champigny. Um diese Panoramen zu präsentieren, wurde in der rue de Berry, einer Seitenstraße der Champs-Élysées,  ein spezieller Rundbau errichtet.

Gemalt wurden die beiden 120 Meter langen und 9 Meter hohen Panoramen von zwei damals bekannten Malern, Édouard Detaille und Alphonse de Neuville. Beide konnten sich dabei auf als Kriegsteilnehmer auf  eigene  Erfahrungen beziehen:  Detaille nahm sogar an der Schlacht von Champigny teil.[11]

Es ist bemerkenswert, wie es den beiden Malern mit ihren Panoramen gelang, ein großes Publikum anzuziehen, obwohl die beiden Schlachten ja mit Niederlagen der französischen Armee endeten und obwohl den Besuchern mit großem Realismus die Grausamkeit des Krieges keineswegs erspart wird.[12]

Infanteristen in einem Hohlweg. Fragment des Panoramas von Champigny (Musée de l’Armée)

Aber wir befinden uns in einer Zeit, in der in Frankreich der „Schmerz der Niederlage“ kultiviert wurde, in der patriotische Skulpturen wie der Löwe von Belfort oder La Défense, die dem heutigen Hochhausviertel von Paris ihren Namen gegeben hat, entstanden, und in der von Männern wie Paul Déroulède oder Maurice Barrès  der Geist der Revanche beschworen wurde. Dazu passte die „der Ehre des unglücklichen Muts“ französischer Soldaten gewidmete Militär-Malerei Alphonse de Neuvilles und Edouard Detailles.[13] Hier wurden nicht mehr triumphierende Generale, sondern „les uniformes simplifiés (…), l’officier et le soldat confondu dans l’égalité de la défaite“ gezeigt, wie es in einem zeitgenössischen Pressebericht heißt. Dem Bild der kriegsgeschundenen Nation, die nun in ihrer gleichmacherischen Zerrüttung egalitär erschien, wurde so ein würdevoll-stolzer Ausdruck verliehen.[14]

Hier das zentrale Motiv des Champigny-Panoramas. Detaille hatte die eine Hälfte gemalt, Neuville die andere: Die beiden mit den entsprechenden Namen versehenen Soldaten markieren die Mitte, in der sie sich treffen. Und sie bezeichnen auch die beiden Seiten der Schlacht: Den Tod und das siegreiche Voranstürmen.

Fragment des Panoramas von Champigny. Musée de l’Armée

Nach der Präsentation in Paris wurde das Panorama der Schlacht von Champigny von 1887 bis 1891 in Wien gezeigt, danach von Detaille selbst in 65 Teile zerschnitten und 1896 versteigert.  Das Museum von Gravelotte konnte immerhin einige Teile aus einer Sammlung des Milliardärs Forbes erwerben, die zusammen mit Teilen des Rezonville-Panoramas dort zu sehen sind.[15]

Ein Fragment – Soldaten mit Mauleseln einer Ambulanz- ist auch im Museum Carnavalet ausgestellt.[16]

Württembergische und sächsische Panoramen

Auch in Deutschland erfreuten sich Panoramen mit Motiven des deutsch-französischen Krieges und seiner siegreichen Schlachten großer Beliebtheit. Die Schlacht von Champigny war besonders in Württenberg und Sachsen populär, denn immerhin waren es ja württembergische und sächsische Truppen, die dort eingesetzt waren. Für die  Württemberger war Champigny sogar der bedeutendste militärische Einsatz im gesamten deutsch-französischen Krieg.

Dies erklärt, warum es in Stuttgart 1890 sogar zwei Champigny-Panoramen gab: Die  Württemberger bei Champigny-Villiers hatte den ersten  Tag der Schlacht, den 30. November 1870, zum Gegenstand, das zweite Panorama Sturm auf Champigny konzentrierte sich auf den Sturm württembergischer Truppen auf das Dorf Champigny und die dortigen Straßenkämpfe  am 2. Dezember.

Auch auf vielfältige andere Weise wurde die Erinnerung an  die Schlacht wachgehalten. Im Park der Stuttgarter Villa Berg wurde zum Beispiel ein Kriegerdenkmal aus Granit-Blöcken errichtet mit einer Inschrift, einem krönenden Bronzeadler und einer Wappentafel über der Inschrift. Adler und Wappentafel wurden im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen.[17]

Und Champigny-Straßen gibt es auch heute noch in Stuttgart und Reutlingen.[18]

Der Mut der sächsischen Soldaten in der Schlacht von Champigny wurde ebenfalls in einem Panorama gefeiert. Das von Eugen Bracht und Georg Koch gemalte Panorama Die Sachsen vor Paris wurde zunächst 1887 in Leipzig und 1890 in Dresden präsentiert.

Bis zum Ersten Weltkrieg waren es dann noch weitere deutsche Städte, die diese Panoramen zeigten. Allerdings ist von ihnen -anders als von den Panoramen Detailles und de Neuvilles-  nichts mehr erhalten.[19]

Das Denkmal und das Beinhaus (ossuaire) von Champigny: Ein Ort der Erinnerung, der Revanche und des Friedens

Seit 1871 wurden in Bry-sur- Marne und in Champigny-sur-Marne jeweils am 2. Dezember Veranstaltungen zum Gedenken an die Schlacht organisiert. Am 2. Dezember 1873 wurde ein auf einem breiten Sockel postierter Obelisk errichtet, der fünf Jahre später durch eine Krypta ergänzt wurde, in der die sterblichen Überreste von 1400 in der Schlacht getöteten französischen und deutschen Soldaten ruhen, die zunächst provisorisch in Massengräbern bestattet worden waren.[20]

Einweihung des Erinnerungsdenkmals an die Kämpfe von Champigny vom 30 November und 2. Dezember 1870.[21] 10 000 Menschen waren damals dabei, bei der Einweihung des Beinhauses 20 000.

                                             Einweihung des Beinhauses am 2. Dezember 1878

Das Denkmal von Champigny wurde nun zum Mittelpunkt einer offiziellen und auch sehr lebendigen populären Erinnerungskultur an den Krieg 1870/1871. Dies fand auch seinen Ausdruck in der Umänderung des Ortsnamens: Champigny-sur-Marne wurde nämlich umbenannt in Champigny-la-Bataillle.  Auch wenn die Schlacht mit einem Rückzug der französischen Truppen endete, galt sie doch als eine der wenigen Erfolge in diesem Krieg. Vor allem aber wurde die Schlacht als moralischer Sieg der Verteidiger von Paris gesehen, die durch ihren Opfertod der Idee der Vaterlandsliebe wieder zu ihrem Recht verholfen hätten.

„Damit war bereits in der unmittelbaren Nachkriegszeit ein Topos entstanden, der bis zum Ersten Weltkrieg den öffentlichen Diskurs über den Krieg von 1870/71 in allen politischen Lagern gleichermaßen prägen sollte: Durch die extreme Akzentuierung der moralischen Qualität, die man im Akt der Verteidigung begründet sah, konnte der Krieg als ein Ereignis dargestellt werden, mit dem eine positive Identifizierung möglich war. Die Niederlage wurde auf eine „höhere“ Ebene transzendiert, auf der die Ereignisse von 1870/71 als ein moralischer Sieg darstellbar waren, den es für alle Ewigkeit festzuhalten galt.“[22]

Deutlich ist diese Botschaft in dem „Bericht der Schlacht von Champigny“, einer Broschüre,  die seit 1873 an dem Denkmal verkauft wurde: [23]

In den Tagen dieser Schlacht sei mit großer Bravour gekämpft worden und viel Blut geflossen, auch wenn die grauenhaften Opfer nicht den gewünschten Erfolg mit sich gebracht hätten. Immerhin seien die Soldaten in dem Glauben gefallen, für einen siegreichen Kampf ihr Leben gegeben zu haben. Wie auch immer: Soldaten und Offiziere hätten „le salutaire exemple de leur patriotisme“ gegeben und ihres heldenhaften Muts. Sie verdienten -wie die Sieger- die Dankbarkeit ihrer Mitbürger, den Respekt ihrer Feinde und die Wertschätzung der unparteiischen Geschichte.

Das Beinhaus von Champigny ist -wie auch Gravelotte und das Ehrental in Saarbrücken[24]– einer der wenigen Orte, wo miteinander die sterblichen Überreste französischer und deutscher Soldaten bestattet sind. Und wie auch in Gravelotte von deutscher Seite werden hier von französischer Seite die Gefallenen beider Seiten gleichberechtigt geehrt.

Insofern ist Champigny ein Ort der Erinnerung, aber auch ein Symbol des Friedens.[25] Seit 1882 wurde allerdings Champigny auch zum Schauplatz nationalistischer Kundgebungen der antiparlamentarischen und antisemitischen „Ligue des Patriotes“ und zu einem „Symbol der Revanche“ für die Niederlage im deutsch-französischen Krieg.  Am 3. Dezember 1908 beschwor deren Vorsitzender Paul Déroulède den „unvermeidlichen Krieg“, der viel schneller kommen werde als das „die Herren Pazifisten“ glauben machten.[26]  

Mit dem Beginn des Weltkrieges und dem Tod Déroulèdes 1914 erhielten die revanchistischen Strömungen neuen Auftrieb, und es war Maurice Barrès, der die Tradition der chauvinistischen Kundgebungen in Champigny fortsetzte.[27] Jetzt ging es nicht mehr nur um die Rückgewinnung von Elsass-Lothringen, sondern um die linksrheinischen Gebiete Deutschlands….   Am 1. Dezember 1918 stattete dann der französische Präsident Raymond Poincaré, dem Denkmal von Champigny einen Besuch ab, um nach dem gewonnenen Krieg zu demonstrieren, dass nun die Niederlage von 1871 gerächt sei.[28]

Allerdings hatten die revanchistischen Strömungen, so lautstark sie auch sein mochten, in der Zeit zwischen Jahrhundertwende und Kriegsausbruch keinen bestimmenden Einfluss mehr auf die französische Politik und Gesellschaft. So konnte auch 1910 in Champigny ein Denkmal für die 1870 dort gefallenen  württembergischen Soldaten eingeweiht werden, das von württembergischen Veteranen gestiftet worden war.[29]

Württemberg seinen tapferen Söhnen/Le Wurtemberg à ses braves fils

Für die Württemberger war Champigny nach zeitgenössischem Urteil immerhin das, was Sedan für die preußische Armee war.  Es gab zwar damals in Frankreich einige kritische Stimmen wegen des Eisernen Kreuzes, das den Obelisken krönte, aber das hinderte nicht, dass das Denkmal in einer gemeinsamen feierlichen Zeremonie von Deutschen und Franzosen der Stadt übergeben wurde. Es unterstrich damit, wie es auf der homepage von Champigny heißt, den Wunsch nach Befriedung zwischen den ehemaligen Gegnern.[30]

Das Denkmal heute[31]

Ein Monument der Versöhnung ist vor allem das Beinhaus (ossuaire) von Champigny.   

Dies nicht nur, weil dort Deutsche und Franzosen Seite an Seite bestattet sind und damit in ihrem Tod ein Symbol des Friedens sind, sondern weil Frankreich und Deutschland gemeinsam Verantwortung für seine Unterhaltung übernommen haben.[32]

Und die ist dringend von Nöten. Denn das Gewölbe ist höchst baufällig, ja sogar einsturzgefährdet. Schon 1939 hätte es renoviert werden sollen, was kriegsbedingt aber unterblieb. 2016 wurde es in Anwesenheit des damaligen deutschen Botschafters Meyer-Landruth nach jahrelangen Renovierungsarbeiten wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Sehr nachhaltig waren die aber offenbar nicht, denn inzwischen ist die Krypta schon wieder gesperrt….[33] Es ist zu hoffen, dass diesem traurigen Zustand bald ein Ende gemacht wird und es nicht erneut -wie 2010 Le Monde- Anlass gibt,  von dem „ossuaire oublié de Champigny“ zu sprechen….


Anmerkungen:

[1] Ausstellung in Bry-sur-Marne: La Bataille de Champigny, 30 novembre et 2 décembre  1870.  Vincent Roblin, Katalog zur Ausstellung, Bry-sur-Marne 2021. Siehe auch: http://memoiredhistoire.canalblog.com/archives/2021/06/04/39000833.html

[2] Oft wird in französischen Darstellungen von preußischen Truppen  gesprochen, die auf deutscher Seite an der Schlacht von Champigny beteiligt waren. Siehe z.B. Le Monde  vom 17. Dezember 2010:   La ville a célébré, le 4 décembre, la plus grande bataille du siège de Paris qui, il y a 140 ans, opposa pendant trois jours 60 000 Français à 70 000 soldats prussiens. (L’ossuaire oublié de Champigny-sur-Marne (lemonde.fr)   Dabei wurde der Belageerungsring an dieser Stelle von sächsischen und württembergischen Truppen gebildet. Nach dem französischen Angriff vom 30. November wurden dann  allerdings preußische Verstärkungen herangeführt.

[3] Karte aus der Ausstellung in Bry. Siehe auch die Karte bei: https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_bei_Villiers

[4] Ausstellungskatalog, S. 24. Eine vom Office National des Anciens Combattants et Victimes de Guerre herausgegebene Broschüre über La Bataille de Champigny spricht von etwa 6000 Verlusten bei der fanzösischen Armee, darunter 400 Offizieren. Die Opfer bei den Preußen, den Sachsen und Württembergern seien noch höher gewesen. Bei Wikipedia folgende Angabe:  „Die Franzosen verloren an Toten und Verwundeten über 9.500 Mann, die Deutschen über 3.500 Soldaten und Offiziere.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_bei_Villiers

[5] „Le commandement français est essentiellement responsable de l’échec de cette percée. Kes effectifs engagés ont été notamment insuffisants quand beaucoup de troupes, à l’arrière, sonst restées inemployées.“ (Broschüre  La Bataille de Champigny a.a.O., S.5). Außerdem waren die für Entlastungsangriffe vorgesehenen Truppen nicht über die Verschiebung des Angriffstermins informiert worden, so dass sie sinnlos eingesetzt wurden und hohe Verluste erlitten.

[6] Nachfolgendes Titelbild der Zeitschrift L’Eclipse vom 19. Januar 1873

[7] Zu Hoff siehe: https://fr.wikipedia.org/wiki/Ignace_Hoffhttps://amismuseearmee.fr/en-marge-de/1215-2021-le-sergent-ignace-hoff  und  Lucien Louis-Lande, Le sergent Hoff: Épisode du siège de Paris. 2018  

[8] Siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2017/02/23/die-freiheitsstatue-von-new-york-und-ihre-schwestern-in-paris-teil-2-die-vaeter-von-miss-liberty/

[9] https://paris-blog.org/2021/10/21/die-einzigartige-historische-jagdtapete-la-chasse-de-compiegne-in-paris-und-im-wurttembergischen-datzingen/

[10] Siehe: https://paris-blog.org/2021/01/01/gravelotte-bei-metz-ein-einzigartiger-erinnerungsort-des-deutsch-franzosischen-kriegs-1870-1871/

[11] Marina Taravella, Le panorama animé: La bataille de Champigny. 25.1.2021. https://www.champigny94.fr/article/le-panorama-anime-la-bataille-de-champigny

[12] Nachfolgendes Bild aus: Fichier:Fantassins dans un chemin creux, fragment du panorama de La Bataille de Champigny.jpg — Wikipédia (wikipedia.org) Siehe auch:

https://basedescollections.musee-armee.fr/ark:/66008/01143.locale=fr

[13] [29] https://www.lemonde.fr/centenaire-14-18-decryptages/article/2014/04/08/1914-la-revanche-de-1870-pas-si-simple_4397706_4366930.html

[14] Siehe: Helke Rausch, Kultfigur und Nation. Öffentliche Denkmäler in Paris, Berlin und London 1848-1914. Pariser Historische Studien, Band 70, herausgegeben vom Deutschen Historischen Institut Paris. München: R.Oldenbourg Verlag 2006, S. 448

[15] Einen Überblick über das gesamte Panorama bietet: Version animé https://www.youtube.com/watch?v=k4GGopuUyKk

[16] Bild aus: https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/musee-carnavalet/oeuvres/scene-militaire-mobiles-conduisant-des-mulets-d-ambulances-fragment-du#infos-secondaires-detail

[17] https://www.leo-bw.de/web/guest/detail-gis/-/Detail/details/DOKUMENT/lmz_bilddatenbank_02/LMZ992506/Stuttgart+Champigny-Denkmal+im+Park+der+Villa+Berg+um+1930  Bild aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Villa_Berg,_Champigny-Denkmal.jpg

[18] Zur Geschichte einer ehemaligen Champigny-Straße in Stuttgart siehe: https://www.stolpersteine-stuttgart.de/index.php?docid=509

[19] Siehe Ausstellungskatalog Bry-sur-Marne, S. 40/41

[20] L’ossuaire, où reposent 1 000 Français et 400 Prussiens, (Le Monde vom 17.12.2010)  http://www.lemonde.fr/societe/article/2010/12/17/l-ossuaire-oublie-de-champigny-sur-marne_1454796_3224.html#EgBgxrjtWrTUzYCA.99 Natürlich sind es vor allem Württemberger und Sachsen, die dort bestattet sind, und nicht Preußen. Aber das entspricht einer gängigen französischen Darstellungsweise, nach der es sich 1870/1871 um einen französisch-preußischen Krieg handelte. Siehe zum Beispiel: https://www.herodote.net/Introduction_la_guerre_en_bref-synthese-543.php : Artikel mit der Überschrift: La guerre franco-prussienne (1870-1871);  https://www.histoire-pour-tous.fr/guerres/5601-la-guerre-franco-prussienne-de-1870.html und http://archives.paris.fr/r/280/guerre-franco-prussienne-de-1870-1871-150-ans-/

[21] https://www.champigny94.fr/article/lossuaire-franco-allemand

[22] Andreas Metzing, Kriegsgedenken in Frankreich (1871 – 1914). Studien zur kollektiven Erinnerung an den Deutsch-Französischen Krieg von 187071871.  Diss. Uni Freiburg 1995 https://freidok.uni-freiburg.de/fedora/objects/freidok:418/datastreams/FILE1/content

[23] Bild und Zitat aus: Récit Champigny (laguerrede1870enimages.fr)

[24] Zu Gravelotte siehe: https://paris-blog.org/2021/01/01/gravelotte-bei-metz-ein-einzigartiger-erinnerungsort-des-deutsch-franzosischen-kriegs-1870-1871/  Zum Ehrental im Deutsch-Französischen Garten von Saarbrücken -am Fuß der zu Beginn des deusch-französischen Krieges erbittert umkämpften  Spicherer Höhen siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2021/07/09/auf-der-a-4-autoroute-de-lest-von-saarbrucken-nach-paris-eine-fahrt-durch-die-deutsch-franzosische-geschichte-teil-1-von-saarbrucken-uber-verdun-bis-zur-voie-sacree/  In Bry-sur-Marne gibt es  in der Rue du 2 décembre noch ein weiteres Denkmal und Mausoleum mit den sterblichen Überresten  von etwa 500 französischen und deutschen Soldaten.

[25] https://www.champigny94.fr/article/lossuaire-franco-allemand

[26] http://www.lemonde.fr/societe/article/2010/12/17/l-ossuaire-oublie-de-champigny-sur-marne_1454796_3224.html#EgBgxrjtWrTUzYCA.99

[27] Nachfolgendes Bild aus: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/5e/Discours_de_Barr%C3%A8s_%C3%A0_Champigny.jpg

[28] http://www.lemonde.fr/societe/article/2010/12/17/l-ossuaire-oublie-de-champigny-sur-marne_1454796_3224.html#EgBgxrjtWrTUzYCA.99

[29] https://monumentsmorts.univ-lille.fr/monument/78969/champigny-sur-marne-rueroute/ Siehe auch: https://oldthing.de/AK-Ansichtskarte-Champigny-sur-Marne-Monument-eleve-a-la-memoire-des-Soldats-Wurtembergeois-morts-a-la-Bataille-du-Nov-et-Dec-1870-0038464722

[30] https://www.champigny94.fr/article/monument-des-wurtembergeois-la-presse-en-parle

[31] Bild aus: https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Monument_des_Wurtembourgeois_(Champigny-sur-Marne)#/media/File:Monument_Wurtembourgeois_Champigny_Marne_5.jpg

[32] Vorhergehendes Bild aus: https://www.leparisien.fr/val-de-marne-94/l-ossuaire-de-la-bataille-de-1870-ferme-au-public-a-champigny-19-02-2020-8263128.php

Nachfolgendes Bild aus: https://www.leparisien.fr/val-de-marne-94/champigny-sur-marne-94500/champigny-l-ossuaire-renove-devoile-ses-sepultures-de-soldats-30-03-2016-5673295.php  Dort wird auch die damalige deutsche Botschafterin zitiert, die 2013, bei Beginn der Renovierungsarbeiten Champigny als Symbol des Friedens bezeichnete.

[33] https://www.champigny94.fr/article/lossuaire-franco-allemand

2 Gedanken zu “Champigny-sur-Marne: Die letzte große Schlacht des deutsch-französischen Krieges 1870/1871 und ein deutsch-französischer Erinnerungsort

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