Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre-Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs

In der Nacht, als Notre – Dame brannte, habe ich in diesen Blog eine Reihe von Bildern eingestellt, die wir in den letzten Jahren von dieser wunderbaren Kirche aufgenommen hatten: : Notre-Dame wie es war und hoffentlich bald wieder sein wird.  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/12078

Inzwischen ist das Ausmaß der Schäden deutlicher, die ersten Sicherungsmaßnahmen sind schon unternommen worden.

DSC04033 ND nach dem Brand 1.5 (2)

Aufnahme vom Quai de Montebello aus  (1.5.2019)

Sicherlich wird es aber noch viele Debatten über das Konzept für den Wiederaufbau geben. Soll die Kirche genau so wieder entstehen, wie sie vor dem Brand aussah,  nur –wie Präsident Macron es versprach- noch viel schöner als vorher, oder sollen die Wunden sichtbar bleiben und auch Neues an die Stelle des unwiederbringlich Zerstörten treten?  Auch über die zeitlichen Perspektiven eines Wiederaufbaus gibt es sehr unterschiedliche Einschätzungen. Macron hat da etwas vollmundig einen Zeitrahmen von 5 Jahren vorgegeben, was aber vielfach als völlig unrealistisch bezeichnet wird. Geld für den Wiederaufbau steht immerhin aufgrund der phänomenalen  Spendenbereitschaft hinreichend zur Verfügung. Über die gibt es inzwischen übrigens heftige Diskussionen in Frankreich.

DSC04072 Finanzierung ND Mai 2019

Plakat einer Aids-Hilfsorganisation in der rue de la Roquette mit Anspielung auf den Brand von Notre-Dame („Wir brennen schon seit 30 Jahren“).

Innerhalb von zehn Tagen gab es mehr als 1 Milliarde Euro an Zusagen, mehr als für den Wiederaufbau erforderlich. (Le Monde, 30.4.). Da ist sicherlich bei manchen Großspendern auch Prestige im Spiel, die hohen steuerlichen Abschreibungsmöglichkeiten solcher Spenden in Frankreich werden auch ihren Anteil haben; aber vor allem sind es doch sicherlich die große Bestürzung über den Brand und die schrecklichen Bilder des brennenden Dachstuhls, des berühmten „Waldes“ von Notre-Dame aus Jahrhunderte-alten Eichenbalken,  des einstürzenden Dachreiters und des verwüsteten Innenraums, die Menschen dazu veranlasst haben mögen,  einen Beitrag zum Wiederaufbau zu leisten. Die Reaktion auf den Brand entsprach ja genau dem, was der französische Anthropologe Daniel Fabre eine „émotion patrimoniale“ genannt hatte, eine kollektive Ergriffenheit und Betroffenheit angesichts des Verlusts eines als unersetzbar geltenden, emotional hochbesetzten kulturellen Erbes.[1] Und dass es sich bei Notre-Dame um einen kollektiven Verlust (une perte collective) handelt, darüber gibt  es  einen allgemeinen Konsens zwischen Politikern unterschiedlichster Couleur, zwischen Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen oder Journalisten aller Medien und allen internationalen Kommentatoren des Brandes. Einhellig betont wird die  herausragenden Bedeutung der Kathedrale Notre-Dame: Für die Christen, für die Menschheit insgesamt, vor allem aber für Frankreich.

In seiner Fernsehansprache vom 16. April bezeichnete Präsident Macron Notre-Dame als „le lieu où nous avons vécu tous nos grands moments“, Notre-Dame sei „notre histoire…. notre imaginaire“; die Präsidentin der Region Île de France, Valérie Précresse (Les Républicains) nannte Notre-Dame „die Seele Frankreichs [2], der Leitartikler der Zeitung Sud-Ouest „le cœur brûlé de la France[3]. Für den Chef von La France Insoumise, Jean- Luc Melenchon,  ist Notre-Dame seit mehr als 1000 Jahren (!) „le métronome des Français[4],  die Zeitung  Libération  nennt Notre-Dame „die Kirche der Nation“ und bezeichnet sie in ihrer Sonderausgabe vom 17. 4. als „Notre –  Dame du peuple“[5]. In einer Sendung von France Culture wurde Notre-Dame sogar in den Rang einer „Gottheit“ erhoben.[6] Sehr eindrucksvoll in dieser Hinsicht war die Titelseite der  Sonderausgabe von Le Monde vom 17. April: Neben dem halbseitigen Bild der brennenden Kathedrale die überschrift  „Notre-Dame, notre histoire“….

Le Monde 17.4.DSC03968

… und Plantu, der Karikaturist der Zeitung, steuerte darunter eine Zeichnung bei. Auf der ist die weinende Marianne zu sehen, die eine Tricolore mit dem Bild der brennenden Kirche trägt.. Die Identifikation der Kirche mit der Nation ist so zum Ausdruck gebracht.  Und die  die Fensterrose ersetzende Weltkugel auf der Fassade bezeichnet die weltweite Ausstrahlung des Bauwerks.

Le Monde 17.4. DSC03969

Ich wüsste nicht, welches Bauwerk in Deutschland einen ähnlichen Status für sich in Anspruch nehmen könnte. Vielleicht am ehesten noch die Dresdener Frauenkirche als Symbol der Verwüstungen durch die alliierten Bombardements im Zweiten Weltkrieg  oder die 2004 ausgebrannte Anna-Amalia-Bibliothek als Symbol des kulturellen Erbes der Weimarer Klassik. Aber eine mit Notre-Dame vergleichbare „emotion patrimoniale“ hat es da doch wohl nicht gegeben. Sicherlich hat das etwas zu tun mit der spezifischen deutschen Geschichte und ihren Brüchen und dem historisch gewachsenen Föderalismus, während der traditionelle französische Zentralismus auf dem Platz vor der Kirche „seine materielle Ausprägung“ gefunden hat.

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Da ist nämlich eine Rosette in den Boden eingelassen, von deren Mittelpunkt aus in alle Himmelsrichtungen die Distanzen der Städte und Dörfer bis an die Ränder des Landes gemessen werden.

Point Zero des Routes de France

Notre-Dame ist also in der Tat Zentrum  von Paris, der „Hauptstadt der Welt“, dazu mit etwa 13 Millionen Besuchern im Jahr der meistbesuchte kulturelle Ort von Paris, ja von Frankreich, sie ist „das Herzstück ganz Frankreichs“[7], ein „lieu symbolique“ der Geschichte des Landes.

 

Der Sender France Culture hat nach dem Brand unter der Überschrift „11 große Daten einer Geschichte Frankreichs“ eine Reihe von Ereignissen aus der Geschichte von Notre-Dame zusammengestellt, die  die Bedeutung der Kirche für Frankreich belegen sollen:

  • 1163: Beginn des Baus durch Maurice de Sully
  • 1239: Saint Louis deponiert in Notre-Dame die Dornenkrone, die nach christlicher Überlieferung Jesus bei seiner Kreuzigung getragen haben soll.
  • 1302: König Philippe le Bel beruft die ersten Generalstände des Königreichs nach Notre-Dame ein: Das Kirchenschiff ist damals der größte überdachte Raum, der zur Verfügung steht.
  • 1594: Endgültiger Übertritt Heinrichs IV. zum Katholizismus (seine Heirat mit Marguerite von Valois 1572, am Vorabend der Bartholomäusnacht, hatte ebenfalls in Notre-Dame stattgefunden.
  • 1792: Schließung der Kathedrale
  • 1804: Die Krönung Napoleons (le sacre de Napoléon)
  • 1844: Beginn der Renovierungsarbeiten durch die Architekten Jean-Baptiste-Antoine Lassus und Eugène Viollet-Le-Duc
  • 1918: Ende des „Großen Kriegs“ mit einer Feier in Notre-Dame am 17. November
  • 1944: Befreiung von Paris mit einer Feier in Notre-Dame am 26. August
  • 1970ff : Beisetzungen des Generals de Gaulle, von François Mauriac und danach weiterer  Persönlichkeiten, so der ehemaligen Präsidenten Georges Pompidou 1974 und François Mitterrand 1996. Dessen Beisetzungsfeierlichkeit in Notre-Dame sei übrigens, wie die Zeitung Les Echos damals schreib, bestimmt gewesen von den Emotionen des deutschen Kanzlers Helmut Kohl, eines der engsten Freunde Mitterands, der seine Tränen nicht habe zurückhalten können.[8] Insofern ist Notre-Dame in gewisser Weise auch ein Ort deutsch-französischer Freundschaft.
  • Und (vorläufig) letztes Datum natürlich: Der Brand vom 14./15. April 2019[9]

Allerdings war die große Bedeutung und Wertschätzung von Notre-Dame nicht immer so eindeutig. Das soll an einigen nachfolgend skizzierten und zum Teil auch in der gerade vorgestellten high-light- Liste enthaltenen Ereignissen verdeutlicht werden:

  • So wird in dieser Liste die Übergabe der Dornenkrone an die Kirche genannt. In der Tat hatte Ludwig IX. (der Heilige) die Krone dem byzantinischen Kaiser abgekauft, um seinen Status als christlicher König gegenüber dem Kaiser des Heiligen Römischen Reichs zu untermauern. Allerdings war für die Aufnahme der Dornenkrone (und anderer Reliquien) die Sainte-Chapelle bestimmt, die aber erst zehn Jahre später fertig gestellt war und der sie dann auch übergeben wurde.  Und in der Sainte-Chapelle  blieb sie dann auch bis zur Französischen Revolution. Notre-Dame diente also zunächst nur als provisorischer Lagerort und  die Dornenkrone wurde erst von Kaiser Napoleon wieder Notre-Dame übergeben – und 2019 gerettet. Allerdings war die von Ludwig dem Heiligen erworbene Reliquie  1793 verschwunden, als der Schatz der Sainte-Chapelle eingeschmolzen wurde, um den Koalitionskrieg zu finanzieren. Sie wurde aber, mit den Worten des Historikers Yann Potin, „neu geschaffen“, bzw. nach kirchlicher Lesart wie durch ein Wunder  von einem Geistlichen der Kathedrale aufgefunden und konnte so schließlich wieder in den Besitz von Notre Dame gelangen.

 

  • Erst 1622 wurde Paris Bischofssitz. Notre-Dame erhielt also erst 459 Jahre nach ihrer Gründung, nach mehr als  der Hälfte ihrer bisherigen Geschichte, den Rang einer Kathedrale. Bis dahin unterstand das Bistum Paris dem Erzbischof von Sens. Und die Erzbischöfe von Sens ließen sich in Paris in der Nähe der Seine ein wunderbares Palais errichten, das Hôtel de Sens, das im 15. Jahrhundert „als eines der schönsten Häuser von Paris“ galt[10] und den geistlichen Herrschaftsanspruch der Erzbischöfe von Sens über Paris unübersehbar machte.

 

  • Zu Beginn  der Französischen Revolution stellte sich der Klerus auf die Seite der Revolution:  Am 13. Juli 1790 wurde z.B. der Jahrestag des Sturms auf die Bastille mit einem feierlichen Te Deum gefeiert, am 25. September 1792 feierte ein weiteres Te Deum die vier Tage vorher ausgerufene Republik. Dennoch wurde im November 1792  Notre-Dame  geschlossen, „der Beginn ihrer Leidenszeit“.[11] Die mussten zwar auch andere Kirchen damals durchmachen, aber Notre-Dame traf es, ebenso wie  St. Denis, wo die Königsgräber geschändet wurden, besonders hart, was man  vielleicht  als  Beleg für die inzwischen erlangte Bedeutung der Kathedrale verstehen kann. Schlimm war vor allem das Jahr 1793, in dem ja auch die Schreckensherrschaft Robbespierres begann.  Nach einem Zwischenspiel als „Tempel der Vernunft“ diente das Gebäude als Lagerhalle (immerhin!) für Wein, bis es 1802 wieder in den Schoß der Kirche zurückkehrte. 1793 wurde die Kathedrale  geplündert, und während die Guillotine die massenhaften Todesurteile des Revolutionstribunals exekutierte, wurden auch die  Statuen der  Portalgewände geköpft und  die 28 Statuen der Königsgalerie  gleich ganz herabgestürzt,  galten sie doch als Verkörperung von Religion und Feudalismus zugleich: Sie stellten nämlich die biblische Ahnenreihe von Jesus dar, die Könige von Israel und Juda also. Aber gleichzeitig wurde mit der Königsgalerie der nach dem Sieg Philipp Augustes über den englischen König 1214 bestätigte Anspruch der französischen Könige auf Heiligkeit untermauert.   Sie führten sich also auf die biblische Ahnenreihe zurück und allmählich vermischten sich diese Zuschreibungen der Königsstatuen. Da sie ziemlich mächtig waren – immerhin 3,50 m hoch- wurden sie bzw. ihre Trümmer von den Revolutionären als Baumaterial verkauft und verschwanden im wahrsten Sinne des Wortes in der Versenkung. Noch 1974 beklagte der französische Kunsthistoriker und Notre-Dame-Spezialist Erlande-Brandenbourg den unschätzbaren Verlust der Statuen. Aber  1977  kamen 21 Königsköpfe  bei Ausschachtungsarbeiten für einen Bankneubau in der Chaussée d’Antin zufällig ans Tageslicht- eine der wichtigsten archäologischen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte. Nicht nur weil die Königsgalerie die älteste ihrer Art ist und als Vorbild für die Kathedralen von Chartres, Reims und Amiens diente, sondern auch wegen der äußerst kunstreichen Gestaltung von Details wie den Kronen oder den Locken und  wegen der vielfältigen erhaltenen farblichen Reste: Rot für die Lippen, rosa für die Backen,  blau-grau für die Haare und den Bart, schwarz oder grün für die Pupillen… Die Königsköpfe aus dem 13. Jahrhundert kann man  inzwischen im Musée Cluny bewundern- in einem stimmungsvollen Raum der alten römischen Thermen, die Teil des Museums sind.

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  • 1804 krönte sich Napoleon in Notre-Dame selbst zum „empereur“/Kaiser und danach seine Frau Josephine zur Kaiserin, was natürlich in keiner Zusammenstellung der Geschichte Notre-Dames fehlen darf.  Man mag auch das als Beweis für die Bedeutung der Kirche ansehen, allerdings gab es keine Alternative: Saint Denis war die Grabkirche der Bourbonen, also als Krönungsort ungeeignet, die ehemalige Kirche Sainte- Geneviève schied auch aus, weil sie inzwischen als nationale Ruhmeshalle, als Pantheon,  fungierte, während die Wahl von Reims, der Krönungskirche der französischen Könige, ein antirevolutionärer Affront gewesen wäre. Um die Abkehr vom ancien régime (und seinen Weltherrschaftsanspruch) zu dokumentieren, wählte Napoleon ja auch den an Karl den Großen anknüpfenden Titel eines Kaisers und deshalb auch die Wahl der historisch unbelasteten  Kirche Notre-Dame. Nach den Verwüstungen der Revolutionsjahre war die Kirche allerdings in einem derart maroden Zustand und die Gotik derart verpönt, dass mit Hilfe von Tüchern und falschem Marmor eine Theaterkulisse geschaffen wurde, die die gotischen Strukturen (bis hin ins 33 Meter hohe Gewölbe) und das herunter gekommene Ambiente verhüllte und die Kirche dem Zeitgeschmack und dem Repräsentationsbedürfnis Napoleons anpasste.

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             Das berühmte monumentale Gemälde(6 mal 10 m),  das Napoleon bei seinem                      Hofmaler David  in  Auftrag  gegeben hatte[12], zeigt also den für das Ereignis                      hergestellten  Theaterdekor, nichts aber von der gotischen Kathedrale, in der die                Zeremonie  stattfand. Das Bild ist im Louvre zu sehen.

  • In der Liste der großen historischen Ereignisse von Notre-Dame ist natürlich der November 1918 enthalten. Da fand in Notre-  Dame ein großes Te Deum statt: Mit einer Messe sollte Gott für den Sieg im Ersten Weltkrieg gedankt und dessen Ende gefeiert werden.[13]

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                     Die Feier des Te Deums in Notre-Dame vom 16. November 1918

Da war Notre-Dame also tatsächlich „die Kirche der Nation“. Allerdings nicht ganz: Der gefeierte „Tiger“  Clemenceau, damals Ministerpräsident (président du Conseil), weigerte sich, in Anbetracht der in Frankreich strikten Trennung von Kirche und Staat („par respect de la séparation des pouvoirs“) an der Zeremonie teilzunehmen. Staatspräsident Poincaré verzichtete deshalb ebenfalls auf seine Teilnahme. Immerhin kamen die beiden dann überein, dass ihre Frauen bei dem Te deum anwesend sein sollten/durften.

Am 26. August 1944  wurde anlässlich der Befreiung von Paris erneut ein Dankgottesdienst in Notre- Dame zelebriert. Nach einer Militärparade auf den Champs – Elysées zog  de Gaulles  in die Kirche ein. Dabei gab es noch vereinzelt Schüsse von faschistischen Kollaborateuren, die sich verzweifelt gegen den Lauf der Geschichte stemmten. De Gaulle aber, Teil seines Heldenepos, soll einer der wenigen gewesen sein, die nicht Deckung suchten, sondern aufrecht und langsamen Schrittes die Kirche betrat. Begleitet wurde de Gaulle beim Einzug in Notre-Dame von Führern der Résistance,  Vertretern des „Freien Frankreichs“ und dem Chef der 2. Französischen Panzerdivision Leclerc.  Eine zu  dessen Truppe gehörende, aus spanischen Freiwilligen bestehende Panzereinheit war als erste in Paris eingerückt. An der Feier, die mangels Strom und Orgel nur 15 Minuten dauerte, nahm allerdings  kein einziger geistlicher Würdenträger  teil.  Man hat sie deshalb etwas kühn mit der Selbstkrönung Napoleons 1804 verglichen. Zuzustimmen ist aber sicherlich dem Chefredakteur von Libération  Joffrin, der sie als Apotheose der Befreiung von Paris bezeichnete.[14]

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 Waren es also beim Te Deum von 1918 die staatlichen Repräsentanten, die in Notre- Dame fehlten, so waren es hier – in ihrem eigenen Hause! –  die Vertreter der kirchlichen Hierarchie: Die Feier in Notre-Dame vom 26. August 1944  und ihre Begleitumstände  waren Ausdruck der Spaltung und Zerrissenheit Frankreichs in der Stunde der Befreiung.

Das Fernbleiben einer Seite war diesmal allerdings, anders als 1918, keine freiwillige Entscheidung.  Während in Notre-Dame nämlich das Te Deum gefeiert wurde, stand der Kardinal und Erzbischof von Paris Suhard in seinem Bischofspalais unter Hausarrest. Der hatte nämlich genau vier Monate vorher, am 26. April 1944, den Marschall Pétain in seiner Kathedrale empfangen. Damals fand  ein Gottesdienst zu Ehren von Franzosen statt, die bei den die Landung in der Normandie vorbereitenden alliierten Bombenangriffen getötet worden waren.[15]

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Und davor war Pétain auf dem Platz vor dem Hôtel de Ville von einer begeisterten Menschenmenge gefeiert worden.

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Kardial Suhard, der dem Chef des Kollaborations-Regimes von Vichy mit dem Empfang in Notre-Dame die kirchliche Weihe verlieh, hatte darüber hinaus im Februar 1944 eine Erklärung der französischen Bischofskonferenz unterstützt, in der Aufrufe zur Gewalt und „Akte des Terrorismus“ verurteilt worden waren. De Gaulle in London und die bewaffnete Résistance im Innern waren damit als terroristisch qualifiziert worden. Und noch am 2. Juli, also vier Wochen nach der Landung der Alliierten in der Normandie, nahm Suhard  an dem Staatsbegräbnis für Philippe Henriot, den „Goebbels von Vichy“, in Notre-Dame teil. Französische Milizionäre trugen den Sarg mit den sterblichen Überresten Henriots, der von der anwesenden Menge mit dem Nazigruß empfangen wurde,  in die Kathedrale. Anwesend waren auch Laval,  der Regierungschef Vichys, und der deutsche Botschafter in Paris Abetz.  Henriot war von Mitgliedern der Résistance erschossen worden.[16]

Dass unter diesen Umständen de Gaulle auf die Anwesenheit Suhards bei dem Te deum vom 25. August 1944 verzichtete, ist nur allzu verständlich- die Zeremonie war insofern „le parfait effacement“ des petainistischen Te Deums vom 26. April.  In seinen Memoiren beteuerte de Gaulle allerdings, er von seiner Seite habe nichts mit der „Verbannung“ Suhards zu tun gehabt.[17] Aber als er die Memoiren schrieb, war Frankreich in seinem Selbstverständnis schon lange ein einiges Volk von Widerstandskämpfern geworden und an die dunkle Zeit der Kollaboration  wurde möglichst nicht mehr erinnert.

So war denn auch Kardinal Suhard bei dem Sieges- und Dankesgottesdienst vom 9.Mai 1945 wieder auf freiem Fuß und konnte  als Hausherr von Notre Dame auftreten, als wäre nichts gewesen. Und der Domorganist Léonce de Saint-Martin, ebenfalls der Nähe zum Petain-Regime verdächtig und beim Einzug de Gaulles in Notre-Dame vom  26. August 1944 noch abwesend, konnte jetzt sein bombastisches Te Deum de la victoire durch das Kirchenschiff von Notre-Dame brausen lassen und danach natürlich noch die Marseillaise. Die war auch schon während der Revolutionszeit in Notre-Dame erklungen,  wie ja überhaupt die Orgel wohl nur aufgrund „der Interpretation patriotischer Musik“ von den Revolutions-Vandalen verschont worden war. Die selbstverständliche Intonation der Nationalhymne  mag bemerkenswert erscheinen in einem Land, in dem die strikte Trennung von  Kirche und Staat zu den Grundlagen des Gemeinwesens gehört. In Notre-Dame, der „Kirche der Nation“, ist das aber anders.  Der Schriftsteller François Mauriac, geriet jedenfalls  bei dieser Marseilleise „für die Engel und die Heiligen“   ins Schwärmen:  “ Lorsque, aux grandes orgues, la Marseillaise éclata, une Marseillaise pour les anges et pour les saints, transposée sur le plan de l’éternel, j’eus le sentiment profond que, de cette expérience universelle, une part concernait la France… “ [18]

Victor Hugo, der Retter von Notre-Dame

Notre- Dame war hier also tatsächlich das politische und spirituelle Zentrum Frankreichs und all die anfangs zitierten Zuschreibungen hatten in  diesem Moment ihre Berechtigung. Dass Notre-Dame tatsächlich das Zentrum, das Herz Frankreichs geworden ist, ist nicht zuletzt das Verdienst von Victor Hugo, und das Jahr 1831 darf eigentlich in keiner Zusammenstellung der wesentlichen Daten von Notre-Dame fehlen. Denn in diesem Jahr erschien sein historischer Roman „Notre-Dame de Paris-1492“. Die Bedeutung dieses Buches für die Kathedrale ist kaum zu überschätzen. Denn damals war sie so heruntergekommen, dass schon erörtert wurde, sie abzureißen, so wie ja auch schon andere wunderbare gotische Kirchen abgerissen worden waren: 1797 das Kloster Saint-Antoine-des-Champs, das dem Faubourg Saint-Antoine seinen Namen gegeben hatte[19];  und im gleichen Jahr die Kirche Saint-Jacques-de-la-Boucherie, von der nur der Turm Saint-Jacques im 4. Arrondissement übrig geblieben ist. Dabei handelte es sich gar nicht so sehr um Taten eines revolutionären Vandalismus –andere Kirchen wurden ja wie Notre-Dame zu „Tempeln der Vernunft“ umfunktioniert, sondern die Gotik galt damals –wie der Name schon ausdrückt- als ein barbarischer Baustil und Ausdruck des „finsteren Mittelalters“, und dementsprechend ging man auch mit ihren Bauten um. Victor Hugo hat das in seinem Buch angeprangert:

Zuerst hat die Zeit unmerklich an ihren Bauten genagt und hat ihre Oberfläche mit Spuren der Verwitterung überzogen. Dann haben die religiösen und politischen Aufstände die Menschen blind und rasend gemacht, und die also Verblendeten haben sich über die Bauten gestürzt…. Zuletzt haben sich ihrer  die Moden bemächtigt …. Sie haben größeres Unheil angerichtet als die Revolutionen; denn sie haben der Kunst ins lebendige Fleisch geschnitten, …. Haben gepfuscht und geändert und haben Form und Bedeutung der Bauten, ihren inneren Zusammenhang und ihre Schönheit zerstört.“ (S. 152/3).

Das sei, wie Hugo in Anspielung auf eine Fabel de La Fontaines schreibt, der Fußtritt des Esels gegen den sterbenden Löwen gewesen. Mitbeteiligt war bei Notre-Dame übrigens auch der große Soufflot, der Erbauer des Pantheons, der 1711 im Auftrag des Domkapitels den Mittelpfosten und den Türsturz des Hauptportals beseitigte, um bei Prozessionen Platz für den Baldachin zu schaffen!

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Das Mittelportal von Notre-Dame vor der Restaurierung. Daguerreotypie von 1841[20]

Auch die  Zerstörung der riesigen Christophorus-Statue auf der rechten Seite des Mittelschiffs prangert Hugo an- dort, wo in seinem Roman an einem schönen Sonntag nach der Messe der kleine Quasimodo und spätere Glöckner von Notre-Dame –benannt nach dem Tag seiner Aussetzung- niedergelegt wurde:  gewissermaßen die „Babyklappe“ des Mittelalters. Und natürlich beklagt Victor Hugo die Zerstörung der leuchtenden gotischen Glasfenster in Mittelschiff und Chor, die im Zeitalter des Barock durch „weiße kalte Fenster“ ersetzt wurden, was man heute kaum noch nachvollziehen kann. Dazu kamen dann die Zerstörungen während der Französischen Revolution: neben den Statuen der Fassade auch noch der Dachreiter aus dem 13. Jahrhundert auf der Vierung, der Kreuzung von Mittel- und Querschiff,  der dann im 19. Jahrhundert durch den neuen hohen Dachreiter ersetzt wurde, der bei dem Brand umgestürzt ist.

Höchste Zeit also, dass Victor Hugo  den  Verächtern der Gotik mit ihren Abrissbirnen den Krieg erklärte: So 1832 in einem in der Revue des deux mondes veröffentlichten Pamphlet mit dem Titel Guerre aux démolisseurs“. Und schon 1825 hatte der junge Victor Hugo einen Text „sur la destruction des monuments en France“ verfasst, in dem er den Anspruch der Öffentlichkeit auf die Bewahrung des kulturellen Erbes formulierte: „Il faut arrêter le marteau qui mutile la face du pays.“  Und weiter: „Il y a deux choses dans un édifice, son usage et sa beauté: son usage appartient au propriétaire, sa beauté à tout le monde, à vous, à moi, à nous“.[21]

Notre-Dame de Paris war zwar damals für Victor Hugo  immer noch „ein majestätisches und erhabenes Bauwerk“, das sich „im Altern schön erhalten“ habe (S.149).  Aber die Kathedrale war auf dem besten Wege, zu einem „schweren Gerippe“ bzw. einer „düsteren Ruine“ zu  verkommen, wie der Dichter Gérard de Nerval in seinem Gedicht  Notre-Dame de Paris von 1835 schrieb.

Victor Hugo trug vor allem mit seinem einzigartigen historischen Roman, in dem er ein Gebäude gewissermaßen zur Romanfigur machte, entscheidend dazu bei, nicht nur der todwunden Notre-Dame „den Fußtritt des Esels“ zu ersparen, sondern insgesamt der Gotik auch in Frankreich wieder Wert und Würde zuzuerkennen.  In Deutschland hatte schon 1773 der junge Goethe als Student in Straßburg das Genie des Straßburger Dombaumeisters Erwin von Steinbach gepriesen,  und 1823 war in Köln eine Dombauhütte zur Erhaltung und Vollendung des Doms eingerichtet worden. Der Weiterbau des im Mittelalter unvollendeten Kölner Doms wurde als Symbol für den zu schaffenden deutschen Nationalstaat gesehen, erfolgte aber auch im vergleichenden Blick auf Frankreich. Und umgekehrt hätten Hugo und andere französische Schriftsteller „vielleicht nicht so für ihre Gotik gekämpft, hätte nicht der junge Goethe als Student in Straßburg die Gotik als deutschen Stil gefeiert.“[22] Während Goethe in der Tat und  fälschlicherweise davon ausgegangen war, bei der Gotik handele es sich um eine „deutsche Baukunst“, so konnte man in Frankreich schon mit einigem Recht die Entstehung der Gotik als  Ausdruck des „génie français“ oder der „âme française“ verstehen.  Die Wiege der Gotik ist eindeutig die Ile de France, die königliche Krondomäne, wo der neue Stil den königlichen Herrschaftsanspruch und den sich allmählich herausbildenden Status von Paris als Hauptstadt Frankreichs untermauern sollte (Sohn, S. 185).  Und immerhin übertraf, wie Statistiker errechnet haben, das Volumen der für die gotischen Kathedralen Frankreichs verwendeten Steine das der ägyptischen Pyramiden! So wurde die Gotik im 19. Jahrhundert zur nationalen französischen Architektur par excellence erhoben, die sich wie die Ideen der Französischen Revolution über ganz Europa hinweg verbreitet hätten. Und nun war auch die Zeit gekommen, dass  die Architekten Viollet-le-Duc und Lassus  die heruntergekommene Kathedrale im Sinne ihres idealisierten Gotik-Bildes restaurierten und ihr neuen Glanz verliehen.

 

 

Victor Hugos Loblied der Westfassade von Notre-Dame

Diese Restaurierung betraf nicht nur, aber vor allem die Fassade, die unter den Zerstörungen durch Soufflot und die revolutionären Bilderstürmer besonders gelitten hatte und deren Schönheit bis ins 19. Jahrhundert kaum zur Geltung kommen konnte: Da war der Blick auf die Fassade der Kathedrale nämlich nur sehr eingeschränkt möglich, weil der Vorplatz der Kirche eng bebaut war. Der französische Name für diesen Platz ist übrigens Parvis, eine Ableitung von „Paradies“ – in der mittelalterlichen Architektur der Vorhof einer Kirche, der bereits zu deren Friedensbereich gehörte und damit Flüchtlingen Asyl gewährte. In Paris,  im Mittelalter die bevölkerungsreichste Stadt Europas, war der Baugrund schon damals eine Kostbarkeit. Also wurde das „Paradies“, wie die Cité insgesamt, eng bebaut. Im 19. Jahrhundert wurde dann der Vorplatz geräumt, der Blick auf die Fassade erweitert. Heute erinnern noch die auf dem Pflaster nachgezeichneten Umrisse an die frühere Bebauung, deren Fundamente man in der „Crypte archéologique du Parvis Notre-Dame“ besichtigen kann.

Die Fassade von Notre-Dame ist nirgends so wunderbar beschrieben  wie von Victor Hugo:

„Eine der herrlichsten Ruhmestaten der Baukunst ist doch gewiss diese Fassade mit den drei Spitzbogenportalen, mit dem reichgezackten Gesims der achtundzwanzig Königsnischen, mit der ungeheuren Rosette, der die beiden Fenster zur Seite stehen wie die Dechanten dem Priester, mit dem hohen Bogengang, der auf seinen schlanken Säulen eine schwere Plattform trägt, und den beiden schwarzen massigen Türmen mit ihrem Fenstersturz aus Schiefer. Alle Teile verschmelzen harmonisch zum prächtigen Ganzen, dessen fünf gigantische Stockwerke sich dem Auge auf einmal darbieten und sich doch stufenweise vor ihm entfalten, überwältigend durch ihre zahllosen Einzelheiten an Bildhauer- und Steinmetzarbeit und doch nicht verwirrend, weil alles durch die ruhige Größe des Ganzen mächtig zusammengefasst wird. Eine ungeheure steinerne Symphonie ist diese Fassade, das Riesenwerk eines Mannes und eines Volkes, einheitlich und doch zusammengesetzt, wie die Iliade und Romanzen, deren Schwester sie ist, ein wunderbares Erzeugnis der gesammelten Kräfte einer Zeit, da sich die Einbildungskraft des Handwerkers, vom Genius des Künstlers gebändigt, jedem Steine in hundertfältiger Form einprägte: kurz, eine menschliche Schöpfung, die reich und machtvoll ist wie die göttliche Schöpfung selbst, von der sie das Doppelantlitz ‚Vielheit und Einheit‘ entlehnt zu haben scheint. …

Notre-Dame ist ein Bauwerk der Übergangszeit. Der sächsische Baumeister hatte gerade die ersten Pfeiler des Schiffes aufgerichtet, als mit den heimkehrenden Kreuzfahrern der Spitzbogen kam und sich siegreich auf die schweren romanischen Kapitelle setzte, die bestimmt waren, nur den einfachen Rundbogen zu tragen. Der Spitzbogen, der fortan alles beherrschte, hat der übrigen Kirche das Gepräge gegeben. Aber er war noch schüchtern und unerfahren; er dehnte sich noch nicht in die Breite, hielt sich zurück und wagte es noch nicht, in Kreuzblumen und Filialen aufwärts zu streben, wie er es später bei so vielen herrlichen Domen getan hat. Er scheint die Nähe der schweren romanischen Pfeiler empfunden zu haben. …

Diese Übergangsbauten sind für den Künstler, den Altertumsforscher und den Historiker gleich anziehend. Gleich den zyklopischen Mauern, den ägyptischen Pyramiden und den riesigen indischen Tempeln zeigen sie, wie ursprünglich die Baukunst ist; sie beweisen, dass ihre großen Werke weniger individuelle als soziale Schöpfungen sind, von arbeitenden Völkern geboren, nicht von genialen Männern erdacht, ein Niederschlag von Nationen, eine von Jahrhunderten angehäufte Masse…  Die großen Gebäude sind gleich den großen Gebirgen ein Werk der Jahrhunderte. Oft wandelt sich die Kunst, während sie noch im Entstehen sind; die Arbeit wird im Sinn der neuen Zeit friedlich weitergeführt. Die verwandelte Kunst übernimmt das Werk, wie sie es findet, überkleidet es, passt sich ihm an, führt es nach ihren Empfindungen weiter und bemüht sich, es zu vollenden. Das vollzieht sich ohne Störung, ohne Anstrengung, ohne Rückfall, nach stillen, natürlichen Gesetzen. Der einzelne Mensch und der Künstler verschwinden vor diesen Riesenwerken, die keines Schöpfers Namen tragen; der menschliche Geist in seiner Gesamtheit prägt sich in ihnen aus. Die Zeit ist der Baumeister, das Volk ist der Maurer.“ (Hugo, Der Glöckner, S. 149f)

Dass Victor Hugo „die ruhige Größe des Ganzen“ rühmt, kommt nicht von ungefähr: Denn der Kubus der Fassade ist exakt im Seitenverhältnis von 2: 3 proportioniert. Und diese Proportion findet sich auch in der Musik. Nach der Harmonielehre des  Kirchenvaters Augustinus  erklingen schwingende Saiten in musikalischen Intervallen, wenn ihre Länge zueinander einfachen Zahlenverhältnissen entspricht- und das Verhältnis 2: 3 entspricht der musikalischen Quint. Indem die Architektur solche auf musikalischen Konsonanzen beruhende Proportionen aufgreift, spiegelt sie –nach dem Ideal des Augustinus- die von Gott geschaffene Harmonie des Universums wider. Dass die beiden Türme keine Spitzen haben, entspricht damit diesem Streben nach harmonischer Proportionierung. Es ging also sowohl in der Architektur wie auch in der Musik um himmlische Maßstäbe. Im Musterbuch des Architekten Villard de Honnecourt aus dem 13. Jahrhundert findet man denn auch nicht nur Grundrisse und Gewölbeformen, sondern auch Regeln musikalischer Proportionen. Wenn die Romantiker von der Architektur als Stein gewordene Musik sprachen: An der Fassade von Notre Dame ist das zu beobachten und zu bewundern.[23]

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Auch im Einzelnen ist die  Fassade in ihrer Ausgewogenheit von horizontaler und vertikaler Gliederung  ein Inbegriff von Harmonie und –wie alles in der mittelalterlichen Baukunst-  voller Symbolik: Vertikal gibt es drei Teile – entsprechend dem Mittelschiff und den beiden Seitenschiffen – mit den dazugehörigen Portalen, womit  die Dreieinigkeit von Gottvater, Sohn und Heiligem Geist symbolisiert, gleichzeitig aber auch an die Tradition römischer Triumphbögen angeknüpft wird. Horizontal ist die Fassade vierfach gegliedert. Victor Hugo spricht zwar in seiner Fassadenbeschreibung von fünf Geschossen,  aber die mittelalterlichen Baumeister zählten –da sind sich die Kunsthistoriker einig- vier Geschosse, rechneten also die Türme nicht mit: Ganz unten die Portalzone, dann die Königsgalerie, danach der Abschnitt mit der  großen  Fensterrose und schließlich die luftig-elegante Arkadengalerie. Die vierfache horizontale Gliederung hat natürlich auch ihre symbolische Bedeutung: Die Zahl 4 steht im Mittelalter für die weltliche Materie, die Schöpfung. Und bezogen darauf hat die Zahl eine vielfache Bedeutung: Es gibt die vier Jahreszeiten, die vier Elemente, die vier Himmelsrichtungen, die vier Lebensalter des Menschen und schließlich  auch Pest, Krieg, Not und Tod als die vier Vorboten der Apokalypse.  Wir befinden uns ja im Westen, der  dem Leben,  dem weltlichen Bereich zugewandten Seite der Kathedrale, wo sich auch der königliche Palast befand. Im Zentrum der Fassade mit der dreifachen –geistlichen- und der vierfachen –weltlichen- Gliederung thront gewissermaßen die große Fensterrose: Ihr Rund  steht für die Zahl 1, also für Gott, und sie symbolisiert die Harmonie der Schöpfung, den Kosmos: Im Mittelalter wird Gott ja auch oft  als Baumeister und Weltenschöpfer mit einem Zirkel dargestellt. Und wo bleibt Maria, der die Kathedrale geweiht ist? Ihre Statue  mit dem Jesuskind auf dem Arm steht auf der Königsgalerie, eingerahmt von zwei kerzentragenden Engeln, inmitten einer –dreifachen- Figurengruppe also. Und  die Köpfe von Maria und dem Jesuskind reichen –blickt man, sich der Fassade nähernd, nach oben-  genau ins Zentrum der Fensterrose

Die Statuen der jetzigen Königsgalerie sind dagegen Neuschöpfungen des 19. Jahrhunderts und entstanden während der Restaurierung der Kathedrale. Angeblich nutzte einer der beiden Restaurations-Architekten, Lassus,  die Gelegenheit, sich selbst ein Denkmal zu setzen und sich in  der 8. Statue der Königsgalerie von links portraitieren zu lassen. Sein bekannterer und bedeutenderer Partner, Viollet-le-Duc, ließ sich jedenfalls in der Figurengruppe um den von ihm konzipierten neuen spitzen Dachreiter als Heiliger Thomas, den Patron der Architekten, portraitieren. Diese Figur hat übrigens den Brand überstanden, weil sie kurz davor im Zuge der Renovierungsarbeiten schon demontiert worden war.

Ich  weiß nicht,  wie Victor Hugo die Restaurierungen Viollet-le-Ducs beurteilte. Ich vermute aber, dass er sie begrüßte, weil sie eine teilweise Wiedergutmachung dessen waren, was der Kathedrale im Lauf ihrer Geschichte zugefügt worden war. Ob er allerdings mit der Malraux’schen Fassadensäuberung einverstanden gewesen wäre, bezweifle ich eher, denn für Victor Hugo hatte die Patina, die sich in Jahrhunderten über die Fassade gelegt hatte, durchaus ihren Reiz. Sie entschädigte ihn sogar für den Verlust der 11 Stufen, die die Kathedrale „einst über den Erdboden erhoben…. Die elf Stufen hat die Zeit getilgt, die das Niveau der Stadt allmählich, aber unaufhaltsam erhöht. Aber wenn sie auch der steigenden Flut des Pariser Pflasters erlaubte, diese Stufen zu verschlingen, so hat sie doch der Kirche vielleicht mehr gegeben als genommen; denn die Zeit hat die Fassade mit der dunklen Färbung der Jahrhunderte überzogen, die den Bauwerken im Alter die höchste Schönheit verleiht.“ (Der Glöckner, S. 150/151)

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Karikatur von Henri Meyer: Le Géant. 1868

Victor Hugo hat der Kathedrale Notre- Dame ihre Würde zurückgegeben. Vor allem aber hat er durch die Handlung und die Figuren seines Romans dem Bau aus Stein Leben verliehen:  Durch den bösartigen, lüsternen Kleriker Frollo, die schöne Esmeralda, den unglücklichen Liebhaber und Dichter Gringoire, den verwachsenen Glöckner von Notre-Dame, der der deutschen Übersetzung des Buches den Namen gegeben hat, und durch das bunte Pariser Volk des 15. Jahrhunderts. Dadurch erst wurde Notre-Dame zu dem nationalen Symbol, als das es anlässlich des Brandes wieder gefeiert wurde. Victor Hugo hat Notre-Dame erhöht und Notre-Dame  hat auch seinen Poeten erhöht.  In vielen Karikaturen des 19. Jahrhunderts wurde diese Verbindung herausgestellt, die umso näher lag, als die Fassade auch –wie auf der Karikatur Henri Meyers zu sehen, als ein großes H lesbar ist.

Glücklicherweise wurden die Fassade und die beiden Glockentürme nicht durch den Brand beschädigt. Und hoffentlich werden sie auch während und trotz der Renovierungsarbeiten wieder beleuchtet. Die nachts angestrahlten Türme der „alten Dame“ gehörten zu unserem Pariser Leben. Wenn  nach Mitternacht die Lichter ausgingen, sagten wir: Jetzt ist Notre-Dame schlafen gegangen,  und wir wussten, dass es allmählich auch für uns Zeit wird….

 

Anmerkungen:

[1] Notre-Dame, une émotion patrimoniale. Gespräch mit Nathalie Heinrich, In: La vie des idées vom 19. April 2019   https://laviedesidees.fr/spip.php?page=article&id_article=4394ion

[2] https://www.lemonde.fr/societe/video/2019/04/16/incendie-de-notre-dame-de-paris-les-reactions-des-personnalites-politiques_5450991_3224.html

[3]  SUD-OUEST Mardi 16 avril 2019 Editorial de Yves Harté

[4] https://www.lemonde.fr/societe/video/2019/04/16/incendie-de-notre-dame-de-paris-les-reactions-des-personnalites-politiques_5450991_3224.html

[5] Entsprechend auch Bruno Frappat in La Croix vom 18.4.: Notre-Dame de tous

https://www.la-croix.com/Debats/Chroniques/Notre-Dame-tous-2019-04-18-1201016601

und Joseph Haniman in der SZ vom 16.4.2019: ein „Bauwerk des Volks für das Volk

[6]   „une divinité“  https://www.franceculture.fr/emissions/la-nuit-revee-de/lieux-de-memoire-notre-dame-de-paris

[7] Joseph Haniman in der Süddeutschen Zeitung vom 16.4.2019  https://www.sueddeutsche.de/kultur/notre-dame-brandkatastrophe-kulturelle-bedeutung-1.4412258

[8] https://www.lesechos.fr/1996/01/obseques-de-mitterrand-ceremonie-privee-hommage-public-emotion-populaire-827719

[9] https://www.francetvinfo.fr/culture/patrimoine/incendie-de-notre-dame-de-paris/notre-dame-de-paris-onze-grandes-dates-d-une-histoire-de-france_3401071.html

Eine andere –und natürlich ähnliche- Liste bei: https://ca.france.fr/fr/paris/liste/notre-dame-de-paris-en-10-dates-marquantes

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B4tel_de_Sens

[11] Siehe dazu:  Jean Leflon, Notre-Dame de Paris pendant la Révolution. In: Revue d’histoire de l’Église de France, 174/ 1964, S. 109-124   https://www.persee.fr/doc/rhef_0300-9505_1964_num_50_147_1732

[12] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/

[13] http://lhistoireenrafale.lunion.fr/2018/11/15/16-novembre-1918-le-gouvernement-absent-du-te-deum-a-notre-dame/  Foto: Photo parue dans le journal Excelsior pour la célébration du Te Deum, le 17 novembre 1918.  (Photo Roger-Viollet)  Aus Libération vom 15.4.2019

[14] Laurent Joffrin in Libération vom 15.4.2019: https://www.liberation.fr/france/2019/04/15/de-la-reine-margot-a-la-liberation-notre-dame-ou-l-eglise-de-la-nation_1721585 https://www.larep.fr/paris-75000/faits-divers/couronne-d-epines-tunique-de-saint-louis-les-tresors-de-notre-dame-de-paris_13541387/

Bild aus: https://www.la-croix.com/Religion/Actualite/70-ans-apres-Notre-Dame-commemore-la-liberation-de-Paris-2014-08-24-1196122. Siehe auch: https://www.ina.fr/video/AFE86002786

[15] https://jeune-nation.com/culture/emmanuel-suhard-5-avril-1874-30-mai-1949.html Ein zeitgenössischer Wochenschaubericht zu dem Besuch Petains in Paris:  https://www.youtube.com/watch?v=508EWo

In der Erklärung der französischen Bischofskonferenz vom 17. Februar 1944 werden  « les appels à la violence et les actes de terrorisme, qui déchirent aujourd’hui le pays, provoquent l’assassinat des personnes et le pillage des demeures » verurteilt. https://fr.wikipedia.org/wiki/Emmanuel_Suhard

Zu den alliierten Bombenangriffen auf französische Ziele siehe auch den Blog-Artikel: Normandie (2): Schattenseiten der Vergangenheit. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/890

[16]il mena la guerre des ondes et la propagande pétainiste de telle façon qu’on le comparait à Goebbels“. https://www.tombes-sepultures.com/crbst_1897.html s. auch: https://www.ina.fr/video/AFE86002764

[17]  Frédéric Le Moigne, 1944-1951 : Les deux corps de Notre-Dame de Paris. https://www.cairn.info/revue-vingtieme-siecle-revue-d-histoire-2003-2-page-75.htm#

Ich finde es übrigens bemerkenswert, dass in zwei einschlägigen Veröffentlichungen zu Vichy von Suhard nicht die Rede ist: Robert O. Paxton, La France de Vichy 1940-1944. Édition du Seuil 1972 und Henry Rousso Le syndrom de Vichy de 1944 à nos jours. Éditions du Seuil 1990

[18] In: Le Figaro, 10. Mai 1945. Zit. In: http://www.musimem.com/st-martin.htm

[19]  Siehe dazu den Blog-Text über den Faubourg Saint-Antoine: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/32

[20] Aus einer Ausstellung im Pantheon 2013

[21] Zitiert in Le Monde vom 17.4. 2019, S. 12: Une cathédrale dans l’histoire.

[22]  Gustav Seibt in: Süddeutsche Zeitung vom 18./19.4.2019, S. 15

[23] Siehe dazu das Buch von Fernand Schwarz und den Artikel von Helmut Mauró, Himmlische Maßstäbe. Die Proportionen des Gebäudes prägten die Musik einer ganzen Epoche. In: Süddeutsche Zeitung, 18./19. April, S. 14

 

 

Verwendete Literatur:

Mgr Joseph Doré, Mgr André Vingt-Trois et Collectif: Notre-Dame de Paris. Paris 2012

Alain Erlande-Brandenbourg, Notre Dame de Paris. In: Pierre Nora (Hrsg), Lieux de mémoire, Bd. III

Éternelle Notre-Dame. Le Parisien. Hors-Série. April 2019

Le Figaro hors série: 1163-2013. Notre-Dame. Une histoire de France. 2013

Victor Hugo: Notre Dame de Paris 1482. Neuausgabe Paris: Éditions Gallimard 2009  Deutsche Ausgabe: Der Glöckner von Notre-Dame. Insel-Taschenbuch,  Berlin 2010

Notre-Dame, notre histoire. Édition spéciale von Le Monde, 17.4. 2019

Potin, Yann, Comment Notre-Dame est devenue un monument national. Interview mit Julia Bellot und Olivier Thomas. In: L’Histoire vom 19. April 2019  https://www.lhistoire.fr/entretien/comment-notre-dame-est-devenue-un-monument-national

Schwarz, Fernand: Symbolique des Cathedrales. Les Éditions du Palais 2012

Sohn,  Andreas: Von der Residenz zur Hauptstadt. Paris im hohen Mittelalter. Ostfildern 2012

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“
  • Die Schokoladenfabrik Menier in Noisiel an der Marne: repräsentative Fabrikarchitektur und patriarchalischer Kapitalismus im 19. Jahrhundert
  • Die Villen der Meniers in Paris und das Familiengrab auf dem Père Lachaise 
  • „Les enfants de Paris“: Pariser Erinnerungstafeln/plaques commémoratives zur Zeit 1939-1945

Notre – Dame, wie es war und hoffentlich bald wieder sein wird

Die schrecklichen Bilder der brennenden Kathedrale Notre- Dame haben wir nur im Fernsehen gesehen, aber sie gehen uns sehr nahe – so wie 9/11 die Bilder der brennenden Türme in New York.  Von unserer kleinen Terrasse im 11. Arrondissement aus kann man die Glockentürme der Kirche und  konnten wir auch den spitzen Dachreiter sehen, der jetzt eingestürzt ist.  Seit ich  als Schüler (per Anhalter) zum ersten Mal in Paris war und bis heute ist Notre Dame für mich immer ein magischer Ort gewesen.

DSC02761 Notre Dame Sonnenuntergang

Ein Blick -wie es war-  von unserer Terrasse: rechts die Türme von Notre -Dame, in der Mitte der jetzt umgestürzte Dachreiter Viollet-le-Ducs aus dem 19. Jahrhundert, dazwischen und dahinter ein Turm von Saint Sulpice. Links die Kuppel von Saint Paul. 

Nachfolgend sind einige Bilder zusammengestellt, in wir in den letzten Jahren aufgenommen haben: Bilder als Ausdruck der Trauer und der Hoffnung, dass Notre Dame -trotz aller unwiederbringlicher Verluste-  sich möglichst bald wieder im alten Glanz zeigen wird.

(Eingestellt in der Nacht vom 15./16. April)
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Die Fassade von Notre- Dame im Glanz der Abendsonne

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Weihnachtsbäume vor Notre- Dame

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Son et Lumière

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Während der Französischen Revolution abgeschlagene Köpfe der Königsgalerie.  Die dortigen Statuen wurden irrtümlich für französische Könige gehalten und deshalb geköpft und als Baumaterial verkauft. 1977 wurden bei Bauarbeiten 21 Königsköpfe entdeckt. Sie sind heute im Musée Cluny ausgestellt.

Die Darstellung des jüngsten Gerichts vom Mittelportal der Kathedrale

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Die apokalyptischen Reiter kündigen sehr drastisch das nahende Weltende an.  Hier der Krieg mit Schwert und verbundenen Augen, der einen Toten mit heraushängenden Därmen mit sich schleppt.

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Die Seelen werden gewogen

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Das Jüngste Gericht verschont weder Adel noch das geldgierige Bürgertum. Und auch nicht die sündigen Kleriker.

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Eva (vom linken Hauptportal)  bemerkt nicht die Kralle und den Schlangen-Unterleib der Verführerin

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Dieses Teufelchen lieben wir besonders. Wenn wir im Abendlicht mit den Fahrrädern an Notre Dame vorbei fahren, betrachten wir es immer mit großer Freude.

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Prozession der peruanischen Gemeinde am Hauptportal

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Fensterrose des südlichen Querschiffs

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Haben die hier weitgehend noch original erhaltenen wunderbaren Glasfenster den Brand überlebt?

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Reliefs vom Nordportal

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2013 wurde das 850-jährige Jubiläum der Kirche gefeiert. Das Motto war ein Satz des Augustinus: Via viatores quaerit.  Ich bin der Weg, der Menschen sucht, die ihn beschreiten.

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Blick ins Mittelschiff und den Chor. Wenn man genau hinsieht, kann man erkennen, dass der Chor leicht nach links abknickt. Von dem rechten oberen Chorfenster ist deshalb, steht man genau in der Mitte der Kirche, mehr zu sehen als vom linken Chorfenster.  Notre- Dame ist also gewissermaßen eine „cathédrale tordue“.  Vielleicht sollte  damit der geneigte Kopf des sterbenden Christus am Kreuz symbolisiert werden. Aus der Luft gegriffen ist diese Erklärung jedenfalls  nicht. Immerhin gibt es ein  Traktat von Pierre de Roissy aus dem Jahr 1200 über die Form von Kirchen, in dem betont wird, Christus habe „seine Seele ausgehaucht, indem er seinen Kopf geneigt habe“.

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Das Blau ist die Farbe Marias, der die Kirche geweiht ist.

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Marienfigur in der Vierung, in der Querhaus und Mittelschiff sich kreuzen. Sie gab den Anstoß für die Hinwendung Paul Claudels zum Katholizismus.

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Konzert der Maîtrise Notre- Dame de Paris mit gregorianischer Musik

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Ausstellung der neuen Glocken im Mittelschiff von Notre -Dame  (2013)

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Und jetzt wieder am angestammten Platz im Nordturm

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Szenen der biblischen Geschichte im Chorumgang

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Alle diese wilden Kerle, „die katholischen Samurai“ (Peter Handtke),   die dem Bösen wehren sollen, konnten den Brand nicht verhindern.

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Blick vom Pont de Sully bei Sonnenuntergang

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                            Samstags gab es immer kostenlose Orgelkonzerte in Notre -Dame.                            Wann wird es sie wieder geben?

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Die 2012/2014 restaurierte Cavaillé-Coll- Hauptorgel auf der Westempore. Ob sie beschädigt wurde, ist noch unklar.

 

Nachfolgender Beitrag:

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre- Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs    https://wordpress.com/post/paris-blog.org/12149

 

 

La Maison de la Mutualité à Paris / Das Haus der Mutualité in Paris (2): Der Erste Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur von 1935

Im September 2018 erschien auf diesem Blog ein Beitrag über das Haus der Mutualité in Paris mit dem Untertitel „das Ende eines Mythos“  (https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10658 ). Einige Aspekte des mythischen Charakters der Mutualité wurden dort angesprochen, noch nicht allerdings der  Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur von 1935, der ebenfalls zu den großen Stunden der Mutualité gehört. Auf ihn soll im Folgenden etwas näher eingegangen  werden.

Vom 21. bis zum 25. Juni 1935 versammelten  sich im Haus der Mutualité mehr als 230 Schriftsteller aus 38 Ländern, die dem Aufruf zu dem Treffen gefolgt waren:

„Angesichts der Gefahren, die in einer Anzahl von Ländern die Kultur bedrohen, haben einige Schriftsteller die Initiative zur Einberufung eines Kongresses ergriffen, um die Mittel zu ihrer Verteidigung zu prüfen und zu diskutieren.“[1]

Heinrich Mann, der damals als politischer Flüchtling in Nizza wohnte, erhielt den Aufruf von dem Schriftsteller Johannes R. Becher, einem der Organisatoren des  Kongresses, und leitete ihn an seinen Neffen Klaus Mann weiter mit den Worten:

„Unterschrieben haben z.B. (…)  Aragon, Barbusse, Bloch. ´(…) Gide, Giono, Guéhenno, Malraux, Margueritte, Rolland (…) eigentlich alle“. (Brief vom 13. April 1935)

 Unter den ausländischen Teilnehmern des Kongresses  (u.a. Aldous Huxley,  Boris Pasternak, , Waldo Frank,  E.M. Forster) waren  russische Autoren besonders zahlreich  vertreten. An  der Spitze der  vom Zentralkomitee der KPdSU handverlesenen russischen Delegation stand Ilja Ehrenburg.  Der Delegation gehörten allerdings auf Initiative der Organisatoren des Kongresses auch Boris  Pasternak und Isaac Babel an, deren Beiträge besonders gefeiert wurden.

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Henri Barbusse, Alexej Tolstoi und Boris Pasternak

Zu den Ländern, in denen damals die Kultur bedroht war, gehörte natürlich vor allem das nationalsozialistische Deutschland, dessen literarische Elite zum größten Teil nach der „Machtergreifung“ Hitlers das Land verlassen und im Ausland Zuflucht gesucht hatte.[2]  Mit den Bücherverbrennungen hatten die Nazis ja ihren Kampf gegen die Kultur spektakulär in Szene gesetzt. Insofern ist es nur allzu verständlich, dass unter den teilnehmenden Schriftstellern auch zahlreiche prominente deutsche/deutschsprachige  Exilanten waren wie Anna Seghers, Heinrich und Klaus Mann, Robert Musil, Bertolt Brecht, Ernst Bloch, Max Brod,  Ernst Toller, Alfred Kerr und Lion Feuchtwanger, die mit ihren Beiträgen die Konferenz wesentlich mitprägten. Mit ihrer Teilnahme demonstrierten diese Schriftsteller, dass das humanistische Erbe Deutschland mit dem Nationalsozialismus nicht gänzlich untergegangen war.  Und die Berufung auf dieses Erbe diente auch der Legitimation des Widerstands in einer Zeit, in der die Hoffnungen auf einen schnellen Zusammenbruch des „Dritten Reichs“ verflogen waren und in der es im gleichgeschalteten Gestapo-Deutschland keine antinazistische Volksbewegung gab (und geben konnte), auf die man sich hätte beziehen können.[3] Ein besonderes Anliegen der deutschsprachigen Autoren war es selbstverständlich, das Forum des Kongresses zu nutzen, um die europäische Öffentlichkeit auf den Charakter und die Gefahren des Faschismus aufmerksam zu machen. Das Bedürfnis, gegen das Dritte Reich Stellung zu beziehen, bewog auch Robert Musil zur Teilnahme, auch wenn er sich selbst –und seine Rede auf dem Kongress- als unpolitisch bezeichnete.

Getagt wurde zweimal täglich, jeweils nachmittags und abends. Bei der Eröffnungsveranstaltung war der große Saal der Maison de la Mutualité trotz hoher Eintrittspreise voll besetzt. 3000 Zuschauer hatten im Saal und auf den Tribünen Platz gefunden. Für diejenigen, die keine Karten erhalten hatten, wurden vor dem Gebäude Lautsprecher aufgestellt, die die Reden nach draußen übertrugen.

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Die Fotografie vom Eröffnungsabend stammt von der Berliner Fotografin Gisèle Freund, die 1933 nach Frankreich emigriert war. Auf Einladung des Schriftstellers und Mitveranstalters André Malraux  dokumentierte sie den fünftägigen Kongress und fertigte dabei auch zahlreiche Porträts  prominenter Teilnehmer an.[4]

Das politische Umfeld, in dem der Kongress stattfand und möglich wurde, war die in den  1930-er Jahren  vollzogene Veränderung der politischen Linie der Komintern (Kommunistische Internationale). Hatte die bisher in den Sozialisten (und nicht in den Nazis) den Hauptfeind gesehen (Sozialfaschismus-Theorie), so ging es nun angesichts des immer bedrohlicheren Faschismus darum, eine antifaschistische Einheitsfront gegen den potentiellen Hauptfeind Nazideutschland herzustellen. Frankreich kam in diesem Zusammenhang eine Schlüsselfunktion zu, denn die blutigen Unruhen in Paris vom 9. Februar 1934 wurden von vielen Seiten als faschistischer Umsturzversuch wahrgenommen.  So kam es zu einer allmählichen Veränderung des Verhältnisses von Sozialisten und Kommunisten, die dann 1936 zur Regierung des front populaire unter Léon Blum führte.  Auch außenpolitisch vollzog sich ein Wandel: Am 2. Mai 1935 schlossen die UdSSR und Frankreich einen „Vertrag über den gegenseitigen Beistand“. Beide vertragsschießenden Seiten gingen davon aus, dass ihr politisches Bündnis ein Gegengewicht zum nationalsozialistischen Deutschland und seinen Expansionsplänen in Europa schaffen würde. Der Vertrag sah gegenseitigen Beistand für den Fall vor, dass eine von ihnen zum Objekt der Aggression seitens eines dritten Staates werden würde.[5]

Die Tagesordnung des Kongresses ist Ausdruck der Bemühung, ein breites Bündnis gegen die Gefahren des Faschismus zu formen. Sieben Themenkreise waren von den Veranstaltern vorgesehen: das kulturelle Erbe, die Rolle des Schriftstellers in der Gesellschaft, das Individuum, der Humanismus, Nation und Kultur, die Würde des Denkens und natürlich das umfassende Thema der Verteidigung der Kultur.[6]

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Demonstration am Rand des Kongresses zum „Kulturerbe“

Golo Mann, der damals als Lektor an der École normale supérieure in Saint-Cloud bei Paris arbeitete und den Kongress beobachtete, stellte bissig fest,  während des Kongresses sei nicht  mehr von Klassenkampf die Rede gewesen, sondern „nur noch vom Kampf aller frei, fortschrittlich und humanistisch Gesinnten  gegen die Barbarei des Faschismus“.[7]

Die kommunistisch orientierten Autoren waren vor allem bestrebt,  die Sowjetunion als Sachwalterin der Kultur und  Bollwerk gegen den Faschismus herauszustellen. Dabei wurden  sie unterstützt von bürgerlichen Autoren, die im Rahmen der Volksfront-Politik das Bündnis mit der Sowjetunion als unverzichtbaren Bestandteil des Kampfs gegen den Faschismus betrachteten. So Romain Rolland, der sich damals gerade auf dem Weg in die Sowjetunion, „das Land, in dem die neue Welt geschaffen  wird“,  befand und von dort aus brüderliche Grüße an den Kongress richtete.[8]

Besonders gefeiert wurde auf dem  Kongress Heinrich Mann, der seit seinem Roman „Der Untertan“ als Repräsentant des „anderen Deutschland“ galt. In den letzten Jahren der Weimarer Republik war er  Präsident der Abteilung Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste, ein Amt, aus das ihn die Nazis nach der „Machtübernahme“ umgehend entfernten.  Und natürlich gehörte er auch zu den Autoren, deren Bücher am 10. Mai 1933  verbrannt wurden und denen die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt wurde. Ein Bündnis der Arbeiterparteien gegen den  Faschismus hatte Heinrich Mann schon früh gefordert, als dies noch im völligen Widerspruch zur Linie von KPD und KPdSU stand. Und Heinrich Mann, der die Welt mit den  Augen eines Literaten und Idealisten sah, war auch durchaus geneigt, die Oktoberrevolution als konsequente Fortsetzung der Französischen Revolution zu sehen und die Entwicklung der Sowjetunion entsprechend wahrzunehmen und zu beurteilen.

Insofern war es nur konsequent, dass ihm auf dem Kongress eine besondere  Rolle zukam: Er hatte die Ehre, eine der Sitzungen zu leiten, und als er für seinen  Redebeitrag das Podium betrat, erhoben sich die Anwesenden von ihren Plätzen und applaudierten. In einem „Geist gegen Macht“ überschriebenen Artikel über den Kongress schrieben E.E. Kisch und Bodo Uhse 1936:

„Mit einer deutschen Verbeugung nimmt Heinrich Mann eine Demonstration der Solidarität entgegen, die nicht nur ihm, nicht nur den in der Emigration kämpfenden deutschen Schriftstellern gilt, sondern dem wahren Deutschland.“ [9]

In seiner Rede stellte Heinrich Mann den aktuellen Kampf um die „Verteidigung der Kultur“ in die Tradition der abendländischen Geistesgeschichte von Humanismus und Aufklärung. Er forderte –typisch für sein Denken- das politische Engagement von Intellektuellen, die Dummköpfen nicht die Macht über die Völker überlassen dürften. Und er machte den Versammelten Mut: „Unbesiegbar war noch keine Barbarei“:  Eine Rede also, die den an den Kongress gestellten Ansprüchen in vollem Maße entsprach – auch wenn die drei genannten Vorbilder –Clemenceau, Lenin (und nicht Stalin! W.J.) und Masaryk wohl nicht ganz nach dem Geschmack stalinistischer Hardliner waren.[10]

Einige Auszüge aus dieser Rede:

Es ist recht merkwürdig, dass im Jahre 1935 eine Schriftsteller-Versammlung nach der Freiheit des Denkens verlangt: denn schließlich, das geht hier vor. Im Jahre 1535 wäre es neu gewesen. Die Eroberung des individuellen Denkens, damit fängt die moderne Welt an, – die jetzt der Auflösung nahe scheint. Dadurch wird alles wieder in Frage gestellt, sogar was ganze Jahrhunderte lang erledigt gewesen war. Die Gewissensfreiheit, so viele Geschlechter haben um sie gekämpft, und jetzt ist sie nicht mehr sicher. Das Denken selbst ist gefährdet, und doch ist der Gedanke der Schöpfer der Welt, in der wir noch leben. (…)

Wir dürfen nicht warten, bis dies Unglück vollständig wird und sich ausdehnt über noch mehr Länder der westlichen Gesittung. Zu verteidigen haben wir eine ruhmreiche Vergangenheit und was sie uns vererbt hat, die Freiheit zu denken und nach Erkenntnissen zu handeln. Wir haben strahlenden Beispielen zu folgen. Wir sind die Fortsetzer und Verteidiger einer großen Überlieferung. (…)

Die Pflicht aber verlangt von den Intellektuellen, dass sie sich widersetzen mit allen Kräften, wenn Dummköpfe sich aufwerfen zu Weltbeherrschern und zu Zensoren. Dumme geht das Denken nichts an, das Handeln übrigens ebenso wenig. Gehandelt soll werden, nicht von Kommissbrüdern, denen Fabrikanten die Macht verleihen, sondern von Männern der allerhöchsten Erkenntnis und einer unvergleichlichen Geistesmacht. Nur der Geist sichert die nötige Autorität, um Menschen zu führen: gemeint ist ein Geist der Erkenntnis und Festigkeit. Unter anderen Umständen als den heutigen müsste das nicht erst gesagt werden: Intellektuelle haben oft genug öffentlich gehandelt. Intellektuelle haben die Geschicke eines Landes gelenkt, und die Geschicke aller Länder mit beeinflusst. Es genügt, Namen zu denken wie Georges Clemenceau, Lenin, Thomas Masaryk.(…)

Man lasse sich nicht beirren: unbesiegbar war noch keine Barbarei. Die Dummheit erhebt den Anspruch, die Welt zu beherrschen? Darauf gibt es die Antwort, die Flaubert erteilt hat: das Beste wäre, eine Akademie von Wissenden regierte den ganzen Planeten. Mit Höchstforderungen muss die Intelligenz auftreten gegen Feinde, die von ihr, nur von ihr das Schlimmste zu fürchten haben.[11]

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Heinrich Mann und André Gide, deren  Verhältnis allerdings von deutlicher Distanz geprägt war 

Eine bemerkenswerte Rede hielt auf dem Kongress auch Anna Seghers. Sie hatte wie Heinrich Mann schon 1933 Deutschland verlassen und gehörte zu den von den Nazis verfemten Schriftstellern, deren Bücher verbrannt und „ausgemerzt“ wurden. Anna Seghers versuchte, in ihrem französischen Exil mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern ein einigermaßen „normales“ Familienleben zu führen. Aber als engagierter Kommunistin war es für sie selbstverständlich, nicht „in ein nur privates Dasein“ zu fliehen und damit „dem Gegner das Feld“ zu räumen.[12] Die Zeit des französischen Exils war denn auch nicht nur ihre künstlerisch produktivste Zeit, vor allem mit den bedeutenden Romanen „Das siebte Kreuz“ und „Transit“, sondern auch eine Zeit intensiver politischer Aktivität: Wie sie selbst einmal schrieb, gab es keine antifaschistische Aktion, an der sie nicht teilgenommen hätte.[13]

Anna_Seghers_and_Gustav_Regler_Paris_1935

Anna Seghers und Gustav Regler 1935

Thema ihrer Rede auf dem Schriftstellerkongress war die „Vaterlandsliebe“ – für im Exil lebende Menschen immer ein zentrales Thema, wie das ja schon bei Heinrich Heine zu beobachten ist. Für deutsche Antifaschisten, die vor den Nazis geflohen war, hatte das Thema eine besondere Bedeutung. Sie lebten gezwungenermaßen fern ihrer Heimat und wurden sich deshalb umso mehr bewusst, was diese für sie bedeutete und was sie mit ihr verloren hatten.  Und der Begriff des „Vaterlands“ wurde im Dritten Reich ja in chauvinistischer Weise missbraucht und propagiert wurde, was nicht unwidersprochen bleiben sollte.  Für Kommunisten hatte das Thema eine ganz spezifische Brisanz, weil für sie erst mit dem Schwenk zur Volksfront-Politik eine Rehabilitierung von Begriffen wie Heimat und Vaterland möglich wurde. Klaus Mann veranlasste das damals zu der bissigen Bemerkung, auf Treffen der französischen Kommunisten würde  nicht mehr nur voller Inbrunst die Internationale gesungen, sondern jetzt auch die Marseillaise. Insofern entsprach Anna Seghers‘ Redethema der neuen Parteilinie, wobei  man ihr allerdings zu Gute halten muss, dass sie sich schon seit 1933 für eine Einigung aller antifaschistischen Kräfte engagierte und dass es nicht des Segens der Komintern bedurfte, damit sie die Liebe zu ihrer Heimat entdeckte.

Seghers betont am Beginn ihrer Rede, dass im Namen des „Vaterlandes“ viel Blut vergossen und Leid verursacht worden sei. Einige Schriftsteller bezeichneten den Begriff als „den gültigsten aller immanenten Werte, den gültigsten aller Stoffe.“ Andere, und damit sind doch wohl ihre Parteifreunde aus der Zeit vor der Volksfront-Wende gemeint,  entlarvten ihn „als Betrug oder als eine Fiktion.“ Aber „auf jeden Irrtum in der Einschätzung der nationalen Frage reagieren die Massen unerbittlich“  Denn auch wenn der Vaterlandsbegriff „im Bewusstsein der heutigen Menschen“ längst entlarvt schien: Er regenerierte sich trotzdem täglich und minütlich aus dem Sein heraus. Jeder Zuruf in der Muttersprache, jeder Erdkrümel zwischen den Fingern, jeder Handgriff an der Maschine, jeder Waldgeruch bestätigte ihnen von neuem die Realität ihrer Gemeinschaft.“ Und da denkt man unwillkürlich daran,  wie Anna Seghers in einer Tagebucheintragung vom Juni 1933 beschreibt, wie sie ihre Kinder an der Grenze abholt: „Das mehrfarbige, karierte Kleid der Kleinen, der Geruch ihrer Haare machen mich verrückt vor Heimweh“ Und als sie die Taschen des kleinen Pierre leeren entdecken sie: „ein paar trockene Grashalme, ein Pfennig, eine Fahrkarte, ein Tannenzapfen: ein  halbes Deutschland.“[14]

Anna Seghers setzt dem dumpfen nationalsozialistischen Begriff des Vaterlands ein emanzipatorisches Verständnis von Vaterland entgegen. Sie erläutert anhand des Blicks eines durch Deutschland reisenden Schriftstellers  auf  „die grandiose, höllische, schwefelgelbe Leuna-Fabriklandschaft, die Herzpumpe seines Vaterlandes.“  Da könne man stolz sein auf das, was die Arbeiter dort aufgebaut hätten,  auf ihre sozialen Kämpfe und Errungenschaften, „auf die Zukunft von Leuna“  (Wie tragisch diese Zukunft dann sein würde, konnte Seghers ja nicht ahnen).  „Wer in unseren Fabriken gearbeitet, auf unseren Straßen demonstriert, in unserer Sprache gekämpft hat, der wäre kein Mensch, wenn er sein Land nicht liebte.“

Es passt zu einem Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur, dass Anna Seghers sich bei ihrer Suche nach einem emanzipatorischen Vaterlandsbegriff auch auf das deutsche kulturelle Erbe  bezieht und auf Schriftsteller wie Hölderlin, Büchner, Günderrode, Kleist, Lenz und Bürger verweist: „Diese deutschen Dichter schrieben Hymnen auf ihr Land, an dessen gesellschaftlicher Mauer sie ihre Stirnen wund rieben. Sie liebten gleichwohl ihr Land.“  Und so leiden, kann man ergänzen, auch die aus dem Dritten Reich geflohenen Schriftsteller an den  Zuständen in ihrer Heimat, so sind auch sie, wie 100 Jahre zuvor Heinrich Heine, aus dem Schlaf gebracht, wenn sie an Deutschland denken. Aber wie er lieben auch sie ihre Heimat, ihr verlorenes Vaterland,  und es ist Anna Seghers, die „Das siebte Kreuz“ mit einem wunderbaren Hymnus auf ihre Heimat beginnt. (15) Die Heimat, das Vaterland,  soll nicht den Nazis überlassen werden. So lautet denn auch der Schlussappell Anna Seghers: „Entziehen wir die wirklichen nationalen Kulturgüter  ihren vorgeblichen Sachwaltern. Helfen wir Schriftsteller am Aufbau  neuer Vaterländer!“  Und für die exilierten deutschen Schriftsteller bedeutete das, dem „anderen Deutschland“ Konturen zu verleihen, das zu repräsentieren sie mit Recht beanspruchten.

Für uns heute, das soll doch noch angefügt werden, haben Anna Seghers Überlegungen  zu Vaterland und Heimat angesichts von Globalisierung und weltweiten Migrationsbewegungen wieder besondere Aktualität gewonnen. Die Fragen, ob es (noch) eine spezifische deutsche Kultur gibt, was „Heimat“ für die Menschen heute bedeutet und welche Konsequenzen das für die Politik hat bzw. (nicht) haben sollte,   ob es  einen Patriotismus geben kann/darf,  der über einen ( m.E. eher kopflastigen und kaum Identität- stiftenden) „Verfassungspatriotismus“ hinausgeht, ob man nicht nur Scham empfinden muss über die unermesslichen Verbrechen, die im deutschen Namen begangen wurden, sondern auch stolz sein darf auf das große kulturelle Erbe unseres Landes: alle diese  Fragen sind mehr  denn ja aktuell- und dies gilt  damit auch für Anna Seghers Rede zur „Vaterlandsliebe“. Und aktuell ist ja sicherlich auch Anna Seghers Einsicht, dass man Begriffe wie „Vaterland“ und „Heimat“ nicht den Rechtsradikalen überlassen  darf.

Während die beiden Reden Heinrich Manns und Anna Seghers sich in das von den Veranstaltern des Schriftstellerkongresses vertretene Konzept einer übergreifenden antifaschistischen Einheitsfront einordneten, gab es auf dem Kongress aber durchaus auch kritische Töne, und zwar von rechts wie von links. So verteidigte Julien Benda im Blick auf die Sowjetunion die Unabhängigkeit des Schriftstellers, der italienische Historiker Gaetano Salvemini kritisierte die Angriffe auf die Freiheitsrechte im stalinistischen Russland und Madeleine Paz brachte den Fall des Schriftstellers Victor Serge zur Sprache, der wegen seiner trotzkistischen Ideen nach Sibirien verbannt wurde.[16] Auf der anderen Seite kritisierte Andé Breton den russisch-französischen Beistandspakt als eine Konzession an die bürgerliche Ordnung und Bertolt Brecht stellte der humanistischen Konzeption des Kongresses die marxistische Klassenfrage entgegen:

„Viele von uns Schriftstellern haben die Wurzel der Rohheit, die sie entsetzt, noch nicht entdeckt. Es besteht immerfort bei ihnen die Gefahr, dass sie die Grausamkeiten des Faschismus als unnötige Grausamkeiten betrachten. Sie halten an den Eigentumsverhältnissen fest, weil sie glauben, dass zu ihrer Verteidigung die Grausamkeiten des Faschismus nicht nötig sind. Aber zur Aufrechterhaltung der herrschenden Eigentumsverhältnisse sind diese Grausamkeiten nötig.“[17]

Bei allen politischen und literarischen Unterschieden, bei allen Diskrepanzen zwischen so vielen eigenwilligen Individuen wurde der Kongress aber doch „von einer großen Gemeinsamkeit“ getragen, wie Fritz J. Raddatz in der ZEIT schrieb.  „Es war ein Aufgebot des Protestes, aber auch der Hoffnung – heute schon Legende, damals geisteshistorisches Ereignis.“[18]

Congrès de 1935 Andre Gide

Auf der Rednertribüne André Malraux, rechts von Ihm André Gide. An der Wand das Portrait von Maxim Gorki

Herrmann Kesten, ein in den 1920-er Jahren und im französischen Exil der 1930-er Jahren äußerst einflussreicher Literat und Lektor, schrieb im Rückblick, er habe nicht an dem Kongress teilgenommen, der von Kommunisten „inszeniert, finanziert, dirigiert“ worden sei. Er sei nicht blind genug gewesen, „um gegen die Diktatur von Hitler, Mussolini, Salazar aufzutreten, die Greuel im Dritten Reich anzuklagen, und gleichzeitig die Augen vor den Greueln der Diktatur in Sowjetrussland zu schließen.“ Aber er sei doch zu den öffentlichen Sitzungen des Kongresses gegangen und habe nicht mit seinen vielen Freunden gerechtet, weder öffentlich noch privat, die sich dort engagiert hätten, „nicht einmal in meinem Herzen“.[19]

Aldous Huxley, einer der Kongressteilnehmer,  beklagte sich, zurück in England,  über fünf Tage „endloser kommunistischer Demagogie“: the thing simply turned out to be a series of public meetings organised by the French communist writers for their own glorification and the Russians as a piece of Soviet propaganda. Amusing to observe, as a rather discreditable episode in the Comedie Humaine‘.[20]

Hier wird deutlich, woran der Versuch, eine gemeinsame antifaschistische Bewegung herzustellen, schließlich scheiterte und warum der Kongress, wie Karola Bloch, die Ehefrau von Ernst Bloch,  bedauerte, „so wenige politische Auswirkungen“ hatte.  Es war die Haltung zur Sowjetunion angesichts der stalinistischen Schauprozesse. Der Bruch, der dadurch zwischen den antifaschistischen Intellektuellen entstand,[21]  wurde bald nach dem Kongress besonders deutlich an den Büchern von André Gide und Lion Feuchtwanger über ihre Reisen in die Sowjetunion: André Gide, Retour de l’URSS (1936) und Lion Feuchtwanger, Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde (1937).

André Gide hatte als Hauptredner und Ehrenvorsitzender des Kongresses zur Verteidigung der Kultur festgestellt, nichts sei „unwahrer als die Behauptung, dass die Sowjetunion uniformiere“ und ein Jahr später erklärte er bei der Totenfeier für Maxim Gorkij an der Seite Stalins auf dem Roten Platz in Moskau:  „Das Schicksal der Kultur ist in unseren Sinnen geknüpft an das Schicksal der UdSSR selbst. Wir werden sie verteidigen“. Gide kam nach seinen eigenen Worten „als überzeugter und begeisterter Anhänger nach Russland, willens und bereit, eine neue Weltordnung zu bewundern.“[22] Gerade deshalb erregte seine Kritik an den Zuständen im stalinistischen Russland großes Aufsehen und kostete nach der Schätzung Lion Feuchtwangers die Sowjetunion zwei Drittel ihrer Anhänger im Westen.[33] Feuchtwanger sah aber in Stalin einen unverzichtbaren Verbündeten im Kampf gegen Hitler. So ging es ihm in seinem Bericht über die Reise in die Sowjetunion auch darum, „das von Desillusionierung gezeichnete Bild, mit dem André Gide aus der Sowjetunion zurückgekehrt war, zu widerlegen.“ So wurde Feuchtwanger zum Propagandisten Stalins und -wie auch Heinrich Mann- zum Verteidiger der Moskauer Prozesse.[24]

Der Pariser Kongress zur Verteidigung der Kultur von 1935 ist eine wichtige Etappe auf dem Weg zur französischen Volksfront, der Frankreich  grundlegende Reformen zu verdanken hat. Auch der Versuch des Zusammenschlusses der deutschen Opposition gegen Hitler in einer deutschen Volksfront (der Lutetia-Kreis) baut auf den Erfahrungen des Kongresses von 1935 auf. Allerdings markieren der Kongress zur Verteidigung der Kultur und die Volksfront-Bündnisse  auch den kurzfristigen Höhepunkt einer großen Illusion, die schon bald danach zerbrach: Der Illusion einer möglichen dauerhaften Allianz zwischen den der Freiheit verpflichteten  linken Intellektuellen der westlichen Demokratien und der stalinistischen Sowjetunion und ihren Gefolgsleuten. Aus historischer Perspektive  bleibt dennoch auch  festzuhalten, dass der Schriftstellerkongress von 1935  „ein historischer Vorläufer des großen militärischen Bündnisses gegen den Krieg der Nazis“ war- auch wenn Stalin 1939 erst einmal gemeinsame Sache mit Hitler machte und das  Bündnis mit den westlichen Demokratien erst von dem Eroberungs- und Vernichtungskrieg Hitlers gegen die Sowjetunion erzwungen wurde. Und anders als 1935 und 1936 konnte es, als dieses Bündnis eingegangen wurde, nicht mehr den geringsten Zweifel an dem verbrecherischen und imperialistischen Charakter der stalinistischen Sowjetunion geben….  [25]

 

 

Anmerkungen

[1] https://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Themen/schriftstellerkongress.html

[2] Siehe dazu den Blog-Beitrag über das Exil deutscher Schriftsteller in Frankreich: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/592

[3] Siehe: Paris 1935. Erster Internationaler Schriftstellerkongreß zur Verteidigung der Kultur. Reden und Dokumente. Mit Materialien der Londoner Schriftstellerkonferenz 1936. Einleitung und Anhang von Wolfgang Klein, Berlin (Ost): Akademie-Verlag 1982

und –mit informativen Einführungen: Sandra Teroni, Wolfgang Klein (Hrsg): Pour la défense de la culture: Les textes du Congrès international des écrivains Paris juin 1935. Dijon 2005

Wie bedeutsam die Beziehung auf das kulturelle Erbe für den deutschen Widerstand war, zeigen besonders anschaulich die Flugblätter der Weißen Rose.  (Berufung auf Goethe und Schiller, auf Lao-tse, Cicero, Aristoteles, Novalis und das Alte Testament).

[4] http://www.gisele-freund.com/international-congress-for-the-defense-of-culture-hall-of-the-mutualite-paris-21th-of-june-1935/  Neben Gisèle Freund war es nur noch David Seymour, genannt Chim, der Aufnahmen von dem Kongress und seinen Teilnehmer/innen machte.

[5] https://www.1000dokumente.de/pdf/dok_0020_fra_de.pdf

[6] © David Seymour/Magnum Photos. Siehe  auch: https://www.icp.org/browse/archive/objects/demonstration-at-the-international-congress-for-the-defense-of-culture-paris

[7] Golo Mann, Erinnerungen und Gedanken. Lehrjahre in Frankreich. FFM 1999, S. 93

[8] http://www.albin-michel.fr/ouvrages/voyage-a-moscou-juin-juillet-1935-cahier-ndeg-29-9782226058607

[9] Zitiert in  Paris 1935, S. 462

[10] Golo Mann, Erinnerungen und Gedanken. Lehrjahre in Frankreich. FFM 1999, S. 91/92

[11] Abdruck der Rede bei Klein, Paris 1935 und in: https://das-blaettchen.de/2015/07/reden-auf-dem-schriftstellerkongress-zur-verteidigung-der-kultur-in-paris-1935-33406.html

[12] Zum französischen Exil von Anna Seghers siehe den Blog-Beitrag „Dadurch,  dass ich zum Glück die Kinder habe, ist alles doppelt schwer“   https://wordpress.com/post/paris-blog.org/11274 

Abdruck der Rede bei Klein, Paris 1935

Die Zitate stammen aus dem Vorwort zum ersten Heft der 1933  unter Mitwirkung von Anna Seghers in Prag erschienenen Exilzeitschrift „Neue Deutsche Blätter“.

[13] Siehe Christiane Zehl Romero, Anna Seghers, Eine Biographie 1900-1947.. Berlin 2000, S. 271

Bildquelle: http://www.gisele-freund.com/international-congress-for-the-defense-of-culture-hall-of-the-mutualite-paris-21th-of-june-1935/

[14] Anna Seghers, sechs Tage, sechs Jahre. Tagebuchseiten. In ndl vom 9. September 1984

(15) Siehe dazu. Birgit ohsen, „Heimat“ im Exilwerk von Anna Seghers. Berlin 2017

[16] Siehe: https://journals.openedition.org/monderusse/6620

[17] http://www.deutschlandfunk.de/fuer-die-freiheit.871.de.html?dram:article_id=127007

[18] Fritz J. Raddatz,  Fast vergessene Dokumente: Der Schriftstellerkongreß zur Verteidigung der Kultur in Paris 1935. In: DIE ZEIT 17/1985 vom 19. April 1985

Das nachfolgende Bild aus: http://e-gide.blogspot.com/2008/10/au-congrs-de-1935.html

©David Seymour/Magnum Photos

[19] Herrmann Kesten, Dichter im Café. Ullstein Taschenbuch 1983, S. 72

[20] https://www.theguardian.com/observer/comment/story/0,6903,1361235,00.html

[21] Michel Aucouturier in seiner Rezension von Teroni/Klein, Pour la défense  de la culture. https://journals.openedition.org/monderusse/6620

[22] Hans Christoph Buch, Wer betrügt, betrügt sich selbst. Die Zeit, 3.4.1992.

https://www.zeit.de/1992/15/wer-betruegt-betruegt-sich-selbst/seite-2

[23]https://www.tagesspiegel.de/kultur/lion-feuchtwanger-in-moskau-stalin-mon-amour/21014434.html

[24] Siehe dazu: Anne Hartmann, Ich kam, ich sah, ich werde schreiben. Lion Feuchtwanger in Moskau 1937. Eine Dokumentation. Göttingen 2017,  Rezension: https://www.deutschlandfunk.de/buch-ueber-feuchtwangers-russland-reise-ueberfordert-in.700.de.html?dram:article_id=417615

[25] Eberhard Spreng im Deutschlandradio Kultur vom 21.6.2010 https://www.deutschlandfunkkultur.de/fuer-die-freiheit.932.de.html?dram:article_id=130845

 

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu deutschsprachigen Schriftstellern in Paris/im französischen Exil:

  • „Dadurch,  dass ich zum Glück die Kinder habe, ist alles doppelt schwer.“ Anna Seghers im Pariser Exil 1933-1940

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/11274

  • Das Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise in Paris: Eine Hommage an den Vorkämpfer der deutsch- französischen Verständigung

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10585

  • Mit Heinrich Heine in Paris

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8231

  • Exil in Frankreich: Sanary, Les Milles und Marseille

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/592

  • Der Cimetière de Picpus: Ein deutsch-französischer und amerikanischer Erinnerungsort  (Stefan Zweig, Rainer Maria Rilke)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/1828

  • Das Hotel Lutetia (2): Geschichten und Geschichte

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/11540

 

 

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“
  • Die Schokoladenfabrik Menier in Noisiel an der Marne: repräsentative Fabrikarchitektur und patriarchalischer Kapitalismus im 19. Jahrhundert
  • Die Villen der Meniers in Paris und das Familiengrab auf dem Père Lachaise 
  • „Les enfants de Paris“: Pariser Erinnerungstafeln/plaques commémoratives zur Zeit 1939-1945

 

 

Die Fontänen von Versailles (2): Ausdruck absolutistischen Größenwahns

Im ersten Teil des Beitrags über die Fontänen  und Brunnen des Parks von Versailles (https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8068 ) wurde ihre Funktion als Machtdemonstration und Instrument der Einschüchterung erläutert: Sie sollten durch ihre Menge und Größe und durch ihr bildhauerisches Programm die Macht des Sonnenkönigs veranschaulichen.

Die Schwierigkeiten bei der Umsetzung dieses Vorhabens waren allerdings ganz erheblich, denn die Lage des Schlosses und des Parks hätten kaum ungünstiger sein können. Das Gelände war sumpfig und  es gab (und gibt) in der Region keine natürlichen Wasserläufe, die man für die Versorgung mit Wasser hätte nutzen können[1] . Die Seine lag mehrere Kilometer entfernt und dazu auch noch 142 tiefer als das Schloss.[2]  Es gab in der Nähe lediglich den kleinen étang de Clagny, der von einigen Bächlein gespeist wurde. Mit Wasser versorgt werden mussten aber  nicht nur die am Ende der Herrschaft Ludwigs XIV.  1400 Fontänen im Park, sondern auch das riesige Schloss mit seinem Hofstaat,  die weitläufigen Parkanlagen, die Stadt,  die Kasernen mit Soldaten und etwa 2000 Pferden und nicht zuletzt der  Obst- und Gemüsegarten Ludwigs XIV.[3] Allein bei dieser groben Übersicht kann man ahnen, wie  immens der  Bedarf an Wasser für Versailles war, spätestens  1682,  als der Hof offiziell dorthin verlegt wurde. Und es ging dabei ja nicht nur um die  Menge, sondern auch um die Qualität, die für den menschlichen und tierischen Gebrauch gesichert  sein musste, um Seuchen zu verhindern.

Warum also unter diesen völlig ungeeigneten Voraussetzungen gerade Versailles?  Eine Antwort darauf kann wohl die Entwicklung des Ortes geben: Das erste Schloss von Versailles wurde  vom Vater des Sonnenkönigs 1623 gebaut und 1631 erweitert. Der Sohn fand dann auch Gefallen daran, denn dort war er abseits von Paris, aber doch auch wieder nahe an der Hauptstadt, es gab in Versailles  ein ausgiebiges Jagdrevier und das Schloss bot eine Rückzugsmöglichkeit – zum Beispiel für seine Beziehung mit Mlle de Valière, für die er die Thetis-Grotte  bauen ließ. 1660 nahm dann der junge König selbst das Heft in die Hand und das hufeisenförmige Zentrum des neuen  Schlosses entstand, das bis heute den cour d’honneur umschließt.

Einen neuen, entscheidenden Impuls erhielt der Schlossbau von Versailles am 17. August 1661.  An diesem Tag war Ludwig XIV. in Vaux-le-Vicomte,  im Schloss seines Finanzministers Fouquet, zu Gast. Die Beziehung des jungen Königs zu Fouquet war damals angespannt, und da sollten der König und sein Hofstaat  ehrenvoll empfangen und ein barockes Fest mit allen Schikanen präsentiert werden. [4] Verantwortlich dafür waren der Haushofmeister François Vatel[5]  und der Maler Charles Le Brun.[6] Molière schrieb extra für dieses Fest ein Stück, das er mit seiner Truppe aufführte, es gab ein musikalisch umrahmtes Bankett,  ein grandioses Feuerwerk und natürlich auch eine Gartenbesichtigung für den als Gartenfreund bekannten König. Und immerhin hatte Le Nôtre hier seine erste im französischen Stil gehaltene Gartenanlage geplant, zu der auch grandiose Fontänen gehörten.

Der weitere Verlauf der Geschichte ist bekannt: Ludwig XIV. erblasste  gewissermaßen vor Neid. Dass sein Minister es wagte, ihn und sein Versailles in den Schatten zu stellen, konnte er nicht dulden. Fouquet wurde entmachtet und verbrachte die letzten Jahre seines Lebens als Gefangener, aber Ludwig übernahm dessen hochkarätiges Personal. Also auch Le Nôtre, der ihm jetzt einen Park mit Wasserspielen bauen sollte, wie es sie noch nie und nirgends gegeben hatte. Der 17. August ist damit nicht, wie man manchmal lesen kann, „der Beginn von Versailles“[7], aber eine entscheidende Wende.

Hätte es damals einen Rechnungshof, also eine strenge  Kontrolle der königlichen Finanzen gegeben, wäre vielleicht ein geeigneterer Ort für das königliche „Versailles“ gesucht und  gefunden worden.  Denn –und das war absehbar:  die Kosten für die hydraulischen Arbeiten waren astronomisch. Von den Gesamtkosten für den Schlossbau entfielen schätzungsweise 57%  allein auf die Wasserversorgung und –nicht zu vergessen: die Wasserentsorgung- die Kosten für die wunderbaren Brunnenanlagen sind darin gar nicht einbezogen. [8] Aber Ludwig XIV. wäre nicht der Sonnenkönig gewesen, wenn ihn das beeindruckt hätte- ganz im Gegenteil.  Denn sein größtes Vergnügen war es, wie Saint-Simon kritisch bemerkte, die Natur zu beherrschen. („de forcer la nature“). Und die Souveränität des Herrschers war nach damaliger Auffassung ebenso wenig teilbar „wie der Punkt in der Geometrie“ („La souveraineté n’est non plus divisible que le point en géométrie“, wie es Cardin Le Bret formulierte)- eine Auffassung, die ja auch heute noch – in Zeiten der Globalisierung und des Vereinten Europas-  in Frankreich (und anderswo) sehr verbreitet ist.

Dass die Versailler Wasserproblematik nicht nur viel Geld, sondern auch Menschenleben kostete, kümmerte Ludwig XIV. wenig, auch wenn ihm das nicht entgehen konnte.  Man erzählte, dass eines Tages eine Frau zu ihm gekommen sei, außer sich,  weil ihr Sohn tags zuvor beim Bau des Großen Kanals,  „ce canal putassier“,  ums Leben gekommen sei. Die Antwort des Sonnenkönigs: Er ließ die Frau mit Stockschlägen traktieren.  Und Opfer gab es viele.   Madame de Sévigné schrieb 1678 in einem Brief, die Sterblichkeit der Arbeiter beim Bau des Großen Kanals sei außerordentlich hoch. Jede Nacht würden Wagen voller Leichen beladen und weggefahren.  Geschätzt wird, dass etwa 10 000 Menschen allein bei den Bauten für die Alimentierung der Fontänen ums Leben gekommen sind.[9]

Aller finanziellen  und menschlichen  Opfer zum Trotz war und blieb die Wasserversorgung von  Versailles eine Herkules-Aufgabe und ein Dauerproblem, an dem der Herrschaftswille des absoluten Königs scheiterte.  Die Natur zeigte ihm hier seine Grenzen auf. Wenn der König  durch den Park spazierte und sich an den sprudelnden Brunnen und emporsteigenden Fontänen erfreuen wollte, wurde er von Brunnenmeistern begleitet, die die Anlagen vor ihm an- und hinter ihm wieder ausstellten. Zu mehr reichte das Wasser nicht.  Und dabei war doch der Anspruch gewesen, dass die Fontänen „ni jour ni nuit“ (weder Tag noch Nacht) schweigen  sollten.[10]  Wenn wir heute dank eines elektrisch betriebenen Pumpsystems  die Grands Eaux in Versailles bewundern:  Ludwig XIV. jedenfalls hat sie so nie erleben können….   Und die  Neptun-Fontaine, die größte im Schlosspark von Versailles, die zum krönenden Abschluss der Grands Eaux  in den Himmel steigt,  kann bei weitem nicht mithalten mit der in  Kassel, dem nordhessischen Versailles. Die war nämlich aufgrund der günstigen natürlichen Voraussetzungen fast doppelt so hoch, nämlich 52 Meter – während die höchste Fontäne im Reich des Sonnenkönigs  gar nicht in Versailles war, sondern in seinem Schloss in Marly, die aber auch „nur“ 40 Meter erreichte.  Eine Demütigung, die mitzuerleben Ludwig XIV. allerdings erspart blieb…

Trotz alledem:  Es ist faszinierend zu erfahren, welcher Erfindungsgeist, welche   Handwerkskunst und welche gewaltigen Anstrengungen damals am Werke waren, um Versailles und die Fontänen des Parks  mit Wasser zu versorgen.  Bezüge zu Herkules und den Pharaonen findet man in entsprechenden Publikationen immer wieder, und sie  sind  wohl auch kaum übertrieben.  Die Wasserversorgung von Versailles ist das größte Projekt, das im Frankreich des ancien régime je unternommen wurde. Insgesamt wurde ein etwa 200 Kilometer langes System von Gräben, unter- und oberirdischen Aquädukten, Dükern (Siphonen) und  Rohrleitungen aus Eisen und Blei  errichtet.

Wenn man heute die Grandes Eaux bewundert, sieht man davon nichts.- so wie man auch zu Zeiten Ludwigs XIV. nichts davon gesehen hat und auch nicht sehen sollte.  Aber natürlich gibt es genaue, beeindruckende  Pläne des Leitungssystems aus Eisen und Blei wie die von 1718, die 2017 auf einer Garten-Ausstellung im Grand Palais ausgestellt wurden.

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Hier das Leitungssystem unter dem Latone-Brunnen und dem entsprechenden Parterre. Es vermittelt den Eindruck eines höchst komplizierten, ausgeklügelten Systems – ganz im Gegensatz zu der spielerischen Leichtigkeit der Fontänen, die damit alimentiert werden.

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Der nachfolgende  Ausschnitt zeigt das  Leitungssystem, das das Parterre du Nord mit der Allée d’eau und den daneben gelegenen bosquets, das Bassin de Dragon  und den Neptun-Brunnen auf der Nordseite des Schlosses mit Wasser versorgte.

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Dieses Leitungssystem ist heute immer noch in Betrieb,  und die Brunnen werden wie zu Zeiten Ludwigs XIV. per Hand in Gang gesetzt.[11]

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Gespeist wurde es  aus den am unteren Bildrand  teilweise zu erkennenden und noch existierenden Reservoirs in der heutigen – und danach benannten- rue des reservoirs.

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Sie hatten ein Fassungsvermögen von 5000 m³. Um wenigstens einigermaßen den großen Wasserbedarf für die unter Ludwig XIV. immer aufwändigeren Grandes Eaux sicherzustellen, benötigte man zahlreiche weitere Reservoirs. So wurden zum Beispiel 1671 unter dem heutigen Parterre d’eau, also der obersten Gartenterrasse (oberhalb des Latone-Brunnens) große Zisternen mit einem Fassungsvermögen von 3400m³ angelegt, von denen zwei noch heute in Betrieb sind, die aber leider nicht besichtigt werden können.[12]

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Wenn man aber bedenkt, dass allein für einen weniger als dreistündigen  Betrieb der Fontänen  9500 m³ Wasser benötigt wurden, kann man erahnen, wie  groß die hydraulischen Herausforderungen waren.  Und mit der Bereitstellung von genügend großen Reservoiren war es  nicht getan. Sie mussten ja auch gefüllt werden. Das unterhalb des Schlosses vorhandene Wasser, zum Beispiel aus dem nahe gelegenen étang de Clagny, musste also hochgepumpt werden- und das in einer Zeit, in der es noch keine Dampfmaschinen gab. Also bedurfte es eines Systems von Windmühlen und mit Pferdekraft angetriebenen Pumpen, die für die Nachfüllung der Reservoirs sorgten. Das benötigte natürlich viel Zeit und konterkarierte den Traum Ludwigs XIV., die Fontänen seines Parks dauerhaft ohne jede Unterbrechung betreiben zu können.

Die größte Herausforderung bestand allerdings darin, überhaupt genügend Wasser zur Verfügung zu haben. Der Teich von Clagny, das einzige natürliche Reservoir, war zu klein und hatte zu geringen natürlichen Zulauf, so dass er den an ihn gestellten Anforderungen bei weitem nicht gewachsen. Es musste also aus der Ferne Wasser herangeschafft werden- eine dauernde und im Verweis auf Herkules treffend bezeichnete Aufgabe. Eine der ersten Maßnahmen war die Umleitung des Wassers der Bièvre, eines kleinen Nebenflüsschens der Seine. Aber auch das reichte nicht, den Wasserbedarf der vom Sonnenkönig  gewünschten immer zahlreicheren Fontänen zu befriedigen. Warum also nicht gleich das Wasser der Loire nutzen?  Es war kein Geringerer als Pierre-Paul Riquet, der Schöpfer des Canal de Midi  (damals canal royal de Languedoc), der diesen Vorschlag Ludwig XIV. unterbreitete. Und der war davon sehr angetan und auch gleich bereit, die dafür erforderliche immense Geldsumme zur Verfügung zu stellen. Ludwigs Finanzminister Colbert hatte allerdings Zweifel an der Machbarkeit und beauftragte  den Abbé Picard, Mitglied der Akademie des Science, mit einem Gutachten. Die Überprüfung ergab, dass die Loire an der geplanten Wasserentnahmestelle tiefer lag als das Schloss von Versailles…. Das Projekt wurde also aufgegeben und andere traten an seine Stelle.

Drei  davon sollen auf diesem Blog  vorgestellt werden. Sie wurden nicht nur wegen ihrer Bedeutung ausgewählt, sondern auch, weil sie noch heute sichtbare Spuren hinterlassen haben: Die Drainagen und das Teichsystem  auf der Hochebene von Saclay/Palaiseau,  die Maschine von Marly und das Projekt der Umleitung des Flusses Eure.   Dem ersten Projekt verdankt man heute ein wertvolles Biotop, das zweite ist eine technische Meisterleistung, aber auch –wie vor allem die aufgegebene Umleitung der Eure,  Zeuge absolutistischen Größenwahns.  Die drei Projekte können/sollen zu Ausflügen in die Umgebung von Paris/Versailles anregen. Und sie können den bewundernden Blick auf die Fontänen im Schlosspark von Versailles sicherlich erweitern. In diesem Beitrag werden die Rigoles de Saclay und das Aquädukt von Buc vorgestellt, die beiden anderen Projekten werden in späteren Beiträgen folgen. 

 

  1. Die Rigoles von Saclay und das Aquädukt von Buc (1680-1686)

Die Hochebene von Saclay liegt im Süden von Versailles/im Südwesten von Paris  zwischen den Flüsschen Bièvre und Yvette. Heute ist sie vor allem bekannt durch die dort schon angesiedelten und noch geplanten  Lehr- und Forschungseinrichtungen,  das „Silicon Valley à la française“.[13]  Zu Zeiten Ludwigs XIV. war die Hochebene von Saclay Ort eines kaum weniger anspruchsvollen Projekts:  Sie sollte nämlich dazu beitragen, den immer größer werdenden Wasserbedarf der Fontänen von Versailles zu decken.  Die Probleme, die sich dabei stellten, waren allerdings erheblich. Es gab auf dem Plateau zwar einen größeren Teich, den Étang Vieux de Saclay, der aber nur von Regenwasser gespeist wurde, also keine natürlichen Zuflüsse hatte. Außerdem lag, wie der wieder herangezogene Abbé Picard feststellte, sein Grund  nur 10 Fuß (3,25 Meter)  über dem unteren Teil des Schlossparks. Die Herausforderung bestand nun darin,  das nutzbare Wasseraufkommen auf dem Plateau zu steigern und es dann allein über das (geringe) natürliche Gefälle für die Alimentierung  wenigstens der – allerdings immer zahlreicheren- Brunnen und Fontänen in den unteren Partien des Schlossparks zu nutzen. (Deshalb auch die Bezeichnung lacs inférieures für die schon bestehenden und neu geschaffenen Teiche auf der Hochebene von Saclay).   Mit der Ausführung dieses Projekts wurde der Ingenieur Thomas Gobert beauftragt, der sich schon bei der Versorgung von Versailles mit Trinkwasser verdient gemacht hatte.  Er forderte 3000 Mann und 2000 Schubkarren an, die 6 Jahre lang damit beschäftigt waren, neue Teiche anzulegen und ein System von Drainagen (rigoles), d.h. kleinen Gräben, die alles anfallende Regenwasser in den Étang  Vieux de Saclay und den neu geschaffenen Étang Neuf de Saclay als zentraler Sammelstelle leiten sollten.

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Rigoles auf dem Plateau de Saclay

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Der alte Damm zwischen dem Étang Vieux  (heute ein Vogelschutzgebiet[14]) und dem Étang Neuf de Saclay (heute Wasserreservoir für eine Forschungseinrichtung für Antriebe)

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Ausschnitt aus einer Informationstafel am Pavillion du Roi auf dem Damm zwischen den beiden Teichen von Saclay

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Die alte Treppe des  „Pavillon du Roi“  auf dem Damm. In seinem Keller befand sich der Schieber zur Regulierung der  Wasserhöhe in beiden Teichen.

 

 

 

 

 

 

 

Die schwierigste und wichtigste Aufgabe stand allerdings noch bevor: Jetzt musste das in den Teichen von Saclay angesammelte Wasser ja noch in den Schlosspark von Versailles überführt werden. Dazu bedurfte es einer Leitung von 20 Kilometern mit gleichmäßiger sanfter Neigung, die wegen mehrerer dazwischen liegender Hügel zum Teil unterirdisch – bis zu 32 Meter unter dem Erdboden- verlaufen musste.  Und vor allem: Das breite Tal der Bièvre musste überwunden werden. Hier sah Gobert zunächst einen Düker vor, also eine unter dem Flüsschen verlaufende Druckleitung.  Allerdings war die ersten Versuche damit nicht ermutigend: Das Rohrsystem war dem erheblichen Wasserdruck nicht gewachsen, so dass man den Plan aufgeben musste: Die Alternative war ein Aquädukt, dass er in einem Memorandum vom 2. November 1682 dem Sonnenkönig schmackhaft machte:

On pourrait faire un acqueduc de massonnerie, que de seroit sujet à aucun entretien, sans besoin de fer, cuivre ny plomb, plus solide et à durer autant que le monde, dont la magnificence marqueroit à la postérité, autant qu’aucun autre esdifice la grandeur du Règne du Roi.“[15]

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Man könne, so schlug also Gobert vor, ein Aquädukt aus Stein bauen, wofür man kein Metall benötige. Dazu werde es bis ans Ende der Welt bestehen und wie kein anderes Bauwerk der Nachwelt die Größe des Königs vor Augen führen. Kein Wunder also, dass der König dem Plan zustimmte.  Sicherlich hat Gobert den Mund etwas zu voll genommen, aber eindrucksvoll ist das Bauwerk auf jeden Fall, und zwar von unten gesehen, wenn man auf einem Spaziergang entlang der Bièvre dort vorbeikommt, oder aus der Vogelperspektive.

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Hier ein Blick auf eine der 19 Arkaden. Sie bestehen vor allem aus Bruchsteinen (pierres meulières), die Kanten aus behauenen Kalksteinen[16]

Und jetzt aus der Vogelperspektive:

(Bild aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Aqu%C3%A4dukt_von_Buc)

 

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Die Bauarbeiter dieses Aquädukts waren übrigens Soldaten aus der Normandie, die dafür abgestellt wurden. Solche gigantischen Baumaßnehmen waren ja generell nur möglich, wenn Ludwig XIV- einmal nicht Krieg führte, wenn Soldaten (und Geld)  also nicht zum Erobern und Töten eingesetzt  wurden.

1686 wurde das gesamte Leitungssystem eingeweiht – „zur Zufriedenheit der Fontänen“, wie Ludwig XIV. huldvoll  festzustellen geruhte.  Und offenbar auch zur Zufriedenheit von Wanderern, die sich an diesem für die Ewigkeit geplanten Bauwerk aufwändig „verewigten“.

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Und immerhin:  Bis 1950 tat dieses Aquädukt seinen Dienst und danach wurde es unter Denkmalschutz gestellt- Es wird uns also wohl noch etwas erhalten bleiben.

Der Wasserbedarf der Fontänen im Park von Versailles war aber – und das war von vornherein absehbar- mit der Inbetriebnahme des Systems von Teichen und Rigoles auf dem Plateau de Saclay – und eines weiteren bis nach Rambouillet reichenden Wassergewinnungssystems (den lacs supérieurs) immer noch nicht gestillt. Die gesamte  maximale/optimale tägliche Kapazität  dieser Systeme waren12 000 m³. Das reichte aber bei weitem immer noch nicht aus, um die Wasserspiele des Sonnenkönigs wenigstens mehr als stundenweise zu betreiben.

Es mussten also weitere Wasserquellen erschlossen werden, was natürlich immer schwieriger wurde. Entweder es mussten technische Lösungen gefunden werden, die bisher nicht machbar erschienen, oder es  musste das Wasser aus  immer größeren Entfernungen herangeführt werden,  beziehungsweise – es geht ja um die Fontänen des Sonnenkönigs- beides:  Das eine ist das Heraufpumpen von Wasser aus der Seine durch die Maschine von Marly, ein parallel mit „Saclay“ betriebenes Projekt, das andere  die Umleitung des Flusses Eure über 80 Kilometer, die allerdings nie verwirklicht werden konnte. Darüber mehr in einem weiteren dritten Blog-Beitrag über die Fontänen von Versailles. (17)

 

Literatur/Benutzte Materialien

Association ADPP, À la Découverte du Plateau de Palaiseau. 2015

Alain Baraton, Le jardinier de Versailles. Paris: Grasset 2006

Eric Soullard, Les eaux de Versailles sous Louis XIV. In: Hypothèses 1998,1, S. 105-112 https://www.cairn.info/revue-hypotheses-1998-1-page-105.htm?contenu=resume

Serge Fiorese, Le système hydraulique du plateau de Saclay : un patrimoine unique à découvrir et mettre en valeurhttp://www.s-y-b.fr/index.php?option=com_content&view=article&id=29:le-systeme-hydraulique-du-plateau-de-saclay&catid=16

Léo Pajon, L’aménagement de l’eau à tout prix.  In: Versailles. Les grandes heures d’un château au cœur de l’histoire de France. GEOHISTOIRE 29, Oct/Nov 2016, S. 44f

Jean Siaud, Ils ont donné l’eau à Versailles.  Edition de l’onde 2012

Jean Siaud, Trois siècles dèau à Versailles pour le château et pour la ville. 1663-1964. Hrsg von der Société des amis de Versailles.

https://www.youtube.com/watch?v=u0VYY2iK3Lo (Video der Verwaltung der Schlösser von Versailles über die einzelnen Etappen der Konstruktionen zur –Wasserversorgung von Versailles. Anschaulich, aber ohne Ton.

https://de.wikipedia.org/wiki/Wasserversorgung_des_Schlossparks_von_Versailles

Chronologie der hydraulischen Arbeiten: http://ressources.chateauversailles.fr/IMG/pdf/le_systeme_hydraulique_chronologie_des_travaux_d_adduction.pdf  (Aus der Website des Château de Versailles)

 

Anmerkungen:

[1] A la  découverte du Plateau de Palaiseau, S. 20

[2] Nach Soullard sind es sogar 160 Meter. Siehe: http://www.theses.fr/2011GRENH032

[3] Siehe den Blog-Beitrag: Der potager du roi, der Obst- und Gemüsegarten Ludwigs XIV. in Versailles. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/413

[4] Dazu im Einzelnen: Die letzte Chance.  Das Fest vom 17. August 1661 https://www.degruyter.com/downloadpdf/books/9783486719390/9783486719390.173/9783486719390.173.pdf

[5] Vatel stand danach in Diensten des „Großen Condé“ im Schloss Chantilly und gilt als Erfinder der crème Chantilly. Siehe dazu den Blog-Beitrag über Chantilly: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/181

[6] Zu Charles Le Brun siehe den Blog-Beitrag über die Manufacture des Gobelins, deren Chef er war: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10655

[7] http://kunstundkosmos.de/Regionen-Staedte-Architektur/Versailles-Garten.html

[8] siehe : A la découverte du Plateau de Palaiseau, S. 24

[9] Baraton, S. 89 und 92; die Zahl von 10 000 wird von Pajon, S. 44 genannt.

[10] S. M. de duc de Noailles, Histoire de Madame de Maintenan et des principaux événements  du règne de Louis XIV tome deuxième, Paris 1848, S. 58 https://books.google.de/books?id=sK1P5hdagUsC&printsec&pg=PA58#v=onepage&q&f=false

[11] Bild aus: http://www.versaillespourtous.fr/fr/popup_clelyre.html

[12] Bild aus: http://ressources.chateauversailles.fr/documents/2/animation_jardin/eau/reservoirst.html

[13] https://www.capital.fr/votre-carriere/paris-saclay-la-silicon-valley-a-la-francaise-1315895

[14] Über die étangs und rigoles heute und ihren ökologischen Wert: https://www.youtube.com/watch?v=OHzjiUfK1BM

[15] Zit. À la découverte du Plateau de Palaiseau, S. 23

[16] Zu Gewinnung der Steine in und um Paris im Allgemeinen und dabei auch zu den meulière-Steinen im Besonderen siehe den Blog-Beitrag über die Bergwerke und Steinbrüche von Paris: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/5497

(17) Allerdings wird der wohl noch etwas auf sich warten lassen: Die zunächst für 2018 geplante, dann auf Frühjahr 2019 verschobene Wiedereröffnung des Museums von Marly, das ich in den 3. Beitrag einbeziehen möchte,  ist inzwischen für den Herbst 2019 avisiert….

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Das Haus der Mutualité in Paris (2): Der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen
  • Die Fontänen im Park von Versailles (3): Die Umleitung der Eure und die Maschine von Marly
  • „Les enfants de Paris“: Pariser Erinnerungstafeln/plaques commémoratives zur Zeit 1939-1945

Das Hotel Lutetia (2): Geschichten und Geschichte

 

Im Januar 2019 wurde auf diesen Blog ein Text über das  nun gut 100 Jahre alte 2018 neu eröffnete Pariser Hotel  Lutetia eingestellt:  Ein Bauwerk zwischen Art Nouveau und Art Déco in neuem Glanz.[1]  Am Anfang wird dort aus einem  anlässlich der Neueröffnung erschienenen Artikel der „Süddeutschen Zeitung“ zitiert:

Könnte man alle Gäste des vergangenen Jahrhunderts hier versammeln, dann stünden nicht nur Charles de Gaulle, Pablo Picasso und Heinrich Mann gemeinsam an der Bar, dann träfen die Überlebenden deutscher Vernichtungslager in der Lobby auf Wehrmachtsoffiziere, die von hier aus Frankreich ausspionierten. Von 1940 bis 1944 besetzte der als Abwehr bezeichnete militärische Geheimdienst der Nazis das Hotel. Zwischen April und August 1945 wurden am selben Ort alle deportieren Juden und Widerstandskämpfer versammelt, die nach Frankreich zurückkehrten. Und als wäre all das nie passiert, sitzen entlang der Fassade damals wie heute kleine, dicke Putten zwischen übervollen Weinreben. Anfang des 20. Jahrhundert in Stein gehauen von Paul Belmondo, dem Vater des Schauspielers Jean-Paul Belmondo.“[2]

Das Hotel Lutetia ist, das wurde ja auch schon im ersten Teil des  Blog-Beitrags  deutlich,  ein ganz außerordentliches Hotel voller Geschichte und Geschichten- jetzt sogar mit literarischem Ruhm gekrönt. Denn es ist gerade dieses Hotel, in dem  sich Édouard Péricaut,  die  zentrale Figur in  dem wunderbaren Roman  „Wir sehen uns da oben“ von Pierre Lemaitre, in den letzten Tagen vor seinem selbstgewählten Tod  einquartiert.  Im Ersten Weltkrieg  wurde sein Gesicht von einer Granate entstellt  und er wurde für tot erklärt. Nach dem Krieg bietet er unter falschem Namen  Kriegerdenkmäler an und  kommt durch die Anzahlungen  rasch zu Geld. So kann er sich, als Monsieur Eugène,  eine noble Suite im Lutetia leisten  und  erregt mit seiner Freigiebigkeit und den phantasievollen  Masken, mit denen er seine „geule cassée“ verdeckt,  Aufsehen.

„Niemand wusste, womit er sich eigentlich beschäftigte, immer trug er übergroße Masken und niemals dieselbe, und er hatte alle möglichen phantastischen Einfälle: ein Kriegstanz auf dem Korridor, sodass die Zimmermädchen losprusteten, oder dekadent großzügige Blumenlieferungen…. Er schickte die Laufburschen in das gegenüberliegende Kaufhaus Bon Marché, damit sie dort die unmöglichsten Sachen für ihn kauften, von Talmi über Federn, Papier mit Goldschnitt, bis hin zu Filz und Farben, und alles fand man dann auf seinen Masken wieder. Und das war längst nicht alles! In der letzten Woche hatte er ein Kammermusikorchester mit acht Musikern ins Hotel bestellt. Kaum hatte man ihn über deren Ankunft informiert, war er die Treppe heruntergekommen und hatte sich auf die erste Stufe gegenüber dem Empfang gestellt, um den Takt anzugeben. Das Orchester führte den ‚Türkischen Marsch‘ von Lully auf, wonach er wieder nach oben verschwand. Monsieur Eugène hatte an das gesamte Personal Fünfzig-Francs-Scheine verteilt, wegen der Umstände.“[3]

Welches andere Pariser Hotel wäre passender gewesen für die letzten Tage des Monsieur Eugène?   Und welches andere Hotel  hätten Georgette und Bernard, ein literarisch und philosophisch hochgebildetes Paar von über 80 Jahren, wählen können, um dort im November 2013 vor ihrem Freitod  gemeinsam eine letzte Nacht zu verbringen?  Die Wahl der „Liebenden des Lutetia“,  fiel auch –aber wohl kaum alleine deshalb-  auf  dieses Hotel, weil Georgette 1945  dort ihren Vater nach 5-jähriger Deportation wiedergefunden hatte…   [4]

 

Midnight in the Lutetia

Aber natürlich ist das Lutetia vor allem ein Ort prallen Lebens, besonders in den zwanziger Jahren, die auch für das Lutetia die „goldenen“ waren. Aufgrund seiner Lage und Architektur war das Hotel  Anziehungs- und Treffpunkt  einer anspruchsvollen  und i.A. auch wohlhabenden  Kundschaft. Würde man, wie die Süddeutsche Zeitung ansatzweise in ihrem anfangs zitierten Artikel die ganze Prominenz vereinen, die zu den Kunden des Lutetia gehörte, dann käme ein höchst eindrucksvolles Panorama  zusammen. Hier nur eine kleine Auswahl:

Da ist beispielsweise André Malraux,  der 1921 der Bitte der Übersetzerin   Clara Goldschmidt (seiner späteren Frau)  nachkam, sie endlich von ihrer Jungfernschaft zu befreien. [4a] Und das geschah genau am 14. Juli, dem Nationalfeiertag, und eben im Hotel Lutetia, wo der junge Schriftsteller André Malraux  (und spätere Kulturminister de Gaulles) damals – wenn auch nur in einem  kleinen Zimmer (chambre de bonne)- wohnte.  Im gleichen Jahr machte  der junge Offizier Charles de Gaulle  während seiner Hochzeitsreise  im Lutetia Station  und hatte offenbar  so gute Erinnerungen daran, dass er das Hotel auch danach noch mehrfach frequentierte –ebenso wie seine Frau, die eine treue Kundin des Bon Marché war. Als im Juni 1940 der gerade zum General avancierte de Gaulle als  Unterstaatssekretär ins Kriegsministerium nach Paris versetzt wurde, logierte er wieder im Lutetia,  bevor er es –vor der anrückenden Wehrmacht- wieder verlassen musste, um der schon in den Süden ausgewichenen Regierung zu folgen. Und dieser Aufbruch war offenbar so überstürzt, dass er einen Teil seiner Ausrüstung dort zurückließ, u.a. sogar seinen Offizierssäbel von der Militärschule St. Cyr. Alles wurde im Keller wohlverwahrt bis zur Libération, und  sicherlich  –zumindest zum Schluss-  im Rang einer Reliquie.

Und dann findet sich im Lutetia der Zwischenkriegszeit fast alles ein, was im literarischen und intellektuellen Leben Frankreichs Rang und Namen hat. So André Gide, der öfters für einige Tage im Lutetia wohnt, um dort in Ruhe zu schreiben, sich mit befreundeten Schriftstellern zum Tee zu treffen und mit manchen Freunden auch noch danach. So auch Roger Martin du Gard, der französische Literatur-Nobelpreisträger von 1937, der sich im Lutetia einquartiert, um seinen zahlreichen gesellschaftlichen und literarischen Verpflichtungen nachkommen zu können, die diese Auszeichnung mit sich brachte. Das Lutetia betrachtete ihn gewissermaßen als seinen Nobelpreisträger. Auch Antoine de Saint-Exupéry war  öfters mit seiner Frau Gast  im Lutetia, wenn er mal wieder –über beide Ohren verschuldet-  finanzielle Auseinandersetzungen mit seinen Vermietern hatte. Das hinderte das Paar allerdings nicht,  jeder ein extra  Zimmer und sogar auf verschiedenen Stockwerken zu beziehen. Saint-Exupéry wird sich beim Auszug sicherlich nicht, wie de Gaulle 1940, mit der „parole historique: ‚Ma note, je vous prie‘“  verabschiedet haben.[5]  Aber ich nehme  an, dass das Lutetia da großzügig war. Immerhin hatte man einen „VIP“ mehr unter den Kunden, mit denen man den Ruf des Hotels weiter mehren konnte. Und an diesem Ruf arbeitete das Lutetia auch ganz bewusst und raffiniert. Ab und zu wurde etwa ein Hotel-boy durch die Lobby oder die verschiedenen Salons geschickt, um – beispielsweise- Mr. Charlie Chaplin auszurufen, als würde der gerade im Lutetia wohnen und am Telefon verlangt- und das konnten dann ein anderes Mal Jean Gabin,  Picasso oder Matisse sein.  Der Möglichkeiten waren viele und die Anwesenden fühlten sich in jedem Fall sicherlich erhoben und in ihrer Überzeugung gestärkt, mit dem Lutetia eine exzellente Wahl getroffen zu haben.

Denn dann gab es ja auch noch die Ausländer im Lutetia. Russische Emigranten beispielsweise, die Amerikaner, vor allem natürlich  Joséphine Baker,  „qui y séjourna souvent avec sa tribu d’enfants“ (Hoteltext), der Kreis  um Hemingway und –nicht zu vergessen: Samuel Becket und James Joyce, der –wie Assouline berichtet, einem Angestellten des Hauses auf die Frage, was er denn wirklich mache, antwortete: „Moi? Je m’emploie à donner du travail aux universitaires pour les trois siècles à venir, au moins. J’y ai mis tellement de devinettes et d’énigmes que cela va bien les occuper. Il n’y a de meilleur moyen de gagner l’immortalité que de susciter la discussion des érudits sur ce qu’on a voulu dire.“ (S.149). Er sei also dabei, die Professoren der nächsten drei Jahrhunderte –mindestens- zu beschäftigen, so viele Andeutungen und Rätsel habe er in seine Werke eingebaut. Es gäbe kein besseres Mittel zur Unsterblichkeit als eine Diskussion zu provozieren, was man denn habe sagen wollen – ein Rezept, das ja auch von anderen Autoren – auch deutscher Sprache- befolgt wurde.

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Portrait von James Joyce, Paris 1937

aufgenommen von Josef Breitenbach, einem 1933 aus Deutschland  nach Paris emigrierten jüdischen Fotografen. Er portraitierte dort zahlreiche Künstler (Brecht, H. Weigel,  J. Roth, Wassily Kandinsky, Max Ernst…)  und dokumentierte fotografisch das kulturelle Leben des deutschen Exils  in Paris.

 

Auch nach dem zweiten Weltkrieg fehlte es im Lutetia nicht an Prominenz. Sartre wohnte zwar nicht in diesem Hotel, war aber öfters dort zu Gast ebenso wie Michel Foucault und Catherine Deneuve, die dort gewissermaßen eine Dependance hatte.  Ein prominenter Gast  des Hotels  war auch der gockelige Philosoph Bernard-Henri Levy,  der den damaligen französischen Präsidenten  Sarkozy und die französische Öffentlichkeit wortreich von der Notwendigkeit eines militärischen Eingreifens in Libyen überzeugte und der das dort angerichtete Chaos mit dem Verweis auf die Legitimität „progressiver Gewalt“ und die Französische Revolution  verteidigte.  (Die ist ja in Frankreich –wie auch derzeit wieder  im Zusammenhang mit den sogenannten Gelbwesten- gerade für manche linken Intellektuellen dazu gut, der Gewalt und dem Chaos positive Seiten abzugewinnen).  Dann zum Schluss  dieses ersten Blicks auf die Lutetia-Prominenz lieber noch eine nette Anekdote, den Komiker und Gründer der restos du cœur Coluche betreffend. Der quartierte sich in den 1980-er Jahren nach seiner Scheidung mehrere Wochen im Lutetia ein, ärgerte sich dabei aber über die Politessen, die an seinem vor dem Hotel aufgestellten Wagen  Strafzettel befestigten (kennen wir gut), worauf er sie aus seinem Hotelfenster  mit Joghurtbechern bewarf. ( Das erinnert mich an eigene Jugendstreiche, wobei wir in den kargen Nachkriegsjahren die unten vorbeilaufenden Passanten natürlich nicht mit wertvollem Joghurt bewarfen, sondern –im Sommer- lediglich mit etwas Wasser erfrischten). Die empörten Pariser Politessen wollten dann natürlich den Übeltäter ausfindig machen, was aber die Hotelleitung –devoir de réserve oblige- selbstverständlich verhinderte.

 

 

Die deutsche Volksfront, der Lutetia-Kreis und Heinrich Mann

Viel Prominenz also, so dass Woody Allan auch gut sein „Midnight in Paris“  im Lutetia – und allein  im Lutetia- hätte drehen können. Eine wichtige Episode des „Midnight in the Lutetia“  hätte dann  unbedingt  den  deutschen Emigranten im Lutetia der 30-er Jahre gewidmet sein müssen. Immerhin heißt „von 1933 bis zur Okkupation durch die Wehrmacht 1940 … die europäische Hauptstadt der deutschen Kultur Paris“.[6]  Viele Flüchtlinge von 1933 sahen sich in einer Traditionslinie , die von den deutschen Ehrenbürgern der ersten französischen Republik wie Schiller und Klopstock  über Heine und Börne bis zu ihnen reichte. „Insofern ist Paris anfangs nicht nur Flucht-, sondern auch Wunschort des künstlerischen Exils.“[7] Frankreich war denn auch  das Land mit der größten Zahl deutscher Flüchtlinge zwischen 1933 und 1939  – etwa 55.000 waren es ( mit allerdings stark abweichenden  Zahlenangaben in der Literatur),  von denen etwa 8000 in  Paris lebten bzw. zum Teil auch eher hausten. Denn mit Ausnahme der Volksfront-Regierung Léon Blums betrieben die französischen Regierungen eine äußerst restriktive Asylpolitik, eine Arbeitserlaubnis wurde nur in den seltensten Fällen gewährt. Für Intellektuelle und Schriftsteller, die die französische Sprache nicht oder nur unzureichend beherrschten und die von ihrem heimischen Publikum und ihren herkömmlichen finanziellen Ressourcen abgeschnitten waren, war die Situation natürlich besonders kritisch. Ein Mittel zum geistigen und materiellen Überleben war der Versuch, Paris zum intellektuellen und politischen Zentrum des deutschen Exils zu machen- mit deutschen Zeitungen, Exil-Verlagen, Cabarets, Literaten-Cafés, Solidaritäts-Gruppen wie dem SDS (das war damals der Schutzverband deutscher Schriftsteller)  und zum Treffpunkt und Tagungsort der deutschen Emigration.  Das Lutetia war dabei  allerdings eher der Prominenz vorbehalten: Zu ihnen gehörten u.a. auch Max Horkheimer, der Direktor des (Frankfurter) Instituts für Sozialforschung, der 1934 Stammgast im Lutetia war, der kommunistische „Pressezar“ Willi Münzenberg, Klaus Mann, der in der „Bar Lutèce“ mit André Gide über die ernüchternden Moskau-Erfahrungen diskutierte, und –natürlich- Heinrich Mann, der am 20. November 1935 seinen Bruder Thomas informierte: „Du erreichst mich brieflich oder telegraphisch bis 25. in Paris (7.) Hotel Lutetia, Bd. Raspail“. [8]

In Paris und im Lutetia hielt sich Heinrich Mann allerdings zur zeitweise auf. Während der ersten Jahre seines Exils lebte er nämlich an der Côte d’Azur,  so wie zeitweise viele andere deutsche Exilierte: Thomas und Golo Mann, Lion Feuchtwanger, Egon-Erwin Kisch, Joseph Roth, Franz Werfel, Arnold und Stefan Zweig, Franz und Helen Hessel, die Eltern von Stéphane Hessel, Bertolt Brecht und viele andere. [9]  Hier war -damals jedenfalls noch- das Leben wesentlich billiger als in Paris, und zunächst gingen viele davon aus, nach dem erhofften schnellen Zusammenbruch des NS-Regimes bald wieder vom sommerlichen Intermezzo am Meer nach Deutschland zurückkehren zu können. Die terroristische feste Etablierung der Nationalsozialisten bedeutete dann aber für die politisch engagierten Exilierten, sich im Exil als Repräsentanten eines „besseren“, „anderen“ Deutschlands einrichten zu müssen, einen Beitrag zum Kampf gegen den Faschismus zu leisten und gleichzeitig eine Zukunftsperspektive für ein Deutschland nach Hitler zu entwickeln. Und dazu sollte das Projekt einer deutschen Volksfront im Exil dienen. Voraussetzung eines solchen Zusammenschlusses von Kommunisten, Sozialdemokraten, Christen und bürgerlichen Intellektuellen war die Abkehr der Kommunisten von ihrer seit 1928 vertretenen ultralinken „Sozialfaschismus“-Theorie, nach der ihr Hauptfeind nicht der Nationalsozialismus, sondern die Sozialdemokratie sei. Diese Position wurde 1935 auf dem VII. Weltkongress der Komintern in Moskau selbstkritisch als „sektiererisch“ verurteilt, womit –zumindest formal- eine unabdingbare Voraussetzung für ein Volksfront-Bündnis geschaffen war. Und nun waren es gerade die Kommunisten, die hier die Initiative ergriffen:  Willi Münzenberg, der in Paris die kommunistische Öffentlichkeitsarbeit koordinierte, lud für den 26. September 1935 zu einer ersten Tagung ins Hotel Lutetia ein, die der Schaffung einer deutschen Volksfront dienen sollte. Eine weitere Konferenz folgte am 2. Februar 1936 wiederum  im Lutetia.  Das Umfeld dafür war günstig: Im Juni 1935 tagte in Paris im Haus der Mutualité der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur, Ausdruck eines notwendigen gemeinsamen Kampfes gegen den Faschismus.[10]  Am 14. Juli 1935, also dem französischen Nationalfeiertag,  verabschiedeten die französischen Kommunisten, Sozialisten und die –eher bürgerlich-linksliberalen- Radikalsozialisten einen Freundschaftsvertrag und Aktionsplan,  und an der Spitze des traditionellen Demonstrationszuges von der Bastille zur Place de la Nation marschierten die Führer der drei  die französische Volksfront tragenden Parteien. Am 16. Februar 1936 feierte die spanische Volksfront ihren Wahlsieg, am 3. Mai gewann bei den Parlamentswahlen  das französische Volksfrontbündnis unter Léon Blum.  Dazu kam die zunehmend deutlicher werdende Bedrohung durch die deutsche Aufrüstung:  Am 7. März 1936 marschierten deutsche Truppen ins entmilitarisierte Rheinland ein, von der NS-Propaganda als „Sprengung der Ketten von Versailles“ gefeiert.[11] Dass unter diesen Umständen die im Exil lebenden deutschen Antifaschisten sich zusammenschließen müssten, war also ein Gebot der Stunde.  Auf den organisatorischen Rahmen dafür einigte man sich bei dem Treffen im Lutetia vom 2. Februar. Es  wurde ein Leitungsgremium (Lutetia-Comité)  von Kommunisten, Sozialisten, Vertretern der SAP, des „Freiheitlichen Bürgertums“ und von Katholiken gebildet, das weitere Tagungen der Plenarversammlung  (Lutetia-Kreis)  und die Schaffung einer Deutschen Volksfront vorbereiten sollte. Zum  überparteilichen Vorsitzenden des  Lutetia-Comités wurde Heinrich Mann gewählt.[12]

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Heinrich Mann im französischen Exil (Foto Buddenbrook-Haus Lübeck)

Dass die Wahl gerade auf ihn fiel, war kein Zufall. Denn Heinrich Mann war schon in der Weimarer Republik eine repräsentative Gestalt der deutschen Demokratie und Literatur gewesen- 1932 hatte ihn der Kreis um die „Weltbühne“ sogar als  Präsidentschaftskandidaten –gegen Hindenburg, Hitler und Thälmann ins Spiel gebracht-   er war in Frankreich genauso heimisch wie in Deutschland und vor  allem hatte er schon 1932, also vor der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten und  lange vor dem Kurswechsel der Kommunisten, für eine Einheitsfront der Arbeiterparteien geworben und die Kommunisten aufgefordert, ihre rein platonischen Forderungen nach einem Umsturz der Gesellschaft aufzugeben, „wodurch nur ihre alleräußersten Feinde die Macht bekämen, ihnen alles zu nehmen“ [13],  was sich dann ja auch auf tragische Weise bestätigte.

Jetzt war also Heinrich Mann zum „Wortführer der antifaschistischen Bewegung“  (Kantorowicz) geworden, die im Hotel Lutetia versuchte, sich organisatorische Strukturen zu geben und sich auf gemeinsame Grundsätze für ein postfaschistisches Deutschland zu einigen. Heinrich Mann reiste nun also öfters  von Nizza, wo er damals wohnte,  nach Paris und nahm dafür die Strapazen ganztägiger Bahnreisen auf sich: „Ich war eine Woche abwesend und in Paris durch unsere neueren Bemühungen bis zur Erschöpfung beansprucht“, schrieb er am 6. Februar 1936 seinem Bruder. (Briefwechsel, S. 225).  Immerhin wohnte er dann im Lutetia, das er von Besuchen in den 20-er Jahren gut kannte und das ganz sicherlich auch seinem Bedürfnis nach Repräsentation entsprach: Die Treffen des Lutetia-Kreises mit zum Teil über 100 Teilnehmern fanden sogar im nobelsten Salon des Hauses, dem damaligen  „Président“ (heute Salon Cristal) statt.

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(Das Bild wurde 2011 bei einem Kammerkonzert noch vor der Renovierung des Hotels ausgenommen)

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     Details des unter Denkmalschutz stehenden Salon Crystal mit seinen Lalique-Leuchten

 

Zu den Teilnehmern der Treffen im Lutetia  gehörte auch als Vertreter  der SAP, einer linken Abspaltung der SPD, Willy Brandt, der dazu aus seinem norwegischen Exil nach Paris kam. In seinen Erinnerungen schreibt er:

„Ich hatte 1934,1935, auch im Frühjahr 1936 noch meine Erfahrungen gemacht mit den Exiloberen und dem Pariser Emigrantenmilieu, aber auch Hoffnungen gezogen aus der breiten sozialistisch-kommunistischen Einheitswelle, die zuerst und vor allem eine antifaschistische Welle zu sein schien. Sie erfasste Frankreich und rollte durch das Paris der vertriebenen Deutschen. Ich sprach auf großen Versammlungen, Zusammenkünften deutscher Schicksalsgefährten und ließ mich (…) von der neuen Aufbruchstimmung mitreißen…“[14] 

Das Projekt einer Deutschen Volksfront hatte drei Adressaten:  zunächst natürlich die Exilierten selbst, deren Zersplitterung überwunden und deren Status und  materielle Grundlagen verbessert werden sollen. In diesem Bereich kam es im Lauf des Jahres 1936 während der Regierungszeit des Front Populaire in Frankreich auch durchaus zu Fortschritten.[15] Adressaten waren natürlich auch  die Deutschen in der Heimat, die man der Solidarität  versichern und  zum Widerstand aufrufen wollte. Das geschah zum Beispiel mithilfe einer „Kundgebung an das deutsche Volk“, die bei dem Treffen vom 6. Februar 1936 im Lutetia verabschiedet und massenhaft in Deutschland verbreitet wurde.  Welche Resonanz sie dort fand, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Und schließlich wandte man sich auch an  die Bevölkerung/die Regierungen der Länder, die die aus Deutschland geflohenen bzw. vertriebenen Menschen aufgenommen hatten. Dabei ging es vor allem um eine Aufklärung über die Zustände in Deutschland und um die Warnung  vor einem drohenden Krieg.  Im Dezember 1936 wurde von dem Volksfrontausschuss  ein gemeinsamer Aufruf  „Bildet die deutsche Volksfront! Für Frieden, Freiheit und Brot!“ verabschiedet und in den Publikationsorganen des Exils, aber auch in ausländischen Zeitungen wie „L’Humanité“ veröffentlicht.[16]

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(Pariser Tageszeitung vom 8.1.1937)

Darin steht an erster Stelle die Gefährdung des Friedens durch Nazi-Deutschland:

Die Volksinteressen werden rücksichtslos der Vorbereitung eines neuen Krieges geopfert, der furchtbarer sein wird als alle bisherigen Kriege. Auf dem letzten Nürnberger Parteitag hat Adolf Hitler die Steigerung dieser Politik angekündigt. Sie droht nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt in eine entsetzliche Katastrophe zu stürzen.“

Angesichts der Appeasement-Politik Frankreichs und Großbritanniens  stießen  solche Warnungen allerdings eher auf taube Ohren.  Die Vertreter des deutschen Exils waren da gewissermaßen einsame Rufer in der Wüste… 

Besonders schwierig waren die programmatischen  Diskussionen und Auseinandersetzungen  im Lutetia-Kreis, an denen sich auch Heinrich Mann intensiv beteiligte.  Selbstverständlich war für ihn, der 1932 ein leidenschaftliches „Bekenntnis zum Übernationalen“ veröffentlicht hatte, dass ein vom Faschismus befreites Deutschland  seinen Platz in einem geeinten Europa haben müsse. Und besonders wichtig war für ihn die Rolle der Erziehung in einem künftigen deutschen „Volksstaat“, also  die Herausbildung von vernünftigen, verantwortungsbewussten, „sittlichen“ Menschen, wie er in einem  Beitrag  über ein „Minimalprogramm der Deutschen Volksfront“ betonte.  Dass  er damit die ethische Dimension über die rein sozial-ökonomische stellte, stieß allerdings auf den Widerstand von Kommunisten und Sozialisten.[17] In diesen Programmdiskussionen wurden schon von Anfang an die  erheblichen ideologischen Gegensätze innerhalb und  zwischen den verschiedenen Gruppierungen und Vertretern des deutschen Exils deutlich, die  wesentlicher Grund für das Scheitern des Projekts einer Deutschen Volksfront waren.  Dazu kamen Zweifel des Vorstandes der Exil- SPD in Prag am Kurswechsel der KPD, so dass die SPD-Mitglieder im Lutetia-Kreis und –Komitee keine offiziellen Vertreter des SOPADE-Vorstandes in Prag (also der Exil-SPD) waren, sondern gewissermaßen  auf eigene Initiative agierten. Es gab ja auch durchaus kommunistische Hardliner, die der Auffassung waren,  Willi Münzenberg  komme den Bürgerlichen im Volksfront-Kreis zu sehr entgegen. Als Scharfmacher tat sich da besonders der im Moskauer Exil lebende Walter Ulbricht, der spätere Statthalter Stalins in der SBZ/DDR,  hervor, den Heinrich Mann als „vertracktes Polizeigehirn“ bezeichnete, das man loswerden müsse. [18]  Entscheidend waren aber  vor allem die Moskauer Prozesse: Im August 1936 wurden im ersten Schauprozess Sinowjew, Kamenew und weitere  Mitstreiter Lenins wegen angeblicher Beteiligung an einem trotzkistischen Mordkomplott zum Tode verurteilt. Und André Gide, ein Jahr zuvor noch von den Kommunisten auf dem internationalen Pariser Schriftstellerkongress gefeiert, wurde nach der Veröffentlichung seines kritischen Reiseberichts „Retour de l’U.R.S.S.“ ebenfalls als Trotzkist abgestempelt und zum Opfer eines kommunistischen Kesseltreibens.[19]  Damit war im Grunde allen weiteren Volksfront-Bemühungen der Boden unter den Füßen weggezogen.

An Heinrich Mann jedenfalls lag dieses Scheitern nicht. Er war bei dem Projekt der Schaffung einer deutschen Volksfront durchaus mehr als nur ein als ein Aushängeschild.  Willy Brandt geht in seinen Erinnerungen sogar so weit, von der „Deutschen Volksfront des Heinrich Mann“ zu sprechen.[20]  Der war „die integrierende Figur“ in dem „zum Teil etwas wirren und kontroversen“ Lutetia-Kreis  (Walter Fabian), und er bemühte sich selbst noch nach den Moskauer Prozessen, zu kitten, was nicht mehr zu kitten war. Das wurde und wird ihm dann auch immer wieder massiv und zum Teil hämisch vorgeworfen. Heinrich Mann hat sich in der Tat „oft geirrt, verrannt“.[21]  Vor allem, was seine unkritische Haltung  gegenüber der stalinistischen  Sowjetunion angeht, die für ihn –wie Frankreich- ein Traumland  war, imaginierter Ort einer „verwirklichten Idee“.[22] Nur allzu richtig war aber seine Einsicht, dass nur zusammen mit der Sowjetunion der Kampf gegen den Faschismus zu gewinnen sei. Es war dann ja in der Tat die russische Bevölkerung, die die größten Opfer im Kampf gegen das Dritte Reich gebracht hat, und es waren die westlichen Alliierten, die sich mit Stalin verbündeten und ihm schließlich  weite Teile Europas auslieferten.

Neben seinen zeitraubenden und teilweise illusionären  politischen Aktivitäten hat Heinrich Mann aber auch  „an seinem herrlichen Toleranz- und Menschlichkeitsroman ‚Henri Quatre‘ geschrieben“,  der –und deshalb gehört er zu diesem Abschnitt- auch ein Volksfront-Roman ist.[23] Dieser historische  Roman war gedacht als Huldigung an den größten König, den Europa je hatte, wie Heinrich Mann in einem Brief an seinen Freund, den französischen Germanisten Félix Bertaux, 1937 schrieb. Darüber hinaus sei es ihm aber auch darum gegangen „à me consoler des malheurs du temps présent et à en concevoir la réparation“. In dem  monumentalen Roman entwirft  er ein Gegenbild zum nationalsozialistischen Deutschland:  Henri Quatre gewährt im Edikt von Nantes seinen Untertanen die Religionsfreiheit, das sonntägliche Huhn im Topf bezeichnet sprichwörtlich das  Bemühen des „guten Königs“, das Wohlergehen seines Volkes zu mehren, und Henri verzichtet im Roman auf jede kriegerische Expansion, um Frankreich nach langen Jahren äußerer und innerer Kriege endlich den Frieden zu sichern. Denen, die den Roman im Angesicht des Faschismus lasen, wird die Botschaft übermittelt, „dass das Böse und Furchtbare überwunden werden kann durch Kämpfer, die das Unglück zum Denken erzog, wie auch durch Denkende, die gelernt haben, zu reiten und zuzuschlagen“. (HM 1939). Dieser militante Humanismus war ein einigendes Band der deutschen Volksfront, und sie und die dort geführten ermüdenden ideologischen Debatten hat Heinrich Mann wohl auch im Kopf, als er seinen Helden nach einer langen Debatte mit Prälaten über seinen geplanten Übertritt zum Katholizismus denken lässt: „Gott hat nicht hingehört, ihn langweilen die Dinge des Glaubens, und ob ein Bekenntnis oder das andere, ihn rührt es nicht. Er nennt unseren Eifer kindisch, unsere Reinheit aber verwirft er als baren Hochmut“. (Bd II, S. 130).

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Erstausgabe des „Henri Quatre“ 1935 und 1938

Die Lektüre des „Henri Quatre“ lohnt auch heute noch, was jedenfalls so unterschiedliche Menschen wie Elke Heidenreich, Ulrich Wickert oder Peer Steinbrück bestätigen. Besonders bewegend finde ich aber das, was  Denise Bardet in ihrem Tagebuch schreibt. Sie war  die Grundschullehrerin von Oradour-sur-Glane und wurde  am 10. Juni 1944 zusammen mit ihren Schülern von deutschen Soldaten ermordet.  Für sie stehen Heinrich Mann und sein „Henri Quatre“ für den „humanisme allemand“ und sie entnimmt dem Buch die Botschaft, all unseren Mut zu bewahren „au milieu de l’affreuse mêlée où tant de formidables ennemis mous menacent“. Und sie schreibt weiter: „Nous sommes, nous Français, en état de guerre avec l’Allemagne, et il est nécessaire aux Français de se durcir et de savoir même être injuste, et de haïr pour être aptes à résister… Et pourtant il nous est facile de continuer à aimer l’Allemagne qui n’est pas notre ennemie: l’Allemagne humaine et mélodieuse. Car dans cette guerre, les Allemands ont tourné leurs premières armes contre leurs poètes, leurs musiciens, leurs philosophes, leurs peintres, leurs acteurs…” (S. 51/52). Was für eine wunderbare Würdigung des “anderen, besseren” Deutschlands, als deren Repräsentanten sich die Emigranten und die im Lutetia tagendenden Vertreter der deutschen Volksfront verstanden.

 

 

Die deutsche Abwehr im Lutetia

Als die deutschen Truppen Frankreich besetzten und sich in Paris niederließen, kam es im Hotel Lutetia zu einem makabren Wechsel der deutschen „Gäste“:  Während die Mitglieder des Volksfrontausschusses entweder in Internierungslagern ums Überleben kämpften oder versuchten, über die Pyrenäen oder das Meer Frankreich zu verlassen, richtete Admiral Wilhelm Canaris im Hotel Lutetia die Pariser Zweigstelle seiner Abwehr ein – er selbst residierte in Berlin, im Lutetia war aber immer ein Zimmer für ihn reserviert.  Die feinen Herren von der Abwehr ließen es sich im Lutetia gut gehen. Allerdings mussten sie auf die besten Tropfen des Hauses verzichten, da das Personal diese vorher in einem fest zugemauerten Stollen unter dem Hotel sicher gelagert hatte. Gefangenenmisshandlungen, Folter oder dergleichen gab es im Lutetia  nicht. Das wussten die gefangenen Agenten und Widerständler. Aber sie wussten auch, dass sie- wenn sie sich nicht auf das angebotene „offene Gespräch von Mann zu Mann“ einließen, damit rechnen mussten, an die Gestapo übergeben zu werden- das Gefängnis Cherche-Midi lag gleich gegenüber im Boulevard Raspail.  1944  gehörte dann der Chef der Abwehr selbst zu den Opfern. Nach dem Attentat vom 20. Juli wird der „Meisterspion Hitlers“  von der Gestapo verhaftet. Er hatte sich zwar nicht an dem Anschlag auf Hitler beteiligt, hatte aber Männer des Widerstands in seinem Umkreis gedeckt,  und er hatte schon früh die Erschießung polnischer Intellektueller und die  nachfolgenden Judenmassaker –auch Hitler gegenüber- kritisiert. Am 9. April 1945 wurde er  –gemeinsam mit Dietrich Bonhoeffer-  im KZ Flossenbürg umgebracht, weil er  – mit seinen eigenen letzten Worten- versucht hatte, dem „verbrecherischen Wahnsinn Hitlers, der Deutschland zur Vernichtung führte“, entgegenzutreten.[24]

 

Das Lutetia als Treffpunkt der rescapés

Und als wäre das alles noch nicht genug: Noch einmal wurde das Lutetia nach der Befreiung zu einem außergewöhnlichen und mit der deutschen Geschichte eng verbundenen dramatischen Schauplatz: Hier versammelten sich „die den Lagern Entronnenen in gestreiften Pyjamas unter den Lüstern des Hotels“ (Patrick Modiano[25]) und hofften, hier Familienangehörige zu treffen. Und in der Eingangshalle und der Grande Galerie des Hotels, wo heute Gucci, Armani und Co ihre Preziosen ausstellen, waren die Wände bedeckt mit Suchmeldungen. Die Kinder von Irène Némirovsky haben hier mehrere Wochen lang –vergeblich- auf ihre Mutter gewartet. Die Rescapés sollten 3-5 Tage im Lutetia bleiben, um die erforderlichen Formalitäten zu erledigen und sich zu erholen- alles war schon von der provisorischen Regierung in Algier genauestens geplant, aber mit einem solchen Ausmaß von Elend hatte offenbar niemand gerechnet.

Dieses Elend wird sehr bewegend von Marguerite Duras in „La Douleur“ beschrieben: Das Warten auf ihren Mann Robert Antelme (im Buch Robert L.), seine mühsame Neuentdeckung von Normalität und  –natürlich- die erste Begegnung mit ihm nach seiner Befreiung aus dem Lager Buchenwald:

„Dans mon souvenir, à un moment donné, les bruits s’éteignent et je le vois. Immense. Devant moi. Je ne le reconnais pas. Il me regarde. Il sourit. Il se laisse regarder. Une fatigue surnaturelle se montre dans son sourire, celle d’être arrivé à vivre jusqu’à ce moment-ci. C’est à ce sourire que tout à coup je le reconnais, mais de très loin, comme si je le voyais au fond d’un tunnel. C’est un sourire de confusion. Il s’excuse d’en être là, réduit à ce déchet. Et puis le sourire s’évanouit. Et il redevient un inconnu. Mais la connaissance est là, que cet inconnu c’est lui, Robert L., dans sa totalité.”

Heute erinnert eine “in etwas verschämter Distanz zum Hoteleingang an der Außenfassade angebrachte Tafel“  (Jasper) an diese Zeit:

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„Von April bis August 1945 wurden in diesem Hotel, das damals als Empfangszentrale diente, ein großer Teil der Überlebenden aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern aufgenommen. Diese Menschen waren glücklich, die Freiheit wiedergefunden zu haben und ihre Angehörigen, von denen sie gewaltsam getrennt waren. Ihre Freude kann aber nicht die Angst und den Schmerz vergessen machen, den die Familien jener Tausenden von Deportierten zu erleiden hatten, die hier vergeblich auf ihre Rückkehr warteten.“ (Übersetzung bei Jasper, S. 339)

 

Das Hotel Lutetia ist also nicht  nur in ein architektonisches Juwel aus Art Nouveau und Art Déco, sondern es ist auch ein außergewöhnlicher Ort der Erinnerung – gerade auch  an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte, an die damals begangenen Verbrechen, aber auch an den –in Frankreich viel zu wenig bekannten[26]–  deutschen Widerstand, an die Vertreter eines anderen, besseren Deutschland, die sich hier zusammenfanden. Auch eine darauf hinweisende Erinnerungstafel würde dem neu renovierten Hotel gut anstehen und wäre ein schöner Beitrag zur deutsch-französischen Freundschaft.  Sie könnte vielleicht diese Aufschrift haben:

In diesem Hotel trafen sich zwischen September 1935 und April 1937  Vertreter des deutschen  Widerstands unter dem Vorsitz des Schriftstellers Heinrich Mann,  um eine  Volksfront gegen die Hitlerdiktatur aufzubauen. 

Dieser „cercle Lutetia“ repräsentierte das aus dem Dritten Reich vertriebene  andere  Deutschland des Friedens und der Freiheit.

 

Dans cet hôtel se réunirent , entre septembre 1935 et avril 1937, sous la présidence de l’écrivain Heinrich Mann,  des antifascistes allemands qui voulaient fonder un Front populaire allemand contre la dictature hitlérienne.
Ce „cercle Lutetia“ représentait une Allemagne de paix et de liberté : celle que le IIIe Reich avait bannie. 

 

 

Literatur zum Weiterlesen:

Assouline, Pierre: Lutetia. Roman. Paris: Gallimard 2005. Deutsche Ausgabe: Lutetias Geheimnisse. München: Karl Blessing 2006

Cahier de jeunesse de Denise Bardet, Institutrice à Oradour-sur-Glane, Le 10 juin 1944 Ed. Lucien Souny 2002

Holz, Keith u. Schopf, Wolfgang: Im Auge des Exils. Josef Breitenbach und die Freie Deutsche Kultur in Paris 1933 bis 1941. Berlin: Aufbau-Verlag 2001. Édition française: Allemands en exil. Paris 1933-1941. Paris: Éditions Autrement 2003

Hôtel Lutetia. L’esprit de la Rive Gauche. Paris: Éditions Lattès 2009

Jasper, Willi: Hotel Lutetia. Ein deutsches Exil in Paris. München/Wien: Carl Hanser 1994 Französische Ausgabe: Hôtel Lutétia – Un exil allemand à Paris. Paris: Éditions Michalon 1995

Willi Jasper, Der Bruder Heinrich Mann. Eine Biographie. FFM 1994 (vor allem Kapitel IX: Exil)

Langkau-Alex, Ursula: Deutsche Volksfront 1932-1939. Zwischen Berlin, Paris, Prag und Moskau. 3 Bde  Akademie-Verlag 2004/2005

Langkau-Alex, Ursula:  L’année 1936 et le mouvement du front populaire allemand en exil.  In:  Matériaux pour l’histoire de notre temps, n°7-8, 1986. L’année 1936 dans le monde, sous la direction de Stéphane Courtois. pp. 6-8.    https://www.persee.fr/doc/mat_0769-3206_1986_num_7_1_401426

Simonin, Chantal: Heinrich Mann et la France. Une biographie intellectuelle. Villeneuf d’Ascq 2005

 

 

Anmerkungen:

[1] https://wordpress.com/post/paris-blog.org/11052

[2] https://www.sueddeutsche.de/reise/frankreich-pariser-chic-1.4058103

[3] Pierre Lemaitre, Wir sehen uns da oben. Stuttgart 2014, S. 420

[4] http://www.europe1.fr/faits-divers/main-dans-la-main-les-amants-du-lutetia-voulaient-mourir-ensemble-1719805

[4a] http://www.lepoint.fr/c-est-arrive-aujourd-hui/14-juillet-1921-andre-malraux-aide-clara-goldschmidt-a-perdre-sa-virginite-dans-une-chambre-de-bonne-13-07-2012-1485434_494.php  (Dass in diesem Artikel auch Michel Houellebecq eine Rolle spielt, passt historisch nicht ganz- gehört aber zur Konzeption dieser Artikelserie, in der historische Tatsachen und Fiktion munter vermischt werden).

[5] Assouline, S. 171

[6] Holz/Schopf, Klappentext

[7] Allemands en exil,  S. 13

[8] Thomas Mann-Heinrich Mann, Briefwechsel 1900-1949 FFM 1984, S. 225

[9] Siehe dazu den Blog-Text:  Exil in Frankreich: Sanary, Les Milles und Marseille. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/592

[10] Siehe dazu den entsprechenden Blog-Beitrag

[11] Jasper, Lutetia, S. 99

[12]  Siehe dazu im Einzelnen:

Jasper, Der Bruder Heinrich Mann, S. 288f;  Langkau-Alex, Deutsche Volksfront Band 1. Es gibt auch einen  Fernsehfilm von Hans Rüdiger Minow  aus dem Jahr  1982 zum Thema:  Per Adresse: Hotel Lutetia .   Bezug des Films über : https://wdr-mediagroup.com/geschaeftsfelder/i-o/mitschnittservice/#privatpersonen  Ein kleiner Ausschnitt ist zu sehen unter:  https://www.google.de/search?q=Per+Adresse%3A+Hotel+Lutetia&oq=Per+Adresse%3A+Hotel+Lutetia&aqs=chrome..69i57.6717j0j8&sourceid=chrome&ie=UTF-8

[13] Arbeiterzeitung, Wien 3.4.1932

[14] Willy Brandt, Erinnerungen. Berlin 1997, S. 97

[15] Siehe dazu: Frédéric Monier, Léon Blum, les socialistes français et les réfugiés dans les années 1930. Fondation Jean Jaurès, 13.7.2016 https://jean-jaures.org/nos-productions/leon-blum-les-socialistes-francais-et-les-refugies-dans-les-annees-1930

[16] Bild und Text aus: Langkau-Alex, L’année 1936  https://www.persee.fr/doc/mat_0769-3206_1986_num_7_1_401426

siehe dazu auch: WDR, Stichtag vom 22.12. 2016:  21. Dezember 1936:  Emigranten rufen zu „Volksfront“ gegen Hitler auf.  https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag-emigranten-volksfront-hitler-paris-100.html

[17]  Siehe Langkau-Alex, Band 1, S. 342/343

[18] Siehe dazu: Stéphane Courtois,  La seconde  mort de Willi Münzenberg. In:  Communisme 38/39 (1994), S. 25 ff  Zitat aus: Willi Jasper, Der Bruder Heinrich Mann, S. 297f. In einem Brief an Lion Feuchtwanger  schrieb Heinrich Mann Ende Oktober 1937: „Das Dringlichste ist, den Ulbricht loszuwerden. (…) Er ist ein vertracktes Polizeigehirn, sieht über seine persönlichen Intrigen nicht hinaus, und das demokratische Verantwortngsgefühl, das jetzt erlernt werden muss, ist ihm fremd.“ (zit. bei Jasper a.a.O., S. 299)  Und Alfred Kantorowicz berichtete über ein Gespräch mit Heinrich Mann, in dem der über Ulbricht geäußert habe: „Sehen Sie, ich kann mich nicht mit einem Mann an einen Tisch setzen, der plötzlich behauptet, der Tisch, an dem wir sitzen, sei kein Tisch, sondern ein Ententeich, und der mich zwingen will, dem zuzustimmen.“. zit. a.a.O., S. 298/299

[19] Siehe dazu den Blog-Beitrag: Der Erste Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur im Haus der Mutualité in Paris 1935

[20] A.a.O., S. 108. Entsprechend auch in Willy Brandts Erinnerungsbuch „Links und frei. Mein Weg 1930-1950“.  Hamburg 1982. Da ist ein ganzes Kapitel „Heinrich Manns Volksfront“ gewidmet. (S. 140f)

[21] Volker Weidermann FAZ 4.8.2010

[22] Siehe Manfred Flügge, Traumland und Zuflucht. Heinrich Mann und Frankreich. Berlin 2013, S. 130f  Besonders deutlich wird die idealisierende Sicht Heinrich Manns auf die Sowjetunion in seinem Erinnerungsbuch „Ein Zeitalter wird besichtigt“.

[23] Zitate aus: Volker Weidermann FAZ 4.8.2010. Zum „Henri Quatre“ siehe auch: Wolf Jöckel, Heinrich Manns ‚Henri Quatre‘ als Gegenbild zum nationalsozialistischen Deutschland.  Worms 1977

[24] Richard Bessett, Hitlers Meisterspion. 2007, S. 277

[25] zit. von Jasper, S. 338

[26] Um nur einige Beispiele zu nennen: Das von dem französischen Historiker Gilbert Merlio immerhin 2001/2003  herausgegebene Standardwerk  über „Les résistances allemandes à Hitler“ kann noch für sich in Anspruch nehmen, „eine wenig bekannte Seite“ der deutschen Geschichte darzustellen und zu analysieren.  Das 2004 erschienene Buch Terry Parssinens über die durch das Münchner Abkommen vereitelten Staatsstreichpläne von 1938 trägt den Titel La Conspiration oubliée. Georg  Elser wird in dem ihm gewidmeten Text von Wikipedia fr vorgestellt als  „une figure majeure mais longtemps méconnue de la résistance contre le nazisme (https://fr.wikipedia.org/wiki/Georg_Elser ).  2015 war es schließlich die deutsche Botschaft in Paris, die das Erscheinen eines Buches über den deutschen Widerstand förderte, denn:  La résistance allemande au régime hitlérien demeure peu connue en France. Philippe Meyer, Ils étaient Allemand contre Hitler.   Das Vorwort zu dem Buch schrieb die damalige deutsche Botschafterin in Paris, Susanne Wasum-Rainer.  Auch meine eigenen Erfahrungen bestätigen, dass der deutsche Widerstand in Frankreich –auch unter Intellektuellen- wenig bekannt ist. Résistance gilt gewissermaßen als französisches Alleinstellungsmerkmal.

 

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu deutschsprachigen Schriftstellern in Paris/im französischen Exil:

  • Das Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise in Paris: Eine Hommage an den Vorkämpfer der deutsch- französischen Verständigung

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10585

  • Mit Heinrich Heine in Paris

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8231

  • Exil in Frankreich: Sanary, Les Milles und Marseille

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/592

  • Der Cimetière de Picpus: Ein deutsch-französischer und amerikanischer Erinnerungsort (Rilke, Stefan Zweig)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/1828

  • „Dadurch, dass ich zum Glück die Kinder habe, ist alles doppelt schwer.“ Anna Seghers im Pariser Exil 1933 – 1945

 https://wordpress.com/post/paris-blog.org/11274

 

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Das Haus der Mutualité in Paris (2): Der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen
  • Die Fontänen im Park von Versailles (2): Ausdruck absolutistischen Größenwahns
  • „Les enfants de Paris“: Pariser Erinnerungstafeln/plaques commémoratives zur Zeit 1939-1945

fake news, nostalgischer Nationalismus und antideutsche Ressentiments: Der deutsch-französische Freundschaftsvertrag von Aachen schlägt in Frankreich Wellen

Am 22. Januar 2019 wurde im Krönungssaal des Aachener Rathauses der „Vertrag über die deutsch-französische Zusammenarbeit und Integration“ von dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron und der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel unterzeichnet. Ort und Datum waren dabei bewusst gewählt: Aachen als Hauptresidenz Karls des Großen verweist auf die gemeinsame Geschichte, der 22. Januar auf den Elysée-Vertrag, der genau 56 Jahre vorher von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer unterzeichnet wurde. [1]

Unterzeichnung Aachener Vertrag

Der Aachener Vertrag ist denn auch als eine Fortschreibung des Elysée-Vertrags von 1963  zu verstehen.[2]  In seinen 28 Artikeln wird eine verstärkte Zusammenarbeit auf  verschiedenen Bereichen vereinbart: der Europapolitik, der Außenpolitik und Verteidigung, der Kultur und Bildung,  zwischen den jeweiligen Grenzregionen und  im Bereich der Umwelt- und Wirtschaftspolitik. Dafür werden auch spezifische organisatorische Strukturen geschaffen.  Viele Formulierungen des Vertrags  sind eher vage: Die Vertragspartner „bemühen sich“, „setzen sich ein“ „wirken hin auf ,  „arbeiten darauf hin“ etc. Aber es gibt durchaus auch ein Vielzahl konkreter Vereinbarungen, die überprüft,  und  anzustrebender Ziele, an denen die Politik beider Seiten dann auch gemessen werden kann. Insofern ist der Vertrag immerhin eine Grundlage, auf der Menschen und Institutionen, die an einer Vertiefung der Zusammenarbeit interessiert sind,  konkret arbeiten  können. Er fordert also gewissermaßen dazu auf, mit Leben erfüllt zu werden und könnte damit auch ein Vorbild für ähnliche Vereinbarungen mit oder zwischen anderen Staaten der Europäischen Union sein.

 

In  Deutschland hat der Vertrag nach meinen Beobachtungen  wenig Aufsehen erregt. Er wurde eher als wenig weitgehend und ehrgeizig kritisiert; vereinbart worden sei „eine Zusammenarbeit auf Sparflamme“, wie der Grünen- Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Anton  Hofreiter,  feststellte. [3] Auch auf französischer Seite  gab es entsprechende Einschätzungen, etwa von der Zeitung Le Monde, die von „peu d’ambition“ sprach.[4]  Und nach Auffassung der Deutschland-Expertin Claire Demesmay hat der Vertrag „nichts Spektakuläres“ an sich.[5]  Allerdings gibt es in Frankreich auch eine geradezu abenteuerliche Polemik  gegen den Vertrag.  Da wurden und werden absurde Falschmeldungen verbreitet –z.B. dass der Elsass den Deutschen übereignet werde-  und es werden dabei antideutsche Ressentiments geschürt.

Man kann diese Polemiken natürlich abtun als völlig dümmliche und unerhebliche Auswüchse, die keine weitere Beachtung verdienen.[6]  Ich denke aber, dass man es sich da nicht zu leicht machen sollte. Es gibt ja leider derzeit hinreichend Beispiele, die zeigen, wie erfolgreich skrupellose Populisten mit fake news und dem Schüren von Ressentiments sein können. Und  immerhin wird die Polemik gegen den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag  von der extremen Rechten (Le Pens Rassemblement National und Dupont-Aignans Debout la France) und der extremen Linken (La France Insoumise Jean Luc Melenchons) geschürt, hinter denen doch ein beachtlicher Teil der französischen Wählerschaft steht: Legt man die Ergebnisse des ersten Wahlgangs der letzten  Präsidentschaftswahlen zugrunde, entfielen gut 45% der Stimmen auf die Repräsentanten dieser drei Parteien.[7]  Dass diese  den Vertrag von Aachen für ihren Frontalangriff auf Präsident Macron instrumentalisieren[8]  und dabei auch die antideutsche Karte ziehen, zeigt doch, dass sie offenbar eine Chance sehen, damit Erfolg zu haben. Dazu könnte ja auch die intensive Verbreitung entsprechender Polemiken in den sozialen Netzwerken der Gilet Jaunes beitragen. Und nicht zuletzt sind die Grenzen zwischen extremistischen und „republikanischen“ Positionen fließend. Auch auf Seiten der Konservativen ist die Kritik an dem Vertrag verbreitet und auch da sind antideutsche Ressentiments unübersehbar.[9]

Diese antideutschen Ressentiments sind auch im Zusammenhang zu sehen mit einer sich in Frankreich ausbreitenden Kritik an der europäischen Einigung. 62% der Sympathisanten von La France Insoumise sehen wenigen Monate vor den Europawahlen die Europäische Union „ziemlich“ oder „sehr negativ„.  Bei den Anhängern von Debout la France sind es 79%, bei denen des Rassemblement National sogar 85%. Frankreich gehört 2019 zu den Ländern der Europäischen Union, in der die kritische Sicht auf die europäische Integration am stärksten verbreitet ist. „Übertroffen“ wird es dabei nur noch von Italien, Griechenland, der Tschechischen Republik und …. Großbritannien. (9a)

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Wo genau die Kampagne gegen den Vertrag ihren Ursprung hat, scheint nicht ganz eindeutig zu sein. Le Monde spricht in diesem Zusammenhang von Verschwörungstheoretikern der „ultradroite“  bzw. der „fachosphère“.

Ein Beispiel:

Macron, der „usurpateur de l’Elysée“ und Verräter,   überlasse  Deutschland ganz Elsass-Lothringen. Die Wirklichkeit sei schrecklich und tragisch: Macron verwirkliche den Traum Hitlers: Ein  Frankreich, das sich – und das auch noch freiwillig!- Deutschland unterworfen habe und ein Deutschland, das sich auf Kosten eines zerstückelten Frankreich vergrößert habe.[10]

Solche Lügen seien dann, so die Le Monde-Analyse-  von der souveränistischen Partei Debout la France des Nicolas Dupon-Aignan und dem Rassemblement national Le Pens (dem früheren Front National) übernommen worden.[11] So verbreitete der Europa-Abgeordnete Bernard Monot (Debout La France) eine Botschaft,  in der er behauptete, der Elsass würde in deutsche Verwaltung übergehen und die Verwaltungssprache werde deutsch sein. Macron liefere wie ein Judas Elsass und Lothringen einer fremden Macht aus. Es handele sich um einen Putsch, ja einen Hochverrat an den Franzosen.[12]

Diese Botschaft aus Absurdistan  ist inzwischen von Monot zurückgezogen worden, allerdings ohne Kommentar und Richtigstellung. In rechtsradikalen Kreisen wird  aber immer noch Werbung dafür gemacht und sie  ist auch (jedenfalls Anfang Februar)  immer noch einsehbar.  https://gloria.tv/video/zZLspuuQypHr3k7YFpE9Qqz3M

Es waren dann die  Vorsitzenden der beiden rechtspopulistischen Parteien, die die Kampagne gegen den Aachener Vertrag weiter führten.

FRANCE2017-VOTE

Nicolas Dupont-Aignan und Marine Le Pen auf einer gemeinsamen Pressekonferenz

 

Auf einer Wahlveranstaltung für die Europawahlen  stellte Marine Le Pen am 19. Januar fest, Präsident Macron sei im Begriff, Verrat zu begehen („acte de trahison“), indem er einen Vertrag abschließe, der zu einer „mise sous tutelle de l’Alsace“ führe  und zu einer „ partage de notre arme nucléaire et de notre siège au Conseil de sécurité“. Nicht nur würde der Elsass unter deutsche Vormundschaft gestellt, sondern es würden  auch die französischen Atomwaffen und der Sitz im Sicherheitsrat mit Deutschland geteilt. [13] Natürlich steht davon nichts im Vertrag von Aachen. Im Gegenteil: Beide Seiten verpflichten sich darin, eine im Grund überfällige  Reform des Sicherheitsrats der UN anzustreben, die die seit 1945  veränderten weltpolitischen Gegebenheiten berücksichtigt. Aspiranten für einen festen Sitz im Sicherheitsrat wären dann Japan, Indien, Brasilien und eben auch Deutschland. Für eine solche Reform will sich Frankreich einsetzen. Eine Teilung des französischen Sitzes im Sicherheitsrat hat dagegen keine Grundlage in dem Vertrag, aber was tut das schon…[14]

Entsprechend also dann auch der Le Pen’sche  Verrats-Vorwurf auf Twitter:[15]

« En signant ce traité d‘#AixLaChapelle en catimini, Emmanuel #Macron commet un acte qui relève de la trahison. »

Mise sous tutelle d’une part de l’Alsace, partage de notre siège au Conseil de sécurité de l’ONU : j’alerte les Français sur le traité d‘#AixLaChapelle !

Nicolas Dupont-Aignan legte nach, indem er die „soumission de la politique étrangère de la France“ anprangerte.

Damit waren die beiden Leitmotive der rechtsradikalen Kampagne  gegen den Vertrag von Aachen geliefert: Verrat und Unterwerfung, trahison und soumission.

Eine Karikatur aus l‘Opinion [16]

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Débout la France! Elsass-Lothringen wird bald an Deutschland verkauft!!! Dupont-Aignan: „Macht nichts, dass die Information falsch ist, wenn dafür die Angst echt ist.“ Le Pen: „ganz schön raffiniert“

 

Auch die republikanische Rechte beteiligte sich an dieser Kampagne. Da sind es vor allem Politiker,  die sich als Gralshüter des Gaullismus verstehen: Immerhin war für de Gaulle ja den Elysée – Vertrag ein Instrument im Rahmen seiner Konzeption eines Europas der Nationen oder Vaterländer, und er sollte der Vormachtstellung Frankreichs in Europa dienen. De Gaulle hatte  Deutschland auch nie verziehen, dass der Bundestag dem Vertrag einseitig eine Präambel voranstellte, in der die Bedeutung der transatlantischen Beziehungen und der europäischen Integration hervorgehoben wurde. Auf diesen  „Dolchstoß in den Rücken“  bezieht sich auch gerne die  „gaullistische Kritik“ am Vertrag von Aachen. So bei  Jacques Myard, dem Bürgermeister von Maison-Lafitte,  langjährigen republikanischen Parlamentsabgeordneten und Präsidenten der „Académie du Gaullisme“.  Nach seiner Einschätzung  hat Frankreich mit dem Vertrag von Aachen auf eine eigenständige Außenpolitik verzichtet. Die werde jetzt unter der Kontrolle Deutschlands, also Berlins, ausgeübt.[17]  Noch weiter ging der umtriebige republikanische Nachwuchspolitiker Mathieu Lafleur.  Er lancierte einen change.org-  Aufruf gegen den Aachener Vertrag mit einer  abenteuerlichen Begründung: Der Vertrag von Aachen sei „un Traité de Versailles inversé“ – bei dem also jetzt Deutschland der Sieger ist und das Frankreich Macrons der Besiegte, der damit und aus freien Stücken die „liquidation de la Maison France“ weiter vorantreibe.[18]  Im Figaro legte  ein Pariser Rechtsprofessor dar, dass der Vertrag insgesamt ein Angriff auf die „Souveränität des Landes“ sei und  dass wesentliche Teile davon gegen die französische Verfassung verstießen.[19]  Ivan Rioufol, der eine regelmäßige Rubrik im Figaro unterhält, sieht unter Berufung auf dieses „Gutachten“ einen  Angriff auf die  „souveraineté nationale“. Damit zeige Macron, dass er nichts von den Forderungen des „vergessenen Frankreichs“ verstanden habe, die von den Gelbwesten vorgetragen würden.  Diese Forderungen richteten sich ja gerade an die Nation und setzten deren Souveränität voraus.[20]

Hier wird also versucht, die Bewegung der Gelbwesten für den souveränistischen Kampf gegen den Vertrag von Aachen zu instrumentalisieren.  An sie hatte sich ja auch  der Europaabgeordnete  Monot in seiner Botschaft  ausdrücklich gewendet und sie  aufgefordert, sich gegen den „Hochverrat Macrons“ zur Wehr zu setzen. Offenbar nicht ganz ohne Erfolg.

Auf Facebook- Gruppen der Gilets Jaunes wurde jedenfalls  verbreitet, Deutschland werde die Herrschaft über Elsass-Lothringen übertragen. Dafür seien „unsere Großeltern und Urgroßeltern 14-18 und 39-40“ nicht gestorben.[21]

Da sah sich sogar die französische Europaministerin Nathalie Noiseau zu Richtigstellungen  veranlasst:  Durch den Vertrag von Aachen werde das Alltagsleben von Deutschen und Franzosen in den Grenzregionen erleichtert. Das eröffne Chancen, bedeute mehr Beschäftigung und eine gegenseitige kulturelle Bereicherung. Wer könnte sich darüber beklagen? Immerhin  scheint die Resonanz auf solche Falschmeldungen bei den Gilets jaunes nicht allzu groß  zu sein – auch wenn bei ihnen eine deutliche rechtsradikale Präsenz unverkennbar zu sein scheint. Aber  andere Themen wie vor allem die Stärkung der Kaufkraft („pouvoir d’achat“), die Steuergesetze und die Einführung von Instrumenten direkter Demokratie spielen  bei den Gilets Jaunes ganz eindeutig eine größere Rolle.

Die Gehässigkeit der Angriffe auf Macron wird allerdings zumindest von Teilen der Gilets Jaunes durchaus geteilt. Das wird  nach einem Gelbwesten-Samstag in Paris deutlich, wie das nachfolgende Foto zeigt. Es  wurde aufgenommen im Januar 2019 am Boulevard Diderot (12. Arrondissement), wo vorher ein Demonstrationszug der Gelbwesten vorbeigezogen war.

DSC03350 Macron prison

Die Aufschrift: Macron: Rücktritt. Ins Gefängnis. An den Galgen.  (Ein Internaut hält sogar schon einen Strick bereit:  J’ai une corde disponible.[22])  Eine Macron-Puppe wurde ja auch schon auf einer Versammlung von Gelbwesten enthauptet.[23]

Bei dem Slogan „Le pouvoir des truies“  (Die Macht der Mutterschweine) handelt es sich um ein Wortspiel: Die Aussprache entspricht ja dem  anarchistischen:  Le pouvoir détruit, also die Herrschaft zerstört…  Und das rechtfertigt dann offenbar auch die von Gelbwesten ausgeübte Gewalt, die von einem Intellektuellen wie Emmanuel Todd im öffentlich-rechtlichen französischen Fernsehen sogar ausdrücklich als Teil der französischen politischen Kultur gefeiert wird, auf die man stolz sein könne.  Immerhin sei die Bastille ja auch nicht gewaltfrei gestürmt worden….

Auch bei der extremen Linken wird heftig gegen den Vertrag von Aachen agitiert. Ein Sprecher der Partei La France Insoumise, Manuel Bompard, stellte zwar in einer auf youtube verbreiteten Botschaft fest, Le Pen und Dupont hätten eine Reihe von Falschmeldungen über den Vertrag verbreitet  wie die Abtretung von Elsass-Lothringen oder die Teilung des französischen Sitzes im Sicherheitsrat mit Deutschland. Aber auch er spricht von einem „Verrat“ Macrons.[24] Denn dass sich eine Partei, die sich „France Insoumise“ nennt, selbstverständlich einer angeblichen Unterwerfung Frankreichs unter seinen gerne als Schreckbild gezeichneten Nachbarn widersetzt, ist ja nur konsequent.

Bei den französischen Linksextremen wird die „deutsche Gefahr“ vor allem in einer Übernahme des  „neoliberalen“  deutschen Wirtschaftsmodells gesehen bzw. als „soumission à l’ordolibéralisme“.[25]  Dieses Wirtschaftsmodell werde  von den Regierenden in Frankreich als Waffe im Kampf gegen die Armen im eigenen Land benutzt. Wenn also im Aachener Vertrag auch eine verstärkte Zusammenarbeit auf wirtschaftlichem Gebiet vereinbart werde, sei höchste Gefahr im Verzug. Denn was nach Überzeugung  von  La France Insoumise wirtschaftlich von Deutschland zu erwarten ist, wissen wir spätestens seit dem ressentimentgesättigten Pamphlet des Linken-Chefs Melenchon „Le Hareng de Bismarck (Le poison allemand)“  von 2015:  Danach ist Deutschland das Land der maximalen Umweltverschmutzung („pollution maximale“), weil es die in Frankreich mehrheitlich als umweltfreundlich gerühmten Atomkraftwerke abschaltet; es ist das Land des „malbouffe“, der notorischen  Fehlernährung und der Übergewichtigen; ein Land, das die Jungen –soweit es die  aufgrund der niedrigen Geburtenrate überhaupt noch gibt-  verlassen, weil sie hier keine Perspektive für sich sehen, und aus dem die Alten mit Gewalt entfernt werden („expatriés de force“), weil man die Kosten  für sie nicht aufbringen will; es ist ein Land der Armut („un océan de pauvreté“) und der Ausbeutung, ein Land des wiederauflebenden Imperialismus und Militarismus, ein Gift –wie es im Untertitel des Buches heißt-  für Europa, ja für die Welt.[26] Mit einem solchen Deutschland einen Vertrag über „Zusammenarbeit und Integration“ abzuschließen, kann also nichts Gutes verheißen.

Was das deutsche  Gift bewirkt, hat der  zu den Kronzeugen Mélenchons gehörende Historiker und Demograph Emmanuel Todd 2014 in einer Interview-Serie  mit der belgischen Zeitung Le Soir so formuliert: Europa habe im 20. Jahrhundert unter deutscher Führung zweimal Selbstmord begangen, im Ersten  und Zweiten  Weltkrieg. Derzeit erlebe man eine dritte europäische Selbstzerstörung, und zwar wieder unter deutscher Leitung- ein schon geradezu  klassischer  Bestandteil der Deutschland-Kritik. [27]

Emmanuel Todd sieht Deutschland als das ganz Europa dominierende Reich an.: l’Europe est Allemagne et l’Allemagne est Europe“.[28] Europa werde von Deutschland und seinen baltischen, polnischen und anderen Satelliten kontrolliert.[29] Todds Europakarte ist  bemerkenswert: In der Mitte (natürlich schwarz) das Neue Deutsche Reich (Le nouvel empire allemand), umgeben von Nachbarn, die alle mehr oder weniger von ihm beherrscht werden:

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  • Da gibt es den Espace Allemand Direct, also den Raum, der gewissermaßen direkt zu Deutschland gehört, also nur noch eine scheinbare Unabhängigkeit besitzt, also die Benelux-Staaten, die Tschechische Republik, Österreich, Slowenien, Kroatien und sogar die Schweiz;
  • Dann die Staaten, die aus Angst vor Russland zu deutschen „Satelliten“ geworden sind: Polen, die baltischen Staaten und – aha!- Schweden.
  • Die zahlreichen Staaten, die faktisch von Deutschland beherrscht werden: das sind die gelb markierten…
  • Die braun markierten sind die, die gerade dabei sind, von Deutschland annektiert zu werden. Dazu gehört auch die Ukraine: für Todd derzeit schon le nouveau protectorat Deutschlands: Der Begriff Protektorat ist natürlich nicht zufällig. Er bezieht sich auf das sog. Protektorat Böhmen und Mähren, womit das aktuelle Deutschland in die Tradition des Dritten Reichs gestellt wird. Für Mélenchon (S.121) ist die Ukraine übrigens ein deutsches Sklavenreservat („riche réserve d’esclaves“).
  • Und Frankreich: das hat sich Deutschland aus freien Stücken unterworfen, sich in eine „servitude volontaire“ begeben- eine Behauptung, die ja –wie wir gesehen haben-  jetzt wieder im Zusammenhang mit dem Aachener Vertrag von Rechtsextremen aufgegriffen wurde.[30]

Eine solche Sicht auf Europa ist sicherlich ziemlich bizarr. Aber Todd ist in Frankreich ein durchaus einflussreicher Intellektueller: Sein polemischer Essay „Qui est Charlie“, der sich kritisch mit den Je suis Charlie- Demonstrationen beschäftigt, war ein großer Erfolg und soll in den höchsten Regierungskreisen gelesen worden sein. Und Todd ist –das kann mich sich gut vorstellen- ein auf allen Kanälen gern gesehener Talkshow- Gast.

41mhUeJd6SL._SX341_BO1,204,203,200_ Le choc des empires

Mit wesentlichen Elementen seiner Sicht steht er auch durchaus nicht allein. Vor allem, dass Deutschland die wirtschaftliche und politische Kontrolle Europas übernommen habe. Selbst der europafreundliche Le Monde-Journalist Alain Frachon schreibt im April 2019 in einem Meinungsbeitrag über die Segnungen der Europäischen Union, diese stehe in manchen Bereichen unter der Fuchtel Deutschlands („sous la tutelle allemande“). (30a) Noch deutlich weiter geht seine ehemaliger Kollege Jean-Michel Quatrepoint in seinem 2014 erschienenen Buch :  Le choc des empires.

Und welches sind die Reiche, die da aufeinanderprallen? Es sind die Vereinigten Staaten, China und … – wie man an den Landesfarben auf der Titelseite erkennen kann-  Deutschland!  Das seien die drei Mächte, die die Weltwirtschaft dominieren und um Vorherrschaft ringen. Deutschland habe seit der Wiedervereinigung Schritt für Schritt ein deutsches Europa aufgebaut und so die Rückkehr „de la Germanie“, des Heiligen Römischen  Reichs Deutscher Nation, auf die Weltbühne ermöglicht. „Au fond, l’Allemagne d’aujourd’hui se verrai bien reconstituer ce Saint Empire romain germanique“.[31] Zu diesem Zweck führe  Deutschland  einen Krieg, allerdings nicht mehr mit Panzern, sondern mit Industrieunternehmen, deren Manager ebenso effektiv seien wie früher Rommel und Guderian.  „L’Allemagne fait la guerre…. économique. Elle a remplacé les Panzers par ses groupes industriels, dont les managers sont aussi efficaces que les Rommel et autres Guderian d’hier“. Bemerkenswert übrigens, dass hier zwei Generäle genannt werden, die wesentlich beteiligt waren an dem „Blitzkrieg“ gegen Frankreich. Die Rolle, die nach Quatrepoint dabei für Frankreich bleibt, ist –ähnlich wie aus der Perspektive Todds- die eines Bestandteils des deutschen Reichs („une composante de l’empire allemand“  bzw. einer „province de la Germanie“. [32] Der Autor des Buches ist übrigens ein renommierter Wirtschaftsjournalist (Le Monde, Les Echos etc)   und erschienen ist das Buch bei Gallimard, einem der bedeutendsten Verlage Frankreichs…[33]

 

Vor diesem Hintergrund ist Deutschland natürlich alles zuzutrauen und ist der Aachener Vertrag nur ein neuer Beleg für die „freiwillige Unterwerfung“ Frankreichs unter das „Vierte Deutsche Reich“- ein von Nicolas Dupont-Aignan während der europäischen Schuldenkrise verwendeter und auch bei anderen europäischen Rechtspopulisten gerne verwendeter Begriff.[34] Dass da Elsass-Lothringen Deutschland übergeben werden und Frankreich auf die letzten Reste seiner Größe, nämlich die souveräne Verfügung über seine Atomwaffen und sein Votum und Vetorecht im Sicherheitsrat zugunsten Deutschlands  verzichtet, passt dann ins Bild.

Allerdings darf und muss man sich fragen, wer wirklich in Frankreich solche absurden Falschmeldungen glaubt.

Die Zeitung Le Monde schreibt in ihrem Éditorial vom 23. Januar 2019: Wenn Lächerlichkeit töten könnte, gäbe es auf der politischen Bühne Frankreichs zwei Tote: Marine Le Pen und Nicolas Dupont-Aignan. Glücklicherweise für die beiden, aber unglücklicherweise für die geistige Gesundheit des Landes habe aber Lächerlichkeit in Zeiten sich ausbreitender Verschwörungstheorien und „fake news“ Konjunktur und präsentiere sich in bester Verfassung. Die beiden Führer der extremen Rechten spielten sich auf als Verteidiger der nationalen Souveränität. In Wirklichkeit machten sie nur sich lächerlich und Frankreich damit auch.[36]

Anscheinend gibt es, wie die Paris-Korrespondentin der FAZ, Michaela Wiegel schreibt, „nichts mehr, was so absurd ist, dass es niemand glaubt.“ Die Gelbwesten, die als Protestbewegung gegen Steuererhöhungen angefangen haben, seien „in Teilen im Lager der Verschwörungstheoretiker angekommen“.[35]

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Pickelhaube der Gendarmerie Elsass-Lothringen aus der Zeit zwischen 1871 und 1918

(Titelbild der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 21.1.2019)

In der Tat: Wie aktuelle Untersuchungen belegen, sind die „Gelbwesten“ in ganz besonderer Weise anfällig für die in sozialen Medien grassierenden Verschwörungstheorien. So sind 23% der Personen, die sich  den gilets jaunes zurechnen der Auffassung,  dass es sich bei dem (islamistischen) Attentat auf den Weihnachtsmarkt von Straßburg (Dezember 2018) um eine Manipulation der Regierung  handele, um von der Bewegung der „Gelbwesten“ abzulenken. Sogar 46% dieser Personengruppe sind davon überzeugt,  dass die Einwanderung von den politischen, intellektuellen und publizistischen Eliten bewusst organisiert werde, um die europäische Bevölkerung durch die Einwanderer zu ersetzen! (35a)

Offenbar gibt es in Frankreich auch einen Bodensatz von längst überwunden geglaubten antideutschen Ressentiments. Rechts- und linksradikale Ideologen versuchen die in Krisenzeiten für ihre Zwecke zu mobilisieren und zu nutzen. Ein Höhepunkt in dieser Hinsicht war die europäische Schuldenkrise, wo es vor allem die Haltung der deutschen Regierung gegenüber Griechenland war, die antideutsche Ressentiments befeuerte. Und jetzt ist es die politische und soziale Krise Frankreichs mit dem Vertrauensverlust des Präsidenten, vor deren Hintergrund ein ganz unspektakulärer Vertrag mit Deutschland skandalisiert wird. Der Erfolg dürfte allerdings, so ist zu hoffen, nicht den Erwartungen entsprechen.[37] Dafür hat doch die deutsch-französische Freundschaft inzwischen ein zu breites und festes gesellschaftliches Fundament.  Dazu hat der Elysée-Vertrag von 1963  wesentlich beigetragen, und der Aachener Vertrag bietet einen Rahmen, diese Freundschaft –aller Stimmungsmache zum Trotz- weiter zu vertiefen.

 

Anmerkungen

[1] Bild aus: https://pl.ambafrance.org/Signature-du-Traite-d-Aix-la-Chapelle  Zum Elysée-Vertrag siehe den entsprechenden Beitrag in diesem Blog: Der Elysée-Vertrag, Mythos und Symbol, wird 50: Ein Grund zum Feiern (2012).  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/475

[2] https://www.auswaertiges-amt.de/blob/2178596/7b304525053dde3440395ecef44548d3/190118-download-aachenervertrag-data.pdf

[3] https://www.welt.de/regionales/nrw/article187490210/Hofreiter-Abkommen-ist-Zusammenarbeit-auf-Sparflamme.html

[4] https://www.lemonde.fr/international/article/2019/01/16/entre-la-france-et-l-allemagne-un-nouveau-pacte-peu-d-ambition_5409918_3210.html

[5] So auf einer Veranstaltung der Maison Heinrich Heine über den Aachener Vertrag am  31.1.2019

[6] Jerôme Vaillant auf der genannten Veranstaltung

[7] Marine le Pen: 21,30%; Jean-Luc Melenchon: 19,58%; Nicolas Dupon-Aignan: 4,70% https://www.lemonde.fr/data/france/presidentielle-2017/

[8] So Hans Stark auf der oben genannten Veranstaltung der MHH. Vaillant und Stark haben übrigens das Heft Okt/Dez 2018 der Zeitschrift L’Allemagne d’aujourd’hui herausgegeben, das sich mit den deutsch-französischen Beziehungen im Vorfeld eines „neuen Elysée-Vertrags“ beschäftigt. Siehe: http://www.septentrion.com/fr/livre/?GCOI=27574100718200

[9] Dies ist, wie auch andere entsprechende Beiträge auf diesem Blog- keine wissenschaftliche Untersuchung. Ich schreibe als ein interessierter Beobachter, der -in überschaubarem Umfang- Printmedien nutzt und Internet—Recherche betreibt. Da ich nicht in sozialen Netzwerken wie facebook und twitter unterwegs bin, habe ich diese Medien auch nicht berücksichtigt, soweit sie nicht in von mir benutzten Medien aufgegriffen werden.

(9a) Bruno Cautrès, La France de moins en moins favorable à l’Europe. In: Le Monde 10. April 2019

[10]  Macron abandonne l’Alsace et la Lorraine à l’Allemagne. … La réalité est terrifiante, tragique. Macron va réaliser le rêve d’Hitler avec une France soumise à l’Allemagne et découpée pour agrandir l’Allemagne http://resistancerepublicaine.eu/2019/01/14/abomination-le-22-janvier-macron-abandonne-lalsace-et-la-lorraine-a-lallemagne/

s.a. Jacques Myards Kritik an der „soumission“ Macrons:  (http://www.wikistrike.com/2019/01/traite-d-aix-la-chape-une-boite-de-pandore.html ) Beides eingesehen am 26.1.2019

[11] Siehe: Les ‚gilets jaunes‘, terrain d’influence pour la nébuleuse complotiste. Des figures conspirationnistes de l’ultradroite servent du mouvement pour faire infuser leurs idées notamment sur les réseaux sociaux. In: Le Monde, 20./21. Januar 2019, S. 6

[12] Ausschnitte zitiert in: http://resistancerepublicaine.eu/2019/01/14/abomination-le-22-janvier-macron-abandonne-lalsace-et-la-lorraine-a-lallemagne/   Dort auch Hinweis auf eine nach wie vor zugängliche Ausstrahlung der Botschaft von Monot:

https://gloria.tv/video/zZLspuuQypHr3k7YFpE9Qqz3M

L’Alsace repassera sous régime allemand et la langue administrative sera l’allemand  … Macron, tel un Judas, va livrer l’Alsace et la Lorraine à une puissance étrangère.

Il n’a jamais été mandaté pour engager la France dans une soumission volontaire à l’Allemagne. C’est une haute trahison contre les Français.

Macron prépare un nouveau putsch contre la France. Une véritable trahison de Macron.

[13] https://www.lemonde.fr/idees/article/2019/01/22/traite-d-aix-la-chapelle-laissez-en-paix-l-alsace-et-la-lorraine_5412668_3232.html

[14] https://www.lemonde.fr/les-decodeurs/article/2019/01/18/l-intox-de-marine-le-pen-sur-le-traite-d-aix-la-chapelle-qui-affaiblit-la-france_5411073_4355770.html  Eine gewisse Rolle bei dieser Polemik hat natürlich der Vorschlag von Olaf Scholz gespielt, auf mittlere Sicht solle der französische Sitz im Sicherheitsrat auf die Europäische Union übertragen werden- eine Überlegung, die aber von französischer Seite entschieden zurückgewiesen wurde. Siehe: https://www.huffingtonpost.fr/2018/11/28/lallemagne-relance-le-debat-sur-le-siege-de-la-france-a-lonu

[15] http://www.leparisien.fr/politique/perte-de-souverainete-vente-de-l-alsace-lorraine-texte-cache-ce-traite-d-aix-la-chapelle-qui-nourrit-les-fantasmes-21-01-2019-7993452.php

Der immer wieder vorgebrachte Vorwurf, der Vertrag sei heimlich abgeschlossen worden, ist auch unsinnig. Allerdings ist wohl richtig, dass der Vertragstext erst sehr spät veröffentlicht wurde.  Ein Grund dafür liegt wohl darin, dass der Vertrag, wie auf der o.g. Veranstaltung in der Maison Heinrich Heine erläutert wurde, von französischen und deutschen Diplomaten in englischer Sprache verhandelt und abgefasst wurde. Es mussten dann die jeweiligen Fassungen in den beiden Landessprachen erstellt und abgeglichen werden…

[16] https://www.lopinion.fr/edition/politique/alsace-lorraine-fake-campagne-europeennes-est-lancee-175305

[17] http://www.wikistrike.com/2019/01/traite-d-aix-la-chape-une-boite-de-pandore.htmlLa France n’a dès lors plus de politique étrangère propre mais elle l’exerce sous le contrôle de l’Allemagne capitale Berlin.”

[18] https://www.change.org/p/non-%C3%A0-la-ratification-du-trait%C3%A9-d-aix-la-chapelle

[19] http://www.lefigaro.fr/vox/monde/2019/01/21/31002-20190121ARTFIG00281-le-traite-d-aix-la-chapelle-affecte-la-souverainete-nationale.php

[20] Ivan Rioufol, Les cités, indifférentes aux ‚gilets jaunes‘. In: Le Figaro, 25.1.2019

[21] https://www.huffingtonpost.fr/2019/01/15/gilets-jaunes-comment-le-fantasme-de-lalsace-vendue-a-lallemagne-est-arrive-sur-les-pages-facebook-du-mouvement_a_23643258/   Zu dem in der Twitter-Meldung dreifach wiederholte RIC: Dabei handelt es sich um das sogenannte Référendum d’Initiation Citoyenne, das zu den Forderungen der Gilets Jaunes gehört. Es geht dabei um ein Instrument direkter Demokratie, eine Art Volksbegehren, wobei allerdings Form und Inhalt völlig unbestimmt sind. Für die Europawahlen soll es auch eine Kandidatenliste von gilets jaunes mit dem Namen RIC geben.

[22] http://resistancerepublicaine.eu/2019/01/14/abomination-le-22-janvier-macron-abandonne-lalsace-et-la-lorraine-a-lallemagne/

[23] https://www.ladepeche.fr/article/2018/12/29/2932536-trois-gilets-jaunes-garde-vue-avoir-decapite-pantin-effigie-emmanuel.html

[24]https://lafranceinsoumise.fr/2019/01/22/rp35-traite-daix-la-chapelle-macron-trahit-les-francais/

[25] https://melenchon.fr/2019/01/20/coup-de-force-a-aix-la-chapelle/

[26] Éditions Plon 2015. Der Titel bezieht sich auf das Gericht,  das Angela Merkel François Hollande bei einer Bootsfahrt auf der Ostsee hat servieren lassen. Und der Name Bismarck ist für manche  Franzosen ja schon an sich eine Provokation. Und dann noch ein Hering! Und das einem französischen  Gourmet! Bei dem  Untertitel handelt es sich um ein Wortspiel: Der Hering ist ein poisson allemand. Mélenchon macht aus dem deutschen Fisch aber le poison allemand, also ein deutsches Gift.

[27] « «L’Europe est un continent qui, au XXe siècle, de façon cyclique, se suicide sous direction allemande. Il y a d’abord eu la guerre de 14, puis la deuxième guerre mondiale.» Résultat: «On est en train sans doute d’assister à la troisième autodestruction de l’Europe, et de nouveau sous direction allemande.»

https://www.lesoir.be/art/932378/article/debats/2015-07-09/emmanuel-todd-l-europe-s-autodetruit-sous-direction-allemande

[28] https://www.les-crises.fr/todd-2-les-acteurs-sont-incompetents/

[29]https://www.les-crises.fr/todd-3-l-allemagne-tient-le-continent-europeen/ (September 2014)

und :http://www.liberation.fr/monde/2015/07/10/emmanuel-todd-une-autodestruction-de-l-europe-sous-direction-allemande_1345917

[30] https://www.les-crises.fr/todd-1-la-servitude-volontaire-de-la-france/

(30a) Alain Frachon, Europhobie „y en a marre“. In: Le Monde 5.4.2019

[31] Jean- Michel Quatrepoint, Le Choc des Empires. États-Unis,  Chine,  Allemagne: qui dominera l’économie –monde?,  S. 235

[32] A.a.O., S. 247

[33] http://www.gallimard.fr/Catalogue/GALLIMARD/Le-Debat/Le-choc-des-empires

Siehe dazu auch das Interview mit Quatrepoint: http://lafautearousseau.hautetfort.com/archive/2015/06/24/l-europe-empire-allemand-les-analyses-de-jean-michel-quatrep-5645366.html   Zitat aus: Le Choc des Empires, S. 184

Ähnlich auch der Schriftsteller Nicolas Bonnal : « La domination allemande est absolue en Europe-«  In :  La soumission européenne et le retour du Reich allemand.  fr.sputniknews.com  vom 8.3.2017.

[34] So in einer Twitter Meldung vom 12.7.2015: Da geht es um den „plan mortel“  Deutschlands einer  “soumission totale“ Griechenlands.  Siehe dazu auch: http://lelab.europe1.fr/4e-reich-nicolas-dupont-aignan-revendique-une-provocation-au-nom-de-lamitie-franco-allemande-1367902  Jean-Luc Melenchon von der anderen Seite des politischen Extremismus sah damals Deutschland an der Spitze der „Länder der Achse“ („pays de l’Axe“) – und rückte damit – mit den Worten von Libération (19.7.2015) – in skandalöser Weise das demokratische Deutschland in die Nähe des Nationalsozialismus.

Mit der Charakterisierung der Bundesrepublik als „Viertes Deutsches Reich“ befindet sich Dupont-Aignan übrigens in „bester“ internationaler Gesellschaft. Siehe Tobias Pilcher, Italien geht auf Distanz zu Europa. In: FAZ vom 16.2.2019: „Die Lega hat Gennaro Sangiuliano befördert, der in einem Buich über das ‚Vierte Reich‘ die Währungsunion als die Vollendung deutscher Hegemoniepläne aus der NS-Zeit darstellt; er ist nun Chefredakteur des zweiten Nachrichtenkanals im Staatssender Rai.“

Siehe dazu den Spiegel vom 21.3.2015: Das Vierte Reich. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-132701110.html 

[35] Bild und Zitate aus: FAZ vom 21. Januar 2017. Michaela Wiegel, Das Elsass bald deutsch? Die ‚Gelbwesten‘, Le Pen und der Aachener Vertrag.

(35a)  Jérôme Fourquet (Ifop),  Enquête complotisme 2019: Focus sur le mouvement des ‚gilets jaunes‘. https://jean-jaures.org/nos-productions/enquete-complotisme-2019-focus-sur-le-mouvement-des-gilets-jaunes

[36] Èditorial Le Monde vom 23. Januar 2019: Laissez en paix l’Alsace et la Lorraine!

[37] Ein Indiz ist beispielsweise die  geringe Resonanz auf die oben genannte Petition gegen den Aachener Vertrag auf change.org.

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Das Haus der Mutualité in Paris (2): Der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935 
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Das Hotel Lutetia (2): Geschichten und Geschichte
  • Die Fontänen im Park von Versailles (2): Ausdruck absolutistischen Größenwahns

Street-Art in Paris (4): Monsieur Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier

Dies ist nun der vierte und (zumindest vorläufig) letzte Beitrag  zur Street-Art in Paris.

Die bisherigen Beiträge:

  • Open your eyes, Street-Art in Paris 1, Einführung und Überblick (Dezember 2017)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8875

  • Jeff Aerosol, Jerôme Mesnager und Mosko (Street-Art in Paris 2)

https://wordpress.com/pos t/paris-blog.org/7096

  • Der Invader (Street-Art in Paris 3)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/7397

(Außerdem gibt es in dem Beitrag über das Stadtviertel Belleville auch einen Abschnitt zur dort weit verbreiteten Street-Art:

  • Das multikulturelle, aufsässige und kreative Belleville: Modell oder Mythos?

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2092 )

 

Nachfolgend werden drei weitere,  ganz unterschiedliche, auch mit unterschiedlichen Techniken arbeitende,  originelle und aus Paris nicht wegzudenkende Street-Art-Künstler vorgestellt:  Thomas Vuille, das „Herrchen“ von Monsieur Chat, Miss Tic mit  der charakteristischen Kombination von Frauenfiguren und nachdenklichen oder provozierenden Sprüchen, und Fred le Chevalier und seine poetischen Figuren. Für diesen wie für die vorhergehenden Beiträge gilt der Hinweis, dass es sich bei  der Street-Art um eine ephemere Kunst handelt: Es ist also nicht garantiert, dass es  die nachfolgend abgebildeten Werke heute noch gibt- zumal die Fotos über einen längeren Zeitraum hinweg gemacht wurden. Aber wie auch bisher schon: Sie sollen dazu anregen, mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen. Und wenn man dann manches vermissen wird: Es gibt immer genug Neues zu entdecken!

 

Monsieur Chat

Der fette und meist gelbe Kater, der den Flaneur ab und zu von den Pariser Hauswänden –angrinst, heißt Monsieur Chat.

Künstlerhaus Goutte d'Or Jan 14 018

Hier zum Beispiel ziert er das  geschlossene Rollgitter des Künstlerhauses im Goutte d’Or. Ein paar Schritte weiter –passender Weise in der rue Mann-Chat-  freuen sich gleich mehrere Kater, dass die mit der republikanischen Kokarde geschmückte Marianne Menschen aus aller Welt an ihre Brust nimmt.[1]

Rue Mann-Chat 036

Oft hat er sich Plätze ausgesucht, die ziemlich weit oben und scheinbar unzugänglich sind, wie hier in der rue Drevet im 18. Arrondissemet.

Rue Drevet 18. Arr. Fetter Kater

M Chat ist auf den ersten Blick wiederzuerkennen. Es handelt sich aber immer um originale Figuren, während Miss Tic und Fred le Chevalier Techniken verwenden, die identische Reproduktionen und entsprechend auch vielfache Variationen ermöglichen.

Manchmal lässt er sich sogar auf ziemlich waghalsige Klettertouren ein, zum Beispiel auf ein  Dach neben der Kirche Saint- Merry. Sehen kann man ihn da aber nur von der oberen Aussichtsplattform des Centre Pompidou – bzw. von dem dortigen Café/Restaurant aus und auch nur dann, wenn man das wunderbare Panorama eingehender betrachtet.

St Merry vom Centre Pompidou IMG_9031

Sein „maître“ heißt Thoma Vuille, der inzwischen auch internationale Karriere gemacht hat.[2]  In Paris bekommt er Aufträge renommierter Adressen: z.B. die Ausmalung der Rollgitter des ehemaligen Kaufhauses BHV Homme in der rue de la Verrerie im Marais.

M Chat rue de la Verrerie IMG_0029 (3)

Diesen Teil des Kaufhauses gibt es nicht mehr; die grinsenden matous trösten etwas über die  Tristesse der geschlossenen Läden hinweg.

Ziemlich trist ist auch ein kleiner Platz im 11. Arrondissement, an dem ich fast täglich auf meinem Weg zum marché d’Aligre vorbeikomme. Da brachte M Chat 2012 etwas Freude und Farbe hinein, was eine amerikanischen Touristin zu der Bemerkung veranlasste, Frankreich im Allgemeinen und Paris im Besonderen hätten wohl ein anderes Verhältnis zur Street-Art, als sie es von den Vereinigten Staaten her kenne, wo Street-Art im Allgemeinen als Vandalismus behandelt werde.

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Allerdings kann, wie wir noch sehen werden, auch M Chat davon ein trauriges Lied singen, und seine Werke leider oft auch, gerade wenn der grinsende Kater einmal nicht auf den Dächern von Paris herumspringt, sondern die Passanten auf Augenhöhe ansieht wie hier. [3]

2013 habe ich an dem kleinen Platz ein Foto gemacht, da  war die Wand  ziemlich beschmiert, und inzwischen  sind Kater und Blumen ganz verschwunden, wie auch sein Kollege, den es damals ganz in der Nähe gab.

Das kann man bedauern, muss es aber als Begleiterscheinung des ephemeren Charakters der Street-Art wohl akzeptieren.

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In einem Tunnel der promenade plantée (12. Arrondissement)  hat sich der Kater unter andere -zum Teil prähistorische Tiere- gemischt und scheint sich da offensichtlich wohl zu fühlen.  Aber wie lange noch? (aufgenommen im März 2019)

Der grinsende Kater bringt also –zumindest zeitweise- etwas Freude und Farbe in die Stadt, was allerdings nicht alle so sehen:  Im Oktober 2016 wurde Thomas Vuille zu einer Geldstrafe von 500 Euro wegen Sachbeschädigung verurteilt, „pour délit de dégradation d’un bien appartenant à autrui“.  Grund: er hatte eine Rohbau- Mauer (!) des Gard du Nord, die eine Metallverblendung erhalten sollte, zwischenzeitlich mit seinem Kater verziert.  Für die staatliche SNCF war das  Anlass für eine Anzeige und für den Staatsanwalt schwerwiegend genug, für Thomas Vuille, der  ja immerhin Wiederholungstäter sei, 3 Monate Gefängnis ohne Bewährung zu fordern, was erhebliches Aufsehen erregte. (Angesichts solcher staatsanwaltlicher Usancen  wundert es einen übrigens nicht, dass viele französische Strafanstalten hoffnungslos und z.T. sogar in menschenrechtswidriger Weise überbelegt sind.[4])   Die Richter des „Tribunal de Grande Instance de Paris“ (!) haben aber immerhin davon abgesehen, M Chat ins Gefängnis zu stecken. Allerdings bleibt an M Chat der Vorwurf der „dégradation“, der Beschädigung, hängen, was für ihn  allerdings nicht nachzuvollziehen ist. Er habe sich gerade an diesem Begriff gestört, stellte er in einem Interview mit dem Figaro fest. „Ich betrachte mich nicht als jemand, der Sachen beschädigt.“ Angesichts der tristen Verhältnisse um ihn herum sei es doch  ein dringendes  Bedürfnis sich zu entspannen. Mit seinem Kater versuche er, ein positives Symbol zu schaffen, das die Menschen daran erinnere, dass  es Hoffnung gibt.  Aber das habe, wie das Urteil zeige, eben seinen Preis.[5]

Die SNCF kann also offenbar keinen Unterschied machen zwischen Schmierern einerseits, die  ganze Züge mit  ihren tags verunstalten, sie manchmal sogar in die Scheiben einritzen, und andererseits einem echten und prominenten Street-Art- Künstler, dessen Kater  an einer Baustelle  des Nordbahnhofs  strafbar ist,  an anderen Stellen aber hochwillkommen: So offensichtlich am Eingang der renommierten École nationale supérieure des beaux-art im Pariser Quartier latin…

001 Kater Ecole des Beaux Arts

Inzwischen ist M Chat auch in Kunstgalerien und Ausstellungen  vertreten. So  in der Galerie de la Sablière in der vornehmen rue de Grenelle in Paris, wo er zu den unverkäuflichen Ausstellungsstücken gehört oder in der Urban Art-Ausstellung 2017 in der Völklinger Hütte (Weltkulturerbe), wo er zu den Ehrengästen gehörte.

Und vor einigen Jahren wurde er sogar eingeladen, den Vorplatz des Centre Pompidou mit seinem Besuch zu beehren.[6]

M.-Chat-Vuille-Beaubourg-1973

Ende 2017/Anfang 2018 gab es in Paris eine Ausstellung mit dem schönen Titel „M Chat aime Paris“  in dem Hotel mit dem schönen Titel „Jules & Jim“, in der Nähe der Métro – Station Arts et Métiers gelegen, worauf das nachfolgende Plakat hinweist. Die Ausstellung markiert  und feiert den 20. Geburtstag von M Chat.[7]

Expo monsieur chat

Dass M Chat Paris liebt, ist hoffentlich auch in dieser kurzen Präsentation deutlich geworden,  auch wenn der Eiffelturm auf dem nachfolgenden Bild sicherlich nicht so sympathisch dargestellt ist wie der lachende, geflügelte Kater.

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Und dass M Chat in der gerade im Umbau begriffenen Metro-Station Place de Clichy die leere unansehnliche Plakatfläche mit seinem Kater verziert, macht ihn zusätzlich sympathisch. Die RATP wird hoffentlich nicht so verbohrt sein wie die SNCF und das als Sachbeschädigung verfolgen…. (Aufgenommen am 27. Januar 2019)

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Miss Tic

Bei einer Übersicht über die Pariser Street-Art-Künstler darf natürlich Miss Tic nicht fehlen, die seit 1985 in Paris vertreten ist. Hinter dem Pseudonym Miss Tic verbirgt sich Radhia de Ruiter, die sich als „Poetin der städtischen Kunst“ versteht. Sie wurde 1956 in Paris geboren – der Vater war ein aus Tunesien stammender Arbeiter, die Mutter Französin. Viele ihrer Bilder finden sich in dem Viertel Butte aux Cailles im 13. Arrondissement, wo sie aufgewachsen ist.

An einem Restaurant auf dem Butte aux Cailles

Das Männliche bringt es voran- aber wohin?  Ich suche die Wahrheit und eine Wohnung

 

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Stärker als die Leidenschaft ist die Illusion  (Butte aux Cailles)

Miss Tic Butte aux cailles IMG_9985 (2)

Die Poesie ist ein unbedingt notwendiger Luxus

(rue du moulin des prés, Butte aux Cailles)

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Rue des cinq diamants, Butte aux Cailles

Miss Tic Buttes aux Cailles (16)

Dieses Pochoir an der Place Verlaine (Butte aux Cailles) ist sicherlich eine Antwort von Miss-Tic auf die  Anschläge vom 13. November 2015.  Denn  Ziel der Anschläge waren damals  auch mehrere Terrassen von Bars mit ihren Freiheit und Lebensfreude verkörpernden Besuchern;   den islamistischen Terroristen verhasst, so dass sie die „terrasses de la vie“ zu Terrassen des Todes machten. Aber -so die Botschaft von Miss-Tic: diese Freiheit, an der wir umso wütender und trotziger hängen, lassen wir uns nicht nehmen!

Auch in dem  11. Arrondissement, in dem wir wohnen, finden sich viele  Arbeiten von ihr, in der rue de la Forge Royale, einer kleinen Seitenstraße der rue de la Faubourg Saint-Antoine, gleich dreimal und gleich dreimal spielen dabei Katzen eine wichtige Rolle:

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Ich zerbreche nicht nur die Herzen

 

 

 

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Wir sind keine Hunde/Ihr sollt uns nicht wie Hunde behandeln

Das Atelier Elio, das maßgeschneiderte Bilderrahmen herstellt, hat das Bild von Miss Tic sogar verglast und eingerahmt, sodass es vor möglichen Beschädigungen geschützt ist.

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Ich habe aufgegeben/das Handtuch geworfen

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Die freundliche Besitzerin des Ladens hat mir erklärt, wie sie zu der Arbeit von Miss Tic gekommen ist: Die habe nämlich eines Tages  angefragt, ob sie dort ein Bild anbringen dürfe. Es handelte sich also nicht um eine bezahlte Auftragsarbeit, sondern um ein Angebot der Street-Art-Künstlerin, das gerne angenommen wurde und auch entsprechend geehrt wird.

Das  Markenzeichen von Miss Tic  ist die Kombination von Bildern –meist jungen langhaarigen Frauen, manchmal auch femmes fatales- und kurzen Sprüchen, die oft zum Nachdenken anregen wollen. Auf der Website von Miss Tic ist das so formuliert:

Avec des dessins de femmes caractéristiques et des phrases incisives, ses créations expriment la liberté. Tout son art repose sur un subtil mélange de légèreté et de gravité, d’insouciance et de provocation. [8]

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Die Leidenschaft verschlingt die Zeit, die Liebe genießt sie (11. Arrondissement)

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Madame träumt,  Monsieur schnarcht

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Liebe, Ruhm und Botox (Place Voltaire, 11. Arrondissement)

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Ein Übermaß an Vergnügen ist ausgezeichnet für die Gesundheit (In Abänderung des Anti-Raucher Slogans: l’abus d’alcool est dangereux pour la santé)   (rue Faidherbe, 11. Arr., ebenfalls Butte aux Cailles)

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In der rue Faidherbe ist jetzt allerdings ein marokkanischer Traiteur eingezogen und seitdem gibt es dort kein „Übermaß an Vergnügen“ mehr….  (Aufnahme April 2019)

 1997 wurde auch Miss Tic wegen Beschädigung einer Wand angezeigt und 2000 in letzter Instanz zu 4.500 Euro Geldbuße verurteilt. Inzwischen kann sie solche Summen sicherlich aus der Portokasse bezahlen: Sie arbeitet für Zeitschriften, ist in Ausstellungen vertreten und macht Werbung: Die Mietwagen von Ucar haben bzw. hatten mehrere Jahre lang  ihren Slogan von Miss Tic erhalten: Louer c’est rester libre/Mieten heißt frei bleiben.[9]

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Und auf einem Brief, den uns unsere Freundin Marie-Pierre im September 2013 schickte, klebte eine Miss Tic-Briefmarke mit –natürlich- einem für sie typischen Motiv…

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Es ist ein Hundewetter (Sauwetter) – bei Miss Tic allerdings nicht in der üblichen männlichen Form (temps de chien), sondern der weiblichen.

Zum Schluss dieses Abschnitts noch eine kleine Suchaufgabe:

Auf der Website von Miss Tic[10] sind zwei im Sommer 2017 von ihr gestaltete Wände in Paris abgebildet –jeweils wieder mit charakteristischen Wortspielen:

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Eine Frau, die man diffamiert (femme/diffame)

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Die Liebe verleiht Flügel, damit man dann umso besser gerupft/entblättert werden kann.

Leider wird aber nicht mitgeteilt, wo diese beiden Arbeiten zu finden sind. Über „sachdienliche Hinweise“ würde ich mich freuen. (10a)

 

Fred le Chevalier

Fred le Chevalier verwendet nicht wie Miss Tic die Schablonentechnik (Pochoir), sondern er bedruckt Papier, das er dann an die Wände klebt. Es sind also Collagen aus bedrucktem Papier,  eine Technik, die zwar auch zahlreiche Reproduktionen und Variationen ermöglicht, aber sehr anfällig ist gegenüber den Unbilden der Witterung und dem Vandalismus, zumal seine Arbeiten –anders als viele von M Chat- leicht zugänglich sind.  Diese junge Frau neben den Mülltonnen in der Impasse de  Mont-Louis im 11. Arrondissement hatte jedenfalls nur ein kurzes Leben.

Fred Impasse de Mont-Louis IMG_8917

Und die Königin (oder Zauberin?) in der rue de Charonne (11. Arrondissement schmückte auch nur für kurze Zeit die triste Hauswand, die Fred le Chevalier für sie ausgesucht hatte.

Fred Rue de Charonne

In der rue de Ramponeau, wo wir öfters vorbeikommen, gibt es (April 2019) nur noch einen viel versprechenden  Text. („Es wird eine Zukunft für die Ewigkeit geben.„) Das dazugehörige Bild ist leider verschwunden.

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Ihm war offensichtlich nur eine kurze Zukunft beschieden, geschweige denn Ewigkeit. Hoffentlich ist der Frau an der ehemaligen Bäckerei in der rue Léon Frot Nr. 64 (11. Arrondissement- aufgenommen Dezember 2018) ein etwas längeres Dasein vergönnt, auch wenn Fred le Chevalier in der Legende dieses Bildes -passend zum Ort- auf die  Vergänglichkeit des Lebens hinweist („Les années nous ont pixelisé).

DSC03222 Fred le Chevalier (4) - Kopie

Die Vergänglichkeit  ist  für Fred le Chevalier in der Tat  ein wesentliches Element der Street-Art.

„I think that one of the most beautiful aspects of street art is that you put up something and you don’t know whether it will be there for five minutes, or one year. It’s part of the game to know that they might disappear, and it’s part of the beauty to know that they will disappear, it is a paradox.“[11]

Allerdings ist das Verschwinden seiner Collagen für mich besonders bedauerlich.  Man findet seine Figuren in kleinen Passagen, vergessenen Ecken und versteckten Plätzen: Er schmückt mit ihnen gerne besonders triste Ecken der Stadt schmückt – sie verdienten also durchaus ein etwas längeres Leben.

Fred le Chevalier kommt aus Angoulême, was für seine Entwicklung eine große Rolle spielt,  wie er in einem anderen  Interview bekannte:

I do not have a fine art degree, my background is not coming from the street or the graffiti world. I’m from Angoulême where there is a comics festival, so “image” was therefore ultra-present in my life , plus a dad who was painting and a mother who reads a lot . So if I mix it all; it gives a natural focus to drawing, and an approach to the street which is quite logical, because there a sense of gratuitousness, freedom and do things spontaneously.[12]

Seinen Künstlernamen hat  sich Fred le Chevalier wegen seiner Liebe zur ritterlichen Welt und der entsprechenden Literatur (Dumas, Cervantes) gewählt und seine Motive sind auch oft aus diesem Bereich gewählt. Die Papierschnitte sind meistens schwarz/weiß, aber ein rotes Herz gibt es fast immer – und manchmal ist es auch –wie man sehen kann- rot/grün. Seine Arbeiten sind außerordentlich poetisch und phantasievoll, und es ist immer eine Freude etwas (Neues) von ihm zu entdecken.

Ein Schwerpunkt seiner Arbeiten ist  Ménilmontant im 20. Arrondissement und da vor allem die Place de Ménilmontant:

Place de Menilmontant 003

 

Die Arbeiten Freds sind manchmal auch mit einer Botschaft versehen, so die Arbeiten zur Legitimität  gleichgeschlechtlichen Partnerschaften – oft  mit der unmissverständlichen Unterschrift „L’amour n’est jamais sale“ (Die Liebe ist nie schmutzig)

Fred le Chevalier Place de Ménilmontant 045

9899829115_74910c0fd8_b Fred le Chevalier L'amour n'est jamais sale

Eine für Fred le  Chevalier eher untypische schriftliche und ausführliche Botschaft enthält die nachfolgende Arbeit: Passend zum multikulturellen  und politisch aktiven Stadtteil Belleville (siehe Blog-Beitrag über Belleville), wo ich sie gefunden habe, ist es ein Aufruf zum friedlichen Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Glaubens und (in ironischer Variante)  zum politischen Engagement: Die protestantischen Staaten wie Schweden, Finnland, Deutschland, USA, Neu Seeland etc seien alle reich. Also: „soyons protestants“.

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Wie die anderen in dieser Street-Art-Reihe vorgestellten Pariser Straßenkünstler hat Fred le Chevalier inzwischen ein „Gesicht“ und einen Namen, und damit auch eine ganz offizielle und wohl auch ruecharlesdelescluze11eme036 existenzsichernde Präsenz im öffentlichen Raum.

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Hier zum Beispiel sein Logo für die u.a. von der Stadt Paris organisierte Veranstaltungsserie „Paris, face cachée“ 2019 (https://www.parisfacecachee.fr/)

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Ein Buch mit Zeichnungen hat Fred auch veröffentlicht, worauf es in  „Le Bouquin qui bulle“ in der Rue de l’Orillon (11. Arrondissement, November 2018)  einen schönen Hinweis gibt.  (13):

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Wir sind alle Könige in einem Land, das nicht existiert

Und auf seiner Website findet man Hinweise auf seine Ausstellungen.[14]

Es gilt also auch hier:

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(Puzzle-Teil von Bea Pyl in der rue Charles Delescluze im 11. Arrondissement)

Anmerkungen:

[1] Siehe den Blog-Beitrag: La Goutte d’or oder Klein-Afrika in Paris (Mai 2016)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/1077

[2] http://www.monsieurchat.fr/

http://www.lefigaro.fr/arts-expositions/2016/10/14/03015-20161014ARTFIG00222-pas-de-prison-pour-monsieur-chat.php

[3]  https://maratinage.wordpress.com/2012/11/08/street-art-in-paris-lart-de-la-rue-a-paris/

[4] Surpopulation: Les prisons françaises sont des cocottes-minute‘. Le Monde, 8.8.2016: http://www.lemonde.fr/police-justice/article/2016/08/08/surpopulation-carcerale-le-numerus-clausus-une-question-de-courage-politique-adeline-hazan-controleure-generale-des-lieux-de-privation-de-liberte-surpopulation-les-p_4980010_1653578.html

[5]http://france3-regions.francetvinfo.fr/centre-val-de-loire/loiret/pas-prison-thomas-vuille-auteur-monsieur-chat-1107727.html

[6] http://archeologue.over-blog.com/article-m-chat-observe-l-affrontement-de-jean-luc-melanchon-et-de-marine-le-pen-a-henin-beaumont-106547196.html

[7] https://www.sortiraparis.com/arts-culture/exposition/articles/154590-m-chat-aime-paris-l-exposition-a-l-hotel-jules-jim

http://www.leparisien.fr/paris-75/paris-monsieur-chat-fete-ses-20-ans-24-11-2017-7413261.php

[8] http://missticinparis.com/biopresse/biographie/

[9] http://archeologue.over-blog.com/article-miss-tic-a-la-une-les-uns-et-les-unes-en-couverture-detournee-120568914.html

Über aktuelle Aktionen und  Ausstellungen informiert die home-page von Miss Tic: http://missticinparis.com/actualites/

[10] http://missticinparis.com/  (Zugriff Januar 2018)

(10a) Eine Pariser Bekannte, die Miss Tic kennt, hat bei ihr wegen der beiden Arbeiten angefragt. Miss Tic hat zwei Hinweise gegeben:  Die „femme qu’on diffame“ hat etwas mit Amélie Poulain zu tun und beide Arbeiten befinden sich im 18. Arrondissement. Das könnte doch das „jeu de piste“ erleichtern…..

[11] http://fredlechevalier.blogspot.fr/p/biographie.html

[12] http://www.isupportstreetart.com/interview/13933/

(13)   https://www.lapionniere.com/boutique/hors-collections/fred-le-chevalier

[14] http://fredlechevalier.blogspot.de/p/accueil.html

 

Weitere geplante Beiträge:

  • fake news, nostalgischer Nationalismus und antideutsche Ressentiments: Der deutsch-französische Freundschaftsvertrag von Aachen schlägt in Frankreich Wellen
  • Das Haus der Mutualité in Paris (2): Der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935 
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Das Hotel Lutetia (2): Geschichten und Geschichte
  • Die Fontänen im Park von Versailles (2): Ausdruck absolutistischen Größenwahns

Das Hotel Lutetia (1): Ein Bauwerk zwischen Art Nouveau und Art Déco im neuen Glanz

In einem Bericht über das nach vierjähriger Renovierung 2018 wieder eröffnete Hotel Lutetia in Paris schreibt die Süddeutsche Zeitung:

„Könnte man alle Gäste des vergangenen Jahrhunderts hier versammeln, dann stünden nicht nur Charles de Gaulle, Pablo Picasso und Heinrich Mann gemeinsam an der Bar,“ dann träfen in der Lobby auch deutsche Offiziere des militärischen Geheimdienstes, der von 1940-1944 das Hotel requirierte, auf Überlebende deutscher Vernichtungslager, die dort 1945 aufgenommen wurden.[1]

Das Hotel Lutetia, das einzige Grand Hotel  auf der linken Seine-Seite, ist, das wird schon hier deutlich, nicht nur ein „Hotel der großen Namen“[2] – die drei von der Süddeutschen Zeitung Genannten sind nur eine sehr kleine Auswahl- sondern auch ein Hotel voller Geschichte – und Geschichten.

Und es ist ein herausragendes Bauwerk  zwischen  Art-Nouveau (Jugendstil) und Art Déco, das nach längerer Renovierung und Umgestaltung jetzt wieder in neuem/alten Glanz erstrahlt.[3]

Dementsprechend  gibt es auch zwei Beiträge zum Hotel Lutetia. Den nachfolgenden über das Bauwerk und einen weiteren über seine hundertjährige wechselhafte Geschichte, in dessen Zentrum der cercle Lutetia stehen wird. Damit ist der Versuch deutscher Hitler-Gegner  bezeichnet,  in den 1930-er Jahren eine deutsche Volksfront nach französischem Vorbild zu schaffen. Schauplatz dieses von Heinrich Mann präsidierten Versuchs  war das Hotel Lutetia – eines der vielen faszinierenden Kapitel der Geschichte dieses Hotels.

Zunächst also zum Bau:

Einen schönen Blick auf das Lutetia hat man von dem  Denkmal der Madame Boucicaut  aus, das sich in der kleinen gegenüber liegenden Grünanlage, dem Square Boucicaut,  befindet.

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Diese ist benannt nach Aristide Boucicaut, der im 19. Jahrhundert zusammen mit seiner Frau Marguerite das auf der anderen  Seite der Anlage gelegene Kaufhaus  Bon Marché zum ersten großen und damals weltweit führenden Warenhaus entwickelte.[4] Mit dem Bon Marché wollten sie ihre damals revolutionären Verkaufsideen in großem Stil verwirklichen: Auf 7 Etagen gab es, bei offenen Türen und fest ausgezeichneten Preisen,  rund um Einrichtung und Kleidung alles zu kaufen, was damals neu und modisch war. Es gab Rabattaktionen, Sammelbildchen und Bon-Marché-Luftballons für Kinder, die damit zu Werbeträgern wurden….  Und ein großer Fuhrpark mit Pferdegespannen stand bereit, die erworbenen Waren den Käufern nach Hause zu liefern: Eine „cathédrale de commerce pour un peuple de clients“, wie es Emile Zola in seinem Roman „Au bonheur des dames“ nannte. Zu diesem quasi sakralen Charakter des Kauf-Tempels trug natürlich auch seine Architektur bei, und die hatten die Boucicauts Louis-Charles Boileau, einem Schüler des großen Viollet-le-Duc anvertraut, und für die Metallkonstruktionen war niemand Geringeres als Gustav Eiffel verantwortlich!  Marguerite Boucicaut  setzte nach dem Tod  ihres Mannes dessen Arbeit  fort und  unterstützte eine Vielzahl karitativer Einrichtungen, vor allem aber  ihre Angestellten, deren soziale Fürsorge ihr in bestem paternalistischen Sinne sehr am Herzen lag, Dieses Engagement  wird durch das Denkmal gewürdigt.

Zwischen dem Kaufhaus Bon Marché und dem Hotel Lutetia gibt es aber nicht nur die räumliche Nähe und die Verbindung durch den Square Boucicaut:  Das  1910 eingeweihte Hotel verdankt nämlich seine Entstehung dem Kaufhaus: Es war vor allem für wichtige auswärtige Kunden und Lieferanten bestimmt, die in der Nähe des Kaufhauses  ihrem Lebensstil entsprechend logieren konnten: „Le MAXIMUM du confort et du bien-être pour le MINIMUM de dépense“, wie es 1919 in einer Werbung für das Hotel hieß. Es war deshalb auch nicht ganz so protzig ausgestaltet wie das Ritz, das Carlton, das Majestic oder das George V auf der anderen Seite der Seine.[5]

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Ducken oder gar verstecken brauchte und sollte sich das Lutetia aber durchaus nicht. Betrachtet man vom Square Boucicaut  aus die Fassade des Hotels,  bekommt man einen Eindruck von der Bedeutung und dem Selbstbewusstsein der Bauherren.  Außergewöhnlich ist allein schon die stark rhythmisierte Fassade, vor allem  aber die einem Schiffsbug nachempfundene Rundung an der Ecke von Boulevard Raspail und Rue de Sèvres. Von daher wurde der Bau ja auch gerne „célèbre paquebot parisien“ genannt.[6]

Mit dieser Architektur grenzt sich das Hotel  demonstrativ ab von der Gradlinigkeit und teilweisen Uniformität der Haussmann‘schen Fassaden.  Und die Assoziation mit dem Schiffsbug ist sicherlich gewollt: Das Hotel trägt immerhin den Namen Lutetia, der  in großen Lettern und unübersehbar auf die Fassade gemeißelt ist. Es ist der Name der römischen Siedlung auf der linken Seine-Seite, bevor die Stadt dann den Namen des keltischen Stamms der Parisii übernahm. Das Hotel hat dann auch gleich ziemlich auftrumpfend  das Wappen der Stadt als ihr Logo übernommen: Ein unsinkbares Schiff auf hoher See mit dem Leitspruch: Fluctuat nec mergitur. (Sie wird von den Wellen hin und her geworfen, aber sie sinkt nicht). Das gilt für Paris, aber es soll auch für das Hotel gelten.

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Dem Schiff auf hoher See begegnet man gleich  im Eingangsbereich des Hotels hinter dem Portal: Ein großes Mosaik, das noch aus der Entstehungszeit des Hotels stammt, aber dann lange verdeckt war.

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Dass das Hotel –wie schon das benachbarte Kaufhaus-  architektonisch auf der Höhe der Zeit war, dafür bürgten der Architekt Louis-Hippolyte Boileau, der Sohn des Architekten des Bon Marché, und der Bildhauer Paul Belmondo, der Vater des Schauspielers Jean-Paul Belmondo, der für die reichen Verzierungen der Fassade verantwortlich zeichnete.

Eine besondere Rolle spielen bei der Ausschmückung der Fassade Weinlaub und -trauben, Blumen und Vögel. Das erinnert an die Geschichte, als an den Hängen des Montparnasse noch Wein angebaut wurde und an die Gärten, die es einmal dort gab, wo jetzt das Hotel steht. Die Ornamente sind aber auch ein wichtiges Element des in Paris  ja sehr lebendigen Baustils des Art Nouveau, der hier gewissermaßen seinen Abschluss findet.[7]

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Seit 2018 erstrahlt die Fassade wieder in altem Glanz. In den Jahren davor war sie teilweise mit Netzen verhangen, um Passanten vor möglicherweise herabstürzenden Fassadenteilen zu schützen. Dann war sie vier Jahre lang mit einer Attrappe und einem Werbeplakat verdeckt.

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Foto der Fassade aus dem Jahr 2016

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Der Haupteingang des Hotels  Boulevard Raspail und sein mit Jugendstilelementen verziertes Vordach

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Vor allem aber wurde das Hotel innen grundlegend renoviert, saniert und –zum Beispiel durch den Einbau  eines Marmor-Schwimmbads- auf das Niveau eine 5-Sterne-Hotels gehievt. Allerdings betonen die Verantwortlichen des Hotels  seine Sonderstellung unter den Luxushotels der Stadt:  Immerhin ist es das einzige rive gauche, also des Universitäts- und Künstlerviertels. Und es ist –nach Einschätzung von Le Monde-  „l’hôtel le plus ‚intello‘ de Paris“.  Angesprochen werden sollen nicht Geschäftsreisende und russische oder nahöstliche Milliardäre,  sondern –sicherlich wohlhabende- Besucher aus aller Welt, die von dem Flair der Kulturmetropole Paris und der rive gauche angezogen werden.  Das Hotel soll nach den Worten seines Direktors ein Hotel bleiben, in dem nicht Unternehmen die Rechnung bezahlen, sondern die Kunden selbst, und das sollen Menschen sein, die nicht nur Luxus wollten, sondern Authentizität.[8]

Die Bewahrung der besonderen Authentizität des Lutetia war –wie auch schon bei der Renovierung des Hauses der Mutalité[9]– ein besonderes Anliegen des verantwortlichen Architekten, Jean- Michel   Wilmotte.[10] Allerdings war die Aufgabe beim Lutetia besonders delikat: Denn zunächst einmal wurde vor der Renovierung gewissermaßen tabula rasa gemacht: Das Hotel wurde leer geräumt, über 3000 Objekte wurden versteigert, darunter die noch erhaltenen Möbel der Erstausstattung – natürlich damals geliefert vom Bon Marché-  dazu Kunstgegenstände, die im Verlauf der 100-jährigen Geschichte zusammengekommen waren, oft von Künstlern wie César (César Baldaccini) oder Arman (Armand Pierre Fernandez) gestaltet, die dem Lutetia in besonderer Weise verbunden waren.  So beherbergte das Lutetia gewissermaßen eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Damit war es mit der vorläufigen Schließung des Hotels 2014 vorbei – ebenso mit der  der etwas verstaubt- altertümlichen,  aber anheimelnden Salon-Atmosphäre aus Plüsch und noblem Nippes.

Zwei Objekte aus der früheren Einrichtung des Lutetia

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Hier der Salon vor der Renovierung  mit der Skulptur „Clarté“  von Max le Verrier.[11] Für diese  Frauenfigur mit dem Licht in den ausgestreckten Händen standen gleich drei Frauen Modell: eine für den Kopf, eine für die Brust und eine dritte für die Beine.

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Sie wurde 1985 in der Ausstellung „Lumières“ im Centre Pompidou gezeigt. Der  Wikipedia-Artikel über Max le Verrier gibt noch an, zwei Exemplare der Skulptur seien im Hotel Lutetia zu sehen. Aber das war einmal….[12]

Authentizität hat das Hotel mit seiner neuen Sachlichkeit sicherlich verloren. Es hat aber Authentizität hinzugewonnen, indem bei der Neugestaltung durch Wilmotte ursprüngliche Elemente von Jugendstil und Art Déco besonders  zur Geltung gebracht wurden.

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so die originale Drehtür und Lampen im Foyer mit seinen schon von der Fassade bekannten Stuck aus Wein und Vögeln.

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… oder die zentrale Halle mit ihren Jugendstilornamenten und dem –noblesse oblige- Lutetia-Wappen ….

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und dem weiß verputzten Tonnengewölbe mit seinen Stuck- Olivenzweigen nachempfundenen Stuckelementen.

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Von der zentralen Halle aus erreicht man unter anderem die Bar. Sie ist nach Josephine Baker benannt, die früher zu den Stammgästen des Hauses gehörte. Vielleicht hat sie dort auch –nur mit Bananen bekleidet- einen ihrer legendären Tänze aufgeführt.[13]

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Es  steht auch schon –wie früher- das Klavier bereit – auch wenn es wohl nicht mehr das aus dem von Jacques Dutronc geschriebenen Song des französischen Sängers Eddy Mitchell Au bar du Lutetia ist.[14] Das  Lied erinnert an Serge Gainsbourg,  „der auf seinen nächtlichen Eskapaden durch Saint-Germain-des-Près immer irgendwann in der Bar des Hotel Lutetia landete.“ [15]

Er setzte sich dann, so singt es Mitchell, einfach ans Klavier, das seine Stimme schon kannte, sang  As time goes by oder spielte vierhändig mit den Musikern. Der Kellner brachte ihm, je nachdem, ob  er gut oder schlecht gelaunt aussah, einen „102“ (doppelter Pastis) oder einen Bloody Mary.

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Um ihn herum leicht bekleidete Top- Model- Frauen, die darauf warten, dass sich der Mann mit dem Wuschelkopf in einen Wolf verwandelt. Und  die schicken Gäste finden all das amüsant. Jetzt –das Lied ist 2003 nach dem Tod Gainsbourgs geschrieben-  spiele der Pianist des Lutetia  alleine, während der Freund mit den Engeln trinke.

Maintenant, ça n’est plus ça 
Au bar du Lutetia.

Donnerstags, freitags und samstags  gibt  es  im neuen Lutetia zwischen 19.30 und 22.30 kleine Jazzkonzerte in der Bar Joséphine (15a) – ein idealer Ort für einen Apéro…

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Das Ambiente ist nämlich einzigartig:  Bei der Renovierung wurden  Jugendstil-Fresken von Adrien Karbowsky aus der Entstehungszeit des Hotels entdeckt, freigelegt und sehr aufwändig restauriert.

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Sie sind inspiriert von den Klostergärten, auf deren  Boden das Hotel  1910 erbaut wurde.[16]

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Die großen Fenster zur Straße lassen viel Licht in den Raum und stellen nach dem Selbstverständnis des Hotels gewissermaßen ein demokratisches Element dar:  Sie ermöglichen den Blick der Gäste nach draußen und der Passanten nach innen- anders übrigens als in anderen Pariser Hotels dieser Kategorie.

Einziger Schönheitsflecken nach Ansicht der Zeitung Le Parisien, der ich mich nur anschließen kann: Der nicht gerade einladende Preis für ein Tässchen Kaffee:, nämlich 7 Euro[17], der dann vielleicht doch die Pariser des Viertels abschrecke …

Einen Blick zumindest sollte man auch in das Restaurant „Saint Germain“ werfen. Die ursprüngliche Glasdecke des Raums wurde übernommen, allerdings von dem Maler Patrice Hyber bunt bemalt, so dass  sich bei Sonne die Farben an den Wänden spiegeln.

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Und die Motive passen zu dem ursprünglichen Konzept des Hotels- es  könnten ja gewissermaßen die Puppen und Spielzeuge sein, die die Gäste 100 Jahre zuvor im Kaufhaus Bon Marché gekauft haben. Anders als in der Brasserie des Hotels, die im Januar 2019 in Betrieb geht und von dem 3-Sterne Koch Gérald Passédat geleitet wird, soll das Essen in dem Restaurant einigermaßen erschwinglich sein: Von Montag bis Freitag wird ein déjeuner für 28 Euro angeboten (Fleisch, Fisch und vegetarisch zur Auswahl). Und man hat, wie der Parisien in seiner Ausgabe vom 2. November 2018 mitteilt, dabei gute Aussichten, als Zugabe „têtes connues“  wie Isabelle Huppert, Claude Lelouche oder den früheren Ministerpräsidenten Lionel Jospin zu sehen….

Ein Gewinn für das neue Lutetia ist sicherlich auch der Innenhof.  Bei den Renovierungsarbeiten wurde die bisherige Decke entfernt, so dass jetzt gewissermaßen eine offene innere Terrasse entstanden ist.

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Und die schönen Verzierungen der Wände –und natürlich auch das Lutetia- Wappen- sind jetzt sichtbar.

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Und dann gibt es natürlich noch den wunderbaren Salon Cristal – früher Salon Président-  in dem sich in den 1930-Jahren deutsche Antifaschisten versammelten, um eine deutsche Volksfront zu bilden. Aber dazu mehr im zweiten Teil dieses Beitrags.

 

Versuch einer Bilanz

Das Hotel hat durch die Renovierung zwar einiges an sympathisch-verstaubtem  Charme eingebüßt, aber es hat auch einiges dazugewonnen. Die Absicht Wilmottes war es, diesem  „außergewöhnlichen und legendären Ort“ seinen alten Glanz zurückzugeben und es den Anforderungen des 21. Jahrhunderts anzupassen. Dazu seien die Architekturelemente von Art Nouveau und Art Déco eine Verbindung mit modernem Design eingegangen.[18]  Pierre Assouline, immerhin Autor eines schönen Romans über das Hotel Lutetia und Jury-Mitglied des Prix Goncourt, findet jedenfalls die Renovierung „wirklich gelungen. Es war höchste Zeit, dass man das Lutetia ein bisschen auffrischt. Natürlich gibt es immer die Nostalgiker, nur hatte das Hotel ja so, wie es zuletzt war, sowieso nichts mehr mit dem  Ursprung zu tun. Es war wahnsinnig dunkel, Fresken waren übermalt, Glasüberdachungen zugemauert. … Es wirkte langsam wirklich heruntergekommen.“[19]

Nach einem Rundgang durch die „Gemeinschaftsräume“ des Hotels im Erdgeschoss kann man sich diesem Urteil anschließen. Aber dann gibt es natürlich –wir befinden uns ja in einem Hotel- auf 7 Etagen  137 luxuriöse Zimmer und 47 Suiten, von denen einige über eine private Panorama-Terrasse verfügen und für die die Nacht bis zu 25 000 Euro kostet. Ein „normales“ Zimmer ist laut booking.com  „schon“ ab 750 Euro zu haben. Dazu neuerdings auch ein marmornes Schwimmbad mit Spa-Abteilung, was wohl notwendig ist, wenn man ein 5-Sterne-Hotel sein und sogar in die exquisite und exklusive Gruppe der „palace“-Hotels aufsteigen will.[20]  Die Zimmer verbreiten nach unserem Eindruck allerdings eher den  Eindruck eines etwas beliebigen aseptischen Luxus, aber wahrscheinlich gab es da –anders als im Erdgeschoss- keine verborgenen architektonischen Schätze aus Jugendstil und Art Déco zu heben. (Die Suiten mit grandiosem Blick auf Eiffelturm und Invalidendom konnten wir leider nicht sehen, da waren noch die Renovierungsarbeiten in vollem Gang).

Es wird sich zeigen, ob Assouline recht behält oder die Nostalgiker, ob Catherine Deneuve und Milan Kundera, die ein Gang von nur fünf Minuten vom „Lutetia“ trennt,  bereit sein werden,  sich mit dem  neuen Lutetia „in alter Treue zu verbinden“[21] und ob es noch einmal eine  solche Liebeserklärung an das neue  Lutetia geben wird wie die von Juliette Gréco[22]:

Je vais au Lutetia!

D’accord retrouvons-nous là.

Nous y sommes tous allés

Nous y retournons tous

Toujours avec au cœur

Ou au corps des raisons diverses

La plus importante étant la ‚Rencontre‘

Il y a toujours un visage, une voix, une musique

qui fait que nous sommes plus heureux, plus

riches, plus fous qu’ailleurs.

J’y ai retrouvé ma mère, ma sœur, survivantes.

J’y retrouve ceux que j’aime aujourd’hui

Autour d’un verre, d’un plat, d’un gâteau…

C’est bon et c’est vivant, chaleureux et élégant.

Merci

À tout de suite 

Juliette Gréco

 

 

Literatur:

Willy Jasper, Hotel Lutetia. Ein deutschen Exil in Paris. München/Wien 1994

Pierre Assouline, Lutetia. Roman. Paris: Gallimard 2005. Deutsche Ausgabe: Lutetias Geheimnisse. München 2006

Pascaline Balland d’Almeida, Hôtel Lutetia. L’esprit de la Rive Gauche. Paris 2009

 

 Anmerkungen

[1] https://www.sueddeutsche.de/reise/frankreich-pariser-chic-1.4058103

[2] http://www.faz.net/aktuell/stil/drinnen-draussen/lutetia-das-hotel-der-grossen-namen-feiert-wiedereroeffnung-15687572.html (FAZ vom 12.7.2018)

[3] Ein Dank an Mme Servat-Moscovici, die sich die Zeit genommen hat, uns das neue Lutetia zu zeigen. Merci!

[4] https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/geschichte-der-warenhaeuser-kathedralen-des-handels/1797958.html

[5] http://www.leparisien.fr/paris-75/l-hotel-lutetia-ressuscite-les-traces-de-son-glorieux-passe-20-09-2016-6134055.php

Bild aus: http://foodandsens.com/made-by-f-and-s/chefs-on-parle-de-vous/le-nouvel-hotel-lutetia-paris-a-ouvert-ses-portes-cette-semaine/

[6] http://lartnouveau.com/belle_epoque/architectes_paris/lutecia.htm

[7] Siehe die beiden Beiträge über Hector Guimard auf diesem Blog: Hector Guimard, Jugendstil in Paris. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/9873 und Hector Guimard in Paris (2): Die Synagoge in der rue Pavée und das Grabmal auf dem Père Lachaise. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10036

[8] https://www.lemonde.fr/economie/article/2014/04/12/lifting-cinq-etoiles-pour-le-lutetia_4400212_3234.html

[9] Siehe den entsprechenden Blog-Beitrag über das Haus der Mutualité: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10658

[10] http://www.wilmotte.com/fr/projet/388/Le-Lutetia-hotel-5

[11] Bild aus: Pascaline Balland d’Almeida, Hôtel Lutetia. L’esprit de la Rive Gauche. Paris 2009

[12] https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Le_Verrier

[13] https://www.welt.de/kultur/article127401146/Hier-wohnten-Hitlers-Gegner-dann-seine-Spione.html

[14] https://www.paroles.net/eddy-mitchell/paroles-au-bar-du-lutetia

[15] Zitiert und nachfolgend zum Teil übernommen von: https://www.zeit.de/entdecken/2018-07/hotel-lutetia-saint-germain-des-pres-wiedereroeffnung

(15a) Das jeweils aktuelle Programm auf der homepage des Hotels unter der Rubrik „le Jazz auf Lutetia“:   https://www.hotellutetia.com/fr/bar-josephine

[16] http://www.leparisien.fr/paris-75/paris-au-bar-josephine-on-redecouvre-le-lutetia-27-08-2018-7866162.php

[17] http://www.leparisien.fr/paris-75/paris-au-bar-josephine-on-redecouvre-le-lutetia-27-08-2018-7866162.php

[18] https://inthemoodforhotelsdeluxe.com/2018/01/11/ouverture-de-lhotel-lutetia-au-printemps-2018-premieres-informations/

[19] Zitiert in: https://www.zeit.de/entdecken/2018-07/hotel-lutetia-saint-germain-des-pres-wiedereroeffnung

[20] https://www.france.fr/fr/paris/article/dans-les-coulisses-de-la-renovation-de-lhotel-lutetia-a-paris

[21] https://www.welt.de/kultur/article127401146/Hier-wohnten-Hitlers-Gegner-dann-seine-Spione.html

[22] Hôtel Lutetia Paris, S. 7

 

Geplante weitere Beiträge

  • Der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935 im Haus der Mutualité in Paris
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier
  • Das Hotel Lutetia (2): Geschichte und Geschichten
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris: Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen

Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch- deutsche Flüchtlingsgeschichte. Teil 2: Die Waldenser in Hessen-Homburg

Im ersten Teil des Blog-Beitrags über die Waldenser   (  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10790  ) ging es um ihre  Ursprünge im Lyon des Mittelalters, um ihre wechselhafte Geschichte von Duldungen und Verfolgungen, vor allem im Luberon, und schließlich um ihre Vertreibung aus dem Piemont Ende des 17. Jahrhunderts. Dieser Beitrag behandelt die Aufnahme von Waldensern in Deutschland, vor allem die Ansiedlung einer zunächst aus Frankreich und schließlich auch aus dem Piemont vertriebenen  Flüchtlingsgruppe im hessischen Dornholzhausen, heute ein Ortsteil Bad Homburgs.

 

Die Aufnahme von Waldensern  in Deutschland

Die Aufnahme von Waldensern in Deutschland wurde begünstigt durch die positiven Erfahrungen, die Landesherren einige Jahre vorher mit der Aufnahme von Hugenotten gemacht hatten. Diese waren zum Teil schon im 16. Jahrhundert vor der Repression des Herzogs von Alba aus den spanisch besetzten Niederlanden geflohen, zum Teil Ende des 17. Jahrhunderts aus Frankreich nach der Aufhebung des Toleranzedikts von Nantes durch Ludwig XIV.   Die Hugenotten hatten sich als außerordentlich arbeitsam und geschäftstüchtig erwiesen, sie hatten neue Manufaktur- Techniken aus ihrer Heimat mitgebracht und waren damit eine große Bereicherung für die lokale  Wirtschaft ihrer Aufnahmeländer. Und der hugenottische Adel leistete seinen neuen Landesherren als hochqualifizierte Beamte treue Dienste. Der Berliner Gendarmenmarkt mit seinen zwei Kirchen, dem deutschen und dem französischen Dom, ist ein eindrucksvolles Zeugnis für die bedeutende Rolle, die die eingewanderten Hugenotten in Deutschland spielten. Und dass das lutherisch geprägte Frankfurt, ja selbst das katholische Köln wallonische Hugenotten aufnahmen, zeigt, dass der erhoffte und dann ja auch tatsächlich eingetretene wirtschaftliche Nutzen sogar strenge konfessionelle Grenzen überwinden konnte.

DSC02655 Waldenserweg hessen (2)

Wie verbreitet die Aufnahme von Glaubensflüchtlingen  in Hessen war, zeigt diese Karte (1), wobei  trotz der Bezeichnung „Waldenserweg“ auch die Ansiedlung von Hugenotten berücksichtigt ist.  Zu dem kleinen Hessen-Homburg gehören die drei nördlich von Frankfurt gelegenen Orte Bad Homburg, Friedrichsdorf und Dornholzhausen.  Landgraf Friedrich II. von Hessen-Homburg, der legendäre Prinz von Homburg, dem Heinrich von Kleist ein literarisches Denkmal gesetzt hat, war  von der Ansiedlungs- und Wirtschaftspolitik des Berliner Großen Kurfürsten beeindruckt. „Angesichts der Verwüstungen des Dreißigjährigen Kriegs und entsprechender Einwohnerverluste war es also nicht nur Mitleid mit den Glaubensbrüdern, sondern bei der Aufnahme verfolgte der Landgraf durchaus wirtschaftliche Interessen“, wie die Friedrichsdorfer Stadtarchivarin Erika Dittrich schrieb.

Also erließ Landgraf Friedrich II. schon im August 1684 einen offenen Brief, in dem er „Teutsche von allen im römischen Reich geduldeten Religionen vor allem aber Hugenotten“ zur Ansiedlung einlud. Ein Jahr später verfasste Friedrich ein zweites Schreiben, in dem er ausdrücklich „französische Flüchtlinge“ ansprach. Dittrich: „Mit Steuerprivilegien und der Aufhebung des Zunftzwangs sah der Landesvater die Chance, seinem Minisprengel neue Impulse zu geben.“ Er hoffte auf höheres Steueraufkommen, denn schließlich erwartete er den Zuzug von Handwerkern und Kaufleuten. Die ersten Ankömmlinge siedelte Friedrich in der Homburger Neustadt an.

1687 verfasste er erneut eine Schrift, in der er Flüchtlingen, die sich in Homburg und dem Umland ansiedeln wollten, zehnjährige Steuerfreiheit, kostenlosen Baugrund und Material gewährte. „Sogar der Schultheiß sollte aus ihren Kreisen stammen, auch ein eigener Gerichtsschreiber wurde ihnen versprochen“, so Dittrich. Als Gegenleistung forderte Landgraf Friedrich den Treueeid der Neubürger.

Die von Hugenotten gegründete „colonie francaise“ in Friedrichsdorf prosperierte, die  Hugenotten verbesserten durch die Einführung eines speziellen Strumpfstrickstuhls die Strumpfwirkerei und  erwiesen sich besonders durch die Einführung und Herstellung von Zwieback als höchst innovativ. Dazu blieben die Kolonisten  dem Herrscherhaus eng verbunden. Sie benannten den Ort nach ihm und setzten ihm 200 Jahre später aus Dankbarkeit die Landgrafensäule, die heute auf dem Landgrafenplatz an den Namensgeber der Stadt erinnert.[1]

Es gab also geradezu einen internationalen Wettbewerb, in dem europäische Landesherren mit Privilegien um die Ansiedlung der vertriebenen Hugenotten warben. Die blieben zum Teil in der Schweiz, zum Teil wanderten sie nach England oder in die  Niederlande weiter, andere folgten der Werbung des Großen Kurfürsten und einige eben auch der des Homburger Landgrafen.

Die Aufnahme der aus dem Piemont vertriebenen waldensischen Bergbauern erwies sich dagegen als etwas schwieriger.  Zunächst zogen sie in die Schweiz, wo sie allerdings nur vorübergehend aufgenommen wurden; und zwar mit der Auflage, sich nach anderen Wohnplätzen umzusehen, weil sie, wie es in einer zeitgenössischen Quelle heißt, „fast sämtlich mittellos und sehr übel bekleidet waren, und der größte Teil in Witwen, Weib und Kindern, auch vielen Kranken bestand“.[1a]

Aufgenommen wurden sie schließlich von protestantischen deutschen Landesherren, und zwar in Württemberg und vor allem im damals territorial zersplitterten Hessen, nämlich Hessen-Kassel, Hessen-Darmstadt, Hessen-Homburg und Nassau-Dillenburg.

Der erste aufnahmebereite deutsche Landesherr war übrigens der Landgraf Ernst-Ludwig von Hessen-Darmstadt, der am 2. Mai 1699 ein Aufnahmeedikt erließ, das in seinem – später auch von anderen Landesherrn übernommenen- ersten Artikel den Waldensern ein hohes Maß an Freizügigkeit garantierte:

libre exercice de leur religion (…) en la langue françoise, italienne et allemande (…) se servant de leur liturgie (…) et suivans les règles de leur discipline.“ (2a)

Diese Großzügigkeit war insofern bemerkenswert, als Hessen-Darmstadt und Württemberg, wo die meisten Waldenser aufgenommen wurden,  lutherische Territorien waren und das Verhältnis von Lutheranern und Reformierten ja -vorsichtig ausgedrückt- sehr distanziert war. Aber den Waldenser-Pfarrern Jacques Papon und Henri Arnaud, die die Ansiedlung der Flüchtlinge  mit den jeweiligen Landesherren verhandelten und organisierten, gelang es, die Waldenser-Bewegung  gewissermaßen als Vorläufer der Reformation, als „Mater Reformationis“, zu präsentieren. Von daher konnten die lutherischen Landesherren hoffen, dass sich die Waldenser bald in die lutherischen Landeskirchen  integrieren würden.

Zum Teil wurden die Waldenser in schon bestehenden  Orten aufgenommen, zum Teil gründen sie neue Orte, sogenannte französische Kolonien. Manchmal sind diese Kolonien schon an  ihren Namen erkennbar: In Württemberg sind das zum Beispiel die Orte Pinache, Perouse und Serres, in Hessen-Kassel  Gottstreu und Gewissensruh, in Südhessen Walldorf.

Natürlich spielten auch bei der Aufnahme der Waldenser demographische und ökonomische Gründe eine Rolle. Oft wurden sie in regional abgelegenen oder unterentwickelten Gegenden angesiedelt wie in Nordhessen oder im Odenwald (Wembach, Rohrbach, Hahn).  Aber gerade bei diesen armen Bergbauern aus den Alpen, bei denen die Hoffnung auf ökonomischen  Nutzen nicht allzu groß sein konnte, wird die „christliche Compassion“ durchaus auch eine Rolle gespielt haben. .[3]

Wenn es um die Aufnahme der Flüchtlinge in Hessen-Homburg geht, wird  gerne das Wort des Landgrafen zitiert- gerichtet an Kritiker der Aufnahme von Flüchtlingen und der ihnen zugebilligten Privilegien: „Lieber will ich mein Silbergeräte verkaufen, als diesen armen Leuten die Aufnahme zu versagen.“

Der legendäre Ausspruch des Prinzen von Homburg und die von ihm aufgenommenen Glaubensflüchtlinge vom Landgrafendenkmal im Bad Homburger Kurpark

Gemeint ist damit die Beinprothese des Prinzen von Homburg, die bis heute im Bad Homburger Schlossmuseum besichtigt werden kann. Sie ist zwar nicht aus Silber, ist aber immerhin mit silbernen  Scharnieren versehen. Gerichtet war dieser Satz an einheimische Kritiker, die es in Hessen-Homburg offenbar ebenso gab wie in anderen Territorien, die Glaubensflüchtlinge aufnahmen: Immerhin erhielten sie ja – anders als die alteingesessenen Untertanen- erhebliche Unterstützungen und Privilegien, die Neid und Konkurrenzängste durchaus wecken konnten.  Aber gerade vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert,  dass auf dem Landgrafendenkmal im Bad Homburger Kurpark die Aufnahme von Flüchtlingen durch den Landgrafen auf der dem Park zugewandten Schauseite platziert ist – ein Hinweis auf die Rolle dieser Aktion im dynastischen Selbstverständnis.

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Allerdings bestand für den Verkauf des „Silbergeräts“ kein Anlass: Die Aufnahme der Hugenotten erwies sich, wie zu erwarten,  als eindeutiger Gewinn für die kleine Landgrafschaft, und die Bereitschaft des Landgrafen zur Aufnahme von 40 Waldenserfamilien war an die Bedingung geknüpft, dass die protestantischen Mächte, also England und die Niederlande, für sie garantieren würden. Unter diesen Umständen konnte sich der Landgraf ohne allzu großes Risiko als großmütig gegenüber den Glaubensflüchtlingen aus Frankreich und Italien erweisen. Die „christliche Compassion“ hatte also -zumindest anfänglich- eine sichere Grundlage. [4]

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Die Waldenser in Dornholzhausen (Hessen-Homburg)

Die Koordination der Ansiedlung waldensischer Flüchtlinge wurde von einem Niederländer übernommen, dem Generalbevollmächtigten Pierre Valkenier. Er verhandelte ab Oktober 1689 zusammen mit den Waldenserpfarrern Papon und Arnaud mit dem Landgrafen. „Mit großer Sorgfalt bemühten sich die Pfarrer darum, dass die Flüchtlinge eine ausreichende Existenzgrundlage erhielten. So verließen sich weder die Pfarrer noch der Generalbevollmächtigte auf die landgräfliche Beschreibung der Siedlungsplätze, sondern sahen sich selbst die in Aussicht gestellten Örtlichkeiten genau an, um bei dem Angebot des Landgrafen, in der Stadt oder auf dem Land zu siedeln, das für diese Flüchtlingsgruppe geeignetste herauszusuchen und zu entscheiden, wie viele Siedler dort eine neue Lebensgrundlage finden könnten. So zog man der Stadt, wo die Siedler einen Platz für einen Garten, einen Hühnerstall und ein mittelgroßes Haus bekommen sollten, das sie auf eigene Kosten bauen mussten, den sogenannten „Reisberg“ vor,  wo dreißig bis vierzig Familien je 10 Morgen Land erhalten konnten.“[5]

Schließlich ließen sich zunächst 40 waldensische Familien aus Méan (Meano) am Oberlauf der Chisone  in der Gemarkung des ehemaligen wüst gefallenen Dorfes „Dürreholzhausen“ nieder, aus  dem dann der Name des neuen waldensischen Dorfs, Dornholzhausen, abgeleitet wurde.

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Mit  einem solchen Kahn kamen die  Dornholzhäuser Waldenser aus der Schweiz ins Hessische

Von den am 28. Juli 1699 eingetroffenen Familien blieben allerdings nur 30, „da das Gelände deutlich kleiner als zugesagt war und nicht für alle eine ausreichende Lebensgrundlage bot.“[6]

Die neuen  Siedler erhielten vom Landgrafen eine Gründungsurkunde: Die „Déclaration en Faveur des Vaudois“, die  in 35 Artikeln das Leben der Gemeinde und ihr Verhältnis zur Landesherrschaft festlegte.  Im Vergleich zu den anderen Untertanen erhielten die neuen Siedler wesentliche Privilegien, die eine spezifische Entwicklung des Waldenserortes zuließen. Den Waldensern wurde die freie Ausübung ihrer Religion garantiert einschließlich der Pfarrerwahl. Sie durften aus ihren Reihen mit Stimmenmehrheit ein eigenes „Gericht“  wählen, bestehend aus Bürgermeister, Schöffen und  „telles autres personnes, qu’ils jugeront le plus capables[7] Der Landgraf behielt sich nur die Bestätigung der Gewählten vor. Die Kompetenzen des „Gerichtes“ bedeuteten ein großes Maß an Selbständigkeit: Es war Verwaltungsorgan, hatte die öffentliche Ordnung mit Hilfe einer Polizei zu garantieren, Notare zu bestellen und war erste und alleinige Instanz in zivilrechtlichen Fällen mit einem Streitwertobjekt bis zu 50 Gulden. Bei Fällen mit höherem Streitwert war das Gericht erste Instanz, aber es konnte Berufung beim fürstlichen Rat eingelegt werden. Die Siedler hatten also das verbriefte Recht, vor ihr eigenes Gericht gestellt zu werden. Damit waren sie  vor einer durch Sprachschwierigkeiten bedingten ungünstigeren Verhandlungsposition geschützt.

Als Gegenleistung musste jeder Siedler dem Landgrafen „bei dem Platz, den ich im Paradies erstrebe“, geloben und versprechen, ein guter und treuer Untertan zu sein – eine eleganter Kompromiss zwischen dem Anspruch des Souveräns auf Gefolgschaft seiner Untertanen und dem waldensischen Verbot, einen Eid im Namen Gottes zu schwören.

Die Siedler legten in Dornholzhausen –wie auch in anderen waldensischen Niederlassungen- eine regelmäßige Siedlung an entlang einer geraden Straße, der heutigen Dornholzhäuser Straße.

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             Auszug aus dem Dornholzhäuser Lageplan von 1825

Die Häuser waren giebelständig und bestanden aus Erd- und Dachgeschoss. Im Erdgeschoss befanden sich die Küche und zwei Zimmer, im Dachgeschoss eine Kammer. Hinter den Häusern gab es  lange  Grundstücke, wo die Siedler Stallungen anlegen und Obst und Gemüse für den Eigenbedarf anbauen  konnten. (8)

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In der Dorfstraße (Dornholzhäuser Straße 28) ist noch ein Haus im ursprünglichen Zustand erhalten. Es steht unter Denkmalschutz  und wäre  ein idealer Ort für ein kleines Waldenser-Museum….

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Neben den  Grundstücken erhielten die Waldenser auch Baumaterial für öffentliche und private Bauten und Holz zum Heizen.  Für die ersten sechs Jahre wurden sie von jeglichen Abgaben und Fronden freigestellt und es gab Erleichterungen für Gewerbetreibende. Ausdrücklich wurde der Ort vom Zunftzwang ausgenommen. Diese Privilegien wurden bis 1866, also bis zum Aussterben der herrschenden Fürstenlinie, von jedem neuen Landgrafen bestätigt.

Trotz dieser Privilegien, die großzügig erscheinen mögen, herrschte bei den Waldensern große Armut. Das wird aus den Nachlass-Inventaren deutlich, die die landgräfliche Verwaltung mit großer Genauigkeit erstellte. Im Nachlassinventar der Witwe Louise Berthalot, verheiratet mit dem 1697/1698 in Méan/Pragelas geborenen Jean Berthalot, also einem Mitglied der ersten Siedler-Generation, finden sich unter anderem folgende Posten:

Als erstes wird das Haus mit Scheune, Stall und Ländereien, „sowie 2 1/4 Tagewerke Wiesen“ im Wert von 600 Gulden genannt. Die Ländereien bestanden lediglich aus insgesamt 5 1/4 Morgen Getreidefeldern, auf denen Weizen, Gerste, Hafer und Kartoffeln angebaut wurden. An Tieren werden eine alte Kuh und ein Kalb aufgeführt, dazu eine Ziege, 5 Hennen und ein Hahn. Die Haushaltsgegenstände zeugen von großer Bescheidenheit, so zum Beispiel „eine kleine Bettstelle mit einer Federdecke, eine Schlummerrolle aus Leinen und ein Strohsack“. Aufgeführt werden sogar „1 Omlettwender“, „1 kleiner (Lenden-)Schurz“ und „1 alter zerbrochener (Koch-)Topf“. Und was bei Waldensern nicht fehlen darf: „1 alte Bibel“ und „2 Lobgesänge“. (9)

Trotz ihrer kärglichen Lebensumstände errichteten die Dornholzhäuser Waldenser Anfang des 18. Jahrhunderts in der Ortsmitte eine Kirche. Die Grundsteinlegung erfolgte 1702  in Anwesenheit des Landgrafen.

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Es ist ein schlichtes Kirchengebäude, in dessen Zentrum sich, wie in reformierten Kirchenbauten üblich, die Kanzel  befindet, hier mit der französischen Aufschrift „Je trouve ici mon asile“ (Hier finde ich meine Zuflucht) [10]

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Die französischen Liedtafeln rechts und links der Kanzel

Einziger Schmuck der Kirche sind die aus den 1970-er Jahren stammenden bunten Kirchenfenster.

Eines zeigt das Wappen der Waldenser, den auf der Bibel stehenden Leuchter (allerdings ohne die Umschrift: lux lucet in tenebris), das andere das Wappen der Waldensergemeinde Dornholzhausen: eine kräftige Palme mit breiter Krone. Dieses Motiv hat auch das alte Siegel der Kirchengemeinde, versehen mit der Umschrift (übersetzt):  „Der Gerechte wird grünen wie ein Palmbaum. Waldenser-Kirche von Dornholzhausen“. [11]

bisheriges-siegel Dornholzhausen

Die ersten Pfarrer wurden, wie auch in anderen waldensischen Kolonien, mit sogenannten „englischen Pensionen“ und Kollektengeldern unterstützt.  Erster Pfarrer der Gemeinde war David Jordan, der auf der Flucht Furchtbares erlebt hatte. „Zeitweise war er als Sklave in Algier festgehalten worden. Weil er gut Englisch sprach, schickte ihn die Synode wiederholt nach England, um die Weiterzahlung der Pension zu erreichen. Seine Gemeinde musste oft ohne ihn auskommen. In seiner Abwesenheit fasste sie den Entschluss, sich der französisch-reformierten Kirche in Homburg anzuschließen.“ So verließ Jordan 1717  aus Verärgerung Dornholzhausen und ging nach Offenbach.[12]

Die Genfer Bibel von 1563

Die Evangelische Waldenser-Kirchengemeinde hat einen besonderen Schatz, eine französische Bibel, welche François Perrin 1563 in Genf gedruckt hat.

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Ob die Waldenser diese Bibel auf ihrer Flucht nach Dornholzhausen mitbrachten, bleibt offen. Sie wiegt immerhin 6,5 kg. Andererseits trägt die Bibel die typischen Merkmale der Flucht: zur „Tarnung“ fehlt das Titelblatt, während im Innern das Titelblatt des Neuen Testaments erhalten  ist.

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Trotz der erheblichen Privilegien, die die Dornholzhäuser Waldenser erhalten hatten, war ihre wirtschaftliche Situation zeitweise alles andere als zufriedenstellend. Von 1717, als Pfarrer Jordan Dornholzhausen verließ,  bis 1754 war die Gemeinde nicht einmal mehr fähig, einen eigenen Pfarrer zu unterhalten.  (Die Gottesdienste wurden damals von Homburger und Friedrichsdorfer Pfarrern gehalten).  Die Siedler betrieben zwar etwas Landwirtschaft auf dem kargen Boden des alten „Dürreholzhausen“, aber das reichte offenbar nicht für ihren  Lebensunterhalt. Zusätzlich hatten sie fast alle auch handwerkliche Berufe, hauptsächlich Strumpfwirker und damit im Zusammenhang stehende Berufe. Das war Heimarbeit,  vor allem im Dienste hugenottischer Fabrikanten aus Friedrichsdorf, die dann aber auch eigene Manufakturen in Dornholzhausen errichteten. [13]

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Blütezeit der Dornholzhäuser Strumpfwirkerei war die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts. Aus dieser Zeit stammt folgender Bericht:

„In Folge des Wiederaufblühens von Handel und Gewerbe in ganz Europa konnte auch die Dornholzhäuser Strumpfwaren-Fabrikanten ihre alten Geschäftsverbindungen wieder anknüpfen und bezogen die Frankfurter Messen wieder mit Nutzen. Dem ganzen Dörfchen konnte man auch äußerlich den Wechsel ansehen. Überall in den Höfen und an den Straßen waren in langen Reihen auf den Mauersimsen die nach dem Färben über Formen gespannten Strümpfe zum Trocknen aufgestellt: ein wohltuendes Bild menschlichen Gewerbefleißes. Der Wohlstand nahm in rapider Weise zu, was namentlich dadurch in Erscheinung trat, dass bald das eine, bald das andere Haus ein Stockwerk aufsetzte und eine Anzahl ehemaliger Wohnhäuschen in Färbereien umgewandelt wurden.“[14]

Von Dauer war dieser Aufschwung allerdings bedingt durch die Umwälzungen der industriellen Revolution nicht.  Für etwas Beschäftigung  sorgte ab 1841 die Errichtung der Spielbank in Bad Homburg, „weil man hier wegen der vielen französischen Gäste gerne französisch-sprechende  Dienstmädchen und Portiers einstellte.“[15]

Französisch wurde nämlich in Dornholzhausen lange gesprochen: Unter sich redeten die Siedler wahrscheinlich Patois, eine vom Französischen und Italienischen beeinflusste provencalische Mundart. „In der Schule, der Kirche und im öffentlichen Gebrauch wurde Französisch gesprochen. Die  französische Sprache gehörte so sehr zur Identität der Dornholzhäuser Siedler, dass man noch an ihr festhielt und für den Erhalt kämpfte, als immer mehr Deutsche im Ort lebten. So reichte man Gesuche an den Landgrafen auch noch dann französisch ein, als dieser sie ausdrücklich auf Deutsch forderte.“ Die Sprache des  Gottesdienstes war bis Mitte des 19. Jahrhunderts ausschließlich das Französische. Erst am 8. Februar 1857 fand zum ersten Mal ein deutscher Gottesdienst in der Kirche statt. „Vorsichtshalber schickte der Bürgermeister zwei Gendarmen, weil er Störungen befürchtete, zu Unrecht, wie sich herausstellte.“[16]

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Konfirmationsurkunde von 1868 in französischer Sprache

Ende des 19. Jahrhunderts wurden dann aber alle kirchlichen Amtshandlungen in Deutsch vorgenommen. Dazu trug auch bei, dass die Gemeinde keinen zweisprachigen Lehrer mehr bezahlen konnte. Der „französische“ Pfarrer, der noch einige Zeit etwas Französisch-Unterricht erteilte, wurde schließlich abgefunden und ging zurück zu seinen Schwiegereltern nach Genf. Im Jahr 1899 war das Französische dann fast ganz erloschen und man konnte die 200-Jahrfeier der Gründung des Ortes „nicht mehr als französische Kolonie“ feiern, wie es in der Chronik heißt.[17] Immerhin hatten die waldensischen Flüchtlinge aber fast 200 Jahre lang ihren sprachlichen Eigencharakter bewahren können!

Betrachtet man die Namen der Schultheißen und Bürgermeister Dornholzhausens von der Gründung 1699 bis zur Eingemeindung als Ortsteil Bad Homburgs 1971, dann ist schon an den Namen der langjährige französische Charakter des Ortes erkennbar: Bis 1879 gibt es nur französische Namen: David Jordan, Pierre Conrad Médrat, Pierre Héritier, Jacques Chérigaut, mehrere Angehörige der Familie Bertalot, Jean Gallet, Jacob Vallon, Jaques Désor,  Jean Georges Deisel, Louis  Achard etc. Und auch danach gibt es noch Bürgermeister französischer Herkunft wie Fritz Deisel (1919-1923), allerdings jetzt mit einem gerade aus damaliger französischer Perspektive nicht sehr sympathischen deutschem Vornamen-  und Charles Désor (1945-46).[18]

Alte hugenottische und waldensische Familiennamen und französische Inschriften findet man noch auf dem Friedhof von Dornholzhausen. Dort gibt es  Grabmäler mit französischen Inschriften und alten hugenottischen und waldensischen Familiennamen.

DSC00286 Dornholzhausen Mai 2018 (11)

Ursprünglich lag der Friedhof hinter der Kirche und hieß damals mit Recht „Kirchhof“. In den Kirchenbüchern trug der jeweilige Pfarrer den Geburtstag und auf die Minute genau den Zeitpunkt des Todes ein, sowie das Alter und die Namen der Eltern. Bei den Hugenotten gab es anfangs überhaupt keine Grabmale, und in späterer Zeit waren sie relativ einfach und schlicht. Ähnliche Anschauungen mögen auch die Waldenser gehabt haben. Und für aufwändige Grabmale fehlte sicherlich sowieso  das erforderliche Geld.

DSC00255 Dornholzhausen Friedhof Mai 2018 (5)

DSC00255 Dornholzhausen Friedhof Mai 2018 (6)

Im Laufe der Zeit wurde der Friedhof hinter der Kirche voll belegt. Pfarrer August Humbert, der 1848 von Neuchâtel nach Dornholzhausen gekommen war, schenkte nach seiner Pensionierung der Kirche einen Acker in der Flur „Im Langenfeld“ für einen neuen Friedhof. Die Kirche übernahm die Kosten für die Mauer, ein eisernes Tor und die Anpflanzung einer Tannenhecke. Aus dem vorherigen „Kirchhof“ wurde ein Gemüsegarten, den der Schullehrer bepflanzte.[19]

Einer der waldensischen Namen Dornholzhausens war der Familienname „Bertalot“. Mitglieder der Familie siedelten sich nicht nur in Dornholzhausen an, sondern auch in anderen waldensischen Gemeinden Hessens wie Gewissensruh, Gottstreu oder Hahn.[20] 

DSC00255 Dornholzhausen Friedhof Mai 2018 (7)

An dem Grab der Familie in Dornholzhausen kann man übrigens ablesen, wie sich allmählich auch im Bereich der Totenehrung bei den Nachfahren der Waldenser die deutsche Sprache durchsetzte.

DSC00717Grabstein Berthalot Dornholzhausen (2).JPG

Und auf der Grabplatte für das Ehepaar Desor ist nicht nur der Text deutsch, sondern auch der ursprüngliche Akzent auf dem französischen Familiennamen (Désor) ist weggefallen.[21]

DSC00765 Grab Desor Dornholzhausen

Informationen zu den hugenottischen und waldensischen Familiennamen findet man     –  arg versteckt –  in einem Kasten hinter dem Eingang unter der Überschrift „Waldensergedenken“. 

Waldensergedenken

Heute  gibt es in Dornholzhausen außer dem Namen „Bertalot“ keinen waldensischen Familiennamen mehr:  Aufgrund der schwierigen Lebensumstände gab es eine hohe Kindersterblichkeit, die jungen Männer starben früh, zogen weg oder heirateten nie, weil sie zu arm waren, um eine Familie ernähren zu können.[22] Aber die waldensische Tradition wird in dem Ort immer noch hochgehalten, wofür unter anderem der rege lokale Geschichtsverein sorgt. Und natürlich und vor allem die Kirchengemeinde, die ihr waldensisches Wappen nicht nur als historisches Zeugnis, sondern auch als Auftrag versteht und die versucht –zum Beispiel durch die jährlichen Konfirmandenfahrten in die Waldensertäler des Piemont- das waldensische Erbe der jüngeren Generation zu vermitteln.

DSC01395 Kirchenbuch Dornholzhausen (4)

      Plakat (Ausschnitt) zu einer Dornholzhausen-Ausstellung 2009 im Gotischen Haus in Bad Homburg

 

Anmerkungen

(1) aus: Les Vaudois entre migration et integration, La Valmasque 94,  S. 26

[1a] Anton J. Seib, Der Prinz von Homburg. Vor 325 Jahren gründeten Hugenotten und Waldenser Friedrichsdorf.

In: Frankfurter Rundschau 17.4.2012  http://www.fr.de/rhein-main/alle-gemeinden/hochtaunus/der-prinz-vom-homburg-a-852650

[2] Zit. von Daniele Tron, Die Waldenser im Chisonetal vom 13. bis zum 18. Jahrhundert. In: 300 Jahre Waldenser in Deutschland, S. 50

(2a) s. Theo Kiefner, Die Privilegien der nach Deutschland gekommenen Waldenser. Stuttgart 1990, Bd 1, S. 670 ff

[3] Jörg Desel, „Aus christlicher Compassion aufgenommen“.Waldenser in Hessen-Kassel. In: Dreihundert Jahre Waldenser in Deutschland, S. 53f

[4]https://www.geschichtskreis-dornholzhausen.de/geschichte-1/die-flucht-der-glaubensfl%C3%BCchtlinge-nach-dornholzhausen/  siehe auch: Walter Mittmann, Die Glaubensflüchtlinge von Dornholzhausen: Vom Piemont in die Landgrafschaft Hessen-Homburg. In: Heft des Geschichtskreises Dornholzhausen 13 (2016), S. 47ff

[5] Birgitta Duvenbeck, Geschichte Dornholzhausens. In: 300 Jahre Dornholzhausen, S. 18 . Siehe auch: Birgitta Duvenbeck, Die Waldensersiedlung Dornholzhausen. In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Landeskunde zu Bad Homburg vor der Höhe Heft 32, 1974, S. 25ff

[6] Walter Mittmann, Die  Glaubensflüchtlinge von Dornholzhausen. Heft des Geschichtskreises Dornholzhausen 13 (2016), S. 54

Bild des Kahns (Foto Marcus Kaufhold) aus FAZ vom 6.5. 2010. „Dornholzhausens Wurzeln im Piemont“

[7] In Artikel 9 der Privilegien heißt es: „Pour l’exercice de la justice, il sera permis à eux et à leurs descendants, de prendre entr’eux et d’établir à  la pluralité des voix, une justice particulière“, die   u.a. aus „solchen anderen Personen“ bestehen sollte, „die sie für sehr fähig halten.“ Zit. bei Duvenbeck, Die Waldensersiedlung Dornholzhausen. a.a.O., S. 37

(8) Bild des Lageplan aus: Geschichtskreis Dornholzhausen, Dornholzhausen Heft 15/2018, S. 13

(9) Walter Mittmann und Wolfgang Bühnemann, Dornholzhäuser Namen und Schicksale. Sonderband der Vorträge zur Bad Homburger Geschichte. Bad Homburg 2009, S. 43/44

[10] Zur Geschichte der Waldenser im Allgemeinen und der Dornholzhäuser Waldenser siehe: http://www.waldenser.evangelisch-hochtaunus.de/waldenser/r7.html

[11] Bild aus: http://www.waldenser.evangelisch-hocht(Foto Maraunus.de/dornholzhausen/geschichte-dornholzhausen/siegel/v91.html

Mit der Eingemeindung Dornholzhausen nach Bad Homburg wurde der Zusatz „Eglise vaudoise de Dornholzhausen“ ersetzt durch durch die Worte:  „Waldenser-Kirchengemeinde Bad Homburg- Dornholzhausen“.

[12]  Brigitte Köhler, Die Waldenserkolonien in Südhessen. In: Dreihundert Jahre Waldenser in Deutschland, S. 88

[13] Bild aus dem Tafelband der Enzyklopädie von Denis Diderot

[14] Zitiert von Brigitte Köhler, Die Waldenserkolonien in Südhessen. In: Dreihundert Jahre Waldenser in Deutschland, S. 88

[15] Duvenbeck, a.a.O., S. 28

http://www.fr.de/rhein-main/alle-gemeinden/hochtaunus/arme-strumpffabrikanten-flucht-nach-dornholzhausen-a-1098750

[16] Duvenbeck, S. 32

[17] Duvenbeck, S. 33

[18] 300 Jahre Dornholzhausen, S. 72

(19]http://www.waldenser.ehof/v90.html

[20] http://de.geneanet.org/abstammung/de/bertalot.html

[21] In den Dornholzhäuser Kirchenbüchern sind noch bis Ende des 19. Jahrhunderts Désor-Familiennamen mit Akzent verzeichnet.  Siehe:  Geschichtskreis Dornholzhausen/Dr. Walter Mittmann  herausgegebenen „Familientafeln von Nachkommen der Dornholzhäuser Waldenser und Hugenotten“ (Bad Homburg 2010), S. 236

[22] Siehe: Walter Mittmann, Warum gibt es keine Waldensernamen mehr in Dornholzhausen? In: Geschichtskreis Dornholzhausen, Dornholzhausen… aus unserer Geschichte, Heft 2 (2005)

 

 

 

Zum Weiterlesen:

1699-1999. 300 Jahre Dornholzhausen. 300 Jahre Waldenser-Kirchengemeinde

Albert de Lange (Hrsg), 1699-1999. Dreihundert Jahre Waldenser in Deutschland. Herkunft und Geschichte. Karlsruhe 1998

Albert de Lange, Die Waldenser.  Geschichte einer europäischen Glaubensbewegung in Bildern. (viersprachige Ausgabe in Deutsch, Italienisch, Französisch und Englisch). Karlsruhe 2000

Albert de Lange, Reformierte Konfessionsmigration: Die Waldenser in Südwestdeutschland (1699–1823) http://ieg-ego.eu/de/threads/europa-unterwegs/christliche-konfessionsmigration/albert-de-lange-reformierte-konfessionsmigration-die-waldenser-in-suedwestdeutschland-1699-1823

Molnár, Amadeo, Die Waldenser. Geschichte und europäisches Ausmaß einer Ketzerbewegnung. Göttingen 1980

von Thadden, R./Magdelaine, M.: Die Hugenotten 1685-1985, München 1985

Michael Lausberg, Die Einwanderung der Hugenotten nach Deutschland. http://www.migazin.de/2014/07/30/die-einwanderung-der-hugenotten-nach-deutschland/

 

 

Geplante weitere Beiträge

  • Der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935 im Haus der Mutualité in Paris
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier
  • Das Hotel Lutetia (1): Ein Bauwerk zwischen Art Nouveau und Art Déco in neuem Glanz
  • Das Hotel Lutetia (2): Geschichte und Geschichten
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris: Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen

 

 

 

 

 

 

 

Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch- deutsche Flüchtlingsgeschichte. Teil 1: Lyon, Luberon, Piemont

Dieser Text fällt  ein wenig aus dem Rahmen dieses Blogs heraus, schon allein geographisch:  Es geht zwar zunächst um Frankreich, dann aber auch (ein wenig)  um Italien  und  vor allem um Deutschland:  und dort auch nur um den Ortsteil Dornholzhausen der hessischen Klein- und Kurstadt Bad Homburg nördlich von Frankfurt. Ende des 17. Jahrhunderts wurden in Dornholzhausen waldensische Flüchtlingsfamilien angesiedelt, später kamen hugenottische Einwanderer dazu.

DSC01395 Kirchenbuch Dornholzhausen (2)

Aus dem Geburts-/Taufregister  der Waldensergemeinde Dornholzhausen des Jahres 1782.  Bailly ist ein hugenottischer, Bertalot ein waldensischer Familienname. 

Es wird hier also keine allgemeine Geschichte der Waldenser erzählt, dazu gibt es schon andere ausführliche und fundierte Darstellungen; sondern es werden nur einige Stationen der waldensischen Flüchtlingsgeschichte vorgestellt: Lyon, der Luberon in der Provence, die Waldensertäler in  den cottischen Alpen zwischen Frankreich und Italien und dann vor allem die französische/waldensische Kolonie in Dornholzhausen.

Natürlich klingt bei diesem Thema auch die aktuelle Migrationsbewegung mit. Da ist es ja durchaus üblich, historische Bezüge herzustellen – so zum Beispiel durch den Kölner Bürgermeister Andreas Wolter auf einer Veranstaltung des deutschen Hauses der Cité Universitaire in Paris (MHH) am 5. Dezember 2017 zum Thema  „Réfugiés en Allemagne et en France“  (Flüchtlinge in Deutschland und in Frankreich). Er verwies dabei auf die Erfolgsgeschichte der Einbürgerung wallonischer Hugenotten in Köln, die die Schokoladenproduktion in der Stadt heimisch gemacht und so zu deren Wohlstand beigetragen hätten.  Von da aus schlug er einen Bogen zur heutigen Aufnahme von  Flüchtlingen und benutzte die historische Parallele dazu, seinen diesbezüglichen Optimismus zu begründen.

In der Tat legt es das Schicksal der Waldenser nahe, über die Aufnahme und Integration von Menschen anderer Sprachen, Kulturen und Religionen nachzudenken. Wie der Waldenser-Forscher Gabriel Audisio in einem Vortrag über die Aufnahme der Waldenser im Luberon ausführte:  Die Integration von Fremden habe immer und zu allen Zeiten zu „réactions de défense et de rejet“ geführt. Es sei also eine „question cruciale de tous les temps“, wie weit die Aufnahmebereitschaft und -fähigkeit der Menschen gehe. (1)

Allerdings mag jeder Leser/jede Leserin selbst entscheiden, inwiefern  die Geschichte der Waldenser und ihre Aufnahme in Deutschland sich –in welcher Weise auch immer- als Argumentationsmaterial für die heutige Migrationsdebatte eignen. Zum Nachdenken regen sie auf jeden Fall an.

Im ersten Teil dieses Beitrags geht es um die Ursprünge der Waldenser und ihre Ansiedlungen und Verfolgungen im Luberon und im Piemont. Eindeutiger Schwerpunkt ist dabei der Luberon, den wir im Spätsommer 2018 auf den Spuren der Waldenser besucht haben. Der zweite Teil beschäftigt sich dann mit der Aufnahme von Waldensern in Deutschland, vor allem mit der  in Hessen-Homburg gelegenen französischen Kolonie Dornholzhausen.

 

Petrus Waldes/Pierre Valdo und die Armen von Lyon

Um das Jahr 1176 begann  der wohlhabende Textilkaufmann Petrus Waldes in Lyon öffentlich in der Volkssprache zu predigen.  Durch den Tod eines Freundes betroffen, änderte er sein  Leben und wurde zum Begründer der waldensischen Reformbewegung. Zeitgenössische Quellen zu seinem Leben gibt es nur aus amtskirchlicher Sicht.  Ein Dominikaner und Inquisitor namens Stephan von Bourbon, der einige Augenzeugen noch persönlich kannte, fasste die Geschehnisse so zusammen:

„Ein reicher Mann (in Lyon), genannt Valdensis, hörte die Evangelien, und da er nicht sehr gebildet war und trotzdem unbedingt wissen wollte, was sie sagten, machte er einen Vertrag mit (zwei) Priestern, mit dem einen dass er sie in die Volkssprache übersetzen, und mit dem anderen, dass er aufschreiben sollte, was jener diktierte. Das taten sie auch; ebenso machten sie es mit vielen Büchern der Bibel und vielen Worten  der Heiligen…. Als diese jener reiche Bürger oft gelesen und sich eingeprägt hatte, beschloss er die evangelische Vollkommenheit zu leben, wie die Apostel sie gelebt hatten. Nachdem er all seinen Besitz verkauft hatte, warf  er aus Weltverachtung sein Geld wie Dreck den Armen hin und hat sich das Amt der Apostel angemaßt und angeeignet. Er predigte das Evangelium und das, was er auswendig gelernt hatte, auf den Straßen und Plätzen und scharte viele Männer und Frauen um sich, die er aufforderte, das Gleiche zu tun, und denen er das Evangelium einprägte. Die schickte er in die umliegenden Dörfer zum Predigen; Leute mit den niedrigsten Berufen. Diese Männer und Frauen, dumm und ungebildet, wie sie waren, rannten durch die Dörfer, drangen in die Häuser ein, predigten auf den Plätzen und auch in Kirchen und veranlassten andere, dasselbe zu tun.“[2]

Auch wenn diese Darstellung sehr tendenziös ist, erfährt man doch daraus Wesentliches über die  Waldenser: Am Anfang steht die Begegnung mit der Bibel, vor allem mit dem Neuen Testament und den Berichten über das Leben Jesu und die Berufung der Jünger. Diese Begegnung bewog Waldes, sein bisheriges Leben völlig zu ändern und Beruf und Besitz aufzugeben. Auch wenn Waldes damit  einer asketischen Tradition folgte, wie sie damals auch in Teilen des Mönchstums lebendig war –man denke nur an Franz von Assisi-  betrachtete der dominikanische Inquisitor schon das allein als eine  Provokation. Denn natürlich waren aus seiner Sicht Askese und Weltabkehr von Laien eine Anmaßung und sie implizierten ja auch eine Kritik an der ganz und gar nicht asketischen  Lebensweise vieler Repräsentanten der kirchlichen Hierarchie. Völlig außerhalb der kirchlichen Ordnung stellten sich für ihn aber die Waldenser durch ihr missionarisches Engagement, also durch die sogenannte Laienpredigt: Für ihn waren es ja dumme und ungebildete Menschen, die aus seiner Sicht durch die Dörfer rannten und in die Häuser eindrangen, um das Evangelium zu predigen, und es waren, wie er berichtet, nicht nur Männer,  sondern –für die damalige Zeit unerhört und revolutionär- auch noch Frauen!

Voraussetzung für die Laienpredigt war natürlich die Übersetzung der Bibel in die Volkssprache. Und deshalb verwendete Waldes einen Teil seines Vermögens, die Bibel in die provençalische Landessprache zu übersetzen. Damit war  das Monopol der Kirche auf Verkündigung des Evangeliums und seine Auslegung gebrochen, so dass es unweigerlich zum Konflikt mit der Amtskirche kommen musste. Waldes bemüht sich allerdings sehr intensiv, den Bischof von Lyon und sogar den damaligen Papst Alexander III. von seiner „Rechtgläubigkeit“ zu überzeugen, die von ihm veranlasste Bibelübersetzung zu autorisieren und  die Anerkennung seiner Bewegung zu erreichen. Das  gelang ihm aber nicht. 1184 wurden die „Armen von Lyon“ auf dem Konzil von Verona in der Bulle „Ad Abolendam“ verurteilt.  Neben der Laienpredigt und der Armut waren es vor allem zwei weitere Grundüberzeugungen der Waldenser, die sie für die damalige religiöse und feudale Ordnung verdächtig und sogar gefährlich machten: Sie glaubten nicht an das (unbiblische) Fegefeuer, lehnten also Messen für die Verstorbenen ab, die eine wesentliche Einnahmequelle des Klerus waren. Und sie lehnten den Eid ab,  ein grundlegendes Element der feudalen Ordnung. 1215 wurden die Waldenser erneut und ausdrücklich als Ketzer verurteilt und in eine Rolle gezwungen, die sie nie spielen wollten. Und damit begann eine wechselvolle Geschichte von Verfolgungen und zeitweisen Duldungen– bis hin zu ihrem „Exil“  in Dornholzhausen und anderen Orten,  in denen ihnen endlich Freiräume für ihren Glauben und ihren Lebensstil gewährt wurden.

Petrus_Waldus

Für die Protestanten des 19. Jahrhunderts  galt  Waldes  als ein früher Vorläufer der kirchlichen Reformbewegung.  Er hat deshalb  seinen Platz unter den Vorläufern Luthers auf dem großen Reformationsdenkmal in Worms.[2]

In Lyon erinnert dagegen wenig an Waldes. Immerhin gibt es eine nach ihm benannte Straße und  ein ebenfalls nach ihm benanntes Zentrum für die vorübergehende Aufnahme von Wohnsitzlosen und Flüchtlingen, das von der Fédération Entraide Protestante betrieben wird.[3] Das ist eine Einrichtung, die sicherlich ganz im Geiste der Waldenser tätig ist und insofern die Erinnerung an Pierre Valdo mit Leben erfüllt.

Ob auch  im historischen Museum von Lyon an Waldes und die Armen  von Lyon erinnert wird, konnte ich nicht feststellen. Eine entsprechende Anfrage an das Museum blieb leider ohne Antwort.[4]

 

Erste Verfolgungen der Waldenser/Das Massaker von Mérindol

Nachdem die Waldenser aus Lyon vertrieben worden waren und das Leben und Predigen auch in anderen Städten zu gefährlich wurde, zogen sie sich  in die Alpentäler im  Grenzgebiet zwischen  Frankreich und Italien zurück. (Dauphiné und Piemont). Allerdings gab es dort aufgrund eines Übergangs zur Viehwirtschaft ein Potential an Arbeitskräften, das im Luberon dringend gesucht wurde.  Dort war nämlich die Bevölkerung aufgrund des  100-jährigen Krieges um 60% zurückgegangen, manche Ortschaften waren völlig entvölkert.  Die Herren der  Provence nahmen also gern Einwanderer auf, die ihr Land bewirtschaften sollten, ja luden sie, wie die mächtige Familie d’Agoult, ausdrücklich zum Kommen ein.  Bemerkenswert ist dabei auch, dass sogar die Bischöfe von Apt und Marseille waldensische Siedler anwarben, obwohl die Waldenser ja als Ketzer galten. Möglich wurde das, weil die Waldenser sich nach außen hin als „normale“ Katholiken ausgaben und höchstens dadurch auffielen, dass ihre Nachfrage nach Totenmessen eher gering, aber ihre Kollekten für die Armen außerordentlich hoch waren. Ihren wahren Glauben lebten sie im Untergrund bzw nachts, wenn sie sich mit ihren Predigern, den Barben,  zum Gottesdienst versammelten. Die Barben waren als herumziehende Händler getarnt, die immer zu zweit unterwegs waren: Ein älterer erfahrener Prediger und ein junger Begleiter, der einmal die Rolle des Älteren übernehmen sollte.

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Manche Herren der Provence, ob  weltlich oder geistlich, sahen aber offenbar aufgrund ihrer grundherrlichen Interessenlage nicht so genau hin, was die Besonderheiten der Waldenser anging. So wurden mehrere « contrats d’habitations » abgeschlossen, die zwischen 1490 und 1520 etwa 6000 Waldensern die Ansiedlung in 13 Ortschaften des Luberon ermöglichten, u.a. in  Lourmarin, wo sie  das „vieux château“ errichteten, Lacoste, Cabrières d‘Avignon, Cabrières d’Aigues und in Mérindol.  Der Luberon galt damals als Kerngebiet der Waldenser, und wenn man damals „waldensisch“ sagte, dachte man an die Provence.  (5)

Im Zentrum der waldensischen  Gemeinden des Luberon lag das  nördlich der Durance gelegene Mérindol.

DSC01813 Merindol (2)

Die hier wiedergegebene Zeichnung stammt zwar aus dem Ende des 16. Jahrhunderts, gibt aber eher den Zustand des Ortes vor seiner Zerstörung wieder: Oben die Burg, darunter die alte Siedlung und unten im Tal einzelne Gehöfte (Bastides). In Mérindol  trat 1530 eine waldensische Synode zusammen. Es  wurde beschlossen, Abgesandte zu Vertretern der Reformation nach Basel (Bucer) und Straßburg zu schicken. Der Bericht über diese Begegnungen war die Grundlage für den Anschluss der Waldenser an die protestantische Reformation, der 1532 auf der Synode von Chanforan  (Piemont) vollzogen wurde. Damit konnten die Waldenser ihr Dasein als „Untergrundbewegung“ mit heimlichen Gottesdiensten und getarnten Wanderpredigern aufgeben. Sie konnten sich offiziell zu ihrem Glauben bekennen, Gemeinden bilden, Pfarrer wählen und Kirchengebäude errichten.  Außerdem wurde eine offizielle Übersetzung der Bibel  ins Französische finanziert, die berühmte Bible d’Olivétan. [6]

Auch wenn die Waldenser nun Teil einer  größeren, international bedeutsamen Gemeinschaft waren, währte  die  durch die Inquisition immer wieder beeinträchtigte relative Ruhe  allerdings nicht lange.  1540  verurteilte ein Richter aus Apt einen waldensischen Müller  aus Mérindol wegen Ketzerei zum Tode auf dem Scheiterhaufen und eignete sich seinen Besitz an. Das provozierte den Widerstand von Glaubensgenossen.  Das Parlament von Aix reagierte darauf im gleichen Jahr mit dem „Erlass von Mérindol“, in dem 22 Waldenser, die man des Aufruhrs bezichtigte,  zum Tode verurteilt wurden und in dem dekretiert wurde, dass alle, die der Ketzerei für schuldig befunden würden, lebendig verbrannt werden sollten. (7)  Melanchton  setzte sich nun für seine Glaubensbrüder ein und verfasste eine Denkschrift, die an den Hof des französischen Königs Franz I. gelangte. Der befahl zunächst die Aufhebung des Edikts, zumal er für seinen Kampf gegen den  Habsburger Karl V. auf die Unterstützung der Protestanten angewiesen  war.   1545 allerdings setzte der schwankende König seine Unterschrift unter den Befehl zur Inkraftsetzung des Edikts, auch wenn eine von ihm angeordnete Untersuchung zugunsten  der Waldenser ausgefallen war. Daraufhin wurde Mérindol, die „heilige Stadt“ der Waldenser (8),  am 18. April 1545 mit Unterstützung päpstlicher Truppen von angeworbenen  Söldnerbanden unter dem Befehl des Barons Meynier d’Oppède, dem Präsidenten des Parlaments von Aix,  geplündert und zerstört, und bei dieser Gelegenheit auch noch weitere Orte vor allem im südlichen Lubéron. Der (Land-)Besitz der Waldenser wurde verkauft und von dem Erlös wurden die Söldner bezahlt. (9)

Gustave Dore Merindol

Dieser Kupferstich von Gustave Doré (1832-1886)  zeigt eine besonders schlimme Episode des Massakers von Mérindol, die von Jacques Aubéry  so beschrieben wurde:

Mehrere Soldaten hatten in der Kirche von Mérindol Frauen und Mädchen im heiratsfähigen Alter ergriffen. Sie schleppten sie auf  Karren und brachten sie damit in das benachbarte Lauris. Und auf dem Weg dahin hatte jeder seinen Spaß mit diesen Frauen und Mädchen. Die wurden dann in Lauris nackt durch den Ort und um das Schloss herum  getrieben und schließlich von dem Felsen neben dem Schloss in die Tiefe gestürzt. (9a)

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Der Schlossfelsen von Lauris

Zwar konnte die Mehrheit der Bevölkerung vor diesem sogenannten „massacre des Vaudois du Luberon“ in den Piemont,  die Schweiz oder andere Gegenden  entkommen, wo sie (zunächst) sicher waren, aber 2000- 3000 Waldenser wurden getötet, Frauen –wie die von Mérindol- vergewaltigt, 700 Männer auf die  Galeeren verbannt: ein grauenhaftes Vorspiel der kommenden Religionskriege. Für den Luberon war das Massaker ein schwerer Rückschlag, auch für Grundherren, die ihre fleißigen Arbeitskräfte verloren hatten und die sich deshalb beim König beschwerten. Aber Franz I. billigte ausdrücklich „alles, was gegen die Waldenser“ unternommen worden sei, und forderte, auch weiterhin alles zu tun, um diese „verdammte Sekte zu vernichten“. (10) 1551 kam es unter dem neuen König, Henri II, zu einem erneuten Prozess, in dem schwere Vorwürfe gegen Meynier d’Oppède erhoben wurden. Der verteidigte sich damit, dass vorgekommene Übergriffe nicht in seine Verantwortung fielen, sondern eigenmächtig handelnden Truppen zuzurechnen seien.  Im Übrigen habe er mit der Vernichtung der Waldenser nur die königlichen Wünsche exekutiert. d’Oppède wurde also freigesprochen. [11]

 

Auf den Spuren der Waldenser im Luberon

Im kollektiven Gedächtnis der Region bleibt das Massaker  bis heute tief verankert. Einige waldensische Erinnerungsorte im Luberon werden in diesem Abschnitt vorgestellt. Sie sind verbunden durch die Historische Route der Waldenser des Luberon. An den entsprechenden Erinnerungsorten sind zum Teil Tafeln mit Informationen zur Geschichte der Waldenser und des entsprechenden Ortes aufgestellt.

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Karte des Luberon mit Bezügen zu den Waldensern (blau= Orte mit waldensischer Besiedlung; rot= 1545 zerstörte Orte; grün=  historische Monumente mit Bezug zu den Waldensern)

Mérindol

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In Mérindol gibt es  das kleine Waldenser- Museum „La Muse“, das „Centre d’évocation de l’histoire vaudoise.“[13]  Es soll möglichst bald in eine alte Bastide umziehen, eine ehemalige Poststation am Ortseingang.  Die ist schon von ihren ehemaligen Besitzern dem rührigen waldensischen Geschichtsverein des Luberon geschenkt worden, jetzt fehlt „nur noch“ das Geld für Umbau und Einrichtung. Man kann nur wünschen, dass es bald mit dem Projekt vorangeht, denn in der Tat:

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„Die Waldenser und der Luberon, eine lange Geschichte“

Neben dem Museum beginnt auch der Aufstieg zu den Ruinen des alten Dorfes und des Schlosses.

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Ruinen der Burg und der Altstadt von Mérindol

In den Ruinen erinnert noch eine Gedenktafel an das „Massacre de Mérindol“.

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Zur Erinnerung an die Waldenser der Provence, die für ihren  Glauben gestorben sind

Es gibt auch eine 1978 von italienischen,  französischen deutschen  Nachkommen von Waldensern angebrachte Tafel mit dem Wappen der Waldenser:  Der leuchtenden, auf einer Bibel stehenden Kerze, umrahmt von 7 Sternen und der aus dem Johannes-Evangelium übernommenen Umschrift „Lux lucet in tenebris“ (Licht leuchtet in der Finsternis).  Die sieben Sterne beziehen sich auf die Offenbarung des Johannes und bezeichnen die Gemeinden, die seit der Zeit der Apostel dem Evangelium trotz aller Verfolgungen treu geblieben sind: Durch die Treue der waldensischen Gemeinden leuchtet das Licht des Evangeliums in der Finsternis.[12] 

Die großmütige Aufforderung an die Vorbeikommenden: Verzeihe und vergesse nicht!

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Praktische Information: Öffnungszeiten des Museums La Muse: Donnerstags 9.45 bis 12 Uhr, samstags 9.30 bis 12 h, im Winter 14.30-17.30 Uhr

Lourmarin

Auch an anderen Orten des Luberon wird an die Waldenser und das Massaker von 1545 erinnert: So an den in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wieder errichteten  temples vaudois, den Waldenser-Kirchen — wie beispielsweise in Lourmarin.

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Hier ein Bild des teilweise von waldensischen Arbeitskräften errichteten Schlosses und des im 19. Jahrhundert wieder neu errichteten temple protestant. (14)

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Auf einer Informationstafel am Eingang der Kirche werden wesentliche Etappen der Waldenser von Lourmarin skizziert.

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Cabrières d’Aigues. 

Auch in Cabrières d’Aigues gibt es einen temple protestant.

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Dort ist an der Seitenwand der Kirche zusätzlich eine Tafel angebracht mit dem Wappen der Waldenser, der Aufschrift „Nach der Finsternis das Licht“ und drei Daten: Der 10. März steht für die Ansiedlung von Waldensern aus den cottischen Alpen in dem Ort und der 16. April 1545 für das Massacre de Mérindol, von dem auch Cabrières d’Aigues betroffen war. Am 29. April 1995, 500 Jahre nach der Ansiedlung der ersten Waldenser, wurde die Tafel angebracht.

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Der Steinblock daneben besteht aus zwei Teilen: einem Sockel aus einem Felsblock des Luberon, auf dem ein Basaltblock aus den cottischen Alpen ruht: So ist doppelte Heimat der Waldenser des Ortes bezeichnet.

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Bewegt man sich im Luberon auf den Spuren der Waldenser, ist das Weingut Domaine des Vaudois in Cabrières d’Aigues ein besonderer Anziehungspunkt.

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Es gehört der Familie Aurouze. Claude Aurouze ist sehr engagiert in der Association d’études vaudoises et historique du Luberon und gehört zum Redaktionskomittee der von der Gesellschaft herausgegebenen Zeitschrift La Valmasque.  Er hat ein phänomenales Wissen über die Waldenser -nicht nur des Luberon- und es ist ein Genuss, ihm zuzuhören und seinen schönen Wein zu trinken.

DSC01896 Cabrières d'Aigues (12)

Praktische Information:

Domaine des Vaudois,  Rue du Temple (unterhalb der Kirche) , 84240 Cabrières-d’Aigues. Telefon 0033 (0)4 90 77 60 87

 

Öffnungszeiten unter: http://www.vinchaisnous.fr/producteurs/domaine-des-vaudois/luberon/provence-4713238-1.html
DSC01933 Domaine des Vaudois

Das Fort de Buoux

An die Verfolgung der Waldenser erinnert auch die Festung von Buoux mitten im Luberon: Dorthin flüchteten nämlich Waldenser, die dem Massaker von 1545 entkommen konnten. Es  ist -im wörtlichen Sinne- der Höhepunkt einer Rundfahrt durch den Luberon auf den Spuren der Waldenser. (14a)

853592_1 Luftbild Buoux

Das Fort liegt auf einem Bergrücken nahe der wichtigen Nord-Süd-Verbindung durch den Luberon, die so aus sicherer Höhe kontrolliert werden konnte. Das Fort auch nur zu erreichen ist schon ein kleines Abenteuer: eine kurvige enge Seitenstraße zum kleinen Parkplatz,  ein Fußweg zum Kassenhäuschen und dann der Aufstieg.

Das Fort erstreckt sich über einen langen Bergrücken und besteht aus insgesamt drei Befestigungsanlagen, die auch einem ganzen Dorf mit Kirche Schutz boten.
DSC01772 Fort de Buoux (35)

Überall sieht man die Spuren von Zisternen: Es war also dafür gesorgt, dass das Fort und seine Bewohner auch einer längeren Belagerung standhalten konnten.

DSC01772 Fort de Buoux (22)

In den Fels gehauene Hohlräume dienten für die Aufbewahrung von Getreide.

DSC01772 Fort de Buoux (25)

Von höchsten Punkt des Forts hat man einen wunderbaren Rundblick – bis hin zum schneebedeckten Mont Ventoux.

DSC01772 Fort de Buoux (29)

Abenteuerlich ist dann der sehr empfehlenswerte Abstieg durch eine steile, etwas abgelegene und in den Fels gehauene „versteckte“ Treppe. Da versteht man gut, dass die Waldenser, die hier Zuflucht suchten, in Sicherheit waren.

Ludwig XIV. gab dann den Befehl, das Fort zu zerstören. Die Forts, die das Frankreich dieser Zeit jetzt für notwendig hielt, baute Vauban an den Grenzen des Reichs. Das Fort de Buoux  dagegen hatte seine militärische Bedeutung verloren. Als Sitz einer mächtigen Adelsfamilie passte es außerdem nicht mehr in das zentralistisch-absolutistische Frankreich des „Sonnenkönigs“. Und für religiöse Freiheit oder gar Schutzorte für Glaubensflüchtlinge war da sowieso kein Platz.

Praktische Information:    Öffnungszeiten 10 – 17 h. Dienstags geschlossen, ebenso bei Regen, Schnee oder starkem Wind. Sicherheitshalber Anruf unter 00 33 (0)4.90.74.25.75

Lit. : Pierre Pressemesse: Le Fort de Buoux.  Hrsg. von der Association des Amis du Fort de Buoux. 1997.  Die Broschüre ist am Eingang des Forts erhältlich.

 

Cabrières d’Avignon

Ein besonders geschichtsträchtiger und für die Waldenser im Luberon bedeutsamer Ort ist auch Cabrières d’Avignon.

DSC01308 Luberon (4)

Abbildung von Cabrières d’Avignon Ende des 16. Jahrhunderts 

Dort lebte Eustache Marron, ein Held des waldensischen Widerstands. (15) 1532 erregte er schon Aufsehen:  Damals waren waldensische Mädchen von päpstlichen Truppen entführt worden, um sie dem Einfluss ihrer „häretischen“ Gemeinschaft zu entziehen.  Als  die Väter einen Befreiungsversuch unternahmen, wurden auch sie gefangen genommen. Die Befreiung  gelang dann Eustache Marron, der -anders als die Mehrheit der Waldenser- auch vor der Anwendung von Gewalt nicht zurückschreckte, wenn es um den Schutz seiner Glaubensgenossen ging. 1545  verschanzte er sich mit 300 anderen Waldensern im burgähnlich befestigten Schloss von Cabrières.

DSC01753 Ca brieres d'Avignon (13)

Das wird von den königlichen und päpstlichen  Truppen belagert und beschossen. Nach heftigen Kämpfen und großen Verlusten auf beiden Seiten gewährt man den Eingeschlossenen freien Abzug, um nach Deutschland zu gelangen. Der Bischof von Cavaillon verbürgt sich dafür. Dessen  ungeachtet werden aber alle beim Verlassen des Schlosses umgebracht, mit Ausnahme von Eustache Marron und dem Pfarrer Guillaume Serre, die in Avignon als Strafe und  zur Abschreckung auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden. Die Frauen werden in einer Scheune zusammengetrieben und dort verbrannt. Die, die sich in die  Kirche geflüchtet hatten, werden von Glockenturm gestürzt. Eine wenige überlebende Frauen und Kinder verkaufen die „rechtgläubigen“ Sieger in L’Isle-sur-la-Sorgue als Sklaven. (16)

DSC01753 Ca brieres d'Avignon (3)

An die Zerstörung von Cabrières erinnert vor dem Eingang zum Schloss dieses Relief mit dem Waldenser- Wappen. (17). Auf der Tafel darunter kann man lesen, dass sich am 19. und 20. April 1545 hier königliche Truppen und Söldner des Papstes unter dem Befehl von Meynier d’Oppède versammelten, um die unter  Führung des Eustache Marron in der Burg verschanzten Waldenser zu vernichten.

DSC01753 Ca brieres d'Avignon (1)

An den aus Cabrières stammenden Eustache Marron erinnert auch ein nach ihm benannter Weg. Die Ausbuchtung neben dem Schild war übrigens nicht, wie wir dachten, als Sitzbank gedacht, um in Ruhe an das Schicksal der Waldenser zu denken. Es war, wie uns der Besitzer des Hauses nebenan erklärte, vielmehr eine Hilfe für die dort früher wohnenden Bediensteten der Burgherren, ihre Pferde zu besteigen.

DSC01753 Ca brieres d'Avignon (11)

Nach der Aufhebung des Edikts von Nantes mussten die noch im Luberon verbliebenen oder dorthin zwischenzeitlich zurückgekehrten Waldenser/Hugenotten erneut fliehen. Viele von ihnen fanden in Südafrika eine neue Heimat und machten sich dort verdient in der Entwicklung des Weinbaus. 90% des heute in Südafrika produzierten Weins stammt aus den ehemaligen hugenottischen Ansiedlungen! [18]

Aber auch diejenigen, die in Württemberg aufgenommen wurden,  konnten dort den im Luberon praktizierten Anbau von Wein fortzusetzen.

DSC01896 Cabrières d'Aigues (14)

 

Rückzug in die Cottischen Alpen, weitere Verfolgungen und Vertreibungen

Trotz der Verfolgungen verbreitete sich die Bewegung der Waldenser während des gesamten Mittelalters.  Im 13. Jahrhundert war ihr Schwerpunkt die Lombardei, aber es gab waldensische Gemeinden auch in Österreich, in der Schweiz, in Deutschland und in Spanien. Größere Waldenser-Gemeinschaften entwickelten sich in den zwischen Frankreich und Italien gelegenen unzugänglichen Gebirgstälern der Cottischen Alpen, wo die Waldenser vor allem nach ihrem Anschluss an die calvinistische Reform relativ ungestört als einfache Bergbauern ihr Leben fristen und  ihrem Glauben leben konnten. (19)

image Karte Waldenser Savoyen Piemont

Der Siedlungsraum der Waldenser im damals französischen Pragelas und in den piemontesischen Waldensertälern. Die in Dornholzhausen angesidelten Waldenser stammten aus Meano im Chisonetal. 

Die Cottischen Alpen sind „bis heute das Hauptsiedlungsgebiet der Waldenser“.  Gut jeder zweite Einwohner der piemontesischen Waldensertäler gehört der evangelischen Kirche Italiens an, fast ein Drittel aller italienischer Waldenser leben hier. Spiritueller Mittelpunkt ist Torre Pellice mit einer mittelalterlichen Altstadt und dem Waldensermuseum. In der „Casa Valdese“ gibt es die „Aula Sinodale“, in der einmal im Jahr die Synode der waldensischen Kirche stattfindet. [20]

0_1367056180 Casa Valdese

Doch auch in den entlegenen Seitentälern der Cottischen Alpen waren die Waldenser nicht vor Verfolgung sicher, denn der lange Arm des französischen  Absolutismus reichte auch nach Piemont. Seit den 1640-er Jahren nahm der Druck auf die Waldenser zu. 1655 wurden Truppen in ihre Täler verlegt, die 1655 ein Blutbad unter der  Bevölkerung anrichteten. Dieses Massaker wurde bekannt unter dem Namen „Pâques piémontaises“. Zeuge des Massakers war der  Wanderprediger Jean Leger, der in die Niederlande fliehen konnte. Er schrieb eine Geschichte der evangelischen Kirchen von Piemont, deren Kernstück eine auf eigener Anschauung und Augenzeugenberichten beruhende drastische Darstellung schlimmster Exzesse ist. Die jeweiligen Berichte sind mit kleinformatigen Radierungen illustriert.

So liest man beispielsweise unter dem zehnten Bild:

Jean André Michelin de la Tour entkam auf wundersame Weise den Händen der Henker, nachdem er mit eigenen Augen gesehen hatte, wie in seiner Gegenwart drei seiner kleinen Kinder auf die Weise zerstückelt wurden, wie diese Darstellung es zeigt.‘“

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Die zugehörige Illustration zeigt die Hinrichtung dreier Kinder auf je  unterschiedliche Weise und jeweils im Moment unmittelbar vor der Gewalteinwirkung: Links  halten zwei Soldaten ein Kind gemeinsam kopfüber, jeder an einem Fuß, während beide mit der freien  rechten Hand zum Schlag mit dem Schwert ansetzen, um das Kind in zwei Stücke zu teilen. Dasselbe Resultat versuchen zwei Soldaten in der Mitte ganz ohne Schwert, nur durch den Einsatz ihrer Körperkraft, zu erreichen. Ein einzelner Soldat schwingt schließlich rechts ein Kind an den Füßen, um es im nächsten Augenblick vor den Augen seiner Mutter zu zerschmettern.“[21] 

Die Empörung vor allem in den reformierten Niederlanden und im England Cromwells schlug hohe Wellen. Der Dichter John Milton schrieb ein Sonett „On the Late Massacre in Piedmont, dessen erste Strophe so lautet:

Avenge, O Lord, thy slaughtered saints, whose bones
Lie scattered on the Alpine mountains cold,
Even them who kept thy truth so pure of old,
When all our fathers worshiped stocks and stones
….[22]

Das Gedicht  wurde weit verbreitet und sehr berühmt, und es hat sicherlich dazu beigetragen, dass England später die aus den Cottischen Alpen vertriebenen Waldenser mit finanziellen Zuwendungen (Pensionen und Kollekten) unterstützte. Nach dem Widerruf des Toleranzedikts von Nantes durch das Revokationsedikt Ludwigs XIV. von Fontainebleau 1685 kam es zu einer ersten Auswanderungswelle von Waldensern aus den französischen Besitzungen in Piemont. Im Sinne der absolutistischen Maxime des „Sonnenkönigs“ „un roi, une foi, une loi“ (ein König, ein Glaube, ein Gesetz) war für Hugenotten wie Waldenser kein Raum mehr in seinem Königreich. Der damalige Herzog von Savoyen, ein Neffe Ludwigs XIV., folgte der Politik seines Onkels, verbannte die waldensischen Pfarrer, verbot die Gottesdienste und ordnete die katholische Zwangstaufe für Kinder an. Der Widerstand der Waldenser wurde blutig niedergeschlagen, viele konnten aber in die Schweiz emigrieren. 1689 nutzten aber die Waldenser eine für sie günstige militärische Schwäche des Herzogs von Savoyen zur sogenannten  „Glorreichen Rückkehr“ aus der Schweiz in ihre angestammten Täler,   eine Episode, die in der waldensischen Historiographie eine wichtige Rolle spielt: Hier sind sie eben nicht die ewigen Opfer und Leidenden, sondern sie nehmen ihr Schicksal erfolgreich – und zwar auch mit  eigentlich verabscheuten militärischen Mitteln-  in die Hand.  Allerdings wendete sich das Blatt nach dem Ende des Pfälzischen Erbfolgekrieges und dem Frieden von Rijswijk 1697 erneut: Dort konnte Ludwig XIV. durchsetzen, dass alle in Frankreich geborenen, in den Cottischen Alpen ansässigen Waldenser  das Land verlassen mussten, wenn sie nicht ihrem Glauben abschwörten.  So wurde fast ein  Drittel der zu dieser Zeit in den Waldensertälern lebenden Menschen ausgewiesen.[23]

Einige von ihnen fanden schließlich in dem zu Hessen-Homburg gehörenden Dornholzhausen Zuflucht. Dazu mehr im zweiten Teil dieses Beitrags.

Fortsetzung: 

Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte. Teil 2: Die Waldenser in Hessen-Homburg  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10501  (Dezember 2018)

 

 

Anmerkungen

(1) siehe: L’installation des Vaudois dans le Luberon, une empreinte durable. In: Les Vaudois entre Migration et intégration, S. 19

[2] Martin Schneider, Deutsche Waldenser im Mittelalter. In: Dreihundert Jahre Waldenser in Deutschland, S. 21

[2] Bild aus https://www.heiligenlexikon.de/BiographienP/Petrus_Waldus_Valdes.html  Es handelt sich um einen Gipsabguss der Sitzfigur von Ernst Rietschel 1868 vom Wormser Reformationsdenkmal aus der Skulpturensammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Der Vorname Petrus beruht übrigens auf einer Legende des 14. Jahrhunderts zurück, die versuchte, die Anfänge der Waldenser auf die Zeit der Apostel zu verlegen. (a.a.O.)

[3] http://www.fep.asso.fr/membre/entraide-pierre-valdo-centre-provisoire-d-hebergement/ http://www.fep.asso.fr

http://www.fep.asso.fr/vie-federative/vie-de-la-federation/la-plateforme-protestante-pour-laccueil-de-refugies/

[4] http://www.gadagne.musees.lyon.fr/index.php/histoire_fr/Histoire/Pied-de-page/Contact

(5) Eine Übersicht über die Aufnahme von Waldensern in Ortschaften des Luberon siehe:  http://www.tertian.info/vaudois/index.htm

Die nachfolgende Abbildung aus: Audisio, Procès-Verbal d’un Massacre, S. 29

[6]  Molnar, S. 337/338

[7] Giorgio Tourn, Geschichte der Waldenser-Kirche. Die einzigartige Geschichte einer Volkskirche von 1170 bis zur Gegenwart. Erlangen 1983, S. 102/103

(8) Mérindol, „la ville sainte“ der Waldenser: siehe Miquel, Guerres de réligion, S. 121

(9) Die nachfolgende Abbildung von Gustave Doré aus wikimedia

(9a) Text aus einer Informationstafel des Waldensermuseums La Muse in Méridol. (freie Übersetzung von W.J.)

(10) zit. bei Miquel, Guerres de réligion, S. 134

[11) https://www.provenceweb.fr/f/vaucluse/merindol/merindol.htm

http://www.lepoint.fr/voyages/le-massacre-des-vaudois-de-merindol-12-08-2010-1224523_44.php

https://www.museeprotestant.org/notice/histoire-des-vaudois/

https://fr.wikipedia.org/wiki/Massacre_de_M%C3%A9rindol

https://fr.wikipedia.org/wiki/Vaudois_du_Luberon

Luftbild der Ruine der Burg/des Mahnmals:

http://www.luberoncoeurdeprovence.com/decouvrir/circuits-thematiques/la-route-des-vaudois-en-luberon

[12] http://ieg-ego.eu/de/mediainfo/das-wappen-der-waldenser

[13]  https://www.provence-tourismus.de/kulturerbe/luberon/musee-de–la-muse—centre-devocation-de-lhistoire-vaudoise-/provence-2998208-1.html

Öffnungszeiten Donnerstag ganztägig, Samstag vormittags. Kontakt. Telefon:  04 90 72 91 64

[14]  siehe: https://www.luberoncotesud.com/les-temples-du-luberon-adhesion-des-vaudois-a-la-reforme.html
https://www.luberoncotesud.com/les-sites-vaudois-a-proximite-du-luberon.html

(14a) Luftbild aus: https://www.provence-tourismus.de/kulturerbe/luberon/le-fort-de-buoux/provence-853592-1.html

(15) https://fr.wikipedia.org/wiki/Eustache_Marron

siehe dazu auch den Roman von Christrose Rilk, Die Gerechten des Luberon

Die Abbildung von Cabrières aus: Gabriel Audisio, Procès-verbal d’un massacre, S. 31

(16) Miquel, S. 130/131

(17)  Zum Wappen der Waldenser siehe auch den zweiten Teil dieses Beitrags.

[18]  https://fr.wikipedia.org/wiki/Huguenots_d%27Afrique_du_Sud

https://www.museeprotestant.org/de/notice/die-hugenotten-in-sudafrika/  

[19] https://www.museeprotestant.org/notice/histoire-des-vaudois/

Karte aus: https://www.geschichtskreis-dornholzhausen.de/geschichte-1/die-flucht-der-glaubensfl%C3%BCchtlinge-nach-dornholzhausen/

[20] https://protestinfo.ch/20011017877/877-les-vaudois-du-piemont-des-protestants-italiens-entre-histoire-et-foi.htm

Hudry-Menos, L’Israël des Alpes ou les Vaudois du Piemont. In: Revue des Deux Mondes, 72, 1967. Zugänglich durch:

https://fr.wikisource.org/wiki/L%E2%80%99Isra%C3%ABl_des_Alpes_ou_les_Vaudois_du_Pi%C3%A9mont/01

Bei den Waldensern im Piemont. In: Heft 8 (2011) des Geschichtskreises Dornholzhausen, S. 13

Siehe auch: Daniele Tron, Die Waldenser im Chisonetal vom 13. bis zum 18. Jahrhundert. In: Dreihundert Jahre Waldenser in Deutschland, S. 33ff

Waldensermuseum im Centro Culturale: http://www.fondazionevaldese.org/museo-fondazione-valdese.php

Zimmer im waldensischen Gästehaus:  http://www.foresteriatorre.org/de/zimmer-inmitten-der-natur-torre-pellice/#/

Bild der Casa Valdese aus: http://www.gedenkorte-europa.eu/content/list/482/

[21] Zit. von Christine Vogel, „Piemontesische Ostern“. Mediale Inszenierungen des Waldenser-Massakers von 1655. Aus: Dies.:  (Hrsg), Bilder des Schreckens: Die mediale Inszenierung des Schreckens seit dem 16. Jahrhundert. Campus-Verlag 2006, S. 81/82

Dort auch Abdruck des Bildes (Anonyme titellose Radierung)

[22]  https://en.wikipedia.org/wiki/On_the_Late_Massacre_in_Piedmont

„Räche, o Gott, deine erschlagenen Heiligen! Ihre Gebeine liegen in der Einsamkeit der eisigen Alpen, Nur weil sie Wächter deiner Wahrheit waren, Als unsere Vorväter noch die Steine anbeteten.“ Zit. von Tourn, S.142

[23]  Zur „Glorreichen Rückkehr“ siehe: http://www.lestradedeivaldesi.it/de/der-glorreichen-r%C3%BCckkehr.html   Der Begriff „glorreiche Rückkehr“ spielt an auf die englische „Glorreiche Revolution“.

Zur Vertreibung der Waldenser aus dem Piemont siehe:  Christopher Storrs, Der politische Kontext der Vertreibung der französischen Protestanten aus dem Piemont (1698). In: Albert de Lange und Gerhard Schwinge (Hrsg): Pieter Valkenier und das Schicksal der Waldenser um 1700. Waldenserstudien Bd 2  2009, S. 13ff

 

Verwendete/weiterführende Literatur:

Gabriel Audisio,   Guide historique du Luberon vaudois, Éditions du Parc naturel régional du Luberon. 2002 

Gabriel Audisio, Les Vaudois du Luberon. Une minorité en Provence (1460-1560). Mérindol 1984. Rezension: https://www.persee.fr/doc/rhr_0035-1423_1986_num_203_3_2626

Gabriel Audisio, Procès-Verbal d’un Massacre. Les vaudois du Luberon (April 1545). Aix-en-Provence 1992

Gabriel Audisio, Les ‚vaudois‘. Naissance, vie et mort d’une dissidence (XIIe-XVIe siècles). Turin 1989

Le Goff, Jacques (éd.), Hérésies et sociétés dans l’Europe préindustrielle, XIe – XVIIIe siècle, Mouton, Paris-La Haye 1968

Albert de Lange, Die Waldenser.  Geschichte einer europäischen Glaubensbewegung in Bildern. (viersprachige Ausgabe in Deutsch, Italienisch, Französisch und Englisch). Karlsruhe 2000

Pierre Miquel, Les Guerres de Réligion. Paris 1980. Darin vor allem das Kapitel: Le massacre de Mérindol, S. 119-135

Molnár, Amadeo, Die Waldenser. Geschichte und europäisches Ausmaß einer Ketzerbewegnung. Göttingen 1980

Christrose Rilk, Die Gerechten des Luberon. Historischer Roman. Gießen 2005

Christopher Storrs, Der politische Kontext der Vertreibung der französischen Protestanten aus dem Piemont (1698). In: Albert de Lange und Gerhard Schwinge (Hrsg): Pieter Valkenier und das Schicksal der Waldenser um 1700. Waldenserstudien Bd 2 2009, S. 13ff

Les Vaudois entre Migration et intégration. La Valmasque No 94. Mars-Avril 2014. (= Bulletin de l’Association d’études vaudoises & historiques du Luberon)