150 Jahre Abriss der Vendôme-Säule durch die Commune. Teil 1: Ein Blick auf ihre bewegte Geschichte (vive l’empereur!/à bas l’empereur!). Auch ein Beitrag zum „Napoleonjahr“/“Année Napoléon“ 2021.

Am 16. Mai 1871 – einem der letzten Tage der Pariser Commune- wurde  die Vendôme- Säule auf dem gleichnamigen Platz im 1. Arrondissement von Paris niedergerissen.  Sie war auf Befehl Napoleons errichtet worden, um den Sieg gegen Österreich und Russland bei Austerlitz zu feiern (1805). Auf einem 220 Meter langen Relief-Band wurde der Feldzug Napoleons in Szene gesetzt, gekrönt von einem Standbild des Kaisers in der Tracht eines römischen Imperators.  Den Communarden galt die Säule als „ein Monument der Barbarei, ein Symbol der nackten Gewalt und des falschen Ruhms, ein Ausdruck des Militarismus, eine dauerhafte Beleidigung der Besiegten durch die Sieger und ein ständiger Angriff auf eine der drei großen Prinzipien der Republik: der Brüderlichkeit!“[1] Der Maler Gustave Courbet wurde für den Abriss verantwortlich gemacht und dazu verurteilt, den Wiederaufbau zu bezahlen. Da er dazu nicht in der Lage war, wurde er damit ins Exil gezwungen.

Der 16. Mai 1871 war nur eine der vielen Zäsuren in der Geschichte des Platzes und der Säule, ablesbar an den verschiedenen Namen des Platzes (Place des Conquêtes, Place Louis-le-Grand, Place des Piques, Place Internationale, Place Vendôme) und den verschiedenen Namen der Säule (Colonne Germanique, Colonne de la Grande Armée, Colonne d’Austerlitz, Colonne de la Place Vendôme).

Unterschiedlich waren auch die Statuen und Symbole an der Spitze der Säule. Zweimal wurden die Napoleon-Statuen von der Spitze der Säule entfernt, heute steht die vierte Version einer Napoleon-Statue auf der nach der Niederschlagung der Commune wieder aufgebauten Säule unangefochten auf dem noblen Platz, als hätte sie so schon immer da gestanden. Es lohnt sich aber, gerade aus Anlass des Jahrestages ihres Sturzes einen genaueren Blick auf ihre bewegte Geschichte zu werfen. 

Die Errichtung der Vendôme-Säule: Napoleon statt Ludwig XIV.

Die Place Vendôme ist einer der fünf „königlichen Plätze“ von Paris – neben der Place des Vosges (der ehemaligen Place Royale), der Place Dauphine, der Place des Victoires und der Place de la Concorde.  Entstanden ist der Platz 1699 auf Veranlassung Ludwigs XIV., geplant und gebaut wurde die Anlage von dem Architekten Jules Hardouin-Mansart, der als Erster Architekt des Sonnenkönigs  bis zu dessen Tod auch an der Entwicklung der Schlossanlage von Versailles maßgeblich beteiligt war. Der König und sein Architekt legten großen Wert auf die Gleichmäßigkeit des Grundrisses und die Harmonie der Fassaden, deren Struktur den Eigentümern der den Platz säumenden Stadtpalais (hôtels) vorgeschrieben wurde. Der ursprüngliche Name des Platzes feierte die Eroberungen Ludwigs XIV.: Place des Conquêtes. Und da war es nur konsequent, dass in der Mitte ein Reiterstandbild für den gefeierten Eroberer errichtet wurde. Der Platz erhielt dann den offiziellen Namen place Louis-le-Grand, der bis zur Revolution gültig war. Im Lauf des 18. Jahrhunderts setzte sich allerdings im Sprachgebrauch der Name Place Vendôme durch- abgeleitet von dem am Platz liegenden Hôtel du duc de Vendôme, dem Sohn Heinrichs IV. und seiner Geliebten Gabrielle d’Estrées.

Am 9. April 1792 wurde das Standbild Ludwigs XIV. –wie auch die Königsstatuen auf den anderen „königlichen Plätzen“ der Stadt- niedergelegt: Ein revolutionärer symbolischer Akt der Überwindung des Absolutismus und des Ancien Régime. Erhalten blieb von der Statue nur der linke Fuß…

Photo (C) Musée du Louvre[2]

Zu der neuen Zeit passte natürlich auch nicht mehr der offizielle an die Bourbonenherrschaft und die Kriege des Sonnenkönigs erinnernde Name des Platzes.  Der neue Name hatte allerdings auch einen blutigen Beigeschmack: Place des Piques. Auf Pieken waren die Köpfe von zwei königlichen Garden aufgespießt  und hier stolz präsentiert worden.[3]  Die Beseitigung des Königtums war damit auf dem Platz in doppelter Weise präsent. 

Die nun leere Mitte dieses grandiosen Platzes war natürlich eine einzigartige Gelegenheit und eine Herausforderung an die neuen Machthaber. Im Januar 1798,  nach dem Sieg der französischen Truppen und Bonapartes, beabsichtigte das Direktorium, die Trajanssäule in Rom zu demontieren und auf der Place Vendôme aufzustellen- ein im Rahmen des gewaltigen Kunstraubs der Franzosen in Italien durchaus nahe liegendes Projekt, das dann aber doch fallengelassen wurde.

Im Mai und im Juni 1800 wurde dekretiert, in allen französischen Departements Säulen für die tapferen Soldaten zu errichten. In Paris waren sogar zwei Säulen vorgesehen: eine nationale auf der Place de la Concorde und eine zweite, regionale, auf der Place Vendôme. Dies war inzwischen –die revolutionären Pieken hatten ausgedient- der offizielle Name des Platzes.

Der inzwischen zum Ersten Konsul avancierte Bonaparte ordnete 1803, im Sinne dieses Dekrets, den Bau einer Säule auf der place Vendôme an, entsprechend dem Modell der Trajanssäule in Rom – Teil des imperialen Konzepts, Paris in der Nachfolge Roms und Karls des Großen zum politischen und kulturellen Zentrum Europas zu machen. Die Trajanssäule feierte die Siege des römischen Kaisers Trajan über die Daker. In spiralförmig aufsteigenden  Reliefs wurde der Feldzug dargestellt. Die Spitze bildete eine Bronzestatue des Kaisers. Zunächst war geplant, die Pariser Säule mit 108 spiralförmig angeordneten Figuren der französischen Departements zu umgeben. Auf ihrer Spitze sollte eine Statue von Karl dem Großen stehen, den Bonaparte als „notre prédécesseur“ beanspruchte – eine geradezu programmatische Bezeichnung, denkt man an seine Politik, (mindestens) das ganze karolingische Europa  Frankreich einzuverleiben oder zu beherrschen.[4]

Das Vendôme- Vorhaben nahm  nach dem Sieg des inzwischen zum französischen Kaiser gekrönten Napoleon über die österreichische und russische Armee in Austerlitz 1805 neue und konkrete Gestalt an. Der mit der Leitung des Unternehmens betraute Chef des Musée Napoléon, Vivant Denon, schlug vor, eine „colonne Germanique“ aus den erbeuteten russischen und österreichischen Kanonen zu errichten, auf der entsprechend dem römischen Vorbild „les opérations de la mémorable campagne de 1805“ dargestellt würden. Und dem entsprechend sollte die Säule auch von einer Statue des Kaisers gekrönt sein. Römischem Vorbild folgte auch die Verwendung der Kriegsbeute, deren Versteigerung im antiken Rom gängige Praxis war und deren Erlös traditionell der Verschönerung der Stadt diente.[5]

Auf diesem „allegorischen Portrait“ (Benjamin Zix 1811) sieht man Denon beim Katalogisieren der (geraubten) Kunstschätze für das Musée Napoléon. [6] Bei dem Obelisken handelt es sich um den riesigen Obelisken, den Denon auf Wunsch Napoleons auf dem Pont Neuf errichten wollte, da wo einmal die von den Revolutionären zerstörte Statue Heinrichs IV. stand. Dahinter sieht man die Säule von der place Vendôme, Denons ureigenstes Werk, das hier entsprechend in Szene gesetzt ist. Rechts daneben steht ein Modell des begehbaren Elefanten, der einmal die place de la Bastille zieren sollte.  Und über all  dem wacht Napoleon, dessen Lorbeer-bekränzte Büste links im Bild vor hellem Hintergrund nicht zu übersehen ist.

Gemeinsam mit den Architekten Jean-Baptiste Lepère und Jacques Gondouin wurde eine 44 Meter hohe Säule entworfen – 9 Meter höher als die Trajansäule! Wenn es schon eine Kopie war, dann musste die doch wenigstens das Original übertreffen! Auf einem sich nach oben windenden Bronzeband wurden,  ausgehend von dem –ursprünglich für die geplante Invasion Großbritanniens angelegten-  Lager in Boulogne-sur-Mer der Weg der Grande Armée und die „Dreikaiserschlacht“ am 2. Dezember 1805 dargestellt, bis hin zur Rückkehr des siegreichen Napoleon nach Paris an der Spitze seiner Garde – insgesamt ein Band von 220 Metern Länge – also 20 Meter länger als der Fries der Trajanssäule. Ausgeführt wurde er nach einem einheitlichen Entwurf von einer ganzen Gruppe von Bildhauern, die Vivant Denon ausgewählt hatte. Unter anderem ist dort eine Adlocutio zu sehen, die Ansprache eines Herrschers an seine Soldaten, ein Motiv, das sich auch auf der Trajanssäule findet und das die tiefe Verbundenheit zwischen Kaiser und Militär symbolisiert. [6a]

Wie groß die Bewunderung für dieses Bauwerk –und für den dort gefeierten Helden- war, zeigt die Ode des jungen Victor Hugo À la Colonne de la place Vendôme aus dem Jahr 1827:

Erhabnes Monument, Trophä‘, in Erz gegossen!
Auf festem Sockel frei und stolz emporgeschossen,
Zeugst du von Ruhm und – Rauch, und das ist dein Beruf.
Von Allem, was ans Licht gestellt der Held, der kühne,
Stehst aufrecht du allein, – hochragende Ruine
 Des Baus, den ein Titane schuf![7]

Und Ludwig Börne, der kritische deutsche Journalist im Pariser Exil,  bezeichnete die Vendômesäule als „das schönste unter allen Bauwerken Napoleons“. 1200 eroberte Kanonen hätten dazu „das Metall gegeben“.[8]  Ein Werk des Friedens, wie eingefleischte Napoleon-Verehrer es auch heute noch  sehen, ist die Säule damit aber nicht.[9] Aus dem eingeschmolzenen Material wurden ja keine Pflugscharen hergestellt, es wurde auch nicht der Friede gefeiert, sondern der Triumph über die Feinde: Es ist die Colonne d’Austerlitz oder die Colonne de la Grande Armeée.

Am Fuß der Säule werden die Embleme der Besiegten präsentiert: Der Doppeladler für den russischen Zaren und für den österreichischen Kaiser ein bemerkenswertes  F.II.  Eigentlich hätte es ein F.I. sein müssen, denn das war der Name des österreichischen Kaisers, dessen Heer in Austerlitz besiegt wurde. Aber Franz I. war gleichzeitig als Franz II.  der letzte  Kaiser des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation. Und mit dem Sieg von Austerlitz besiegelte Napoleon nach 844 Jahren das Ende dieses Reichs. Angesichts dieser historischen Dimension hat das F.II. gewiss seine Berechtigung.

Napoleon selbst hat die Schlacht gegen Zar Alexander von Russland und Kaiser Franz von Österreich als „die schönste, die ich jemals geschlagen habe“,  bezeichnet. Seinen Soldaten schrieb er ins Stammbuch: „Ihr habt am Tag von Austerlitz alles gerechtfertigt, was ich von Eurer Unerschrockenheit erwartete, und ich habe Eure Adler mit unvergänglichem Ruhm geschmückt.“[10]

Aber natürlich kommt auch Napoleon nicht zu kurz: Auf 23 von 76 Bronzetafeln wird er gefeiert. Und ebenso auf den Inschriften. Die lateinische Inschrift auf dem aus korsischem Porphyr gefertigten Sockel:

NAPOLIO IMP AUG

MONUMENTUM BELLI GERMANICI

ANNO MDCCCV

TRIMESTRI SPATIO DUCTU SUO PROFLIGATI

EX AERE CAPTO

GLORIAE EXERCITUS MAXIMI DICAVIT

Freie deutsche Übersetzung[11]:    

Napoleon, der erhabene Kaiser,

hat diese Säule im Jahre 1805 der Ehre der Großen Armee geweiht.

Sie ist unter seiner Führung aus dem im Krieg gegen die ruchlosen „Germanici“  erbeuteten Erz innerhalb von drei Monaten errichtet worden. 

(Die „Germanici“ sind unverändert übernommen: Es handelte sich um Österreicher, Preußen und Russen….)

In den Sockel wurde bei der Grundsteinlegung ein Behälter mit der von Vivant Denon entworfenen und  zu Ehren der Säule und Napoleons geprägten Medaille deponiert:

© Landesmuseum Württemberg[12]

Eingeweiht wurde die Säule am 15. August 1810, dem Geburtstag Napoleons. Der war allerdings nicht anwesend. Denn einige Monate davor hatte er Marie-Louise von Österreich, die Tochter des bei Austerlitz besiegten österreichischen Kaisers geheiratet. Für sie war die Heirat mit Napoleon ja sowieso ein großes Opfer,  und da wäre seine Anwesenheit bei der Einweihung der Colonne d’Austerlitz eine politische Provokation und eheliche Demütigung gewesen: Immerhin erwartete Napoleon ja von Marie-Louise den ersehnten Thronfolger….

Dreimal Napoleon: Die Statuen auf der Vendôme- Säule

Die heute auf der Vendôme-Säule stehende Napoleon-Statue ist die dritte ihrer Art – ein Spiegel der Umbrüche in der französischen Geschichte des 19. Jahrhunderts.

  1. 1810-1814: Napoleon als römischer Kaiser. Vive l’empereur 1!

Den Anfang machte die bei dem Bildhauer Antoine-Denis Chaudet in Auftrag gegebene Statue Napoleons im kaiserlichen Ornat, mit dem Lorbeerkranz auf dem Haupt und der Weltkugel mit geflügelter Siegesgöttin in der Hand.[13]

„Diese Umdeutung der Place Vendôme zu einem napoleonischen, militärisch-imperial konnotierten Raum erwies sich als äußerst wirksam, da die Säule in ihrer Bildsprache den Kern  des  napoleonischen  Herrschaftsmodells  betonte.  Der  Kaiser  wurde  hier  als  heroischer  Cäsar  dargestellt,  dessen  Herrschaftsanspruch  auf  seinen  militärischen  Erfolgen  und  seiner  engen  Beziehung  zu  seinen  Soldaten  beruhte.“[14]

À bas l’empereur 1!

Allerdings war der Platz der Napoleon-Statue  oben auf der Säule nur von kurzer Dauer. Am 31. März 1814 rückten die siegreichen Koalitionstruppen in Paris ein, Napoleon musste abdanken und wurde ins Exil nach Elba geschickt. Am 6. April forderten Royalisten im Journal de Débat, die Statue Bonapartes (wohlgemerkt: nicht Napoleons!) müsse von der Säule entfernt werden- versehen mit dem höhnischen Zusatz: Sic transit gloria mundi…. [15]

Zwei Tage später schon war es so weit, wie der Stich des deutschen Paris-Reisenden Georg Emmanuel  Opitz zeigt:

„Herabnahme der Bildsäule Napoleons / von der Sieges Collonne auf dem Place Vendome[16]

Wie man sieht, ist eine große Menschenmenge auf dem Platz versammelt, Personen unterschiedlichen Alters, Standes und Geschlechts. Auch einige russische und französische Soldaten beobachten die Szene, darunter ein einbeiniger Veteran – ein Hinweis auf die Opfer der napoleonischen Kriege.  Einige Zuschauer klatschen Beifall, andere werfen aus Begeisterung ihre Hüte in die Höhe. Die Statue Napoleons wird gerade an Seilen von der Säule heruntergelassen. Und oben wird eine weiße Fahne mit dem Bourbonen-Wappen gehisst.

Die Durchführung  des  Sturzes  erwies sich übrigens als sehr schwierig.  Der  ursprüngliche  Plan  bestand  darin, die Statue von mehreren Pferden, die mit Seilen an sie gespannt worden waren, von der Säule ziehen zu lassen. Dies misslang jedoch, das Standbild ließ sich kaum bewegen.  „Sie war, wie ihr Urbild, so fest auf den Beinen, daß man sie absägen mußte“, wie Ludwig Börne bissig bemerkte.[17]  „Noch unter der Julimonarchie wurde diese Anekdote von Napoleons Anhängern immer wieder  neu  erzählt  und  als  symbolischer Kampf des Helden gegen die ausländischen Invasoren ausgedeutet.“ [18]

Initiatoren der Entfernung  der Napoleon-Statue und Organisatoren des von Opitz wiedergegebenen Volksfestes waren allerdings durchaus nicht die einrückenden Sieger (Engländer, Preußen, Russen), sondern die heimischen Royalisten, die nun ihre Stunde gekommen sahen.[19] Die Sieger verzichteten nämlich darauf, es dem beutegierigen Napoleon mit gleicher Münze heimzuzahlen und Napoleon-Statuen als Trophäen ihres Sieges nach London, Berlin oder Moskau mitzunehmen. Vielleicht –entsprechend der rhetorischen Frage von Napoleons Kunsträuber Denon: „Soll ich etwa nichts nehmen?“ [20] zusammen mit z.B.  Jacques-Louis Davids monumentaler Darstellung der Krönung Napoleons in Notre-Dame, den Sklaven Michelangelos und -warum nicht?- der Mona Lisa da Vincis…

Nein, in einem hochsymbolischen Akt der Restauration wurde die Statue von den neuen Herrschern Frankreichs eingeschmolzen und man verwendete das Metall für die Herstellung der Reiterstatue Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf. Die Bourbonen der Restaurationszeit  bezogen sich damit bewusst auf den volkstümlichen Begründer der Bourbonen-Dynastie.  „Die monumentale Glorifizierung Napoleons wird damit vernichtet, die Figur Heinrichs IV., des ‚bon roi Henri‘, dagegen zelebriert.“ [21]  Aber verwendet wird die Bronze Napoleons nur für das Pferd der Reiterstatue. Dem Usurpator Napoleon wird also selbst  die bescheidene „Ehre“ verwehrt, dass das Metall seiner Statue in der Gestalt Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf „weiterlebt“….

2. 1833: Napoleon als „petit caporal“; vive l’empereur 2!

Für die Bourbonen der Restaurationszeit war Napoleon ein illegitimer Usurpator, dazu –als Buonaparte, wie er damals gerne abschätzig genannt wurde- noch nicht einmal ein richtiger Franzose. Gleichwohl gab es eine andauernde volkstümliche Verehrung Napoleons, die in der Juli-Revolution von 1830 eine wesentliche Rolle spielte. Der neue Bürgerkönig Louis-Philippe dagegen  nahm  das  historische  und  politische  Erbe  sowie  die  Erinnerung  an  Napoleon  als  nationalen  Helden  auf  und  versuchte,  das  eigene  Regime  in  eine  sowohl revolutionäre wie napoleonische  Tradition  im  Sinne  einer  ideologischen  Nachfolge  zu  stellen.

Ein Instrument dazu war die Entwicklung des Mythos von Valmy, die Erinnerung an die Kanonade von 1792, die gewissermaßen die letzte Schlacht des Ancien Régime und der erste  Sieg der Republik gegen die gegenrevolutionären Koalitionstruppen war. Louis-Philippe, damals noch duc de Chartres, hatte als junger Offizier an der Kanonade teilgenommen und sich dabei seine ersten militärischen Sporen verdient. Dies nutzte er propagandistisch, um sich und die Juli-Revolution von 1830 in die Tradition der Französischen Revolution einzuordnen.[22]

Der „politischen Instrumentalisierung des Napoleonismus“  diente die Fertigstellung und Einweihung des von Napoleon selbst begonnenen Arc de Triomphe de l’Étoile.   Neben den Siegen Napoleons berücksichtigte das  neue  Bildprogramm  ebenso  die  Taten  der  Revolutionsarmeen und erfasste damit ein  weiteres  Spektrum  der  nationalen Geschichte nach 1789. Der 1836 eingeweihte Arc de Triomphe war damit Ausdruck des geschichtspolitischen  Selbstverständnisses  der Juli-  Monarchie  als  Schlussstein  und  Vollendung  einer  von  Revolution(en)  und  Kaiserreich  geprägten  politischen  Entwicklung.[23]

In diesem Sinne versprach Louis-Philippe auch schon im Jahr seiner Regierungsübernahme 1830, mit der britischen Regierung über die Freigabe des auf St. Helena beigesetzten Leichnams Napoleons zu verhandeln.[24] Dieser Plan konnte aber erst zehn Jahre später in die Tat umgesetzt werden. Gewissermaßen als Ersatzplan beschloss Louis-Philippe 1831 die Wiederaufstellung einer Napoleon-Statue auf der Vendômesäule.  Es wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, den der Bildhauer Charles Émil Seurre gewann. Seurre erhielt von General Bertrand, der bis zum Tod Napoleons mit ihm auf St. Helena verbracht hatte, Stiefel, Mantel und Zweispitz Napoleons, dazu auch das Schwert, das dieser bei der Schlacht von Austerlitz getragen haben soll. Dies nutzte der Bildhauer:

Die von ihm entworfene Statue zeigt Napoleon im Gewand des petit caporal, in Uniform, die Hand ins Wams geschoben, mit Zweispitz und Mantel (redingote) und zwei von ihm selbst geschaffenen Auszeichnungen   (u.a. Légion d’honneur)  auf der Brust.

                                              Patrick Tourneboeuf für « LE MONDE »[25]

An seiner Seite das Schwert von Austerlitz und in der Hand ein Vergrößerungsglas, wie er es zur Beobachtung einer Schlacht benutzte. Zu seinen Füßen liegen Kanonenkugeln, die auf Napoleons ursprüngliche militärische Ausbildung bei der Artillerie hinweisen.   

In seinem Traité de la vie élégante von 1833 begrüßt Balzac ausdrücklich diese Art der Präsentation: „Napoléon n’est poétique et vrai que sans le charlatanisme impérial. Dépouillé des oripeaux de la royauté, il devient immense. L’homme puissant est toujours simple et calme“.[26]  

Am 28. Juli 1833, im Zuge der zweiten Jahresfeier der Trois Glorieuses, der drei Gedenktage an die Revolution von 1830, wurde der „petit caporal“ schließlich mit einer aufwändig inszenierten Feier auf der Spitze der Säule enthüllt.  „Das frühe Bemühen um die Erneuerung der Statue und deren Enthüllung im Kontext der Gedenkfeiern zu Ehren der héros de juillet, (der Gefallenen der Juli-Revolution W.J.),   verwies  auf  den  Anspruch  der  Regierung,  sich  zum  wahren  Erben  der  gesamten jüngeren Geschichte Frankreichs zu stilisieren.“[27]

Die Aufstellung der Napoleon-Statue auf der Vendôme-Säule fand große öffentliche Resonanz. Auf zahlreichen Flugblättern wurden entsprechende Bilder verbreitet. Hier ein Druck mit einer lebensnah gestalteten Ansicht der Statue, so als handele es sich um ein Portrait  des noch lebenden Napoleon. Eingerahmt ist das Bild von zwei populären Gedichten, in denen Napoleon als Held und Stolz Frankreichs gefeiert und seine Feinde als Schrecken der Menschheit verdammt werden. Solche Grafiken wurden in vielen französischen Haushalten an den Wänden befestigt- oft neben Bildern von Jesus, Maria und christlichen Märtyrern: Der Napoleon-Kult konnte geradezu religiöse Züge annehmen.[28]

Von den Zeitgenossen wurde die Vendômesäule als  „colonne  française“ zu  einem  nationalen  Versammlungsort  stilisiert,  an  dem sich eine seit der Revolution von 1789 geteilte französische Gesellschaft versammelte und endlich vereinigte.[29]

Auch jetzt wurde wieder eine Medaille geprägt, die „Napoleon den Großen“ feierte und die Aufstellung der Statue als Beitrag zum Ruhm Frankreichs würdigte. Und es wurde auch gleichzeitig Louis Philippe gefeiert, dem die Wiederherstellung einer Napoleon-Statue auf der Vendôme-  Säule zu verdanken sei.

© Landesmuseum Württemberg[30]    

 3. 1852-1871 und 1875ff: Napoleon wieder in Kaiserpose. Vive l’empereur 3!

Als Louis Bonaparte, der Neffe des ersten Napoleon, sich 1852 als Napoleon III. zum Kaiser der Franzosen ausrief, ließ er die Napoleon-Statue auf der Vendôme-Säule abnehmen. Ersetzt wurde sie durch eine Statue des Bildhauers Auguste Dumont, der Napoleon wieder in Form eines römischen Kaisers darstellte.

Erklären lässt sich diese Maßnahme mit Blick auf die Auseinandersetzungen, die es um den „petit caporal“ gab. Diese Version wurde nämlich durchaus nicht einhellig begrüßt. Indem Napoleon da sehr volkstümlich und –in Uniform und mit den Kanonenkugeln an seinen Füßen- als Soldat dargestellt sei, habe man ihn seiner politischen Bedeutung beraubt. So werde die imperiale Figur eingehegt und marginalisiert.[31]

Insofern ordnete sich Napoleon III. auch durch die alte/neue Figur auf der Vendôme-Säule ganz demonstrativ in die imperiale Tradition seines Onkels ein – was Frankreich allerdings letztendlich nicht gut bekommen ist….

Und was geschah mit dem „petit caporal“?  Einschmelzen konnte und wollte man den natürlich nicht. Er wurde aber  auf dem Rond point de Courbevoie aufgestellt – immerhin einem hervorgehobenen Platz westlich der Seine in der Verlängerung der großen Pariser Ost-West-Achse jenseits des Arc de Triomphe.[32]

Nach der Kapitulation Napoleons III.  wurde beschlossen, die Statue vor einem möglichen Zugriff der Preußen zu schützen und sie an einem sicheren Ort zu verwahren. Bei dem Transport auf der Seine ging sie allerdings unter, wurde dann aber wieder geborgen und verschwand in einem Depot. 1911 wurde sie dann im Ehrenhof des Hôtel des Invalides installiert, wo sie auf die dort abgehaltenen militärischen Zeremonien herabblickt und  die zum Invalidendom hindurchgehenden Besucher noch heute begrüßt.

Copyright © French Moments Ltd[33]

Auf dem Sockel der Napoleon-Statue vom Rond Point de Courbevoie steht inzwischen ein Standbild des Bildhauers  Barrias, das an den Widerstand der Pariser Truppen gegen die Preußen im deutsch-französischen Krieg 1870/71 erinnert. Der Name des Denkmals „La Défense“ hat dem umliegenden Viertel seinen Namen gegeben….

À bas l’empereur 2!

Am 16. Mai 1871 wurde  die Vendôme-Säule von Anhängern der Pariser Commune niedergerissen und auch die Statue Napoleons lag am Boden. [34]

Über den Abriss und die Rolle Courbets wird in dem nachfolgenden Beitrag berichtet werden.

Vive l’empereur 4!

1875 wurde dann die wieder aufgebaute Säule eingeweiht. Die Statue Napoleons hatte den Sturz offenbar gut überstanden. Nur die kleine Siegesgöttin fehlte. Die hatte vielleicht ein Kommunarde als Souvenir erbeutet, so dass sie –bis heute an der unterschiedlichen Färbung erkennbar- erneuert werden musste.

Glück hat die Siegesgöttin ihrem neuen Besitzer aber wohl kaum gebracht: Wenige Tage nach dem Sturz der Säule, am 21. Mai 1871, begann die Pariser Blutwoche, die semaine sanglante, in der die Regierungstruppen die Commune brutal und blutig niederschlugen…. [35]

Literatur:

Paul d’Abrest, Courbet und die Vendôme-Säule. Die Gartenlaube 1878, Heft 9, S. 148-150  https://de.wikisource.org/wiki/Courbet_und_die_Vend%C3%B4me-S%C3%A4ule

Sonia Branca-Rosoff, Place Vendôme. April 2017 https://passagedutemps.wordpress.com/2017/04/21/vendome/

Collectif, Courbet et la Commune. Ausstellungskatalog Musée d’Orsay 2000

Irène Delage: La colonne Vendôme, heurs et malheurs d’un symbole historique, in: Thierry Sarmant, Florian Meunier, Charlotte Duvette, Philippe de Carbonnières (Hrsg.): Napoléon et Paris. Rêves d’une capitale, Paris: Musée Carnavalet, S.263 f.

Irène Delage, La Colonne Vendôme: Et Napoléon domine Paris.  September 2014  https://www.napoleon.org/jeunes-historiens/napodoc/monuments-napoleoniens-la-colonne-vendome-paris/

Sylvie Le Ray-Burimi, »Modell der Triumphsäule der Grande Armée, Place Vendôme in Paris«, in: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH (Hg.), Napoleon und Europa. Traum und Trauma,mAusst.Kat., Bundeskunsthalle Bonn 17.12.2010 – 25.04.2011 kuratiert von Bénédicte Savoy unter Mitarbeit von Yann Potin (München/Berlin/London/New York, 2010)

Dominique Lesbros, Secrets et curiosités des monuments de Paris. Paris 2016. Place Vendôme: S. 77ff

Benjamin Marquart,  1833 „La statue de Napoléon“. In: Ders,   Held – Märtyrer- Usurpator. Der europäische Napoleonismus im Vergleich (1821-1869) Baden-Baden 2019   https://www.nomos-elibrary.de/10.5771/9783956505188-189/3-1833-la-statue-de-napoleon?l=de

Alain Pigeard, L’œuvre de paix de Napoléon. 1800-1815. 200 réalisiations pour reconstruire la France. Paris 2014:  Colonne Vendôme:  S. 100/101

Edgar Schmitz: Das Trojanische Pferd und die Restauration. Die Auseinandersetzung um die Colonne de la Place Vendôme als Paradigma der gescheiterten Restauration. In: Gudrun GersmannHubertus Kohle (Hrsg.): Frankreich 1815–1830. Trauma oder Utopie? Die Gesellschaft der Restauration und das Erbe der Revolution.  Stuttgart 1993

Bertrand Tillier, La Colonne Vendôme déboulonnée. Histoire par l’image  https://histoire-image.org/de/etudes/colonne-vendome-deboulonnee


Anmerkungen:

[1] https://fr.wikipedia.org/wiki/La_Chute_de_la_colonne_Vend%C3%B4me (Übersetzung W.J.)

Nachfolgendes Bild aus: https://rememberingactivism.eu/2020/06/30/why-monuments-matter-and-when-they-dont/

Wie immer auf diesem Blog: Wenn es nicht ausdrücklich anders angegeben ist, handelt es sich um private Aufnahmen.

[2] https://www.photo.rmn.fr/archive/13-546823-2C6NU05BWP89.html

[3] https://passagedutemps.wordpress.com/2017/04/21/vendome/

[4] https://www.furet.com/media/pdf/feuilletage/9/7/8/2/0/1/1/9/9782011924520.pdf

[5] Zitate aus: https://www.napoleon.org/magazine/lieux/colonne-vendome-paris/ 

[6] Benjamin Zix: „Allegorisches Portrait von Vivant Denon“ (1811).  Bild aus: https://transliconog.hypotheses.org/kommentierte-bilder-2/1811-das-auge-napoleons-im-lichte-seiner-taetigkeit

[6a] Volker Sellin: Politik und Gesellschaft. Abhandlungen zur europäischen Geschichte, hrsg. von Frank-Lothar Kroll, Berlin / Boston 2015, 208.

Die Angabe zur Länge des Frieses auf der Trajanssäule: Gunnar Seelentag, Kriegsherr und Kulturbringer. Die Traianssäule als Zeugnis innovativer Herrschaftsdarstellung des Optimus Princeps. In: Columna Traiani – Traianssäule.
Siegesmonument und Kriegsbericht in Bildern. Beiträge der Tagung in Wien anlässlich des 1900. Jahrestages der Einweihung, 9.–12. Mai 2013. TYCHE Sonderband 9 herausgegeben von Fritz Mitthof und Günther Schörner https://www.verlagholzhausen.at/fileadmin/buch.verlagholzhausen.at/Ebooks/PUB_475__Mitthof__Columna_Traiani_TYCHE.pdf:

[7]https://fr.wikisource.org/wiki/Odes_et_Ballades/%C3%80_la_Colonne_de_la_place_Vend%C3%B4me  deutsch: https://www.projekt-gutenberg.org/hugo/oden/chap030.html . Dass Hugo hier (1827)von einer Ruine spricht, beruht darauf, dass die alte Statue Napoleons abgenommen, die neue aber noch nicht aufgestellt worden war.

[8] Ludwig Börne in: Schilderungen aus Paris XX:  Die Vendômesäule  http://www.zeno.org/nid/20004635671  Die Zahl von etwa 1200 für die Reliefs eingeschmolzenen feindlichen Kanonen ist verbreitet und findet sich auch in offiziellen Darstellungen. (z.B. https://www.defense.gouv.fr/actualites/articles/le-saviez-vous-l-histoire-mouvementee-de-la-colonne-vendome ). Nach Wikipedia waren es nur 133 Kanonen (https://de.wikipedia.org/wiki/Colonne_Vend%C3%B4me ), aber der entsprechende Beleg ist nicht mehr existent.

Zu Ludwig Börne siehe den entsprechenden Beitrag auf diesem Blog: https://paris-blog.org/2018/07/10/das-grabmal-ludwig-boernes-auf-dem-pere-lachaise-in-paris-eine-hommage-an-den-vorkaempfer-der-deutsch-franzoesischen-verstaendigung/ 

[9] Alain Pigeard führt in seiner Zusammenstellung der Friedenswerke Napoleons auch die Vendôme-Säule auf. A.a.O., S. 100/101

[10] Zit. in: https://www.welt.de/geschichte/article225269315/Austerlitz-Mit-diesen-Tricks-errang-Napoleon-seinen-groessten-Triumph.html

[11] Übersetzung nach Wikipedia: Napoleon Imperator Augustus
widmete dieses Denkmal des Kriegs in Deutschland im Jahre 1805,
vollendet in drei Monaten unter seiner Führung,
gemacht aus vom Feind erbeuteter Bronze,
dem Ruhm der Grande Armée

https://de.wikipedia.org/wiki/Colonne_Vend%C3%B4me (Das Wort „profligati“ ist dabei allerdings nicht berücksichtigt. Deshalb habe ich die Wikipedia-Version nicht übernommen).

[12] https://bawue.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=18785&navlang=%20de

[13]  Nachfolgendes Bild aus: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:La_Colonne_de_la_Grande_Arm%C3%A9e_d%27Austerlitz_(1833),_Statue_colossale_de_Napol%C3%A9on,_engraving_%E2%80%93_Gallica_bpt6k6568851m_(adjusted).jpg

[14] Marquard, S. 207

[15] Zit bei Schmitz, S. 187

[16] https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/musee-carnavalet/oeuvres/la-descente-de-la-statue-de-napoleon-1er-du-haut-de-la-colonne-vendome-le-8#infos-principales

[17] http://www.zeno.org/nid/20004635671

[18] Marquard, S. 208

[19] Vor allem war es der Royalist Sostène de la Rochefoucauld, der dabei eine weentliche Rolle spielte und  unter den Bourbonen Karriere machte.   https://fr.wikipedia.org/wiki/Sosth%C3%A8nes_de_La_Rochefoucauld

[20] Zit. bei Reinhard Kaiser, Der glückliche Kunsträuber. Das Leben des Vivant Denon. München: C.H.Beck 2016,  S. 227. Es handelte sich hier um eine rhetorische Frage Denons bei der Plünderung der reichen Kunstsammlung  des Landgrafen von Hessen-Kassel.

Siehe dazu den Blog-Beitrag:  https://paris-blog.org/2021/05/05/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-2-die-raubkampagnen-denons-in-deutschland-soll-ich-etwa-nichts-nehmen/  

[21] Schmitz, S. 192

[22] Siehe dazu den Blog-Beitrag zur Kanonade von Valmy: https://paris-blog.org/2018/06/19/auf-dem-weg-nach-paris-die-muehle-von-valmy-das-fanal-einer-neuen-epoche/ 

[23] Siehe dazu und zum Folgenden Marquart. Zum Arc de Triomphe siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/ 

[24] Zur Beisetzung Napoleons im Invalidendom siehe den entsprechenden Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2017/03/12/napoleon-in-den-invalides-es-lebe-der-kaiser-vive-lempereur-3/ 

[25] Bild aus:  Le Monde vom 31. März 2015   https://www.lemonde.fr/culture/article/2015/04/01/les-282-jours-de-napoleon_4607396_3246.html

[26] Zit. in Le Monde vom 31. März 2015   https://www.lemonde.fr/culture/article/2015/04/01/les-282-jours-de-napoleon_4607396_3246.html

[27] Marquart , S. 210.

[28] https://histoire-image.org/de/etudes/napoleon-colonne

[29] Marquart, S. 221  

[30] https://bawue.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=18714

[31] Siehe Marquart, S. 223/224

[32] Bild aus:  https://fr.wikipedia.org/wiki/Fichier:Napol%C3%A9on_%C3%A0_Courbevoie.jpg

[33] https://frenchmoments.eu/statue-of-napoleon-les-invalides/ 

[34] Bild aus: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Colonne_vendome.jpg

[35] Zur Commune und zur semaine sanglante siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2016/08/13/der-buergerkrieg-in-frankreich-1871-ein-rundgang-auf-dem-friedhof-pere-lachaise-in-paris-auf-den-spuren-der-commune/  

Weitere geplante Beiträge:

  • 150 Jahre Abriss der Vendôme-Säule. Teil 2: Der Fall der Säule und der Fall Courbet(s)
  • Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf
  • Die alte Eiche (Le Gros Chêne) von Allouville-Bellefosse in der Normandie. Ein Gastbeitrag von Zora del Buono
  • Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer
  • Auf der Autoroute de l’Est von Saarbrücken nach Paris: Eine Fahrt durch die deutsch-französische Geschichte

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons, und sein Musée Napoléon (Louvre) Teil 2: Die „Raubkampagnen“ Denons in Deutschland: „Soll ich etwa nichts nehmen?“

Teil 1: Die große Ausstellung deutscher Raubkunst 1806/1807:

https://paris-blog.org/2021/05/01/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-1-die-grose-ausstellung-deutscher-raubkunst-1806-1807/

1806, im Zuge des Vierten Koalitionskriegs, der mit dem entscheidenden französischen Sieg bei Jena und Auerstedt entschieden war,  beauftragte der inzwischen zum Kaiser gekrönte Napoleon seinen Generaldirektor der Museen Vivant Denon, die Kunst in den neu eroberten deutschen Gebieten zu sichten und die besten Stücke nach Paris zu überführen. Mit einem ähnlichen Auftrag hatten seit 1794 schon mehrere Kommissionen und Kunstkommissare wiederholt  in den linksrheinischen Gebieten Werke der Wissenschaft und Kunst konfisziert- selbst noch nach deren Annexion und Umwandlung in französische  Departements.[1]  Denon wusste also, was er zu tun hatte. Er arbeitete gewissenhaft, stellte akribisch für die übernommenen Werke  Quittungen aus (die er von den bisherigen Eigentümern bzw. deren Bevollmächtigten unterzeichnen ließ), erstellte Inventare und klassifizierte das neu hinzugekommene Kunstgut in ausstellungswürdige Stücke und solche, die in Magazinen aufzubewahren waren (dazu gehörte beispielsweise die Berliner Quadriga). Seine detaillierten Dokumentationen ermöglichten nach der Niederlage Frankreichs ab 1814 aber auch die Rückforderung der enteigneten Kunstwerke.

Man würde allerdings Denon Unrecht tun, ihn  in Schwarz-Weiß-Manier schlicht und einfach als brutalen Kunsträuber zu qualifizieren.  Denon hatte als Diplomat in Neapel und Sankt Petersburg gelebt, war in Venedig, wo er die Bekanntschaft Goethes machte,  als Zeichner und Kupferstecher hervorgetreten,  hatte sich als Sammler und Kunsthändler betätigt und in seiner Jugend anonym eine bis heute berühmte erotisch-libertäre Novelle verfasst, „Nur eine Nacht“. Für Milan Kundera, der sich davon zu seinem Roman „Die Langsamkeit“  inspirieren ließ  „einer der schönsten französischen Prosatexte aus dem 18. Jahrhundert.“ 

Auf diesem „allegorischen Portrait“ (Benjamin Zix 1811) sieht man Denon beim Katalogisieren der (geraubten) Kunstschätze für das Musée Napoléon, mit denen der Raum angefüllt ist.[2] Bei dem Obelisken handelt es sich um den riesigen Obelisken, den Denon auf Wunsch Napoleons auf dem Pont Neuf errichten wollte- da wo bis 1792 die Reiterstatue Heinrichs IV. stand und seit 1818 wieder steht. [2a] Dahinter sieht man die Säule von der place Vendôme, Denons ureigenstes Werk, das hier entsprechend in Szene gesetzt ist.[3] Rechts daneben steht ein Modell des begehbaren Elefanten, der einmal die place de la Bastille zieren sollte.   Und über all  dem wacht Napoleon, dessen Lorbeer-bekränzte Büste links im Bild vor hellem Hintergrund nicht zu übersehen ist.

Im Juni 1798 brach Vivant Denon mit Napoleons Flotte nach Ägypten auf. Er gehörte zu den 160 Gelehrten und Künstlern, die den Feldzug begleiteten, und hatte den Auftrag, ihn zeichnerisch zu dokumentieren.

©  akg-images / VISIOARS

Wie bedeutsam Denons Rolle dabei war, veranschaulicht dieses Bild Mulards, von dem hier der zentrale Ausschnitt wiedergegeben ist: Der General Bonaparte überreicht dem Militärchef von Alexandria einen Säbel eine Szene vom Juli 1798. Direkt neben Bonaparte steht Denon im blauen Mantel mit seinem Zeichenblock. Auf der Grundlage der dort gesammelten Zeichnungen entstand ein zweibändiges Standardwerk über die ägyptische Kunst, das wesentlich zur Ägyptomanie im Frankreich um 1800 beitrug.

Johann Gottfried Schadow, auf dessen Quadriga vom Brandenburger Tor Denon sein –wie Schadow sagte- gieriges Auge geworfen hatte, schrieb über ihn:

„Er hat einen Kunstblick, der einzig ist, den Wert der Originalität, den Meister und das Zeitalter zu erkennen, er ist viel gelehrter, als man allgemein glaubt.“[4]

Pierre-Paul Prud’hon, Portrait des Barons Vivant Denon.  Musée du Louvre[5]

Auf dem Weg nach Berlin, wo er Schadow traf, machte Denon, drei Tage nach dem Sieg von Jena und Auerstedt,  in Weimar Station. Friedrich Müller, der spätere Weimarer Kanzler, berichtet, wie am 17. Oktober ein „ein kleiner, schwärzlicher Mann im schlichten blauen Oberrocke…um ein Einquartierungs-Billet auf das goethesche Haus ‚pour Monsieur Denon‘ bat. … Es lässt sich denken, dass Denon bei Goethe die willkommenste Aufnahme fand. Er erzählte, wie er dem kaiserlichen Hauptquartier überall nachzufolgen angewiesen sei, um nach Maßgabe der Ereignisse Zeichnungen zu Denkmünzen aufzunehmen und sein Urteil über eroberte Kunstschätze und deren Auswahl abzugeben.“[6]

Goethe hatte Denon 1790 in Venedig kennengelernt und freute sich in der Tat in diesen „bedenklichen Tagen“ über das Wiedersehen. In seinen Tagebüchern von 1831 lobt er den französischen Stadtkommandanten, der sich „gegen mich sehr gut benommen“ habe:

„Er quartierte Herrn Denon bei mir ein und machte dadurch die unglücklichen Tage zu frohen Festtagen, indem auch der Genannte wegen früherer Verhältnisse und einem herkömmlichen Zutrauen mich das Lästige des Augenblicks nicht fühlen ließ.“[7]

Seinem Freund Carl Ludwig von Knebel schreibt Goethe kurz nach dem Treffen:

„Habe ich dir schon geschrieben, dass ich einen Besuch von meinem alten Freund Denon hatte, der sich einige Tage bei uns aufhielt? So muss erst ein Gewitter vorbeiziehen, wenn ein Regenbogen erscheinen soll!“[8]

Es ist viel, was Goethe als „Gewitter“ bezeichnen konnte: Die Niederlage der Preußen, in deren Reihen auch sein Herzog als General gedient hat. … Die Gefahr für den Weiterbestand des Herzogtums, zu dessen politischen Repräsentanten er zählte.  … Die Gefahr für sein eigenes Leben, als die Stadt von marodierenden Soldaten durchzogen und verwüstet wurde und möglicherweise nur Christiane Vulpius durch ihr mutiges Dazwischengehen ihm Gut und vielleicht sogar Leben gerettet hat…[9]

Aber dann spricht Goethe im Zusammenhang mit Denon vom „Regenbogen“:  Denon erinnerte ihn an die wunderbare Zeit in Venedig. Und noch während Denons Aufenthalt in Weimar heiratete er Christiane und machte damit aus einem Tag der Schmach einen persönlichen Freudentag.  Und nicht zuletzt:  Denon verzichtete darauf, in Weimar Kunstwerke zu konfiszieren.

Zu diesem Zweck reist er weiter nach Berlin.

Auf dieser Karte von Bénédicte Savoy sind die beiden „Beutezüge“ des „Auges Napoleons“  in den Jahren 1806-1809 eingezeichnet:  Der erste führte ihn 1806/1807 nach Norddeutschland, der zweite 1809 über München nach Wien.[10]

Im Folgenden werde ich mich auf drei Orte beschränken: Berlin, Braunschweig und Kassel. Nicht nur (abgesehen von Platzgründen) deshalb, weil dies Schwerpunkte der „Mission“ Denons  in Deutschland waren, sondern weil dabei, wie ich hoffe, die Praxis der Konfiszierungen exemplarisch deutlich und  anschaulich wird.

Denon und die Quadriga

Am 27. Oktober 1806 zog Napoleon nach der siegreichen Schlacht bei Jena und Auerstedt  in Berlin ein – durch das noch von der Quadriga gekrönte Brandenburger Tor.[11]

Vivant Denon, zuständig für die Sichtung und Konfiszierung der künstlerischen Kriegsbeute, folgte Napoleon auf dem Fuß. Allerdings war er skeptisch. Schon einen Tag nach seiner Ankunft schrieb er an seinen Kaiser:

„Wenn auch Kunstgegenstände unter die Kriegsabgaben aufgenommen werden sollten, wird Preußen in dieser Beziehung nur sehr wenig beisteuern können.“[12]

Allerdings musste Denon Berlin nicht mit ganz leeren Händen verlassen.  Er konfiszierte immerhin 204 überwiegend antike Marmor- und Bronzefiguren, darunter  den betenden Knaben,  Amor und Psyche und die Knöchelspielerin,  die dann in der Ausstellung 1807/1808 im Musée Napoléon präsentiert wurden. Dazu kamen u.a. 538 Gemmen, etwa 12000 historische Münzen, Elfenbeinschnitzereien, Bernsteinobjekte und 123 Bilder aus dem Berliner Schloss und Sanssouci.

Auf dieser Federzeichnung von Benjamin Zix vom November 1806 sieht man Denon – in der Mitte stehend-  in dem Medaillen-Kabinett des Berliner Stadtschlosses. „Aus einem Münz- und Medaillenschrank links im Hintergrund hat Denon einen Kasten entnommen –die offene Schublade des Schrankes lässt dies vermuten- und überprüft im Stehen den Inhalt, während Rhode (der Hausverweser des Schlosses W.J.) ihm über die Schulter schaut. Am Tisch vor dem Fenster sitzt Denons Sekretär Perne … und listet offensichtlich die konfiszierten Gegenstände auf, die nach Paris transportiert werden sollten.“ Links sieht man den betenden Knabenaus, rechts Amor und Psyche und im Rücken von Perne auf einem Sockel die mächtige Portraitbüste des großen Kurfürsten, die verschollen ist. „Auf dem rechten Münzschrank oben die bronzene Reiterstatuette Friedrichs II. (wenig später schmückte sie eine Kaminkonsole im Schloss St. Cloud) als Zeichen der Verehrung des Preußenkönigs durch Napoleon.“ [13]

Ein besonderes Beutestück war die Quadriga, die Johann Gottfried Schadow 1793 für das Brandenburger Tor geschaffen hatte. Schadow, der Denon als „sehr lüstern“ bezeichnet, schreibt in seinen Erinnerungen:

„Denon, der sich durch seine Beschreibung von Ägypten einen guten Namen gestiftet hat, den jedoch die französischen Generale ‚notre voleur à la suite de la Grande Armée – unseren Dieb bei der Großen Armee nannten, kam, um die Abnahme der Quadriga vom Brandenburger Tor anzuordnen…“[14]

“Der Pferdedieb von Berlin” – Karikatur auf Napoleons Raub der Quadriga vom Brandenburger Tor. Radierung (um 1813) © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek / Knud Petersen[15]

Die Quadriga gehörte also auch zu der Kriegsbeute, die über Spree, Havel, Elbe, Nordsee, Rhein und Mosel zu Wasser, dann auf dem Land bis zur Marne und von dort wieder auf dem Schiff nach Paris transportiert wurde – dort allerdings in einem Magazin verschwand. Mit der in Italien konfiszierten venezianischen Quadriga konnte sie doch nicht mithalten…

© RMN Musée du Louvre

Benjamin Zix hat „die Ankunft der in Berlin konfiszierten Werke beim Musée Napoléon“  mit Feder und Tinte festgehalten. In der Mitte im Vordergrund sind (mit etwas Mühe) „Amor und Psyche“ und der „Betende Knabe“ zu erkennen, rechts neben dem Eingang des Museums die Quadriga.[16]

1814 kehrte die Quadriga wieder nach Berlin zurück – vom erfindungsreichen Berliner Volksmund passender Weise „Retour-Kutsche“ getauft. Vielen Dank, Pierre Sommet, für diesen Hinweis! [16a]

Lüsterne Blicke zur Sixtinischen Madonna

Ganz zufrieden war Denon mit seiner Berliner Ausbeute allerdings nicht. Seine Blicke waren nämlich auf Sachsen und dessen reiche Kunstschätze gerichtet. Allerdings hatte das bisher mit Preußen verbündete Sachsen einen Kurswechsel vollzogen und der sächsische Kurfürst wurde dafür von Napoleon zum König erhoben. Aber in einem glücklicherweise überlieferten Brief, den Denon Ende 1806 an Napoleon sandte,  versucht er den Kaiser in fast beschwörendem Ton von einem partiellen Abtransport der Dresdner Gemäldegalerie nach Paris zu überzeugen:

 „Die Geldwerte, die in den Verträgen nie gänzlich ausgezahlt werden, könnten hier durch einige Stücke ergänzt werden, die einen tatsächlichen Wert bekämen, da sie vollständig in den Schatz Ihres Ruhmes Eingang fänden und auf ewig dort verblieben. Auch wenn Ihre Majestät nur wenige Gegenstände fordern würde, so wäre damit doch in jedem Falle ein großer Wert gewonnen. Ein einziges Gemälde von Raffael aus der Sammlung von Dresden ist vom König August mit 9000 Louis bezahlt worden, für Ihre Majestät ist es das Doppelte wert. Die Nacht von Correggio hat mindestens denselben Preis; zwei weitere Correggios und ein Holbein sind vom selben Range. Dieser letztgenannte Maler fehlt Ihrem Museum. Es ist keine Plünderung, die ich Ihrer Majestät vorschlage, wenn ich sie bitte, vier oder sechs Gemälde einer Sammlung zu fordern, die 2000 umfasst, darunter 200 von höchstem Rang, und zu der außerdem Berge von Gold, Diamanten und Perlen gehören.“[17]

Allerdings hatte Denon hier ausnahmsweise  keinen Erfolg. Aus diplomatischen Rücksichten verzichtete Napoleon darauf, die Sixtinische Madonna in sein Pariser Museum zu überführen… Und die „Berge von Gold, Diamanten und Perlen“ blieben auch in Dresden. Ironische Anmerkung:  Vielleicht wären sie allerdings –denkt man an den spektakulären Juwelendiebstahl von 2019-  in Paris sicherer gewesen als im Dresdner Grünen Gewölbe… [18]

Mit Henri Beyle/Stendhal in Wolfenbüttel

Nächste Etappe auf dem Beutezug Denons war das Herzogtum Braunschweig.  Dort gab es die legendäre Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel, die im 17. Jahrhundert als größte Bibliothek nördlich der Alpen galt und in der schon Leibnitz und Lessing als Bibliothekare tätig waren. Berühmt war sie vor allem wegen ihrer wertvollen Handschriften. Am Tag vor Weihnachten 1806 besuchte Denon in Begleitung des für das Herzogtum zuständigen General-Intendanten Daru die Bibliothek. „Sie ließen sich die Handschriftenkataloge vorlegen, um sie nach Paris zu senden, damit man dort auswählen konnte. Einige der schönsten Bilderhandschriften nahmen sie jedoch gleich mit.“[19]  Die Fachleute der Bibliothèque impériale in Paris wählten dann treffsicher die wertvollsten Stücke der Bibliothek aus: 318 Handschriften und 37 Bücher aus der Frühzeit des Buchdrucks. Die wurden in Wolfenbüttel beschlagnahmt, und zwar von Henri Beyle, einem jungen Mann im Rang eines „Adjoint provisoire aux commissaires des guerres“ (Kriegskommissarsgehilfe). Er war es  auch, der Anfang 1807 die Beutestücke nach Paris  begleitete.[20]  Dieser junge Mann  wird ab 1817 seine Bücher unter dem Namen Stendhal veröffentlichen….

Beyle war nach der preußischen Niederlage von Jena und Auerstedt zunächst in Berlin tätig.[21]  In der „Friedrichsgasse“ – im Vergleich zu den Pariser Boulevards war die Friedrichstraße  ja tatsächlich eine Gasse- hörte er zum ersten Mal die deutsche Sprache. Sie kam ihm vor wie das „Krächzen von Raben“.  Die Braunschweiger Eindrücke sind vielfältiger. 1808 entsteht ein Text „Voyage à Brunswick“ (Reise nach Braunschweig), der zeigt, dass der Mittzwanziger sich in der Residenz des Herzogtums Braunschweig-Wolfenbüttel sehr genau umgesehen hat. Was fällt ihm auf? Das Wetter natürlich:  „Die Straßen sind sieben Monate im Jahr schlammig und unpassierbar. Es gibt keinen Frühling.“ Die Deutschen scheinen sich in ihrem halbjährigen Winter aber ganz wohl zu fühlen: „Die Fenster werden während des Winters nie geöffnet, der Ofen stets bis zur Gluthitze geschürt“. Überall in der Öffentlichkeit werden Frauen mit Zärtlichkeiten förmlich überschüttet – ausnahmslos von ihren Gatten allerdings, denn der Respekt vor dem „heiligen Band der Ehe“ gilt unangefochten  –für einen Franzosen (nicht nur) dieser Zeit völlig exotisch. Die Liebkosungen fallen aber „phlegmatisch und kalt“ aus. Das scheint die Frauen jedoch nicht zu stören. Die sind meist „Mutter und sonst nichts“, dazu schwerfällig wie die Kühe. Das kommt vom falschen Essen. Allein das Frühstück! „Diese redlichen Deutschen essen vier oder fünf Butterbrote, trinken dazu zwei große Gläser Bier und danach einen Schnaps. Diese Ernährungsweise macht den agilsten Menschen phlegmatisch.“ Mittags gibt es das beliebte Bier als Suppe, dazu „eine enorme Platte mit Sauerkraut und Würstchen, ein Gericht, das seinerseits die Verdummung fördert. Danach wird noch ein Braten mit einem übelriechenden Kohlrübensalat serviert, während frisches Gemüse nur selten auf den Tisch kommt.“

Kein Wunder, dass  Denon unter diesen Umständen nicht allzu lange in Braunschweig bleiben will. Aber immerhin nutzt er seinen Aufenthalt noch zum Besuch der Gemäldesammlung der Herzöge von Braunschweig in Salzdahlum und des Museums in Braunschweig. Dort wecken immer mehr Stücke sein Interesse, so dass er doch sechs volle Tage mit dem „Ausheben“ beschäftigt ist. Er beschlagnahmt schließlich 278 Gemälde, mehr als doppelt so viele wie in Berlin und Potsdam zusammen, dazu fast 250 alte Zeichnungen, antike Büsten, Bronze- und Marmorfiguren, Emaille-Arbeiten aus Limoges, eine bedeutende Majolika-Sammlung und viele weitere kunsthandwerkliche Arbeiten, die zusammen in 54 Kisten nach Paris verfrachtet werden.

Dass Denon sich in Braunschweig keine Zurückhaltung bei den Konfiszierungen auferlegte, beruht wohl auch darauf, dass Braunschweig in Frankreich ein verhasster Name war: Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel  war  „die treibende Kraft im Krieg der alliierten Mächte und der Emigranten gegen das sich erhebende und erneuernde Frankreich von 1792 gewesen.“ Er hatte den Franzosen in  dem  berüchtigten Manifest des  Herzogs von Braunschweig mit „beispielloser Rache gedroht, wenn sie dem König und dessen Familie etwas antäten.“  Und er war auch  Oberbefehlshaber der preußischen Truppen in der sog. Kanonade von Valmy vom  20. September 1792. Karl Wilhelm Ferdinand war zwar in der Schlacht von Auerstedt tödlich verletzt worden, aber sicherlich werden die Kisten aus Braunschweig in Paris mit besonderer Genugtuung begrüßt worden sein.[22]

Kassel: spät kommt er, doch er kommt….

Nach getaner Arbeit reiste Denon nach Kassel weiter, wo er aber erst zwei Monate nach der Besetzung der Stadt ankam. Da war ihm ein anderer schon zuvorgekommen: Eine Geschichte, die es wert ist, kurz erzählt zu werden[23]: Als Kurfürst Wilhelm von Hessen-Kassel  im September 1806 den heraufziehenden Krieg kommen sah, brachte er sich in Sicherheit, gleichzeitig aber auch –wie er hoffte- die „werthvollsten Kunstschätze seiner herrlichen Kasseler Galerie“: Denn es gab ja schon hinreichend Anzeichen dafür, dass mit siegreichen Franzosen auch die „Kunstsammler“ einrücken würden. So traf er eine Auswahl von 48 Gemälden, die er  zusammen mit dem Staatsschatz in 42 Kisten verstauen und mit Hilfe von Tagelöhnern und Bauern in das nördlich von Kassel gelegene Jagdschloss Sababurg  transportieren ließ. Dort wurden sie in einem ehemaligen Verließ so versteckt und die schmale Tür so vermauert, dass kein Unterschied  zu den umliegenden Steinen zu erkennen war. Der Maurermeister verwendete die gleichen Steine wie in der umliegenden Wand, staubte sie ein und zündete ein Feuer an, um die Fugen zu trocknen und die Steine mit Ruß ›altern‹ zu lassen. Aber alle Mühe war vergebens. Denn der französische Gouverneur General Joseph Lagrange hatte Wind von der Sache bekommen und nach entsprechenden drakonischen Strafandrohungen  von dem Versteck erfahren und die 48 Bilder konfisziert. Vermutlich um sich beim kaiserlichen Hof einzuschmeicheln, ließ er sie nach Mainz transportieren, wo sich gerade Kaiserin Josephine aufhielt. Die begutachtete die 36 dort eingetroffenen Bilder -12 waren auf dem Weg abhanden gekommen – und entschied, dass sie in ihrem Schloss Malmaison ausgestellt werden sollten. Inzwischen war allerdings Denon in Kassel eingetroffen,  hatte durch Einsicht in das Inventar der Gemäldegalerie von der Existenz der besonders wertvollen  Bilder erfahren und wollte auch diese im Musée Napoléon ausgestellt sehen.  Er wandte sich also an seinen Kaiser, aber der entschied sich gegen Denon und für Josephine: „Elle ne seroit pas Impériatrice, si elle agiroit autrement“ – sie wäre keine Kaiserin, wenn sie anders handelte.  Josephine durfte also die Gemälde in ihren Privaträumen behalten- eine eklatante Verletzung des revolutionären Prinzips von der Befreiung der Kunst und des Museumsgedankens. Die Behauptung, kein einziges der in den napoleonischen Kriegen erbeuteten Kunstwerke sei für private Zwecke abgezweigt worden[24], stimmt also, wie auch dieses Beispiel zeigt, nicht. 

So zierten also die Lieblingsbilder des Kasseler Kurfürsten die Wände des Schlosses von Malmaison. 1811 waren es allerdings nur noch 20 bis 23, die anderen hatte Josephine wohl verkauft oder verschenkt.

Als Ex-Kaiserin Josephine 1814 verstarb, gab es ein großes Tauziehen um die Bilder. Denon versuchte, jetzt endlich die Gemälde für das Musée Napoléon zu erlangen und natürlich wollte  Kurfürst Wilhelm I. seine Bilder wieder zurückerhalten, wobei er sogar von dem nach Paris gereisten Jacob Grimm,  einem der berühmten Gebrüder Grimm,  -wenn auch eher widerwillig- unterstützt wurde.[25] Es gelang allerdings lediglich, drei später als  „minderwerthig“ erkannte  Stücke“[26] wieder nach Kassel zurückzuholen.   Erfolgreicher war  Zar Alexander I., der von den Erben Josephines  rund zwanzig der in Malmaison ausgestellten Bilder kaufte – 16 davon stammten aus dem auf der Sababurg versteckten Bestand. Sein Interesse an den Bildern war deshalb groß, weil er im Frühjahr 1814 nach der Niederlage Napoleons Josephine kurz vor ihrem Tod  in Malmaison getroffen und die Bildergalerie bewundert hatte.

Und was ist seitdem aus den Bildern geworden?  Bei vielen ist der Verbleib unbekannt. Die meisten aber, deren Verbleib bekannt ist  –nämlich 16- sind heute in der Ermitage in Sankt Petersburg zu sehen. Kurfürst Wilhelm war von dem Deal Alexanders natürlich not amused und beschwerte sich beim Zaren.  Der soll ihm daraufhin angeboten haben, die Gemälde zu dem Preis zurückzukaufen, den er bezahlt hatte- eigentlich ein nobles Angebot des mit einer deutschen Prinzessin verheirateten Zaren, auch wenn es sich bei den Bildern nach heutigen progressiven  Maßstäben  (wie bei den Berliner Benin-Bronzen)  um Hehlerware handelte.  Angeblich aus Stolz schlug Wilhelm aber das Angebot aus, indem er erklären ließ, dass er nicht für sein Eigentum bezahlen würde. So hängen die meisten der nicht verschollenen Kasseler Preziosen bis heute in der Ermitage.

Vivant Denon hat einmal von sich gesagt, er sei „nur der Mann, der zufällig zur rechten Zeit am rechten Ort war.“[27]  Das trifft im Falle Kassel nicht ganz zu. Aber auch wenn die liebsten Stücke des Kurfürsten schon weg waren: Als Denon in Kassel ankam, blieb für ihn dennoch genug übrig und zu tun. Denn die Landgrafen von Hessen – Kassel hatten –unter anderem durch die Vermietung von Soldaten an kriegführende Verbündete (beispielsweise Großbritannien im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg)  systematisch hochwertige Kunst in ganz Europa aufgekauft. Die Gemälde wurden in einem Mitte des 18. Jahrhunderts in einem eigens dafür errichteten Bau  der Öffentlichkeit zugänglich gemacht- eine damals äußerste fortschrittliche Neuerung- so dass auch hier von einer „revolutionären Befreiung der Kunst“ nicht die Rede sein kann.

Auf dieser Zeichnung von Benjamin Zix sieht man „das Auge Napoleons“ – im Vordergrund stehend-  beim Begutachten und der Konfiszierung in der Kasseler  Gemäldegalerie mit ihren Oberlichtsälen, einer epochemachenden Neuerung.[28]  Denon konfiszierte insgesamt 299 Gemälde mit prominenten Namen: Rembrandt, Franz Hals, van Dyck und andere Flamen und Niederländer, dazu Albrecht Dürer, Lucas Cranach und einige Italiener wie Caravaggio, Tizian, Tintoretto…

Und dann gab es ja noch das Fridericianum mit der landgräflichen Bibliothek und vor allem der Antikensammlung ,  ein Bau, an dem übrigens auch der französische „Revolutionsarchitekt“ Nicolas Ledoux mitgewirkt hatte. [29] Das Fridericianum galt als das erste öffentliche Museum Europas, womit sich der Kunstraub auch hier in seiner ganzen Brutalität und Nacktheit präsentierte.  Der Oberaufseher des Hauses, Ludwig Völkel, musste den „Hauptrequisitor der Kunstwerke“ auf seinem Beutezug begleiten.  Was die überlebensgroßen Statuen in der Antikensammlung angeht, hatte Denon ihm schon vorher erklärt, hier

„… müsse er grausam sein, denn es sei ausdrücklicher Befehl des Kaisers, dass alle antiken Statuen nach Paris gebracht werden sollten. … Er wurde sogar heftig: ‚Was wollen Sie, soll ich etwa nichts nehmen? Nun, so wird ein anderer kommen, der alles abholt.‘ Welche schreckliche, grauenvolle Zeit war das für mich! Alle Säle wurden nach und nach durchgegangen und allenthalten wurde genommen.“[30]

Vivant Denon – in der Bildmitte stehend- beaufsichtigt den Abtransport der Skulpturen aus der Antikensammlung. Eine Zeichnung von Benjamin Zix[31]

Da half auch nichts, dass Kassel damals eine in vielerlei Hinsicht französisch geprägte Stadt war,  architektonisch und städtebaulich im Stil à la française durch die Mitglieder der Hugenottenfamilie du Ry.   Adolph Freiherr von Knigge bezeichnete Kassel als „ein Mittelding zwischen Paris und Berlin“ und bemerkte:  „Hier in Cassell ist alles nach französischem Schnitte. Die Hälfte der Einwohner ist auch wohl von dieser Nation, und der Ton in allen Gesellschaften und am Hofe also gestimmt.“[32]

Aber wie auch hätte das Vivant Denon von seiner Mission abbringen sollen…. Und die war dann doch –entgegen seiner anfänglichen eher bescheidenen Erwartungen- höchst erfolgreich. Im Januar 1807 schrieb er an Napoleon:

„Ich komme aus Kassel, wo ich eine reiche Ernte prächtiger Dinge eingefahren habe. … Alles in allem werde ich eine Ernte gemacht haben, die zwar nicht mit derjenigen von Italien verglichen werden kann, aber weit über dem liegt, was ich von Deutschland erhoffte.“[33]

Erinnerungsorte Vivant Denons in Paris

Es gibt in Paris mehrere Orte, die an Vivant Denon erinnern. Der wichtigste ist natürlich der Louvre. Immerhin hatte Denon –die Gunst Napoleons und der französischen Expansionspolitik nutzend-  den Grundstein  gelegt für  die  internationale Ausstrahlung des Louvre: Er hatte die Ausstellungsflächen vervielfacht, die Lichtverhältnisse durch den Umbau der Räume erheblich verbessert und mit einer klar strukturierten,  effektvollen und besucherfreundlichen  Präsentation von Kunstwerken aus allen Epochen das Musée Napoléon im  Louvre zu dem damals bedeutendsten  Museum der Welt gemacht. Zwar musste er nach der Niederlage Napoleons die Rückgabe zahlreicher Kunstwerke an ihre ursprünglichen Besitzer hinnehmen und trat verbittert als Direktor des Museums zurück. Aber auch mit den verbliebenen Schätzen blieb der Louvre „ein einzigartiger Tempel der Kunst und das absolute Vorbild für viele Museumsgründungen in ganz Europa.[34]  

Allerdings wurde erst im Zweiten Kaiserreich Napoleons III. ein deutliches Zeichen der Erinnerung an Denon gesetzt: Der schon früher geplante Südflügel wurde gebaut und diente nun als Haupteingang des Museums: Sein Name: Pavillon Denon.

Heute betritt man den Louvre im Allgemeinen durch die Glaspyramide des chinesisch-amerikanischen Architekten Ieoh Ming Pei, die 1989 zur Zweihundertjahrfeier der Französischen Revolution fertiggestellt wurde. „Nur wenigen Besuchern dürfte dabei bewusst sein, daß die Pyramide, eines der großen Bauprojekte der Mitterand-Ära, auf einen Mann verweist, ohne den es den Louvre so nicht gegeben hätte: auf den burgundischen Edelmann Vivant Denon“, der Napoleon auf seinem Ägypten-Feldzug als Zeichner begleitete.[35]

Dann gibt es eine Gedenktafel am Haus  7, Quai Voltaire, wo Denon die letzten Jahre seines Lebens verbrachte.

Man hat den alten Denon als einen „viellard heureux“, einen glücklichen Alten,  bezeichnet. Morgens empfing er seine Gäste, abends war er ein gern gesehener interessanter und anregender Gast in den Salons der besseren Gesellschaft. Tagsüber kümmerte er sich vor allem um seine private Sammlung, die neben berühmten Gemälden, ägyptischen und griechischen Stücken auch Kuriositäten enthielt, wie Knochensplitter von Molière und La Fontaine, einen Teil des Schnurrbarts von Heinrich IV. und ein Blatt von der Weide, unter der Napoleon damals noch auf Sankt Helena ruhte.[36]

Das Grabmal Denons auf dem Père Lachaise

Bestattet wurde Denon auf dem Friedhof Père Lachaise (10. Division).[37] Ursprünglich hatte ihm der Bildhauer Cartellier einen Bleistift in die rechte Hand gegeben – ein Hinweis auf Denons Rolle als Zeichner, die eine wesentliche Grundlage seines Ruhms war.

Die Beisetzungsfeierlichkeiten waren Anlass zu den dabei üblichen offiziellen Lobreden, die allerdings von einem unvorhergesehenen Zwischenfall begleitet waren: Als der Sarg noch kaum mit Erde bedeckt war, erschien der Maler Jean-Auguste-Dominique Ingres, blickte in das offene Grab und rief aus: „Gut, das ist gut! Da ist er endlich und dort wird er bleiben.“[38]  Manchem Opfer seiner Beutezüge wird er da aus dem Herzen gesprochen haben…

Eingestellt am 5. Mai 2021, dem 200. Jahrestag des Todes Napoleons.

Literatur:

Aylin Birdem,  1811 „Das Auge Napoléons“ im Lichte seiner Tätigkeit https://transliconog.hypotheses.org/kommentierte-bilder-2/1811-das-auge-napoleons-im-lichte-seiner-taetigkeit

Jean Chatelain, Dominique Vivant Denon et le Louvre de Napoléon. Librairie Académique Perrin 1999

Miriam Cockx, Kunstpolitik Napoleons – Bezüge zur Antike. https://wallraf.mapublishing-lab.uni-koeln.de/kunstraub/kunstschaetze-im-visier/kunstpolitik-napoleons-bezuege-zur-antike/ 

Astrid Fendt, La non-restauration des statues antiques berlinoises à Paris. CeROArt. Revue électronique 2012. https://journals.openedition.org/ceroart/2409?lang=en  

Reinard Kaiser. Der glückliche Kunsträuber. Das Leben des Vivant Denon. München: C.H.Beck 2016

M. de Lanzac de Laborie, Le Musée du Louvre au temps de Napoléon. Revue des Deux Mondes, 6e période, tome 10, 1912, p. 608-643

Philippe Malgouyres, Le Musée Napoléon.  Sammlung Promenades der Réunion des Musées Nationaux.  Paris 1999

Maximiliane Mohr, Das Museum Fridericianum in Kassel.  Diss. Uni Heidelberg 2017  https://books.ub.uni-heidelberg.de/arthistoricum/reader/download/586/586-16-87738-3-10-20200220.pdf

Napoleon und Europa. Traum und Trauma. Kuratiert von Bénédicte Savoy unter Mitarbeit von Yann Potin. Katalog der Ausstellung in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn vom 17.12.2010 bis 25. April 2011. Prestel Verlag 2010

Sigrun Paas/Sabine Mertens (Hrsg), Beutekunst unter Napoleon. Die „französische Schenkung“ an Mainz 1803. Mainz: Verlag Philipp von Zabern 2003

Pierre Rosenberg, Marie-Anne Dupuy (éd.), Dominique-Vivant Denon, L’œil de Napoléon, Ausstellungskatalog Paris 1999 

Bénédicte Savoy, Pillages et restitutions. In: Arts et Sociétés Nummer 60. Herausgegeben vom Centre d’Histoire de Science Po. https://www.sciencespo.fr/artsetsocietes/fr/archives/1209

Bénédicte Savoy,  Kunstraub: Napoleons Konfiszierungen in Deutschland und die europäischen Folgen; mit einem Katalog der Kunstwerke aus deutschen Sammlungen im Musée Napoléon, Böhlau Verlag, Wien 2011,

Bénédicte Savoy, Die französische Beschlagnahmung von Kunstwerken in Deutschland 1794-1815. In: Sigrun Paas/Sabine Mertens (Hrsg), Beutekunst unter Napoleon.  Die „französische Schenkung“ an Mainz 1803. Mainz: Verlag Philipp von Zabern 2003, S. 137- 144

Ernst Steinmann, Der Kunstraub Napoleons. Hrsg. von Yvonne Dohna mit einem Beitrag von Christoph Roolf: Die Forschungen des Kunsthistorikers Ernst Steinmann zum Napoleonischen Kunstraub.  Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte, Rom 2007 Copyright Bibliotheca Hertziana. Kapitel 8.4.: Vivant Denon in Deutschland. http://edoc.biblhertz.it/editionen/steinmann/kunstraub/016%20Steinmann_Kapitel_8_IV.pdf

https://fr.wikisource.org/wiki/Le_Mus%C3%A9e_du_Louvre_au_temps_de_Napol%C3%A9on


Anmerkungen

[1] Siehe Bénédicte Savoy, Die französische Beschlagnahmung von Kunstwerken in Deutschland 1794-1815, S. 138  Von dort habe ich auch den Begriff „Raubkampagnen“ der Kapitelüberschrift übernommen.  Ausführlich zu den Beutezügen: Savoy, Kunstraub, S. 27 ff

Titelbild der Quadriga vom Brandenburger Tor aus dem Wikipedia-Artikel „Quadriga“

[2] Benjamin Zix: „Allegorisches Portrait von Vivant Denon“ (1811).  Bild aus: https://transliconog.hypotheses.org/kommentierte-bilder-2/1811-das-auge-napoleons-im-lichte-seiner-taetigkeit

[2a] Siehe dazu den (geplanten) Beitrag über die Reiterstatue Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf.

[3] Siehe dazu den (geplanten) Blog-Beitrag über die Siegessäule auf der place Vendôme

[4] Zit. Kaiser, S. 218  Die Kehrseite war allerdings, dass man Denon, wie es natürlich immer wieder versucht wurde, kaum täuschen konnte….

[5] Bild aus: https://www.napoleon.org/en/history-of-the-two-empires/biographies/denon-dominque-vivant/ 

[6] Zit. bei Kaiser, S. 210/211

[7] Zit. bei Kaiser, S. 211

[8] Zit. bei Kaiser, S. 213

[9] Siehe dazu: Sigrid Damm, Christiane und Goethe. Eine Recherche.FFM/Leipzig 2001, S. 326f

[10] Karte aus: Bénédicte Savoy, Europäischer Kulturtransfer – Die französische Beschlagnahmung von Kunstwerken in Deutschland 1794-1815  In: Sigrun Paas/Sabine Mertens (Hrsg), Beutekunst unter Napoleon, 141  Entsprechend auch in Savoy, Kunstraub, S. 119

[11] Bild aus: https://artsandculture.google.com/asset/einzug-napoleons-an-der-spitze-seiner-truppen-durch-das-brandenburger-tor-nach-der-siegreichen-schlacht-bei-jena-und-auerstedt-berlin-27-oktober-1806/

[12] Zitiert bei Kaiser, S. 213

[13] Zitate aus: Beutekunst unter Napoleon, S. 163. Siehe auch: 1806-1807: DAS »AUGE NAPOLÉONS« IN DER KUNSTKAMMER DES BERLINER SCHLOSSES  Kommentiert von: Sophie Angelov und Miriam Jesske https://transliconog.hypotheses.org/kommentierte-bilder-2/1806-1807-das-auge-napoleons-in-der-kunstkammer-des-berliner-schlosses

[14] Zitiert bei Kaiser, S. 218 und 219

[15] Bild aus: https://blog.smb.museum/der-nackte-kutscher-da-oben-die-quadriga-des-brandenburger-tors/

Siehe dazu auch: 1813 (ca): Napoleons Raub der Berliner Quadriga in der Karikatur. Kommentiert von Andrea Meyer. https://transliconog.hypotheses.org/kommentierte-bilder-2/1813-ca-napoleons-raub-der-berliner-quadriga-in-der-karikatur  Veröffentlicht 8.7.2019

[16] Siehe Kaiser, Abbildung 15. Astrid Fendt gibt als Zeichner  Jacques-François Swebach an.  La non-restauration des statues antiques berlinoises à Paris (openedition.org)

[16a] Siehe Pierre Sommet, Ein Wort und seine Geschichte- Aus dem Buch Wie das Croissant nach Paris kam und die Bulette nach Berlin.  https://madamebaguette.tumblr.com/  

[17]  Zit.nach : Bénédicte Savoy, Unschätzbare Meisterwerke. Der Preis der Kunst im Musée Napoléon. In: Swoboda, G. (Ed.)  Bd. 2., Europäische Museumskulturen um 1800. Wien ; Köln ; Weimar: Böhlau, 2013, S. 412    https://depositonce.tu-berlin.de/bitstream/11303/7673/3/savoy_2013.pdf  und Kaiser, Der glückliche Kunsträuber, S. 221

[18]  Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Dresdner_Juwelendiebstahl

[19] Wolfgang Milde, Stendhal in Wolfenbüttel: Kriegskommissar und Bibliotheksbenutzer. In: Wolfenbütteler Beiträge. Aus den Schätzen der Herzog August Bibliothek. Herausgegeben von Paul Raabe. Band 5, FFM: Vittorio Klostermann 1982, S. 163

[20] Kaiser, S. 223; Milde a.a.O. nennt eine geschätzte Zahl von 400 konfiszierten Werken. Siehe zu Wolfenbüttel auch Savoy, Kunstraub, S. 131f

[21] Die nachfolgende Passage weitgehend übernommen aus: Tilmann Krause, Braunschweig bringt die Syphilis. WELT PRINT  23.04.2010  https://www.welt.de/welt_print/kultur/article7298466/Braunschweig-bringt-die-Syphilis.html

[22] Zitierte Passagen aus Kaiser, S. 225. Zur Kanonade von Valmy siehe den Beitrag auf diesem Blog: https://paris-blog.org/2018/06/19/auf-dem-weg-nach-paris-die-muehle-von-valmy-das-fanal-einer-neuen-epoche/

[23] Ich stütze mich hier auf: Anna Franz und Daniel Reupke, Der Lagrange’sche Kunstraub von 1806 in Kassel – historischer Kontext und juristische Aspekte.  http://www.vhghessen.de/inhalt/zhg/ZHG_120/Franz_Reupke_Kunstraub.pdf

[24] „Aucun chef-d’œuvre n’a, en effet, été détourné pour un usage privé“.   https://histoire-image.org/fr/etudes/presence-chevaux-venise-paris-1798-1815

[25] Siehe Bénédicte Savoy, Erzwungener Kulturtransfer. In: Beutekunst unter Napoleon, S. 144: Jacob Grimm beklagte sich 1815 in mehreren Briefen an seinen Bruder Wilhelm, als preußischer und hessischer Reklamationskommissar in Paris wirken zu müssen.

[26] Albert Duncker in einer Arbeit über die Geschichte der  Kasseler Kunstschätze  aus dem Jahr 1883. Zitiert bei Franz/Reupke, S. 98

[27] Zit. bei Kaiser, S. 356

[28] Benjamin Zix, Ausräumung der Kasseler Gemäldegalerie durch die französische Beutekunst-Kommission, Handzeichnung 1807, Bibliothèque nationale, Paris.  Vorne links kniend: Vivant Denon[28]

[29]   Maximiliane Mohr, Das Museum Fridericianum in Kassel.  Diss. Uni Heidelberg 2017, Kapitel 3: Das Museum Fridericianum und Claude-Nicolas Ledoux,  S. 211 ff https://books.ub.uni-heidelberg.de/arthistoricum/reader/download/586/586-16-87738-3-10-20200220.pdf

Zu Ledoux siehe auch die entsprechenden Blog-Beiträge: https://paris-blog.org/2020/06/15/die-mauer-der-generalpaechter-2-die-vier-erhaltenen-barrieren-von-ledoux/ und  https://paris-blog.org/2019/07/14/die-grosse-saline-von-salins-les-bains-und-die-koenigliche-saline-von-arc-et-senans-unesco-weltkulturerbe-im-jura/ 

[30] Zit. bei Kaiser, S. 376 aus:  Ludwig Völkel, Die Beraubung des Museums und der Bibliothek zu Kassel durch die Franzosen.  Dazu auch das Kapitel 4.5.3. : Sammlungsverluste unter französischer Herrschaft in der Arbeit von Maximiliane Mohr.

[31] https://www.mutualart.com/Artwork/Enlevement-des-Sculptures-du-Musee-Casse/DC1F0D9543DD4D49

[32] Maximiliane Mohr, Das Museum Fridericianum in Kassel.  Diss. Uni Heidelberg 2017, S. 200 https://books.ub.uni-heidelberg.de/arthistoricum/reader/download/586/586-16-87738-3-10-20200220.pdf

[33] Zit. bei Savoy, Kunstraub, S. 119

[34] Sigrun Paas, Vernichtung oder Verehrung?- Die Konfiszierung von Kunstwerken in Frankreich zwischen 1789 und 1815. In: Sigrun Paas/Sabine Mertens (Hrsg), Beutekunst unter Napoleon, S. 136

[35] https://www.deutschlandfunk.de/der-kavalier-im-louvre-vivant-denon.700.de.html?dram:article_id=80035

[36] https://www.deutschlandfunk.de/der-kavalier-im-louvre-vivant-denon.700.de.html?dram:article_id=80035

[37] https://commons.wikimedia.org/wiki/File:P%C3%A8re-Lachaise_-_Division_10_-_Denon_01.jpg

[38] Zitiert bei Chatelain, S. 281

 Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu Napoleon:

Der Arc de Triomphe: Die Verherrlichung Napoleons. (Vive l’empéreur Teil 1)  https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/

Das Napoleon-Museum auf der Île d’Aix (Vive l’empéreur Teil 2)   https://paris-blog.org/2016/11/16/das-napoleon-museum-auf-der-ile-daix-vive-lempereur-teil-2/

Napoleon in den Invalides (Es lebe der Kaiser!/Vive l’empéreur Teil 3)  https://paris-blog.org/2017/03/12/napoleon-in-den-invalides-es-lebe-der-kaiser-vive-lempereur-3/  

Die Manufacture des Gobelins: Politik und Kunst  (August 2018)  https://paris-blog.org/2018/08/01/die-manufacture-des-gobelins-politik-und-kunst/

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs  https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 1: Die große Ausstellung deutscher Raubkunst 1806/1807 https://paris-blog.org/2021/05/01/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-1-die-grose-ausstellung-deutscher-raubkunst-1806-1807/  

Weitere geplante Beiträge

  • Die wechselhafte Geschichte der Vendôme-Säule (150 Jahre Pariser Commune/200 Jahre Tod Napoleons)
  • Courbet und der Fall der Vendôme-Säule
  • Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf
  • Auf der Autoroute de l’Est von Saarbrücken nach Paris: Eine Fahrt durch die deutsch-französische Geschichte

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons, und sein Musée Napoléon (Louvre) Teil 1: Die große Ausstellung deutscher Raubkunst 1806/1807

Der nachfolgende Text versteht sich als Beitrag zum „Napoleon-Jahr“ 2021.  Es geht um „den größten Kunstraub der Neuzeit“, an dem Napoleon einen wesentlichen Anteil hatte.[1] Es ist dies ein Thema,  das zu seiner Zeit viele Leidenschaften geweckt und nicht unerheblich zu dem verhängnisvollen „Franzosenhass“  in Deutschland beigetragen hat. Und es ist ein Thema, das auch eine deutliche aktuelle Dimension hat. Nicht nur deshalb, weil Hitler – in dieser Hinsicht jedenfalls- ein ebenbürtiger Nachfolger Napoleons war und die Wunden von damals immer noch nicht verheilt sind, sondern vor allem auch wegen der aktuellen Debatten um die  Aneignung von Kunstschätzen im Zuge des Kolonialismus: Die Eröffnung des Humboldt Forums mit der zunächst geplanten, inzwischen aber abgesagten Präsentation der sog. Benin-Bronzen im Berliner Schloss hat diesem Thema wieder besondere Aktualität verliehen, und manche heutigen Argumente erinnern sehr an die Stellungnahmen aus der Zeit um 1800…[2]

Schwerpunkt des Beitrags ist der Raub deutscher Kunstwerke, den Vivant Denon im Auftrag Napoleons exekutierte. Ausgehend von der Ausstellung deutscher Raubkunst im Musée Napoléon werden im ersten Teil die Bedeutung der kunsthistorischen Beutezüge Napoleons, die dahinter stehende Rechtfertigungsideologie und die Kritik daran skizziert.

Im zweiten Teil wird an drei Beispielen -Berlin/Potsdam, Braunschweig-Wolfenbüttel und Kassel die Praxis des Denon’schen Kunstraubs konkretisiert. Aber es wird auch die Bedeutung und Persönlichkeit Denons gewürdigt, vor allem die beispielgebende Konzeption seines Museums, auch wenn dies nach Napoleons Waterloo den größten Teil der erbeuteten Kunstwerke wieder abgeben musste. Ein Blick auf drei Erinnerungsorte Denons in Paris bildet den Abschluss des Beitrags.

Die Ausstellung

Dies ist die Titelseite eines mehr als 100 Seiten umfassenden Katalogs von Statuen, Büsten, Reliefs, Bronzen und anderen Altertümern, Gemälden, Zeichnungen und Interessanten Objekten, erobert von der Grande Armée in den Jahren 1806 und 1807, erstellt für die am 14. Oktober 1807, dem ersten Jahrestag der Schlacht von Jena, im Musée Napoléon eröffnete Ausstellung von Beutekunst.  Aufgeführt sind darin –ohne Abbildungen- 710 Objekte, „darunter etwa 80 Marmorskulpturen und –reliefs, 200 kleinere Figuren und andere antike Objekte aus Bronze, Ton und Marmor, 360 Gemälde und 30 Zeichnungen, außerdem Kameen und andere Preziosen sowie einige wertvolle kunsthandwerkliche Arbeiten.“[3]

In dem Katalog sind die Namen der Maler, die im Museum bisher noch gar nicht vertreten waren, mit einer Rosette gekennzeichnet. Zu ihnen gehören Lucas Cranach mit nun 13 Bildern, Canaletto mit 4 Bildern, Martin Schongauer und der Holländern Carel Fabritius.  Dazu kommen u.a. 18 Rembrandts, fünf van Dycks und –allerdings allesamt falsch zugeschrieben- 5 Bilder von Holbein und 4 von Dürer. Es handelte sich dabei um eine Auswahl von etwa 1000 Bildern, die vor allem in Berlin, Potsdam, Kassel und Braunschweig  konfisziert worden waren. [4]

Besonders Aufmerksamkeit fanden die in Deutschland erbeuteten antiken Statuen, die in zwei extra dafür hergerichteten Sälen des Museums ausgestellt wurden. Hier der für diese Ausstellung neu eröffnete und deshalb auch noch nicht vollständig dekorierte  Saal der Diana: In der Mitte ist die Bronzestatue des Betenden Knaben postiert, „ein Meisterwerk des Museums von Berlin“ und eines der prominenten Beutestücke.[5]

© RMN (Musée du Louvre)

Bei diesem Saal handelt es sich um den runden Salon (Salon rond)  bzw. die Apollon-Rotunde des Musée Napoleon. 1659 war sie  von Le Vau, dem Hofarchitekten Ludwigs XIV.,   als Vestibül für dessen Räume errichtet worden, bevor dieser den Louvre verließ und nach Versailles wechselte. Jetzt requirierte Denon diesen Raum für sein Museum und gab ihm anlässlich der Ausstellung auch gleich den passenden Namen: „Salle de la Victoire“ (Siegessaal).   Hier eröffnete Denon die Ausstellung der deutschen Beutekunst.  In der Mitte  ist auf einem Podest die „Knöchelspielerin“ zu erkennen. Sie war Teil der Bildergalerie in Schloss Sanssouci und eine der berühmtesten Antiken aus dem preußischen Besitz, so dass sie natürlich zu den konfiszierten Kunstwerken gehörte.[6]

Rechts davon die Rüstungen von Franz I. und Rudolf von Habsburg auf geschmückten Pferden. Dazwischen ein Haufen Waffen und Trophäen.

Neben den Statuen ist auf der Radierung von Normand/Zix  links oben ein großes Gemälde zu erkennen. Es handelt sich um den „Triumph des Siegers“ aus der Kasseler Kunstsammlung.[7]

Rubens hatte das Bild im Auftrag der Schützengilde von Antwerpen gemalt. Dargestellt ist in allegorischer Form die Bedeutung der Eintracht: die geflügelte Victoria reicht einen Kranz von Eichenlaub dem Sieger, der über Aufruhr, Zwietracht und Barbarei triumphiert.

Hier im Musée Napoléon ist der Kontext ein ganz anderer: Unterhalb des Bildes ist nämlich  eine von dem italienischen Bildhauer Laurenzo Bartolini geschaffene monumentale, 1,55 m hohe Büste Napoleons aufgestellt.

Photo (C) Musée du Louvre, Dist. RMN-Grand Palais / Pierre Philibert

Diese Büste hatte eigentlich ihren Platz über dem Eingang des Museums.  Für die Dauer der Ausstellung wurde sie aber unter dem Bild von Rubens aufgestellt, flankiert  von zwei Victoria-Statuen aus dem Park von Sanssouci.   Als Sieger wird damit der Kaiser präsentiert, und die am Boden liegenden, gefesselten und barbarischen Feinde sind die Deutschen, deren erbeutete  Kunstwerke hier versammelt sind.

Der Sinn dieser dem Herrscherlob dienenden  Inszenierung war eindeutig und von Denon ausdrücklich gewollt. Sie war –nach seinen eigenen Worten-  dazu bestimmt, dass „die Franzosen, indem sie das ruhmreich vom Feinde Erbeutete bewundern, gleichzeitig ihren ehrenden Respekt und ihre Dankbarkeit an den Helden richten können, dem der Sieg die Werke zu Füßen legte.“[8]  Und  bewundern sind also auch hier, wie es in der Louvre-Publikation zum Musée Napoléon heißt, „die Talente Denons als Organisator der Propaganda und als geschickter Höfling“.[9]

Die Ausstellung fand eine große Resonanz. Sie war etwa sechs Monate lang, bis in den März 1808 zu sehen, etwa 12 000 Exemplare des Katalogs wurden verkauft. „Die französische, aber auch die deutsche Presse berichtete ausführlich. Das Morgenblatt für gebildete Stände schrieb über die Wirkung der Gemälde Rembrandts: Die Franzosen sind von der Kühnheit und Kraft des Pinsels ergriffen und gestehen, dass sie bisher noch gar nicht Rembrandt kannten.“ Die Ausstellung beeindruckte aber auch deutsche Besucher, „die nirgendwo in ihrer Heimat eine solche Schau je hätten sehen können.“  Denons Ausstellung trug damit ganz erheblich dazu bei, das Interesse sowohl an den Antiken aus deutschen Sammlungen als auch an der altdeutschen Kunst zu steigern.[10] 

Denn auch die altdeutsche und frühe niederländische Malerei, die bisher in Deutschland eher ein Schattendasein geführt hatten, erhielten  in der Beutekunst-Ausstellung einen gebührenden Platz.  Ein außerordentliches Beispiel dafür ist „Das jüngste Gericht“ des um 1435  in Seligenstadt am Main geborenen und in Brügge tätigen Hans Memling (das damals allerdings Jan van Eyck zuschrieben wurde) – ein grandioses Werk, das wegen seiner Qualität und seiner Beutekunst- Geschichte hier besonders hervorgehoben zu werden verdient.

„Das jüngste Gericht“ Memlings stammte aus der  Danziger Marienkirche. Denon war dieses Bild so wichtig, dass er auf einem Beutezug in den  Osten Preußens mehrere Tage vor der belagerten Stadt ausharrte und auf ihre Kapitulation wartete, um sich des Bildes bemächtigen zu können –  ein Schicksal, das dem „jüngsten Gericht“ nun schon zum zweiten Mal wiederfuhr. Ursprünglich war es nämlich  von der Medici-Familie in Florenz bei dem Maler in Brügge bestellt worden. Es war als Stiftung einem Kloster vor den Toren von Florenz zugedacht. 1473 wurde das Altarbild auf ein Handelsschiff der Medici-Bank verladen, das über England nach Pisa segeln sollte. Die Galeere wurde allerdings –damals befanden sich England und die Hanse  im Kriegszustand- von einem Danziger Piratenschiff  gekapert und die kostbare Schiffsladung  wurde verteilt. Memlings Weltgericht gelangte so als Schenkung in die Danziger Hauptkirche Sankt Marien.  Die Florentiner wollten das natürlich nicht hinnehmen und es kam zu einem langwierigen Rechtsstreit. Sogar Papst Sixtus IV. wurde eingeschaltet und  verlangte auf Bitten der Florentiner 1477 von Danzig unter Androhung des Kirchenbanns die Rückgabe des Geraubten.  1499 wurde dann endlich der Streit beendet: Im Interesse weiterer guter Handelsbeziehungen mit der Hanse erklärte sich Brügge bereit, dem Florentiner Haus eine Entschädigung zu zahlen.[11]

1807 folgte die erneute Entführung nach Paris und seine Präsentation in der Beutekunst-Ausstellung.  Die Berliner Kunstreporterin Helmina von Chéry besichtigte damals mit den romantischen Malern Ferdinand und Heinrich Olivier das Bild Memlings  und berichtete über die Wirkung:

„‘Das Jüngste Gericht‘ war eben im Museum aufgestellt, die Oliviers führten mich hin; Ferdinand jubelte mit feuchten Augen, seine mühsam unterdrückten Tränen galten dem Raub an Deutschland, der Jubel dem Anblick des alten Meisterwerks.“

Bénédicte Savoy kommentiert: „Der vaterländische Schmerz in einem Auge, die ästhetische Erkenntnis im anderen: Anschaulicher kann man die Wirkung des französischen Raubmuseums auf die deutsche Öffentlichkeit nicht darstellen.“[12]

Nach der Niederlage Napoleons 1815 ließ Generalfeldmarschall Blücher den General Ziethen mit einem Bataillon Pommerscher Landwehr in den Louvre einrücken, um das Bild zurückzuholen. Das hatte durch die Ausstellung im Musée Napoléon erheblich an Ausstrahlung gewonnen: Hier wirkte der in der Kulturtransfer-Forschung  sogenannte Bumerang-Effekt, ein meines Erachtens allerdings nicht ganz zutreffender Ausdruck, weil es sich ja hier um ein Beutestück handelte, das unfreiwillig in die Ferne gelangte. Aber lassen wir das Gemälde selbst sprechen – dem anlässlich seiner Rückkehr aus Paris ein anonymer Schreiber der Berliner Tagespresse folgende Worte in den Mund legte:

„Recht bekannt ward ich erst, als das Kriegsleid eine Menge Menschen (in Paris) zusammendrängte. (…) Ich müsste lügen, wenn ich von dieser Reise nicht großen Nutzen gehabt hätte: erstens bekam ich die Gelegenheit, mich mit anderen Bildern zu messen und ich kam nicht übel dabei weg; zweitens begann man von mir zu forschen. (…) Es war meine eigene Auferstehung, und nun, da ich hier im Vaterlande vor aller Augen trete, verwunderte ich mich, wie anders mich die Menschen sehen. Man versteht mich, und liebt mich, die Menschen sind entzückt von mir.“[13]

Die Odyssee des Bildes war damit aber immer noch nicht beendet:  1945 brachten es russische Truppen von seinem Auslagerungsort in Thüringen nach Leningrad. Elf Jahre später wurde es Danzig zurückerstattet, wo es jetzt im Nationalmuseum ausgestellt ist.

Der Ausstellungsort : Das Musée Napoléon, „une entreprise grandiose“[14]?

Ort der Ausstellung deutscher Beutekunst war das Musée Napoléon. So hieß das am 9. November 1800 offiziell eingeweihte Musée des Antiques im Louvre  seit dem 15. August 1803, dem Geburtstag Bonapartes (und damit auch dem Saint Napoléon, dem Nationalfeiertag des Kaiserreichs):   Ein  Namens- Vorschlag Vivant Denons, dem Generaldirektor der Künste und einem bedingungslosen Verehrer und Gefolgsmann des damaligen Ersten Konsuls und späteren Kaisers.

Bestimmt war das Museum auch als  Ausstellungsort für die auf den Feldzügen Napoleons gewonnenen Kunstwerke. Deren „Erwerb“ und Präsentation in Paris ist im Kontext einer schon kurz nach der Revolution in politischen Kreisen Frankreichs entstandenen Idee zu sehen, die Stadt zum Mittelpunkt der kulturellen Welt und zur neuen „Metropole des Wissens“ zu machen:[15]

„Paris soll die Hauptstadt der Künste werden, die Heimstätte allen menschlichen Wissens, der Hort aller Schätze des Geistes. […] Es muss die Schule des Universums, die Metropole der menschlichen Wissenschaft werden und den Rest der Welt mit der unwiderstehlichen Anziehungskraft der Bildung und des Wissens beherrschen.“ [16] 

Überhöht wurde dieses Ziel durch eine republikanische Befreiungsideologie. „Die Republik hatte ihre Despoten abgeschüttelt, und es galt nun, die benachbarten Nationen und ihr Kulturerbe ebenfalls zu befreien, zielte doch der republikanische Freiheitsbegriff auf Universalität. …. Die Revolution sah sich demnach als ‚universalen Erbberechtigten des Kulturgutes der Menschheit‘ (Edouard Pommier). Ab 1794 gehörte somit die Annektierung von Kunst- und Büchersammlungen zum zentralen Bestandteil der Außenpolitik Frankreichs, mit und ohne Absicherung durch Friedensverträge.“ [17]

Ein eklatantes  Beispiel dafür sind die  Marmorsäulen aus dem Aachener Dom.[18] Die waren 1794 –also noch vor der Zeit Denons- von französischen Truppen aus  der Pfalzkapelle Karls des Großen herausgebrochen und nach Paris gebracht worden: Ein höchst kostspieliges wie kompliziertes Unterfangen, das dazu erhebliche Schäden an den empfindlichen Säulen verursachte. Und während die Säulen in Aachen Teil des genius loci waren,  „erfuhren sie in Paris eine radikale Reduktion auf ihre Materialität“.[19]  Dazu erbeuteten die Franzosen  wertvolle Ausstattungsstücke wie den spätrömischen Proserpina-Sarkophag,  ein singuläres Prunkstück des Doms.  In ihm soll 814 Karl der Große bestattet worden sein, in dem Napoleon immerhin seinen Vorläufer sah. Gleichwohl verschwand der Sarkophag in Paris in einem Depot und wurde nicht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.[20]

 Von den erbeuteten Säulen wurden acht im Apollo-Salon des Musée Napoléon als Pseudostützen verbaut. In diesem Raum hatte der von den napoleonischen Truppen in Italien erbeutete Apoll von Belvedere inmitten anderer italienischer Beutestücke einen Ehrenplatz. Zwei der Aachener Säulen säumten die Apollo-Statue. Sie waren also auf eine rein dekorative Funktion reduziert und hatten in ihrer Präsenz und Wirkung hinter die Skulptur zurückzutreten. In Aachen aber hatte der französische Raubzug schmerzende und offene Wunden zurückgelassen. 

Hubert Robert, Der Apollo-Saal mit geraubten italienischen Statuen im Louvre. Vor 1806[21]

Nach der endgültigen Niederlage Napoleons 1815 stand natürlich auch die Rückgabe der geraubten Kunstwerke auf der Tagesordnung. Zuständig für die Rückgabe der früher im preußischen Besitz befindlichen Kunstwerke, die „französischerseits geraubt und geplündert worden“,  war ein junger Mann aus Köln, Eberhard von Groote. Er forderte von Denon auch die Rückgabe der Aachener Säulen, was Denon allerdings entsetzte und empörte: Er und der Generalsekretär des Louvre Lavallée  empfanden dieses  Ansinnen als einen Akt des Vandalismus, durch den angeblich die Stabilität des ganzen Louvre- Palasts gefährdet werde.

Das empörte wiederum Groote:

„Ich entgegnete ihnen, ob sie denn nicht auch die Kirche Karls des Großen auf vandalische Weise zerstört hätten, als sie den Sarkophag und die Säulen ausgebrochen, und Lavallée hatte die Unverschämtheit, mir zu erwidern: ‚Oh, ce n’était qu’une église! Vous ne détruirez pas pour cela la maison du Roi!‘  Aber das war ja bloß eine Kirche! Dafür zerstört man doch nicht das Haus des Königs.“  ( Der Begriff Haus des Königs bezieht sich darauf, dass  inzwischen  aus dem Musée Napoléon ein königliches Museum geworden war. W.J.)  

Außerdem war nach Auffassung  Denons und Lavallées Aachen schon hinreichend entschädigt worden durch die Überlassung  eines Portraits des Kaisers und seiner Frau, und zwar auch noch „großartig eingerahmt“ (magifiquement encadré), was aber nur als zusätzliche Unverschämtheit aufgefasst werden konnte.

Die Auseinandersetzung um die –vermutlich aus Ravenna und Rom stammenden- Aachener Säulen erreichte ihren Höhepunkt, als sich Denon direkt an den preußischen König wandte. Der reagierte friedfertig: Selbstverständlich  werde er einer Gefährdung oder gar Zerstörung des Louvre nicht zustimmen und sei bereit, sich mit zehn anderen, nicht verwendeten Säulen zufrieden zu geben. Schließlich stellte sich heraus, dass die Franzosen erheblich mehr Säulen mitgenommen hatten, so dass zuletzt an die dreißig Säulen zurückgegeben werden konnten, ohne dass der Louvre einstürzte….

Den Sarkophag Karls des Großen und eine so hohe Zahl von Säulen aus seiner Kirche zu erbeuten, war ein spektakulärer Akt des Kunstraubs, der allerdings noch bei weitem übertroffen wurde von der  französischen  „Aneignungspolitik“ in Italien. Bonapartes militärischer Eroberungszug durch Italien war auch „ein kunsthistorischer Beutezug ohnegleichen.“[22]  Der citoyen général folgte damit einer Anweisung des Direktoriums vom 7. Mai 1796. Darin wird festgestellt, Italien verdanke der Kunst den größten Teil seines Reichtums und Ruhms. Jetzt sei aber die Zeit gekommen, diese Reichtümer in das Land der Freiheit zu überführen. Das nationale Museum  müsse „alle bedeutendsten Kunstwerke“ aufnehmen. Das Direktorium erwarte also von ihm, die kostbarsten Objekte aufzuspüren und nach Paris zu überführen.[23]  Diesem Auftrag kam Bonaparte in höchst umfassender Weise nach.  Am 9. Thermidor des Jahres VI (27. Juli 1798) wurden in einem spektakulären Triumphzug  nach römischem Vorbild den staunenden Parisern die Werke der Kunst und Wissenschaft vorgeführt, die er aus dem siegreichen Italien-Feldzug mitgeführt hatte.

Auf dieser weit verbreiteten Radierung von 1798[24] ist eine Prozession von drei-bis vierfach bespannten Fuhrwerken zu sehen, die auf dem Marsfeld im Kreis herumgeführt werden.  „Ein Ballon steigt in den – wie immer – ungetrübten Himmel. Zwei lebende Löwen in einem mit Laubwerk geschmückten Käfig, die vier Pferde von San Marco  in Venedig, vier Dromedare auf eigenen Beinen, vor allem aber unzählige Holzkisten, deren grandioser Inhalt nur durch Inschriften angedeutet ist, ziehen im Bildvordergrund gerade am Betrachter vorbei. Auf einem hier nicht zu sehenden Banner ist zu lesen: Griechenland hat sie (die Kunstwerke, W.J.)  abgetreten, Rom hat sie verloren. Ihr Schicksal hat zweimal gewechselt, jetzt nie mehr. Und Zuschauer riefen begeistert: Rom ist nicht mehr in Rom, Rom ist in Paris! [25] Der Kreis, den die Wagen bilden, wird am entgegengesetzten Ende der Arena durch einen riesigen Säulenumgang geschlossen, den sogenannten Vaterlandsaltar. Im Zentrum des Amphitheaters sitzt, überlebensgroß und auf hohem Sockel, eine von zeitgenössischen Beobachtern als Personifikation der Freiheit identifizierte Statue.“ Dies ist Ausdruck  der Rechtfertigungsdoktrin für den Kunstraub:  des patrimoine libéré, des befreiten Kulturerbes. Danach müssten „die Künste und Wissenschaften als Früchte der Freiheit im Lande der Freiheit ihre natürliche Heimstätte haben“,  also in Frankreich. [26]

Photo (C) RMN-Grand Palais (Sèvres – Manufacture et musée nationaux) / Martine Beck-Coppola[27

Hier ein Detail einer Vase von Antoine Béranger aus dem Jahr 1813, auf der der Zug der erbeuteten Kunstwerke aus Italien dargestellt ist. Links die Venus von Medici aus den Uffizien, rechts die Laokoon-Gruppe aus den vatikanischen Sammlungen.

Gerade der italienische Kunstraub wurde von Kunstfreunden heftig kritisiert. Das berühmteste Beispiel sind „Die Antiken in Paris“ von Friedrich Schiller – immerhin seit 1792 Ehrenbürger Frankreichs:

Was der Griechen Kunst erschaffen,

Mag der Franke mit den Waffen

Führen nach der Seine Strand,

Und in prangenden Museen

Zeig‘ er seine Siegstrophäen

dem erstaunten Vaterland!

Ewig werden sie ihm schweigen

Nie von den Gestellen steigen

In des Lebens frischen Reihn.

Der allein besitzt die Musen,

Der sie trägt im warmen Busen;

Dem Vandalen sind sie Stein.[28]

Auch in Frankreich selbst  gab es schon früh  Kritik an dem systematischen Kunstraub Napoleons. Quatremère de Quincy, einer der bedeutenden Kunsttheoretiker des 18. Jahrhunderts, setzte sich in seinen „Lettres à Miranda“, publiziert 1796,  mit den ausufernden Kunstplünderungen in  Italien auseinander. Quincy bemängelte die Zerstörung des natürlichen Museums Rom. Damit wendete er sich gegen die allgegenwärtigen Bestrebungen, aus Paris ein zweites Rom zu machen.  Paris werde nie in der Lage sein, den Rang Roms zu erringen, auch nicht indem es die römischen Kunstwerke raube.  Italien sei ein „muséum général“,  die Stadt Rom ein Freilichtmuseum. Hier könne der Bildungsprozess in idealer Weise vollzogen werden.[29]

Das war aber in Frankreich eher eine Außenseiterposition. Repräsentativer ist dagegen die Position von Vivant Denon. Der bekannte sich offen zu den Beutestücken, die dank der Eroberungen Napoleons, für ihn „der Held unserer Zeit“, nach Paris gelangten und das von ihm geleitete Museum bereicherten.   In einem Vortrag vor Mitgliedern des Institut de France machte er 1803 aus seiner Begeisterung keinen Hehl:

 „Hundert Kisten sind geöffnet worden, und kein Unfall, kein einziger Bruch hat unser Glück beim Erwerb so erlesener Schätze getrübt. Ein Stern, welcher der unsere geworden ist, waltete über allen Ereignissen, die mit diesen Sendungen zusammenhängen.

Gleichzeitig mit allen erdenklichen Arten von Ruhm befasst, hat der Held unserer Zeit inmitten der Wirren des Krieges von unseren Feinden die Trophäen des Friedens gefordert und über ihre Erhaltung  gewacht.

Tausende Schriften, auf seinen Befehl übersandt, haben unsere Bibliotheken bereichert; Gemälde ohne Zahl, Reliefs, seltene, kostbare Portraits, Vasen, Säulen, Grabmäler, Kolosse, ganze Felsen, denen der Mensch eine Form verliehen hat, haben feindliche Länder und Meere durchquert, haben Gebirge überwunden, sind unsere Flüsse und Kanäle aufwärtsgewandert und bis in unsere Säle gelangt, eine reiche Beute, die sich nun dort zu ewigen Denkmälern türmt.“ [30]

Das Musée Napoléon war in seiner Zeit einzigartig: Einzigartig, wegen der Fülle und Qualität der ausgestellten Kunstwerke; einzigartig, weil es die Geschichte der europäischen Kunst systematisch und mit  pädagogischem Anspruch  darstellte und einzigartig schließlich auch wegen der effektvollen und besucherfreundlichen Präsentation. „Die hohen Besucherzahlen und die Tatsache, dass Paris zu einem touristischen Zentrum von ausländischen Besuchern wurde, belegen die Attraktion. Das Musée Napoléon begründete gleichsam den Aufstieg der französischen Hauptstadt zu einer kulturellen Metropole im 19. Jahrhundert.“[31]    

Die von Denon beanspruchte  Ewigkeit war den meisten der erbeuteten Kunstwerke in Paris allerdings  nicht beschieden. 1814 waren die Siegermächte zunächst zwar noch äußerst zurückhaltend: Das restaurierte Frankreich wurde ja nicht als Feind betrachtet und König Ludwig XVIII. sollte nicht geschwächt werden. So begnügte sich Preußen beispielsweise mit der Rückgabe der Berliner Quadriga.  1815, nach  den unseligen 100 Tagen und der endgültigen Niederlage Napoleons, war das anders: Die meisten der erbeuteten Kunstwerke mussten nun an ihre früheren Besitzer zurückgegeben werden. Dies war  „la mort du musée Naploéon“. (Chatelain).   Denn bei all seiner Einzigartigkeit: Das Musée Napoléon war ein Museum der Raubkunst, „le fruit de la Victoire“, und deshalb konnte es keine Institution auf Dauer werden.[32]  Dieser Geburtsfehler des Louvre scheint aber auch heute noch bei manchen die Begeisterung über das Werk Denons nicht zu schmälern. 1999 schrieb Pierre Rosenberg, Mitglied der Académie française und damaliger  président-directeur des Louvre über Denon: „Er war der Herr dieses grandiosen Unternehmens, des Napoleon-Museums, das für einige Jahre die Meisterwerke aus ganz Europa versammelte“.[33] Kein Wort davon, dass dieses Unternehmen seine Außerordentlichkeit  dem größten Kunstraub der Neuzeit verdankte…

Der nachfolgende zweite Teil des Beitrags über Denon und den Kunstraub Napoleons:

Teil 2:  Die „Raubkampagnen“ Denons in Deutschland:  „Soll ich etwa nichts nehmen?“

https://paris-blog.org/2021/05/05/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-2-die-raubkampagnen-denons-in-deutschland-soll-ich-etwa-nichts-nehmen/  


Anmerkungen

[1] Das Prädikat „der größte Kunstraub der Neuzeit“ für die seit 1794 erbeuteten Kunstwerke stammt von Bénédicte Savoy, der in Paris und Berlin lehrenden Kunsthistorikerin, die die wohl exzellenteste Kennerin des Themas ist.  Von ihr habe ich auch den Begriff „Raubmuseum“ für das Musée Napoléon/Louvre übernommen. (Savoy, Die französische Beschlagnahmung von Kunstwerken in Deutschland 1794-1814)

[2] Siehe: „Die Depots sind voll“. Spiegel-Gespräch mit der Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy über koloniale Beute in deutschen Sammlungen, alte und neu Lügen von Museumsleitungen und darüber, weshalb es sich Berlin nicht erlauben kann, die Benin-Bronzen im wiederaufgebauten Stadtschoss auszustellen. In Der Spiegel vom 20.3.2021, S. 42 ff.

Yusuf M. Tugar (Botschafter Nigerias in Deutschland),  Afrikas Kulturschätze müssen zurückkehren. Seit fünfzig Jahren fordert Nigeria die Restitution der geraubten Benin-Bronzen. Jetzt ist es Zeit für konkretes Handeln. In: FAZ vom 1.4.2021, S. 13

Julia Voss, Und der Kampf geht weiter. Jahrzehntelang geschah nichts in der Diskussion um die Rückgabe afrikanischer Kulturgüter. Dann geriet auf einmal etwas in Bewegung. Vor allem die Recherchen von Bénédicte Savoy und Dan Hicks haben für neue Wucht gesorgt. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 11.4.2021

Ganz aktuell: Süddeutsche Zeitung vom 29. April 2021: Durchbruch bei den Benin-Bronzen: Erste Rückgaben im kommenden Jahr. Am 30. April hat die Tagesschau der geplanten Rückgabe von Benin- Bronzen einen eigenen Beitrag gewidmet.

Es sollen danach also Benin-Bronzen aus Berliner Museumsbesitz an Nigeria zurückgegeben werden. Unklar ist wohl noch, welche und wieviele (oder alle?) der 440 Bronzen zurückgegeben werden sollen. Man darf gespannt sein, ob andere Institutionen –wie etwa das noch viel direkter betroffene „Brutish Museum“ (Hicks) und auch der Louvre- entsprechend handeln werden. 

Siehe auch: Bénédicte Savoy, Afrikas Kampf um seine Kunst. Geschichte einer postkolonialen Niederlage. München 2021

[3] Kaiser, Der glückliche Kunsträuber242/243. Malgouyres gibt als Zahl der in dem Katalog aufgeführten Gemälde 368 an. (S. 44)

[4] Kaiser, Der glückliche Kunsträuber242/243 und Malgouyres, Le Musée Napoléon

[5] https://ovm.art.uiowa.edu/decaso/fullrecord?accno=DEC-07615  Es handelt sich, wie auch die nachfolgende Abbildung, um eine Umrissradierung von Charles Normand, die nach einer Zeichnung von Benjamin Zix, dem für Vivant Denon und Napoleon arbeitenden Zeichner, ausgeführt wurde. Beide Stiche wurden nach der Ausstellungseröffnung weit verbreitet, variiert und ergänzt. Siehe Savoy, Kunstraub, S. 345-347

[6] Bild aus: https://artsandculture.google.com/asset/die-kn%C3%B6chelspielerin/CwHxY9rsQCNCxg?hl=de

Siehe auch: Annetta Alexandridis/ Astrid Fendt,  Knöchelspielendes Mädchen mit Porträtkopf Berlin, Staatliche Museen. https://arachne.uni-koeln.de/arachne/index.php?view[layout]=objekt_item&search[constraints][objekt][searchSeriennummer]=2203

[7] Bild aus: https://datenbank.museum-kassel.de/33906/ 

[8] Zitiert bei Savoy, Kunstraub, S. 349

[9] Malgouyres, S. 37

[10] Kaiser, S. 243

[11] Das gekaperte Altarbild – Hans Memlings Danziger Altarbild.  http://syndrome-de-stendhal.blogspot.com/2019/05/das-gekaperte-weltgericht-hans-memlings.html  (24. Mai 2019) Dort auch die beiden nachfolgenden  Abbildungen von Bildausschnitten.  Zur Geschichte des Bildes siehe auch: https://pomorskie.travel/de/-/hans-memling-sad-ostateczny- 

[12] Savoy, Die französische Beschlagnahmung von Kunstwerken in Deutschland 1794-1814, S.139/140. Dort auch das Zitat von Helmina von Chéry.

[13] Savoy, Die französische Beschlagnahmung, S. 143

[14] Diese Bezeichnung stammt von dem Vorwort Pierre Rosenbergs, dem ehemaligen Louvre-Direktor, zu dem Buch von Philippe Malgouyres.

[15] https://wallraf.mapublishing-lab.uni-koeln.de/kunstraub/kunstschaetze-im-visier/kunstpolitik-napoleons-bezuege-zur-antike 

[16] Zitiert aus:  Bénédicte Savoy: Objekte der Begierde: Napoleon und der Europäische Kunst- und Gedächtnisraub, in: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik in Bonn (Hg.): Napoleon und Europa. Traum und Trauma, München u.a. 2010, 261-273, hier: 261 und  Cockx, Kunstpolitik Napoleons. https://wallraf.mapublishing-lab.uni-koeln.de/kunstraub/kunstschaetze-im-visier/kunstpolitik-napoleons-bezuege-zur-antike /       

[17] Yann Potin, Kunstbeute und Archivraub. Einige Überlegungen zur napoleonischen Konfiszierung von Kulturgütern in Europa. In: Napoleon und Europa, S. 93

[18] Jean Chatelain, S. 232f und entsprechend Kaiser, S. 312f (Die Aachener Säulen), der sich offenbar auf Chatelain stützt.  Siehe auch:  Lydia Konnegen: Die antiken Säulen des Aachener Domes und ihr Schicksal in der Französischen Zeit. In: Karlsverein-Dombauverein (Hrsg.): Schriftenreihe des Karlsverein-Dombauvereins. Band 18: Der Aachener Dom in Französischer Zeit 1794 bis 1815. Aachen: Thouet 2016,

[19] Konnegen, a.a.O., S. 40

[20] Bild aus: https://www.aachener-domschatz.de/proserpinasarkophag/  Siehe auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Aachener_Dom 

[21] Bild aus: https://www.kunst-fuer-alle.de/deutsch/kunst/kuenstler/kunstdruck/hubert-robert/6726/1/141389/der-apollo-saal-im-louvre/index.htm

[22] Der Kunsthistoriker Adriano La Regina Zit. in: https://www.deutschlandfunkkultur.de/napoleons-beutezug-in-italien.1013.de

[23] http://wikimonde.com/article/Spoliations_napol%C3%A9oniennes

[24] Arrivée du butin des campagnes d’Italie à Paris au titre d“Entrée triomphale des monuments des sciences et Arts en France.“ Auber, vol. 3, planche 136, 1802. / Collection complète des tableaux historiques de la Révolution française, tome 2. Pierre Didot l’aîné, Paris. Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/Spoliations_napol%C3%A9oniennes#/media/Fichier:Fete_monument_volees_napoleon.jpg

[25] „La Grèce les céda, Rome les a perdus/leur sort changeau deux fois, in ne changera plus“. Zit. Malgouyres, S. 6

[26] Bénédicte Savoy 1798: Napoleonischer Triumphzug mit Beutekunst | Translocations. Ikonographie (hypotheses.org) und Dies, Die französische Beschlagnahmung von Kunstwerken, S. 138

[27] Bildquelle: https://www.photo.rmn.fr/archive/09-583929-2C6NU0KN7OEC.html

[28] Zit. bei Savoy, Kunstraub, S. 223. Dort auch mehr zum historischen Umfeld dieser Kritik

[29] Sonja Kobold Der Louvre: Bildungsinstitution und Musentempel, S. 92/93 Diss. Uni München https://edoc.ub.uni-muenchen.de/7635/1/Kobold_Sonja.pdf  Zur Kritik von Quatremère de Quinzy siehe auch: Marie-Alix Laporte. Les saisies d’œuvres d’art durant le Triennio révolutionnaire : réactions française et italienne. Histoire. 2008  https://dumas.ccsd.cnrs.fr/file/index/docid/297319/filename/Laporte_Les_saisies_d_uvres_d_art_durant_le_Triennio_revolutionnaire.pdf

[30] zit. Kaiser, S. 179

[31] Thomas Gaethgens, Das Musée Napoléon und seine Bedeutung für die europäische Kunstgeschichte. In: Sigrun Paas/Sabine Mertens (Hrsg), Beutekunst unter Napoleon, S. 184

[32] Chatelin, Denon, S. 214 und Gaethgens, a.a.O., S. 185

[33] Vorwort zu Malgouyres, Le Musée Napoléon.  Die Tendenz, den Kunstraub Napoleons zu verschweigen oder kleinzureden, gibt es auch an anderer Stelle. In dem Buch von Alain Pigard über das „Friedenswerk Napoleons“ findet sich beispielsweise unter dem Stichwort „Louvre“ auch eine Passage über die „schönsten Stücke aus den päpstlichen Sammlungen und aus Venedig“. Die seien in den Verträgen von Tolentino und Campo-Formio Frankreich zugesprochen worden. Die Besiegten hätten es nämlich vorgezogen, die fälligen Kriegsentschädigungen mit Kunst statt mit Geld zu bezahlen…    – eine Wahl, die die Besiegten allerdings in Wirklichkeit gar nicht hatten.

Literatur

Aylin Birdem,  1811 „Das Auge Napoléons“ im Lichte seiner Tätigkeit https://transliconog.hypotheses.org/kommentierte-bilder-2/1811-das-auge-napoleons-im-lichte-seiner-taetigkeit

Jean Chatelain, Dominique Vivant Denon et le Louvre de Napoléon. Librairie Académique Perrin 1999

Miriam Cockx, Kunstpolitik Napoleons – Bezüge zur Antike. https://wallraf.mapublishing-lab.uni-koeln.de/kunstraub/kunstschaetze-im-visier/kunstpolitik-napoleons-bezuege-zur-antike/ 

Astrid Fendt, La non-restauration des statues antiques berlinoises à Paris. CeROArt. Revue électronique 2012. https://journals.openedition.org/ceroart/2409?lang=en  

Reinard Kaiser. Der glückliche Kunsträuber. Das Leben des Vivant Denon. München: C.H.Beck 2016

M. de Lanzac de Laborie, Le Musée du Louvre au temps de Napoléon. Revue des Deux Mondes, 6e période, tome 10, 1912, p. 608-643

Philippe Malgouyres, Le Musée Napoléon.  Sammlung Promenades der Réunion des Musées Nationaux.  Paris 1999

Maximiliane Mohr, Das Museum Fridericianum in Kassel.  Diss. Uni Heidelberg 2017  https://books.ub.uni-heidelberg.de/arthistoricum/reader/download/586/586-16-87738-3-10-20200220.pdf

Napoleon und Europa. Traum und Trauma. Kuratiert von Bénédicte Savoy unter Mitarbeit von Yann Potin. Katalog der Ausstellung in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn vom 17.12.2010 bis 25. April 2011. Prestel Verlag 2010

Pierre Rosenberg, Marie-Anne Dupuy (éd.), Dominique-Vivant Denon, L’œil de Napoléon, Ausstellungskatalog Paris 1999 

Sigrun Paas/Sabine Mertens (Hrsg), Beutekunst unter Napoleon. Die „französische Schenkung“ an Mainz 1803. Mainz: Verlag Philipp von Zabern 2003

Bénédicte Savoy, Pillages et restitutions. In: Arts et Sociétés Nummer 60. Herausgegeben vom Centre d’Histoire de Science Po. https://www.sciencespo.fr/artsetsocietes/fr/archives/1209

Bénédicte Savoy,  Kunstraub: Napoleons Konfiszierungen in Deutschland und die europäischen Folgen; mit einem Katalog der Kunstwerke aus deutschen Sammlungen im Musée Napoléon, Böhlau Verlag, Wien 2011,

Bénédicte Savoy, Die französische Beschlagnahmung von Kunstwerken in Deutschland 1794-1815. In: Sigrun Paas/Sabine Mertens (Hrsg), Beutekunst unter Napoleon.  Die „französische Schenkung“ an Mainz 1803. Mainz: Verlag Philipp von Zabern 2003, S. 137- 144

Bénédicte Savoy, „Á qui rendre? 1815. Année zéro. L’Europe à l’heure des restitutions d’œuvres d’art“ . Vorlesung im Collège de France am 22. März 2019   https://www.college-de-france.fr/site/benedicte-savoy/course-2019-03-22-11h00.htm

Ernst Steinmann, Der Kunstraub Napoleons. Hrsg. von Yvonne Dohna mit einem Beitrag von Christoph Roolf: Die Forschungen des Kunsthistorikers Ernst Steinmann zum Napoleonischen Kunstraub.  Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte, Rom 2007 Copyright Bibliotheca Hertziana. Kapitel 8.4.: Vivant Denon in Deutschland. http://edoc.biblhertz.it/editionen/steinmann/kunstraub/016%20Steinmann_Kapitel_8_IV.pdf

https://fr.wikisource.org/wiki/Le_Mus%C3%A9e_du_Louvre_au_temps_de_Napol%C3%A9on

 Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu Napoleon:

Der Arc de Triomphe: Die Verherrlichung Napoleons. Vive l’empéreur Teil 1  https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/

Das Napoleon-Museum auf der Île d’Aix (Vive l’empéreur Teil 2)   https://paris-blog.org/2016/11/16/das-napoleon-museum-auf-der-ile-daix-vive-lempereur-teil-2/

Napoleon in den Invalides: Es lebe der Kaiser!  Teil 3  https://paris-blog.org/2017/03/12/napoleon-in-den-invalides-es-lebe-der-kaiser-vive-lempereur-3/  

Die Manufacture des Gobelins: Politik und Kunst  (August 2018)  https://paris-blog.org/2018/08/01/die-manufacture-des-gobelins-politik-und-kunst/

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs  https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 2: Die Raubkampagnen Denons in Deutschland: Soll ich etwa nichts nehmen? https://paris-blog.org/2021/05/05/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-2-die-raubkampagnen-denons-in-deutschland-soll-ich-etwa-nichts-nehmen/  

 

Geplante weitere Beiträge:

  • Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons, und sein Musée Napoléon. Teil 2: Die Raubkampagnen Denons in Deutschland: „Soll ich etwa nichts nehmen?“
  • 150 Jahre nach dem Abriss der Vendôme-Säule durch die Pariser Commune: Ein Blick auf ihre bewegte Geschichte
  • Das Pantheon der großen (und weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen (2): Der Kult der „grands hommes“
  • Die Reiterstatue Heinrichs IV. auf dem Pont-Neuf
  • Auf der A4/Autoroute de l’Est von Saarbrücken nach Paris. Eine Fahrt durch die deutsch-französische Geschichte

„Himmlische Freundschaft“. Ein Gastbeitrag von Michaela Wiegel

Die nachfolgende Reportage über die deutsch-französische Lufttransportstaffel in Evreux wurde am 28.2.2021 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung veröffentlicht.  Autorin ist  Michaela Wiegel, die langjährige Pariser FAZ- Korrespondentin. Ich bin sehr froh über die freundliche Genehmigung zur Aufnahme dieses Textes in den Paris- und Frankreich- Blog. Zunächst deshalb, weil es sich um eine schöne deutsch-französische Geschichte handelt, die insofern sehr gut in das Konzept dieses Blogs passt. Es geht in dieser Reportage aber auch um ein leidvolles Kapitel deutsch-französischer Geschichte, um Krieg und Besatzung in der Normandie,  aber auch in ganz eindrucksvoller Weise darum, wie aus Feinden Freunde wurden: Themen also, die schon mehrfach Gegenstand dieses Blogs waren.[1]

In der deutsch-französischen Zusammenarbeit, einem Pfeiler der europäischen Einigung, gibt es immer wieder Spannungen.  Das hat sich erneut im Verlauf der Covid-Pandemie gezeigt und gerade auch in dem sensiblen Bereich der militärischen Zusammenarbeit., wo ganz unterschiedliche Traditionen und Kulturen aufeinandertreffen. Umso erfreulicher und ermutigender ist das nachfolgend beschriebene Projekt. Man kann ihm deshalb nur viel Erfolg wünschen, die Beteiligten zu ihrem Engagement beglückwünschen und Michaela Wiegel für ihre anschauliche und gehaltvolle Reportage danken.


[1] https://paris-blog.org/2016/04/29/normandie-teil-1-die-allgegenwaertige-vergangenheit/  

https://paris-blog.org/2016/05/08/normandie-teil-2-schattenseiten-der-vergangenheit/

https://paris-blog.org/2019/06/07/6-juni-1944-aus-feinden-werden-freunde/

HIMMLISCHE FREUNDSCHAFT

In Evreux bilden bald Deutsche und Franzosen ein gemeinsames Geschwader. Das gab es noch nie. Von Michaela Wiegel

Noch  liegt  die  Kommandozentrale  der  deutsch-französischen  Lufttransportstaffel   inmitten   einer riesigen Baustelle. Vom Dach aus hat man einen Panoramablick auf die neuen Schutzwälle, die stählernen Gerüste der drei Flugzeughallen und auf das Flugfeld, dem noch die letzte Betonschicht fehlt. Unten lärmen Baumaschinen, ein Sattelzug schlingert über den schlammigen Stichweg. Aus der Ferne ist ein startendes Kampfflugzeug zu hören.

 Die Kommandozentrale  könnte  schon  bald  das  wichtigste  Bauwerk  der  deutsch-französischen Verteidigungszusammenarbeit  sein.  Jeweils   110  Millionen  Euro investieren  Deutschland  und Frankreich bis 2024 in die neue Infrastruktur für die Transportflugzeugeinheit in der Normandie. Der Bauleiter,  ein Ingenieur der Infrastruktureinheit   der   französischen   Streitkräfte,  ist   mit  den Fortschritten zufrieden. „Trotz der Pandemie sind wir im Zeitplan“, sagt Hauptfeldwebel Maxime, dessen  Nachname  nicht  genannt  werden  darf,   so  schreibt  es  die   Armee  für  Soldaten seines Dienstgrades vor. Er zwinkert: „Deutsche Pünktlichkeit können wir auch!“  Maxime zeigt auf den weiten Lichtschacht in der Mitte des Daches. Noch fällt es schwer,  sich den lichtdurchfluteten Innenhof mit Grünpflanzen und Gartenstühlen vorzustellen, den Maxime beschreibt. Hier sollen sich Soldaten beider Länder zum entspannten Austausch bei einer Tasse  Kaffee treffen. Das gesamte Gebäude sei so geplant, dass sich alle bei Dienstbeginn über den Weg laufen, sagt Maxime. „Die Architektur soll helfen, die Mitglieder des Geschwaders zusammenzuschmieden.“

 Die Deutsch-Französische Brigade bringt seit 1989 Soldaten beider Länder zusammen. Doch die neue Lufttransportstaffel steht für mehr – für die komplette Fusion. „Zum ersten Mal werden wir eine vollintegrierte Staffel mit einer vereinten Kommandostruktur haben“, sagt Oberst Sébastien Delporte, der Kommandant der 2700 Soldaten zählenden französischen Luftwaffenbasis. Der 48 Jahre alte Pilot spricht  von  einer  „Revolution   für  das  Europa  der  Verteidigung“.   Denn  es   mache  im  neuen Geschwader keinen Unterschied, ob man die Uniform der Luftwaffe oder der Armée de l’Air trage. Der Chef werde Franzose sein, sein Stellvertreter Deutscher. Einsätze wie der Transport von Fracht, militärischer  Ausrüstung  oder medizinischem  Material  würden  gemeinsam   geplant.   Ob Katastrophenhilfe nach einem Erdbeben in Italien oder Nachschub für Ausbilder in Mali, alle Aufträge werden zusammen erfüllt.

Separate Einsatzregeln werden damit die Ausnahme. „Aber natürlich bleibt dem Stellvertreter die Rote Karte, die er bei Bedenken ziehen kann“, sagt der Kommandant. Vom Mechaniker bis zum Piloten, alle werden in gemischten Teams arbeiten. „Es fällt mir schwer, von einem Projekt zusprechen, so konkret ist das alles schon“, meint Delporte. Er könne es kaum erwarten, im April die ersten deutschen Soldaten und ihre Familien in Evreux zu begrüßen. Er nickt Oberstleutnant Armin Braun zu, der die Vorhut des „Pre-Implantation-Teams“ der Bundeswehr leitet, den Kontakt zur französischen Seite hält und regelmäßig die Baustelle inspiziert. Braun bereitet alles vor, damit die Staffel im Juli eingeweiht werden kann. Sie soll über zehn Transportflugzeuge vom Typ C-130 J Super Hercules verfügen, fünf davon können auch zur Luftbetankung eingesetzt werden. „Wir planen mit 130 deutschen und 130 französischen Soldaten“, sagt Braun.

Die Franzosen waren etwas schneller bei ihren Bestellungen und haben bereits 2015 vier Flugzeuge beim amerikanischen  Hersteller Lockheed  Martin  geordert.  Sie  sind auf  der  Luftwaffenbasis   in Orléans schon im Einsatz, wo Braun mit seinem Team stationiert ist, und werden im September nach Evreux verlegt. Die sechs von Deutschland georderten Maschinen sollen direkt in Evreux in Dienst gestellt werden. „Bedienungssprache wird Englisch sein“, sagt Delporte. Das entspreche den im Lufttransport   üblichen  Nato-Standards.   Noch werden  die  Piloten  in  Little  Rock  in  Arkansas ausgebildet, aber in Evreux entsteht ein eigenes Ausbildungszentrum nahe der Kommandozentrale. Delporte schwärmt von der Bereicherung, die er sich von den „deutschen Freunden“ erhoffe. Ein gemeinsames Wohnheim steht schon. Der Oberst denkt darüber nach, wie man sich schnell näherkommen kann. Er will Deutschkurse anbieten. Und einmal im Monat organisiere er auf den 740 Hektar einen Geländelauf für die Soldaten.

Ohnehin sei die „Base 105“ mit Kinosaal, Sportanlagen und einem Schwimmbad reich ausgestattet, ein   Erbe   der   Amerikaner,   die  zwischen  1951  und  1967  in  Evreux  einen  der  wichtigsten   Nato-Stützpunkte in Europa errichtet hatten. Mehr als 9000 amerikanische Soldaten lebten damals mit ihren Familien in der normannischen Stadt, deren Bewohner dem American Way of Life begeistert nacheiferten, wie ein Lokalhistoriker schreibt. Doch 1966 warf Präsident Charles de Gaulle die amerikanischen „Besatzungskräfte“ raus und entschied Frankreichs Austritt aus den integrierten Militärstrukturen der Nato. Erst 2009 stellte Nicolas Sarkozy das Verhältnis zur Nato wieder her.

Das Dienstzimmer des Kommandanten liegt bis heute in einer der typischen Flachdachbaracken der Nachkriegszeit. An der Wand hängt eine Großaufnahme des Stützpunktes. Delporte zeigt auf die sternförmigen Anlagen der Amerikaner. Dann fährt er mit dem Zeigefinger über den Abschnitt, auf dem zwei teils von Gras überwachsene Betonbahnen zu erkennen sind: „Das sind die Überreste der ersten betonierten Start- und Landebahnen, die 1940 die Deutschen bauten.“ Immer wieder werden Munitionsverstecke   entdeckt,   zuletzt   2015,   als   der   Flugplatz   gesperrt   werden   musste,   um   185 Wehrmachts-Granaten zu entschärfen.

Als   Verteidigungsministerin   Annegret   Kramp-Karrenbauer   im   vergangenen   September   den Grundstein   für  die  deutsch-französische   Lufttransportstaffel   legte,   erwähnte   sie   die   deutsche Vergangenheit des Ortes mit keinem Wort. Wilhelm Schlipp rätselt bis heute, ob sie mit Absicht darüber schwieg. Den pensionierten, 85 Jahre alten Lehrer bewegt es sichtlich, dass zum zweiten Mal deutsche Soldaten in Evreux stationiert werden – und sie dieses Mal als Freunde kommen undempfangen werden. Er erinnert sich noch an die Erzählungen seines Vaters, der als Teil der „zivilen Gefolgschaft“  als   Buchhalter  auf  dem  Flugplatz  in  Evreux  Dienst  leistete.   Schlipp   hat  die Familienalben durchforstet und in seinen persönlichen Erinnerungen gekramt. Er spricht von den Kleidern, die eine französische Schneiderin seiner Mutter nähte, und vom Spielzeug, das er als kleiner Junge vom Vater aus Evreux geschickt bekam. Am 9. Juni 1940 hatten deutsche Jagdgeschwader Bomben über der Stadt abgeworfen. Die gotische Kathedrale, der Bahnhof, die Handelskammer und mehrere hundert Wohngebäude wurden schwer beschädigt. Aus den Trümmern der Stadt stieg noch Rauch, als deutsche Truppen am 15. Juni das Flugfeld besetzten. Eine Woche später kapitulierte Frankreich, Hitler kam persönlich für die Waffenstillstandsunterzeichnung in den Eisenbahnwaggonnach Compiègne. In Evreux entstand innerhalb weniger Wochen einer der wichtigsten Fliegerhorste für Hitlers Luftschlacht um England. Viele Franzosen arbeiteten in der deutschen Militärverwaltung, im April 1941 belief sich die Zahl der Beschäftigten auf 1854. Schlipps Vater, erinnert sich der Sohn, schloss freundschaftliche Verbindungen zu einer Gruppe von Franzosen, obwohl das eigentlich nicht erwünscht war.

Nach dem Krieg begann für den Vater eine Spurensuche. „Es gelang ihm, die junge Frau namens Suzanne aus der Gruppe wieder aufzuspüren“, erzählt Schlipp. Die Freundschaft zwischen den beiden Familien setzt sich bis heute fort. Das bestätigt Brigitte Kuster, die Tochter von Suzanne, die als Abgeordnete mit Wahlkreis in Paris in der Nationalversammlung sitzt. „Ich erinnere mich an die Kuchenberge, jedes Mal, wenn wir die Familie Schlipp in Deutschland besuchten, und an den netten Wilhelm, der mir die Angst nahm, mich mit meinen schlechten Deutschkenntnissen zu blamieren, weil er so gut französisch sprach“, sagt die 61 Jahre alte Kuster.

Sie habe allerdings immer geglaubt, dass die Freundschaft über ihren Vater entstanden sei, der als Kriegsgefangener auf einem Bauernhof in Norddeutschland gearbeitet habe. „Über die deutsche Besatzungszeit wurde in den meisten Familien nicht gern gesprochen“, meint Schlipp, der ein altes Foto von Kusters Mutter mit weißer Schürze auf dem Flugplatz in Evreux gefunden hat. Es amüsiert ihn, dass Brigitte ihn lange für einen Französischlehrer hielt, „dabei bin ich Altphilologe“. Durch viele Reisen nach Frankreich, auch mit seinen Schulklassen, und den engen Kontakt mit Brigittes Familie habe er seine Französischkenntnisse nie verloren. „Die deutsch-französische Freundschaft ist nichts Abstraktes“,   meint   Kuster.  Sie   berichtet   begeistert   von   ihrer  kürzlich  abgeschlossenen Reservistenausbildung für die Luftwaffe, die sie nach Evreux führte. „Man spürt, wie sehr alle hinter dem Projekt stehen und schon fast ungeduldig auf die Deutschen warten“, sagt sie.

Oberstabsfeldwebel Christopher Bickert spielt mit seinem Schlüsselbund. „Auf diesen Schlüssel bin ich besonders stolz“, sagt er, als er die Hintertür zum neoklassizistischen Bau des Rathauses von Evreux öffnet. Bickert trägt einen Feldanzug im Tarndruck, wie man ihn in Frankreich nicht kennt, aber es stört niemanden, als er wie der Hausherr durch das Rathaus führt und mit einem lauten „Bonjour“   die   Empfangsdame   begrüßt.   Bickert  hat  sein eigenes  Reich  im   Obergeschoss   des Rathauses.   Von  seinem  Schreibtisch aus  bereitet er die  Ankunft  der   Soldatenfamilien  aus Deutschland  vor und  sorgt  dafür,   dass  alles  klappt:  die  Wohnungssuche,  die  Eröffnung  eines Bankkontos und die Einschulung der Kinder. Der 50 Jahre alte Oberstabsfeldwebel hat schon ein weites Kontaktnetz in der Normandie gespannt. Sein bester Verbündeter sitzt hinter einer Glaswand ein Büro weiter: der Chef der Abteilung „Internationale Beziehungen“ im Rathaus, Oliver Radle. Der gebürtige Hamburger lebt seit 1985 in Frankreich und ist in Evreux geblieben, „weil man hier alles hat, was man braucht“. Nach Paris sei es nur eine Stunde, zum Meer ebenfalls, Evreux habe eine Lebensqualität, nach der man anderswo lange suchen müsse. Die Bundeswehr-Soldaten werden „mit offenen Armen empfangen“, ist er sich sicher. „Misstrauen gegenüber Deutschen kennen wir hier nicht.“ Mit der Partnerstadt Rüsselsheim gebe es einen lebhaften Austausch.

 Bürgermeister Guy  Lefranc  spricht selbst  gut und  gern  Deutsch,  erzählt  er,  als er in den majestätischen  Hochzeitssaal  führt.  Unter  den Kronleuchtern  durften  sich  im  vergangenen  Jahr interessierte Soldaten der Bundeswehr bei einem Glas Champagner mit Evreux vertraut machen. Viele  pauken seither französische  Vokabeln.  Sogar das als  behäbiger  „Mammut“  verschriene Bildungsministerium in Paris hat sich mobilisiert, um rechtzeitig einen internationalen Zweig von der Grundschule  bis  zum  Abitur für  die  Kinder  aus  Deutschland  und  andere  interessierte  Schüler einzurichten. Oberstleutnant Braun, der vier Kinder hat, weiß das zu schätzen. Evreux könne zur Blaupause für weitere Kooperationen werden, hofft er.

Aus:  Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.02.2021, Politik, Seite 7

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Der Maler Pierre Soulages in Rodez und in Conques

Der französische Maler Pierre Soulages hat am 24. Dezember 2020 seinen 101. Geburtstag gefeiert. Er ist sicherlich der älteste lebende Maler internationalen Rangs; Teilnehmer an der ersten, zweiten und dritten Dokumenta  in Kassel 1955, 1959 und 1964. Sein 100. Geburtstag war Anlass für eine Retrospektive  im Louvre – eine Ehre, die bisher nur Picasso und Chagall zuteil wurde- und eine weitere  im Museum Burda in Baden-Baden.[1]

Im nachfolgenden Beitrag stehen zwei Orte im Mittelpunkt, die für Soulages und sein Werk entscheidende Bedeutung haben: Rodez und Conques. In Rodez ist es das Museum Soulages, das extra gebaut wurde, um eine bedeutende Schenkung seiner Werke aufzunehmen. In Conques ist es die Abteikirche Sainte-Foy, deren Fenster von Soulages gestaltet wurden:  Ein romanischer Bau vollständig ausgestattet mit den Fenstern eines modernen Künstlers.

Das Museum Soulages in Rodez

Das Museum, das Soulages gewidmet ist,  steht in seiner Geburtsstadt. Grundlage des Museums ist eine Schenkung von Pierre Soulages und seiner Frau Colette –  eine der wichtigsten, die weltweit von einem lebenden Künstler gemacht wurde. Der preisgekrönte Entwurf des Museums, der auch  von Soulages selbst ausdrücklich favorisiert wurde, stammt  vom katalanischen Büro RCR Arquitectes.[2]

Als Baumaterial haben die Architekten Stahl verwendet, „denn dieses Material ermöglicht es, unterschiedliche Nuancen für die verschiedenen Oberflächen zu erhalten. Außen verweist das Rot auf die Farbtöne der Nussbaumstämme, im Inneren schafft der schwarze und gebeizte Stahl eine intimere Atmosphäre, die für die Betrachtung der Werke notwendig ist.“[3]

Und so wie die Werke von Soulages mit dem wechselnden Licht sich verändern und leben, so auch dieser Museumsbau.[4]

Die Sammlung  Soulages in Rodez

Blick in zwei Säle des Museums. Die großformatigen Bilder hängen hier, wie es Soulages seit den 1970-er Jahren bevorzugt, frei im Raum.[5]

Im Mittelpunkt dieses Saals befindet sich die Vase de Sèvres aus dem Jahr 2000. Es ist die einzige keramische Arbeit von Pierre Soulages. Sie wurde angefertigt auf Anregung des damaligen französischen Präsidenten Jacques Chirac. Das Original war bestimmt als Trophäe eines Sumo-Wettbewerbs in Japan und ist Ausdruck der engen Beziehungen zwischen Soulages und der ostasiatischen Kunst.

Vase de Sèvres (Ausschnitt)

Nachfolgend werden einige Werke von Soulages (überwiegend) aus dem Museum von Rodez vorgestellt. Die Auswahl ist völlig unrepräsentativ und willkürlich. Vor allem sind es Arbeiten (zum Teil auch nur Ausschnitte), die uns besonders beeindruckt haben. Dann sollten aber auch wenigstens ansatzweise verschiedene Schaffensperioden, Techniken und Materialien berücksichtigt werden. Und es sollte deutlich werden, dass in Soulages‘ Kunst die Farbe schwarz zwar eine zentrale Rolle spielt und gewissermaßen sein Markenzeichen ist, dass er  aber keinen Falls als „Schwarzmaler“  abgetan werden sollte. In seinen eigenen Worten:

„Die mich als den Künstler der schwarzen Malerei bezeichnet haben, haben das Schwarz im Kopf und nicht in den Augen.“[6]

Ein sachkundiges Urteil über die Werke des Künstlers kann ich mir nicht anmaßen. Ich werde deshalb Soulages – wie eben schon- auch weiter selbst zu Wort kommen lassen.[7] Das erscheint mir auch deshalb legitim, weil Soulages sich vielfach zu seinen Werken geäußert hat und den Künstler sogar ausdrücklich als deren notwendigen Interpreten (l’interprête nécessaire) versteht.[8]

Nussbeize / Brou de Noix et huile sur papier  74×47,5 cm  1947


„…ich fing an, mit Nussbeize zu malen. Ich habe diese Farbe geliebt, die sowohl reich an Transparenz als auch an Deckkraft ist und im Dunkeln eine große Intensität aufweist. Es war auch ein sehr billiges Material; mit wenig Geld konnte ich lange arbeiten. Ebenso habe ich Papier verwendet, alte Bettlaken als Leinwand. (…) Diese elementaren und einfachen Materialien hatten nach dem Krieg etwas von Brüderlichkeit.“[9]

Aus einem Interview aus dem Jahr 2010:

Jacques-Alain Miller: Der Baum  ist immer Ihr großes Vorbild.  

Soulages: Ja, ohne Blätter.

Nathalie Georges-Lambrichs:  Sie sagen: ‚Die Zweige eines Baumes sind wie eine Schrift.‘

Soulages : Ja. Warum gerade diese und nicht eine andere?   Als ich es analysierte, stellte ich fest, dass das Gute an diesen Formen war, dass sie komplexere Dinge in sich trugen. …. In den Formen lesen wir den Wind, wir lesen diesen Schwung, diesen Schub in Richtung Licht…. Ich mochte die  Bäume, aber ohne ihre Blätter, das ist etwas Anderes. Ich spreche mit Ihnen darüber, wie ich von abstrakten Gemälden und Grafiken  sprechen könnte.[10]

Ausstellungsplakat Stuttgart 1948

Aus einem Interview mit Soulages: „Sie sind ein Jahr nach Ende des Ersten Weltkriegs, 1919, geboren. Bereits drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, 1948 hatten Sie wieder eine Ausstellung in Deutschland. Wie haben Sie sich gefühlt, drei Jahre nach dem Krieg, in dem Land der Besatzer wieder auszustellen?“

„Meine ganze Familie ist sehr germanophil. Mein Schwager spricht fließend deutsch. Mein Neffe ist mit einer Deutschen verheiratet. Ich habe schon immer die deutsche Literatur, die deutsche Musik und die deutsche Romantik bewundert. Für mich war der Krieg gegen Deutschland daher ein doppeltes Drama. Und es war ein Deutscher, der mich für die Ausstellung 1948 eingeladen hat. Das Ausstellungsplakat „Französische abstrakte Malerei“ zeigte ein Werk von mir. Das habe ich natürlich als große Ehre empfunden. Und 1949 haben mich die damals größten deutschen Künstler besucht, Baumeister zum Beispiel. Die erste Retrospektive meiner Arbeit hat wieder ein Deutscher organisiert, Werner Schmalenbach von der Kestner-Gesellschaft in Düsseldorf. Ich hatte immer viele deutsche Freunde.“[11]

„Der Krieg hat mir einige Zeit genommen, ich habe ihn mit falschen Papieren überstanden, auf denen ich mich als Italiener ausgab. Ich war 28 Jahre – und da war ich! Die anderen Maler in der Ausstellung waren mindestens 25 Jahre älter als ich. Ich werde nie vergessen, dass meine Malerei zuerst von Ausländern entdeckt wurde. Allerdings stimmt das nicht ganz, denn davor waren es doch die Franzosen. Aber die haben mich unter dem Begriff ’nicht figurativ‘ einsortiert. Das hat mich aufgeregt und regt mich noch immer auf. Eine Kunstrichtung, die mit einer Verneinung beginnt, erschien mir geradezu lächerlich.“ [12]

Peinture 14. April 1956. 196×365 cm. Huile sur toile

„Als ich Kind war, hat man mir natürlich Farben zum Malen gegeben. Aber ich habe nur schwarz verwendet, damals schon. Es gibt da eine kleine Anekdote, die in meiner Familie immer erzählt wurde: Mit fünf oder sechs Jahren habe ich einmal mit schwarzer Tinte auf weißem Papier gemalt. Da kam jemand und fragte: „Was machst Du denn da?“ Ich antwortete: „Schnee!“ Ich war sonst ein sehr schüchternes und ernsthaftes Kind. Ich wollte mit der schwarzen Farbe das Papier weiß machen. Ohne schwarz ist Papier nicht weiß. Es ist eher grau. Erst der Kontrast mit dem Schwarz macht es weiß. Das funktioniert aber nicht nur mit weiß, sondern mit allen Farben. Schwarz aktiviert andere Farben, es macht sie heller und klarer. Schwarz ist die aktivste Farbe.“[13] 

Peinture 157×200 cm  21. August 1963  Huile sur toile

„Wenn ich mich auf die Farbe Schwarz beschränke und auf die verschiedenen Möglichkeiten, sie einzusetzen, dann gibt es, vereinfacht gesagt, die folgenden:

Schwarz lässt, als Quelle starker Kontraste, benachbarte Farben in verschiedenen Valeurs aufleuchten.

Schwarz lässt die Farbe in Erscheinung treten, die verdeckte, dann aufgedeckte Farbe, die aus der Leinwand hervorzuquellen scheint, wenn sie das Schwarz hervorruft.

Schwarz ist selber Licht, infolge der Verschiedenheit der Texturen, und Ursprung sich verändernder Valeurs. Seit dem Tage, an dem ich diese unerwartete Kraft erahnte, war ich von dem Wunsch besessen, sie freizusetzen.

Aus dem unterschiedlichen Einsatz des Schwarz ergeben sich Entwicklungen, Veränderungen der Malerei, ergibt sich auch der Blick, mit dem man ihr gegenübertritt.“ [13a] 

Olympische Spiele München 1972: Lithographie nr.29  1972

Bronze , 1976: Eine der drei Arbeiten aus Bronze, die Soulages in den 1970-er Jahren angefertigt hat und die alle im Museum von Rodez ausgestellt sind.

Peinture 202 x 125 cm   12. Januar 2015

„In der Region, aus der ich komme, dem Massif Central, gibt es viele Grotten. Schon vor 34 000 Jahren sind Menschen dort hineingegangen, um in der absoluten Dunkelheit zu malen. Und womit haben die Steinzeitmenschen damals gemalt? Mit schwarzer Kohle. Gelegentlich auch mit roter Erde.“[14]

„Die Menschen sind in die dunkelsten Orte der Erde hinabgestiegen, in das absolute Schwarz der Höhlen, um zu malen und mit Schwarz zu malen. Das ist wunderbar! Überall gibt es weiße Steine, Kreidestücke, einfach zu verwenden. Kein einziges Mal, während Jahrhunderten und Jahrhunderten,  haben prähistorische Menschen davon Gebrauch gemacht. … Deshalb habe ich gesagt, dass das Schwarz die ursprüngliche Farbe der Malerei ist; und auch, ich füge das hinzu, die Farbe unserer Ursprünge. Wenn ein Kind geboren wird, heißt es, es sieht den Tag; bevor wir also das Licht sehen, waren wir im Schwarzen … “ [15]

Peinture 117 x 165 cm, 6 janvier 1990

„Eines Tages hatte das Schwarz fast die ganze Leinwand bedeckt. In gewisser Weise gab es keine Malerei mehr, weder weiße noch farbige Töne, die aus dem Kontrast lebten. Aber in diesem Übermaß sah ich die Verneinung des Schwarz entstehen: die Unterschiede der Materie, des Gewebes, welche das Licht einfingen oder sich ihm verweigerten, schufen besondere Werte und Farben, eine Beschaffenheit von Licht und von Raum, die mein Verlangen erregten, zu malen… Ich habe mich auf diesen Weg eingelassen, und ich finde noch immer neue Eröffnungen. Es gab keinen ausdrücklichen Willen, das Licht aus dem Schwarz entspringen zu lassen. Dies ergab sich, während ich malte.“[16]

‚Outrenoir‘ pour dire: au-delà du noir une lumière reflétée, transmutée par le noir. Outrenoir: noir qui, cessant de l’être, devient émetteur de clarté, de lumière secrète. Outrenoir: un champ mental autre que celui du simple noir.“

‚Outrenoir‘: beyond the black of reflected light, transmuted by blackness. Outrenoir: black which, ceasing to be so, becomes a generator of clarity, secret light. Outrenoir: a mental field other than that of black.[17]    

Peinture 298 x 694 Februar/März 1992 (Ausschnitt)

Pierre Soulages zu den Rillen auf vielen seiner Gemälde:

„Durch sie wird die Oberfläche dynamisiert. Sie haben nichts gemein mit der mechanischen Gleichmäßigkeit des kubistischen Pinselstrichs. Eine breite Bürste gräbt eine Vielzahl von feinen, ungleichmäßigen Spuren in die Farbmaterie, die in der Reflexion des Lichts verschiedene Valeurs bewirken. Durch optische Vermischung entsteht beim Betrachten eine spezifische Qualität von farbigem Grau. Diese Grautöne imitieren nicht ein Licht, sie sind dieses Licht.

Diesen Rillen stehen manchmal glatte Oberflächen gegenüber: Flächen, Auslöschungen, Brüche, ruhige Zonen- ein Rhythmus bildet sich.“ [17a]  

Peinture 222×222. 6. März 2000   Acrylique sur toile. Ausschnitt

„…. meine Malerei, sehen Sie sie sich an, ist gar nicht schwarz. Schwarz ist eine Farbe des Lichtes. Mit ihrer Absorption und Reflexion stellt sie Kontraste her.“ [18]

Wie die Glasfenster der Abteikirche von Sainte-Foy in Conques entstanden: Ein Raum und ein Film im Museum in Rodez

Im Januar 1986 erhält Pierre Soulages den Auftrag, sämtliche 104 Fenster der Abteikirche von Conques zu gestalten.  Von März 1986 bis Herbst 1987 sucht er nach einem dem Alabaster verwandten Glas, das lichtdurchlässig, aber nicht transparent ist. Ab 1988 nimmt er Kontakt zu der Glasfabrikation von Saint-Gobain auf,   1991 kontaktiert er mehrere Glasfabrikationsbetriebe in Frankreich, Italien und Deutschland. [19]

Fündig wird er schließlich bei dem Unternehmen Kunstglas Klinge in Rheine, das mit seinen Öfen in der Lage ist, das von Pierre Soulages gewünschte Glas nach dessen Vorgaben bezüglich Temperatur und Zusammensetzung herzustellen.[19a]

                          Soulages mit dem Muster einer Glasscheibe der Glaskunst Klinge

1991/1992 besucht Soulages die Werkstatt von Kunstglas Klinge. Ab Juli 1992 entstehen in Rheine 400 m2 Glas in Form von bis zu 3 m großen Scheiben.

Aus dem im Museum von Rodez gezeigten Film zur Entstehung der Glasfenster: Arbeit auf Pappen in dem Pariser Atelier des Künstlers.


„Die Arbeit an den Modellen begann … in meinem Atelier in Paris. Eine besondere Vorgehensweise wurde genutzt: Die Bleistäbe wurden mit einem schwarzen Klebeband von der gleichen Breite wie sie dargestellt, aufgeklebt auf einer glatten, weißen Oberfläche von der gleichen Größe des Fensters. Indem es mehrere Male versetzt werden kann, erlaubt das Klebeband, mit einer visuellen Kontrolle aus der Entfernung (von 5 bis 10 m) immer näher zur richtigen Linie zu gelangen.“[19b]

Nach den seit 1987 entstandenen Entwürfen, den ab 1992 von Pierre Soulages gefertigten originalgroßen Modellen und den Scheiben aus Rheine wurden die Fenster in einem Toulouser Glasatelier realisiert und bis März 1994 in Conques eingesetzt.

Austellungshalle zur Entstehung der Glasfenster in Rodez

Abgebildet ist hier ein Fenster zu unterschiedlichen Tageszeiten und von außen und von innen. „Außen spiegelt sich das Licht am stärksten in den Stellen wider, die eine große Dichte der kristallinen Struktur besitzen. Die Stellen mit geringerer Dichte, die am stärksten das Licht weitergeben, zeigen nach außen das Dunkle des Innnenraums. Dies führt außen zu farblichen Nuancen zwischen Weiß und Hellblau, während innen das durch das Glas hindurchstrahlende Licht je nach der Qualität und der Intensität entsprechend der Tages- und Jahreszeit zwischen warmen und kalten Farbtönen, zwischen einem cremigen Weiß bzw. einem hellen Gelb- und Orangenton einerseits und abgestuften Blautönen andererseits changiert.“[20]

Die Fenster von Pierre Soulages  in der Abteikirche Sainte-Foy in Conques

Foto von  Jean-Pol Grandmont[21]    

Soulages  lernte die Klosterkirche von Conques auf einer Klassenfahrt kennen. Er war damals 14 Jahre alt:

„Conques a été le lieu de mes premières grandes émotions artistiques. J’étais boulversé par ce que j’ai appelé alors la musique des proportions et par cette alliance singulière de force et de grace. C’est dans l’espace intérieur de l’abbatiale que j’ai eu la révélation tout à la fois de la beauté de l’art roman et de mon désir de devenir peintre.“

Conques was where I experienced my first artistic emotions. I was overwhelmed by wht, back then, I called the ‚music of porportions‘, a destinctive combination of power and grace. It was the abbey that revealed to me both the beauty of Romanesque art and my desire tob e a painter.[22]

„Vom Eingang an ist man beeindruckt von den schmalen und hohen Fenstern mit den tiefen Laibungen: die Mauern sind sehr dick. Und zu gleicher Zeit ist man in Gegenwart eines hohen Kirchenschiffes, das dadurch umso höher erscheint, als es schmal ist. … Die Kirche in Conques … hat ein Mittelschiff von 22,10 m Höhe bei einer Breite von 6,80m, was sie noch höher aufgeschossen erscheinen  lässt. So erscheint in dieser Massivität Anmut.“[23]

„Die Aufteilung des Lichtes im Innenraum hängt natürlich von der Dimension und dem Platz der Fensteröffnungen ab, so wie sie die Erbauer bestimmt haben. Es ist das von ihnen ausgehende, sich mit dem Lauf der Sonne bewegende Licht, das diesen Raum und den Ablauf der Zeit rhythmisiert. Es gibt eine erstaunliche Anzahl von Öffnungen: 104 für einen Bau von nur 56 Metern Länge, was deutlich das Verlangen danach zeigt, das Licht reichlich eintreten zu lassen. Aber auf eine weder banale noch simple Art ist die Nordseite, von je her dunkel, hier noch dunkler, da sie sich an einen der Abhänge des Tales anlehnt, dennoch diejenige, wo sich die kleineren, schmaleren und weniger hohen Fensteröffnungen befinden, als die gut erhellten Öffnungen der Südseite, die ihnen gegenüberliegen. Dieses natürliche Ungleichgewicht ist nicht korrigiert, sondern im Gegenteil hervorgehoben und gesteigert worden. Im Querhaus vollzieht sich das Gegenteil. Die Fenster des nördlichen Querhausgiebels sind viel weiter als diejenigen des südlichen Querhausgiebels, und damit die größten des ganzen Baus. (…) Die präzise Ausrichtung des Baus auf den Sonnenaufgang am Festtag der Heiligen Fides ist ein weiterer Hinweis für die Wichtigkeit, die die Erbauer dem Licht gaben.“ [23a]

„Ich bin immer noch erstaunt, dass jemand die Kühnheit hatte, mich zu bitten, zeitgenössische Kunst in eine solch erhabene Architektur einzubringen. Letzten Endes habe ich  Fenster für diese Architektur gemacht, wie sie zu uns gekommen ist und wie wir sie jetzt lieben. Ich habe diese Fenster gemacht, angetrieben von dieser Architektur und basierend auf dieser Architektur. Und für das tiefe Vergnügen, das wir empfinden. Es ist auch ein Ort der Meditation für Ungläubige, ein Ort der Betrachtung der Schönheit und, für die Gläubigen, ein Ort des Gebets: das alles gehört zusammen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass einem Agnostiker dieses Werk  fremd sein könnte.“[24]

„Für mich besteht ein direkter Zusammenhang zwischen den Fenstern von Conques und dem, was ich  als outrenoir bezeichne. Conques war streng genommen keine Suche nach Licht, sondern die Verwendung eines bestimmten Lichts für künstlerische Zwecke. Als ich gebeten wurde, die Fenster in Conques zu machen, riefen einige Leute: „Was für eine Katastrophe, Soulages wird schwarze Fenster machen!“ Damit bewiesen sie, dass sie ihre Augen nicht für das geöffnet haben, was ich mache. Interessante Konsequenz: Von dem Moment an, als sie meine Fenster sahen, betrachteten viele  meine Bilder mit anderen Augen. Meine Arbeit in Conques hat bis zu einem gewissen Grad zum Verständnis meiner Bilder beigetragen.“[25]

„Von Anfang an war ich nur von dem Willen beseelt, dieser Architektur zu dienen, so wie sie zu uns gelangt ist, indem ich die Reinheit der Linien und der Proportionen, die Übergänge der Farbtöne im Stein, die Anordnung des Lichtes, das Leben eines so besonderen Raumes achtete. Das Ziel meiner Suche war es, diese Eigenarten sichtbar zu machen.“[26]

„Selbstverständlich konnten Rot und Blau, alle kräftigen Farben der gotischen Kirchenfenster, die nördlich der Loire anzutreffen sind, der delikaten Farbgebung der Steine und des Innenraums dieses Gebäudes nur schaden. Mir war es wichtig, die Identität des Bauwerks zu wahren und die spezifische Qualität des Raums aufgrund der Abmessungen der Fenster und ihrer sehr besonderen Verteilung nicht im Geringsten zu stören. Nur natürliches Licht schien mir angemessen zu sein.“[27]

„Von innen betrachtet ist ein Teil des Kirchenfensters sehr hell, er erscheint bläulicher als in einem angrenzenden Bereich, in dem die Intensität geringer und der Farbton wärmer ist. Wenn Blau fehlt, wird dieses an der Außenseite reflektiert. Im Verständnis dieses Zusammenhangs habe ich die Fenster in Abhängigkeit ihres Erscheinens von innen und außen konzipiert. Im Inneren sind es nicht mehr diese für gewöhnlich schwarzen Oberflächen. Innen oder außen, als Schöpfungen erhaltenen Lichts harmonieren sie mit dem Bauwerk, das dasselbe Licht empfängt.“[28]

„Von außen gesehen sind diese Fenster nicht mehr die üblich schwärzlichen Oberflächen. Das Glas, vollkommen weiß, nimmt die bläuliche Farbe des natürlichen Lichtes an und reflektiert sie. Die Bereiche, wo die Reflexion schwächer ist, sind dunkler. Die Beziehungen dieser Farben mit denen der Architektur sind von zweierlei Art. Manchmal finden sich die gleichen Färbungen in den Schieferplatten des Daches und in bestimmten Steinen der Mauern wieder. Manchmal ergeben sich komplementäre Übereinstimmungen (blauorange) in anderen Bauteilen, wo die warmen Steinfarben dominieren.“[29]

Zur Geschichte und Bedeutung von Conques

Der Besuch der Klosterkirche von Conques lohnt aber nicht nur wegen der Glasfenster von Soulages. Die Bedeutung von Conques, heute Teil des Weltkulturerbes „Jacobsweg in Frankreich“,  beruht  vor allem auf drei künstlerischen Höhepunkten, von denen zwei auf diesem touristischen Hinweisschild veranschaulicht sind:

Neben den Glasfenstern von Pierre Soulages ist das  der Kirchenschatz mit der Reliquie der heiligen Fides, wozu dann noch  das grandiose Tympanon über dem Eingang der Kirche kommt.

Die Reliquie der heiligen Fides

Die heilige Fides, die Tochter eines angesehenen Bürgers aus Agen, war im Jahre 303 im Alter von 13 Jahren zum Tode verurteilt worden, weil sie sich weigerte, die heidnischen Götter anzubeten. Dadurch wurde sie zu einer der ersten französischen Märtyrinnen. Dass es sich um eine jungfräuliche Märtyrin handelte, verstärkte die öffentliche Verehrung. Schon bald verbreiteten sich Berichte von der Wunderheilung eines blinden Jungen durch die heilige Fides

Im 9. Jahrhundert, einer Zeit, in der die Reliquienverehrung stark an Bedeutung gewann und die Anwesenheit des Leichnams eines Heiligen der ihn beherbergenden Abtei eine große spirituelle Bedeutung verlieh, fehlte Conques, seit 819 Benediktinerkloster, eine solche Reliquie. Das war umso schmerzlicher, als das Kloster unter dem besonderen Schutz Ludwigs des Frommen, des Sohnes Karls des Großen, stand, der ihm auch den Namen Conques (Muschel) verlieh.  Nach mehreren erfolglosen Versuchen richteten die Mönche ihr Augenmerk  auf die wertvollen Reliquien der in Aquitanien inbrünstig verehrten heiligen Fides von Agen. Der Raub, schamhaft als „heimliche Überführung“ bezeichnet, erfolgte um 866.

Der Reliquienkult der heiligen Fides (Sainte Foy), die der Kirche auch ihren Namen gab, trug dazu bei, Conques zu einer wichtigen Etappe  auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela  zu machen. Vom 11. bis zum 13. Jahrhundert befand sich das Kloster auf dem Höhepunkt seiner wirtschaftlichen Macht. Es wurde zum Mittelpunkt  einer kleinen mittelalterlichen Stadt, die vor allem mit und vom Kloster und den Dienstleistungen für die Pilger lebte. Trotz des späteren Niedergangs gehört Conques  heute aufgrund seiner einheitlichen mittelalterlichen Struktur und der Klosterkirche zu den „schönsten Dörfern Frankreichs“.

Der Reliquienschrein der heiligen Fides (Sainte-Foy)  hat die Form einer überaus reich mit Goldbeschlag und Edelsteinen ausgestattete Statue, die hauptsächlich aus dem Jahr 984 stammt. Er ist ausgestellt in dem am ehemaligen Kreuzgang des Klosters gelegenen Trésor d’orfèverie, der den größten erhaltenen Kirchenschatz des französischen Mittelalters beherbergt.

1875 wurde der Klosterschatz, der vergraben worden war, unter den Bodenplatten des Chorganges wiederentdeckt. So hat er die  Zerstörung der Kirche durch protestantische Truppen in den Religionskriegen und die Wirren und die Zerstörungswut der Französische Revolution überlebt.

Das Tympanon

Bevor man die Kirche betritt, um den Innenraum mit den Fenstern Soulages‘ zu bewundern, lohnt es sich, das große Tympanon des Eingangsportals zu betrachten, das mit seinen 117 Figuren zu den Höhepunkten mittelalterlicher Kunst gehört. Sein Generalthema ist das Jüngste Gericht.[30]  Besonders eindrucksvoll ist hier –wie auch in anderen entsprechenden mittelalterlichen Darstellungen- die drastische Schilderung des Schicksals der Verdammten im rechten unteren Teil des Tympanons, wo es –im Gegensatz zu der wohlgeordneten linken Seite (zur Rechten Gottes)- im wahrsten Sinne des Wortes drunter und drüber geht.

Hier thront Satan inmitten emsiger Teufelchen und empfängt die Verdammten, die die sieben Todsünden verkörpern.  Unter dem Herren der Finsternis liegt der Faulenzer in den ewigen Flammen, erkennbar an der Kröte an seinen Füßen, dem Symbol der Faulheit.  Links davon erwarten ein Mann und eine Frau angebunden und mit gefesselten Händen die Strafe für die Wollust.

Hier verschlingt der Leviathan, das biblische Ungeheuer, mit aufgerissenem Rachen die Verdammten, die von einem Teufel mit einer schweren Keule hineingestoßen werden, wobei er den Kopf wendet, um die Auserwählten zu sehen, die ihm entgehen.

Noch weiter links steht direkt an der Eingangspforte zur Hölle der Hochmut, dargestellt durch einen aus dem Sattel geworfenen Ritter, der im wahren Leben ein ehrgeiziger Nachbar der Abtei war und dieser nach ihren Gütern trachtete. Er wird von einem Teufel vom Pferd gezogen und von oben von einem anderen aufgespießt. Zu Lebzeiten war er von den Mönchen des Klosters exkommuniziert worden. Hier werden lokale Aspekte aus der Klostergeschichte in die Darstellung des Jüngsten Gerichtes einbezogen.

Um das Tympanon herum läuft ein Band, hinter dem menschliche Köpfe mit weit aufgerissenen Augen sichtbar sind. Sie betrachten das grausige Geschehen und werden, wie die Mönche des Klosters und die mittelalterlichen Pilger, hoffen und beten, im späteren Leben einmal zu den Seligen zu gehören und nicht dem Wüten des Satans anheim zu fallen.

Lassen wir zum Schluss noch einmal Pierre Soulages sprechen – mit Worten, die am Ende des mit der Süddeutschen Zeitung zu seinem 100. Geburtstag geführten Interviews stehen:

 „Ich denke an den Tod nicht häufiger als früher, obwohl ich weiß, dass er näher gerückt ist als vor Jahrzehnten. Ich lebe so weiter wie im Alter von 50 Jahren. Solange ich den Wunsch verspüre, Dinge zu tun, mache ich sie. Mir widerstrebt es zu weinen oder zu stöhnen, und ich denke weder zurück an vergangene Zeiten noch an die mir noch verbleibenden Tage. Ich lebe ein glückliches Leben, und daran werde ich so lange wie möglich festhalten.“ [31]

Anmerkungen:


[1] Soulages au Louvre: November/Dezember 2019; Soulages. Malerei 1946-2019. Oktober 2020 bis Februar 2021

[2] Für den petit futé gehört das Museum zu den 10 außergewöhnlichsten Museumsbauten Frankreichs.  https://www.petitfute.co.uk/v17231-17284-paris-75010/actualite/m17-top-10-insolites-voyage/a23168-les-10-musees-francais-d-exception.html

[3] https://www.floornature.de/rcr-arquitectes-museum-soulages-rodez-frankreich-11194/#gallery_link

[4] Vorausgehendes Bild aus: Soulage au Louvre, S. 42; Nachfolgendes Bild: https://www.tagesspiegel.de/kultur/ein-museum-fuer-pierre-soulages-schwarz-schwaerzer-leuchtend/10236272.html

[5] Oberes Bild: http://www.hotel-les-peyrieres.com/le-musee-pierre-soulages/

[6] Zitiert von Hermann Arnhold, Das Licht in der Malerei. In:  Soulages, Lebendiges Licht. Malerei und die Fenster von Conques. Herausgegeben von Klaus Bußmann. Münster 1994  S. 11

[7] Die verwendeten Zitate von Soulages stammen überwiegend aus deutschen Veröffentlichungen. Soweit ich sie französischen Quellen entnommen habe, sind sie von mir übersetzt, was jeweils angegeben ist. Zwei Zitate stammen aus einer französisch-englischen Veröffentlichung  (paroles d’artiste). Diese sind in der  dort präsentierten  französischen und englischen Fassung wiedergegeben  und ich habe auf eine Übersetzung ins Deutsche verzichtet.

[8] Soulages, L’espace. Aus: Écrits et propos. Zit. in: Pierre Soulages, paroles d’artiste, S. 12

[9] Pierre Soulages, aus: 82 peintures. Toulouse 2000. Zit. in: Pierre Soulages. Le noir en lumière,  S. 165 „…  je me suis mis à peindre avec du brou de noix. J’aimais cette couleur, riche à la fois de transparences et d’opacités, d’une grande intensité dans le sombre. C’était aussi une matière très bon marché; avec peu d’argent je pouvais travailler longtemps. De même j’utilisais du papier, de vieux draps de lit en guise de toiles. (…) ces matières élémentaires et pauvres, au lendemain de la guerre, avaient quelque chose de fraternel.“  Übersetzung W.J.   

[10] Aus: D’un siècle à l’autre. Pierre Soulages, le noir en lumière. S. 166 

[11] https://www.cicero.de/kultur/schwarz-ist-die-farbe-des-lichtes/41169

[12] https://www.monopol-magazin.de/jenseits-von-schwarz Zuerst erschienen in Monopol 4/2019

[13] https://www.cicero.de/kultur/schwarz-ist-die-farbe-des-lichtes/41169

[13a]  Aus: Charles Juliet, Gespräche mit Pierre Soulages. Aus dem Französischen von Werner Meyer. Tübingen: Heliopolis-Verlag S, 8/9

[14] https://www.cicero.de/kultur/schwarz-ist-die-farbe-des-lichtes/41169

[15] Soulages au Louvre, S. 11  „Les hommes sont descendus dans les endroits les plus obscurs de la Terre, dans le noir absolu des grottes, pour peindre, et peindre avec du noir. C’est stupéfiant! Partout il y a des pierres blanches, des morceaux de craie, faciles à employer. Pas une fois, durant des siècles et des siècles, les hommes préhistoriques ne s’en sont servis. … C’est ce qui m’a fait dire que le noir est la couleur d’origine de la peinture. Et aussi,  j’ajoute, la couleur de nos origines. Quand un enfant naît, on dit qu’il va le jour; donc avant de voir le jour, on était dans le noir…“   (Übersetzung W.J.)

[16] Zit. in: Hermann Arnhold, Das Licht in der Malerei. In: Soulages, Lebendiges Licht, S. 10/11

Entsprechend:   Charles Juliet, Gespräche mit Pierre Soulages, S. 7

[17] ‚Les éclats du noir‘. In: Écrits et propos. Zit. in: Pierre Soulages, Paroles d’artiste S. 40

[17a]   Aus: Charles Juliet, Gespräche mit Pierre Soulages. Aus dem Französischen von Werner Meyer. Tübingen: Heliopolis-Verlag S. 8

[18] https://www.cicero.de/kultur/schwarz-ist-die-farbe-des-lichtes/41169

[19] Diese Chronologie folgt: „Kurze Chronologie der Entstehung der Fenster von Conques.“ In: Soulages, Lebendiges  Licht, S. 16/17

[19a] Ich finde es bemerkenswert/erstaunlich, dass Glaskunst Klinge auf seiner homepage (http://www.glaskunst-klinge.de/) nicht auf die Arbeit für Soulages/Conques verweist. Vielleicht weil Soulages in Deutschland weniger bekannt ist? Oder weil ein solcher Bezug für eher „normale“ Kunden, die dort angesprochen werden, vielleicht abschreckend wirken könnte? Ich habe den Betrieb um Auskunft gebeten, aber keine Antwort erhalten.

[19b] Soulages, Lebendiges Licht, S. 26

[20] Soulages, Lebendiges Licht, S. 17 

[21] https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:01_Conques_-_Village_-_JPG1.jpg

[22] Entretien avec Françoise Jaunin. Zit. in: Pierre Soulages, Paroles d’artiste, S. 46 Manchmal wird auch als Alter 12 Jahre angegeben. Siehe auch Soulages in: Soulages au Louvre, S. 34: „J’étais dans un tel état d’exaltation, je me suis dit ‚il n’y a qu’une chose importante dans la vie, c’est l’art. Et j’aime la peinture, je serai peintre.’“     

[23] Pierre Soulages, Anmerkungen zur Arbeit, S. 18  Nachfolgend zwei Abbildungen von Obergadenfenstern auf der Südseite der Kirche in unterschiedlicher Beleuchtung.  Das erste Bild stammt von uns, aufgenommen am 28.9.2020 bei trübem Wetter,  das zweite zeigt das rechte Fenster des vorigen Bildes im Sonnenlicht. Dieses Bild ist entnommen aus: Pierre Soulages, Lebendiges Licht, S. 24

[23a] Soulages, Lebendiges Licht S. 20/21

[24] Soulages au Louvre, S. 40 „Je suis encore étonné que l’on ait eu l’audace de me demander d’introduire de l’art contemporain dans une architecture aussi sublime. Finalement j’ai fait des vitraux pour cette architecture telle qu’elle est parvenue jusqu’à nous et telle que nous l’aimons maintenant. J’ai fait ces vitraux poussé par cette architecture, en fonction de ce cette architecture. Et pour le plaisir profond que l’on ressent. C’est aussi un lieu de méditation pour les non-croyants, c’est un lieu de contemplation de la beauté et, pour les croyants, un lieu de prière: tout cela coïncide, tout cela va ensemble. Je ne vois pas pourqoui  quelqu’un d’agnostique pourrait être étranger à cette œuvre-là.“     (Übersetzung W.J.) Soulages selbst bezeichnet sich übrigens als Agnostiker: „Gott war mir als Idee zu anthropomorph, um wahr zu sein. Sich auszumalen, dass über uns ein alles bestimmender Gott thront, entspringt der kümmerlichen Vorstellungswelt des Menschen, der die Beziehung zwischen Vater und Familie auf den Kosmos überträgt. Ich bin kein Atheist, sondern Agnostiker.“ https://www.sueddeutsche.de/kultur/pierre-soulages-100-jahre-interview-1.4733460  24.12.2019

[25] Soulages au Louvre, S. 33 (Übersetzung W.J.)

[26] Pierre Soulages, Die Fenster von Conques, Anmerkungen zur Arbeit. In: Soulages.  Lebendiges Licht. Malerei und die Fenster von Conques. S. 22  Nachfolgendes Bild aus: https://www.tourisme-conques.fr/de/de-conques/die-kirchenfenster-von-soulages

Siehe auch: Soulages,  Lumière et espace intérieur. In: Écrits et propos.  2009. Zit:  Pierre Soulages, Paroles d’artiste, S. 48: „Lorsque la conception de vitraux m’a été confiée, une conduite opposée à celle que j’imaginais s’est très vite imposée à moi: ils ne pouvaient être la reproduction en verre d’une maquette née d’une procédé pictural quel qu’il soit, aquarelle, gouache, etc. C’est de la lumière et du matériau qu’elle traverse que devraient naître les formes et leur organisation. Il faut donc, à partir d’un matériau, imaginer, penser une lumière répondant aux exigences du lieu, de son espace, de son architecture et de son pouvoir d’émotion artistique.“

[27] https://www.tourisme-conques.fr/de/de-conques/die-kirchenfenster-von-soulages#de-la-naissance-du-chromatisme

[28] Bilder und Zitat von Soulages aus: https://www.tourisme-conques.fr/de/de-conques/die-kirchenfenster-von-soulages#de-la-naissance-du-chromatisme

[29] Pierre Soulages, Anmerkungen zur Arbeit, S. 28

[30] Text zum Tympanon nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Ste-Foy_(Conques)  Dort auch weitere detaillierte Informationen. Der erstaunlich gute Erhaltungszustand des Tympanons erklärt sich durch einen inzwischen zerstörten Vorbau, der die Plastiken vor den Einflüssen der Witterung schützte.

[31]  https://www.sueddeutsche.de/kultur/pierre-soulages-100-jahre-interview-1.4733460

Weitere geplante Beiträge:

  • „Himmlische Freundschaft“. Ein Gastbeitrag von Michaela Wiegel (F.A.S.)
  • 150 Jahre Abriss der Vendôme- Säule durch die Commune: Ein Blick auf ihre bewegte Geschichte
  • Das Pantheon der großen (und weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen (2): Der Kult der „grands hommes“
  • Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf
  • Auf der A 4/Autoroute de l’Est von Saarbrücken nach Paris: Eine Fahrt durch die deutsch-französische Geschichte

März 2021: Der Blog feiert seinen 5. Geburtstag

Vor 5 Jahren, im März 2016, habe ich den ersten Beitrag in diesen Blog eingestellt. Es waren Fotos, aufgenommen von der kleinen Terrasse unserer damals neuen Wohnung im 11. Arrondissement in Paris. Ohne dass mir das damals bewusst war, hatte dieser Beitrag eine programmatische Dimension:

  • Der Blick auf die Fundamente der Guillotine in unserer Straße steht für den historischen Bezug, der für diesen Blog konstitutiv ist.
  • Der Blick über die Dächer von Paris fällt auch auf herausragende Bauten wie Notre-Dame, Saint-Paul oder die Julisäule auf der Place de la Bastille, die in späteren Beiträgen öfters eine Rolle spielen. Und die „toits de Paris“ gehören vielleicht bald zum UNESCO-Weltkulturerbe …
  • Große Ereignisse werden auch von unserer Terrasse aus ein Stück weit erfahrbar, wie die Feiern des 14. Juli oder das Confinement anlässlich der Covid-19-Pandemie; aber auch Paris-typisches Alltagsleben kommt ins Blickfeld wie die häufigen Arbeiten an den reparaturanfälligen Zinkdächern oder den maroden Wasser- Strom- und Gasleitungen unter den Trottoirs.
  • Anhand der Stare vor unserem Fenster werden unterschiedliche Sichtweisen von Deutschen und Franzosen sichtbar, deren Beziehungen und Geschichte ein besonderer Schwerpunkt dieses Blogs sind.
  • Und nicht zuletzt: In diesem Blog geht es zwar nicht um uns und unser „neues“ Leben in Paris; aber es wird auch nicht der persönliche Bezug zu den hier behandelten Themen verleugnet, sowohl was ihre Auswahl als auch ihre Darstellung angeht. In den Blicken von unserer Terrasse ist diese persönliche Perspektive im wahrsten Sinne des Wortes augenscheinlich, aber sie ist auch danach immer präsent.

Dass diesem ersten Bericht schnell weitere folgten, beruht darauf, dass ich schon in den Jahren davor per e-mail Berichte aus Paris an Freunde und Bekannte in der alten Heimat verschickt hatte, um den Kontakt aufrecht zu erhalten. Für diese – seit 5 Jahren im Blog-Format verbreiteten-  Berichte gab und gibt es aber ein mindestens ebenso wichtiges weiteres und ganz persönliches Motiv: Die Stadt Paris ist zwar nicht mehr die Hauptstadt der Welt, als die sie lange galt, aber sie ist doch eine Stadt mit einer derartigen unübersehbaren Fülle von Attraktionen und  Angeboten, dass man sich leicht darin verlieren kann. Wenn Ulrich Wickert einem seiner Bücher den Titel „Alles über Paris“ gab, kann man das nur als Ausdruck von Ironie verstehen, dafür kannte Wickert Paris ja viel zu gut.

Der Blog half und hilft mir dabei, meinen Ort in dieser Stadt zu finden und mich in diesem Großstadtdschungel zu orientieren. Es gibt immer eine Reihe von kleinen Projekten, die mich beschäftigen, zu denen ich – teilweise auch über längere Zeit hinweg- Material sammle und für die ich gezielt die Stadt erkunde. Dazu kommen dann ganz aktuelle Themen, die ich aufgreife. Da geht es zum Beispiel um Ausstellungen, die ich aber auch über den Tag hinaus für wichtig und interessant halte. Und es kommen dann auch noch Texte hinzu, die sich aus Reisen in Frankreich ergeben.  Denn der Blog ist zwar vor allem ein Paris-Blog, aber auch ein Frankreich-Blog, und Frankreich und Paris sind ja auch kaum voneinander zu trennen: Man denke nur an  Lebensgeschichten wie die von  Ledoux, Camille Claudel oder Anna  Seghers….

Besonders freue ich mich, wenn ich –oft durch persönliche Kontakte, aber auch durch Zufall- auf ganz überraschende und spannende deutsch-französische Geschichten stoße. Schöne Beispiele dafür sind die Frankfurter Krokodile, die  im Austausch mit angeblichen Menschenfressern aus  Neukaledonien zur  Kolonialausstellung von  1931 nach Paris geliefert wurden……    oder die Beziehung des schlesischen Kohle- und Stahlbarons Guido Henckel von Donnersmarck mit einer russisch-französischen Halbweltdame, der er einen Märchenpalast auf den Champs-Elysée errichtete…. oder die fast unglaubliche, aber wahre Geschichte des Marcel Fieyre,  dem es im Winter 1942/1943  mit Hilfe eines deutschen Antifaschisten gelang, sich von einem Kriegsgefangenenlager im Norden Deutschlands  bis in die Corrèze durchzuschlagen, wo er ein prominentes Mitglied des dortigen Widerstands wurde….   oder die Stolpersteine in der Frankfurter Westendstraße…     oder, oder, oder ….  In der Rubrik deutsch-französische Geschichte(n) sind diese und andere solcher Berichte versammelt.

Im Gegensatz zu dem Einstiegsbericht auf diesem Blog bestehen die Beiträge aus einer Mischung von Texten und meist selbst gemachten Fotos. Und sie haben zwei Besonderheiten: das ist einmal ihr Umfang, meist –im ursprünglichen Word-Format- um die 20 Seiten. Und es sind die Verweise auf die benutzten Quellen und Materialien.  Allerdings handelt es sich nicht um Texte mit wissenschaftlichem Anspruch. Aber sie sollen doch mehr bieten als die gängigen Reiseführer und die gewählten Themen nicht nur „antippen“,  und sie sollen Lust zu „mehr“ machen,  zu intensiverer Beschäftigung oder eigener Anschauung, und dazu entsprechende Hinweise geben.

Inzwischen sind insgesamt 125 Berichte zusammen gekommen, also genau 25 pro Jahr (eine Frequenz, die allerdings keinen Falls Maßstab für die Zukunft sein kann und soll…)  Eine in zeitlicher Reihenfolge geordnete Übersicht über alle Berichte findet sich auf:

 https://paris-blog.org/2020/04/25/alle-blog-beitraege-im-ueberblick-maerz-2016-bis/  

Was die Resonanz angeht, so ist der Blog natürlich weit entfernt von den Hunderttausenden oder gar Millionen „followern“, von denen man von youtube, twitter- oder instagram- Adressen hört. Aber dafür ist der Blog zu spezialisiert, und der Umfang der Beiträge übersteigt das in sozialen Medien Übliche bei weitem.  Trotzdem kommen aber im Jahr  dann doch –und das mit deutlich steigender Tendenz- mehrere zig-Tausende Besucher und Zugriffe zusammen, wobei allerdings nicht nachvollziehbar ist, inwieweit es sich um interessierte Leserinnen und Leser handelt oder um vielleicht schnell enttäuschte Surfer, die beim Stöbern im Netz zufällig auf den Blog gestoßen sind.

Die Besucher stammen überwiegend aus Deutschland, aber auch –in dieser Reihenfolge- aus Frankreich, der Schweiz, den USA und Österreich. 2020 kamen sie insgesamt aus 102 Ländern.

Welche Berichte am meisten nachgefragt sind, kann ich nur bedingt erkennen, weil der weitaus größte Teil der Zugriffe sich hinter der allgemeinen Bezeichnung „Startseite/Archivseiten“ verbirgt. Zum Teil werden aber auch die aufgerufenen Berichte direkt angegeben. Das waren 2020 in dieser Reihenfolge:

  • Der 11. November: Ein französischer Feiertag im Wandel
  • Die Aufnahme des Schriftstellers Maurice Genevoix ins Pantheon
  • Die Freiheitsstatue von New York und ihre Schwestern (3): Die Freiheitsstatuen von Paris
  • Das Labyrinth von Chartres
  • Mit Heinrich Heine in Paris
  • La Goutte d’Or oder Klein-Afrika in Paris
  • Die Fontänen im Park von Versailles (1): Feier des Sonnenkönigs und Machtdemonstration

…. also, dem Angebot des Blogs entsprechend, eine „bunte“ Mischung.

Und natürlich freue ich mich auch über Zuschriften: Zum Beispiel erhalte ich ab und zu Hinweise auf –vor allem- sprachliche Fehler in den Texten, für die ich dankbar bin. Das kann ich dann –ein Vorteil des Blog-Formats- umgehend berücksichtigen. Oder es gibt Nachfragen wegen geplanter Paris-Besuche wie die eines Schweizers, mit dem ich den Faubourg Saint-Antoine erkundet habe: Auf den Spuren seiner Vorfahren, die dort das Tischlerhandwerk erlernten, bevor sie in der Schweiz eine ébénesterie (Kunsttischlerei)  nach Pariser Vorbild aufbauten.

Über persönliche  feed-backs, die über einen simplen  ‚Gefällt mir‘-Klick hinausgehen, freue ich mich natürlich auch.  Dafür zwei Beispiele, eines aus Deutschland, eines aus Frankreich:

Ich bin mittlerweile  schon seit Jahren eine begeisterte Leserin deines Blogs. Herzlichen Dank für die vielen Informationen, die Liebe zu unserem wunderbaren Nachbarland und den französischen und europäischen Geist, den dein Blog atmet.

Ich finde Ihren Blog sehr gut. Ich kenne viele Blogs über Frankreich, aber alle diejenigen,  die ich bis jetzt fand, waren so schlecht, dass ich bislang dachte, die deutschen Blogger wären alle zur Médiocrité verurteilt worden. Jetzt weiss ich, es ist nicht der Fall.

Eine besondere Anerkennung ist natürlich auch, dass das Deutsch-Französische Institut in Ludwigsburg den Blog in sein Literaturverzeichnis aufgenommen hat.

Derzeit leidet allerdings auch der Blog unter den Pandemie-bedingten Einschränkungen.  Seit einem langen halben  Jahr waren wir nun nicht mehr in Paris. Die derzeitigen Berichte schöpfen aus dem Fundus von Materialien, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben. Eine Hilfe  war außerdem  die nahe Deutsche Nationalbibliothek in Frankfurt, die allerdings jetzt auch geschlossen ist.  Aber wir hoffen doch sehr, bald wieder unbeschwert nach Paris fahren und dort wieder das reiche kulturelle und soziale Leben führen zu können wie vor der Pandemie. Die Liste der Pariser Berichts-Projekte, die ich nur vor Ort bearbeiten kann, ist jedenfalls  lang…

Ich werde mich also bemühen, den Blog auch in Zukunft mit interessanten und  qualitätsvollen Beiträgen anzureichern und freue mich über Interesse, Kritik, Lob und Anregungen.

In diesem Sinne wünsche ich dem Blog fünf weitere gute Jahre.

Wolf Jöckel

Vielen Dank für die freundlichen Glückwünsche zum 5. Geburtstag des Blogs! Ich freue mich natürlich sehr über die lobenden Worte – gerade in diesen ziemlich tristen Zeiten- und werde mich bemühen, ihnen auch in Zukunft gerecht zu werden.

Dann hoffen wir also: ad multos annos!

Wolf Jöckel

Vichy: Der Schatten „Vichys“ über der „Königin der Kurbäder“

Vichy: Das sind die weißen Pastillen…..

…. das Mineralwasser…

… die Kosmetik….[1]

und es ist natürlich eine mondäne Bäderstadt, die sich selbst als die „Reine des villes d’eaux“,  „die Königin der Kurbäder“ anpreist.[2]

Aber „Vichy“ ist eben auch die Bezeichnung für das Kollaborations-Regime des Marschalls Pétain, das von 1940-1944 in Vichy seinen Sitz hatte. Es war dies  „le gouvernement de Vichy“ oder die Regierung des „État français“. Eingebürgert hat sich aber, wie der Bürgermeister der Stadt beklagt, das Kürzel „Vichy“, wenn von dieser Zeit die Rede ist.[3] Und so ist der Name der Stadt auch untrennbar verbunden mit einer der finstersten Phasen der französischen Geschichte.

Wie geht die Stadt mit dieser historischen Last um?

Nach meiner Beobachtung gibt es zwei Tendenzen:

  1. Die Erinnerung an Vichy als „ville maudite“ (verfluchte Stadt) [4]  wird zwar nicht verdrängt, aber doch möglichst begrenzt.  Als Besucher der Stadt muss man schon gut vorbereitet und gezielt auf Spurensuche gehen, um fündig zu werden.
  2. Die Stadt streicht die glanzvollen Phasen ihrer 2000-jährigen Geschichte heraus, denen gegenüber die 4 Jahre des État français eher verblassen sollen.

 

Die schwierige Erinnerung

2008 veröffentlichte die Zeitschrift L’Express einen Artikel mit der Überschrift Vichy ne veut plus d’histoire.: Vichy wolle mit dem kompromittierenden Abschnitt seiner Geschichte nichts mehr zu tun haben. Anlass war ein in der Stadt abgehaltenes Treffen des europäischen Ministerrats, mit dem  sie sich nach den Worten des Autors von einer Vergangenheit befreien wolle, die sie als  allzu gegenwärtig betrachte.[5]  Für den Besucher der Stadt ist eine solche Gegenwärtigkeit allerdings eher nicht zu erkennen. Im Stadtbild sind Hinweise auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs –soweit man denn mehr oder weniger zufällig auf sie stößt-  an einer Hand abzuzählen.  Es gibt das Projekt eines Museums zur 2000-jährigen Stadtgeschichte, aber auch die Befürchtung, dass die Jahre 40-44 darin „verwässert“ würden. [6] Im aufwändig gestalteten Tourismusbüro an zentraler Stelle der Stadt gibt es auch  keinen Stadtplan, auf dem wesentliche für die Zeit von 1940-1944 relevante Orte angegeben wären. Entsprechende Literatur liegt dort auch nicht aus, außer einem Büchlein, in dem „Straße für Straße“ aufgelistet ist, in welchen Häusern dort Einrichtungen der Regierung untergebracht waren. Aber das ist dann wieder ausgesprochen detailliert und für einen nicht speziell interessierten Gast der Stadt eher abschreckend.[7]

Im Office de Tourisme wird man  immerhin auf das seit Anfang der 1990-er Jahre bestehende Angebot eines Stadtrundgangs zum Thema „Vichy, capitale de l’État français 40/44“ verwiesen, dem am meisten nachgefragten der angebotenen Stadtrundgänge.[8]  Wir haben an diesem sehr informativen Rundgang teilgenommen, der je nach Jahreszeit ein- bis zweimal pro Woche angeboten wird. Dabei wird der damalige historische Hintergrund erläutert und es werden einige der wichtigsten einschlägigen Orte gezeigt.  Dazu gehört  vor allem das ehemalige Hôtel du Parc, das zusammen mit dem benachbarten Hôtel Majestic Sitz der Regierung und des Marschalls Pétain war.

Hier ein Bild Pétains und seiner Regierung am Eingang des Hotels. Rechts im Bild Pierre Laval, der starke Mann des Regimes.[9)

Vichy hatte damals, wie man von unserem Reiseführer erfuhr, hinter Paris und Nizza das größte und hochwertigste Hotelangebot von ganz Frankreich. Das war ein wichtiger Grund für die Auswahl der Stadt als Regierungssitz des État français. Clermont-Ferrand und Lyon, die zunächst in Betracht gezogen wurden, waren dagegen nicht in der Lage, einen Regierungsapparat angemessen unterzubringen. Dazu kam das ruhige soziale Klima, das -anders als in dem tendenziell eher aufsässigen Lyon- keine Unruhen erwarten ließ. Vichy verfügte dazu über eine gute Verkehrsverbindung mit Paris, unter anderem durch einen schon vor dem Ersten Weltkrieg angelegten stadtnahen Flugplatz, und  eine Kommunikationstechnik auf dem neuesten Stand in dem 1935 eingeweihten Postgebäude. [9a]

Die Bevölkerung von Vichy habe, so unser Stadtführer- die Auswahl ihrer Stadt als Regierungssitz überwiegend als Ehre verstanden. Und sie versprach ja auch erhebliche Vorteile. Denn bisher waren die Hotels  nur in den Sommermonaten belegt – am 1. Oktober war Ende der Saison.  Jetzt wurden die Hotels ganzjährig und durchgehend von der Regierung angemietet. Heizungen gab es in den für den sommerlichen Kurbetrieb eingerichteten Hotels zwar nicht, die wurden aber nun provisorisch eingebaut.

Auf diesem Bild ist zu sehen, wie Pétain am 1. Juli 1940 bei seiner Ankunft in Vichy von der Bevölkerung begrüßt wird. [10]  Ort der Aufnahme ist ganz offensichtlich der Parc des Sources, der auf Anweisung Napoleons I. angelegte Quellpark, der seit 1900 von einem schmiedeeisernen Arkadengang umgeben ist.

Pétains Residenz lag direkt am Quellpark in der Rue du Parc., die dann in Rue du Maréchal-Pétain umbenannt wurde. Das Hotel gibt es heute nicht mehr, es ist in eine noble Appartement-Anlage umgewandelt und die Straße trägt wieder ihren alten Namen.  In dem gegenüberliegenden Arkadengang erinnert ein Gedenkstein mit einer Plakette an die Razzia vom 26. August 1942. Damals wurden in der nicht von der Wehrmacht besetzten „zone libre“ 6500 ausländische Juden, darunter auch viele Kinder, verhaftet und den Nazis ausgeliefert, die sie nach Auschwitz transportierten.

Es war dies ein Höhepunkt der schon umgehend nach der Verlegung der Hauptstadt nach Vichy begonnenen antisemitischen Maßnahmen. Sogar noch vor dem  Ersten Judenstatut vom 3. Oktober 1940 ordnete Pétain an, „die Stadt Vichy zu säubern“ (épurer la ville de Vichy).[11]  Hier war ein „hausgemachter“ Antisemitismus am Werk, der manchmal sogar noch die Wünsche der deutschen „Endlöser“ übertraf.  

Auf der von jüdischen Organisationen angebrachten Tafel wird ausdrücklich festgestellt, dass die französische Bevölkerung  „dans leur ensemble“ (in ihrer Gesamtheit) und der katholische und protestantische Klerus sich unverzüglich diesen Maßnahmen widersetzt hätten, „die die Traditionen und die Ehre Frankreichs verletzten“.  Das beschönigt allerdings arg die Realität und entspricht wohl eher der gaullistischen Legende des im Widerstand geeinten Frankreich. Aber damit lässt es sich in Vichy sicherlich gut leben.

 Allgemein ist auf der Tafel von „diesem Gebäude“ die Rede, in dem die Regierung von Vichy ihren Sitz gehabt habe.  Bekannt ist, dass sich das Büro von Pétain an der Ecke des Gebäudes im dritten Stock befand.

Das entsprechende heutige Appartement ist im Besitz einer pétainistischen Organisation, die das Andenken des von ihr verehrten Marschalls hoch hält und das Büro mit den originalen Möbeln ausgestattet hat. (on ne visite pas…)

 Die Organisation (l’association pour défendre la mémoire du maréchal Pétain ADMP) ist auch Besitzerin des Geburtshauses von Pétain an der Kanalküste, wo die Pétain-Nostalgiker jedes Jahr den Geburtstag des „Helden von Verdun“ feiern.[12] Dass er dies war hat Präsident Macron kürzlich in einem Beitrag über die von ihm wieder aufgegriffene Debatte über die identité nationale festgestellt und das ist in Frankreich wohl unbestritten. Unbestreitbar ist aber auch, dass es die Aura des „Helden von Verdun“ war, die es Pétain ermöglichte, auf demokratischem Wege die pleins pouvoirs zu erhalten und damit zur unangefochtenen Autorität des État français zu werden.[12a] Dazu mehr auf der nächsten Etappe des Rundgangs, der ebenfalls im Kurbezirk gelegenen Oper.

Dort ist am Portal eine Marmortafel angebracht, auf der die 80 Abgeordneten namentlich aufgeführt sind, die am 10. Juli 1940 mit ihrer Stimme ihre republikanische Gesinnung, ihre Liebe zur Freiheit und ihren Glauben an den Sieg bekundet hätten. So sei die 3. Republik beendet worden.

Diese Tafel wurde 2019 angebracht und ersetzt eine andere aus den 1980-er Jahren mit dem gleichen Text, aber ohne Namensliste, die dem Anlass entsprechend eher an eine Grabplatte erinnerte.[13]

Dass auf der neuen Tafel die 80 aufrechten Abgeordneten der Nationalversammlung (Senat und Abgeordnetenkammer)  genannt sind, die Pétain ihre Stimme verweigerten, finde ich sehr schön. Überwiegend handelt es sich dabei um Parlamentarier der Linken, angeführt von Léon Blum, 1936/1937 Chef der Volksfront-Regierung Frankreichs.  

Die Formulierung  „Ainsi s’acheva la IIIe République“ erscheint mir allerdings etwas undeutlich. Denn es waren ja nicht, wie man vielleicht daraus ableiten könnte, die 80 Neinsager, die der Demokratie den Todesstoß versetzten, sondern die 569 Parlamentarier, die mit dem Ermächtigungsgesetz vom 10. Juli Pétain die „pleins pouvoirs“ übertrugen. Alle diese Parlamentarier  vom rechten und linken politischen Spektrum waren noch zu Zeiten der Volksfront 1936 frei gewählt worden. Nicht dabei waren allerdings die kommunistischen Abgeordneten, die nach dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt ausgeschlossen worden waren, und eine Gruppe von Parlamentariern, die nach dem deutsch-französischen Waffenstillstand nach Algerien übergesetzt waren, um von dort aus den Kampf fortzusetzen. Die breite Zustimmung für Pétains pleins pouvoirs ist nicht nur durch die besonderen damaligen Umstände zu erklären, sondern auch durch die besondere Reputation Pétains als eines „republikanischen Marschalls“. Léon Blum selbst hatte ihn  als « le plus noble et le plus humain de nos chefs militaires » charakterisiert. Und schließlich konnte sich Pétain den -seit Jeanne d’Arc gewachsenen Mythos des Retters und des „homme providentiel“ zu Nutze machen, der in einer Epoche von Wirren und Spaltungen, die -angeblich- natürliche Ordnung wiederherstellt. [13a]

Philippe Burrin weist in seinem Beitrag über „Vichy. Die Anti-Republik“ darauf hin, dass nach dem Krieg versucht worden sei, zu bestreiten, „dass dieses Votum frei und wohlüberlegt zustande gekommen war“. Etwas entschuldigend war auch der Hinweis unseres Stadtführers zu verstehen, dass aufgrund verschieden farbiger Stimmkarten zu erkennen gewesen sei, wie die einzelnen Abgeordneten abgestimmt hätten. „Die Wahrheit lautet jedoch“ – so weiter  Burrin- „dass die Parlamentarier in voller Kenntnis der Sachlage zustimmten (…) und dass sie in der großen Mehrheit bereit waren, sich dem charismatischen Mann auszuliefern, ihm die Verantwortung für den weiteren Gang der Ereignisse zu übertragen.“[14]  Der 10. Juli 1940 bedeutete die Selbstaufgabe der französischen Demokratie. Auf der Tafel an der Oper kommt das Ausmaß dieses Ereignisses eher nicht zum Ausdruck. Auch damit lässt es sich in Vichy wohl gut leben.

Die Tafel an der Oper und die Stele gegenüber dem ehemaligen hôtel du Parc sind die deutlichsten sichtbaren Zeichen der Erinnerung an die Zeit von 1940 bis 1944.  An einer Schmalseite des in der Tat monumentalen Monument aux morts für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs an der Square du Général Leclerc gibt es noch eine kleine Gedenktafel für die über 390 Menschen, die in Vichy geboren wurden, lebten oder arbeiteten und der Repression und Verfolgung des Pétain-Regimes zum Opfer fielen. (Dass es sich dabei überwiegend um Juden handelte, wird hier allerdings nicht mitgeteilt).

 Und dann sind fast verborgen in der Ecke die Namen der lokalen  Opfer des Widerstands verzeichnet.

Auch das ist bezeichnend: Selbst der in anderen Städten breit herausgehobene Widerstand führt in Vichy im wahrsten Sinne des Wortes ein Schattendasein. Das lässt sich auch an Straßennamen ablesen und quantifizieren: Während in Montluçon, einer anderen vergleichbaren Stadt des Allier, 20 Straßen und Plätze nach Mitgliedern der Resistance benannt sind,  in Moulins, dem Sitz der Präfektur, 12, so sind es in Vichy gerade einmal vier.[15]  

 Dann gibt es natürlich noch die vielen ehemaligen Hotels, die damals eine neue Funktion erhielten, an die aber nicht erinnert wird – man hätte ja sonst fast alle Gebäude des Kurbezirks mit Gedenktafeln versehen müssen, wie ein Stadtführer einmal entschuldigend bemerkte. Da gibt es etwa das Hôtel des Ambassadeurs, in dem –passender Weise- Vertreter ausländischer Staaten residierten: Die Regierung von Vichy war ja international durchaus anerkannt- Und es gibt das Hôtel du Portugal, wo die Gestapo seit der Besetzung der zone libre im November 1942 ihren Sitz hatte.

Eingang des ehemaligen Hôtel du Portugal auf dem Boulevard des États-Unis. Heute sind dort Appartements eingerichtet.

Oben in den noblen Räumen des Gestapo-Gebäudes stand ein Flügel, und der die Musik liebende, freundliche Hausherr spendierte dem Klavierstimmer einen Champagner, wie sich ein alter Vichyssoi, der damals dabei war, erinnert.[16]  Und unten im Keller gab es Gefängniszellen, aus denen manchmal die Schreie der Gefolterten nach draußen drangen…. [17]  

Auch wenn das Regime von Vichy keine eigenen Bauten errichtet hat, hat es doch ein reiches und eben auch kompromittierendes Erbe hinterlassen.  Die Stadt ist darum bemüht, die Erinnerung daran gewissermaßen auf Sparflamme zu halten. In einer neuen Buchveröffentlichung der  aus Vichy stammenden Historikerin Audrey Mallet wird die Stadt bezogen auf die Jahre zwischen 1940 und 1944 als „capitale sans mémoire“  bezeichnet, als Hauptstadt ohne Erinnerung. Auch von einem „mutisme mémoriel“  und einem „non-lieu de mémoire“ ist die Rede.[18]

Die aus Vichy stammende Dokumentarfilmerin Laetitia Carton stellt apodiktisch fest, eine Erinnerungsarbeit habe nicht stattgefunden, „le travail de mémoire n’était pas fait“- anders als in Deutschland, das sie als Vorbild sieht (das sich allerdings, wie man fairerweise hinzufügen muss, nach dem Krieg mit Frankreich durchaus einig war im gemeinsamen Verdrängen). Cortot wünscht sich für Vichy ein „mémorial national“ zur Zeit von 1940-44, so wie Nantes eine Erinnerungsstätte zur Sklaverei geschaffen habe. [18a]

Statt Pétain: das  Grand Siècle, Napoleon III. und die Belle Époque

Dafür werden umso deutlicher die glanzvollen Phasen der 2000-jährigen Geschichte der Stadt herausgestellt. Auf dem großen Faltplan der Stadt, den man im Office de Tourisme in der rue du Parc erhält, sind 12 unbedingt zu besichtigende „lieux incontournables“  verzeichnet, dazu werden zwei Rundgänge (parcours découvertes) mit insgesamt 27 Anlaufpunkten vorgeschlagen. Einen Bezug zu der Zeit von 1940 – 1944 gibt es dabei nirgends. (Die Oper ist natürlich dabei. Allerdings:  kein Hinweis auf ihre Rolle am 10. Juli 1940 und auf die Erinnerungstafel an der Fassade).

Madame de Sévigné

Herausgestellt werden aber die glanzvollen Epochen der „Reine des villes d’eaux“.  Das ist zunächst das 17. Jahrhundert, das sogenannte Grand Siècle: Da war es die berühmte Briefschreiberin Madame de Sévigné, die sich zweimal, 1676 und 1677 in Vichy aufhielt, um dort die Arthrose ihrer Hände zu lindern und ihr damit wieder „den Gebrauch ihrer brillanten Feder zu ermöglichen“, wie es auf dem Faltblatt heißt.

Das Haus, wo sie sich aufhielt, der Pavillon Sévigné, ist noch erhalten. Hier der Eingang an der Place Sévigné, wo sich auch das Hotel de Grignan befindet.

Das Hotel ist benannt nach dem Schloss, in dem die mit dem Gouverneur der Provence verheiratete Tochter  der Madame de Sévigné residierte, die die hauptsächliche Adressatin ihrer Briefe war.  An der Gartenfront des Pavillons weist eine große Marmortafel darauf hin, dass die Marquise de Sévigné sich dort zweimal aufhielt.

Danach hatte der Pavillon noch einmal einen prominenten Bewohner: Nämlich den Marschall Pétain höchstpersönlich und seine Frau, die dort private Räume hatten. Und im Garten des Pavillons wurden bei schönem Wetter die Sitzungen des Ministerrats abgehalten.[19]

Auch hier gibt es (natürlich- wie man fast unweigerlich hinzufügen möchte) keinen entsprechenden Hinweis – weder an Ort und Stelle noch auf dem Faltblatt. Aber es gibt im gegenüber liegenden Parc Kennedy noch eine Informationstafel und eine  schöne Büste, die an Mme Sévigné und ihre Kuraufenthalte in Vichy erinnern- fast als solle so der Fluch der „années noires“  gebrochen werden…

Das zweite Kaiserreich und Napoleon III.

Im Zentrum der Erinnerungskultur Vichys steht unübersehbar, ja fast schon aufdringlich  Napoleon III.  Fünfmal zwischen 1861 und 1865 hat er mit seinem Gefolge in Vichy Quartier bezogen und die Stadt nach seinen Wünschen und Bedürfnissen umgestaltet. Als er zum ersten Mal –übrigens in Begleitung seiner Mätresse- nach Vichy kam, soll ein Arzt ihn mit den launigen Worten begrüßt haben, er wisse nicht, ob das Wasser von Vichy seiner Majestät gut tun werde, aber seine Majestät werde sicherlich dem Wasser von Vichy gut tun.[20]

Und in der Tat: Auf  Veranlassung  des Kaisers wird 1863 bis 1865 ein großes Casino mit einem Theater errichtet, aber auch die Kirche Saint-Louis im neugotischen Stil. (In ihr nahm später auch Pétain sonntags am Gottesdienst teil). Bemerkenswert ist dort vor allem das dem Sanctus Napoleon geweihte Kirchenfenster. Damit  war  natürlich nicht der 3.,  sondern der 1. Napoleon gemeint.[21] Aber Napoleon III. wird so in die imperiale Tradition Frankreichs gestellt- und er hat ja auch militärisch versucht, in die –für ihn allerdings viel zu großen- Fußstapfen seines Onkels zu treten. Aber das ist eine andere Geschichte….

In Vichy allerdings geht der Kaiser defensiver und konstruktiver zu Werk. Der Allier wird mit Deichen versehen, das sumpfige Gelände zwischen dem Fluss und dem schon auf Initiative seines Onkels angelegte Parc des Sources wird zu einem englischen Park umgestaltet, dessen größter Teil natürlich seinen Namen trägt.

Dort steht auch seine Büste, auf deren Marmorsockel er als Wohltäter von Vichy („bienfaiteur de Vichy“) bezeichnet wird.- eine Bezeichnung, die auch gerne von Lokalpatrioten übernommen wird.[22]  Sie wurde 1991 auf Initiative der Assoziation „Les amis de Napoléon III“ im Park aufgestellt. Es handelt sich um die Kopie einer Büste aus dem Jahr 1852, als sich der Präsident der Zweiten Republik, Louis Napoléon Bonaparte, zum Kaiser ausrufen ließ.  Das Original befindet sich am wichtigsten Ort kommunalen Lebens, nämlich im Festsaal des Rathauses der Stadt.[23]

Auf Veranlassung des Kaisers wurden auch neue Straßen angelegt und Unterkünfte für ihn und das kaiserliche Gefolge errichtet.

Das sind die sechs Chalets Napoléon III, von denen die beiden für ihn und seine Frau Eugénie bestimmten noch heute gut zu identifizieren sind.

Die Chalets liegen am Rand des Parks Napoléon III am Boulevard des États-Unis, der ursprünglich auch den Namen des Kaisers trug, was auch entsprechend auf zusätzlichen Straßenschildern mit einem extra kleinen „ex“ vermerkt ist: Eine eher ungewöhnliche Beschilderung, die aber zu der in der Stadt herrschenden „napoléonmania“ passt. [24]

Napoleon III. ist jedenfalls überall in der Stadt präsent, was auch die beiden nachfolgenden Bilder veranschaulichen.

Und die Kaiserin wird auch nicht vergessen:

Die Oper feierte sie im Oktober 2020 mit dem  spectacle lyriquel’Impératrice“. Es handelte sich um eine Produktion des Théâtre Impérial de Compiègne  zum 100. Jahrestag des Todes von Eugénie – der allerdings auch der 150. Jahrestag der Niederlage Frankreichs im deutsch-französischen Krieg und des Sturzes von Napoleon III. ist….   Und die Amis de Napoléon III feierten zur Erinnerung an den 100. Todestag eine messe mémorielle in der Kirche Saint-Louis.[25]

Schließlich gibt es noch die jährlichen Napoléon III-Feste, die mit großem Aufwand gefeiert werden.

Hier ein Bild vom Festzug in alten Kostümen unter den Arkadengängen des Parc des Sources. Und getanzt wird im Casino natürlich auch wie in der glanzvollen sogenannten guten alten Zeit, als noch nicht der Schatten Pétains über der Stadt lag.[26]  2011,  als Vichy mit großem Aufwand den 150.. Jahrestag des ersten Kuraufenthalts von Napoleon III. feierte, meinte der Tourismus-Verantwortliche der Stadt, man spreche nur von Pétain, der die Stadt ruiniert habe, während Napoleon III. sie aufgebaut habe.[27] Dass Napoleon III. von der Stadt stiefmütterlich behandelt würde, lässt sich heute aus meiner Sicht jedenfalls auf gar keinen Fall behaupten…

Die Belle Époque   

Auch nach dem Sturz Napoleons III. bleibt Vichy ein mondänes Bad und erlebt während der „Belle Époque“ um die Jahrhundertwende eine zweite Blüte mit einer intensiven Bautätigkeit. Die ersten Palace-Hotels entstehen, ebenso elegante Villen in allen Stilrichtungen und ein orientalisch geprägtes großes Kurhaus,  die Quellwasser  werden nobel eingefasst und präsentiert, und ein neues, großes Theater sorgt zusätzlich für die Unterhaltung der Kurgäste.

Das große Kurhaus

Das große Kurhaus mit der orientalischen Kuppel und zwei Minaretten nachempfundenen Wasserspeichern wurde 1903 eröffnet. Es war für die Kurgäste erster Klasse bestimmt –für die Kurgäste zweiter Klasse gab es die schon zur Zeit des Zweiten Kaiserreichs errichtete Galerie Napoléon III. und für die Kurgäste 3. Klasse die etwas abseits gelegene Source Lardy.

Die Eingangshalle ist mit Fresken von Alphonse Osbert geschmückt. Der Einfluss des mit ihm befreundeten Malers Puvis de Chavannes, der auch an der Ausmalung des Pantheons in Paris beteiligt war, ist wie ich meine unverkennbar.

Die Quellhalle

Die Quellhalle (hall des sources) wurde  ebenfalls 1903 errichtet. Im 17. Jahrhundert  stand dort der „logis du roy“, das erste Bad, das auch von Madame de Sévigné und später von Napoleon III. frequentiert wurde.  Heute gibt es dort Zapfstellen für die sechs medizinisch genutzten Quellwasser der Stadt.

Die Quelle der Célestins

Die nach einem in der Nähe gelegenen Kloster benannte source des Célestins ist die berühmteste Heilquelle der Stadt. Die jetzige Anlage ist ebenfalls ein Werk aus der Belle Époque.

Das Wasser der Quelle ist das einzige von Vichy, das auch in Flaschen abgefüllt wird. Man kann sich aber  hier und in der Quellhalle auch selbst kostenlos „himmlisches Wasser“  abfüllen.

Das Theater

Schon zu Zeiten Napoleons III. besaß Vichy ein Theater, eine unabdingbare Einrichtung zur Unterhaltung der Kurgäste. Allerdings erwies sich dies bald als zu klein, so dass neben dem Casino ein neues großes Theater errichtet wurde. 1901 fand in dem noch nicht ganz fertig gestellten Gebäude die erste Aufführung statt- eine grandiose Präsentation von Verdis Aida-   1903 war dann die offizielle Einweihung – im gleichen Jahr wie Quellhalle und Kurhaus. Vichy konnte sich  damals damit rühmen,  das größte Kurbad Europas zu sein.[28] 

Diesem Rang entsprach auch das Gebäude: Es war mit 1483 Sitzplätzen die zweitgrößte Oper Frankreichs –nach der Opéra Garnier in Paris- und es ist die einzige Jugendstiloper des Landes. Die vielen floralen Elemente sind dafür ein untrügliches Zeichen.

Bild: Dominique Parat

In Kurzeiten gab es ein tägliches Angebot, sodass sich die Stadt auch „capitale d’été de la musique“ (Sommerhauptstadt der Musik) nannte.

Am 10. Juli 1940  wurde hier das Ende der 3. Republik besiegelt: Unten im Parkett saßen die Abgeordneten, im ersten Rang die Diplomaten, im zweiten die Journalisten und im dritten das Publikum.

Nachkriegszeit und Gegenwart

Nach dem Krieg versuchte Vichy sich neu zu erfinden und die Last der Vergangenheit abzuschütteln.

Aus einer Informationstafel im Parc des Sources

Der Allier wurde aufgestaut zu einem See, und die Stadt vermarktete sich als europäische Hauptstadt des Wassersports: Nach der Sommerhauptstadt der Musik und dem Zwischenspiel mit der Hauptstadt des État français jetzt also eine neue unverdächtige sportliche Hauptstadtfunktion. [28a] 

Vor allem aber wurde wieder die Bedeutung der Stadt als Reine des villes d’eaux herausgestellt. In diesem Zusammenhang ist auch zu sehen, dass die Stadt sich im Rahmen der Great Spas of Europe zusammen mit 10 anderen Badeorten (darunter Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen) darum bewirbt,  in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen zu werden.

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist dsc09394-vichy-18.jpg.

Im Tourismus-Büro erhält man dazu eine kleine Broschüre, die das Projekt vorstellt und in der es auch einen Stadtplan mit insgesamt 35 für den Charakter der Bäderstandt relevanten Orten gibt.

Allerdings handelt es sich offensichtlich um ein sehr anspruchsvolles und schwieriges Verfahren, dem man aber gerade aufgrund seiner europäischen Dimension nur alles Gute wünschen kann. Allerdings finde ich es schade, dass Wiesbaden, unsere Landeshauptstadt, und das benachbarte Bad Homburg während des 2010 begonnenen Bewerbungsmarathons ausgeschieden sind. [29] Und Bad Tölz, immerhin mit Vichy verschwistert (und meine Geburtsstadt), war schon von Anfang an nicht dabei….


Anmerkungen

[1] Die Vichy-Produkte werden übrigens von Partnerunternehmen der Compagnie de Vichy betrieben,  einem privatwirtschaftlichen Unternehmen, das für den Staat einen großen Teil der Thermaleinrichtungen der Stadt betreibt. Partnerunternehmen für die Kosmetik-Produkte und damit auch Eigentümerin der Laboratoires Vichy ist der Kosmetik-Konzern L’Oréal. Bis 2009 hieß die Compagnie de Vichy noch –wie seit ihrer Gründung 1853 zur Zeit Napoleons III.- Compagnie fermière de l’Établissement thermal de Vichy. Es handelt sich also um ein Geschäftsmodell, das in Frankreich eine lange Tradition hat. Siehe die Blog-Beiträge über die ferme générale, die bis zur Französischen Revolution u.a. für Tabak und Salz zuständig war und die auch die Zollmauer um Paris errichtete.

[2] Bilder von Pastillen und Kosmetik aus:  https://fr.wikipedia.org/wiki/Pastille_de_Vichy#/media/Fichier:Vichy_Pastilles.jpg Ausstellungsplakat aus: https://comptoirvisiteur.com/portfolio/vichy/ 

https://www.vichy.de/   Das Prädikat Reine des villes d’eaux  aus:  https://www.ville-vichy.fr/un-ete-a-vichy/2018 

Einen schönen Überblick über die „Königin der Kurbäder“ mit praktischen Tipps: https://dynamic-seniors.eu/vichy-reine-des-villes-deau/

Auf deutsch: https://www.welt.de/reise/staedtereisen/article193710181/Wellness-in-Frankreich-Vichy-feiert-ein-Comeback-als-Kurort.html

[3]   Nicolas  Montard,  À Vichy, le difficile souvenir de la Seconde Guerre mondiale. Ouest-France 19.8.2019  https://www.ouest-france.fr/leditiondusoir/data/59607/reader/reader.html#!preferred/1/package/59607/pub/85778/page/14

[4] Rosso Romain,Vichy ne veut plus d’histoire. L’Express 30.10.2008. https://www.lexpress.fr/region/vichy-ne-veut-plus-d-histoire_657486.html

[5] „se libérer enfin d’un passé qu’elle juge trop présent“.  Hortefeux spricht von plus de soixante ans d’ostracisme à l’égard de la ville. Zitiert von Romain. Siehe Anmerkung 4

[6] Nach den Worten des Bürgermeisters von Vichy sollen alle Perioden der Stadtgeschichte berücksichtigt werden. https://www.la-croix.com/France/Vichy-entre-Petain-Napoleon-III-2018-07-23-1200956986

Laetitia Carton, eine aus Vichy stammenden Filmemacherin, die gerade einen Dokumentarfilm über die ihrer Meinung nach unzureichende Auseinandersetzung der Stadt mit dieser Phase ihrer Vergangenheit gemacht hat, fürchtet aber, „que cette période 40-44 n’y soit diluée“. La Montagne vom 21.1.2021. Der Film „Lettre à Vichy“ wurde im Regionalprogramm von France 3 am 25. Januar 2021 ausgestrahlt.

[7] Thierry Wirth, Guide rue par rue. Vichy Capitale 1940-1944.  éditions Les Trois Roses 2014 Siehe dazu: https://www.lamontagne.fr/vichy-03200/actualites/le-dernier-livre-de-thierry-wirth-est-un-guide-rues-par-rues-de-vichy-capitale-1940-1944_1981201/ 

[8] https://www.vichy-destinations.fr/agenda/visite-guidee-vichy-capitale-de-letat-francais-40-44-5/ 

[9] Bild aus:  https://www.la-croix.com/France/Vichy-entre-Petain-Napoleon-III-2018-07-23-1200956986

[9a] Zur Wahl von Vichy siehe auch: Kersten Knipp, Paris unterm Hakenkreuz. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2020, S. 174/175

[10] Bild aus:  https://www.lamontagne.fr/vichy-03200/actualites/80-ans-apres-petain-a-vichy-en-10-dates_13806533/ 

[11] Siehe Audrey Mallet, Vichy contre Vichy. Une capitale sans mémoire. Paris 2019  Kapitel 4  

Zum Antisemitismus von Vichy siehe: Serge Klarsfeld, Vichy-Auschwitz. Die ‚Endlösung der Judenfrage‘ in Frankreich. Darmstadt 2007 und Kersten Knipp, Paris unterm Hakenkreuz. Darmstadt wbg 2020. Dort das Kapitel: „Der Marschall ist am strengsten“. Pétain, das statut des juifs und die Tradition des französischen Antisemitismus, S. 196ff

[12] https://www.lamontagne.fr/vichy-03200/actualites/vichy-les-nostalgiques-de-petain-ont-renove-sa-chambre-de-l-hotel-du-parc_150653/  Dem ist auch das Bild des Eckzimmers  entnommen.  Zur wechselhaften Pétain-Rezeption und einer entsprechenden Apologetik siehe den Beitrag von Jörn Leonhard:  Mythisierung und Mnesie: Das Bild Philippe Pétains im Wandel der politisch-historischen Kultur Frankreichs seit 1945. In: Georg Christoph Berger Waldegg (Hrsg.): Führer der extremen Rechten: Das schwierige Verhältnis der Nachkriegsgeschichtsschreibung zu „Grossen Männern“ der eigenen Vergangenheit. Zürich: Chronos, 2006, S. 109-129. Sonderdruck aus der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

[12a] Anschauliche Beispiele, wie die Propaganda von Vichy Pétains Verdun- Aura für ihre Zwecke nutzte: Siehe den Blog-Beitrag: Die Manufacture des Gobelins: Politik und Kunst:  https://paris-blog.org/2018/08/01/die-manufacture-des-gobelins-politik-und-kunst/  

[13] Bild aus: https://www.ouest-france.fr/leditiondusoir/data/59607/reader/reader.html#!preferred/1/package/59607/pub/85778/page/14

[13a]  Zitiert von Marc Ferro: https://www.herodote.net/Entretiens_avec_Marc_Ferro-synthese-2870-4.php Zur Rolle von Pétain während der deutschen Besatzung siehe auch Ferros Biographie Pétains (Fayard, 1993) qui fait référence sur le rôle joué par le « héros de Verdun » pendant l’Occupation.

Zum französischen Mythos des „homme providentiel“ siehe: Yann Rigolet, L’homme providentiel est-il une femme? La figure de Jeanne d’Arc de 1789 à nos jours. In: Parlement(s). Revue d’histoire politique 2010/1, S. 37-50

[14] Philippe Burrin, Vichy. Die Anti-Republik.  In: Pierre Nora (Hrsg.), Erinnerungsorte Frankreichs. München 2005, S.139

[15] Siehe Henri – Ferréol Billy,  Resistants et noms de rue dans l’Allier.  7. November 2015   http://histoire-et-genealogie.over-blog.com/2015/08/resistants-et-noms-de-rue-allier.html

[16] Louis Chavenon, 83 ans, habitait à Vichy pendant la Deuxième Guerre mondiale. In:  La Montagne vom 29.7.2014  https://www.lamontagne.fr/vichy-03200/actualites/louis-chavenon-83-ans-habitait-a-vichy-pendant-la-seconde-guerre-mondiale_11095400/ 

[17] Hal Vaugham, Doctor to the Resistance. Washington 2004, S. 115.  Auch bei: https://books.google.de/

[18] Siehe Audrey Mallet, Vichy contre Vichy. Une capitale sans mémoire. Paris 2019 und die Besprechung von Pascal Gibert: https://journals.sub.uni-hamburg.de/apropos/article/view/1471/1331   Offenbar gibt es inzwischen aber eine von Mallet erstellte  Applikation „Vichy 1939-1945“.  Mit ihr kann man einen virtuellen Spaziergang der Stadt zu der  Zeit der „Années noires“ unternehmen, was ich bei unserem Besuch aber noch nicht wusste und nicht erfuhr.   Das ist sicherlich ein sehr modernes,  hochwertiges und nützliches Instrument – und es scheint mir auch sehr Vichy-kompatibel zu sein: Die Stadt kann damit zeigen, dass sie die „années noires“ durchaus nicht ausblenden will, aber andererseits  wird so den Kurgästen (und Einwohnern) eine Konfrontation mit den Schattenseiten der Vergangenheit erspart.

[18a] Siehe dazu den Blog-Beitrag:  https://paris-blog.org/2017/11/01/der-schwierige-umgang-mit-einem-duesteren-kapitel-der-franzoesischen-vergangenheit-die-erinnerung-an-sklavenhandel-und-sklaverei/  

[19] Der Pavillon gehört eigentlich auch zu den Anlaufpunkten des Stadtrundgangs zu der  Zeit von 1940-1944. Bei dem Rundgang, an dem wir im September 2020 teilnahmen, wurde er allerdings aus Zeitgründen ausgelassen.

[20] Georges Rougeron, Napoléon III à Vichy.  Revue d’Histoire du XIXe siècle 149/1934, S. 114 https://www.persee.fr/doc/r1848_1155-8806_1934_num_31_149_1245

[21] Bild aus:  http://ndoduc.free.fr/vitraux/htm7101/StNapoleon.php

[22] https://www.histoire-pour-tous.fr/tourisme/3669-vichy-histoire-et-tourisme.html  Es gibt auch ein Buch von Alain Carteret, dessen Titel Napoleon III. nicht den Wohltäter Vichys, sondern gleich ganz Frankreichs nennt. Auf der Titelseite ist die Büste des Kaisers abgebildet.

[23] Bild und Informationen dazu aus: https://www.waymarking.com/gallery/image.aspx?f=1&guid=9b87cd07-d949-4a14-9d47-55bc5e28204f&gid=3

[24] https://www.lexpress.fr/region/vichy-ne-veut-plus-d-histoire_657486.html

[25] https://www.napoleon3-secondempire.org/?start=6

[26]  https://www.youtube.com/watch?v=Rl4iA_Vxf10  2020 wurden allerdings die Festivitäten Corona-bedingt abgesagt.  Bild aus: https://www.lamontagne.fr/vichy-03200/loisirs/fetes-napoleon-iii-la-ville-de-vichy-plongee-dans-le-second-empire-du-26-au-28-avril_13541957/ 

[27] https://www.lexpress.fr/region/vichy-ne-veut-plus-d-histoire_657486.html

[28] https://www.histoire-pour-tous.fr/tourisme/3669-vichy-histoire-et-tourisme.html 

[28a] Bild aus: ‚Lettre à Vichy` La Montagne, 21.1.2021

[29] https://greatspasofeurope.org/de/unesco-de/ 

 Zu Bad Homburg und Wiesbaden siehe: UNESCO- Weltkulturerbe. Bewerbung als Great Spas of Europe. FAZ-net 24.10. 2015  https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/bad-homburg-bewirbt-sich-um-weltkulturerbe-13873161.html#:~:text=Die%20historischen%20Kuranlagen%20in%20Bad,Europe%E2%80%9C%20um%20den%20Welterbestatus%20bewerben.

Wiesbaden wird nicht Weltkulturerbe. Frankfurter Rundschau 1.2.2019 https://www.fr.de/rhein-main/wiesbaden/wiesbaden-wird-nicht-weltkulturerbe-11649803.html

Traum vom Great Spa ist ausgeträumt. Frankfurter Neue Presse 13.5.2016 https://www.fnp.de/lokales/hochtaunus/bad-homburg-ort47554/traum-great-ausgetraeumt-10605532.html

Weitere geplante Beiträge

  • Pierre Soulages in Rodez und Conques
  • 5 Jahre Paris- und Frankreich-Blog
  • Das Pantheon der großen (und weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen (2): Der Kult der „grands hommes“

 

Reims, der Champagner und die Deutschen: „Die ungekrönte Königin von Reims“. Ein Gastbeitrag von Pierre Sommet


Vorwort

Der nachfolgende Beitrag ist ein Gastbeitrag, auf diesem Blog eine Novität.  Es handelt sich um eine Geschichte aus dem Buch von Pierre Sommet: Der Präsident hat keine Zeit. Erschienen 2018 im Magenta-Verlag.[1] 

Ich freue mich sehr, dass Pierre Sommet der Aufnahme des Textes in diesen Blog zugestimmt hat:

  • Nach dem letzten Blog-Beitrag über die Kathedrale von Reims als Symbol deutsch-französischer Feindschaft, Versöhnung und Freundschaft (https://paris-blog.org/2021/02/01/reims-die-konigin-der-kathedralen-als-ort-deutsch-franzosischer-feindschaft-versohnung-und-freundschaft/ ) geht es hier um eine andere Facette der Stadt; und zwar um Reims als Hauptstadt der Champagne (zusammen mit Épernay) und Sitz namhafter Sekt-Produzenten; vor allem natürlich des Hauses Veuve Clicquot. Die „ungekrönte Königin von Reims“ ist ja niemand anderes als die „Witwe Klicko“ (Wilhelm Busch), die Ahnherrin und Namensgeberin des Hauses.
  • Pierre Sommet spricht in seinem Beitrag die besondere Rolle an, die Deutsche bei der Entwicklung und  Verbreitung des Champagners gespielt haben. Dafür stehen Namen wie Mumm, Bollinger, Heidsieck, Deutz, Krug, Taittinger, Roederer und natürlich Georg Christian Kessler, der immerhin Teilhaber der Witwe Clicquot war und dann die erste deutsche Sektkellerei gründete…  Insofern erzählt Pierre Sommet auch eine deutsch-französische Geschichte, und das passt natürlich besonders gut zu diesem Blog.
  • Die Leser des nachfolgenden Beitrags werden schnell bemerken, dass Pierre Sommet nicht nur  ein außerordentlich unterhaltsamer Erzähler ist, sondern auch ein hervorragender Kenner Frankreichs und Deutschlands. Die Beziehung und die Freundschaft zwischen beiden Ländern liegt ihm besonders am Herzen: Immerhin war er –ausgestattet mit der doppelten Staatsangehörigkeit- viele Jahre Leiter des Fachbereichs Fremdsprachen an der VHS- Krefeld [2] und er ist Autor zahlreicher Bücher und Artikel zu deutsch-französischen Themen. Gerade zu den Beziehungen zwischen den beiden Sprachen hat Pierre Sommet viele höchst interessante und anregende Beiträge geliefert. Ich kann nur empfehlen, sich auf seinem Blog https://madamebaguette.tumblr.com/ umzusehen!  

Aber zunächst zum Champagner und zur „ungekrönten Königin von Reims“. [3] Viel Freude bei der Lektüre! Wolf Jöckel

Die ungekrönte Königin von Reims

„Je ne peux vivre sans champagne. En cas de victoire,
je le mérite; en cas de défaite, j’en ai besoin.“

„Ohne Champagner kann ich nicht leben. Bei einem Sieg
habe ich ihn verdient; bei einer Niederlage brauche ich ihn.“
Napoléon Bonaparte


„Wie lieb und luftig perlt die Blase
Der Witwe Klicko in dem Glase.“

Wilhelm Busch, Die fromme Helene, Kapitel 33

Im Schloss Brissac südlich von Angers hängt das Porträt einer älteren, korpulenten Dame. Sie sitzt in einem Sessel wie auf einem Thron, wirkt resolut und etwas streng. Es ist ein Porträt von Barbe-Nicole Clicquot-Ponsardin, la Veuve Clicquot, die Witwe Clicquot. In ihrer Geburtsstadt wird sie „die ungekrönte Königin von Reims“ genannt. [4] 

Als Madame Clicquot sich von Léon Coigniet porträtieren ließ, hatte sie sich längst aus ihrem bewegten Geschäftsleben zurückgezogen und bewohnte ihr eigenes Neo-Renaissance-Schloss in Boursault nahe der zweiten Hochburg des Champagners, Épernay. Nicht immer frei von Sorgen, aber letztendlich erfolgreich und reich, hatte sie, was ihr früher fehlte: Zeit und Muße. Zeit für die Jagd, den Tanz und feucht-fröhliche opulente Feste in Versailles hatte Ludwig XV.. Er wurde nicht in Reims geboren, dort aber, wie alle französischen Könige, 1722 in der Kathedrale gekrönt. Der Bien-Aimé/Vielgeliebte, wie er anfänglich genannt wurde, führte meistens im Ausland sinnlose, teure Kriege, traf nur wenige kluge Entscheidungen. Eine davon war sein arrêté royal /königlicher Erlass vom 25. Mai 1728. Dieser ermöglichte den Transport von Wein nicht nur wie bisher in Fässern, sondern auch in Körben von 50-100 handlichen Flaschen. Auf Straßen in erbärmlichem Zustand gingen zwar etliche Flaschen zu Bruch, aber mit dem Erlass wurde der Grundstein für das künftige Aufblühen der großen Champagner-Häuser gelegt.

Deren Erfolg stellte sich indessen nicht sofort ein. Als die Winzerbetriebe im Anbaugebiet zwischen Reims und Épernay noch recht klein waren, führte die geringe Produktion dazu, dass der Champagner damals schon sehr teuer war. Das Luxusgetränk konnten sich nur Aristokraten gönnen. Diese pflegten die Kunst der Selbstdarstellung, frönten ungeniert ihrer Vergnügungssucht, u. a. mit Austern und Champagner. Im Auftrag des bereits erwähnten Königs malte Jean-François de Troy 1735 „Le Déjeuner d’Huîtres“/„Die Austernmahlzeit“. In einem prunkvollen Esszimmer sitzen nach der Jagd zwölf Adlige an einem mit feinem Leinen bedeckten ovalen Tisch, schlürfen eine üppige Menge von bekanntlich potenzsteigernden Austern und trinken Champagner. [5] 

Datei:Troy, Jean-François de - Die Austernmahlzeit - 1734.jpg

Erstmalig wurde hier Champagner auf einem Gemälde verewigt. Belustigt beobachten drei Anwesende den Korken einer Champagnerflasche, der an die Decke springt.

Vor dem Tisch stehen zwei ungeöffnete Champagnerflaschen in einem sog. rafraîchissoir/Behälter mit Eis. Bauchige Flaschen liegen neben Austernschalen auf dem Boden. Es wäre für die vornehmen Herren nicht standesgemäß gewesen, sich zu bücken und sie aufzuheben. Diese Aufgabe war Sache der knienden Dienstmagd, die die Austern öffnen durfte und sich zuhause mit Grütze zufriedengeben musste. Ganz offensichtlich war diesen Adligen der Champagner zu Kopf gestiegen. Wegen dieses dekadenten und volksverachtenden Lebensstils wird während der Französischen Revolution auch manch gepuderter Kopf im Sägemehl unter der Guillotine landen.
1735 herrschte in den Kellereien von Reims keine Champagnerlaune. Es gab keine Austern, dafür den gefährlich gärenden Schaumwein. In der Zeit der frühen Abfüllung verhielt sich der Wein noch „sehr ruhig“, „arbeitete“ aber im Frühjahr, um im Sommer in den Flaschen regelrecht zu brodeln. Durch den Kohlendioxidüberdruck sprangen die Korken heraus, ein Großteil der Flaschen explodierte.
Das Getränk war prickelnd, die Arbeitsbedingungen im dämmrigen Licht waren es nicht. Wegen der Explosionsgefahr trugen die Arbeiter eiserne Schutzmasken, sahen wie mittelalterliche Folterknechte aus. Trotz Masken passierten Unfälle, mancher Arbeiter erblindete. Deshalb wurde der Champagner eine Zeitlang „Teufelswein“ genannt. Als Glücksfall erwies sich die Erfindung des verschnörkelten Drahtgeflechtes zur Bändigung des Korken, le muselet/der kleine Maulkorb, durch den Mönch und Kellermeister der Benediktinerabtei Hautvillers, Dom Pérignon. Diablement bon/ teuflisch gut mundet heutzutage die
Prestige Cuvée „La Grande Dame“, 1,5 Liter (Magnum), Jahrgang 1995, des renommierten Champagner-Hauses Veuve Clicquot-Ponsardin.

Das orangefarbene Etikett, „La Grande Dame“, eine Hommage an Madame Clicquot, verspricht viel, und hält, was es verspricht: Qualität. Bei einem stolzen Preis von 355 Euro darf der finanzkräftige Kunde diese auch erwarten. Diesen hohen Anspruch stellte die Witwe Clicquot, deren Devise lautete: „Une seule qualité, la toute première“/„eine einzige Qualität, die allererste.“ [6] 

Rapport de Stage. Veuve Clicquot Ponsardin. Jobart Thibaut - Monsieur Haouy  Monsieur Aka - PDF Free Download


Zu Beginn des 19. Jahrhunderts durften Frauen in Frankreich weder Geschäfte betreiben noch ein Bankkonto führen. Eine Ausnahme galt nur für Witwen. In eigener Regie oder mit einem Teihaber durften sie den Betrieb ihres verstorbenen Gatten weiterführen. Als 1805 François Clicquot, der Sohn des Unternehmengründers Philippe Clicquot verstarb, übernahm seine 27-jährige Witwe und alleinerziehende Mutter, Barbe-Nicole Clicquot Ponsardin, den bereits florierenden, doch kleinen Familienbetrieb. Für die in einer Männerdomäne unerfahrene Tochter des wohlhabenden Bürgermeisters von Reims, Nicolas Ponsardin, bedeutete dies einen zwölfstündigen Arbeitstag. Sie musste intensiv mit ihren Handelsreisenden korrespondieren, inspizierte selbst nachts ihre Weinkeller in Reims, um über die Entwicklung der Cuvée zu wachen.

Die energische, innovative neue Inhaberin kreierte angeblich den ersten Rosé Champagner. Oder war es ihr begnadeter Kellermeister, der Schwabe Anton von Müller? Dieser erfand 1813 das zeit- und kostenintensive Rüttelverfahren/le remuage. Es handelt sich bei der Herstellung des Champagners um die so wichtige Méthode champenoise. Das Rütteln, heute überwiegend maschinell, damals per Hand, dient dem Klären des Schaumweins bei der Flaschengärung. In der Firma der Witwe Clicquot konnte ein erfahrener Rüttler bis zu 80.000 Flaschen täglich rütteln. Im schwierigen Geschäft mit dem prickelnden Wein musste die von einer jungen Frau geführte Firma eine Vielzahl von Problemen bewältigen. Der Wein liebt keine Extreme. In der Champagne lauert Frostgefahr im Frühling, im September werden viele Helfer bei der gesetzlich
vorgeschriebenen Weinlese von Hand benötigt. Eine Knochenarbeit und hohe Personalkosten. Dafür ist le terroir/ der Boden, gut. Kreide, ein sehr poröser Stein, fungiert bei heftigen Regenfällen als Reservoir, die Reben überstehen die trockensten Sommer. Die Rebstöcke, an Südhängen stehend, genießen maximale Sonneneinstrahlung. Barbe-Nicole stand allerdings im Schatten ihres schärfsten Konkurrenten, Jean-Rémy Moët in Épernay. Das heute größte Champagner-Haus, 30 Jahre vor Veuve Clicquot gegründet, war längst etabliert, die Weine von Moët bei Pariser Aristokraten sehr beliebt. Madame de Pompadour, die einflussreiche und trinkfeste Mätresse von Ludwig XV., fand den Champagner berauschend, „das einzige Getränk, das
Frauen schöner macht, je mehr sie davon trinken.“ Es war nicht einfach für eine patente Geschäftsfrau wie die Witwe Clicquot, einem Mann wie Moët, der mit Napoleon befreundet war, die Stirn zu bieten. Als der Kaiser am 21. November 1806 in Berlin den blocus continental/ die Kontinentalsperre, über die britischen Inseln verhängte, sank die Nachfrage jenseits des Ärmelkanals dramatisch. Zum Glück für die Witwe Clicquot sorgte 1807 der Frieden von Tilsit zwischen Alexander I. und Napoleon für die Stabilität des russischen Absatzmarktes. Die Geschäfte von Madame Clicquot glichen einer Achterbahn. Schon im Frühjahr 1809 lag der Handel in Europa fast völlig brach, jede Reise ins Ausland stellte für die Reimser Handelsvertreter
eine Gefahr dar. Nach dem Debakel des Russlandfeldzuges von 1812 und der Völkerschlacht bei Leipzig im darauffolgenden Jahr befand sich das Maison Veuve Clicquot-Ponsardin am Rande der Pleite. Diesmal war es eine russische Handelsblockade, die den Seeweg nach Sankt Petersburg verriegelte. Und es kam noch schlimmer, als Napoleon im eigenen Land gegen eine übermächtige Koalition auf verlorenem Posten stand. Nach schweren Gefechten nahmen im März 1814 preussisch-russische Truppen Reims ein, plünderten die Kellereien. Nach der Abdankung des Kaisers im April 1814 feierten in der Krönungsstadt russische
Offiziere und Soldaten ausgelassen das Ende des Krieges. Die Witwe Clicquot hatte Glück im Unglück: „Die Stunde ist gekommen, da wir endlich nach all dem Leid, das unserer Stadt widerfahren ist, wieder frei atmen… Gott sei Dank bin ich verschont geblieben. Mein Besitz und meine Kellerei sind unversehrt, und ich bin bereit, die Geschäfte wieder aufzunehmen…“. [7] 
Der Frieden bedeutete zugleich einen Neuanfang für die Expansion des Champagnermarktes in Europa. Neues Spiel, neues Glück. Und die Clicquots hatten immer eine glückliche Hand bei der Auswahl ihrer engsten Mitarbeiter. Es waren Deutsche. Zu Lebzeiten von François Clicquot war der beste Handelsvertreter der gebürtige Mannheimer Ludwig Bohne. Nach Reisen quer durch Europa kehrte er mit prall gefüllten
Auftragsbüchern nach Reims zurück. Bohne war mehrsprachig. Deutsch und vor allem Englisch waren für das stark vom Export abhängige Champagnergeschäft oftmals wichtiger als Französisch, und von den Franzosen kann man ohnehin nicht behaupten, dass sie sehr sprachbegabt sind. Zudem galt das Metier eines Handelvertreters in den Augen der Besitzer der Weingüter, in der Regel Adlige, als ehrenrührig. Die aus dem Bürgertum stammende Veuve Clicquot war klüger. In ihrem Unternehmen waren der Fleiß, die Gründlichkeit und der Geschäftssinn von sprachbeflissenen Deutschen sehr geschätzt. Über solche Eigenschaften verfügte auch der Heilbronner Georg Christian Kessler. Als Lehrling bei der Witwe angestellt, arbeitete er sich hoch, übernahm alsbald die Leitung des Büros und die Buchhaltung, und wurde sogar aufgrund seiner Verdienste Teilhaber des Champagner- Hauses. Nach dem Unfalltod Bohnes 1821, bekam Kessler einen ehrgeizigen Konkurrenten im eigenen Haus. Wieder ein Deutscher, Eduard Werle aus Wetzlar. Werle begann
seine Karriere als Kellermeister. Während der Wirtschaftskrise 1827 rettete er mit seinem eigenen Vermögen das Maison Clicquot vor dem Ruin. Vier Jahre später machte ihn die Witwe zum neuen Teilhaber. Schließlich bekleidete der eingebürgerte Édouard Werlé, durch die Protektion der Witwe, das Amt des Bürgermeisters von Reims und wurde sogar 1862 zum Abgeordneten der Nationalversammlung gewählt. Und Kessler? Er trat 1826 aus der Firma aus und brachte die Kunst der Champagner-Herstellung nach Esslingen am Neckar, wo er die älteste Sektkellerei Deutschlands gründete. Anton von Müller, Bohne, Kessler, Werle. Ach, diese geschäftstüchtigen Deutschen! [8] 

Das älteste Etikett der Sektmanufaktur Kessler aus der Zeit um 1826/1830 . Kessler verweist auf seine frühere Teilhaberschaft bei Veuve Clicquot-Ponsardin

Alle trugen maßgeblich zum Erfolg des Champagner-Imperiums der Witwe Clicquot bei. Vor ihnen war schon
1797 der 28-jährige Westfale Florenz-Ludwig Heidsieck nach Reims gekommen, hatte dort eine vermögende Französin geheiratet und die französische Staatsangehörigkeit angenommen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Champagne zum Magnet für ambitionierte, sprachgewandte deutsche Jungunternehmer. Alle, Bollinger aus Ellwangen, die Gebrüder Gottlieb, Jacobus und Philipp Mumm aus Solingen, der Mainzer Johann-Joseph Krug, der Aachener William Deutz, gründeten eigene Firmen, wurden schnell konkurrenzfähig und erfolgreich. 1867 stellte Robert Tomes, amerikanischer Konsul in
Reims, fest: „Es gibt tatsächlich keinen Weinbetrieb in der Champagne, der nicht mehr oder weniger von einem gebürtigen Deutschen kontrolliert wird… Es gibt jedoch ein Champagner-Haus, das ausschließlich von Franzosen geleitet wurde. Während meiner Zeit in Reims ging es bankrott, und es wurde allgemein festgestellt, dass es zugrunde ging, weil ein Deutscher fehlte.“ [9]  In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts profitierten die Witwe Clicquot und ihre Konkurrenten vom Ausbau des Eisenbahnnetzes. Sie expandierten schnell und eroberten internationale Märkte. Ein Champagner kommt ausschließlich aus der Champagne. Das AOP-Gütesiegel, Appellation d’Origine Protégée, schützt das Edelgetränk markenrechtlich. Im Versailler Vertrag von 1919 wurde bekanntlich das besiegte Deutschland gezwungen, Gebiete abzutreten und enorme Reparationszahlungen zu leisten. Weniger bekannt ist ein anderer Passus, der bis heute gültige sog. Champagnerparagraph. Dieser untersagt ausdrücklich jeglichen unlauteren Wettbewerb seitens anderer Schaumwein (frz. vin effervescent) erstellender Länder. Somit kann ein deutscher Sekt, völlig unabhängig von seiner Qualität, nur Sekt heißen. [1o] 

Wie überall auf der Welt wird in Deutschland bei festlichen Anlässen gerne Champagner getrunken und ist auch mit bescheidenem Geldbeutel zu bekommen. Das demokratisierte flüssige Gold wird dann mit dem Etikett Veuve Monsigny, was zweifellos sehr edel klingt bzw. Veuve Durand, was wiederum und komischerweise, zumindest für Franzosen, genauso platt wie der sehr geläufige französische Familienname
klingt, geschmückt. Die deutschen „Veuves“, gute Einstiegschampagner, verdanken der Veuve Clicquot ihre positive Konnotation. Auf dem Etikett der „Veuves“ steht Premier Cru. Aber ist ein Premier Cru, wortwörtlich „Erstes Gewächs“, wie die vielversprechende Bezeichnung sprachlich suggeriert, erstklassig? Ein solcher Champagner belegt in der Champagne, wo die Klassifizierung nach den Weinbaugemeinden erfolgt, den zweiten Platz. Ein Premier Cru ist qualitativ mit einem hochpreisigen edlen Grand Cru mit langen Lagerzeiten von Krug in Reims in keiner Weise vergleichbar. Ein millésime/Jahrgangschampagner für Connaisseurs, ist auch die 9-Liter-Flasche Veuve Clicquot-Brut Carte Jaune-Salmanazar in der Holzkiste. Eine überaus exquisite Komposition aus Pinot noir, Pinot Meunier und Chardonnay, die ihren Preis für luxuriöses geselliges Beisammensein hat: knapp 1.000 Euro. Oder hätten Sie lieber eine kleinere 6-Liter-MethusalemFlasche Dom Pérignon Champagner Rosé 2002 zum Preis eines Kleinwagens Renault Clio, also 10.000 Euro? Haben
oder nicht Haben. Früher explodierten die Flaschen, heute sind es die Preise im Luxussegment.

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Ein weiteres Porträt, ein Werk des Reimser Malers Périn-Salbreux, hängt im Musée Saint-Rémi in Reims zur Ehre eines gut aussehenden hochrangigen russischen Offiziers in Uniform, Fürst Sergei Alexandrowitsch Wolkonsky. Nach der Einnahme von Reims durch preußische und russische Truppen im Frühjahr 1814 wurde er zum Gouverneur der Stadt ernannt. [11]  Ein besonnener Mann, stets bemüht, Exzesse seiner Soldaten zu zügeln. Auch ein kultivierter Mensch. Wie es sich für russische Aristokraten gehörte, beherrschte er die französische Sprache. Durch und durch frankophil, war er in der Bevölkerung geschätzt, verkehrte in den höchsten Kreisen und wurde sogar Mitglied der Reimser Freimaurerloge. Als ihn nach dem Ende des Krieges und dem Abzug der russischen Garnison die französischen Behörden aufforderten, die Stadt zu verlassen, war er untröstlich und weigerte sich. Welche Beweggründe hatte der Fürst? Eine Liebesbeziehung zu einer hübschen Reimserin? Wollte er unbedingt wegen des französischen Savoir-Vivre und des Genusses des noblen Champagners der Veuve Cliquot bleiben? Reims zählte damals nur 30.000 Einwohner. Vielleicht hatte er die tüchtige Geschäftsfrau persönlich kennengelernt. Letztendlich, nolens volens, musste der charmante Russe im Sommer 1814 doch gehen.

Wie hätten wir an der Stelle von Fürst Wolkonsky reagiert? Seien wir ehrlich, wer von uns möchte nicht ein Leben wie Gott in Frankreich führen?

Le muselet: von frz, museau (Schnauze). La muselière= Der Maulkorb. Von daher ist ein muselet „ein kleiner Maulkorb“. Übrigens stammt das deutsche Adjektiv amüsant von museau.

Die Prestige Cuvée: In Deutschland der Verchnitt aus verschiedenen Rebsorten, Jahrgängen oder Lagen. In Frankreich ist eine Cuvée jeder separat abgefüllte Wein eines Weingutes. Beim Champagner wird der zuerst aus der Kelter ablaufende Most mit der höchsten Qualität als Cuvée bezeichnet.

Dom Pérignon: Genauso berühmt wie der legendäre Mönch (1638-1715) ist die hochpreisige Champagnermarke von Moët&Chandon. 1839 gründete Moët mit seinem Schwiegersohn Pierre-Gabriel Chandon Moët&Chandon und wurde später k.u.k. Hof- und Kammerlieferant sowie Königlicher Englischer Hoflieferant. Heute der weltweit meistverkaufte Champagner. Veuve Clicquot rangiert an 2. Stelle. Moët&Chandon und Veuve Clicquot gehören heute dem Luxuskonzern LVMH (Moët Hennessy LouisVuitton). LVMH ist der weltweite Branchenführer der Luxusgüterindustrie. Umsatz 2017: 42,6 Milliarden Euro. (2019: 53,7 Mrd. Euro. W,J.)

Sekt: Von lat. siccus (trocken). Früher »Sect« geschrieben.

Cru: Von frz . croître (wachsen). Bezeichnet einen Ort/Boden (frz.terroir), wo die Reben wachsen. In der Champagne sind weder Güter noch Weinberge klassifiziert, sondern die Weinbaugemeinden. Die Gemeinden, deren Trauben den maximalen Preis von 100% erzielen, dürfen die Bezeichnung Grand Cru führen. Dasselbe gilt für einen Champagner, der ausschließlich aus Trauben von Grand Cru Gemeinden gekeltert wurde.

Rebsorten: le pinot noir = Spätburgunder. Eine Edelrebe. Von frz. pin (Fichtenzapfen) aufgrund der Form der Traube. Le pinot meunier = Schwarzriesling. Chardonnay = Ein erlesener Champagner Blanc de Blancs, der also ausschließlich aus der weißen Rebsorte Chardonnay besteht.

Flaschengrößen: 14 insgesamt. Eine fillette (junges Mädchen) ist eine halbe Flasche. Ein Magnum (lat. für „das Große“) = 1,5 Liter. Sind Sie bibel- und trinkfest, geht es mit dem Jeroboam, 3 Liter, und weiter steil aufwärts (Nebukadnezar = 15 Liter) bis zum Melchesedech, 30 Liter, für die erfolgreiche Lottogemeinschaft.

Stefan George: DIE SEELE DES WEINES
Umdichtung (1901) von L’âme du vin
von Charles Baudelaire, Les Fleurs du Mal 1857

Des weines geist begann im fass zu singen:
Mensch · teurer Ausgestossener · dir soll
Durch meinen engen kerker durch erklingen
Ein lied von licht und bruderliebe voll.

Ich weiss: am sengendheissen bergeshange
Bei schweiss und mühe nur gedeih ich recht ·
Da meine seele ich nur so empfange ·
Doch bin ich niemals undankbar und schlecht.

Und dies bereitet mir die grösste labe
Wenn eines arbeit-matten mund mich hält ·
Sein heisser schlund wird mir zum süssen grabe
Das mehr als kalte keller mir gefällt.

Du hörst den sonntagsang aus frohem schwarme?
Nun kehrt die hoffnung prickelnd in mich ein:
Du stülpst die ärmel · stützest beide arme ·
Du wirst mich preisen und zufrieden sein.

Ich mache deines weibes augen heiter
Und deinem sohne leih ich frische kraft ·
Ich bin für diesen zarten lebensstreiter
Das öl das fechtern die gewandtheit schafft.

Und du erhältst von diesem pflanzenseime
Das Gott · der ewige sämann · niedergiesst
Damit in deiner brust die dichtung keime
Die wie ein seltner baum zum himmel spriesst.

Anmerkungen

[1] Pierre Sommet, Der Präsident hat keine Zeit! Kurzgeschichten illustriert von Cornelius Rinne. Krefeld: Magenta-Verlag 2018   ISBN: 978-3-944299-17-4 Preis: 18 Euro

[2] Siehe das Selbstportrait von Pierre Sommet in dem schönen Frankreich-Blog von Hilke Maunders: https://meinfrankreich.com/pierre-sommet/

[3] Die in dem Beitrag enthaltenen Abbildungen stammen nicht aus dem Buch Sommets, sondern sind von mir (W.J.) ergänzt. Dafür fehlt in diesem Beitrag das gezeichnete Portrait der Veuve Cliquot von Cornelius Rinne.

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Barbe-Nicole_Clicquot-Ponsardin#/media/Datei:Veuve_clicquot.jpg

[5] Bild aus:  https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Troy,_Jean-Fran%C3%A7ois_de_-_Die_Austernmahlzeit_-_1734.jpg 

[6] Bild aus: https://docplayer.fr/30997328-Rapport-de-stage-veuve-clicquot-ponsardin-jobart-thibaut-monsieur-haouy-monsieur-aka.html

7]Die Stunde ist gekommen…“: Zitat aus Veuve Clicquot, Die Geschichte eines Champagner-Imperiums und der Frau, die es regierte, Tilar J. Mazzeo, Hoffmann und Campe, 2008, S. 162.

[8] Bild aus: https://www.wikiwand.com/de/Georg_Christian_Kessler

9] Robert Tomes, The Champagne Country, 1867

[10] Wortlaut des Champagnerparagrafen bei: https://www.ihr-champagner.de/2017/09/20/champagnerparagraph/ 

[11] Bild aus:  https://artcorusse.org/serge-wolkonsky-prince-de-reims-par-martine-bertho/  

Zum Thema siehe auch das Buch von Volker Hildisch: Als Rotkäppchen Frankreich verlassen mußte: Champagner und Sekt- eine deutsch-französische Geschichte. Seumes Tornister 2019

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Bäderstadt Vichy: Der Schatten „Vichys“ über der „Königin der Kurbäder“
  • Pierre Soulages in Rodez und Conques
  • 5 Jahre Paris- und Frankreich-Blog

Reims: Die „Königin der Kathedralen“ als Ort deutsch-französischer Feindschaft, Versöhnung und Freundschaft

Die Kathedrale von Reims war dreimal in ihrer Geschichte ein Ort, an dem die Spannweite der deutsch-französischen Beziehungen zwischen „Erbfeindschaft“, Versöhnung  und Freundschaft in ganz besonderer Weise zum Ausdruck kam:

  • 1914 wurde die Kathedrale von der deutschen Artillerie beschossen und in Brand gesetzt: Für die Franzosen ein Akt der Barbarei der deutschen „Hunnen“ und „Vandalen“, Ausdruck der tief verwurzelten Feindschaft zwischen beiden Völkern.
  • 1962 feierten Staatspräsident  de Gaulle und Adenauer gemeinsam eine Messe in der Kathedrale: Besiegelung der Aussöhnung zwischen beiden Ländern
  • 2011 wurden anlässlich der 800-Jahrfeier der Kathedrale  in deren Apsis  Glasfenster des deutschen Künstlers Imi Knoebel geweiht,  2015 folgte die Jeanne d’Arc Kapelle: Symbolischer Ausdruck deutsch-französischer Freundschaft.

Dass es gerade die Kathedrale von Reims war, durch deren Beschuss und Brand die deutsch-französische Feindschaft noch besonders angefacht wurde, ist mit der besonderen Geschichte und Bedeutung der Kirche zu erklären. Diese besondere Stellung der Kathedrale von Reims soll im ersten Teil dieses Beitrags erläutert werden.

Im zweiten Teil geht es um den Brand der Kirche von 1914 und ihre Konsequenzen für die französische Wahrnehmung des „Erbfeindes“.

Im dritten Teil wird dann die Kathedrale von Reims als Ort und Symbol der deutsch-französischen Aussöhnung und Freundschaft behandelt – ein wie kein anderer dafür prädestinierter Ort.

Notre-Dame de  Reims: Die „Königin unter den Kathedralen Frankreichs“

Die überragende Bedeutung der Kathedrale Notre-Dame de Reims hat zwei Gründe:  ihre geschichtliche Bedeutung als Krönungskirche der französischen Könige und  ihre kunstgeschichtliche Bedeutung als eines Höhepunktes der Gotik.

Der Status als Krönungskirche  beruht auf  der  „mythisch verklärten Taufe des Merowingerkönigs  Clodwig“.  Dieser Mythos geht zurück auf den Erzbischof Hinkmar (gestorben 882). Der schilderte  die Taufe Clodwigs durch den heiligen Remigius  als einen wunderbaren Akt, zu dem ein Engel in Gestalt einer Taube himmlisches Öl zur Salbung des Königs in Reims  herbeibrachte.   „Mit dem Mythos vom göttlichen Salböl räumte Hinkmar nicht nur langfristig alle Einwendungen gegen den Primatsanspruch der Reimser Kirche aus, sondern legte dadurch auch den Grundsein für die Sakralisierung des französischen Königtums.“ [1]

Bis 1825 sind nahezu alle französischen Herrscher  in der Reimser Kathedrale gekrönt worden. Es gab nur zwei Ausnahmen, nämlich Heinrich IV., der sich für Chartres entschied, und Napoleon, der sich in Notre-Dame de Paris zum Kaiser krönen ließ.  Zentraler Bestandteil der Reimser Krönungszeremonie war die Salbung  mit dem in der sogenannten heiligen Ampulle verwahrten und, wie man glaubte, sich nie erschöpfenden Himmelsöl.   Das überstand sogar die Französische Revolution, während der ein Kommissar der Convention die Sainte Ampoule öffentlich zerschlug. Aber ein geistesgegenwärtiger Geistlicher hatte einen Teil des Himmelsöls retten können…. Bewahrt wurde es am Grab  des heiligen Remigius in der vorstädtischen Abtei gleichen Namens…. „Dank dieses einzigartigen Privilegs war die Kathedrale von Reims …. die Königin unter den Kathedralen Frankreichs.“ [2]

Die Taufe  Chlodwigs  gilt  als Akt der Bekehrung der Franzosen zum Christentum.[3]  Ein weithin sichtbares Zeichen der Bedeutung der Kathedrale als Krönungskirche ist die Königsgalerie der Westfassade. Anders als bei der Königsgalerie von Notre-Dame in Paris, wo biblische Könige dargestellt sind[4], sind es hier französische Herrscher. Und in deren Mitte stehen König Chlodwigs Taufe und Salbung  mit der heiligen Ampulle. Damit  wird „der Ursprungsmythos ausgestellt, auf den sich der Anspruch von Reims und die jeweilige aktuelle Krönungszeremonie in der Kathedrale bezieht.“ [5] Es ist dies das „Siegel der Allianz zwischen Kirche und Krone, deren Erinnerungsort über ein Jahrtausend hinweg Notre-Dame de Reims gewesen ist.“ [6]

Besonders im  Hundertjährigen Krieg spielte die Kathedrale von Reims als Legitimation gottgewollter Herrschaft eine zentrale Rolle.  Auf Betreiben von Jeanne d’Arc wurde der Dauphin am 17. Juli 1429 als Karl VII. in Reims  inthronisiert.

Statue Jeanne d’Arcs auf dem Vorplatz der Kathedrale[7]

 Jeanne nahm, mit der Siegesfahne neben dem Altar  stehend, an der Feier teil: Der Höhepunkt ihres Ruhms.  Mit der Krönungszeremonie von Karl X. endet  1825 der Zyklus der Reimser Krönungen.

Ebenso bedeutend wie die geschichtliche ist auch die kunsthistorische Bedeutung der Kathedrale: „Was der Parthenon den Archäologen, ist vielen Kunsthistorikern die Kathedrale von Reims.“[8]

Ähnlich wie bei dem Parthenon tragen zu dem überwältigenden Gesamteindruck  feine Differenzierungen bei. So sind beispielsweise die Wände des Mittelschiffs über den Säulenkapitellen 25 cm nach außen geneigt, um den in der Perspektive entstehenden Eindruck einer Krümmung der vertikalen Wandflächen nach innen zu kompensieren.[9]

Der wahrscheinlich vom ehrgeizigen Erzbischof Aubry de Humbert  mutwillig am Tag einer Sonnenfinsternis  gelegte verheerende Brand von 1211 ermöglichte die Errichtung eines prunkvollen Neubaus. Sicherlich hätte man die Schäden des Brandes auch durch eine Renovierung beheben können. Aber Aubry de Humbert ergriff die Gelegenheit, für die  Krönungsfeierlichkeiten einen wirkungsvolleren Rahmen zu schaffen und eine Kirche im neuen Stil der Gotik zu bauen.  Mit ihr  „avancierte die Gotik zu einer Bauform für ganz Europa (…). Das Maßwerkfenster, in Reims inauguriert, wurde zum bestimmenden Motiv gotischer Architektur, und die Skulptur der Reimser Kathedrale blieb für lange Zeit das Vorbild gotischer Bildhauerkunst.“[10]  Ihre schönste Vollendung fand in Reims auch die Kirchenfassade mit den doppelten Türmen, „eine der strahlendsten Erfindungen der französischen Kunst. (…)  Diese Fassade war die majestätische Schauseite, vor der das Zeremoniell des Sacre  mit der Ankunft des aus der Hauptstadt und der engeren Krondomäne heranziehenden neuen Herrschers begann.“[11]

Einzug Ludwigs XV in die Stadt Reims am 22 Oktober 1722 aus Anlass seiner Krönung

Wie bedeutsam die Kathedrale von Reims für Frankreich ist, veranschaulicht auch das Logo der unter Denkmalschutz  stehenden französischen Bauwerke[12]:

Dieses Logo geht nämlich  zurück auf das Labyrinth in der Kathedrale von Reims, das allerdings nicht mehr existiert.

Es wurde –wie auch die Labyrinthe anderer Kathedralen-  im Zeitalter der Aufklärung  (1778/9)  auf Veranlassung des Domkapitels zerstört –im Falle von Reims auch mit der Begründung, dass es Kinder als Spielplatz genutzt und damit  die Messe gestört hätten. [13]

Dass das zerstörte Labyrinth von Reims als Vorlage für das moderne Denkmalschutz-Logo ausgewählt wurde  und nicht etwa die erhaltenen von Chartres oder Amiens[14], unterstreicht die Bedeutung der Kathedrale.  Sicherlich ist es aber auch eine Mahnung zum Schutz historisch wertvoller Bauten, an dem es –was Reims (und die Gotik überhaupt) angeht- im 18. Jahrhundert  und dann wieder auf besonders tragische Weise im Ersten Weltkrieg gefehlt hat.

Die Beschießung von Reims und seiner Kathedrale

Im Zuge der deutschen Offensive an der Westfront rückten sächsische  Truppen am 3. September 1914 in das vom französischen Militär geräumte Reims ein. Einen Tag danach bombardierte die preußische Artillerie, die davon keine Kenntnis hatte, zum ersten Mal die Stadt, wobei auch die Kathedrale, allerdings noch nicht sehr erheblich und sicher unbeabsichtigt,  beschädigt wurde.  Einige Tage später, nach der entscheidenden Kriegswende an der Marne, zogen sich die deutschen Truppen aus Reims zurück und am 13. September rückten französische Truppen wieder in die Stadt ein.  Die deutschen Truppen hielten aber  Forts auf den umliegenden Höhen besetzt, von denen aus sie die Stadt unter Feuer nehmen konnten. Das geschah dann auch mit  zunehmender Heftigkeit. Am 19. September wurde die Kathedrale von 25 Geschossen getroffen.  Das für Renovierungsarbeiten am Nordturm aufgestellte hölzerne Gerüst, das eigentlich im Juli 1914 hätte abgebaut werden sollen,  geriet in Brand, stürzte zusammen und verursachte vielfältige Zerstörungen am Skulpturenschmuck der Fassade.

19. September 1914. Das Gerüst brennt[15]

Die Flammen breiteten sich aus,  angefacht auch durch das in der Kathedrale ausgelegte Stroh,  das als Lagerstätte für die in der Kirche untergebrachten deutschen Kriegsgefangenen diente. Der Dachstuhl fing Feuer und brannte  völlig aus.  Das Blei der Bedachung schmolz, ergoss sich über die Wasserspeier, tropfte aber auch ins Innere der Kathedrale. Der größte Teil der mittelalterlichen Glasfenster ging zugrunde: Eine Katastrophe, schlimmer noch als die von Notre-Dame de Paris 2019, bei der ja die Fassade nicht betroffen war und auch die Glasfenster erhalten blieben.[16]

Reims, das auch danach noch weiteren Beschießungen ausgesetzt war, ist am Ende des Krieges eine Ruinenlandschaft, aus der das Gerippe der Kathedrale herausragte.

Vor dem Ersten Weltkrieg  zählte  Reims 100.000 Einwohner, am Ende des Krieges leben noch 8.000 Menschen in den Trümmern der Stadt, die  zu 80% zerstört war.  Frankreich erklärte 1919 Reims zur ville martyre (Märtyrerstadt). Der Wiederaufbau der Kathedrale dauerte 20  Jahre. [18]

Max Sainsaulieu, Karte der Bombeneinschläge in Reims 1914-1918[17]

Thomas W. Gaehtgens,   Professor für Kunstgeschichte in Berlin, Gründungsdirektor des Deutschen Forums für Kunstgeschichte in Paris und langjähriger Leiter des Getty Research Institutes in Los Angeles hat auf einer äußerst breiten Quellengrundlage die Geschichte und Rezeption der „brennenden Kathedrale“ von Reims untersucht.[19] Er kommt zu dem Ergebnis, dass es nach allen verfügbaren Quellen  keine Hinweise darauf gibt, dass die Kathedrale aus böswilliger Zerstörungsabsicht bombardiert wurde. Die Angriffe  galten in erster Linie den in der Stadt postierten französischen Geschützen. Ganz gezielt wurde allerdings der Nordturm der Kathedrale mit den schon skizzierten  verheerenden Auswirkungen beschossen. Dieser direkte Beschuss wurde von deutscher Seite damit begründet, dass der Turm –entgegen den Haager Konventionen- als Beobachtungsturm, also für militärische Zwecke,  genutzt worden sei. Trotz französischer Dementis überwiege heute die Meinung, „dass diese Beobachtungen in der Tat stattgefunden haben.“ (S.39)  Dass ein für die französische Identität und das europäische Kulturerbe so überaus bedeutsamer Ort wegen eines solchen Beobachtungspostens beschossen wurde, erscheint allerdings völlig unverhältnismäßig und bestätigt  die rein militärische Logik, die vor und während des Krieges im wilhelminischen Deutschland vorherrschte. Dafür nur einige schlimme Beispiele: Eine größenwahnsinnige, Großbritannien herausfordernde Flottenpolitik, eine Kriegsplanung, die Deutschland unweigerlich zu dem das Völkerrecht verletzenden Aggressor machte,  der rücksichtslose Vormarsch durch das sich unerwartet heftig wehrende Belgien und der das Eingreifen der USA provozierende uneingeschränkte U-Boot-Krieg. Auch bei der Bombardierung der Kathedrale von Reims wurden die desaströsen Konsequenzen nicht bedacht, obwohl es von fachkundiger deutscher Seite entsprechende Warnungen gab. Dabei war, wie  Gaethgens bilanziert, der militärische Sinn der  Bombardierung von Reims „höchst zweifelhaft und letztlich auch für den Kriegsablauf völlig ergebnislos“. (S.48)

Reims und die Folgen: Die Deutschen als Barbaren, Hunnen und Vandalen

Umso heftige und folgenreicher war allerdings die  Bombardierung der Kathedrale von Reims für das Bild Deutschlands in Frankreich, das von nun an von unversöhnlichem Hass bestimmt war.  Der Brand der Kathedrale löste einen Sturm der Entrüstung aus, von  Stellungnahmen, Bildern, Karikaturen und Veranstaltungen: ein Medienereignis ersten Ranges.

Aus französischer Sicht war die Beschießung der Kathedrale ein Verbrechen (le crime de Reims), ein vorsätzlicher, wenn nicht  gar vorbereiteter Akt:   Marcel Proust sah in der Beschießung der Kathedrale einen Racheakt für die Niederlage an der Marne [20];  der Akademiker  Gabriel Hanotaux interpretierte sie als Ausdruck des Neides: Die Kathedrale von Reims sei eine in der Welt einzigartige, unvergleichliche Ruhmestat, auf die die Deutschen neidisch seien. Sie seien glücklich bei dem Gedanken, dass der Dom von Köln „cette choucroute“,  erhalten sei, während Reims, „diese Blume“ untergehe. In die gleiche Kerbe haute Émile Mâle,  der damals bedeutendste französische Spezialist mittelalterlicher Kunst. Er verglich die Marienfiguren der Verkündigung von Bamberg und des Vorbildes Reims: Die noble Figur von Reims, in der noch die Heiterkeit der Antike lebe, habe sich in Bamberg in eine „matrone herculéenne au sourire de négresse“ verwandelt. Die Zerstörung der Kathedrale sei eine gute Gelegenheit für die deutschen Barbaren gewesen, das Meisterwerk zu zerstören und dann zu behaupten, man selbst habe die Gotik erfunden.[21]

In diesem Kontext ist auch die nachfolgend abgebildete Postkarte aus dem Jahr 1914 zu sehen. Vor dem Hintergrund der brennenden Kathedrale bezeichnet  Jeanne d’Arc  Wilhelm II.  als König der Banditen und Vandalen. Er sei nicht nur für die Ermordung von Kindern verantwortlich, sondern zerstöre  unsere schönen Kathedralen, da er gegenüber den Alliierten machtlos sei. Hier ein Ausschnitt: [22]

Ein weiterer Punkt der Anklage: Nicht allein das Militär, sondern die Deutschen insgesamt stünden hinter diesem Akt der Zerstörung. Dies ist insofern nicht ganz von der Hand zu weisen, als eine breite Mehrheit der Deutschen nicht zu einer kritischen Distanz in der Lage war. Die heftigen ausländischen  Vorwürfe lösten vielmehr Sympathieerklärungen für das Vorgehen der Heeresleitung aus.  In einem am 4. Oktober 1914 veröffentlichten Aufruf „An die Kulturwelt“ bedauerten 93 Wissenschaftler,  Künstler und Intellektuelle zwar kriegsbedingte Zerstörungen von Werken der Kunst und Kultur. Man lehne es aber ab „die Erhaltung eines Kunstwerks mit einer deutschen Niederlage zu erkaufen“ – als sei das die Alternative! [23]  Unter den Unterzeichnern finden sich  so prominente und international bekannte Namen wie Rudolf Eucken, Max Planck, Wilhelm Röntgen, Gerhard Hauptmann, Max Liebermann, Max Reinhardt, Peter Behrens….     Übertroffen wurde das Manifest von der Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reiches  vom 16. Oktober 1914 mit mehr als 3000 Unterzeichnern, die sich vorbehaltlos hinter das deutsche Heer stellten, das nicht nur für „Deutschlands Freiheit“, sondern auch „für alle Güter des Friedens“ und „für die ganze Kultur Europas“ kämpfe.  Nur wenige  Persönlichkeiten  wie Albert Einstein, Käthe Kollwitz, Heinrich Mann, Max Pechstein und  Stefan Zweig verweigerten ihre Unterschrift. [23a]

Drittens schließlich, und das war der am weitesten verbreitete Komplex der Anklagen, sei die Zerstörung der Kathedrale von Reims- wie auch schon der vorhergegangene Brand der Bibliothek von Löwen mit ihren unschätzbaren mittelalterlichen Handschriften- „ein Beleg für die Unkultur der Deutschen, die sich im Grunde über den Urzustand der germanischen Stämme nicht hinausentwickelt hätten. Die diesen Völkern zugeschriebene Brutalität und Kulturlosigkeit sei bis heute nicht überwunden und leite ihre Aktionen.“[24]

Ein Beispiel dafür ist diese Postkarte mit dem Titel „Die Wilden“.[25] Abgebildet ist ein vierschrötiger, halbnackter Riese, der in der rechten Hand eine Keule hält.  „Mit der Linken wirbelt er einen Soldaten in die Luft, der allerdings miniaturhaft klein, dem Ungeheuer völlig hilflos ausgeliefert ist.  Blutflecken überziehen den Körper des Wilden und Blutlachen bedecken den Boden. Im Hintergrund ist die brennende Kathedrale von Reims deutlich sichtbar. Der Wilde trägt eine Kette mit Zähnen erlegter Opfer um den Hals und sein Gesicht und Bart erinnern an den deutschen Kaiser Wilhelm II.“  Die Unterschrift der Darstellung fügt noch ein weiteres Element der Deutung hinzu: „On ne pourra pas dire que notre –KULTURRE – n’est pas la plus belle de l’humanité.“  (Es ist unbestreitbar, dass unsere KULTUR die schönste der ganzen Menschheit ist).  „Mit diesem Hinweis spielt der Autor der Postkarte auf die in dieser Epoche intensiv geführte Diskussion über den Gegensatz von Kultur und Zivilisation an. Kultur, geschrieben mit einem zusätzlichen r, um auf die deutsche Aussprache anzuspielen, wird als der Urzustand der wilden germanischen Stämme bezeichnet. Und diese sogenannte Kultur versuche die Zivilisation des Nachbarlandes zu unterwerfen.“[26]

Wie verheerend die Beschießung der Kathedrale von Reims auch auf internationaler Ebene das Bild Deutschland prägte, zeigt das nachfolgende amerikanische Plakat  von Harry R. Hopps aus dem Jahr 1917. [27]

Abgebildet ist ein wilder, frauenschänderischer Gorilla, der eine  preußische Pickelhaube mit der Aufschrift Militarism trägt und mit einer blutigen Kultur- Keule bewaffnet ist. Im Hintergrund das zerstörte Europa mit den Ruinen der Kathedrale von Reims und ganz groß die Aufforderung, sich in der amerikanischen Armee zu engagieren, um diesen wahnsinnigen Wilden  daran zu hindern, auch noch Amerika mit Krieg zu überziehen.

Das „massacre de Reims“ (Rodin), das sollen diese Beispiele zeigen, wurde zu einem zentralen Leitmotiv, das die Verbrechen der deutschen Hunnen, Vandalen und Barbaren  sinnbildhaft, allgemein verständlich und bloßstellend vergegenwärtigen konnte.[28]  Reims wurde  zum  „Symbol der Gegnerschaft  gegenüber Deutschland. Die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht fand am 7. Mai 1945 nicht ohne Symbolkraft an diesem Ort statt.“[29]

Der lächelnde Engel

Von den über 2000 Skulpturen der Kathedrale von Reims ist die wohl  bekannteste  der lächelnde Engel vom nördlichen Seitenportal der Westfassade.

Er rahmt zusammen mit einem anderen Engel einen Heiligen ohne Schädeldecke  ein, bei dem es sich vermutlich um den heiligen Nicasius von Reims handelt. Die Kathedrale steht nämlich an der Stelle, wo Nicasius (Saint Nicaise) einst von den Vandalen enthauptet worden war.[30]  Die beiden Engel geleiten den Märtyrer auf dem Weg in das Reich Gottes. Das erklärt das Lächeln der beiden. Besonders der rechts abgebildete Engel, vermutlich zwischen 1255 und 1260 in einer Reimser Werkstatt entstanden,  zeichnet sich durch seine weichen  Formen und  sein feines Gesicht mit dem  graziösen  Lächeln aus.  Dieser berühmte lächelnde Engel war allerdings eine bis 1914 völlig anonyme Figur, die höchstens einmal von Kunsthistorikern als der Engel des heiligen Nicasius bezeichnet wurde.[31]

Das änderte sich allerdings gewissermaßen schlagartig mit dem 19. September 1914, als der Engel von einem Balken des durch den deutschen Beschuss in Brand geratenen Gerüsts beschädigt wurde. Der Kopf wurde abgeschlagen,  fiel aus einer Höhe von 4,5 Metern zu Boden und zerbrach in mehr als 20 Stücke.

Jetzt aber wurde die Statue zu einer mythischen Figur, dem  „lächelnden Engel von Reims“, Ausdruck des Lächelns von Reims (le sourire de Reims), dessen sich auch die Kriegspropaganda bemächtigte: So wie der Heilige von Barbaren enthauptet worden war,  so war nun auch der ihn begleitende Engel von den neuen Barbaren enthauptet worden.  Ein Abguss des beschädigten Engelskopfes  wurde während des Krieges in einer Wanderausstellung zerstörter französischer Kunstwerke präsentiert, die in den USA, Kanada und anderen Ländern Station machte. „Le sourire de Reims  est mobilisé“.[32]

In diesem Sinne wurden auch Postkarten mit Bildern des Engels vor der Zerstörung und mit der „gueule cassée“  verbreitet.[33]  Gerade die Methode des Bildvergleichs trug dazu bei,  Entsetzen über die Bombardierung der Kathedrale als ein Verbrechen gegen die Zivilisation hervorzurufen.

Der heruntergefallene Kopf und die abgebrochenen Teilstücke wurden im Keller des erzbischöflichen Palais aufbewahrt. Mit Hilfe eines im musée du Tracadéro in Paris aufbewahrten Abgusses wurde schließlich  der Kopf wiederhergestellt und nimmt seit dem  13. Februar 1926 wieder seinen Platz am Portal der Kathedrale ein. So wurde der lächelnden Engel von Reims zum  populären Symbol der Kathedrale.[34]

Briefmarke von 1930

Am 20.  Oktober 2011 hielt anlässlich der 800-  Jahrfeier der Kathedrale  der deutsche Kunsthistoriker Willibald Sauerländer die Festrede.  Es war eine besondere Ehre und Auszeichnung, dass ein Deutscher – einer der besten Kenner gotischer Kunst  und Professor am Collège de France-  diese Festrede halten durfte.

 Sauerländer erinnerte dabei auch an die Zerstörung der Kathedrale: „Schließlich ist es noch nicht hundert Jahre her, dass deutsche Granaten, abgefeuert von unseren Großvätern und Vätern, Notre-Dame de Reims in Brand gesetzt und verwüstet haben. (…) Im Augenblick der Trauer kam wie eine schmerzliche Tröstung die Redensart ‚Sourire de Reims‘ (‚Lächeln von Reims‘) auf. … Wenn wir hundert Jahre später, nachdem die Wunden der Kathedrale verheilt sind, auf das erschütternde Bild des lächelnden und verwundeten Engels blicken, erscheint es uns wie ein Glücksversprechen…. Dieses Glücksversprechen hat Zerstörung und Schmerz überdauert, ja hat schließlich auch über Empörung und Hass triumphiert…“ (S. 66)

Die Kathedrale von Reims als Ort der Versöhnung und der Freundschaft

Zu dieser Überwindung von Empörung und Hass haben nach dem Zweiten Weltkrieg de Gaulle und Adenauer erheblich beigetragen. Bei dem  legendären Treffen auf dem Landsitz de Gaulles in Colombey-les-Deux Églises am 14,/15. September 1958  wurden bestehende gegenseitige Vorurteile abgebaut und die Grundlagen einer intensiven Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich gelegt. In einer Abschlusserklärung bekräftigen der Bundeskanzler und der Staatspräsident ihren Willen, die Erbfeindschaft der Vergangenheit endgültig zu beenden, und sprachen sich für eine enge Zusammenarbeit zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Französischen Republik aus, die sie als Fundament für das europäische Einigungswerk betrachteten. Diese Gespräche bildeten den Ausgangspunkt für eine persönliche Freundschaft, die einen wichtigen Anteil an der Annäherung zwischen den beiden Ländern haben sollte. Seit diesem Tag sind Adenauer und de Gaulle in den Jahren 1958 bis 1963 insgesamt 15-mal zu Gesprächen zusammengekommen und haben sich etwa vierzig Briefe geschrieben.[35] Im Januar  1963 wurde der Elysée-Vertrag abgeschlossen,  der – inzwischen mit dem  Aachener Vertrag erneuert und fortgeführt- bis heute  die Grundlage der deutsch-französischen  Zusammenarbeit bildet. [36]

Dem Elysée-Vertrag voraus ging der gemeinsame Gottesdienst de Gaulles und Adenauers in der Kathedrale von Reims am 8. Juli 1962, die „théâtralisation de la réconciliation franco-allemande“. Es war dies der  End- und Höhepunkt einer von de Gaulle minutiös geplanten Frankreich-Reise Adenauers. [37] De Gaulle hatte dafür ganz bewusst  Reims ausgewählt. In seinen Memoiren weist er darauf hin, Reims sei der Schauplatz zahlreicher Auseinandersetzungen zwischen den Erbfeinden (ennemis héréditaires) Deutschland und Frankreich gewesen, bis hin zu den Schlachten an der Marne. In der Kathedrale, deren Verletzungen immer noch nicht vollständig verheilt seien, würden die Repräsentanten beider Länder ihre Gebete vereinen, damit auf beiden Seiten des Rheins die Freundschaft für immer die Leiden des Krieges ersetze.[38]  Vor der Kirche in den Boden eingelassene Tafeln in deutscher und französischer Sprache erinnern noch an diesen historischen Moment.

Dieses Versöhnungs-Treffen war ein durchaus mutiger Akt, der auch keineswegs unumstritten war.[39] Und die Fahrt Adenauers durch Frankreich war  –anders als die Fahrt de Gaulles durch Deutschland ein Jahr später- keineswegs ein Triumphzug, auch wenn de Gaulle und Adenauer das etwas verklärend darstellten.[40]

In der Kathedrale wurden sie vom Erzbischof von Reims, Monseigneur Marty, empfangen.  Die Kathedrale sei glücklich, beide gemeinsam „mit dem Lächeln seines Engels“ (avec le sourire de son ange) zu empfangen. Die Messe zelebrierten der Weihbischof von Reims mit zwei weitere Geistlichen,  einem ehemaligen Kriegsgefangenen und einem ehemaligen Deportierten.

Hier das „offiziöse“ Bild des Fotografen Egon Steiner vom Versöhnungsgottesdienst in der Kathedrale von Reims. Der Dualismus Frankreich-Deutschland wird durch die solitären Säulen-Staatsmänner inszeniert, repliziert durch das Paar der kräftigen Pfeiler. Im rechten Pfeiler sind noch deutlich Einschüsse zu erkennen. Das politische Ereignis ist damit, wie Ulrike Brummert  schreibt, „bildsprachlich adäquat transponiert. Diese Aufnahme besitzt alle Ingredienzen für eine Ikonisierung.“[41]

Schautafel zur deutsch-französischen Versöhnung in der Kathedrale

Am 8. Juli 2012 fand noch einmal ein deutsch-französischer Gottesdienst  in der Kathedrale von Reims statt. Diesmal waren es  Angela Merkel und François Hollande, die  damit an die genau 50 Jahre vorher  von de Gaulle und Adenauer in Reims  vollzogene deutsch-französische Aussöhnung erinnerten.[42]   

Das von Steffen Kugler aufgenommene offizielle Bild des Treffens veranschaulicht auf eindrucksvolle Weise die Normalität der deutsch-französischen Beziehungen 50 Jahre nach dem Treffen von de Gaulle und Adenauer. Sollte damals der Segen Gottes für die deutsch-französische Aussöhnung  erbeten und ihr so eine sakrale Weihe verliehen werden, so ist es nun das Volk, dem sich Merkel und Hollande vor der Fassade der Kathedrale zuwenden und es mit erhobenen offenen Handflächen, Wohlgesinntheit demonstrierend, grüßen.[43] Die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich waren  inzwischen zum Alltag geworden, aus dem historischen Akt der Versöhnung ist die Normalität einer Freundschaft geworden, die in den beiden Völkern so fest verankert ist, dass ihr auch wechselnde Regierungen und politische Dissonanzen nichts mehr anhaben können.

Die Kirchenfenster Imi Knoebels in der Apsis der Kathedrale

Ein wunderbarer Ausdruck der nach so vielen Kriegen und gegenseitigem Hass gewonnenen deutsch-französischen Freundschaft sind die wunderbaren Fenster Imi Knoebels in der Kathedrale von Reims.  Bunte Glasfenster sind ja ein zentrales Element mittelalterlicher Kirchen und sie waren und sind es auch in der Kathedrale von Reims. Die Bedeutung der Fenster lag darin, dass „durch ihr farblich gebrochenes Licht ein Außenbezug hergestellt wurde, der durch seine Diffusität einen metaphysisch aufgewerteten Innenraum entstehen ließ.“ Der Aufklärung – die sich als das Zeitalter des Lichts verstand (le Siècle des Lumières)- war diese Raumbestimmung unerträglich. So wurde  in Reims –wie auch in Notre-Dame de Paris- eine Fülle von bunten Glasfenstern verkauft und durch durchsichtige Glasscheiben ersetzt. Dazu kamen dann die Zerstörungen im Ersten Weltkrieg. „Seit Jahrzehnten wird diese Entschärfung des Kirchenraumes dadurch kompensiert, dass zeitgenössische Künstler die Helle des 18. Jahrhunderts zurücknehmen; so konnte Marc Chagall im Jahr 1972 die drei Fenster der Hauptapsis des Chores mit einem dunklen narrativen Zyklus ersetzen, in dem die Kreuzigung hervorsticht“. [44]

Zu Beginn dieses Jahrhunderts entstand der Plan, die nördlichen und südlichen Nebenapsiden durch Gerhard Richter neu gestalten zu lassen, aber unter anderem wegen der Realisierung derselben Idee im Kölner Dom sagte dieser ab.  Daraufhin war es Imi Knoebel, der 2008  vom regionalen französischen Kulturamt und dem französischen Kultusministerium den Auftrag erhielt, sechs Fenster mit den Maßen von jeweils 10,30 mal 2,50 m für die Herz-Jesu Kapelle und die Sankt Josefs Kapelle in der  Apsis der Kathedrale zu gestalten. Imi Knoebel ist ein renommierter Künstler: Schüler von Joeph Beuys an der Düsseldorfer Kunstakademie und  bekannt durch zahlreiche internationale Ausstellungen.

Dass nach der Absage von Gerhard Richter ein anderer deutscher Künstler diesen Auftrag erhielt, ist auch als ein Bekenntnis zur deutsch-französischen Freundschaft zu verstehen: Lange Zeit wäre es „unvorstellbar gewesen, dass an diesem Ort ein deutscher Künstler Hand anlegt.“[45]

Foto: Ivo Faber/Kunststiftung NRW/DPA

Imi Knoebel 2015 beim Einbau seiner neuen Fenster in der Kathedrale von Reims[46]

Nach der feierlichen Versöhnungs-Messe von de Gaulle und Adenauer ist die Verständigung  und Freundschaft zwischen beiden Ländern nun auch in der Kathedrale sichtbar zum Ausdruck gebracht. Und es blieb  nicht bei den 2011 fertig gestellten Fenstern, die am 25. Juni im Rahmen der 800-Jahrfeier der Kathedrale von Reims geweiht wurden. 2015 kamen  noch drei weitere Fenster  dazu. Sie sind eine Schenkung des Künstlers, der Bundesrepublik Deutschland und der Kunststiftung NRW. „Sie stehen“, wie es in dem Begleittext heißt, „als ein Zeichen der Versöhnung und der Wiedergutmachung für die Zerstörung der Kathedrale im Ersten Weltkrieg, ein Zeichen des Friedens und einer gemeinsamen Zukunft für Europa, für Kunst und Kultur zwischen den beiden Völkern.“  Und diese Fenster schmücken nun einen hochsymbolischen Ort, nämlich die Kapelle der Jeanne d’Arc.

Statue der Jeanne d’Arc von Prosper d’Epinay (19. Jhdt) in der ihr gewidmeten Kapelle

Knoebel entwickelte seine „kraftvolle, kaleidoskopische Komposition aus hunderten von Papierschnitten, einer Technik, die in der Kunstgeschichte untrennbar mit Henri Matisse verbunden ist. In einer der wenigen Aussagen, die Knoebel zu seinem Werk gegeben hat, verweist er zudem auf seine eigenen Erinnerungen an den Beschuss Dresdens mit Brandbomben im Zweiten Weltkrieg, den er 1945, als Fünfjähriger, miterlebte und der sich ihm nachdrücklich ins Gedächtnis eingebrannt hat.“[47]

Mit seinem „Strudel zersplitterter Farbformen“  ist es  Imi Knoebel nach dem Urteil Bredekamps gelungen,  die Glasmalerei,  eine der kostbarsten und auch technisch schwierigsten künstlerischen Gattungen,  mit dem Anspruch der zeitgenössischen Moderne zu verquicken.[48]  In ihrer Würdigung zum 80. Geburtstag Imi Knoebels bezeichnete die FAZ die Kirchenfenster von Reims als Hauptwerk des Künstlers, der dort die  Durchdringung von Farbe und Licht zur Vollendung gebracht habe.[49]

Es gab wohl Bedenken, Marc Chagalls Fenster, die jetzt von denen Knoebels eingerahmt werden,  könnten „zu Opfern dieses unerhörten Eingriffs“, also gewissermaßen erdrückt  werden. Aber dazu gibt es nach Bredekamps Einschätzung keinen Anlass. Ganz im Gegenteil:  Die Fenster Chagalls kämen durch die Konfrontation mit denen Knoebels „aus dem Dunkel ihrer Zurücksetzung wieder hervor. Damit gewinnen beide: das komplexe Farbtheater von Knoebels Neuschöpfung und die düstere Tiefe von Chagalls Passionsfenster.“[50]  Dieser Einschätzung kann ich mich nur anschließen.

Dass die Fenster Knoebels –zusammen mit denen Chagalls- jetzt die Apsis der Kathedrale von Reims schmücken und zum Leuchten bringen, ist ein wunderbarer Ausdruck der deutsch-französischen Freundschaft, deren Symbol die Kathedrale von Reims schließlich auch geworden ist.

Literatur

Jean-François Boulanger, Hervé Chabaud, Jean-Pierre Husson, De la capitulation à la réconciliation. La rencontre de Gaulle –Adenauer à Reims en 1962.  http://www.cndp.fr/crdp-reims/memoire/enseigner/memoire_2gm/degaulle_adenauer.htm

Paolo Cangioli, Die Kathedrale von Reims. Frankreich Klassische Reiseziele. Herrsching 1989

Patrick Demouy, Le sourire de Reims. Comptes rendus des séances de l’Académie des inscriptions et Belles-Lettres. 2009, S. 1609-1627  https://www.persee.fr/doc/crai_0065-0536_2009_num_153_4_92741
Thomas W. Gaehtgens,  Die brennende Kathedrale. Eine Geschichte aus dem Ersten Weltkrieg.   München 2018
Yann Harlaut , L’ange au sourire de Reims: naissance d’un mythe.   Mit einem Vorwort von Patrick Demouy. Langres:  Éditions Dominique Guéniot 2008

Wolf Jöckel, Der Elysée-Vertrag, Mythos und Symbol wird 50: Ein Anlass zum Feiern. In: Europäische Erziehung, Halbjahreszeitschrift des EBB-AEDE   (Europäischer Bund für Bildung und Wissenschaft) 2012, 2 ; S. 5 – 17   Der Beitrag wurde auch  in diesen Blog aufgenommen:   https://paris-blog.org/2016/04/13/der-elysee-vertrag-mythos-und-symbol-wird-50-ein-anlass-zum-feiern/ 

Maurice Landrieux, La cathédrale de Reims: Un crime allemand. Originalausgabe: Paris  1919.  https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k6350551b/f7.item.r=La%20cathedrale%20de%20Reims  Neue Ausgabe: Paris: Hachette/BNF  2018 (Éd 199).

Ingrid Mössinger und/et Anja Richter (Hrsg),  Imi Knoebel, Fenster für die Kathedrale von Reims/Vitraux pour la Cathédrale de Reims.  Köln: Wienand-Verlag 2013

Willibald Sauerländer, Reims. Die Königin der Kathedralen. Himmelsstadt und Erinnerungsort. Berlin/München: Deutscher Kunstverlag  2013  (Festvortrag zur 800-Jahrfeier der Kathedrale von Reims)

Willibald Sauerländer, Reims, La reine des cathédrales.  Cité céleste et lieu de mémoire.  Paris 2019 https://books.openedition.org/editionsmsh/11195  (Erweiterte Ausgabe des Festvortrags zur 800-Jahrfeier der Kathedrale)


Anmerkungen

[1] Schenkhuhn, S. 21 und Anja Richter, Chronologie zur Geschichte der Kathedrale von Notre-Dame von Reims. In: Knoebel, S. 130

[2] Sauerländer, S. 12

[3] Schenkluhn, in: Imi Knoebel a.a.O., S. 16

[4] Siehe:  https://paris-blog.org/?s=Notre+Dame+Geschichte  Die französischen Revolutionäre, die den Königen der Pariser Galerie die Köpfe abschlugen, hielten diese für Abbildungen französischer Herrscher.

[5] Ulrike Brummert, Die Kathedrale Notre-Dame von Reims. Gedächtnisort europäischer Visionen. In: Imi Knoebel, S. 138

[6] Sauerländer 64/65

[7] https://www.reims-tourism.com/statue-de-jeanne-d-arc/reims/pcucha051v508y4p

[8] Dieter Kimpel/Robert Suckale, Die gotische Architektur in Frankreich 1130-1270. Hirmer 1985  Die Bezeichnung  französisches Parthenon findet sich zum  Beispiel bei Etienne Moreau-Nélaton, La Cathédrale de Reims (Mai-juin 1915): https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k9784101q/f12.item.r=La%20cathedrale%20de%20Reims  Siehe auchCangioli, S. 14: Völlig zu Recht werde die Kirche „Königin der französischen Kathedralen“ und „Parthenon Frankreichs“ genannt.

[9] Siehe Cangioli, S. 48

[10]  Anja Richter, Chronologie zur Geschichte der Kathedrale Notre-Dame von Reims. In: Imi Knoebel, S. 130 und Schenkluhn, a.a.O., S. 16

(11) Sauerländer, S.  60;   Bild:  Le Magnifique portail de l’église cathédrale Notre-Dame de Reims. Entrée de Louis XV Roy de France et de Navarre dans la Ville de Reims, pour y être sacré, le 22 octobre 1722.  Reims, bibliothèque municipale, cote BM, FIC, X II B26    In: Willibald Sauerländer, Reims, La reine des cathédrales.  Cité céleste et lieu de mémoire.  Paris 2019 https://books.openedition.org/editionsmsh/11195

[12] https://de.wikipedia.org/wiki/Monument_historique

[13] Siehe: https://www.luc.edu/medieval/labyrinths/reims.shtml  und Louis Paris, Le Jubé et le Labyrinthe dans la cathédrale de Reims (Éd.1885)  Paris: Hachette/BNF.   Auch unter: https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k380450g.r=La%20cathedrale%20de%20Reims%20le%20labyrinthe?rk=171674;4  Abgebildet waren auf dem Labyrinth die vier Baumeister der Kathedrale, Jean d’Orbais, Jean de Loup, Bernard de Soissons und Robert de Coucy.  Was die Person in der Mitte angeht, gibt es unterschiedliche Theorien:  Nach Cangioli (S. 18) handelt es sich um Robert de Coucy, der die Westfront vollendete,  http://catreims.free.fr/art012.html  vermutet, dass es eine Abbildung von  Aubry de Humbert  war,  dem Reimser Erzbischof, der nach dem Brand der alten Kirche den Bau der Kathedrale auf den Weg brachte.

[14] Siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2016/04/08/das-labyrinth-von-chartres/  

[15] Adrien Sénéchal, Notre Dame de Reims, 19. September 1914. Wiedergegeben bei Gaehtgens, Bild 34a, S. 104

[16] Siehe dazu die zeitgenössische Reportage von Albert Londres, anlässlich des Brandes von Notre-Dame de Paris 2019 wieder abgedruckt auf der Website von l’Union. Im Begleittext von Hervé Chabaud wird ausdrücklich eine Verbindung zwischen beiden Katastrophen hergestellt. https://www.lunion.fr/id58407/article/2019-04-16/quand-albert-londres-racontait-lincendie-de-la-cathedrale-de-reims  Siehe auch: Albert Londres,  Was sind neun Tage Schlacht? Frontdepeschen 1914. Zürich:  Diaphanes Verlag 2014

[17] Aus: Maurice Landrieux, La cathedrale de Reims: Un crime allemand. Abgedruckt bei Gaethgens, Farbtafel 16   Bild aus: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Plan_du_bombardement_de_Reims_Premi%C3%A8re_Guerre_mondiale.JPG

[18]  Ulrike Brummert.  In:  Imi Knoebel, S. 139 Bild der zerstörten Stadt aus: https://www.larousse.fr/encyclopedie/images/Bombardement_de_Reims_durant_la_Premi%c3%a8re_Guerre_mondiale/1313354

[19] Thomas W. Gaehtgens,  Die brennende Kathedrale. Eine Geschichte aus dem Ersten Weltkrieg.   München: C.H.Beck  2018 . Gaehtgens hat kürzlich auch eine sehr lesenswerte Geschichte von Notre-Dame de Paris veröffentlicht: „Notre-Dame“. Geschichte einer Kathedrale. München: C.H.Beck 2000. Siehe die Rezension von Stefan Trinks in der FAZ vom 30.12.2020

[20] Siehe Gaethgens, S. 85

[21]  Zitiert von Damouy, Le sourire de Reims, S. 1615

Die nachfolgende Karikatur aus John Grand-Carteret. La Kultur et ses hauts faits. Caricatures et images de guerre. Paris 1916. Wiedergegeben in: Le bombardement de la cathédrale de Reims et son traitement médiatique. Herausgegeben von der Mission Centenaire 14/18 Originalunterschrift: Comment ils traitent les cathédrales. Quand un symbole ne leur convient pas, ils le détruisent barbarement. https://www.centenaire.org/fr/espace-scientifique/societe/le-bombardement-de-la-cathedrale-de-reims-et-son-traitement-mediatique  

[22] Gaethgens, Farbtafel 21. Wiedergegeben  bei: https://www.amazon.de/Die-brennende-Kathedrale-Geschichte-Weltkrieg/ (Blick ins Buch) und bei https://www.centenaire.org/fr/espace-scientifique/societe/le-bombardement-de-la-cathedrale-de-reims-et-son-traitement-mediatique  

[23] Text und Unterzeichner bei: https://de.wikipedia.org/wiki/Manifest_der_93  Siehe auch: Gaethgens, S. 87 f  Das Manifest der 93 bezog sich zwar nicht auf den Brand der Kathedrale von Reims, sondern auf die Verantwortung für den Krieg im Allgemeinen und den deutschen Vormarsch durch Belgien, vor allem den Brand der Bibliothek von Löwen im Besonderen, aber zum Zeitpunkt der Veröffentlichung war der Bezug zum Brand der Kathedrale von Reims natürlich geradezu zwingen.

[23a] Wortlaut der Erklärung in deutscher und französischer Sprache und Liste der Unterzeichner: urn:nbn:de:bvb:29-opus4-3499

[24] Gaethgens, S. 75

[25] Bild aus Gaethgens, Farbtafel 35  (wiedergegeben in der Amazon-Vorschau).

[26] Gaethgens, S. 106/107

[27] Gaethgens Tafel 37. Abbildung auch bei: https://de.wikipedia.org/wiki/Manifest_der_93

[28] Gaethgens, S. 93. Zitat von Rodin aus einem Brief an Romain Rolland: S. 157

[29] Horst Bredekamp, Die Wiederkehr des Lichts. In: Imi Knoebel, S. 35

[30] Siehe Sauerländer, S 28/29. Entsprechend auch auf der Schautafel an der Fassade.  Teilweise wird auch für möglich gehalten, es könne sich um eine Abbildung des heiligen Dionysius (Saint Denis) handeln.  Nachfolgendes Bild aus:  https://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%A4chelnder_Engel_von_Reims#/media/Datei:Cath%C3%A9drale_ND_de_Reims_-_fa%C3%A7ade_ouest,_portail_nord_(05).JPG

[31] http://frederic-destremau.weebly.com/lrsquoange-de-la-catheacutedrale-de-reims-ou-le-sourire-retrouveacute.html# 

[32] Demouy, Le sourire de Reims, S. 1617

[33] Bild aus: https://picclick.fr/P1394-LAnge-au-sourire-Cathedrale-de-Reims-Carte-362812113105.html  Die Postkarte ist auch abgebildet bei Gaethgens S. 118 (Abbildung 45). Siehe dazu auch: Gaethgens, S. 115 Nachfolgendes Bild von 1918 aus: http://www.ecribouille.net/une-histoire-dange-au-sourire/ 

[34] Bild aus:  https://www.catawiki.de/l/22158849-frankreich-1930-caisse-d-amortissement-sourire-de-reims-lachelnder-engel-von-reims-yvert-256

[35]  Siehe:  Vom Treffen in Colombey-les-deux-Églises bis zum Elysée-Vertrag (1958-1963): https://www.cvce.eu/de/education/unit-content/-/unit/c3c5e6c5-1241-471d-9e3a-dc6e7202ca16/9ace7108-2cc8-4152-a035-f6a3ab91cdfe

[36] Siehe dazu: https://paris-blog.org/2016/04/13/der-elysee-vertrag-mythos-und-symbol-wird-50-ein-anlass-zum-feiern/ und  https://paris-blog.org/2019/02/13/fake-news-nostalgischer-nationalismus-und-antideutsche-ressentiments-der-deutsch-franzoesische-freundschaftsvertrag-von-aachen-schlaegt-in-frankreich-wellen/ 

[37] Boulanger u.a.,  a.a.O.

[38] Siehe: https://www.revuedesdeuxmondes.fr/8-juillet-1962-adenauer-et-de-gaulle-a-reims

[39] Bei Boulanger u.a. wird  ausführlich dargestellt, dass es erhebliche Widerstände gegen den Besuch Adenauers in Reims gab. Vor allem auf Seiten der Kommunisten, aber auch ehemaliger Mitglieder des Widerstands.

[40] Siehe zu Adenauer: https://www.konrad-adenauer.de/quellen/reden/1962-07-08-rede-reims  Zu de Gaulle: Boulanger u.a., a.a.O.

[41] Ulrike Brummert. In: Imi Knoebel, S. 142/143  Gaethgens hat dieses Bild Steiners auch in sein Buch (Kapitel VII: Erinnerungsort der deutsch-französischen Freundschaft aufgenommen (Abbildung 81, S. 274):  Allerdings im Querformat, sodass die Pfeiler zur Hälfte abgeschnitten sind, was die Qualität und Aussagekraft des Bildes erheblich beeinträchtigt.

[42] https://archiv.bundesregierung.de/archiv-de/50-jahrestag-der-deutsch-franzoesischen-aussoehnung-430562!mediathek 

[43] Ulrike Brummert verweist auf die Bedeutung der erhobenen Hände Merkels und Hollandes mit den offenen Handflächen: „Die weißen Handflächen, Wohlgesinntheit demonstrierend, lassen in der Frankophonie die Redewendung montrer patte blanche (die weiße Pfote zeigen) aufscheinen, was sich ausweisen, vertrauenserweckend sein oder freundschaftlicher Absicht sein bedeuten kann.  Der metaphorische Ausdruck geht auf die Fabel ‚Der Wolf, die Ziege und das Zicklein‘ von Jean de la Fontaine zurück.“  Ulrike Brummert, In: Imi Knoebel,  S. 146 und 148

[44] Bredekamp, S. 36

[45] https://www.goethe.de/de/kul/ges/20463725.html

[46]  Foto:  IVO FABER/KUNSTSTIFTUNG NRW/DPA   Aus:Tagesspiegel vom  9.5.2015  https://www.tagesspiegel.de/kultur/imi-knoebels-glasfenster-in-reims-zeichen-der-versoehnung/

[47] Gaethgens, S. 281

[48] Bredekamp, Die Wiederkehr der Farben. In: Imi Knoebel, S. 36 und 37

[49] Stefan Trinks, Ohne Aussage, mit Licht. In Abgrenzung zu den Überzeugungen seines Lehrers und Übervaters Beuys: Zum achtzigsten Geburtstag des Malers Imi Knoebel. FAZ 30.12.2020,  S. 12

[50] Bredekamp, S. 38

Weitere geplante Beiträge:

  • Reims, der Champagner und die Deutschen: „Die ungekrönte Königin von Reims“. Ein Gastbeitrag von Pierre Sommet
  • Die Bäderstadt Vichy: Der Schatten „Vichys“ über der „Königin der Kurbäder“
  • Pierre Soulages in Rodez und Conques

Gravelotte bei Metz: Ein einzigartiger Erinnerungsort des deutsch-französischen Kriegs 1870/1871

Dies ist der erste Beitrag des Jahres 2021 auf diesem Blog. Allen Leserinnen und Leserinnen wünsche ich ein gutes neues Jahr. Vor allem natürlich, dass der Covid 19-Albtraum bald zu Ende sein wird und man dann auch wieder unbeschwert nach Frankreich reisen kann. Vive la France! Vive l’amitié franco- allemande en 2021!

Die große Bedeutung der französischen Kultur für die Gastronomie |  Hotelier.de

An der Autoroute de l’Est zwischen Paris und Saarbrücken steht in der Nähe von Metz eines der an Autobahnen üblichen touristischen  Hinweisschilder. Es verweist auf das Museum von Gravelotte. Wir sind oft daran vorbeigefahren, ohne uns dafür zu interessieren: schon wieder geht es um eine Schlacht, sicherlich zwischen Franzosen und Deutschen… muss man sich das antun?

Und der Name Gravelotte, ich muss es selbst als Historiker gestehen, sagte uns nichts. Anders einer französischen Freundin, der gegenüber ich den Namen erwähnte: Ah, ça pleut comme à Gravelotte zitierte sie gleich eine französische Redewendung und erklärte sie mir: Es regnet so stark, wie es im deutsch-französischen Krieg 1870 Kugeln in Gravelotte hagelte. Das Mündungsfeuer beider Seiten ist ja dementsprechend auf dem Autobahnschild deutlich zu sehen. Dass diese  Redewendung durchaus noch heute, so viele Jahre nach diesem Krieg,  verwendet wird, zeigt ein Artikel in Le Monde vom 11. August 2020: Er ist Teil einer Serie über die Renaissance von Notre Dame de Paris. Da ist auch die Rede von den immensen Spenden, die –angeführt von den Milliardären Bernard Arnault und François Pinault- unter dem Eindruck des schrecklichen Brandes für den Wiederaufbau von Notre Dame zugesagt wurden. Im Bericht von Le Monde heißt das: „l’argent se met à tomber comme à Gravelotte“.[1]

Also war es dann doch einmal an der Zeit für einen Abstecher nach Gravelotte. Und wir haben den Umweg nicht bereut. Denn Gravelotte ist ein ganz außergewöhnlicher Erinnerungsort:

Es gibt dort nämlich

  • einen gemeinsamen und ganz besonderen deutsch-französischen Soldatenfriedhof
  • eine Erinnerungshalle an die Schlacht, die 1905 von Kaiser Wilhelm II. höchstpersönlich eingeweiht wurde
  • und seit 2014 das sehr sehenswerte Museum zur Schlacht und zu dem von Deutschland im Frieden von Frankfurt annektierten Elsaß-Lothringen.

Dass Gravelotte ein so ausgeprägter Erinnerungsort ist, hat zwei Gründe:

Es war die größte und wohl auch entscheidende Schlacht dieses Krieges. Friedrich Engels bezeichnete sie sogar in seinen englischen Presseberichten als „die Endkatastrophe“.[2]

Bei Gravelotte/St Privat/Mars-la-Tour/Rezonville  westlich von Metz  standen vom 14. bis zum 18. August 1870 preußische, sächsische und hessische Truppen der französischen Rheinarmee des Marschalls  Bazaine gegenüber.[3]  Die war zu Beginn des Krieges zunächst ihrem Namen entsprechend in die Offensive gegangen und hatte kurzzeitig Saarbrücken erobert. Nach der Niederlage bei Spichern zog sie sich in den Bereich der Festung Metz zurück. Allerdings lief sie  Gefahr,  von den schon weiter westlich stehenden deutschen Truppen  eingeschlossen und auf Metz zurückgeworfen zu werden.  Der Frontalangriff auf die deutschen Truppen wurde aber abgewehrt.  Im Gegenstoß gelang zwar nicht die  vom Chef des preußischen Generalstabs von Moltke geplante Einkesselung  und Vernichtung der Rheinarmee, aber die von der Schlacht erschöpften und vom Nachschub abgeschnittenen französischen Truppen zogen sich in die Festung Metz zurück, wo sie eingeschlossen wurden und schließlich kapitulierten. Damit war etwa die Hälfte der französischen Armee matt gesetzt, und für den weiteren Verlauf des Feldzugs waren die deutschen Truppen den restlichen französischen Einheiten zahlenmäßig eindeutig überlegen.[4]

Vor allem aber beruht die Bedeutung Gravelottes als Erinnerungsort auf der großen Zahl von Opfern, die diese Schlacht gefordert hat. Theodor Fontane, der die deutsche Armee als Kriegsberichterstatter begleitete,  schrieb in seinem Schlachtenbericht:  

„Unser Gesamtverlust belief sich auf 904 Offiziere und 19,058 Mann, davon todt 310 Offiziere und 3905 Mann. Seit Leipzig war keine Schlacht geschlagen worden, die größere Opfer gekostet hätte.“

Der französische Lokalhistoriker Stéphane Przybylski bezeichnet die Schlacht sogar als die mörderischste des 19. Jahrhunderts. [5]

Dass gerade die Verluste unter den Offizieren besonders hoch waren, illustriert Fontane an einem Beispiel:

„Das 1. Bataillon (des)  2. Garde-Regiments wurde durch den Junker v.Krosigk und den Feldwebel Krupinski, der schon durch den Schenkel geschossen war, zum letzten Sturme geführt“.[6]  

Es ist die „enorm gesteigerte Feuerkraft neuer Waffen“, die zu solchen Opferzahlen führte. „Das Chassepot-Gewehr mit seiner größeren Reichweite, aber auch die Mitrailleusen (ein früher Vorläufer des Maschinengewehrs W.J.) wüteten furchtbar unter den angreifenden Kolonnen.“

Noch einmal Theodor Fontane, der aus einem Regimentsbericht zitiert:

In Garben sanken sie dahin, die großen schönen Gardeleute …. Oben auf der Höhe von St. Privat aber standen die französischen Offiziere (…) und folgten kopfschüttelnd, in Tränen und in Bewunderung dem großartigen Schauspiele.[7]  

Der Soldatenfriedhof

Im Frieden von Frankfurt gehörte Gravelotte zu den Gebieten Lothringens (Moselle), die zusammen mit dem Elsass vom Deutschen Reich annektiert wurden. Das war zunächst nicht so vorgesehen. Aber Kaiser Wilhelm I. verlangte, dass der Ort, an dem er seine Garde verloren habe, zum Deutschen Reich gehören müsse. Und er war dafür sogar bereit, das ursprünglich ebenfalls zur Annexion vorgesehene -und strategisch wesentlich bedeutendere- Belfort den Franzosen zu überlassen. [8] Das ehemalige Schlachtfeld wurde nun in eine „denkmalüberragte Begräbnißstätte“ umgestaltet, wie Fontane 1873 in seinem Kriegsbericht schreibt: 

„Die Pietät de Kameraden, die Liebe der Angehörigen haben das Dreieck Gravelotte, Mars la Tour, St. Privat zu einem Friedhof umgeschaffen. Hundertfach ragen die Monumente empor; fast kein Truppenteil , (…) der nicht seinen Gefallenen einen Stein errichtet hätte. Wer jetzt an einem Sommertage die Gravelotter Schlucht von Osten her passiert…,  der sieht, soweit sein Auge reicht, die Fruchtfelder von Obelisken und Marmorkreuzen überschimmert.“[9]

„Überall im Umkreis entstanden Gräberfelder, Denkmäler und Alleen, an deren Verschönerung man fortwährend arbeitete. Fast jeder einzelne Truppenteil hatte seinen Platz oder bekam ihn im Laufe der Zeit. Wo zunächst eine schlichte Grabkultur mit Holzkreuzen und Kränzen gepflegt wurde  (…), erhob sich nach Kriegsende ein politischer Totenkult, der die Gefallenen zu nationalen Heroen stilisierte. Steinerne Monumente ersetzten die ursprünglich einfacheren Formen und standen zugleich für den Übergang von einer historisch konkreten zur mythischen Erinnerung. Alljährlich fanden nun Gedenkfeiern statt, und die Stadtführer empfahlen Wanderungen über die Schlachtfelder . Der zum Grenzraum gewordene Platz geriet zur Pilgerstatt für Schlachtenbummler und Nationalisten, zum Instrument einer gezielt um Identitätsbildung bemühten Kulturpolitik.“[10]

Als das „Reichsland Elsass-Lothringen“ im Versailler Vertrag dann wieder französisch wurde, war ein solches weiträumiges „Todtenfeld“ (Fontane)  zur Ehrung der deutschen Truppen natürlich nicht mehr opportun.

Manche der verstreuten Grabmäler  wurden zerstört, andere der Natur überlassen, einige aber auch in dem schon während der Kampfhandlungen angelegten Soldatenfriedhof von Gravelotte neu aufgestellt, in dem insgesamt 3000 deutsche und französische Soldaten bestattet sind. [11]

In dem Friedhof gibt es vor allem Grabmale für deutsche Offiziere.  Im Gegensatz zu den unübersehbaren Reihen gleichförmiger Kreuze, wie man sie von vielen Soldatenfriedhöfen aus der Zeit des Ersten und Zweiten Weltkriegs kennt, sind sie ausgesprochen individuell und aufwändig gestaltet.[12]

Hier das Grabmal für Karl Ludwig Wichmann, Hauptmann vom sächsischen Infanterieregiment No 107 und nachfolgend das von Carl Strube, ebenfalls aus Sachsen.

Bemerkenswert sind dieses und das nachfolgende Grabmal  auch deshalb, weil die hier betrauerten Offiziere in der Schacht von Gravelotte verwundet wurden und kurz danach starben. Das wirft ein Licht auf die Versorgung von Verwundeten, die damals ausgesprochen dürftig war. „Bei Gravelotte kamen auf einen Arzt durchschnittlich 780 Verletzte“, wie Mathias Steinbach in seinem eindrucksvollen Metz-Buch schreibt. Aber selbst wenn ein Arzt zu Hilfe kam: Selbst Leichtverletzte liefen immer Gefahr,  an Wundbrand oder Blutvergiftung – Komplikationen, gegen die es damals noch keine Mittel gab – zu sterben. Und die medizinische Ausstattung war nach einem fachkundigen zeitgenössischen Urteil „vorsintflutlich.[13]

Neben den deutschen Offiziersgräbern gibt es auch gemeinsame Massengräber für deutsche und französische Soldaten[14]:

Werden auf den französischen Aufschriften natürlich die französischen Soldaten zuerst genannt, sind es bei den Denkmalen/Grabsteinen aus der deutschen Zeit Gravelottes die deutschen, die an erster Stelle stehen.

Die Aufschrift dieses gemeinsamen deutsch-französischen Grabmals lässt doch eine gleichberechtigte Wertschätzung für die deutschen und französischen Krieger erkennen, die bei Gravelotte ihr Leben gelassen haben. Diese Wertschätzung war damals durchaus verbreitet und hatte auch den offiziellen Segen. Fontane, der ja alles andere als ein Franzosenhasser war,  zitiert in seinem Kriegsbericht  aus einem Brief des preußischen Königs an seine Frau am Tag nach der Schlacht:

‚Unsere Regimenter thaten Wunder der Tapferkeit gegen einen gleich braven Feind, der jeden Schritt vertheidigte und Offensivstöße unternahm.‘

Fontane unterstreicht das: „Die Worte eines Königs, der auch seinem Feinde Gerechtigkeit widerfahren lässt. Die französische Armee, was nicht oft genug gesagt werden kann, war glänzend. Nie hatte das Kaiserreich, weder das erste noch das zweite, etwas Besseres ins Feld gestellt. Der Feind unterlag einer Macht, die ihm an Zahl, an Rechtsbewußtsein, allerdings auch an Führung überlegen war. Die Armeen selbst waren ebenbürtig.“[15]

Die Gedenkhalle

1895 wurde auf dem Gelände ein 35 Meter hoher  Aussichts- und Gedenkturm mit Blick über das Schlachtfeld errichtet, dem eine symbolische Funktion des Wachens im Grenzbezirk zugeschrieben  wurde. [16]

Kaum 6 Jahre später wurde er allerdings wieder abgerissen, weil er der Artillerie der nunmehr deutschen Festung Metz im Wege stand.

Stattdessen wurde eine Gedenkhalle im damals beim Kaiser beliebten neoromanischen Stil errichtet, die an die Architektur eines Kreuzgangs und eines Campo Santo erinnert: Ein nach außen geschlossener, nach innen durch Arkaden offener viereckiger Umgang. Am 11. Mai 1905 weihte Kaiser Wilhelm II. höchstpersönlich die Anlage ein. Sie ist das wichtigste Denkmal des deutsch-französischen Krieges.[17]

Inschrift am Eingang:
Am 11. Mai 1905 wurde von Kaiser Wilhelm II, dem Stifter der Engelsfigur,
diese Gedenkhalle feierlich eingeweiht

Die wilhelminische Engelsfigur gibt es heute allerdings nicht mehr. Sie wurde nach 1918 durch eine Christus-Figur ersetzt.

Auf den  Wänden der Halle sind Plaketten befestigt, auf denen die deutschen  Einheiten, die an der Schlacht teilgenommen haben mit der Zahl ihrer Toten und Verwundeten angegeben sind.[18]  

Und es gibt auch eine  neuere Plakette, auf der die französischen Soldaten geehrt werden, die sich bis zum Tod für das Vaterland aufgeopfert haben.

Das Museum

Das Museum des deutsch- französischen Krieges 1870/1871 und der Annexionszeit wurde von dem Pariser Architekten Bruno Mader entworfen und  2014 eröffnet.  Der Stahl als hauptsächliches Baumaterial ist bewusst gewählt:  Es ist das Metall, aus dem auch die in der Schlacht verwendeten Säbel, Geschosse, Gewehre und Kanonen hergestellt wurden. Und die Patina entspricht der Zeit, die seitdem vergangen ist.[19]

Der große Baukörper bezieht sich auf die landwirtschaftlichen Hallen, die in dieser Gegend anzutreffen sind. Aber er ist stellenweise gewissermaßen wie mit Säbelhieben aufgerissen – auch dies eine Assoziation an die Schlacht: Also eine „sprechende Architektur, wie man sie –in noch gesteigerter Form- von Daniel Libeskind kennt. [20]

Das Museum entspricht natürlich den Erwartungen, die man üblicher Weise man an ein Kriegsmuseum stellt[21]: Es werden Uniformen und  Ausrüstungen –wie die hier abgebildeten Helme, darunter natürlich die unvermeidliche preußische  Pickelhaube gezeigt….

…. und natürlich auch Waffen, wie diese Kanone mit dem Wappen Napoleons III.

Das Besondere ist allerdings die konsequente deutsch-französische Perspektive. Für die dementsprechende ausgewogene Darstellung  bürgt allein schon der hochkarätig besetzte internationale wissenschaftliche Beirat mit französischer, deutscher und englischer Beteiligung.[22]  Bezeichnend ist in dieser Hinsicht allein schon die Bezeichnung des Museums: Für die Zeit von 1871 bis 1918 wird nämlich der historisch korrekte Begriff annexion verwendet wird und nicht, wie vielfach auch üblich, der politisch-programmatische Begriff occupation. [21a] Der deutsch-französischen Perspektive entspricht auch die sprachliche Gestaltung der Informationstafeln:  Handelt es sich um den Krieg und seine Vorgeschichte, steht am Anfang der französische Text, gefolgt von der deutschen Version (und einer englischen Kurzfassung). Sobald es allerdings um die Zeit zwischen 1871 und 1918 geht, als das Elsass und das Département  Moselle als Reichsland Elsaß-Lothringen Teil des Deutschen Reiches waren, ist das umgekehrt: zunächst der deutsche, dann der französische Text. Und inhaltlich ausgewogen ist sowohl die Darstellung der Vorgeschichte, wo das Interesse beider Seiten an dem Krieg herausgestellt wird, als auch die der „Annexionszeit“: Da werden auch soziale Fortschritte wie die Einführung des Bismarckschen Versicherungssystems angesprochen, auf die die Bewohner des Reichslands nach 1918 nicht verzichten wollten; genauso wenig wie auf das im Reichskonkordat geregelte Verhältnis zum Vatikan, das bis heute noch eine im zentralisierten laizistischen Frankreich außergewöhnliche regionale Besonderheit darstellt.

Bei der Darstellung des Krieges sorgen besonders  die ausgestellten Gemälde für Anschaulichkeit. Unter der Überschrift Schrecken und Tod ist zum Beispiel das 1897 entstandene Gemälde Carl Röchlings  Schlacht von Gravelotte. Tod des Majors von Hadeln am 18. August 1870 ausgestellt. Hier ein Ausschnitt:

Der schon verletzte Major führt mit der Fahne in der Hand einen Trupp Soldaten des Rheinischen Infanterieregiments Nr.  69 gegen verschanzte Franzosen an. Wenige Augenblicke später wird er durch einen Schuss ins Herz getötet. Die Darstellung entspricht einerseits dem damals üblichen Heldenkult, andererseits wird aber auch in aller Deutlichkeit der Schrecken des Krieges gezeigt. Und –auch wenn es vom Maler wohl nicht beabsichtigt ist- es fällt doch ein Schatten auf den todesmutigen Angriff der preußischen Soldaten: Denn einen so frontalen Ansturm auf verschanzte Franzosen mit ihrer überlegenen Feuerkraft zu unternehmen, war eher selbstmörderisch als heroisch. Das hier angreifende Regiment verlor allein an diesem Tag 300 Mann, darunter zwei Drittel seiner Offiziere. [23]

Auch der französische Maler Georges Jeanniot stellt in seinem Gemälde „Ligne de feu, souvenir du 16 août 1870  die Schrecken de Krieges dar, die er auf dem Schlachtfeld von Gravelotte am eigenen Leib erfahren hatte.

Hatte die Historienmalerei bis dahin die Schlachten eher beschönigt, so hatten sich Rezonville, Mars-la-Tour und Gravelotte mit einem bis dahin unbekannten Ausmaß an  Opfern tief in das kollektive Gedächtnis Frankreichs und Deutschlands eingebrannt, und Maler machten es sich zur Aufgabe, die Brutalität das Kampfes wiederzugeben.

Unter der Überschrift „der allgegenwärtige Tod“ wird in dem Museum zum Beispiel das Gemälde von Auguste Lançon Tote in einer Reihe gezeigt. Hier ein Ausschnitt:

Dazu die beigefügte Erläuterung:  „Lançon hat die Katastrophe von Sedan erlebt und veröffentlicht Skizzen in der Wochenzeitung L’Illustration, für die er als Sonderkorrespondent arbeitet. Eine der Skizzen hat es Théophile Gautier besonders  angetan: ‚Am Boden liegen in einer Reihe sieben Tote in den seltsamen Posen des plötzlichen Todeskampfes. Im Hintergrund sind Gefährte zu sehen, die preußische Artilleristen angespannt und bestiegen haben. Diese Skizze zu überarbeiten und in ihrer rauen Wirklichkeit zu malen, ergäbe ein schönes Gemälde von erschreckender Neuartigkeit.‘ Als das Bild fertiggestellt war, schockierte es durch die realistische Wiedergabe der Toten, und der Staat erwarb es, um es verschwinden zu lassen.“

Für Schlachtenmaler besonders interessant waren natürlich Bilder vom Einsatz der Kavallerie, die auch im Museum ausgestellt sind. Hier zum Beispiel ein Ausschnitt aus Christian Sells Gemälde mit dem Titel: Der Todesritt der Brigade Bredow bei Mars-la-Tour, 16. August 1870.

Hier wird die Gewalt des Kampfgetümmels betont, aber es handelt  sich auch –wie der Titel des Bildes unmissverständlich klar macht-  um einen Abgesang auf die oft verherrlichten und jetzt zusehends überflüssig werdenden Reiter.

Theodor Fontane hat das am Beispiel einer französischen Attacke in der Schlacht von Wörth eindrucksvoll beschrieben:

„Es war ein großartiger Anblick, als die blanken Panzergeschwader zwischen den Waldpartien glänzend hervorbrachen; sie kamen wie ein Gewittersturm; die Erde dröhnte. Als sie bis auf 250 Schritt heran waren, rollten von drei Seiten her die Salven und wie über den Tisch gefächerte Karten sanken die vordersten Glieder Mann an Mann. An anderen Stellen lagen sie wie ein wirrer Knäuel von Mann und Ross. Gestürzte Reiter hier, ledige Pferde dort liefen über das Feld hin. Der Rest sprengte in wilder Flucht zurück. Zwei Regimenter auseinandergefegt wie Spreu.“[24]

Gravelotte war die letzte große Reiterschlacht Europas.[25]

Ein Höhepunkt der bildlichen Darstellungen des Krieges in dem Museum ist das Panorama von Rezonville von Edouard Detaille und Alphonse de Neuville dem Jahr 1883.  Das Medium des Panoramas, eines Rundgemäldes, war damals sehr beliebt, um große Ereignisse oder weiträumige Orte darzustellen und gewissermaßen wie im Film an sich vorbeiziehen zu lassen. Das Panorama von Rezonville war 120 Meter lang und 15 Meter hoch, ist aber nicht vollständig erhalten. In Gravelotte werden insgesamt 9 Ausschnitte präsentiert.[26]    

Als wir im August 2020 dort waren, war das Panorama leider nicht zugänglich, weil auf der gegenüberliegenden Seite des Raums gerade Teile eines weiteren Panoramas, nämlich das  der Schlacht von Champigny bei Paris (1871) restauriert wurden. Dieses Panorama wurde ebenfalls von Edouard Detaille und Alphonse de Neuville gemalt, ist aber auch nicht vollständig erhalten. Immerhin konnte das Museum kürzlich einige Teile aus einer Sammlung des Milliardärs Forbes erwerben, die dann zusammen mit dem Rezonville-Panorama zu sehen sein werden.

Präsentiert wurde das Panorama von Rezonville mit großem Erfolg im Panorama national in einer Seitenstraße der Avenue des Champs-Élysées in Paris. Diese Rotonde, eine von mehreren, die es damals in Paris gab, wurde 1882 eröffnet mit der Ausstellung des Panoramas der Schlacht von Champigny, gefolgt von dem Panorama von Rezonville.[27]

Es ist bemerkenswert, wie es den beiden Malern mit ihren Panoramen gelang, ein großes Publikum anzuziehen, obwohl die beiden Schlachten ja mit Niederlagen der französischen Armee endeten und obwohl den Besuchern mit großem Realismus die Grausamkeit des Krieges keineswegs erspart wird.[28]

Aber wir befinden uns in einer Zeit, in der in Frankreich der „Schmerz der Niederlage“ kultiviert wird, in der patriotische Skulpturen wie der Löwe von Belfort oder La Défense, die dem heutigen Hochhausviertel von Paris ihren Namen gegeben hat, entstanden,  und in der von Männern wie Paul Déroulède oder Maurice Barrès  der Geist der Revanche beschworen wurde. Dazu passte die „der Ehre des unglücklichen Muts“  französischer Soldaten gewidmete Militär-Malerei Alphonse de Neuvilles und Edouard Detailles.[29] Hier wurden nicht mehr triumphierende Generale, sondern „les uniformes simplifiés (…), l’officier et le soldat confondu dans l’égalité de la défaite“ gezeigt, wie es in einem zeitgenössichen Pressebericht heißt. Dem Bild der kriegsgeschundenen Nation, die nun in ihrer gleichmacherischen Zerrüttung egalitär erschien, wurde so ein würdevoll-stolzer Ausdruck verliehen. [29a]

Und dazu passte auch das  in Sèvres bei Paris aufgestellte Denkmal für Léon Gambetta, das  Auguste Bartholdi, der aus dem Elsass stammende Schöpfer des Löwen von Belfort (und der New Yorker Freiheitsstatue) geschaffen hat.[30] Modelle der  Sockelfiguren dieses monumentalen Denkmals sind im Museum zu sehen. Es handelt sich um Frauenfiguren, Allegorien des Elsass und Lothringens, jeweils begleitet von einem Kind,  das die Hoffnung auf die Rückkehr der verlorenen Provinzen verkörpert; getreu der berühmten Devise Gambettas:  „Toujours y penser, jamais en parler. “ („Immer daran denken, nie davon sprechen!

Hier –am Kopfschmuck zu erkennen- die elsässische Mutter mit ihrem Kind.

Zwei Gedichte: Freiligrath und Rimbaud

Wie sehr die blutigen Kämpfe in den Kämpfen um Gravelotte die Menschen in Deutschland und Frankreich bewegt haben, veranschaulichen zwei Gedichte, die in dem Museum vorgestellt werden: Ferdinand Freiligraths Die Trompete von Gravelotte und Arthur Rimbauds Der Schläfer im Tal (Le dormeur du val).

Bei der Trompete, auf die sich Freiligraths Gedicht bezieht, handelt es sich um die Signaltrompete des Halberstädter Kürassiers Binkebank. Sie wurde am 16. August 1870  bei einer Reiterattacke in der Nähe von Gravelotte, bei der fast die Hälfte der 800 Reiter starken Truppe starb oder verwundet wurde, durchschossen. Lange ausgestellt in der „Ruhmeshalle“ der Halberstädter Paulskirche, wurde sie zu einer „Gedächtnisikone“ des deutsch-französischen Krieges. Jetzt ist sie im Museum von Gravelotte ausgestellt, dem sie als Dauerleihgabe übergeben wurde.[31]

Die Trompete von Gravelotte

 Sie haben Tod und Verderben gespien:
 Wir haben es nicht gelitten.
 Zwei Kolonnen Fußvolk, zwei Batterien,
 Wir haben sie niedergeritten.

 Die Säbel geschwungen, die Zäume verhängt,
 Tief die Lanzen und hoch die Fahnen,
 So haben wir sie zusammengesprengt, –
 Kürassiere wir und Ulanen.

Doch ein Blutritt war es, ein Todesritt;
Wohl wichen sie unsern Hieben,
Doch von zwei Regimentern, was ritt und was stritt,
 Unser zweiter Mann ist geblieben.

 Die Brust durchschossen, die Stirn zerklafft,
 So lagen sie bleich auf dem Rasen,
 In der Kraft, in der Jugend dahingerafft, –
 Nun, Trompeter, zum Sammeln geblasen!

 Und er nahm die Trompet‘, und er hauchte hinein;
 Da, – die mutig mit schmetterndem Grimme
 Uns geführt in den herrlichen Kampf hinein,
 Der Trompete versagte die Stimme!

 Nur ein klanglos Wimmern, ein Schrei voll Schmerz,
 Entquoll dem metallenen Munde;
 Eine Kugel hatte durchlöchert ihr Erz, –
 Um die Toten klagte die wunde!

 Um die Tapfern, die Treuen, die Wacht am Rhein,
 Um die Brüder, die heut gefallen, –
 Um sie alle, es ging uns durch Mark und Bein,
 Erhub sie gebrochenes Lallen.

 Und nun kam die Nacht, und wir ritten hindann,
 Rundum die Wachtfeuer lohten;
 Die Rosse schnoben, der Regen rann –
 Und wir dachten der Toten, der Toten!

Es ist ein sehr martialisches Gedicht, das zwar die Opfer des „Todesritts“ beklagt, aber gleichwohl den herrlichen Kampf  der Tapfern und Treuen rühmt. Kein Wunder, dass das Gedicht fester Bestandteil der patriotischen Literatur des Kaiserreichs und von Schulbüchern wurde.

Dabei war Freiligrath alles andere als ein blindwütiger Franzosenhasser und wilhelminischer Hurra-Schreier; ganz im Gegenteil! Freiligrath gehörte zu den Wegbereitern der 48-er Revolution. 1846 veröffentlichte er revolutionäre Kampflieder in einer Sammlung mit dem bezeichnenden Titel Ça ira“  und wurde wegen seines politischen Engagements ins Exil getrieben.

Freiligrath ist aber, wie die ZEIT einmal schrieb,  nicht der einzige alte Achtundvierziger, der den Kriegsbeginn feiert.“ Viele Revolutionäre von damals hofften, dass nun endlich ihre alten patriotischen Forderungen nach Einheit, Recht und Freiheit erfüllt würden. Die Einheit wurde zwar erreicht, aber ganz anders, als er und seine Mitstreiter es sich vorgestellt hatten. So blieb ihm der nach 1871 einsetzende Einheitsrausch fremd. „Es falle ihm nicht ein, das Reich für das Höchste zu halten. Ernüchtert über die autoritäre Atmosphäre im neuen Deutschland, findet Freiligrath zu seinem Weltbürgertum zurück und zitiert mehr als einmal Heinrich Heine: Bedenk ich die Sache ganz genau, so brauchen wir gar keinen Kaiser.“  Und nach Kriegsende fordert er, die Menschlichkeit über den Patriotismus zu stellen, und er wirbt vehement für die Versöhnung mit dem französischen Volk.[32]

Wenn man all dies im Auge hat, wird man Freiligraths Gedicht über die Trompete von Gravelotte vielleicht mit etwas Nachsicht lesen.

Rimbauds Gedicht über den Schläfer im Tal bedarf solcher Nachsicht nicht. Es ist ein Meisterwerk, von dem gerade 16-jährigen Rimbaud unter dem Eindruck des deutsch-französischen Krieges geschrieben.  Hier die im Museum von Gravelotte präsentierte Nachdichtung Stefan Georges.

Rimbaud schildert in klassischer Sonett-Form eine als Paradies beschriebene Natur und darin einen schlafenden jungen Soldaten – erst in der letzten Zeile wird die erschreckende Wahrheit klar: Der Soldat ist tot, erschossen. Und wohl erst beim zweiten Lesen erkennt man die schon vorher vorhandenen Signale des Todes. Das ist nach dem Urteil Wolf Biermanns  „das Schlimme, das Schöne und Geniale an diesem Gedicht“.[33]

Ich möchte damit den Beitrag über Gravelotte  beenden: Es ist, das wurde hoffentlich deutlich, ein Ort, der –um eine Michelin’sche Kategorie zu verwenden-  in vielfacher Hinsicht einen Umweg lohnt! Es ist ein ganz außergewöhnlicher Erinnerungsort an den deutsch-französischen Krieg, der leider nicht der letzte zwischen den beiden Völkern bleiben sollte. Es ist ein Ort, an dem das hohe Gut der nach so viel Leid endlich gewonnenen Freundschaft zwischen Franzosen und Deutschen erfahrbar wird, die sich hier vor 150 Jahren so erbittert bekämpft haben.

Anmerkungen

[1] L’architecte, la cathédrale et son coq. Notre-Dame, La Renaissance. 1/5  Le Monde11. August 2020, S.16/17

[2] Friedrich Engels, Über den Krieg. Artikel aus The Pall Mall Gazette vom 20. August 1870

[3] Matthias Steinbach, Militärgeschichtiche Zeitschrift 1996. Karte aus: https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Battle_of_Gravelotte?uselang=de#/media/File:Karte_der_Schlacht_bei_Gravelotte.jpg

[4] Siehe: Michael Epkenhans,  Der Deutsch-Französische Krieg 1870/1871. Stuttgart: Reclam 2020, S. 64

Die nachfolgende Abbildung stammt von der Informationstafel des Friedhofs von Gravelotte

DerTagesbefehl Bazaines  (Ordre général. À l’armée du Rhin)  mit der Kapitulation der Rheinarmee: https://fr.wikisource.org/wiki/Ordre_g%C3%A9n%C3%A9ral._%C3%80_l%27arm%C3%A9e_du_Rhin

[5] C’est la bataille la plus meurtrière du XIXe siècle. https://www.la-croix.com/Culture/Actualite/ca-tombe-comme-a-Gravelotte-2013-08-27-1002880

[6]  Theodor Fontane, Der Krieg gegen Frankreich 1870/11871. Band 1 der Gesamtausgabe in drei Bänden: Der Krieg gegen das Kaiserreich. Bad Langensalza 2004. Nachdruck der Ausgabe von 1873. (Berlin: Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei). Gewidmet Seiner Majestät dem Kaiser Wilhelm. S.328

Zu Fontane als Kriegsberichterstatter und seiner Gefangenschaft in Frankreich: Gabriele Radecke/Robert Rauh: Fontanes Kriegsgefangenschaft. Berlin: Be.bra Verlag 2020.

[7] Epkenhans, S. 69/70

[8] https://institut-iliade.com/ca-tombe-comme-a-gravelotte/ 

[9] Fontane a.a.O., Abschnitt: Das Todtenfeld vom 16. und 18. August, S. 358f

[10] Mathias Steinbach,  Abgrund Metz. Kriegserfahrung, Belagerungsalltag  und nationale Erziehung im Schatten einer Festung 1870/1871. Pariser Historische Studien herausgegeben vom Deutschen Historischen Institut Paris, Band 56. 2002, S. 54/55  Digitale Version: https://perspectivia.net//servlets/MCRFileNodeServlet/ploneimport_derivate_00010969/steinbach_metz.pdf

[11] Die Zerstörung von Denkmälern gibt es immer noch. Aber heutzutage geht es um das verwendete Metall, das  von Dieben heimlich erbeutet und zu Geld gemacht wird.  http://blogerslorrainsengages.unblog.fr/2015/04/22/pillage-de-monuments-de-la-guerre-de-1870-a-amanvillers-et-a-saint-ail/ 

[12] Eine fotografische Zusammenstellung der Grabmale gibt es auf: https://www.geneanet.org/connexion/?from=view_limit_redirect&url=https%3A//www.geneanet.org/cimetieres/view/8700232

[13] Mathias Steinbach,  Abgrund Metz. Abschnitt: Verwundete, Totengräber und Totenkult, S. 45ff Digitale Version: https://perspectivia.net//servlets/MCRFileNodeServlet/ploneimport_derivate_00010969/steinbach_metz.pdf

[14] Bild des ossuaire-Kreuzes: https://institut-iliade.com/ca-tombe-comme-a-gravelotte/ 

[15] Fontane, a.a.O., S. 340. Vorher nimmt er sogar den vollständigen Brief Wilhelms in seinen Kriegsbericht auf.  

Auch Friedrich Engels würdigt in seinem Pressebericht vom 20. August ähnlich wie Fontane  die französischen Truppen:  Dass sie (die französischen Truppen W.J.) nach viertägigem, fast ununterbrochenen Kampf unter den entmutigendsten Bedingungen, die es nur geben kann, am fünften Tag dem Angriff eines weitaus überlegenen Gegners neun Stunden lang Widerstand leisteten, stellt ihrem Mut und ihrer Entschlossenheit das denkbar beste Zeugnis aus. Niemals, selbst nicht in ihren glorreichsten Feldzügen, hat die französischen Armee mehr wahren Ruhm gewonnen als in ihrem unglücklichen Rückzug von Metz.“  http://www.mlwerke.de/me/me17/me17_056.htm

[16] Bild aus: https://oldthing.de/Gravelotte-Moselle-Aussichtsturm-Gravelotte-Arrond-de-Metz-Campagne-0024137265 s. auch Mathias Steinbach, Abgrund Metz, S. 55

[17] https://www.museumspass.com/de/museen/musee-departemental-de-la-guerre-de-1870-et-de-lannexion

Bilder aus:  http://www.denkmalprojekt.org/2019/gravelotte_gedenkhalle-70-71.html

[18] Alle Inschriften sind zusammengestellt in:  http://www.denkmalprojekt.org/2019/gravelotte_gedenkhalle-70-71.html

[19] http://www.brunomader.fr/projets_gravelotte_data.htm Dort auch die beiden Bilder des Museums

[20] https://www.lemoniteur.fr/photo/musee-de-la-guerre-de-1870-et-de-l-annexion-a-gravelotte-moselle-par-l-architecte-bruno-mader.1418094/l-evocation-de-la-guerre.1

[21] Ausstellungskatalog: Conseil Départemental de la Moselle (Hrsg.): Museum des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 und der Annexionszeit, Gravelotte. Ars-sur-Moselle 01.01.2014. ISBN: 978-2-35475-093-0 

Neben dem Ausstellungskatalog siehe (in deutscher Sprache) den Überblick bei  https://hv-lebach.de/Dokumente/Kriege/Gravelotte_Museum_Generalrat-Moselle.pdf und die Rezension von Jens Späth in Clio-Online: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/index.asp?id=235&view=pdf&pn=rezensionen&type=rezausstellungen   bzw. https://www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-235

[21a] So zum Beispiel Robert Fery in einer Konferenz über die Fenster Chagalls in der Kathedrale von Metz vom 18. Juni 2013: https://www.youtube.com/watch?v=sEYDDgkLbBQ&feature=share&fbclid=IwAR1hUGdLb-ws1pqdJ6weQgxC2Upd_vYWIVzcQNEKAMbHhdrTlWsM_fAg_uw&ab_channel=SebastienCastellion

[22] https://centenaire.org/sites/default/files/event_file/dossier_de_presentation_gravelotte.pdf  S. 9/10

[23] https://www.dhm.de/lemo/bestand/objekt/gemaeldeausschnitt-schlacht-bei-gravelotte-1897.html

[24] Zit. bei Erpkenhans, Der Deutsch- Französische Krieg 1870-1871, S. 71

[25] https://educart.ca/fr/theme/resilience/#/transport-de-blesses/cartel

[26] https://archeographe.net/node/606 Im August 2019 gab es eine ARTE-Dokumentation zu den Kriegspanoramen – dem Panorama von Rezonville und dem Panorama der Schlacht von Sedan von Anton von Werner, das allerdings im Krieg vollständig zerstört wurde.

[27] Bild aus: https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k130688j.r=Panorama%20de%20Rezonville?rk=64378;0 https://fr.wikipedia.org/wiki/Rue_de_Berri

[28] Dieses Bild von Marc Heilig zeigt einen getöteten französischen Infanteristen und einen von Pferd gestürzten preußischen Ulanen. https://archeographe.net/node/606

[29] https://www.lemonde.fr/centenaire-14-18-decryptages/article/2014/04/08/1914-la-revanche-de-1870-pas-si-simple_4397706_4366930.html

[29a] Siehe: Helke Rausch, Kultfigur und Nation. Öffentliche Denkmäler in Paris, Berlin und London 1848-1914. Pariser Historische Studien, Band 70, herausgegeben vom Deutschen Historischen Institut Paris. München: R.Oldenbourg Verlag 2006, S. 448

[30] Zu Bartholdi siehe auch den Blog-Beitrag über die Freiheitsstatue: https://paris-blog.org/2017/02/23/die-freiheitsstatue-von-new-york-und-ihre-schwestern-in-paris-teil-2-die-vaeter-von-miss-liberty/ 

[31] https://www.volksstimme.de/nachrichten/lokal/halberstadt/1242414_Besonderer-Platz-fuer-alte-Trompete.html

[32] https://www.zeit.de/2010/24/Ferdinand-Freiligrath/seite-5

[33] https://www.zeit.de/1991/06/kriegshetze-friedenshetze/seite-8 und 9

[34] Neben dem Ausstellungskatalog siehe (in deutscher Sprache) den Überblick bei  https://hv-lebach.de/Dokumente/Kriege/Gravelotte_Museum_Generalrat-Moselle.pdf und die Rezension von Jens Späth in Clio-Online: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/index.asp?id=235&view=pdf&pn=rezensionen&type=rezausstellungen   bzw. https://www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-235

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Die Bäderstadt Vichy:  Der Schatten „Vichys“ über der „Königin der Kurbäder“

Pierre Soulages in Rodez und Conques

Reims: Die „Königin der Kathedralen“ als Ort deutsch-französischer Feindschaft, Versöhnung und Freundschaft