Die Marseillaise: Vom Straßburger Kriegslied zur Nationalhymne. Eine Ausstellung im Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in Straßburg

Die Ausstellung „La Marseillaise“ ist eine Koproduktion dreier Museen: Des Musée de la Révolution française in Vizille , des Musée d’histoire de Marseille und des Musée Historique de la Ville de Strasbourg.

Blick von dem MAMCS über die Ponts Couverts und La Petite France auf das Münster

Vom 5. November 2021 bis zum 20. Februar 2022 wird die Ausstellung im Museum für moderne und zeitgenössische Kunst (MAMCS)  in Straßburg gezeigt, danach vom 18. März bis zum 3. Juli 2022 in Marseille.

Ausstellungsplakat am Pont du Corbeau/Rabenbrücke in Straßburg

Auf dem Plakat und auch am Eingang zur Ausstellung im MAMCS ist der Genius des Vaterlandes abgebildet. Es ist das Bild einer wild entschlossenen, kämpferischen Frau mit zum Schrei aufgerissenem Mund, revolutionärer phrygischer Mütze und einem angriffslustigen Hahn als Kopfschmuck: Eine Allegorie des von seinen Feinden bedrohten und siegreichen Vaterlandes. Es handelt sich um die Abbildung einer Gipsreplik, die 1898 von Jean Pouzadoux für die Pariser Cité de l’Architecture hergestellt wurde.

Das der Gipsreplik zugrunde liegende Original ist François Rudes monumentale Skulptur „Auszug der Freiwilligen von 1792“, auch „La Marseillaise“ genannt.[1] Es befindet sich auf der den Champs – Elysées zugewandten Ostseite des Arc de triomphe de l’Étoile in Paris.

Foto: Wolf Jöckel

Dieser von Napoleon projektierte und im Empire begonnene gewaltige Triumphbogen, der größte weltweit, wurde 1836 während der Herrschaft des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe fertiggestellt. Er sollte die Legitimität des Königs manifestieren durch den doppelten Bezug auf das Reich Napoleons und die Französische Revolution. In diesem Kontext ist der hervorgehobene Platz der „Marseillaise“ auf dem Triumphbogen zu erklären.[2]

Gipsmodell des Arc de triomphe de l’Étoile von Georges-Paul Chedanne. (um 1938/1939) Foto: Wolf Jöckel, Ausstellung Marseillaise. Auf dem rechten Pfeiler die „Marseillaise“ Rudes, links der „Triumph Napoleons“.

Entstanden ist die Marseillaise im April 1792. Am 20. April hatte das revolutionäre Frankreich dem „König von Böhmen und Ungarn“, also dem österreichischen Kaiser, den Krieg erklärt. Die Kriegserklärung wurde am 24. April in Straßburg, einer wichtigen Garnisonsstadt, verkündet.  An diesem Tag hatte es zu den Klängen des Ça ira und der Carmagnole einen offiziellen Umzug durch die Stadt gegeben.  Der Straßburger Bürgermeister, der liberale Baron de Dietrich,  und seine Freunde aus der wohlhabenden Bourgeoisie der Stadt, alles revolutionsfreundliche  gemäßigte Patrioten, fanden diese populären Gesänge reichlich vulgär. So erließen sie am 25. April im Namen der „Gesellschaft der Straßburger Verfassungsfreunde“ einen Aufruf in „weit noblerem Ton“ an alle Mitbürger:

„Zu den Waffen, Bürger! Wir haben die Fahne des Krieges entrollt. …. Es gilt zu kämpfen, zu siegen oder zu sterben. … Wie sehr erzittern schon diese gekrönten Despoten … Eilt zum Sieg … Voran, voran! Wir wollen frei bleiben bis zum letzten Atemzug…“

Gleichzeitig beauftragte Dietrich den musikalisch ambitionierten Pionierhauptmann  Rouget de Lisle, wie er ein Gegner der radikalen Straßburger Jacobiner, ein Lied zu komponieren, das den besonderen Umständen der Zeit besser entsprechen sollte als das Ça ira und die Carmagnole . So entstand in der Nacht vom 25. auf den 26. April, als die Losungen der Marseillaise bereits in aller Munde waren, das für die Rheinarmee bestimmte Kriegslied.[3]

Stefan Zweig fasst das  in seinen „Sternstunden der Menschheit in diese Worte:

„Eine Nacht ist es dem Kapitänleutnant Rouget de Lisle gegönnt, Bruder der Unsterblichen zu sein: aus den übernommenen, der Straße, den Journalen abgeborgten Rufen des Anfangs formt sich ihm schöpferisches Wort und steigt empor zu einer Strophe, die in ihrer dichterischen Formulierung so unvergänglich ist wie die Melodie unsterblich.

Amour sacré de la patrie,
Conduis, soutiens nos bras vengeurs,
Liberté, liberté chérie,
Combats avec tes défenseurs.“

Isidore Pils, Rouget de Lisle chantant la Marseillaise pour la première fois. 1849 (Historisches Museum Straßburg)

Dieses 57 Jahre später entstandene Gemälde, das im Mittelpunkt der Ausstellung steht, zeigt  Rouget de Lisle, der im Salon des Bürgermeisters  sein Kriegslied zum ersten Mal vorträgt.  De Lisle ist in die Farben der Tricolore gekleidet und effektvoll vor einem weißen Paravent postiert.

Bürgermeister Dietrich, im Sessel sitzend, hört aufmerksam zu, eine junge Dame -vielleicht Dietrichs Tochter- begleitet am Piano, eine andere wischt sich mit einem Tuch Tränen der Rührung ab. Das entspricht der Darstellung Lamartines aus in seiner „Geschichte der Girondisten“ von 1847, in der er schrieb: „Eines der jungen Mädchen begleitete. Rouget sang. Bei der ersten Strophe erbleichten die Gesichter, bei der zweiten flossen die Tränen.“[4]

Das Bild wurde vielfach kopiert und reproduziert und hat die populäre Vorstellung der Entstehung der Marseillaise nachhaltig geprägt. Die historischen Fakten waren allerdings etwas anders. Denn das Lied wurde zum ersten Mal von Dietrich selbst angestimmt, der sich sofort dafür begeisterte und -zusammen mit seiner Frau-  seine Verbreitung beförderte. Das half ihm allerdings nicht: Zu Zeiten des jacobinischen Terrors wurde er, Anhänger einer konstitutionellen Monarchie,  auf Betreiben Robespierres verhaftet und am 29. Dezember 1793 in Paris guillotiniert.[5]  

Le Génie de la Patrie mit gezücktem Schwert vor Speeren und römischen Feldzeichen à la française

Die sechs Strophen des Liedes sind zuerst ein „Kriegslied, das mit einer Schärfe und Heftigkeit, die manchmal sogar als blutrünstig bezeichnet wurden, den Patriotismus einer Nation im Kampf auszudrücken vermag“. Das wird vor allem im Refrain deutlich:

Aux armes, citoyens,
Formez vos bataillons,
Marchons, marchons !
Qu’un sang impur
Abreuve nos sillons !

Unser Feld! [6]

Bestimmt war das Lied für die in der Pfalz und dem Elsass stationierte Rheinarmee, die damals von Nicolas Luckner kommandiert wurde. Luckner stammte aus Bayern, hatte im 7-jährigen Krieg unter dem Preußenkönig Friedrich II. gedient und war danach in französische Dienste getreten. Als letzter General war er unter dem Ancien Régime in den Rang eines Marschalls erhoben worden, hatte aber die Ideen der Revolution begrüßt.  Ihm widmete de Lisle sein Kriegslied.

Partitur des Chant de Guerre für die Rheinarmee. 1792. Der Name Luckner ist hier falsch geschrieben.

Dass das Kriegslied für die Rheinarmee, also eigentlich eine „Strasbourgeoise“, zur Marseillaise wurde, ist einem Bataillon von Freiwilligen aus Marseille zu verdanken, die im Juli 1792 nach Paris marschierten, um das Vaterland gegen innere und äußere Feinde zu verteidigen.

Jean Julien, Départ du bataillon des Marseillais en 1792. (1923)

Auf allen Stationen ihres Weges nach Norden gehörte das gemeinsame Singen des Liedes von Rouget de Lisle zum Programm der Truppe. In Paris wurden sie am 30. Juli zunächst im revolutionären Faubourg Saint-Antoine empfangen und dann im Triumphzug zum Rathaus begleitet. An den  nachfolgenden Tagen traten Angehörige des Bataillons mehrfach in Paris auf, forderten die Absetzung des Königs und sangen immer wieder als „neue Barden“, wie sie genannt wurden, ihr Marschlied. Auch an dem Sturm auf das Königsschloss der Tuilerien am 10. August, der zur Absetzung und Gefangennahme Ludwigs XVI. führte, waren sie beteiligt.

Jacques Bertaux, La prise des Tuileries, 1793[7]

Der Sturm auf die von Schweizer Garden verteidigten Tuilerien endete in einem von den Klängen der Marseillaise begleiteten blutigen Gemetzel, dem „massacre des gardes suisses“.  Gefangene oder sich ergebende Schweizer wurden brutal ermordet. „Ich habe an diesem Tag gesehen, was Barbaren sind“, wird sich später Napoleon erinnern, der damals Augenzeuge war und daraus die Konsequenz ableitete, den revolutionären Furor gewissermaßen zu bändigen.[8]

Mit dieser zweiten Revolution (Albert Soboul) wurde aus dem Kriegslied der Rheinarmee ein Revolutionslied, die „Hymne der Marseillais“.  Das war jetzt nicht mehr das Lied der gemäßigten Revolutionäre und Vertreter der konstitutionellen Monarchie um Rouget de Lisle und Dietrich, sondern die Hymne der Nation und der kämpferischen Republik.

Diese Hymne wurde auf Vorschlag des Kriegsministers von den Truppen des Generals Kellermann statt des traditionellen „Te Deum“ gesungen, um den Sieg der Revolutionsarmee bei Valmy am 20. September 1792 zu feiern. Und bei der Eroberung Belgiens im November 1792 ersetzte die Marseillaise, wie Michelet später schrieb, den Schnaps- was ihn allerdings nicht daran hinderte, die Marseillaise auch „ein Lied der Brüderlichkeit“ zu nennen, das im Krieg den Geist des Friedens bewahre.[9]  Die Marseillaise war, wie Vovelle schreibt, „der Gesang des tief gestaffelten Massenangriffs von Soldaten, die ihre mangelnde Erfahrung durch Begeisterung ersetzten.“[10]

Auch in der Heimat erfreute sich die Marseillaise größter Verbreitung und Beliebtheit.  Am 4. September 1792 schrieb André Gréty an Rouget de Lisle: „Ihre Verse des Marseillais, Allons, enfants de la patrie werden bei allen Veranstaltungen und in allen Ecken von Paris gesungen. Die Melodie wird von jedermann gut aufgenommen, weil man sie jeden Tag von guten Sängern hört“.[11]

Dominique Doncre, Chanteurs patriotes. 1794  (Musée Carnavalet, Paris)

Und auch im intimen häuslichen Kreis wurden patriotische Lieder -und darunter sicherlich auch die Marseillaise- angestimmt, wie dieses Bild der „patriotischen Sänger“ zeigt. Es wird aus voller Kehle gesungen, die Frau hat ihre Hand aufs Herz gelegt, der Sänger rechts trägt die zum Himmel  weisende Partitur fest umschlossen in seiner Rechten.  

Wie populär die Marseillaise damals auch in Kreisen der „besseren Gesellschaft“ war, zeigt auch dieser Fächer von 1793, der revolutionäres und freimaurerisches Gedankengut verbindet.[12] Links ist Der Jehova der Franzosen zu sehen, die Anbetung eines freimaurerischen Symbols – ursprünglich ein Druck von Benoît-Louis Prévost; rechts Der Albtraum der Aristokraten, eine zusammengebrochene Frau als Personifizierung der beseitigten Aristokratie.

Fächer aus dem Musée de la Révolution française in Vizille

Auf der anderen Seite des Fächers ist der Marche des Marseillais mit Noten und seinen sechs Strophen abgebildet.[13]

Am 26. Messiodor des Revolutionsjahres III, dem 14. Juli 1795, dekretierte der Nationalkonvent, dass die „Hymne der Marseillais“, jetzt auch „Hymne der Republik“ genannt,  bei der täglichen Wachablösung im Palais-National gespielt werden sollte. Es war dies die Vorstufe zur offiziell am 14. Februar 1879 vollzogenen Bestimmung der Marseillaise als „chant national français.“[14]

Bis dahin war es allerdings noch eine weiter Weg. Napoleon liebte die Hymne nicht. Sie erinnerte ihn zu sehr an das beim Sturm auf die Tuilerien vom 10. August 1792 verübte Massaker an den Schweizer Garden. Verboten war das Singen der Marseillaise aber während seiner Herrschaft nicht[15] und Napoleon soll sogar beim tragischen Übergang über die Beresina das Lied selbst angestimmt haben, um den Truppen Mut zu machen.

In der Zeit der Restauration, der Bourbonen-Herrschaft, war die Marseillaise aber schlicht und einfach verboten und man versuchte, sie in Vergessenheit geraten zu lassen. Für Rouget de Lisle waren Empire und Restauration, zu denen er in Opposition stand, schlimme Zeiten, geprägt von Krankheit, Armut und Verzweiflung. So war es auch eine philanthropische Geste, dass der ebenfalls Bourbonen-kritische Bildhauer David d’Angers 1827 ein großformatiges Medaillon und eine Büste von Rouget de Lisle anfertigte – beide in Subskription mit einem Verkaufstermin im Juni 1830.[16]   

David d’Angers, Entwurf für das Medaillon Rouget de Lisles. 1827

Nur einen Monat später wurde dann an den „Drei Glorreichen Tagen“ der Julirevolution von 1830 die Marseillaise auf den Barrikaden gesungen und die Herrschaft der Bourbonen endgültig beendet.

Druck zur Feier der drei Tage der Julirevolution. La Marseillaise, 27., 28. und 29. Juli 1830 (Bildausschnitt)

Und der verarmte Rouget de Lisle erhielt nun von dem neuen „Bürgerkönig“ eine-wenn auch bescheidene- Pension, die er allerdings nicht mehr lange genießen konnte: 1836 starb de Lisle. Die revolutionäre Renaissance seiner inzwischen von dem Komponisten Charles Gounot instrumentierten Marseillaise war damals allerdings  schon beendet. Seit 1835 galt die Hymne der Marseiller wieder als aufrührerischer Gesang. Immerhin konnte Rude seine Skulpturengruppe des Aufbruchs der Freiwilligen von 1792 am Arc de Triomphe fertigstellen, die sich eindeutig auf die Marseillaise bezieht.

Das weitere Schicksal der Marseillaise ist ein Auf und Ab: Da wurde sie wieder in Zeiten nationalistischer und chauvinistischer Aufwallungen wie 1840 als aggressives Kriegslied zelebriert, dann wieder als Hymne der Freiheit gesungen wie in der Revolution von 1848 oder zum Schweigen verurteilt wie im 2. Kaiserreich Napoleons III. von 1852 bis 1870.  Während der Pariser Commune  von 1871 erklang sie dann erneut als Freiheitslied und während des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 kriegerisch-imperial auf den Schlachtfeldern von Gravelotte, Rezonville und Mars-la-Tour[17]. Beim Abzug der geschlagenen Garnison von Sedan wurde sie sogar von der preußischen Militärmusik intoniert: höhnischer Ausdruck des Triumphs und der Erniedrigung des Gegners, die ja dann in der Kaiserkrönung im Spiegelsaal von Versailles kulminierten.

In der Dritten Republik, aber erst nach der Niederlage der reaktionären Kräfte, kam dann die große Stunde der Marseillaise: Am 14. Februar 1879 wurde ihr von der Abgeordnetenkammer offiziell der Status der Nationalhymne zuerkannt. Damit wurde sie in der Hochzeit des Nationalismus und Imperialismus vom Bürgertum der Dritten Republik beschlagnahmt, aber auch als offizielles Lied für alle Gelegenheiten banalisiert.

Damit einher ging eine weit verbreitete Verehrung Rouget de Lisles. Hier sieht man ihn, wie er „seine“ Marseillaise mit Soldaten der Republik singt.

Henri Gervex/Alfred Stevens, Rouget de Lisle et soldats de la République. Etwa 1887/1888 Musée de la Révolution française, Vizille

Diese Darstellung ist Teil eines großen Panoramas, das für die Pariser Weltausstellung von 1889 angefertigt wurde. Diese Weltausstellung, der ja auch der Eiffelturm seine Entstehung verdankt, markierte den 100. Jahrestag der Französischen Revolution. Aus diesem Anlass wurde im Jardin des Tuileries ein großer Rundbau errichtet, an dessen Wänden 100 Jahre französischer Geschichte seit 1789 präsentiert wurden. Und selbstverständlich wurde Rouget de Lisle hier wie auch sonst  als Republikaner vereinnahmt. Das Panorama war von 1889 bis 1896 zu sehen, danach wurde es in Einzelteile zerlegt und zugunsten der Aktionäre verkauft, die dieses kommerzielle Projekt finanziert hatten.  

An mehreren Beispielen wird in der Ausstellung demonstriert, wie die Marseillaise im weiteren Verlauf der Geschichte verwendet und auch vereinnahmt wurde. Hier ein Plakat des Films von Jean Renoir, der zu Zeiten der französischen Volksfront im Auftrag der kommunistischen Gewerkschaft CGT gedreht wurde. Erstaufführung war am 10. Februar 1938.

War für den Sozialistenführer Jean Jaures noch 1903 die Internationale „die proletarische Nachfolgerin der Marseillaise“[18] so stimmten im Zeichen der Volksfront die Kommunisten Marseillaise und Internationale gleichberechtigt an.[19] Eine der internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg trug den Namen „La Marseillaise“.

Auch im État Français von Vichy, der französischen Regierung von Hitlers Gnaden, wurde die Marseillaise regelmäßig und intensiv bei offiziellen Anlässen neben bzw. vor dem Maréchal, nous voilà  angestimmt. Schon als am 17. Juni 1940 Pétain in einer Radioansprache den Waffenstillstand verkündete, also die Kapitulation gegenüber dem Dritten Reich, endete die Rede mit dem Abspielen der Marseillaise; für manche Zuhörer ein Sakrileg- eine „Marseillaise boche“. [20]

Dies ist ein Aufruf der Regierung von Vichy zur Bildung einer französischen Legion zum Kampf auf Seiten  des Dritten Reichs „gegen den Bolschewismus, für Frankreich, für Europa“. (Juni- Dezember 1942) Bemerkenswert, dass für diesen kurzzeitigen Versuch nicht nur die Marseillaise vom Arc de triomphe, sondern auch der napoleonische Adler und die Bourbonen-Lilie mitsamt Krone eingespannt wurden.

Aber selbstverständlich bezog sich auch das Freie Frankreich de Gaulles auf die Marseillaise.

Hier ein Flugblatt der Forces françaises libres (FFL): Aux armes citoyens (Ausschnitt).  Das 1942 in London gedruckte Flugblatt rief zum Kampf gegen die deutschen Besatzer auf.[21]
Deckblatt einer von la France libre 1943 herausgegebenen Broschüre mit einem Zitat aus der Marseillaise. Sie war dazu bestimmt, über Frankreich abgeworfen zu werden.

Deportierte singen die Marseillaise bei ihrer Befreiung aus dem Konzentrationslager Dachau. (Ende April/Anfang Mai 1945)

Dies ist ein Propagandaplakat der OAS (Organisation de l’Armée Secrète) von 1961. Die rechtsextreme OAS versuchte mit militärischen Mitteln die Ablösung Algeriens vom Mutterland zu verhindern.  Der Aufruf, zu den Waffen zu greifen, war die Reaktion auf die Verhandlungen zwischen Frankreich und der algerischen Unabhängigkeitsbewegung FLN in Evian, die 1962 zur Unabhängigkeit führten. Von der OAS wurde die Marseillaise für die Perpetuierung des Kolonialismus in Anspruch genommen. Den hatte übrigens -heftigen Widerspruch provozierend- Emmanuel Macron 2017, kurz vor seiner Wahl zum französischen Präsidenten,  bei einem Besuch in Algerien als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ verurteilt…

Heute gehört die Nationalhymne mit ihrer bewegten Geschichte und ihren vielfältigen Dimensionen und ihrem unterschiedlichen Gebrauch und Missbrauch zu dem, was die französische Identität ausmacht.  So hat die Marseillaise auch ihren legitimen Platz in Pierre Noras Sammlung der „Erinnerungsorte Frankreichs“. Bei den Demonstrationen nach dem islamistischen Anschlag auf die Zeitschrift Charlie Hebdo in Paris hat sie ihre identitätsstiftende Bedeutung auch wieder nachdrücklich bestätigt. Wir waren damals von dem spontanen Anstimmen der Marseillaise durch die Demonstrierenden sehr beeindruckt. In Deutschland sind solche Manifestationen kaum vorstellbar…. [22]

Kritische Stimmen zur französischen Nationalhymne gibt es aber nach wie vor. Am deutlichsten und prominentesten wohl die des ehemaligen Präsidenten Giscard d’Estaing. Der ließ während seiner Präsidentschaft das Tempo, mit dem die Marseillaise damals gespielt wurde, verlangsamen, um so etwas ihren militärisch-marschmäßigen Charakter abzumildern.[23] Und nach seiner Amtszeit schreckte er sogar nicht davor zurück, den Text der Marseillaise als lächerlich zu qualifizieren. Während sein Nachfolger Nicolas Sarkozy und Angela Merkel sich unter dem Arc de triomphe träfen, „tränken wir unsere Felder mit unreinem Blut…“[24] Das ist schon fast ein Sakrileg!

Ein wirkliches Sakrileg war dann allerdings die Erstürmung des Arc de triomphe durch die Gelbwesten am 1. Dezember 2018, die Verwüstung seiner Inneneinrichtung und dabei auch die Beschädigung eines Abgusses der Marseillaise, der Skulptur von Rude – eine der letzten Abbildungen der Ausstellung.

Zu der Ausstellung gehören auch zwei Kabinette: In dem einen werden Ausschnitte verschiedener Filme gezeigt, in denen die Marseillaise eine Rolle spielt, z.B. die Szene in Casablanca, wo in einem Café mit der Marseillaise eine Gruppe grölender deutscher Offiziere übertönt wird. In dem anderen Kabinett gibt es Hörproben von Musikstücken mit Marseillaise- Zitaten. Angeboten werden dabei auch die Vertonungen von Heinrich Heines Ballade Die beiden Grenadiere von Richard Wagner und Robert Schumann. In dem Gedicht des Napoleon-Verehrers Heine aus dem Jahr 1822  geht es um zwei geschlagen aus Russland zurückkehrende Soldaten der Grande Armee, die die Nachricht von der Gefangennahme ihres Kaisers erhalten und betrauern. Schumann teilte als junger Mann Heines Begeisterung für Napoleon: Der herrliche Napoleon sei der größte Mann aller Jahrhunderte.[25] Schumanns Vertonung entstand 1838 als Reaktion auf die Nachricht von der Rückführung der sterblichen Überreste Napoleons von Sankt Helena nach Frankreich, Wagner schrieb sein Lied zwei Jahre später in französischer Übersetzung während seines Paris-Aufenthalts und seinem Versuch, dort musikalisch Fuß zu fassen. Die Marseillaise-Zitate boten sich da geradezu an, werden aber bei beiden in unterschiedlicher Weise in die Komposition eingebettet.[26]  

Aus deutscher Sicht ist allerdings schade, dass nicht auch Ferdinand Freiligraths Lied „Frisch auf zur Weise von Marseille“ in die Beispielsammlung aufgenommen wurde. Freiligrath war einer der Dichter des deutschen Vormärz und war tief enttäuscht von der Niederschlagung der 1848-er Revolution.  „Am 19. März 1849 fand in Köln ein Bankett zur Erinnerung an die Berliner Barrikadenkämpfe vom März 1848 statt. Veranstaltet vom Kölner Demokratischen und Arbeiter-Verein, nahmen über 5.000 Menschen an dieser Feier im Gürzenich teil. Bei Reden, Bier und Musik wurde dort – wie Der Wächter am Rhein berichtete – das Verlangen für eine zweite Volkserhebung zum Ausdruck gebracht. Für diese Feier hatte Ferdinand Freiligrath (1810–1876) einen neuen Text zur Marseillaise verfasst, der dem revolutionären Geist der Veranstaltung entsprach und von den Teilnehmern mit donnerndem Beifall begrüßt wurde (Neue Rheinische Zeitung). Die demonstrative Verwendung von Symbolen der Französischen Revolution ist bei diesem Festakt auch auf anderen Ebenen praktiziert worden: die Saalordner trugen beispielsweise Phrygiermützen und diese Jakobinertracht zierte neben einer großen roten Fahne auch die Bühne (Neue Kölnische Zeitung). In diesem Rahmen fand die erste Aufführung von Freiligraths Lied mit großem Publikum statt und kurz danach erschien es in Zeitschriften der oppositionellen Kreise im Rheinland.“[27] 

Zu der Ausstellung gibt es einen ausführlichen Katalog, der neben der Entstehungsgeschichte der Marseillaise und ihrer Entwicklung zur französischen Nationalhymne auch ihre internationale Ausstrahlung ausführlich behandelt (Belgien, Polen, Großbritannien, Spanien, Indochina, Lateinamerika, China etc ) 

Im Katalog der Ausstellung wird auch ein vergleichender Blick auf andere Nationalhymnen geworfen[28], vor allem auf die englische (God save the King), die kaiserliche österreichische Hymne (Gott erhalte Franz den Kaiser) und die amerikanische (Star-Spangled Banner). Dabei wird eher beiläufig auf das Deutschlandlied hingewiesen, das nach dem Ersten Weltkrieg das Heil dir im Siegerkranz als Nationalhymne  ersetzt habe. Dazu gibt es noch den Hinweis, dass  das Deutschlandlied unter seiner ersten Zeile Deutschland über alles bekannt sei und der Text 1841 von dem „poète nationaliste Hoffmann von Fallersleben“ geschrieben worden sei. Diese Darstellung finde ich ausgesprochen verkürzt und missverständlich. Hoffmann von Fallersleben war ja ein Demokrat, und seine Forderung nach Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche  Vaterland war zu seiner Zeit des Vormärz, also der Zeit vor 1848,  revolutionär.   Fallersleben erhielt deshalb auch Berufsverbot und wurde ins Exil getrieben. Auch wenn das Deutschlandlied später nationalistisch missbraucht wurde: Es ist eine Liebeserklärung an das eigene Land und braucht sich hinter der blutgetränkten -und wie oft doch auch missbrauchten-  Marseillaise nicht zu verstecken.

Erinnerungsorte an Rouget de  Lisle und die Marseillaise in Straßburg

In der Grande Rue in Straßburg gibt es eine Plakette an dem Haus, in dem Rouget de  Lisle in der Nacht vom 25. auf den 26. April 1792 das Kriegslied für die Rheinarmee, die spätere  Marseillaise komponierte.

Eine weitere Plakette gibt es am Gebäude der Banque de France (Place Brogie Nummer 3). Dort stand früher das Stadtpalais des Bürgermeisters Dietrich, in dem -nach der traditionellen Überlieferung- Rouget de Lisle am 26. April 1792 zum ersten Mal die Marseillaise anstimmte.

An der Hauswand sind auch Medaillons von Bürgermeister Dietrich und Rouget de Lisle  angebracht. Dietrich wurde immerhin 1795 vom Nationalkonvent posthum rehabilitiert.[29]

Die Medaillons stammen von einem Straßburger Denkmal für die Marseillaise, das zum 130. Geburtsjahr des Chant der guerre pour l’armée du Rhin am 14. Juli 1922 unter großer öffentlicher Anteilnahme vor dem Eingang des Rathauses an der Place Broglie eingeweiht wurde.

Allerdings zerstörten die deutschen Besatzer am französischen Nationalfeiertag 1940 das Denkmal. Lediglich die beiden am Sockel angebrachten Medaillons mit den Konterfeis von Rouget de Lisle und dem ehemaligen Bürgermeister de Dietrich konnten gerettet werden und haben heute ihren Platz am Gebäude der Banque de France.[30] Das jetzige Denkmal wurde von den Steinmetzen der Straßburger Dombauhütte hergestellt und 1980 eingeweiht.

Literaturangaben:

La Marseillaise. Ausstellungskatalog. Hrsg von den éditions des Musées de Strasbourg. 2021

Jean-Louis Panné, Marseillaises. Paris 2018

Michel Vovelle, Die Marseillaise. Krieg oder Frieden. In: Pierre Nora (Hrsg), Erinnerungsorte Frankreichs. Mit einem Vorwort von Etienne François. München: Beck 2005, S. 63-112

Stefan Zweig, Das Genie einer Nacht. Die Marseillaise, 25. April 1792. In: Sternstunden der Menschheit. Projekt Gutenberg https://www.projekt-gutenberg.org/zweig/sternstu/chap005.html


Anmerkungen

[1] Nach David d’Angers war es Rude selbst, der seinem Auszug der Freiwilligen diesen Beinamen  gab. Ausstellungskatalog, S. 118

[2] Mehr dazu im Blog-Beitrag über den Arc de triomphe: https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/

[3] Vovelle, S. 67/68

[4] Ausstellung Marseillaise. Aus dem Begleitmaterial zum Bild

[5] https://www.wikiwand.com/en/Philippe_Friedrich_Dietrich und https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_von_Dietrich

[6] Text aus: https://www.mayenne.gouv.fr/content/download/24162/186396/file/PAROLES%20DE%20LA%20MARSEILLAISE.pdf

Übersetzung:  Vovelle, S. 68: Die Waffen in die Hand! Auf Bürger, aufgestellt! Marschiert, marschiert, Und böses Blut soll tränken Unser Feld (Eigentlich: unreines Blut… W.J.)

Deutsche Version aller Strophen: https://www.frankreich-info.de/themen/politik/marseillaise

Die Charakterisierung „blutrünstig“ findet sich beispielsweise auch in einem Artikel des Tagesspiegels vom 18.11.2015, in dem der Frage nach der anhaltenden Popularität der Nationalhymne nachgegangen wird:  „Eigentlich ist sie ein blutrünstiger Gesang“. https://www.tagesspiegel.de/kultur/warum-jetzt-alle-die-marseillaise-singen-herzschlag-der-nation/12607936.html

[7] Bild aus:  https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Jacques_Bertaux_-_Prise_du_palais_des_Tuileries_-_1793.jpg

Siehe auch Bildanalyse in L’histoire par l’image:  https://histoire-image.org/de/etudes/chute-royaute  

[8] Zit.: https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag6824.html; Xavier Mauduit, l’homme qui  voulait tout. Flammarion 2921. siehe auch: https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/musee-carnavalet/oeuvres/revolution-francaise-journee-du-10-aout-1792-bonaparte-assistant-a-la-prise#infos-principales

[9] „C’est un chant de fraternité. … C’est un chant qui, dans la guerre, conserve un esprit de paix.“ Zitiert im Ausstellungskatalog, S. 146

[10] Zu Valmy siehe den  Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2018/06/19/auf-dem-weg-nach-paris-die-muehle-von-valmy-das-fanal-einer-neuen-epoche/ ; Vovelle, S. 73/74

[11] Wandaufschrift der Ausstellung. Übersetzung W.J.  

[12] Bild aus: https://www.fandeventails.fr/fr/eventails-historiques/2393-le-geova-des-francais-eventail-franc-macon-vers-1793.html

[13] Siehe dazu: https://www.coutaubegarie.com/lot/77847/6498074

[14] Katalog Marseillaise, S. 70f

[15] So Thierry Lentz, Napoléon et la Marseillaise. April 2020  https://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/articles/napoleon-et-la-marseillaise/  Die These vom Verbot der Marseillaise unter Napoleon ist aber weit verbreitet.  So z.B. in einem Artikel von La Tribune über den chant national:  „le Consulat et l’Empire l’interdisent purement et simplement.“  https://www.latribune.fr/economie/france/la-marseillaise-un-hymne-a-l-histoire-tourmentee-524332.html

[16] Vovelle, S. 85; Ausstellungskatalog, S. 117; siehe auch: https://actualites.musee-armee.fr/expositions/rouget-de-lisle-la-marseillaise-episode-7/

[17] Zu der Schlacht, die von den Franzosen zwar nicht gewonnen wurde, in der sie sich aber doch bravourös geschlagen haben, siehe: https://paris-blog.org/2021/01/01/gravelotte-bei-metz-ein-einzigartiger-erinnerungsort-des-deutsch-franzosischen-kriegs-1870-1871/

[18] Vovelle, S. 94f

[19] Zu verweisen ist in diesem Zusammenhang auf die programmatische Rede des Parteivorsitzendden Maurice Thorez in Choisy-le-Roi, anlässlich des Jahrestages des Todes von Rouget le Lisle: „La Marseillaise a exprimé et exprimera toujours, comme L’Internationale, la grande cause de l’emanzipation humaine.“ Zit. bei Panné, S. 74

[20] Dazu: Nathalie Dompnier, Le succès de La Marseillaise, une ruse de l’histoire?. In: Vichy à travers chants. 1996  https://www.cairn.info/vichy-a-travers-chants–9782091778334-page-55.htm  und https://www.charles-de-gaulle.org/blog/2020/09/02/la-marseillaise-entre-occupation-resistance-et-liberation-1940-1945-par-bernard-richard/  

[21] Nachfolgende Abbildung aus: Marseillaises

Zur Rolle der Marseillaise bei der Kollaboration und dem Widerstand siehe:   https://www.charles-de-gaulle.org/blog/2020/09/02/la-marseillaise-entre-occupation-resistance-et-liberation-1940-1945-par-bernard-richard/; Robert Mencherini, La Marseillaise, Vicha Résistance et les Marseillais pendant la Seconde Guerre mondiale. In: Ausstellungskatalgo, S. 100 ff

[22] Siehe/höre z.B. https://www.youtube.com/watch?v=fC92nzeKW7w

[23] Der langsamere Rhythmus entsprach  auch der ursprünglichen Konzeption, weil zu Zeiten des Rouget de Lisles  auch das Marschtempo langsamer war.  Siehe: https://www.ladepeche.fr/2020/12/12/quand-vge-remaniait-la-marseillaise-9253369.php

[24] https://www.lexpress.fr/actualite/indiscret/giscard-d-estaing-critique-la-marseillaise_836450.html

[25]  In einem Brief an Clara von 9. Juni 1828. Zit. bei: Andreas Lüning, „Ein Katzenfrühling der Poesie“. Heine-Vertonungen im Romantiker-Streit. 2005, S. 41   https://eldorado.tu-dortmund.de/bitstream/2003/34376/1/MA_Luening_143499.pdf  

[26] Siehe dazu:  Lüning a.a.O. ; Ausstellungskatalog, S. 156/157; https://eldorado.tu-dortmund.de/bitstream/2003/34376/1/MA_Luening_143499.pdf S. 33 ff und Markus Winkler, Die Grenadiere. Heine und Schumann. In: Henriette Herwig, Übergänge. Zwischen Künsten und Kulturen. Dokumentation des Heine-Schumann-Kongresses 2006, S. 275 – 288

[27] David Robb/Eckhard John, Frisch auf zur Weise von Marseille (Reveille). In: Populäre und traditionelle Lieder- Historisch-kritisches Liederlexikon. Juni 2013   http://www.liederlexikon.de/lieder/frisch_auf_zur_weise_von_marseille

[28] Esteban Buch, L’hymne national: un genre musical et son histoire. In: Ausstellungskatalog, S. 182ff

[29] Bilder aus: https://www.kuriocity.fr/la-marseillaise-est-strasbourgeoise/

[30] https://www.inreiselaune.de/strasbourg-marseillaise-rouget-de-lisle/

Weitere geplante Blog-Beiträge:

Beeindruckende und bedrückende Monumentalität: Anselm Kiefer im Pariser Grand Palais Éphémère

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Der Elefant der Bastille

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Die Tiere des Königs (Les animaux du roi): Eine Ausstellung im Schloss von Versailles

Sie passte in kein Schema: Die republikanische Heiligsprechung Josephine Bakers

2019 lancierte der französische Essayist Laurent Kupfermann die Petition „Osez Joséphine“.[1] Es  war eine Aufforderung an den französischen Präsidenten, den Mut aufzubringen, Josephine Baker ins Pantheon, die französische Ruhmeshalle, aufzunehmen. Am 30.11. 2021 war es dann so weit:  Das Portal des Pantheons war in den Farben der Tricolore angestrahlt und der Name und Portraits von Josephine Baker wurden auf die Fassade projiziert.

Josephine Baker - Ikone mit politischer Botschaft

Dann wurde der Sarg von sechs Soldaten der Luftwaffe in das Pantheon getragen, wo sich Präsident Macron vor ihm verneigte[2] und in seiner Würdigungsrede Baker als Verkörperung des esprit français rühmte.[3] Im Elysée-Palast konnte man zufrieden bilanzieren, die Pantheonisierung Josephine Bakers sei auf einhellige, ja begeisterte Zustimmung gestoßen.

Mut brauchte der französische Präsident aber durchaus, diese Entscheidung -die ihm allein zukam- zu treffen. Immerhin ist Josephine Baker die erste schwarze Frau im Pantheon; erst 1937 wurde sie durch ihre Heirat mit einem Franzosen französische Staatsbürgerin; und berühmt wurde sie als gewagte Varieté-Tänzerin und extravagante Repräsentantin der wilden Pariser 1920-er und 1930-er Jahre: In einem Pantheon, in dem fast ausschließlich gesetzte Männer, und zwar vor allem Politiker, Militärs und Wissenschaftler, vertreten sind, eine exotische Ausnahmeerscheinung.

Schon 2013 hatte Regis Debray in einem Meinungsbeitrag der Tageszeitung Le Monde die Idee einer Aufnahme von Josephine Baker ins Pantheon lanciert: Et si Joséphine Baker entrait au Panthéon?[4] Auch ihm war bewusst, dass dies ein mutiger, ja  geradezu revolutionärer Akt sein würde. Denn damit würden dort zum ersten Mal künstlerische Formen repräsentiert sein, die bisher als des republikanischen Ehrentempels unwürdig erachtet wurden: der Tanz, der Jazz, die Musik, auch das so Frankreich-typische  chanson. Selbst dessen herausragendste und populärste Interpreten wie etwa Edith Piaf, Charles Aznavour, Juliette Gréco oder Georges Brassens  -sicherlich doch auch würdige Vertreter des  esprit français-  hatten da  (bisher jedenfalls) keine Chance[5].

Dass Macron es gewagt hat und wagen konnte, Josephine Baker zu pantheonisieren, ist vor allem ihrem Engagement im Zweiten Weltkrieg auf der Seite des „freien  Frankreichs“ des Generals de Gaulle zu verdanken: Das ist zwar nicht so bekannt und populär wie ihr Tanz im Bananen-Röckchen, aber es ist gewissermaßen ein offizieller Türöffner des Pantheons. Engagement in der Résistance ist in den letzten Jahren immer wieder eine entscheidende Grundlage für Pantheonisierungen gewesen.

Insofern ist es nur konsequent, dass Macron  bei seiner feierlichen Würdigung Josephine Bakers durch die Nation von einem Portrait Bakers in der Uniform  eines Unterleutnants der Luftwaffe des „freien Frankreichs“ flankiert war.

© Sarah Meyssonnier/Reuters

Josephine Baker ist eine faszinierende Frau. Darauf deuten schon die vielen Beinamen hin, die man ihr gegeben  hat- wie, um nur einige zu nennen:  die schwarze Venus, die Muse der Kubisten, eine Ikone der Befreiung (Arte), die Jeanne d’Arc des 20. Jahrhunderts,  eine Kriegsheldin und antirassistische Kämpferin (Macron) , eine Humanistin (Le Figaro),  die „schwarze Mata Hari“ (Die ZEIT 1948), la maman du monde, die sensationellste Frau aller Zeiten, die Nofretete der Jetztzeit (beides stammt von Picasso, der immerhin einen  gewissen Überblick hatte).

Aber sie ist auch eine widersprüchliche Frau: In ihren Tänzen bediente sie, wenn auch ironisch gebrochen, rassistische Phantasien und wurde damit zur reichsten schwarzen Frau der Welt; einen ihrer Söhne verstieß sie wegen seiner Homosexualität aus ihrer „Regenbogen-Familie“, obwohl sie doch selbst intensive Beziehungen mit Männern  und Frauen gepflegt hatte. Und ihr Eintreten für internationale Solidarität -auch im Cuba Fidel Castros- hinderte sie nicht daran, sich im Mai 68 auf die Seite de Gaulles und nicht auf die Seite der diese Solidarität einfordernden Pariser Studenten zu stellen.

Bild

Josephine Baker bei der Großkundgebung für de Gaulle und gegen die Revolte von Studenten und Arbeitern am 30. Mai 1968[6]

Regis Debray, ein Kampfgenosse Che Guevaras, hat sie trotzdem für das Pantheon vorgeschlagen: Josephine Baker ist eben, wie er in seinem Plädoyer schrieb, keine Heilige, sondern „une irregulière“, eine, die nicht in die gängigen Schemata passt.[7] Und die spektakulären Höhen und Tiefen ihres Lebens und seine Widersprüche tragen zur Faszination bei, die sie bis heute ausübt.

Man hat von den „1000 Leben“ der Josephine Baker gesprochen. In bitterster Armut und Ausbeutung begann dieses Leben, in Paris wurde sie zum gefeierten Weltstar, engagierte sich dann im Kampf gegen Faschismus, Antisemitismus und Rassismus, und nach dem Krieg gab sie mit ihren in aller Welt adoptieren 12 Kindern ein Beispiel internationaler Solidarität. Aber am Ende ihres Lebens verarmte sie wieder und wäre fast in Obdachlosigkeit geendet. Aber sie erhielt Hilfe und mit ihrer letzten Revue feierte sie ein triumphales come-back auf der Bühne.

Ich möchte im Folgenden die Etappen ihres Lebens nachzeichnen und dabei jeweils auch darauf eingehen, welche Rolle sie jeweils bei der offiziellen Würdigung gespielt haben. Abschließend soll kurz auf die politischen Implikationen dieser Pantheonisierung eingegangen werden. In Frankreich steht ja eine Präsidentenwahl bevor, und da hat die Auswahl einer Person, die ins Pantheon aufgenommen werden soll – eine der exklusiven präsidialen Befugnisse- eine besondere Bedeutung. Die hat Macron auch deutlich unterstrichen, als er seine Würdigungsrede mit den folgenden Worten abschloss: „Mein Frankreich, das ist Josephine. Es lebe die Republik, es lebe Frankreich.“

rue Piat Paris 20. Arrondissement. Foto von Kathrin Rousseau

Die Jugend in den Südstaaten der USA: arm, ausgebeutet, diskriminiert;  Paris: die Erfahrung von Freiheit

Geboren wurde Josephine am 3.6. 1906 als uneheliche Tochter einer schwarzen Wäscherin und eines Spaniers in Saint-Louis.  „Sie wuchs in einer Hütte auf, durch dessen Wellblechdach der Regen tropfte“. Mit acht Jahren musste sie als Dienstmädchen in einer Familie reicher Weißer arbeiten. „Als sie versehentlich einen Teller zerbracht, wurde ihr zur Strafe kochendes Wasser über die Hände gegossen. Sie wurde geschlagen und misshandelt und mit 13 Jahren verheiratet.“[8]  Eine zweite Heirat folgte im Jahr darauf, mit Willie Baker, dessen Namen sie ihr Leben lang behielt. „Sie erlebte eines der schlimmsten Pogrome gegen Schwarze in der Geschichte der USA“, die  East St. Louis riots vom Mai/Juni 1917.[9]  Bei einer Theatertruppe half sie als Ankleidemädchen aus und sprang dort mit 16 Jahren ein, als eine Tänzerin krank wurde. Sie verließ ihren Mann, trat in New Orleans und Philadelphia auf und machte schließlich Karriere auf dem Broadway. Von einer Produzentin von Revuen in Europa ließ sie sich 1925 überzeugen, alle Brücken hinter sich abzubrechen und in Paris ihr Glück zu suchen.

Josephine Baker hat mehrfach ihre ersten Erfahrungen in Paris beschrieben: Wie glücklich sie gewesen  sei, in der Straße ein  Taxi zu rufen, ohne fürchten zu müssen, es würde sie  -wegen  ihrer Hautfarbe- nicht nehmen; wie glücklich sie auch gewesen  sei, in jedes beliebige Restaurant gehen zu können, um etwas  zu essen oder zu trinken; dass sie nicht mehr auf eine für Schwarze reservierte Toilette habe gehen müssen und nicht mehr habe fürchten müssen, angeherrscht zu werden, sie habe sich als Schwarze hinten in der Reihe anzustellen:  “Toi, la Négresse, tu vas au bout de la queue.” Und wie völlig verblüfft sie gewesen sei, als ihr am Bahnhof Saint-Lazare ein weißer Mann die Hand hingestreckt habe, um ihr beim Aussteigen zu helfen und sie angelächelt habe.  [10]

Josephine Baker verließ ihre Heimat, die doch seit der Unabhängigkeitserklärung die Gleichheit aller Menschen auf ihre Fahnen geschrieben hat, in der sie aber die Erfahrung alltäglicher Diskriminierung machen musste. Und sie kommt nach Frankreich und erlebt Gleichberechtigung und Anerkennung.  Was für eine Genugtuung für das „Land der Menschenrechte“!  Indem Frankreich Josephine Baker ehrt, feiert und ehrt Frankreich auch sich selbst und die idealen Ansprüche der Französischen Revolution.   

Der Aufstieg zur Ikone der wilden 1920-er Jahre

Josephine Bakers  Pariser Karriere begann am 2. Oktober 1925 auf der Bühne des Théâtre des Champs-Élysées, als die 19-Jährige mit ihrem danse sauvage für Furore sorgte.  „Ihre Auftritte in der „Revue nègre“ oben ohne mit Bananenröckchen oder auch gänzlich nackt befriedigten während der Kolonialzeit Stereotype. Baker sei die Fantasie einer Afrikanerin gewesen, nicht die einer schwarzen Amerikanerin, erklärt die Sprecherin des Théâtre des Champs-Elysées, Ophélie Lachaux. Daher sei von ihr gewünscht worden, etwas „Wildes“, „Afrikanisches“ zu tanzen, etwas, das an Stammestänze erinnern sollte.“[11] Kolonialistischen und rassistischen Sterotypen entsprach auch die Werbung für die Revue:

La Revue Negre. Orsi (1889-1947). Lithograph in colours. Dated 1925. 160 x 122cm. Foto: Corbis/Christies Image[12]

Und der Tanz ließ an Wildheit nichts zu wünschen übrig. Aus einer zeitgenössischen begeisterten Kritik:

„Verquetscht und Fratzen schneidend schielt sie, bläst die Backen auf, verrenkt sich, macht Spagat und läuft schließlich auf allen Vieren davon, mit steifen Beinen, den Hintern höher als den Kopf wie eine junge Giraffe. … Und jetzt das Finale. Josephine ist völlig nackt, mit einem kleinen Kranz von blau und roten Federn und einem ebensolchen um den Hals. …. Ein barbarischer Tanz, getanzt von den Girls und von Josephine Baker. Dieser Tanz von seltener Unanständigkeit ist ein Triumph der Geilheit. Die Rückkehr zu den Sitten der Urzeit….“[13]

Foto: Lorenzo Ciniglio/Corbis/Getty Images[14] 

Hier sieht man Josephine Baker mit ihrem Tanzpartner Joe Alex bei ihrem Pas de deux, den die beiden (im Wesentlichen nur mit Perlen und Federn bekleidet) als Höhepunkt der Revue nègre auf der Bühne hinlegten. 

Kein Wunder also, dass „die Männer ihrer Zeit überwältigt“ sind.[15] Es war dies ja auch die Zeit der Kolonialausstellungen, wo „Eingeborene“ in menschlichen Zoos ausgestellt wurden und sich wie Wilde zu gebärden hatten. Eine Gruppe von Ureinwohnern Neukaledoniens (kanaks) wurde 1931 am Rande der Pariser Kolonialausstellung -und einige von ihnen dann auch im Frankfurter und Hamburger Zoo und auf dem  Münchner Oktoberfest-  als „die letzten Kannibalen der Südsee“  präsentiert und mussten die entsprechenden Rollen spielen.[16]  Aber es war auch die Zeit, wo avantgardistische Künstler -wie der Baker-Bewunderer Picasso-  bei den sogenannten Primitiven Quellen ursprünglicher Ausdruckskraft suchten und fanden.

Im Herbst 1926 lernte Josephine Baker Pepito Abatino kennen, einen sizilianischen Steinmetz, der sich als Graf Di Albertini ausgab. Abatino wurde ihr Geliebter und Manager. Offiziell geheiratet hat sie ihn zwar nicht, bezeichnete ihn aber als ihren Ehemann.[17]

Als Manager war Abatino auch für das Marketing zuständig. Ihm verdankt Josephine Baker ihren internationalen Erfolg.[18]  Systematisch wurde nun das Bild der wilden exotischen Schönheit entwickelt und verbreitet. Dazu gehörte auch der legendäre Auftritt mit dem Bananengürtel in der Revue „Un Vent de Folie“ in den Folies Bergère;

Dazu passte auch Josephine Bakers Haustier, der Gepard „Chiquita“, den das Casino de Paris für sie bei Hagenbeck in Hamburg gekauft hatte.[19]  

© Éditions Assouline[20]  

Der begleitete sie manchmal in Paris bei Fahrten in ihrem Cabrio (mit Schlangenleder-Sitzen) und gehörte auch zu ihren Bühnen-Auftritten. Dann allerdings auch gerne mit einem Edelstein-besetzten Halsband….

Auch das exotische Straußengespann, mit dem sie 1926  anlässlich ihres Gastspiels durch Berlin kutschierte, passte zu diesem von ihr gepflegten  Image.

Foto: General Photographic Agency/ Getty Images[21]

Bereitwillig bediente Josephine Baker rassistische Phantasien ihres Publikums und präsentierte sich als ungezügelte exotische Schönheit. Zwar amüsierte sie sich insgeheim darüber:  „Die Fantasie der Weißen hat es wirklich in sich, wenn’s um Schwarze geht“, wird sie von ihrer Biografin Phyllis Rose zitiert; kein Wunder allerdings, wenn sie auf der Bühne auch die letzten Hüllen fallen ließ. Und kein Wunder auch, wenn das Gegenreaktionen provozierte:  In Wien wurden 1928 anlässlich ihres Gastspiels Sondergottesdienste „als Buße für schwere Verstöße gegen die Moral, begangen von Josephine Baker“ abgehalten. Die Wiener Nationalsozialisten forderten ein Auftrittsverbot für Baker. Das erteilte dann 1929 die Stadt München wegen einer zu erwartenden „Verletzung des öffentlichen Anstands“: Ein schöner Beitrag zur Publicity…. [22]

Zeichnung von Thomas Theodor HEINE (1867-1948) für den Simplicissimus vom 4. März 1929. Credit Coll. Dixmier/KHARBINE-TAPABOR.

Zur Prominenz Josephine Bakers trugen auch ihre Lieder bei: 1930 sang sie ihr wohl berühmtestes chanson: «“J’ai deux amours, mon pays et Paris“, das sie 23 Jahre später veränderte in:  “J’ai deux amours, mon pays c’est Paris“- mein Land ist Paris.

Und ein Leinwandstar wurde sie auch: Hier ein Bild aus dem Film  Zouzou von Marc Allégret (1934)  an der Seite von Jean Gabin.

  © Photo12[23]

Die Liste ihrer Bewunderer, Liebhaber und Liebhaberinnen[25] dieser Zeit ist denn auch lang.

Charlie Chaplin begrüßt und beglückwünscht Josephine Baker nach einem Auftritt. 1500 Heiratsanträge soll sie erhalten haben. Foto: AP [26]

© Apic/Getty Images[27]

Hier sieht man sie um das Jahr 1828 in ihrem Restaurant und Nachtklub Chez Joséphine, das sie mit  Pepito Abatino gegründet hatte. Der sitzt auf ihrer Linken, rechts von ihr Georges Simenon, nach dem Urteil der ZEIT der erfolgreichste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Simenon war ein Jahr lang sogar mit ihr liiert, trennte sich dann aber: Im Jahr ihres Zusammenseins hatte er nur vier Bücher zustande gebracht, was für den Autor der Maigret-Romane und Vielschreiber zu wenig war. Das Bild suggeriert allerdings eine etwas trügerische Harmonie. Eifersuchtsdramen waren  im Hause Baker/Abatino an der Tagesordnung;  wie anders auch bei einem echten Sizilianer und seiner vielgeliebten Partnerin. [28]   

Zu ihren Bewunderern gehörten auch Cocteau, Colette,  Desnos,  Le Corbusier,  Man Ray, Modigliani, Picabia und Hemingway. Der nannte sie “the most sensational woman anyone ever saw“; Picasso rühmte ihre „paradiesischen Beine“.[29]  Die sieht man auch auf einer der Zeichnungen, die Le Corbusier 1929 von ihr anfertigte. Da hatte er in São Paulo eine Aufführung der Tänzerin besucht und war so begeistert, dass er ihr an Bord eines Schiffes nach Montevideo folgte. Man lernte sich kennen. Und da Le Corbusier auch ein guter Zeichner war, saß bzw. stand ihm Josephine Baker bald schon Modell in seiner Kabine. Nackt. [30]

Auch der Maler Foujita zeichnete sie[31] und Kees van Dongen malte sie 1925 gleich zweimal: Hier als Tänzerin in der Revue nègre[32]

Henri Laurens gehörte zum Kreis der Kubisten um Picasso und Braque und stellte die tanzende Josephine Baker auf seine Weise dar.[33]

Auch Alexander Calder, der in den 1920-er Jahren zur künstlerischen Avantgarde von Paris gehörte, war von der tanzenden Josephine Baker, dem Star der Folies Bergère, fasziniert. Calder  erregte damals Aufsehen, weil er meist mit einer Rolle Draht um die Schulter und zwei Zangen in der Tasche herumlief. „I think best in wire“, sagte er einmal. Die heute im New Yorker Museum of Modern Art (MoMa) ausgestellte lebensgroße Drahtfigur der Josephine Baker war eines seiner ersten Werke aus diesem Material. [34]

Und Draht war da ein besonders geeignetes Material. Denn, wie Calder erklärte,  it „moves of its own volition . . . jokes and teases,“ is „deliberately tantalizing,“ and „goes off into wild scrolls and tight tendrils“- was alles wunderbar zur tanzenden Josephine Baker passte.  Kleine Bemerkung am Rande: Die Drahtfiguren Calders entstanden damals in dem von ihm mitbewohnten Pariser Atelier Arno Brekers, des späteren Starbildhauers von Adolf Hitler….

Josephine Baker machte auch Mode: Ihre kurz geschnittenen Haare à la garçonne waren nicht nur ihr Markenzeichen, sondern wurden in den 1920-er Jahren Kult, den sie auch mit ihrer Haarpomade Bakerfix vermarktete.[35]

Sogar der Gepard als Begleiter wirkte als modisches Accessoire nach, wie dieses 1956 entstandene Gemälde Robert Humblots aus dem Musée Carnavalet in Paris zeigt.

Dargestellt ist die Sängerin und Schauspielerin Juliette Gréco anlässlich einer Gala der Union des artistes im selben Jahr. Sie ist eine Ikone des französischen Existentialismus der Nachkriegszeit.[36]

Insgesamt also höchst turbulente Jahre, in denen das Mädchen aus dem Slum von St. Louis zum gefeierten Weltstar wurde. Präsident Macron hat bei seiner Würdigung Josephine Bakers diese Phase ihres Lebens ausführlich gewürdigt. Sie sei eine Amerikanerin, die nach Paris geflohen sei (l’Américaine réfugiée à Paris): Flucht?  Auch wenn Baker später selbst dieses Wort verwendet hat und von Frankreich als einem „märchenhaften Land“ spricht[37]:  Da übertreibt sie und Macron mit ihr; da feierte sie Frankreich und Frankreich feiert sich mit ihr selbst. Und wenn Macron Baker als „le symbole d’une époque“ bezeichnet, dann meint er damit die „Années folles. Années de danse et de musique“, eine sehr verklärende und Paris-zentrierte Sicht auf die Epoche der Zwischenkriegszeit, die ja keinenfalls nur von „Tanz und Musik“ geprägt war.  Und was ist mit den Nackttänzen Josephine Bakers? Mit ihren Gesten und ihren Grimassen habe sie deren Erotik relativiert. Im Geiste der Aufklärung habe sie die kolonialistischen Vorurteile lächerlich gemacht: Esprit des Lumières ridiculisant les préjugés colonialistes.[38] Das mag ja ihre Absicht gewesen und von kritischen Geistern auch verstanden worden sein.  Colette sah in ihren Tänzen eine sublimierte Erotik.[39] Die von der rassistischen und sexistischen Werbung angezogenen und ihr zujubelnden Zuschauermassen- und erst recht ihre sittenstrengen Gegner-   haben die Auftritte Josephine Bakers aber offensichtlich anders wahrgenommen.

Bemerkenswert ist auch, wie offen und deutlich Macron in seiner Würdigung die Bisexualität Bakers anspricht:  Aux côtés d’un homme une nuit, aux bras d’une femme une autre, elle qui a deux amours. An der Seite eines Mannes habe sie in der einen Nacht gelegen, in den Armen einer Frau in einer anderen. Als Regis Debray 2013 Josephine Baker für das Pantheon vorschlug, gehörten diese „deux amours“ wohl eher noch zu den Hinderungsgründen für eine Pantheonisierung.  2021 dienen diverse sexuelle Orientierungen dagegen als wichtiges Aufnahmekriterium. Das zeigt auch die Initiative zur Pantheonisierung des homoxexuellen Dichter-Paares Rimbaud/Verlaine.[40] Auch damit kann sich Frankreich seiner Liberalität rühmen.

Im Krieg und im Widerstand

Es gab gute Gründe dafür, dass  Josephine Baker sich während des Krieges dem Widerstand gegen das nationalsozialistische Deutschland anschloss:

  • Seit ihrer Heirat 1937 mit dem jüdischen Geschäftsmann Jean Lion besaß sie die französische Staatsbürgerschaft.[41] Jetzt war die Gelegenheit, dem Land, das sie aufgenommen hatte und das sie so liebte, etwas zurückzugeben.
  • Als Farbige, die auch noch mit einem Juden verheiratet war, gehörte sie zu den Menschen, die vom Rassismus der Nazis besonders viel zu befürchten hatten.
  • Als Tänzerin, Sängerin mit internationalem Renommee konnte sie sich für ihr neues Heimatland durchaus nützlich machen.

So sind Josephine Bakers Jahre zwischen 1939 und 1945 vom politischen Engagement bestimmt. Jacques Abtey, der Chef der Gegenspionage des französischen Generalstabs, warb sie für Zwecke der Informationsbeschaffung  und -übermittlung an. Zwischen September 1939 und Frühjahr 1940, während des drôle de guerre,  trat sie -zusammen mit Maurice Chevalier- vor Truppen an der Maginot-Linie und im Casino de Paris auf. Ihre besondere Stellung sollte es ihr ermöglichen, Kontakte mit Vertretern der italienischen Botschaft zu knüpfen, um Informationen über die Absichten Mussolinis zu erhalten.

Der leidenschaftliche Aufruf General de Gaulle vom Juni 1940 aus London bewegte sie dazu, sich -zusammen mit ihrem Führungsoffizier Abtey- für das Freie Frankreich zu engagieren: Konzerttourneen und Reisen nach Spanien, Portugal und Nordafrika dienten der Beschaffung und Weiterleitung von Informationen und als Deckmantel, Mitgliedern des Widerstands den Weg nach London zu eröffnen.  Genesen von schwerer Krankheit unternahm sie weitere Tourneen bis in den Nahen Osten und trat  – nun im Rang eines Unterleutnants der Luftwaffe des Freien Frankreichs–  vor alliierten und französischen Soldaten auf als „Symbol einer künstlerischen Szene Frankreichs, die sich niemals mit den deutschen Besatzern kompromittiert hat“.[42]

Portrait von Joséphine Baker in ihrer Uniform. Aufgenommen am 1.1.1948  (STUDIO HARCOURT / MINISTERE DE LA CULTURE / AFP)[43]

Bei einem ihrer Auftritte in Algier war auch de Gaulle anwesend, der die Gelegenheit nutzte, ihr ein kleines goldenes Lothringer Kreuz zu überreichen – für Josephine Baker einer der größten Momente ihres Lebens. Sie ließ es bei einem Auftritt in Beyrouth versteigern. Der beträchtliche Erlös war  -zusammen mit den Erlösen zahlreicher Benefiz-Veranstaltungen- für de  Gaulle/das Freie Frankreich bestimmt.[44]

Nach der deutschen Kapitulation sang sie auch in Deutschland vor französischen Kriegsgefangenen, die auf ihre Heimkehr warteten, und in Buchenwald für befreite, aber noch nicht transportfähige Häftlinge des Konzentrationslagers. Im September 1945 wurde sie demobilisiert. Für ihre Verdienste erhielt sie 1946 die Medaille der Résistance. Bei der Verleihung war auch die Tochter de Gaulles anwesend, die Josephine Baker einen handgeschriebenen Brief ihres Vaters überreichte. De Gaulle beglückwünschte darin Baker zur Ordensverleihung, dankte ihr für ihre „großen Verdienste“ und übermittelte seine „respectueux hommages.“ Mit Enthusiasmus habe sie in schwierigen Umständen ihr großes Talent in den Dienst der gemeinsamen Sache gestellt.[45]

1961 erhielt sie dann auch das Croix de guerre avec palme, einen Orden mit einem Palmenzweig aus vergoldetem Silber, der für ganz besondere Verdienste verliehen wird, und die Légion d’honneur.[46]

In seiner Würdigungsrede im Pantheon hob Präsident Macron natürlich Bakers „Kampf für das freie Frankreich“ hervor und zählte die ihr verliehenen Auszeichnungen auf, die ja auch auf dem im Pantheon aufgebahrten symbolischen Sarg drapiert waren.  Und er schloss diesen  Abschnitt seiner Würdigung mit den  Worten:

„C’est cela Joséphine. Un combat pour la France libre. Sans calcul. Sans quête de gloire. Dévouée à nos idéaux.“ [47]

Bei einem solch hymnischen Lob erstaunt allerdings, warum das Kriegskreuz und die Légion d’Honneur ihr erst 1961 verliehen wurden. Immerhin hatte schon im Juli 1946 der damalige  Armeeminister Edmond Michelet die Absicht gehabt, Josephine Baker zum Ritter der Ehrenlegion à titre militaire, also für ihre militärischen Verdienste, zu machen.[48] Allerdings hatte die Armeeführung offensichtlich erhebliche Vorbehalte gegen eine solche Auszeichnung („beaucoup de réticence“) und verweigerte sie 1947 und 1949. Josephine Baker wiederum weigerte sich, die ihr zwischen 1947 und 1957 vorgeschlagene Auszeichnung à titre civil anzunehmen. Erst aufgrund des Insistierens zahlreicher Persönlichkeiten des Freien Frankreichs wurde ihr schließlich  -mit einer ausführlichen Würdigung- im Dezember 1957 die Légion d’Honneur zuerkannt. Überreicht wurde ihr allerdings  merkwürdiger Weise die Auszeichnung erst im August 1961 (!) im Park ihres Schlosses des Miliandes.[49]  

Die große Wertschätzung Josephine Bakers, die Macron bei der Pantheonisierung zum Ausdruck brachte,  wurde ihr also  lange Zeit -warum auch immer- versagt. Vielleicht hat da  ihre Hautfarbe eine Rolle gespielt, wie ihre Vorgesetzte es vermutete, vielleicht waren es auch von ihr gesammelte Nachrichten, wie Emmanuel Bonini vermutet.[50] Es gab ja durchaus politisch einflussreiche Personen, die sich nicht so früh und so eindeutig auf die Seite des Freien Frankreichs gestellt hatten wie sie…

Der Kampf gegen Rassendiskriminierung

Es war der Kampf gegen die Rassendiskriminierung, der nach dem Krieg das politische Engagement Josephine Bakers bestimmte. Die hatte sie ja als Kind und Jugendliche in den USA am eigenen Leibe erfahren – und dann wieder 1935 bei ihrer USA-Tournee. Da war sie ein internationaler Star, aber die Diskriminierung von Farbigen machte auch vor ihr nicht Halt: In ihrem feinen New Yorker Hotel wurde ihr vom Direktor signalisiert, doch bitte den Bediensteteneingang zu benutzen und sich nicht in der Hotelhalle aufzuhalten.[51]

Nach dem Krieg machte sie erneut ähnliche Erfahrungen: Diesmal bei ihrem ersten Besuch in Cuba, wo sie mehrere Auftritte hatte. Da konnte sie nicht in dem vorgesehenen Hotel übernachten, weil dort -angeblich- kein einziges Zimmer frei war: natürlich eine Ausrede.[52]  Und dann wieder in den Vereinigten Staaten: Da kehrte sie nach einem Auftritt in New York mit ihren Begleitern im exklusiven Storck Club ein. Doch aufgrund ihrer Hautfarbe wurde ihr nichts zu essen serviert.  Grace Kelly war damals Augenzeugin der demütigenden Szene. Die beiden schlossen Freundschaft, die andauerte, als Grace Kelly Fürstin von Monacco wurde.[53]

Ihr Engagement in der Liga gegen Antisemitismus und Rassismus (LICRA) lag unter solchen Umständen nahe. 1953 trat sie bei einer Versammlung der LICRA in der Pariser Mutualité auf: Sie bekämpfe, so sagte sie damals, die rassische, religiöse oder soziale Diskriminierung. Sie könne nicht gleichgültig bleiben gegenüber dem Unglück derjenigen, die sich nicht selbst verteidigen könnten.[54]

Und ihre Stimme hat sie deutlich erhoben. Am eindrucksvollsten wohl am 28. August 1963, bei der großen Kundgebung am Ende des Marschs der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung auf Washington.[55]

Bevor Martin Luther King seine berühmte „I have a dream“-Rede hielt, sprach Josephine Baker zu den mehr als 200 000 Teilnehmern der Kundgebung- in ihrer Uniform und mit ihren Orden: ganz links das Abzeichen der Ehrenlegion, daneben das Kriegskreuz, die ihr zwei Jahre zuvor verliehen worden waren;  und in der Mitte die Médaille de la Résistance.  Für sie war es einer der bewegendsten Tage ihres Lebens und dem wurde auch bei der Pantheonisierung Josephine Bakers Rechnung getragen, als ihr Portrait neben dem Martin Luther Kings auf die Wand des Pantheons projiziert wurde.[56]

Präsident Macron rühmte in seiner Ansprache, dass es Josephine Baker in ihrer Rede nicht um die Verteidigung einer bestimmten Hautfarbe gegangen sei, sondern um das Recht und die Freiheit eines jeden: „Infiniment juste. Infiniment fraternelle. Infiniment de France.“[57] Auch hier wieder: Mit der Pantheonisierung Josephine Bakers feiert Frankreich auch sich selbst bzw. sein ideales Selbstbild.

Im Namen universeller Brüderlichkeit: Die Regenbogen-Familie im Schloss von Milandes

1938 besuchte Josephine Baker den Arzt des Überseedampfers „Normandie“, mit dem sie 1935 in die USA gefahren war.  So lernte sie im Périgord das Renaissance- Schloss des Milandes kennen:  über der Dordogne gelegen, im Kern aus der Renaissance stammend,  über 30 Zimmer, umgeben von 400 Hektar Land; kein fließendes Wasser, kein Strom, keine Heizung. Baker mietete das Schloss spontan an, 1947 kaufte sie es.[58] Sie ließ die Innenausstattung erneuern und veranlasste einen Strom- und Wasseranschluss, auch für das angrenzende Dorf, das damit als erstes Dorf im Périgord über diese Annehmlichkeiten verfügte.  

Nach dem Krieg beschloss Baker, die selbst keine Kinder haben konnte, das Schloss für ihr neues  Projekt zu nutzen: eine „Regenbogen-Familie“  aufzubauen mit adoptierten Kindern unterschiedlicher Hautfarbe aus aller Welt.  Allerdings benötigte sie dafür auch einen männlichen Partner, den sie in dem Musiker und Dirigenten Jo Bouillon fand. Den kannte sie schon seit längerem als ernsthaften und vernünftigen Menschen. Und seine Homosexualität war in diesem Zusammenhang kein Hinderungsgrund. Jo Bouillon seinerseits, der in den Kriegsjahren mit dem Radio des Vichy-Regimes zusammengearbeitet hatte, sah ebenfalls Vorteile einer Liaison mit der „Jeanne d’Arc des 20. Jahrhunderts“: So konnte er hoffen, sich von der Schmach eines Kollaborateurs zu befreien[59]. Am  3. Juni 1947 wurde auf Les Milandes Hochzeit gefeiert.

1954 begann Josephine Baker ihren Regenbogen-Traum der Adoption von  Kindern mit gelber,  schwarzer, weißer und roter Hautfarbe zu verwirklichen. Zunächst sollten es nur vier oder fünf Kinder sein -von den fünf Kontinenten- aber dann wurden es immer mehr.  Josephine Baker war ständig auf Tournee, und fast von jeder Reise brachte sie ein neues Kind mit. Sie taufte die neue Familie rainbow tribe/tribu arc-en-ciel, Regenbogenstamm, der der ganzen Welt präsentiert werden sollte als Beweis dafür, dass Kinder unterschiedlicher Herkunft gemeinsam wie Brüder und Schwestern aufwachsen können, dass der Rassenhass also nicht naturgegeben ist, sondern eine Erfindung von Menschen.[60] Das Schloss von Milandes wurde nun in eine Touristenzentrum verwandelt. Auf den Straßen der Umgebung wurden Schilder angebracht, die dazu einluden, das „Dorf der Welt“ oder die „Hauptstadt der Brüderlichkeit“ zu besuchen. Ende der 1950-er  Jahre waren es 300 000 Menschen pro Jahr, die dieser Einladung folgten.

Sonntags, wenn Josephine Baker mal da war, zog sie den Kindern weiße Sachen an und ließ sie auf dem Schlossplatz aufmarschieren, hinter dem Zaun warteten Touristen und Presseleute auf Bilder, ständig klickten die Kameras. Eines der Kinder sagte später, sie hätten sich manchmal wie Affen gefühlt[61].

Es war Jo Bouillon, der sich während der häufigen Abwesenheiten seiner Frau um die Kinder  kümmerte und das  Anwesen mit dem großen Landbesitz und über hundert Angestellten am Laufen hielt. Seine Arbeit als Dirigent hatte er dafür aufgegeben.

Josephine Baker, Jo Bouillon und acht ihrer Adoptivkinder am 12. Dezember 1956 in Les Milandes,  (L. Berzioli/AF/Leemage via AFP) [62]

Aber er sah auch die sich auftürmenden finanziellen Probleme, die die immer mehr anwachsende Regenbogen-Familie und der große Schloss-Betrieb mit sich brachten.  Aber Josephine Baker wollte das nicht wahrhaben und schlug alle Warnungen in den Wind.  „Nach Jahren der Eskapaden und des Streits verlässt Jo Bouillon das Schloss, 1963 geht er nach Buenos Aires. Ohne ihn und sein wirtschaftliches Geschick ist das Anwesen dem Bankrott geweiht. Die Kinder verlieren ihre Vaterfigur, den einzigen Menschen, der ihnen im Chaos Halt gab. 1964, Nummer zwölf, das letzte Kind: ein kleines Mädchen aus Marokko. Baker reist mit den Kindern um die Welt, sie treffen den Papst und machen Urlaub bei Fidel Castro. Das Schloss gerät außer Kontrolle. All die Angestellten, Privatlehrer, all die Affen und anderen Tiere, die sie angeschleppt hat, verzehren Josephine Bakers Vermögen.“[63] Sie aber lebte beharrlich und starrsinnig ihren Traum weiter,  adoptierte noch ein zwölftes Kind, das letzte des „tribu arc-en-ciel“. Und den regierte sie wie „eine eine alternde Regentin, die keine Widerworte duldet und die Kinder wie Untertanen behandelt. Sie legt Reports an über sie, detailliert beschreibt sie jeden Charakter und fasst Pläne für ihre Zukunft.“[64] Der eine soll Diplomat werden, der andere  Hotelier, ein dritter Mediziner. Aber keiner soll Künstler werden. Musikunterricht ist auf Les Miilandes verboten. Schon in ihren Memoiren  von 1928 hatte sie geschrieben, sollte eines ihrer (leiblichen) Kinder, von denen sie damals noch träumte, zum Kabarett gehen wollen, würde sie es „mit (ihren) eigenen Händen erdrosseln.“[65] 

Als alleinerziehende Mutter mit 12 in die Pubertät kommenden, ihre eigenen Wege suchenden Jugendlichen war Josephine Baker überfordert. „Wir durften uns nicht entwickeln, wie wir wollten“, urteilte 2009 einer ihrer Söhne, den sie aus dem Regenbogen-Stamm verstieß, weil er schwul war. „Sie hatte Angst, dass er seine Brüder anstecken könnte. Josephine Baker, bisexueller Revuestar, Darling der Schwulen und Transen, Kämpferin für eine tolerante Welt, verbannte ihren Sohn, weil er Männer liebte.“[66]

Seit 1964 drohte das Unternehmen  von Les Milandes unter seiner Schuldenlast zusammenzubrechen. Hilfe wurde ihr von verschiedenen Seiten angeboten: Brigitte Bardot rief dazu im Fernsehen auf. König Hassan II. von Marokko bot ihr ein Anwesen in seinem Land an, General de Gaulle seine Unterstützung für eines im Allier; es gab sogar zwei Angebote, das Schloss zu kaufen, ihre Schulden zu übernehmen und ihr ein unbegrenztes Wohnrecht einzuräumen. Aber das lehnte Josephine Baker ab. Offenbar ertrug sie nicht die Vorstellung, nicht mehr die alleinige Herrscherin von Les Milandes zu sein.[68]  So wurde das Anwesen zwangsversteigert und zu einem Siebtel seines Wertes verkauft, um die Gläubiger zu bedienen.  Die Schlossherrin und ihre Adoptivkinder wurden aufgefordert, das Anwesen zu verlassen. Baker weigerte sich, verbarrikadierte sich in ihrer Küche und wurde schließlich mit Gewalt herausgezerrt. Auf diesem Foto, das um die Welt ging, sieht man sie auf den Stufen des Schlosses, das nun nicht mehr ihr eigenes ist.

Foto: AFP[67] 

Grace Kelly, inzwischen Prinzessin von Monacco, kam ihr zu Hilfe und ermöglichte es ihr, sich mit ihrem Tribu in einem Haus in der Nähe von Monacco niederzulassen. Josephine Baker ging nun auch wieder auf Tournee und trat mit der Revue „Josephine Baker, 50 ans de music-hall“ mit großem Erfolg in der Carnegie Hall in New York auf, im Sporting-Club von Monacco und in Paris Dort sang sie das Lied, das mit den Worten „Me revoilà Paris“ beginnt und mit den Worten „Je finirai ma vie sur les planches“ endete– ich werde mein Leben auf der Bühne beenden. Und fast kam es auch so: Am 8. April 1975 war die Galavorstellung im Pariser Bobino vor vielen illustren Gästen, am 12. April starb sie im Krankenhaus Pitié-Salpetrière. Als zweite Frau nach Colette erhielt sie ein nationales Begräbnis mit der Tricolore auf dem Sarg, Kanonenschüssen und einer Trauerfeier in der Kirche La Madeleine. Beerdigt wurde sie auf dem Friedhof von Monte Carlo und dort verbleiben auch ihre sterblichen Überreste. Da ist man inzwischen etwas großzügiger: An der von der Familie abgelehnten Exhumierung war 2010 noch die Pantheonisierung von Albert Camus gescheitert. Bei Josephine Baker enthielt der im Pantheon aufgebarte Sarg Erde aus vier Orten, die in ihrem eine besondere Rolle gespielt haben:

  • von St Louis, wo sie 1906 geboren wurde
  • von Paris, wo sie zum gefeierten Star wurde
  • von dem Château des Milandes, wo sie mit ihrer „Regenbogen“-Familie lebte
  • und schließlich von Monaco, wo sie die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte und begraben ist

Die politische Botschaft der Pantheonisation Josephine Bakers

Präsident Macron hat in seiner Rede im Pantheon Josephine Baker überschwänglich gefeiert, ja gewissermaßen in den Himmel gehoben: Er bezeichnete die Regenbogen-Familie als  „Epiphanie des Universalismus“ und für das Élysée war die Pantheonisierung ein großer Moment der „communion nationale“.[69] Da sind die religiösen Anklänge unüberhörbar.

Josephine Baker war vielleicht eine Heldin – in Deutschland geht man aus guten Gründen mit diesem Ausdruck zurückhaltender um als in Frankreich-  aber eine Heilige war sie gewiss nicht. Sie verkörpert aber, wie Macron betonte, Frankreich als eine große, kämpferische, furchtlose und brüderliche Nation. Macron wolle, so schrieb Le Monde am 27. Augustin einem Leitartikel, angesichts der bevorstehenden Präsidentschaftswahlen an ein von Spaltungen zerrissenes und von der Gesundheitskrise zermürbtes Land eine Botschaft der Einheit, des Stolzes und der Entschlossenheit richten. Und genau diesen Tag wählte der rechtsradikale Publizist Eric Zemmour , um seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen zu erklären.[70]  Der vertritt die xenophobe Theorie eines „grand remplacement“, eines von den herrschenden Eliten herbeigeführten oder zumindest geduldeten Verlusts der kulturellen Identität Frankreichs. Das ist genau das Gegenteil des von Macron beschworenen offenen, brüderlichen Frankreichs der Bürgerinnen und Bürger, der citoyens, jenseits von Herkunft, Hautfarbe oder Religion.

Wenn aber die die republikanischen Ideale Frankreichs bekräftigende Pantheonisierung Josephine Bakers nicht nur eine Selbstbeweihräucherung sein soll, dann bedarf es, wie Le Monde fordert, auch entsprechender Konsequenzen. Die republikanischen Versprechen würden zu oft durch soziale und geographische Ungleichheiten und Diskriminierung verraten.  „Über die Rhetorik hinaus bleibt es an Frankreich, die Lehren aus den Verpflichtungen der großen Tänzerin zu ziehen und ihre Botschaft zu würdigen, indem es sich entschlossen der Vielfalt öffnet, um jedem eine Chance zu geben, unabhängig von seiner Hautfarbe.“[71] 

Dass da in Frankreich noch erheblicher Handlungsbedarf besteht, ist offenkundig. Und ein Sehnsuchtsort für Flüchtlinge, wie zu Zeiten Josephine Bakers, ist Frankreich schon lange nicht mehr….

Zum Weiterlesen:

Gérard Bonal, Joséphine Baker. Paris:  Tallandier 2021

Mona Horncastle, Josephine Baker – Weltstar. Freiheitskämpferin. Ikone.“ Molden

Der Film: „Josephine Baker – Ikone der Befreiung“, bis 15.6.22 in der Arte-Mediathek


Anmerkungen

[1] „Osez Joséphine“: une pétition pour panthéoniser Joséphine Baker. https://www.francemusique.fr/emissions/au-fil-de-l-actu/osez-josephine-une-petition-pour-pantheoniser-josephine-baker-94666

Siehe auch: Laurent Seitmann, appel pour l’entrée de Josephine Baker au Panthéon.  31.7.2020 https://www.licra.org/licra-bergerac-appel-pour-lentree-de-josephine-baker-au-pantheon

[2] © Reuters/Sarah Meysonnier https://www.letemps.ch/monde/cause-etait-luniversalisme-josephine-baker-pantheon#&gid=1&pid=1

[3] Der Wortlaut der Rede bei: https://www.elysee.fr/front/pdf/elysee-module-18840-fr.pdf  und   https://www.bfmtv.com/politique/elysee/le-discours-d-emmanuel-macron-pour-l-entree-de-josephine-baker-au-pantheon_VN-202111300458.html

[4] https://www.lemonde.fr/idees/article/2013/12/16/josephine-baker-au-pantheon_4335358_3232.html

[5] Man spricht zwar in Frankreich von dem „Panthéon de la chanson française“, zu dem sie alle gehören, aber das entspricht eben nicht der offiziellen Aufnahme in den republikanischen Ruhmestempel. Zumindest für Edith Piaf gab/gibt es auch Vorschläge für eine Pantheonisierung. Siehe:  https://blogs.mediapart.fr/vingtras/blog/240913/edith-piaf-au-pantheon   Ayant fait partie des anonymes inombrables qui ont accompagné sa dépouille au Père Lachaise, je me plaisais à rêver hier soir après avoir vu l’émission que l’Etat serait bien inspiré s’il prenait la décision de faire transférer les cendres de la „Môme“ au Panthéon …  Georges Brassens würde sich allerdings wohl im Grabe umdrehen, wenn der französische Präsident seine sterblichen Überreste aus Sète ins Pantheon überführen wollte.

[6] Foto: https://twitter.com/Eric_Anceau/status/1429731419765592071/photo/2

Bakers Unterstützung de Gaulles veranlasste den Humoristen Jean Yanne zu dem folgenden Bonmot/Wortspiel: „Elle a commencé avec des bananes, elle continue avec le régime“.

[7] Diesen Ausdruck von Regis Debray hat auch France Culture in ihrer Sendung vom 24. August 2021 in den Titel einer Sendung über die Aufnahme von Baker ins Pantheon übernommen.

[8] Michaela Wiegel, Ich bin wieder da, Paris. Josephine Baker hat ihren Platz im Panthéon. FAZ vom 2.12.21

[9] https://en.wikipedia.org/wiki/East_St._Louis_riots  Siehe auch: https://www.les-crises.fr/1917-quand-l-echo-des-manifestations-anti-racisme-de-east-st-louis-resonne-encore-aujourd-hui/   

[10] Zitate aus: https://www.lepoint.fr/societe/la-pantheonisation-de-josephine-baker-envoie-valser-le-wokisme-28-11-2021-2454158_23.php  und https://www.lepoint.fr/politique/quand-josephine-baker-prononcait-un-discours-aux-cotes-de-martin-luther-king-27-11-2021-2454066_20.php

[11] https://www.welt.de/geschichte/plus235370362/Josephine-Baker-Mit-Sex-kaschierte-sie-ihre-Spionage-fuer-die-Alliierten.html

[12] Bild aus: https://www.spiegel.de/fotostrecke/josephine-baker-in-berlin-fotostrecke-133339.html 6/22

Später  lief die Révue nègre auch im Pariser „Théâtre de l’Étoile“ und gastierte  im Ausland, so ab Silvester 1925/26 für mehrere Wochen im Nelson-Theater auf dem Kurfürstendamm in Berlin.

[13] Pierre de Regnier, Aux Champs Elysées. Die Neger-Revue. Zitiert in: Josephine Baker, Memoiren. München 1928, S. 16/24  Zuerst erschienen in Candide  vom 12. November 1925

[14] Bild aus: https://www.spiegel.de/fotostrecke/josephine-baker-in-berlin-fotostrecke-133339.html

[15] https://www.welt.de/geschichte/plus235370362/Josephine-Baker-Mit-Sex-kaschierte-sie-ihre-Spionage-fuer-die-Alliierten.html

[16] Siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2017/06/01/die-kolonialausstellung-von-1931-teil-2-der-menschliche-zoo-im-jardin-dacclimatisation-und-der-tausch-von-teutonischen-krokodilen-und-men-sche/

[17] https://historycollection.com/40-fascinating-facts-about-the-fabulous-josephine-baker/18/

[18] Bild aus: https://www.metalocus.es/en/news/a-house-black-venus  Zu Abatino und seine Bedeutung für die Josephine Baker siehe: Bonal, Josephine Baker, S. 74 ff

[19]  Bonal, Gérard. Joséphine Baker, S.129

[20] Bild aus: https://espritjoaillerie.wordpress.com/2015/08/04/cartier-panthere/

[21] Foto in: https://www.spiegel.de/fotostrecke/josephine-baker-in-berlin-fotostrecke-133339.html  9/22 und Josephine Baker: Mehr als ein Showgirl – [GEO]

[22] https://www.dhm.de/lemo/biografie/josephine-baker

Nachfolgendes Bild: Karikatur von Thomas Theodor Heine aus dem Satire-Blatt Simplizissimus.  Aus: https://www.la-croix.com/Culture/Josephine-Baker-mille-vies-Phenix-2021-11-26-1201187202

[23] Bild aus:  https://www.lesechos.fr/politique-societe/societe/le-destin-extraordinaire-de-josephine-baker-1367877

[24] https://www.lesechos.fr/politique-societe/societe/le-destin-extraordinaire-de-josephine-baker-1367877

https://www.geo.de/wissen/josephine-baker–mehr-als-ein-showgirl_30969226-30969270.html

[25] Dass Josephine Baker auch zahlreiche Beziehungen mit Frauen hatte, ist wohl erwiesen. Das bestätigte auch ihr Sohn Jean-Claude: „Jean Claude Baker, the French-born son of Josephine, confirms that his mother had several affairs with women, referred to at the time as „lady lovers.“ Jean Claude explained that many of the girls in the show business would often live together, to save on costs. Most of these girls suffered abuse from producers, directors, and so on. Maude Russell, a fellow performer of Josephine’s, stated, „The girls needed tenderness, so we had girl friendships, the famous lady lovers. But lesbians weren’t well accepted in show business—they were called bull dykers. I guess we were bisexual, is what you would call us today.” https://owlcation.com/humanities/When-Frida-Kahlo-Set-Her-Eyes-on-Josephine-Baker  Im Internet wird oft kolportiert, auch Frida Kahlo, die1939 in Paris war, habe eine Beziehung mit Josephine Baker gehabt, wofür es aber offenbar keine Belege gibt. Siehe: https://queerasfact.tumblr.com/post/166037603842/josephine-baker-and-frida-kahlo-did-they-actually

[26] Bild aus: https://www.derstandard.de/story/2000131496298/josephine-baker-hoechste-ehre-fuer-ein-leben-im-widerstand

[27] Bild aus:  https://www.nytimes.com/2016/10/16/books/review/when-paris-sizzled-mary-mcauliffe.html 

    (Buchbesprechung von Mary McAuliffe, Sex, Booze und Jazz in the 1920s Paris.)

[28] https://www.deutschlandfunk.de/georges-simenon-wuerdigung-erst-nach-dem-tod-100.html

Siehe dazu Bonal, Joséphine Baker,  S. 150

[29] https://historycollection.com/40-fascinating-facts-about-the-fabulous-josephine-baker/13/ und https://www.culture.gouv.fr/en/Actualites/Josephine-Baker-une-source-d-inspiration-pour-une-nouvelle-generation-d-artistes

[30] https://www.nzz.ch/folio/was-ware-wenn-le-corbusier-josephine-baker-geheiratet-hatte-ld.1619981

Bild aus: https://www.kettererkunst.de/result.php?kuenstlernr=5050&auswahl=vk&shw=1

[31] https://parisienneries.fr/dessin/foujita-peindre-annees-folles/

[32] https://www.pinterest.de/pin/466263367652975268/  van Dongens Portrait von Josephin Baker: https://www.wikiart.org/en/kees-van-dongen/josephine-baker-1925

[33] https://dianedepolignac.com/en/home-gb/the-newsletters/newsletter-art-comes-to-you-no-9-jean-miotte-painting-and-movement/henri-laurens-josephine-baker-1915-newsletter-art-comes-to-you-9/ Das heute im Centre Pompidou in Paris ausgestellte Bild ist auf das Jahr 1915 datiert, was natürlich unzutreffend ist.

[34] https://www.moma.org/collection/works/81896  Josephine Baker (III) Paris, c. 1927

[35] Bild (und weitere entsprechende Bilder) aus: https://thehairhalloffame.blogspot.com/search/label/Josephine%20Baker

[36] Siehe: https://paris-blog.org/2021/11/03/le-musee-carnavalet-das-museum-der-pariser-stadtgeschichte-ist-wieder-eroffnet-ein-erster-rundgang/

[37]  „ Par la suite, j’ai fui encore plus loin. Jusqu’à un endroit qui s’appelle la France“  Quand Joséphine Baker prononçait un discours aux côtés de Martin Luther King – Le Point

In der Zeitschrift Emma wird die entsprechende Passage der Washingtoner Rede so übersetzt: Letztendlich bin ich sehr weit weg gerannt in ein Land namens Frankreich. Das passt besser zum Kontext der Rede und ihres Lebens.  Josephine Baker: Ihr Traum | EMMA

[38] elysee-module-18840-fr.pdf

[39] Le Monde, 26.11.2021:  Paris ira voir Joséphine Baker, nue, enseigner aux danseuses nues la pudeur“, s’extasiait Colette en 1936. 

[40] Siehe z.B. https://www.change.org/p/pr%C3%A9sident-de-la-r%C3%A9publique-pour-l-entr%C3%A9e-au-panth%C3%A9on-d-arthur-rimbaud-et-paul-verlaine und https://www.deutschlandfunkkultur.de/kontroverse-in-frankreich-duerfen-rimbaud-und-verlaine-ins-100.html

[41] Die Ehe hielt allerdings nur 14 Monate und wurde 1941 offiziell beendet. Bonet, Joséphine Baker , S. 184  und https://www.wikitree.com/wiki/Lion-68

[42] https://www.servicehistorique.sga.defense.gouv.fr/dossier-individuel/josephine-baker-1906-1975

[43] Bild aus: https://www.francetvinfo.fr/societe/debats/pantheon/entree-de-josephine-baker-au-pantheon-comment-la-star-des-annees-folles-a-combattu-le-nazisme-durant-la-seconde-guerre-mondiale_4813463.html

[44] Bonal, Joséphine Baker S. 234/235 s.a. https://www.history.com/news/josephine-baker-world-war-ii-spy

[45] Bonal, Gérard. Joséphine Baker, S.239/240

[46] http://histoire-vesinet.org/jbaker-resistante.htm und http://www.france-phaleristique.com/croix_guerre_1939-1945.htm

[47] https://www.elysee.fr/front/pdf/elysee-module-18840-fr.pdf  und   https://www.bfmtv.com/politique/elysee/le-discours-d-emmanuel-macron-pour-l-entree-de-josephine-baker-au-pantheon_VN-202111300458.html

[48] https://www.servicehistorique.sga.defense.gouv.fr/dossier-individuel/josephine-baker-1906-1975

[49]  Im Einzelnen dazu siehe: http://histoire-vesinet.org/jbaker-resistante.htm und Bonal, Joséphine Baker,  S.239f  

[50] https://www.lepoint.fr/livres/josephine-baker-au-pantheon-gare-a-la-recuperation-25-08-2021-2440136_37.php

[51] Bonal, Gérard. Joséphine Baker, S.166

[52] https://www.cubaheadlines.com/josephine_baker_a_great_a_friend_of_cuba.html

[53] Michaela Wiegel, “Ich bin wieder da, Paris“. Josephine Baker hat ihren Platz im Pantheon. FAZ 2.12.21

[54] https://www.tagblatt.ch/leben/bewegende-lebensgeschichte-josephine-baker-wird-in-paris-die-hoechste-ehre-zu-teil-ihr-ganzes-leben-war-unwillentlich-von-ihrer-hautfarbe-gepraegt-ld.2219531

[55] https://www.lepoint.fr/politique/quand-josephine-baker-prononcait-un-discours-aux-cotes-de-martin-luther-king-27-11-2021-2454066_20.php  und https://www.emma.de/artikel/josephine-baker-ihr-traum-338995 Dort auch der deutsche Wortlaut der Rede.

[56] https://www.lesoir.be/409555/article/2021-11-30/france-les-images-de-la-pantheonisation-de-josephine-baker

[57] elysee-module-18840-fr.pdf

[58] Zum Schloss siehe den Beitrag von Hilke Maunder: https://meinfrankreich.com/les-milandes-das-schloss-von-josephine-baker/

[59] Bonal, Gérard. Joséphine Baker, S.238

[60] « Ça ne sert à rien d’adopter des enfants de toutes les couleurs et de les garder pour soi ! Il faut les montrer, que les gens voient que c’est faisable, que des enfants de races différentes, élevés ensemble, comme des frères, n’ont pas d’animosité, que la haine raciale n’est pas naturelle. C’est une invention des hommes. » Zitiert in: Yves Denéchère, Joséphine Baker et sa « tribu arc-en-ciel », au nom de la fraternité universelle. The Conversation. 22. November 2021  https://theconversation.com/josephine-baker-et-sa-tribu-arc-en-ciel-au-nom-de-la-fraternite-universelle-171858

[61] https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/67036834  Die Weltmutter. Spiegel 40/2009

[62] https://www.lejdd.fr/Societe/enquete-le-chateau-des-milandes-ou-le-paradis-perdu-de-josephine-baker-4078224

[63] https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/67036834  Die Weltmutter. Spiegel 40/2009

[64] https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/67036834  Die Weltmutter. Spiegel 40/2009

[65] Joesphine Baker, Memoiren. Herausgegeben und eingeleitet von Marcel Sauvage. München 1928, S. 173

[66]https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/67036834  Die Weltmutter. Spiegel 40/2009  

[67] Foto aus: https://www.spiegel.de/fotostrecke/josephine-baker-in-berlin-fotostrecke-133339.html 16/22

[68]  Bonal, Gérard. Joséphine Baker, S.254 und https://www.lejdd.fr/Societe/enquete-le-chateau-des-milandes-ou-le-paradis-perdu-de-josephine-baker-4078224

[69] https://www.lejdd.fr/Societe/josephine-baker-au-pantheon-la-ceremonie-sera-tres-politique-4079463

[70] https://www.france24.com/fr/france/20211130-l-annonce-de-candidature-d-%C3%A9ric-zemmour-un-agenda-strat%C3%A9gique

[71] Le Monde, 27. August 2021. Siehe dazu z.B.: https://www.ipp.eu/actualites/note-ipp-n76-discrimination-a-lembauche-des-personnes-dorigine-supposee-maghrebine-quels-enseignements-dune-grande-etude-par-testing/: De nombreuses études montrent que les Français issus de l’immigration maghrébine se heurtent à des difficultés importantes sur le marché du travail, …  La discrimination à l’embauche selon l’origine supposée reste élevée et un élément majeur du marché du travail en France. En moyenne, à qualité comparable, les candidatures dont l’identité suggère une origine maghrébine ont 31,5 % de chances de moins d’être contactées par les recruteurs que celles portant un prénom et nom d’origine française.

Weitere geplante Blog-Beiträge:

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Der Elefant der Bastille

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Die Tiere der Könige: Eine Ausstellung im Schloss von Versailles

Mit der Association Triangle de Weimar (Weimarer Dreieck) auf den Spuren Napoleons in Fontainebleau

Vor 30 Jahren, und zwar genau am 29. August 1991, schlossen die damaligen Außenminister Deutschlands, Frankreichs und Polens den Vertrag „Weimarer Dreieck“, benannt nach dem Ort der Vertragsunterzeichnung. „Parallel zum staatlichen Engagement gründete sich zur Beteiligung der Zivilgesellschaft der Verein Weimarer Dreieck e.V. am 27.8.2010 im Weimarer Rathaus. Es ist eine Vereinigung von Bürgerinnen und Bürgern sowie Vertretern aus Politik, Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft.“[1] 2015 folgte die Association „Triangle de Weimar“ in Frankreich.

Foto: Inès Duhesme

Aus Anlass des 30. Jahrestags der Vertragsunterzeichnung und des 200. Todestages Napoleons schrieb die Association „Triangle de Weimar“ einen Wettbewerb unter Studenten der drei Länder aus: Es sollte ein Essai über das napoleonische Erbe in den jeweiligen Ländern eingereicht werden.

Am 22. November 2021 fand im Pariser Goethe-Institut die Preisverleihung statt.

Foto: Inès Duhesme

Margarte Riegler-Poyet, die Präsidentin der Association Triangle de Weimar, mit den drei Preisträgern, Hubert Korzeniowski (Polen), Eymeric Job (Frankreich) und Attila Philipp Saadaoui (Deutschland)

Foto: Inès Duhesme

Im Anschluss an die Preisverleihung fand eine Podiumsdiskussion statt, an der neben den Preisträgern auch Napoleon-Spezialisten aus den drei Ländern des Weimarer Dreiecks teilnahmen: Aus Frankreich Thierry Lentz, der Direktor der Fondation Napoléon, aus Deutschland der Napoleon-Biograph Johannes  Willms und aus Polen der Historiker Prof.Dr. Jarosław Czubaty von der Universität Warschau.  Moderator war Mathieu Schwarz, Regisseur des von Arte gezeigten Dokumentarfilms „Napoleon-Metternich: Der Anfang vom Ende“ (2021). [2] Dabei wurden die unterschiedlichen Rezeptionen Napoleons deutlich: In Polen dominiert offenbar eine hohe Wertschätzung, weil Napoleon durch die Schaffung eines Großherzogtums Warschau eine -wenn auch beschränkte- Vorform nationaler Einheit geschaffen habe. Dass Napoleon eine polnische Geliebte hatte und mit ihr seine Zeugungsfähigkeit beweisen konnte, schmeichelte sicherlich auch dem Nationalgefühl. In Deutschland dagegen nimmt Napoleon im nationalen Geschichtsbewusstsein keine besondere Rolle ein und sein 200. Todestag wurde kaum wahrgenommen. Ganz anders  in Frankreich, wo dieser Tag eine große Debatte über die Rolle Napoleons auslöste. Immerhin gehört er -mit de Gaulle und Ludwig XIV.- zu den populärsten Figuren des Landes. Aber es gibt eben die „beiden Napoleons“, den Napoleon des Code civil und der Modernisierung Frankreichs, aber auch den Napoleon der Wiedereinführung der Sklaverei in den französischen Kolonien. Und des gibt den Napoleon der ständigen Kriege: Also einerseits der grandiosen Siege, an die die „Grande Nation“ noch heute gerne erinnert – die rue d’Iéna, in der das Pariser Goethe-Institut liegt, ist ein kleines Beispiel dafür; aber diese andauernden Kriege beförderten nicht nur den nationalen Ruhms, sondern forderten auch viele Opfer und führten zur rücksichtslosen Ausbeutung der eroberten oder „protegierten“ Länder.[3]  Als Thierry Lentz, da ganz napoleonischer Lobbyist, im napoleonischen Empire eine Vorform des vereinten Europas der Sechs sah, war es gut, dass  Johannes Willms Einspruch erhob: Napoleon habe doch nur -ganz im Sinne Ludwigs XIV.- eine Dominanz Frankreichs über den europäischen Kontinent angestrebt und in den europäischen Verbündeten eher Vasallen als Partner gesehen. Mit unseren heutigen Vorstellungen eines vereinten demokratischen Europas hat das wenig gemein.

Insgesamt jedenfalls eine sehr gelungene, anregende Veranstaltung und eine würdige Feier des 30. Jahrestags des Weimarer Dreiecks.

Der Besuch der Napoleon-Ausstellung im Schloss Fontainebleau

Teil des Rahmenprogramms dieses Jubiläums war passender Weise auch ein Besuch von Schloss Fontainebleau. Immerhin hatte Bonaparte kurz vor seiner Krönung im Jahr 1804 beschlossen, Fontainebleau zu einer seiner Residenzen zu machen: architektonischer Ausdruck der von ihm beanspruchten Legitimität. Dort quartierte er auch zweimal Papst Pius VII. ein: Von 1812 bis 1814, als nach der Annexion des Kirchenstaates der Kirchenführer in Fontainebleau gefangen gehalten wurde,  und zuerst 2004, als Napoleon den Papst für die Kaiserkrönung kommen ließ und dort einquartierte.

Davor allerdings musste das Schloss, das in den Revolutionstagen eines Großteils seiner Einrichtung beraubt worden war,  in kürzester Zeit wieder hergerichtet und möbliert werden: Das geschah innerhalb von 19 Tagen, was noch heute – nicht nur auf der homepage des Schlosses- mit Stolz verbreitet wird.

Foto: Inès Duhesme

Hier das neu eingerichtete ehemalige Schlafzimmer der Könige, das Napoleon zu seinem Thronsaal machte.[4] Von nun an existierten in dem Schloss die Symbole des Kaisers und der großen früheren Schlossherren nebeneinander.

Detail des von Napoleon installierten repräsentativen Schlosshof-Gitters.

Wappen von François Ier (der Feuer-Salamander)  in der nach ihm benannten Galerie. François Ier repräsentiert das erste Goldene Zeitalter von Fontainebleau.

Das gekrönte H steht für Heinrich IV. Henri Quatre, der erste König der Bourbonen, erneuerte nach den  Religionskriegen den alten Glanz des Schlosses. Sein Sohn, der spätere Ludwig XIII., wurde hier geboren.

Und dann war es Napoleon, der ehemalige Artillerieleutnant, der  in die Fußstapfen der großen Könige treten wollte, indem er sich in Fontainebleau niederließ. Er betrachtete diese immense Residenz als einen Schlüsselort, um seine Legitimität zu begründen. 

Dies wird unter anderem in der langen Galerie der großen Gemälde anschaulich, die -angeführt von François Gerards klassischem Portrait Napoleons im Krönungsornat (siehe Titelbild des Beitrags)[5]– die Mitglieder der kaiserlichen Familie zeigen. Hier zwei Beispiele:

Marie-Guillemine Benoist, Marie—Louise, Kaiserin der Franzosen (Ausschnitt) 1812. Marie-Louise steht vor dem Thron Napoleons und demonstriert so die Stabilität des Reichs auch während kriegsbedingter Abwesenheiten ihres  Mannes.

Eindrucksvoll sind auch die lebensgroßen Portraits der Familienmitglieder, die Napoleon auf den Thronen Europas platziert hatte. Hier das Portrait seiner Lieblingsschwester Caroline, der Königin von Neapel:

François Gerard, Caroline, Königin von Neapel (Ausschnitt). Nach 1808. Der Sohn Carolines, Achille, trägt die Uniform eines Obersten der kaiserlichen Garde seines Onkels; dessen Portrait zeigt das Amulett der Tochter Laetitia.  Der Kaiser ist also überall präsent…

Die besondere Rolle, die Napoleon für Fontainebleau -und Fontainebleau für Napoleon- spielte, ist der Grund dafür, dass in einem Flügel des Schlosses ein dem ersten Kaiserreich gewidmetes Museum eingerichtet wurde.

Dort fand/findet aus Anlass des 200. Todestags Napoleons eine spezielle Ausstellung statt: Ein Palais für den Kaiser. Napoleon I. in Fontainebleau. (15. September 2021 bis 3. Januar 2022) [6] Es war eine besondere Ehre, dass der Leiter des Museums, Herr Chrstophe Beyeler, extra an einem Sonntag aus Paris anreiste, um die Gruppe des Vereins Weimarer Dreieck durch die Ausstellung zu führen.

Herr Christophe Beyeler während seiner Führung

Er beschränkte sich dabei dankenswerter Weise auf die Präsentation einiger für den europäischen Kontext besonders aussagekräftiger Stücke, die er in ihren historischen Zusammenhang einordnete. Zum Beispiel das Portrait Napoleons in seinem Arbeitskabinett in den Tuilerien, gemalt von Jacques Louis David im Auftrag eines englischen Adligen- und dies mitten im erbitterten Krieg Frankreichs und Großbritanniens!

Napoleon wird in der Uniform eines Obersten der Garde dargestellt, die wir schon von dem kleinen Achill auf dem Portrait von Napoleons Schwester Caroline kennen. Die Uniform ist mit Orden geschmückt, dabei natürlich -mit rotem Band- der von Napoleon selbst gestiftete Orden der Ehrenlegion.

David, Napoleon in seinem Arbeitszimmer (1812) Detail

Auf dem Tisch liegt der Code Napoleon, dazu sein Degen: Der Kaiser wird als weiser Staatsmann und -darauf deutet auch die kleine sternenbesetzte Kugel hin- als Kriegsheld und Herr der Welt präsentiert. Und er ist Herrscher über die Zeit: Es ist früh am Morgen, vier Uhr! Auch die Bienen auf dem samtenen Stoff weisen ihn als unermüdlichen Arbeiter aus.

David, Napoleon in seinem Arbeitszimmer (1812) Detail

Bevor das Gemälde nach Schottland geschickt wurde, stellte es David öffentlich in seinem Atelier aus. Es wurde allgemein bewundert, auch von Napoleon selbst, der denn auch umgehend eine Kopie bestellte: David hatte, ohne dazu offiziell beauftragt zu sein, ein Stück Propaganda ganz im Sinne Napoleons produziert.[7]

Napoleon stellte ja schon früh die Kunst in den Dienst politischer Zwecke. Ein außergewöhnliches Beispiel ist diese Druckplatte, die uns Herr Beyeler mit einigem Stolz präsentierte. Das Motiv ist nicht ganz leicht zu erkennen, und ohne den Hinweis des Museumsdirektor hätte man dieses Ausstellungsstück wohl kaum beachtet.

Abgebildet ist -halbrechts in der Mitte- der junge, ungestüme General Bonaparte. Er zeigt, den Säbel in der Hand, den Italienern, wie er gerade zwei links auf einer Wolke sitzende und Bonaparte sehnsüchtig die Arme entgegenstreckende Figuren befreit: Es sind die Verkörperungen der Freiheit und der Wahrheit. Die tyrannische Monarchie und der von der katholischen Kirche repräsentierte Aberglauben dagegen flüchten sich, von der Armee  der Revolution geschlagen und gebeugt,  ins Abseits… Mit dieser Kartusche wurde eine Karte des italienischen Kriegsschauplatzes verziert, die  Bonaparte 1798 anlässlich seines Italien-Feldzugs in Mailand drucken ließ.

© Imperial Art | Bas-relief, Jean-Martin Renaud (1746-1821)

Auch dies ist ein außergewöhnliches Ausstellungsobjekt: Es handelt sich um ein aus Bienenwachs gefertigtes Relief auf einer Unterlage aus Schiefer. Außergewöhnlich ist auch die Darstellung: Die geflügelte Allegorie des Friedens ist dabei, die Pferde des Mars vom Wagen des Sieges auszuspannen. Und dann führt sie „Bonaparte zur Unsterblichkeit“, wie es in dem Titel des Reliefs heißt.[8] Es wurde 1802 von Jean-Martin Renaud, der später auch an den Reliefs der Vendôme-Säule arbeitete, auf dem Salon präsentiert; zu einer Zeit also, als Bonaparte als Erster Konsul auf Lebenszeit schon Alleinherrscher Frankreichs war. Und was die ausgespannten Pferde des Mars angeht: 1801 hatten Österreich und Frankreich in Lunéville Frieden geschlossen und damit den 2. Koalitionskrieg  beendet. Und am 27. März schlossen England und Frankreich den Frieden von Amiens. Die Hoffnung auf andauernden Frieden wurden aber bald enttäuscht: Denn knapp 14 Monate später spannte Mars seine Pferde wieder an….

Der Aufstieg Bonapartes ging aber -ob Frieden oder Krieg- unaufhaltsam weiter. Dieses Medaillon entstand zu einer Zeit (1807-1813), als Napoleon sich schon zum Kaiser gekrönt hatte., und hat als künstlerisches Modell die Gemmen der römischen Kaiserzeit.  Caesar und die römischen Kaiser waren Vorbilder für Napoleon, ja er versuchte sie noch zu übertreffen. An den ihre römischen Vorgänger noch in den Schatten stellenden Pariser Bauten des Kaisers wie dem Arc de Triomphe oder der Vendôme-Säule lässt sich das ablesen.[9] Und während die römischen Kaiser sich noch bei der Feier ihrer Triumphe an ihre Vergänglichkeit erinnern ließen, galt dies für den französischen Kaiser nicht: Der wurde schon, wie wir gesehen haben, zu Lebzeiten als „unsterblich“ überhöht.[10]  

Der politischen Propaganda diente natürlich auch das kaiserliche Tafelgeschirr, das in Fontainebleau verwendet wurde und jetzt dort ausgestellt ist.

Hier ein Teller mit den Wasserspielen der Wilhelmshöhe bei Kassel, hergestellt von der Manufacture de Sèvres. Kassel war 1806 von den französischen Truppen erobert worden. Es wurde Sommerresidenz des Königreichs Westphalen, zu dessen Herrscher Napoleon seinen Bruder Jerôme Bonaparte machte. Der Name Wilhelmshöhe passte da natürlich nicht mehr und wurde verändert, und zwar in  -wie könnte es anders sein- Napoleonshöhe….

In der Ausstellung wird auch diese Zeichnung von Benjamin Zix aus dem Jahr 1807 präsentiert. Zix war der Zeichner des napoleonischen Kunstkommissars und Kunsträubers Vivant Denon, der Napoleon bei seinen Feldzügen auf dem Fuß folgte.[11] Hier sieht man ihn bei der Sichtung und Plünderung der Kunstschätze des Kasseler Museums. Etwa 60 Gemälde, die aus der reichen Kasseler Sammlung entfernt wurden, dienten dazu, das Schloss Fontainebleau neu auszustatten.

Auf diesem Teller ist der Canal de l’Ourq abgebildet (Auf dem Stadtgebiet von Paris ist das der Canal Saint – Martin). Seine Entstehung geht zurück auf eine Anweisung Bonapartes aus dem Jahr 1802. Ziel der Anlage war es vor allem, die Versorgung von Paris mit frischem Wasser zu verbessern und die von Napoleon angelegten oder geplanten Brunnenanlagen mit Wasser zu versorgen. Aber auch für den Warentransport wurde der Kanal genutzt, wie auf dem Teller zu erkennen ist. 

Am 2. Dezember 1808, dem Jahrestag der kaiserlichen Krönung, wurde der Kanal eingeweiht. Um dieses für Napoleon so wichtige Datum einhalten zu können, wurden auch 300 preußische Kriegsgefangene für den Bau eingesetzt….

Die waren 1806 im Vierten Koalitionskrieg bei der vernichtenden Niederlage der preußischen Truppen bei Jena und Auerstedt in die Hände der siegreichen Franzosen gefallen. Während der vorherigen beiden Koalitionskriege gegen Frankreich hatte sich Preußen neutral verhalten. Aus dieser Zeit stammt eine große Uhr in Form eines „Denkmals zur Erinnerung an  Friedrich den Großen“, das eigentlich als Geschenk an den preußischen König gedacht war, dann aber wegen der preußischen Kriegserklärung in Paris verblieb.

Die von Louis Duguers 1800-1805 hergestellte Uhr ist ein „monument à la mémoire de Frédéric le Grand“ (Ausschnitt): In der Mitte  der sterbende preußische König, links ein -römisch gekleideter- Veteran, der ihm den Lorbeerkranz reicht, rechts die Muse der Geschichte. Und unten der stolz aufgerichtete preußische Adler – das Emblem, das auch Napoleon für sein Empire gewählt hatte.

Die Uhr ist Ausdruck der Verehrung Friedrichs des Großen durch Napoleon. Der sah in Friedrich II. den großen, kühnen Feldherrn und gleichzeitig den Staatsmann, der Preußen weise verwaltete und regierte.  Nur wegen dieses genialen Monarchen und Feldherren sei Preußen zur Großmacht aufgestiegen, so wie das Frankreich nun ihm zu verdanken habe. Zehn Tage nach dem Sieg über Preußen besuchte Napoleon die  Gruft Friedrichs des Großen in der Potsdamer Garnisonskirche. Und als „Souvenir“ nahm er die Totenmaske, den Schwarzen Adlerorden und den Potsdamer Säbel nach Paris mit….

Dass die preußische Bevölkerung die Franzosen weniger schätzte, zeigt dieser von der Königlich-preußischen Porzellanmanufaktur hergestellte Teller: Die französischen Soldaten werden als eine ziemlich wilde Truppe dargestellt- die Rotweinflaschen fehlen wohl nur deshalb, weil sie schon leergetrunken sind. Es handelt sich um das seltene Beispiel eines Porzellantellers, der für eine Karikatur genutzt wurde. Die Realität war allerdings, dass die tadellos uniformierten, in Reih und Glied aufmarschierenden preußischen Grenadiere von diesen Franzosen vernichtend geschlagen wurden…

Zu der Exkursion der Gruppe des „Weimarer Dreiecks“ nach Fontainebleau gehörte auch eine Besichtigung der „kleinen Appartements“, die nur im Rahmen einer Führung möglich ist. Sie dienten Napoleon und Josephine -und danach seiner zweiten Ehefrau Marie-Louise- als Rückzugsräume. Die beanspruchte Napoleon – im Gegensatz zu Ludwig XIV., der 24 Stunden am Tag eine öffentliche Person war. Napoleon habe sie, wie uns unser Führer erläuterte, auch für sein Familienleben genutzt: Die eigenen Räume und die seiner (jeweiligen) Frau lagen direkt nebeneinander. Hier spielte er auch mit seinem Sohn, dem kleinen König von Rom. Der habe zwar manchmal das Tischtuch mit allen Tellern runtergerissen, aber das habe der Vater als Zeichen des Selbstbewusstseins seines lang ersehnten Thronfolgers verstanden: ganz der Papa…..

Zu den Einrichtungsgegenständen gehört auch der Toilettentisch Josephines:

Auf ihr Erscheinungsbild legte Josephine allergrößten Wert. Ihr Hang zu Pracht und Luxus ist berüchtigt. 400 Schuhe und 600 Kleider soll sie besessen haben! Aber Napoleon akzeptierte das: Immerhin machte sie auf diese Weise Reklame für das französische savoir-faire im Bereich der Luxusproduktion- bis heute eine Säule der französischen Wirtschaft.

Josephine musste dann allerdings Marie-Louise Platz machen, die Napoleon den ersehnten  Thronfolger schenkte, der in diesen privaten Räumen aufwuchs.

Seine Mutter hatte hier auch einen Rahmen zur Anfertigung von Stickereien installiert – verziert mit dem kaiserlichen Symbol der arbeitsamen Biene.

Als unermüdlicher Arbeiter ist auch Napoleon in den Räumen des Schlosses präsent. Hier sein Arbeits- und Schlafzimmer mit dem dominanten Grün- seiner Lieblingsfarbe. [12] Bett und Schreibtisch stehen eng beieinander, und rechts von dem Bett befindet sich eine verdeckte Tür, durch die Napoleon schnell in die darunter liegende Bibliothek in den Petits Appartements gelangen konnte.

Foto: Inès Duhesme

Im Wohnzimmer neben seinem Schlaf- und Arbeitszimmer unterschrieb Napoleon am 18.4.1814 seine Abdankung.[13]

Danach nahm er am Fuß  der berühmten Hufeisentreppe des Schlosses seinen Abschied von der Alten Garde. Hier küsst er, umringt von Offizieren der Garde und Soldaten mit präsentiertem Gewehr, die Siegesfahne der Schlacht von Marengo.[14]

Der Hof wird seitdem auch „Abschiedshof“ genannt (La Cour des Adieux) Im Hintergrund sieht man die berühmte Hufeisentreppe. Die ist allerdings derzeit hinter Gerüsten und Planen verborgen, weil dringende Restaurierungsarbeiten vorgenommen werden. Im April 2022 soll sie aber „dans toute  sa splendeur“ wieder sichtbar sein, also strahlender als auf diesem schon etwas älteren Foto (wo die Treppe noch nicht im Rahmen einer Marketing-Aktion der Firma Kärcher gesäubert ist) . [15]

Dann werden zwar einige jetzt in Fontainebleau gezeigte Stücke der Napoleon-Ausstellung nicht mehr zu sehen sein, dafür allerdings andere prominente, die derzeit für die (bis 24. Dezember 2021 verlängerte) große Napoleon-Ausstellung in Paris/La Villette ausgeliehen sind:

Dort ist der Degen des Ersten Konsuls und späteren Kaisers ausgestellt, den Napoleon auch bei seiner Krönung zum Kaiser getragen hatte (deshalb auch épée du sacre genannt). [16]– Sein Griff war ja schon auf dem oben in Ausschnitten abgebildeten Portrait Napoleons in seinem Arbeitszimmer zu sehen.

Auch der berühmte Zweispitz (bicorne),  die charakteristische Kopfbedeckung Napoleons, gehört zu den noch ausgeliehenen Ausstellungsstücken des Napoleon-Museums in Fontainebleau[17]:

ALO02-060. Musée Napoleon. Salle 4. N290 Bicorne de Napoléon 1°

Anmerkungen

[1] Zitat aus einem  Flyer des Vereins. Mehr zum Verein Weimarer Dreieck siehe: https://www.weimarer-dreieck.org/

Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des Weimarer Dreiecks gab es eine gemeinsame Erklärung des Präsidenten des Bundesrates, des Präsidenten des französischen Senats und des Marschalls des polnischen Senats: https://www.bundesrat.de/SharedDocs/texte/21/20210218-gemeinsame-erklaerung-weimarer-dreieck.html

Wie in allen Blog-Beiträgen sind die Fotos, wenn nicht anders angegeben, von Wolf Jöckel gemacht.

[2] https://www.arte.tv/de/videos/098381-000-A/napoleon-metternich-der-anfang-vom-ende/

[3] Siehe dazu meine Blog-Beiträge über den Arc de Triomphe: https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/ und https://paris-blog.org/2021/09/03/christos-pariser-traum-der-verhullte-triumph-napoleons/ (letzter Abschnitt: Der verhüllte Triumph Napoleons)

[4]https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/3f/La_salle_du_Tr%C3%B4ne_%28Ch%C3%A2teau_de_Fontainebleau%29.jpg

[5] Bild aus: https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/gemaelde-erzaehlen-geschichte/

[6] Ein Überblick über die Ausstellung bei: https://www.chateaudefontainebleau.fr/wp-content/uploads/2021/09/www.chateaudefontainebleau.fr-dp-expo-palais-napoleon-2021.pdf

[7] Zu dem Bild siehe auch: https://www.chateaudefontainebleau.fr/5-mai-2021-napoleon-de-retour-a-fontainebleau/

[8] « La Paix fait dételer les chevaux de Mars du char de la Victoire, et conduit Bonaparte à l’immortalité ». Text und Bild aus: https://galerieimperialart.com/2021/08/25/don-dune-oeuvre-au-chateau-de-fontainebleau/

[9] Siehe die  Blog-Beiträge zur Vendôme-Säule und zum Arc de Triomphe: https://paris-blog.org/2021/06/02/150-jahre-abriss-der-vendome-saule-durch-die-commune-teil-1-ein-blick-auf-ihre-bewegte-geschichte-vive-lempereur-a-bas-lempereur-auch-ein-beitrag-zum-napoleonjahr-annee-napoleon-20/ und zum Arc de Triophe:  https://paris-blog.org/2021/09/03/christos-pariser-traum-der-verhullte-triumph-napoleons/ (Letzter Teil: Der verhüllte Triumph Napoleons) und: https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/

[10] Siehe: Gérard Gengembre, L’empereur immortel. Éditions du chêne 2002

[11] Siehe dazu die Blog-Beiträge: https://paris-blog.org/2021/05/05/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-2-die-raubkampagnen-denons-in-deutschland-soll-ich-etwa-nichts-nehmen/  Siehe auch: https://paris-blog.org/2021/05/01/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-1-die-grose-ausstellung-deutscher-raubkunst-1806-1807/ und -anhand eines Bildes im Museum Fabre in Montpellier- speziell zu der Plünderung der Kasseler Kunstschätze: https://paris-blog.org/2021/06/24/das-musee-fabre-in-montpellier-soulages-courbet-houdon-und/

[12] Bild aus: The Apartment of Emperor Napoleon Ist Château de Fontainebleau (chateaudefontainebleau.fr)

[13]  Bilder aus: The Apartment of Emperor Napoleon Ist Château de Fontainebleau (chateaudefontainebleau.fr)

[14] Siehe dazu:  https://www.napoleon.org/magazine/livres/les-vingt-jours-de-fontainebleau-la-premiere-abdication-de-napoleon-31-mars-20-avril-1814/

[15] https://www.chateaudefontainebleau.fr/wp-content/uploads/2021/09/www.chateaudefontainebleau.fr-dp-expo-palais-napoleon-2021.pdf S. 11  Foto aus: https://www.france-voyage.com/frankreich-tourismus/bilder-schloss-fontainebleau-1482.htm

https://www.kaercher.com/de/inside-kaercher/unternehmen/sponsoring/kultursponsoring/schloss-fontainebleau-hufeisentreppe-fontainebleau-frankreich.html

[16] Bild aus: https://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/objets/epee-du-sacre-de-napoleon/

[17] Bild aus: https://www.chateaudefontainebleau.fr/en-2021-rencontrez-napoleon-ier-au-chateau-de-fontainebleau/

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu Napoleon:

Der Arc de Triomphe: Die Verherrlichung Napoleons. (Vive l’empéreur Teil 1)  https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/

Christos Pariser Traum: Der verhüllte Triumph Napoleons  https://paris-blog.org/2021/09/03/christos-pariser-traum-der-verhullte-triumph-napoleons/

Das Napoleon-Museum auf der Île d’Aix (Vive l’empéreur Teil 2)   https://paris-blog.org/2016/11/16/das-napoleon-museum-auf-der-ile-daix-vive-lempereur-teil-2/

Napoleon in den Invalides (Es lebe der Kaiser!/Vive l’empéreur Teil 3)  https://paris-blog.org/2017/03/12/napoleon-in-den-invalides-es-lebe-der-kaiser-vive-lempereur-3/  

Die Manufacture des Gobelins: Politik und Kunst  (August 2018)  https://paris-blog.org/2018/08/01/die-manufacture-des-gobelins-politik-und-kunst/

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs  https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/

150 Jahre Abriss der Vendôme-Säule, Teil 1: Ein Blick auf ihre bewegte Geschichte. Vive l’empereur! À bas l’empereur!)   https://paris-blog.org/2021/06/02/150-jahre-abriss-der-vendome-saule-durch-die-commune-teil-1-ein-blick-auf-ihre-bewegte-geschichte-vive-lempereur-a-bas-lempereur-auch-ein-beitrag-zum-napoleonjahr-annee-napoleon-20/

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 1: Die große Ausstellung deutscher Raubkunst 1806/1807 https://paris-blog.org/2021/05/01/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-1-die-grose-ausstellung-deutscher-raubkunst-1806-1807/  

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 2: Die „Raubkampagnen“ Denons in Deutschland: Soll ich etwa nichts nehmen? https://paris-blog.org/2021/05/05/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-2-die-raubkampagnen-denons-in-deutschland-soll-ich-etwa-nichts-nehmen/

Weitere geplante Blog-Beiträge:

J’ai deux amours: Mon pays et Paris. Josephine Baker im Pantheon

Der Elefant der Bastille

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Champigny-sur-Marne: Die letzte große Schlacht des deutsch-französischen Krieges 1870/1871 und ein deutsch-französischer Erinnerungsort

Dies ist der zweite Beitrag auf diesem Blog zum deutsch-französischen Krieg on 1870/1871. Im ersten Beitrag ging es um die Schlacht von Gravelotte, die erste dieses Krieges, die eine wesentliche Voraussetzung für den späteren deutschen Sieg war:

https://paris-blog.org/2021/01/01/gravelotte-bei-metz-ein-einzigartiger-erinnerungsort-des-deutsch-franzosischen-kriegs-1870-1871/

Die Schlacht von Champigny war die letzte große und vorentscheidende Schlacht dieses unseligen Krieges. Hier versuchte die französische Armee mit etwa 60.000 Mann, den Belagerungsring deutscher Truppen um das eingeschlossene Paris zu durchbrechen. Dieser Versuch misslang, was diese Schlacht zu einer entscheidenden Etappe auf dem Weg zum deutschen Sieg machte. Es folgte das Ende des Krieges und die Proklamation des Deutschen Reichs im Spiegelsaal von Versailles.

Allerdings war die Schlacht eine der seltenen Situationen, wo -nach dem Sturz Napoleons III.- die republikanische Armee sich mit Bravour schlug. Deshalb nahm Champigny in der Erinneerungskultur der 3. Republik eine besondere  Rolle ein. Das dort zur Erinnerung an die Schlacht errichtete Monument diente bis zu dem von ihnen ersehnten erneuten deutsch-französischen Krieg, also dem Ersten Weltkrieg,  als Wallfahrtsort französischer Revanchisten.

Und schließlich wurde unter dem Denkmal von Champigny ein Beinhaus (Ossarium) errichtet, in dem die sterblichen Überreste von deutschen und französischen Soldaten nebeneinander bestattet und so im Tod vereint sind. Es wird von Deutschland und Frankreich gemeinsam unterhalten.

Champigny ist damit ein Ort erbitterter deutsch-französischer Feindschaft, aber dann auch ein Ort der aus den unseligen Kriegen der Vergangenheit erwachsenen deutsch-französischen Freundschaft.

Der nachfolgende Text stützt sich wesentlich auf eine sehr beeindruckende Ausstellung über die Schlacht, die 2021 in dem bei Champigny gelegenen Bry-sur-Marne stattfand.[1]

Der Ablauf der Schlacht

Am 4. September 1870 dankte Napoleon III. nach seiner Niederlage bei Sedan ab. Die neu proklamierte Dritte Republik mit der Regierung der Nationalen Verteidigung setzte aber den  Krieg fort und beschwor den Erfolg der revolutionären Truppen gegen eine feindliche Koalition 1792. Allerdings konnte die durch die Niederlage bei Sedan geschwächte Armee der Republik den Vormarsch der deutschen Truppen nicht aufhalten. Ab dem 19. September wurde Paris belagert, in dem zwei Millionen Menschen, darunter 500 000 Soldaten, eingeschlossen waren. Es waren dies gut ausgebildete und ausgerüstete Linientruppen, also Berufssoldaten der ehemaligen kaiserlichen Armee, aber auch Mitglieder der nicht professionellen Garde Nationale.

Die Regierung, die nach Tour ausgewichen war, beauftragte den General Trochu, die Verteidigung von Paris zu organisieren. Der übertrug dem General Ducrot den Oberbefehl über die Linientruppen und beauftragte ihn, einen Plan zur Durchbrechung der Blockade der Stadt zu entwickeln („La Grande Sortie“). Die Absicht war, im Südosten von Paris den Belagerungsring zu sprengen und sich mit einer an der Loire neu aufgestellten Armee zu vereinigen.

Allerdings gelang der für den 28. November vorgesehene Übergang über die Marne nicht. Ein unerwartetes Hochwasser zerstörte die erste Pontonbrücke und Ducrot verschob den Angriffstermin auf den 30. November. Den württembergischen und sächsischen Truppen auf der anderen Seite der Marne waren die Angriffsvorbereitungen der Franzosen nicht entgangen, und sie konnten ihre Positionen auf den Marneanhöhen entsprechend verstärken.[2]

Das zweite französische Armeekorps überquert bei Joinville-le-Pont die Marne. Museum von Bry

Am 30. November überquerten 60.000 französische Soldaten mit 400 Kanonen auf mehreren Pontonbrücken die Marne und besetzten Bry-sur-Marne und Champigny-sur Marne, in denen sächsische und württembergische Vorposten stationiert waren.

Charles Brunei, À Bry-sur-Marne, le 30 novembre 1870. (Ausschnitt). Musée d’art moderne André Malraux (Le Havre)

Das Gemälde von Charles Brunei veranschaulicht die Heftigkeit der Kämpfe Haus um Haus. Es gelang den französischen Truppen aber nicht, die deutschen Truppen aus ihren Stellungen auf den strategisch wichtigen Marneanhöhen zu werfen.

Auf diese Karte sind die Positionen der französischen und deutschen Truppen am Abend des 30. November eingezeichnet.[3]  Die französischen Armee hat die Marne auf den markierten Pontonbrücken überschritten und  Brückenköpfe  in Champigny-sur Marne und Bry-sur-Marne eingerichtet. Die Württemberger und die Sachsen mit dem Schwerpunkt bei Villiers-sur-Marne konnten aber die heftigen Angriffe abwehren und ihre Stellungen halten. Die übliche deutsche Bezeichnung für die Schlacht ist deshalb auch Schlacht von Villiers oder Schlacht von Villiers-Champigny.

Da es auf beiden Seiten hohe Verluste gegeben hatte, vereinbarten Franzosen und Deutsche für den 1. Dezember eine Waffenruhe, um die Toten zu begraben und Verwundete zu bergen. Der kampffreie Tag wurde  auch genutzt, um die jeweiligen Stellungen zu befestigen und Verstärkungen heranzuführen- auf deutscher Seite waren das vor allem preußische Soldaten.  

Schlacht von Champigny (Ausschnitt). Aquarell von Karl Schott (Maler und Offizier in der württembergischen Armee). Landesmuseum Stuttgart

Am 2. Dezember begann im Morgengrauen ein deutscher Gegenangriff. Ziel war es, die Franzosen über die Marne zurückzudrängen und ihre Pontonbrücken zu zerstören. Es gab heftige Straßenkämpfe in Champigny und Bry, aber das Ziel der Angriffe wurde nicht erreicht: Der Status quo blieb erhalten.

Die beiden Abbildungen -es sind Bilder von deutscher und französischer Seite- veranschaulichen, wie erbittert diese Kämpfe waren. Auf zeitgenössischen Abbildungen ist im Schlachtgetümmel teilweise nur schwer zu erkennen, wer zu welcher Seite gehört. Klar ist nur: Die Soldaten mit den roten Hosen gehören zu den französischen Linientruppen….

François-Constant Mès, Bataille de Champigny (Ausschnitt). Musée Carnavalet (Paris)

Trotz ihres relativen Erfolgs in den Kämpfen vom 2. Dezember unternahm die französische Armee keinen weiteren Durchbruchsversuch. Die Truppe war völlig erschöpft, sie litt unter der außerordentlichen Kälte: Es waren 14 Grad unter 0, die Soldaten hatten mehrere Nächte im Freien oder in den Ruinen der eingenommene Dörfer verbracht und die Armeeführung hatte, um das Marschgepäck zu erleichtern, darauf verzichtet, die Soldaten auch mit Decken auszustatten…  General Ducrot befahl also den Rückzug, womit die Kapitulation von Paris unvermeidlich war. Am 28. Januar 1871 beendete ein Waffenstillstand den deutsch-französischen Krieg.

Die Opfer auf beiden Seiten waren erheblich. Die diesbezüglichen Angaben schwanken allerdings. Im Katalog der Ausstellung ist die Rede von ungefähr 9500 Toten, Verletzten und Vermissten bei den Franzosen und etwa 5500 bei den Deutschen.[4]

Paul-Émile Boutigny, Der Tag nach der Schlacht in Bry-sur-Marne (Musée Adrien Mentienne, Bry-sur-Marne

Seit dem Beginn der Kämpfe versorgten die Frères de la doctrine chrétienne und die Ambulances de la Presse im Kampf Verwundete und brachten besonders  schwer Verletzte in Krankenhäuser nach Paris. Nach Beendigung der Kämpfe waren die Frères de la doctrine chrétienne mehrere Tage lang damit beschäftigt, die Toten auf dem Schlachtfeld zu bergen und in großen Massengräbern (fosses communes)  zu bestatten.

Auguste Lançon, Champigny, 8. Dezember 1870. Musée de Nogent-sur-Marne

Zu erkennen ist auf beiden Bildern das Rote Kreuz, das seit der Ersten Genfer Konvention von 1864 Spitäler und Ambulanzen schützt und in diesem Krieg seine erste große Bewährungsprobe bestand.

Der Feigling und der Held

Der für die französischen Truppen insgesamt unglückliche Verlauf der Schlacht machte vor allem den für den Ausbruchsversuch verantwortlichen Kommandeur, General Ducrot, zur Zielscheibe von Kritik, wofür sich die Form der Satire besonders anbot.

Ducrot hatte nämlich  am Beginn der Operation, dem 28.November 1870, einen flammenden Aufruf an die Soldaten erlassen, denen die Ehre zuteil werde, den „eisernen Ring“ um Paris zu durchbrechen. Er wünsche den Soldaten den gleichen Rachedurst und die gleiche Wut, die ihn antreibe und die sie veranlassen sollten, allen Gefahren zu trotzen. Er jedenfalls lege vor ihnen und der ganzen Nation den Eid ab, nach Paris nur tot oder siegreich (mort ou victorieux) zurückzukehren. „Ihr könnt mich fallen sehen, aber ihr werdet nicht sehen, wie ich zurückweiche.“

Aber dann kam es ganz anders: Alle Welt konnte sehen, wie General Ducrot im Widerspruch zu seinem pathetischen Eid zurückwich. Hier ist er abgebildet, wie er sich in einem Paket versteckt, um dem Tod, der ihn sucht und dem er eine lange Nase macht, zu entgehen. Bei dem 8. Büro, der Aufschrift auf dem Paket, handelt es sich um eine Instanz der Nationalversammlung, vor der sich Ducrot am 28.Februar 1871 zu seinem Verhalten während der Belagerung von Paris äußerte. Immerhin war die Armeeführung, nach fachkundiger Einschätzung, wesentlich für das Scheitern des geplanten Durchbruchs verantwortlich.[5] Insofern geht die Karikatur eher milde mit Ducrot um.

Sie nennt nicht nur seinen Namen, sondern auch seinen Spitznamen, den er seit der Schlacht von Champigny erhielt: Trompe-la-Mort, also einer, der dem Tod ein Schnippchen schlägt. Das weckt hier aber, anders als in dem so betitelten Lied von Georges Brassens, keine Gefühle der  Sympathie…

Auf dieser Karikatur werden die Worte von Ducrot aus seinem Tagesbefehl vom 28.11. „mort ou victorieux“ zitiert. Ducrot sitzt träumend über der Karte mit dem  eingeschlossenen Paris und sinnt darüber nach, wie er die Commune, die dort herrscht (ces misérables insurgés),  zur Raison bringen kann. Jetzt geht es für ihn nicht mehr um den Ausbruch aus dem belagerten Paris, sondern um den Angriff aus dem gemeinsamen Belagerungsring von Truppen der Republik (den sogenannten Versaillais) und der deutschen Armee auf das Paris der Commune. Der Lorbeer hängt welk herunter.

Der Titel der Karikatur: Ducrot, genannt Trompe la mort, und seine Verlobte. Die Verlobte ist der Tod, dem er sich versprochen hat, wovon er aber nun nichts mehr wissen will. Der Tod/die Verlobte kommentiert das entsprechend: Und dein Versprechen, du treulose Tomate!

Die Schlacht von Champigny hatte aber auch – und hat bis heute noch- seinen Helden. Und das war der aus dem  Elsass stammende Sergent Hoff.

Béatrice und Gilles Bataille-Winterhalter, Un héros de 1870: Sergent Hoff.  Straßburg 2005

Ignace Hoff gehörte während der Belagerung von Paris zu den dort eingeschlossenen Truppen. Dabei zeichnete er sich durch tollkühne nächtliche Operationen gegen deutsche Vorposten aus, bei denen er -zusammen mit seiner Truppe von Freischärlern- zahlreiche preußische und sächsische Soldaten überraschte und tötete. Durch eine seiner Aktionen sollen sogar die deutschen Soldaten von der kleinen schönen Marneinsel Île des Loups vertrieben worden sein. Für die belagerte, demoralisierte und hungernde Bevölkerung wurde Hoff zum Helden, der die Ehre des gedemütigten Landes wahrte. Die Armee ehrte ihn durch die Auszeichnung mit dem Kreuz der Ehrenlegion, die Presse sorgte dafür, dass seine Taten gebührend und noch entsprechend ausgeschmückt verbreitet wurden.[6]

Während der Schlacht von Champigny geriet Hoff in deutsche Kriegsgefangenschaft, verbarg aber aus Angst vor Repressalien seine eigentliche Identität  -die Preußen hatten 2000 Taler auf seine Ergreifung ausgelobt. Nach seiner Entlassung wurde Hoff schließlich auf Veranlassung von Mac Mahon, dem Präsidenten der Republik, zum Chefaufseher des Arc de  Triomphe ernannt, ein ehrenvolles Amt, das er bis zu seinem Tod 1902 bekleidete.[7]

Beerdigt wurde Hoff auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris. Die Statue auf seinem Grab ist das letzte Werk seines elsässischen Landsmanns Frédéric-Auguste Bartholdi, dem Schöpfer der New Yorker Freiheitsstatue. [8] Die gemeinsame elsässische Herkunft erklärt auch die Mahnung, die das Mädchen auf den Sockel des Standbilds schreibt: Frankreich, erinnere dich! Es ist die Mahnung, das 1871 an Deutschland verlorene Elsass-Lothringen nicht zu vergessen.

Insofern war Hoff auch eine Verkörperung des damals in Frankreich gepflegten Revanche-Gedankens, der gerade auch in Champigny seinen „Wallfahrtsort“ hatte.

Die Schlacht von Champigny als Gegenstand französischer und deutscher Panoramen

Panoramen erfreuten sich in Frankreich und seit Beginn des 19. Jahrhunderts großer Beliebtheit. Es waren monumentale Gemälde, die in extra dafür gebauten runden Ausstellungsräumen präsentiert wurden. Ein erstes Beispiel waren die Landschaftspanoramen in Montmartre, die der passage des Panoramas ihren Namen gegeben haben. Sehr geschätzt bei einer gut betuchten Kundschaft waren damals auch die Panoramatapeten wie die Chasse de Compiègne, die Gegenstand eines früheren Beitrags auf diesem Blog war.[9]

Mehrtägige Schlachten waren natürlich auch geeignete Gegenstände für das Panorama-Medium. So entstanden Anfang der 1880-er Jahre zwei Panoramen über die Schlacht bei Gravelotte/Rezonville zu Beginn des deutsch – französischen Krieges[10] und eine weitere über die Schlacht von Champigny. Um diese Panoramen zu präsentieren, wurde in der rue de Berry, einer Seitenstraße der Champs-Élysées,  ein spezieller Rundbau errichtet.

Gemalt wurden die beiden 120 Meter langen und 9 Meter hohen Panoramen von zwei damals bekannten Malern, Édouard Detaille und Alphonse de Neuville. Beide konnten sich dabei auf als Kriegsteilnehmer auf  eigene  Erfahrungen beziehen:  Detaille nahm sogar an der Schlacht von Champigny teil.[11]

Es ist bemerkenswert, wie es den beiden Malern mit ihren Panoramen gelang, ein großes Publikum anzuziehen, obwohl die beiden Schlachten ja mit Niederlagen der französischen Armee endeten und obwohl den Besuchern mit großem Realismus die Grausamkeit des Krieges keineswegs erspart wird.[12]

Infanteristen in einem Hohlweg. Fragment des Panoramas von Champigny (Musée de l’Armée)

Aber wir befinden uns in einer Zeit, in der in Frankreich der „Schmerz der Niederlage“ kultiviert wurde, in der patriotische Skulpturen wie der Löwe von Belfort oder La Défense, die dem heutigen Hochhausviertel von Paris ihren Namen gegeben hat, entstanden, und in der von Männern wie Paul Déroulède oder Maurice Barrès  der Geist der Revanche beschworen wurde. Dazu passte die „der Ehre des unglücklichen Muts“ französischer Soldaten gewidmete Militär-Malerei Alphonse de Neuvilles und Edouard Detailles.[13] Hier wurden nicht mehr triumphierende Generale, sondern „les uniformes simplifiés (…), l’officier et le soldat confondu dans l’égalité de la défaite“ gezeigt, wie es in einem zeitgenössischen Pressebericht heißt. Dem Bild der kriegsgeschundenen Nation, die nun in ihrer gleichmacherischen Zerrüttung egalitär erschien, wurde so ein würdevoll-stolzer Ausdruck verliehen.[14]

Hier das zentrale Motiv des Champigny-Panoramas. Detaille hatte die eine Hälfte gemalt, Neuville die andere: Die beiden mit den entsprechenden Namen versehenen Soldaten markieren die Mitte, in der sie sich treffen. Und sie bezeichnen auch die beiden Seiten der Schlacht: Den Tod und das siegreiche Voranstürmen.

Fragment des Panoramas von Champigny. Musée de l’Armée

Nach der Präsentation in Paris wurde das Panorama der Schlacht von Champigny von 1887 bis 1891 in Wien gezeigt, danach von Detaille selbst in 65 Teile zerschnitten und 1896 versteigert.  Das Museum von Gravelotte konnte immerhin einige Teile aus einer Sammlung des Milliardärs Forbes erwerben, die zusammen mit Teilen des Rezonville-Panoramas dort zu sehen sind.[15]

Ein Fragment – Soldaten mit Mauleseln einer Ambulanz- ist auch im Museum Carnavalet ausgestellt.[16]

Württembergische und sächsische Panoramen

Auch in Deutschland erfreuten sich Panoramen mit Motiven des deutsch-französischen Krieges und seiner siegreichen Schlachten großer Beliebtheit. Die Schlacht von Champigny war besonders in Württenberg und Sachsen populär, denn immerhin waren es ja württembergische und sächsische Truppen, die dort eingesetzt waren. Für die  Württemberger war Champigny sogar der bedeutendste militärische Einsatz im gesamten deutsch-französischen Krieg.

Dies erklärt, warum es in Stuttgart 1890 sogar zwei Champigny-Panoramen gab: Die  Württemberger bei Champigny-Villiers hatte den ersten  Tag der Schlacht, den 30. November 1870, zum Gegenstand, das zweite Panorama Sturm auf Champigny konzentrierte sich auf den Sturm württembergischer Truppen auf das Dorf Champigny und die dortigen Straßenkämpfe  am 2. Dezember.

Auch auf vielfältige andere Weise wurde die Erinnerung an  die Schlacht wachgehalten. Im Park der Stuttgarter Villa Berg wurde zum Beispiel ein Kriegerdenkmal aus Granit-Blöcken errichtet mit einer Inschrift, einem krönenden Bronzeadler und einer Wappentafel über der Inschrift. Adler und Wappentafel wurden im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen.[17]

Und Champigny-Straßen gibt es auch heute noch in Stuttgart und Reutlingen.[18]

Der Mut der sächsischen Soldaten in der Schlacht von Champigny wurde ebenfalls in einem Panorama gefeiert. Das von Eugen Bracht und Georg Koch gemalte Panorama Die Sachsen vor Paris wurde zunächst 1887 in Leipzig und 1890 in Dresden präsentiert.

Bis zum Ersten Weltkrieg waren es dann noch weitere deutsche Städte, die diese Panoramen zeigten. Allerdings ist von ihnen -anders als von den Panoramen Detailles und de Neuvilles-  nichts mehr erhalten.[19]

Das Denkmal und das Beinhaus (ossuaire) von Champigny: Ein Ort der Erinnerung, der Revanche und des Friedens

Seit 1871 wurden in Bry-sur- Marne und in Champigny-sur-Marne jeweils am 2. Dezember Veranstaltungen zum Gedenken an die Schlacht organisiert. Am 2. Dezember 1873 wurde ein auf einem breiten Sockel postierter Obelisk errichtet, der fünf Jahre später durch eine Krypta ergänzt wurde, in der die sterblichen Überreste von 1400 in der Schlacht getöteten französischen und deutschen Soldaten ruhen, die zunächst provisorisch in Massengräbern bestattet worden waren.[20]

Einweihung des Erinnerungsdenkmals an die Kämpfe von Champigny vom 30 November und 2. Dezember 1870.[21] 10 000 Menschen waren damals dabei, bei der Einweihung des Beinhauses 20 000.

                                             Einweihung des Beinhauses am 2. Dezember 1878

Das Denkmal von Champigny wurde nun zum Mittelpunkt einer offiziellen und auch sehr lebendigen populären Erinnerungskultur an den Krieg 1870/1871. Dies fand auch seinen Ausdruck in der Umänderung des Ortsnamens: Champigny-sur-Marne wurde nämlich umbenannt in Champigny-la-Bataillle.  Auch wenn die Schlacht mit einem Rückzug der französischen Truppen endete, galt sie doch als eine der wenigen Erfolge in diesem Krieg. Vor allem aber wurde die Schlacht als moralischer Sieg der Verteidiger von Paris gesehen, die durch ihren Opfertod der Idee der Vaterlandsliebe wieder zu ihrem Recht verholfen hätten.

„Damit war bereits in der unmittelbaren Nachkriegszeit ein Topos entstanden, der bis zum Ersten Weltkrieg den öffentlichen Diskurs über den Krieg von 1870/71 in allen politischen Lagern gleichermaßen prägen sollte: Durch die extreme Akzentuierung der moralischen Qualität, die man im Akt der Verteidigung begründet sah, konnte der Krieg als ein Ereignis dargestellt werden, mit dem eine positive Identifizierung möglich war. Die Niederlage wurde auf eine „höhere“ Ebene transzendiert, auf der die Ereignisse von 1870/71 als ein moralischer Sieg darstellbar waren, den es für alle Ewigkeit festzuhalten galt.“[22]

Deutlich ist diese Botschaft in dem „Bericht der Schlacht von Champigny“, einer Broschüre,  die seit 1873 an dem Denkmal verkauft wurde: [23]

In den Tagen dieser Schlacht sei mit großer Bravour gekämpft worden und viel Blut geflossen, auch wenn die grauenhaften Opfer nicht den gewünschten Erfolg mit sich gebracht hätten. Immerhin seien die Soldaten in dem Glauben gefallen, für einen siegreichen Kampf ihr Leben gegeben zu haben. Wie auch immer: Soldaten und Offiziere hätten „le salutaire exemple de leur patriotisme“ gegeben und ihres heldenhaften Muts. Sie verdienten -wie die Sieger- die Dankbarkeit ihrer Mitbürger, den Respekt ihrer Feinde und die Wertschätzung der unparteiischen Geschichte.

Das Beinhaus von Champigny ist -wie auch Gravelotte und das Ehrental in Saarbrücken[24]– einer der wenigen Orte, wo miteinander die sterblichen Überreste französischer und deutscher Soldaten bestattet sind. Und wie auch in Gravelotte von deutscher Seite werden hier von französischer Seite die Gefallenen beider Seiten gleichberechtigt geehrt.

Insofern ist Champigny ein Ort der Erinnerung, aber auch ein Symbol des Friedens.[25] Seit 1882 wurde allerdings Champigny auch zum Schauplatz nationalistischer Kundgebungen der antiparlamentarischen und antisemitischen „Ligue des Patriotes“ und zu einem „Symbol der Revanche“ für die Niederlage im deutsch-französischen Krieg.  Am 3. Dezember 1908 beschwor deren Vorsitzender Paul Déroulède den „unvermeidlichen Krieg“, der viel schneller kommen werde als das „die Herren Pazifisten“ glauben machten.[26]  

Mit dem Beginn des Weltkrieges und dem Tod Déroulèdes 1914 erhielten die revanchistischen Strömungen neuen Auftrieb, und es war Maurice Barrès, der die Tradition der chauvinistischen Kundgebungen in Champigny fortsetzte.[27] Jetzt ging es nicht mehr nur um die Rückgewinnung von Elsass-Lothringen, sondern um die linksrheinischen Gebiete Deutschlands….   Am 1. Dezember 1918 stattete dann der französische Präsident Raymond Poincaré, dem Denkmal von Champigny einen Besuch ab, um nach dem gewonnenen Krieg zu demonstrieren, dass nun die Niederlage von 1871 gerächt sei.[28]

Allerdings hatten die revanchistischen Strömungen, so lautstark sie auch sein mochten, in der Zeit zwischen Jahrhundertwende und Kriegsausbruch keinen bestimmenden Einfluss mehr auf die französische Politik und Gesellschaft. So konnte auch 1910 in Champigny ein Denkmal für die 1870 dort gefallenen  württembergischen Soldaten eingeweiht werden, das von württembergischen Veteranen gestiftet worden war.[29]

Württemberg seinen tapferen Söhnen/Le Wurtemberg à ses braves fils

Für die Württemberger war Champigny nach zeitgenössischem Urteil immerhin das, was Sedan für die preußische Armee war.  Es gab zwar damals in Frankreich einige kritische Stimmen wegen des Eisernen Kreuzes, das den Obelisken krönte, aber das hinderte nicht, dass das Denkmal in einer gemeinsamen feierlichen Zeremonie von Deutschen und Franzosen der Stadt übergeben wurde. Es unterstrich damit, wie es auf der homepage von Champigny heißt, den Wunsch nach Befriedung zwischen den ehemaligen Gegnern.[30]

Das Denkmal heute[31]

Ein Monument der Versöhnung ist vor allem das Beinhaus (ossuaire) von Champigny.   

Dies nicht nur, weil dort Deutsche und Franzosen Seite an Seite bestattet sind und damit in ihrem Tod ein Symbol des Friedens sind, sondern weil Frankreich und Deutschland gemeinsam Verantwortung für seine Unterhaltung übernommen haben.[32]

Und die ist dringend von Nöten. Denn das Gewölbe ist höchst baufällig, ja sogar einsturzgefährdet. Schon 1939 hätte es renoviert werden sollen, was kriegsbedingt aber unterblieb. 2016 wurde es in Anwesenheit des damaligen deutschen Botschafters Meyer-Landruth nach jahrelangen Renovierungsarbeiten wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Sehr nachhaltig waren die aber offenbar nicht, denn inzwischen ist die Krypta schon wieder gesperrt….[33] Es ist zu hoffen, dass diesem traurigen Zustand bald ein Ende gemacht wird und es nicht erneut -wie 2010 Le Monde- Anlass gibt,  von dem „ossuaire oublié de Champigny“ zu sprechen….


Anmerkungen:

[1] Ausstellung in Bry-sur-Marne: La Bataille de Champigny, 30 novembre et 2 décembre  1870.  Vincent Roblin, Katalog zur Ausstellung, Bry-sur-Marne 2021. Siehe auch: http://memoiredhistoire.canalblog.com/archives/2021/06/04/39000833.html

[2] Oft wird in französischen Darstellungen von preußischen Truppen  gesprochen, die auf deutscher Seite an der Schlacht von Champigny beteiligt waren. Siehe z.B. Le Monde  vom 17. Dezember 2010:   La ville a célébré, le 4 décembre, la plus grande bataille du siège de Paris qui, il y a 140 ans, opposa pendant trois jours 60 000 Français à 70 000 soldats prussiens. (L’ossuaire oublié de Champigny-sur-Marne (lemonde.fr)   Dabei wurde der Belageerungsring an dieser Stelle von sächsischen und württembergischen Truppen gebildet. Nach dem französischen Angriff vom 30. November wurden dann  allerdings preußische Verstärkungen herangeführt.

[3] Karte aus der Ausstellung in Bry. Siehe auch die Karte bei: https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_bei_Villiers

[4] Ausstellungskatalog, S. 24. Eine vom Office National des Anciens Combattants et Victimes de Guerre herausgegebene Broschüre über La Bataille de Champigny spricht von etwa 6000 Verlusten bei der fanzösischen Armee, darunter 400 Offizieren. Die Opfer bei den Preußen, den Sachsen und Württembergern seien noch höher gewesen. Bei Wikipedia folgende Angabe:  „Die Franzosen verloren an Toten und Verwundeten über 9.500 Mann, die Deutschen über 3.500 Soldaten und Offiziere.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_bei_Villiers

[5] „Le commandement français est essentiellement responsable de l’échec de cette percée. Kes effectifs engagés ont été notamment insuffisants quand beaucoup de troupes, à l’arrière, sonst restées inemployées.“ (Broschüre  La Bataille de Champigny a.a.O., S.5). Außerdem waren die für Entlastungsangriffe vorgesehenen Truppen nicht über die Verschiebung des Angriffstermins informiert worden, so dass sie sinnlos eingesetzt wurden und hohe Verluste erlitten.

[6] Nachfolgendes Titelbild der Zeitschrift L’Eclipse vom 19. Januar 1873

[7] Zu Hoff siehe: https://fr.wikipedia.org/wiki/Ignace_Hoffhttps://amismuseearmee.fr/en-marge-de/1215-2021-le-sergent-ignace-hoff  und  Lucien Louis-Lande, Le sergent Hoff: Épisode du siège de Paris. 2018  

[8] Siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2017/02/23/die-freiheitsstatue-von-new-york-und-ihre-schwestern-in-paris-teil-2-die-vaeter-von-miss-liberty/

[9] https://paris-blog.org/2021/10/21/die-einzigartige-historische-jagdtapete-la-chasse-de-compiegne-in-paris-und-im-wurttembergischen-datzingen/

[10] Siehe: https://paris-blog.org/2021/01/01/gravelotte-bei-metz-ein-einzigartiger-erinnerungsort-des-deutsch-franzosischen-kriegs-1870-1871/

[11] Marina Taravella, Le panorama animé: La bataille de Champigny. 25.1.2021. https://www.champigny94.fr/article/le-panorama-anime-la-bataille-de-champigny

[12] Nachfolgendes Bild aus: Fichier:Fantassins dans un chemin creux, fragment du panorama de La Bataille de Champigny.jpg — Wikipédia (wikipedia.org) Siehe auch:

https://basedescollections.musee-armee.fr/ark:/66008/01143.locale=fr

[13] [29] https://www.lemonde.fr/centenaire-14-18-decryptages/article/2014/04/08/1914-la-revanche-de-1870-pas-si-simple_4397706_4366930.html

[14] Siehe: Helke Rausch, Kultfigur und Nation. Öffentliche Denkmäler in Paris, Berlin und London 1848-1914. Pariser Historische Studien, Band 70, herausgegeben vom Deutschen Historischen Institut Paris. München: R.Oldenbourg Verlag 2006, S. 448

[15] Einen Überblick über das gesamte Panorama bietet: Version animé https://www.youtube.com/watch?v=k4GGopuUyKk

[16] Bild aus: https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/musee-carnavalet/oeuvres/scene-militaire-mobiles-conduisant-des-mulets-d-ambulances-fragment-du#infos-secondaires-detail

[17] https://www.leo-bw.de/web/guest/detail-gis/-/Detail/details/DOKUMENT/lmz_bilddatenbank_02/LMZ992506/Stuttgart+Champigny-Denkmal+im+Park+der+Villa+Berg+um+1930  Bild aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Villa_Berg,_Champigny-Denkmal.jpg

[18] Zur Geschichte einer ehemaligen Champigny-Straße in Stuttgart siehe: https://www.stolpersteine-stuttgart.de/index.php?docid=509

[19] Siehe Ausstellungskatalog Bry-sur-Marne, S. 40/41

[20] L’ossuaire, où reposent 1 000 Français et 400 Prussiens, (Le Monde vom 17.12.2010)  http://www.lemonde.fr/societe/article/2010/12/17/l-ossuaire-oublie-de-champigny-sur-marne_1454796_3224.html#EgBgxrjtWrTUzYCA.99 Natürlich sind es vor allem Württemberger und Sachsen, die dort bestattet sind, und nicht Preußen. Aber das entspricht einer gängigen französischen Darstellungsweise, nach der es sich 1870/1871 um einen französisch-preußischen Krieg handelte. Siehe zum Beispiel: https://www.herodote.net/Introduction_la_guerre_en_bref-synthese-543.php : Artikel mit der Überschrift: La guerre franco-prussienne (1870-1871);  https://www.histoire-pour-tous.fr/guerres/5601-la-guerre-franco-prussienne-de-1870.html und http://archives.paris.fr/r/280/guerre-franco-prussienne-de-1870-1871-150-ans-/

[21] https://www.champigny94.fr/article/lossuaire-franco-allemand

[22] Andreas Metzing, Kriegsgedenken in Frankreich (1871 – 1914). Studien zur kollektiven Erinnerung an den Deutsch-Französischen Krieg von 187071871.  Diss. Uni Freiburg 1995 https://freidok.uni-freiburg.de/fedora/objects/freidok:418/datastreams/FILE1/content

[23] Bild und Zitat aus: Récit Champigny (laguerrede1870enimages.fr)

[24] Zu Gravelotte siehe: https://paris-blog.org/2021/01/01/gravelotte-bei-metz-ein-einzigartiger-erinnerungsort-des-deutsch-franzosischen-kriegs-1870-1871/  Zum Ehrental im Deutsch-Französischen Garten von Saarbrücken -am Fuß der zu Beginn des deusch-französischen Krieges erbittert umkämpften  Spicherer Höhen siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2021/07/09/auf-der-a-4-autoroute-de-lest-von-saarbrucken-nach-paris-eine-fahrt-durch-die-deutsch-franzosische-geschichte-teil-1-von-saarbrucken-uber-verdun-bis-zur-voie-sacree/  In Bry-sur-Marne gibt es  in der Rue du 2 décembre noch ein weiteres Denkmal und Mausoleum mit den sterblichen Überresten  von etwa 500 französischen und deutschen Soldaten.

[25] https://www.champigny94.fr/article/lossuaire-franco-allemand

[26] http://www.lemonde.fr/societe/article/2010/12/17/l-ossuaire-oublie-de-champigny-sur-marne_1454796_3224.html#EgBgxrjtWrTUzYCA.99

[27] Nachfolgendes Bild aus: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/5e/Discours_de_Barr%C3%A8s_%C3%A0_Champigny.jpg

[28] http://www.lemonde.fr/societe/article/2010/12/17/l-ossuaire-oublie-de-champigny-sur-marne_1454796_3224.html#EgBgxrjtWrTUzYCA.99

[29] https://monumentsmorts.univ-lille.fr/monument/78969/champigny-sur-marne-rueroute/ Siehe auch: https://oldthing.de/AK-Ansichtskarte-Champigny-sur-Marne-Monument-eleve-a-la-memoire-des-Soldats-Wurtembergeois-morts-a-la-Bataille-du-Nov-et-Dec-1870-0038464722

[30] https://www.champigny94.fr/article/monument-des-wurtembergeois-la-presse-en-parle

[31] Bild aus: https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Monument_des_Wurtembourgeois_(Champigny-sur-Marne)#/media/File:Monument_Wurtembourgeois_Champigny_Marne_5.jpg

[32] Vorhergehendes Bild aus: https://www.leparisien.fr/val-de-marne-94/l-ossuaire-de-la-bataille-de-1870-ferme-au-public-a-champigny-19-02-2020-8263128.php

Nachfolgendes Bild aus: https://www.leparisien.fr/val-de-marne-94/champigny-sur-marne-94500/champigny-l-ossuaire-renove-devoile-ses-sepultures-de-soldats-30-03-2016-5673295.php  Dort wird auch die damalige deutsche Botschafterin zitiert, die 2013, bei Beginn der Renovierungsarbeiten Champigny als Symbol des Friedens bezeichnete.

[33] https://www.champigny94.fr/article/lossuaire-franco-allemand

Le musée Carnavalet, das Museum der Pariser Stadtgeschichte, ist wieder eröffnet. Ein erster Rundgang

Photo: Juni 2021

Wie das Plakat verheißt, ist „La vie Parisienne“ mit dem Ende des Corona- Lockdowns zurückgekehrt und damit auch „sein Museum“, das nach gut vierjähriger Renovierungszeit wieder geöffnete Musée Carnavalet.

In dieser Zeit ist viel geschehen:

  • Das Museum ist jetzt viel besucherfreundlicher geworden. Es umfasst ja zwei ehemalige Stadtpalais, das hôtel Carnavalet aus dem 16. (mit späteren Erweiterungen) und das hôtel du Peletier de Saint-Fargeau aus dem 17. Jahrhundert. Die Verbindung zwischen beiden Gebäuden wurde nun verbessert, der Ausstellungsparcours wurde einfacher und übersichtlicher, wozu elegante neue Treppen wesentlich beitragen.
  • Die Ausstellungsräume wurden im wahrsten Sinne entstaubt, zum Teil -prosaisch ausgedrückt- auch etwas entrümpelt- und das war auch wirklich nötig: Die erste Frage eines Pariser Freundes, dem wir von unserem Museumsbesuch erzählten: Ist das Carnavalet immer noch so vollgeräumt? Vielleicht hätte man da noch mehr tun können und müssen (zum Beispiel in der Abteilung über die Französische Revolution), aber den Konservatoren wird es ja so ähnlich gehen wie einem Bücherfreund, der sich -auch wenn die Regale überquellen- nur schwer von Stücken trennen kann, zu denen er doch alle eine persönliche Beziehung hat.
  • Das Museum hat den Anspruch, sich für breite Besucherschichten zu öffnen, speziell auch für Kinder: Etwa 10% der Ausstellungsobjekte sind besonders für sie positioniert und aufbereitet.

Insgesamt sind es 3700 Ausstellungsstücke, mit denen die Geschichte der Stadt illustriert wird. Der Überblick reicht von der Vorgeschichte …..

Reste einer über 4500 Jahre alten neolithischen Piroge aus Bercy (heute 12. Arrondissement)

bis zur Gegenwart…

Überdimensionaler Bleistift, der 2015 auf einer Solidaritätsdemonstration für die von islamistischen Terroristen ermordeten Journalisten der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ mitgeführt wurde.

Dies ist nur eine kleine Auswahl aus den Beständen des Museums, die aber nach der Vorstellung von Valérie Guillaume, der Leiterin des Museums, geeignet sein soll, bei einem ersten Besuch bewältigt zu werden. Ein Museum, so meint sie, müsse an einem Tag entdeckt werden können.[1]  Mit diesem Anspruch ist ein Besucher, der zum ersten Mal dieses Museum besucht, sicherlich überfordert. Realistischer ist es, einen ersten groben Überblick zu gewinnen. Dann kann man sich je nach Zeit und Interesse später die eine oder andere Abteilung oder besonders interessierende Ausstellungstücke noch einmal genauer ansehen.

Hier einige erste Eindrücke. Ich habe für diesen Beitrag Ausstellungsstücke ausgewählt, die ich besonders interessant, wichtig, kurios oder schön finde. Es sind auch viele Stücke dabei, die auf Themen verweisen, die schon Gegenstand dieses Blogs waren. Entsprechende Hinweise/Links finden sich in den jeweiligen Anmerkungen. Insgesamt soll damit ein Überblick über das große und vielfältigeAngebot des Museums entstehen und das Interesse geweckt werden, selbst auf Entdeckungsreise zu gehen.

Blick aus dem Eingangsbereich in den Ehrenhof (cour d’honneur) des Museums mit der Statue Ludwigs XIV. Sie ist ein Werk von Antoine Coysevox und wurde 1689 für das Rathaus von Paris geschaffen und steht seit 1890 im Ehrenhof des Museums.

Der Rundgang beginnt mit dem sehr einladenden Saal der Firmen- und Werbeschilder (salle des enseignes).

Dort sind zahlreiche alte und besonders kunstvolle Schilder von Restaurants, Geschäften und Werkstätten ausgestellt. Zum Beispiel das Schild mit der schlafenden Katze und der Maus…

Es gehörte zu einer Weinhandlung in der rue Mouffetard

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist dsc00272ccarnavalet-11-kopie.jpg.

Ausgestellt ist auch das heftig umstrittene Bild „Au nègre joyeux“. Seit Ende des 19. Jahrhunderts machte es Reklame für eine Café an der place de Contrescarpe.[2]

2017 wurde es auf Beschluss des Pariser Stadtrats entfernt und hängt nun in einer abseitigen Ecke des Museums. Beigefügt ist eine Informationstafel mit dem Text eines nicht näher bestimmten „comité scientifique“. Danach ist das Bild Ausdruck „rassistischer Stereotype“, wie sie Ende des 19. Jahrhunderts üblich gewesen seien: Deshalb seine Verbannung aus dem öffentlichen Raum. Es gibt allerdings auch ganz andere, gegenteilige Deutungen des Bildes.  Immerhin zeigt es einen „homme de couleur“ nicht als Diener, sondern als Kunden, der gerade von einer Angestellten des Cafés bedient wird. Aber die Bemühungen der betroffenen Hausgemeinschaft, von Bürgerinitiativen und der mairie des 5. Arrondissements, das Bild mit einer Erläuterung des historischen Kontextes an seinem angestammten Platz zu lassen, waren vergebens.[3] In einem späteren Blog-Beitrag vielleicht mehr zu diesem grotesken Schauspiel politischer correctness.

Bei einem ersten Besuch des Museums wird man dann weitergehen zu den  Galeries d’introduction mit ihren einführenden Informationen und Ausstellungsobjekten zur Geschichte der Stadt Paris und den hôtels Carnavalet und Le Peletier de Saint-Fargeau, die heute als Museum dienen.

Dort gibt es beispielsweise einen großen Plan der Stadt Paris aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts oder diese Eichenholztür des Pariser Rathauses: Die alte wurde 1652 während der Fronde, der Revolte gegen die königliche Herrschaft des jungen Ludwig XIV., zerstört und durch die neue Tür mit den Medusen-Häuptern ersetzt. Sie überlebte den von der Pariser Commune gelegten Brand des Rathauses am 24. Mai 1871.

Überlebt hat den Brand des Rathauses auch die Reiterstatue Statue Heinrichs IV. im cour Henri Quatre, in den man von hier aus einen Blick werfen kann. Es gibt dort auch einige ruhige Sitzplätze.

Die Statue schmückte ursprünglich den Tympanon des Haupteingangs des Pariser Rathauses. Dort ersetzte sie eine 1606 aufgestellte und 1792 zerstörte Vorgängerstatue. Am Hals des Pferdes ist noch die Einschussstelle einer Kugel aus dem semaine sanglante 1871 zu sehen

Man kann dann  die Ausstellungsräume im 1. und 2. Stock besuchen, in denen die Geschichte der Stadt vom 16. bis zum 20. Jahrhundert präsentiert wird. Wir folgen hier aber dem am historischen Ablauf orientierten Rundgang, der mit Objekten zur vorgeschichtlichen, römischen und mittelalterlichen Entwicklung der Stadt beginnt. Sie sind im Keller des hôtel Carnavalet ausgestellt, den man über einen originalen Zugang erreicht.

Hier ein Kapitellfragment aus dem römischen  Lutetia

Modell der dichten mittelalterlichen Bebauung der Île de la Cité rund um Notre-Dame:

Kopf und Hand Abélards aus dem Grabmal von Abélard und Héloise auf dem Friedhof Père Lachaise (1814-1818). Das Gegenstück von Héloise gibt es natürlich auch. Als der Père Lachaise zu Beginn des 19. Jahrhunderts eingerichtet wurde, überführte man die sterblichen Überreste des mythischen mittelalterlichen Liebespaares dorthin. Wie auch die damals eingerichteten Gräber von Molière und La Fontaine sollten sie dazu dienen, den neuen Friedhof für die Pariser Bourgeoisie attraktiv zu machen. Bei der Gestaltung der Köpfe soll sich der Bildhauer Pierre-Nicolas Beauvallet an den exhumierten Schädeln von Abélard und Héloise orientiert haben.

Der Rundgang geht weiter im ersten Stockwerk des hôtel Carnavalet. Dort wird natürlich  Madame de Sévigné, die berühmte Briefschreiberin, gebührend gewürdigt. Immerhin war sie fast 20 Jahre lang Hausherrin im hôtel Carnavalet.

Hier ihr Portrait (Claude Levèbvre, ca 1665) über dem aus China stammenden Schreibtisch, an dem sie viele ihrer Briefe an die Tochter in der Provence schrieb. Auch die Adresse des Museums erinnert an Madame de Sévigné: 23, rue  de  Sévigné.  Ihr Geburtshaus befindet sich ganz in der Nähe, an der place des Vosges.

Ein altes Straßenschild: Dort wurde 1610 Heinrich IV. von einem religiösen Fanatiker ermordet. An Ort und Stelle ist -an den Arkaden zur Fontaine des Innocents – eine Erinnerungsplakette angebracht. Und in den Boden ist eine Platte eingelassen mit dem Wappen des Königs, das Frankreich und Navarra (sein Herkunftsland mit seinen Geburtsort Pau) verbindet.

Detail eines Paravant aus dem Faubourg Saint-Antoine. Es handelt sich um eine mit einem Imitationslack der Familie Martin (vernis Martin) hergestellte Lackarbeit mit chinesischen Motiven. Diese Lackarbeiten erfreuten sich im 18. Jahrhundert großer Beliebtheit. Der Faubourg Saint-Antoine war bis Mitte des 20. Jahrhunderts das Zentrum der französischen Möbelproduktion. Im Ancien Régime wurden dort von den Kunsttischlern des Viertels, den ébénistes, die exquisiten Möbel des französischen Adels hergestellt. [3a]

Eine besondere Attraktion des Museums sind die sogenannten „period rooms“. Ein Beispiel ist dieser Salon de musique mit Holzvertäfelungen aus einem hôtel particulier, einem Stadtpalais, das im 19. Jahrhundert zerstört wurde.

Im Museum hat auch der prächtige Salon de compagnie des hôtel d’Uzès aus der rue de Montmartre seinen Platz gefunden. Gestaltet wurde er von Claude-Nicolas Ledoux. Es gibt im Museum mehrere Räume, die Ledoux gewidmet sind. Immerhin hat er die neoklassizistische Architektur vor der Französischen Revolution entscheidend mitgeprägt und seine utopischen architektonischen Entwürfe haben großen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Architektur gehabt. Ausgestellt sind auch die von ihm entworfene Ausstattung des berühmten Café militaire und Modelle der ebenfalls von ihm entworfenen „Barrieren“ der berüchtigten Zollmauer um Paris. Vier dieser klassizistischen Torhäuser und Zollstationen sind heute noch erhalten.[4]

Ein Schwerpunkt des Museums ist die Abteilung zur Französischen Revolution im zweiten Stock des hôtel du Peletier de Saint-Fargeau.

Dabei werden natürlich auch Rousseau und Voltaire als geistige Väter der Revolution gebührend gewürdigt.

Hier ein Bild des Sarkophags von Jean-Jacques Rousseau, der nach seiner Überführung aus dem Grabmal von Ermanonville am 11. Oktober 1794 vor dem Pantheon aufgebahrt wurde, bevor die sterblichen Überreste – zusammen mit denen Voltaires- im Gewölbe des Pantheons ihre letzte Ruhestätte erhielten. [5]

© Paris Musées / Musée Carnavalet – Histoire de Paris

Ein berühmtes Ausstellungsstück des Museums ist das Gemälde von Jacques-Louis David, das den Ballhausschwur vom 20. Juni 1789 zeigt – hier ein Ausschnitt. Der Ballhausschwur war sozusagen der Gründungsakt der Französischen Revolution: Die im Ballhaus (jeu de paume) von Versailles versammelten Vertreter des Dritten Standes schworen, nicht eher auseinander zu gehen, bevor nicht eine Verfassung verabschiedet worden sei.

Im Zentrum des Bildes steht Bailly, der Bürgermeister von Paris, der gerade den Eid vorspricht. Deutlich hat David die Begeisterung der Abgeordneten in Szene gesetzt, die -mit einer Ausnahme- den Beschluss mit ihrem Eid besiegeln: Er zeigt die große Menge, aber auch einzelne, detailgenau portraitierte Abgeordnete: Das Volk, dessen Souveränität hier beschworen  wird, ist nicht eine anonyme  Masse, sondern es konstituiert sich aus einer Vielzahl von Individuen. Durch die geöffneten Fenster des Ballhauses scheint das Licht (der Aufklärung), und der leichte Vorhang wird von dem frischen Wind bewegt, der durch den Saal und symbolisch auch durch ganz Frankreich weht.[6]

Hier ein Modell der Bastille, hergestellt aus einem Steinquader der abgerissenen Bastille. Schon am 15. Juli 1789, einen Tag nach der Erstürmung der Bastille, erhielt der Unternehmer Pierre-François Palloy den Auftrag, die Bastille abzutragen, womit etwa 800 Arbeiter beschäftigt waren. Während der größte Teil der Steine für Pariser Bauten wiederverwendet wurde, nutzte Palloy einen Teil davon gewinnbringend für die Herstellung von Souvenirs[7] – so wie das später dann ja auch mit Bruchstücken der Berliner Mauer geschah…. Jedes der neuen Départements erhielt ein solches Bastille-Modell.

Nicht fehlen darf in dem Museum natürlich die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte vom 26. August 1789 (hier ein Ausschnitt). Frankreich versteht sich ja gerne als das „Vaterland der Menschenrechte“. Aber von Anbeginn an gab es immer eine gewisse Diskrepanz zwischen dem hehren Anspruch und einer mehr oder weniger dahinter zurückbleibenden Realität.[8] Nur ein Beispiel: So forderte am 14. September 1791 Olympe de Gouges in ihrer Deklaration  „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ die Gleichstellung von Mann und Frau.  Zwei Wochen davor war die Verfassung der konstitutionellen Monarchie mit der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte als Präambel proklamiert worden, die -wie auch der spätere Code Napoléon- den Frauen die rechtliche Gleichstellung mit dem Mann verweigerte. Am 3. November 1793 wurde die mutige Vordenkerin der Rechte der Frau von den jakobinischen Machthabern guillotiniert – sie habe vergessen, was sich für ihr Geschlecht ziemt, hieß es.[9] Und auch heute noch gibt es genug Bereiche und Fälle, wo die Beachtung der Menschen- und Bürgerrechte zu wünschen übrig lässt. So wurde Frankreich seit 2012 acht mal vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wegen eines inhumanen bzw. unwürdigen Umgangs mit Asylsuchenden verurteilt.[10] Aber leider fehlt es da in dem Museum an einer beigefügten historischen Einbettung und Problematisierung.

Diese Schreibgarnitur aus der Revolutionszeit trägt die Parole „Frei Leben oder Sterben“ (Vivre Libre ou Mourir), die auch Untertitel des Vieux Cordelier, einer von Camille Desmoulins herausgegebenen Zeitschrift war. Sie bezieht sich auf Artikel 11 der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte: Die freie Mitteilung der Gedanken und Meinungen ist eines der kostbarsten Menschenrechte. Jeder Bürger kann also frei schreiben, reden und drucken unter Vorbehalt der Verantwortlichkeit für den Missbrauch dieser Freiheit in den durch das Gesetz bestimmten Fällen.

Diese Figur eines Soldaten aus Holz und Metall entstand zwischen 1789 und 1800 und stand vor einem Rekrutierungsbüro für die 1789 in Paris geschaffene und von La Fayette befehligte Nationalgarde.  Es handelte sich um eine Miliz von Freiwilligen, die dazu dienen sollte, im Frieden Ruhe und Ordnung vor Ort zu sichern und im Krieg die reguläre Armee zu unterstützen.

Das sind die Möbel der königlichen Familie während der Gefangenschaft im Tour du Temple an der Rue du Temple im Marais. Das war der -heute nicht mehr existierende-  Rest einer befestigten Anlage  der Tempelritter, die zu Beginn der Französischen Revolution von der Stadt Paris in ein Hochsicherheitsgefängnis umgewandelt worden war.   Am 10. August 1792 stürmten Revolutionäre das Tuilerien-Schloss, in dem die königliche Familie nach der gescheiterten Flucht arrestiert war. Die Zeit bis zur Hinrichtung Ludwigs XVI./Louis Capets  am 21. Januar 1793 verbrachte die Familie im Temple-Gefängnis.

Den Abschied des zum Tode verurteilten Ludwigs XVI. von seiner Familie am 20. Januar 1793 hielt der Maler Jean-Jacques Hauer in diesem im Museum ausgestellten Ölgemälde fest. Es ist auch wegen des Malers bemerkenswert. Der wurde nämlich als Johann Jacob Hauer im rheinhessischen Gau-Algesheim geboren. 1769 ließ sich Hauer in Paris nieder, wo er an der Kunstakademie Schüler von Jacques-Louis David wurde.

Im Sommer 1789 diente Jean Jacques Hauer, wie er sich inzwischen nannte,  als Kommandant im 2. Bataillon der Garde Nationale. 1792 wurde er als Kapitän der Nationalgarde Kommandant des Bataillons der Section des Cordeliers. Der nach dem Cordeliers-Kloster in der Rue de l’École-de-Médecine benannte Club des Cordeliers  zählte mit Georges Danton und Jean Paul Marat zu den radikalen Clubs unter den Revolutionären. Hauer überstand aber als Maler der Revolution und dann der Restauration die Umbrüche seiner Zeit unbeschadet.[11]

Ohrringe „à la guillotine“ mit phrygischer Mütze oben, an denen die Köpfe von Ludwig XVI. und Marie – Antoinette mit umgedrehter Königskrone baumeln (um 1880): Ein delikater Schmuck. Offensichtlich handelt es sich ein „republikanisches“  Ohrgehänge, mit dem die Guillotinierung  von Ludwig XVI. begrüßt wurde.

Natürlich wird auch das Zeitalters Napoleons ausführlich in dem Museum berücksichtigt – um so mehr,  als die Stadt ja wesentlich von seinen Bauten wie dem Arc de Triomphe, der Madeleine, der Rue de Rivoli etc geprägt wurde.

„Le cortège du Sacre de Napoléon I le 2 décembre 1804″ (Der Krönungszug am 2.Dezember 1804 auf dem Pont Neuf auf dem Weg nach Notre-Dame).  Gemälde von Jacques Bertaux (1745-1818). Ausschnitt

Das Bild zeigt die Kutsche mit Napoleon und Josephine bei der Überquerung des Pont Neuf auf dem Weg zur Kathedrale von Notre-Dame de Paris, wo die Krönung zum Kaiser und zur Kaiserin stattfand. Der mit der Initiale N versehene Wagen wurde speziell für diese Zeremonie gebaut. Insgesamt bestand der von Kavallerie gesäumte und begleitete Zug der Hochzeitsgäste aus über 40 luxuriösen Wagen. Die Balkone und Zimmer vor allem in der Nähe von Notre-Dame wurden an Zuschauer vermietet, die nichts von dem grandiosen Schauspiel verpassen wollten.[12]   

Dieses Ölgemälde von Robert Lefèvre zeigt Napoleon in der Uniform eines Obersten der Garde. Das Bild wurde 1809 von der Stadt Paris für den kaiserlichen Salon des Rathauses bestellt. Bemerkenswert ist übrigens, dass die Hand Napoleons auf eine Landkarte deutet, die Europa und Nordafrika abbildet. Immerhin hatte  Napoleon in diesem Jahr nach dem entscheidenden Sieg bei Wagram dem Kaiserreich Österreich den Frieden von Schönbrunn diktiert und damit den 5. Koalitionskrieg beendet. Napoleon wird damit als siegreicher Stratege und Feldherr gefeiert.

Mit einem großen Sprung geht es jetzt weiter zum deutsch-französischen Krieg 1870/71 und der Pariser Commune.

Dies ist ein Ausschnitt aus einem Ölgemälde von Jules Didier und Jacques Gulaud. Es zeigt den Abschied des jungen Kriegsministers Léon Gambetta, der am 7. Oktober 1870  von Montmartre aus mit dem Ballon L’Armand-Barbès das von deutschen Truppen eingeschlossene Paris verlässt, um von Tours und dann von Bordeaux aus den Widerstand zu organisieren. Rechts oben im Bildausschnitt sieht man  übrigens einen Käfig mit Brieftauben, die einen wesentlichen Beitrag zur Nachrichtenübermittlung mit der belagerten Stadt leisteten.  Im November marschierte dann die Loire-Armee Richtung Paris und am 30. November versuchten 70 000 Soldaten aus Paris den Belagerungsring an der Marne zu durchbrechen und sich mit der Loire-Armee zu vereinigen. Dieser Versuch scheiterte allerdings in der Schlacht von Champigny.[13]

Dies sind die Trümmer der Säule auf der place Vendôme. Errichtet wurde sie von Napoleon zur Feier seiner Siege und der „Grande Armée“. Am 16. Mai 1871 wurde die Säule mit der Napoleon-Statue an ihrer Spitze als ein Monument des Militarismus niedergerissen. Der Maler Gustave Courbet wurde dafür verantwortlich gemacht und nach der Niederschlagung der Commune dazu verurteilt, die Kosten für die Wiederaufrichtung zu zahlen. Da er dazu nicht in der Lage war, musste er Frankreich verlassen und den Rest seines Lebens im Schweizer Exil verbringen.[14]

Dieses Gemälde von Victor Darbaud zeigt die von dem Elsässer Bartholdi entworfene Freiheitsstatue, die in den Werkstätten Gaget-Gauthier in der rue de Chazelles in Paris hergestellt wurde. Zunächst wurden Einzelteile angefertigt, die dann neben der Werkstatt vorläufig zusammengefügt wurden. Die über die Dächer der Stadt hinauswachsende Statue wurde zu einem bevorzugten Ausflugsziel der Pariser. „C’est une des curiosités les plus intéressantes de Paris“, schrieb ein Journalist im Juli 1883. Auch Victor Hugo ließ es sich nicht nehmen, der Freiheitsstatue einen Besuch abzustatten und die Treppen in ihrem Inneren hochzusteigen. Er nahm sogar ein kleines Stück der Statue mit  „en souvenir de sa glorieuse visite“, hinterließ dafür aber die starken Worte:   „Das ist der Freiheitsengel, das ist der Aufklärungsriese“. Die fertige Statue wurde dann aber wieder zerlegt, in zweihundert Kisten verpackt und über den Atlantik verschifft.[15] 

Auch zu diesem Bild gibt eine spezielle Informationstafel für Kinder. Das bietet sich wohl auch deshalb an, weil es immerhin in Paris drei -natürlich kleinere- Versionen der Freiheitsstatue gibt…So kann an Vorkenntnisse der Kinder angeknüpft oder ihr Interesse geweckt werden.[16]

Für die glanzvolle Zeit der „belle époque“ steht das Bild von Louis Beroud, von dem hier ein Ausschnitt zu sehen ist.

Gezeigt wird der zentrale Kuppelbau der für die Weltausstellung von 1889 errichteten „galerie des Machines“, die auf dem Champ de Mars zwischen der Ecole militaire und dem  Eiffelturm errichtet wurde, der ebenfalls seine Entstehung der Weltausstellung verdankt.  Der Kuppelbau war kein Ort der Präsentation von Maschinen, sondern zentraler Begegnungsort der ganzen Weltausstellung.  Bewusst wird hier die Diversität des Publikums in Szene gesetzt: Die eleganten Damen und Herren der Bourgeoisie, der Offizier, die in landestypischer Tracht präsentierten Besucher aus den Provinzen und den Kolonien.  Die Konstruktion aus Metall und Glas und die reichlichen Vergoldungen sollen die Modernität und Prosperität Frankreichs vor Augen führen.[17]

 Le Chat Noir (Der schwarze Kater) war von 1881 bis 1897 ein berühmtes Pariser Kabarett in Montmartre.  Es war Ende des 19. Jahrhunderts ein Treffpunkt vieler Chanson- Sänger, Künstler, Schriftsteller und Schauspieler und wurde zu einem Inbegriff der Parise Bohème. Im Musée Carnavalet ist natürlich das berühmte Plakat des Kabaretts von Théophile Alexandre Steinlein zu sehen, ausgestellt ist aber auch das Werbeschild aus Blech, das sich am Eingang befand.

Dies ist eine Spardose der Firma Chocolat Menier, die um 1900 eine der bedeutendsten Schokoladenfabriken der Welt war. Der Sitz der Firma war in Noisiel an der Marne, heute residiert dort Nestle/France – ein außerordentliches, das Loire-Schloss Chenonceau aufgreifende Monument der Industriearchitektur. Der Erfolg der Menier-Schokoladen beruhte ganz wesentlich auch auf der damaligen revolutionären Werbestrategie, zu der auch diese Spardosen gehörten.[18]

Es muss schon eine besondere Bewandtnis mit einem unscheinbaren rohen Stück Kork haben, wenn es im Carnavalet-Museum ausgestellt ist. So ist es auch: Denn es handelt es sich um einen Teil der  „phonetischen Isolation“, die die Wände des Zimmers von Marcel Proust  im ersten Stock des Hauses 102, boulevard Haussmann bedeckte. Dort wohnte der Autor von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von 1907 bis 1919.

Proust hatte etwas ungewöhnliche Arbeitsgewohnheiten: Er stand gegen 13 oder 14 Uhr auf und legte sich bei Morgengrauen schlafen. Die Korkplatten sollten den hochgradig lärmempfindlichen Proust von den  Geräuschen der Straße und der Nachbarn abschotten. Im Carnevalet-Museum ist aber von Proust nicht nur dieses Stück Kork zu sehen, sondern es gibt auch das Bett und weitere seiner Einrichtungsgegenstände.[19]

Hier ein Plakat aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Die Bevölkerung wird aufgefordert, den Wein für die Soldaten, die „poilus“, zu reservieren.

Das hat schon etwas sympathisch Folkloristisches. Wenn man aber am Pariser Père Lachaise an der langen Mauer mit den nicht enden wollenden Namen der im Krieg Gefallenen vorbeigeht oder auf der Autoroute de l’Est an den vielen Schildern mit Hinweisen auf blutige Schlachten dieses Krieges vorbeifährt,  dann wird direkt erfahrbar, wie schrecklich dieser in Frankreich „La Grande Guerre“ genannte Krieg war und wie tief er noch immer noch in das kollektive Gedächtnis  der Nation eingebrannt ist.[20]

Die „Goldenen Zwanziger“ von Paris werden glanzvoll repräsentiert durch den Ballsaal des hôtel Wendel. Es handelt sich hier nicht um ein Hotel im deutschen Sinne, sondern um das Stadtpalais einer reichen Industriellenfamilie, das am Quai de New York in Paris lag. Die Wandmalereien des katalanischen Künstlers José Maria Sert bedeckten die Decke und Wände des großen Saales, mit Ausnahme der drei Fenster, die sich zur Seine hin öffneten.

Hier ein kleiner Ausschnitt mit der Geburt der Venus aus einer Muschel. Insgesamt ein grandioses Ensemble, das sich seit 1989 im musée Carnalvalet befindet.

Zu der Zeit der Okkupation gibt es einige zeitgenössische Zeitungsausschnitte der offiziellen Vichy-Presse. Sie wurden regelmäßig dem Museum übergeben, um auch dort Propaganda für das Regime und Pétain zu machen. Hier ein Foto von dem Besuch Pétains in Paris am 26. April 1944. Anlass waren die alliierten Bombardements vom 21. April, die -in Vorbereitung der Landung in der Normandie- der Verkehrsinfrastruktur galten, aber auch zahlreiche zivile Opfer forderten. Pétain wurde zunächst in allen Ehren von dem Pariser Kardinal Suhart empfangen und nahm an einer Messe zur Erinnerung an die Opfer teil. Danach hielt er vom Balkon des Pariser Rathauses eine Ansprache an die große dort versammelte Menge.[21]

Natürlich ist hier auch die Vichy-Propaganda am Werk, aber nach dem Urteil seriöser Historiker hatte Pétain, der Sieger von Verdun, sich bis zuletzt eine erhebliche Popularität bewahrt, die sich gerade bei diesem Besuch von Paris noch einmal zeigte.[22]  Es ist immerhin bemerkenswert, dass das Museum diese gerne übergangene und eher peinliche Episode nicht ausspart, widerspricht sie doch dem weitverbreiteten Mythos vom im Kampf gegen den Besatzer geeinten Frankreich. Jedenfalls ist es bemerkenswert, dass eine große Menschenmenge noch am 26. April 1944 Pétain zujubelte. Genau vier Monate später, am 26. August 1944, jubelte eine große Menschenmenge dann de Gaulle zu, anlässlich der Befreiung von Paris.[23]

Teller zur Erinnerung an die Befreiung von Paris
Schuh in den Farben der alliierten Flaggen. Gestiftet der Stadt Paris von der Schuhmacherei Manoukian „in Erinnerung an die Befreiung von Paris 19-26 August 1944. Vive la France et ses Alliés“

Dieses Gemälde Robert Humblots von 1956 zeigt die Sängerin und Schauspielerin Juliette Gréco anlässlich einer Gala der Union des artistes im selben Jahr. Sie ist eine Ikone des französischen Existentialismus der Nachkriegszeit. 1947 eröffnete sie Le Tabou, einen Keller im Quartier Latin, in dem Cocteau, Gaston Gallimard, François Mauriac, Jean Genet, Simone Signoret, Marlene Dietrich,  Orson Welles, Truman Capote und viele andere verkehrten. Die Texte ihrer ersten Lieder stammten von Jean-Paul Sartre, Jacques Prévert und Raymond Queneau, die Musik von Joseph Kosma, der besonders als Komponist von Filmmusiken erfolgreich war. Gréco erreichte zwar nie die Popularität von Edith Piaf, aber sie verkörpert wie kaum jemand sonst das intellektuelle Frankreich der Nachkriegszeit.

                                     Cartier-Bresson: Brasserie Lipp, Saint-Germain-des-Prés, 1969

Wie wunderbar hat der Fotograf Henri Cartier-Bresson mit diesem Foto den Generationenbruch von 1968/69 im Bild festgehalten! Cartier-Bresson war auch die Eröffnungsausstellung des renovierten  Museums gewidmet: Henri Cartier-Bresson- Revoir Paris (bis 31. Oktober 2021).

Plakate der Revolte von 1968 aus dem Atelier populaire in der von Studenten besetzten Pariser Kunsthochschule[24]

Zwischendurch und/oder zum Abschluss bietet sich eine Ruhepause in den Höfen des hôtel Carnavalet an. Dort wurde ein weitläufiges Café (Les jardins d’Olympe) eingerichtet.

Bild von Veronique Delacroix aus: http://blogpdj.info/2021/10/01/la-reouverture-de-carnavalet/

Bei entsprechender Witterung ist das ein wunderbarer Ort der Ruhe im quirligen Marais.

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist dsc00762-carnavaoet-17-1.jpg.

Es herrscht Selbstbedienung. Sein Essen erhält man in kleinen Blechgefäßen, die mich ein wenig an die Quäkertöpfe der Nachkriegszeit erinnern. Aber zwischen dem, was darin damals und jetzt hier geschmacklich und ästhetisch enthalten war/ist, liegen Welten….  


Anmerkungen

[1] https://twitter.com/ltdla/status/1353676110618308618 In der anlässlich der Neueröffnung herausgegebenen Sonderbeilage von Le Point (Carnavalet. Renaissance d’un musée) ist von 3800 Ausstellungsstücken und 625000 Objekten im Depot die Rede.

[2] Nachfolgendes Bild aus: https://www.leparisien.fr/paris-75/paris-bras-de-fer-autour-de-la-plaque-au-negre-joyeux-31-05-2019-8083749.php

[3] Siehe u.a.: Didier Rykner, Enseigne « Au Nègre Joyeux » : la Mairie de Paris réarrange l’histoire à sa façon.In: La tribune de l’art vom 7.1.2020. Allgemein zu diesem Thema:  Ortwin Ziemer und Séverine Maillot,  Postkolonialer Bildersturm https://dokdoc.eu/politik/5869/postkolonialer-bildersturm/

[3a] Siehe dazu den Blog-Beitrag „Der Faubourg Saint-Antoine, das Viertel des Holzhandwerks“ https://paris-blog.org/2016/04/04/der-faubourg-saint-antoine/

[4] Zu Ledoux siehe auch: https://paris-blog.org/2020/06/01/ledoux-lavoisier-und-die-mauer-der-generalpaechter/ und  https://paris-blog.org/2020/06/15/die-mauer-der-generalpaechter-2-die-vier-erhaltenen-barrieren-von-ledoux/ und https://paris-blog.org/2019/07/14/die-grosse-saline-von-salins-les-bains-und-die-koenigliche-saline-von-arc-et-senans-unesco-weltkulturerbe-im-jura/

[5] Zu Rousseau siehe auch: https://paris-blog.org/2020/09/10/die-rousseau-sammlung-des-museums-jacquemard-andre-im-ehemaligen-koniglichen-kloster-chaalis/v und https://paris-blog.org/2020/09/01/der-park-jean-jacques-rousseau-in-ermenonville-der-erste-landschaftspark-auf-dem-europaeischen-kontinent-und-die-erste-begraebnisstaette-rousseaus/  Dazu auch den geplanten Bericht über den Kult der großen Männer im Pantheon.

[6] https://histoire-image.org/fr/etudes/serment-jeu-paume-20-juin-1789

[7] Siehe:  https://www.paris.fr/pages/5-oeuvres-incontournables-a-decouvrir-au-musee-carnavalet-17279

[8] Siehe z.B.  https://www.lemonde.fr/idees/article/2020/12/03/la-france-peu-coherente-patrie-des-droits-de-l-homme_6062003_3232.html

[9] https://www.deutschlandfunk.de/vor-225-jahren-olympe-de-gouges-tritt-fuer-die-rechte-der.871.de.html?dram:article_id=365657

[10] Siehe zum Beispiel: https://www.lemonde.fr/societe/article/2021/07/22/la-france-condamnee-par-la-cedh-pour-la-retention-d-une-malienne-et-de-son-bebe_6089236_3224.html und https://www.lacimade.org/la-france-condamnee-par-la-cour-europeenne-des-droits-de-lhomme/ und https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-07/menschenrechte-migranten-frankreich-urteil-europaeischer-gerichtshof-fuer-menschenrechte

[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Jakob_Hauer

[12] https://www.napoleon.org/jeunes-historiens/napodoc/43085/

Nachfolgendes Napoleon-Portrait aus: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Carnavalet_-_Napol%C3%A9on,_by_Lefevre_01.jpg

[13] Siehe dazu den Blog-Beitrag https://paris-blog.org/2021/07/21/auf-der-a-4-autoroute-de-lest-von-saarbrucken-nach-paris-eine-fahrt-durch-die-deutsch-franzosische-geschichte-teil-2-von-der-voie-sacree-uber-reims-bis-meaux-paris/  Ein spezieller Blog-Beitrag über die Schlacht von Champigny und ihre Rezeption in Frankreich und Deutschland ist geplant.

[14] Mehr zum  Sturz der Vendôme-Säule und der Rolle Courbets auf diesem Blog: https://paris-blog.org/2021/06/14/150-jahre-abriss-der-vendome-saule-durch-die-commune-teil-2-der-fall-der-saule-und-der-fall-courbets/

[15] https://paris-blog.org/2017/02/23/die-freiheitsstatue-von-new-york-und-ihre-schwestern-in-paris-teil-2-die-vaeter-von-miss-liberty/

[16] https://paris-blog.org/2017/03/01/die-freiheitsstatue-von-new-york-und-ihre-schwestern-teil-3-die-freiheitsstatuen-von-paris/

[17] Nicolas Courtin, Le dôme central à l’exposition universelle de 1889. In: L’histoire par l’image, September 2004.   https://histoire-image.org/de/etudes/dome-central-exposition-universelle-1889

[18] Zur Schokoladenfabrik Menier siehe auch: https://paris-blog.org/2019/05/23/le-chocolat-menier-1-die-schokoladenfabrik-in-noisiel-an-der-marne-repraesentative-fabrikarchitektur-und-patriarchalischer-kapitalismus-im-19-jahrhundert/ und https://paris-blog.org/2019/06/01/le-chocolat-menier-2-die-villen-der-familie-im-8-arrondissement-von-paris-und-das-grabmal-auf-dem-pere-lachaise/

[19] Siehe: https://www.liberation.fr/culture/2010/07/30/dans-le-bordel-de-marcel_669289/

[20] Siehe dazu: https://paris-blog.org/2018/11/11/paris-11-november-2018-paris-begeht-den-100-jahrestag-des-waffenstillstands-november-2018/ und https://paris-blog.org/2021/07/09/auf-der-a-4-autoroute-de-lest-von-saarbrucken-nach-paris-eine-fahrt-durch-die-deutsch-franzosische-geschichte-teil-1-von-saarbrucken-uber-verdun-bis-zur-voie-sacree/ und https://paris-blog.org/2021/07/21/auf-der-a-4-autoroute-de-lest-von-saarbrucken-nach-paris-eine-fahrt-durch-die-deutsch-franzosische-geschichte-teil-2-von-der-voie-sacree-uber-reims-bis-meaux-paris/

[21] https://www.youtube.com/watch?v=508EWoNE4fM

[22] Siehe z.B. Jean-Jacques Becker, Pétain. In:  Dictionnaire historique de la vie politique française au XXe siècle.  Paris, PUF, 1995, Seite 787.

[23] Siehe dazu den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/

[24] Siehe dazu auch: https://paris-blog.org/2018/05/01/50-jahre-mai-1968-plakate-der-revolte-eine-ausstellung-im-musee-des-beaux-arts-in-paris/

Es gibt auch eine französische Übersetzung des Beitrags:

Weitere geplante Beiträge

Champigny-sur-Marne: Die letzte große Schlacht des deutsch-französischen Kriegs 1870/1871 und ein deutsch-französischer Erinnerungsort

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Die einzigartige historische Jagdtapete „La Chasse de Compiègne“ in Paris und im württembergischen Dätzingen

Gegenstand dieses Beitrags ist die Panoramatapete La Chasse de Compiègne.[1] Panoramatapeten bestehen aus mehreren mit Holzmodeln bedruckten Papierbahnen, die rundum an allen Wänden eines Raums befestigt werden. Zusammengefügt entsteht so ein sogenanntes Panorama: Der Betrachter, der sich in der Mitte des Raums befindet, hat den Eindruck, von einer ländlichen oder städtischen Szene oder historischen Ereignissen umgeben zu sein, die ihn gedanklich in eine andere Zeit oder an einen anderen Ort versetzen. Über hundert Motive wurden hauptsächlich zwischen 1800 und 1855 von Manufakturen in Paris, Lyon und Rixheim im Elsass produziert. Im Laufe des 19. Jahrhundert hatten sie zunächst in Europa, dann weltweit einen überwältigenden Erfolg.

Dass ausgerechnet La Chasse de Compiègne Gegenstand des nachfolgenden Beitrags ist, hat mehrere Gründe:

  • Es ist eine der ersten Panorama-Tapeten überhaupt und die erste mit einem Jagdmotiv
  • Wegen des bedeutenden Künstlers, der sie entworfen hat
  • Weil die Manufaktur, die sie hergestellt hat, eine äußerst interessante Geschichte hat und dazu auch noch in dem Faubourg Saint-Antoine in Paris lag, dem wir in besonderer Weise verbunden sind.
  • Es gibt von der Chasse de Compiègne nur noch wenige Exemplare, davon eines im Musée de la Chasse et de la Nature in Paris [2a]
  • Weil aber ein vollständiges und nach erfolgter Restaurierung hervorragendes Exemplar wieder seinen Weg nach Dätzingen bei Stuttgart gefunden hat. Also geht es hier auch um eine auf diesem Blog besonders willkommene deutsch-französische Geschichte.

Und schließlich auch noch ein kleiner kulturgeschichtlicher Nutzen der Jagdtapete: Sie widerlegt nämlich verbreitete Hypothesen zum Ursprung eines emblematischen französischen Kulturguts: des Baguette….

Der Künstler

Entworfen wurde die Jagdtapete 1812 von dem Künstler Antoine Charles Horace Vernet, genannt Carle Vernet. Carle stammt aus einer bedeutenden Malerfamilie: Sein Vater, Joseph Vernet, war ein auf Seestücke spezialisierter Maler. Sein Sohn und Schüler, Horace Vernet, war einer der erfolgreichsten Maler seiner Zeit, der in seinen Schlachtbildern die Siege Napoleons und des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe feierte. Dabei konnte Horace in besonderem Maße nutzen, was er bei seinem Vater gelernt hatte: Der hatte sich nämlich auf Reiterszenen spezialisiert.

1789 war Vernet mit seinem monumentalen, 13 Meter langen Gemälde „Der Triumph des Aemilius Paullus“ in die Académie royale de Peinture et de Sculpture aufgenommen worden, ein Bild, das seinen Ruhm als eines Meisters der Pferdedarstellung begründete.

Metropolitan Museum of Arts (New York)

Eines seiner berühmtesten Bilder ist „Le matin d’Austerlitz“, das Napoleon -natürlich hoch zu Ross- inmitten seiner Generäle zeigt, denen er Befehle für die Schlacht gibt.[3]

Napoleon bewunderte das Bild auf dem Salon von 1808 und zeichnete daraufhin Vernet, der ihn schon auf seinem Italienfeldzug begleitet hatte, mit dem Orden der Ehrenlegion aus. Die Aufträge für Napoleon und seine Umgebung -wie die Marschälle Davoud und Berthier häuften sich. Berthier war nämlich von Napoleon in den Rang eines Grand Veneur (obersten Jagdmeisters) erhoben worden und so lag es nahe, dass er für die in der damaligen Zeit besonders geschätzten Jagdszenen Carle Vernet engagierte.

Charles-Horace Vernet, genannt Carle: Chasse de l’empereur Napoléon Ier au bois de Boulogne, musée de l’Ermitage à Saint-Pétersbourg.

Hier eine „Scène de chasse“ von Vernet, die die Jagd als gesellschaftliches Ereignis der Aristokratie in Szene setzt: Eine große Zahl von Reitern ist um die Bodensenke versammelt, in die ein Hirsch von einer großen Hundemeute gejagt wurde. Am oberen Rand der Senke betrachten Damen in ihrer Kutsche das Spektakel.

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Der in der linken Mitte des Gemäldes postierte Chef der Jagdgesellschaft setzt nun den tödlichen Schuss. Der Schütze ist hervorgehoben durch die weißen Hosen und -aus der Nähe betrachtet- unschwer als Napoleon höchstpersönlich zu erkennen. Der Kaiser war ein leidenschaftlicher Jäger: Allerdings war er kein sehr treffsicherer Schütze. Neben ihm ist aber ein Begleiter postiert, auf dessen Schulter er das Gewehr anlegen kann. Napoleon selbst hat dieses Gemälde bei Vernet bestellt: Die Jagd war für ihn weniger ein persönliches Vergnügen, sondern sie diente der Einübung militärischer Tugenden, die eine „große Nation“ auszeichneten. Und das Bild diente – wie überhaupt die Kunst des Empire- der Überhöhung Napoleons und der Herausstellung seines Ranges. [3a]

Die Tapete

Carle Vernet war aufgrund seiner Nähe zum Kaiser und seines Ranges als Maler von Pferden und Jagden also geradezu prädestiniert, eine große Jagdtapete zu entwerfen. Seine monumentale Darstellung des Triumphs des Aemilius Paulus hatte ja auch schon Panoramacharakter, und sie zeigt, wie brillant er aufwändige Szenen mit einer Vielzahl von Personen gestalten konnte: Beste Voraussetzungen also, ein bedeutendes und erfolgreiches Werk zu schaffen.

 La Chasse de Compiègne zeigt in vier Episoden die Jagd einer adeligen Gesellschaft. Anders als bei üblichen Tapeten werden also nicht Muster serienmäßig reproduziert, sondern es wird eine Geschichte erzählt. Sie beginnt mit dem „Auszug der Jagdgesellschaft vor den Parkgittern des Schlosses von Compiègne“.[4]

Musée de la Chasse et de la Nature, Paris

Mit der Wahl von Compiègne als Ausgangspunkt der Jagd befand sich Vernet ganz auf der Höhe der Zeit. Auf Befehl Napoleons war nämlich das Schloss gerade instandgesetzt und erweitert worden. 1810 hatte der Kaiser dort die Erzherzogin Marie Louise, die Tochter des österreichischen Kaisers, empfangen, die er geheiratet hatte, um seine Macht zu konsolidieren und um von ihr den ersehnten Thronfolger zu erhalten.

Foto: Wolf Jöckel (Dätzingen)

Bei den Umbauarbeiten wurde auch der Garten erneuert und zum umliegenden Wald geöffnet, indem die Umfassungsmauer durch ein Parkgitter ersetzt wurde, das auf dieser ersten Szene der Jagdtapete deutlich zu erkennen ist.

   Foto: Wolf Jöckel (Dätzingen)

Offensichtlich handelt es sich um eine sehr noble Jagdgesellschaft- darauf deutet das Wappen auf dem Wagen hin. Eine eindeutige Zuordnung des Wappens ist zwar nicht möglich, es verweist allerdings auf Napoleons jüngste Schwester Caroline. Dies könnte die Dame im lilafarbenen Kleid sein, die oberhalb des Wappens platziert ist und auch in weiteren Szenen der Jagd zu sehen ist. Besonders beim abschließenden Picknick spielt sie wieder eine hervorgehobene Rolle. [5] Historisch belegt ist die wichtige Rolle Carolines bei der Verbindung Napoleons mit Marie-Louise: Auf Wunsch Napoleons holte seine Lieblingsschwester die künftige Frau ihres Bruders in Wien ab und begleitete sie auf dem Weg nach Frankreich. Am ersten Souper Napoleons mit Marie-Louise soll auch Caroline teilgenommen haben. Dass allerdings eine eindeutige Zuordnung von Wappen und Personen in der Vorlage Vernets nicht möglich ist, erwies sich als Vorteil, denn so musste man hier in der späteren nach-napoleonischen Version der Jagdtapete keine Veränderungen vornehmen.

In den weiteren Szenen wird die Hetzjagd mit Hunden (Parforce-Jagd) dargestellt:

Foto: Wolf Jöckel (Dätzingen)

Der Hirsch wird von Jägern und Hunden verfolgt, von den Hunden gehetzt überquert er einen Fluss.

Foto: Wolf Jöckel (Dätzingen)

Dies ist sicherlich die Oise, die in der Nähe Compiègnes vorbeifließt.

Foto: Wolf Jöckel (Dätzingen)

Auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses steht eine Wassermühle: Vielleicht nur ein ländliches Accessoire, vielleicht aber auch ein Hinweis auf die Wasserpumpe, die auf Befehl Napoleons errichtet wurde, um das Schloss mit frischem Wasser zu versorgen.

Foto: Wolf Jöckel (Dätzingen)

Bei dieser Burgruine handelt es sich um das am südöstlichen Rand des Waldes gelegene Schloss Pierrefonds.[7] Es war am Anfang des 17. Jahrhunderts weitgehend zerstört worden und seitdem eine malerische Ruine. Die kaufte 1810 Kaiser Napoleon: ein Grund mehr für Vernet, sie auf dem  Jagdteppich entsprechend in Szene zu setzen. 1857 erhielt übrigens Viollet-le-Duc von Napoleon III. den Auftrag zur Restaurierung und Rekonstruktion der Anlage, die 10 Jahre später der bayerische König Ludwig II. besuchte, um sich Anregungen für seinen geplanten Neubau in Neuschwanstein zu holen….

Ein landestypisches Dörfchen am Fluss gibt es auch.

Foto: Wolf Jöckel (Paris)

Die vorletzte Szene zeigt den todgeweihten Hirsch, Er hat sich zwar noch nach Kräften gewehrt. Einer der Hunde liegt tot am Boden. Aber vergebens: Es wird zum Halali geblasen. Gut zu erkennen ist der Jäger, der dabei ist, mit dem Hirschfänger dem am Boden liegenden Hirsch den Todesstoß ins Herz zu versetzen.  Im Allgemeinen hatte diese „Ehre“ der Jagdherr oder eine von ihm benannte Person. [8] Die Jagdbeute ist für die Hunde bestimmt, die den Hirsch zerreißen. Auch die begleitenden Damen -zuerst die im lilafarbenen Kleid- werden an den Schauplatz des Geschehens geleitet, um dem Schauspiel beiwohnen zu können.

Foto: Wolf Jöckel (Dätzingen)

Von einem aufklärerischen Mitfühlen mit den Leiden des Tieres -wie in Mathias Claudius‘ „Schreiben eines parforcegejagten Hirschen an den Fürsten der ihn parforcegejagt hatte“- ist hier nichts zu spüren.[9]

Und natürlich werden auch die schlimmen Konsequenzen der Treibjagden für die Bauern ausgeblendet, deretwegen der Bauer in Gottfried August Bürgers Gedicht von 1773  seinen durchlauchtigen Tyrannen anklagt: 

Wer bist du, Fürst, daß in mein Fleisch
Dein Freund, dein Jagdhund, ungebleut
Darf Klau’ und Rachen hau’n?

Wer bist du, daß, durch Saat und Forst,
Das Hurra deiner Jagd mich treibt,
Entatmet, wie das Wild? –

Die Saat, so deine Jagd zertritt,
Was Roß, und Hund, und Du verschlingst,
Das Brot, du Fürst, ist mein.[10]

Bei Vernet dagegen ist die Jagd in eine sozialromantische Idylle eingebettet:

Foto: F. Jöckel (Paris)

Da spielt der kleine Bauernjunge mit den Jagdhunden, und die Bauernfamilie unterbricht kurz ihre Arbeit, um der Jagd zuzusehen.

Foto: Wolf Jöckel (Dätzingen)

Für die herausgeputzten Spaziergänger ist die Jagd natürlich eine besondere Attraktion.

Foto: F. Jöckel (Paris)

Am Ende applaudiert sogar eine Bäuerin zur erfolgreichen Jagd.

Die ist dann Anlass für ein galantes Picknick in der Natur, zu dem sich die feine Jagdgesellschaft versammelt.[11]

Ehemalige Sammlung Zuber (Rixheim/Elsass)

Es wird Champagner ausgeschenkt  – der Sektkelch der jungen Dame im lilafarbenen Kleid, die wir schon aus der ersten Szene der Jagdtapete kennen, wird gerade von einem Kavalier gefüllt. Der andere junge Mann links im Bild reicht dazu ein Baguette.

Foto: Wolf Jöckel (Dätzingen)

Handelte es sich um ein klassisches holländisches Interieur, wäre dies eine eindeutige Verführungsszene: Der erwartungsvoll hingehaltene Kelch der Frau, der gerade von einem Mann mit prickelndem Champagner gefüllt wird (natürlich Champagner! – bei den Holländern war es noch der Wein…), dazu das imposante Baguette – ein Brot, das sich nach den Worten des Historikers Steven Kaplan gerade wegen seiner „forme phallique“ auszeichnet[12] und das hier auch entsprechend positioniert ist und in Szene gesetzt wird. Da kann es kaum Zweifel geben, dass der mit der malerischen Tradition sicherlich vertraute Carle Vernet hier nicht nur den Abschluss der Jagdszene gestaltete, sondern gewissermaßen ihre Fortsetzung. Jetzt sind die chasseurs de jupons (Schürzenjäger) an der Reihe und die jungen Damen sind ihre bereitwillige Beute…

Bemerkenswert an dieser Szene ist das Baguette aber nicht nur wegen seiner erotischen Konnotation, sondern vor allem deshalb, weil sie gängige Entstehungsversionen des Baguettes widerlegt:

Da wird oft als Ursprung das Jahr 1839 genannt, als der Wiener August Zang in der rue de Richelieu in Paris eine boulangerie viennoise gründete und das Baguette als „pain viennois“ verkaufte.[13]

Einer anderen Version zufolge verdankt das Baguette seine Entstehung dem Versuch, Ende des 19. Jahrhunderts beim Bau der ersten Pariser Metro Blutvergießen zu verhindern: Da habe es nämlich oft Streit zwischen Arbeitern aus der Bretagne und der Auvergne gegeben, die mit Messern aufeinander losgegangen seien. Mit der Einführung des Baguettes habe es keine Notwendigkeit für Messer auf den Baustellen gegeben…[14]

Eine sicherlich sehr sympathische Legende, die aber wie die Wiener Import-Version nicht zutreffen kann, denn die Jagdtapete mit dem Baguette-Beweisstück wurde ja schon zu Zeiten des napoleonischen Kaiserreichs entworfen und hergestellt.

Eine dritte Version datiert zwar die Entstehung des Baguettes auf die Zeit Napoleons[15], kann aber ebenfalls nicht überzeugen: Napoleons habe die Bäcker der Grande Armée beauftragt, kleine Brote zu backen, die die Soldaten leichter in ihre Taschen stecken könnten als die damals üblichen Brotlaibe (boules): Das Baguette also gewissermaßen als Kommissbrot?!  So verwöhnt wurden die Soldaten von Napoleons Grande Armée nun wahrhaft nicht, dass sie mehrfach täglich mit frischen Baguettes versorgt wurden. Ganz im Gegenteil. Nicht umsonst nannte Napoleon sie die grognards.[16]

Die Geburtsstunde des Baguette auf den 15. November 1793 zu datieren, erscheint mir dagegen durchaus plausibel.[17]  Damals dekretierte der Nationalkonvent, dass alle Franzosen das gleiche Brot essen sollten. Bis dahin war das Brot aus weißem Mehl den Reichen vorbehalten, für die Armen blieb das Brot aus Kleie. Damit sollte es  Schluss sein. Alle Bäcker müssten nun, bei Androhung von Gefängnisstrafen, das gleiche Brot für alle backen, „le Pain Égalité“.  Das blieb allerdings zunächst nur ein frommer Wunsch. Erst mehrere Generationen später wurde das Baguette dann tatsächlich das Brot für alle Schichten der Bevölkerung. „Das bevorzugte Brot der Aristokratie“ (Pierre Sommet) war es  allerdings, wie die Jagdtapete zeigt, schon zu Zeiten Napoleons.

 Die Herstellung und der Hersteller

Die Herstellung einer Panoramatapete war ausgesprochen aufwändig und entsprechend kostspielig.  Dementsprechend konnten sich nur Angehörige des Adels und des Großbürgertums ein Exemplar leisten.

Die Tapete zeigt in vier Episoden die Jagd einer adeligen Gesellschaft in den Wäldern von Compiègne.  Einzelne Papierbögen wurden dafür zu insgesamt 25 Bahnen von jeweils 55 Zentimeter Breite und etwa 250 Zentimeter Länge zusammengefügt und mit Holzmodeln bedruckt, mit jeweils einem Model für jede Druckfarbe.

Der Druck eines solchen Wandschmucks mit Hilfe mehrerer tausend verschiedener Holzmodel  war eine echte handwerkliche Meisterleistung.

Christiane Rossner schreibt in ihrem Monumente-Artikel:

„Panoramatapeten des 19. Jahrhunderts gelten als künstlerischer Höhepunkt der manuellen Tapetenherstellung. Weil es noch kein Endlospapier gab, fügte man einzelne Papierbögen zu Bahnen von etwa 250 Zentimeter Länge und 55 Zentimeter Breite zusammen, bedruckte jede einzelne Bahn mit Holzmodeln und setzte diese aneinandergereiht zu den Darstellungen zusammen. Der Herstellungsprozess war enorm aufwendig und vielschichtig, da die Größen der Druckmodel das Bogenmaß des Papiers nicht übersteigen durften. Daher wurde für jede einzelne Druckfarbe ein Model hergestellt – für eine Tapete in diesem Umfang waren es 1.600 bis 2.000 Model.“[18]

Immerhin hatte eine solche Herstellungstechnik auch den Vorteil, dass man zum Beispiel bei der Wahl der Farben entsprechend flexibel sein konnte. In der ersten Edition der Tapete von 1812, zu der die Jagdtapete von Dätzingen und das Pariser Exemplar gehören, tragen die Reiter rote Röcke, die Helfer blaue. Das entsprach der englischen Tradition, die Vernet so sehr verehrte, dass er damit sogar von dem bei den napoleonischen Jagden üblichen grün abwich. [19]

In  der Restaurations-Edition von 1815 dagegen erhielten die Röcke das bourbonische Blau.[20] Ein Beispiel dafür ist die Jagdszene aus der Sammlung Zuber, die damit der zweiten Edition zuzuordnen ist.

Der Hersteller: Die Manufaktur Jacquemart in Paris, Nachfolgerin der Manufacture Réveillon

Zu einem derart aufwändigen Produktionsverfahren waren nur Betriebe in der Lage, die über entsprechende personelle und finanzielle Ressourcen verfügten.  Die Manufacture Jacquemart und Bénard im Faubourg Saint-Antoine war ein solcher Betrieb. 1791 hatte sie die Manufacture royale de papier peint des Jean-Baptiste Réveillon übernommen, die bedeutendste französische Produktionsstätte von bedrucktem  Papier in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Und dazu ist Réveillon ein Name, auf den  man unweigerlich stößt, wenn es um die Vorgeschichte der Französischen Revolution geht. Es lohnt sich also, einen kurzen Blick auf das Unternehmen zu werfen, dessen Nachfolge Jacquemart und Bénard 1791 antraten.[21]

Réveillon gründete seine Papier-Manufaktur 1756 in dem Ort L’Aigle (Orne). Es gelang ihm, die damals führende englische Produktion von bedrucktem Papier zu imitieren und die französischen Konkurrenten an Qualität und Quantität zu übertreffen. So wurde Réveillon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur bedeutendsten französischen Produktionsstätte von papier peint. 1759 verlegte Réveillon seine Produktion nach Paris. Zeichen seines Erfolgs und seiner unternehmerischen Weitsicht war der Kauf der Folie  Titon Mitte  der 1760-er Jahre. Die Folie Titon war ein weitläufiger Landsitz in dem östlich von Paris gelegenen Faubourg Saint-Antoine, gebaut 1673 für Maximilien Titon, den  Besitzer der manufactures royales d’armes Ludwigs XIV.

Der Kauf dieses Landsitzes hatte für Réveillon mehrere Vorteile:

  • Es gab genügend Platz, um dort seine Werkstätten unterzubringen.
  • Im Faubourg Saint-Antoine  war der Zunftzwang aufgehoben, was mehr unternehmerische Freiheit ermöglichte.
  • Da es in dem Viertel ein dichtes Netz von verschiedenen Handwerksbetrieben gab, war dort auch ein großes Potential qualifizierter Arbeitskräfte vorhanden.[22]
  • Der Faubourg Saint-Antoine war damals das  französische  Zentrum der Kunsttischlerei. Also gab es ein hohes Maß an „know how“ gerade  im Bereich der Holzverarbeitung, was  bei der Herstellung von bedruckten Tapeten ein besonderer Vorteil war.
  • Und nicht zuletzt gewann Réveillon durch diesen  Firmensitz  erheblich an Reputation: Die Folie Titon gehörte damals zu den Sehenswürdigkeiten von Paris – ihr Name und der Réveillons gehörten nun zusammen.[23]

Reveillon verstand es auch sehr geschickt, seinen Firmensitz entsprechend zu nutzen. Als großbürgerlicher Mäzen arbeitete er mit den Brüdern Montgolfier bei der Herstellung der Heißluftballone zusammen. Er saß auch selbst in dem ersten Ballon, der  am 19. November 1783 im Garten der Folie Titon abhob: Seine Hülle bestand aus Stoff, auf den mit goldenen Sonnen bedrucktes Réveillon-Papier geklebt war – eine grandiose Marketing-Aktion.[24]

In den Jahren vor der Französischen Revolution war Réveillon am Zenith seines Ruhms:  1784 erhielt seine Manufaktur den begehrten Titel „manufactures royales“ und 1786 eine Goldmedaille aus der Hand des einflussreichen Finanzministers Jacques Necker.

Allerdings litt Reveillons Manufaktur unter der Wirtschaftskrise, zu der nach einem Freihandelsabkommen  mit England die billige englische Konkurrenz wesentlich beitrug. Réveillon, ein eher fortschrittlicher Unternehmer, schlug deshalb am 23. April 1789 vor, die an der Stadtgrenze erhobenen Zölle (den verhassten octroi) abzuschaffen, um damit die Preise der Grundnahrungsmittel, vor allem den Brotpreis, zu senken.[25] Damit gäbe es Spielraum, die Löhne um 25% zu kürzen, um das Überleben der Betriebe zu ermöglichen. Natürlich konnte und wollte Ludwig XVI. angesichts der leeren  Staatskassen nicht auf den octroi verzichten. So blieb nur die Drohung drastischer Lohnsenkungen, die sich wie  ein Lauffeuer in den Handwerker- und Arbeitervierteln im Osten der Stadt verbreitete.  So kam es zur Revolte von Arbeitern: Sie zogen in die Innenstadt vor das Hôtel de ville mit dem Ruf Le pain à deux sous und verbrannten Stoffpuppen mit  den Zügen Réveillons. Am 27./28. April besetzten aufgebrachte Arbeiter des Viertels sein Haus und die Manufaktur und zündeten die Gebäude an. Der Fabrikherr konnte sich nur durch die Flucht in die nahe gelegene Bastille retten. Herbeigerufene Truppen beendeten die  Revolte, wobei 12 Soldaten und hunderte Arbeiter ums Leben kamen: Mehr als bei dem Sturm auf die Bastille zweieinhalb Monate später, dessen blutiges Vorspiel die „affaire Réveillon“ war.[26]

So ist es nur allzu verständlich, dass Réveillon nach dieser Erfahrung und inmitten revolutionärer Umbrüche wenig Interesse an der Fortführung seiner arg in Mitleidenschaft geratenen Manufaktur hatte. Pierre Jacquemart (1737-1804) et Eugène Balthasar Crescent Bénard de Moulinières übernahmen 1789 von dem nach England emigrierten Reveillon die Leitung der Manufaktur, die sie 1792 kauften und der sie den neuen Namen „manufacture Jacquemart et Bénard“ gaben.

Trotz der revolutionären Umbrüche konnte die Manufaktur von Jacquemart und Bénard an die Erfolgsgeschichte des früheren Unternehmens anknüpfen. 1797 beschäftigte sie mehrere hundert Personen. Bekannt in ganz Europa belieferte sie Ministerien, Verwaltungen, die Räume des Nationalkonvents in den Tuilerien und sie war an der Ausgestaltung fast aller öffentlichen Feste und Zeremonien beteiligt. [27] Seit 1809 wurde sie von Auguste-François Jacquemart (1776-1854) geleitet, der seinem Vater nachfolgte. Als Bénard aus dem Unternehmen ausschied, um Bürgermeister des 8. Arrondissements von Paris zu werden, wurde auch der Name der Manufaktur entsprechend geändert. Es war von nun an die Manufaktur „Jacquemart“.

Dies war auch die Blütezeit der Panoramatapeten. Deren bedeutendste Protagonisten waren die Manufakturen von Joseph Dufour in Mâcon, der sich 1806 in Paris niederließ, und die Manufaktur von Jean Zuber in Rixheim. 1804 vertrieb Dufour die Panoramatapete les Sauvages de l’océan Pacifique und Jean Zuber die Vues de Suisse. Als Jacquemart 1812 seine Jagdtapete auf den Markt brachte, bot Zuber seine aktuelle Panoramatapete Arcadie an und Dufour gleich zwei außerordentlich erfolgreiche Panoramtapeten: les Monuments de Paris und les Rives du Bosphore. Die Konkurrenz war also äußerst hart, und so war es ein geschickter Schachzug von Jacquemart, dem renommierten Carle Vernet den Entwurf seiner „Chasse de Compiègne“ anzuvertrauen, der die in ihn gesetzten Erwartungen ja auch glänzend erfüllte.

Angesichts des äußerst aufwändigen Produktionsverfahrens und der harten Konkurrenz war das Jagdtapeten-Projekt Jaquemarts allerdings trotzdem ziemlich riskant. Jean Zuber jedenfalls, der wusste, was die Herstellung einer monumentalen Panoramatapete bedeutete, wunderte sich über den Mut seines Konkurrenten, als er schrieb, Jaquemart setze mit dieser Jagdtapete alles auf eine Karte. Er, Zuber, wisse nicht, ob Jacquemart auf seine Kosten käme. Und vielleicht war auch das kühne Projekt verantwortlich für eine kurzzeitige Insolvenz der Pariser Manufaktur. Aber zumindest künstlerisch wurde der Mut doch belohnt: Jacquemart schuf auf der Grundlage des Entwurfs von Vernet die erste aller Jagdtapeten, die aufgrund ihrer Zeichnung und Farbigkeit als Meisterwerk und als eine der besten Panoramatapeten überhaupt gilt.[28]  Das erkannte auch Zuber an, der von seinem Konkurrenten ein Exemplar der „Chasse de Compiègne“ erwarb und im Esszimmer seiner Anwesens in der alten Commanderie in Rixheim installierte.[29]

La Chasse de Compiègne in Paris und Dätzingen

Angesichts der Qualität und Besonderheit der „Chasse de Compiègne“ ist es zu erklären, dass diese Panoramatapete internationale Verbreitung erfuhr. Exemplare gelangten nach England (Royal Albert Museum[30]), in die Schweiz[31], in die USA und zwei auch nach Deutschland- neben dem Schloss von Dätzingen in Württemberg auch in das Jagdschloss Friedrichsmoor bei Schwerin.[32]

Die Jagdtapeten von Paris und Dätzingen werden nachfolgend vorgestellt.

Paris

Das Pariser Musée de la Chasse et de la Nature ist in zwei noblen Stadtpalais im Pariser Marais untergebracht.  Wie viele der alten Stadtpalais im Marais waren auch diese ziemlich heruntergekommen, bis sie in den 1960-er Jahren von der Stiftung des jagdbegeisterten François Sommer gekauft wurden, um zunächst im hôtel de Guénégaud das Musée de la Chasse et de la Nature einzurichten, das dann durch Räume im  benachbarten  hôtel de Mongelas noch erweitert wurde.

Auf seiner Homepage stellt das Museum die Panoramatapete „Les chasses de Compiègne“ (sic) -versehen mit einer Abbildung und Erläuterungen- besonders heraus. [32a] Umso größer war unser Erstaunen, als wir Ende Juli 2021 das Museum besuchten, um uns die Tapete anzusehen. Weder die Dame an der Kasse noch das aufsichtsführende  Personal, das wir ansprachen, konnte uns irgendeine Auskunft geben, wo die Tapete zu finden sei. Es müsse sich um ein Missverständnis handeln, so wurde uns versichert, in dem Museum gäbe es nichts Dergleichen. Als ich auf die entsprechende homepage- Präsentation verwies, war die Ratlosigkeit groß.  Vielleicht sei die Tapete gerade an ein anderes Museum ausgeliehen; oder sie werde restauriert; oder sie lagere im Zuge der Umgestaltung des Museums im Depot….  Auch der freundliche junge Mann im Museumsshop hatte noch nie etwas von der Jagdtapete gehört, bemühte sich aber nach Kräften, den interessierten ausländischen Besuchern weiterzuhelfen. Aber die Suche in der ausliegenden Literatur war vergebens. Aber dann kam die Rettung in Gestalt eines vorbeieilenden Herrn, den der junge Mann ansprach. Es war der Kommunikationsdirektor der Stiftung Sommer, der, bevor er am nächsten Tag in Urlaub fuhr, noch einige Unterlagen ins benachbarte hôtel de Mongelas bringen wollte. Da waren wir genau an der richtigen Adresse! Denn dort – im Salon Vernet- sei die Panoramatapete angebracht.

Eingang zum Hôtel de Mongelas

Dieser Teil des hôtels gehört nicht zum Museum, sondern zu dem  noblen Pariser Jagdclub, ist also normalerweise nur Mitgliedern zugänglich.

Auf dem Weg zum Salon Vernet ließ uns unser freundlicher Führer auch noch die nachträglich in das  hôtel eingebaute repräsentative Treppenanlage bewundern.

Immerhin hatte sie niemand Geringeres als der „Erste Architekt“ und königliche Hofbaumeister Ludwigs XIV., Jules Hardouin-Mansart, entworfen.

Doch dann waren wir endlich am Ziel unserer Wünsche: dem Salon Vernet. Es ist ein kleiner, intimer Raum, ohne Fenster. Als Raucherkabinett deshalb -und wegen der kostbaren Tapete- wohl kaum tauglich. Vielleicht ziehen sich dorthin kleine Herrenrunden für vertrauliche Gespräche zurück. Die gedämpfte Atmosphäre mit der dezenten  Beleuchtung würde jedenfalls dazu passen.

Ein eindrucksvolles Ensemble! Es ist zu hoffen, dass es wenigstens von Zeit zu Zeit (zumindest an den Tagen des offenen Denkmals/Journées du Patrimoine) auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird!

Die Panoramatapete von Dätzingen

Damit kommen wir zum Ende dieses Beitrags, aber gleichzeitig auch zum Anfang unseres spannenden Jagd-Abenteuers. Denn aufmerksam wurde ich auf die Chasse de Compiègne durch einen im Februar 2020 erschienen Artikel in Monumente, dem Magazin der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, die die Restaurierung der Tapete im Schloss Dätzingen finanziell unterstützte.  Unter dem Titel „Jagdszenen im königlichen Schlafzimmer“ berichtete  Christiane Rossner über die Geschichte der Tapete und die Bemühungen um ihre Restaurierung.

Wir nahmen Kontakt auf mit Herrn Ratz, dem Leiter des in dem Schlösschen untergebrachten Heimatmuseums,  und der war so freundlich, uns im Juli 2021 die damals noch nicht für die Öffentlichkeit zugängliche Tapete zu zeigen.  Nachfolgend ein Ausschnitt (noch ohne Bordüre).

Foto: Wolf Jöckel Juni 2021

Die Renovierung der Tapete erwies sich als ausgesprochen kompliziert: Die Tapete war nämlich in den 1960-er Jahren unsachgemäß eingelagert worden. Da die Papierbahnen mit dem Druck nach innen aufgerollt wurden, war der Farbauftrag gestaucht und viel Farbe ging verloren. Zudem hatten sich in den Kleberresten Pilze gebildet.[33] 

Hier ein Bild des beklagenswerten Zustandes vor der Restaurierung:

Und so sah das noch nicht restaurierte Picknick aus: [34]:

Umso beeindruckender der jetzige Zustand! Die Tapetenbahnen 5-18 nach der Restaurierung:

(Bild: Hans Zelesner, Förderverein Schloss Dätzingen, Oktober 2021)

Und wie kam diese kostbare und seltene Jagdtapete ausgerechnet nach Dätzingen? Eine interessante Geschichte, die Christiane Rossner in ihrem Monumente-Artikel referiert:

„Generalleutnant Carl Ludwig von Dillen war sich der großen Ehre sehr bewusst: Sein Dienstherr, König Friedrich I. von Württemberg, hatte ihm 1810 Schloss Dätzingen bei Grafenau  geschenkt. 1806 war das Schloss, das zuvor lange dem Malteserorden gehört hatte und 1733 repräsentativ zum Sitz des Komturs ausgebaut worden war, an das Königreich Württemberg gefallen.“

Das Schloss und der Maltesersaal

Und weiter Christiane Rossner:

„Wenige Monate nach dieser großzügigen Schenkung veranstaltete König Friedrich eine dreiwöchige Jagd in den Wäldern von Dätzingen, wobei er im Schloss seines Günstlings residierte. In Erinnerung an dieses spektakuläre Ereignis, in das mehr als 4000 Menschen eingebunden waren, orderte Carl Ludwig von Dillen bei der berühmten Pariser Manufaktur Jacquemart & Bénard die jüngst kreierte Panoramatapete „La Chasse de Compiègne“ und ließ den edlen Wanddekor mit Jagdszenen vermutlich im Dätzinger Schlafgemach des landesherrlichen Gastes anbringen.“

Ein Schlafgemach als Ort für eine Jagdtapete mag etwas ungewöhnlich erscheinen, ist es in diesem Fall aber eher nicht. Denn dass  Carl Ludwig Emanuel Dillenius innerhalb von zehn Jahren nicht nur geadelt und in den Grafenstand erhoben wurde, sondern  sich auch -wie böse Zungen feststellten- „von einem  Bereiterjungen“ im Marstall von Schloss Ludwigsburg zu einem der mächtigsten Männer des Königreichs Württemberg „emporschwang“, hatte er wohl der dem König „inne wohnenden Neigung zu den Männern“ zu verdanken.[35]

Hier ein Portrait des jungen Mannes (die im Schloss Dätzingen ausgestellte Kopie eines Gemäldes von Schloss Ludwigsburg)

Die Auswahl der „Chasse de Compiègne“ war im Blick auf seinen landesherrlichen Gönner in mehrfacher Hinsicht eine passende Auswahl: Natürlich vor allem, weil das Motiv dem jagdbegeisterten Monarchen entgegen kam und dem Anlass des Kaufs entsprach. Dazu aber auch deshalb, weil es sich bei der Jagdtapete gewissermaßen um den letzten Schrei aus Paris handelte, und Frankreich war damals gerade für den württembergischen König das Maß aller Dinge. Friedrich I. war ja 1806 durch Napoleons Gnaden zum König erhoben worden, er trat dann auch gleich dem unter Napoleons Protektorat stehenden Rheinbund bei, und Friedrichs einzige Tochter Katharina heiratete König Jérôme von Westfalen, Napoleons jüngsten Bruder. Und schließlich hatte Compiègne, wo die Jagd der Panoramatapete angesiedelt ist, in württembergischen Ohren einen guten Klang. Denn 1810 erhielt das junge Königreich Württemberg durch den Vertrag von Compiègne weiteren  territorialen Zuwachs….

1961 verkaufte Adrienne von Bülow,  die Nachfahrin von Dillens,  das Schloss, das einer grundlegenden Renovierung unterzogen wurde. Die Tapete wurde abgelöst, aber unsachgemäß eingelagert. Jetzt ist die aufwändige Restaurierung abgeschlossen und bald kann dieses einzigartige Kunstwerk wieder an seinem angestammten Platz, inzwischen Sitz des Heimatmuseums, bewundert werden.[36] Ein Ausflug in das 30 Kilometer südwestlich von Stuttgart gelegene Dätzingen lohnt sich!

Die renovierte Tapete von Dätzingen wird eingeweiht:

Am 11.11. 2021 wurde die Fertigstellung der renovierten Tapete mit einem Festakt im Maltesersaal des Schlosses begangen. Im Mittelpunkt stand dabei eine Präsentation des Restaurators Thomas Wieck aus Stuttgart, der die großen Herausforderungen schilderte und mit Bildern veranschaulichte, vor die ihn die Restaurierung der Tapete stellte.

Hier ein Stück der Tapete im „ursprünglichen“ Zustand:

Bild: Thomas Wieck (Dätzingen)

Man muss schon über viel Erfahrung und Können verfügen, um sich solchen Herausforderungen zu stellen. Klar war dabei, dass zahlreiche Ergänzungen vorgenommen werden mussten.

Bild: Wolf Jöckel (Dätzingen)

Dabei legte Herr Wieck großen Wert darauf, dass die vorgenommenen Retuschen auch erkennbar sind. Er verwendete hier eine besondere Form der Strichretusche (Tratteggio-Retusche), die sogenannte Additionsretusche. Er erläutert diese Technik wie folgt:

„Sie basiert auf der alten Erkenntnis, dass sich jede Farbe prinzipiell aus den drei Primärfarben zusammensetzen lässt. Aber da die Naturpigmente nicht die Eigenschaften der Primärfarben erreichen können, verwende ich zusätzlich noch die drei sog. Sekundärfarben, also die Mischtöne aus jeweils zwei Primärfarben. Das ergibt den bekannten Farbkreis.

Die erste Strichlage besteht aus einem einzelnen Farbton, z.B. gelb. Man bewertet das Ergebnis und stellt naturgemäß fest, dass es innerhalb der Umgebung zu gelb ist. Man geht vom Gelb durch den Farbkreis und nimmt als zweite Strichlage die Gegenfarbe, somit Violett. Dann ist das Ergebnis vielleicht zu rot und man geht somit zum Grün. So nähert man sich dem gewünschten Farbton immer weiter an. Man sollte das aber nicht uferlos fortsetzen – und da kommt eben die Erfahrung zum Tragen – im Allgemeinen kommt man mit 3-4 Strichlagen zum gewünschten Ergebnis, allerdings besteht noch eine gravierende Schwierigkeit – der Helligkeitswert. Diesen kann man durch den Einsatz von Schwarz bzw. Weiß steuern, aber vor allem durch die Einstellung der Deckkraft der einzelnen Farbaufträge. Bei der Verwendung von Schwarz ist wieder Vorsicht geboten – ein zu starker Grauwert ist nicht so einfach wieder herauszubekommen.  Die Form der Striche muss möglichst gleichmäßig in der Strichbreite sein, da sonst wieder eine Farbe die anderen übertönt, und sie sollte in der Länge so gestaltet werden, dass möglichst keine Farbverdichtungen entstehen können. Hier ist Übung wichtig und es braucht dazu viel Zeit.

Man kann Vieles richtig, aber auch noch mehr falsch machen, und deshalb verwenden viele Restauratoren diese Form der Retusche nicht so gerne. Aber wenn die Methode beherrscht wird, funktioniert sie schneller als eine jeweilige Nachmischung des Farbtones, und das Erscheinungsbild der retuschierten Fläche ist m. E. schöner und eleganter.“

Bild: Thomas Wieck (Dätzingen)

Eine besondere Problematik war eine große Leerstelle dort, wo früher ein Ofen stand. Hier wurde auf Initiative und auf Kosten des Museumsleiters Herrn Ratz und unter Zustimmung des zuständigen Denkmalpflegers eine fotografische Ergänzung vorgenommen, wobei die Tapete von Friedrichsmoor die Vorlage lieferte. Auch hier galt aber, dass nicht die Illusion eines originalen Zustandes erzeugt werden sollte.

Bild: Wolf Jöckel (Dätzingen)

Insgesamt: Eine große gemeinschaftliche Anstrengung mit einem beeindruckenden Ergebnis, auf das das Museum von Dätzingen, der Förderverein und die Gemeinde Grafenau stolz sein können.

Literatur:

Raphaël Abrille, « Un papier peint d’après Carle Vernet à l’hôtel de Guénégaud », Vènerie, n° 191, septembre 2013, p. 78-83.

Julia Greipl, Tapeten-Trend im Empire. Sie ziert wieder Wände von Schloss Dätzingen: Die Panoramatapete „La Chasse  de  Compiègne“. In: Monumente, herausgegeben von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Oktober 2021, S. 62

Odile Nouvel-Kammerer (dir.), Papiers peints panoramiques, Paris, Flammarion-UCAD, 1990 (La Bibliothèque du musée des Arts décoratifs)

Christiane Rossner: Jagdszenen im königlichen Schlafzimmer. In: Monumente 30. Jg. Nr. 1, Februar 2020, S. 30–31

Herrmann Schöpfer und Monika Dannegger-Flamm, Die Jagdtapete La Chasse de Compiègne in La Tour-de-Peilz bei Vevey.

Christine Velut,  L’industrie dans la ville : les fabriques de papiers peints du faubourg Saint-Antoine (1750-1820) In:  Revue d’histoire moderne & contemporaine 2002/1, S.  115 – 137 https://www.cairn.info/revue-d-histoire-moderne-et-contemporaine-2002-1-page-115.htm

Histoire. Le papier peint a pris son essor avec l’atelier de Jean-Baptiste Réveillon à L’Aigle dans l’Orne In: Le Réveil normand. 23. August 2019 https://actu.fr/normandie/l-aigle_61214/histoire-papier-peint-pris-essor-latelier-jean-baptiste-reveillon-laigle-dans-lorne_26669039.html


Anmerkungen

[1] Die Bezeichnung der Jagdtapete wird unterschiedlich gehandhabt. Oft findet man die Plural-Version „Les Chasses de  Compiègne“ (selbst auf der website des Pariser Musée de la  Chasse  et  de la  Nature) korrekt ist aber -auch nach Auffassung von M. Abrille, dem Generalsekretär des Museums, der Singular  („La Chasse  de Compiègne“). Immerhin handelt es sich ja um die Darstellung einer Jagd.  Ich verwende also die inhaltlich korrekte Singular-Version.

[2] https://www.museepapierpeint.org/de/1638-2/panoramatapeten/

[2a] Hier eine von dem Restaurator der Dätzinger Tapete erstellte Liste der noch vorhandenen Exemplare der Chasse de Compiègne

  • Schloss Friedrichsmoor (Neustadt-Glewe – Westmecklenburg)
  • Schweiz, Kanton Vaud, Gemeinde La Tour de Peilz, Chemin du Cèdre 24, Haus der „maîtres du domaine de Burier“
  • Chateau du Minois, 42530 Saint-Genest-Lerpt, Frankreich
  • Sammlung Zuber, Rixheim, Frankreich – wurde nach USA verkauft, dort in Privatbesitz
  • Musée de la chasse et de la nature, 62 Rue des Archives, 75003 Paris, Frankreich
  • Bergamo, Museumssammlung
  • Victoria and Albert Museum, Cromwell Road in Kensington, West London Adresse: Cromwell Rd, Knightsbridge, London SW7 2RL, Vereinigtes Königreich
  • Owsley House, Museum in Kentucky, Stanford Rd, Lancaster, KY 40444, USA
  • USA – mindestens drei Exemplare in Privatbesitz
  • In Schloss Mesothen [oder Meţotnes Palace (district of Bauska – Lettland) war ein Exemplar im Speisezimmer vorhanden. Bestand heute ist unklar.
  • Ein Exemplar soll sich in Riga (Lettland) im „Kleisti-Manor-House“ (anderer Namen: Kleisterhof, Kleissenhof) (damalige Besitzer Familie Vegesack) befunden haben. Bestand heute ist unklar.
  • Am 18.9.2016 wurde ein Exemplar im Grand Palais, Paris vorgestellt. Ob hier ein Verkauf bzw. Versteigerung vorgelegen hat, ist derzeit dem Berichterstatter unbekannt.

[3] Dieses und das nachfolgende Bild aus: https://themiscyra.wordpress.com/2014/10/26/les-chevaux-de-vernet/  Dort gibt es auch Abbildungen weiterer Reiterbilder von Vernet.

[3a] https://www.venerie.org/20-juillet-2021-napoleon-ier-etait-mauvais-tireur-mais-stratege-de-la-cynegetique/ Dieser Quelle ist auch der Bildausschnitt der kaiserlichen Jagd entnommen. Siehe auch: https://napoleonhautsdefrancecom.files.wordpress.com/2018/03/musc3a9es-senlis_vernet-napolc3a9on_ods.pdf

[4]  Bild aus: https://www.chassenature.org/oeuvres/objets-d-arts/les-chasses-de-compiegne-d-apres-carle-vernet   Exemplar aus dem musée de la chasse et de la nature Paris.

[5]  Raphaël Abrille, « Un papier peint d’après Carle Vernet à l’hôtel de Guénégaud », Vènerie, n° 191, septembre 2013, p. 78-83. siehe auch: https://jerrypairflorida.com/products/la-chasse-de-compiegne-jacquemart Nicht so eindeutig wird die Zuordnung von Schöpfer und Dannegger-Flamm vorgenommen.. Dort auch die nachfolgenden Informationen zur besonderen Rolle von Caroline.

[7] Siehe:  https://jerrypairflorida.com/products/la-chasse-de-compiegne-jacquemart  und  https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Pierrefonds

[8] https://www.wildhueter-st-hubertus.de/einiges-ueber-die-parforcejagd-3

[9]http://www.zeno.org/Literatur/M/Claudius,+Matthias/Gedichte+und+Prosa/Asmus+omnia+sua+secum+portans/Dritter+Teil/Vorlesung+an+die+Herren+Subskribenten/c)+Schreiben+eines+parforcegejagten+Hirschen

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Bauer_an_seinen_durchlauchtigen_Tyrannen

[11] https://antique-wallpaper.com/en/papier_peint/les-chasses-de-compiegne-picnic/   

[12] https://www.franceculture.fr/gastronomie/a-lorigine-de-la-baguette-de-pain

[13] Siehe:  https://www.franceculture.fr/gastronomie/a-lorigine-de-la-baguette-de-pain Mais d’après une autre source, c’est un boulanger autrichien, August Zang, qui aurait introduit la baguette en France. En 1839, le Viennois ouvrait une boulangerie à Paris. Il y aurait vendu des pains de forme ovale, comme ceux que l’on trouvait alors en Autriche.   Siehe auch z.B. https://de.wikipedia.org/wiki/Baguette

[14] https://www.republicain-lorrain.fr/culture-loisirs/2020/11/15/c-est-arrive-le-15-novembre-1793-l-origine-mysterieuse-de-la-baguette-de-pain

[15] L’origine de la baguette de pain blanc remonterait à l’époque de Napoléon. Ses boulangers auraient inventé une miche allongée pour rendre le pain plus facilement transportable par les soldats. https://www.pariszigzag.fr/secret/histoire-insolite-paris/petite-histoire-de-la-baguette-notre-pain-quotidien

Siehe auch: https://www.dna.fr/culture-loisirs/2020/11/15/c-est-arrive-le-15-novembre-1793-l-origine-mysterieuse-de-la-baguette-de-pain

[16] https://www.napoleon.org/magazine/dico-d-epoque/grognard/

[17] https://www.dna.fr/culture-loisirs/2020/11/15/c-est-arrive-le-15-novembre-1793-l-origine-mysterieuse-de-la-baguette-de-pain und https://www.herodote.net/almanach-ID-2138.php

[18] Christiane Rosner: Jagdszenen im königlichen Schlafzimmer. In: Monumente 30. Jg. Nr. 1, Februar 2020, S. 30–31

[19] https://www.denkmalschutz.de/presse/archiv/artikel/panoramatapete-in-schloss-grafenau-in-daetzingen-wird-dsd-foerderprojekt.html Zur Farbgebung siehe auch den Aufsatz von Abrille a.a.O.

[20] https://antique-wallpaper.com/en/papier_peint/les-chasses-de-compiegne-passage-of-the-river/   https://www.chassenature.org/oeuvres/objets-d-arts/les-chasses-de-compiegne-d-apres-carle-vernet: Dort heißt es: „La redingote rouge des veneurs témoigne de l’anglomanie qui règne en France au long du XIXe siècle“. Eher bezeugt allerdings der rote Rock der Reiter die Anglomanie Vernets.

Es handelt sich hier um ein Exemplar aus der Sammlung Zuber in Rixheim, das von den Erben des Sammlers versteigert wurde. Siehe: https://www.antiquesandthearts.com/preview.php?id=851 (Die Picknick-Szene allein wurde für 75.000 Dollar angeboten, die gesamte Panoramatapete für 185.000 Dollar)

[21] Zur Geschichte der Manufaktur Réveillons siehe: https://actu.fr/normandie/l-aigle_61214/histoire-papier-peint-pris-essor-latelier-jean-baptiste-reveillon-laigle-dans-lorne_26669039.html

[22] Zum Faubourg Saint-Antoine siehe die Blog-Beiträge  https://paris-blog.org/2016/04/04/der-faubourg-saint-antoine/  und  https://paris-blog.org/2016/04/06/der-faubourg-saint-antoine-teil-2-das-viertel-der-revolutionaere/

[23] Siehe dazu: Christine Velut,  L’industrie dans la ville : les fabriques de papiers peints du faubourg Saint-Antoine (1750-1820) In:  Revue d’histoire moderne & contemporaine 2002/1, S.  115 – 137

https://www.cairn.info/revue-d-histoire-moderne-et-contemporaine-2002-1-page-115.htm Dort wird die Folie Titon als un endroit prisé de la capitale bezeichnet.

[24] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/Folie_Titon#/media/Fichier:Montgolfiere_1783.jpg

[25] Zum octroi und der Zollmauer um Paris siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2020/06/01/ledoux-lavoisier-und-die-mauer-der-generalpaechter/

[26] Bild aus: Le saccage de la Folie Titon-Pillage de la maison Réveillon au faubourg Saint-Antoine le 28 avril 1789 | Paris Musées

Siehe dazu:  27-28 avril 1789 – Pillage de la manufacture Réveillon – Herodote.net und  https://paris-blog.org/2016/04/06/der-faubourg-saint-antoine-teil-2-das-viertel-der-revolutionaere/

[27] https://data.bnf.fr/14965205/jacquemart_et_benard_manufacture/ und  Raphaël Abrille, « Un papier peint d’après Carle Vernet à l’hôtel de Guénégaud », Vènerie, n° 191, septembre 2013, p. 78-83.

[28] Henri Clouzot et Charles Follot ont qualifié en 1935 La chasse de Compiègne comme « un des plus parfaits du genre, aussi bien pour le dessin que pour le coloris »  Zit. In: https://fr.wikipedia.org/wiki/Domaine_de_Burier

Abrille (a.a.0.) spricht von einem coup de maître.

[29] https://antique-wallpaper.com/en/papier_peint/les-chasses-de-compiegne-picnic/

Zur Manufaktur Zuber in Rixheim siehe: https://fr.wikipedia.org/wiki/Manufacture_Zuber

[30] https://collections.vam.ac.uk/item/O127862/la-chasse-de-compiegne-wallpaper-vernet-carle/la-chasse-de-compi%C3%A8gne-wallpaper-vernet-carle/

[31] https://fr.wikipedia.org/wiki/Domaine_de_Burier  

[32] https://www.meck-pomm-lese.de/sehenswuerdigkeiten/burgen-und-schloesser/jagdschloss-friedrichsmoor/ und https://www.meckpress.de/2014/10/22/szenen-einer-hofjagd/

[32a] https://www.chassenature.org/oeuvres/objets-d-arts/les-chasses-de-compiegne-d-apres-carle-vernet  Letzter Zugriff am 20.10.2021

[33] Julia Greipl, Tapeten-Trend im Empire. Sie ziert wieder die Wände von Schloss Dätzingen: Die Panoramatapete „La Chasse de Compiègne“. In: Monumente, Oktober 2021, S. 62

[34] Bild von: https://www.denkmalschutz.de/presse/archiv/artikel/panoramatapete-in-schloss-grafenau-in-daetzingen-wird-dsd-foerderprojekt.html

[35]  J. S. Ersch und J. G. Gruber (Hg.), Allgemeine Enzyklopädie der Wissenschaften und Künste in alphabetischer Folge, erste Section, 49. Theil, Leipzig 1849, S. 393 und Eduard Vehse, Geschichte der deutschen Höfe seit der Reformation, 26. Band, 4. Abtheilung, 4. Theil, Hamburg 1853, S. 65–68   Zitiert bei: Carl Ludwig Emanuel von Dillen – Wikiwand

Welche herausragende Stellung von Dillen am Württemberger Hof hatte, wird auch daran deutlich, dass er 1809 seinen Landesherrn bei dessen Besuch in Paris anlässlich des 5. Krönungsjubiläums Napoleons begleitete. Von Dillen ist bei allen Empfängen dabei, und beim Krönungsfest in Notre Dame war er „in der Tribüne der Kaiserin, wo alle Prinzessinnen des Hauses zugegen waren.“ (Brief von Dillens an seine Frau vom 9.12.1809- Zitiert in den Begleitmaterialien zur Ausstellung in Dätzingen).

[36] http://www.grafenau-wuertt.de/Start/Schloss+Daetzingen/Heimatmuseum.html

Weitere geplante Beiträge

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Das Pariser Stadtmuseum musée Carnavalet ist nach jahrelanger Renovierung wieder eröffnet: Ein erster Rundgang

Die alte Eiche (Le Gros Chêne) von Allouville-Bellefosse in der Normandie: Ein Gastbeitrag von Zora del Buono

Der nachfolgende Text ist ein Auszug aus dem Buch Das Leben der Mächtigen. Reisen zu alten Bäumen  von  Zora del Buono.  Die Autorin hat ein Jahr lang eine Reise „zu fünfzehn der ältesten und größten Individuen der Erde“ unternommen, außergewöhnlichen Bäumen, deren Portraits in diesem Buch versammelt sind.  Es sind ganz unterschiedliche Baumarten –Eibe, Sumpfzypresse, Kiefer, Pappel, Riesenmammutbaum, Esskastanie, Eiche, Arve, Linde- und sie befinden sich in mehreren Ländern:  Schweden, Großbritannien, Deutschland, Frankreich, der Schweiz, Italien und den USA.

Die von Zora del Buono ausgewählten Bäume sind einzigartig. Sie haben eine eigene Persönlichkeit, befinden sich in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen, haben oft eine aufregende Geschichte. Einer dieser Bäume ist so mächtig, dass er sogar eine Kapelle und die Behausung eines Eremiten beherbergen konnte.  Es ist die Stiel-Eiche von Allouville-Bellefosse in der Normandie. Ich bin sehr froh darüber, dass der Verlag Matthes&Seitz zugestimmt hat, das Portrait dieses Baumes in den Paris- und Frankreich-Blog aufzunehmen.  Die Normandie war schon wiederholt Schauplatz von Beiträgen in diesem Blog, aber die bezogen sich auf den Zweiten Weltkrieg und darauf, wie aus früheren Feinden Freunde geworden sind.[1] Hier geht es nun um einen sehr alten und immer noch sehr lebendigen Baum, den wohl ältesten Frankreichs.  Er hat schon viel erlebt und überlebt, „Wikinger, Freibeuter, exaltierte Kleriker und mistgabelschwenkende Bauern“. Zora del Buono stellt ihn uns vor. Bonne lecture!

Le Gros Chêne- Die Eiche von Allouville-Bellefosse.

Quercus robur  Stiel-Eiche

  • rund 1200 Jahre/ Höhe: 18 Meter/ Stammumfang:  15 Meter
  • Allouville-Bellefosse, Haute-Normandie, Frankreich / 49⁰ 59’ N,  0⁰ 67’ O/ 135 Meter ü.M.

„Ganz schön phallisch“, bekommt meist zu hören, wer ein Bild der Eiche von Allouville-Bellefosse herumreicht. Und in der Tat, wenn man vor ihr steht, sieht sie aus, als sei ihrem Hauptstamm ein grüngestricktes Kondom übergestülpt worden, einem Stamm ohne Äste, gerade deswegen aber von kräftiger, geradezu viriler Statur, aufrecht aus buschigem Laubwerk ragend, von einem Hütchen bedeckt und einem Kreuz gekrönt.

Und weil wir uns in Frankreich befinden, wird der Eindruck noch ergänzt durch eine andere Assoziation, jene Verlockung, die Gustave Courbet 1866 in seinem wunderbaren Gemälde L’Origine du monde verewigt hat: den Schoß einer Frau, eine Vulva, im Fall unserer Stiel-Eiche in Form eines wohlgeformten Schlitzes im Stamm, durch den sich hineinzwängen kann, wer der Verheißung im Innern nachspüren will,

…..  und den dort eine Marienstatue empfängt und ein Blumentopf auf dem Altar, vom Licht einer Lampe beschienen, die aufglimmt, sobald man die intarsienverkleidete Höhle betritt. Es duftet nach feuchtem Holz und ein wenig nach Muff, und wenn jemand vor einem darin war, vielleicht auch nach Parfüm.

Dass ein Baum eine Kapelle beherbergt, ist ungewöhnlich. Dass ein Baum mit Schindeln verkleidet wurde, nicht minder. Dass ein Baum drüber hinaus eine Kammer für einen Eremiten birgt, im Obergeschoss gewissermaßen, ist eine Stilblüte besonderer Art. Zu verdanken sind diese Kapriolen zwei Männern von ausgeprägter Fantasie, einem Pfarrer und einem Abt, Père de Cerceau und Abbé du Détroit.

Die Eiche war schon achthundert Jahre alt, als die beiden 1696 auf die Idee kamen, aus dem Friedhofsbaum von Allouville das exaltierteste Kirchenmonument Frankreichs zu machen. Allouville-Bellefosse ist heute ein blumengeschmücktes Dorf voller Fachwerkhäuser, gut tausend Menschen leben hier. Auffällig in der gesamten Gegend sind die in strenger Linie dicht nebeneinander gepflanzten Bäume, meist Buchen, die auf eigens geschaffenen Wällen ein oder zwei Meter höher stehen; manchmal umzingeln sie die Gehöfte, auch in doppelter Reihe und schützen diese so vor dem Westwind, der vom Meer her über die flache Landschaft peitscht; clos-masure  wird diese eigenwillige Pflanzung genannt. Allouville-Bellefosse liegt auf einem Plateau, unten fließt die Seine in großen Schleifen, es ist nicht weit bis nach Le Havre und zur Mündung in den Atlantik, die Seine ist breit und bei Flut strömt sie in die verkehrte Richtung. An ihrem Ufer hat Victor Hugo gewohnt und William Turner die Flusslandschaft  gemalt, vier Mal kam er hierher, sein englischer Auftraggeber war der Verleger einer damals neuen Buchgattung, des Reiseführers. An Herbstmorgen wie diesem wabern Nebelschwaden über dem Fluss, aber in Allouville oben scheint die Sonne, kaum ein Mensch ist zu sehen, nur selten hält ein Auto und jemand stürzt in ein Geschäft, den Motor lässt er laufen. Am zentralen Platz im Dorf gibt es neben der Kirche zwei Kneipen, den Fleischer, die Charcuterie, den Coiffeur, die Apotheke und natürlich die dicke Eiche, Le Gros Chêne.

Die einen sagen, sie sei im Jahr 911 gepflanzt worden, zur Feier der Gründung der Normandie, als Karl der Einfältige, der auf Französisch den etwas ansprechenderen Namen Charles le Simple trägt, mit dem Normannen Rolle, der den letzten Wikingereinfall auf Frankreich kommandierte, einen Vertrag abschloss und dem Mann aus dem Norden die Grafschaften und Bistümer, die heute der Region Haute-Normandie entsprechen, abtrat. Der heidnische Rolle ließ sich taufen, nannte sich Robert und heiratete Gisela, eine uneheliche Tochter Karls. Andere, Botaniker vor allem, glauben, die Eiche sei hundert Jahre älter, habe also um das Jahr 80 gekeimt. Auf jeden Fall stand sie schon als mächtiges Wahrzeichen da, als der berühmteste Bürger Allouvilles 1585 neben ihr in der damals noch hölzernen Kirche St. Quentin getauft wurde: Pierre Belain d’Esnambouc. Dessen wegen Kriegsturbulenzen hochverschuldete Eltern waren gezwungen, sein Erbe, die Herrschaft Esnambouc, zu verkaufen. Der Achzehnjährige heuerte in Le Havre an, auf einem kleinen Schiff, das in die Karibik segelte. Pierre Belin d’Esnambouc wurde einer der bekannten Freibeuter Frankreichs, Kapitän eines mit einem für die „Küsten von Guinea und Brasilien und andere Orte“ geltenden Kaperbrief ausgestatteten Segelschiffs, der mit Vorliebe spanische Geleonen überfiel. Auf der Insel St. Kitts lernte er ehemalige Piraten kennen, die Tabak anpflanzten, segelte nach Frankreich und überzeugte Kardinal Richelieu, ins Tabakgeschäft einzusteigen. Nach allerlei Auseinandersetzungen mit Engländern und einheimischen Kalinago gründete d’Esnambouc auf Martinique die erste französische Kolonie der Karibik. Während dieser verwegenste Bürger Allouvilles in tropischen Gefilden in unzählige Abenteuer und Gemetzel verwickelt war, hatte auch die Eiche seines Heimatdorfes Gewalteinwirkungen zu verkraften. Sie wurde durch Blitzeinschläge und Unwetter mehrerer Hauptäste beraubt und auch gekappt, war nun kein hoher Baum mehr, sondern nur noch einer mit einem dicken Stamm.

Der Jesuit Jean-Antoine de Cerceau verwaltete als Priester Ende des 17. Jahrhunderts nicht nur Friedhof und Kirche der Gemeine Allouville, sondern auch die dazugehörige Eiche. Er und sein lustiger Freund du Détroit wollten eines Tages wissen, wie viele Kinder wohl in den hohlen Stamm passen würden. Die beiden Geistlichen trommelten die Schulkinder des Dorfes zusammen und stopften sie gewissermaßen in den Baum, hintereinander, ineinander, übereinander. Vierzig Kinder fanden angeblich Platz, das Experiment war ein voller Erfolg und das Baumumfunktionierungsprojekt geboren: Unten sollte eine öffentlich zugängliche Kapelle eingebaut werden, oben eine private Kammer, eine Klausurzelle für Père du Cerceau, die er über eine sich um den Stamm windende Treppe erreichen konnte.

Denn du Cerceau war nicht nur Priester, sondern auch Dichter, er schrieb vor allem Komödien, die in Jesuitenschulen aufgeführt wurden; die beiden Herren müssen viel Spaß gehabt haben, während sie über ihren Plänen saßen, womöglich war auch Rotwein mit im Spiel.

Man darf die Eremitenkammer nicht geräumig denken, kaum vorstellbar, dass hier neben einer Schreibstelle ein Bett Platz gefunden haben soll. Auch die Kapelle ist winzig, 1,75 auf 1,20 Meter, die Raumhöhe allerdings liegt bei angenehmen 2,30 Mtern, und blick man nach oben, sieht man nicht nur die rissige Innenseite des Baumes, sondern auch all die Metallverstrebungen, die im Laufe der Zeit eingebaut wurden, um dem eigenwilligen Raum Stabilität zu verleihen und den Boden der darüberliegenden Kammer abzusichern.

An diesem Baum kann man sehr deutlich erkennen, dass das Leben der Bäume in den äußersten Schichten steckt, auf das tote Kernholz kann getrost verzichtet werden, wichtig ist allein, dass das teilungsaktive Kambiumgewebe intakt ist und nach innen Splintholz bildet und nach außen Bast, damit Wasser und Mineralien aus dem Boden durch die Kapillaren der neu gebildeten Splintholzzellen von der Wurzel in die Krone und die in den Blättern gebildeten Zucker und andere Nährstoffe durch den Bast von der Krone in die Wurzeln gelangen können. Dass auf der Borke Quadratmeter um Quadratmeter Holzschindeln angebracht wurden, scheint der Eiche nicht allzu sehr geschadet zu haben, sie ist eine der ältesten Stiel-Eichen überhaupt; keine der sogenannten Tausendjährigen Eichen, derer Deutschland sich rühmt, hat das Alter dieses doch recht malträtierten Exemplars erreicht. Seit der Abt und der Pfarrer die Kapelle gesegnet und der Jungfrau Maria geweiht haben, finden hier Gottesdienste statt, noch heute zweimal im Jahr. Historische Fotos zeigen den Pfarrer im Talar neben dem geschlitzten Eingang, der immer schmaler wird, weil die Eiche weiter wächst, die Kirchgemeinde steht in Sonntagskleidung bis auf die Straße hinaus.

 Nachdem Père du Cerceau Allouville verlassen hatte, um am Hof von Versailles Lehrer zu werden, blieb die Eremitenkammer leer. Sein Ende übrigens war so spektakulär wie sein Leben: Einer seiner Schüler spielte an einer Waffe herum und erschoss ihn aus Versehen.

ère du Cerceau Allouville verlassen hatte, um am Hof von Versailles Lehrer zu werden, blieb die Eremitenkammer leer. Sein Ende übrigens war so spektakulär wie sein Leben: Einer seiner Schüler spielte an einer Waffe herum und erschoss ihn aus Versehen.

Es ist aber nicht so, dass mit dem Umbau der Kapelle Ruhe eingekehrt wäre in Allouville, zu viele originelle Geister leben in dieem Dorf, Roger Devaux ist einer. Weißhaarig, langbärtig und verwildert wie ein alter Wikinger oder Appenzeller- Devaux nämlich liebt das Appenzell, was eine eher ungewöhnliche Vorliebe für einen Nordfranzosen sein dürfte-, ist er nicht nur der Lokaljournalist, sondern auch der Organisator des Vélosolexclubs, des jährlichen Oldtimerrennens, der Heiligenausstellung mit tausendzweihundert Heiligenstatuen aus fünfundachtzig Ländern, des Vereins zur Förderung der Trachtenkultur für Jugendliche, des Rentnerausflugs zum Münchner Oktoberfest, und vor allem ist er der Fürsprecher der Eiche. Er hat mehrere Bücher über den Baum veröffentlicht, auch eine Postkartensammlung mit Lithografien und historischen Fotos: spielende Kinder, Hündchen natürlich, Nonnen, Damen in eleganten Roben, die aus Kutschen steigen, und sogar traditionell arabisch gekleidete Spahi, nordafrikanische Kavalleristen, die im Ersten Weltkrieg für Frankreich kämpften. Am Abend wird Roger Devaux anlässlich der Preisverleihung zum schönsten Baum der Nation im Fernsehen zu sehen sein, neulich sprach er im japanischen Fernsehen, und ihm ies es zu verdanken, dass Le Gros Chêne bei den Koreanern einen Kultstatus erreicht hat, sie reisen in Bussen an.

Devaux sitzt oft nach der Arbeit im Le Pousserdas, einer mit Holz verkleideten und Fototapete geschmückten Bar gegenüber der Eiche. Die Bar ist auch der Tabakladen des Dorfes, am Tresen stehen Männer vor ihren Schnapsgläsern. Als Reporter des Courrier Cauchois müsse er aufpassen, was er über die Leute schreibe, ein Fünkchen Wahrheit könne einen Flächenbrand entfachen, sagt Devaux. Und so gehen wir sicherheitshalber zu den historischen Wahrheiten über und er zückt die Lithografie eines anderen wahnwitzigen Baumes, einer Rotbuche, die in direkter Nachbarschaft der Eiche gelebt hatte: Auch ihre Krone ist nicht mehr naturbelassen, sondern zu einem raumhohen, messerscharfen Zylinder geschnitten, eine Leiter führt zur türgroßen Öffnung im Blattwerk, ein Mann steigt hinauf, ein weiterer nimmt ihn oben in Empfang, unterhalb der Leiter liegt ein anderer lasziv im Gras, die quadratischen Baumfenster sorgen für Licht im Inneren, sechzehn Menschen sollen in der Buche um einen runden Tisch herum getafelt haben. Dieser Baum hat die Französische Revolution nicht überlebt, er war wohl zu dekadent, die Revolutionäre haben ihn angezündet.

Le Gros Chêne hätte beinahe das gleiche Schicksal ereilt, zumal sie ein religiöser Ort war und man ihr allerlei magische Kräfte angedichtet hatte. „Weg mit dem mystischen Unsinn!“, lautete das aufklärerische Credo, doch als 1793 eine Gruppe „von Alkohol und demagogischer Wut trunkener“ Revolutionäre die Eiche abfackeln wollte, soll der Lehrer Jean Baptiste de Bonheur in Windeseile die Jungfrau Maria entfernt und eine Tafel mit der Aufschrift Temple de la raison an dem Baum montiert haben, der die Furiosen wie durch ein Wunder von der Zerstörung abhielt, vielleicht lag es auch an den Bauern, die ihren geliebten Baum mit Mistgabeln verteidigten. Andere Kirchhofbäume brannten lichterloh, diese Eiche blieb unbeschadet stehen.

Was den Aufklärern nicht gelang, hätten 1988 beinahe die Behörden geschafft. Der alte Baum war in Schieflage geraten, eine unerfreuliche Neigung zur Straße hin. Experten wurden angefragt, ein englischer Professor plädierte dafür, die Eiche zu fällen, sein französischer Kollege hielt dagegen. Der Stamm war zudem von Moos überwuchert, die Rinde beschädigt, der Baum litt unter Pilzbefall. Die Gemeinde stellte sich auf die Seite des einheimischen Experten, ein aufwändige Sanierung wurde veranlasst und seither wird der Baum gestützt und gehalten, er ist das Herz von Allouville-Bellefosse.

In der Kirche selbst sei nicht mehr viel los, sagt Devaux, sie hätten einen engagierten jungen Pfarrer aus Afrika hiergehabt, aber die Einheimischen hatten ihn loswerden wollen, ein fremder Schwarzer, unmöglich. Jetzt komme einmal im Monat ein Pfarrer aus dem Nachbarort und halte die Messe, ansonsten verwaise die Kirche, das hätten sie nun davon, diese guten Katholiken, schimpft Devaux. Der vertriebene Pfarrer ist nach Kamerun zurückgekehrt, die Geschichte sei, so Devaux, die Schande des Dorfes, darüber könnten auch die hübschen Rabatten nicht hinwegtäuschen. Er höre auf keinen Fall damit auf, die Welt nach Allouville-Bellefosse zu holen, gerade stehe er mit Baumfreunden aus Singapur im Gespräch. Aber all diese chasseurs d’arbres, die Baumjäger, fänden sowieso ihren Weg in die Normandie, so wie Rob McBride, der in der internationalen Baumszene berühmte Engländer, der sich offiziell treehunter nennt, oder der Italiener, der für die Mailänder Gaswerke arbeitet und in seiner freien Zeit dicke Eichen vermisst, nicht dicke Bäume, nein, nur dicke Eichen.

Vor lauter Wikingern, Freibeutern, exaltierten Klerikern und mistgabelschwenkenden Bauern, vor lauter Schindeln, Metallstreben, Treppen und Treppchen, Trockenblumen, Phalli und anderen Obszönitäten mag man fast vergessen, wer hier eigentlich vor einem steht: ein sehr, sehr alter Baum. Ein sehr lebendiger alter Baum zudem, der wächst und gedeiht und seine Form verändert, der Schindeln sprengtr und gegen Metallklammern kämpft, die in seine Äste einzuwachsen drohen. Ein Baum, der, falls er gesund bleibt und man ihn lässt, den Venusschlitz in seinem Stamm immer mehr zusammenziehen wird, bis kein Mensch sich mehr in sein Inneres zwängen kann und die Jungfrau Maria einsam im Dunkeln steht, um irgendwann verschlungen zu werden.

Es ist aber nicht so, dass mit dem Umbau der Kapelle Ruhe eingekehrt wäre in Allouville, zu viele originelle Geister leben in dieem Dorf, Roger Devaux ist einer. Weißhaarig, langbärtig und verwildert wie ein alter Wikinger oder Appenzeller- Devaux nämlich liebt das Appenzell, was eine eher ungewöhnliche Vorliebe für einen Nordfranzosen sein dürfte-, ist er nicht nur der Lokaljournalist, sondern auch der Organisator des Vélosolexclubs, des jährlichen Oldtimerrennens, der Heiligenausstellung mit tausendzweihundert Heiligenstatuen aus fünfundachtzig Ländern, des Vereins zur Förderung der Trachtenkultur für Jugendliche, des Rentnerausflugs zum Münchner Oktoberfest, und vor allem ist er der Fürsprecher der Eiche. Er hat mehrere Bücher über den Baum veröffentlicht, auch eine Postkartensammlung mit Lithografien und historischen Fotos: spielende Kinder, Hündchen natürlich, Nonnen, Damen in eleganten Roben, die aus Kutschen steigen, und sogar traditionell arabisch gekleidete Spahi, nordafrikanische Kavalleristen, die im Ersten Weltkrieg für Frankreich kämpften. Am Abend wird Roger Devaux anlässlich der Preisverleihung zum schönsten Baum der Nation im Fernsehen zu sehen sein, neulich sprach er im japanischen Fernsehen, und ihm ies es zu verdanken, dass Le Gros Chêne bei den Koreanern einen Kultstatus erreicht hat, sie reisen in Bussen an.

Devaux sitzt oft nach der Arbeit im Le Pousserdas, einer mit Holz verkleideten und Fototapete geschmückten Bar gegenüber der Eiche. Die Bar ist auch der Tabakladen des Dorfes, am Tresen stehen Männer vor ihren Schnapsgläsern. Als Reporter des Courrier Cauchois müsse er aufpassen, was er über die Leute schreibe, ein Fünkchen Wahrheit könne einen Flächenbrand entfachen, sagt Devaux. Und so gehen wir sicherheitshalber zu den historischen Wahrheiten über und er zückt die Lithografie eines anderen wahnwitzigen Baumes, einer Rotbuche, die in direkter Nachbarschaft der Eiche gelebt hatte: Auch ihre Krone ist nicht mehr naturbelassen, sondern zu einem raumhohen, messerscharfen Zylinder geschnitten, eine Leiter führt zur türgroßen Öffnung im Blattwerk, ein Mann steigt hinauf, ein weiterer nimmt ihn oben in Empfang, unterhalb der Leiter liegt ein anderer lasziv im Gras, die quadratischen Baumfenster sorgen für Licht im Inneren, sechzehn Menschen sollen in der Buche um einen runden Tisch herum getafelt haben. Dieser Baum hat die Französische Revolution nicht überlebt, er war wohl zu dekadent, die Revolutionäre haben ihn angezündet.

Le Gros Chêne hätte beinahe das gleiche Schicksal ereilt, zumal sie ein religiöser Ort war und man ihr allerlei magische Kräfte angedichtet hatte. „Weg mit dem mystischen Unsinn!“, lautete das aufklärerische Credo, doch als 1793 eine Gruppe „von Alkohol und demagogischer Wut trunkener“ Revolutionäre die Eiche abfackeln wollte, soll der Lehrer Jean Baptiste de Bonheur in Windeseile die Jungfrau Maria entfernt und eine Tafel mit der Aufschrift Temple de la raison an dem Baum montiert haben, der die Furiosen wie durch ein Wunder von der Zerstörung abhielt, vielleicht lag es auch an den Bauern, die ihren geliebten Baum mit Mistgabeln verteidigten. Andere Kirchhofbäume brannten lichterloh, diese Eiche blieb unbeschadet stehen.

Was den Aufklärern nicht gelang, hätten 1988 beinahe die Behörden geschafft. Der alte Baum war in Schieflage geraten, eine unerfreuliche Neigung zur Straße hin. Experten wurden angefragt, ein englischer Professor plädierte dafür, die Eiche zu fällen, sein französischer Kollege hielt dagegen. Der Stamm war zudem von Moos überwuchert, die Rinde beschädigt, der Baum litt unter Pilzbefall. Die Gemeinde stellte sich auf die Seite des einheimischen Experten, ein aufwändige Sanierung wurde veranlasst und seither wird der Baum gestützt und gehalten, er ist das Herz von Allouville-Bellefosse.

In der Kirche selbst sei nicht mehr viel los, sagt Devaux, sie hätten einen engagierten jungen Pfarrer aus Afrika hiergehabt, aber die Einheimischen hatten ihn loswerden wollen, ein fremder Schwarzer, unmöglich. Jetzt komme einmal im Monat ein Pfarrer aus dem Nachbarort und halte die Messe, ansonsten verwaise die Kirche, das hätten sie nun davon, diese guten Katholiken, schimpft Devaux. Der vertriebene Pfarrer ist nach Kamerun zurückgekehrt, die Geschichte sei, so Devaux, die Schande des Dorfes, darüber könnten auch die hübschen Rabatten nicht hinwegtäuschen. Er höre auf keinen Fall damit auf, die Welt nach Allouville-Bellefosse zu holen, gerade stehe er mit Baumfreunden aus Singapur im Gespräch. Aber all diese chasseurs d’arbres, die Baumjäger, fänden sowieso ihren Weg in die Normandie, so wie Rob McBride, der in der internationalen Baumszene berühmte Engländer, der sich offiziell treehunter nennt, oder der Italiener, der für die Mailänder Gaswerke arbeitet und in seiner freien Zeit dicke Eichen vermisst, nicht dicke Bäume, nein, nur dicke Eichen.

Vor lauter Wikingern, Freibeutern, exaltierten Klerikern und mistgabelschwenkenden Bauern, vor lauter Schindeln, Metallstreben, Treppen und Treppchen, Trockenblumen, Phalli und anderen Obszönitäten mag man fast vergessen, wer hier eigentlich vor einem steht: ein sehr, sehr alter Baum. Ein sehr lebendiger alter Baum zudem, der wächst und gedeiht und seine Form verändert, der Schindeln sprengtr und gegen Metallklammern kämpft, die in seine Äste einzuwachsen drohen. Ein Baum, der, falls er gesund bleibt und man ihn lässt, den Venusschlitz in seinem Stamm immer mehr zusammenziehen wird, bis kein Mensch sich mehr in sein Inneres zwängen kann und die Jungfrau Maria einsam im Dunkeln steht, um irgendwann verschlungen zu werden.

Zora del Buono, Das Leben der Mächtigen. Reisen zu alten Bäumen

Erschienen in der Reihe Naturkunden, herausgegeben von Judith Schalansky

© 2015 MSB Matthes & Seitz Berlin Verlagsgesellschaft mbH

Alle Rechte vorbehalten.

Anmerkung:

[1] https://paris-blog.org/2016/04/29/normandie-teil-1-die-allgegenwaertige-vergangenheit/ 

https://paris-blog.org/2016/05/08/normandie-teil-2-schattenseiten-der-vergangenheit/ 

https://paris-blog.org/2019/06/07/6-juni-1944-aus-feinden-werden-freunde/ 

https://paris-blog.org/2021/04/14/himmlische-freundschaft-ein-gastbeitrag-von-michaela-wiegel/

Bildnachweise:  

Zora del Buona, S. 96 und 103;

https://de.wikipedia.org/wiki/Ch%C3%AAne_d%E2%80%99Allouville

https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Chnedallouville7.jpg

Le vieux chêne d’Allouville-Bellefosse (Seine-Maritime) – Krapo arboricole (wordpress.com)

https://fr.wikipedia.org/wiki/Ch%C3%AAne_d%27Allouville  (Kupferstich aus dem 18. Jahrhundert. Abgedruckt  in: René Dumesnil, La Seine normande, 1938, S. 62

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Christos Pariser Traum: Der verhüllte Triumph Napoleons

Mit der Verhüllung (im Französischen: empaquetage/Verpackung) des Arc de Triomphe vom 18. September bis zum 3. Oktober 2021 geht ein langgehegter Traum Christos -ein Jahr nach seinem Tod- in Erfüllung. 1962 sah Christo Vladimiroff Javacheff, wie er damals noch hieß, vom Fenster seines kleinen Zimmers in der rue de Saint-Sénoch im 17. Arrondissement auf den Triumphbogen. Er bewunderte ihn und träumte von diesem Projekt, das ihn nicht mehr losließ.[1]

Fast 60 Jahre später, 36 Jahre nach der Verhüllung des Pariser Pont-Neuf und 26 Jahre nach der des Berliner Reichstags, ist dieser Traum nun Wirklichkeit geworden. Christo und seine Frau können das aber nicht mehr miterleben: Jeanne-Claude starb 2009, Christo im letzten Jahr. Wie froh und dankbar kann man sein, dass trotzdem das Projekt noch vollendet wurde. Es ist die Abrundung und die Krönung des gemeinsamen Lebenswerkes und eine spektakuläre posthume Ehrung.

Eigentlich schon für 2020 geplant

Eigentlich wollte Christo den Pariser Arc de Triomphe schon 2020 in Stoff packen und verschnüren. Dann kam die Covid- Pandemie dazwischen. Auch auf Turmfalken musste Rücksicht genommen werden, die sich den Bogen als angemessenen Nistplatz erkoren hatten. Die vorbereitenden Arbeiten waren aber schon weit fortgeschritten: 2019 präsentierte Christo das Projekt in seinem New Yorker Atelier, 2020 fand eine große Christo-Ausstellung im Centre Pompidou statt, die eigentlich die Verhüllung des Arc de triomphe begleiten sollte. Diese Ausstellung „Christo et Jeanne-Claude, Paris !“ zeichnete die Pariser Periode des Paares (1958 – 1964) nach sowie die Geschichte des Pont-Neuf-Projekts von 1975-1985.[2]

Christo präsentiert in seinem New Yorker Atelier das Projekt „Arc de Triomphe wrapped“. Aus der Ausstellung „Christo and Jeanne-Claude“. Paris, Berges de Seine. Foto: F. Jöckel 1.9. 21

Bei dieser Ausstellung wurde anhand von detaillierten Plänen, ausgestellten Materialien und Fotos gezeigt, ein welch großes Maß an intensiver Vorbereitung, an Wissen und Können und an einem abgestimmten Zusammenwirken aller Beteiligter ein solches Projekt erfordert. Es gehört ja auch zu den Charakteristika der Christo’schen Projekte, dass dazu eine sehr lange Zeit der Planung, eine lange Zeit der Installation, aber nur eine kurze Zeit der Präsentation gehört.

Nur 16 Tage lang wird man den verhüllten Arc de Triomphe bewundern können.  „Dass die Kunstwerke verschwinden ist ein Teil des ästhetischen Konzeptes. Dadurch sind sie tief verwurzelt mit der Freiheit, denn die Freiheit ist Feind des Besitzes und Besitz ist gleichbedeutend mit Dauerhaftigkeit“, erklärte Christo einmal seine Kunst.[3]

Die Verpackung des Arc de Triomphe: Eine technische und logistische Meisterleistung

Die Phase der Installation begann am 15. Juli.

Informationstafel am Zugang unter der place Charles de Gaulle zum Arc de Triomphe

Da wurde zunächst die Baustelle vorbereitet:  Es wurden Kräne aufgefahren und aufgebaut:

Foto: Wolf Jöckel  2.8.21

                                Foto 2.8.21

Danach wurden Gerüste errichtet für die nachfolgenden eigentlichen Arbeiten an dem Projekt.

Foto: Wolf Jöckel 23.8.21

Die Phase der Verhüllung ist in drei Abschnitte gegliedert:

Aus: Le Parisien 30. Juli 2021

Als erstes wurde der Triumphbogen mit seinen Reliefs gesichert. Er erhielt gewissermaßen ein Korsett, um Schäden durch Druck und Reibung der Verpackung zu verhindern.

Hier das mit einem Schutz versehene Hochrelief von François Rude, Der Auszug der Freiwilligen, auch Marseillaise genannt, auf der von den Champs-Elysées aus gesehenen rechten Schauseite des Triumphbogens. (Foto vom 2.8.) Thema ist die levée en masse von 1793: Alt und jung sind auf dem Weg in den Kampf, zu dem die geflügelte Kriegsgöttin mit ihrem Schwert den Weg weist.

Geplant und installiert wurden die Stahlbau-Gerüste und Schutzvorrichtungen übrigens von einem deutschen Ingenieurbüro aus Stuttgart. Verantwortlich vor Ort ist eine junge Bauingenieurin, Anne Burkhartz. In dem Artikel „L’art pour l’Arc“ von Michaela Wiegel in der FAZ vom 25.8. kommt sie zu Wort: „Manchmal gerate ich ganz schön ins Schwitzen, denn wir dürfen auf keinen Fall das Baudenkmal beschädigen.“ Jetzt sei das Stahlbaugerüst so gut wie fertig aufgebaut, „und ich bedauere beinahe, dass unsere Maßarbeit bald nicht mehr zu sehen ist.“

Nach der Installation der Schutzvorrichtungen wurde der Bogen mit einem Geflecht von Tauen überzogen, um dem Werk die gewünschte Struktur zu geben.

Foto Wolf Jöckel 2.9.

Und darüber wurden in einem letzten Akt 25.000 m2 silberblauer Stoff gebreitet- Planen aus aluminiumbedampftem Polypropylengewebe, die übrigens in Deutschland hergestellt wurden: Produziert hat das Gewebe die Firma Setex in Greven. Sie ist Nachfolgerin des Unternehmens Schilgen aus Emsdetten, das schon den Stoff für die Verhüllung des Reichstages lieferte. Setex verkauft vornehmlich schwer entflammbare Stoffe, die für Uniformen von Feuerwehrleuten und für Theatervorhänge verwendet werden. Schon „die neuen Kleider der Inseln des Iseo-Sees“ hatte Setex für die Christos hergestellt. Doch bevor das Gewebe zur Verhüllung verwendet werden kann, sind noch zwei weitere Arbeitsschritte erforderlich: Der Stoff wird zunächst noch beschichtet, was ihm seinen silbrigen Glanz verleiht und dazu beiträgt dass sich das verhüllte Gebäude nicht allzu sehr erwärmt: Ein Werk der Firma Rowo Coating aus der Kleinstadt Herbolzheim in Baden, die auch schon den Stoff für den Reichstag beschichte. [2a]

Und schließlich wird der beschichte Stoff zur Weiterverarbeitung an die Firma „geo- Die Luftwerker“ geliefert. , Die ist auf die Herstellung und Reparatur von Heißluftballons und Luftschiffen spezialisiert und seit acht Jahren „Christos Hausschneider“. Unter anderem haben sie auch für Christos „Floating Piers“ auf dem Lago d’Iseo in Oberitalien geschneidert… Aufgabe von geo war es, die exakt berechneten Stoffbahnen zusammenzunähen, was bei der Größe der Bahnen und der Dicke des Gewebes nur in einer großen Werkhalle und nur mit speziellen Nähmaschinen und besonders qualifiziertem Personal möglich war. 200 Tage hat diese komplizierte Arbeit gedauert. Firmensitz der „Luftwerker“ ist Lübeck – eine Stadt, die übrigens zur Zeit des Baus des Arc de Triomphe als Teil des Départements Bouches de l’Elbe zu Frankreich gehörte. Auch eine Hebebühne stammt aus Deutschland.

Insofern ist auch Deutschland ein wenig an diesem grandiosen Projekt beteiligt. (Foto: Wolf Jöckel 15.9.)

Foto Wolf Jöckel 2.9. Die Verhüllung des Bogeninneren hat schon begonnen

Am Sonntag, dem 12.9. lassen über 70 Gebäudekletterer (nach Le Parisien waren es 95) die ersten Stoffbahnen herab.

Bild aus: https://www.ndr.de/kultur/kunst/Christo-Verhuellung-des-Triumphbogens-in-Paris-in-vollem-Gange,christo458.html

Schon der Prozess der Verhüllung des Triumphbogens ist eine große Attaktion. Bild: Wolf Jöckel 13.9.

Die noch unverschnürten, sich leicht vom Wind bewegten Stoffbahnen. Foto: Wolf Jöckel 13.9.
Fotos: Wolf Jöckel 13.9.

Zum Schluss werden die Stoffbahnen dann noch einmal mit -hier noch herunterhängenden- roten Tauen von 3000 Metern Länge befestigt und gesichert.

Fotos: Wolf Jöckel 15.9. 21

Alles verwendete Material ist übrigens recyclebar – das war den Christos immer wichtig: Es entspricht nicht nur ökologischem Denken, sondern auch dem Konzept der Vergänglichkeit, das für Christos Projekte charakteristisch ist.

Am 18. September, dem Tag der Einweihung des Projekts, wurde dann auch die Avenue des Champs – Élysées für den Autoverkehr gesperrt, die Gerüste und Absperrungen wurden entfernt und man konnte ungehindert den verhüllten Arc de Triomphe bewundern: In der Tat „ein Werk des Entzückens“, wie Philippe Delval, der Direktor der französischen Denkmalverwaltung Monuments de France, es nannte. Aber es gibt auch andere Stimmen. Steve Briois vom rechtsradikalen Rassemblement National beklagte sich: „Über eines unserer glorreichsten Denkmäler wurde eine Müllsack gestülpt“. (FAZ, 17.9.21). Was die Ästhetik des verhüllten Arc de Triomphe angeht, kann sich jeder seine eigene Meinung bilden. Und den Arc kann man auch ganz anders sehen als „eines unserer glorreichsten Denkmäler“. Doch dazu mehr im zweiten Teil dieses Beitrags….

Fotos: Wolf Jöckel 18.9.
Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist dsc01591-arc-18.9-4.jpg.

Vladimir Navachev, dem Neffen Christos, der das Projekt betreute, war es besonders wichtig, dass jeder ungehindert und kostenlos Zugang zu dem Kunstwerk hatte,, es auch „ganz hautnah“ sehen, ja berühren konnte.

Insgesamt ein grandios orchestrierter immenser Aufwand: Hans-Joachim Müller schrieb in einem Nachruf auf Christo: Christo, das war auch eine Art Logo, ein anderes Wort für ein Kunstunternehmen, das in der Realisierungsphase der Projekte Mitarbeiter-Staffs in Fabrikstärke beschäftigte. Wer den Regisseur dabei beobachten konnte, wie minutiös, wie generalstabsmäßig, wie ungemein pannenresistent die Projektabwicklung geschah, der war allemal beeindruckt von der Effektivität des unbeirrbaren Managements“.[4]  Diese Beobachtung gilt auch für Christos posthumes Werk.

                           Foto: Wolf Jöckel 23.8.21

Ein solches Unternehmen hat natürlich auch seinen Preis: 14 Millionen Euro kostet die Verhüllung des Arc de Triomphe. Dafür wurden, wie bei allen Christo-Projekten, keine öffentlichen und privaten Mittel in Anspruch genommen: Christo betonte immer wieder, dass er in den 1960er Jahren aus einem kommunistischen Land geflohen sei und deshalb jede Art der Vereinnahmung seiner Kunst ablehne.

Aber an den Finanzen ist bisher wohl noch kein Projekt von Christo gescheitert. Dafür war er auch ein geschäftstüchtiger Unternehmer, der zum Beispiel durch den Verkauf von vorbereitenden Zeichnungen seiner Projekte Geldmittel generierte.[5] 

Für die Finanzierung der Verpackung des Arc de Triomphe veranstaltet Sotheby’s Paris vom 17. September bis  zum 3. Oktober eine Verkaufsausstellung mit dem Titel The Final Christo.

Die Niederlassung von Sotheby’s Paris im noblen Faubourg Saint-Honoré

Dort werden 25 Werke Christos zu einem Stückpreis von 150 000 Euro bis 2,5 Millionen Euro angeboten.

Foto: Wollf Jöckel 17.9.

Das wird für die Finanzierung des -nach Sotheby’s-  „greatest work of public art worldwide in 2021“ sicherlich ausreichen.[6]

Der Arc de Triomphe: Christos und Jean-Claudes Traum der Pariser Jahre

Die Verhüllung des Arc de Triomphe war ein langgehegter und starker Wunsch der Christos.  Dies hat mehrere Gründe.

  • Persönlicher/biographischer Bezug

Da ist zunächst der wichtige biographische Aspekt: Seit sich Christo 1962 in Paris niederließ und in der Nähe des Arc de Triomphe wohnte, träumte er von seiner Verhüllung.

Foto: Wolf Jöckel. Diese bei Sotheby’s gezeigte Fotomontage Christos stammt aus seinen ersten Pariser Jahren. Das sehr handfest verschnürte Packet symbolisiert den Arc de Triomphe, der auf dem Foto in die Perspektive einer der großen auf die place de l’étoile zuführenden Avenues platziert ist.

Auf der persönlichen Ebene hatte die Idee einer (hier noch sehr wenig eleganten) Verpackung eine symbolische Bedeutung: „Dieses Bauwerk wollte er gewissermaßen, angekommen in Paris, erobern“, wie Sophie Duplaix, Kuratorin der Christo- Ausstellung im Centre Pompidou 2020 schrieb. Dass Paris für die künstlerische Entwicklung der Christos eine ganz zentrale Etappe war, konnte diesen Traum nur befördern.

  • Ästhetischer Reiz

Wie bei allen großen Verpackungsaktionen der Christos geht es auch beim Arc de Triomphe vor allem um die Schönheit des Kunstwerks. Der Triumphbogen erhält damit eine ganz neue, geradezu poetische Dimension, „une insolite beauté“, wie Serge Lasvignes, der Präsident des Centre Pompidou feststellte. Ich weiß nicht, wie die Christos die Ästhetik des „nackten“ Triumphbogens beurteilten. Für mich ist er in seiner triumphierenden Monumentalität eher obszön als schön. Diese Monumentalität verschwindet zwar nicht durch die Verpackung, aber sie wird durch den Stoff, der das Bauwerk umgibt, gelindert: Die Aufmerksamkeit wird auf das Hüllengewebe mit seinen Eigenschaften und seinem Eigenleben gelenkt. Sie verleiht dem Bauwerk Leichtigkeit, auch indem sie es -auf den ersten Blick- seiner formalen und historischen Identität enthebt. Es entfaltet sich ein Spiel der Gegensätze zwischen der fließenden und vergänglichen Hülle und dem massiven, auf Ewigkeit angelegten Bau darunter.[7] “Es wird wie ein lebendes Objekt sein, das im Wind lebendig wird und das Licht reflektiert. Die Falten werden sich bewegen, die Oberfläche des Denkmals wird sinnlich. Die Leute werden den Arc de Triomphe anfassen wollen”, erklärte Christo.[8]  Mit diesem „demokratischen Faltenwurf“[9]  hat die Verhüllung des Arc de Triomphe auch eine politische Dimension.   

  • Politische Herausforderung

Ganz eindeutig gehört der Arc de Triomphe zu den Bauwerken in Frankreich, die eine hohe symbolische Bedeutung haben für das, was sie repräsentieren: Ursprünglich von Napoleon initiiert um seine großen Siege zu feiern, wurde er in den 1830-er Jahren vom „Bürgerkönig“ Louis Philippe vollendet, der den Mythos Napoleon für sich instrumentalisierte. Dort wurde dann auch 1840 die Asche Napoleons mit großem Pomp empfangen, bevor sie in den Invalidendom überführt wurde. War der Arc de Triomphe ursprünglich also ein Monument des napoleonischen Ruhms, so eignete sich allmählich auch die Republik das Bauwerk an: 1885 wurde dort vor seiner Überführung ins Pantheon der Leichnam Victor Hugos aufgebahrt, und nach heftigen Debatten wurde nach dem Ersten  Weltkrieg  das Grab des unbekannten Soldaten mit der ewigen Flamme zu seinen Füßen installiert. Mit den Worten von Sophie Duplaix: „L’Arc de triomphe est chargé de toutes ces strates d’histoire qui se sont sédimentées à travers ce monument, ce qui lui donne ce poids et cet intérêt.“[10]  Dass der Arc de Triomphe gewissermaßen mehr als 200 Jahre französischer Geschichte repräsentiert, hat sicherlich auch den französischen Traum Christos befördert. Es ist ja bezeichnend, dass  Christo seinen Vertrauten Michael S. Cullen beauftragt hatte, in dem großen Katalog zur Verhüllung des Arc de Triomphe einen einleitenden Aufsatz über dessen Geschichte zu schreiben.[11]

 

Der verhüllte Triumph Napoleons

Es wäre sicherlich verkürzt, den Arc de Triomphe allein auf seine ursprüngliche Bestimmung als monumentale Feier napoleonischer Siege zu reduzieren. Aber ich sehe eine symbolische Fügung darin, dass die Verhüllung gerade in diesem Jahr stattfindet, in dem der 200. Todestag Napoleons in Frankreich aufwendig und großartig begangen wird.[12]

Angeordnet wurde der Bau des Triumphbogens nämlich durch ein Dekret Napoleons aus dem Jahr 1806. Im Jahr davor hatte Napoleon mit der sogenannten Dreikaiserschlacht von Austerlitz seinen größten militärischen Triumph gefeiert, „la plus belle victoire impériale“.[13] Der sollte nun auch entsprechend architektonisch gestaltet werden.  Vorbild war der Titus-Bogen in Rom: wie bei Napoleon üblich also die imperiale römische Architektur, die aber selbstverständlich noch weit an Größe übertroffen werden sollte: Der Titus-Bogen mit seinen 14.50 m Höhe erscheint geradezu zierlich im Vergleich zum 50 Meter hohen Arc de Triomphe!  Die „Kolossalarchitektur sollte in ihrer Monumentalität die auf Ewigkeit angelegte Herrschaft und damit die Größe ihres Erbauers evozieren.“[14] Gewidmet war er dem Ruhm der napoleonischen Armeen- so wie auch der kleinere Arc de Triomphe du Carrousel, wie die Vendôme-Säule (die natürlich das römische Vorbild, die Trajans-Säule,  noch übertraf) und wie die einem klassischen Tempel nachempfundene Madeleine, die (auch wieder natürlich) alle römischen  Tempel und selbst den Athener Parthenon mit ihren Ausmaßen in den Schatten stellte: Eine omnipräsente monumentale Siegesfeier! Allerdings konnte der Triumphbogen inmitten der großartigen, sternförmig angelegten place de l‘Étoile nicht mehr in der Ära Napoleons vollendet werden. Das geschah erst zu Zeiten Louis Philippes, der sich ostentativ in die revolutionäre und imperiale Tradition Frankreichs einordnete und so seine Legitimität untermauern wollte.

Mit dem Triumphbogen werden die Siege Napoleons gefeiert. 166 Namen von Schlachten sind in den Bogen eingraviert, dazu kommen zusätzlich Reliefs auf den vier Pfeilern mit den Namen großer Siege im Norden (Austerlitz, Jena, Friedland, Ulm, Wagram), im Osten (Alexandria, Pyramiden, Aboukir, Heliopolis), im Süden (Marengo, Rivoli, Arcole, Lodi)  und Westen (Jemmapes, Fleurus). Verzeichnet sind auch – die exakten Zahlenangaben variieren- über 600 Namen von Offizieren, Generälen, Marschällen.

Verzeichnet sind also die Namen von Siegen und Siegern. Tote gibt es auf dem Arc de Triomphe aber auch: Es sind Feinde, die am Boden liegen, wie der ottomanische Soldat auf dem Relief über dem „Triumph Napoleons“. Napoleon reitet als siegreicher Feldherr der Schlacht von Aboukir in Ägypten gerade über ihn und die zerstörten Waffen des Gegners hinweg. Auf dem Pfeiler daneben wird auf dem Relief über der Marseillaise aber auch ein französischer Gefallener abgebildet: Es ist der General Marceau, der 1796 im Kampf gegen die Österreicher den „Heldentot“ starb. Er ist auf dem Totenbett aufgebahrt und der österreichische Erzherzog legt eine Krone auf seinen Leichnam. Selbst der Gegner erweist also dem Helden die Ehre!

Das Zeitalter Napoleons war noch geprägt von der Vorstellung, dass der Sieg auf dem Schlachtfeld, dem „Feld der Ehre“, das non plus ultra des Ruhms sei. Und  ruhmreich war durchaus auch ein „schöner Tod“, „une belle mort“, auf dem „champ d’honneur“.[14]  „Dulce et decorum est pro patria mori“,  sagte der römische Dichter Horaz, „süß und ehrenvoll ist’s  für’s Vaterland zu sterben“.  Aber noch süßer und ehrenvoller waren natürlich die Siege, deren Orte und Anführer mit dem Arc de Triomphe verewigt werden sollten.

In Wirklichkeit war der Tod auf dem Schlachtfeld natürlich alles andere als süß. Und er hatte eine reiche Ernte in der Zeit der napoleonischen Kriege. Neuere Schätzungen gehen von 900 000 bis 1 Million getöteten französischen Soldaten aus, immerhin 45% der Mobilisierten!

Dazu kommen die Gefallenen bei den Gegnern und den Hilfstruppen der Grande Armée -darunter viele sehr unfreiwillige deutsche Soldaten – die vor allem im wahnwitzigen Krieg gegen Russland ihr Leben verloren.[15]  Insgesamt liegen die Schätzungen der nicht-französischen militärischen Opfer der napoleonischen Kriege bei etwa zwei Millionen Toten.  Und zivile Opfer gab es schließlich auch noch, man denke nur an den verheerenden Krieg in Spanien.

Als am 16. Mai 1871 die Pariser Commune die Vendôme-Säule mit dem Standbild Napoleons an seiner Spitze niederriss, kursierten Verse über das in den napoleonischen Kriegen vergossene Blut: Werde es auf der place Vendôme gesammelt, könne es der Napoleon da oben trinken, ohne sich bücken zu müssen….

Aber auch in diesem Blick auf die Opfer war die Pariser Commune ihrer Zeit voraus. Erst die beiden Weltkriege mit den Millionen hingeschlachteter Soldaten und den Millionen ziviler Opfer veränderten die Mentalitäten: Napoleon war aber -was den Krieg angeht-  ein Kind des 18. Jahrhunderts, wo der Triumph auf dem Schlachtfeld der höchste Ausdruck des Ruhms war und die Opfer wenig zählten. „Une nuit de Paris arrangera cela“ (Eine Nacht von Paris wird das schon richten): Dieser im 17. Jahrhundert von dem Prinzen von Condé geprägte Satz, der Napoleon – zu Recht oder Unrecht- nach der außerordentlich verlustreichen Schlacht von Eylau zugeschrieben wird, empörte die Zeitgenossen nicht sonderlich, sondern galt eher als geistreicher Ausdruck à la française einer demographischen Gewissheit.[16]  

Nach Austerlitz hätte es wohl die Möglichkeit eines für Frankreich durchaus vorteilhaften Friedens zwischen den kontinentaleuropäischen Mächten gegeben. Talleyrand versuchte in diesem Sinne auf Napoleon einzuwirken, aber ohne Erfolg[17]: Talleyrand war, wie der Marquis de Caulaincourt, Großstallmeister (grand écuyer) des Kaisers, in seinen Memoiren berichtet, für Napoleon „eine alte Frau“, auf deren Rat er nichts gab, oder gar (sic!) „Scheiße im Seidenstrumpf“.[18]  Napoleon war eben kein Diplomat, sondern zuerst Abenteurer und Eroberer. Er glaubte nicht an die Möglichkeit eines Miteinander der europäischen Mächte. Für ihn, nach eigenem Bekenntnis „nur ein Sohn des Glücks“, beruhten seine Macht und Legitimität auf Gewalt und Sieg. Nach dieser Logik gab es für ihn auch nach Austerlitz nur weitere „glorreichen Siege“ und immer neue Kriege.[19]

Insofern war es konsequent, dass Napoleon auch nach der Niederlage der „Grande Armée“ in Russland nicht bereit war, die Möglichkeit eines Friedens in Betracht zu ziehen, wie Günter Müchler in seinem -auch ins Französische übersetzten- Buch über das historische Treffen 1813 zwischen Napoleon und Metternich in Dresden zeigt. Napoleon hätte sogar damals noch einen Teil seines „Grand Empire“ bewahren können. Aber selbst nach der russischen Katastrophe war er zu keinerlei Zugeständnissen bereit.  Es könne ihn zwar den Thron kosten, aber dann werde er „die Welt unter seinen Trümmern begraben.“[20]

Durch seine kompromisslose Expansionspolitik schürte Napoleon nationale Hassgefühle, die, so France Culture anlässlich des  „Napoleon-Jahres“ (année Napoléon) 2021, die deutsch-französischen Beziehungen während der folgenden 150 Jahre vergifteten. Die so genannte deutsch-französische Erbfeindschaft ist jedenfalls ganz wesentlich ein Ergebnis rücksichtsloser napoleonischer Großmachtpolitik.[21]

Gerade auch unter diesem Blickwinkel folgt die protzige Zurschaustellung napoleonischer Siege, als deren Höhepunkt der Arc de Triomphe konzipiert war, zwar einer inneren Logik, kann aber eher befremden. Denn Völker zögern, wie der französische Historiker Antoine Prost schreibt, „sich auf Dauer an ihre Eroberungen zu erinnern, denn das hieße, ehemalige Gegner immer wieder auf ihre Erniedrigung hinzuweisen und sich dafür rechtfertigen zu müssen, einmal eine räuberische Nation gewesen zu sein.“[22]  Diesen Rechtfertigungsdruck hat man aber offenbar beim Bau des Arc de Triomphe nicht gespürt und ebenso wenig bei der Namensgebung von prominenten Orten und Straßen der Stadt Paris. Belege dafür gibt es in Hülle und Fülle. Nur zwei Beispiele:  Umrundet man die place de l’Étoile und betrachtet die Namen der in ihn einmündenden Straßen, so findet man die Avenue d’Iéna (an der das Goethe-Institut liegt- benannt nach dem Sieg Napoleons von Jena und Auerstedt 1806)),  die Avenue Kléber (General), die Avenue de la Grande Armée (die Armee Napoleons), die Avenue de Wagram (Sieg Napoleons über die Österreicher 1809), die Avenue Hoche (General) und die Avenue  de Friedland (Sieg Napoleons 1807 über ein russisch-preußisches Heer)…  Und der Boulevard, der ringförmig Paris umgibt (le boulevard des Maréchaux) , tragt die Namen napoleonischer Marschälle: Davout, Soult, Kellermann, Ney, Berthier… um nur einige zu nennen.

Aber darüber sollte man nicht die Nase rümpfen – schon gar nicht als Deutscher. Immerhin gibt es in Berlin die Siegessäule zur Erinnerung an den Sieg im deutsch-französischen Krieg von 1870/1871 und es gibt den Pariser Platz am Brandenburger Tor, an dem die französische Botschaft liegt, dessen Name aber auf die Einnahme von Paris 1814 durch die preußischen Truppen im Rahmen des sogenannten Befreiungskriegs zurückgeht.

Solche Bezeichnungen, Orte und Monumente gehören aber zu dem historischen Erbe einer Stadt, sind Teil ihrer Identität und deshalb schützens- und erhaltenswert.

Weniger Verständnis habe ich allerdings dafür, wie Napoleon in der großen Jubiläums- Ausstellung in Paris/La Vilette ganz unbefangen als „Sieger ruhmreicher Schlachten“ gefeiert und wie das von  Goya eindrucksvoll festgehaltene brutale Vorgehen der französischen Truppen in Spanien präsentiert wird: Da wird nicht von einer (legitimen) résistance civile gesprochen, sondern von einer dem damaligen Kriegsverständnis widersprechenden ingérence civile, die dann eben hart niedergeschlagen worden sei.  Und schließlich hätten auch die Alliierten bei ihrem Einmarsch in Frankreich 1814 und 1815 zahlreiche Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung begangen. Die buchhalterische Bilanz der napoleonischen Kriege durch die Ausstellungs-Macher: Trotz der etwa 3 Millionen Toten sei in dieser Zeit die Bevölkerung Europas doch deutlich angestiegen. Da klingt noch die eine Pariser Nacht an, die das schon richten werde … [23]

2005 hatte sich der damalige Staatspräsident Jacques Chirac geweigert, den 200. Jahrestag der Schlacht von Austerlitz, die als größter Sieg Napoleons betrachtet wird, zu feiern, was ihm heftigste Kritik eintrug und bis heute von Napoleon-Verehrern nicht verziehen wird.[24]

Auch der damalige französische Ministerpräsident, Dominique de Villepin, nahm nicht an Austerlitz-Gedenkveranstaltungen teil. Das war umso bemerkenswerter, als er ein ausgesprochener Napoleon-Verehrer war, dem er auch ein Buch gewidmet hat. Die lakonische Begründung von Villepin: „il y a plusieurs Napoléon“[25] und der Napoleon von Austerlitz war nicht der, den Villepin schätzte.

In diesem Jahr nun wird nun ganz offiziell und aufwändig Napoleon anlässlich seines  200. Todestages gewürdigt. Immerhin ist er unzweifelhaft „une figure majeure de notre histoire“, wie der französische Regierungssprecher anlässlich des Jubiläumsjahres feststellte, er ist -mit den Worten Präsident Macrons- „ein Teil von uns“ (une part de nous) und noch vor General de Gaulle und mit Ludwig XIV.  „le personnage préféré“ der Franzosen.

Unzweifelhaft gibt es den Napoleon, der viele Zeitgenossen faszinierte und der die Modernisierung (nicht nur) Frankreichs ganz erheblich vorangetrieben hat. Thierry Lentz, der Leiter der Fondation Napoléon, hat das anlässlich des Gedenkjahres noch einmal in einem Buch mit dem programmatischen Titel „Pour Napoléon“ zusammengestellt. Da wird der Napoleon gefeiert, der „für eine der glorreichsten Epochen der Grande Nation“ steht und Frankreich seine grandeur wiedergegeben habe.[26]

Aber es gibt auch genug dunkle Seiten:

  • Es gibt den expansionistischen Napoleon, dem ein bis an seine „natürlichen Grenzen“, also  Pyrenäen, Atlantik und Nordsee, Alpen und Rhein,  erweitertes Frankreich – aus deutscher, belgischer und holländischer Sicht schon Zumutung genug-  nicht genügte. (26a)  Napoleons Kaiserreich expandierte auch nach Italien, Spanien, Südosteuropa und dem Deutschland „outre-Rhin“. 1811 wurden selbst die alten freien Hansestädte Hamburg und Lübeck dem „grand empire“ einverleibt.
  • Es gibt den Kunsträuber Napoleon, der systematisch die Kunstschätze der von ihm eroberten Länder plünderte[27]  und der auch auf dem Arc de Triomphe entsprechend gefeiert wird:

Auf dem umlaufenden Fries wird der Transport von erbeuteten Kunstschätzen -hier eine Sphinx aus Ägypten- nach Paris gezeigt, wo sie in einem Triumphzug einem begeisterten Publikum präsentiert wurden, bevor sie das musée Napoléon, Vorgängerin des Louvre, füllten.

  • Es gibt den Napoleon, der nicht nur in Frankreich, sondern auch in seinem Einflussbereich die Meinungsfreiheit einschränkte und eine strikte Pressezensur ausübte, was der Nürnberger Verleger Johann Philipp Palm mit seinem Leben bezahlte:  Er wurde von den Franzosen füsiliert,  weil er eine Flugschrift vertrieben hatte, in der die »tiefe Erniedrigung« Deutschlands nach dem Zerfall des Alten Reichs beklagt wurde.
  • Es gibt den Napoleon der Kriegslasten, der den besiegten Ländern erpresserische Kontributionen auferlegte: Die Stadt Erfurt, 1808 Ort des glanzvollen Fürstenkongresses mit seinem „hemmungslosen Kaiserkult“, zahlte beispielsweise noch bis 1878 an den Schulden, die ihnen die napoleonischen Jahre hinterlassen hatten.[28] 
  • Und dann gibt es – anlässlich des Napoleon-Jubiläums besonders im Blickpunkt- den Umgang mit den Rechten von Frauen und vor allem den Sklaven, wo es Rückschritte gegenüber dem gab, was vorher schon gedacht und erreicht war: Immerhin hatte der Nationalkonvent im Jahre 1794 die Sklaverei in den französischen Kolonien aufgehoben. Aber es war Napoleon, der 1802 mit der Wiedereinführung der Sklaverei das Rad der Zeit zurückdrehte.  Es geht also fehl, eine entsprechende kritische Beurteilung als anachronistisch abzutun.[29]

Und nicht zuletzt und in unserem Zusammenhang wesentlich: Napoleon wird -nach dem Urteil von france culture– nicht ohne Grund auch als ein „massacreur“ betrachtet, dessen unersättliche militärische Ambitionen das Leben von hunderttausenden Menschen in Europa gekostet habe.[30]

Um diesen Aspekt des Napoleonischen Handelns geht es bei dem Projekt Christos. Die „für immer“ in Stein gemeißelte Verherrlichung der unseligen Kriege und Siege Napoleons auf dem Arc de Triomphe ist jetzt für 18 Tage verhüllt.

Verhüllt werden die eingravierten Orte mit den Namen der Siege Napoleons. Verhüllt sind die Namen der Militärs – zu denen auch die Generäle Jacques Nicolas Gobert, Antoine Richepanse und Charles Leclerc gehören: Richepense war der Führer des Expeditionskorps, das 1802 in Guadeloupe den Widerstand gegen die von Napoleon befohlene Wiedereinführung der Sklaverei mit äußerster Härte niederschlug; Gobert war sein Nachfolger, der eine ebenso blutige Spur nach sich zog.[31] Und die Niederschlagung der haitischen Revolution mit ihrer weltweit ersten die Sklaverei verbietenden Verfassung war Napoleon so wichtig, dass er 1802 sogar seinen Schwager, General Leclerc, nach Haiti entsandte, um wieder Sklavenhalter- Recht und – Ordnung herzustellen.

Verhüllt werden auf der den Champs-Elysées zugewandten Schauseite des Arc de Triomphe der -hier schon vergitterte- Napoleon, der gerade von einer Siegesgöttin gekrönt wird, während die Trompete des Ruhms erschallt.

Verhüllt ist dann auch die Hand Napoleons, die symbolisch auf dem Kopf einer am Boden knieenden besiegten Stadt liegt, während Clio, die Muse der Heldendichtung und Geschichtsschreibung, auf einer Tafel die Siege für die Ewigkeit festhält.

Nicht verhüllt dagegen ist das Grab des unbekannten Soldaten unter dem Bogen. So hatte es Christo ausdrücklich festgelegt: „Die Flamme der Nation vor dem Grab des Unbekannten Soldaten unter dem Arc de Triomphe wird während des Auf- und Abbaus sowie während der gesamten Zeit, in der das Werk sichtbar ist, weiter brennen.[32]   Der Blick auf die Opfer der Kriege bleibt also unverdeckt.

Und die tägliche Zeremonie am Grab des unbekannten Soldaten fand/findet ohne Unterbrechung statt.

Christo und Jeanne-Claude waren sehr zurückhaltend, wenn es um die Interpretation ihrer Werke ging. Die Menschen sollten sich selbst ihre Meinung bilden, sich ihre eigenen Gedanken machen. Zur politischen Dimension ihrer Projekte haben sich die Christos unterschiedlich geäußert.[33] Aber dass Politik und Geschichte eine Rolle gespielt haben, liegt auf der Hand: Die Verhüllung des Amerikahauses in Heidelberg -zusammen mit dem Aktionskünstler Klaus Staeck 1969, zur Zeit des Vietnam-Krieges- belegt das eindeutig.[34] Und eine politische Dimension hatte natürlich auch die höchst umstrittene Verhüllung des Reichstags. Für Michael S. Cullen, den Vertrauten der Christos, der die Anregung zu dieser Aktion gab, war der Reichstag ohne Kuppel „auch ein enthauptetes Symbol der deutschen und europäischen Geschichte, das irgendwie nach neuem, anderem Leben rief. Nach einer Verzahnung von Politik und Kunst im öffentlichen Raum.“[35] Das bestätigten auch die Christos selbst, die nicht als reine „Verpackungskünstler“ verstanden werden wollten. Denn das Verhüllen sollte dazu dienen, Dinge sichtbar zu machen, neu wahrzunehmen.  „Wir verhüllen nicht nur ein Gebäude“, erläuterte Jeanne-Claude anlässlich des Reichstags-Projekts, sondern auch „die deutsche Angst, den deutschen Stolz. Die deutsche Vergangenheit.“ Und Christo ergänzte: „Auch die Zukunft.“[36]

Nach den Worten des Theologen und DDR-Bürgerrechtlers Friedrich Schorlemmer hatten die Christos damals dem Reichstag eine „friedfertige Schönnheit“ verliehen. .[37] Damit ist die Verbindung von Politik und Ästhetik wunderbar auf den Punkt gebracht. Auch der nun verhüllte Arc de Triomphe ist eine solche friedfertige Schönheit, die allerdings ein Bauwerk verhüllt, das wohl kaum eine Schönheit und schon erst recht keine friedfertige ist.

So fordert auch die faszinierende Verhüllung des Arc de Triomphe zur Bewunderung dieses Meisterwerkes auf, gleichzeitig aber auch zu einem geschärften Blick auf das, was da verhüllt wird.


Anmerkungen

[1] https://www.francetvinfo.fr/culture/arts-expos/art-contemporain/art-monumental-l-arc-de-triomphe-emballe-le-triomphe-posthume-de-christo_4723013.html

[2] https://www.centrepompidou.fr/fr/programme/agenda/evenement/5rAjrnZ

Das nachfolgende Foto aus: https://www.lesechos.fr/industrie-services/services-conseils/comment-christo-a-imagine-un-financement-original-pour-empaqueter-larc-de-triomphe-1340179

[2a] Die Informationen über den Beitrag der Firmen Setex-Textil-GmbH und Rowo Coating verdanke ich zwei Artikeln der Seite Jugend und Wirtschaft der F>Z vom 7. Oktober 2021, und zwar:

Rawan Ammoura vom Hans-Böckler-Berufskolleg, Münster: Christos stiller Triumph. Setex aus Greven hat den Stoff hergestellt, mit dem der Arc de Triomphe in Paris verhüllt wurde.

und:

Sofia Charelas vom Max-Planck-Gymnasium, Lahr: Stoff in Hülle und Fülle. Rowo Coating aus Herbolzheim hat den Stoff für die Verhüllung des Triumphbogens beschchtet.

[3] Nachfolgendes Foto: Filmstill aus dem Film Christo in his studio working on a preparatory drawing for „L’Arc de Triomphe, Wrapped,“ New York, 2019. Von Trevor Tweeten. Siehe auch: https://vimeo.com/562453116   

[4] Hans-Joachim Müller,  Nachruf auf Christo. Der romantische Unternehmer. WELT 1.6.2020 https://www.welt.de/kultur/article208688005/Nachruf-auf-Christo-Der-romantische-Unternehmer.html

[5] Nachfolgendes Bild aus: https://www.franceculture.fr/architecture/larc-de-triomphe-empaquete-derniere-oeuvre-posthume-de-christo-et-jeanne-claude

[6] Comment Christo a imaginé un financement original pour empaqueter l’Arc de Triomphe | Les Echos Dort das vorausgegangene Bild

Und https://www.sothebys.com/en/digital-catalogues/the-final-christo?locale=en Dort auch das nachfolgende Bild.

[7] Ich beziehe mich hier auch auf die Ausführungen zur Verhüllung des Berliner Reichstags in: Inga Klein, Nadine Mai, Rostislav Tumanov (Un-)Sichtbares und die Perspektiven der Hüllen: Zur Einführung, S. 8/9  In: Hüllen und Enthüllungen (Un-)Sichtbarkeit aus kulturwissenschaftlicher Perspektive.  Herausgegeben von Inga Klein, Nadine Mai und Rostislav Tumanov. Berlin 2017

[8] (zit. Bei https://www.deutscheinparis.de/christo-verhuellt-den-arc-de-triomphe-18-september-bis-3-oktober-2021/

[9] Siehe: https://taz.de/Zum-Tod-des-Kuenstlers-Christo/!5686151/

[10] https://www.franceculture.fr/architecture/larc-de-triomphe-empaquete-derniere-oeuvre-posthume-de-christo-et-jeanne-claude

[11] https://www.tagesspiegel.de/kultur/christos-vermaechtnis-die-wahrheit-liegt-in-der-schoenheit/25933168.html

[12]une figure majeure de notre histoire“, wie der französische Regierungssprecher feststellte. https://www.leparisien.fr/politique/macron-va-commemorer-le-bicentenaire-de-la-mort-de-napoleon-10-03-2021-AJCORTH6JRBODKKTN7I3F7QO7A.php

[13] Jérôme Benoît, La Bataille d’Austerlitz. L’Histoire par l’image. Dezember 2005

[14] Jürgen Kramer, Uwe Horst, Werner Hennings, Schaufenster der Nation: Symbolische Machtgesten im öffentlichen Raum von London, Paris und Rom im 19. Jahrhundert. Bielefeld 2021, S. 89

[15] Die Verluste der deutschen Hilfstruppen Napoleons im Russlandfeldzug waren proportional sogar noch höher als die der Franzosen. Siehe Englund, Paris 2004, S. 482

[16] Siehe: Steven Englund, Napoléon. Paris 2004, S. 566/7

[17] https://www.franceculture.fr/emissions/le-tour-du-monde-des-idees/le-tour-du-monde-des-idees-du-mardi-02-mars-2021

[18] https://www.sueddeutsche.de/politik/wiener-kongress-wendehals-luder-strippenzieher-1.2512413-5

[19] https://www.retronews.fr/conflits-et-relations-internationales/interview/2021/04/20/napoleon-gerard-grunberg  Nach dem Sieg in Austerlitz schrieb Napoleon an seinen Bruder Joseph, den er dann zum König von Neapel machte: „La paix est un mot vide de sens, c’est une paix glorieuse qu’il nous faut.“ Zit. bei Englund, S. 344

[20] Günter Müchler,  1813: Napoleon, Metternich und das weltgeschichtliche Duell von Dresden.  2012

 s.a. Englund, Napléon, S. 483

[21] https://www.franceculture.fr/emissions/le-tour-du-monde-des-idees/le-tour-du-monde-des-idees-du-mardi-02-mars-2021 Zur zentralen Bedeutung Napoleons bei der „Nationalisierung der Feindschaft“ zwischen Deutschland und Frankreich siehe Michael Jeismann, Das Vaterland der Feinde. Studien zum nationalen Feindbegriff und Selbstverständnis in Deutschland und Frankreich 1792-1918. Stuttgart 1992, S. 76ff

[22] Antoine Prost, Verdun. In: Pierre Nora (Hrsg), Erinnerungsorte Frankreichs. München 2005, S. 276

[23] Napoléon. Katalog der Ausstellung in der Grande Halle de la Villette von Paris vom 14. April bis zum 19. September 2021. Éditions de la Réunion es museées nationaux – Grand Palais 2021, S. 200-203

[24] Thierry Lentz, der Leiter der Fondation Napoléon, empört sich in seinem aktuellen Jubiläumsbuch „Pour Napoléon“, Chirac habe aus angeblicher und völlig unangebrachter Rücksicht auf die ehemaligen Feinde, die nun zu „europäischen Partnern“ geworden seien, die geplanten Feierlichkeiten boykottiert.

[25] https://www.lemonde.fr/societe/article/2005/12/03/polemique-autour-des-celebrations-du-bicentenaire-de-la-bataille-d-austerlitz_717009_3224.html

[26] https://www.franceculture.fr/emissions/le-tour-du-monde-des-idees/le-tour-du-monde-des-idees-du-mardi-02-mars-2021 und

https://www.leparisien.fr/politique/napoleon-le-bicentenaire-de-la-discorde-07-02-2021-8423655.php und https://www.rtl.fr/actu/politique/napoleon-le-bicentenaire-de-sa-mort-fait-polemique-7900001422

[26a] Zu dem Konzept der „natürlichen Grenzen“ Frankreichs siehe die Rede Dantons vor dem Nationalkonvent eine Woche nach der Guillotinierung Ludwigs XVI.: Danton insiste sur les frontières naturelles de la France : „Les limites de la France sont marquées par la nature, nous les atteindrons des quatre coins de l’horizon, du côté du Rhin, du côté de l‘Océan, du côté des Pyrénées, du côté des Alpes. Là doivent finir les bornes de notre République.“ Immerhin soll Frankreich danach nicht über die sogenannten natürlichen Grenzen hinaus erweitert werden. Diese „Zurückhaltung“ hatte Napoleon nicht.

[27] Siehe dazu die Beiträge in dem Frankreich- und Paris-Blog des Autors:  https://paris-blog.org/2021/05/01/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-1-die-grose-ausstellung-deutscher-raubkunst-1806-1807/  und https://paris-blog.org/2021/05/05/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-2-die-raubkampagnen-denons-in-deutschland-soll-ich-etwa-nichts-nehmen/

[28] Gustav Seibt, Goethe und Napoleon. Eine historische Begegnung. München 2021, S. 92 und 94

[29] Siehe dazu den Leserbrief von Professor Dr.  Thomas Stamm-Kuhlmann, Napoleon und die Sklaverei in der FAZ vom 15. Mai 2021

[30] https://www.franceculture.fr/emissions/le-tour-du-monde-des-idees/le-tour-du-monde-des-idees-du-mardi-02-mars-2021

[31] Siehe: https://paris-blog.org/2017/11/01/der-schwierige-umgang-mit-einem-duesteren-kapitel-der-franzoesischen-vergangenheit-die-erinnerung-an-sklavenhandel-und-sklaverei/

[32] https://www.franceculture.fr/emissions/le-tour-du-monde-des-idees/le-tour-du-monde-des-idees-du-mardi-02-mars-2021

[33] Christo im Interview: „Unsere Kunst ist reine Politik“. Aus: Süddeutsche Zeitung, 4. April 2017 https://www.sueddeutsche.de/kultur/christo-im-interview-unsere-kunst-ist-reine-politik-1.3450447?reduced=true und „Mit Politik will ich nichts zu tun haben.“  Zit. In: Klein, Ansgar u. Andere, Kunst, Symbolik und Politik – Die Reichstagsverhüllung als Denkanstoß. Opladen 1995, S. 308.

[34] https://klaus-staeck.de/2020/06/christo-und-die-schoenheit-der-unvollkommenheit/

[35] https://www.tagesspiegel.de/kultur/christos-vermaechtnis-die-wahrheit-liegt-in-der-schoenheit/25933168.html

[36] Aus einem Interview mit Elfriede Jelinek zur Reichstagsverhüllung.   Erschienen am 2. Juni 1995 in der ZEIT http://elfriedejelinek.com/andremuller/interview%20mit%20christo%20und%20jeanne-claude.html

[37] Zit. von Michael S. Cullen: https://www.tagesspiegel.de/kultur/so-kam-es-zur-verhuellung-des-reichstags-in-berlin-das-erste-sommermaerchen-dank-christo-und-jeanne-claude/11945224.html

und Klaus Staeck https://klaus-staeck.de/2020/06/christo-und-die-schoenheit-der-unvollkommenheit/

Ein Briefwechsel zu Napoleons verhülltem Triumph:

Von einem Pariser Freund erhielt ich folgende Zuschrift zu diesem Blog-Beitrag. Es ist ein, wie ich finde, interessanter Kommentar aus französischer Sicht. Ich zitiere ihn nachfolgend und meiner Antwort.

Cher ….. J’ai lu ton texte sur l’Arc de Triomphe à l’occasion de son empaquetage par Christo. Il est toujours instructif d’avoir un regard extérieur sur quelque chose d’aussi marquant pour la conscience nationale. Ton portrait de Napoléon est principalement à charge et tu n’accordes pas beaucoup de crédit à des formules comme celle de Villepin, que tu cites, sur les deux Napoléon. C’est pourtant le fond du problème. Une bonne part des Français ont, dès l’origine, formulé une appréciation très négative sur le dictateur, le boucher. Cette dimension du personnage, nul ne la nie. Mais il y en a aussi d’autres, que l’on pourrait résumer en disant qu’il a construit la France moderne, et qui explique que soit restée une rue Bonaparte à Paris (ouverte à l’époque du retour des cendres). La popularité persistante de Napoléon sous la Monarchie de juillet s’explique par le fait qu’il a consacré et solidifié les grandes réformes de la Révolution ou qui en sont issues. On lui doit l’organisation administrative de la France: la Révolution crée les départements, Napoléon met en place les préfets; la révolution invente les grandes écoles (Polytechnique, ENS rue d’Ulm, etc.), l’époque napoléonienne voit triompher la science française dans tous les domaines (de Laplace et Legendre à Champollion, etc.) ; la Révolution a tenté de réformer la monnaie, Napoléon crée le franc Germinal qui tiendra plus d’un siècle quasiment sans dévaluation; on pourrait aussi parler du Concordat avec l’Église et de beaucoup d’autres choses.Rien de cela ne fait tomber la légitimité des critiques contre le boucher, mais cela explique que l’on puisse avoir une appréciation pour le moins partagée. Tu ironises sur le fait que les boulevards qui donnent vers l’Étoile et ceux qui enserrent Paris portent les nom des maréchaux d’Empire. Ce n’est pas le cas de tous: Hoche, Kléber, Carnot sont de purs produits de la Révolution. Et surtout, ces maréchaux d’Empire sont d’origine populaire, et pas, comme auparavant, issus de la noblesse.
Tu évoques le nombre considérable de morts sur les champs de bataille de l’Empire. Certes, mais il serait bon de le comparer au nombre de morts durant la Première Guerre mondiale (700000 rien qu’à Verdun!), une guerre qui n’a, elle, aucune contrepartie positive. Une guerre qui aura été pure destruction, un véritable suicide européen. Compare la solidité du franc Germinal à la terrible inflation des années vingt! Sans parler du fait que le nazisme est un pur produit de cette „Grande Guerre“.

Hier meine Antwort:

ich habe mich sehr gefreut, dass du meinen Text gelesen und so detailliert kommentiert hast.  Allerdings denke ich, dass es sich dabei um ein Missverständnis handelt: Thema des Artikels ist ja nicht eine umfassende Würdigung Napoleons, sondern der Arc de Triomphe. Natürlich gibt es auch diese positive Seite Napoleons, die du skizzierst, und ich kann da auch nur sagen: nul ne la  nie -ich auch nicht. (Übrigens wird die auch in der aktuellen großen  Napoleon-Ausstellung in La Vilette  gebührend herausgestellt). Beispielsweise  behandelt eines meiner künftigen Blog-Projekte den badischen Ingenieur Tulla, der im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts die damals revolutionäre Begradigung des Rheins plante und zum Teil auch schon durchführte. Tulla wurde zur Zeit des  Empire von seinem Landesherrn nach Paris geschickt, nicht nur um Französisch zu lernen (wichtig für die Koordination mit den Franzosen), sondern vor allem auch, um an der École polytechnique den fortgeschrittenen Stand der Ingenieurwissenschaft kennenzulernen. Und später ging er wieder nach Paris, um sich dort behandeln zu lassen: Es gab nämlich in Paris einen Arzt, der auf dem Gebiet der Blasensteine, unter denen Tulla litt,  damals absolut innovativ und führend war.  Und natürlich übte die Persönlichkeit Napoleons und auch sein  Wirken eine große Faszination auf Zeitgenossen aus. (Siehe  Hegel oder auch Goethe – mit dem Napoleon sich in Erfurt traf und mit unglaublicher Sachkenntnis und Treffsicherheit über den  Werther diskutierte….) 

 Allerdings ist diesmal mein Thema ja der Arc de Triomphe. Und der feiert nicht die institutionellen, wissenschaftlichen, künstlerischen, städteplanerischen etc Errungenschaften der napoleonischen Ära und  zieht auch keine Bilanz seines Lebens und Wirkens, sondern er feiert die Schlachten und Siege Napoleons und seine daraus folgenden Eroberungen.  Da könnte man natürlich einwenden, dass Napoleon ja immerhin auch ein genialer Feldherr war und insofern die  Würdigung seiner Schlachten mit Recht erfolgt. Das würde vielleicht für eine Militärakademie passen (da wird man vielleicht auch den „Blitzkrieg“ gegen Frankreich 1940 studieren und bewundern), aber nicht für mich. Und was die Opfer angeht: Natürlich gab es später viel höhere Opferzahlen – z.B. schon in Gravelotte, der letzten großen  Reiterschlacht der Geschichte im dt. franz. Krieg 1870/1871  (siehe meinen Blog-Text zu Gravelotte). Und dann natürlich der Erste  Weltkrieg und schließlich der Zweite… Dass die Opferzahlen da  gewissermaßen explodierten,  ist vor allem eine Konsequenz der Industrialisierung des Krieges und des Mordens (Shoah), und das relativiert auch nicht das Leid, das der napoleonische Eroberungswahn mit sich brachte. Ein möglicher zweiter Einwand könnte auch sein, dass die napoleonischen Eroberungen doch etwas Positives hatten, dass sie die Fortschritte der Revolution/die Zivilisation verbreitet haben – dass deshalb die auf dem Arc aufgeführten Schlachten und ihre Generäle der Verbreitung des Fortschritts dienten. Dieser Einwand ist nicht ganz von der Hand zu weisen, denn immerhin waren die napoleonischen Truppen auch Träger wichter Fortschritte. Dazu gehören vor allem die Beseitigung feudaler Strukturen und Lasten und die Einführung des code Napoléon. Besonders profitiert haben davon die Juden, deren Emanzipation in den eroberten Ländern  durchgesetzt wurde, die dann aber, nach dem Sieg der reaktionären Kräfte, wieder zurückgenommen wurde. Kein Zufall also, dass Heine und Börne nach Paris ins Exil gingen. Es gibt auch die territoriale Neuordnung, die ja sogar weitgehend die napoleonische Ära überdauert hat. Aber auf der anderen Seite stehen die hohen Kontributionen, die Lasten der Besatzung (z.B. Einquartierungen; Finanzierung der Besatzungstruppen), die zwangsweise  Einziehung von Soldaten für weitere Eroberungskriege, die Einschränkung von Freiheitsrechten -siehe Pressezensur- und eine radikale Französisierungspolitik. Eine Folge waren das massive  Anwachsen antifranzösischer Ressentiments und die Entwicklung eines (später unheilvollen) deutschen Nationalismus. Der war aber zunächst  noch eher defensiv und wurde dann 1840 weiter verstärkt durch die sog. Rheinkrise, also die französischen Absicht, die Grenze Frankreichs bis an den Rhein, die angeblich „natürliche Grenze“, vorzuschieben. Da entstand das berüchtigte Lied „Die Wacht am  Rhein“, das aber ursprünglich kein aggressives Werk ist, (ebenso wenig wie das Deutschlandlied des revolutionären Republikaners von Fallersleben), sondern ein Lied der Verteidigung:  Sie sollen ihn nicht haben, den deutschen Rhein. Der wurde ja weithin in Frankreich als natürliche Ostgrenze betrachtet -und zwar in Gänze!), und ich bin immer etwas irritiert, wenn ich -z.B. üblicherweise  in Le Monde-  lese, dass Deutschland auch und immer noch als „outre Rhin“ bezeichnet wird, so  als seien Aachen, Mainz und Koblenz (immer noch) französisch…   Also: deux Napoleon  – in der Tat. Aber Thema war diesmal eben die eine Seite, die ja auch Chirac bewogen hat, Austerlitz nicht zu feiern… Das war m.E. eine gute Tat, ebenso wie seine Unterstützung für die -jetzt leider abgebaute-  mur de la paix auf dem Marsfeld….  

Eine kurze Übersicht über Reaktionen in Deutschland und Frankreich auf Christos Werk:

Jörg-Manfred Unger: Enthüllung durch Verhüllung. L’Arc de Triomphe. Wrapped.  In: https://dokdoc.eu/projekte/13584/enthuellung-durch-verhuellung/

 Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu Napoleon:

Der Arc de Triomphe: Die Verherrlichung Napoleons. (Vive l’empéreur Teil 1)  https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/

Das Napoleon-Museum auf der Île d’Aix (Vive l’empéreur Teil 2)   https://paris-blog.org/2016/11/16/das-napoleon-museum-auf-der-ile-daix-vive-lempereur-teil-2/

Napoleon in den Invalides (Es lebe der Kaiser!/Vive l’empéreur Teil 3)  https://paris-blog.org/2017/03/12/napoleon-in-den-invalides-es-lebe-der-kaiser-vive-lempereur-3/  

Die Manufacture des Gobelins: Politik und Kunst  (August 2018)  https://paris-blog.org/2018/08/01/die-manufacture-des-gobelins-politik-und-kunst/

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs  https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/

150 Jahre Abriss der Vendôme-Säule, Teil 1: Ein Blick auf ihre bewegte Geschichte. Vive l’empereur! À bas l’empereur!)   https://paris-blog.org/2021/06/02/150-jahre-abriss-der-vendome-saule-durch-die-commune-teil-1-ein-blick-auf-ihre-bewegte-geschichte-vive-lempereur-a-bas-lempereur-auch-ein-beitrag-zum-napoleonjahr-annee-napoleon-20/

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 1: Die große Ausstellung deutscher Raubkunst 1806/1807 https://paris-blog.org/2021/05/01/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-1-die-grose-ausstellung-deutscher-raubkunst-1806-1807/  

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 2: Die „Raubkampagnen“ Denons in Deutschland: Soll ich etwa nichts nehmen? https://paris-blog.org/2021/05/05/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-2-die-raubkampagnen-denons-in-deutschland-soll-ich-etwa-nichts-nehmen/

Weitere geplante Beiträge:

Die alte Eiche (Le Gros Chêne) von Allouville-Bellefosse in der Normandie. Ein Gastbeitrag von Zora del Buono

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Das Pariser Stadtmuseum musée Carnavalet ist nach jahrelanger Renovierung wieder eröffnet. Ein erster Rundgang

„Nous la Commune“: Eine Ausstellung zum 150. Jahrestag der Pariser Commune. Place de la Bastille

2021 werden/wurden in Frankreich zwei Jahrestage begangen, die beide Anlass zu teils heftigen Kontroversen waren: Der 200. Todestag Napoleons und der 150. Jahrestag der Pariser Commune. In Paris gab es eine Fülle von Aktionen und Aktivitäten, die an die Pariser Commune erinnerten.

Dazu gehört/e auch die Ausstellung „Nous la Commune“ an der Place de la Bastille.

Der Bastille – Platz bietet sich für eine solche Ausstellung natürlich besonders an, denn damit wird die Commune in die revolutionäre Tradition Frankreichs gestellt: In den vorausgegangenen Revolutionen von 1789, 1830 und 1848 spielte die place de la Bastille ja eine zentrale Rolle. Und auch in der Zeit der Commune war der Bastille-Platz ein „épicentre de la mobilisation populaire“. [1]

Dazu zeigt sich der Platz nach mehreren Jahren der Umgestaltung in neuem Glanz: Etwas verkehrsberuhigt wird er nicht mehr allein von dem Autoverkehr beherrscht und völlig zerschnitten. Dazu hat er durch einen direkten Zugang vom und zum Arsenal-Hafen zusätzliche Attraktion gewonnen.

Die neue Treppe zwischen  der place de  la Bastille und dem Arsenal-Hafen. Im Hintergrund die Säule zur Erinnerung an die Opfer der Juli-Revolution von 1830

Insgesamt sind an dem Zaun zur Metro-Station und zum Arsenal-Hafen 50 „Pappkameraden“ mit den Portraits von Kommunarden befestigt: Es sind Männer und Frauen unterschiedlichen Alters, sozialer Zugehörigkeit, nationaler bzw. geographischer Herkunft, unterschiedlicher politischer Tendenzen und mit ganz verschiedenem beruflichem Hintergrund.  Teils findet man hier prominente Gestalten der Commune wie Louise Michel, Jules Vallès oder Gustave Courbet, teils kaum bekannte Männer und Frauen, die sich auf unterschiedliche Weise in der Commune engagiert haben. Sie hier aufzunehmen war den Machern der Ausstellung besonders wichtig: „Nous la Commune“ soll gerade die breite Anhängerschaft der Commune in der Pariser Bevölkerung aufzeigen. Eine Beschränkung auf die „Prominenz“ wäre diesem Anspruch kaum gerecht geworden.  Vielen der Abgebildeten wurde deshalb, weil entsprechende zeitgenössische Darstellungen fehlen, hier vielleicht zum ersten Mal visuelle Gestalt gegeben.  Unterschiedlich ist auch das Schicksal der in die Ausstellung aufgenommenen Personen: Manche sind im Kampf getötet worden, andere wurden in oder nach der „Blutwoche“, der  semaine sanglante,  erschossen oder deportiert, wieder andere gingen ins Exil. Einige wenige konnten aber auch ihr voriges Leben fortsetzen. Den Figuren der Ausstellung sind jeweils entsprechende Informationen beigegeben: zum Beispiel ein Rednerpult für gewählte Mitglieder der Commune, eine phrygische Mütze für Anhänger des Jacobinismus, ein Schiff für die Deportierten, ein Totenkopf für die im Kampf Gefallenen….  Dazu gibt es jeweils einen kleinen biographischen Text. Insgesamt eine anschauliche und anregende Präsentation am passenden Ort: Nicht nur wegen der revolutionären Tradition des Bastille-Platzes, sondern auch wegen seiner Belebt- und neuerdings auch gesteigerten Beliebtheit. So müssen die Menschen nicht Barrieren überwinden, um zur Ausstellung zu kommen, sondern diese kommt zu ihnen.

Die nachfolgende Zusammenstellung ist keine Dokumentation der Ausstellung, Es wird nur eine Auswahl von 18 Personen vorgestellt, dabei aber versucht, entsprechend dem Anspruch der Ausstellung einen Eindruck von der großen Vielfalt zu vermitteln, die für die Pariser Commune charakteristisch ist. Diese Vielfalt ist ein wesentlicher Grund für die Dynamik und die Ausstrahlung dieser 72 Tage. Die ausgewählten Personen sind in alphabetischer Reihenfolge angeordnet. Die beigefügten Texte orientieren sich weitgehend an den Informationen, die den Figuren der Ausstellung beigegeben sind.

Mohamed Ben Ali

Mohamed Ben Ali war tirailleur algérien, also einer von 9000 aus Algerien stammenden Soldaten, die am deutsch-französischen Krieg teilnahmen. Sie wurden auch wegen ihrer Aufmachung „turcos“ genannt.

Die meisten wurden im März 1871 nach dem Vorfrieden zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich repatriiert. Einige wenige wie Mohamed Ben Ali schlossen sich der Commune an. Er wurde Ordonanz bei Maxime Lisbonne (s.u.) und kam bei den Kämpfen in der semaine sanglante ums Leben.[2]

Henry Champy

Während der Belagerung von Paris herrschte ein großer Mangel an Lebensmitteln, von deren Zufuhr die Stadt abgeschnitten war. Die Elefanten Castor und Pollux im Jardin d’acclimatation wurden getötet, und in den feinen Restaurants wurden Kamelschnitzel und Antilopenragout angeboten. Für die armen Leute blieben Katzen, Hunde und Ratten. Henry Champy wurde von der Commune beauftragt, die Versorgung der Bevölkerung zu organisieren und zu verbessern. Städtische Kantinen wurden eingerichtet, der Zwischenhandel unterdrückt und die Preise reglementiert.

Die Abbildung Champys in der Ausstellung lehnt sich an ein Bild Narcisse Chaillous an[3]:

Es zeigt einen Verkäufer von Ratten während der Belagerung von Paris 1870: Der Metzger krempelt seine Ärmel hoch, als ginge es darum, ein großes Stück Fleisch zu zerlegen… Beim Champy-Bild der Ausstellung ist die Ratte mit einer preußischen Pickelhaube ausgestattet: Die  Niederschlagung der Commune erfolgte zwar durch die offiziellen Truppen der Französischen Republik, den sogenannten Versaillais, allerdings „mit freundlicher Unterstützung“ von deutscher Seite. 

Jean-Baptiste Clément

Der Sänger und Liedermacher Jean-Baptiste Clément aus Montmartre  war wegen seines politischen  Engagements unter dem Kaiserreich Napoleons III. verurteilt worden. Mit dem Sturz des Kaisers erhielt er seine Freiheit zurück und engagierte sich in der Nationalgarde. Während der Commune wurde l’artiste, wie er auch genannt wurde, zum Vertreter Montmartres gewählt und Bürgermeister des Stadtviertels. Nach der Niederschlagung der Commune wurde er zur Deportation verurteilt.

Seine Prominenz verdankt Clément vor allem seinem schon 1866 geschriebenen Liebeslied Le temps des cérises, das zur Hymne der Commune wurde. Clément widmete es 1885  «à la vaillante citoyenne Louise»,  der wachsamen Bürgerin Louise Michel (s.u.).[4]

In dem Lied singt auch die merle moqueur, die Spottdrossel, die hier auf seinem Arm sitzt. Eine schöne deutsche Version des Liedes, gesungen während der Zeit der deutschen Wende, stammt von Wolf Biermann:                                                                                                                                                                     http://www.youtube.com/watch?v=Rv420VhwUWc

Gustave Courbet

In einer solchen Ausstellung darf natürlich der Maler Gustave Courbet nicht fehlen. Noch während der Belagerung von Paris wurde er von der republikanischen Regierung beauftragt, den Schutz der Museen zu organisieren, während der Commune wurde er gewissermaßen  zum Kultusminister gewählt. Als Anhänger von Proudhon setzte er sich besonders für das Prinzip der Selbstverwaltung und für die Unabhängigkeit der Kunst von staatlicher Bevormundung ein.

Verhängnisvolle Konsequenzen hatte für  Courbet die Zerstörung der von der Statue Napoleons gekrönten Säule auf der place Vendôme, die den Sieg der Grande Armée in der sogenannten 3-Kaiser-Schlacht bei Austerlitz gegen Österreicher und Russen feierte. Courbet hatte zwar gefordert, die Säule als Ausdruck der Kriegsverherrlichung zu entfernen und in den Hof des Hôtel des Invalides zu verlegen; als aber die Commune am 12. April 1871 ihre Zerstörung beschloss, war Courbet noch nicht deren Mitglied, also auch nicht beteiligt.  Trotzdem wurde er nach Niederschlagung der Commune  dazu verurteilt, die Kosten für den Wiederaufbau der Säule zu tragen. Da er dazu nicht in der Lage war, blieb ihm nur das Exil in der Schweiz, wo er auch starb.[5]

Gaston Crémieux

Die Aufnahme von Gaston Crémieux in die Ausstellung weist darauf hin, dass es neben der Commune von Paris auch entsprechende Bewegungen in anderen Städten Frankreichs gab, so u.a. in Lyon, Marseille, Toulouse und Saint-Étienne.  Der Rechtsanwalt und Dichter Gaston Crémieux war  Repräsentant der Commune von Marseille, deren Ziel die Unterstützung der Pariser Commune und  eine regionale Eigenständigkeit gegenüber der Zentralmacht war.

Allerdings wurde die Bewegung schon nach 14 Tagen niedergeschlagen. Crémieux wurde gefangen genommen, konnte aber vor seiner Hinrichtung noch ein von Victor Hugo gelobtes Theaterstück über Robbespierre schreiben – darauf verweisen die rote Jacobinermütze an seinem Revers und wohl auch die Blume im Gewehrlauf, die auch in dem Gewehrlauf von Rimbaud  in dieser Ausstellung steckt. (s.u.) Am 30 November 1871 wurde Crémieux mit dem Ruf „Vive la République“ auf den Lippen erschossen.

Elisabeth Dimitrieff