Zum Tod von Sempé: Sein Wandbild im 3. Arrondissement von Paris

Am 11.8.2022 ist der Karikaturist und Zeichner Jean-Jacques Sempé kurz vor seinem 90. Geburtstag gestorben: Für mich Anlass, einen Blick auf zwei -mir besonders liebe- seiner wunderbaren Paris-Zeichnungen zu werfen und dann sein großes Wandbild in der rue Froissard im 3. Arrondissement vorzustellen.

Es gibt ein Bild, das, wie Andreas Platthaus in seinem Nachruf in der FAZ vom 12.8. schreibt, die Kunst von Sempé auf den Punkt bringt. „eine Ansicht von Saint-Sulpice, nur wenige Fußminuten entfernt von seinem Appartement, aber nicht der monumentalen Kirche mit ihrem weltberühmten Delacroix-Altarbild des mit dem Engel ringenden Jakob, sondern des baumbestandenen Vorplatzes, um den Passanten und Motorradfahrer kreisen – ‚Paris comme elle  faut‘. Und ganz oben überm Häuserrand der Platzbebauung reckt sich auf dem halbmetergroßen Blatt die moderne Tour Montparnasse in den Himmel. Dieses Hochhaus empfand Sempé als Gruß seiner ersten an die zweite Lieblingsstadt, an New York.“[1]

Der Platz, von dem aus diese Perspektive sich öffnet, ist -etwas erhöht- das Café de la Mairie. Dort sitzen wir gerne nach einem Chorkonzert, an dem ich -wie zuletzt ein paar Tage vor dem Tod Sempés- teilnehmen durfte. In diesem Café hatte sich auch der französische Schriftsteller Georges Perec niedergelassen, um ein kleines außergewöhnliches Büchlein über diesen Platz zu schreiben: tentative d’épuisement d’un lieu parisien.  An drei aufeinander folgenden Tagen hatte Perec alles aufgeschrieben, was er beobachtete: gewöhnliche, eigentliche unbedeutende Dinge des täglichen Lebens. Der volle Bus Nummer 96, der vorbei fährt,  ein Mann, der die Kirche verlässt, das Geräusch der vom Wind bewegten Blätter, die Tauben auf dem Platz, zwei kleine Hunde „genre Milou“- (der Hund Tintins) – und so weiter- auf 41 Seiten: „Die tausend unbeachteten kleinen Details, die das Leben in einer großen Stadt ausmachen“, wie es auf dem Klappentext des Buches heißt. Dort wird eine Parallele zu den Beobachtungen Monets an der Kathedrale von Rouen hergestellt: „un regard, une perception humaine, unique, vibrante, impressioniste, variable“.  Passt das nicht auch zu Sempé?[2]

Eine andere Zeichnung mit einem für uns ganz persönlichem Bezug ist diese Ansicht auf die typischen Pariser Zinkdächer mit ihren kleinen tönernen Kaminschloten.[3] Es gibt sogar Bemühungen die „toits de Paris“ in das immaterielle UNESCO-Welterbe aufzunehmen. Sempé wirft aber einen ganz besonderen und für ihn charakteristischen Blick darauf. Da haben es sich zwei auf dem Dach -über einem der typischen Dachfenster, den sogenannten »oeils de boeuf«, gemütlich gemacht und genießen die Sonne… Wäre da nicht die Frau oben in einem der früher für die Hausangestellten  bestimmten  bonne-Zimmer unter dem Dach, die gerade ihr Spülwasser in den  Ausguss schüttet. Und wäre da nicht das Leck in der Dachrinne…. Wie treffend! Wir können davon ein Lied singen: In unserem kleinen Appartement unter den Dächern von Paris haben wir schon zweimal einen Wasserschaden gehabt wegen eines Lecks im Zinkdach. Beim zweiten Mal habe ich den von der Hausverwaltung zur Reparatur engagierten Dachdecker (couvreur-zingueur) etwas entnervt gefragt, ob wir denn nun damit rechnen könnten, von weiteren Wasserschäden verschont zu bleiben. Da zuckte er nur mit seinen Achseln: Wer könne das schon wissen… les toits de Paris…

Aber nun zum Wandbild Sempés in der rue Froissard im 3.  Arrondissement von Paris:

Foto: Wolf Jöckel, September 2022

Als dieses Wandbild entstand -eingeweiht wurde es im Februar 2019- war Sempé schon 86 Jahre alt, also etwas zu alt dafür, ein solches monumentales Wandbild zu erstellen, das bis auf eine Höhe von 10 Meter heranreicht. Die Aufgabe wurde also Jean-Marie Havan übertragen, einem Maler mit 40-jähriger Berufserfahrung.[4] Der erzählt:

„Seit meiner Jugend war ich ein Fan von Sempé. Also war ich glücklich über diesen Auftrag. Meine größte Angst war, es könne ihm nicht gefallen. Ich habe deshalb zuerst lange und ausführlich seine Art zu zeichnen und zu malen studiert und eine ganze Reihe von Kopien der originalen Zeichnung angefertigt, bevor ich mich an die Arbeit gemacht habe.“

Eine besondere Schwierigkeit bestand darin, dass dieses Original 50 mal 30 cm maß, die Mauer aber 4,5 mal 6,5 Meter, die kleine Zeichnung musste also entsprechend vergrößert werden, dabei aber ihren ursprünglichen Charakter bewahren.

Jean-Marie Havan bei der Arbeit auf dem vierstöckigen Gerüst [5]

Eine andere  Schwierigkeit bestand darin, dass es sich bei  dem Original um ein Aquarell  handelte und Havan versuchen musste, auch diese Technik auf die Hauswand zu übertragen. Dazu kam, dass diese  Wand nicht ganz glatt war, was entsprechende Anpassungen erforderlich machte.

200 Stunden arbeitete Havan an seinem Werk. Sempé hat ihn dabei besucht. Er sei zufrieden gewesem gewesen und und habe dem Bild seinen Segen gegeben, so dass es auch mit seinem Signum versehen werden konnte.

Foto: Wolf Jöckel, September 2022

Dass Sempé gerade dieses Motiv für das Pariser Wandbild ausgewählt hat, ist sicherlich seiner großen Leidenschaft, dem Fahrradfahren, zu verdanken. In seinem Leben und Werk spielt das Fahrrad ja eine bedeutende Rolle.  Für Sempé war das Fahrradfahren „ein einfaches Mittel, frei zu sein. Du nimmst deine Hände vom Lenker und kannst fahren, wohin du willst.“[6]

Freiheit auf dem Fahrrad: Sempé-Münze von 2014

Die Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, hat dieses Thema bei der Einweihung des Wandbildes natürlich gerne aufgenommen, will sie doch -mit einer bei französischen Politikern verbreiteten Großmäuligkeit- Paris zur „capitale mondiale du vélo“, zur „Welthauptstadt des Fahrrads“, machen. In ihrer Rede betonte sie deshalb auch die Rolle des Fahrrads für die Stadt Paris, wo die Abhängigkeit vom Auto geringer sei als anderswo, und sie rühmte dann auch gleich ihre (in der Tat beeindruckende) Bilanz bei der Schaffung von Fahrradwegen in der Stadt.[7]

Aber es geht bei der Zeichnung/dem Wandbild ja nicht einfach nur um ein Lob des Fahrradfahrens, sondern es geht auch um (fehlende) Kommunikation: Die Fahrradfahrerin und der Fahrradfahrer fahren aneinander vorbei. Sie fahren zwar aus unterschiedlichen Richtungen kommend genau aufeinander zu, aber dann biegt der jeweilige Weg ab, sie sehen sich nicht an, fahren in entgegengesetzter Richtung weiter… Das ist Sempé…

Foto: Wolf Jöckel, 14. September 2022

Und das ist sein petit Nicolas, sein kleiner Nick. Der wurde -vermutlich von Jean-Marie Havan- nach dem Tod Sempés dem Wandbild hinzugefügt und weint seinem Schöpfer eine Träne nach. Eine schönere und anrührendere Würdigung Sempés kann es kaum geben.


Anmerkungen:

[1]Andreas Platthaus, Frankreich für die ganze Welt. Er liebte das Leben, und weil er das zeichnete, wurde er zurückgeliebt: Zum Tod des Jahrhundertcartoonisten Jean-Jacques Sempé. In: FAZ vom 12.8.2022

 Bild aus: https://www.mutualart.com/Artwork/Saint-Sulpice/0161015D6CDF81B7

[2] https://paris-blog.org/2017/07/22/die-kirche-saint-sulpice-in-paris-teil-2-der-gnomon-der-kampf-mit-dem-engel-von-delacroix-und-das-cafe-de-la-mairie/

[3] Siehe dazu den Blog-Beitrag Über den Dächern von Paris: Blicke von unserer Terrasse. https://paris-blog.org/2016/03/31/sonnenuntergang-in-paris/

[4] https://jeanmarie-havan.com/  Dort gibt es auch einen kleinen Film über die Entstehung des Wandbildes von Sempé

[5] Dieses und das nachfolgende Bild aus: https://www.paris.fr/pages/une-fresque-de-sempe-dans-le-3e-arrondissement-6490

[6] Zitiert bei: https://www.paris.fr/pages/une-fresque-de-sempe-dans-le-3e-arrondissement-6490

[7] https://www.lemonde.fr/m-le-mag/article/2019/02/28/l-inauguration-d-une-fresque-sempe-croquee-a-la-maniere-du-dessinateur_5429510_4500055.html

Street-Art XXL entlang des Boulevard Vincent Auriol:  Eine Open-Air-Kunstgalerie im 13. Arrondissement von Paris (= Street-Art in Paris 6)

Man hat das 13. Arrondissement als das „Mauerblümchen der Pariser Stadtviertel“ bezeichnet.[1] Lange Zeit war es geprägt von kleinen Arbeitersiedlungen und Industriebetrieben und galt als eines der ärmsten Viertel von Paris. Dann kamen die Hochhäuser südlich der Place d’Italie, die dann -entgegen der ursprünglichen Konzeption- Ort des Chinesenviertels wurden. Und es kamen die Hochhäuser entlang des Boulevards Vincent Auriol, der sich von der Seine  bis zur Place d’Italie hinzieht: Ein breiter Boulevard, aber eher ernüchternd gemessen an romantischen Boulevard-Vorstellungen: Auf seinem breiten  Mittelstreifen ist die Stahlkonstruktion der Metro-Linie 6 errichtet, die das südliche Paris von der Place de la Nation bis zur Place de l’Étoile umrundet. In diesem Abschnitt verläuft sie nicht unterirdisch, sondern als Hochbahn.

Foto: Wolf Jöckel

Seit mehreren Jahren gibt es nun eine Initiative, in diesem Viertel eine Freiluftgalerie mit Werken  der Street-Art „im XXL-Format“ (Stéphanie Lombard) zu etablieren. Die Initiative geht zurück auf die im 13. Arrondissement ansässige Galerie Itinerrance, die von der Mairie des Arrondissements aufgegriffen und unterstützt wurde und wird.

Inzwischen haben renommierte Street-Art – Künstler aus aller Welt dazu beigetragen, das Viertel auf diese Weise mit Farbe und Leben zu erfüllen. Die Open-Air-Kunstgalerie ist damit zu einer viel beachteten und preisgekrönten Attraktion des 13. Arrondissements geworden.[2]

Kunst gibt es an (je)der Straßenecke. Foto: Wolf Jöckel

Einen ersten, wenn auch flüchtigen Eindruck erhält man, wenn man mit der Linie 6 von der Metrostation Quai de la Gare zur Place d’Italie fährt: Wo hat man schon sonst die  Möglichkeit, eine Kunstausstellung vom Metrofenster aus wenigstens flüchtig in Augenschein zu nehmen? Allerdings hat man zu manchen Zeiten nur geringe Chancen, einen Sitzplatz am Fenster zu ergattern; und selbst dann ist die Aussicht ja nur auf eine Seite des Boulevards beschränkt.

Einen geruhsameren und intensiveren Eindruck erhält man, wenn man die Strecke entlang des Boulevard Vincent Auriol mit dem Fahrrad oder -noch besser- zu Fuß zurücklegt. Dann kann man auch noch den einen oder anderen lohnenden Abstecher in eine der Seitenstraßen machen, in denen weitere große Wandgemälde zu sehen sind. Ein solcher Spaziergang wird nachfolgend vorgeschlagen. Allerdings erhebt er keineswegs den Anspruch auf Vollständigkeit. Angesichts der Vielzahl großer Formate im 13. Arrondissement bietet es sich an, den Spaziergang auf den Boulevard Vincent Auriol mit wenigen kleinen Abstechern in Seitenstraßen zu beschränken. Dort ist die „Street-Art-Dichte“ besonders groß und man erhält einen  intensiven Eindruck von der thematischen und ästhetischen Vielfalt der Open-air-Galerie des 13. Arrondissements. Da die ausgewählten Street-Art-Werke rechts und links des Boulevards liegen, habe ich jeweils die Straßenseite (von der Seine ausgehend wie die Hausnummern) angegeben.

  1. Invader: PA 1240 

46, boulevard Vincent Auriol (rechte Straßenseite)

Unser Spaziergang beginnt mit zwei großformatigen space-invader-Mosaiken, die ganz oben an der Fassade des Hauses Nummer 46 angebracht sind. Es gibt zwar schon vorher ein XXL-Format am Boulevard (Les Yeux/die Augen  von Tristan Eaton an einem Wasserturm des Krankenhauses Salpêtrière,  29, boulevard Vincent Auriol), aber die beiden space-invader erscheinen ein idealer Beginn des Spaziergangs.  

Der Invader ist nämlich einer der bekanntesten französischen Street-Art-Künstler und mit weit über 1000 Werken allein in Paris sicherlich der mit Abstand präsenteste Street-Artist der Stadt. Er nummeriert alle seine Arbeiten: Hier ist es das Pariser Mosaik Nummer 1240.  In Paris begann der Invader 1998, seine Mosaikbilder von Figuren des Videospiels Space Invaders nachts und heimlich anzubringen. Inzwischen ist er international bekannt und gefragt. Er stellt in Galerien aus, ist selbst im Museum of Modern Art in New York vertreten, und  wer als Hausbesitzer eine invader-Figur an seiner Hauswand vorweisen kann, wird nicht mehr die Polizei rufen, sondern sich glücklich schätzen.[3]

Foto: Wolf Jöckel

Hat der Invader ein Werk abgeschlossen, spricht er von Invasion. Hier sind space-Invaders gerade dabei, in der Stadt zu landen.  Und sie landen gewissermaßen als Vorhut der Street-Art, die dieses Viertel insgesamt „eingenommen“ hat. Was für einen besseren Beginn für unseren Spaziergang könnte es also  geben?

2. Inti: Madre secular II             

81, boulevard Vincent Auriol (linke Straßenseite)

Sonia Branca – Rosoff schreibt zu diesem Bild:  Wir nehmen zuerst die Harmonie der Farben Lila und Gelb wahr, die im Pop-Universum der Wandkunst selten sind. Es ist eine „Madonna“, eingehüllt in ihr großes Gewand, blass vor einem dunklen Rosenhimmel. Es ist ein Bild von beruhigender Weiblichkeit, die bescheiden ihren Blick abwendet. Ganz anders als Failes Sprung über die Dächer auf der anderen Seite des Boulevards (siehe Nummer 9 dieses Spaziergangs).

Fotos: Wolf Jöckel

Wenn man sich dem Bild nähert, wird seine Süße morbide. Warum hält diese Frau einen Apfel mit der Aufschrift G (wie Google?) –  oder ist der rote Apfel der Giftapfel des Märchens? Und warum ist die Halskette aus Totenköpfen? Was meinte der Chilene Inti (Sonne in Quechua) mit dem Namen Madre secular, der säkularisierten Jungfrau? [4]

3. Conor Harrington: Étreinte et lutte/Umarmung und Kampf

 85, boulevard Vincent Auriol (linke Straßenseite)

Foto: Sonia Branca-Rosoff

Doppeldeutig wie die Madre secular Intis ist auch das benachbarte große Wandbild des Iren Conor Harrington.[5]  Man könnte zunächst vermuten, dass hier zwei Freunde dargestellt sind, die sich umarmen. Aber -wie der Titel unterstreicht- es kann sich auch um einen Kampf handeln.

        Foto: Wolf Jöckel

Dafür spricht nicht nur die Fensterreihe, die die beiden trennt. Harrington hat das Werk ausdrücklich auf den französischen Präsidentschaftswahlkampf 2017 bezogen und auf die Zerrissenheit der französischen (und europäischen) Gesellschaft(en).[6]

4. Pantonio: Fragile agile  

91, boulevard Vincent Auriol  (linke Seitenstraße)

Der von den  Azoren stammende Pantonio ist mit seinen Vögeln und Fischen in Paris wohlbekannt. 2014 bemalte er die Seitenfassade eines 66 Meter hohen Hochhauses im Chinesenviertel (13. Arrondissement), das größte Wandbild Europas.[7]

Am Boulevard Vincent Auriol hat er, dem Ort entsprechend und als Kontrapunkt zu den umgebenden Hochhäusern, sein Bild horizontal angelegt, aber genau so leicht und farbig. 

Fische, Vögel und Lianen sind spielerisch miteinander verwoben. Pantonio ging es dabei nicht um eine Botschaft, sondern -angeregt von der Kinderkrippe, die in dem Gebäude ihren Platz hat-  allein „um die Liebe an der Zeichnung“.[8]

5.   David de la Mano: ohne Titel

  6, rue Jenner (rechte Seitenstraße)

Fotos: Wolf Jöckel

Dieses Werk wurde von den Bewohnern des Wohnblocks unter drei verschiedenen Entwürfen ausgewählt: Das Profil eines Gesichts, das aus vielen phantasievollen Gestalten gebildet ist.

6.  Seth: gamin de Paris/Kind von Paris

Ecke boulevard Vincent Auriol/ 110, rue Jeanne d’Arc (rechte  Straßenseite)

Auch Seth (Julien Malland) bereichert seit Jahren die Pariser Street-Art-Szene. Vor allem sind es Kinder, die er in poetischer Weise auf Hauswände malt, wie zum Beispiel dieses Mädchen in der Rue Émile Deslandres im 13. Arrondissement, in der Nähe der Manufacture des Gobelins.

        Foto: Wolf Jöckel

Am Boulevard Vincent Auriol ist es ein kleiner Junge, der für ihn die Kindheit in unseren großen Metropolen repräsentiert. Dazu Seth:

„Ich bin in der banlieue von Paris aufgewachsen, in einer grauen Stadt aus Beton und Asphalt. Die Farben, die mich geprägt haben, habe ich in meinen Büchern gesucht, in meinen Spielen und phantasierten Reisen. Dieser neugierige Junge, der auf die andere Seite der Mauer blickt, bestrahlt mit Licht und Farbe die umliegenden Häuser. Die Macht der Vorstellung verändert unsere Umgebung“[9]

Foto: Wolf Jöckel

7. Die Pandas von Nilko/Tignous

107, rue Jeanne d’Arc (rechte Seitenstraße)

Fotos: Wolf Jöckel, September 2022

Seit 2020 gibt es dieses Panda-Wandbild in der rue Jeanne – d’Arc. Es bezieht sich auf den Comic Panda dans la Brume (éd. Glénat, 2010). Der Zeichner und Karikaturist Tignous, der im Januar 2015 bei dem islamistischen Anschlag auf die Zeitschrift Charlie Hebdo ermordet worden war, hatte in diesem Comic am Beispiel der Pandas die Ursachen und Folgen der Umweltzerstörung satirisch veranschaulicht. [10]

Der Street-Artist Nilko hat das Wandbild im Stil der Zeichnungen von Tignous angefertigt.

Hier hat sich einer der letzten Pandas ganz oben auf einen Baum geflüchtet. Aber offensichtlich ist er sich dessen bewusst, dass seine Tage gezählt sind…

8.  Jana & JS: Photographes de la  rue Jeanne-d’Arc

110, rue Jeanne d’Arc (rechte Seitenstraße)

Gleich in der Nähe findet man die Selbstportraits des  französisch-österreichischen Duos Janna und JS: Links Jana knieend, rechts JS, der seine Kamera direkt auf den Betrachter richtet.

Fotos: Wolf Jöckel

Beide sind vor dem Hintergrund bienenwabenartiger Hochhauswohnungen platziert, die -wie bei ihnen üblich- in Schablonentechnik angefertigt sind und die man auch auf dem Quai 36 des Pariser gare  du Nord findet.[11]

Foto: Wolf Jöckel

9. FAILLE: Et j’ai retenu mon souffle/Und ich hielt den Atem an

  98, rue Jeanne d’Arc  (rechte Seitenstraße) )

Hinter dem Künstlernamen FAILE verbirgt sich das amerikanische Street-Art-Duo Patrick McNeil und Patrick Miller. Die beiden leben und arbeiten in Brooklyn. Das Bild stellt eine Tänzerin dar, die  sich über der Stadtlandschaft New Yorks in die Lüfte emporschwingt.

        Foto: Wolf Jöckel

          

10. Shepard Fairey: Rise above rebel   

93, rue Jeanne d’Arc  (linke Seitenstraße)

Shepard Fairey, alias Obey, ist einer  der Stars der internationalen Street-Art-Szene. Bekannt wurde er vor allem durch „Hope“, das legendäre Portrait von Barack Obama, das Obey für dessen Präsidentschaftskampagne entwarf, die er nach Kräften unterstützte. [12]

Das politische Engagement Obeys ist auch bei dieser Arbeit deutlich zu erkennen.

Foto: Wolf Jöckel

Gemalt ist eine Frau, ein Opfer von Unterdrückung, eingezwängt zwischen Hauskante und Fensterreihe. Als Farben hat Obey schwarz und rot verwendet, die für Gewalt, Angst und Tod stehen, aber auch für den Kampf gegen Unterdrückung: Der Blick der Frau ist nach oben gerichtet auf ein Mandala der Hoffnung und der göttlichen Harmonie.

11. Shepard Fairey: Delicate Balance

60, rue Jeanne d’Arc (linke Seitenstraße, allerdings in etwas größerem Abstand zum   Boulevard Vincent Auriol)

Fotos: Wolf Jöckel

Auch dies ist ein Mandala Shepard Faireys: Angelegt in blau-grüner Farbe weist es auf die unserer Welt drohenden Umweltgefahren und mögliche Abhilfen hin.[13]

Ausgehend von diesem Bild entwickelte Fairey seine Installation Earth Crisis unter dem Eiffelturm während der Pariser Uno-Klimakonferenz COP 21.[14]

Wenn man die rue Jeanne d’Arc noch weiter geht bis über die Place Jeanne d’Arc mit der Kirche Notre dame de la Gare hinaus, kann man das ukrainische Mädchen von C 215 sehen. (Siehe Spazierung Nummer 13)

12. Shepard Fairey: Marianne

 186 rue Nationale  (linke Seitenstraße) 

Auf diesem Foto sieht man gleich zwei große Wandbilder- ein Beispiel dafür, wie nah beieinander die „Ausstellungsstücke“ der open-air-Galerie des 13. Arrondissements manchmal liegen.

Foto: Wolf Jöckel (November 2019)

Links ein Katzenkopf von C 215, rechts eine Marianne des uns nun schon bekannten Shepard Fairey. Es handelt sich dabei um das größte existierende Marianne-Bild:   ein Geschenk des Künstlers an die Stadt Paris als Zeichen der Solidarität nach den islamistischen Anschlägen von 2015. Das Bild ist auch eine Hommage an die Ideale der Französischen Revolution, deren Devise  Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit die französische Symbolfigur einrahmt.  

Foto: Wolf Jöckel (November 2019)

Im Dezember 2020 ließ eine anonyme Gruppe in einer Aufsehen-erregenden nächtlichen Aktion die Marianne Shepard Faireys (alias Obey) blutige Tränen weinen. Gleichzeitig wurde die Devise der Französischen Revolution mit weißer Farbe übermalt. An der Seite die Worte: Marianne pleure und der Name einer Internetplattform, auf der die Aktion verbreitet und begründet wurde.[15]

Die Aktion verstand sich als Protest gegen die verschärften französischen Sicherheitsgesetze, die als Reaktion auf den islamistischen Terror unter der Präsidentschaft Macrons eingeführt wurden. In einem seiner Büros im Elysée-Palast hängt übrigens eine Kopie des originalen Bildes.[16]

Obey reagierte durchaus verständnisvoll auf diese spektakuläre Aktion: Er sei auf der Seite derer, die sich gegen Ungerechtigkeiten wehrten, vor allem wenn es sich um Menschenrechte handele. Als er seine Marianne wieder in den ursprünglichen Zustand versetzte, fügte er gleichwohl eine (dezente) blaue Träne hinzu.

Foto: Wolf Jöckel (September 2022)

Und den Erlös der Drucke, die er von dem neuen Bild anfertigen ließ, stellte er den Restos du cœur zur Verfügung. Eines dieser allen Bedürftigen offenstehenden Restaurants befindet sich ganz in der Nähe von Obeys Marianne…. [17]

Liberté Égalité with tear, 18 x 24, 2021/©Studio Obey/Galerie Itinerrance

13. C 215: untitled      

      141, boulevard Vincent Auriol

C 215, der mit bürgerlichem Namen Christian Guémy heißt, ist einer der bekanntesten  französischen Street-Art-Vertreter. Manchmal wird er sogar als französische Antwort auf Banksky beschrieben. Vor allem ist C 215 Portraitist: Seine Motive sind dabei oft Obdachlose, Straßenkinder und alte Menschen, womit er die Gesellschaft auf die Vergessenen unseres Lebens aufmerksam machen möchte. Kürzlich waren es aus Anlass des 80. Jahrestags der Vel d’Hiv-Razzia Kinder und Jugendliche, Opfer der Judenvernichtung, deren Portraits er in Zusammenarbeit mit dem Mémorial de la Shoah auf  Briefkästen des Marais malte bzw. in Schablonentechnik sprühte.

Foto: Wolf Jöckel

Aber auch bedeutende Persönlichkeiten werden von ihm portraitiert: Zum Beispiel berühmte Männer und Frauen des Marais oder des Pantheons, für die er in den Straßen aufgestellte Strom-Verteilerkästen  als Unterlage wählte.[18]

Foto: Wolf Jöckel

Am Boulevard Vincent Auriol hatte C 215 eine  ganze Hauswand zur Verfügung und als Motiv wählte er eine Katze – ausgewählt wegen ihrer Schönheit, aber auch wegen ihrer Symbolik: einerseits ist sie ein geselliges Haustier, andererseits aber auch auf ihre Unabhängigkeit und Freiheit bedacht…

Foto: Wolf Jöckel

Ebenfalls im 13. Arrondissement, in der rue Patay Nummer 131, hat Christian Guémy nach dem russischen Angriff auf die Ukraine ein großes Wandbild gemalt. Er versteht es nicht nur als Zeichen der Solidarität mit dem ukranischen Volk, sondern auch als „message universel“ gegen den Krieg.

Es handelt sich um das Portrait eines kleinen Mädchens in den ukrainischen Nationalfarben und mit einem landestypischen Kranz aus Blumen. C 215 bezieht sich dabei auf einen Wunsch des ukrainischen Präsidenten, keine Präsidenten-Portraits in den Amtsstuben aufzuhängen, sondern Bilder von Kindern. [18a]

Fotos: F. Jöckel

14. Bomk:  Jeune graffeuse avec sa bombe de peinture

 126 boulevard Vincent Auriol (rechte  Straßenseite)

Fotos: Wolf Jöckel

                

15. Add Fuel: untitled

  120, boulevard Vincent Auriol 

Foto: Wolf Jöckel

Add Fuel ist ein portugiesischer Künstler. Wesentliche Anregungen für seine Arbeiten erhält er, wie auch hier zu beobachten ist,  von den azulejos, den traditionellen portugiesischen Keramikfliesen. Die gestalterische Herausforderung für den Künstler war hier die architektonische Tristesse des Wohnblocks aufgrund des strengen, gleichförmigen Aufbaus der Fassade. Add Fuel durchbrach die Aneinanderreihung horizontaler Fassadenbänder durch die dynamische Verwendung von „Kacheln“ unterschiedlicher Farben und Formen und macht die Fassade damit lebendig.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Boulevards (Nummer 135) gibt es eine weitere Arbeit Add Fuels mit dessen unverkennbarer „Handschrift“.

Auch hier hat sich der Künstler bei der Neugestaltung der Fassade von den traditionellen portugiesischen azulejos inspirieren lassen, mit denen er  gewissermaßen das Haus einhüllt. Darauf verweist auch der Titel: Envolvente/umhüllend.  Die zweifache Verwendung ähnlicher gestalterischer Mittel versteht Add Fuel als Hinweis auf die große portugiesische Gemeinde in Paris, eine der größten weltweit.

16.  Invader: PA 1205 Dr. House

 122, boulevard Vincent Auriol (rechte  Straßenseite)

Dies ist ein außergewöhnliches Werk des Invaders: außergewöhnlich wegen seiner Größe und außergewöhnlich auch, weil es sich um eine Auftragsarbeit handelt. Beides hängt insofern zusammen, als ein aus kleinen Kacheln zusammengesetztes Mosaik  dieser Größe nur mit einem erheblichen Aufwand – zum Beispiel einem Gerüst- hergestellt werden kann und eine längere Arbeitszeit erfordert: keine Voraussetzungen also für eine nächtliche illegale Aktion. Das Mosaik gehört damit nach den Worten des Invaders in die Kategorie seines „1% legal“, zu dem einen Prozent seiner Arbeiten also, die in aller Legalität entstanden sind.[19]

Foto: Wolf Jöckel

Es handelt sich um die Figur des Dr. House,  der einer populären  Fernsehserie seinen Namen  gegeben hat. Der etwas schräge, aber sehr kompetente Arzt ist mit all seinen Attributen ausgestattet: dem Dreitagebart, dem offenen Hemd und Jackett, den Turnschuhen und dem Stock; ein passendes Motiv also für das hôpital de la Pitié-Salpêtrière, zu dem der vom Invader geschmückte Bau gehört.  Das für den Diagnostiker Dr.  House unentbehrliche Stethoskop wird von dem gerade anfliegenden space invader gebracht. Diese Figur steht damit zwar nicht im Mittelpunkt wie bei den großen Mosaiken am Anfang dieses Spaziergangs- und bei den meisten  Arbeiten des Invaders- aber fehlen darf dieses Erkennungszeichen auch nicht.

Der Invader hat sich selbst zu dieser sehr medienwirksamen Arbeit geäußert:  Pourquoi le Dr House ? « J’avais envie de faire un grand portrait, ce qui est difficile à faire de manière non officielle, car cela prend du temps. Ce personnage, que j’aime bien, est un symbole de la culture populaire de notre époque, et le contexte s’y prêtait », s’amuse Invader. Pour l’artiste, il s’agit aussi d’un « exercice de style » : « Aujourd’hui, le carreau de mosaïque et l’esthétique 8 bits, très pixelisée, sont devenus ma­ signature, plus que les personnages Space Invader eux-mêmes. » [20] 

 17. MAYE: Étang de Thau/die Lagune von Thau

  131, boulevard Vincent Auriol  (linke Straßenseite)

Die Heimat von MAYE ist Südfrankreich, er stammt aus Montpellier. Sein großes Wandbild am Boulevard Vincent Auriol ist nach dem Étang de Thau benannt, einer großen Lagune bei Sète.

Die Anklänge an den Süden sind unübersehbar: Da ist vor allem der in der Farbe der Melonen gehaltene Untergrund und da ist der Flamingo, der hier einer phantastischen Figur als Reittier dient. Gekleidet ist der Ritter wie ein cavalier camarguais, ein berittener Rinderhirte der Camargue- hier dargestellt gewissermaßen als ein Don Quichotte der Camargue. So bringt MAYE einen Hauch des Südens in die Steinlandschaft des 13. Arrondissements.  

18.  D*Face:  Love won’t tear us apart

   10, place Pinel (Platz an der rechten Straßenseite)

Foto: Wolf Jöckel

Der Engländer Dean Stockton, alias D*Face hat ein etwas verstörendes Liebespaar an die Wand gemalt: Ein blondes pin-up-girl, das an Comic-Figuren (oder auch an Roy Lichtenstein) erinnert, umarmt einen jungen Mann mit einem Totenkopf-ähnlichen Gesicht. Die Botschaft, die  D*Face damit vermitteln will: Der Totenkopf-Liebhaber stehe für die Personen, die man geliebt habe, die zwar nicht mehr Teil unseres Lebens seien, dafür  aber unseres Gedächtnisses.[21] Ich kann das -ehrlich gesagt- nicht ganz nachvollziehen. Aber D*Face fordert ausdrücklich die Betrachter dazu auf, seine Werke auf eigene Weise zu interpretieren. Also: Ich sehe in dem Bild eher einen Todeskuss und würde ihm den Titel: Der Tod und das Mädchen geben… 

19. Jorge Rodriguez-Gerada:  Portrait Philippe Pinel

4-10, place Pinel

Die place Pinel ist benannt nach dem französischen Psychiater Philippe Pinel (1745-1826).  Pinel war von 1792 bis 1794 medicin chef de l’hospice de Bicêtre, eines Gefängnisses und Krankenhauses, danach war er auch in der Salpêtrière tätig. Sein großes Verdiebst war es, die „Irrsinnigen“ nicht mehr wie Zuchthäusler, sondern wie Kranke zu behandeln. Er arbeitete daran, Geisteskrankheiten empirisch zu erfassen und adäquate Behandlungsmethoden zu entwickeln. Damit schuf er die Grundlage für die Anerkennung der Psychiatrie als eines Zweiges der Medizin.

Pinel befreit die Kranken aus der Bicêtre in 1793. Gemälde von Charles Louis Lucien Müller in der Lobby des Académie Nationale de Médecine; Paris [22]

20.  ST 4: The project

   10, place Pinel

ST 4 ist ein aus Tunesien stammendes Street-Art-Duo. Sie haben ein Haus an der Place  Pinel mit einer graphischen Komposition versehen, die auf arabischen Schriftzeichen beruht, allerdings keine konkrete Botschaft enthält. Hier sind es abstrakte Formen, die rein ästhetischen Charakter haben.

Foto: Wolf Jöckel

21. BTOY: Evelyn Nesbit

  3, rue Esquirol  (rechte Seitenstraße)

Foto: Wolf Jöckel

Das Motiv für dieses Wandbild wurde von den Bewohnern des Hauses selbst ausgewählt. Es handelt sich um Evelyn Nesbit, ein amerikanisches Mannequin/eine Schauspielerin aus der Zeit um 1900. Sie war die schönste und berühmteste Revue-Tänzerin der Gibson Girls. Berühmt wurde sie allerdings vor allem wegen ihres turbulenten Lebens: Als junges Mädchen wurde sie von dem Stararchitekten Stanford White, dem Schöpfer des Madison Square Gardens, vergewaltigt. 1905 heiratete sie Harry Kendall Thaw, den Sohn eines Kohlen- und Straßenbaumagnaten, der nicht nur kokainabhängig und sadistisch war, sondern auch hochgradig eifersüchtig auf die frühere Beziehung Nesbits mit White. Thaw trug immer eine  Pistole bei sich, um „seinen Besitz“  zu verteidigen. 1906 erschoss Thaw während einer Theateraufführung im Madison Square Garden White. Thaw wurde  verurteilt, genoss aber nach seiner Entlassung  „das Ansehen eines Volkshelden, der die Entehrung eines unschuldigen Mädchens gerächt hatte“ – von dem er sich dann allerdings umgehend scheiden ließ…  Ist es dieses turbulente Leben, so kann man mit Sonia Branca-Rosoff fragen, das dem Portrait von Evelyn Nesbitt sein melancholisches Flair verleiht? [23]

22. « LA NUEVE DE LA 2E DB »

20, rue Esquirol

Ein paar Schritte weiter gibt es auf der rechten Seite der rue Esquirol ein großes 2020 entstandenes Wandbild zur Erinnerung an die spanischen republikanischen Soldaten, die 1944 bei der Befreiung von Paris eine wesentliche Rolle gespielt haben. „La Nueve“ war die 9. Kompanie der 2. Panzerdivision des Generals Leclerc, die am 24. August in Paris einrückte: Die Spitze bildete die „Colonne Dronne“ mit spanischen Soldaten, die nach der Niederlage der Republikaner im spanischen Bürgerkrieg in Frankreich Zuflucht gesucht hatten.

Für die Initiatoren des Wandbildes wird allerdings die Rolle der spanischen Truppen bei der Befreiung von Paris nicht hinreichend gewürdigt. Sie weisen in diesem Zusammenhang auf eine Umfrage unter der Pariser Bevölkerung mit entsprechenden Ergebnissen hin und auf die Wirkung der berühmten Rede de Gaulles, der die Befreiung von Paris allein als Werk von Franzosen dargestellt habe: „Paris martyrisé mais Paris libéré, par lui-même et par la France éternelle.[24]

Immerhin gibt es entlang des Einmarschwegs der Division Leclerc eine Reihe von Markierungen, die an die spanischen Soldaten an der Spitze der Befreiungstruppen erinnern.

Hier zum Beispiel eine auf dem Pont d’Austerlitz:

Und jetzt gibt es dieses neue Wandbild, das auch an das lange Exil der spanischen Republikaner erinnert.

Fotos: Wolf Jöckel (September 2022)

23.  D*Face: Turncoat

155, Boulevard Vincent Auriol  (linke Straßenseite)

Auf der anderen Seite des Boulevard Vincent Auriol befindet sich der jardin de la raffinerie Say, eine kleine Parkanlage auf dem Gelände einer früheren Zuckerraffinerie. Dort hat D*Face 2018 das 25  Meter hohe Bild einer Frau als Comic-Figur an die  Hauswand gemalt.

Foto: Wolf Jöckel

Dazu Sonia Branca-Rosoff: „Es gibt wenige Fresken, die ich verabscheue, aber dieses: ja! Große Comic-Köpfe zu produzieren macht für mich keinen Unterschied zur Werbung. Die  Zeichnung ist grob, die Farben sind aufdringlich.“

Foto: Wolf Jöckel

Man kann darin -wie Sonia Branca-Rosoff- einen Ausdruck der „américanisation triomphante“ sehen. Allerdings scheinen die beiden Frauen auf den Parkbänken davon unbeeindruckt und unbeeinflusst zu sein…

24. DALeast: The  confettier

 154, boulevard Vincent Auriol (rechte Straßenseite)

Daleast @Paris, France [25]

Dies ist ein beeindruckendes Werk des chinesischen Künstlers DALeast. Auf einem blauen Untergrund hat er zwei Leoparden in voller Bewegung dargestellt.  Mehdi Ben Cheik, der Direktor der Galerie Itinerrance und Initiator der Open-air-Galerie im 13. Arrondissement, sieht hier sogar einen Bezug zu Delacroix‘ berühmtem Bild La Chasse aux lions (Löwenjagd).

Foto: Wolf Jöckel

Kämpfen die beiden Tiere miteinander? Ist es das Spiel von -immerhin miteinander verbundenen- Jungtieren oder sogar ein Liebesspiel? Dem Betrachter bleibt die Deutung überlassen.

25.   Hush: untitled

         169, boulevard Vincent Auriol

Am Ende dieses Spaziergangs entlang des boulevard Vincent Auriol sind auf engstem Raum vier große und ganz unterschiedliche Wandbilder zu sehen. Hush, der das nachfolgend abgebildete Fresko gemalt hat, stammt aus England, hat aber viele Jahre in Asien  verbracht. Das ist an seinem Beitrag zur open-air-Galerie des 13. Arrondissements deutlich zu erkennen.

Abgebildet ist eine asiatische Frau, eine Geisha, allerdings, was den  Kontrast von Farben und Materialien angeht, „fast im Stil von Klimt“. [26]

26. Hownosm, Sun Daze

167, boulevard Vincent Auriol

Hinter dem Künstlernamen Hownosm verbirgt sich ein deutsches Street-Art- Zwillingspaar, das 2019 von der Galerie Itinerrance eingeladen wurde, eine monumentale Wand am boulevard Vincent Auriol zu bemalen: Hier ein Ausschnitt:

Foto: Wolf Jöckel

Der Titel „Sun Daze“ ist ein Wortspiel, weil es an „Sundays“ erinnert. Das soll nach Aussage der Künstler dazu anregen, sich ab und zu – zumindest jedenfalls am Sonntag- „auszustrecken, zu entspannen und wahrzunehmen, dass es mehr im Leben gibt als arbeiten, arbeiten, arbeiten.“ [27]

27. Pakone und Wen2: „Les Perdrix “

167, boulevard Vincent Auriol

Seit 2021 gibt es dieses Wandbild eines französischen Street-Art-Malers aus Brest. Der Titel bezieht sich auf einen Leuchtturm der Bretagne, und dass wir uns in der Nähe des Meeres befinden, ist unverkennbar.

28. Cryptik: Écriture latine calligraphiée, Poème W. Saroyan

   171, boulevard Vincent Auriol

Gleich um die Ecke des Wohnblocks ist der Eingang zur Librairie Nicole Maruani, die eine „Lecture Gourmande“ verheißt, also gewissermaßen eine „Feinschmecker-Lektüre“. Und eine ganz  besondere Lektüre erwartet hier den Street-Art- Passanten. Denn  Cryptik stammt aus Korea und seine bevorzugte künstlerische Ausdrucksform ist die Kalligraphie. Auf der Hauswand über der Buchhandlung hat er eine kalligraphische Botschaft angebracht mit dem Gedicht von William Soroyan  The time of your life (1939).

Für mich ist die Schrift zwar sehr schön, aber der Inhalt eher kryptisch. Ich kann das Gedicht auf der Fassade leider nicht entziffern – und anderen wird das vielleicht ja ähnlich ergehen. Ich gebe deshalb den Anfang und das Ende des Gedichts hier wieder:

In the time of your life, live — so that in that good time there shall be no ugliness or death for yourself or for any life your life touches. Seek goodness everywhere, and when it is found, bring it out of its hiding-place and let it be free and unashamed.  (…)   „In the time of your life, live — so that in the wondrous time you shall not add to the misery and sorrow of the world, but shall smile to the infinite delight and mystery of it.“[28]

Dies scheint mir ein schöner Abschluss dieses Spaziergangs zu sein.

Wer aber noch Energie, Zeit und Lust auf mehr hat, dem empfehle ich das kleinstädtische Idyll La Butte aux Cailles auf der anderen Seite der place d’Italie: auch ein Eldorado der Street-Art. Allerdings gibt es da nicht die Hochhäuser und passend dazu die großen Formate wie entlang des Boulevard Vincent Auriol, sondern hier gibt es eine kleinformatige Street-Art.  Da wird man Künstler wie Seth wiederfinden und dazu andere -wie Miss Tic-, für deren Arbeiten die großen, repräsentativen Formate nicht passen. Mehr dazu bei:

https://paris-blog.org/2019/07/01/la-butte-aux-cailles-ein-kleinstaedtisches-idyll-in-paris/

Verwendete Literatur:

Mehdi Ben Cheikh, Boulevard Paris 13. Paris: Albin Michel/Galerie Itinerance 2020. Vorworte von Anne Hidalgo, Bürgermeisterin von Paris, und Jérôme Coumet, Bürgermeister des 13. Arrondissements

Stéphanie Lombard, Guide du street art à Paris. Paris  2020. Darin Kapitel über die „Formate XXL“ im 13. Arrondissement

Sonia Branca-Rosoff, https://passagedutemps.com/2019/04/19/les-fresques-du-boulevard-vincent-auriol/  (Bei einem Spaziergang mit Sonia Branca-Rosoff lernte ich 2019 die Street-Art entlang des Boulevard Vincent Auriol kennen. Damals sind viele meiner in diesen Beitrag aufgenommenen Fotos entstanden, andere danach bis September 2022. Einige Bilder und Texte habe ich auch dem schönen Blog von Sonia Branca-Rosoff  passage du temps entnommen. Merci, Sonia!)


Anmerkungen:

[1] https://help-tourists-in-paris.com/paris-entdecken/viertel/tipps-zum-13-arrondissement-in-paris/

[2] https://itinerrance.fr/hors-les-murs/le-parcours-street-art-boulevard-paris-13/ 

Marianne d’or pour le street art dans le 13e arrondissement (francetvinfo.fr) Siehe auch: https://www.lefigaro.fr/arts-expositions/boulevard-paris-xiii-visite-du-musee-du-street-art-qui-ne-dit-pas-son-nom-20190629

[3] Zum Invader siehe: https://paris-blog.org/2018/10/01/street-art-in-paris-3-der-invader/

[4] Text und Bild aus: https://passagedutemps.com/2019/04/19/les-fresques-du-boulevard-vincent-auriol/

[5] Bild aus: https://passagedutemps.com/2019/04/19/les-fresques-du-boulevard-vincent-auriol/

[6] Harrington: „Je pense que  la  fresque sera plutôt appropieée avec les élections présidentielles qui approchent. La manière dont j’ai peint les personnages (…)  est assez significative des changements de la  société  françaises (et européenne).“  Boulevard Paris 13, S. 60

[7] Bild aus: https://www.blocal-travel.com/world/france/paris/street-art-in-paris-13th-district/  Das Wandbild ist von der Place de Vénétie aus zu sehen, auf der Höhe der avenue de Choisy Nummer 20.

[8] Pantonio: „je me suis … inspiré de la crèche et des enfants se mouvant derrière  mes murs. Je  n’avais pas de message prédéfini à faire passer, mais  en voyant leurs dessins, j’ai réalisé qu’il n’etait question ici que d’amour du dessin.“ Boulevard Paris 13, S. 36

[9] Boulevard Paris 13, S. 40

[10] https://itinerrance.fr/la-nouvelle-fresque-du-boulevard-paris-13-en-hommage-a-tignous/

https://www.babelio.com/livres/Tignous-Pandas-dans-la-brume–Dans-les-forets-de-bambous/262101

[11] Siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2020/04/08/street-art-in-paris-5-gare-du-nord-quai-36/

[12] http://www.xgames.com/action/skateboarding/article/8349476/skater-artist-shepard-fairey-sentenced-probation-obama-hope-poster

[13] Bildausschnitt aus Boulevard Paris 13, S. 47

[14] Bild aus: https://modernevolution.com/post/134408030064/shepard-faireys-eiffel-tower-installation

[15] https://www.leparisien.fr/paris-75/paris-75013/paris-detournee-la-fresque-d-obey-representant-marianne-pleure-des-larmes-de-sang-14-12-2020-8414138.php

[16] Bild aus: Quelle est cette oeuvre de street art dans le bureau de Macron ? – Le Parisien (vom 27. Juli 2017) Über Frankreich im Ausnahmezustand siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2016/04/01/paris-ausnahmezustand/

[17]  https://www.20minutes.fr/paris/2978583-20210216-paris-marianne-artiste-obey-13e-retrouve-couleurs-continue-pleurer

Bild aus: https://www.connaissancedesarts.com/arts-expositions/street-art/street-art-obey-restaure-sa-marianne-a-paris-et-lui-ajoute-finalement-une-larme-bleue-11153203/

[18] Siehe die Blog-Beiträge: https://paris-blog.org/2020/05/10/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-2-grosse-frauen/  und https://paris-blog.org/2020/04/20/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-1-grosse-maenner/

[18a] Bild aus: https://www.francetvinfo.fr/culture/arts-expos/street-art/street-artist-engage-c215-realise-une-oeuvre-en-soutien-aux-populations-d-ukraine-sur-une-facade-du-13e-arrondissement_5014266.html

[19] Boulevard Paris 13, S. 52

[20] http://www.lemonde.fr/arts/article/2016/06/24/le-dr-house-fait-le-mur-a-l-hopital-de-la-pitie-salpetriere_4957092_1655012.html  

[21] Boulevard Paris 13, S. 62

[22] https://de.wikipedia.org/wiki/Philippe_Pinel

[23] https://de.wikipedia.org/wiki/Evelyn_Nesbit und https://passagedutemps.com/2019/04/19/les-fresques-du-boulevard-vincent-auriol/

[24] https://www.radiofrance.fr/franceculture/liberation-de-paris-la-nueve-et-ses-republicains-espagnols-enfin-pleinement-reconnus-9924544

[25] Bild aus: https://barbarapicci.com/2019/05/21/streetart-daleast-paris/

[26] Boulevard Paris 13, S. 76

[27] https://itinerrance.fr/nouvelle-fresque-de-hownosm/

[28] Quelle: https://en.wikiquote.org/wiki/William_Saroyan   

Weitere Blog-Texte zur Street-Art in Paris:

Max Ernst und seine „Windsbraut“ Leonora Carrington in Saint -Martin – d’Ardèche

Ein Zufall führte uns auf die Spur von Max Ernst und Leonora Carrington und ihr Haus in Saint-Martin d’Ardèche. Wir hatten auf dem Weg an die Côte d’Azur ein Zimmer in einer Pension des Ortes gebucht, in der rue Max Ernst. Das machte uns neugierig. Die Wirtin erklärte uns, Max Ernst habe sogar hier bei ihrer Großmutter übernachtet. Genaueres wusste sie allerdings nicht- und sie verwies uns an das am Anfang der Straße gelegene Tourismus-Büro.

Dort ist in einer Ecke ein kleiner „espace Max Ernst“ eingerichtet, wo man einige Informationen über den Aufenthalt des surrealistischen Malers Max Ernst und seiner damaligen Geliebten Leonora Carrington, ebenfalls Malerin und Schriftstellerin,  erhält, „zwei der ersten Europäer, die Saint-Martin- d’Ardèche liebten“, wie es in einem dort ausliegenden Faltblatt über „Max Ernst à Saint Martin d’Ardèche“ heißt.

Fotos: Wolf Jöckel

Auf einem kleinen Bildschirm kann man sich -von der Dame im Tourismus-Büro entsprechend vorgewarnt-  einen älteren Film in schlechter Qualität, aber in verschiedenen Sprachen -auch deutsch- mit Originalbildern aus den gemeinsamen Jahren an der Ardèche (1938-1940) ansehen.

Über dem Bildschirm ein Portrait von Max und Leonora, aufgenommen im Sommer 1939 von der amerikanischen Fotoreporterin Lee Miller.

„Max, schon weißhaarig, aufrecht, mit strahlenden Augen in die Linse blickend. Schützend, besitzend hat er für die Fotografin seinen Arm um das Mädchen gelegt, das sich klein macht in seiner Umarmung und dessen Lächeln sich im Unendlichen verliert.“[1]

Von der freundlichen Dame  im Tourist-Büro erhält man auch einen Plan, in den sie die Lage des Hauses einzeichnet, das Max Ernst und Leonora Carrington damals bewohnten – verbunden mit dem bedauernden Hinweis, viel sei da allerdings nicht mehr zu sehen. Es handele sich um Privatbesitz, „une résidence privée“, die man nicht besichtigen könne, „qui ne se visite pas.“

Natürlich lassen wir uns davon nicht entmutigen. In dem Viertel Les Alliberts, auf dem Höhenzug über Saint-Martin- d’Ardèche,  finden wir nach einigem  Suchen schließlich das Haus- die Dame vom Tourismus-Büro hatte es auf dem Plan nicht richtig markiert….  Aber es ist mit seinem großen Relief an der Außenwand nicht zu verfehlen:

Das Relief besteht aus zwei bzw. drei Figuren:  

Fotos: Wolf Jöckel

Die männliche links ist ein mächtiges Vogelwesen, das bedrohlich die Arme hebt und seinen scharfen Schnabel aufreißt. Das muss doch „der Vogelobre Loplop“ sein, den Max Ernst 1938 im „Dictionnaire abrégé du Surréalisme“ als „Maler, Dichter und Theoretiker des Surrealismus von den Anfängen bis zum heutigen Tag“ vorgestellt hatte. Max Ernst hat sich eindeutig mit diesem Vogelwesen identifiziert und so erscheint er immer wieder in dieser Gestalt in seinen Werken.  Loplop, sein „Privatphantom“, wie er es selbst einmal nannte, erlaubte es ihm, sich gleichzeitig von seinem Werk zu distanzieren als es auch zu präsentieren.[2]

Das  Vogelwesen besitzt einen doppelten Unterleib: Auf einer Wandstütze, aus der oben Hals, Kopf und Arme ragen, tanzt eine kleine, mit Schuppen und Federn geflügelte Froschmaul- Figur. Auch dieser wilde Geselle gehört zu Loplop.  

Fotos: Wolf Jöckel

Diese Figur besteht also gewissermaßen aus zwei Loplops: dem großen, mächtigen beschützenden, und dem kleinen, wilden Kobold, dem ganz offensichtlich nachträglich sein Geschlecht abhandengekommen ist.

Und wer oder was ist die andere Figur? Ein weibliches Wesen, offenbar, mit einem langen Hals und einem Kopf, der ebenfalls ein Vogelkopf sein könnte, einem Emu ähnlich oder einem Strauß. Bedeckt ist der Kopf mit einem Fisch.

Die eine Hand ist beschwichtigend-beschwörend abgespreizt, die andere trägt ein die Zähne bleckendes Monster.

Fotos: Wolf Jöckel

Es ist klein, aber es könnte vielleicht noch viel größer werden. Und hat sich vielleicht sogar der Daumen in ein Monster verwandelt? Max und Leonora haben sich zur Bedeutung dieser Mischwesen nicht geäußert- man darf sich also seinen eigenen Phantasien überlassen…. [3]

Die Bewohner waren abwesend, als wir da waren. So konnte man sich immerhin etwas in dem umliegenden Gelände umsehen – was kaum möglich gewesen wäre, wenn die sehr Besucher-abweisenden Hausbesitzer dagewesen wären.[4]  Wo also sind die – im Tourismus-Büro abgebildeten-  phantastischen Gestalten,  mit denen der Garten bevölkert war?

Die gibt es offensichtlich nicht mehr.

Zu gerne hätten wir natürlich einen Blick ins Haus geworfen, um zu sehen, was innen noch aus der Zeit geblieben ist, in der Max und Leonora hier wohnten.

Aus dieser Zeit stammen doch sicherlich die Plastiken, die man immerhin nach ein bisschen Kletterei in der offenen Loggia des Hauses erkennen kann.

Fotos: Wolf Jöckel

Da spätestens wird man neugierig, mehr zu erfahren über dieses Haus, das eigentlich „eine Kultstätte des Surrealismus sein müsste.“ [5]  

Die Begegnung

Beginnen wir mit Leonora. Eine Carrington: Also Tochter aus allerbestem Hause. Der Vater hatte seine Firma an das Chemiekonglomerat ICI verkauft und war damit zu einem Hauptaktionär der Firma geworden; mit der deutschen I.G. Farben und der amerikanischen DuPont eines der drei größten Chemieunternehmen der Welt. Die Tochter wurde -noblesse oblige/(Geld-) Adel verpflichtet- bei Hof vor- und in die bessere Gesellschaft eingeführt, und sie war dazu bestimmt, die ihr zugedachte Rolle als „gute Partie“ auszufüllen.  Dazu passte -wenn es denn in geordneten Bahnen und maßvoll bliebe- das große Interesse des jungen Mädchens an Kunst. Als Schülerin einer von einem französischen Maler geleiteten Kunstschule traf sie im Juni 1937 auf einer dinner party in London Max Ernst, der dort eine Ausstellung seiner Werke eröffnete.

Für beide war dies eine schicksalshafte Begegnung: ein coup de foudre, ein Blitzeinschlag, eine ganz elementare und gewaltige Liebe auf den ersten Blick. Für die gerade 20-jährige Leonora war Max der bewunderte Maler, dessen Bilder sie magisch anzogen, der erträumte Mann ihres Lebens:   „Max was at that moment the man that every woman waits for; there it was, the man that I had always imagined.“[6]

Für Max Ernst war Leonora eine junge Frau von überwältigender Schönheit. Ihm muss es wohl ähnlich ergangen sein wie seinem Sohn Jimmy, der über sein erstes Zusammentreffen mit Leonora in Paris schrieb: „Eine der schönsten Frauen, die ich je gesehen hatte…. Ihre dunkle, glutvolle Schönheit riss mich so hin, dass es mir schwerfiel, zusammenhängend mit ihr zu reden.“[7]  Leonora erschien  geradezu als Verkörperung des in surrealistischen Kreisen gepflegten Idealbilds einer femme enfant, einer kindhaften, erotisch anziehenden Frau und Muse.[8] 

Nach einigen Tagen kehrte Max nach Paris zurück;  Leonora Carrington an seiner Seite.

Mit Leonora in Paris

Für Leonora bedeutete dies den Bruch mit der Familie, bzw. vor allem mit dem Vater. Der hatte zunächst vergeblich versucht, einen Haftbefehl gegen Max Ernst wegen öffentlicher Präsentation pornographischer Bilder zu erwirken.[9] Auch die skandalöse Liaison seiner Tochter mit einem verheirateten älteren Mann und (für ihn) anrüchigen Maler konnte er nicht verhindern. Aber seine Reaktion war eindeutig: Keinen einzigen pence mehr für Leonora und Hausverbot: ‚Never will my door be darkened by your shadow‘[10] – was dann auch so geschah…

In Paris bezogen Leonora und Max zusammen eine kleine Wohnung und führten ein bewegtes Leben. Dazu Leonora:

In Paris, Max taught me a new way to live, of coming into my own; he made my ideas develop, the visions that had lived in me since childhood: he drew me to him, to surrealism. He gave me all his support, his love: in our home there were always friends, they arrived continually, Paul Eluard, André Breton, Louis Aragon, Marcel Duchamp, and Yves Tanguy who were from the group. We held formidable reunions, we wrote, we painted, we created poetry: we communicated ideas, feelings… [11]  Hier hat Leonora nur einige der damaligen Freude genannt:  Giacometti, Salvador Dalí, Man Ray und die Photographin Lee Miller sollten wenigstens noch zusätzlich genannt werden.

Leonora genoss dieses Leben einer avantgardistischen Bohème und sie passte gut dazu: So berichtet der Surrealismus-Papst André Breton, wie Leonora in einem feinen Pariser Restaurant die Abendgesellschaft schockierte, weil sie während des Diners ihre Schuhe auszog und zum Entzücken der surrealistischen Freunde die Füße seelenruhig mit Senf bestrich….[12]

Aber da gab es ja noch die Ehefrau, mit der Max Ernst immer noch offiziell eine Wohnung in der rue des Plantes teilte. Marie-Berthe war einiges gewohnt und hatte viele Eskapaden ihres Ehemanns erduldet und hingenommen. Aber derart abserviert und aufs Abstellgleis verbannt zu werden, war dann doch zu viel. Es kam zu öffentlichen Szenen, einmal wurde Marie-Berthe sogar auf offener Straße handgreiflich, aber Leonora schlug -im wahrsten Sinne des Wortes- die Ehefrau in die Flucht.  Auch die einflussreichen, tief katholischen und tief gekränkten Schwiegereltern blieben nicht untätig: Sie machten in Paris systematisch Stimmung gegen Max Ernst, so dass sich bald unverkaufte Bilder bei ihm stapelten. Da war es dann doch für das jungverliebte Paar besser, Paris zu verlassen.

Saint-Martin- d‘Ardèche als Rückzugsort

Warum ausgerechnet dorthin?  Die Ardèche hatte Max Ernst durch Marie-Berthe kennen- und lieben gelernt, die aus dieser Gegend stammte. Saint-Martin bot sich an: ein ruhiger, am Ausgang der Ardèche-Schlucht gelegener 300-Seelen-Ort mit einem typischen südfranzösischen kleinen Dorfplatz mit Platanen und Sankt Martins-Statue…

… einer alten Kirche….

… und einem Kieselstrand mit Blick auf das malerische Aiguèze hoch oben auf der anderen Seite des Flusses.  

Foto: F. Jöckel

Und es gab im Ort das Hotel und Café du Centre von Alphonsine Garrigou, genannt Fonfon, wo die beiden Liebenden in einem Dachzimmer unterkamen.

Allerdings währte dieses Glück nur kurze Zeit. Denn Marie-Berthe hatte noch nicht aufgegeben. Sie hatte die Adresse der beiden Liebenden herausbekommen, war hingefahren und hatte bei Fonfon ihren Gefühlen freien Lauf gelassen.  Max Ernst war hin- und hergerissen zwischen Ehefrau und Geliebter. „Er war ein schwacher Mann“, sagte Leonora später. Im Winter 1937/38 fuhr er nach Paris zurück, um, wie Leonora sarkastisch bemerkte, seinen „genitalen Verpflichtungen“ als Ehemann nachzukommen. Für Leonora war dies eine Zeit großer Verlassenheit und Angst. „Ich glaubte, Max würde niemals zurückkommen. Ich wusste nicht, was aus mir werden sollte“, erzählte sie 50 Jahre später ihrer Biographin.[13]

In dieser Zeit entstand wohl ihr Portrait Max Ernsts- mit schlohweißem Haar in einer Eiswüste. Auch das Pferd -Leonoras alter ego- ist zu Eis erstarrt.

Es gibt noch ein zweites Pferd auf dem Bild, und zwar in der Laterne, die Max Ernst in der Hand hält: Es könnte dort eingeschlossen, gefangen sein; es könnte aber auch dem Mann in der Eiswüste als Wegweiser dienen; oder die Laterne könnte Wärme spenden, um das zu Eis erstarrte Pferd wieder zum Leben zu erwecken….  So macht das Portrait etwas von der Ambivalenz deutlich, die damals die Beziehung zwischen Max Ernst und Leonora Carrington bestimmte. [14]

Doch im Frühjahr 1938 kehrte Max Ernst zurück, zurück nach Saint-Martin und zurück zu Leonora. Er hatte sich endgültig von seiner Frau getrennt. Er hatte sich auch dafür eingesetzt, dass noch 1938 Leonoras Text „La Maison de la peur“, „das Haus der Angst“ mit einem Vorwort von ihm und drei seiner Collagen in Paris erschien. Und er hatte die spektakuläre Pariser Surrealisten-Ausstellung mit eingerichtet, in der auch Leonora mit zwei Gemälden vertreten war. Er traf in dieser Zeit auch seinen Sohn Jimmy. Der war dabei, nach Amerika zu emigrieren- anders als seine Mutter, Luise Straus-Ernst, die „Notre Dame de Dada“ aus Kölner Tagen.  Max Ernsts erste Frau war als Jüdin vor den Nazis nach Paris geflüchtet, eine Emigration in die USA erschien ihr aber weder notwendig noch gar verheißungsvoll – ein tragischer Irrtum.[15]  Jimmy aber begann, wie später dann auch sein Vater-  ein neues Leben in den USA. Max Ernsts Traum war dagegen viel näher liegend und bescheidener, wie er seinem Sohn erklärte:

„Alles, was ich jetzt möchte, ist, Paris für lange Zeit hinter mir zu lassen und mit Leonora in Ardèche zu leben … und sie zu lieben… wenn die Welt uns nur lässt.“ [16]

Loplop und die Windsbraut im Zauberhaus

Der Wunsch nach einer gemeinsamen Zukunft materialisierte sich im Kauf eines Hauses in Saint- Martin. In den autobiografischen Notizen Max Ernsts, die er 1963 für einen Katalogtext erstellte, ist unter der Jahreszahl 1938 vermerkt:

„M.E. verlässt die Surrealistengruppe, zieht mit Eleonora Carrington nach Saint-Martin d’Ardèche bei Pont Saint-Esprit, etwa 50 km nördlich von Avignon. Kauft ein Haus und schmückt es mit Wandgemälden und Flachreliefs.“[17]

Bemerkenswert ist hier die ausführliche Ortsangabe. Erklärbar wohl auch damit, dass bei der Auswahl von Saint -Martin- d’Ardèche einerseits die Distanz von Paris, andererseits aber auch die relativ gute Erreichbarkeit wohl eine wesentliche Rolle gespielt hat. In den beiden Jahren, die Max und Leonora hier verbringen werden, sind auch immer wieder Pariser Freunde zu Gast bei ihnen. Gekauft hat das Haus allerdings nicht Max Ernst, sondern allein Leonora. Vielleicht weil Max Ernst ja verheiratet war, was die Sache möglicherweise komplizierter gemacht hätte, vielleicht auch, weil es Max noch nicht gelungen war, die französische Staatsbürgerschaft zu erhalten, er also formal immer noch (Nazi-)Deutscher war.  Angesichts der aufziehenden Kriegsgefahr war eine Engländerin wohl eine seriösere Käuferin, und die 2000 Franc für den Kauf hatte Leonora wohl von der Mutter zugesteckt bekommen. Merkwürdig, dass Max Ernst das anders darstellt und dass seine Version immer wieder übernommen wurde- selbst in dem grundlegenden Werk des Max Ernst-Spezialisten Werner Spies.[18]  

Das alte Winzerhaus war damals völlig heruntergekommen, im Grunde eine unbewohnbare Ruine.  Mehr als ein Jahr lang waren örtliche Handwerker, vor allem aber Max und Leonora selbst mit der Renovierung und dem Ausbau beschäftigt. Die Loggia beispielsweise mit dem Blick auf Saint Martin und die Ardèche entstand erst jetzt.  Vor allem aber: Max und Leonora schmückten Haus und Garten mit Skulpturen und Wandgemälden und formten es so zu einem „surrealistischen Zufluchtsort“ um.[19]

Max Ernst bei der Arbeit am Relief der Südseite[20]

Mit großer Freude arbeitete Max Ernst an den Reliefs und Skulpturen. Sie hatten hier ihren Platz wie die Liebe, für die das Haus ein Zufluchtsort war. Für Max Ernst gab es da deutliche Parallelen. Er verglich die Arbeit an Skulpturen gerne mit der Liebe: „Die Skulptur entsteht in einer Umarmung, zweihändig, wie die Liebe. Sie ist die einfachste, die ursprünglichste Kunst. Ich brauche mich nicht zu zwingen und mir keine wirkliche Leitlinie zu setzen“.[21]

Leonora  posiert neben dem fertigen (und unverstümmelten)  Loplop und legt den  Arm an seinen Schuppenflügel….[22]

Auch sie hat mit ihrer phantastischen Malerei viel zur Verschönerung des Hauses beigetragen. [23]

Zum Beispiel durch die „ wunderschöne weiße Chimäre -halb Pferd, halb Fisch – mit wallender Mähne und ihrem Gesicht“ auf der grünen Holztür zum Garten.“[24] 

2006 hat Leonora Carrington, inzwischen eine in Mexiko gefeierte Künstlerin, in einem Interview das Gleichgewicht in der Beziehung mit Max Ernst hervorgehoben: Die beiden arbeiteten gemeinsam am Haus, er illustrierte ihre Texte und kümmerte sich um ihre Publikation.  Für André Breton und die Surrealisten sei die Frau dagegen auf die Rolle als Schmuckstück und Muse reduziert worden. „Sie legten die Frau nackt und mit einem Lächeln auf einen Diwan und ließen sie dort zurück. Aber Max war anders.“ So sei die Zeit mit ihm in Saint-Martin- d’Ardèche eine der fruchtbarsten ihres Lebens gewesen.[25]  

„Loplop stellt die Windsbaut vor“ steht über Max Ernsts Vorbemerkung zu Eleonora Carringtons im schlimmen Winter 1937 verfasster Novelle „Das Haus der Angst“: Ein Text voller erotischer Glückseligkeit des Vogeloberen, der endlich „seine wahre Windsbraut gefunden hatte, nicht schwach und untertan wie zunehmend Marie-Berthe Aurenche, sondern verführerisch-wild, ihm ebenbürtig und unentbehrlich in der gegenseitigen Beflügelung der Phantasie“.[26]

Und so stellte Max Ernst die Windsbraut vor:

„Sie ist geschnitzt aus ihrem lichten Leben, aus ihrem Geheimnis, aus ihrer Poesie. Sie hat nichts gelesen, doch sie hat alles getrunken. Sie kann nicht lesen. Und doch hat die Nachtigall sie auf dem Stein des Frühlings sitzen und lesen sehen. Und obwohl sie nicht laut las, hörten ihr die Tiere des Waldes und die Pferde zu.“

Foto: Lee Miller 1938

Und über Loplop:

„Seht diesen Mann dort, wie er, bis zu den Knien im Wasser, stolz dasteht. Wilde Liebkosungen haben auf seinem herrlichen, perlmutternen Leib ihre leuchtenden Spuren hinterlassen. Was zum Teufel treibt dieser Mann mit dem türkisfarbenen Blick, mit Lippen, die purpurrot sind von edlen Begierden? Dieser Mann macht die Landschaft heiter“.[27]

Bei dem Mann, „bis zu den Knien im Wasser“, denkt man natürlich an Max Ernst beim Bad in der Ardèche. Denn die beiden Liebenden gingen gerne den steilen Weg durch die Weinberge hinunter zum Fluss. Im Dorf erzählte man sich: „Die Badeslips trugen sie dabei mit Vorliebe auf dem Kopf. Splitternackt gingen sie.“ Jedenfalls bis zum Dorfrand.  Und sie seien fast jeden Abend zu Fonfon gegangen und hätten sich mit Wein oder Marc vollaufen lassen. Ihn nannten sie im Dorf „Le Max“ oder „Monsieur Erneste“, sie war die „Anglaise.“ Einig war man sich: „Ausländer sind Spinner“.[28] Aber offenbar ließ man die exotischen Vögel in Ruhe und hatte manchmal sogar eine heimliche Freude dabei, sie beim Weg zum Fluss zu beobachten….

Lee Miller hat bei ihren Besuchen an der Ardèche das kurze Glück Loplops und der Windsbraut fotografisch festgehalten.[29]

In dieser Zeit entstand auch eines der bedeutendsten Werke Max Ernsts: Un peu de calme.   Etwas Ruhe für sich und die Windsbraut wünschte sich Max Ernst in den damaligen unruhigen, ja bedrohlichen Zeiten.[30]

Das Bild hängt in der National Art Gallery, Washington. Anlässlich einer Max Ernst-Ausstellung 2013 in der Fondation Beyeler, zu der auch Un peu de calme gehörte, wurde das Bild so beschrieben:     Das über drei Meter breite „Panorama einer undurchdringlichen Waldlandschaft spannt Max Ernst vor unseren Augen auf. Schemenhaft sind riesige Vögel, wilde Bestien und andere Tiergestalten zu erkennen.“

„Über der harten, scharfkantigen Waldkulisse steht leicht deformiert der Mond, der die gesamte Landschaft in ein fahles Licht taucht. Eine schildkrötenförmige Wolke scheint links aus dem Bild zu fliehen. Das riesenhafte Gemälde erzeugt eine eigenartige Stimmung; man spürt förmlich eine Katastrophe herannahen. Un peu de calme – Ein wenig Ruhe: Der Titel des Werks verharmlost diese schwelende Anspannung und beschwört gleichzeitig die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm herauf. Es ist das Bild einer Natur, die sich ins Bedrohliche und Unheimliche gewendet hat. Im Rückblick ist die Katastrophe, auf die Max Ernst anspielt, leicht auszumachen: Das Gemälde entstand am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, der dem Künstler Internierung, Flucht und Exil bringen sollte. Im Jahr 1939 stellt sich die Welt als undurchdringliches, auswegloses Dickicht dar.“[31]  Am rechten unteren Bildrand hat sich allerdings „ein winziges Vögelchen eingeschmuggelt, umhüllt und beschützt von einer weiblichen Silhouette- Loplop und seine Windsbraut“.[32]

Un peu de calme ist das einzige seiner in Saint-Martin zurückgelassenen Werke, das Max Ernst nach dem Krieg wieder in Besitz nehmen konnte.  Im Salon seines letzten Wohnortes, in Seillans in Südfrankreich, nahm es einen Ehrenplatz ein.

Erste Internierung in Les Milles

Doch die ersehnte Ruhe war nur von kurzer Dauer.  Am 1. September marschierte die Wehrmacht in Polen ein, Großbritannien und Frankreich erklärten Nazi-Deutschland den Krieg. Und dann standen Gendarmes vor der Tür in Saint-Martin, legten Max als „feindlichem Ausländer“ Handschellen an und führten ihn ab. Zunächst in das Gefängnis von Largentière bei Aubenas. Leonora mietete sich in der Nähe ein und versorgte Max mit Malutensilien und Essen. Doch im Oktober 1939 wurde Max Ernst in das große Internierungslager Les Milles bei Aix-en-Provence verlegt, eine ehemalige Ziegelei.

Foto: Wolf Jöckel

Lion Feuchtwanger hat die schlimmen Zustände in der Fabrik, die als Lager völlig ungeeignet war, eindrucksvoll in seinem Buch „Teufel in Frankreich“ beschrieben.  Es gibt auch in einem früheren Blog-Beitrag über die deutsche Emigration in Frankreich einen Abschnitt über Les Milles, in dem es auch um Max Ernst geht:

https://paris-blog.org/2016/04/18/exil-in-frankreich-sanary-les-milles-und-marseille/

Immerhin wurde Max Ernst am 23. Dezember 1939 wieder aus dem Lager entlassen. Sein Freund Paul Eluard hatte direkt an den Staatspräsidenten geschrieben, um die Freilassung von Max Ernst gebeten und sich persönlich für ihn verbürgt. So konnte Max Ernst nach Saint-Martin- d’Ardèche zurückkehren.

Letztes kurzes Glück

Zurück aus der Lagerhaft malte Max Ernst das Bild  Leonora in the Morning Light, ausdrücklich versehen mit dem Zusatz To Leonora.[33]

Leonora in the Morning Light, 1940 (Bildausschnitt)

Die schöne Leonoras taucht hier mit makellosen Zügen und wilder Löwenmähne aus dem Urwald auf. Titel und Gegenstand veranschaulichen die große Freude des aus dem Dunkel des Lagers befreiten Malers, seine auf ihn sehnsüchtig wartende Geliebte wiederzusehen.

Den beiden ist noch einmal eine kurze Zeit des Glücks in Saint-Martin-d’Ardèche vergönnt. Leonora  schreibt in ihr Tagebuch:

„I’m in my house with Max. For two years I have been desperately and madly in love with Max. I’m still painting but only to keep me from going crazy. Every second…. I want him to live only for and with me. I wish that he had no past…I want him forever. I want to be in the same body as him … I want absolute love….“[34]

Das Ende

Im Mai 1940 beginnt der „Blitzkrieg“ der Wehrmacht gegen Frankreich. Das Land gerät von einem Zustand illusionärer Selbstgewissheit in den einer absoluten Panik. Überall werden Verräter und Spione gewittert. Max Ernst wird denunziert, erneut verhaftet und wieder nach Les Milles gebracht. Leonora ist verzweifelt, bricht psychisch zusammen. Zwei Freunde, auf der Flucht aus Paris vor den vorrückenden deutschen Truppen, kommen nach Saint-Martin und fordern Leonora dringend auf, mit nach Spanien zu kommen. Die Wirtin des ortsansässigen Hotels, die schon lange ihr Auge auf das renovierte Haus und den umliegenden Weinberg geworfen hat, nutzt die Gunst der Stunde: Es sind noch Rechnungen offen, die vor der Abreise beglichen werden müssen. Sie schickt Leonora zu einem willigen Notar. Der werde sich nach ihrer Abreise um alles kümmern. Auf seinen Rat unterschreibt Leonora eine Vollmacht für die Hotelbesitzerin, in ihrem Namen und Auftrag das Haus mit seinem gesamten Inventar, einschließlich der Bilder, zu verkaufen. Schon eine Woche später geht die Transaktion über die Bühne.  Der Kellner und spätere Ehemann der Wirtin erwirbt Grundstück und Haus und vor allem die darin enthaltenen Kunstwerke eines international gehandelten Künstlers für lächerliche 20. 000 Francs. Ob Leonora wenigstens die jemals erhalten hat, ist auch nicht sicher: Skrupellose Kriegsgewinnler -kleine wie große- gab es damals und gibt es heute wieder….

Für Max Ernst und Leonora Carrington beginnen nun dramatische Monate der Flucht – vor den Nazis, dazu für Leonora vor den Nachstellungen der Eltern. Sie treffen sich noch einmal 1941 in Lissabon. Da ist Leonora wieder verheiratet mit einem mexikanischen Diplomaten, den sie noch aus Paris kennt  und der ihr den Weg in ihre neue Wahlheimat Mexiko eröffnet; und Max ist in Begleitung der Kunstsammlerin und Millionärin Peggy Guggenheim, die ihn nach New York begleitet und seine dritte Ehefrau wird.  

Max Ernst kommt nach dem Krieg noch einmal nach Saint-Martin-d’Ardèche zurück. Von den Bildern, die er zurückgelassen hat, ist nichts mehr da, außer Un peu de calme, das offenbar den gierigen Augen der neuen Besitzer entgangen ist: Die Leinwand klebte im Untergeschoss an der Wand, man hielt es für ein Fresko.  Gerne hätte Max Ernst das Haus zurückgekauft, aber das scheitert an zu hohen Preisvorstellungen. Empört und mit wilden Flüchen verlässt er Saint-Martin-d’Ardèche. „C’est un village pourri“, „ein verfaultes Dorf“, habe er damals geschimpft, wie sich Dorfbewohner erinnern. [35] 1957 verkauft das geschäftstüchtige Paar das Anwesen für den Gegenwert eines Deux-Chevaux an einen Industriellen aus Lyon. Die Übernahme des Hauses von Leonora zum Schnäppchen-Preis hat sich für sie ja schon reichlich ausgezahlt. [36] Und auch der neue Besitzer will Kasse machen: Nach und nach werden die noch erhaltenen fragilen, oft aus Fundstücken zusammengesetzten Skulpturen aus dem Zusammenhang gelöst und -auch als Bronzeabgüsse- auf dem Kunstmarkt feilgeboten. Die Skrupelllosigkeit, mit der dabei vorgegangen wurde, ist erschreckend. Es lohnt sich sehr, dazu den Bericht von Silvana Schmid zu lesen: ein beeindruckendes Werk eines investigativen Journalismus. 1991, im Jahr des 100. Geburtstages von Max Ernst, organisiert das Centre Pompidou eine große Retrospektive des Künstlers. Stücke aus Saint-Martin-d’Ardèche sind nicht dabei. Im gleichen Jahr werden im Hotel Président in Genf „trois sculptures originales majeures“ von Max Ernst aus Saint-Martin öffentlich versteigert.

Die Plünderung des wunderbaren, einzigartigen Künstlerhauses in Saint-Martin: Eine Mischung aus Gier, Desinteresse, Banausentum, Wegschauen… Und kein Ruhmesblatt für die französischen Kulturbehörden und den Denkmalschutz….

Die wunderbaren Reliefs an der Südwand immerhin bleiben. Die sind „classé“, stehen also unter Denkmalschutz. Aber auch für sie allein lohnt sich der Weg…

Literatur: 

Julotte Roche, Max et Leonora. Récit d’investigation. Cognac: Le temps qu’il fait 1997

Silvana Schmid, Loplops Geheimnis. Max Ernst und Leonora Carrington in Südfrankreich. Frankfurt/Main: Anabas 2003

Jimmy Ernst, Nicht gerade ein Stilleben. Erinnerungen an meinen Vater Max Ernst. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1991

Karoline Hille, Gefährliche Musen. Frauen um Max Ernst. Berlin 2007

Ulrich Bischof, Max Ernst 1891-1976. Jenseits der Malerei. Herausgegeben  von Ingo F. Walter. Köln: Benedikt Taschen Verlag 1987

Werner Spies (Hrsg), Max Ernst. Leben und Werk. Köln: Dumont 2005

Max Ernst. Skulpturen, Häuser, Landschaften; hrsg. von Werner Spies (Ausstellungskatalog Paris, Musée national d’art moderne/Centre Georges Pompidou, 5.5.-27.7.1998; Düsseldorf, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, 5.9.- 29.11.1998); Köln: DuMont 1998 (DB

Facebook-Seite von Leonora-Carrington: https://www.facebook.com/leonoracarringtonweisz/photos


Anmerkungen

[1] Schmid, Loplops Geheimnis, S. 10

[2] Siehe Ulrich Bischoff, Max Ernst 1891-1976. Jenseits der Malerei. Herausgegeben von Ingo F. Walther. Köln: Benedikt Taschen Verlag 1987

[3] Zur Beschreibung der Figurengruppe siehe: http://www.cdgeissler.com/blog/tag/saint-martin-dardeche/ und Tobias Gohlis, Traumtrümmer aus der Ardèche. Silvana Schmid hat die Geschichte des Hauses rekonstruiert, in dem Max Ernst und Leonora Carrington wohnten. https://www.zeit.de/2003/18/SM-Max_Ernst

[4]  In einer Master-Arbeit des deutsch-französischen Studiengangs der Universitäten  Aix-Marseille und Tübingen über Max Ernst-Erinnerungsorte in Deutschland und Frankreich aus dem Jahr 2019 wird Saint -Martin -d’Ardèche zu den „Lebensorten mit geringerer Erinnerungskultur“ gezählt und es wird berichtet, wie unwirsch die Besitzer des Hauses auf die Studentin reagierten, die lediglich das Haus fotografieren wollte. (S. 63)

[5] Schmid, Loplops Geheimnis,  S. 12

[6] Zit. auf der facebook-Seite von Leonora Carrington, die auch nach ihrem Tod weitergeführt wird:  Leonora Carrington Facebook Page Administrated, Edited & Moderated by JOAQUÍN HERNÁNDEZ HINOJOSA. Text zu:  ‚Leonora in the Morning Light,‘ by Max Ernst. https://www.facebook.com/photo/?fbid=1839777676052020&set=a.222057264490744

Der selbe Text findet sich als Begleittext zur  Versteigerung von „Leonora in the Morning Light“ bei Sotheby’s: https://www.sothebys.com/en/auctions/ecatalogue/2012/impressionist-modern-art-evening-sale-n08850/lot.48.html  Leonora gibt da ihr Alter zur Zeit der ersten Begegnung mit Max mit 19 an. Allerdings war sie im April 1937 20 Jahre alt geworden.

[7] Jimmy Ernst, Nicht gerade ein Stilleben, S. 159

[8] Portrait aus der facebook-Seite von Leonora Carrington

[9] Siehe Jimmy Ernst, Nicht gerade ein Stilleben,  S. 193

[10] Wie Anmerkung 6

[11] Wie Anmerkung 6. Ähnlich hat sich Leonora Carrington noch als 88-Jährige in einem Interview aus dem Jahr 2006 geäußert: Su vida con Max Ernst sólo duró dos años, pero ¿fue él su gran amor?
– L.C.: Fue amor a primera vista. Me fui con él y mi compañero, Serge Chermayeff, me llamó puta. Yo le contesté: «Así son las cosas, ¿qué quieres que haga?». Fue maravilloso. No puedo decir que fuera la relación más importante; fue un gran amor y un gran mentor. Pero no creo en superlativos ni en categorizaciones. Sin embargo, Max me mostró otro universo y me llevó por caminos a los que en mi pequeña vida ordinaria de burguesa jamás habría tenido acceso. Lo adoraba como artista y como intelectual.  Facebook-Seite von EC vom 11. August 2017)

[12] siehe  Hille, Gefährliche Musen,  S. 103/104 

[13] Schmid, Loplops Geheimnis,  S. 46

[14] Bilder aus:  https://www.countrylife.co.uk/luxury/art-and-antiques/focus-extraordinary-portrayal-max-ernst-surrealist-pioneer-inspired-dali-lover-fled-paris-191577 Erläuterung zum Bild

https://www.nationalgalleries.org/art-and-artists/164061/bird-superior-portrait-max-ernst

[15] Zu Louise Straus-Ernst siehe den Blog-Beitrag: Von der ‚Notre-Dame-de-Dada‘ im Köln der 1920-er Jahre über das Exil im ‚Zauberkreis Paris‘ nach Auschwitz: Das dramatische Leben von Luise Straus-Ernst. https://paris-blog.org/2022/04/01/von-der-notre-dame-de-dada-im-koln-der-1920-er-jahre-uber-das-exil-im-zauberkreis-paris-nach-auschwitz-das-dramatische-leben-von-luise-straus-ernst/

[16] Jimmy Ernst, Nicht gerade ein Stilleben, S. 193

[17] Zitiert bei Hille, Gefährliche Musen,  S. 104/105

[18] Auf S. 140  des von Werner Spies herausgegebenen Buches Max Ernst, Leben und Werk ist unkommentiert der entsprechende Tagebucheintrag von Max Ernst übernommen, ohne ihn als solchen zu kennzeichnen.

[19] Wie Anmerkung 6

[20] https://m.facebook.com/222054157824388/photos/a.519787921384342/519789854717482/

[21] Zitiert von Valérie-Anne Sircoulomb in: Journal für Kunstgeschichte 3, 1999, Heft 3 file:///C:/Users/wolfj/Downloads/31921-Artikeltext-96895-1-10-20160706%20(4).pdf

[22] Bild https://www.facebook.com/photo/?fbid=2128819153814536&set=a.222057264490744

(Ausschnitt)

[23] https://twitter.com/studiomuseums/status/955413540113960963/photo/1 und https://en.leonoracarringtonmuseo.org/el-taller-de-leonora

[24]  Text und Bild bei Hille, Gefährliche Musen,  S. 111 und 114

[25] Aus einem Interview mit der 88-jährigen Leonora Carringten aus dem Jahr 2006. Facebook-Seite von LC vom 11. August 2017

[26] Hille, Gefährliche Musen, S. 111 Nachfolgendes Bild  by Lee Miller, 1939 aus:

https://www.facebook.com/photo/?fbid=2147072528655865&set=a.222057264490744 Bild auch bei: https://www.wikiart.org/de/leonora-carrington

[27] Zitiert bei Hille Gefährliche Musen, S. 111 und 114. Vorausgehendes Bild  aus: https://www.faz.net/aktuell/stil/mode-design/die-frau-in-hitlers-badewanne-lee-miller-fotografierte-mode-und-krieg-17886281/die-surrealisten-max-ernst-und-17887248.html

[28] Schmid, Loplops Geheimnis, S. 40

[29] Bild aus: http://i-art-rachel.blogspot.com/2011/06/leonora-carrington.html

[30]  Bild aus: https://mitue.de/?p=936

[31]https://www.fondationbeyeler.ch/fileadmin/user_upload/Ausstellungen/Vergangene_Ausstellungen/Max_Ernst/saalheft_d_ernst.pdf

[32] Hille, Gefährliche Musen, S. 114/115

[33] Bild aus: https://www.facebook.com/photo/?fbid=1839777676052020&set=a.222057264490744

[34] Wie  Anmerkung 6

[35] Schmid, Loplops Geheimnis, S. 24

[36] Siehe Roche, Max et Leonora,  S. 165

Das Château de By von Rosa Bonheur: ihre Arche Noah im Wald von Fontainebleau

Die Tiermalerin Rosa Bonheur: Die erfolgreichste Malerin des 19. Jahrhunderts, um deren Bilder sich internationale Sammler rissen; die erste Frau, die zum Offizier der Légion d’honneur erhoben wurde-  „une artiste de génie“, eine geniale Künstlerin, die aber, gewissermaßen von der Avantgarde überholt,  bald in Vergessenheit geriet. [1] War sie künstlerisch an der klassischen Tier- und Landschaftsmalerei orientiert und damit eher traditionell, so war sie umso moderner als eine emanzipierte Frau mit einer unkonventionellen, alle rollenspezifischen Konventionen ihrer Zeit sprengenden Lebensweise. Damit ist sie heute eine Kultfigur des Feminismus. Und auch die Ökologiebewegung hat den Blick auf die engagierte Tiermalerin und Tierschützerin wieder verändert. [2] In diesem Jahr wird der 200. Geburtstag dieser außerordentlichen Malerin gebührend gefeiert: unter anderem mit einer großen Retrospektive, die bis zum 18. September im Musée des beaux-arts in Bordeaux, der Geburtsstadt Rosa Bonheurs, und vom 18. Oktober 2022 bis zum 15. Januar 2023  im Pariser Musée d’Orsay zu sehen ist.

Der 200. Geburtstag von Rosa Bonheur ist Anlass für einen Besuch des inzwischen auch nach ihr benannten  Château de By am Rand des Waldes von Fontainebleau. Dort hat die  Malerin 40 Jahre lang bis zu ihrem Tod 1899 gelebt und gearbeitet: ein  wunderbarer und von Paris problemlos zu erreichender Erinnerungsort. [2a]

1860 erwarb Rosa Bonheur das Anwesen in Thomery, ein eher bescheidenes Jagdschlösschen aus dem 16./17. Jahrhundert auf einem mehrere Hektar großen Grundstück mit englischem Park, Obst- und Gemüsegarten und Wald. Rosa Bonheur war damals schon eine äußerst bekannte und erfolgreiche Malerin: 1848 hatte sie einen Staatsauftrag für „Labourage nivernais“ erhalten: Ochsen ziehen einen Pflug über den schweren Ackerboden. Das Bild war ein großer Erfolg: Ursprünglich für das Museum in Lyon vorgesehen, beanspruchte es Paris für sich. Heute ist es im Musée d’Orsay ausgestellt. [3]

Ihr größtes und wohl berühmtestes Bild, Le Marché aux chevaux (der Pferdemarkt), war zunächst weniger erfolgreich.

244,5 × 506,7 cm, Metropolitan Museum of Art, New York.

1853 in Paris präsentiert, fand sich zunächst kein Käufer für das Bild, obwohl Delacroix und Vernet es als Meisterwerk erkannten.  Auch ihre Geburtsstadt Bordeaux, der sie es für 12 000 Franc anbot, griff nicht zu. Dafür Ernest Gambart, ein belgischer Sammler, der es ein Jahr später für 40 000 Franc erwarb und mit dem Vertrieb der Werke Bonheurs zum Millionär wurde. Er ließ mehrere kleinere Kopien und jede Menge Grafiken anfertigen und bediente damit eine immer größere Nachfrage. Besondere Resonanz fand  Rosa Bonheur im angelsächsischen Raum. Gambart organisierte für sie eine Tournee durch England und Schottland, wo sie gefeiert wurde.  Le Marché aux chevaux/The Horse Fair war das erste Bild einer noch lebenden Künstlerin/eines noch lebenden Künstlers, das in der National Gallery in London ausgestellt wurde.[4]  Sogar Queen Victoria gab ihr die Ehre und empfing sie. Die geschlechtsspezifische Rollenverteilung im victorianischen England war ihr allerdings zuwider: „Ich habe keine Geduld mit Frauen, die zum Denken um Erlaubnis bitten.“[5]

In Paris, wo sie bisher ihr Atelier hatte, wurde sie nun von Bewunderern, Neugierigen und Kaufinteressenten belagert und fand nicht mehr die nötige Ruhe für ihre Arbeit. Da sie inzwischen über die nötigen finanziellen Mitteln verfügte, konnte sie das Anwesen in Thomery erwerben. Sie war damit in Frankreich die erste Frau überhaupt, die mit ihrer Hände Arbeit eine Immobilie kaufte.[6]

Im Château de By richtete sich Rosa Bonheur mit ihrer Jugendfreundin und Lebensgefährtin Nathalie Micas und deren Mutter ein. Bei ihnen war sie nach dem frühen Tod der Mutter aufgenommen worden und  aufgewachsen.  Das zur Gemeinde Thomery gehörende kleine Schloss vermittelte ihr „das Gefühl, ein Leben auf dem Land ohne gesellschaftliche Zwänge führen zu können, in einer Umgebung, in der sie sich ungestört ihrer Arbeit widmen“ konnte. Gleichzeitig ermöglichte das kurz zuvor an das französische Eisenbahnnetz angeschlossene Thomery einen schnellen Kontakt mit der Hauptstadt, wo sie eine Malschule betrieb und ihr Atelier in der rue  d’Assas gewissermaßen als pied-à-terre weiterführte.[7]

Vor dem Einzug ließ Bonheur eine grundlegende Renovierung des vorhandenen Gebäudes vornehmen.

Foto: Wolf Jöckel

Dazu gehörte vor allem der Ausbau eines Seitengebäudes zu einem großen Atelier.

Rosa Bonheur: „Ich musste viele Reparaturen in dem Haus durchführen und vieles herrichten lassen. Es wird jetzt zu meinem Atelier.“[8]

Für diese Renovierung und Erweiterung engagierte sie niemanden geringeren als Jules Saulnier, der sie auch beim Kauf beraten hatte. Saulnier war „Chefarchitekt“ der Familie Menier, die damals die weltgrößte Schokoladenfabrik in Noisiel an der Marne betrieb. Für die Meniers baute Saulnier unter anderem eine hydraulische, einen Seitenarm der Marne überspannende Ölmühle. Sie ist – innen nach dem neuesten Stand der Technik ausgestattet und außen reich verziert-  eines der berühmtesten Bauwerke der französischen Industriearchitektur.[9]

Die verspielte Formensprache Saulniers ist am Chateau de By deutlich zu erkennen.

Fotos: Wolf Jöckel

Mittelpunkt des Hauses ist das Atelier der Künstlerin, das von den späteren und heutigen Besitzern des Hauses im ursprünglichen Zustand erhalten wurde und wird. Im Rahmen von Führungen kann man es besichtigen. Dort ist auch das Portrait eines Löwen ausgestellt,  Motiv für die Sonderbriefmarkte zum 200. Geburtstag von Rosa Bonheur.

Rosa Bonheur, Le Cid, 1879. musée du Prado, Madrid
Alle Fotos des Ateliers: Wolf Jöckel

Es sieht aus, als habe Rosa Bonheur es nur für kurze Zeit verlassen; alles ist bereit für sie…

… die Palette mit den Farben…

… der Schreibtisch mit Brille und geschäftlichen Unterlagen….

… vor dem Kamin die Utensilien für die Arbeit in der Natur….

Das Atelier ist „ein einziges Denkmal der Liebe zur Tierwelt.“[10] Tiere sind überall präsent:

An den Wänden….

… auf dem  Fußboden….

… in den Regalen…

Einen Ehrenplatz im Atelier nimmt dieses kapitale Hirschgeweih über dem Kamin ein.

Rosa Bonheur:

„Seit ich mich in By niedergelassen hatte, beschäftigte ich mich mit Leidenschaft für das graziöse Wild des Waldes; die Hirsche und Rehe interessierten mich jetzt unendlich viel mehr als bisher die Rinder“.[11]

Aber es ging dabei nicht nur um die Betrachtung:

„Mit den Sonnenaufgang ging ich los, meinen Farbkasten auf dem Rücken, gefolgt von meinen Hunden; mit dem Gewehr in der Hand war ich bereit, das Wild zu erlegen, das ich antraf. Nathalie war darauf vorbereitet, dass sie mit einem schönen Stück Fleisch rechnen konnte.“

So kann das Hirschgeweih über dem Kamin durchaus eine Jagdtrophäe Rosa Bonheurs sein. Bemerkenswert sind auch hier die in sich verschlungenen Initialien RB, die von aristokratischem Selbstbewusstsein zeugen. Sie sind überall im Schloss zu finden.

Foto: F. Jöckel

Der Stolz auf die eigene Leistung war nur allzu berechtigt. Denn Rosa Bonheur hatte eine sehr schwierige Jugend: Der Vater war ein Landschaftsmaler, der eher schlecht als recht seine Familie von dem Ertrag seiner Arbeit ernähren konnte. Er stand der frühsozialistischen Bewegung der Saint-Simonisten nahe, die die Emanzipation der Frauen förderten, was der jungen Rosa  durchaus zugute kam. Von ihm erlernte sie nicht nur die Technik des Malens, sondern auch die Ehrfurcht vor der Natur. „Ich bin Schülerin meines Vaters und der schönen und grandiosen Natur“.[12] Allerdings verließ der Vater die Familie, um sich einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten anzuschließen. So musste die Mutter alleine sich und ihre vier Kinder durchbringen. Rosa bewunderte und verehrte ihre Mutter sehr. Ihrer Biographin erzählte sie die Geschichte, wie die Mutter „eine erleuchtende Idee“ hatte, dem bockigen Kind das Alphabet beizubringen: Es solle doch neben dem A einen Esel (âne) zeichnen, neben dem B ein Rind (bœf), neben dem C eine Katze (chat) und so fort bis zu dem Zebra (zèbre) für das Z.  Die Mutter verstarb noch jung -die kleine Rosa war damals 11 Jahre alt- und in so  großer Armut, dass die Familie nicht die Kosten für ein Grab aufbringen konnte: So wurde die Mutter in einem Massengrab (fosse  commune) verscharrt.

Die  große Verehrung Rosas für ihre Mutter wird auch im Atelier deutlich: Ihr Portrait nimmt neben dem repräsentativen Kamin einen Ehrenplatz  ein.

Als Hommage an die Mutter darf wohl auch der Flügel im Atelier verstanden werden, vielleicht das Instrument der Mutter, die Musiklehrerin gewesen war.

Es ist ein Flügel der Firma Erard, im 19. Jahrhundert eine der großen französischen Piano-Marken. Bei Musikliebhabern sind die alten Erard-Instrumente begehrte Sammlerstücke.

Rosa schwor sich, dank ihres künstlerischen Talents reich zu werden und gewissermaßen die Mutter zu rächen: Das Schloss von By ist Ausdruck dieses Erfolgs – ebenso wie das Selbstportrait auf der anderen Seite des Kamins.

Auch der Name Rosa Bonheur ist der Mutter zu verdanken: Als die am 16. März 1822 geborene Marie Rosalie Bonheur nämlich ihre ersten Bilder verkaufte, riet ihr der Vater, sie mit Raimond zu signieren. Der Name Bonheur sei doch angesichts des desolaten Zustands der Familie ein Hohn. Aber Rosa Bonheur bestand auf ihrem Namen. Sie wolle so erfolgreich werden, dass der Name seine Berechtigung habe und ihr Ruhm auch auf den Namen der Mutter ausstrahle. Und die habe sie in zärtlichen Momenten Rosa genannt: Also Rosa Bonheur.[13]

Ein besonderer Ausdruck der öffentlichen Anerkennung der Künstlerin war ihre Ernennung zum Chevalier der Légion d’honneur durch Kaiserin Eugénie, die Frau Napoleons III. Sie kam im Juni 1865 persönlich nach By, um ihr die Auszeichnung zu überreichen. Sie wolle damit, wie sie bei dieser Gelegenheit sagte, zeigen, „dass das Genie kein Geschlecht“ habe (que le génie n’a pas de sexe“). Und sie sei glücklich, diese Auszeichnung zum ersten Mal an eine Künstlerin verleihen zu können. Rosa Bonheur war damit erst die zweite Frau überhaupt, der diese immerhin schon 1802 geschaffene Auszeichnung zuerkannt wurde. [14]

„Ihre Majestät, die Kaiserin, besucht Mademoiselle Rosa Bonheur in ihrem Atelier in Thomery“

1894, also zur Zeit der Dritten Republik, wurde Rosa Bonheur dann sogar noch -als erste Frau überhaupt- zum Offizier der Ehrenlegion ernannt.[15] Und 1898 erwies ihr  Königin Isabella von Spanien die Ehre, sie im Château de By zu besuchen.

Tiere gab es in und um das Schloss aber nicht nur als Jagdtrophäen und konservierte Köpfe von Tieren, die Rosa Bonheur ganz besonders lieb waren.  Zu dem Besitz gehörte auch eine Menagerie mit allerlei, auch wilden Tieren Die lebten überall. Hühner, Bären, Enten, Pferde, Ponys, Gazellen bevölkerten Ställe und Gehege. Affen und gezähmte Löwen bewegten sich frei im Haus und in dessen Umgebung, für Rosa Bonheur eine kleine „Arche Noah“ inmitten des großen Anwesens mit Weideflächen und Wald. [16]

Im Park sind noch einige ältere „fabriques“ wie dieser „Pavillon des Muses“[17] erhalten, ebenso wie spätere Bauten aus der Zeit Rosa Bonheurs.

Und es gibt im Park noch ein zweites Atelier, das Rosa Bonheur 1898, kurz vor ihrem Tod bauen ließ, da sie das alte als zu eng und zu dunkel empfand.

Das neue Atelier besaß große Fenster und war auch für große Formate geeignet.

Es sollte als gemeinsames Atelier für sie und Anna Klumpke dienen. Ein Schmuckstein mit den Initialien der beiden Malerinnen ist in die Wand des Ateliers integriert.

Die 34 Jahre jüngeren amerikanischen Malerin Anna Elizabeth Klumpke war nach Frankreich gekommen, um die von ihr seit ihrer Studienzeit in Paris verehrte Tiermalerin zu portraitieren.

Anna Klumpke und Rosa Bonheur. 1898

Sie blieb bei Bonheur bis zu deren Tod: „le dernier bonheur de Rosa.“[18]  Hier posieren die beiden, und Rosa Bonheur präsentiert stolz die ihr verliehenen Auszeichnungen, darunter übrigens auch den Verdienstorden des Hauses Sachsen-Coburg-Gotha.[19]

Vorausschauend hatte Rosa Bonheur ihre Freundin, die sie um 43 Jahre überleben sollte, testamentarisch zur Erbin und Nachlassverwalterin bestimmt. Klumpke gründete eine Malschule für Frauen und schrieb die von Rosa Bonheur diktierten Lebenserinnerungen ihrer Gefährtin auf.[20]

Der heutigen Besitzerin des Château de By, Katherine Brault, ist es ein Anliegen, Schloss und Park zu einem lebendigen Erinnerungsort an Rosa Bonheur zu machen.  Dazu gehörte in den letzten Jahren die aufwändige Restaurierung des Schlosses und -rechtzeitig zum Jubiläum- die Eröffnung eines Ausstellungsraums im Dachgeschoss.[21]

Besonders eindrucksvoll sind dort die großformatigen Reproduktionen akribischer anatomischer Pferdestudien, die einem Atlas der Biologie oder Tiermedizin entnommen sein könnten.

Für diese Studien besuchte Rosa Bonheur Schlachthäuser und erhielt dafür sogar -wie vorher Georges Sand- eine offizielle polizeiliche Genehmigung, Männerkleidung tragen zu dürfen.

Eindrucksvoll sind auch die Erinnerungsstücke an die Reise in die USA, wo sie die Welt der Trapper, Indianer und Bisons kennen- und lieben lernte.

Am 25. Mai 1899 verstarb Rosa Bonheur im Château de By, ihrer „Arche Noah“ im Wald von Fontainebleau. Bestattet wurde sie auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris neben ihrer Lebensgefährtin Nathalie Micas und deren Mutter, mit denen Rosa die ersten Jahre im Schloss von By verbracht hatte..

Grabbilder von Wolf Jöckel, aufgenommen am 12.8.2022

Später wurde dort auch Anna Klumpke bestattet. Passend dazu der Grabspruch:

À Rosa Bonheur. L’amitié est une affection divine / Die Freundschaft ist ein Geschenk der Götter

Praktische Informationen

Adresse :
12 Rue Rosa Bonheur, Thomery, 77810, France

Telefon:  +33 09 87 12 35 04

Ein Besuch des Schlosses ist nur im Rahmen von Führungen möglich.

Information über Öffnungszeiten und Reservierung:

https://www.chateau-rosa-bonheur.fr/informations-et-r%C3%A9servations

Die Führungen sind üblicherweise auf französisch, es werden aber auch Führungen in englischer Sprache angeboten: Nachfragen dazu:

contact@chateau-rosa-bonheur.fr

Es gibt auch einen kleinen, feinen Salon de Thé. Reservierungen dafür werden empfohlen.

Das Schloss erreicht man von Paris (gare de Lyon) mit dem Zug Linie R Richtung Montargis in 50 Minuten. Ausstieg Bahnhof Thomery. Dann gut 15 Minuten Fußweg durch den Wald.


Anmerkungen:

[1]  Fiona Magbaddam, Rosa Bonheur, une artiste de génie tombée dans l’oubli. France culture 16.3.2022

https://www.radiofrance.fr/franceculture/rosa-bonheur-une-artiste-de-genie-tombee-dans-l-oubli-6362270

[2] Patricia Bouchenot-Déchin stellt sie in ihrem Rosa Bonheur-Roman (J’ai l’énergie d‘une lionne dans un corps d’oiseau) als „égerie du féminisme“ vor. Le Monde verweist im Beitrag über die Retrospektive in Bordeaux auf die Vertreter/innen von gender studies und animal studies, die zum Umdenken in Sachen  Rosa Bonheur beigetragen hätten. Siehe:  Emmanuelle Lequeux, À Bordeaux, Rosa Bonheur et son arche de Noé. Au Musée des beaux-arts, une rétrospective témoigne du regain d’intérêt pour la peintre célébrée au XIXe siècle. Le Monde 11. August 2022

[2a] In einer Zusammenstellung der 12 „plus belles maisons d’artistes à visiter en France“, die am 10. August 2022 von Beaux Arts veröffentlicht wurde, ist das Château de By auch vertreten. https://www.beauxarts.com/lifestyle/tour-de-france-des-maisons-dartistes-a-visiter/

[3] Bild aus: https://www.musee-orsay.fr/fr/oeuvres/labourage-nivernais-68

[4] Alina Christin Meiwes, Die Tiermalerin Rosa Bonheur. Künstlerische Stragegien und kunsthistorische Einordnung im Kontext der Vermittlung. Baden-Baden 2020, S. 2

[5] Siehe: Joëlle Chevé, Rosa au Bonheur des dames  https://www.journalistes-patrimoine.org/wp-content/uploads/2020/07/HISTORIA-MAI-2020.pdf

[6] https://inventaire.iledefrance.fr/dossier/maison-atelier-de-rosa-bonheur/fbf55ec3-3529-43d3-b67d-ccd143115e72

[7] Gerard-Georges Lemaire (Texte) und Jean-Claude Amiel, Künstler und ihre Häuser. München: Knesebeck 2004, S. 86f

Florent Tesnier, Rosa Bonheur, Jules Saulnier et l’achat du domaine de By à Thomery (2017) https://amisderosabonheur.asso.fr/wp-content/uploads/2017/09/Article-2017-Achat-By-H04-1.pdf

[8] Lemaire/Amiel, S. 91

[9] Siehe dazu den Beitrag über die Schokoladenfabrik der Meniers in Noisiel- heute Sitz von Nestle France: https://paris-blog.org/2019/05/23/le-chocolat-menier-1-die-schokoladenfabrik-in-noisiel-an-der-marne-repraesentative-fabrikarchitektur-und-patriarchalischer-kapitalismus-im-19-jahrhundert/

[10] Künstler und ihre Häuser, S. 91

[11] Paroles d’artiste, S.30

[12] Zit. in Le Monde a.a.O. 11.8.22

[13] Rosa Bonheur. Paroles d’artiste. 2020, S. 6

[14] https://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/articles/la-famille-imperiale-et-rosa-bonheur/

[15]  https://www.legiondhonneur.fr/fr/decores/rosa-bonheur/133#:~:text=En%201894%2C%20sous%20la%20III,promue%20au%20grade%20d’officier

In Veröffentlichungen zu Rosa Bonheur gibt es zu diesen Auszeichnungen einige Ungereimtheiten.  In einer ansonsten schönen Würdigung Rosa Bonheurs durch die NZZ wird z.B. mitgeteilt, sie habe 1894 (!) von Kaiserin Eugénie das Kreuz der Ehrenlegion erhalten. Eine Kaiserin Eugénie gab es allerdings schon seit 1871 nicht mehr… https://www.nzz.ch/feuilleton/sie-ebnete-den-weg-fuer-das-dritte-geschlecht-rosa-bonheur-ld.1670891 An anderer Stelle wird Eugénie als Königin bezeichnet (Meiwes, Die Tiermalerin Rosa Bonheur, S. 2) oder es wird als Datum der Ernennung zum Offizier der Ehrenlegion das Jahr 1890 angegeben….  

[16] https://www.nzz.ch/feuilleton/sie-ebnete-den-weg-fuer-das-dritte-geschlecht-rosa-bonheur-ld.1670891

[17] Bild aus: https://www.chateau-rosa-bonheur.fr/fonds-de-dotation

[18] https://www.liberation.fr/arts/2020/07/24/anna-klumpke-le-dernier-bonheur-de-rosa_1795151/ Diesem Artikel ist auch das vorstehende Bild entnommen.

[19] https://www.legiondhonneur.fr/en/actualites/le-musee-celebre-rosa-bonheur/1912/2 

[20] https://www.nzz.ch/feuilleton/sie-ebnete-den-weg-fuer-das-dritte-geschlecht-rosa-bonheur-ld.1670891

[21] Bild aus: https://www.chateau-rosa-bonheur.fr/bicentenaire

Mit Odysseus im Labyrinth: Die Jahresausstellung 2022 der Stiftung Carmignac auf Porquerolles

Nach den beiden Ausstellungs – highlights 2019 und 2021, die schon Gegenstand dieses Blogs waren[1], präsentiert die Fondation Carmignac in diesem Jahr Le songe d’Ulysse  (Der Traum des Odysseus): Auch diesmal wieder eine grandiose Ausstellung, vielleicht sogar die eindrucksvollste dank der Einheit von Thema, Ort, Objekten und Form ihrer Präsentation .

Diesmal geht es um Odysseus, den Helden des Homer’schen Epos, der 10 Jahre vor Troja kämpfte und dann 10 Jahre auf dem Meer herumirrte, bis er schließlich wieder in seine Heimat Ithaka zu seiner Frau Penelope und seinem Sohn Menelaos zurückfand.

Porquerolles ist ein idealer Ort für eine solche Ausstellung: Das Licht, das Meer, die Bäume und die Grotten sind noch immer so wie zur Zeit des Homer. Und es geht die Sage, dass Odysseus auf seinen  Irrfahrten auch auf Porquerolles gewesen sei und die Insel  von dem Riesen Alycastre befreit habe. Der sei von Poseidon, dem Feind des Odysseus, geschickt worden.

Eine von Miquel Barceló geschaffene Skulptur des Ungeheuers empfängt den Besucher am Eingang der Villa  Carmignac.

Eintauchen in die Welt des Wassers

Wie schon bei der Jahresausstellung 2021 zum Thema La mer imaginaire ist das Wasser das vorherrschende Element der Ausstellung.  Denn auf dem Wasser irrte Odysseus umher und durchstreifte das Mittelmeer von Troia über die griechischen Inseln bis -vielleicht- Nordafrika, Italien und eben Porquerolles….  Wenn man wie üblich am Empfang der Villa seine Schuhe ausgezogen hat, geht man die Treppe hinunter und taucht auch schon ein in die faszinierende Welt des Wassers.[2]

Illustriert wird das Eintauchen durch eine Wandtapete, angefertigt nach dem Grabstein des Tauchers (480-470 v. Chr.) im Nationalmuseum von Paestum. Zur Unterwasserwelt der Ausstellung gehören auch zwei große Kunstwerke, die in der Villa  Carmignac  ihren festen Platz haben:

Da ist zunächst Bruce Naumanns One Hundred Fish Fountain (2005). Der Brunnen besteht aus 97 Bronze- Fischen. Es sind sieben verschiedene Arten vertreten, die Naumann in seiner Jugend selbst gefischt hat. Der Brunnen nimmt einen ganzen abgeschlossenen Raum ein: Ein wunderbares Erlebnis, wenn sich das Wasser aus den unzähligen kleinen Fischfontänen ins große Wasserbecken ergießt. Man kann sich auf eine der Bänke am Rand setzen oder einfach auf den Boden und zu- und in-sich hineinhören.

Das andere ist das große Unterwasser-Panorama von Miquel Barceló.

Der schrieb dazu:

Ich habe das große Bild so konzipiert, dass man sich wie in einem Aquarium voll mit diesen schrecklichen Tieren fühlt, diesen Riesen-Kraken und -Calamaren… Ich wollte das Gefühl vermitteln, von der Malerei umgeben zu sein – wie bei den Seerosenbildern von Monet, wie in einer Kapelle, aber mit einem bedrohlichen, ungeheuerlichen Aspekt.“[3]

Schiffbruch, Tod und Leben

Von dem Fische-Brunnen und den Riesen-Kraken und -Kalamaren ist es nicht weit zum zentralen Raum des Gebäudes mit einer -auch diesmal wieder-  spektakulären Installation, in der es -wie auch schon bei der Jahresausstellung von 2021- um Leben und Tod geht. Damals war es das riesige Skelett eines Wals, das aber Grundlage für neues Leben ist.

Diesmal ist es eine aus zerbrochenen Masten und heruntergerissenen Segeln zusammengesetzte Metapher eines Schiffbruchs – passend zu Odysseus, der „auf dem Meere so viel unnennbare Leiden erduldet“, wie es gleich am Anfang des Epos heißt.

Zu diese vielen Leiden gehörte auch der Schiffbruch: Nach dem Sieg über Troja gerät Odysseus in einen Sturm, und die Nymphe Kalypso nimmt den Schiffbrüchigen bei sich auf, verliebt sich in ihn und hält ihn sieben Jahre fest. Doch als sie ihn endlich auf Wunsch der Götter ziehen lässt, beginnt die Irrfahrt erst wirklich. Denn der Meeresgott Poseidon sinnt auf Rache für die Blendung seines Sohnes Polyphem, des einäugigen Riesen, der Odysseus und seine Gefährten in einer Höhle gefangen gehalten hatte und dabei war, alle zu verzehren…  Rache bedeutete für den Gott des Meeres, die Heimkehr des Odysseus nach Ithaka zu seiner Frau Penelope und seinem Sohn Menelaos  zu verhindern, also auch Schiffbruch…

Die Installation ist eine für diese Ausstellung konzipierte Koproduktion von Jorge Peris und der Fondation Carmignac:  heroes boca a bajo. Es ist ein Moment der Stille, das Schiff geht unter, die Segel fallen in sich zusammen, Rettung ist nicht mehr möglich. Das Gesicht der Helden blickt nach unten, in den Tod.  Aber der wird nicht siegen: Dafür sorgen die Sonne und die Wolken, die durch die Decke, ein Wasserbecken, ständig sich verändernde Spiegelungen auf den hellen Segeln bilden. Ein grandioses Schauspiel von flimmerndem Licht und Schatten. Sogar aus der Unterwelt, konfrontiert mit dem Tod, kehrt Odysseus unversehrt, ja gestärkt wieder ans Licht. Auch wenn er seine Gefährten auf seinen Irrfahrten verliert, er findet schließlich auch wieder den Weg zu Frau und Kind nach Ithaka.

Faszinierend ist es auch, wenn man -bei unserem Besuch stand gerade eine Tür offen- das Wasserschauspiel von oben beobachten kann.

Die Ausstellung als Labyrinth

Francesco Stocchi, der Kurator der Ausstellung, hatte die Idee, die Ausstellungsräume in ein Labyrinth zu verwandeln. Um den zentralen Raum herum ist eine Folge von engen Kabinetten mit Spiegelungen und Scheintreppen eingerichtet. Das ist äußerst raffiniert gemacht:  Nach dem Ausstellungsbesuch hatten wir uns am Ausgang mit Freunden verabredet und tauschten kurz unsere ersten Eindrücke aus. Und da stellten wir gemeinsam fest, dass allen das eine oder andere -für den einen oder die andere besonders Wichtige- entgangen war.  Also eine neue Runde im Labyrinth….

Durch die Wahl des Labyrinths als Leitidee der Ausstellungsarchitektur wird der Besucher ein wenig in die Situation des Odysseus versetzt. Es gibt keinen vorgezeichneten Weg, keinen Pfeil, der zum Ausgang weist. So muss jeder sich auf seine eigene Suche begeben, seinen eigenen Weg finden.

Das Labyrinth strukturiert aber nicht nur die Szenographie, sondern es ist auch direkt Gegenstand der Ausstellung.

Dieser geknüpfte Teppich von Marinus Boezem (Collection du Mobilier National, Paris), nimmt das Motiv des Labyrinths der Kathedrale von Chartres auf.[4] In ihm kann man sich nicht verlieren- es gibt nur einen Weg, den man nicht verfehlen kann, und der führt zu Gott.  Aber -wie es im Begleittext heißt: Es ist auch ein Weg der Meditation, der den Besucher „zu sich selbst führt“. Nur konsequent also, dass dieser Teppich im Eingangsbereich der Ausstellung angebracht ist, bevor der Besucher in das nachfolgende „Labyrinth“ eintritt… 

Aber daneben gibt es auch noch den Leinen-Stoff aus der peruanischen Nazca-Kultur, entstanden zwischen 80 vor Chr. und 50 nach Chr. Das Motiv erinnert auch an ein Labyrinth, aber in seiner Mitte lauert der Tod, eine Spinne.

Dies ist ein kleiner Ausschnitt einer Boje von Mark Bradford (The loop of deep waters 1, 2014). Die Oberfläche ist mit bemaltem Pappmaché und Reisverschlüssen neu gestaltet: Jahrhunderte-alte chinesische Wasserwege, die für Handel,  Austausch, Kolonisation und Eroberung genutzt wurden – so wie auch die Wasserstraßen im Mittelmeer, auf denen Odysseus bei seinen Irrfahrten unterwegs war.

Keith Haring (Untitled 1982) hat unter vielfältigen Einflüssen wie der steinzeitlichen Wandmalerei (la peinture rupestre) und den indianischen Kulturen Amerikas eine eigene „Iconographie sous forme de labyrinthe narratif“ entwickelt. Dazu gehören das christliche Kreuz als Ausdruck seiner Skepsis gegenüber den Religionen und die ägyptischen Hieroglyphen.

Penelope, die sehnsüchtig Wartende, Hoffende, Ärgerliche…

Gewissermaßen der Bezugsrahmen der 20 Jahre Krieg und Irrfahrten des Odysseus war seine Frau Penelope. Und mit zwei Arbeiten von Martial Raysse zu Penelope beginnt und endet auch die Ausstellung.

Martial Raysse, Faire et défaire Pénélope that’s the rule, 1966  (Fondation Carmignac)

Penelope wartet 20 Jahre lang treu auf ihren Gatten und glaubt fest an seine Rückkehr. Drei Jahre lang erwehrt sie sich ihrer aufdringlichen Freier. Sie gibt vor, erst ein  Totentuch für ihren Schwiegervater Laërtes weben zu müssen, bevor sei eine neue Ehe eingehen kann. Aber nachts trennt sie immer auf, was sie tagsüber gewebt hat. Die aus beweglichen Bruchstücken zusammengesetzte Arbeit von Martial Raysse bezieht sich auf diesen Prozess des Machens und des Rückgängig-Machens (faire et défaire).  

Man Ray, Objet indestructible (1965) 

Dieses Werk ist zusammengesetzt aus einem Metronom und dem darauf befestigten Bild eines Auges.  Man Ray setzte es ein, wenn er malte. Es war sein akustischer und rhythmische Begleiter und Beobachter. In seiner ursprünglichen Version hieß es Object à détruire. 1957 wurde das Objekt gestohlen und schließlich von Man Ray durch ein neues, reproduzierbares -und damit unzerstörbares- ersetzt. Das Metronom gibt zwar ein bestimmtes Tempo vor, aber das kann/muss man selbst wählen – und die Dauer ist unbegrenzt…

Man Rays unzerstörbares Objekt verweist auf die Dimension der Zeit: 10 Jahre kämpft Odysseus in Troja, 10 Jahre dauert seine Irrfahrt, bis er endlich zu sich und nach Hause gefunden hat: sehr lange also, gerade auch bezogen auf die damalige kürzere Lebenserwartung. Vielleicht darf man das als Botschaft an die Besucher verstehen, sich auf ihrem eigenen Weg Zeit zu nehmen und zu geben…

Tony Matelli, Weed  (2017) Dauerinstallation

Die äußersten Widrigkeiten zum Trotz sich behauptende Pflanze Tony Matellis und das nachfolgend abgebildete Bild von Roy Lichtenstein verstehe ich als Ausdruck von Hoffnung und Sehnsucht, die die Beziehung von Penelope zu ihrem verschollenen Mann geprägt hat.

Dieses Bild von Martial Raysse aus dem Jahr 1962 hat keinen Titel. Aber im Zusammenhang dieser Ausstellung bezieht es sich auf Penelope, es dient auch als Motiv für Katalog-Cover und Ausstellungspräsentation. Der nachdenkliche fragende Blick der jungen Frau passt gut zu Penelope. Oftmals wurde sie in ihren Hoffnungen enttäuscht, sie zieht sich zurück und träumt von ihrem abwesenden Gatten. Im Traum lebt sie die Sehnsucht nach Odysseus aus und hält sein Bild wach, wie es war, als er in den Troianischen Krieg aufbrach- und dabei wird sie selbst noch schöner und begehrenswerter.[5]

Den Abschluss der Ausstellung bildet ein weiteres Patchwork Bild von Martial Raysse, bei dem der Bezug zu Odysseus und Penelope ganz explizit ist:  Ulysses, why do you come so late poor fool? – eine immerhin doch etwas befremdliche Begrüßung des endlich zurückgekehrten und herbeigesehnten Gatten.

Aber sie passt doch auch zu dem kühl distanzierten, nahezu abweisenden Verhalten Penelopes im Epos: Immerhin kehrt Odysseus -von Athene perfekt als Bettler getarnt-  gealtert, mit Glatze und Runzeln zurück, und Penelope will und muss ganz sicher sein, dass sie es auch wirklich mit ihrem Mann zu tun hat. Und schließlich war Odysseus ja 20 Jahre verschollen und hatte sich/bzw. wurde 10 Jahre auf dem Meer herumgetrieben, und die eheliche Treue, die Penelope auszeichnete, galt dabei für ihn eher nicht ….  Da darf sie den armen Teufel durchaus fragen, warum er denn erst so spät kommt…

Wind und Wellen, die Sonne und die Sterne…

Winde und Wellen begleiten Odysseus auf seinen Irrfahrten, und heftige Stürme bringen ihn vom Weg in die Heimat ab und machen ihn zum Schiffbrüchigen.[6] In der Ausstellung wird auf sehr originelle Weise die Macht des Windes den Besuchern erfahrbar gemacht: Da ist ein Instrument in die Wand eingebaut, dem Anschein nach ein altes defektes Gebläse, das ab und zu und für einige Minuten einen starken Windstoß erzeugt, der die davor stehenden Besucher erfasst.

Micol Assaël, Senza Titolo (Dielettrico) 2002

Wie müssen da erst die Winde des zürnenden Meeresgottes Poseidon und die von Odysseus‘ Gefährten mutwillig freigelassenen fürchterlichen Stürme von Aiolos, dem Gott der Winde, gewesen sein. Das Werk soll uns aber auch die Gefahren unserer Umwelt bewusst machen, wie es in der  beigefügten Erläuterung heißt: Der historisch/literarische Bezug und die aktuelle Erfahrungsdimension sind in der Konzeption der Ausstellung immer präsent.

Eine außergewöhnliche Idee, die Macht der Winde anschaulich zu machen, ist hier zu sehen: Allessandro Piangiamore hat aus Erde, die er an verschiedenen Orten von Porquerolles gesammelt hat, kleine Formen hergestellt. Die hat er dann an exponierten Stellen der Insel wie dem Leuchtturm an der Spitze oder den Forts im Westen und Osten den winterlichen Winden der Insel ausgesetzt. So wurden sie von ihnen geformt, es sind Skulpturen der Winde. Und die  Farben -von ocker bis violett- stammen ebenfalls von verschiedenen Orten der Insel. (Alessandro Piangiamore, tutto il vento che c’é, 1021/22 und Il cacciatore  di polvere, 2022)  Eine Gemeinschaftsproduktion des Künstlers und der Stiftung Carmignac).

Hier ein spätes Werk von Roy Lichtenstein, eines Lieblingsmalers der Stiftung: Fishing Village, 1987. Eine farbige wilde, den geradezu explosiven Kräften der Natur ausgesetzte Landschaft.

Willem de Kooning, Untitled XLIII (1983)

Das Icarus-Thema, das in diesem Werk von Adger Covans thematisiert ist (Icarus 1970), verweist nicht nur auf die Macht der Elemente, sondern auch auf menschliche Grenzen. Die berücksichtigt Odysseus bei seinen Irrfahrten: So lässt er sich von seinen Gefährten am Mast seines Schiffes festbinden, um nicht dem Gesang der Sirenen zu erliegen…

Hier zwei Ausschnitte eines wunderbaren Sternenhimmels, den Miguel Rothschild aus kleinen Stecknadeln kreiert hat. Ich musste dabei unwillkürlich an den „bestirnten Himmel über uns“ denken, der Kants Gemüt „mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht“ erfüllte. Und für diese Bewunderung gibt es auch seit der Zeit Kants immer neuen Anlass. Es geht aber um mehr: Rothschild hat seine Arbeit mit einem berühmten Shakespeare-Zitat aus dem Drama „Julius Caesar“ überschrieben: The fault is not in our stars, but in ourselves that we are underlings.  Brutus möchte Cassius von der Notwendigkeit überzeugen, Caesar umzubringen, um die Republik zu retten. Da kommt dann Kants „moralische Gesetz in uns“ ins Spiel. Es geht hier also auch um die Grundlagen und Antriebe menschlichen Handelns und um Handlungsspielräume. Im Epos von Homer sind es wesentlich die Götter, die über das Schicksal des Odysseus entscheiden: Athena, Poseidon, letztendlich sogar das Götterkollegium auf dem Olymp mit Zeus als oberstem Richter. Aber selbst in diesem von der Götterwelt bestimmten Kosmos hat Odysseus Raum für eigenständiges Handeln…  

Verführerische, bedrohliche Frauen und andere Gefahren der Reise

Odysseus muss während seiner Reise äußerste Gefahren bestehen, wobei ihm die Götter helfen, aber auch seine Vorsicht, Tapferkeit und List. Da gibt es zunächst die beiden der Götterwelt zuzurechnenden Frauen, die sich in ihn verlieben und ihn bei sich behalten wollen.

Carol Rama, Dorina (1944)

7 Jahre lang wird er von der „schönlockigen Kalypso“ aufgehalten, die sich in ihn verliebt und nicht mehr gehen lassen will. Da muss erst Zeus ein Machtwort sprechen und der Meernymphe befehlen, ihren geliebten Gefangenen freizugeben.

Und dann ist es die Zauberin Circe, auf deren Insel es Odysseus und seine Männer verschlägt. Sie verwandelt die von Odysseus zur Erkundung vorausgeschickten Männer in Schweine. Der Götterbote Hermes versorgt den Helden aber mit einem Kraut, das das Gift der Circe unwirksam macht. Mit dem Schwert in der Hand erreicht Odysseus, dass Circe seine Gefährten wieder zurückverwandelt und  Circe verliebt sich in Odysseus: Zwei Frauen also mit großer Machtfülle, die eine sexuelle Beziehung zu dem Helden eingehen und sein Heimkommen gefährden… [7]   

John Baldessari, Raised Eyebrows/Furrowed Foreheads (Part three) Knife (with hands) 2009

Ein Jahr lang lässt es sich Odysseus bei Circe gut gehen, dann setzt er endlich auf Drängen seiner Gefährten seine Heimreise fort.

Und dann gibt es ja noch die verführerisch singenden und Tod bringenden Sirenen und das männermordende Monster Skylla mit dem Oberkörper einer jungen Frau….

Louise Bourgeois, femme couteau (Die Messerfrau), 2002[8]

In den für die Ausstellung ausgewählten Werken klingen diese Episoden an.  Da gibt es -anders als in der Ausstellung von 2019- keine makellose, jungfräuliche Botticelli’sche Venus, die der Muschel entsteigt … selbst Niki de Saint  Phalles Venus von Milo ist blutverschmiert:  Die „ambiguïté du désir“ ist, wie der Katalog bestätigt, ein zentrales Thema der Ausstellung…

Noch viele andere Gefahren bedrohen Odysseus. Am berühmtesten ist da wohl der einäugige Riese Polyphem, der Odysseus in seiner Höhle gefangen hält und viele seiner Gefährten verzehrt. Aber der listige Held ersinnt einen Ausweg, den Oliver Laric gestaltet hat.  (Ram With Human, 2021).

Die Gefahr und die Angst um sich und seine Gefährten sind ständige Begleiter des Odysseus auf seinen Irrfahrten. Mit dem Thema Angst beschäftigt sich auch das Bild von Rashid Johnson Anxious Red Painting August 19th.  Es ist entstanden 2020 während der ersten Coronavirus-Welle. Die Wiederholung und Intensität dieser roten Figuren verkörperten, so der Begleittext, „ein tiefes Gefühl physischer und psychischer Isolation“ und könnten so eine allgemeinere und zeitlosere Angst symbolisieren.

In diesem Bild klingt aber auch der Lebens- oder Schicksalsfaden an, der gerade in der antiken Mythologie und bei Homer eine zentrale Rolle spielt. In Friedrich Schillers Nachdichtung der „Turandot“ Carlo Gozzis ist das so formuliert:

Es führt das Schicksal an verborgnem Band
Den Menschen auf geheimnißvollen Pfaden,
Doch über ihm wacht eine Götterhand,
Und wunderbar entwirret sich der Faden.[9]

Das passt auch zu Odysseus. Bei Rashid Johnson allerdings mag man an eine wunderbare Entwirrung des Lebensfadens nicht so recht glauben.

 Und wie ist es bei den Bootsflüchtlingen?

Deren Schicksal und Odyseen hat William Kentridge 2017 eindrucksvoll thematisiert.

 Refugees (You Will find no Other Seas)

Vergangenheit und Gegenwart, das bestätigen diese Arbeiten noch einmal eindringlich, sind in der Jahresausstellung der Villa Carmignac immer präsent. Der Weg durch das Labyrinth des Odysseus  führt durch die antike Mythologie, aber er lädt auch dazu ein, sich auf eine ganz persönliche und ganz aktuelle Odyssee zu begeben.

Praktische Hinweise:

Dauer der Ausstellung bis 16. Oktober 2022

Die Ausstellung ist geöffnet von Dienstag bis Sonntag (montags geschlossen) von 10-18 Uhr. Letzer Kartenverkauf um 16 Uhr. Es werden auch Nocturnes angeboten, die aber nur für Besucher infrage kommen, die auf Porquerolles übernachten.

Es ist äußerst empfehlenswert, Eintrittskarten (Tag und Zeit) zu reservieren unter https://billetterie.villa-carmignac.com/

Zwischen der Presqu‘île de Giens/Tour Fondue und Porquerolles gibt es regelmäßige Fährverbindungen. Auch hier ist eine Reservierung von Tag und Uhrzeit der Hinfahrt dringend zu empfehlen unter https://www.resa-tlv.com/resinternet  Die Uhrzeit der mitgebuchten Rückfahrt ist nicht festgelegt.

Am Tour Fondue stehen hinreichend bezahlte Parkplätze zu Verfügung.  

Von der Anlegestelle zur Villa Carmignac sind es ca 30 Minuten Fußweg. Im Tourismus-Büro am Hafen liegt ein Plan des Ortes aus.

Literatur:

Le Songe d’Ulysse. Katalog der Ausstellung Villa Carmignac Porquerolles. Éditions Dilecta, Paris, 2022

Éditions Beaux Arts. La Fondation Carmignac. Île de Porquerolles.  Paris, 2019

Homer, Odysseus. In der Übersetzung von Wolfgang Schadewald. Rororo Taschenbuch 2008


Anmerkungen:

[1] https://paris-blog.org/2018/10/15/die-insel-porquerolles-natur-und-kunst/ und https://paris-blog.org/2021/08/01/la-mer-imaginaire-die-jahresausstellung-2021-in-der-villa-carmignac-auf-porquerolles/

[2] Die nachfolgend präsentierten Fotos wurden von Wolf und Frauke Jöckel während des Ausstellungsbesuchs aufgenommen. Es handelt sich dabei meist um Ausschnitte. Die vollständigen Exponate sind in dem hervorragenden Katalog zu sehen.

[3] Beaux Arts, La Fondation Carmignac

[4] Siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2016/04/08/das-labyrinth-von-chartres/

[5] Anton Bierl, Die Wiedererkennung von Odysseus und seiner treuen Gattin Penelope. Uni Basel 2018

[6] Es sind nicht nur die Winde des Poseidon, sondern auch die des Aiolos, des Gottes der Winde.  Der hatte Odysseus freundlich aufgenommen und ihm zum Abschied einen Schlauch geschenkt, in dem alle ungünstigen Winde  gefangen waren. Um sicher nach Hause zu kommen, durfte Odysseus diesen Schlauch auf keinen Fall öffnen. So segelten sie mit gutem Wind zehn Tage lang und konnten bereits die Küsten Ithakas, ihrer Heimat, in der Ferne erkennen. Doch da übermannte Odysseus, der bisher kein Auge geschlossen hatte, der Schlaf. Seine Gefährten hatten schon lange darüber gerätselt, was sich wohl in dem prall gefüllten Schlauch verbarg – vielleicht Schätze, die Odysseus aus Troia mitbrachte? Sie beschlossen, die Gelegenheit zu benutzen und den Schlauch zu öffnen. Kaum war dies geschehen, brachen alle Winde in fürchterlichem Sturm hervor und trieben das Schiff geradewegs von Ithaka weg.  http://www.latein.ch/goetter/odysseus/index.php?file=odysseus&item=3&sort=

[7] https://www.researchgate.net/publication/354650824_Der_Heros_und_die_starken_Frauen

[8] In der beigefügten Erläuterung wird allerdings der bedrohliche Eindruck des Werkes relativiert. Louise Bourgeois habe hier die familiäre Erfahrung der Restaurierung von Teppichen verarbeitet.

[9] https://www.friedrich-schiller-archiv.de/uebersetzungen/turandot-prinzessin-von-china-von-gozzi/vierter-aufzug-fuenfter-auftritt

Zeichnungen der Razzia des Vel d’Hiv von Cabu : Eine Ausstellung im Mémorial de la Shoah in Paris

Von dem, was am 16./17. Juli 1942 in Paris geschah, gibt es -mit Ausnahme eines erst 1990 von Serge Klarsfeld entdeckten Fotos- keine Bilder, nur Augenzeugenberichte. [1] Sowohl den deutschen Initiatoren als auch den französischen Exekutoren dieser größten Verhaftungsaktion von Juden in Westeuropa während des Zweiten Weltkriegs war daran gelegen, das Geschehen möglichst wenig publik zu machen. Umso bedeutsamer sind gerade deshalb die 16 Illustrationen, die der Zeichner Jean Cabut 1967 anfertigte. Jean Cabut,  eher bekannt als Karikaturist unter dem Pseudonym Cabu, war eines der 12 Opfer des islamistischen Anschlags auf die Zeitschrift Charlie Hebdo, deren Mitarbeiter er war:  So wurde er, dem es so eindrucksvoll mit seinen Zeichnungen gelang, die Barbarei anschaulich zu machen, schließlich selbst Opfer der Barbarei…  

Anlass der Zeichnungen war 1967 die Veröffentlichung des Buches von Claude Lévys und Paul Tillards „La grande rafle du Vel d’Hiv“. Beide Autoren hatten sich im kommunistischen Widerstand engagiert: Lévys Eltern wurden 1944 deportiert und in Auschwitz ermordet, Tillard war Häftling im Konzentrationslager Mauthausen. Dort entging er dem fast sicheren Tod ebenso knapp wie Lévy der Deportation. [2]  Lévy und Tillard, beide keine Historiker, waren mutig genug, das damals eher in Vergessenheit geratene bzw. verdrängte Geschehen von 1942 einem breiten Publikum bekannt zu machen. Da die meisten Archive noch nicht zugänglich waren, stützten sie sich vor allem auf Berichte von Zeitzeugen.

Das Buch schlug damals nach den Worten Claude Lévys wie eine Bombe ein, weil hier zum ersten Mal in großer Breite und Eindringlichkeit die Mitverantwortung der Regierung von Vichy und die Beteiligung der französischen Polizei an der großen Razzia dargestellt wurden. Auch die spektakuläre rote Banderole (Die Bartholomäusnacht der Juden von Paris) und das Vorwort des berühmten Reporters Joseph Kessel trugen zur öffentlichen Wahrnehmung des Buches bei.  De Gaulle sprach nach der Lektüre von einer „bouleversant témoignage“ und er bezeichnete die Razzia des Wintervelodroms als „une des pages les plus sinistres de l’histoire, de l’occupation et de la ‚collaboration‘“. [3]

Die Rechte, Teile des Buches vorab zu veröffentlichen, hatte sich die Wochenzeitschrift Le Nouveau Candide gesichert. Die stand politisch rechts, unterstützte General  de Gaulle und engagierte sich gegen „die Gefahren  der Homosexualität“ oder gegen „die Invasion der Schamlosigkeit“ (so in einem Aufmacher über den Minirock), verbunden allerdings mit -für  damalige Zeiten- durchaus  offenherzigen Titelbildern. Die Redaktion erkannte das publizistische Potential des Textes von Lévy und Tillard und veröffentlichte Auszüge des Buches in mehreren Folgen.

Hier das Titelblatt der ersten Folge vom 24. April 1967 mit einem Foto des 9-jährigen Alain Cohen, dem Helden des damals gerade anlaufenden Films Le Vieil Homme et l’Enfant – der Geschichte eines jüdischen Kindes, das während der Occupation auf dem Land versteckt und so gerettet wurde. Der Text kündigt einen Bericht an, der den Franzosen 25 Jahre lang vorenthalten worden sei – auch dies eine publikumswirksame, aber doch auch etwas problematische Feststellung: Einen Bericht, der der Öffentlichkeit hätte vorenthalten werden können, gab es damals ja nicht….

„Die Juden von Paris in der Falle“.

Das reißerische Bild mit Hakenkreuz und Schäferhund entsprach zwar sicherlich den Erwartungen der Leserschaft, aber nicht der Realität und auch nicht dem Text von Lévy und Tillard. Denn bei der großen Razzia waren keine Deutschen (mit oder ohne Hakenkreuzbinde) beteiligt und auch keine Schäferhunde…. Aber selbstverständlich waren es die deutschen „Endlösungs“- Fanatiker, die die Razzia „bestellten“ und für die nachfolgenden Deportationen und Morde verantwortlich sind. Das antisemitische Collaborations-Regime von Vichy hätte sich wohl von sich aus mit einer Ausweisung von ausländischen Juden und einer Ausgrenzung französischer Juden „begnügt“, ließ sich aber bereitwillig als Helfershelfer der deutschen Besatzungsmacht instrumentalisieren. [4] 

Cabu war seit 1964 regelmäßiger Mitarbeiter des Nouvel Candide – auch wenn er dessen Konzeption kaum teilte. Aber, wie seine zweite Frau Véronique Cabu feststellte: Er hatte eine Familie, „il fallait bien faire bouillir la marmite“.[5]

Cabu setzte sein ganzes außerordentliches Talent ein, um das Geschehen vom Juli 1942 anschaulich zu machen: Seine Illustrationen orientieren sich aufs Genaueste an den Szenen, die von Lévy und Tillard geschildert wurden. Und sie sind zentriert auf die Opfer, ihren Schmerz, ihre Angst, aber auch ihre Würde gegenüber der Unerbittlichkeit des Staats- und Vernichtungsapparats.

Nachfolgend werden einige der Zeichnungen Cabus präsentiert. Sie sind aufgenommen im Mémorial  de la Shoah. Allerdings handelt es sich nicht um Fotos der in Vitrinen ausgestellten Originale. Es wurde ausdrücklich darum gebeten, sie nicht zu fotografieren, was ich natürlich respektiert habe. Es handelt sich also um Fotos von an den Wänden des Ausstellungsraums präsentierten vergrößerten und mit Erläuterungen versehenen Kopien. Die jeweiligen Titel der Fotos sind dem Ausstellungskatalog entnommen, die Erläuterungen orientieren sich an den Erläuterungen Laurent Jolys in dem hervorragenden Katalog.

Aux portes des victimes/An den Türen der Opfer

Diese in der ersten Folge der Serie im Nouveau Candide vom 24. April 1967 veröffentlichte Zeichnung zeigt eine Szene vom Beginn der Razzia: Seit dem frühen Morgen des 16. Juli 1942 werden die zur Deportation bestimmten Juden aus ihren Betten geholt. Manchmal kehren die Verhaftungsteams unverrichteter Dinge wieder um, manchmal wird ein Schlosser geholt, um die Türen zu öffnen, manchmal werden sie auch eingetreten. Zahlreiche von der Verhaftung bedrohte Menschen waren vorgewarnt und nicht zu Hause, anderen gelingt in letzter Minute die Flucht wie dieser Familie, die sich mit dem kleinen Mädchen an der Hand des Vaters und dem Säugling in den Armen der Mutter auf das Dach retten konnte. Sie sind nun „Illegale“, werden gesucht wie Verbrecher, müssen sich verstecken. Viele von ihnen werden in den folgenden Wochen und Monaten gefasst und deportiert. Die imposante schwarze Fläche symbolisiert eindrucksvoll die Angst der Flüchtlinge und die Ungewissheit ihrer Zukunft.

Le Nouveau Candide Nr. 313 vom 24. April 1967

In einem Spalier von Polizisten werden die verhafteten Menschen abgeführt. Auffällig ist, dass hier -wie auch in allen anderen Illustrationen Cabus- mit einer einzigen Ausnahme-  nur die jüdischen  Opfer und die französischen Helfershelfer der Nazi-Verantwortlichen gezeigt werden. Kein Zuschauer oder zufälliger Passant ist da, der sich empört oder Empathie zeigt – allerdings auch niemand, der Beifall klatscht. Das Geschehen findet gewissermaßen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die Verhafteten und dann Deportierten sind einsam, allein gelassen. Aber Cabu unterstreicht damit auch die  kollektive Amnesie, die bis zur Publikation von Lévy und Tillard den Umgang mit diesem Staatsverbrechen prägte.

La petite fille/Das kleine Mädchen. Le Nouveau Candide Nr. 313 vom 24. April 1967

Mit dieser Zeichnung, die auch als Motiv für das Ausstellungsplakat dient, wollte Cabu sicherlich das Drama der Kinder anschaulich machen, deren Eltern bei der großen Razzia verhaftet wurden.

Konkret bezog sich Cabu dabei auf das Bild und das Schicksal der kleinen Lisa Fajnzylberg, die als 6-Jährige schon den Judenstern tragen musste. Ihre Mutter Ita wurde am 16. Juli 1942 verhaftet. Wigdor, der Vater, war Soldat im Krieg 1939/1940 gewesen, hatte dort ein Bein verloren und war mit mehreren Orden ausgezeichnet worden. Deshalb wurde er zunächst ausgespart. Kurz nach der großen Razzia ließ er sich mit seinen Orden und mit seinen beiden Kindern fotografieren und schickte das Foto an Marschall Pétain mit der Bitte, seine Frau freizugeben.

Das Gesuch wurde abgelehnt. Ita wurde am 23. September 1942 deportiert, Wigdor 18 Monate später. Die Kinder hatte er aber noch vorher auf dem Land unterbringen können. Was allerdings aus der kleinen Lisa geworden ist, weiß man nicht…

La petite fille/Das kleine Mädchen (Detail): Wie Schwerverbrecher werden verhaftete Juden aus dem Haus geholt.
Les centres  de rassemblement/Die Sammelstellen. Le Nouveau Candide Nr. 313 vom 24. April 1967

Diese Zeichnung veranschaulicht eine Szene in einer der Sammelstellen, in die die verhafteten Juden zunächst gebracht wurden. Solche Stellen gab es in jedem Arrondissement. Im 11. Arrondissement war das zum Beispiel die Sporthalle gymnase Japy. Sehr oft dienten aber auch die Polizeistationen, die es im Rathaus jedes Arrondissements gab, als Sammelstelle- so wie auf dieser Zeichnung Cabus. Der Polizist hat sich mit den Insignien seiner Macht vor den verhafteten Juden aufgebaut, die resigniert erwarten, was nun mit ihnen geschehen wird. Es sind „unerwünschte Ausländer“, die so schnell wie möglich entweder nach Drancy oder ins Vel d’Hiver überstellt werden sollen. Verständnis können sie in dieser Situation nicht erwarten: Über dem Tisch des hinter seinem Schreibtisch verschanzten Sekretärs hängt das Portrait des Marschalls Pétain, der der großen Razzia seinen politischen und moralischen „Segen“ gegeben hatte.

L’autobus/Der Bus Le Nouveau Candide Nr. 313 vom 24. April 1967

An den Sammelstellen warteten Busse der Compagnie du métropolitain, der Vorgängerin der heutigen RATP, auf die zur Internierung und Deportation bestimmten Menschen. Männer und Frauen ohne Kinder wurden nach Drancy  gefahren, der letzten Etappe vor der Deportation, Frauen und Familien mit Kindern ins Vel d’Hiv. Als Cabu diese Zeichnung anfertigte, konnte er noch nicht wissen, dass die „Busse der Schande“[6] einmal zum Symbol der großen Razzia werden würden. Denn erst 1990 entdeckte Serge Klarsfeld das einzige authentische Foto der Razzia, das aber 1942 der deutschen Zensur zum Opfer fiel. Da ist eine Reihe von Bussen vor dem Eingang des Vel d’Hiv geparkt und auf dem Gehsteig sind undeutlich einige der Verhafteten zu erkennen. Die Fenster der Busse sind offensichtlich zugehangen. Bei Cabu dagegen kann man -und soll man- ganz deutlich in das Innere des Busses sehen: Die dort zusammengepferchten Menschen sind individuell gezeichnet und ihre Gesichter drücken aus, was sie fühlen: Angst, Niedergeschlagenheit, Unverständnis, Resignation.

Cabus Kollege Riss, der den Anschlag auf Charlie Hebdo überlebte, hat in der Ausgabe der Zeitschrift vom 22. Juni 2022 die große Bedeutung der individuellen Zeichnung der Opfer durch Cabu herausgestellt: „Dessiner un épisode aussi violent impose au dessinateur de détailler chaque visage, chaque vêtement, chaque homme, chaque femme et chaque enfant. Un dessinateur paresseux se serait contenté de croquer une masse de silhouettes informes et, en le faisant, il ne se serait pas aperçu qu’il aurait poursuivi l’action des bourreaux en niant comme eux la singularité de chaque personne raflée. Cabu a parfaitement compris qu’il fallait au contraire dessiner chaque victime dans sa spécificité, avec son visage unique, sa robe, sa redingote et ses chaussures, chacune différente les unes des autres. Car ce jour-là, ce n’est pas une masse qui a été déportée pour être assassinée, mais un individu plus un individu plus un individu plus un individu plus un individu plus un individu plus un individu… Et à chaque fois, c’est une histoire unique au monde qui était détruite. Le soin pris par Cabu pour dessiner les visages de chaque victime était le seul moyen à sa disposition pour leur redonner leur place dans l’humanité. Celle-là même dont les bourreaux avaient voulu les déposséder.

Hier ein Detail des großen Panoramas der „Hölle des Wintervelodroms“, das im Nouveau Candide Nr. 314 vom 1. Mai 1967 veröffentlicht wurde. Mit wenigen Strichen hat Cabu die Situation im Vel d’Hiv getroffen, so wie sie von Lévy und Tillard beschrieben wurde. Alle Dabei -Gewesenen hätten übereinstimmend berichtet, dass die auf engstem Raum zusammengedrängten Opfer sich kaum hätten bewegen können. Da ist von hysterischen Schreien, von Ohnmachtsanfällen und Nervenzusammenbrüchen die Rede: Bei Cabu wird gerade ein schreiender, wild gestikulierender Mann von Polizisten mit Gewalt auf einer Bahre festgeschnallt.

Dies ist ein weiteres Detail der „Hölle des Wintervelodroms“ aus der Zeichnung Sur la piste/Auf der Rennbahn in Le Nouveau Candide Nr.315 vom 8. Mai 1967

L’épicerie en face du Vel d’Hiv/Der Lebensmittelladen gegenüber dem Wintervelodrom Le Nouveau Candide Nr. 314 vom 1. Mai 1967

Cabu veranschaulicht hier eine Szene vom Nachmittag des 16. Juli: Frauen drängen sich am Ausgang des Velodroms, weil sie keine Milch für ihre Kinder haben und kein Wasser. Die überforderten Polizisten wagen es nicht, ihre Waffen einzusetzen und geben schließlich dem Druck nach. In dem allgemeinen Tohuwabohu gelingt dem damals 14 – jährigen Lazare Pytkowicz die Flucht. Im Gegensatz zu seinen Eltern, seiner Schwester und den Frauen, die wieder zu ihren Kindern im Vel d’Hiv zurückkommen, überlebt er.  

L’évacuation du Vel d’Hiv: de la gare d’Austerlitz vers les camps du Loiret (19-22 juillet 1942)/ Die Räumung des Wintervelodroms: Vom gare d’Austerlitz zu den Lagern im Loiret (19.-22. Juli 1942) Le Nouveau Candide Nr. 314 vom 1. Mai 1967

Am Morgen des 19. Juli beginnt unter der Aufsicht der Gendarmerie und der städtischen Polizei der Abtransport der Opfer aus dem Vel d’Hiv in die Internierungslager Beaune-la-Rolande und Pithiviers im Loiret. Ein erster Konvoi mit etwa 1000 Opfern, überwiegend Frauen und Kindern, verlässt den Bahnhof  fahrplanmäßig um 8.15, der nächste um 11.05 Uhr. Die eigentlich für Tiere vorgesehenen Viehwagen müssen schnell und mit Nachdruck gefüllt werden.

Ein Bahnbediensteter blickt auf seine Uhr: Sein Interesse gilt ganz offensichtlich allein der pünktlichen Abfertigung der „Fracht“…

Le convoi parti de Drancy le 19 juillet 1942/Der Zugkonvoi aus Drancy vom 19. Juli 1942. Le Nouveau Candide Nr. 316 vom15. Mai 1967

Zur gleichen Zeit wird in Drancy, in das die Erwachsenen ohne Kinder eingeliefert worden waren, der erste Konvoi nach Auschwitz organisiert: Auch hier drängte die Zeit, weil auch Drancy von der Masse der zur Deportation bestimmten Menschen völlig überfordert war. Am Morgen des 19. Juli werden 879 Männer und 121 Frauen vom Bahnhof Le  Bourget-Drancy in den Tod gefahren.

Frauen aus dem Frauenblock des Lagers werfen den abgeführten Opfern noch ihre Brotrationen zu, wie Georges Wellers, ein Überlebender des Lagers, in seinem 1946 erschienenen Buch „De Drancy à Auschwitz“ berichtet. Der begleitende Polizist tut mit starrem Blick nur seine Pflicht, ist ungerührt und zeigt keinerlei Anteilnahme.

Le „convoi des femmes“: Pithiviers, le 3 août 1942/Der „Konvoi der Frauen“: Pithiviers, 3. August 1942. Le Nouveau Candide Nr. 316 vom15. Mai 1967

Mit dieser Zeichnung schließt Cabu seine Illustration des Textes von Lévy  und Tillard ab. In dem Lager von Pithiviers (und dem von Beaune-la-Rolande) waren die in der Razzia vom 16./17. Juli verhafteten Familien interniert: In Pithiviers Ende Juli 4700 Menschen, davon 2000 Kinder. In einem ersten Konvoi vom 31. Juli wurden vor allem Männer nach Auschwitz deportiert – die erste Trennung der Familien. Dann die allerschlimmste Trennung, die von Müttern und Kindern: Die Krematorien in Auschwitz sind noch nicht fertig, also fordern die Nazis zunächst nur erwachsene, arbeitsfähige Männer und Frauen an.

Die Kinder klammern sich an ihre Mütter, weinende und schreiende Kinder, auch gerade erst zweijährige sind darunter, werden von den Polizisten gewaltsam von ihren verzweifelten Müttern gerissen und zum Bahnhof von Pithiviers´gebracht. [7] 974 Frauen und Mädchen und 60 Männer werden in Viehwagen verladen. Dort stehen sie, im Schock über das Unfassbare. Nur vier Frauen und ein Mann dieses Konvois überleben die Fahrt und die Hölle von Auschwitz.

Eingestellt am 17. Juli 2022, dem 80. Jahrestag der rafle du Vel d’Hiv

Wolf Jöckel

Zum Weiterlesen:

Cabu, La Rafle du Vel d’Hiv. Dessins présentés par Laurent Joly. Katalog der Ausstellung. Éditions Tallandier 2022

Laurent Joly, La Rafle du Vel d’Hiv. Paris juillet 1942.  Paris: Éditions Grasset 2022. (Eine umfassende, auf intensiver Quellenarbeit beruhende Darstellung.

Claude Lévy/ PaulTillard, La Grande Rafle du Vel d’Hiv. Paris: Éditions Tallandier 2020

Wolf Jöckel,  Vor 80 Jahren: Die große Razzia des Wintervelodroms (Vel d’Hiv), die „Bartholomäusnacht der Pariser Juden“  https://paris-blog.org/2022/07/09/vor-80-jahren-die-grose-razzia-des-wintervelodroms-vel-dhiv/


Anmerkungen:

[1] Bei dem Foto auf dem Umschlag der Originalausgabe des Buches von Lévy und Tillard handelt es sich nicht um eine Aufnahme aus dem Wintervelodrom vom 16./17. Juli 1942, sondern um ein Foto vom August 1944, als Personen, die der Kollaboration mit den Nazis beschuldigt wurden, im Wintervelodrom interniert waren.

[2] Über seine  Erfahrungen berichtete Paul Tillard 1945 in „Mauthausen“. Zugänglich in: Paul Tillard, Le pain des temps maudits suivie de Mauthausen. Paris: Harmattan 1966

[3] zit. Joly, La Rafle du Vel d’Hiv,  S. 308

[4] Siehe Robert O. Paxton, La France de Vichy 1940-1944. Éditions du Seuil 1973, S. 172

[5]  Zitiert in: Frédéric Potet, La rafle du Vel d’Hiv vue à travers la plume de Cabu. Le Monde, 3./4. Juli 22, S. 27

[6] Siehe: Jean-Marie Dubois und Malka Marcovich,  Les bus de la honte. Éditions Tallandier, 2016

[7] Aus Anlass des 80. Jahrestages der Razzia des Wintervelodroms wurde der Bahnhof von Pithiviers am 17.Juli 2022 als Erinnerungsstätte eingeweiht. https://www.francetvinfo.fr/culture/patrimoine/histoire/l-ancienne-gare-de-pithiviers-devient-un-lieu-de-memoire-de-la-shoah_5251936.html Anwesend war auch Präsident Macron, der eine engagierte Rede gegen den Antisemitismus in Vergangenheit und Gegenwart hielt: https://www.leparisien.fr/politique/80-ans-de-la-rafle-du-vel-dhiv-a-pithiviers-macron-veut-poursuivre-le-combat-contre-lantisemitisme-15-07-2022- 

Vor 80 Jahren:  Die große Razzia des Wintervelodroms (Vel d’Hiv), die „Bartholomäusnacht der Pariser Juden“

Am 16./17. Juli 1942 wurden in Paris etwa 13 000 Juden – Männer, Frauen und Kinder-  in einer Nacht- und Nebelaktion in ihren Wohnungen verhaftet. Alleinstehende wurden in das Internierungslager Drancy nördlich von Paris gebracht.  Die Familien, insgesamt etwa 8000 Personen, davon über 4000 Kinder, wurden in einer Radrennbahn in der Nähe des Eiffelturms (dem Vel d’Hiv) interniert und dort mehrere Tage unter unsäglichen Bedingungen festgehalten. Danach wurden sie in zwei Internierungslager südlich von Paris verbracht, schließlich nach Auschwitz deportiert und -mit wenigen Ausnahmen- ermordet.[1]  

Diese groß angelegte Razzia, für die sich in Frankreich das Kürzel „Vel d‘ Hiv“ eingebürgert hat, ist ein schmerzhaftes Datum für Frankreich, „eine der dunkelsten Seiten unserer Geschichte“, wie es in einer Stellungnahme des Pariser Mémorial de la Shoah heißt.[2]

Dies aus mehreren Gründen:

  • Nirgendwo wurden zwischen 1941 und 1943 so viele Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns in so kurzer Zeit verhaftet wie im Juli 1942 in Paris.[3]
  • Die Initiative für diese Razzia kam von den Nazis. Durchgeführt wurde sie aber von französischen Behörden. Etwa 4500 französische Polizisten waren dabei im Einsatz. Kein einziger deutscher Soldat wurde dafür benötigt[4] , auch kein Gestapo- oder SS-Mann.   
  • Die Initiative allerdings, auch Kinder von 2 bis 16 Jahren zu verhaften und zu deportieren, kam von französischer Seite – ungeachtet dessen, dass fast alle dieser Kinder dank des droit de sol, des Geburtsortsprinzips, die französische Staatsbürgerschaft besaßen.
  • Bei der Durchführung der Razzia spielte das damalige Pariser Transportunternehmen STCRP eine wesentliche Rolle. Es stellte etwa 50 „Busse der Schande“ zur Verfügung – ein wesentlicher Grund dafür, dass nach dem Krieg der Name des öffentlichen Unternehmens in RATP verändert wurde.[5]
  • Eine unheilvolle Rolle bei der Deportation spielte auch die französische Staatsbahn. Sie transportierte die verhafteten Juden in die Internierungslager Beaune-la-Rolande und Pithiviers und von dort -auf dem Weg in die Todeslager- nach Drancy.[6]  

Anlässlich des 80. Jahrestages wird in Frankreich mit einer Fülle von Veranstaltungen, politischen Kundgebungen, Ausstellungen und Berichten an diese große Razzia, „ein französisches Verbrechen“,[7] erinnert.

Gegenstand dieses Beitrags ist die Vorstellung von zwei Orten, die bei der Razzia des Vel d‘Hiv eine wesentliche Rolle gespielt haben:

  • Das Gymnase Japy im 11. Arrondissement, als Beispiel für eines der „centres de rassemblement“,  in die die verhafteten Juden zunächst verbracht wurden.
  • Dann selbstverständlich das Wintervelodrom, das der Razzia vom 16./17. Juli 1942 seinen Namen gegeben hat.  

Zwei weitere Orte sollen in einem späteren Beitrag folgen:

  • Das Internierungslager Drancy, in das ein Teil der damals Verhafteten eingeliefert wurde und das als letzter Sammelpunkt für die Deportationen diente
  • Der Bahnhof von Bobigny, wo die Fahrt der Zugkonvois nach Auschwitz begann. Allein während des Jahres 1942 transportierten 42 Zugkonvois die meisten der im Juli in Paris verhafteten 13 000 Juden in die Vernichtungslager. Dazu kamen weitere 10 500 aus dem noch nicht von der Wehrmacht besetzten Südfrankreich, die den Nazis von der Kollaborationsregierung des Marschalls Pétain ausgeliefert wurden.[8]

  1. Das Gymnase Japy

Das Gymnase Japy ist eine Sporthalle im 11. Arrondissement. Gebaut wurde sie 1870 zunächst als Markthalle, diente aber auch als Versammlungsort.

Foto: Wolf Jöckel

Im Dezember 1899 trafen sich dort 800 Delegierte der verschiedenen sozialistischen Richtungen, um eine einheitliche sozialistische Partei zu gründen. Teilnehmer des Kongresses von Japy waren unter anderem Paul Lafargue, der Schwiegersohn von Karl Marx, Jean Jaurès, der am Vorabend des 1. Weltkriegs ermordete Pazifist und charismatische Führer der französischen Sozialisten, und  Aristide Briand, der spätere Ministerpräsident, Außenminister und -zusammen mit Gustav Stresemann- Motor der deutsch-französischen Verständigung in den 1920-er Jahren. Der Kongress von Japy war eine wichtige Etappe auf dem Weg zur Gründung einer einheitlichen sozialistischen Partei in Frankreich (SFIO).

Ausgerechnet dieser vom Geist des Humanismus und der Menschenrechte geprägte Ort spielte eine große Rolle im Prozess der Verfolgung und Vernichtung Pariser Juden.

Daran erinnern zwei große Tafeln, die neben dem Eingang angebracht sind.

Foto: Wolf Jöckel

Auf ihnen wird an drei Razzien erinnert: An die Razzia vom 14. Mai 1941 auf der einen Tafel, an die Razzien vom 20. August 1941 und vom 16. Juli 1942 auf der anderen, nachfolgend abgebildeten.

Zur Erinnerung an die Kinder, Frauen und Männer des 11. Arrondissements, die am 20. August 1941 sowie am 16. Juli 1942 hier zu Tausenden versammelt wurden. Ihr Bestimmungsort war das Vernichtungslager Auschwitz, weil sie Juden waren.[9] Foto: Wolf Jöckel

Die Razzia des Vel d’Hiv war also nicht die erste Razzia in Paris. Den Anfang machte die sogenannte Razzia „du billet vert“ vom 14. Mai 1941: Da wurden 6494 aus Österreich, der Tschechoslowakei, vor allem aber aus Polen stammende männliche Juden im Alter zwischen 18 und 40 Jahren, die in Frankreich Zuflucht gesucht hatten, „eingeladen“, sich zur Überprüfung ihrer Situation an  einem  angegebenen Ort, unter anderem dem Gymnase Japy, einzufinden.

Herr Pinkus Eizenberg wird aufgefordert, persönlich in Begleitung eines Mitglieds der Familie oder eines Freundes am 14. Mai 1941 um 7 Uhr vormittags im Gymnase 2, rue Japy zur Überprüfung seiner Situation zu erscheinen. Sie werden gebeten, ein Ausweispapier mitzubringen. Wer nicht zur angegebenen Zeit erscheint, hat mit strengsten Sanktionen zu rechnen.

Diese „Einladung“ bzw. Aufforderung war ein raffiniertes Täuschungsmanöver. Denn es ging nicht um Überprüfung, sondern Verhaftung.  Und die Begleiter waren dazu bestimmt, Koffer mit Habseligkeiten für die im Gymnase Japy Festgehaltenen herbeizuschaffen. Schwerpunkt der Aktion waren das 11. und das  20. Arrondissement  mit ca. 600 bzw. 550 verhafteten ausländischen oder staatenlosen Juden, während das Viertel der alteingesessenen französischen Juden im Marais mit unter 300 verhafteten Juden eher weniger betroffen war.[10] Die insgesamt etwa 3700 verhafteten Juden wurden in den Lagern Pithiviers oder Beaune-la-Rolande in der sogenannten  „freien  Zone“ Frankreichs interniert, die meisten ein Jahr später deportiert und ermordet. 

Der Protest gegen diese erste Judenrazzia war selbst von Seiten der jüdischen Gemeinde eher verhalten: Sie betraf ja „nur“ „indésirables“, unerwünschte Personen, wie es in der damaligen Terminologie hieß. Und es ging offiziell um einen „Arbeitseinsatz“ der Verhafteten.   In der Bevölkerung wurde, jedenfalls nach einem Stimmungsbericht der Pariser Préfecture de Police, höchstens kritisiert, dass jetzt Frankreich für die Frauen und Kinder der internierten Juden aufkommen müsse. Da hätte man doch besser gleich alle internieren sollen „ohne Rücksicht auf Alter oder Geschlecht.“ [11]

Die Razzia vom 20. August 1941 betraf ausschließlich das 11. Arrondissement, wo besonders viele nach Frankreich emigrierte Juden lebten. Das Viertel wurde mitsamt seiner Metrostationen abgeriegelt, die Passanten wurden kontrolliert, Polizisten suchten Juden in ihren Wohnungen. 3000 der 5800 gesuchten Juden wurden aufgespürt,  zunächst in das neu eingerichtete Lager Drancy im nördlichen Umland von Paris gebracht und später ebenfalls deportiert und ermordet. Etwa 1500 von ihnen waren zwar „naturalisiert“, hatten also die französische Staatsangehörigkeit erhalten. Ihre Verhaftung und Deportation verstieß damit gegen den mit Hitler-Deutschland abgeschlossenen Waffenstillstandsvertrag, aber das kümmerte das Regime von Vichy nicht.[12]

Am 16./17. Juli 1942 folgte dann „la rafle monstre“, die Vel d’Hiv-Razzia,  die größte aller Razzien. Auch hier wieder spielte das Gymnase Japy eine entscheidende Rolle als ein erster Sammelpunkt (centre de rassemblement). Bevor nämlich die festgenommenen Juden -diesmal Männer, Frauen und Kinder- entweder nach Drancy oder ins Vel d’Hiv transportiert wurden, fand hier eine Selektion (tri) statt: Grundlage der Razzia war eine Volkszählung von 1940, bei der Informationen über die Juden erfasst wurden. Die auf dieser Grundlage erstellte Liste der zu verhaftenden Juden enthielt allerdings keine speziellen Angaben, die mögliche Ausnahmen von einer Verhaftung betrafen. Dazu gehörten beispielsweise Personen mit nichtjüdischem Ehepartner oder einer offiziellen Anerkennung als Mitglied des französischen Judentums durch die „Union générale des Israélites de France“. Ebenso wurden Frauen mit Kindern unter zwei Jahren oder am Ende ihrer Schwangerschaft  -zunächst- von weiterer Verfolgung verschont. Dies galt auch für Frauen, deren Mann Kriegsgefangener war.[13]

Entsprechende Angaben mussten natürlich oft aufwändig überprüft werden, sodass die Prozedur in den centres de rassemblement wie dem Gymnase Japy sich entsprechend hinzog und eine chaotische, explosive Atmosphäre herrschte. Zumal es hier ganz offensichtlich noch eine letzte Möglichkeit gab, dem zu erwartenden schlimmen Schicksal zu entgehen oder es zumindest den Kindern zu ersparen. So entschied beispielsweise der Verantwortliche im Gymnase Japy, drei kleine Kinder gehen zu lassen, die von der nicht verhafteten Großmutter betreut werden konnten. Der 17-jährige Bruder allerdings musste bleiben, obwohl er französischer Staatsbürger war…  Viele Kinder weinten, Mütter rissen sich die an sie klammernden Kinder vom Leib, um sie wenigstens zu retten. Und dann warteten draußen die Busse, die die Familien bzw. Frauen mit Kindern ins Vel d’Hiv brachten, die anderen in das Lager Drancy. Und schließlich wartete auf alle der Tod in den Gaskammern von Auschwitz.

Bilder davon gibt es nicht. Immerhin hat aber ein deutscher Soldat, Mitglied der Propaganda-Kompanie der Wehrmacht, Fotos von der Razzia des billet vert gemacht, die kürzlich entdeckt wurden und Grundlage einer Ausstellung an den Wänden des Gymnase Japy zum 80. Jahrestag dieser Razzia waren.

Fotos: Wolf Jöckel
Le Gymnase Japy: Ort der Verhaftung          Die Trennung der Familien
Transport der Verhafteten zum Gare d’Austerlitz. Foto: Wolf Jöckel
Am gare d’Austerlitz:  rechts Theodor Dannecker, Leiter des Judenreferats der SD-Dienststelle in Paris,  der Initiator der Razzia. ©Mémorial de la Shoah

Am Tag danach: Die verhafteten Juden wurden in den Lagern Pithiviers oder Beaune-la-Rolande von französischen Gendarmen bewacht.

©Mémorial de la Shoah

Solche Bilder waren in Frankreich lange tabu, wofür der Umgang mit Alain Resnais 1956 entstandenem dokumentarischen Kurzfilm „Nuit et Brouillard“ (Nacht und Nebel) über die Schrecken der Judenvernichtung ein anschauliches Beispiel ist. Der Film wurde für das Festival von Cannes 1956 ausgewählt, fiel dann aber der Zensur zum Opfer: Die Mütze eines französischen Gendarmen in einem der von Vichy eingerichteten Internierungslager musste wegretuschiert werden, was allerdings nicht ausreichte: Auf Druck der deutschen Botschaft in Paris und des französischen Außenministeriums wurde der Film aus dem offiziellen Programm der Filmfestspiele entfernt und konnte nur inoffiziell am Rande gezeigt werden– selbst dort übrigens ohne képi.  Die Originalversion ist erst seit den 1990-er Jahren wieder zu sehen.[14]

2. Das Wintervelodrom/ Vel d’Hiv, der zentrale Ort der „rafle monstre“

Das Wintervelodrom wurde Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut für Radrennen, vor allem die populären 6-Tage-Rennen von Paris, danach umgebaut zu einem Palais des Sports. 1959 wurde es abgerissen. Auf dem Platz, wo es einmal stand, erinnert heute ein Mahnmal an die „Opfer der rassistischen und antisemitischen Verfolgungen und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die unter der De-facto-Autorität der sogenannten ‚Regierung des État français‘ von 1940-1944 begangen wurden.“  

Das Denkmal auf der Place des Martyrs Juifs du Vélodrome d’Hiver, Quai de Grenelle, 15. Arrondissement. Die gewölbte Bodenplatte erinnert an die Piste der Radrennbahn. Fotos: Wolf Jöckel

Die große Razzia des Vel d’Hiv wurde minutiös vorbereitet. Vorgegeben wurde von dem Vertreter Himmlers in Paris, dem SS-General Carl Oberg, das Ziel von 40 000 zu verhaftenden Juden im arbeitsfähigen Alter. Der französische Regierungschef hatte dagegen keine Einwendungen. Wenn Frankreich von unerwünschten ausländischen Juden befreit werde, habe das nur Vorteile.[15] Außerdem war Vichy gerade damals an einer engen Zusammenarbeit mit Nazi-Deutschland interessiert: Im Sommer 1942 feierte die Wehrmacht in Nordafrika und an der Ostfront ihre letzten großen Siege und die Regierung des État français wollte sich mit dem voraussichtlichen Sieger zum eigenen Vorteil arrangieren. So war es ganz in ihrem Sinne, die volle Verantwortung für die konkrete Vorbereitung und Durchführung der Razzia  zu übernehmen und ebenso für  die Auswahl der zu Verhaftenden: Juden aus Polen, der Sowjetunion, Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei, für Laval „Abfall“ (déchets), den die Deutschen selbst in Frankreich abgeladen hätten. Federführend waren dabei René Bousquet, Chef der französischen Polizei, und Louis Darquier de Pellepoix, Vorsitzender des Generalkommissariats für Judenfragen unter dem Vichy-Regime. Auch von deutscher Seite war das französische Engagement höchst willkommen, weil die deutsche militärische und administrative Präsenz in Frankreich  damals aufgrund der Anforderungen des Krieges im Osten relativ gering war.

Entschieden wurde, die zu Verhaftenden nicht mehr zu einer angeblichen Überprüfung der Personalien „einzuladen“ wie bei der Razzia des billet vert.  Auf ein solches Täuschungsmanöver wäre 1942 wohl kaum noch jemand hereingefallen. Stattdessen wurden die zur Deportation bestimmten Menschen bei „Nacht und Nebel“ in ihren Wohnungen aufgesucht und festgenommen, und zwar von jeweils 2 Polizeibeamten, einem in Uniform und einem in Zivilkleidung. Die beiden sollten sich nicht kennen, um so zu verhindern, dass unter Umständen die Aktion im stillschweigenden Einverständnis miteinander vertrauter Kollegen unterlaufen werden könnte. Denn dass die Mission nicht einfach werden würde, war auch der Polizeiführung klar: Diesmal sollten ja nicht nur Männer verhaftet werden -von denen viele schon längst seit den Razzien das Jahres 1941 interniert waren-  sondern auch Frauen und Kinder. Jedes Polizei-Tandem erhielt eine Liste mit Adressen, die sie aufzusuchen, und mit den entsprechenden Namen von Juden, die sie zu verhaften und zu einem ersten Sammelpunkt zu bringen hatten, zum Beispiel wieder das Gymnase Japy.  Zur Deportation bestimmte Einzelpersonen wurden dort eingeteilt für einen Weitertransport mit Bussen in das Lager Drancy, Frauen bzw. Familien mit Kindern ins Wintervelodrom.

So bürokratisch penibel die Aktion vorbereitet worden war, die Unterbringung von mehreren tausend Menschen im Wintervelodrom über einen Zeitraum von sechs Tagen war völlig unorganisiert.  Im Inneren des Vel d’Hiv war die Glasabdeckung abgedichtet und blau gestrichen worden, um den Verdunkelungsvorschriften zu entsprechen, wodurch die Temperaturen in der Sommerhitze rasch anstiegen. Tausende von Menschen waren dicht gedrängt in der Halle zusammengepfercht, saßen auf den Tribünenplätzen oder eng an eng auf den Betonstufen.  Für Verpflegung und Schlafmöglichkeiten war nicht gesorgt.  Am schlimmsten waren aber nach übereinstimmenden Angaben von Überlebenden die sanitären Einrichtungen. Ein großer Teil der Toiletten war abgeriegelt, weil sie Fenster zur Straße hin hatten. Die Wartezeit für eine der viel zu wenigen Toiletten betrug eine bis über zwei Stunden. Nach kurzer Zeit aber funktionierten sie überhaupt nicht mehr, die Wasserversorgung brach zusammen. Da den Gefangenen außer dem Roten Kreuz und den Quäkern niemand Nahrung und Wasser zur Verfügung stellte, verschlechterten sich die Lebensbedingungen im Inneren rasch. Die Gefahr von Seuchen war erheblich, zumal auch viele Menschen mit ansteckenden Krankheiten eingeliefert waren und eine medizinische Versorgung ebenfalls völlig unzureichend war: „Ein Schauspiel menschlichen Elends“, wie Robert O. Paxton in seinem Buch über das Frankreich von Vichy schrieb.[16]

© Mémorial de la Shoah / coll. BHVP[17]

Bilder dieses „Hölle der Pariser Juden“[18] gibt es nicht. Weder die deutschen Initiatoren noch die französischen Exekutoren der Razzia hatten ein Interesse daran, entsprechende Bilder zu verbreiten.

Es existiert nur dieses eine, 1990 zufällig von Serge Klarsfeld entdeckte Foto. Es zeigt, vermutlich am Nachmittag des 16. Juli 1942 aufgenommen, mehrere Busse mit abgedeckten Fenstern, die gerade Juden zum Vel d’Hiv gebracht haben. Der Name Vel d’Hiv ist auf der Glasfront über dem Eingang zu erkennen. Das Foto war bestimmt für eine Veröffentlichung in der Collaborations-Zeitung Paris-Midi, mit folgender Erläuterung:

Gestern wurden am frühen Vormittag ausländische Juden aufgefordert, in bereitstehende Autobusse zu steigen, die sie zu einem neuen Bestimmungsort brachten: der Arbeit zweifellos…..

Auf der Rückseite ist von der deutschen Zensur vermerkt , dass das Foto nicht veröffentlicht werden darf: Gesperrt/interdiction

Es gibt aber Bilder, die der 2015 bei dem islamistischen Terroranschlag auf die Zeitschrift Charlie Hebdo ermordete Zeichner Cabu 1967 zur Illustration des Textes von Claude Lévy und Paul Tillard angefertigt hat. Sie werden derzeit (bis zum 7. November 2022) im Mémorial  de la Shoah in Paris  gezeigt.[19]

Ausschnitt einer Zeichnung von Cabu. Foto Wolf Jöckel

Und es gibt Augenzeugenberichte der wenigen Überlebenden und Briefe und Nachrichten, die aus dem Vel d’Hiv oder den Lagern an die Außenwelt gelangten.[20]

Nachfolgend möchte ich Annette Muller, „la petite fille du Vel d’Hiv“,  zu Wort kommen lassen, die nach dem Krieg ihre Lebensgeschichte veröffentlicht hat.  Ihre Eltern stammten aus Galizien und waren auf der Suche  nach einem besseren Leben 1929 nach Frankreich emigriert. Vier Kinder wurden dort geboren, Henri, Jean, Annette und Michel, alle französische Staatsbürger. Die Mutter und die Kinder werden am 16. Juli verhaftet. Da es Gerüchte von einem bevorstehenden „grande rafle“ gab, hatte sich der Vater in Sicherheit gebracht. Rachel, die Mutter, hatte versucht,  auch die Kinder in Sicherheit zu bringen, aber vergeblich. Auch die Concierge lehnte es ab, die Kinder für eine Nacht bei sich aufzunehmen. Am Tag nach der Razzia plünderte sie die Wohnung der Mullers und ließ nichts übrig; außer einem Foto, aufgenommen 1940 von einem deutschen Soldaten, der sich damals mit der Familie, vor allem dem kleinen Michel, angefreundet hatte.[21]

© Radio France – Archive familiale[22]

In der Nacht vom 16. auf den 17. Juli werden Mutter und Kinder verhaftet.

„Plötzlich hörte ich fürchterliche Schläge gegen die Tür. Mit klopfendem Herzen standen wir auf. Das Hämmern erschütterte die Tür und hallte durch das Haus. Es traf mich hart in meinem Herzen, in meinem Kopf. Ich zitterte am ganzen Körper. Zwei Männer traten in das Zimmer, groß, mit beigen Mänteln. ‚Beeilt Euch, zieht Euch an‘, befahlen sie. ‚Wir nehmen Euch mit‘. Plötzlich sah ich, wie meine Mutter sich auf die Knie warf, die Beine der beigen Männer umklammerte, schluchzte, flehte. ‚Nehmen Sie mich mit, aber ich bitte Sie, nehmen Sie nicht meine Kinder.‘  Sie stießen sie mit den Füßen weg. Ich betrachtete meine Mutter. Ich schämte mich. Meine Mutter! So schön, so groß, so stark. Meine Mutter, die sang und lachte, und nun lag sie auf dem Boden, weinend und die beigen Männer anflehend….“

Für Annette tut sich dann ganz unerwartet eine Möglichkeit zur Flucht auf: Die Mutter besteht darauf, sie noch zu kämmen. Aber es findet sich kein Kamm. Da bietet einer der Polizisten an, Annette könne ja nebenan im Kurzwarenladen einen Kamm kaufen. „Er sah mir fest in die Augen: ‚Du kommst aber sofort wieder zurück‘“. Annette geht auf die Straße, sieht die Juden,  die abgeführt werden. „Leute an den Fenstern sahen zu, einige klatschten laut Beifall. Die alte Ladenbesitzerin forderte mich auf, mich zu retten. ‚Geh nicht zurück nach Hause.‘ Aber wohin sollte ich gehen. Ich bezahlte, nahm meinen Kamm und rannte zurück zu meiner Mutter und meinen Brüdern.“

Im „centre de tri“ des Viertels, dem Bellevilloise, gelingt es der Mutter, die beiden älteren Söhne einer Nachbarin anzuvertrauen, die als Frau eines Kriegsgefangenen unter die Ausnahmeregelung fällt und die die beiden Buben als ihre Kinder ausgibt.[23]

Danach werden Rachel, Annette und Michel  mit einem Autobus in das Vel d’Hiv gebracht. Die ersten Eindrücke der Kinder: Michel ist beeindruckt von dem Eiffelturm, den er bisher nur von Ménilmontant aus ganz klein gesehen hatte. „Je l’avais jamais vue aussi grande, c’était immense“. Und Annette findet, dass der Eingang zum Vel d’Hiv dem des Cirque d’Hiver ähnelt, wo sie ein Jahr zuvor mit ihrer Mutter Schneewittchen und die sieben Zwerge gesehen hatte…

Dann innen:

„Wir waren auf den Stufen untergekommen, dicht an dicht mit anderen Leuten, den Kopf auf die Kleiderbündel oder Koffer gestützt. Unten, bei den Kabinen, sah man wild gestikulierende Menschen. Man hörte ein Stimmengewirr … und sah das ununterbrochene,  chaotische Hin und Her der Menschenmassen auf den Stufen. Und mitten in diesem Lärm wurden den ganzen Tag mit Lautsprechern Namen gerufen. Man sagte, das würde die bevorstehende Freilassung bedeuten. ‚Wir sind Franzosen, man kann uns nicht hier behalten‘, und sie waren voller Hoffnung, den Hals zu den ohrenbetäubenden Lautsprechern gereckt.“ …

 „Michel und ich wollten zu den Toiletten gehen. Aber es war unmöglich hinzukommen und wir mussten uns, wie die anderen auch, da erleichtern, wo wir waren. Alles war voll mit Pisse und Scheiße. Ich hatte Kopfweh, alles drehte sich, die Schreie, die grellen herunterhängenden Lampen, die Lautsprecher, der Gestank, die erdrückende Hitze.“ ….

„Es gab nichts mehr zu essen und zu trinken. Eines Tages kamen Frauen mit einem blauen Schleier um den Kopf und verteilten Essen. Inmitten von Schreien und de la bousculade gab man uns eine Madeleine und eine Sardine in Tomatensoße. Ich knabberte an der gewölbten Spitze der Madeleine und ließ die zuckerhaltigen Krümel langsam in meinem Mund zergehen. Ich aß die Sardine, indem ich zuerst die Tomatensoße ableckte. Das war wunderbar. Ich kann mich nicht daran erinnern, etwas anderes im Vel d’Hiv gegessen zu haben. Nichts anderes. Danach hatten wir großen Durst. Die Lippen und die Zunge waren ausgetrocknet, aber es gab nichts zu trinken.“

Immerhin gab es einige Feuerwehrleute, die Mitleid mit den Eingeschlossenen hatten, und sie mit ihren Spritzen abkühlten und mit Wasser versorgten.

Schließlich wird Annette Muller mit ihrer Mutter und ihrem Bruder in das Internierungslager Beaune-la-Rolande gebracht. Ihrem Vater gelingt es, mit Geld und guten Beziehungen die Befreiung Annettes und ihres Bruders zu erwirken, die dann von Ordensschwestern in Sicherheit gebracht und geschützt werden. Sie gehören zu den wenigen Kindern, die die Hölle des Vel d’Hiv und der Lager überlebt haben.

Heute erinnert eine Gedenktafel am Haus rue de l’avenir Nummer 3 im 20. Arrondissement an Rachel Muller und ihre vier Kinder, die am 16. Juli 1942 von der französischen Polizei verhaftet wurden. Für Rachel Muller führte die „Straße der Zukunft“ in den Tod: Sie wurde von ihren Kindern getrennt, deportiert und in Auschwitz ermordet.[24]

Trotz der intensiven Vorbereitung und engmaschigen  Durchführung war die Razzia des Veld d’Hiv nicht so „erfolgreich“, wie es die deutschen Initiatoren und ihre französischen Handlanger erwartet hatten.[25] Insgesamt wurden nach offiziellen Angaben 12 884 Personen verhaftet: 8 833 Personen über 16 Jahre (5 802 männlich, 3031 weiblich), dazu 4051 Kinder. Die „Erfolgsquote“ der Operation betrug damit etwa ein Drittel bezogen auf die Ziele.[26] (Kaum vorstellbar, wie die ohnehin schon katastrophalen Bedingungen im Vel d’Hiv gewesen wären, hätte man so viele Menschen wie geplant verhaftet und dort eingeschlossen!).  Dass immerhin etwa zwei Drittel der zur Verhaftung vorgesehenen Juden ihrem vorgesehenen Schicksal (jedenfalls vorerst) entgehen konnten, hat wohl ganz vielfältige Gründe: Vor allem führte die große Zahl der bei der Aktion involvierten Personen dazu, dass da und dort auch gezielt Informationen weitergegeben wurden [26a] oder Gerüchte durchsickerten. Das kann auch eine Erklärung dafür sein, dass weniger Männer gefasst wurden als Frauen -abgesehen davon, dass viele Männer ja schon bei den Razzien von 1941 verhaftet worden waren: Dass diesmal auch Frauen  und Kinder betroffen sein könnten, konnten sich die meisten wohl nicht vorstellen. Eine wichtige Rolle spielte auch das unterschiedliche Engagement der Polizei-Tandems. Da gab es besonders ehrgeizige und von ihrer Mission überzeugte, aber auch andere, die mal „ein Auge zudrückten“.  Die konnten zwar auch nicht am Ende „mit leeren Händen“ vor ihren Vorgesetzten erscheinen; wenn sie aber schon einige Verhaftungen vorgenommen hatten, gab es einen gewissen Spielraum für Menschlichkeit.

Die fanatischen Agenten der „Endlösung“ konnten sich mit dem für sie enttäuschenden Ergebnis natürlich nicht zufriedengeben: Nach dem 16. Juli gab es deshalb noch 15 weitere Verhaftungsaktionen der Pariser Polizei, die letzte am 3./4. Februar 1944. Da wurden dann auch in kriegswichtigen Betrieben arbeitende Juden nicht mehr ausgespart. Am 31. Juli 1944, fast 8 Wochen nach der Landung der Alliierten in der Normandie, verließ der letzte große Konvoi nach Auschwitz, der 77., den Bahnhof von Bobigny: Da hatte die Exekution der „Endlösung“  Vorrang vor dem schon längst illusionären Glauben an den „Endsieg“.

Die Razzia des Vel d’Hiv und der schwierige Umgang mit der französischen Verantwortung

Frankreich hat sich allerdings sehr schwer getan mit diesem „Symbol des Dramas der Juden während der Besatzung“. „Il a pendant longtemps été tenu à l’écart du récit national“, wie die Zeitung La Croix anlässlich des 80. Jahrestages schreibt.[27]. Vor allem wegen der entscheidenden Rolle der französischen Polizei und wegen der auf französische Initiative zurückgehenden Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen, gewissermaßen einem  Akt vorauseilenden Gehorsams. Die Nazis hatten ja  zunächst gefordert, dass Männer und Frauen im arbeitsfähigen Alter verhaftet werden  sollten. Die französische Regierung war aber daran interessiert, dass auch die Kinder der zu Verhaftenden einbezogen  werden sollten. Der Pariser Juden-Jäger Theodor Dannecker fasste die Position des Vichy-Regierungschefs Laval in den schrecklichen Worten „Les enfants aussi“ (Auch die Kinder!) zusammen. Auf dieser Linie lag auch der berüchtigte Satz des Schriftstellers Robert Brasillach vom Juli 1942: «Débarrassez-nous des juifs en bloc, et surtout n’oubliez pas les petits». (Schafft uns die Juden vom Hals, ausnahmslos, und vor allem vergesst nicht die Kleinen).

Die französische Regierung und auch die Polizei als die Exekutanten der Razzia sahen viele Vorteile in der Einbeziehung von Kindern:

  • Auf diese Weise erhöhten sich die Chancen, die Bilanz der Razzia zu „verbessern“ und den deutschen Vorgaben von 40 000 zu verhaftenden Juden näher zu kommen.
  • Der Chef der Vichy-Polizei, René Bousquet, wollte unbedingt einen kirchlichen Protest vermeiden. Er versprach deshalb dem Pariser Erzbischof und Vichy-Sympathisanten Suhard, die Familien gemeinsam zu verhaften und zu deportieren.
  • Die Trennung der Familien sollte besser nicht unter den Augen der Pariser Öffentlichkeit stattfinden. Die Razzia sollte so den zynischen Anschein einer „déportation familiale“ erhalten. Für die Kinder war damit allerdings ein sonst vielleicht noch möglicher Ausweg versperrt.

Heute erinnert ein Garten auf dem Gelände des ehemaligen Wintervelodroms ( 7 rue Nélaton) an die Kinder des Vel d’Hiv.

 Er wurde 2017 aus Anlass des 75. Jahrestags der Razzia auf Initiative von Serge Klarsfeld und der jüdischen Gemeinde geschaffen.

Auf einer Mauer der Erinnerung sind die Namen und das Alter der damals verhafteten und dann deportierten Kinder verzeichnet. Nur sechs dieser Kinder und Jugendlichen haben überlebt.[28]

Für das nach dem Krieg gepflegte Idealbild eines weitgehend im Widerstand geeinten Frankreich waren der originäre Antisemitismus des Vichy-Regimes und die bereitwillige Beteiligung französischer Behörden und vor allem der Polizei an den Judenpogromen eine schwer erträgliche Provokation. In Geschichtsdarstellungen und Schulbüchern der Nachkriegszeit wurde deshalb gerne die Razzia des Vel d’Hiv als eine Aktion der „autorités nazis“ dargestellt und die Rolle der französischen Polizei  verschwiegen.[29]

1946 war am Vélodrome d’Hiver eine Gedenktafel angebracht worden zur Erinnerung an die jüdischen Männer,  Frauen und Kinder, die am 16. Juli 1942 hier „auf Befehl der Nazi-Besatzer“ (sur l’ordre  de l’occupant nazi) versammelt und festgehalten wurden, bevor sie „voneinander getrennt nach Deutschland in die Vernichtungslager deportiert wurden.“

Die Stunde war noch nicht gekommen, so dazu Laurent Joly (S. 305), öffentlich die französischen Komplizen der großen Razzia anzuprangern. Da wären unweigerlich die Pariser Polizisten ins Blickfeld geraten, die doch als „Helden“ der Befreiung gefeiert wurden.

1967 erschien das Buch über „La Grande Rafle du Vel d’Hiv“ von Claude Lévy und Paul Tillard, das nach den Worten von Laurent Joly wie eine Bombe einschlug.

Die Bartholomäusnacht der Pariser Juden. Banderole der Originalausgabe des Buches von Lévy und Tillard

Das Buch spielte eine herausragende Rolle bei der öffentlichen Wahrnehmung der historischen Verantwortung von Vichy für die Deportation von Juden, wurde dann aber bald von der Revolte von 1968 in den Hintergrund gedrängt.

Als Anette Muller 1976 eine erste Kurzfassung ihrer Erinnerungen an verschiedene Verlage schickte, erhielt sie nur Absagen. Tenor: „Ça n’intéresse personne“- das interessiert doch niemanden.  Man habe damals, wie sie 2010 bei der Vorstellung ihres nun endlich publizierten Buches im Mémorial de la Shoah bitter bemerkte, nur von der Résistance gesprochen.  („On ne parlait que de la résistance“.)   Davon, dass sie am 16. Juli 1942 von französischen Gendarmen verhaftet wurde, habe man eher nicht sprechen wollen….

Erst 1995, am 53. Jahrestag der Razzia des Wintervelodroms, erkannte der damalige Präsident Jacques Chirac die Beteiligung Frankreichs an der Deportation der Juden an, und zwar in einer außerordentlichen –und wie man sagen muss: mutigen-  Rede,  vergleichbar vielleicht am ehesten mit dem historischen Kniefall Willy Brandts in Warschau.[30]

Die Wahrheit sei, so Chirac damals, dass das  Verbrechen in Frankreich von Frankreich begangen worden sei („le crime fut commis en France par la France“[31]), auch gegen die Werte und Ideale, für die Frankreich stehe.  Chirac brach damit ein Tabu, das noch in der Tradition de Gaulles von seinem sozialistischen Vorgänger François Mitterrand gepflegt wurde. Mitterrand hatte es stets vermieden,  eine Mitverantwortung Frankreichs anzuerkennen, das er durch das mit den Nationalsozialisten kollaborierende Vichy-Regime  nicht repräsentiert sah, sondern allein durch die in  London ansässige Exil-Regierung des Generals de Gaulle. Noch 1992, anlässlich des  50. Jahrestags der Razzia des Vel d‘Hiv, hatte Mitterrand in seiner Rede betont, man könne „von der Republik keine Rechenschaft verlangen, sie hat getan, was sie musste.“ Die Republik, so die damals gängige Überzeugung, sei das erste Opfer von Vichy gewesen, trage deshalb keinerlei Verantwortung.[32]

Die gegensätzlichen Positionen zur Vel d’Hiv-Razzia bestehen bis heute weiter. Präsident Macron hat sich dabei sehr eindeutig in die Reihe seiner Vorgänger Chirac und Hollande gestellt, die ohne wenn und aber die Verantwortung Frankreichs betont haben. In seiner ersten Rede als neu gewählter Präsident zum Jahrestag der Razzia stellte er 2017 fest, es sei Frankreich gewesen, das die Razzia und die nachfolgenden Deportationen organisiert habe und damit Verantwortung trage für den Tod der meisten damals aus ihrem Leben gerissenen Menschen.[33]

Emmanuel Macron am 16. Juli 2017 vor der Erinnerungstafel für die Opfer der Razzia.  10, boulevard de Grenelle. ©Sipa[34]  
Am 16. und 17. Juli 1942 wurden 13152 Juden in Paris und Umgebung verhaftet, deportiert und in Auschwitz ermordet. In dem Wintervelodrom, das hier stand, wurden 4115 Kinder, 2916 Frauen und 1129 Männer auf Befehl der Nazi-Besatzer von der Polizei der Vichy-Regierung unter unmenschlichen Bedingungen zusammengepfercht. Dank denen, die versucht haben, ihnen zu helfen.
Foto: Wolf Jöckel

Die extreme Rechte beharrt aber darauf, dass Frankreich keine Verantwortung für die Razzia habe. Zemmour,  rechtsradikaler Kandidat für die Präsidentschaftswahlen 2022, stellte im Dezember 2021 fest, Frankreich habe „keinerlei Verantwortung für die Razzia des Vel d’Hiv“. Und er vertrat die alte These der Pétainisten von der angeblichen Schutzschildrolle des État français von Vichy[35]:  Ihm sei es zu verdanken, dass die überwiegende Mehrheit der französischen Juden gerettet worden sei – im Gegensatz zu anderen besetzten Ländern wie Belgien, Holland, Polen, Jugoslawien, der Tschechoslowakei und Deutschland. Für Zemmour ist die Rede von Jacques Chirac ein Fehler gewesen.[36]  Und Marine Le Pen beruft sich süffisant auf François Mitterrand und andere Politiker von links und rechts, die wie sie keinen Anlass sehen, dass sich Frankreich zu entschuldigen habe. In diese Kerbe hieb übrigens 2017 auch Jean-Luc Mélenchon in seiner Kritik an der Rede Macrons: Mit seiner Anerkennung der Verantwortlichkeit Frankreichs für die Razzia des Vel d’Hiv habe dieser in einer „maximalen Intensität“ eine Schwelle überschritten. „Vichy ce n’est pas la France“ und Frankreich sei nichts anderes als seine Republik. Die Jerusalem Post titelte damals, Extremisten von rechts und links würden gemeinsam die Geschichte deformieren…[37]

Laurent Jolys große, aktuelle und überaus empfehlenswerte Monographie über „La Rafle du Vel d’Hiv“ endet mit den Worten:

„Quatre-vingts ans après, la grande rafle résonne toujours douloureusement comme l’un des événements les plus terribles et les plus difficiles à apréhender de notre  histoire contemporaine.“ (S. 311) [38]

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Benutzte/Weiterführende Literatur:

Philippe Burrin,  La France à l’heure allemande (1940-1944). Paris: Seuil

Jacques Semelin,  Das Überleben von Juden in Frankreich 1940-1944. Mit einem Vorwort von Serge Klarsfeld. Aus dem Französischen übersetzt von  Susanne Witteck. (Siehe dazu das Interview mit Jacques Semelin: https://www.sciencespo.fr/research/cogito/home/la-survie-des-juifs-en-france-1940-1944/ )

Serge Klarsfeld, Vichy- Auschwitz. Le rôle de Vichy dans la solution finale de la question juive en France, Band 1: 1942; Band 2: 1943-1944. Paris 1983 und 1985  (Diese Bücher sind eine nach wie vor grundlegende Pionierarbeit über „die Rolle von Vichy bei der Endlösung der Judenfrage in Frankreich“.)

Kersten Knipp, Tortur im Vel d’Hiv. Die große Pariser Razzia vom Juli 1942. In: ders, Paris unterm Hakenkreuz. wbg 2020, S. 222ff

Robert O. Paxton, La France de Vichy 1940-1945. Paris: Édition du Seuil 1973 (Es war ein amerikanischer Historiker, der es zum ersten Mal den originären Antisemitismus von Vichy  ins Blickfeld rückte).

Annette Müller, La petite fille du Vel d’Hiv. Paris: Hachette 2012. Livre de Poche Jeunesse

Laurent Joly, La Rafle du Vel d’Hiv. Paris juillet 1942.  Paris: Éditions Grasset 2022. (Eine umfassende, auf intensiver Quellenarbeit beruhende Darstellung.  Siehe dazu auch: « La Rafle du Vel d’Hiv. Paris, juillet 1942 », de Laurent Joly : une magistrale lecture des événements (lemonde.fr) und: Marc Zitzmann, Gefordert waren Erwachsene, doch auch Kinder wurden deportiert. Judenverfolgung im besetzten Paris: Laurent Jolys umfassende Darstellung der Refle du Vel d’Hiv ergänzt und korrigiert ältere Beschreibungen. In: FAZ vom 16. Juli 2022, S. 10

Claude Lévy/ PaulTillard, La Grande Rafle du Vel d’Hiv. Paris: Éditions Tallandier 2020. Siehe dazu: Joly S. 16/17 und 308

Zur französischen Judenpolitik Vichys siehe: https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2012_3_3_bruttmann.pdf


Anmerkungen

[1]  Bei Laurent Joly, La Rafle du Vel d’Hiv, S. 11 finden sich folgende genaue Angaben: Danach wurden 12 884 Personen am 16./17. Juli verhaftet. 4900 wurden direkt in das Internierungslager Drancy gebracht, 8000 ins Wintervelodrom. Entsprechende Zahlenangaben in einer Information des Mémorial de la Shoah (Rundmail vom  18.5.2022)  Der im Titel verwendete Ausdruck ist übernommen von: https://www.deutschlandfunk.de/ein-dunkles-kapitel-franzoesischer-geschichte-100.html Dort ist allerdings fälschlicherweise nur von „über 1200“ verhafteten Juden die Rede.

Der Ausdruck „Bartholomäusnacht der Pariser Juden“ stammt von dem Umschlag der Originalausgabe des Buches von Lévy/Tillard, „La grande rafle du Vel d’Hiv“ von 1967. Die entsprechende Abbildung unten im Text.

[2] Rundmail des Mémorial de la Shoah vom 18.5.2022; entsprechend Serge Klarsfeld im Vorwort zu Anette Muller, La petite fille du Vel d’Hiv, Éditions Cercil 2009:  „La page la plus noire de  l’histoire de France“

[3] Siehe Laurent Joly S. 13

[4] So u.a.  1997 der damalige französische Ministerpräsident Lionel Jospin. https://information.tv5monde.com/info/vel-d-hiv-le-temoignage-d-une-enfant-rescapee-3612

[5] Jean-Marie Dubois und Malka Marcovich,  Les bus de la honte. Éditions Tallandier, 2016

[6] Siehe dazu z.B. Jochen Guckes, Le rôle des chemins de fer dans la déportation des Juifs de France

In:  Revue d’Histoire de la Shoah 1999/1 (N° 165), S. 29 bis 110  https://www.cairn.info/revue-revue-d-histoire-de-la-shoah1-1999-1-page-29.htm

[7] Als „un crime français“ wird die Razzia im Titel einer 8-teiligen Serie von France culture bezeichnet. https://www.radiofrance.fr/franceculture/podcasts/serie-la-rafle-du-vel-d-hiv-recits-d-un-crime-francais

https://www.la-croix.com/France/rafle-vel-dhiv-programme-commemorations-80e-anniversaire-juifs-shoah-2022-07-15-1201225008

[8] In Bobigny wird derzeit daran gearbeitet, das weitgehend noch im ursprünglichen Zustand erhaltene Gelände des Bahnhofs zu einem lieu de  mémoire zu gestalten, das seinem historischen und symbolischen Wert entspricht.

[9] Zu den Erinnerungstafeln zur Zeit von 1939 -1945 im Allgemeinen und denen im 11. Arrondissement im Besonderen siehe  den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2019/08/25/erinnerungstafeln-zu-der-zeit-von-1939-bis-1945-in-paris-enfants-de-paris-1939-1945/

[10] Die Regierung Daladier hatte 1938 die gesetzliche Voraussetzung dafür geschaffen, dass eingebürgerten Juden die französische Staatsangehörigkeit entzogen werden konnte, wovon Vichy dann ausgiebig Gebrauch machte.

[11] Siehe dazu: Serge Klarsfeld, Vichy-Auschwitz, S. 19 etc  

[12] Zu beiden Razzien siehe Joly, La Rafle du Vel d’Hiv, S. 40ff

Dazu kam dann noch die sogenannte „rafle des notables“ vom 12. Dezember 1941, als 743 jüdische Unternehmer, Ärzte, Rechtsanwälte, Intellektuelle in einer Aktion von Gestapo und französischer Polizei verhaftet wurden. Die meisten wurden 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

[13] Das offizielle Rundschreiben der Préfecture de Police vom 13. Juli 1942  mit der Angabe aller zu verhaftenden Personen und allen Ausnahmen: https://www.maitre-eolas.fr/public/Circulaire_rafle.PDF

[14] Henry Rousso, Le syndrome de Vichy Paris: Éditions du Seuil 1987, S.244/245

[15] Zur Vorbereitung der Razzia siehe Laurent Joly, La Rafle du Vel d’Hiv, S. 53f

[16]Ce spectacle de la misère humaine“  – verbunden mit folgendem Zusatz: „ contre quoi s’insurge formellement la hiérarchie catholique“. La France de Vichy, S. 178. Auf die Rolle der katholischen Kirche einzugehen würde hier allerdings zu weit führen.

[17] Bildquelle und Interpretation: Alexandre Sumpf, « Le Vel d’Hiv, invisible et inoubliable », Histoire par l’image.  Februar 2022 https://histoire-image.org/etudes/vel-hiv-invisible-inoubliable  

[18] Schlagzeile der Zeitschrift Le Nouveau Candide, die 1967 Auszüge des Buches von Levy und Tillard veröffentlichte.

[19] https://1942.memorialdelashoah.org/exposition-cabu-dessins-de-la-rafle-du-vel-dhiv.html?

Siehe dazu auch: Frédéric Potet, La rafle du Vél d’Hiv vue à travers la plume de Cabu. In: Le Monde, 3./4. Juli 2022

[20] Sie die aktuelle Ausstellung in der Außenstelle Drancy des Mémorial de la Shoah: C’est demain que nous partons. Lettres d’internés, du Vel d’Hiv à Auschwitz. (27. März bis 22. Dezember 2022). https://expo-lettresdinternes-veldhiv-auschwitz.memorialdelashoah.org/

Siehe auch die Serie von France culture: La rafle du Vel d’Hiv, récits d’un crime français

https://www.radiofrance.fr/franceculture/podcasts/serie-la-rafle-du-vel-d-hiv-recits-d-un-crime-francais

[21] Annette Muller, La petite-fille du Vel d’Hiv, S. 65ff  und: https://www.radiofrance.fr/franceculture/podcasts/les-nuits-de-france-culture/annette-muller-j-ai-vu-ma-mere-se-jeter-aux-pieds-des-policiers-pleurer-supplier-qu-on-laisse-ses-enfants-1948380

[22] Bild aus:  https://www.radiofrance.fr/franceculture/la-rafle-du-vel-d-hiv-racontee-par-annette-muller-deportee-a-9-ans-4443255

[23] Siehe den Bericht von Michel Muller, dem Bruder Annettes https://www.challenges.fr/ap/la-rafle-du-vel-d-hiv-dans-les-yeux-d-un-enfant-juif_276113

[24] Les Enfants de Paris, S. 1048 http://a06.apps.paris.fr/a06/jsp/site/plugins/odjcp/DoDownload.jsp?id_entite=22335&id_type_entite=6

[25] Siehe dazu den Abschnitt „Résultat médiocre“ bei Lévy/Tillard, S. 99ff

[26] Daten und ihre Interpretation bei Joly, La Rafle du Vel d’Hiv, S. 153 ff

[26a] Siehe zum Beispiele: Benoît Hopquin, Le policier a dit à ma mère: „Ne dormez pas chez vous, il y aura une rafle demain.“ Le Monde 9. Juli 2022

[27] Laurent Joly, La Rafle du Vel d’Hiv, S. 17; Margot Barberousse, Rafle du Vel d’Hiv, les chemins de la mémoire. In: La Croix vom 15.7.2022

[28] https://www.paris.fr/lieux/jardin-memorial-des-enfants-du-vel-d-hiv-19791

Derzeit gibt es im Mémorial de la Shoah Paris und im Marais-Viertel eine Ausstellung des Straßenkünstlers C 215 mit Portraits ermordeter jüdischer Kinder: https://www.memorialdelashoah.org/evenements-expositions/expositions/expositions-temporaires/exposition-11-400-enfants-portraits-par-c215.html/c215

[29] Siehe dazu auch das von Claude Lévy nach dem Tod von Paul Tillard geschriebene Kapitel „du Vel d’Hiv à la Shoah“, S. 214 ff. Lévy nennt dort als Beispiel die Gedenktafel an einer Schule in Saint-Ouen, wo an die 600 Einwohner der Stadt erinnert wird, die am 16. Juli 1942 „par les troupes allemandes d’occupation“ verhaftet worden seien. (S.219)

[30] Bild aus: https://www.europe1.fr/politique/discours-du-veldhiv-de-jacques-chirac-ce-jour-la-les-vannes-se-sont-ouvertes-temoigne-une-rescapee-3921937

[31]  Wortlaut der Rede: https://www.lefigaro.fr/politique/le-scan/2014/03/27/25001-20140327ARTFIG00092-le-discours-de-jacques-chirac-au-vel-d-hiv-en-1995.php

Bilddokument: https://www.youtube.com/watch?v=uzyW53KsZF4

[32]https://www.welt.de/print/die_welt/politik/article108367331/Ein-Verbrechen-in-und-von-Frankreich.html

Laurent Joly zitiert folgende Aussage von Mitterand: „Non, non. La République n’a rien à voir avec cela. Et j’estime moi, en mon âme et conscience, que la France non plus n’en est pas responsable, que ce sont des minorités activistes qui on saisi l’occasion de la  défaite pour s’emparer du pouvoir et qui sont  comptables de ces crimes-là, pas la République, pas la France. Et donc, je ne ferai pas d’excuses au nom de la France.“ (S. 309)

Siehe dazu auch:  https://www.franceculture.fr/emissions/robert-badinter-se-raconte-dans-memorables/robert-badinter-1315

[33] Vél‘ d’Hiv‘ : Macron dans les pas de Chirac (lefigaro.fr)

[34] Le discours de Macron au Vel d’Hiv critiqué par Mélenchon et par l’extrême droite (lejdd.fr)

[35] siehe Paxton, La France de Vichy, S. 338/9

[36] Zitate aus:  Le Parisien vom 10. Dezember 2021 und aus: https://twitter.com/franceinter/status/1490594446114709514?lang=de  (7.2.2022) Zu Zemmours Umdeutung der Geschichte siehe:  Laurent Joly, La falsification de l’Histoire: Eric Zemmour, l’extrême droite, Vichy et les juifs Paris: Grasset 2022 und: Zemmour contre  l’histoire. Paris: Gallimard 2022

[37] Le discours de Macron au Vel d’Hiv critiqué par Mélenchon et par l’extrême droite (lejdd.fr)

https://www.jpost.com/edition-francaise/politique/quand-les-deux-extr%C3%AAmes-de-droite-comme-de-gauche-d%C3%A9forment-lhistoire-509802 Kurz davor allerdings hatte Melenchon noch eine andere Position vertreten, indem er -in seiner Kritik an Marine Le Pen- kurz und bündig festgestellt hatte, Frankreich habe sich schuldig gemacht, nicht aber die Republik…. („La République française n’est pas coupable mais la France l’est“)    Siehe u.a.: https://www.lefigaro.fr/politique/le-scan/2017/07/18/25001-20170718ARTFIG00260-sur-la-rafle-du-vel-d-hiv-les-contradictions-de-jean-luc-melenchon.php  

[38] Ein trauriges Beispiel für die Debattenkultur aus Anlass des 80. Jahrestags der Vel d’Hiv Razzia ist ein Tweet der LFI-Fraktionsvorsitzenden in der Assemblée Nationale:

« Il y a 80 ans, les collaborationnistes du régime de Vichy ont organisé la rafle du Vél‘ d’Hiv. Ne pas oublier ces crimes, aujourd’hui plus que jamais, avec un président de la République qui rend honneur à Pétain et 89 députés RN », a écrit Mathilde Panot sur Twitter, samedi 16 juillet. En 2018, Emmanuel Macron avait qualifié le maréchal Pétain de ‚grand soldat‘ durant la Première Guerre mondiale, avant qu’il de ‚conduise des choix funestes‘.“ Le Point vom 17.7.2022

Die Ausstellung „Notre – Dame de Paris“ im Collège des Bernardins, einem zisterziensischen Kleinod in Paris

Die Ausstellung Notre – Dame de Paris ist aus drei Gründen interessant:

  • Wegen ihres Themas: Notre-Dame de Paris ist ja seit dem schlimmen Brand vom April 2019 eine Baustelle. Es gibt immer wieder Berichte über den Stand der Restaurierung. Hier wird nun systematisch über die Geschichte und Bedeutung des Bauwerks, den Brand und den Fortgang der Bauarbeiten berichtet.
  • Interessant ist die Ausstellung auch wegen ihres -für mich neuen- virtuellen Charakters.
  • Und schließlich findet die Ausstellung an einem ganz außerordentlichen, aber wenig bekanntem Ort statt, nämlich in dem Refektorium und der Sakristei des ehemaligen Zisterzienser- Kollegs in Paris.
Werbeplakat in einer Metrostation. Foto: Wolf Jöckel

Eine virtuelle, interaktive Präsentation

Angekündigt werden in der Werbung „850 Jahre Geschichte in Ihren Händen“. Was das bedeutet, wurde mir erst klar, als ich dort war. Man erhält nämlich beim Eintritt ein Tablet und darin ist sozusagen die Ausstellung enthalten.

Foto: Wolf Jöckel

Es gibt also nur ganz wenige Ausstellungobjekte, die man betrachten kann. So zum Beispiel eine Nachbildung der Stygra, der berühmtesten der im 19. Jahrhundert von Eugène-Emmanuel Viollet-le-Duc entworfenen und auf den Türmen der Kathedrale postierten Chimären.

Foto: Wolf Jöckel

Ausgestellt ist auch die Kopie eines Wasserspeiers (gargouille), die von Schülern des Lycée des Métiers du Bâtiment de Felletin (Creuse) angefertigt wurde.

Fotos: Wolf Jöckel

Davon abgesehen findet die Ausstellung aber virtuell statt. Die Besucher sind also alle damit beschäftigt, auf ihr Tablet (histopad) zu sehen bzw. damit herumzuhantieren.

Fotos: Wolf Jöckel

Gerade für Kinder und Jugendliche offensichtlich ein animierendes Angebot.

Es gibt aber durchaus einen Rundgang, dem man folgen kann. Orientierung bieten große Plakate, die auf die einzelnen Themenbereiche hinweisen. Hier zum Beispiel der Ausschnitt eines Plakats zum Thema Baugeschichte:

Fotos: Wolf Jöckel

Vor den Plakaten gibt es dann ein kleines Podest mit einem Bild, das man mit seinem Tablet scannen kann.

Und dann öffnet sich auf dem Tablet das entsprechende Ausstellungsangebot und man kann sehr lebendig und anschaulich durch die Baugeschichte der Kathedrale navigieren.

Hier der Abschnitt zum Thema Steinbruch: Gezeigt werden die Arbeiten im Steinbruch und der Abtransport der gehauenen Steine mit Schiffen. Die bewegen sich natürlich auch und bei den Pferden am Rand bewegt sich sogar der Schweif…

Insgesamt gibt es 21 solcher Stationen. Natürlich ist eine davon auch dem Brand von Notre-Dame gewidmet.  

Fotos: Wolf Jöckel

Da kann man mithilfe einer 3 D- Animation  ganz genau den zeitlichen Verlauf des Brandes verfolgen.[1] Aber auch Fotos und Videos der Katastrophe kann man aufrufen oder etwa, wie die Feuerwehrleute bei ihrem Einsatz ausgerüstet waren.

Etwas ruhiger geht es in der alten Sakristei des ehemaligen Collège zu: Thema dort sind die Kirchenfenster von Notre-Dame und ihre Restaurierung.

Fotos: Wolf Jöckel
Foto: Wolf Jöckel

Hier wird deutlich, welche immense Arbeit erforderlich ist, Notre-Dame wieder im alten/neuen Glanz erstrahlen zu lassen. Und man erhält detaillierte Informationen über den Stand der Arbeiten an der noch sicherlich für zwei weitere Jahre  nicht zugänglichen Kathedrale.

Man kann sich damit begnügen, einen groben Überblick über das reichhaltige Angebot der Ausstellung zu bekommen, man kann sich aber auch auf bestimmte Aspekte konzentrieren. Ziel der Ausstellungsmacher vom französischen Start-up Histovery ist es ja  gerade, jeden Besucher in einem „environnement interactif“  zum „acteur de sa visite“ zu machen, der dabei auf unterhaltsame Weise informiert wird.[2] Das ist ganz offensichtlich gelungen. Und hinzugefügt sei auch noch, dass  diese Informationen, gestützt auf eine fachkundige Beratung, auf gesicherter wissenschaftlicher Grundlage beruhen.

Das Collège des Bernardins, ein zisterziensisches Kleinod

Foto: Wolf Jöckel

Das Collège des Bernardins gehört zu den eher weniger bekannten Sehenswürdigkeiten von Paris. In einer Zusammenstellung der „Monuments méconnus“ in Paris und der Region Île-de-France steht es sogar an erster Stelle. Es sei außergewöhnlich, heißt es da, dass ein so schönes und seltenes Bauwerk selbst vielen Parisern fast unbekannt sei.[3] Das ist 1975 geschrieben und es mag heute, auch wenn sich seitdem viel verändert hat, immer noch gelten. Sicherlich gilt aber nach wie vor, ja umso mehr, dass es ein außerordentlich schönes und seltenes Bauwerk ist.

Foto: Wolf Jöckel

Selten ist es insofern, als es sich um eines der wenigen -wenigstens noch teilweise- erhaltenen mittelalterlichen Collèges im Quartier Latin handelt. Es gab dort einmal etwa etwa 60 solcher Kollegs, die der Ausbildung von Geistlichen dienten. Manche waren Gründungen von frommen Einzelpersonen. So das Collège des Robert de Sorbon, Beichtvater des Königs Ludwig IX/Saint Louis. Der Name der Pariser Universität geht auf dieses Collège zurück.  Andere waren bestimmten Nationalitäten zugeordnet wie das auf Initiative eines schottischen Königs gegründete Collegium Scotium oder das -allerdings erst zu Beginn der Neuzeit entstandene- wunderbare Collège  des Irlandais. Die meisten waren aber Gründungen von Religionsgemeinschaften. So das Collège des Cordeliers der Franziskaner oder eben das Collège der Zisterzienser, das Collège der Bernardins, benannt nach dem Reformator des Zisterzienserordens Bernhard von  Clairvaux.  Gegründet wurde es 1245, gewissermaßen als Nachzügler. Denn um Gott nahe zu sein und um optimale Voraussetzungen für ein einfaches Leben mit Beten und Arbeiten (ora et labora) zu schaffen, wurden die Klöster der Zisterzienser an weltabgewandten und noch unerschlossenen Orten errichtet. Allerdings zeigte es sich, dass der Orden Anstrengungen unternehmen musste,  um die Ausbildung der Novicen zu verbessern – auch um gewissermaßen attraktiv zu bleiben und konkurrenzfähig etwa mit den  Bettelorden (wie den Franziskanern), die sich in den Städten installiert hatten. Das Collège des Bernardins diente der Ausbildung von jungen Zisterzienser- Mönchen. Im 14. Jahrhundert wurden alle Klöster des Ordens verpflichtet, Studenten in das Collège nach Paris zu schicken, womit die Unterhaltung und Erweiterung der Anlage gesichert war:  Bei den Restaurierungsarbeiten wurde in der Sakristei der Grabstein des Mönches Günter aus Thüringen gefunden.[4]

Auch die Lehrer kamen nicht nur aus französischen Klöstern, sondern auch aus England, Flandern, Spanien und dem Kloster Eberbach im Rheingau. Es war also ein Ort des Studiums, der allerdings gleichzeitig klösterlichen Charakter hatte. Der diente auch dazu, die Novicen von den drei berüchtigten Versuchungen der Stadt, den Frauen, dem Spiel und dem Alkohol,  abzuschotten. Das gelang allerdings nicht immer: Die Novicen waren ja nicht nur Geistliche, sondern auch Studenten, die am turbulenten Leben  des Quartier Latin teilnahmen. In den Chroniken wird berichtet, dass 1339 einige junge Zisterzienser nachts in Zivil und bewaffnet das Studentenviertel unsicher machten, so dass sie verhaftet und ins Gefängnis Châtelet verbracht wurden.

Entsprechend der Funktion des Collège wurde zuerst ein Gebäude für die Mönchsstudenten errichtet. Es ist der einzige Bau, der von der ursprünglichen weitläufigen Anlage noch erhalten ist: 75 Meter lang und 15 Meter breit.[5] Er verfügte über einen Gewölbekeller und zwei Etagen. Im Kellergeschoss lagerten Vorräte, es diente aber auch als Schreibstube (Scriptorium).[6]

Foto: Wilmotte & Associés

Das Erdgeschoss wurde vielfältig genutzt: als Küche, Speisesaal, Kapitelsaal und Unterrichtstrakt. Heute wird es meist insgesamt als Refectorium bezeichnet.

Blick in das Refectorium. Da dort derzeit die Notre-Dame-Ausstellung stattfindet, handelt es sich hier um ein schon älteres Foto aus dem Jahr 2011. © Wolf Jöckel

Im Obergeschoss lagen die Schlafsäle (dormitorium) und die Räume für die Oberen. Es wird heute für Veranstaltungen wie Vorträge und Konzerte genutzt.

Foto: Wolf Jöckel

Die Konstruktion entspricht der zisterziensischen Tradition: von großer Klarheit, Bescheidenheit, aber durchaus auch Eleganz geprägt, aufs Wesentliche konzentriert. Es ist eine große, innere Ruhe ausströmende Architektur.

Hier einige weitere Eindrücke:

Fotos: Wolf Jöckel

                                                             Foto: Annie Didier 2019[7] 

Foto: Wolf Jöckel

Zwischen Verfall und neuem Glanz

Dass das Collège des Bernardins sich heute so wunderbar präsentiert, wäre noch vor einem Viertel Jahrhundert kaum vorstellbar gewesen. Denn die Französische Revolution hatte in sehr brutaler Weise die 500-jährige Geschichte des Collège beendet. 1791 war es verstaatlicht worden. Damals gab es nur noch 6 Mönche. Es wurde nun ein Gefängnis und 1792 ein Schauplatz der sogenannten Septembermorde: Eine aufgehetzte Masse ermordete die im Gefängnis einsitzenden Galeerensträflinge, weil sie angeblich versteckte Mönche seien.  1797 wurde die zum Collège gehörende gotische Kirche zerstört: Ein Akt des Vandalismus im Sinne des antireligiösen revolutionären Furors, aber auch der damals verbreiteten Geringschätzung der Gotik. Ihr fielen in dieser Zeit -auch in Paris-  einzigartige mittelalterliche Kunstschätze zum Opfer. Das Refektorium entging diesem Schicksal, weil es seit seiner Verstaatlichung von der öffentlichen Hand vielfältig genutzt wurde. Seit 1845 und bis in die 1990-er Jahre war der Bau eine Kaserne der Pariser Feuerwehr.. Das sogenannte Refektorium war -wie schon zu Zeiten des Collèges- in verschiedene Parzellen unterteilt und diente als Garage, als Erholungs- und Tischtennisraum für die Feuerwehrleute, als Büro und Depot. 

„Les Bernardins“ als Feuerwehrkaserne. Ausschnitt aus einem historischen Foto[8]

Das Ende der Leidenszeit und die Renaissance des Collège begann 2001, als das Erzbistum Paris mit öffentlicher Unterstützung den Bau erwarb, um darin ein katholisches Kulturzentrum zu errichten und so an seine ursprüngliche Funktion anzuknüpfen.

Die Restaurierung bedeutete allerdings eine große Herausforderung, weil das Gebäude durch die vielfältigen Nutzungen, aber auch schon durch seine Lage auf einem morastigen Untergrund in der Nähe der Seine sehr gelitten hatte: Als das Collège gegründet wurde, waren in der dichtbevölkerten Stadt kaum noch Bauplätze vorhanden. Der Gründer des Collège, der Abt von Clairvaux Étienne de Lexington, musste also mit einem hochwassergefährdeten Gelände in der Nähe der Seine vorlieb nehmen. Das Gebäude wurde denn auch von wiederholten heftigen Hochwassern heimgesucht, so dass man das sowieso nicht sinnvoll nutzbare Untergeschoss bis zum Gewölbe mit Erde auffüllte, um die Standfestigkeit des Baus zu sichern. Im Zuge der Restaurierung wurde der Keller freigelegt und die Zwischenwände im Refektorium wurden beseitigt. Erst dadurch entstand der großartige Raumeindruck, den wir heute bewundern können.[9]

Eine ganz besondere Gelegenheit dafür war die nuit blanche 2017, als im Refektorium des Collège  eine grandiose Lichtinstallation stattfand, die auch viele junge Menschen anzog.[10]

Fotos: Wolf Jöckel

Die gotische Architektur wurde da verfremdet, aber doch auch im wahrsten Sinne des Wortes ins rechte Licht gerückt: Ein offener und weltoffener Raum.

Foto: Wolf Jöckel

Victor Hugo schrieb in seinem Roman „Notre-Dame de Paris“, in Deutsch erschienen unter dem Titel „Der Glöckner von Notre Dame“, über den Umgang mit der Gotik:

Zuerst hat die Zeit unmerklich an ihren Bauten genagt und hat ihre Oberfläche mit Spuren der Verwitterung überzogen. Dann haben die religiösen und politischen Aufstände die Menschen blind und rasend gemacht, und die also Verblendeten haben sich über die Bauten gestürzt….

Ein Beispiel dafür ist auch das Collège des Bernardins. Victor Hugo weiter:

Zuletzt haben sich ihrer die Moden bemächtigt …. Sie haben größeres Unheil angerichtet als die Revolutionen; denn sie haben der Kunst ins lebendige Fleisch geschnitten, …. Haben gepfuscht und geändert und haben Form und Bedeutung der Bauten, ihren inneren Zusammenhang und ihre Schönheit zerstört.“ [11]

Für das Refektorium aber, das die Verblendeten in der Französischen Revolution verschont hatten, gilt das nicht: Sein innerer Zusammenhang und seine Schönheit kommen gerade erst durch seine Rehabilitierung wunderbar zur Geltung.

Praktische Informationen:

Adresse: 20 Rue de Poissy, 75005 Paris

Der Besuch des Collège des Bernardins ist derzeit nur im Rahmen der Ausstellung und ihres Begleitprogramms möglich. Die allgemeine Neueröffnung ist für 2024 geplant.

Dauer der Ausstellung: 7. April bis 17. Juli 2022

Öffnungszeiten:

  • Montag, Mittwoch, Freitag und Samstag 10-18 Uhr
  • Donnerstag und Sonntag 14-18 Uhr 
  • Dienstag 10-21.30 Uhr

Der Besuch der Ausstellung ist kostenlos und erfolgt selbstständig. Auf den histopads kann man unter 12 verschiedenen Sprachen wählen, natürlich auch Deutsch. Sie werden am Beginn der Ausstellung verteilt.

Da nur eine begrenzte Zahl von histopads verfügbar ist, empfiehlt sich die Anmeldung für ein bestimmtes Zeitfenster: https://billetterie1.collegedesbernardins.fr/spectacle?id_spectacle=742&lng=1

Dies ist ein Beitrag von Wolf Jöckel aus https://paris-blog.org/ . Sollte er unter dem Autorennamen Paul Lucas auf der Seite  https://www.voyages-en-patrimoine.com/ veröffentlicht werden, handelt es sich um einen Akt der Piraterie und um einen eklatanten Verstoß gegen das Urheberrecht.

Weitere Blog-Texte zu Notre-Dame de Paris:

Notre- Dame de Paris wie es war und hoffentlich bald wieder sein wird:  https://paris-blog.org/2019/04/16/notre-dame-wie-es-war-und-hoffentlich-bald-wieder-sein-wird/

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre-Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/

Dessine-moi Notre-Dame/male mir Notre-Dame: Kinderzeichnungen am Bauzaun. https://paris-blog.org/2020/10/15/dessine-moi-notre-dame-male-mir-notre-dame-kinderzeichnungen-am-bauzaun/


Anmerkungen

1] Bild aus: https://www.sortiraparis.com/arts-culture/exposition/articles/250210-notre-dame-de-paris-la-grande-exposition-immersive-en-realite-augmentee-au-college-des-bernardins

[2] https://www.la-croix.com/Culture/Exposition-College-Bernardins-Notre-Dame-renait-ecrans-2022-04-07-1201209114

[3] Henri-Paul Eydoux, Les monuments méconnus. Paris et Ile-de-France. Paris: Librairie Académique 1975, S. 13

[4] Nachfolgendes Bild aus: Le Collège des Bernardins. Hors-Serie de Connaissance des Arts, Paris 2008, S. 12

[5] Angabe aus http://www.bancon.fr/bernardins/berstruct.pdf S. 7  

[6] Bild aus: Collège des BernardinsProject — Wilmotte & Associés

[7] https://www.tripadvisor.de/Attraction_Review-g187147-d5607109-Reviews-College_des_Bernardins-Paris_Ile_de_France

[8] Bild aus: Ministère de la Culture, la plateforme ouverte du patrimoine  Ensemble sur la rue (culture.gouv.fr)

[9] Zur Restaurierung siehe: http://www.bancon.fr/bernardins/berstruct.pdf und Collège des BernardinsProject — Wilmotte & Associés. Das Architekturbüro  Wilmotte aus dem Faubourg Saint Antoine hat in Paris auch schon andere historische Bauten sehr erfolgreich restauriert, so das Hotel Lutetia und die Mutualité. Siehe: https://paris-blog.org/2019/01/01/das-hotel-lutetia-1-ein-bauwerk-zwischen-art-nouveau-und-art-deco-im-neuen-glanz/ und https://paris-blog.org/2018/09/01/das-haus-der-mutualite-in-paris-und-der-internationale-schriftstellerkongress-zur-verteidigung-der-kultur-1935/

[10] Siehe: https://paris-blog.org/2019/12/02/die-nuit-blanche-das-lichter-und-kunstfest-von-paris/

[11] Victor Hugo: Der Glöckner von Notre-Dame. Insel-Taschenbuch, Berlin 2010, S. 152/3  Siehe dazu auch: https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/

Zum Tod von Miss.Tic, der Pariser „princesse du graffiti“

Am 22. Mai 2022 ist Miss.Tic, die Pariser „Graffiti-Prinzessin“, im Alter von 66 Jahren einem Krebsleiden erlegen.[1] „Tant de tristesse“, schrieb ihr Street-Art-Kollege Jef Aérosol dazu, und diese Traurigkeit teilt er sicherlich mit vielen anderen, auch mit mir. Denn seit wir (2009) Paris als unseren (zweiten) Wohnsitz gewählt haben, sind wir Miss.Tic immer wieder begegnet: Zunächst stießen wir ganz zufällig auf ihre Schablonenbilder mit den meist sehr attraktiven Frauen und den dazu gehörenden witzigen, zum Nachdenken anregenden, poetischen und wortspielerischen kleinen Texten. Das hat uns neugierig gemacht, zumal der charakteristische Dreiklang von Bild, Text und Signatur in der Graffiti-Szene wohl einzigartig ist. Wir haben uns dann immer sehr gefreut, wenn wir ein (für uns) neues Werk von ihr entdeckt haben.   

Und das war gar nicht so schwer. Denn in dem 11. Arrondissement von Paris, wo wir wohnen, hat Miss.Tic viele Spuren hinterlassen. Hier einige Beispiele:

Madame träumt,  Monsieur schnarcht  Foto: Wolf Jöckel, Oktober 2014
Liebe, Ruhm und Botox (Place Voltaire, 11. Arrondissement)  Foto: Wolf Jöckel, Mai 2017
Es rächt sich, die Zeit totzuschlagen. Ecke rue Faidherbe/rue J.Macé. 11. Arrondissement  Foto: Wolf Jöckel, 2021
Frau der Feder / Ihre Flügel tauchen in das Tintenfass der Welt.  Frauenbuchhandlung Violette et Co,  rue de Charonne,  Foto: Wolf Jöckel, 2021

An der Gestaltung der Signatur kann man die Schablonentechnik Miss.Tics gut erkennen: Sie verwendete immer die gleiche Schablonen-Vorlage, in der ihre Signatur ausgeschnitten war.  Mit einer Farbpistole wurde der Name dann -und wurden auch die Texte und Figuren- auf die vorgesehene Stelle gesprüht. Dabei sind farbliche Nuancen und Variationen durchaus möglich.

Miss.Tic: „Die Schablonentechnik bot mir die Chance, alleine und schnell zu arbeiten. Außerdem ließen sich die Bilder reproduzieren. Leicht, praktisch und speedy, das passende Medium für die Straße eben ….“

Und dazu kamen dann noch die Texte. Dazu noch einmal Miss.Tic:

„Als ich auf der Straße arbeitete, wurde mir rasch klar: Ein Text hat umso größere Chancen, in den Köpfen der Betrachter hängen zu bleiben, je kürzer er ist. Diese Erkenntnis radikalisiert meine Sprache. Und das radikalisierte Wort findet einen kongenialen Partner in der Schablonenform, die zu einfachen und klaren Linien zwingt.“[2]

Der Name, mit dem diese Werke signiert sind, ist ein Künstlername.

Er ist abgleitet aus einem älteren Comic. Dort gibt es Miss Tick, „eine kleine durchgeknallte Hexe, die um jeden Preis versucht, ihrem Onkel Dagobert seine Geldgier auszutreiben und ihm etwas zu stibitzen, jedoch ohne Erfolg.“  Für Miss. Tic, von der dieses Zitat  stammt, war es „aber auch wichtig, der Öffentlichkeit zu signalisieren, dass es eine Frau ist, die sich da in dieser vollkommen maskulinen Welt der Street Art zu Wort meldet, eine Frau, die der Autor all dieser Graffitis ist, die man da auf den Mauern von Paris aufblitzen sah.“[3] Allerdings  hat Miss. Tic  auf das k verzichtet, und das passt, wie die Zeitung Le Monde in ihrem Nachruf schreibt,  gut: Miss. Tic sorge mit ihren Schablonenbildern für kurze, überraschende Momente, denen man auf den Straßen begegne.[4]

Ihren wirklichen Namen hat Miss. Tic nie verwendet. Wenige sehr mit ihr vertraute Menschen wussten ihren Vornamen (Radhia) und durften sie damit ansprechen.  Nur die Steuerbehörde und die Polizei würden ihre wahre Identität kennen, sagte sie einmal.[5] Auch dazu passt der Künstlername Miss Tic, der im Französischen das Adjektiv mystisch/geheimnisvoll ergibt.

Miss.Tic in der Galerie Lelia Mordoch in Paris (Juli 2012)[6]

Gewissermaßen geboren wurde Miss.Tic 1985. Da entstand dieser Name, der ein erstes auf eine Wand gesprühtes Autoportrait signierte: Ein junges Mädchen, die Hände auf den Knien, in schwarz und weiß, mit dem beigefügten Text:

„J’enfile l’art mur pour bombarder des mots coeurs“  (Ich wappne mich mit Mauerkunst, um mit Herzensworten zu bombardieren) [7]

Aller Anfang war aber auch bei ihr schwer. Street Art war noch nicht -wie heute- integraler, anerkannter, ja geförderter Bestandteil der (Pariser) Stadtlandschaft. Die Street-Artisten waren nachts unterwegs und wiederholt hatte Miss.Tic dabei Probleme mit Hausbesitzern und der Polizei. 1999 wurde sie nach einem längeren Verfahren wegen „Sachbeschädigung öffentlichen und privaten Eigentums“ zu 22.000 Franc Geldstrafe verurteilt – ein Schicksal, das sie mit anderen -heute prominenten- Streetart-Künstlern wie zum Beispiel dem Invader teilte.[8] Wenige Jahre später hätte sie solche Summen sicherlich aus der Portokasse bezahlen können. Da arbeitete sie für Zeitschriften, für prominente Auftraggeber wie Louis Vuitton, machte Werbung, wurde in vielen Ausstellungen präsentiert -beispielsweise 2011 im Institut Français in Berlin. Arbeiten von ihr wurden sogar -was jetzt gerne hervorgehoben wird- vom renommierten Victoria and Albert Museum in London gekauft.[9]

2007 erhielt sie den Auftrag von Claude Chabrol, das Plakat für den Film La fille coupée en deux zu entwerfen.[10] Die Mietwagen von Ucar haben bzw. hatten mehrere Jahre lang ihren Slogan von Miss.Tic erhalten: Louer c’est rester libre/Mieten heißt frei bleiben.

Foto: Wolf Jöckel, Dezember 2012

Auch wenn da das Signum Miss.Tic fehlte, wird jedem mit der Pariser Stadtlandschaft und Street-Art-Szene einigermaßen vertrautem Menschen klar gewesen sein, wer hier am Werk gewesen ist. Und der Slogan passte hervorragend zu Miss.Tic: Denn frei zu bleiben war für sie ein zentrales Element ihres Lebensentwurfs.

Sogar die französische Post würdigte Miss.Tic: Auf einem Brief, den uns unsere Freundin Marie-Pierre im September 2013 schickte, klebte eine Miss.Tic-Briefmarke mit –natürlich- einem für sie typischen Motiv und ihrer unverkennbaren Schrift und Signatur.

Foto: Wolf Jöckel, September 2013

Es ist ein Hundewetter (Sauwetter) – bei Miss. Tic allerdings nicht in der üblichen männlichen Form (temps de chien), sondern der weiblichen. Die Briefmarke gehörte zu einer ganzen Miss. Tic-Serie, die 2011 zum internationalen Tag der Frau von der französischen Post herausgegeben wurde.

Und 2013 gewann Miss. Tic einen Wettbewerb zur Gestaltung der Wagen einer neuen Straßenbahnlinie in Montpellier, die 2025 in Betrieb gehen soll. Inzwischen wurde Miss.Tic allerdings von dem langjährigen Bürgermeister von Montpellier, Philippe Saurel, „ausgebremst“  und es soll  einen erneuten Wettbewerb für die Gestaltung der Wagen geben… [11]

Copyright : yellow window – Miss. Tic[12]

Der Wandel von einer nächtlichen Street-Art-Aktivistin am Rande der Illegalität zu einer anerkannten und gefragten Künstlerin beruhte wesentlich auf der Erfahrung mit der Anklage und Verurteilung wegen ihrer nächtlichen Sprayaktionen an privaten und öffentlichen Wänden. Bei einer Fortsetzung dieser Aktionen musste sie von nun an als Wiederholungstäterin mit einer Gefängnisstrafe rechnen, und zwar mit großer Wahrscheinlichkeit ohne Bewährung: Die französische Justiz ist in diesem Bereich alles andere als zurückhaltend…  Dazu Miss.Tic: „Ich habe deshalb die Strategie gewechselt. … Seit 2000 sind alle meine Aktionen legal und von den Besitzern der Mauern, auf die ich male, autorisiert. Wenn ich allerdings eine Erlaubnis erhalte, verlange ich, dass ich freie Hand (carte blanche) habe bei der Gestaltung.“[13]

Ein Markstein der neuen Strategie war das Projekt Muses et Hommes (2000). Miss.Tic erhielt nach Verhandlungen mit dem Rathaus des 20. Arrondissements von Paris, mit Gewerbetreibenden und Hausbesitzern die Erlaubnis, 20 Schablonenbilder (pochoirs) als Auftragsprojekt anbringen zu dürfen. Als Vorlagen dienten Werke aus dem Louvre und dem Musée d’Orsay, denen sie Texte in ihrer typischen graphischen und inhaltlichen Handschrift beifügte.

Hier die Mona Lisa mit der Aufschrift: Um zu lächeln/muss man viel geweint haben.[14]

 In der rue de la Forge Royale (einer kleine Seitenstraße der rue de la Faubourg Saint-Antoine) im 11. Arrondissement gibt es das Atelier Elio,  das maßgeschneiderte Bilderrahmen herstellt. Dort hängt ein Bild von Miss.Tic an der Eingangstür. Es ist verglast und eingerahmt.

Ich habe aufgegeben/das Handtuch geworfen   Fotos: Wolf Jöckel, Dezember 2017

Die freundliche Besitzerin des Ladens erklärte mir, wie sie zu der Arbeit von Miss.Tic gekommen ist: Die habe nämlich eines Tages angefragt, ob sie dort ein Bild anbringen dürfe. Es handelte sich also nicht um eine bezahlte Auftragsarbeit, sondern um ein Angebot der Street-Art-Künstlerin, das gerne angenommen wurde und auch entsprechend geehrt wird.

Dieses Bild ist, wie ich meine, aus zwei Gründen besonders bemerkenswert: Einmal wegen der Katze, die hier abgebildet ist. Denn Miss.Tic liebte Katzen sehr, was gerade in dieser kleinen Straße anschaulich wird, wo noch zwei weitere Katzenbilder von Miss.Tic zu sehen sind.

Je ne brise pas que les coeurs (Ich breche nicht nur Herzen) gehört zu Miss.Tics Lieblingssprüchen.[15] Er passt ja auch gut zu dieser nonkonformistischen Künstlerin: Miss.Tic „ne brise pas que les cœurs, les codes aussi.“[16]  Foto: Wolf Jöckel, Oktober 2011

Es gibt in der Straße sogar das Bild einer Katze als einziges Motiv, ohne weibliche Begleitung! Das ist völlig außergewöhnlich, aber es unterstreicht die Bedeutung der Katzen für Miss.Tic. Und die Katze, die eingelassen werden möchte, weist auch darauf hin, warum: Die Katzen brauchen ihre UnOn abhängigkeit, aber auch Wärme, Nähe und Zuwendung….

Wir sind keine Hunde/Ihr sollt uns nicht wie Hunde behandeln. Foto: Wolf Jöckel, November 2012

Bei diesem Vergleich denke ich an den schönen Satz von Jacques Prévert, mit dem Miss.Tic ja übrigens auch schon verglichen wurde: „Wenn ich die Katzen den Hunden vorziehe, dann deshalb, weil es keine Polizeikatzen gibt.“[17] Das hätte auch von Miss.Tic sein können…. 

Dass das Bild von Miss.Tic in der rue de la Forge Royale verglast ist, dient sicherlich nicht nur Werbezwecken des Ateliers Elio, sondern auch seinem Schutz. Denn die provokativen Schablonenbilder von Miss.Tic sind oft Ziel von Schmierereien.

So wie hier, an der Ecke rue Chanzy/ rue Faidherbe im 11. Arrondissement. (Foto: Wolf Jöckel 2021). Da wurden Frauen aufgefordert, ihren Mann zu „delokalisieren“, was sich vermutlich auf die in Frankreich sehr intensive Thematisierung von häuslicher Gewalt gegen Frauen bezieht. Dass diese Botschaft über einem Briefkasten hängt, ist wohl auch kein Zufall: In den kann gewissermaßen gleich das „Kündigungsschreiben“ eingeworfen werden.[18]

Ein Ziel von Vandalismus war auch dieses Bild von Miss.Tic in der rue Faidherbe im 11. Arrondissement.

Ein Übermaß an Vergnügen ist ausgezeichnet für die Gesundheit (In Abänderung des Anti-Raucher Slogans: l’abus d’alcool est dangereux pour la santé. (Ein Übermaß an Alkohol ist gefährlich für die Gesundheit)  Foto: Wolf Jöckel, 18.8.2014

Im April 2019 war das Bild allerdings verschwunden.  Es war, wie mir ein Angestellter des marokkanischen Traiteurs erklärte, beschmiert worden. Miss Tic werde es aber „demnächst“ erneuern.

Und tatsächlich: Seit Oktober 2019 gibt es dort wieder „eine neue Miss.Tic“ – diesmal vorsichtshalber geschützt mit einer Folie.

Ich fliehe nicht, ich entferne mich

Und gleich daneben kann man noch eine alte nordafrikanische Holztür bewundern.

Die Frauen von Miss.Tic sind, das ist wohl schon aus den bisherigen Abbildungen deutlich geworden, selbstbewusst, sie sind es, die über ihr Leben bestimmen. Nicht nachvollziehen kann ich die Charakterisierung der Schablonenabbildungen von Miss.Tic, wie sie in einem Bericht über Pariser Stadtrundgänge mit feministischen Blickwinkeln in der Frankfurter Rundschau vom 1. Juli 2020 zu lesen war. Da ist nämlich von Frauen „als Sexobjekte(n) mit großen Brüsten und in aufreizenden Posen“ die Rede. (FR 1. Juli 2020).

Das passt zu einer Richtung feministischer Kritik an Miss.Tic, die auch von Fadela Amara, einer Mitgründerin der französischen  feministischen Gruppe Ni Putes Ni Soumises vertreten wird, aber nicht unwidersprochen geblieben ist.[19]

Foto: Wolf Jöckel, Passage L’Homme,  Faubourg Saint-Antoine, Juni 2012

Dass die Frauen in den pochoirs von Miss.Tic meist höchst attraktiv sind, beruht auch darauf, dass die Vorlagen aus Frauenzeitschriften stammen, die aber von ihr verfremdet werden.

Miss.Tic dazu: „Ich entwerfe aus ihnen ein bestimmtes Image der Frau, nicht um es zu bewerben, sondern um es zu befragen. Ich unterziehe weibliche Positionen einer Art Inventur. Welche Haltung wählen wir, um zu existieren.“[20]

Allerdings sind die schönen Frauen von Miss.Tic alles andere als Sexobjekte, sondern sie sind es, die über ihr  Leben und damit auch über ihre Sexualität bestimmen. „Verboten“ steht auf dem Bild der (nur noch teilweise sichtbaren) Frau, die mit einer Hand ihr Geschlecht bedeckt. Da denke ich an Boticellis „Geburt der Venus“ und an den Slogan „Nein bedeutet Nein“ der aktuellen feministischen Kampagnen. Ein Lieblingssatz von Miss.Tic, den man auf vielen ihrer Bilder findet, heißt: „Fais de moi, ce que je veux“Mach mit mir, was ich will. Bei ihr sind eindeutig die Frauen das „starke Geschlecht“.

rue Buffon, September 2022 Der Mann ist ein Wolf für den Mann und nervig für die Frau

Männer spielen bei Miss Tic eine marginale Rolle bzw. sie fungieren als Mittel zum Zweck weiblicher Lust. Da hätten wohl eher Männer Anlass zu Kritik an den ihnen zugeschriebenen Rollen….

Stärker als die Leidenschaft ist die Illusion (Butte aux Cailles)  Foto: Wolf Jöckel, Juni 2012

Hier hat der Mann das Nachsehen und rauft sich die Haare. Dem Nächsten wird es wohl kaum besser ergehen….

Foto: Wolf Jöckel  2020

Und hier fordert Miss.Tic zum Ungehorsam auf, zum Widerstand gegen die Unterwerfung (soumission). „Ein erniedrigendes Bild der Frau“, das man ihr unterstellt hat[21], sieht doch wohl anders aus.

Das Männliche bringt es voran- aber wohin?   Foto: Wolf Jöckel, Juni 2012

An einem Restaurant auf der Butte aux Cailles (13. Arrondissement) findet sich diese ironische Botschaft von Miss.Tic.  Sie hatte ja am Beginn ihrer Graffitti-Karriere angekündigt, die Mauern mit mots cœurs bomardieren/besprayen zu wollen. In den mots cœurs klingt aber auch das moquer der Spottdrossel (merle moqueur) an. Die ist auf der Butte aux Cailles, dem Ort dieses Bildes, ja besonders präsent: Die merle moqueur gehört zu les temps des cerises, der Hymne der Pariser Commune, die auf der Butte aux Cailles besonders populär war und ist. Es gibt dort auch eine merle moqueur-Kneipe.[22] Und ich denke, dass dieses pochoir ein schönes Beispiel für den Spott, den Humor und die Ironie ist, die auch viele Arbeiten von Miss.Tic kennzeichnen.

Auf der Butte aux Cailles hatte Miss.Tic  auch ihr Atelier, wo eines ihrer wohl letzten Fotos entstand[23]:

Und wer auf einem begrenzten Raum eine große Zahl von pochoirs von Miss.Tic sehen möchte, dem kann ich nur einen Spaziergang über dieses sympathische kleinstädtische Viertel von Paris empfehlen.

Hier einigee (weitere) Beispiele:

Ich suche die Wahrheit und eine Wohnung. An einem Restaurant auf dem Butte aux Cailles. Foto: Wolf Jöckel, Juni 2012
Mit der Liebe geht die Zeit schnell vorbei. Mit der Zeit kommt die Liebe seltener vorbei.  Butte aux Cailles, Dezember 2012. Foto: Wolf Jöckel
Rue des cinq diamants, Butte aux Cailles. Foto: Wolf Jöckel, Dezember 2018
LP/Stéphane Duprat Le Parisien 28.5.2022 Butte aux Cailles, rue Jonas: statt port du voile interdit (Ganzkörperverschleierung verboten): Tragen des Verstandes ist verpflichend

Foto: Wolf Jöckel, Dezember 2018

Dieses Pochoir an der Place Verlaine (Butte aux Cailles) ist sicherlich eine Antwort von Miss.Tic auf die Anschläge vom 13. November 2015.  Denn Ziel der Anschläge waren damals  auch mehrere Terrassen von Bars mit ihren Freiheit und Lebensfreude verkörpernden Besuchern: den islamistischen Terroristen verhasst, so dass sie die „terrasses de la vie“ zu Terrassen des Todes machten. Aber -so die Botschaft von Miss.Tic: diese Freiheit, an der wir umso wütender und trotziger hängen, lassen wir uns nicht nehmen! Das für Miss.Tic eher ungewöhnliche intensive Rot darf wohl als besonderer Akzent verstanden werden, der deutlich macht, wie wichtig ihr diese Botschaft war.

Und  zum Schluss noch ein Bild, dessen Aussage mit einem ungewöhnlichen Grün unterstrichen wird:

Die Poesie ist ein unbedingt notwendiger Luxus (rue du moulin des prés, Butte aux Cailles) Foto: Wolf Jöckel, Mai  2017

Miss.Tic verstand sich als „Poetin der städtischen Kunst“. Für sie war die Poesie mehr als ein Luxus, sie war ihr Lebenselexir. Und sie hat auf den Wänden von Paris die Poesie straßentauglich gemacht.[24] Das ist ihr großes Verdienst und das wird uns von nun an sehr fehlen. 

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Eingestellt in https://paris-blog.org/ am 1. Juni 2022, dem Tag der Beerdigung von Miss.Tic auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris.

Zum Weiterlesen:

Miss.Tic in Paris. Paris Musées 2005

Bomb it, Miss.Tic! Mit der Graffiti-Künstlerin in Paris. Hrsg. Jorinthe Reznikoff und KP Flügel. Hamburg: Edition Nautilus 2010

Christophe Genin, Miss.Tic, femme de l’être (édition revue et augmentée)  Bruxelles:  Les Impressions Nouvelles  2014

Collectif, Miss Tic: Histoires de rencontres.  Mit einem Vorwort von Miss.Tic. 2019


Dies ist ein Beitrag von Wolf Jöckel aus https://paris-blog.org/ . Sollte er unter dem Autorennamen Paul Lucas auf der Seite  https://www.voyages-en-patrimoine.com/ veröffentlicht werden, handelt es sich um einen Akt der Piraterie und um einen eklatanten Verstoß gegen das Urheberrecht.

Anmerkungen:

[1] Der Ausdruck princesse du graffiti stammt aus Le Monde vom 17. September 2002: Dominique le Guilledoux,  Miss-Tic, princesse du graffiti. In ihrem Nachruf auf Miss.Tic hat Le Monde diesen Ausdruck wieder aufgenommen. (22. Mai 2022).

Miss.Tic, princesse du graffiti, est morte à l’âge de 66 ans (lemonde.fr)

Im Februar 2019 hatte ich schon einmal im Rahmen einer kleinen Serie über Street-Art in Paris einen Beitrag über Miss.Tic (zusammen mit Monsieur Chat und Fred le Chevalier) in diesen Blog eingestellt: https://paris-blog.org/2019/02/01/street-art-in-paris-4-monsieur-chat-miss-tic-und-fred-le-chevalier/  Bei dem jetzigen Beitrag handelt es sich um eine wesentliche Erweiterung des damaligen Beitrags.

[2] Bomb it, Miss.Tic!, S. 44

[3] https://picsou.fandom.com/fr/wiki/Miss_Tick_De_Sortil%C3%A8ge Zitat von Miss Tic aus: https://www.aviva-berlin.de/aviva/content_Interviews.php?id=1430011236

[4] https://www.lemonde.fr/disparitions/article/2022/05/22/miss-tic-princesse-du-graffiti-est-morte-a-l-age-de-66-ans_6127219_3382.html

[5] Il n’y a plus que le fisc et les flics qui connaissent ma véritable identité.

https://www.dicocitations.com/reference_citation/118527/_Miss_Tic_tatoueuse_de_villes_Veronique_Cauhape_Le_Monde_16_avril_2009.php  „Von Anfang an habe ich mich Miss.Tic genannt. Niemand nennt mich mehr mit meinem richtigen Namen. Nur die Bullen und der Fiskus kennen ihn.“  In: Jorinde Reznikoff, KP Flügel: Bomb it, Miss.Tic! Mit der Graffiti-Künstlerin in Paris. Hamburg 2011, Edition Nautilus, S. 72

[6] Bild aus: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f1/Miss.Tic_2012.jpg

[7] Die Übersetzung ist schwierig, weil in dem Text ein doppeltes Wortspiel enthalten ist: art mur ist die Mauer-Kunst, es klingt darin aber -gerade im Zusammenhang mit enfiler/überziehen auch armour/Rüstung an. Und das passt insofern, als es sich bei dem, was sie nun tut, um eine durchaus gefahrvolle Aktion handelt. Denn bombarder ist eine Übernahme des englischen to bomb, also bombardieren, womit in der Graffiti-Sprache auch das (i.a. illegale) Sprayen bezeichnet wird. Die Farbdose, mit der gesprüht wird, ist die bomb. Bei den mots coeurs/den Herz-Wörtern klingen die moqueurs/die Spötter an.

In dem Buch von Jorinde Reznikoff/KP Flügel wird der Satz wie folgt übersetzt:  Ich ziehe die Rüstung/Mauer-Kunst über, um mit Herz-Wörtern die Spötter zu bombardieren.‘  (Bezogen auf Christophe Genin in: Jorinde Reznikoff, KP Flügel: Bomb it, Miss.Tic! Mit der Graffiti-Künstlerin in Paris. Hamburg 2011, Edition Nautilus, S. 39.) Diese -sicherlich nicht von Genin stammende- deutsche Version wird auch von Wikipedia übernommen. Dass da Spötter bombardiert werden,  finde ich allerdings wenig überzeugend. (Allerdings ist der Bezug zu dem moqueur sicherlich nicht zufällig. Mehr dazu weiter unten in dem Beitrag). Ich versuchte es zunächst so:

Ich wappne mich mit Mauerkunst, um Herzensworte auf die Wände zu sprayen.  Pierre Sommet, den ich dazu konsultierte, überzeugte mich aber, es bei dem bombardieren zu belassen: „Ich würde ungern auf das Verb bombardieren verzichten. Meiner Meinung nach zieht die engagierte Künstlerin in die Schlacht und hofft, dass die Botschaft ihrer Graffiti-Kunst wie eine Bombe einschlägt, also eine nachhaltige Wirkung erzielt, wobei diese „Bombe“ eigentlich als humanitäre Waffe eingesetzt wird, denn sie besteht aus warmherzigen Worten.“ Merci, Monsieur Sommet!

Bild aus: http://missticinparis.com/archives/pochoirs-des-rues/

[8] Siehe: https://paris-blog.org/2018/10/01/street-art-in-paris-3-der-invader/

[9] Siehe den Blog-Beitrag von Gabriele Kalmbach: https://gabrielekalmbach.de/street-art-in-paris-miss-tic/

[10] https://www.cineimage.ch/film/fillecoupeeendeux/lbox_ver_artw_1.html

[11] Siehe: https://www.francebleu.fr/infos/transports/connait-le-trace-definitif-de-la-ligne-5-du-tramway-a-montpellier-1550232989

[12] https://tramwaydemontpellier.net/2013/10/18/18-octobre-2013-design-de-la-ligne-5-la-gagnante-est-miss-tic/#jp-carousel-2852 https://www.midilibre.fr/2013/10/18/montpellier-un-design-tout-en-rupture-pour-la-ligne-5-du-tramway,771549.php

[13] https://www.instant-city.com/misstic-habille-les-murs-et-deshabille-son-ame/

[14] Bild aus: https://www.artshebdomedias.com/agenda/miss-tic-muses-hommes/

[15] https://www.aviva-berlin.de/aviva/content_Interviews.php?id=1430011236  (In einem Interview aus dem Jahr 2011)

[16] https://www.beauxarts.com/videos/miss-tic-le-desir-de-desirer-toujours-et-encore/

[17] Si je préfère les chats aux chiens, – C‘est qu’il n’y a pas de chats policiers

Zu Miss.Tic und Prévert siehe Jacques Dubois in seinem Mediapart-Artikel von 2015 über die „femme capitale“: „Miss.Tic au total nous apparaît en grande artiste mi-populaire et mi-intellectuelle, quelque part entre Jacques Prévert et Ferré.“  https://blogs.mediapart.fr/edition/bookclub/article/220115/misstic-femme-capitale

[18] Siehe dazu den Blog-Beitrag über die féminicides: https://paris-blog.org/2019/11/17/stop-feminicide-schluss-mit-den-frauenmorden-aktuelle-aktionen-in-frankreich/

[19] Siehe z.B. Maxi Leinkauf, Bombig. In: der Freitag, 6.5.2011   https://www.freitag.de/autoren/maxi-leinkauf/bombig

[20] Bomb it, Miss.Tic!, S. 9

[21] Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Miss.Tic  Abschnitt Abschnitt Miss.Tic und der Feminismus

[22] Zum Viertel Butte aux Cailles siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2019/07/01/la-butte-aux-cailles-ein-kleinstaedtisches-idyll-in-paris/ Zu Les temps des cerises und der Spottdrossel siehe: https://paris-blog.org/2016/08/13/der-buergerkrieg-in-frankreich-1871-ein-rundgang-auf-dem-friedhof-pere-lachaise-in-paris-auf-den-spuren-der-commune/

[23] Bild aus: https://www.facebook.com/photo/?fbid=563751535116620&set=a.213809903444120

[24] https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.street-art-kuenstlerin-tot-miss-tic-machte-poesie-strassentauglich.77b5de73-fb2f-4e0f-b917-26677946ed3a.html

Weitere Blog-Texte zur Street-Art in Paris:

https://paris-blog.org/2017/12/01/open-your-eyes-street-art-in-paris-1/
https://paris-blog.org/2018/06/01/street-art-in-paris-2-mosko-jef-aerosol-und-jerome-mesnager/
https://paris-blog.org/2018/10/01/street-art-in-paris-3-der-invader/
https://paris-blog.org/2019/02/01/street-art-in-paris-4-monsieur-chat-miss-tic-und-fred-le-chevalier/
https://paris-blog.org/2020/04/08/street-art-in-paris-5-gare-du-nord-quai-36/
https://paris-blog.org/2020/04/20/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-1-grosse-maenner/
https://paris-blog.org/2020/05/10/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-2-grosse-frauen/

Der 2. Mai 2022, der Tag danach: Boulevard Voltaire/Paris 11ème.

Ich muss gestehen, dass ich den diesjährigen 1. Mai ganz unpolitisch verbracht habe: Nämlich mit einer Radtour ins Pariser Umland, um ein kleines privates Museum am Canal de l’Ourcq zu besuchen, das schon lange auf meiner „Wunschliste“ steht. Es hat aber nur ab und zu geöffnet – diesmal gerade am 1. Mai…

Dass es nun trotzdem diesen ganz ungeplanten und spontan erstellten Blog-Text zum 1. bzw. genauer: zum 2. Mai gibt, hat seinen Grund in diesem Zettel:

Ich entdeckte ihn zufällig am 2. Mai nachmittags an einer Immobilien-Agentur im Boulevard Voltaire: „Ihre Agentur bleibt geöffnet „noch mehr als gewöhnlich“.

Der Text sprach mich unmittelbar an. Er hing an der Fassade der Agentur, die völlig offen war:  Glas an der Schauseite gab es nicht, auch nicht in der Tür, durch die man treten konnte, ohne sie zu öffnen. Die Agentur war also in der Tat „noch mehr als gewöhnlich“ geöffnet – eine auch noch in  Anführungsstriche gesetzte und an dieser Stelle geradezu surrealistische Information….  

Drinnen saß ein junges Paar auf einer Couch – offensichtlich die Betreiber dieser Agentur. Der junge Mann wurde auf mich aufmerksam, trat vor bzw. durch die Tür und wir kamen ins Gespräch. Er war noch sichtlich erschüttert von dem, was sich tags zuvor abgespielt haben musste: Die massive Fensterfront der Agentur war völlig zerstört worden, was nur mit größter Gewaltanwendung und nur mit einigem Zeitaufwand möglich sei. Die Polizei habe nicht eingegriffen, was er aber im Prinzip richtig fand: Besser nur Sachschäden als Verletzte oder gar Tote….  Der bzw. die Vandalen hätten sich sogar noch die Zeit genommen, eine Informationstafel im Innern in ihrem Sinne umzugestalten: Statt des Angebots einer kostenlosen Bewertung von Immobilien der Aufruf zu Streik und die Proklamation von Anarchie.

Er habe ja viel Verständnis für die verbreitete Unzufriedenheit, wofür er das Wort „colère“ /Wut verwendete. Damit wird derzeit gerne die Befindlichkeit vieler Franzosen bezeichnet, und auch politische Aktivisten benutzen das Wort ausgiebig, um ihre Aktionen zu begründen.  Das aber, was da am 1. Mai geschehen sei, habe -so der junge Mann- nichts mehr mit einer verständlichen, legitimen Meinungsäußerung zu tun. Einige Randalierer hätten die Demonstration genutzt, um im Boulevard eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Darüber werde jetzt nur noch berichtet und gesprochen und nicht über die berechtigten Anliegen friedlicher Demonstranten. So war es denn ja auch.[1]

Und dann erklärte er mir die Anführungsstriche auf dem Zettel: Dass die Agentur „noch mehr als gewöhnlich“ geöffnet sei.  Dieser Ausdruck stamme aus London aus der Zeit des deutschen Bombardements der Stadt im Zweiten Weltkrieg. Als er merkte, wie mich dieser Bezug berührte, empfahl er mir zum Abschied, mich doch etwas umzusehen. Auch wenn schon viel aufgeräumt worden sei – wie in seiner Agentur- würde ich da immer noch einen Eindruck von dem bekommen, was sich tags zuvor abgespielt habe.

Da wir Freunde erwarteten, hatte ich nur ganz wenig Zeit. Aber die 15 Minuten, die mir noch blieben, nutzte ich, um in der Umgebung der Agentur im Boulevard Voltaire Fotos zu machen. Hier einige Eindrücke:

Die Immobilien-Agentur la forêt

Am ärgsten betroffen waren vor allem Bankfilialen.

Werbung sei ein Akt der Gewalt. Sie zu zerstören ein Akt der Therapie.

Und darunter: „ein Reicher, eine Kugel, Gerechtigkeit“

„Das ist explodiert“

Dieser Geldautomat wurde vermutlich schon vorsorglich vernagelt. „Warum versteckst du dich?“  – Aber statt der Verbform von „cacher“ (sich verstecken) wird das englische Wort für Bargeld verwendet (cash)….

Die dazu passenden politischen Botschaften gibt es auch:

Der Kapitalismus als Ursprung des Zorns (la colère)

Gestern die Fensterscheibe, heute die Mauer, morgen Macron

Zwischen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen: Wählen tötet

Die Jugend hat nichts mehr zu verlieren. Ihr habt uns unsere Zukunft gestohlen, wir zerstören eure Gegenwart.  Dem hat jemand hinzugefügt: Pardon, aber was tun?

Niederlassung der AXA-Versicherung im Boulevard Voltaire. Dort haben wir unsere staatlich vorgeschriebene Wohnungsversicherung abgeschlossen und sind wegen wiederholter -in Pariser Altbauten üblicher- Wasserschäden gut bekannt.  Hier haben die Vandalen nicht nur Schaufenster und Tür zerstört, sondern auch den Innenraum mit den Einrichtungsgegenständen verwüstet. Die Angestellten waren aber schon wieder notdürftig bei der Arbeit und freuten sich über mein „bon courage!“. Immerhin gehe ich davon aus, dass sie gut versichert sind….

Der Boulevard Voltaire war deshalb besonders von den Zerstörungen betroffen, weil dies die klassische Demonstrationsroute zwischen der place de la Nation und der place de la République ist. Betroffen waren nicht nur Bankfilialen und Immobilienagenturen, sondern zum Beispiel auch diese Zeitarbeits-Agentur, die mit einer entsprechenden Aufschrift versehen wurde:

Schluss mit der Arbeit! (cramer = abfackeln, anzünden). In Brand gesteckt wurden am 1. Mai auch wieder einige Autos, die unvorsichtigerweise an der Demonstrationsmeile abgestellt waren. Aber auf dem kleinen von mir beobachteten Teilstück des Boulevard Voltaire war davon am 2. Mai nachmittags nichts (mehr) zu sehen.

Unübersehbar war dieser Bio-Laden. Der Pfeil (Bio für alle) zeigt auf die (zerstörte) Tür. Der Laden wurde am 1. Mai -entsprechend dieser Aufforderung- geplündert. Und dazu folgende Aufschrift:

Die Milliarden der Reichen sollen die Bio-Lebensmittel bezahlen. Dann wird sich der Zorn (natürlich auch hier: la colère) legen. Bio-Lebensmittel zugänglich für jedermann. Es lebe der freie Preis. Offenbar soll wohl jeder den Preis entrichten, den er bezahlen kann bzw. will. Die, die das Geschäft plünderten, gehörten offensichtlich zu denen, die nichts bezahlen wollten…

Hier mal ein Maiplakat der Gewerkschaft CGT mit der Aufforderung, sich für die Löhne, die Beschäftigung und den Frieden in der Welt zu engagieren.

75% der Franzosen sind der Meinung, dass ihre Kaufkraft sinkt. Sie haben 100% Recht. Mit der CGT für bessere Löhne

Ein Stopp-Schild für Le Pen: immerhin stehen jetzt Parlamentswahlen bevor.

Besonders schlimm und traurig, dass auch öffentliche Güter wie hier die Metro-Station Voltaire der Linie 9 verwüstet wurden.

Die Informationstafel mit dem Stadt- und Metro-Plan von Paris war stark beschädigt und abgeknickt. Sie wurde am nächsten Tag abmontiert. Dahinter der Zeitungskiosk…

… und daneben der Aufruf zur Erhaltung der öffentlichen Dienstleistungen….

Hart getroffen hat es auch den Zeitungskiosk: Das seien Verrückte gewesen, sagte der Zeitungshändler. Immerhin saß er aber am 3. Mai schon wieder in seinem notdürftig zusammengeflickten Kiosk, zeigte mir aber auf seinem Handy gerne Bilder vom Werk der „casseurs“.   Aber bei McDonald’s an der Ecke sei es noch schlimmer: Die ganze Einrichtung verwüstet. Man könne dort nicht mehr sitzen, es gäbe jetzt nur Straßenverkauf und die Schaufenster blieben wohl noch -in Erwartung möglicher weiterer Ausschreitungen- bis über den 8. Mai verrammelt.  2020, bei der großen Demonstration gegen die damals geplante Rentenreform waren die Fenster der  McDonald’s Filiale an der place Voltaire noch mit hunderten kleinen politischen Aufklebern beklebt worden. Das war damals sogar eine Attraktion gewesen und hatte etwas von Aktionskunst.[2]

Jetzt nur noch blinde Zerstörung. Es habe ausgesehen, als sei eine Bombe eingeschlagen, sagte der Zeitungsverkäufer.  Da sind wir wieder bei den Bomben wie am Anfang dieses kleinen Rundgangs….

Der abschließende Kurzkommentar des Zeitungshändlers: Le monde à l’envers…  Verkehrte Welt

Beeindruckend war aber auch, mit welcher Geschwindigkeit und Professionalität schon am 2. Mai die ärgsten Schäden beseitigt wurden oder sogar schon beseitigt worden waren.

Agentur der Versicherungsgesellschaft MAIF, Place Voltaire
Verpiss dich/fick dich MAIF! Es lebe die Demonstration