Schloss und Park von Chantilly- eine Alternative zu Versailles

Natürlich reichen Schloss und Park von Chantilly bei weitem nicht an Versailles heran. Es gibt dort weder einen Spiegelsaal noch die grandiosen Wasserspiele im Park. Aber immerhin: Auch der Park von Chantilly mit seinem großen Kanal wurde, und zwar noch vor dem von Versailles,  vom großen Le Nôtre entworfen und Chantilly war sogar von den vielen Parks, die er entwarf, ihm der liebste. Das kleine Dörfchen im Park diente sogar als Vorbild für den hameau Marie Antoinettes in Versailles. Wenn man also den Besucherschlangen und dem Gedränge von Versailles entgehen und in Ruhe ein prächtiges französisches Schloss mit seinem Park und seinen Kunstschätzen bewundern will, dann ist man in Chantilly richtig. Auch wenn der Ort weiter von Paris entfernt ist als Versailles: Die Fahrtzeiten sind ganz ähnlich, und vom Bahnhof aus gibt es einen  schönen Fußweg direkt zum Schloss.

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Außerdem hat Chantilly auch einiges zu bieten, was Versailles nicht hat: beispielsweise die riesigen Reitställe (Ecuries), an denen man auf dem Weg vom Bahnhof zum Schloss vorbeikommt und die ich zunächst –wegen ihrer Größe und Pracht-  für das eigentliche Schloss gehalten habe.

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Oder das Musée Condé, eine außerordentliche Sammlung klassischer Kunst, die die Schlossherren, zunächst der „Große Condé“ im 18. und danach der Duc d’Aumale im 19. Jahrhundert,  zusammengetragen haben: Es ist die zweitgrößte Sammlung klassischer Malerei in Frankreich nach dem Louvre, das allerdings mit den drei Raphaels von Chantilly nicht konkurrieren kann.

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Zu den drei Raphaels des Musée Condé gehören neben zwei Gemälden der Madonna mit Kind auch die drei Grazien, ein Motiv, das auf Lucas Cranach zurückgeht. Und immerhin hat das Louvre kürzlich dieses Cranach-Bild mit Hilfe einer groß angelegten Spendenkampagne erworben. Wir konnten es allerdings immer noch nicht sehen, weil dieser Teil des Louvres oft wegen der Personaleinsparungen geschlossen ist…  Es gibt auch eine Reihe schöner Portraits im Musée Condé, unter anderem von der Reine Margot, der ersten Frau Henri Quatres, was insofern etwas delikat ist, weil ja die letzte Liebe des Königs, die blutjunge Charlotte de Montmorency, ausgerechnet in Chantilly zu Hause war- und von der gibt es natürlich auch ein Portrait.

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Die Ausstellungstücke sind zwar –unverändert seit dem 19. Jahrhundert- etwas chaotisch und überbordend angeordnet, aber das hat auch seinen Reiz und strahlt Authentizität aus.

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Das Schloss selbst ist zwar viel bescheidener als das von Versailles und stammt –aufgrund der Zerstörungen während der Französischen Revolution- in wesentlichen Teilen erst aus dem 19. Jahrhundert. Aber die alte Schlosskapelle, die Bibliothek, die das allerdings nur in Faksimile ausgestellte wunderbare Stundenbuch des Duc du Berry zu ihren Schätzen zählt,  und die Galerie der Psyche mit einer Serie von 42 exquisiten Glasfenstern aus der Renaissance lohnen alleine schon einen Besuch.

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Der Park mit seinem großen Kanal und dem „Philosophenweg“, auf dem zur Blütezeit Chantillys La Fontaine, La Bruyère, Mme de Sévigné, Molière und viele andere wandelten, lädt zu einem Spaziergang ein. Den spektakulären, von einer unterirdischen Quelle gespeisten Wasserfall gibt es allerdings nicht mehr.Der ist, wie so vieles in Schloss und Park Chantilly, den Zerstörungen während der Französischen Revolution zum Opfer gefallen.

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Dafür aber die echte Crème Chantilly, die im hameau serviert wird, einem idealisierten Bauerndörfchen, das  zum ersten Mal in einem französischen Schlosspark  aufgebaut wurde.  Dort konnte sich die adlige Gesellschaft ungezwungen verlustieren. Heute gibt es dort ein kleines Café und bei schönem Wetter kann man auch draußen sitzen.

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Die Crème Chantilly soll  von Francois Vatel erfunden worden sein: Geschlagene Sahne, die mit Puderzucker gesüßt und mit Vanille aromatisiert wird.  Ursprünglich hieß der Erfinder mal als biederer Schweizer Fritz-Karl Watel. In Frankreich hat er dann aber eine steile Karriere als Prominenten-Koch und Maître de Plaisir gemacht (was bei Wikipedia sehr schön mit: Event-Manager übersetzt wird):  zunächst bei Nicolas Fouquet, dem reichsten Mann Frankreichs, in Vaux-le-Vicomte (was ein anderes grandioses Schloss bei Paris und  eine andere schöne Geschichte ist- das vielleicht in einem späteren Bericht), dann beim großen Condé in Chantilly. Mit Vatel nahm es allerdings ein trauriges Ende: Am 23. April 1671 erschien Ludwig XIV. mit einem großen 3000 Mann und Frau-starken Gefolge in Chantilly. Es sollte feierlich die Versöhnung mit dem Großen Condé besiegelt werden, der an der Adelsfronde gegen den jungen Ludwig teilgenommen hatte. Außerdem hoffte der hoch verschuldete Condé auf ein einträgliches Militär-Kommando. Nach einer gemeinsamen Jagd gab es ein festliches Souper mit Feuerwerk. Und das war auch schon der Beginn des Dramas, über das wir durch einen Brief von Madame de Sévigné an ihre Tochter anschaulich informiert werden (26. April 1671): Das Feuerwerk funktionierte wegen schlechten Wetters nicht recht, und beim Abendessen fehlte an zwei Tischen der Braten, weil das Gefolge des Sonnenkönigs größer war als erwartet. Vatel sah sich in seiner Ehre beschädigt, auch wenn ihn sein Herr wiederholt beruhigte und tröstete. Am nächsten Tag sollte dann wenigstens alles perfekt sein. Da es Karfreitag war, stand auf dem Speiseplan –vor der Créme Chantilly – Fisch. Doch welche Tragik: Als Vatel am frühen Vormittag die Vorräte inspizierte, stellte er fest, dass die bestellten Fisch-Lieferungen nicht eingetroffen waren! Das war zu viel! Vatel  stürzte sich voller Scham in seinen Degen  und machte so seinem Leben ein Ende. Kurze Zeit später trafen aus allen Häfen Frankreichs die Fische in riesigen Mengen ein! Madame de Sévigné soll jedenfalls in einem Gespräch Vatel als ein Vorbild für Verantwortungsbewusstsein gerühmt haben.

Es erscheint selbstverständlich, dass das Schlossrestaurant den Namen Vatels trägt. Und vielleicht sind auch die vielen Karpfen, die  sich in den Schlossgewässern tummeln, eine Hommage an Vatel: Mit ihnen könnte man jedenfalls sicherlich ohne Mühe ein 3000-köpfiges Gefolge verköstigen.

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Es gibt im Schlosspark von Chantilly –hinter dem hameau- übrigens auch ein Labyrinth- ein grünes, aus Hainbuchen-Hecken. Kunstvoll angelegt, ohne jeden metaphysischen Anspruch, aber eines, in dem man sich wirklich verirren kann!

Und es gibt auch einen Film über Vatel, der sogar 2000 als Eröffnungsveranstaltung der Filmfestspiele von Cannes gezeigt wurde. Die Hauptrolle spielt natürlich….. Gerard Dépardieux, was auch –wenn ich mir die respektlose Bemerkung gestatten darf- plausibel macht, dass es –wie Madame Sévigné berichtet- dreier Versuche bedurfte, bis sich Vatel „erfolgreich“ den Degen in die Brust gerammt hatte. Vorher darf  Dépardieu aber seinen Finger in alle Töpfe stecken, und eine schöne Frau (Uma Thurman) für ihn gibt es natürlich auch … Von 3sat, das den Film am 23.12.10 ausstrahlte, wurde der Film als „opulentes Historiendrama“ angekündigt. Selten habe ein Film „das Übermaß an Prunk und Pracht im Umfeld Ludwigs XIV. so sinnlich ansprechend in Szene gesetzt“. Jedenfalls der passende Film zum Schloss!

Praktische Information: Fahrt mit dem TER Picardi vom Gare du Nord Richtung Creil bis Chantilly-Gouvieux

25 Minuten Fahrzeit. Die Fahrkarten kann man an jeder Metro-Station kaufen und damit auch gleich zum Gare du Nord fahren. Fahrplan im Internet. (SNCF, Gare du Nord – Creil).  Vom Bahnhof Chantilly-Gouvieux aus noch ein Fußweg zum Schloss (beschildert) durch den Wald, dann entlang der Pferderennbahn bis zu den Ställen und von dort zum Schloss.

Täglich außer dienstags geöffnet.

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