6. Juni 1944: Aus Feinden werden Freunde

Am 30. Mai veröffentlichte die französische  Wochenzeitung Le Point –im Zuge der publizistischen Einstimmung auf die Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag der Landung alliierter Truppen in der Normandie – einen Artikel  mit der Überschrift:

6 juin 1944 : deux SAS français derrière les lignes allemandes

(6. Juni 1944: zwei französische SAS hinter den deutschen Linien)

… und dazu ein Foto von Rémi Dreyfus, einem der wenigen  französischen Beteiligten an der Landung der Alliierten und  einem der ganz wenigen heute noch lebenden französischen „Veteranen“ des 6. Juni.  Mit ihm hatte die Nachrichtenagentur AFP (Agence France Presse) ein Interview gemacht, das die Grundlage des Artikels ist. [1]

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Das allein könnte schon Grund genug sein für einen kleinen Beitrag zu diesem Blog. Dort gibt  es immerhin schon zwei Artikel zur Normandie, in denen die Landung der Alliierten eine zentrale Rolle spielt.[2] Aber das ist es nicht allein: Denn Rémi Dreyfus ist ein wunderbarer Mensch, ein Freund des „anderen“ Deutschlands und seit vielen Jahren  ein guter persönlicher Freund. Auch davon soll im nachfolgenden Beitrag die Rede sein.

Doch zunächst zur Geschichte und  zum Artikel von Le Point/dem Interview Rémis mit  AFP. Da ist in der Überschrift die Rede von zwei französischen SAS hinter den deutschen Linien. SAS ist eine Abkürzung für Special Air Service, eine Fallschirmjägereinheit innerhalb der Royal Air Force, in die auch Franzosen („paras tricolores“[3]) integriert waren.   Diese Einheit war für besondere Aufgaben bestimmt, von denen im nachfolgenden Artikel dann die Rede ist.

Bekannt sei, dass am D-Day 177 französische Marinesoldaten des Kommandos Kieffer am Sword Beach an Land gegangen seien. (4)  Es habe aber auch noch andere Franzosen gegeben, die an der Landungsoperation teilgenommen hätten. Unter ihnen sei auch der 100-jährige Rémi Dreyfus gewesen, der in seiner Pariser Wohnung  von seinen Aufklärungsmissionen in der Normandie berichtet.

Ein Lastensegler… Ich hatte niemals einen Fuß in einen Lastensegler gesetzt. Aber so war es eben. Wir waren 15 an Bord. Am 6. Juni nachmittags hoben wir ab, aber ich wusste nicht, von welchem Flugplatz aus, das hatte man uns nicht gesagt.

Die ganze Luft war voll von Lastenseglern. Schnell überflogen wir tausende von Schiffen, die von hunderten Jagdflugzeugen geschützt wurden, die den Luftraum beherrschten. Kein deutsches Flugzeug weit und breit. Ich hatte das Gefühl, dass  wir unbesiegbar seien. Das war es: Ich war im Lager der Unbesiegbaren.“

Der Lastensegler Rémis landete bei einem kleinen Ort nordöstlich von Caen.

„Es ist ganz ruhig, keine Schüsse. Meine offizielle Mission besteht darin, für den  (englischen) General Gale zu dolmetschen. Aber schnell stelle ich fest, dass er keinen Dolmetscher benötigt.“

Also gibt er sich selbst den Auftrag,   mit einem französischen Kameraden das Niemandsland zwischen den englischen und deutschen Linien zu erkunden. Bei Dunkelheit ziehen sie los, gegen vier Uhr in der Frühe kommen sie zurück.

Wir haben vier oder fünf solcher Erkundungen gemacht. Bei einer von ihnen habe ich etwa zwanzig deutsche Panzer entdeckt, die in einem kleinen Wald verborgen waren. Ich habe ihre Existenz gemeldet und am nächsten Morgen wurden sie von unseren Flugzeugen zerstört.“(5)

Bei seinen heimlichen Patrouillen begegnet Dreyfus auch Franzosen, von denen die meisten begeistert gewesen seien über die blau-weiß-rote Kokarde auf seiner englischen Uniform.

„Aber einige auch weniger, zum Beispiel solche, die ihr Vieh bei den (alliierten) Bombardements verloren hatten.“

Nach der Eroberung von Caen sei er wieder nach England zurückgekehrt und habe Mitte August einen neuen Spezialauftrag erhalten: nämlich die deutschen Truppen daran zu hindern, Kräfte aus dem Süden an die Front im Norden zu verlegen.

„ Dreißig Trupps von jeweils 10 Fallschirmspringern, um 20- 25 Straßenverbindungen auf einer Linie von La Rochelle bis nach Belfort zu blockieren: nicht schlecht als Marschbefehl für ein Bataillon von 300 Personen, nicht wahr? Ich bin am Tag der alliierten Landung in der Provence im Département  Saône-et-Loire abgesprungen. Ich hatte 400 Kilometer Vorsprung vor ihnen.“

Rémi Kontakt nahm bei diesem Einsatz Kontakt mit maquisards auf, um gemeinsam seine Aufträge zu erfüllen: Straßenverbindungen zwischen Süd- und Nordfrankreich zu unterbrechen und die deutschen Truppen so weit wie möglich auf ihrem Vormarsch in den Norden anzugreifen. „Ce qui n’était pas toujours évident“.

Im September 1944 sei  dann Remis „Kampagne in Frankreich“ beendet gewesen.

Nicht behandelt wird in diesem Interview die Geschichte, wie es  dahin kam, wie Rémi also zum  französisch-englischen Fallschirmspringer wurde. Aber auch diese Geschichte ist es wert, erzählt zu werden: Vor dem Krieg absolvierte der aus eine Bankiersfamilie stammende Rémi ein Studium an der renommierten Wirtschaftshochschule HEC, einer der französischen Eliteschulen. Im September 1939, als Hitler den Krieg entfesselte, hatte er sein Diplom in der Tasche, aber an eine vielversprechende Berufskarriere war unter diesen Umständen nicht zu denken. Allerdings wurde Rémis Jahrgang erst im März 1940 zu den Waffen gerufen, also kurz vor Beginn des „Blitzkriegs“, in dem Frankreich in kurzer Zeit überrollt wurde und in dem ein großer Teil der französischen Truppen, auch nicht die Einheit Rémis, zum Einsatz kam.

Rémi war nun aspirant, was wohl am ehesten dem deutschen Grad eines Fähnrichs entspricht. Aber das war nicht von Dauer: Rémi wurde nach dem deutsch-französischen  Waffenstillstand nicht demobilisiert, aber nach der Übernahme der Regierungsgewalt durch das Kollaborations-Regime von Vichy als Jude aus der Armee ausgeschlossen: den Antisemitismus mussten sich Pétain und seine Leute nicht von den Deutschen aufzwingen lassen. Für Rémis damaligen Vorgesetzten war diese von oben verfügte Entlassung eine äußerst peinliche Affaire, für Rémi ein Grund zu Freude und Erleichterung. Er war jetzt nämlich gewissermaßen ein freier Mann und konnte sich dem in London um de Gaulle versammelten France Libre anschließen. Der Weg dahin führte über Spanien und Portugal. Als aktiver Soldat  hätte Rémi damit rechnen müssen, in Spanien verhaftet und als Deserteur an das Frankreich Pétains ausgeliefert zu werden. Auch für einen Zivilisten bestand die Gefahr der Verhaftung. Viele junge Franzosen mit dem Ziel England, die der spanischen Polizei in die Hände fielen, wurden in das spanisches  Internierungslager Miranda eingeliefert. Aber die wurden nicht ausgeliefert und blieben dort auch nicht lange.  Dafür sorgte  der britische Botschafter in Madrid. Er handelte mit der spanischen Regierung entsprechende „deals“ aus: Jeweils eine Gruppe der Internierten wurde entlassen und konnte nach Lissabon weiterreisen, wo sich ein Repräsentant von France Libre um alles Weitere kümmerte. Dafür lockerte dann die britische Flotte etwas die Blockade Spaniens…. Rémi blieb diese „Zwischenstation“ allerdings erspart. Trotzdem dauerte es insgesamt neun Monate, bis er sich endlich in London den Truppen des Freien Frankreichs anschließen konnte.

Er wurde den SAS zugeordnet und erhielt im Norden Schottlands  eine Ausbildung als Fallschirmspringer. Seine Ausbilder waren übrigens Polen, denen es gelungen war, sich nach der Niederlage ihres Landes nach England durchzuschlagen. Wie Rémi erzählt, spielten in der französischen und englischen Armee Fallschirmtruppen keine große Rolle. Da waren also die Polen als Ausbilder hochwillkommen. Und Rémi kennt bis heute noch die wesentlichen polnischen Kommandos, die ein Fallschirmspringer kennen (und befolgen) muss, aus dem Effeff…

Und dann war er natürlich etwas enttäuscht, dass er am 6. Juni in einen Lastensegler verfrachtet wurde… Aber danach kam es ja noch anders….

Bei einer unserer Begegnungen erzählte Rémi einmal davon, dass während seiner Zeit in England mit langen Wartezeiten zwischen Ausbildungsphasen und Einsätzen  Rilkes Büchlen „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ eine gemeinsame Lektüre mit seinen Kameraden gewesen sei – natürlich in einer französischen Ausgabe (von 1927).

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Man kann (und muss wohl auch) diesen Text ideologiekritisch sehen, insofern als er auch „Projektionsfläche“ für Ideologien diente, „welche schließlich in die Weltkriege mündeten.“ [6]

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Aber ist es nicht verständlich, ja  anrührend, wenn sich eine Gruppe französischer Widerstandskämpfer, die im Kampf gegen das faschistische Deutschland ihr Leben einsetzen, in diesem Buch wiederfindet?  Immerhin geht es dort um eine Truppe von Soldaten aus verschiedenen Ländern, die gemeinsam Europa gegen den Ansturm der Türken verteidigen. Und es geht um Liebe und Tod, Ängste und Hoffnungen. Das spricht diese jungen Männer –jenseits jeder ideologischen Vereinnahmung- an.

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Jemand erzählt von seiner Mutter. Ein Deutscher offenbar. Laut und langsam
setzt er seine Worte: Wie ein Mädchen, das Blumen bindet, nachdenklich Blume
um Blume probt und noch nicht weiß, was aus dem Ganzen   
wird -: so fügt er
seine Worte. Zu Lust? Zu Leide? Alle lauschen. Sogar das Spucken hört auf.

Denn es sind lauter Herren, die wissen, was sich gehört. Und wer das Deutsche nicht kann in dem Haufen, der versteht es auf einmal, fühlt einzelne Worte: »Abends« … »Klein war … «

 

Da sind sie alle einander nah, diese Herren, die aus Frankreich kommen und aus
Burgund, aus den Niederlanden, aus Kärntens Tälern, von den böhmischen Burgen
und vom Kaiser Leopold. Denn was der Eine erzählt, das haben auch sie erfahren
und gerade so. Als ob es nur eine Mutter gäbe…

Sagt der kleine Marquis. »Ihr seid sehr jung, Herr?« Und der von Langenau, in
Trauer halb und halb im Trotz. »Achtzehn.« Dann schweigen sie. Später fragt
der Franzose: »Habt Ihr auch eine Braut daheim, Herr Junker?« »lhr?« gibt der
von Langenau zurück. »Sie ist blond wie Ihr. « Und sie schweigen wieder, bis
der Deutsche ruft: »Aber zum Teufel, warum sitzt Ihr denn dann im Sattel und
reitet durch dieses giftige Land den türkischen Hunden entgegen?« Der Marquis
lächelt. »Um wiederzukehren. « 

Rémi Dreyfuß hatte des Glück wiederzukehren, zu heiraten, Kinder und Enkelkinder zu haben,  und in seinem Beruf und seinem politischen Engagement erfolgreich zu sein. Dabei war ihm der Ausgleich zwischen den früheren „Erbfeinden“ Deutschland und Frankreich ein besonderes Anliegen. Mehrmals waren mit unserer Vermittlung Schülergruppen aus Deutschland bei Rémi eingeladen.

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Das waren Schüler/innen von Französisch-Leistungskursen oder Geschichts-  Abibac- Kursen, die sich auf das Abitur bzw. gleichzeitig auch auf das französische baccalauréat vorbereiteten. Wenn in Rémis Wohnung in der Nähe des Pantheons die Stühle nicht reichten, setzten sich die Schüler/innen auf den Boden, hörten Rémi zu, machten sich Notizen, stellten Fragen.

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Rémi  zeigte dann auch den Schüler/innen, die sich zum Teil auf ein mögliches Abiturthema „Résistance“ vorbereiteten, Materialien aus der Kriegszeit:

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Zum Beispiel dieses Flugblatt für die französische Bevölkerung über die zunehmende Rationierung von Nahrungsmitteln trotz guter Ernten: Immerhin musste ja nach den Bestimmungen des Waffenstillstands die gesamte Besatzungsarmee aus dem Land, also von Frankreich,  versorgt und unterhalten werden.

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Die Résistance verbreitete auch aktuelle Küchenrezepte aus der Feder von Tante Lucie. Allerdings nicht um zu raten, wie man mit mageren Rationen trotzdem der französischen Küche Ehre machen kann, sondern um darin politische Botschaften zu verbreiten.

 

 

 

Und Rémi zeigte uns auch ein Flugblatt, das nach dem  Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 für deutsche Soldaten bestimmt war. Dort wurde eine ganze Reihe von hohen Offizieren genannt, die an dem gescheiterten Staatsstreich beteiligt waren.

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Damit sollte gezeigt werden,  dass es sich um alles andere als „eine kleine Clique“ handelte- und natürlich war das auch eine Aufforderung an die einzelnen Soldaten, „den Krieg sofort (zu) beendigen“, so wie es die Männer des 20. Juli für Deutschland insgesamt gefordert hätten.

Natürlich erzählte Rémi auch von sich. Es war den Schüler/innen ja wichtig, einen echten Vertreter des Widerstands hören und befragen zu können. Dabei wurde immer wieder deutlich: Rémi war kein „Veteran“ im schlechten Sinne, der nichts anderes im Kopf hat als seine immer wieder zum Besten gegebenen Heldentaten. Wenn er von sich erzählte, geschah das immer mit großer Bescheidenheit, oft mit Humor und  einem verschmitzten Lächeln, so wie das ja auch schon in dem oben zitierten Interview erkennbar oder vorstellbar ist.

Heute werden die Franzosen, die an der Landung teilgenommen hatten, gerne als „französische Helden“ bezeichnet.

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Titelblatt der Zeitschrift Historia, Ausgabe Juni 2019.

Abgebildet sind rechts ein am 6. Juni bei der Landung umgekommener Soldat des Kommandos Kieffer und unten zwei  französische SAS-Mitglieder mit einem Untergrund-Kämpfer

Rémi gab sich nie als Held aus und fühlte sich wohl auch nicht so. – Aber natürlich war er jetzt zu den Feierlichkeiten anlässlich des 75. Jahrestags der alliierten Landung in die Normandie eingeladen und wäre dort sicherlich als Held gefeiert worden. Darauf verzichtete aber der bald 100-Jährige.

Bei den Treffen mit Schüler/innen war Rémi aber trotz seines hohen Alters ein interessierter Gesprächspartner, der Fragen beantwortete, aber auch stellte. Besonders eindringlich waren mehrere Gesprächsrunden mit Schüler/innen von Abibac-Kursen des Romain – Rolland- Gymnasiums aus Dresden. Da traf ein alter Mann des Widerstands, der im Krieg sein Leben im Kampf gegen die Nazis eingesetzt hatte, auf junge Menschen aus einer Stadt, die in ganz besonderer Tragik die Grausamkeit des Krieges erlitten hatte. Und es waren Schülerinnen eines Gymnasiums, das durch seinen Namen und seine Arbeit in besonderem Maße der deutsch-französischen Verständigung verpflichtet ist.

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Rémi Dreyfus 2013  mit Schülerinnen des Romain-Rolland-Gymnasiums Dresden

Foto: Kristian Raum

Rémi erzählte dann auch gerne, dass er während seiner Zeit in England auch deutsche Antifaschisten getroffen und mit ihnen  über die Zukunft eines von den Nazis befreiten Deutschlands gesprochen habe. Und –für uns erstaunlich und überraschend: Seine schlimmsten Feinde seien nicht die deutschen Soldaten gewesen,  sondern die Franzosen der Collaboration, vor allem die Milizen, die gegen ihre eigenen Landsleute gekämpft und ihr Land und dessen Ideale verraten hätten.

Diese Begegnungen waren Sternstunden der deutsch-französischen Verständigung. Merci, Rémi!

 

 

Anmerkungen:

[1]  https://www.lepoint.fr/societe/6-juin-1944-deux-sas-francais-derriere-les-lignes-allemandes-30-05-2019-2315998_23.php

Entsprechend auch in La Croix vom 3. Juni: https://www.la-croix.com/France/6-juin-1944-deux-SAS-francais-derriere-lignes-allemandes-2019-06-03-1301026296

und: https://france3-regions.francetvinfo.fr/bourgogne-franche-comte/remi-dreyfus-parachute-saone-loire-1944-fete-ses-100-ans-1678039.htm

Allerdings ist die Überschrift irreführend: die beiden französischen SAS wurden , wie ja aus dem späteren Artikel auch deutlich wird, am 6. Juni nicht hinter den deutschen Linien abgesetzt.

[2] Normandie (Teil 1): Die allgegenwärige Vergangenheit   https://paris-blog.org/2016/04/29/normandie-teil-1-die-allgegenwaertige-vergangenheit/

Normandie (Teil 2): Schattenseiten der Vergangenheit  https://paris-blog.org/2016/05/08/normandie-teil-2-schattenseiten-der-vergangenheit/

[3] Siehe: Des Paras Tricolores. In: Historia Nr. 870, Juni 2019, S. 24/25

(4) Stéphane Simonnet, 177 hommes, quatre ans d’attente, une victoire. In:  Historia, 870, Juni 2019, S. 30-34

(5) Hier ist der Artikel nicht ganz korrekt: Es war nicht Rémi selbst, der die Panzer entdeckte, sondern ein Bauer, der ihn darauf hinwies.  Das richtig zu stellen, war Rémi wichtig- ein schönes Beispiel für seine Bescheidenheit.

[5] https://parapluie.de/archiv/unkultur/cornet/

 

Weitere geplante Beiträge:

  • La Butte aux Cailles, ein kleinstädtisches Idyll in Paris
  • „Les enfants de Paris“: Pariser Erinnerungstafeln/plaques commémoratives zur Zeit 1939-1945
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • Aux Belles Poules. Ein ehemaliges Bordell im Quartier Saint Denis

Le chocolat Menier (2): Die Villen der Familie im 8. Arrondissement von Paris und das Grabmal auf dem Père Lachaise

Im ersten Teil des Beitrags über die Schokoladenfabrik Menier standen die außerordentlich formschöne, moderne und repräsentative Architektur der Fabrik und die Anlage der Arbeitersiedlung in Noisiel an der Marne im Mittelpunkt.

https://paris-blog.org/2019/05/23/le-chocolat-menier-1-die-schokoladenfabrik-in-noisiel-an-der-marne-repraesentative-fabrikarchitektur-und-patriarchalischer-kapitalismus-im-19-jahrhundert/

Im nachfolgenden Beitrag geht es um die Bauten der Familiendynastie in Paris:  Die Stadtvilla (hôtel particulier) des Émile Justin Menier und die seiner Söhne Henri und Gaston Menier im 8. Arrondissement von Paris sowie die Grabkapelle der Familie  auf dem Père Lachaise. Die Villen der Meniers befanden sich nicht zufällig alle im Umkreis des Park Monceau: Gerade zu der Zeit, als die Schokoladenfabrik von Noisiel ihre grandiose Expansion vollzog, erhielt der Park seine heutige Form und Noblesse. Als nämlich 1860 das alte Dorf Monceau nach Paris eingemeindet wurde, wurde der weitläufige, am Ende des 18. Jahrhunderts angelegte Park des Philippe Égalité, die folie des duc de Chartres, aufgeteilt: Einen Teil gestaltete der Gartenarchitekt Adolphe Alphand um, der im Zuge der Haussmannschen Stadterneuerung unter Napoleon III.  auch andere Parks in Paris neu anlegte.[1] Unter seiner Leitung entstand ein Park, der mit vielen alten und neuen Attraktionen versehen war wie die korinthische Säulenreihe aus einer Anfang des 18. Jahrhunderts zerstörten Kirche von St. Denis, die sogenannte Naumachie…

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… oder die von Claude Nicolas Ledoux erbaute Rotonde am nördlichen Parkeingang, die sogenannte Barrière de Chartres, Teil der alten die Stadt umgebenden Zollmauer, der mur des Fermiers généraux.[2]

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So entstand  « la promenade la plus luxueuse et en mêmetemps la plus élégante de Paris“ wie der Baron Haussmann in seinen Memoiren rühmte; [3]  eine promenade, die Claude Monet 1876 zu drei Bildern anregte…[4]

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… und eine Parkidylle, in der sich ein halbes Jahrhundert später Kurt Tucholsky von seinem krisengeschüttelten Vaterland ausruhte.[5]:

Kurt Tucholsky: Park Monceau

Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen.
Hier bin ich Mensch – und nicht nur Zivilist.
Hier darf ich links gehn. Unter grünen Bäumen
sagt keine Tafel, was verboten ist.

Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen.
Hier bin ich Mensch – und nicht nur Zivilist.
Hier darf ich links gehn. Unter grünen Bäumen
sagt keine Tafel, was verboten ist.

Ein dicker Kullerball liegt auf dem Rasen.
Ein Vogel zupft an einem hellen Blatt.
Ein kleiner Junge gräbt sich in der Nasen
und freut sich, wenn er was gefunden hat.

Es prüfen vier Amerikanerinnen,
ob Cook auch recht hat und hier Bäume stehn.
Paris von außen und Paris von innen:
sie sehen nichts und müssen alles sehn.

Die Kinder lärmen auf den bunten Steinen.
Die Sonne scheint und glitzert auf ein Haus.
Ich sitze still und lasse mich bescheinen
und ruh von meinem Vaterlande aus.

 

Die andere Hälfte des früheren Parks wurde an die Brüder Pereire verkauft, reiche Bankiers, die damit ein groß angelegtes, spekulatives Immobilienprojekt aufzogen: Nach Malern benannte Straßen wurden angelegt und  monumentale vergoldete Zugänge, die selbst einem Schloss des Sonnenkönigs Ehre machen würden.

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Die großen  Baugrundstücke kaufte vor allem die jüdische  Großbourgeoisie des zweiten Kaiserreichs, um dort luxuriöse Stadtpalais zu errichten: Die Rothschilds, Cerrnuschis, Camondos, Ephrussis, aber auch die  Meniers.

 

Das Hôtel Menier

Hat man im Süden des Parks in der avenue Van-Dyck eines der goldenen Tore durchschritten, sieht man auf der linken Seite das hôtel particulier des  Émile Justin Menier. Es handelt sich, wie man lesen kann, „zweifellos“ um die außerordentlichste Villa des Parks, „véritable anthologie d’art décoratif“.[6]  Bemerkenswert ist zunächst der Zeitpunkt des Baus. Es sind nämlich erst die Jahre 1872 bis 1874, während die Umgestaltung des Parks und die Bebauung seiner Umgebung und vermutlich wohl auch der Kauf eines „Filetstücks“ durch die Meniers  schon auf die 1860-er Jahre zurückgeht. Inzwischen war Napoleon III. gestürzt und ins Exil „ab nach Kassel“ expediert worden; Frankreich war zur Republik geworden; die Erschießungskommandos der siegreichen Versailler waren wieder abgezogen, die in dem Park die massenhaften Todesurteile gegen die aufständischen Kommunarden exekutiert hatten; Frankreich war im Vertrag von Frankfurt zu hohen Kriegsentschädigungen verpflichtet worden, die gerne mit den Reparationen des Vertrags von Versailles verglichen werden…  Und in dieser Zeit der Umbrüche lassen die Meniers ihr grandioses Palais errichten: Architektur als politisches und ökonomisches Manifest: Auch unter der neuen Republik geht das Leben weiter und rollt auch –gewissermaßen- der Rubel, business as usual…

Bemerkenswert ist auch die Wahl des Architekten: Es ist Henri Parent, der Pariser Hausarchitekt der Meniers.  Parent hatte sich im zweiten Kaiserreich Napoleons III. einen Namen gemacht durch die Erneuerung von Adelspalästen der französischen Aristokratie. Er hatte zwar knapp den Wettbewerb um den Neubau der Pariser Oper –zugunsten seines Kollegen Garnier- verloren, dafür aber andere prestigeträchtige Aufträge erhalten wie den Bau eines Palais für die Kunstsammlung Jacquemart-André. Wie dort orientierte sich Parent auch beim hôtel Menier an traditionellen Vorbildern, vor allem dem flämischen Barock.[7]

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Das Palais ist inzwischen in Eigentumswohnungen aufgeteilt und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Von der Straße aus kann man immerhin einen Blick in einen Teil des Hofs und auf die dem Hof zugewandte Fassade mit der ausladenden Rotunde werfen. Die repräsentative Freitreppe allerdings kann man von außen nicht sehen.[8]

Auffällig ist schon hier der reiche Fassadenschmuck, den auch die dem Park zugewandte Schauseite aufweist.

 

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Denn anders als in vielen klassischen Pariser Stadtvillen, deren Reichtum sich erst erschließt, wenn man den an einer Straße gelegenen und im Allgemeinen verschlossenen  Eingang durchquert hat, ist die Schauseite hier vom Park aus und damit für die Besucher des Parks sichtbar. Der Reichtum der Besitzer wird nicht versteckt, sondern stolz präsentiert. Und der öffentliche Park verleiht dem privaten Besitz zusätzliche Weite und Großzügigkeit,  wie ja auch umgekehrt der Park und seine Besucher von der Noblesse der umgebenden Architektur profitieren.  Gehörte zu den klassischen hôtels particuliers der eigene, abgeschlossene Garten, so war hier gewissermaßen der öffentliche Park der Garten des hôtel Menier und der anderen an den Park grenzenden Villen.

Der reiche Fassadenschmuck mit mascarons, Tierköpfen und Vasen  ist das Werk des Bildhauers Jules Dalou. Dalou, ein Freund Rodins, war in den letzten Jahren des zweiten Kaiserreichs eJulin von der Aristokratie äußerst geschätzter Bildhauer. Unter anderem war er beteiligt an der Ausstattung des von dem schlesischen Kohlenbaron Guido Henckel von Donnersmarck für seine Geliebte und Frau, die Gräfin Païva,  auf den Champs-Elysées errichteten Märchenschlosses.[9] 1871 allerdings wurde er wegen „participation à l’insurrection“ zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt. Er war nämlich Kommandeur einer Einheit der Nationalgarde gewesen und dann, auf Bitten von Courbet, die Aufgabe übernommen, als stellvertretender Direktor des Louvre für die Sicherheit und Unversehrtheit der Bestände des Museums zu sorgen. Dalou konnte aber rechtzeitig nach England fliehen, wo er weiter als Bildhauer arbeiten konnte, bevor er 1879 mit der damals beschlossenen Amnestie für die verurteilten Kommunarden wieder nach Paris zurückkehrte und zum großen Bildhauer der Republik wurde.[10]

Dass der geächtete Dalou von Paris aus beauftragt wurde, den Fassadenschmuck zu entwerfen, ist kaum vorstellbar. Ich vermute also, dass seine Zeichnungen (wie der Entwurf des Baus insgesamt) schon vor der Zeitenwende von 1870/71 entstanden sind.  Es erscheint mir aber trotzdem bemerkenswert, dass ein repräsentatives Gebäude wie das der Meniers mit dem Fassadenschmuck eines Geächteten ausgestattet wurde. Ökonomische Gründe können dafür kaum eine Rolle gespielt haben. Ich denke, dass es sich eher um ein politisches Signal handelt: Dass die vom Bürgerkrieg geschlagenen Wunden geheilt werden sollen und die republikanische Familie wieder geeint werde. Aber später  mehr zum politischen Engagement des Émile Justin Menier.

 

 

Hôtel Henri Menier

 

Auch zwei der Söhne von Émile Justin Menier, Henri und Gaston, ließen sich repräsentative Stadtpalais in der Umgebung des Park Monceau bauen und engagierten dafür auch Henri Parent, den Architekten ihres Vaters. Für das 1880 errichtete  Hôtel Henri Menier orientiere er sich am Stil der französischen Renaissance.

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Das Gebäude ist um einen zentralen Hof gruppiert, dessen Fassaden zum Teil ebenfalls im Stil der Neo-Renaissance gestaltet sind, sich zum Teil aber auch an mittelalterlichen Vorbildern orientieren.

 

Innen gab es eine große repräsentative Treppe und einen Ballsaal mit 12 Metern Deckenhöhe. In einem Teil des Anwesens richtete Henri Menier ein Laboratorium für seine chemischen Versuche ein, was die Anwohner etwas beunruhigte.

 

Wie beim Hôtel particulier seines Vaters ist die rückwärtige, auch im Stil der Neo-Renaissance gehaltene Fassade des Baus dem Park Monceau zugewandt. Die oberste Etage ist eine spätere Zutat.

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Heute ist In dem Gebäude  das Conservatoire internationale de musique de Paris untergebracht.[11] 

Hôtel Henri Menier

8, rue Alfred de Vigny

75008 Paris

 

Hôtel Gaston Menier

1878 kaufte Gaston Menier das Stadtpalais des aus dem Elsass stammenden Textilindustriellen Georges Michel Koechlin. Es handelte sich um ein Gebäude mit Fassade aus Backsteinen und Kalksteinquadern, wie das für die französische Renaissance zur Zeit Heinrichs IV. üblich war (siehe die place des Vosges oder die Place Dauphine in Paris).

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Passend zum Gebäude der Fassadenschmuck mit dem durchlaufenden Fries….

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… und den Greifen über dem Portal.

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Das Innere und die den Hof umgebenden Gebäude entsprachen allerdings nicht dem Geschmack und dem Repräsentationsbedürfnis des neuen Besitzers. Also ließt er von Henri Parent erhebliche Veränderungen vornehmen. So wurden die übernommenen Wirtschaftsgebäude abgerissen und durch Neubauten in einer normannisch-maurischen Stilmischung ersetzt.[12]

Dort war Platz für 5 Kutschen, 12 Pferde und darüber für einen  großen Theater- und Ballsaal, „le théâtre des folies Ruysdaël“, in dem Komödien und Operetten aufgeführt wurden.

Seit 1953 ist das Gebäude Sitz des „Ordre National des Pharmaciens“.

Hôtel Gaston Menier

4 avenue Ruysdaël

75008 Paris

 

Das Grab des Émile Justin Menier auf dem Père Lachaise

Das Repräsentationsbedürfnis der Meniers wird nicht nur in den Fabrikbauten von Noisiel und den Stadtpalais rund um den Parc Monceau deutlich, sondern auch auf dem Grab der Familie. Da gibt es zunächst ein bescheidenes, unauffälliges für den Gründer der Firma, Brutus Menier in der 36. Division. Als aber 1881 sein Sohn  Émile Justin Menier, starb, erschien der Familie dieses Grab nicht mehr der Bedeutung der Familie und ihres Unternehmens angemessen. Also wurde nach dem Tod Émile Justins ein großes, unübersehbares Mausoleum in der 67. Division des Friedhofs Père Lachaise errichtet- eines der repräsentativsten des Friedhofs.  Nach Fertigstellung des Mausoleums wurde 1887  der Leichnam  des Émile Justin aus dem Grabmal des Vaters  dorthin überführt.[13] 

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Mit dem Bau des Mausoleums beauftragt wurde der Hausarchitekt der Meniers, Henri Parent, der sich -wie damals in Frankreich üblich- auch dort verewigen ließ.

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Über der mit Kakaoblüten verzierten Tür aus Bronze befindet sich eine Marmor-Büste des verstorbenen Fabrikherrn, daneben in von Putten gehaltenen bekränzten Wappenschilden die obligatorischen  Ms.

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Der Eingang wird eingerahmt von der Allegorie des Handels, die in der linken Hand ein Buch mit der Aufschrift „travail“ /Arbeit hält.

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Die Frauengestalt auf der rechten Seite des Eingangs verkörpert die Industrie. In der einen Hand trägt sie eine Palme und einen Efeukranz, in der anderen Hand eine Pergamentrolle mit der (verwitterten)  Aufschrift „bienfaisance, instruction“/Wohltätigkeit, Unterrichtung.  Damit war der Kern der paternalistischen Ideologie der Meniers auf den Punkt gebracht.

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Das sozialreformerische Engagement Meniers

In de Nachrufen der  zeitgenössischen Presse waren alle Topoi dieses Paternalismus versammelt: Neben der leidgeprüften Familie betrauere in Noisiel auch noch eine andere große Familie den Verstorbenen. Der sei mitten aus seinem arbeitsreichen Leben und seinen grandiosen Schöpfungen gerissen worden,  ein genialer Erfinder, der den Namen Menier zu einem der berühmten Namen Frankreichs gemacht habe. Die Aufbarung des Leichnams in Nosiel sei ein tief beeindruckendes Schauspiel gewesen: Alle Arbeiter, denen er so viel Gutes getan habe, hätten den Sarg begleitet und nicht von ihm ablassen wollen. Die Frauen hätten viele Tränen vergossen. „Monsier Menier war ein wahrer Menschenfreund; er liebte es, auf alle nur mögliche Weise Gutes zu tun.“[14]

Dass  Émile Justin Menier hier  gerühmt wird – zumal aus Anlass seines Todes-  hat durchaus seine Berechtigung.  Man muss ja nicht, wie Bernard Marrey in einer Veröffentlichung aus dem Jahr 1984 von einem „idealen Kapitalismus“ sprechen, aber die Arbeiter, die bei den Meniers beschäftigt waren, hatten erhebliche Vergünstigungen: Die kostenlose Schulbildung für die Kinder –noch vor Einführung der Schulpflicht in Frankreich- , die günstigen Siedlungshäuser, die Kantinen für allein stehende Arbeiter,  die kostenlose medizinische  und  auch die materielle Versorgung in Krankheitsfällen sowie die Altersvorsorge in einer Zeit, in der es noch (lange) keine allgemeine Kranken- und  Rentenversicherung in Frankreich gab. Auf der Pariser Weltausstellung von 1867 wurde ausdrücklich die soziale Situation der Arbeiter von Noisiel begrüßt. Das soziale Engagement Meniers war beeinflusst von den Ideen des im Kaiserreich Napoleons III. einflussreichen Sozialreformers Le Play. Der propagierte in der von ihm gegründeten Société internationale des études pratiques d’économie sociale  eine „politique patronale“, deren Ziel die soziale Harmonie zwischen Unternehmer und Arbeitern war. Der Fabrikherr sollte wie ein Vater für seine Arbeiter sorgen, das Unternehmen eine große Familie sein. Émile Menier war Mitglied dieser Gesellschaft und man hat sein Wirken als „parfait exemple de l’économie sociale leplaysienne“ bezeichnet. [15]

dsc0863 Le Play

Standbild Le Plays im Jardin du Luxembourg in Paris

Menier hat sich als „patron philanthrope[16] ganz gezielt in Szene gesetzt. So wie er seine Produkte mit großer Systematik vermarktete, so auch sein Bild in der öffentlichen Wahrnehmung. In Noisiel wurden in den 1870- er Jahren zahlreiche Feste mit den Arbeitern, ihren Frauen und Kindern veranstaltet. Sie sollten ihnen die Gelegenheit geben, ihre Dankbarkeit für das soziale Wirken des Fabrikherrn öffentlich kund zu tun. 1876 fand ein großes Fest mit 650 Mitgliedern der „Menier-Familie“ statt. Dort trat ein 13-jähriges Mädchen auf, das mit lauter Stimm den Dank der Schüler/innen der von Menier gegründeten Schule vortrug:

« Madame et Monsieur Menier, chers bienfaiteurs, Laissez-nous vous remercier pour cette instruction que nous vous devrons et qui rendra plus faciles nos pas dans la vie. Pour les pauvres gens, l’instruction est difficile à acquérir parce qu’elle coûte cher. Eh bien vous avez pris soin de dispenser nos parents de toutes dépenses à ce sujet, vous nous avez tout donné jusqu’au papier, aux plumes, aux crayons. Aussi croyez à notre reconnaissance et soyez sûrs que chaque année nous nous efforcerons de nous rendre dignes de tous les sacrifices que, sans compter, vous avez voulu faire pour nous“[17]

Zu dem Fest von 1876 waren aber nicht nur die Betriebsangehörigen und ihre Familien eingeladen, sondern auch  Abgeordnete der Nationalversammlung, Senatoren, Gemeinderäte und Journalisten – einem davon verdankt man ja auch die Wiedergabe der gerade zitierten Dankesrede. Meniers Selbstinszenierung diente also, das wird daran deutlich, nicht nur  dazu, seine Arbeiter an die Firma und ihren Patron zu binden,  sondern dahinter stand auch ein politischer Zweck. Die „Opfer“, die  der als „Wohltäter“ gerühmte Menier nach den Worten der Schülerin, „ohne Berechnung“ für die Schüler/innen (und insgesamt für die Fabrikangehörigen) brachte, waren doch nicht ganz selbstlos.  Menier strebte  nämlich  in diesen Jahren gezielt eine politische Karriere an, wofür ihm Noisiel gewissermaßen als Basis und Aushängeschild diente. Tatsächlich wurde er auch bei den Wahlen vom 20. Februar 1876 zum Abgeordneten der Nationalversammlung für seinen Wahlkreis Seine-et-Marne gewählt.

Dass ein erfolgreicher Unternehmer sich  ganz direkt politisch engagierte, entsprach nicht der verbreiteten Erwartungshaltung, für die die Rolle als Hinterzimmer- oder Salon-Lobbyist angemessen gewesen wäre. Noch erstaunlicher war allerdings, dass sich Menier nicht, wie es von seinem Status und seinem Vermögen zu erwarten gewesen wäre, auf Seiten der politischen Rechten engagierte, sondern ganz im Gegenteil auf Seiten der  republikanischen Linken.

Ein besonderes  Anliegen war für ihn eine umfassende Reform des noch aus dem ersten Kaiserreich Napoleons stammenden Steuersystems, das er für ungerecht und wirtschaftlich verfehlt hielt. Die arbeitende Bevölkerung –und damit natürlich auch oder vor allem die Unternehmer- sollte  entlastet, dafür aber sollten der Kapitalbesitz und damit die  von den Romanen Balzacs so  bekannte  Spezies der Spekulanten und der von ihren Kapitalerträgen lebenden Rentiers  besteuert werden.  Als engagierter Republikaner vertrat Menier auch das Prinzip der Laizität, das ja, wie im ersten Teil des Beitrags gezeigt wurde, auch in der Konzeption der cité ouvrière von Noisiel deutlich wird, wo die Kirche nicht im Zentrum steht, sondern an den Rand der Siedlung  platziert war. Bemerkenswert ist auch seine pazifistische Devise: Si vis pacem, para pacem (18) – also die Umkehr der klassischen römischen Devise:  Si vis pacem, para bellum bzw.  des Si vis bellum, para bellum, also der insgeheimen Devise all derer, die die –wie anders als kriegerische?- Rückgewinnung des 1871 verlorenen Elsass-Lothringens erstrebten und ideologisch, politisch und materiell vorbereiteten. Und bemerkenswert ist auch das Engagement Meniers für eine Amnestie für die verurteilten und für die ins Ausland geflüchteten Mitglieder und Sympathisanten der Commune, womit er sich ja immerhin in bester Gesellschaft -beispielsweise der Victor Hugos- befand. Immerhin konnte er ein Jahr vor seinem Tod die nach mehreren vergeblichen Anläufen am  11. Juli 1880 von der Nationalversammlung verabschiedete Amnestie für die Kommunarden noch miterleben. Insofern seien ihm sein Denkmal auf dem zentralen Platz der Arbeitersiedlung von Noisiel und sein Mausoleum auf dem Père Lachaise gegönnt….

 

 

Anmerkungen

[1] So auch den Park Buttes-Chaumont.  Siehe dazu den Blogbeitrag über „Neues Leben auf alten Steinbrüchen“   https://paris-blog.org/2017/05/01/neues-leben-auf-alten-steinbruechen-der-park-buttes-chaumont-und-das-quartier-de-la-mouzaia/

[2] Zu dieser Zollmauer und dem Architekten Ledoux ist ein weiterer Blog-Beitrag geplant.

[3] https://www.napoleon.org/magazine/lieux/parc-monceau-paris/

[4] Bild aus: https://commons.wikimedia.org

[5] Unter dem Pseudonym Theobald Tiger in der Weltbühne vom 15.5. 1924

[6] http://artetpatrimoinepharmaceutique.fr/Qui-sommes-nous/p69/La-Famille-Menier-au-Parc-Monceau

[7] Siehe: Guide du promeneur 8e arrondissement, Philippe Sorel, Parigramme, 1995.

[8] Rechtes Bild aus: http://www.paris-promeneurs.com/Patrimoine-ancien/L-hotel-Menier

[9]Siehe den Blog-Beitrag: Das Hôtel Païva, ein deutsch-französisches Märchenschloss auf den Champs-Elysées. https://paris-blog.org/2016/04/16/das-hotel-paiva-ein-deutsch-franzoesisches-maerchenschloss-auf-den-champs-elysees/

[10] Siehe den Blog-Beitrag: Bürgerkrieg in Frankreich. Ein Rundgang auf dem Friedhof Père Lachaise auf den Spuren der Commune. https://paris-blog.org/2016/08/13/der-buergerkrieg-in-frankreich-1871-ein-rundgang-auf-dem-friedhof-pere-lachaise-in-paris-auf-den-spuren-der-commune/

[11] http://www.paristoric.com/index.php/paris-d-hier/hotels-particuliers/hotels-particuliers-tous/2846-l-hotel-d-henri-menier

Bild aus: http://www.paris-promeneurs.com/Patrimoine-ancien/L-hotel-Henri-Menier-Conservatoire

[12] Bild aus:: http://paris-promeneurs.com/Patrimoine-ancien/L-hotel-Gaston-Menier-Ordre

[13] https://www.tombes-sepultures.com/crbst_1543.html

und entsprechend: http://pone.lateb.pagesperso-orange.fr/pere-lachaise.htm

[14]  Zitiert in:  https://www.cairn.info/revue-politix-2008-4-page-9.htm  (M. Menier fut un vrai philanthrope ; il aimait à faire le bien sous toutes ses formes)

[15] https://www.cairn.info/revue-politix-2008-4-page-9.htm

Das nachfolgende Bild aus:  https://travelswithmaryellen.wordpress.com/2014/10/08/paris-lovely-luxembourg-garden/statue-of-pierre-guillaume-frederic-le-play-in-jardin-du-luxembourg-in-paris-france/

[16] http://www.agglo-pvm.fr/cite-ouvriere-menier/

[17] Zitiert von Delalande, Émile-Justin Menier, un chocolatier en République. https://www.cairn.info/revue-politix-2008-4-page-9.htm#

(18) zitiert bei Marrey, S. 38

 

Zum Weiterlesen:

Usine Menier, l’empire du chocolat. Aus:   Détours en France,  40 lieux à visiter pour redécouvrir le patrimoine, 2012   https://www.detoursenfrance.fr/patrimoine/patrimoine-industriel/usine-menier-lempire-du-chocolat-3794

Nicolas Delalande, Émile-Justin Menier, un chocolatier en République.  Les controverses sur la légitimité de la compétence politique d’un industriel dans la France des années 1870  In:  Politix 2008/4 (n° 84), Seiten  9 bis  33   https://www.cairn.info/revue-politix-2008-4-page-9.htm#

Saga Menier  http://www.prodimarques.com/sagas_marques/menier/menier.php

Bernard Marrey, Un capitalisme idéal. Paris 1984. https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k33218888/f30.image.texteImage

 

Weitere Blogbeiträge mit Bezug zum Père Lachaise:

 

 

Weitere geplante Beiträge:

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