Die Schatzkammer der Scheichs: Die Ausstellung Al Thani im Hôtel de la Marine in Paris

Am 17. November 2021 fand im Pariser Hôtel de la Marine die glanzvolle Vernissage der Ausstellung „Schätze der Sammlung Al-Thani“ statt. Der Besitzer der Sammlung, „His Highness/Son Altesse Sheikh Hamad bin Abdullah Al Thani“, Mitglied des das Scheichtum Katar regierenden Herrscherhauses, konnte zusammen mit seinem Bruder, dem Prinzen Suhaim Al Thani, eine illustre Schar von Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Kunstbetrieb und Adel begrüßen. Versammelt war da ein Querschnitt dessen, was der französische Adel auch gut 200 Jahre nach der Französischen Revolution noch zu bieten hat: ein duc, eine  princesse, ein comte samt comtesse, ein marquis…

„Son Altesse le prince Hamad Al Thani“  – im ersten Saal der Ausstellung- standesgemäß postiert vor dem aus Jaspis geschnittenen Kopf einer königlichen Figur aus dem alten Ägypten. © German Larkin[1]

Und das Ganze wurde auch medial entsprechend in Szene gesetzt.[2] Beispielsweise durch ein ganzes Dossier der Pariser Tageszeitung Le Figaro, die gar nicht genug hymnische Beschreibungen für das Projekt und den Sammler mit seinem „goût princier“ finden konnte.  Scheich Hamad Al Thani wird da als einer der wichtigsten und kenntnisreichsten Kunstsammler unserer Zeit gerühmt, der seit seiner frühesten Jugend „in der Kultur gebadet“ habe, die Ausstellung als eine einzigartige und geradezu unglaubliche Zusammenstellung des „génie humain“.[3]

Solche Lobeshymnen und der breite ihnen zugestandene Raum mögen ja ihre Berechtigung haben. Aber vielleicht darf man in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass zu dem reichhaltigen Pariser Immobilienbesitz der Al Thani-Dynastie auch der Sitz des Figaro gehört. Und Besitzer der Zeitung ist der Rüstungskonzern Dassault. Der produziert das Kampfflugzeug Rafale. Und wer war  dessen erster, in Frankreich sehnlichst erwarteter und hymnisch begrüßter ausländische Käufer? Dreimal darf man raten-…. Es war Katar…[4]  Nachtigall, ick hör dir trapsen würde da der Berliner sagen.

Das Beispiel Figaro ist exemplarisch für die eminente Rolle, die Katar in und für Frankreich spielt: Das kleine Land am Persischen Golf ist nämlich ein Hauptkunde der französischen Rüstungsindustrie, die neben der Luxusgüterindustrie eine der Säulen des französischen Exports ist.[5] Und Katar gehört zu den großen Investoren in Frankreich, und zwar vor allem im Immobilienbereich, wo katarische Investitionen auch noch ausdrücklich steuerlich begünstigt sind. Einige der besten Pariser Adressen gehören inzwischen Katar: darunter sind mehrere Nobelhotels und das von Le Vau gebaute und von Le Brun ausgestaltete berühmte Stadtpalais Hôtel Lambert auf der Île Saint-Louis.[6]

Courtesy of Simon Upton/The Interior Archive[7]  

Hier posiert Seine Hoheit im prunkvollen Ambiente des Herkulessaals, einem Vorläufer und Vorbild des Spiegelsaals von Versailles. Besichtigen kann man dieses zum UNESCO-Weltkulturerbe zählende Kleinod allerdings nicht – nicht einmal an den Tagen des offenen Denkmals.

Aber das ist noch nicht alles[8]: Katar hat auch in der französischen Industrie erhebliche Anteile erworben (z.B. Total, Veolia, Vinci) und ist -wohl das spektakulärste Engagement- Besitzer des Fußballvereins Paris Saint Germain (PSG), in der Sport-Presse gerne auch „der Scheich-Club“ genannt.  Der kann sich dank des katarischen Geldsegens auf dem Spielermarkt nach Belieben -und allen fairness-Regeln zum Trotz- bedienen, zuletzt mit Superstar Messi, der mit seinen beiden Stürmerkollegen Neymar und Mbappé das teuerste Sturm-Trio der Welt bildet. Frankreich hat sich da denn auch entsprechend erkenntlich gezeigt und durch seine Lobbyarbeit wesentlich dazu beigetragen, dass Katar die Fußballweltmeisterschaft 2022 zugesprochen bekam.[9] Und auch wenn es um die Menschenrechte in Katar nicht zum Besten steht[10]: Angesichts der katarischen Großzügigkeit zeigt sich das Land, das sich rühmt, Mutterland der Menschenrechte zu sein, eben auch entsprechend großzügig….

Denn großzügig ist die katarische Herrscherfamilie in der Tat: Diese wunderbare Kommode ersteigerte die Al Thani Collection Foundation 2021 für 1,2 Millionen Dollar und schenkte sie dem Centre des monuments nationaux.

Das ist die für das Hôtel de Marine zuständige Institution, und dort hatte die Kommode vor der Französischen Revolution gestanden. Entworfen wurde sie von dem aus Deutschland stammenden Kunsttischler Jean-Henri (Johann Heinrich) Riesener, einem der bedeutendsten Ebenisten des Ancien Régime.[11]

Diese Schenkung diente gewissermaßen als Türöffner Al Thanis für das  Hôtel  de la Marine, in dem die Schatzkammer der Scheichs 2021 ihren angemessenen Platz erhalten hat.

Blick von der place de la concorde auf das Hôtel de la Marine. Im Hintergrund die Fassade der Kirche La Madeleine.[12]

Im Ancien Régime, also vor der Französischen Revolution, war das Hôtel de la Marine Sitz der königlichen Intendanz für das Mobiliar („Garde-meuble de la Couronne“). Die war zuständig für die Anschaffung und Instandhaltung des Mobiliars der zahlreichen königlichen Residenzen. Außerdem kümmerte sie sich um die Aufbewahrung der königlichen Sammlungen, die Waffen, Stoffe, Wandteppiche, Bronzeskulpturen und schließlich sogar der Kronjuwelen. Nach der Revolution war das Gebäude für 228 Jahre Sitz des Marineministeriums – deshalb auch sein Name- bevor es dem Centre des monuments nationaux übergeben wurde.

Blick von der Bel Étage des Hôtel de la Marine auf die Place de la Concorde. Auf der anderen Seite der Seine die Fassade des Palais Bourbon, Sitz der französischen Nationalversammlung, und die Kuppel des Invalidendoms. Foto Wolf Jöckel [13]

Die Renovierung des riesigen Gebäudes mit seiner breiten Fensterfront zum Platz, dem ägyptischen Obelisken und den vergoldeten Gittern des königlichen Tuilerien-Parks kostete offiziell 130 Millionen Euro, mehr als der Staat ausgeben wollte. Daher unterzeichnete die Verwaltung der staatlichen Denkmalbauten ein sogenanntes „Mäzenaten-Übereinkommen“ mit der Fondation Collection Al Thani, die 20 Millionen Euro in Raten beisteuert, was ihr das Anrecht auf die 20-jährige Nutzung von 400 Quadratmeter Räumlichkeiten garantiert. Das entspricht einem garantierten Fixpreis von 208 Euro pro Quadratmeter – für Pariser Verhältnisse ein absoluter Freundschaftspreis: Für eine popelige Hinterhof- Gewerbeimmobilie in unserem 11. Arrondissement werden beispielsweise aktuell über 500 Euro pro Quadratmeter verlangt- selbstverständlich ohne 20-jähriger Preisgarantie. Immerhin finanziert die Al Thani Collection das Bewachungspersonal, und die Eintrittsgelder für den gemeinsamen Besuch des Hôtel de la Marine und der Sammlung kommen allein dem Centre des monuments nationaux zugute. [14] So kann nun die Al Thani-Stiftung einen Teil ihrer erlesenen Kunstsammlung in einem ebenso erlesenen Ambiente präsentieren: Wie einst die Herrscher der Renaissance und des Absolutismus ihren Reichtum und ihre Macht, aber auch ihren Kunstsinn in ihren Schatzkammern zur Schau stellten, so wird diese Tradition jetzt von der Al Thani-Dynastie fortgesetzt. Und die nutzt die Kunst systematisch, um das unter Vorwürfen der Terrorfinanzierung und der unmenschlichen Behandlung von ausländischen Arbeitskräften leidende Image des Landes zu verbessern.[15] Die Hauptstadt Doha propagiert demgegenüber das Bild einer weltoffenen modernen Stadt als Weltzentrum der Wissenschaft und der Kunst. Und dafür ist das Beste und Teuerste gerade gut genug: Nicht weniger als 11 Träger des Pritzker-Preises, der als „Nobelpreis der Architektur“ gilt, haben an der Entwicklung der Stadt gearbeitet. Der französische Stararchitekt Jean Nouvel plante den spektakulären Bau des Nationalmuseums, Ieoh Ming Pei,  der Grand Seigneur der Museumsbaukunst und Schöpfer der Louvre-Pyramide, ein Schatzhaus am Meer auf einer künstlich angelegten Halbinsel für das  Museum für islamische Kunst.[16]

Und diese Museen sollen natürlich auch entsprechend mit Inhalt gefüllt werden. Seit Anfang der 90er Jahre kauft und ersteigert die Herrscherfamilie fast schon obsessiv Kunst. Zunächst waren es Manuskripte, Bronzefiguren und Teppiche aus den islamischen Ländern, später Klassiker der Moderne. Im Jahr 2012 erwarb Katar in New York bei Sotheby’s eine Version von Edvard Munchs „Der Schrei“ für 120 Millionen Dollar, drei Jahre später ein Gemälde des Malers Paul Gauguin für 300 Millionen Dollar. Dahinter steckt vor allem Scheicha Al-Majassa bint Hamad Al Thani. Die Schwester des Emirs gilt als eine der weltweit einflussreichsten und finanzstärksten Kunstsammlerinnen.“[17] Der Vetter des Emirs von Katar, Scheich Saoud Al Thani, galt um die Jahrtausendwende als „größter Kunstkäufer der Welt“.

Und dann gibt es ja auch noch die inzwischen etwa 6000 Stücke umfassende Sammlung von Scheich Hamad bin Abdullah Al Thani. Seit sieben Jahren zeigt er seine Sammlung, zunächst in New York, dann in Paris, Peking, Venedig, Kyoto, Fontainebleau. Jetzt hat er in Paris ein Schaufenster eröffnet, in dem Teile der Ausstellung präsentiert werden. „Das Motto des über Milliarden verfügenden Scheichs war offensichtlich: nur das Beste vom Besten. Er ließ sich von erstklassigen Kennern beraten, kaufte auf Auktionen und in den anerkannten Galerien in New York, London und Paris.“  Nur wenige Sammler, so wird im Begleitheft der Ausstellung festgestellt, können sich einer derartigen Fülle von Meisterwerken rühmen.  In Paris zeigt Al Thani 120 Preziosen, wobei die oft winzige Dimension der Stücke frappierend ist:  Kunsthandwerk von höchster technischer Vollkommenheit, aus den wertvollsten Materialien; denn, wie der Chef-Konservator der Sammlung, Amin Jaffer, feststellt: „Seine Hoheit sucht vor allem seltene Materialien wie harte und kostbare Steine“, also Jade, Rohkristall, Edelsteine, Perlen, gefasst in Gold und Silber.[18] 

Kein Wunder, dass man, was Sammelleidenschaft, die finanziellen Ressourcen, aber auch Kunstverstand angeht, die Al Thani-Dynastie mit den Medici im Florenz des 16. Jahrhunderts verglichen hat.[19]

Die „Zaubergrotte des Ali Baba“

Die vier Räume der Ausstellung dienten im Ancien Régime der Aufbewahrung von Teppichen. Sie waren also, anders als die aufwändig gestalteten und entsprechend renovierten Repräsentationsräume des Hôtel de la Marine ohne Dekor, was dem japanischen Innenarchitekten der Räume (Tsuyoshi Tane Architects)  die entsprechende Freiheit der Gestaltung gab.

Und die nutzte er auf fulminante Weise: Betritt man die Ausstellung, befindet man sich in einem kleinen goldschimmernden Raum, man wähnt sich, wie die Frankfurter Rundschau begeistert schrieb, „in der Zaubergrotte des Ali Baba“[20]: Von der Decke bis zum Boden sind tausende von funkelnden goldenen Sternen -vielleicht aber auch Blüten, Blätter oder Flügel- gespannt. Dazwischen sind im Kreis schmale Vitrinen aufgestellt, die jeweils nur einem Kunstwerk als Bühne dienen: Die grandiose Inszenierung einer Schatzkammer.

Nachfolgend eine kleine Auswahl der in der Ausstellung präsentierten Kostbarkeiten.  Hier ist es eine kleine Marmor-Figur aus Kleinasien (3300-2500 vor Christus), gleichzeitig entstanden und eng verwandt mit den Idolen der Zykladen-Kunst. Wahrscheinlich handelte es sich um ein Fruchtbarkeits-Idol, das schließlich als Grabbeigabe diente. Der Blick der Figur ist nach oben gerichtet, weshalb man ihr den Namen Contemplatice d’étoiles (Stargazer) gegeben hat- und in diesem Raum gibt es ja nun genug Sterne zum Betrachten…

Insgesamt sind in dieser ersten Galerie sieben kleine Figuren ausgestellt, die dem universalistischen Ansatz der Sammlung entsprechen: Werke, die verschiedenen Kontinenten, Kulturen und Zeiten entstammen, aber sie auch überspannen: Könnte die etwa 5000 Jahre alte Sternenbetrachterin nicht auch von einem modernen Bildhauer wie Jean/Hans Arp gemacht sein oder ihm als Anregung gedient haben?

Dies ist der Kopf einer königlichen Figur aus dem alten Ägypten (XVIII. Dynastie, um 1473-1292 vor Chr.) Ursprünglich gehörten zu der Figur noch eine Krone und ein Bart. Der Kopf ist aus einem Jaspis-Stein von außerordentlich klarer roter Farbe geschnitten, Symbol für das Leben. Vielleicht handelte es sich um eine Figur der Königin Hatschepsut, deren Gesichtszüge auch dem heutigen Schönheitsideal entsprechen.[21]  Dass sich Scheich Al Thani bei der Eröffnung der Ausstellung vor der Vitrine mit dieser Figur hat ablichten lassen, ist wohl kaum ein Zufall.

Eine besondere Kostbarkeit ist auch diese kleine, nur 12 cm hohe Maya-Maske aus dem nördlichen Zentralamerika. Entstanden ist sie zwischen 200 und 600 nach Christus. Auffällig ist dabei neben den verwendeten Edelsteinen die Mütze  in Form eines Jaguars, ein Tier, das bei den Mayas für das Jenseits, den Krieg, das Opfer und hohen Rang stand. Vermutlich gehörte sie einem  hohen Würdenträger, der sie bei Zeremonien trug und die dann als Begleiter für den Weg ins Jenseits und als Garantie für ein ewiges Leben diente.[22]

Diese aus Elfenbein geschnitzte Maske gehörte der Königin-Mutter Idia aus dem Königreich Benin. Ida war auch eine große Heerführerin und sicherte so die Herrschaft ihres Sohnes gegen Gegner im Inneren wie Äußeren. Dabei waren ihre magischen Kräfte und ihr Wissen über Medizin ebenso wichtig wie ihr politischer Rat.  Die großen, leicht hervortretenden Augen sind typisch für die Darstellung von Ahnen. Getragen wurde die Maske während bedeutender Zeremonien am Königshof.[23] Es gibt nur vier weitere vergleichbare Masken. Sie wurden als Ahnenobjekte über Jahrhunderte geehrt und gehütet. In der beigefügten Information erfährt man -hier wie auch sonst- nichts über die Provenienz. Vermutlich wurde sie bei der Eroberung des Königspalastes von englischen Kolonialtruppen erbeutet und dann auf dem Kunstmarkt verkauft. Man darf gespannt sein, wie es Scheich Al Thani mit der Rückgabe sogenannter „Beutekunst“ hält….

Dieser kleine entzückende Bär aus vergoldeter Bronze stammt aus China (Han-Dynastie, 206 vor bis 25 nach Chr.). Es soll sich um ein Gewicht zur Befestigung von Teppichen oder Bambusmöbeln gehandelt haben, aber natürlich hat die Wahl des Bären auch eine symbolische Bedeutung und steht für Tapferkeit, Kraft und Männlichkeit. Der Kriegsgott Chiyou wurde damals mit dem Kopf eines Bären dargestellt.

Ein weiteres Tier, das in dieser ersten Schatzgalerie einen Ehrenplatz hat, ist diese goldene Saiga-Antilope.

Es handelt sich um einen sogenannten Rhyton, ein in den antiken Zivilisationen von Mesopotamien und des Mittelmeers verwendetes Trinkgefäß für festliche und religiöse Anlässe. In seiner Präsentation der Ausstellung versäumt der „Figaro“ es nicht, darauf hinzuweisen, dass es nur noch drei weitere  entsprechende Rhyta dieser Art gibt: In einem privaten Museum in Japan, dem Metropolitan Museum in New York und  der Ermitage in Sankt Petersburg.[24]

Galerie der Köpfe

In der zweiten, in geheimnisvolles Dunkel gehüllten Galerie werden die Skulpturen von elf Köpfen präsentiert, auch diese verschiedenen Kulturen und Zeiten zugehörig.[25]

Dies ist eine Maya-Maske aus Guatemala (200-600 nach Chr.)[26]. Sie ist hergestellt aus Jade, Obsidian und den Schalen der Stachelauster, die  in Lateinamerika wegen ihres hohen symbolischen Wertes auch oro rojo („rotes Gold“) genannt wird.

Der Kopf einer altägyptischen Prinzessin aus Amarna (18. Dynastie, 1351-1334 vor Christus). Amarna war die von Pharao Echnaton -verheiratet mit Nofretete-  gegründete neue Hauptstadt, in der die Kunst eine beispiellose Blüte  erlebte, die mit den traditionellen, erstarrten Formen brach. Der in der Ausstellung gezeigte Kopf ist mit seiner vermutlich spirituell bedingten expressionistischen Übersteigerung und Verzerrung typisch für die Amarna-Kunst.  

Dies ist eine Büste des römischen Kaisers Hadrian.[27] Das Chalzedon-Haupt stammt höchstwahrscheinlich aus der süditalienischen Hofwerkstatt Friedrichs II. von Hohenstaufen, der 1220 zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs gekrönt wurde. Friedrich sah sich als Nachfolger der römischen Kaiser und der Antike. Hadrian, der das römische Reich konsolidierte und  -wie Friedrich II.- ein besonderer Förderer der Kultur war, eignete sich ganz besonders als Anknüpfungspunkt. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts erhielt der Kopf in einer italienischen Werkstatt einen Torso aus vergoldetem Silber, dessen prachtvolle Ausarbeitung den hohen Wert offenbart, der diesem Stück beigemessen wurde.

Dieser schmale, verlängerte Kopf aus Gabun (19. Jahrhundert) gehörte dem Pariser Kunsthändler Charles Ratton, einem Freund von Amadeo Modigliani. Solche Werke afrikanischer Kunst übten einen erheblichen Einfluss auf den modernen Zeichner und Bildhauer aus.

Islamische Kunst

Die dritte Galerie ist der islamischen Kunst gewidmet.  Gezeigt werden -passend zur Aura der Schatztruhe- Geschmeide, Edelsteine, Ringe, Schwerter, Ornamente, Kleider, ein kunstvolles Astrolabium und kalligraphische Handschriften des Korans. Und auch hier gilt der universalistische Ansatz der Ausstellung, indem Werke aus verschiedenen Zeitaltern und Weltgegenden zusammen präsentiert werden: Denn der Islam verbreitete sich ja in großer Geschwindigkeit über Asien (Anatolien, Naher Osten, Persien, Indien, China), Nordafrika bis nach Andalusien.

Hier eine Seite des Korans von Taschkent, auch Blauer Koran genannt (Ausschnitt): Durch die kunstvolle Kalligraphie und das dafür verwendete Gold wird die Bedeutung des Textes hervorgehoben. (Herkunft aus Südspanien, Nordafrika oder Irak, 9.-10. Jahrhundert nach Chr.

Miniatur aus einer afghanischen Handschrift, 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts: Der Prophet Mohammed besucht das Haus Abrahams im Paradies (Ausschnitt). Während sich die europäischen Herrscher gerne mit Skulpturen und Bildern umgaben, sammelten islamische Herrscher bevorzugt kostbare Handschriften und Miniaturen, deren Meister -wie hier (Mitte unten)- durchaus auch ihre Werke signierten.

Astrolabium Iran 1705-1706. Dieses äußerst kunstvolle Ausstellungsstück verweist auf die Bedeutung, die die Naturwissenschaften in der damaligen Welt des Islam hatten.

Dieser mit Edelsteinen besetzt Vogel gehörte möglicherweise zu dem Thron der Maharadschas von Hyderabat (Ende 18./Beginn 19. Jahrhundert). Vielleicht war er aber von Anfang an als Geschenk gedacht. Überall, wo die Al Thani-Sammlung dieses Stück bisher ausgestellt habe , sei es -so der Figaro überschwänglich, als ein Wunder (pure merveille) bestaunt worden.[28] Jetzt also im Hôtel de  la Marine….

Die Preziosengalerie

Den Abschluss der Ausstellung bildet eine Galerie von kleinen, aber feinen Kunstschätzen – wiederum aus verschiedenen Zeiten und Regionen. Und natürlich wurden sie aus kostbaren Materialien wie Gold und Silber hergestellt.  Auch hier einige Beispiele:

Goldener Anhänger. 4,3 x 4,2 cm. Östliches Mittelmeer 4500-3500 vor Chr.  

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Auch diese Mondsichel ist aus Gold. Sie stammt wahrscheinlich aus dem Gebiet des heutigen Irlands oder Großbritanniens und ist ca 2000 vor Christus entstanden.

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Goldener Becher aus dem Iran (1100-900 vor Chr.)
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Goldene Brosche aus den hellenistischen Griechenland. Ca 300 vor Chr.[29]  Gerade angesichts der Dimension von nur 2,9 mal 3,8 cm handelt es sich um ein Werk von unglaublicher Feinheit

Dieses fein ziselierte Trinkgefäß (Rhyton) aus Gold und Silber stammt aus dem hellenistischen Einflussbereich (ca 100 vor bis ca 100 nach Chr.)

Teller aus dem Iran (Epoche der Sassaniden 300-500 nach Chr.) Gold und Silber.[30] Die Sassaniden beherrschten in dieser Zeit in großes Reich, das enge Handelsbeziehungen mit der griechisch-römischen Welt im Westen und China im Osten hatte. Auf diesem Teller sieht man den König Shapur II., der gerade seinen Bogen spannt, um ein weiteres Tier zu erlegen.

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Dieser goldene Reiter stammt aus Tibet (Dynastie Yarlung, 600-800 nach Chr.)

Ausblick

Die Collection Al Thani umfasst 5000 bis 6000 Objekte. Die derzeit in Paris ausgestellten Schatzstücke tragen Inventarnummern unter 900. Scheich Hamad kann dementsprechend den Besuchern in den kommenden 20 Jahren noch viele neue Augenfreuden gönnen. Dass die Ausstellung dem höheren Ruhm des katarischen Herrscherhauses dient oder -modern ausgedrückt- Ausdruck von soft power ist, wird man dabei in Kauf nehmen müssen.

Gerade wir Deutschen haben derzeit allen Anlass, mit Katar pfleglich umzugehen. Denn sollte es zum „Gas-Armageddon“ (FAZ 2.2.2022) kommen und Putin die Gaslieferungen nach Westeuropa stoppen oder sollte die deutsche Regierung den Forderungen nach „Frieren für den Frieden“ oder „Frieren für die Freiheit“ nachkommen, dann muss man hoffen, dass Katar uns mit seinem Flüssig-Gas ein wenig aus der Patsche hilft.

Und vielleicht richtet die Collection Al Thani dann sogar einmal eine Dependance im Berliner Humboldt-Forum ein….

Nachwort 19.3.20200: Wirtschaftsminister Habeck ist gerade mit einer Wirtschaftsdelegation in Katar, um die Möglichkeiten der Lieferung von Flüssiggas zu eruieren. Dass es es da Reibungen mit der von den Grünen proklamierten Werteorientierung der Politik gibt, wird angesichts der aktuellen Lage wohl in Kauf genommen…. (Siehe FAZ 18.3.: Mission Gassicherheit: Habeck reist nach Doha)

Aus gegebenem Anlass: Eine Publikation des Artikels an anderer Stelle ist ohne Genehmigung des Autors (Wolf Jöckel) nicht zulässig. Erst recht nicht, wenn sie ohne Verweis auf die Quelle und unter einem anderen Autoren-Namen erfolgt.


Anmerkungen

[1] https://www.pointdevue.fr/society/soirees/le-vernissage-de-la-collection-al-thani-a-lhotel-de-la-marine

[2] Siehe Libération vom 29.11.2021:   „D’une campagne d’affichage massive à deux reportages dans des médias  chantant les louanges d’un cheikh «grand expert, curieux, érudit, voyageur», via une fête organisée in situ pour le gotha, aucun détail logistique et com n’avait été négligé pour le lancement parisien de l’exposition «Trésors de la collection Al-Thani». 

[3] https://www.lefigaro.fr/culture/le-cheikh-hamad-un-amateur-d-art-au-gout-princier-20211116

https://www.lefigaro.fr/arts-expositions/collection-al-thani-une-promenade-intime-imaginee-pour-la-delectation-et-la-meditation-sur-le-monde-20211117

[4] Das Rafale-Projekt war auf ausländische Abnehmer angewiesen, um finanziell tragfähig zu sein. Ohne solche Bestellungen hätte der französische Staat mit Milliarden-Subventionen die Lücke füllen müssen.

https://www.leparisien.fr/international/rafale-le-contrat-avec-le-qatar-pour-la-vente-de-24-chasseurs-est-effectif-17-12-2015-5381257.php

[5] https://www.franceinter.fr/monde/ventes-d-armes-qatar-belgique-et-arabie-saoudite-sont-les-plus-gros-clients-de-la-france-en-2018    Aus aktuellem Anlass dazu doch noch eine Anmerkung: Deutschland exportierte 2021 Rüstungsgüter im Wert von 9 Mrd Euro, Frankreich für 28 Mrd. Euro.  Frankreich, das im Gesamtexport weit abgeschlagen hinter der Spitzengruppe mit China, USA und Deutschland liegt, liegt dagegen bei den Waffenexporten auf dem dritten Platz vor Deutschland. Und während in Deutschland Waffenexporte immer wieder Anlass zu politischen Auseinandersetzungen sind, sind sie in Frankreich Anlass zu allgemeinem Stolz. Die Zeitung La Tribune z.B. sprach in Bezug auf die französischen Waffenexporte 2021 von „l‘année fabuleuse de la France.“ Frankreich liefert auch -anders als Deutschland- Waffen an kriegführende Staaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate oder Saudi-Arabien. Vor allem aufgrund dieser völlig unterschiedlichen Position zu Waffenexporten sind gemeinsame deutsch-französische Rüstungsprojekte denn auch äußerst kompliziert, wenn nicht ausgeschlossen.

[6] https://www.nouvelobs.com/galeries-photos/economie/20151002.OBS6974/photos-tout-ce-que-possede-deja-le-qatar-a-paris.html#modal-msg Zum Hôtel Lambert siehe den  Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2020/04/20/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-1-grosse-maenner/

[7] https://www.lefigaro.fr/arts-expositions/dossier/splendeurs-de-la-collection-al-thani

[8] Siehe dazu z.B. Régis Soubrouillard,  Quand le Qatar achetait la France.   Outre-Terre 2012/3-4 (n° 33-34), pages 517 à 521  https://www.cairn.info/revue-outre-terre4-2012-3-page-517.htm https://www.journaldunet.com/economie/magazine/1104695-les-investissements-du-qatar-en-france.amphtml/ 

https://photo.capital.fr/ces-fleurons-francais-desormais-aux-mains-du-qatar-17024#ces-fleurons-francais-desormais-aux-mains-du-qatar-303408

[9] https://www.liberation.fr/sports/2019/06/18/enquetes-sur-la-corruption-dans-le-sport-le-qatar-en-premiere-ligne_1734691/

[10] Zur Situation derMenschenrechte in Quatar  siehe taz vom 20.11.21 Menschenrechte im WM-Land: Nichts ist gut in Katar  Die Fußball-WM 2022 könne helfen, das Emirat Katar zu liberalisieren, hieß es einmal. Doch die Menschenrechtslage wurde immer prekärer. https://taz.de/Menschenrechte-im-WM-Land/!5814345/

Zu Frauenrechten in Quatar siehe zum Beispiel: https://www.hrw.org/de/news/2021/03/29/katar-maennliche-vormundschaft-schraenkt-frauenrechte-stark-ein

[11] Bild aus: https://www.hotel-de-la-marine.paris/L-Hotel-de-la-Marine/Le-Garde-Meuble-de-la-Couronne/commode-riesener# Zu Riesener siehe auch den Blog-Beitrag: Der Faubourg Saint-Antoine 1: Das Viertel des Holzhandwerks https://paris-blog.org/2016/04/04/der-faubourg-saint-antoine/

[12] Bild aus: https://www.hotel-de-la-marine.paris/de/Die-Besichtigung/Al-Thani-Collection-Foundation

[13] Dieses Bild und die weiteren Abbildungen -wenn nicht anders angegeben- von Wolf Jöckel

[14] https://www.weltkunst.de/ausstellungen/2021/11/al-thani-sammlung-hotel-de-la-marine-katar-schaetze-in-paris Für das Vergleichsbeispiel siehe  https://www.kyero.com/de/property/11239554-gewerbeimmobilie-mieten-paris (Stand 26.1.2022)

[15] https://www.sueddeutsche.de/sport/wm-katar-terror-geldwaesche-1.5506874?reduced=true

[16] https://www.dbz.de/artikel/dbz_Das_Schatzhaus_im_Meer_Museum_fuer_Islamische_Kunst_71151.html

https://www.bauwelt.de/rubriken/bauten/Nationalmuseum-Katar-Ateliers-Jean-Nouvel-3371758.html

[17] https://www.sueddeutsche.de/kultur/kultur-fussball-hotels-und-nun-kunst-katar-leistet-sich-paris-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-190104-99-430576

[18]  Bérénice Geoffroy Schneiter, Un rêve de musée universelle. In: connaissance des arts. Hors-série. La Collection Al Thani à l’hôtel de la marine. 2021, S. 27; Interview mit Amin Jaffer a.a.O., S. 10 und https://www.weltkunst.de/ausstellungen/2021/11/al-thani-sammlung-hotel-de-la-marine-katar-schaetze-in-paris

[19] Siehe: https://www.handelsblatt.com/arts_und_style/kunstmarkt/saoud-al-thani-wie-falkenauge-die-kunstsammlungen-von-katar-aufbaute/26797922.html?ticket=ST-501534-kFbObjRKUCmJvlHWOYCa-ap3  und https://de.wikibrief.org/wiki/Collecting_practices_of_the_Al-Thani_Family

[20] https://www.fr.de/kultur/kunst/die-al-thani-sammlung-eine-neue-sehenswuerdigkeit-fuer-paris-91122253.html

[21] https://www.numero.com/fr/art/tresors-collection-al-thani-hotel-la-marine-paris-cheikh-hamad-ben-abdullah-al-thani-qatar

[22] https://www.connaissancedesarts.com/monuments-patrimoine/hotel-de-la-marine/tresors-de-la-collection-al-thani-a-paris-5-chefs-doeuvre-que-vous-pourrez-bientot-voir-a-lhotel-de-la-marine-11164017/

[23] https://sammlung-digital.lindenmuseum.de/de/objekt/maske_12578

[24] https://www.lefigaro.fr/arts-expositions/collection-al-thani-quatre-espaces-d-exposition-pour-120-objets-d-art-20211117  Als Herkunftsort wird dort aber -anders als auf der der Vitrine beigefügten Informationstafel –  das zentralasia tische Sassaniden-Reich angegeben

[25] https://www.sortiraparis.com/arts-culture/exposition/articles/264978-les-tresors-de-la-collection-al-thani-l-exposition-a-l-hotel-de-la-marine

[26]  Bild:© Marc Domage/Al Thani Collection  https://www.fr.de/kultur/kunst/die-al-thani-sammlung-eine-neue-sehenswuerdigkeit-fuer-paris-91122253.html

[27] Bild und wesentlich auch Text  aus: https://www.hotel-de-la-marine.paris/de/Die-Besichtigung/Al-Thani-Collection-Foundation/Elements-Collection-Al-Thani/Repertoire-Highlights-Collection/Bueste-von-Kaiser-Hadrian

[28] https://www.lefigaro.fr/arts-expositions/collection-al-thani-quatre-espaces-d-exposition-pour-120-objets-d-art-20211117

[29] Bild:  https://www.connaissancedesarts.com/monuments-patrimoine/hotel-de-la-marine/les-mille-et-une-merveilles-de-la-collection-al-thani-a-paris-11166359/

[30] https://www.connaissancedesarts.com/monuments-patrimoine/hotel-de-la-marine/tresors-de-la-collection-al-thani-a-paris-5-chefs-doeuvre-que-vous-pourrez-bientot-voir-a-lhotel-de-la-marine-11164017/

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Der König der Tiere: Das Labyrinth und die Menagerie Ludwigs XIV. im Park von Versailles

Nach 60 Jahren noch immer eine offene Wunde: Die Erinnerung an die Niederschlagung der Demonstrationen vom 17. Oktober 1961 (Ici on noie les Algériens) und vom 8. Februar 1962 (Charonne)

Die Nacht vom 17. auf den 18. Oktober 1961 war eine nuit noire in der französischen Geschichte der Nachkriegszeit[1] und der 8. Februar 1962 war ein schwarzer Tag. An beiden Tagen gab es im Zusammenhang mit dem Algerien-Krieg große Demonstrationen in Paris, die zahlreiche Opfer forderten. Die Erinnerung daran ist immer noch lebendig.

Was geschah damals?

Am Abend des 17. Oktober 1961 protestierten ungefähr 30.000 Algerier vor allem aus den Pariser Vorstädten gegen die –allein sie betreffende- nächtliche Ausgangssperre mit einer friedlichen -aber nicht genehmigten-  Demonstration, zu der die Untergrundorganisation der FLN (Front de libération nationale) aufgerufen hatte.  Die Polizei reagierte mit äußerster Härte. Zahlreiche Demonstranten wurden getötet- die Zahlenangaben schwanken zwischen einigen Dutzenden und über 200 Opfern.[2] Über 10.000 Demonstranten wurden festgenommen und zum Teil mehrere Tage lang in „centres d’internement“  festgehalten. Dort kam es zu weiteren gewalttätigen Übergriffen einer durch Falschmeldungen aufgehetzten Polizei.  Noch Tage nach der „nuit noire“ wurden in der Seine schwimmende Leichen gefunden. Einige Demonstranten waren auf der Flucht vor der Polizei vom Pont St-Michel in die Seine gesprungen und dort ertrunken, andere wurden einfach in den Fluss geworfen, um die offiziellen Todes-Statistiken niedrig zu halten.

Nach dem Urteil der britischen Historiker Jim House und Neil MacMaster handelt es sich um das brutalste staatliche  Vorgehen gegen eine Demonstration im Westeuropa der Nachkriegszeit.[3]  

Eine scharfe Pressezensur wurde verhängt und auch weitgehend befolgt, durch die das Ausmaß dessen, was in dieser Nacht geschah, nicht ans Licht kommen sollte. Viele Zeitungen beschränkten sich auf die Wiedergabe der offiziellen Polizeiberichte. Immerhin: Ein -natürlich schnell beseitigtes- Graffiti am Seineufer wies unübersehbar auf die Ereignisse der Nacht hin: Ici on noie les Algériens – hier ertränkt man die Algerier.[4]

Quai de Conti, 6. November 1961 © Jean Texier / L’Humanité [5]

Am 24. Oktober 1961 erschien in der Tageszeitung Le Monde ein Aufruf von Intellektuellen, u.a. Simone de Beauvoir, André Breton, Nathalie Sarraute und Aimé Césaire, in dem es heißt:

Mit bewundernswertem Mut und Würde haben algerische Arbeiter gegen die immer unerbittlichere Repression demonstriert, deren Opfer sie sind… Die Polizei reagierte auf die friedliche Demonstration mit ungezügelter Gewalt: Erneut wurden Algerier getötet, weil sie in Freiheit leben wollten. Die Franzosen würden sich zu Komplizen rassistischer Gewalt machen, deren Schauplatz Paris ist, wenn sie dazu schwiegen…. Wir weigern uns, einen Unterschied zu machen zwischen den vor ihrer Ausweisung im Palais des Congrès eingepferchten Algeriern und den vor ihrer Deportation zusammengetriebenen Juden…“

Karikatur des Le-Monde Karikaturisten  Plantu Dezember 1997[6]

Aber erst 2001 wurde –gegen den Widerstand der rechten Parteien- vom damaligen Pariser Bürgermeister Delanoë eine Gedenktafel am Pont-St-Michel (Quai du Marché – Neuf) eingeweiht: „Zur Erinnerung an die zahlreichen Algerier, die bei der blutigen Unterdrückung der friedlichen Demonstration vom 17. Oktober 1961 getötet wurden.“ Ich wollte“, stellte dazu der Pariser Bürgermeister fest, „dass für dieses Verbrechen, das von offiziellen Stellen Frankreichs gedeckt oder beschlossen wurde, wenigstens die französische Hauptstadt Verantwortung übernimmt“.[7]

Foto: Wolf Jöckel, aufgenommen 2011, am 50. Jahrestag des 17.10.1961

Diese Gedenktafel wurde 2019 von der Pariser Bürgermeisterin Hidalgo durch eine künstlerisch gestaltete Stele ergänzt, um dem Gedenken an die Opfer mehr Sichtbarkeit zu verleihen.[8]

Bild: Wolf Jöckel 9.2.2022

In Frankreich hat man sich allerdings schwer getan mit dieser „schwarzen Nacht“.  Lange Zeit wurde der 17. Oktober 1961 verdrängt, die Erinnerung daran bewusst ausgelöscht, wie die beiden Le Monde-Journalisten Frédéric Bobin et Antoine Flandrin in einem aktuellen Podcast feststellen.[9]

Ein Grund für das große französische Interesse an einer solchen Verdrängung:  Der für das brutale Vorgehen der Pariser Polizei 1961 (und dann auch noch 1962) Verantwortliche war Maurice Papon. Als Präfekt ordnete er am 17.10. 1961 ein hartes Vorgehen der Polizei gegen die Demonstranten an. Zu Unrecht machte er die friedlich demonstrierenden Algerier für die blutige Eskalation der Demonstration verantwortlich: Sie hätten das Feuer auf die Polizei eröffnet. Allerdings hat damals kein einziger Polizist Schussverletzungen erlitten und erst recht wurde keiner getötet. Demgegenüber spielte Papon die Zahl der Opfer herunter und trug massiv dazu bei –auch mit Hilfe der herrschenden Pressezensur- dass es zu keiner Aufklärung des Ablaufs der Ereignisse kam und zu keiner einzigen Bestrafung eines Polizisten. Papon allerdings wurde in einem Brief des damaligen Ministerpräsidenten Michel Debré ausdrücklich gelobt: Der Präfekt habe Führungsstärke und Organisationstalent bewiesen und auf hervorragende Weise eine schwierige und oft delikate Aufgabe („une mission souvent délicate et difficile“) zu bewältigen gewusst. So von den politisch Verantwortlichen bestärkt, war es am 8. Februar 1962 wieder Papon, der den Befehl zum folgenschweren Vorgehen gegen die Demonstranten gab.[10]

Führungsstärke und Organisationstalent hatte Maurice Papon auch schon vorher hinreichend bewiesen. Er war nämlich im Zweiten Weltkrieg als Generalsekretär der Präfektur von Bordeaux verantwortlich für die Verhaftung von etwa 1600 Juden, die zwischen 1942 und 1944 zunächst nach Drancy und von dort weiter nach Auschwitz transportiert wurden. Der Busfahrer auf der oben abgebildeten Karikatur von Plantu war also niemand anderes als Papon.

Allerdings gehörte er –wie der oberste Polizeichef von Vichy, René Bousquet, zu den sogenannten „vichisto-résistants“ (Jean-Pierre Azema), die sich zunächst in den Dienst der sogenannten révolution nationale Pétains stellten, dann aber auch Verbindungen zur Résistance knüpften. Daher konnte Papon nach 1945 mit ausdrücklicher Billigung von de Gaulle weiter Karriere machen: Als Polizeipräfekt in Algerien, wo er einschlägige Erfahrungen im Umgang mit der algerischen Widerstandsbewegung sammeln konnte, danach als Pariser Polizeichef und zwischen 1978 und 1981 auch noch in zwei Regierungen als Minister. Das endete erst am 6. Mai 1981, als die satirische Wochenzeitschrift Canard enchaîné die Rolle Papons bei der Deportation von Juden bekannt machte. 1983 wurde Anklage erhoben, und nach dem längsten Prozess der französischen Justizgeschichte wurde Papon 1998 wegen seiner Beteiligung an Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 10 Jahren Haft verurteilt- von denen er allerdings nur knapp 3 Jahre absitzen musste.

Insofern hat die Erinnerung an den 17. Oktober 1961 eine dreifache Brisanz:

  • Es geht einmal um ein Ereignis, das inzwischen vielfach als „Massaker“ bezeichnet und als Verbrechen eingestuft wird. Die Schwierigkeit besteht allerdings darin, dass es sich nicht „einfach“ um vereinzelte oder auch kollektive polizeiliche Übergriffe handelte, sondern dass es institutionelle/staatliche Verantwortlichkeiten gab – auf jeden Fall die des Polizeipräfekten Papon. In Frage steht aber auch die (zumindest politische) Verantwortung des damaligen Innenministers Roger Frey, eines entschiedenen Gegners einer Loslösung Algeriens vom „Mutterland“, und des Premierministers Michel Debré.   
  • Es geht dabei weiterhin um die Rolle der Collaboration mit dem Nazi-Regime und ihre Beteiligung an der Shoah – eine Frage, die derzeit in Anbetracht der revisionistischen Thesen des rechtsextremen Präsidentschaftskandidaten Éric Zemmour besonders aktuell ist: Für Zemmour war das Collaborations-Regime des Marschalls Pétains nicht Handlanger der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie, sondern ein Schutzschild französischer Juden, die vor Deportation und Ermordung gerettet worden seien. Der Polizeipräfekt von 1961, Papon, ist ein Beleg dafür, dass damit die Geschichte auf den Kopf gestellt wird.
  • Brisant ist die Erinnerung an den 17. Oktober 1961 schließlich auch im Kontext der französisch-algerischen Beziehungen. Emmanuel Macron hatte 2017 als Kandidat für die damalige Präsidentschaftswahl in einem Aufsehen erregenden Interview während eines Besuchs in Algier den französischen Kolonialismus als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und eine wahrhafte Barbarei bezeichnet und dazu aufgefordert, davor nicht die Augen zu verschließen- eine Stellungnahme, die ihn, nach dem Úrteil von Michaela Wiegel „beinahe die Wahl gekostet“ hätte. [11] Als Präsident hatte Macron die  Verbesserung der Beziehung zu Algerien und einen versöhnlichen Umgang mit der Vergangenheit (die „réconciliation des mémoires“)  zu einem Schwerpunkt seiner Amtszeit erklärt.[12] Er beauftragte den aus Algerien stammenden Historiker Benjamin Stora, Vorschläge zu unterbreiten, wie -gerade im Blick auf Kolonialismus und Algerien-Krieg- die Verständigung zwischen dem französischen und algerischen Volk gefördert werden könnte.

Stora unterbreitete im Januar 2021 einen Katalog von 22 Maßnahmen, wozu auch die Erinnerung an den 17. Oktober 1961 gehörte.[13] Wie schwer dieser Prozess einer réconciliation des mémoires allerdings ist, wird an der erbitterten rechten Kritik deutlich: Man müsse endlich aufhören, sich ständig für seine (insgesamt doch glanzvolle) Geschichte zu entschuldigen, auf die man stolz sein könne, forderten unisono Vertreter der Rechten (Michel  Barnier, Eric Ciotti, Valérie Pecresse) und der Ultrarechten (Marine Le Pen).[14] Und zu dem Frankreich, auf das die Franzosen stolz sein könnten, gehört für den Präsidentschaftskandidaten Zemmour (dem immerhin -ebenso wie Le Pen-  derzeit 14 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme geben wollen) sogar der Marschall Pétain…

Insofern hat der Versuch einer réconciliation des mémoires auch noch eine brisante innenpolitische Dimension. Die den Algerienkrieg betreffenden Trennlinien verlaufen nicht nur zwischen Frankreich und Algerien, sondern sie gehen auch durch die französische Gesellschaft – man denke nur an die aus Algerien vertriebenen Franzosen, die pieds noirs, oder an die algerischen Hilfskräfte der Franzosen in Algerien, die Harkis…

2021©Jean-Claude Coutausse pour Le Monde. Macron ehrt die Opfer des 17. Oktober 1961 (Colombes, Hauts-de-Seine, 16. Oktober).  Im Hintergrund die Brücke von Bezons. Auch dort wurden Demonstranten von der Polizei in die Seine geworfen. [15]

Insofern wurde mit besonderer Spannung erwartet, wie Macron 2021 an den 17. Oktober 1961 erinnern würde. In seiner Stellungnahme beschrieb Macron in aller Deutlichkeit, was damals geschah.  Die Repression der Demonstration sei brutal und blutig gewesen. Fast 12 000 Algerier seien verhaftet worden. Neben vielen Verletzten habe es Dutzende von Toten gegeben, die in die Seine geworfen worden seien. Viele Familien hätten nie die sterblichen Überreste der damals Verschwundenen wiedergefunden. [16] Es handele sich um Verbrechen, die nicht entschuldigt werden könnten. („crimes inexcusables“). Neu waren dabei, gegenüber den Stellungnahmen seines Vorgängers François Hollande, nicht nur die deutlichen Qualifizierungen der damaligen Repression, sondern vor allem, dass mit Macron ein Staatspräsident persönlich einen Kranz an einem Ort des damaligen Geschehens niederlegte. Und neu war auch, dass Macron einen Verantwortlichen benannte, nämlich Maurice Papon. Nach den Worten Benjamin Storas hat damit zum ersten Mal ein Staatspräsident eine staatliche Verantwortung an dem verbrecherischen Massaker anerkannt. Allerdings wurde -nicht nur aus dem linken Spektrum- Kritik laut. Macron sei auf halbem Weg stehen geblieben. In der Erklärung des Elysée seien das Wort Polizei  und Titel und Funktion Papons („préfet de police“)  nicht vorgekommen, der doch immerhin trotz seiner Vergangenheit als Kollaborateur von de  Gaulle ausgewählt worden sei und danach auch noch eine steile Karriere gemacht habe.[17]

Aber dann folgte ja noch der zweite Akt des Dramas, der 8. Februar 1962, in Frankreich bekannt unter dem Kürzel Métro Charonne oder einfach nur Charonne

Was war damals geschehen? Seit März 1961 verübte die Untergrundorganisation OAS (Organisation de l’Armée Secrète) eine Serie von Anschlägen, um die Verhandlungen über die Unabhängigkeit Algeriens zu torpedieren: Am 31. März wurde der Bürgermeister von Evian ermordet, in dessen  Stadt die Verhandlungen stattfanden. Es folgten Anschläge auf Personen und Einrichtungen, die das Projekt einer Unabhängigkeit Algeriens unterstützten.  Am 7. Februar 1962 verübte die OAS eine neue Serie von Anschlägen, unter anderem auf die Wohnung von André Malraux, dem damaligen Kultusminister, wobei ein vierjähriges Mädchen sein Augenlicht verlor, was besondere Empörung auslöste. Ihr Ziel erreichten diese Anschläge allerdings nicht: Eher beschleunigten sie den Abschluss der Verhandlungen. Am 18. März 1962 wurde in Evian die Loslösung Algeriens vom „Mutterland“ Frankreich vereinbart.

Ausstellung auf dem Vorplatz des Rathauses des 11. Arrondissements,                                                   erstellt von dem Comité d’Histoire de la Ville de Paris[18]   Bild: Wolf Jöckel 8.2.2022  

Als Reaktion auf die Anschläge der OAS riefen verschiedene linke Organisationen, vor allem die Gewerkschaften CGT, CFDT und UNEF und die Parteien PCF und PSU, für den 8. Februar 1962 zu einer Demonstration gegen den OAS-Terror und für die Unabhängigkeit Algeriens auf, die allerdings von Papon, nach wie vor Polizeipräfekt, verboten wurde. Allerdings hatten die Organisatoren die Hoffnung, dass angesichts der Umstände die Polizei nicht einschreiten würde. Denn immerhin standen die Verhandlungen von Evian kurz vor dem Abschluss, so dass eine Demonstration für den Friedensvertrag und gegen den OAS-Terror durchaus im Sinne der Regierung hätte sein können.[19] Zumal die OAS ja nicht nur de Gaulles Vertrauten Malraux zum Ziel ihrer Anschläge auserwählt hatte, sondern auch den Staatspräsidenten selbst, auf den am 8. September 1961 bei Pont-sur-Seine ein Anschlag verübt wurde.

Es kam allerdings anders. De  Gaulle, der Innenminister Frey und der Polizeipräfekt Papon wollten um jeden Preis die staatliche Autorität durchsetzen und der politischen Linken keine  Gelegenheit geben, ihre Macht zu demonstrieren. Es sollte nicht der Eindruck entstehen, als sei die Unabhängigkeit Algeriens auf „Druck der Straße“ erfolgt.  An der Metro-Station Charonne im 11. Arrondissement wurden die friedlich demonstrierenden Menschen gewaltsam eingekesselt. Mit ihren bidules, hölzernen Schlagstöcken, schlugen Polizisten auf die Demonstranten ein.  Die versuchten in Not und Panik, sich in die Metro-Station zu retten, deren Gitter aber heruntergelassen waren. 9 Menschen starben an den Folgen schwerer Kopfverletzungen oder erstickten, darunter Anne Godeau (24 Jahre, Postangestellte) und Édouard Lemarchand (40 Jahre, Angestellter bei der Humanité).

Das Foto zeigt sie auf dem Demonstrationszug vom 8.2.1962. Eine Stunde später waren sie tot.[20]

Am 13. Februar 1962 beteiligten sich etwa 500 000 Menschen (L‘Humanité sprach von 1 000 000, Le Figaro von 150 000)  an einem feierlichen Trauermarsch zum Friedhof Père Lachaise, wo die „Opfer von Charonne“ gegenüber der Mur des Fédérés, also der Opfer der Pariser Commune von 1871, bestattet wurden.[21]

Grabmal der Charonne-Opfer auf dem Père Lachaise. 97. Division. Auf der Grabplatte spiegelt sich das Denkmal für die Opfer des KZ Ravensbrück. Foto: Wolf Jöckel

Dieses Foto habe ich am 10. Februar 2022 aufgenommen. Das Gebinde hatte der Pariser Polizeipräfekt Didier Lallement im Namen des Staatspräsidenten deponiert, wie das Tricolore-Band ausweist. Dies war, wie auch Macrons Gedenken an die Opfer des 17. Oktober 1961, eine absolute Neuerung: Nicht allein, dass Macron damit den Opfern und ihren Familien seine Ehrerbietung erwies,[22] sondern auch insofern, als durch die Präsenz des Polizeipräfekten die damalige Verantwortung der Pariser Polizei anerkannt wurde. 

Bis es dazu kam, war es allerdings ein weiter Weg. Denn wie nach dem 17. Oktober wurden auch hier die Tatsachen zunächst entweder verschwiegen oder verdreht.

Aus der Ausstellung 11. Arrondissement

So berichtete der Figaro am 9. Februar, „groupes de choc“, also (bewaffnete) Sturmtruppen 23], hätten das Demonstrationsverbot durchbrochen und Demonstranten seien in die von „Agenten der Subversion“ gelegte Falle geraten. Die Rede war lediglich von zwei toten Demonstranten. Der Ministerpräsident beglückwünschte einige Tage später Maurice Papon für sein entschlossenes Vorgehen und 1966 wurde eine Amnestie für alle im Zusammenhang mit dem Algerienkrieg stehenden Handlungen beschlossen.

Aber natürlich gelang es nicht, die Erinnerung an den 8. Februar auszulöschen. Die Kommunistische Partei Frankreichs und die kommunistische Gewerkschaft CGT brachten in der Metro-Station eine Erinnerungstafel für „die Opfer der Repression“ an. Sie waren alle Mitglieder der CGT und mit einer Ausnahme auch der KPF.

Gedenktafel in der Metrostation Charonne, 11. Arrondissement: „Hier sind am 8. Februar 1962 während einer Demonstration für den Frieden in Algerien neun Arbeiterinnen und Arbeiter, von denen der jüngste 16 Jahre alt war, als Opfer der Unterdrückung gestorben.“ Foto Wolf Jöckel

Jedes Jahr werden dort am 8. Februar von verschiedenen Organisationen und Institutionen Blumen niedergelegt. Foto: Wolf Jöckel 8. Februar 2022

Ein Plakat der École des beaux-arts aus dem Jahr 1968[24]. Es zeigt, dass in der französischen Studentenbewegung die Erinnerung an Charonne noch lebendig war.  Roger Frey, 1962 Innenminister, wird hier als „Mörder von Charonne“ titutliert. Aus der Ausstellung 11. Arrondissement.  Foto: Wolf Jöckel

1975 entstand Renauds bitteres Lied „Hexagone“, in dessen Februar-Strophe er an die damals weitgehend verdrängte Niederschlagung der Demonstration vom 8. Februar 1962 erinnert:

Im Februar fällt es nicht schwer, / sich an Charonne zu erinnern,

die vereidigten Schläger (Gendarmen), / die ihr Werk perfekt ausführten.

Frankreich ist ein Bullenstaat ….

Um die öffentliche Ordnung durchzusetzen, / Morden sie ungestraft.[25]

Am 45. Jahrestag des Massakers, am 8. Februar 2007, erhielt der Ort des Geschehens, die Kreuzung zwischen dem Boulevard Voltaire und der Rue de Charonne,  auf Beschluss des Pariser Stadtrats den Namen „Place du 8 Février 1962“, sieben Jahre später die Metro-Station Charonne den entsprechenden Zusatz.

Platz des 8. Februar 1962. Datum der Demonstration gegen den Algerienkrieg, wo neun Demonstranten an der Metro-Station Charonne den Tod fanden.
Foto: Wolf Jöckel  8.2.2012

Am 50. Jahrestag des Massakers hielt der damalige Pariser Bürgermeister Delanoë eine Rede an der Place du 8 Février 1962, die mich sehr beeindruckte. Er knüpfte dabei sinngemäß an das an, was Robert Badinter, dessen Name mit der Abschaffung der Todesstrafe verbunden ist,  1990 feststellte:

„Es ist eine beklagenswerte Haltung für eine große Demokratie, sich nicht den Schwächen ihrer Geschichte zuzuwenden… Erwachsen zu sein bedeutet, seinen Schwächen ins Auge zu sehen, um ihnen nicht erneut zu erliegen“.[26]  Und Delanoë führte in seiner Rede den Kniefall Willy Brandts am Mahnmal des Warschauer Ghettos als Vorbild an für einen verantwortungsvollen Umgang mit den dunklen Seiten der Vergangenheit eines Landes.

Eine solche Geste ist allerdings in Frankreich in Bezug auf den Algerienkrieg kaum vorstellbar.

Kundgebung am 8. Februar 2022, Place du 8 février 1962. Auf der Tribüne von links nach rechts: Der sozialistische Bürgermeister des 11. Arrondissements François Vauglin (mit der Tricolore-Schärpe), der Vorsitzende der KPF und Präsidentschaftskandidat Fabien Roussel, der Präsident der Association nationale pour la protection de la mémoire des victimes de l’OAS, Jean-François Gavoury (am Mikrophon), der Vorsitzende der Gewerkschaft CGT, Philippe Martinez, und  Henri Cukierman, Vorsitzender des comité Vérité et justice pour Charonne. Foto: Wolf Jöckel

Auf der Kundgebung vom 8. Februar 2022 wurde denn auch kritisiert, dass Macron in seiner Erinnerungspolitik auf halbem Weg stehen geblieben sei und das Charonne-Massaker nicht als „crime d’État“ anerkannt habe. In der Tat lässt sich Präsident Macron bei seinen erinnerungspolitischen Gesten und Schritten auch von politischem Kalkül leiten – das ist von ihm, gerade auch kurz vor den Präsidentschaftswahlen, nicht anders zu erwarten.[27]  Macron hat aber unbestreitbar während seines Quinquennats wichtige Beiträge zur „Aufarbeitung der Vergangenheit“ geleistet. Dazu gehören die offizielle Anerkennung der systematisch von der französischen Armee im Algerienkrieg angewendeten Folter[28]  und seine Entschuldigung gegenüber den Harkis, den algerischen Hilfskräften der französischen Armee, die Frankreich den Repressalien der siegreichen FLN überlassen hat,  soweit sie nicht nach Frankreich überführt und dort unter unwürdigen Bedingungen behandelt wurden –  nach Le Monde „eine der beschämendsten Seiten der Geschichte unseres Landes“.[29] Und dazu gehört auch der– im Vergleich zu seinen Vorgängern viel prononciertere Umgang Macrons mit den Massakern vom 17. Oktober 1961 und vom 8. Februar 1962. Aber sicherlich ist es noch ein weiter Weg zu einer réconciliation des mémoires, soweit die überhaupt je möglich ist. Das zeigt auch das nachfolgend abgebildete handbeschriebene Blatt, das an einer Schautafel der Ausstellung des 11. Arrondissements von Paris befestigt war.

Foto: Wolf Jöckel 6.2.2022

Vor 65 Jahren wurde mein Vater in Algerien (der Kabylei) wie viele andere von der französischen Armee verhaftet, gefoltert und exekutiert. Er war in der Blüte seiner Jahre, gerade 24 Jahre alt, so dass er keine Gelegenheit hatte mir noch Brüder und Schwestern zu machen. Ehre all denen, die für die Freiheit kämpfen. Es leben die zwei Länder, Frankreich und Algerien…


Aus gegebenem Anlass: Eine Publikation des Artikels an anderer Stelle ist ohne Genehmigung des Autors (Wolf Jöckel) nicht zulässig. Erst recht nicht, wenn sie ohne Verweis auf die Quelle und unter einem anderen Autoren-Namen erfolgt.

Anmerkungen

[1] So der Titel eines französischen  Fernsehfilms von 2005 über die damaligen Ereignisse, wieder ausgestrahlt von France 3 am 17.10.2010.  Bild aus: https://www.franceculture.fr/emissions/la-fabrique-de-lhistoire/france-culture-passe-le-bac-33-reviser-lepreuve-dhistoire-avec-la-fabrique

Zum Thema dieses Beitrags siehe auch: Michaela Wiegel, Gewalt in den Straßen von Paris. Das brutale Vorgehen gegen algerische Demonstranten wirkt bis heute nach. FAZ vom 16. Oktober 2021, Seite 10

[2]  „La vérité mettra des années pour s’imposer : 200 manifestants au moins tués „à chaud“ comme „à froid (Gaston Deferre); avec une imprécision du nombre à elle seule révélatrice de la logique de guerre dans laquelle on s’inscrit.“ Danielle Tartakowsky, Les manifestations de rue en France 1918-1968. Éditions de la Sorbonne. https://books.openedition.org/psorbonne/62457?lang=de

Die bis heute noch nicht geklärte Opferzahl beruht vor allem darauf, dass  der Zugang zu den Archiven lange Zeit mit dem Verweis auf die nationale Sicherheit bis 2021 blockiert war und -so der Historiker  Gilles Manceron- immer noch behindert wird. Siehe dazu: https://www.la-croix.com/France-ouvre-archives-judiciaires-policieres-Algerie-2021-12-23-1301191586

[3]  Jim House/Neil MacMaster, Les Algériens, la terreur d’État et la mémoire. Neuauflage Paris: Gallimard 2021: „la répression d’Etat la plus violente qu’ait jamais provoquée une manifestation de rue en Europe occidentale dans l’histoire contemporaine“  

Zur Vorgeschichte und zum Ablauf des Massakers vom 17. Oktober 1961 siehe auch: Nina Pauer, Europa und die Frage der Gewalt- die bundesrepublikanische Resonanz auf den Algerienkrieg am Beispiel des Massakers vom 17. Oktober 1961 in Paris.  In: Dietmar Hüser, Frankreichs Empire schlägt zurück. Kassel university press 2010, S. 157ff  978-3-89958-902-3.volltext.frei.pdf (uni-kassel.de)

[4] So auch der Titel eines Dokumentarfilms, der aus Anlass des 50. Jahrestages der Nuit noire in die Kinos kam. Das Bild wurde vielfach veröffentlicht, z.B. https://france3-regions.francetvinfo.fr/auvergne-rhone-alpes/isere/grenoble/on-noie-algeriens-soiree-cine-conference-au-melies-grenoble-1735831.html

[5] Bild aus: Histoire d’une photo : „Ici on noie des Algériens” (1961) – Ép. 3/3 – France Culture passe le bac !

[6] https://histoirecoloniale.net/Papon-et-la-justice.html

[7] https://www.liberation.fr/societe/2001/10/18/a-la-memoire-des-algeriens_380833/

[8] Siehe: https://www.rtl.fr/actu/politique/paris-inaugure-une-stele-en-hommage-aux-victimes-algeriennes-du-17-octobre-1961-7799268720  17.10.2019   und https://www.ouest-france.fr/ile-de-france/paris-75000/paris-inaugure-une-stele-en-hommage-aux-victimes-algeriennes-de-la-repression-du-17-octobre-1961-6569414

[9] Podcast. Massacre du 17 octobre 1961 : la fin d’un long silence ? (lemonde.fr Oktober 2021): „ L’histoire du 17 octobre 1961 est celle d’un massacre sciemment oublié, effacé.“  Siehe auch Interview mit dem Historiker Gilles Manceron, Autor von: La triple occultation d’un massacre. In: Le 17 octobre des Algériens (2011) https://www.lemonde.fr/societe/article/2011/10/17/17-octobre-1961-ce-massacre-a-ete-occulte-de-la-memoire-collective_1586418_3224.html Danach hatte nicht nur der für „den Pogrom“ verantwortliche „pouvoir gaulliste“ Interesse an der Verdrängung, sondern auch die französische Linke, „ambiguë sur l’indépendance algérienne“. Und zum Dritten auch die damalige provisorische algerische  Regierung, weil der französische Ableger der FLN eine Konkurrenz darstellte, die nach der Erlangung der Unabhängigkeit ausgeschaltet wurde. https://www.cairn.info/le-17-octobre-des-algeriens–9782707171177-page-111.htm

[10] Sonderausgabe Charonne der Humanité vom 8.2.2012

[11] Michaela Wiegel, Gewalt in den Straßen von Paris. Das brutale Vorgehen gegen algerische Demonstranten wirkt bis heute nach. FAZ vom 16. Oktober 2021, Seite 10

Dazu z.B. auch: Emmanuel Macron qualifie la colonisation française de „crime contre l’humanité“ – L’Express (lexpress.fr) und https://www.lexpress.fr/actualite/politique/elections/la-colonisation-crime-contre-l-humanite-macron-sous-le-feu-des-critiques_1879756.html

[12] Kritisch dazu: Sylvie Thénault; Sur la guerre d’Algérie parler de ‚réconciliation‘ n’a pas de sens. In: Le Monde. 6.2.2021 und in: Le Monde, Le bilan du monde, édition 2022, S. 217

[13] https://www.lemonde.fr/afrique/article/2020/07/24/emmanuel-macron-confie-a-l-historien-benjamin-stora-une-mission-sur-la-memoire-de-la-colonisation-et-de-la-guerre-d-algerie_6047236_3212.html und Emmanuel Macron fait de la guerre d’Algérie le défi mémoriel de son quinquennat (lemonde.fr)  Zusammenfassung der 22 Empfehlungen  Storas: https://www.lemonde.fr/afrique/article/2021/01/20/france-algerie-les-22-recommandations-du-rapport-stora_6066931_3212.html 

[14] Le Monde 19. Oktober 2021: Droite et extême droite condamnent la „repentance“ du chef de l’Etat. Marine Le Pen comme Michel Barnier ou Valérie Pecresse ont estimé que la France devait cesser de s’excuser à propos de la guerre d’Algérie.

Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang die Beschädigung der Statue des Emirs Abdelkader in Amboise Anfang Februar 2022. Abdelkader war ein Held des algerischen Widerstands gegen die französische Eroberung im 19. Jahrhundert. Nach seiner Gefangennahme wurde er im Schloss von Amboise festgesetzt und entwickelte sich dort zu einem „Pionier des Dialogs zwischen den Religionen“, wie Le Monde schrieb. Kurz, eine Figur der französisch-algerischen Freundschaft.“ (A Amboise, vandalisme contre la statue de l’émir Abdelkader. Le Monde, 8.2.2022). Die Errichtung einer solchen Statue gehörte zu den von Benjamin Stora unterbreiteten Vorschlägen zur réconciliation des mémoires.

[15] Bild und Information aus: Le Monde 19. Oktober 2021

[16] „La répression fut brutale, violente, sanglante. Près de 12 000 Algériens furent arrêtés et transférés dans des centres de tri au Stade de Coubertin, au Palais des sports et dans d’autres lieux. Outre de nombreux blessés, plusieurs dizaines furent tués, leurs corps jetés dans la Seine. De nombreuses familles n’ont jamais retrouvé la dépouille de leurs proches, disparus cette nuit-là.“ Zit. In: https://www.leparisien.fr/politique/algeriens-tues-a-paris-le-17-octobre-1961-pourquoi-ils-attendaient-plus-de-macron-17-10-2021-5CY5GNMKXBA7FJXPCWHVHKO6CM.php?xtor=EREC-109&utm_medium=email&utm_source=internal&utm_campaign=newsletter_politique

[17] Siehe z.B. https://www.bfmtv.com/politique/les-propos-de-macron-sur-le-massacre-du-17-octobre-1961-fustiges-de-toute-part_AN-202110170218.html  Auch Le Monde spricht in einem Artikel über Macrons Gedenken an den 17. Oktober 1961 von einem „demi-pas“ des Präsidenten. (Le Monde, Dienstag, 19. Oktober 2021). Entsprechend auch Rachid Benzine, Les hommages  à Samuel Paty et aux manifestants algériens ne sauraient masquer le malaise de nos institutions. In: Le Monde, 20. Oktober 2021

[18] Siehe: https://storymaps.arcgis.com/stories/2df2cacd2d50414183c9021ac4af91ab

[19] Der Historiker Pierre Vidal-Naquet: „C’est le comble de l’absurde. On a du mal à comprendre cette violence de la police alors que le gouvernement est en pleine négociation avec les représentants algériens pour un accord de paix signé un mois plus tard.“ Zit von L’Humanité und Le Monde 8.2.2022 https://www.lemonde.fr/societe/article/2022/02/08/paris-commemore-les-60-ans-de-la-repression-meurtriere-d-une-manifestation-contre-la-guerre-d-algerie-au-metro-charonne_6112781_3224.html

[20] Das Foto gehört zu der Ausstellung auf dem Vorplatz des Rathauses des 11. Arrondissements. Siehe dazu auch: https://mairie11.paris.fr/pages/il-y-a-60-ans-la-manifestation-de-charonne-20333

[21]   Filmbericht aus dem französischen Fernsehen vom 14.2.1962. Dokumentation INA  https://enseignants.lumni.fr/fiche-media/00000000082/les-obseques-des-victimes-de-charonne.html Dort auch ein erläutender von Philippe Tétart, Les obsèques des victimes de Charonne. Contexte historique. Publication: 2003

Zur Mur des Fédérés siehe den Blog Beitrag: https://paris-blog.org/2016/08/13/der-buergerkrieg-in-frankreich-1871-ein-rundgang-auf-dem-friedhof-pere-lachaise-in-paris-auf-den-spuren-der-commune/

[22] Aus der Stellungnahme des Präsidenten:  „Soixante ans après cette tragédie, je rends hommage à la mémoire des victimes et de leurs familles“. Zit. https://www.lefigaro.fr/flash-actu/metro-charonne-emmanuel-macron-rend-hommage-aux-victimes-une-premiere-20220208

[23] https://www.cairn.info/revue-historique-2014-1-page-143.htm#:~:text=Car%20si%20la%20guerre%20d,les%20forces%20de%20l’ordre.

[24] Zu den 1968 in der École des beaux-arts  in Paris hergestellten Plakaten  siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2018/05/01/50-jahre-mai-1968-plakate-der-revolte-eine-ausstellung-im-musee-des-beaux-arts-in-paris/

[25] Übersetzung und Original: https://songtexte-ubersetzung.com/renaud-renaud-sechan-hexagone/

 Ils sont pas lourds en février, / à se souvenir de Charonne,

des matraqueurs assermentés /qui fignolèrent leur besogne.

La France est un pays de flics ….

Pour faire règner l’ordre public / Ils assassinent impunément

Ihren ausführlichen Artikel über den 8. Februar 1962 hat l’Humanité mit den Gedichtzeilen Renauds überschrieben: Ils sont pas lourds, en février, à se souvenir de Charonne

[26] „C’est une attitude déplorable pour une grande démocratie de ne pas se pencher sur les faiblesses de son histoire… Etre adulte, c’est regarder en face aussi ses faiblesses, pour ne pas y retomber. «

[27] Insofern ist Macron auch nicht dem Vorschlag Storas gefolgt, die französische Rechtsanwältin Gisèle Halimi zu pantheonisieren. Sie war Rechtsanwältin und Anwältin der Unabhängigkeit Algeriens. Ihre Pantheonisierung hätte in Frankreich eher Gräben aufgeworfen und nicht zu einer  réconciliation des mémoires beigetragen.  https://www.sudouest.fr/politique/entree-au-pantheon-de-gisele-halimi-pourquoi-emmanuel-macron-envisagerait-de-dire-non-2672066.php  Statt  dessen hat sich Macron für die Pantheonisierung von Josephine Baker entschieden. Siehe  dazu den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2021/12/26/sie-passte-in-kein-schema-die-republikanische-heiligsprechung-josephine-bakers/

[28] Anerkennung des Mathematikers Maurice Audin als Folteropfer der französischen Armee: https://www.liberation.fr/france/2018/09/13/mort-de-maurice-audin-macron-reconnait-la-torture_1678582/ 

Anerkennung des Rechtsanwalts Ali Boumendjel als Folteropfer:  https://www.franceculture.fr/emissions/lesprit-public/france-algerie-emmanuel-macron-et-la-reconciliation-des-memoires

Allgemein zur Folter als offiziellem Instrument der französischen Armee im „gegen-revolutionären Krieg“:  https://fr.wikipedia.org/wiki/Torture_pendant_la_guerre_d%27Alg%C3%A9rie 

[29] Leitartikel von Le Monde vom 21.9.2021. https://www.lemonde.fr/idees/article/2021/09/21/harkis-un-pardon-justifie-au-nom-de-la-france_6095428_3232.html  Mit dieser Entschuldigung ging Macron noch weit über die die Harkis betreffenden Vorschläge Benjamin Storas hinaus. Siehe: France Culture, 26.1.2021:  Le sort des harkis et de leurs descendants dans le rapport de Benjamin Stora fait réagir https://www.franceculture.fr/emissions/le-journal-de-lhistoire/le-journal-de-lhistoire-du-mardi-26-janvier-2021

Weitere geplante Blog-Beiträge:

Von der „Notre Dame de Dada“ im Köln der 1920-er Jahre über das Exil im „Zauberkreis Paris“ nach Ausschwitz: Das dramatische Leben von Luise Straus-Ernst

Die Schatzkammer der Scheichs: Die Sammlung Al Thani im Hôtel de la Marine in Paris

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Der König der Tiere: Das Labyrinth und die Menagerie Ludwigs XIV. im Park von Versailles