La Goutte d’Or oder Klein-Afrika in Paris

Paris ist eine Stadt, die schon immer Zuwanderer angezogen hat: Es waren  Franzosen vom Land, die wegen der Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten  in die Stadt kamen- so wie die Auvergnats, die sich in der Nähe der Bastille niedergelassen haben und die mit ihren Kneipen und Tanzsälen in der Rue de Lappe das kulturelle Leben von Paris bereicherten; es waren Einwanderer aus Europa, wie die deutschen Handwerker, die im 18. Jahrhundert in den Tischlerwerkstätten des Faubourg Saint- Antoine gearbeitet haben, so dass damals in dem Viertel ebenso deutsch wie französisch gesprochen wurde,  und es sind Menschen aus anderen Kontinenten, vor allem aus den ehemaligen  Kolonien Frankreichs, die in Paris das Bild bestimmter Stadtviertel prägen: Chinesen und Vietnamesen das 13. Arrondissement und Belleville, Inder/Tamilen das Viertel von La Chapelle und die Afrikaner das Viertel von Goutte d’Or im 18. Arrondissement.

Eine im Stadtbild besonders auffällige Gruppe von Einwanderern sind natürlich Nordafrikaner und vor allem Schwarzafrikaner, weil es sich um eine „immigration visible“ handelt, also eine Gruppe von Menschen, deren Status als Einwanderer schon an der Hautfarbe erkennbar ist.  Wie sichtbar und auffällig diese Einwanderergruppe  ist, hängt allerdings von den Erfahrungen und Sehgewohnheiten ab, vor allem aber auch von dem Stadtviertel, in dem man sich befindet. Im noblen 16. Arrondissement im Pariser Westen wird man kaum auf einen Menschen mit schwarzafrikanischem „Migrationshintergrund“ stoßen; in unserem gemischten Stadtteil –dem Faubourg Saint Antoine- kann man Menschen mit schwarzer Hautfarbe  in kleineren Seitenstraßen treffen, die wir aber nur selten betreten, vor allem dann, wenn wir dort mal für kurze Zeit unser Auto abstellen. Aber man trifft sie auch gegenüber im Jardin Titon, wo die meist schwarzen Tagesmütter zusammen schwatzen, während die weißen Kinder im Kinderwagen dösen oder sich auf dem Spielplatz amüsieren.

Ganz anders ist es in dem Stadtviertel Goutte d’Or bzw. Château Rouge im nordöstlich gelegenen 18. Arrondissement.

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Hier ist man  -nach einer kurzen Fahrt mit der Métro- sozusagen mitten in Afrika. Steigt man an der Métro-Station Château-Rouge aus und geht in die Rue Poulet oder Rue Dejean hinein, kann man sich bisweilen vorkommen wie wir vor vielen Jahren in Tanzania, als wir fast die einzigen „wasungus“, (Weiße) weit und breit waren. Im November 2013 besuchte ich zum ersten Mal das Viertel mit zwei aus Mali stammenden Franzosen, die in dem Viertel wohnen. Als ich am Ausgang der Métro auf sie wartete, betrachtete ich mit einigem Erstaunen die Menschen, die die Treppe passierten. Wäre nicht im Hintergrund der „Fournil de Paris“ gewesen, konnte man sich durchaus fühlen wie in einer afrikanischen Großstadt. Einige Zeit zählte ich – bis 200- die hinauf- oder heruntergehenden Menschen:  Es waren darunter gerade einmal 24, die keine schwarze Hautfarbe hatten- und unter diesen 24 waren sicherlich auch noch mehrere Maghrebiens, also Nordafrikaner. In der Tat: Klein-Afrika in Paris.

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Nach Auffassung unserer ortkundigen Begleiter, die ich darauf ansprach, gibt es geradezu eine unsichtbare Mauer, die ihrer Meinung nach das petit Mali, wie sie es nannten,  umgibt- sogar mit (wenn auch unsichtbaren) checkpoints wie hier an der Métro Château Rouge: Es seien  fast nur Afrikaner, die von dort aus ins afrikanische Viertel gingen – in eine für  andere Pariser und erst recht für Auswärtige fremde und eher Unsicherheit, ja Ängste erzeugende Welt.

Dass man hier in einer anderen Welt ist, wird auch deutlich, wenn man am Ausgang der Métro einen kleinen Werbezettel in die Hand gedrückt bekommt, wie man ihn auch oft unter den Scheibenwischern der Autos befestigt findet – natürlich vor allem in „Klein-Afrika“, aber auch in Belleville oder in unserem Faubourg St. Antoine. Da bietet der „Maitre Charles“, „le plus grand Marabout de Paris“ seine Dienste an: Kein Fall sei hoffnungslos. „Ich habe immer eine Lösung“.  „J’ai toujours une solution“. Professeur Ali,  ein „grand voyant medium compétant“  garantiert den Erfolg seiner „travaux occultes“,  Monsieur Momo sogar innerhalb von 72 Stunden. Bezahlung jeweils nur nach Ergebnis, und bei Maître Yamba ist die erste consultation  kostenlos.

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Besonders beeindruckend fand ich die Selbstdarstellung von Monsieur Ba, dem „grand voyant medium guerrisseur“, der mit seinen 30 Jahren Berufserfahrung und einer über Generationen „de père en fils“ reichenden Tradition 100% Erfolg in allen Bereichen garantiert. Aufgrund seiner Wundertaten sei sein Name in der ganzen Welt bekannt. [1] Ob es sich um politische, wirtschaftliche, sportliche, juristische oder gesundheitliche Probleme handele: Er könne sie alle lösen; und natürlich auch die sofortige Rückkehr einer geliebten Person bewirken und die Wiederkehr einer verlorenen Zuneigung: „Ihr Partner wird vor Ihren Füßen liegen.“  Noch eindrucksvoller  beschreibt der „professeur Moro“ auf einem ebenfalls verteilten Waschzettel seine Erfolge: Er kümmere sich darum, wenn ein Partner mit einem anderen durchgegangen sei. Mit seiner Hilfe werde er wiederkommen. „Er wird hinter Ihnen herlaufen wie ein Hund hinter seinem Herrn.“ Wenn das nichts ist!

Die unsichtbare, aber deutliche Abgrenzung des petite Afrique hat sicherlich ganz vielfältige Ursachen. Natürlich gibt es in dem Viertel Kriminalität –bei dem Spaziergang mit den Ortskundigen  haben wir eine kleine Verfolgungsjagd der dort demonstrativ postierten Polizisten miterlebt, die offenbar hinter einem Dieb oder Schwarzhändler her waren.  Denn die vor allem gibt es um die Métro-Station Château-Rouge herum, obwohl diese Konkurrenz von den „offiziellen“ Händlern des Viertels angeprangert wird und obwohl die dort aufgefahrene Polizei sie immer wieder verjagt. Seit September 2012 ist das „petite Afrique“ sogar „Zone de sécurité prioritaire“ (ZSP), also eine von der Polizei besonders intensiv beobachtete und kontrollierte Sicherheitszone.[2] Die Einrichtung solcher Zonen hat dann im Allgemeinen die Konsequenz, dass die Kriminalität dort zurückgeht und sich eher in andere weniger überwachte Bereiche verlagert.  Man muss also in klein-Afrika nicht um seine Wertgegenstände fürchten, wenn man sich entsprechend vorsieht, wozu es in einer Großstadt in Paris ja generell Anlass gibt. Immerhin wird man in der Métro ausdrücklich in vielen Sprachen zur Vorsicht aufgefordert und die großen Pariser Museen sind geradezu ein Eldorado für bandenmäßig organisierte jugendliche Taschendiebe. Im Vergleich dazu ist das Goutte d’Or vermutlich ein relativ sicherer Ort.  Aber der Ruf des Viertels ist offenbar miserabel, woran vor allem rechte Politiker einen wesentlichen Anteil haben[3]: Da gibt es die berüchtigte „bruit et odeur“-Rede Jaques Chiracs aus dem Jahr 1991: Chirac war damals Bürgermeister von Paris und Vorsitzender der RPR, der Vorgängerpartei der heutigen UMP.  Nach einem Rundgang durch das Viertel stellte er in einer Rede vor Anhängern ein hart arbeitendes französisches Arbeiterpaar einer aus Afrika eingewanderten Familie gegenüber, bestehend aus einem Familienvater, drei oder vier Frauen und etwa zwei Dutzend Kindern. Der Mann arbeite « natürlich » nicht, die Familie erhalte aber ein Mehrfaches des Verdienstes der französischen Arbeiterfamilie an Sozialleistungen. Und dazu komme dann noch der Lärm und Geruch –bzw eher: Gestank, was den braven französischen Mitbürger zur Weißglut bringe, und das sei nur allzu verständlich.[4]

Und natürlich setzte die extreme Rechte noch einen drauf  mit ihrer Kampagne gegen  Gebete von Moslems im öffentlichen Raum. Marine Le Pen, inzwischen Vorsitzende des rechtsradikalen Front National, prangerte in einer Rede im Dezember 2010 an,  ganze Straßenzüge und Stadtviertel würden regelmäßig von betenden Moslems in Beschlag genommen. Hier herrsche nicht mehr das Recht des Staates, sondern das islamische Recht.  Das sei eine occupation, eine Besatzung. Und dies unangeachtet dessen, dass es keine Panzer und Soldaten gäbe :  « Es ist gleichwohl eine Besatzung » [5] Le Pen sprach zwar  allgemein von «occupation », aber dieser Begriff ist natürlich vor allem bezogen auf die deutsche Besatzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg, mit der damit das öffentliche Gebet von Moslems auf eine Stufe gestellt wurde. Und  deren Bekämpfung wurde so implizit zu einem notwendigen und ehrenhaften Akt der Résistance erklärt. Dass Le Pen später ergänzte, mit dem Begriff « occupation » könne auch die der Engländer im 100-jährigen Krieg gemeint sein, verschärfte die Hetze nur noch : Denn damit stellte Le Pen sich in eine Reihe mit Jeanne d’Arc, der Nationalheiligen, die jedes Jahr am 1. Mai an ihrem Denkmal auf der Place des Pyramides in Paris vom Front National gefeiert wird.

Wenn Marine le Pen die öffentlichen Gebete von Moslems anprangerte,  dann war damit –was Paris betrifft- vor allem die rue Myrha im Goutte d’Or angesprochen.

In der Tat wurde seinerzeit dort Freitag mittags die Straße für den Durchgangsverkehr gesperrt und gebetet. Das wurde von den Rechten als Provokation und Angriff auf das geheiligte französische Prinzip der laïcité, der strikten Trennung von Kirche und Staat, angesehen. In Wirklichkeit aber war es Ausdruck einer Notsituation, weil die beiden kleinen Moscheen des Viertels dem Andrang der vielen Gläubigen nicht gewachsen waren. Eine dieser Moscheen war die Khaled Ibn al Walid- Moschee in der Rue Myrha, so dass mit Zustimmung des zuständigen sozialistischen Bürgermeisters des 18. Arrondissements am Freitag die Straße vor der Moschee für den Gottesdienst genutzt werden durfte.

Um dem ein Ende zu machen, wurde den Moslems von dem damaligen rechten Innenminister Guéant eine stillgelegte Feuerwehr-Kaserne als Gebetsraum  zur Verfügung gestellt und die Nutzung der Straße verboten. Aber dies ist natürlich auch keine befriedigende Lösung. Um die bemühten sich  während vieler Jahre der Pariser Bürgermeister Delanoë und der Rektor der großen Moschee von Paris, Dalil Boubakeur.

Am 28. November 2013 wurde dann endlich in der Rue Stephanson im Goutte d’Or- Viertel das Institut des Cultures d’Islam (ICI)  eingeweiht.

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Dieses von der Stadt Paris getragene Institut soll eine kulturelle Brücke zur Welt des Islams sein- « un lieu dédié à la création et la diffusion des cultures contemporaines en lien avec le monde muselman » (Prospekt zur Eröffnung des Zentrums). Beispielsweise gab es 2015 eine sehr eindrucksvolle Ausstellung von Künstlern des Nahen Ostens, in denen das Nebeneinander von Krieg und Frieden zum Thema gemacht wurde:

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Neben Kunstausstellungen gibt es auch  Musik,  Filme, Sprach- und Malkurse, Führungen durch das Viertel und – nicht zuletzt : einen großzügigen Gebetsraum, der das ganze 1. Stockwerk einnimmt.  In der Tat handelt es sich hier um eine –für das laizistische Frankreich- gewagte Verbindung von Gebet und Kunst, wie Le Monde am 29.11.2013 schrieb. Und dass die überregionale Zeitung Le Monde, die immerhin über keinen Pariser Lokalteil verfügt, der Eröffnung des ICI einen großen Artikel widmete, zeigt, welche Bedeutung und Problematik dieses Ereignis hatte und hat, und zwar nicht nur in Bezug auf die fremdenfeindliche Propaganda des Front National. Auch auf der Linken, also der aktuellen politischen Mehrheit in Frankreich, stehen sich ja zwei grundlegend verschiedene Positionen gegenüber, was den Umgang mit Einwanderern angeht : Auf der einen Seite die Vertreter einer Anerkennung ethnischer, kultureller und religiöser Minderheiten, also gewisssermaßen die multikulturelle Fraktion,  auf der anderen Seite die Vertreter einer « unteilbaren Republik », deren Sorge die Entwicklung eines « comminutarisme » ist, also der Herausbildung abgeschotteter gesellschaftlicher Räume.

Der Umgang des Staates mit den Muslimen ist insofern ein besonders sensibler Gegenstand.  Denn natürlich dürfen nach dem Gesetz von 1905, der Grundlage des französischen Laizismus, weder Staat –noch entsprechend auch die Stadt Paris- Glaubensgemeinschaften subventionieren. Aber andererseits müssen Staat und Stadt auch daran interessiert sein, dass den gläubigen Moslems angemessene Gebetsräume zur Verfügung stehen, um die vom Front National angeprangerten öffentlichen Gebete zu vermeiden. Und Staat und Stadt  müssen natürlich auch daran interessiert sein, dass in den Moscheen keine islamistischen Fanatiker das Wort haben. Und so hat man im ICI eine in vieler Hinsicht vorbildliche Lösung gefunden : Der dortige Gebetsraum wurde vom ICI an eine Gesellschaft verkauft, die auch für die Große Moschee von Paris (GMP) verantwortlich ist. Und die GMP verfügt nicht nur –aufgrund ihrer engen Beziehungen zu Algerien- über die erforderlichen Geldmittel, sondern sie steht auch für einen toleranten, weltoffenen Islam, der sich ohne Probleme in das republikanische Selbstverständnis Frankreichs einfügt.

Zur Geschichte von Goutte d’Or

Dass das Viertel von Château Rouge und Goutte d’Or heute das klein- Afrika in Paris genannt werden kann, ist ein Ergebnis der Migration seit dem 2. Weltkrieg. Noch zu Beginn des 19. Jahrhundert wurde hier –wie ja auch im benachbarten Monmartre-  Wein angebaut, der im Mittelalter einen hervorragenden Ruf hatte und sogar an der königlichen Tafel serviert worden sein soll. Unter der Herrschaft Ludwigs des Heiligen, also im 13. Jahrhundert, wurden von einer Jury die besten Weine ausgezeichnet: Den ersten Preis erhielten die Weine aus Zypern, den zweiten die aus Malaga und  den dritten zu gleichen Teile der Malvasier, der Wein aus Alicante und der aus diesem Viertel, das davon ja auch noch seinen schönen Namen erhalten hat : goutte d’Or, Goldtropfen.  Ab den 1840er Jahren – es war die Zeit der Industrialisierung und des enrichissez-vous des frühkapitalistischen « Bürgerkönigs » Louis Philippe-  wurde im Goutte d’Or Industrie angesiedelt :  Beispielsweise die Maschinenfabrik des François Cavé, der dort die damals größte französische Dampfmaschine baute und auch das Dampfschiff « Courrier », das Calais und Dover mit der damals sensationellen Geschwindigkeit von 13 Knoten verband.[6] Und vor allem  wurden im Goutte d’Or der Frühindustrialisierung Eisenbahnen gebaut : Nach der in Le Creusot konstruierten « La Gironde » entstand als zweite französische Lokomotive hier « La Gauloise », ebenfalls bestimmt für die Strecke zwischen Paris und Versailles, dem französischen Pendant der deutschen Strecke zwischen Nürnberg und Fürth.  Und mit der Industrie kamen die Spekulanten und errichteten kleine Häuser und Hôtels mit billigen Zimmern, die an Migranten vermietet wurden, die in den Fabriken des Viertels arbeiteten : Menschen aus den ländlichen Gebieten Frankreichs, dann aus europäischen Nachbarländern wie Belgien oder Deutschland. Wenn man mit offenen Augen durch das Viertel geht, entdeckt man an einigen Stellen noch einige der zwei-bis drei-stöckigen Häuser aus dieser Zeit. Besonders schön erhalten ist noch die Villa Poissonière zwischen der Rue Polonceau nr. 41 und der Rue de la Goutte d’Or Nr.42 : Ein schmaler gepflasterter Weg mit kleinen, meist sympathisch verwilderten Vorgärtchen und schönen Häusern rechts und links, deren Fassaden eher nicht nahelegen, dass es sich hier um  Spekulationsobjekte aus den 1840-er Jahren handelt.

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Leider ist die Villa aber –wie ja auch viele der schönsten Höfe im Faubourg St.Antoine- inzwischen « bobo-isiert », also von der neuen Elite des Informationszeitalters und Künstlern bewohnt und nur mit einem Code zugänglich.  Aber vielleicht hat man ja das Glück und ein freundliches Mitglied der Eigentümergemeinschaft öffnet gerade eine Tür und gestattet dem neugieren Besucher einen Blick in dieses kleine und an dieser Stelle völlig unerwartete spezifische Bio- und Soziotop : Dazu passt tatsächlich der Titel von David Brooke’s einschlägigem Buch über die « Bobos in paradise ».

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 Dass das Goutte d’Or im 19. Jahrhundert aber insgesamt alles andere als paradiesisch war, zeigt in aller Deutlichkeit Emile Zolas Roman mit dem bezeichnenden Titel „l’Assommoir“ – auf deutsch: „Der Totschläger“, der in diesem Viertel spielende 7. Band der „Rougon-Macquart“- Romanreihe.[7] Im Vorwort zu diesem Roman schreibt  Zola:

 „Ich habe den verhängnisvollen Verfall einer Arbeiterfamilie in dem verpesteten Innern unserer Vorstädte schildern wollen. Am Ende der Trunksucht und des Müßigganges steht eine Erschlaffung der Familienbande, ein Versinken im Schmutz, ein fortschreitendes Abnehmen jeder ehrenwerten Empfindung und schließlich als Lösung die Schande und der Tod.“

Vor dem Ersten Weltkrieg kamen dann polnische und russischen Juden, die wegen der Pogrome ihre Heimat verlassen hatten, in das Viertel. Sie arbeiteten vor allem in Textilbetrieben : Eine Tradition, die inzwischen vor allem von Westafrikanern  -und zwar immer Männern!- weitergeführt wird.

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Sie fertigen die festlichen, farbenfrohen Kleider an, die besonders an Wochenenden von den aus Schwarzafrika stammenden Frauen getragen werden.

Die Stoffe allerdings kommen nur zum Teil (noch) aus Afrika, die billigen dagegen überwiegend aus China und die besonders kostbaren, die Bazins, aus … Österreich ! Die beliebten Batik-Stoffe (die Wax) sind übrigens auf dem Weg über Indonesien nach Afrika gekommen ! Dort haben nämlich die Niederländer Söldner angeworben für ihre Kolonie in Südostasien. Und diese Menschen fanden so viel Gefallen an den dort gebräuchlichen Batiken, dass sie sie nach Afrika mitbrachten, wo sie dann auch heimisch wurden, und dann natürlich auch nach klein-Afrika in Paris.

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Die ersten Afrikaner kamen  schon nach dem Ersten Weltkrieg. Aber eigentlich müsste man sagen : Sie blieben. Denn es waren demobilisierte Soldaten, die sogenannten « tirailleurs sénégalais »,  die für Frankreich gekämpft hatten und zum Teil –wie ja auch viele der  angeworbenen chinesischen Arbeiter aus den Munitionsfabriken-  nicht mehr in ihre Heimat zurückkehrten.[9] Zum afrikanischen Viertel wurde das Goutte d’Or aber erst seit dem zweiten Weltkrieg, als zunächst  Algerier kamen, die sich vor allem im Süden des Viertels rund um das Kaufhaus Tati niederließen ; und dann in  den 1960-er Jahren, als die ehemaligen französischen Kolonien unabhängig wurden und junge Männer aus Mali, Sénégal, Mauretanien – später dann auch aus dem Congo, Kamerun und der Côte d’Ivoire- kamen und  in dem damals ziemlich heruntergekommenen Viertel noch erschwinglichen Wohnraum und landsmannschaftliche Vertrautheit und Solidarität fanden. Nach einigen Jahren kamen dann auch die Familien nach, so dass heute der Bezirk des Château Rouge das afrikanische Zentrum von Paris ist.

Ein Spaziergang durch das « petite Afrique » von Paris

Natürlich führen viele Wege durch das afrikanische Viertel von Paris. Man kann einfach hinein gehen und sich etwas treiben lassen, was durchaus lohnend ist. Aber vielleicht wird man auch dem nachfolgenden Vorschlag folgen. Ein guter Zeitpunkt für einen Spaziergang ist der Nachmittag, weil dann aufgrund des Marktes das Viertel besonders belebt ist. Und das gilt besonders für den Mittwoch und den Samstag, wenn auch der große nordafrikanische Markt unter der Hochbahn zwischen den Stationen Barbès Rochechouart und La Chapelle abgehalten wird.

Ein guter Ausgangspunkt für den Spaziergang ist die Métro-Station Château Rouge, wo es sich lohnt, ein wenig die Menschen zu beobachten, die dort hineingehen oder herauskommen. Zu Marktzeiten gibt es auf dem Platz davor meist auch „fliegende Händler“, wenn sie nicht gerade von der Polizei verjagt wurden.

Wenn man dann in die Rue Poulet hineingeht und weiter  in die rue Doudauville, stellt man schnell fest, dass  sich hier überwiegend kleinere Geschäfte angesiedelt haben, die sich an eine afrikanische Kundschaft wenden und im Allgemeinen auch noch von Afrikanern betrieben werden – allerdings sind auch hier die Chinesen auf dem Vormarsch: einige der etwas größeren Lebensmittelgeschäfte des Viertels gehören inzwischen Chinesen, die sich aber voll und ganz auf die Bedürfnisse der afrikanischen Kunden eingestellt haben.

 

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Die Kunden sind übrigens nicht nur die afrikanischen Bewohner des Viertels. Gerade an Wochenenden kommen offenbar aus ganz Paris, aber auch aus dem Umland und –wie uns gesagt wurde- sogar aus ganz Frankreich und Belgien  Menschen mit afrikanischer Herkunft hierher, um die gewohnten Produkte einzukaufen und gleichzeitig auch Freunde und Verwandte zu treffen. Und auch afrikanische Restaurants decken sich hier in den entsprechenden großen Mengen mit den aus Afrika importierten Produkten ein.

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In der Querstraße, der Rue Léon Nr. 35,  befindet sich auch das lavoir moderne parisien, eine ehemalige Wäscherei von 1870 wie die, in der Gervaise, die Heldin von  Zolas  „L’Assommoir“, ihre Wäsche wusch:

„Die Waschanstalt lag in der Mitte der Straße an einer Stelle, wo das Pflaster bergan zu gehen anfing. Über einem niedrigen Gebäude zeigten drei ungeheure Wasserbehälter von starkem Zink ihre grauen Rundungen, während dahinter in einem zweiten, sehr hohen Stockwerk sich der Trockenraum erhob, von allen Seiten durch Jalousien aus schmalen Holzplättchen geschlossen, zwischen denen die Luft freien Spielraum hatte, und durch deren Öffnungen man auf Messingdrähten trocknende Wäsche sah. Der enge Schlot der Maschine stieß mit regelmäßigem Ächzen den Dampf aus. Gervaise schritt durch die Eingangstür, ohne die Röcke hochzunehmen wie eine Frau, die es gewöhnt ist, durch Wasserlachen zu gehen. Der Zugang war durch große Bütten von Fleckwasser fast versperrt. Sie kannte die Besitzerin der Waschanstalt, eine kleine zarte Frau mit kranken Augen, die in einem Kabinett mit Glasscheiben saß; vor sich hatte sie Stücke Seife, auf den Regalen stand Waschblau und kohlensaure Soda in Paketen. Im Vorbeigehen forderte sie von ihr ihren Waschschlegel und ihre Bürste, die sie ihr bei der letzten Wäsche zum Aufbewahren gegeben hatte. Nachdem sie ihre Nummer genommen, trat sie in die Waschanstalt. Es war ein ungeheurer Schuppen mit niedriger Decke, deren sichtbares Gebälk auf gußeisernen Säulen ruhte; große helle Fenster erleuchteten den Raum. Das bleiche Tageslicht drang frei durch den heißen Dunst, der wie ein milchweißer Nebel in der Luft hing. Aus verschiedenen Ecken stiegen Dämpfe auf, die sich ausbreiteten und die Enden des Schuppens in bläuliche Schleier hüllten. Eine schwere, mit Seifendünsten geschwängerte Feuchtigkeit tropfte hernieder, die bald von stärkeren Strömen von Fleckwasserdämpfen verschlungen wurde. Längs der Vorrichtungen zum Schlagen der Wäsche, die an beiden Seiten des Mittelganges hinliefen, standen Reihen von Frauen, deren Arme bis zu den Schultern entblößt waren; die Hälse waren nackt, und die verkürzten Röcke ließen farbige Strümpfe und grobe Schnürschuhe sehen. Sie hieben kräftig auf die Wäsche ein, lachten und beugten sich vor, um sich in dem Lärm ein Wort zuzurufen; unmäßig beschmutzt, schlampig und durchnäßt wie von einem Sturzregen, Arme, Gesicht und Busen gerötet und dampfend, beugten sie sich auf den Grund ihrer Wäschezuber nieder. Um sie herum und unter ihnen flutete ein fortwährender Strom, die Eimer heißen Wassers, die herbeigebracht und auf einmal geleert wurden, die geöffneten Kaltwasserhähne, aus denen das Wasser herabfloß, der mit Seifenschaum vermischte Schmutz, der unter den Waschschlegeln hervorquoll, das Abtropfwasser der gespülten Wäsche, und endlich die Pfützen, in denen sie umherpatschten, das alles floß in kleinen Bächen über den abschüssigen steinernen Fußboden dahin. Inmitten all dieses Schreiens, der regelmäßig ertönenden Schläge, des murmelnden Regengeräusches und dieses Sturmgeheuls, das von der niedrigen feuchten Decke erstickt wurde, schien die in einen weißen Tau gehüllte Dampfmaschine zur Rechten, die ohne Unterlaß keuchte und stöhnte, mit dem tanzenden Beben ihres Schwungrades, den ungeheuren Lärm zu beherrschen.“ [10]

Seit 1953 ist das Lavoir  ein Theater, in dem aber noch etwas vom Ambiente des alten Waschhauses spürbar ist.[11]

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Aber es ist auch – wie beziehungsreich-  ein „Stützpunkt“ und „Trainingslager“ der feministischen Gruppe „Femen“, die im letzten Jahr in Paris durch eine „oben-ohne-Aktion“ in Notre Dame großes Aufsehen erregt hat. Und provokativ war auch eine Demonstration halbnackter Femen-Aktivistinnen gegen islamischen Fundamentalismus gerade in diesem Viertel.[12]

Geht  man die Rue Léon weiter, so kommt man  am ICI Léon vorbei, dem ursprünglichen Ort des Institut des Cultures d’Islam. Man kann dort im Innenhof einen Tee trinken und manchmal gibt es dort auch ein Wandgemälde zu bewundern – 2017/2018 beispielsweise anlässlich einer Ausstellung „von der Kalligraphie zur Street-Art“ die Arbeit eines marokkanischen Künstlers.

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Danach geht es weiter zur  rue Myrha,  in die man links einbiegt: Hier befindet sich die schon erwähnte Moschee und ein kurioses Geflügelgeschäft, die Ferme Parisienne: Ein alteingesessenes Geschäft „de père en fils“ –  inzwischen aber fest in schwarzafrikanischer Hand. Zwar werden auch Eier verkauft, aber vor allem lebendes Geflügel – nach Aussagen eines Ortskundigen das einzige Geschäft dieser Art in Paris. Zu erklären sei das mit der Fortdauer traditioneller Religionen und Riten, zu denen auch das Opfern von Hühnern bzw. Hähnen gehören könne – deshalb vielleicht auch die vielen Hähne, die dort gehalten werden. In mancher Hinsicht kann man offenbar hier leben, als hätte man sein heimatliches Dorf nicht verlassen und dazu gehört auch das Fortleben einer „conception magique du monde.“[13]

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Es lohnt sich übrigens, bei dem Rundgang manchmal auch einen Blick auf die meist sehr heruntergekommenen Fassaden zu werfen, die ab und zu durch Street-Art Künstler wie Mosko etwas Farbe erhalten, wie hier in der rue Myrha.

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Ein Zeichen für die Lebendigkeit des Viertels sind auch  zahlreiche brachliegende Grundstücke. Die werden zum Teil als provisorische Nachbarschaftsgärten genutzt, wie hier von einer „coopérative alimentaire„…

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oder sogar als Ausstellungfläche für Kunstprojekte. Die Ähnlichkeit mit den Kreationen des Italieners Penone, die im letzten Jahr den Park von Versailles schmückten, sind hier ganz auffällig. Dass der entwurzelte Baum im Goutte d‘Or nicht die Penone’sche Eleganz und Schwerelosigkeit aufweist, passt sehr gut in die ganz andere Umgebung: Wir sind eben nicht am Brunnen des Apollo im Schlosspark von Versailles, sondern auf einem Abrissgrundstück in einem Sanierungsgebiet im Pariser klein-Afrika. Vielleicht ist es ja sogar ein afrikanischer Baobab, der hier –auf den Kopf gestellt- eine vorübergehende Bleibe gefunden hat.

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Nun geht es weiter bis zur Rue Stephanson mit dem neuen ICI in der Nummer 56 und danach zur Kirche St. Bernard. Sie wurde nach der 1860 vorgenommenen Angliederung des Goutte d’Or an Paris gebaut, um dem sehr bescheidenen neuen Stadtteil ein monumentales Zentrum zu geben. Interessant ist bei der Kirche weniger die –allerdings durchaus beeindruckende-  neu-/spät-gotische Architektur, sondern die Rolle, die St.Bernard für das Viertel spielte und noch spielt.

Einige Berühmtheit erlangte sie 1996, als sie von über 200 „sans papiers“, also Einwanderern ohne offiziellen juristischen Status, besetzt wurde. Mit dieser Kirchenbesetzung und einem Hungerstreik wollten sie auf ihre prekäre Situation aufmerksam machen: Teilweise lebten und leben diese sans papiers schon seit Jahren mit ihren Familien in Frankreich, haben dort auch Arbeit –vor allem als Bauarbeiter und im Bereich der  Zeitarbeit- und die Kinder gehen in die staatlichen Schulen, aber ihr Status öffnet der Ausbeutung Tür und Tor und sie sind immer von Ausweisung bedroht. In den letzten Jahren erhielten zwar jährlich –unter der Präsidentschaft Sarkozys und Hollandes- etwa 30 000 sans papiers pro Jahr einen offiziellen Status, aber unter dem Druck des Front National war der bisherige Innenminister  und jetzige Ministerpräsident Manuel Valls bemüht, den Rechtsradikalen durch eine ziemlich rigide Politik im Umgang mit den „Illegalen“ keine zusätzliche Angriffsfläche zu bieten, wie sich gerade wieder kürzlich gezeigt hat, als Leonarda, ein junges „illegales“ Mädchen, von der Polizei während einer Klassenfahrt aus einem Schulbus geholt wurde, um mit ihrer Familie ausgewiesen zu werden. Das wurde von vielen –auch dem damaligen  Bildungsminister- als Angriff auf den geschützten Raum der republikanischen Schule angesehen und löste heftige Reaktionen aus, die Präsident Hollande zu einem partiellen und sehr umstrittenen Einlenken veranlassten.[14] Entsprechend war es auch 1996, als ein Großaufgebot der Polizei gewaltsam in die Kirche St. Bernard  eindrang und die Aktion der sans papiers mit massivem Einsatz beendete. Das konnte auch der Priester der Gemeinde, der père Coindé, nicht verhindern, der sich schützend vor die sans papiers in seiner Kirche stellte und sich mit ihrem Anliegen solidarisierte- ebenso wie übrigens auch die Ethnologin und Widerstandskämpferin Germaine Tillon, die 2015 ins Pantheon aufgenommen wurde. [15] Aber bis heute ist die Kirche St. Bernard ein Zufluchtsort für Menschen in Not, ob das nun sans papiers oder SDFs, also Obdachlose, oder Flüchtlinge wie die von Lampedusa sind.  Und dies ganz unabhängig von ihrer Hautfarbe oder ihrem Glauben.[16]

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Am Rande des Markts zwischen La Chapelle und Barbès-Rochechouart verteilte übrigens bei einem meiner Spaziergänge durch das Viertel ein junger Mann eine  ziemlich umfangreiche Broschüre zum Thema „sans papiers“- Es werden darin sehr konkrete Informationen gegeben, wie man sich gegen drohende Ausweisungen organisieren und schützen kann und welche Maßnahmen im Fall einer Verhaftung möglich und aussichtsreich sind. Die Broschüre entstand 2009 und wurde 2012 auf den aktuellen Stand gebracht: Das Thema steht  nach wie vor auf der Tagesordnung- gerade in diesem Viertel der Stadt.

Wie sehr die Ereignisse von 1996 auf viele Franzosen traumatisierend gewirkt haben und wie sehr das Flüchtlingsthema gerade im Goutte d’Or auf bedrückende Weise aktuell ist, zeigte sich besonders wieder 2015. Zwischen den Métro-Stationen Barbès-Rochechouart und La  Chapelle hatte sich nämlich ein „jungle“, eine Zeltstadt von afrikanischen Flüchtlingen, angesiedelt.

Als wir im Früjahr 2015 abends einmal mit Freunden aus Frankfurt dort entlanggegangen sind, waren wir ziemlich entsetzt über die Zustände. Eng gedrängt stand ein Zelt am anderen und außer einem Pissoir waren keinerlei sanitäre Einrichtungen zu sehen. In der Ausgabe von Le Monde vom 30.Mai 2015 wurde angekündigt, dass der „jungle de La Chapelle“ evakuiert werden soll, dass allerdings allen dort hausenden Flüchtlingen humanere Wohnmöglichkeiten angeboten werden  sollen.[17]

Bei der Räumung ging es dann aber wohl doch ziemlich „musclé“ zu, wie man das auf Französisch gerne nennt, und die versprochenen menschenwürdigen Alternativen standen dann offenbar doch nicht für alle bereit. Das hat dann Assoziationen an die Ereignisse von 1996 geweckt: „A gauche chacun se souvient de ce jour de juin 1996 où, à quelques rue de là, les forces de l’ordre avaient ouvert à l hache les porte de l’église Saint-Bernard dans laquelle s’étaient réfugiés des sans-papiers.“ (Le Monde 11.6.15)

Und die ehemalige grüne Wohnungsbauministerin Cécile Duflot schrieb in einem offenen Brief an den  Präsidenten:

„Toute la gauche a en mémoire les tristes événements de 1996, quand la droite au pouvoir n’hésitait pas à pourchasser les migrants jusque dans les églises. Nous ne pensions pas alors que le désarroi et la colère qu’ils nous faisaient ressortir, nous les ressentirions un jour sous  un gouvernement de gauche.“ [18]

Anfang Juli 2015 bin ich dann zufällig auf eine  Demonstration der Flüchtlinge des „jungle“ von La Chapelle gestoßen – eine nachdrückliche Erinnerung daran, dass es hier um eine Herausforderung geht, der Europa ganz und gar nicht gewachsen ist – und für Frankreich, das Land der Menschenrechte, gilt dies leider in ganz besonderem Maße.

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Ergänzung 2017/2018: Ein besonderes aktuelles Problem sind übrigens die etwa 60 Flüchtlingskinder aus Marokko, die seit 2017 in den Straßen des Barbès vagabundieren. Le Monde hat ihnen in der Ausgabe vom 18. Mai 2018 aus aktuellem Anlass einen zweiseitigen Artikel gewidmet:  Diese Jugendlichen, oft zwischen 10 und 13 Jahre alt, sind Opfer und Täter zugleich: Opfer, weil sie, angesichts der Perspektivlosigkeit in ihrer Heimat und oft angelockt von prahlerischen Heilsversprechungen von in Europa reüssierten Landsleuten, meist unsägliche Leiden auf sich genommen haben, um ins gelobte Land zu kommen, dann aber erfahren müssen, dass dort keineswegs Milch und Honig fließen. Viele sind/werden dann drogenabhängig, verweigern sich allen Hilfsangeboten, die es in Paris seit 2017 immerhin gibt und -damit werden die Opfer dann zu Tätern- zeichnen sich durch ein sehr hohes Potential an Gewalt aus, die sie untereinander und -meist im Dienst krimineller Gruppierungen- gegenüber der Außenwelt ausüben- , :  Körperverletzungen, Diebstahl, Raub, Einbrüche. Le Monde zitiert eine Bewohnerin des Viertel, die sich davor fürchtet, den Gruppen dieser UMAs, wie sie  in Deutschland genannt werden (Unbegleitete Minderjährige Ausländer) zu begegnen und die deshalb die Rue de Jessaint, wo sie sich vor allem aufhalten, nach Möglichkeit meidet. Und der Staat, von Bürgermeisterin Hidalgo um Hilfe gerufen, hält  sich vornehm zurück…  (18a)

Das machen wir also vorsichtshalber auch und biegen in die Rue Polonceau ein. Dort sollte man auf der rechten Seite die Erinnerungstafel für Louise Michel beachten. Bei den beiden Spaziergängen, die ich mit afrikanischen Führern durch das Viertel machte, gingen wir zwar an diesem Haus vorbei, ohne dass aber auf diese Erinnerungstafel hingewiesen wurde. Dabei hat Louise Michel gerade in diesem Einwandererviertel eine besondere Würdigung verdient. Denn während ihrer Verbannung in die französische Kolonie Neu-Caledonien entdeckte sie die Kultur von deren Ureinwohnern, den Kanaks, lehrte sie die französische Sprache, trat –auch nach ihrer Rückkehr nach Frankreich- für ihre Rechte ein und warb –damals noch ganz außergewöhnlich-  für die Anerkennung ihrer Kultur.[19]

Rue Polonceau Nr. 36

Gleich nebenan gibt es eine afrikanische Apotheke mit vielen Naturprodukten gegen alle möglichen Krankheiten, aber auch Naturkosmetik und  Amulette zum Schutz gegen böse Blicke oder andere Widrigkeiten des Lebens und der Welt.

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Da kann man durchaus auch mal hineingehen – die „Apotheker“ sind freundliche Menschen und  vielleicht  erläutern sie dem interessierten Besucher etwas die Herkunft und Wirkungsweise ihrer Produkte.

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Auf der linken Seite der Rue Polonceau sollte man dann –durch das vergitterte Eingangstor- wenigstens einen Blick in die Villa Polonceau werfen und – dafür braucht man keinen Code-  in die rue Erckmann-Chatrian reingehen. Bevor sie auf die rue Richomme trifft, kann man auf der linken Seite das schöne Multi-Kulti-Wandbild von Thoma Vouille bewundern, das wunderbar in dieses Viertel passt: Die gelben Matous freuen sich mit Recht darüber, wie Marianne die Immigranten aller Hautfarben an ihren Busen drückt.

Rue Mann-Chat 036

Übrigens findet man den Monsieur Chat –so der offizielle Name des gelben Katers- auch noch sonst öfters im Viertel, zum Beispiel an der Ecke der rue Doudeauville und der rue Léon mit der Hand der Fatima als Glücksbringer für das Viertel….

DSC02484 Street Art febr. 2018 (5) M Chat

… oder am Künstlerhaus in der Rue Cavé: Da ist er sogar geflügelt…

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Am Künstlerhaus gibt es auch ein Gruppenbild mit multikulturellen Charakterköpfen des Viertels.

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An der Ecke der Rue Polonceau und der Rue des Poissonniers befindet sich die Ruine der zweiten Moschee dieses Viertels. Hier war eine weitere Dependence des ICI – auch wieder mit einem Gebetsraum-  geplant, die speziell dem schwarzafrikanischen Islam gewidmet sein sollte. Die Einweihung war für 2015 geplant und auch schon groß angekündigt. Aber inzwischen sind die Pläne ad acta  gelegt, Offenbar waren die Kosten für die Stadt zu groß und die Kommune wollte sich wohl auch nicht noch einmal dem Vorwurf aussetzen, mittels eines Kulturzentrum indirekt einen muslimischen Gebetsraum mitzufinanzieren.[20]

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Der Name der Rue des Poissonniers  erinnert übrigens daran, dass  früher die Wagen aus Calais, die Paris mit frischem Fisch versorgt haben, hier auf ihrem Weg zu den großen Markthallen im Zentrum der Stadt hindurchgefahren sind. Aber das ist- wie vieles in diesem Viertel- nur noch eine Reminiszenz.

Vor dem ursprünglichen  Bauplatz der neuen Moschee steht (bzw. stand zumindest bei meinen Besuchen im Viertel immer) ein Stuhl mit einem Gefäß von Kola-Nüssen, an dem man nicht vorbeigehen sollte, ohne eine davon – gegen eine kleine Spende- zu nehmen und zu probieren. Die Kola-Nuss spielt in der traditionellen Kultur Westafrikas eine große Rolle : Nicht nur wegen der zahlreichen gesundheitlichen Wirkungen, die ihr zugeschrieben werden u.a. als Antidepressivum und AphrodisiacumDarüber hinaus hat sie aber auch eine symbolische Bedeutung : Sie wird oft bei feierlichen Anlässen gegessen, z.B. besiegelt sie die Verständigung oder Versöhnung zwischen zwei Parteien. Aber sie ist auch Ausdruck des Willkommens für Gäste und für die Freundschaft.[21] Was für ein schöner Empfang im petite Afrique von Paris !

      009  010 Spende für Cola

Und manchmal trifft man dort auch einen Afrikaner mit einem nach Tuareg-Art um den Kopf geschlungenen Schal und einem mannshohen Stab: Eine in dem Viertel präsente und repektierte Autoritätsperson, die  Konflikte schlichtet und den Zusammenhalt der Einwohner sichert.

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Auf dem Weg durch die Rue des Poissoniers  sollte man unbedingt einen Blick in das schöne, aufwändig verzierte ehemalige Kino des Viertels werfen, das « Barbès palace » dessen Decor dem früheren Namen alle Ehre macht. Inzwischen dient es als Verkaufshalle für billige Schuhe.

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Ein besonderes Erlebnis ist dann der afrikanische Straßenmarkt in der Rue Dejean, vor allem nachmittags und an Wochenenden, wenn er besonders belebt ist. Da sollte man sich etwas Zeit nehmen, sich das Treiben in Ruhe anzusehen und vielleicht etwas Obst oder Fisch zu kaufen, der hier sehr frisch und gut sein soll. Es müssen ja nicht unbedingt die ausgestellten Kalbsköpfe oder Schweinefüße sein.

afrik. Markt Rue Dejean 041

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Eine große Rolle in der afrikanischen Küche spielt offenbar  Maniok, den man in den kleinen Lebensmittelläden oder auf dem Markt kaufen kann;

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auch als eine Art Paste schon (zum Teil?) zubereitet und in Palmblätter eingewickelt. Wie man daraus allerdings ein schmackhaftes Gericht machen kann, habe ich nicht genau verstanden. Mein Versuch, die weiße Maniokmasse aus den Palmblättern in Butter leicht anzubraten, war jedenfalls nicht allzu überzeugend.

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Wenig überzeugend sind auch manche Waren, die von fliegenden Händlerinnen am Straßenrand angeboten werden, zum Beispiel diese geräucherten Fische- natürlich aus Afrika, wie mir die Verkäuferin versicherte.

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Jetzt ist man auch direkt wieder bei der Métro Château Rouge. Wenn man aber noch gerne etwas im petite Afrique bleiben will, kann man die Rue des Poissoniers ein Stück weiter bis zur Rue Labat gehen. Dort gibt es in Nr. 3 das afrikanische Restaurant Taif, das ein Einheimischer empfohlen hat. Die Namen der auf der Speisekarte aufgeführten Gerichte sind mir allerdings völlig unverständlich. Also auf gut Glück versuchen oder fragen. Wenn man danach wieder den Boulevard Barbès hinunter geht bis zur Métro Château Rouge oder einen kurzen Abstecher auf die andere Seite des Boulevards in die Fortsetzung der Rue Dejean, wird man eine Vielzahl von Perücken- und Manikürläden finden.

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Die Perückenläden gehören meistens Indern bzw. Pakistani – deshalb auch die Werbung für Perücken mit echtem indischen Haar. Und die Manikürlädchen, in denen Afrikanerinnen sich für das Wochenende schick machen lassen, werden im Allgemeinen von Chinesen betrieben, zumindest sind die dort arbeitenden Maniküristinnen –so heißen sie wohl- fast immer Chinesinnen – bzw. selten auch einmal ein junger Mann.  Es ist interessant, ihnen  durch die Schaufenster etwas bei der Arbeit zuzusehen, was offenbar akzeptiert wird. Beim Fotografieren hatte ich dann aber doch etwas Bedenken, zumal vor den Türen meistens die männlichen Begleiter der schwarzafrikanischen Kundinnen herumstehen und warten, bis sie ihre herausgeputzten Damen wieder in Empfang nehmen können.

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Ein Zeitungsartikel in Le Monde vom 23./24. März 2014 ermöglicht einen Blick hinter die Kulissen der Manikürläden: Anlass des Berichts ist ein bisher einzigartiger Streik von 5  chinesischen Maniküristinnen, dem sich auch zwei schwarzafrikanische Frisösinnen anschlossen. Beschäftigt waren sie in dem Schönheitssalon  eines Schwarzafrikaners aus der Elfenbeinküste, der seine „Angestellten“ „schwarz“ arbeiten ließ, was diese akzeptierten: Sie waren nämlich als Touristinnen eingereist, hatten also keine Arbeitserlaubnis, und die Alternative wäre entweder die Arbeit in illegalen chinesischen Textilbetrieben gewesen oder die Prostitution als „marcheuse“ im chinesischen Viertel von Belleville. Als nun aber der Chef des Betriebs abrupt die Bezahlung einstellte, begannen die fünf Chinesinnen –zum völligen Unverständnis vieler ihrer Landsleute („C’est comme ça que ça marche“)- einen Streik, der von der einflussreichen Gewerkschaft CGT unterstützt wird. Die hatte sich ja schon öfters für Arbeitskräfte „sans papiers“ engagiert.  Dabei geht es vor allem –der Chef ist inzwischen spurlos verschwunden- um eine Aufenthaltsberechtigung und Arbeitserlaubnis. Da die Maniküristinnen einer regelmäßigen Arbeit nachgehen und auf keine öffentliche Unterstützung angewiesen sind, wäre das im Prinzip auch erreichbar: Nur hatten sie als Illegale nie eine Verdienstbescheinigung bekommen…. Jetzt hoffen sie aber,  mit Unterstützung der CGT eine Regularisierung ihres Status zu erreichen. Der betreffende Schönheitssalon liegt zwar im Boulevard Strasbourg, also nicht im Goutte d’Or, aber die Gewerkschaft geht davon aus, dass die dortigen  Zustände kein Einzelfall sind und hofft, dass das Beispiel, sich gegen ausbeuterische Verhältnisse zu wehren, Schule machen werde.  Man muss jedenfalls davon ausgehen, dass die von außen so bunt und exotisch erscheinende Welt von Klein-Afrika auch ihre sehr dunklen Seiten hat.[22]

Eine Möglichkeit, den Rundgang noch etwas zu erweitern, besteht darin, den Boulevard Barbès bis zur Métro Barbès Rochechouart weiterzugehen: mittwochs und samstags ist dort –unter der Hochbahn- ein vielbesuchter Wochenmarkt und ein Treffpunkt der Maghrebiens.

Und dann gibt es dort das legendäre Kaufhaus Tati  (2 au 28 boulevard Rochechouart, 2 au 44 boulevard Barbès). Das Kaufhaus wurde 1948 von dem aus Tunesien stammenden Jule Ouaki gegründet, der es nach dem Namen seiner Mutter Tita benannte. Weil dieser Name aber schon urheberrechtlich geschützt war, stellte er die Vokale um, und so wurde „Tati“ daraus.

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Ouaki führte großformatige Preisschilder und die Selbstbedienung für seine preisgünstigen Textilien ein. So reduzierte er die Schwellenangst seiner Kundschaft, die die Waren problemlos – und auch ohne Französisch-Kenntnisse-  anfassen, anprobieren und kaufen konnte. Die einzelnen Abteilungen sind voneinander abgetrennt und haben den Charakter von Spiegelkabinetten: Eine spezifische Mischung von Zimmeratmosphäre und Weite. Und –wie man/frau sieht- nach wie vor unschlagbare Preise. Also eine echte Alternative zu den Edelkaufhäusern der Grands Boulevards! Für Georg Stefan Troller ist das Tati der „goldene Graal“ der Immigranten „von Tanger und Togo und von Timbuktu“. Hier „schieben sie sich vorüber in ihren farbenfrohen Ttachten, starren auf die (ausschließlich weißen) Mannequinpuppen, die Schlüpfer und die BHs und Unterkleider und Pullis und Jeans und Stöckelschue, die eben für sie Paris repräsentieren und die westliche Kultur (obschon wahrscheinlich in Bangalore hergestellt oder in Beijing)…. 5 Millionen Strumpfhosen verkauft Tati im Jahr, 3,5 Millionen Höschen, 1 Million Lippenstifte und 20000 Hochzeitskleider (zehn Prozent des gesamten französischen Marktes, heißt es).[23]

Das Goutte d’Or ist eine eigene Welt. Aber wie lange noch? Der südliche Teil wird wohl seine nordafrikanische Eigenheit behalten, weil die dortigen Händler auch Eigentümer der Läden und Häuser sind, so dass man sie dort nicht so leicht vertreiben kann.  Das ist noch –wie Belleville- eine der „poches de résistence“ in Paris. Um die Metro-Station Barbès-Rochechuoard herum sind  Veränderungen allerdings unverkennbar und die Existenz des Tati, des „temple  de l’habillement à bas prix“ steht auf dem Spiel. Am 12.  März 2017 schreibt der Parisien:

„Un quartier en pleine mutation                                                                                                                         Avec la renaissance du cinéma le Louxor, l’installation de la célèbre librairie de la rive gauche Gibert-Joseph, l’ouverture de la brasserie Le Barbès, le carrefour tente de rompre avec ses vendeurs de cigarettes de contrefaçon, et les différents trafics qui lui collent à la peau. Et, même si rien n’est réglé, comme en témoignent les groupes de « sauvette » qui, pour certains, se sont contentés de changer de trottoir, où les marchés aux voleurs et de la misère qui perdurent, la brasserie ne désemplit pas, et le Louxor, qui a surgi de ses cendres après trois années de travaux pharaoniques, commence à se faire une réputation.

Au milieu de cette grande métamorphose, Tati, qui domine les lieux depuis 1948, a voulu, lui aussi, s’adapter. Pionnier du discount textile, qui a quitté il y a une dizaine d’années le giron de la famille Ouaki pour celui du groupe Eram, le vaisseau amiral du boulevard Barbès a sérieusement dépoussiéré ses rayons, tout en continuant à pratiquer les prix bas qui ont fait son succès.“

DSC00197 Reklame Tati RER Cité Univ April 2018 (2)

Werbeplakat im RER-Bahnhof Cité Universitaire April 2018

Aber geholfen hat dieser Versuch einer Modernisierung und „Entstaubung“  offenbar nicht. Vom Tod ihres Gründers Jules Ouaki 1982 hat sich die Ladenkette offenbar nicht erholt und in den letzten Jahren nur Defizite erwirtschaftet. 2017 wurde das Unternehmen dann erneut verkauft und schon  „das Ende eines Mythos“  verkündet. Aber der Käufer hat einen Großteil der bisherigen Läden -und den Namen- übernommen und will einen neuen Anlauf zur Modernisierung unternehmen., der auch im Straßenbild sichtbar ist. Da kann man nur – auch im Sinne der Beschäftigen und der Käufer- hoffen und wünschen, dass diese Anstrengungen Erfolg haben. (23a)

Noch deutlicher sind die Veränderungen  weiter nördlich rund um die Rue Myrha, „où la population est mjoritairement africaine et financièrement fragile“. Dort gibt es „de terribles opérations de logements sociaux“: Alte baufällige Häuser werden abgerissen, die aus Schwarzafrika stammenden Bewohner umgesiedelt, und wenn dann die neuen Sozialbauten fertig sind, ziehen dort meist nicht mehr die ursprünglichen Bewohner ein, sondern eine  „bourgeoisie blanche, instruite et bien plus aisée.“ (Erich Hazan in Le Monde 31.1.14). Insofern ist auch dieses Viertel Teil eines Prozesses des „embourgeoisement“ der Stadt Paris, die im Grunde schon mit der Kahlschlagsanierung des Baron Haussman begonnen hat und sich in den letzten Jahren verschärft fortsetzt. Einige sanierte Straßenzüge wie die zwischen Square Léon und dem Bd de la Chapelle gelegene Passage Boris Vian mit ihren eher unpariserischen Arkaden und den noblen Afro-Modeboutiquen scheinen Erich Hazans These zu bestätigen,  dass das Goutte d’Or immer mehr seinen ursprünglichen spezfischen Charakter verliert.

Der langjährige (ehemalige) Pariser Bürgermeister  Delanoë sieht das natürlich ganz anders.[24] Die –inzwischen sehr behutsamen und auch aufwändigen- Sanierungen seien unvermeidlich  und der Anteil von Immigranten im 18., 19. und  20. Arrondissement –also dann erst Recht im Goutte d’Or- sei immer noch höher als  in dem im nördlichen banlieue  gelegenen Département La Seine-Saint-Denis, das nicht nur das ärmste Département von ganz Frankreich ist[25], sondern gerne auch als Beispiel für eine besonders von Immigration geprägte Problemzone genannt wird. Und trotz des schleichenden Prozesses des embourgeoisement erreicht der Prozentsatz der Armen in Goutte d’Or  immer noch fast 50% – in Paris insgesamt beträgt er etwa 14%.[26]  Dafür sind die Wohnungspreise auch die niedrigsten in Paris: Der Durchschnittspreis pro Quadratmeter liegt bei „nur“ 6000 Euro, in feineren Vierteln sind es über 12 000 Euro![27]

Wie auch immer: Das Goutte d’Or ist  eine kleine eigene Welt für sich, die  zu erkunden ich nur empfehlen kann!

 

Pour en savoir plus:

ICI: Öffnungszeiten Di bis Do 10-21 Uhr, Freitag 16-21 Uhr, Samstag 10-20 Uhr und Sonntag 12-19 Uhr.  Es gibt dort auch Angebote für Spaziergänge ins Quartier: Daten und Reservierungen über www.ici.paris.fr (Château Rouge, Petite Afrique à Paris, L’Islam à la Goutte d’or und andere)

http://www.bastina.fr/voyage.php?voyage=petit-mali-a-chateau-rouge-a-paris ( ebenfalls Angebote für Spaziergänge durch das Viertel)

http://www.fgo-barbara.fr/infos-pratiques (Centre Musical Fleury Goutte d’Or – Barbara: Dort gibt es u.a. auch afrikanische Musik)

Barbès l’africaine des années 70 à nos jours. Hrsg. von der Association Salle Saint-Bruno. Paris 2011

Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot: La  Goutte d’Or, terre de tous les exodes.  In: Paris. Quinze promenades sociologique. Petite Bibliothèque Payot. Paris 2013, S. 247ff

 

Anmerkungen:

[1] . „Son nom a fait le tour du monde grâce aux miracles de ses travaux. Il aide à resoudre les problèmes quels que soient la difficulté”.

[2] Siehe Le Parisien, 15.1.2014: Marché Dejean: haro sur les vendeurs à la sauvette

[3] Aber leider nicht nur rechte: Wenn François Hollande (Le Monde, 22.12.13)  in einer Rede –ausgerechnet!- vor dem CRIF, dem Verband der französischen jüdischen Gemeinden,  „scherzhaft“ mitteilt, sein Innenminister sei „sein et sauf“ aus Algerien zurückgekehrt und das sei schon viel („C’est déjà beaucoup“), dann trägt das sicherlich nicht dazu bei, die Offenheit gegenüber den aus Afrika stammenden Menschen in Frankreich und dem „petite Afrique“ in Paris zu fördern.

[4] http://fr.wikipedia.org/wiki/Le_bruit_et_l%27odeur_(discours_de_Jacques_Chirac):  « avec un père de famille, trois ou quatre épouses, et une vingtaine de gosses, et qui gagne 50 000  francs de prestations sociales  sans naturellement travailler! »

[5] « Maintenant, il y a dix ou quinze endroits où, de manière régulière, un certain nombre de personnes viennent pour accaparer les territoires. C’est une occupation de pans du territoire, des quartiers dans lesquels la loi religieuse s’applique, c’est une occupation. Certes y a pas de blindés, y a pas de soldats, mais c’est une occupation tout de même. »  http://www.lemonde.fr/politique/article/2010/12/11/marine-le-pen-compare-les-prieres-de-rue-des-musulmans-a-une-occupation_1452359_823448.html

[6] Heute erinnert nur noch ein Straßenname an diese industrielle Vergangenheit des Viertels

[7] Der Romantitel bezeichnet übrigens eine frühere Kneipe in der rue des Islettes Nr. 12, wo auch Gervaise, die Heldin des Romans, wohnte.

[8] http://gutenberg.spiegel.de/buch/5933/2

[9] siehe Blog-Beitrag : Chinatown in Paris. Der –im Allgemeinen unfreiwillige- Einsatz der schwarafrikanischen tiralleurs wurde übrigens lange Zeit in Frankreich kaum gewürdigt. Erst anlässlich des in Frankreich äußerst intensiv begangenen 100. Jahrestags des Kriegsbeginns scheint sich das etwas zu ändern.

[10] http://gutenberg.spiegel.de/buch/5933/3  Eine weitere Beschreibung der Wäscherei gibt es auch in den Carnets d’enquêtes par Emile Zola. La Goutte d’Or 1875 Bei der von Zola an anderer Stelle genau beschriebenen Dampfmaschine könnte es sich übrigens um ein von Cavé in Frankreich eingeführtes Modell handeln.

[11] http://www.theatreonline.com/Theatre/Lavoir-Moderne-Parisien/56

[12] http://www.huffingtonpost.fr/2012/09/18/femen-ouvrent-centre-entrainement-nouveau-feminisme-goutte-or-paris_n_1893413.html

Kürzlich wurden bei einer Theaterveranstaltung im lavoir moderne zwei Zuschauer durch Messerstiche  von einem Mann verletzt, der es aber offenbar auf die Femen-Aktivistin Inna Shevchenko abgesehen hatte. http://www.liberation.fr/societe/2014/03/29/paris-deux-spectateurs-du-lavoir-moderne-blesses-au-couteau_991332. Inzwischen gibt es aber an dem Theater keinerlei Hinweise mehr auf die Femen-Aktivistinnen. Und auch die grelle Bemalung der Fassade hat einer grauen Tristesse Platz gemacht- und einer über die ganze obere Fassade reichenden Aufforderung an die Kultusministerin, das Überleben des Theaters zu sichern.

[13] Barbès l’africaine, S.65

[14] Siehe http://www.lemonde.fr/politique/article/2013/10/21/je-pense-qu-il-est-bon-que-je-cloture-cette-sequence-a-estime-le-president_3499913_823448.html

[15] Siehe La Vie 1997 und http://www.dixhuitinfo.com/societe/article/23-aout-1996-les-sans-papiers

[16] Der Platz vor der Kirche wurde übrigens 2012 umbenannt in square « Saint Bernard – Saïd Bouziri“ – zu Ehren eines engagierten Kämpfers für die Rechte von Einwanderern.

[17] http://www.lemonde.fr/societe/article/2015/05/29/comment-sortir-de-la-jungle-parisienne_4643064_3224.html

[18] „Notre politique des migrations est un Waterloo moral“ . Le Monde, 11.6.2015   Insgesamt wurden im Winter 2015/2016 21 „campements“ von Flüchtlingen in Paris aufgelöst, ohne dass ihnen aber dafür menschenwürdige alternative Unterkünfte angeboten werden konnten – Dies wäre Aufgabe des Staates, der allerdings gegenüber Flüchtlingen eine Abschreckungspolitik betreibt. Das führt dazu, dass Asylbewerber monatelang sich selbst -und Hilfsorganisationen- überlassen  sind und auf der Straße leben. Anfang Juni 2016 hat nun die Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, angekündigt, zusammen mit Hilfsorganisationen ein „camp humanitaire“ in Paris einzurichten für die etwa 60 Asylbewerber, die täglich nach Paris kommen – eine für französische Verhältnisse äußerst mutige,  ja  kühne Entscheidung…. (s. Le Monde,2.6.2016)

(18a) Dans les pas des enfants migrants de Maroc. Und: Face à ces mineurs, isolés, polytoxicomanes et violents, Paris en appelle à l’Etat. In: Le Monde, 18. Mai 2018, S. 10 und 11

Anne Hidalgo am 16. Mai 2018 auf Twitter: „Il faut sortir de l’impasse. J’appelle l’Etat à assumer ses missions et à mettre à l’abri ces réfugiés vivant à Paris dans des conditions chaque jour plus indignes.“  (Cnews 17. Mai 2018). Dies bezieht sich auf die Situation der Flüchtlinge in Paris insgesamt, aber vor allem natürlich auf die sogenannten UMAs.

s.a. https://www.lesinrocks.com/2018/04/03/actualite/que-faire-face-au-phenomene-des-enfants-des-rues-qui-prend-de-lampleur-paris-111065211/:

„Depuis un an et demi, le quartier de la Goutte-d’Or, connu de longue date pour cumuler les handicaps : pauvreté, habitat dégradé, trafics en tout genre, est confronté à un nouveau problème qui, semble-t-il, a fait franchir un palier inédit dans les difficultés que rencontrent les habitants. Des groupes de très jeunes garçons, de 14 à 17 ans, totalement „ingérables” selon le terme repris par la plupart des médias, se sont installés dans les rues et les squares du quartier et font régner la peur.“

[19] Zu Louise Michel in der Pars.:iser Commune siehe Bericht 15: 140 Jahre Commune. Über die Zeit Michels in Neu-Kaledonien gibt es einen Film von 2010: http://www.commeaucinema.com/film/louise-michel-la-rebelle-drame,124629 . Und in der aktuellen Kanak-Ausstellung im Musée Branly wird die Rolle von Louise Michel für die Würdigung der Kanak-Kultur ausdrücklich hervorgehoben.

[20] http://www.paris-normandie.fr/breves/l-essentiel/paris-la-construction-de-la-2e-partie-de-l-institut-des-cultures-d-islam-abandonnee-CI3956675#.V0s65PmLTIU

[21] http://fr.wikipedia.org/wiki/Noix_de_kola

[22] A Paris, la révolte inédite de Chinoises sans papiers. Les cinq employees d’une onglerie du quartier “afro” de Paris sont soutenues par la CGT. Le Monde 23./24. Mars 2014, S. 9 Vorher hatte schon Libération über die Aktion berichtet: http://www.liberation.fr/societe/2014/02/26/sans-salaire-les-sans-papiers-du-salon-de-beaute-se-rebellent_983032

[23] Georg Stefan Troller, Paris geheim, S. 281

(23a) http://www.leparisien.fr/paris-75018/paris-tati-a-barbes-la-fin-d-un-mythe-12-03-2017-6755826.php#xtor=EREC-1481423604-[NL75]—${_id_connect_hash}@1

http://www.liberation.fr/futurs/2017/06/26/tati-repris-par-le-fondateur-de-la-chaine-de-magasins-gifi_1579613

[24] Paris est riche de sa diversité retrouvée. Le Monde vom 5.2.14 und http://bertranddelanoe.net/

[25] Le Figaro, 25.9.13

(26)  http://www.liberation.fr/societe/2014/01/28/quand-la-pauvrete-se-revele-dans-les-grandes-villes_975822

[27] http://www.notaires.paris-idf.fr/outil/immobilier/carte-des-prix

Verdun 1916 – 2016: die neue Gedenkstätte/le nouveau mémorial

Im Februar dieses Jahres wurde – zum 100. Jahrestag der Schlacht von Verdun das neu gestaltete  Museum eröffnet. Die offizielle Eröffnung findet am 29. Mai In Anwesenheit von Präsident Hollande und Bundeskanzlerin Merkel statt. Wir haben  es uns angesehen. Es gibt Bilder und  Eindrücke von unserem Besuch und dazu  einen Beitrag über das neue Mémorial aus dem Deutschland-Radio.

Aus Anlass des 100. Jahrestages der Schlacht von Verdun veröffentlichte die Zeitung  Libération  einen Leitartikel ihres Chefredakteurs Laurent Joffrin:  „Verdun, le crime nationaliste“ – „Verdun, das  nationalistische Verbrechen“. Ich finde diesen Text ganz hervorragend, unter anderem,  weil er die einzig richtigen Konsequenzen aus dem damaligen Gemetzel zieht: nämlich die unbedingte Notwendigkeit eines vereinigten Europas. Leider muss und kann man diese  Wahrheit ja derzeit gar nicht oft und intensiv genug verbreiten

Ich habe schließlich noch ein  kleines Referat angefügt, das ich im Mai 2014 auf einer Veranstaltung in Paris gehalten  habe, auf der es um die unterschiedlichen Wahrnehmungen des Ersten  Weltkriegs in Deutschland und Frankreich ging.

Die regards croisés sur la première guerre mondiale, aber nicht nur über ihn, sind ein Thema, das mir sehr wichtig ist und das auch 100 Jahre nach Verdun wieder besondere Aktualität hat. Ein sehr gutes Beispiel dafür sind die gleichzeitig in Deutschland und Frankreich publizierten Bücher eines bewährten deutsch-französischen Autorentandems zum 100. Jahrestag von Verdun:

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Die Texte dieses Beitrags sind zum Teil in deutscher, zum Teil in französischer Sprache geschrieben. Das passt meines Erachtens gut zu einem solchen lieu de mémoire franco-allemande.

(21. Mai 2016)

 

1.Das neue Mémorial von Verdun                                                                                                     Am 29. Mai 2016 wird anlässlich des 100. Jahrestags der Schlacht von Verdun das neu gestaltete Mémorial von Staatspräsident Hollande und Bundeskanzlerin Merkel  offiziell eröffnet. Die Schlacht von Verdun war keinen Falls die blutigste des Ersten  Weltkrieges- An der Somme im Norden Frankreichs starben allein auf alliierter Seite 620 000 Soldaten (vor allem Briten) – in Verdun starben weniger Menschen: etwa 160 000 Franzosen und 143 000 Deutsche, und sie starben –auch nach Maßstäben des militärischen Kalküls- einen sinnlosen Tod: Der Frontverlauf vor und nach der Schlacht war fast unverändert.  Aber Verdun ist für die Franzosen ein Mythos: des heldenhaften Soldaten, des poilu,  der sein Vaterland verteidigt, und seien die Opfer auch noch so groß. Und nirgends sonst war der Schrecken der Materialschlachten, der „Stahlgewitter“, so ungeheuerlich wie in Verdun: Das kleine Bauerndorf Fleury im Festungsgürtel von Verdun wurde mit Bomben einer Sprengkraft beschossen, die der von zehn Atombomben entsprechen. Und es wurde 16 Mal –von der einen oder anderen Seite- hin und her- erobert![1]

Verdun ist aber auch ein markanter Ort der deutsch-französischen Freundschaft, der Versöhnung der sogenannten „Erbfeinde“. In Verdun reichten sich 1984 François Mitterand und Helmut Kohl die Hand – eine wunderbare symbolische Geste, ähnlich der des Kniefalls von Willy Brandt in Warschau. Und kein Ort wäre dazu besser geeignet gewesen als Verdun: In dem Ossuaire von Douaumont liegen die Gebeine von 130 000 französischen und deutschen Soldaten. Eine Trennung der Nationalitäten wie auf den Soldatenfriedhöfen der Normandie aus dem zweiten Weltkrieg war hier vielfach nicht mehr möglich. Auch wenn das eindrucksvolle Beinhaus von Douaumont dem Andenken und der Erhöhung der französischen Gefallenen gewidmet war: Der Blick durch die verstaubten Fensterchen ins Innere, in das Gewirr der zusammengeworfenen Knochen, zeigt: Im Tod sind die poilus und die Feldgrauen gleich und vereint.

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Blick auf das Beinhaus von Douaumont von der Dachterrasse des Mémorial

Die neue Konzeption des Mémorial macht das deutlich. Es ist nicht mehr –wie bisher- ein patriotischer“ lieu franco-français“, sondern er versteht sich als „lieu de mémoire franco-allemand“ (Lorrain). Dass Merkel und Hollande gemeinsam dieses neue Mémorial eröffnen, ist also nur konsequent. Ebenso, dass an dieser Einweihungsfeier auch 4000 deutsche und französische Jugendliche aus allen Départements und Bundesländern teilnehmen werden. Und es wird auch Daniel Barenboim mit dem West-Eastern Divan Orchestra  dabei sein, in dem junge Musiker aus der nahöstlichen Konfliktregion gemeinsam musizieren. Ein starkes Symbol – und Ausdruck der Hoffnung, dass so, wie die Versöhnung der „Erbfeinde“ Frankreich und Deutschland möglich war, in Zukunft auch einmal Israel und Palästina, Juden und Moslems, friedlich neben- und miteinander werden leben können- auch wenn das derzeit kaum noch vorstellbar ist.   

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Der neue Eingang des Mémorial- neben dem Geschütz im Kellergeschoss

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Der frühere monumentale Eingang des Mémorial

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Gedenken in neuem Kleid: Wiedereröffnung des Mémorial von Verdun

Von Jürgen König, Deutschlandradio-Korrespondent Paris[2]

Am 21. Februar 1916 begann die Schlacht um Verdun, die zum Symbol des Massentötens im ersten Weltkrieg wurde. 1969 wurde die Gedenkstätte, das „mémorial“, auf Initiative der Veteranen gegründet. Nun ist das Museum restauriert, erweitert und umgebaut worden.

In modernem Gewand kommt das neue „Mémorial de Verdun“ daher – sein monumentaler, auf Wunsch der Veteranen 1967 errichteter  Vorgängerbau  war vor allem Gedenkstätte gewesen – nicht zum Andenken an „die Gefallenen“, sondern zum Andenken an die gefallenen Franzosen, von einer „nationalen Weihestätte“ zu sprechen, ist nicht übertrieben. Thierry Hubscher, der Direktor des „Mémorial de Verdun“:

„In Verdun haben ungefähr drei Viertel der französischen Truppen gekämpft… Diese Schlacht hat sich bei allen Familien eingeschrieben, jeder hat irgendwie in Verdun gekämpft. Und: Verdun war im 1. Weltkrieg die erste… industrielle Schlacht.“

Materialschlacht, Stellungskrieg, von exzessiver Gewalt, unglaublicher Brutalität und dabei militärisch, schaut man auf das Ergebnis: sinnlos. 310.000 Tote  – schätzt man –  167.000 auf der französischen, 143.000 auf der deutschen Seite, etwa 400.000 Verwundete, insgesamt wurden fast vier Millionen Soldaten in die Schlacht geschickt.

Vieles erhalten, Entscheidendes verändert

 Verdun – ein mythischer Ort für Frankreich – umso mutiger die Entscheidung, den alten Bau zugunsten eines neuen fast völlig verschwinden zu lassen. Im Inneren blieben nur die Betonkonstruktion und der Haupteingang stehen, letzteren ließ das Architektenbüro Brochet-Lajus-Pueyo in einem Erdwall verschwinden: man betritt das Mémorial von unten, wie durch einen Schützengraben, darüber, den Umriss des Vorgängerbaus aufgreifend, ein gläserner Neubau. Man habe, so Thierry Hubscher, den Geist des Mémorial von 1967  unbedingt erhalten wollen – wenn auch etwas Entscheidendes sich geändert habe:

„Das Mémorial war und bleibt ein Ort, dafür bestimmt, der Kämpfer von Verdun zu gedenken. Aber wir sprechen heute von den Kriegsteilnehmern, den Kämpfern von Verdun, es ist egal, welcher Nationalität sie waren. Das ist der rote Faden: „die“ Kämpfenden von Verdun. Und insofern ist das Mémorial von heute auch ein Instrument, um die Schlacht von Verdun darzustellen. Es gibt keine Zeitzeugen mehr, Verdun ist Geschichte geworden  – und also ist es wichtig, der jungen Generation die Schlacht von Verdun zu erklären und zwar mit Mitteln, die sie auch verstehen.“

Die Ausstellungsräume der Szenographen Christian Le Conte und Geneviève Noirot sind schwarz gehalten:

„Man muss die Einzelheiten herausstellen, um ein Nachdenken zu ermöglichen, ein gutes, ruhiges Lesen; man muss mit den Objekte Gruppen bilden, da ist alles französisch, hier ist alles deutsch – um so einen Blick zu ermöglichen auf die eine, wie auf die andere Seite – und so eben auch: einen Parcours durch das Ganze zu schaffen.“

Man folgt den Schritten der Kämpfenden – Granatsplitter, Menschenknochen,  Briefe, Tagebücher, Zeichnungen, Alltagsgegenstände. Erst Uniformen und Gewehre, dann Geschütze, deutsche wie französische, ebenso: Maschinengewehre, Flugzeuge, Panzer – die Schlacht wird „industrieller“:  im Zentrum des Gebäudes: eine von Schaukästen eingefasste 3D-Karte des Schlachtfeldes, Fotos kämpfender  Soldaten mosaikartig auf Bildschirmen, Filme. Im ersten Stock wird das Hinterland der Schlacht erfahrbar gemacht. Fotos, Dokumente, Schautafeln: Der Alltag des Führungsstabes, Grundzüge der Gefechtsführung, die Arbeit der Ärzte in den Lazaretten, das Leben der Zivilisten, die schwierige Kommunikation, die mühsame Nachschubbeschaffung. Leihgaben kommen auch aus deutschen Museen; wahrlich beeindruckend dieses Mémorial de Verdun: eine deutsch-französische Erinnerungsstätte. Im zweiten Stock dann steht man ganz oben und sieht rundherum: das Schlachtfeld – einhundert Jahre danach, hügelig, bewaldet, unendlich groß.

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Nicht nur im Tod sind die poilus und die Feldgrauen gleich:  Auch „im Feld“. Das wird in der Ausstellung vielfach veranschaulicht. Etwa am Beispiel der Verpflegung durch die  Feldküchen, von denen eine französische und eine deutsche (im Bild) ausgestellt sind.

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Und dazu gibt es einen typischen Wochenspeiseplan für beide Seiten:

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Montags:

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Mittwochs:

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Freitags:

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In dem Mémorial wird auch versucht, akustisch und visuell die Schrecken des Krieges erfahrbar zu machen. Man sieht auf dem virtuellen Schlachtfeld Soldaten beim Sturmangriff, man hört die Explosionen der Granaten und die Schreie der Verwundeten.

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Ich weiß allerdings nicht, ob das heutige Jugendliche mit virtuellen Kriegsspiel-Erfahrungen noch beeindrucken kann. Vielleicht hätte man ihnen –und uns- Bilder der verstümmelten Gesichter von Soldaten nicht ersparen  sollen, die die Hölle von Verdun als Krüppel  überlebt haben. Damit haben Pazifisten in der Weimarer Republik ja schon einmal versucht, ihrem Ruf „Nie wieder Krieg!“ mehr Resonanz zu verleihen– damals allerdings vergeblich.[3]

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Sehr eindrucksvoll sind allerdings die ausliegenden Blätter mit Zeugnissen französischer und deutscher Soldaten: Ausschnitte aus Briefen, Tagebüchern und Erinnerungen, die in Französisch, Deutsch und Englisch wiedergegeben sind.

Einige Beispiele:

Lieutenant J.-P. (France 1916): „Le bombardement dans les journées du 25 et du 26 février, a atteint une violence qui a dépasée peut-1etre celle des plus mauvais jours. Le front d’attaque s’était, en effet, rétréci; toute la force de l’artillerie ennemie pouvais se porter sur l’obstacle restreint dont elle voulait triompher: le fort de  Douaumont d’abord, puis le village de Douaumont. Les obus tombent, tombent, les tranchées s’effondrent, les cadavres s’entassent, le tumulte des éclatements martèle les cerveaux, le sol bout, le ciel se disloque. Qui pourra jamais fixer sur la plaque photographique le tourbillon des pensées, des craintes, des espoirs fous, des terreurs, des regrets, des projets, des détresses dans le cerveau du dondamné coduit à l’échafaud? Ce martyre de quelques minutes, multipliez-le par des heures, multipliez-le  par des jours, et vous aurez une idée de ce que fut la vie  des défenseurs de Douaumont sous cette artillerie saisie de delirium tremens.“

 

8. April 1916 (Unbekannter Oberleutnant aus Deutschland. Getötet am nächsten Tag):„Meine liebe Schwester, mein lieber Schwager, ich bin bei guter Gesundheit, auch wenn ich vor Müdigkeit und Schrecken halb tot bin. Ich kann Euch nicht alles beschreiben, was ich hier erlebt habe, es überstieg bei weitem alles, was bisher passiert war. In drei Tagen hat die Kompanie mehr als hundert Mann verloren. Und viele Male habe ich nicht gewusst, ob ich noch am Leben oder bereits tot bin. Und wir sind noch nicht beim Feind angekommen, doch wir gehen morgen hin, und dies ist keine einfache Sache. Ich habe jede Hoffnung aufgegeben, Euch wiederzusehen…. Ich habe Euer Paket erhalte, wie ich Euch bereits per Postkarte geschrieben habe, und ich habe den Inhalt sofort verzehrt, denn ich wusste nicht, ob ich es später noch tun könnte. Ich habe meinen Sold nach Hause geschickt, denn hier findet man nichts mehr zu kaufen.“

 

Karl Fritz 16. August 1916: Liebe Eltern, liebe Schwester, am 2. haben wir in Saint-Laurent das Alarmsignal gehört. Man hat uns mir Fahrzeugen abgeholt und uns zu einem Ort gebracht, der nur einige Kilometer von der Front von Verdun entfernt war. Ihr könnte Euch nicht vorstellen, was wir dort gesehen  haben. Wir befanden uns am  Ortsausgang von Fleury…. Wir haben 3 Tage in Granattrichtern liegend verbracht, dem Tod ins Auge gesehen, ihn in jedem Augenblick erwartet. Und dies ohne einen einzigen  Tropfen Wasser zum Trinken und in einem furchtbaren  Leichengestank Eine Granate bedeckt die Leichen mit Erde, eine andere gräbt sie wieder aus. Wenn man sich einen Unterstand graben will, stößt man sofort auf die Toten. …

 

Henri Tourbier (France) Extraits de ses souvenirs. Novembre 1916: „La boue, ah! Cette boue liquide! Dans les boyaux, on en avait parfoir jusqu’aux mollets. Pour s’en protéger, si l’on peut dire, on avait des espèces de bottes, en toile bitumée et semelles de bois qu’on mettait en plus des souliers. Un matin, au sortir du boyau dans lequel on évitait de glisser en jouant des coudes sur les parois, sur le plat sans appui, je mes suis étalé à plat ventre et transformé en homme de boue.

J’allais oublier les rats. Gros comme des lapins, ils couraient entre les lignes. Lors d’un cantonnement, dans un baraquement, nous couchions sur des treillages en fil de fer qui nous séparaient du sol. Les rats pullulaient. Ils vous passaient sur le corps la nuit, on se cachait la figure sous sa couverture pour s’en  protéger. On suspendait les boules de pain par des ficelles attachées aux poutres supérieures. Les rats essayaient d’atteindre les pains en desendant le long des ficelles, mais presque  toujours, ils tombaient sur le  ventre des dormeurs et s’enfuyaient…

(PS: Weitere sehr eindrucksvolle kurze Erfahrungsberichte von deutschen und französischen Verdun-Kämpfern: http://www.sueddeutsche.de/politik/jahre-schlacht-um-verdun-erster-weltkrieg-so-furchtbar-kann-nicht-einmal-die-hoelle-sein-1.2839558-7)

 Welche Diskrepanz zu der auf beiden Seiten weit verbreiteten anfänglichen Kriegsbegeisterung, wie sie von Bildern ausrückender Truppen veranschaulicht wird:

waggon Mir juckt die  säbelspitze

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Aber die Hoffnung auf einen kurzen erfolgreichen Krieg hat sich nicht nur im Ersten Weltkrieg als Illusion erwiesen. Beispiele dafür liefert die Geschichte in Fülle – bis auf unsere heutige Zeit….

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  1. Leitartikel von Libération vom 21.2.2016

Laurent Joffrin:  Verdun, le crime nationaliste

Témoigner aux combattants de Verdun le respect qui leur est dû, c’est rappeler les dangers du souverainisme et la nécessité de continuer à construire une Europe unie.

ÉDITO  Verdun ? Le symbole même de l’absurdité de la guerre ! Trois cents jours de bataille, quelque 300 000 morts, des souffrances sans nom et une débauche d’héroïsme pour revenir, un an plus tard, aux mêmes positions, dans une boue de terre, de sang et d’ossements. En Allemagne et en France, on célèbre le centenaire d’un carnage aberrant, né de la sanglante folie des hommes, décuplée par la puissance meurtrière de l’industrie. Pourtant, cette lecture édifiante ne suffit pas. A beaucoup d’égards, elle est même trompeuse et peut endormir une vigilance politique dont nous avons plus que jamais besoin.

D’abord parce que l’invocation de la simple folie n’épuise en rien les explications du massacre. Les soldats qui sont morts à Verdun n’étaient pas des fous, pas plus que les généraux qui les ont conduits à l’abattoir dans le fracas des canons et le crépitement des mitrailleuses. Les historiens ont longuement analysé la motivation des combattants. Ils ont écarté les interprétations bien-pensantes, de droite ou de gauche. Les poilus de Verdun, pas plus que les «Feldgrau» allemands, ne sont pas allés se faire tuer dans l’enthousiasme patriotique qu’on a décrit. Mais leur courage sous le feu n’est pas seulement né de la contrainte imposée par des ganaches ivres de gloire et de revanche. Le sacrifice a été largement consenti, comme un devoir civique qu’on estimait légitime et inévitable, sans joie mais sans colère. Ni fanatiques ni simples marionnettes… Les «mutins» eux-mêmes, justement réhabilités par Lionel Jospin, Jacques Chirac et François Hollande, n’étaient ni des lâches, ni des déserteurs, ni des objecteurs de conscience. Ils refusaient de monter à l’assaut pour rien. Mais ils ne fuyaient pas le champ de bataille.

Et surtout, tous ces soldats sacrifiés pensaient se battre pour un idéal. Les Français se croyaient engagés dans une «guerre du droit» que les exactions allemandes du début de la guerre semblaient justifier ; les Allemands étaient mus par la peur de l’encerclement que l’alliance franco-russe avait matérialisée. Des deux côtés, la cause semblait juste. Pour ces raisons, les combattants de Verdun méritent le respect dû au sacrifice, et non la commisération désinvolte accordée aux victimes ou aux simples d’esprit.

Un seul remède à cette maladie mortelle : la construction d’une Europe unie

L’affaire, en fait, est bien plus politique. Verdun, comme la Somme ou le Chemin des Dames, n’est pas né de la folie mais de l’idéologie. Verdun, c’est le paroxysme infernal du nationalisme. La montée en puissance des Etats-nations, qu’aucune sagesse internationale n’a réussi à dompter au XIXsiècle, a créé le nationalisme, le militarisme, la volonté de conquérir, la domination de la raison d’Etat sur les droits universels, la paranoïa des gouvernants qui pensent que l’ennemi veut les détruire à la première occasion, parce qu’ils remuent envers lui des pensées analogues. La peur de Poincaré et des généraux russes face à la puissance allemande a pour pendant la panique de Guillaume II ou des généraux autrichiens devant l’impérialisme russe ou l’esprit de revanche des Français. Ces logiques sont irrésistibles, comme le montre le formidable livre de Christopher Clark (1). Volontaires ou non, conscients ou irresponsables, les leaders européens ont conduit comme des somnambules le continent à l’abîme, ruinant des nations entières, tuant des millions d’hommes et de femmes, brutalisant les sociétés modernes, annonçant d’autres carnages de masse, faisant naître dans la convulsion les deux totalitarismes, nazi et stalinien, qui ont ensanglanté le XXe siècle.

Or, on n’a trouvé qu’un seul remède à cette maladie mortelle : la construction d’une Europe unie, qui écarte pour des générations le spectre de la guerre. Cette Europe même qui se défait aujourd’hui sous la poussée des souverainistes, impuissante devant la crise migratoire, incapable de rassurer les peuples et de contenir l’effrayante renaissance des fanatismes identitaires. On dira que nous sommes loin d’un conflit armé, que les populismes européens ne sont pas militarisés, qu’aucune volonté de conquête n’anime les sociétés européennes. On dira en un mot que nul ne songe à se battre. C’est faire preuve d’un aveuglement stupide. L’Histoire, dont la cruauté éclate à Verdun comme dans tant de lieux, montre qu’une fois le diable nationaliste sorti de sa boîte, il n’y rentre pas sans de grands massacres. On croit la paix établie, on vit dans l’oubli de la guerre. Pourtant, sous nos yeux, à quelques centaines de kilomètres de Paris, le nationalisme soudain ressuscité par la chute du communisme a ravagé les Balkans il y a vingt ans et il a déclenché une guerre en Ukraine qui est toujours en cours. La guerre impossible ? Dangereuse naïveté à l’échelle de l’Histoire ! C’est donc une irresponsabilité insigne que de laisser dépérir l’idéal européen sous prétexte de difficultés transitoires à l’échelle du temps long, comme les migrations ou la crise de l’euro. Le souverainisme est criminel. Il faut le rappeler inlassablement : l’union du continent est notre seule parade contre la violence constitutive des sociétés et des nations. C’est la seule manière de témoigner aux combattants de Verdun le respect qui leur est dû.

  • Christopher Clark, «Les Somnambules, comment l’Europe a marché vers la guerre», Flammarion

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  1. Der Erste Weltkrieg im kollektiven Gedächtnis in Deutschland und in Frankreich

Contribution de Wolf Jöckel  à la réunion de la GIAA du 24.5.14

La première guerre mondiale ne joue pas –contrairement à la France- un grand rôle dans notre mémoire. Pour moi c’est frappant et touchant, de voir avec quelle intensité on se souvient de cette guerre-là en France. Il n’y a  rien de comparable en Allemagne.

L’historien Nicolas Offenstedt, un des spécialistes   français de la première guerre mondiale, a établi une typologie des différentes formes de mémoire de la première guerre mondiale.  D’après lui il s’agit en France d’une  mémoire sociale, c’est à dire une mémoire bien ancrée dans la société. En Allemagne par contre c’est une mémoire occultée.

La différence est déjà visible dans la terminologie. En France on parle de la Grande Guerre, en Allemagne on utilise uniquement l’expression  la première guerre mondiale.

Cette  différence  devient évidente si l’on compare les lieux de mémoire: En France les monuments aux morts sont  implantés au milieu de toutes les villes et tous les villages, en Allemagne ils se trouvent  plutôt installés dans les cimetières ou dans les églises, en tout cas ils sont moins visibles. (Lors de ma visite récente dans la ville allemande, où j’habite/j’ai habité 30 ans -Oberursel, près de Francfort-, j’ai découvert qu’il y a aussi un monument pour les morts de la première guerre mondiale : Une grande colonne avec un Jésus grandeur nature près de l’église protestante- donc pas un lieu très centrale,  parce que la ville était jusqu’à la deuxième guerre mondiale une ville presque exclusivement catholique. Jusqu’à maintenant je n’ai pas remarqué la destination de cette colonne ni l’inscription : Pour honorer la mémoire des morts, pour que les vivants se souviennent et que la jeunesse comprenne/apprenne.  1914- 1918. (Den Toten zur Ehre, den Lebenden zur Mahnung, der Jugend zur Lehre.)

Il y a plusieurs explications pour cette différence:

  • L’Allemagne a perdu la guerre- donc aucune vénération de l’héroîsme victorieux des combattants était
  • La guerre ne se déroulait pas sur le sol allemand – à quelques exceptions- contrairement en France où la guerre s’est creusée dans le paysage et où elle a laissée d’ innombrables lieux de mémoire– comme à Verdun, dans la Marne ou dans la Somme.
  • Mais surtout et c’est décisif : pour nous, Allemands, la seconde guerre mondiale  c’est la grande guerre –même si on n’emploie pas cette expression. Parce qu’elle a eu des conséquences atroces et énormes: les provinces à l’est de l’ Oder furent  annexées par la Pologne et l’Union soviétique (la Silésie, la Poméranie, la Prusse orientale, dont la population fut expulsée), il y a eu un nettoyage ethnique en Europe centrale et en Europe de l’Est –au total plus de 12 millions d’Allemands ont dû fuir ou furent expulsés; toutes les grandes villes allemandes furent détruites par les bombardements, le pays fut occupé et divisé, des familles déchirées, l’Allemagne était devenue  le théâtre d’une éventuelle troisième guerre mondiale et les Allemands ont dû vivre avec la culpabilité pour cette guerre terrible et pour l’extermination des juifs.

 

Mais qu’est-ce qui reste quand même de la première guerre mondiale dans la mémoire collective allemande, qu’est-ce qui est encore présent de cette guerre dans le débat public allemand?

A mon avis ce sont trois aspects:

  1. La réserve de l’Allemagne quant aux engagements militaires
  2. Le traumatisme de l’inflation
  3. La question de savoir où sont les responsabilités  pour le déclenchement de cette guerre

Ad 1:  L’anti-interventionnisme militaire allemand  est certainement surtout un produit de la seconde guerre mondiale. Mais la première guerre mondiale a aussi   contribué à cette réticence allemande. Les deux guerres sont souvent mises en relation  sous le titre d’une autre  guerre de trente ans,  à l’origine de laquelle il y aurait  l’impérialisme allemand et le  militarisme prussien. Le changement radical de cette tradition allemande était un but primordial des alliés et on peut dire qu‘il fut internalisé par les Allemands et surtout par les jeunes Allemands d’après-guerre grâce à une éducation antifasciste et démocratique.

Donc  il est bien compréhensible que l’Allemagne soit  très réservée au sujet des actions militaires par ex. en Irak, en  Libye,  au Mali ou en Centrafrique.  Contrairement à la France où le  président  Sarkozy s’enorgueillit d’envoyer  des avions Mirage à la Libye et où le président  Hollande parle d’une „belle mission” en Centrafrique. Un discours pareil serait totalement impossible en Allemagne. Pour nous la mission de la Bundeswehr était longtemps limitée à la stricte défense  des frontières allemandes où de l’OTAN.  Pour justifier le premier  engagement extérieur de la Bundeswehr,  dans les Balkans,  le ministre des affaires étrangères de cette époque, Joschka Fischer, a parlé de la nécessité d’empêcher un nouvel  Auschwitz! Donc  un „plus jamais ça“  allemand –celui de plus jamais Auschwitz- était appliqué pour contourner  le principe de la stricte réticence militaire allemande.  (En France la situation est bien différente  à cause de la tradition coloniale de la « grande nation », de la conception française de l’intervention humanitaire et, bien-sûr, du traumatisme de « Munich »)

Ad 2:  Deuxième aspect: Le traumatisme allemand de l’inflation: L’inflation a déjà commencée pendant la guerre, mais elle était surtout une conséquence; conséquence du financement de la guerre (le slogan allemand : J’ai donné de l’or pour le fer) les réparations énormes dictées par les vainqueurs et l’occupation de la Ruhr par les troupes françaises 1923.  Mon grand -père n’a jamais parlé de la première guerre mondiale. Mais il a souvent parlé de l’inflation de 1923, et cela m’a beaucoup impressionné: Au début de l’année,  il  touchait son salaire chaque mois comme d’habitude. En novembre il était payé chaque jour et c’étaient tellement de billets  que mon grand-père  devait prendre un caddie pour les transporter.  Et, après avoir reçu l’argent,  il s’est précipité dans le magasin le plus proche, pour acheter hâtivement quelque chose, avant que l’argent reçu n’ ait déjà perdu sa valeur.  Quand j’étais enfant  je collectionnais des timbres et je pouvais très bien voir combien le coût d’une lettre a évolué: Au début de l’année c’était un Reichsmark, puis cent, puis mille, puis dix mille, et en novembre enfin un milliard!  Il faut s’imaginer ça!

La conséquence de ce processus était l’expropriation et la paupérisation des couches moyennes surtout, qui ont perdu toutes leurs économies, ce qui a favorisé l’essor de Hitler. Et cette inflation joue un rôle majeur dans la mémoire allemande.  Parmi les angoisses des Allemands  – d’après des sondages d’opinions actuels-  la première place est tenue par la peur de l’inflation, après c’est la peur de l’endettement de l’Etat même si  le budget de l’Etat allemand est équilibré et  si l’endettement de l’Etat  diminue. Et c’est encore plus étonnant  parce qu’on parle actuellement en Europe beaucoup d’un danger de déflation. Mais les Allemands ont depuis 1923 peur d’une nouvelle inflation… tellement cet événement et ses conséquences sont ancrées dans la mémoire.  (En France  par contre- la peur primordiale est la peur de chômage et au deuxième rang  la peur d’une dégradation de la situation économique). La traumatique peur allemande de l’inflation explique aussi  le statut spécifique de la BCE: La France  avait demandé l’introduction de l’Euro en échange de son consentement à la réunification. Pour l’Allemagne une condition sine qua non pour renoncer au Deutsche Mark  était que la BCE soit construite d’après le modèle de la Bundesbank – et au lieu de la Bundesbank, à Francfort-  avec la tache primordiale de garantir la stabilité des prix. (Et par conséquence  le financement des états membres était exclue – parce que potentiellement source d’inflation).

Ad 3: Troisième aspect: La question de la responsabilité pour la première guerre mondiale. S’ il y a quelque chose, qui joue un rôle dans cette année de commémoration en Allemagne, c’est cette question. Elle était déjà posée pendant la guerre elle-même et surtout après la guerre, à cause de l’article 231 du Traité de Versailles, qui a attribué à l’Allemagne et l’Autriche la seule culpabilité pour cette guerre.  Les Allemands ont dans leur grande majorité vécu cette article comme une des injustices du „diktat de Versailles“. Pour la plupart des Allemands,  cette guerre était une guerre défensive, d’où  l’approbation des crédits de guerre par la majorité des socialistes dans le Reichstag. Et l’historiographie allemande a vu dans les années vingt son devoir –plutôt politique- de prouver, que l’Allemagne n’était pas le seul responsable de la guerre. Mais c’était similaire dans d’autres pays, que l’historiographie était au service de la politique. On sait par ex., qu’ en France même des documents furent retouchés pour soutenir le rôle strictement défensif du pays  et que le grand historien français de la Grande Guerre dans les années vingt, Pierre Renouvin,  a reçu des moyens du gouvernement français pour prouver la justesse de l’article 231.

Au début des années 60,  il y eut en Allemagne une polémique très vive sur les thèses du professeur Fritz Fischer, qui a voulu prouver la seule responsabilité de l’Allemagne pour la première guerre mondiale. D’après lui l’Allemagne a déclenché la guerre pour devenir une puissance mondiale comme la Grande Bretagne ou même en la dépassant.  Cette thèse était pour nous jeunes étudiants très appropriée pour nos discussions avec la génération de nos pères. Mais Fischer s’était  totalement concentré sur l’Allemagne et s’est appuyé seulement sur des documents allemands. Aujourd’hui on sait, qu’aussi l’Autriche-Hongrie,  la Russie, la Serbie, même la Grande Bretagne  et bien-sûr la France ont joué un rôle important dans le déclenchement de la première guerre mondiale. Maintenant il y a des monographies sur ces sujets. Et il y a „Les Somnambules“, le grand exposé de l’historien australien Clark sur les responsabilités partagées. Le livre de Clark, publié l’année dernière, était et reste un succès énorme en Allemagne.

L’intérêt actuel pour les origines de la Grande Guerre en Allemagne n’est pas seulement une conséquence du centenaire de 1914. Et non plus seulement de la volonté, de libérer l’Allemagne d’un complexe de culpabilité pour toutes les catastrophes du siècle dernier. Mais ce succès a ses origins aussi dans  la crise ukrainienne, où on parle déjà d’une troisième guerre mondiale. On sait que John F. Kennedy a lu pendant la crise des missiles à Cuba le livre de Barbara Tuchman “August 1914”. Et maintenant en lisant le livre de Christopher Clark on peut se demander s’ il n’y pas parmi les acteurs de la crise pas mal de somnambules, qui n’ont pas assez de conscience de ce qu’ils font.  Et je crois, que le très fort engagement allemand d’encourager une solution pacifique de cette crise, vient aussi de la volonté de n’être pas en 2014 un somnambule comme cent ans avant.

25.5.14 – jour des élections  européennes et des élections ukrainiennes

 

[1] François-Guillaume Lorrain:  Un mythe français. Pourquoi et comment cette bataille a si vite marqué nos mémoires? In: Le Point 1916. Mémorial de Verdun, 100 ans après. Édition spéciale

[2] http://www.deutschlandradiokultur.de/gedenken-in-neuem-kleid-wiedereroeffnung-des-memorial-von.2165.de.html?dram:article_id=34606

[3] Aus: Weimarer Republik. Herausgegeben vom Kunstamt Kreuzberg und dem Institut für Theaterwissenschaft der Universität Köln. Berlin 1977

Normandie (Teil 2): Schattenseiten der Vergangenheit

Der nachfolgende Text ist der zweite Teil des Normandie-Berichts. Im ersten ging es um die  „allgegenwärtige Vergangenheit“ und die touristische Vermarktung des D-day. In diesem Teil werden Aspekte angesprochen, die sich dafür wenig eignen und die –immer noch- eher ein Schattendasein  fristen:  Es geht um die zivilen Opfer, die es vor, während und nach der Landung der Alliierten in der Normandie gab.

  • Am Beispiel der französischen „Runinenhauptstadt“ St. Lô berichte ich davon, wie nach unseren Beobachtungen dort an die französischen zivilen Opfer der alliierten Bombardements erinnert wird. 
  • Das Denkmal in Grandcamp für die „groupes lourds“ ist für mich Anlass, auch etwas zur Rolle der französischen Bomberbesatzungen in der RAF und ihre Beteiligung an den alliierten Landungsoperationen zu schreiben.
  • Der Besuch des deutschen Soldatenfriedhofs in Mont-de-Huisnes hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass unter den zivilen Opfern  dieser Zeit auch deutsche Säuglinge und Kinder waren, die unter ungeklärten Umständen in französischen Internierungslagern ums Leben 

Das sind alles sehr sensible Themen –für mich auch aus ganz persönlichen Gründen- aber es ist sehr schön und ermutigend, dass man inzwischen darüber mit französischen Freunden und in der Normandie mit Einheimischen offen reden kann. Das hat diesen zweiten Teil des Normandie-Berichts sehr bereichert. Aber es  soll auch ganz klar gesagt werden: Ich schreibe als interessierter Besucher und Freund der Normandie, nicht als Historiker. Es handelt sich also nicht um einen Text mit wissenschaftlichem Anspruch, sondern um einen durch etwas ergänzende Lektüre und Gespräche fundierten persönlichen Erfahrungsbericht.

 

  1. Die Opfer der Bombardements. Der Fall St. Lô

In einer  Broschüre des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge findet sich folgende Information: „Weit über 100000 Menschen starben im Sommer 1944 während der Kämpfe nach der alliierten Landung in der Normandie – Amerikaner,  Briten, Deutsche, Franzosen, Kanadier, Polen und Angehörige vieler anderer Nationen. 14 000 französische Zivilpersonen fielen den Kämpfen, vor allem den schweren alliierten Bombenangriffen, zum Opfer.“

Vor, während und nach der Landung war die Normandie Ziel massiver alliierter Bombenangriffe. Bombardiert wurden nicht nur deutsche Militäranlagen; auch strategische Anlagen wie Straßen, Brücken, Bahnhöfe und Hafenanlagen wurden angegriffen, um die Verlagerung deutscher Truppen in die Landungszonen zu erschweren bzw. zu verhindern. Und es traf auch ganze Städte wie St. Malo, Le Havre, Rouen, Lisieux, Caen oder  St. Lô.

Das Schicksal dieser Städte und der betroffenen Menschen ist von der offiziellen französiscchen Erinnerungspolitik lange ausgeblendet worden. Erst am 6. Juni 2014, 70 Jahre nach der Landung in der Normandie, hat Francois Hollande in seiner Rede im Mémorial de Caen dieses offizielle Schweigen beendet und das „trou noir de la mémoire“ geschlossen, in das die zivilen französischen Opfer der alliierten Bombardements gefallen waren.(0)

Wenn ich im Folgenden den Fall von St. Lô exemplarisch darstelle, weiß ich also, dass ich mich mit diesem Thema auf historisch und politisch sensibles Gelände begebe. Aber es handelt sich hier um einen für mich aus ganz persönlichen Gründen sensiblen Gegenstand. Denn ich bin in Darmstadt aufgewachsen, das am 11.9.1944 von britischen Bomberverbänden fast vollständig zerstört wurde. Ziel waren nicht die Industriegebiete der Stadt, sondern  –im Sinne der sogenannten „moral-bombing“- Strategie des Luftmarschalls Harris – das historische Stadtzentrum und die dicht besiedelten Wohngebiete. 12.300 Menschen kamen allein in dieser Nacht in Darmstadt ums Leben. Hier setzte das bomber command zum ersten Mal eine neue Strategie des  Flächenbombardements ein, die dann in Dresden erneut ihre grausige Effizienz bewiesen hat. Am 11.9. 1944 hat Darmstadt seine „Brandnacht“ erlebt –so wie St. Lô schon drei Monate davor seine „nuit de feu“. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich als Kind durch die Trümmerwüste Darmstadts gelaufen bin und in Trümmern gespielt habe. Und wenn ich Bilder des zerstörten St. Lô sehe, dann denke ich auch an die Trümmer Darmstadts.[1]

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© http://www.samuel-beckett.net/StLo.htm

Dass der Landung der Alliierten ein massiver Einsatz der Luftwaffe vorausgehen und sie begleiten sollte, war ein wesentlicher Bestandteil der Planungen. Die Luftüberlegenheit der Alliierten war überwältigend und diese Trumpfkarte sollte voll ausgespielt werden. Die alliierten Bombardement französischer Ziele hatten im März 1942 begonnen: Da waren die Produktionsanlagen  von  Renault in Boulogne-Billancourt bei Paris das Ziel. Und bei diesen und den  folgenden Bombardements gab es erhebliche zivile Opfer, so dass z.B. André Gide sich fragte, was der Nutzen dieser Bombardements sei, die das Leben vieler Tausender Franzosen kosteten, „et ne causent guère de dommages aux Allemands… à quoi riment ces saccages inutiles?“ (zit. von Robert A. Paxton in: La France de Vichy, 1973 p. 289) Und Paxton schreibt dazu: „Les Americains, passés maîtres dans la technologie de la destruction, règlent le problème en faisant pleuvoir des tonnes d’explosifs du haut du ciel. Derrière la poignée de partisans que conserve Vichy en 1943 et 1944, il y a  des milliers et des milliers de Francais qui souhaitent être débarrassés des Allemands, mais pas au prix d’un tel massacre.“  

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Und für die deutsche Propaganda waren  diese Bombardements ein willkommener Anlass Ressentiments gegen die Alliierten zu schüren. (Abbidung bei Roberts, What Soldiers do, S. 22).

Auch die alliierten Strategen sahen durchaus das  Problem, dass bei  den im Zuge der Landungsoperationen geplanten intensiven Luftangriffe sehr wahrscheinlich auch viele Zivilpersonen getötet würden, die zu befreien das Kriegsmotto war. Zu den Kritikern  eines massiven Luftwaffeneinsatzes in den zu befreienden Staaten  gehörte  sogar der Chef der US-Luftstreitkräfte in Europa, General Spaatz. „Viele tausend Franzosen“, schrieb er anlässlich der Invasionsangriffe an seinen Vorgesetzten Eisenhower, „werden  in diesen  Operationen  getötet werden und viele Städte verwüstet. Ich fühle mich in einer gemeinsamen Verantwortung mit Ihnen und sehe mit Schrecken eine Militäroperation, die Vernichtung und Tod breit in  Länder hineinträgt, die nicht unser Feinde sind, insbesondere, wo  die aus diesen Bombardements zu erzielenden  Resultate noch gar nicht als ein entscheidender Faktor nachgewiesen  sind.“[2]

Die alliierten Oberkommandierenden setzten sich aber über diese Bedenken hinweg. Das im Süden der Landungsstrände gelegene St. Lô bekam die Konsequenzen mit aller Wucht zu spüren. St. Lô galt den Alliierten als „Schlüsselstadt der deutschen Armee“, deren Zerstörung sie deshalb für erforderlich hielten – auch wenn der militärische Nutzen gering war: In der Stadt befanden sich während des Bombenangriffs offenbar keine deutschen Truppen, und es waren nicht die Ruinen der Stadt, die die Heranführung deutscher Truppenverbände be- bzw. verhinderten, sondern deren gezielte Bombardierung.  Wie auch immer:  In der Nacht vom 6. auf den 7. Juni –also gleichzeitig mit der Landungsaktion- wurde die Stadt in zwei Angriffswellen  amerikanischer und britischer Bomber fast völlig zerstört.  Bodentruppen griffen die Stadt  Ende Juni an, deren Eroberung und Befreiung erst am 24. Juli abgeschlossen  war. Die Stadt galt danach als „capitale des ruines“, wie der damalige Staatspräsident Vincent Auriol St. Lô bei einem Besuch 1948 nannte.[3]  Übernommen hat er diesen Begriff allerdings von Samuel Becket. Becket verbrachte zwischen August 1945 und Januar 1946 als freiwilliger Helfer des Irischen Roten Kreuzes sechs Monate in St. Lô. Im Juni schickte er  an den Irischen Rundfunk  einen  Text mit der  Überschrift  „The capital of ruins“, wo er den  Zustand der „in einer Nacht von der Landkarte gestrichenen“ Stadt beschreibt, aber auch die Hoffnung auf ihren Wiederaufbau – übrigens, wie er mitteilt- auch mit Hilfe des Einsatzes deutscher Kriegsgefangener.[4] Dass zunächst übrigens ein Wiederaufbau der Stadt durchaus umstritten war, ist verständlich angesichts ihres Zustandes nach den Bombenangriffen, der von einem amerikanischen Beobachter sehr anschaulich so beschrieben wurde:

The city looked as though ist had been pulled up by its roots, put through a giant mixmaster then dumped back out again.“ (cit. bei Mary Louise Roberts: What Soldiers do. Chicago/London. o.J., S. 25)

In der von mir konsultierten Literatur gibt es unterschiedliche Angaben zu den Opferzahlen (zwischen 450 und 1500). Das kann und will ich auch gar nicht beurteilen. Interessant für mich ist die Art und fund  wie es heute  beschrieben wird,  – es war ja immerhin sogenanntes friendly fire, durch das  viele Bewohner von St. Lô umkamen.

In dem Bericht eines Zeitzeugen, den ich im Internet gefunden habe, wird die damalige Reaktion auf die ersten gezielten Angriffe auf den Bahnhof so beschrieben:

Appuyés sur la rambarde de la fenêtre nous sommes au spectacle. Nous voyons ces chasseurs-bombardiers fondre sur la gare, se redresser au dernier moment, monter en chandelle, faire un grand tour et revenir sur l’objectif. Comme au cinéma. Pour un peu nous aurions applaudi nos amis pour leur courage, leur sang-froid, et sifflé les Allemands si maladroits ! Ces aviateurs amis nous confortent dans l’idée que les Alliés ne bombardent pas à l’aveuglette les objectifs où des civils courent des risques. Ce rodéo nous [conforte] dans l’idée que les journaux et la radio mentent en présentant les aviateurs alliés comme ne se souciant pas des civils, lors des opérations du genre. Décidément, « Radio-Paris ment, Radio-Paris est allemand » Ce sentiment de totale  sécurité, de confiance absolue, faillit nous coûter la vie 48 heures plus tard.[5]

Es gab also offenbar bei der Bevölkerung ein Gefühl „totaler Sicherheit“, es war unvorstellbar, dass diese „befreundeten Flieger… blindlings Ziele bombardieren würden, die die Zivilbevölkerung gefährden könnten.“ Dieses „absolute Vertrauen“ habe „uns“ 48 Stunden später das Leben gekostet.

Allerdings sollte die Bevölkerung der Stadt offensichtlich vorher gewarnt werden. Aber, wie es bei Wikipedia heißt: Der Flugblattabwurf durch Lufteinheiten zur Warnung der Bevölkerung gelang nicht. In der französischen Darstellung von Wikipedia heißt es etwas präziser: Des tracts d’avertissement largués la veille furent dispersés par le vent sur les communes voisines.[6]  Es gab offenbar auch eine Warnmeldung des BBC, die aber nicht empfangen  werden konnte, weil die deutschen Truppen alle Radiosender konfiskiert hatte.[7] Erstaunlich aber, dass es anscheinend keine Verbindung zur Résistance gab, die gerade in dieser Gegend durchaus aktiv gewesen ist.[8]

In der Nacht des Débarquement wird die Stadt und werden  ihre Bewohner also völlig unerwartet erneut und massiv bombardiert. Der Angriff habe sich –so noch einmal Wikipedia- auf den  Bahnhof und das Elektrizitätswerk konzentriert. „De la prison, plus de 200 prisonniers dont 76 patriotes périrent enfermés (de nos jours, seule subsiste la porte de l’édifice). On compte plus d’un millier de morts.“ [9] Diese Darstellung ist etwas widersprüchlich: Auf der einen Seite wird mitgeteilt, der Angriff habe sich auf den  Bahnhof und das Elektrizitätswerk  konzentriert- dazu passt allerdings nicht, dass auch das davon weit entfernte Gefängnis getroffen wurde und es passen dazu auch nicht die hier angegebenen hohen Opferzahlen. Der Widerspruch ist wohl so zu erklären, dass es zwei Angriffswellen gab[10]; zunächst eine amerikanische, die auf strategische Ziele konzentriert war, und danach eine britische, die dann der Stadt insgesamt galt – eine Form militärischer Kooperation, die es auch bei der Bombardierung deutscher Städte gab.

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Denkmal für durch die Bombardements im Gefängnis ums Leben gekommenen Widerstandskämpfer

Auf der offiziellen Website der Stadt St. Lô werden die  damaligen Ereignisse so  dargestellt:

„A l’aube du 6 juin, les Alliés débarquent. Vers 20 heures, la ville est bombardée. La nuit du 6 au 7 juin sera « la nuit du feu ».   …
Le 18 juillet, à 18 heures, la Task Force C de la 29e division U.S. entre dans Saint-Lô.  …  La ville restera sous le feu de l’artillerie ennemie jusqu’au 24, laissant près de 500 victimes et une cité détruite à 95%.“[11]

Ich finde diese Darstellung sehr bemerkenswert:  Da wird mitgeteilt, dass die Stadt am 6. Juni bombardiert wird. Das erinnert mich an meine Zeit als Deutschlehrer, als ich im Mittelstufenunterricht das Passiv unter dem Stichwort „Täterverschweigung“ behandelt habe, ein  spannender Gegenstand für einen fächerübergreifenden Unterricht. Beispiele dafür lieferten jedenfalls  Darstellungen zur deutschen Geschichte leider reichlich: Da wurden Bücher verbrannt, da wurden  jüdische Geschäfte boykottiert und zertrümmert, Juden in Deutschland und im besetzten Europa wurden erfasst, wurden in die Todeslager transportiert und dort umgebracht, da wurden die Männer des 20. Juli zum Tode verurteilt usw….  Und keine Täter weit und breit…

In St. Lô wird also die Stadt –ebenfalls „täterlos“- bombardiert. Mag sein, dass vielen Besuchern der Website klar ist, wer da bombardiert hat. Ich erinnere mich allerdings noch an frühere  Zeiten, als ich in alten Reiseführern von sozusagen anonymen Bombardements normannischer Städte  im Sommer 1944  gelesen habe und selbstverständlich davon ausgegangen bin, dass das die deutsche Luftwaffe gewesen sein müsse.[12] Gewundert habe ich mich damals allerdings etwas darüber,  wozu die Luftwaffe 1944 angesichts der totalen alliierten Lufthoheit angeblich noch in der Lage gewesen ist….

Aber noch einmal zurück zur Website der Stadt  St. Lô: Ganz „täterlos“  geht es dort dann  doch nicht zu: Denn man erfährt, dass die Stadt, nachdem sie am 18. Juli  von amerikanischen Truppen erobert worden war, bis zum 24. Juli „unter dem Feuer der feindlichen Artillerie“ lag, „die  fast 500 Opfer und eine zu 95% zerstörte Stadt zurückließ.“  Sehe ich das falsch, dass hier bewusst oder zumindest fahrlässig eine falsche Fährte gelegt und nahe gelegt wird, dass die deutsche Artillerie St. Lô in Schutt und Asche gelegt hat?

Bei unserem Besuch in St. Lô im April 2016 hat uns auch interessiert, wie die Stadt  heute an die zivilen Opfer der Bombardements erinnert. Die Erinnerung an die zivilen Opfer der alliierten Bombardements ist ein heikler Gegenstand. In einem Bericht von Paris Match über die „villes martyres“  (13.-18. August 2015) heißt es dazu: „C’est l’autre face de la victoire, celle qu’on ensevelit… sous le silence.“  Die Bewohner des völlig zerstörten Le  Havre würden heute noch auf eine Gedenkstätte für die Opfer der Bombardements warten.[13] Zu St. Lô hatte ich allerdings gelesen, dass es irgendwo ein entsprechendes Denkmal geben musste. Wir stellten unser Auto am Marktplatz ab, an dem sich auch die erhaltene Eingangstür des ehemaligen Gefängnisses befindet mit dem Denkmal für die Widerstandskämpfer. Dort waren gerade zwei städtische Angestellte beschäftigt, die wir fragten. Sie konnten uns allerdings keine Auskunft geben und verwiesen und auf das Touristenbüro. Auf dem Weg dorthin besuchten wir die im Krieg ebenfalls zerstörte Kirche St Paul, in der eine sehr eindrucksvolle lange Liste der zivilen Opfer St. Lôs „in der Schlacht der Normandie vom 1. April bis 30. September 1944“ ausgestellt ist, von der hier nur ein kleiner Teil wiedergegeben ist.

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In einem benachbarten Café und Tabac fragten wir nach einem Stadtplan und nach dem Ort des Denkmals. Auch hier große Ratlosigkeit, aber auch große Hilfsbereitschaft: Der Besitzer verwies uns zunächst auf das Résistants- Denkmal auf dem Marktplatz und war dann sichtlich betroffen, dass er keine richtige Auskunft geben konnte.  Er holte  ein dickes Buch über die Geschichte St. Lôs herbei und suchte darin –vergeblich- nach Informationen zu dem Denkmal. Auch eine Kollegin wusste keinen Rat. Auf dem Stadtplan, den er uns gab, fand ich schließlich die Markierung eines –nicht näher bezeichneten- Monuments: Wir machten uns auf den Weg und hatten auch wirklich Glück: Am Rand des Felsens, auf dem die Altstadt von St. Lô liegt, ist in einiger Höhe das Denkmal angebracht „zur Erinnerung an die Opfer des Bombardements, das die Stadt St. Lô am 6. Juni 1944 zerstörte.“ Hier wird also –anders als in der Kirche- ganz konkret an die Opfer der nuit de feu erinnert.

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Und gleich nebenan befindet sich der Eingang zu den –„von den Besatzungstruppen zwischen 1943 und 1944 gegrabenen“ unterirdischen  Stollen, in denen nach Angaben der Erinnerungsplakette am 6. Juni 1944 mehrere hundert Personen Zuflucht fanden – wäre die Bevölkerung gewarnt worden, hätten es sicherlich noch viel mehr sein können….

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Und es gibt schließlich gleich daneben eine Informationstafel über die Kriegszeit St.  Lôs mit Informationen über die Zerstörung und den Wiederaufbau der Stadt, über den französischen Widerstand, die alliierten Befreier, aber auch –exemplarisch- über einen deutschen  Soldaten, der in einem Bild mit Frau und Kind abgebildet ist und der in einem Brief an seine Frau vom 22. Juni bedauert, dass er nicht am Geburtstag seines kleinen Sohnes Fred zu Hause sein  kann. „Vielleicht das nächste Mal“. Das nächste Mal gab es aber nicht. Bei den Kämpfen  um St. Lô wurde er getötet und ist seitdem vermisst. Auf unserer Erkundung der Spuren der Vergangenheit in der Normandie war dieser Blick auf die „andere Seite“ eher außergewöhnlich und hat uns sehr berührt.

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  1. Die Rolle der französischen groupes lourds

Ich habe nicht herausbekommen, welche britischen Bomberverbände St. Lô bombardiert haben. Ich kann deshalb auch nicht ausschließen, dass es nicht nur die Bomben der Amerikaner und Briten waren, sondern auch die  eigener Landsleute, die an der Zerstörung der Stadt beteiligt waren.  Und damit komme ich zu einem weiteren höchst sensiblen Thema, nämlich der Rolle der französischen groupes lourds, die im Rahmen des bomber comand eingesetzt wurden. Auch dieses Thema geht mir aus persönlichen Gründen sehr nahe, weil wir in unserem Pariser Bekanntenkreis zwei liebe Menschen haben, deren  Väter bei den groupes lourds engagiert waren. Die Besatzungen dieser Halifax-Bomber haben in einer eigenen Einheit, aber im Rahmen des Bomber Command der RAF, ihren Beitrag zum Kampf gegen das faschistische Deutschland geleistet. Dass dazu vor allem „destruction de l’Allemagne nazie“ gehörte, versteht sich von selbst. In der Selbstdarstellung der Veteranen und Angehörigen der groupes lourds wird das dann weiter erläutert: Zerstörung „de ses ports, de ses voix ferrées, des ses usines. Ils avaient réduit le potentiel industriel de l’ennemi.“ Dass ganz unbestreitbar zu den Einsätzen der groupes lourds -zumindest: auch- Flächenbombardements deutscher Städte gehörten, ist hier allerdings ausgeblendet.

In Jules Roys autobiographisch gefärbtem Erfolgsroman „La vallée heureuse“, „das glückliche Tal“ von 1946 ist das noch anders. Roy hatte sich 1942 nach der Landung der Alliierten in Nordafrika vom überzeugten Anhänger Pétains zum Anhänger des Freien Frankreichs gewandelt und wurde Flugzeugkommandant der groupes lourds.  Mit dem „glücklichen Tal“ ist im zynischen Jargon der Bomberbesatzungen das Ruhrgebiet gemeint, an dessen Bombardierung Roy sehr intensiv und offenbar mit einiger Genugtuung teilgenommen hat. In einem Selbstgespräch während eines Rückflugs von einem Einsatz über den Städten des Ruhrgebiets denkt er an die Menschen, die zu töten sein Ziel ist:

diese Menschen sind die Feinde der Menschheit, und wenn es Gerechte unter ihnen gibt, kann ich auch nichts machen. Mich ermüdet nicht die Schlächterei, denn die Schlächterei hat für uns den Anblick eines himmlischen Sternenfests; aber was mich ermüdet, ist die Mühe, sie abzuschlachten. Im Grunde meines Herzens schreie vor Freude über den Brand, der ihre Städte in Asche verwandelt und ihre Gebeine in Staub, aber das ist mein gutes Recht, denn ich könnte ja zu ihnen ins Feuer herunterstürzen…“[14]

Aber die groupes lourds haben auch Einsätze im Rahmen des Débarquement  geflogen. Daran erinnert ein Denkmal in Grandcamp an der normannischen Küste.

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Dass dieses Denkmal gerade dort steht, ist damit zu erklären, dass, wie auf dem  Denkmal in goldenen Lettern eingraviert ist, die groupes lourds am 6. Juni hier eingesetzt waren: Der Einsatz galt einem größeren deutschen Bunkerkomplex in Grandcamp-Maisy. Die Bedeutung dieser Anlage scheint sehr umstritten zu sein[15] – einerseits wird von dem heutigen Besitzer der Anlage, einem englischen Militaria-Fan, ihre eminente strategische Bedeutung herausgestellt, was natürlich auch die Bedeutung des Einsatzes der groupes lourds unterstreicht, andererseits wird die Rolle aber auch eher relativiert, z.B mit Hinweis darauf, dass die dortigen Geschütze – französische Exemplare aus dem Ersten Weltkrieg- durchaus nicht so effizient waren. Umstritten ist auch die Wirksamkeit des Bombardements durch die groupes lourds– zumal die Anlage das Bombardement weitgehend unbeschadet überstanden hat. Tatsache ist allerdings, dass bei dem  Einsatz zahlreiche Bewohner von Grandcamp-Maisy ums Leben kamen, woran eine Gedenktafel in der Stadt erinnert.

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Wenn ich diese Gedenktafel betrachte, stellen sich mir zwei Fragen:

  • Hier ist ganz allgemein von den „Bewohnern von Maisy“ die Rede. Warum werden nicht –wie auf den Gedenktafeln für die Gefallenen beider Weltkriege üblich- auch deren  Namen aufgeführt? (Wie ich nach unserem Besuch von Kennern des Ortes erfuhr, gibt es eine Namenstafel der zivilen Opfer in der Kirche – also so wie auch in St. Lô, was in einem laizistischen Staat wie Frankreich allerdings keine gleichwertige Alternative ist).
  • Und warum wurde diese Gedenktafel für die zivilen Opfer der Stadt erst im Jahr 2004 angebracht? Die Denkmäler für die militärischen Opfer der Kriege wurden schließlich umgehend errichtet. Und das repräsentative Denkmal am Hafen von Grandcamp für die groupes lourds wurde immerhin schon im Juni 1988 eingeweiht.

Vielleicht erklären diese offenbar erst zögerlich erinnerten zivilen Opfer, warum die französischen Bomberbesatzungen in der Royal Air Force –trotz ihres auf dem  Denkmal hervorgehobenen  hohen Blutzolls (un sur deux perirent) nach Auffassung von Angehörigen nicht die Anerkennung erhalten, die ihnen gebührte. Hauptsächlich verantwortlich ist aber für diese offensichtlich vergleichsweise geringe Wertschätzung, dass diese in Nordafrika stationierten Soldaten erst ab 1942 nach England gelangt sind – also lange nach de Gaulles berühmtem Aufruf zum Widerstand vom 18. Juni 1940.  Ab 1943 wurden sie sogar ganz „offiziell“ von Engländern und Amerikanern rekrutiert, um am Kampf  gegen Nazi-Deutschland teilzunehmen. Für die Vichy-Regierung galten sie deshalb als Deserteure, für De Gaulle als „planqués“, als Drückeberger also und nicht als wirkliche Français libre“,  weil sie zu spät zum Freien Frankreich in London gekommen seien. Die „Résistants de la dernière heure“ in Frankreich, die ihr Herz für den Widerstand erst kurz vor dem  Ende des Nazi-Regimes entdeckten, hatten es da leichter….

Einmal im Jahr treffen sich in Grandcamp Veteranen und ihre Angehörigen und es findet am Denkmal eine würdige Feier mit militärischen Ehren statt. Und in der örtlichen Presse wird berichtet, dass sich zwölf französische Einheiten der groupes lourds der Royal Air Force besonders im Juni 1944 ausgezeichnet hätten bei der Bombardierung der Batterien von Maisy.

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© http://halifax346et347.canalblog.com/tag/M%C3%A9morial%20Grandcamp

Ich stelle mir vor, dass sich diese französischen Soldaten in ihren Halifax-Bombern in einem schweren Konflikt befunden haben: Einerseits wollten sie sicherlich an der Befreiung ihrer Heimat von der Nazi-Besatzung teilnehmen. Andererseits musste ihnen  auch klar sein, dass sie –anders als bei einem  gezielten Jagdbomber-Einsatz-  erhebliche „Collateral-Schäden“ verursachen könnten, konkret: den Tod von Landsleuten, die sie doch eigentlich befreien wollten.  Krieg ist aber kaum vorstellbar, ohne dass Soldaten aller Seiten moralischen Dilemmata unterschiedlichster Art ausgesetzt sind.[16]

 

  1. Die Kinder von Mont-de-Huisnes

 Der deutsche Soldatenfriedhof von Mont-de-Huisnes  liegt, anders als der von La Cambe,  ruhig auf einem Hügel- mit wunderbarem Blick auf den Mont St. Michel.

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Es ist eine Gruftanlage für 11 956 Gefallene und Tote des Zweiten Weltkriegs.  Zwanzig dieser Toten sind  „in der Internierung verstorbene Kinder“ – das kann man der Grabplatte in der Eingangshalle entnehmen.

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Es sind Säuglinge und kleine Kinder, die zwischen 1943 und 1945 geboren wurden und offenbar nach der Befreiung Frankreichs –wo und warum auch immer- in ein Internierungslager gesteckt wurden und dort –wie auch immer- zu Tode kamen. Gerne hätte  ich da mehr gewusst und erfahren, aber ein französischer Reiseführer,  den wir in Huisnes trafen, konnte (oder wollte) uns dazu nichts sagen. Im Internet habe ich einen Artikel über ein Veteranentreffen in Huisnes 2014 gefunden, das –dem Motto des Volksbundes der Kriegsgräberfürsorge folgend- der Versöhnung zwischen den Völkern und vor allem der Befestigung der deutsch-französischen Freundschaft diente. [17]  Dort findet man einige nähere Informationen:

Des hommes de guerre, mais pas seulement. Ici reposent aussi des femmes, des adolescents, des enfants, morts des suites de mauvais traitements dans les camps d’internement des lendemains libérateurs. Edmund Baton est de ceux-là. Originaire de la Sarre, il est, à 14 ans, mort de faim dans le camp de Poitiers. C’était un certain 14 juillet 1945…

Zu ihm gibt es eine nähere Information im Informationsblatt des Volksbunds:

Mont-de-Huisnes: Une victime parmi 11 956 En février 1945, Edmund Baton, originaire de Lauterbach (Sarre) fut évacué, à l’approche de la ligne de front, à Bad-Reichenhall avec d’autres élèves de son lycée. A l’insu de sa famille, il repartit chez lui en compagnie d’un camarade de classe. Ils arrivèrent à Ludwigsburg, près de Stuttgart où ils durent se cacher pendant huit jours, à cause des violents combats qui y avaient lieu. Edmund réussit à persuader des soldats américains de les emmener à Strasbourg, de l’autre côté du Rhin. Là, ils voulurent prendre le train pour rentrer chez eux mais ils furent arrêtés sur le chemin qui les menait à la gare (probablement par des Français ou la police militaire américaine). Ils furent conduits à Poitiers après avoir traversé toute la France. C’est dans le camp d’internement de Poitiers que Edmund Baton, alors âgé d’à peine 14 ans, mourut de faim le 14 juillet 1945. Sa tombe se trouve dans la crypte 59, au caveau 90.[18]

Und die kleinen Kinder und Säuglinge: Waren es vielleicht die Kinder deutscher Soldaten und französischer Frauen, also gewissermaßen Zeugnisse sogenannter nationaler Schande, nationalen Verrats?

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Für die Vermutung, dass es sich um Kinder deutscher Soldaten und französischer Frauen handelte, spricht, dass viele dieser in der Internierung zu Tode gekommenen Kinder französische Vornamen haben.

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Dass es französische Frauen gab, die Beziehungen zu deutschen Soldaten hatten, ist ja bekannt: Es gibt genug Bilder, wie sie kahlgeschoren durch die Straßen getrieben und an den Pranger gestellt wurden. Und da wird es auch Kinder aus diesen Beziehungen gegeben haben, zumal die  Soldaten des Atlantikwalls in ihrer dienstfreien Zeit bei Bauern der Umgebung einquartiert waren. Die stark voneinander abweichenden Schätzungen gehen von immerhin zwischen 100 und 200 000 solcher so genannter «têtes de boches» oder «bâtards» aus, die während der deutschen Besatzung gezeugt wurden. Sowohl die Nazis wie auch Vichy oder die Provisorische Regierung des befreite  Frankreichs hatten –aus unterschiedlichen Gründen- ihre Probleme mit diesen Kindern. Unter der Vichy-Regierung wurde beispielsweise die Institution eines „accouchement soux X“ geschaffen, also eine „anonyme Geburt“ ohne Angabe des Vaters, und die Kinder, die als Franzosen galten, konnten dann öffentlichen oder privaten Einrichtungen übergeben werden. [19]

Aber was war mit den in Husines, also auf einem deutschen Soldatenfriedhof, bestatteten Kindern? Sie haben ja alle deutsche Nachnamen, galten  also offenbar nicht als Franzosen.

Welche tragischen Geschichten verbergen sich hinter diesen Namen? Evelyne Diesser zum Beispiel, die im Sommer 1945 geboren wurde und im Alter von nur 5 Wochen gestorben ist?

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Warum hat man diesen Säugling in ein  Internierungslager gebracht? Wo war ihr Vater? Wer war ihre Mutter? Welches „mauvais traitement“  hat zum Tod dieses Mädchens geführt? War es krank und man hat ihm die ärztliche Versorgung verweigert?  Oder hat man es –wie Edmund Baton- verhungern  lassen? Und wer verbirgt sich hinter dem vielfachen „man“?  Unbekannte, unerzählte Geschichten…

(Mai 2016)

PS: Inzwischen  habe ich eine Auskunft vom Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge erhalten: Es handelt sich um elsässische Kinder, die mit ihren der Kollaboration beschuldigten Müttern interniert worden waren.

 

Anmerkungen

(0) Wortlaut der Rede Hollandes:  http://www.normandie-heritage.com/spip.php?article982

s. Jean-Marc Bastière, Quand les alliés ciblaient la Normandie. In: Le Figaro, 9.3.2017. Buchbesprechung von: Jean-Charles Foucrier: La Stratégie de la Destruction. Vendémiaire 2017

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Luftangriff_auf_Darmstadt

http://www.echo-online.de/lokales/darmstadt-historisch/brandnacht/augenzeugenbericht-das-grauen-starrte-aus-den-fensterloechern_15511307.htm

Klaus Schmidt, Die Brandnacht. Dokumente von der Zerstörung Darmstadt am 11. September 1944. Darmstadt 1964

Bericht von einer Gedenkfeier 1964 mit Fotos vom zerstörten Darmstadt: https://www.youtube.com/watch?v=T-L3E7IPk7E

[2] Zitiert in: Jörg Friedrich: Der Brand. Bombenkrieg in Deutschland 1940 -1945. München 2002

[3]  „La ville a subit dans la nuit du 6 au 7 juin 1944 un bombardement tellement massif ques es habitants ont pu se considérer comme citoyens de la capitale des ruins.“  (V. Auriol)

[4] http://beaucoudray.free.fr/samuebeckett.htm (franz. Übersetzung von The Capital of the Ruins) https://en.wikipedia.org/wiki/The_Capital_of_the_Ruins

[5] http://www.memoires-de-guerre.fr/?q=fr/archive/saint-l%C3%B4-sous-les-bombes/3903

[6] https://fr.wikipedia.org/wiki/Bataille_de_Saint-L%C3%B4

[7] http://www.patrimoine-normand.com/index-fiche-42255.html

[8] Zu den  Aktivitäten der lokalen Résistance: http://www.webring.org/l/rd?ring=ww2;id=167;url=http%3A%2F%2Fbeaucoudray%2Efree%2Efr%2F

[9] https://fr.wikipedia.org/wiki/Bataille_de_Saint-L%C3%B4

[10] http://www.liberation.fr/grand-angle/2004/07/23/saint-lo-immole_487264

[11] http://www.saint-lo.fr/Decouvrir-Saint-Lo/Histoire-et-patrimoine/Histoire/La-seconde-guerre-mondiale

[12] Z.B. Michelin Reiseführer Normandie von 1975 zur Zerstörung von Le Havre: „ La bataille de Normandie était terminée, Paris déjà libéré, mais le Havre, toujours occupé, fut voué à l’écrasement totale“.   Von wem? Warum?  Übrigens hatten die Alliierten, als Le Havre zerstört wurde, schon die Mosel erreicht. Die amerikanische Wissenschaftlerin Mariy Louise Roberts schreibt zu Le Havre: „In Le Havre, French officials angrily pointed out that some three thousand civilians had been  killed while fewer than ten  German bodies had been found.“ (What Soldiers du. The University of Chicago Press, S.24)

Militärisch zweifelhafte Bombardements gab es auch an anderer Stelle. Von einer französischen  Bekannten erhielt ich ein Büchlein über „Bombardement et Libération de la Poche de Royan“ (Marie-Anne Bouchet-Roy/Société des Amis du Musée des Royan, 2015. Darin wird u.a. das Bombardement der Stadt durch die RAF vom 5. 1. 1945 beschrieben, das die Stadt weitgehend zerstörte und etwa 500 zivile Opfer verursachte. „L’ennemi ne compte que  35 victime et aucun ouvrage militaire allemand n’a été touché.“ (S. 38). Während die deutschen Truppen -wie in La Rochelle- zur Kapitulation bereit sind, wird die Stadt am 15. April noch einmal mit 1350 Flugzeugen angegriffen -u.a. mit Napalm-Bomben- und total zerstört. Eine Übergabe der Stadt wird von den französischen Truppen abgelehnt: „il serait bien difficile de priver d’un combat ardemment désiré et d’une victoire certaine, l’armée du Sud-Ouest qui piaffe, l’arme  au  pied depuis des mois„. (cit. S. 62)

[13] Am 8. Mai 2016 wurde übrigens in der 1944 stark umkämpften normannischen Stadt Falaise ein Museum für die zivilen Kriegsopfer eingeweiht: ein einzigartiges Novum.

http://www.falaise-tourisme.com/patrimoine-culturel/nouveaute-2016-le-memorial-des-civils-pendant-la-guerre/

[14]Zit. In: http://www.zeit.de/1949/13/mittel-oder-zweck

[15] http://www.dday-overlord.com/batterie-de-maisy-debat

[16] Nach meinen Informationen gibt es übrigens noch keine wissenschaftliche Literatur zu den groupes lourds.

[17] http://www.ouest-france.fr/normandie/huisnes-et-la-chapelle-enjuger-amitie-franco-allemande-renforcee-2537617

[18]http://www.volksbund.de/fileadmin/redaktion/BereichInfo/BereichInformationsmaterial/KGS/Themenhefte/Normandie_F_2013.pdf

[19] Fabrice Virgili, Naître ennemi. Les enfants de couples franco-allemands nés pendant la seconde guerre mondiale, Paris, Payot, 2009, 376 p., ISBN : 978-2-228-90399-8

Jean-Paul Picaper et Ludwig Norz: Les enfants maudits, 2004. Deutsch:  Die Kinder der Schande. 2005

http://leplus.nouvelobs.com/contribution/214055-mon-grand-pere-etait-un-soldat-allemand-et-ma-mere-une-enfant-de-la-honte.html

http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2009/11/30/01016-20091130ARTFIG00413-200000-enfants-de-soldats-allemands-seraient-nes-en-france-.php