Stolpersteine in Frankfurt am Main, eine Buchempfehlung

Im Juni 2016 habe ich in diesen Blog einen Bericht über die Verlegung von zwei Stolpersteinen in Frankfurt am Main eingestellt: Von Frankfurt nach Paris und zurück: Die Stolpersteine in der Westendstraße. Am Anfang stand eine Begegnung in Paris mit dem in Frankfurt geborenen und bis zur sog. „Kristallnacht“ dort aufgewachsenen Pariser Arzt Dr. Pierre Adler – ein im Blog beschriebenes,  für alle Frankfurter Lokalpatrioten und Stoltze-Freunde wahrhaft anrührendes Zusammentreffen. Daraus entstanden mehrere Projekte:

  • ein Interview mit Dr. Adler, das dem Projekt „jüdisches Leben in Frankfurt“ zur Verfügung gestellt wurde;
  • von meiner ehemaligen Kollegin Frau Doris Stein erstellte Portraits von Recha und Dr. Leo Koref sowie von Dr. Pierre Adler, die demnächst  auf der Website des Projekts veröffentlicht werden.
  • ein Besuch von Dr. Adler und seiner Frau in Frankfurt im Mai 2016 im Rahmen des Besuchsprogramms der Stadt für  jüdische sowie politisch oder religiös verfolgte ehemalige Frankfurter Bürgerinnen und Bürger“
  • und im Rahmen dieses Besuchsprogramms die Verlegung von zwei Stolpersteinen in der Frankfurter Westendstraße für Recha und Dr. Leo Koref, zwei Verwandte von Dr.  Adler, die Opfer des Holocausts geworden sind.

Zwar hatte ich bis dahin schon einige Stolpersteine gesehen und auch einiges darüber  gelesen, aber mich noch nicht intensiver mit ihnen beschäftigt. Das Stolperstein-Projekt für die Verwandten Dr. Adlers mit der bewegenden kleinen Verlegungs- Zeremonie vor dem Haus Westendstraße 98 als Abschluss und Höhepunkt veranlasste mich aber, bei einem Besuch der Stadt gewissermaßen mit Stolperstein-Blicken durch die Straßen zu gehen und machte mich neugierig –hatte ich wieder einen entdeckt- mehr über die Menschen zu erfahren, an die hier erinnert wird.

Diesem Bedürfnis kommt jetzt ein gerade erschienenes kleines Buch entgegen. Herausgegeben von der Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main schlägt es zehn Rundgänge durch Frankfurter Stadtteile  vor.  Sie führen zu Orten, aus denen Menschen zur Zeit des Nationalsozialismus herausgerissen wurden und man erfährt dabei etwas über ihr Schicksal. Und es wird auch auf Orte jüdischen Lebens in Frankfurt aufmerksam gemacht, an denen man sonst vielleicht achtlos vorbeigehen würde.

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Dass ich  dieses Buch hier empfehle, hat mehrere Gründe:

In Frankfurt gibt es inzwischen weit mehr als 1000 Stolpersteine für Opfer des NS-Regimes – nach Berlin, Hamburg und Köln ist Frankfurt damit die vierte deutsche Stadt mit mehr als 1000 Stolpersteinen. Immerhin hatte Frankfurt ja auch in den 1920-er Jahren nach Berlin die größte jüdische Gemeinde Deutschlands und war die deutsche Stadt mit dem größten Anteil jüdischer Bevölkerung (6,3%).  Alle Stolpersteine in einem Buch zu dokumentieren, würde wohl in vielerlei Hinsicht abschrecken. Aber sich ab und zu unter Anleitung eines handlichen kleinen Buches einen eng umgrenzten Spaziergang von 1 bis 3 km Länge durch einen Frankfurter Stadtteil vorzunehmen: Das wirkt einladend. Zumal Anfangs- und Endpunkte mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen sind. Diese praktischen Informationen stehen gleich am Anfang der beschriebenen Rundgänge. Und eine Übersichtskarte gibt es auch.

Das Projekt der Stolpersteine ermöglicht einen konkret erfahrbaren Einblick „in jene umfassende Kartographie (….), welche die Stolpersteine über das Pflaster der deutschen und europäischen Städte legen“, wie die israelische Kunsthistorikerin Galit Noga-Banai schreibt. „Die Toten  des Holocaust haben keine eigenen  Gräber, doch jeder und jede von ihnen hatte ein Zuhause, einen Arbeitsplatz, eine Schule oder Universität- kurz eine Adresse. Was entscheidend ist, ist nicht das Haus oder das Gebäude, das die Verfolgten oder Getöteten einst bewohnten, sondern diese Adresse. Denn sie ist das, was bleibt, ganz egal, wer heute dort wohnt oder nach Schoa und Krieg dort gewohnt hat. Unter allen dort vorhandenen ‚Siedlungsschichten‘ gibt es -und wird es immer geben- die Schicht derjenigen, die verschleppt und vernichtet wurden und die namenlos waren, bis die Stolpersteine ihre Namen am selben Ort wieder sichtbar gemacht haben.“ (1)

Ein wichtiges Verdienst des Bucches ist es, dass hier nicht nur eine Kartographie jüdischen Lebens und jüdischen Leidens und Sterbens deutlich wird, sondern dass zusätzlich zu den auf den Stolpersteinen genannten Namen viele oft mit Bildern versehene nähere Informationen gegeben werden. Diese biographischen Angaben enden meist mit den Worten  „verhaftet“, „erschossen“, „deportiert“, „vergast“, „ermordet“.  Es geht hier um unermessliche, schreckliche Verbrechen, die im deutschen Namen begangen  wurden. Aber es sind hier keine abstrakten und sowieso kaum fassbaren Zahlen, sondern einzelne Menschen, mit einem Namen, einer Familie, einer eigenen Geschichte und einem konkreten Ort, wo sie gelebt haben, aber auch, wo sie zu Tode gekommen sind.  Dabei wird auch deutlich, was die Stadt mit der Vertreibung und Vernichtung ihrer jüdischen Mitbürger verloren hat.  Da ist die Opernsängerin Magda Spiegel, die 18 Jahre lang dem Ensemble der Frankfurter Oper angehörte. Sie übernahm Rollen in Opern von Wagner und Verdi, wurde aber auch von zeitgenössischen Komponisten wie  Hindemith, Schreker und Richard  Strauß geschätzt. Theodor W. Adorno bezeichnete sie noch Anfang 1933 als „eine der größten Sängerinnen im deutschsprachigen Operntheater“. (S. 83)  1935 wurde ihr Vertrag nicht mehr verlängert. Ihr weiteres Leben in Frankfurt war von großer Not und mehreren erzwungenen Umzügen geprägt. 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert, wo sie noch bei Opernabenden sang.  1944 verlor sich ihre Spur in Auschwitz… Da gibt es den Kaufmann Julius Wertheimer, dem ein großzügiges Mietshaus am Bethmannpark gehörte. Die Nazis machten daraus ein Ghettohaus oder –wie sie es nannten- ein „Judenhaus“, in dem andernorts vertriebene Juden zusammengepfercht wurden. Julius Wertheimer überlebte die NS-Herrschaft in einem Versteck in Amsterdam – anders als Anne Frank, die natürlich in einem solchen Buch nicht fehlen darf und der ein eigener Rundgang gewidmet ist. Man kommt dabei an ihrem Geburtshaus vorbei und an dem  Haus, in dem die Familie Frank von 1931 bis zur Übersiedlung nach Amsterdam 1933 wohnte. Anne Franks Vater wurde dort Direktor der Opekta-Niederlassung. Ab 1942 wurden Anne und ihre Familie von holländischen Angestellten der Firma im Hinterhaus des väterlichen  Geschäfts in der Prinsengracht versteckt, wo das weltberühmte Tagebuch entstand. Im August 1944 wurde das Versteck verraten und die Bewohner verhaftet und deportiert. Im KZ Bergen-Belsen wurde Anne Frank ermordet. Der Rundgang auf den Spuren  Anne Franks beginnt übrigens an der Bildungsstätte Anne Frank, einem schönen Beispiel des in den 1920-er Jahren in Frankfurt sehr lebendigen Bauhaus-Stils. Das Gebäude war zunächst Jugendherberge, nach dem Krieg Theater der amerikanischen  Armee (American Playhouse); seit 1990 ist es ein Ort, an dem pädagogische Bildungsarbeit zu historischen und aktuellen Themen für Jugendliche und Pädagogen betrieben wird. (In meiner Zeit als Lehrer und Ausbilder in Frankfurt war ich öfters  dort mit Gruppen von Schülern oder angehenden Lehrkräften zu Gast).

Die meisten Geschichten, die in dem Buch anhand der Stolpersteine erzählt werden, enden tragisch wie die beiden nachfolgenden, die ich hier aufgreife,  weil sie zu diesem Frankreich- Blog und dem dort zu findenden Text über „Exil in Frankreich“ (Frankreich/Geschichte 18. April 2016) passen:  Der kleine  Kurt Joseph Marx (Stolperstein von der Eysseneckstraße 33) ist durch seine musikalische Begabung so bekannt, dass er  im Frankfurter Radio Akkordeon spielt. Schon 1933 entscheidet sich die Familie zur Großmutter ins Elsass zu ziehen. Mit Kriegsbeginn werden Kinder und Eltern zunächst als feindliche Ausländer interniert, dann aber wieder freigelassen. Kurt arbeitet als Knecht bei Bauern und kann so die Familie mit Nahrungsmitteln versorgen. Nach dem Sieg der Wehrmacht über Frankreich gelangt die Familie in das noch unbesetzte Südfrankreich, wird auch dort interniert, aber unter abenteuerlichen Umständen erneut freigelassen. 1943 wird Kurt dann aber endgültig verhaftet und über das Internierungslager Gurs in den Pyrenäen und das Durchgangslager Drancy bei Paris –heute endlich eine würdige Gedenkstätte- nach Majdanek in den Tod geschickt. Ein ähnliches Schicksal erlitt auch Joseph Strauß, dessen Eltern in der Fahrgasse 44-46 eine koschere Metzgerei betrieben. (heute 18-20. Dort liegen die Stolpersteine für ihn und seinen Bruder Robert, der ebenfalls –mit Frau und Kindern deportiert und ermordet wurde).  Joseph konnte 1937 über Italien und die Schweiz nach Frankreich flüchten, wo er im Lager Rivesaltes bei Perpignan als „unliebsamer Ausländer“ interniert wurde – neben spanischen Bürgerkriegsflüchtlingen, Juden, Kommunisten und „Zigeunern“. Im Dezember 1942, also kurz nach der Besetzung der von Vichy verwalteten sogenannten „freien Zone“,  wurde auch er über Drancy nach Auschwitz deportiert.

Wichtig und gut ist, dass bei den Stolpersteinen und den Rundgängen nicht nur jüdische Opfer des NS-Regimes berücksichtigt sind. Es sind auch  Euthanasie-Opfer oder die 1940 ins KZ  Ravensbrück eingelieferte und dann ermordete Sinti- und Roma- Frau Kunigunde Klein. Ihren Nachkommen wurde noch 1962 eine „Wiedergutmachung“ –ein „Unwort“ der 1950-er Jahre-  verweigert, weil doch angeblich erst 1943 „die Verfolgung der Zigeuner aus rassischen Gründen“ begonnen habe. Dies entsprach der damals geltenden Urteilspraxis, nach der die Verfolgung der Sinti und Roma bis 1943 allein auf die Neigung dieser Bevölkerungsgruppe zu „Asozialität“, „Kriminalität“ und „Wandertrieb“ zurückzuführen, also insoweit nicht entschädigungsrelevant sei. Der Stolperstein für Kunigunde Klein  wirft damit ein Schlaglicht auf ein düsteres Kapitel der deutschen Rechtsgeschichte nach 1945.

Die Darstellung der Rundgänge beginnt mit einer allgemeinen Einführung in den entsprechenden Stadtteil – natürlich unter besonderer Berücksichtigung der Rolle, die dort vor 1933 jüdische Mitbürger/innen gespielt haben. Insgesamt wird in dem Buch viel von dem alten  Frankfurt lebendig, wozu entsprechende Illustrationen, zum Beispiel der Judengasse und  des Stammhauses der Rothschilds in der Börnestraße, beitragen. Aber dazu kommen auch viele eher private Fotos – vermutlich aus Familienbesitz-  so dass insgesamt ein  facettenreiches Bild jüdischen Lebens in Frankfurt entsteht.

Bei den Rundgängen erfährt man auch  viel Schlimmes, Bedrückendes über geschäftstüchtige, schamlose Profiteure, die in der Vertreibung ihrer  Mitbürger eine Chance für sich sahen, indem sie zum Beispiel „nicht-arischen Besitz“ billig ersteigerten, jüdische Immobilien zum Schnäppchenpreis aufkauften oder ihren Nachbarn, die die Wohnung verlassen mussten, weil sie deportiert wurden,  ein paar Kartoffeln für ein  Möbelstück anboten: „Ihr kommt ja doch alle fort und dürft nichts mitnehmen“. An Vertreibung und Vernichtung erinnern die neue Gedenkstätte an der Großmarkthalle/der EZB oder die Gedenkstätte am Börneplatz mit dem Alten Jüdischen Friedhof, die auch bei den Rundgängen angesteuert werden: An der Außenmauer des Alten Jüdischen  Friedhofs sind auf 12.780 kleinen hervorgehobenen Stahlblöcken Name, Geburtstag, Todestag und Deportationsort aller Frankfurter Juden verzeichnet, die zwischen 1933 und 1945 deportiert und ermordet wurden.

Aber auf den Rundgängen wird auch die Civilcourage nicht ausgespart, die es immerhin gab; Da ist die „arische“ Haushaltshilfe, die von dem jüdischen Ehepaar,  bei dem sie arbeitete, aufgrund der Nürnberger Gesetze entlassen werden  musste; die aber nachts ins Haus schlich, um Lebensmittel zu bringen, während ihre Tochter Schmiere stand… oder der  katholische  Pfarrer, der sich weigerte, am 9. November 1935 –dem Gedenktag an den Hitlerputsch von 1923- seine Kirche mit Hakenkreuz-Fahnen zu beflaggen und der deshalb mehrere Monate in Haft gehalten  wurde… oder der in dem Buch „Portier“ genannte „Hauswart“,  der am 10. November 1938 den gewalttätigen Nazimob abwehrte, indem er im gespielten Brustton der Überzeugung erklärte, in diesem Haus gäbe es keine Juden: Davon haben zum Teil die berichtet,  denen solche Akte der Menschlichkeit galten. Und es sind gerade solche Akte der Menschlichkeit und der Civilcourage, die hochgehalten werden müssen, wenn man das „Nie wieder!“  als Auftrag ernst nimmt.

Man kann das Buch gut in die Tasche stecken und mit seiner Anleitung dem einen  oder anderen  Rundgang folgen. Man kann aber das Buch oder das eine oder andere Rundgang-Kapitel einfach auch nur in Ruhe lesen. Eine abwechslungsreiche, spannende, beschämende, bereichernde Lektüre. Das liegt auch an den vielen verwendeten persönlichen Dokumenten, die die Initiative Stolpersteine aufgespürt und verwendet hat: Das ist Geschichte von unten  im besten Sinne.  Das Buch enthält dazu eine Reihe von aufschlussreichen Anhängen: u.a. eine Liste der Deportationen aus Frankfurt von 1941- 1945; ein Glossar, in dem im Buch verwendete Begriffe wie „Heimeinkaufsvertrag“,  „Mischehe“ oder eben „Judenhaus“ erklärt werden; eine Übersicht über Opfergruppen (Juden, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Sinti und Roma, politischer Widerstand, „Euthanasie“-Opfer) mit der Angabe, wie viele Stolpersteine bisher für Angehörige der jeweiligen Gruppen verlegt wurden, und eine ausführliche,  auch auf die einzelnen Stadtteile bezogene Bibliographie.

 

Stolpersteine  holen, wie der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann in dem Grußwort zu dem Buch schreibt, „Opfer aus ihrer Anonymität und geben uns und ihnen ihre persönliche Geschichte zurück. Sie führen uns zu den Orten, wo sie gelebt, gearbeitet, gelitten haben.“  Sie sind Anlass  und Ergebnis einer engagierten Forschungsarbeit, wie sie unter anderem von der Initiative Stolpersteine Frankfurt oder vom Projekt jüdisches Leben in Frankfurt geleistet wird. Oft waren es die Stolpersteine, die dazu anregten, Erinnerungen an die dort genannten Menschen zu erzählen und aufzuschreiben und sie so vor dem  Vergessen zu bewahren. Stolpersteine sind auch Anlass für Begegnungen zwischen überlebenden Opfern und ihren Nachkommen einerseits, die oft von weither anreisen, um bei der Verlegung der Stolpersteine dabei zu sein, und den (i.a.) Frankfurter/innen, die die Patenschaft für einen Stein übernommen haben. Und sie sind – um noch einmal Peter Feldmann zu zitieren, „eine Form der aktiven Annäherung an die Geschichte“, die „durch ihre Anschaulichkeit auch besonders geeignet (erscheint) für Schulklassen, Jugendgruppen und für junge Menschen überhaupt.“ Dies umso mehr, als es kaum noch Zeitzeugen gibt, die selbst noch berichten können. Und es gibt  immer mehr junge Menschen aus anderen Ländern und Kulturkreisen in Deutschland, die auch mit diesem Abschnitt der deutschen Geschichte vertraut gemacht werden sollten und von denen manche, die aus ihrem Heimatland flüchten mussten,  ganz persönliche Bezüge zu denen finden können, deren  Namen auf den Stolpersteinen verzeichnet sind.  In diesem  Sinne verstehe ich übrigens auch das Bild, das die Initiative  Stolperstein für das Foto auf der Umschlagseite ausgewählt hat.

Ich wünsche dem Buch also die Verbreitung, die es verdient. Und wenn dann einmal eine zweite  Auflage notwendig sein wird, dann wünsche ich mir, dass darin auch ein Rundgang durch das südliche Westend aufgenommen wird. Lohnende Anlaufpunkte gäbe es da mehr als genug: Zum Beispiel die Bettinaschule, die sich sehr engagiert mit ihrer Vergangenheit im Nationalsozialismus und dem Schicksal ehemaliger jüdischer Mitschüler/innen auseinandergesetzt hat; oder in der Westendstraße 92 den Stolperstein des Mediziners und Mitbegründers der Frankfurter Stiftungsuniversität Karl Herxheimer, der den eminenten Beitrag  jüdischer Mitbürger zur kulturellen und wissenschaftlichen Entwicklung Frankfurts veranschaulicht – und ein paar Häuser weiter befinden sich vor der Nr. 98 natürlich die Stolpersteine für Recha und Dr. Leo Koref….

 

Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main (Hrsg.): Stolpersteine in Frankfurt am Main. Zehn Rundgänge. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel 2017. 196 Seiten, 14.90 €

 

Vorstellung der Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main (S.195):

Die Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main recherchiert die Schicksale der Opfer, koordiniert die Verlegungen und informiert die Öffentlichkeit. Die Lebensgeschichten der Menschen, für die Stolpersteine verlegt werden, erscheinen in einer jährlichen Dokumentation. Die Dokumentationen sind in gedruckter Fassung erhältlich sowie als PDF-Dateien auf der Homepage der Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main herunterzuladen. Auf der Homepage der Initiative befindet sich auch die Liste der bisher verlegten Stolpersteine in alphabetischer Reihenfolge sowie nach Stadtteilen sortiert und unter dem Menüpunkt Dokumentationen ein Link zur Kartendarstellung aller in Frankfurt verlegten Stolpersteine. Auch die Homepage der Stadt Frankfurt bietet eine umfassende Dokumentation aller bisher verlegten Stolpersteine.“

Kontakt:

info@stolpersteine-frankfurt.de

www.stolpersteine-frankfurt.de

Dort findet man auch die Daten und Orte weiterer Stolperstein-Verlegungen, zu denen auch die Öffentlichkeit eingeladen ist.

Die Website des Projekts „jüdisches Leben in Frankfurt“:

http://www.juedisches-leben-frankurt.de/home/biographien-und-begegnungen.html

Die Informationen  zu Stolpersteinen auf der Website der Stadt Frankfurt am Main:

http://www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=1907322&_ffmpar[_id_inhalt]=1945549

 

Anmerkung:

(1) Galit Noga-Banai, Der Ort der Märtyer. Günter Demnigs Stolpersteine stehen in einer Tradition, die nicht abreißen darf. Anmerkungen zur Münchner Gedenkdebatte. In: FAZ 25. Januar 2018, S. 12. Noga-Banai kritisiert mit guten Argumenten das Münchner Verbot, in der Stadt Stolpersteine zu installieren, das auf Betreiben der langejährigen Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde von Stadtrat 204 beschlossen und 2015 erneuert wurde. „Die Stolpersteine, so Knoblochs Argumentation, seien keine würdige Form des Gedenkens, das  sie ‚bewusst oder leichtfertig mit Füßen getreten, beschmiert, mit Exkrementen von Hunden beschmutzt, geklaut, beschädigt‘ werden könnten.“  Das Frankfurter Stolperstein-Buch könnte aber eher dazu dienen, das Projekt Demnigs mit anderen Augen zu sehen und die  Gedenkdebatte in München wieder aufzunehmen, wie es Noga-Banai anregt.

François Hollande: Abgesang auf einen allzu normalen Präsidenten

Am 1. Dezember hat der französische Präsident angekündigt, auf die  Kandidatur für eine erneute Amtszeit zu verzichten. Es ist dies ein einzigartiger Vorgang  in der Geschichte der 5. Republik Hollande zieht damit die wohl einzig richtige Konsequenz aus seiner aktuellen Situation: Seine Popularität ist –auch einzigartig in der 5. Republik- derart am Boden, dass schon seine Aussichten, auch nur die Vorwahlen der sozialistischen Partei zu gewinnen, gering waren: Eine größere Demütigung für einen Präsidenten wäre kaum vorstellbar gewesen. Und selbst wenn er diese Vorwahlen –allen Prognosen zum Trotz- doch noch gewonnen hätte: Ob er es dann bei den Präsidentschaftswahlen in den zweiten Wahlgang geschafft hätte, wäre wohl noch unwahrscheinlicher gewesen. Diesen Zweikampf werden wohl François Fillon und Marine Le Pen bestreiten…

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Bild aus: http://www.lexpress.fr/actualite/politique/elections/inconsciemment-hollande-avait-integre-qu-il-ne-se-representerait-pas_1856571.html

Über die Bilanz des Präsidenten Hollande ist in den letzten Tagen in Frankreich und sicherlich auch in Deutschland viel geschrieben worden. Darauf muss nicht noch einmal eingegangen werden. Es gibt aber einen zentralen und ausgesprochen französischen Aspekt der Beurteilung, auf den ich hier  hinweisen möchte: Die präsidiale Statur Hollandes. In Frankreich hat der Präsident der 5. Republik ja den Rang eines „republikanischen Königs“, sein Amtssitz wird gerne als „château“ bezeichnet, seine Machtbefugnisse sind aus deutscher Sicht äußerst weit gefasst,  seine Auftritte werden oft mit einem an vorrevolutionäre Zeiten erinnernden Pomp inszeniert.

Übersieht man die (vorläufigen) „Nachrufe“  französischer Medien auf die Präsidentschaft Hollandes, so sind durchaus deutliche Unterschiede erkennbar:  Da ist im Leitartikel des „Figaro“  vom 2.12. –nicht weiter überraschend-  von einem „quinquennat nul et non avenu“  (einer null- und nichtigen Amtszeit) und einem „président qui ne l’était pas“ (einem Präsident, der keiner war) die Rede, der Herausgeber von „Libération“ , Laurent Joffrin, (2.12., S.3) sieht durchaus Positives, was dann mit der Zeit auch anerkannt werde und Le Monde, auch wenn sie insgesamt von einem „échec“ (Scheitern) Hollandes spricht,  zieht eine abgewogene Bilanz der  Amtszeit Hollandes in wichtigen Bereichen von Politik und Wirtschaft.

In einem Punkt allerdings scheint weitgehende Einigkeit zu herrschen:

Der französische Präsident, der sich im Wahlkampf als „président normal“ präsentiert habe, habe es, abgesehen von seinen Auftritten als Kriegsherr im Kampf gegen den inneren und äußeren Terrorismus-  nicht verstanden, die Würde seines Amtes hinreichend zu verkörpern, wie der Leitartikler von Le Monde schreibt. „le président ‚normal‘ François Hollande n’est pas parvenu à incarner pleinement, aux yeux des Français, la gravité de la fonction“.  Entsprechend heißt es auch später in der Besprechung des Film von Jean-Michel Djian über François Hollande, le mail-aimé (2017): 

.“ce ‚président normal‘ que tout le monde trouves certes sympathique, empathique et chaleureux, mais que n’a pas su endosser le costume d’un chef d’Etat.“(0)

Ein umso bemerkenswerteres Urteil, als es gerade die Zeitung le Monde war, die –anschaulich vor allem in den Karikaturen ihres Zeichners Plantu – die angekündigte « Normalität » des Präsidenten  Hollande zunächst mit einiger Sympathie kommentiert hat.[1]

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Nach den Erfahrungen der Amtszeit Hollandes urteilt Le Monde aber kritisch über die « Normalität » des Präsidenten –  und ganz entsprechend auch  Libération: „le grand échec de Hollande a été cette fameuse incarnation présidentielle. Il s’était présenté ‚normal‘. Il a fini dans l’anormalité des tréfonds de l’impopularité.“ (2. Dez., S. 3) (Das große Scheitern Scheitern bestand in dieser berühmten Verkörperung der Präsidialität. Er stellte sich (im Gegensatz zu Sarkozy, W.J.) als „normal“ dar.          Und er endete in der Anormalität abgrundtiefer Unpopularität.)

Zuletzt war es in diesem Jahr die Veröffentlichung eines Buches von zwei Le Monde-Journalisten mit Gesprächen, die sie mit dem Präsidenten geführt hatten, das zu diesem Verdikt beitrug.  Der aufschlussreiche Titel des Buchs „Un président ne devrait pas dire ça“- Ein Präsident sollte so etwas nicht sagen.  Hollande äußert sich darin abschätzig über alle möglichen Institutionen und Personen: etwa über hohe Instanzen der Justiz, prominente Parteifreunde wie den Parlamentspräsidenten oder die Mitglieder der französischen Fußballnationalmannschaft. Was Hollande geritten hat, der Veröffentlichung eines solchen Buches zuzustimmen, ist ein Rätsel. Er präsentiert sich hier als  „Plaudertasche“, die ohne Rücksicht auf die zu erwartenden Konsequenzen aus seinem Herzen keine Mördergrube macht. Die  Reaktionen waren denn auch von einer kaum zu überbietenden Heftigkeit, Ministerpräsident Valls etwa kündigte dem Präsidenten die Gefolgschaft auf.  Der Nouvel Observateur bezeichnete denn auch den Titel des Buchs als Grabinschrift auf dem Epitaph des Präsidenten Hollande.[2]

Für den Leitartikler des Figaro (2.12., S.1) ist  dieses Buch „accablant  de concentré de cynisme et d’autosatisfaction, reflet d’un Narzisse au miroir des journalistes“ (eine niederschmetternde Mischung aus Zynismus und Selbstzufriedenheit eines sich im Spiegel der Journalisten sonnenden Narzis‘). Damit habe das Buch zu dem „abaissement sans équivalent de la fonction pésidentielle“ (einer beispiellosen Abwertung der präsidentiellen Funktion) beigetragen. Die Präsidentschaft Hollandes sei „sans grandeur ni vision“ gewesen bis hin zur Lächerlichkeit.  

Und der Figaro verweist in diesem Zusammenhang auch auf Hollands nächtliche Scooter-  Eskapaden, die Anfang 2014 Furore machten. Ich habe damals dazu einen kleinen Text geschrieben, in dem es darum ging, was ein französischer Präsident tun darf oder vielleicht besser lassen  sollte. Dieser Text erhält angesichts des angekündigten Rückzugs von Hollande und der Kritik an seiner unzureichenden „Präsidiabilität“ eine gewisse erneute Aktualität. Ich füge ihn deshalb ohne weitere Kommentare und Anmerkungen hier an.

 

 

Was ein Präsident nicht tun darf: Vaudeville im Elysée-Palast  (Februar 2014)

Seit am 9. Januar 2014 das Magazin Closerdie heimliche Liebe des Präsidenten“ publik machte, schlägt das Thema große Wellen in Frankreich. Das gilt natürlich vor allem für die sogenannte People-Presse, die das Thema weidlich und genüsslich ausschlachtet und damit den sinkenden Auflagenzahlen einen ungeahnten Aufschwung verleiht.[3]

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In unseren Pariser Alltagsgesprächen spielt das Thema aber auch eine Rolle. Mein Bekannter im Schwimmbad beispielsweise, mit dem ich mich gerne in der Umkleidekabine etwas unterhalte, findet, der Präsident solle sich mal lieber mehr ums Regieren kümmern. Das sei dringend nötig. Eine Freundin findet das alles nur schlimm und abstoßend und ist tief enttäuscht von Hollande, während für einen anderen Freund das Privatleben eines Präsidenten überhaupt kein Thema ist und es auch für die Öffentlichkeit Tabu sein sollte.

Karikaturisten sehen das natürlich anders. Für sie sind die nächtlichen Roller-Ausflüge des Präsidenten ein gefundenes Fressen.

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Der von uns sehr geschätzte Karikaturist von Le Monde, Plantu, der den „président normal“ bisher gerne in einen deux chevaux, eine alte Ente von Citroën, setzte, ließ  ihn jetzt auf einem Roller und gleich zwei Damen auf dem Sozius –natürlich seine (ehemalige)  Partnerin Trierweiler und seine Geliebte Julie Gayet-  beim Papst vorfahren, um sich bei ihm Rat zu holen. (Le monde 24.1.)  Und ein anderer retouchierte in ein Bild François Hollandes bei seiner Pressekonferenz vom 14. Januar einen Helm.

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Das offizielle Thema der Veranstaltung war natürlich Hollandes ökonomisches „coming out“, wie es ein Kommentator von Le Monde nannte- also sein bemerkenswerter Wechsel von einem sozialistischen Wahlkämpfer, der der Welt der Finanz den Krieg erklärte und für Großverdiener einen Steuersatz von 75% einführen wollte, zu einer die Unternehmen begünstigenden Angebotspolitik.. Aber natürlich war –trotz der (nur) für ausländische Beobachter erstaunlichen Zurückhaltung der französischen Journalisten-  das Privatleben des Präsidenten ein unterschwelliges und mit dem Motorradhelm bezeichnetes Thema.

Ein Indiz für dessen große Resonanz sind auch die Internet-Foren: Zum Beispiel gab es  nach der offiziellen Bekanntgabe der Trennung Francois Hollandes von seiner Partnerin Valérie Trierweiler zu der entsprechenden Meldung in der Internet-Ausgabe der Tageszeitung Le Figaro innerhalb von knapp 24 Stunden insgesamt 1024 Kommentare, was absolut außergewöhnlich ist. Dass sie fast durchweg nicht sehr schmeichelhaft für den Präsidenten waren, ist –gerade bei einem konservativen Blatt wie dem Figaro- nicht weiter erstaunlich, aber neutrale oder positive Reaktionen nach dem Motto „Warum denn nicht?“ oder „Ist doch schön und kann für Frankreich nur von Vorteil sein, wenn’s ihm gut geht“ waren kaum oder gar nicht vertreten.[4]

Unterhaltsam ist die Geschichte auf jeden Fall. Es gibt sogar schon ein Computerspiel, ein „jeu du scooter“ mit dem Titel: „Aidez François à rejoindre Julie!“ (Helfen Sie Francois dabei, Julie zu treffen).

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Der Spieler hat die Aufgabe, das Zweirad des Präsidenten zu seiner Geliebten zu steuern. Der Weg dorthin ist allerdings mit Hindernissen gespickt, die überwunden werden müssen: Denn natürlich wollen ihm Valérie Trierweiler, Ségolène Royal und die Paparazzi den Weg versperren….[5]

Le „vaudeville elyséen“

Der hohe Unterhaltungswert des präsidialen Privat- und Liebeslebens wird gerne mit dem Begriff Vaudeville bezeichnet, der sich derzeit einer großen Beliebtheit in den französischen Medien erfreut und Chancen hat, Wort des Jahres in Frankreich zu werden.[6] Gemeint ist damit ein unterhaltsames Volkstheater, in dem bevorzugt die Beziehungsfetzen fliegen. Frankreich liebe den Vaudeville, schreibt Christoph Barbier in seinem Leitartikel im Express vom 22.1., seit ihn Georges Feydeau in der Belle Epoque populär gemacht habe. Und heute tröste sich Frankreich  über seinen Niedergang hinweg, indem es sich über die präsidialen Liebschaften amüsiere.[7] Wie stark Franzosen derzeit von dem Gefühl eines Niedergangs ihres Landes beherrscht sind, zeigen aktuelle Umfrageergebnisse: Es sind immerhin 85% der Franzosen, die dieses Gefühl haben.[8] Und 60% der Franzosen glauben, dass die Jüngeren im Vergleich zur Elterngeneration vom sozialen Abstieg betroffen seien – gegenüber (für mich etwas erstaunlich) nur 7% der Deutschen. Keine guten Aussichten also. Insgesamt ergibt die Befragung das Bild eines Landes, das mehrheitlich Furcht hat, das von seinem Abstieg überzeugt ist und von dem Rückzug auf sich selbst und – damit zusammenhängend- von einer Zurückweisung der Anderen, nicht dazu-Gehörenden, geprägt ist.[9] Der „vaudeville élyséen“[10] kommt also gerade recht.

Und das Liebesleben des Präsidenten hat ja nun auch alles von einem gelungenen Vaudeville: Da verlässt der Präsident heimlich nachts auf einem Scooter den Elysée-Palast. Gefahren wird er wohl von einem Sicherheitsbeamten, aber den für einen französischen Präsidenten geltenden Sicherheitsanforderungen entspricht das ganz und gar nicht. Als der Präsidentschaftskandidat und Zweirad-Fan Hollande jedenfalls im März 2012 bei der Polizei anfragte, ob er als Präsident weiter Motorrad fahren dürfe, wurde ihm geantwortet, das ginge durchaus. Allerdings mit einem Wagen davor, einem dahinter und Motorrädern auf beiden Seiten.[11] Das galt dann aber bei seinen nächtlichen Ausflügen nicht. Immerhin war er –der Sicherheit und der Tarnung willen- schwer behelmt, wenn er sich zu seiner Geliebten in die nicht allzu weit entfernte Rue du Cirque aufmachte. Ein Vaudeville-Autor hätte sich übrigens keinen passenderen Straßennamen ausdenken können! Und dann ist das auch noch eine Straße mit einschlägiger Vergangenheit: Dort wohnte nämlich im 19. Jahrhundert die schöne Engländerin Elizabeth-Ann Howard, wie Julie Gayet übrigens eine Schauspielerin, der der damalige französische Präsident und spätere Kaiser Louis Napoléon Bonaparte seine allabendliche Aufwartung machte.[12] Da ist doch Hollande in bester Gesellschaft!

Und bevor er morgens wieder Abschied nehmen musste, wurden dem Paar –wir sind in Frankreich!- vom präsidialen Sicherheitspersonal frische Croissants gebracht.

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Plantu macht daraus eine hübsche Karikatur, indem er den Croissant-Service des Präsidenten –den man durchaus sympathisch im Fenster turteln sieht- mit dem gleichzeitig bekannt gewordenen Prämiensystem der Polizei verbindet. Da teilt also der Polizist auf dem Motorrad mit, er habe eine Prämie beantragt, als er morgens auch noch die Croissants habe holen müssen.

Ganz und gar unfranzösisch ist allerdings, dass es sich bei dem von dem Präsidenten benutzten Zweirad um ein italienisches Modell (Piaggio) handelte und nicht um eines aus französischer Produktion von Peugeot![13] Und das, obwohl doch Arnaud Montebourg,  „der Minister der produktiven Wiederaufrichtung“ Frankreichs -so sein offizieller Titel!- landauf, landab das „made in France“ propagiert[14] und den staatlichen Beschaffungsbehörden schon mit Auflösung gedroht hat, wenn sie nicht –ungeachtet aller europäischer Regelungen- das „made in France“  zu ihrer  obersten und absoluten Leitlinie  machten. Aber jetzt ist ja der Staat dabei, den –kein Wunder!- angeschlagenen Konzern Peugeot/Citroen zu retten, so dass man davon ausgehen kann, dass der Präsident bei seinem nächsten Vaudeville- Stück auf einem französischen Fabrikat unterwegs sein wird.  Und wenn es denn nicht mehr ein  aus Sicherheitsgründen wenig empfehlenswerter Scooter sein soll, dann vielleicht ein –dann aber bitte garantiert französisches!- Auto mit getönten Scheiben der Autovermittlung Sixt.[15]

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Herr Präsident, das nächste Mal vermeiden Sie den Scooter. Sixt vermietet Wagen mit abgedunkelten Scheiben

Immerhin war der Helm „Dexter“, den Hollande bei seinen nächtlichen Ausflügen trug, ein französisches Fabrikat der Firma „ch’ti“ Motoblouz. Die taufte den Helm schnell pfiffig um in: „Dexter Président“

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– und schaltete auch gleich eine Anzeige in Libération:  „Vielen Dank, dass Sie unseren Helm zu Ihrer Sicherheit gewählt haben.“  Der  Verkaufserfolg war damit garantiert.[16] Hier der Wortlaut des launigen Briefs an Hollande (von Präsident zu Präsident):

Cher Président,

Depuis la publication récente de photos vous montrant à scooter coiffé d’un casque de notre marque Dexter, ce modèle est en rupture de stock, victime de son succès. Nous saluons le choix d’une marque française pour vos déplacements en deux-roues… Dexter est en effet une création exclusive de Motoblouz.

D’autres modèles de notre nouvelle collection vous attendent sur notre site pour vos prochaines escapades sécurisées.Vous y trouverez également une collection de blousons pour femmes… le cadeau idéal pour une Saint Valentin réussie.

Du  mal à faire votre choix, votre coeur balance ? N’hésitez pas à faire appel à nos motoconseillers pour vous guider.

Bien cordialement,
Thomas Thumerelle
Président Directeur Général de Motoblouz

Bestes Vaudeville war natürlich auch der in der „people-Presse“ und in internet-Foren kolportierte „Ehekrach“ zwischen dem Präsidenten und seiner Compagne, wonach die offenbar völlig von den Eskapaden ihres Partners überraschte Valérie Trierweiler durch den Elysée Palast gerauscht sei und mit der ihr nachgesagten Impulsivität und Unberechenbarkeit einiges wertvolle Sèvres- Porzellan habe zu Bruch gehen lassen. Kosten des Eifersuchts-Vandalismus für die Staatskasse: 3 Millionen Euro.[17] Nein, das treffe so nicht zu, beeilte sich der zuständige Mobilier national mitzuteilen. Dass es aber „ein wenig Bruch“ gegeben habe, sei schon richtig, verriet das Frau Trierweiler wohlgesonnene Magazin „Closer“, das durch seine Veröffentlichung der Paparazzi-Bilder von den nächtlichen Eskapaden Hollandes das präsidiale Vaudeville offiziell eröffnet hatte.[18]

Das hatte allerdings schon eine passende Vorgeschichte, an die jetzt gerne wieder erinnert wird. Dazu gehört die –lange aus wahltaktischen Gründen verheimlichte-  Beziehung zu Valérie Trierweiler und das Eifersuchtsdrama in mehreren Akten zwischen ihr und Ségolène Royal, mit der Hollande 25 Jahre zusammen lebte und 4 Kinder hat. Aber das ist ein anderes Vaudeville- Stück, das auch einen hohen Unterhaltungswert hat. Da wird getwittert und intrigiert, da werden Beziehungs-Tischtücher zerschnitten, öffentliche Liebesbeweise eingefordert und abgegeben – es fehlt an nichts.

Der von Hollande vor die Elysée-Tür gesetzten Valérie bleibt dann immerhin noch das Angebot der Partnerschaftsvermittlungs-Agentur be2, sich dort kostenlos einzuschreiben und damit –auf eine ganz spezifische Weise- dem Wahlslogan Hollandes „Le changement c’est maintenant“ –Jetzt ist die Zeit des Wechsels- zu folgen.

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Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen…

Die zwei Körper des Präsidenten: vie privée versus vie politique

Mit all dem befindet sich Hollande in bester politischer und präsidialer Gesellschaft, an was jetzt natürlich auch gerne wieder erinnert wird. Da muss man gar nicht bis zu Louis Napoleon Bonaparte ins 19. Jahrhundert zurückgehen. Die 5. Republik bietet Stoff genug: Da gab es Mitterand, der heimlich auf Kosten des Staates eine Zweitfamilie unterhielt. Es  gab den Präsidenten Giscard d’Estaing, von dem sein Außenminister Couve de Murville etwas spitz sagte, er sei der einzige Staatsmann der Welt, von dem man ziemlich sicher sagen könne, wo er nachts nicht schlafe. (gemeint war damit das eheliche Schlafzimmer).[19] Giscard nährte auch durchaus Spekulationen über seine diversen Affären; die über eine Beziehung mit Lady Di allerdings dementierte er schließlich. Besonders hübsch und verbürgt ist die Geschichte von Giscard, der zu früher Morgenstunde am Steuer eines Ferraris den Lieferwagen eines Milchhändlers zerlegte- ein Husarenstück, das lange der Öffentlichkeit vorenthalten wurde. Vielleicht auch deshalb, weil sich Giscard in „galanter Begleitung“ befand –dem Vernehmen nach einer berühmten Schauspielerin.[20] Offenbar haben französische Staatspräsidenten ein besonderes Faible für Schauspielerinnen. Auch Präsident Chirac war alles andere als ein Frauenverächter. Er erhielt sogar den Spitznamen „dix minutes, douche comprise“ -10 Minuten, einschließlich Dusche  –  Derartiges sollte wohl seine Sekretärin in seinen Terminkalender eintragen, wenn er im Elysée Damenbesuch empfing. Seine Frau Bernadette, die immer zu ihm hielt, bemerkte dazu etwas süffisant, dass es bei ihm mit den Frauen immer im Galopp gegangen sei-  avec lui, „les femmes, ça galopait“. Und der Pferdefreund Chirac liebte es auch, in geselliger Runde einen Trinkspruch „auf die Pferde und Frauen“ auszubringen, „die wir besteigen“.  Immerhin blieben sein Affären anonym und schadeten nicht dem Ansehen des Präsidenten.[21]

Die Trennung zwischen Privatleben und der präsidialen –und generell politischen-  Funktion wurde hier noch in teilweise äußerst rigider –bis zur Selbstzensur gehender- Weise eingehalten. Das war zunächst auch noch so bei dem sozialistischen Präsidentschaftskandidaten Strauß-Kahn, der sich gerne mit Prostituierten im Bois de Boulogne herumtrieb und in exquisiten Partnertausch-Clubs (clubs libertins) ein gern gesehener Gast war. Das alles wusste „tout Paris“- und ebenso natürlich, dass eine Mitarbeiterin des IWF sich ganz offiziell über Strauß-Kahn beschwert hatte, weil er ihr gegenüber seine Stellung als Chef des IWF missbraucht habe. Aber auch das galt als Privatsache und tat den Ambitionen Strauß-Kahns auf die französische Präsidentschaft keinen Abbruch. Das änderte sich erst mit der Affäre im New Yorker Hotel Sofitel- auch wenn die von nachsichtigen Kommentatoren zunächst eher heruntergespielt wurde: Immerhin sei doch kein Blut geflossen, oder: Strauß-Kahn habe doch nur von einem alten Recht des Adels bzw. des Großbürgertums Gebrauch gemacht, sich seiner Hausangestellten nach Belieben zu bedienen.[22] Aber jetzt kamen auch Strauß-Kahns „parties fines“ mit jungem hübschem „matériel“, wie er es nannte, im Hotel Carlton in Lille ans Tageslicht, wegen derer er inzwischen wegen schwerer Zuhälterei (proxénétisme aggravé) angeklagt ist.[23]

Aber gerade die Affären von Stauß-Kahn führten in Frankreich zu einer intensiven Diskussion über die Haltung der Medien gegenüber dem politischen Personal des Landes: Bis dahin  hatte man die Trennung des präsidialen Körpers in einen offiziellen, der das Gemeinwesen repräsentiert, und einen privaten noch allseits respektiert und strikt eingehalten. Damit knüpfte die republikanische Monarchie der 5. Republik nahtlos an die monarchistische Tradition an.[24] Angesichts des Doppellebens von Dominique Strauß-Kahn stellten sich die Medien aber die Frage, ob nicht die Zurückhaltung bezüglich des Privatlebens von Politikern schon fast den Charakter einer Omertá habe, der das Recht der Bürger auf Information zum Opfer falle.[25]

Hollande hat nach der Veröffentlichung von Closer im Sinne der traditionellen Lehre das Recht auf Schutz seines Privatlebens herausgestellt und –wohl etwas voreilig-  mit juristischen Schritten gegen die Zeitschrift gedroht. Von juristischen Schritten ist aber inzwischen nicht mehr die Rede. Denn die Rechtsprechung in Europa (EuGH), aber auch in Frankreich, hat sich inzwischen in eine Richtung entwickelt, die bei Personen öffentlichen Interesses eher die Informationsfreiheit begünstigt.[26] . Insofern geht auch die etwas naiv-treuherzige Argumentation von Libération in die Leere, die die Leser/innen auffordert, sich doch einmal vorzustellen, ihr Privatleben werde so in die Öffentlichkeit gezerrt wie das des Bürgers François: „Et si François, Julie et Valérie, c’était moi ? »[27]  Der Bürger François Hollande ist aber nun einmal Präsident, er hat sich aus freien Stücken für dieses Amt  beworben und konnte kaum so naiv sein, davon auszugehen, dass ein solches Amt nicht auch sein Privatleben in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rückt.

Hollande hat übrigens selbst der Vermischung der öffentlichen und der privaten Sphäre Vorschub geleistet und sein Privatleben gezielt zum Nutzen seiner politischen Ambitionen in die Öffentlichkeit gebracht. Zusammen mit Ségolène Royal verbreitete er das Bild einer Familienidylle. Und als es  damit zu Ende war, bezeichnete er  in einem Interview mit der Zeitschrift Gala Valérie Trierweiler als die Frau seines Lebens – was auf der Titelseite der Zeitschrift plakativ aller Welt verkündet wurde.[28] Ein solcher Satz nach 25 Jahren Ehe und gemeinsamer politischer Arbeit mit Ségolène Royal hatte natürlich etwas Peinliches, und Hollande bekannte später, er hätte „der Frau seines Lebens“ noch ein „aujourd’hui“- also: heute- hinzufügen müssen. Vielleicht hat Hollande bei diesem späten Eingeständnis ja  nicht nur an die Vergangenheit, sondern auch schon an die Zukunft gedacht- die da in Gestalt von Julie Gayet möglicherweise sogar schon Gegenwart war.[29]

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Confidences exclusives. François Hollande; „Valérie est la femme da ma vie“

Hollande ging mit diesem öffentlichen Bekenntnis zu Valérie Trierweiler im Grunde sogar noch weiter als sein Vorgänger Sarkozy, der auf einer Pressekonferenz verkündet hatte: „Avec Carla, c’est du sérieux“. (Mit Carla ist es ernst). Die von Sarkozy betriebene intensive Verknüpfung von Amt und Privatleben hat Hollande zwar heftig kritisiert – aber überzeugend war das nicht: Wer selbst im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen…

Bemerkenswert ist übrigens aus deutscher Sicht, dass in diesem Zusammenhang die deutsche Bundeskanzlerin in den Internet-Foren immer wieder als Gegenbild herausgestellt wird: Sie mache ernsthafte politische Arbeit, die nicht von ihrem Privatleben beeinträchtigt werde. Und bezogen auf die Cécilias, Carlas, Valéries und Julies ist den Franzosen die Rolle des geheimnisvollen „Herrn Sauer“, des Mannes von Frau Merkel, schon fast etwas unheimlich und er wird –als regelmäßiger Bayreuth-Gast zusammen mit seiner Frau- zum „Phantom der Oper“… [30] Ein bisschen weniger protestantische Strenge darf es dann doch sein in Frankreich.

François Hollande: ein allzu normaler Präsident

François Hollande wollte –im Gegensatz zu seinem Gegenspieler Sarkozy, aber auch in
Abgrenzung zu Dominique Strauß-Kahn- ein „normaler Präsident“ sein. Vielleicht gehört zu dieser Normalität für ihn vielleicht auch, dass die Beziehungen zwischen Mann und Frau heutzutage eher nicht mehr dem rigiden Modell katholischer Orthodoxie entsprechen. Dann wären die nächtlichen Exkursionen in die Rue du cirque schlichter Ausdruck der geltenden gesellschaftlichen Normalität.[31]

Aber vielleicht ist diese Normalität bei einem Präsidenten doch weniger angebracht. Von einem Präsidenten scheinen die von ihm repräsentierten Bürger doch etwas weniger gesellschaftliche Normalität und etwas mehr präsidiale Würde zu erwarten. Serguei hat das in der hier abgebildeten, „Herzensbrecher“ überschriebenen Karikatur (Le Monde 16.1.14) zum Ausdruck gebracht:

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Auch wenn Hollande da beteuert, er sei doch seiner Marianne immer treu geblieben, zeigt sie ihm die kalte Schulter: „Für mich bist du allzu normal!“ Und die negativen Umfragewerte – Hollande hält in dieser Hinsicht den Negativrekord unter den Präsidenten der 5. Republik- kann er damit sicherlich nicht umkehren.[32] Das brachte auch –wie immer sehr pointiert- die satirische Wochenzeitschrift Charlie Hebdo mit einem entsprechenden Titelbild zum Ausdruck:

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Es bezieht sich auf die die inzwischen berühmte Anapher Hollandes „Moi Président“ und seine feierliche Verpflichtung in einer Fernsehdebatte mit Sarkozy während des Präsidentschaftswahlkampfs, dass sein Verhalten als Präsident in jedem Moment vorbildlich sein werde. „Moi Président je ferai, à chaque instant, que mon comportement soit exemplaire“… [33]

Das Thema, um das es hier letztendlich geht, ist die Autorität des Präsidenten, des republikanischen Monarchen in all seiner Widersprüchlichkeit. Hier der allzu menschliche Francois, der im Stil eines Heranwachsenden sich aus dem Haus zu seiner Freundin stielt, den Helm tief übers Gesicht gezogen- falls er vielleicht im Hausflur einem verräterischen Nachbarn begegnet; und dort der Präsident, der im grandiosen Stil seiner Vorgänger seine Pressekonferenzen inszeniert, umgeben von dem gesamten als andächtige Statisten angetretenen Kabinett[34]; der scheinbar omnipotente „moi président“, der seine Verlautbarungen gerne mit „je“ einleitet, der hochheilig verspricht, das Haushaltsdefizit Frankreichs 2013 unter die Maastricht-Marke von 3% zu senken, was, wie sein Finanzminister hinzufügte, eine nicht verhandelbare Verpflichtung sei und noch daran festhält, als längst alles Spatzen von den Dächern es besser wissen.[35] Inzwischen wurde –mit nachsichtiger Brüsseler Billigung-  diese Verpflichtung auf 2015 verschoben. Man darf gespannt sein….

Im September 2012 kündigte Präsident Hollande außerdem verwegen an, er werde die seit Jahren ansteigende Kurve der Arbeitslosigkeit bis zum Jahresende 2013 umkehren. Auch dieses Versprechen wurde nicht eingehalten: Die Arbeitslosigkeit in Frankreich erreichte –obwohl Petrus dem Präsidenten gnädig war-  im Dezember 2013 einen neuen absoluten Rekord.

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Arbeitslosigkeit: Das Scheitern

Wenn er schon wesentliche politische Versprechungen nicht eingehalten hat- auf die privaten Verhältnisse bezogen haben sie durchaus –satirische- Realität – auch wieder eine Steilvorlage für Karikaturisten:

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Da wird dann – unter der Überschrift Hollande/Gayet- aus der Umkehrung des Anstiegs der Arbeitslosigkeit eine anzügliche „Veränderung der Kurven“, die er für das Ende des Jahres versprochen hatte…. [36]

Ein weiteres Autoritätsproblem Hollandes ist die ihm nachgesagte Entscheidungsschwäche. Der Präsident wird ja gerne als „mou“, als sanft und weich, beschrieben bzw. kritisiert.[37] Das mag falsch sein, denn Hollande hat durchaus –etwa bei der Entlassung seiner Umweltministerin Batho, vor allem aber bei der Durchsetzung seines Wahlversprechens der „mariage pour tous“ –der Ermöglichung der Heirat gleichgeschlechtlicher Partner- gezeigt, dass trotz  erheblicher gesellschaftlicher Widerstände hart und entschieden sein kann. Und  seine Absicht, gesellschaftliche Probleme im Dialog anzugehen, ist sehr anerkennenswert und für Frankreich eher ein –überfälliges- Novum. Aber es gibt doch auch genügend Beispiele, dass sogar sinnvolle Reformschritte im Dickicht widerstreitender Interessen hängen bleiben. Da soll endlich die schon zu Sarkozys Zeiten in Gang gebrachte Umweltabgabe für Lastwagen umgesetzt werden. In der Bretagne erhebt sich dagegen ein Widerstand der roten Mützen, also: Zurück, marsch, marsch.Da soll das korporatistisch organisierte Taxigewerbe einer gewissen Konkurrenz ausgesetzt werden. Die Taxifahrer drohen mit einer Verkehrsblockade von Paris, also: ….. (s.o.) Da sollen die Lehrer der sogenannten Cours préparatoires, in denen Abiturienten auf die Aufnahmeprüfungen der französischen Eliteschulen vorbereitet werden, etwas von ihren Privilegien zugunsten der Schulen und Lehrer in den Problemzonen abgeben. Es gibt Proteste von Lehrern, betroffenen derzeitigen und inzwischen einflussreichen ehemaligen Schülern, also…. (s.o.) Da sollen die niedrigen Steuern für Reitställe und Gestüte auf den normalen Satz von 20% angehoben werden; die rücken dann mit ihren Pferden in Paris ein, besetzen die Place de la Bastille und drohen mit Arbeitslosigkeit für die Mitarbeiter, Euthanasie (!) für die Pferde und – das immerhin ganz witzig- dem nächsten Pferdefleisch-Skandal, also…. (s.o.)

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Da sollen in einem neuen Familiengesetz u.a. längst überfällige und z.T. auch schon von konservativen Vorgängerregierungen beabsichtigte Veränderungen beim Scheidungsrecht beschlossen werden, die einen möglichst weitgehenden Ausgleich aller Betroffenen zum Ziel haben; Es gibt dagegen eine Massendemonstration in Paris, die sogenannte „Manif pour tous“, die die Mobilisierung gegen die mariage pour tous mit z.T. falschen Behauptungen und Unterstellungen fortführt – und was macht Präsident Hollande? Völlig unerwartet wird am Tag nach der Demonstration das Projekt auf Eis gelegt und die Regierung weicht auch in diesem Fall zurück.

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Frankreich bietet, wie ein Kommentator schreibt, das Bild eines tief gespaltenen Landes, das von extremistischen Auswüchsen bedroht sei, mit einer Staatsmacht, deren Autorität völlig infrage gestellt werde und die vor dem Druck der Straße zurückweiche.[38]

Nun hat allerdings François Hollande Ende Januar mit zwei Paukenschlägen seine (präsidiale) Autorität wieder dokumentieren wollen: In einer kurzen lakonischen Mitteilung hat er der Nachrichtenagentur AFP mitgeteilt, dass er das gemeinsame mit Valérie Trierweiler geteilte Leben beendet habe.[39] Das war „ein autokratisches und brutales Verstoßungs-Dekret“ und gleichzeitig eine trockene Mitteilung der Entlassung Trierweilers als „première dame“, die damit auch umgehend ihren Platz im Elysée mit allem, was dazugehörte, verlor.[40] Aber auf jeden Fall zeigte Hollande, dem 2007 von Ségolène Royale der Stuhl vor die Tür gesetzt wurde, dass er allein Herr im Haus ist – demonstrativ unterstrichen mit einem zweifachen „Ich“ –ich gebe bekannt, ich habe Schluss gemacht.

Und parallel dazu verkündete Hollande auf  seiner Pressekonferenz vom 14. Januar seine sozialdemokratische Wende: In  einem Pacte de responsabilité sollen die Sozialpartner gemeinsam Schritte zum Abbau der Arbeitslosigkeit vereinbaren. Die Arbeitgeber sollen, wie von ihnen gefordert, von Sozialabgaben entlastet werden, sich aber im Gegenzug zu Arbeitsmarkt-relevanten und genau bezifferbaren Gegenleistungen verpflichten. Auf dieses Projekt will Hollande in seiner verbleibenden Amtszeit alle Anstrengungen konzentrieren und damit auch das Vaudeville elyséen –allerdings offenbar nicht die Beziehung zu Julie Gayet- beenden.

Ob er mit beidem Erfolg hat, ist nicht ausgemacht: Es erscheint doch eher unwahrscheinlich, dass die gedemütigte Valérie Trierweiler sich still zurückzieht und der Versuchung widersteht,  publizistisch Rache zu nehmen… Von einem Buchprojekt über Untreue ist die Rede. Und was den Pacte de responsabilité angeht: Plantu sieht schon Hollande im Bett mit dem Arbeitgeberverband MEDEF. Der Zylinder als Unternehmer-Emblem- ist ein satirisches Danaer- Geschenk, das Hollande geschmeichelt annimmt. (MEDEF: „Der Hut ist ein Geschenk“, Hollande: „Oh, wäre doch nicht nötig gewesen…)[41]

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Der neue Vorsitzende der CGT, der mächtigsten französischen Gewerkschaft, bezeichnete sogar den Chef des Arbeitgeberverbandes als heimlichen Ministerpräsidenten und forderte Hollande auf, endlich unter dem Rock von Merkel –auch ein bekanntes Stück-  hervorzukommen…[42]

Die Aussichten auf einen unterhaltsamen, heißen Sommer in Frankreich sind also gut…

Abgeschlossen 6.2.14

Anmerkungen

(0) Sehr eindeutig auch das Urteil von Anne Sinclair über Holland: „il n’a  jamais été  considéré comme un premier rôle de la politique“… (Le Parisien, 27.2.2017)

Zitat aus  Le Monde, 12./13. März 2017

[1] Bild aus: http://images.google.fr/imgres?imgurl=http%3A%2F%2F1.bp.blogspot.com%2F-W4T0doxx0kg%2FUHfItdHrPuI%2FAAAAAAAABEg%2F9oCrH_ACu10%2Fs1600%2Fnormal.jpg&imgrefurl=http%3A%2F%2Flouisdesaussure.blogspot.com%2F2012%2F08%2Fpresident-normal.

[2]Un président ne devrait pas dire ça.“ Ce titre a valeur d’épitaphe et le livre qui le porte ressemble à une pierre tombale.

http://tempsreel.nouvelobs.com/politique/election-presidentielle-2017/20161201.OBS2058/presidentielle-comment-francois-hollande-s-est-pris-a-son-propre-piege.html

[3] Mit der Nummer von der Amour sécret von Hollande hat Closer seine Auflage immerhin verdoppelt. (s. Le Monde, 16.1.14)

[4]  http://www.lefigaro.fr/politique/2014/01/25/01002-20140125ARTFIG00363-francois-hollande-et-valerie-trierweiler-se-separent.php

[5] Par LEXPRESS.fr, publié le 15/01/2014 à  18:55 En savoir plus sur http://www.lexpress.fr/actualite/politique/l-affaire-hollande-gayet-source-d-inspiration-pour-les-jeux-en-ligne_1314483.html#5PS6tyZRqIwfdGbr.99

[6] Das französische Wort des Jahres wird in Charité-sur-Loire gekürt, und zwar einmal von „Experten“ und dann auch öffentlich (Internet und die Bewohner des Ortes). 2013 haben sich die Experten für Transparence entschieden, während die öffentliche Wahl auf mensonge(s) fiel: zwei Seiten einer Medaille

[7] „en riant au feuilleton des amours présidentielles“ Express No 3265, S. 5).

[8] http://www.lemonde.fr/politique/article/2014/01/21/brice-teinturier-une-france-qui-se-fragmente_4351405_823448.html

[9] Le Monde 23.1.14: „L’extrème défiance de la société française”, S. 8

[10] Arnaud Leparmentier in Le Monde 23.1.14 In Paris gab es von 1792 bis 1927 das Théâtre de Vaudeville. Das letzte Gebäude auf dem Boulevard des Capoucines ist heute in Kino, das Opéra Gaumont.

[11] Zitiert von Cécile Amar, Jusqu’ici tout va mal”. Paris 2013. Siehe auch Les Echos, 24./25.1.14

[12] L’Express 22.1.14, S.31

[13] http://www.lefigaro.fr/conjoncture/2014/01/18/20002-20140118ARTFIG00343-un-concessionnaire-s-offusque-que-le-scooter-presidentiel8230-soit-italien.php

[14] Siehe Bericht aus Paris Nr 27 (Juni 2013)

[15] Diese Werbung gab es auch als ganzseitige Anzeige in Le Monde vom 17. Januar, S. 9

[16] http://www.lerepairedesmotards.com/actualites/2014/actu_140122-casque-dexter-motoblouz-lettre-president.php

Oui, mais le casque était… français …! In: http://forums.pelerin.info/viewtopic.php?f=5&t=6238 („Merci Monsieur  d’avoir choisi notre casque pour votre sécurité…“) s.a. Le Monde vom  2./3. Februar, S. 13

[17] „La première dame se serait livrée à du vandalisme, projetant à terre vases, pendules et objets d’art appartenant aux prestigieuses collections du Mobilier national. Coût de cette supposée scène: 3 millions d’euros.“

http://www.lefigaro.fr/culture/2014/01/22/03004-20140122ARTFIG00216-trierweiler-le-mobilier-national-dement-tout-vandalisme-du-bureau-presidentiel.php

[18] “Le palais de l’Ellysée bruit encore de leur scène de ménage au matin du 10 janvier, lorsque Valérie Trierweiler a parcouru au pa de course qui mène au bureau du Président avant d’y débarquer avec fracas. ‘Tout ce qu’a écrit Closer est vrai’, reconnaît-il. Valérie est alors entrée dans une colère noire, ces fameuses colères qui, à l’Elysée, lui valent sa reputation. Il y a eu un peu de casse, c’est vrai, mais elle n‘a pas … détruit pour … 3 millions d’euros de mobilier national!“ (Closer, 23.-30. Januar, S.6)

[19] Christophe Duboi et Christophe Deloire, Sexus politicus. Paris 2006, Kapitel 5: Quand les femmes menaient Giscard par le bout du nez…

[20] http://www.20min.ch/ro/news/monde/story/12505905  Bekannt gemacht wurde die sogenannte Affaire „du camion du laitier“ übrigens von der satirischen Wochenzeitung Canard enchaîné, die immer wieder für –auch politisch höchst brisante- Enthüllungen gut ist.

[21] http://news.fr.msn.com/m6-actualite/politique/liaisons-au-sommet-sexe-rumeur-et-secret-detat?page=5  Allerdings wird die Präsidentschaft Chiracs in Frankreich eher kritisch gesehen als Zeit des Stillstands. Aber immerhin widersetzte er  sich dem amerikanischen Irak-Abenteuer und wagte es, zum ersten Mal die Mitwirkung und Mitverantwortung des französischen Staates an der Ermordung der französischen Juden durch die Nazis offiziell anzuerkennen.

[22] Es war der Herausgeber der Wochenzeitschrift Marianne, François Kahn, der von einer „ troussage de domestique“ sprach. Allerdings rief diese Äußerung dann doch so viel Empörung hervor, dass Kahn seinen Posten räumen musste. Um den Prozess gegen Strauß-Kahn wegen gewerbsmäßiger Zuhälterei  (Die Carlton-Lille-Affäre) ist es inzwischen –warum auch immer- ziemlich ruhig geworden.

[23] http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2013/12/18/01016-20131218ARTFIG00421-carlton-le-renvoi-en-correctionnelle-confirme.php

[24] Siehe Ernst Kantorowicz,  Die zwei Körper des Königs. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters. Klett-Cotta 1992 . Der Begriff wurde dann auch auf Frankreich  übertragen und polemisch auf François Hollande angewendet, um dessen angebliche Unfähigkeit zum Präsidentenamt aufzuzeigen: Thierrry Saussez, Les deux corps du Président. Paris 2013

[25] Zum Beispiel:  http://www.lemonde.fr/idees/article/2011/05/16/l-etrange-omerta-des-medias-sur-le-cas-dsk_1522552_3232.html und  http://www.contrepoints.org/2011/05/23/25837-dsk-lomerta-des-medias-sur-ce-que-tous-savaient

[26] http://www.liberation.fr/societe/2014/01/14/la-maitresse-d-un-homme-politique-contribue-t-elle-au-debat-d-interet-general_972743. s.a. Vie privée: l’Europe met à nu les politiques. In: http://bruxelles.blogs.liberation.fr/coulisses/2014/02/vie-priv%C3%A9e.html

Außerdem hat auch Valérie Trierweiler als « première dame » – der französischen Variante der amerikanischen « first lady » einen offiziellen Status mit Wohnung, Mitarbeiterstab und Bediensteten im Elysée-Palast.

[27] http://www.liberation.fr/politiques/2014/01/17/politiques-et-medias-l-intime-entame_973757

[28] „C’est une chance exceptionnelle de pouvoir réussir sa vie personnelle et de rencontrer la femme de sa vie. Cette chance, elle peut passer, moi je l’ai saisie.“  (Gala Oktober 2010)  http://www.lexpress.fr/actualite/politique/hollande-gayet-l-histoire-d-un-president-qui-veut-vivre-sa-vie_1314338.html#aUHOkTHD66JBPHAG.99

[29] „La phrase était maladroite. J’aurais dû dire : „C’est la femme de ma vie d’aujourd’hui““, convient le futur candidat socialiste quelques mois plus tard, en février 2011, interrogé von zwei Journalistinnen, die danach ein Buch über die „amours hollandaises“ schrieben. Entre deux feux (Grasset)

[30] http://www.liberation.fr/politiques/2014/01/13/monsieur-sauer-le-fantome-de-l-opera_972596

[31] Siehe: Compréhension adultère pour l’homme casqué 20 janvier 2014 à 17:06

http://www.liberation.fr/societe/2014/01/20/comprehension-adultere-pour-l-homme-casque_974206 Das würde übrigens auch zu der Begründung für die Pantheonisierung von Sophie Berthelot, einer der beiden im Pantheon bestatteten Frauen, passen – sie hat ja –siehe Bericht Nr. 29- diese Ehre der Ehe mit ihrem Mann und ihren –offenbar ganz außergewöhnlichen- ehelichen Tugenden zu verdanken.

[32] Siehe Les Echos vom 9.1.14:  La cote de popularité de Hollande reste au plus bas. (sie pendelt um die 25%)

[33] http://www.midilibre.fr/2014/01/17/quand-hollande-disait-moi-president-je-ferai-que-mon-comportement-soit-exemplaire,809339.php   Und schon zu Beginn des Wahlkampfs hatte Hollande sich zu einer Ethik bekannt, die dem ausgeübten Amt entspreche: Avoir une éthique qui correspond au métier excercé et en être respecteux.“ http://www.purepeople.com/article/francois-hollande-parle-enfin-de-sa-compagne-la-femme-de-ma-vie_a65714/1

[34] Eigentlich hatte Hollande im Wahlkampf versprochen, diese Inszenierung der Pressekonferenzen im Elysée nicht fortzusetzen, aber ….

[35] Siehe Le Figaro  31.1., S. 15

[36] Dazu passt auch eine Äußerung in einem Internet-Forum von Liberation: „Pourquoi voulez vous que notre 1er socialiste se préoccupe des affaires sérieuses ?? Il est occupé à d’autres courbes , et celles ci sont bien plus attractives et plus fascinantes…” http://www.liberation.fr/politiques/2014/02/01/peu-importe-que-francois-hollande-soit-social-democrate-ou-socialiste_977134

[37] http://www.lepoint.fr/invites-du-point/daniel-salvatore-schiffer/hollande-le-grand-mechant-mou-09-07-2013-1702206_1446.php

[38] Thierry Borsa in Le Parisien, 4.2.14, S.2. Libération vom 5.2. titelt: Gouverner, c’est reculer. Und erklärt: „Pourquoi Hollande s’est couché“ (S.1)

[39] „Je fais savoir que j’ai mis fin à la vie commune que je partageais avec Valérie Trierweiler. Übrigens eine sehr eigentümliche und  bemerkenswerte Wortwahl –  Siehe:

http://www.lepoint.fr/invites-du-point/nathalie-rheims/rheims-hollande-trierweiler-jeux-de-mots-26-01-2014-1784546_1452.php

[40] Renaud Machard in Le Monde, 29.1.14, S. 16: „un décret de répudiation autocratique et brutal“; „un avis de licenciement sec”. s.a. Valérie Trierweiler. Vingt mois à l’Elysée. Portrait. Le Monde 28.1.14, S. 17

[41] L’Express 22.1.14, S.13

[42] http://www.liberation.fr/politiques/2014/01/28/lepaon-cgt-hollande-doit-sortir-de-sous-les-jupons-de-merkel_976028 siehe auch:  Le Monde 2./3.2.14

Das Pariser Denkmal für das russische Expeditionskorps im Ersten Weltkrieg, eine russische Kapelle in der Champagne und die Kriegsbilder Zadkines

Anlässlich meiner Beschäftigung mit Orten des Friedens und des Kriegs in Paris (siehe Blog-Beitrag: Die Mauer für den Frieden auf dem Marsfeld) habe ich auch das Denkmal für das russische Expeditionskorps entdeckt, das im Ersten Weltkrieg auf Seiten Frankreichs gekämpft hat. Allerdings habe ich ihm zunächst keine weitere Beachtung geschenkt, weil ich ja vor allem Orte gesucht habe, die besonders für einen Besuch von Schülergruppen geeignet sind, die also möglichst vielfältige und eigenständige Entdeckungen ermöglichen und weiterführende Anregungen eröffnen. Das ist bei diesem Denkmal eher weniger der Fall.

Dann habe ich allerdings eine Ausstellung von  Kriegszeichnungen des russischen Bildhauers Zadkine  in dem ihm gewidmeten Pariser Museum besucht. Zadkine gehörte zwar nicht zu diesem Expeditionskorps- er lebte schon in Paris, als er der Weltkrieg begann- aber er engagierte sich als Sanitäter für die verwundeten Soldaten des russischen Corps.

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Das war dann Motivation genug, doch noch einmal das  Pariser Denkmal genauer zu betrachten. Und das heißt: mich ein wenig mit der abenteuerlichen Geschichte des russischen Expeditionskorps zu beschäftigen und mit der Geschichte dieses Denkmals – und damit auch mit dem Auf und Ab der französisch-russischen Beziehungen der letzten Jahre.

Das Denkmal, geschaffen von dem russischen Bildhauer Vladimir Sourovtsev, wurde am 21. Juni 2011 von den beiden damaligen Ministerpräsidenten Frankreichs und Russlands, François Fillon und Valentin Putin, eingeweiht – gerade unter aktuellen politischen Vorzeichen eine interessante Konstellation! Es steht auf der Grünanlage Place du Canada im 8. Arrondissement.

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Auf dem Sockel des Denkmals befinden sich –auf der Vorder- und Rückseite- Tafeln mit einer Widmung in französischer und russischer Sprache:

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Zur Erinnerung an die Soldaten und Offiziere des russischen Expeditionskorps, die von 1916 bis 1918 auf französischem Boden gekämpft haben. In Dankbarkeit: Frankreich und Russland“

 

Das russische Expeditionskorps in Frankreich

Insgesamt waren es etwa 45 000 russische Soldaten, die von Ostasien in einer fast zweimonatigen Schifffahrt nach Frankreich transportiert wurden, um am Kampf gegen die deutschen Truppen teilzunehmen. Die ersten Einheiten kamen  nach einem Transport von 30 000 Kilometern –über die Transsibirische Eisenbahn und den Seeweg über Port Arthur- im April 1916 in Marseille an, wo sie von der Bevölkerung begeistert empfangen wurden.[1]

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Ihre Entsendung beruhte auf einem französisch-russischen Tauschgeschäft: Russland, dessen Militärindustrie noch nicht den Anforderungen eines längeren Kriegs mit seinen Materialschlachten  gewachsen war, erhielt aus Frankreich Kriegsmaterial, Frankreich im Gegenzug russische Soldaten, um den Aderlass der ersten Kriegsmonate etwas auszugleichen: Die außerordentlich hohe Zahl französischer Kriegstoten war nicht zuletzt Resultat der Doktrin einer „offensive à outrance“, wie sie vom General und späteren Marschall Joffre entwickelt worden war.[2] Allein am 22. August 1914, als Frankreich „die blutigsten Stunden seiner Geschichte“ erlebte[3], kamen 27 000 französische Soldaten ums Leben. Zum Ausgleich für die hohen Verluste wurden auch chinesische Hilfskräfte engagiert[4] und vor allem Truppen aus den afrikanischen Kolonien, die sogenannten  „tirailleurs sénégalais.“

Die beiden russischen Brigaden, die für den Kampf gegen  die Truppen des Deutschen Reichs bestimmt waren –zwei andere Brigaden nahmen am Kampf gegen das osmanische Reich teil-  wurden zunächst in Frankreich (weiter) ausgebildet und ausgerüstet – zum Beispiel mit dem französischen Stahlhelm, in den der russische Doppeladler eingeprägt war. (Das Bild ist ein Detail vom Denkmal für das russ. Expeditionskorps).

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Im April 2017 nahmen die beiden russischen Brigaden in der Champagne an der sogenannten Nivelle-Offensive am Chemin des Dames teil, wo  sie sich militärisch auszeichneten. Allerdings waren die Verluste dabei außerordentlich hoch und der erhoffte „Durchbruch“ durch die feindlichen Linien gelang nicht.  Auch hier spielte  die Doktrin der „offensive à outrance“, die von General Nivelle, dem verantwortlichen Kommandeur, bedingungslos vertreten  wurde,  eine verhängnisvolle Rolle. Es kam sogar zu Meutereien französischer Soldaten gegen den „Blutsauger“ Nivelle, der schließlich durch Henri Pétain ersetzt wurde. Und es kam aufgrund der revolutionären Entwicklungen in Russland zu erheblichen Spannungen zwischen den Soldaten des russischen Expeditionskorps  und im September 2017 zu einer Meuterei bolschewistischer Soldaten, die von zarentreuen Russen und französischen Einheiten blutig niedergeschlagen wurde. Über 500  überlebende „Rädelsführer“ wurden verhaftet und zum Teil auf der Ile d’Aix festgesetzt. Die anderen russischen Soldaten wurden entwaffnet, das Expeditionskorps aufgelöst. Seine Mitglieder erhielten das Angebot, als Legion Russe in die französischen Streitkräfte integriert zu werden, wofür sich etwa 500  zarentreue Russen entschieden. Diese Einheit kämpfte im Rahmen einer marokkanischen Division der französischen Streitkräfte bis Ende des Kriegs weiter und nahm sogar nach dem Waffenstillstand an der Besetzung des linksrheinischen  Gebiets teil.  Etwa 10 000 russische Soldaten wurden „travailleurs militaires“ in französischen Diensten oder Mitglieder der Fremdenlegion, während diejenigen, die diese Optionen ablehnten, bis Ende des Krieges in algerischen Internierungslagern festgesetzt wurden. Die Zahlen dieser  „refractaires“, die ich dazu gefunden habe, schwanken  zwischen 1300 und 4800… [5]

Einer der russischen Soldaten, der aber immer wieder gerne bei Darstellungen über das russische Expeditionskorps angeführt wird, ist Rodion Malinowski, der spätere sowjetische Marschall und Verteidigungsminister. Er wurde nach der Revolte vom September 2017 in eine marokkanische Division aufgenommen und nahm an den Kämpfen an der Somme teil, bevor er nach Russland/in die Sowjetunion zurückkehrte  und in der Roten Armee Karriere machte.[6]

Insgesamt allerdings handelt es sich hier um ein sowohl in Russland als auch in Frankreich eher wenig bekanntes Kapitel des Ersten  Weltkriegs. Dieser Krieg war für die sowjetische  Geschichtsschreibung ein Werk des Imperialismus und der Einsatz russischer Soldaten in Frankreich eher anstößig. Und in Frankreich war man nicht daran interessiert, den Beitrag von Chinesen, Afrikanern und Russen im Kampf gegen die kaiserliche Armee herauszustellen. Die Meuterei von Teilen des russischen Expeditionskorps führte zusätzlich zu einer äußerst restriktiven Informationspolitik der französischen Armee, um eine Ausbreitung zu verhindern. Es ist also ausgesprochen schwierig, sich ein einigermaßen klares Bild von diesen Ereignissen zu verschaffen.

Und vor allem ist wohl die Geschichte dieses russischen Expeditionskorps so wechselhaft, schwierig und in vielfacher Hinsicht problematisch, dass sie sich -wenn auch nicht immer erfolgreich-  einer schlichten heroischen Überhöhung widersetzt.

Eine russische Kapelle in der Champagne

In der Champagne, in Saint –Hilaire- le –Grand,  steht eine 1937 russische Kapelle im traditionellen orthodoxen Stil des 15. Jahrhunderts, die zur Liste der „monuments historiques“ gehört.

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Sie ist, wie einer Inschrift über dem Eingang zu lesen ist, den russischen Soldaten gewidmet, die zwischen 1916 und 1918 „auf dem Feld der Ehre“ in Frankreich gefallen sind.

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Errichtet wurde sie auf Initiative der association des officiers russes anciens combattants sur le front français,  Sie gehört zu einem Friedhof, auf dem 915 Mitglieder des russischen Expeditionskorps bestattet sind.

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Die Mitte des Friedhofs wird markiert von einem  Denkmal, das  ein früheres von 1924 ersetzt. Das ursprüngliche war 1998 anlässlich der Renovierung des Friedhofs wegen Baufälligkeit beseitigt und das orthodoxe Metallkreuz an der Spitze „entsorgt“ worden.  Die Association du souvenir du corps expéditionnaire russe en France ( ASCERF ), die  sich auf  russischer Seite um den von Frankreich und seinem Ministerium für die „anciens combattants“ verwalteten Friedhof kümmert, konnte und wollte einen  solchen  Umgang mit „ihrem Monument“ nicht hinnehmen.  Die  französische Verwaltung dagegen war der Meinung,  dass « un monument à connotation religieuse n’a[vait] pas sa place dans un lieu de mémoire laîc ».  Schließlich wurde aber dann  doch dem  russischen Wunsch nachgegeben und seit 2011 gibt es wieder ein Replik des alten  Denkmals mit dem  orthodoxen Kreuz…  (6a)

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Gegenüber dem Friedhof befindet sich ein Gedenkstein des zweiten russischen Regiments mit der Aufschrift:

„Enfants de France, quand l’ennemi sera vaincu et quand vous pourrez librement cueillir des fleurs sur ces champs, souvenez-vous de nous, vos amis russes, et apportez-nous des fleurs“

Er wurde noch während des Krieges von Angehörigen des Regiments für ihre gefallenen Kameraden errichtet.

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Der Friedhof und die Kapelle von Saint-Hilaire-le-Grand sind die zentrale Erinnerungstätte an das russische Expeditionskorps. Hier wird einmal jährlich feierlich an den Kampf russischer Soldaten auf Seiten französischer Truppen erinnert. (siehe: http://www.ascerf.com/)

Zu den Erinnerungsorten an die russischen Truppen in der Champagne gehört auch das in der Nähe gelegene und zum Verteidigungsring von Reims gehörende Fort de la Pompelle.

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Dort befindet sich auch eine mit dem traditionellen russischen Doppeladler versehene Gedenktafel mit russischer und französischer Fahne.

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Sie ist -entsprechend der in französischer und russischer Sprache ausgeführten Inschrift- der Erinnerung an die 1. und 3. Brigade des russischen  Expeditionskorps gewidmet,  „die an diesem Ort in der Champagne an der Seite der französischen Truppen vom 7. Juli 1916 bis zum 19. April 1917 gekämpft haben. Die dankbare Stadt Reims mit Unterstützung der Botschaft der russischen Föderation.“

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Am Fuß des Denkmals gibt es noch einige Erinnerungsplaketten, von denen mir eine besonders aufgefallen ist, weil da gewissermaßen die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Aber zu Zeiten Putins gehört ja wohl die Anknüpfung an die zaristische Tradition zur offiziellen Erinnerungspolitik.

 

Die Einweihung des Denkmals in Paris

Eingeweiht wurde das Denkmal –wie anfangs schon mitgeteilt-  2011 von François Fillon und Vladimir Putin, den damaligen Ministerpräsidenten Frankreichs und Russlands.

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Putin schaut zwar auf dem offiziellen Bild etwas grimmig drein, aber der Eindruck täuscht: Frankreich und Russland befanden sich damals, wie der „Figaro“ in einem Vorbericht über die Denkmalseinweihung schrieb, in den „Flitterwochen“  („lune de miel“) oder –prosaischer ausgedrückt-  es zeichnete sich eine neue strategische Achse („une nouvelle axe strategique“) ab –wie zu den besten Zeiten russisch-französischer  Partnerschaft, „destinée à contourner la puissance allemande“.[7] Diese „strategische Achse“ hatte ihren Niederschlag in der Vereinbarung des Verkaufs von zwei ultramodernen französischen Kriegsschiffen, den „Mistrals“,  an Russland- der ersten  Lieferung westlicher Kriegsschiffe nach Russland seit dem Zweiten Weltkrieg, wie der damalige französische Handelsminister stolz  verkündete.[8]

In seiner Ansprache zur Einweihung des Denkmals machte François Fillon einen großen Bogen um alle mit dem Einsatz des russischen Expeditionskorps verbundenen Probleme. Dafür rühmte er die Tapferkeit und den Heroismus der russischen Soldaten und beschwor die französisch-russische Waffenbrüderschaft. Es handele sich um eine ruhmreiche, aber viel zu wenig bekannte Seite der Geschichte. Deshalb hätten Vladimir Putin und er auf Anregung von Francois Mitterand beschlossen, dieses Denkmal zu errichten. Der Platz dafür sei schon seit langem „un véritable lieu de mémoire de l’amitié franco-russe“. Wenige Meter entfernt habe der Zar 1896 den ersten Stein für die Brücke Pont Alexandre III gesetzt. Und bald werde auf der anderen Seite der Seine, am Quai Branly, das russische kulturelle und geistliche Zentrum errichtet.

„Aujourd’hui, ce monument contribue à rendre à ces hommes la place qu’ils méritent dans notre histoire. Il préserve la mémoire des soldats russes qui payèrent de leur vie leur engagement au service de notre liberté. Ces braves symbolisent notre fraternité d’armes, et au-delà, ils symbolisent, Monsieur le Premier Ministre, l’unité retrouvée du continent européen.“

Und zum Abschluss der Rede ließ François Fillon Frankreich, Russland und die französisch-russische Freundschaft hoch leben:

„Vive la France ! Vive la Russie ! Et vive l’amitié franco-russe.

Liest man gut sechs Jahre später diese Rede und die damaligen Zeitungsberichte, so wird der Bruch deutlich, der sich inzwischen vollzogen hat: Im Oktober 2016 wurde zwar  das von Fillon angesprochene orthodoxe russische Zentrum, ein eindrucksvoller Bau  am Quai Branly,  eröffnet… (8a)

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… aber der eigentlich angekündigte Vladimir Putin ist dem Ereignis demonstrativ fern geblieben- ebenso Cyrille, der Patriarch von Moskau. Und abwesend waren auf französischer Seite auch Präsident Hollande und „la plupart des gros bonnets politiques“, wie Le Monde bitter konstatierte. (25.10., S. 15)  Grund dafür  sind die fundamental unterschiedlichen Positionen beider Länder im Syrien-Konflikt, die kürzlich bei einem russischen Veto gegen eine von Frankreich eingebrachte Syrien-Resolution deutlich zum Ausdruck kamen.[9] Die Lieferung der beiden an Russland verkauften Mistral- Kriegsschiffe wurde aufgrund der europäischen Sanktionspolitik storniert; stattdessen  wurden sie –mit finanzieller Unterstützung Saudi-Arabiens- für knapp 1 Milliarde Euro an Ägypten verkauft- nach dem Verkauf einer Fregatte und von 24 Rafale-Flugzeugen ein weiterer von Politik und Medien  gefeierter Erfolg des französischen Waffenexports nach Ägypten.[10]

Aber vielleicht wird die französisch-russische Eiszeit bald beendet sein: Die Zeitung Libération versah nach dem überraschenden Erfolg Fillons im ersten Durchgang der republikanischen Vorwahlen  ihre Darstellung seiner außenpoltischen Positionen mit der Überschrift: „Poutine d’abord“. Fillon, der Putin nach eigenen Angaben etwa 15 mal  getroffenen habe- werde schon von der russischen Presse als „Freund Putins“ bezeichnet. Den islamischen Totalitarismus betrachte Fillon als den einzigen Feind Frankreichs. Um ihn zu bekämpfen, sei die Zusammenarbeit mit Russland –und auch die Mitwirkung von Assad und Iran- notwendig. Fillon plädiere deshalb auch für eine Aufhebung  der europäischen Sanktionen gegen Russland und strebe ausgewogene Beziehungen zu Russland und den USA an. In dieser Hinsicht sieht Fillon offenbar auch eine Chance.[11]  Ganz entsprechend titelt le Monde:  „‘Vladimir‘ et ‚François‘, une amitié géopolitique“. Fillon habe immer eine „relation privilégiée“ mit dem von ihm als „cher Vladimir“ apostrophierten russischen Präsidenten unterhalten. Und für die Ukraine-Krise mache er zunächst und vor allem die EU verantwortlich, die einen „historischen Fehler“ gemacht habe, weil sie die Ukraine um jeden Preis der russischen  Einflusszone habe entreißen wollen.[12]

In einem weiteren Beitrag berichtet Le Monde von den freudigen russischen Reaktionen auf den „sensationellen Sieg“ Fillons im ersten Wahlgang. Die  Zeitung zitiert einen einflussreichen  außenpoltischen russischen Kommentator, der feststellte: Unter einer Präsidentschaft Fillons werde das Tandem Deutschland-Frankreich gegenüber Russland durchbrochen und Angela Merkel stehe mit ihrer harten Position praktisch alleine da mit Polen und den baltischen Staaten….[13]

Man darf also gespannt sein, ob eine neue geopolitische Freundschaft zwischen Frankreich und Russland die „strategische Achse“ von 2011 wiederbeleben wird…. [14]

Ossip Zadkine: Kriegszeichnungen

Zadkine gehörte nicht zu dem russischen Expeditionskorps. Geboren 1888  in Vitebsk, lebte er schon seit 1909 in Paris. Als der Krieg begann, veröffentlichte Blaise Cendars, ein ebenfalls in Paris lebender Schweizer Schriftsteller, einen glühenden Aufruf an die ausländischen Freunde Frankreichs, sich zu engagieren: „L’heure est grave, tout homme digne de ce nom doit agir, se défendre de rester inactif. Toute hesitation serait un crime. Poit de paroles, des actes.“[15]

Zadkine folgte nun allerdings ganz und gar nicht begeistert diesem Aufruf. Er lebte im Künstlermilieu von Montparnasse zwischen den Cafés La Coupole, le Dôme und la Closerie, wo internationale Künstler und Intellektuelle verkehrten: Picasso, Brancusi, Archipenko, André Breton, Apollinaire, Marie Laurencin, Oskar Wilde und viele andere; ein Milieu, wie es anregender nicht sein konnte. Zwar lebte Zadkine in recht ärmlichen Verhältnissen, aber kurz vor Ausbruch des Krieges hatte er eine Skulptur zu einer Ausstellung der Neuen Sezession nach Berlin geschickt. Und tatsächlich: Ein deutscher Kunstfeund kaufte die Skulptur- es war sein erster Verkaufserfolg wie er stolz in seiner Autobiogaphie „Le Maillet et le Ciseau“ schreibt![16]

Anfang 1915 war offenbar der Druck auf Zadkine so groß geworden, dass er sich in der französischen Armee engagieren musste: „Je ne devais m’engager dans l’armée française qu’au début de 1915“ (Erinnerungen, S. 82).  Er  gehörte damit zu den 45 000 in Frankreich lebenden und mehrheitlich russischen Ausländern, die sich für die Dauer des Krieges zur Fremdenlegion meldeten. Nach einer Ausbildung zum Sanitäter wurde er einer hinter der Champagne-Front stationierten russischen Ambulanz zugeteilt.  „L’on m’affecta à une ambulance russe qui se trouvait à Magenta, faubourg d’Epernay. L’ambulance était un don à la France de la dernière imperatrice de Russie.“ (a.a.O.)

Es gab mehrere solcher russischer Ambulanzen im Ersten Weltkrieg („Ambulances Russes aux Armées Françaises“). Sie wurden nach Ausbruch des Krieges aufgebaut. Der russische Botschafter Isvolski war daran maßgeblich beteiligt, die Schirmherrschaft hatte, wie Zadkine schreibt, die Zarin Alexandra.[17]

Am 12. Juni 1915 wurden in einer Zeremonie im Ehrenhof des Hôtel des Invalides die russischen Ambulanzen präsentiert: Ausdruck der französisch-russischen Waffenbrüderschaft, der Siegeszuversicht und der Modernität der eingesetzten Kriegs- bzw. Hilfsmittel.[18]

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Und auf einer Informationstafel am Friedhof von Saint-Hilaire-le Grand wird auch an die russischen Ambulanzen erinnert:

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In seinen Memoiren „Le Maillet et le Ciseau“ zieht  Zadkine eine düstere Bilanz seiner Zeit als  Sanitäter. Er bezeichnet sie als die elendeste Zeit seines Lebens, „les jours les plus misérables de ma vie commencèrent alors. Casernes, casernes et encore casernes… Nous étions logés, pour la plupart, dans la salle de fête de Magenta, local sinistre aux murs gris et humides. Infirmiers et brancardiers que nous étions y dormions sur des grabats étroits. Nous mangions, ceux qui comme mois étaient trop pauvres pour s’acheter des repas en ville, dans un autre local adjacent; nous mangions ce que Dieu nous permettait de manger“. (a.a.O.)

Ende 1916 wurde Zadkine als Krankenträger direkt an der Front eingesetzt. Tag für Tag ist er unterwegs zu den vordersten Linien, um Verletzte abzuholen und zu den zurückliegenden Lazaretten zu bringen. Bei einem solchen Einsatz wird er selbst Opfer einer Gasattacke.

„Nos journées se passaient en camionnettes qui nous menaient aux tranchées et à des souterrains. Nour évacouions malades et blessés vers Épernay où plusieurs hôpitaux avaient été installés.“

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 „Un soir, nous dûmes faire un voyage supplémentaire aus monde des blessés. L’atmosphère était paisible et, semblait-il, la campagne sentait bon les fleurs mais la tête nous tourna tout à coup et le chauffeur put juste stopper. Une autre ambulance nous ramassa sans doute car, un peu avant minuit, je me retrouvai dans un hôpitale installé dans un couvent des environs d’Épernay. Je ne faisais de vomir alors qu’à côté de moi un grand soldat… toussait très sec et sans arrêt, avec un bruit de bois mort que l’on casse. J’étais gazé.“ (a.a.O., S. 83/84)

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Nach einer Behandlung in Paris im hôpital Santi-Antoine muss er zurück an die Champagne-Front – in das unter deutschem Artillerie-Beschuss liegende Reims, wo er seine Arbeit als Krankenträger wieder aufnimmt:

„Je dus retourner à Reims; la ville était alors bomardée terriblement. Les Allemands lançaient des attaques chaque jour … La vue des blessés, dont l’état était souvent sans espoir, faisait de moi un pauvre raton esquinté mais, par rapport à ces blessés, pouvais-je me plaindre?“

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Anfang 1917 erhält Zadkine einen neuen Einsatzbefehl: Er wird den zwei Brigaden des russischen Expeditionskorps zugeteilt, die im Lager Mourmelon in der Champagne stationiert waren – wo sich heute ein russischer Friedhof für Soldaten des Expeditionskorps befindet.

Zadkine berichtet in seinen Memoiren von den durch die Revolution in Russland verursachten zunehmenden Spannungen zwischen französischen und russischen Soldaten, die sich oft weigerten weiterzukämpfen. Und er erinnert sich an wahre Kämpfe zwischen Franzosen und Russen in den Bordellen:

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„Il fallait répartir les jour de la semaine entre les uns et les autres; les entrées et les escaliers étaient gardés par des mitrailleurs. Chaque soldat payait cinq francs pour accéder à l’entrée de l’établissement puis encore cinq francs pour accéder à une chambre. On était souvent obligé de l’arracher à la femme s’il prenait plus des cinq minutes prévues. Tard, le soir, on voyait sortir de la maison un brancard sur lequel il fallait évacuer vers la gare un corps de femme immobile.“ (Erinnerungen, S. 86)

Wegen einer Tuberkulose Erkrankung wird Zadkine –wieder in Paris- in der Villa Molière, einer Außenstelle des hôpital Val-de-Grâce, ärztlich versorgt. Im Oktober 2017 wird er schließlich entlassen und kann in sein Atelier zurückkehren.

„Libre! J’étais libre, oui, mais malade et sans un sou. Je revins à mon atelier mais moralement et physiquement je n’avais plus aucun ressort…“

Während seiner Arbeit als Sanitäter hat Zadkine etwa 40 Bleistift- und Tuschzeichnungen und auch einige Aquarelle angefertigt. Manchmal fügte er bei der Signatur einer Arbeit an, wo sie entstanden ist- hier beispielsweise in Loude/Ludes in der Champagne, wo Zadkine von Oktober bis Dezember 1916 bei einer russischen Ambulanz stationiert war.

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20 dieser Arbeiten wählte er als Vorlage für Radierungen aus, die er 1919  in einem Album zusammenstellte, das er der Tochter des letzten zaristischen russischen Botschafters, MlIe Isvolsky, widmete. Der Erfolg war allerdings gering: Obwohl Zadkine zahlreiche Personen anschrieb, von denen er annahm, sie könnten an dem Album Interesse haben, war das Echo enttäuschend, „pauvre“,  wie Zadkine schrieb, er verkaufte nur etwa 10 Exemplare.

Jetzt sind diese vom Kubismus beeinflussten Arbeiten im Museum Zadkine ausgestellt. Sie zeigen die Schrecken des Krieges, die Zerstörung von Körper und Geist. Individuelle Gesichtszüge sind bei den Verwundeten oder Toten –eine Unterscheidung ist nicht möglich- kaum zu erkennen. Dies weist -wie die serielle Aneinanderreihung von Bahren oder Betten-  auf die Massenhaftigkeit und Anonymität des Leidens und des  Sterbens hin.

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Viele der abgebildeten Opfer sind verstümmelt. Das entspricht der grausamen Realität des Kriegs: Den meist völlig überforderten Ärzten blieb oft nur eine schnelle Amputation, um Leben zu retten. Und es ist sichtbarer Ausdruck der zerstörerischen Potenz des Krieges.

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Zadkine hat daraus, wie viele andere engagierte Künstler seiner Zeit, die Verpflichtung abgeleitet, die Schrecken des Krieges anschaulich zu machen und künstlerisch zu gestalten. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist die  Plastik „Die zerstörte Stadt“. Zadkine schuf sie für die 1940 von deutschen Bombern zerstörte Stadt Rotterdam- ein an  Picassos Guernica erinnerndes Fanal gegen den Krieg.  Eine Kopie der Plastik ist  ausgestellt in dem versteckten kleinen Garten des Museums, einem wunderbaren intimen Ort der Ruhe und des Friedens mitten in Paris.

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Praktischer Hinweis:

Musée Zadkine,  100 bis, rue d’Assas   75006 Paris

Täglich außer montags geöffnet vom 10 bis 18 h

Ausstellung Dessins/Destins de Guerre bis 5. Februar 2017

Die éditions Paris-Musées haben ein Buch zur Ausstellung herausgegeben, in dem die Zeichnungen und Radierungen Zadkines aus der bzw. über die Zeit des 1. Weltkriegs zu finden sind.

 

Anmerkungen: 

[1] Avril 1916: le ‚réservoir de fer‘ des soldats du Tsar apporte l’espoir de la victoire. In:1916. La Provence au coeur de la Grande Guerre. La Provence H 20306, S. 42 f

Karte aus: http://www.cndp.fr/crdp-reims/memoire/lieux/1GM_CA/cimetieres/russes/saint_hilaire.htm#site

[2] Zu Joffre und der offensive à outrance siehe den Blog-Beitrag über le mur pour la paix: Die Mauer für den Frieden auf dem Marsfeld. (1. Juli 2016)

http://www.lemonde.fr/societe/article/2014/08/22/le-massacre-du-22-aout-1914_4475342_3224.html

[3] „les heures les plus sanglantes de son histoire“

http://www.lemonde.fr/societe/article/2014/08/22/le-massacre-du-22-aout-1914_4475342_3224.html

[4] Siehe dazu den Blog-Bericht über Chinatown in Paris (1. August 2016)

[5] https://fr.wikipedia.org/wiki/Corps_exp%C3%A9ditionnaire_russe_en_France  https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_an_der_Aisne_(1917)  

https://fr.wikipedia.org/wiki/Mutinerie_des_soldats_russes_%C3%A0_La_Courtine

https://fr.wikipedia.org/wiki/Mutineries_de_1917

http://www.cndp.fr/crdp-reims/memoire/lieux/1GM_CA/cimetieres/russes/saint_hilaire.htm

http://www.lefigaro.fr/international/2011/06/20/01003-20110620ARTFIG00710-poutine-en-visite-d-amitie-a-paris.php

Zur Ile d’Aix siehe den Blog-Beitrag: Das Napoleon-Museum auf der Ile d’Aix (November 2016)

[6] http://france3-regions.francetvinfo.fr/champagne-ardenne/marne/courcy-marne-inauguration-d-une-statue-offerte-par-la-federation-de-russie-712237.html  http://www.lefigaro.fr/international/2011/06/20/01003-20110620ARTFIG00710-poutine-en-visite-d-amitie-a-paris.php

(6a) http://www.cndp.fr/crdp-reims/memoire/lieux/1GM_CA/cimetieres/russes/saint_hilaire.htm#monument

[7] http://www.lefigaro.fr/international/2011/06/20/01003-20110620ARTFIG00710-poutine-en-visite-d-amitie-a-paris.php

http://www.lefigaro.fr/mon-figaro/2011/05/24/10001-20110524ARTFIG00661-france-russie-le-nouvel-axe-strategique.php

[8] http://www.lefigaro.fr/societes/2011/06/17/04015-20110617ARTFIG00591-la-france-espere-livrer-un-mistral-a-la-russie-fin-2012.php

(8a) Bild aus: http://www.rtl.fr/actu/societe-faits-divers/en-images-la-cathedrale-orthodoxe-russe-inauguree-a-paris-sans-poutine-7785363089

[9] http://www.la-croix.com/Religion/France/A-Paris-nouvelle-cathedrale-russe-inauguree-sans-Vladimir-Poutine-2016-10-19-1200797451

http://www.france24.com/fr/20161012-desaccords-syrie-relations-paris-moscou-russie-france

[10] http://www.lesechos.fr/23/09/2015/lesechos.fr/021348111356_l-histoire-mouvementee-des-mistral-russes-devenus-egyptiens.htm

http://www.lepoint.fr/economie/les-deux-mistral-vendus-a-l-egypte-pour-pres-de-950-millions-d-euros-23-09-2015-1967421_28.php

[11] Libération: La France selon Fillon. Politique étrangère. 22.11.2016, p. 5

[12] Le Monde, 23.11.2016, S. 13. Bei  der Darstellung der Positionen Fillons zur Ukraine-Krise bezieht sich die Zeitung auf sein 2015 erschienenes Buch „Faire“.

[13] A Moscou, on salue déjà une ‚victoire sensationelle‘ Le Monde 23.11.2016, Seite 13

[14] Eine persönliche Anmerkung: Fillon hat ja  gute Chancen, nächster Präsident Frankreichs zu werden. Was die Haltung zu Russland angeht, verbinde ich damit durchaus Hoffnungen. Dass Deutschland Truppen im Baltikum stationiert,  von Le Monde schon als künftige führende Militärmacht Europas ausgerufen wird und zu den Hauptbefürwortern einer m.E. sinnlosen und eher schädlichen  Sanktionspolitik gegenüber Russland gehört, finde ich äußerst fatal, z.T. erschreckend.  Vielleicht kann Fillon dazu ein Gegengewicht bilden.  (siehe Le Monde, 25. Nov 2016: Allemagne: Bientôt première puissance militaire d’Europe. S. 1, 2 und 3)

[15] Zitiert aus der Ausstellungsbroschüre des Musée Zadkine

[16]  Zadkine, Le Maillet et le Ciseau. Souvenirs de ma vie. Paris: Albin Michel 1968, S. 80

[17] http://www.ascerf.com/gazette_11.pdf (ASCERF= Association du Souvenir du Corps expéditionaire russe en France (1916-1918)

Ausstellungsbroschüre des Zadkine-Museums.  Die Zarin war übrigens, wie ich –in Darmstadt aufgewachsen- anmerken möchte, eine gebürtige großherzogliche Prinzessin von Hessen-Darmstadt, deren Bruder, Großherzog Ludwig,  nun im feindlichen deutschen Lager stand.

[18]http://actualites.musee-armee.fr/vie-du-musee/les-invalides-dans-la-grande-guerre-episode-7-des-ambulances-russes-dans-la-cour-dhonneur/