Klimawandel, Kriege und andere Katastrophen: Die Ausstellung Vor dem Sturm / Avant l’orage in der Bourse de Commerce in Paris

Nach 2021 und 2022 gibt es auch in diesem Jahr wieder eine Ausstellung in der ehemaligen Pariser Handelsbörse.

Außerordentlich ist diese Ausstellung gleich dreifach:

Sie findet statt in einem grandiosen Rund- und Kuppelbau, zunächst ein Getreidelager, dann eine Handelsbörse, gewissermaßen ein Pantheon, das -ganz in der Ideologie des ausgehenden 19. Jahrhunderts- den Göttern des Kapitalismus und Imperialismus gewidmet war.

Der inzwischen denkmalgeschützte Bau, der neben dem Eiffelturm der französische Beitrag zur gro0en Weltausstellung von 1889 war, wurde in den letzten Jahren von dem japanischen Architekten Tadao Ando aufwändig saniert und zu einem wunderbaren Ausstellungsgebäude umgestaltet. Und das in Nachbarschaft zum Centre Pompidou mitten in Paris.[1]

Blick von der Brasserie Halle aux grains im obersten Stockwerk über das  Dach (canopé) von Les Halles auf die Fassade des Centre Pompidou Foto: Wolf Jöckel

Außerordentlich ist auch der Hausherr, der von der Stadt Paris das Gebäude auf 50 Jahre gepachtet hat, um dort Teile seiner immensen Kunstsammlung zu präsentieren. Es ist der französische Multimilliardär Pinault. Der gebietet, wie sein Intimfeind Bernard Arnault (LVHM), über ein Imperium der Luxusindustrie, und er befindet sich auch auf dem Gebiet der Sammlung und Präsentation von Kunst in einem erbitterten Wettstreit mit Arnault. Während dieser in Frank Gehrys ultramoderner Fondation Louis Vuitton am Rande von Paris eher die klassische Moderne präsentiert, präsentiert nun Pinault in einem im Kern klassischen Bau zeitgenössische Kunst.

Höchst zeitgemäß -und gleichzeitig auch außerordentlich- ist schließlich das Thema der Ausstellung, das -wie man liest-  von Pinault selbst festgelegt wurde. Es geht dabei um den Klimawandel und um drohende Katastrophen;  um zukünftige, aber auch zurückliegende Stürme und die von ihnen verursachten und noch nicht verheilten Wunden wie Tschernobyl und der Vietnam-Krieg…  Der aktuelle Krieg in der Ukraine, auch wenn er nicht direkt thematisiert wird, verleiht der Ausstellung noch zusätzliche Brisanz und Aktualität.

Ausschnitt aus dem großen Gemälde Texas Louise (1971) von Frank Bowling, das die Ausstellung eröffnet. Alle Fotos der Auisstellung -mit Ausnahme der schwarzen Fahne von Edith Dekynth- von F. und W. Jöckel

Der nachfolgende Beitrag ist kein Ausstellungsführer. Die Bilder und kurzen Texte sollen lediglich einige persönliche Eindrücke vermitteln. Wichtige Teile der Ausstellung wie die Videoinstallation  „Tschnernobyl“ und ein Acht-Minuten-Video Hicham Berradas „von  irritierender Schönheit“ (Der Spiegel [2] ) sind nicht berücksichtigt, weil einzelne Fotos ihnen  kaum  gerecht werden können.

Die große  Rotunde, das Zentrum des Baus, bietet den angemessenen Raum für das wohl spektakulärste Werk der Ausstellung: Eine Installation scheinbar wild aufeinandergetürmter gebrochener Eichenbaumstämme und -zweige, die zum Teil am Boden liegen, zum Teil von drei Holzgerüsten gestützt werden.

In dem Gewirr der Stämme, Äste und Gerüste sind Kunstobjekte eingebaut.

Madonna, Deutschland, 14. Jahrhundert

Römische Marmorbüste einer Venus, 1. Jahrhundert nach Christus

Ganz offensichtlich geht es dabei um Verfall, Gewalt, Zerstörung.

Die Installation ist ein Werk des vietnamesisch-dänischen Künstlers Danh Vo. Seine Familie floh mit einem selbstgebauten Boot vor dem Krieg und seinen Folgen aus Vietnam, sie gehörte also zu den sogenannten boat-people. Gerettet wurde die Familie von dem Schiff einer dänischen Reederei- deshalb die dänische Staatsbürgerschaft. Gewalt und Zerstörung gehören damit zu den elementaren Erfahrungen und Themen des Künstlers, der in Kopenhagen und an der Frankfurter Städelschule studierte und inzwischen in Stechlin bei Berlin auf einem großen Bauernhof sein Atelier hat.

Unverkennbar ist auch Danh Vos Auseinandersetzung mit dem Christentum, was auch an diesem Jesus-Torso deutlich wird. Der ist in das Prokrustus-Bett einer Carnation- Milchkiste gezwängt- wobei sich die Assoziation zu In-carnation, also Menschwerdung, aufdrängt. Eine der jungen Kunstführer/innen, die durch die Räume gehen und gerne Informationen zu den Ausstellungsstücken geben, erläuterte uns Hintergründe von Danh Vos Verhältnis zum Christentum: Es habe in seiner Jugend für ihn eine große Rolle gespielt. Das zeigt auch der von Danh Vos Vater in Schönschrift wiedergegebene und an einem Holzgerüst befestigte Brief eines katholischen Priesters, der wegen seiner Missionstätigkeit 1861 zum Tode verurteilt wurde.

Opfer sind auch die Marien- und Christusfiguren in der Installation – so auch der am Holzgerüst befestigte zerstückelte Kruzifix auf dem nachfolgenden Bild.. Aber Danh Vo sei auch selbst zu einem Opfer kirchlicher Gewalt geworden, als er aufgrund seiner Homosexualität ausgegrenzt worden sei.

Dies alles wird präsentiert in einem Raum, in dem der industrielle Fortschritt und der weltumspannende Handel gefeiert werden…. .

…. ebenso wie die (angeblichen) Segnungen des Kolonialismus…

Hier -auf dem großen Wandgemälde unterhalb der Glaskuppel- werden die frisch gefällten Baumstämme im Dienst des Fortschritts zugeschnitten, in der Rotunde sind sie Ausdrucks von Zerstörung und Verfall…

Es gibt aber nicht nur Verfall und Zerstörung in Danh Vos Installation, sondern auch die Kapuzinerkresse -mit lateinischem Namen Tropaeolum- , die im Laufe der Ausstellung das verfallende Holz überwuchern soll und nach der die Installation benannt ist.

Die Tauben auf der Balustrade gehören  übrigens zu den sogenannten in-situ- Ausstellungsstücken, die dort schon seit Eröffnung des Gebäudes sitzen…

Vielleicht wird sogar einmal der Blick auf die imposante gläserne Kuppel von der Kapuzinerkresse überwuchert sein. Diese Kuppel ist ein technisches Meisterwerk, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts unter Mitarbeit des deutsch-französischen Architekten Hittorff gebaut wurde und Ausdruck des damals noch ungebrochenen Fortschrittsglaubens ist.

Und dann gibt es die Fotos von Blumen, die Danh Vo im Blumenladen unter seiner Berliner Wohnung gekauft hat. Dass diese Fotos mit grauen Holzleisten eingerahmt sind, erscheint zunächst nicht weiter bemerkenswert. Aber es ist Holz aus einem amerikanischen Wald, den Craig McNamara bewirtschaftet. Und der ist der Sohn des früheren amerikanischen Secretary of defense und „Architekten des Vietnam-Krieges“ Robert McNamara (Begleitheft). Danh Vo ist inzwischen mit der Familie freundschaftlich verbunden, und die Holzrähmchen lassen sich, so Le Monde, als Beginn einer symbolischen Wiedergutmachung verstehen für die Verwüstungen, die die Amerikaner in Vietnam angerichtet haben.[3] „Ein anderer Weg, im Auge des Zyklons, bleibt noch möglich“ – heißt es dazu in dem Begleitheft der Ausstellung.

In dem Umgang der Rotunde, zwischen der alten Umfassungsmauer und dem neuen Betonring von Tadao Ando,  hat die belgische Künstlerin Edith Dekyndt in den alten Schaukästen für die Weltausstellung verschiedene Objekte ausgestellt, die an den Kolonialismus und seinen Zerfall erinnern wie dieses von Ratten angefressene Tuch aus Indien:

Gezeigt wird auch ihr Video Ombre indigène aus dem Jahr 2014:  Eine im Wind flatternde Fahne aus schwarzen  Haaren.  Dekynth hatte die damals auf einem Felsen von Martinique aufgestellt, wo 1830 ein Schiff mit Sklaven untergegangen war.

Die Fahne mit den schwarzen Haaren ist inzwischen im Iran zu einem Symbol für den Kampf von Frauen für ihre Freiheit geworden.[4]

Plakat in der rue Rollin im 5. Arrondissement

In einer der oberen  Galerien  ist die Algenlandschaft von Anicka Yi ausgestellt,  in der mechanische Insekten herumschwirren und -surren…  Vielleicht auch ein Hinweis auf Möglichkeiten des (Über-) lebens für eine immer weiter anwachsende Weltbevölkerung?

Lucas Arruda, Aus der Serie Deserto-Modelo:  Ein kleinformatiges gewaltiges Landschafts-Chaos- Vor oder nach dem Sturm?

Filigrane Objekte von Daniel Steegman Mangrané veranschaulichen „die Fragilität unseres Daseins.“ (Der Spiegel)

An den Wänden Bilder der Serie „Coronation of Sesostris“ von Cy Twombly.

Die Barke des Pharaos auf dem Weg ins Jenseits –

…. und damit zu neuem Leben….

Man darf darin  aber wohl auch -im Kontext dieser Ausstellung- eine Arche Noah sehen….

Zum Schluss  dieses Berichts noch ein Blick in den eindrucksvollen  Raum, der von einem weiteren aus Vietnam stammenden Künstler, Thu Van Tran,  gestaltet wurde.

Die Wände des Raumes sind -in dunklen Farben- von Spuren der Gewalt gezeichnet.

Im Gegensatz dazu die leuchtenden Farben des großen Wandgemäldes Les Couleurs du Gris (hier Ausschnitte). Aber es sind die Farben von Chemikalien wie Agent Orange, mit denen die amerikanische Luftwaffe den vietnamesischen Wald bombardierte. Ein makabrer Regenbogen des Todes.

Aber „die Schönheit der Stürme der Apokalypse“, von der die Zeitung Le Monde in ihrer Ausstellungskritik schreibt, gehört zu den verstörenden Eindrücken des Besuchs dieser Ausstellung.

„Vor dem Sturm“ ist der Titel der Ausstellung. Aber viele Ausstellungsstücke -wie auch die große Installation in der Rotunde-  zeigen eher einen Zustand nach dem Sturm oder das davor und das danach bleiben in der Schwebe, im Ungewissen. Und auch wenn die Stürme vergangenen sind, so sind sie doch gleichzeitig auch die Vorboten von neuen und vielleicht noch gewaltigeren…

Praktische Informationen:

Pinault Collection: 2 Rue de Viarmes, 75001 Paris

Ausstellung bis 11. September 2023

https://www.pinaultcollection.com/fr/boursedecommerce/avant-lorage

Vom 26. April bis zum 22. Mai ist die Rotonde wegen Umbauarbeiten  geschlossen.

Öffnungszeiten Montag- Sonntag 11-19h

Freitags bis 21 Uhr außer vom 26.4. – 22.5.

Kartenreservierung:

Bourse de Commerce – Pinault Collection – Ventes de billets en ligne


[1] Ein Artikel über die Geschichte und Architektur des Bauwerks soll bei Gelegenheit folgen. Luftbild aus: https://www.challenges.fr/patrimoine/arts-et-encheres/a-la-bourse-de-commerce-francois-pinault-imprime-sa-marque-sur-l-art-parisien_764982

[2] Vor dem Sturm. Eine Ausstellung in Paris widmet sich dem Klimawandel auf besondere wie verstörende Weise. Der Spiegel 9/2023 vom 25.2.2023, S. 102

[3] Emmanuelle Lequeux, la beauté des tempêtes de l’apocalypse. À la Bourse de commerce de Paris, „Avant l’orage“ raconte un monde où le dérèglement est devenu la norme. In Le Monde, 14. Februar 2023, S.21

[4] Siehe Ausstellungs-Broschüre. Bild aus: https://www.facebook.com/24hoursart/

3 Gedanken zu “Klimawandel, Kriege und andere Katastrophen: Die Ausstellung Vor dem Sturm / Avant l’orage in der Bourse de Commerce in Paris

  1. Irmgard Hafner

    Lieber Herr Dr. Joeckel, innigen Dank für die sensible Hinführung zu dieser höchst sehens- und bedenkenswerten Ausstellung. Vieles verstehe ich jetzt noch besser. Die im Wind flatternde Fahne aus schwarzen Haaren habe ich auch an einer Hauswand in der Rue Rollin gesehen.

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    1. Vielen Dank, liebe Frau Hafner, für den lieben Kommentar und für den Hinweis auf das Plakat in der rue Rollin. Das habe ich inzwischen fotografiert und in den Bericht über die Ausstellung eingefügt. Merci! Wolf Jöckel

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