Die Malerei des französischen Kolonialismus. Eine Ausstellung im Musée Branly in Paris

„Zum ersten Mal seit seiner Eröffnung präsentiert das Musée du Quai Branly seine Gemälde-Kollektion: 200 bisher noch nie gezeigte Werke zeigen den Blick abendländischer Künstler auf exotische Gesellschaften und Völker. Matisse, Gauguin, Emile Bernard,… die Ausstellung stellt die Reisen und Begegnungen europäischer Künstler des 18. bis 20. Jahrhunderts in den Vordergrund.“[1]

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So eine offiziöse Präsentation der Ausstellung „Peintures des lointains“, die noch bis Januar 2019 im Musée du quai Branly Jacques Chirac in Paris zu sehen ist. Der Titel dieser Ausstellung hat einige Kritik provoziert: Es handele sich, so Le Monde, um eine schamhafte Umschreibung dessen, was eigentlich « Exotisme et colonialisme dans la peinture française » heißen müsse.[2]  Die Zeitung  La Croix spricht schlicht von der „kolonialen Malerei“, die hier ausgestellt werde, Paris Match von einer Eloge des Kolonialismus, was aber so nicht genannt werden dürfe.[3]

Bemerkenswert an der offiziellen Präsentation der Ausstellung ist in diesem Zusammenhang ja auch das für das Plakat ausgewählte Indianer-Motiv von George Catlin, das keinen Bezug zum französischen Kolonialismus hat.

Und bemerkenswert ist  die Betonung der Prominenz: Matisse, Gauguin, Bernard – wobei gerade Matisse und Gauguin eher marginal vertreten sind. Denn Schwerpunkt der Ausstellung sind Bilder, die die Gebäude der Kolonialausstellung von 1931 schmückten. Ziel war es damals, die Exotik und den Reichtum der Kolonien und ihren Nutzen für das Mutterland zu propagieren, und zwar mittels eines spezifischen „style  coloniale“, wie er ja  auch das Palais de la Porte Dorée prägt, das damalige zentrale Ausstellungsgebäude und heutige Museum für die Geschichte der Einwanderung.[4]

Wenn in der anfänglich wiedergegebenen Ausstellungsankündigung mitgeteilt wird, es handele sich um eine Präsentation noch nie  gezeigter Bilder, ist das also nicht ganz zutreffend. Sie wurden ja tatsächlich und sehr demonstrativ während der Kolonialausstellung von 1931 ausgestellt und auch danach teilweise gezeigt. Allerdings verschwanden sie  1960 im Zuge der Unabhängigkeitsbewegung der ehemaligen Kolonien in dem Depot des damaligen Kolonialmuseums, als das das Palais de la Porte Dorée damals fungierte.  Danach wurden einzelne Bilder nur noch in wenigen speziellen Ausstellungen präsentiert. Der Bestand  schmorte  also mehr als ein halbes Jahrhundert im „Fegefeuer“, wie La Croix schreibt.[5]

Dass jetzt die Zeit des „Fegefeuers“ beendet ist, hängt sicherlich mit dem geänderten politischen Kontext zusammen. Die Entkolonialisierung des französischen empire ist nach der Entscheidung der Bevölkerung von Neu-Kaledonien beim Mutterland zu bleiben,  abgeschlossen. [6] Und die Zeiten sind vorbei, in denen ein Innenminister und Präsident Sarkozy die Segnungen des französischen Kolonialismus rühmte und eine entsprechende Behandlung des Themas im Unterricht forderte. Präsident Macron hat dagegen ausdrücklich den Kolonialismus als „ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnet. Es habe –hier bezieht er sich auf Algerien-  schreckliche Grausamkeiten gegeben, Folter, Barbarei. Der Kolonialismus sei ein Akt der Herrschaft, der Nicht-Anerkennung der Autonomie eines Volkes. Aber –und jetzt folgt eine typischer Macron’sche Wendung:  gleichzeitig – „en même temps“ – habe es auch Aspekte der Zivilisation gegeben und deshalb dürfe man nicht in eine „culture  de la culpabilisation“ verfallen, die nicht zukunftsträchtig sei.[7]

Deshalb kann man also jetzt  im Musée du quai Branly die Ausstellung sehen, die für Paris Match die amüsanteste, bunteste und „la plus sexy“ des Jahres in der Stadt  ist. Und jeder kann –wie er will- sich an den Farben und  dem Licht ferner Länder oder an einer idealisierten Exotik ferner Kulturen erfreuen, die –soweit es sie je  gab- längst von Kolonialismus und Globalisierung überrollt wurde. Vielleicht werden einige wenige  auch noch nostalgischen Gefühlen nachhängen,  vergangener grandeur nachtrauern und  in den Bildern Belege finden für das bewundernswerte zivilisatorische Wirken  Frankreichs in der Welt. Und es wird sicherlich auch Betrachter geben –zu denen ich gehöre- für die  viele der ausgestellten Bilder nicht nur -zum Teil  sehr ansehnliche-  Werke der Kunst sind, sondern auch Ausdruck der ideologischen Verklärung einer teilweise völlig anderen Realität, die aber bewusst ausgeblendet wird.

Es ist den Verantwortlichen des Musée Branly zugute zu halten, dass zwar der Titel der Ausstellung eher unverbindlich ist. In  den schriftlichen und mündlichen Informationstexten zu den Bildern, dem Katalog und den pädagogischen Materialien allerdings, die das Museum zur Verfügung stellt, ist ein kritischer Ansatz  durchgängig und unübersehbar. Darauf werde ich mich denn auch in der nachfolgenden Darstellung teilweise stützen.[8]

 

Das französische Kolonialreich und sein Nutzen für das Mutterland

Die Kolonialausstellung von 1931 hatte zwar einen internationalen Anspruch und es beteiligten sich auch Belgien, Italien, Portugal und die Niederlande (aber nicht Großbritannien) mit Beiträgen aus ihrem Kolonialreich, aber im Zentrum stand das französische Empire: Mit 12 Millionen Quadratkilometern war seine Fläche zwanzigmal so groß wie die des Mutterlands.[9]  Stolz  wurde das weltumspannende Kolonialreich auf einem Ausstellungsplakat  mit dem Titel „La plus grande France“   präsentiert:

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Frankreich im Zentrum der Karte ist von einer Tricolore umgeben und ist gewissermaßen die Sonne, deren Licht (eine Anspielung auf die Aufklärung, die Zeit der lumières) die französischen Besitzungen erleuchtet: Wie der Begleittext stolz verkündet, bringt Frankreich ja den 60 Millionen Eingeborenen seines Kolonialreichs Frieden und die Segnungen der Zivilisation. Und das Alles mit einem nur geringen Aufwand, nämlich 76900 Männern.[10]

Die Ausstellung war sozusagen ein koloniales Disney-Land, das dazu dienen sollte, durch eine spektakuläre Präsentation von Exotik „eine Politik der kolonialen Expansion“ zu befördern.[11] Der Erfolg blieb auch nicht aus, was unter anderem an den Besucherzahlen (8 Millionen und 11 Millionen verkaufte Eintrittskarten) abzulesen ist. Der Historiker Michel Pierre bilanziert, die Kolonialausstellung habe eine Mehrheit der Franzosen nachdrücklich von der Bedeutung des Kolonialreichs für die Aufrechterhaltung der  grandeur de la France überzeugt.[12]

Dazu trugen auch die großformatigen Bilder von Georges Michel, genannt Géo Michel, bei.[13] Sie wurden von den Organisatoren der Kolonialausstellung bestellt und waren für das Palais de la Porte Dorée bestimmt, das danach als Kolonialmuseum diente – 1935 umbenannt in musée de la France d’Outre-mer und 1960 in musée des Arts Africains et Océaniens. Im Palais de la Porte Dorée wurde ausführlich der Beitrag der Kolonien zum Wohlstand des Mutterlands präsentiert. Die Bilder von Géo Michel veranschaulichten die vielfältigen Güter, die Frankreich aus seinen Kolonien bezog:

Diese sind jeweils zusätzlich mit goldenen Lettern in die bildlichen Darstellungen eingefügt: hier –neben vielen anderen- Ananas und Kakao, Nüsse und Zuckerrohr.

Auf einem anderen Bild wurden die mineralischen Rohstoffe der Kolonien und ihr Abbau gezeigt, hier die Kohle:

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Mit diesen repräsentativen Bildern wird im Innern des Palais de la Porte Dorée aufgegriffen und wiederholt, was schon  auf den großformatigen Reliefs der Fassade präsentiert wurde[14]:

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Die Kolonien, so die unübersehbare Botschaft, leisten einen außerordentlich vielfältigen und wichtigen Beitrag zum Wohlstand des Mutterlands.

 

Die „zivilisatorische Mission Frankreichs“  in seinen Kolonien ….

Die großen Gemälde Géo Michels sind Beispiele der kolonialen Propaganda: Sie stellen die Kolonien als einen  Garten Eden dar. Es gibt keine Spur von Mühe und Anstrengung – und schon gar nicht von Zwang.  Es reicht, die überquellenden Gaben der Natur zum Nutzen des Mutterlandes einzusammeln.[15]

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Michel Georges Dreyfus, genannt Géo Michel, Principales productions d’origine végétale                 

Eine Idealisierung des Kolonialismus findet sich auch in den ebenso monumentalen Bildern  von  André Herivaut, zum Beispiel  dem „Officier topographe“. Im Zentrum steht ein Offizier in blütendweißem Tropenanzug, der durch einen Theodolit sieht, neben ihm ein weiterer Offizier mit Fernrohr. Um die beiden herum sind dunkelhäutige Arbeiter beschäftigt,  ebenfalls in makellosem Weiß, in Posen von Gärtnern bei einer geruhsamen Gartenarbeit.

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Das Bild gehört zu einer Serie von drei Bildern, zu denen auch noch der „Officier constructeur“ und der „Officier administrateur“ gehören.

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„L’Officier administrateur“

Alle Bilder wurden für die Kolonialausstellung von 1931 in Auftrag gegeben. Herivaux  hatte davor schon im Auftrag des Kolonialministeriums Reisen nach Afrika und Indochina unternommen und  mehrere Preise für koloniale Malerei  erhalten. Man konnte also sicher sein, dass er eine beschönigende Vision der zivilisatorischen Mission des kolonialen Frankreichs präsentieren würde.[16]

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L’Officier constructeur“

Dieser Bilder ergänzen und variieren die Botschaft der Fresken auf den Wänden der großen Halle des Palais de la Porte Dorée. Auch dort wird das zivilisatorische Wirken Frankreichs in seinen Kolonien gerühmt – hier die medizinische Versorgung der Eingeborenen.

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Eine zusätzliche Facette der kolonialen Mission Frankreichs veranschaulicht Herivaut in seinem ebenfalls 1931 ausgestellten Bild „Le Moniteur d’éducation physique“.  Hier befinden wir uns in den indochinesischen Kolonialbesitzungen Frankreichs:   Ein Offizier erläutert gerade einem lokalen Würdenträger die segensreichen Wirkungen der Körperertüchtigung, die daneben dann auch militärisch korrekt unter der Fahne der Tricolore praktiziert wird.

Ein weiteres für die koloniale Malerei typisches Exponat der Ausstellung ist das Bild von Louis Jean Beaupuy „Der Generalgouverneur und Madame Renard in M’Pila (einem heutigen Vorort von Brazzaville. W.J.) in Französisch- Äquatorialafrika.“ Ursprünglicher Titel: „Die Verteilung von Stoffen an die Eingeborenen“ (1936). Der Gouverneur mit Tropenhelm ist umringt von der Dorfbevölkerung und blickt wohlwollend auf seine elegant gekleidete Frau, die freundlich lächelnd mit wohltätigen Werken beschäftigt ist. „Die Szene ist von einer kolonialen Perspektive geprägt:  Sie vermittelt eine reduzierte Vision der anonym dargestellten Kolonisierten, denen der Kolonialherr seine Wohltätigkeit erweist,“ wie es in dem beigefügten Begleittext heißt[17]  Dargestellt  ist in der Tat eine Beziehung zwischen Herrschenden und Beherrschten,  ähnlich übrigens der auf dem Bild Louis Hersents, das den König Ludwig XVI. zeigt, wie er im Winter 1788 Almosen an die Armen verteilt- also kurz vor der Revolution… Aber diese Assoziation wollte Beaupuy sicherlich nicht nahe legen…

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In den Bildern von Géo Michel, André Herivaux und Louis Jean Beaupuy präsentiert sich der französische Kolonialismus so, wie ihn nach dem Willen seiner Apologeten die französische Bevölkerung sehen sollte: Einerseits erweist sich Frankreich als hochherzig gegenüber den Eingeborenen, die es auf dem Weg zur Zivilisation anführt, und andererseits hat es dafür auch Anteil an den Schätzen der Kolonien, die ihm von deren Bewohnern freundlich übereignet werden.

 

… versus die zeitgenössische Kolonialismuskritik

Damit  entwirft die koloniale Malerei ein idealisiertes Gegenbild zur Kolonialismus-Kritik, die gerade Ende der 1920-er Jahre unübersehbar wurde.[18]

Zunächst und vor allem ist hier André Gides  Reisebericht Voyage au Congo zu nennen, der 1927 veröffentlicht wurde.[19]   Die Kongoreise ist Joseph Conrad gewidmet, spricht aber –im Gegensatz zu Conrad- auch Missstände an, die dem aufmerksamen Beobachter ins Auge fallen. Überall fehle es –anders als von der kolonialen Propaganda verbreitet-  an Medikamenten, was die Ausbreitung selbst solcher Krankheiten begünstige, derer man mit Leichtigkeit Herr werden könne. Gide schildert grausamste Massaker der Weißen an Eingeborenen, Kinderverschleppung und Ausbeutung, vor allem in den Kautschukplantagen.  Gide beobachtet, dass oft die Bevölkerung von Dörfern, die er besucht, die Flucht ergreift aus Angst, zur Zwangsarbeit verschleppt zu werden. Keineswegs kritisiert er prinzipiell den Kolonialismus, aber das profitgierige Verhalten großer Kapitalgesellschaften und das Wegsehen oder gar das Einverständnis  staatlicher Verwaltungen .

In Schutz nimmt er die Eingeborenen gegen  rassistische Vorurteile:

Die Schwarzen werden als indolent, faul, bedürfnis- und wunschlos geschildert. Aber ich will gerne glauben, daß sich dieser Zustand der Apathie nur zu leicht erklären läßt durch die Erniedrigung und das tiefe Elend, in dem diese Leute leben. Und wie kann jemand Wünsche haben, der nie etwas Wünschenswertes zu sehen bekommt.“ [20]

Der Text erregte einiges Aufsehen, erzielte aber wenig Wirkung, zumal die verantwortlichen Ministerien alles dazu taten, die Kritik Gides unter den Teppich zu kehren.

Ein Jahr später allerdings, also 1928, bestätigte  der Journalist Albert Londres  Gides Beobachtungen, als er im „Petit Parisien“ in einer Fortsetzungsserie einen Reisebericht mit dem  Titel „Vier  Monate unter unseren Schwarzen Afrikas“ veröffentlichte. Ein Jahr später erschien dieser Bericht unter dem Titel „Terre d’ébène“ in Buchform. Londres beschreibt darin die grauenhaften Bedingungen, unter denen eine Eisenbahnlinie in der französischen Kongo-Kolonie gebaut wurde. 17 000 Arbeiter, die in  ihren Dörfern zusammengetrieben und unter sklavenähnlichen Bedingungen gehalten wurden, kamen dabei ums Leben.[21]

Und 1930 erschien bei Gallimard, immerhin einem der renommiertesten Verlagshäuser Frankreichs, Paul Monets Buch  „Les Jauniers“ mit dem  Untertitel „histoire vraie“ , um deutlich zu machen, dass es sich nicht um einen Roman, sondern um einen Tatsachenbericht handelt. [22]

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Monet übte –ebenso wenig wie Gide und Londres- grundsätzliche Kritik am Kolonialismus. Indochina, um das es in seinem Buch geht, habe durch die französische Kolonialherrschaft einen wunderbaren  Veränderungsprozess vollzogen:  Habe es vorher aus überwiegend von Mücken und wilden Tieren besiedelten Wäldern bestanden, so jetzt aus fruchtbaren Reisfeldern und Plantagen. Die eindrucksvollen Villen einheimischer Plantagenbesitzer erstreckten sich über weite Landstriche, die vorher von der Malaria geprägt gewesen seien. [23] Umso härter kritisiert Monet allerdings die teilweise unmenschliche Behandlung von Eingeborenen durch die sogenannten „jauniers“ – dem Pendant der afrikanischen Sklavenhändler, den „négriers“.  Solche Menschenhändler, „marchands d’hommes“  hatten in den 1920-er Jahren  Konjunktur, als im Zuge der Kautschuk-Spekulation  große Kapitalgesellschaften in Indochina riesige Plantagen anlegten, deren einziger Zweck die Gewinnmaximierung war.  Für die Bewirtschaftung dieser Plantagen benötigte man zahlreiche Arbeitskräfte, die es vor Ort nicht gab.  Die unmenschliche  „Rekrutierung“ und Behandlung dieser Arbeitskräfte wird von Monet kritisiert, wobei er auch die staatlichen Instanzen nicht ausspart, die meist über die „esclavage temporaire“  hinwegsähen, die  im Allgemeinen  allerdings eine lebenslange Sklaverei  sei. [24]

 

Der exotische Reiz der Kolonien

Die Apologeten der Kolonialpolitik begegneten dieser Kritik auf dreifache Weise:

  • Indem sie den materiellen Nutzen der Kolonien für das Mutterland herausstellten. Bis auf den heutigen Tag ist das ja ein zentrales und meist ausschlaggebendes Argument, wenn es darum geht, zwischen wirtschaftlichen Vorteilen und der Verletzung von Menschenrechten abzuwägen.
  • Indem die zivilisatorische Mission, die „vocation civilisatrice“ Frankreichs betont wurde[25]: So konnte sich Frankreich in der Tradition von Aufklärung und Französischer Revolution als Agent weltweiten Fortschritts verstehen. Der Kolonialismus erhielt damit die höheren ideologischen Weihen.
  • Indem die Exotik und Vielfalt der Kolonien präsentiert wurde. Dies konnte dazu beitragen, eine emotionale Beziehung der Bevölkerung zu den Kolonien zu fördern. Aber die Exotik konnte noch mehr leisten: nämlich die zivilisatorische Distanz zum Mutterland zu veranschaulichen und so den Bestand des Kolonialreichs auf absehbare Zeit zu legitimieren.

Gemälde hatten einen bedeutenden Anteil daran, den exotischen Reiz der Kolonien zu befördern. Dies war ein wesentliches Element der Kolonialausstellung von 1931 und der Gemäldesammlung des Kolonialmuseums bzw. des Museums der überseeischen Territorien.  Zur Steigerung der Attraktion dienten  natürlich  schon damals die großen Namen:  Gauguin war 1931  mit insgesamt 13 Bildern vertreten, Emile Bernard ebenfalls mit mehreren Arbeiten: War in den Augen Gauguins Tahiti ein paradiesischer Ort, so für Bernard das arabische Viertel von Kairo. Und natürlich durfte auch Delacroix nicht fehlen: Alle wurden von  der kolonialen Propaganda benutzt, um den Reiz der Exotik zu befördern und das emotionale Band zwischen Mutterland und Kolonialreich zu festigen.

Kann man bei manchen Bildern und Malern sicherlich von einer  eher unfreiwilligen „Instrumentalisierung der Kunst durch das koloniale System“ sprechen[26], so  haben sich andere freiwillig instrumentalisieren lassen: Immerhin vergab der französische Staat großzügige Stipendien an Maler für Reisen in die Kolonien, es gab für die dort gemalten Bilder zahlreiche Wettbewerbe und Preise und für die Künstler Karrieremöglichkeiten an Kunsthochschulen im Mutterland oder im Kolonialreich (Indochina, Algier, Tunis, Madagaskar etc).

Im Folgenden werden einige Bilder aus der Ausstellung im Musée Branly vorgestellt, die einen Eindruck von der Spannweite und der Vielfalt der Malerei des französischen Kolonialismus vermitteln sollen und insbesondere von dem durch diese Malerei zur Schau gestellten exotischen Reiz des Kolonialreichs. Oft wird dabei auch das ethnographische Interesse deutlich, manchmal sind die Bilder  aber auch Ausdruck der damals üblichen Ideologie von der Ungleichheit der Rassen und d.h. auch der Überlegenheit der „weißen Rasse“.

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Guyane:  Gaston Vincke, Village Wayana (1932). Die Eingeborenen dieses Dorfes hatten sich mit einer roten Farbe überzogen, um sich vor den Fliegen zu schützen. Für einen Maler natürlich ein wunderbares Motiv. Ihm kam es beim Betreten des Ortes vor, schrieb er, „dans un pays de flammes“ zu kommen.

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Martinique: Jean Baldoui, Le Flamboyant  1930

 

 

 

 

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Indochina: Marie Antoinette Boullard-Devé,  Ausschnitte eines 40 Meter langen Frieses für den Indochina- Pavillon der Kolonialausstellung von 1931. Gezeigt werden sollten verschiedene Bevölkerungstypen der Kolonie.

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Vietnam:  Lucien Lièvre, die Halong-Bucht  (um 1930

 

 

 

 

 

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Südostasien:  Jean Dunand, Tigre à l’affût (1930). Hier handelt es sich um eine für den Art-déco-Stil typische Lackarbeit, die neben anderen zur Ausschmückung des Palais de la Porte Dorée bestimmt war.

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Insel La Reunion:  Marcel Mouillot, Le Circe de Cilaos. Um 1930.

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Madagaskar: Suzanne Frémont, Chez les Bara (1926)

 

 

 

 

 

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Äquatorialafrika:  Jeanne Thil, Französisch  Äquatorialafrika. (1935)

Jeanne Thil war eine „peintre-voyageuse“, eine Reise-Malerin, die mit staatlichen Stipendien mehrere Reisen in die französischen Kolonien unternehmen konnte. Sie erhielt zahlreiche Aufträge für Ausstellungen  und zur Ausschmückung von  Rathäusern und Schiffen (z.B. den Überseedampfer Île-de-France). Die beiden hier gezeigten Bilder wurden für die koloniale Weltausstellung in Brüssel 1935 angefertigt. [27]

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Westafrika:  Jeanne Thil, Französisch, Togo, Kamerun (1935)

 

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Neukaledonien: Paul Mascart, Case kanak. (Anfang der 1930-er Jahre)[28]

 

 

 

 

 

 

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Tahiti: Paul Gauguin, Mahna no varua ino (Der Teufel spricht), etwa 1891

Gauguin feiert in seinen Südsee-Bildern das Ideal einer ursprünglichen Kultur – die es ihm erlaubte, seine pädophilen Neigungen rücksichtslos auszuleben – insofern sind seine Bilder auch eine spezifische Variante kolonialer Malerei. Seine in der Ausstellung gezeigten Holzschnitte gehören -mehr als seine Bilder-  zur „Welt der Nacht“.  

  

 

Ein Schwerpunkt der kolonialen Malerei war  natürlich Nordafrika. Seit dem Ägypten-Feldzug Napoleons gab es ja eine regelrechte Ägyptomanie in Frankreich. Napoleon gelang zwar nicht die Eroberung Ägyptens, aber ab 1830 verleibte Frankreich Algerien, Tunesien und Marokko seinem Kolonialreich ein. Exotik, Licht und  Farben Nordafrikas hatten für viele Male eine hohe Anziehungskraft, was auch in der Ausstellung im Musée Branly deutlich wird.

So  etwa in dem Bild  Èmile Bernards mit dem Titel „Die Weinenden von Kairo“ oder auch „arabisches Fest“ (1894). Bernard lebte viele Jahre in Kairo, dessen afrikanisches Viertel  für ihn ein paradiesischer Ort war- ähnlich wie Tahiti für Gauguin.

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Auch André Sureda lebte mehrere Jahre in Nordafrika, wo er zwischen 1910 und 1920 das Bild eines arabischen Festes bei Tlemcen malte.  Gegenstand ist die festliche Prozession zum Grab eines Marabouts. [29]

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Jules Migonney war einer der ersten Stipendiaten der Villa Abd-el-Tif in Algier, wo von 1907 bis 1961 –also kurz vor der algerischen Unabhängigkeit- Maler und Bildhauer mindestens ein Jahr lang auf Staatskosten arbeiten  konnten. Ein von ihm vielfach variiertes Motiv war das der arabischen „Odaliske“ (1912-1914), das sich auch bei anderen Künstlern höchster Beliebtheit erfreute.

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1912 reiste der Maler Charles Camoin nach Marokko, wo er seinen Freund Henri Matissse traf. Er blieb dort drei Monate und  malte dieses Bild des Strands von Tanger. Die Assoziation an die Tunisreise von Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet liegt da wohl nahe.

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Sicherlich wird man solche Werke nicht pauschal einer propagandistischen Zwecken dienenden „kolonialen Malerei“ zuordnen dürfen. Aber sie wurden doch in einem entsprechenden musealen Zusammenhang präsentiert, wodurch sie gewissermaßen ihre künstlerische Unschuld verloren.

In der Kolonialausstellung von 1931 wurde jedenfalls in mehreren Sälen des Kolonialmuseums  die Eroberung der Kolonien und vor allem Nordafrikas mit Waffen und Bildern veranschaulicht und gerühmt. Dazu gehörte auch das speziell für die Kolonialausstellung gemalte  Bild Paul Dupuys, das die Unterwerfung des Rebellenführers Sidi M’Ha Ahansali vor dem französischen Oberst Naugès im Jahr 1923 zeigt.

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An die Anfänge der Eroberung Nordafrikas erinnert ein  Bild von Horace Vernet, der von König Louis Philippe nach Algerien geschickt wurde, um mit Stift und Pinsel das Eroberungswerk der Franzosen zu veranschaulichen und zu glorifizieren [30] – eine frühe Form des „embedded journalism“.  Vernet zeigt die Eroberung des Lagers des Aufstandsführers Abd-el-Kader im Jahr 1843, eine entscheidende Phase der Eroberung Algeriens. Im Musée Branly ist nur ein kleiner Teilentwurf zu sehen, das monumentale über 20 Meter lange Panorama in der aktuellen Ausstellung über Louis Philippe im Schloss von Versailles…. [31]  – ein weiteres interessantes Angebot für Liebhaber der Geschichte und der Kunst.

 

Praktische Informationen zur Ausstellung im Musée Branly

musée du quai Branly- Jacques Chirac

37, quai Branly

75007 Paris

Bis 3. Februar 2019

Öffnungszeiten:

Dienstag, Mittwoch und Sonntag 11 – 19 Uhr

Donnerstag, Freitag und Samstag  11- 21 Uhr

Broschüre zur Ausstellung:  connaissance des arts, hors- série:  Peintures des lointains. La collection du musée du quai Branly- Jacques Chirac. 9,50 €

 

 

 

Thematisch verwandte Blogbeiträge:

  • Die Kolonialausstellung von 1931 (Teil 2): Der „menschliche Zoo“ im Jardin d’acclimatation und der Tausch von „teutonischen Krokodilen“ und          „Menschenfressern“  zwischen Paris und Frankfurt   https://wordpress.com/post/paris-blog.org/6678

 

 

Anmerkungen:

[1] https://at.france.fr/de/news/artikel/die-wichtigsten-ausstellungen-paris-2018

[2] https://www.lemonde.fr/arts/article/2018/02/05/l-art-au-temps-des-colonies_5251799_1655012.html

[3] https://www.la-croix.com/Culture/Expositions/Au-Quai-Branly-peinture-coloniale-sort-lombre-2018-02-06-1200911572

https://www.parismatch.com/Culture/Art/Au-Musee-du-quai-Branly-Jacques-Chirac-les-colonies-vues-par-les-peintres-1480457

[4] Zum Palais de la porte dorée und zur Kolonialausstellung siehe die entsprechenden Blog-Beiträge: Das Palais de la Porte Dorée und die Kolonialausstellung von 1931: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/6242 und:

Die Kolonialausstellung von 1931 (2): Der „menschliche Zoo“ im Jardin d’acclimatation und der Tausch von „teutonischen Krokodilen“ und „Menschenfressern“ zwischen Paris und Frankfurt:  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/6678

[5] https://www.la-croix.com/Culture/Expositions/Au-Quai-Branly-peinture-coloniale-sort-lombre-2018-02-06-1200911572

[6] Im November 2018 fand das lange geplante Referendum statt, bei dem sich 56,4% der Wähler gegen die Unabhängigkeit ausgesprochen haben.

[7] http://www.lefigaro.fr/elections/presidentielles/2017/02/15/35003-20170215ARTFIG00260-en-algerie-macron-denonce-la-colonisation-c-est-un-crime-contre-l-humanite.php

[8] http://www.quaibranly.fr/fileadmin/user_upload/1-Edito/6-Footer/3-Si-vous-etes/2-Enseignant-animateurs/Dossier_Pedagogique_Peintures_des_lointains_SEPT18_VD.pdf

[9] https://www.parismatch.com/Culture/Art/Au-Musee-du-quai-Branly-Jacques-Chirac-les-colonies-vues-par-les-peintres-1480457

[10] Zu dem Plakat siehe: https://www.histoire-image.org/fr/etudes/propagande-coloniale-annees-1930  siehe auch: https://www.persee.fr/doc/homig_1142-852x_2008_num_1274_1_4767 und http://blog.ac-versailles.fr/terminus/public/HdA/Exposition_coloniale/empire-franc3a7ais-expo-coloniale.pdf (Das Plakat wird hier als Unterrichtsmaterial vorgestellt)

[11] Steve Ungar, « La France impériale exposée en 1931 : une apothéose », in Pascal Blanchard et Sandrine Lemaire (sous dir.), Culture coloniale. La France conquise par son empire, 1871-1931, Paris, éditions Autrement, 2003, pp. 201 – 202  (Aus: Dossier péd. S. 32/33)

[12] https://www.persee.fr/doc/homig_1142-852x_2008_num_1274_1_4767

[13] Fast alle nachfolgenden Fotos sind –soweit nicht anders angegeben- im Rahmen der Ausstellung aufgenommen. Es handelt sich dabei fast durchweg um Bildausschnitte.

[14] Siehe dazu den Blog-Beitrag über die Kolonialausstellung von 1931 und das  Palais de la Porte Dorée: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/6242

[15] Siehe pädagogisches Dossier zur Ausstellung und: https://www.connaissancedesarts.com/non-classe/exposition-peintures-des-lointains-%E2%80%89-les-avatars-dune-collection-1188122/

[16] https://www.histoire-image.org/etudes/representation-village-togolais-exposition-coloniale

http://lirelactu.fr/source/le-monde/4896c514-79e0-4988-b02b-b0bf008f3455

[17] s.a. http://www.lefigaro.fr/arts-expositions/2018/02/02/03015-20180202ARTFIG00023–le-plein-de-culture-le-musee-du-quai-branly-deterre-ses-peintures-du-lointain.php

[18] http://geopolis.francetvinfo.fr/peintures-des-lointains-peintures-de-l-afrique-coloniale-181899

[19] Text: http://www.bouquineux.com/index.php?telecharger=627&Gide-Voyage_au_Congo

[20] André Gide. Reisen und Politik. Gesammelte Werke, Bd.5. Stuttgart: DVA, 1992, S. 461

[21] https://www.lemonde.fr/arts/article/2018/02/05/l-art-au-temps-des-colonies_5251799_1655012.html

[22] Abdruck des Textes:  http://www.entreprises-coloniales.fr/inde-indochine/Paul_Monet-Jauniers.pdf

[23] Marianne Boucheret,  Le pouvoir colonial et la question de la main-d’œuvre en Indochine dans les années vingt.  Cahiers d’histoire 85, 2001.  https://journals.openedition.org/chrhc/1740?lang=en

[24] http://belleindochine.free.fr/LesJauniers.htm

[25] So noch 1944 von de Gaulle in seiner Rede in Brazzaville: http://mjp.univ-perp.fr/textes/degaulle30011944.htm

[26] (https://www.lejournaldesarts.fr/expositions/au-temps-des-colonies-136097

[27]  Siehe: connaissance des arts, S. 39

[28] Zu Mascart und seiner „odyssée kanak“ siehe connaissance des arts, S. 20/21

[29] André Sureda, La Fête arabe dans la campagne de Tlemcen (zwischen 1910 und 1920)

Foto: MUSÉE DU QUAI BRANLY-JACQUES CHIRAC/PHOTO : CLAUDE GERMAIN

[30] https://www.histoire-image.org/de/comment/reply/5171

https://www.histoire-image.org/de/etudes/prise-smalah-abd-el-kader

http://geopolis.francetvinfo.fr/peintures-des-lointains-peintures-de-l-afrique-coloniale-181899

[31]  http://collections.chateauversailles.fr/#483bf3ef-c0f2-4dd6-aa18-7e05da21fee3

http://www.chateauversailles.fr/actualites/expositions/louis-philippe-versailles#l%E2%80%99exposition

 

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Ein Gedanke zu “Die Malerei des französischen Kolonialismus. Eine Ausstellung im Musée Branly in Paris

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