Die Schatzkammer der Scheichs: Die Ausstellung Al Thani im Hôtel de la Marine in Paris

Am 17. November 2021 fand im Pariser Hôtel de la Marine die glanzvolle Vernissage der Ausstellung „Schätze der Sammlung Al-Thani“ statt. Der Besitzer der Sammlung, „His Highness/Son Altesse Sheikh Hamad bin Abdullah Al Thani“, Mitglied des das Scheichtum Katar regierenden Herrscherhauses, konnte zusammen mit seinem Bruder, dem Prinzen Suhaim Al Thani, eine illustre Schar von Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Kunstbetrieb und Adel begrüßen. Versammelt war da ein Querschnitt dessen, was der französische Adel auch gut 200 Jahre nach der Französischen Revolution noch zu bieten hat: ein duc, eine  princesse, ein comte samt comtesse, ein marquis…

„Son Altesse le prince Hamad Al Thani“  – im ersten Saal der Ausstellung- standesgemäß postiert vor dem aus Jaspis geschnittenen Kopf einer königlichen Figur aus dem alten Ägypten. © German Larkin[1]

Und das Ganze wurde auch medial entsprechend in Szene gesetzt.[2] Beispielsweise durch ein ganzes Dossier der Pariser Tageszeitung Le Figaro, die gar nicht genug hymnische Beschreibungen für das Projekt und den Sammler mit seinem „goût princier“ finden konnte.  Scheich Hamad Al Thani wird da als einer der wichtigsten und kenntnisreichsten Kunstsammler unserer Zeit gerühmt, der seit seiner frühesten Jugend „in der Kultur gebadet“ habe, die Ausstellung als eine einzigartige und geradezu unglaubliche Zusammenstellung des „génie humain“.[3]

Solche Lobeshymnen und der breite ihnen zugestandene Raum mögen ja ihre Berechtigung haben. Aber vielleicht darf man in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass zu dem reichhaltigen Pariser Immobilienbesitz der Al Thani-Dynastie auch der Sitz des Figaro gehört. Und Besitzer der Zeitung ist der Rüstungskonzern Dassault. Der produziert das Kampfflugzeug Rafale. Und wer war  dessen erster, in Frankreich sehnlichst erwarteter und hymnisch begrüßter ausländische Käufer? Dreimal darf man raten-…. Es war Katar…[4]  Nachtigall, ick hör dir trapsen würde da der Berliner sagen.

Das Beispiel Figaro ist exemplarisch für die eminente Rolle, die Katar in und für Frankreich spielt: Das kleine Land am Persischen Golf ist nämlich ein Hauptkunde der französischen Rüstungsindustrie, die neben der Luxusgüterindustrie eine der Säulen des französischen Exports ist.[5] Und Katar gehört zu den großen Investoren in Frankreich, und zwar vor allem im Immobilienbereich, wo katarische Investitionen auch noch ausdrücklich steuerlich begünstigt sind. Einige der besten Pariser Adressen gehören inzwischen Katar: darunter sind mehrere Nobelhotels und das von Le Vau gebaute und von Le Brun ausgestaltete berühmte Stadtpalais Hôtel Lambert auf der Île Saint-Louis.[6]

Courtesy of Simon Upton/The Interior Archive[7]  

Hier posiert Seine Hoheit im prunkvollen Ambiente des Herkulessaals, einem Vorläufer und Vorbild des Spiegelsaals von Versailles. Besichtigen kann man dieses zum UNESCO-Weltkulturerbe zählende Kleinod allerdings nicht – nicht einmal an den Tagen des offenen Denkmals.

Aber das ist noch nicht alles[8]: Katar hat auch in der französischen Industrie erhebliche Anteile erworben (z.B. Total, Veolia, Vinci) und ist -wohl das spektakulärste Engagement- Besitzer des Fußballvereins Paris Saint Germain (PSG), in der Sport-Presse gerne auch „der Scheich-Club“ genannt.  Der kann sich dank des katarischen Geldsegens auf dem Spielermarkt nach Belieben -und allen fairness-Regeln zum Trotz- bedienen, zuletzt mit Superstar Messi, der mit seinen beiden Stürmerkollegen Neymar und Mbappé das teuerste Sturm-Trio der Welt bildet. Frankreich hat sich da denn auch entsprechend erkenntlich gezeigt und durch seine Lobbyarbeit wesentlich dazu beigetragen, dass Katar die Fußballweltmeisterschaft 2022 zugesprochen bekam.[9] Und auch wenn es um die Menschenrechte in Katar nicht zum Besten steht[10]: Angesichts der katarischen Großzügigkeit zeigt sich das Land, das sich rühmt, Mutterland der Menschenrechte zu sein, eben auch entsprechend großzügig….

Denn großzügig ist die katarische Herrscherfamilie in der Tat: Diese wunderbare Kommode ersteigerte die Al Thani Collection Foundation 2021 für 1,2 Millionen Dollar und schenkte sie dem Centre des monuments nationaux.

Das ist die für das Hôtel de Marine zuständige Institution, und dort hatte die Kommode vor der Französischen Revolution gestanden. Entworfen wurde sie von dem aus Deutschland stammenden Kunsttischler Jean-Henri (Johann Heinrich) Riesener, einem der bedeutendsten Ebenisten des Ancien Régime.[11]

Diese Schenkung diente gewissermaßen als Türöffner Al Thanis für das  Hôtel  de la Marine, in dem die Schatzkammer der Scheichs 2021 ihren angemessenen Platz erhalten hat.

Blick von der place de la concorde auf das Hôtel de la Marine. Im Hintergrund die Fassade der Kirche La Madeleine.[12]

Im Ancien Régime, also vor der Französischen Revolution, war das Hôtel de la Marine Sitz der königlichen Intendanz für das Mobiliar („Garde-meuble de la Couronne“). Die war zuständig für die Anschaffung und Instandhaltung des Mobiliars der zahlreichen königlichen Residenzen. Außerdem kümmerte sie sich um die Aufbewahrung der königlichen Sammlungen, die Waffen, Stoffe, Wandteppiche, Bronzeskulpturen und schließlich sogar der Kronjuwelen. Nach der Revolution war das Gebäude für 228 Jahre Sitz des Marineministeriums – deshalb auch sein Name- bevor es dem Centre des monuments nationaux übergeben wurde.

Blick von der Bel Étage des Hôtel de la Marine auf die Place de la Concorde. Auf der anderen Seite der Seine die Fassade des Palais Bourbon, Sitz der französischen Nationalversammlung, und die Kuppel des Invalidendoms. Foto Wolf Jöckel [13]

Die Renovierung des riesigen Gebäudes mit seiner breiten Fensterfront zum Platz, dem ägyptischen Obelisken und den vergoldeten Gittern des königlichen Tuilerien-Parks kostete offiziell 130 Millionen Euro, mehr als der Staat ausgeben wollte. Daher unterzeichnete die Verwaltung der staatlichen Denkmalbauten ein sogenanntes „Mäzenaten-Übereinkommen“ mit der Fondation Collection Al Thani, die 20 Millionen Euro in Raten beisteuert, was ihr das Anrecht auf die 20-jährige Nutzung von 400 Quadratmeter Räumlichkeiten garantiert. Das entspricht einem garantierten Fixpreis von 208 Euro pro Quadratmeter – für Pariser Verhältnisse ein absoluter Freundschaftspreis: Für eine popelige Hinterhof- Gewerbeimmobilie in unserem 11. Arrondissement werden beispielsweise aktuell über 500 Euro pro Quadratmeter verlangt- selbstverständlich ohne 20-jähriger Preisgarantie. Immerhin finanziert die Al Thani Collection das Bewachungspersonal, und die Eintrittsgelder für den gemeinsamen Besuch des Hôtel de la Marine und der Sammlung kommen allein dem Centre des monuments nationaux zugute. [14] So kann nun die Al Thani-Stiftung einen Teil ihrer erlesenen Kunstsammlung in einem ebenso erlesenen Ambiente präsentieren: Wie einst die Herrscher der Renaissance und des Absolutismus ihren Reichtum und ihre Macht, aber auch ihren Kunstsinn in ihren Schatzkammern zur Schau stellten, so wird diese Tradition jetzt von der Al Thani-Dynastie fortgesetzt. Und die nutzt die Kunst systematisch, um das unter Vorwürfen der Terrorfinanzierung und der unmenschlichen Behandlung von ausländischen Arbeitskräften leidende Image des Landes zu verbessern.[15] Die Hauptstadt Doha propagiert demgegenüber das Bild einer weltoffenen modernen Stadt als Weltzentrum der Wissenschaft und der Kunst. Und dafür ist das Beste und Teuerste gerade gut genug: Nicht weniger als 11 Träger des Pritzker-Preises, der als „Nobelpreis der Architektur“ gilt, haben an der Entwicklung der Stadt gearbeitet. Der französische Stararchitekt Jean Nouvel plante den spektakulären Bau des Nationalmuseums, Ieoh Ming Pei,  der Grand Seigneur der Museumsbaukunst und Schöpfer der Louvre-Pyramide, ein Schatzhaus am Meer auf einer künstlich angelegten Halbinsel für das  Museum für islamische Kunst.[16]

Und diese Museen sollen natürlich auch entsprechend mit Inhalt gefüllt werden. Seit Anfang der 90er Jahre kauft und ersteigert die Herrscherfamilie fast schon obsessiv Kunst. Zunächst waren es Manuskripte, Bronzefiguren und Teppiche aus den islamischen Ländern, später Klassiker der Moderne. Im Jahr 2012 erwarb Katar in New York bei Sotheby’s eine Version von Edvard Munchs „Der Schrei“ für 120 Millionen Dollar, drei Jahre später ein Gemälde des Malers Paul Gauguin für 300 Millionen Dollar. Dahinter steckt vor allem Scheicha Al-Majassa bint Hamad Al Thani. Die Schwester des Emirs gilt als eine der weltweit einflussreichsten und finanzstärksten Kunstsammlerinnen.“[17] Der Vetter des Emirs von Katar, Scheich Saoud Al Thani, galt um die Jahrtausendwende als „größter Kunstkäufer der Welt“.

Und dann gibt es ja auch noch die inzwischen etwa 6000 Stücke umfassende Sammlung von Scheich Hamad bin Abdullah Al Thani. Seit sieben Jahren zeigt er seine Sammlung, zunächst in New York, dann in Paris, Peking, Venedig, Kyoto, Fontainebleau. Jetzt hat er in Paris ein Schaufenster eröffnet, in dem Teile der Ausstellung präsentiert werden. „Das Motto des über Milliarden verfügenden Scheichs war offensichtlich: nur das Beste vom Besten. Er ließ sich von erstklassigen Kennern beraten, kaufte auf Auktionen und in den anerkannten Galerien in New York, London und Paris.“  Nur wenige Sammler, so wird im Begleitheft der Ausstellung festgestellt, können sich einer derartigen Fülle von Meisterwerken rühmen.  In Paris zeigt Al Thani 120 Preziosen, wobei die oft winzige Dimension der Stücke frappierend ist:  Kunsthandwerk von höchster technischer Vollkommenheit, aus den wertvollsten Materialien; denn, wie der Chef-Konservator der Sammlung, Amin Jaffer, feststellt: „Seine Hoheit sucht vor allem seltene Materialien wie harte und kostbare Steine“, also Jade, Rohkristall, Edelsteine, Perlen, gefasst in Gold und Silber.[18] 

Kein Wunder, dass man, was Sammelleidenschaft, die finanziellen Ressourcen, aber auch Kunstverstand angeht, die Al Thani-Dynastie mit den Medici im Florenz des 16. Jahrhunderts verglichen hat.[19]

Die „Zaubergrotte des Ali Baba“

Die vier Räume der Ausstellung dienten im Ancien Régime der Aufbewahrung von Teppichen. Sie waren also, anders als die aufwändig gestalteten und entsprechend renovierten Repräsentationsräume des Hôtel de la Marine ohne Dekor, was dem japanischen Innenarchitekten der Räume (Tsuyoshi Tane Architects)  die entsprechende Freiheit der Gestaltung gab.

Und die nutzte er auf fulminante Weise: Betritt man die Ausstellung, befindet man sich in einem kleinen goldschimmernden Raum, man wähnt sich, wie die Frankfurter Rundschau begeistert schrieb, „in der Zaubergrotte des Ali Baba“[20]: Von der Decke bis zum Boden sind tausende von funkelnden goldenen Sternen -vielleicht aber auch Blüten, Blätter oder Flügel- gespannt. Dazwischen sind im Kreis schmale Vitrinen aufgestellt, die jeweils nur einem Kunstwerk als Bühne dienen: Die grandiose Inszenierung einer Schatzkammer.

Nachfolgend eine kleine Auswahl der in der Ausstellung präsentierten Kostbarkeiten.  Hier ist es eine kleine Marmor-Figur aus Kleinasien (3300-2500 vor Christus), gleichzeitig entstanden und eng verwandt mit den Idolen der Zykladen-Kunst. Wahrscheinlich handelte es sich um ein Fruchtbarkeits-Idol, das schließlich als Grabbeigabe diente. Der Blick der Figur ist nach oben gerichtet, weshalb man ihr den Namen Contemplatice d’étoiles (Stargazer) gegeben hat- und in diesem Raum gibt es ja nun genug Sterne zum Betrachten…

Insgesamt sind in dieser ersten Galerie sieben kleine Figuren ausgestellt, die dem universalistischen Ansatz der Sammlung entsprechen: Werke, die verschiedenen Kontinenten, Kulturen und Zeiten entstammen, aber sie auch überspannen: Könnte die etwa 5000 Jahre alte Sternenbetrachterin nicht auch von einem modernen Bildhauer wie Jean/Hans Arp gemacht sein oder ihm als Anregung gedient haben?

Dies ist der Kopf einer königlichen Figur aus dem alten Ägypten (XVIII. Dynastie, um 1473-1292 vor Chr.) Ursprünglich gehörten zu der Figur noch eine Krone und ein Bart. Der Kopf ist aus einem Jaspis-Stein von außerordentlich klarer roter Farbe geschnitten, Symbol für das Leben. Vielleicht handelte es sich um eine Figur der Königin Hatschepsut, deren Gesichtszüge auch dem heutigen Schönheitsideal entsprechen.[21]  Dass sich Scheich Al Thani bei der Eröffnung der Ausstellung vor der Vitrine mit dieser Figur hat ablichten lassen, ist wohl kaum ein Zufall.

Eine besondere Kostbarkeit ist auch diese kleine, nur 12 cm hohe Maya-Maske aus dem nördlichen Zentralamerika. Entstanden ist sie zwischen 200 und 600 nach Christus. Auffällig ist dabei neben den verwendeten Edelsteinen die Mütze  in Form eines Jaguars, ein Tier, das bei den Mayas für das Jenseits, den Krieg, das Opfer und hohen Rang stand. Vermutlich gehörte sie einem  hohen Würdenträger, der sie bei Zeremonien trug und die dann als Begleiter für den Weg ins Jenseits und als Garantie für ein ewiges Leben diente.[22]

Diese aus Elfenbein geschnitzte Maske gehörte der Königin-Mutter Idia aus dem Königreich Benin. Ida war auch eine große Heerführerin und sicherte so die Herrschaft ihres Sohnes gegen Gegner im Inneren wie Äußeren. Dabei waren ihre magischen Kräfte und ihr Wissen über Medizin ebenso wichtig wie ihr politischer Rat.  Die großen, leicht hervortretenden Augen sind typisch für die Darstellung von Ahnen. Getragen wurde die Maske während bedeutender Zeremonien am Königshof.[23] Es gibt nur vier weitere vergleichbare Masken. Sie wurden als Ahnenobjekte über Jahrhunderte geehrt und gehütet. In der beigefügten Information erfährt man -hier wie auch sonst- nichts über die Provenienz. Vermutlich wurde sie bei der Eroberung des Königspalastes von englischen Kolonialtruppen erbeutet und dann auf dem Kunstmarkt verkauft. Man darf gespannt sein, wie es Scheich Al Thani mit der Rückgabe sogenannter „Beutekunst“ hält….

Dieser kleine entzückende Bär aus vergoldeter Bronze stammt aus China (Han-Dynastie, 206 vor bis 25 nach Chr.). Es soll sich um ein Gewicht zur Befestigung von Teppichen oder Bambusmöbeln gehandelt haben, aber natürlich hat die Wahl des Bären auch eine symbolische Bedeutung und steht für Tapferkeit, Kraft und Männlichkeit. Der Kriegsgott Chiyou wurde damals mit dem Kopf eines Bären dargestellt.

Ein weiteres Tier, das in dieser ersten Schatzgalerie einen Ehrenplatz hat, ist diese goldene Saiga-Antilope.

Es handelt sich um einen sogenannten Rhyton, ein in den antiken Zivilisationen von Mesopotamien und des Mittelmeers verwendetes Trinkgefäß für festliche und religiöse Anlässe. In seiner Präsentation der Ausstellung versäumt der „Figaro“ es nicht, darauf hinzuweisen, dass es nur noch drei weitere  entsprechende Rhyta dieser Art gibt: In einem privaten Museum in Japan, dem Metropolitan Museum in New York und  der Ermitage in Sankt Petersburg.[24]

Galerie der Köpfe

In der zweiten, in geheimnisvolles Dunkel gehüllten Galerie werden die Skulpturen von elf Köpfen präsentiert, auch diese verschiedenen Kulturen und Zeiten zugehörig.[25]

Dies ist eine Maya-Maske aus Guatemala (200-600 nach Chr.)[26]. Sie ist hergestellt aus Jade, Obsidian und den Schalen der Stachelauster, die  in Lateinamerika wegen ihres hohen symbolischen Wertes auch oro rojo („rotes Gold“) genannt wird.

Der Kopf einer altägyptischen Prinzessin aus Amarna (18. Dynastie, 1351-1334 vor Christus). Amarna war die von Pharao Echnaton -verheiratet mit Nofretete-  gegründete neue Hauptstadt, in der die Kunst eine beispiellose Blüte  erlebte, die mit den traditionellen, erstarrten Formen brach. Der in der Ausstellung gezeigte Kopf ist mit seiner vermutlich spirituell bedingten expressionistischen Übersteigerung und Verzerrung typisch für die Amarna-Kunst.  

Dies ist eine Büste des römischen Kaisers Hadrian.[27] Das Chalzedon-Haupt stammt höchstwahrscheinlich aus der süditalienischen Hofwerkstatt Friedrichs II. von Hohenstaufen, der 1220 zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs gekrönt wurde. Friedrich sah sich als Nachfolger der römischen Kaiser und der Antike. Hadrian, der das römische Reich konsolidierte und  -wie Friedrich II.- ein besonderer Förderer der Kultur war, eignete sich ganz besonders als Anknüpfungspunkt. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts erhielt der Kopf in einer italienischen Werkstatt einen Torso aus vergoldetem Silber, dessen prachtvolle Ausarbeitung den hohen Wert offenbart, der diesem Stück beigemessen wurde.

Dieser schmale, verlängerte Kopf aus Gabun (19. Jahrhundert) gehörte dem Pariser Kunsthändler Charles Ratton, einem Freund von Amadeo Modigliani. Solche Werke afrikanischer Kunst übten einen erheblichen Einfluss auf den modernen Zeichner und Bildhauer aus.

Islamische Kunst

Die dritte Galerie ist der islamischen Kunst gewidmet.  Gezeigt werden -passend zur Aura der Schatztruhe- Geschmeide, Edelsteine, Ringe, Schwerter, Ornamente, Kleider, ein kunstvolles Astrolabium und kalligraphische Handschriften des Korans. Und auch hier gilt der universalistische Ansatz der Ausstellung, indem Werke aus verschiedenen Zeitaltern und Weltgegenden zusammen präsentiert werden: Denn der Islam verbreitete sich ja in großer Geschwindigkeit über Asien (Anatolien, Naher Osten, Persien, Indien, China), Nordafrika bis nach Andalusien.

Hier eine Seite des Korans von Taschkent, auch Blauer Koran genannt (Ausschnitt): Durch die kunstvolle Kalligraphie und das dafür verwendete Gold wird die Bedeutung des Textes hervorgehoben. (Herkunft aus Südspanien, Nordafrika oder Irak, 9.-10. Jahrhundert nach Chr.

Miniatur aus einer afghanischen Handschrift, 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts: Der Prophet Mohammed besucht das Haus Abrahams im Paradies (Ausschnitt). Während sich die europäischen Herrscher gerne mit Skulpturen und Bildern umgaben, sammelten islamische Herrscher bevorzugt kostbare Handschriften und Miniaturen, deren Meister -wie hier (Mitte unten)- durchaus auch ihre Werke signierten.

Astrolabium Iran 1705-1706. Dieses äußerst kunstvolle Ausstellungsstück verweist auf die Bedeutung, die die Naturwissenschaften in der damaligen Welt des Islam hatten.

Dieser mit Edelsteinen besetzt Vogel gehörte möglicherweise zu dem Thron der Maharadschas von Hyderabat (Ende 18./Beginn 19. Jahrhundert). Vielleicht war er aber von Anfang an als Geschenk gedacht. Überall, wo die Al Thani-Sammlung dieses Stück bisher ausgestellt habe , sei es -so der Figaro überschwänglich, als ein Wunder (pure merveille) bestaunt worden.[28] Jetzt also im Hôtel de  la Marine….

Die Preziosengalerie

Den Abschluss der Ausstellung bildet eine Galerie von kleinen, aber feinen Kunstschätzen – wiederum aus verschiedenen Zeiten und Regionen. Und natürlich wurden sie aus kostbaren Materialien wie Gold und Silber hergestellt.  Auch hier einige Beispiele:

Goldener Anhänger. 4,3 x 4,2 cm. Östliches Mittelmeer 4500-3500 vor Chr.  

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Auch diese Mondsichel ist aus Gold. Sie stammt wahrscheinlich aus dem Gebiet des heutigen Irlands oder Großbritanniens und ist ca 2000 vor Christus entstanden.

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Goldener Becher aus dem Iran (1100-900 vor Chr.)
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Goldene Brosche aus den hellenistischen Griechenland. Ca 300 vor Chr.[29]  Gerade angesichts der Dimension von nur 2,9 mal 3,8 cm handelt es sich um ein Werk von unglaublicher Feinheit

Dieses fein ziselierte Trinkgefäß (Rhyton) aus Gold und Silber stammt aus dem hellenistischen Einflussbereich (ca 100 vor bis ca 100 nach Chr.)

Teller aus dem Iran (Epoche der Sassaniden 300-500 nach Chr.) Gold und Silber.[30] Die Sassaniden beherrschten in dieser Zeit in großes Reich, das enge Handelsbeziehungen mit der griechisch-römischen Welt im Westen und China im Osten hatte. Auf diesem Teller sieht man den König Shapur II., der gerade seinen Bogen spannt, um ein weiteres Tier zu erlegen.

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Dieser goldene Reiter stammt aus Tibet (Dynastie Yarlung, 600-800 nach Chr.)

Ausblick

Die Collection Al Thani umfasst 5000 bis 6000 Objekte. Die derzeit in Paris ausgestellten Schatzstücke tragen Inventarnummern unter 900. Scheich Hamad kann dementsprechend den Besuchern in den kommenden 20 Jahren noch viele neue Augenfreuden gönnen. Dass die Ausstellung dem höheren Ruhm des katarischen Herrscherhauses dient oder -modern ausgedrückt- Ausdruck von soft power ist, wird man dabei in Kauf nehmen müssen.

Gerade wir Deutschen haben derzeit allen Anlass, mit Katar pfleglich umzugehen. Denn sollte es zum „Gas-Armageddon“ (FAZ 2.2.2022) kommen und Putin die Gaslieferungen nach Westeuropa stoppen oder sollte die deutsche Regierung den Forderungen nach „Frieren für den Frieden“ oder „Frieren für die Freiheit“ nachkommen, dann muss man hoffen, dass Katar uns mit seinem Flüssig-Gas ein wenig aus der Patsche hilft.

Und vielleicht richtet die Collection Al Thani dann sogar einmal eine Dependance im Berliner Humboldt-Forum ein….

Nachwort 19.3.20200: Wirtschaftsminister Habeck ist gerade mit einer Wirtschaftsdelegation in Katar, um die Möglichkeiten der Lieferung von Flüssiggas zu eruieren. Dass es es da Reibungen mit der von den Grünen proklamierten Werteorientierung der Politik gibt, wird angesichts der aktuellen Lage wohl in Kauf genommen…. (Siehe FAZ 18.3.: Mission Gassicherheit: Habeck reist nach Doha)

Aus gegebenem Anlass: Eine Publikation des Artikels an anderer Stelle ist ohne Genehmigung des Autors (Wolf Jöckel) nicht zulässig. Erst recht nicht, wenn sie ohne Verweis auf die Quelle und unter einem anderen Autoren-Namen erfolgt.


Anmerkungen

[1] https://www.pointdevue.fr/society/soirees/le-vernissage-de-la-collection-al-thani-a-lhotel-de-la-marine

[2] Siehe Libération vom 29.11.2021:   „D’une campagne d’affichage massive à deux reportages dans des médias  chantant les louanges d’un cheikh «grand expert, curieux, érudit, voyageur», via une fête organisée in situ pour le gotha, aucun détail logistique et com n’avait été négligé pour le lancement parisien de l’exposition «Trésors de la collection Al-Thani». 

[3] https://www.lefigaro.fr/culture/le-cheikh-hamad-un-amateur-d-art-au-gout-princier-20211116

https://www.lefigaro.fr/arts-expositions/collection-al-thani-une-promenade-intime-imaginee-pour-la-delectation-et-la-meditation-sur-le-monde-20211117

[4] Das Rafale-Projekt war auf ausländische Abnehmer angewiesen, um finanziell tragfähig zu sein. Ohne solche Bestellungen hätte der französische Staat mit Milliarden-Subventionen die Lücke füllen müssen.

https://www.leparisien.fr/international/rafale-le-contrat-avec-le-qatar-pour-la-vente-de-24-chasseurs-est-effectif-17-12-2015-5381257.php

[5] https://www.franceinter.fr/monde/ventes-d-armes-qatar-belgique-et-arabie-saoudite-sont-les-plus-gros-clients-de-la-france-en-2018    Aus aktuellem Anlass dazu doch noch eine Anmerkung: Deutschland exportierte 2021 Rüstungsgüter im Wert von 9 Mrd Euro, Frankreich für 28 Mrd. Euro.  Frankreich, das im Gesamtexport weit abgeschlagen hinter der Spitzengruppe mit China, USA und Deutschland liegt, liegt dagegen bei den Waffenexporten auf dem dritten Platz vor Deutschland. Und während in Deutschland Waffenexporte immer wieder Anlass zu politischen Auseinandersetzungen sind, sind sie in Frankreich Anlass zu allgemeinem Stolz. Die Zeitung La Tribune z.B. sprach in Bezug auf die französischen Waffenexporte 2021 von „l‘année fabuleuse de la France.“ Frankreich liefert auch -anders als Deutschland- Waffen an kriegführende Staaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate oder Saudi-Arabien. Vor allem aufgrund dieser völlig unterschiedlichen Position zu Waffenexporten sind gemeinsame deutsch-französische Rüstungsprojekte denn auch äußerst kompliziert, wenn nicht ausgeschlossen.

[6] https://www.nouvelobs.com/galeries-photos/economie/20151002.OBS6974/photos-tout-ce-que-possede-deja-le-qatar-a-paris.html#modal-msg Zum Hôtel Lambert siehe den  Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2020/04/20/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-1-grosse-maenner/

[7] https://www.lefigaro.fr/arts-expositions/dossier/splendeurs-de-la-collection-al-thani

[8] Siehe dazu z.B. Régis Soubrouillard,  Quand le Qatar achetait la France.   Outre-Terre 2012/3-4 (n° 33-34), pages 517 à 521  https://www.cairn.info/revue-outre-terre4-2012-3-page-517.htm https://www.journaldunet.com/economie/magazine/1104695-les-investissements-du-qatar-en-france.amphtml/ 

https://photo.capital.fr/ces-fleurons-francais-desormais-aux-mains-du-qatar-17024#ces-fleurons-francais-desormais-aux-mains-du-qatar-303408

[9] https://www.liberation.fr/sports/2019/06/18/enquetes-sur-la-corruption-dans-le-sport-le-qatar-en-premiere-ligne_1734691/

[10] Zur Situation derMenschenrechte in Quatar  siehe taz vom 20.11.21 Menschenrechte im WM-Land: Nichts ist gut in Katar  Die Fußball-WM 2022 könne helfen, das Emirat Katar zu liberalisieren, hieß es einmal. Doch die Menschenrechtslage wurde immer prekärer. https://taz.de/Menschenrechte-im-WM-Land/!5814345/

Zu Frauenrechten in Quatar siehe zum Beispiel: https://www.hrw.org/de/news/2021/03/29/katar-maennliche-vormundschaft-schraenkt-frauenrechte-stark-ein

[11] Bild aus: https://www.hotel-de-la-marine.paris/L-Hotel-de-la-Marine/Le-Garde-Meuble-de-la-Couronne/commode-riesener# Zu Riesener siehe auch den Blog-Beitrag: Der Faubourg Saint-Antoine 1: Das Viertel des Holzhandwerks https://paris-blog.org/2016/04/04/der-faubourg-saint-antoine/

[12] Bild aus: https://www.hotel-de-la-marine.paris/de/Die-Besichtigung/Al-Thani-Collection-Foundation

[13] Dieses Bild und die weiteren Abbildungen -wenn nicht anders angegeben- von Wolf Jöckel

[14] https://www.weltkunst.de/ausstellungen/2021/11/al-thani-sammlung-hotel-de-la-marine-katar-schaetze-in-paris Für das Vergleichsbeispiel siehe  https://www.kyero.com/de/property/11239554-gewerbeimmobilie-mieten-paris (Stand 26.1.2022)

[15] https://www.sueddeutsche.de/sport/wm-katar-terror-geldwaesche-1.5506874?reduced=true

[16] https://www.dbz.de/artikel/dbz_Das_Schatzhaus_im_Meer_Museum_fuer_Islamische_Kunst_71151.html

https://www.bauwelt.de/rubriken/bauten/Nationalmuseum-Katar-Ateliers-Jean-Nouvel-3371758.html

[17] https://www.sueddeutsche.de/kultur/kultur-fussball-hotels-und-nun-kunst-katar-leistet-sich-paris-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-190104-99-430576

[18]  Bérénice Geoffroy Schneiter, Un rêve de musée universelle. In: connaissance des arts. Hors-série. La Collection Al Thani à l’hôtel de la marine. 2021, S. 27; Interview mit Amin Jaffer a.a.O., S. 10 und https://www.weltkunst.de/ausstellungen/2021/11/al-thani-sammlung-hotel-de-la-marine-katar-schaetze-in-paris

[19] Siehe: https://www.handelsblatt.com/arts_und_style/kunstmarkt/saoud-al-thani-wie-falkenauge-die-kunstsammlungen-von-katar-aufbaute/26797922.html?ticket=ST-501534-kFbObjRKUCmJvlHWOYCa-ap3  und https://de.wikibrief.org/wiki/Collecting_practices_of_the_Al-Thani_Family

[20] https://www.fr.de/kultur/kunst/die-al-thani-sammlung-eine-neue-sehenswuerdigkeit-fuer-paris-91122253.html

[21] https://www.numero.com/fr/art/tresors-collection-al-thani-hotel-la-marine-paris-cheikh-hamad-ben-abdullah-al-thani-qatar

[22] https://www.connaissancedesarts.com/monuments-patrimoine/hotel-de-la-marine/tresors-de-la-collection-al-thani-a-paris-5-chefs-doeuvre-que-vous-pourrez-bientot-voir-a-lhotel-de-la-marine-11164017/

[23] https://sammlung-digital.lindenmuseum.de/de/objekt/maske_12578

[24] https://www.lefigaro.fr/arts-expositions/collection-al-thani-quatre-espaces-d-exposition-pour-120-objets-d-art-20211117  Als Herkunftsort wird dort aber -anders als auf der der Vitrine beigefügten Informationstafel –  das zentralasia tische Sassaniden-Reich angegeben

[25] https://www.sortiraparis.com/arts-culture/exposition/articles/264978-les-tresors-de-la-collection-al-thani-l-exposition-a-l-hotel-de-la-marine

[26]  Bild:© Marc Domage/Al Thani Collection  https://www.fr.de/kultur/kunst/die-al-thani-sammlung-eine-neue-sehenswuerdigkeit-fuer-paris-91122253.html

[27] Bild und wesentlich auch Text  aus: https://www.hotel-de-la-marine.paris/de/Die-Besichtigung/Al-Thani-Collection-Foundation/Elements-Collection-Al-Thani/Repertoire-Highlights-Collection/Bueste-von-Kaiser-Hadrian

[28] https://www.lefigaro.fr/arts-expositions/collection-al-thani-quatre-espaces-d-exposition-pour-120-objets-d-art-20211117

[29] Bild:  https://www.connaissancedesarts.com/monuments-patrimoine/hotel-de-la-marine/les-mille-et-une-merveilles-de-la-collection-al-thani-a-paris-11166359/

[30] https://www.connaissancedesarts.com/monuments-patrimoine/hotel-de-la-marine/tresors-de-la-collection-al-thani-a-paris-5-chefs-doeuvre-que-vous-pourrez-bientot-voir-a-lhotel-de-la-marine-11164017/

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5 Gedanken zu “Die Schatzkammer der Scheichs: Die Ausstellung Al Thani im Hôtel de la Marine in Paris

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  2. Jan Willemsen

    Lieber Wolf Joeckel,
    vielen Dank für diese wie immer gut informierte und exzellent dokumentierte Kulturbotschaft, in der dieses Mal die Schönheit der Objekte mit dem unguten Gefühl, wo wohl das ganze Geld her gekommen ist kontrastiert. Nirgendwo sonst hat man die Berechtigung des bekannten Ausspruchs eines klugen Kopfs so im Sinn wie hier: allen großen Vermögen liegt ein Verbrechen zu Grunde. Danke für Ihre Unermüdlichkeit.

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    1. Ja, diese Ambivalenz ist hier besonders deutlich, aber nichts Neues, sondern sie durchzieht die ganze Kulturgeschichte der Menschheit. Man denke nur -beispielsweise-an die Pyramiden, den Petersdom, das Schloss von Versailles oder europäische Hafenstädte wie Nantes, Bordeaux oder Amsterdam, die ihren Glanz (auch) dem Sklavenhandel verdanken….

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