Reims, der Champagner und die Deutschen: „Die ungekrönte Königin von Reims“. Ein Gastbeitrag von Pierre Sommet


Vorwort

Der nachfolgende Beitrag ist ein Gastbeitrag, auf diesem Blog eine Novität.  Es handelt sich um eine Geschichte aus dem Buch von Pierre Sommet: Der Präsident hat keine Zeit. Erschienen 2018 im Magenta-Verlag.[1] 

Ich freue mich sehr, dass Pierre Sommet der Aufnahme des Textes in diesen Blog zugestimmt hat:

  • Nach dem letzten Blog-Beitrag über die Kathedrale von Reims als Symbol deutsch-französischer Feindschaft, Versöhnung und Freundschaft (https://paris-blog.org/2021/02/01/reims-die-konigin-der-kathedralen-als-ort-deutsch-franzosischer-feindschaft-versohnung-und-freundschaft/ ) geht es hier um eine andere Facette der Stadt; und zwar um Reims als Hauptstadt der Champagne (zusammen mit Épernay) und Sitz namhafter Sekt-Produzenten; vor allem natürlich des Hauses Veuve Clicquot. Die „ungekrönte Königin von Reims“ ist ja niemand anderes als die „Witwe Klicko“ (Wilhelm Busch), die Ahnherrin und Namensgeberin des Hauses.
  • Pierre Sommet spricht in seinem Beitrag die besondere Rolle an, die Deutsche bei der Entwicklung und  Verbreitung des Champagners gespielt haben. Dafür stehen Namen wie Mumm, Bollinger, Heidsieck, Deutz, Krug, Taittinger, Roederer und natürlich Georg Christian Kessler, der immerhin Teilhaber der Witwe Clicquot war und dann die erste deutsche Sektkellerei gründete…  Insofern erzählt Pierre Sommet auch eine deutsch-französische Geschichte, und das passt natürlich besonders gut zu diesem Blog.
  • Die Leser des nachfolgenden Beitrags werden schnell bemerken, dass Pierre Sommet nicht nur  ein außerordentlich unterhaltsamer Erzähler ist, sondern auch ein hervorragender Kenner Frankreichs und Deutschlands. Die Beziehung und die Freundschaft zwischen beiden Ländern liegt ihm besonders am Herzen: Immerhin war er –ausgestattet mit der doppelten Staatsangehörigkeit- viele Jahre Leiter des Fachbereichs Fremdsprachen an der VHS- Krefeld [2] und er ist Autor zahlreicher Bücher und Artikel zu deutsch-französischen Themen. Gerade zu den Beziehungen zwischen den beiden Sprachen hat Pierre Sommet viele höchst interessante und anregende Beiträge geliefert. Ich kann nur empfehlen, sich auf seinem Blog https://madamebaguette.tumblr.com/ umzusehen!  

Aber zunächst zum Champagner und zur „ungekrönten Königin von Reims“. [3] Viel Freude bei der Lektüre! Wolf Jöckel

Die ungekrönte Königin von Reims

„Je ne peux vivre sans champagne. En cas de victoire,
je le mérite; en cas de défaite, j’en ai besoin.“

„Ohne Champagner kann ich nicht leben. Bei einem Sieg
habe ich ihn verdient; bei einer Niederlage brauche ich ihn.“
Napoléon Bonaparte


„Wie lieb und luftig perlt die Blase
Der Witwe Klicko in dem Glase.“

Wilhelm Busch, Die fromme Helene, Kapitel 33

Im Schloss Brissac südlich von Angers hängt das Porträt einer älteren, korpulenten Dame. Sie sitzt in einem Sessel wie auf einem Thron, wirkt resolut und etwas streng. Es ist ein Porträt von Barbe-Nicole Clicquot-Ponsardin, la Veuve Clicquot, die Witwe Clicquot. In ihrer Geburtsstadt wird sie „die ungekrönte Königin von Reims“ genannt. [4] 

Als Madame Clicquot sich von Léon Coigniet porträtieren ließ, hatte sie sich längst aus ihrem bewegten Geschäftsleben zurückgezogen und bewohnte ihr eigenes Neo-Renaissance-Schloss in Boursault nahe der zweiten Hochburg des Champagners, Épernay. Nicht immer frei von Sorgen, aber letztendlich erfolgreich und reich, hatte sie, was ihr früher fehlte: Zeit und Muße. Zeit für die Jagd, den Tanz und feucht-fröhliche opulente Feste in Versailles hatte Ludwig XV.. Er wurde nicht in Reims geboren, dort aber, wie alle französischen Könige, 1722 in der Kathedrale gekrönt. Der Bien-Aimé/Vielgeliebte, wie er anfänglich genannt wurde, führte meistens im Ausland sinnlose, teure Kriege, traf nur wenige kluge Entscheidungen. Eine davon war sein arrêté royal /königlicher Erlass vom 25. Mai 1728. Dieser ermöglichte den Transport von Wein nicht nur wie bisher in Fässern, sondern auch in Körben von 50-100 handlichen Flaschen. Auf Straßen in erbärmlichem Zustand gingen zwar etliche Flaschen zu Bruch, aber mit dem Erlass wurde der Grundstein für das künftige Aufblühen der großen Champagner-Häuser gelegt.

Deren Erfolg stellte sich indessen nicht sofort ein. Als die Winzerbetriebe im Anbaugebiet zwischen Reims und Épernay noch recht klein waren, führte die geringe Produktion dazu, dass der Champagner damals schon sehr teuer war. Das Luxusgetränk konnten sich nur Aristokraten gönnen. Diese pflegten die Kunst der Selbstdarstellung, frönten ungeniert ihrer Vergnügungssucht, u. a. mit Austern und Champagner. Im Auftrag des bereits erwähnten Königs malte Jean-François de Troy 1735 „Le Déjeuner d’Huîtres“/„Die Austernmahlzeit“. In einem prunkvollen Esszimmer sitzen nach der Jagd zwölf Adlige an einem mit feinem Leinen bedeckten ovalen Tisch, schlürfen eine üppige Menge von bekanntlich potenzsteigernden Austern und trinken Champagner. [5] 

Datei:Troy, Jean-François de - Die Austernmahlzeit - 1734.jpg

Erstmalig wurde hier Champagner auf einem Gemälde verewigt. Belustigt beobachten drei Anwesende den Korken einer Champagnerflasche, der an die Decke springt.

Vor dem Tisch stehen zwei ungeöffnete Champagnerflaschen in einem sog. rafraîchissoir/Behälter mit Eis. Bauchige Flaschen liegen neben Austernschalen auf dem Boden. Es wäre für die vornehmen Herren nicht standesgemäß gewesen, sich zu bücken und sie aufzuheben. Diese Aufgabe war Sache der knienden Dienstmagd, die die Austern öffnen durfte und sich zuhause mit Grütze zufriedengeben musste. Ganz offensichtlich war diesen Adligen der Champagner zu Kopf gestiegen. Wegen dieses dekadenten und volksverachtenden Lebensstils wird während der Französischen Revolution auch manch gepuderter Kopf im Sägemehl unter der Guillotine landen.
1735 herrschte in den Kellereien von Reims keine Champagnerlaune. Es gab keine Austern, dafür den gefährlich gärenden Schaumwein. In der Zeit der frühen Abfüllung verhielt sich der Wein noch „sehr ruhig“, „arbeitete“ aber im Frühjahr, um im Sommer in den Flaschen regelrecht zu brodeln. Durch den Kohlendioxidüberdruck sprangen die Korken heraus, ein Großteil der Flaschen explodierte.
Das Getränk war prickelnd, die Arbeitsbedingungen im dämmrigen Licht waren es nicht. Wegen der Explosionsgefahr trugen die Arbeiter eiserne Schutzmasken, sahen wie mittelalterliche Folterknechte aus. Trotz Masken passierten Unfälle, mancher Arbeiter erblindete. Deshalb wurde der Champagner eine Zeitlang „Teufelswein“ genannt. Als Glücksfall erwies sich die Erfindung des verschnörkelten Drahtgeflechtes zur Bändigung des Korken, le muselet/der kleine Maulkorb, durch den Mönch und Kellermeister der Benediktinerabtei Hautvillers, Dom Pérignon. Diablement bon/ teuflisch gut mundet heutzutage die
Prestige Cuvée „La Grande Dame“, 1,5 Liter (Magnum), Jahrgang 1995, des renommierten Champagner-Hauses Veuve Clicquot-Ponsardin.

Das orangefarbene Etikett, „La Grande Dame“, eine Hommage an Madame Clicquot, verspricht viel, und hält, was es verspricht: Qualität. Bei einem stolzen Preis von 355 Euro darf der finanzkräftige Kunde diese auch erwarten. Diesen hohen Anspruch stellte die Witwe Clicquot, deren Devise lautete: „Une seule qualité, la toute première“/„eine einzige Qualität, die allererste.“ [6] 

Rapport de Stage. Veuve Clicquot Ponsardin. Jobart Thibaut - Monsieur Haouy  Monsieur Aka - PDF Free Download


Zu Beginn des 19. Jahrhunderts durften Frauen in Frankreich weder Geschäfte betreiben noch ein Bankkonto führen. Eine Ausnahme galt nur für Witwen. In eigener Regie oder mit einem Teihaber durften sie den Betrieb ihres verstorbenen Gatten weiterführen. Als 1805 François Clicquot, der Sohn des Unternehmengründers Philippe Clicquot verstarb, übernahm seine 27-jährige Witwe und alleinerziehende Mutter, Barbe-Nicole Clicquot Ponsardin, den bereits florierenden, doch kleinen Familienbetrieb. Für die in einer Männerdomäne unerfahrene Tochter des wohlhabenden Bürgermeisters von Reims, Nicolas Ponsardin, bedeutete dies einen zwölfstündigen Arbeitstag. Sie musste intensiv mit ihren Handelsreisenden korrespondieren, inspizierte selbst nachts ihre Weinkeller in Reims, um über die Entwicklung der Cuvée zu wachen.

Die energische, innovative neue Inhaberin kreierte angeblich den ersten Rosé Champagner. Oder war es ihr begnadeter Kellermeister, der Schwabe Anton von Müller? Dieser erfand 1813 das zeit- und kostenintensive Rüttelverfahren/le remuage. Es handelt sich bei der Herstellung des Champagners um die so wichtige Méthode champenoise. Das Rütteln, heute überwiegend maschinell, damals per Hand, dient dem Klären des Schaumweins bei der Flaschengärung. In der Firma der Witwe Clicquot konnte ein erfahrener Rüttler bis zu 80.000 Flaschen täglich rütteln. Im schwierigen Geschäft mit dem prickelnden Wein musste die von einer jungen Frau geführte Firma eine Vielzahl von Problemen bewältigen. Der Wein liebt keine Extreme. In der Champagne lauert Frostgefahr im Frühling, im September werden viele Helfer bei der gesetzlich
vorgeschriebenen Weinlese von Hand benötigt. Eine Knochenarbeit und hohe Personalkosten. Dafür ist le terroir/ der Boden, gut. Kreide, ein sehr poröser Stein, fungiert bei heftigen Regenfällen als Reservoir, die Reben überstehen die trockensten Sommer. Die Rebstöcke, an Südhängen stehend, genießen maximale Sonneneinstrahlung. Barbe-Nicole stand allerdings im Schatten ihres schärfsten Konkurrenten, Jean-Rémy Moët in Épernay. Das heute größte Champagner-Haus, 30 Jahre vor Veuve Clicquot gegründet, war längst etabliert, die Weine von Moët bei Pariser Aristokraten sehr beliebt. Madame de Pompadour, die einflussreiche und trinkfeste Mätresse von Ludwig XV., fand den Champagner berauschend, „das einzige Getränk, das
Frauen schöner macht, je mehr sie davon trinken.“ Es war nicht einfach für eine patente Geschäftsfrau wie die Witwe Clicquot, einem Mann wie Moët, der mit Napoleon befreundet war, die Stirn zu bieten. Als der Kaiser am 21. November 1806 in Berlin den blocus continental/ die Kontinentalsperre, über die britischen Inseln verhängte, sank die Nachfrage jenseits des Ärmelkanals dramatisch. Zum Glück für die Witwe Clicquot sorgte 1807 der Frieden von Tilsit zwischen Alexander I. und Napoleon für die Stabilität des russischen Absatzmarktes. Die Geschäfte von Madame Clicquot glichen einer Achterbahn. Schon im Frühjahr 1809 lag der Handel in Europa fast völlig brach, jede Reise ins Ausland stellte für die Reimser Handelsvertreter
eine Gefahr dar. Nach dem Debakel des Russlandfeldzuges von 1812 und der Völkerschlacht bei Leipzig im darauffolgenden Jahr befand sich das Maison Veuve Clicquot-Ponsardin am Rande der Pleite. Diesmal war es eine russische Handelsblockade, die den Seeweg nach Sankt Petersburg verriegelte. Und es kam noch schlimmer, als Napoleon im eigenen Land gegen eine übermächtige Koalition auf verlorenem Posten stand. Nach schweren Gefechten nahmen im März 1814 preussisch-russische Truppen Reims ein, plünderten die Kellereien. Nach der Abdankung des Kaisers im April 1814 feierten in der Krönungsstadt russische
Offiziere und Soldaten ausgelassen das Ende des Krieges. Die Witwe Clicquot hatte Glück im Unglück: „Die Stunde ist gekommen, da wir endlich nach all dem Leid, das unserer Stadt widerfahren ist, wieder frei atmen… Gott sei Dank bin ich verschont geblieben. Mein Besitz und meine Kellerei sind unversehrt, und ich bin bereit, die Geschäfte wieder aufzunehmen…“. [7] 
Der Frieden bedeutete zugleich einen Neuanfang für die Expansion des Champagnermarktes in Europa. Neues Spiel, neues Glück. Und die Clicquots hatten immer eine glückliche Hand bei der Auswahl ihrer engsten Mitarbeiter. Es waren Deutsche. Zu Lebzeiten von François Clicquot war der beste Handelsvertreter der gebürtige Mannheimer Ludwig Bohne. Nach Reisen quer durch Europa kehrte er mit prall gefüllten
Auftragsbüchern nach Reims zurück. Bohne war mehrsprachig. Deutsch und vor allem Englisch waren für das stark vom Export abhängige Champagnergeschäft oftmals wichtiger als Französisch, und von den Franzosen kann man ohnehin nicht behaupten, dass sie sehr sprachbegabt sind. Zudem galt das Metier eines Handelvertreters in den Augen der Besitzer der Weingüter, in der Regel Adlige, als ehrenrührig. Die aus dem Bürgertum stammende Veuve Clicquot war klüger. In ihrem Unternehmen waren der Fleiß, die Gründlichkeit und der Geschäftssinn von sprachbeflissenen Deutschen sehr geschätzt. Über solche Eigenschaften verfügte auch der Heilbronner Georg Christian Kessler. Als Lehrling bei der Witwe angestellt, arbeitete er sich hoch, übernahm alsbald die Leitung des Büros und die Buchhaltung, und wurde sogar aufgrund seiner Verdienste Teilhaber des Champagner- Hauses. Nach dem Unfalltod Bohnes 1821, bekam Kessler einen ehrgeizigen Konkurrenten im eigenen Haus. Wieder ein Deutscher, Eduard Werle aus Wetzlar. Werle begann
seine Karriere als Kellermeister. Während der Wirtschaftskrise 1827 rettete er mit seinem eigenen Vermögen das Maison Clicquot vor dem Ruin. Vier Jahre später machte ihn die Witwe zum neuen Teilhaber. Schließlich bekleidete der eingebürgerte Édouard Werlé, durch die Protektion der Witwe, das Amt des Bürgermeisters von Reims und wurde sogar 1862 zum Abgeordneten der Nationalversammlung gewählt. Und Kessler? Er trat 1826 aus der Firma aus und brachte die Kunst der Champagner-Herstellung nach Esslingen am Neckar, wo er die älteste Sektkellerei Deutschlands gründete. Anton von Müller, Bohne, Kessler, Werle. Ach, diese geschäftstüchtigen Deutschen! [8] 

Das älteste Etikett der Sektmanufaktur Kessler aus der Zeit um 1826/1830 . Kessler verweist auf seine frühere Teilhaberschaft bei Veuve Clicquot-Ponsardin

Alle trugen maßgeblich zum Erfolg des Champagner-Imperiums der Witwe Clicquot bei. Vor ihnen war schon
1797 der 28-jährige Westfale Florenz-Ludwig Heidsieck nach Reims gekommen, hatte dort eine vermögende Französin geheiratet und die französische Staatsangehörigkeit angenommen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Champagne zum Magnet für ambitionierte, sprachgewandte deutsche Jungunternehmer. Alle, Bollinger aus Ellwangen, die Gebrüder Gottlieb, Jacobus und Philipp Mumm aus Solingen, der Mainzer Johann-Joseph Krug, der Aachener William Deutz, gründeten eigene Firmen, wurden schnell konkurrenzfähig und erfolgreich. 1867 stellte Robert Tomes, amerikanischer Konsul in
Reims, fest: „Es gibt tatsächlich keinen Weinbetrieb in der Champagne, der nicht mehr oder weniger von einem gebürtigen Deutschen kontrolliert wird… Es gibt jedoch ein Champagner-Haus, das ausschließlich von Franzosen geleitet wurde. Während meiner Zeit in Reims ging es bankrott, und es wurde allgemein festgestellt, dass es zugrunde ging, weil ein Deutscher fehlte.“ [9]  In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts profitierten die Witwe Clicquot und ihre Konkurrenten vom Ausbau des Eisenbahnnetzes. Sie expandierten schnell und eroberten internationale Märkte. Ein Champagner kommt ausschließlich aus der Champagne. Das AOP-Gütesiegel, Appellation d’Origine Protégée, schützt das Edelgetränk markenrechtlich. Im Versailler Vertrag von 1919 wurde bekanntlich das besiegte Deutschland gezwungen, Gebiete abzutreten und enorme Reparationszahlungen zu leisten. Weniger bekannt ist ein anderer Passus, der bis heute gültige sog. Champagnerparagraph. Dieser untersagt ausdrücklich jeglichen unlauteren Wettbewerb seitens anderer Schaumwein (frz. vin effervescent) erstellender Länder. Somit kann ein deutscher Sekt, völlig unabhängig von seiner Qualität, nur Sekt heißen. [1o] 

Wie überall auf der Welt wird in Deutschland bei festlichen Anlässen gerne Champagner getrunken und ist auch mit bescheidenem Geldbeutel zu bekommen. Das demokratisierte flüssige Gold wird dann mit dem Etikett Veuve Monsigny, was zweifellos sehr edel klingt bzw. Veuve Durand, was wiederum und komischerweise, zumindest für Franzosen, genauso platt wie der sehr geläufige französische Familienname
klingt, geschmückt. Die deutschen „Veuves“, gute Einstiegschampagner, verdanken der Veuve Clicquot ihre positive Konnotation. Auf dem Etikett der „Veuves“ steht Premier Cru. Aber ist ein Premier Cru, wortwörtlich „Erstes Gewächs“, wie die vielversprechende Bezeichnung sprachlich suggeriert, erstklassig? Ein solcher Champagner belegt in der Champagne, wo die Klassifizierung nach den Weinbaugemeinden erfolgt, den zweiten Platz. Ein Premier Cru ist qualitativ mit einem hochpreisigen edlen Grand Cru mit langen Lagerzeiten von Krug in Reims in keiner Weise vergleichbar. Ein millésime/Jahrgangschampagner für Connaisseurs, ist auch die 9-Liter-Flasche Veuve Clicquot-Brut Carte Jaune-Salmanazar in der Holzkiste. Eine überaus exquisite Komposition aus Pinot noir, Pinot Meunier und Chardonnay, die ihren Preis für luxuriöses geselliges Beisammensein hat: knapp 1.000 Euro. Oder hätten Sie lieber eine kleinere 6-Liter-MethusalemFlasche Dom Pérignon Champagner Rosé 2002 zum Preis eines Kleinwagens Renault Clio, also 10.000 Euro? Haben
oder nicht Haben. Früher explodierten die Flaschen, heute sind es die Preise im Luxussegment.

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Ein weiteres Porträt, ein Werk des Reimser Malers Périn-Salbreux, hängt im Musée Saint-Rémi in Reims zur Ehre eines gut aussehenden hochrangigen russischen Offiziers in Uniform, Fürst Sergei Alexandrowitsch Wolkonsky. Nach der Einnahme von Reims durch preußische und russische Truppen im Frühjahr 1814 wurde er zum Gouverneur der Stadt ernannt. [11]  Ein besonnener Mann, stets bemüht, Exzesse seiner Soldaten zu zügeln. Auch ein kultivierter Mensch. Wie es sich für russische Aristokraten gehörte, beherrschte er die französische Sprache. Durch und durch frankophil, war er in der Bevölkerung geschätzt, verkehrte in den höchsten Kreisen und wurde sogar Mitglied der Reimser Freimaurerloge. Als ihn nach dem Ende des Krieges und dem Abzug der russischen Garnison die französischen Behörden aufforderten, die Stadt zu verlassen, war er untröstlich und weigerte sich. Welche Beweggründe hatte der Fürst? Eine Liebesbeziehung zu einer hübschen Reimserin? Wollte er unbedingt wegen des französischen Savoir-Vivre und des Genusses des noblen Champagners der Veuve Cliquot bleiben? Reims zählte damals nur 30.000 Einwohner. Vielleicht hatte er die tüchtige Geschäftsfrau persönlich kennengelernt. Letztendlich, nolens volens, musste der charmante Russe im Sommer 1814 doch gehen.

Wie hätten wir an der Stelle von Fürst Wolkonsky reagiert? Seien wir ehrlich, wer von uns möchte nicht ein Leben wie Gott in Frankreich führen?

Le muselet: von frz, museau (Schnauze). La muselière= Der Maulkorb. Von daher ist ein muselet „ein kleiner Maulkorb“. Übrigens stammt das deutsche Adjektiv amüsant von museau.

Die Prestige Cuvée: In Deutschland der Verchnitt aus verschiedenen Rebsorten, Jahrgängen oder Lagen. In Frankreich ist eine Cuvée jeder separat abgefüllte Wein eines Weingutes. Beim Champagner wird der zuerst aus der Kelter ablaufende Most mit der höchsten Qualität als Cuvée bezeichnet.

Dom Pérignon: Genauso berühmt wie der legendäre Mönch (1638-1715) ist die hochpreisige Champagnermarke von Moët&Chandon. 1839 gründete Moët mit seinem Schwiegersohn Pierre-Gabriel Chandon Moët&Chandon und wurde später k.u.k. Hof- und Kammerlieferant sowie Königlicher Englischer Hoflieferant. Heute der weltweit meistverkaufte Champagner. Veuve Clicquot rangiert an 2. Stelle. Moët&Chandon und Veuve Clicquot gehören heute dem Luxuskonzern LVMH (Moët Hennessy LouisVuitton). LVMH ist der weltweite Branchenführer der Luxusgüterindustrie. Umsatz 2017: 42,6 Milliarden Euro. (2019: 53,7 Mrd. Euro. W,J.)

Sekt: Von lat. siccus (trocken). Früher »Sect« geschrieben.

Cru: Von frz . croître (wachsen). Bezeichnet einen Ort/Boden (frz.terroir), wo die Reben wachsen. In der Champagne sind weder Güter noch Weinberge klassifiziert, sondern die Weinbaugemeinden. Die Gemeinden, deren Trauben den maximalen Preis von 100% erzielen, dürfen die Bezeichnung Grand Cru führen. Dasselbe gilt für einen Champagner, der ausschließlich aus Trauben von Grand Cru Gemeinden gekeltert wurde.

Rebsorten: le pinot noir = Spätburgunder. Eine Edelrebe. Von frz. pin (Fichtenzapfen) aufgrund der Form der Traube. Le pinot meunier = Schwarzriesling. Chardonnay = Ein erlesener Champagner Blanc de Blancs, der also ausschließlich aus der weißen Rebsorte Chardonnay besteht.

Flaschengrößen: 14 insgesamt. Eine fillette (junges Mädchen) ist eine halbe Flasche. Ein Magnum (lat. für „das Große“) = 1,5 Liter. Sind Sie bibel- und trinkfest, geht es mit dem Jeroboam, 3 Liter, und weiter steil aufwärts (Nebukadnezar = 15 Liter) bis zum Melchesedech, 30 Liter, für die erfolgreiche Lottogemeinschaft.

Stefan George: DIE SEELE DES WEINES
Umdichtung (1901) von L’âme du vin
von Charles Baudelaire, Les Fleurs du Mal 1857

Des weines geist begann im fass zu singen:
Mensch · teurer Ausgestossener · dir soll
Durch meinen engen kerker durch erklingen
Ein lied von licht und bruderliebe voll.

Ich weiss: am sengendheissen bergeshange
Bei schweiss und mühe nur gedeih ich recht ·
Da meine seele ich nur so empfange ·
Doch bin ich niemals undankbar und schlecht.

Und dies bereitet mir die grösste labe
Wenn eines arbeit-matten mund mich hält ·
Sein heisser schlund wird mir zum süssen grabe
Das mehr als kalte keller mir gefällt.

Du hörst den sonntagsang aus frohem schwarme?
Nun kehrt die hoffnung prickelnd in mich ein:
Du stülpst die ärmel · stützest beide arme ·
Du wirst mich preisen und zufrieden sein.

Ich mache deines weibes augen heiter
Und deinem sohne leih ich frische kraft ·
Ich bin für diesen zarten lebensstreiter
Das öl das fechtern die gewandtheit schafft.

Und du erhältst von diesem pflanzenseime
Das Gott · der ewige sämann · niedergiesst
Damit in deiner brust die dichtung keime
Die wie ein seltner baum zum himmel spriesst.

Anmerkungen

[1] Pierre Sommet, Der Präsident hat keine Zeit! Kurzgeschichten illustriert von Cornelius Rinne. Krefeld: Magenta-Verlag 2018   ISBN: 978-3-944299-17-4 Preis: 18 Euro

[2] Siehe das Selbstportrait von Pierre Sommet in dem schönen Frankreich-Blog von Hilke Maunders: https://meinfrankreich.com/pierre-sommet/

[3] Die in dem Beitrag enthaltenen Abbildungen stammen nicht aus dem Buch Sommets, sondern sind von mir (W.J.) ergänzt. Dafür fehlt in diesem Beitrag das gezeichnete Portrait der Veuve Cliquot von Cornelius Rinne.

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Barbe-Nicole_Clicquot-Ponsardin#/media/Datei:Veuve_clicquot.jpg

[5] Bild aus:  https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Troy,_Jean-Fran%C3%A7ois_de_-_Die_Austernmahlzeit_-_1734.jpg 

[6] Bild aus: https://docplayer.fr/30997328-Rapport-de-stage-veuve-clicquot-ponsardin-jobart-thibaut-monsieur-haouy-monsieur-aka.html

7]Die Stunde ist gekommen…“: Zitat aus Veuve Clicquot, Die Geschichte eines Champagner-Imperiums und der Frau, die es regierte, Tilar J. Mazzeo, Hoffmann und Campe, 2008, S. 162.

[8] Bild aus: https://www.wikiwand.com/de/Georg_Christian_Kessler

9] Robert Tomes, The Champagne Country, 1867

[10] Wortlaut des Champagnerparagrafen bei: https://www.ihr-champagner.de/2017/09/20/champagnerparagraph/ 

[11] Bild aus:  https://artcorusse.org/serge-wolkonsky-prince-de-reims-par-martine-bertho/  

Zum Thema siehe auch das Buch von Volker Hildisch: Als Rotkäppchen Frankreich verlassen mußte: Champagner und Sekt- eine deutsch-französische Geschichte. Seumes Tornister 2019

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Bäderstadt Vichy: Der Schatten „Vichys“ über der „Königin der Kurbäder“
  • Pierre Soulages in Rodez und Conques
  • 5 Jahre Paris- und Frankreich-Blog

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