Die Himmelsleiter von Saint-Eustache (Juni – Sept. 2024)

„Die Himmelsleiter ist eine Lichtinstallation, die die Verbindung zwischen der Erde auf der einen Seite und dem Himmel und dem Göttlichen auf der anderen Seite darstellt und sich als Symbol des Friedens versteht.“[1]

So die offizielle Erläuterung zu dem Projekt, das im Rahmen der Olympiade culturelle am 16. Juni 2024 in der Pariser Kirche Saint-Eustache eingeweiht wurde. Es ist -sozusagen- die dritte kirchliche „Etappe“ der Himmelsleiter. 

2021 war sie für anderthalb Jahre am Stephansdom in Wien installiert: Ausgehend von der Taufkapelle hatte sie das Gewölbe „durchstoßen“ und dann außen ihren Aufstieg bis an die Spitze des Südturms fortgesetzt.[2]

Von 2022 bis Anfang 2024 hatte die Kunstinstallation dann in der Lambertikirche von Münster Station gemacht. [3]  

Inzwischen ist in Münster -mit Hilfe österreichischer Kletterer- die Himmelsleiter am Turm wieder abgebaut, die Leiter im Inneren bleibt aber erhalten.

Jetzt also Saint-Eustache.

Foto: Wolf Jöckel

Dass die Himmelsleiter (vor allem [4] ) in Kirchen installiert wurde und wird, beruht auf ihrem alttestamenarischen biblischem Hintergrund, der Jacobsleiter. Sie ist danach die Verbindung zwischen Erde und Himmel, zwischen den Menschen und Gott. Und im Mittealter wurde sie auch als eine Tugendleiter verstanden, über deren Stufen der Mensch zu Gott aufsteigt.[5]

Als die Leiter mitten im Ukraine-Krieg in Münster, der Stadt des Westfälischen Friedens (Ende des 30-jährigen Krieges 1648) installiert war,  lag es für den Münsteraner Oberbürgermeister nahe, die Himmelleiter als eine Friedensleiter zu deuten. [6] Diese Definition wurde nun auch ganz offiziell bei dem Pariser Projekt aufgenommen. Und das bietet sich ja auch -gerade im laizistischen Frankreich- an. Zumal die neongelb leuchtende Leiter im nördlichen Querschiff der Kirche installiert wurde, direkt über der Inschrift: pax hominibus bonae voluntatis, Friede auf Erden den Menschen guten Willlens.

Insofern versteht sich die Himmelsleiter (échelle céleste) zugleich als Friedensleiter (échelle de la paix). Sie „soll auch in Paris ein Zeichen für den Frieden in der Welt setzen.“[7]  Und in den Reden bei der Einweihung wurde dementsprechend mehrfach auf die aktuelle Situation hingewiesen: Die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten und die immense Schwierigkeit, einen derzeit nicht absehbaren Frieden (wieder)herzustellen.

Die 21 Stufen der Friedensleiter können als symbolischer Ausdruck dieser schwierigen Perspektive  verstanden werden. Auch während der Olympischen Spiele wird es -im Gegensatz zur olympischen Idee- keinen Frieden geben. Insofern passt die Friedensleiter mit ihrem erst in beträchtlichem Abstand zum Boden beginnenden Anfang und ihren in schwindelerregende Höhe führenden Stufen gut zu der aktuellen Weltlage und zu der Pariser Kulturolympiade, zu deren Projekten sie gehört.  

Getragen wird die Kunstinstallation von dem österreichischen Kulturforum und der Botschaft Österreichs in Paris:  Die „Erfinderin“ der Himmels- und Friedensleiter, Billi Thanner, ist nämlich Österreicherin.[8]

Billi Thanner mit Mitgliedern der Tanz-Compagnie CUBe, die bei der Eröffnungsveranstaltung auftrat. Foto: Wolf Jöckel

Dass die Pariser Himmels-/Friedensleiter gerade in Saint-Eustache installiert wurde, kommt nicht von ungefähr. St. Eustache ist eine der größten und bedeutendsten Kirchen von Paris. Sie liegt zentral im 1. Arrondissement zwischen dem Centre Pompidou und der Bourse de Commerce in Nachbarschaft zu den ehemaligen Hallen und dem heutigen Verkehrs- und Einkaufszentrum (Canopé). Der 1532 begonnene heutige Bau geht auf König  François I. zurück, der im Zentrum der Stadt eine repräsentative Kirche im Stil der Renaissance errichten wollte.

Foto: Wolf Jöckel.  Aufgenommen 2021 vom Café der Bourse de Commerce/Pinault Collection

Die Kirche hatte einerseits königlichen Rang (paroisse royale), was nicht nur an ihren Ausmaßen, sondern auch an der Beziehung vieler bedeutender Persönlichkeiten der französischen Geschichte und Kultur zu der Kirche ablesbar ist. So ist, um nur ein Beispiel  zu nennen, der bedeutendste Minister des Sonnenkönigs, Colbert, dort bestattet.

Detail des monumentalen, von Ludwigs Hofmaler Le Brun entworfenen Grabmals für Colbert. Foto: Wolf Jöckel

Andererseits war Saint-Eustache aber auch die Kirche der einfachen Menschen im geschäftigen Herzen von Paris.  Und so ist auch die verarmte und vereinsamte Mutter Mozarts, die ihren Sohn 1778 auf dessen gescheiterter Reise nach Paris begleitet hatte, in Saint-Eustache bestattet worden. Ein Grabmal hat sie dort natürlich nicht erhalten, aber immerhin eine neuere Erinnerungsplakette in der chapelle Sainte-Cécile.[9]

In diesem Jahr feiert die Kirche ihr 800-jähriges Jubiläum.[10] Und in diesem Jahr wurde auch die Restaurierung der an antiken Vorbildern orientierten monumentalen Westfassade der Kirche abgeschlossen. (Auf dem obigen Foto sind die Säulen noch mit Gerüsten gestützt.)

Schon dies sind Gründe genug, die Himmelsleiter gerade in dieser Kirche zu installieren. Es gibt aber noch einen weiteren ganz wichtigen Aspekt, nämlich das Engagement von Yves Trocheris, des Curé von Saint-Eustache, für zeitgenössische Kunst.[11]

So steht in einer Seitenkapelle der Kirche ein Triptychon des amerikanischen Künstlers Keith Haring. Foto: Wolf Jöckel

Aber auch ganz aktuelle und durchaus umstrittene Werke haben in der Kirche ihren Platz, wie derzeit ein von der Collection Pinault ausgeliehenes Gemälde des aus Guadeloupe stammenden Künstlers Pol Tabouret, das neben einer Beweinung Christi aus dem 17. Jahrhundert in der Kapelle der heiligen Agnes zu sehen ist.

Und ein frühes Meisterwerk von Peter Paul Rubens gehört auch zur kirchlichen Ausstattung…  Desgleichen finden regelmäßige Orgelkonzerte hier statt. Und natürlich steht dort auch öfters Mozarts Requiem auf dem Programm. Immerhin soll Mozart Anregungen zu diesem Werk von einer französischen Totenmesse erhalten haben, die anlässlich der Beerdigung seiner Mutter in Saint-Eustache aufgeführt wurde…[12]

 Es gibt also viele Gründe, der Kirche Saint-Eustache einen Besuch abzustatten…

Praktische Informationen

Die Himmel-/Friedensleiter ist bis zum 15. September 2024 17 Uhr in Saint-Eustache zu sehen.

Adresse:  2 Impasse Saint-Eustache, 75001 Paris

Freier Eintritt


Anmerkungen

[1] https://olympiade-culturelle.paris2024.org/evenement/echelle-celeste-a7f2o000000DPqOAAW

Alle Fotos, wenn nicht anders angegeben, von Wolf Jöckel

[2] Bild aus: https://www.dersonntag.at/artikel/himmelsleiter-auf-dem-stephansdom/ Siehe auch: https://www.erzdioezese-wien.at/site/home/nachrichten/article/92936.html

[3] Vorausgehendes Bild aus: https://www.die-tagespost.de/leben/aus-aller-welt/ein-oesterliches-hoffnungssymbol-art-237394   Nachfolgendes Bild aus: https://www.bistum-muenster.de/startseite_aktuelles/newsuebersicht/news_detail/himmelsleiter_verlaesst_muenster

[4] Es gibt allerdings auch eine Himmelsleiter-Version am Luxushotel Schloss Seefels am Wörther See. Als dauerhafte Installation dient sie als „Landmark“ und soll das Hotel „zu einem ganz besonderen energetischen und spirituellen Ort magischer Augenblicke und unvergesslicher Momente“ machen.  https://www.seefels.at/kunst-design/himmelsleiter/

[5] https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/himmelsleiter

[6] https://www.allesmuenster.de/billi-thanner-himmelsleiter-ein-symbol-des-friedens/

[7] https://www.sanktlamberti.de/himmelsleiter-in-paris/

[8] www.billithanner.at

[9] Ein Blog-Beitrag über Mozarts Aufenthalte in Paris ist in Vorbereitung.

[10] https://soupesainteustache.fr/accueil/saint-eustache/histoire/

[11] Siehe: https://www.challenges.fr/luxe/saint-eustache-sanctuaire-de-l-art-contemporain_876669

https://www.beauxarts.com/reportages/yves-trocheris-le-cure-fervent-defenseur-de-lart-contemporain-a-saint-eustache/

[12] s. Paul Bardon, L’origine française du Requiem de Mozart. Delatour  2021

https://www.editions-delatour.com/de/musikwissenschaft-musikanalyse/4585-l-origine-francaise-du-requiem-de-mozart-9782752103901.html#:~:text=Nach%20%C3%9Cberzeugung%20des%20Autors%20zitiert,dieser%20Totenmesse%20und%20Mozarts%20Meisterwerk.

Die Zisterzienser-Abtei von Pontigny, die internationalen Begegnungen (Décades) und Heinrich Mann

Heute finden in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union die Wahlen für das Europaparlament statt. Ein guter Anlass, wie ich meine, an den leidenschaftlichen Europäer Heinrich Mann und die Begegnungen von Pontigny zu erinnern, bei denen schon vor ca 100 Jahren der Geist der europäischen Verständigung gepflegt wurde.

Wolf Jöckel, 9. Juni 2024

1114 wurde die Abtei von Pontigny als zweites Tochterkloster der zisterziensischen Mutterabtei von Cîteaux gegründet. Es ist, auch wenn viele Klostergebäude nicht mehr existieren, ein imposanter Bau: zwar von der bei den Zisterziensern üblichen Schlichtheit, aber mit einer Grundfläche von 4000 qm2 und einer Länge von 120 Metern – kaum weniger als Notre-Dame von Paris- die größte Zisterzienserkirche der Welt.

Dass ich der Abtei von Pontigny einen Blog-Beitrag widme, hat zwei Gründe: Einmal wegen der Geschichte und Architektur des Baus -die Zisterzienser haben mich schon immer fasziniert- zum anderen wegen der Décades de Pontigny, einem Treffen internationaler Intellektueller in den Jahren zwischen 1910 und 1939.  An ihnen hat als einer der ersten Deutschen 1923 Heinrich Mann teilgenommen, mit dem zu beschäftigen ich vor vielen Jahren bei einem Studienaufenthalt in Besançon angeregt wurde…

Die Abtei von Pontigny

Die imposante Größe der Abteikirche ist Ausdruck der großen Bedeutung, die Pontigny einmal hatte.

Klosterportal mit Blick auf die Fassade der Kirche mit dem Vorraum (Paradies)

Begünstigt wurde die Entwicklung des Klosters durch seine Lage an der Grenze zwischen drei Bistümern (Auxerre, Sens und Langres) und drei Grafschaften. Dies ist der Ursprung der Legende, nach der sich auf der Brücke von Pontigny drei Bischöfe, drei Grafen und ein Abt treffen konnten, ohne ihr Territorium zu verlassen. Deshalb auch die Brücke im Wappen des Klosters.

Pontigny war nicht nur die zweite Tochter von Cîteaux (Clairvaux folgte als dritte Tochter), was ihr einen besonderen Rang verlieh, es gründete auch selbst wieder weitere Klöster. Wenn eine Zisterzienserabtei ausreichend etabliert war, wurden, in Erinnerung an Christus und die 12 Apostel, ein Abt und zwölf Mönche ausgesandt, um eine Tochterabtei zu gründen. Diese Entwicklung war bei Pontigny sehr dynamisch: Bald gehörten zu seiner „Familie“ 43 Klöster, von denen 16 direkt dem Abt des Mutterhauses unterstellt waren. Und wer Abt von Pontigny wurde, hatte Aussicht, in höchste kirchliche Ämter aufzusteigen.

In dem blühenden Pontigny suchten im 12. und 13. Jahrhundert drei Erzbischöfe aus Canterbury Zuflucht. Der erste war Thomas Becket, der aufgrund seiner Verbannung durch den englischen König 1164 nach Pontigny ins Exil ging. Der dritte war Edmond von Abingdon, der 1240 in Pontigny bestattet und 1246 heiliggesprochen wurde. So entwickelte sich Pontigny zum Zentrum der Verehrung des heiligen Edmund (Saint Edme), die den Wohlstand des Klosters erheblich förderte.

Sein prächtiges Grabmal gehört zu dem insgesamt sparsamen Inventar der Kirche. Der Schrein wird von vier muskulösen Engeln getragen.

Vom Baldachin steigt ein weiterer Engel herab, um eine Krone auf das Grab zu legen:

Das Grabmal stammt aus dem 18. Jahrhundert – aus einer Zeit neuer Blüte nach dem von Hungersnöten, Pest und Kriegen verursachten Niedergang vom 14. bis zum 16. Jahrhundert. Vor allem waren es die Hugenotten, die im 16. Jahrhundert dem Bau arg zusetzten, die Kirche anzündeten und die Gräber profanierten – die Reliquien des heiligen Edmund hatten die Mönche allerdings rechtzeitig in Sicherheit bringen können.

Hier ein Grundriss der Klosteranlage aus der Zeit des Neuanfangs im  17. Jahrhundert:

Eine solche weitläufige Klosteranlage an dieser Stelle zu errichten, war ein äußerst schwieriges Unterfangen: Das sumpfige Gelände in der Niederung des Flüsschens Serein musste trockengelegt und urbar gemacht werden; ein Kanal musste gebaut werden, um die Wasserkraft für Mühle und Schmiede zu nutzen, Fischteiche zu füllen, Brunnen zu alimentieren und das Abwasser einzuleiten.

Für die Klostergebäude und die Kirche wählte man den höchsten Punkt des Geländes, das allerdings nicht eben war: eine zusätzliche Herausforderung. Dazu kam während der Bauarbeiten der Einfluss des neuen gotischen Stils, was Umplanungen, aber auch Abriss und Neubau alter romanischer Teile zur Folge hatte.

Das nördliche Seitenschiff. Blick nach Osten.

Entstanden ist so ein eindrucksvoller Kirchenraum von ungeheurer Weite und einem blendend weißen Inneren: Die cremeweiße Farbe des hellen Kalksteins ist wunderbar erhalten und wird durch die Fenster entsprechend beleuchtet: Zum ersten Mal in Burgund wurde das Kreuzrippengewölbe verwendet, das aufgrund seiner größeren Leichtigkeit eine Erhöhung des Kirchenraums und eine Vergrößerung der Fenster ermöglichte. So tägt -neben dem hellen Kalkstein-  auch das  Licht zur festlichen Helligkeit des Raums bei und erfüllt ihn mit Leben; zumal es bei den Zisterziensern keine bunten Glasfenster gab, sondern nur solche aus farblosem Grisailleglas, durch die das Licht ungehindert den Raum erhellen konnte.

Die modernen Fenster sind von den weitgehend verlorenen Originalen inspiriert und wurden nach der Explosion eines deutschen Munitionszuges in der Nähe der Abtei 1943 eingesetzt. Die originalen Fenster gab es allerdings schon vorher nicht mehr.

Über der hohen Vierung, wo sich Langhaus und Querschiff kreuzen, wurde das erste Kreuzrippengewölbe errichtet.

Blick vom Langhaus in den Chorraum der Mönche mit dem Chorgestühl. Das Gewölbe über der Vierung ist deutlich zu erkennen, hervorgehoben auch durch die kreisrunde Öffnung, die für das Heraufziehen von Baumaterial bestimmt war.

Das Vierungsgewölbe ist mit vier Wappen geschmückt, darunter das Wappen des Mutterklosters Cîteaux: Bischofsstab und Mitra über einem Schild mit acht Lilien…

… und natürlich das von Pontigny: Mitra und Bischofsstab über einer Brücke mit Baum:

Im Chor der Kirche ist in den Boden ein Stein eingelassen mit einem Kreuz und drei Lilien in blauer Farbe. Er markiert das Grab der Adèle de Champagne.

Adèle war die Mutter des Königs Philippe Auguste – in Paris vor allem bekannt aufgrund der während seiner Regierungszeit errichteten Stadtmauer, von der noch einige Reste erhalten sind.  Adèle wurde 1205 vom damaligen Abt während zweier Tage mit ihrem Gefolge im Kloster empfangen, was einen Skandal auslöste. Keine Frau, auch keine Königin, war in einem Zisterzienserkloster zugelassen. Sogar der Papst griff ein und der Abt wurde entsprechend gerügt. Allerdings hatte der, wie Kinder in ihrem Kirchenführer schreibt, seinen Ruf nicht umsonst riskiert: Adèle hat nämlich wahrscheinlich den Bau eines neuen monumentalen Chorabschlusses mit Altarraum, Chorumgang, Kapellenkranz und den neuartigen gotischen Strebebögen finanziert…

Dort wurde sie dann auch 1206 beigesetzt.

Blick auf das südliche Querschiff, das noch im romanischen Stil gebaut wurde: Es ist niedriger und es gibt noch keine Strebebögen. Auffällig ist aber die für einen romanischen Bau außergewöhnlich große  Fensterrose: Da deutet sich der Übergang zur Gotik schon an.

Heinrich Mann und die Décade de Pontigny 1923

In der Französischen Revolution wurde das Kloster aufgelöst, seine Besitzungen versteigert. Einige Klostergebäude wurden abgerissen, die Steine benutzte man für den Bau von Häusern im Dorf.  Die Kirche blieb aber als Gotteshaus für die örtliche Gemeinde erhalten. 1906, nach der Trennung von Kirche und Staat, kaufte Paul Desjardins die Klosteranlage und machte sie zwischen 1910 und 1939 zum Ort zehntägiger Treffen von Intellektuellen und Künstlern aus ganz Europa, darunter André Gide, François Mauriac, Raymond Aron, Jean-Paul Sartre, André Malraux, T.S. Elliot, H.G. Wells, Ernst-Robert Curtius, Heinrich und Thomas Mann, Martin Buber … Insgesamt fanden über 70 Dekaden in Pontigny statt.

Desjardins war Lehrer und Professor, Schriftsteller und Journalist. Er war der Auffassung, dass Frankreich an der Schwelle des 20. Jahrhunderts von einer moralische Krise befallen sei, deren wesentliche Ursache für ihn der Materialismus war. Notwendig seien grundlegende Reformen,  eine breit angelegte „weltliche Missionsarbeit“ und der Zusammenschluss aller Menschen guten Willens, vor allem von gleichgesinnten Intellektuellen.  Zu diesem Zweck gründete er 1892 die Union pour l’Action morale. Im Zuge der Dreyfus-Affaire spaltete sich die Gruppe auf: Die Dreyfus -Gegner gründeten die ultranationalistische und antisemitische  Action française, die Dreyfus-Verteidiger mit Desjardins die Union pour la vérité. 1910 initiierte Desjardins die vom Geist des Humanismus und der internationalen intellektuellen Zusammenarbeit geprägten Décades von Pontigny: Dass die gerade in einem ehemaligen Kloster stattfanden, passte sehr gut zum quasi religiösen Ansatz des Agnostikers Desjardins.[1]

Gisèle Freund, Portrait Paul Desjardins in Pontigny 1939 © Estate Gisèle Freund/IMEC Images

Das von Desjardins entwickelte Konzept der Décades sah vor, dass sich mehrmals im Jahr jeweils eine Gruppe ausgewählter Künstler und Intellektueller für 10 Tage in Pontigny treffen sollte, um in einer ungezwungenen Atmosphäre über einen festgelegten Themenschwerpunkt aus den Bereichen der Literatur, der Religion, der Gesellschaft, der Erziehung oder der internationalen Beziehungen zu debattieren. Jede Dekade wurde von einem von Desjardins bestimmten Direktor vorbereitet und geleitet.

Die Décades wurden 1914 durch den Ausbruch des Krieges unterbrochen und 1922 wieder aufgenommen. Nach dem Ersten Weltkrieg verfolgten die Décades einen kosmopolitischen Ansatz, um das gemeinsame europäische Fundament des Geistes zu betonen. Es war vor allem André Gide, der dabei eine wesentliche Rolle als aktiver „recruteur“ und Organisator der literarischen Dekaden spielte und der sich besonders für die Wiederaufnahme des deutsch-französischen Dialogs einsetzte. Für die erste literarische Dekade der Nachkriegszeit standen Rainer Maria Rilke, der große Romanist Ernst Robert Curtius und der mit Gide befreundete Bernhard Groethuysen, ein Spezialist der französischen Philosophie des Ancien Régime und Diderots auf Gides „Wunschzettel“. Es war dann Curtius, der als erster Deutscher 1922 nach Pontigny kam: Deutsche einzuladen bzw. einer Einladung Folge zu leisten war ein beiderseitiges Wagnis in einer Zeit, in der der Krieg und der Versailler Vertrag das Denken in Kategorien der „Erbfeindschaft“ noch einmal bestärkt hatten.

1923 folgte dann Heinrich Mann als zweiter deutscher Teilnehmer einer literarischen Dekade. Die Einladung verdankte er dem französischen Germanisten Felix Bertaux, vor allem aber seinem Renommee als frankophilem, politisch engagiertem Schriftsteller. 1918 wurde Heinrich Manns „Untertan“ veröffentlicht, seine schon vor Kriegsbeginn abgeschlossene Abrechnung mit dem wilhelminischen Deutschland. Kurt Tucholsky nannte das Buch „das Herbarium des deutschen Mannes. Hier ist er ganz: in seiner Sucht zu befehlen und zu gehorchen, in seiner Rohheit und in seiner Religiosität, in seiner Erfolganbeterei und in seiner namenlosen Zivilfeigheit.“[2]

Heinrich Mann, gleichermaßen französisch wie deutsch gebildet, war auch ein ausgewiesener Kenner und Liebhaber Frankreichs, seiner Philosophie und Literatur. Das bezeugen zahlreiche Essays, die er schon damals geschrieben hatte (weitere folgten in den 1920-er Jahren), z.B. über Rousseau, Voltaire, Choderlos de Laclos, Flaubert, Georges Sand, Talleyrand… Besonders bedeutsam war der 1915 veröffentlichte programmatische Essay über Zola, den kämpferischen Schriftsteller des „J’accuse“. Klaus Mann, Heinrichs Neffe, schrieb später dazu: „Während die ganze Nation sich an den Heldentaten unserer unbesiegbaren Armee begeisterte, wagte Heinrich Mann, dem unbesiegbaren Geist des französischen Kämpfers und Dichters ein literarisches Denkmal zu setzen.“[3] Gleichzeitig war der Essay eine leidenschaftliche Kampfschrift gegen den Krieg. In seinem einleitenden Worten zu einem Vortrag über den Zola-Essay schrieb Heinrich Mann 1916 über die Zeit Zolas, das Zweite Kaiserreich Napoleons III., aber gleichzeitig damit auch über seine Gegenwart, das Kaiserreich Wilhelms II.:

„Das zweite Kaiserreich nämlich hat schlimm geendet, mit einer Niederlage, einem Zusammenbruch, einer Katastrophe von seltener Vollständigkeit. Da aber die Reiche doch nicht zufällig zusammenbrechen, musste dieses viel gesündigt haben, es musste mit viel Unrecht beladen sein und mit viel Lüge. (…) dies Reich aber war ein Militär- und Klassenstaat, in dem der Volkswille nur gefälscht zur Geltung kam. Das Reich bestand also eigentlich entgegen dem besseren Wissen der Zeit, entgegen ihrem Gewissen. Und nicht anders war es mit dem Reichtum der Wenigen und der Armut der Vielen…“[4]

Und dazu und vor allem war Heinrich Mann ein überzeugter Europäer, tief durchdrungen auch von  der gemeinsamen europäischen Mission Frankreichs und Deutschlands „mit ihren ähnlichen und ineinander verschlungenen Schicksalen“, wie er 1923 in einem Essay über die „Anfänge Europas“ schrieb:

„So feindlich verbrüdert waren immer nur wir. Will Europa denn eins werden: zuerst wir beide! Wir sind die Wurzel. Aus uns der geeinte Kontinent, die anderen können nicht anders als uns folgen. Wir tragen die Verantwortung für uns und für den Rest.“[5]  

Mit diesem politisch-literarischen Opus hatte Heinrich Mann gewissermaßen die Eintrittskarte für die Décade von 1923 erworben und die Einladung dieses deutsch wie französisch gebildeten Schriftstellers war gewissermaßen schon eine Antwort auf das Thema der Dekade: „Gibt es in der Poesie eines Landes einen für Fremde undurchdringlichen Schatz?“.[6a] – aber trotzdem gab es Bedenklichkeiten auf französischer Seite.[6] Und Umgekehrt gab es auch eine „deutsche Missbilligung, wenn ich mit Frankreich verkehrte“, wie Heinrich Mann in seinem Erinnerungsbuch „Ein Zeitalter wird besichtigt“ schrieb.[7] Es war ja gerade die Zeit des Ruhrkampfs, französische Truppen hatten das Ruhrgebiet besetzt, die junge Republik antwortete mit einem Generalstreik,  die Inflation erreichte astronomische Höhen. Die Einladung nach Pontigny erhielt Heinrich Mann in Heringsdorf an der Ostsee: „Um dorthin zu gelangen, hatte ich einen Sack Inflationspapier im Schweiß meines Angesichts von der Bank nach Haus getragen. Schon in Berlin war er leer. Aber damit drei Personen (HM, seine Frau und seine Tochter. W.J.) ein Badehotel bewohnten, genügte ein Dollar täglich: den  hatte ich bei einem amerikanischen Korrespondenten erschrieben. Dennoch waren dies nicht die Umstände, unter denen man leichten Herzens ein reicheres Land besuchte. Überdies war es den meisten Deutschen ein feindliches, wie im Krieg: eher mehr.[8]

Wie große die Feindseligkeiten damals waren, wird auch -im Jahr der Olympischen Spiele von Paris- daran deutlich, dass Deutschland nicht nur 1920, sondern auch noch 1924 von den damaligen Olympischen Spielen von Paris ausgeschlossen war. Carl Diem, damals Generalsekretär des Deutschen Reichsausschussen für Leibesübungen, kommentierte das trotzig so: „Welcher Deutsche würde zu einem weltoffenen Fest nach Paris wollen, solange Neger in französischer Soldatenuniform am deutschen Rhein stehen!“ [8a]

Zunächst sagte Heinrich Mann die Fahrt nach Pontigny ab, nahm aber schließlich -dringlich von seinem Freund Felix Bertaux gebeten- doch an. Mit dem Zug gelangte er von Berlin aus „über eine Strecke, die zwischen Kehl und Straßburg glatt abbrach, in das nahezu verbotene Land.“[9] Weiter ging es nach Paris, wo er von Bertaux empfangen wurde, der ihn auch nach Pontigny begleitete.

Ein für die Décades als Gästehaus genutztes Gebäude im Klostergelände von Pontigny

In einer großen Rede aus dem Jahr 1927 über „Die Literatur und die deutsch-französische Verständigung“ hat Heinrich Mann ausführlich über seine Zeit in Pontigny berichtet:

„Tags darauf ging es nach Pontigny. Man fährt mehrere Stunden in Richtung von Lyon, dann kurz mit einer Kleinbahn und landet in einem Dorf, das eine große alte Abtei hat. Als die Mönche sie … räumen mussten, zog Herr Paul Desjardins dort ein.. …. Seine Gäste, deren er in jedem Sommer drei Gruppen einlädt, sind jedesmal vierzig oder fünfzig, so viele das große Haus fasst. Sie gehören einigen Nationen an, sie bilden eine pädagogische, eine diplomatische und eine literarische Gruppe. Diese letzte kam diesmal mit demselben Zug vollzählig bei ihm an. … Von meiner Nationalität war ich der einzige, blieb es die ganze Zeit, stellte daher eine Art repräsentativen Musters dar und hatte Haltung zu zeigen. …

Das Innere des Gästehauses

Die Gäste kommen an. Sie beziehen ihre, auf die Gebäude des großen Grundstückes verteilten Zimmer, treffen sich beim Tee in dem gewölbten Refektorium des einstigen Klosters, unterhalten sich weiter in dem langen Laubengang des Gartens und dinieren zusammen. …

Das Refektorium der Laienbrüder[10]

Man rechnete ein wenig ab mit mir und meinem Lande, ich bekam Gelegenheit, Erklärungen zu liefern. … Es wurde als mutig anerkannt, dass ich hier sei.  …

Blick aus dem Gästehaus auf den Kanal, der das Kloster mit Wasser versorgte

Die Vormittage war man frei, draußen oder in der reichen Bibliothek zu verbringen. Ein halbe Stunde nach dem Mittagessen begann die programmäßige Vollversammlung, eine Art von literarischem Parlament. … Über den oder jenen, der jetzt den besten Willen zeigte, erfuhr ich, dass er noch kürzlich gezweifelt hatte, ob man mit Deutschen je wieder werde verkehren können. … Man verstand sich nicht immer. … Gleichwohl ist beachtenswert, dass dies einer der ersten Versuche war, sich ohne Unterschied der nationalen Herkunft zu verständigen, sogar mit soeben noch Verfeindeten. … Mein Besuch in der gotischen Abtei von Pontigny, gelegen in einem französischen Dorf, am Ende einer staubigen Straße, und einer niedrigen, breiten und lückenhaften Häuserreihe, dieser Besuch hat für meine Erinnerung etwas nur halb Wirkliches, weil er so früh kam. Man war der Verständigung, sogar ihrem ersten Vorspiel, noch fern. Wer sie wollte und bekannte, tat es auf seine Gefahr. Unsere Zusammenkunft dort hinten geschah außerhalb der Öffentlichkeit, man könnte sagen: eine Stunde vor Sonnenaufgang.“[11]

Kaminaufsatz mit mittelalterlichen Kacheln aus dem Kloster im sogenannten André Gide-Zimmer im Gästehaus[12]

Der Sonnenaufgang war dann zwei Jahre später die deutsch-französische Verständigung in den Verträgen von Locarno, unterzeichnet von den beiden Außenministern Briand und Stresemann, die ein Jahr später gemeinsam mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden – was gerne vergessen wird, wenn -in der Nachfolge de Gaulles- von einem neuen „30-jährigen Krieg“ von 1914-1945 die Rede ist. Schriftsteller hatten zu der deutsch-französischen Annäherung nach Krieg und Versailles nicht unwesentlich beigetragen, wie Heinrich Mann in seiner Rede von 1927 feststellte – sie waren gewissermaßen die „Vordiplomaten.“[13] Und eine erste Etappe auf dem Weg zur Verständigung war Pontigny.

Neue Perspektiven für Pontigny

Die Tradition der Décades wird inzwischen fortgesetzt von der 1952 gegründeten  Association des Amis de Pontigny-Cerisy (AAPC), die jedes Jahr im Schloss von Cerisy in der Normandie internationale Kolloquien veranstaltet.[14] Die Klosteranlage in Pontigny würde in ihrem derzeitigen Zustand kaum mehr die Durchführung solcher Veranstaltungen ermöglichen.

2022 hat nun die Region Bourgogne Franche-Comté nach langen und kontroversen Debatten die ihr gehörende Klosteranlage von 9 h an die Fondation Schneider verkauft, die im Elsass ein Zentrum zeitgenössischer Kunst betreibt. Der mit dem Mineralwasser von Wattwiller reich gewordene Namensgeber der Stiftung, François Schneider, möchte Pontigny aus seinem Dornröschenschlaf erwecken und ihm neues Leben einhauchen.

Zu diesem auf 10 Jahre ausgelegten Projekt gehören ein 4-Sterne-Hotel mit Spa und Restaurant. Aber es soll auch ein Informationszentrum zu den Zisterziensern geben, Ausstellungen zeitgenössischer Kunst und ein Zentrum biologischer Landwirtschaft mit einer Destillerie[15]: Damit wird vielleicht auch an die Weinbautradition des Klosters Ponstigny angeknüpft, das bei der Entwicklung des Châblis eine wesentliche Rolle gespielt hat.[16]

Die Kirche ist von dem „pharaonischen Projekt“ direkt nicht betroffen, sie ist im Besitz der Gemeinde. Aber sie soll zum Beispiel durch Konzerte in das Projekt eingebunden werden. Die Orgel wird ja gerade schon restauriert. Einen vielversprechenden Vorgeschmack geben die originellen Reliefs auf den Pfeilern des Gehäuses.

Aber auch jetzt schon gibt es von Zeit zu Zeit große Konzerte in der Kirche und musikalische Begleitung der Besuche…

Und in der Kirche wird auch schon zeitgenössische Kunst präsentiert.

Ausstellung „entre-lacs“ von Nicole Dufour im Mittelschiff der Klosterkirche; bis 30. Oktober 2023

Literatur:

Terryl N. Kinder, Die Abtei von Pontigny. Paris: Centre des monuments nationaux 2016

François Chaubet, Paul Desjardins et les Décades de Pontigny. Villeneuve d’Ascq: Presses Universitaire de Septentrion 2009

François Chaubet, Les Décades de Pontigny et la N.R.F.    https://www.andre-gide.fr/images/Ressources-en-ligne/Par-BAAG/BAAG-116/BAAG116-349-366.pdf

Heinrich Mann, Ein Zeitalter wird besichtigt. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 1977

Heinrich Mann, Die Literatur und die deutsch-französische Verständigung. 1927. In Heinrich Mann, Sieben Jahre. Chronik der Gedanken und Vorgänge. Essays.

Heinrich Mann 1871-1950. Werk und Leben  in Dokumenten und Bildern. Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag 1971

Chantal Simonin, Heinrich Mann et la France. Une biographie intellectuelle.  Villeneuve d’Ascq: Presses Universitaire de Septentrion 2005


Anmerkungen:

[1] Jean-Pierre Cap, Les Décades de Pontigny et la Nouvelle Revue Française. Paul Desjardins, André Gide et Jean Schlumberger. In: Bulletin des Amis d’André Gide, Vol. 14, No. 69, 1986), S. 21-32

[2] Zit. in: Heinrich Mann 1871-1950. Werk und Leben  in Dokumenten und Bildern. Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag 1971, S. 14

[3] Klaus Mann 1933 über Thomas Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen“. Zit. a.a.O., S. 153

[4] Heinrich Mann: Einleitende Worte zu einem Vortrage. In: Die Aktion. Berlin. Jahrgan 6 vom 8. Juli 1916.

[5] Heinrich Mann, Anfänge Europas. Mai 1923. In: Sieben Jahre, S. 113/114

[6] Chaubet, Paul Desjardins et les décades de Pontigny, S. 114

.[6a] „Y a-t-il dans la poésie d’un peuple un trésor réservé impénétrable aux étrangers?“ a.a.O. S. 114 Curtius und Rilke wären zu diesem Thema natürlich auch prädestiniert gewesen.

[7] Ein Zeitalter wird besichtigt, S. 170

[8] Ein Zeitalter wird besichtigt, S. 170

[8a] Zit aus: Hans Joachim Teichler, Nicht dabei, aber dagegen. In dieser Woche vor hundert Jahren begannen die Olympischen Spiele von Paris 1924 in Chamonix. Die Deutschen mussten zu Hause bleiben. Sie schauten grimmig zu und kommentierten bissig. In: FAZ vom 27.1.2024, S. 36

[9] Heinrich Mann, Die Literatur und die deutsch-französische Verständigung, S. 310

[10] https://www.mairie-pontigny.fr/albums_148_14_1_galerie-photos-le-dortoir-et-le-refectoire-des-convers_fr.html

[11] A.a.O., S. 311-317

[12] Bild aus: https://foucautalain9.wixsite.com/patrimoine-urbain/single-post/2018/09/20/labbaye-de-pontigny

[13] A.a.O., S. 318wa

[14] https://cerisy-colloques.fr/association/

[15] https://journal-du-palais.fr/au-sommaire/hommes-et-chiffres/la-fondation-schneider-devoile-ses-ambitions-pour-l-abbaye-de-pontigny

https://www.lemoniteur.fr/article/yonne-le-domaine-de-pontigny-se-pique-d-art-contemporain.2238441

[16] Bild aus: https://www.tourisme-yonne.com/vignoblesdecouvertes/labbaye-de-pontigny-aux-origines-du-chablis

Paris, „capitale mondiale du vélo“, die Welt-Hauptstadt des Fahrrad-Fahrens?

Vielleicht reibt sich manche Leserin/mancher Leser dieses Blog-Beitrags die Augen: Paris, die Welt-Hauptstadt des Fahrrad-Fahrens? Soll das ein Witz sein? Nein, durchaus nicht! 2017 proklamierte nämlich Anne Hidalgo, die Bürgermeisterin der Stadt, genau dies als Ziel ihrer ehrgeizigen Politik eines klimagerechten Stadtumbaus.[1]  Damals konnte das reichlich großmäulig erscheinen. Da lag nämlich Paris, was die Fahrradfreundlichkeit angeht, noch selbst hinter zahlreichen anderen französischen Städten wie Straßburg, Lyon und Bordeaux, von europäischen Fahrrad-Metropolen ganz zu schweigen. Inzwischen -2022- firmiert Paris, jedenfalls nach dem Copenhagenize-Index, hinter Kopenhagen und Amsterdam -und noch vor Münster, der deutschen Nummer 1, auf einem schmeichelhaften Platz 3 der europäischen Fahrrad-Hitliste.  2019 hatte es dort noch auf Platz 8 gelegen und 2017, als Bürgermeisterin Hidalgo ihr ehrgeiziges Ziel verkündete, auf Platz 13.[2] Einen wichtigen Impuls für diese Aufholjagd hat, wie in anderen Städten auch, die Covid-Epidemie gegeben. „Denn die Angst vor Ansteckungen mit Covid-19 hat in der französischen Metropole eine allgemeine Fahrradbegeisterung ausgelöst. Die Anzahl der Radfahrenden ist 2020 im Vergleich zum Vorjahr auf rund 30 Prozent gestiegen.“[3] Auch Streiks im öffentlichen Nahverkehr haben wesentlich die Nutzung von Fahrrädern in Paris befördert. Das gilt vor allem für die Zeit der Streiks gegen die Rentenreform 2019/2020.[4] Es gibt zwar auch andere Rankings, in denen Paris unter ferner liefen erscheint[5], unbestreitbar ist jedoch, dass Paris sich in den letzten Jahren in teilweise beeindruckender Weise verändert hat und dass davon vor allem Fußgänger und Fahrradfahrer profitieren – zu denen auch wir gehören.  Seit wir uns 2009 in Paris niedergelassen haben, bewegen wir uns in der Stadt nämlich hauptsächlich mit dem Fahrrad fort. Zunächst ausschließlich mit dem Leihfahrrad-System Vélib‘, inzwischen auch mit eigenen Fahrrädern. Wir sind also sicherlich keine unparteiischen Beobachter der aktuellen Entwicklungen, sondern freuen uns über die Fahrrad-freundliche Umgestaltung der Stadt.

Paris hat dafür ja auch außergewöhnlich gute Voraussetzungen. Die Ausdehnung der Stadt intra muros, also innerhalb des Boulevard périphérique ist mit 105qm2 relativ gering: Die Stadt ist flächenmäßig neunmal kleiner als Berlin! Die berühmten Sehenswürdigkeiten liegen nahe beieinander. Wir, beispielsweise, wohnen in der Nähe des Friedhofs Père Lachaise im 11. Arrondissement und sind mit dem Fahrrad in 7 Minuten an der place de la Nation, der place de la République oder der Place de la Bastille; zu Notre Dame, dem Louvre und dem Centre Pompidou sind es 15 Minuten, zur place de l’Étoile eine halbe Stunde. Paris von Ost (Porte Dorée am Bois de Vincennes) nach West (Porte Dauphine am Bois de Boulogne) zu durchqueren: weniger als 20 km! Die Nord-Süd-Verbindung von der Porte de la Chapelle bis zur Porte d’Orléans: sogar weniger als 10 km! Da kann man gut auf die oft überfüllte Métro verzichten! Und mit dem Fahrrad ist man sogar meist schneller unterwegs als mit dem Auto und kann vergnügt an den sich vor Ampeln oft stauenden Fahrzeugkolonnen vorbeiradeln.

Die Politik der Stadt, die Dominanz des Autoverkehrs zu reduzieren und Fußgängern und Fahrradfahrern mehr Raum zu geben, ist keine Erfindung von Anne Hidalgo, sondern wurde schon von ihrem Vorgänger Delanoë in die Wege geleitet- allerdings angesichts großer Widerstände und administrativer Hürden mit einiger Behutsamkeit. Hidalgo hat dann ab 2014 energisch und beharrlich das Projekt durchgesetzt.

Ihr Meisterstück war die Sperrung großer Teile der Seine-Tiefkais für den Autoverkehr. Eine „Zeitenwende“! Immerhin war am 22. Dezember 1967 die 13 Kilometer lange Schnellstraße („voie express“) auf der rechten Seine-Seite zwischen der porte de Saint-Cloud und dem Pont National von dem auto- und fortschrittsbegeisterten Georges Pompidou, dem damaligen Premierminister, eingeweiht worden: Paris sollte -in der Tradition des Baron Haussmann-  den Anforderungen der neuen Zeit angepasst werden;  eine autogerechte Stadt war das Ziel.

Auf der Höhe des Hôtel de Ville“ angebrachte Tafel zur Erinnerung an die Umbenennung der Uferstraße.

1975 wurde die „voie expresse rive droite“ zu Ehren ihres bedeutendsten Promoters in „Voie Georges Pompidou“ umgetauft: Die Seineufer für den Autoverkehr zu erschließen, galt damals als ein höchst verdienstvolles Unternehmen, auf das man glaubte,  stolz sein zu können.  

Dann die radikale Umkehr mit dem Beschluss, den Parisern den Fluss zurückzugeben, wie es Anne Hidalgo formulierte. Der Widerstand war gewaltig. Der kam unter anderem von dem für den Verkehr zuständigen Polizeipräfekten von Paris, der aus Sicherheitsgründen eine Einschränkung des Autoverkehrs bedenklich fand. Le Monde sprach sogar von einem „Fahrradkampf in Paris“, der zwischen der Bürgermeisterin und dem Polizeipräfekten ausgetragen werde.[6] Hidalgo befinde sich, wie der Figaro im August 2017 schrieb, in einem „offenen Krieg gegen die Autos“. Mit ihrer autofeindlichen Politik sei die Pariser Bürgermeisterin zur „Königin der Bobos“ geworden [7]   – obwohl denen doch eher nachgesagt wird, mit modischen Elektroautos oder protzigen SUVs unterwegs zu sein… Sylvain Maillard, Parlamentsabgeordneter von Paris für La République en Marche, die Partei von Präsident Macron, warf der Bürgermeisterin Dogmatismus vor und eine einseitige Förderung des Fahrradverkehrs: „Paris n’est pas l’Inde“ (Paris ist nicht Indien). [8] 

Anne Hidalgo ließ sich aber nicht von ihrem Weg abbringen. Und der Erfolg gab ihr Recht: „Die Uferpromenaden sind innerhalb eines Jahrzehnts zum Paradies für Jogger, Radfahrer und Spaziergänger geworden“, schreibt Michaela Wiegel in der FAZ. [9] „In sommerlichen Nächten werden sie von fröhlichen Restaurant- und Barbesuchern bevölkert“… oder von Menschen wie wir, die es sich mit Rotwein, Baguette und Käse am Seineufer gemütlich machen und sich dabei wie Gott in Frankreich fühlen. Und wenn gerne beklagt wird, Paris sei eine Traumstadt für Reiche aus aller Welt, dann hat man inmitten fröhlicher junger Menschen -und zwar ganz offensichtlich überwiegend Französinnen und Franzosen- diesen Eindruck ganz und gar nicht. Jedenfalls können es sich wohl auch andere politische Konstellationen heute kaum noch erlauben, hier das Rad der Zeit wieder zurückzudrehen.

Bürgermeisterin Anne Hidalgo auf einer Demonstration für die Sperrung der Voie Pompidou für den Autoverkehr am 10. März 2018 an dem Pont Marie. Der Verkehr war davor schon gesperrt gewesen, zwischenzeitlich per Gerichtsbeschluss aber wieder zugelassen worden. Foto: Wolf Jöckel

Heute ist das einer unserer Lieblingsplätze von Paris. Hier rasten früher die Autos entlang…

Das Auto-freie Seine-Tiefkai rive droite. Rechts eine Kletterwand für Kinder, im Hintergrund die Türme der Conciergerie auf der Île de la Cité. (Foto: Wolf Jöckel März 2024). Insgesamt sind jetzt 7 Kilometer der Seinekais für Fußgänger und Fahrradfahrer reserviert.

winterliches Joggen und Fahrradfahren auf dem Seine-Ufer rive droite. Foto: ville de Paris

An sonnigen Wochenenden sind die Ufer derart beliebt und belegt, dass für Fahrräder kaum noch ein Durchkommen ist. Foto: Wolf Jöckel 6. 6.2024

Die weitgehende Sperrung der Seine-Ufer für den Autoverkehr war Teil eines zuerst 2015 vorgestellten und dann sukzessive ergänzten Plans zur fahrradfreundlichen Umgestaltung von Paris. (plan Vélo)

Plan Vélo von 2015. In dieser Skizze des Plans sind die geplanten Fahrradwege eingezeichnet. Grün und gelb ist wiedergegeben, was bis 2017 umgesetzt worden war. Inzwischen ist dieses System von Rad(schnell)wegen fast vollständig vorhanden. Die Stadt Paris rühmt sich, in den letzten 10 Jahren 550 km neuer Fahrradwege geschaffen zu haben. Zwischen 2019 und 2022 habe der Fahrradverkehr um 71% zugenommen. Einer im April 2024 veröffentlichten Studie zufolge habe das Fahrrad einen deutlich höheren Anteil an den Fortbewegungen in Paris als das Auto: 11,2 gegen 4,3%; den weithaus größten Teil ihrer Wege legen die Pariser allerdings zu Fuß zurück: 53,5%. [10]

Solche Schilder sah und sieht man in Paris an vielen Stellen: „Paris se transforme“ (Paris verändert sich)

Zentraler Bestandteil des Plan Vélo von 2015 war auch die Schaffung von zwei breiten, eigenständigen und durchgängigen Fahrrad-Schnellwegen auf zwei großen Nord-Süd- und Ost-West-Achsen.

Wir richten von Juli 2017 bis März 2018 einen Fahrradweg rue de Rivoli ein

Und dazu gehörte auch die Umwandlung der zentralen, von der Place de la Bastille bis zur Place de la Concorde reichenden rue de Rivoli (und der rue Saint-Antoine) in eine Straße für Fahrräder, Fußgänger und -allerdings nur noch in Ost-West-Richtung- für einen extrem eingeschränkten Autoverkehr (zugelassen sind Busse und Taxis).

Karte der noch vorläufigen Umgestaltung eines zentralen Teilstücks der rue de Rivoli vom Januar 2022.[11]

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist dsc07927-fahrrad-in-paris-5.jpg

rue de Rivoli, auf der Höhe des Kaufhauses Samaritaine (damals noch Baustelle) Foto: Wolf Jöckel, Juli 2020

Inzwischen sind die damals stellenweise noch provisorischen Fahrradspuren dauerhaft angelegt und haben zwei der ehemaligen drei Autofahrspuren übernommen.

Cyclistes, rue de Rivoli.

Die rue de Rivoli zwischen Louvre und der place de la Concorde. Links der Tuilerien-Garten. Bild: Villle de Paris (April 2024)

Die rue die Rivoli ist nicht nur Teilstück der Pariser Ost-West-Axe, und der wiederum Abschnitt des Fahrrad-Schnellwegs 1 (vélopolitain 1, ligne V1). Dieser regionale Fahrrad-Schnellweg verbindet das Geschäftsviertel La Défense mit Vincennes, entspricht also in seinem Verlauf etwa der Métro-Linie 1 (die ja übrigens auch eine automatisierte schnelle Ost-West-Verbindung darstellt.) Hier eine Markierung bei Vincennes.[12]

Der Erfolg ist beträchtlich: Am Hôtel de Ville ist ein Automat aufgestellt, der die vorbeifahrenden  Fahrräder zählt: Die obere Zahl betrifft das Jahr, die untere den Tag. Im Hintergrund der Tour Saint-Jacques.

Die 3979 Fahrräder auf der Anzeige hatten an einem trüben Februar-Tag bis mittags die rue de Rivoli passiert. An schönen Tagen sind es um die 20 000 – und an Streiktagen sicherlich noch mehr -jedenfalls werden dort immer neue Zählrekorde aufgestellt.[13]

Noch deutlich mehr frequentiert ist allerdings die Nord-Süd-Verbindung entlang des Boulevards Sebastopol, obwohl die bei weitem nicht so Fahrrad-freundlich ausgebaut ist. Da ist also angesichts der großen Ambitionen der Stadt durchaus noch Handlungsbedarf!

Daneben wurden und werden zahlreiche weitere Fahrradwege entlang der Boulevards geschaffen, Hier ein Bild von den Bauarbeiten am Boulevard Voltaire im 11. Arrondissement. Der Fahrradweg verbindet die place de la République mit der place de la Nation.

„Wir installieren einen Fahrradweg Boulevard Voltaire“ (2017/2018)

Obwohl die neuen Fahrradwege hier bei weitem nicht so breit sind wie auf der rue de Rivoli und dem Autoverkehr immer noch mehr Platz eingeräumt wird, sind auf dem Boulevard Voltaire inzwischen meist deutlich mehr Fahrräder als Autos unterwegs…. [14]

Foto: Wolf Jöckel März 2024

Interessant sind Versuche mit der Einrichtung von Fahrradstraßen, hier im 12. Arrondissement: Da dürfen zwar noch Autos fahren, jedenfalls in einer Richtung, aber die Fahrräder haben absoluten Vorrang und die Autos haben sich entsprechend anzupassen.

Zusätzliche Impulse erhält die fahrradfreundliche Umgestaltung der Stadt durch das Bemühen, Paris auch unter den Bedingungen des Klimawandels lebenswert zu erhalten: In dem entsprechenden Plan Climat 2024 – 2030 ist ausdrücklich die drastische Reduzierung des privaten Autoverkehrs vorgesehen.[15]

Und parallel dazu sollen bis 2030 180 km neue Fahrradwege in der Stadt entstehen.

Einen zusätzlichen großen Impuls für die fahrradfreundliche Umgestaltung der Stadt haben die Olympischen Spiele 2024 gegeben, die im Juli/August (vor allem) in Paris ausgetragen werden.

Schild an der rue du Faubourg Saint-Antoine „Hier wird auf Dauer eine Fahrradspur eingerichtet – für die Olympischen Spiele und für lange danach“

Eine der größten Befürchtungen und Risiken, die es bezüglich dieses Großereignisses gibt, bezieht sich auf den Verkehr und das sowieso schon notorisch überlastete und teilweise auch fragile System des öffentlichen Nahverkehrs. Als Alternative bietet sich gerade in Paris das Fahrrad an. Angestrebt wird, alle über die Stadt verteilten Wettkampfstätten mit dem Fahrrad zu erreichen. Dafür wird gerade das Netz der Fahrradwege weiter ausgebaut.

Karte der Fahrradwege für die Olympischen Spiele von Paris. [16]

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist die fahrradfreundliche Umgestaltung des Quai Jacques Chirac im 7. Arrondissement. Die großen neuen Fahrradwege sollen als „olympisches Erbe“ auch nach den Spielen den Pariserinnen und Parisern -und den Gästen der Stadt- zur Verfügung stehen.[17]

Aber auch nach den Olympischen Spielen soll der Stadtumbau weitergehen: Unmittelbar danach „soll eine erste verkehrsberuhigte Zone eröffnet werden. Sie soll für das Zentrum der Hauptstadt gelten und entspricht den ersten vier Arrondissements sowie Teilen des fünften, sechsten und siebten Arrondissements. Dieses Gebiet soll nach den Plänen Hidalgos für den Durchgangsverkehr geschlossen werden.“[18] Die Fahrradfahrer werden  sich freuen.

Immerhin sind bisher schon an Wochenenden zahlreiche Straßen für den normalen Durchgangsverkehr gesperrt – so die rue de la Roquette in „unserem“ 11. Arrondissement.

Ganz oben auf der Liste des ökologischen und damit auch fahrradfreundlichen Stadtumbaus steht auch die nach den Olympischen Spielen geplante Umgestaltung der Place de la Concorde ….

… und der Umgebung des Eiffelturms (Trocadéro, pont d’Iéna), die ebenfalls begrünt und Fußgänger- und Fahrradfahrer-freundlich umgestaltet werden soll. [19]

Und nach den Olympischen Spielen sollen auch die Champs-Elysées weiter begrünt werden, und es soll mehr Platz für Fußgänger und Fahrradfahrer geben.

So jedenfalls sollen die Champs-Élysées nach einem aktuellen Vorschlag 2030 aussehen. „Die Straße soll viel grüner werden, mit Oasen des schattigen Verweilens, mit breiteren Radwegen. Aus sechs Spuren sollen vier werden.“ [20]

Zur fahrradfreundlichen Umgestaltung der Stadt tragen aber auch manche weniger spektakuläre Erleichterungen für Fahrradfahrer im „normalen Verkehr“ bei.

So dürfen Fahrradfahrer die meisten Einbahnstraßen auch in Gegenrichtung befahren. Und dies schon seit Jahren, als es noch -jedenfalls bei uns zu Hause in Deutschland- noch nicht üblich war.

Oder sie dürfen an vielen Kreuzungen auch bei Rot rechts abbiegen: vielfach ein erheblicher Vorteil gegenüber dem Autoverkehr. Und die Autos, die dann darauf warten, endlich bei Grün rechts abbiegen zu können, sind gezwungen, den geradeaus fahrenden Fahrradfahrern Vorfahrt zu lassen – die dieses Recht allerdings manchmal nur mit großer Entschiedenheit durchsetzen können… Auch viele Fußgängerüberwege dürfen Fahrräder trotz roter Ampel überfahren, wobei Fußgänger hier natürlich den (nicht immer gewährten) Vortritt haben.

Auf vielen Boulevards dürfen Fahrräder auch die für Busse und Taxis reservierten Fahrspuren benutzen, auch wenn das manchen Automobilisten nicht gefällt. Die Gefahr übrigens, dort von stinkenden und gesundheitsgefährdenden Abgasen benebelt zu werden, verringert sich ständig und spürbar: Ein großer Teil der Pariser Busse fährt elektrisch, Taxis entsprechend.  Den deutsch-französischen Streit über die Umweltfreundlichkeit des in Frankreich überwiegend von Atomkraftwerken erzeugten Stroms klammern wir hier einmal aus. (Dass in Frankreich allerdings mit einiger Häme auf Deutschland geblickt wird, das seine letzten AKWs abgeschaltet hat, nun aber Atomstrom aus Frankreich importiert, sei aber doch angemerkt).

Und wie kommt man zu einem Fahrrad? Ganz einfach! Es gibt vor allem die öffentlich geförderten Vélib‘-Fahrräder. Mehrere interessante Tarif-Varianten stehen zur Auswahl: für eine einzelne Fahrt, für einen oder mehrere Tage; und das jeweils für mechanische oder Elektro-Räder. Und die sind an ihrer Farbe zu erkennen: grün für mechanisch, blau für Elektro.[21]

Stationen zum Ausleihen und wieder Zurückgeben gibt es in Paris in Hülle und Fülle. Es sind insgesamt etwa 1500 in Paris und seinem Umland, nach Vélib‘ „le plus grand réseau de vélos en libre-service du monde.“ (Le Parisien 11.3.2024)

https://www.plandeparis.info/stations-velib-paris/plan-stations-velib-paris.html

Man kann aber auch ein Elektro-Bike eines privaten Anbieters ausleihen. Die stehen (bzw. manchmal auch: liegen) da herum, wo sie der letzte Nutzer hinterlassen hat und man kann sie auch entsprechend wieder loswerden…

Werbung des privaten Anbieters Lime/Uber: Eine Variation des bekannten Slogans Métro/Boulot/Dodo (Metro, Arbeit, Schlaf), der den Tagesablauf des Parisers bezeichnen soll.
Die Stadt Paris fördert den Kauf von Elektrofahrrädern, um so zum Umstieg vom Auto auf das Fahrrad zu motivieren.

Dieses Plakat habe ich 2017 aufgenommen. So lange gibt es also schon diese Förderung; allerdings inzwischen etwas eingeschränkt: Die Fördersumme beträgt jetzt nur noch 400 Euro, und für Elektroscooter gibt es kein Geld mehr. [22] Höher ist die Förderung für Lastenfahrräder, die in Paris sehr beliebt sind. Viele Geschäfte/Warenhausketten wie Monoprix oder Casino bieten inzwischen häusliche Belieferung mit Lastenfahrrädern an.

Lastenfahrrad der Warenhauskette Monoprix [23]

Und es werden nicht nur Lebensmittel und andere Waren mit Lastenfahrrädern transportiert…. Diese Hunde werden tagsüber von einem professionellen „Hunde-Sitter“ betreut. Für ein Foto haben sie auf dem Weg zum Auslauf im Bois de la Vincennes angehalten. Foto: Wolf Jöckel März 2024

Das Fahrrad hat also seinen festen Platz in der Stadt, was sich unter anderem auch daran zeigt, dass es inzwischen schon Gegenstand der Street-Art geworden ist.

Ein Fahrradfahrer des Invaders rue de la Roquette 11. Arrondissement. An ihm fahren wir immer auf dem Weg von der place de la Bastille zurück in unsere Wohnung vorbei. (Aufgenommen Februar 2024)

Als Paris-Souvenire gibt es auch schon Tassen und Tragetaschen mit den entsprechenden Fahrrad-Motiven (Fotos: F.Jöckel)

Und auf dem aktuellen Werbeplakat für die Paris-Aussstellung im Hôtel de ville sieht man hinter den fröhlichen Schwimmern in der sauberen Seine unter dem obligatorischen Eiffelturm und zwischen frischem Grün einen Fahrradfahrer: Das neue Paris!

Ein Paradies für Fahrradfahrer ist Paris aber (noch lange) nicht. Probleme gibt es nämlich durchaus genug.

Da sind zum Beispiel die alten Fahrradwege- die gibt es ja immerhin auch. Aber die sind arg eng: Als die angelegt wurden, gab es ja noch keine schnellen Elektrobikes und noch keine breiten, manchmal sogar dreirädrigen Lastenfahrräder. Da gibt es manchmal ziemlich waghalsige und oft auch nicht durch deutliche Signale angekündigte Überholmanöver, und ich wundere mich, dass es nicht öfters zu Karambolagen zwischen Fahrradfahrern kommt.

Offenbar gibt es sogar schon eine Kampagne, dass Lastenfahrräder nicht mehr die Fahrradwege benutzen sollen. (No -Fahrrad- SUV-Zone) Foto Wolf Jöckel März 2024

Aber die Stadt Paris hat das Problem der vielfach zu engen Fahrradwege erkannt: Manche selbst neu eingerichtete Fahrradspuren wurden -wie hier auf dem Boulevard Henri IV (4. Arrondissement)- inzwischen schon verbreitert. Das war da immerhin relativ leicht möglich, weil nur die alten Markierungen durch neue ersetzt werden mussten.

Ein Problem sind oft auch die Einbahnstraßen.

Rue de Charenton (XIIe)

Es ist ja gut gemeint, dass Fahrräder sie meist auch in Gegenrichtung nutzen können.  Aber wie soll man zum Beispiel hier, wie auch an vielen anderen entsprechenden Stellen, von seinem Recht Gebrauch machen, die Straße in Gegenrichtung zu beradeln? Wenn da ein Auto entgegenkommt, bleibt einem manchmal keine andere Wahl, als auf den (oft auch schmalen) Bürgersteig auszuweichen. Die Fußgänger dort goutieren das verständlicher Weise natürlich nicht…

Ein großes Problem ist auch der Vandalismus, deren Opfer die Vélib‘ – Fahrräder oft sind. Darauf muss man unbedingt achten, wenn man ein Fahrrad ausleiht, auch wenn keine zusätzlichen Kosten entstehen, wenn man das ausgeliehene Fahrrad direkt nach Entdeckung eines Schadens wieder zurückgibt.

Dass der Sattel fehlt, wird man gleich bemerken, aber manchmal fehlt auch die Kette, und eine Überprüfung der Bremsen und der Luft in den Rädern ist unbedingt zu empfehlen.

Für Paris-Besucher, die nur gelegentlich ein Fahrrad ausleihen, ist das kein Problem, für Einheimische oder länger dort Wohnende wie wir aber schon: Für 81% der Pariser, die bisher auf die Anschaffung eines Fahrrads verzichten, ist die Furcht vor Diebstahl bzw. der Mangel an gesicherten Abstellplätzen der ausschlaggebende Faktor. [24] Auch wenn die offiziellen Zahlen das nicht widerspiegeln: Fahrräder sind ein beliebtes Objekt von Diebstählen. Wir haben da selbt leidvolle Erfahrungen gemacht: Ein Fahrrad wurde gegenüber unserer Wohnung nachts gestohlen, obwohl es fest an einem Laternenpfahl angeschlossen war. Ein anderes während einer Chorprobe an einem belebten Platz – allerdings bei  strömendem Regen. Der Clou war dann, dass uns am hellichten Tag ein Fahrrad, neben dem wir standen, auf einer belebten Straße gestohlen wurde, als wir es für einige Sekunden (!) aus dem Auge ließen. Seitdem verstehe ich, warum mein Zeitungshändler mich auffordert, mein Fahrrad selbst dann abzuschließen oder in den Kiosk hineinzunehmen,  wenn ich von dem Pariser Privileg Gebrauch mache, am frühen Nachmittag schon die Ausgabe des kommenden Tages von Le Monde zu kaufen.

Und seitdem schließen wir unsere Räder mit schweren Ketten ab, die fast so teuer waren wie die Fahrräder selbst… Und nachts stellen wir unsere Räder immer in dem kleinen, ursprünglich nur für die Mülltonnen bestimmten Innenhof unseres Hauses ab, der allerdings dem zunehmenden Bedarf an Fahrrad-Abstellplätzen für Hausbewohner kaum noch gewachsen ist…

Aber aller solcher Unbilden zum Trotz: Auch wenn Paris noch nicht die Welthauptstadt des Fahrrads ist – und es vielleicht auch nie werden wird: Vergleicht man 2009, als wir unser pied-à-terre in Paris bezogen haben, mit der Situation heute, hat sich Paris seitdem in atemberaubender Geschwindigkeit verändert: Das Fahrrad hat einen festen, manchmal sogar privilegierten Platz im städtischen Raum erhalten – und auch in unserem Pariser Leben. Meist ist es ein Vergnügen, durch die Stadt zu radeln: Zum Beispiel zum Einkaufen auf dem marché d’Aligre, nach Belleville ins Schwimmbad Alfred Nakache, zu einem Konzert der jeunes talents in die Archives Nationales im Marais, ins Grüne über die Coulée verte zum Lac Daumesnil, zum Kaffeetrinken im Grand Bleu an den Port de l’Arsenal/place de la Bastille,  zur Seine zum abendlichen Picknick… und…und… und…


Anmerkungen:

[1] https://www.lemonde.fr/blog/transports/2019/07/08/paris-capitale-mondiale-du-velo-on-en-est-loin/

http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2017/02/16/01016-20170216ARTFIG00133-le-plan-velo-prend-du-retard-a-paris.php

[2] https://www.bikes.de/magazin/bike-life/reise/fahrradfreundliche-staedte-in-europa

[3] https://www.signal-iduna.de/hausratversicherung/fahrradversicherung/fahrradfreundlichste-staedte-der-welt-blog.php

[4] https://www.lemonde.fr/les-decodeurs/article/2019/12/20/greve-des-transports-deux-fois-plus-de-velos-que-de-voitures-sur-un-boulevard-de-paris_6023593_4355770.html

[5] Siehe: https://pedalandtringtring.com/2022/08/25/most-bike-friendly-cities-in-the-world-2022-study/ Hier ist die europäische Rangliste:  Utrecht, Münster, Antwerpen, Kopenhagen, Amsterdam, Malmö, Bern, Bremen, Hannover und Straßburg… Paris ist da also noch nicht einmal unter den  ersten 10 europäischen Fahrrad-Städten aufgeführt

[6] „La bataille du vélo à Paris, entre la maire et le  préfet. Hidalgo veut supprimer une voie pour les voitures rue de Rivoli, la police s’en alarme au nom de la sécurité.“ (Le Monde 16. August 2017, S. 9)

[7] http://www.lefigaro.fr/politique/2017/08/25/01002-20170825ARTFIG00053-anne-hidalgo-les-folies-de-la-reine-des-bobos.php

[8] Le Figaro, 25. August 2017, S. 9

[9] Michaela Wiegel, Sie führt Paris ins Grüne. Im Ausland wird sie gefeiert, in Frankreich wird sie angefeindet: Bürgermeisterin Anne Hidalgo erfindet die Stadt neu – rechtzeitig vor den Olympischen Spielen. In: FAZ magazin Februar 2024

[10] Ville de Paris, 10 ans de transformation écologique. mise à jour 25.3.2024 https://www.paris.fr/pages/dix-ans-de-transformation-de-paris-au-service-des-parisiennes-et-des-parisiens-26671?utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=s13

https://www.paris.fr/pages/inedit-le-velo-surpasse-la-voiture-a-paris-et-en-petite-couronne-et-de-loin-26832?utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=s15

Siehe auch: https://www.lefigaro.fr/actualite-france/2017/02/16/01016-20170216ARTFIG00133-le-plan-velo-prend-du-retard-a-paris.php und Ville de Paris: Se déplacer sans polluer et en toute sécurité. In: À Paris. Le Magazin. Hiver 2023/2024, S. 20

[11] https://www.paris.fr/pages/la-rue-de-rivoli-reservee-aux-pietons-et-aux-velos-7792

[12] https://fr.wikipedia.org/wiki/V%C3%A9lopolitain von: Chabe01

[13] https://www.bfmtv.com/paris/paris-des-records-de-frequentation-sur-les-pistes-cyclables-en-cette-rentree_AV-202309070377.html

[14] https://www.radiofrance.fr/franceinter/paris-certains-boulevards-sont-dorenavant-plus-empruntes-par-des-velos-que-par-des-voitures-7769764

[15] https://www.paris.fr/pages/plus-vite-plus-local-plus-juste-le-nouveau-plan-climat-de-paris-25469

[16]  Crédit photo:Ville de Paris  https://www.paris.fr/pages/en-2024-tous-les-sites-olympiques-seront-accessibles-a-velo-23154 Dort auch das nachfolgende Bild des Quai Jacques Chirac.

[17] https://www.paris.fr/pages/en-2024-tous-les-sites-olympiques-seront-accessibles-a-velo-23154

[18] Michaela Wiegel, Sie führt Paris ins Grüne. Im Ausland wird sie gefeiert, in Frankreich wird sie angefeindet: Bürgermeisterin Anne Hidalgo erfindet die Stadt neu – rechtzeitig vor den Olympischen Spielen. In: FAZ magazin Februar 2024, S. 33

[19] Bild aus: https://www.paris.fr/pages/plus-vert-plus-pieton-et-apaise-le-secteur-trocadero-iena-va-se-reinventer-26586 

[20] Bild aus Le Parisien vom 28. Mai 2024. Dazu ein Artikel über die Reaktionen auf dieses Projekt: „Parmi les principales mesures proposées ce lundi par le Comité Champs-Élysées pour réenchanter l’avenue figurent l’élargissement des espaces piétons et cyclistes ainsi que la réduction des voies automobilistes. Encore à l’état de projet, ces propositions divisent les usagers“. Siehe auch den Artikel „150 proposition pour réenchanter les Champs-Élysées“ in der gleichen Ausgabe der Zeitung . Zitat aus: Süddeutsche Zeitung: Oh Champs-Élysées. Die berühmte Avenue ist zum Unort geworden, zum touristischen Kommerztempel. Wie Paris es schaffen will, dass sich die Bürger wieder in ihre einstige Prachtstraße verlieben. SZ vom 31.5.2024. Siehe auch: https://www.paris.fr/pages/les-champs-elysees-se-refont-une-beaute-21040

[21] Bild aus Le Parisien vom 10.3.2024 https://www.leparisien.fr/info-paris-ile-de-france-oise/transports/grand-paris-ces-velos-neufs-qui-redorent-un-peu-limage-de-velib-10-03-2024

Genaue Information auf Deutsch zum Ausleihen der Vélib‘-Fahrräder: https://www.parismalanders.com/fahrrad-leihen-paris-velib/

[22]https://parisenselle.fr/subventions/#:~:text=Depuis%20le%2020%20avril%202023,adapt%C3%A9%20jusqu’%C3%A0%201200%20%E2%82%AC

[23] https://www.leparisien.fr/paris-75/a-paris-monoprix-remplace-ses-camionnettes-de-livraison-par-des-velos-cargo-14-12-2020-8414187.php  Siehe auch: https://www.leparisien.fr/paris-75/a-paris-monoprix-remplace-ses-camionnettes-de-livraison-par-des-velos-cargo-14-12-2020-8414187.php 

[24] https://www.paris.fr/pages/un-nouveau-plan-velo-pour-une-ville-100-cyclable-19554 vom 28.3.2024. Zum neuen Fahrradplan der Stadt Paris gehört deshalb auch der Ausbau der gesicherten Abstellmöglichkeiten für Fahrräder.