Dünkirchen, Hochburg des Karnevals in Frankreich

Autor des nachfolgenden Beitrags ist Pierre Sommet, ehemaliger Fachbereichsleiter Fremdsprachen an der Volkshochschule Krefeld, Buchautor und Verfasser zahlreicher Lernmaterialien für den Französisch-Unterricht in der Erwachsenenbildung: Le Blog de Pierre Sommet

Leserinnen und Lesern dieses Blogs ist Pierre Sommet bekannt durch seinen Beitrag über die Veuve Cliquot, „die ungekrönte Königin von Reims“, durch seine amüsante Präsentation deutsch-französischer Redewendungen und durch seine Forschungen zu Thierry Hermès, dem Gründer des für seine Luxusaccessoires berühmten Pariser Modehauses. Thierry Hermès wurde 1801 (schon mit obligatorischem französischem Vornamen, aber noch ohne Akzent) in dem damals von Frankreich annektierten Krefeld geboren, dem Wohnort Pierre Sommets und seit 1974 offizielle Partnerstadt Dünkirchens. Anlässlich des 50. Jubiläums dieser Partnerschaft entstand der nachfolgende Artikel, der zum ersten Mal im Oktober 2024 im Krefelder Jahrbuch Die Heimat erschienen ist. Ich freue mich, dass Pierre Sommet ihn, passend zur aktuellen Karnevalssaison, nun auch an dieser Stelle veröffentlicht. Wolf Jöckel

Abb 1: Das Plakat des nordfranzösischen Künstlers Aket, eine Kombination aus Kubismus und Street Art

Les Gens du Nord ont dans leurs yeux le bleu qui manque à leur décor.
Les Gens du Nord ont dans le cœur le soleil qu’ils n’ont pas dehors.

Die Menschen aus dem Norden haben in ihren Augen, das Blau, das ihrem Himmel fehlt. Die Menschen aus dem Norden haben im Herzen die Sonne, die draußen nicht scheint. Aus Les Gens du Nord, Chanson von Enrico Macias

Dünkirchen, Dunkerque, die nördlichste Hafenstadt Frankreichs, heute vorwiegend industriell, ursprünglich ein Fischerdorf in Flandern mit einer „Kirche in den Dünen“, lebte bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom Fischfang und von der Fischverarbeitung. Die Dünkirchener, les Dunkerquois: gens du Nord, gens de mer, Menschen aus dem Norden, Seeleute. Und wie feiert man das neue Jahr in der Partnerstadt? Mag der Himmel so grau wie der Alltag sein, das Meer übellaunig und eiskalt, mehrere Hunderte sogenannte Givrés (Durchgeknallte) treffen sich zum traditionellen Bad der Durchgeknallten am Neujahrstag am langen Sandstrand von Dünkirchen. Ein Abhärtungstraining der besonderen Art für manche Karnevalisten, die kostümiert in die Wellen springen.

Für Niederrheiner, erdverbundene Menschen, gens de terre, (und nicht nur für sie! W.J.) ist der Dünkirchener Karneval ein gewöhnungsbedürftiges Erlebnis. Die Ursprünge des bunten Treibens in der Korsarenstadt liegen im 17. und im 18. Jahrhundert. Damals boten die Reeder den Seeleuten ihrer Fangflotte mit ihrem Heuervertrag ein Festessen, „Foye“ genannt, und die Hälfte ihrer Heuer als Handgeld vor der gefährlichen sechsmonatigen Reise Anfang März zu den isländischen Kabeljau-Fanggründen. Die Fischer feierten den letzten Tag an Land mit ausgiebigem Alkoholkonsum. Dies war die Geburt der ersten „Visscherbende“ (flämisch für Fischerbanden) des Dünkirchener Karnevals.

Abb 2: Kräftige Karnevalisten der Fischerbande in der ersten Reihe © Ville de Dunkerque

Am ersten Tag der sog. Drei Fröhlichen (Les Trois Joyeuses) im Februar gibt heute die Fischerbande (La Bande des Pêcheurs) den Ton an, bereits im Januar, denn der Dünkirchener Karneval dauert… drei Monate. Es finden unzählige Bälle und Kinderbälle (bals enfantins) in Dünkirchen und in der ganzen Region statt, zum Beispiel im malerischen Städtchen Bergues, Drehort des Kultfilms „Willkommen bei den Sch’tis“ (Bienvenue chez les Ch’tis).

Nordsee, Mordsee

Grund zur Freude hatten die Fischer damals nicht. Sie schufteten frierend in sechzehnstündigen Schichten an der Reling ihrer offenen Boote, mussten mit langen Angelschnüren bis zu vierzig Kilo wiegende Kabeljaus aus dem eisigen Nordatlantik ziehen. Entlang der Klippen der Insel aus Eis (Île de Glace) fehlte jegliche Küstenbefeuerung, Zerschellungsgefahr drohte, der Ozean wurde beim stürmischen Wetter zum Raubtier. Die Krallen des Wassers umklammerten manches Boot und rissen es in die Tiefe. Das Meer ist nachtragend. Wer sich an seinen Schätzen vergreift, kann dabei sein Leben verlieren. Und dann blieben an Land untröstliche Frauen und Kinder zurück. Der Mensch, ein fragiler Spielball der Natur.

Ein Straßenkarneval zum Mitmachen

Den ersten Höhepunkt des Karnevals bildet der Ball der Schwarzen Katze (Le Bal du Chat Noir) im Kursaal, von Monsieur le Maire, Jean Bodart, offiziell eröffnet. Im Saal toben 8.000 fantasievoll kostümierte Menschen und singen Karnevalslieder. Auf das beste Kostüm, in Dünkirchener Mundart clet’che genannt, wird sehr viel Wert gelegt. Küsschen (bises), in Frankreich ohnehin ein alltäglicher Brauch unter Freunden, werden verteilt.

Der Dünkirchener Karneval ist vor allem ein Straßenkarneval zum Mitmachen. On fait carnaval, sagen die Dünkirchener. Im Gegensatz zu seinem eleganten, spektakulären, weltberühmten Pendant in Nizza, wo man Eintritt für einen Tribünenplatz zahlt, sind hier im hohen Norden keine kunstvoll dekorierten Prunkwagen, kein Blumenkorso zu bewundern. Es werden weder Blumen noch Kamelle in die Menge geworfen, Prunksitzungen sind unbekannt, die Obrigkeit wird nicht verspottet, man verspottet sich selbst. Hauptsache, die sozialen Schranken fallen. Hier ist der enthemmte Mensch das Spektakel. Selbstverständlich verkleidet sich auch der engagierte Bürgermeister. Allerdings sorgt das Leitbild der Karnevalisten (La Charte des carnavaleux) für die Einhaltung von Regeln. Sich amüsieren und nichts kaputtmachen, lautet die Devise.

Die carnavaleux, auch masquelours genannt, sind entfesselt. Geschminkt, oft als matantes, also als Frauen mit Perücken, Pelzmänteln, grellen Federboas und ausladenden Dekolletés verkleidet, tragen sie bunte Regenschirme mit überlangem Stiel und ziehen in Banden durch die windgepeitschten Straßen. Eine feuchtfröhliche Solidargemeinschaft. Geselligkeit (convivialité) und Gastfreundlichkeit (hospitalité) werden großgeschrieben, es wird gerne geteilt und auch für Bedürftige gespendet. Und so richten viele Dünkirchener in ihren Wohnungen sogenannte Kapellen (chapelles) ein. In diesen befreundeten Häusern (maisons amies) werden die umherziehenden Narren aufgenommen und mit Karnevalsbier, Frikadellen, deftigen flamiches au maroilles (Flammkuchen mit der kräftigen Käsesorte maroilles), Zwiebelsuppe (soupe à l’oignon) sowie Rollmöpsen als Heilmittel gegen den Kater, die gefürchtete  „Holzfresse“ (gueule de bois) bewirtet.

Während der Trois Joyeuses herrscht in der Hafenstadt der Ausnahmezustand. Der Karnevalsumzug (la Bande), wird von einem hochgewachsenen Tambourmajor in napoleonischer Uniform angeführt und von der Musikkapelle (la clique) begleitet. Hinter den Querpfeifern, den Blechbläsern und Trommlern, die alle Öljacken  tragen, haken sich muskulöse carnavaleux in der ehrenvollen ersten Reihe unter und bilden über die ganze Straßenbreite eine Menschenkette als Schutzschild für die Musiker. Der Tambourmajor fungiert als Zeremonienmeister, bestimmt die Strecke und die Musik. Ab und zu hebt er seinen Stab, der Zug hält an, die Querpfeifer hören auf zu spielen, die Blechinstrumente ertönen. Es ist für die carnavaleux hinter der ersten Reihe das Signal für einen Radau (chahut).Ausgelassen und lärmend springen sie in die Luft, drängen nach vorne. Die „Kleiderschränke“ (armoires à glace) der ersten Reihe müssen jetzt Schwerstarbeit leisten, um den Druck der nachschiebenden Massen aufzuhalten. Fällt jemand in der Menschenkette, wird ihm schnell auf die Beine geholfen, das Risiko, zertreten zu werden, wäre zu groß. Apropos „groß“: Überragend im wahrsten Sinne des Wortes ist der Riese Reuze, die Darstellung eines skandinavischen Kriegers, von seiner vierköpfigen Familie und zwei Wachen begleitet. Auch in anderen nordfranzösischen Städten wie Arras, Cassel und Douai wird bei Umzügen die spektakuläre Tradition der bis zu neun Meter hohen „Giganten“ aus (Korb)weide und Holz gepflegt.

Drei verrückte Tage. 50.000 Menschen auf den Straßen. Pfeift der Wind, pfeifen die Karnevalisten darauf, brüllt der Wind, wird er niedergebrüllt. Das Dünkirchener Karnevalsbier fließt reichlich. Wer Zuviel trinkt, ist im Dünkirchener Platt, wie in Deutschland, blau (bleu), und wer sich allzu sehr betrinkt, ist in dieser Hafenstadt erwartungsgemäß bleu marine, und nicht etwa schwarz (noir), wie in den anderen Regionen Frankreichs. Trotz der Charte des carnavaleux führt der Verlust der Selbstkontrolle manchmal leider zu unschönen Szenen, die wie in Deutschland der eigentlichen Intention des Karnevals widersprechen, also sich befreit, aber respektvoll zu amüsieren.

Die Banden aus den Stadtvierteln veranstalten einen Höllenlärm, schmettern oftmals anzügliche Karnevalslieder, aber auch solche berührenden von ihren Vorfahren, wie „Putain d‘Islande“, wortwörtlich „Hure von Island“, im Sinne von „Verfluchtes Island“.

Putain d‘Islande

Depuis trois jours, t’es déguisé, t’es maquillé et t’as picolé.
Te voilà à cette heure sur le point de partir.
Cap sur l’Islande.

Mort aux flétans !
Tu vas laisser femme et enfants
Et peut-être mourir, là-bas sur les bancs
Pour des morues ou des harengs.
Va! Dans la bande, pense qu’au présent.

Verfluchtes Island

Seit drei Tagen bist du kostümiert, bist geschminkt und hast gebechert.
Und da stehst du nun, bereits aufzubrechen:
Auf nach Island.
Tod dem Heilbutt!
Du lässt Frau und Kinder zurück,
und wirst vielleicht sterben, da oben auf den Sandbänken
für Kabeljau oder Heringe.
Doch los! In der Karnevalsbande gilt nur das Jetzt.

Übersetzung: Walter Weitz

Um 17 Uhr fordern die carnavaleux vor dem imposanten Hôtel de Ville im neoflämischen Stil lautstark die „Freilassung“ der Heringe: Libérez les harengs!

Der Heringswurf (le jet de harengs Abb 3 © Ville de Dunkerque) ist der Clou des volkstümlichen Karnevals. Vom Balkon des Rathauses werfen der Bürgermeister und die Ratsherren kiloweise in Zellophan verpackte geräucherte Heringe (harengs fumés) in das farbenfrohe Menschenmeer. Auch einen Hummer aus Plastik. Wer diesen ergattert, kann ihn in einem Fischladen gegen einen echten Hummer umtauschen. Die kostbare Trophäe wird allerdings meist behalten.

Mit dem allerletzten Tanz (le rigodon final) enden die jecken Tage unter freiem Himmel. Am Abend versammeln sich die carnavaleux auf dem Platz Jean-Bart vor dem Denkmal des Korsars und berühmtesten Sohnes der Stadt. (Abb 4 aus Wikipedia)

Wie durch ein Wunder überstand das Werk von David d’Angers aus dem Jahr 1845 den Bombenhagel und die fast vollständige Zerstörung von Dünkirchen Ende Mai 1940. Dünkirchen und Krefeld, zwei vernarbte Städte. Umso wichtiger deren Partnerschaft.

Erst 1662 ging Dünkirchen endgültig an Frankreich. Aufgrund ihrer strategischen Lage gehörte die begehrte Hafenstadt früher abwechselnd Flandern, Burgund, den spanischen Niederlanden und sogar vier Jahre lang von 1658 bis 1662 England. Wie kam es dazu? Als vertragsgemäße Belohnung für den gemeinsamen Sieg am 14. Juni 1658 über die lästigen Spanier bei der Bataille des Dunes (Schlacht in den Dünen), übergab Ludwig XIV. am Abend des 25. Juni das damals spanische Städtchen seinem Cousin, Charles II. von England. Und so mussten die verwirrten Dünkirchener an einem einzigen Tag gleich dreimal die Staatsangehörigkeit wechseln. Binnen 24 Stunden war Dünkirchen spanisch, französisch und schließlich englisch. Diese einmalige Episode ging als folle journée (verrückter Tag) in die Geschichte ein. Als Charles II. 1662 dringend Geld für die leeren Staatskassen brauchte, konnte der Sonnenkönig Dünkirchen für nur fünf Millionen livres, heute 200 Millionen Euro, zurückkaufen.

Als Kind war der Korsar Jean Bart, eigentlich Jan Baert, ein Flame. In einer Ballade von Theodor Storm wird er als Jan und nicht Jean gewürdigt:

Und als es mit England kommt zum Krieg,
Wo Jan Bart erscheint, erscheint der Sieg.
Wie stolz der britische Banner auch weht
Jan Bart ist Herr und fegt die See.

Unter Ludwig XIV. agierte der Korsar in Diensten der Krone. Seine Mannschaft überfiel mit kleinen wendigen Schiffen die großen englischen und niederländischen Flotten. Trumpf im sogenannten Laufkrieg (guerre de course) waren Schnelligkeit, Verwegenheit und Überraschungseffekt. Am 29. Juni 1694 errang Jean Bart mit einem Geschwader von sieben Schiffen einen glänzenden Sieg in der Schlacht bei Texel. Er durchbrach die englische Blockade und brachte einen Konvoi von Handelsschiffen voll mit Getreide in das hungernde Frankreich. In den Adelsstand erhoben, wurde Jean Bart zwei Jahre später zum Großadmiral ernannt. Er wurde reich. In jeder Hinsicht ein Riese. Der 2,05 Meter große Hüne starb 1702 an den Folgen einer Rippenfellentzündung in seiner Heimatstadt, wo man heute seine letzte Ruhestätte auf dem Friedhof der Kirche Saint-Eloi besichtigen kann.

Ehre, wem Ehre gebührt

Die Dünkirchener verehren Jean Bart. Am ersten Abend der Trois Joyeuses in der zweiten Februarwoche begeben sich die Karnevalisten zum Platz Jean-Bart, knien vor der Statue des illustren Freibeuters und schmettern mit gen Himmel erhobenen Armen inbrünstig bis tief in die Nacht hinein die Kantate (la Cantate) an Jean Bart:

Jean Bart, salut, salut à ta mémoire.
De tes exploits tu remplis l’univers.
Ton seul aspect commandait la victoire.
Et sans rival tu régnas sur les mers.

Jean Bart, sei gegrüßt, ein Gruß zu deinem Andenken.
Deine Taten füllten das Erdenrund.
Sein bloßer Anblick brachte den Sieg.
Und keiner herrschte wie du über die Meere.

Übersetzung: Walter Weitz

Die mitreißende Hommage der carnavaleux lässt den furchtlosen Helden aus Bronze sichtlich kalt. Er ist ganz andere stürmische Zeiten gewöhnt. In stolzer Pose, einen Degen in der rechten Hand haltend, ist Jean Bart im Begriff ein Schiff zu entern. Wahrlich kein Spaßvogel. Ein Kämpferherz und ein feiner Stratege. Die Feinde Frankreichs hat er stets zum Narren gehalten.

Und die Dünkirchener Narren sind seine besten Freunde.

Abb.5: Bis tief in die Nacht singen die Karnevalisten die Kantate an Jean Bart © Ville de Dunkerque

Und hier die Daten des diesjährigen Karnevals von Dünkirchen:

https://evasion.lenord.fr/fr/les-dates-du-carnaval-de-dunkerque-2025

Schriftenverzeichnis

Maunder, Hilke: Dunkerque: der nachhaltige Wandel
https://meinfrankreich.com/dunkerque_nachhaltigkeit/
(abgerufen am 24.01.2024)

Mörsdorf, Markus: Reise Know-How. Reiseführer Nordfrankreich; Bielefeld 2024

Online-Quellen zum Weiterlesen

Dünkirchen Tourismus: Bienvenue à Dunkerque
https://www.duenkirchen-tourismus.com
Touristenführer 2023-2024 in deutscher Sprache

Le Guide Carnaval
PDF in französischer und in englischer Sprache zum Download. Schön illustriert und ausführlich. https://www.dunkerque-tourisme.fr/decouvrir/top-10-des-evenements/le-carnaval-de-dunkerque/

Dünkirchen Die Partnerstadt 
https://www.krefeld.de/de/oberbuergermeister/duenkirchen/
Im Serviceportal der Stadt Krefeld. Mit Nachrichten aus dem Pressearchiv rund um die Städtepartnerschaft mit Dünkirchen

Dünkirchen Guide: alle Infos zu Sehenswürdigkeiten, Aktivitäten & weitere Tipps
https://reisetopia.de/guides/city-guide-duenkirchen/ (abgerufen am 24. Januar 2024)

YouTube: Les Gens du Nord
Auf YouTube ist das Chanson Les Gens du Nord von Enrico Macias zu hören. Darüber hinaus gibt es mehrere Videos über Le Bain des Givrés (Das Bad der Durchgeknallten)
https://www.youtube.com/watch?v=9OnLqQukV9M Carnaval de Nice – Site officiel
Informationen in französischer und in englischer Sprache
https://www.nicecarnaval.com

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