Im Frühjahr 2025 fand in den Archives Nationales in Paris eine Ausstellung statt, in der die erste bildliche Darstellung der Jeanne d’Arc zu sehen war: Eine kleine Zeichnung, angefertigt am 10. Mai 1429, als sich in Paris die Nachricht von der Niederlage der Engländer bei Orleans verbreitete. Sie befindet sich am Rand des Régistre du conseil, des Protokolls des Parlaments von Paris: Der Protokollant, Clément de Fauquembergue, hat Jeanne d’Arc nie gesehen und stellte sie so dar, wie er sie sich aufgrund der umlaufenden Berichte vorstellte und wie sie bis heute unser Bild von Jeanne d’Arc geprägt haben.
Diese Ausstellung hat mich angeregt, mir einmal gezielt die Pariser Statuen der Nationalheldin und Nationalheiligen Jeanne d’Arc anzusehen, sie in ihren historischen Kontext einzuordnen und in ihren unterschiedlichen Darstellungsformen besser zu verstehen.
Das Andenken an Jeanne d’Arc ist nicht neutral: Es ist „Ausdruck der geistigen Konflikte, welche die französische Gesellschaft seit Beginn der Moderne gespalten haben.“ Über nahezu 50 Jahre stritten sich die Linke und die Rechte in Frankreich um sie. [1] Für die Linken war sie eine “Bannerträgerin des antiklerikalen Republikanismus“; aber auch der nationale Katholizismus entdeckte Jeanne d’Arc als Kultfigur. Und die extreme Rechte beanspruchte sie als Ahnherrin und versammelte sich einmal im Jahr vor ihrem Reiterstandbild auf der place des Pyramides in Paris.
Jeanne d’Arc war damit gleichzeitig republikanische Nationalheldin und katholische Nationalheilige, und in der Erinnerung an die „Heilige des Vaterlandes“ konnte sich das republikanische mit dem katholischen Frankreich aussöhnen. Es gibt jedenfalls keine andere historisch belegte Frauengestalt, die noch nahezu 600 Jahre nach ihrem Tod im kulturellen Gedächtnis der Franzosen so lebendig geblieben ist. Dem entsprechend ist auch keine andere Person, erst recht keine Frau, derart oft im öffentlichen Raum von Paris präsent: Es gibt hier insgesamt 7 Jeanne d’Arc – Statuen -wozu noch viele andere in Kirchen kommen.
Nachfolgend möchte ich einige dieser Statuen vorstellen: Sie geben einen Einblick in die Geschichte des Mythos der Jeanne d’Arc, aber auch in den Zusammenhang dieses Mythos mit der Sozialgeschichte und der politischen Geschichte Frankreichs.
Beginnen möchte ich mit einem Standbild der betenden Jeanne d’Arc vor der Kirche Saint Honoré-d’Eylau (16. Arrondissement). Es handelt sich um die Kopie eines Werks der Marie d’Orléans (1813-1839). Marie d’Orléans war eine Tochter des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe. Bevor sie durch ihre Heirat Herzogin von Württemberg wurde, betätigte sie sich, Schülerin des romantischen Malers Ari Scheffer, als Bildhauerin. Besonders intensiv beschäftigte sie sich mit der Gestalt der Jeanne d’Arc: In Versailles gibt es die Marmorstatue einer betenden Jeanne, von der zahlreiche Kopien angefertigt wurden. Eine davon steht vor der Kirche Saint Honoré-d’Eylau in Paris.

Es ist das anrührende Bild eines im Gebet versunkenen jungen Mädchens. Es tragt zwar Rüstung und ein Schwert in ihren Händen, aber es ist nichts Martialisches an ihr. Dazu passt auch eine weitere Jeanne d’Arc- Skulptur der Marie d’Orléans: Das im Musée des beaux-arts Lyon ausgestellte Standbild der reitenden Jeanne d’Arc, weinend angesichts der verwundeten Engländer: Jeanne d’Arc ist zwar eine Kämpferin, aber sie hat auch Gefühle: Sie bekämpft die Engländer, sieht aber auch das Leid. Sie ist demütig, senkt ihr Haupt vor den Opfern und vor Gott.[2]
Aus der Zeit vor 1871 stammt auch die Jeanne d’Arc-Statue von François Rude. Rude wurde berühmt durch das Marseillaise genannte Relief am Arc de Triomphe, das den Auszug der Freiwilligen 1792 darstellt und verherrlicht. Die von ihm geschaffene Jeanne d’Arc-Statue gehörte zu der Galerie bedeutender Frauen, die im Jardin du Luxembourg aufgestellt sind. Um sie allerdings vor den Witterungseinflüssen zu schützen, wurde sie 1872 ins Louvre überführt und durch eine andere Statue ersetzt. [3]

Rude hat Jeanne als einfaches Mädchen dargestellt. Sie kommt vom Feld oder Garten und trägt in der linken Hand das, was sie dort gesammelt hat. Die andere Hand hat sie ans Ohr gelegt: Sie hört die Stimmen, die zu ihr sprechen. So steht sie zögernd da zwischen Erde und Himmel- drei Jahre soll es ja gedauert haben, bis sie sich entschloss, ihren Stimmen zu folgen. Auf den Boden hat Rude aber schon eine Rüstung gestellt, die auf ihre Bestimmung verweist.
Ganz anders die vier Standbilder, die zwischen 1871 und 1914, dem „goldenen Zeitalter“ der städtischen Skulptur, in Paris errichtet wurden. Insgesamt wurden in diesen Jahren etwa 150 Skulpturen in Paris aufgestellt, die fast ausschließlich „großen Männern“ gewidmet waren. Nur acht stellen bedeutende Frauen dar, vier davon Jeanne d’Arc. Die vier anderen Frauen-Skulpturen waren in dem zurückgezogenen Bereich öffentlicher Gärten und Grünanlagen aufgestellt – wie etwa die Skulptur der Marguerite Boucicaut, der Besitzerin des Kaufhauses Bon Marché. Drei der Jeanne d’Arc- Skulpturen dagegen befinden sich an prononcierten Stellen: Plätzen (place des Pyramides) oder Verkehrsadern (Saint-Augustin, Saint-Marcel). Und dass gleich vier Standbilder der Jeanne d’Arc aufgestellt werden, zeigt ihre Bedeutung als Verkörperung des Patriotismus und der nationalen Einheit nach der Niederlage von 1871 und dem Verlust des Elsass und eines Teils von Lothringen.[4]
Jeanne d’Arc, Place des Pyramides

Das Standbild auf der place des pyramides ist das erste überhaupt, das in Paris nach dem verlorenen Krieg von 1870/71 errichtet wurde, und zwar 1874. Der Standort ist in dreifacher Hinsicht bedeutsam:
- Er liegt nahe an der Stelle, an der Jeanne d’Arc bei ihrem gescheiterten Versuch Paris zu erobern, verwundet wurde, was ihren Kampfeswillen aber nicht brechen konnte.
- Der Platzname erinnert an die -von Bonaparte publikumswirksam entsprechend benannte- Schlacht bei den Pyramiden, die den Franzosen 1798 den Weg nach Kairo öffnete
- Der Platz selbst liegt an der noblen rue de Rivoli, benannt nach dem Ort eines weiteren Sieges Bonapartes 1797 gegen die Österreicher. Die Straße verbindet die place de la Bastille, Symbol der Revolution, mit der place de la Concorde, Ort eines großen Straßburg-Denkmals, das nach dem verlorenen Krieg an den Verlust des Elsass erinnert und zur patriotischen Pflicht seiner Rückgewinnung mahnt.
- Und schließlich ist der Platz in der Nähe von Tuilerien, Louvre und Palais Royal symbolisch der Mittelpunkt von Paris, ja Frankreichs.
Es war der Staat, der das Standbild bestellte und finanzierte, was seine Bedeutung unterstreicht. Emmanuel Frémiet, ein zu jener Zeit bekannter Bildhauer, wurde für diese wichtige Aufgabe ausgewählt. Und knauserig war der doch immerhin von hohen Reparationen belastete Staat nicht: Das Material des Denkmals ist leuchtende vergoldete Bronze und nicht der preisgünstigere Marmor. Jeanne d’Arc ist hoch zu Ross dargestellt: Lange Zeit Ausdruck königlicher Macht verleiht eine Reiterstatue im 19. Jahrhundert eine patriotische Aura. Jeannes Blick ist entschlossen geradeaus gerichtet, das -wie bei Fauquembergues erstem Portrait– geschweifte Banner hoch erhoben. Gekrönt ist sie mit einem Lorbeerkranz, dem weltlichen Pendant des Heiligenscheins. So ist Jeanne ein Symbol des Widerstands, des Kampfes- und Siegeswillens Frankreichs.
Die mythische Figur der Jeanne d’Arc wurde von verschiedenen Gruppen reklamiert, auch von Monarchisten und antirepublikanischen Nationalisten. Die Standbilder wurden zu Orten von Kundgebungen und politischen Auseinandersetzungen. Dies gilt gerade für das Reiterstandbild auf der place des pyramides, das der extremen Rechten als Versammlungsort diente: Anhänger der Action française und später des Front National Le Pens versammelten sich dort am 1. Mai. Im Zuge ihrer Bemühungen um „De-Diabolisierung“ hat allerdings Marine le Pens „Rassemblement National“ 2024 mit dieser Tradition gebrochen.[5]

T Samson/AFP
Jeanne d’Arc, libératrice de la France: boulevard Saint-Marcel
Diese Statue, ein Werk des Bildhauers Émile-François Chatrousse, wurde 1891 auf Vorschlag der Einwohner des Viertels an der Kreuzung des Boulevard Saint-Marcel und der Straßen Jeanne-d’Arc und Duméril errichtet. Jeanne d’Arc war zwar niemals hier gewesen, aber viele Straßennamen der Umgebung erinnern an die Zeit des Hundertjährigen Krieges: Die rue de Domremy an den Geburtsort Jeanne d’Arcs, die rue Xaintrailles, die rue Dunois und die rue Lahire an Waffengefährte Jeanne d’Arcs, die rue de Patay an einen Sieg Jeannes über die Engländer. Dazu gibt es den Platz Jeanne-d’Arc und die Kirche Notre-Dame-de-la Gare, die auch gerne église Jeanne-d’Arc genannt wird. Diese Namensgebung geht auf das Zweite Kaiserreich Napoleons III. zurück und ist ein Hinweis auf den durchgängigen Jeanne d’Arc- Kult im 19. Jahrhundert, ungeachtet aller politischer Veränderungen. [6]

Das Denkmal ist ausdrücklich der Libératrice de la France gewidmet, womit der Gegenwartsbezug deutlich betont wird; zumal es ja auf einer Straßenverbindung zwischen der Place de la Bastille und der Place Denfert -Rochereau liegt: Die Julisäule auf dem Place de la Bastille ist ein Symbol des Freiheitskampfes, den Place Denfert-Rochereau beherrscht die große Skulptur des Löwen von Belfort, die „an die heldenhafte Verteidigung der Stadt im deutsch-französischen Krieg erinnert. [7]

Schild der Jeanne d’Arc mit ihrem Wappen (Schwert, Krone und zwei königlichen Lilien)[8]
Eine Kopie dieser Statue wurde 1891 vor dem maison d’éducation de la Légion d’honneur in Saint-Denis aufgestellt.[9]
Jeanne d’Arc, place Saint Augustin, ein Beitrag zur Volkserziehung

Diese Reiterstatue Jeanne d’Arcs (8. Arrondissement) ist -wie die auf der place des Pyramides- an einem sehr prononcierten Ort aufgestellt: Die place Saint Augustin befindet sich an der Schnittstelle des Boulevard Haussmann und des Boulevard Malesherbes, zwei der neuen vom Baron Haussmann konzipierten großen Verkehrsachsen der Stadt. Und sie steht vor der Kirche Saint Augustin, einem von Victor Baltard, dem Architekten der Pariser Hallen, konzipierten Bau: Zum ersten Mal wurden hier bei einem Kirchenbau dieser Größe wesentliche aus Metall gefertigte Bauteile verwendet. Und Napoleon III. bestimmte, dass Prinzen und Prinzessinnen der kaiserlichen Familie in der Krypta der Kirche bestattet werden sollten. Das verhinderte dann die französische Niederlage im Krieg 1870/71.
Der von noblen Cafés gesäumte Platz in einem neu entstandenen bourgeoisen Viertel galt den Zeitgenossen als angemessener Ort für die Reiterstatue Jeanne d’Arcs. 1900 dort aufgestellt, ist sie mit ihrem hoch erhobenen Schwert in der rechten Hand Ausdruck eines gesteigerten Nationalgefühls.[10]

In Auftrag gegeben wurde das Standbild nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71, der zur Abtretung des Elsass und von Teilen Lothringens an das Deutsche Reich führte. Die aus Lothringen stammende Jeanne d’Arc verkörpert damit eine höchst politische Botschaft: Den Willen zum Widerstand- damals gegen die Engländer, heute gegen die Deutschen, die Teile Frankreichs besetzt hatten bzw. haben.
Den Blick zum Himmel gerichtet und vor die Fassade der Kirche postiert, erhält Jeanne d’Arc hier gewissermaßen göttliche Weihen. Sie ist, auf dem Weg zur Heiligsprechung durch die katholische Kirche, schon dargestellt wie eine Heilige.

Bemerkenswert sind die ausführlichen Inschriften auf der Vorderseite und den Seiten des Sockels. Die Inschrift auf der Vorderseite: „Jeanne d’Arc (1412-1431). Im Alter von 17 Jahren macht sie sich daran, die Feinde aus Frankreich zu verjagen. Sie durchbricht die Belagerung von Orléans, vernichtet die englische Armee bei Patay, führt Charles VII nach Reims und lässt ihn zum König krönen. Als sie Paris befreien will, wird sie verwundet, vor Compiègne gefangen genommen und lebendigen Leibes von den Engländern in Rouen verbrannt. Sie wurde 19 Jahre alt.“[11]
Diese Inschrift dramatisiert den Tod der jungen Jeanne und beschuldigt direkt die Engländer. Das für die Inschriften auf Pariser Denkmälern zuständige Komitee votierte dann allerdings für eine abgemilderte Inschrift:
„Jeanne d’Arc/Befreierin Frankreichs/ geboren in Domrémy/ am 6. Januar 1412/Lebendigen Leibes in Rouen verbrannt/am 30. Mai 1431.“ [12]
Christel Sniter bezeichnet diese Version als Ausdruck des allgemein anerkannten Verständnisses von Jeanne d’Arc als „Befreierin Frankreichs“. Insofern nimmt die Inschrift eine neutrale Position ein gegenüber den verschiedenen innenpolitischen Deutungen und Inanspruchnahmen Jeannes. Außenpolitisch ist die neue Version aber ganz und gar nicht neutral: Denn die zweite Version erwähnt nicht mehr die Engländer als Verantwortliche für den Tod Jeannes, auch nicht ihre Kämpfe gegen die Engländer. Dafür wird ihr Geburtsort in Lothringen genannt. Die Rolle Jeannes als „Libératrice de la France“ hat damit nicht nur eine historische, sondern auch eine ganz aktuelle Bedeutung. Die „Schonung“ der Engländer in dieser zweiten Version könnte m.E. vielleicht auch mit der außenpolitischen Situation Frankreichs im Kräftespiel der europäischen Mächte um 1900 zusammenhängen. Frankreich war damals schon mit Russland verbunden, Großbritannien aber noch ungebunden. Es hatte durchaus gemeinsame Interessen mit dem Deutschen Reich, aber koloniale Interessengegensätze mit Frankreich. Vielleicht spiegelt sich in der zweiten Version eine französische Behutsamkeit gegenüber Großbritannien- ganz im Gegensatz zu der wahnwitzigen deutschen Flottenpolitik Kaiser Wilhelms II. und des Admirals Tirpitz, die Großbritannien in die Arme Frankreichs trieb (Entente cordiale von 1904).
Heute ist an der Vorderseite des Sockels wieder die ursprüngliche Version angebracht.
Eglise St-Denys de la Chapelle (XVIIIème arrondissement)
Die Statue vor der Basilique Ste Jeanne d’Arc geht auf einen Wunsch des Geistlichen der Kirchengemeinde St-Denys de la Chapelle zurück. Sie wurde 1894 vor der Kirche aufgestellt, also in dem Jahr, in dem der Vatikan Jeanne d’Arc als verehrungswürdig anerkannte.

Das Dorf La Chapelle war kürzlich eingemeindet worden. Die Statue vor der Kirche, ein Werk von Félix Charpentier (1858-1924), sollte den neuen Stadtteil aufwerten und ein Bezugspunkt für die Bevölkerung sein. Jeanne ist zu Fuß und trägt ihre Standarte. Sie ist weniger kriegerisch als die republikanischen Reiterstatuen von der place des Pyramides und der place Saint Augustin, eher beschützend und nachdenklich: Ein Beispiel dafür, wie sich die Kirche die Kultfigur aneignete.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs beschloss die Kirchengemeinde, neben der bisherigen Kirche eine Basilika zu Ehren Jeanne d’Arcs zu errichten. Sie war damals zwar noch nicht heiliggesprochen, wie es die Tafel feststellt, aber das war nur noch eine Frage der Zeit.
Der Bau der Basilika litt aber unter einem Mangel an Geldmitteln, so dass sie wesentlich bescheidener ausfiel als ursprünglich geplant und in der Straßenfront des Boulevard Saint Chapelle kaum auffiel. Deshalb erhielt die Statue 2004 einen neuen Platz neben dem Eingang der Basilika.[13]

Die Reiterstatue Jeanne d’Arc neben dem Hauptportal von Sacré Coeur (1927)

Die Kirche Sacré-Cœur gehört zu den Wahrzeichen von Paris. Dass es sich bei der rechts neben dem Hauptportal auf halber Höhe aufgestellten Statue aber um Jeanne d’Arc handelt, dürfte weniger bekannt sein.[14] Die Statue – das Pendant zu der des heiligen Ludwig auf der linken Seite- ersetzte 1927 die bisher an dieser Stelle aufgestellte Statue des heiligen Martin. Der Unterschied könnte nicht ausgeprägter sein: Statt des Heiligen der Barmherzigkeit jetzt eine extrem kämpferische, das Schwert hoch erhobene Jeanne d’Arc, bereit alle Feinde Frankreichs zu vernichten. Dass Jeanne eine Frau, eine Jungfrau, war, ist nicht zu erkennen. [15]

Vertreter/innen der LGBTQ+ Bewegung mögen hier eine non-binäre Jeanne d’Arc erkennen. Aber das ist eine unhistorische Perspektive. Die androgyne Jeanne d’Arc von Sacré-Cœur bringt zum Ausdruck, dass stark und kämpferisch offenbar nur ein Mann sein kann. Aber beide Sichtweisen sind, wie Robert Tombs, Professor in Cambridge feststellt, eine Beleidigung für alle Frauen: Als hätten sie nicht den Mut, ihr Leben für ihre Überzeugungen einzusetzen, als gäbe es kein weibliches Heldentum.[16] Und dies ausgerechnet in den 1920-er Jahren, einer Zeit also, in der die Emanzipation der Frau ein zentrales gesellschaftliches Thema war. Aber insofern passt die auf Paris herabblickende Jeanne d’Arc zu Sacré-Cœur: Ist die Kirche doch ein Werk der Reaktion, gebaut ab 1875 als Sühnezeichen für die (angeblichen) Verbrechen der Pariser Commune und als ein ganz Paris beherrschendes triumphales Fanal der siegreichen Gegenrevolution.
„La France Renaissante“ alias Jeanne d’Arc: Pont de Bir-Hakeim (XVIème arrondissement)

Diese Statue auf dem Pont- Bir Hakeim ist in mehrfacher Hinsicht kurios:
- Es ist eine Jeanne d’Arc- Statue, die aber nicht ihren Namen trägt.
- Es ist eine Statue, die aus dem Rahmen der üblichen Jeanne d’Arc-Ikonographie herausfällt
- und es ist die einzige der Pariser Jeanne d’Arc-Statuen, die nicht von einem Franzosen geschaffen wurde.
Die Statue ist ein Werk des dänischen Künstlers Holger Wederknich (1886 – 1959), der sie 1930 im Grand Palais ausstellte und 1948 der Stadt Paris schenkte.

Die Folge waren heftige und lange Debatten wegen der Gestaltung des Werks und wegen seines ausländischen Schöpfers. Kann oder darf ein Ausländer überhaupt eine Statue der französischen Nationalheiligen schaffen, und dann auch noch eine solche? Und wenn ja, wo sollte der Platz für dieses etwas dubiose Geschenk sein? 1955 endlich akzeptierte der Pariser Stadtrat die Statue und bestimmte die île aux cygnes, auf deren westlichem Ende eine Replik der Freiheitsstatue steht, als Standort. Dazu passt ja auch der Strahlenkranz um das Haupt der Jeanne d’Arc.

Ein Jahr später erhob allerdings die Commission des Monuments Commémoratifs Einspruch: Das Standbild entspreche nicht der traditionellen Ikonographie. Was tun, nachdem die Stadt doch schon das Geschenk angenommen hatte? Der Künstler, die dänische Botschaft und die Stadt Paris fanden schließlich eine Lösung: Die Statue, die dann schließlich 1958 auf der Schwaneninsel aufgestellt wurde, trägt nicht den Namen Jeanne d’Arcs, sondern wurde „La France Renaissante“ getauft. Und dazu passt auch die Erinnerungstafel an die Kämpfe französischer Truppen in Nordafrika: Sie hätten damals der Welt gezeigt, dass Frankreich niemals aufgehört habe zu kämpfen. Da ist also wieder die kämpferische Jeanne d’Arc der Jahre nach der Niederlage von 1871….

Und so darf das wieder auferstehende Frankreich darf seitdem mit gezücktem Schwert in Richtung Eiffelturm galoppieren… [17]


Jeanne d’Arc als Nationalheilige
Dass Jeanne d’Arc auch von den „nationalen Katholiken“ Frankreichs als Kultfigur entdeckt wurde, ist auch einem Deutschen zu verdanken: „In den 1830-er Jahren hatte Guido Görres, Sohn des berühmten katholischen Publizisten Joseph Görres, eine ‚Johanna von Orleans‘ verfasst, in der Jeanne … als Frau aus dem Volk mit göttlichem Auftrag agierte.“ [18] Das Buch war seit den 1840-er Jahren in mehreren französischen Ausgaben zugänglich. Der Bischof Dupanloup, seit 1849 Bischof von Orleans und Protagonist einer Neubestimmung Jeanne d’Arcs als katholischer Heldin, bezog seine historischen Kenntnisse und seine These von der Heiligkeit Jeanne d’Arcs im kanonischen Sinne hauptsächlich aus Görres‘ Buch. 1867 brachte Dupanloup mit Unterstützung aller katholischer Bischöfe Frankreichs ein formelles Heiligsprechungsbegehren vor den Heiligen Stuhl. Pius IX. leitete 1894 einen entsprechenden Prozess ein. „1894 wurde Jeanne als venerabilis (ehrwürdig), die erste Stufe der Heiligsprechung anerkannt, 1909 folgte die Seligsprechung und 1920 schließlich -nach einigen Verzögerungen“- die Heiligsprechung.“[19]
Dementsprechend gibt es auch zahlreiche Figuren der heiligen Jeanne d’Arc in Kirchen. Auf dem Scheiterhaufen verbrannt, wird sie von katholischen Gläubigen als Märtyrerin verehrt:
Nach Gottes Willen sollte Johannas Leben mit der Verherrlichung des Martyriums gekrönt werden: Sie wurde in Compiègne verraten, an die Engländer verkauft und nach langer Gefangenschaft, in der sie jede Schande erlitt, verurteilt und am 30. Mai 1431 in Rouen verbrannt. Ihre Seele verließ ihren Körper in Gestalt einer Taube, und ihr Herz blieb von den Flammen verschont.[20]

Jeanne d’Arc als Märtyrerin in der Basilique Jeanne d’Arc de la Chapelle
Andere Jeanne d’Arc-Skulpturen in Kirchen stellen sie -so wie die republikanischen Statuen- in Rüstung mit Banner und Schwert dar, aber anstelle des Schwertes ist das Gesicht deutlich zum Himmel erhoben, von dem sie ihre Eingebungen und Weisungen erhalten hat:
„Mit dreizehn Jahren hörte sie geheimnisvolle Stimmen…. Drei Jahre lang forderten der Erzengel Michael, die heilige Katharina von Alexandrien und die heilige Margarete von Antiochia sie auf, Frankreich zu befreien und den König in Reims krönen zu lassen.“[21]

Dieses Standbild der betenden Jeanne d’Arc wurde 1921, ein Jahr nach ihrer Heiligsprechung, in Notre-Dame de Paris aufgestellt. In der „Kirche der Nation“ musste selbstverständlich auch die neue Nationalheilige ihren Platz haben. Das Material ist weißer Marmor, Symbol der Reinheit.

Neben der Statue der Nationalheiligen ist eine Marmorplatte angebracht, die an den Besuch de Gaulles, Führern der Résistance und des Generals Leclerc in Notre-Dame erinnert, um die Befreiung von Paris mit einer Messe zu feiern.

Statue der heiligen Johanna in Saint Eustache

Und weil zur Heiligsprechung auch die Fähigkeit gehört, Wunder zu vollbringen, gibt es bei der Statue in Sainte Eustache auch eine Votivtafel mit einem entsprechenden Dank.
Anmerkungen:
[1] In der Einleitung zu diesem Beitrag beziehe ich mich auf: Michael Winock, Jeanne d’Arc. In: Pierre Nora (Hrsg.), Erinnerungsorte Frankreichs. München: C.H.Beck 2005, S. 368 und Gerd Krumeich, Jeanne d’Arc. Die Geschichte der Jungfrau von Orleans. C.H.Beck 2006 Nachleben, S. 111ff Zu den Darstellungen Jeanne d’Arcs in der Kunst siehe: https://balises.bpi.fr/jeanne-darc-beaux-arts/
Alle Bilder des Blog-Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Wolf Jöckel
[2] https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Statue_de_Jeanne_d%27Arc_de_l%27%C3%A9glise_Saint-Honor%C3%A9-d%27Eylau_de_Paris#/media/File:Statue_Jeanne_d’Arc_-_%C3%89glise_Saint-Honor%C3%A9-d’Eylau_de_Paris_(%C3%A9glise_ancienne)_4-2.jpg Eine andere Kopie dieser Statue befindet sich in der Kirche Saint-Vincent-de Paul. Es gibt eine weitere Jeanne d’Arc- Skulptur der Marie d’Orléans: Jeanne d’Arc, hoch zu Ross, beweint einen vor ihr liegenden Engländer. https://fr.pinterest.com/pin/508484614169424494/ und ‚https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Jeanne_d’Arc_pleurant_%C3%A0_la_vue_d’un_Anglais_bless%C3%A9_by_Marie_d’Orl%C3%A9ans#
[3] Rude, FrançoisFrance, Musée du Louvre, Département des Sculptures du Moyen Age, de la Renaissance et des temps modernes, RF 2974 – https://collections.louvre.fr/ark:/53355/cl010094788 – https://collections.louvre.fr/CGU
[4] Christel Sniter, La guerre des statues. La statuaire publique, un enjeu de violence symbolique : l’exemple des statues de Jeanne d’Arc à Paris entre 1870 et 1914 https://shs.cairn.info/article/SR_011_0263?lang=fr
Es gibt eine Liste der französischen Jeanne d’Arc- Statuen, die aber völlig unvollständig ist: https://de.frwiki.wiki/wiki/Liste_de_statues_de_Jeanne_d%27Arc#google_vignette Da sind zum Beispiel die Reiterstatuen Place des Pyramides und Place Saint Augustin nicht berücksichtigt.
[5] https://www.20minutes.fr/politique/4088917-20240430-manifestation-1er-mai-pourquoi-rn-fete-plus-jeanne-arc 30.4.2024
[6] https://shs.cairn.info/article/SR_011_0263?lang=fr
[7] https://shs.cairn.info/revue-societes-et-representations-2001-1-page-263?lang=fr
[8] Zum Wappen der Jeanne d’Arc siehe im Einzelnen: https://www.jeanne-darc.info/biography/coat-of-arms/ Vielen Dank, lieber Herr Schläger, für diesen Hinweis!
Die Bedeutung des Wappens auf dem Sockel des Standbildes konnte ich nicht herausfinden. Über entsprechende Hinweise würde ich mich freuen.
[9] https://panamstory.wordpress.com/2017/08/30/16-de-jeanne-la-parisienne-3eme-partie/
[10] Zur Statue siehe auch: https://odyssea-paris.com/jeanne-darc-statuette-saint-augustin/
[11] Sur le socle, la mention se veut pédagogique : « Jeanne d’Arc (1412-1431) à l’âge de dix-sept ans entreprend de chasser les ennemis hors de France. Elle fait lever le siège d’Orléans, détruit l’armée anglaise à Patay, conduit Charles VII à Reims et le fait sacrer roi. Blessée en voulant délivrer Paris, elle est prise devant Compiègne et brûlée vive par les Anglais à Rouen. Elle avait dix-neuf ans. » https://shs.cairn.info/article/SR_011_0263?lang=fr
[12] À Jeanne d’Arc/Libératrice de la France/née à Domrémy/Le 6 janvier 1412/Brûlée vive à Rouen/Le 30 mai 1431. https://shs.cairn.info/article/SR_011_0263?lang=fr
Das hier angegebene exakte Geburtsdatum Jeanne d’Arcs ist allerdings Bestandteil ihres Mythos. Siehe die Rezension von Gerd Krumeich von Claude Gauvard, Jeanne d’Arc. Héroïne diffamée et martyre, Paris (Gallimard) 2022 in Francia recensio 2,2022
[13] https://panamstory.wordpress.com/2017/08/30/16-de-jeanne-la-parisienne-3eme-partie/
[14] Zu der Statue siehe: https://panamstory.wordpress.com/2018/07/21/19-de-jeanne-la-parisienne-4eme-partie/ und https://www.histoire-genealogie.com/Une-Jeanne-d-Arc-incognito-a-Paris?lang=fr
[15] Nachfolgendes Bild aus: https://paris1900.lartnouveau.com/paris18/sacre_coeur/sculptures.htm
[16] Jeanne d’Arc, décrite comme ‚non-binaire‘ dans un livre scolaire, les historiens scandalisés. 26.4.2025 https://www.linternaute.com/actualite/histoire/7789587-article/
[17] Siehe: https://www.reddit.com/r/interesting/comments/bea5fj/monument_de_la_france_renaissante_on_the_ile_aux/ und https://www.histoire-genealogie.com/Une-Jeanne-d-Arc-incognito-a-Paris?lang=fr und https://panamstory.wordpress.com/2018/07/21/19-de-jeanne-la-parisienne-4eme-partie/
[18] Krumeich, Jeanne d’Arc, S. 114 ff Darauf beziehe ich mich auch im Folgenden.
[19] Krumeich, S. 115
[20] Abbé L. Jaud, Vie des Saints pour tous les jours de l’année, Tours, Mame, 1950 https://sanctoral.com/fr/saints/sainte_jeanne_d_arc.html
[21] https://hozana.org/saints/sainte-jeanne-d-arc Nachfolgendes Bild aus: https://fr.pinterest.com/pin/393924298663477933/ Mikestravelguide.com