
„Paris erinnert sich“ (Plakat der Stadt Paris)
Am Freitag, dem 13. November 2015, verübten islamistische Terroristen an fünf verschiedenen Orten in Paris und am Stade de France in Saint-Denis koordinierte Anschläge, bei denen 130 Menschen getötet und mehrere hundert verletzt wurden, davon etwa hundert schwer. Die Angriffsserie am Freitagabend richtete sich gegen die Zuschauer eines Fußballspiels, gegen die Besucher eines Rockkonzerts im Bataclan-Theater sowie gegen die Gäste zahlreicher Bars, Cafés und Restaurants.
Es war der zweite große terroristische Anschlag in diesem Jahr nach dem Attentat auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Handelte es sich dabei um einen Anschlag auf die Pressefreiheit, so zielten die Attentate des 13. November vor allem auf eine große Musikveranstaltung und Treffpunkte vor allem junger Leute. Und so waren denn auch die Opfer ganz überwiegend junge Frauen und Männer in ihren 20-er und 30-er Jahren.
Der Schock in Frankreich war groß nach diesen Attentaten, nicht nur wegen der großen Zahl von Toten und schwer Verletzten, sondern auch, weil sie als Angriffe auf ein fundamentales Prinzip gesellschaftlichen Zusammenlebens, das vivre ensemble, verstanden wurden. Und das ungezwungene Zusammensein, die Freude an Musik und Tanz, waren den Attentätern offensichtlich besonders verhasst. Der Bezug zu dem Attentat der Hamas-Terroristen auf das Musik-Festival am 7. Oktober 2023 drängt sich da für mich auf.
Die zentrale Gedenkveranstaltung findet am Garten der Erinnerung an die Opfer dieser Anschläge statt, der zum 10. Jahrestag des 13. November 2015 offiziell eröffnet wird.

Vorbereitung für die Gedenkfeier am 13. 11. 2025. Die beiden großen Tribünen sind schon aufgebaut. Foto: Wolf Jöckel 7.11.2025
Die Idee, einen Garten der Erinnerung an die Opfer dieser Anschläge zu schaffen, geht wesentlich auf Vereinigungen der Opfer und ihrer Angehörigen zurück. 2019 votierte der Pariser Stadtrat einstimmig für das Projekt.

Als Ort des Erinnerungs-Gartens wurde der Platz vor der Kirche Saint-Gervais gewählt. Auf der einen Seite, vor der Kirche, steht eine große Ulme, unter der im Mittelalter Recht gesprochen wurde; auf der anderen Seite ein neu gepflanzter alter Olivenbaum, Symbol des Friedens.

Die oberen Äste der alten Gerichtsulme vor Saint-Gervais

Blick über den Garten auf die Rückseite des Pariser Rathauses (hôtel de ville)
Der Saint-Gervais-Platz war zwar nicht Schauplatz einer terroristischen Attacke, aber er versteht sich als „Synthese der sechs vom Terror erschütterten Orte“ (Jean-Marc Dreyfus).[1]
Ein neuartiger Erinnerungsort
Der Platz vor der Kirche Saint-Germain liegt zwischen dem Marais und dem Notre-Dame-Viertel (quartier de Notre-Dame), also auf einem von vielen Fußgängern benutzten Weg. Das führte zu der Überlegung, hier einen Erinnerungsort besonderer Art zu schaffen: also kein Denkmal und auch keinen abgegrenzten, nur beschränkt zugänglichen Bereich, sondern „einen Raum zum Bewegen und Flanieren, den sich jeder zu eigen machen kann.“[2] Die Wege, die durch den Garten führen, laden dazu ein, ihn zu durchqueren.

© Connaissance des Arts / photo Lucien Chancel
Dazu tragen auch die niedrige Bepflanzung und die einladende, aber behutsame Beleuchtung des Gartens bei.



Die Wege, die den Garten durchqueren, laden aber auch dazu ein innezuhalten. Denn durch sie werden 6 „Inseln“ (îlots) aus Granitfragmenten gebildet, die den sechs Anschlagsorten zugeordnet sind.



Auf jedem der sechs Gartenabschnitte erinnert ein Granitblock an den entsprechenden Anschlagort und seine Opfer.

Crédit photo : Jean-Baptiste Gurliat / Ville de Paris

Auf diesem Granitblock sind die Namen der 89 im Bataclan ermordeten Menschen verzeichnet. Zu den Opfern gehören aber auch die zahlreichen schwer verletzten und traumatisierten Menschen, deren Körper und Geist lebenslang an den Folgen des von ihnen miterlebten Attentats leiden. Zwei Überlebende waren derart traumatisiert, dass sie Jahre später ihrem Leben ein Ende setzten. [3]

Offizielle Einweihung des jardin du 13 novembre am 13.11.2025 Foto: Jean-Baptiste Gurliat / Ville de Paris
La Belle Equipe

Uns ist der den 21 Opfern der Bellle Equipe gewidmete Teil des Erinnerungsgartens besonders nahe. An dem im 11. Arrondissement gelegenen Café/Restaurant (92, rue de Charonne) radle ich, wenn wir in Paris sind, fast täglich auf dem Weg zu unserem Markt, dem marché d’Aligre, vorbei.

Am 13. November 2015 feierte dort die aus Tunesien stammende Houda Saadi ihren 35. Geburtstag. Sie arbeitete als Serviererin in dem in der Nähe gelegenen Café des Anges. Die meisten der 21 Opfer des Anschlags waren ihre Geburtstagsgäste, darunter ihre zwei Jahre ältere Schwester Halima, Mutter zweier Kinder, während ihre beiden Brüder Khaled und Bashir verschont blieben. Vergeblich versuchten sie, ihre am Boden liegenden Schwestern am Leben zu erhalten.[4]

Diese Schiefertafel stand am 13.11.2015 an dem Café. Die „heures heureuses“ (glücklichen Stunden) kontrastieren auf bedrückende Weise mit dem, was dann geschah. Auf der Schiefertafel sind Kalaschnikow-Einschüsse der Attentäter zu sehen. Sie gehört zu den Ausstellungsstücken des geplanten/in Vorbereitung befindlichen Pariser Musée-Mémorial du Terrorisme. Das Bild wird derzeit in einer Ausstellung des Museums am Zaun des Pariser Rathauses gezeigt.

Schweigeminute für die Opfer des Anschlags auf La Belle Equipe drei Tage nach dem Anschlag.[5]

An der Hauswand des gegenüber liegenden Palais de la Femme ist eine Tafel angebracht: „Zur Erinnerung an die verletzten und ermordeten Opfer des Attentats vom 13. November 2015. Den ausgelöschten Leben.“ (Aufnahme: 11.11.2025)
Zu diesen ausgelöschten Leben gehörte auch eine seit drei Jahren in Paris lebende und ebenfalls im Café des Anges arbeitende junge Mexikanerin, Michelli Jaimez.[6]

Drei Tage vor dem Attentat hatte sie die Verlobung mit ihrem italienischen Freund bekannt gegeben.

Die plaque commémorative am 13. November 2025. Foto: ville de Paris/Guillaume Bontemps
Ein Blick auf und in Saint-Gervais
Ein Besuch des Erinnerungsgartens ist auch eine gute Gelegenheit, einen Blick auf und in die Kirche zu werfen, die dem Platz seinen Namen gab. Es ist eine ab 1500 erbaute Kirche mit einer im 17. Jahrhundert vorgesetzten Fassade: unten dorische, im Mittelteil ionische und oben korinthische Säulen, die klassische Gliederung: Ausdruck einer Harmonie, die allerdings Kirche und Platz nicht durchweg bestimmt.

Harmonisch ist auf den ersten Blick das Kirchenschiff: Ein eindrucksvoller gotischer Raum, zum Teil noch mit alten, aber auch sehr gelungenen zeitgenössischen Glasfenstern ausgestattet.[7]

Aber bei einem näheren Hinsehen entdeckt man an einem Pfeiler der Vierung große Einschusslöcher.[8]

Sie stammen von einer Granate des deutschen „Parisgeschützes“, einer Weiterentwicklung der „Dicken Berta“, die am 29. März 1918 die Kirche traf und das Gewölbe durchschlug. Es war ein Zufallstreffer des im Rahmen der deutschen Frühjahrsoffensive von 1918 eingesetzten und 130 km entfernt von Paris im Wald von Saint-Gobin stationierten Geschützes. In der Kirche fand da gerade der Karfreitags-Gottesdienst statt. 91 Menschen wurden getötet, 68 verletzt.

Eine chapelle commemorative erinnert an die catastrophe du 29 Mars 1918.
So ist nicht nur der Platz vor der Kirche ein Ort der Erinnerung an großes Leid, sondern auch die Kirche selbst. Und zu der Erinnerung an die Opfer islamistischen Terrors und des sinnlosen „Großen Kriegs“ kommt auch noch die Erinnerung an die Opfer politisch-gesellschaftlicher Auseinandersetzungen[9]:

In der am Platz gelegenen Kaserne Lobau/Napoléon wurden im Mai 1871 bei der Niederschlagung der Pariser Commune während der sogenannten „blutigen Woche“ (semaine sanglante) 2000 – 3000 Kommunarden exekutiert, ihre Leichen auf den benachbarten Plätzen verscharrt- vielleicht ja auch auf dem Platz vor der Kirche. So könnte der Garten der Erinnerung an die Opfer des 13. November 2015 auch ein Friedhof (gewesen) sein.

An der großen Gedenkveranstaltung vom 13. November können nur geladene Gäste teilnehmen. Sie wird aber auf der place de la République auf einer Großleinwand übertragen. Dort gibt auch die Möglichkeit, der Opfer der Attentate vom 13. November 2015 zu gedenken.




Ein Wandbild zu Ehren der Opfer der islamistischen Anschläge im 11. Arrondissement

„Die Anschläge zu thematisieren und den Opfern mit einem Kunstwerk im öffentlichen Raum zu gedenken, ist ein zutiefst symbolischer Akt, der Respekt, Feingefühl und Sensibilität erfordert. Die Künstlerin Léa Belooussovitch wurde mit der Gestaltung dieses Wandgemäldes beauftragt, das durch Licht und Farbe Widerstandsfähigkeit symbolisiert. Als Ort der Erinnerung konzipiert, soll es auch an das erinnern, wofür die Opfer, die Lebenden und die Ermordeten, stehen: Jugend, fröhliches Beisammensein, Liebe und Leben.“ (Mairie 11e Arrondissement)


Der am 13. November 2025 zu Erinnerung an die Opfer des Attentats 2015 in den Farben der Tricolore beleuchtete Eiffelturm. Foto: Henri Garat / Ville de Paris
Literatur:
La place Saint-Gervais transformée en jardin mémoriel en hommage aux victimes du 13-Novembre. Ville de Paris 24.6. 2025 https://www.paris.fr/pages/le-futur-jardin-memoriel-de-la-place-saint-gervais-22026
https://de.wikipedia.org/wiki/Terroranschl%C3%A4ge_am_13._November_2015_in_Paris
Les amis décimés de „La Belle Equipe“ – Attaques du 13 novembre Paris Match 17.11.2015 https://www.parismatch.com/Actu/Societe/Attaques-du-13-novembre-Les-amis-decimes-de-La-Belle-Equipe-866963
https://www.mediapart.fr/journal/france/181115/la-liste-des-victimes-des-attentats-du-13-novembre
Anmerkungen
[1] Jean-Marc Dreyfus https://www.paris.fr/pages/le-futur-jardin-memoriel-de-la-place-saint-gervais-22026
[2] Jean-Marc Dreyfus https://www.connaissancedesarts.com/arts-expositions/paris/paris-une-place-historique-se-metamorphose-pour-rendre-hommage-aux-victimes-des-attentats-du-13-novembre-11203289/
[3] Marc Zitzmann, Weiter Blick auf den Terrorismus. Frankreich gedenkt der Opfer der islamistischen Attentate von 2015. In FAZ vom 6.11.2015. Im französischen Fernsehen TV 2 wurde am 2. November eine Sendung über 7 Überlebende des Bataclan ausgestrahlt: Auch sie gehören zu den Opfern der Attentate. Auf der Internetseite von France TV abrufbar: https://www.france.tv/france-2/des-vivants/ Siehe dazu: https://www.leparisien.fr/culture-loisirs/tv/des-vivants-pourquoi-il-faut-absolument-regarder-cette-bouleversante-serie-sur-les-rescapes-du-bataclan-26-10-2025-7Y57IYQKZ5DHXGYDRCGJKYIJRI.php?at_medium=email&at_emailtype=acquisition&at_campaign=Newsletter&at_creation=A_la_Une
[4] Paris Match, 17.11.2015 https://www.parismatch.com/Actu/Societe/Attaques-du-13-novembre-Les-amis-decimes-de-La-Belle-Equipe-866963
[5] Yahoo!actualités vom 19. Oktober 2025 Trouble de stress post-traumatique : après un choc, réparer les vivants
[6] Nachfolgendes Bild aus: Paris Match, 17.11.2015 https://www.parismatch.com/Actu/Societe/Attaques-du-13-novembre-Les-amis-decimes-de-La-Belle-Equipe-866963
[7] Bild aus: https://www.patrimoine-histoire.fr/Patrimoine/Paris/Paris-Saint-Gervais-Saint-Protais.htm
[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Lange_21-cm-Kanone_in_38-cm-Schie%C3%9Fger%C3%BCst_%E2%80%9EParis-Gesch%C3%BCtz%E2%80%9C