Der „Aufenthaltszug“: abenteuerliche Erfahrungen mit der Bahn zwischen Paris und Frankfurt

„Wenn einer eine Reise tut, da kann er was erleben“. So lautet ein Sprichwort, das wunderbare Reiseerlebnisse verheißt. Ist man aber regelmäßig mit der Bundesbahn/der SNCF zwischen Frankfurt und Paris unterwegs, ist man geneigt, das Sprichwort auch als Drohung zu verstehen: Da kannst du was erleben!!! Und da kannst du auch was erzählen. Aber ich will die Leserinnen und Leser dieses Blogs nicht mit den üblichen Geschichten über Verspätungen und Zugausfälle langweilen. Und ich will mich nicht nur beklagen. Denn die Fahrten, die sonst doch nur Routine wären, bieten immer wieder Gesprächsstoff und bei allen Problemen manchmal auch interessante und positive Überraschungen.

Zum Beispiel Nachhilfe in Landeskunde: Wenn also der ICE auf dem Weg von Paris nach Frankfurt es nur bis Saarbrücken schafft und man dann aufgefordert wird, in einen bereitstehenden Flix-Train umzusteigen. Der tuckert durch schöne Pfälzer Landschaften, durch Weinberge, entlang der Nahe,  und er hält an Bahnstationen, deren Namen man noch nie gehört hat…

Oder wenn im jetzt zu Ende gehenden Jahr wegen der Generalsanierung der Direktverbindung Frankfurt – Mannheim der Zug -wie früher- über Darmstadt mit seinem schönen Jugendstilbahnhof fährt. Für meinen Vater, ein begeisterter Darmstädter „Heiner“, war es ein großer Schock, als der Zug Frankfurt – Paris nicht mehr in Darmstadt Halt machte. Er erzählte auch gerne die Anekdote des Darmstädter Stationsvorstehers, der die ankommenden Fahrgäste auf gut hessisch mit einem kräftigen „Station Dammstadt“ begrüßte. Der volksnahe Großherzog Ernst Ludwig habe ihn bei Gelegenheit freundlich darum gebeten, doch das R nicht zu vergessen, was der gute Mann auch brav befolgte: Das nächste Mal also: StaRRtion Dammstadt… Jetzt hatte immerhin wenigstens der Sohn die verspätete, wenn auch nur zeitlich begrenzte Genugtuung ausgiebiger (allerdings nicht offizieller) Fahrtpausen in „Dammstadt“.

Es hat auch durchaus etwas Gutes, wenn der ICE ein technisches Problem hat und deshalb (nach kräftig verspäteter Abfahrt) nur mit angekündigten maximal 200 km (tatsächlich eher weniger als 150 km) durch Frankreich fahren kann. Denn es gibt mir immer einen Stich, wenn der Zug (ICE oder TGV) mit über 300 Sachen durch die Champagne rast und dann in gefühltem S-Bahn- Tempo gemütlich den Pfälzer Wald durchquert. Stolz verkündete kürzlich die Bundesbahn, dass nach der Generalsanierung der Strecke zwischen Frankfurt und Mannheim sogar Tempo 160 möglich sei!- allerdings nur an einzelnen Abschnitten….

Aber jetzt endlich etwas zu dem Bild von dem „Aufenthaltszug“! Wer hätte denn gedacht, dass die Probleme der Bundesbahn auch der Wortschatzerweiterung dienen können.

Den „Aufenthaltszug“ gibt es zwar bei der Bundesbahn, aber (noch) nicht im Duden. Tippt man das Wort in der neuesten Online-Ausgabe ein, erhält man als Antwort eine Frage:

Meinten Sie AufenthaltsortAufenthaltsdauer oder Aufenthalt?

Dass der Duden hier passt, kann ich verstehen. Denn eigentlich ist ja ein Zug fürs Fahren da und nicht für einen Aufenthalt. Insofern ist der „Aufenthaltszug“ ein in sich widersprüchliches Wortkonstrukt. Aber für die Bundesbahn ist er eine (wohl auch nicht erst ganz neue) Realität, wie wir am eigenen Leibe erfahren haben. Da kam auf dem Weg nach Paris in Saarbrücken die Durchsage, der Zug -wieder ein ICE-  könne wegen technischer Probleme die Fahrt nicht fortsetzen. Die Fahrgäste müssten auf den nachfolgenden Pariszug warten, dürften aber so lange in dem zum Aufenthaltszug umfirmierten Pannenzug bleiben – immerhin war es Winter und ziemlich kalt. Wir konnten uns etwas mit dem ausgesprochen netten Zugführer unterhalten, der gerne nach Paris weitergefahren wäre – er sprach auch perfekt französisch. Er erklärte uns, dass die Bundesbahn im Zuge ihrer früheren Privatisierungsstrategie nicht nur notwendige Investitionen unterlassen, sondern auch Bahnhöfe -u.a. den von Saarbrücken- verkauft oder verpachtet habe. Seitdem gäbe es keinen warmen Wartesaal mehr, dafür aber jetzt einen Aufenthaltszug.  Wie schön! Und für den etwa vierstündigen Aufenthalt im Aufenthaltszug bekamen wir sogar von der Bahn ein kleines Fläschchen Wasser spendiert…. Die netten Inder in unserem Abteil hatten allerdings nichts davon. Das in Frankfurt wohnende Ehepaar hatte die Eltern, die gerade zu Besuch aus Indien gekommen waren, für einen Tag nach Paris eingeladen. Damit war’s nun nichts mehr. Also keine vier Stunden Aufenthaltszug, keine „ville lumière“, keine „schönste Avenue der Welt“, kein Eiffelturm, keine Seine-Rundfahrt, keine Notre-Dame, sondern mit dem nächsten Zug zurück nach Frankfurt…

Wenn einer eine Reise  tut…

Aber da will ich dann doch noch von unserem letzten Eisenbahnabenteuer berichten: Der Zug von Paris nach Frankfurt sollte am 18.8. um 7.07 Uhr in Paris-Est losfahren. Am Abend vorher rief ich gegen 22.30 Uhr vorsichtshalber nochmal die Seite des Bundesbahn-Internetportals auf, in der meine Fahrkarten gespeichert und aktuelle Informationen zu den Fahrten verzeichnet sind. Und da fand ich die Meldung, dass der Zug ersatzlos gestrichen sei. Wir könnten aber ohne Mehrpreis einen anderen Zug wählen. Das Gleiche war uns einige Wochen vorher schon einmal passiert, wir hatten den nachfolgenden 9.55-Zug gewählt und es gab damit keine Probleme. Diesmal allerdings kam alles ganz anders: An der Zugangskontrolle am Bahnsteig des Pariser Ostbahnhofs wurden wir nicht durchgelassen. Wir hätten keine gültige Fahrkarte, der Zug um 7.07 sei gefahren. Ich zeigte auf meinem Handy die Information des Zugausfalls und die Aufforderung, einen späteren Zug zu nutzen.

Barsche, lautstarke Reaktion der SNCF-Dame an der Durchgangskontrolle: Unsinn! Der Zug sei gefahren. Basta! Wir sollten gefälligst zum Schalter gehen und neue Fahrkarten kaufen. Heftiger Protest unsererseits. Aufmarsch einer Polizeitruppe. Hinzukommen des Chefs des Zugbegleitpersonals. Der bedeutete uns, der Zug sei ausgebucht, aus versicherungsrechtlichen Gründen könnten wir nicht mitfahren. Neue Diskussionen. (Wir waren glücklicherweise so rechtzeitig zum Bahnsteig gekommen, dass noch Zeit bis zur Abfahrt und für engagierte Wortwechsel war). Schließlich dann doch ein „Vorschlag zur Güte“: Er würde uns freundlicherweise mitfahren lassen gegen die Ausstellung von zwei Platzkarten zum Preis von 70 Euro. Wo plötzlich die freien Plätze herkamen, war nicht ersichtlich, warum wir 70 Euro (für den Kooperationspartner SNCF) zahlen sollten, wo doch die Bundesbahn ausdrücklich die Kostenfreiheit aller alternativer Züge betont hatte, auch nicht. Aber besser so, als ein späterer Zug zum vollen Preis….

Zu Hause angekommen: Anruf beim Serviceportal der Bundesbahn. Lange Warteschleife. Dann Darstellung des Vorfalls mit dem Ziel einer Rückerstattung der 70 Euro. Weiterleitung an die Beschwerdestelle. Eine höchst ruppige Dame am Apparat: Es wäre unsere Pflicht gewesen, uns zeitnah nochmals zu informieren, ob nicht der (22.30 Uhr als storniert gemeldete) 7.07 Uhr-Zug nicht doch noch fahren würde. Das solle sie sich doch bitte mal, so meine empörte Antwort, konkret vorstellen. Schließlich eröffnete sie mir als Lösung die Möglichkeit, das im Internet zugängliche Antragsformular für Entschädigung auszufüllen. Ich solle den Posten Zugausfall ankreuzen und dann dazu schreiben, dass es um die 70 Euro Reservierungskosten ginge. Das Formular habe ich aufgerufen, das Kästchen Zugausfall angekreuzt, aber die Möglichkeit für eine Zusatzinformation sieht das Formular nicht vor. Also ohne Zusatz (und also auch ohne eine Kopie der Reservierungs-Rechnung abgeschickt. Eineinhalb Monate später erhielt ich ein postalisches Schreiben der offenbar hoffnungslos überforderten Abteilung Fahrgastrechte der Bundesbahn, Ausdruck von good-will (Wir kümmern uns), aber auch einer gewissen Ratlosigkeit: Ich solle doch bitte die Dauer der Verspätung unseres 7.07- Uhr- Zuges mitteilen. Immerhin hatte ich jetzt aber eine Adresse und ein Aktenzeichen und damit die Möglichkeit, mein Anliegen darzustellen… Ein beträchtlicher Aufwand für mich und die bedauernswerten Mitarbeiter/innen der Beschwerdestelle, aber nach all dem Ärger wollte ich die Sache dann doch nicht einfach auf sich beruhen lassen…

Anfang November wieder ein Brief von der Servicestelle, den ich hoffnungsvoll öffne. Aber dann traue ich kaum meinen Augen: Noch einmal das Schreiben wie das letzte Mal, auf das ich doch schon ausführlich geantwortet hatte. Diesmal Anruf beim Servicecenter. Ja, die Post von mir sei angekommen. Man benötige aber die genaue Ankunftszeit des von uns genutzten späteren Zuges. Sonst könne die Angelegenheit nicht bearbeitet werden. Möglicherweise fällt unser „Fall“ aus dem administrativen Raster und es gibt eine Entschädigung über die „Verspätungs-Schiene“…. Vielleicht als „Weihnachtsgeschenk“?

Enttäuschte Hoffnung: Ende November eine abschlägige Antwort: Da ja weder der als gestrichen gemeldete 7.07 h-Zug, der dann doch fuhr, verspätet war, noch der als Ersatz gewählte nachfolgende 9.55h-Zug: „Wir bitten um Verständnis, dass in Ihrem Fall keine Entschädigung gezahlt werden kann.“ Ich habe den Fall dann zähneknirschend auf sich beruhen lassen bzw. mich als kleine Entschädigung entschlossen, ihn dann doch wenigstens hier darzustellen….

Trotz alledem: Nach Paris und zurück fahren wir immer mit dem Zug. Wenn alles gut geht -und das ist sogar mehrheitlich so!- ist es die schnellste, bequemste, billigste und ökologischste Reisemöglichkeit… Und manchmal sogar die abenteuerlichste… Was will man mehr?

Titelbild zu der Jahreschronik 2025 von Greser & Lenz: Ist Deutschland noch zu retten?

Napoleon und David, Trump und Infantino

Am 5. Dezember 2025 fand in Washington die Auslosung für die Gruppen der Fußballweltmeisterschaft 2026 statt. Da die Weltmeisterschaft in drei Ländern, den USA, Kanada und Mexiko, ausgetragen wird, waren auch die Präsidentin Mexikos und der kanadische Premierminister nach Washington gekommen, die Statistenrollen einzunehmen hatten. Im Mittelpunkt stand nämlich, wie zu erwarten, Donald Trump. Ihm wurde an diesem Tag auch ein -extra für ihn geschaffener?- Friedenspreis des Internationalen Fußballverbandes FIFA verliehen. Oder besser: Trump, der sich ja der vielen Friedensschlüsse brüstet, die er erreicht habe, verlieh sich die Auszeichnung selbst. Jedenfalls hängte er sich eigenhändig das Band, an dem die Trophäe befestigt war, um den Hals. Und Infantino lächelt in einem Akt der Selbstunterwerfung noch dazu.

Foto: (IMAGO / Schüler / IMAGO / Marc Schueler)[1]

Vielleicht dachte Trump bei seinem eigenhändigen Vorgehen vor allem an seine Frisur, die nicht Schaden nehmen sollte. Aber wie dem auch sei: Der wohl kaum so vorgesehene Akt der Selbstermächtigung/Selbstbeweihräucherung passt hervorragend zu der hochgradig narzisstischen Persönlichkeit des amerikanischen Präsidenten.[2]

Trump hat für sein Verhalten ein Vorbild, das er vielleicht sogar als ebenbürtig anerkennen würde: Napoleon Bonaparte, der sich am 4. Dezember 1804 in der Kathedrale Notre-Dame de Paris selbst zum Kaiser der Franzosen krönte.[3]

Napoleons „Hofmaler“ Jacques Louis David hat diese Szene in einer Zeichnung festgehalten, die derzeit in einer David-Ausstellung im Louvre [4] zu sehen ist:

Foto: Wolf Jöckel

Breitbeinig und in leichter Rückenlage, den rechten Fuß vorgeschoben und mit der linken Hand ein Schwert an sich haltend, setzt sich Napoleon Bonaparte mit der hoch erhobenen rechten Hand selbst die eigens für diesen Anlass angefertigte Krone auf.[5]

Der Pariser Hofjuwelir Marie-Étienne Nitot hatte die Kaierkrone nach antiken und frühmittelalterlichen Vorbildern hergestellt, sah sich Napoleon doch in der Nachfolge der römischen Kaiser und Karls des Großen. Die Krone war bis zum spektakulären Einbruch in den Louvre in der Apollo-Galerie ausgestellt, wurde deshalb auch Krone Karls des Großen/Charlemagne genannt. Allerdings haben die Diebe sie bei ihrer Flucht verloren oder weggeworfen, so dass sie nicht für die Öffentlichkeit verloren ist…  

Hinter dem bewaffneten und mit Lorbeerkranz als Held gefeierten Napoleon mit aufgeplustertem Gewand sitzt schmächtig und in sich gekehrt der Papst, als habe er mit dem Geschehen vor ihm nichts zu tun: Zwischen ihm und Napoleon gibt es keine Verbindung von Blicken und Gesten.

Allerdings war die Selbstkrönung nicht, wie es manche Napoleon-Legenden suggerieren, eine spontane Handlung, sondern vielmehr zentraler Teil eines in den historischen und internationalen Kontext eingebetteten hochsymbolischen und minutiös orchestrierten Aktes. Es ging darum, Napoleons Kaisertum einerseits als Abkehr von der Ordnung des Ancien Régimes zu darzustellen, andererseits ihm durch die Krönung aber auch einen legitimen Platz in der monarchistisch geprägten europäischen Staatenordnung zu sichern. Weiterhin ging es darum, das Kaiserreich Napoleons einerseits als Bruch mit den terroristischen Auswüchsen der Französischen Revolution zu kennzeichnen, andererseits aber auch Napoleon als Erben der Errungenschaften dieser Revolution zu feiern. Und schließlich sollte und wollte Napoleon nicht ein Kaiser von „Gottes Gnaden“ sein, andererseits aber war ihm aber auch an einem guten Verhältnis zur katholischen Kirche gelegen, mit der er ja schon 1801 ein Konkordat geschlossen hatte. Zu all dem passte die dem Papst in dem Krönungszeremoniell zugewiesene Rolle. Und dazu passte auch der Ort der Zeremonie, nämlich Notre-Dame, auch wenn die damals arg heruntergekommen war: Aber Notre-Dame bot sich als Kompromiss an zwischen dem auch in Erwägung gezogenen republikanischen Marsfeld und dem royalen Reims oder Saint-Denis mit seinen wenige Jahre zuvor zerstörten königlichen Gräbern und Gabmalen. [6]

Es ist also nicht ganz zutreffend, die Selbstkrönung Napoleons als schlichten „Akt des Größenwahns“ abzutun[7]. Für Trumps „Selbstkrönung“ gilt das aber in der Tat: Niemand, auch kein Infantino, kann ihm das Wasser und auch kein Ordensband reichen….

In dem monumentalen Gemälde (6,21 x 9,79 m), das schließlich Jacques- Louis David mit seinen Gehilfen anfertigte und das heute in der Großen Galerie des Louvre hängt, ist die zentrale Krönungsszene allerdings anders dargestellt als auf der vorbereitenden Zeichnung. Da wird nicht Napoleons Selbstkrönung gezeigt, sondern die -historisch weniger aufgeladene- Krönung von Napoleons Frau Josephine durch ihren Mann. Diese Szene sollte Ausdruck der Verbindung unterschiedlicher Elemente der französischen Geschichte sein: Josephine stammte von den Antillen, war aber bei den Parisern beliebt;  sie war Witwe eines Adligen des Ancien régime, der republikanischer General wurde, dann aber dem jacobinischen Terror zum Opfer fiel; und nicht zuletzt war Josephine Mutter zweier Kinder, die Bonaparte adoptiert hatte…. [8]

© 2018 GrandPalais RMN (musée du Louvre) / Michel Urtado [9]

Es war Napoleons Wunsch, dass David die schon gemalte Selbstkrönung Napoleons durch die Krönung Josephines ersetzte. Auf dem das Geschichtsbild der Franzosen prägenden Krönungsbild wollte Napoleon dem Papst, den er doch selbst aus Rom geholt habe, dann doch nicht nur eine Statistenrolle zuweisen. So hebt dieser zur Krönung Josephines denn auch segnend die Hand.

© 2018 GrandPalais RMN (musée du Louvre) / Michel Urtado

Vielleicht ging Napoleon ja tatsächlich die Selbsterhöhung später zu weit. Von Trump ist das allerdings kaum zu erwarten….

Karikatur von Greser und Lenz. FAZ 11.12.2025


[1] https://www.deutschlandfunk.de/menschenrechtsorganisation-reicht-beschwerde-gegen-infantino-ein-100.html

[2] Nachfolgendes Bild aus: https://www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/erniedrigendes-verhalten-friedenspreis-f%C3%BCr-trump-us-pr%C3%A4sident-h%C3%A4ngt-sich-medaille-selber-um/ar-AA1RPn0k

[3] Den Bezug stellte schon die FAZ am 8.12.2025, S. 24 her: Der Sieger, das bin ich

[4] https://www.louvre.fr/expositions-et-evenements/expositions/jacques-louis-david Bis 26. Januar 2026

[5] Nachfolgendes Bild aus https://www.wikiwand.com/de/articles/Kaiserkrone_Napoleons_I.

[6] Siehe dazu im Einzelnen: Günter Desterle Die Kaiserkrönung Napoleons Eine ästhetische und ideologische Instrumentalisierung. https://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/opus4/frontdoor/deliver/index/docId/65203/file/Oesterle_1995_Napoleon.pdf

[7] Sven-Felix Kellerhoff, Napoleons Selbsterhöhung ging ihm später selbst zu weit. In: Die Welt vom 16.12.2024

https://www.welt.de/geschichte/article254655096/Napoleon-in-Notre-Dame-Seine-Selbsterhoehung-ging-ihm-spaeter-selbst-zu-weit.html

[8] https://collections.louvre.fr/en/ark:/53355/cl010065720

[9] Nachfolgende Bildausschnitte aus: Le Couronnement de l’empereur Napoléon Ier et de l’impératrice Joséphine dans la cathédrale Notre-Dame de Paris, le 2 décembre 1804. – Louvre site des collections https://collections.louvre.fr/en/ark:/53355/cl010065720

Bild des Monats Dezember 2025: Der Super-Vollmond über den Dächern von Paris

Der Dezember-„Supermond“ des Jahres 2025, aufgenommen am 5. Dezember um 8 Uhr an der Métro-Station Voltaire/place Léon Blum im 11. Arrondissement von Paris. Im Vordergrund ein sogenannter Kandelaber Dervaux. Diese lösten in den 1920-er Jahren die Jugenstil-Lichter Hector Guimards ab. Foto: Wolf Jöckel

Der nächste „Supermond“ wird am 24. Dezember 2026 zu sehen sein….

Paris in der Vorweihnachtszeit: Illuminationen und Dekorationen

Paris nennt sich -seit der Weltausstellung von 1900- gerne Ville lumière, Stadt des Lichts. Verglichen mit New York war das damals etwas schmeichelhaft: Noch nicht einmal in dem für die Weltausstellung errichteten Grand Palais gab es damals elektrisches Licht. Heute, in der Vorweihnachtszeit, hat der Ausdruck aber seine volle Berechtigung.  Da strahlt und leuchtet die ganze Stadt.

Bekannt sind ja die jährlich neuen vorweihnachtlichen Illuminationen der Champs-Élysées, der -so das französische Selbstverständnis- „schönsten Avenue der Welt“.

Aber auch andere, weniger prominente Pariser Straßen zeigen sich in festlicher Beleuchtung:

Die rue Saint-Louis en l’Île

Im Hintergrund die Juli Säule auf der place de la Bastille mit dem Genius der Freiheit.

Auch die meisten Einzelhändler knausern nicht mit der Beleuchtung.

Markthalle des marché d’Aligre im 12. Arrondissement

„Unser“ Metzger in der rue de la Roquette (11. Arrondissement)

Sehr verbreitet ist es auch, die Schaufensterscheiben mit gemalten oder aufgeklebten weihnachtlichen Motiven zu schmücken.

Auch öffentliche Gebäude werden aufwändig illuminiert wie hier das Rathaus des 11. Arrondissements:

Am benachbarten Place Léon- Blum hat man sogar einen kleinen weihnachtlichen „forêt urbaine“ geschaffen:

Wirtschaftliche oder ökologische Bedenken gibt es da nicht –  der Strom ist in Frankreich vergleichsweise günstig und -nachdem einige wegen Reparaturarbeiten abgeschaltete AKWs wieder am Netz sind- so reichlich, dass man ihn sogar mit stolzem Gewinn ins Ausland -zum Beispiel nach Deutschland- liefern kann…

Es blinkt und glitzert also überall in Paris:

Mit farbigem Licht angestrahlte Fassade der Philharmonie de Paris

Blick von der Fondation Louis Vuitton auf den von tausenden japanischen Lampions beleuchteten jardin d’acclimatation.

Einen besonderen Aufwand bei der vorweihnachtlichen Beleuchtung betreiben die großen Pariser Kaufhäuser. Hier einige Eindrücke von dem Bon Marché, dem Samaritaine, dem Au Printemps und dem Lafayette.

Le Bon Marché

Zuerst geht es zum Le Bon Marché. Immerhin ist es das älteste Kaufhaus von Paris, ja der Welt!

Dass dieses Kaufhaus zu einem Vorbild für spätere Nachfolger und Nachahmer wurde, ist den vielen Neuerungen zu verdanken, die der Gründer des Bon Marché, Aristide Boucicaut, einführte, um Kundschaft anzuziehen.

Dazu gehörten auch die besonderen Schaufensterdekorationen in der Weihnachtszeit. Sie waren auch und vor allem für Kinder gedacht, für die kleine Podeste aufgebaut wurden.

Das damals völlig Neue und Sensationelle dabei war, dass die Schaufensterfiguren beweglich waren. So auch die Hasen, die in diesem Jahr Leitmotiv der Dekoration im Bon Marché sind. Hier sind sie gerade am Stricken.

Und hier reiten sie auf fliegenden Karotten durch die Luft.

Und es wird dann auch gleich für passende Produkte geworben: Karottensuppe, Karottenkonfitüre, Karottensaft. Das passt immerhin.

Aber auch andere Produkte des Hauses werden von Hasen präsentiert: Vielleicht ein kostensparendes Recycling von Osterhasen einer früheren Präsentation?

Le Bon Marché 24, rue de Sèvres, 75007

La Samaritaine

Das Kaufhaus La Samaritaine an der Seine, ein architektonisches Art déco-Juwel, schmückt sich zu Weihnachten eher zurückhaltend.

Ich finde das aber sehr passend, weil so die Schönheit des Gebäudes nicht hinter einer aufwändigen Dekoration verschwindet.

Und ganz oben unter dem gläsernes Dach gibt es ein schönes und im Allgemeinen auch ruhiges Café, in dem man sich etwas von dem Pariser Weihnachtstrubel erholen kann.

La Samaritaine 9 rue de la Monnaie, 75001 Paris.

La Fayette

Die Schaufensterdekorationen des La Fayette fanden wir wenig attraktiv.

Hier wird das Büro des Weihnachtsmanns präsentiert, der die Bestellungen für Geschenke entgegennimmt und registriert.

Aber natürlich lohnt es sich, hoch unter die Kuppel zu fahren, die wie jedes Jahr besonders aufwändig dekoriert ist.

Galeries Lafayette Paris Haussmann 40, Boulevard Haussmann 75009 Paris

Au Printemps

Das benachbarte Kaufhaus Au Printemps hat seine diesjährige Weihnachtsdekoration unter das Motto „Weihnachten in New York“ gestellt.

Das ist recht originell: Hier können Kinder beispielsweise im Foyer des Hauses in ein Auto steigen und sozusagen durch New York fahren.

Auch in den Schaufenstern ist New York Hintergrund der Dekorationen und beweglichen Präsentationen.

Dazu gibt es auch die passende Musik.

Natürlich geht es in erster Linie nicht um Unterhaltung, sondern um Werbung für die Produkte des Hauses: Kinder als zukünftige Kunden…

Hier präsentiert die fesche kleine Maus eine schicke Tasche.

Innen kann man dann diese Tasche von Hermès bewundern: „Constance“ aus Krokodilleder (Varanus Niloticus) für 20. 000 Euro….

Die Kinder freuen sich aber über die lustigen Schaufenstertiere.

Und dann gibt es ja auch hier noch die festliche Kuppel mit Weihnachtsbaum -geschmückt mit New York-Motiven…

… und natürlich die Terrasse mit einer kleinen Eislaufbahn für Kinder und einem wunderbaren Blick über die Stadt.

Printemps Haussmann 64 Boulevard Haussmann, 75009 Paris

Allen Leserinnen und Lesern des Blogs wünschen wir eine gute Vorweihnachtszeit mit vielen hellen Lichtern.

Jean Nouvels neue Fondation Cartier – ein weiteres grandioses Zentrum zeitgenössischer Kunst in Paris

Paris verfügte schon bisher über ganz außerordentliche Orte zur Präsentation moderner/zeitgenössischer Kunst. Man denke nur an das Centre Pompidou, das Musée d’Art moderne de la ville de Paris, und natürlich an die wunderbaren privaten Ausstellungsorte: Die Bourse de Commerce, in der François Pinault „die Werke einer der wichtigsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst der Welt“ ausstellt[1], und die Fondation Louis Vuitton von Bernard Arnault, dem Besitzer des Luxuskonzerns LVHM und einem der reichsten Männer der Welt. Der kann es sich auch leisten, dort die bisher umfassendste und schönste Ausstellung der Werke Gerhard Richters zu präsentieren[2].

Jetzt hat Paris seiner „Kulturkrone“ einen weiteren funkelnden Edelstein hinzugefügt: Das Ausstellungsgebäude der Fondation Cartier mitten in Paris, im Zentrum des gesellschaftlichen, künstlerischen, politischen Lebens der Stadt, ja des Landes. Allein die Adresse ist ein Ausrufungszeichen: 2, place du Palais Royal. Es ist ein monumentales, ein ganzes Straßenareal ausfüllendes Bauwerk, an der Pariser Ost-West-Achse rue de Rivoli gelegen, gegenüber dem Louvre, dem Kultusministerium, der Comédie Française und, natürlich, des Palais Royal mit dem Conseil d’État [3].

Das Ausstellungsgebäude im Haussmann-Stil an der Place du Palais Royal. Bild: © Luc Boegly[4]    

Der fünfstöckige, 153 Meter lange und bis zu 58 Meter breite Riese aus hellem Kalkstein wurde 1854/55 im Hinblick auf die unmittelbar bevorstehende Weltausstellung aus dem Boden gestampft. Das Hôtel du Louvre bildete mit 1200 Zimmern eine Miniaturstadt und bot seiner kosmopolitischen Klientel neben Wasserklosets auch Luxusboutiquen unter den ringsumlaufenden Arkaden. Eine dieser Boutiquen, die Galeries du Louvre, wuchs sich zum -laut Werbung- ‚größten Warenhaus der Welt‘ aus und verdrängte, inzwischen umfirmiert zu Grands Magasins du Louvre, 1887 gar das Hotel aus den Mauern.[5] Die Grands Magasins du Louvre waren neben dem noch älteren Kaufhaus Bon Marché Vorbild für die späteren großen Kaufhäuser in aller Welt und für Zolas Roman Au bonheur des dames/Das Paradies der Damen.  

1978 allerdings musste das Kaufhaus schließen und machte Platz für das Louvre des Antiquaires.  Rund 240 Antiquitätenläden boten dort bis 2019 Kunstwerke aus aller Welt zum Verkauf an. 1995 hatte allerdings eine französische Immobiliengesellschaft den Gebäudekomplex erworben. Zunächst war geplant, dort ein Centre commercial der Mode einzurichten, dann hatte Dominique Perrin, Präsident der Fondation Cartier, das Gebäude als idealen Ort für einen neuen Ort für die Ausstellungen seiner Stiftung ausersehen, wobei zunächst nur daran gedacht war, die Hälfte des Gebäudes anzumieten. Dann war es aber Jean Nouvel, der „Hausarchitekt“ der Fondation Cartier, der Perrin davon überzeugte, den gesamten Gebäudekomplex für die Stiftung zu nutzen: Insgesamt sind in das 8500 für Besucher zugängliche Quadratmeter und davon  6500 m2 Ausstellungsfläche, also fast eine Verfünffachung gegenüber des Gebäudes am Boulevard Raspail. [6]

Dafür waren allerdings erhebliche Umbaumaßnahmen erforderlich, mit denen Jean Nouvel beauftragt wurde. Der hatte schon Ende der 1990-er Jahre das erste, noch erheblich kleinere Pariser Ausstellungsgebäude der Stiftung am Boulevard Raspail konzipiert.

  © Philippe Ruault/Fondation Cartier

Dies ist das bisherige Ausstellungsgebäude Boulevard Raspail, „eines der interessantesten Bauwerke Ende des 20. Jahrhunderts,“[7] war für Nouvel sein „monument de Paris“. Es ist ein transparentes Gebäude aus Stahl und Glas, ohne feste Mauern: offen und flexibel für die Bedürfnisse der jeweiligen Ausstellungen. [8] Im Vordergrund eine Libanon-Zeder, 1823 gepflanzt von dem Schriftsteller Chateaubriand, der damals hier wohnte.

Jean Nouvel, inzwischen 80 Jahre alt und ausgezeichnet mit dem Pritzker-Preis, dem „Nobel-Preis der Architektur“, ist den Parisern wohlbekannt als Architekt der Philharmonie, des Institut du Monde Arabe und der extravaganten Duo-Türme am östlichen Stadtrand von Paris.

Jean Nouvel in dem roten Auditorium der neuen Fondation Cartier © Adrien Dirand[9]

Das für die Stiftung vorgesehene kolossale Gebäude entsprach nun allerdings ganz und gar nicht seinen Vorstellungen und dem neuen Verwendungszweck des Gebäudes. Es war weder offen, noch transparent, noch flexibel – ihm fehlte also all das, was das alte Ausstellungsgebäude am Boulevard Raspail ausgemacht hatte. Eine große Herausforderung für den Architekten.

Jean Nouvel im Rückblick: „Der Innenraum war sehr dunkel. Es galt, ihm Tiefe zu verleihen, die Höhen zu variieren und die Lichtquellen zu vervielfachen. Wir wollten eine Perspektive schaffen, die es ermöglicht, sich im Raum zu orientieren.“[10]

Nouvel öffnete also unter Bewahrung der Fassade den jetzt lichtdurchfluteten Eingangsbereich hin zur place du Palais Royal,  entkernte den Bau, legte einen 85 Meter langen Innenraum frei und konzipierte drei Glaskuppeln über den Innenhöfen mit steuerbarem Lichteinfall und Blick auf das begrünte Dach.

Bilder: Fondation Cartier/Martin Argyroglo

Außerdem schuf er fünf 200 bis 263 Quadratmeter große Plattformen, die sich mit einer für die Besucher sichtbaren Mechanik über eine Höhe von 11 Metern anheben oder absenken lassen.

Man hat deshalb das Gebäude einen „flexiblen Maschinenraum“ genannt.[11] Assoziationen an die Hebebühnen des Theaters liegen nahe, vielleicht hat es aber auch -so Le Monde- Anleihen bei der Militärtechnik gegeben. [12]

Jean Nouvel zu der so ermöglichten Flexiblität der Ausstellungsflächen:

„In diesem Bauwerk, von dem aus dem 19. Jahrhundert nur noch die charakteristische Fassade und einige strukturelle Elemente erhalten sind, befindet man sich in einer industriellen Kathedrale mit seltener Größe und sehr großen Spannweiten. Es strahlt eine sehr starke Kraft aus. Seine fünf Stahlplattformen, deren Beweglichkeit man sehen kann, stehen in völligem Kontrast zur Haussmann’schen Architektur des Äußeren. Es ähnelt einem Super-Theater, in dem man sehr schwere Böden anhebt. Diese Innovation ist nicht nur funktional oder szenografisch. Für mich ist sie architektonisch, in dem Sinne, dass sie dynamisch wird. Die Innovation besteht darin, dass man über alle möglichen Höhenverstellungen und alle diese Lichter mit variabler Intensität bis hin zur völligen Dunkelheit verfügen kann, je nachdem, wie weit die Glasdächer und Seitenfenster geschlossen sind. Die Fondation Cartier wird wahrscheinlich die Institution sein, die die größte Differenzierung ihrer Räume, die meisten Ausstellungsmöglichkeiten und die meisten Blickwinkel bietet. Die Leistungsfähigkeit der Plattformen ermöglicht es, sehr schwere Werke aufzunehmen und sie auf völlig neue Weise aufzuhängen. Hier kann man, indem man das Ausstellungssystem verändert, Dinge tun, die anderswo nicht möglich wären.“[13]

Was die Umbaukosten für das auf Dauer angemietete Gebäude angeht, hüllt sich die Fondation in vornehmes Schweigen. Es sollen aber zwischen 225 und 245 Millionen Euro gewesen sein.[14] Aber anders als bei staatlichen Kultureinrichtungen, selbst sogar dem Louvre auf der anderen Straßenseite, spielt Geld hier wohl keine Rolle. Denn wenn auch der französische Staat unter seiner Schuldenlast ächzt, die französische Luxusindustrie floriert nach wie vor, und Pinault, Arnault und Cartier stellen das auch ostentativ zur Schau. So musste Nouvel nicht kleckern, sondern konnte klotzen.

Besonders wichtig und typisch für ihn waren „die vielen Durchblicke,“[15] die der neue Bau ermöglicht. Da gibt es die sieben Meter hohen Rundbogenfenster, die früheren Schaufenster, durch die Passanten Einblicke in die Ausstellung haben und durch die die Ausstellungsbesucher nach draußen sehen können.

Blick nach drinnen: Die Trennung von Innen und Außen ist aufgehoben. Mit den Worten von Jean Nouvel:

„Im Erdgeschoss ist die Fassade entlang der gesamten Länge der Rue de Rivoli und der Rue Saint-Honoré verglast, sodass der Blick von einer Straße zur anderen schweifen kann und Innen und Außen miteinander verschmelzen. Diese Transparenz der Seitenfenster bestärkt das Gefühl, im Herzen von Paris zu sein.“[16]

„Im Herzen von Paris“: rue de Rivoli

Besucher des Louvre auf der gegenüberliegenden Straßenseite

Interessierte Blicke auf das kleine Stück Amazonas im Untergeschoss des Gebäudes.

Beim Rundgang durch die Eröffnungsausstellung fällt auf, wie bedeutend der Anteil außereuropäischer, gerade auch indigener Kunst ist. Sie ist ein Schwerpunkt der Sammlungstätigkeit der Fondation Cartier.[17]

Aus der Bilderserie „Künstler des Gran Chaco“. In diesem Wald im Norden Paraquays, der von völliger Zerstörung bedroht ist, leben die autochtonen Volksstämme Guarani und Nivaclé. Sie machen in ihren Zeichnungen auf die Vielfalt der bedrohten Flora und Fauna aufmerksam.

Sheroanawe Hakihiiwe gehört zur Gemeinschaft der Yamomanis in Venezuela. Mit minimalistischen Methoden stellt er Motive der ihn umgebenden Natur dar. Oben: Der Weg der Ameisen, darunter: Blatt mit Früchten.

Jivya Soma Mashe, Fischnetz (2009). Der Künstler aus dem Stamm der Warlis in Maharashtra/Indien hat eine 4500 alte künstlerische Maltradition neu belebt. Seine Szenen des Ackerbaus, der Ernte, der Tierwelt oder -wie hier- des Fischfangs sind mit Kuhdung und Acrylfarben gemalt.

Es gibt immer wieder neue Perspektiven im Innern zwischen den verschiedenen Ebenen des Gebäudes:

Eine Besuchergruppe am Fuß des Miracéus der Brasilianerin Solange Pessoa: ein in der Luft schwebender Pilz aus Stoffen und Vogelfedern ihrer Heimat.

Ron Mueck, Woman with Shopping (2013). Dahinter der obere Teile des Miracéus.

Foto: Sonia Branca-Rosoff [17a] Links an der Wand Masken aus Holz und Metall von David Hammons. Im Geschoss darunter eine Farbkomposition des Bolivianers Mamani.

Blick in das Foyer mit der Petite Cathédrale von Alessandro Mendini (2002)

Blick auf die für die Eröffnungsausstellung konzipierte dreidimensionale  Installation von Sarah Sze, speziell für die Eröffnungsausstellung in der neuen Fondation Cartier im Untergeschoss des Gebäudes aufgebaut.

Von dem oberen Geschoss kann man das Spiel der Farben und die Bewegung eines an Foucault erinnernden Pendels beobachten.

Auch das U-Boot Panamarenkos aus dem Jahr 1996 befindet sich natürlich im Untergeschoss, wo man es auf Augenhöhe betrachten kann.

Durchblicke: Baumstämme für den Küstenschutz von Saint-Malo von Raymond Haynes und Pierrick Sorin. Zum ersten Mal ausgestellt in der Fondation Cartier Boulevard Raspail 1994. Auch eine Reverenz an Chateaubriand, der in Saint-Malo aufwuchs und später auf dem Gelände der Fondation Boulevard Raspail wohnte.

Und dann gibt es auch noch die Blicke nach oben, zu den Glasdächern über den Innenhöfen, über denen Bäume wachsen…

Foto: Sonia Branca-Rosoff [17a]

Der Bau der neuen Fondation Cartier wird als eine architektonische Meisterleistung („une prouesse architecturale“), ja als Wunderwerk („une merveille architecturale“) gerühmt.[18]  Marc Zitzmann, der ebenfalls begeisterte Pariser Kulturkorrespondent der FAZ, formulierte sogar etwas salopp, Jean Nouvel hänge mit dem Bau „die Konkurrenz ab“. Dem kann ich aber nicht ganz zustimmen. Frank Gehrys Schiff mit seinen 12 aufgespannten Segeln für die Fondation Louis Vuitton, die aus dem 18. Jahrhundert stammende Getreidebörse, von Tadaō Ando wunderbar für die Pinault-Kunstsammlung umgebaut, und auch das von Renzo Piano, Richard Rogers und Gianfranco Franchini entworfene Centre Pompidou kann auch ein Jean Nouvel nicht so einfach „abhängen“.

In einem Punkt allerdings hat Nouvel Gehry und Ando in der Tat „abgehängt“: Die Ausstellungsfläche der Fondation Cartier ist mit ihren 6500 Quadratmetern deutlich größer als die der Fondation Louis Vuitton (3500 qm2) und der Bourse de Commerce (ca 3000qm2). Hinter dem Centre Pompidou mit seinen ca 7500 Metern Ausstellungsfläche bleibt sie allerdings etwas zurück.

Aber ungeachtet aller Unterschiede und „Wer ist die Schönste im Lande? –  Eifersüchteleien:  Einen weiteren Edelstein hat Jean Nouvel der Pariser Kunstkrone in der Tat hinzugefügt.

Die Eröffnungsausstellung der Fondation Cartier im neuen Domizil ist überschrieben: Exposition générale.

Das knüpft an die Zeit an, als das Bauwerk die Grands Magasins du Louvre beherbergte, die jährlich eine Exposition Générale des Nouveautés veranstalteten.[19]

In der Exposition générale der Fondation Cartier werden allerdings keine Neuheiten des Sommers gezeigt, wie hier auf dem Plakat des Kaufhauses angekündigt. Präsentiert wird eine „Auswahl ikonischer Werke“ früherer Ausstellungen, „die mehr als vierzig Jahre internationales zeitgenössisches Kunstschaffen nachzeichnet.

An der Schau beteiligt sind unter anderem die brasilianisch-schweizerische Fotografin Claudia Andujar, die kolumbianische Textilkünstlerin Olga de Amaral, der chinesische Konzept- und Performancekünstler Cai Guo-Qiang und der Japaner Jun’ya Ishigami, bekannt für seine Rauminstallationen: ein buntes Bouquet von Kunst, das einen von einer Welt in eine andere versetzt.“ [20]

Empfehlenswert ist, frei durch die Ausstellung zu flanieren. „Der Erkundungsgang macht Spaß: Es geht nach unten und nach oben (…), der Parcours führt über Endlosgänge in Sackgässchen, vom Licht ins Dunkel und vom Lauten ins Leise.“ [21]  Das Zusammenspiel von Kunst und Architektur, von Innen und Außen, von einigem Bekannten und vielem Neuen, von ganz unterschiedlichen künstlerischen Medien, von europäischer und außereuropäischer Kunst sind Garanten einer spannenden Entdeckungsreise.


Anmerkungen:

[1] https://www.pinaultcollection.com/en/boursedecommerce/deutsch  

[2] Der heilige Gerhard. So schön, so umfasend wurde sein Werk noch nie gezeigt. In: Die ZEIT, 30. Oktober 2025

[3] Zum Palais Royal siehe die Blog-Beiträge:

[4] https://www.archdaily.com/1021421/fondation-cartier-reveals-plans-to-move-into-a-historic-landmark-in-paris-reimagined-by-jean-nouvel

Alle Bilder des Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Frauke und Wolf Jöckel

[5] Marc Zitzmann, Neobarocke Kunstmaschine. In: FAZ vom 22. Oktober 2025.  Daraus habe ich auch den Ausdruck „Kulturkrone“ übernommen.

[6] https://medias.fondationcartier.com/fondation/documents/press/Fondation-Cartier-DP-40ANS-FR.pdf

und https://www.louvre-antiquaires.com/le-louvre-des-antiquaires-lautre-louvre-qui-faisait-battre-le-coeur-des-collectionneurs/

Die nachfolgende Abbildung stammt von der Eintrittskarte für die Ausstellung.

[7] https://paris-promeneurs.com/la-fondation-cartier-pour-l-art/

[8] https://medias.fondationcartier.com/fondation/documents/press/Fondation-Cartier-DP-40ANS-FR.pdf

[9] Dana Thomas, La nouvelle Fondation Cartier, une prouesse architecturale signée Jean Nouvel. 29. Oktober 2025  https://www.admagazine.fr/article/fondation-cartier-jean-nouvel

[10] Zit. bei Dana Thomas a.a.O.

[11] Alexandra Wach, Das neue Museum der Fondation Cartier im Herzen von Paris: Schwebend in die Zukunft. Tagesspiegel 9.11.2035

[12] Au cœur de la capitale, l’architecte a transformé le Louvre des antiquaires en jouant la carte de l’ingénierie militaire. Le Monde 25.10.2025

[13] Zit.  https://medias.fondationcartier.com/fondation/documents/press/Fondation-Cartier-DP-40ANS-FR.pdf   S. 39

[14] Zitzmann, a.a.O.

[15] Zitzmann a.a.O.

[16] Zit.  https://medias.fondationcartier.com/fondation/documents/press/Fondation-Cartier-DP-40ANS-FR.pdf  S. 38

[17]Siehe:  Fondation-Cartier-DP-40ANS-FR.pdf S. 15/16

[17a] https://passagedutemps.com/2025/11/24/fondation-cartier-premiere-visite/

[18] https://www.admagazine.fr/article/fondation-cartier-jean-nouvel, https://odyssea-paris.com/mot-motivations-fondation-cartier/ etc

[19] Abbildung aus: https://artvee.com/dl/grands-magasins-du-louvre-exposition-generale-des-nouveautes-dete/

[20] Malena Ruder, Fünf Gründe, die neue Fondation Cartier pour l’art contemporain zu besuchen

https://bellevue.nzz.ch/reisen-entdecken/kultur/fondation-cartier-in-paris-5-gruende-fuer-einen-besuch-am-neuen-standort-ld.1910015  vom 04.11.2025

[21] Zitzmann a.a.O.