Zuviel Glanz: Das Schloss Vaux-le-Vicomte des Nicolas Fouquet und die Rache des Sonnenkönigs (Teil 1)

Vaux-le-Vicomte, erbaut und gestaltet von dem genialen Dreigestirn Le Vau, dem Architekten, Le Brun, dem Maler, und Le Nôtre, dem Gartenarchitekten, lädt ein zu Superlativen: Das Schloss wird gerne als „Wunder der Architektur“ oder Gipfelpunkt der französischen Architektur und Kunst bezeichnet, es „gilt heute als eines der ersten und zugleich glänzendsten architektonischen Gesamtkunstwerke“ des „Grand Siècle“, also des französischen 17. Jahrhunderts. [1] Der dazugehörende Park wurde kürzlich von der New York Times ausgewählt, zu den 25 schönsten der ganzen Welt zu gehören. Im Barock wurde Frankreich „zum führenden Gartenland Europas“. Das Modell des Barockgartens à la française entstand in Vaux-le-Vicomte „und wurde dann in zweiter Generation in Versailles zum Modell des gesellschaftlichen Absolutismus umgewidmet. Das Modell wurde in ganz Europa kopiert, das ästhetische wie das politische.“ [2]

Schloss und Garten faszinieren aber auch wegen der Geschichte ihres Bauherren, Nicolas Fouquet. Der war 1661, nach den legendären Worten Voltaires  („Le Siècle de Louis XIV“) „am 17. August um 6 Uhr abends König von Frankreich, um 2 Uhr morgens war er nichts mehr.“[3] An diesem Tag veranstaltete Fouquet für seinen König, den jungen Ludwig XIV., und eine große Hofgesellschaft ein grandioses Fest auf seinem Schloss, das, wie gerne kolportiert wird, der Grund für seinen Absturz gewesen sein soll. Eine tragisch-schöne, aber nicht ganz zutreffende Geschichte.

Ich möchte nachfolgend in zwei Teilen mit jeweils zwei Abschnitten Nicolas Fouquet und Vaux-le-Vicomte vorstellen:

Teil 1:

  • Quo non ascendet – Nicolas Fouquets fulminanter Aufstieg zu den Gipfeln der Macht
  • Das Schloss von Vaux-le-Vicomte, das „erste Versailles“: Prachtbau und Propaganda

Teil 2:

  • Vaux-le-Vicomte: Der erste Barockgarten Frankreichs
  • Das Fest vom 17. August 1661 und der Absturz Fouquets

Quo non ascendet: Nicolas Fouquets Aufstieg zu den Gipfeln der Macht

Nicolas Fouquet stammte aus einer Familie in Angers, die ihr Vermögen im Tuchhandel machte.  Der erste bekannte Vorfahre, Jehan Fouquet, hatte sich Ende des 15. Jahrhunderts als Tuchmacher in der Nähe von Angers niedergelassen. Dieser Herkunft verdankt die Familie auch als Wappentier das Eichhörnchen. Denn dessen Name im lokalen Dialekt ist Fouquet. Außen am und innen im Schloss finden sich deshalb auch immer wieder Darstellungen des Eichhörnchens. Am eindrucksvollsten vielleicht auf diesem Renommée genannten Wandteppich:

Die beiden Füllhörner weisen auf den Wohlstand der Familie hin und vor allem natürlich auf den von Nicolas, für den dieser Wandteppich angefertigt wurde.  Über der Kartusche mit dem Eichhörnchen halten zwei Putten eine Krone: Natürlich bedeutet das nicht, dass sich das Eichhörnchen/Nicolas Fouquet königlichen Rang anmaßt, aber hoch hinaus wollte Nicolas Fouquet durchaus – und das Eichhörnchen ist ja auch in der Lage, flink in die höchsten Spitzen der Bäume zu klettern.  Dazu passt auch der familiäre Wahlspruch: Quo non ascendet- Wie weit wird er noch steigen…[4]  

Robert Nanteuil, Portrait von Nicolas Fouquet mit dem Eichhörnchen im Familienwappen. 1661[5]

Nicolas Fouquet wird sehr weit und sehr hoch steigen. Hatte die Familie schon in nur drei Generationen den Aufstieg von provinziellen Händlern zu Mitarbeitern der politischen Elite in Paris erreicht, so setzte der 1615 geborene Nicolas nach einer Schulzeit bei den Jesuiten und einem juristischen Studium an der Sorbonne den Aufstieg mit einer dem Eichhörnchen würdigen Behändigkeit fort. Dabei half ihm seine königstreue Haltung in den Zeiten der Fronde, des Adelsaufstands gegen das Könighaus und dessen ersten Vertreter, den Kardinal Mazarin. Als Dank wurde Fouquet 1653 zum surintendant des finances ernannt. Er war also Finanzminister und damit nach dem Premierminister Mazarin  einer der wichtigsten Männer des Königreichs. Fouquet konnte sich Hoffnungen machen, einmal dessen Nachfolge anzutreten.

Die Finanzen Frankreichs waren damals zerrüttet, der Krieg gegen Spanien verschlang enorme Gelder, die der Staat nicht hatte, und auch Mazarin hatte große Ansprüche, deren Erfüllung zu Fouquets Aufgaben gehörte. Der bankrotte Staat war aber nicht mehr in der Lage, die bei privaten Bankiers aufgenommenen Kredite zurückzuzahlen. Um das Vertrauen der Gläubiger zurückzugewinnen, setzte Fouquet sogar sein eigenes Vermögen ein, teils zur direkten Finanzierung von Kriegskosten, teils in Form von Bürgschaften. Dabei kam er aber selbst nicht zu kurz. Sein Reichtum wuchs immer mehr an, begünstigt auch durch erfolgreiche spekulative Geldgeschäfte und zwei Heiraten mit großer Mitgift.

Charles Le Brun, Portrait von Nicolas Fouquet (um 1661, Vaux-le-Vicomte) [6]

Seinen Reichtum nutzte Fouquet auch, sich einen Kreis von ihm ergebenen Klienten zu schaffen und um als Mäzen sein Ansehen zu vermehren. Eine große Anzahl von Künstlerinnen und Künstlern wurde von ihm gefördert, darunter Mme de Sévigné, Scarron, Perrault, Mlle de Scudéry, Corneille, Molière:  ein künstlerischer und  intellektueller Hofstaat, für den er viel Geld ausgab.

            Kabinett von Jean de la Fontaine in Vaux-le-Vicomte

Auch La Fontaine gehörte zu diesem Kreis. Er hatte ein besonders enges Verhältnis zu Fouquet, wohnte drei Jahre in Vaux-le-Vicomte und erhielt eine Pension, wofür er lediglich alle drei Monate ein Gedicht abliefern musste.

                             Büste Jean de la Fontaines von Houdon in seinem Cabinet in Vaux-le-Vicomte[7]

Dieser Kreis förderte das Ansehen Fouquets als Mäzen und Freund der Musen und verbreitete schon während der Bauarbeiten den Ruf von der Außerordentlichkeit seines Schlosses. La Fontaine verfasste eine Beschreibung des entstehenden Schlosses, Le songe de Vaux, die allerdings unvollendet blieb. [8] Madeleine de Scudery rühmte in ihrem 1660 publizierten Roman Clélie, in dem -wenn auch unter römischem Pseudonym- Fouquet auftritt, Schloss und Garten: Das was man da sehe, sei ein Meisterwerk, das Kunst und Natur verbinde.[9] Und André Félibien veröffentlichte ebenfalls schon 1660 eine intensive und kenntnisreiche Éloge de Vaux, de Foucquet et de Le Brun.[10]

Allerdings gab es gegen Fouquet auch zunehmenden Widerstand. Der wurde vor allem genährt von Colbert, der in Fouquet einen unliebsamen Konkurrenten sah, gegen den er nach Kräften bei Mazarin intrigierte. Fouquet reagierte darauf mit seinem Schlossprojekt von Vaux-le-Vicomte: Es sollte seinen Bauherrn ins beste Licht rücken, seine herausragenden Qualitäten zu Schau stellen, aber auch seine enge Bindung an das Könighaus und den jungen Monarchen. Vaux-le-Vicomte lag zwischen Paris und Fontainebleau, wo sich Ludwig XIV. gerne aufhielt. Ihm sollte das Schloss ein prachtvoller, der Muße und den Musen gewidmeter Aufenthaltsort fernab des höfischen Zeremoniells sein und dem Bauherrn die königliche Gunst sichern.

1641 hatte Fouquet die Vicomté de Vaux gekauft, die er bis 1656 durch Zukäufe erheblich erweiterte, bis er schließlich über mehr als 400 h zusammenhängenden Landes verfügte, die als Baugrund zur Verfügung standen. Es gab auch schon vorbereitende Arbeiten für einen Nutzgarten und erste Planungen eines lokalen Architekten für Garten und Schloss. 1655/56 allerdings engagierte Fouquet für das Schlossprojekt drei sehr bekannte und angesehen Künstler, die auch schon für das Könighaus gearbeitet hatten: den Architekten Louis Le Vau, den Maler Charles Le Brun und den Gartenarchitekten André Le Nôtre. [11]

Louis Le Vau war kurz vorher zum premier architecte du roi ernannt worden und hatte sich schon durch zahlreiche Bauten ausgezeichnet, u.a. das hôtel Lambert auf der Île Saint Louis, dessen galerie d’Hercule der Vorläufer des Spiegelsaals von Versailles ist.

Charles le Brun stand seit 1638 in den Diensten Ludwigs XIII. Als Fouquet ihn für Vaux-le-Vicomte engagierte, galt er als der bedeutendste Innenraumdekorateur Frankreichs. In Vaux-le-Vicomte sollte er für die gesamte Inneneinrichtung und die skulpturale Ausgestaltung des Gartens zuständig sein.

Der Dritte im Bunde, André Le Nôtre, steht für die Einführung eines neuen Gartentyps in Frankreich, des jardin à la française. Sein Plan für die Anlage von Vaux gilt als der erste in Gänze erhaltene Plan eines französischen Gartens überhaupt.

Dieses Künstlertrio arbeitete in Vaux-le-Vicomte eng zusammen, wie das perfekt aufeinander abgestimmte Zusammenspiel von Architektur, künstlerischer Ausgestaltung und Gartenplanung zeigt. So entstand hier „ein in allen seinen Teilen aufeinander bezogenes Gesamtkunstwerk“.[12]

Das „erste Versailles“: Prachtbau und Propaganda

Man hat das Schloss von Vaux-le-Vicomte als „das erste Versailles“ bezeichnet: Ein grandioses Gesamtkunstwerk, entstanden zu einer Zeit, als Versailles noch ein kleines unbedeutendes Schloss unter vielen anderen war.

Der von Melun kommende Besucher sieht zuerst nicht das Schloss, sondern das die Anlage begrenzende Gitter, das mit doppelseitigen Hermen geschmückt ist. Es sind Darstellungen antiker Götter.  „Die Hermen kennzeichnen Vaux noch vor dem Betreten der Anlage als einen besonderen, von göttlichen Kräften gesegneten Ort.“[13]

Zu den Göttern gehört auch der Sonnengott Apoll, der Gott des Sonnenkönigs: Ludwig verglich sich ja seit seinen Ballettauftritten von 1651 und 1659 mit Apoll, der allgemein als Symbol des Königs galt. So wird schon hier der Segen des Schlosses und seines Schlossherrn durch Ludwig XIV. beschworen.

Vom Hermengitter aus blickt der Besucher auf die Hofseite des Schlosses. Und was heute ganz normal erscheint, war damals absolut modern: Das Gebäude war nämlich nicht in der damals charakteristischen Mischung von behauenen Steinblöcken und roten Ziegeln erbaut, im sogenannten Louis XIII- Stil also, sondern nur noch aus behauenem Stein, wie es sich dann auch allgemein durchgesetzt hat.  

Die Wirtschaftsgebäude rechts und links des Vorhofs sind dagegen traditionell mit brique und pierre errichtet und heben damit das aus hellem Stein erbaute Schloss in seiner Neuheit und Einzigartigkeit hervor.[14]

An ihrem nördlichen und südlichen Ende sind Triumphbögen gebaut, „die den Vorplatz architektonisch erhöhen“ und „den königlichen Einzug in das Schloss flankieren“ sollten.[15]

Der Einzug des Königs wird dann in der Konzeption des Schlosses entsprechend großartig inszeniert: Das Schloss ist gegenüber dem Vorhof und den Wirtschaftsgebäuden deutlich erhöht, was ihm, wie Mlle de Scudéry schreibt, „une grande Majesté“ verleiht.[16] Und der Eingang wird noch einmal betont durch einen mächtigen, vor die Fassade gesetzten Triumphbogen. Über seinen mächtigen Säulen verläuft ein Triglyphenfries mit mehreren Wappen-Eichhörnchen in den Metopen.[17] Und über dem Tympanon, in dem ursprünglich in der Mitte natürlich das Wappen Fouquets enthalten war, thronen zwei Götterfiguren: Rea, die Erdengöttin und Mutter aller Götter, und -wie könnte es anders sein- Apollo mit seiner Lyra.

Der auf die römische Antike verweisende Triumphbogen und die Fassade sind geschmückt mit Medaillons antiker Persönlichkeiten und mit Büsten antiker Herrscher. Die finden sich dann auch reichlich im Innern des Schlosses.

Büste Caesars aus dem Salon (Ausschnitt)

„Mit den Antikendarstellungen reiht sich Fouquet nicht nur in die architektonische Tradition seiner Zeit und seines Standes ein, er beansprucht zugleich die antiken Herrschertugenden und Weisheiten zur Glorifizierung seines neuen Besitzes.“[18]

Wenn man durch den Triumphbogen hindurchgeht und das Schloss betritt, gelangt man in den Salon, den großen, ovalen, über zwei Stockwerke sich erstreckenden Kuppel-überwölbten Empfangsraum des Schlosses.[19]

© Yann Priou / Collection du château de Vaux-le-Vicomte

Die Größe dieses Raumes beruht darauf, dass hier keine große Treppenanlage in die bel étage, also das Obergeschoss, existiert. Le Vau hat nämlich, begünstigt durch die erhöhte Lage des Schlosses, die bel étage in das Erdgeschoss verlegt. Schon beim ersten Blick auf das Schloss lässt sich das unschwer erkennen: Die Fenster des Erdgeschosses sind die einer bel étage, die Fenster des Obergeschosses dagegen deutlich kleiner, was auch den unterschiedlichen Geschosshöhen entspricht. Um die Privaträume Fouquets und die seiner Frau im Obergeschoss zu erreichen, genügen kleine, unauffällige Treppen im Vestibül.

Le Vau: Grundriss des Erdgeschosses von Vaux-le-Vicomte[20]

Die Innendekoration des Raums konnte Le Brun wegen der Verhaftung Fouquets nicht vollenden. Es gibt aber einen damals schon berühmten Entwurf für das zentrale Gemälde in der Kuppel: Im Zentrum die Sonne (Ludwig XIV.), die ein Eichhörnchen (Fouquet) in den Götterhimmel erhebt. Umgeben wird die Szene von der Darstellung der vier Jahreszeiten, der Monate, Tage und Wochen. So wird Nicolas Fouquet „zum ewigen Helden.“[21] Dazu passen auch die 12 Sternzeichen-Skulpturen auf der Höhe der ersten Etage, die dem Bildhauer François Girardon zugeschrieben werden. Auch wenn die Ausmalung der Kuppel nur angedeutet ist: Es ist insgesamt ein grandioser Raum, dessen Schönheit gerade wegen seiner „Nacktheit“ besonders deutlich wird.[22]

Auch andere Räume des Schlosses, vor allem die Privaträume im Obergeschoss, blieben unvollendet. Und nach der Verhaftung von Fouquet wurde ein großer Teil der kostbaren Einrichtung von Ludwig XIV. konfisziert, anderes versteigert.  Vieles wurde aber nach dem Kauf des heruntergekommenen Schlosses 1875 durch die Industriellenfamilie Sommier im alten Stil ergänzt. So besitzt Vaux-le-Vicomte heute „die für seine Zeit umfangreichste und einheitlichste Innendekoration in Frankreich, obwohl sie nie vollendet wurde.“[23]

Dazu gehörten auch kostbare Wandteppiche, die Fouquet zum Teil sogar in der eigens von ihm gegründeten Manufaktur von Maincy herstellen ließ. Von Ludwig XIV. konfisziert, wurden sie zum Teil während der Französischen Revolution wegen der in ihnen enthaltenen kostbaren Goldfäden zerstört, aber wieder ersetzt. Hier zwei Kommoden im sog. Mazarine-Stil von André-Charles Boulle. Boulle war einer der großen Kunsttischler des Faubourg Saint-Antoine und gilt als Erfinder der Kommode.

         Ein aus Ebenholz gefertigter Mazarine-Schreibtisch von Boulle im Antichambre du Roi

Dies ist eine von fünf kleinen Bronze- Versionen der großen Reiterstatue Ludwigs XIV., die François Girardin (1628-1715) für den Platz Louis-le-Grand (heute place Vendôme) angefertigt hat.

Nicolas Fouquet hatte sein Schloss natürlich auch mit einer Vielzahl von Gemälden ausgestattet. In den für ihn bestimmten Räumen hing damals auch ein Gemälde des niederländischen Malers Lambert Sustris.  Es zeigt Venus, zusammen mit einem geflügelten Amor, die ihren herbeieilenden Geliebten, den Kriegsgott Mars, erwartet und in freudiger Erwartung die beiden kopulierenden Tauben streichelt. [24]

Lambert Sustris, Venus und Cupido.

Das Bild hat eine abenteuerliche Geschichte: Sustris malte es in Augsburg, wo er zahlreiche Kunden hatte, darunter die Familie Fugger. Nach dem Bankrott eines Zweigs der Familie kaufte ein Pariser Kunsthändler das Bild, und dann war es Nicolas Fouquet, der es für sein neues Schloss erwarb. Nach dem Sturz Fouquets wurde das Bild konfisziert und Teil der Gemäldesammlung Ludwigs XIV. Heute ist das Original im Louvre ausgestellt, und zwar im Saal der Mona Lisa![25] In Vaux-le-Vicomte ist eine Kopie zu sehen.

Das künstlerisch und politisch bedeutendste Element der Innendekoration waren sicherlich die Deckengemälde Le Bruns. Zunächst arbeitete er an denen in dem Appartement des Hausherrn, das aus drei Räumen besteht: dem Vorzimmer (antichambre, Salon d’Hercule), dem Zimmer (chambre/Salon des Muses) und dem Kabinett (cabinet des jeux). In ihren Deckengemälden wird der Hausherr und Auftraggeber gefeiert, und es werden die Gründe für Fouquets im Salon dargestellte Aufnahme in den Götterhimmel im Einzelnen illustriert. Aber Le Brun feiert sich hier auch selbst: Er demonstriert seine große Kunstfertigkeit als Innendekorateur im Allgemeinen und Maler im Besonderen und empfiehlt sich damit für weitere und noch höhere Aufgaben, die ja dann auch nicht lange auf sich warten ließen..

Möglich wurden die allgemein Aufsehen erregenden Deckengemälde Le Bruns durch eine neue Deckenkonstruktion. Bisher dominierten in den französischen Schlössern und Stadtpalästen die Decken à la française mit Eichenholzbalken.[26]

                                     Eichenholzdecke à la française im hôtel Sully in Paris

Die Balken waren zwar bemalt, ermöglichten aber keine großflächigen Deckengemälde.  Das änderte sich im 17. Jahrhundert unter italienischem Einfluss.  Vaux-le-Vicomte ist dafür ein prominentes Beispiel.[27]  Die entsprechenden Decken hatten jetzt in der Mitte eine große freie Fläche für ein zentrales Gemälde und waren an den Rändern leicht gewölbt, was Raum bot für kleinere, das zentrale Thema vertiefende Gemälde und Stuckelemente.

Im Vorzimmer Fouquets, dem salon d’Hercule, steht natürlich Herkules im Mittelpunkt des Deckengemäldes. Er fährt hier mit einem Wagen in den Himmel, auf dessen oberem Wagenrand die Devise Fouquets eingezeichnet ist. Félibien hat in seinem Bericht über Vaux-le-Vicomte die Notwendigkeit betont, dass die von der Architektur und der Dekoration vermittelte Botschaft auf den ersten Blick verstanden werden müsse.[28] Das scheint hier der Fall zu sein, indem die Geschichte des Herkules mit der Fouquets verknüpft ist. Und für Félibien war klar, dass hier -passend zu dem Deckengemälde des Salons- Fouquet in der Gestalt des Herkules dargestellt ist. Man könnte aber auch den König in der Person des Herkules vermuten. Der Wagen wäre in dieser Interpretation ein Symbol für Nicolas Fouquet und seine Loyalität gegenüber der Krone. „Er trägt den Herrscher und unterstützt ihn bei seinen Taten.“[29]

© Christian Gluckman

Das wohl bedeutendste der von Le Brun fertiggestellten Deckengemälde im Schloss ist das im Chambre des Muses. Dieser Raum hatte insgesamt eine besonders wertvolle Ausstattung und wurde schon vor Fertigstellung des Schlosses für herausragende Anlässe genutzt. [30]

Zentrum des zentralen Gemäldes ist die weiß gekleidete Allegorie der Treue. Emporgehoben wird sie von der Geschichtsmuse Clio,  die die Devise Fouquets -Quo non ascendet- zum Himmel trägt. Begleitet wird sie von den Allegorien der Vorsicht und der Treue – ein deutlicher Hinweis auf Fouquets königstreue Haltung zu Zeiten der Fronde. Mit dabei sind auch Minerva, geflügelt und mit Speer, die Verkörperung der Vernunft,  und, oben im Bild, auch Apoll. Er vertreibt die Feinde und Ungeheuer, die den treuen Fouquet bedrohen.[31]

Charles le Brun, Le sommeil (Cabinet des jeux)

Das kleine Cabinet de jeux ist „der intimste und fröhlichste Raum im Erdgeschoss.“[32] Im Mittelpunkt ein weiteres Meisterwerk von Le Brun, eine auf Wolken ruhende, Mohnblüten streuende Allegorie des Schlafs, umgeben von Blumen, Amouren und Eichhörnchen.   La Fontaine beendet in Songe de Vaux den diesem Salon gewidmeten Abschnitt mit den Worten: „Qu’elle est belle à mes yeux cette Nuit endormie“.[33]

Zum Schluss des Rundgangs noch ein Blick auf die Decke des chambre du Roi auf der anderen Seite des Schlosses. Hier zeigt Le Brun seine Meisterschaft nicht nur als Maler, sondern  als Innendekorateur: Die Stuckarbeiten sind von höchstem Raffinement, an Gold wird nicht gespart.[34] Fouquet drückt so seine Ehrerbietung aus und bietet sich als treuer Diener seines Herrn an.

Das zentrale Deckengemälde enthält aber auch eine Mahnung an den König: Dargestellt ist die Wahrheit, die von einer Allegorie der Zeit in den Himmel gehoben wird: Und Wahrheit bedeutet hier natürlich, dass der König nicht denen Glauben schenken soll, die Fouquet verleumden, sondern  er soll die Wahrheit, die Treue und Rechtschaffenheit Fouquets erkennen.

Ein konkreter Hinweis auf den Urheber von Verleumdungen ist eine Szene in der Deckenwölbung des Cabinet des jeux: Da wird ein Eichhörnchen, also Fouquet, von einer Natter verfolgt.[35] Und die ist das Wappentier Colberts, der dann ja wesentlichen Anteil an dem Fall seines Konkurrenten hatte….

Man sollte bei einem Besuch von Vaux-le-Vicomte nicht versäumen, auch in den Keller hinabzusteigen, in dem die Küche untergebracht war.

Küchenchef Fouquets in Vaux-le-Vicomte war François Vatel, dessen Schicksal von zwei großen und für ihn höchst fatalen Festen geprägt war: Dem legendären Fest vom 17. August 1661, von dem noch die Rede sein wird. Da Vatel nicht wusste, dass Ludwig XIV. das gesamte Personal Fouquets für sich requirierte, floh er nach England. Schließlich trat er in die Dienste des großen Condé, des Schlossherrn von Chantilly. Dort organisierte Vatel die Bewirtung des königlichen Hofes für das spektakuläre und ebenso legendäre Fest vom 23.-25. April 1671. Weil da die von ihm bestellten Fische nicht rechtzeitig eintrafen, sah er seine Ehre verletzt und verübte Selbstmord.

Und zum Abschluss des Schlossrundgangs sollte man hoch in die Kuppel steigen.

Dort kann man das noch das im ursprünglichen  Zustand erhaltene Gebälk aus Eichenholz bewundern und das ganze Anwesen überblicken: Die Wirtschaftsgebäude….

… und den Garten.

Der Garten wird dann Gegenstand des zweiten Teils dieses Beitrags über Fouquet und Vaux-le-Vicomte sein.  Abgeschlossen wird der dann mit einer Darstellung des großen Fests vom 17. August 1661 und der Umstände und Gründe von Fouquets tiefem Fall.

Literatur:

Alain Baraton, Le Jardinier de Versailles. Grasset 2006, S. 153ff

Vaux-le-Vicomte. Château & jardin. Herausgegeben von der Association Les Amis de Vaux-le-Vicomte 2022

Michael BrixDer barocke Garten. Magie und Ursprung – André Le Nôtre in Vaux-le-Vicomte. Stuttgart 2004

Bénédictine Garnier und Francoise de La Moureyre, La folle course de Charles Le Brun dans le Grand Salon de Vaux-le-Vicomte. In: Bulletin du Centre de Recherche du Château de Versailles 14/2017 https://journals.openedition.org/crcv/14530?lang=en

Christine Howald: Der Fall Nicolas Fouquet: Mäzenatentum als Mittel politischer Selbstdarstellung 1653–1661. München 2011.

Alain Mérot, Temple des Muses, Palais du Soleil: les plafonds peints par Charles Le Brun au château de Vaux-le-Vicomte. In: Les Années Fouquet. LIT 2000

Marion Müller, Représentation politique et ambition artistique. Le décor de Charles Le Brun pour la chambre des Muses au château de Vaux-le-Vicomte. Bulletin du Centre de Recherche du Château de Versailles 14/2017  https://doi.org/10.4000/crcv.14617

Marion Müller, Das Schloss als Zeichen des Aufstiegs Die Ausstattung von Vaux-le-Vicomte im Kontext repräsentativer Strategien des neuen Adels im französischen 17. Jahrhundert. Universität Heidelberg 2022 https://heiup.uni-heidelberg.de/catalog/book/819

Hanno Dampf, Die Entwicklung der Gartenanlagen von der Renaissance zum Barock. Eine Gegenüberstellung der Villa Lante und Vaux-Le-Vicomte.

Schweizer, Stefan: André le Nôtre und die Erfindung der französischen Gartenkunst, Berlin: Wagenbach 2013

Praktische Hinweise

Von Paris aus erreicht man das Schloss mit dem Transilien  Linie R nach Melun. (Erste Station des Zuges Richtung Montereau ab Gare de Lyon, 25 Minuten. Als Fahrkarte dient der Pass Navigo.

Ab Bahnhof Melun gibt es einen vorab zu buchenden Shuttle-Bus (Navette).

Fahrplan: https://media.vaux-le-vicomte.com/wp-content/uploads/2025/05/23144944/Navettes-2025-VF.pdf?_gl=1*vlo6fc*_gcl_au*ODk0OTI0NzUxLjE3NDg3MzkxMTY.

Alternative: Taxi oder Uber, was -wenn überhaupt- kaum teurer ist, bei mehr als 2 Personen sogar günstiger und schneller.

Schloss und Park sind vom 15. März bis 3. November täglich von 10-17.30 h geöffnet.

Die Springbrunnen sind nur noch während der soirées chandelles in Betrieb. Bei dieser Gelegenheit auch Feuerwerk. https://www.tourisme-seine-et-marne.fr/visiter-decouvrir/798844-soirees-chandelles-vaux-vicomte/


Anmerkungen

[1] Hohwald, Der Fall Nicolas Fouquet, S. 80. Siehe z.B. auch: https://savingcastles.com/fr/chateau-de-vaux-le-vicomte-splendeur-baroque-francaise/

Alle Bilder des Beitrags, wenn nicht anders bezeichnet, von Wolf Jöckel

20 Minuten Lesezeit

[2] https://www.ouest-france.fr/tourisme/ces-quatre-jardins-francais-font-partie-des-plus-beaux-du-monde-et-vous-pouvez-les-visiter-5c950402-36e4-11f0-bb9d-ae310489ba72

[3] « Le 17 août, à 6 heures du soir, Fouquet était le roi de France ; à 2 heures du matin, il n’était plus rien. »  https://fr.anecdotrip.com/vaux-le-vicomte-17-aout-1661-la-fete-qui-a-coute-sa-liberte-a-nicolas-fouquet-par-vinaigrette

[4] Zum Aufstieg von Nicolas Fouquet siehe: Quo Non Ascendet?. In: Christine Howald, Der Fall Nicolas Fouquet: Mäzenatentum als Mittel politischer Selbstdarstellung 1653–1661, S. 11-35  

[5] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/Robert_Nanteuil#/media/Fichier:0_Nicolas_Fouquet_-_Vaux-le-Vicomte_(2).JPG

[6] Zur Bedeutung der Szene im Hintergrund Mitte/rechts habe ich keine Informationen gefunden. Für entsprechende Hinweise wäre ich dankbar. Ich hatte dazu übrigens mal interessehalber bei Meta AI nachgefragt und da die Auskunft erhalten, „die Szene werde oft als Symbol für Macht und Reichtum interpretiert.“ Bei genauerer Nachfrage kam dann die kleinlaute Antwort: „Ich habe mich zu weit aus dem Fenster gelehnt!“

[7] Eine bedeutende Sammlung von Houdon-Büsten, darunter auch der von Jean de la Fontaine, gibt es auch in Schloss Ludwigslust. Siehe den Blog-Beitrag https://paris-blog.org/2024/10/13/fast-wie-gott-in-frankreich-ludwigslust-das-versailles-des-nordens/

[8]  https://gallica.bnf.fr/essentiels/fontaine/fouquet-brillant-protecteur s.a. https://www.pariscityvision.com/fr/paris/environs/vaux-le-vicomte/la-fontaine-fouquet

Zur Rolle Fouquets als Mäzen und der Bedeutung der Dichter und Schriftsteller für Vauix-le-Vicomte siehe im Einzelnen das Kapitel „Vaux-le-Vicomte und die Dichter“ bei Howald, S. 158ff

[9] https://www.tectona.net/fr_fr/pour-toujours-vaux-le-vicomte.html

[10] https://www.persee.fr/doc/lefab_0996-6560_1999_num_11_1_1030 

[11] Siehe dazu Howald, S. 80f

[12] Howald, S. 91

[13] Howald, S. 91

[14] Bild aus: https://www.all-free-photos.com/show/showphoto.php?idph=PI79914&lang=de  

[15] Howald, S. 84   Nachfolgendes Bild aus: https://www.moretimetotravel.com/wp-content/uploads/2014/10/4-scaled.jpeg

[16] Zit. Howald, S. 94

[17] Einen solchen Fries gibt es auch auf der Gartenseite des Schlosses.

[18] Howald, S. 99

[19] © Yann Priou / Collection du château de Vaux-le-Vicomte https://journals.openedition.org/crcv/14530?lang=en

[20] „Vaux-le-Vicomte.“ Wikipedia. Wikimedia Foundation, 09 Oct. 2014. Web. 21 Sept. 2014.

[21] Howald, S. 107

[22] Vaux-le-Vicomte, Châteu et jardin, S. 28

[23] Howald, S. 102

[24] https://de.wikipedia.org/wiki/Lambert_Sustris#/media/Datei:Lambert_Sustris_-_Venus_and_Love_-_Louvre.jpg

[25] https://collections.louvre.fr/en/ark:/53355/cl010061294

[26] Alexandre Gady, Poutres et solives peintes. Le plafond à la française. Revue de l’Art 122,1998, S9-20.

[27] Siehe Alain Mérot, Temple des Muses, Palais du Soleil: les plafonds peints par Charles Le  Brun auf château de Vaux-le-Vicomte.

[28]  https://journals.openedition.org/crcv/14617 Anm.35

[29] Howald, S. 125

[30] Im Einzelnen dazu:  Marion Müller, Représentation politique et ambition artistique. Le décor de Charles Le Brun pour la chambre des Muses au château de Vaux-le-Vicomte.  https://journals.openedition.org/crcv/14617 oder https://doi.org/10.4000/crcv.14617

[31] Howald, S. 125 und https://journals.openedition.org/crcv/14617

[32] http://www.noblesseetroyautes.com/vaux-le-vicomte-ou-livresse-des-sommets/

[33] http://pimousse.vaux.free.fr/vauxlevicomte/jeux.html

[34] Nachfolgendes Bild aus: . https://onlybyland.com/visit-vaux-le-vicomte/

[35] Howald S. 112/114

Bild des Monats Februar 2026: Das Grab von Antoine-Augustin Parmentier auf dem Père Lachaise

Der Dank für die Pommes Frites gilt Antoine-Augustin Parmentier (1737 – 1813), einem französischen Pharmazeuten und Agronom, der auf dem Friedhof Père Lachaise bestattet ist. Sein Grab wird gerne von Kartoffel-Freunden und -Freundinnen geschmückt.

Denn Parmentier hatte wesentlichen Anteil daran, die Kartoffel in Frankreich, dem klassischen Land des Getreideanbaus, zu verbreiten. Ein wesentlicher Anstoß dazu waren sicherlich die im 17. und 18. Jahrhundert häufigen Hungersnöte, vor allem die „grande famine“ von 1709, der ca 600 000 Menschen zum Opfer fielen. Sicherung und Verbreiterung der Nahrungsmittelversorgung waren eine existentielle Notwendigkeit. Dass dabei die Kartoffel eine wichtige Rolle spielen kann, erfuhr Parmentier in Theorie und dann sogar am eigenen Leibe in Deutschland. Während des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) war er, damals als Apotheker im Dienst der französischen Armee, nämlich längere Zeit in Deutschland. In Frankfurt am Main hatte er Kontakt zu dem Naturforscher Christian Friedrich Meyer, der ihm sogar seine Tochter zur Frau geben wollte, sofern er sich hier niederlassen würde. Parmentier kehrte jedoch nach Frankreich zurück. Erneut in Deutschland, lernte er dann als Kriegsgefangener in Westfalen den Kartoffelanbau auch in der Praxis kennen. Den hatte Friedrich der Große mit Hilfe seiner „Kartoffelbefehle“ schon seit 1746 in Preußen durchgesetzt. Über seine entsprechenden Erfahrungen als Kriegsgefangener schrieb Parmentier: „Während mehr als 14 Tagen waren Kartoffeln meine einzige Ernährung, aber ich fühlte mich dabei nicht ermüdet und nicht unwohl“.

Parmentier überzeugte sich von dem Potential der Kartoffel und gewann 1771 mit ihr den Preis der Akademie zu Besançon zur Untersuchung von Nahrungspflanzen, die in Zeiten einer Hungersnot genutzt werden könnten. Zur allgemeinen Akzeptanz der Kartoffel war es aber noch ein beschwerlicher Weg, den Parmentier aber mit großer Energie beschritt. Es gelang ihm sogar, Marie Antoinette und König Ludwig XVI. für die Kartoffel zu begeistern: Am Saint Louis-Feiertag 1786 überreichte er dem König in Versailles einen Strauß Kartoffelblüten. Eine steckte der König in sein Knopfloch, eine andere Marie-Antoinette in ihr hochgetürmtes Haar: Eine neue Mode war kreiert. Dazu überließ Ludwig XVI. Parmentier auf einem sandigen Militärgelände im Westen von Paris einen Acker als Versuchsfeld für den Kartoffelanbau: Die Metrostation „Les Sablons“ der Linie 1 erinnert noch daran.

Übrigens soll Ludwig XVI. Soldaten abgestellt haben, um die Kartoffelfelder von „Les Sablons“ zu „bewachen“. Er habe damit erreichen wollen, dass die Bauern die offensichtlich wertvollen Kartoffeln von den Feldern stehlen. So soll es ja vor ihm schon Friedrich der Große gemacht haben, um die Vorbehalte seiner zögerlichen Bauern zu überwinden.

Heute ist Frankreich nach Deutschland und Polen das drittgrößte „Kartoffel-Land“ der EU, und der Name Parmentier ist bekannt und populär. Ein verbreiteter Kartoffelauflauf – im Allgemeinen mit Rindfleisch – siehe Foto) ist nach ihm benannt. Manchmal, wenn bei uns „schnelle Küche“ angesagt ist, gibts auch den Kartoffelauflauf mit Ente (Parmentier de canard)….

Und wenn auf der Speisekarte potage parmentier steht, wie bei dem Petit Bouillon Pharamond in Paris, dann weiß zumindest jeder französische Gast, dass es sich um eine Kartoffelsuppe handelt.

Selbst in deutschen Supermarktregalen findet man Produkte, die an Parmentier erinnern:

Aber Parmentiers Verdienste und Tätigkeiten beschränkten sich nicht auf die Kartoffel. Er beschäftigte sich auch mit Zucker und stellte Weinsirup her, den er im ganzen Land bekannt zu machen suchte. Daran erinnert ein Relief auf seinem Grabdenkmal.

Ursprünglich war es von einem mit Kartoffeln bepflanzten Beet umgeben. Das gibt es jetzt nicht mehr. Aber dafür gibt es ja die Kartoffeln auf dem Denkmal…

Ludwig XVI. beglückwünschte übrigens Parmentier zur erfolgreichen Einführung der Kartoffel in Frankreich. Das Land werde ihm einmal dankbar dafür sein „das Brot der Armen“ erfunden zu haben. Die pommes frites wurden erst später „erfunden“, aber ohne Parmentier gäbe es sie nicht…

Das Grab Parmentiers befindet sich in division 39, allée P. Reste.

„Der größte Teppich der Welt“: Die Prunkteppiche Ludwigs XIV. für die Grande Galerie des Louvre

Während der 54 Jahre, in denen Ludwig XIV. Frankreich allein regierte, demonstrierte er seine Herrlichkeit und Macht in prachtvollen Bauten und Gärten, in aufwändigen Festen und mit einem kostspieligen Hofstaat. Das Projekt, in dem dafür völlig ungeeigneten Park von Versailles die etwa 50 großen Fontänen mit über 1400 Düsen mit ständig sprudelndem Wasser zu versorgen, wurde auf diesem Blog schon ausführlich als  größenwahnsinnige Machtdemonstration dargestellt.[1] Weniger bekannt ist ein ebenfalls gigantisches Projekt: ein monumentaler Teppich, der die gesamte Grande Galerie, die den Louvre mit den Tuilerien verbindet, bedecken sollte – insgesamt eine Fläche von fast 4000 Quadratmetern. Tatsächlich wurde er hergestellt, aber nie dort ausgelegt. Und die Grande Galerie gibt es heute nicht mehr…[2]

                                                Die Grande Galerie auf dem Turgot-Plan von 1739[3]

1668 beauftragte Colbert, der Minister des Sonnenkönigs, dessen Hofmaler, Charles Le Brun, und die Pariser Teppich-Manufaktur de la Savonnerie, einen riesigen Teppich zu Ehren des Sonnenkönigs herzustellen. Es sollte der größte Teppich der Welt werden..[4] Damals, zu Beginn der Regierungszeit Ludwigs XIV., war der Louvre als offizielle Residenz des Königs ausersehen. Die Grande Galerie sollte zu einem zeremoniellen Korridor ausgebaut werden, den jeder ausländische Botschafter auf dem Weg zu dem geplanten Thronsaal und zum Sonnenkönig zu durchschreiten hatte – hinweg über eine Folge von 93 aneinandergefügten, 9 Meter breiten Teppichen: ein durchgehender Boden von etwa 440 Metern – sechsmal so lang wie der Spiegelsaal von Versailles.

Wer auf den Teppichen über diese geradezu endlose Galerie endlich den Thronsaal erreichte, sollte die eigene Begrenztheit und die Größe des Sonnenkönigs erlebt und den königlichen Glanz mit eigenen Augen gesehen haben. [5]

Dem entsprach die Ikonografie der Teppiche. Sie sollten das Ansehen und die Macht des Königreichs und seines Herrschers demonstrieren. Dafür dienten Herrschaftssymbole, wie sie hier auf dem ersten von ca 30 erstmalig im Grand Palais ausgerollten Teppichen zu sehen sind: Krone, die königliche Lilie und -natürlich- die Sonne.

Diese Herrschaftssymbole wiederholen sich in unterschiedlichen Variationen:

Der königliche Adler durfte natürlich auch nicht fehlen:

Hier mit Schwert und einem Rammbock mit Widderkopf, der auf die vielen von Ludwig XIV. eroberten befestigten Städte hinweist.

Über der Weltkugel die Krone der Bourbonen: Ludwig XIV. als Weltenherrscher

Sein Monogramm mit den beiden Ls.

Hier ein vierfach verschlungenes Monogramm, umgeben von Musikinstrumente: Auch die Musik stand im Dienste des Sonnenkönigs.

Und natürlich platzierte Le Brun den Kopf des Sonnengotts Apoll, seines göttlichen Pendants, in den Mittelpunkt mancher Teppiche. So entstand, wie die Kuratorin der Ausstellung erläuterte, der Beiname „Sonnenkönig“ nicht in Versailles, sondern schon mit diesen grandiosen Teppichen für die Grande Galerie.[6]

Die Sonne mit Ludwigs Devise: Nec pluribus impar (Auch mehreren nicht unterlegen): Auch mit mehreren Feinden kann es, so der Anspruch, der Sonnenkönig aufnehmen… © Mobilier national – Isabelle Bideau

Die große Bedeutung dieser Teppiche zeigt sich auch daran, dass mit den Entwürfen (den cartons) der bedeutendste französische Maler dieser Zeit, Charles Le Brun, beauftragt wurde. Le Bruns Karriere konnte glanzvoller nicht sein. Zwischen 1642 und 1644 wirkte er an der Ausstattung des Hôtel Lambert auf der Île Saint-Louis mit: Er schmückte die Galerie d’Hercule aus, Vorbild für den Spiegelsaal von Versailles. Von der wohlhabenden Pariser Goldschmiede-Gilde erhielt er den ehrenvollen Auftrag, zwei der jährlich für die Kathedrale von Notre-Dame gestifteten großen Gemälde zu schaffen, die Mays von 1647 und 1651. Und dann gehörte er zu dem großen Künstlerdreigestirn Le Vau, Le Nôtre, Le Brun, das ab 1658 Fouquets Schloss Vaux-le-Vicomte baute und ausstattete und das 1661 nach dem Sturz Fouquets von Ludwig XIV. übernommen wurde. Gefördert von Colbert, dessen Schloss in Sceaux  er auch ausgemalt hatte, wurde Le Brun 1662 in den Adelsstand erhoben und zum Premier Peintre du Roi, dem höchsten offiziellen Maleramt, ernannt.  Ein Jahr später erfolgte die Ernennung zum Direkter der Manufacture Royale des Tapisseries et Meubles de la Couronne, für die er zahlreiche Entwürfe machte und deren Ausführung er dann überwachte. 

Im Hof der Manufacture des Gobelins im 13. Arrondissement von Paris steht denn auch eine Statue Le Bruns.

1668 folgte dann der große Auftrag für den Entwurf der 92 Teppiche in der Grande Galerie. Hier der 5. Teppich der Serie, der heute zu den Ausstellungsstücken des Louvre gehört[7]:

In der Mitte des 8,9 x 4,9 m großen Teppichs befindet sich die in alle vier Himmelsrichtungen bekrönte Weltkugel, ein beliebtes Motiv

Darum herum hat Le Brund zweimal die Wappen Frankreichs gruppiert -hier abgebildet mit den königlichen Lilien-  und, nachfolgend abgebildet, zweimal die Wappen Navarras.

Der nördlich des Pyrenäenkamms liegende Teil Navarras war im 16. Jahrhundert ein eigenständiges Königreich. Unter Heinrich IV. kam es dann zur Personalunion von Navarra und Frankreich, und 1620 wurden beide Königreiche vereinigt.

An den Außenseiten zwei ovale Medaillons mit reliefartigen allegorischen Darstellungen: Auf der einen Seite die Verkörperung des Sieges, auf der anderen Seite die des Ruhms, die mit ausgebreiteten Flügeln und vollen Backen die Glorie des Sonnenkönigs gleich mit zwei Trompeten in die Welt schmettert.

Und alles wird umspielt von kunstvollen Arabesken.

Le Bruns Entwurf gefiel den Auftraggebern offensichtlich so gut, dass gleich zwei Teppiche mit diesem Muster hergestellt wurden. Und es kann wohl vermutet werden, dass einer davon zu den 13 Teppichen Le Bruns gehörte, mit denen 1919 der Spiegelsaal von Versailles anlässlich der Unterzeichnung des den Ersten Weltkrieg beendenden „Friedensvertrags“ ausgelegt wurde[8]….

Dass Colbert bereit war, 20 Jahre lang enorme Summen für die Herstellung der Teppiche zur Verfügung zu stellen, hat wohl mehrere Gründe: Die schon unter Heinrich IV. initiierte Herstellung von Knüpfteppichen nach orientalischem Muster (la technique du point noué) sollte so weit perfektioniert werden, dass Frankreich im Sinne des Merkantilismus nicht mehr auf kostspielige Importe angewiesen war. Und die geplante Auslegung der Teppiche in der Grand Galerie sollte ausländischen Besuchern nicht nur den Glanz des Sonnenkönigs, sondern auch die Qualität der französischen Teppichproduktion veranschaulichen. Es kann auch davon ausgegangen werden, dass Colbert, der die enormen Kosten der Verlegung der Residenz nach Versailles scheute, durch die luxuriöse Ausstattung der Grande Galerie den König motivieren wollte, seine Residenz im Louvre nicht aufzugeben.[9] Und nicht zuletzt diente die Luxusindustrie auch der Schaffung von Arbeitsplätzen: Die Teppiche wurden zwar nicht für das Volk, aber immerhin vom Volk hergestellt….

Für den textilen Großauftrag reichte die unter Heinrich IV. im Louvre eingerichtete Werkstatt Pierre Duponts nicht aus. Die Herstellung dieser textilen Meisterwerke verlangte technische und organisatorische Lösungen, die es in dieser Form in Frankreich noch nicht gab. Den Auftrag für die Teppiche der Grande Galerie wurde deshalb an die Manufacture de la Savonnerie in Paris vergeben, benannt nach einer früheren Seifenfabrik am Ort des heutigen Palais de Tokyo. Diese Seifenfabrik wurde von Marie de Médicis zu einem Waisenhaus gemacht. Die billige Arbeitskraft der Waisenkinder zog dann zwei Tuchfabrikanten an, die 1931 ihre Manufaktur dorthin verlegten. Für die Tepichproduktion wurden dann eigens große Werkstätten eingerichtet und Webstühle von bisher unbekanntem Ausmaß gebaut. Verwendet wurde Wolle mit feinen Knüpftechniken [10] und eine breite Farbenpalette. Da war große handwerkliche und auch künstlerische Kompetenz gefragt – man denke nur an die Übertragung der Entwürfe Le Bruns auf die vielfach größeren Teppichformate…

Darstellung der Teppichherstellung und der Werkzeuge der manufacture de la Savonnerie aus der Enzyklopädie von Diderot und Alembert (1771)

Für den auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft und seines Ruhms stehenden Le Brun war der Auftrag ebenfalls eine Herausforderung: Es ging ja darum 92 Teppiche zu entwerfen, die einerseits miteinander harmonieren mussten, andererseits aber auch immer Neues, Überraschendes, Anziehendes anbieten mussten.  Natürlich konnte sich der premier peintre du roi  Le Brun da nicht mit einer Ansammlung von Herrschaftssymbolen begnügen. Der große Auftrag gab ihm Gelegenheit, sein Können und den Reichtum seiner Ideen zu präsentieren und damit Werbung für das „fabriqué en France“ zu betreiben. Die Teppiche zeichnen sich also durch eine Fülle von Formen, Farben und Motiven aus. So gibt es auch schöne Medaillons mit Landschaftsdarstellungen…

Hier wird das Medaillon von zwei Greifen, mythischen Mischwesen, gehalten. © Mobilier national – Isabelle Bideau

…. Sphingen….

…. phantastische Köpfe, im Stil der in der Architektur höchst beliebten Mascarons, wie man sie etwa vom Pont Neuf und den Fassaden der Pariser Stadtpaläste kennt.

Es gibt auch viele allegorische Darstellungen:

Diese Allegorie der Autorität entspricht genau der einflussreichen Iconologie des Cesare Ripa, der 1593 eine detaillierte Beschreibung allegorischer Darstellung vorlegte[11]: Eine Frau mit einem Zepter in der einen und einem Schlüssel in der anderen Hand. An ihrer Seite ein Buch und Trophäen. Der Teppich mit dieser Darstellung, der 70. der für die Grande Galerie vorgesehenen Teppiche, lag übrigens von 1962-1978 und von 1986 bis 2008 im Büro des französischen Staatspräsidenten im Élysée-Palast.

Es gibt auch einen Teppich mit allegorischen Darstellungen des Friedens: Eine weibliche Figur zerbricht die Waffen, eine andere repräsentiert den mit dem Frieden einhergehenden Wohlstand.

 Umgeben sind sie mit dekorativen Elementen aus Olivenzweigen, Symbolen des Friedens.

Für das Thema des Wohlstandes, des Überflusses, steht auch die Allegorie der Abondance mit ihrem Füllhorn.

Abondance, Teppich Nummer 56

Mit der Realität der Herrschaft Ludwigs XIV. haben die Darstellungen von Frieden von Wohlstand nur sehr bedingt zu tun. Denn Ruhm erlangte man ja in der absolutistischen Herrscher-Ideologie Ludwigs vor allem durch (siegreiche) Kriege. Und so waren denn auch in den 55 Jahren der Herrschaft des Sonnenkönigs Friedensjahre eher eine Ausnahme. Aber diese ständigen Kriege zerrütteten den französischen Staatshaushalt massiv und nachhaltig.  Die Saat der Revolution wurde in der Zeit des Sonnenkönigs gelegt. Und angesichts der Lebenswirklichkeit weiter Teile der französischen Bevölkerung waren die immensen Kosten der Teppiche und ihre Motive ein Hohn. Aber Le Bruns Aufgabe war ja, den Sonnenkönig zu verherrlichen, und dazu gehörten natürlich auch die wirklichkeitsfremden Allegorien des Überflusses und des Friedens.

Meist sind es Frauen, die die Allegorien verkörpern. Es können aber auch Tiere sein. Hier zum Beispiel Reiher und – geduckt unter ihm- Hase als Allegorien der Wachsamkeit (vigilance):

Wie an seiner Beinhaltung erkennbar, schläft zwar der Reiher, aber die durch die Farbe Rot hervorgehobenen Augen sind geöffnet, ebenso beim Hasen unter ihm: Wachsam nach allen Seiten…

Auch der kämpferische Hase steht für die Wachsamkeit.

Es gibt noch viele weitere Tierdarstellungen auf den Teppichen; zum Teil ganz entzückende, ob allegorisch oder einfach nur dekorativ…

Ein Elefant durfte natürlich nicht fehlen, galt er doch als Symbol königlicher Macht und Weisheit. Zu den besonderen Attraktionen der Menagerie Ludwigs XIV. im Park von Versailles gehörte ja auch ein vom portugiesischen König geschenkter Elefant, der Elefant von Versailles, der auch ein beliebtes Modell für die königlichen Maler war.

Die verbreitetsten dekorativen Elemente der Teppiche sind Blumen und Früchte.

Das konnten sogar auch eher bescheidene Blumen sein, vor allem aber natürlich Rosen.

Die prachtvollen Früchtekörbe werden den Sonnenkönig besonders erfreut haben: Der potager du roi, der königliche Obst-und Gemüsegarten am Rand des Parks von Versailles war ein Lieblingsort des Königs und La Quintinie, der oberste königliche Nutzgärtner,  ein besonders geschätzter und  geehrter Vertrauter.

Aber Blumen und Früchte sind nicht nur dekorativ: Sie kommen ja auch aus dem Füllhorn der Abondance: Wer über den Teppich der Grande Galerie schreitet, soll sehen, dass er sich in einem Land des Wohlstands und des Glücks befindet.

Ludwig XIV. war das allerdings nicht genug. Der Sonnenkönig wollte mit seinem größenwahnsinnigen Versailles-Projekt alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen. In Versailles allerdings wurden die Teppiche für die Grande Galerie nicht mehr gebraucht. Einige wurden als Staatsgeschenke verwendet, 51 während der Französischen Revolution verkauft, manche wegen ihrer royalen Hoheitssymbole von fanatischen Revolutionären zerstückelt. Napoleon kaufte zwar manche wieder zurück, aber viele gingen in dieser Zeit verloren.  Heute sind die noch bekannten Teppiche der Grande Galerie verstreut, in öffentlichen und privaten Sammlungen in Frankreich, Italien, der Schweiz, Dänemarks, Großbritanniens und den Vereinigten Staaten.

Zwei identische Teppiche. Der eine, 1668-1677 gefertigt, der andere 1688. Der zweite war als Staatsgeschenk bestimmt, blieb dann aber doch im Besitz des französischen Staates.[12]

Für die noch im Besitz des französischen Staates befindlichen Teppiche ist das Mobilier national zuständig, das ehemalige Möbellager des Hofes, das 1663 von Louis XIV. und Colbert gegründet wurde. Es kümmert sich heute um die Einrichtung der offiziellen Regierungspaläste der Republik, wie den Palais de l‘Élysée oder die Ministerien. So wurden und werden denn auch die Teppiche gelegentlich für offizielle Zwecke verwendet: Zum Beispiel wurde manchen Staatsgästen nicht der übliche einfache rote Teppich ausgerollt, sondern eben Teppiche Le Bruns. Nelson Mandela wurde 1996 bei seinem Empfang auf dem Flughafen Orly diese Ehre zuteil. Die präsidialen Räume im  Élysée-Palast waren zeitweise auch mit Le Brun-Teppichen ausgelegt und auch das Pariser Rathaus war dafür würdig genug. Manchmal wurden sie auch bei feierlichen Anlässen verwendet – so bei der Krönung Karls X. 1825 in der Kathedrale von Reims.

Anfang Februar 2026 waren ca 30 dem Mobiliar national anvertraute Teppiche gemeinsam im Grand Palais ausgestellt: Eine Weltpremiere. Aber nur eine einzige Woche lang; aus Gründen der Konservierung der empfindlichen Stücke, vor allem aber wohl wegen des prall gefüllten Kalenders des Grand Palais.

Wir waren sehr froh, diese einmalige Gelegenheit nutzen zu können und sind froh, jetzt Leserinnen und Lesern des Blogs einen Eindruck von der eindrucksvollen Präsentation zu vermitteln.


Anmerkungen

[1] Lesezeit 13 Minuten

https://paris-blog.org/2017/09/01/die-fontaenen-von-versailles-1-die-feier-des-sonnenkoenigs/

https://paris-blog.org/2019/04/01/die-fontaenen-von-versailles-2-ausdruck-absolutistischen-groessenwahns/

https://paris-blog.org/2020/05/19/der-canal-louis-xiv-und-das-aquaedukt-von-maintenon-die-fontaenen-von-versailles-teil-3/

[2] Im Einleitungsteil des Beitrags beziehe ich mich vor allem auf:  Sonja Siegenthaler, Ein gigantischer, nie ausgelegter Teppich des Sonnenkönigs wird im Grand Palais gezeigt. Kultur 04.02.2026  https://bellevue.nzz.ch/reisen-entdecken/kultur/grand-palais-zeigt-den-nie-ausgelegten-teppich-ludwigs-xiv-ld.1923464

[3] Alle Bilder des Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Frauke und Wolf Jöckel

[4] „Le plus grand tapis du monde“, wie die Ausstellungsmacher stolz verkünden. So auf einer Informationstafel am Anfang der Ausstellung. Siehe auch: https://www.rtbf.be/article/a-paris-les-exceptionnelles-tapisseries-du-roi-soleil-s-exposent-pour-la-premiere-fois-au-grand-palais-11673174

Ein Überblick über alle ausgestellten Teppiche bei: https://fr.wikipedia.org/wiki/Tapis_de_la_galerie_d%E2%80%99Apollon_et_de_la_grande_galerie_du_Louvre

[5] « L’idée était que les ambassadeurs qui visitaient Louis XIV puissent marcher pendant 442 m sur des tapis très forts en symbolique jusqu’au trône du roi, et se disent qu’il est le plus puissant monarque du monde », explique Emmanuelle Federspiel, conservatrice et co-commissaire de l’exposition. https://www.leparisien.fr/culture-loisirs/expositions/reunis-pour-la-premiere-fois-au-grand-palais-les-tapis-du-roi-soleil-brillent-enfin-plus-de-350-ans-apres-

[6] „C’est d’ailleurs de ce programme artistique que naît le surnom du Roi-Soleil,  au Louvre, et non pas à Versailles“ (Emmanuelle Federspiel, conservatrice et co-commissaire de l’exposition). https://www.leparisien.fr/culture-loisirs/expositions/reunis-pour-la-premiere-fois-au-grand-palais-les-tapis-du-roi-soleil-brillent-enfin-plus-de-350-ans-apres-01-02-2026

[7] Tapis de la Grande Galerie aux armes de France et de Navarre avec un globe au centre – Louvre site des collections  Siehe auch: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tapis_de_Savonnerie_Louis_XIV_apres_Charles_Le_Brun_pour_la_Grande_Galerie_du_Louvre.jpg und

Le Trésor retrouvé du Roi-Soleil | Grand Palais RMN | Espace Presse

[8] Nachfolgendes Bild: Gemälde von Herbert Arnould Olivier aus: Tapis de la galerie d’Apollon et de la grande galerie du Louvre — Wikipédia

[9] So eine Informationstafel der Ausstellung

[10] Im Ausstellungsbericht des Le Parisien ist von 16 000 Knoten pro Quadratzentimeter die Rede. Das wären pro Quadratmeter 16 000 000 Knoten. Besonders feine persische Seidenteppiche haben allerdings „nur“ 600 000 Knoten pro Quadratmeterhttps://www.leparisien.fr/culture-loisirs/expositions/reunis-pour-la-premiere-fois-au-grand-palais-les-tapis-du-roi-soleil-brillent-enfin-plus-de-350-ans-apres-01-02-2026-TDZIKLJ6RVCTVPPLYXWCXXSPTM.php  und https://www.kibek.de/lexikon/knuepfdichte/

Die Manufacture de la savonnerie gibt es auch heute noch, allerdings in Lodève (Herault): https://www.herault-tourisme.com/fr/fiche/patrimoine-culturel/manufacture-nationale-de-la-savonnerie-atelier-de-lodeve-lodeve_TFOPCULAR034FS00026/

[11] Siehe dazu: Alice Thaler,  Die Signatur der Iconologia des Cesare Ripa : Fragmentierung, Sampling und Ambivalenz : eine hermeneutische Studie. Basel 2018

[12] Bild aus: Tapis de la galerie d’Apollon et de la grande galerie du Louvre — Wikipédia

Weitere Blog-Beiträge zu Ludwig XIV.:

Grottesco: Eva Jospins Traumwelten aus Karton im Grand Palais

Leserinnen und Lesern dieses Blogs ist Eva Jospin schon mehrfach begegnet. So im Beitrag über die verlängerte Metro-Linie 14, wo Eva Jospin eine Außenwand des Bahnhofs Hôpital-Bicêtre künstlerisch gestaltet hat.[1]

Und im Park von Chaumont-sur-Loire, der im September 2025 auf diesem Blog vorgestellt wurde, hat Eva Jospin eine wunderbare „Folie“ gestaltet, eine der in klassischen englischen Landschaftgärten eingestreuten Attraktionen und Blickpunkte.[2]

Es ist eine wunderbare Mischung zwischen Tempelchen und Grotte, inzwischen von der Natur überwuchert: eine für Jospin ideale Verbindung zwischen Natur und Architektur.

Sowohl die Wand des Bahnhofs von Hôpital-Bicêtre als auch die Folie von Chaumont-sur-Loire sind überwiegend aus Beton gefertigt. Die Modelle dafür bestanden aber aus Karton, dem bevorzugten Arbeitsmaterial Jospins. Die aktuelle Ausstellung im Grand Palais bietet nun die einzigartige Möglichkeit, die Meisterschaft ihrer Karton-Arbeiten und deren Variationsreichtum im Detail und aus nächster Nähe zu betrachten und zu bewundern.

Die Ausstellung findet gleichzeitig und gemeinsam mit der Präsentation von Claire Tabourets neuen Kirchenfenstern für Notre-Dame statt.

Blick in die Werkstatt von Eva Jospin[3]

Ein bevorzugter Gegenstand, den Eva Jospin mit ihren Kartons gestaltet, ist der Wald. Am Ende der Ausstellungs- Galerie steht eine monumentale, 9 Meter breite Wald-Wand.

Panorama, 2016, Karton und Holz 480 x 900 x 450 cm

Es ist ein Halbrund und trägt den Titel „Panorama“: Das bezieht sich auf die historischen Panoramen,  die Ende des 18. Jahrhunderts entstanden und sich, Vorläufer des Kinos,  im 19. Jahrhundert großer Beliebtheit erfreuten – gerade auch in Paris: Die Passage des Panoramas und die Panorama-Rotunde an den Champs-Élysées, Nachfolgerin des klassischen Baus Hittorffs, erinnern an die Blütezeit der Panoramen.  Und ein wenig wie damals lädt Jospins Panorama zu einem Spaziergang zwischen tiefem Wald und mineralischen Felswänden ein. Es gibt keine Menschen oder Tiere, aber der Wald ist nicht tot, er ist nur eingeschlafen. Ein Wolf könnte im dichten Unterholz lauern,  Eichhörnchen jederzeit in den Baumwipfeln herumtollen…

Für Jospin ist der Wald „Quelle der Magie. Er verweist auf die Ursprünge der Welt, auf Legenden und Märchen, weckt Staunen und Furcht.“ Mit den Worten Eva Jospins: „Es ist ein Ort, der sofort dazu anregt, neue Welten zu entdecken. Für mich ist es der Raum, der das Sichtbare und das Unsichtbare am besten verkörpert.“[4]

Schleicht hier vielleicht eine Echse durch das Unterholz?

Die Bewunderung des Waldes teilt Jospin übrigens mit Gustave Courbet, auf den sie sich auch ausdrücklich bezieht und in dessen Atelier in Ornans sie 2025 einige ihrer Werke ausgestellt hat. Beide waren fasziniert von den Wäldern, den Felsen, den Grotten und den Quellen. Aber im Gegensatz zu Courbet, dem Meister des Realismus, imitiert Jospin niemals die Natur, sondern erschafft sie immer wieder neu.[5]

Neben den Wäldern sind es phantasievolle Werke der Architektur, die Eva Jospin vor allem aus Karton herstellt. Beide Bereiche ohne jede menschliche Präsenz, geheimnisvoll, aber nicht beunruhigend – verstörend.

Scala, 2025 Karton, Messing

Diorama 2025  Holz, Karton, Bronze, Gips

Bögen, Säulen, Baumstümpfe, Felsen, Stalaktiten: Dieses Diorama vereint einen Großteil der Bildsprache Eva Jospins, zwischen Präsenz und Abwesenheit, Steinen und Bäumen, Ruinen und Höhlen. In diesem kleinen, intimen Theater vermischen sich Natur und Kultur organisch, ähnlich wie in den Kuriositätenkabinetten, deren Idee in der italienischen Renaissance entwickelt wurde.[6]

Betrachtet man die phantastischen Architekturen Jospins drängen sich viele Assoziationen auf: an die Architektur der troglodytischen Siedlungen, an die Säulen und Kapitelle des antiken Griechenlands, an die italienischen Capricci des 18. Jahrhunderts, die Welt des M.C.Escher oder die erträumten Landschaften und Bauten Hubert Roberts….

Es sind auch mächtige Bauten, die Jospin in der Ausstellung präsentiert.

„Traumwelten aus Karton“: Ausstellung in Palais des Papes. Photography: Benoît Fougeirol © ADAGP, Paris[7]

Ausstellungstücke und Ausstellungsort sind nicht ganz so exquisit wie 2024 im Palais des Papes in Avignon, aber eindrucksvoll genug –  trotz des großen Gedränges in der Galerie des Grand Palais.

Im Vordergrund der Cénotaphe aus dem Jahr 2020, u.a. aus Holz, Karton, Muscheln, Buntpapier. Dahinter die Kuppel des 7,3 Meter hohen Duomo aus dem Jahr 2025

Die Kuppel des Duomo erinnert mit der Öffnung zum Himmel und den  herabhängenden Wurzeln an die Folie in Chaumont-sur-Loire.

Da die Fenster der Galerie ausdrücklich nicht zugestellt sind, öffnet sich der Blick auch auf die Architektur der Stadt… Und die Ausstellungsstücke verändern sich mit dem unterschiedlichen Lichteinfall.

Beim Rundgang durch die Ausstellung versteht man auch den Titel, den ihr Eva Jospin gegeben hat: Grottesco: Der Name verweist auf eine Legende, die von einem jungen Römer handelt. Er fällt aus Versehen in eine Höhle, wo er wunderschöne, vergessene Fresken entdeckt: Überreste des Domus Aurea des Nero, die seit Jahrhunderten verschüttet waren. Daraus entstand der Begriff des  „Grotesken“, ein Stil, in dem, so Jospin, „Pflanzen, Architektur, das Illusionäre und das Märchenhafte eine Einheit bilden. Das Groteske ist ein anderer Name für das Fantastische, das Unerwartete.“[8]

In der Ausstellung im Grand Palais gibt es auch einige Stickereien aus Seide und Wollfäden. Ein besonderes Beispiel für Jospins textile Arbeiten konnte man 2024 in der Orangerie des Schlosses von Versailles bewundern: Ein monumentales, 107 Meter langes Natur- und Architekturpanorama.[9]

In der Galerie des Grand Palais sind kleine(re), aber ebenfalls feine textile Werke ausgestellt.

Arche 2025 (Ausschnitt) Seiden- und Metallfäden

Source (Quelle), 2025. Eine Landschafts- Stickerei mit Seidenfäden, Holzrahmen

Source, Detail

Sous-bois (Unterholz, Ausschnitt) 2025 Stickerei mit Seidenfäden

Eva Jospin in ihrer Werkstatt [10]


Anmerkungen

[1] https://paris-blog.org/2024/10/01/die-verlangerte-metro-linie-14-von-saint-denis-zum-flughafen-orly-technische-architektonische-kunstlerische-superlative-und-stadtebauliche-und-soziale-veranderungen/

Alles Bilder dieses Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Frauke und Wolf Jöckel

5 Minuten Lesezeit

[2] https://paris-blog.org/2025/09/06/der-skulpturenpark-von-chaumont-sur-loire/

[3] https://kultur24-berlin.de/ruinart-kunstprojekt-zum-gallery-weekend-in-berlin/

[4]   „C’est un lieu qui incite immédiatement à découvrir de noveaux mondes. Pour moi, c’est l’espae qui incarne le mieux le visible et l’invisible.“  Connaissance des arts hors-série, Eva Jospin, Grottesco. S. 14

Dieses Heft von Conaissance des arts behandelt auch die Ausstellung von Claire Tabouret, d’un seul souffle, die gleichzeitig in einer benachbarten Galerie des Grand Palais stattfindet.

[5] Guillaume Morel, Eva Jospin, rêver le paysage. In: connaissance des arts, S. 17

[6] Siehe: Le microcosme magique. In: connaissance des arts, S. 23

[7] https://thespaces.com/eva-jospin-palais-des-papes-avignon/?utm_source=Pinterest&utm_medium=organic&epik=dj0yJnU9SGV3X3UxV2VZWGZleUhuX2NqMFJLNmRXWVBPSkE1M3AmcD0wJm49aDhRMF80bTFRYzE4VGp1VjktdWx0ZyZ0PUFBQUFBR2wtQTkw

[8] Eva Jospin in: Connaissance  des arts, S. 6

[9] https://paris-blog.org/2024/08/30/versailles-ein-natur-und-architekturpanorama-eva-jospins-in-der-orangerie-von-versailles/

[10] Bild aus: connaissance des arts, S. 5

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