Leserinnen und Lesern dieses Blogs ist Eva Jospin schon mehrfach begegnet. So im Beitrag über die verlängerte Metro-Linie 14, wo Eva Jospin eine Außenwand des Bahnhofs Hôpital-Bicêtre künstlerisch gestaltet hat.[1]

Und im Park von Chaumont-sur-Loire, der im September 2025 auf diesem Blog vorgestellt wurde, hat Eva Jospin eine wunderbare „Folie“ gestaltet, eine der in klassischen englischen Landschaftgärten eingestreuten Attraktionen und Blickpunkte.[2]

Es ist eine wunderbare Mischung zwischen Tempelchen und Grotte, inzwischen von der Natur überwuchert: eine für Jospin ideale Verbindung zwischen Natur und Architektur.

Sowohl die Wand des Bahnhofs von Hôpital-Bicêtre als auch die Folie von Chaumont-sur-Loire sind überwiegend aus Beton gefertigt. Die Modelle dafür bestanden aber aus Karton, dem bevorzugten Arbeitsmaterial Jospins. Die aktuelle Ausstellung im Grand Palais bietet nun die einzigartige Möglichkeit, die Meisterschaft ihrer Karton-Arbeiten und deren Variationsreichtum im Detail und aus nächster Nähe zu betrachten und zu bewundern.

Die Ausstellung findet gleichzeitig und gemeinsam mit der Präsentation von Claire Tabourets neuen Kirchenfenstern für Notre-Dame statt.








Blick in die Werkstatt von Eva Jospin[3]
Ein bevorzugter Gegenstand, den Eva Jospin mit ihren Kartons gestaltet, ist der Wald. Am Ende der Ausstellungs- Galerie steht eine monumentale, 9 Meter breite Wald-Wand.

Panorama, 2016, Karton und Holz 480 x 900 x 450 cm
Es ist ein Halbrund und trägt den Titel „Panorama“: Das bezieht sich auf die historischen Panoramen, die Ende des 18. Jahrhunderts entstanden und sich, Vorläufer des Kinos, im 19. Jahrhundert großer Beliebtheit erfreuten – gerade auch in Paris: Die Passage des Panoramas und die Panorama-Rotunde an den Champs-Élysées, Nachfolgerin des klassischen Baus Hittorffs, erinnern an die Blütezeit der Panoramen. Und ein wenig wie damals lädt Jospins Panorama zu einem Spaziergang zwischen tiefem Wald und mineralischen Felswänden ein. Es gibt keine Menschen oder Tiere, aber der Wald ist nicht tot, er ist nur eingeschlafen. Ein Wolf könnte im dichten Unterholz lauern, Eichhörnchen jederzeit in den Baumwipfeln herumtollen…

Für Jospin ist der Wald „Quelle der Magie. Er verweist auf die Ursprünge der Welt, auf Legenden und Märchen, weckt Staunen und Furcht.“ Mit den Worten Eva Jospins: „Es ist ein Ort, der sofort dazu anregt, neue Welten zu entdecken. Für mich ist es der Raum, der das Sichtbare und das Unsichtbare am besten verkörpert.“[4]

Schleicht hier vielleicht eine Echse durch das Unterholz?

Die Bewunderung des Waldes teilt Jospin übrigens mit Gustave Courbet, auf den sie sich auch ausdrücklich bezieht und in dessen Atelier in Ornans sie 2025 einige ihrer Werke ausgestellt hat. Beide waren fasziniert von den Wäldern, den Felsen, den Grotten und den Quellen. Aber im Gegensatz zu Courbet, dem Meister des Realismus, imitiert Jospin niemals die Natur, sondern erschafft sie immer wieder neu.[5]

Neben den Wäldern sind es phantasievolle Werke der Architektur, die Eva Jospin vor allem aus Karton herstellt. Beide Bereiche ohne jede menschliche Präsenz, geheimnisvoll, aber nicht beunruhigend – verstörend.

Scala, 2025 Karton, Messing

Diorama 2025 Holz, Karton, Bronze, Gips
Bögen, Säulen, Baumstümpfe, Felsen, Stalaktiten: Dieses Diorama vereint einen Großteil der Bildsprache Eva Jospins, zwischen Präsenz und Abwesenheit, Steinen und Bäumen, Ruinen und Höhlen. In diesem kleinen, intimen Theater vermischen sich Natur und Kultur organisch, ähnlich wie in den Kuriositätenkabinetten, deren Idee in der italienischen Renaissance entwickelt wurde.[6]


Betrachtet man die phantastischen Architekturen Jospins drängen sich viele Assoziationen auf: an die Architektur der troglodytischen Siedlungen, an die Säulen und Kapitelle des antiken Griechenlands, an die italienischen Capricci des 18. Jahrhunderts, die Welt des M.C.Escher oder die erträumten Landschaften und Bauten Hubert Roberts….

Es sind auch mächtige Bauten, die Jospin in der Ausstellung präsentiert.

„Traumwelten aus Karton“: Ausstellung in Palais des Papes. Photography: Benoît Fougeirol © ADAGP, Paris[7]
Ausstellungstücke und Ausstellungsort sind nicht ganz so exquisit wie 2024 im Palais des Papes in Avignon, aber eindrucksvoll genug – trotz des großen Gedränges in der Galerie des Grand Palais.

Im Vordergrund der Cénotaphe aus dem Jahr 2020, u.a. aus Holz, Karton, Muscheln, Buntpapier. Dahinter die Kuppel des 7,3 Meter hohen Duomo aus dem Jahr 2025


Die Kuppel des Duomo erinnert mit der Öffnung zum Himmel und den herabhängenden Wurzeln an die Folie in Chaumont-sur-Loire.

Da die Fenster der Galerie ausdrücklich nicht zugestellt sind, öffnet sich der Blick auch auf die Architektur der Stadt… Und die Ausstellungsstücke verändern sich mit dem unterschiedlichen Lichteinfall.

Beim Rundgang durch die Ausstellung versteht man auch den Titel, den ihr Eva Jospin gegeben hat: Grottesco: Der Name verweist auf eine Legende, die von einem jungen Römer handelt. Er fällt aus Versehen in eine Höhle, wo er wunderschöne, vergessene Fresken entdeckt: Überreste des Domus Aurea des Nero, die seit Jahrhunderten verschüttet waren. Daraus entstand der Begriff des „Grotesken“, ein Stil, in dem, so Jospin, „Pflanzen, Architektur, das Illusionäre und das Märchenhafte eine Einheit bilden. Das Groteske ist ein anderer Name für das Fantastische, das Unerwartete.“[8]
In der Ausstellung im Grand Palais gibt es auch einige Stickereien aus Seide und Wollfäden. Ein besonderes Beispiel für Jospins textile Arbeiten konnte man 2024 in der Orangerie des Schlosses von Versailles bewundern: Ein monumentales, 107 Meter langes Natur- und Architekturpanorama.[9]

In der Galerie des Grand Palais sind kleine(re), aber ebenfalls feine textile Werke ausgestellt.

Arche 2025 (Ausschnitt) Seiden- und Metallfäden

Source (Quelle), 2025. Eine Landschafts- Stickerei mit Seidenfäden, Holzrahmen

Source, Detail

Sous-bois (Unterholz, Ausschnitt) 2025 Stickerei mit Seidenfäden

Eva Jospin in ihrer Werkstatt [10]
Anmerkungen
[1] https://paris-blog.org/2024/10/01/die-verlangerte-metro-linie-14-von-saint-denis-zum-flughafen-orly-technische-architektonische-kunstlerische-superlative-und-stadtebauliche-und-soziale-veranderungen/
Alles Bilder dieses Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Frauke und Wolf Jöckel
5 Minuten Lesezeit
[2] https://paris-blog.org/2025/09/06/der-skulpturenpark-von-chaumont-sur-loire/
[3] https://kultur24-berlin.de/ruinart-kunstprojekt-zum-gallery-weekend-in-berlin/
[4] „C’est un lieu qui incite immédiatement à découvrir de noveaux mondes. Pour moi, c’est l’espae qui incarne le mieux le visible et l’invisible.“ Connaissance des arts hors-série, Eva Jospin, Grottesco. S. 14
Dieses Heft von Conaissance des arts behandelt auch die Ausstellung von Claire Tabouret, d’un seul souffle, die gleichzeitig in einer benachbarten Galerie des Grand Palais stattfindet.
[5] Guillaume Morel, Eva Jospin, rêver le paysage. In: connaissance des arts, S. 17
[6] Siehe: Le microcosme magique. In: connaissance des arts, S. 23
[7] https://thespaces.com/eva-jospin-palais-des-papes-avignon/?utm_source=Pinterest&utm_medium=organic&epik=dj0yJnU9SGV3X3UxV2VZWGZleUhuX2NqMFJLNmRXWVBPSkE1M3AmcD0wJm49aDhRMF80bTFRYzE4VGp1VjktdWx0ZyZ0PUFBQUFBR2wtQTkw
[8] Eva Jospin in: Connaissance des arts, S. 6
[9] https://paris-blog.org/2024/08/30/versailles-ein-natur-und-architekturpanorama-eva-jospins-in-der-orangerie-von-versailles/
[10] Bild aus: connaissance des arts, S. 5
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