Seit 2009, als wir gemeinsam unsere Berufstätigkeit beendet haben, leben meine Frau und ich in Paris. Zunächst war das nur für ein Jahr geplant. Jetzt sind daraus aber schon viele Jahre mehr geworden und es sollen auch noch einige Jahre folgen. Das Leben in Paris –kombiniert mit der Möglichkeit, in vier Stunden auch wieder in der alten Heimat zu sein- ist eine große Herausforderung und Bereicherung. Dieser neue Lebensabschnitt in Frankreich ist die konsequente Fortsetzung einer langen Beziehung zu Frankreich: Meine Frau war Französisch-Lehrerin. Für mich war das Französische zwar nur vierte Fremdsprache, aber ich erhielt schon als Schüler ein Sprach- Stipendium des deutsch-französischen Jugendwerks, um als "Dolmetscher" das Orchester meines Darmstädter Gymnasiums in unsere Schwesterstadt Troyes zu begleiten. Und schon als Schüler besuchte ich - auf abenteuerliche Weise als Tramper- zum ersten Mal Paris. Es folgte während meines Studiums (Germanistik, Geschichte und Politik) ein Aufenthalt an der Universität Besancon. Dort erhielt ich auch die Anregung zu meiner Promotion über den im französischen Exil entstandenen Roman Heinrich Manns über die Jugend und die Vollendung des "guten Königs" Henri Quatre. Als Ausbilder von Lehrkräften aus Staaten der Europäischen Union und Betreuer von französischen Referendar/innen am Studienseminar in Frankfurt hatte ich auch während meiner Berufstätigkeit engen Kontakt zu Frankreich. Und im Laufe der Zeit entstanden viele gemeinsame Kontakte und Freundschaften, so dass Paris der "natürliche" Ort eines neuen Lebensabschnitts war.
Als Historiker interessiere ich mich besonders für die deutsch- französische Geschichte und die wechselseitigen deutsch-französischen Sichtweisen in Vergangenheit und Gegenwart; und natürlich für diese wunderbare Stadt Paris mit ihren vielen Facetten, ihrem historischen und kulturellen Reichtum, aber auch ihren Widersprüchen. Als ehrenamtlicher Stadtführer von „Parisien d’un jour“ versuche ich, Besuchern der Stadt etwas von den in den gängen Reiseführern eher stiefmütterlich behandelten Seiten der Stadt zu vermitteln. Und auch mit diesem Blog möchte ich dazu beitragen, das Interesse an Frankreich und Paris zu befördern und Lust zu machen, auf Entdeckungsreise zu gehen.
Inzwischen hat die „Rückeroberung“ der stillgelegten Ringbahntrasse weitere Fortschritte gemacht. Eine vollständige Erschließung ist allerdings kaum möglich und auch nicht geplant. Herbert Boll und Herrmann Kollmar, zwei Leser dieses Blogs, haben in diesem Jahr die zugänglichen Teilstücke der Petite Ceinture erkundet:
„Erlebt haben wir ein Stück vergangener Eisenbahngeschichte. Entdeckt haben wir Orte, die mit viel Kreativität und Engagement neugestaltet wurden. Gleichzeitig wurde ihr ursprünglicher Charakter erhalten. Sehr gerne hält man sich dort auf. Wir erlebten eine grüne Oase mit viel Ruhe inmitten einer Millionenstadt. Wir sind Menschen begegnet, die sich dort Spazieren gehen, joggen, Sport oder Yoga betreiben… Wir standen aber auch immer wieder vor verschlossenen Gittern, zu den Abschnitten der Petite Ceinture, die nicht öffentlich zugänglich sind. Begonnen haben wir im 18é Arrondissement bei La Récyclerie und sind dann der Petite Ceinture quasi gegen den Uhrzeigersinn gefolgt.“
Hier eine von den beiden Wanderern erstellte Karte mit den Zugängen zur Petite Ceinture:
Sehr informativ und hilfreich ist der folgende von der Association Sauvegarde Petite Ceinture erstellte Link mit zahlreichen Informationen rund um die Petite Ceinture:
Dort sind nicht nur alle Zugänge mit den jeweiligen Adressen aufgeführt, sondern auch die noch erhaltenen und nun öffentlich zugänglichen ehemaligen Bahnhöfe mit ihren Angeboten (z.B.Bar, Café, Restaurant, Kultur). Es gibt auch kostenpflichtige Angebote von Führungen in französischer Sprache mit einem conférencier der Association.
Die Zeiten, zu denen die Petite Ceinture zugänglich ist, entsprechen denen der öffentlichen Parks in den jeweiligen Arrondissements.
Nachfolgend eine fotografische Einladung zu einem „Rundgang“ auf der Petite Ceinture.
Der Zugang zur Petite Ceinture beim Hasard Ludique ist nur während der Öffnungszeiten des Lokals möglich!
Die Petite Ceinture im 17. Arrondissement
Länge: 0,7 km
Zugang: Ecke Rue de Tocqueville und Boulevard Péreire
Die Petite Ceinture im 16. Arrondissement
Länge: 1,2 km
Zugänge:
gegenüber 27 Boulevard de Beauséjour (barrierefreier Zugang)
Ecke Rue du Ranelagh und Boulevard de Beauséjour (barrierefreier Zugang) –
gegenüber 77 Boulevard de Montmorency
Im Bereich des Teilstücks der Petite Ceinture im noblen 16. Arrondissements gibt es gleich drei ehemalige Bahnhöfe, die jetzt zu entsprechend noblen Restaurants umgewandelt wurden:
-124 Avenue du General Leclerc (hinter dem Poinçon) – Gegenüber 96bis rue Didot
Ehemaliger Bahnhof Montrouge-Ceinture: Café, Restaurant Poinçon
Über der Brücke das Restaurant/Café Poinçon
Die Petite Ceinture im 13. Arrondissement
Länge: 0,43 km
9 rue Augustin Mouchot (barrierefreier Zugang) – 26 rue de l’Interne Loeb (barrierefreier Zugang) – Über den Jardin de la Porte des Peupliers (barrierefreier Zugang)
Die Petite Ceinture im 12. Arrondissement
Länge: 1,67 km
Zugänge: Villa du Bel Air (barrierefreier Zugang) – Via Square Charles Péguy (barrierefreier Zugang) – Rue des Meuniers (barrierefreier Zugang) – Rue Claude Decaen – Rue du Sahel an der Coulée Vert
Die Petite Ceinture im 20. Arrondissement
Länge: 0,2 km
11 rue de la Mare (barrierefreier Zugang) – 79 rue de Menilmontant
1. Spaziergang : 30 rue de Thionville – 2bis rue de l’Ourcq Länge: 0,23 km
2. Spaziergang : 177 Flanders Avenue – 95 rue Curial Länge: 0,59 km
Brücke über den Canal de l‘Ourcq
Rechts und links der Petite Ceinture gibt es viele sehr sehenswerte und manchmal eher unbekannte Orte wie zum Beispiel die villa des tulipes im 18. Arrondissement, eine 3 Meter breite und 200 Meter lange (bzw. kurze) entzückende kleine Straße voller Blumen…
Aber für weitere Abstecher dieser Art hätten wir noch mehr Zeit gebraucht….
Die Petite Ceinture als Teil des Rundwanderwegs GR 75 um Paris:
Um Paris verläuft auch ein Rundwanderweg von 50 km, der GR 75. Dieser Rundweg nutzt auch Teile der Petite Ceinture:
Le tour de Paris à pied. 50 km sur le GR 75. FFRandonée. Topo Guides 2022
Dort wird der Rundweg in 13 Etappen eingeteilt und beschrieben.
Thema eines Blog-Beitrags aus dem Jahr 2018 waren die wenigen großen Frauen, die im Pantheon von Paris ihre „republikanische Heiligsprechung“ erhielten:
Zunächst und vor allem war und ist das Pantheon allerdings eine Ruhmeshalle großer Männer, auch wenn in den letzten Jahren die Präsidenten Hollande und Macron Wert darauf gelegt haben, bei den von ihnen vorgenommenen Pantheonisierungen auch endlich Frauen ihren gebührenden Anteil zukommen zu lassen: zuletzt durch die Aufnahme von Simone Veil und Josephine Baker ins Pantheon.
Es waren aber vor allem drei „große Männer“, die in der Entwicklung der Kirche Saint Geneviève zur Ruhmeshalle Frankreichs eine entscheidende Rolle spielten: Voltaire, Rousseau und Victor Hugo. Sie werden deshalb im Zentrum des nachfolgenden Beitrags stehen.
Einleitend geht es um die wechselhafte Geschichte des Pantheons zwischen Kirche und republikanischem Tempel und um die Entstehung des Kults der großen Männer in Frankreich; abschließend um die heutige Funktion und die Perspektiven des Pantheons für die französische Identität. Ganz zum Schluss dann noch einige Bemerkungen zu der kürzlich für 2024 angekündigten Pantheonisierung der Widerstandskämpfer Missak et Mélinée Manouchian
Es handelt sich damit um ein breit angelegtes Vorhaben, das ich aber nicht noch einmal weiter aufteilen wollte. Der Beitrag ist deshalb allerdings entsprechend umfangreich geworden, wofür ich um Verständnis bitte….
Von der Kirche zum republikanischen Tempel
Das Pantheon von Paris ist ein grandioses Bauwerk. Es geht zurück auf ein Gelübde Ludwigs XV. und auf seinen Wunsch, sein Prestige durch außerordentliche Bauten zu festigen. Diesem Wunsch entsprach der Architekt Germain Sufflot, dessen seit 1755 vorgelegte Entwürfe nicht nur der Erhabenheit der griechischen Architektur entsprechen, sondern auch mit Sankt Peter in Rom und Sankt Paul in London rivalisieren sollten. Bestimmt war der Bau als Kirche der Pariser Schutzheiligen Sainte Geneviève. 1790, 10 Jahre nach dem Tod Soufflots und am Beginn der Französischen Revolution war der Bau weitgehend fertig gestellt, allerdings fehlte noch die vorgesehene Ausmalung. Aber 1791 beschloss die Nationalversammlung, den Bau zu einem Tempel der Nation umzuwidmen. Das entsprechende Dekret beginnt so: „Das neue Gebäude der Sainte-Geneviève erhält die Bestimmung, die sterblichen Reste großer Männer ab der Zeit der französischen Freiheit zu bergen.“[1] Alle religiösen Symbole wurden entfernt, dafür wurden im Giebel über dem Eingangsportal –als sichtbares Zeichen der Umwandlung in ein Pantheon- die berühmten Worte eingraviert: Aux grands hommes la patrie reconnaissante. (Den großen Männern das dankbare Vaterland).
Der Name Pantheon[2], der für die neue Funktion des Baus gewählt wurde, stellt einen Bezug her zu den römischen Tugenden, die in der Französischen Revolution ein wichtiges Leitbild waren, und zu der griechisch-römischen Götterwelt. Und die Architektur lehnte sich ebenfalls an antike Vorbilder an.
Die korinthischen Kapitelle im Säulenumgang der Kuppel. Foto: Wolf Jöckel
Wie das Pantheon in Rom war das französische Pantheon ein Tempel, aber einer für die von der Nation verehrten und gewissermaßen heilig gesprochenen „großen Männer“. Damit wurde das Bauwerk zum Gegenstück der königlichen Grablege in Saint Denis: Die hier begrabenen „großen Männer“ verdankten ihren Status nicht mehr der Geburt, sondern ihren Verdiensten für das Vaterland.[3]
In seiner Monumentalität war das Bauwerk Ausdruck einer in der Revolution angestrebten republikanischen Gegen-Religion. Es thronte auf dem Montagne Saint -Genevieve und war bis zum Bau des Eiffelturms das schon von weitem sichtbare höchste und markanteste Gebäude der Stadt.[4]
Die große Kuppel ist ein architektonisches Meisterwerk und ermöglichte und ermöglicht einen Rundblick über die ganze Stadt.
Links Eiffelturm und Invalidendom, rechts Saint Sulpice und die Hochhäuser von La Défense. Foto: Wolf Jöckel
Und es besaß/und besitzt eine außerordentlich große Krypta, die die gesamte Fläche des Baus einnimmt. Der Hügel der heiligen Genoveva war nämlich mit zahlreichen zur Tongewinnung angelegten Schächten durchzogen, sodass –gerade auch angesichts der Größe des geplanten Baus- die Fundamente sehr tief in den Boden getrieben werden mussten. Zwischen deren Pfeilern war damit der Raum für die Krypta geschaffen, die mit der Monumentalität des Raums darüber korrespondiert.
Allerdings wechselte der Bau –den politischen Umbrüchen folgend- mehrfach seine Bestimmung:
Von 1806 bis 1815 durften aufgrund eines kaiserlichen Dekrets Napoleons die oberen Partien wieder für kirchliche Zwecke genutzt werden. Die Krypta allerdings blieb als Grabstätte der „großen Männer“ erhalten, und von Napoleon geradezu inflationär als Grablegung eine neuen imperialen Elite genutzt: Die Mehrheit der im Pantheon bestatteten „großen Männer“ kommt aus diesen Jahren – meistens sind es Personen, deren Name heute fast niemand mehr kennt.
Nach dem Sturz Napoleons und der Wiederherstellung des bourbonischen Königtums wurde der Bau vollständig zur Kirche umfunktioniert. Die bestehenden revolutionären und imperialen Grabstätten wurden verschlossen. Karl X. wünschte keine Fortsetzung des Kults der „großen Männer“. Einzige Ausnahme war die Bestattung von Soufflot im Jahr 1829.
Im Gefolge der Julirevolution von 1830 wurde die Kirche Sainte Geneviève wieder zum Pantheon und zum Symbol der revolutionären Ideale. Zur Ambivalenz der Julimonarchie Louis Philippes passt allerdings, dass sie zwar bei David d’Angers ein großartiges Giebelrelief mit Allegorien und Hagiographien in Auftrag gab, dass man danach aber keinen einzigen Toten in das Grabmal überführte. Das Pantheon blieb also weiter auf der Wartespur.[5]
Eine erneute Wendung brachte der Staatsstreich von Louis- Napoléon Bonaparte, der sich dann auch als Napoleon III. zum Kaiser ausrufen ließ. Der Bau wurde zur „basilique nationale“ und blieb es auch nach seinem Sturz 1870 unter der zunächst noch konservativ-monarchistisch ausgerichteten 3. Republik.
Der Wendepunkt kam dann 1885 mit dem Tod und der Pantheonisierung Victor Hugos. Ein Dekret bestimmte damals, dass das Pantheon seiner ersten und rechtmäßigen Bestimmung zurückgegeben werden solle: „Die sterblichen Überreste großer Männer werden dort beigesetzt, die nationale Anerkennung verdient haben.“ [6] Und dies ist seitdem gültig….
Entsprechend oft wie der Wechsel zwischen Kirche und nationalem Mausoleum war auch der der Inschriften über dem Portal: Zunächst galt sie der Heiligen Genoveva und König Ludwig XV, wurde aber 1791 ersetzt durch die Widmung für die „Großen Männer“. Die wurde 1822 – in Zeiten der Restauration- wieder entfernt und machte einer erneuten kirchlichen Inschrift Platz, die jetzt auch Ludwig XVIII. einbezog, der den ursprünglichen Zustand wiederhergestellt habe (restituit). Als aber zu Zeiten der Julimonarchie David d’Angers den Giebel neu gestaltete, wurde auch die Inschrift für die „Großen Männer“ wieder angebracht, allerdings 1851 unter Napoleon III. erneut entfernt. 1885 waren dann wieder die „Großen Männer“ und „das dankbare Vaterland“ an der Reihe, die seitdem mit goldenen Lettern über dem Portal prangen.
Die Verehrung der „Großen Männer“ in der französischen Aufklärung
Der Kult der Großen Männer war im Frankreich der Aufklärung höchst populär. „Das 18. Jahrhundert war von der Idee geradezu besessen, durch feierliche Verehrung der Großen Männer ein neues kollektives Gedächtnis zu schaffen.“[7]
Drei Beispiele:
Im Park von Ermenonville, einem Landschaftspark aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in dem auch Rousseau bestattet wurde, steht der „Tempel der modernen Philosophie“:
Jede seiner Säulen trägt den Namen eines der großen Philosophen oder Wissenschaftlers mit einer jeweils für ihn charakteristischen Devise. Es waren für den Schlossherren, René-Louis de Girardin, gewissermaßen die Säulen aufklärerischen Denkens und Wissens: Rousseau natürlich, Descartes, Voltaire, Montesquieu, Penn und Newton: ein kleines Pantheon im Geiste der Zeit.[8]
Hier die Säule Montesquieus mit der lateinischen Devise iustitiam/Gerechtigkeit. Foto: Wolf Jöckel
Ein bildhauerisches Pantheon der Aufklärung hat Jean-Antoine Houdon geschaffen, den man auch als den „sculptor of the Enlightement“ bezeichnet hat.[9] Houdon hat Portraits von herausragenden Aufklärern wie Diderot, Rousseau, d’Alembert und Voltaire geschaffen, dazu auch Portraits von George Washington, Benjamin Franklin, Thomas Jefferson, Lafayette. Houdons nach der Totenmaske angefertigtes Portrait Rousseaus wurde an anderer Stelle dieses Blogs schon vorgestellt[10], Abbildungen von zwei Statuen Voltaires werden später folgen.
Und in Bordeaux gibt einen Platz der großen Männer- geschaffen 1791, also gleichzeitig mit dem Pantheon von Paris. Es ist, nach der Erläuterung auf dem Schild, „ein Pantheon unter freiem Himmel“ gewidmet Montaigne, Montesquieu, Rousseau und Voltaire, damit ihre Ideen weiterleben und sich die Menschen an ihnen ein Vorbild nehmen können.
Foto: Wolf Jöckel
Der Kult der Großen Männer in Frankreich hat gewissermaßen ein „Geburtstatum“, nämlich das Jahr 1758: Damals bestimmte die Akadémie française den Lobpreis großer Männer der Nation zum Thema ihres jährlichen Redewettstreits. Und im Gefolge des Elogen-Wettstreits der Akademie entstand auf Initiative Ludwigs XVI. das Projekt der Grands Hommes de la France: Alle zwei Jahre wurden zu diesem Zweck vier Statuen und acht bis zehn Gemälde in Auftrag gegeben, die zuerst 1777 im Salon carré des Louvre ausgestellt wurden. So entstanden allmählich ein „Panthéon de papier“ und ein Pantheon aus Marmor, bevor die Revolution dem Kult der Großen Männer das Pantheon aus Stein widmete.[11]
Der Begriff des „Großen Mannes“ war im Verständnis der Aufklärung das Gegenteil eines Helden.[12] Der Held war danach vor allem ein Mann des Krieges, der gewonnenen Schlachten – wie etwa Alexander. Ein „großer Mann“ hat, wie Voltaire in einem Brief vom 15. Juli 1735 schrieb, andere Qualitäten: Ein Kanal zwischen zwei Meeren, ein besonderes Bild oder Theaterstück oder eine entdeckte Wahrheit seien 1000mal bedeutsamer als ein Dienst am Hofe oder ein Feldzug. „Grands Hommes“ nenne er all diejenigen, die sich im Nützlichen oder Angenehmen ausgezeichnet hätten.[13] Damit konnten Herrscher im Grunde keine „Großen Männer“ sein. Sie konnten/sollten sich allerdings von großen Männern umgeben, wollten sie selbst nicht nur als Helden in die Geschichte eingehen: Bezeichnend in diesem Zusammenhang ist der von der Königlichen Akademie der Architektur preisgekrönte Entwurf für einen Cenotaph des „guten Königs“ Henri Quatre: Der leere Sarg ist umgeben von Galerien bedeutender Männer. Aber anders als die Könige haben die „Großen Männer“ ihren Status nicht ererbt, sondern durch Begabung und Verdienste erworben – auch wenn die Zeitgenossen diese bisweilen nur widerwillig anerkannt haben. Insofern vermitteln die „Großen Männer“ eine pädagogische und eine demokratische Lektion, und man versteht, dass die Französische Revolution sich ihrer bemächtigt hat.[14] Begünstigt wurde die Kult der Großen Männer in der Französischen Revolution auch durch deren universalen Anspruch: So wie die Revolution ja nicht auf die Nation beschränkt bleiben sollte – die am 26. August 1789 von der französischen Nationalversammlung proklamierten Rechte waren nicht nur Bürger- sondern auch Menschenrechte- so gehörte auch zum Bild des Großen Mannes die universelle Ausstrahlung. Und schließlich diente der revolutionäre Kult großer Männer auch dem Bemühen um „Ausformung einer säkularen Religion“ (Ozouf) mit ihren verehrten Göttern oder Heiligen und mit feierlichen Liturgien, wie sie anlässlich der Pantheonisierung eines „großen Mannes“ (bzw. inzwischen auch:einer großen Frau) bis heute zelebriert werden.
Drei „Schlüsselfiguren“ des Pantheons: Voltaire, Rousseau und Victor Hugo
Anlass für den Beschluss der Nationalversammlung zur Umwandlung der Kirche Sainte-Geneviève in eine Begräbnisstätte „Großer Männer“ vom 4. April 1791 war der Tod Mirabeaus. Er wird in dem Beschluss ausdrücklich als der erste genannt, der würdig sei, im Pantheon bestattet zu werden. Mirabeau, der „französische Demosthenes“, Wortführer des Dritten Standes und Vorsitzenden der Nationalversammlung, wurde allerdings schon 1793 wieder aus dem Pantheon verbannt, als seine Verbindungen zum Königshaus bekannt wurden.
Gewissermaßen ersetzt wurde er von Marat, der durch seine Ermordung zum „Märtyrer der Revolution“ wurde. Allerdings war Marats Aufenthaltsdauer im Pantheon noch kürzer als die Mirabeaus, denn nach dem Ende der Jacobinerherrschaft, für deren Terror Marat verantwortlich gemacht wurde, war auch für ihn kein Platz mehr im Kreis der „Großen Männer.“ Deshalb beschloss der Nationalkonvent im Februar 1795, dass erst 10 Jahre nach dem Tod eines „Großen Mannes“ dessen Pantheonisierung erlaubt sein sollte.
Ausdrücklich war in dem Beschluss von 1791 festgelegt, dass das Pantheon nur die Asche solcher großer Männer aufnehmen dürfe, die in „der Epoche unserer Freiheit“ gestorben seien. Es könnten aber Ausnahmen für einige vor der Revolution gestorbene große Männer wie Descartes, Voltaire und Rousseau gemacht werden.
Der Dank der Revolution: Voltaire ins Pantheon
Der erste nach dieser Sonderregel Aufgenommene war Voltaire, und sein Tod bereitete gewissermaßen den Weg zur Umwandlung der Kirche Sainte Geneviève in ein französisches Pantheon vor. Voltaire starb am 30. Mai 1778 in Paris, im Haus seines Freundes, des Marquis de Villette.
Erinnerungsplakette am Haus Quai Voltaire Nummer 27. Foto: Wolf Jöckel
„Zuständig“ für sein Begräbnis wäre die nahe gelegene Kirche Saint Sulpice gewesen. Aufgrund der radikal aufklärerischen und antiklerikalen Positionen Voltaires (Schlachtruf: „écrasez l’infâme…“ ) weigerte sich allerdings die lokale Geistlichkeit, Voltaire zu bestatten. Sein Leichnam drohte also wie der eines Verbrechers in einem anonymen Grab verscharrt zu werden. Voltaire hatte allerdings einen mutigen und findigen Neffen, der Abt des Klosters Sellières in der Nähe von Romilly-sur-Seine war. Der setzte den gepuderten und mit Perücke versehenen und festgezurrten Leichnam in eine Kutsche und ließ ihn in sein Kloster bringen, wo er im Chor der Kirche heimlich bestattet wurde.
Der Grabstein Voltaires in Sellières: Die ineinander verschränkten Buchstaben A (für Arouet, den eigentlichen Namen des Philosophen) und V (für Voltaire)[16]
1789 wurde aber die Abtei wie andere geistliche Güter verstaatlicht, was die Anhänger Voltaires um die Zukunft seines Grabes fürchten ließ. Der Marquis de Vilette wandte sich deshalb an die Nationalversammlung: Der Körper Voltaires gehöre der Nation. Die Vorstellung sei unerträglich, dass er im Besitz einer Privatperson sei und wie ein herrschaftliches oder geistliches Gut verkauft werden könne. Notwendig sei ein würdiger Ort, an dem die Nation die Erinnerung an ihn und die „Großen Männer“ feiern könne. Der dafür geeignete Ort sei die Kirche Sainte-Geneviève. Nach dem Vorbild der Griechen und Römer solle sie zu dem PANTHÉON FRANÇAISE werden. In ihr sollten die Statuen „unserer großen Männer“ aufgestellt und deren Asche in den unterirdischen Gewölben aufbewahrt werden. Es dauerte dann allerdings noch bis zum Tod Mirabeaus, bis auf Beschluss der Nationalversammlung „der Tempel der Religion“ zum „Temple des Vaterlandes“ umgewidmet und damit auch der von dem Marquis de Villette vorgeschlagene Ort die für seinen Onkel zugedachte Bestimmung erhielt.
Im Juli 1791 war es dann so weit, dass die sterblichen Überreste Voltaires in einer zweitätigen grandiosen Zeremonie ins Pantheon überführt wurden. Paris war auf den Beinen, als am 10. Juli der Sarkophag von Sallières auf einem blumengeschmückten Wagen nach Paris gebracht wurde. Nachdem er das revolutionäre Handwerkerviertel Faubourg St. Antoine passiert hatte, wurde der Leichnam auf den Ruinen der Bastille aufgebahrt, wo Voltaire einmal gefangen war. Dort war jetzt eine Inschrift angebracht: „Empfange, Voltaire, an dieser Stelle, wo dich der Despotismus eingekerkert hat, die Ehren des Vaterlandes“.[17] Am nächsten Tag wurde der Sarkophag dann in einem mehrstündigen Triumphzug durch Paris ins Pantheon geleitet: „Es schien, als habe man einen Gott empfangen“, wie es in einer zeitgeschichtlichen Quelle heißt.[18]
Bei diesem Triumphzug durfte natürlich auch die Musik nicht fehlen: An der damals am Boulevard Saint-Martin gelegenen Oper (Académie de musique), präsentierten ein Chor und ein Orchester mit Pauken und Trompeten ein Stück aus der Oper Samson von Rameau, dessen Textbuch Voltaire geschrieben hatte: „Volk, wach auf, brich deine Ketten!“ („Peuple, éveille-toi, romps tes fers!“). Und vor dem hôtel de la Villette, dem Todesort Voltaires, wurde die Hymne sur la translation du corps de Voltaire au Panthéon von François-Joseph Gossec angestimmt. [20]
Einige Tage später besuchte der deutsche Republikaner Karl Gottlob Küttner Paris und berichtete:
„Überall spricht man noch von der großen Prozession, die einige Tage vor meiner Ankunft gehalten worden war. Der Leichnam des Voltaire, den man von der Bourgogne hierher gebracht hatte, wurde auf den Ruinen der Bastille niedergelegt, wo man ihn dann auf einen prächtigen Wagen legte, der von 12 Pferden der Königin gezogen wurde. Über den Leichnam selbst errichtete man ein Prachtbette, auf welchem Voltaire im Bildnisse lag. Dieses Prachtbette steht gegenwärtig mitten in der Kirche … und ist mit Inschriften und einer Menge Tafeln umgeben, auf denen die Titel aller seiner vorzüglichsten Werke stehen. Die Prozession fing bei der Bastille an, ging um die Boulevards, dauerte mehrere Stunden, und endigte sich in der Kirche der heiligen Genovefa.“[21]Dass es sich nicht mehr um die Kirche der heiligen Genovefa, sondern um das Pantheon handelte, hatte Küttner offenbar noch nicht mitbekommen….
Den Manen des Voltaire. Die Nationalversammlung hat am 30. Mai 1791 beschlossen, dass er die großen Männern gebührenden Ehren verdient hat. Foto: Wolf Jöckel
Zeichen der außerordentlichen Wertschätzung Voltaires – er war abgesehen von dem unrühmlichen Intermezo Mirabeau- ja der erste wahrhaft „Große Mann“ im Pantheon, ist die Tatsache, dass er – und nach ihm keiner- neben einem Epitaph auch ein Standbild erhielt.
Statue Voltaires im Pantheon von Jean-Antoine Houdon (Teilansicht) Foto: Wolf Jöckel
Franz Grillparzer, der 1836 Paris besuchte (und bei dieser Gelegenheit übrigens auch Heinrich Heine, äußerte sich übrigens ziemlich kritisch über Voltaires letzte Ruhestätte:
„Als hätte der eitle Mann es bestellt, sein Sarg ist vergoldet und aufgeputzt. Seine Statue blickt sarkastisch auf seine irdischen Überreste herab. Dieser ganze dunkle Winkel ist eine Ironie. … Das grinsende Lächeln des Philosophen von Ferney, durch Marmor verewigt, ist an dieser Stelle fast eine Blasphemie. …“[23]
Der Schatten Voltaires im Pantheon Foto: Wolf Jöckel
Allerdings sind die sterblichen Überreste Voltaires nicht vollständig im Pantheon vertreten: Auf Wunsch des Marquis de la Villette wurden nämlich bei der Einbalsamierung das Gehirn und das Herz entnommen.
Das Herz, ein auch in der aristokratischen und kirchlichen Tradition besonders hochgeschätztes und oft separat bestattetes Organ, erhielt in dem Schloss von Ferney einen Ehrenplatz: Dort hatte Voltaire fast 20 Jahre seines Lebens verbracht, und der Marquis, der das Schloss aufgekauft hatte, richtete dort einen besonderen Raum des Andenkens und der Verehrung mit dem Herz Voltaires ein.
Chambre du Coeur de Voltaire im Schloss von Ferney. Stich aus dem Ende des 18. Jahrhunderts.
1785 musste der Marquis das Schloss aber wieder verkaufen. Nach einigen Zwischenstationen kam dann die Voltaire’sche Reliquie (la relique voltairienne) 1864 in den Besitz der damaligen Bibliothèque impériale, wo sie im Sockel einer Statue des sitzenden Voltaires von Houdon aus dem Jahr 1781 deponiert wurde. Im Salon d’honeur der heutigen Bibliothèque nationale (Richelieu) befinden sich Statue und Herz noch heute.[24]
Das Gehirn bewahrten zunächst der mit der Einbalsamierung des Leichnams betraute Apotheker und dann Nachkommen Voltaires auf, bevor es zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Comédie française kaufte. Und die deponierte das Herz im Sockel einer Kopie der Houdon’schen Statue von 1781, die bis heute im Vestibül des Theaters ihren Platz hat.[25]
Bemerkenswert ist übrigens, dass Houdon –im Gegensatz zu überladenen bildlichen Darstellungen aristokratischer Helden im Ancien Régime- in beiden Standbildern Voltaires dessen Einfachheit betont: Er wird nicht in prunkvollem Ornat dargestellt, sondern ist mit einer schlichten Toga bekleidet dargestellt. Es geht nicht um äußerlichen Ruhm, sondern um innere Größe. [26] Die von Houdon für seine Darstellung gewählte römische Tracht hat auch eine politisch-programmatische Bedeutung: Denn die von Ludwig XVI. angeregten Statuen „Großer Männer“ sollten ausdrücklich in zeitgenössischem Habit dargestellt werden und gerade nicht in römischer Tracht: Gewollt war ein Bezug auf das „Grand Siècle“, aber nicht eine für die Monarchie potentiell bedrohliche Rückbesinnung auf die Antike und ihre Tugenden. Das führte zu einem „Kostümstreit“, in dem sich Houdon ausdrücklich positionierte und zu den Werten der Aufklärung bekannte.[27]
Von der Pappelinsel in die Krypta:Die Aufnahme Rousseaus ins Pantheon
Die verfassungsgebende Nationalversammlung hatte schon im August 1791 Rousseau als „Gründungsvater der Verfassung“ der Pantheonisierung für würdig erachtet. Aber erst nach dem Sturz Robespierres wurde Rousseau am 11. Oktober 1794 ins Pantheon aufgenommen. Die Verzögerung hatte keine politischen Gründe: Rousseau genoss – über alle revolutionären Umbrüche hinweg- ein uneingeschränktes Ansehen vor allem als Autor des Contrat social und des Émile, als „Vater der Gleichheit“ und Verteidiger der Menschenrechte. An Rousseau entzündete sich allerdings die Frage, wem denn die sterblichen Überreste eines „Großen Mannes“ gehören und wo ihr Platz sei. Rousseau war ja seit seinem Tod 1778 im Park von Ermenonville auf der Pappelinsel bestattet: ein geradezu idealer Platz für seine Verehrer und Ziel vieler und berühmter Rousseau-Pilger.[28]
Foto: Wolf Jöckel
Die Bürger des Ortes Montmorency, zu dem Ermenonville gehörte, hatten deshalb schon 1791 vorgeschlagen, im Falle einer Pantheonisierung Rousseaus den Leichnam an seinem Ort zu belassen und im Pantheon einen Cenotaph aufzustellen. Verständlicher Weise weigerte sich der Marquis de Girardin, bei dem Rousseau seine letzten Lebensjahre verbracht hatte, hartnäckig, die sterblichen Überreste Rousseaus dem Grab auf der Pappelinsel zu entreißen. Der für die Pantheonisierung zuständige Abgeordnete des Nationalkonvents, Joseph Lakanal, war sich der Problematik durchaus bewusst: Er forderte zwar die citoyens auf, so schnell wie möglich „diesen großen Mann seinem einsamen Grab“ in Ermenonville zu entreißen, schlug aber vor, in der Umgebung des Pantheons ein von Pappeln umgebenen „bois auguste“ zu pflanzen, um „sensible Seelen“ an die Landschaft von Ermenonville zu erinnern. Bis es soweit sei, solle das neue Grab Rousseaus im Tempel der Großen Männer installiert werden. Aus diesen Plänen wurde aber nichts, und so verschwanden die sterblichen Überreste des naturliebenden Rousseau auf Dauer in der dunklen Gruft des Pantheons. (Ironische Anmerkung: Vielleicht wird ja im Zuge der allseits propagierten Pariser Stadtbegrünung demnächst doch noch das von Lakanal vorgeschlagene Rousseaus-Wäldchen gepflanzt…)
Hier ruht der Mann der Natur und der Wahrheit
Die Fackel Rousseaus leuchtet noch aus seinem Grabmal .
Postiert wurde das Grabmal genau gegenüber dem Voltaires. So waren nun die beiden Philosophen, die im Leben ja nun durchaus keine Freunde waren[29], im Pantheon vereint. Und die Revolution ehrte damit zwei herausragende Gestalten der Aufklärung, die beiden „pères de la nation“ und der Revolution.
Der Genius von Voltaire und Rousseau geleitet die beiden zum „temple de la Gloire et de l’Immortalité“. Anonymer kolorierter Stich aus dem musée Carnavalet[30]
Karl Gutzkow, einer der großen deutschen Dichter des Vormärz, berichtete 1842 über seinen Besuch im Pantheon:
„Wir stiegen in die Gewölbe hinab. Wie feucht, wie kalt ist es in der Nähe der Unsterblichkeit! Warum da unten in den trüben, dunklen Räumen! Ihr habt Voltaire und Rousseau dort hingelegt. Voltaire würde nie diese dunklen Gewölbe für seine Gebeine als Ruheort gewählt haben. Voltaire wollte Licht im Leben, er würde auch Licht im Tode gewollt haben. Rousseau hätte allerdings das Dunkel gesucht, aber das Dunkel eines verschwiegenen Parks, einen stillen, schattigen Blätterhain. Fröstelnder Gedanke, hier unsterblich zu liegen! [31]
Foto: Wolf Jöckel
Entsprechend auch Urteile von Zeitgenossen: Mona Ozouf spricht von der „Unansehnlichkeit des Orts, die mehr als einen Großen Mann bei der Aussicht erschaudern lässt, eines Tages hier eingemauert zu sein.“ Einer dieser Großen Männer, der vor dieser Aussicht schauderte, war Jean Jaures, der 1914 ermordete Führer der französischen Sozialisten. Der ließ nämlich vorsorglich wissen, er schrecke vor dem eisigen Atem des Ortes zurück, und sprach stattdessen von den kleinen sonnigen Friedhöfen seines geliebten Südens.[32]
Hanns-Joseph Ortheil beklagt in seinem Paris-Buch, man merke dem Bau des Pantheons „bis in jede Fuge an, dass er keine Kirche geworden, sondern in seltsam pathetischer, kühler und den Besucher auf Distanz haltender Feierlichkeit erstarrt ist. In seinen Kellern trifft man zwar auf die Gräber von Voltaire, Rousseau oder Victor Hugo, aber auch diese Grablegen lösen keinerlei Emotionen aus und tragen nichts dazu bei, die Verehrung für solche großen Philosophen und Schriftsteller an dieser Stelle noch einmal aufflammen zu lassen.“[33]
Die pathetische Feierlichkeit, von der Ortheil hier spricht, lässt sich auch auf das zu Ehren Rousseaus im großen Rundbau des Pantheons errichtete Monument aus dem Jahr 1912 beziehen. Es gehört zu dem 1889 beschlossenen Programm, den Innenraum des Pantheons mit dem Ort gemäßen Skulpturen auszustatten. Das Denkmal für Rousseau ist eine Arbeit von Albert Bartholomé, den man als „le seul et le véritable rival de Rodin“ bezeichnet hat (Jacques de Caso), was –nach meinem unmaßgeblichen Urteil- im Pantheon allerdings nicht nachzuvollziehen ist. (Eher schon an seinem Monument des morts auf dem Friedhof Père Lachaise).
Denkmal für Rousseau: Die Allegorie der Philosophie zwischen der Natur und der Wahrheit
Zeichen der andauernden Verehrung Rousseaus ist schließlich die 1952 errichtete Statue auf dem Platz neben dem Pantheon. Sie ersetzt eine Bronzestatue, die –wie so viele andere- während der Zeit der occupation eingeschmolzen wurde, um die von den Besatzern geforderten Rohstoffmengen liefern zu können. Mit der Einweihung der ursprünglichen Statue wurden 1889 die 100-Jahr-Feiern der Französischen Revolution eröffnet. Rousseau ist damit der einzige „Große Mann“, der in der Krypta, im Innenraum und am Rand des Pantheons geehrt wird! … vielleicht ein kleiner Trost, wenn er schon nicht auf seiner Pappelinsel bleiben durfte….
Statue von Rousseau auf dem Platz neben dem Pantheon. Foto: Wolf Jöckel
Die Apotheose Victor Hugos
Rousseau und Voltaire blieben dann auch die einzigen Männer, die in der Zeit der Französischen Revolution ins Pantheon aufgenommen wurden und dort auch nach wie vor bestattet sind: Descartes, der im Gründungsbeschluss der Nationalversammlung von 1791 für eine Pantheonisierung vorgesehen war, wurde dann doch nicht aufgenommen; Mirabeau, Marat und zwei weitere Revolutionäre wurden schnell wieder aus dem Pantheon entfernt… [34]
In der Zeit des empire erlebte dann das Pantheon eine erste (Schein-)Blüte, indem Napoleon das Pantheon hemmungslos mit seinen Generälen und Granden füllte. Insgesamt 41, meist inzwischen völlig vergessene Personen wurden damals im Pantheon bestattet und machen damit mehr als die Hälfte aller bisher Pantheonisierten aus!
Danach folgte eine lange „Durststrecke“: Zwischen 1815 und 1885 wurde nur ein einziger „großer Mann“ ins Pantheon überführt, nämlich Jacques-Germain Soufflot, der Architekt des Pantheons.
Der Wendepunkt war dann das Jahr 1885, als das Pantheon wieder –und aus heutiger Sicht: endgültig- zum Gedenk- und Bestattungsort großer Männer (und Frauen) wurde. Anlass war hier der Tod Victor Hugos am 22. Mai 1885. Einen Tag später dekretierte die Regierung, dass das damals wieder als „basilique nationale“ genutzte Gebäude seiner republikanischen Bestimmung („sa destination républicaine“) zurückgegeben werde.
In dieser antiklerikalen und Hugo-verherrlichenden Grafik von L. Isoré aus dem Jahr 1885 ist dieser Vorgang thematisiert: Ein Priester mit liturgischem Gerät flieht aus dem Pantheon, in dessen Eingang der von einer Aura umgebene Victor Hugo erscheint- in einer Hand die Leier des Dichters, in der anderen das Banner der Freiheit. Der Titel Désinfec-tation ist ein Wortspiel mit den Worten désinfection (Desinfizierung) und désaffectation (Stillegung). Der Untertitel ist eindeutig: Die Ignoranz macht dem Genie Platz.
Voraussetzung des Umwandlungsbeschlusses von 1885 war der politische Umbruch im Frankreich der 3. Republik, der sich am 30. Januar 1879 vollzog: Damals trat Präsident Mac Mahon, Vertreter einer von monarchistischen und katholischen Abgeordneten bestimmten Politik des „Ordre moral“ zurück, die bisher den religiösen Status von Sainte-Geneviève gestützt hatte. In der nun mehrheitlich republikanischen Abgeordnetenkammer warf der Abgeordnete François-Vincent Raspail die Frage auf, wieso immer noch die Priester von Sainte-Geneviève unter der Kuppel des Pantheons psalmodierten wie zu Zeiten der Restauration und der Herrschaft des Mannes, der in Sedan geendet habe (also Napoleon III.). Es sei nun an der Zeit, das Werk der Gesetzgeber von 1791 wiederaufzunehmen.[35]
Damit war der Boden vorbereitet für die Rückumwandlung der Kirche in das Pantheon und die Aufnahme Victor Hugos. Und über die gab es ein so großes Maß an Zustimmung, dass man bei ihm eine Ausnahme von der 1793 eingeführten 10-jährigen Karenzzeit machte, durch die ein peinliches Hin und Her wie im Falle von Mirabeau und Marat ausgeschlossen werden sollte. Bei Hugo war dies nicht zu befürchten: Von ihm hieß es, er sei –aufgrund seiner Genialität als Schriftsteller und seines politischen Engagements- schon als Lebender unter die Unsterblichen aufgenommen worden; er entwickelte sich vom Monarchisten zum Republikaner, weshalb er zu einem fast 20-jährigen Exil gezwungen war; er kämpfte gegen die Todesstrafe und für die Trennung von Kirche und Staat; er war Bewahrer des mittelalterlichen Erbes, Anwalt der Armen und Schwachen. Er bemühte sich- durchaus kein Freund der Commune- die Wunden des Bürgerkriegs von 1871 zu heilen und nicht zuletzt: Er war Pazifist und träumte von den „Vereinigten Staaten Europas“. In den Augen des Volkes war er der Herold der Freiheit und die Inkarnation der Republik.[36]
Und gewissermaßen als Fußnote sei noch angefügt: Victor Hugo hat dem Pantheon den Einzug in den Kanon der französischen Dichtung verholfen. Das geschah am ersten Jahrestag der Julirevolution von 1830. Damals wurde eine Tafel mit den Namen der bei der Revolution getöteten „Julihelden“, denen ja auch die Säule auf dem Bastille-Platz gewidmet ist, ins Pantheon gebracht. Und zu dieser Gelegenheit wurde auch die Hymne von Victor Hugo gesungen: Die so fromm fürs Vaterland gestorben…, die in den Schulen der Dritten Republik noch lange auf dem Lehrplan stand und in der sich zwei Verse auf das Pantheon beziehen:
“Cette curonne de colonnes / Que le soleil levant redore tour à tour.
(Diese Krone von Säulen / Die die aufgehende Sonne wieder und wieder vergoldet.“[37]
Hugo selbst hat sich sicherlich auch für einen des Pantheons würdigen großen Mann gehalten. Er bedauerte jedenfalls „den Fall der großen Männer“, der die Mittelmäßigen und Kleinen größer erscheinen ließe. Wenn die Sonne am Horizont untergeht, werfe der kleinste Kieselstein einen langen Schatten und halte sich für etwas Großes. [38]
Genug Gründe also, Victor Hugo ins Pantheon aufzunehmen.
Titelbild der Zeitschrift Le Don Quichotte vom 5. Juni 1885 (von Charles Gilbert-Martin). Auf der Kuppel des Pantheons sitzt die Verkörperung des Renommees, die mit ihrer Trompete den Ruhm Victor Hugos verkündet. Das von einem Strahlenkranz umgebene Gesicht Hugos leuchtet wie eine Sonne, man kann darin aber auch eine Hostie sehen – Zeichen der gleichsam religiösen Verehrung Hugos.[39]
Dass bei solchen Voraussetzungen die Beisetzungsfeierlichkeiten nicht hinter denen Voltaires zurückstehen konnten, war selbstverständlich. Allerdings hatte Hugo in seinem Testament festgelegt, er wolle wie die Armen in einem einfachen Leichenwagen zum Friedhof gebracht werden. Daran hat man sich auch gehalten.
Der sonstige Ablauf des Begräbnisses entsprach allerdings ganz und gar nicht dem, was bei armen Menschen üblich war. Die Überführung der sterblichen Überreste Hugos ins Pantheon war ein in diesem Jahrhundert einzigartiges grandioses und populäres Ereignis, ein markantes Datum im kollektiven Gedächtnis der Franzosen.
Es begann am 30. Mai mit der Aufbahrung eines monumentalen Sarges auf einem ebenso monumentalen Katafalk unter dem (sowieso monumentalen) Arc de Triomphe. [40] Dort konnten die Menschen Victor Hugo die letzte Ehre erweisen und Blumen niederlegen. Zwei Tage später zog eine mehrstündige Prozession über die Champs-Elysées zur place de la Concorde und –nach Überquerung der Seine- über den Boulevard Saint-Germain zum Pantheon. Während Voltaire vom revolutionären Osten ins Pantheon überführt wurde, verläuft Hugos Weg also vom patriotisch-militärischen Triumphbogen zum humanistisch-bürgerlichen Tempel des Pantheon, „als wollte er die sentimentale und politische Laufbahn des Dichters nachzeichnen, der sich selbst im Laufe seines langen Lebens vom Napoleon-Kult zur Mission eines Helden und Patriarchen der Republik gewandelt hatte.“[41]
Die Massen –zwischen einer Million und zwei Millionen Menschen – drängten sich entlang des Zuges. „Logenplätze“ wurden für viel Geld vermietet.[42]
Um den Fürsprecher der einfachen Menschen zu ehren, wurde aus der Trauerfeier ein Volksfest: Es wurde getrunken, getanzt, geliebt – nur für die Fabrikarbeiter (und die Prostituierten) war dieser 1. Juni 1885 ein Arbeitstag. In der konservativen Presse war danach von Orgien die Rede, die sich am Rande des Zuges abgespielt hätten.[43]
Als der Zug an dem mit riesigen Kränzen geschmückten Pantheon angekommen war, wurden nicht weniger als 15 Reden gehalten[44] …
…. bevor dann die sterblichen Überreste Hugos in die Krypta des Pantheons gebracht wurden., wo sie heute noch ruhen.
Geplant war neben dem schlichten Grab in der Krypta auch ein repräsentatives Monument für Victor Hugo im Innenraum des Pantheons. Es gehörte – wie auch das Denkmal für Rousseau- zu dem großen Skulpturenprogramm von 1889. Auguste Rodin erhielt den Auftrag für das Denkmal, dessen erster Entwurf aber nicht den Vorstellungen der Auswahlkommission entsprach. Er wurde aber trotzdem ausgeführt und im Garten des Palais Royal aufgestellt (heute im Garten des musée Rodin in Paris). Ein zweiter Entwurf –Hugo als alternder Mann nackt und nicht idealisiert- widersprach natürlich völlig dem vorherrschenden Bild eines „großen Mannes“ und kam nicht zustande. [45]
Bilanz und Perspektiven des Pantheons
Glücklicherweise blieb es Victor Hugo erspart, die Gruft des Pantheons fast ausschließlich mit napoleoninischen Generälen und Granden teilen zu müssen. Danach erhielt er die Gesellschaft von großen Gestalten der Politik wie Sadi Carnot, Jean Jaurès und Léon Gambetta, von Schriftstellern wie Emile Zola, später André Malraux und Alexandre Dumas, Wissenschaftlern wie Marcellin Bertholot, Paul Painlevé, Pierre und Marie Curie und nach dem Zweiten Weltkrieg auch Männern und Frauen des Widerstands.
Die Entscheidung über eine Pantheonisierung liegt seit Einführung der V. Republik unter de Gaulle allein beim Staatspräsidenten.[46] Bedingung ist allerdings, dass die in Aussicht genommene Persönlichkeit nicht vorab eine andere Begräbnisstätte gewählt hat -wie im Falle de Gaulles- oder dass die Nachkommen nicht widersprechen -wie im Falle Camus‘ oder im Falle Rimbauds, dessen Pantheonisierung zusammen mit Verlaine gut zur aktuellen Gender-Bewegung gepasst hätte.[47] Der Staatspräsident ist davon abgesehen in seiner Entscheidungsbefugnis frei. Allerdings gibt es ein unausgesprochenes Auswahlkriterium: es muss sich um eine vorbildliche Persönlichkeit handeln, die die Ideale der Republik verkörpert: Der Komponist Hector Berlioz und der Marquis de Lafayette wurden also wegen ihrer monarchistischen Neigungen nicht ins Pantheon aufgenommen. Und dann gibt es natürlich politische Rücksichten und die Berücksichtigung aktueller politischer Tendenzen: So wurde der 2013 gestorbene Stéphane Hessel, ein Diplomat und Kämpfer für universelle Menschenrechte, der dem Pantheon-Ideal wie kaum ein anderer lebenslang entsprach, trotz zahlreicher entsprechender Vorschläge von prominenter Seite wohl wegen seiner Kritik an der israelischen Annexions- und Okkupationspolitik in Palästina nicht ins Pantheon aufgenommen. Die direkt nach ihrem Tod vollzogene Aufnahme von Simone Veil dagegen stieß auf allgemeine Zustimmung: Eine Überlebende der Schoah, Kämpferin für Frauenrechte, überzeugte und engagierte Europäerin: eine bessere Wahl war kaum möglich. Und als Frau war sie angesichts der notorischen und unzeitgemäßen Männerdominanz im Pantheon dort natürlich umso mehr willkommen.
Die Pantheonisierung Simone Veils war auch wegen ihrer Überparteilichkeit ein Glücksfall. Mona Ozouf spricht ja in ihrem Pantheon-Beitrag für die Erinnerungsorte Frankreichs von der fortdauernden Spaltung der französischen Geschichte, die sich auch im Pantheon spiegele- auch wenn die napoleonischen Kriegshelden und die republikanischen Intellektuellen –allerdings in fein säuberlich voneinander getrennten Grüften- in der Krypta versammelt sind. Sie verweist auf Malraux und Mitterand, die anlässlich der Pantheonisierung des Widerstandskämpfers Jean Moulin ihn in eine „Ahnenreihe“ mit den schon in der Krypta des Pantheons ruhenden Victor Hugo (Das Volk der Elenden) , Jean Jaurès (der Kämpfer für Gerechtigkeit) und den Sklavenbefreier Schoelcher gestellt hätten. Jaques Chirac dagegen habe, als er den neuen Präsidenten Mitterand im Pariser Rathaus empfing, sich auf die heilige Genoveva, die Jungfrau von Orleans, Heinrich IV. und General de Gaulle bezogen, von denen niemand im Pantheon ruht. „Auf der einen Seite die Großen Männer, auf der anderen die Heiligen und die Helden; auf der einen Seite die Republik, auf der anderen die Monarchen (republikanische inbegriffen). Die beiden Hälften des französischen Gedächtnisses haben niemals in dem Monument zueinander gefunden, das es seinen Berühmtheiten geweiht hat.“[48] Und gerade die heftigen ideologischen Debatten anlässlich der Pantheonisierung von Emile Zola und Jean Jaurès haben deutlich gemacht, dass das Pantheon von extrem konservativer Seite lange als Ausdruck von Werten wahrgenommen wurde, mit denen man sich nicht identifizieren konnte.[49] Es liegt deshalb nahe, dass in der 5. Republik gerade solche Persönlichkeiten für eine Pantheonisierung ausgewählt wurden, die dazu beitragen sollten, die Spaltung der französischen Geschichte (und Gesellschaft) zu überwinden und das Pantheon zu einem „haut- lieu de la communion nationale“ zu machen.[50]
Deshalb der Rückgriff auf die sakrosankte Resistance durch Charles de Gaulle (Pantheonisierung von Jean Moulin 1964), durch Präident Hollande (Pantheonisierung von Pierre Brossolette, Geneviève de Gaulle-Anthonioz, Germaine Tillion und Jean Zay 2015) und deshalb auch die Pantheonisierungen von Simone Veil und Maurice Genevoix durch Präsident Macron. Indem der Präsident mit Genevoix auch „Ceux de 14“, also die ganze Kriegsgeneration des 1. Weltkriegs symbolisch ins Pantheon aufnahm, beschwor er die union sacrée, die nationale Einheit im Krieg als Vorbild für die Gegenwart.[51]
Der Preis einer solchen möglichst konsensuellen Pantheonisierungs-Politik ist allerdings, dass wegweisende, aber umstrittene Gestalten der französischen Geschichte außen vor bleiben:
So zum Beispiel Olympe de Gouges, Revolutionärin, Schriftstellerin und Autorin der feministisch-revolutionären Erklärung der Rechte der Frau und der Bürgerin von 1791, in der sie die Bürgerrechte auch für Frauen einforderte. Olympe de Gouges wurde unter der Terrorherrschaft der Jacobiner zum Tode verurteilt. Ihr kämpferischer Kommentar: „Die Frau hat das Recht, das Schafott zu besteigen. Sie muss gleichermaßen das Recht haben, die Tribüne zu besteigen.“ Am 3. November 1793 wurde Olympe de Gouges auf der Place de la Concorde in Paris hingerichtet.
Außen vor muss wohl auch Louise Michel bleiben, die rote Wölfin, la louve rouge der Pariser Commune, die viele Jahre ihres Lebens in Verbannung und im Gefängnis verbringen musste: Lehrerin, Schriftstellerin, Anarchistin, Kämpferin für die miserables, Verehrerin von Victor Hugo, der ihr 1871 das Gedicht Viro major widmete. Darin rühmte er ihre ungezähmte Größe und bezeichnete sie als „all des unfähig (…), was nicht heroisch und voll Tugend ist (…) ein Götterlicht in einem Höllenfeuer“. Paul Verlaine besang sie in seiner Ballade en l’honneur de Louise Michel.[52] Gerade 2021, dem 150. Jahrestag der Pariser Kommune, wäre wohl der rechte Zeitpunkt für eine solche Pantheonisierung gewesen. Vielleicht auch für die des 1871 in Belleville zum Abgeordneten der Nationalversammlung gewählten Jean-Baptiste-Millière. Dessen Erschießung am 26. Mai 1871 wurde von den siegreichen Versaillais als demütigender Akt der Rache inszeniert: Millière wurde auf die Stufen des Pantheons geführt und dort erschossen, ruft aber, bevor die Todesschüsse fallen vermehmlich „Vive la République!“ und „Vive l’humanité!“ aus. [55]
Auf den Wunschlisten von Kandidat/innen für das Pantheon, die von verschiedenen Seiten erstellt wurden, stehen Olympe de Gouges und Louise Michel ganz oben.[53] Ihre Chancen, ins Pantheon einzuziehen, sind aber wohl gering, weil sie kaum mit allgemeiner Zustimmung rechnen können. Immerhin hat die französische Post 2020 eine Olympe de Gouges-Briefmarke herausgebracht….[54]
Mona Ozouf sieht noch ein weiteres Problem, mit dem das Pantheon heute zu kämpfen habe – sie spricht sogar von dem „Scheitern des Pantheons“, und zwar seine Abgehobenheit: Sie schreibt: „Im Pantheon sieht man zusammen mit der Erinnerung an die Revolution nur Schriftsteller und Gelehrte, ein Museum der Dritten Republik, eine weise Versammlung der Klassenbesten: kurzum, da die Rue d’Ulm mit der Elite-Universität Ecole Normale Supérieure in unmittelbarer Nähe ist, nach einem Bonmot von André Billy die ‚Höhere Schule derToten‘“.[55a] Maurice Genevoix ist dafür ein gutes Beispiel: Er war Student eben dieser Elite-Universität und gehörte dann –wie auch seine Vorgängerin im Pantheon, Simone Veil – als Mitglied der Académie française schon zu Lebzeiten zu den „Unsterblichen“.
Foto: Wolf Jöckel
Hier ein Portrait von André Malraux in der rue d’Ulm. Es ist Teil eines Projekts des Straßenkünstlers C 215 aus dem Jahr 2018: Bilder von 28 „illustres“ aus dem Pantheon wurden damals in der Umgebung des Pantheons ausgestellt; ein Versuch, das Pantheon stärker in seine Umgebung zu integrieren und zum Besuch des Ortes zu motivieren, in dem diese berühmten Persönlichkeiten bestattet sind. André Malraux, Kommunist und Gaullist, Schriftsteller und Kulturminister, gehört zu ihnen und ist auch durch seine legendäre Rede zur Aufnahme von Jean Moulin mit dem Pantheon verbunden.[56]
2013 wurde der für das Pantheon zuständige Präsident der monuments nationaux Philippe Bélaval von dem damaligen Staatspräsidenten Hollande beauftragt, Vorschläge zur zeitgemäßen Nutzung und Öffnung des Pantheons unterbreiten. In seinem Bericht mit dem Titel Pour faire entrer le peuple au Panthéon wies Bélaval darauf hin, dass im Pantheon –von einer unbedeutenden Ausnahme aus dem Empire abgesehen- kein Künstler vertreten ist, von Soufflot abgesehen auch kein Architekt, kein einziger Komponist, kein Ingenieur, kein Unternehmer. So seien –neben den Frauen- auch wesentliche Bereiche, in denen Frankreich sich ausgezeichnet habe, nicht (hinreichend) berücksichtigt.
Präsident Macron hat dieser Kritik auf sehr überraschende Weise entsprochen, indem er 2021 die Tänzerin Josephine Baker pantheonisierte: nicht nur eine Frau, sondern auch die erste femme de couleur, der diese Ehre zuteil wurde. Dazu eine populäre Variété-Tänzerin, in USA geboren, die aber Frankreich als Zufluchtsort wählte und die sich für ihre Wahlheimat in der Résistance engagierte. Ein ideales Pantheon-Profil.
Weitere Vorschläge für eine Ausweitung und Bereicherung des Kreises der Pantheonisierten gab und gibt es genug. Darunter (neben den schon genannten Olympe de Gouges und Louise Michel) in „bunter Mischung“:
der Sterne-Koch Paul Bocuse, der gewisermaßen ein Victor Hugo oder Paul Cézanne der Kochkunst sei. Bocuse gehöre schon zum Panthéon du génie gastronomique und damit wie kein anderer in das nationale Pantheon der Großen Männer.[57]
Edith Piaf, die ein „Symbol Frankreichs“ sei. Sie habe Menschen aller sozialer Schichten angesprochen und die Liebe verkörpert, die heute in Zeiten der Individualisierung wichtiger denn je sei.[58]
Der Radfahrer Raymond Poulidor, der „ewige Zweite“, ein unermüdlicher Kämpfer, der nie aufgegeben hat; von Franzosen zärtlich „Poupou“ genannt und schon ins Pantheon des Radsports aufgenommen.[59]
Die fünf beim islamistischen Terroranschlag auf Charlie Hebdo ermordeten Karikaturisten Charb, Cabu, Wolinski und Tignous sowie Bernard Maris, den ebenfalls ermordeten Mitbegründer der Satirezeitschrift.[60]
Samuel Paty, der Lehrer, der am 16. Oktober 2020 von einem Islamisten enthauptet wurde, weil er –dem Lehrplan folgend- die umstrittenen Karikaturen Mohammeds aus Charly Hebdo im Unterricht zur Diskussion gestellt hatte.[61]
Die Widerstandskämpferin und Menschenrechtsaktivistin Lucy Aubrac[62]
Die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Simone de Beauvoir[63]
Der 2017 verstorbene, in Frankreich äußerst populäre und mit einem Staatsbegräbnis geehrte Popsänger (und Steuerflüchtling…) Johnny Hallyday [64]
Coluche, der Satiriker und Menschenfreund, der mit den von ihm gegründeten restaurants du cœur Millionen Armer ernährt habe. Er stehe damit in der Tradition von Le Vengeur, dessen heroischer Besatzung im Pantheon schon ein Denkmal errichtet worden sei. (Das Kriegsschiff war 1794 beim Versuch, eine aus Amerika kommende Getreidelieferung für das hungernde Volk zu schützen, versenkt worden). [65]
Paul Verlaine und Arthur Rimbaud, weil sie zwei der bedeutendsten Dichter der französischen Sprache seien und dazu auch als „französische ‚Oscar Wildes‘ Symbole der Diversität.“[66]
Die Rechtsanwältin Gisèle Halimi, die sich besonders auf Seiten der algerischen Unabhängigkeitsbewegung und für Frauenrechte engagierte. [67]
Der aus Armenien stammende Widerstandskämpfer Manouchian, der 1944 von den Nazis hingerichtet wurde. [68]
Diese lange (und sicherlich unvollständige) Reihe von Namen bestätigt wohl die Bilanz Jean-Claude Bonnets, dass das Pantheon als Institution des Kults der großen Männer und Frauen nicht nur in erstaunlicher Weise die Revolutionen und die Turbulenzen des 19. Jahrhunderts überlebt habe, sondern heute immer noch ein Teil des kulturellen Horizonts und des lebendigen Gedächtnisses Frankreichs sei.[69] Man darf gespannt sein, wie lebendig und zeitgemäß das Pantheon in Zukunft dieses nationale Gedächtnis widerspiegeln wird.
Jetzt hat Präsident Macron entschieden, den Widerstandskämpfer Missak Manouchian zusammen mit seiner Frau Mélinée ins Pantheon aufzunehmen.[70] Seine unter dem Namen „affiche rouge“ bekannt gewordene Widerstandsgruppe wurde 1944 von Vichy-Kollaborateuren verhaftet, 23 Mitglieder auf dem Mont Valérien von den deutschen Besatzern erschossen. Es ist bemerkenswert, dass alle von den Präsidenten Hollande und Macron ins Pantheon aufgenommenen Frauen und Männer sich (auch) in der Résistance engagiert hatten. Die ist noch immer ein gemeinsamer Bezugspunkt der ganzen Nation. Präsident Macron hat die Pantheonisierung Manouchians an einem sehr symbolträchtigen Ort verkündet: Dem Mont-Valérien bei Paris, wo insgesamt 4500 Widerstandskämpfer und auch die Gruppe Manouchian hingerichtet wurden. Symbolträchtig ist auch das Datum der Ankündigung, nämlich der 18. Juni 2023 und damit der 83. Jahrestag von de Gaulles legendärem Aufruf zum Widerstand gegen das Dritte Reich, dessen Wehrmacht gerade in einem „Blitzkrieg“ Frankreich überrollt hatte. Manouchian war Armenier und Kommunist. Mit seiner Pantheonisierung wird die Rolle kommunistischer und ausländischer Partisanen in der Résistance gewürdigt. Dass sie – gerade deshalb, aber auch trotzdem!- offenbar breite Zustimmung erfahren hat, bestätigt die zentrale Rolle der Résistance im französischen kollektiven Geschichtsbewusstsein. [71] In einer Zeit heftiger und immer weitere Kreise ziehender Forderungen nach Abschottung der nationalen Grenzen setzt diese Pantheonisierung aber auch neue historisch-politische Akzente.
Jean-Claude Bonnet, Naissance du Panthéon. Essai sur le culte des grands hommes. Fayard 1998
Jean-Claude Bonnet, Le culte des grands hommes en France au XVIIIe siècle ou la défaite de la monarchie. In: Modern Language Notes Vol. 116, No. 4, French Issue (Sep., 2001) S . 689-704 (Hrsg. von der Johns Hopkins University Press) https://www.jstor.org/stable/3251754?read-now=1&seq=1#page_scan_tab_contents
Jean- Noël Jeanneney/Philippe Joutard, Du bon usage des grands hommes en Europe. Paris: Plon 2003
Alexia Lebeurre, Le Panthéon. Temple de la nation. Éditions du patrimoine 2000
Mona Ozouf, Das Pantheon. Freiheit Gleichheit Bürderlichkeit. Zwei französische Gedächtnisorte. Berlin: Klaus Wagenbach 1996 Die französische Originalversion des Beitrags zum Pantheon ist zuerst erschienen in: Pierre Nora (Hrsg), Les Lieux de Mémoire. Band 1. Paris: Gallimard 1984, S. 139-166
Quatremère de Quincy, Extrait du premier rapport présenté au Directoire, dans le mois de mai 1791, sur les mesures propres à transformer l‘église dite de Sainte-Geneviève, en Panthéon français, imprimerie de Ballard, 1792 https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k5473385z
[1] zit. in: Pierre Nora (Hrsg), Erinnerungsorte Frankreichs. München: D:H.Beck 2005, S. 642
[2] Quatremère de Quincy, Extrait du premier rapport présenté au Directoire, dans le mois de mai 1791, sur les mesures propres à transformer l’église dite de Sainte-Geneviève, en Panthéon français, imprimerie de Ballard, 1792 https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k5473385z
[4] Nachfolgende Abbildung aus: Le Nouveau conducteur dans Paris et dans les environs, indiquant tout ce qui peut intéresser l’étranger au sein de cette capitale du monde civil… Paris 1851. https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k6393839z/f233.item
[5] Maurice Agulhon Paris. Durchquerung von Ost nach West. In: Erinnerungsorte Frankreichs, S. 526
[11] Bonnet, Naissance du Panthéon, S. 10 Bei Bonnet a.a.O. gibt es auch eine Liste der für den Wettbewerb der Redekunst der Akademie festgelegten großen Männer 1759-1790 (Anhang I) und eine Liste der jeweils vier vom König in Auftrag gegebenen Skulpturen großer Männer 1777-1789 (Anhang III)
[12] Der um den Jahreswechsel 1765/66 erschienene achte Band der Encyclopédie enthielt einen Beitrag zum héros, in dem der Autor, Jaucourt, das Konzept des grand homme als Gegenmodell zum Helden ausformulierte. Siehe: https://www.compendium-heroicum.de/lemma/grand-homme/
[23]Franz Grillparzer, Reisetagebuch 1836 Zitiert in: Hans von Ziegesar (Hrsg): Reise Textbuch Paris. Ein literarischer Begleiter auf den Wegen der Stadt. Dtv 3902 München 1990, S.19
Interessant wird in diesem Zusammenhang sein, wie Präsident Macron mit dem Vorschlag zur Pantheonisierung Gisèle Halimi umgeht. Der französische Historiker Benjamin Stora hat im Februar 2021 im Auftrag Macrons einen Bericht „sur les questions mémorielles portant sur la colonisation et la guerre d’Algérie“ vorgelegt, in dem auch dieser Vorschlag enthalten ist. Eine Pantheonisierung Halimis, die sich für die algerische Unabhängigkeitsbewegung eingesetzt hatte, solle zur Befriedung des Verhältnisses zwischen Frankreich und Algerien beitragen. Allerdings stößt dieser Vorschlag –wie auch der Bericht Storas insgesamt- auf heftige Kritik.
In seinem von Präsident Macron bestellten Gutachten, wie das Verhältnis zu Algerien verbessert werden könnte, hat Benjamin Stora schon seit längerem eine Pantheonisierung Halimis vorgeschlagen. Im März 2023 wurde zwar Halimi in einem Staatsakt geehrt, eine Pantheonisierung ist allerdings nicht in Sicht. Siehe:Hommage à Gisèle Halimi: „Nous lui sont toutes redevables.“. In: Le Monde vom 10. März 2023
[68] Robert Guédiguian : “Faire entrer Manouchian au Panthéon serait reconnaître que les premiers résistants étaient des étrangers” Télérama 22 fev 23
Ganz unbekannt war uns die Malerin Anna – Eva Bergman nicht, seit wir im letzten Jahr das wunderbare Haus und Atelier besuchten, das Hans Hartung und sie sich gemeinsam in einem alten Olivenhain auf der Höhe über Antibes gebaut hatten, wo sie ihre letzten Lebensjahre verbrachten.
Das Musée d’Art Moderne in Paris bietet nun aber eine Gesamtschau des Werks von Bergman, die über die begrenzten Ausstellungsmöglichkeiten von Antibes weit hinausgeht. Sie zeigt nicht nur eher unbekannte Seiten der Künstlerin, sondern insgesamt ein „grandioses Werk“, wie Bettina Wohlfahrt in ihrem FAZ-Beitrag über die Ausstellung schreibt.[1] Und man fragt sich mit anderen Ausstellungsbesuchern und Kunstkritikern, wieso Bergman „heute leider etwas in Vergessenheit geraten ist.“[2]
Aufschlussreich finde ich in diesem Zusammenhang die Gegenüberstellung des Bildes Carboneras von Bergman und eines Bildes aus der Serie Black on grey von Mark Rothko, des bekannten Vertreters des abstrakten Expressionismus, die sich im Begleitheft von Beaux Arts zur Ausstellung findet.[3]
Die Ähnlichkeit beider Werke ist deutlich, aber auch nicht erstaunlich, bewunderte Bergman doch Rothko sehr. Sie kannten sich gut, waren 1959 auf der zweiten Kasseler Dokumenta vertreten, ja es gab zwischen den beiden „eine Seelenverwandtschaft“.[6] Erstaunlich war für mich allerdings, dass -anders als zunächst unwillkürlich unterstellt- das Bild von Bergman aus dem Jahr 1963 stammt, das von Rothko aus den Jahren 1969/1970…
Bemerkenswert finde ich dann aber auch den Unterschied: Bei dem unter Depressionen leidenden Rothko, der 1970 selbst sein Leben beendete, lastet das Dunkle auf dem Hellen, bei Bergman nimmt das Dunkle zwar den größeren Raum ein, aber es dominiert die alles überstrahlende Helligkeit: Das verweist auf die Bedeutung, die die Natur des hohen Nordens in dem Werk der gebürtigen Norwegerin spielt. Ich sehe darin aber auch den Ausdruck ihrer kämpferischen optimistischen Lebenseinstellung, die sie trotz ihrer schweren chronischen Erkrankung mit und in ihrer Kunst bewahrte.
Im Folgenden werden einige Bilder gezeigt, die wir in der Ausstellung fotografiert haben. Es soll damit ein Eindruck von der Entwicklung Bergmans vermittelt werden und von ihrem Gesamtwerk. Ich bin, wie schon öfters auf diesem Blog vermerkt, kein Kunsthistoriker: Die Auswahl folgt also allein persönlichem Interesse und persönlichen Vorlieben. Vielleicht regt der Beitrag auch dazu an, die Ausstellung zu besuchen: Fotos -und noch dazu die eines Hobby-Fotografen- können nur einen sehr unvollkommenen Eindruck der Bilder Bergmans und ihrer Ästhetik vermitteln: Gerade die Verwendung von Metallfolien (Gold, Silber, Kupfer…) verleiht ihren Bildern ein inneres Leben, verlangen die direkte Betrachtung. Die Möglichkeit dazu besteht noch bis zum 16. Juli.
Selbstportrait (ca 1946). Alle Fotos dieses Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von F. und W. Jöckel
Bevor Bergman sich der Malerei und der abstrakten Kunst zuwandte, hat sie 25 Jahre lang als Zeichnerin und Karikaturistin gearbeitet. Auch politische Themen interessierten sie.
Thema dieser vermutlich aus dem Jahr 1933 stammenden Zeichnung sind die nationalsozialistische Gleichschaltung und die Bereitwilligkeit der meisten Deutschen zur Anpassung.
Hier eine Karikatur General Francos aus dem Jahr 1935. Dass sie ihn zeichnet, zeigt nicht nur ihr politisches Interesse, sondern hat auch persönliche Gründe: 1932/1934 hatte sie mit Hans Hartung auf den Balearen (Menorca) gelebt, wo General Franco damals Militärkommandeur war, bevor er zum Generalstabschef, Putschisten und Diktator wurde.
Zu diesem „Ich will!“, das Anna – Eva Bergman 1938 in ihrer norwegischen Muttersprache in ein Notizbuch schreibt, Bettina Wohlfahrth am 24.4.2023 in der FAZ:
„Es ist ein entschlossener Ausruf, mit dem sie sich wie in einen Kampf stürzt und selbst Kraft zuruft, um die innere Suche nach ihrem künstlerischen Ausdruck ernsthafter denn je aufzunehmen. Ein Jahr zuvor hatte sie sich von Hans Hartung getrennt. Sie hatte den angehenden Maler 1929 in Paris kennengelernt, gerade zwanzig Jahre alt. Die beiden heirateten nur drei Monate später. Dass Bergman der Beziehung ein Ende setzte, hatte vor allem mit diesem „Ich will“ zu tun. Im Trennungsbrief, den sie aus Italien nach Paris schickt, schreibt sie in einem fast perfekten Deutsch, dass sie frei sein müsse und Zeit brauche, um allein ihrer Arbeit nachgehen zu können. Der Brief ist in der Ausstellung zu sehen, es ist ein bewegendes Dokument. Bergman war klar geworden, dass sie im Schatten von Hartung nicht zu ihrer Kunst kommen würde, dass sie von „Hauspflichten und anderen Sorgen“ aufgerieben würde. Nach der Trennung führte sie energisch ihre, den Ausstellungstitel gebende „Voyage vers l’intérieur“ fort: Die Reise einer tief erstrebten, existenziellen Suche nach der Essenz dessen, was sie ausdrücken wollte. In den Fünfzigerjahren trafen sich die beiden Künstler in Paris wieder. Bergman hatte unterdessen ihren Weg gefunden und den künstlerischen Durchbruch erreicht. Sie heirateten zum zweiten Mal.“
Solitude- das Haus (1947)
Bergman auf dem Weg zur abstrakten Kunst: „Blaue Träume“ von 1951. Die Nähe zu Klee und Kandinsky ist unverkennbar. Dazu Bergman: „Das Zick-Zack symbolisiert das Leben, die Energie (…) Der Rhythmus in einem Bild spielt dieselbe Rolle wie in der Musik“.[7]
Dieses 1950 entstandene Bild ist das erste, bei dem Bergman ein Metallblatt verwendet. Die Technik, mit Blättern aus Gold, Silber, Kupfer und weiteren Metallen zu arbeiten, wurde von ihr systematisch entwickelt und zu einem Kennzeichen ihres abstrakten Werkes. In dessen Zentrum stehen die Natur und der Kosmos. Menschen kommen darin nicht vor -höchstens einmal, wie im nachfolgenden Bild, ein von Menschen gemachtes Produkt: eine Mauer.
No 18-1964 Die Mauer. Anders als Hartung gibt sie ihren Bildern aber neben der Nummerierung und der Jahreszahl auch einen Titel.
Zur Verwendung von Metallblättern, und vor allem des Goldes, wurde Bergman angeregt durch die mittelalterlichen Altäre in norwegischen Kirchen und durch die byzantinische Kunst, die sie in Italien kennenlernte. (Begleittext der Ausstellung). Bei Bergman dient das Gold aber nicht religiösen Zwecken oder -wie später- der Überhöhung absoluter Herrschaft, sondern bei ihr sind es Natur und Kosmos, deren Schönheit mit Hilfe von Metallen und Licht gefeiert werden.
No 26 – 1962 Le Feu (Das Feuer)
Anna – Eva Bergman: „Durch die Verwendung von Metallen erzielen meine Leinwände, ohne auf den Einsatz perspektivischer Kunstgriffe zurückzugreifen, völlig neue visuelle Effekte: Die verschiedenen Raumebenen werden entweder nebeneinander angeordnet oder sie überlagern sich. Die sich stufenweise überlagernden Ebenen erzeugen manchmal Spiegelungen. Dies ist ein Effekt, den der Betrachter selbst dadurch hervorrufen kann, dass er sich vor der Leinwand bewegt und dabei sogar den Rhythmus seiner Bewegungen verändert.“ [8]
Silberkrebs 1955
Crête de montagne. 1971
Dieses Bild wurde auch für die Ausstellungs-Werbung verwendet.
Detail
Foto von Bergman in ihrem Atelier
Gleichzeitig entwickelte Bergman ein „Vokabular“ von Grundformen wie hier eine Pyramide (No 73 – 1958 Pyramide)
„Der große Berg“ von 1957 in Gestalt eines Kegels
Und vor allem ist es der Kreis, den sie immer wieder in ihren Werken thematisiert wie im Grand rond/großer Kreis von 1968
Der Kreis ist ein Symbol der Vollkommenheit, der Harmonie. Er verweist auf den Kosmos und kann auch eine metaphysische Bedeutung haben wie in den großen Fensterrosen mittelalterlicher Kathedralen.
In dem Bild von 1969 Eine andere Erde, ein anderer Mond lässt Bergman bewusst offen, ob der glänzende Kreis die Erde oder den Mond meint, ob die Erde vom Mond oder der Mond von der Erde aus gesehen wird. Es ist, wie es in dem Livret contempler heißt, eine makellos weiße Scheibe, seidig und weich. In der Tat Stoff zur Meditation.
Wandteppich Demi-terre (1974-1975): Einer von mehreren Wandteppichen, die von der Manufacture des Gobelins in Paris und der von Beauvais nach Entwürfen von Bergman hergestellt wurde: Hier ein Blick von einem anderen Stern auf die untergehende Erde….
Anna-Eva Bergman: „Man kann keine große Kunst schaffen, wenn sie nicht im Einklang ist mit dem Universum, das uns umgibt.“[9]
No 57 – 1978 Montagne en une ligne/Berg in einer Linie
Zu diesem minimalistischen Bild einer „abstrakten Landschaft“ Eva-Maria Bergman: „Gibt es etwas Schöneres als eine reine und sensible Linie? Die Linie ist das unabdingbare Skelett der Malerei“.[10]
Die Natur des Nordens …
Der hohe Norden, seine Natur und Geologie, haben die 1909 in Schweden geborene Anna – Eva Bergman immer fasziniert.
No 32 – 1951 Fragmente einer Insel in Norwegen
1949, 1950 und 1951 verbringt sie ihre Sommer im Süden Norwegens, wo sie die Serie der Fragmente einer Insel Norwegens malt, wo das oben abgebildete erste Bild entsteht, bei dem sie ein goldenes Metallblatt verwendet, und wo sie ihren ersten größeren Auftrag erhält, die Dekoration eines Hotels in Südnorwegen.
Foto (Wandbild der Ausstellung)
Aus der Steinesammlung Bergmans: Alles Mineralische faszinierte sie.
G 12 – 1953 Vier Steine (Lithographie)
No 2 -1966 Winter-Horizont des Nordens (Ausschnitt)
No 1 – 1967 Fjord (Ausschnitt)
No 21 – 1981 Berggipfel II
Über eine Reise zu den Lofoten schreibt Anna- Eva Bergman: „Inseln, auf denen sich Granitfelsen erhoben, die aussahen wie auf dem Wasser errichtete Skulpturen. Es war zauberhaft.“[11]
links: No 13- 1976 Zwei Nunataks; rechts: No 25- 1981 See II
Nachfolgend zwei weitere Aufnahmen der beiden Nunataks (Felsformationen auf dem Eis) – unserem Lieblingsbild der Ausstellung. Daran wird vielleicht auch ein wenig deutlich, wie unterschiedlich die Wahrnehmung je nach Standort des Betrachters ist.
No 13- 1976 Zwei Nunataks
No 13- 1976 Zwei Nunataks (Ausschnitt)
„Ich träume von der Finmark und vom nördlichen Norwegen. La lumière ici-bas me rend extatique.“ 12]
… und die Natur des Südens
Cap d’Antibes 1974 (Acrylfarbe mit einem Blatt oxydierten Kupfers)
1973 bezogen Bergman und Hartung das selbst entworfene Haus und Atelier in dem Olivenhain über Antibes. Nachdem Bergman ihren eigenen Weg gefunden hatte, näherten sich die beiden wieder an, trennten sich von ihren jeweiligen zweiten Ehepartnern und heirateten 1957 erneut, 28 Jahre nach ihrer ersten Hochzeit.
Tronc d’olivier I 1977
Vague I 1974
No 67 – 1966 Großer Ozean
Der Horizont
Der Horizont spielt im Werk Bergmans eine große Rolle. In ihren eigenen Worten: „Jenseits der Grenze des Horizonts befindet sich ein Bereich, der, auch wenn er für Menschen physisch nicht erreichbar ist, doch existiert und erfahren werden kann. Vielleicht muss man ihn sich aneignen wie eine ‚pure expérience de la Nature‘, etwas Atmosphärisches, Irrationales wie die Metaphysik oder das Absolute.“[13]
Finmark,Winter-Horizont des Nordens (1966) ist ein monumentales Werk (150 mal 300 cm). Der Titel bezieht sich auf die langen, dunklen Winternächte des hohen Nordens, der untere Teil des Bildes, aus goldenen und silbernen Metallblättern, weckt Assoziationen an eine gefrorene, vereiste Winterlandschaft. Manon Lancelot weist im Sonderheft Beaux Arts (S. 54) auf die leichte Biegung des Horizonts hin. „Diese leichte Biegung kann auch den Eindruck des Flugs eines Raumschiffs über einen entfernten Himmelskörper vermitteln. Das Werk ist drei Jahre vor der Expedition von Apollo X entstanden, der die Künstlerin begeisterte. Mit Finmark hat sie fast die Bilder der ersten Schritte auf dem Mond vorweggenommen.“
No 16 – 1986
No 8- 1969 Großer blauer Horizont
Abschließend noch einmal Anna-Eva Bergman zu dem, was ihr der Horizont bedeutete: „Ewigkeit, das Unendliche, Übergang zum Unbekannten. Der Horizont ist die Grenze der menschlichen Erfahrung … Jenseits der Grenze des Horizonts befindet sich ein Bereich, der, auch wenn er für den Menschen unerreichbar ist, existiert und erfahren werden kann.“ (Begleittext der Ausstellung)
1987 starb Anna-Eva Bergman. In ihrem Todesjahr thematisierte sie noch einmal den „Übergang zum Unbekannten“:
No 20- 1987 (Acryl, Modellierpaste und Metallblatt)
Anna-Eva Bergman – Voyage vers l’intérieur: Musée d’Art Moderne de Paris 31. März – 16. Juli 2023 11 avenue du Président Wilson 75116 Paris
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10h – 18h, Donnerstag bis 21h30
In der Ausstellung gibt es/gab es die Möglichkeit, auf einem Bildschirm mit Hilfe eines entsprechenden Programms selbst kleine Bilder im Stile Bergmans zu entwerfen. In der Tat sind ihre Bilder dazu angetan, die eigene Phantasie und Kreativität anzuregen.
Eine Möglichkeit dazu sind auch Fotos, wie die nachfolgenden Beispiele zeigen. Bergman und Hartung haben übrigens eine ungeheure Menge an Fotos gemacht und von ihnen Anregungen für ihre Bilder erhalten.
[8] Livret contempler, S.9 „Par l’utilisation de métaux, mes toiles, sans user cependant du recours à des artifices de perspective, bénéficent d’effets visuels parfaitement inédits: les différents niveaux spatiaux tantôt se juxtaposent ou se superposent, formant des structures que s’échelonnent en gradins, tantôt se reflètent. Effet que le spectateur est en mesure de provoquer en bougeant devant la toile en changeant même le rythme de ses mouvements.„
Mit und nach LVHM (Bernard Arnault) und Kering (François-Henri Pinault) gehört das Familienunternehmen Hermès zu den großen Drei der weltweit führenden französischen Luxusindustrie. Wie höchst erfolgreich Hermès ist, belegen diese Zahlen: Während der Umsatz von 5,96 Mrd. Euro im Jahr 2018 auf sage und schreibe 11,60 Mrd. Euro 2022 stieg, hat sich der Gewinn im gleichen Zeitraum auf traumhafte 3,38 Mrd. Euro noch mehr als verdoppelt. Und 2023 geht es weiter steil nach oben… [1]
Foto: Wolf Jöckel
Der Sitz des Unternehmens liegt in der noblen rue du Faubourg Saint – Honoré in Paris. Auf der Fassade ist das Firmenlogo angebracht: Ein großes H, das -bei dem Namen Hermès nahe liegend- umgeben ist von zwei geflügelten Heroldstäben des Götterboten der griechischen Mythologie; und darüber ein Pferd mit einer vom Fahrgast selbst gesteuerten Kutsche, einem „petit duc“. Übernommen wurde das Motiv von einem Bild des im 19. Jahrhundert sehr populären Tiermalers Alfred de Dreux.[2]
Nobel sind auch die Produkte des Hauses, zum Beispiel die legendären Birkin-Handtaschen, worauf anlässlich des Todes von Jane Birkin gerne hingewiesen wurde.
Diese Birkin-Handtasche aus Krokodilleder wird zum Beispiel für sage und schreibe 189 066,20 Euro angeboten! Luxus hat eben seinen Preis – und zwar auf Heller und Pfennig…. Vor vier Jahren wurde eine „Himalaya Niloticus Crocodile Diamond Birkin 30“ sogar für 400 000 Dollar versteigert! [2a]
Ein Aushängeschild des Hauses sind die Hermès-Reitturniere (saut Hermès), die traditionell im Grand Palais ausgetragen werden.
Hier das Plakat für das Turnier 2013, das von dem bekannten Pariser Typographen und Designer Philippe Apeloig entworfen wurde, dessen Buch über die Pariser Erinnerungsplaketten der Zeit 1939-1945 auf diesem Blog vorgestellt wurde.[3] Und hier das Plakat für das Turnier dieses Jahres:
Foto: Wolf Jöckel
Während der Umbauarbeiten des Grand Palais wurden und werden die Hermès-Reitturniere im Grand Palais Éphémère ausgetragen und weiter aufwändig in der Öffentlichkeit herausgestellt.
Selbstbewusst präsentiert sich das Unternehmen auch in seiner Nobelboutique rive gauche. Sie ist in dem ehemaligen denkmalgeschützten Art-Deco-Schwimmbad Lutetia eingerichtet: Über dem Treppenaufgang der geflügelte Götterbote Hermes als akrobatischer Reiter.[4]
Dass das Pferd in der Selbstdarstellung von Hermès eine so zentrale Rolle einnimmt, hängt mit den Ursprüngen der Firma zusammen. Und die hat Pierre Sommet aufwändig erforscht und seine Ergebnisse in einem sehr lesenswerten kleinen illustrierten Buch publiziert. Auf dessen Titelbild ist ein Sattler abgebildet, ein Vertreter des Handwerks also, das Thierry Hermès in Krefeld erlernte und mit dem er dann in Paris reüssierte. Sattler stellten damals vor allem Sattel- und Geschirrzeug für Pferde her: Daran erinnern die Hermès-Pferde und die Förderung des Pferdesports. Und auch in der heutigen breiten Angebotspalette des Hauses Hermès sind Produkte „rund um das Pferd“ noch reichlich vertreten.[5]
Pierre Sommet ist Leserinnen und Lesern dieses Blogs kein Unbekannter: Seine Blütenlese deutsch-französischer Redewendungen, die er zusammen mit Waltraud Schleser veröffentlich hat, wurde auf diesem Blog vorgestellt und sein Gastbeitrag über deutsche Beiträge zur Erfolgsgeschichte des (natürlich französischen) Champagners ist auch hier zu lesen. Dass sich Sommet nun auf die Spuren des Thierry Hermès, des Ahnherren der Familiendynastie, begeben hat, liegt auf dieser Linie, geht es doch dabei um „eine deutsch-französische Geschichte par excellence“. Und diese glanzvolle Geschichte hat ihren Ursprung ausgerechnet in Krefeld, wo Pierre Sommet lebt: Da hat also sozusagen zusammengefunden, was zusammengehört.
Es war auch wirklich einmal Zeit, sich intensiver mit Thierry Hermès zu beschäftigen. Denn gerne wird die Geschichte des von ihm gegründeten Unternehmens als eine ausschließliche „histoire française“ erzählt[6], und auch das Unternehmen beginnt in seiner Selbstdarstellung den historischen Rückblick erst mit der Betriebsgründung 1837 in Paris, nach 36 Lebensjahren Thierrys also, in denen die Grundlage für die Erfolgsgeschichte des Unternehmens gelegt worden waren.[7]
Wenn aber einmal weiter zurückgegangen wird, findet man Darstellungen, die im Lichte von Sommets Recherchen überholt, ja manchmal geradezu abenteuerlich erscheinen. Zum Beispiel:
Da wird 1801 Thierry Hermès geboren.[8] Der Familienname hatte damals allerdings noch keinen Akzent: Der kam erst viel später in Paris dazu. Nur die Vornamen waren nämlich während der französischen Annexion der linksrheinischen Gebiete französisiert worden.
Da verlässt die Familie Hermes 1821 fluchtartig das heimische Krefeld und bringt sich in Paris in Sicherheit![9] Tatsächlich aber macht sich Thierry ganz alleine auf den Weg nach Paris, um dort sein Glück und seinen beruflichen Erfolg zu finden. Alles andere als eine Flucht also. Und was die Familie angeht: Thierrys Eltern waren 1821 schon lange tot, und von den ursprünglich sechs Geschwistern gab es nur noch eine ältere Schwester, die allerdings bis zu ihrem Tod 1847 in Krefeld blieb und ein Kind hatte, also den Neffen von Thierry, Friedrich Wilhelm Driessen, der wiederum acht Kinder hatte. (Sommet, S. 57f). Dies bedeutet, dass es heute in Krefeld bzw. am Niederrhein höchstwahrscheinlich Nachfahren der Familie Hermes gibt, auch wenn diese noch nicht entdeckt werden konnten.
Oder Thierry verlässt Krefeld schon gleich nach dem Tod der Eltern, folgt dem „Ruf der Liebe“, zieht ins normannische Pont-Audemer und heiratet.[10] Es war allerdings nicht der Ruf der Liebe, der Thierry nach Pont-Audemer folgt. Als er 1829 dort hinzieht, war er nämlich schon seit einem Jahr verheiratet. Was ihn da anzog, war der Ruf der Stadt als einer „Hauptstadt des Leders“. Und Thierry nutzt die sieben Jahre dort gewissermaßen als Fortbildung und Vorbereitung auf die anschließende Gründung seiner eigenen Werkstadt in Paris. (Sommet, 67ff)
Und was die Ehefrau Thierrys angeht: Sie soll, so kann man wiederholt lesen, eine Protestantin gewesen sein; von Thierry, der reformierten Kirche zugehörig, bewusst gewählt, um mit ihr seinen Kindern die protestantische Ethik vorzuleben und damit die Grundlagen des künftigen Erfolgs zu legen.[11] Tatsächlich ist Christine Pétronille Piérart, in Düsseldorf 1806 geboren, katholisch. Sie war die erste Tochter eines wallonischen Tagelöhners aus Ronquières im Hennegau und einer deutschen Hausfrau aus Köln, Maria Magdalena Cordé. Thierry hatte also wahrhaft multikulturelle Schwiegereltern! Christine, die deutsch sprach, lernte Thierry in Paris kennen, als die Familie Namur verließ und nach Paris zog. Nach dem Standesamt ließ sich das Paar wohl auf Wunsch der katholischen Schwiegereltern in der Kirche Notre-Dame de Bonne-Nouvelle nach katholischem Ritus trauen. Seinem reformierten Glauben blieb Thierry gleichwohl treu und der wurde auch an die drei Kinder André Henri, Charles Émile und Elisabeth Joséphine weitergegeben. (Sommet, 66) Und der Protestantismus der Familie hat wohl auch nicht unwesentlich zum Erfolg des Unternehmens über Generationen hinweg beigetragen.[12]
Da wird kühn in die Welt des Internets gesetzt und immer wieder übernommen, dass Thierry Hermès französische Vorfahren habe, ja dass dies Hugenotten gewesen seien, die nach der Aufhebung des Edikts von Nantes 1685 Frankreich hätten verlassen müssen.[13] Tatsächlich zeigen die mit Unterstützung von Jean-Louis Calbat vorgenommenen intensiven genealogischen Forschungen Sommets eine eindeutige deutsche Abstammung der Familie. (Sommet, 35)
Dass sich solche falschen Tatsachenbehauptungen verbreiten und halten, ist eine fast zwangsläufige Folge der neuen Informations- und leider eben auch manchmal: Des-Informationstechnologien. Und sie passen auch gut zu einer Erzählung von Gewalt, Abenteuer, Liebe und Arbeit, in der sowohl französisches Nationalgefühl als auch die sogenannten deutschen Tugenden bedient werden.
Es ist das große Verdienst von Pierre Sommet, auf sicherer Quellen-Grundlage hier Klarheit geschaffen zu haben. Betrachtet man die im Anhang des Buchs aufgeführte Liste von dafür konsultierten Stadtarchiven, dann kann man ahnen, welch beeindruckende Forschungsarbeit da geleistet wurde. Aber Sommet legt andererseits auch offen, wo es Leerstellen gibt: So für die Jahre zwischen der Auswanderung nach Paris und dem Umzug nach Pont-Audemer: „Für die Zeit zwischen 1821/22 und 1828 gibt es keine Quellen und wir verlieren die Spur von Thierry.“ (Sommet, 62). Yann Kerlau dagegen lässt in seinem Buch über die „dynasties de luxe“ seiner Phantasie freien Raum: Er stattet Thierry großzügig mit einem Zeichenblock aus (den es -leider- nicht gibt), auf den dieser Sättel und Zaumzeug skizziert, die er später dann selbst herstellen wird… Und bei Kerlau besteht Thierrys Lehrzeit aus Gelegenheitsarbeiten „rund ums Pferd“ in Paris[14], während die Jahre in Pont-Audemer überhaupt nicht erwähnt sind.
Dafür hat inzwischen „das normannische Venedig“ seinem berühmten kurzzeitigen Bewohner einen touristischen Rundkurs gewidmet, wobei laut der Zeitung Le Parisien „ein in Krefeld wohnender deutscher Historiker“ (!), ganz offensichtlich Pierre Sommet, eine nicht ganz unwesentliche Rolle gespielt hat.[15]
„Ein in Krefeld wohnender deutscher Historiker“ hat daran sicherlich wesentlichen Anteil. Félicitations Monsieur Sommet!
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Ausgesprochen informativ ist es, wie Sommet die Geschichte des Thierry Hermes/Hermès in den zeitgeschichtlichen Kontext einbettet. Wir befinden uns ja in einer Zeit revolutionärer Umbrüche. Und das linksrheinische Krefeld, die Geburtsstadt Thierrys, liegt mitten darin. Es gehört als Teil des Heiligen Römischen Reichs zu Preußen, ist eine blühende Stadt der Seidenweberei. Dann ziehen die Franzosen ein, etablieren 1797 die Cisrhenanische Republik. 1801 erfolgt – einen Monat nach der Geburt Thierrys- mit dem Vertrag von Lunéville die vollständige Annexion durch Frankreich, die bis zum Ende der napoleonischen Herrschaft und dem Wiener Kongress andauert.
Der zeit- und lokalgeschichtliche Hintergrund der „Franzosenzeit“ wird von Pierre Sommet sehr anschaulich beschrieben: Da singen die Kinder Spottlieder auf die so gar nicht dem preußischen Reglement entsprechende französische Revolutionsarmee, die Ende 1792 in Krefeld einzieht:
„Parlevu hät geen Hoasen an, Kiskedi geen Schtrömp“
(Parlevu ist abgeleitet von Parlez-vous-français? – sprechen Sie französisch?- und Kiskedi von Qu’est-ce qu’il dit? – was sagt er?)
Und als im März 1795 in Krefeld von den Revolutionären ein Freiheitsbaum errichtet wird, sind die Einwohner alles andere als begeistert:
„Als Preußen lebten wir ganz frey und aßen friedlich Brodt. Hier steht der Baum der Sklaverey und bringt uns Angst und Noth.“ (Sommet, 21).
Ganz so schlimm kam es dann allerdings nicht, denn Napoleon war am wirtschaftlichen Wohlergehen der vier neuen linksrheinischen Departements interessiert. Er brauchte die Steuereinnahmen zur Finanzierung seiner Kriege und er brauchte Soldaten für seine Grande Armée. Zu ihnen gehörte auch Thierrys älterer Bruder Henrich Hermes, der am guerre d’Espagne teilnahm. Er verstarb, wie Sommet im Stadtarchiv Krefeld herausgefunden hat, am 12. November 1812 in einem französischen Militärhospital im baskischen Vitoria, und zwar an den Folgen eines Fiebers.
Aber die Franzosen brachten auch revolutionäre Errungenschaften mit wie die Abschaffung der Zünfte und der feudalen Privilegien des Adels. Beliebt machten sich die Franzosen, die Pierre Sommet, ganz Krefelder, occupants/Besatzer nennt, aber trotzdem nicht: Dies auch wegen der radikalen Durchsetzung des Französischen als Amtssprache.
Sommet beschreibt das sehr anschaulich am Beispiel der Geburt Thierrys. Die Geburtsurkunde wird im Krefelder Rathaus, jetzt mairie genannt, auf Französisch ausgestellt. Aber was verstehen die Eltern und die beiden Zeugen? „Nivôse an neuf de la République française“? „Genauso gut könnte man von ihnen verlangen, die Hieroglyphen zu entziffern“, wie Sommet (S. 33) lakonisch anmerkt. Eigentlich hätte der Junge ja den Namen des Vaters, also Diederich, tragen sollen. Aber das ist nun nicht mehr möglich. Also wird daraus Thierry. Der Vorname von Thierrys Mutter, Agnes, wird in der Urkunde umgeformt zu Agnese: Das soll wohl französisch klingen. Und aus dem Georg des Zeugen wird ein George, im Französischen eigentlich ein Mädchenname. Der gestandene Vorarbeiter rächt sich aber, so Sommet, indem er mit seinem gewohnten Georg unterschreibt….
Dann die Zeit in Paris: Als Thierry nach seinen Lehrjahren in Krefeld, Paris und Pont-Audemer 1837 seine eigene Werkstatt 56 rue Basse-du Rempart im wohlhabenden Westen von Paris eröffnet, ist er der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Paris erlebt eine kulturelle und wirtschaftliche Blüte, hier konzentriert und akkumuliert sich der Reichtum des Landes – befeuert von dem „enrichissez-vous“ der Julimonarchie (1830-1848). Die Bevölkerung nimmt rasant zu, entsprechend auch der Verkehr, für den der Stadtumbau des Barons Haussmann den nötigen Raum schafft. Verkehr bedeutet damals: von Pferden gezogene Wagen aller Art. Die Nachfrage nach der erforderlichen Ausrüstung steigt entsprechend, und Thierry kann seinen anspruchsvollen Kunden hochwertiges Pferde-Geschirr und Zaumzeug liefern; vor allem Kummets aus leichtem und weichem Leder, die die Pferde schonen und gleichzeitig ihre Zugkraft erhöhen: „eine technische Meisterleistung, für die Hermès auf der Pariser Weltausstellung 1867 ausgezeichnet wird.“[16]
Als Thierry Hermès 1878 im vornehmen Neuilly-sur-Seine stirbt, hinterlässt er seinem Sohn Charles-Émile, Sattler-Meister wie er, ein erfolgreiches, aufstrebendes Unternehmen. Zwei Jahre später verlegt der den Sitz des Betriebs in die noble rue du Faubourg Saint-Honoré, wo noch heute -wenn auch in einem anderen Gebäude- der Sitz des Unternehmens ist. Auf der Terrasse reitet ein eleganter Hermès-cavalier hinaus in die Welt….
Foto: Wolf Jöckel
Zu wünschen ist, dass das von sechs Generationen der Familie geführte Unternehmen ein Familienbetrieb bleibt. Das war zeitweise ungewiss, nachdem der Weltmarktführer LVHM mit Bernard Arnault, dem reichsten Mann der Welt an der Spitze[17], 2010 heimlich, still und leise ein großes Aktienpaket aufkaufte und mit über 20 % zum größten Anteilseigner aufstieg. Als damals Bernard Arnault den damaligen CEO von Hermès anrief, um ihn- zwei Stunden vor der Öffentlichkeit- von der LVHM-Beteiligung zu informieren, soll dieser völlig konsterniert geantwortet haben: „If you want to seduce a beautiful woman, you don’t start by raping her from behind.” Inzwischen hat die verzweigte Familie Hermès ihre Firmenanteile in einer Holding gebündelt, um eine feindliche Übernahme zu verhindern…[18]
Portrait von Thierry Hermès im Pariser Sitz des Unternehmens. Daneben ein Kummet. Foto: Wolf Jöckel
Zu wünschen ist auch eine weite Verbreitung von Sommets Buch, gerade auch im Hause Hermès selbst. Und da spreche ich aus eigener Erfahrung: Als ich nämlich im August 2021 dem Sitz des Unternehmens einen Besuch abstattete, um das hier abgebildete Foto zu machen, war die Verwirrung und Ratlosigkeit bei den angesprochenen Mitarbeitern groß. Nein, ein solches Portrait gäbe es nicht… Man habe noch nie davon gehört…. Doch, das gäbe es, aber sehen könne ich es derzeit leider nicht…. Es sei vielleicht gerade für eine Ausstellung ausgeliehen….. oder es werde möglicherweise restauriert… Auch Madame de Bazelaire, die directrice de patrimoine von Hermès, konnte nicht helfen. Sie war gerade im Urlaub. Da ich aber keine Anstalten machte, das Feld zu räumen, erbarmte sich schließlich eine nette junge Angestellte meiner und wir machten uns gemeinsam auf die Suche. Wir hatten dann auch bald das im Treppenhaus zwischen anderen Erinnerungsstücken ausgestellte Portrait gefunden.
Vielleicht könnte das stolze Familienunternehmen Hermès das Buch von Sommet seinen Angestellten überreichen… Ich kann es jedenfalls nur wärmstens zur Lektüre empfehlen: Das Leben des Thierry Hermès ist eine höchst spannende deutsch-französische interkulturelle Geschichte, und es ist auch die Geschichte eines Handwerkers aus kleinsten, bescheidensten Verhältnissen, der am Anfang eines weltweiten Unternehmens der Luxusindustrie steht. Als Thierry Hermès sein Unternehmen aufbaute, gab es eine Vielzahl von Sattlern in Paris, von denen allein sein Name noch bekannt ist. Und es gab, als er starb, etwa 60000 deutsche Einwanderer, die in Paris ihr Glück suchten. Thierry Hermès hat es mit Willenskraft, Talent und Geschäftssinn dort gefunden. Aber weder in Paris noch in seiner Heimatstadt Krefeld erinnert ein Straßenname oder wenigstens eine Erinnerungsplakette an ihn. Möge die Monographie von Pierre Sommet dazu beitragen, dass Thierry Hermès den Platz in der Erinnerung erhält, der ihm gebührt.
Literatur
Moritz Sommet und Pierre Sommet unter Mitwirkung von Jean-Louis Calbat, Thierry Hermès – Eine deutsch-französische Geschichte.
Sonderdruck von Die Heimat. Krefelder Jahrbuch. Zeitschrift für niederrheinische Kultur- und Heimatpflege
Teil 1 (Oktober 2022): Niederrheinische Wurzeln und Jugendjahre
Teil 2 (Oktober 2023): Teil 2: Leben und Wirken in Frankreich
Teil 3 (Oktober 2024): Auf den Spuren der Nachkommen der Krefelder Familie Hermes
Pierre Sommet, Sur les traces de Therry Hermès. Une histoire franco-allemande par excellence. Paris: Éditions Complicités 2023. 18 Euro.
2025 ist eine durchgesehene und erweiterte Ausgabe erschienen.
In Frankreich ist das Buch über den Buchhandel oder über die Internet-Adresse der Éditions Complicités zu beziehen. In Deutschland können Sie das Buch z.B. bei Parinfo oder auf Amazon bestellen. Amazon bietet auch eine Leseprobe und eine preisgünstige Kindle-Version an.
Die Geschichte von Diederich Hermes/Thierry Hermès gibt es auch in deutscher Sprache auf dem Blog von Pierre Sommet:
Dazu finden sich dort auch Links zu verschiedenen Rezensionen, unter anderem einer neueren aus dem SPIEGEL vom 15.2.2024: Fabian Hillebrand, Die deutschen Wurzeln der Luxusmarke Hermès:
Sogar BILD hat sich in der Regionalausgabe Nordrhein-Westfalen am 10.3. 2024 -in sehr informativer Weise- des Themas angenommen: Er ging als Preuße nach Paris:
[4] Bild aus Instagram: „Staircase 2__ 17 rue de Sèvres Lutetia swimming pool By RDAI #design #france #paris #rivegauche #rdai #rdaidesign #hermes…“_files
Yann Kerlau: Après avoir vendu ses chevaux, le patriarche ferme l’auberge : pas question de mettre sa famille en danger. Sans état d’âme, il plie bagage et quitte l’Allemagne avec toute sa famille, à destination de la France.
[10]https://meinfrankreich.com/hermes_krefeld_luxusmarke_frankreich/ : Als seine Eltern starben, hielt ihn nichts mehr in Krefeld. Er verließ seine Freunde und folgte dem Ruf der Liebe. Dietrich ging ins normannische Pont-Audemer, nannte sich fortan Thierry, und heiratete. Neun Jahre später zog das Paar nach Paris. Und setzte einen accent grave auf das zweite e des Familiennamens: Hermès.
[11] Yann Kerlau: Quand le temps vient pour lui de fonder un foyer, il choisit pour épouse une femme effacée, protestante, à la foi et aux valeurs solides…. Thierry Hermès et sa jeune épouse inculqueront à leurs enfants le goût de l’effort, les vertus de la discrétion, du travail et un sens de la famille, qui se transmettra de génération en génération.
Aber sie alle sind in guter Gesellschaft, denn auch die FAZ übernimmt und verbreitet diese Erzählung: „Geboren wurde er in Krefeld, wohin seine Familie wegen ihres protestantischen Glaubens geflohen war.“ Dass zu Beginn des Artikels auch noch fettgedruckt 1837 als Geburtsdatum von Thierry Hermès angegeben wird, ist ein bei einer Zeitung wie der FAZ eher etwas peinliches Versehen. Denn die nimmt ja für sich in Anspruch, von klugen Köpfen gelesen und doch sicherlich auch von mindestens ebenso klugen Köpfen gemacht zu werden…. https://www.faz.net/aktuell/stil/mode-design/mode/designer-abc/thierry-hermes-im-portrait-designer-abc-der-faz-1306936.html Für mich als einfachen Blogger hat es aber auch etwas Tröstliches, dass dererlei auch „in besten Kreisen“ vorkommt…. Als ich noch Mittelstufenschüler in Deutsch unterrichtete, war es für diese (und mich) immer ein besonderes Vergnügen, wenn sie von mir entsprechend ausgewählte Passagen aus der FAZ korrigieren durften (und konnten).
[14] Yann Kerlau: Muni de son carnet à dessin, il note tout à la hâte, fait des esquisses ici d’un mors, là d’une selle… Sait-on jamais ? Peut-être pourra-t-il un jour créer des objets comparables ? Si l’évolution des techniques et des transports le passionne, il n’en oublie pas pour autant le but qu’il s’est fixé : exercer un vrai métier et devenir son propre patron. Louant ses services à la journée, il est tour à tour cocher, palefrenier, harnacheur, acceptant toutes les tâches pour être sûr d’acquérir une formation solide.
Das Grand Palais wird derzeit aufwändig restauriert, der Figaro spricht sogar von travaux pharaoniques, Arbeiten pharaonischen Ausmaßes. 2024, also rechtzeitig zu den Olympischen Spielen, soll das Bauwerk in neuem Glanz erstrahlen und als einer der Austragungsorte der Olympischen und der Paralympischen Spiele dienen.[1]
Während der Bauarbeiten ist das Grand Palais von einem 900 Meter langen Bauzaun umgeben, auf dem mit einem Comic die bewegte Geschichte des Bauwerks dargestellt ist – eine Art der Nutzung, die auch auf dem Bauzaun um Notre Dame angewendet wurde und wird [2]: Immerhin haben Comics in Frankreich als Ausdrucksform der nationalen Kultur Legitimität erlangt. Sie sind ein etabliertes Kulturgut und gelten als „9. Kunst“.[3]
Der verantwortliche Künstler dieses Werkes ist Nayel Zeaiter, in Frankreich bekannt vor allem wegen seiner auf 100 Tafeln aufgezeichneten „Histoires de France“.[4]
Auch für einen so erfahrene Comic-Spezialisten sind 900 m Bauzaun allerdings eine große Herausforderung. Chris Dercon, bis 2022 Président de la Réunion des musées nationaux – Grand Palais“ und als solcher für die Neukonzeption des Grand Palais und wohl auch für die Auftragsvergabe an Nayel Zeaiter zuständig, schreckte sogar nicht vor einem Vergleich mit dem Teppich von Bayeux zurück.[5] Das ist sicherlich gar zu hoch gegriffen. Zumal man manchmal den Eindruck hat, dass sich Zeyaiter bisweilen arg mühsam etwas einfallen ließ, um diese 900 m auszufüllen. Da geht man dann gerne schnell vorbei – etwa wenn es um die -weit ausgebreitete und etwas herbeigeholte Prometheus-Sage geht oder die „Ahnengalerie“ der französischen Kultusminister. Und der historische Hintergrund wird manchmal recht eigenwillig/lakonisch erläutert. Aber es gibt genug interessante Passagen, und insgesamt entsteht ein umfassendes und abwechslungsreiches Panorama der Geschichte des Grand Palais. Hier nun einige Ausschnitte/Eindrücke:
1897 begannen die Bauarbeiten des Grand Palais. Bis zur Weltausstellung 1900 musste es fertig sein, weil das Grand Palais zusammen mit dem gegenüber liegenden Petit Palais zentraler Ausstellungsort war.
„Es gab einen Hafen gleich nebenan.“
Begünstigt wurden die damaligen Bauarbeiten durch die Nähe zur Seine (unten auf der Skizze). Dort gab es den Hafen de la Conférence. links Grundriss des Grand Palais, rechts des Petit Palais. Diese beiden Gebäude wurden erschlossen durch eine neue Verkehrsachse (heute Avenue Winston Churchill) zwischen der Avenue des Champs Elysées und der ebenfalls neu errichteten Brücke Pont Alexandre III.
Die Bauarbeiten begannen damit, dass 3400 angespitzte Eichenpfähle mit Hilfe einer Dampfmaschine in den Boden gerammt wurden.
Die Baumaterialien wurden vor allem auf der Seine per Schiff und auf Kanälen mit Booten herangeschafft. Dafür gab es Treidelpfade und besonders kräftige Pferderassen, die im 19. Jahrhundert für solche Zwecke gezüchtet wurden. Auf diesem Comic-Bild ist es ein „percheron“, ein Kaltblütler aus dem Perche, einer Gegend nord-westlich von Paris.
Auch Dampflokomotiven kamen zum Einsatz. Auf der Baustelle wurden die Wagen aber auch mit Menschenkraft geschoben.
Hier wird ein Kapitell behauen. Während die Fassade aus Stein gebaut ist, ist besteht die Konstruktion der Ausstellunghalle und der riesigen Kuppel aus Eisen und Glas.
Die Metallteile wurden mit Hilfe von Nieten verbunden. Dafür waren spezielle Facharbeiter, die Riveteurs, zuständig.
An den beiden Ecken der Fassade wurden Statuen errichtet. Hier „Die über die Zwietracht triumphierende Harmonie“. „Man nennt sie ‚die Quadrigen‘, weil es von vier Pferden gezogene Wagen sind.“
Das Grand Palais war dem „Ruhm der französischen Kunst“ gewidmet. Zur Eröffnung wurden zwei große Ausstellungen präsentiert: Die Centennale, eine Retrospektive der französischen Kunst im 19. Jahrhundert, und die Décennale zur französischen Kunst des letzten Jahrzehnts.
Die nächste große Ausstellung war die Exposition internationale des Arts et techniques von 1937. Da gab es Pavillons verschiedener Länder, zum Beispiel die der UdSSR und Nazi-Deutschlands (von Albert Speer entworfen) zwischen Eiffelturm und Palais de Chaillot.
Im östlichen Flügel des Grand Palais wurde anlässlich dieser Ausstellung ein Wissenschaftsmuseum (Le palais de la découverte) eingerichtet.
Zur Ausschmückung des Museums erhielt der Maler Fernand Leger den Auftrag für ein monumentales Wandbild.
Sein Titel: Le Transport des forces. Es ging dabei um die Wasserkraft.
Als einziges der für die Ausstellung geschaffenen Werke Legers ist dieses Wandbild erhalten. Der Vergleich mit dem nachfolgend abgebildeten Original zeigt, wie exakt Nayal Zeaiter den Comic gestaltet hat.[6]
Im neuen Grand Palais soll das Bild Legers 2025 ausgestellt werden.
Das nächste große bewegte Kapitel des Grand Palais ist die Zeit der deutschen Besatzung.
„Die Deutschen hatten 1933 die Nazis gewählt. Sie hatten den Ersten Weltkrieg verloren, also beschlossen sie, einen zweiten anzufangen. …. Im Juni 1940 fällt Deutschland in Frankreich ein. Marschall Pétain wird Regierungschef und schließt am 22. Juni 1940 den Waffenstillstand mit den Deutschen“. (Na ja…. eine etwas problematische, auch inhaltlich nicht ganz korrekte Erläuterung… W.J.)
„Als sich die Deutschen in Paris niederließen, benötigten sie einen Platz, um ihre Lastwagen abzustellen. Also haben sie sie im Grand Palais abgestellt. … Das war praktisch“
„Seit Mai 1941 wurde das Grand Palais wieder wie früher genutzt … Es gab mehrere Ausstellungen unter der Leitung von Jacques de Lesdain, einem Geschäftsmann und Journalisten. … Vom 31. Mai bis zum 31. Oktober fand im Grand Palais die von Lesdain organisierte Ausstellung LA FRANCE EUROPÉENNE statt.“
In der Ausstellung wurde die Besetzung Frankreichs als Teil der Konstruktion Europas präsentiert: Gestern (hier: links) ein von Grenzen durchzogenes Europa, morgen (demain: rechts) ein Europa ohne Grenzen. „Lesdain nahm den Schengen-Raum vorweg, auch wenn sich das alles dann etwas anders als ursprünglich vorgesehen entwickelt hat“. (Glücklicherweise – möchte man da gerne hinzufügen).
Auch Reitturniere und Zirkusveranstaltungen fanden in der Besatzungszeit im Grand Palais statt. Und noch im August 1944, zwei Monate nach der Landung der Alliierten in der Normandie (!), wurde eine neue Ausstellung unter der Schirmherrschaft des Marschalls Pétain eröffnet: L’âme des camps: Da sollten die Solidarität und Kreativität der französischen Kriegsgefangenen in den deutschen Kriegsgefangenenlagern (Stalags) veranschaulicht werden.
Kurz darauf begann die Befreiung von Paris.
Dabei schoss ein Polizist aus dem im Grand Palais installierten Polizeirevier auf vorbeikommende deutsche Soldaten.
Die gingen zum Gegenangriff über. Im Grand Palais brach ein Feuer aus, unter anderem genährt durch das Futter der Zirkustiere. Das Feuer konnte aber bald gelöscht werden. Auf der gegenüberliegenden Seite der Avenue Franklin Roosevelt befindet sich übrigens heute der Sitz der Deutschen Botschaft, vor dem in Erinnerung an den Elysée-Vertrag von 1962 60 Jahre deutsch-französischer Freundschaft gefeiert werden…
Nach der Befreiung von Paris fand im Grand Palais eine erneute Ausstellung über französische Soldaten in Kriegsgefangenschaft statt. Diesmal allerdings mit anderer Tendenz: Es ging um das Leiden der gefangenen Franzosen und die Verbrechen der Deutschen.
Der Einfachheit halber wurden auch Stücke aus der vorherigen Ausstellung übernommen, zum Beispiel ein Wachturm. Auch „das war praktisch“.
Nach dem Krieg gab es viele Diskussionen über die Zukunft des Grand Palais. Der große Architekt Le Corbusier schlug sogar vor, einen Teil des alten Paris abzureißen und durch Neubauten zu ersetzen, darunter auch das Grand Palais.[7]
Dazu passt sehr schön das (auf dem Foto etwas verkürzt wiedergegebene) Comic-Schild: Périphérique intérieur mit dem Symbol der monuments historiques. Denn nach den Vorstellungen von Le Corbusier sollte eine Stadtautobahn – im Stil der Pariser Ringautobahn boulevard périphérique– das historische Zentrum von Paris durchschneiden… Mit dem Tod von Le Corbusier wurden diese Pläne aber glücklicherweise ad acta gelegt.
Unter de Gaulles Kulturminister André Malraux wurden im Grand Palais flexibel verwendbare Galerieräume für große Kunstaustellungen eingerichtet. Eröffnet wurden sie 1966 mit einer Picasso-Ausstellung, 1970 folgt eine weitere zu Matisse.
Während einer Antiquitätenmesse stürzte im Juni 1993 ein Niet der Glaskuppel zu Boden. Außer einem Nähkästchen waren keine Opfer zu beklagen, aber die Notwendigkeit einer Renovierung war unabweisbar. Erst 2005 konnte das Grand Palais wieder eröffnet werden, jetzt als Teil der Staatlichen Museen. (Réunion des Musées Nationaux).
Aber der Sanierungsbedarf war doch umfassender:
Ursachen waren große Lasten, die man unter der Kuppel aufgehangen hatte, der Brand von 1944 und das Eindringen von Regenwasser. Dazu kamen Probleme mit den Fundamenten: Es gab Bodenverschiebungen wegen der Nähe zur Seine und morsche Eichenpfähle.
Das Grand Palais musste erneut geschlossen werden. Ein provisorischer Ersatzbau. das Grand Palais Éphémère, wurde auf dem Champ de Mars zwischen Eiffelturm und Militärakademie (École Militaire) errichtet.
2024 wird ein Teil des Grand Palais für die Olympischen und Paralympischen Spiele wieder geöffnet werden.
Ein wesentliches Prinzip der Neugestaltung des Grand Palais wird die Öffnung der verschiedenen Bereiche sein, die von einem zentralen Platz aus für die Besucher zugänglich gemacht werden.
2025 wird dann das Grand Palais insgesamt wieder geöffnet werden. Es soll nach dem Konzept der Verantwortlichen nicht der Präsentation des kulturellen Erbes dienen, sondern ein lebendiger Ort von Ausstellungen sein. Im Mittelpunkt sollen nicht Werke und Wissen stehen, sondern die Öffentlichkeit. Man darf gespannt sein….
Die Quadriga an der place Clemenceau strahlt jedenfalls im Mai 2023 schon in neuem Glanz….
[3] Siehe: Stefanie Middendorf, Modernitätsoffensiven, Identitätsbehauptungen.„Bandes dessinées“ und die Nationalisierung der Massenkultur in Frankreich. Zeithistorische Forschungen Heft 1/2012 https://zeithistorische-forschungen.de/1-2012/4601
2024 wird Paris zum dritten Mal nach 1900 und 1924 Austragungsort der Olympischen Sommerspiele sein.
Hemd eines Bademeisters in unserem Pariser Schwimmbad…
Die Ansprüche sind hoch: Immerhin handelt es sich nach den Worten von Staatspräsident Macron um die größte jemals in Frankreich organisierte Veranstaltung. Ein echtes Volksfest sollen die Spiele werden (une vraie fête populaire), auf das Frankreich stolz sein könne. [1] Entsprechend auch Le Parisien in einem Leitartikel vom 15. April 2023, der sich ein allumfassendes Volksfest wünschte: „une fête populaire et totale“. Die Olympischen Spiele von 2024, auf die Frankreich seit 100 Jahren warte, sollten sich im kollektiven Gedächtnis einprägen als „die erfolgreichsten Spiele aller Zeiten“.[2]
Spektakuläre Wettkampfstätten
Auch das Organisationskomittee weckt höchste Erwartungen: Paris sei immerhin nicht eine Stadt wie jede andere und solle während der Spiele mit einem „spectacle total“ in Szene gesetzt werden. Dazu dient vor allem die Auswahl der Wettkampfstätten. Austragungsort vieler Wettkämpfe sind nämlich nicht wie üblich Sportstadien, sondern „spektakuläre Orte im Herzen der Stadt“. Durch die Wettkampfstätten sollen die Wahrzeichen der Stadt und ihre schönsten Monumente in den Blickpunkt der Wettkämpfer und der Zuschauer vor Ort und an den Fernsehschirmen in aller Welt gerückt werden.[3]
Auf dem Marsfeld, zu Füßen des Eiffelturms, finden die Wettkämpfe im Beach-Volleyball statt.
Werbeplakat für die Olympischen Spiele. Da wäre ich auch gerne dabei… Aber leider ist es mir nicht gelungen, dafür eine Karte zu erhalten…. Foto: Wolf Jöckel Juli 2023
Das Grand Palais wird nach mehrjähriger Renovierung mit den Wettkämpfen im Fechten und Taekwondo wieder eröffnet.[4]
Auf der Place de la Concorde werden Arenen für Straßensportarten wie Skateboard und Breakdance aufgebaut. [5]
Die Champs-Élysées, gerne als „die schönste Avenue der Welt“ gerühmt, werden natürlich -wie ja auch immer zum Abschluss der Tour de France- zusammen mit der place de l’Étoile und dem Arc de Triomphe – Schauplatz des Straßenradfahrens sein.
Und zu diesem Anlass soll auch der erste Abschnitt einer Neugestaltung der Champs-Elysées, mit dem schönen Namen Réenchanter les Champs-Elysées, abgeschlossen sein.[7]
Zu den spektakulären Wettkampforten der Olympiade werden auch die Seine und der Pont Alexandre III gehören.
An bzw. unter dieser Brücke sind nicht nur Start und Ziel der Triathlon-Wettkämpfe, sondern dort wird auch der Wechsel der drei Disziplinen stattfinden. Die Organisatoren versprechen sich davon „ein atemberaubendes Schauspiel“- vor allem natürlich für die 1000 Zuschauer, die das Glück und das Geld haben, die Wettkämpfe von der auf der Brücke aufgebauten Tribüne aus verfolgen zu können.[8] Dazu muss allerdings die Qualität des Wassers noch dauerhaft verbessert werden. Dazu mehr am Schluss des Beitrags.
Ein würdiger und passender Rahmen für die Reitwettbewerbe und den Modernen Fünfkampf wird der Schlosspark von Versailles sein. Versailles war ja berühmt für seinen Großen Marstall: Um 1750 gehörten über 2000 Pferde zum königlichen Hof.
Für die olympischen Spiele wird die von Le Nôtre 1680 geplante allée royale am Ende des Großen Kanals genutzt und ausgebaut werden, die -mit Blick auf das Schloss- 20 000 Zuschauer aufnehmen kann.[9]
Wenn von spektakulären Wettkampforten die Rede ist, dürfen natürlich die zum zweiten Mal bei Olympischen Spielen ausgetragenen Surf-Wettbewerbe nicht fehlen. Die finden nämlich in Tahiti statt![10]
Das gehört zu den überseeischen Departements Frankreichs, die damit auch in die Spiele einbezogen werden. Und auf Tahiti gibt es die „mythische Welle von Teahupo’o“, die bis zu 6 Meter hoch sein kann und die nach den Vorstellungen der Organisatoren ein „atemberaubendes sportliches Schauspiel“ verspricht.[11]
Eine Eröffnungsfeier wie noch nie
Diese spektakulären Wettkampfstätten werden allerdings noch übertrumpft durch den Ort der Eröffnungszeremonie. Die findet nämlich nicht im Olympiastadion (dem Stade de France) statt, wie das bei allen bisherigen Olympischen Spielen der Fall war, sondern vor allem auf und entlang der Seine.
Auf 140 bis 170 Schiffen sollen über 10 000 Athletinnen, Athleten und Delegationsmitglieder am 26. Juli 2024 sechs Kilometer lang vom Pont d’Austerlitz im Defilee den Fluss hinunterfahren. Am Pont d’Iéna werden die Boote anlanden, und auf der Höhe darüber, dem Trodacéro, wird gegen 23.50 Uhr bei der Schale mit dem olympischen Feuer und mit Blick auf den Eiffelturm der Abschluss der Zeremonie stattfinden. Die Spiele werden dann offiziell durch Staatspräsident Macron eröffnet.[12]
Die olympischen Ringe auf dem Trocadéro (September 2017, anlässlich der Entscheidung für Paris als Austragungsort der Olympischen Spiele 2024) REUTERS/Benoit Tessier/File
Dieser Ablauf ist eine enorme logistische Herausforderung, wie der Präfekt der Region Ile-de-France, Marc Guillaume, kürzlich noch einmal betonte: Wenn das um 20.24 Uhr gestartete erste Schiff – traditionsgemäß mit der griechischen Abordnung besetzt- am Trocadéro ankomme, sei das letzte Schiff, nämlich das mit der Delegation Frankreichs, noch nicht einmal am Pont d’Austerlitz losgefahren: Eine höchst anspruchsvolle und durchaus risikoreiche Veranstaltung.
Würde sich zum Beispiel aufgrund von Störungen oder besonderen meteorologischen Umständen der Start jedes der vorgesehenen Boote auch nur um zwei Minuten verzögern, würde die abschließende Zeremonie bis zum frühen Morgen dauern- ein Fiasco für die Zuschauer vor Ort und an den Fernsehschirmen in aller Welt, vor allem aber für die Athleten, die teilweise schon am nächsten Tag mit den Wettkämpfen beginnen. Man will vorsichtshalber im Juli 2023 schon einmal eine -allerdings etwas abgespeckte- Probeveranstaltung durchführen, um mögliche Schwachstellen aufzuspüren…[13]
Trotz solcher und anderer Risiken haben sich die Organisatoren aber für diese außergewöhnliche Eröffnungszeremonie entschieden. „Die Stadt wird“, wie es auf der offiziellen Olympia-Website heißt, „zur lebendigen Kulisse für einen außergewöhnlichen Moment. Die verschiedenen Szenen eines totalen Schauspiels zeigen die Monumente, Brücken und kulturellen Einrichtungen, die an der Seine liegen“ und die Teil des UNESCO-Weltkulturerbes „Seineufer“ sind. Für Tony Estanguet, den Chef des Organisationskomittees, soll das nicht nur ein „grandioses Schauspiel“, sondern sogar das größte spectacle aller Zeiten werden.[14]
Animation des Defilees am Pont Neuf
Damit mag er den Mund vielleicht etwas arg voll genommen haben. Aber bei den (zunächst) eingeplanten „mehr als 600 000 Zuschauern“ allein für die Eröffnungsveranstaltung ist unbestreitbar, dass es sich um die „größte Zeremonie“ der Olympia-Geschichte handeln wird.[15] 100 000 Zuschauer sollen dabei auf den Tiefkais direkt am Fluss Platz nehmen. Die dortigen Plätze kosten zwischen 90 und 2700 Euro.[16]
Auf den Hochkais darüber sollen 500 000 weitere Zuschauer kostenlos das Schauspiel verfolgen können.[17] Damit ist nicht nur dem Anspruch der Grandiosität Genüge getan, sondern auch dem der „volkstümlichen Spiele“: Denn es ist ein Anspruch gerade auch von Präsident Macron, dass die Pariser bei der Olympiade nicht außen vor bleiben sollen, sondern sich mit ihr identifizieren und an ihr teilhaben können. Enttäuschungen gibt es aber trotzdem: Wer überhaupt zu den per Los ausgewählten Glücklichen gehörte, denen die Chance eines Ticket-Angebots für einen Platz auf den Tiefkais eröffnet wurde, musste schon kurz nach Öffnung der Kartenvergabe feststellen, dass – wenn überhaupt- nur noch Plätze ab 1600 Euro verfügbar waren…[18]
Werbeplakatserie 365 Tage vor Eröffnung der Spiele. Aufgenommen am 25. Juli 2023, Boulevard Henri IV.
Planziel für Olympia: Frankreich unter den Top 5- Nationen!
Als Staatspräsident Macron im September 2021 die französischen Medaillengewinner der Olympischen Spiele von Tokio im Elysée-Palast empfing, stellte er trocken fest, die Medaillenausbeute entspreche nicht den Erwartungen. Frankreich hatte damals mit 12 Goldmedaillen und 32 Medaillen insgesamt den 8. Platz der Nationenwertung erreicht. Für Macron bei weitem nicht genug: „2024 muss es wesentlich besser werden. Frankreich muss sich dauerhaft unter den Top 5 der olympischen und paralympischen Spiele etablieren.“ Der Erfolg der Spiele werde am Erfolg der französischen Sportler gemessen, „car ça marche comme ça“ (weil es so läuft).[19] 2023 bekräftigte die französische Sport- und Olympia-Ministerin Amélie Oudéa-Castéra dieses Planziel: „Man kennt unseren Anspruch: Es ist ein Platz unter den Top 5 der Nationen.“[20] Zum Vergleich: Deutschland lag damals noch einen Platz hinter Frankreich: zwar mit 37 Medaillen insgesamt etwas besser, allerdings einer entscheidenden Silbermedaille weniger. Aber es ist wohl völlig unvorstellbar, dass Bundespräsident Steinmeier und die für den Sport zuständige Innenministerin Faeser solche Vorgaben gemacht hätten oder machen würden wie ihre französischen Pendants: Die Rolle des Staates ist in Frankreich -und zwar nicht nur im Bereich der Wirtschaft- eine andere als in Deutschland, und die des „republikanischen Monarchen“ an der Spitze Frankreichs sowieso eine völlig andere als die des deutschen Bundespräsidenten… Bezeichnend ist auch, dass ein Jahr vor den Olympischen Spielen das Thema Medaillenausbeute in den deutschen Medien -soweit ich das sehe- keine Rolle spielt. Ganz anders in Frankreich, wo es in den Medien allgegenwärtig ist: Sogar die den Sport im Allgemeinen kaum berücksichtigende Zeitung Le Monde hat am 23.3.2023 den Medaillen-Ambitionen und -Aussichten Frankreichs ganze zwei Seiten gewidmet![21]
Inzwischen scheint das Top 5- Ziel Allgemeingut des französischen Selbstverständnisses zu sein. Und die französische Sportpolitik hat dementsprechend auch einiges getan, um die Voraussetzungen zu seiner Erreichung zu schaffen: entsprechende organisatorische Strukturen, die Konzentration auf die Förderung von potentiellen Medaillengewinnern und vor allem natürlich auch erhebliche finanzielle Mittel. Vorbild dabei ist Großbritannien, das nach einem „demütigenden“ Ergebnis 1996 systematisch medaillenträchtige Athleten und Sportarten gefördert hat und seit den Spielen von Peking 2008 fest unter den Top 5- Nationen etabliert ist.[23]
Bei der Beurteilung des französischen Plansolls werden in der Presse immer wieder zwei Olympiaden zum Vergleich herangezogen: Die Spiele von Atlanta 1986, als Frankreich mit 15 Goldmedaillen schon einmal den 5. Platz der Nationenwertung erreichte, und die Spiele von Tokio 2021 mit 10 Goldmedaillen und einem 8. Platz. Dass das politische Medaillen – Ziel erreichbar ist, wird aber immer wieder betont: Auch mit Verweis auf 16 französische Weltmeisterschafts-Gewinner in den olympischen Disziplinen 2022 und 45 Medaillen. Insofern könne man hoffen, in der Medaillenzahl insgesamt (bisher 43 in Peking) und bei den Goldmedaillen (bisher 15 in Atlanta) in Paris einen zweifachen nationalen olympischen Rekord aufzustellen; oder sogar einen dreifachen: Denn die Ergebnisse von 2022 würden Frankreich sogar- auf Olympia übertragen- auf den vierten Platz der Nationenwertung hieven.[24]
2017, als Paris zum Austragungsort der Olympischen Spiele nominiert wurde, gab die damalige Sportministerin Laura Flessel sogar sehr ehrgeizige 80 Medaillen als Ziel an. Die Sportzeitung L’Equipe war da 2022 schon deutlich bescheidener mit einer Zielvorgabe von 50 Medaillen.
Für Claude Onesta, den Chef der französischen Kaderschmiede Agence nationale du sport müssten es allerdings schon 60-70 Medaillen sein, um den 5. Platz zu erklimmen, aber er hielt im März 2023 sogar 107 französische Medaillen für wahrscheinlich! („107 médailles probables“). Wie auch immer… Jedenfalls müssten nach der Prognose von Fabien Canu, dem Direktor des Institut national du sport, 15 bis eher 20 Goldmedaillen dabei sein, um sicher unter die ersten 5 Nationen zu kommen, was er aber für erreichbar hält.[25] Dabei wird gerne auf den motivierenden Heimvorteil verwiesen und es werden französische Goldmedaillen-Favoriten herausgestellt:
Der Zehnkämpfer Kevin Meyer, auf dessen Schultern ein immenser Erwartungsdruck lastet.[26]
Dazu gehören unter anderen und vor allem der Zehnkämpfer Kevin Meyer, Weltrekordhalter, Weltmeister und zweimaliger Silbermedaillengewinner bei Olympischen Spielen…
….der fast schon legendäre Judoka Teddy Riner, Medaillengewinner bei allen Olympiaden seit 2008, davon dreimal Gold, der gerade im Alter von 34 Jahren seinen 11.Weltmeisterschaftstitel gewonnen hat- beste Aussichten also für die Pariser Olympiade, wie Le Parisien vom 14.5. in seiner Eloge schreibt.. [26a]
… und der neue Schwimmsportstar Léon Marchand, der schon als „bester Schwimmer aller Zeiten“ gerühmt wird und dem gleich mehrere Goldmedaillen zugetraut werden; gewissermaßen als Nachfolger von Michael Phelps- und der hatte ja bei den Olympischen Spielen von Peking achtmal das Siegertreppchen bestiegen…[27]
Beste Voraussetzung also auch in dieser Hinsicht für glanzvolle und erfolgreiche Olympische Spiele von Paris.
Das Emblem der Olympischen und Paralympischen Spiele 24, eine Kombination von Goldmedaille, olympischer Flamme und Marianne, der Personifizierung der Französischen Republik und ihrer Ideale.[28]
Aber was ist, wenn…? Die Olympischen Spiele als mögliche Bühne für Proteste gegen Macron und die Rentenpolitik
Eigentlich könnten also die Verantwortlichen beruhigt den Olympischen Spielen entgegensehen und sich auf die noch notwendigen Vorbereitungen konzentrieren. Zumal eine große Mehrheit der Franzosen, nämlich 69%, laut einer Umfrage von Anfang 2023 die Abhaltung der Spiele in Paris unterstützt, auch wenn das ein Rückgang von 5 Punkten gegenüber der Umfrage von Oktober 2021 ist, was auch damit zusammenhängen mag, dass eine noch größere Mehrheit die Ticketpreise für zu hoch hält.[29]
Aber es gibt doch auch Anlass zu Sorgenfalten. Denn der Protest gegen die Rentenpolitik Macrons hat sich ja, wie die Demonstrationen am 1. Mai 2023 zeigten, noch nicht gelegt, auch wenn das französische Verfassungsgericht, der Conseil constitutionnel, die Reform gebilligt hat und die Reform damit sozusagen unter Dach und Fach ist. Schon während der bisherigen Demonstrationen hat sich gezeigt, dass in Teilen der Protestbewegung die Olympischen Spiele als möglicher Hebel des Widerstands gesehen werden und als Bühne für eine öffentlichkeitswirksame Darstellung der colère, der Empörung über das rabiate Vorgehen des Präsidenten, genutzt werden könnten.[30]
„Paris 2024 wird nicht stattfinden“. Foto vom 6. April 2023, dem 11. Tag der Mobilisierung gegen die Rentenreform. Le Monde (18. April 2023)
In den sozialen Medien kursiert seit einiger Zeit der Slogan „Pas de retrait, pas de JO“: Wenn also Macron die Reform nicht zurücknehme, werde es keine Olympischen Spiele geben.
Es handelt sich also um einen Aufruf, die Vorbereitungen und den Ablauf der Olympischen Spiele zu stören, weil man damit Macron an einem schwachen Punkt zu treffen hofft.[31] Solche Aufrufe kommen von einzelnen Aktivisten von rechts und links, sie werden auch von Organisationen wie Attac unterstützt. Ob bzw. inwieweit sie befolgt werden, ist derzeit wohl völlig ungewiss. Laurent Berger, der Chef der mitgliederstärksten Gewerkschaft CFDT, hat sich jedenfalls schon deutlich für ruhige Spiele ausgesprochen: Die Spiele sollten ein Fest werden, ein „magischer Moment für alle, die den Sport lieben“. Derartige Drohungen oder Aktionen sollten also unterbleiben. Und die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo, die die Aktionen gegen die Rentenreform ausdrücklich unterstützte und zunächst auch dem Olympia-Projekt sehr skeptisch gegenüberstand, rief dazu auf, die Spiele nicht als Geisel zu benutzen. Im Umkreis der Regierung erwartet man sogar eine „union sacrée sur les JO“, also die Aussetzung innenpolitischer Auseinandersetzungen während der Olympiade nach dem Vorbild des „geheiligten Bundes“ im Ersten Weltkrieg. Ganz so sicher scheint sich die Regierung aber nicht zu sein und durchaus mögliche Probleme zu befürchten. So will die öffentliche Pariser Verkehrsgesellschaft RATP auf Drängen der Regierung den Bediensteten bei Metro, Bus und RER (S-Bahn) einen Olympia-Bonus gewähren, um Protestaktionen während der Spiele vorzubeugen… Auch die Beschäftigten der Bahn und der Pariser Flughäfen sollen bedacht werden. Ein Fiasco wie die Absage des Antrittsbesuchs des englischen Königs Charles III soll um jeden Preis verhindert werden.[32]
Das Verkehrssystem: Die Achilles-Ferse der Olympischen Spiele
Bei der Bewerbung um die Olympischen Spiele hatte die Stadt Paris als besonderen Vorzug das Transportsystem herausgestellt: 100% der Besucher würden mit öffentlichen Verkehrsmitteln, zu Fuß oder mit dem Fahrrad die Sportstätten erreichen können. Dafür wurde ein ehrgeiziges Ausbauprogramm entwickelt mit dem Ziel, die einzelnen Sportstätten und sonstigen olympischen Einrichtungen wie das Pressezentrum oder das olympische Dorf zu verbinden. Das sind immerhin insgesamt 25 Orte, davon 12 in Paris und 13 im Pariser Umland (petite et grande couronne).
Dazu soll/te das überwiegend marode, überalterte und schon im Normalbetrieb völlig überforderte System der öffentlichen Verkehrsmittel so weit ertüchtigt werden, dass es Millionen zusätzlicher Verkehrsteilnehmer bewältigen kann. Gerechnet wird von den für den Transport Verantwortlichen immerhin mit etwa 500 000 Zuschauern, Teilnehmern und Offiziellen, die während der Spiele täglich befördert werden müssen. Die französische Sportministerin geht sogar von 800 000 täglichen Olympia-Verkehrsteilnehmern aus, 600 000 Zuschauern und 200 000 Akkreditierten, also Sportlern, Pressevertretern, Angestellten, freiwilligen Helfern und Offiziellen. Ob dazu die geplante Ausweitung des bestehenden Angebots um 15% ausreichen wird, sei dahingestellt.[33]
Kein Wunder, dass angesichts solcher immenser Herausforderungen die Sorge vor Protestaktionen hoch ist. Dies auch deshalb, weil 2024 eine weitere Öffnung des Verkehrssystems für private Anbieter auf der Tagesordnung steht. Da können Proteste öffentlich Bediensteter, die den Verlust von Privilegien befürchten, nicht ausgeschlossen werden. Möglicherweise wird es deshalb vorsorglich einen Olympia-bedingten Aufschub geben.
Aber selbst wenn die Olympischen Spiele nicht durch Protestaktionen beeinträchtigt werden, ist das Transportsystem die Achilles-Ferse der Spiele. Schon heute ist absehbar, dass die Mammutaufgabe des Transports kaum zufriedenstellend bewältigt werden kann.
Bauarbeiten für die Olympiade am Pariser Nordbahnhof, 3.2.2023 (Photo by JULIEN DE ROSA / AFP) [34]
Vor allem deshalb, weil zwar viel gebaut wird, zahlreiche für die Olympischen Spiele eingeplanten Verkehrsinvestitionen aber nicht rechtzeitig fertig gestellt werden können. Beispielsweise wird die strategisch wichtige Linie 16, die als „offizielle Linie“ der Spiele bezeichnet worden war, nicht verfügbar sein. Sie sollte die nördlich von Paris im Département Seine-Saint-Denis gelegenen Olympia-Orte wie das Olympiastadion, das daneben neu zu errichtende Schwimmstadion und das olympische Dorf miteinander verbinden. Das Centre Aquatique Olympique sollte ein ökologisches Vorzeigeprojekt werden und dem ärmsten und problembeladenen französischen Departement etwas Glanz verleihen. Aber zwei zentrale Sportstätten wie das Olympiastadion (Stade de France) und das Schwimmstadion direkt nebeneinander mussten ein Albtraum für die Verkehrsplaner sein: Schon bei dem Champions-League-Finale am 28. Mai 2022 kam es bei nur 110 000 Besuchern zu massiven Verkehrsproblemen und daraus resultierenden chaotischen Situationen.[35] Deshalb hat man, um das Verkehrssystem durch die Entzerrung von Großwettkampfstätten zu entlasten (und gleichzeitig Kosten zu sparen), die Schwimmwettkämpfe nach Nanterre in den Westen von Paris verlegt. Sie werden dort in der Défense Arena, dem größten Konzertsaal Europas, ausgetragen, in den nun extra Bassins eingebaut werden müssen. Diese Sportstätte ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln relativ gut erreichbar, unter anderem mit der inzwischen voll automatisierten Métro-Linie 1, die als erste Métro-Linie von Paris für die Olympiade von 1900 gebaut wurde…
Es sind aber nicht nur die nicht rechtzeitig fertig gestellten Verkehrsinvestitionen, die Probleme bereiten. Auch die bestehende Infrastruktur leidet unter massiven Problemen, die Bewohner und Besucher von Paris zur Genüge kennen: Überlastungen, teilweise urtümliche Züge, marode Einrichtungen, die immer wieder zu Störungen des Verkehrs führen. Wir vermeiden es deshalb nach Möglichkeit, die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen und bewegen uns vorzugshalber mit dem Fahrrad. Aber trotzdem haben wir schon öfters die Erfahrung gemacht- zum Beispiel mit Koffern auf dem Weg vom oder zum Bahnhof, in völlig überfüllten Metro-Wagen eingeklemmt zu sein oder gar nicht erst hineinzukommen…
Besonders anfällig sind die beiden RER- (S-Bahn-) Linien B und D, die zu den Hauptverkehrsträgern der Olympischen Spiele gehören: Schienennetz und rollendes Material sind überaltert, was sich auch bis 2024 nicht nachhaltig ändern wird, wie das renommierte Montaigne-Institut in einem detaillierten Bericht über die Transportprobleme während der Olympischen Spiele schreibt.[36] Einen Vorgeschmack gab es im Sommer 2022, als bei brütender Hitze Züge beider Linien in einem Tunnel stundenlang zum Stehen kamen und evakuiert werden mussten.[37]
Für die Organisation der Spiele ist das eine große Herausforderung. Man ist gezwungen, bei den Planungen die bestehenden Unzulänglichkeiten zu berücksichtigen. Das heißt zum Beispiel, dass -entgegen dem ursprünglichen 100%-Ziel der Bewerbung, nicht nur auf öffentliche Verkehrsmittel, Fahrrad und Fuß gesetzt werden kann, sondern auch Autos und Busse eine große Rolle spielen werden. 1400 Busse sollen für den Transport von Athleten und Offiziellen eingesetzt werden. Für das System von Shuttle-Bussen werden gesonderte Fahrspuren mit einer Länge von 185 Kilometern eingerichtet, die sogenannten voies olympiques.[38] Auch der die Stadt umgebende und fast ständig überlastete Boulevard périphérique, der gerade seinen 50. Geburtstag gefeiert hat, soll eine solche olympische Fahrspur erhalten.
Wenn man bedenkt, wie deutlich und eindrucksvoll die Stadt Paris schon in den letzten Jahren die Fahrspuren für Autos zugunsten von Fußgängern und Fahrradfahrern reduziert hat, kann man sich vielleicht ein wenig ausmalen, was das für den nicht-olympischen Verkehr bedeuten wird. Immerhin finden die Olympischen Spiele zur Ferienzeit statt. Aber viele Pariser und Bewohner des Umlandes werden im nächsten Jahr während der Spiele arbeiten müssen, weil sie für deren Ablauf und den touristischen Massenansturm requiriert werden oder sich dafür zur Verfügung stellen. Und viele Einheimische wollen und sollen ja auch die Wettkämpfe direkt verfolgen können, damit die Spiele nicht ein Fremdkörper in der eigenen Stadt werden, sondern das erhoffte Volksfest. Präsident Macron hat allerdings schon in seiner Rede 500 Tage vor Beginn der Olympischen Spiele vorsorglich gewarnt: Es sei eine Realität, dass trotz der ausgerufenen Generalmobilmachung „einige unserer Mitbürger“ während der Spiele „ein etwas eingeschränktes Leben haben werden“, was den Transport mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder den Privatverkehr angehe.[39]
Eine besondere und zusätzliche Herausforderung stellen dazu auch noch die Paralympischen Spiele (28. August bis 8. September) dar. Fast 350 000 Teilnehmer und Zuschauer mit eingeschränkter Beweglichkeit werden dazu erwartet. Für sie sind die öffentlichen Verkehrsmittel in Paris kaum geeignet. Selbst für noch einigermaßen bewegliche Menschen ist es ja eine Zumutung, dass an Verkehrsknotenpunkten wie der place de la République keine Rolltreppen, geschweige denn Aufzüge existieren. Wir können davon, wenn wir auf dem Weg von oder nach Paris dort kofferbeladen umsteigen und mehrere Treppen überwinden müssen, ein (trauriges) Lied singen. An einer „normalen“ Metro-Station erwartet man ja schon gar nicht den „Luxus“ alters- oder behindertengemäßer Einrichtungen. Die relativ frühe Entstehungszeit des Pariser Metro-Systems erweist sich hier als Nachteil: Als die Metro gebaut wurde, waren Rolltreppen und Aufzüge noch nicht eine Selbstverständlichkeit. Da kann auch eine Olympiade nicht auf die Schnelle Abhilfe schaffen.
Was kann und wird die Stadt also tun, um auch im Bereich des Transports dem Anspruch behindertengerechter, inklusiver Spiele zu entsprechen?[40] Sie will die Flotte barrierefreier Taxis erhöhen, die voie olympique des Boulevard périphérique auch für den Transport von behinderten Menschen öffnen und -wie auch immer im Einzelnen- dauerhaft die selbstständigen Bewegungsmöglichkeiten von Menschen mit Behinderung verbessern. On verra….
Inzwischen (Ende 2023/Anfang 2024) haben die Verantwortlichen selbst etwas Bedenken, wie Paris den Ansturm der Olympiabesucher bewältigen kann. Das zeigt auch eine groß angelegte Plakataktion in den Metrostationen.
Da wird dazu aufgefordert, sich während der Olympischen Spiele bevorzugt mit dem Fahrrad zu bewegen, oder -noch besser- zu Hause zu arbeiten.
Es gibt aber sogar auch den Ratschlag, während der Spiele am besten Paris den Rücken zu kehren….
Die unsichere Sicherheitslage
Ein Großereignis wie die Olympischen Spiele birgt selbstverständlich auch erhebliche Sicherheitsrisiken. Die zu erwartende außergewöhnlichen Zusammenballung von Menschen wird für Diebe ein gefundenes Fressen sein. Nicht von ungefähr wird schon bisher in den Metro-Zügen ständig vor Taschendieben gewarnt. Wesentlich bedrohlicher sind aber die terroristischen Gefahren. Man hat ja 2015 gesehen, dass ein großes Sportereignis zum Ziel eines islamistischen Anschlags wurde: Damals fand im Stade de France, das 2024 das Olympiastadion sein wird, vor rund 80.000 Zuschauern ein Freundschaftsspiel zwischen der französischen und der deutschen Fußballnationalmannschaft statt, bei dem auch der damalige französische Staatspräsident Hollande und der damalige deutsche Außenminister Steinmeier anwesend waren. Glücklicherweise konnte das geplante Eindringen von drei Selbstmordattentätern in das Stadion verhindert werden. So sprengten sich die Attentäter außerhalb des Stadions in die Luft, wobei ein zufällig vorbeikommender Passant getötet wurde. Nicht auszudenken, wenn der Plan der Terroristen -so wie im gleichzeitigen Bataclan-Anschlag- aufgegangen wäre…
Unter Sicherheitsgesichtspunkten stellt die Eröffnungszeremonie ein außergewöhnliches Gefahrenpotential dar. Darüber scheint bei Sicherheitsfachleiten weitgehend Konsens zu bestehen. Sogar der respektable Cour des Comptes hat im Januar 2023 darauf hingewiesen.[41] Der bekannte Kriminologe Alain Bauer ging sogar so weit, die geplante Zeremonie mit 600 000 Zuschauern als „kriminellen Wahnsinn“ (folie criminelle) zu bezeichnen. Bei dieser Art der Veranstaltung gäbe es nichts, was im Blick auf die Sicherheit von Athleten, Veranstaltern und Öffentlichkeit nicht möglich sei.[42] Das geht von der Schwierigkeit, medizinische Notfalleinsätze durchzuführen, über die Gefahr von Panikattacken bis -natürlich- hin zu möglichen terroristischen Angriffen. Denn ein solches von Milliarden Menschen in aller Welt verfolgtes Ereignis mit einer solch extremen Publikumskonzentration biete sich als Ziel von Anschlägen geradezu an. Nach Einschätzung der Pariser Polizeipräfektur sei da keine absolute Sicherheit zu garantieren, zumal es Anschläge zu Lande, zu Wasser und aus der Luft geben könne. [43]
Inzwischen hat sich das denkbare Spektrum terroristischer Anschläge gegenüber 2015 ja noch wesentlich erhöht: Sicherheitsfachleute sind besonders beunruhigt über die Möglichkeit von Drohnenangriffen. Der Krieg in der Ukraine zeige, wie leicht Drohnen militärisch ausrüstbar und einsetzbar seien. Das französische Militär will deshalb diese Gefahr besonders im Auge behalten und sich entsprechend darauf vorbereiten. Dies gilt auch für mögliche Angriffe durch Unterwasserdrohnen. [44]
Eine Maßnahme zur Gefahrenreduzierung wird auch sein, den Zugang zu den kostenfreien Zuschauerplätzen auf den Hochkais der Seine zu reglementieren: Es sollen, anders als zunächst geplant, 17-20 abgegrenzte und gesicherte Zonen eingerichtet werden, für die Eintrittskarten ausgegeben werden. Es wird also nicht möglich sein, sich frei entlang der Seine zu bewegen.
Und was die Zahl von 600 000 Zuschauern angeht, ist das letzte Wort wohl noch nicht gesprochen. Da gibt es Forderungen und wohl auch offizielle Überlegungen, die Zahl aus Sicherheitsgründen auf 500 000 oder sogar 400 000 zu reduzieren.[45]
Zur Sicherung allein der Eröffnungsfeier, aber auch für die gesamte Zeit der Spiele, werden mehr als 20 000 private Wachleute benötigt, die es aber derzeit (noch) nicht gibt, zumal sich viel Wachpersonal während der Corona-Krise beruflich anders orientiert hat.
Privates Wachpersonal am Stade de France, dem zukünftigen Olympiastadion. (Franck Fife/AFP)[46]
Bisher ist es jedenfalls nicht gelungen, mit Hilfe der ausgewählten privaten Sicherheitsfirmen auch nur annähernd die genügende Zahl von Wachleuten zu verpflichten. Die Zeitung Le Monde spricht schon, in Bezug auf die Sicherheit der Spiele, von einem Ausnahmezustand. Die Organisatoren versuchen deshalb, unter den Arbeitslosen und Studenten zusätzliches Personal zu finden, das in Schnellkursen ausgebildet und dann „ins kalte Wasser geworfen“ werden soll. Es wird auch überlegt, im frankophonen Ausland auf die Suche zu gehen. Und wenn alle Stricke reißen, wird wohl -wie schon bei den Olympischen Spielen von London- die Armee einspringen müssen.[47]
Die ist allerdings sowie schon seit 2015 im Rahmen der Operation Sentinelle für die Abwehr terroristischer Gefahren mobilisiert. Die schwerbewaffneten matialischen Armeepatrouillen gehören ja fast schon wie selbstverständlich zum Pariser Stadtbild.[48]
Ein besonders heftig diskutiertes Sicherheits-Thema ist die Video-Überwachung. Sie soll für die Olympischen Spiele ausgeweitet werden, womit die Sicherheit erhöht und das Wachpersonal entlastet werden soll. Inzwischen hat ein speziell für die Olympiade erarbeitetes entsprechendes Gesetz alle parlamentarischen Hürden überwunden. Die ursprünglich geplante biometrische Überwachung, die – wie in China praktiziert- die Identifikation von Personen ermöglicht, wurde im Laufe des Gesetzgebungsverfahren fallen gelassen. Die Erfassung soll allerdings „intelligent“ sein (vidéosurveillance algorithmique), also mit Hilfe der verwendeten Algorithmen (potentielle) Gefahrensituationen wie den Ausbruch eines Feuers, verdächtige Gegenstände oder Publikumsbewegungen automatisch identifizieren.
Dieses Überwachungssystem ist gesetzlich als experimentell definiert und bis Ende 2024 terminiert – damit allerdings nicht auf die Zeit der Spiele begrenzt und auch nicht auf diese beschränkt. Es bezieht sich nämlich ganz allgemein auf Veranstaltungen, „die aufgrund ihres Umfangs oder ihre Umstände besonderen Risiken terroristischer Akte oder schweren Beeinträchtigungen der Sicherheit von Personen“ ausgesetzt sind, wie es im Gesetzestext heißt.[49] Manchen, wie dem republikanischen Rechtsaußen und Bürgermeister von Nizza, Christian Estrosi, geht diese Regelung der Videoüberwachung nicht weit genug, andere -wie die linken Abgeordneten der NUPES, die gegen das Gesetz stimmten, sehen hier ein Einfallstor für dauerhafte und dann doch noch verschärfte Überwachungsmaßnahmen. Dass die Kosten für die Sicherheit der Spiele in Höhe von mehreren hundert Millionen Euro im Olympia- Budget nicht berücksichtigt sind, sei nur am Rande noch erwähnt… [50]
Ein neues Sicherheitsproblem tut sich übrigens nach der Errschießung eines Jugendlichen bei einer Polizeikontrolle im Pariser Vorort Nanterre und den darauf folgenden Gewaltausbrüchen Ende Juni/Anfang Juli 2023 auf. Weniger deshalb, weil dabei auch eine Olympia-Baustelle sozusagen in kollaterale Mitleidenschaft gezogen wurde [50a) , sondern vor allem deshalb, weil generelle Unsicherheiten entstehen: Wie kann die Sicherheit eines Großereigenisses wie der Olympischen Spiele in einem Land garantiert werden, das sukzessive von den Protesten der Gelbwesten, den Demonstrationen gegen die Rentenreform und jetzt von dem Wüten enthem mter jugendlicher Gewalttäter aus den Vorstädten erschüttert wurde und wird…. In Le Monde vom 9. Juli 2023 wird sogar die Frage gestellt, ob die Olympischen Spiele überhaupt stattfinden könnten, wenn Frankreich dann noch einmal von einer derartigen Welle von Gewalt überrollt würde.
In einer noch kurz vor diesen Gewaltausbrüchen erhobenen repräsentativen Umfrage, waren nur 35% der Befragten davon überzeugt, dass die Sicherheit der Spiele garantiert werden könnte. (Le Figaro, 24./25. Juni 2023) Dieser Wert wird seitdem wohl eher noch sinken…
Dank Olympia: Baden in der Seine!
Zu den besonderen Attraktionen der Pariser Olympiade gehört die Austragung des Triathlon-Schwimmens und der Freiwasser-Wettbewerbe in der Seine. Das ist geradezu sensationell, denn seit 1923 ist das Schwimmen dort verboten: Die miserable Wasserqualität ließ keine Wahl. 1970 wurde auch das Baden in der Marne, dem wichtigsten Nebenfluss der Seine, verboten: eine umweltpolitische Bankrotterklärung. 1988 verkündete dann Jacques Chirac, damals Bürgermeister von Paris, in seiner typischen forschen Kavalleristen-Manier, man werde in fünf Jahren in der Seine baden können: Dans cinq ans, on pourra à nouveau se baigner dans la Seine. Und er werde dabei der erste sein.[51] Aber daraus wurde nichts. Fast 20 Jahre später fand dann zwar der Schwimmpart des Pariser Triathlons in der Seine statt und 4500 Teilnehmer durften (oder mussten…) trotz gesundheitlicher Bedenken am Eiffelturm in die Seine springen. Aber das war es dann auch – und es wäre sicherlich auch ohne die Olympischen Spiele noch lange dabei geblieben. Mit der Nominierung von Paris als Olympiaort setzte man sich aber das ehrgeizige Ziel, jetzt endlich vielen schönen Worten Taten folgen zu lassen, das Baden in der Seine möglich zu machen und olympische Schwimmwettbewerbe im Fluss zu veranstalten. In sieben Jahren wurde erreicht, was sonst noch weitere 30 oder 40 Jahre gedauert hätte – so Pierre Rabadan, der für die Olympischen Spiele zuständige Pariser Dezernent (adjoint à la maire de Paris). Vom Bad in der Seine hätten manche geträumt, viele davon gesprochen, ab 2024 sei es dank Olympiade Realität, twitterte die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo und posierte mit einem passenden Zeitschriftencover an der Seine. Und Präsident Macron stellte zufrieden fest, das Baden in Marne und Seine ermöglicht zu haben, werde zu dem bleibenden Erbe der Spiele gehören. [52]
Die „Rückeroberung der Seine“ war und ist noch ein äußerst anspruchsvolles und aufwändiges Vorhaben. Lange Zeit wurden erhebliche Abwässer ungeklärt in Marne und Seine eingeleitet. Ein besonderes Problem stellten heftige Regengüsse dar, die oft das Abwassersystem überforderten und zum Überlaufen brachten. Jean-Paul Kauffmann berichtet in seinem 2013 erschienenen Buch „Remonter la Marne“, nach Regenfällen würden von der Brücke von Joinville alle möglichen Krankheitserreger in die Marne gespült. Dann erschienen ölige Flecken auf der Wasseroberfläche, auf denen hunderte von toten Fischen trieben. Das macht deutlich, wieviel zu tun war und noch ist, um da Abhilfe zu schaffen. 1,4 Milliarden Euro wurden und werden dafür investiert und es gibt auch schon deutliche Erfolge:
Gab es in den 1990-er Jahren nur noch 3 Fischarten in der Seine, so sind es heute 34 oder -folgt man Netflix- sogar 35: Die amerikanische Streaming Plattform dreht nämlich gerade einen Film, in dem es um einen Hai in der Seine geht, der den Triathlon-Wettbewerb 2024 ins Chaos stürzt…[53] Wenn sich also schon ein Hai in der Seine tummelt…
Der Olympia-Verantwortliche der Stadt Paris kann jedenfalls eine stolze Zwischenbilanz verkünden: Hätten die Olympischen Spiele 2022 zur exakt gleichen Zeit stattgefunden wie 2024, wäre schon damals während 92% der Zeit die Qualität des Seine-Wassers ausreichend oder hervorragend gewesen.[54] Aber natürlich reicht das nicht aus, denn Wettkämpfe können ja nicht einfach verschoben werden, weil gerade ein Starkregen das Wasser verschmutzt hat. Also wird noch weiter intensiv an dem ehrgeizigen Projekt gearbeitet. In Paris trifft man an der Seine an mehreren Orten entsprechenden Baustellen.
„2024 wird man in der Seine baden können“ (Foto: Wolf Jöckel)
Besonders eindrucksvoll ist die Baustelle am Gare d’Austerlitz.[55]
Paris, France, le 12 avril 2023. Construction du bassin d’eau d’Austerlitz.
photo : LP / Olivier Corsan
Hier wird ein riesiges Auffangbecken mit einem Durchmesser von 50 Metern, einer Tiefe von 30 Metern und einem Fassungsvermögen von 50 000 m3 gebaut. Es geht darum zu verhindern, dass bei starkem Regen Abwässer in die Seine gelangen. Bei Starkregen wird das verschmutzte Wasser in dem Bassin aufgefangen und von dort nach und nach in Kläranlagen geleitet – ein wichtiger Beitrag zur weiteren Verbesserung der Wasserqualität. Und das ist auch dringend notwendig: Anfang August 2023 musste ein in der Seine vorgesehener Weltcupwettbewerb im Freiwasserschwimmen abgesagt werden, weil aufgrund von längerem Starkregen die erforderlichen Grenzwerte nicht eingehalten werden konnten. Zur Wasserqualität soll auch beitragen, dass für annähernd 300 Hausboote Anschlüsse geschaffen werden, damit sie ihr Abwasser nicht wie direkt in den Fluss einleiten. [56]
Geplant ist nun, dass auch die Öffentlichkeit ab 2025 davon profitieren kann. Gegenwärtig werden im städtischen Bereich vier mögliche Standorte für Seine-Schwimmbäder geprüft, von denen einer oder zwei 2025 fertiggestellt sein soll/en. Das werden allerdings -wie bisher schon im Bassin de la Villette- abgegrenzte Bereiche sein: Badnutzung und Schiffsverkehr müssen ja deutlich voneinander getrennt sein und die Strömung des Flusses kann so reduziert werden. Hier eine Animation, wie das vielleicht einmal aussehen könnte[57]:
Allerdings sind da viele Pariser sehr skeptisch und es muss wohl noch einige Überzeugungsarbeit geleistet werden.[58]
Wir freuen uns aber schon sehr auf das Bad in der Seine und werden -wenn es denn so weit ist- damit auch zu denen gehören, für die die Olympischen Spiele von Paris etwas gebracht haben…
Siehe auch: FAZ 2.5.23: „Im Kampf gegen Russland setzt die Ukraine auch auf ziviles Fluggerät. Beladen mit Sprengsätzen kann es zur billigen, tödlichen Waffe werden.“
Das Palais Beauharnais in Paris hat eine mehr als 300-jährige Geschichte. Erbaut im Stil eines klassischen Pariser Stadtpalais (hôtel particulier) zu Beginn des 18. Jahrhunderts erlitt es die Verwerfungen der Französischen Revolution, erlebte aber in der napoleonischen Ära seine Blütezeit. Benannt ist es nach Eugène de Beauharnais, dem von Napoleon adoptierten Sohn seiner Frau Josephine, der zeitweise als sein Nachfolger galt, Vizekönig von Italien wurde, mit einer Wittelsbacher Prinzessin verheiratet war und nach dem Sturz Napoleons nach München übersiedelte, wo er auch begraben ist. Sein Palais verkaufte er an Preußen. Als Sitz der Botschaft Preußens und später Deutschlands wurde das Palais ein bedeutender Ort der deutsch-französischen Beziehungen. Die Brüder Humboldt gingen ein und aus, Bismarck residierte hier 1862 als Botschafter, Herschel Grynspan erschoss 1938 im Palais Beauharnais den Botschaftssekretär vom Rath, was den Nazis als Anlass bzw. Vorwand für das Judenpogrom in der sogenannten Kristallnacht diente. Das nach der Befreiung von Paris 1944 beschlagnahmte Gebäude wurde 1961, im Vorfeld des Elysée-Vertrags, an die Bundesrepublik Deutschland zurückgegeben. Es ist jetzt die Residenz des deutschen Botschafters und dient repräsentativen Zwecken. In den letzten Jahren wurde das Palais Beauharnais äußerst aufwändig wissenschaftlich dokumentiert und restauriert. Vor allem aufgrund seiner einzigartigen Innenreinrichtung gilt es als Meisterwerk des Empire, des Stils des napoleonischen Zeitalters. Zur Bedeutung des Palais Beauharnais trägt auch bei, dass im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 und der sich anschließenden Commune mit dem Schloss von Saint-Cloud und dem Tuilerienpalast zwei Haupterinnerungsorte der napoleonischen Zeit zerstört wurden. Darüber hinaus hat sich von den Innenausstattungen, die während des Baubooms nach der Französischen Revolution in Paris entstanden, kaum etwas erhalten. Auch das macht das Palais Beauharnais so einzigartig und kostbar.[1]
Um diesem in mehrfacher Hinsicht so bedeutsamen Bau wenigstens einigermaßen gerecht zu werden, widme ich ihm zwei Berichte auf diesem Blog. Der vorausgegangene erste Teil hat sich mit dem Bau und der Geschichte des Palais beschäftigt:
Der nun folgende zweite Teil soll exemplarisch die künstlerische Bedeutung und Schönheit des Baus, aber auch die durch ihn vermittelte politische Botschaft anschaulich machen. Das Palais war ja in seiner Blütezeit für den potentiellen Nachfolger Napoleons bestimmt und das kommt auch in seiner Gestaltung deutlich zum Ausdruck.
Das Palais Beauharnais ist ein „Meisterwerk des Empire“, ein ganz einzigartiges Gesamtkunstwerk. Bereits 1806-1807 schrieb der badische Diplomat Carl C. von Berckheim in seinen Briefen aus Paris über das Haus: „Einer der schönsten Paläste von Paris ist das der Ehrenlegion, in der rue de Lille[2], sowie das in derselben Straße gelegene Haus des Vize-Königs von Italien, dessen Ausstattung, die mehr als eine Million achthunderttausend Francs gekostet hat, all das in sich vereint, was guter Geschmack und Geld an Schönem und Ausgesuchtem herstellen können.“[3]Dieser Eloge schloss sich 2006 Michael Moenninger an, der in der ZEIT das Palais Beauharnais als „einzigartiges Prunkstück“ bezeichnete und es kurz und bündig -wie im Titel dieses Beitrags übernommen- zum „schönsten Haus Deutschlands“ erkor.[4]
Der besondere Reiz des Palais Beauharnais besteht darin, dass man bei einem Rundgang gewissermaßen nicht aus dem Staunen herauskommt. Es gibt immer neue verschiedenartige Eindrücke, ein Höhepunkt folgt auf den anderen. Man hat die Konzeption des im Empire-Stil umgestalteten Baus, wie wir ihn weitgehend auch heute wieder erleben, als eine der zeitgenössischen Architekturtheorie entsprechende Abfolge von tableaux beschrieben, von Bildern also: So wie in einem Theaterstück die Szenen und Bühnenbilder wechseln, so hier die ganz individuell gestalteten einzelnen Räume, die insgesamt dann aber ein harmonisches Ganzes ergeben. Und so ist es ja auch in den zeitgenössischen Landschaftsparks wie dem von Ermenonville, wo die Pappelinsel mit dem Grab Rousseaus eines von mehreren tableaux ist, die der Besucher bei seinem Rundgang bewundern kann und die insgesamt ein großes pittoreskes Landschaftsgemälde ergeben.
In Beschreibungen des Palais Beauharnais taucht -ganz in diesem Sinne- immer wieder der Begriff der Inszenierung auf: Inszeniert, ja gefeiert wird mit allen Mitteln der Kunst, mit Farbe, Licht und kostbaren Materialien, der Glanz und die Macht des Empire, und in Szene gesetzt wird der Hausherr Eugène de Beauharnais, der erfolgreiche Feldherr, der Freund der Künste und der Stief- und dann Adoptivsohn des Kaisers und damit auch dessen potentieller Thronfolger.
Vorhang auf! Der ägyptische Portikus
Die von bzw. für Eugène de Beauharnais vorgenommenen Umbaumaßnahmen bezogen sich vor allem auf den Innenausbau. Eine Ausnahme ist der ägyptische Portikus, der vor den Eingang des Baus gesetzt wurde. Es handelt sich zwar nur um ein in Leichtbauweise aus Holz, Ziegeln und Putz errichtetes Werk: In der Mitte zwei Papyrossäulen, darüber auf dem Frontgiebel eine geflügelte Sonnenscheibe mit den Uräus-Schlangen, Symbol der Pharaonen. Der Portikus ist damit aber ein eindrucksvolles und in dieser Art einzigartiges Zeugnis der Ägypten-Mode, die nach dem Ägypten-Feldzug Bonapartes in Frankreich Hochkonjunktur hatte. Der Feldzug endete zwar mit einer militärischen Niederlage, die archäologische Ausbeute und die künstlerischen Auswirkungen waren aber erheblich, weshalb auch gerne von einer Expedition gesprochen wird. Am und im Palais Beauharnais lassen sich die ägytischen Einflüsse hervorragend beobachten und bewundern.
Einzigartig ist dieser ägyptische Portikus vor allem insofern, als eine eigentlich geplante monumentale „ägyptische Trilogie“ für das napoleonische Paris nicht realisiert wurde. Die sollte bestehen aus einem Riesen-Obelisken auf dem Pont Neuf, einer zentralen Pyramide auf dem Friedhof Père Lachaise und einem von Chalgrin entworfenen ägyptischen Tempel auf der Place des Victoires, der immerhin den Portikus des Palais Beauharnais inspirierte.[6]
Dem deutsch-französischen Pariser Stadtbaumeister Hittorff, der im 19. Jahrhundert das Palais renovierte und modernisierte, war der Portikus allerdings, ungeachtet seiner Einzigartigkeit, ein die Ästhetik der Fassade störender Dorn im Auge. Nicht nur für die Kunstgeschichte im Allgemeinen, sondern auch speziell für die Geschichte des Palais ist der Portikus allerdings höchst bedeutsam: Er verweist demonstrativ darauf, dass das Palais nach einer wechselvollen Geschichte nun einen neuen Besitzer, Eugène de Beauharnais, hat, und er bringt zum Ausdruck, dass dieser neue Hausherr als Adjudant Bonapartes an dem Ägypten-Feldzug teilgenommen hat. Von diesem Feldzug, den Vivant Denon, „der Kunsträuber Napoleons“, begleitete, wurden ja auch zahlreiche archäologische Beutestücke nach Paris gebracht, auch Reliefs der Göttin Mut. Die Figurenreliefs auf den Vorderseiten des Portikus sind Abgüsse entsprechender Originale.[7]
Sie erscheinen gewissermaßen wie Zeremonienmeister, sie begrüßen den Besucher und machen ihm deutlich, dass er nun in eine Kunstwelt eintaucht voller immer neuer Überraschungen, in eine Szenenfolge von tableaux, in ein Theater, in dem der Zuschauer zum Schluss zum Schauspieler wird und sich selbst inszeniert. [8]
Foto: joeruggiero_collection (Instagram)
Blick aus dem Vestibül mit der Büste Alexander von Humboldts in das Treppenhaus mit der einen Kranich tragenden Allegorie der Wachsamkeit, aber auch der Treue und Zuverlässigkeit. „Es handelt sich um eines der wenigen Kunstwerke, das aus der Zeit Eugènes im Haus erhalten geblieben ist.“ (Palais, 42)
Foto: joeruggiero_collection (Instagram)
Eine völlig neue Szenerie öffnet sich im „Grünen Salon“ mit seinen weißen und vergoldeten Holzvertäfelungen, vor allem aber mit seiner Textilausstattung, einem grün gestreiften Seidendamast, der dem Raum seinen Namen gab. (Palais, 29). Der Grüne Salon gehörte zu den offiziellen Räumen des Palais und diente als Empfangsraum.
Foto: Antoinebn und allemagnediplo (Instagram)
Zur Einzigartigkeit des Palais Beauharnais und des Grünen Salons tragen auch Gemälde von Hubert Robert bei: Hier ein in die Holzvertäfelung eingelassenes Wandbild aus dem Jahr 1797 mit einem italienisierenden Landschafts- und Ruinenmotiv aus Tivoli. Hubert Robert war ja besonders als „Ruinenmaler“ bekannt und im Ancien Régime, aber auch in den Zeiten des Konsulats beliebt. Eugène Beauharnais übernahm die Bilder beim Kauf des Palais, und es ist inzwischen das einzige hôtel particulier, das noch mit originalen Gemälden Roberts ausgestattet ist.
Auf der weiß gefassten Holzvertäfelung sind geschnitzte und vergoldete Ornamente angebracht. Die Helme auf den Wandvertäfelungen sind nicht die einzigen militärischen Bezüge in diesem Salon:
Mit Helmen sind auch die Fenstergriffe verziert. Und dann der Kamin:
Auf dem Fries des Kamins sind die Bronzeapplikationen von zwei Siegesgöttinnen befestigt, in ihrer Mitte Jupiter, links davon ein Venus-Medaillon, rechts der Kriegsgott Mars mit Helm und Schwert.
…. und daneben Bronzeapplikationen von Adlern, Löwen und sternbesetzten römischen Standarten.
Die Bedeutung dieses Raumes ist damit unverkennbar: Er verweist den hier auf eine Audienz wartenden Besucher auf die militärischen Verdienste Eugènes.
Und dazu gehören natürlich auch die ägyptischen Bezüge, die sich hier wie auch an vielen anderen Stellen des Palais finden. Sie haben -wie die Lotusblätter und -kelche an den Wandvertäfelungen– nicht nur dekorative Funktion, sondern können, wie schon der Portikus, als Hinweis auf Eugènes Verdienste im Ägyptenfeldzug Napoleons verstanden werden. In diesen Kontext gehört natürlich auch der benachbarte ägyptische Salon mit Portraits von ägyptischen Würdenträgern, mit denen Napoleon auf seinem Feldzug verbündet war.
Der Bezug zu Ägypten wird auch durch die dominierende Farbe des Raums unterstrichen: Es ist das weiche Ocker der „terre d’Egypte“. Und der Bezug zu Eugène wird durch das Portrait des Prinzen ganz direkt und unmissverständlich hergestellt.
Szenenwechsel: Jetzt kommen wir in den „Roten Salon“, auch Salon Amarante genannt.
„Seinen Namen erhielt der Salon wie schon zur Zeit des Empire von dem dunkelroten, als amarant-farben bekannten Farbton der Wandbespannung aus Wollstoff und der seidenen Fenstervorhänge“ (32). Festlich von Kandelabern beleuchtet wird hier das Portrait von Auguste Amalia, der Tochter des bayerischen Königs und Frau Eugènes. Für sie wurde der Salon in ein Schlafzimmer umgewandelt, als Eugène wegen der sich abzeichnenden Niederlage Napoleons Italien verlassen musste.
Die Aufteilung des Roten Salons entspricht der vieler anderer Räume: Auf einer Seite der Kamin, auf der gegenüberliegenden eine Konsole, in der Mitte ein Tisch mit darüber angebrachtem Kronleuchter. Eine Gleichförmigkeit kann aber trotzdem nicht aufkommen: Nicht nur wegen der Unterschiedlichkeit dieser wiederkehrenden Elemente, sondern vor allem auch wegen der unterschiedlichen Farbgebung der Räume.
Nach dem Grünen und dem Roten Salon und dem ockerfarbigen Ägyptischen Salon wird in der Bibliothek „mit einer im Bühnendekor häufig verwendeten Technik des Trompe l’lœil (…) eine Wandvertäfelung aus Mahagoni und gelbem Zitronenholz“ vorgetäuscht. (Palais, 38). Diese Imitationsmalerei war zu Revolutionszeiten einfach und kostengünstig und deshalb sehr verbreitet.
Foto: antoinebn (Instagram)
Der Bibliothek kommt in der Raumfolge des Erdgeschosses eine zentrale Funktion zu. In seiner Mittel gelegen, öffnet sich von hier aus der Blick in den Garten und je nach Jahreszeit auch zu dem auf der anderen Seine-Seite gelegenen Tuilerien-Garten, der zu dem 1871 zerstörten königlichen Tuilerien-Schloss gehörte.
Die ungewöhnliche Positionierung der Bibliothek im Zentrum des Erdgeschosses beruht wohl auf einer persönlichen Entscheidung des bibliophilen Prinzen. „Zeit seines Lebens stand er in engem Kontakt mit zahlreichen Buchhändlern, die ihn mit den neuesten Publikationen versorgten.“ (Meisterwerk, 203)
Dazu gehörten auch die Werke Friedrichs des Großen…
… Das Hauptthema der Ikonographie des Raumes ist der Apollo-Mythos, der auf den Besitzer des Hauses verweist.“ (Palais, 36)
Und zu diesem Apollo-Mythos gehört vor allem der Schwan, Begleittier des Gottes der Künste. Apollos Wagen wird von singenden Schwänen gezogen. Hier dient der Schwan aus vergoldeter Bronze als Türbeschlag auf den monumentalen Bücherschränken aus Mahagoni-Holz.
Auch die apollinische Lyra darf nicht fehlen…
Die Wandleuchter der Bibliothek sind mit Apollo-Masken geschmückt.
Apollo-Bezüge finden sich, nicht nur hier, sondern vor allem auch noch im Musiksalon im ersten Stockwerk: Eugène wird in seinem Palais nicht nur als Feldherr herausgestellt, sondern auch als feinsinniger Freund der Musen: Das ist Teil der Inszenierung.
Danach geht es über die Ehrentreppe an Napoleon vorbei (Portraitbüste in Marmor von Chaudet) in die erste Etage. Dort befinden sich die repräsentativen Salons, zu denen auch der Musiksalon gehört. Er wurde, wie die Bibliothek, speziell für Eugène eingerichtet, der sich besonders für Gesang und Klavierspiel begeisterte.
Die Wände sind mit lebensgroßen Darstellungen der vier Musen dekoriert. Darunter jeweils die hier schon fast obligatorischen apollinischen Schwäne.
Es sind mit Korallenketten geschmückte Schwanenbüsten, über deren Schultern Blumengirlanden aufliegen. Im Zentrum der Girlanden befindet sich eine Maske, die mit ihren jeweiligen Attributen die Götter Bacchus (Tanz), Minerva (Malerei), Helios (Literatur) und natürlich -nachfolgend abgebildet- Apollo (Musik), darstellen. (Meisterwerk, 265)
Sehr elegant auch die Schwanenhälse an den Armlehnen der vergoldeten Sessel[9]
Mit seinen zahlreichen Verweisen auf Apollo „fügt sich der Raum in das ikonographische Konzept des Hauses ein, das den Prinzen Eugène in Analogie zum Musengott der Antike stellt.“[10]
Der bedeutendste Raum der ersten Etage, ja des ganzen Palais ist der Festsaal, der Salon der vier Jahreszeiten. Das ist allein schon an seiner Größe und der zentralen Lage genau im Mittelpunkt der Etage ablesbar. Als einziger Raum des Hauses verfügt er über einen Balkon, von dem aus man einen Blick über den Garten, auf die Seine, den Tuileriengarten und -zu Zeiten Eugènes- auch auf das königliche Schloss der Tuilerien hatte.
Vor allem aber ist es die Innendekoration, die den Salon der Vier Jahreszeiten zu einem der schönsten Räume des frühen Empirestils in Europa machen.[11]
Foto: C. Larit/ passementeries Declercq
Besonders ins Auge springt zunächst auch hier die intensive farbliche Gestaltung, die charakteristisch für den Empire-Stil ist und im Palais Beauharnais allein schon durch die entsprechende Benennung von Räumen zum Ausdruck kommt: Grüner Salon, Roter Salon, Kirschsalon. Im Salon der vier Jahreszeiten ist es die Dominanz der Komplementärfarben Blau und Gelb/Orange: Entsprechend dem im Empire in höchster Konsequenz verwirklichten Stilprinzip der Einheitlichkeit haben alle Textilien im Raum die gleiche Farbigkeit – kombiniert mit der entsprechenden Gegenfarbe.[12]
Photo C. Larit / passementeries Declercq
Seinen Namen hat der Raum durch die ihn besonders prägenden überlebensgroßen Darstellungen der vier Jahreszeiten. Deren allegorische Verkörperung war in der Innenausstattung festlicher Räume, aber auch an Fassaden von Stadtpalais durchaus üblich – man denke nur an das Hôtel Carnavalet oder das Hôtel de Sully im Pariser Marais.
Die Darstellungen der vier Jahreszeiten im Palais Beauharnais sind überlebensgroß gemalt, in unterschiedlichen Positionen und mit Attributen entsprechend der von ihnen verkörperten Jahreszeit versehen.
Allen Darstellungen gemeinsam ist aber, dass sie vor einem wolkigen, eher diffusen Hintergrund erscheinen, aus dem sie -wie Theaterfiguren- heraustreten; so die Allegorie des Herbstes mit einer Fülle von Früchten.
Besonders eindrucksvoll die Darstellung des Winters, der -anders als meist sonst- auch als Frau verkörpert ist. „Vor Frost erstarrt, bedeckt sie schirmend einen Fuß mit dem anderen und zieht die weit umfließende, an ihren Enden schon vereiste und sich in Schneeflocken auflösende Kleidung zum Schutz vergebens an sich.“[13] Die Kälte ist hier unmittelbar spürbar wie die dem Betrachter zufallenden Früchte des Herbstes. So entsteht eine „Atmosphäre der Illusion“[14], zu der auch die Spiegel und Leuchter beitragen.
Durch die hohen gegenüber angebrachten Spiegel -hier über Kamin und Konsoltisch- und zusammen mit dem zentralen Lüster „erscheint das Licht vielfach gespiegelt in unendlich langen Reihen. Der Raum wird zu einer Inszenierung des Lichts.“[15]
Den Wandabschluss des Raumes bildet ein Fries mächtiger goldener Adler mit ausgebreiteten Schwingen und Girlanden: Die „Zeit der goldenen Adler“ hatte Heine das Empire genannt, die Zeit „der offiziellen Unsterblichkeit… des pathetischen Materialismus“…[16]
Einer der napoleonischen Adler im Salon der vier Jahreszeiten
In der Entwurfszeichnung des Raums waren hier apollinische Lyren vorgesehen, die dann aber durch den kaiserlichen Adler ersetzt wurden. Ihm untergeordnet sind die apollinischen Schwäne auf den die vier Jahreszeiten einfassenden Pilastern.
„Dies war allerdings eine ungewöhnliche Kombination von Symbolen, die allerdings von den Zeitgenossen leicht zu entziffern waren: Hier steht der Adler für Kaiser Napoleon, der Schwan (Apollo) für Eugène. In der Verbindung mit dem Adler verweist der Schwan als Symbol Apollos auf dessen Stellung als Sohn Jupiters von der Göttin Latona. Der Schwan symbolisiert im Kontext des Palais Beauharnais also keinenfalls nur das Symbol von Weiblichkeit und Eleganz, sondern ebenso das besondere Verhältnis von Stiefvater und Adoptivsohn und unterstreicht im ‚Grand Salon‘ Eugènes Stellung im Kaiserreich und seinen Anspruch auf die Thronfolge.“ (Meisterwerk, 240). Der Dekor erlaubt also „eine politisch-dynastische Lesart“, die wahrscheinlich von Kaiserin Josephine selbst bestimmt wurde. (Palais, 52)
Dazu gehören natürlich die ägyptischen Motive, die auch in diesem Raum nicht fehlen dürfen : Auch dieser Dekor „bekam im Umfeld Napoleons eine politische Dimension, die den Anspruch Eugènes auf die Nachfolge Napoleons unterstrich“. (Meisterwerk, 182).
In der Ornamentik des Raums war sogar schon vorsorglich der Platz für einen Thronsessel ausgespart!
Damit schließt sich ein Kreis: Beim Betreten des Palais Beauharnais wurde der Besucher von der weiblichen Figur mit dem Kranich empfangen, einer Allegorie der Treue und Zuverlässigkeit, „was mit der Stellung Eugènes als Adoptivsohn von Napoleon und den ehrgeizigen Plänen von der Kaiserin Josephine, ihren Sohn als möglichen Thronfolger Napoleons zu sehen, übereinstimmt.“ (Palais, 42). Hier im Festsaal der vier Jahreszeiten und damit am Ende des offiziellen Durchgangs wird noch einmal demonstrativ die erhoffte Rolle des Prinzen in Szene gesetzt.
Ein weiteres einzigartiges Empire-Ensemble ist das als Gesamtkunstwerk konzipierte Schlafzimmer des Prinzen Eugène mit dem Himmelbett und seinem an die Pariser Commune erinnernden Spiegel. (Siehe Bericht Teil 1). „Es ist das einzige Beispiel eines am originalen Standort erhaltenen Prunkbettes in einem Pariser Stadtpalast des Empire.“ (Palais, 65)
Foto: Drouot Paris, Instagram
Überlegungen von französischer und deutscher Seite, die Einrichtung des Raumes in ein Pariser Museum oder als Schlafzimmer des Bundeskanzlers oder Bundespräsidenten nach Deutschland zu transferieren, wurden glücklicherweise nicht verwirklicht. (Meisterwerk, 300)
Abschluss und Höhepunkt einer Besichtigung des Palais Beauharnais ist der Besuch des Baderaums. Es ist das einzige erhaltene Bad aus der Zeit des Empire in Paris und ein „kostbares Dokument für eine Inneneinrichtung im Europa der Zeit um 1805. (Meisterwerk, 303)
Dazu gehört der mit seltenen Marmorsorten eingelegte Fußboden. Er zeigt nach römischem Vorbild die vom Stier entführte Europa, in den Seitenfeldern Delphine.
Foto: allemagnediplo (Instagram)
Das Bad ist mit einem Grundriss von 3,48 zu 2,80 m sehr klein, aufgrund der raffiniert angebrachten Spiegel entsteht aber die Illusion von sich endlos wiederholenden Bildern. Wer in diesen Raum eintritt, wird damit Teil der Inszenierung und gewissermaßen selbst zum Hauptdarsteller.[17]
Foto: Instagram
Angrenzend an das Badezimmer liegt das Türkische Boudoir, das als Ruheraum diente und ebenfalls zum privaten Teil der repräsentativen Wohnung des Prinzen Eugène gehörte. „Neben einem Divan im Alkoven bilden vier Sitzhocker und ein Konsoltisch die originale Ausstattung des Boudoirs, die in der Einfachheit ihrer Konstruktion den Eindruck von Bühnenmobiliar vermitteln.“ (Palais, 69)
Schon vor der Revolution gab es in Frankreich eine Vorliebe für orientalisierende Boudoirs, die nach dem Ägyptenfeldzug Napoleons besonders befördert wurde. „Das Türkische Boudoir im Palais Beauharnais ist dabei in mehrfacher Hinsicht bedeutsam. Zunächst handelt es sich heute um das einzige erhaltene Beispiel der Orientmode aus den Jahren um 1804 in Paris. Darüber hinaus wurde das Thema des Orients hier mit einer intensiven Farbigkeit, stilisierten Blumendarstellungen und dem gemalten Fries unter der Decke neu interpretiert.“ (Meisterwerk, 311)
Der Fries unter der Decke stellt den Weg eines jungen Mädchens von ihrem Elternhaus in den Harem eines Paschas dar.
Hier wird sie auf dem Marktplatz verkauft.
Und hier eine Haremsszene mit ‚exotisch-pikantem Reiz‘ (Meisterwerk, 311)
Dieses orientalische Ambiente hat gerade im Hôtel Beauharnais eine besondere Bedeutung. Denn Eugène hatte während des Ägyptenfeldzugs „weitreichende Eindrücke über die Sitten und Bräuche im Orient sammeln können und im Rahmen einer militärischen Suchaktion in Kairo selbst einen Harem besucht. Daher ist es wohl einer der frühesten orientalischen Räume, dessen Auftraggeber sich auf eine persönlich erlebte Erfahrung im Orient berufen konnte.“ (Meisterwerk, 311)
Und insofern schließt sich auch hier ein Kreis: Man betritt des Palais Beauharnais durch den ägyptischen Portikus und man beendet den Rundgang mit dem Besuch des orientalischen Boudoirs.
Und damit fällt auch der Vorhang nach einer dreifachen glanzvollen Inszenierung:
einer Inszenierung von Räumen, von unterschiedlichen Bildern (tableaux), mit Hilfe von Licht und Farben, von kostbaren Stoffen und Materialien, von antiken und ägyptischen Motiven.
einer Inszenierung von Glanz und Größe, von der Macht des napoleonischen Reichs, das dabei war, ganz Europa zu erobern. Dazu passt auch der Raub Europas als Zentralmotiv in dem Badezimmer des Palais.
und schließlich eine Inszenierung des Hausherrn, Eugène von Beauharnais, der in drei Rollen präsentiert wird: als apollinischer Musenfreund, als tapferer Soldat und Teilnehmer am Ägyptenfeldzug Bonapartes und als treuer Adoptivsohn Napoleons und damit als dessen potentieller kaiserlicher Nachfolger.
Besichtigung
Zweimal monatlich (außer Juli und August) gibt es ganz hervorragende Führungen durch das Palais, die im Allgemeinen von Francoise de Guilhermier-Jacquot, conférencière des Musées Nationaux, durchgeführt werden.
Wir danken Herrn Achim Holzenberger, dem früheren Leiter der Abteilung Presse/Öffentlichkeitsarbeit der deutschen Botschaft, dass er uns die Möglichkeit für Fotoaufnahmen gegeben hat und uns dabei geduldig begleitete.
Thomas W. Gaethgens, Ulrich Leben und Jörg Ebeling, Palais Beauharnais in Paris- zur historischen Ausstattung. In: Bau und Raum Jahrbuch 2004. Herausgegeben vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, S. 82-91
Claus von Kameke, Palais Beauharnais. Die Residenz des deutschen Botschafters in Paris. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1968
Klaus-Henning von Krosigk, Der Garten des Palais Beauharnais. In: Bau und Raum Jahrbuch 2004. Herausgegeben vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, S. 92- 95
Michael Moenninger, Imperiale Wehmut. Botschaften renovieren, Plätze ausgraben: Warum die Franzosen das Deutsche Forum für Kunstgeschichte in Paris so schätzen. DIE ZEIT, 10/2006 vom 2. März 2006
[2] Das ist das ehemalige Hôtel de Salm, in dem Eugène de Beauharnais zur Miete gewohnt hatte, bevor er „sein“ hôtel in der rue de Lille erwarb.
[3] Zitiert in Ebeling/Leben, Das Palais Beauharnais, S. 9 Bei dem erwähnten Palais der Ehrenlegion in der rue de Lille handelt es sich um das Hôtel de Salm, das nach der Guillotinierung des deutschen Prinzen von Salm in den letzten Tagen des jacobinischen Terrors von Napoleon zum Sitz der neu geschaffenen Ehrenlegion umgewidmet wurde. Siehe dazu den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2016/07/01/der-cimetiere-de-picpus-ein-deutsch-franzoesischer-erinnerungsort/
[4] Michael Moenninger, DIE ZEIT 10/2006 vom 2. März 2006
[5] Alle Fotos dieses Beitrags -wenn nicht anders angegeben- von Frauke und Wolf Jöckel.
[7] Bei der Zuschreibung der Reliefs folge ich Ebeling/Leben, Meisterwerk des Empire, S. 23. Hammes sieht in ihnen dagegen „ägyptische Phantasiegottheiten“ (S. 62), von Eck/Versluys halten die Mut-Zuschreibung für ungesichert, und vermuten eher, dass es sich weniger um eine ganz bestimmte Gottheit handelt, sondern eher um „Egypt in more general terms.“
[8] Siehe van Eck: „The Hôtel de Beauharnais thus operates as an immersive space, and the portico indicates this very clearly. Based on a the temple portico such as the one at Denderah, it acts (…) as a gateway that signals that the viewer is entering a fictional space…“ und „The sticks held by the two goddesses add to the ceremonial character of the portico; it is as if they are servants with torches inviting you in.“
[11] Siehe den Abschnitt „Salon der Vier Jahreszeiten“ in Ebeling/Leben, Ein Meisterwerk des Empire, S. 240f und Sidonie Lemeux Fraitot, Die malerische Ausstattung des Palais Beauharnais, a.a.O., S. 89 f.
Das Palais Beauharnais in Paris hat eine mehr als 300-jährige Geschichte. Erbaut im Stil eines klassischen Pariser Stadtpalais (hôtel particulier) zu Beginn des 18. Jahrhunderts, erlitt es die Verwerfungen der Französischen Revolution, erlebte aber in der napoleonischen Ära seine Blütezeit. Benannt ist es nach Eugène de Beauharnais, dem von Napoleon adoptierten Sohn seiner Frau Josephine, der zeitweise als sein Nachfolger galt, Vizekönig von Italien wurde, mit einer Wittelsbacher Prinzessin verheiratet war und nach dem Sturz Napoleons nach München übersiedelte, wo er auch begraben ist. Sein Palais verkaufte er an Preußen. Als Sitz der Gesandtschaft/Botschaft Preußens und später Deutschlands wurde das Palais ein bedeutender Ort der deutsch-französischen Beziehungen. Die Brüder Humboldt gingen ein und aus, Bismarck residierte hier 1862 als Botschafter, Herschel Grynspan erschoss 1938 im Palais Beauharnais den Botschaftssekretär vom Rath, was den Nazis als Anlass bzw. Vorwand für das Judenpogrom in der sogenannten Kristallnacht diente. Das nach der Befreiung von Paris 1944 von der französischen Regirung beschlagnahmte Gebäude wurde 1961, im Vorfeld des Elysée-Vertrags, an die Bundesrepublik Deutschland zurückgegeben. Es ist jetzt die Residenz des deutschen Botschafters und dient repräsentativen Zwecken.
Im Foyer des Palais Beauharnais: neben den Fahnen die Büste Wilhelm von Humboldts
In den letzten Jahren wurde das Palais Beauharnais äußerst aufwändig wissenschaftlich dokumentiert und restauriert. Vor allem aufgrund seiner einzigartigen Innenreinrichtung gilt es als Meisterwerk des Empire, des Stils der napoleonischen Ära.
Palais Beauharnais: Salon der vier Jahreszeiten. Foto: F. Jöckel
Um diesem in mehrfacher Hinsicht so bedeutsamen Bau wenigstens einigermaßen gerecht zu werden, werde ich ihm zwei Berichte auf diesem Blog widmen. Dieser erste Teil beschäftigt sich mit dem Bau und der Geschichte des Palais, der zweite, nachfolgende, soll exemplarisch die künstlerische Bedeutung und Schönheit des Baus, aber auch die durch ihn vermittelte politische Botschaft anschaulich machen: Das Palais war in seiner Blütezeit für den potentiellen Thronerben Napoleons bestimmt und das kommt auch in seiner Gestaltung deutlich zum Ausdruck.
Der Bau: ein hôtel particulier in bester Lage als Spekulationsobjekt
Architekt und Bauherr des Palais war Germain Boffrand, einer der erfolgreichsten Architekten seiner Zeit. Zunächst zeichnete er sich als Schüler von Jules Hardouin-Mansard, dem „premier architecte“ Ludwigs XIV. aus. Für Mansard war er u.a. am Entwurf der place Louis-le-Grand, der späteren place Vendôme, beteiligt und war dort als Bauleiter tätig. Er machte sich dann selbstständig und war bei einer hochadligen Klientel äußerst gefragt. Sogar in Deutschland verbreitete sich sein Ruhm: 1724 reiste Germain Boffrand nach Würzburg, um -zusammen mit Balthasar Neuman, den er ein Jahr vorher bei dessen Studienreise in Paris kennengelernt hatte- am Bau der Residenz mitzuwirken.[1]
Als sich die Herrschaft von Ludwig XIV. zum Ende neigte, betätigte sich Boffrand auch als Bodenspekulant. „In weisem Vorausblick auf die Verlegung von Hof und Regierung nach Paris nach dem Tode Ludwigs XIV. im September 1715 entschied er sich für ein Grundstück am linken Seineufer gegenüber dem Garten der Tuilerien. Das Viertel nannte sich La Grenoullière, wohl deshalb, weil damals an dieser Stelle noch Frösche quakten….“[2]
„Ansicht der Tuilerien in Paris“, um 1830. Kolorierter Kupferstich mit Blick aus dem Garten des Palais Beauharnais über die Seine auf Tuilerien und Pont Royal (Ausschnitt).[3] M
Mit der Fertigstellung der Brücke Pont Royal im Jahr 1689 (teilweise hinten rechts im Bild) und der dadurch entstandenen direkten Verbindung zum Tuilerien-Palast (Hintergrund Bildmitte) stieg die Bedeutung des Viertels erheblich an. Ab 1701 wurde auf Befehl des Vorstehers der Kaufmannsgilde Boucher d’Orsay eine zunächst nach ihm benannte Uferstraße errichtet.
Im August 1713 kaufte Boffrand ein weitläufiges Grundstück auf diesem Terrain, das er in drei Parzellen für drei Stadtpalais aufteilte. Zwei Palais baute er selbst. Das größere verkaufte er kurz nach seiner Fertigstellung im November 1715 schlüsselfertig an Jean-Baptiste Colbert de Torcy, Neffe und Patenkind des großen Colbert. Das Palais trug deshalb zunächst auch seinen Namen: Hôtel de Torcy. Es lag, typisch für die damaligen Pariser Stadtpaläste, zwischen dem Ehrenhof auf der einen und dem Garten auf der anderen Seite.
Plan du Palais de S.A. Le Prince Eugène, 1817. Grundriss Erdgeschoss mit Gartenanlagen[4]
Um den Hof waren zwei kleine Eingangspavillons, Remisen und zwei abgetrennte Höfe für Küchen und Stallungen gruppiert. Wie damals üblich, schirmte eine Mauer mit einem schlicht gehaltenen Portal die Anlage zur Straßenseite hin ab.
Das Hauptgebäude (Corps de logis) erreichte man über eine Freitreppe mit 13 Stufen: Das Erdgeschoss war zum Schutz gegen das Hochwasser der Seine leicht erhöht.
Das Hôtel de Torcy vor den Umbauten des 19. Jahrhunderts. Dokumentation von C. Prévotel. Abbildungen der Bauzeichnungen befinden sich im Foyer des Hôtel de Beauharnais[5]
Die Fassade verlieh dem Bau eine „hoheitsvolle Würde“. Sie war klar dreiteilig gegliedert nach dem Rhythmus drei – zwei- drei- zwei- drei. Die Räume im ersten und zweiten Stock waren für die herrschaftliche Familie bestimmt und dienten der Repräsentation und dem Wohnen, im Dachgeschoss war die Dienerschaft untergebracht.Monumentalität trotz Einfachheit oder Monumentalität durch Einfachheit zu erreichen, war ein Grundprinzip Boffrands, das in diesem Bau in besonderer Weise zum Ausdruck kommt.“[6]
Der Garten war mit Sand aufgeschüttet, so dass er terrassenartigen Charakter hatte und einen freien Blick auf die Seine und den gegenüberliegenden Tuilerien-Garten ermöglichte.
Foto: F. Jöckel
Insgesamt ein Bauwerk, das, auch aufgrund seiner kostbaren Ausstattung, von zeitgenössischen Beobachtern als eines der hervorragendsten Bauwerke ihrer Zeit angesehen wurde.
Die Wirren der Revolution: Absturz
Mitte des 18. Jahrhunderts ging das Palais in den Besitz des Herzogs von Villeroy über. Damit änderte es seinen Namen und wurde zum hôtel de Villeroy. Mit der Revolution änderte sich auch die Adresse: Das Stadtpalais lag nun nicht mehr in der rue de Bourbon, sondern in der rue de Lille, so benannt 1792 in Erinnerung an die erfolgreiche Verteidigung dieser Stadt gegen die Österreicher. Villeroy versuchte zwar, sich den neuen Umständen anzupassen und zeigte demonstrativ patriotische Gesinnung, aber vergeblich: 1794 fiel er der Schreckensherrschaft Robespierres zum Opfer und wurde nach einem Urteil des Revolutionstribunals hingerichtet. Nicht viel besser erging es dem hôtel des Herzogs: die bewegliche Habe wurde verkauft, auch weite Teile der festen Einrichtung verschwanden: Die hölzernen Wandverkleidungen wurden ausgebaut, die Wandbespannungen abgerissen, Türen und Fenster fehlten, ebenso große Teile des Parketts. Kamine, Öfen waren einfach nicht mehr vorhanden, das Dach weitgehend abgedeckt. Was blieb, war im Grunde eine Ruine.[7] Nach dem Ende der Schreckensherrschaft verkauften die Erbinnen des Herzogs 1796 das Haus an zwei Spekulanten, die „Bau- , Reparatur-, Verbesserungs- und Verschönungsarbeiten“ vornahmen und das entsprechend aufgeteilte Anwesen vermieteten.
Der neue Besitzer, Eugène von Beauharnais, „ein europäischer Prinz“
Am 20. Mai 1803 kaufte der zweiundzwanzigjährige Eugène de Beauharnais das heruntergekommene Palais, das seitdem hôtel de Beauharnais oder Palais Beauharnais heißt. Eugène war der Sohn von Joséphine de Beauharnais und Alexandre de Beauharnais. Dieser gehörte zu den ersten adligen Abgeordneten der Nationalversammlung, die zum Dritten Stand übertraten, und er war zeitweise Präsident der Nationalversammlung. Dessen ungeachtet wurde er 1794 von einem Revolutionstribunal zum Tode verurteilt. Die Mutter, Joséphine, heiratete 1796 den jungen General Bonaparte, der 1799 zum Ersten Konsul aufstieg und 1804 sich zum Kaiser krönte. Als Frau des Ersten Konsuls suchte Joséphine für ihren Sohn eine standesgemäße Wohnung. Der wohnte damals nämlich noch zur Miete im hôtel de Salm, seit 1804 Sitz der Ehrenlegion. Dieses Stadtpalais war von einem deutschen Prinzen erbaut worden, der mit Alexandre de Beauharnais eng befreundet war und mit dem zusammen er 1794 hingerichtet und auf dem Friedhof von Picpus in einem Massengrab verscharrt wurde.
Eugène war ein gut aussehender, charmanter junger Mann, der die Offizierslaufbahn einschlug. Als Adjudant Napoleons nahm er am Italienfeldzug und dann auch am Ägyptenfeldzug 1798-1801 teil und zeichnete sich schon damals -wie auch im späteren Russlandfeldzug- durch große Tapferkeit aus.
Diese Zeichnung des jungen Théodore Gericault zeigt Eugène, wie er in Russland einen seiner Offiziere befreit, der in die Hände von Kosaken gefallen war.[8]
Eugène stand hoch in der Gunst seines Stiefvaters. Das kam auch in dem Kauf des Palais in der rue de Lille und seiner Renovierung zum Ausdruck. Renovierung und Inneneinrichtung erwiesen sich allerdings als sehr kostspielig, was den Zorn Napoleons erregte. Es sei unsinnig, enorme Summen „für ein so kleines Haus“ auszugeben. Eine daraufhin eingesetzte Kommission anerkannte aber die hohe Qualität der Arbeiten und befand die entsprechenden Kosten als angemessen. Kritisiert wurde allerdings der „Luxus der Ornamente, der Malereien und der Vergoldungen“[9]. Die widersprachen zwar dem revolutionären Dogma der Einfachheit, das Bonaparte damals noch vertrat, trugen allerdings -und tragen heute wieder- wesentlich zum Glanz des Palais bei.
Eugène konnte allerdings aufgrund seines weiteren Aufstiegs diesen Glanz kaum genießen: Im Juni 1805 wurde er zum Vizekönig von Italien ernannt, wo er auch die nächsten Jahre verbrachte. Das Palais wurde nun als Gästehaus genutzt, dessen von Joséphine weiter betriebene noble Ausstattung auch als Schaufenster der -schon damals- blühenden und stilbildenden französischen Luxusindustrie diente.
1806 adoptierte Napoleon seinen Stiefsohn und verheiratete ihn mit der Prinzessin Auguste Amalia von Bayern, der Tochter des bayerischen Königs. Der folgsame Stiefsohn und jetzt auch potentielle Nachfolger des Kaisers konnte sich immerhin vorab durch eine ihm übersandte Tasse von der Schönheit der ihm zugewiesenen Gattin überzeugen.
Aber auch die junge Dame konnte mit dem ihr zugewiesenen Ehemann zufrieden sein. Mit der Eheschließung beendete Eugène sein zeitgemäß freizügiges Junggesellendasein und wurde, gemäß seinem familiären Wahlspruch „Ehre und Treue“, ein treuer und liebevoller Ehemann und Vater. Die Hochzeit fand nicht, wie eigentlich vorgesehen, in Paris, statt, sondern angesichts der Bedeutung der Verbindung mit dem Haus Wittelsbach in München. Für die in Paris gebliebenen Hochzeitsgäste veranstaltete aber Eugènes Schwester Hortense im Palais Beauharnais einen Ball, über den sie ihrem Bruder schrieb: „Alle waren gerührt, sich in der schönen Galerie, in der wir uns so sehr amüsiert haben, einzufinden, und dich nur im Gemälde zu sehen. Dein Portrait von Gérard machte es möglich. Es ist dir so ähnlich! Es wurde mit Myrten gekrönt …“[11] Das von François Gérard gemalte Portrait, das Eugène in der Uniform eines Obersten der Konsulargarde zeigt, ist auch heute noch im Palais zu sehen.
Foto: F. Jöckel
Auch wenn sich Eugène nun überwiegend in Italien (Mailand und Monza) aufhielt, blieb er -über seine verwandtschaftlichen Beziehungen hinaus- auch Deutschland verbunden. 1810 wurde er von Napoleon zum Kronprätendenten des damals geschaffenen Großherzogtums Frankfurt bestimmt [12], 1813 befehligte er die in Deutschland stationierten französischen Truppen.
Nach dem Sturz Napoleons siedelte Eugène mit Frau und Kindern zu seinen Schwiegereltern nach Bayern über, wo er als Herzog von Leuchtenberg und Fürst von Eichstätt „eingebürgert“ wurde. In München ließ er sich von Hofbaumeister Leo von Klenze das Palais Leuchtenberg, ein Pracht-Domizil mit 253 Zimmern, errichten, das allerdings im Zweiten Weltkrieg den alliierten Bomben zum Opfer fiel.[13]
1824 starb Eugène in München. In der Tat: „Ein europäischer Prinz“ – so der Name einer ihm 2022/2023 in Malmaison gewidmeten Ausstellung.[14] Bestattet wurde er in der Münchener Michaelskirche, der Grabkirche der Wittelsbacher.
Auf dem Grabdenkmal ließ Auguste Amalia seinen Wahlspruch „Honneur et Fidélité“ (Ehre und Treue) anbringen.[15]
Goethe sagte über ihn: „Er war einer von den großen Charakteren, die immer seltener werden, und die Welt ist abermals um einen bedeutenden Menschen ärmer. Ich kannte ihn persönlich; noch vorigen Sommer war ich mit ihm in Marienbad zusammen. Er war ein schöner Mann von zweiundvierzig Jahren, aber er schien älter zu sein, und das war kein Wunder, wenn man bedenkt, was er ausgestanden und wie in seinem Leben ein Feldzug und eine große Tat auf die andere drängte. Er teilte mir in Marienbad einen Plan mit, über dessen Ausführung er viel mit mir verhandelte. Er ging nämlich damit um, den Rhein mit der Donau durch einen Kanal zu vereinigen. Ein riesenhaftes Unternehmen, wenn man die widerstrebende Lokalität bedenkt. Aber jemandem, der unter Napoleon gedient und mit ihm die Welt erschüttert hat, erscheint nichts unmöglich.“
Das Palais als Sitz der preußischen und der deutschen Gesandtschaft/Botschaft
Als nach der endgültigen Niederlage Napoleons Eugène de Beauharnais Paris verließ und nach Bayern übersiedelte, stand auch die Zukunft seines Pariser Wohnsitzes auf der Tagesordnung. 1818 verkaufte er das Palais, zu dem er ja keine engere persönliche Beziehung hatte, dem preußischen König Friedrich Wilhelm III., dessen Portrait vor dem Hintergrund des Charlottenburger Schlosses im Palais Beauharnais zu sehen ist.
Paul Ernst Gebauer: Friedrich Wilhelm III. (1833) Ausschnitt. Foto: F. Jöckel
Friedrich Wilhelm kannte das Palais gut, weil er dort schon 1814 nach der Niederlage Napoleons gewohnt hatte und danach noch öfters anlässlich der Inspektion der preußischen Besatzungstruppen. Mit dem Kauf musste die preußische Gesandtschaft nicht mehr an wechselnden Orten Räume anmieten, sondern erhielt ein dauerhaftes repräsentatives Domizil.
Kaufvertrag zwischen dem Prinzen Eugène und dem König von Preußen. Foto: F. Jöckel
Die Zeit der preußischen Gesandtschaft hat im Palais deutliche Spuren hinterlassen: Da sind die das Hauptportal flankierenden Adler ….
…. und die königlichen Wappen über dem Hauptporal und im Foyer:
Fotos: F. Jöckel
An die preußische Vergangenheit des Baus erinnern auch die Büsten von Wilhelm und Alexander von Humboldt, die beide Paris eng verbunden waren. Alexander lebte mit wenigen Unterbrechungen von 1804 bis 1827 in Paris, das damals das bedeutendste künstlerische und wissenschaftliche Zentrum der Welt war, sozusagen der „Nabel der Geisteswelt“. Dort fand Alexander von Humboldt alles, was er für seine wissenschaftlichen Arbeiten benötigte. Einen bedeutenden Teil seiner Werke schrieb er auf Französisch. Im Jahre 1818 stellte Wilhelm von Humboldt sogar fest, sein Bruder habe „aufgehört […], deutsch zu sein“ und sei „bis in alle Kleinigkeiten pariserisch geworden“.[16] 1815 wurde Alexander angeboten, preußischer Gesandter in Paris zu werden, was er aber ablehnte: Die Wissenschaft war ihm wichtiger. Allerdings galt Humboldt manchen wegen seiner engen Beziehungen bis in die höchsten politischen Kreise als „graue Eminenz der preußisch-französischen Diplomatie.“[17]
Büste Alexander von Humboldts im Vestibül des Palais Beauharnais. (Kopie eines Originals von Christian Daniel Rauch) Foto: F.Jöckel
Alexanders Bruder Wilhelm hatte allerdings 1814 die Gelegenheit, als Diplomat nach Paris zurückzukehren, wo er zuvor mehrere Jahre verbracht und wichtige Anregungen für seine sprachwissenschaftlichen Arbeiten erhalten hatte. Als Vertreter Preußens war er nach der Niederlage Napoleons an den Friedensverhandlungen beteiligt. Gesandter Preußens wollte aber auch er ebenso wenig wie sein Bruder werden.
Wilhelm von Humboldt. Kopie eines Originals von Bertel Thorwaldsen (1808) Foto: Frauke Jöckel
Alexander und Wilhelm von Humboldt: Zwei Persönlichkeiten, die in ganz besonderer Weise die enge Verbundenheit Frankreichs und Deutschlands über alle politischen Trennlinien und historischen Veränderungen hinweg verkörpern.[18]
Und dann gibt es noch eine Kopie der Schadow‘schen Büste der preußischen Königin Luise: sicherlich -aber nicht nur- zur Freude von Anhänger/Innen einer „feministischen Außenpoltik“.
Foto: Frauke Jöckel
Denn Königin Luise war nicht nur eine außerordentlich schöne Frau, sondern auch eine grandiose Diplomatin. Nach der preußischen Niederlage von Jena und Auerstedt kam es in Tilsit zu einer schicksalhaften Begegnung zwischen Napoleon und der 30-jährigen Luise. Für sie war Napoleon „ein Ungeheuer“, für ihn war sie eine „schwertfuchtelnde Amazone“, die den Preußen „so verderblich ist, wie es Helena für die Trojaner war“. Jetzt kam es aber darauf an, von Preußen zu retten, was noch zu retten war. Und tatsächlich war Napoleon tief beeindruckt von der jungen Königin. Man möchte versuccht sein, so meinte er, „anstatt ihr eine Krone zu nehmen … ihr eine andere zu Füßen zu legen.“ Das irritierte Frankreichs Außenminister Talleyrand so sehr, dass er den Kaiser mahnte, „nicht um ein paar schöner Augen willen Ihre größte Eroberung aufs Spiel zu setzen“. Luises Verhandlungsgeschick und natürlich auch der Einfluss des russischen Zaren bewahrten Preußen vor dem Untergang. Zwar erlitt das Land große territoriale Einbußen, behielt aber soviel Substanz, dass der Weg zu entscheidenden gesellschaftlichen Reformen beschritten werden konnte, an denen dann ja auch Wilhelm von Humboldt erheblichen Anteil hatte. [18a]
Hier eine Ansicht der Hofseite des Hôtel de Beauharnais aus dem Jahr 1816 von J. Thibault.[19] Die Figuren der preußischen Soldaten/Ordonanzen im Hof wurden auf Wunsch Alexander von Humboldts von Carle Vernet hinzugefügt. Der war damals der berühmteste Pferdemaler, der auch die auf diesem Blog schon vorgestellte Wandtapete La Chasse de Compiegne entworfen hatte. Die Ansicht schickte Alexander von Humboldt auch dem preußischen König als Souvenir nach Berlin.
Auf dieser Ansicht von 1816 hat das Palais noch zwei Stockwerke und ein Dachgeschoss. Heute gibt es eine zusätzliche Etage, die Teil der umfangreichen Sanierungs- und Umbauarbeiten war, die im Verlauf des 19. Jahrhundert vorgenommen werden mussten. Nachdem die preußische Gesandtschaft das Hôtel Beauharnais bezogen hatte, stellte sich nämlich bald heraus, dass der Bau ganz erhebliche Mängel aufwies: Es handelte sich um ein auf unsicherem Grund errichtetes Spekulationsobjekt, und die Architekten von Eugène hatten sich um das glanzvolle Innere und nicht um die Bausubstanz gekümmert.
Als Architekt für die Sanierung wurde durch Vermittlung Alexander von Humboldts Jakob Ignaz Hittorff engagiert, „ein wahrer Glücksgriff“. Hittorff wuchs in dem 1794 von Revolutionstruppen annektierten Köln als französischer Staatsbürger auf, wurde nach dem Wiener Kongress wieder Preuße, machte aber gleichwohl in Frankreich Karriere und war -vor dem Baron Haussmann- einer der großen Stadtbaumeister von Paris: Die Place de la Concorde, die Place de l’Étoile, die Champs-Elysées und der Pariser Nordbahnhof -um nur einige Beispiele zu nennen- sind dafür eindrucksvolle Belege. Beim Palais de Beauharnais war Hittorff bis zu seinem Tod 1867 „gleichermaßen für die großen Baumaßnahmen wie auch für sämtliche Arbeiten an der Innendekoration verantwortlich. Dazu gehören die von ihm 1843 neu eingeführten Deckengestaltungen aus vergoldetem Pappmaschee in den großen Festräumen des Palais in der ersten Etage.“[19a]
Dabei passte sich Hittorff dem historischen Rahmen des Haues an. Allerdings vergaß er dabei auch nicht seinen Auftraggeber und die neue Funktion des Palais, wie die Decke des roten Salons (Salon Cerise) mit der preußischen Krone und den Initialien des preußischen Königs zeigt.
Hittorffs einschneidendste Änderung war die Aufstockung des Gebäudes.
Historisches Foto der Gartenfront nach der Hittorff’schen Aufstockung [20]
Da die repräsentativen Räume bisher den meisten Platz beanspruchten, fehlte es der immer größer werdenden Gesandtschaft an Büros und an Wohnraum für die Beschäftigten. Insofern war die Aufstockung ein Segen für die 1862 zur Botschaft erhobene Vertretung in Paris. Dass zum Teil sehr radikale weitere Veränderungsvorschläge Hittorffs – wie die Neugestaltung des Portikus oder die komplette Neueinrichtung der meisten Räume- vor allem an der preußischen Knauserigkeit scheiterten, kann man wohl auch als Segen bezeichnen: Sonst wäre das Palais Beauharnais heute kaum noch das Gesamtkunstwerk des Empire-Stils, dessen künstlerische Bedeutung erst nach Hittorffs Tod, Ende des 19. Jahrhunderts, voll erkannt wurde.
Das Bismarcksche Intermezzo
Otto von Bismarck übernahm im Mai 1862 die Pariser Gesandtschaft. Gern ist er nicht nach Paris gegangen, zumal er wusste, dass sein Aufenthalt in der französischen Hauptstadt nur von kurzer Dauer sein würde. Die Mitteilungen über seine Residenz an die Angehörigen in der Heimat waren nicht gerade schmeichelhaft: „Das Haus liegt sehr schön, ist aber dunkel, feucht und kalt. … alles liegt nach Norden, riecht dumpfig und kloakig . Kein einziges Möbel auf, kein Winkel, in dem man gern sitzen möchte (…) So haben Hatzfelds und Pourtalès [21] (frühere deutsche Gesandte W.J.) die ganze Zeit existiert, sind aber auch dabei gestorben, in der Blüte ihrer Jahre, und bleibe ich in dem Hause, so sterbe ich früher als ich wünsche.“ Als einziger Lichtpunkt in solchem Elend erschien ihm der Garten, von dem er seiner Frau mit Wärme berichtete: »Rasen , Rosen und Seine , zwischen den hohen Bäumen Blick auf die Tuilerien; Blätter , Spatzen und lauer Wind , fernes Stadtgeräusch, man ist wie auf dem Lande“ [22]
Fotos: F. Jöckel
Heute hängt im Palais Beauharnais ein Portrait Bismarcks, das allerdings– aus Rücksichtnahme auf französische Befindlichkeiten- erst spät (nach 1968) dort seinen Platz fand, galt Bismarck doch weithin in Frankreich als Verkörperung des Feindbildes Deutschland.[23] Und vielleicht wird das Bild ja demnächst -diesmal aus Rücksichtnahme auf neue deutsche Befindlichkeiten [24]– in ein Hinterzimmer verbannt….
Unter dem Gemälde Bismarcks – gewissermaßen als Ausgleich?- die Büste des Schriftstellers, Kunstkritikers und entschiedenen Nazi-Gegners Wilhelm Hausenstein, der von 1950 bis 1955 zunächst Generalkonsul, dann Geschäftsträger und schließlich erster Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Paris war. Er repräsentierte -in der Tradition der Humboldts- das „andere“ freiheitliche Deutschland, ebenso wie Carlo Schmid, dessen Büste (zu meiner großen Freude) ebenfalls in diesem Raum aufgestellt ist.
Carlo Schmid hatte engste Beziehungen zu Frankreich, er war dort geboren, seine Mutter war Französin, er zeichnete sich -auch- als Übersetzer u.a. von Baudelaire und Malraux aus. Nach dem Krieg setzte er sich entschieden für die deutsch-französische Aussöhnung ein. Dazu war er einer der Väter des Grundgesetzes und an der Universität Frankfurt Professor… Als junger Student besuchte ich -auch wenn ich damals noch gar nicht Politik studierte- immer gerne seine beeindruckenden Vorlesungen im großen alten Hörsaal der Universität….
Das Palais Beauharnais zwischen Krieg und Frieden
Aber zurück ins 19. Jahrhundert… Dreimal in den darauffolgenden Jahrzehnten standen sich Deutschland und Frankreich in Kriegen gegenüber: Im deutsch-französischen Krieg von 1870/1871, im Ersten und im Zweiten Weltkrieg. Der Krieg von 1870/1871 hat gewissermaßen indirekt seine Spuren im Palais Beauharnais hinterlassen: Bei den Kämpfen der Commune mit den nach Paris eindringenden Versaillais in der semaine sanglante traf ein Schuss den Spiegel im Schlafzimmer: Das Einschussloch und der Sprung im Spiegel sind heute noch zu sehen.
Foto: F. Jöckel
Eine tragische Geschichte, die in den Jahren zwischen dem deutsch-französischen Krieg und dem Ersten Weltkrieg ihren Anfang im Palais Beauharnais nahm, war die Dreyfus-Affaire. In einem Papierkorb des Militärattachés fand Madame Bastian, eine für den französischen Geheimdienst arbeitende elsässische Reinmachefrau der Botschaft, Papierschnipsel. Das war der berüchtigte „bordereau“, der Grundlage der Spionagevorwürfe gegen den capitaine Dreyfus war.[25]
Nach dem Ersten Weltkrieg, der demonstrativen Demütigung der jungen Weimarer Republik durch den Versailler Vertrag und der Besetzung des Ruhrgebiets durch französische Truppen, war das Palais Beauharnais -wie schon in den Jahren nach 1871- ein Ort der Vertrauensbildung. Empfänge, Kammermusik- und Tanzabende für eine kosmopolitische Gesellschaft fanden hier statt, „die zu den herausragenden und schönen Momenten im deutsch-französischen Verhältnis gehören.“ [26] Max Beckmanns Gemälde „Gesellschaft Paris“ (Guggenheim-Museum New York) aus den 1920-er Jahren wird gemeinhin mit einer solchen Abendveranstaltung im Palais Beauharnais in Verbindung gebracht. [27]
In den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft geriet das Palais Beauharnais vor allem 1938 durch die Ermordung des Botschaftsrates Ernst Eduard vom Rath durch Herschel Grynszpan in den Blickpunkt. Grynszpan wollte die Deportation seiner Eltern und Geschwister in das deutsch-polnische Niemandsland in der sogenannten „Polenaktion“ rächen. Die Tat diente den Nazis als Anlass und Vorwand für das Judenpogrom in der sogenannten „Kristallnacht“ am 9. November 1938. Während der Zeit der Besatzung residierte in dem Palais der Botschafter Otto Abetz, der von einem frankophilen Demokraten und Pazifisten zu einem entschiedenen Nationalsozialisten mutierte. Abetz bemühte sich nach Kräften, das Palais Beauharnais mit geraubten Kunstobjekten aus jüdischem Besitz auszustatten wie dem Prunkschreibtisch des Grafen Metternich aus der Sammlung Edmond de Rothschilds. Als Depots für den Nazi-Kunstraub wurden auch die benachbarten Stadtpalais genutzt.
Nach der Befreiung von Paris wurde das Palais de Beauharnais vom französischen Staat konfisziert, aber 1961 im Zuge der deutsch-französischen Verständigung an die Bundesrepublik zurückgegeben – „sehr gegen den Widerstand des Bundesfinanzministers, der darauf verwies, dass man inzwischen ein von den Meistern der Bundesbaudirektion entworfenes Bürogebäude besitze und für die kostspielige Antiquität keine Verwendung habe. Konrad Adenauer war anderer Meinung.“ Die als Geste Frankreichs gedachte Übergabe des Hauses konnte trotz der absehbaren Kosten aus politischen Gründen ja kaum zurückgewiesen werden.[28]
Das Palais de Beauharnais als Botschaftsresidenz
In der Tat dauerte es bis 1968, bis die nötigsten Renovierungen abgeschlossen waren und das Palais offiziell von den Präsidenten de Gaulle und Lübcke als Residenz des deutschen Botschafters eröffnet werden konnte.
Hier sieht man die beiden am napoleonischen Trommeltisch des Palais.[29]
Fotos: F. Jöckel
De Gaulle zeigt offenbar seinem deutschen Amtskollegen das eingelegte Bildnis Napoleons im Zentrum der Tischplatte. Und Herr Lübcke lächelt wohlgefällig dazu….
Danach allerdings ging die Renovierung -auf der Grundlage penibler kunsthistorischer Forschungen durch das Deutsche Forum für Kunstgeschichte in Paris- erst richtig los [30].
Das Ergebnis ist grandios, wie Michael Moenninger 2006 in der ZEIT rühmte:
Ältere Franzosen verspürten beim ersten Anblick eher einen psychedelischen Farbschock. Lange Zeit hatten die ausgeblichenen Seidentapeten in anderen Schlössern als Vorbild für Renovierungen gedient, weshalb das Palais zuletzt die Anmutung eines pastellfarbenen Kurhauses der fünfziger Jahre hatte. Nun aber knallen wieder Pompeji-Rot und Olivgrün durch die Enfiladen, altrömische Goldreliefs rieseln von den Wänden, und viele der fast vollständig erhaltenen Originalmöbel mit ihren Schwanenhalslehnen, Löwentatzenbeinen und Sphinx-Gestellen gibt es in dieser Qualität nicht einmal im Louvre. Auch Themenräume wie das türkische Boudoir und Badezimmer sind selten zu sehen. Der renovierte Portikus im Ehrenhof, ein Replikat des ägyptischen Tempels von Dendera, zählt zu den wenigen erhaltenen Erinnerungen an Napoleons Orientexpedition. [32]
Foto: F. Jöckel
Dazu dann mehr -und vor allem viele Fotos!- in dem nachfolgenden zweiten Teil des Berichts:
„Deutschlands schönstes Haus steht an der Seine“: Das Palais Beauharnais in Paris (Teil 2)
Dank
Wir danken Herrn Achim Holzenberger, dem früheren Leiter der Abteilung Presse/Öffentlichkeitsarbeit der deutschen Botschaft, dass er uns die Möglichkeit für Fotoaufnahmen gegeben hat und uns dabei geduldig begleitete.
Besichtigung
Zweimal monatlich (außer Juli und August) gibt es ganz hervorragende, engagierte Führungen durch das Palais, die im Allgemeinen von Madame Françoise de Guilhermier-Jacquot, conférencière des Musées Nationaux, durchgeführt werden.
Thomas W. Gaethgens, Ulrich Leben und Jörg Ebeling, Palais Beauharnais in Paris- zur historischen Ausstattung. In: Bau und Raum Jahrbuch 2004. Herausgegeben vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, S. 82-91
Claus von Kameke, Palais Beauharnais. Die Residenz des deutschen Botschafters in Paris. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1968
Klaus-Henning von Krosigk, Der Garten des Palais Beauharnais. In: Bau und Raum Jahrbuch 2004. Herausgegeben vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, S. 92- 95
Michael Moenninger, Imperiale Wehmut. Botschaften renovieren, Plätze ausgraben: Warum die Franzosen das Deutsche Forum für Kunstgeschichte in Paris so schätzen. DIE ZEIT, 10/2006 vom 2. März 2006
[17] Jörg Ebeling, Die preußische Legation und Botschaft. Hittorf und das Palais Beauharnais (1818-1867). In: Ein Meisterwerk des Empire, S. 104
[18] Siehe zum Beispiel: Heinz Balmer, Alexander von Humboldt und Frankreich 1976 ;
Ulrich Päßler, Ein „Diplomat aus den Wäldern des Orinoko“. Alexander von Humboldt als Mittler zwischen Preußen und Frankreich. Stuttgart 2009
Jörg Ebeling, Jacob Ignaz Hittorff und die preußische Gesandtschaft. In: Isabelle Jansen, Friederike Kitschen und Gitta Ho (Hrsgg.), Dialog und Differenzen : 1789-1870 Deutsch-französische Kunstbeziehungen, Berlin 2010, S. 43-56
[21] Die Vorfahren des Grafen Pourtalès gehörten übrigens zu den französischen Glaubensflüchtlingen, die in Preußen aufgenommen worden waren und von denen viele in staatlichen Diensten Karriere machten.
[22] Zitiert bei Hammes, S. 144, dem ich in diesem Abschnitt folge.
[23] Jörg Ebeling, Das Palais Beauharnais zwischen 1933 und 1945. In: Ein Meisterwerk des Empire, S. 150. Siehe dazu z.B. auch: Emmanuelle Gaillard, Bismarck, Le chancellier de fer: L’Allemagne représente plus que jamais l’ennemi, le « barbare ». Bismarck et l’empereur Guillaume en sont les symboles. In: L’histoire par l’image , Mars 2016 https://histoire-image.org/etudes/bismarck-chancelier-fer. Diese französische Haltung zu Bismarck wirkt noch bis heute nach. Siehe: Jean-Luc Mélenchon, Le Hareng de Bismarck (Le Poison Allemand), Paris: Plon 2015
Unter dem Portrait Bismarcks eine Büste von Wilhelm Hausenstein, dem ersten Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg.
[24] Das Bismarck-Zimmer im Berliner Auswärtigen Amt (der Name geht übrigens auf Bismarck zurück) wurde ja kürzlich umbenannt, weil Bismarcks Machtpolitik nicht mehr in unsere Zeit passe…. Siehe den -m.E. sehr tendenziösen- Beitrag von Eckart Conze in der FAZ vom 3.1.2023 Ist Bismarck noch ein Vorbild für deutsche Außenpolitik? (faz.net)
[25] Siehe z.B. Mareike König, „Bitte leeren Sie den Papierkorb, Madame!“ – nochmal zur Dreyfusaffäre
[32] Michael Moenninger, Imperiale Wehmut. Botschaften renovieren, Plätze ausgraben: Warum die Franzosen das Deutsche Forum für Kunstgeschichte in Paris so schätzen. DIE ZEIT, 10/2006 vom 2. März 2006
Auf den Maler Hans Hartung wurden wir aufmerksam anlässlich der ihm gewidmeten großen Ausstellung 2019/2020 im Musée d’Art Moderne de Paris.[1]
Alle Ausstellungsfotos: Wolf Jöckel
Aufgefallen ist uns vor allem, welche Bedeutung die Farbe Schwarz im Werk Hartungs hat. In seinem Selbstportrait schreibt er, er möge das Schwarz: „Es ist zweifellos meine Lieblingsfarbe. Ein absolutes, kaltes, tiefes, intensives Schwarz.“ (S. 186).
T 1963- E 45
Das erinnerte uns an Pierre Soulages, in dessen Werk ja die Farbe Schwarz in unterschiedlichen Facetten dominiert und dessen großformatige Arbeiten wir in den Museen von Rodez und Montpellier bewundert haben.[2] Und auch Hartung hat die großen Formate geliebt und genutzt. In seinem Selbstportrait spricht er von dem „Bedürfnis, große Bilder zu malen.“
„Ich bin davon überzeugt, dass in der abstrakten Kunst den Dimensionen eines Bildes eine außerordentliche Bedeutung zukommt. … Ein Strich, der quer über eine zwei Meter hohe Leinwand verläuft, drückt Gewalt, Energie und Stärke aus. Ist er nur zehn Zentimeter lang, ist er bedeutungslos. Eine Wut, ein Aufbegehren, eine Begeisterung, eine Leidenschaft von zwanzig Zentimetern, das erscheint lächerlich“. (S. 191)
Und wie bei Soulages gibt es auch bei Hartung keine Titel für seine Werke, sondern nur Nummern. Auch dazu Hartung: „Von Anfang an habe ich meinen Bildern niemals Titel gegeben, sondern Nummern. Denn ich möchte den Betrachter nicht beeinflussen. … Man muss ihnen (den Leuten W.J.) ihre Freiheit lassen. Völlige Freiheit.“ (S. 79)
In der Tat verband Hartung seit 1947 nicht nur eine künstlerische Nähe, sondern auch eine bis zu seinem Tod fortdauernde Freundschaft mit dem 15 Jahre jüngeren Pierre Soulages.[3]
Hartungs Werk ist von einer großen Experimentierfreude und Variabilität geprägt. Immer wieder erschloss er sich neue Gestaltungsmöglichkeiten. Man hat sogar von einer „kopernikanischen Wende“ seines Schaffensprozesses gesprochen, in der die Farbe „zur Triebkraft seines grandiosen Spätwerks wird.“[4]
Es waren aber nicht nur die Bilder, die für uns Anlass waren, uns näher mit Hartung zu beschäftigen, sondern auch seine ganz besondere deutsch- französische Lebensgeschichte, die sicherlich auch eine Grundlage für die Freundschaft mit Soulages war.
Geboren wurde Hartung 1904 in Leipzig. Sein Selbstportrait von 1922, das seinen festen Platz in Antibes hat, zeigt einen jungen Mann, der selbstbewusst, fast von höherer Warte aus, auf den Betrachter und die Welt blickt.
Schon als Kind schien ihm klar zu sein, dass er sich mit der Malerei ausdrücken konnte, dass er Ängste damit in etwas anderes verwandeln konnte. Als Sechsjähriger habe er sich mit dem Malen „von der Angst befreit“. Vor Gewittern zum Beispiel. Ans offene Fenster sei er gelaufen, um „die zuckenden Blitze im Fluge“ einzufangen. „Noch vor dem Donnerschlag mussten sie auf dem Blatt sein, so beschwor ich den Blitz. Mir konnte nichts geschehen, wenn mein Strich so schnell wie der Blitz war.“ Er füllte ganze Schulhefte mit den Zeichnungen von Gewitterblitzen. “Blitzbücher” nannte sie sein Vater.[5]
1955 Tusche auf Papier 19 x 12,5 cm
Und schon seit 1926 hatte er eine enge Beziehung zu Frankreich. Damals fand eine internationale Ausstellung in Dresden statt, bei der er die französische Malerei kennenlernte:
„Daraufhin unternahm ich mehrere Reisen durch Frankreich, und die Vielfalt der Landschaften, die Schönheit und das Klima Südfrankreichs haben mich überwältigt. Es war nicht allein die Malerei, sondern auch die Architektur -die romanische, gotische, die der Loire-Schlösser, der kleinen Dorfkirchen und der Festungen von Vauban- und eine gewisse Art zu leben, die mich faszinierten, ganz zu schweigen von der Küche und den Weinen aus Bordeaux. Hinzu kam die ungeheure Anziehung, die Paris als kulturelles Zentrum auf mich ausübte, mit seinem internationalen Leben, mit Montmartre -Josephine Baker nicht zu vergessen!- und dem außergewöhnlichen Leben, das sich damals zu seiner großen Zeit am Montparnasse abspielte“.[6]
1926 setzte er seine künstlerische Ausbildung in Paris fort, 1935 ging er dorthin ins Exil, weil das Leben im Nazideutschland für ihn unerträglich und als Maler unmöglich war. Die Nazis entzogen ihm denn auch die deutsche Staatsbürgerschaft und machten ihn zum Staatenlosen. Nach Ausbruch des Krieges meldete sich Hartung zur Fremdenlegion, die einzige Möglichkeit, seiner Internierung als „feindlicher Ausländer“ ein Ende zu machen. Als Legionär war Hartung -zusammen mit anderen Nazigegnern und Juden, die in der Legion dienten, in Nordafrika stationiert. Die Stimmung war sehr gut, wie er später berichtete, zumal er als Maler zur Ausgestaltung des Speisesaals abgestellt wurde. Nach dem Waffenstillstand 1940 wurde er entlassen, ohne je einen Feind gesehen zu haben.[7]
Hartung als Fremdenlegionär in Nordafrika
Danach wurde Hartung demobilisiert und kam im unbesetzten Teil Frankreichs unter. Aber im November 1942 besetzte die Wehrmacht auch diesen Teil Frankreichs. Zunächst versuchte Hartung noch, heimlich dort weiterzuleben, doch dann erschien es ihm ratsam, sich in Nordafrika in Sicherheit zu bringen. Das gelang aber nicht, und wieder war die erneute Verpflichtung zur Fremdenlegion die einzige Möglichkeit, Internierung und Gefängnis zu verhindern und stattdessen gegen das faschistische Deutschland zu kämpfen, für das er Scham empfand: Das sei für ihn „eine moralische Frage“ gewesen. „Ich fühlte mich ein wenig verantwortlich. ‚Verantwortlich‘ ist nicht genau das richtige Wort, aber auf jeden Fall sehr betroffen.“[8] Unter dem Namen Pierre Berton nahm Hartung im November 1944 als Sanitäter an den Kämpfen im Elsass teil. In seinem Lebensbericht schreibt er: „Die Kämpfe waren (…) sehr hart, und wie immer stand die Legion in vorderster Linie. Man schickte die Legion voraus, sobald es offensichtlich war, dass es große Verluste geben würde.“ Bei einem solchen -und dazu auch noch sinnlosen- Einsatz wurde Hartung verwundet: Ein Bein musste amputiert werden. Immerhin entging er, wie er lakonisch bemerkt, auf diese Weise einem vielleicht sogar lebenslangen Dienst in der Fremdenlegion und konnte wieder seiner Bestimmung als Maler folgen.[9] Allerdings verlor er bei dem Transport in das Krankenhaus von Toulouse sein Gepäck mit allen Zeichnungen, die seit Spanien entstanden waren. Das traf ihn fast noch mehr als der Verlust des Beins. 1946 erhielt er die französische Staatsbürgerschaft und wurde in die Ehrenlegion aufgenommen. 1947 präsentierte die Pariser Galerie Lydia Conti Hans Hartung in ihrer Eröffnungs- Ausstellung, der junge Alain Resnais drehte dazu einen Kurzfilm über den Maler: Beginn eines grandiosen Aufstiegs, markiert von internationalen Ausstellungen und Preisen.
Zu der Ausstellung des Musée d’Art Moderne gehörte auch ein Foto mit entsprechender Erläuterung von Haus und Atelier in Antibes, in dem Hans Hartung zusammen mit seiner Frau Anna-Eva Bergman von 1973 bis zu seinem Tod 1989 lebte und arbeitete. Inzwischen ist es für die Öffentlichkeit zugänglich. Grund genug also für einen Besuch.
Das Anwesen liegt oberhalb von Antibes an einer langen Einbahnstraße. Da wir unserem Navi nicht recht vertrauten, baten wir mehrere Anwohner um Auskunft, die aber nur ratlos mit dem Kopf schüttelten: Erstaunlicher Weise hatte keiner von ihnen etwas von der Fondation Hartung-Bergman gehört… Offenbar also ein echter „Geheimtipp“….
Die Fondation Hartung-Bergman in Antibes
In seinem Selbstportrait beschreibt Hans Hartung das Haus in Antibes so:
„Es ist weiß und umschließt zwei Patios, die mich an das Atrium Romanum erinnern, das mir seit meiner Schulzeit nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist, und dem ich in Italien und Südspanien wieder begegnet bin. Ein Patio mit freiem Himmel, aber rundum geschlossen, der andere nach Süden hin geöffnet; die Mauern des Gebäudes sind von einfachen Öffnungen durchbrochen; das ganze liegt inmitten eines Olivenhains. Zusammen mit Anna-Eva habe ich dafür die Pläne bis ins kleinste Detail gezeichnet.“ (S. 173)
Das Haus ist auch eine Reminiszenz an die frühe Ehezeit des Paares Hartung-Bergman auf Menorca Anfang der 1930-er Jahre. Dort hatte sich das junge Paar ein Haus auf den Felsen gebaut: „Es war ein großer, weißer Block, sehr schlicht, an der Höhe eines Hügels gebaut, mit weiter Sicht über Meer und Insel.“ (S. 71). Damit erinnerte es an die Häuser der spanischen Fischer: schlichte weiße Würfel mit in die Breite gezogenen Fenstern. … Es war purer Minimalismus und wilde Romantik. Aber das Idyll währte nur kurz: Hartung und Bergman wurden von den spanischen Behörden der Spionage verdächtigt und mussten Fornells verlassen. Das Haus wurde im spanischen Bürgerkrieg zerstört.[10]
Der Bau der Anlage in dem Olivenhain oberhalb von Antibes dauerte insgesamt sechs Jahre – eine Kraftprobe für Hartung und Bergman, bis endlich das Haus so geworden war, „wie wir es uns erträumt hatten.“ (Selbstportrait, S. 175). Von 1973 bis zu ihrem Tod (Bergman 1987, Hartung 1989) lebten und arbeiteten die beiden Künstler hier.
„1994 gingen die Gebäude an die Fondation Hartung-Bergman über. Sie wurde zum Erhalt des Werks beider Künstler gegründet. Die Stiftung verfügt nicht nur über den größten Bestand an Originalwerken von Hans Hartung und Anna-Eva Bergman, sondern ebenso über ein bedeutendes Archiv in Form von Werkkatalogen, Skizzen, Fotografien und Notizbüchern, sowie der beachtlichen Privatbibliothek der Künstler. Bisher war es jedoch nur Kunsthistorikerinnen und Kunsthistorikern oder auf Anfrage auch kleinen Gruppen von Privatpersonen gewährt, diesen Schatz sowie die Original-Ateliers der Künstler in Augenschein zu nehmen.“[12] Seit 2022 sind nun auch individuelle Besuche möglich.
Bilder und Texte zu den wichtigsten Lebensstationen der Künstler sind in dem neuen turmähnlichen Eingangsgebäude angebracht, das sich nahtlos in die Ursprungsarchitektur einfügt und als erste Station auf dem Rundgang dient.
Danach gelangt man in den Olivenhain mit den teilweise zweihundert Jahre alten Bäumen. Die Fotos von der Fondation: F. und W. Jöckel
Im Schatten der alten Bäume gibt es Sitzgelegenheiten und einen kleinen Stand mit Getränken und mittags auch mit landestypischen Spezialitäten. Ein wunderbarer Ort der Ruhe und der Einstimmung in den genius loci.
Und dann geht es zum Herzstück der Fondation: den ehemaligen Ateliers der Künstler, die teilweise zu Ausstellungsräumen umgestaltet wurden.
Immer wieder gibt es dort Ausblicke nach draußen: „Die Fenster sind meine Bilder“, schreibt Hartung. „Durch sie zeichnet sich eine unbewegliche Landschaft ab, doch mit einem ständig sich wandelnden Himmel, der durch die silbernen Blätter der Olivenbäume schimmert.“ (Selbstportrait, S. 176)
Im ersten Gebäude befinden sich die ehemaligen Arbeitsräume von Anna-Eva Bergman. Hartung hatte die junge Norwegerin 1929 in Paris auf einem Fest der Skandinavier kennengelernt.
„Auf diesem Ball habe ich mich heftig gelangweilt, weil ich die Sprache der Tänzerinnen nicht verstand. Bis ein zierliches jungen Mädchen mit großen, blauen Augen auftauchte. Sie war zwanzig Jahre alt, hieß Anna-Eva Bergman und sprach fließend deutsch. Ich wich den ganzen Abend nicht mehr von der Seite. Das war am 9. Mai 1929. Am 11. Mai, als wir uns zum zweiten Mal sahen, gestanden wir es uns gegenseitig: wir hatten uns ineinander verliebt. Am 25. Mai bei einem Ausflug nach Versailles kam es durch die Sonne, die zarten Kräuter, den Duft der Liebesgeschichten von einst, der immer noch in dieser Welt der Spiegelgläser und des Reichtums des Palastes schwebt, zu dem, was kommen musste: wir beschlossen, zu heiraten!“ (S.63)
Allerdings wurde die Ehe 1938 wieder geschieden. Einer der Gründe für Bergmans Trennung von Hartung war die Erkenntnis, dass sie sich nur allein, in völliger Unabhängigkeit künstlerisch entwickeln könnte.[13] 1939 heiratete Hartung die Tochter des spanischen Künstlers Julio Gonzáles, in dessen Haus und Atelier bei Paris er damals lebte und arbeitete. 1952 nahmen aber Hans Hartung und Eva-Maria Bergman ihre Beziehung wieder auf. Sie trennten sich von ihren jeweiligen Ehepartnern, vermählten sich 1957 erneut und blieben bis zu ihrem Tod zusammen.
Im ehemaligen Atelier von Anna-Eva Bergman kann man einige ihrer eindrucksvollen Bilder betrachten und bewundern.
Die teils mehrere Meter oder nur handgroßen Gemälde im minimalistisch abstrakten Stil bestechen durch ihre ungeheure Leuchtkraft, die etwas Sakrales hat. Von Horizonten erzählen sie, von den Felsen und vom Licht der norwegischen Landschaften, von den Himmelskörpern und dem Universum. Die norwegische Malerin – immer auf der Suche nach Licht – entwickelte eine ganz eigene Technik, indem sie Blattsilber oder Blattgold auf mit Acrylfarbe bearbeitete Leinwände auftrug und dann die metallisierte Fläche mit Ritzungen und Übermalungen bearbeitete.[14]
Anna-Eva Bergman, Cap d’Antibes 1974 (Acrylfarbe und oxydiertes Kupferblatt auf Leinwand)
Anna-Eva Bergman, La nuit 1959 (Ölfarbe und Metallblatt auf Leinwand)
Anna-Eva Bergman N°42A-1966 Oxydation A (1966) 32×49,5 cm
Von 31. März bis 16. Juli 2023 wird im Musée d’Art moderne de Paris die erste große Retrospektive präsentiert, die Anna-Eva Bergmann gewidmet ist. In der Ankündigung der Ausstellung wird sie als eine „Schlüsselfigur der Nachkriegsmalerei“ bezeichnet, als „freie und visionäre Künstlerin“, und ihr Werk als eine eindrucksvolle Hommage an die Schönheit der Natur, an die Landschaften des Nordens und des Mittelmeers.[15] Zu dieser Ausstellung ist auch ein Blog-Bericht geplant.
Ausstellungsplakat in einer Pariser Metro-Station
Im „Heiligtum der Fondation“
Neben den Ausstellungsräumen Bergmans befindet sich das Atelier Hartungs mit seinen Nebenräumen, die jetzt für Ausstellungen genutzt werden. Anhand selten gezeigter Werke, wie dem Selbstporträt von 1922, lässt sich dort der Weg des Künstlers von der Gegenständlichkeit zur Abstraktion nachvollziehen.
T 1956-26 (1956) 122 x 180 cm
Hier sind natürlich auch „die ausgefächerten, aus der Ferne an Palmenblätter erinnernden dunklen Formkonstellationen“ zu sehen, „die seine Arbeiten der 1950-er Jahre beherrschen und die zu einer ikonischen Formel für sein Werk wurden.“[16]
T1958-3 (1958) 92 x 73 cm (Ölfarbe auf Leinwand)
Diese großen Gemälde haben unverkennbar ihren Ursprung in kleineren Tuschezeichnungen. Diese Skizzen waren in den langen Jahren großer Armut für Hartung die einzige Möglichkeit künstlerischer Arbeit. In seinem Selbstportrait berichtet er von dem Besuch im Atelier eines englischen oder amerikanischen Malers in Paris, der ihm von Freunden empfohlen worden war:
„Er besaß ein riesiges Atelier mit ausgezeichneten Lichtverhältnissen. Der ganze Boden war übersät mit angefangenen, halbfertigen und sogar fertigen Bildern; überall verstreut lagen Farbtuben – vertrocknet, aufgeplatzt, zerquetscht, eine unglaubliche Vergeudung. Und ich, er ich nach dem letzten kleinsten Tropfen Farbe in meinen Tuben suchte, stand fassungslos, mit einem Würgen im Hals, vor solcher Verschwendung. Ich stammelte schnell ein paar höfliche Worte und sah zu, dass ich von dort fortkam, damit man mir meine Entrüstung und Verzweiflung nicht anmerkte.“ (S.92)
Als Hans Hartung dann genug Geld für den Kauf von Leinwänden und Farben hatte, folgte er dem Rat eines Freundes, seinen Skizzen treu zu bleiben und sie -auch das Zufällige und Unvorhergesehene- auf die Leinwand zu übertragen. „Ihm habe ich zu verdanken, dass ich trotz meiner Armut über die ganze Zeit meiner düsteren Jahre hinweg eine gewisse Anzahl von Bildern ausführen konnte, ohne Gefahr zu laufen, die Hälfte davon zu verderben.“ Das, was so spontan und „gestisch“ erscheint, ist also oft – und oft auch zum Missfallen eines Teils der internationalen Kunstkritik- das Ergebnis einer peniblen maßstabsgetreuen Übertragungstechnik.[17] Die große Bedeutung der Skizzen für sein Schaffen macht insofern auch verständlich, warum ihn der kriegsbedingte Verlust von in mehreren Jahren entstandenen Skizzen so sehr traf.
Direkt-spontan waren aber sicherlich diese Kieselsteine bemalt, die in der Stiftung ausgestellt sind. In den 1950-er Jahren hatte Hartung an der Côte d’Azur „die unbekannte Welt der verzauberten Kieselsteine“ entdeckt, die er sammelte und im Stil dieser Jahre verzierte. (Selbstportrait, S. 176).
Und „schließlich steht man im Heiligtum der Fondation: das vollkommen intakte Atelier, in dem Hartung bis zu seinem Tod arbeitete. Sein Rollstuhl steht vor einem Gemälde, daneben, fein säuberlich geordnet, für ihn angefertigte Pinsel, Bürsten, und die Sprühflasche, mit der er seine großformatigen Bilder direkt auf die Leinwand spritzte. Durch die Boxen tönt Bach, die Wände sind mit mehreren Schichten Farbspritzern bedeckt: Das Atelier wird sie (sic!) Teil eines Gesamtkunstwerks. Es fühlt sich so authentisch an, als würde Hartung gleich selbst erscheinen, um dem Gemälde auf der Leinwand noch schnell den letzten Schliff zu verleihen. Nirgends kann man dem Schaffensprozess von Hartung so nahe kommen, wie in diesem Raum, in dem absolut alles von der ungebrochenen Inspiration des Künstlers zeugt.“ [18]
Fotos des Ateliers: F. und W. Jöckel
Besonders auffällig und beeindruckend ist das gewaltige Arsenal an ungewöhnlichen Malerutensilien- Stahlbürsten, Gummipeitschen, Reisigbesen und Farbwalzen.
Dazu experimentierte Hartung auch mit Druckluftaggregaten: Zunächst mit einem umgebauten Staubsauger, dann mit einer Spritzpumpe, wie man sie auch im Garten verwendet, und schließlich einer Farbspritzpistole.
Die Wirksamkeit dieser technischen Hilfsmittel lässt sich an den zahllosen, nie übermalten Farbspritzern ablesen. „Als Zeichen eines ziemlichen Streuverlustes bedecken sie Boden und Wände, und man kann sich gut vorstellen, wie die Produktion seiner Arbeiten in dieser Alchimistenküche vonstattenging.“[19]
…. „Augenzeugen berichten von den Farbkaskaden, die auf die Bildern herabregneten, und von der Schnelligkeit, in der sich die Gestaltungsprozesse gerade in seinen letzten Lebensjahren vollzogen. 1988 entstehen in kurzer Taktung 216 Gemälde, 1989 (in Hartungs Todesjahr, W.J.) gar 360.“ Malen war also für Hartung nicht nur Experiment, sondern, wie Bettina Wohlfahrt ihren Bericht über die Ausstellung im Musée d’Art Moderne überschrieb, „das beste Mittel, um den Tod zu besiegen“.[20] Natürlich wird Hartung letztendlich dem Tod nicht entgehen, aber es ist doch eindrucksvoll, wie er nach den künstlerischen und körperlichen Verlusten der Kriegszeit mit großer Energie, Neugier und Kreativität weiterarbeitet, ja sich in seinem Alter neu erfindet – ähnlich wie der Matisse der Scherenschnitte oder der späte Monet.[21] Mit den neuen Techniken gibt es keinen direkten Kontakt mehr zwischen der Hand des Künstlers und der Leinwand: Dies bedeutet auch ein Loslassen, eine Vorbereitung auf den Tod: „Peindre pour apprendre, pour nous apprendre à mourir.“[22]
Hartungs neue und experimentelle Mal- und Arbeitsweise bedeutete auch den radikalen „Abschied von jener ‚zeichnerischen‘ Geste, die lange ein Markenzeichen seiner Kunst war, ihn künstlerisch aber auch festgelegt hatte.“[23] Dieses Markenzeichen verlor Mitte der 1960-er Jahre auf dem Kunstmarkt immer mehr an Wert zugunsten der konsum- und medienfreundlichen Pop-Art eines Warhol und Lichtenstein. Nach und nach büßte Hartung den Nimbus des Avantgardisten ein und wurde in den Augen der Kunstkritik und der informierten Öffentlichkeit zum ‚Klassiker‘, zu einer nicht mehr künstlerischen, sondern nur noch kunsthistorischen Größe.
Insofern ist der Wechsel an die Côte d’Azur „auch als eine Art Rückzug zu werten. Er bot allerdings die Chance, sich künstlerisch neu zu definieren, eine Chance, die Hartung eindrucksvoll zu nutzen wusste.“ In seinen letzten Lebensjahrzehnten gelang es sich, sich „vom Mythos der eigenen Person zu lösen und in seinem selbst gewählten Exil eine neue Freiheit zu erlangen.“
T 1989-N10, 73 x 92 cm: Das letzte Bild Hartungs (Fondation Hartung-Bergman)
Das Spätwerk Hartungs ist von einem Paradox geprägt: sein Leben wird immer mühseliger, seit dem Sommer 1987 ist er Witwer, seine Gesundheit ist angegriffen – „und dennoch bringt er eruptive Werke hervor.“[24] Seine letzte Arbeitssitzung fand am 16. November 1989 statt, 3 Wochen später, am 7. Dezember starb er.
Das Schwimmbad
Die Wohnräume des Künstlerpaares sind nicht zugänglich. Es ist aber möglich, bei einem Besuch der Fondation auch einen Blick auf den Swimmingpool Hartungs zu werfen, der im Herzen der weitläufigen Anlage liegt.
Zu Lebzeiten Hartungs war das Wasser sommers wie winters auf 35 Grad aufgeheizt und Hartung zog dort allmorgendlich seine Bahnen. „Umgeben von der blockhaften Architektur seines Anwesens ermöglichte es dem durch eine Kriegsverletzung behinderten Künstler das Eintauchen in eine amorphe Welt, die ihre Analogie in der dampfenden und sprühenden Bildsprache seines informellen Spätwerks findet.“[25]
Hans Hartung: Schwimmbad (Foto, Ausschnitt)
Bettina Wohlfarth schreibt in ihrem Artikel über die Hartung-Ausstellung im Musée d’Art Moderne (FAZ vom 20.10.2019): “Hans Hartungs intensives Schaffen mit fünfzehntausend Werken hat seinem Nachleben nicht nur gutgetan. (…) Es ist an der Zeit, dem deutsch-französischen Maler einer expressiven, lyrischen Abstraktion auf den Grund zu gehen, und seine wie besessene Suche nach der Emotion von Licht, Farbe und der malerischen Geste in den kunsthistorischen Kontext des zwanzigsten Jahrhunderts zu stellen.”
Verwendete Literatur:
Hans Hartung, Selbstportrait. Zusammengestellt und bearbeitet von Monique Lefebvre. Schriftenreihe der Akademie der Künste Band 14. Berlin 1981k
Hans Hartung. La fabrique du geste. Musée d’Art Moderne de Paris. Beaux Arts 2019
Hans Hartung. Malerei als Experiment. Werke 1962-1989. Ausstellungskatalog Kunstmuseum Bonn 2018
Beau Geste. Hans Hartung. Peintre et légionnaire. Paris: Gallimard/Fondation Hartung-Bergman 2016
Christoph Schreier, Das Bild als Ereignis- Hans Hartungs späte Gemälde. In: Hans Hartung. Malerei als Experiment. Werke 1962-1989. Katalog der Ausstellung im Kunstmuseum Bonn 2018
[8] Hans Hartung im Gespräch mit Laurence Bertrand Dorléac. a.a.O., S. 106. In dem Gespräch spricht Hartung sogar vor einer Wahl, die er gehabt habe: nämlich einer Einladung nach New York zu folgen oder in der Legion gegen die Nazis zu kämpfen. Allerdings scheint es so zu sein, dass es diese Alternative für ihn gar nicht gab, sondern dass er erst nach dem Krieg davon erfuhr, dass es die hätte geben können. A.a.O., S. 106, Anm. 10
[9] Lebensbericht, S. 126/7. Siehe dazu auch: Alexis Neviaski, Le légionnaire Hans Hartung …. dit Pierre Berton. In: Hans Hartung, peintre et légionnaire, S. 34 ff. Dort wird Hartung eher als heroisches Mitglied der Fremdenlegion präsentiert und seine Kritik an der Legion heruntergespielt. 1989 wurde Hartung sogar von der Legion als „un légionnaire exemplaire et représentatif“ herausgestellt. (a.a.O., S. 47)
Aus Anlass des 50. Jahrestages von Picassos Tod am 8. April 1973 hat sich das Picasso-Museum in Paris etwas Besonderes, Extravagantes ausgedacht: Es hat dem englischen Designer Paul Smith freie Hand, „carte blanche“, gegeben, die Werke Picassos in neuem Gewand zu präsentieren.
Smith, der für seine farbenfrohe Mode bekannt ist, hat weltweit Geschäfte eröffnet und seine Kollektionen in über 70 Ländern vertrieben, auch Motorrädern und Fahrradtrikots verlieh er sein Design. Für seine Verdienste um die britische Modewelt schlug ihn die Queen im Jahr 2000 zum Ritter. Jetzt hat er zum ersten Mal auch eine Kunstschau gestaltet.
Man wolle Picasso in einem neuen Licht zeigen und ein anderes, jüngeres Publikum anlocken, sagte der 76-Jährige der Deutschen Presse-Agentur. Ausstellungen in weißen Räumen zu präsentieren sei streng und seriös. Die junge Generation sei visuell..[1] In sein buntes Universum hat er nun über 150 Werke des Künstlers getaucht:
Da hängt Picassos „Frühstück im Grünen nach Manet“ (Le Déjeuner sur l’herbe d’après Manet) passend in einem grün ausgemalten Raum. Und die Ziegen werden sich auf dem Grün sicherlich auch wohl fühlen….
Beim sitzenden Akt aus dem Jahr 1906/07, einer Studie für die Demoiselles d’Avignon, nimmt Smith als Wandfarbe die Farbe des Sofas auf.
Und selbstverständlich hängen das Selbstportrait (1901) und La Célestine (1903/04) aus der blauen Phase Picassos vor einem tiefblauen Hintergrund….
Die Wände des dem Stierkampf-Thema gewidmeten Raums sind -wie könnte es anders sein- rot gestrichen. Es handelt sich um eine Lackfarbe, rot „wie frisches Blut“.[2]
Aber natürlich begnügt sich Smith nicht mit monochrom-farbigen Hintergründen, die inzwischen ja in vielen Museen üblich geworden sind.
Es sind vor allem die bunten Streifen, die in Picassos Werken der 1930-er Jahre eine große Rolle spielen und die Paul Smith in seinen Hintergründen aufnimmt. Hier die gelben Streifen im Bild der von Marie-Thérèse Walther inspirierten Lesenden. (La Lecture, 1932)
Die blauen Streifen haben es Picasso und Paul Smith besonders angetan. Sie finden sich nicht nur in den Werken Picassos und an Ausstellungswänden. Picasso posierte auch gerne mit einem blau-weiß gestreiften Pullover, wie in der Ausstellung gezeigte Fotografien von Robert Doisenau zeigen.
Robert Doiseneau, Portrait de Pablo Picasso in seinem Atelier in Vallauris, 1952
Dazu passen dann die darüber aufgehängten Marine-Pullover. Die Verbindung der Farbe Weiß mit etwas Blau ist für Paul Smith Ausdruck der Ruhe: „Es ist die Ruhe des Meeres, der frischen Luft und des Strands.“[3]
Alte Eichenbalken und Smith’sche Streifen im Dachgeschoss des Museums
Streifen sind nicht nur ein wesentliches Moment im Werk Picassos, sondern auch ein Markenzeichen von Paul Smith. Die enge Beziehung zwischen beiden zeigt sich gerade hier und im spielerischen Umgang damit, wie Paul Smith sagt: „Als ich an dem Projekt arbeitete, habe ich gelernt, wie sehr sich Picasso für alles interessierte, dass er spielerisch war wie ein Kind. Das hat man oft auch von mir gesagt, und das hat mich sehr ihm nähergebracht.“
Besonders auffällig präsentiert wird in der Ausstellung Picassos Gemälde seines Sohnes Paul, der die typische Tracht mit dem buntem Rautenmuster eines Harlekins trägt. (Paul en Arlequin, 1924). Nach den Worten von Paul Smith habe er gerade an dem Rautenmuster der Wand besonders intensiv gearbeitet, damit es „nicht perfekt und mechanisch“ werde.
1925 malte Picasso den kleinen Paul im Pierrot-Kostüm (Paul en Pierrot), und auch hier überträgt Paul Smith ein Motiv des Kostüms, die großen Knöpfe, auf die Wand.
Das Zusammenfügen von Alltagsgegenständen oder das Zusammenkleben von Papierausschnitten (papiers collés) sind typische Techniken Picassos. Smith nimmt das hier auf durch die nebeneinander geklebten unterschiedlichen Tapetenbahnen, die gleichzeitig in ihrer zurückhaltenden Farbigkeit zu dem Bild an der Wand passen. Es handelt sich um das 1917/18 entstandene Portrait von Olga, mit der Picasso seit 1918 verheiratet war, der Mutter des kleinen Paul.
Dies ist kein Picasso, sondern ein Paul Smith: Ausschnitt eines im Stil Picassos bemalten großen hölzernen Kubus, der in dem Raum mit Gemälden Picassos und Braques aus der kubistischen Phase aufgestellt ist. Die Straße soll wohl veranschaulichen, dass der Kubismus nur eine Phase in der langen und vielfältigen Entwicklung Picassos ist…
Picasso, Homme à la guitare, 1911 (Ausschnitt)
Georges Braques, Nature morte à la bouteille, 1910 (Ausschnitt)
An den heimischen Wald der Eule erinnert das Sperrholz der Vitrine, in der sie ausgestellt ist. (Chouette, Vallauris, 30. Dezember 1949)
In dem Raum, in dem Werke Picassos aus den 1950-er Jahren ausgestellt sind, hat Smith große 50-er auf die Wand gemalt. Hier rahmen sie „Jacqueline aux mains croiseées“ aus dem Jahr 1954 ein. Es ist ein Portrait von Jacqueline Roque, der letzten Lebensgefährtin Picassos, die er 1961 heiratete.
Bei den bemalten Tellern, die Picasso in den Jahren 1947 bis 1949 in Vallauris herstellte, hat sich Smith als Umrahmung etwas Besonderes einfallen lassen, nämlich einfache industriell hergestellte Teller- eine durchaus reizvolle Gegenüberstellung.
Drei mit Faunsköpfen bemalte Teller Picassos und drei industriell hergestellte Gebrauchsteller
Dieses Werk Picassos aus dem Jahr 1942 ist seine wohl bekannteste Schöpfung, bei der er Gebrauchsgegenstände verwendete, um daraus ein Kunstwerk zu schaffen. Hier handelt es sich um einen Fahrradsattel und einen Lenker, die Picasso auf einer Müllkippe gefunden haben soll. Und entstanden ist daraus ein Stierkopf (tête de taureau) ….
Und was macht Paul Smith- selbst ein begeisterter Radfahrer- damit? Er stellt dem Picasso’schen Stierkopf eine Serie von Lenkern und Sätteln gegenüber, einer davon durch Form und Farbe besonders hervorgehoben… Das surrealistische Meisterwerk Picassos wird dadurch umso mehr ins rechte Licht gerückt.
Dies alles findet statt in einem klassischen Bauwerk im Marais, dem Hôtel Salé, einem Stadtpalais (hôtel particulier) aus dem 17. Jahrhundert.
Nach den auf der Website des Museums zitierten Worten des Kunsthistorikers Bruno Foucart handelt es sich um „das größte, außergewöhnlichste, um nicht zu sagen extravaganteste der große Pariser Stadtpalais des 17. Jahrhunderts“.[4] Sphingen rahmen die Fassade ein. Im oberen Stockwerk mit den repräsentativen Räumen sind die Bewohner und Besucher des Palais fast auf Augenhöhe mit Zeus – ausgewiesen durch Adler und Herrscherstab…
Zentrum und Meisterwerk des Palais ist die große Treppenanlage, die nach dem Vorbild der von Michelangelo entworfenen Treppe der Biblioteca Medicea Laurenziana in Florenz errichtet wurde: Durch die vielfältigen Perspektiven und reiche Ornamentik ein „salle de spectacle“.[5] Der breite Aufgang wird von einem hochherrschaftlichen Balkon überragt.
Auf der Rückwand nimmt Picassos Akrobat von 1930 zwischen korinthischen Pilastern einen Ehrenplatz ein. Hier hat Paul Smith auf Eingriffe verzichtet. Seitliche, allein funktionale Treppenaufgänge hat er allerdings etwas farbig eingerahmt….
… und eine Rampe sogar mit einem buntgestreiften Teppichboden belegt.
Auf die Fenster dort sind kleine Figuren gemalt, die vielleicht als Suchspiel für Kinder dienen können.
Ich könnte mir vorstellen, dass Picasso mit der neuen poppigen und auch humorvollen Präsentation seiner Arbeiten durchaus einverstanden gewesen wäre, ja, dass er seine Freude daran gehabt hätte. Denn Humor hatte Picasso, wie in einem Raum mit Blättern aus der Modezeitschrift Vogue vom Mai 1951 gezeigt wird.
Picasso machte sich einen Spaß daraus, Fotos der Zeitschrift mit der Tuschfeder etwas zu verändern. So werden aus Modefotos teilweise groteske Bilder.
Die von der Modezeitschrift vermittelte bourgeoise „heile Welt“ wird so konterkariert.
Sehr gerne fügt Picasso kleine phantastische Figuren hinzu, eine Mischung aus Teufelchen und Faun.
Dieser nähert sich aufdringlich und handgreiflich der jungen Dame im Hochzeitskleid an heiligem Ort…
Hier zeigt Picasso -natürlich wieder im blau-weißen Pullover- im September 1952 in Vallauris dem Fotografen Robert Doisneau die Seite 33 der Ausgabe Mai 1951 von Vogue. Das war für ihn ganz offensichtlich eine wichtige Facette seines Werks.
Insgesamt eine völlig unfeierliche Ausstellung „voll Humor und Frische“ (Le Figaro), wie man sie zum 50. Jahrestag des Todes von Picasso nicht unbedingt an diesem Ort hätte erwarten können. Unbedingt empfehlenswert!