„Fort mit dir nach Paris!“  Mozarts drei Aufenthalte in Paris: Vom gehätschelten Wunderkind zum gedemütigten Außenseiter

Vorwort

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich bin kein Musikwissenschaftler, schon gar kein Mozart-Spezialist. Aber wir sind seit Jahren regelmäßige Besucher der „Mozart-Nächte“, die das Rheingau-Musik-Festival im hessischen Zisterzienser-Kloster Eberbach veranstaltet, und seit wir -mehr oder weniger- in Paris leben, habe ich mit verschiedenen Chören und immer mit großer Freude Chorwerke Mozarts mitgesungen: u.a. die Krönungsmesse, die entzückende Spatzenmesse, die Vesperae solennes de Confessore und vor allem und sehr oft das Requiem: zuerst, als mein erstes „Pariser Konzert“ 2010 in der mächtigen Neo-Renaissance- Kirche La Trinité, wo Olivier Messiaen 60  Jahre lang  Organist war, …

… zuletzt am 10. Mai 2024 -und demnächst wieder- in Saint Sulpice, meiner Pariser Lieblingskirche.

Und natürlich habe ich mich für die Pariser Aufenthalte Mozarts interessiert, vor allem nachdem ich die Mozart-Gedenktafel im Marais und die für seine in Paris gestorbene Mutter in der Kirche Saint-Eustache entdeckt hatte. Gesucht und vermisst habe ich aber eine kompakte, konzentrierte Darstellung von „Mozart in Paris“. Nachfolgend ein entsprechender Versuch.

Erster Aufenthalt  1763/1764: Im Glanz des  königlichen Hofes

Der kleine Wolfgang war gerade 7 Jahr alt, als sein Vater Leopold beschloss, das „Wunderkind“  in Begleitung seiner Familie den Herrscherhäusern und der Aristokratie Europas zu präsentieren. Zweck dieser wie auch der zahlreichen späteren Reisen waren immer Ruhm und Geld – verständlich angesichts der recht bescheidenen, ja teilweise geradezu prekären finanziellen Umstände, in denen die Familie Mozart lebte, und die Leopold seinem hochbegabten Sohn gerne ersparen wollte.

Am 9. Juni 1763 bricht die Familie zu einer großen Europareise von dreieinhalb Jahren auf. Sie führt über München, Schwetzingen, Mannheim zunächst nach Frankfurt, wo der vierzehnjährige Goethe ein Konzert der Mozart-Kinder hört.  Dann geht es weiter über Mainz und Brüssel nach Paris, wo  die Familie fünf Monate bleibt. Danach geht es weiter nach London und über die Niederlande noch einmal nach Paris, bis die Familie Ende 1766 wieder Salzburg erreicht. 

Die Familie Mozart kommt am 18. November 1763 in Paris an und wird, vermittelt durch heimische Kontakte, im Stadtpalais des bayerischen Gesandten Graf van Eyck aufgenommen, dem hochherrschaftlichen Hôtel de Beauvais, heute Sitz des für Berufungen zuständigen Verwaltungsgerichts von Paris (cour administrative d’appel de Paris) in der rue François Miron im Marais.

Fotos: Wolf Jöckel

Im Innenhof, dem cour d’honneur, erinnert eine Plakette an den Aufenthalt Mozarts.

„Mozart wohnte 1763 in diesem Haus.“ Dass Mozart damals noch ein Kind war, macht das Portrait allerdings nicht deutlich.

Der große Erfolg des ersten Paris-Aufenthalts Mozarts, ja der großen Europatournee der Familie Mozart,  ist wesentlich einem Mann zu verdanken, der den Ruhm des Wunderkindes den führenden Kreisen  Europas verkündete: Melchior Grimm. Der war 1747 nach Paris gekommen und hatte schnell im intellektuellen Leben der Stadt Einfluss gewonnen. 1753 wurde er Schriftleiter der Zeitschrift Cor­respondance littéraire, philosophique et critique, die in ganz Europa verbreitet war, soweit es sich der Aufklärung verschrieben hatte. Selbst der Preußenkönig Friedrich II. und die russische Zarin Katharina bezogen die Correspondance. Schon wenige Tage nach Mozarts Ankunft in Paris erschien in der Zeitschrift ein hymnischer Artikel Grimms über das Wunderkind, der mit diesen Worten beginnt:

Die wahren Wunder sind selten genug, um davon zu reden, wenn man Gelegenheit hat, eines zu sehen. Ein Salzburger Kapellmeister namens Mozart ist soeben hier angekommen mit zwei Kindern von der hübschesten Erscheinung der Welt. Seine Tochter, elf Jahre alt, spielt in der glänzendsten Weise Klavier, sie führt die größten und schwersten Stücke mit einer staunenswerten Genauigkeit aus. Ihr Bruder, der nächsten Februar sieben Jahre alt wird, ist eine so außerordentliche Erscheinung, dass man das, was man mit eigenen Augen sieht und mit eigenen Ohren hört, kaum glauben kann. Es ist dem Kinde ein leichtes, mit der größten Genauigkeit die allerschwersten Stücke mit Händen auszuführen, die kaum die Sexte greifen können, und es ist unglaublich, wenn man sieht, wie er eine ganze Stunde hindurch phantasiert und sich der Begeisterung seines Genies und einer Fülle entzückender Ideen hingibt (…) Er hat eine solche Fertigkeit in der Klaviatur, dass, wenn man sie ihm durch eine darübergelegte Serviette entzieht, er nun auf der Serviette mit der gleichen Schnelligkeit und Genauigkeit fortspielt.  Es ist ihm eine Kleinigkeit, alles, was man ihm vorlegt, zu entziffern; er schreibt und komponiert mit einer wunderbaren Leichtigkeit…“

Und nach weiteren Belegen für das musikalische Genie Mozarts:

Ich sehe es wahrlich noch kommen, dass dieses Kind mir den Kopf verdreht, wenn ich es noch öfter höre. Es macht mir begreiflich, dass es schwer ist, sich dem Wahnsinn zu bewahren, wenn man Wunder sieht. Ich bin nicht mehr erstaunt,  dass der heilige Paulus nach seiner sonderbaren Vision den Kopf verloren hat.“[1]

Nach diesem Vergleich Mozarts mit Christus zählt Grimm alle Höfe auf, an denen das Kind bereits Aufsehen erregt hat. Und mit Zustimmung des Vaters hatte er sich gleich am Anfang seines Artikels eines zusätzlichen Reklametricks bedient, als er das Alter des Wunderkinds um ein Jahr herabsetzte.[2]

Der Erfolg dieser Eloge blieb dann auch nicht aus. Am Neujahrstag 1764 wurde die Familie Mozart vom königlichen Hof zum Festessen, dem Grand Couvert, eingeladen. Vater Leopold berichtet stolz, „dass mein Herr Wolfgangus immer neben der Königin zu stehen, mit ihr beständig zu sprechen und sie zu unterhalten und ihr öfters die Hände zu küssen und die Speisen, so sie ihm von der Tafel gab, neben ihr zu verzehren die Gnade hatte.“[3] Die liebenswürdige Königin und Frau Ludwigs  XV. war Maria Lesczynska, die „so gut Deutsch wie wir“ spricht und für den König dolmetschte.

Besonders angetan hatte es der kleine Wolfgang den beiden musikalisch begabten Töchtern des Königs, von denen er verhätschelt wurde.[4] Mit seiner Schwester Nannerl gab Wolfgang den beiden Königskindern ein Konzert und er komponierte zwei „Madame Victoire de France“ gewidmete Sonaten für Cembalo und Violine.

„In Paris gedruckte Sonaten, als Mozart sieben Jahre alt war.“ Es sind die ersten beiden gedruckten und veröffentlichten Werke Mozarts, also Opus 1.[5]

Mozart hatte dann auch die Ehre, „in der Hofkapelle in Versailles vor dem ganzen Hof, im Beisein des Königs und mit allem Beifall die Orgel“ zu spielen, wie seine Schwester berichtete.

Die Schlosskapelle von Versailles. Foto: Wolf Jöckel

Nachdem die Kinder bei Hof empfangen worden waren, öffneten sich auch beim Adel die Türen, zum Beispiel bei der mit dem Prinzen Conti liierten Comtesse de Tessé, geb. de Noailles, die zu einer „Hauptprotektorin der Salzburger Wunderkinder“ wurde[6] und für die der kleine Wolfgang zwei weitere Sonaten komponierte. (Opus 2)

Dies ist ein 1763 entstandenes Portrait der drei musizierenden Mozarts von Louis Carrogis dit Carmontelle.[7]  Jean-Baptiste Delafosse stellte davon einen Kupferstich her, auf dem der kleine Wolfgang als siebenjähriger „Compositeur et Maitre (sic!) de Musique“ firmiert. Der Kupferstich diente „Reklamezwecken“, wurde in Frankreich, England, Deutschland, der Schweiz, Belgien und der Niederlande verbreitet und mehrte den Ruhm des kleinen Wunderkindes.[8]

In Paris regnete es Goldstücke, und für die Kinder gab es „eine Unmenge kostbarer Geschenke“. Melchior Grimm war stolz auf seine Schützlinge und Leopold „hochbefriedigt mit seinem Pariser Aufenthalt“.[9]

Zweiter Aufenthalt 1766: Salonmusik

Nach einem Aufenthalt in England und den Niederlanden, der durch Krankheiten Wolfgangs, des Vaters und der Schwester beeinträchtigt ist, während dessen Mozart aber auch mit den in London tätigen Komponisten Karl Friedrich Abel und und Johann Christian Bach zusammentrifft und seine ersten Sinfonien schreibt, macht die Familie auf der Rückreise noch einmal zwischen Mai und Juli 1766 in Paris Station.

Wieder ist es Melchior Grimm, der mit einem neuen Bericht in der Correspondance die Werbetrommel für die Mozarts und besonders für den jetzt neunjährigen Wolfgang rührte:

„Mademoiselle Mozart, jetzt dreizehn Jahre alt, übrigens sehr hübsch geworden, hat das schönste und glänzendste Spiel auf dem Klavier, nur ihr Bruder allein vermag ihr den Beifall zu rauben. Dieser merkwürdige Knabe ist jetzt neun Jahre alt. Er ist fast gar nicht gewachsen, aber er hat wunderbare Fortschritte in der Musik gemacht. (…) das Unbegreifliche ist jene tiefe Kenntnis der Harmonie und ihrer geheimnisvollen Wege, die er im höchsten Grade besitzt.“ Der Erbprinz von Braunschweig, selbst ein hervorragender Musiker, habe gesagt, „dass viele in ihrer Kunst vollendete Kapellmeister stürben, ohne das gelernt zu haben, was dieser Knabe in einem Alter von neun Jahren leiste. Wir haben  ihn anderthalb Stunden lang ununterbrochen Stürme mit Musikern aushalten sehen, denen der Schweiß in großen Tropfen von der Stirne rann und die alle Mühe der Welt hatten, sich aus der Sache zu ziehen, mit einem Knaben, der selbst den Kampfplatz ohne Ermüdung verließ. Ich habe gesehen, wie er auf der Orgel Organisten, die sich für sehr geschickt hielten, irremachte und zum Schweigen brachte. In London nahm ihn Bach zwischen seine Knie, und sie spielten so zusammen abwechselnd auf dem nämlichen Klavier zwei Stunden lang ohne Unterbrechung in Gegenwart des Königs und der Königin. .. Man könnte sich lange von dieser einzigen Erscheinung unterhalten. Übrigens ist er eines der liebenswürdigsten Geschöpfe, die man sehen kann: in alles, was er sagt und tut, bringt er Geist und Seele, vereint mit der Anmut und der Lieblichkeit seines Alters.“[10]

Auch wenn sich, wie Annette Kolb meint, nach dem ersten Pariser Aufenthalt des Wunderkindes die erste Neugierde gelegt haben mag: Die Mozarts sind nach wie vor gern gesehene Gäste in angesehenen musikbegeisterten aristokratischen Häusern. „In Versailles jedoch lassen sich die Kinder mehrmals hören, und hier ist es der von Braunschweig … der, selbst ein guter Geiger, sich für Wolfgang begeistert, von seinem Genie überzeugt ist. Es entsteht ein kleines Kyrie für vierstimmigen Chor mit Orchesterbegleitung.“[11] Und dann gab der kleine Wolfgang ein Konzert im Pariser Stadtpalais des Prinzen Conti, das in dessen Auftrag Michel-Barthélemy Ollivier in einem Gemälde festgehalten hat. es gehört zur Gemäldegalerie des Versailler Schlosses. [12]

Teegesellschaft beim Prinzen Conti im Maison du Temple in Paris

Dass es sich um eine Teegesellschaft handelt, wird auf einem kleinen Zettel mitgeteilt, der links unten im Bild neben dem dort liegenden Zettel abgebildet ist:

De la douce et vive gaieté
Chacun icy donne l’exemple,
On dresse des autels au thé ;
Il meritoit d’avoir un temple.
” » [13]

Der Prinz Conti hat hier also mit seiner illustren Teegesellschaft aus Mitliedern des hohen Adels dem damals nach englischem Vorbild modischen Tee gewissermaßen einen Altar errichtet. Und die portraitierten Adligen und ihre Teetassen sind entsprechend ins rechte Licht gerückt.

Für die Musiker, die Conti engagiert hatte, gilt das nicht in gleichem Maße – obwohl es sich -stehend mit der Gitarre- um den berühmten Pierre Jélyotte handelt, der damals als einer der bedeutendsten Sänger Europas galt, und um das damals 8-jährige Wunderkind Mozart am clavecin…

Das Bild ist eine seltene Darstellung eines zwanglosen aristokratischen Empfangs in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Domestiken gibt es nicht, die Gäste bedienen sich selbst mit Tee und Gebäck, plaudern miteinander, einer liest etwas, Hunde sind auch mit von der Partie, und zwei außerordentliche Musiker liefern die Hintergrundmusik, bei der man dezent „das Tafelgeschirr klappern“ hört, um einen hier wunderbar passenden Ausdruck Adornos aufzunehmen. Bei seinem dritten Parisaufenthalt im Jahr 1778 wird der herangewachsene Mozart selbstbewusst und rebellisch genug sein, solche Auftritte nicht mehr zu goutieren…  

Dritter Aufenthalt 1778: Das  Fiasco

Die ständigen Kränkungen durch den Salzburger Erzbischof Colloredo – Mozart spricht von „dieser Chicane“-  machen ihm den Aufenthalt in Salzburg immer unerträglicher und die beruflichen Aussichten dort immer trüber. Es sind die guten Erinnerungen an die beiden Paris-Aufenthalte 1763 und 1766 und der Wunsch, seinem Sohn endlich die ihm angemessene Zukunftsperspektiv zu eröffnen, die Leopold Mozart dazu veranlassen, seinen inzwischen 22 Jahre alten Sohn 1778 nach Paris zu schicken. In der französischen kosmopolitischen Metropole waren viele deutsche Musiker tätig, versuchte der Hof die glanzvolle Tradition des Sonnenkönigs aufrecht zu erhalten und es gab viele reiche, musikbegeisterte Adelsgeschlechter, die zum Teil Kammermusikensembles, zum Teil sogar große private Orchester unterhielten. Dort also sollte Wolfgang nach dem Bruch mit seinem Fürsten  endlich eine seinem Genie entsprechende feste und gut bezahlte Anstellung finden. Auf dem Weg dahin sollte er in München, Augsburg und Mannheim Station machen und vielleicht schon dort als Kapellmeister engagiert werden. Auf diesen ersten drei Stationen erfüllten sich aber die entsprechenden Hoffnungen nicht. Nirgendwo gab es eine vaccatur, nirgendwo wurde ein neuer Kapellmeister gesucht. In Mannheim, der Residenz des pfälzischen Kurfürsten und der damals berühmtesten deutschen Musikstadt, wurde ihm huldvoll mitgeteilt, man habe gehört, er könne „so ganz passabel Klavier spielen“, die erhoffte Anstellung gab es auch hier nicht. Als Honorar erhielt er nicht das dringend benötigte Geld – der Vater hatte sich immerhin zur Finanzierung der Reise seines Sohnes erheblich verschuldet- sondern eine goldene Armbanduhr- inzwischen seine sechste. Mozart dachte schon daran, sich demonstrativ bei einer Audienz alle goldenen Armbanduhren umzubinden…  Trotzdem zog sich Mozarts Aufenthalt in Mannheim immer mehr in der Länge, und der junge Mann hatte offenbar nicht die geringste Neigung, endlich die Fahrt nach Paris fortzusetzen. Der Vater in Salzburg verfolgte das mit wachsender Ungeduld. „Fort mit dir nach Paris!“, schrieb er schließlich seinem Sohn. „Und das bald, setze dich mit großen Leuten an die Seite- aut Caesar aut nihil. Der einzige Gedanke, Paris zu sehen, hätte Dich vor allen fliegenden Einfällen bewahren sollen. Von Paris aus geht der Ruhm und Name eines Mannes von großem Talente durch die ganze Welt.“ In Paris erwarte Wolfang  „Ruhm und Ehre“. Es komme nur ganz alleine auf ihn an, sich „in eines der größten Ansehen, die jemals ein Tonkünstler erreicht hat“ zu erheben. Das sei er seinem „von dem gütigsten Gott erhaltenen außerordentlichen Talente schuldig.“

Was ist mit den „fliegenden Einfällen“ gemeint, von denen der Vater hier spricht? Es ist der verwegene Plan, mit der 15-jährigen Aloisia Weber, in die sich Mozart in Mannheim , einer Station auf dem Weg nach Paris- verliebt hatte, nach Italien zu gehen. Sie habe „eine schöne reine Stimme“ und könne „auf jedem Theater die Primadonna machen. (…) Für ihr Singen stehe ich mit meinem Leben, dass sie mir gewiss Ehre macht.“ Er schwärmt von Konzertreisen mit Vater Weber,  Aloisia und der älteren Schwester Josepha. Die könne kochen. „wir können eigene hauswirthschaft führen.“[14]  Aloisia kommt aus einer musikbegabten Familie – ihr Vetter ist der Komponist Carl Maria von Weber- und Mozarts Mutter bestätigt, dass Aloisia „unvergleichlich“ singt. Sie hat Einwände gegen die Träume ihres Sohnes, trifft jedoch auf taube Ohren. Und der alarmierte Vater ist total entsetzt. Er hält -wohl mit Recht- die Vorstellungen seines verliebten Sohnes für völlig illusionär und den Karriereplänen, die er für ihn hat, abträglich. Es kommt, so schreibt er Wolfgang,  „nur auf Deine Vernunft und Lebensart an, ob Du als ein gemeiner Tonkünstler, auf den die ganze Welt vergisst, oder als ein berühmter Kapellmeister, von dem die Nachwelt auch noch in Büchern liest, ob Du von einem Weibsbild etwa eingeschläfert mit einer Stube voll notleidender Kinder auf einem Strohsack oder nach einem christlich hingebrachten Leben mit Vergnügen, Ehre und Nachruhm, mit allem für Deine Familie wohl versehen, bei aller Welt in Ansehen sterben willst?“[15]

Mozart fügt sich und reist mit der Mutter weiter nach Paris. Aber die Reise steht von Anfang an unter keinem guten Stern: Wie gerne wäre der junge Mann bei seiner Aloisia geblieben und hätte seiner Liebe und seinem Traum gelebt! Statt dessen wird er nun, begleitet und beaufsichtigt wie ein Minderjähriger von seiner Mutter, in eine Stadt beordert, mit der ihn nach so vielen Jahren nichts mehr verbindet. Und begleitet wird er von ständigen brieflichen Ratschlägen, Mahnungen und Warnungen seines besorgten Vaters. Aber Wolfgang ist -noch- der gehorsame Sohn. In Paris angekommen versichert er dem Vater, er sei jetzt an einem Ort „wo man sich ganz gewis geld machen kann.“ Es koste zwar entsetzlich viel Mühe und Arbeit, „ich bin aber bereit alles zu thun, um ihnen vergnügen zu machen.“[16] Und auch die Mutter verbreitet Optimismus. „Der Wolfgang“, schreibt sie am 5. April enthusiastisch ihrem Mann, „ist hier wider so berüemt und beliebt das es nicht zu beschreiben“. Einen Satz später allerdings relativiert sie das, ohne sich wohl dessen bewusst zu  sein: Wendling, der Mozart von Mannheim her kannte und der in Paris lebte, tue sein Möglichstes, damit Wolfgang hier bald bekannt sein werde. „Wie steht es also eigentlich mit der Berühmtheit?“, fragt da Annette Kolb lakonisch.[17]

In der Tat: Wer war denn Mozart für das Publikum, als er 1778 in Paris ankam? Für die meisten ein Unbekannter: Ein junger Mann, von dem einige wussten, er  ein frühbegabtes Kind gewesen. Seitdem hatte man aber nichts mehr von ihm gehört. Auch nicht, dass er immerhin für eine französische Klaviervirtuosin ein wunderbares Klavierkonzert geschrieben hatte, das sog. Jeunehomme- Konzert (KV 271), für Alfred Brendel sogar ein musikalisches Weltwunder. Aber in Paris hatte sich das offenbar nicht herumgesprochen; dafür allerdings, dass der junge Mann, der nur mit starkem Akzent und mit begrenztem Vokabular Französisch sprach, im Streit mit seinem Dienstherrn aus Salzburg geschieden war und nun eine feste Anstellung suche. Das war nicht gerade dazu angetan, dass sich Mozart die Türen öffneten.[18]

Der bemühte sich allerdings redlich, in Paris Fuß zu fassen. Er präsentiert sich bei musikbegeisterten reichen Aristokraten- Vater Leopold hatte ihm eine lange Namensliste mit auf den Weg gegeben-  um für Konzerte oder Musikunterricht engagiert zu werden. Er ging, wie Erich Schenk in seiner Mozart-Biographie schreibt, „von Besuch zu Besuch“ – man könnte wohl auch drastischer von Klinken-Putzen sprechen. Über eine dieser Visiten in adligen Häusern berichtete Mozart am 1. Mai 1778 seinem Vater. Er hatte sich auf Empfehlung des inzwischen zum Baron erhobenen Melchior Grimm bei der hochadligen, mit einem Herzog verheirateten Elisabeth-Louise de La Rochefoucauld, Duchesse de Chabot,  vorgestellt und war eine Woche später eingeladen worden. Mozart schreibt:

„Da musste ich eine halbe Stund in einem eiskalten ungeheizten und ohne mit Kamin versehenen großen Zimmer warten. Endlich kam die Duchesse Chabot, mit größter Höflichkeit und bat mich, mit dem Klavier vorlieb zu nehmen, indem keins von den übrigen zugerichtet sei; ich möchte es versuchen. Ich sagte: ‚Ich wollte von Herzen gern etwas spielen, aber jetzt sei es unmöglich, indem ich meine Finger nicht empfinde vor Kälte‘, und bat sie, sie möchte mich doch aufs wenigste in ein Zimmer , wo ein Kamin mit Feuer ist, führen lassen. ‚O oui Monsieur, vous avez raison‘. Das war die ganze Antwort. Dann setzte sie sich nieder und fing an, eine ganze Stunde zu zeichnen en compagnie anderer Herren, die alle in einem großen Zirkel um einen Tisch herumsaßen. (…)  ich wusste nicht, was ich so lange für Kälte, Kopfweh und Langeweile anfangen sollte. Oft dachte  ich mir, wenns mit nicht um Monsieur Grimm wäre, so ging ich den Augenblick wieder weg. Endlich, um kurz  zu sein, spielte ich auf dem miserablen, elenden Pianoforte. Was  aber das ärgste war, dass die Madame und  alle die Herrn ihr Zeichnen keinen Augenblick unterließen, sondern immer fortmachten und ich also für die Sessel, Tisch und Mauern spielen musste.“ Er verliert dann die Geduld, hört auf zu spielen, muss aber noch eine halbe Stunde warten, bis der Herzog kommt. „Der aber setzte sich zu mir und hörte mit aller Aufmerksamkeit zu und ich -ich vergaß darüber alle Kälte, Kopfweh und spielte ungeachtet dem elenden Klavier so – wie ich spiele, wenn ich gut in Laune bin. Geben  Sie mir das beste Klavier von Europa und aber Leute zu Zuhörer, die nichts verstehen oder die nichts verstehen wolllen und die mit mir nicht empfinden, was ich spiele, so werde ich alle Freude verlieren.“[19]

Und dann berichtet er weiter von den Zumutungen, denen er in Paris ausgesetzt ist -jetzt in einer nicht sprachlich geglätteten originalen Version:

„sie schreiben mir, daß ich brav visiten machen werde, um bekandtschaften zu machen, und die alten wieder zu erneüern. daß ist aber nicht möglich. zu fuß ist es überall zu weit- oder zu kothicht, denn in Paris ist ein unbeschreiblicher dreck. in wagen zu fahren – hat man die Ehre gleich des tags 4 bis 5 livres zu verfahren, und umsonst. denn die leüte machen halt Complimenten und dann ists aus. bestellen mich auf den und den tag; da spiell ich, dan heists, O c’est un Prodige, c’est inconcevable, c’est étonnant. und hiermit addieu. ich hab so anfangs geld genug verfahren – und oft umsonst, daß ich die leüte nicht angetroffen habe. wer nicht hier ist, der glaubt nicht wie fatal das es ist. überhaupt hat sich Paris viell geändert. die franzosen (deren Höflichkeit und schöne Lebensart der Vater in seinem Reisebefehl noch gerühmt hatte. W.J.) haben lang nicht mehr so viell Politeße als vor 15 jahren. sie gränzen itzt starck an die grobheit. und hofärtig sind sie abscheülich.“[20] So blieb diese Visite in einem adligen Hause auch seine letzte.

Mozart wurde dann zwar noch in der zweiten Augusthälfte vom Comte de Noailles in dessen von Jules Hardouin-Mansart errichtetes prunkvolles Herrenhaus nach Saint-Germain-en-Laye eingeladen, aber diese Einladung galt dem Sänger Tenducci und Johann Christian Bach, mit dem sich Mozart angefreundet hatte. So kam Mozart gewissermaßen nur als „Parasit“ mit, wie er es selbst einschätzte.[21]

Auch als Musiklehrer versuchte Mozart Geld und Ansehen zu gewinnen, obwohl er, wie er seinem Vater in einem Brief vom 7. Februar 1778  in aller Deutlichkeit mitteilte, dafür weder fähig noch willens sei. Er hatte damals dem Vater seinen Widerwillen mitgeteilt, nach Paris zu reisen. Er könne sich dort „mit nichts recht fort bringen, als mit scolaren, und zu der arbeit bin ich nicht gebohren. (…) aus gefälligkeit will ich gern lection geben, besonders wen ich sehe, daß eins genie, freüde, und lust zum lernen hat. aber zu einer gewissen stund in ein haus gehen müssen, oder zu haus auf einem warten müssen, das kan ich nicht, und sollte es mir noch so viell eintragen. das ist mir unmöglich. das lasse ich leüten über, die sonst nichts könen, als Clavier spiellen. ich bin ein Componist, und bin zu einem kapellmeister gebohren. ich darf und kan mein Talent im Componiren, welches mir der gütige gott so reichlich gegeben hat, (…) nicht so vergraben“.[22]

Aber als er dann in Paris war, nahm er das Unterrichten notgedrungen trotzdem auf sich. Er hatte sogar eine Lieblingsschülerin, die Tochter des Duc de Guines. Mozart ist zunächst entzückt. Der Herzog bläst „unvergleichlich die Flöte“, die Tochter spielt „magnifique die Harfe.“[23] Für beide komponierte Mozart sogar das Konzert für Flöte und Harfe KV 299, für zwei Instrumente also, zu denen er keine Beziehung hatte.[24]  Kurze Zeit später war Mozart allerdings gründlich enttäuscht; am 9. Juli 1778 schrieb er über die Tochter, sie sei „von herzen dumm, und dann von herzen faul“, und am 31. Juli über den Vater: „er wollte mir also für 2 stunden eine stunde zahlen – und dieß aus égard [‚Rücksicht‘, wohl ironisch], weil er schon 4 Monath ein Concert auf die flöte und harpfe von mir hat, welches er mir noch nicht bezahlt hat. (…) der Mr: Le duc hatte also keine Ehre im leib – und dachte das ist ein junger mensch, und nebst diesen ein dumer teütscher – wie alle franzosen von die teütschen sprechen – der wird also gar froh darum seÿn – “[25] Von den Musik­stunden für den Duc de Guines und dessen Tochter behält Mozart also nur den beleidigenden Aspekt ungenügender Bezahlung zurück.[26] Und obwohl der Duc de Guines zu den Günstlingen Marie-Antoinettes zählt, nimmt die Königin, die das Wunderkind immerhin 1762 in Schönbrunn bewundern konnte, in Paris keine Notiz von ihrem Landsmann. Mozart wird 1778 nicht mehr an den Hof von Versailles eingeladen.

Dann gibt es noch einflussreiche Repräsentanten des Pariser Musiklebens, deren Nähe er sucht und die ihm wohlgesinnt erscheinen. So Joseph Legros, der nach seiner Karriere als Tenor der Pariser Oper seit 1777 die Concerts spirituels leitete, eine für das bürgerliche Musikleben von Paris bedeutende Konzertreihe. Die Konzerte fanden im Konzertsaal (Salle des Cent-Suisses) des Tuilerienpalasts statt,  in dem bis zu 100 Musiker und 1800 Zuhörer Platz fanden. Somit war in Paris der erste dauerhaft nutzbare Konzertsaal Frankreichs und ein Vorbild für das europäische Konzertwesen entstanden. Auch ausländische Musiker wie Telemann und Haydn waren dort aufgetreten. Legros verschaffte Mozart einen Kompositionsauftrag für acht Chöre, von denen aber nur vier aufgeführt wurden. „Von den Chören wurde das Beste unterschlagen“, schreibt Annette Kolb, alle sind verschollen.[27] Ebenfalls von Legros erhielt er den Auftrag für eine Symphonie concertante. Mozart überreichte ihm das Manuskript und es wurde vereinbart, dass Legros eine Kopie anfertige. Als Mozart sich nach einigen Tagen erkundigte, ob die Kopie fertig sei, antwortete Legros: „Nein!… ich habe es vergessen!“ Welche Demütigung! Die Sinfonie wurde also ebenfalls nicht aufgeführt und ist ebenfalls verschollen.[28]

Dann gab es den Ballettmeister der „Grand Opéra“ und den Leiter der königlichen Feste Jean Georges Noverre, der vorher in Berlin, Straßburg, Stuttgart und Wien tätig gewesen war, wo er von der späteren Königin Marie-Antoinette protegiert wurde. Zwischen Mozart und Noverre bestand schon ein freundschaftliches Verhältnis: Es war Noverres Tochter, für die Mozart das Jeunehomme-Konuert komponiert hatte. So schreiben denn auch Mutter und Sohn am 5. April 1778 nach Salzburg, dass Wolfgang bei  Noverre speisen könne, so oft er nur wolle und dass ihm der Allgewaltige einen Opernauftrag -ein Traum Wolfgangs- verschafft habe. Mozart machte sich auch gleich an die Arbeit, aber auch dieses Projekt verlief im Sande. Nicht viel besser war es  dann mit dem auf Noverre zurückgehenden Kompositionsauftrag für das Ballett Les Petits Riens (KV 299). Das wurde zwar mit Mozarts Musik im Juni 1778 aufgeführt, ohne aber den Namen des Komponisten zu erwähnen. Selbst für Melchior Grimm hatte offenbar inzwischen der Name Mozart keine Bedeutung mehr.In seiner Besprechung der Ballett-Aufführung in der Correspondance taucht der Name seines „Schützlings“ nicht auf…. Und Geld hat er  wohl auch nicht bekommen. Er berichtet nach Salzburg: „Dieses Ballett ist schon viermal mit größtem Beifall gegeben worden. Ich will aber jetzt absolutement nichts machen, wenn ich nicht voraus weiß, was ich dafür bekomme, denn dies war nur ein Freundstück für Noverre“…[29]

Der enttäuschte Mozart konnte also sein drastisches Urteil über Paris vom 1. Mai bestätigt sehen: „Wenn hier ein Ort wäre, wo die Leute Ohren hätten, Herz, zu empfinden, und nur ein wenig Etwas von der Musik verständen und Gusto hätten, so würde ich von Herzen zu allen diesen Sachen lachen, aber so bin ich unter lauter Vieher und Bestien (was die Musik anbelangt). … Nun bin ich hier. Ich muss aushalten, und das Ihnen zu Liebe. Ich danke Gott dem Allmächtigen, wenn ich mit gesundem Gusto davon komme. Ich bitte alle Tage Gott, dass er mir die Gnade giebt, dass ich hier standhaft aushalten kann, dass ich mir und der ganzen deutschen Nation Ehre mache, und dass er zulässt, dass ich mein Glück mache, brav Geld mache, damit ich im Stande bin, Ihnen dadurch aus Ihren dermaligen betrübten Umständen zu helfen, und dass wir bald zusammen kommen und glücklich und vergnügt mit einander leben können.“ 

Sein Glück und Geld hat Mozart in Paris nicht gefunden; vor allem aber nicht die erhoffte feste und anständig bezahlte Anstellung. Immerhin ist im Mai 1778 von einer Organistenstelle in Versailles die Rede, wie Mozart seinem Vater berichtet. Allerdings sei die Entlohnung mäßig. Leopold rät seinem Sohn unbedingt zu. Aber daraus wurde dann nichts – es erscheint nicht ganz klar, was an der Sache wirklich dran war, ob Mozart sie ablehnte oder ob die Sache einfach im Sande verlief.[30] Das wäre jedenfalls nicht die Tätigkeit gewesen, die Mozart angestrebt hatte.

Immerhin konnte Mozart dann doch einen Erfolg seines Pariser Aufenthalts seinem Vater melden: Am 18. Juni, dem Fronleichnamstag,  wurde im Schweizer Saal des Tuilerien-Schlosses im Rahmen der Concerts spirituels seine Pariser Sinfonie  (Köchelverzeichnis 297 bzw. 300a) „mit allem aplauso aufgeführt“ – sein erster großer Auftritt in Paris.[31] Selten hat Mozart plakativer den Geschmack der Masse bedient, meint der Dirigent Frans Brüggen. „Das ist eine Art von ‚Glanz-Stück‘, um in Paris Karriere zu machen. Und er hat diese Symphonie speziell geschrieben, um das Pariser Publikum mit seinem Genie zu überraschen.“ Man kann aber auch sagen, dass es Mozart vor allem darauf ankam, den Geschmack des Publikums zu treffen, „den Parisern zu geben, was sie wollten“. (Hildesheimer).

Leopolds Ermahnungen, beim Komponieren nur ja auch immer ans Geldverdienen zu denken, waren hier völlig überflüssig. Kein Wunder, dass Wolfgang fast trotzig wird: „Ob es aber gefällt – das weiß ich nicht – und die Wahrheit zu sagen, liegt mir sehr wenig daran. denn, wem wird sie nicht gefallen? den wenigen gescheiden Franzosen die da sind, stehe ich gut dafür dass sie gefällt; den dummen – da sehe ich kein großes Unglück, wenn sie ihnen nicht gefällt. Ich habe aber doch Hoffnung, dass die Esel auch etwas darinn finden, das ihnen gefallen kann.“ Die Pariser liebten es laut und effektvoll, und so verwendet Mozart mehr Instrumente denn je: Zum ersten Mal in seinen Symphonien setzt er Klarinetten ein, außerdem Pauken, Trompeten, Flöten, Oboen, Fagotte und Hörner. Prunkvoll ist diese Musik, aber auch komödiantisch, voller Überraschungen und Kontraste. „Er benutzt allerhand Tricks in dieser Musik, um die Zuhörer still zu kriegen“, erklärt Frans Brüggen. „Das Pariser Publikum war nämlich bekannt dafür, dass es ständig schwätzte und hin- und herlief. „Nur der langsame Mittelsatz kam nicht ganz so gut an. Mozart ersetzte ihn für die zweite Aufführung am 15. August 1778 kurzerhand durch einen neuen. Die Pariser Symphonie ist also durchaus ein Gelegenheitswerk, komponiert, ja: kalkuliert für einen ganz bestimmten Zweck. Es ging darum, in einer kulturell übersättigten Metropole um jeden Preis Furore zu machen. Normalerweise kommen unter solchen Umständen Machwerke heraus, im besten Fall verzeihliche Kompromisse. Die Pariser Symphonie aber ist ein Meisterwerk: unwiderstehlich in ihrer draufgängerischen Lebensfreude, sprühend vor Energie und Ideen und geradezu abgefeimt in der trickreichen Dramaturgie. Auch Frans Brüggen ist ihrem Zauber erlegen: „Ich liebe sie – vielleicht gerade wegen dieser meisterhaft komponierten Oberflächlichkeit“.[32]

In dieser Zeit aber wurde der Pariser Aufenthalt überschattet von der Krankheit und dem Tod  der Mutter am 3. Juli 1778. Die hatte, von ihrem Sohn „wie ein Paket“ in einem tristen Hinterhofzimmer abgestellt[33], in Paris ein höchst tristes Dasein geführt.  Am 5. April schreibt sie ihrem Mann nach Salzburg:

„Was meine lebens arth betrifft, ist solche nicht gar angenehm; ich sitze den ganzen  tag allein in zimmer wie in arrest, welches noch darzue so dunckel ist und in ein kleines höffel  geth, das man den  ganzen Tag die Sohn nicht sehen kann, und nicht einmahl weis, was es vor ein wetter ist, mit hartter miehe kan ich bey einen einfahlenten liechten  etwas weniges stricken, und für dieses zimmer müssen  wier das Monat 30 liver bezahlen, der eingang und die stiegen ist so öng, das es ohnmöglich  wehre, ein Calvier hin auf zu bringen. Der Wolfgang mues also ausser haus bey Monsier Le gro Componieren, weill dorth ein Clavier ist, ich sehe ihme also den ganzen tag nich, und werde das reden völlig vergessen.“[34]

Mozart hat auf den Tod der Mutter eher fatalistisch reagiert: „gott hat sie zu sich berufen – er wollte sie haben, das sahe ich klar- mithin habe ich mich in willen gottes gegeben – Er hatte  sie mir gegeben, er konnte sie mir auch nehmen,“  schreibt er dem Familienfreund, dem Abbé Bollinger, am 3. Juli. Und weiter: „ich bin der Meynung, daß sie hat sterben müssen – gott hat es so  haben wollen.“[35]

Aber vielleicht sind die beiden wunderbaren a-moll-Sonaten, die Mozart zwischen Juni und Juli 1778 geschrieben hat, die Sonate für Klavier und Violine KV 300c „mit ihrer düsteren e-moll-Atmosphäre“, seine „bekannteste und meistgespielte“, und die a-moll-Sonate für Klavier (KV 300d), die man als „erste tragische Sonate“ Mozarts bezeichnet hat“, Ausdruck der Mozart’schen Gefühlswelt dieser Zeit. Beide Sonaten sind jedenfalls sicherlich nicht entstanden, um dem „pariser goût“ (Mozart) zu entsprechen. [35a]

Beerdigt wurde die Mutter auf dem Friedhof der Kirche Saint-Eustache. Im Kirchenbuch ist zu lesen: „An diesem Tag, MarK gestern in der Rue du Groschenet (ab 1849 Rue du Sentier) und wurde auf dem Friedhof begraben.“

W.A. Mozart und seine Mutter Maria wohnten hier 1778. Sie starb hier am 3. Juli

In der der Sainte-Cécile gewidmeten Kapelle der Kirche ist auf Initiative der Stadt Salzburg neben der Büste Rameaus eine Gedenktafel für Mozarts Mutter angebracht, da der Friedhof der Kirche nicht mehr existiert.

Gedenktafel für Maria Mozart (Ausschnitt)

So geht auch allmählich der dritte Aufenthalt Mozarts in Paris seinem Ende entgegen. Dass er insgesamt als Scheitern, ja als Fiasco (Hildesheimer) angesehen werden muss, hat sicherlich viele Gründe, vor allem: Der 22-jährige Mozart war nun nicht mehr das Wunderkind, sondern ein hochbegabter junger Musiker, der sich gegenüber vielen anderen ehrgeizigen und anpassungsfähigeren und -willigen Musikern durchsetzen musste, auch wenn sie musikalisch einen viel niedrigeren Rang hatten. Und natürlich konnte und wollte Mozart nicht verbergen, dass er den anderen haushoch überlegen war. Diplomatie war seine Sache nicht. Das einstige Wunderkind war sich seiner Einmaligkeit und seines Ranges als Künstler bewusst, aber er war, wie Annette Kolb schreibt, „leider dabei so naiv … zu wähnen, dass auch seine Umwelt davon überzeugt sein müsse.“[36] Hennebelle zitiert in seinem Buch aus einer zeitgenössischen Quelle die Eloge eines 13-jährigen Musikers, der in Sceaux, am Schloss der duchesse de Maine, großen Erfolg hatte: „ein edles Gesicht, eine reiche und leichte Figur, eine schöne und glückliche Physiognomie, … natürliche Anmut mit lebhaftem Ausdruck, Erhabenheit im Gefühl … offene Höflichkeit, ein stets ausgeglichener Charakter“. Dagegen Mozart: „Sein gewöhnlicher Körperbau, sein sensibler Charakter und sein zweifellos ungefähres Französisch mit teutonischem Akzent“ haben, so Hennebelle, wohl zu seinem Pariser Scheitern beigetragen. [37]

Baron Grimm, der 1763 und 1767 den kleinen Wolfgang in den Himmel gehoben hatte, nahm Mozart nach dem Tod der Mutter noch einmal bei sich auf – zusammen mit dem „schwarzen Mozart“ Joseph de Bologne [38] . Grimm kam aber nun zur Überzeugung, dass der junge Mozart, anders als der musikalisch, sportlich und gesellschaftlich brillierende Joseph, dem aufreibenden Lebenskampf in Paris nicht gewachsen war.  Das übermittelte er auch dem von ihm hochgeschätzten Leopold Mozart: „Gerade wo hier so viele mittelmäßige und sogar ganz klägliche Musiker ungeheure Erfolge haben, möchte ich stark bezweifeln, daß Ihr Herr Sohn den Verhältnissen gewachsen ist.“ Um dem Vater die Erfolglosigkeit des anpassungsunwilligen Sohnes begreiflich zu machen, greift er mitten in einem in französischer Sprache abgefassten Brief zu folgender Formulierung: „il est zu treuherzig“. Die Erläuterung folgt sogleich auf französisch: „trop peu occupé des moyens, qui peuvent conduire à la fortune“.[39]  Das kann der Vater gut nachvollziehen und so zieht er, der sich für die Reise seines Sohnes verschuldet hatte, der aber seine väterlichen Blütenträume nicht reifen sah,  gewissermaßen die Reißleine und beordert seinen Sohn zurück nach Salzburg. Eilig hatte es Mozart aber nicht mit der Rückreise. Denn Salzburg war ihm verhasst, wie er dem Abbé Bullinger am 7. August 1778 schrieb.[40] Und was erwartete ihn dort? Die Anstellung als Hoforganist: „das wenig geliebte Instrument in der noch weniger geliebten Stadt“ –  und dies auch noch im Dienste des  Fürstbischofs Colloredo, mit dem er eigentlich gebrochen hatte, „wahrhaftig die letzte Zwangslösung“ [41].  Und falls er sich noch Hoffnungen auf eine Ehe mit Aloysia Weber gemacht hatte: Die wollte, als er sie auf dem Weg nach Salzburg in München traf, nichts mehr von ihm wissen.[42]

Bedeutsam war, auch wenn sich in Paris die Hoffnungen auf Geld und Ruhm nicht erfüllten, dass Mozart dort „zum ersten Mal in seinem Leben allein war“, dass er, auch wenn der Vater aus der Ferne regierte, zum ersten Mal spürte, „was Freiheit bedeuten könnte.“[43] Die nahm er sich 1781 nach dem endgültigen Bruch mit dem Erzbischof. Da streifte Mozart die Salzburger Fesseln ab und ließ sich als selbstständiger Musiker in Wien nieder. Dort konnte er sich seinen Traum erfüllen und große Opern wie die Entführung aus dem Serail, die Hochzeit des Figaro, den Don Giovanni und die Zauberflöte komponieren. Und der Vater konnte nicht mehr verhindern, dass er zwar nicht Aloisia, aber deren jüngere Schwester Constanze heiratete…

Literatur:

Mozart. Briefe und Aufzeichnungen. Gesamtausgabe. 7 Bände. Kassel: Bärenreiter 1962 ‑ 1965.

Stiftung Mozarteum Salzburg, Mozart Briefe und Dokumente. Online-edition https://dme.mozarteum.at/DME/briefe/doclist.php

Mozart. Dokumente seines Lebens. Gesammelt und erläutert von Otto Erich Deutsch. Kassel: Bärenreiter 1961

Erich Schenk, Mozart. Sein Leben- seine Welt. Almathea-Verlag Wien/München 2. Auflage 1975

Annette Kolb, Mozart, sein Leben. Erlenbach-Zürich 1947

Jean et Brigitte Massin, Un allemand à Paris. In: dies,   Wolfgang Amadeus Mozart, Paris: Fayard 1961, S. 229 ‑ 244.

Gerald Stieg, Zwei ehrliche Deutsche und Paris. In: Gilbert Krebs, Hansgerd Schulte, Gerald Stieg,  MÉDIATIONS OU LE MÉTIER DE GERMANISTE. PSN Presses Sorbonne Nouvelle,  S. 104-114  https://books.openedition.org/psn/2690?lang=de#text

Fort mit dir nach Paris! Mozart und seine Mutter  auf der Reise nach Paris. Herausgegeben und kommentiert von Ingo Reiffenstein. Salzburg und Wien 2005

Wolfgang Hildesheimer, Mozart. Insel Taschenbuch 3126. FFM und Leipzig 2005

David Hennebelle, De Lully à Mozart: Aristocratie, Musique et Musiciens à Paris, XVIIe et XVIIIe siècles. Seyssel: Champ Vallon 2009


Anmerkungen:

[1] Zit bei Schenk, S. 97/98

[2] https://books.openedition.org/psn/2690?lang=de#text

[3] Zit. bei Schenk, S. 100

[4] Kolb, S. 19

[5] https://www.klassika.info/Komponisten/Mozart/wv_opus.html Abbildung aus: https://www.meisterdrucke.de/kunstdrucke/French-School/55432/Titelblatt-f%C3%BCr-Sonaten-f%C3%BCr-Cembalo-gewidmet-Madame-Victoire-de-France-%281733-1799%29-von-Mozart-%281756-1791%29%2C-im-Jahre-1764-in-Paris-l

[6] Schenk, S. 102

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Louis_Carrogis_dit_Carmontelle_-_Portrait_de_Wolfgang_Amadeus_Mozart_(Salzbourg,_1756-Vienne,_1791)_jouant_%C3%A0_Paris_avec_son_p%C3%A8re_Jean…_-_Google_Art_Project.jpg

[8] https://www.metmuseum.org/art/collection/search/679333  Schenk, S. 108. https://mmc.kdl.kcl.ac.uk/entities/object/portraits-mozart-1763-1764-carmontelle-delafosse/  Delafosse stellte auch ein Aquarell  her, das Vater und Sohn in gleicher Haltung zeigt.

[9] Kolb, S. 20

[10] Zit. Schenk, S. 140

[11] Kolb S. 21/22

[12] Bild aus: Teegesellschaft beim Prinzen Conti im Vierspiegelsaal des Temple in Paris mit dem jungen Mozart am Flügel von Michel-Barthélemy Ollivier. Schenk verlegt die hier abgebildete Teegesellschaft in die Zeit des ersten Aufenthaltes von Mozart in Paris. Das Bild wurde aber erst 1766 in Auftrag gegeben, was wohl eher für den zweiten Aufenthalt Mozarts in Paris spricht: https://collections.chateauversailles.fr/?permid=permobj_d62b4061-5cab-490b-beab-3daf85dd8941#c93d0522-cc20-4db7-b326-538c2ea2a671

s.a. https://www.operadeparis.fr/en/visits/exhibitions/mozart/mozarts-three-stays-in-france

[13] Bild und detaillierte Hintergrundinformationen: Le Thé à l’anglaise – Histoire analysée en images et œuvres d’art | https://histoire-image.org/

[14] Zit. Fort mit dir nach Paris, S. 21. Siehe: https://dme.mozarteum.at/DME/briefe/letter.php?mid=980&cat=

[15] Zit. Schenk, S. 327, 333 und 335/7

[16] Zitat aus: Fort mit dir nach Paris, S. 22

[17] Kolb, S. 97

[18] Hennebelle, S. 178/179: „il ne faut pas oublier que Mozart, revenu à Paris, était presque un inconnu“. und Massin, S. 237/238

[19] Zit bei Schenk, S. 353/354

[20] Zit. Hildesheimer, S. 101. Hennebelle warnt aber davor, diese Erfahrung zu generalisieren. Sie habe aber gut in das romantische Bild des verkannten Genies gepasst. Siehe S. 263/264

[21] Briefe II, 458 https://books.openedition.org/psn/2690?lang=de#text  

[22] https://dme.mozarteum.at/DME/briefe/letter.php?mid=983&cat=  siehe auch: Massin, S. 230/231 Entsprechend auch im Brief an  seinen Vater vom 31. Juli 1778

[23] Fort mit dir nach Paris, Brief vom 14. Mai, S. 146

[24] Hildesheimer, S. 102

[25] Briefe und Aufzeichnungen (mozarteum.at)  Brief vom 31. Juli 1778, S. 3

[26] https://de.wikipedia.org/wiki/Konzert_f%C3%BCr_Fl%C3%B6te,_Harfe_und_Orchester_(Mozart)

https://books.openedition.org/psn/2690?lang=de#text https://www.barenreiter.co.uk/prefaces/9790006451548_Innenansicht.pdf

[27] Kolb, Mozart, S. 96; Schenk, S. 349/350

[28] https://actu.fr/ile-de-france/paris_75056/insolite-pourquoi-la-mere-de-mozart-a-t-elle-ete-enterree-a-paris_60426099.html ; Zitat aus: Massin, S. 238;  Schenk, S. 350;

[29] Zit. bei  Schenk, S. 378

[30] Postcriptum zum Brief der Muttervom 14. Mai. Fort mit dir nach Paris, S. 147; Siehe Massin, S. 240

[31] Zitat aus dem Brief an seinen Vater vom 3. Juli, dem Todestag seiner Mutter. Fort mit dir nach Paris, S. 157. Der nachfolgende Abschnitt zur Pariser Sinfonie nach:  https://www.br-klassik.de/themen/klassik-entdecken/starke-stuecke-mozart-pariser-sinfonie-100.html

[32] Hildesheimer dagegen beurteilt die musikalische Qualität der Pariser Sinfonie und anderer dem „pariser goût“ entsprechender Werke Mozarts aus dieser Zeit sehr kritisch. (S. 91/92)

[33] Massin, S. 231

[34] Fort mit dir nach Paris!, S. 137

[35] Zit Hildesheimer , S.88 

[35a] Zitate: https://www.musikalienhandel.de/noten/vl-klav/sonate-e-moll-kv-304-(300c)–ED+03891.htm, https://www.henle.de/de/Violinsonate-e-moll-KV-304-300c/HN-728 und https://www.br-klassik.de/themen/klassik-entdecken/das-starke-stueck-mozart-klaviersonate-a-moll-kv-310-102.html Hildesheimer (S. 91/93) ist allerdings skeptisch, was den inneren Zusammenhang der beiden Kompositionen mit Krankheit und Tod der Mutter angeht.

e-moll Sonate mit Anne Sophie Mutter und Lambert Orkis: https://www.youtube.com/watch?v=NIZTnVbAnXM

a-moll-Sonate mit Barenboim: https://www.google.com/search?sca_esv=4a4d881d32876091&tbm=vid&sxsrf=ADLYWIJzQzXwRYQz69JbL-710mM3M-9yyw:1717453881642&q=mozart+klaviersonate+a+moll+kv+310

[36] Annette Kolb, S. 102

[37] Hennebelle, De Lully à Mozart, S. 375/376: „une figure noble, une taille riche et aisée, und physionomie belle et heureuse, … des grâces naturelles avec une expression vive, de l’élévation dans le sentiment … une politesse franche, un caractère toujours égal“. Zu Mozart: „son physique quelconque, son caractère ombrageux et son français sans doute approximatif teinté d’accent tudesque“

[38] Jan Jacobs Mulder: Joseph, der schwarze Mozart. Unionsverlag 2018.

Siehe auch Le Monde vom 27. und 28. Juli 2025: Les vies du Chevalier de Saint-George   

[39] Zit Schenk, S. 378/379 und https://books.openedition.org/psn/2690?lang=de#text

[40] „sie wissen, bester freünd, wie mir Salzburg verhasst ist!“ Brief vom 7. August 1778 Briefe und Aufzeichnungen (mozarteum.at), S. 2 

[41] Hildesheimer, S.98

[42] https://www.mozartbiografie.de/uebersicht/paris/paris2.htm

[43] Hildesheimer, S. 97

Bild des Monats: Februar 2025 (Wallace-Brunnen, russ. Kathedrale, Eiffelturm)

Auf diesem Bild sind drei Markierungspunkte von Paris verschiedener Art und aus verschiedenen Epochen vereint:

Unverkennbar natürlich der Eiffelturm….

…. davor Kuppeln der an der Seine gelegenen orthodoxen russischen Dreifaltigkeits-Kathedrale, der Cathédrale de la Sainte-Trinité. Der Bau wurde von dem französischen Stararchitekten Jean-Michel Wilmotte entworfen, der sich in Paris schon unter anderem ausgezeichnet hat durch die Restaurierung und Modernisierung der Art déco-Bauten Hotel Lutetia und Maison de la Mutualité sowie des zisterziensischen Couvent des Bernardins . Auch der Entwurf der inzwischen leider abgebauten und noch nicht wieder am vorgesehenen neuen Platz aufgestellten Friedensmauer ist sein Werk. 2016 wurde die Kathedrale eingeweiht, die sehr gelungen Tradition und Modernität verbindet, mit den Worten von Deutschlandradio Kultur eine „architektonische Perle“. Die Kosten von ca 170 Millionen Euro trug der russische Staat. Präsident Putin, der das Projekt mit Unterstützung der französischen Regierung nach Kräften betrieb, sollte eigentlich bei der Einweihung anwesend sein. Er kam dann allerdings wegen Unstimmigkeiten über die Syrien-Politik nicht: Der damalige französische Präsident Hollande hatte die massive Unterstützung des syrischen Diktators Assad durch Russland kritisiert….

Als Vordergrund des Fotos dienen zwei Karyatiden eines Wallace-Brunnens. Diese gusseisernen grünen Brunnen wurden 1872 nach dem deutsch-französischen Krieg von dem englischen Mäzen Richard Wallace gestiftet, um die notleidende Bevölkerung von Paris mit frischem Trinkwasser zu versorgen. Insgesamt wurden 2024 151 solcher Brunnen in Paris gezählt. Der hier aufgenommene steht am Musée des Égouts de Paris am pont de l’Alma.

Hittorffs Zirkusbauten – Architektur für die Sinne in antiker Hülle. Von Ulrich Schläger

Von allen Vergnügungsbauten Hittorffs sind sein Sommer- und sein Winterzirkus die bedeutsamsten, nicht allein wegen ihrer Größe, sondern weil sich hier seine Architektur der Sinne am eindrucksvollsten zeigt. [1]

Bei keinem der bereits vorgestellten Bauten, war die Herausforderung für den Architekten so groß, einen Bau zu schaffen, der schon durch sein Äußeres den Eindruck vermittelte, dass hier ein großartiges Spektakel zu erwarten sei und der in seinem Inneren, rund um die Manege bis hoch in die Zirkuskuppel, ein Ort unerhörter Begebenheiten, eine Welt der Magie, der Heiterkeit und des Nervenkitzels sein konnte.

Wir wollen im Folgenden zeigen, wie dies Hittorff gelang. Beim nicht mehr existierenden Sommerzirkus an den Champs-Élysées sind wir auf literarische Quellen und historische Bilder angewiesen. Der Winterzirkus am Boulevard des Filles-du-Calvaire ist noch heute zu erleben. In seiner Grundkonzeption folgt er der des Sommerzirkus.

Der Sommerzirkus

Der einfache Holzbau,  in dem in den Sommermonaten Pferdedressuren, akrobatische und andere zirzensische Darbietungen der aus Venedig stammenden Kunstreiterfamilie Franconi gezeigt wurden, war zu klein, zu wenig komfortabel und zu wenig attraktiv für die neuen Parkanlagen an der Avenue des Champs-Élysées.

Abb. 1 : Franconi’s Cirque d’Été

Die Franconis hatten von dem Engländer Philip Astley, dem Erfinder der modernen Zirkusmanege, das Zirkusgebäude übernommen, das dieser 1782 an der Rue du Faubourg du Temple als ersten derartigen Bau in Frankreich errichtet hatte und das als Cirque d’Astley oder Cirque Anglais bekannt war. Die Franconis verlegten den Zirkus zunächst in das Gelände des ehemaligen Kapuzinerklosters, dann an die Rue du Mont-Thabor. Dieser Platz musste wegen städtischer Baumaßnahmen aufgegeben werden, und der Zirkus kehrte zurück an die Rue du Faubourg du Temple, wo das alte Astley-Theater umgebaut und in Cirque Olympique umbenannt wurde. Nach einem Brand wurde der Cirque Olympique an den Boulevard du Temple umgesiedelt. Wegen finanzieller Schieflage übernahm 1836 der Kaufmann Louis Dejean von Adolphe Franconi, dem Enkel seines Gründers, die Lizenz am Cirque Olympique. Dejean entwickelte sich im Laufe der folgenden Jahre zum größten Zirkusunternehmer Frankreichs.

Hier im Carré Marigny an den Champs-Élysées hatte Louis Dejean Großes vor. Für ihn sollte Hittorff den alten primitiven Holzbau durch einen prachtvollen Steinbau ersetzen. Die Sommerresidenz des Théâtre Franconi, der Reitertruppe des Cirque Olympique, wurde 1841 vollendet.

Dejean hatte Hittorf für diesen Zirkus, Cirque National des Champs-Élysées,  auch Cirque des Champs-Élysées, Cirque de l’Impératrice, zuletzt Cirque d’Eté genannt, als Baumeister ausgewählt, weil dieser sich beim Bau der Rotonde des Panoramas an den Champs-Élysées als ein Architekt erwiesen hatte, der in der Lage war, in kurzer Zeit und zu möglichst geringen Kosten attraktive Bauten zu errichten. Hittorffs Bau hatte überdies den Vorteil, dass er sich an wechselndes Publikumsinteresse anpassen ließ und auch für Konzerte und andere Veranstaltungen genutzt werden konnte.

Abb. 2 : Der Cirque National (Cirque d’Été) auf den Champs-Élysées, Fotografie von 1847

Der Bau hatte die Form einer geschlossenen, sechzehneckigen Rotunde mit einem Durchmesser von 41 Metern und ein zeltförmiges Dach mit einer Laterne. An seine Nordseite lehnte sich ein rechteckiges Gebäude für die Pferdeställe an. Der Zirkus bot Platz für 4000 bis 6000 Zuschauer.

Gerade dieser Bau als Ort des Vergnügens und der Zerstreuung erlaubte es Hittorff, die Möglichkeiten der polychromen Architektur auszuschöpfen. Schon beim Bau der Kirche Saint-Paul de Vincent hatte Hittorff „die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen antiker und moderner Architektur aufgehoben“. [2]

In seinem richtungsweisenden Werk zur Farbigkeit der griechischen Architektur von 1851, La Restitution du temple d’Empédocle à Selinonte; ou, L’architecture polychrôme chez les Grecs par J.J. [sic] Hittorff, architecte, analysierte er auch die Bedeutung der Polychromie für seine eigene Arbeit als Architekt und veranschaulichte diese Bedeutung neben der Zeichnung der polychromen Fassade der Kirche Saint-Vincent de Paul auch durch die des Portikus des Cirque d’Été auf den Champs-Élysées.

In einer Passage dieser Schrift machte Hittdorff klar, was er aus der Antike übernahm.:

 „Ich bemühte mich also überall dort, wo es die Vernunft mir als zweckmäßig erscheinen ließ,  in der Verteilung und in den Konstruktionsmitteln der Gebäude, die ich zu errichten hatte, das umzusetzen, was mir die Studien als vorteilhafte Verwendung zeigten. […] Aber ich habe niemals ein antikes Element benutzt, nur weil ich es von griechischen und römischen Künstlern angewandt gesehen hatte, sondern weil ich es von ihnen für richtig angewandt hielt, und weil seine neue Verwendung unabhängig von seinem Ursprung zu einem befriedigenden Ergebnis führen sollte. Es war also nicht die Entdeckung der Anwendung von Farben bei der äußeren Dekoration der griechischen Monumente und die scheinbare Neuheit dieses Systems, die mich dazu veranlasste, es beim Zirkus und seiner Vorhalle zu verwenden, sondern der Grund war, dass die Malerei in Paris mehr als in Athen ein Mittel zur Darstellung unserer Materialien ist. Und wenn die Farben unter dem Himmel Griechenlands, Siziliens und Italiens dazu beitragen, die Skulpturen und die wichtigsten Teile der architektonischen Formen besser zu unterscheiden, so ist ihr Beitrag in dieser Hinsicht unter einem Himmel ohne Sonne weitaus wirksamer und notwendiger. […] Die Skulpturen unserer Denkmäler sind jedoch dazu bestimmt, gesehen zu werden, da sie sonst weder ihrem Charakter noch ihrer Schönheit entsprechen würden, … Diese Überlegungen haben mich dazu veranlasst, die Mehrfarbigkeit zu verwenden.” [3]

Da wir keine farbigen Bilder der Außenseite des Baus besitzen, sind wir auf die von Karl Hammer erforschten literarischen Quellen verwiesen: „Von den in zarten Tönen gehaltenen Außenfassaden hoben sich die antikisierenden Ornamente des den ganzen Bau umziehenden breiten Frieses auf kräftig blauem und rotem Grunde ab; die Pilaster und Säulen, die Gesimse, die Fensterstürze und die Türeinfassungen erhielten dagegen lebhafte Farben, so wie sie der Entdecker der Polychromie in Selinunt und an anderen Orten Siziliens vorgefunden hatte.

Abb. 3: Portikus des Sommerzirkus 

Besondere Aufmerksamkeit widmete der Baumeister der antiken Säulenvorhalle des Zirkus. Ihre Ausstattung war ungewöhnlich farbenprächtig, formenreich und antiken Mustern nachgebildet.” [4]

„So waren die korinthischen Säulen des Zirkusportals, die den Giebel trugen, gelblich getönt. Auf dem Fries hob sich in Erinnerung an die Metopen von Selinunt vergoldetes Laubwerk von einem blauen Hintergrunde ab, und auf rotem Grund erschienen in dem Tympanon Flachreliefs spielender Meerjungfrauen. Den Giebel bekrönte auf einem grünen Sockel eine auf wildem Pferde kühn dahinsprengende, halbentblößte Amazone, ein Werk von Pradier.  An den seitlichen Giebelzinnen befanden sich andere plastische Gruppen, die wilde Tiere bändigende Kinder zeigten. Die Eingangswand des Gebäudes schmückten über drei gleichgroßen braunroten Fensterstürzen mit Goldleisten farbige Flachreliefs mit Reiterszenen.“ [5]

Während das Äußere des Zirkus auf Formen der antiken griechischen Architektur zurückgriff, war sein Inneres mit seinem weiten amphitheatralisch angelegten Raum eher in orientalischer Pracht ausgeschmückt.  Der hölzerne Dachstuhl ruhte auf schlanken gusseisernen Säulen, die den Blick von den Zuschauerrängen auf die Arena nicht störten. Ein besonders prachtvoller Anblick bot die Zirkuskuppel mit ihren fächerartig sich entfaltenden Stoffbahnen, die den Dachstuhl wie ein riesiges Zirkuszeltdach verdeckten.

Abb.4: Cirque d’Été. Vorentwurf für den Deckendekor.

Dessen Reiterszenen, umrahmt von vielgestaltigen farbigen Verzierungen und Vergoldungen, und die Dekorationsmalerei an den Wänden mit ihren Darstellungen von Jagdszenen, Tieren, Pferderennen und Schlachten, ausgeleuchtet  von einem Ring von Leuchtern um einen riesigen zentralen Kronleuchter, verwiesen auf die Bestimmung des Gebäudes. 

Der Kunsthistoriker Franz Theodor Kugler rühmte das „lustige“, „zeltartig gedeckte Amphitheater mit seinen leichten Eisen-säulchen“ und fand auch die „Außenseite heiter griechisch, mit etwas Farbe sehr wohltuend“, der berühmte Architekt Henri Labrouste bezeichnete den Zirkus in seinem Nachruf auf Hittorff vor dem Institut in Paris als„son oeuvre le meilleur“ („als sein bestes Werk“) und der englische Kollege Donaldson ging bei einer gleichen Gelegenheit in London sogar soweit, ihn „sur le même rang que les plus grandes et les plus précieuses productions de même nature que nous a laissées l’antiquité“ zu stellen.(„auf denselben Rang wie die größten und wertvollsten Produktionen derselben Art, die uns das Altertum hinterlassen hat“) [6]

Abb. 5 : Cirque de L’Impératrice

Der Zirkus wurde vom Publikum geliebt. Ein Stich von Philippe Benoist zeigt den abendlichen Andrang vor dem Zirkus, der auch bei der Kritik große Zustimmung fand.

Abb. 6: Cirque de l’Impératrice aux Champs Élysées. Im Vordergrund die Fontaine des Quatre Saisons, dahinter der Zirkus, rechts das Café-Restaurant Le Laurent

Kurzzeitig diente er auch als Konzertsaal. 1845 wurde an Sonntagnachmittagen unter der Leitung von Hector Berlioz eine Mischung von Klavierkonzerten, Arien, Chorstücken bis hin zu Ballettaufführungen geboten. Aber auch andere Veranstaltungen, wie ein Festival zur Ehren von Friedrich Schiller oder eine Konferenz von M. Jules Favre, der zusammen mit  Léon Gambetta am 4. September 1870 in Paris die Dritte Republik ausrief, fanden hier statt.

Abb. 7: Hector Berlioz dirigiert ein Konzert im Cirque Olympique

Seine erfolgreichste Zeit erlebte der Zirkus im Zweiten Kaiserreich, wo er den Namen Cirque de l’Impératrice trug. Aber auch nach 1871, da hieß er Cirque d’Été, muss er wohl noch sehr beliebt gewesen sein, wovon die zahlreichen Reklame-Poster (zu sehen im Musée Carnavalet) zeugen, die ein vielfältiges Programm ankündigten.

Nach den 1880er Jahren ließ das Interesse nach. Der Bau wurde noch bis 1898 betrieben und nach 1900 (wahrscheinlich 1902) abgerissen. Die Rue du Cirque erinnert mit ihrem Namen noch an ihn.

Der Winterzirkus

Der Erfolg der Pferdeshows im Cirque d’Été an den Champs-Élysées war so groß, dass der Bedarf an einem neuen Winterzirkus entstand, zumal der bisherige Winterstandort im Cirque Olympique am Boulevard du Temple 1847 verloren ging, als dessen neue Eigentümer ihn in ein lyrisches Theater umwandelten. Außerdem war Louis Dejean mit dem 1845 geschaffenen Hippodrome de l’Étoile neue Konkurrenz erwachsen.

Dejean beauftragte wiederum Jacques Hittorff mit dem Bau eines neuen Zirkus, für den nach längerer Suche am Boulevard des Filles du Calvaire im bevölkerungsreichen 11. Arrondissement ein Standort gefunden wurde. Seine bisherigen Entwürfe mit einem zweigeschossigen Vorbau, einem Säulendurchgang im Erdgeschoss und einer Loggia im Obergeschoss oder einem Portikus ähnlich dem des Sommerzirkus konnte Hittorff wegen der Enge des Bauplatzes nicht realisieren.

Abb. 8 : Projekt von Hittorff für den Cirque impérial (Napoléon)

Dieser Schwierigkeiten bewusst, soll Dejean zu Hittorff gesagt haben: „Bauen Sie mir darauf… in acht Monaten einen Zirkus für fünftausend Zuschauer, Stallungen für 200 Pferde, und sorgen Sie dafür, dass das Ganze zu einem Monument gerät. Ich weiß, dass dies unmöglich ist, aber deshalb bitte ich gerade Sie darum.“ [7]

Hittorff schaffte das nahezu Unmögliche: Der Zirkus war im Oktober 1852 wie vorgesehen inmitten turbulenter Zeiten vollendet: Am 2. Dezember 1852, dem Jahrestag seines Staatsstreichs, ließ sich der Prinz-Präsident Louis-Napoléon Bonaparte zum Kaiser der Franzosen ausrufen.

Abb. 9 : Außenansicht des neuen Cirque Napoléon aus dem Jahr 1853

Eine größere öffentliche Aufmerksamkeit, einen grandioseren Werbeeffekt hätten sich der Bauherr und Entrepreneur Louis Dejean und sein Architekt Jacob Ignace Hittorff für den Winterzirkus nicht wünschen können: Am 11. Dezember 1852 wurde der Bau feierlich im Beisein von Kaiser Napoleon III. eingeweiht.

Dejean, der sich des Werbeeffektes wohl bewusst war, hatte sogleich die Gelegenheit ergriffen und das Bauwerk dem Kaiser gewidmet. Und Hittorff, einst Chef der Menus Plaisiers du Roi und so mit dem Repräsentationsbedürfnis der Mächtigen wohl vertraut, hatte umgehend reagiert: Er hatte bei dem Bildhauer Bosio Trophäen, Adler und Bronzedekorationen bestellt, die die Inschrift „CIRQUE NAPOLEON“ über dem Haupteingang umrahmen sollten.

Über der blaugrünen Marmortafel mit der (damaligen) Inschrift CIRQUE NAPOLÉON in goldenen Lettern thronte das Insignum des Kaisers, der Aigle couronné, ein goldener gekrönter Adler, verbunden über eine Girlande mit dem Aigle de drapeau beidseits der Tafel, dem Fahnenadler, dem Feldzeichen, das Napoleon Bonaparte 1804 für jedes Regiment der Grande Armée zusätzlich zur Truppenfahne eingeführt hatte.

Abb. 10 : Tafel mit heutiger Inschrift und ungekröntem Adler über dem Portal

Bei der Einweihung des  Zirkus wurde das ganze Huldigungs-Register gezogen, musikalisch begleitet von dem Lied „Gott hat ihn uns zurückgegeben!“, vorgetragen von Schauspielern des Théâtre Lyrique.

Leider konnte Hittorff nicht auch die Umgebung des Zirkus so gestalten, wie er geplant hatte: ein repräsentativer Platz mit zwei Brunnen, Bänken und Bäumen, sowie eine freie Sicht schon vom Boulevard du Temple her auf die Rotunde. Dejean war es nicht gelungen, die dazu erforderlichen Grundstücke zu erwerben. Um wieviel prächtiger der Zirkus in seine Umgebung ausgestrahlt hätte, macht eine Zeichnung von Hittorff deutlich. Leider obsiegten die Gesetze des Marktes bei der einsetzenden Bauspekulation.

Abb. 11: Hittorffs Projekt zur Gestaltung der Zirkusumgebung.

Eingezwängt zwischen den blinden Wänden der Nachbarhäuser ist seine städtebauliche Eingliederung, wie Mark Deming mit Recht meint, ein Fehlschlag. [8]

Der Cirque Napoléon, nach Ende von Napoleons III. Herrschaft in Cirque d’Hiver umbenannt, hat die Form einer zwanzigeckigen Rotunde mit einem Durchmesser von zweiundvierzig Metern, und einer Höhe von achtundzwanzig Metern. Dem polygonalen Bau ist ein rechteckiger Bau für Pferdeställe und Magazine angegliedert.

 Abb. 12: Cirque d’hiver am Boulevard des Filles du Calvaire

Wie schon bei der Panorama-Rotunde gelang Hittorff auch hier eine kühne Dachkonstruktion ohne die Sicht behindernde Zwischenstützen, sodass sich der Innenraum maximal entfaltet. Schon als Schüler von Bélanger hatte er sich beim Bau der Metallkuppel für die Pariser Kornhalle, der Halle au Blé, mit den technischen Anforderungen des Kuppelbaus beschäftigt. Auch beim Winterzirkus ruht das Dach ohne Seitenschub direkt auf den Umfassungsmauern: die 20 Dachbinder (Träger) sind in jedem Winkel des Polygons verankert und laufen am Fuß der Laterne zusammen, die gewissermaßen als riesiger Verschlussdeckel dient.  Die leichte Dachkonstruktion wurde mit dem für Paris typischen Zink gedeckt und im Inneren mit dekorativen Zeltbahnen verkleidet. Die „Weite des Daches, das ohne sichtbare Stützen in der Luft aufgehängt zu sein schien“, erregte „die Bewunderung zu jeder Zeit“.[9]

Die Außenfassade

Da die Enge des Geländes keinen Skulpturen-geschmückten Portikus wie beim Sommerzirkus zuließ, wurden auf Dejeans Wunsch beidseits des Eingangs auf Vorsprüngen des Unterbaus wie auf einem Art Podest zwei gusseiserne Reiterstandbilder aufgestellt, links eine Amazone von Jean Jacques (o. James) Pradier, rechts ein antiker Krieger von Francisque Duret und Bosio.

                                   Abb. 13: Krieger von Francisque Duret und Bosio

Reiter und Amazone sollten auf die Bestimmung des Baus verweisen und ihm, eingefügt in klassizistische Stilelemente, Glanz verleihen.

Abb. 14: Amazone von Jean Jacques (o. James) Pradier

Die Amazone gleicht jener, mit der Pradier schon den Giebel des Portikus am Sommerzirkus im Carré Marigny bekrönte und die, wie Fotografien von 1903 zeigen, als Kopfbedeckung eine phrygische Mütze, Zeichen der Revolution, der Französische Republik und der Freiheit trug.

Abb. 15: Amazone vom abgerissenen Cirque d’Été bei einem Abrissunternehmer

Hier beim Winterzirkus tragen beide Reiterfiguren den gleichen griechischen Helmschmuck. Eine Zeichnung, aufbewahrt im Kölner Wallraf-Richartz-Museum, zeigt, dass auch für den Winterzirkus eine Amazone mit einer phrygischen Kappe vorgesehen war. Dieses republikanische Symbol ließ man im neu angebrochenen Kaiserreich dann doch lieber verschwinden.

Die Außenmauern werden an den Ecken über einem massiven, bossierten Sockel – Ausdruck von Kraft und Festigkeit – von korinthischen Säulen – Signum von Schönheit und Pracht – verstärkt. Soweit wir vom Originalzustand wissen, waren der Unterbau der Außenfassade in einem weißlichen, das erste Stockwerk und die Säulen in einem blassen Ocker gehalten.

Den polygonalen Bau umfasst ein breiter Fries mit weißen Bas-Reliefs auf ockerfarbenem Untergrund, ein Werk der berühmtesten französischen Bildhauer ihrer Zeit, darunter Jean Jacques Pradier, Francisque Joseph Duret und François Joseph Bosio.

Eine Fülle von Figuren und Szenen breiten sich vor unseren Augen aus: Im Zentrum, über dem Eingang steht Apollon, Gott der Künste, der Unheil abwendende, Heil bringende Gott, dargestellt als Jüngling mit Lorbeerkränzen in seinen Händen, begleitet von den geflügelten Göttinnen des Ruhmes mit ihren Trompeten.

Abb. 16: Apollon mit Siegesgöttinen

Um ihn versammeln sich Jongleure zu Fuß oder zu Pferde mit ihren Tellern, Ringen und Bällen. Reiterinnen vollführen ihre Dressur-Kunststücke. Eine Artistin im Schmetterlingskostüm springt durch einen Reifen auf ein Pferd.

Abb.17: Artistin springt durch einen Reifen auf ein Pferd

Ein Musikant  mit seinem Tamburin und eine Musikantin mit Handzimbeln schlagen den Takt. Ein Akrobat läuft auf seinen Händen, ein anderer schlägt ein Rad, einer rennt unter der Last eines Mannes auf seinen Schultern. Möglicherweise ist dies die Darstellung eines Ephedrismos [10], ein „Spiel, bei dem man auf einem Besiegten reitet“. Antike Autoren berichten über diesen Wettkampf, dessen Darstellung man auf griechischen Vasen, als Skulpturengruppe und auf Wandmalereien findet.

Abb.18: Jongleur, Läufer mit der Last eines Mannes und Radschläger

Herkules bekämpft zwei Amazonen und triumphiert auf seinem Streitwagen, Reiter bestreiten ein Rennen um einen Obelisken, andere scheinen sich einen Kampf zu liefern. Szenen aus antiken Wettkämpfen und der Mythologie vermengen sich mit Bildern aus dem Zirkus, gehüllt in antike Gewänder.

Abb.19:  Herkules im Kampf

Abb. 20: Jongleur und Musikant mit Zimbeln

Abb. 21: Pferderennen

Der Fries, meint der Architektur-Historiker Mark Deming, „erschien den Zeitgenossen wie eine glückliche Wiedergabe des feierlichen ‚Festzuges der Panathenäen“, der die Cella-Außenwand des Partheon-Tempels“ in Athen schmückte. [11]

Abb. 22 :  Parthenon-Fries: Ausschnitt aus dem Festumzug der Großen Panathenäen von Phidias-

Fragmente dieses Frieses (heute in London, Berlin und Athen) zeigen das wohl größte  und bedeutendste Fest Athens,  die Großen Panathenäen, welche alle vier Jahre anlässlich des Geburtstags der Schutzgöttin der Stadt Athena gefeiert wurden und mit Wettkämpfen verknüpft waren. Auf dem ursprünglich knapp 160 m langen und circa 1 m hohen Fries  war der Festzug zu sehen, welcher Götter, Frauen mit Weinkrügen, Männer mit Opfertieren, Athleten, Reiter und Musikanten zeigte.

Ein weiterer Fries am Cirque d’Hiver mit weißen Reliefs auf rotem Grund über dem Kranz von vierzig Fenstern schließt die Rotunde nach oben hin ab. Mit seinen drei Hauptmotiven, den Köpfen von Poseidon (griech.)/Neptun (röm.), von Pferden und Athena (griech.)/Minerva (röm.) weist er auf die Erschaffung des Pferdes durch Poseidon und seine Zucht und Beherrschung durch Athena und, wie schon der andere Fries, auf die ursprüngliche Bestimmung des Baus als Reiterzirkus.

Abb. 23 und 24: Details aus dem oberen Fassadenfries

Der Meeresgott Poseidon bzw. Neptun ist mit Girlanden und Blumen bekränzt, ebenso die Pferdeköpfe, die an einen Dreizack, Neptuns Attribut, gelehnt sind. Auf den Ecken des Polygons erscheint oberhalb der korinthischen Säulenkapitelle die behelmte Athena bzw. Minerva.

                                             Abb. 25: Athena am oberen Fries des Cirque d‘Hiver

In Korinth wurde Athena als Pferdebändigerin und Göttin der Hippike, der Reitkunst, verehrt und der Kriegsgöttin zu Pferd gleichgesetzt und erhielt große künstliche Pferde,  Pferdestatuetten, aber auch lebende Pferde als Weihegeschenke. So soll im griechischen Ilion (in Attika) ein Pferd aus Holz der Athena als Beschützerin der Rossezucht geweiht gewesen sein.  Das hölzerne Pferd von Troja, an dessen Bau Athena mitgewirkt haben soll, geht auf diesen alten Kult zurück. 

Auf dem Hippeios Kolonos, dem Pferdehügel, in Athen waren der Athena Hippia und dem Poseidon Hippios (o. Hippos) ein gemeinsamer Altar geweiht. Beide verbindet in der griechischen Mythologie der Streit auf der Akropolis um den Namender Hauptstadt von Attika. Das beste Geschenk an die Bewohner sollte darüber entscheiden. Poseidon brachte das Pferd, Athena die Pflanzung und Nutzung des Ölbaums. Von den anderen Göttern wurde ihr der Sieg zugesprochen und die ihr zu Ehren in Athen abgehaltenen berühmtesten Feste hießen Panathenäen. Die Themen beider Friese verknüpfen sich auf diese Weise.

Hittorff, vertraut mit der Mythologie der Griechen, verband mit den Darstellungen der Friese seinen Reiterzirkus und dessen Darbietungen mit der Antike und gab dem Bauwerk zugleich eine höhere Weihe und bedeutungsvolle Ausstrahlung. Hittorff war ein Meister der Anverwandlung. Er kopierte nicht einfach antike Formen und Bilder im Sinn einer einseitigen Aneignung. Vielmehr schuf er durch die Verschränkung von der Antike mit der Funktion des Zirkus neue Inhalte.

Aus der griechisch-römischen Antike ist auch die Ausschmückung der Vorderkante des Daches entlehnt: das grüne, gusseiserne Gesims ist mit floralen Ornamenten und aufgesetzten gefiederten Masken oder Fabelwesen sowie Palmetten-Akroterien an den Eckpunkten des Polygons dekoriert.

                                                     Abb. 26: Antifix am vorderen Dachabschluss

Aus der Antike sind derartige figürliche und florale Bauelemente aus Ton oder Stein als Abschluss von Dachziegeln oder als Dach-verzierungen bekannt und werden als Antefixe bezeichnet.  Ein Antefix in Form eines Medusenhauptes, des Kopfes eines Mischwesens oder eine Göttin/eines Gottes sollte Unheil vom Haus abhalten.

Der Innenraum

Im Inneren des Baus steigerte sich noch die Vielfarbigkeit des üppigen Dekors. Ein Haupteingang und zwei Nebeneingänge führen in weite Vestibüle. Dort ist eine Marmortafel befestigt, die an die Einweihung des Winterzirkus durch Napoleon III. erinnert. (Abb.27)

In ehrendem Gedenken an Kaiser Napoleon III., der am 11. Dezember 1852 den Winterzirkus, damals Cirque Napoleon, einweihte, der von dem Architekten Jacque Hittorff errichtet wurde

Umgang, der zu zahlreichen Treppenhäusern führt, über die die sechstausend (nach anderen Quellen 4000-5000) rot gepolsterten, amphitheatralisch in Stufen ansteigenden Sitzplätze leicht erreicht werden können. (Abb. 28)

Der Unterbau der Tribünen ist mit italienischem Stuckmarmor verkleidet, den vorgestellte gelbe Säulen mit vergoldeten Kapitalen aus dem gleichen Material verzieren; die Balustrade erstrahlt in blendend weißem Carrara-Marmor.

Den Umgang über den Sitzreihen dekorieren 20 Gemälde von Nicolas-Louis Gosse und Felix-Joseph Barrias. Sie bilden das Gegenstück zum Fries an der Außenfassade. Die Künstler erzählen die Geschichte der Reitkunst von der Antike bis zur unmittelbaren nationalen Vergangenheit.

Abb. 29: Cirque d’Hiver, 1854

Zu sehen sind u.a. der Aeropag, Ort des höchsten Gerichts in Athen – Pferderennen bei den Griechen – Römische Wagenrennen – Römische Tänze – Darbietungen auf dem galoppierenden Pferden – Olympischer Siegeszug – Faustkampf bei den Römern – ein Gallier, der den Speer schleudert – Siegeszug nach einem Turnier im 16. Jahrhundert – Hohe Schule zur Zeit Henri II. – Ringstechen unter Louis XIV. – Hohe Schule unter Louis XV. – Viktoria krönt die Kraft und Geschicklichkeit in Anwesenheit der Zuschauer aller Zeiten und Länder“.

Auch diese Bilder stellen die aktuellen Darbietungen im Zirkus in einen geschichtlichen Rahmen. Aber es ging hier nicht allein um historische Verweise. Mit ihrer opulenten Farbenpracht sollte die Bildersequenz die Fantasie der Zuschauer anregen, sie verzaubern, in andere Welten versetzen.Die gleiche Absicht verfolgte Hittorff in der Gestaltung der Zirkuskuppel. In jedem Winkel des Zwanzigecks hat eine antikisierende Zeltstange ihr Auflager, und zwischen diesen mit zierlichen Ornamenten geschmückten Pfosten ist ein mit Borten verziertes Zeltdach gespannt.“ [12] Durch dieses farbenprächtige Zeltdach bleibt die Konstruktion des Dachstuhls dem Zirkuszuschauer verborgen.

Die Zeltstangen und die übrigen Ornamente waren aus getriebenem Kupfer; die Stangen wurden rot- braun gestrichen, die Ornamente vergoldet, das Zelttuch aus weißer Kaschmirwolle war mit einer „Fülle von Palmen, Rosetten, geflochtenen Bändern, Girlanden, Sternen Schnörkeln und Gewinden“ (Deming) bestickt und strahlte im Glanz  „der 20 Glaslüster, die wie Satelitten einen riesigen Kronleuchter in der Mitte des Saales umgaben“ [13]

Abb. 30 : Cirque Napoléon (1852)

Die Glaslüster gibt es auch heute noch (Abb.31), den Kronleuchter in der Mitte aber nicht mehr: Er musste Platz machen für die Trapez-Vorführungen unter der Zirkus-Kuppel

Leider ist die Figur der Siegesgöttin von François Joseph Bosio mit der Nationalfahne in der einen und einer Fackel in der anderen Hand über der Laterne des Zirkusdaches längst verschwunden. Bei Vorstellungen wurde die Gasflamme der Fackel entzündet.

Abb. 32 : Entwürfe der Siegesgöttin für das Zirkusdach.

Alles andere, mit dem Hittorff die Besucher anlockte und auf das Zirkusspektakel einstimmte, blieb erhalten. Im Zirkus selbst übernahm 1934/35 die Familie Bouglione bis auf den heutigen Tag das Zepter.

Der Grund, dass der Zirkus nicht zerstört wurde und damit das Schicksal fast aller Zirkusbauten erlitt, dass er immer noch vom Publikum geliebt wird, liegt sicherlich auch daran, dass Hittorff einen seiner Funktion angemessenen Bau geschaffen hat. Deshalb sei hier ein Exkurs gestattet:

Exkurs: Gedanken zur angemessenen Architektur

  • Die Farbe

Gottfried Semper, in Deutschland der prominentester Verfechter der Polychromie in der antiken Architektur, schreibt in seinen 1834 erschienenen »Vorläufigen Bemerkungen über bemalte Architektur und Plastik bei den Alten«: „Aber sind die heiteren Farben des Südens unserem grauen, nordischen Himmel angemessen? Was die Sonne nicht färbt, bedarf umso mehr des Kolorits.“ [14] Einen ähnlichen Gedanken hatten wir schon bei Hittorff gesehen. Semper hatte aber – und das gilt auch für Hittorff – nicht die Absicht, „seine Zeitgenossen zu bereden, ihre Gebäude auf einmal alle nach Art der alten Tempel von Athen und Sicilien zu bemalen“. [15]

Bei seinen Vergnügungsbauten aber nutzt Hittorff gezielt die „emotionale Energie“ [16] der Farbe als Stimmungsträger, um die Sinne zu erregen, um Lust, Glück und Freude hervorzurufen.

Er nutzt gleichermaßen die rationalen Eigenschaften der Farbe mit ihrer Fähigkeit etwas zu gliedern, hervorzuheben, in den Vordergrund zu rücken, „etwas wertvoll erscheinen zu lassen“ [17]. Um es mit den Worten von Le Corbusier zu sagen: „Die Polychromie war und ist Teil der großen Baukunst und wird es auch in Zukunft sein. […] Die Farbe ist in der Architektur ein ebenso kräftiges Mittel wie der Grundriss und der Schnitt. Oder besser: die Polychromie, ein Bestandteil des Grundrisses und des Schnittes selbst.“ [13] Farbe gibt Identität. Farbe ist, wie die Konstruktion, ein funktionelles Mittel, das ästhetisch eingesetzt, Schönheit, Pracht hervorbringt, ein Sinneseindruck, der gerade den Vergnügungsbauten, die die Besucher anziehen sollen, eine große Rolle spielt. Am Cirque d’Hiver sehen wir diesen Satz bestätigt.

Er gehört, wie Mark Deming meint, „zu den wenigen Bauwerken, die repräsentativ für eine aus dem Studium der Polychromie bei den alten Griechen erwachsene Architektur sind.“ [19]

Der Schweizer Architekturhistoriker Sigfried Giedion, der „alle nicht-konstruktiven architektonischen Gestaltungsmittel – mithin auch Farbe – als ‚dekorativen Schleim‘ disqualifizierte“ [20] und für den Hittorff ohnehin mehr „Dekorateur“ als bedeutender Architekt war, hat den von ihm ansonsten bewunderten Le Corbusier nicht verstanden.  Eine sich auf das rein Konstruktive beschränkende Architektur wäre bei den Vergnügungsbauten völlig unangemessen, unproduktiv, ja geradezu geschäftsschädigend gewesen. 

In seinem Aufsatz über die Polychromie in der griechischen und römischen Architektur hat Stefan Zink die Bedeutung der Farbe als „integraler Bestandteil der antiken architektonischen Gestaltung“ und ihre „Schlüsselrolle für die sinnliche und atmosphärische Erfahrung von Architektur“ hervorgehoben. [21]

Für Hittorff mit seinem Gespür für die Symbol- und Wirkkraft der Architektur war die Farbigkeit mehr als nur angemessen, sie war geradezu essentiell an Orten der Imagination und des Vergnügens.

  • Das Triviale

Am Beispiel des Cirque d’Hiver lässt sich aufzeigen, wie Hittorff Elemente und Bilder der antiken Baukunst, die nur einem kleinen Kreis der Kenner mit erlesenem Geschmack zugänglich waren, aus ihrem geschichtlichen und kulturellen Hintergrund herauslöst und sie als Ausschmückung für eine breite Schicht zugänglich macht und dabei – ganz wesentlich – in einen neuen Sinnzusammenhang stellt.

Nur derjenige, der mit der griechischen Geschichte und Mythologie vertraut ist, weiß, dass es beim Panathenäen-Fries und der Darstellung von Poseidon und Athene auf dem Westgiebel des Parthenon um die „agonale Kultur der Griechen“ [22] , um die Kultur des Wettstreites (griechisch agon) geht. Die antike griechische Mentalität ist von dem schweizerischen Kulturhistoriker Jakob Burckhardt „als grundsätzlich kompetitiv“ charakterisiert worden [23], als kämpferisch,  kampfeslustig, keinem Streit aus dem Weg  gehend, streitbar. Immer der Beste zu sein, ständige Exzellenz (arētē), der Sieger zu sein, war das Ideal und Ziel der griechischen Aristokraten und freien Bürger, auch der Götter.

Die Friese des Cirque d’Hiver lösen sich aus dem Kontext des Streitbaren, des Kampfes, des Strebens nach Ruhm und Ehre und werden hier zur Anspielung, Ankündigung und Einstimmung auf das heitere zirzensische Spiel und Belustigungen.

Diese „Trivialisierung“ von Formen, Elementen und Bildern der klassischen Baukunst, diese „Kombination von Klassik und Konsum“, diese „Hybride … in denen sich  high und low art zu einer neuen heterogenen Entität verfugten“ [24], charakterisierte  Hittorffs Bauten für die Unterhaltungsindustrie. Sein Erfolg als Architekt der Unterhaltungsindustrie bestand gerade darin, dass es ihm diese Verschmelzung, diese Befreiung des „Klassischen aus dem Sperrbezirk des Akademischen“ (Pisani) gelang. 

Epilog

Bei der Place de la Concorde und der Place de l’Étoile haben wir Jakob Ignaz Hittorff als Gestalter repräsentativer städtischer Plätze kennengelernt. Beim Gare du Nord hat er sich den Erfordernissen des neuen Massentransportmittels Eisenbahn gestellt und einen Bahnhof geschaffen, der durch die Verschmelzung der Bauprinzipien der École des beaux-arts mit der Eisenarchitektur zu einer machtvollen Demonstration des Fortschritts  wurde. David Van Zanten ist beizupflichten: »Die Sprache, die Hittorff in seinem Gare du Nord spricht, ist die der vielfältigen Materialien«, die eine »Komplexität der Architektur« zulässt.« Diese »„neue“ Architektur [war]„neuer“«, als viele seiner Kritiker dachten, und mit ihr setzte „eine ganz neue architektonische Technologie ein.« [25]

Bei den Vergnügungsbauten im Park der Champs-Élysées, insbesondere beim Panorama und dem Cirque d’Été und beim Cirque d’Hiver am Boulevard des Filles du Calvaire haben wir einen Architekten gesehen, der mit Abwandelungen aus dem großen Warenlager der klassischen Baukunst, mit  ihrer Polychromie, auch gültige Normen ignorierend, Groteskes nicht scheuend, die Klassik in das Spielerische, Leichte überführte. Er errichtete so alle Sinne anregende Vergnügungsbauten und schuf eine Architektur der Heiterkeit und des Nervenkitzels.

Hittorffs Zeitgenossen haben die sinnlichen Aspekte seiner Architektur begriffen. Charles-Ernest Beulé, ständiger Sekretär der Academie des Beaux-Arts, wird 1868 in seiner Eloge auf Hittorff dessen Kunst „poetische Erinnerungen“ nennen. Mit der Leichtigkeit seiner innovativen Konstruktionen habe er scheinbar die Schwerkraft überwunden. 

Das Meisterwerk seiner Vergnügungsbauten, der Cirque d’Hiver, seit 1934 im Besitz der Familie Bouglione, ist noch immer mit seinen zirzensischen Vorstellungen ein Ort des Staunens und der Poesie, des Erinnerungszaubers.

Abb 33: Werbeplakat des Zirkus Bouglione (Oktober 2024)

Ein kleiner sympathischer Auftritt mit Rappe und Pony erinnert noch etwas an die Zeit, in der Pferde die Hauptrolle im Cirque d’hiver spielten. (Abb. 34) Es ist die einzige Darbietung mit Tieren.

Der Zirkus ist ein Ort der Magie, der Illusionen, einer  Mischung aus Präzision und Virtuosität, der Grenzüberschreitung, auch der atemlosen Spannung, „ein Angriff auf die Sinne, die Nerven, die Wollust“ [26]

Abb. 35: Die grandiose Trapez-Truppe des Zirkus Bouglione. Ihr Auftritt ist der Höhepunkt und Abschluss der Zirkusvorführung. Dezember 2024

Die Zuschauer erleben ein Wechselbad der Gefühle, wenn die großen Kronleuchter erlöschen und farbige Lampen das Zirkusrund in ein magisches Rot, Blau oder Violett tauchen, Spotlights ihre Lichtkegel auf die Artisten im Zentrum der Manege und am Trapez in der Zirkuskuppel werfen. Außergewöhnliches kündigt sich an: das Spiel, das Jonglieren am Abgrund der Instabilität, das Risiko des Sturzes immer präsent, eine Inszenierung des Risikos. Dann das Aufatmen, wenn die Akrobaten die eben noch gefährdete Balance wiederherstellen, wenn die Angst vor ihrem Absturz abfällt und sich vollends auflöst beim Auftritt des Clowns, im Lachen über seine Komik, sein groteskes Aussehen, seine Ungeschicklichkeit. Er, der Clown ist der Gegenheld, das Gegenbild des Akrobaten, „der fast noch besser, noch hinreißender nicht kann, was der andere kann. … Der alles gründlich verkehrt macht“ [27]. Er ist wie in Hans Christian Anderson der Schatten des Mannes, der sich selbständig gemacht hat und als „ungeheures Minus“, „als negative Größe die Darbietung zum wirklichen Licht wie Schatten umfassendes Gesamtspiel herausschält, somit vollendet.“ [28] Er ist „der Kontrapunkt“, der „den Zuschauer von der Darstellung permanenter Überlegenheit des Körpers über den Geist [erlöst]“. [29]

Es sind diese Grenzüberschreitungen, es ist dieser unmittelbar erlebte Spannungswechsel vom Übermenschlichen der Artisten, die die Gesetze der Physik und der Anatomie zu überwinden scheinen, hin zum allzu Menschlichen der Clowns, „eine Sorte mehlbestäubte Bäcker, die das Brot des Lachens für alle zubereiten“. [30] 

Die Faszination des Zirkus mit seinem Rausch von Formen und Farben, wo die Welt auf den Kopf gestellt wurd und die Gesetze der Physik scheinbar aus den Fugen geraten und alles in eine phantasiebeflügelnde Verbindung übergeht, hat eine Vielzahl von Künstlern zu großartigen Bildern inspiriert.

Abb. 36: Marc Chagall – Cirque, 1964 ;Privatsammlung;

Trotz aller gesellschaftlicher Veränderungen und medialer Konkurrenz (Kino, Fernsehen, Internet, Smartphone) lebt der Zirkus, auch weil er eine visuelle Darstellungskunst ist, ohne Sprachbarriere, selbst nicht für den Clown. Der Zirkus lebt, auch weil er zu neuen Formen gefunden hat, in denen Tanz, Akrobatik, Pantomime und Theater in das Spiel mit Licht und Farben integriert werden und wo anstelle einer Abfolge unzusammenhängender Nummern Geschichten erzählt werden und wo manch zweifelhafte Tierdressuren verschwunden sind. Damit besteht  die Hoffnung, dass auch Hittorffs Zirkusbau, mit seinem Alter von über 170 Jahren der älteste seiner Art auf der Welt, noch lange besteht und ein Ort der Freude bleibt, in der „wir uns für eine kurze Spanne verlieren, uns auflösen in Wunder und Seligkeit … eine Welt voll Magie…“ [31]

Walter Benjamin schrieb in seiner Rezension von Ramon Gomez de la Sernas Le cirque: [32] „Aber er [der Zirkus] ist auch ein Ort des Friedens in anderm Sinne: mit Recht hat Serna in einer berühmten Rede, die er in einem Mailänder Zirkus, vom Trapez herab, hielt, gesagt, der wahre Völkerfriede werde einst in einem großen Zirkus besiegelt werden.“ Und: „Im Cirkus kehren wir alle ins Paradies zurück, darin wir gerechter, unbefangener und toleranter sein müssen.“ [33] Aber das ist wohl eine Illusion.


Anmerkungen

[1] Titelbild: Sommerzirkus (Cirque National des Champs-Élysées.) Abb. aus  L’Illustration, Journal universel; 1843, S. 249

[2] Adeline Grand-Clément. Hittorff, un architecte à l’école de la Grèce. Anabases – Traditions et réceptions de l’Antiquité, 2007, 6, pp.135-156. halshs-00951738

[3] zitiert nach Adeline Grand-Clément, ebd. und Karl Hammer, ebd.

[4] Karl Hammer, ebd.

[5] Karl Hammer, ebd.

[6] Karl Hammer, ebd.

[7] Zitiert nach Mark Deming: Der Cirque d’Hiver oder Cirque Napoléon, in: Die Ausstellung   Jakob Ignaz Hittorff – Ein Architekt aus Köln im Paris des 19. Jahrhunderts; Katalog der Ausstellung Wallraf-Richartz-Museum Köln, 21. Januar bis 22. März 1987; S.237-248

[8] Mark Deming ebd., S. 240

[9] Mark Deming, ebd.

[10] Informationen hierzu bei : Louis Becq de Fouquières: Les jeux des anciens: leur description, leur origine, leurs rapports avec la religion, l’histoire et les mœurs. Paris, C. Reinwald, Libraire-Éditeur, 1869 ; Peter Zazoff : Ephedrismos. Ein altgrie-chisches Spiel. Antike und Abendland; Hamburg, etc. Bd. 11,  (Jan 1, 1962): 35;  Frank Brommer: Huckepack. The J. Paul Getty Museum Journal, Vol. 6/7 (1978/1979), pp. 139-146

[11] Mark Deming, ebd. S. 246

[12] Mark Deming, ebd.

[13] Mark Deming, ebd.

[14] Eckart Hannmann: Aspekte der Farbigkeit in der Architektur des 19. Jahrhunderts. Text aus: Tagung ,,Historische Putze am Außenbau“, in DENKMALPFLEGE in Baden-Württemberg, Bd. 8 Nr. 3 (1979), S. 108-114;

[15] Eckart Hannmann, ebd.

[16] Nathalie Pagels: Farbe in der Architektur: Grundwissen, Konzepte, Gestaltung. 31.08.2021

https://www.dabonline.de/2021/08/31/ratgeber-farbe-architektur-grundwissen-farbkonzepte-farbgestaltung-wohnen-interior/. Dieser Beitrag ist unter dem Titel „Werte der Farbe“ im Deutschen Architektenblatt 09.2021 erschienen.

[17]   Nathalie Pagels, ebd.

[18] zitiert nach : Polychromie Architecturale ; https://de.wikipedia.org/wiki/Polychromie_Architecturale

[19] Mark Deming, ebd.

[20] zitiert nach Cornelia Dörries: Wer hat Angst vor Farbe? 01.03.2016; DAB Deutsches Architektenblatt. https://www.dabonline.de/2016/03/01/wer-hat-angst-vor-rot-gelb-blau-farbe-gestaltung-stadtplanung-moderne-schwerpunkt-slider/

[21] Stephan Zink: Polychromy, architectural, Greek and Roman. https://doi.org/10.1093/acrefore/9780199381135.013.8184

Oxford University Press . Copyright © Oxford University Press 2023. Published online: 26 March 2019

[22] Alexander Meeus: „Immer der Beste zu sein“: Die agonale Kultur der Griechen; 9. Juni 2017 AGON- Blog der Universität Mannheim, Philosophische Fakultät.

[23] zitiert nach Alexander Meeus, ebd.

[24] Salvatore Pisani, ebd., S. 248

[25] David Van Zanten : Hittorff’s Gare du Nord and visions of a new Paris; in: El modelo beaux-arts y la arquitectura en América Latina, 1870-1930 – Transferencias, intercambios y perspectivas transnacionales, Fernando Aliata y Eduardo Gentile (compiladores);  Universidad Nacional de La Plata. Facultad de Arquitectura y Urbanismo, 2022, S.27-43

[26] Thomas Mann: Bekenntnisse des Hochstaplers Krull; Drittes Buch, Erstes Kapitel, S.269 ff; zitiert aus Sonderausgabe, S.Fischer Verlag, 1981

[27] Karl Wolfskehl: Gegenspieler zur Metaphysik des Clowns. Der Querschnitt, Band 9, Heft1, Januar 1929

[28] Karl Wolfskehl, ebd.

[29] Stefanie Bernecker:  Vom schönen Schein. Zirkus und Artisten in der deutschen Literatur seit Nietzsche. https://www.stefanie-bernecker.de/zikadenschrei/vom-sch%C3%B6nen-schein-zirkus-und-artisten-in-der-deutschen-literatur/

[30] Ramón Gomez de la Serna, El Circo, 1917, zitiert nach  Hans-Jürgen Schmitt: Der Circus. Deutschlandfunk Archiv, 04.05.2000. https://www.deutschlandfunk.de/der-circus-100.html

[31] Henry Miller: Das Lächeln am Fuße der Leiter (The Smile at the Foot of the Ladder),Verlag: Duell Sloan and Pearce, New York, 1948

[32] Walter Benjamin : Rezension von :Ramon Gomez de la Serna, Le cirque. Text bei : https://www.textlog.de/benjamin/kritik/ramon-gomez-serna-le-cirque

und:https://www.projekt-gutenberg.org/benjamin/kri12-31/chap026.html

  [33] Ramón Gomez de la Serna, El Circo, 1917, zitiert nach  Hans-Jürgen Schmitt: Der Circus. Deutschlandfunk Archiv, 04.05.2000. https://www.deutschlandfunk.de/der-circus-100.html

Abbildungsverzeichnis

Abb 1: Cirque des Champs-Élysées, par Jean Victor Adam, série Loisirs, planche 14, Imprimerie Lemercier (Paris), 1840 ; BnF, département des Arts du spectacle, FOL-ICO CIR-6

Abb 2: Der Cirque National (Cirque d’Été) auf den Champs-Élysées, alte Fotografie von Hippolyte Bayard, Paris, 1847 – Getty Museum; Wikipedia

Abb 3: Portikus des Sommerzirkus  aus : Jacques Ignace Hittorff, Restitution du temple d’Empédocle à Sélinonte, ou l’architecture polychrôme chez les Grecs (Band 2): Pl. XXIII; Atlas 1851. Bildquelle: Heidelberger historische Bestände – digital;  https://doi.org/10.11588/diglit.4797#0028

Abb 4: Cirque d’Été. Vorentwurf für den Deckendekor. Kat.-Nr. 245 Abb. aus: Jakob Ignaz Hittorff. Ein Architekt aus Köln im Paris des 19. Jahrhunderts. Ausstellungskatalog. Wallraf-Richartz-Museum Köln, Graphische Sammlung, 21. Januar bis 22. März 1987, S.208, Kat.-Nr. 248

Abb 5: Cirque de L’Impératrice, A.Provost del et. Lith., Paris Imp. Par Auguste Bry, Rue du Bac

Abb 6: Cirque de l’Impératrice aux Champs Élysées, par Ph. Benoist, Musée Carnavalet (Ausschnitt) Im Vordergrund die Fontaine des Quatre-Saisons,dahinter der Zirkus, rechts das Café-Restaurant Le Laurent

Abb 7: Concert donné par M.Berlioz dans la salle du Cirque Olympique, aux Champs-Elysées ; L’Illustration  Journal universel, Nr.100, Vol. 4, p. 325

Abb 8: Numéro d’inventaire: RF 36167, Recto. Référence de l’inventaire manuscrit : vol.28, p.153;  Collection: Département des Arts graphiques , Cabinet des dessins. Fonds des dessins et miniatures, collection du musée d’Orsay

Abb 9: Vue exterieure du nouveau Cirque Napoléon, Boulevard des Filles-du-Calvaire, Abb. aus L’Illustration : Journal universel 1853

Abb 10: Tafel mit heutiger Inschrift und ungekröntem Adler über dem Portal Foto Wolf Jöckel

Abb 11: Hittorff, Jakob Ignaz, Cirque d‘ Hiver oder Cirque Napoléon, Projekt zur Gestaltung der Zirkusumgebung., Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln, Inv.-Nr. Ci. N. 8. Rheinisches Bildarchiv Köln, Reproduktions-Nr: rba_c002181

Abb 12: Cirque d’hiver am Boulevard des Filles du Calvaire. Foto: Wolf Jöckel Dezember 2024

Abb 13: Krieger von Francisque Duret und Bosio. Foto: Wolf Jöckel Dezember 2024

Abb 14: Amazone von Jean Jacques (o. James) Pradier. Foto: Wolf Jöckel Dezember 2024

Abb 15: Fotografie der Amazone vom abgerissenen Cirque d’Été bei einem Abrissunternehmer in Montrouge

Abb 16: Apollon mit Siegesgöttinen. Foto: Wolf Jöckel Dezember 2024

Abb 17: Artistin springt durch einen Reifen auf ein Pferd. Foto: Wolf Jöckel Dezember 2024

Abb 18: Jongleur, Läufer mit der Last eines Mannes und Radschläger. Foto: Wolf Jöckel Dezember 2024

Abb 19: Herkules im Kampf. Foto: Wolf Jöckel Dezember 2024

Abb 20: Jongleur und Musikant mit Zimbeln. Foto: Wolf Jöckel Dezember 2024

Abb 21: Pferderennen. Foto: Wolf Jöckel Dezember 2024

Abb 22: Parthenon-Fries- Cavalcade, von Phidias (um  440 v.Chr.) Teil aus dem Festzug der Großen Panathenäen (Britisches Museum).

Abb 23: Poseidonkopf aus dem oberen Fassadenfries. Foto: Wolf Jöckel Dezember 2024

Abb 24: Pferdeköpfe aus dem oberen Fassadenfries. Foto: Wolf Jöckel Dezember 2024

Abb 25: Athena am oberen Fries des Cirque d‘Hiver. Foto: Wolf Jöckel Dezember 2024

Abb 26: Antifix am vorderen Dachabschluss. Foto: Wolf Jöckel Dezember 2024

Abb 27: Erinnerungstafel an die Einweihung des Cirque Napoléon. Foto: Wolf Jöckel Dezember 2024

Abb 28: Unterer Umgang mit Zugang zu den Treppenhäusern. Foto: Wolf Jöckel Dezember 2024

Abb 29: Cirque d’Hiver, par Sulpice et Bury, colorierte Zeichnung nach Cirque Napoléon par J.I.Hittorff in der Revue générale de l’architecture et des travaux publics, (1854).

Abb 30: Cirque Napoléon, Zeichnung Hercule Louis Catenacci, in Le Musée des Familles (1852); Dominique Jando Collection

Abb 31: Glaslüster im Cirque d’hiver. Foto: Wolf Jöckel Dezember 2024

Abb 32: Entwürfe der Siegesgöttin für das Zirkusdach. Abb. bei Mark Deming (siehe Bibliographie)

Abb 33: Werbeplakat des Zirkus Bouglione . Foto: Wolf Jöckel Oktober 2024

Abb 34: Pferdenummer im Zirkus Bouglione. Foto: Wolf Jöckel Dezember 2024

Abb 35: Trapeztruppe des Zirkus Bouglione. Foto: Wolf Jöckel Dezember 2024

Abb 36: Marc Chagall – Cirque, 1964 ;Privatsammlung; https://arthive.com/de/marcchagall/works/224818~Circus

Weitere Beiträge zu Hittorffs Wirken in Paris:

Notre-Dame öffnet die Türen: Erste Eindrücke – eine Bilderstrecke

Alle Fotos dieses Beitrags von Frauke und Wolf Jöckel, aufgenommen am 14.1.2025


Zur Vermeidung längerer Wartezeiten empfiehlt es sich, ab jeweils zwei Tage vor einem geplanten Besuch kostenlose Zugangskarten zu reservieren: https://www.notredamedeparis.fr/visiter/reserver/ (FR/EN)

Allerdings sind die Kontrollen am Eingang der Kathedrale sehr locker, so dass die Wartenden in beträchtlichen Tempo eingelassen werden. Man sollte sich also -auch wenn man keine Karte hat- von der langen Warteschlange nicht abschrecken lassen. (Anm. Februar 2025)

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Frühere Beiträge zu Notre-Dame:

Er war nicht nur Lyriker: Eine Jacques Prévert-Ausstellung im Musée de Montmartre (18. Oktober 2024 – 16. Februar 2025)

Es gibt jeweils einen guten Grund für Zeitpunkt, Gegenstand und Ort dieser Ausstellung zu Jacques Prévert:

  • 1924 veröffentlichte André Breton sein erstes Manifeste du surréalisme. Im gleichen Jahr erschien auch die neue Revue La Révolution surréaliste. 2024 gilt deshalb als Jahr des 100. Geburtstages des Surrealismus.
  • Jacques Prévert und seine Freunde entdeckten diese neue Zeitschrift im Jahr ihres Erscheinens in der Buchhandlung von Adrienne Monnier La Maison des Amis des Livres. Prévert hat sich intensiv mit dem Surrealismus auseinandergesetzt und er hat sein Werk  wesentlich beeinflusst. Man hat von einem esprit surréaliste im Werk Préverts gesprochen.[1]
  • Jacques Prévert hat zwar entscheidende Jahre seines Lebens im Quartier Latin verbracht, aber 1955  bezog er eine Wohnung in der Cité Véron, direkt hinter und oberhalb der Moulin Rouge in Montmartre/im 18. Arrondissement. Das Musée Montmartre bietet sich also deshalb, aber auch wegen seines besonderen Charakters, als Ort dieser Ausstellung an.

Jacques Prévert in der Cité Véron/Montmartre

Erinnerungstafel am Haus 6b (hinten rechts in der Cité Veron, Ausschnitt). Vian und Prévert hatten eine gemeinsame Terrasse mit Blick auf Moulin Rouge

Prévert auf dem Balkon seiner Wohnung in der Cité Véron

Päckchen an Prévert aus der Ausstellung musée de Montmartre

Prévert an seinem Schreibtisch in der Cité Veron

Jacques Prévert ist vor allem als Lyriker bekannt, zumindest in Frankreich ist er der wohl populärste, Nach keinem Schriftsteller sind mehr französische Schulen benannt. Prévert liegt da mit deutlichem Abstand an der Spitze vor Saint-Exupéry und Victor Hugo! [2] In vielen seiner Texte geht es um universelle menschliche Themen wie Freiheitsstreben, Liebe, Glück und Enttäuschung. Sie sprechen noch heute viele Leser an und werden in Schulen als Unterrichtsstoff verwendet: Selbst in meinem rudimentären schulischen Französisch-Unterricht habe ich Bekanntschaft mit Prévert gemacht: Sein Gedicht Déjeuner du matin diente als Übungsmaterial für das passé composé…. Auch als Drehbuchautor ist Prévert bekannt, er gilt sogar als einer der bedeutendsten des französischen Films.[3]

Das musée de Montmartre möchte allerdings eher unbekannte Facetten des Schaffens von Prévert zeigen, seine „verborgenen Talente“ (BeauxArts[4]) oder, wie es in der Ankündigung des Museums heißt: „Jacques Prévert wie Sie ihn wahrscheinlich noch nie gesehen haben“. Dazu gehören seine originellen Drehbücher, seine Zeichnungen und Collagen, seine Zusammenarbeit und Freundschaft mit vielen bedeutenden Künstlern…

Hier einige Eindrücke der Ausstellung:[5]

Die gezeichneten Drehbücher

1932 schreibt Prévert zum ersten Mal ein Drehbuch:  für seinen Bruder Pierre. Bis Ende der 1940- er Jahre entstehen weitere Drehbücher, bei denen Prévert eine sehr spezifische Methode verwendet: Er heftet an die Wand seines Ateliers große Blätter, auf denen er das Aussehen und die Charaktere der Personen skizziert, ebenso einzelne Dialoge. „Diese Blätter sind ein einzigartiges Zeugnis des kreativen Schaffens Préverts“. (Beigefügte Informationstafel)

Aus dem gezeichneten Scenario für Les Enfants du paradis

Prévert hat mit mehreren Regisseuren zusammengearbeitet, vor allem aber mit Marcel Carné. In den 1930-er und 1940-er Jahren entstanden mehrere gemeinsame Filme, darunter auch die „Enfants du Paradis“ von 1945.

Das in der Ausstellung präsentierte Kinoplakat.[6]

Dies sind Ausschnitte aus dem gezeichneten Scenario für den Film Les Visiteurs du soir, ein Klassiker des französischen Films.  

Auch dieser Film entstand in Zusammenarbeit mit Marcel Carné im Jahr 1942, also in der Zeit der deutschen Besatzung. Der Film spielt im Mittelalter, um die Zensur zu umgehen, aber die Botschaft ist unverkennbar: Der Teufel (Hitler) wird schließlich besiegt, das Gute (die résistance) triumphiert….[7]

Collagen

Nach einem schweren Unfall 1948 begann Prévert in einer längeren Zeit der Rekonvaleszenz Collagen anzufertigen. Seitdem arbeitete er gerne mit dieser Technik, für ihn eine andere Form der Poesie.[7a]

Diese Collage, die auch als Motiv für das Plakat der Ausstellung verwendet wurde, entstand vor 1963 und trägt den Titel Le Désert de Retz: Ein nobel gekleideter, schreibender Hirsch posiert vor einem Fenster, das einen Blick in die Natur zeigt. Wie der Titel angibt, handelt es sich um den Désert de Retz. Dies ist ein westlich von Paris gelegener Landschaftspark. Er entstand nach englischem Vorbild in den Jahren vor der Französischen Revolution, ausgestattet mit zahlreichen „fabriques“, besonderen Blick- und Anziehungspunkten, so wie es sie ja auch im Park Rousseaus in Ermenoville gab. Und wie dieser zog auch der Park von Retz zahlreiche prominente Besucher an: König Gustav III. von Schweden, Marie Antoinette, aber auch Benjamin Franklin, Thomas Jefferson und viele französische Aufklärer. Der Park war „einer der berühmtesten Orte seiner Zeit.“[8] Sein Schöpfer war Racine de Monville, ein reicher, höchst kultivierter Adliger, interessiert an Gartenbau, Botanik und Musik – er war befreundet mit dem in Frankreich damals hochberühmten Christoph Willibald Gluck, dem er in Retz auf seiner Harfe vorspielte. Monville war auch begeisterter Jäger, weshalb ihn Prévert wohl in Gestalt eines Hirsches darstellte.  Während der Französischen Revolution entging Monville nur knapp der Guillotine, starb völlig verarmt und sein Park verfiel immer mehr. Die Surrealisten um André Breton entdeckten diesen verwunschenen Ort für sich, und es war (neben Colette) besonders Prévert, der sich für seine Erhaltung engagierte. Für die Collage verwendete er das Foto eines Fensters der Colonne détruite, einer künstlichen Ruine, wie sie damals beliebt war.[9]

Das von Prévert für seine Collage verwendete Fensterbild stammt von Izis, einem vor allem für Paris-Match arbeitenden Fotografen und Freund. Beide verband die Liebe zur Seine und dort entstand auch dieses Portrait aus dem Jahr 1949[10]:

In der Ausstellung sind auch weitere Collagen Préverts zu sehen. So eine Serie zu etwas  verfremdeten Pariser Sehenswürdigkeiten wie die nachfolgende Collage zu Notre- Dame…

Jacques Prévert, Souvenir de Paris

…. oder satirische politische Collagen im Geiste des antiklerikalen und antiautoritären Engagements Préverts. Dies war wohl auch eine Reaktion auf seine strikte religiöse Erziehung, wesentlich geprägt von einem royalistischen und ultra-religiösen Großvater.  „Er zögert nicht, sich in seinen Werken, in denen die Kirche und der Staat bevorzugte Ziele sind, sich mit schwarzem Humor über unantastbare Personen und Symbole lustig zu machen.“ [11]

Der Kaiser (ohne Datum)

Der Papst (ohne Datum)

Préverts Wochenplan

Préverts Wochenplan bestand aus einzelnen Blättern für jeden Tag, die er an der Wand befestigte. Darauf notierte er nicht nur die vorgesehenen Projekte und Verabredungen, sondern er schmückte die Blätter auch jeweils mit Blumenzeichnungen.

Die Zusammenarbeit und Freundschaft mit Künstlern

Jacques Prévert hatte einen ausgeprägten Sinn für Freundschaft, viele Maler der Avant-garde waren seine Freunde. Eine besonders enge Freundschaft verband ihn mit Pablo Picasso. Beide vergand eine große Bewunderung für das jeweilige Werk des anderen. So widmete Prévert die letzten beiden Gedichte der Sammlung Paroles seinem Freund:  Promenade de Picasso  und  Lanterne magique de Picasso. [12]

 „Prévert ist mein Freund, Prévert ist mein Kumpel“. Karte von Pablo Picasso an Jacques Prévert.

Aus: Diurnes. Bilder/Photographien von Pablo Picasso und André Villers, Texte von Jacques Prévert (Berggruen, Paris)

Alexander Calder, Mobile. Ein Geschenk für Jacques Prévert

Auf dem Boden ausgestellt: Alexander Calder, Chat serpent (1968)

Aus: Adonides. Künstlerbuch von Prévert (Gedichte) und Joan Miró (Maeght Editeur)

Illustrationen zu dem Künstlerbuch von Max Ernst und Jacques Prévert, Le schiens ont soif. 1964

Es gibt auch gemeinsame Projekte von Jacques Prévert und seinem Freund Marc Chagall. Hier eine Illustration von Chagall zu dem 1965 erschienenen Buch Le Cirque d’Izis (éditions André Sauret Paris)

Zum Abschluss dieses Rundgangs durch die Ausstellung im Musée de Montmartre noch zwei dort ausgestellte Portraits von Jacques Prévert:

Dieses Portrait hat Picasso für eine Neuauflage von Préverts Paroles angefertigt.

Robert Doisneau, Jacques Prévert und sein Hund Ergé. 1954


Anmerkungen:

[1] https://www.revue-akofena.com/wp-content/uploads/2021/09/35-T04-21-Vincent-NAINDOUBA-pp.461-472.pdf  

[2] https://autour-de-paris.com/project/prevert-paroles-paris

[3] https://livrecritique.com/la-vie-et-loeuvre-de-jacques-prevert-une-biographie-complete/

[4] https://www.beauxarts.com/expos/au-musee-de-montmartre-les-talents-caches-de-jacques-prevert/

[5] Alle Fotos der Ausstellung von Frauke und Wolf Jöckel

[6] https://www.sortiraparis.com/arts-culture/exposition/articles/317081-exposition-jacques-prevert-reveur-d-images-au-musee-de-montmartre-nos-photos

[7] https://www.marcel-carne.com/les-films-de-marcel-carne/1942-les-visiteurs-du-soir/fiche-technique-synopsis-revue-de-presse/

[7a] siehe Jacques Prévert, Collages. Textes deAndré Pozner. Gallimard. Siehe auch: https://www.lesinrocks.com/arts-et-scenes/jacques-prevert-reveur-dimages-les-dessins-et-collages-subversifs-du-poete-au-musee-de-montmartre-637551-23-12-2024/ und https://jetudielacom.com/les-collages-de-prevert/

[8] http://parcsafabriques.org/retz/dRetz1.htm  

[9] Bild aus: https://culturezvous.com/en/the-unusual-desert-de-retz-chambourcy/ Dort auch weitere Bilder und nützliche Informationen zum Désert du Retz. Siehe auch: https://www.detoursenfrance.fr/patrimoine/patrimoine-naturel/desert-de-retz-le-jardin-des-lumieres-1042012

[10] https://classes.bnf.fr/portrait/grande/phn10.htm

[11] https://officiel-galeries-musees.fr/jacques-prevert-une-vie/ s.a. https://www.picasso.paris/2024/11/17/jacques-prevert-et-picasso-une-amitie-dartistes/

[12] https://www.picasso.paris/2024/11/17/jacques-prevert-et-picasso-une-amitie-dartistes/

Bild des Monats: Januar 2025 (Konzert in der Sainte Chapelle)

Dies ist ein Bild aus der Sainte – Chapelle, der ehemaligen Palastkapelle der französischen Könige auf der Île de la Cité. König Ludwig IX. ließ dieses hochgotische Meisterwerk für die Passionsreliquien errichten, die er 1238 in Konstantinopel erworben hatte. Wichtigstes Stück dieser Reliquien war die Dornenkrone Christi. Auf sie verweist die von zwei Engeln getragene steinerne Dornenkrone unter dem Baldachin.

Seit 1804 gehört die von katholischen Christen verehrte Reliquie zum Domschatz von Notre-Dame und ist jetzt in der neueröffneten Kathedrale ausgestellt.

Am 21. Dezember hatte ich die Möglichkeit, an einem vorweihnachtlichen Chorkonzert in der wunderbaren Sainte – Chapelle mitzuwirken. Deshalb die Auswahl dieses Fotos.

Gruß zum neuen Jahr

Vor einem Jahr habe ich den Leserinnen und Lesern dieses Blog ein gutes und friedlicheres neues Jahr gewünscht. Daraus ist leider nichts geworden- eher im Gegenteil. Ein kleines Symbol der Hoffnung und Zuversicht gab es immerhin: Am 8. Dezember, fünf Jahre nach dem verheerenden Brand, ist Notre-Dame wiedereröffnet worden, „in aller Pracht und Schönheit“, vielleicht sogar noch prächtiger als zuvor (Gero von Randow).

Foto vom 21.12.2024

Seit dem Brand gab es insgesamt neun Beiträge zu Notre-Dame, zuletzt zwei im Dezember. Vielleicht werden noch weitere folgen. Aber zunächst gibt es viele andere Projekte für das nächste Jahr:

  • Zum 100. Geburtstag des Surrealismus: Eine Ausstellung über eher unbekannte Facetten des Werks von Jacques Prévert im Musée de Montmartre
  • Die beiden Zirkusbauten von Hittorff in Paris (vor allem der cirque d’hiver)
  • „Fort mit dir nach Paris“: Mozarts Aufenthalte in Paris. Vom gehätschelten Wunderkind zum gedemütigten Außenseiter
  • Dünkirchen, die Hochburg des französischen Karnevals
  • Die Bauten Le Corbusiers in und um Paris I (Doppelhaus La Roche und Jeanneret, Miets- und Atelierhaus Porte Molitor und Schweizer Pavillon in der Cité Universitaire)
  • Le Corbusier II: Villa Savoye und Plan Voisin, viel Licht und viel Schatten
  • Das königliche Kloster Brou in Bourg-en-Bresse: Die europäische Geschichte einer außerordentlichen Frau um Liebe, Macht und Tod
  • Wem „gehört“ er? Die Gutenberg-Denkmäler in Straßburg und Mainz
  • Malmaison: „Das allerliebste Landhaus“ Napoleons und Josephines
  • Der frisch restaurierte Arc de Triomphe du Caroussel
  • „Kathedralen des Handels“: Die großen Kaufhäuser von Paris
  • Das Palais Idéal du Facteur Cheval in Hauterives/Drôme
  • und natürlich die beiden schon für 2024 vorgesehenen Beiträge über Courbet in Ornans und das Schloss und den Park von Vaux-le-Vicomte

Dazu wird sicherlich -wie im letzten Jahr- noch einiges Weitere hinzukommen, was sich im Lauf des Jahres ergeben wird. Ich hoffe, dass für jede und jeden etwas Interessantes dabei sein wird. Insgesamt jedenfalls entwickelt sich der Blog weiter sehr positiv: Mehr Abonnenten, mehr Besucher, 30 neue Beiträge im letzten Jahr (eigentlich hätten es höchstens 24 sein sollen…), davon auch einige schöne Gastbeiträge, für die der Blog immer offen ist. Das soll sich auch im neuen Jahr so fortsetzen.

Außerdem wird es ein 2025 ein neues Format geben: Nämlich ein „Bild des Monats“ (was vielleicht auch einmal zwei oder drei sein können). Wir finden in Paris und Frankreich oft schöne Fotomotive, die aber nicht zu einem geplanten Blog-Beitrag passen. Für solche Bilder soll nun auch Platz auf dem Blog sein – eine hoffentlich schöne Ergänzung und vielleicht auch ein kleiner Ausgleich zu den ja oft sehr ausführlichen Blog-Beiträgen…

Der Streit um die Kirchenfenster von Notre-Dame de Paris (La querelle des vitraux) 1935ff und 2023 ff

Seit dem 8. Dezember 2024 ist Notre-Dame de Paris, 5 Jahre nach dem verheerenden Brand, wieder für die Öffentlichkeit zugänglich und erstrahlt in neuem Glanz: Da wird gerne von renaissance, miracle (Wunder) oder gar von einer résurrection (Wiederauferstehung) gesprochen.[1]

Die Kathedrale wurde umfassend renoviert, die Inneneinrichtung modernisiert, die Bausubstanz aber wieder in den Zustand vor dem 15. April 2019 zurückversetzt, gewissermaßen so, als habe der Brand nie stattgefunden. Präsident Macron als Repräsentant des für das Bauwerk zuständigen Staates hätte sich durchaus eine „geste architecturale“ vorstellen können, also einen Wiederaufbau im Geiste unserer Zeit. [2] Beschlossen wurde dann aber eine Rekonstruktion „à l’identique“, wozu vielleicht auch der von Macron selbst erzeugte 5-Jahres-Zeitdruck beigetragen hat. Die wiederaufgebaute Kathedrale entspricht damit im Wesentlichen wieder dem grundlegenden Werk Viollet-le-Ducs, der Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem damals arg heruntergekommenen Bau eine idealtypische gotische Kathedrale formte. Symbol dieser ersten „résurrection“ ist der mächtige Dachreiter, der 2019 bei dem Brand einknickte und das Dach der Kirche durchschlug. Auch dieser Dachreiter mit dem Abbild Viollet-le-Ducs wurde exakt wiederhergestellt: Die kurze Debatte zwischen den Anciens, den Vertretern eines getreuen Wiederaufbaus, und den Modernes, Vertretern einer wie auch immer gestalteten und ggf. an den Brand erinnernden Einbeziehung neuerer Elemente war damit beendet, noch ehe sie recht begonnen hatte.

Statue des Heiligen Thomas vom Dachreiter mit dem Abbild Viollet-le-Ducs[3]

Die entscheidende Rolle Viollet-le-Ducs für Notre-Dame wurde gerade nach dem Brand der Kathedrale immer wieder hervorgehoben.  Erst er habe, so wurde da sogar hymnisch festgestellt, aus Notre-Dame ein „chef-d’oeuvre“, ein Meisterwerk gemacht. [4] Dabei nahm sich der Architekt einige Freiheiten und stattete die Kirche mit Elementen aus, die es vorher in dieser Form noch nie gegeben hatte. Dazu gehört vor allem der mächtige Dachreiter, der seit Viollet-le-Duc und jetzt wieder nach dem Brand die Silhouette der Kathedrale prägt.

Blick von unserer Terrasse auf Notre-Dame (2.12.2024 – links die Kuppel von Saint-Paul, rechts neben dem hoch aufragenden Dachreiter einer der Türme von Saint-Sulpice)

Der aktuelle Fensterstreit von Notre-Dame

Die eminente Rolle Viollet-le-Ducs für Notre-Dame erklärt die Heftigkeit, mit der aktuell die Auseinandersetzung um neue Kirchenfenster in der Kathedrale geführt wird. Diese Auseinanderesetzung, für die Worte wie Streit oder sogar Kampf verwendet werden, beendet eine Phase des Wiederaufbaus, die von einer weitgehenden nationalen Geschlossenheit geprägt war. Philipp Jost, der Nachfolger des verunglückten Generals Gorgelin als Chef der Rekonstruktions-Arbeiten an Notre-Dame, verwendete dafür sogar den Begriff der „union sacrée“, (geheiligte Einheit), der im Ersten Weltkrieg geprägt wurde, um die nationale Einheit im Kampf gegen das Deutsche Reich zu beschwören. [5] Gegenstand der aktuellen Auseinandersetzung sind die Fenster in sechs der sieben südlichen Seitenkapellen.

Diese ornamentalen Fenster – insgesamt gibt es davon zwölf, hier eines der Kapelle Saint-Éloi auf der rechten Seite[6]– waren im Zuge der Restaurierung von Viollet-le-Duc entworfen und von verschiedenen Ateliers ausgeführt worden: Von den mittelalterlichen Glasfenstern waren im 19. Jahrhundert nur noch die großen Fensterrosen im Westen, Süden und Norden übrig geblieben: Im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der lumières (Aufklärung), hatten die Kanoniker es für notwendig befunden, die farbigen mittealterlichen Glasfenster des Kirchenschiffs durch helle, lichtdurchlässigere Scheiben zu ersetzen – aus heutiger Sicht ein vorrevolutionärer Vandalismus…

Bei der Rekonstruktion nach dem Brand wurde auf jedwede zeitgenössische Veränderung und Neuerung des Baus verzichtet. Dies gilt auch für die Fenster, einschließlich der Viollet-le-Ducs. Aber es gab und gibt trotzdem auch das Projekt moderner Fenster- eine ziemlich verwickelte Geschichte, die nach Le Monde gut und gern den Stoff für ein Theaterstück bietet. [7] Teile der Geistlichkeit sehen im Brand von Notre-Dame die Chance, die Kirche für moderne Kunst und eben auch für moderne Glasfenster zu öffnen. Viele Epochen, so Erzbischof Ulrich, hätten in der Kathedrale ihre Spuren hinterlassen: „Es gibt in Notre-Dame Glasfenster aus dem 13. Jahrhundert, dem 17., dem 19. und dem 20, warum nicht auch auch aus dem 21.“, der Epoche also, die „die verwundete Kathedrale“ restauriert habe Die Idee wurde von Präsident Macron begeistert aufgenommen. Nach der Wiedereröffnung solle -wenigstens mit den sechs Fenstern -von insgesamt 120- das 21. Jahrhundert (la marque du XXIe siècle) in die Kathedrale einziehen. Viollet-le-Duc sei 29 Jahre alt gewesen, als er den Dachreiter von Notre-Dame entworfen habe, Renzo Piano, der Architekt des Beaubourg/Centre Pompidou, 33. Man müsse auch Vertrauen in die (jungen) Künstler unserer Zeit haben.

Am 8 Dezember 2023, ein Jahr vor der Wiedereröffnung von Notre-Dame, kündigte Präsident Macron an, es werde ein Wettbewerb für den Entwurf von 6 zeitgenössischen Fenstern ausgeschrieben. Natürlich sollen die Fenster von französischen Ateliers hergestellt werden, made in France oblige.[8] Und es soll sich um figurative Darstellungen handeln.[9] Deshalb war auch eine der südlichen Seitenkapellen ausgenommen, weil es dort schon eine figürliche Darstellung gibt, nämlich die der Wurzel Jesse/des Jessebaums.

Die ausdrückliche Beschränkung der Ausschreibung auf figürliche Darstellungen war ein Wunsch von kirchlicher Seite. So wunderbare Glasfenster wie die von Pierre Soulages in Conques

Fotos: Wolf Jöckel

…. von Gerhard Richter im Kölner Dom oder die von Imi Knoebel in der Kathedrale von Reims sind damit ausgeschlossen.

Insofern ist auch die nachfolgend abgebildete Gegenüberstellung, wie sie am 7.12. 2024 von franceinfo:culture veröffentlicht wurde, irreführend. [10] 

Der Widerstand gegen neue Fenster in Notre-Dame war und ist aber erheblich. Eine breite Oppositionsfront von „klerikalen Traditionalisten und antiklerikalen Bewahrern des Alten“ (Le Monde) versuchte schon im Anfangsstadium der Diskussionen das Projekt zu blockieren. So die damalige Kultusministerin Roselyn Bachelot unter Verweis auf die Charta von Venedig. Diese 1964 auf einem Kongress internationaler Denkmalschützer verabschiedete Resolution sieht vor, dass bei der Restaurierung von Gebäuden der letzte bekannte Stand maßgeblich sei. Allerdings hat diese Charta keinen rechtsverbindlichen Charakter, wie Nicolas Dohrmann von der Cité du vitrail in Troyes betont. Es drohten also keine Sanktionen, wenn einige Fenster von Notre-Dame ausgewechselt würden. [11] 

Im Juli 2024 lehnte dann aber die Commission nationale du patrimoine et de l’architecture (CNPA), die allerdings nur konsultative Befugnisse hat, das Projekt ab. Selbst der Rektor der Kathedrale distanzierte sich vorsichtig von der Initiative des Erzbischofs, indem er feststellte, es handele sich um ein Projekt des Staates.[12] Staat und Kirche scheinen sich da jeweils etwas schamhaft hinter der anderen Seite zu verstecken: Umgekehrt hatte Präsident Macron nämlich schon früh gefordert, die Kirche müsse für die zeitgenössischen Fenster die Patenschaft übernehmen. Wenn er sich da zu weit aus dem Fenster lehne, habe das Projekt keine Chance…

Wie heftig die aktuelle querelle beziehungsweise bataille des vitraux ist, zeigt auch dieses In den sozialen Medien kursierende Bild: Es handelt sich angeblich um ein für Notre-Dame ausgewähltes Glasfenster: natürlich völliger Unsinn – eine reine Erfindung! [13]

Es gibt in den sozialen Medien auch mit Künstlicher Intelligenz -bzw. in diesem Fall eher: unkünstlerischer Dummheit- erstellte Bilder angeblicher zukünftiger Fenster, mit denen Macron sich verewigen wolle… [14]

„Unsinnig“ und „Irrsinn“ sind Prädikate, die nicht nur für solche Machwerke gelten, sondern auch von durchaus seriöser Seite für das Projekt der neuen Fenster verwendet wurden. In einem Beitrag für die FAZ vom 9. Dezember 2024 rühmt Marc Zitzmann die neu renovierten Seitenkapellen: Sie „entfalten eine Strahlkraft sondergleichen- ihr bloßer Anblick sollte die Unsinnigkeit des Vorstoßes von Macron und Ulrich vor Augen führen, Kirchenfenster von Viollet-le-Duc durch zeitgenössische Kreationen ersetzen zu lassen.“ Die für „diesen Irrsinn“ erforderlichen Gelder sollten besser dafür verwendet werden, den nach dem Krieg von „Vandalen im Klerikergewand“ zerstörten Wanddekor Viollet-le-Ducs wiederherzustellen.

Und dann gibt es eine Petition auf change.org, initiiert von dem streitbaren Kunsthistoriker und Herausgeber der Zeitschrift La Tribune de l’Art Didier Rykner [15]  mit der Forderung, die von Viollet-le-Duc inspirierten Fenster nicht zu ersetzen. Die Petition richtet sich vor allem an bzw gegen Präsident Macron. Niemand habe ihn autorisiert, solche wesentlichen Veränderungen in der Kathedrale vorzunehmen, die ihm nicht gehöre. Etwas mehr Bescheidenheit sei da angebracht, umso mehr,  als der Staat doch eine wesentliche Verantwortung für den Brand und seine katastrophalen Folgen trage. Die Petition bezieht sich dabei indirekt auf Rykners Buch „Notre-Dame, une affaire d’état“ (Paris 2023), in dem im Einzelnen die Versäumnisse aufgelistet werden, die zu dem Brand, zu seiner schnellen Ausbreitung und zu den Problemen bei seiner Bekämpfung geführt haben. Auffällig ist übrigens, dass von den Gegnern moderner Glasfenster gerne Präsident Macron als Spiritus rector angesprochen wird: Der stark geschwächte und unpopuläre Präsident eignet sich das natürlich besser als der Erzbischof…

In der Petition wird ausdrücklich festgestellt, man habe keine grundsätzlichen Einwände gegen Elemente moderner Kunst in historischen Bauwerken. Bei Notre-Dame sollten aber Fenster ersetzt werden, die genauso unter Denkmalschutz stünden wie der gesamte Bau. Die Fenster hätten immerhin den Brand überstanden, seien danach aber, wie die gesamte Kathedrale, mit Spendengeldern restauriert worden.

Restauration eines der Fenster von Viollet-le-Duc. Aus einer Werbeanzeige von L’Oréal (Le Monde vom 1./2. Dezember 2024: l’Oréal sei glücklich, dazu beigetragen zu haben, dass Notre-Dame wieder seinen Glanz erhalten habe…)

Die Befürworter neuer Glasfenster hätten offensichtlich nichts mitbekommen von der neu gewonnenen großen Wertschätzung Viollet-le-Ducs durch die Kunst- und Architekturgeschichte. [15a]

Präsident Macron hatte allerdings angekündigt, die Fenster Viollet-le-Ducs, die durch neue Kreationen ersetzt würden, in das geplante Notre-Dame-Museum (musée de l’œuvre de Notre-Dame de Paris) im Hôtel Dieu neben der Kathedrale zu überführen. Das sei aber, so die Petition, nur ein schwacher Trost und auch kaum vollständig umsetzbar. Didier Rykner hat jedenfalls weiteren entschiedenen Widerstand angekündigt. Gegebenenfalls werde man auch mit juristischen Mitteln gegen das Projekt Macrons vorgehen. [16]

Dass ca 250 000 Personen diese Petition unterschrieben haben, konnte aber am Gang der Dinge nichts ändern; auch die nicht Ablehnung des Projekts durch die Denkmalschutzkommission, deren Votum Staat und Kirche hier offenbar zum ersten Mal nicht folgten. Es gab 110 Bewerbungen von Künstlern, von denen acht von einer Jury unter Vorsitz von Bernard Blistène, dem ehemaligen Leiter des Centre Pompidou, für die „Endrunde“ ausgewählt wurden. Am 21. November begutachtete die « commission artistique » die vorgelegten Entwürfe. Nach den von Didier Rykner weitergegebenen Informationen „aus gut unterrichteten Kreisen“ konnte allerdings keiner von ihnen voll überzeugen, offenbar auch nicht der von Daniel Buren, dem angeblichen „Favoriten“ Macrons. [17] Monseigneur Ulrich hat also darauf verzichtet, so wie ursprünglich vorgesehen, am 8. Dezember einen Preisträger bekanntzugeben und seine Entwürfe vorzustellen. Dadurch wäre sicherlich ein Schatten auf die feierliche Eröffnung von Notre-Dame gefallen. Der Fensterstreit ist damit erst einmal vertagt. Fortsetzung folgt…. Ende offen….

Der historische Bilderstreit von 1935 ff

Der aktuelle Bilderstreit ist geradezu die Neuauflage der Auseinandersetzung um ein früheres, ebenfalls hochumstrittenes Projekt, neue Glasfenster in Notre-Dame zu installieren, une histoire qui se répète (Le Monde). Entstanden ist das frühere Projekt anlässlich der Internationalen Ausstellung von 1937 in Paris. Zu ihr gehörte auch ein kirchlicher Pavillon, der mit modernen Glasfenstern ausgestattet werden sollte. Die zwölf dafür ausgewählten Glaskünstler waren aber daran interessiert, die von ihnen geschaffenen Fenster nach der Ausstellung auch dauerhaft zu präsentieren. Sie wandten sich also an die commission des monuments historique, die im Grundsatz bereit war, die zwölf Glasfenster im Kirchenschiff von Notre-Dame zu installieren – anstelle der auch dort angebrachten ornamentalen Glasfenster Viollet-le-Ducs. Allerdings entbrannte darüber ein sehr heftiger Streit, der in einer Ausstellung der Cité du Vitrail in Troyes thematisiert wird.[18]

Anlass dieser Ausstellung ist allerdings nicht der aktuelle Fensterstreit von Notre-Dame, sondern die Wiederentdeckung von 7 der in Vergessenheit geratenen Fenster im Jahr 2019 in einem abgelegenen Winkel von Notre-Dame.

Dargestellt sind auf den Fenstern, in Absprache mit der Kirche und mit wohlwollender Zustimmung des damaligen Erzbischofs von Paris, zwölf mit Paris besonders verbundene Heilige. Einige davon wurden inzwischen restauriert und unter Denkmalschutz gestellt.[19]

Dies sind von Jacques le Chevallier entworfene Glasfenster mit den Heiligenfiguren von Saint Marcel und Sainte-Geneviève (um 1937). Die Stadtheilige ist erkennbar an dem Schiff, das auch -zusammen mit dem Wahlspruch fluctuat nec mergitur–  das Wappen der Stadt bildet. Saint Marcel gilt als 9. Bischof von Paris. Mit Hilfe seines Bischofsstabs, den er in seinen Händen hält, soll er, so die Legende, einen furchtbaren Drachen gezähmt haben, der zu seiner Zeit die Stadt in Angst und Schrecken versetzt habe.

Über den Lanzettfenstern mit den beiden Heiligen ein Rundfenster mit dem Lamm Gottes und den Symbolen der vier Apostel, ebenfalls von Jacques le Chevallier.  Zwei Lanzettfenster und ein Rundfenster bildeten jeweils zusammen eine von einem Künstler gestaltete Einheit.

Jean-Hébert Stevens, Kirchenfenster für den heiligen Martin (um 1937), an den in Paris in vielfältiger Weise erinnert wird: Es gibt die rue Saint-Martin, eine der ältesten der Stadt, den Canal Saint-Martin, die porte Saint-Martin…  Das Boot zu Füßen des Heiligen bezieht sich auf eine Legende, nach der Martin einen fürchterlichen Sturm beruhigt haben soll.

Saint Louis und Saint Yves [20]

Nach dem Ende der Ausstellung wurden die Fenster 1938 provisorisch in Notre-Dame installiert, was eine heftige Auseinandersetzung auslöste: Die sogenannte querelle des vitraux, die auch als Titel der Ausstellung firmiert. Im Figaro schrieb Raymond Lecuyer am 22. April 1939, es sei doch bemerkenswert, dass in der Pariser Öffentlichkeit in einer Zeit der wirtschaftlichen Krise und der Gefahr eines Krieges noch ein solcher Kunststreit ausgetragen werde. Und dieser Streit wurde von beiden Seiten, den Anciens und den Modernes, mit großer Erbitterung geführt.

Einige in der Ausstellung präsentierte Beispiele:

Die Harmonie des Raumes werde, so Christian Megret in Le Jour,  durch die unruhigen, oft ätzenden Farbtöne und die heftigen, krampfhaften Formen gestört.

Alles zusammen ergebe, so Achille Carlier in Les Pierre de France,  eine Kakophonie, ähnlich einer Jazzband, die von einem total betrunkenen Chef dirigiert werde.

Dagegen der Möbeldesigner und Architekt Robert Mallet-Stevens,  prominenter Vertreter der Moderne der 1920-er und 1930-er Jahre: „Modern zu sein, auf der Höhe der Zeit zu sein, erschien, zumal in Frankreich, schon immer als kriminell.“

Die Erbitterung der Auseinandersetzung mag erstaunlich erscheinen, weil es sich um figurative und eher an der klassischen Moderne orientierte Entwürfe handelte. Sie ist aber vor allem damit zu erklären, weil es nicht nur um die konkreten zwölf neuen Fenster ging, sondern vor allem, weil es sich um einen Grundsatzstreit handelte, der auch noch eines der bedeutendsten und prominentesten Bauwerke Frankreichs betraf: Zum ersten Mal wurde hier darüber diskutiert und gestritten, inwieweit moderne Kunst ihren Platz in historischen Bauwerken haben dürfe bzw.solle.

Da fragte beispielsweise Christian Megret in Le Jour vom 27. Februar 1939, warum die modernen Glaskünstler sich nicht mit dem ihnen angebotenen Rahmen moderner Kirchen zufriedengeben könnten.

Die Gegenposition vertrat niemand Geringeres als der damalige Erzbischof von Paris, Kardinal Verdier im Figaro vom 23. Dezember 1938: Eine Kathedrale, und gerade ein nationales Heiligtum wie Notre-Dame von Paris, sei kein Grab und kein Museum. Verdier war ein entschiedener Befürworter der Einbeziehung moderner Kunst in historische Kirchengebäude und er engagierte sich persönlich für die vorgesehenen neuen Kirchenfenster von Notre-Dame.

Zur endgültigen Installierung der Fenster kam es nicht. Die provisorisch eingebauten neuen Fenster wurden nach Kriegsausbruch abgenommen, teilweise den Glaskünstlern zurückgegeben, teilweise in Kisten verstaut und in der Kirche gelagert… Es  wird auch nicht mehr erwogen, die wiederentdeckten und restaurierten Fenster nun doch noch in Notre Dame zu installieren. Dagegen sprechen offenbar auch ästhetische Bedenken. Vor allem wird da auf  die fehlende Homogenität der von 12  verschiedenen Künstlern geschaffenen Fenster verwiesen.[21]

Heute ist immerhin unumstritten, dass jedes Jahrhundert in historischen Bauwerken, auch in Kirchen, seine Spuren hinterlassen hat und dass es keinen Grund gibt, warum dieser Prozess ständiger Erneuerung in unserer Zeit nicht fortgesetzt werden solle. Es gibt hervorragende Beispiele dafür, dass die moderne Kunst, auch nicht-abstrakte, sakrale Bauten bereichern kann.

Fenster im Chor der Kathedrale von Reims von Marc Chagall aus dem Jahr 1972. Foto: Wolf Jöckel

Das wird ja auch von den Gegnern eines Einbaus neuer Fenster in den Seitenkapellen von Notre-Dame nicht bestritten. Und vermutlich werden sich die Wogen der Empörung und der Kritik an zeitgenössischen Kreationen in Notre-Dame allmählich glätten, wenn es sie denn doch einmal geben wird. Und dann werden sie vielleicht allmählich zum integralen und selbstverständlichen Bestandteil der Kathedrale werden, so wie auch der mächtige Dachreiter oder die Chimären,  auch wenn die „nur“ höchst eigenwillige Zutaten des 19. Jahrhunderts sind.

Aktualisierung 18.12.2024

Am 18.12. wurde vom Élysée bekannt gegeben, wer für die neuen Fenster von Notre-Dame ausgewählt wurde: Es sind Claire Tabouret zusammen mit dem Atelier Simon-Marq. Die Entwürfe sollen am 18.12. nachmittags vorgestellt werden. Dazu die Presseerklärung des Élysée:

„Die von Claire Tabouret und dem Atelier Simon-Marq gebildete Arbeitsgemeinschaft erhält den Zuschlag für die Gestaltung neuer Glasfenster in sechs Kapellen des südlichen Seitenschiffs des Kirchenschiffs.

Nach Abschluss der zweiten Phase der von der Kulturministerin im März 2024 eingeleiteten Konsultation zur Schaffung zeitgenössischer Glasmalereien für die Kathedrale Notre-Dame de Paris in sechs Kapellen des südlichen Seitenschiffs wurden die am 4. November von den ausgewählten Bewerbern eingereichten Entwürfe vom Kunstausschuss unter dem Vorsitz von Herrn Bernard Blistène geprüft.

Nach einer Anhörung der Kandidaten und der Unterstreichung der sehr hohen Qualität der Projekte gab das Kunstkomitee der Bewerbung der Gruppe Claire Tabouret und der Werkstätten des Glasbläsermeisters Simon-Marq den Vorzug.

Der Präsident der Republik und der Erzbischof von Paris wurden konsultiert und gaben eine positive Stellungnahme zu dieser Wahl ab. Sie waren der Ansicht, dass der Vorschlag ihren Absichten voll und ganz entsprach und den Anforderungen der Kathedrale entsprach, sowohl aufgrund der hohen künstlerischen Qualität des Vorschlags und seiner architektonischen Einfügung – insbesondere seiner Übereinstimmung mit dem Glasfenster, das den Baum Jesse (1864) darstellt und in einer der Kapellen des Seitenschiffs vorhanden ist und an seinem Platz bleibt – als auch aufgrund der Einhaltung des von der Diözese Paris gewählten Bildprogramms zum Pfingstfest. Diese Kreation stellt eine Fläche von 121 m2 der 2500 m2 Glasfenster aus dem Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert dar, die es in der Kathedrale gibt. Diese Wahl und die Fortführung des Projekts sind ein Zeichen für die Unterstützung des Staates für das künstlerische Schaffen und das Vertrauen, das einer anerkannten Künstlerin entgegengebracht wird.

Ab der Auftragsvergabe durch die öffentliche Einrichtung Rebâtir Notre-Dame de Paris sind sechs Monate für die Planung und etwa eineinhalb Jahre für die Umsetzung vorgesehen. Das Projekt wird der Commission nationale de l’architecture et du patrimoine zur Einholung ihrer Stellungnahme im Laufe des Frühjahrs 2025 vorgelegt, sobald der Stand der Studien dies zulässt.

Die Buntglasfenster sollen Ende 2026 eingebaut werden. Sie werden etwa 5% der Fläche der über 120 Glasfenster ausmachen, die in der Kathedrale vorhanden sind und aus dem 12. bis 20. Jahrhundert stammen.“ (Übersetzt mit DeepL.com (kostenlose Version)

Claire Tabouret. Links der Entwurf für eines der Fenster von Notre-Dame

Auf der Pressekonferenz präsentierte Claire Tabouret einige maßstabsgetreue Skizzen von 2 m Höhe, um einen Einblick in das Projekt zu geben. „Es wird sich um ein figuratives Kunstwerk handeln, damit es ohne Erklärung von Menschen aus verschiedenen Kulturen verstanden werden kann“, fügte die Künstlerin hinzu. In der Kapelle Saint-Joseph wird Claire Tabouret zum Beispiel Figuren darstellen, die in einem Gebetskreis angeordnet sind, um die physische und spirituelle Dimension des Begriffs „Innenraum“ zu verdeutlichen. Außerdem wird sie die Grisaille-Motive der Kirchenfenster von Viollet-le-Duc aufgreifen, um sich in die Geschichte von Notre-Dame einzufügen. [22]

Die Kritik ließ aber auch nicht lange auf sich warten. Selbstverständlich war es wieder Didier Rykner, der sich als einer der ersten in seiner tribune de l’art zu Wort meldete. Präsident Macron habe zwar nicht gewagt, Daniel Buren, seinen Favoriten, durchzusetzen, aber Buren oder Tabouret mache sowieso keinen Unterschied: „Lors de la présentation, Claire Tabouret a affirmé vouloir « faire dans ses vitraux un hommage à Viollet-le-Duc ». Soit c’est de l’ironie, soit ça y ressemble. Celle qui accepte de remplacer ces vitraux, les condamnant à l’obscurité des caisses, prétend vouloir leur rendre hommage. On croit rêver.“ Rykner führt außerdem die großen Kosten für die Entfernung der alten Fenster Viollet-le-Ducs und die Herstellung und den Einbau der neuen Fenster ins Feld. Außerdem sei das von Macron versprochene Notre-Dame Museum nicht in Sicht. „Bref, le président de la République persiste dans sa volonté de vandaliser Notre-Dame, mais hésite à créer le musée qu’elle mérite.“ Rykners Kritik ist und bleibt damit grundsätzlicher Natur, auf das konkrete Projekt Tabourets geht er nicht ein. [23]

Fenster von Viollet-le-Duc in Notre-Dame. Foto: Le Monde 18.12.2024

Anders der Kunsthistoriker Pierre Tecqui, der in der Zeitschrift La Vie vom 19.12. das hohe Lied der Künstlerin Claire Tabourets singt. Sie sei eine großartige Künstlerin („une grande artiste“) und habe einen wesentlichen Beitrag geleistet, der gegenständlichen Malerei wieder Raum und Anerkennung zu verschaffen. Es sei Aufgabe der Kirche, sich für die moderne Kunst zu öffnen und zeitgenössischen Künstlern und Künstlerinnen wie Claire Tabouret Aufträge zu verschaffen. Ihr Projekt für Notre-Dame könne durchaus „hervorragend“ sein, aber -und hier folgt Tecqui der Argumentation Rykners- die Entscheidung für die moderne Kunst dürfe niemals auf Kosten der alten gehen. Das sei aber bei Notre-Dame der Fall. Also lehne er aus ethischen Gründen die Entfernung der alten Fenster Viollet-le-Ducs und den neuer Fenster grundsätzlich ab.

Aber das sind jetzt eher Nachhutgefechte. La querelle des vitraux mag weitergehen, die bataille des vitraux ist entschieden und beendet. Daran werden auch die von Rykner avisierten rechtlichen Schritte kaum etwas ändern…


Anmerkungen:

[1] Z.B . https://www.beauxarts.com/produit/notre-dame-de-paris-les-secrets-dune-resurrection/

[2] Réouverture de Notre-Dame de Paris : cette décision qui a fâché l’Elysée, une femme influente en dit plus (10.12.2024) Bei der hier angesprochenen einflussreichen Dame handelt es sich um Roselyne Bachelot. Als Kultusministerin zur Zeit des Brandes vertrat sie ganz entschieden die Position einer unveränderten Rekonstruktion von Notre-Dame.

[3] Siehe dazu: https://paris-blog.org/2023/12/08/die-renaissance-einer-ikone-noch-ein-jahr-bis-zur-wiedereroffnung-von-notre-dame-de-paris-8-12-2023-8-12-2024/

[4] https://www.geo.fr/histoire/notre-dame-de-paris-viollet-le-duc-larchitecte-qui-fit-de-la-cathedrale-un-chef-doeuvre-195296

[5] Philippe Jost : « Pour Notre-Dame de Paris, l’union sacrée l’a emporté »

[6] Ausgeführt 1865 von Alfred Gérente nach einem Entwurf von Viollet-le-Duc. Bild aus: https://www.latribunedelart.com/spip.php?page=docbig&id_document=69245&id_article=11801&lang=fr#album-a11801-r11801-article11801

[7] Im zweiten Teil der Serie über den „roman de Notre-Dame“ geht es unter anderem auch um den aktuellen Fensterstreit. Laurent Carpentier, Notre-Dame des polémiques. Le Monde vom 4. 12. 2024

[8] Der Wettbewerb soll offenbar auch dazu dienen, den französischen Ateliers einen prestigeträchtigen Auftrag zukommen zu lassen und sie damit gegen das Vordringen der deutschen Konkurrenz zu stärken. Die von Pierre Soulages für Conques entworfenen Fenster wurden z.B. von einem deutschen Atelier hergestellt. Übrigens wurden auch nach dem Brand 4 Fenster von Notre-Dame in Köln restauriert.

[9] https://www.lemonde.fr/politique/article/2023/12/08/notre-dame-de-paris-emmanuel-macron-annonce-le-lancement-d-un-concours-de-vitraux-contemporains-et-la-creation-d-un-musee_6204625_823448.html

[10] Bild aus:   https://www.francetvinfo.fr/culture/patrimoine/incendie-de-notre-dame-de-paris/reouverture/deux-legitimites-s-affrontent-les-futurs-vitraux-contemporains-de-notre-dame-de-paris-ravivent-une-vieille-querelle-de-clocher_6908729.html#xtor=CS2-765-

[11] Siehe z.B. https://www.lemonde.fr/m-le-mag/article/2024/08/01/les-vitraux-de-notre-dame-de-paris-rejouent-la-bataille-des-anciens-et-des-modernes_6263614_4500055.html  und https://www.lefigaro.fr/culture/patrimoine/les-vitraux-contemporains-pris-dans-la-tourmente-des-legislatives-20240625

[12] Pierre Godon, „Deux légitimités s’affrontent“ : les futurs vitraux contemporains de Notre-Dame de Paris ravivent une vieille querelle de clocher. https://www.francetvinfo.fr/culture/patrimoine/incendie-de-notre-dame-de-paris/reouverture/deux-legitimites-s-affrontent-les-futurs-vitraux-contemporains-de-notre-dame-de-paris-ravivent-une-vieille-querelle-de-clocher_6908729.html#xtor=CS2-765-

[13] Alexandra Maubec,  Faktencheck vom 2. Oktober 2024

[14] Bild aus: https://www.20minutes.fr/societe/4124495-20241202-dame-paris-non-emmanuel-macron-va-etre-represente-vitraux-cathedrale

[15] https://www.change.org/p/conservons-%C3%A0-notre-dame-de-paris-les-vitraux-de-viollet-le-duc

s.a.: https://www.latribunedelart.com/la-cnpa-dit-non-au-projet-d-enlevement-des-vitraux-de-viollet-le-duc?lang=fr

Zu Rykner siehe:Marc Zitzmann, „La Tribune de l’Art“ im Netz:Die „Kampfartikel“ sind das Beste. FAZ vom 15.4.2023

[15a] Nos élites politiques et médiatiques actuelles n’ont visiblement pas eu connaissance de la réévaluation de Viollet-le-Duc par l’histoire de l’art et de l’architecture. Maryvonne de Saint-Pulgent dans son livre La Gloire de Notre-Dame : la foi et le pouvoir (Paris: Gallimard 2023)

Siehe auch: Xavier de Jarcy, Les vitraux d’Eugène Viollet-le-Duc et Jean-Baptiste Lassus, construits lors de la restauration de la cathédrale entre 1855 et 1865 dont les deux architectes étaient en charge. Photo Manuel Cohen/Aurimages. In: Télérama vom 6.11.2024

[16] Le point sur l’affaire des vitraux de Notre-Dame – La Tribune de l’Art Zum geplanten Museum siehe: https://www.la-croix.com/culture/le-musee-de-notre-dame-de-paris-se-reve-en-grand-20240529

[17] Buren war 2021 von Präsident Macron eingeladen worden, für zwei Jahre die Fenster des Wintergartens im Élysée-Palast mit farbigen Folien umzugestalten. Buren wählte dafür die Farben der Tricolore. Bekannt ist Buren vor allem durch die Säulen im Ehrenhof des Palais Royal.

[18] Siehe: Éditions Beaux Arts, Notre-Dame de Paris. La querelle des vitraux 1935-1965. Cité du Vitrail 2024

[19] Zu ihnen gehört auch das Titelbild dieses Blog-Beitrags: Es stellt den Heiligen François de Sales dar, gestaltet von Paul Louzier (um 1937)

[20] Bild aus: Polémique sur les vitrauxx contemporains de Notre-Dame-de Paris, une histoire qui se répète. In: Le Monde vom 16.4.2024

[21] Marie-Hélène Didier, Nous comprenons désormais les critiques de 1935. In: Beaux Arts, Notre-Dame de  Paris, S. 4

[22] Nach: https://www.aquarelleparis.fr/blog/notre-dame-de-paris-les-vitraux-contemporains-de-la-cathedrale-seront-finalement-realises-par-lartiste-claire-tabouret/

[23] https://www.latribunedelart.com/notre-dame-claire-tabouret-choisie-pour-s-asseoir-sur-le-code-du-patrimoine?lang=fr

Frühere Beiträge zu Notre-Dame

5 Jahre nach dem Brand: Notre-Dame in neuem Glanz, „une fierté française“

Am 7. und 8. Dezember 2024, wird die Kathedrale Notre-Dame offiziell wiedereröffnet – gut fünf Jahre nach dem schrecklichen Brand.

Notre Drame: Titelbild der Zeitung Libération vom 16. April 2019 (Stephane Lagoutte)

Als damals Präsident Macron etwas vollmundig verkündete, die Kirche werde in fünf Jahren wieder aufgebaut und für die Öffentlichkeit zugänglich sein, erschien diese Vorhersage arg gewagt und kaum fundiert. Denn man kannte damals noch gar nicht genau das große Ausmaß der Schäden, zum Beispiel die großen Probleme mit dem geschmolzenen Blei, die die Arbeiten erheblich verzögerten. Und dann kam ja auch noch die Covid-Pandemie hinzu…

Aber trotz alledem: Jetzt ist es so weit: Ein erfolgreiches französisches „Wir schaffen das!“, „une fierté française“, ein französischer Stolz, wie es  Macron mit entsprechend stolz geschwellter Brust bei dem Empfang der Bauleute in der wiederaufgebauten Kirche formulierte.[1] Er nannte sie „ceux de Notre-Dame“, in Anlehnung an die berühmte Bezeichnung „ceux de 14“ für die heroisierten französischen Soldaten des Ersten Weltkriegs…. Und es war ja auch ein General, dem Macron die Oberaufsicht über den Wiederaufbau von Notre-Dame übertrug, ein Auftrag, den, wie Le Monde schrieb, der General mit „eiserner Hand“ und lautstarken soldatischen Eruptionen ausführte.[2]

Natürlich hofft der schwer angeschlagene Präsident, dessen Rücktritt von einer Mehrheit der Franzosen gewünscht wird, dass in diesen äußerst schwierigen Zeiten der Krisen und Kriege etwas von dem Glanz der Kathedrale auch auf ihn abfällt. Und man kann oder muss ihm immerhin zugestehen, dass er sofort die zentrale symbolische Bedeutung von Notre-Dame erkannte und sich dafür engagierte, den Wiederaufbau zu einem das Land verbindenden gemeinsamen Projekt zu machen.

Seit Tagen jedenfalls sind die Medien -Fernsehen, Rundfunk, Zeitungen und Zeitschriften- voll mit ausführlichen Berichten über Notre-Dame, ihre Geschichte und den Wiederaufbau.

Und natürlich lassen sich „edle Spender“ nicht die Gelegenheit entgehen, werbewirksam auf den neuen Glanz von Notre-Dame und den eigenen Beitrag zum Wiederaufbau hinzuweisen.

Dies ist eine ganzseitige Anzeige der Baufirma Loxam (Le Monde vom 5. Dezember 2024) mit einem dezenten Hinweis auf ihr „Mäzenatentum“. Das Bild stammt ganz offensichtlich noch aus der Zeit vor dem Brand.

L’Oréal, weltweit größter Kosmetikkonzern, weist in dieser Anzeige darauf hin, auch zur „wiedergewonnen Schönheit“ von Notre-Dame beigetrgen zu haben. Die Familie Bettencourt, Mehrheitsaktionär des Konzerns, hatte kurz nach dem Brand 200 Millionen Euro für den Wiederaufbau gespendet. Vorausgegangen war noch in der Nacht des Brands eine Spende der Milliardärsfamilie Pinault von 100 Millionen Euro, am nächsten Tag überboten von ihrem schärfsten Konkurrenten und Intimfeind Bernard Arnault, Besitzer des Luxuskonzerns LVHM und einer der reichsten Männer der Welt. [2a] In Frankreich können übrigens 66% der Spenden steuerlich geltend gemacht werden… Zwei Drittel der „Spenden“ bezahlt also der Steuerzahler…

Derzeit befindet sich Frankreich ja in einer schweren Regierungskrise, und ein Ausweg ist kaum in Sicht. Da kommt die offizielle Eröffnungszeremonie von Notre-Dame mit 2000 eingeladenen Ehrengästen gerade recht. Zwar hat Papst Franziskus abgesagt, weil er es vorzieht, dem katholischen Korsika seine Referenz zu erweisen, aber dafür kommen etwa 50 Staats- und Regierungschefs, allen voran der gewählte amerikanische Präsident Trump, den Macron schon einmal mit einer großen Militärparade auf den Champs-Élysées beeindruckte. Und es kommt Paul McCartney, der bei dem abendlichen Eröffnungskonzert in der Kathedrale John Lennons wunderbares Imagine singen wird. Man mag sich allerdings kaum vorstellen, wie die USA und die Welt nach vier weiteren Jahren Trump aussehen werden….

Wenig ist bei alldem aber davon zu hören und zu lesen, wie es zu dem schrecklichen Brand kommen konnte. Natürlich sind die genauen Ursachen nicht bekannt (oder vielleicht auch nur nicht öffentlich gemacht), bekannt sind aber die massiven Versäumisse, die zu der schnellen und katastrophalen Ausbreitung des Brandes und dem verspäteten und unzureichenden Eingreifen der Feuerwehr geführt haben. Der Kunsthistoriker Didier Rykner hat darüber ein Buch geschrieben, in dem er die Versäumnisse detailliert beschrieben hat:

„Laut behördlichem Reglement hätten rund um die Uhr zwei Feuerwehrleute präsent sein müssen. Beim Brandausbruch war keiner da“, hat Rykner recherchiert. „Die Vertreter des Staates, dem die Kathedrale seit der Trennung von Kirche und Staat 1905 gehört, hatten als Ersatz zwei private Sicherheitsleute engagiert. Von denen war aber auch nur einer anwesend, und der war neu in Notre-Dame und an jenem Montag nach fast elf Stunden Dienst ohne Pause todmüde.“ Immerhin hörte dieser Wächter um 18.18 Uhr den Brandalarm. Ein Bildschirm nannte als Ort des Feuers „Dachstuhl/Kirchenschiff/Sakristei“. Der Wachmann deutete dies fälschlicherweise als eine Brandmeldung im Dach der Sakristei. Er ging nachschauen: nichts. Zurück auf seinem Posten vernahm der Mann einige Minuten später einen zweiten Alarm. Jetzt ging er im Dachstuhl nachschauen – und entdeckte den Brand. Er rannte die Treppen hinunter und schlug Alarm. Um 18.51 Uhr schellte es bei der Feuerwehr. „Diese halbe Stunde entschied darüber, dass das ganze Dachgebälk der Kathedrale bereits lichterloh brannte, als die Feuerwehr eintraf“, erklärt Rykner. Zudem fehlte der Pariser Feuerwehr ein Hebearm mit solch einer Reichweite, um das Feuer im Dach aus der Höhe zu bekämpfen. „Das passende Löschfahrzeug mit dem Hebearm musste aus Schloss Versailles herbeigerufen werden und sich mitten in der Rush Hour durch zwanzig Kilometer verstopfte Straßen zwängen. Sein Löscheinsatz begann erst um 20.15 Uhr.“ Fast zwei Stunden nach dem Brandalarm. [2b]

Rykner spricht deshalb von einer „Staatsaffaire“. Aber dazu wird Macron in seiner Ansprache zur Eröffnung der Kathedrale sicherlich nicht Stellung nehmen. Diese Ansprache wird Macron aber nicht in der Kirche selbst halten- das verbietet die Laizität, d.h. die in Frankreich seit 1905 verbindliche strikte Trennung von Kirche und Staat. Also wurde für den Staatsakt eine große Halle in Leichtbauweise auf dem Vorplatz der Kirche aufgebaut.

Hinter der Halle für den Staatsakt des 7.12. liegt das Gebäude des Hôtel Dieu, in dem einmal ein Notre-Dame-Museum entstehen soll. Aufgenommen am 3.12.2024  Wolf Jöckel

Die Kirche selbst wird man als normal Sterblicher in nächster Zeit wohl nur mit größter Mühe betreten können. Die Bilder allerdings, die es schon vom Inneren gibt, sind sehr eindrucksvoll und lassen für den Wiederaufbau verwendete Begriffe wie „renaissance“, „miracle“ (Wunder) oder gar „résurrection“ (Wiederauferstehung) verständlich erscheinen.

Ein Blick ins Innere der Kathedrale: Notre-Dame de Paris erstrahlt in neuem Glanz. © Christophe Petit Tesson/dpa/EPA POOL/AP[3]

Die mittelalterliche Fensterrose der Westfassade. Sie wurde bei dem Brand zwar nicht beschädigt, aber danach, wie alle Glasfenster, gereinigt und restauriert. Ebenso die große Orgel darunter. Alle Orgelpfeifen wurden, ausgebaut und neu gestimmt. Dies gilt auch für die Glocken, die am 7.12. zum ersten Mal seit 5 Jahren wieder läuten werden.

Erstaunlich ist allerdings, dass als Kommentar zu der Notre-Dame- Fotostrecke, die  jetzt in vielen deutschen Medien publiziert wurde und der auch die beiden vorigen Fotos entnommen wurden, festgestellt wird, von außen erinnere „nichts mehr an den fatalen Brand vom 15. April 2019“.[4]

Blick auf die Westfassade. Foto von Wolf Jöckel vom 3.12.2024

Diese Feststellung mag zutreffen, wenn man auf die Westfassade der Kathedrale blickt. Geht man allerdings etwas um sie herum, ergibt sich ein anderes Bild.

Baukräne und Gerüste an der Südseite.

Blick auf die Ostseite. Fotos von Wolf Jöckel, 3.12.2024

Blick von der Seine-Seite auf den rekonstruierten Dachreiter. Die Apostelfiguren, u.a. mit dem Abbild Viollet-le-Ducs, sind noch nicht zu sehen.

Le Monde, 3.12.2024

Der Wiederaufbau war (und ist also noch) ein Parforceritt. Le  Monde hat als Überschrift für ihre Artikelserie über den „roman de Notre-Dame“ „quoi qu’il en coûte“ gewählt– egal, was es kostet- und damit Macrons Ausdruck für die staatlichen Subventionen aus Covid-Zeiten zitiert, die nicht unwesentlich dazu beigetragen haben, dass die französischen Staatsfinanzen völlig aus dem Ruder gelaufen sind.

Aber das 5-Jahresziel konnte so, wenn auch mit einer lässlichen, etwa halbjährlichen Verspätung, eingehalten werden. Dafür ist der 8. Dezember ein hoher katholischer Feiertag, nämlich das Fest der unbefleckten Empfängnis Marias, deren Name ja die Kathedrale trägt. Und an diesem Tag findet dann mit der Weihe des neuen Hauptaltars die  katholische Zeremonie der Einweihung statt – und dafür werden dann (zwar nicht der Papst s.o.), aber etwa 170 Bischöfe aus aller Welt erwartet…

Nach den beiden Eröffnungstagen  gibt es noch einiges zu tun:

  • Die  äußere Restaurierung des Chors und der Sakristei, Aufbewahrungsort für den Kirchenschatz. Die Renovierung des Systems von Strebepfeilern und Strebebögen im Osten der Kirche gehörte schon zu dem Renovierungsprogramm, das 2019 im Gang war, als der Brand ausbrach. Durch ihn wurden diese für die Stabilität des Bauwerks wesentlichen Arbeiten aufgeschoben. [5]
  • Der höchst umstrittene geplante Einbau neuer Fenster in den südlichen Seitenkapellen – dazu in einem eigenen Beitrag demnächst mehr.
  • Die Umgestaltung des Vorplatzes der Kathedrale (parvis) nach den Plänen des belgischen Landschaftsarchitekten Bas Smets[6]

Unter dem begrünten Vorplatz soll anstelle des bisherigen Parkhauses ein großer, zur Seine hin geöffneter Empfangskomplex entstehen. Links im Bild das Hôtel-Dieu-Gebäude für das neue Notre-Dame-Museum.

Prinzipiell ist jetzt aber ab dem 8. Dezember die Kathedrale wieder für die Öffentlichkeit zugänglich, und zwar zu folgenden Zeiten [7] :

Während der Eröffnungswoche:

  • am 8. Dezember von 17.30-22 Uhr
  • vom 9.-13. Dezember von 15.30 bis 22 Uhr
  • Samstag 14. und Sonntag 15. Dezember von 15.30 bis 20 Uhr

Ab dem 16. Dezember von 7.45 bis 19 Uhr

Internet-Reservierungen:

Ab dem 7. Dezember soll es auch das schon seit längerem angekündigte System von Internet-Reservierungen geben. Danach soll man ab zwei Tage vor dem beabsichtigen Besuch von Notre-Dame Eintrittskarten für ein bestimmtes Zeitfenster reservieren können und damit die sonst sicherlich zu erwartenden langen Warteschlangen vermeiden oder verkürzen. Näheres unter: https://www.notredamedeparis.fr/reouverture/
Auf jeden Fall aber wird der Eintritt in Notre-Dame weiterhin kostenlos sein. Die französische Kultusministerin hatte allerdings angeregt, für Touristen einen Eintrittspreis von 5 Euro zu erheben, um damit die Erhaltung anderer Kirchenbauten zu finanzieren: Da käme auch einiges Geld zusammen, denn Notre-Dame war vor dem Brand das meistbesuchte französische Bauwerk: Da besuchten jährlich 12-14 Millionen Menschen die Kirche, nach dem Brand werden es sicherlich noch mehr sein… Der Staat wäre auch durchaus berechtigt, einen Eintrittspreis zu erheben, er müsste dann aber nach dem Gesetz von 1905 den kostenlosen Zugang für Gläubige sicherstellen. Und eine solche Trennung wäre sicherlich eine große Herausforderung…. Die Kirche hat jedenfalls gegen diese Pläne erfolgreich ihr Veto eingelegt. [8]


[1] Le Figaro 29.11.2024c

Titelbild des Beitrags ist der Ausschnitt einer Collage von Jacques Prévert, derzeit zu sehen in einer Prévert-Ausstellung im Musée Montmartre.

[2] Le Monde vom 4. 12. 2024. Das große Lob für „ceux de Notre-Dame“ kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass deren Entlohnung zum Teil eher bescheiden ist. Ein Zimmermann mit 10-jähriger Berufserfahrung verdient ca 28 000 Euro brutto im Jahr. In Paris jedenfalls kann man davon nicht leben… „Je suis charpentier, voici le montant de mon salaire mensuel“

[2a] Natürlich gab es auch eine Vielzahl von Einzelspenden, worauf Ulrich Schläger in seiner Zuschrift mit Recht hinweist. Aber wenn Gero von Randow in seinem sehr insgesamt hervorragenden Beitrag zur Eröffnung von Notre-Dame in der ZEIT schreibt, bei den 846 Millionen Spenden handele es sch „überwiegend … um kleine Einzelspenden“, dann trifft das nicht zu. Allein die Milliardäre Bettencourt, Pinault und Arnauld haben ja schon 500 Millionen gespendet – und das waren nicht die einzigen Großspender… s. Gero von Randow, Aus Gedanken wird Stein. DIE ZEIT, 5. Dezember 2024, S. 50/51

[2b] https://www.derstandard.de/story/3000000215764/fuenfter-jahrestag-der-brand-von-notre-dame-als-staatsaffaere

Didier Rykner, Notre-Dame. Une affaire d’État. Belles lettres 2023

Siehe auch: Marc Zitzmann, Sträflicher Leichtsinn. Bei der feierlichen Wiedereröffnung von Notre-Dame verschwieg Präsident Macron die Versäumnisse des Staates. In: FAZ vom 9.12.2014

[3] https://www.fr.de/panorama/bilder-aus-der-kathedrale-frankreich-notre-dame-paris-wiederaufbau-erste-zr-93442320.html  

[4] u.a. Frankfurter Rundschau vom 3.12.2024. Auch in Le Monde vom 3.12. wird erstaunlicher Weise von einem „Ende der Baustelle“ gesprochen.

[5] Notre-Dame de Paris: les travaux qu’il reste à mener après la réouverture de la cathédrale

[6] Infos und Bild aus: Notre-Dame de Paris : découvrez à quoi ressemblera le – Ville de Paris und https://www.paris.fr/pages/les-abords-de-notre-dame-vont-faire-peau-neuve-17332 Die Ville de Paris gibt als Datum für die Installation der neuen Fenster das Jahr 2025 an. Allerdings gehen Fachleute davon aus, dass das Projekt mindestens drei Jahre Zeit in Anspruch nehmen wird. (Siehe Le Monde vom 4.12.24)

[7] Angaben nach der Website der Stadt Paris https://www.paris.fr/pages/cinq-ans-apres-notre-dame-de-paris-s-apprete-a-rouvrir-ses-portes-29209

[8] siehe: Jean-Marie Guénola, Notre-Dame: le veto de l’Église à l’accès payant. La proposition de Rachida Dati de taxer l’entrée des visiteurs de la cathédrale de Paris pour ’sauver toutes les églises de France‘ est impensable poir le monde catholique. In: Le Figaro vom 25. Oktober 2024

Frühere Beiträge zu Notre-Dame:

„Rue de Stratford-on-Odéon“ – oder die späte Ehrung der Adrienne Monnier. Ein Gastbeitrag von Klaus Lintemeier

In unzähligen Anekdoten kann man viel über Shakespeare and Company und Sylvia Beach in Erfahrung bringen. In Vergessenheit geraten ist aber die eigentliche Gründerin der Geschäftsidee einer Buchhandlung mit Leihbibliothek: Adrienne Monnier.

Heute ist ihr Name kaum noch bekannt und ihre Buchhandlung ist schon lange aus der Erinnerung verschwunden. Dennoch spielte Adrienne Monnier in vielerlei Hinsicht eine wesentliche Rolle für das Quartier de l’Odéon und für die Welt der Literatur in Paris.

Am 15. Dezember 1915 eröffnete Adrienne Monnier in der Rue de l’Odéon Nummer 7 eine neuartige Buchhandlung mit Leihbücherei, „La Maison des Amis des Livres“, die zum beliebtesten Treffpunkt des literarischen Paris werden sollte. Mitten im ersten Weltkrieg bewies Adrienne Monnier Mut und Pioniergeist.

Abbildung 1: Adrienne Monnier vor ihrem Buchladen mit Leihbibliothek „La Maison des Amis des Livres“ (1915)

Monniers Buchladen wurde zu einem Lieblingsort für viele Schriftsteller und Poeten: Colette, Walter Benjamin, Louis Aragon, André Breton, Jacques Prévert, André Gide, Paul Valéry, Simone de Beauvoir, Blaise Cendrars, Nathalie Sarraute und Guillaume Apollinaire, der von der Front zurückkehrte, gehörten zu den ersten Kunden des Buchladens.

Der Buchladen, der in kurzer Zeit zu einer festen Größe für das literarische Paris geworden war, war zugleich der Geburtsort für neue Ideen: Adrienne Monnier war eine der ersten, die Zusammenkünfte von Schriftstellern und Lesern organisierte und damit das literarische Ereignis der öffentlichen Lesung, wie wir es heute kennen, begründete.

Eine weitere Innovation war ein Abonnement, das an das der heutigen Bibliotheken erinnert. Da Adrienne Monnier der Meinung war, dass es viel besser sei, ein Buch zu lesen, bevor man sich zum Kauf entschließt, verlieh sie Bücher an Leser, die ein Jahresabonnement abgeschlossen hatten. Die öffentlichen Veranstaltungen und das Ausleihsystem machten den Erfolg der Buchhandlung in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen aus.

Adrienne Monnier beriet ihre Freundin und spätere Weggefährtin Sylvia Beach, als diese 1919 Shakespeare and Company eröffnete. Allerdings eröffnete Sylvia Beach am 19. November 1919 Shakespeare and Company als angelsächsisches Pendant zur Buchhandlung von Adrienne Monnier zuerst in der Rue Dupuytren Nummer 8!

Abbildung 2: Wegbeschreibung zu den Buchhandlungen „La Maison des Amis des Livres“ und „Shakespeare and Company“ sowie Preisliste

Abbildung 3: James Joyce und Sylvia Beach vor Shakespare and Company in der Rue Dupuytren Nr 8

In der Gründungsbuchhandlung verkehrte auch James Joyce, bevor Sylvia Beach die Buchhandlung am 27. Juli 1921 in größere Räumlichkeiten in der Rue de l’Odéon Nummer 12 verlegte, direkt gegenüber von La Maison des Amis des Livres: Die l’Odéonie war geboren.

Zwischen den beiden gegenüberliegenden Buchhandlungen entstand in der Zeit zwischen den Kriegen ein Raum für den Austausch neuartiger Ideen und für die Verteidigung der modernen Literatur, in dem sich James Joyce, Sherwood Anderson, Thornton Wilder, John Dos Passos, André Maurois, T.S. Elliot, F. Scott Fitzgerald, Ernest Hemingway und viele andere trafen.

Fast dreißig Jahre lang bildete die l’Odéonie mit ihren Treffen, öffentlichen Lesungen, Ausstellungen und Musikabenden einen der aktivsten Brennpunkte des kulturellen Lebens der Zwischenkriegszeit. Mit der Veröffentlichung von James Joyces „Ulysses“ 1922 und der französischen Übersetzung 1929 wurden Adrienne Monnier und insbesondere Sylvia Beach über die Grenzen Frankreichs weltweit bekannt.

James Joyce gab deshalb auch der Rue de l’Odéon am linken Ufer von Paris den wertschätzenden Spitznamen „Rue de Stratford-on-Odéon“: Die Straße war endgültig zum literarischen Zentrum von Paris aufgestiegen.  

Abbildung 4: Rue de l’Odéon Nummer 12 mit Gedenktafel für Sylvia Beach und Shakespeare and Company

Weil das nirgendwo so klar steht: Auch wenn Sylvia Beach in ihrer Rolle als Verlegerin berühmt geworden ist, die Wegbereiterin des literarischen Paris war Adrienne Monnier, ihr gebührt Anerkennung und Ruhm.

Anfang der 2000er Jahre schrieb Laure Murat, die Biografin von Adrienne Monnier, „Passage de l’Odéon“, ein Buch über Adrienne Monnier und ihre amerikanische Lebensgefährtin Sylvia Beach. Dabei stellte sie fest, dass zwar eine Gedenktafel die frühere Buchhandlung Shakespeare and Company ziert, dass aber nichts dergleichen für Adrienne Monnier existiert. In der Rue de l’Odéon Nummer 7 ist heute ein Friseursalon. Die Erinnerung an das Zentrum des literarischen Lebens in Paris in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen drohte zu verblassen.

Es dauerte siebzehn Jahre, bis der Pariser Stadtrat auf Antrag von Laure Murat am 17. November 2020 für die Anbringung einer Gedenktafel an der Stelle der ehemaligen Buchhandlung zu Ehren von Adrienne Monnier stimmte.

Am 10. September 2021 wurde in einer Cérémonie de dévoilement de la plaque en hommage à ADRIENNE MONNIER die Gedenktafel enthüllt. Damit wurde die Geschichte dieser mutigen Buchhändlerin, die eine wesentliche Rolle im literarischen Leben der Zwischenkriegszeit spielte, aus der Unsichtbarkeit geholt.

Abbildung 5: Enthüllung der Gedenktafel an Adrienne Monnier am 10. September 2021 in der Rue de l’Odéon Nummer 7

Abb. 6 Gedenktafel in der Rue de l’Odéon Nummer 7

 Adrienne Monnier hat hier 1915 das Haus der Bücherfreunde gegründet, eine Buchhandlung und Leihbibliothek. Sie hat hier Apollinaire, die Surrealisten, Gide, Claudel, Colette und Violette Leduc empfangen. Sie hat die erste französische Übersetzung des Ulysses von James Joys herausgegeben.

Ich möchte mit Auszügen aus einem Gedicht von Jacques Prévert schließen, einer Liebeserklärung an Adrienne Monnier und ihre Buchhandlung. Prévert und seine Freunde hatten dort 1924 die neue Revue „La Révolution surréaliste“ kennengelernt und so den Surrealismus für sich entdeckt, dessen 100. „Geburtstag“ 2024 gefeiert wird.

La boutique d’Adrienne

Les Amis des Livres. Une boutique, un petit magasin, une baraque foraine, un temple, un igloo, les coulisses d’un théâtre, un musée de cire et de rêves, un salon de lecture et parfois une librairie toute simple avec des livres à vendre ou à louer et à rendre et des clients, les amis des livres, venus pour les feuilleter, les acheter, les emporter. Et les lire. (…)  Adrienne, avant de fermer boutique, toute seule avec ses livres, comme on sourit aux anges, leur souriait. Les livres, comme de bons diables, lui rendaient son sourire. Elle gardait ce sourire et s’en allait. Et ce sourire éclairait toute la rue, la rue de l’Odéon, la rue d’Adrienne Monnier.

Deutsche Übersetzung: Les Amis des Livres, die Bücherfreunde. Eine Boutique, ein kleiner Laden, eine Jahrmarktsbude, ein Tempel, ein Iglu, die Kulissen eines Theaters, ein Museum aus Wachs und Träumen, ein Lesesalon und manchmal eine ganz einfache Buchhandlung mit Büchern zum Verkauf oder zum Verleih und zur Rückgabe und Kunden – die Freunde der Bücher, die gekommen sind, um in ihnen zu blättern, sie zu kaufen, sie mitzunehmen – sie zu lesen. (…) Adrienne lächelte, bevor sie den Laden schloss, ganz allein mit ihren Büchern, so wie man mit Engeln lächelt und ihnen zulächelt. Die Bücher, wie gute Teufel, erwiderten ihr Lächeln. Sie behielt dieses Lächeln und verschwand. Und dieses Lächeln erhellte die ganze Straße, die Rue de l’Odéon, die Rue d’Adrienne Monnier. (Übersetzung von Klaus Lintemeier)

Literatur:

Buchner, Carl H. (2023): Aufzeichnungen aus der Rue de l’Odéon: Schriften 1917–1953. Erinnerungen der legendären Pariser Buchhändlerin Taschenbuch. – herausgegeben von Carl H. Bugner. – Insel Verlag.

Monnier, Adrienne (2009): Rue de l’Odéon. – Édition Albin Michel.

Murat, Laure (2024): Passage de l’Odéon: Sylvia Beach, Adrienne Monnier et la vie littéraire à Paris dans l’entre-deux-guerres. – Gallimard.

Inzwischen ist der Beitrag auch auf dem neuen Blog von Klaus und Ruth Lintemeier erschienen: https://www.paris-magie.de/  – ein engagiertes und professionell gemachtes Projekt zweier Menschen, die von Paris begeistert sind und andere daran teilhaben lassen. Ein Gewinn für Paris-Freundinnen und -Freunde!  Viel Erfolg dabei!/bon courage!  Wolf Jöckel