Normandie (Teil 2): Schattenseiten der Vergangenheit

Der nachfolgende Text ist der zweite Teil des Normandie-Berichts. Im ersten ging es um die  „allgegenwärtige Vergangenheit“ und die touristische Vermarktung des D-day. In diesem Teil werden Aspekte angesprochen, die sich dafür wenig eignen und die –immer noch- eher ein Schattendasein  fristen:  Es geht um die zivilen Opfer, die es vor, während und nach der Landung der Alliierten in der Normandie gab.

  • Am Beispiel der französischen „Runinenhauptstadt“ St. Lô berichte ich davon, wie nach unseren Beobachtungen dort an die französischen zivilen Opfer der alliierten Bombardements erinnert wird. 
  • Das Denkmal in Grandcamp für die „groupes lourds“ ist für mich Anlass, auch etwas zur Rolle der französischen Bomberbesatzungen in der RAF und ihre Beteiligung an den alliierten Landungsoperationen zu schreiben.
  • Der Besuch des deutschen Soldatenfriedhofs in Mont-de-Huisnes hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass unter den zivilen Opfern  dieser Zeit auch deutsche Säuglinge und Kinder waren, die unter ungeklärten Umständen in französischen Internierungslagern ums Leben 

Das sind alles sehr sensible Themen –für mich auch aus ganz persönlichen Gründen- aber es ist sehr schön und ermutigend, dass man inzwischen darüber mit französischen Freunden und in der Normandie mit Einheimischen offen reden kann. Das hat diesen zweiten Teil des Normandie-Berichts sehr bereichert. Aber es  soll auch ganz klar gesagt werden: Ich schreibe als interessierter Besucher und Freund der Normandie, nicht als Historiker. Es handelt sich also nicht um einen Text mit wissenschaftlichem Anspruch, sondern um einen durch etwas ergänzende Lektüre und Gespräche fundierten persönlichen Erfahrungsbericht.

 

  1. Die Opfer der Bombardements. Der Fall St. Lô

In einer  Broschüre des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge findet sich folgende Information: „Weit über 100000 Menschen starben im Sommer 1944 während der Kämpfe nach der alliierten Landung in der Normandie – Amerikaner,  Briten, Deutsche, Franzosen, Kanadier, Polen und Angehörige vieler anderer Nationen. 14 000 französische Zivilpersonen fielen den Kämpfen, vor allem den schweren alliierten Bombenangriffen, zum Opfer.“

Vor, während und nach der Landung war die Normandie Ziel massiver alliierter Bombenangriffe. Bombardiert wurden nicht nur deutsche Militäranlagen; auch strategische Anlagen wie Straßen, Brücken, Bahnhöfe und Hafenanlagen wurden angegriffen, um die Verlagerung deutscher Truppen in die Landungszonen zu erschweren bzw. zu verhindern. Und es traf auch ganze Städte wie St. Malo, Le Havre, Rouen, Lisieux, Caen oder  St. Lô.

Das Schicksal dieser Städte und der betroffenen Menschen ist von der offiziellen französiscchen Erinnerungspolitik lange ausgeblendet worden. Erst am 6. Juni 2014, 70 Jahre nach der Landung in der Normandie, hat Francois Hollande in seiner Rede im Mémorial de Caen dieses offizielle Schweigen beendet und das „trou noir de la mémoire“ geschlossen, in das die zivilen französischen Opfer der alliierten Bombardements gefallen waren.(0)

Wenn ich im Folgenden den Fall von St. Lô exemplarisch darstelle, weiß ich also, dass ich mich mit diesem Thema auf historisch und politisch sensibles Gelände begebe. Aber es handelt sich hier um einen für mich aus ganz persönlichen Gründen sensiblen Gegenstand. Denn ich bin in Darmstadt aufgewachsen, das am 11.9.1944 von britischen Bomberverbänden fast vollständig zerstört wurde. Ziel waren nicht die Industriegebiete der Stadt, sondern  –im Sinne der sogenannten „moral-bombing“- Strategie des Luftmarschalls Harris – das historische Stadtzentrum und die dicht besiedelten Wohngebiete. 12.300 Menschen kamen allein in dieser Nacht in Darmstadt ums Leben. Hier setzte das bomber command zum ersten Mal eine neue Strategie des  Flächenbombardements ein, die dann in Dresden erneut ihre grausige Effizienz bewiesen hat. Am 11.9. 1944 hat Darmstadt seine „Brandnacht“ erlebt –so wie St. Lô schon drei Monate davor seine „nuit de feu“. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich als Kind durch die Trümmerwüste Darmstadts gelaufen bin und in Trümmern gespielt habe. Und wenn ich Bilder des zerstörten St. Lô sehe, dann denke ich auch an die Trümmer Darmstadts.[1]

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© http://www.samuel-beckett.net/StLo.htm

Dass der Landung der Alliierten ein massiver Einsatz der Luftwaffe vorausgehen und sie begleiten sollte, war ein wesentlicher Bestandteil der Planungen. Die Luftüberlegenheit der Alliierten war überwältigend und diese Trumpfkarte sollte voll ausgespielt werden. Die alliierten Bombardement französischer Ziele hatten im März 1942 begonnen: Da waren die Produktionsanlagen  von  Renault in Boulogne-Billancourt bei Paris das Ziel. Und bei diesen und den  folgenden Bombardements gab es erhebliche zivile Opfer, so dass z.B. André Gide sich fragte, was der Nutzen dieser Bombardements sei, die das Leben vieler Tausender Franzosen kosteten, „et ne causent guère de dommages aux Allemands… à quoi riment ces saccages inutiles?“ (zit. von Robert A. Paxton in: La France de Vichy, 1973 p. 289) Und Paxton schreibt dazu: „Les Americains, passés maîtres dans la technologie de la destruction, règlent le problème en faisant pleuvoir des tonnes d’explosifs du haut du ciel. Derrière la poignée de partisans que conserve Vichy en 1943 et 1944, il y a  des milliers et des milliers de Francais qui souhaitent être débarrassés des Allemands, mais pas au prix d’un tel massacre.“  

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Und für die deutsche Propaganda waren  diese Bombardements ein willkommener Anlass Ressentiments gegen die Alliierten zu schüren. (Abbidung bei Roberts, What Soldiers do, S. 22).

Auch die alliierten Strategen sahen durchaus das  Problem, dass bei  den im Zuge der Landungsoperationen geplanten intensiven Luftangriffe sehr wahrscheinlich auch viele Zivilpersonen getötet würden, die zu befreien das Kriegsmotto war. Zu den Kritikern  eines massiven Luftwaffeneinsatzes in den zu befreienden Staaten  gehörte  sogar der Chef der US-Luftstreitkräfte in Europa, General Spaatz. „Viele tausend Franzosen“, schrieb er anlässlich der Invasionsangriffe an seinen Vorgesetzten Eisenhower, „werden  in diesen  Operationen  getötet werden und viele Städte verwüstet. Ich fühle mich in einer gemeinsamen Verantwortung mit Ihnen und sehe mit Schrecken eine Militäroperation, die Vernichtung und Tod breit in  Länder hineinträgt, die nicht unser Feinde sind, insbesondere, wo  die aus diesen Bombardements zu erzielenden  Resultate noch gar nicht als ein entscheidender Faktor nachgewiesen  sind.“[2]

Die alliierten Oberkommandierenden setzten sich aber über diese Bedenken hinweg. Das im Süden der Landungsstrände gelegene St. Lô bekam die Konsequenzen mit aller Wucht zu spüren. St. Lô galt den Alliierten als „Schlüsselstadt der deutschen Armee“, deren Zerstörung sie deshalb für erforderlich hielten – auch wenn der militärische Nutzen gering war: In der Stadt befanden sich während des Bombenangriffs offenbar keine deutschen Truppen, und es waren nicht die Ruinen der Stadt, die die Heranführung deutscher Truppenverbände be- bzw. verhinderten, sondern deren gezielte Bombardierung.  Wie auch immer:  In der Nacht vom 6. auf den 7. Juni –also gleichzeitig mit der Landungsaktion- wurde die Stadt in zwei Angriffswellen  amerikanischer und britischer Bomber fast völlig zerstört.  Bodentruppen griffen die Stadt  Ende Juni an, deren Eroberung und Befreiung erst am 24. Juli abgeschlossen  war. Die Stadt galt danach als „capitale des ruines“, wie der damalige Staatspräsident Vincent Auriol St. Lô bei einem Besuch 1948 nannte.[3]  Übernommen hat er diesen Begriff allerdings von Samuel Becket. Becket verbrachte zwischen August 1945 und Januar 1946 als freiwilliger Helfer des Irischen Roten Kreuzes sechs Monate in St. Lô. Im Juni schickte er  an den Irischen Rundfunk  einen  Text mit der  Überschrift  „The capital of ruins“, wo er den  Zustand der „in einer Nacht von der Landkarte gestrichenen“ Stadt beschreibt, aber auch die Hoffnung auf ihren Wiederaufbau – übrigens, wie er mitteilt- auch mit Hilfe des Einsatzes deutscher Kriegsgefangener.[4] Dass zunächst übrigens ein Wiederaufbau der Stadt durchaus umstritten war, ist verständlich angesichts ihres Zustandes nach den Bombenangriffen, der von einem amerikanischen Beobachter sehr anschaulich so beschrieben wurde:

The city looked as though ist had been pulled up by its roots, put through a giant mixmaster then dumped back out again.“ (cit. bei Mary Louise Roberts: What Soldiers do. Chicago/London. o.J., S. 25)

In der von mir konsultierten Literatur gibt es unterschiedliche Angaben zu den Opferzahlen (zwischen 450 und 1500). Das kann und will ich auch gar nicht beurteilen. Interessant für mich ist die Art und fund  wie es heute  beschrieben wird,  – es war ja immerhin sogenanntes friendly fire, durch das  viele Bewohner von St. Lô umkamen.

In dem Bericht eines Zeitzeugen, den ich im Internet gefunden habe, wird die damalige Reaktion auf die ersten gezielten Angriffe auf den Bahnhof so beschrieben:

Appuyés sur la rambarde de la fenêtre nous sommes au spectacle. Nous voyons ces chasseurs-bombardiers fondre sur la gare, se redresser au dernier moment, monter en chandelle, faire un grand tour et revenir sur l’objectif. Comme au cinéma. Pour un peu nous aurions applaudi nos amis pour leur courage, leur sang-froid, et sifflé les Allemands si maladroits ! Ces aviateurs amis nous confortent dans l’idée que les Alliés ne bombardent pas à l’aveuglette les objectifs où des civils courent des risques. Ce rodéo nous [conforte] dans l’idée que les journaux et la radio mentent en présentant les aviateurs alliés comme ne se souciant pas des civils, lors des opérations du genre. Décidément, « Radio-Paris ment, Radio-Paris est allemand » Ce sentiment de totale  sécurité, de confiance absolue, faillit nous coûter la vie 48 heures plus tard.[5]

Es gab also offenbar bei der Bevölkerung ein Gefühl „totaler Sicherheit“, es war unvorstellbar, dass diese „befreundeten Flieger… blindlings Ziele bombardieren würden, die die Zivilbevölkerung gefährden könnten.“ Dieses „absolute Vertrauen“ habe „uns“ 48 Stunden später das Leben gekostet.

Allerdings sollte die Bevölkerung der Stadt offensichtlich vorher gewarnt werden. Aber, wie es bei Wikipedia heißt: Der Flugblattabwurf durch Lufteinheiten zur Warnung der Bevölkerung gelang nicht. In der französischen Darstellung von Wikipedia heißt es etwas präziser: Des tracts d’avertissement largués la veille furent dispersés par le vent sur les communes voisines.[6]  Es gab offenbar auch eine Warnmeldung des BBC, die aber nicht empfangen  werden konnte, weil die deutschen Truppen alle Radiosender konfiskiert hatte.[7] Erstaunlich aber, dass es anscheinend keine Verbindung zur Résistance gab, die gerade in dieser Gegend durchaus aktiv gewesen ist.[8]

In der Nacht des Débarquement wird die Stadt und werden  ihre Bewohner also völlig unerwartet erneut und massiv bombardiert. Der Angriff habe sich –so noch einmal Wikipedia- auf den  Bahnhof und das Elektrizitätswerk konzentriert. „De la prison, plus de 200 prisonniers dont 76 patriotes périrent enfermés (de nos jours, seule subsiste la porte de l’édifice). On compte plus d’un millier de morts.“ [9] Diese Darstellung ist etwas widersprüchlich: Auf der einen Seite wird mitgeteilt, der Angriff habe sich auf den  Bahnhof und das Elektrizitätswerk  konzentriert- dazu passt allerdings nicht, dass auch das davon weit entfernte Gefängnis getroffen wurde und es passen dazu auch nicht die hier angegebenen hohen Opferzahlen. Der Widerspruch ist wohl so zu erklären, dass es zwei Angriffswellen gab[10]; zunächst eine amerikanische, die auf strategische Ziele konzentriert war, und danach eine britische, die dann der Stadt insgesamt galt – eine Form militärischer Kooperation, die es auch bei der Bombardierung deutscher Städte gab.

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Denkmal für durch die Bombardements im Gefängnis ums Leben gekommenen Widerstandskämpfer

Auf der offiziellen Website der Stadt St. Lô werden die  damaligen Ereignisse so  dargestellt:

„A l’aube du 6 juin, les Alliés débarquent. Vers 20 heures, la ville est bombardée. La nuit du 6 au 7 juin sera « la nuit du feu ».   …
Le 18 juillet, à 18 heures, la Task Force C de la 29e division U.S. entre dans Saint-Lô.  …  La ville restera sous le feu de l’artillerie ennemie jusqu’au 24, laissant près de 500 victimes et une cité détruite à 95%.“[11]

Ich finde diese Darstellung sehr bemerkenswert:  Da wird mitgeteilt, dass die Stadt am 6. Juni bombardiert wird. Das erinnert mich an meine Zeit als Deutschlehrer, als ich im Mittelstufenunterricht das Passiv unter dem Stichwort „Täterverschweigung“ behandelt habe, ein  spannender Gegenstand für einen fächerübergreifenden Unterricht. Beispiele dafür lieferten jedenfalls  Darstellungen zur deutschen Geschichte leider reichlich: Da wurden Bücher verbrannt, da wurden  jüdische Geschäfte boykottiert und zertrümmert, Juden in Deutschland und im besetzten Europa wurden erfasst, wurden in die Todeslager transportiert und dort umgebracht, da wurden die Männer des 20. Juli zum Tode verurteilt usw….  Und keine Täter weit und breit…

In St. Lô wird also die Stadt –ebenfalls „täterlos“- bombardiert. Mag sein, dass vielen Besuchern der Website klar ist, wer da bombardiert hat. Ich erinnere mich allerdings noch an frühere  Zeiten, als ich in alten Reiseführern von sozusagen anonymen Bombardements normannischer Städte  im Sommer 1944  gelesen habe und selbstverständlich davon ausgegangen bin, dass das die deutsche Luftwaffe gewesen sein müsse.[12] Gewundert habe ich mich damals allerdings etwas darüber,  wozu die Luftwaffe 1944 angesichts der totalen alliierten Lufthoheit angeblich noch in der Lage gewesen ist….

Aber noch einmal zurück zur Website der Stadt  St. Lô: Ganz „täterlos“  geht es dort dann  doch nicht zu: Denn man erfährt, dass die Stadt, nachdem sie am 18. Juli  von amerikanischen Truppen erobert worden war, bis zum 24. Juli „unter dem Feuer der feindlichen Artillerie“ lag, „die  fast 500 Opfer und eine zu 95% zerstörte Stadt zurückließ.“  Sehe ich das falsch, dass hier bewusst oder zumindest fahrlässig eine falsche Fährte gelegt und nahe gelegt wird, dass die deutsche Artillerie St. Lô in Schutt und Asche gelegt hat?

Bei unserem Besuch in St. Lô im April 2016 hat uns auch interessiert, wie die Stadt  heute an die zivilen Opfer der Bombardements erinnert. Die Erinnerung an die zivilen Opfer der alliierten Bombardements ist ein heikler Gegenstand. In einem Bericht von Paris Match über die „villes martyres“  (13.-18. August 2015) heißt es dazu: „C’est l’autre face de la victoire, celle qu’on ensevelit… sous le silence.“  Die Bewohner des völlig zerstörten Le  Havre würden heute noch auf eine Gedenkstätte für die Opfer der Bombardements warten.[13] Zu St. Lô hatte ich allerdings gelesen, dass es irgendwo ein entsprechendes Denkmal geben musste. Wir stellten unser Auto am Marktplatz ab, an dem sich auch die erhaltene Eingangstür des ehemaligen Gefängnisses befindet mit dem Denkmal für die Widerstandskämpfer. Dort waren gerade zwei städtische Angestellte beschäftigt, die wir fragten. Sie konnten uns allerdings keine Auskunft geben und verwiesen und auf das Touristenbüro. Auf dem Weg dorthin besuchten wir die im Krieg ebenfalls zerstörte Kirche St Paul, in der eine sehr eindrucksvolle lange Liste der zivilen Opfer St. Lôs „in der Schlacht der Normandie vom 1. April bis 30. September 1944“ ausgestellt ist, von der hier nur ein kleiner Teil wiedergegeben ist.

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In einem benachbarten Café und Tabac fragten wir nach einem Stadtplan und nach dem Ort des Denkmals. Auch hier große Ratlosigkeit, aber auch große Hilfsbereitschaft: Der Besitzer verwies uns zunächst auf das Résistants- Denkmal auf dem Marktplatz und war dann sichtlich betroffen, dass er keine richtige Auskunft geben konnte.  Er holte  ein dickes Buch über die Geschichte St. Lôs herbei und suchte darin –vergeblich- nach Informationen zu dem Denkmal. Auch eine Kollegin wusste keinen Rat. Auf dem Stadtplan, den er uns gab, fand ich schließlich die Markierung eines –nicht näher bezeichneten- Monuments: Wir machten uns auf den Weg und hatten auch wirklich Glück: Am Rand des Felsens, auf dem die Altstadt von St. Lô liegt, ist in einiger Höhe das Denkmal angebracht „zur Erinnerung an die Opfer des Bombardements, das die Stadt St. Lô am 6. Juni 1944 zerstörte.“ Hier wird also –anders als in der Kirche- ganz konkret an die Opfer der nuit de feu erinnert.

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Und gleich nebenan befindet sich der Eingang zu den –„von den Besatzungstruppen zwischen 1943 und 1944 gegrabenen“ unterirdischen  Stollen, in denen nach Angaben der Erinnerungsplakette am 6. Juni 1944 mehrere hundert Personen Zuflucht fanden – wäre die Bevölkerung gewarnt worden, hätten es sicherlich noch viel mehr sein können….

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Und es gibt schließlich gleich daneben eine Informationstafel über die Kriegszeit St.  Lôs mit Informationen über die Zerstörung und den Wiederaufbau der Stadt, über den französischen Widerstand, die alliierten Befreier, aber auch –exemplarisch- über einen deutschen  Soldaten, der in einem Bild mit Frau und Kind abgebildet ist und der in einem Brief an seine Frau vom 22. Juni bedauert, dass er nicht am Geburtstag seines kleinen Sohnes Fred zu Hause sein  kann. „Vielleicht das nächste Mal“. Das nächste Mal gab es aber nicht. Bei den Kämpfen  um St. Lô wurde er getötet und ist seitdem vermisst. Auf unserer Erkundung der Spuren der Vergangenheit in der Normandie war dieser Blick auf die „andere Seite“ eher außergewöhnlich und hat uns sehr berührt.

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  1. Die Rolle der französischen groupes lourds

Ich habe nicht herausbekommen, welche britischen Bomberverbände St. Lô bombardiert haben. Ich kann deshalb auch nicht ausschließen, dass es nicht nur die Bomben der Amerikaner und Briten waren, sondern auch die  eigener Landsleute, die an der Zerstörung der Stadt beteiligt waren.  Und damit komme ich zu einem weiteren höchst sensiblen Thema, nämlich der Rolle der französischen groupes lourds, die im Rahmen des bomber comand eingesetzt wurden. Auch dieses Thema geht mir aus persönlichen Gründen sehr nahe, weil wir in unserem Pariser Bekanntenkreis zwei liebe Menschen haben, deren  Väter bei den groupes lourds engagiert waren. Die Besatzungen dieser Halifax-Bomber haben in einer eigenen Einheit, aber im Rahmen des Bomber Command der RAF, ihren Beitrag zum Kampf gegen das faschistische Deutschland geleistet. Dass dazu vor allem „destruction de l’Allemagne nazie“ gehörte, versteht sich von selbst. In der Selbstdarstellung der Veteranen und Angehörigen der groupes lourds wird das dann weiter erläutert: Zerstörung „de ses ports, de ses voix ferrées, des ses usines. Ils avaient réduit le potentiel industriel de l’ennemi.“ Dass ganz unbestreitbar zu den Einsätzen der groupes lourds -zumindest: auch- Flächenbombardements deutscher Städte gehörten, ist hier allerdings ausgeblendet.

In Jules Roys autobiographisch gefärbtem Erfolgsroman „La vallée heureuse“, „das glückliche Tal“ von 1946 ist das noch anders. Roy hatte sich 1942 nach der Landung der Alliierten in Nordafrika vom überzeugten Anhänger Pétains zum Anhänger des Freien Frankreichs gewandelt und wurde Flugzeugkommandant der groupes lourds.  Mit dem „glücklichen Tal“ ist im zynischen Jargon der Bomberbesatzungen das Ruhrgebiet gemeint, an dessen Bombardierung Roy sehr intensiv und offenbar mit einiger Genugtuung teilgenommen hat. In einem Selbstgespräch während eines Rückflugs von einem Einsatz über den Städten des Ruhrgebiets denkt er an die Menschen, die zu töten sein Ziel ist:

diese Menschen sind die Feinde der Menschheit, und wenn es Gerechte unter ihnen gibt, kann ich auch nichts machen. Mich ermüdet nicht die Schlächterei, denn die Schlächterei hat für uns den Anblick eines himmlischen Sternenfests; aber was mich ermüdet, ist die Mühe, sie abzuschlachten. Im Grunde meines Herzens schreie vor Freude über den Brand, der ihre Städte in Asche verwandelt und ihre Gebeine in Staub, aber das ist mein gutes Recht, denn ich könnte ja zu ihnen ins Feuer herunterstürzen…“[14]

Aber die groupes lourds haben auch Einsätze im Rahmen des Débarquement  geflogen. Daran erinnert ein Denkmal in Grandcamp an der normannischen Küste.

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Dass dieses Denkmal gerade dort steht, ist damit zu erklären, dass, wie auf dem  Denkmal in goldenen Lettern eingraviert ist, die groupes lourds am 6. Juni hier eingesetzt waren: Der Einsatz galt einem größeren deutschen Bunkerkomplex in Grandcamp-Maisy. Die Bedeutung dieser Anlage scheint sehr umstritten zu sein[15] – einerseits wird von dem heutigen Besitzer der Anlage, einem englischen Militaria-Fan, ihre eminente strategische Bedeutung herausgestellt, was natürlich auch die Bedeutung des Einsatzes der groupes lourds unterstreicht, andererseits wird die Rolle aber auch eher relativiert, z.B mit Hinweis darauf, dass die dortigen Geschütze – französische Exemplare aus dem Ersten Weltkrieg- durchaus nicht so effizient waren. Umstritten ist auch die Wirksamkeit des Bombardements durch die groupes lourds– zumal die Anlage das Bombardement weitgehend unbeschadet überstanden hat. Tatsache ist allerdings, dass bei dem  Einsatz zahlreiche Bewohner von Grandcamp-Maisy ums Leben kamen, woran eine Gedenktafel in der Stadt erinnert.

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Wenn ich diese Gedenktafel betrachte, stellen sich mir zwei Fragen:

  • Hier ist ganz allgemein von den „Bewohnern von Maisy“ die Rede. Warum werden nicht –wie auf den Gedenktafeln für die Gefallenen beider Weltkriege üblich- auch deren  Namen aufgeführt? (Wie ich nach unserem Besuch von Kennern des Ortes erfuhr, gibt es eine Namenstafel der zivilen Opfer in der Kirche – also so wie auch in St. Lô, was in einem laizistischen Staat wie Frankreich allerdings keine gleichwertige Alternative ist).
  • Und warum wurde diese Gedenktafel für die zivilen Opfer der Stadt erst im Jahr 2004 angebracht? Die Denkmäler für die militärischen Opfer der Kriege wurden schließlich umgehend errichtet. Und das repräsentative Denkmal am Hafen von Grandcamp für die groupes lourds wurde immerhin schon im Juni 1988 eingeweiht.

Vielleicht erklären diese offenbar erst zögerlich erinnerten zivilen Opfer, warum die französischen Bomberbesatzungen in der Royal Air Force –trotz ihres auf dem  Denkmal hervorgehobenen  hohen Blutzolls (un sur deux perirent) nach Auffassung von Angehörigen nicht die Anerkennung erhalten, die ihnen gebührte. Hauptsächlich verantwortlich ist aber für diese offensichtlich vergleichsweise geringe Wertschätzung, dass diese in Nordafrika stationierten Soldaten erst ab 1942 nach England gelangt sind – also lange nach de Gaulles berühmtem Aufruf zum Widerstand vom 18. Juni 1940.  Ab 1943 wurden sie sogar ganz „offiziell“ von Engländern und Amerikanern rekrutiert, um am Kampf  gegen Nazi-Deutschland teilzunehmen. Für die Vichy-Regierung galten sie deshalb als Deserteure, für De Gaulle als „planqués“, als Drückeberger also und nicht als wirkliche Français libre“,  weil sie zu spät zum Freien Frankreich in London gekommen seien. Die „Résistants de la dernière heure“ in Frankreich, die ihr Herz für den Widerstand erst kurz vor dem  Ende des Nazi-Regimes entdeckten, hatten es da leichter….

Einmal im Jahr treffen sich in Grandcamp Veteranen und ihre Angehörigen und es findet am Denkmal eine würdige Feier mit militärischen Ehren statt. Und in der örtlichen Presse wird berichtet, dass sich zwölf französische Einheiten der groupes lourds der Royal Air Force besonders im Juni 1944 ausgezeichnet hätten bei der Bombardierung der Batterien von Maisy.

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© http://halifax346et347.canalblog.com/tag/M%C3%A9morial%20Grandcamp

Ich stelle mir vor, dass sich diese französischen Soldaten in ihren Halifax-Bombern in einem schweren Konflikt befunden haben: Einerseits wollten sie sicherlich an der Befreiung ihrer Heimat von der Nazi-Besatzung teilnehmen. Andererseits musste ihnen  auch klar sein, dass sie –anders als bei einem  gezielten Jagdbomber-Einsatz-  erhebliche „Collateral-Schäden“ verursachen könnten, konkret: den Tod von Landsleuten, die sie doch eigentlich befreien wollten.  Krieg ist aber kaum vorstellbar, ohne dass Soldaten aller Seiten moralischen Dilemmata unterschiedlichster Art ausgesetzt sind.[16]

 

  1. Die Kinder von Mont-de-Huisnes

 Der deutsche Soldatenfriedhof von Mont-de-Huisnes  liegt, anders als der von La Cambe,  ruhig auf einem Hügel- mit wunderbarem Blick auf den Mont St. Michel.

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Es ist eine Gruftanlage für 11 956 Gefallene und Tote des Zweiten Weltkriegs.  Zwanzig dieser Toten sind  „in der Internierung verstorbene Kinder“ – das kann man der Grabplatte in der Eingangshalle entnehmen.

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Es sind Säuglinge und kleine Kinder, die zwischen 1943 und 1945 geboren wurden und offenbar nach der Befreiung Frankreichs –wo und warum auch immer- in ein Internierungslager gesteckt wurden und dort –wie auch immer- zu Tode kamen. Gerne hätte  ich da mehr gewusst und erfahren, aber ein französischer Reiseführer,  den wir in Huisnes trafen, konnte (oder wollte) uns dazu nichts sagen. Im Internet habe ich einen Artikel über ein Veteranentreffen in Huisnes 2014 gefunden, das –dem Motto des Volksbundes der Kriegsgräberfürsorge folgend- der Versöhnung zwischen den Völkern und vor allem der Befestigung der deutsch-französischen Freundschaft diente. [17]  Dort findet man einige nähere Informationen:

Des hommes de guerre, mais pas seulement. Ici reposent aussi des femmes, des adolescents, des enfants, morts des suites de mauvais traitements dans les camps d’internement des lendemains libérateurs. Edmund Baton est de ceux-là. Originaire de la Sarre, il est, à 14 ans, mort de faim dans le camp de Poitiers. C’était un certain 14 juillet 1945…

Zu ihm gibt es eine nähere Information im Informationsblatt des Volksbunds:

Mont-de-Huisnes: Une victime parmi 11 956 En février 1945, Edmund Baton, originaire de Lauterbach (Sarre) fut évacué, à l’approche de la ligne de front, à Bad-Reichenhall avec d’autres élèves de son lycée. A l’insu de sa famille, il repartit chez lui en compagnie d’un camarade de classe. Ils arrivèrent à Ludwigsburg, près de Stuttgart où ils durent se cacher pendant huit jours, à cause des violents combats qui y avaient lieu. Edmund réussit à persuader des soldats américains de les emmener à Strasbourg, de l’autre côté du Rhin. Là, ils voulurent prendre le train pour rentrer chez eux mais ils furent arrêtés sur le chemin qui les menait à la gare (probablement par des Français ou la police militaire américaine). Ils furent conduits à Poitiers après avoir traversé toute la France. C’est dans le camp d’internement de Poitiers que Edmund Baton, alors âgé d’à peine 14 ans, mourut de faim le 14 juillet 1945. Sa tombe se trouve dans la crypte 59, au caveau 90.[18]

Und die kleinen Kinder und Säuglinge: Waren es vielleicht die Kinder deutscher Soldaten und französischer Frauen, also gewissermaßen Zeugnisse sogenannter nationaler Schande, nationalen Verrats?

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Für die Vermutung, dass es sich um Kinder deutscher Soldaten und französischer Frauen handelte, spricht, dass viele dieser in der Internierung zu Tode gekommenen Kinder französische Vornamen haben.

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Dass es französische Frauen gab, die Beziehungen zu deutschen Soldaten hatten, ist ja bekannt: Es gibt genug Bilder, wie sie kahlgeschoren durch die Straßen getrieben und an den Pranger gestellt wurden. Und da wird es auch Kinder aus diesen Beziehungen gegeben haben, zumal die  Soldaten des Atlantikwalls in ihrer dienstfreien Zeit bei Bauern der Umgebung einquartiert waren. Die stark voneinander abweichenden Schätzungen gehen von immerhin zwischen 100 und 200 000 solcher so genannter «têtes de boches» oder «bâtards» aus, die während der deutschen Besatzung gezeugt wurden. Sowohl die Nazis wie auch Vichy oder die Provisorische Regierung des befreite  Frankreichs hatten –aus unterschiedlichen Gründen- ihre Probleme mit diesen Kindern. Unter der Vichy-Regierung wurde beispielsweise die Institution eines „accouchement soux X“ geschaffen, also eine „anonyme Geburt“ ohne Angabe des Vaters, und die Kinder, die als Franzosen galten, konnten dann öffentlichen oder privaten Einrichtungen übergeben werden. [19]

Aber was war mit den in Husines, also auf einem deutschen Soldatenfriedhof, bestatteten Kindern? Sie haben ja alle deutsche Nachnamen, galten  also offenbar nicht als Franzosen.

Welche tragischen Geschichten verbergen sich hinter diesen Namen? Evelyne Diesser zum Beispiel, die im Sommer 1945 geboren wurde und im Alter von nur 5 Wochen gestorben ist?

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Warum hat man diesen Säugling in ein  Internierungslager gebracht? Wo war ihr Vater? Wer war ihre Mutter? Welches „mauvais traitement“  hat zum Tod dieses Mädchens geführt? War es krank und man hat ihm die ärztliche Versorgung verweigert?  Oder hat man es –wie Edmund Baton- verhungern  lassen? Und wer verbirgt sich hinter dem vielfachen „man“?  Unbekannte, unerzählte Geschichten…

(Mai 2016)

PS: Inzwischen  habe ich eine Auskunft vom Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge erhalten: Es handelt sich um elsässische Kinder, die mit ihren der Kollaboration beschuldigten Müttern interniert worden waren.

 

Anmerkungen

(0) Wortlaut der Rede Hollandes:  http://www.normandie-heritage.com/spip.php?article982

s. Jean-Marc Bastière, Quand les alliés ciblaient la Normandie. In: Le Figaro, 9.3.2017. Buchbesprechung von: Jean-Charles Foucrier: La Stratégie de la Destruction. Vendémiaire 2017

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Luftangriff_auf_Darmstadt

http://www.echo-online.de/lokales/darmstadt-historisch/brandnacht/augenzeugenbericht-das-grauen-starrte-aus-den-fensterloechern_15511307.htm

Klaus Schmidt, Die Brandnacht. Dokumente von der Zerstörung Darmstadt am 11. September 1944. Darmstadt 1964

Bericht von einer Gedenkfeier 1964 mit Fotos vom zerstörten Darmstadt: https://www.youtube.com/watch?v=T-L3E7IPk7E

[2] Zitiert in: Jörg Friedrich: Der Brand. Bombenkrieg in Deutschland 1940 -1945. München 2002

[3]  „La ville a subit dans la nuit du 6 au 7 juin 1944 un bombardement tellement massif ques es habitants ont pu se considérer comme citoyens de la capitale des ruins.“  (V. Auriol)

[4] http://beaucoudray.free.fr/samuebeckett.htm (franz. Übersetzung von The Capital of the Ruins) https://en.wikipedia.org/wiki/The_Capital_of_the_Ruins

[5] http://www.memoires-de-guerre.fr/?q=fr/archive/saint-l%C3%B4-sous-les-bombes/3903

[6] https://fr.wikipedia.org/wiki/Bataille_de_Saint-L%C3%B4

[7] http://www.patrimoine-normand.com/index-fiche-42255.html

[8] Zu den  Aktivitäten der lokalen Résistance: http://www.webring.org/l/rd?ring=ww2;id=167;url=http%3A%2F%2Fbeaucoudray%2Efree%2Efr%2F

[9] https://fr.wikipedia.org/wiki/Bataille_de_Saint-L%C3%B4

[10] http://www.liberation.fr/grand-angle/2004/07/23/saint-lo-immole_487264

[11] http://www.saint-lo.fr/Decouvrir-Saint-Lo/Histoire-et-patrimoine/Histoire/La-seconde-guerre-mondiale

[12] Z.B. Michelin Reiseführer Normandie von 1975 zur Zerstörung von Le Havre: „ La bataille de Normandie était terminée, Paris déjà libéré, mais le Havre, toujours occupé, fut voué à l’écrasement totale“.   Von wem? Warum?  Übrigens hatten die Alliierten, als Le Havre zerstört wurde, schon die Mosel erreicht. Die amerikanische Wissenschaftlerin Mariy Louise Roberts schreibt zu Le Havre: „In Le Havre, French officials angrily pointed out that some three thousand civilians had been  killed while fewer than ten  German bodies had been found.“ (What Soldiers du. The University of Chicago Press, S.24)

Militärisch zweifelhafte Bombardements gab es auch an anderer Stelle. Von einer französischen  Bekannten erhielt ich ein Büchlein über „Bombardement et Libération de la Poche de Royan“ (Marie-Anne Bouchet-Roy/Société des Amis du Musée des Royan, 2015. Darin wird u.a. das Bombardement der Stadt durch die RAF vom 5. 1. 1945 beschrieben, das die Stadt weitgehend zerstörte und etwa 500 zivile Opfer verursachte. „L’ennemi ne compte que  35 victime et aucun ouvrage militaire allemand n’a été touché.“ (S. 38). Während die deutschen Truppen -wie in La Rochelle- zur Kapitulation bereit sind, wird die Stadt am 15. April noch einmal mit 1350 Flugzeugen angegriffen -u.a. mit Napalm-Bomben- und total zerstört. Eine Übergabe der Stadt wird von den französischen Truppen abgelehnt: „il serait bien difficile de priver d’un combat ardemment désiré et d’une victoire certaine, l’armée du Sud-Ouest qui piaffe, l’arme  au  pied depuis des mois„. (cit. S. 62)

[13] Am 8. Mai 2016 wurde übrigens in der 1944 stark umkämpften normannischen Stadt Falaise ein Museum für die zivilen Kriegsopfer eingeweiht: ein einzigartiges Novum.

http://www.falaise-tourisme.com/patrimoine-culturel/nouveaute-2016-le-memorial-des-civils-pendant-la-guerre/

[14]Zit. In: http://www.zeit.de/1949/13/mittel-oder-zweck

[15] http://www.dday-overlord.com/batterie-de-maisy-debat

[16] Nach meinen Informationen gibt es übrigens noch keine wissenschaftliche Literatur zu den groupes lourds.

[17] http://www.ouest-france.fr/normandie/huisnes-et-la-chapelle-enjuger-amitie-franco-allemande-renforcee-2537617

[18]http://www.volksbund.de/fileadmin/redaktion/BereichInfo/BereichInformationsmaterial/KGS/Themenhefte/Normandie_F_2013.pdf

[19] Fabrice Virgili, Naître ennemi. Les enfants de couples franco-allemands nés pendant la seconde guerre mondiale, Paris, Payot, 2009, 376 p., ISBN : 978-2-228-90399-8

Jean-Paul Picaper et Ludwig Norz: Les enfants maudits, 2004. Deutsch:  Die Kinder der Schande. 2005

http://leplus.nouvelobs.com/contribution/214055-mon-grand-pere-etait-un-soldat-allemand-et-ma-mere-une-enfant-de-la-honte.html

http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2009/11/30/01016-20091130ARTFIG00413-200000-enfants-de-soldats-allemands-seraient-nes-en-france-.php

Normandie (Teil 1): Die allgegenwärtige Vergangenheit

Der nachfolgende Text ist ein ganz spezieller Reisebericht. Es geht –im ersten Teil- um die allgegenwärtige Vergangenheit des 6. Juni 1944, also des Débarquement bzw. des  D-day, und der darauf folgenden Kämpfe zur Befreiung Frankreichs von der nationalsozialistischen Besatzung. Auf Spuren dieser Vergangenheit stößt man  auf Schritt und Tritt, ja man wird, teilweise  geradezu aufdringlich, darauf hingewiesen, gehören  sie doch, eher mehr noch als der Teppich von Bayeux, sozusagen zur touristischen Grundausstattung der Region.

In zwei nachfolgenden Teilen soll dann auf Schattenseiten dieser Vergangenheit eingegangen werden, die es auch gibt, die sich aber weniger für ein touristisches Marketing eignen:  Die Erinnerung an die  zivilen Opfer, vor  allem der Bombardements vor, während und nach dem  Débarquement (Teil 2) und schließlich:  Der „Atlantikwall“ als steinernes Zeugnis der Collaboration und  die Rolle der alliierten Truppen, die nicht durchweg dem gerne gepflegten Bild der heroischen und selbstlosen Befreier entsprach (Teil 3).  

Seit wir uns in Paris niedergelassen haben, verbringen wir öfters einige Tage im Jahr in der Normandie: Da wohnen wir im Maison de campagne unserer Freunde Marc und Marie-Hélène: ein altes  Bauernhaus, deren frühere Besitzer offenbar Cidre hergestellt haben: Eine Tür in der Scheune hat eine bauchige Form, damit die Fässer gut hindurch passten. Die Lage ist wunderbar:  gleich daneben die romanische Kirche mit einem alten Friedhof, wo wir abends manchmal hingehen, um die letzten Sonnenstrahlen zu genießen und den Blick auf die weiten Felder und auf den Turm der Klosterkirche von Cérisy. Die Ruhe ist –wenn man  von Paris kommt- besonders eindrucksvoll – was man hört sind das Zwitschern  der Vögel, das Muhen der Kühe und morgens und abends die Kirchenglocken. Im Frühjahr freuen wir uns über die Primeln und Orchideen am Wegesrand, dann über die blühenden  Apfelbäume, im Sommer und Herbst über das nahe gelegene Meer und lange Strandspaziergänge. Überall in der Umgebung gibt es Wochenmärkte, in denen die Bauern ihre Produkte anbieten, Fischhallen, in denen man frisch angelandeten  Fisch kaufen kann, Cidre- Bauern, die auch naturreinen Apfelsaft und Calvados verkaufen. Natürlich scheint  nicht immer die Sonne, worüber sich Bewohner aus anderen Regionen Frankreichs gerne mokieren, aber in „unserem“ Bauernhaus gibt es einen riesigen offenen Kamin, um den  herum man sich es abends gemütlich machen kann. Insgesamt: Idylle pur.

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Aber es gibt dahinter auch die  überall präsente Vergangenheit, und das gilt selbst in der beschriebenen Idylle: Der Wetterhahn auf dem Kirchturm der alten Kirche ist von Kugeln durchsiebt. Und es gibt überall in der Landschaft und in den Ortschaften des Bessin Denkmäler die daran erinnern, was dort 1944 geschah. Besonders eindrucksvoll in Trevières, der ersten befreiten Stadt der Normandie: Im ehemaligen und nicht wiederaufgebauten  Zentrum des Städtchens steht eine bronzene Marianne zu Ehren der Gefallenen des Ersten Weltkrieges, deren Gesicht 1944 durch eine Granate abgerissen wurde.

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Vor allem aber gibt es  –hier wie an vielen anderen Stränden Frankreichs-  die vielen Bunker und ehemaligen Geschützstellungen des sogenannten Atlantikwalls, manchmal  noch halb versteckt im Boden vergraben, manchmal mit brutaler Präsenz an markanten Positionen sich präsentierend, manchmal als zersprengte Ruinen über die Strände verstreut.

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Omaha Beach

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Bei unseren Normandie-Ausflügen ist diese Vergangenheit aber in besonderem Maße allgegenwärtig, befinden wir uns doch im Bereich der „Landungsstrände“, der 5 normannischen Strände also, an denen am 6. Juni 1944, dem sogenannten D-Day,  alliierte Truppen landeten. Und der uns am nächsten liegende – und wie wir finden: schönste- Strand ist der Omaha-Beach, auch bloody Omaha genannt, an dem das Débarquement die meisten Opfer unter den Landungstruppen forderte.

Da gibt es denn eine ganze Reihe von Museen, zum Beispiel das  repräsentative Overlord-Museum in Colleville (Overlord ist der Deckname für das Landungsunternehmen) mit seinen herausgeputzten Erinnerungsstücken, aber auch –wie in Vierville auf der anderen Seite von Omaha-Beach-  kleinere Ausstellungen mit verrostetem Landungsschrott am Straßenrand.

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Und es gibt am Omaha-Beach überall, manchmal protzig und unübersehbar, manchmal bescheiden, Denkmäler für einzelne Einheiten der amerikanischen Landungstruppen, die an deren jeweiligen Beitrag zur Landung erinnern und an die dabei erbrachten Opfer.

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Und schließlich befindet sich am Strand das künstlerisch gestaltete zentrale Denkmal, an dem sich 2014 zum 70. Jahrestag der Landung Repräsentanten der damals beteiligten Staaten versammelten, Obama, Putin, Hollande, Merkel, Elisabeth II. – eine Gelegenheit über aktuelle Krisen zu sprechen und auch Gelegenheit für ein erstes Gespräch zwischen  Putin und dem ukrainischen  Präsidenten Poroschenko. Da hat die Geschichte immerhin einmal –im Ansatz- zu den daraus zu ziehenden Konsequenzen Anlass gegeben.

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Ganz nahe dabei und ganz  unscheinbar ist an der Mauer der Uferpromenade eine Tafel angebracht, die an die Operation „Aquatint“ erinnert,  ein englisches Kommandounternehmen vom September 1942, das aber scheiterte und mit dem Tod oder der Gefangenschaft des gesamten Kommandos endete- darunter auch einem Polen, einem Holländer und einem Sudetendeutschen…

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Manchmal wird man übrigens auch noch auf andere Weise an die blutige Vergangenheit dieser Strände erinnert: Vor einigen Jahren verspürte ich beim Schwimmen am Omaha-Beach plötzlich einen heftigen Schmerz im Bein. Ich hatte es mir an einem der noch im Sand steckenden rostigen  Überreste der Landung aufgerissen, die nur bei Ebbe sichtbar sind. Und obwohl noch bis in die 1950-er Jahre hinein die Aufräumarbeiten am Strand andauerten, gibt es noch genug solcher Erinnerungsstücke im Meer: Reste von Landungsbooten, von „Rommel-Spargeln“ und des auch an  diesem Strand eingerichteten künstlichen Hafens Mulberry A,  der aber zwischen dem 19. und dem 21. Juni 1944 in einem Sturm zerstört wurde. Wenn man bedenkt, dass er allein 15 km stählerne, auf dem  Meer schwimmende Straßen umfasste, kann man sich vorstellen, wie viel Schrott -150.000 Tonnen-  dabei entstand….

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Omaha Beach Rommel Spargel DSCN2772

Die Landungsstrände sind schon seit langem –und immer noch- ein touristischer Anziehungspunkt ersten Ranges, auch oder vor allem für amerikanische, britische oder kanadische Touristen. Früher waren das oft noch Veteranen, jetzt sind es eher Verwandte auf den Spuren ihrer Vorfahren. Für sie gibt es eine Fülle von spezialisierten Angeboten. Da gibt es die Albion Voyages, die „personalisierte und exklusive Rundfahrten mit gebildeten Historikern für die Betreuung von Familien und Veteranen“ anbietet,  Around Europe Battlefield Tours, denen wir schon einmal im belgischen Ypern begegnet sind, laden zu einer 8-stündigen Privattour an die beiden amerikanischen Landungsstrände ein  (500-800 Euro je nach Teilnehmerzahl), aber es geht auch billiger mit Overlordtour, Churchill Shuttle oder Gold Beach Évasion.  Der besonder Tipp: “Lassen  Sie Geschichte lebendig werden an Bord eines authentischen und mythischen Jeeps aus der damaligen  Zeit.“

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Und Souvenirs gibt es natürlich unzählige und in jeder nur denkbaren Form:

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T-Shirts, Uniformen, Aufkleber, Puzzles, sogar einen deutschen Wehrmachtsteller für 58 Euro und eine deutsche Geschosshülse (vielleicht als Blumenvase verwendbar ?) für 45 Euro. Und damit die Sinne nicht zu kurz kommen: Caramel-Bonbons aus Isigny und den D-day Camembert, von uns auch „Kampfkäse“  genannt, der aber wirklich gut schmeckt und bei unseren Besuchen in der Normandie nie fehlen darf. Die GIs an den Landungsstränden dürften zwar kaum Karamellbonbons gelutscht und normannischen Camembert verzehrt haben, aber offenbar eignet sich der D-day immer noch als marketing-Strategie.

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Lecker ist auch der Normandy- D-day Honig mit der flotten Biene am Maschinengewehr des amerikanischen Panzers:

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Als Schaufensterpuppen dienen schmucke Soldaten, wie hier im Buch- und Presseladen in Trevières:

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Und  es gibt auch  propere, leichtgeschürzte American Pin- up Girls mit Patronengurt…

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Zu den Zielen der D-day-Rundfahrten gehört auch der amerikanische Soldatenfriedhof oberhalb des Omaha Beach. Es ist der zentrale  Soldatenfriedhof für die in der Normandie gefallenen amerikanischen Soldaten, eine grandios gelegene, sehr eindrucksvolle Anlage.

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In dem dazu gehörenden Besucherzentrum werden –wie an anderen alliierten Erinnerungsorten an den Landungsstränden- Geschichten von „competence, courage and sacrifice“ der hier beerdigten  Männer und Frauen und ihrer Kameraden erzählt. Das ist sehr konkret und anschaulich – und geeignete Beispiele gibt es ja auch mehr als genug. Beispielsweise die Erkletterung und Eroberung des 30 Meter über dem Meer auf einer Klippe gelegenen Pointe du Hoc mit seinen strategischen deutschen Artilleriestellungen, der ja auch in dem Film „Der längste Tag“ eine wichtige Rolle spielt. Ein Besuch dort lohnt sich unbedingt: Es ist ein wunderschöner Ort mit Rundumblick, übersät allerdings von den Resten der weitläufigen Befestigungsanlagen und von tiefen, jetzt mit blühenden Primeln und Ginster bewachsenen Kratern,  die –ähnlich wie  in Verdun-  die  Massivität  der Kämpfe anschaulich machen.

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Oder die geniale Idee der Einrichtung künstlicher Häfen, mit denen die deutsche Wehrmachtsführung nicht gerechnet hatte. Die hatte eher mit einem Angriff auf einen der großen Häfen gerechnet, weil ein leistungsfähiger Hafen unabdingbare Voraussetzung für den nachhaltigen Erfolg des Landungsunternehmens war. Aber nach der gescheiterten „Generalprobe“ von Dieppe hatten die Alliierten  erkannt, dass die Eroberung der gut gesicherten Kanalhäfen zu risikoreich war. Stattdessen entwickelten sie das Konzept künstlicher Häfen, das am Omaha Beach zwar scheiterte, sich in Arromanches aber hervorragend bewährte. Sehr lohnend ist eine Klippen- Wanderung von der weiter westlich gelegenen ehemaligen deutschen Geschützstellung von Longues-sur-Mer nach Arromanches, wo man bei Ebbe noch am Strand und in einem  riesigen  Halbrund im Wasser die massiven Reste von Mullberry B sehen kann.

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Dass an solchen  Orten oft auch von heroischen Taten gesprochen  wird, ist verständlich. Umso mehr, als die alliierten Soldaten bei ihrem Einsatz 1944  sicher sein konnten, ihr Leben für eine gute Sache einzusetzen, für die Befreiung Westeuropas und Deutschlands von der deutschen Besatzung bzw. der Hitler-Diktatur – anders als bei  vielen weiteren vorausgegangenen  und nachfolgenden Militäraktionen, wo die Berufung auf hehre Ideale nur Ausdruck ideologischer Verblendung oder Propaganda waren.

Das Gedenken an die zahlreichen deutschen Soldaten, die bei den Kämpfen in der Normandie ihr Leben  gelassen haben, ist da  ungleich schwieriger. Competence, courage und sacrifice ist sicherlich auch ihnen zuzuschreiben, aber wenn die für ein verbrecherisches System und dessen Eroberungskrieg erbracht werden, ist eine Ehrung wie auf alliierter Seite unmöglich. Der Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge, der die drei deutschen Soldatenfriedhöfe in der Normandie betreut, hat aber gewissermaßen aus dieser Not eine Tugend gemacht. Am Beispiel des ganz in unserer Nähe liegenden Friedhofs von La Cambe ist das sehr eindrucksvoll zu erleben: Dort sind 21.300 deutsche Soldaten bestattet –in einer Anlage mit schlichten Steinkreuzen von kleinen in den Rasen eingelassenen Steinplatten mit Namen, Dienstgrad, Geburts- und Todesdaten der hier Bestatteten, so wie auch auf den beiden anderen deutschen Soldatenfriedhöfen.

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Es ist sehr bewegend, durch die Reihen der Grabplatten zu gehen und  sich die Namen und Daten der hier Bestatten anzusehen.

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Da gibt es Kasimir Janiczki, dessen Todesdatum offenbar nicht bekannt ist und von dem, wie sonst immer, kein Dienstgrad angegeben ist: Vermutlich ein Mitglied der sogenannten  „Osttruppen“, Männern aus Osteuropa, die –Rassenlehre hin oder her- gegen Ende des Krieges in der Wehrmacht –und besonders auch am Altlantikwall – Dienst taten. Unterscharführer Fodor Szislawky dürfte wohl auch ein Osteuropäer gewesen sein, allerdings –wie sein Dienstgrad anzeigt- als Mitglied der Waffen-SS – vielleicht in einer der „Fremdenlegionärs“-Einheiten, die die Waffen-SS im Laufe des Krieges aufbaute (wie ja zum Beispiel auch die SS-Division Charlemagne, für die Franzosen zum Kampf gegen den Bolschewismus angeworben wurden). Und da ist auch noch das Grab des Fliegers Hans Martin, der mit noch nicht einmal 18 Jahren in den Tod geschickt wurde- aber vielleicht  hat er sich freiwillig an die Front gemeldet, weil er an den „Führer“ und den „Endsieg“ glaubte. Der Grenadier Fritz Preusser, dessen sterbliche Überreste im Ossuarium von Huisnes-sur-mer liegen, könnte übrigens –vom Alter her- fast der Großvater des jungen Hans Martin sein: Er war 60 Jahre alt, als er im November 1945 –vermutlich als Kriegsgefangener- in Frankreich verstarb: Teil des letzten Aufgebots und auch ein Aspekt des verbrecherischen Charakters des Kriegs.

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Vor all diesen einzelnen Gräbern und unzähligen Grabreihen steht man oft ratlos, immer beschämt und  fassungslos. Und man versteht umso mehr das Wort Albert Schweitzers, das der Volksbund als Mahnung und Auftrag für die von ihm betreuten Friedhöfen versteht: Die  Soldatengräber sind die großen Prediger des Friedens. Auf diese Weise wird die Problematik des Gedenkens an die toten Soldaten des Hitler-Regimes positiv gewendet: Als Auftrag zur Verständigung, zum Frieden- vor allem an die Jugend, für die die Kriege im Herzen Europas nur noch Kapitel in den Geschichtsbüchern sind.

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Besonders deutlich und anschaulich wird dieses Konzept im Friedenspark, der dem Soldatenfriedhof von La Cambe angegliedert ist. Er  besteht aus über 1200 Ahornbäumen, gestiftet von Privatleuten und jeweils versehen  mit einem  kleinen Schild zur Erinnerung an einen nahen Menschen, der im Krieg gefallen ist, manchmal auch mit einer Friedens-Botschaft.

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Und dazwischen stehen Stelen, auf denen in deutsch, französisch und englisch Opferzahlen des Ersten und Zweiten Weltkrieges und der Kriege nach 1945 aufgeführt sind- und das Wort Albert Schweitzers und ein  weiteres von Karl Jaspers: „Die Frage des Friedens ist keine Frage an die Welt, sondern eine Frage an jeden selbst.“ Stoff zum Nachdenken.

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Sehr störend und ärgerlich ist allerdings, dass dieser Ort der Besinnung und des Gedenkens direkt an der vielbefahrenen vierspurigen Europastraße von Caen nach Cherbourg und einem großen Verkehrskreisel gelegen ist. Von „letzter Ruhe“ kann man da kaum sprechen, wenn die Lastwagen vorbeidonnern. Eine ganze Reihe der Friedensbäume sind sogar direkt an den Rand der Schnellstraße zwischen dem Hain auf dem Hügel und dem Friedhof gepflanzt. Der Soldatenfriedhof von Huisnes, von dem aus man einen wunderbaren Blick auf den Mont Saint Michel hat, wäre da ein viel besserer Ort gewesen. Warum also ausgerechnet in La Cambe an der Autobahn? Das fragt man sich -und es ist nur eine von vielen Fragen, die sich aufdrängen-  wenn man mit  historischem Interesse und offenen Augen diese wunderbare Region besucht. Doch dazu mehr im Teil 2.

Eingestellt am 29.4.2016

Das Beitragsbild -die brennenden Kerzen mit der Aufschrift: we will remember for peace- ist aufgenommen in der Kathadrale von Bayeux

 

Ergänzung 2019:

Frankreich hat im Januar 2018 die Aufnahme der Landungssträne in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes beantragt. Der Schauplatz der alliierten Landng „erinnert an den Kampf für Freiheit und Frieden“, heißt es in dem französischen Antrag. Nach Angaben der Region unterstützen ihn mehr als 60.000 Menschen, darunter auch der US-Milliardär Christopher Forbes, dessen Vater Malcolm im Juni 1944 am Utah Beach landete. Die Aufnahme der Strände in die Welterbeliste wäre eine Premiere. Die UNESCO hat noch nie einen Kriegsschauplatz ausgezeichnet. Allerdings wird sie sich nach eigenen Angaben „nicht vor 2021“ mit dem französischen Antrag befassen. (https://science.orf.at/stories/2985601/)

Dessen ungeachtet wurde aber der 75. Jahrestag  der alliierten Landung in der Normandie aufwändig und mit großer politischer Prominenz gefeiert. Noch im September 2019 waren im Bereich des Omaha-Beachs die Spuren der Feierlichkeiten überall zu sehen, wie die nachfolgenden Bilder zeigen.

Natürlich gibt es immer noch die üblichen kulinarischen D-Day-Andenken wie die Karamell-Bonbons von Isigny.

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Oder -etwas merkwürdig- den Landungswein in weiß, rot und rosé – der landesübliche Cidre wäre da sicherlich passender gewesen, aber für die überwiegend amerikanischen Landungs- Touristen wohl weniger überzeugend.

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Auffällig waren aber besonders die allgegenwärtigen Stars und Stripes.

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Hier am Kino von Trevières, einem Städtchen unweit des Omaha-Beachs

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Auch die ortsansässige Grundschule trug zu den Feierlichkeiten bei.

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Und vor allem hatten sich fast alle Geschäfte für das Jubiläum herausgeputzt:

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Der Buchhändler von Trevière, bei dem wir während unserer Aufenthalte in der Normandie immer die Zeitung kaufen, hatte sich natürlich besonders auf das Jubiläum eingestellt:

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Eine kritische Anmerkung zu den Bildern der die GIs herzenden jungen Frauen und den anfliegenden Befreiungs-Flugzeugen kann ich mir allerdings nicht verkneifen: Gerade Trevière wurde tagelang von den amerikanischen Truppen bombardiert und es gab zahlreiche zivile Opfer.

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Vier im Krieg gefallenen französischen Soldaten des Ortes stehen, wie die Tafel neben der Kirche und der  Marianne mit der „geule cassée“ aufführt, 20 zivile Opfer des „friendy fire“ gegenüber. Für deren Familien ist der 6. Juni sicherlich nicht ein ungetrübter Feiertag mit Volksfestcharakter.

Und was mir auch aufgefallen ist:

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Überall im Bereich des  Omaba-Beachs waren an den Laternenmasten  Bilder amerikanischer Soldaten befestigt, „Helden des Zweiten Weltkriegs“. Ich habe aber unter den vielen Portraits keinen einzigen farbigen Soldaten entdecken können. Das scheint ein generelles Phänomen zu sein. In einem Bericht von Associated Press zum 75. Jahrestag heißt es:  „while portrayals of D-Day often depict an all-white host of invaders, in fact it also included many African Americans.“ Die waren allerdings  -aufgrund der auch in der Armee herrschenden Rassentrennung- in eigenen Verbänden organisiert. Sie hatten also einen doppelten Feind:   „African Americans fougt both segregation and Nazi Germans.“ ( https://www.nbcnews.com/news/nbcblk/fighting-germans-jim-crow-role-black-troops-d-day-n1013716 )  Und es wird in dem Artikel auf ein Buch verwiesen über  „The Untold Story of D-Day’s Black Heroes, at Home and at War.”  Vielleicht werden die vergessenen schwarzen Helden des D-Day  ja dann zum 100. Jahrestag der alliierten Landung gewürdigt werden. Aber das werde ich sicherlich nicht mehr erleben….

 

 

 

 

 

Exil in Frankreich: Sanary, Les Milles und Marseille

Sanary-sur- Mer an der malerischen  Côte d’Azur, Les Milles bei Aix-en-Provence und Marseille waren in den 1930-er und 40-er  Jahren Schicksalsorte für viele Deutsche, die aus politischen und/oder sogenannten rassischen  Gründen Deutschland verlassen wollten bzw. meistens verlassen mussten.

  • In Sanary-sur-Mer zwischen Marseille und Toulon entstand  seit 1933  eine Kolonie exilierter Künstler aus Deutschland und Österreich.
  • In der ehemaligen Ziegelei von Les Milles bei Aix-en-Provence wurden ab September 1939 viele der nach Frankreich geflüchteten Antifaschisten, darunter auch Bewohner der „Künstlerkolonie“ von Sanary, interniert.
  • Marseille war vor allem nach der Besetzung Südfrankreichs durch deutsche Truppen ein wichtiger Transitplatz von Flüchtlingen aus dem von Nazideutschland besetzten Europa.

Es sind drei Erinnerungsorte also, die eng verbunden sind mit dem Schicksal deutscher und europäischer Emigranten und mit der Collaboration des Vichy-Regimes. Wir haben diese Orte 2013 bei einer Reise nach Südfrankreich besucht. Damals erinnerte Marseille als Kulturhauptstadt Europas auch an  diese Phase seiner Geschichte. Und zusätzliche Anregungen für diesen  Bericht erhielten wir durch eine gleichzeitige Ausstellung im Maison-Heinrich-Heine in der Cité Universitaire de Paris über Mexiko als letzten Zufluchtsort des deutschen Exils.

Sanary -sur -Mer: „Das flüchtige Paradies“

Der Journalist und Schriftsteller Ludwig Marcuse hat in seinen Lebenserinnerungen das Sanary der 1930-er Jahre die „Hauptstadt der deutschen Literatur“ genannt. Dass der kleine Fischerhafen zwischen Marseille und Toulon so bezeichnet werden konnte, ohne dass sich der Autor der Lächerlichkeit preisgab, mag zunächst erstaunen. Aber wenn man die Namensliste auf der Plakette am Office de Tourisme ansieht, erkennt man doch schnell, dass Marcuses Formulierung keinesfalls aus der Luft gegriffen war – und sie wird dort ja auch gerne aufgegriffen:

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Ernst Bloch, Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Walter Hasenclever, Franz und Helen Hessel, Alfred Kerr, Annette Kolb, die Familie Mann mit Heinrich, Thomas, Katia, Klaus, Erika und Golo, Erich Maria Remarque, Joseph Roth, Ernst Toller, Franz Werfel, Arnold und Stefan Zweig: Sie und viele andere haben sich in den 30-er Jahren auf der Flucht vor nationalsozialistischer Verfolgung oder Gleichschaltung  kürzer oder länger in Sanary eingefunden.

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Warum gerade Sanary? Das verträumte Fischerdorf hatte schon vor 1933 eine große Anziehungskraft auf Künstler ausgeübt. Aldous Huxley beispielsweise ließ sich 1930 in Sanary nieder und schrieb hier seine „Brave new world“. Andere folgten ihm, und so hatte Sanary schon 1933, als jüdische und regimekritische Intellektuelle das Dritte Reich verließen, einen Ruf als Künstlerkolonie.  Klaus und Erika Mann schrieben bereits 1931 in ihrem gemeinsamen  „Buch von der Riviera“ über Sanary:

Sanary scheint zunächst durchaus das freundliche und intime Hafenstädtchen, wie es deren viele an der Riviera gibt… In Wahrheit hat es aber seine eigene Bewandtnis mit Sanary, denn seit einigen Jahren ist es die erklärte Sommerfrische des Café du Dôme  (des Künstlercafés von Montparnasse- Wolf), der sommerliche Treffpunkt der pariserisch-berlinisch-schwabingerischen Malerwelt, der angelsächsischen Boheme.“ (zit.von Manfred Flügge in seinem Buch „Das flüchtige Paradies“ Berlin 2008)

Angezogen wurden sie alle vom Zauber der Landschaft und dem Reiz des milden Mittelmeerklimas. Ludwig Marcuse schreibt dazu in seinen Erinnerungen:

„Der Winter war kurz und leicht- mit Rosen, weißem Thymian, frühen Mimosen und Nelken. Es war gar kein Winter, wenn man aus dem Norden kam. Im Januar wurde es schon wieder Frühling. Wir wanderten ins Land hinein; die Narzissen-Felder betäubten uns so schmeichelnd, dass ich noch in den trübsten Stunden zum Leben verführt wurde. Die Kirschbäume blühten üppiger als im Kleinen Tannenwald bei Homburg.[1] … Am verliebtesten war ich in die adoptierte Heimat, wenn ich zur Zeit des ausgehenden Tages vor dem Café de la Marine saß oder nebenan bei der Witwe Schwob. … Über den Pinienwald des Vorgebirges…  glitt das große gelbe Licht und entwarf auf dem stillen Wasser eine seiner unvergesslichen Malereien. … Der winzige Hafen, eingerahmt von einer niedrigen Mole, war gefüllt mit leise schauernden Fischerbarken, die Masten taumelten sanft und schlaftrunken. … In solchen Stunden war’s, dass ich Deutschland selig vergaß.“ (S.181/182)

Marcuse macht in seinen Erinnerungen die Gespaltenheit der Existenz vieler Emigranten deutlich: Einerseits seien sie im Land, „in dem sich Gott einst am wohlsten fühlte“, andererseits war ihr Gemüt schwer. „Wir wohnten im Paradies –notgedrungen.“  Und nicht alle der Emigranten konnten sich bei ihrer Ankunft in Sanary  zunächst im recht noblen Hotel de la Tour am Hafen einquartieren, um sich dann in Ruhe nach einer angemessenen Unterkunft umzusehen. Viele befanden sich ja bedingt durch das Exil und das Publikationsverbot in Deutschland in finanziellen Schwierigkeiten. Für Thomas Mann galt das  nicht – er hatte in der Schweiz ein beträchtliches Vermögen und er gehörte nicht zu den Schriftstellern, denen von den Nazis gleich nach der sog. Machtergreifung die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen wurde und deren Bücher am 10. Mai verbrannt wurden. Den Aufenthalt in Sanary im Sommer 1933 nutzte er, um sich darüber im Klaren zu werden, was die Herrschaft der Nationalsozialisten für ihn und  Deutschland bedeutet. Am 31. Juli 1933 schrieb er an Hermann Hesse:

„Ich habe meinen Kampf durchgekämpft. Es kommen freilich immer noch Augenblicke, in denen ich mich frage: Warum eigentlich? –es können in Deutschland doch andere leben, Hauptmann etwa, die Huch, Carossa. Aber die Anfechtung geht rasch vorüber. Es ginge nicht, ich würde verkommen und ersticken. … Ein furchtbarer Bürgerkrieg scheint mir unvermeidlich und ‚ich begehre‘, wie unsere Mathias Claudius sagt, ‚nicht schuld zu sein‘ an all dem, was geschehen ist, geschieht und geschehen wird.“

 Zu dieser eindeutigen Positionierung hat sicherlich auch der enge Kontakt „mit den hiesigen Siedlern“, den Emigranten von Sanary, beigetragen. Dort wohnte er in La Tranquille, einer über dem Meer gelegenen Villa, die der Schwiegermutter des deutschen Botschafters in Kairo gehörte- so dass auch auf diese Weise noch eine ganz spezifische Verbindung zu Deutschland existierte.

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Thomas Manns Frau Katja organisierte während dieser Zeit Autorenlesungen, bei denen zum Beispiel Lion Feuchtwanger und René Schickele, die ebenfalls in Sanary wohnten, oder Heinrich Mann, der öfters aus Nizza kam, ihre neuesten Werke vorstellten. 1944 rissen deutsche Truppen  –trotz der deutschen Besitzer-  das Haus ab, um Platz für Flugabwehrgeschütze zu schaffen. Nach dem Krieg wurde es aber im ursprünglichen Stil wieder aufgebaut. Die Villa La Tranquille ist Teil eines Parcours, den die Stadt Sanary 2003 aus Anlass des dort gefeierten 40. Jahrestages der Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerks eingerichtet hat:  „Auf den Spuren der Deutschen und Österreicher  im Exil in Sanary, 1933 – 1945“. Dazu gibt es im Tourismus-Büro ein kleines Faltblatt- und wenn man sich als besonders interessiert zu erkennen gibt, wird man auf eine kleine, sehr informative Publikation zu diesem Thema hingewiesen, die man für 3€ erwerben kann. Mit ihrer Hilfe kann man einen schönen Spaziergang quer durch die deutsche Literatur-und Geistesgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts organisieren.

In unmittelbarer Nachbarschaft zu Thomas Mann lebte –wie vorher schon in München- der Schriftsteller Bruno Frank- sogar noch etwas nobler mit wunderbarem Blick auf das Meer.

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Bruno Frank gründete am 10. Mai 1934 mit Heinrich Mann, Romain Rolland und anderen Intellektuellen die Deutsche Freiheitsbibliothek in Paris für die in Deutschland verbotenen und verbrannten Bücher  und engagierte sich später  im Emergency Rescue Committee, das vielen Intellektuellen die Ausreise nach Amerika ermöglichte (s.u.): Die „Sommerfrische“ im idyllischen Sanary ließ keinenfalls vergessen, warum man Deutschland verlassen hatte und dass auch das „Paradies“, in dem man sich jetzt befand, „flüchtig“ war.

Erste „Anlaufstelle“ für Neuankömmlinge war das um einen alten Turm herumgebaute Hotel de la Tour am Hafen. das immer noch existiert und offenbar ein überregionaler kulinarischer Anziehungspunkt ist.

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Hier haben unter anderem  Erika und Klaus Mann gewohnt. Es ist ein guter Ausgangs- und Endpunkt für einen Rundgang auf den Spuren des deutschsprachigen Exils.

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Eine architektonisch besonders auffällige Etappe auf dem Exil-Parcours ist die ebenfalls über dem Meer gelegene Villa Le Moulin Gris, in der Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel von 1938 bis 1940 wohnten – im selben Chemin de la Colline, in dem ein Stück weiter auch die Familie Mann 1933 gewohnt hatte und Bruno Frank noch wohnte.

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Entgegen des Namens war das Haus ein ehemaliger Wachturm, in dessen Spitze sich Werfel ein mit 12 Fenstern versehenes Arbeitszimmer mit Rundblick über ganz Sanary und die Küste einrichtete. Einen –allerdings rechteckigen- Turm (La Tourelle carrée) weist auch der nicht weit davon entfernte, in einer ruhigen Sackgasse gelegene Mas de la Carreirado auf, in dem Franz und Helen Hessel, die Eltern Stéphane Hessels, wohnten -nachdem sie in Sanary zunächst von Aldous Huxley aufgenommen worden waren. In der Tourelle carrée richtete sich Franz Hessel ein Arbeitszimmer ein. Für ihn, den literarischen Flaneur, der Paris kannte und liebte, der Balzac und  Proust übersetzt hatte, war Frankreich nicht eigentlich ein Exil – jedenfalls bis zu seiner Internierung im Lager von Les Milles. Immerhin hatte er das große Glück, dank des Eingreifens seines Sohnes Stéphane, inzwischen französischer Offizier, aus dem Lager entlassen zu werden und in das Haus in Sanary zurückkehren zu können. Dort starb er am 6. Januar 1941 und wurde auf dem Alten Friedhof in Sanary beigesetzt. Hans Siemsen, einer der „Siedler“ des Ortes hielt eine kurze Ansprache: „Unser lieber Hessel hatte viele Freunde. Dieser kleine Friedhof könnte sie nicht fassen, wenn sie alle hier wären.“ (cit. Flügge, 224) Aber natürlich konnten nur ganz wenige, die noch in Sanary verblieben waren, dort sein. Die anderen saßen in deutschen oder französischen Lagern, waren von den Nazis ermordet, hatten sich aus Angst vor ihnen das Leben genommen, warteten in Marseille auf die Möglichkeit zur Flucht, waren schon in die USA, nach Mexiko oder wohin auch immer entkommen…  Auf dem alten Friedhof von Sanary haben wir das  Grab von Franz Hessel vergeblich gesucht. Der Friedhofswächter, den wir ansprachen, erklärte uns, Hessels Grab sei nach dem Krieg nach Deutschland transferiert worden. Warum? Wohin genau? Näheres wusste er auch nicht, und in den hektographierten Blättern mit der Biographie Hessels (Überschrift: Jules, sans Jim), die er uns aus seinem Wärterhäuschen brachte, war lediglich vermerkt: „après la guerre son tombe disparaîtra“.  Stéphane Hessel kann man nun leider nicht mehr fragen, er hätte dazu bestimmt Näheres sagen können und wollen. Anlässlich der französischen Neuauflage der „Promenades dans Berlin“ von Franz Hessel 2012, zu der er das Vorwort geschrieben hat,  erinnerte er sich mit großer Zuneigung an seinen bisher eher im Schatten der geliebten Mutter stehenden Vater  und würdigte dessen  Werk als Autor und Übersetzer.

Helen, die Frau von Franz Hessel und die Mutter von Stéphane, entging übrigens dem Schicksal der Internierung:  „Nackt unter ihren Laken liegend“  leistete sie, wie Hessel in seinen Erinnerungen „Tanz mit dem Jahrhundert“ berichtet, dem „unglücklichen Polizisten“, der sie  abholen sollte, „mit den  Waffen  einer Frau“ Widerstand: „Nehmen Sie mich mit, wenn Sie den Mut dazu haben.“ Er hatte ihn nicht, wie Hessel lakonisch anmerkt. Und später verhinderte ein ärztliches Attest eine sonst dann wohl doch unvermeidliche Internierung.

Lion Feuchtwanger hat seine Zeit im südfranzösischen Exil geradezu hymnisch so beschrieben, und drückte damit das aus, was wohl die meisten der dort im „flüchtigen Paradies“ lebenden Schriftsteller, Maler und Intellektuellen empfanden:

Ich habe während der sieben Jahre meines Aufenthalts an der französischen Küste des Mittelmeers die Schönheit der Landschaft und die Heiterkeit des Lebens dort mit allen Sinnen genossen. Wenn ich etwa, von Paris mit dem Nachtzug zurückkommend, des Morgens das blaue Ufer wiedersah, die Berge, das Meer, die Pinien und Ölbäume, wie sie die Hänge hinaufkletterten, wenn ich die aufgeschlossene Behaglichkeit der Mittelmeermenschen wieder um mich fühlte, dann atmete ich tief auf und freute mich, dass ich mir diesen Himmel gewählt hatte, unter ihm zu leben. Und wenn ich dann den kleinen Hügel hinauffuhr zu meinem weißen, besonnten Haus, wenn ich meinen Garten wiedersah in seiner tiefen Ruhe und mein großes, helles Arbeitszimmer und das Meer davor und den launischen Umriss seiner Küste und seiner Inseln und die endlose Weite dahinter und wenn ich meine lieben Bücher wieder hatte, dann spürte ich mit all meinem Wesen: hier gehörst du hin, das ist deine Welt. Oder wenn ich etwas den Tag über gut gearbeitet hatte und mich nun in der Stille meines abendlichen  Gartens erging, in welcher nichts war als das Auf und Ab des Meeres und vielleicht ein kleiner Vogelschrei, dann war ich ausgefüllt von Einverstandensein, von Glück.“

(Sehr informativ zu Sanary als Zentrum des deutschen Exils ein französischer „Blog pédagogique pour les germanistes“ : http://exilsanaryen.over-blog.com/

Zu Franz Hessel siehe: Gelebte Nonchalance. Zum 80. Todestag des Autors, Übersetzers und einzigartigen Feuilletonisten Franz Hessel. In: Frankfurter Rundschau vom 6.1.2021

Les Milles, „Der Teufel in Frankreich“

Dieses Glück nahm aber ein jähes Ende mit dem Beginn des zweiten Weltkrieges. Denn jetzt wurden alle „feindlichen Ausländer“ – und damit waren alle aus dem Deutschen Reich stammenden Ausländer gemeint-  interniert. Einige wie Lion Feuchtwanger hatten zwar einflussreiche Fürsprecher, so dass sie nach wenigen Tagen wieder entlassen wurden, aber mit dem Angriff der Wehrmacht auf Frankreich im Mai 1940 gab es auch für ihn kein Pardon. Der Bürgermeister von Sanary wies am 17. Mai 1940 höchstpersönlich in einer Eingabe an den Präfekten von Var auf die „inconvénients“ hin, die die Anwesenheit von „sujets allemands“ in der Nähe des Kriegshafens Toulon haben könne – eine Anspielung auf eine mögliche 5. Kolonne unter deutschen Bewohnern seines Ortes- und er forderte vom Präfekten  die „Entfernung aller feindlicher Subjekte aus meiner Gemeinde“,  um möglichen antideutschen Unruhen vorzubeugen. Ob es wirklich, wie der Bürgermeister behauptet, „Zwischenfälle“ gab „zwischen der Bevölkerung und den feindlichen Subjekten“, erscheint mir eher zweifelhaft. Bedrückend ist aber, dass selbst der Bürgermeister unterschiedslos von „sujets allemands“ spricht. Dabei musste er doch wissen, dass es sich bei den meisten deutschen und österreichischen Bewohnern seines Ortes um ausgewiesene Antifaschisten handelte,  die er nun –auch wenn sie zum Teil schon seit sechs Jahren in Sanary lebten und nicht unerheblich zum Ruf und zum wirtschaftlichen Aufschwung des Ortes beigetragen hatten, nicht zur Bevölkerung rechnete. Jedenfalls wurde  dieser Aufforderung  umgehend entsprochen: Die örtliche Presse verbreitete, dass die „ressortissants allemands“ sich binnen 48 Stunden auf eigene Kosten in das Camp des Milles zu begeben hätten, und es wurde sogar zur Denunziation aufgefordert, damit auch niemand übersehen würde: Lieber einer zu viel als einer zu wenig.[2] Eine Unterscheidung zwischen Nazis und ausgewiesenen Hitlergegnern wurde also –anders als in England- jetzt und auch später im Lager nicht gemacht. Den immer wieder versprochenen und erwarteten „Tri“ gab es nie. Und hier handelte es sich nicht um einen Akt der Kollaboration des Vichy-Regimes, sondern all das geschah noch unter einer Regierung der 3. Republik, die Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit auf ihre Fahnen geschrieben hatte und sich als Wiege und Hort der Menschenrechte betrachtete! Proteste und Widerstand der französischen Bevölkerung gegen die Internierung ihrer ausländischen Mitbürger scheint es übrigens nicht gegeben zu haben. Feuchtwanger berichtet jedenfalls davon –und das ist vielleicht ein bezeichnendes Beispiel- , dass das Dienstmädchen der Familie, das ihm die Nachricht der bevorstehenden Internierung überbrachte, neben aufrichtigem Bedauern auch „ein klein bisschen Schadenfreude“ zeigte, „dass nun auch ich, der ‚Patron‘, der ‚Herr‘, die Bitternisse des Krieges zu spüren bekäme und sogar schlimmer als sie selber.“

Weil für die französischen Behörden also jeder Deutsche automatisch ein „boche“ war, wurden in Les Milles –wie auch in den zahlreichen anderen Internierungslagern dieser Zeit- Menschen eingesperrt, die sich ein solches Schicksal nie hätten alp-träumen lassen: Saarländer, „die sich während der Abstimmung, ob das Saarland deutsch oder französisch werden solle, durch Agitation für Frankreich kompromittiert hatten“ und denen deshalb nichts anderes übriggeblieben war, als sich vor der Rache der Nazis nach Frankreich zu flüchten; Antifaschisten, die nach den KZs  Dachau und Buchenwald nun ein französisches Lager kennen lernen mussten; andere, die mit Empfehlungsschreiben französischer Konsulate versehen waren, um auf französischer Seite gegen die Nazis zu kämpfen, die aber –so zum Beispiel Golo Mann- an der Grenze verhaftet und umgehend nach Les Milles verbracht wurden; ehemalige Fremdenlegionäre, die zum Teil „zwanzig und dreißig Jahre für Frankreich Militärdienst getan hatten“, fast alle mit militärischen Auszeichnungen versehen, denen Frankreich die dem Land geleisteten Dienste nun so vergalt–was selbst die Wachsoldaten erbitterte. Immerhin besaßen sie einen eigenen Bereich in den Katakomben des Lagers.

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Und es gehörten zu den ressortissants allemands Schriftsteller und Intellektuelle wie Lion Feuchtwanger, Franz Hessel,  Ernst Kantorowicz, Golo Mann und Walter Hasenclever, Rechtsanwälte und Mediziner –darunter die Nobelpreisträger Otto Meyerhof und Wilhelm Reichstein;  Maler wie Max Ernst und Hans Bellmer: Menschen also, die man gefeiert hatte, als sie das Dritte Reich verlassen und nach Frankreich gekommen waren. „Die Zeitungen hatten“, wie Lion Feuchtwanger in seinen Erinnerungen schreibt, „herzliche, respektvolle Begrüßungsartikel geschrieben, die Behörden hatten erklärt, es sei eine Ehre für Frankreich, uns gastlich aufzunehmen, der Präsident der Republik hatte mich empfangen. Jetzt also sperrte man uns ein.“

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Gründer der Ziegelei war ein christlich und sozial engagierter Unternehmer – was auch die Marien-Statue im Giebel des Hauptgebäudes erklärt.  1938 wurde die Fabrik stillgelegt, weil der aus Deutschland gelieferte Brennofen ausgefallen war, eine Ersatzteillieferung Probleme bereitete und sich angesichts der wirtschaftlichen Lage der Einbau eines neuen Brennofens nicht lohnte. Also stand die Fabrik leer und wurde 1939 zum Internierungslager umfunktioniert.

Allerdings war die Ziegelei für einen solchen Zweck denkbar ungeeignet.   Es gab keine Betten und Schlafräume, lediglich etwas Stroh, keine Sitzgelegenheiten, keine Tische, viel zu wenig Wasser für die vielen Internierten, von den katastrophalen sanitären Einrichtungen ganz zu schweigen. Und überall –selbst heute noch- Staub:

 „Verdickter, festgetretener Ziegelstaub machte den Boden uneben, zerbröckelnde, sich in Staub auflösende Ziegel lagen in Massen herum, Staub, Staub war überall…. Ziegelstaub füllte unsre gesundheitlich zu schädigen, warum dann sucht man sich für unsre Unterbringung eine dunkle, staubige Lungen, entzündete unsre Augen…. Wir fragten uns: warum, wenn man nicht die Absicht hat, uns Fabrik aus, in der es Waschwasser nur sehr wenig und trinkbares Wasser überhaupt nicht gibt? Die französischen Offiziere erwiderten auf solche Fragen: ‚Unsre Soldaten an der Front haben es auch nicht besser‘.“ (Lion Feuchtwanger)

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Die „Katakomben“- die ehem. Brennöfen                 Der „Schlafsaal

Während die beiden oberen Stockwerke der völlig überfüllten ehemalligen Fabrik als Schlafsaal dienten – im Juni 1940 waren dort 3500 Internierte zusammengepfercht-  boten die ehemaligen Öfen im Erdgeschoss im Sommer Schutz vor der brennenden provenzalischen Sonne und wurden verwendet für literarische Salons, medizinische Consilien, Theater-,  Musik- und Kabarettdarbietungen. In einem der ehemaligen Brennöfen waren dafür aus Ziegeln Sitzplätze aufgebaut, über dem Eingang eines anderen kann man noch heute die Inschrift „Die Katakombe“ erkennen – ein an diesem Ort besonders passender Name und gleichzeitig eine Erinnerung an das gleichnamige von den Nazis 1935 verbotene Berliner Kabarett: Alles Versuche, auch unter solch unsäglichen Bedingungen die Menschenwürde zu bewahren.

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Die Abend & Tages-Kasse                                    Der Zuschauerraum

In einer der Katakomben richteten sich die Maler Max Ernst und Hans Bellmer  gewissermaßen ein Atelier ein und versuchten, ihre künstlerische Arbeit fortzusetzen.

Download (1) Apatrides Download ( Max Ernst

Max Ernst:  Apatrides 1939             Hans Bellmer: Portrait Max Ernst

Dabei verarbeiteten sie auch die Erfahrungen ihrer Internierung in Les Milles, wie die beiden Bilder zeigen: Max Ernst zeigt zwei Apatrides, also Staatenlose. Viele der in Les Milles und anderen Internierungslager festgehaltenen Menschen waren staatenlos, weil sie von den Nazis ausgebürgert worden waren. Max Ernst gibt den beiden sich unterhaltenden Staatenlosen die Form von Feilen – Ausdruck der gerade für diese Menschen fast schon illusionären  Hoffnung, in die Freiheit entkommen zu können. Und Hans Bellmers Portrait von Max Ernst ist aus Ziegelsteinen zusammengesetzt…  Bellmer hatte schon in den 1930-er Jahren mit dem Motiv der Ziegelsteine gearbeitet, aber seit seiner Einlieferung in das Lager von Les Milles  1940 wurde es bei ihm geradezu obsessiv:

„Bellmer’s drawings performed a kind of exorcism, delivering him from the oppressive presence of this menacing decor. His portrait von Max Ernst, with his face composed entirely of bricks, was in fact an ironic reminiscence of their shared experience,”

wie die Kunsthistorikerin Saran Alexandrian in einer Monographie über Max Ernst schrieb.

Wie schlimm die Internierung gewesen ist, zeigt eine Karte, die Max Ernst aus dem Lager Les Milles an seine Pariser Galeristin Jeanne Bucher schrieb. Auf ihr steht nichts außer dem Notruf SOS…

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In den Katakomben sind noch Graffiti von Internierten erhalten- es sind vor allem Botschaften der Sehnsucht nach Freiheit-  wie beispielsweise das durchbohrte Herz oder die Glockenblumen eines polnischen Malers, mit denen zahlreiche Säulen in den Katakomben geschmückt sind. Die Glocken  sind nach den Erläuterungen unseres Führers Ausdruck der Sehnsucht nach Frieden und Freiheit.

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Und dann gibt es noch die von Gefangenen ausgeführten Wandmalereien im Speisesaal des Wachpersonals.

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Alle Bilder dort haben einen Zusammenhang mit dem Essen- aber eine politische Botschaft ist auch erkennbar wie im Bild von den Sardinen. Die verlassen nämlich die Büchse, in der sie zusammengepfercht sind (links), dann besteigen sie ein großes Schinken-Schiff (rechts), das sie in das gelobte Land bringt, in dem zwar nicht Milch und Honig fließen, aber dafür die leckere, exotische Ananas wächst (Mitte).

Im August und September 1942 diente das Lager als Sammelpunkt für die Deportation von staatenlosen und ausländischen Juden aus der sogenannten „freien Zone“ Frankreichs (unter der Verwaltung von Vichy)  in die Vernichtungslager –oft mit Zwischenstation in Drancy.  Daran erinnert der Bahnwagon, der auf den Gleisen vor dem Lager steht – den gleichen Typ kennen wir schon von Drancy.  Er erinnert aber auch an die Geisterfahrt der Internierten nach Bayonne und zurück, über die Lion Feuchtwanger in seinen Erinnerungen berichtet…  Als die deutsche Wehrmacht Frankreich überrannte, fürchteten die internierten Antifaschisten, den Nazis in die Hände zu fallen. Sie konnten den Lagerkommandanten davon überzeugen, dass das ihr sicherer Tod sein werde, und ihm gelang es schließlich  im allgemeinen Chaos dieser Zeit einen Zug zu organisieren, der die gefährdeten Nazi-Gegner in vermeintlich sicherere Gefilde im Südwesten Frankreichs bringen sollte.

„Es war ein langer Zug: Wie lang merkte ich, als ich mein Gepäck alle die Wagen entlangschleppte. Da waren zunächst Personenwagen, einige wenige, uralte, ausrangierte. Dann kamen Frachtwagen, einer und noch einer und ein zehnter, ein zwanzigster, ein ich weiß nicht wievielter. Sie trugen die Aufschrift: ‚Acht Pferde oder vierzig Mann‘. Sie sahen ungeheuer ramponiert aus. Aber trotzdem war es ein Zug, er stand auf den Schienen, die Schienen führten weiter, führten fort aus dem Bereich der Nazi-Truppen, führten in die Sicherheit.“ (Lion Feuchtwanger)  

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 Der Schriftsteller Walter Hasenclever hat nicht mehr an seine Rettung geglaubt: In der Nacht vor Abfahrt des Zuges nahm er sich aus Angst vor dem Vorrücken der deutschen Truppen im Lager Les Milles das Leben. Doch dann fuhr der mit etwa 2000 Internierten besetzte –und natürlich völlig überfüllte- Zug los, eine Geisterfahrt – weil die deutsche Wehrmacht nicht wie erwartet die Rhone entlang in den Süden vorgestoßen war, sondern gerade in den Südwesten, der als sicheres Ziel galt. Also kehrte der Zug wieder um und endete nach einer mehrtätigen Irrfahrt durch Südfrankreich schließlich in einem Zeltlager bei Nîmes, das als neues Internierungslager eingerichtet wurde.

Nach dem Krieg wurde die Ziegelei von der Firma Lafarge wieder in Betrieb genommen –die Firma übrigens, die vor einigen Jahren in Oberursel den Dachziegelhersteller Braas übernommen hat. Nach der erneuten Stilllegung der Fabrik war geplant, das Wachgebäude mit den Wandmalereien –„Salle des peintures murales“ genannt- abzureißen. Dies  war der Beginn eines dreißigjährigen Kampfes von 1982 bis 2012 „gegen das Vergessen und die Unwissenheit“, wie es in der Broschüre der Erinnerungsstätte heißt. Die wurde erst im September 2012 in Anwesenheit des damaligen Premierministers Ayrault eröffnet als „das einzige große französische Internierungs- und Deportationslager, das noch intakt und für die Öffentlichkeit zugänglich ist“.

Bei unserer Reise nach Südfrankreich im Sommer 2013 sprachen  wir mit den Vermietern unserer Ferienwohnung in Cassis –einem Arztehepaar-  auch über unseren Besuch des Lagers, und sie erzählten uns, bis vor kurzem weder etwas von dessen Existenz noch von der Internierung deutscher Antifaschisten unter der Dritten Republik gewusst zu haben. Gerade in der vorigen Woche habe aber die Tochter einen Klassenausflug dorthin gemacht, sodass sie auf diese Weise etwas von diesem Kapitel französischer Geschichte erfahren hätten. Die Erinnerungsstätte Les Milles hat also in der Tat eine wichtige Bildungsaufgabe „gegen das Vergessen und die Unwissenheit“, und wir fanden, dass sie diese Aufgabe ganz hervorragend erfüllen kann –aufgrund der beeindruckenden Spuren der Vergangenheit und -nach der Konzeption des Erinnerungsortes und dem Engagement unseres Führers zu urteilen. Ein besonders wichtiger Bestandteil der Konzeption ist der „volet réflexif“, der Versuch also, die Besucher zum Nachdenken anzuregen über die kollektiven und individuellen Mechanismen, die in der Vergangenheit zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit geführt haben und in Zukunft führen können, aber auch über diejenigen, die von der Gleichgültigkeit und dem Geschehen-Lassen zum Widerstand führen. In diesem Zusammenhang steht auch das nachfolgend abgebildete und als Postkarte erhältliche Plakat:

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Abgebildet sind Angestellte und Arbeiter der Werft Blohm und Voss anlässlich des Stapellaufs des Schulschiffs „Horst Wessel“ am 13. Juni 1936 in Anwesenheit Adolf Hitlers. Alle haben die rechte Hand zum „Hitlergruß“ erhoben, außer einem: dem eingerahmten Arbeiter August Landmesser: Jeder kann reagieren, jeder kann Widerstand leisten, jeder auf seine Weise.

Ein Beitrag von Le Monde vom 13.3.2022 zum Lager von Les Milles als Ort politischer Bildung: : https://www.lemonde.fr/le-monde-evenements/article/2022/03/13/au-camp-des-milles-vous-etes-la-pour-comprendre-comment-on-peut-etre-trompe_6117317_4333359.html

Anlässlich des 10-jährigen Bestehens des Lagers als offiziellem Erinnerungsmort besuchte Staatspräsident Macron im Dezeumber 2022 Les Milles und bezeichnete es als einen Ort des Staatsverbrechens des État français von Vichy:  https://www.lemonde.fr/politique/article/2022/12/05/emmanuel-macron-denonce-les-crimes-de-l-etat-francais-au-camp-de-deportation-des-milles_6153052_823448.html

Marseille : Transit

Ein dritter für die Exilierten bedeutsamer, ja lebenswichtiger Ort war seit 1939 Marseille. Denn nach der Niederlage Frankreichs war Marseille der einzige große Hafen  in der –zunächst noch- unbesetzten „Zone libre“. Marseille war oft die „letzte Hoffnung der Versprengten, Gehetzten, Verfolgten aus ganz Europa. Tausende kämpfen verzweifelt um Schiffspassagen, Visa und Transit.“ (Waschzettel der rororo-Taschenbuchausgabe von 1966)  Es diente also als Zufluchtsort, vor allem aber als Anlaufpunkt für die Emigranten, die versuchten, von hier aus ins rettende Ausland zu gelangen.

Wie dramatisch und teilweise sogar tragisch dies war, beschreibt Anna Seghers in einzigartiger Weise in ihrem Roman „Transit“:

Da ist der Erzähler: Nach seiner Flucht aus  einem deutschen KZ wird er in Frankreich in ein Arbeitslager gesteckt,  aus dem er –beim Einmarsch der Deutschen- erneut flüchtet. Er gelangt schließlich nach Marseille und kämpft monatelang um die notwendigen Papiere und Formalitäten für die Ausreise: Visum, Transitvisum, Schiffspassage, Flüchtlingsschein, Ausreisegenehmigung…  Französische Freunde eröffnen ihm aber eine Perspektive,  in Frankreich zu bleiben…

Da ist der Schriftsteller Weidel, der sich aus Verzweiflung in Marseille das Leben nimmt und dessen Identität und Papiere der Erzähler übernimmt.

Da ist Heinz, „der von den Nazis halbtot geschlagen worden war im Jahre 1935, der … nach Paris geflohen war, nur um nach Spanien zu den Internationalen zu kommen, wo er dann sein Bein verlor, und einbeinig war er weitergeschleppt worden durch alle Konzentrationslager Frankreichs…“, dem aber schließlich die Ausreise gelingt. (S.13)

Da ist der Arzt. Er hat ein Angebot, in einem mexikanischen Krankenhaus seinen geliebten Beruf weiter auszuüben. Aber es ist „geradezu teuflisch schwer“, dorthin zu kommen (S. 57).  Schließlich hat er seinen Platz auf dem Schiff, aber es bleibt offen, ob es jemals an seinem Bestimmungsort ankommt.

Und da ist –neben vielen anderen mehr- der Jude aus Polen, der die Hölle des Wartens auf die erforderlichen Papiere nicht mehr erträgt und lieber wieder in seine Heimat zurück will, obwohl er weiß, dass ihn dort das Ghetto erwartet. Dass ihn noch weit Schlimmeres erwartet, weiß er nicht –bzw. weiß Anna Seghers noch nicht, als sie im Krieg –im mexikanischen Exil- den Roman schrieb.

Als Kulturhauptstadt Europas hatte Marseille 2013 einen zusammen mit dem Goethe-Institut produzierten Parcours  eingerichtet, der an die Zeit der Stadt als Ort der Zuflucht, des Transits, der Besatzung und des Widerstands erinnert. Unter der Überschrift: Ici-même 2013 sind  an insgesamt 51 Erinnerungsorten Pflastergraffitis mit kurzen Texten auf den Boden gesprüht, die darüber informieren, welche Bedeutung dieser Ort jeweils zwischen 1940 und 1944 hatte.

Aufmerksam gemacht wurde ich darauf durch einen Artikel in der FAZ. Im kulturhauptstadt-noblen Office de Tourisme von Marseille an der Canebière hatte man allerdings einige Schwierigkeiten, mir nähere Informationen zu dem Projekt zu geben. Immerhin erhielt ich nach einigem Suchen einen Flyer mit einer Karte und einem –allerdings sehr vagen- Verzeichnis der markierten Erinnerungsorte. Viele befinden sich rund um den alten Hafen, wie schon der FAZ-Artikel angekündigt hatte:

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„Nichts deutet darauf hin, dass sich genau hier, rund um den Hafen, einst zahllose Dramen der Emigration abspielten. Besser gesagt: fast nichts. Denn kaum einer der Flaneure bemerkt, dass sich vor dem Fischhändler auf dem Boden ein Zitat von Anna Seghers befindet: „Mütter, die ihre Kinder, Kinder, die ihre Mütter verloren hatten“, steht da in unscheinbaren französischen und hier übersetzten Lettern, „aus allen Ländern verjagte Menschenhaufen, die schließlich am Meer ankamen, wo sie sich auf die Schiffe warfen, um neue Länder zu entdecken, aus denen sie wieder verjagt wurden; alle auf der Flucht vor dem Tod, in den Tod.“ (FAZ 30.4.2013)

Leider haben wir dieses Zitat am Hafen nicht gefunden – manche haben auch schon von den vielen Menschen, die darüber laufen, an Farbe verloren und sind nur noch schwer erkennbar – andere sind eher versteckt angebracht. So der zwischen einem Metro-Eingang, abgestellten Motorrädern und Müllcontainern versteckte  Hinweis auf  das ehemalige Café Au Brûleurs de Loups am alten Hafen, wo sich während des zweiten Weltkriegs zahlreiche Flüchtlinge –Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle- getroffen haben.

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Die Hafencafés waren ja hier wie auch schon in Sanary ein zentraler Treffpunkt für die Exilierten und Umschlagplatz für Informationen und Gerüchte. In Anna Seghers „Transit“ sind die Cafés deshalb auch ein zentraler Schauplatz des Geschehens.  Und das Brûleurs de(s) Loups ist auch eines der Cafés, in denen der Erzähler von Anna Seghers  Roman oft sitzt und in denen Marie ihren Mann, den Schriftsteller Weidel, sucht.

„Ich trat danach in das nächste Café – was sollte ich auch sonst auch tun? Das Café hieß Brûleurs des Loups.  …  An meinem langen Tisch saß eine großfrisierte dicke Person. Sie fraß unzählige Austern. Sie fraß aus Kummer. Ihr Visum war ihr endgültig verweigert worden, deshalb verfraß sie ihr Reisegeld. Doch gab es kaum etwas anderes zu kaufen als Wein und Muscheln. – Der Nachmittag schritt vor. Die Konsulate wurden geschlossen. Jetzt überschwemmten die Transitäre, von Furcht gepeinigt, die Brûleurs des Loups … Ihr tolles Geschwätz erfüllte die Luft, das unsinnige Gemisch verwickelter Ratschläge und blanker Ratlosigkeit. Das dünne Licht der einzelnen Anlagestellen bestrich schon die dunkler werdende Fläche des Alten Hafens“. (Transit, S. 81)

 Und mehr noch als in Sanary spielten in dem Transit-Ort Marseille die Hotels eine wichtige Rolle, wo viele Exilierte unterkamen, während sie auf ein lebensrettendes Visum warteten. Und manche dienten auch unter dem Vichy-Regime als Internierungsort für unerwünschte Ausländer. So etwa das –heute jedenfalls und vermutlich wohl schon damals- ziemlich heruntergekommene Hafen-Hotel Terminus. Diejenigen, denen bis dahin die Ausreise bzw. Flucht nicht gelang, wurden im August 1942 nach Les Milles und von dort aus meist über Drancy in die Vernichtungslager deportiert– und zwar, worauf die Inschrift hinweist,  mit ihren Kindern. Und das geht, worauf die Inschrift nicht hinweist, auf eine ausdrückliche Initiative des Vichy-Regierungschefs Laval zurück.

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Die Aufschrift vor dem Hotel war nicht leicht zu finden, weil sie mit Tischen und Stühlen arg vollgestellt war. Ein ziemlich trostloser Anblick. Da weit und breit niemand zu sehen war, begann ich, die Inschrift für ein Foto etwas frei zu räumen. Darin wurde ich dann allerdings von einem plötzlich auftauchenden ziemlich giftigen und lautstarken Hotelangestellten unterbrochen, woran auch freundliche Erklärungsversuche meinerseits nichts ändern konnten. Offensichtlich möchte das Hotel nicht so gerne an diesen Abschnitt seiner Geschichte erinnert werden. Ein Foto konnte ich aber immerhin noch machen

Eine ganz wichtige Bedeutung hatten für die in Marseille zusammengeströmten Flüchtlinge die Hilfsorganisationen, die bei der Beschaffung von Visa, Schiffspassagen und Geld behilflich waren. In der Rue de la République,  im Zentrum der Stadt, gibt es den Hinweis, dass dort der Sitz mehrerer Hilfsorganisationen war, bevor sie 1941 von der Vichy-Regierung verboten wurden.

Die wohl bedeutendste und bekannteste dieser Organisationen war das Emergency Rescue Committee, das kurz nach der Besetzung Frankreichs in den USA gegründet worden war. Es sollte prominenten Regimegegnern, die nach Frankreich geflohen und nach dem Waffenstillstandsvertrag von Auslieferung bedroht waren, die Ausreise in die USA  ermöglichen. Der Sitz des ERC lag allerdings nicht in der Rue de la République, sondern in der von Andé Breton angemieteten, etwas außerhalb gelegenen Villa de Bel Air, von den auf ein Visum wartenden Künstlern –u.a. Max Ernst- umgetauft in „château espère-visas“.[3] Mit der Umsetzung der Rettung wurde der amerikanische Journalist Varian Fry betraut, der in Marseille ein Fluchthilfe-Netzwerk aufbaute. Da er schnell die Begrenztheit seiner offiziellen Möglichkeiten, andererseits aber  Dramatik, Dringlichkeit und immensen Bedarf an Hilfe erfuhr, nutzte er auch unkonventionelle, ja illegale Mittel wie z.B. die Fälschung von Pässen, so dass mit seiner Hilfe über 2000 Menschen gerettet werden konnten-  unter anderen Hannah Arendt, André Breton, Marc Chagall, Alfred Döblin, Max Ernst, Lion Feuchtwanger, Leonhard Frank, Heinrich und Golo Mann, Walter Mehring, Otto Meyerhof, Alfred Polgar,  Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel. Fluchtwege waren das Meer, meistens aber, da es zu wenig Schiffspassagen gab und/oder die erforderlichen Papiere fehlten,  versteckte, beschwerliche Fußpfade über die Pyrenäen nach Spanien und von dort aus über Lissabon in die USA.

Heinrich Mann berichtet in seiner Autobiographie „Ein Zeitalter wird besichtigt“ von dem „Ziegensteig nach dem Exil“  – erst jetzt begann für ihn, den Frankophilen und –phonen, der viele Freunde und auch Publikationsmöglichkeiten in Frankreich hatte, das eigentliche Exil. Mit dabei waren auf dem beschwerlichen, abenteuerlichen  Weg über die Pyrenäen seine Frau Nelly Kröger, sein Neffe Golo, und außerdem –aus Sanary-  Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel.

Auch Walter Siemsen, der die Rede am Grab von Franz Hessel gehalten hatte, gehörte zusammen mit seinem Freund Walter zu den vom ERC Geretteten. Das kann dann ganz banal klingen:

 „Im Februar 1941 begaben sich die beiden Freunde von Sanary-sur-Mer aus wieder auf die Flucht. Über Marseille und Spanien erreichten sie im März mit Hilfe von Varian Fry Lissabon, von wo aus sie im Juni auf der SS Guinee New York erreichten.“

 Einen Eindruck von der Dramatik, die sich dahinter verbirgt, vermittelt aber ein Brief Siemsens vom Januar 1941:

„Ich habe ein Visa für U. S. A. Walter wird eins bekommen. Nur – wie wir hingelangen und ob wir noch können, das wissen wir nicht. Alles, aber auch alles, was wir hatten, haben wir verloren. … Wir führen ein sonderbares Leben. Jeden Tag und jede Nacht kann sich alles zum Guten – aber auch zum Allerschlimmsten ändern. Wir haben aber vorgesorgt und können rechtzeitig Schluss machen.“  Vorgesorgt hatte auch Walter Benjamin, der nach überstandener Überquerung der Pyrenäen von den spanischen Grenzpolizisten wieder nach Frankreich zurückgeschickt werden sollte und der sich deshalb das Leben nahm – musste er doch fürchten, aufgrund des berüchtigten Paragraphen 19 des Waffenstillstandsvertrags an die Nazis ausgeliefert zu werden.

Varian Fry geriet übrigens nach seinem Tod 1967 fast in Vergessenheit. Erst allmählich wurde seine große Leistung gewürdigt:  Seit dem 3. Dezember 1997 heißt eine Straße im neu angelegten zentralen Potsdamer-Platz-Areal in Berlin Varian-Fry-Straße.

IMG_1250 Unsere Freundin Marie-Christine hat  an einer Bushaltestelle am Potsdamer Platz in Berlin auch  eine Informationstafel über Varian Fry gefunden und fotografiert: auf diese Weise kann man erfahren, wer dieser Varian Fry denn überhaupt war und damit auch noch die Wartezeit auf den nächsten Bus verkürzen.

Und von unseren Freunden Gerd und Uta aus Oberursel, die im Herbst 2013 in Südfrankreich und auch in Marseille waren, bekamen wir schließlich Fotos von dem nach Varian Fry benannten Platz an der Präfektur und von der Informationstafel, die es auch dort gibt, allerdings weniger öffentlich sichtbar als die in Berlin. Sie steht im Hof des US-amerikanischen Generalkonsulats – etwas versteckt neben dem repräsentativen Straßenkreuzer des Konsulats.

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Passend zum Gegenstand dieses Berichts fand  im September/Oktober 2013 eine Ausstellung im Maison Heinrich Heine in der Cité Universitaire statt über die Rolle des mexikanischen Generalkonsuls in Marseille, Gilberto Bosques,  bei der Rettung antifaschistischer Emigranten. Dass Mexiko „eine letzte Zuflucht“ für viele Emigranten war, wusste ich zwar, und ein mexikanischer Diplomat spielt ja auch in  Anna Seghers „Transit“ eine wichtige Rolle. Dass sich dahinter die reale Person Gilberto Bosques verbirgt, war mir allerdings  neu. Und leider wird ja  bisher auch –anders als an Varian Fry- soweit ich weiß weder in Marseille noch in Berlin  im  öffentlichen Raum an ihn erinnert. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in die unbesetzte Zone wurde Bosques übrigens nach Deutschland gebracht und im Rheinhotel Dreesen in Bad Godesberg interniert, bevor er im Austausch gegen deutsche Diplomaten frei kam und in seine Heimat zurückkehren konnte.

(PS. Inzwischen gibt es eine sehr schöne Würdigung Gilberto Bosques‘: Robert Mencherini: Étrangers Antifascistes à  Marseille 1940-1944. Hommage au Consul de Mexique Gilberto Bosques. 2014)

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Bei einer Veranstaltung im Rahmen der Gilberto Bosques-Ausstellung lernten wir Pierre Radvanyi und seine Frau Marie-France kennen. Pierre Radvanyi ist der Sohn Anna Seghers, und er kann ganz wunderbar und anschaulich über seine Erfahrungen in den Jahren des Exils in Frankreich und Mexiko erzählen. Anna Seghers gelang nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Frankreich mit ihren beiden Kindern die Flucht in die unbesetzte Zone und dann von Marseille aus die rettende Überfahrt nach Mexiko. Nach Kriegsende kehrte Anna Seghers nach Deutschland –in die DDR- zurück, Pierre nach Frankreich, wo er Physik studierte und als Forscher im CNRS in Orsay bei Paris arbeitete, wo er heute noch lebt.

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Wir kamen ins Gespräch, ich schickte ihm meinen Bericht und er und seine Frau luden uns zu „Kaffee und Kuchen“ nach Orsay ein.

Dort waren wir dann auch Anfang November, zusammen mit unserer Freundin Marie-Pierre, die zufällig ganz in der Nähe wohnt. Es gab von seiner Frau selbstgemachten Nusskuchen, ein intensives Gespräch über seine Zeit in Mexiko und das Verhältnis zu seinen Eltern. Während der Vater seinen eigenen Lebensrhythmus hatte und sich eher weniger um die Kinder kümmerte, hatte Pierre ein sehr enges Verhältnis zu seiner Mutter, die ihm viel über ihre Arbeiten erzählte und ihn –als Heranwachsenden- sogar fragte, wie sie denn ihren Roman Transit beenden solle: Mit der Ausreise des Protagonisten oder mit seiner Entscheidung, in Frankreich zu bleiben. Pierre plädierte für das Bleiben, weil er selbst sehr gerne in Frankreich geblieben wäre und den Ernst der Lage damals kaum abschätzen konnte.

Dann sahen wir ei nen langen in Mexiko gedrehten Film über Gilberto Bosques, mit zahlreichen originalen Filmausschnitten, die von Bosques selbst aufgenommen worden waren und einem Interview, das für diesen Film mit ihm als genau 100-Jährigem gemacht worden war. Sehr eindrucksvoll, vor allem auch sein Grundsatz, dass man verantwortungsvoll und menschlich handeln muss, auch wenn es die herrschenden Regeln verletzt. Nur so konnte Bosques  viele tausend Flüchtlingen vor dem drohenden Tod retten. Zum krönenden Abschluss dieses Nachmittags sangen wir noch gemeinsam deutsche Volkslieder wie „Am Brunnen vor dem Tore“ oder „Ännchen von Tharau“, die ich sicherlich seit 50 Jahren nicht mehr gesungen habe: Pierres Frau Marie-France macht nämlich gerade einen Deutsch-Kurs, zu dem auch ein kleines Chor-Projekt mit deutschen Liedern gehört. Die gemeinsam zu singen, war gerade für sie und für uns alle eine große Freude. Pierre Radvanyi hat übrigens im Aufbau-Verlag ein sehr schönes, empfehlenswertes Buch mit Erinnerungen an seine Mutter, an die Zeit des Exils in Frankreich, die abenteuerliche Flucht nach Marseille und das Exil in Mexiko geschrieben: Jenseits des Stroms. (4)

Anmerkungen:

[1] Da stutzt man natürlich, wenn man nebenan in Oberursel lebt bzw. wie Frauke aus Bad Homburg bzw. dem benachbarten Dornholzhausen stammt.  Aber wie kommt Marcuse auf den Kleinen Tannenwald? Des Rätsels Lösung: In den zwanziger Jahren wohnte er für einige Zeit in der Saalburgstraße in Bad Homburg, „zwischen der Grenze des verblühten Badeorts und dem Örtchen Dornholzhausen, von dem es zur Saalburg hinaufgeht.“ (S.84). Über solche überraschenden Entdeckungen freut man sich natürlich.

[2] Am 23. Mai schrieb Le Petit Var: „La délation est devenue une nécessité, et mieux vaut dénoncer un innocent que de laisser courir un coupable.“ Zitiert von Jeanne-Marie Portevin, Les Années Sombres. In: Télérama,hors-série,  Le Grand Atelier du Midi, S. 84

[3] Siehe Jeanne-Marie Portevin, Les années sombres. In: Télérama hors-série, Le grand atelier du midi. Paris 2013, S. 85.  Dazu auch: Wieland Freund, Der Fluchthelfer der Dichter und Denker. Die Welt 8.10.2011 http://www.welt.de/kultur/article1387312/Der-Fluchthelfer-der-Dichter-und-Denker.html Neu erschienen: Eveline Hasler, Mit dem letzten Schiff. Der gefährliche Auftrag von Varian Fry. München 2013

Siehe auch: https://danares.wordpress.com/2023/07/19/wir-mussen-uns-wie-richtige-verbrecher-benehmen-lisa-fittko-und-varian-fry-fluchthilfe-1940-1941/

Es gibt einen Dokumentarfilm: Villa Air Bel – Varian Fry in Marseille. 1987, 90 Min., ein Film von Jörg Bundschuh.  http://www.kickfilm.de/de/info.php?film=Villa_Air_B

(4) Auf der Website des Musée de l’Immigration gibt es auch einen autobiographischen Bericht von Pierre Radvanyi: http://portraits.histoire-immigration.fr/

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu deutschsprachigen Schriftstellern in Paris/im französischen Exil:

„Dadurch,  dass ich zum Glück die Kinder habe, ist alles doppelt schwer.“ Anna Seghers im Pariser Exil 1933-1940  https://paris-blog.org/2018/11/19/dadurch-dass-ich-zum-glueck-die-kinder-habe-ist-alles-doppelt-schwer-anna-seghers-im-pariser-exil-1933-1940/

Das Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise in Paris: Eine Hommage an den Vorkämpfer der deutsch- französischen Verständigung  https://paris-blog.org/2018/07/10/das-grabmal-ludwig-boernes-auf-dem-pere-lachaise-in-paris-eine-hommage-an-den-vorkaempfer-der-deutsch-franzoesischen-verstaendigung/

Mit Heinrich Heine in Paris  https://paris-blog.org/2017/10/02/mit-heinrich-heine-in-paris/

Der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur im Haus der Mutualité 1935 https://paris-blog.org/2019/04/15/das-haus-der-mutualite-in-paris-2-der-erste-schriftstellerkongress-zur-verteidigung-der-kultur-von-1935/

Der Cimetière de Picpus: Ein deutsch-französischer und amerikanischer Erinnerungsort  (Stefan Zweig, Rainer Maria Rilke) https://paris-blog.org/2016/07/01/der-cimetiere-de-picpus-ein-deutsch-franzoesischer-erinnerungsort/

Das Hotel Lutetia (2): Geschichten und Geschichte  https://paris-blog.org/2019/03/01/das-hotel-lutetia-2-geschichten-und-geschichte/

Von der „Notre-Dame de Dada“ im Köln der 1920-er Jahre über das Exil im „Zauberkreis Paris“ nach Auschwitz: Das dramatische Leben der Luise Straus-Ernst.  https://paris-blog.org/2022/04/01/von-der-notre-dame-de-dada-im-koln-der-1920-er-jahre-uber-das-exil-im-zauberkreis-paris-nach-auschwitz-das-dramatische-leben-von-luise-straus-ernst/

Der Elysée-Vertrag, Mythos und Symbol, wird 50:  ein Anlass zum Feiern (2012)

Der Text ist auch erschienen in:  Europäische Erziehung, Halbjahreszeitschrift des EBB-AEDE     ISSN: 0423-6238
42 (2012) 2 (Oktober) ; S./ p.: 5 – 17.

http://ebb-aede.eu/zeitschrift-europaeische-erziehung.html

 

 

  1. Von der „Erbfeindschaft“……

Maurice Barrès, einer der lautstärksten Verkünder eines übersteigerten französischen Nationalismus, berichtet in seinem Tagebuch, „dass er mit seinem kleinen Sohn an der Grenze stand. ‚Dort wohnen die Deutschen‘, sagte er. ‚Haben die auch eine Seele?‘ fragte der Kleine zurück. ‚Nein‘, antwortete der Vater und notiert dazu in seinem Tagebuch: ‚Ich wusste wohl, dass es eine Idiotie war, aber solche Idiotien erzeugen Energien…‘ [1]. Das war zwischen 1871 und 1914, als die angebliche deutsch-französische „Erbfeindschaft“ als fester Bestandteil des kollektiven Bewusstseins beiderseits des Rheins Hochkonjunktur hatte. Wäre es nach dem Willen von Friedrich Ludwig Jahn, dem frisch-fromm-fröhlichen „Turnvater“ gegangen, hätte es die Grenzerfahrung des kleinen Barrès nicht geben können. Denn Jahn plädierte dafür, eine undurchdringliche Wildnis zwischen Deutschland und Frankreich anzulegen, damit zum Wohle des Vaterlandes auch nicht die geringste Verbindung zwischen beiden Völkern stattfinden könne. So schlägt denn Jahn vor, Sümpfe anzulegen, Täler durch Wall und Mauern zu Seen zu stauen und die Natur ungehindert ihr Werk tun zu  lassen:  „Aus alten Klöstern entstehen dann Eulenschläge, Adlerhorste aus ausgebrannten Turmzinnen… unterirdisch aufgebaute Irrgebäude dienen gleich Schneckenbergen zu Werken für Giftschlangen. Die mit einer Doppelreihe von Verwallungen und Dornhecken eingezäunte Wüste ist wenigstens ein Grad breit, kein Leichtfuß kann sie ohne Rast durchhüpfen. Hungrige Wölfe, Bären und dergleichen passen Einschleichern, Kundschaftern und Landstreichern auf den Dienst… und der beständige Kampf, den die in der Wüste wohnenden Leute mit ihnen zu führen genötigt, ist die beste Vorschule zur Landwehr.“[2]  Dies alles erschien Jahn erforderlich, weil die Franzosen –neben Polen, Juden und Junkern- für ihn „Deutschlands Unglück“ bedeuteten. Und so war es auch nur konsequent, dass er jeden kulturellen Kontakt mit den Nachbarn im Westen unterbinden wollte: „ Wer seinen Kindern die französische Sprache lehren lässt, ist ein Irrender, wer darin beharrt, sündigt gegen den heiligen Geist. Wenn er aber seinen Töchtern französisch lehren lässt, ist das ebenso gut, als wenn er ihnen Hurerei lehren lässt.“ Damit ist die moralische Verkommenheit Frankreichs als Stereotyp des deutschen nationalistischen Diskurses angesprochen, während umgekehrt Deutschland für rohe Gewalt und Barbarei steht.[3]

 

  1. …zur „Erbfreundschaft“ : Der Elysée-Vertrag als Symbol der deutsch-französischen Versöhnung

Betrachtet man aus dieser Perspektive den Elysée-Vertrag, kann man die deutsch-französische Versöhnung nur als ein „bien inestimable“[4] bezeichnen, als „eine der herausragenden Leistungen der Nachkriegszeit“[5], und den Vertrag als „Winter- und Wundermärchen“, das das Ende einer jahrzehntelangen sog. Erbfeindschaft und den Beginn einer „Erbfreundschaft“ (Ritzehofen) besiegelte.[6] Die historische Dimension des Vertrags wird zusätzlich deutlich vor dem Hintergrund der französischen Deutschlandpolitik nach dem 2. Weltkrieg, deren Ziel zunächst „die völlige Zerstückelung Deutschlands“ war.[7] Für den legendären Ernst Reuter der Berliner Luftbrücke, einen ausgewiesenen Antikommunisten, stand jedenfalls die französische Deutschlandpolitik der Nachkriegszeit der sowjetischen in nichts nach und auch die deutsche Bevölkerung insgesamt stufte in der Rangfolge der Besatzungsmächte die Franzosen an dritter Stelle ein, nur knapp vor der Sowjetunion.[8] De Gaulles Haltung gegenüber Deutschland war in dieser Zeit von großer Ambivalenz geprägt: Einerseits schwebte ihm eine „entente réelle“ zwischen dem deutschen und dem französischen Volk vor[9], andererseits begleitete er die Gründung der Bundesrepublik mit großem Misstrauen: Er befürchtete, ein westdeutscher Staat werde zu einer „Wiederauferstehung des deutschen Imperialismus“ führen und noch 1953 bezeichnete er Adenauer wenig schmeichelhaft als „Reichskanzler“.[10] Eine „abrupt einsetzende Eiszeit“ war denn auch die Folge der Regierungsübernahme de Gaulles am 1. Juni  1958, denn Adenauer brachte ihm –verständlicherweise- „abgrundtiefes Misstrauen“ entgegen. Das erste Treffen der beiden im September 1958 in Colombey-les-deux-Eglises wurde dann aber für beide Staatsmänner zum „Damaskus-Erlebnis“[11] und es war der entscheidende erste Schritt auf dem Weg zur deutsch- französischen Verständigung, wie sie in den Jahren 1962 und 1963 besiegelt wurde. Zuerst am 8. Juli 1962, als de Gaulle und Adenauer in der geschichtsmächtigen Kathedrale von Reims eine gemeinsame Messe feierten. Vor dem Hauptportal der Kathedrale sind –auf Deutsch und Französisch- die Worte eingemeißelt, die de Gaulle an den Bischof von Reims richtete, der die beiden Politiker empfing: „Eure Exzellenz, der Kanzler Adenauer und ich suchen Ihre Kathedrale auf, um die Versöhnung von Deutschland und Frankreich zu besiegeln.“ Und in den Seitenschiffen wird auf großen Schautafeln die Geschichte der Kathedrale dargestellt: Im Ersten Weltkrieg von deutschen Granaten schwer beschädigt und 1962 Ort der gemeinsamen Messe, ist sie auch ein Erinnerungsort deutsch-französischer Beziehungen von der „Erbfeindschaft“ zur „Erbfreundschaft“.

 

Der zweite Schritt war de Gaulles historische Rede an die deutsche Jugend am 9. September 1962 in Ludwigsburg, dem „umjubelte(n) Höhepunkt einer sechstägigen Reise durch Deutschland“[12].  Höhepunkt dieser auf deutsch gehaltenen Rede war de Gaulles kühner Glückwunsch an die im Schlosshof versammelten Jugendlichen: „Ich beglückwünsche Sie… junge Deutsche zu sein, das heißt Kinder eines großen Volkes. Jawohl! Eines großen Volkes! das manchmal im Laufe seiner Geschichte große Fehler begangen hat. Ein Volk, das aber auch der Welt fruchtbare geistige, wissenschaftliche, künstlerische und philosophische Wellen beschert hat, das die Welt um zahlreiche Erzeugnisse seiner Erfindungskraft, seiner Technik und seiner Arbeit bereichert hat; ein Volk, das in seinem friedlichen Werk, wie auch in den Leiden des Krieges, wahre Schätze an Mut, Disziplin und Organisation entfaltet hat. Das französische Volk weiß das voll zu würdigen…“[13]

Der dritte entscheidende Schritt war dann der Elysée-Vertrag, der allmählich zum  Symbol der deutsch-französischen Versöhnung wurde.  Und deshalb ist es nur allzu berechtigt, ihn mit einem « Année franco-allemande : cinquantenaire du traité de l’Élysée » vom September 2012 bis zum Juli  2013 gebührend herauszustellen und  zu feiern. Im Zentrum der Feierlichkeiten, deren roter Faden die Jugend ist, stehen bzw. standen z.T. schon drei große Veranstaltungen: Am 22. September 2012 in Ludwigsburg, aus Anlass von de Gaulles Rede, am 22. Januar, dem Tag der Unterzeichnung des Vertrags, in Berlin, und am 5. Juli 2013, dem 50. Jahrestag der Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerks, in Paris.[14]

 

  1. Die Rose eines Sommers: Der Elysée-Vertrag als Mythos

Allerdings besteht keinerlei Anlass zur Idealisierung dieses Vertrags, auch wenn er, so Lappenküper, immer wieder Anlass zur Legendenbildung war und ist. Der Vertrag ist also nicht nur zum Symbol, sondern auch zum Mythos geworden.  Aus europäischer Sicht war der Vertrag nämlich durchaus problematisch, so dass Jean Monet noch am Vorabend des Vertragsabschlusses versuchte, Adenauer von der Unterzeichnung abzubringen.[15] Denn eine vertiefte europäische Einheit „hätte einen solchen zweiseitigen Vertrag eigentlich überflüssig machen müssen; jetzt aber erhielt er den Anflug einer etwas hochmütigen Ausschließlichkeit, die bei den anderen Ländern leicht als ‚Sonderbündelei‘ missverstanden werden konnte.“[16] Aber selbst auf die deutsch-französische Perspektive beschränkt, bot der Vertrag Anlass zur Skepsis und Kritik.  So stellte Alfred Grosser in einem Artikel im Express vom 2.1.2003 fest, der Elysée-Vertrag  sei keineswegs als Geburtsstunde einer neuen deutsch-französischen Geisteshaltung zu verstehen. Er habe nichts geschaffen und nichts geregelt.  Und Gilbert Ziebura bezeichnete schon 1970 den Vertrag  schlicht als überflüssig.[17]  Aus gutem Grund: Hatte doch der Vertrag selbst in den Augen de Gaulles durch die ihm vom Bundestag vorangestellte Präambel schon mit der Ratifizierung seine Substanz verloren. In dieser Präambel werden in schematischer Weise alle Ziele der deutschen Außenpolitik aufgezählt, womit das angestrebte Sonderverhältnis zwischen beiden Ländern eingeebnet wurde.[18] Vor allem diente die Präambel aber der Klarstellung, dass  „die transatlantischen Beziehungen der Bundesrepublik sowie ihre Integrationsbestrebungen auf europäischer Ebene“ durch den Vertrag nicht beeinträchtigt werden sollten.[19] Hier wird das große Missverständnis deutlich, das dem Elysée-Vertrag zugrunde lag: de Gaulles Ziel war es, Europa „unter französischer Führung zu einem eigenständigen Akteur in der Weltpolitik“ zu machen.[20] Der Vertrag mit der Bundesrepublik hatte damit für ihn die doppelte Funktion, den deutschen „Nachbarn einzubinden und zu kontrollieren“ und gemeinsam mit Deutschland „die von den USA dominierte NATO auszubalancieren.“[21] Entsprechend hatte schon der erste französische Nachkriegspräsident, Vincent Auriol, am 26.9.51 festgestellt, das entstehende Europa könne zugleich eine Kontrolle über Deutschland ausüben und Schiedsrichter zwischen Russland und Amerika sein.[22] Nicht von ungefähr werden in dem Vertrag ja –vor der Jugend und der Erziehung- die Außen- und Verteidigungspolitik als Felder der Zusammenarbeit angesprochen. De Gaulles Vision war ein eigenständiges Europa der Nationen unter Führung Frankreichs als europäischer Großmacht, eine Rolle, die in der ständigen Mitgliedschaft Frankreichs und ihrem Vetorecht im Sicherheitsrat der UNO und in der nach allen Richtungen („tous azimuts“) einsatzbereiten Force de frappe zum Ausdruck kam. In dieser europäischen Vision hatte Großbritannien keinen Platz, dem de Gaulle vorwarf, „amerikanische Interessen eher zu fördern als europäische“[23], weshalb er Großbritannien wenige Tage vor Unterzeichnung des Elysée-Vertrags die Tür zur beantragten Mitgliedschaft in der EWG zugeschlagen hatte. Deutschland sollte in diesem Konzept der Juniorpartner sein und die französisch-deutsche Allianz Kern eines unabhängigen Europas. Adenauer dagegen ging es 1962 vor allem um seine Lebensaufgabe der Integration Westdeutschlands in die westliche Gemeinschaft zur Sicherung der Freiheit der Bundesrepublik im Kalten Krieg. Ihm war die Verständigung mit Frankreich so existentiell, dass er den französischen Affront gegen England  hinnahm und froh war, dass  – anders als zunächst vorgesehen- die deutsch-französische Verständigung als sein politisches Vermächtnis den Rang eines Staatsvertrages erhielt.

 

 

Vereinbart wurde dies übrigens erst ganz kurzfristig am Tag der Vertragsunterzeichnung zwischen de Gaulle und Adenauer, so dass man bei der Ausfertigung der deutschen Version improvisieren musste: Da kein amtlicher dunkelblauer Lederdeckel mit Bundeswappen in Paris verfügbar war, wurde der Text „in einer am Vormittag schnell in der rue du Faubourg-St-Honoré bei Hermès erstandenen Ledermappe“  -immerhin!- eingeheftet.[24] (Die französische Ausfertigung entspricht immerhin allen protokollarischen Anforderungen).

 

Da es sich nun aber um einen offiziellen Vertrag handelte, musste ihm der Bundestag zustimmen. Und der versah den Text –gegen den Willen Adenauers- mit der Präambel, die  de Gaulle  tief enttäuschte und die den Vertrag für ihn zu einer verpassten Gelegenheit und einer „aimable virtualité“ (zitiert von Bled) machte. Sollte die deutsch-französische Freundschaft nach der Vorstellung de Gaulles und des Rosenzüchters Adenauer ein „Rosengarten“ sein, der lange blüht und gedeiht, wenn man es nur will[25], so schien die Rose des deutsch-französischen Vertrags –kaum aufgeblüht- auch schon wieder zu verwelken.

Zu dieser Einschätzung trug auch die Politik Ludwig Erhards bei, dem Nachfolger Konrad Adenauers.  Erhard, ein bekennender Atlantiker, hielt wenig von einem deutsch-französischen Sonderverhältnis, was er durch seine Abwesenheit bei der Verabschiedung des Vertragsentwurfs durch das Bundeskabinett zum Ausdruck brachte. Bei den ersten Konsultationen nach dem Kanzlerwechsel wiederholte de Gaulle zwar noch einmal sehr nachdrücklich sein Angebot einer engen Zweierbeziehung zwischen Frankreich und Deutschland. Ohne darauf auch nur im Geringsten einzugehen, rief, wie einer der Anwesenden berichtet, der neue Bundeskanzler „nach einer endlos erscheinenden Sekunde des Schweigens“  einfach den nächsten Tagesordnungspunkt auf.  Das war –ein halbes Jahr nach seiner Unterzeichnung- aus dem sogenannten „Jahrhundertvertrag“,  geworden, der deshalb auch „zunächst als gescheitert galt.“[26]„Je suis resté vierge“, beklagte sich de Gaulle bei Adenauer.[27] Drei Jahre nach seiner Unterzeichnung hatte der Elysée-Vertrag Geist und Substanz verloren, und lediglich die Pflicht zur Konsultation war von ihm noch übrig geblieben, was immerhin den völligen Bruch verhinderte.[28] Vor diesem Hintergrund muss man die Stilisierung des Elysée-Vertrages zum „Jahrhundertvertrag“ als Teil der Mythenbildung bezeichnen, die von Akteuren und Interpreten der deutsch-französischen Beziehungen der Nachkriegszeit gepflegt wurde.[29] Zu dieser Überhöhung des Elysée-Vertrags gehört dann übrigens auch, dass –wenn von deutsch-französischer Aussöhnung die Rede ist- oft etwas in den Hintergrund gerät, dass es immerhin schon einmal zwei Friedensnobelpreisträger gab, die die deutsch-französische Aussöhnung zu ihrem Lebenswerk gemacht hatten, nämlich der französische Außenminister Aristide Briand und der deutsche Außenminister Gustav Stresemann 1926, und dass am 9. Mai 1950, also gerade einmal 5 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs,  der damalige französische Außenminister Robert Schumann eine wegweisende Rede hielt, in der er die Schaffung einer Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) vorschlug und in der er gleich zu Beginn feststellte: „La paix mondiale ne saurait être sauvegardée sans des efforts créateurs à la mesure des dangers qui la menacent. … Le rassemblement des nations européennes exige que l’opposition séculaire de la France et de l’Allemagne soit éliminée.“[30]

13 Jahre später wurde im Elysée-Vertrag diese Jahrhunderte alte Gegnerschaft Deutschlands und Frankreichs dann endgültig und offiziell beendet und überwunden. Den blühenden Rosengarten deutsch-französischer Freundschaft, von dem Adenauer und de Gaulle träumten, schuf der Vertrag allerdings zunächst nicht. Dass er dann trotz aller anfänglicher Probleme schließlich doch noch gedieh und blühte, ist auch – um im Bild zu bleiben- engagierten Gärtnern auf beiden Seiten zu verdanken: Brandt und Pompidou, Schmidt und Giscard, Kohl und Mitterand und zuletzt Merkel und Sarkozy.  Aber bezeichnet das Duo Merkozy einerseits die Enge der gegenseitigen Beziehungen und Kooperation gerade in Krisenzeiten, so andererseits auch die Schwierigkeiten der Partnerschaft 50 Jahre nach Abschluss des Elysée-Vertrags.

 

  1. Der Elysée-Vertrag heute: Der stotternde deutsch-französische Motor

Schon Ende 2011 hat der französische Deutschlandexperte und deutschlandpolitische Berater François Hollandes, Jacques-Pierre Gougeon, konstatiert, der deutsch-französische Motor sei ins Stottern geraten und es bestehe eine beunruhigende und wachsende „Malaise“ zwischen den beiden Ländern.[31] Und diese Malaise hat sich unter der Präsidentschaft Francois Hollandes eher noch verstärkt. Le Monde spricht am 22.6.2012 in diesem Sinne davon, Deutsche und Franzosen redeten aneinander vorbei[32] oder der Express stellt fest, man müsse Deutschland und Frankreich wieder versöhnen.[33] Gougeon hat seinem neuesten Buch den Titel gegeben: „France-Allemagne: une union menacée?“ Ob die deutsch-französische Partnerschaft bedroht ist, wird hier als Frage formuliert. In seinem Fazit spricht dann Gougeon allerdings durchaus von der Gefahr eines Bruches.[34]  Belege dafür finden sich problemlos auf verschiedenen Politikfeldern, in denen es fundamentale Dissonanzen zwischen beiden Ländern gibt:

Dies gilt vor allem für die Position beider Länder in der Euro-Schuldenkrise. Die Kritik an der deutschen Haltung in der Schuldenkrise ist auch in Frankreich heftig. Darüber hinaus gibt es massive Tendenzen, Deutschland zum Sündenbock der europäischen Finanz- und Schuldenkrise zu machen.  Da ist es schon eine Ausnahme, wenn die konservative Zeitschrift Le Point Verständnis dafür hat, dass sich Deutschland sträube, für die „hemmungslose Schuldenpolitik“ seiner Partner aufzukommen. Unter der Überschrift „Justice pour Angela Merkel“ schreibt die Zeitschrift: „Mais Clemenceau est mort depuis longtemps et, avec lui, le traité de Versailles et le mythe de ‚L’Allemagne paiera‘“.[35] Dieser Verweis auf den Versailler Vertag, der nach inzwischen immerhin gängiger französischer Überzeugung einen wesentlichen Beitrag zum Aufstieg Hitlers geleistet hat, lässt sich auch als Replik auf den ebenso gängigen Vorwurf verstehen, Deutschland wiederhole mit seiner rigiden Sparpolitik die desaströse Deflationspolitik in der Weltwirtschaftskrise mit ihren bekannten Konsequenzen. Hier wird deutlich, mit welch harten geschichtspolitischen Bandagen die französische Auseinandersetzung um die Rolle Deutschlands in Europa geführt wird und wie groß hier der Graben zwischen beiden Ländern ist.

Die Euro-Krise hat eine weitere entscheidende Dissonanz in der europapolitischen Konzeption beider Länder deutlich gemacht. Im Kern geht es ja darum, dass (in welchem Ausmaß und auf welche Weise auch immer) die Schulden der Euro-Länder vergemeinschaftet werden sollen,  was aber aus (nicht nur) deutscher Sicht nur möglich ist gegen einen (weiteren) Souveränitätsverzicht. Denn man kann deutschen (und anderen) Steuerzahlern kaum zumuten, dass sie den Staaten, die über ihre Verhältnisse lebten und leben, großzügig einen Blankoscheck ausstellen – auch wenn die entsprechende Position, die der Bundesbankpräsident so griffig formuliert hat, in Frankreich teilweise als Zeichen des Egoismus und der fehlenden Solidarität verstanden wird. Wobei bemerkenswert und erstaunlich ist, dass in der französischen Diskussion der Schuldenkrise – trotz extrem angespannter Haushaltslage-  nur ganz ausnahmsweise darauf hingewiesen wird, dass -und welche- Kosten bzw. Risiken auch für den französischen Steuerzahler mit den bisherigen und möglichen künftigen Stützungsmaßnahmen verbunden sind. Und was die Abgabe von Souveränität an die Gemeinschaft angeht, tut sich Frankreich schwer. Dies gilt sowohl für große Teile der Rechten wie der Linken – ein für Frankreich seltener Bereich parteiübergreifender Einigkeit- und es hat eine lange Tradition, die weit über de Gaulle hinausreicht. Einem geflügelten Wort Cardin Le Brets aus der Zeit Ludwigs XIV.  entsprechend ist die Souveränität genauso wenig teilbar wie der Punkt in der Geometrie.[36]  Das ist Absolutismus pur, aber nicht von vorgestern: Der von deutscher Seite als europäische Perspektive ins Spiel gebrachte europäische Föderalismus ist für die französische politische Klasse eher ein Tabu bzw. gehört zu den sogenannten „f-words“, die tunlichst vermieden werden. François Hollande spricht also lieber von einer „intégration solidaire“, womit dann wohl eher das gemeint ist, was in Deutschland –oder zumindest der FAZ- gerne als „Haftungs- und Transferunion“ bezeichnet wird.[37]  Nach der Ablehnung der europäischen Verfassung durch die Franzosen im Referendum von 2005 und den erbitterten Auseinandersetzungen um diese Verfassung in der Sozialistischen Partei fürchten die Sozialisten den europäischen Föderalismus wie der Teufel das Weihwasser.[38] Hier befindet sich Frankreich ganz in der Tradition  Charles de Gaulles. Dessen erklärtes Ziel war ja,  wie Klaus Schwabe am 13.7.12 in der FAZ schrieb, ein Europa der in jeder Hinsicht souveränen Nationen, also etwas ganz anderes als das, was europäischen Visionären wie Schuman, Monnet und de Gasperi vorschwebte. Was dagegen de Gaulle wollte, „war genau das Europa, das heute an der Aufgabe einer gemeinsamen Finanz-, Wirtschafts- und Innenpolitik zu scheitern droht. De Gaulles Verdienste um ein enges Bündnis mit der Bundesrepublik passten in seine nationalstaatliche Orientierung und sollen in keiner Weise geschmälert werden. Trotzdem ist er an erster Stelle für die Fehlentwicklung verantwortlich, welche die europäische Einigung unter seinem Einfluss eingeschlagen hat.“ Für de Gaulle war ein föderales Europa unvorstellbar. Man könne kein föderales Omelette mit  harten Eiern machen, also den alten europäischen Nationen.[39]  Völlig entgegengesetzte Wege haben Deutschland und Frankreich auch in der Energiepolitik eingeschlagen:  In Deutschland wurde beschlossen, die Atommeiler abzuschalten, was in Frankreich mit Unverständnis, z.T. auch mit Häme kommentiert wurde- frei nach Asterix: „Die spinnen, die Deutschen“.  In Frankreich hat der neue Präsident zwar als längerfristiges Ziel vorgegeben, den Anteil des Atomstroms mittelfristig von 75% auf 50% zu reduzieren. Aber auch die Grünen als Koalitionspartner  konnten nicht ein Regierungsprogramm verhindern, nach dem die nukleare Kapazität Frankreichs am Ende der fünfjährigen Amtszeit Hollandes noch höher sein wird als am Anfang!  Die Atomenergie ist- auch dies ein Erbe de Gaulles- in ihrer Verflechtung von militärischem und zivilem Bereich ein nationaler Mythos, wie die Zeitung Libération schrieb, über den man nicht diskutiert, sondern vor dem man sich verneigt.[40] Und damit es auch allen klar ist, hat der (linkssozialistische) Minister Montebourg – in vollster Übereinstimmung mit der entsprechenden Politik Sarkozys- gerade wieder bestätigt, dass es sich bei der Atomindustrie um eine Zukunftstechnologie handele, auf die  Frankreich unter keinen Umständen verzichten könne und wolle.[41]

Le Monde spricht im  Leitartikel zum Jubiläumstreffen Hollandes und Merkels in Reims am 8. Juli  auch die außenpolitische und militärische Zusammenarbeit an, die im Elysée-Vertrag ja eine zentrale Rolle spielt und fragt – unter anderem- kritisch, warum 50 Jahre nach Abschluss des Vertrags die militärische Zusammenarbeit nicht vorankomme; warum es keine gemeinsame Botschaft gäbe; warum die beiden Länder unfähig seien,  in der UNO und der G20 mit einer Stimme zu sprechen…[42] Die unterschiedlichen Positionen zu einer militärischen Intervention in Libyen haben die Dissonanzen in diesem Bereich wieder sehr deutlich gemacht.

  1. Der Verlust der französischen Dominanz

Diese Dissonanzen-Liste soll –was problemlos möglich wäre- hier nicht noch verlängert werden. Stattdessen soll eine Antwort auf die Frage versucht werden, was letztendlich die Beziehungen beider Länder zunehmend schwierig macht. Nach Auffassung Gougeons, die mir sehr plausibel erscheint,  ist es die völlige Umkehr des Gewichts beider Länder seit Abschluss des Elysée-Vertrags. Damals waren die Verhältnisse ganz eindeutig und unbestritten.[43]  Und Deutschland machte bis hin zur Wiedervereinigung Frankreich den ersten Rang auch nicht streitig. Bezeichnend dafür die Mahnung Helmut Schmidts aus dem Jahr 1990: „Jedermann in Bonn muss wissen: Wir dürfen keinen Schritt ohne Frankreich tun, immer Paris den Vortritt lassen, der den Franzosen gebührt.“[44] Inzwischen hat sich das Machtgefüge zwischen Frankreich und Deutschland verschoben, vor allem, wie Gougeon schreibt, durch die zunehmenden ökonomischen Unterschiede und dadurch, dass Deutschland seine Rolle als Machtfaktor inzwischen wahr- und in Anspruch nehme.[45] Dieses Ungleichgewicht zuungunsten Frankreichs drücke sich auch in dem größeren Stimmengewicht im europäischen Ministerrat aus, das Deutschland im Vertrag von Lissabon erhalten habe. Als eine Konsequenz dieses verschobenen Machtgefüges diagnostizieren Beobachter einen französischen Minderwertigkeitskomplex gegenüber Deutschland.[46] Und wenn auch der neue Präsident am Anfang Selbstbewusstsein gegenüber Deutschland demonstriert habe (Eurobonds, Fiskalpakt), so habe er sich dann schließlich doch kleinlaut den Vorgaben Merkels angepasst. Und dass Hollande (zunächst) den Schulterschluss mit Italien und Spanien suchte  und gegenüber Griechenland eher zu Konzessionen bereit ist bzw. war als die Bundesregierung, wurde zumindest von konservativer Seite nicht als Ausdruck von neuem Selbstbewusstsein gesehen: Frankreich stelle sich damit schon darauf ein, selbst einmal zu den Rettungskandidaten der Eurozone zu gehören.  Allerdings sei, so die linke „Marianne“,  die Anlehnung an den „Club Med diplomatique“ keine Alternative zur deutsch-französischen Allianz. Das wäre ja so, als würde ein Fußballklub darum bitten, in die zweite Liga absteigen zu dürfen.[47]

Die französische Schwäche, die der fast schon obsessive Vergleich mit Deutschland immer wieder vor Augen führt,  wird dann zwar zeitweise durch markige Worte oder durch Großmacht-Interventionen wie in Libyen überspielt, die aber im Grunde über die eigenen Kräfte gehen. Denn die sind begrenzt und eher noch am Schwinden: Die Arbeitslosigkeit steigt -besonders bei Jugendlichen- in besorgniserregende Höhen, ebenso das Außenhandelsdefizit und die Staatsverschuldung, Frankreich verliert an industrieller Substanz und an internationaler Konkurrenzfähigkeit –im aktuellen Ranking des Weltwirtschaftsforums Davos wird Frankreich zum ersten Mal nicht mehr unter den top-20 geführt,[48] das triple A (das AAA) verlor Frankreich schon am Ende der Ära Sarkozy, und wie 2013 die immer wieder versprochene 3% – Grenze der Staatsverschuldung eingehalten werden soll, steht trotz angekündigter einschneidender Maßnahmen in den Sternen:   Harter Tobak für die Grande Nation.[49]

Dagegen vergeht  fast kein Tag, an dem nicht in den Medien die entsprechenden deutschen Zahlen zum Vergleich herangezogen werden.  Deutschland dient hier als Maßstab und wird als Modell den eigenen Landsleuten vorgehalten.[50] Wer aber die Rolle eines Klassenprimus einnimmt und lautstark, wie Herr Kauder,  beansprucht, dass am deutschen Wesen Europa genesen soll, muss damit rechnen, neben Bewunderung auch negative Emotionen auf sich zu ziehen.

Besonders hervorgetan hat sich in dieser Hinsicht  Arnaud Montebourg, ein führender Sozialist, der inzwischen zum ministre du redressement productif, also zum Minister für „produktiven Wiederaufbau“(!), also die Reindustrialisierung Frankreichs,  avanciert ist. Deutschland, so verkündete er 2011 lautstark,  mache sein Glück  „sur notre ruine“[51], die alte deutsche Politik der territorialen Expansion kehre nun wieder als Politik der „domination économique“.[52]

Und was bleibt da für Frankreich angesichts solcher tatsächlicher oder zugeschriebener deutscher Dominanz?  Natalie Kosciusko-Morizet, die frühere Sprecherin Sarkozys und jetzige Kandidatin für den Vorsitz der UMP, sieht vor allem zwei französische Trumpfkarten, die den deutschen in vielerlei Hinsicht überlegen seien: Und zwar vor allem die demographische Dynamik, durch die Frankreich in der Mitte des Jahrhunderts Deutschland an Bevölkerungszahl überholen werde. Das sei eindeutig ein Schlüssel der Zukunft. Und zweitens die Kreativität der französischen Ingenieure, die vor allem in der Atom- und der Luft- und Raumfahrtindustrie sichtbar werde.[53]

Hier wird der historische deutsche Topos vom demographischen Niedergang Frankreichs  von französischer Seite gegen Deutschland gewendet, eine in Frankreich derzeit sehr verbreitete, trostreiche Verheißung auf bessere Zeiten.[54]  Und wenn als eine der weiteren Trumpfkarten Frankreichs die Luft- und Raumfahrtindustrie genannt wird, dann gehören dazu auch die deutsch-französischen Projekte Ariane und Airbus, also  -trotz mancher nationaler Personalquerelen- Erfolgsgeschichten deutsch-französischer Zusammenarbeit, die vom Elysée-Vertrag beflügelt wurden.

 

  1. Und dennoch: Der Elysée-Vertrag, eine Erfolgsgeschichte!

Und in der Tat: Bei allen aktuellen Problemen und historischer Relativierung ist der Elysée-Vertrag  doch eine ganz außerordentliche Erfolgsgeschichte.

Dabei wird an erster Stelle oft die Intensität der politischen Zusammenarbeit genannt:  „Auf der Basis des Elysée-Vertrags ist 1963 ein Netz von Kontakten entstanden, das unter souveränen Staaten einmalig sein dürfte.“[55] Die damals vereinbarten Konsultationsverpflichtungen halfen dabei, schwierige Phasen der deutsch-französischen Beziehungen zu überbrücken, vor allem aber waren sie eine wichtige Voraussetzung für den deutsch-französischen Motor auf europäischer Ebene. Ein weiterer unbestreitbarer Pluspunkt des Vertrags war die Vereinbarung über die Gründung des deutsch-französischen Jugendwerks, das gerne als „das schönste Kind des Elysée-Vertrags“ bezeichnet wird, und waren und sind die zahlreichen Initiativen im Bereich von Schulen und Universitäten (Erasmus, Comenius, bilinguale Angebote, Schüleraustausch, universitäre Kooperationen etc).  Mit dem Elysée-Vertrag setzte auch ein großer Aufschwung deutsch-französischer Städtepartnerschaften ein, von denen es inzwischen etwa 2200 gibt. Die Kultur ist in dem Vertrag zwar aufgrund damaliger innerfranzösischer Querelen nicht berücksichtigt, aber das wurde später etwas ausgeglichen durch die Gründung des deutsch-französischen Fernsehsenders Arte, ebenfalls eine international einmalige Einrichtung. All das bewirkte, dass die deutsch-französische Versöhnung und Zusammenarbeit nicht auf die politischen Eliten beschränkt blieb, sondern weit in die Zivilgesellschaft hineinwirkte.

Der Prozess der deutsch-französischen Versöhnung und die Etablierung einer „strukturierten Zusammenarbeit“, die im Elysée-Vertrag besiegelt wurden, ist –gerade wenn man sie in ihrer historischen Dimension sieht- so einzigartig, dass sie inzwischen sogar als mögliches Modell für andere Staaten ins Auge gefasst wird, ja geradezu zum „Exportschlager“ stilisiert wurde.[56] Erleichtert wurde das „Wunder“ aber dadurch, dass Deutschland und Frankreich immerhin gemeinsame Wurzeln im fränkischen Reichs Karls des Großen haben, dessen Statue eben nicht nur vor Notre Dame in Paris steht, sondern auch an der „Furt der Franken“, also  in Frankfurt vor dem Historischen Museum.[57] Und neben der sogenannten Erbfeindschaft gab es ja auch eine intensive kulturelle Verschränkung: Man denke nur –im Jubiläumsjahr- an Friedrich den Großen, der besser französisch als deutsch sprach, oder an Goethe, dessen Werther gerade auch in Frankreich zum Bestseller wurde und der ein glühender Verehrer Napoleons war. So leicht wird es für andere also nicht immer sein, die Erfolgsgeschichte der deutsch-französischen Versöhnung auf sich zu übertragen.

 

  1. Und vor uns die Mühen der Ebene

Wenn heute die deutsch-französischen Beziehungen statt mit dem Begriff der Erbfeindschaft mit dem der „Erbfreundschaft“ (Ritzenhofen) charakterisiert werden können, dann wird damit  die einzigartige Entwicklung der letzten 50 Jahre auf den Begriff gebracht. Gleichzeitig  aber ist in diesem Begriff auch eine Schwierigkeit der aktuellen Beziehungen impliziert. Was die Gründungsväter der europäischen Einigung und des Elysée-Vertrags beseelte, waren die Erfahrungen zweier grauenhafter Weltkriege und das entschlossene „Nie wieder!“.  In der gemeinsamen Messe de Gaulle und Adenauers von 1962 und in der Verneigung Kohls und Mitterands –Hand in Hand- vor den Opfern von Verdun 1984[58]– wurde dies in unnachahmlicher Weise zum Ausdruck gebracht.

 

 

Das ist heute nicht mehr wiederholbar. Das unprätentiöse Treffen Merkels und Hollandes in Reims 50 Jahre später hat dies deutlich gezeigt, und auch die historische Dimension der Rede de Gaulles an die deutsche Jugend in Ludwigsburg lässt sich nicht wieder erreichen.

Dass Deutschland und Frankreich Freunde sind, gehört heute zu den Selbstverständlichkeiten des öffentlichen Bewusstseins beiderseits des Rheins. 2011 waren immerhin 55% der befragten Deutschen der Meinung, dass Frankreich das Land sei, mit dem man am engsten zusammenarbeiten müsse.[59] 82% der befragten Franzosen haben nach einer Untersuchung vom Januar 2012  ein positives Bild von Deutschland.[60] Und in dem  aktuellen Barometer der deutsch-französischen Beziehungen, bei dem im Sommer 2012  junge Menschen zwischen 15 und 34 Jahren befragt wurden, bezeichneten 68,5 der Franzosen und 78% der Deutschen die beiderseitigen Beziehungen als gut.  Und das trotz akuter Eurokrise und „stotterndem deutsch-französischem Motor“![61] Hier wird in der Tat deutlich, dass die deutsch-französische Freundschaft nicht einfach eine politische Konstruktion, sondern tief in den beiden Gesellschaften verankert ist.

Allerdings müssen diese Befunde durch die Tatsache relativiert werden, „dass die deutsch-französischen Beziehungen vielen jungen Menschen weder als ausschließlich noch als bevorzugt erscheinen“ – und zwar mit steigender Tendenz.[62] Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang auch das altersspezifisch aufgeschlüsselte Ergebnis der ifop-Frage nach dem bevorzugten Partner: Während 64% der befragten Franzosen ab 65 Jahre Deutschland in dieser Rolle sehen, sind es bei der Altersgruppe bis 35 Jahre nur 38%.[63]

Die Einzigartigkeit der deutsch- französischen Beziehungen war für die Kriegs- und die Nachkriegsgeneration eine Selbstverständlichkeit, für heutige Jugendliche ist die Normalität dieser Beziehungen selbstverständlich und der Bezugspunkt ist eher Europa insgesamt. Deshalb fehlt auch vielen deutsch-französischen Initiativen der Nachwuchs[64] und das Erlernen der Sprache des jeweiligen Nachbarlandes hat heute bei weitem nicht den Stellenwert, der ihm vor 50 Jahren zugeschrieben wurde. Französische Deutschlehrer/innen, die teilweise von Schule zu Schule hetzen müssen, um auf das erforderliche Stundendeputat in ihrem dahindümpelnden Fach zu kommen, können davon ein (trauriges) Lied singen.[65]

Man muss deshalb aber nicht gleich, wie der Le Monde-Journalist Arnaud Leparmentier am 12.9.2012 in Versailles, von einer „Katastrophe“ sprechen und den Elysée-Vertrag als überlebt abtun. Es erscheint mir auch zweifelhaft, ob man, wie im Leitartikel von Le Monde zum Treffen Hollandes und Merkels in Reims gefordert, einen neuen Elysée-Vertrag braucht.[66] Eher geht es darum, wie  Berechtigung und Notwendigkeit spezifischer deutsch-französischer Beziehungen auch unter den –vor allem seit 1990- grundlegend veränderten Bedingungen erklärt werden können  und wie der Vertrag gerade im Blick auf die Jugend mit ständig neuem Leben erfüllt werden kann.

Überlegungen und Vorschläge gibt es dafür mehr als genug: Beispielsweise die „99 Ideen für die Zukunft der deutsch-französischen Beziehungen“ vom Herausgeber des Magazins ParisBerlin, Oliver Breton.  Anlässlich des 40. Jahrestags des Elysée-Vertrags haben Chirac und Schröder beispielsweise die im Vertrag vorgesehenen Konsultationen noch einmal wesentlich intensiviert und haben damit die Grenze des Sinnvollen und Machbaren erreicht. Angesichts der leeren Haushaltskassen ist allerdings Bescheidenheit angesagt. Sinnvolles,  Mach- und Bezahlbares gibt es aber noch in vielen Bereichen.  Mal seh‘n, was sich Merkel und Hollande anlässlich des 50. Jubiläums einfallen lassen! Am wichtigsten ist jedenfalls ein gesellschaftliches Klima, das Frankreich, seiner Kultur und Sprache förderlich ist, und sind  Eltern und Lehrer, die Jugendlichen dabei helfen, unser Nachbarland kennen- und vielleicht sogar lieben zu lernen.

September 2012

 

  1. 15. Literatur:

Bled, Jean-Paul, Aux origines du traité franco-allemand du 22 janvier 1963, Espoir n°116, 1998. Auch in: http://www.charles-de-gaulle.org/pages/l-homme/dossiers-thematiques/de-gaulle-et-le-monde/de-gaulle-et-l-allemagne/analyses/aux-origines-du-traite-franco-allemand.php

Defrance, Corine und Pfeil, Ulrich: Der Elysée-Vertrag und die deutsch-französischen Beziehungen. Oldenbourg Wissenschaftsverlag 2005 – in Frankreich erschienen unter dem Titel Le traité de l’Élysée et les relations franco-allemandes (CNRS)

Fischer, Per: Ein Start mit Hindernissen. Wie der „Jahrhundertvertrag“ entstand und aufgenommen wurde. 1992, DFI online-Bibliothek  https://fiv.sydneyplus.com/FIVDB1/Portal/dfi_de.aspx?lang=de-DE&g_AAAAAP_AAAD=FIVDB1+%7CCatalog+%7CaggBasic+%3D+%27Per+Fischer+Ein+Start+mit+Hindernissen%27&p_AAAX=AAAACV&query=Per+Fischer+Ein+Start+mit+Hindernissen&submit=Suche

Gougeon, Jacques: France-Allemagne: une union menacée? Paris 2012

Grosser, Alfred, Deux siècles de haine et de passion. L’Express 2.1.2003

Linsel, Knut, Charles de Gaulle und Deutschland 1914 – 1919. Beihefte der Francia, Bd 44 1998

Jeismann, Michael: Das Vaterland der Feinde. Studien zum nationalen Feindbegriff und Selbstverständnis in Deutschland und Frankreich 1792-1918. Stuttgart 1992

Lappenküper, Ulrich: Die deutsch-französischen Beziehungen von 1949 – 1963. Von der „Erbfeindschaft“ zur „Entente élémentaire“ (2 Bde) München 2001

Lappenküper, Ulrich: Les cinquante ans du traité de l’Élysée. Vortrag im DHI Paris vom 24.5.2012. Französisches Redemanuskript

Lappenküper, Ulrich: Das „Wunder“ von Colombey. Konrad Adenauer bei Charles de Gaulle im September 1958. In: Dokumente/Documents. Zeitschrift für den deutsch-französischen Dialog. 3/2012

Leenhardt, Jacques und Picht, Robert:  Esprit/Geist. 100 Schlüsselbegriffe für Deutsche und Franzosen.  München 1989

Linsel, Knut: Charles de Gaulle und Deutschland 1914-1969. Beihefte der Francia Bd 44. Sigmaringen 1998

Lipping, Alexander und  Grabendorff,Björn: 1848- Der Deutsche macht in Güte Revolution. FFM 1982

Martens, Stefan, Zwischen Demokratisierung und Ausbeutung. Aspekte und Motive der französischen Deutschlandpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg. Beihefte der Francia Bd. 27, 1993

Martens, Stephan, De l’Erbfeindschaft à la Reconciliation. Le Traité de l’Elysée. Portée et limites.  In: Allemagne d´aujourd´hui hors série, mai 2006, S. 36-50. (Sonderheft  8 mai 1945 – 8 mai 2005 France et Allemagne : de la guerre au partenariat européen. )

Miard-Delacroix, Hélène und Hudemann, Rainer (Herausgeber): Wandel und Integration: Deutsch-französische Annäherungen der fünfziger Jahre/ Mutations et intégration. Les rapprochements franco-allemands dans les années cinquante. München 2005

Montferrand, Bernard de und Thiériot, Jean-Louis: France-Allemagne. L’Heure de vérité. Paris 2011

Ritzenhofen, Medard:  Deutschland – Frankreich. Die Erbfreundschaft.  Ein Winter-, ein Wundermärchen. In: Dokumente / Gesellschaft für übernationale Zusammenarbeit (Bielefeld), 58 (Dezember 2002) 6, S. 6-43

Seidendorf, Stefan (Hrsg): Deutsch-Französische Beziehungen als Modellbaukasten? Zur Übertragbarkeit von Aussöhnung und strukturierter Zusammenarbeit. Nomos 2012

Vogel, Wolfram, Die deutsch-französischen Beziehungen. In: Kimmel, Adolf/Uterwedde, Henrik: Länderbericht Frankreich. Band 462 der Schriftenreihe der Bundeszentrale für Politische Bildung. 2005

Zibura, Gilbert: Die deutsch-französischen Beziehungen seit 1945. Mythen und Realitäten. 1997

http://www.lefigaro.fr/international/2012/05/15/01003-20120515ARTFIG00718-le-couple-franco-allemand-60-ans-d-histoires.php  (Retour sur les grandes dates de la relation franco-allemande.)

 

Auf diesem Blog gibt es auch einen Text über den Aachener Vertrag von 2019, die Fortschreibung und Konkretisierung des Elysée-Vertrags:

fake news, nostalgischer Nationalismus und antideutsche Ressentiments: Der deutsch-französische Freundschaftsvertrag von Aachen schlägt in Frankreich Wellen (Februar 2019)   https://paris-blog.org/2019/02/13/fake-news-nostalgischer-nationalismus-und-antideutsche-ressentiments-der-deutsch-franzoesische-freundschaftsvertrag-von-aachen-schlaegt-in-frankreich-wellen/

 

Anmerkungen

[1] Picht in Leenhardt/Picht, 127

[2] zit. bei Lipping/Grabendorff, 18/19

[3] Siehe dazu: Ennemi/ami héréditaire. Les relations franco-allemandes entre 1870 et 1945 à travers la littérature contemporaine. Dfi 2008 und das Buch von  Jeismann.

[4] Martens, 2006, 50

[5] Vogel, 419

[6] de Gaulle bezeichnete selbst die deutsch-französische Verständigung als „miracle historique“. Zit. bei Lappenküper 3/2012, 49. Der Vertrag selbst ist allerdings eine eher geschäftsmäßig-spröde Vereinbarung „über die Organisation und die Grundsätze der Zusammenarbeit zwischen den beiden Staaten“ (Vertragstext). Dem Vertrag ist aber eine gemeinsame Erklärung vorangestellt, in der Adenauer und de Gaulle auf die historische Dimension der „Versöhnung zwischen dem deutschen und dem französischen Volk“ verweisen, „die eine Jahrhunderte alte Rivalität beendet“ und „das Verhältnis der beiden Völker zueinander von Grund auf neu gestaltet.“ (Text der gemeinsamen Erklärung).

[7] Vogel, 419

[8] Martens,1993, 10

[9] Linsel, 135

[10] Pressekonferenz 29.3.1949: „résurrection de l’imperialisme germanique“; Pressekonferenz 25.2.1953: „Chancelier du Reich“. Zit. bei Linsel, S. 135 und 140

[11] Lappenküper 3/2012, 45 und 49

[12] http://www.tagesspiegel.de/politik/de-gaulle-rede-in-deutschland-vor-50-jahren-grosse-worte-grosse-gesten/7166590.html

[13] Wortlaut der Rede auf: http://www.ludwigsburg.de/site/Ludwigsburg-Internet/get/1105080/REDE-de_gaulle.pdf.  Zu hören und zu sehen ist die Rede auf:  http://www.europa-nur-mit-uns.eu/charles-de-gaulle-die-rede.html. Dort auch Links zu zeitgenössischen Reaktionen.

[14] Nähere Informationen zu dem deutsch-französischen Jahr 2012-2013 bei: www.deutschland-frankreich.diplo.dewww.elysee50.de bzw.  www.elysee50.fr Zusätzlich gibt es auch ein année franco-allemande en milieu scolaire, das am 9. September in Saarbrücken von George Pau-Langevin, ministre déléguée à la réussite éducative, und der saarländischen Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer eingeläutet wurde.  Kramp-Karrenbauer ist  auch Bevollmächtigte für die kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich.

[15] Bled: „La veille au soir, Jean Monnet, inspiré par d’autres intérêts, a tenté de dissuader le Chancelier de conclure“

[16] Curt Gasteyger, Europa zwischen Spaltung und Einigung 1945 bis 1993. Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Band 321, 1994, S. 225

[17] Diese und weitere Belege für die Relativierung der Bedeutung des Vertrags  bei Martens, 2006,45/46

[18] Fischer, 467

[19] Vogel, 423

[20] Vogel, 419; entsprechend stellt Insel, 155, fest, de Gaulle habe den Großmachtanspruch Frankreichs „zum ausschließlichen Bezugspunkt der französischen Politik“ gemacht. In diesem Zusammenhang sei auch seine Deutschlandpolitik zu sehen.

[21] Vogel, 419, 420.

[22] Siehe Gougeon, France-Allemagne, 184

[23] Fischer, 465

[24] Fischer, 466

[25] zit. bei Martens, 2006, 45

[26] Fischer, 467 und Vogel, 424; Fischer a.a.O.  spricht etwas zurückhaltender von einem „Start mit Hindernissen“ und einer von Erhard verursachten „Sackgasse“.

[27] „Ich bin Jungfrau geblieben“. Zit. Lappenküper 2012, 4

[28] Lappenküper 2012,4

[29] s. Corinne Defrance in einem vom Arbeitskreis Deutschland-Frankreich der Uni Kassel organisierten Vortrag vom 24.1.2012 über „Le mythe de la réconciliation franco-allemande“:  „Die Konstruktion des Mythos anhand verschiedener offizieller Inszenierungen setzte spätestens zu Beginn der 1960er Jahre ein: noch vor der Unterzeichnung des Elysée-Vertrages durch Charles de Gaulle und Konrad Adenauer am 22. Januar 1963. Stets standen die Bundesrepublik und Frankreich unter dem Druck der Vergangenheit, stets ging es darum, sich vom gescheiterten Versuch einer Aussöhnung in der Zwischenkriegszeit abzugrenzen, der doch immerhin einen Friedensnobelpreis für Aristide Briand und Gustav Stresemann mit sich gebracht hatte.“  S.a. Defrance: Construction et déconstruction du mythe de la reconciliation franco-allemande au XXe siècle. In: Mythes et tabous des relations franco-allemandes au XXe siècle. Bern 2012

[30] Zit. in einem Leserbrief von Jacques-René Rabier in La Croix vom 1.10.12, der bedauert, dass in der Ausgabe der Zeitung vom 21. Sept. 2012, deren Schwerpunkt die deutsch-französischen Beziehungen waren, die Initiative Schumans und ihre Bedeutung nicht gewürdigt wurden.

[31] (Revue d’analyses (financières) Publié le 8 novembre 2011,  s. auch den Artikel Gougeons in Le Monde vom 1.11.2011).

[32] „les débats franco-allemands tournent au dialogue de sourds“. (http://www.lemonde.fr/idees/article/2012/06/22/paris-berlin-le-dialogue-de-sourds_1723264_3232.html)

[33] (“ il faudra d’abord réconcilier la France et l’Allemagne” (http://lexpansion.lexpress.fr/economie/cinq-choses-a-retenir-sur-le-sommet-europeen_308747.html Par Sébastien Julian – publié le 29/06/2012 à 18:48).

[34] Gougeon, 2012,188: „risque de fracture“

[35] Le Point 21.6.2012, S. 8; diese Verbindungslinie zieht auch Le Monde am 22.6.: „Les Allemands entendent les propositions françaises comme une nouvelle édition du slogan ‘L’Allemagne paiera’, qui avait rythmé la vie politique française après la première guerre mondiale.“

[36] „La souveraineté n’est non plus divisible que le point en géométrie“. Kardinal Le Bret zit.in: Lous XIV Figaro hors-série 2009, S.96

[37] FAZ, 22.9.12. Bezeichnend dazu die Position des französischen Wirtschaftsministers Moscovici, vor einer Abgabe von Souveränität müssten konkrete Maßnahmen der Solidarität erfolgen, beispielsweise eine europäische Arbeitslosenversicherung. : « Les Français ne sont pas prêts à concéder des abandons de souveraineté sans avancées concrètes de solidarité. C’est pour cela que j’ai évoqué l’idée d’une assurance chômage européenne. » Le Monde  1.10.12. Zur franz. Diskussion um den europäischen Föderalismus s. z.B. Figaro vom 13.9.12: L’Europe face au tabou du fédéralisme“ und Libération 12.9.12

[38] siehe Marianne, 16.-22. Juni 2012, S. 28; entsprechend http://lexpansion.lexpress.fr/economie/cinq-choses-a-retenir-sur-le-sommet-europeen_308747.html  Par Sébastien Julian – publié le 29/06/2012 à 18:48: Die Deutschen widersetzten sich der Vergemeinschaftung von Schulden, „car ils veulent au préalable une garantie budgétaire suffisante. Or celle-ci pose la question des transferts de souveraineté, un point sur lequel la France freine des quatre fers.”. s.a. Libération: “ Paris n’a plus aucune raison, vu les gestes allemands, de bloquer la route vers le fédéralisme, même si  Hollande préfère encore parler «d’intégration solidaire»… http://www.liberation.fr/economie/2012/06/29/la-nuit-ou-le-sud-a-fait-flancher-merkel_830240

[39] „On ne peut pas faire une omelette fédérale avec des oeufs durs que sont les vieilles nations d’Europe.” Zit. In Le Monde 15.9.12, S. 11

[40] Libération, 25.3.2011

[41] http://www.lemonde.fr/politique/article/2012/08/27/pourquoi-montebourg-defend-la-filiere-nucleaire_1751629_823448.html

[42] „Pourquoi, cinquante ans après le traité de l’Elysée, la coopération militaire entre les deux pays reste-t-elle balbutiante ? Pourquoi n’y a-t-il aucune ambassade commune ? Pourquoi, à l’ONU et au G20, les deux pays sont-ils incapables de parler d’une seule voix ? Pourquoi se font-ils concurrence au Maghreb et au Proche-Orient?…“ Editorial, 8.7.12

[43] siehe Bled: „Bien entendu, il ne s’agissait pas de laisser l’Allemagne s’y assurer une influence dominante.“

[44] Die Deutschen und ihre Nachbarn. Berlin 1990, 332

[45] „par le creusement des différences économiques et par une réapprobation par l’Allemagne de son statut de puissance“. Gougeon, 2012, 188; Nach der ifop-Untersuchung vom Januar 2012 über das Bild Deutschlands in Frankreich stimmen 81% der Befragten der Feststellung zu, dass sich mit der Eurokrise die Rolle Deutschlands als „le pays dominant“ weiter gefestigt habe. Zur unterschiedlichen Tendenz der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands und Frankreichs siehe auch: Bermard de Montferrand und Jean-Louis Thiériot: France-Allemagne. L’heure de vérité. Paris 2011)

[46] Le Figaro 24.8.12: „De toute évidence La  France souffre d’un complexe d’infériorité vis-à-vis de l’Allemagne.” Das wird zwar aus dem Spiegel übernommen, aber vom Figaro groß herausgestellt.  Siehe auch DIE ZEIT vom 19.4.2012 Nr. 17: „Seit dem Blitzsieg der Wehrmacht 1940 leidet Frankreich mit Blick auf den Nachbarn unter einem technischen Minderwertigkeitskomplex, der sich mit dem deutschen Stolz auf die Wertarbeit von Mercedes, BMW und Porsche kongenial ergänzt. »Made in Germany« versus »Merde in France« ….,  wie Jacques Dutronc 1984 in einem Chanson dichtete.“

[47] Marianne 802, 1.-7. Sept.2012, S. 28

[48] Le Monde 7.9.2012

[49] siehe Le Monde, 12.9.2012 S. 1 und 8. Ein Trost ist immerhin, dass es die Finanzmärke derzeit gut mit Frankreich meinen, obwohl ihnen Hollande im Wahlkampf den Krieg erklärt hatte. Aber, so Pierre-Antoine Deshommais in Le Point vom 30.8.2012, S. 30: „Leur irrationalité atteint même parfois la hauteur des bonus des opérateurs qui y travaillent.“ Und eine Sommerliebe könne auch schnell wieder enden.

[50] siehe dazu z.B. Patrick Artus: L’Allemagne, un modèle pour la France. Paris 2009 und das Kapitel 3 in Gougeon 2012. Entsprechende aktuelle Pressebelege  beispielsweise in  Le Monde vom 6.9.12, wo als Aufmacher S. 1 im Großformat die altersbezogenen taux d’emploi-Zahlen Frankreichs mit den –wesentlich günstigeren- deutschen verglichen werden. Oder Les Echos 7./8.9.12: La France doit-elle copier l’Allemagne?

[51] Le Monde, 2.12.11

[52] Libération 1.12.11 Dazu passt auch, dass Montebourg ruhig zusah, wie einer seiner Mitarbeiter dem Chef des  französischen Pharmazie-Konzerns Sanofi  vorwarf, kein Franzose zu sein (sondern Deutsch-Kanadier) und (deshalb) die Forschungskapazitäten seiner Firma in Frankreich unpatriotisch abwürgen zu wollen.  Le Monde, 4.10.12, S. 16 (Die Pharmazie-Sparte der verblichenen « Farbwerke Hoechst » ist übrigens in diesem Konzern aufgegangen).

[53] „Pourtant les atouts de la France sont, à maints égards, supérieurs à ceux de nos partenaires allemands –notamment deux: notre dynamisme  démographique, qui fera passer la population française devant la populataion allemande avant le milieu du siècle: c’est évidemment une clé de l’avenir; notre créativité, ce génie hérité de nos ingénieurs, si visible dans l’aéronautique ou l’énergie. Il a conduit au succès d’entreprises de rang mondial“. Le Point 2085 vom 30.8.2012, S. 42

[54] siehe z.B. auch Editorial le Monde 8.7.12: “Pour des raisons démographiques, l’Allemagne se prépare à des lendemains difficiles.“

[55] Lappenküper 3/2012, 50; entsprechend Fischer, 464

[56] siehe dazu den von Seidendorf herausgegebenen Sammelband .  s.a. Corinne Defrance am 24.1.2012 an der Uni Kassel:  „Dabei hegt und pflegt das deutsch-französische Tandem diesen Mythos im Rahmen seines bilateralen Verhältnisses und dokumentiert diesen derart bereitwillig nach außen, dass das Modell der Versöhnung zu einem „Exportschlager“ werden konnte.“

[57] Gougeon beginnt sein Buch über die bedrohte deutsch-französische Union denn auch mit einem Hinweis darauf, „combien les deux espaces des deux côtés du Rhin ont très longtemps constitué une seule sphère culturelle et politique“ S. 9

[58] Zur Genese dieser symbolischen Geste s. Ulrich Wickert in der FAZ vom 25.9.2009. Ihr allerdings die gleiche außerordentliche Bedeutung  zuzuerkennen wie dem Kniefall Willy Brandts in Warschau, erscheint mir doch arg übertrieben. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/kohl-und-mitterrand-in-verdun-warum-reichten-sie-sich-die-hand-1857470.html

[59] Gougeon, 10

[60] ifop: L’image de l’Allemagne en France. Hrsg. von der deutschen Botschaft in Paris/Cidal

[61] ParisBerlin. Magazine pour l’Europe. September 2012, S.21

[62] a.a.O.,S.18

[63] ifop, S. 25

[64] s. Sarah Hasse in der Veranstaltungsinfo zur ersten dt-franz.Begegnung in Versailles am 12.9.2012, S.10

[65] Immerhin geben im aktuellen Baromètre 54,5% der befragten jungen Deutschen an, Französisch zu sprechen –„und sei es auch nur ein wenig“; in Frankreich sind das allerdings nur 27,3%- und damit liegt das Deutsche dort weit abgeschlagen hinter dem Spanischen auf Platz 3. In beiden Ländern steht natürlich das Englische unangefochten an der Spitze. In: ParisBerlin, Sept.2012, S. 20

[66] « Célébrer le passé ne suffit pas pour entrer dans l’Histoire. Il faut un nouveau traité de l’Elysée » (Editorial, 8.7.12 http://www.lemonde.fr/a-la-une/article/2012/07/08/pour-un-nouveau-traite-franco-allemand_1730654_3208.html  )