Der Dank für die Pommes Frites gilt Antoine-Augustin Parmentier (1737 – 1813), einem französischen Pharmazeuten und Agronom, der auf dem Friedhof Père Lachaise bestattet ist. Sein Grab wird gerne von Kartoffel-Freunden und -Freundinnen geschmückt.
Denn Parmentier hatte wesentlichen Anteil daran, die Kartoffel in Frankreich, dem klassischen Land des Getreideanbaus, zu verbreiten. Ein wesentlicher Anstoß dazu waren sicherlich die im 17. und 18. Jahrhundert häufigen Hungersnöte, vor allem die „grande famine“ von 1709, der ca 600 000 Menschen zum Opfer fielen. Sicherung und Verbreiterung der Nahrungsmittelversorgung waren eine existentielle Notwendigkeit. Dass dabei die Kartoffel eine wichtige Rolle spielen kann, erfuhr Parmentier in Theorie und dann sogar am eigenen Leibe in Deutschland. Während des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) war er, damals als Apotheker im Dienst der französischen Armee, nämlich längere Zeit in Deutschland. In Frankfurt am Main hatte er Kontakt zu dem Naturforscher Christian Friedrich Meyer, der ihm sogar seine Tochter zur Frau geben wollte, sofern er sich hier niederlassen würde. Parmentier kehrte jedoch nach Frankreich zurück. Erneut in Deutschland, lernte er dann als Kriegsgefangener in Westfalen den Kartoffelanbau auch in der Praxis kennen. Den hatte Friedrich der Große mit Hilfe seiner „Kartoffelbefehle“ schon seit 1746 in Preußen durchgesetzt. Über seine entsprechenden Erfahrungen als Kriegsgefangener schrieb Parmentier: „Während mehr als 14 Tagen waren Kartoffeln meine einzige Ernährung, aber ich fühlte mich dabei nicht ermüdet und nicht unwohl“.
Parmentier überzeugte sich von dem Potential der Kartoffel und gewann 1771 mit ihr den Preis der Akademie zu Besançon zur Untersuchung von Nahrungspflanzen, die in Zeiten einer Hungersnot genutzt werden könnten. Zur allgemeinen Akzeptanz der Kartoffel war es aber noch ein beschwerlicher Weg, den Parmentier aber mit großer Energie beschritt. Es gelang ihm sogar, Marie Antoinette und König Ludwig XVI. für die Kartoffel zu begeistern: Am Saint Louis-Feiertag 1786 überreichte er dem König in Versailles einen Strauß Kartoffelblüten. Eine steckte der König in sein Knopfloch, eine andere Marie-Antoinette in ihr hochgetürmtes Haar: Eine neue Mode war kreiert. Dazu überließ Ludwig XVI. Parmentier auf einem sandigen Militärgelände im Westen von Paris einen Acker als Versuchsfeld für den Kartoffelanbau: Die Metrostation „Les Sablons“ der Linie 1 erinnert noch daran.
Übrigens soll Ludwig XVI. Soldaten abgestellt haben, um die Kartoffelfelder von „Les Sablons“ zu „bewachen“. Er habe damit erreichen wollen, dass die Bauern die offensichtlich wertvollen Kartoffeln von den Feldern stehlen. So soll es ja vor ihm schon Friedrich der Große gemacht haben, um die Vorbehalte seiner zögerlichen Bauern zu überwinden.
Heute ist Frankreich nach Deutschland und Polen das drittgrößte „Kartoffel-Land“ der EU, und der Name Parmentier ist bekannt und populär. Ein verbreiteter Kartoffelauflauf – im Allgemeinen mit Rindfleisch – siehe Foto) ist nach ihm benannt. Manchmal, wenn bei uns „schnelle Küche“ angesagt ist, gibts auch den Kartoffelauflauf mit Ente (Parmentier de canard)….
Und wenn auf der Speisekarte potage parmentier steht, wie bei dem Petit Bouillon Pharamond in Paris, dann weiß zumindest jeder französische Gast, dass es sich um eine Kartoffelsuppe handelt.
Selbst in deutschen Supermarktregalen findet man Produkte, die an Parmentier erinnern:
Aber Parmentiers Verdienste und Tätigkeiten beschränkten sich nicht auf die Kartoffel. Er beschäftigte sich auch mit Zucker und stellte Weinsirup her, den er im ganzen Land bekannt zu machen suchte. Daran erinnert ein Relief auf seinem Grabdenkmal.
Ursprünglich war es von einem mit Kartoffeln bepflanzten Beet umgeben. Das gibt es jetzt nicht mehr. Aber dafür gibt es ja die Kartoffeln auf dem Denkmal…
Ludwig XVI. beglückwünschte übrigens Parmentier zur erfolgreichen Einführung der Kartoffel in Frankreich. Das Land werde ihm einmal dankbar dafür sein „das Brot der Armen“ erfunden zu haben. Die pommes frites wurden erst später „erfunden“, aber ohne Parmentier gäbe es sie nicht…
Das Grab Parmentiers befindet sich in division 39, allée P. Reste.
Kaum war der schreckliche Brand von Notre-Dame im April 2019 gelöscht, entbrannte eine kurze heftige Debatte zwischen den Vertretern eines getreuen Wiederaufbaus, den Anciens, und den Modernes, die für einen Wiederaufbau im Geiste unserer Zeit plädierten. Präsident Macron als Repräsentant des für das Bauwerk zuständigen Staates hätte sich durchaus eine moderne „geste architecturale“ vorstellen können. Beschlossen wurde dann aber eine Rekonstruktion „à l’identique“. Die wiederaufgebaute Kathedrale entspricht damit wieder dem grundlegenden Werk Viollet-le-Ducs, der Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem damals arg heruntergekommenen Bau eine idealtypische gotische Kathedrale formte. Erst er habe, so hymnische Stimmen nach dem Brand, aus Notre-Dame ein „chef-d’oeuvre“, ein Meisterwerk, gemacht.[1]
Bei der Rekonstruktion wurde also auf jedwede zeitgenössische Veränderung und Neuerung des Baus verzichtet. Symbol der getreuen „résurrection“ der Kathedrale ist der mächtige Dachreiter, der 2019 bei dem Brand einknickte und das Dach der Kirche durchschlug. Auch dieser Dachreiter aus dem 19. Jahrhundert mit dem Abbild Viollet-le-Ducs wurde exakt wiederhergestellt. Und dies gilt auch für die Fenster, einschließlich der 12 von Viollet-le-Duc entworfenen.
Eines der von Viollet-le-Duc entworfenen Fenster im südlichen Seitenschiff (Foto: Wolf Jöckel, Januar 2026)[2]
Das Domkapitel von Notre-Dame mit dem Pariser Erzbischof Ulrich sah aber im Brand und dem Wiederaufbau die Chance, die Kirche auch für moderne Kunst zu öffnen.
Schöne Beispiele dafür sind in den nördlichen Seitenkappellen der Kathedrale die modernen Wandteppiche, die die historischen Mays-Gemälde ergänzen. Hier zwei Teppiche mit Motiven von Matisse.
Dazu gab es aber auch von kirchlicher Seite den Wunsch, die Kathedrale mit einigen modernen Glasfenstern auszustatten. Viele Epochen, so der Pariser Erzbischof, hätten in der Kathedrale ihre Spuren hinterlassen: „Es gibt in Notre-Dame Glasfenster aus dem 13. Jahrhundert, dem 17., dem 19. und dem 20, warum nicht auch aus dem 21.“, der Epoche also, die „die verwundete Kathedrale“ restauriert habe. Als Ort wurden sechs Seitenkapellen im südlichen Querschiff ausersehen, deren vom Brand nicht beschädigte Fenster Viollet-le-Duc entworfen hatte.
Die Idee der sechs modernen Fenster wurde von Präsident Macron begeistert aufgenommen. Nach der Wiedereröffnung solle -wenigstens mit den sechs Fenstern von insgesamt 120- das 21. Jahrhundert (la marque du XXIe siècle) in die Kathedrale einziehen. Viollet-le-Duc sei 29 Jahre alt gewesen, als er den Dachreiter von Notre-Dame entworfen habe, Renzo Piano, der Architekt des Centre Pompidou, 33. Man müsse auch Vertrauen in die (jungen) Künstler unserer Zeit haben.
Am 8 Dezember 2023, ein Jahr vor der Wiedereröffnung von Notre-Dame, kündigte Präsident Macron an, es werde ein Wettbewerb für den Entwurf der 6 zeitgenössischen Fenster ausgeschrieben. Natürlich sollten die Fenster von französischen Ateliers hergestellt werden, made in France oblige. Und es sollte sich, das war der Wunsch der Kirche, um figurative Darstellungen zum Pfingstwunder handeln.
Gegen dieses Vorhaben gab es erheblichen Widerstand. Eine französische Petition zur Bewahrung der Kirchenfenster sammelte fast 300 000 Unterschriften. Man habe, so heißt es darin, keine grundsätzlichen Einwände gegen Elemente moderner Kunst in historischen Bauwerken. Bei Notre-Dame sollten aber Fenster ersetzt werden, die genauso unter Denkmalschutz stünden wie der gesamte Bau. Die Fenster hätten immerhin den Brand überstanden, seien danach aber, wie die gesamte Kathedrale, mit Spendengeldern restauriert worden. Außerdem, so die Petition und weitere Kritiker in ihrem Gefolge, würden moderne Fenster „vor allem das von Viollet-le-Duc fein austarierte Lichtspiel in der Kirche brachial stören.“[3]
Ein weiteres Glasfenster Viollet-le-Ducs im südlichen Seitenschiff, das durch ein modernes Fenster ersetzt werden soll.
Präsident Macron versuchte die Wogen zu glätten, indem er ankündigte, die Fenster Viollet-le-Ducs, die durch neue Kreationen ersetzt würden, in das geplante Notre-Dame-Museum (musée de l’œuvre de Notre-Dame de Paris) im Hôtel Dieu neben der Kathedrale zu überführen. Das sei aber, so die Petition, nur ein schwacher Trost und auch kaum vollständig umsetzbar. Didier Rykner, der Initiator der Petition, hat jedenfalls weiteren entschiedenen Widerstand angekündigt. Gegebenenfalls werde man auch mit juristischen Mitteln gegen „das Projekt Macrons“ vorgehen: Da wird die Verantwortung für das umstrittene Projekt nicht der Kirche, sondern dem in Frankreich ungeliebten Präsidenten zugeschrieben: Vielleicht sind manche Unterschriften diesem geschickten Schachzug zu verdanken…
Trotz alledem: Im Dezember 2024 verkündete die für den Wiederaufbau Notre-Dames und für die Auswahl der neuen Fenster verantwortliche Institution Rebâtir Notre-Dame de Paris das Ergebnis des ausgeschriebenen Wettbewerbs. Die Jury unter der Leitung von Bernard Blistène, dem ehemaligen Leiter des Centre Pompidou, wählte aus 110 Teilnehmerinnen und Teilnehmern Claire Tabouret aus. Sie hatte ihr Konzept in Zusammenarbeit mit dem renommierten Glasatelier Simon-Marq aus Reims entwickelt. Die 1981 in Südfrankreich geborene und seit 2015 in Los Angeles lebende Künstlerin ist in Deutschland eher unbekannt.[4] Vor allem in den USA und in Frankreich, wo sie u.a. von der Fondation Pinault gefördert wird, hat sie aber durch zahlreiche Ausstellungen und Werke in renommierten Museen und Galerien einen festen Platz im künstlerischen Leben.
Eindrucksvoll ist ihre Serie L’île, mit der sie das Schicksal der Bootsflüchtlinge im Mittelmeer thematisiert.[5]
Vor allem ist sie bekannt für ihre teilweise verstörenden Bilder von Kindern und Jugendlichen in meist leuchtenden Farben.
Seit Dezember 2025 und bis zum 15. März 2026 sind Tabourets Entwürfe für die neuen Glasfenster von Notre-Dame nun im Grand Palais zu sehen. Tabouret reizte diese Aufgabe besonderes angesichts der polemischen Begleitmusik des von ihr grundsätzlich begrüßten Projekts. Frankreich habe ein besonderes Verhältnis zur Geschichte, das manchmal zu einer Gefahr des Immobilismus führe. Sie wolle dazu beitragen, das Erbe lebendig zu erhalten. Außerdem habe sie die vom Pariser Erzbischof Ulrich vorgegebene Pfingstthematik besonders angesprochen. Pfingsten stehe für die Idee des harmonischen Zusammenlebens von Menschen, trotz aller Unterschiede. „Eine wesentliche Botschaft der Toleranz in einer von Kriegen und Trennungen geprägten Epoche.“ [7] Ein figuratives Kunstwerk könne „von Menschen aus verschiedenen Kulturen ohne Erklärung oder Bezeichnung verstanden werden.“[8]
Claire Tabouret in ihrem Atelier mit Entwürfen für die neuen Glasfenster von Notre-Dame[9]
Die sechs Entwürfe entsprechen in der Größe (7 Meter Höhe) und Form (jeweils 4 Lanzettfenster, ein 6-er Pass und zwei 4-er Pässe) den originalen Fenstern. Sie sind in der Galerie des Grand Palais nebeneinander ausgestellt.
Vor den Fenster-Entwürfen ist jeweils eine Bank aufgestellt, beschriftet mit einem dazu passenden Bibelzitat aus der Pfingstgeschichte und dahinter Vitrinen und an der Wand befestigte Materialen und Vorarbeiten zu den jeweiligen Fenstern.
Ornamentales Detail eines Vorentwurfs
Das erste für die Kapelle Saint-Joseph bestimmte Fenster zeigt die versammelten Apostel. Auf der Bank davor ein Satz aus der biblischen Apostelgeschichte: Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort.
Das zweite und das dritte Fenster veranschaulichen den Sturm, von dem die Apostelgeschichte berichtet: Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.
Das dritte, für die Kapelle Saint-Vincent-de-Paul bestimmte Fenster
Das zentrale Fenster ist der Schilderung des Pfingstwunders gewidmet. Dies wird in der Apostelgeschichte so beschrieben: „Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder.“ Dies stellt Tabouret in ihrem vierten Fenster dar.
Zwei der zwölf Feuerzungen
Dieses Fenster ist besonders hervorgehoben durch seinen Ort, nämlich die der Pariser Schutzheiligen Sainte-Geneviève gewidmete Kapelle. Und es ist zusätzlich und vor allem von Tabouret hervorgehoben durch die zentrale Gestalt der Maria, der Namensgeberin der Kathedrale, die Tabouret in die Pfingstgeschichte einfügt.
„Maria erscheint körperlich und ekstatisch, das Haar offen, das Gewand blau. Ein zeitgenössischer Blick auf eine uralte Geschichte.“[10] Maria, so Tabouret, sei üblicherweise schamhaft und in sich gekehrt dargestellt. Bei ihr dagegen steht sie aufrecht, den Betrachtern zugewandt, in einer sehr expressiven Haltung, die Arme zum Himmel gestreckt, die Augen gerötet durch den Tod ihres Sohns, die Haare kämpferisch gelöst (les cheveux en bataille).[11]
Diese Mariendarstellung wird denn auch als Motiv für das Ausstellungsplakat verwendet.
Den Titel der Ausstellung „D’un seul souffle“ (Mit einem Atemzug) hat Tabouret, wie sie sagt, mit einem das Projekt begleitenden Mitglied der Pariser Diözese gefunden: „Ich suchte nach einem Titel, der eine kollektive Handlung suggeriert, und dieser war genau richtig: Über den Atem des Glases und den Atem des Windes hinaus, der in einem der Verse erwähnt wird“ beziehe sich der Titel der Ausstellung auch auf den „Atem des Lebens, der uns alle vereint, unabhängig von unserer Kultur oder unserem Glauben.“[12]
Darum geht es dann auch besonders in den letzten beiden Fenstern entsprechend den Worten der Apostelgeschichte: Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.[13]
Detail aus dem 5. Fenster für die Kapelle Saint-Denys
Sie zeige hier, so Tabouret, Menschen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund, die im Gebet vereint sind, um Pfingsten zu feiern. In Zeiten wie unseren, die von Krieg, extremer Spaltung und Spannung geprägt sind, sei es „eine wunderbare Geste der Hoffnung“, durch die Kunst die Einheit der Menschen durch das Thema Pfingsten zu fördern.[14]
Ausschnitt aus dem abschließenden sechsten Fenster in der Kapelle Saint-Paul-Chen
Die Beurteilung der Entwürfe Tabourets könnte, was zu erwarten war, unterschiedlicher nicht sein. Da gibt es, etwa im Katalog der Ausstellung, hymnische Darstellungen von kirchlicher Seite und von Seiten der für den Wettbewerb und die Auswahl Tabourets Verantwortlichen. Und es gibt andererseits -beispielsweise- einen Verriss, wie er radikaler und heftiger kaum sein könnte, nämlich von Stefan Trinks in der FAZ vom 10.12.2025 unter dem Titel: Oh Herr, lass Kunst regnen! Nicht nur sei generell der Ersatz der Fenster Viollet-le-Ducs „eine bedauerliche, ja groteske Fehlentscheidung“, sondern vor allem auch die Auswahl der stillosen Entwürfe Tabourets. Künstlerisch funktioniere auf ihren Fenstern „gar nichts“. Die Flammen des Heiligen Geistes ergössen sich „in einem absurd scheußlichen Hustensaftrosa“ auf die „unausgeschlafen“ aussehenden und „geradezu bedröhnt“ wirkenden Jünger.
Der Boden sei „wie mit buntem Konfetti beim Kölner Karneval“ bestreut und könne „genauso gut aus einem geschmacklosen Hotel der Neunzigerjahre stammen“…. Da kann der Autor dieser vernichtenden Kritik nicht nachvollziehen, dass die sonst so peniblen Denkmalpfleger der UNESCO hier keinen Einspruch erhoben haben…
Mein Blick auf die Fenster ist anders: Auch als ein der Kirche fernstehender Mensch kann ich der in den Fenstern zum Ausdruck gebrachten Utopie menschlicher Einheit einiges abgewinnen, so wie ich auch Schillers/Beethovens „Alle Menschen werden Brüder“ immer mit großer Anteilnahme singe oder höre. Und künstlerisch überzeugen mich die beiden Fenster, die den vom Himmel kommenden Sturm darstellen.
Ausschnitt aus dem zweiten Fenster, das den vom Himmel kommenden Sturm illustriert.
Man hat da auf Monet verwiesen, und Tabouret hat selbst berichtet, wie sehr seine Bilder sie schon als kleines Kind beindruckten.
Ausschnitt aus dem dritten Fenster
Bei dem im Sturm gebeugten Baum des dritten Fensters hat man auch auf van Gogh verwiesen, was kritisch aber auch anerkennend gemeint sein kann. Ich sehe das eher als Verweis auf die künstlerische Tradition, auf die sich jedes moderne Kunstwerk bezieht, als Qualitätsnachweis.
Trinks allerdings nennt den „dräuenden Gewitterhimmel“ in einem Atemzug mit dem „Apostel-Ringelreihen“ davor. Immerhin gesteht er am Ende dann doch zu, dass jeder ja sich selbst „vor Ort seine Meinung bilden“ könne. In diesem Punkt kann ich ihm zustimmen. Und dazu ist noch bis zum 15. März im Grand Palais Gelegenheit und ab Ende des Jahres dann auch in Notre-Dame selbst. Dann wird man vielleicht auch sehen, ob die Fenster Tabourets wirklich brachial das „fein austarierte Lichtspiel“ der Kirche zer-stören oder sich nicht vielmehr „harmonisch in die gotische Ästhetik der Kirche“ einfügen, sie durch ihr neues Licht bereichern und zu einem Dialog zwischen Tradition und Innovation anregen.[15]
[4] Nach der Homepage von Claire Tabouret gab es bisher noch keine Ausstellung ihrer Werke in Deutschland und noch keine Arbeiten von ihr wurden von renommierten deutschen Museen gekauft. https://www.clairetabouret.com/
Wo auf der Île Saint-Louis die Rue Le Regrattier auf den Quai Boubon trifft, steht auf einem Sockel des Eckhauses der Torso einer Statue, von der nur noch die Beine mit Resten eines Gewandes vorhanden sind.
Unterhalb des Sockels ist in den Eckstein der ehemalige Straßenname eingemeißelt: „Rue de la Femme sans Teste“, „Straße der Frau ohne Kopf“. („Teste“ ist das altfranzösische Wort für „Tête“.)
Die meisten von uns würden den naheliegen Schluss ziehen, dass sich der alte Straßenname auf die kopflose Skulptur bezieht. Tatsächlich verhält es sich ganz anders.
Auf dem Sockel hatte Nicolas de Jassaud, Besitzer eines Nachbargebäudes am Quai, 1666 keine Frauenfigur, sondern Saint Nicolas stellen lassen. Es war sein Namenspatron und Schutzheiliger der Bruderschaft der Seeleute und Schiffer, der er angehörte.
Die Heiligenfigur wurde 1793 von Pierre-André Coffinhal-Dubail (1762-1794), bekannt als Jean-Baptist Coffinhal, zerstört. Ein neuer kleinerer Nikolaus füllt allerdings inzwischen die Lücke mehr schlecht als recht etwas aus.
Coffinhal wohnte in der Rue Le Regrattier Nummer 6. An seinem Haus erinnert noch eine Plakette an ihn.
Fotos: Wolf Jöckel
Der Jurist Coffinhal, ein besonders radikaler Anhänger Robespierres, war Wahlmann für die Section de l’Île-Saint-Louis bei den französischen Parlamentswahlen und für den Konvent. Die Section wurde 1792 in Section de la Fraternité umbenannt, um alle Hinweise auf eine religiöse Herkunft auszulöschen. Dieser Ikonoklasmus machte in der radikalen Phase der Französischen Revolution, d.h. vom Sturm auf die Tuilerien im August 1792 bis zum Sturz von Robespierre am 9. Thermidor (27. Juli 1794) nicht Halt bei religiösen Bezeichnungen und Bildwerken, sondern betraf auch alle Symbole und Zeichen des Königtums. An Gebäuden und Straßen wurde – wie man noch heute sehen kann – das „Saint“ oder „St.“ herausgemeißelt, Statuen und Denkmäler von Heiligen und alle Königsdenkmäler wurden zerstört. Selbst die Grabstätten der französischen Könige in der Basilika Saint-Denis wurden geschändet.
Straßenschild der rue Saint-Séverin im Quartier Latin (5. Arrondissement) Foto: Wolf Jöckel
1793 wurde Coffinhal zum Richter des Revolutionstribunals ernannt. Der Freund des berüchtigten Chefanklägers Fouquier-Tinville zeichnete sich durch seinen Eifer und seine Unnachgiebigkeit aus. Er führte auch den Vorsitz beim Prozess gegen den berühmten Chemiker Antoine de Lavoisier. In seinen Prozessen legte er einen fanatischen Eifer an den Tag. Er war berüchtigt dafür, den Angeklagten das Wort abzuschneiden, er fälschte Protokolle und auch Beweismittel, soweit er sie nicht ganz unterschlug. Im Prozess gegen Lavoisier soll er, als jemand dessen wissenschaftliche Verdienste anführte, geäußert haben: La république n’a pas besoin de savants et de chimistes, le cours de la justice ne peut être suspendu. („Die Republik braucht weder Wissenschaftler noch Chemiker. Der Lauf der Justiz darf nicht aufgehalten werden.“), doch ist das umstritten. Das französische ’n’a pas besoin de savants‘ könnte auch mit ‚hat keinen Mangel an Wissenschaftlern‘ übersetzt werden, was die Bedeutung ändern würde, wenn er dies tatsächlich gesagt hätte. Nach dem Sturz von Robespierre wurde Coffinhal auf der Flucht gefasst, am 18. Thermidor (6. August 1794) zum Tode verurteilt und am selben Tag auf der Place de Grève guillotiniert. Als er das Schafott bestieg, soll ihm die höhnische Menge den Satz zugerufen haben, den er so oft benutzt hatte, als er den Vorsitz im Revolutionstribunal führte – „Coffinhal, tu n’as pas la parole!“. (Coffinhal, du hast nicht das Wort). Dieser üble Zeitgenosse war nun un l’homme sans Tête, das angemessene Schicksal für diesen Mann an diesem Ort.
Es bleibt die Frage: Wenn also die kopflose Skulptur und eingravierte Inschrift „rue de la femme sans teste“ nichts miteinander zu tun haben, wie erklärt sich dann dieser Straßenname?
Foto: Wolf Jöckel
Benannt wurde der Straßenabschnitt zwischen der Rue Saint-Louis und dem Quai de Bourbon zwischen 1660 und 1665 nach einer Taverne in dieser Straße oder nach einem Schild an diesem Wirtshaus, das eine kopflose Frau mit einem Glas in der Hand zeigte, begleitet von dem Motto tout en est bon (alles ist gut), ein damals häufiger Brauch in Paris.
Edmond Beaurepaire, Journalist, später Bibliothekar an der Bibliothèque historique de la Ville de Paris und Autor von Werken über die Hauptstadt, der sich eingehend mit der Geschichte der Straße beschäftigt hat (“A propos de la rue de la Femme-sans-Tête.” La Cité 1911) zeigt, dass der Name mit der Geschichte von Lustucru verbunden ist. Unklar ist lediglich, ob die Taverne zum Gedenken an Lustucru benannt wurde oder ob ihr Ladenschild die Ikonographie der Figur inspirierte.
Ein Bild von Lustucru findet sich in der Histoire de l’imagerie populaire, von Jules Champfleury, Paris 1886. Sie zeigt die Reproduktion eines Holzschnittes aus dem 17.Jahrhundert und war vermutlich für einen Almanach bestimmt.
Maitre Lustucru“ – hier als Schmied dargestellt, schlägt in Begleitung eines Arbeiters auf den Kopf einer Frau, den er mit einer Zange in seinen Armen auf einem Amboss hält, und ruft aus: Je te rendrai bon (Ich werde es dir gut machen), worauf der Mitarbeiter hinzufügt: Maris, réjouissez-vous (Ehemänner, freut euch). Man beachte, dass ein weiterer Kopf einer üblen Frau auf dem Herd der Schmiede liegt und darauf wartet, dass der Schmied ihn der gleichen Operation unterzieht, um ihn ebenfalls gut zu machen. Oben links sehen wir ein Schild mit einer kopflosen Frau und darunter die Inschrift „A la bonne femme“ (Auf die gute Frau).
Eine frühere Quelle ist Jacques Lagniets Sammlung der berühmtesten Sprichwörter (Recueil des plus illustres proverbes, divisés en trois livres), die zwischen 1657 und 1663 in Paris gedruckt wurde. Sie ist illustriert mit 119 satirischen Drucken , die das Leben, die Sitten und die Sprichwörter des französischen Volkes unter den Regentschaften von Ludwig XIII. und Ludwig XIV. zum Inhalt haben. Dazu gehören auch Bilder zu dem Motto „femme sens teste tout en est bon) und von Lustucru., erst als Scharfrichter, dann als Schmied und „Kopfchirurg“.
Auch wenn in der besonders drastischen Henkerszene der Scharfrichter nicht als Lustucru gekennzeichnet ist, kann der nachfolgende Stich aus Lignaits Sammlung wegen seines hervorgehobenen Titels femme sans tête tout en est bon (Frau ohne Kopf, alles ist gut) dem Listucru-Zyklus zugeordnet werden.
Anonymous engraving (printed and sold by Jacques Lagniet) [1]
Der Kupferstich zeigt eine enthauptete Frau, aus deren Hals Blut spritzt, die aber noch immer mit gefalteten Händen kniet ; neben ihr der Henker mit dem Schwert in der Hand, ihr Kopf auf dem Boden, umgeben von einer schaulustigen Menge. Dazu sind eine Reihe „Sprichwörter“ eingraviert: il n’y a pas à rire (da gibt es nichts zu lachen), il est brave comme un bourreau qui fait ses Pâques (er ist so mutig wie ein Henker, der Ostern feiert), c’est un bon médecin, il guérit de tous maux (er ist ein guter Arzt, er heilt alle Krankheiten), couper le passage des vivres (schneidet der Nahrung den Durchgang ab), couper net comme navet (sauber geschnitten wie eine Rübe), grosse tête peu de sens (großer Kopf, wenig Sinn) neben dem abgetrennten Kopf!), morte la bête morte le venin, il ne se faut jamais étonner qu’on ne voie sa tête à ses pieds (tot das Biest, tot das Gift, man sollte sich nie wundern, dass man seinen Kopf zu seinen Füßen sieht).
In verschiedenen Medien, mit denen Informationen schnell einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden konnten, Zeitungen, Kalender, Münzen, wurde im 17. Jahrhundert das Lustucru-Motiv thematisiert. Sein gleichzeitiges Auftauchen zeigt, dass Lustucru weit mehr als nur eine Kuriosität war: Er war ein wahres gesellschaftliches Phänomen.
Auf der einen Seite der Münze arbeiten unter dem Slogan „unicus est specie“, er ist der Einzige seiner Art, zwei Schmiede an einem Frauenkopf. Auf der anderen Seite ist ein mit Frauenköpfen beladener Esel abgebildet. Auf der Umschrift steht: „omne ferens malum“, er trägt alles Böse hinweg, und zeigt an, dass Frauenköpfe in großen Mengen transportiert werden müssen, damit Lustucru sie bearbeiten kann.
Lustucru, der als Schmied brutal den Kopf „verrückter“ und widerspenstiger Frauen bearbeitet, ist auch Thema des ersten einer Reihe von Stichen, die eine wahre Orgie der Gewalt gegen Frauen zeigen. Hier erhält Lustucru seinen Titel als „opérateur céphalique“, als „Kopfchirurg“.[3]
Links im Hintergrund des Stiches ist das Ladenschild des Kopfchirurgen zu sehen: eine kopflose Frau und das Motto „tout en est bon“ (Alles ist in Ordnung), ein Motto, das schon auf dem Bild des Henkers zu lesen ist und die Verbindung von Lustucru und der Rue de le Femme sans Teste deutlich macht.
Dem New Yorker Essayisten Jé Wilson zufolge erscheint Lustucru als Schmied mit seiner „Kopfbearbeitung“ erstmals in einem heute verlorenen Almanach um 1659 und findet sich dann 1663 in Jacques Ligniets Recueil des plus illustres proverbes (Sammlung illustrer Sprichwörter). Auf dem mit Campion signierten Druck ist Meister Lustucru unter Schmieden zu sehen. Er erhebt seinen Hammer über den abgetrennten Kopf einer Frau, den er wie ein Stück zu schmiedendes Metall mit einer Zange festhält. Überall in seiner Werkstatt hängen die Köpfe anderer Frauen an Haken. Sie warten darauf, an die Reihe zu kommen oder kühlen nach der Bearbeitung ab. Links im Vordergrund schleifen zwei Männer eine noch unberührte Frau zur Schmiede. Neben ihrem Mund stehen die Worte „Ich werde nicht gehen“.
Rechts im Vordergrund ist ein gesattelter Esel zu sehen, der von einem Affen geführt wird und zwei Körbe voller Frauenköpfe trägt. Vor ihm geht mühsam ein gebeugter Mann, der einen ebenfalls mit Köpfen gefüllten Korb trägt.
Um die Botschaft „tout en est bon“ unmissverständlich zu machen, fordern die Textblöcke oben und unten auf dem Druck Männer auf, ihre schwierigen Frauen zu diesem „Chefarzt“ zu bringen, wo ihre Köpfe neu geschmiedet und von allen „Unannehmlichkeiten“ gereinigt werden. So lautet der Text am unteren Rand des Drucks:
Hier hat Meister Lustucru ein bewundernswertes Geheimnis, das er aus Madagaskar mitgebracht hat, um […] (ohne Schaden oder Schmerzen zu verursachen) die Köpfe von streitsüchtigen, […] schrillen, teuflischen, wütenden, launischen, herrlichen, boshaften, unerträglichen, launischen, bösen, lauten, […] listigen, dummen, sturen, eigensinnigen Frauen und jenen, die andere Unannehmlichkeiten haben, neu zu schmieden. Alles zu einem vernünftigen Preis, für die Reichen gegen Geld und für die Armen kostenlos.“
Nicht weniger ironisch ist der Text oben auf dem Druck, der die Worte „Opérateur céphalique“ umrahmt:
„Ihr armen Unglücklichen, die ihr euch immer über die Launenhaftigkeit der Frauen von heute aufregt und die ihr nicht glaubt, dass sie sich jemals ändern werden, bringt sie hierher in unseren Laden. Welche Qualität ihr Kopf auch haben mag, wir werden ihn mit Feile und Hammer so gut bearbeiten, dass Sie, selbst wenn der Mond in ihrem Gehirn voll wäre, ihr Herr sein werdet, wenn Sie unser Haus verlassen. Unser Geschäft arbeitet ohne Unterlass, man sieht Menschen aus allen Nationen, aus den unterschiedlichsten Staaten und Verhältnissen und es ist rund um die Uhr geöffnet. Sie bringen uns auf Schiffen, zu Pferd, in Schubkarren, ohne Unterbrechung müssen wir arbeiten: Wir haben nicht einmal Zeit zum Schlafen, denn je länger wir leben [?], desto schlechter werden ihre Köpfe.„
Dieser Stich wurde für andere Almanache variert, so z.B. in Pierre Bourdans Opérateur céphalique. [4]
Der Name Lustucru geht zurück auf „L’eusses-tu-cru?“, eine gängige Phrase der Theaternarren jener Zeit, die so viel bedeutete wie: „Hätten Sie es geglaubt?“ oder in diesem Fall: „Hätten Sie gedacht, dass man den Kopf einer Frau reparieren könnte?“ Laut dem französischen Schriftsteller Gédéon Tallemant des Réaux aus dem 17. Jahrhundert entstand Lustucru aus dem Wunsch eines Mannes nach Rache. In seinen Historiettes, einer Sammlung biografischer Skizzen aus dem Jahr 1659, schreibt er, der im Almanach jenes Jahres erscheinende „médecin céphalique“ sei von einem anonymen „Witzbold“ eigens als Reaktion auf die Langey-Affäre gezeichnet worden, einen Scheidungsfall zwischen zwei Aristokraten, der sich zwei Jahre lang durch die französischen Gerichte gequält hatte. Der Marquis de Langey, zu diesem Zeitpunkt einunddreißig Jahre alt, wurde von seiner zwanzigjährigen Frau (sie war vierzehn gewesen, als er sie geheiratet hatte) der Impotenz beschuldigt: ein Scheidungsgrund. Beide Parteien wurden gezwungen, sich demütigenden körperlichen Untersuchungen zu unterziehen. Vor einer Jury aus zehn Ärzten und fünf Matronen konnte der Marquis nach stundenlangen Versuchen keine Erektion bekommen. Seiner Frau wurde die Scheidung gewährt.
Der anonyme Künstler des Kupferstichs war entsetzt über die Dreistigkeit dieser jungen, unzufriedenen Ehefrau und stellte sich einen „Gehirnchirurgen“ vor, der die öffentlichen Demütigungen des Marquis de Langey im Namen aller Männer chirurgisch wiedergutmachen könnte. Nach einer Operation würde die Ehefrau wieder in ihren alten Zustand versetzt werden – als gedankenloses, willenloses Wesen, das weder den Willen noch die Frechheit hätte, die Männlichkeit ihres Mannes in Frage zu stellen oder sich ein besseres Leben zu wünschen.
„Die Angst der Männer vor dem wachsenden Einfluss und der Macht der Frauen nahm in Frankreich in den 1650er Jahren allgemein zu. Frauen hatten begonnen, in der Literatur an Ansehen zu gewinnen, und waren so etabliert, dass sie als „les précieuses“ satirisch dargestellt wurden, ein Typ kluger Frauen, die Pariser Salons besuchten, Bücher schrieben und einen elegant-kultivierten (oder, für andere, affektierten und prätentiösen) Sprech- und Schreibstil bevorzugten. 1659 inszenierte Molière in Paris sein Debüt mit Les précieuses ridicules, einem kurzen satirischen Stück, das sich über zwei junge, eingebildete Frauen lustig macht, die sich für zu schlau und kultiviert für ihre Verehrer halten. Sie bekommen ihre gerechte Strafe und werden zum Narren gehalten. Einige der hastig geschriebenen Stücke im Jahr des ersten Erscheinens von Lustucru behandelten sowohl Lustucru als auch die Précieuses und machten sich die Popularität beider Themen zunutze.“ [5]
„Wie die Wissenschaftlerin Joan DeJean in einem Essay über „starke Frauen“ im frühneuzeitlichen Frankreich feststellte, wurde der spekulative Roman Épigone, histoire du siècle futur (Epigone, Geschichte des zukünftigen Jahrhunderts) im selben Jahr, in dem der Almanach erschien, anonym veröffentlicht. Dieser Roman war eine Parodie auf Geschichten über heldenhafte Frauen und imaginierte eine Zukunft, die von einem Geschlecht von Amazonen beherrscht würde – furchteinflößenden Frauen, die „das geistige Leben bevorzugen und dadurch das Leben für alle ‚unglücklich und prüde‘ machen“. Nach ihrer Niederlage wird die Anführerin der Amazonen zunächst lobotomiert („enthirnt“) und dann enthauptet. Diese futuristischen Amazonen waren eine weitere Satire auf die Précieuses. (…)
Die extreme Gewalt sowohl der Lustucru-Bilder als auch einiger dieser literarischen Satiren drückt eindringlich „die Spannungen aus, die den Debatten des 17. Jahrhunderts über neue Rollen für Frauen zugrunde lagen“, wie es eine andere Wissenschaftlerin dieser Zeit, Katherine Dauge-Roth, formuliert hat. In einem Klima, das bereits von Spott und Feindseligkeit gegenüber gebildeten Frauen geprägt war, wurde die Figur der Lustucru zur perfekten Galionsfigur für diejenigen, die glaubten, dass die Intelligenz von Frauen eine Bedrohung für die Gesellschaft darstellte.“ [5]
Auch wenn in Stein gemeißelt immer noch Rue de la femme sans teste da steht, offiziell wurde der schreckliche Straßename getilgt.
Die beiden Abschnitte der Nord-Süd-Querstraße, die den Übergang vom Quai de Bourbon zum Quai d’Orléans ermöglicht, wurden 1868 unter ihrem alten Namen Rue Le Regrattier zusammengefasst, ein Name, den ihr südlicher Teil immer schon getragen hatte.
Der nördliche Abschnitt, der am Quai de Bourbon beginnt und bis zur Rue Saint-Louis-en-l’Île reicht, der nacheinander Rue Angélique und dann Rue de la Femme sans Teste hieß, wurde wieder zur Rue Le Regrattier.
Île Saint-Louis heute. Der rote Punkt markiert die „geköpfte“ Statue
Schon 1627 hieß diese Nord-Süd-Verbindung Rue le Regrattière, benannt nach François Le Regrattier, einem Unternehmer, der Schatzmeister der Hundertschweizer war und zusammen mit den Parzellierern (Projektentwicklern) Christophe Marie und Lugles Poulletier im 17. Jahrhundert für die Stadtentwicklung der Île-Notre-Dame zuständig war.[6]
Ursprünglich bestand die Île Saint-Louis aus zwei durch die Seine getrennten kleinen Inseln, die man „Île aux Vaches“ und „Île Notre Dame“ nannte. Beide wurden als Viehweiden genutzt und gehörten dem Domkapitel von Notre Dame. Auf alten Paris-Plänen sind die beiden kleinen Seine-Inseln noch zu sehen.
Plan de Vassalieu (1609) : détail montrant l’île Notre-Dame et l’île aux Vaches.
Der Raum auf der Île de la Cité war immer enger geworden. Dicht an dicht standen die Häuser. Enge, verwinkelte Straßen und Gassen bestimmten das Bild der Île de la Cité. Lange widersetzte sich die Kirche der Bebauung der beiden Nachbarinseln. Zum anderen fehlten für die zunehmende Zahl der Einwohner und des dadurch anwachsenden Verkehrs Brücken zwischen den Seine-Ufern.
Erst unter König Ludwig XIII. wurde 1614 der Bauunternehmer Christophe Marie, zusammen mit François Le Regrattier und Lugles Poulletier, mit der Erschließung der kleinen Inseln beauftragt. Der sie trennende Seine-Arm wurde zugeschüttet, die vereinigten Inseln wurden mit einer Kaimauer umfasst und Brücken zu den Flussufern errichtet. Die Brücke, die die Insel mit dem Marais auf der rechten Seine-Seite verbindet, trägt bis heute den Namen ihres Bauherrn: Pont Marie. Das neu gewonnene Stadtgebiet auf der Île Saint-Louis wurde ab etwa 1618 zunächst mit Häusern für Handwerker und Kaufleute bebaut.
Die Île Saint-Louis und (rechts im Bild) die frühere Île Louviers (die später in das rechte Seine-Ufer einbezogen wurde)
Erst ab 1638, als sich ein Ende des Rechtsstreits mit dem Klerus abzeichnete, begannen auch die Adligen, luxuriöse Stadtpaläste errichten zu lassen. Die Bebauung erfolgte nach einem festen Grundplan mit geraden Straßen, der noch heute erkennbar ist. Die Erschließung der Île Saint-Louis war eine der erfolgreichsten, aber auch finanziell interessantesten städtebaulichen Maßnahmen im Paris dieser Zeit.
Île Saint-Louis und Île Louviers – Auschnitt aus dem Turgot-Plan 1739 mit dem Pont Marie (links) und dem Pont de la Tournelle (rechts)
Ein passender Nachtrag zur Rue de la Femme-sans-Teste: Baudelaire et Jeanne Duval
In der Rue de la Femme-sans-Teste wohnte nicht nur der berüchtigte Coffinhal, sondern ein halbes Jahrhundert später auch Jeanne Duval, Baudelaires Geliebte, die er Vénus Noire nannte. Baudelaire lernte die Schauspielerin und Tänzerin Jeanne 1842 kennen. Sie hatte von 1838 bis 1839 kleine Rollen am Théâtre de la Porte‐Saint‐Antoine und schlug sich als eine Art Escortdame der dekadent-selbstverliebten Pariser Dichterszene durch. Sie wird im Laufe zahlreicher Wohngemeinschaften, die von Brüchen und Versöhnungen unterbrochen werden, Baudelaires Muse sein. Eine Anzahl von Gedichten wurden durch sie inspiriert und sind Teil der 1857 erschienenen Veröffentlichung Les Fleurs du mal.
„Jeanne, die Haitianerin, von Baudelaire geliebt und verflucht, gehört zu den vergessenen und ausgebeuteten Frauen des 19. Jahrhunderts. Weil in der Gesellschaft arrivierte dunkelhäutige Frauen zur Zeit Baudelaires nicht existierten, konnte auch Jeanne nicht existieren, höchstens als Prostituierte. «Hottentottenfrau» wurde sie auch genannt und spürte den Schmerz, ein Leben zu leben, das geprägt war von den Erniedrigungen und Benachteiligungen einer rassistischen, frauenfeindlichen Zeit.“ (Sarah Pines, s.u.)
Wir kennen nicht einmal ihren richtigen Familiennamen – infrage kommen Lemaire, Lemer, Duval und Prosper – und auch nicht ihr Sterbedatum (wahrscheinlich in den späten 1860er Jahren). Bekannt ist nur, dass sie 1820 in Haiti geboren wurde, dass Baudelaire sie mit Syphilis ansteckte, an der sie starb, wahrscheinlich ein paar Jahre nach dem Dichter.
Jeanne Duval: Zeichung von Charles Baudelaire
Kein von ihr unterzeichneter Brief ist uns überliefert. Was bleibt, sind einige Zeugnisse, von Baudelaire selbst gezeichnete Porträts, ein Foto von Nadar (nicht gesichert), Baudelaires Gedichte, die sie inspiriert hat, und ein herrliche Gemälde «La Maîtresse de Baudelaire», das Édouard Manet von Jeanne Duval malte.
Édouard Manet, «La Maîtresse de Baudelaire», 1862. Musée des Beaux-Arts, Budapest.
„Obwohl Baudelaire nichts ferner lag als Natur und Natürlichkeit, liebte er das «Tierische» an Jeanne. Kamen Freunde auf Besuch, saß sie am Rand, wie eine Zofe. Nahm er sie mit ins Restaurant, bediente man sie schnöde. Für Baudelaire spielte sie die Rolle der tanzenden Kreolin. Weil er es so wollte. Weil sie ihn brauchte und er sie. Jeanne las ihm seine angefangenen Gedichte vor, er schrieb sie, inspiriert von ihrer Stimme, zu Ende. ….Nachdem er Jeanne mit Syphilis angesteckt hatte, ließ er sie fallen, für eine andere Prostituierte, Madame Sabatier. …
Bis heute erinnert in der Rue de la Femme-sans-Teste nichts daran, dass hier eine große Muse lebte. Keine Tafel, kein Hinweisschild. Jeanne ist die Unsichtbare einer Epoche. Gegen Ende ihres Lebens konnte sie kaum mehr gehen. Die Zähne waren ihr ausgefallen. Zu Baudelaires Beerdigung wurde sie nicht eingeladen.“ [7]
Da war der Name der Straße Femme-sans-Teste – im Sinne des herrschen Frauenbilds -dann doch wieder passend.
Anmerkungen:
[1]Il est brave comme un boureaux qui faict ses pasques (1660?). Photo: Bibliothèque Nationale de France. Dok. 27, II, 3
[3] “Operateur Cephalique” — undated engraving by Images by François Campion, approximately 1615-1681 Photo: Bibliothèque Nationale de France. in: Recueil des plus illustres proverbes de Jacques Lagniet, Paris,[s.n.], 1663, t. II, p. 68.
[4] Pierre Boudan, Opérateur céphalique, in Almanach de Pierre Janvier, fin 1659, gravure au burin, Paris, Bibliothèque nationale de France, département des Estampes et de la photographie.
[6] Die Hundertschweizer (französisch Cent-suisses) war eine aus Schweizer Söldnern gebildete Einheit, die von 1497 bis 1792 bestand und zur Garde (Maison militaire du roi) des Königs von Frankreich gehörte.
[7] (Sarah Pines: Die Muse des verruchten Dichters: Eine Fotografie, ein paar Gedichte, das ist alles, was an Jeanne Duval erinnert, Charles Baudelaires «schwarze Venus», NZZ, 29.10.2021)
Légende du « véritable » Lustucru raccommodant au XVIIe siècle les têtes des mauvaises femmes(D’après « Revue de folklore français », paru en 1940 et « Histoire de l’imagerie populaire », paru en 1869). Publié / Mis à jour le dimanche 30 mai 2021 https://www.france-pittoresque.com/spip.php?article13623
Katherine Dauge-Roth: Femmes lunatiques: Women and the Moon in Early Modern France Author(s) Source: Dalhousie French Studies, Vol. 71 (Summer 2005), pp. 3-29 Published by: Dalhousie University Stable URL: http://www.jstor.org/stable/40837599 Accessed: 20-11-2015 21:36 UTC
Emma Renaud: La représentation du corps féminin à travers des gravures anglaises et françaises du xviie siècle. Féminin/masculin – Littératures et cultures anglo-saxonnes, p. 197-204 https://books.openedition.org/pur/36019
Antje Eske: Madeleine de Scudéry und die Carte de Tendre. [2010] http://konversationskunst.org/index.php/presse Konversationskunst – Kurd Alsleben, Antje Eske und Freunde. 16. Oktober 2010 – 9. Januar 2011 ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe| Medienmuseum
Der Dezember-„Supermond“ des Jahres 2025, aufgenommen am 5. Dezember um 8 Uhr an der Métro-Station Voltaire/place Léon Blum im 11. Arrondissement von Paris. Im Vordergrund ein sogenannter Kandelaber Dervaux. Diese lösten in den 1920-er Jahren die Jugenstil-Lichter Hector Guimards ab. Foto: Wolf Jöckel
Der nächste „Supermond“ wird am 24. Dezember 2026 zu sehen sein….
Am Freitag, dem 13. November 2015, verübten islamistische Terroristen an fünf verschiedenen Orten in Paris und am Stade de France in Saint-Denis koordinierte Anschläge, bei denen 130 Menschen getötet und mehrere hundert verletzt wurden, davon etwa hundert schwer. Die Angriffsserie am Freitagabend richtete sich gegen die Zuschauer eines Fußballspiels, gegen die Besucher eines Rockkonzerts im Bataclan-Theater sowie gegen die Gäste zahlreicher Bars, Cafés und Restaurants.
Es war der zweite große terroristische Anschlag in diesem Jahr nach dem Attentat auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Handelte es sich dabei um einen Anschlag auf die Pressefreiheit, so zielten die Attentate des 13. November vor allem auf eine große Musikveranstaltung und Treffpunkte vor allem junger Leute. Und so waren denn auch die Opfer ganz überwiegend junge Frauen und Männer in ihren 20-er und 30-er Jahren.
Der Schock in Frankreich war groß nach diesen Attentaten, nicht nur wegen der großen Zahl von Toten und schwer Verletzten, sondern auch, weil sie als Angriffe auf ein fundamentales Prinzip gesellschaftlichen Zusammenlebens, das vivre ensemble, verstanden wurden. Und das ungezwungene Zusammensein, die Freude an Musik und Tanz, waren den Attentätern offensichtlich besonders verhasst. Der Bezug zu dem Attentat der Hamas-Terroristen auf das Musik-Festival am 7. Oktober 2023 drängt sich da für mich auf.
Die zentrale Gedenkveranstaltung findet am Garten der Erinnerung an die Opfer dieser Anschläge statt, der zum 10. Jahrestag des 13. November 2015 offiziell eröffnet wird.
Vorbereitung für die Gedenkfeier am 13. 11. 2025. Die beiden großen Tribünen sind schon aufgebaut. Foto: Wolf Jöckel 7.11.2025
Die Idee, einen Garten der Erinnerung an die Opfer dieser Anschläge zu schaffen, geht wesentlich auf Vereinigungen der Opfer und ihrer Angehörigen zurück. 2019 votierte der Pariser Stadtrat einstimmig für das Projekt.
Als Ort des Erinnerungs-Gartens wurde der Platz vor der Kirche Saint-Gervais gewählt. Auf der einen Seite, vor der Kirche, steht eine große Ulme, unter der im Mittelalter Recht gesprochen wurde; auf der anderen Seite ein neu gepflanzter alter Olivenbaum, Symbol des Friedens.
Die oberen Äste der alten Gerichtsulme vor Saint-Gervais
Blick über den Garten auf die Rückseite des Pariser Rathauses (hôtel de ville)
Der Saint-Gervais-Platz war zwar nicht Schauplatz einer terroristischen Attacke, aber er versteht sich als „Synthese der sechs vom Terror erschütterten Orte“ (Jean-Marc Dreyfus).[1]
Ein neuartiger Erinnerungsort
Der Platz vor der Kirche Saint-Germain liegt zwischen dem Marais und dem Notre-Dame-Viertel (quartier de Notre-Dame), also auf einem von vielen Fußgängern benutzten Weg. Das führte zu der Überlegung, hier einen Erinnerungsort besonderer Art zu schaffen: also kein Denkmal und auch keinen abgegrenzten, nur beschränkt zugänglichen Bereich, sondern „einen Raum zum Bewegen und Flanieren, den sich jeder zu eigen machen kann.“[2] Die Wege, die durch den Garten führen, laden dazu ein, ihn zu durchqueren.
Dazu tragen auch die niedrige Bepflanzung und die einladende, aber behutsame Beleuchtung des Gartens bei.
Die Wege, die den Garten durchqueren, laden aber auch dazu ein innezuhalten. Denn durch sie werden 6 „Inseln“ (îlots) aus Granitfragmenten gebildet, die den sechs Anschlagsorten zugeordnet sind.
Auf jedem der sechs Gartenabschnitte erinnert ein Granitblock an den entsprechenden Anschlagort und seine Opfer.
Crédit photo : Jean-Baptiste Gurliat / Ville de Paris
Auf diesem Granitblock sind die Namen der 89 im Bataclan ermordeten Menschen verzeichnet. Zu den Opfern gehören aber auch die zahlreichen schwer verletzten und traumatisierten Menschen, deren Körper und Geist lebenslang an den Folgen des von ihnen miterlebten Attentats leiden. Zwei Überlebende waren derart traumatisiert, dass sie Jahre später ihrem Leben ein Ende setzten. [3]
Offizielle Einweihung des jardin du 13 novembre am 13.11.2025 Foto: Jean-Baptiste Gurliat / Ville de Paris
La Belle Equipe
Uns ist der den 21 Opfern der Bellle Equipe gewidmete Teil des Erinnerungsgartens besonders nahe. An dem im 11. Arrondissement gelegenen Café/Restaurant (92, rue de Charonne) radle ich, wenn wir in Paris sind, fast täglich auf dem Weg zu unserem Markt, dem marché d’Aligre, vorbei.
Am 13. November 2015 feierte dort die aus Tunesien stammende Houda Saadi ihren 35. Geburtstag. Sie arbeitete als Serviererin in dem in der Nähe gelegenen Café des Anges. Die meisten der 21 Opfer des Anschlags waren ihre Geburtstagsgäste, darunter ihre zwei Jahre ältere Schwester Halima, Mutter zweier Kinder, während ihre beiden Brüder Khaled und Bashir verschont blieben. Vergeblich versuchten sie, ihre am Boden liegenden Schwestern am Leben zu erhalten.[4]
Diese Schiefertafel stand am 13.11.2015 an dem Café. Die „heures heureuses“ (glücklichen Stunden) kontrastieren auf bedrückende Weise mit dem, was dann geschah. Auf der Schiefertafel sind Kalaschnikow-Einschüsse der Attentäter zu sehen. Sie gehört zu den Ausstellungsstücken des geplanten/in Vorbereitung befindlichen Pariser Musée-Mémorial du Terrorisme. Das Bild wird derzeit in einer Ausstellung des Museums am Zaun des Pariser Rathauses gezeigt.
Schweigeminute für die Opfer des Anschlags auf La Belle Equipe drei Tage nach dem Anschlag.[5]
An der Hauswand des gegenüber liegenden Palais de la Femme ist eine Tafel angebracht: „Zur Erinnerung an die verletzten und ermordeten Opfer des Attentats vom 13. November 2015. Den ausgelöschten Leben.“ (Aufnahme: 11.11.2025)
Zu diesen ausgelöschten Leben gehörte auch eine seit drei Jahren in Paris lebende und ebenfalls im Café des Anges arbeitende junge Mexikanerin, Michelli Jaimez.[6]
Drei Tage vor dem Attentat hatte sie die Verlobung mit ihrem italienischen Freund bekannt gegeben.
Die plaque commémorative am 13. November 2025. Foto: ville de Paris/Guillaume Bontemps
Ein Blick auf und in Saint-Gervais
Ein Besuch des Erinnerungsgartens ist auch eine gute Gelegenheit, einen Blick auf und in die Kirche zu werfen, die dem Platz seinen Namen gab. Es ist eine ab 1500 erbaute Kirche mit einer im 17. Jahrhundert vorgesetzten Fassade: unten dorische, im Mittelteil ionische und oben korinthische Säulen, die klassische Gliederung: Ausdruck einer Harmonie, die allerdings Kirche und Platz nicht durchweg bestimmt.
Harmonisch ist auf den ersten Blick das Kirchenschiff: Ein eindrucksvoller gotischer Raum, zum Teil noch mit alten, aber auch sehr gelungenen zeitgenössischen Glasfenstern ausgestattet.[7]
Aber bei einem näheren Hinsehen entdeckt man an einem Pfeiler der Vierung große Einschusslöcher.[8]
Sie stammen von einer Granate des deutschen „Parisgeschützes“, einer Weiterentwicklung der „Dicken Berta“, die am 29. März 1918 die Kirche traf und das Gewölbe durchschlug. Es war ein Zufallstreffer des im Rahmen der deutschen Frühjahrsoffensive von 1918 eingesetzten und 130 km entfernt von Paris im Wald von Saint-Gobin stationierten Geschützes. In der Kirche fand da gerade der Karfreitags-Gottesdienst statt. 91 Menschen wurden getötet, 68 verletzt.
Eine chapelle commemorative erinnert an die catastrophe du 29 Mars 1918.
So ist nicht nur der Platz vor der Kirche ein Ort der Erinnerung an großes Leid, sondern auch die Kirche selbst. Und zu der Erinnerung an die Opfer islamistischen Terrors und des sinnlosen „Großen Kriegs“ kommt auch noch die Erinnerung an die Opfer politisch-gesellschaftlicher Auseinandersetzungen[9]:
In der am Platz gelegenen Kaserne Lobau/Napoléon wurden im Mai 1871 bei der Niederschlagung der Pariser Commune während der sogenannten „blutigen Woche“ (semaine sanglante) 2000 – 3000 Kommunarden exekutiert, ihre Leichen auf den benachbarten Plätzen verscharrt- vielleicht ja auch auf dem Platz vor der Kirche. So könnte der Garten der Erinnerung an die Opfer des 13. November 2015 auch ein Friedhof (gewesen) sein.
An der großen Gedenkveranstaltung vom 13. November können nur geladene Gäste teilnehmen. Sie wird aber auf der place de la République auf einer Großleinwand übertragen. Dort gibt auch die Möglichkeit, der Opfer der Attentate vom 13. November 2015 zu gedenken.
Ein Wandbild zu Ehren der Opfer der islamistischen Anschläge im 11. Arrondissement
„Die Anschläge zu thematisieren und den Opfern mit einem Kunstwerk im öffentlichen Raum zu gedenken, ist ein zutiefst symbolischer Akt, der Respekt, Feingefühl und Sensibilität erfordert. Die Künstlerin Léa Belooussovitch wurde mit der Gestaltung dieses Wandgemäldes beauftragt, das durch Licht und Farbe Widerstandsfähigkeit symbolisiert. Als Ort der Erinnerung konzipiert, soll es auch an das erinnern, wofür die Opfer, die Lebenden und die Ermordeten, stehen: Jugend, fröhliches Beisammensein, Liebe und Leben.“ (Mairie 11e Arrondissement)
Der am 13. November 2025 zu Erinnerung an die Opfer des Attentats 2015 in den Farben der Tricolore beleuchtete Eiffelturm. Foto: Henri Garat / Ville de Paris
Es ist in Frankreich Sitte, an Allerheiligen (Toussaint) die Gräber mit Chrysanthemen zu schmücken. Mehr als 20 Millionen dieser Blumen werden jährlich für diesen Zweck verkauft.
Chrysanthemen zur Auswahl vor einem Blumengeschäft in Paris. Das Foto habe ich allerdings schon am 1.11.2015 aufgenommen. Inzwischen haben sich die Preise etwas erhöht…
Die Tradition des Chrysanthemen-Grabschmucks geht auf das Ende des 1. Weltkriegs zurück. Davor war es üblich, an Allerheiligen Kerzen auf die Gräber zu stellen. 1919 ordnete der damalige Staatspräsident Raymond Poincaré allerdings an, am Jahrestag des Waffenstillstands, dem 11. November, die französischen Gräber mit Blumen zu schmücken. Und allmählich wurde dann der Zeitpunkt des Gräberschmucks vom 11. auf den 1. November vorverlegt.
Chrysanthemen auf dem Père Lachaise in Paris
Die Chrysantheme bot sich als November-Grabschmuck wegen ihrer großen Farben- und Formenvielfalt und als einer der wenigen Herbstblüher an. Holländische Kaufleute brachten 1688 die ersten Chrysanthemen aus China mit. Sie gilt dort als Symbol für langes Leben. Als Grabschmuck ist sie Zeichen der Trauer und Symbol der Erinnerung und der Liebe, die über den Tod hinausreicht.
Chrysanthemen-Schmuck im Kolumbarium des Père Lachaise
Es ist ein besonderes Privileg, ein Familiengrab auf dem Père Lachaise oder einem der anderen großen Pariser Friedhöfe intra muros zu haben (Cimetière de Montmartre, Cimetière de Montparnasse). Die jährlich dort freiwerdenden Konzessionen bewegen sich insgesamt im niedrigen dreistelligen Bereich. Die Nachfrage dagegen ist um ein Vielfaches höher. Die Stadt Paris hat sich deshalb zum diesjährigen Fest Allerheiligen etwas Besonderes einfallen lassen: Es werden 30 freiwerdende Gräber zum Verkauf ausgeschrieben. Bedingung ist aber, dass sie auch denkmalgerecht restauriert werden- und dass man dann bei der Auslosung Ende des Jahres unter den traurig-Glücklichen ist, die ab 2026 auf dem neu erworbenen und erlosten Grab Chrysanthemen deponieren können.
Bild: dpa. Aus: Frankfurter Rundschau 10.11.2025 Paris verlost historische Gräber
Seit Dezember 2024 ist die durch den Brand schwer gebeutelte Kathedrale Notre-Dame wieder für Besucherinnen und Besucher zugänglich.
Alle Fotos des Beitrags von Frauke und Wolf Jöckel
Der Andrang ist groß. Und seit kurzem gibt es nun auch wieder die Möglichkeit, die Türme zu besteigen. Die wurden zwar durch den Brand in Mitleidenschaft gezogen, aber im Kern verschont. Ein Übergreifen der Flammen vom brennenden Dachstuhl des Hauptschiffs auf das Gebälk der Türme konnte gerade noch verhindert werden. Nach dem Brand wurden auch die Türme restauriert und ihr Zugang durch aufwändige Neubauten im Inneren neu konzipiert. Um die von Präsident Macron vorgegebene 5-Jahresfrist für die Wiederherstellung und Öffnung der Kathedrale einzuhalten, konzentrierten sich die Arbeiten zunächst darauf. Aber jetzt sind auch die Türme empfangsbereit.
Die Türme von Notre-Dame sind uns sehr lieb und nahe, weil wir sie von unserer kleinen Terrasse aus sehen können. Hier (im Oktober 2025) bei Sonnenuntergang- zusammen mit der Kuppel der Kirche Saint-Paul im Marais links, mit dem Paris-Ballon vom Parc André-Citroën darüber, dem wieder aufgebauten spitzen Dachreiter von Notre-Dame, der beim Brand umgestürzt war und den Dachstuhl der Kathedrale durchschlagen hatte, und einem Turm der im Quartier Latin gelegenen Kirche Saint-Sulpice. Auf dem Nordturm der Kathedrale (hier links im Bild) kann man die Gitter erkennen, die für den Besucherverkehr angebracht sind: Ein unfreiwilliger oder auch freiwilliger Sturz vom Turm soll unbedingt -auch auf Kosten der Aussicht- verhindert werden.
Der Zugang zu den Türmen ist neben dem südlichen, rechten Turm.
Da der Eintritt streng reglementiert und begrenzt ist, müssen Karten für ein bestimmtes Datum und Zeitfenster vorab reserviert (und bezahlt) werden. Das soll die früher üblichen langen Schlangen und Wartezeiten verhindern. In unserem Fall hat das allerdings nicht so gut funktioniert: Wir mussten trotz pünktlicher Ankunft eine gute halbe Stunde warten, bis wir eingelassen wurden, die Personen- und Taschenkontrolle passiert hatten und uns an den Aufstieg machen konnten.
Wir haben die Wartezeit genutzt, in Ruhe die grotesken Wasserspeier und anderen Verzierungen des Turms zu betrachten.
So wie im Inneren von Notre-Dame gibt es auch hier einen neuen, festgelegten Parcours. Erste Etappe auf dem Weg nach oben ist die Salle basse. Es ist ein großer Raum, der auch als Zugang zu der Empore der großen Orgel diente.
Heute sind hier Modelle der Kathedrale und zwei originale Chimären-Plastiken aus dem 19. Jahrhundert ausgestellt.
Das Tier mit den gefletschten Reißzähnen wurde durch den Brand zu stark beschädigt, um im Freien wieder aufgestellt zu werden.
Blick nach draußen auf Strebebögen und Baugerüste
Außerdem dient die Salle basse als Souvenir-Boutique – nicht ganz überzeugend am Anfang der Turmbesteigung…
Weiter geht es nach oben…
… meist auf originalen ausgetretenen Stufen…
… für Menschen, denen die Puste ausgehen sollte, bleibt der SOS-Ruf…
Zweite Etappe des Aufstiegs ist die Salle des Quatrilobes. An der Wand werden nacheinander -passend zu dem Namen des Saales- vier mit Notre-Dame verbundene Daten aus der Geschichte Frankreichs angezeigt: die Generalstände Philipps des Schönen von 1302, die Ankunft des mit Maria Theresia von Österreich frisch vermählten Ludwig XIV. von 1660, die Krönung Napoleons im Jahr 1804 und die Befreiung von Paris 1944, die am 26. August, einen Tag nach der Kapitulation der deutschen Truppen, im Beisein de Gaulles mit einem feierlichen Te-Deum in Notre-Dame gefeiert wurde. (In der ausgestellten Informationstafel wird allerdings nicht mitgeteilt, dass der Erzbischof von Paris, Kardinal Suhart, nicht dabei sein durfte, weil de Gaulle dessen Anwesenheit wegen der Nähe Suharts zu Pétain und Vichy ablehnte).
In dem Raum kann man auch die kunstvolle Holzkonstruktion bewundern. Es sind teilweise noch die alten Balken aus der Entstehungszeit der Kathedrale, vieles ist aber auch -versehen mit den traditionellen Handwerkerzeichen- erneuert.
Ein Blick nach draußen zeigt auch hier, dass die Arbeiten an Notre-Dame noch in vollem Gange sind.
Aber es wird auch eindrucksvoll deutlich, wie viel schon erreicht ist: Die traditionell mit Bleiplatten gedeckten Dächer sind erneuert, die Statuen der 12 Apostel, die den hoch aufragenden Dachreiter Viollet-le-Ducs umrahmen, stehen wieder an ihren alten Plätzen.
Von der Salle des Quadrilobes gibt es einen Zugang zu einem kleinen Abschnitt der Galerie der Chimären treten.
Die Chimären stammen nicht aus der Entstehungszeit der Kathedrale, sondern stammen aus dem 19. Jahrhundert. Viollet-le-Duc wollte Notre-Dame, damals arg heruntergekommen, zu einer idealtypischen gotischen Kathedrale machen. Und seine Chimären passen denn auch hervorragend zu dem typischen mittelalterlichen Bestiarium.
Hier ein Blick auf die Stadt mit der Kirche Saint-Sulpice
Eiffelturm, der Turm von Saint-Germain-des-Prés und der Invalidendom
Mit dem Blick auf das Pantheon, die Kirche Saint-Étienne-du-Mont und den Tour Clovis des Lycée Henri-IV wartet die Gruppe auf die Freigabe des Aufstiegs an die Spitze des Turms.
Für diese letzte Etappe wurde eine neue doppelläufige Wendeltreppe aus massiver Eiche errichtet.
Nach dem 442-stufigen Aufstieg wird man oben mit einem wunderbaren Panoramarundblick über die Stadt belohnt.
Hier noch einmal der Blick auf den Pantheonhügel von ganz oben.
Die Spitze des Südturms und Sacré-Cœur
Der große Kran, mit 84 m einer der höchsten Europas und natürlich ein französisches Produkt, zeigt an, dass die Außenarbeiten an Notre-Dame noch lange nicht beendet sind.
Die Uhr muss wieder in Betrieb genommen werden. Vielleicht steht sie seit der Brandnacht 22.05 Uhr still: Kurz zuvor war der Vierungsturm eingestürzt und hatte einen Teil des Gewölbes durchschlagen.
Der Vorplatz der Kirche wartet auf die beschlossene und anstehende Umgestaltung und Begrünung. Darunter wird ein großer Eingangsbereich entstehen mit Blick auf die Seine, und in das Hôtel Dieu rechts am Platz soll einmal ein Notre-Dame-Museum einziehen…
Die Zeit oben ist allerdings sehr knapp bemessen: Nach fünf Minuten wird man wieder zum Abstieg gedrängt – die nächste Gruppe wartet schon…
Beim Abstieg führt der Weg in den Nordturm….
…. und zu den mächtigen Glocken der Kirche. Die kann man in aller Ruhe betrachten und bewundern.
Besonders beeindruckend ist natürlich der Bourdon Emmanuel.
Er ist mit seinen 13 Tonnen Gewicht die zweitgrößte Glocke Frankreichs. Sie wurde 1686 gegossen und die „Taufpaten“ waren Ludwig XIV. und seine Frau.
Während der Französischen Revolution wurden alle Glocken von Notre-Dame eingeschmolzen, allein die große Glocke überlebte. Um sie zu schonen, erklingt sie nur zu besonderen Gelegenheiten, vor allem natürlich katholischen Festtagen, aber auch herausragenden historischen Ereignissen wie der Krönung Napoleons, dem Ende der Weltkriege, aber auch dem Fall der Berliner Mauer…
Von hier oben bieten sich noch einmal schöne Ausblicke auf die Stadt: Hier auf das Grand Palais, den Arc de Triomphe und die Bürostadt La Défense mit der Grande Arche.
Und auch hier gibt es wieder zahlreiche Beispiele phantastischer Figuren Viollet-le-Ducs.
Und man kann sogar die Kopie des im Salle basse ausgestellten wilden Tieres mit den Reißzähnen entdecken:
Dann geht es die letzten Stufen hinunter zum Ausgang- ein Weg, den schon viele Besucher gegangen sind. Manche haben im weichen Kalkstein ihre Spuren hinterlassen…
Es gibt auch eine englische und spanische Version. Ausdrücklich wird auf der Website darauf hingewiesen, dass es sich bei dem Aufstieg um eine expérience sportive handelt und eine gute körperliche Verfassung erforderlich ist.
Paris: Da denkt man an den Eiffelturm, den Arc de Triomphe, Notre-Dame, Sacré-Coeur … Auf diesem Plakat, aufgenommen am 19.10.2025, stellt sich Paris aber ganz anders dar: und zwar als eine „grüne Stadt“! Das mag überraschen, ist doch Paris die am dichtesten besiedelte Stadt Europas und weltweit immerhin noch auf Platz 7! Pro Quadratkilometer drängen sich hier über 20 000 Einwohner – im Vergleich dazu: In London sind es gut 5000 Menschen, in Berlin etwas über 4000 [1]…
Paris ist reich an schönen, ja berühmten Gärten und Parks, man denke nur an den jardin du Luxembourg, den Tuileriengarten, den Garten des Palais Royal, den Park Monceau oder den Parc des buttes Chaumont, um nur einige zu nennen. Im 19. Jahrhundert begab sich die französische Hauptstadt ja sogar in eine Art Wettbewerb mit London um den Status einer europäischen Gartenhauptstadt.[2] Aber trotzdem und insgesamt gibt es in Paris einen „grausamen Mangel an Grünflächen“, wie es der Parisien 2023 formulierte. Grausam (cruel) ist dieser Mangel gerade im Blick auf den schon in vollem Gange befindlichen Klimawandel. Und dessen Folgen sind in Paris besonders spürbar. Dazu tragen auch die typischen Zinkdächer bei. Die sind zwar charakteristisch für das Stadtbild und gehören zum immateriellen Weltkulturerbe der UNESCO, heizen die Stadt aber bei starker Sonneneinstrahlung weiter auf. Die Zinkdächer können bei 40 Grad Außentemperatur bis zu 85 Grad heiß werden.[3] So ist Paris, um noch einmal den Parisien zu zitieren, „diejenige europäische Stadt, in der das Risiko, an Hitzefolgen zu sterben, am größten ist“.[4]
Dass es dringend notwendig ist, die Stadt an den Klimawandel anzupassen und so ihre Lebensqualität zu bewahren, ist weitgehend unbestritten. So überboten sich bei der letzten Kommunalwahl 2020 die Kandidatinnen und Kandidaten geradezu mit ehrgeizigen Programmen, Paris zu „vegetalisieren“ und mit sechsstelligen Zahlen der zu pflanzenden Bäume: Anne Hidalgo und ihre Sozialisten nannten 170 000 als Ziel – allerdings eine auch symbolische Zahl: Für jeden in der neuen Wahlperiode erwarteten Neugeborenen sollte gewissermaßen ein Baum gepflanzt werden. [5] Nach der „revolution du vélo“, der mit großer Energie vorangetriebenen Verkehrswende, wurde nun auch die „Revolution der Natur in der Stadt“ ausgerufen. Grünanlagen zu schaffen sei notwendig, um angesichts des Klimawandels auch in Zukunft wohnliche Lebensbedingungen in der Stadt zu sichern.[6]
Dass Hidalgo die Wahl gewann und in den letzten Jahren Paris von einer rotgrünen Koalition regiert wird, beruht aber wohl auch darauf, dass man ihr am ehesten zutraute, den ökologischen Umbau der Stadt mit Energie und Konsequenz voranzutreiben. Die schon von ihrem Vorgänger Delanoë eingeleitete Aufhebung der Autostraßen auf den Tiefkais der Seine war da ein eindrucksvoller Beleg: Zunächst höchst umstritten, heute allgemein anerkannt und unumkehrbar.
Ein wesentliches Element des Stadtpolitik von Anne Hidalgos ist die Zurückdrängung des städtischen Autoverkehrs: Seit 2020 wurden mehr als 10 000 Autoabstellplätze aufgehoben, zahlreiche Straßen wurden begrünt.[7] Diese Politik wurde im Laufe der Zeit noch forciert: Im städtischen Budget für das Jahr 2025 stehen Mittel für die Umwandlung von 120 Straßen zur Verfügung.
Und im März 2025 stimmten die Bürgerinnen und Bürger der Stadt in einer «votation citoyenne“ der Begrünung und Verkehrsberuhigung weiterer 500 Straßen zu. Wir sind immer wieder von Neuem beeindruckt von der Geschwindigkeit und der Konsequenz dieses Veränderungsprozesses, den wir auch in unserem Pariser Umfeld miterleben.
Zu den besonders auffälligen und ehrgeizigen Programmpunkten des Umbauprogramms gehörte die Einrichtung von 3 sogenannten „Stadtwäldern“, forêts urbaines, in der Stadt. Der Parisien hielt in seiner Ausgabe vom 25.1.2023 dies für „ein unerfüllbares Versprechen“, une promesse intenable. Das Versprechen wurde aber gehalten. 2025 gibt es in Paris drei „Stadtwälder“: Die place de Catalogne in der Nähe des Bahnhofs Montparnasse, der bois de Charonne an der petite ceinture und der Platz vor dem Pariser Rathaus. Auch wenn das eher Wäldchen sind: Es sind Begrünungen von bisher versiegelten Flächen. Und dass dazu auch der prominente Platz vor dem Pariser Rathaus gehört, demonstriert den Stellenwert, den die derzeitige Stadtregierung dem ökologischen Umbau beimisst.
Place de Catalogne
Der erste der der neuen „Stadtwälder“ wurde auf der place de Catalogne im 14. Arrondissement angelegt. Dies war bis vor kurzem ein völlig versiegelter „mineralischer“ kreisrunder Platz. Angelegt wurde er in den 1980-er Jahren und umgeben von neoklassizistischen Gebäuden des postmodernen Architekten Ricardo Bofill. [8]
Die Mitte des Platzes bildete von 1985 bis 2022 der Brunnen „Le Creuset du Temps“, ein Werk des polnischen Bildhauers Shamaï Haber (1922–1995), der ihn „den umgedrehten Brunnen“ nannte. Das Wasser erweckte die Illusion, als würde es zum höchsten Rand einer schrägen, kreisförmigen Platte aus dunklem Granit fließen. Allerdings gab es bald technische Probleme und seit Anfang der 2000-er Jahre war er nicht mehr in Betrieb. Schon 2018 beklagte eine Stadtverordnete aus dem 14. Arrondissement, der Brunnen sei in seinem aktuellen Zustand „ganz grau, unpersönlich, ohne Wasser, weitläufig, nutzlos“ und erfülle „den ganzen Platz und die Umgebung mit einer immensen Traurigkeit.“[9]
Unter Beteiligung der Anwohner wurde schließlich eine Neuanlage des Platzes beschlossen und der Brunnen- wenn auch gegen den Willen der Erben des Künstlers- 2022 von der Stadt Paris abgerissen. Bei der Planung des neuen Platzes standen drei Ziele im Vordergrund:
Eine weitgehende Begrünung des Platzes
Eine drastische Reduzierung des bis dahin dominanten Autoverkehrs zugunsten von Fußgängern und Radfahrern
Die Schaffung von Ruhe- und Erholungszonen für die Anwohner[10]
Und im Winter 2023/2024 wurde der größte Teil des Platzes in eine Grünfläche umgewandelt (Plan 1).
Es wurden insgesamt 470 Bäume gepflanzt: 270 große und mittlere, 200 kleinere von 2-4 Jahren.[12] Bei den gepflanzten Bäumen dominieren einheimische Arten wie Hainbuchen und Eichen. Es wurden auch Arten eingeführt, die dem Klimawandel besser widerstehen, wie Steineichen, Mooseichen und Montpellier-Ahorne.
Durch die Verwendung verschiedener Vegetationsschichten, darunter große und kleine Bäume sowie Sträucher und Bodendecker, soll ein vollständiges Ökosystem entstehen, das die biologische Vielfalt fördert.
Ein Wald in Entwicklung. Er benötigt Zeit, Ruhe und Schutz
Die Stadt erhofft sich von der Maßnahme eine Verringerung des Hitze-Insel-Effekts um bis zu vier Grad Celsius.
Ruhezone im neuen Stadtwäldchen. Der Weg ist nach Shamaï Haber, dem Schöpfer des Brunnens, benannt.
Granitplatten am Rand des Wegs erinnern an ihn und sein Schaffen.
Die Anwohner des Platzes -zum großen Teil Mieter von Sozialwohnungen (HLM)- können sich über Ruhe, Schatten, viel Grün und bei Hitze auch über etwas kühlendes Nass freuen.
Der zweite Pariser forêt urbaine ist der im September 2024 eingeweihte Bois de Charonne im 20. Arrondissement. Er liegt an der ehemaligen Pariser Ringbahnlinie, der petite ceinture.[13] Die wurde zu militärischen und wirtschaftlichen Zwecken 1852-1869, im 2. Kaiserreich Napoleons III., entlang des Pariser Festungsgürtels gebaut. 1934 wurde der Personenverkehr auf der petite ceinture eingestellt, in den 1990er Jahren auch der letzte Güterverkehr. Seitdem gibt es eine ganze Reihe von ehemaligen Teilstrecken, die als Spazierwege und Naherholungsgebiete eingerichtet wurden. Zu dieser Rückeroberung der petite ceinture gehört auch der neue Bois de Charonne. Er wurde auf einer 3,5 Hektar großen Brachfläche der ehemaligen Ringbahn eingerichtet, die vollständig bepflanzt werden konnte: So entstand mit über 7500 neuen Bäumen der mit Abstand größte neue Pariser „Stadtwald“.[14]
Aufgang zum Bois de Charonne vom Eingang 105 cours de Vincennes aus
Freigelegte und überwucherte Bahngleise der Petite Ceinture
Plan des Bois de Charonne. Er geht über in den Park des alten Bahnhofs Charonne. Dort gibt es einen großen Spielplatz, kleine Wasserbecken mit Seerosen, einen Springbrunnen, Liegewiesen… [15]
Blick von den alten Gleisen stadteinwärts…
Blick vom Bois de Charonne auf den Spielplatz
Ein schöner Waldweg vom Bois de Charonne zum Jardin de la Gare de Charonne
Hotel de Ville
„Unglaublich, aber wahr“[16]: Seit Juni 2025 gibt es auf dem Platz vor dem Pariser Rathaus einen dritten „Stadtwald“. Er ist zwar von seiner Fläche her der kleinste der bisherigen Stadtwälder, aber dafür hat er einen höchst prominenten Platz. Die Stadtverwaltung zeigt damit demonstrativ, welche Bedeutung sie der „Begrünung“ (vegetalisation“) beimisst.[17]
Die Herausforderungen bei der Schaffung dieses „forêt urbaine“ waren besonders groß. Unter dem Platz befindet sich nämlich eine Tiefgarage, und zwischen deren Decke und dem Niveau des Vorplatzes waren es nur 1,50 Meter. Die Pflanzflächen wurden deshalb um 50 cm erhöht, um auch einen Lebensraum für größere Bäume zu schaffen.
Und anders als bei den beiden ersten „Stadtwäldern“ wollte man an diesem prononcierten Ort nicht erst einen „Wald im Werden“ schaffen, sondern es sollte von Anfang an ein „richtiger“ Wald sein, der es mit der umliegenden Bebauung und damit auch der Fassade des Pariser Rathauses „aufnehmen“ kann.
Die größten der auf dem Vorplatz gepflanzten Bäume sind 10 Meter hoch, die kleineren 6 Meter. In den holländischen und deutschen Baumschulen, aus denen sie stammen, wurden sie sorgsam für ihren Einsatz vorbereitet: Bis zu sieben Mal wurden sie umgepflanzt, um ein genügendes Baumwachstum bei reduziertem Volumen der Wurzelballen zu erreichen.[18]
Ausgewählt wurden heimische und exotische Baumarten, die am besten den Herausforderungen des städtischen Umfelds und des Klimawandels standhalten können.
Vor allem geht es natürlich darum, hier im Zentrum der Stadt einen ruhigen, Schatten spendenden Ort für die Menschen zu schaffen.
Auch für besonders heiße Tage ist vorgesorgt. Im Hintergrund des Wasser-Zerstäubers der Tour Saint-Jacques.
Die Mitte des Rathausvorplatzes ist nicht begrünt: Dort ist/bleibt also ein freier Platz, auf dem im Sommer beispielsweise ein Volleyball-Feld installiert wurde.
Foto: Ville de Paris
Es gibt auch Tische und Bänke: Gelegenheit für ein Picknick…
… und natürlich ist da auch Raum für Kundgebungen.
Im August haben hier wohnsitzlose, auf der Straße lebende Migranten/Asylbewerber, vor allem Familien aus Afrika, eine Woche lang lautstark auf dem Rathausvorplatz auf ihre Lage aufmerksam gemacht. Dann wurde die Demonstration von der Polizei aufgelöst. [19]
Ausblick:
Ein vierter forêt urbaine entsteht gerade auf der place du Colonel Fabien zwischen dem 10. und dem 19. Arrondissement. [20]
Der neue Platz wird gut 14000 qm2 groß sein. Es wird reduzierte Fahrstreifen für Autos geben, aber breite Fahrradwege und einen Bereich für Fußgänger. 1760 qm2 Grünstreifen werden bzw. sind schon angelegt, dazu werden 78 kleine und 43 große Bäume neu gepflanzt.
Und so soll es einmal aussehen. (Animation der Stadt Paris) Die Einweihung ist für Anfang 2026 vorgesehen.
En 1921, Paris est à son maximum, à un peu moins de 3 millions de résidents. La densité de la population est alors équivalente à celle que connaît aujourd’hui Calcutta, en Inde. (Le Monde)
[19] Des migrants installés devant l’Hôtel de ville de Paris évacués. Sur l’ordre de la Préfecture de Paris, 200 personnes ont dû quitter le parvis de la mairie, principalement des femmes et des enfants. Le Monde vom 14. August 2025
Die Bourse de Commerce ist ein grandioser Rund- und Kuppelbau, zunächst ein Getreidelager, dann eine Handelsbörse: gewissermaßen ein neuzeitliches Pantheon, das -ganz in der Ideologie des ausgehenden 19. Jahrhunderts- den Göttern des Kapitalismus und Imperialismus gewidmet war.[1]
Der inzwischen denkmalgeschützte Bau wurde in den 1760-er Jahren errichtet. 1889 diente er neben dem Eiffelturm als französischer Beitrag zur großen Weltausstellung. In den letzten Jahren wurde er von dem japanischen Architekten Tadao Ando unter Bewahrung der historischen Substanz zu einem grandiosen Ausstellungsgebäude umgestaltet. Und das in Nachbarschaft zur Kirche Saint Eustache und zum Centre Pompidou mitten in Paris. Hausherr des Gebäudes ist der französische Multimillardär Pinault, der von der Stadt Paris das Gebäude auf 50 Jahre gepachtet hat, um dort Teile seiner immensen Sammlung zeitgenössischer Kunst zu präsentieren.
Zentrum und Glanzstück der Bourse de Commerce ist die Rotunde unter der großen Kuppel – der ersten dieser Art in der Geschichte der Architektur, die Anfang des 19. Jahrhunderts über der bis dahin noch offenen Rotunde errichtet wurde.
Eingefasst ist die Kuppel von einem zur Weltausstellung angefertigten 140 Meter langen und 10 Meter hohen Panorama des weltweiten Handels.[2]
Am Bau der Kuppel wirkte übrigens auch in seinen Lehrjahren der aus Köln stammende Jakob Ignaz Hittorff mit, der hier erste Erfahrungen bei der Konstruktion mit Gusseisen und Glas sammeln konnte. Später wurde er zu einem der großen, das Stadtbild von Paris wesentlich mitprägenden Pariser Baumeister.
Der große runde, von Andos Sichtbetonwänden eingefasste Raum unterhalb der mächtigen Kuppel ist für Ausstellungsmacher eine große Herausforderung, gilt es doch, hier moderne Kunst zu präsentieren, die den hohen Ansprüchen dieses Raumes standhält.
Mit der „traumwandlerischen Installation“[3] von Céleste Boursier-Mougenot ist dies in ganz wunderbarer Weise gelungen.
Der Ausstellungsname „clinamen“ ist angelehnt an die gleichnamige Vorstellung des antiken griechischen Philosophen Epikur (um 341–271 v. Chr.). Für ihn setzte sich die Welt aus kleinsten Teilchen (Atomen) zusammen, die sich im freien Fall durch den leeren Raum bewegen. Und so bewegen sich auch die 111 Porzellanschalen unterschiedlicher Größe auf dem unter der Kuppel installierten Wasserbecken von 18 m Durchmesser.
Das Wasser wird leicht bewegt, so dass die Schalen langsam in immer neuen Konstellationen über die Wasseroberfläche gleiten, auf der sich die Architektur des Baus spiegelt.
Wenn sie zusammenstoßen, erzeugen sie je nach Größe der beteiligten Schalen und je nach Stärke des Zusammenpralls bzw. der sanften Berührung unterschiedliche Töne. Das passt manchmal zu der klirrenden Kälte, wie sie oben auf dem Deckengemälde dargestellt ist, wenn es um den Handel mit Russland und polaren Regionen geht.
Dann wieder hört man auch die Klänge eines Glockenspiels… Aber am besten überlässt man sich einfach dem Schauspiel der dahingleitenden und klingenden Schalen, den Spiegelungen des Wassers und der Meditation. Die Besucherinnen und Besucher bei unserem morgendlichen Besuch der Installation -noch vor der allgemeinen Eröffnung der Ausstellung- bewahrten jedenfalls eine ehrfurchtsvolle Stille und Ruhe, so dass man ganz ungestört mit seinen Beobachtungen, Gefühlen und Gedanken war.
Baden in der Seine? Noch vor wenigen Jahren hätte ich mir das nicht träumen lassen. Immerhin war seit 1923 das Baden in der Seine verboten… 1988 hatte Bürgermeister Jacques Chirac es zwar vollmundig angekündigt, aber als er 2019 starb, war nichts geschehen und kein Seine-Bad in Sicht.[1]
Dass seit 2025 das Bad in der Seine dann doch für die Öffentlichkeit möglich ist, ist vor allem den Olympischen Spielen Paris 2024 zu verdanken. Es war der Ehrgeiz der Organisatoren, spektakuläre Spiele zu veranstalten und dazu einige Schwimmwettbewerbe in der Seine auszutragen. Zur Verbesserung der miserablen Wasserqualität wurden 1,4 Milliarden Euro investiert, u.a. für ein 50 000 m3 umfassendes Rückhaltebecken am gare d’Austerlitz, das verhindern soll, dass bei Starkregen Schmutzwasser ungefiltert in die Seine gelangt.[2]
Start des olympischen Frauen-Triathlons am Pont Alexandre III[3]
Zwar mussten Wettbewerbs-Termine wegen unzureichender Wasserqualität verschoben werden. Und es gab bei den Athleten vereinzelt Beschwerden wegen sehr kurzfristig angesetzter neuer Termine und wegen gesundheitlicher Probleme nach den Wettkämpfen. Aber wie auch immer: Die vorgesehenen Wettkämpfe konnten alle durchgeführt werden.
Und ein Jahr später ist nun im Rahmen des jährlichen Paris-plages-Programms für die Öffentlichkeit kostenloses Baden in der Seine möglich…
…. und zwar an drei Stellen vom 5. Juli bis Sonntag, 31. August (bzw. an zwei Stellen bis 7. bzw 14. September – siehe unten)
Es sind Bercy im Osten der Stadt gegenüber der Bibliothèque François Mitterand, Bras Marie gegenüber der Île Saint-Louis im Zentrum und Grenelle mit Blick auf den Eiffelturm im Westen.
Dazu kommen noch wie in den letzten Jahren die beiden Badestellen am Canal Saint-Martin und im Bassin de La Villette. Hier ein kleiner Überblick mit näheren Informationen und ersten fotografischen Eindrücken-und dazu noch ein Bick auf eine stadtnahe Badestelle an der Marne…
Baignade Bercy
Baignade Bercy 183, quai de Bercy, Paris 12e Täglich von 11 bis 21 Uhr
Die Badestelle liegt gegenüber den Türmen der Bibliothek François Mitterand und unterhalb der eleganten Passerelle/Fußgängerbrücke Simone de Beauvoir.
Gleich bin ich auch dabei….
Baden ist leider nur mit den gelben luftgefüllten Kissen erlaubt. Das stört zunächst etwas, aber man kann sich daran gewöhnen. Und sich auch mal darauflegen und damit in der leichten Strömung flussabwärts treiben lassen.
Allerdings war es bei unserem Besuch ziemlich voll: Also schön, im Flusswasser zu baden. Schwimmen war da aber nicht möglich…
Auf der anderen Seite der Seine liegt das Badeschiff Josephine Baker. [2a] Das bietet sich als Alternative für diejenigen an, die -aus welchen Gründen auch immer- Badin der Seine scheuen, aber ein Bad auf der Seine. Hier war aber ganz offensichtlich der Andrang beim Badeschiff sehr gering. Das Bad in der Seine war offenbar attraktiver ..
Baignade Bras Marie
Baignade Bras-Marie 2, port des Célestins, Paris 4e Montag bis Samstag 8-11.30 und Sonntag 8-17.30 Uhr
Gute Bedingungen fürs Schwimmen: Zwar etwas wolkig, aber gute Wasserqualität („bomme“ bedeutet wohl/hoffentlich „bonne“) und 24 Grad Wassertemperatur
Ein Selfie fürs Fotoalbum, im Hintergrund der Pont Marie. Es ist -nach dem Pont Neuf- die zweitälteste noch erhaltene Brücke der Stadt. Auf der anderen Seite des Seine-Arms auf der Île Saint-Louis stehen noble Stadtpalais aus dem 18. Jahrhundert; den Anfang macht das exquisite hôtel Lambert: in der Tat „un tableau théâtral parisien.“ (Télérama 23.7.2025). Ein paar Schritte weiter flussabwärts gibt es die bar des Nautes im ehemaligen Maison des Célestins, und hinter dem Pont Marie die als Bars und Restaurants dienenden Flussschiffe; dazu genug Platz entlang der Seine zum Hinsetzen, Hinlegen, „Chillen“ – da, wo noch vor wenigen Jahren auf der Voie Pompidou die Autos entlangrasten….
Sehr schön ist auch, dass es, anders als in Bercy, hier keine feste Absperrung zur Seine gibt. Das ist ein ganz anderes Badegefühl. Allerdings lag bei unserem Besuch ein Polizeiboot in der Nähe. Das ist offenbar abgestellt, um zu verhindern, dass jemand mal ins „Freie“ schwimmt… Die Stadtverwaltung von Paris tut alles nur Erdenkliche dafür, um Beeinträchtigungen des „Grand Bain“, des großen Seine-Badefestes zu verhindern…
Montag bis Freitag und Sonntag 10-17.30, Samstag 10-16.45 Uhr
Metro Station Bir-Hakeim
Als wir am 20. Juli bei schönstem Wetter zur Badestelle kamen: Kein Zugang. Enttäuschte Schwimmfreunde, „außerordentliche Schließung“ – ohne weitere Erklärung. Der allein anwesende Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma konnte auch keine Auskunft geben.
Ganz offensichtlich handelte es sich um ein Problem der Wasserqualität. Am 19. Juli hatte es einen Starkregen gegeben, der offenbar die Pariser Kanalisation überfordert hatte. Das hatte es ja auch schon bei den Olympischen Spielen gegeben, wo Wettbewerbe verschoben werden mussten, und auch kurz nach dem 5. Juli, als gleich nach Beginn der Seine-Badesaison die Badegelegenheiten schon wieder geschlossen werden mussten. Das Bad in der Seine ist also mit einigen Unwägbarkeiten verbunden, zumal man aufgrund des Klimawandels mit solchen Starkregen-Ereignissen immer häufiger rechnen muss.
Wir konnten am 20. Juli also nur Bilder von der menschenleeren Anlage vom Bras de Grenelle machen.
Blick auf das Grenelle-Bad vom Pont Bir-Hakeim
Auf der Seite von www.paris.fr gibt es immerhin auch Bilder mit Badegästen.[5]
Insgesamt war allerdings die Einrichtung der drei Badeanstalten in der Seine ein großer Erfolg. Der Parisien vom 5. August meldete am 5. August 2025, also nach genau einem Monat seit Beginn der Seine-Badesaison, dass insgesamt etwas über 35 000 Personen von der neuen Möglichkeit Gebrauch gemacht hatten – eine doch beträchtliche Zahl, wenn man bedenkt, dass im ersten Monat aufgrund der „kapriziösen Wetterbedingungen“ nur an 17 Tagen das Baden in der Seine möglich war….
Aktueller Nachtrag (28. August und 6. September 2025)
Insgesamt waren es von Anfang Juli bis Ende August etwa 100 000 Badegäste, die das Angebot des Seine-Schwimmens genutzt haben. (Le Parisien vom 27.8.: La baignade dans la Seine prolongée en septembre sur deux sites)
Aufgrund des großen Erfolgs hat die Pariser Stadtverwaltung beschlossen, die Badesaison an der Seine zu verlängern: Zunächst hieß es, Grenelle schließe erst am 7. September, Bercy am 14. September. Dann wurde aber die Badesaison in der Seine publikumswirksam bis zum 21. September verlängert.
Für den Bras Marie bleibt es beim vorgesehenen Abschluss Ende des Monats. Verantwortlich ist dafür der Schiffsverkehr, der an dieser Stelle bei Badebetrieb unterbrochen werden muss, aber ab September wieder in vollem Umfang aufgenommen werden soll. Auch im nächsten Jahr wird am Bras Marie kein Baden mehr möglich sein. Ein alternatives Angebot wird geprüft.
Insofern ist dieses Werbeplakat leider unkorrekt: Es handelt sich bei dem Foto ja eindeutig um die Badestelle Bras Marie, wo das Baden gerade nicht verlängert wurde…. Das gilt auch für dieses Foto aus der „Verlängerungs-Serie“.
Ganz offensichtlich ist/war das Bad am Bras Marie das schönste und werbewirksamste. Wie schade, dass gerade dieses Bad dauerhaft geschlossen wird…
Bassin de la Villette
Baignade estivale – La Villette 40 Quai de la Loire, Paris 19e
Wie schon in den vergangenen Jahren [6] gibt es auch in diesem Jahr wieder bis 31. August die Möglichkeit, im Bassin de la Villette zu baden und zwar sonntags von 11-18 Uhr und montags bis samstags von 11-21 Uhr
Auch in der Marne kann man -wenn Wetter und Wasserqualität mitspielen- wieder schwimmen!
plage de Maisons-Alfort
1, avenue Joffre, Maisons-Alfort (94).
Die Badestelle 2017
In den ersten Jahren unseres Paris-Aufenthaltes waren wir oft im Sommer an der Marne. Da gab es gut erreichbar mit der Métro Linie 8 die Stufen einer ehemaligen Badeanstalt. Offiziell war das Baden verboten, aber selbst die städtische Polizei, die ab und zu vorbeikam, ermahnte höchstens die Sonnenanbeter und (potentiellen) Badegäste, wegen der Wasserqualität und des Schiffsverkehrs auf das Bad im Fluss zu verzichten, ließ es aber dabei bewenden.[7] Verzichtet haben wir dann erst auf das Bad in der Marne, als ich beinahe beim Kraulen im Fluss von einem Lastkahn „überfahren“ worden wäre und als einmal an der Badstelle große tote Fische im Wasser dümpelten.
Die ehemalige Badestelle 2025
Im Rahmen der Vorbereitung für die Olympischen Spiele wurden erhebliche Anstrengungen unternommen, das Wasser auch der Marne zu säubern. Sie mündet ja kurz Paris in die Seine und hat deshalb große Bedeutung für deren Wasserqualität. [8] So konnten 2025 auch an der Marne vier Badeanstalten eröffnet werden, darunter die von Paris aus gut erreichbare in Maisons-Alfort: Es gibt dort zwar jetzt weniger freizügiges und auch nicht mehr kostenloses Schwimmen, aber dafür mehr Komfort und mehr Sicherheit.
Badestelle Maisons-Alfort. Täglich 10-18 Uhr. Mittwoch 10-20 Uhr, Samstag 10-19 Uhr. Für auswärtige Besucher 8 Euro Eintritt für ein Zeitfenster von zwei Stunden. (Einheimische zahlen 3 Euro). Reservierung (max 3 Tage vorher) unter marneboisplages.fr
Es gibt zwei Becken, eines, in dem auch Kinder stehen können, ein zweites, immerhin 50 Meter langes Becken zum Schwimmen. Und das ist im Vergleich zu den Badestellen in der Seine doch etwas Besonderes und versöhnt vielleicht mit dem hohen Eintrittspreis.[9]
Ein Nachteil ist allerdings ein permanenter Geräuschpegel: Entlang der anderen Seite der Marne verläuft die Autoroute de l’Est, in der Nähe der Badeanstalt überqueren zwei Brücken mit Autobahnzufahrten die Marne….
Wir wären trotzdem sehr gerne nach so vielen Jahren wieder in der Marne geschwommen, aber dann war auch dort geschlossen… .
Die Badeanstalt erreicht man in „20 Minuten von der Metro„[10] Wenn man nicht im Sturmschritt läuft, dauert es allerdings etwas länger : Métro Linie 8, Station École Vétérinaire Maisons-Alfort. Von dort sind es nur wenige Schritte bis zur Marne, dann flussaufwärts entweder die Straße (Rue du maréchal Juin und dann Avenue Foch) oder den alten/neu angelegten Treidelpfad/Leinpfad (chemin de halage) entlang der Marne. Den sollte man für einen Weg nutzen: Ein schöner Spaziergang!